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Title: Geschichte Alexanders des Grossen
Author: Droysen, Johann Gustav, 1808-1884
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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    Anmerkung: Gegenüber dem Originaltext wurden folgende
    Änderungen vorgenommen:

    Passagen, die im Originaltext in griechischer Schrift
    gehalten sind, werden im vorliegenden Text in lateinischen
    Buchstaben, eingeschlossen in "+", wiedergegeben. Andere
    Passagen, die im Original nicht in Fraktur gedruckt waren,
    sind hier mit "#" gekennzeichnet. Passagen, die im
    Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier mit "_"
    gekennzeichnet.

    Vom Autor vorgegebene unterschiedliche Schreibweisen wie
    "Tyros" und "Tyrus", "Achäer" und "Achaier", wurden
    beibehalten. Offensichtliche Druckfehler im Text wurden
    berichtigt.



  [Illustration: Alexander-Büste]



  Geschichte Alexanders des Großen

  von

  Joh. Gust. Droysen


  Mit einem Vorwort von

  Sven Hedin

  und einer Einleitung von

  Dr. Arthur Rosenberg

  Privatdozent der alten Geschichte an der Universität Berlin


  Mit dem einzigen bisher bekannten authentischen Alexander-Porträt,
  der sogenannten Azara-Herme im Louvre, als Titelbild
  und einer Karte der Feldzüge Alexanders

  [Illustration: Verlags-Signet]

  R. v. Decker's Verlag

  G. Schenck, Königlicher Hofbuchhändler

  Berlin 1917


  Der Anhang enthält:

  1. die Anmerkungen Droysens der Ausgabe letzter Hand,
  2. ein Register sämtlicher vorkommender Personen- und Ortsnamen,
  3. eine Verdeutschung makedonischer Heeresausdrücke,
  4. einen Stammbaum Alexanders des Großen.

  [Illustration: Druckerei-Signet]

  Druck
  der Spamerschen
  Buchdruckerei in Leipzig

  [Illustration: Karte der Feldzüge Alexanders]



  Vorwort


Die erste Auflage von J. G. Droysens »Geschichte Alexanders des Großen«
erschien im Jahre 1833 und erwies sich von vornherein als eine derjenigen
seltenen und ausgezeichneten historischen Veröffentlichungen, die lange
Jahre hindurch ihren Wert unverändert beibehalten. Im Jahre 1898 kam eine
fünfte Auflage heraus. Jetzt, da diese wertvolle Arbeit zum sechsten Male
der Öffentlichkeit übergeben wird, sind seit ihrem ersten Erscheinen 84
Jahre vergangen.

Daß eine historische Arbeit während so langer Zeit ihre hohe Rangstufe hat
behaupten können, beruht ohne Zweifel zum großen Teil auf der Natur ihres
Quellenmaterials. Die Schicksale Alexanders sind von seinen klassischen
Geschichtschreibern geschildert worden, und innerhalb der von diesen
gezogenen Grenzen mußte der moderne Forscher sich bewegen. Jedoch schließt
das nicht aus, daß sich in den letzten Jahren neues Licht über viele
Einzelheiten verbreitet hat. Die von Alexander durchzogenen Gebiete von
West-Asien sind heute unvergleichlich viel besser bekannt, als zur Zeit
Droysens, und man hat deshalb jetzt die Spuren des makedonischen Königs
weit besser verfolgen können, als ehedem. An der Hand der vorhandenen
genauen Karten vom Hindukusch, hat man bezüglich der Pässe, über die
Alexander seine Heere geführt hat, seine Schlüsse ziehen können. Wiederholt
sind neue Beiträge zur Kenntnis seiner Märsche gegeben worden und nicht
zum wenigsten haben deutsche Forscher dazu beigetragen.

Alexanders Feldzug gehört zu den glänzendsten Taten der Kriegsgeschichte,
und kaum irgendeiner der großen Namen der alten Zeit ist von solchem Glanz
umstrahlt wie der seine. Jahrtausende haben nicht vermocht, seinen Ruhm
erblassen zu lassen. Über seine Eigenschaften als Feldherr sagt Hans
Delbrück in seiner Geschichte der Kriegskunst (II, 227): »Alexander war
nicht nur ein großer Feldherr, sondern auch ein Feldherr im großen Stil.
Aber er war noch mehr. Er nimmt dadurch eine einzigartige Stellung ein, daß
er den welterobernden Strategen und den unübertroffenen, tapferen,
ritterlichen Vorkämpfer in einer Person vereinigt. Kunstvoll führt er das
Heer an den Feind heran, überwindet Geländehindernisse, läßt es aus
Engpässen aufmarschieren, kombiniert die verschiedenen Waffen je nach den
verschiedenen Umständen verschieden von stärkster Gesamtwirkung, sichert
strategisch seine Basis und seine Verbindungen, sorgt für die Verpflegung,
wartet ab, bis die Vorbereitungen und Rüstungen vollendet sind, stürmt
vorwärts, verfolgt nach dem Siege bis zur äußersten Erschöpfung der Kräfte,
und derselbe Mann kämpft in jedem Gefecht an der Spitze seiner Ritterschaft
mit Speer und Schwert, dringt an der Spitze der Sturmkolonne in die Bresche
oder überspringt als erster die feindliche Mauer.«

Nicht nur Europa ist es, das seinem Namen Bewunderung zollt. Auch im
westlichen Asien, das so reich an sagen- und legendenhaften Gestalten ist,
lebt seine Erinnerung noch fort. Wie oft hört man nicht in Turkestan
geographische Namen, wie Iskender-tagh, Iskender-kul oder andere
Gegenstände als Berge und Seen, die mit seinem Namen verknüpft sind.
Oberhalb Babylon gibt es einen Kanal, der noch seinen Namen trägt, Nahr
Iskenderije. In Unkenntnis betreffend den Platz, wo er starb, und die
Stelle, wohin seine Leiche übergeführt wurde, machen verschiedene Orte in
Zentralasien darauf Anspruch, seine irdische Hülle zu bergen. Im Jahre 1890
besuchte ich in Margelan ein »Gur-i-Iskender Bek« oder Alexanders Grab. Die
Margelan-Bewohner waren stolz darauf, dieses Grab zu besitzen. Auf dem in
ihrer Einbildung bemerkenswerten Platz erhob sich eine kleine Moschee, auf
deren Mauer eine Inschrift bekundete, daß der Zar die Mittel zur
Wiederherstellung der Grabmoschee bewilligt hatte. Mitten auf dem Hofe sah
man einen großen gemauerten Grabstein, unter welchem der Heldenkönig
angeblich ruht.

Auch andere als Geschichtsforscher haben Grund, sich in das Studium des
Feldzuges Alexanders zu vertiefen. So habe ich z. B. in meinem Buche »Über
Land nach Indien« (II, 200) an der Hand der Schilderungen, die wir über
Alexanders Feldzug durch das südliche Belutschistan besitzen, zu beweisen
versucht, daß das Klima in diesem Teil von Asien seit jener Zeit keine
nennenswerten Veränderungen aufzuweisen hat. Wenn man das erste Kapitel von
Delbrücks Heereszahlen liest, fühlt man sich doch versucht, in Frage zu
stellen, ob Alexander wirklich vermocht hat, mit 30 bis 40 000 Kämpfern,
einer Anzahl, die Droysen ebenfalls anführt, nach Westen aufzubrechen.

Für einen Forschungsreisenden, der das Glück gehabt hat, bis zur Quelle des
Indus vorzudringen, ist es von großem Interesse, Arrians Geschichte über
Alexanders Vorstellungen über das Verhältnis des Indussystems zum Nil zu
lesen. Der große Feldherr tritt hier auch als Entdeckungsreisender im
großen Stil hervor, und es wird einem klar, daß auch die geographischen
Probleme Gegenstand seiner Aufmerksamkeit waren. »Zwar hatte er früher in
dem Indus, dem einzigen Flusse außer dem Nil, Krokodile gesehen, und an den
Ufern des Acesines ebensolche Bohnen, wie sie der Boden Ägyptens
hervorbringt, und zudem gehört, daß der Acesines sich in den Indus ergieße,
und bildete sich nun ein, die Quellen des Nils aufgefunden zu haben: der
Nil, glaubte er nämlich, entspringe hier irgendwo in Indien, durchströme
hierauf viel ödes Land und verliere daselbst seinen Namen Indus; wo er
sodann seinen Lauf wieder durch bewohntes Land fortsetze, werde er nun von
den Äthiopen jener Gegend und den Ägyptern Nil genannt, -- wie ihm auch
Homer nach dem Lande Ägyptos den Namen Ägyptos beigelegt habe -- und
ergieße sich dann endlich in das Mittelmeer. Und demgemäß habe er auch in
einem Briefe an die Olympias neben anderen Nachrichten über das indische
Land ihr geschrieben, daß er die Quellen des Nil glaube aufgefunden zu
haben, wobei er freilich seine Schlüsse in einer so wichtigen Sache auf
recht unbedeutende und nichtssagende Beweisgründe stützte. Als er sich
jedoch genauer über den Fluß Indus erkundigt, habe er von den Eingeborenen
erfahren: der Hydaspes fließe in den Acesines, der Acesines in den Indus,
und beide geben an diesen ihren Namen ab; der Indus dagegen ergieße sich in
das große Meer, und zwar in zwei Mündungen, ohne in irgendeiner Verbindung
mit Ägypten zu stehen. Darauf habe er im Briefe an seine Mutter die
Nachricht über den Nil wieder getilgt«....

Da er also anfänglich in dem Glauben lebte, daß er die Quelle des Nils
entdeckt hätte (#Nili se caput reperisse arbitrabatur#), aber nachher
erfuhr, daß er es nur mit dem Indus zu tun hatte, muß er seine Fahrt
abwärts dieses Flusses, in der Annahme, dessen Quelle entdeckt zu haben,
begonnen haben. Denn daß er davon überzeugt war, sich in unmittelbarer
Nähe der Quelle befunden zu haben, geht sowohl aus Arrian als aus Strabo
hervor, von denen letzterer vom Aornus sagt: #cujus radices Indus non
procul a fonte suo alluit#. Um ausfindig machen zu können, was die alten
Geographen unter »Indus-Quelle« verstanden, wäre es von Wert gewesen, zu
erfahren, wo Aornus lag. Aller Wahrscheinlichkeit nach glaubte man, daß die
Quelle gerade an dem Punkt gelegen war, wo die gewaltige Wassermenge der
Talmündung entströmte, hinter der nichts anders als hohe, unübersteigbare
Berge sichtbar waren. Noch vor 250 Jahren wurde die Hydrographie des
Himalaja in dieser Weise dargestellt; man konnte ja auch nichts anderes
erwarten, da das ganze Bergland im Norden eine vollständige #Terra
incognita# war.

Droysens Arbeit über Alexander gehört zu den Büchern, die ich stets nahe
zur Hand habe und zu denen ich immer gleich gerne zurückkehre. Die am
meisten sagenähnliche Epoche im Leben des Heldenkönigs spielt sich ja auf
dieser alten asiatischen Erde, wo ich dreizehn glückliche Jahre verbracht
habe, ab. Einzig und allein dieser Umstand erklärt es, daß ich dazu
aufgefordert wurde, zu dieser neuen Auflage von Droysens Buch über
Alexanders Leben ein Vorwort zu schreiben. Noch im Sommer 1916 hatte ich
Gelegenheit, mich seines Namens zu erinnern, als ich in Begleitung des
Professors Koldewey die Ruinen Babylons durchwanderte. Wir kamen damals
auch zu den Überresten von Emach, Ninmachs Tempel, von denen Koldewey
annimmt, daß es hier war, wo Alexander, auch während seiner letzten
Krankheit, seine täglichen Opfer darbrachte. (Vergleiche auch Koldewey: Die
Tempel von Babylon und Borsippa, Leipzig 1911, Seite 17.)

In Hindenburgs Vaterland, in diesem Deutschland, das mit unsterblichem Ruhm
seinen Kampf fast gegen die ganze übrige Welt auskämpft, wird Makedoniens
König, Asiens Eroberer zahlreichere Freunde und Bewunderer finden, als
jemals zuvor.

  Stockholm, 28. März 1917.
  Sven Hedin



  Einleitung


Droysens Buch über Alexander den Großen gehört unstreitig zu den
klassischen Werken der deutschen historischen Prosa: die Gediegenheit der
Forschungen, die Tiefe der Auffassung, die Frische des Stils, wie sie in
dem Buche zutage treten, berechtigen zu diesem Urteil. »Droysens
Verständnis für den idealen Gehalt der Vergangenheit, seine lebhafte
Auffassung historischer Charaktere und seine Anlage für deren
Vergegenwärtigung trafen mit der Lehre Hegels von der Verkörperung der
großen, weltbewegenden Ideen in den Heroen der Geschichte zusammen. Diesem
Zusammentreffen ist Droysens erste historische Arbeit, sein Alexander von
Makedonien entsprungen«, schreibt Max Duncker in seiner trefflichen,
unmittelbar nach dem Tode des Forschers verfaßten biographischen Skizze.
Man muß freilich gestehen, daß die allgemeinen Prinzipien der heutigen
historischen Wissenschaft nicht mehr die gleichen sind wie die des jungen
Droysen. Was wir heute suchen, ist nicht der »ideale Gehalt der
Vergangenheit«, sondern einfach die Vergangenheit an sich, und unser Urteil
über geschichtliche Persönlichkeiten ist von der Lehre Hegels nicht mehr
beeinflußt. Indessen, in der Praxis der historischen Arbeit verfuhr Droysen
durchaus modern. Das Ideale der antiken Geschichte sucht er niemals durch
Schönfärberei oder willkürliche Auswahl der überlieferten Tatsachen zu
gewinnen, sondern in streng kritischer, voraussetzungsloser Untersuchung
der Tradition will Droysen sich das Bild des griechischen Staates und
seiner Leistungen schaffen: wenn dieses Bild dann groß und erhaben wirkt,
und vorbildlich für die eigene Zeit, so ist das für den Geschichtschreiber
erfreulich, aber es belastet das Gewissen des Gelehrten nicht. Was den
zweiten Punkt betrifft, so kommt es ja tatsächlich oftmals vor, daß die
großen politischen Gedanken der Völker in einzelnen Männern gewissermaßen
Fleisch und Blut gewinnen, von ihnen vollkommen erfaßt und in die
Wirklichkeit umgesetzt werden. Es genügt hier, an den Gedanken der
deutschen Einheit und an Bismarck zu erinnern. Aber so gewaltig Bismarcks
Können und Wollen auch gewesen ist, er hätte sein Ziel nicht erreicht, wenn
ihm das Schicksal nicht einen Monarchen an die Seite gestellt hätte, der
ihn und seine Ideen verstand und es ihm möglich machte, sein Werk zu
schaffen. Und wenn wir nicht nur an Bismarck, sondern auch an Kaiser
Wilhelm I. denken, kommen wir zu einer rechten Würdigung des historischen
Alexander so gut wie des Alexanderbildes von Droysen. So wenig auch
äußerlich Wilhelm I. und Alexandros, der Sohn des Philippos, miteinander
gemein haben, der schlichte, durch und durch solide, seinen Mitarbeitern
unbedingt treue, norddeutsche Fürst, der im Bilde des Greises in der
Nachwelt weiterlebt -- und auf der anderen Seite der hochbegabte, aber
theatralische Südländer, auf dessen Andenken es lastet, daß er _seinen_
Moltke heimtückisch umbringen ließ, und den Roman und Legende durch zwei
Jahrtausende zum Heldenjüngling gestaltet haben: die Jahrzehnte, in denen
das deutsche Volk seine Einigung und Weltstellung gewann, stehen unter dem
Zeichen Wilhelms I., und die Epoche, in der das hellenische Volk, frisch
geeinigt, die Weltherrschaft eroberte, ist das Zeitalter Alexanders.

Droysen hat den König Alexander für einen ganz großen Menschen, für einen
Genius ersten Ranges, gehalten. Die moderne Forschung ist zum Teil andere
Wege gegangen. Es läßt sich, bei der Dürftigkeit des auf uns gekommenen
authentischen Materials, nicht ganz sicher entscheiden, wer recht hat, ob
Johann Gustav Droysen, oder -- um gleich den Namen seines Antipoden zu
nennen, Julius Beloch. Fest steht es, daß die hellenische Welteroberung
zugleich eine Tat des Königs Alexander gewesen ist, daß sich die
Entwicklung der Nation und das Leben des einen Mannes nicht trennen läßt.

Aber auch schon für Droysen selbst ist die Sache wichtiger gewesen als die
Person: die Bedeutung Alexanders liegt für ihn darin, daß er das Ende einer
Weltepoche bezeichnet, und den Anfang einer neuen. Diese neue Epoche bringt
die »Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung über die Völker
ausgelebter Kulturen«, mit einem Wort: die Entstehung des Hellenismus. Es
bleibt für alle Zeiten eine wissenschaftliche Großtat Droysens, daß er, man
kann wohl sagen, der Entdecker des Hellenismus geworden ist. Drei Jahre
nach dem Erscheinen der Alexandergeschichte folgte ihre Fortsetzung, die
Schilderung der Epoche der Diadochen (1836), 1843 schloß sich die
Geschichte der nächsten Generation griechischer Herrscher, der sog.
Epigonen an. In einer zweiten Auflage hat Droysen alle drei Bände als
»Geschichte des Hellenismus« vereinigt (1877/78). Für den einseitigen
Klassizismus hört das vorbildliche Griechentum mit Chaironeia und
Demosthenes auf: was danach kommt, ist Entartung und Verfall. Tatsächlich
ist es aber gerade die hellenistische Periode, in der das griechische Volk
politisch die größten Erfolge gehabt hat, so daß man direkt berechtigt ist,
von einer griechischen Weltherrschaft im Zeitalter des Hellenismus zu
sprechen, und auch die kulturellen Schöpfungen dieser Epoche lassen sich
aus der Entwicklung der abendländischen Menschheit nicht wegdenken. Droysen
hat als erster durch ein großzügiges Geschichtswerk die welthistorische
Bedeutung des Jahrhunderts von Alexander bis zur Intervention der Römer im
Osten klargelegt, sowie den Zusammenhang der politischen Begebenheiten
dieser Zeit mit glänzender Kombinationskraft aus der vielhaft trümmerhaften
Überlieferung zu gewinnen gesucht.

Zur rechten Würdigung Alexanders und des Hellenismus waren freilich zwei
Vorfragen zu lösen, die wieder untereinander eng zusammenhängen: es sind
die Probleme der Nationalität der Makedonen, und der Politik des
Demosthenes. In beiden Fragen hat Droysen den gleichen Standpunkt gewonnen,
wie ihn im wesentlichen auch die neueste Forschung einnimmt. Freilich ist
der Streit über beide Probleme noch nicht beendet. Die Frage, ob die
Makedonen Griechen gewesen sind, oder nicht, ist von einschneidender
Bedeutung: wenn ja, dann haben Philipp und Alexander den Hellenen die
nationale Einigung gegeben, wenn nein -- dann sind die Griechen unter die
Herrschaft ausländischer Zwingherren geraten, welche sie für ihre Zwecke
ausnutzten. Eine Entscheidung der Frage kann nur eine Prüfung der Sprache
der Makedonen geben; leider ist unsere Kenntnis des makedonischen Dialekts
nur mäßig, aber das sprachliche Material läßt doch den Schluß ziehen, daß
die Makedonen ein griechischer Stamm gewesen sind: diese Überzeugung hat
bereits Droysen trefflich vertreten. Wenn er freilich die Makedonen, ebenso
wie die anderen, in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Nordstämme, als
»Pelasger« bezeichnet, so werden wir diesen Namen hier lieber nicht
anwenden; denn die Theorie von den »Pelasgern« als den Urgriechen läßt sich
heutzutage nicht mehr aufrechterhalten. Sie ist eine Spekulation der
Mythenhistoriker des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Von der
Auffassung der Makedonenfrage hängt auch gutenteils das Urteil über die
Politik des Demosthenes ab. Waren König Philipp und sein Sohn keine
Hellenen, dann war Demosthenes der Vorkämpfer gegen die Fremdherrschaft, im
anderen Falle aber nur der Vertreter eines überlebten Partikularismus. Die
Bewunderung für Demosthenes als literarische Erscheinung hat in alter und
neuer Zeit dazu geführt, daß man auch seine politische Wirksamkeit in der
Verklärung sah. Mit ausgezeichneten Gründen bekämpft Droysen diese
Auffassung: den Patriotismus des Atheners will er nicht leugnen, und das
Attribut des »größten Redners aller Zeiten« will er ihm nicht entziehen.
Aber Droysen bezweifelt es, daß Demosthenes als Staatsmann groß, und daß er
überhaupt »der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands« gewesen
ist. In einer glücklichen Kombination malt Droysen das Bild der
griechischen Zustände aus, wie sie sich nach einem Siege des Demosthenes
unstreitig gestaltet hätten: »Mochten die attischen Patrioten den Kampf
gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen
Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben, keins dieser
Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt gewesen.« Die neueste
Forschung ist in der Kritik an Demosthenes noch weiter gegangen als
Droysen: es scheint sich immer mehr herauszustellen, daß Demosthenes zwar
ein großer Advokat, aber ein recht kleiner Mensch gewesen ist. Aber darüber
darf man ein Zweites nicht vergessen: das ist die rührende Aufopferung, mit
der das athenische Volk sein Blut für all die Dinge verspritzt hat, die ihm
seine Politiker vorgaukelten. Droysen geht viel zu weit, wenn er von dem
»schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Bürgertum Athens«
spricht. Der wahre Held von Chaironeia ist nicht der Redner, der auf dem
Marktplatz mit seinen gut vorbereiteten Tiraden den Makedonenkönig
vernichtete, sondern es ist der schlichte athenische Handwerksmeister und
Familienvater, der pflichtgemäß für seine republikanische Freiheit unter
den Lanzen der makedonischen Veteranen den Tod findet. Die Stimmung der
Kämpfer von Chaironeia ist in einer Grabschrift für die Gefallenen rührend
zum Ausdruck gekommen. Die vier Verszeilen mögen hier -- in der Übersetzung
von Wilamowitz -- Platz finden:

    Zeit, du überschauest alles Menschenschicksal, Freud und Leid,
    Das Geschick, dem wir erlagen, künde du der Ewigkeit.
    Auf Boiotiens Schlachtfeld sanken wir, gefällt vom Feindesspeere,
    Was wir wollten, war, zu wahren unseres heiligen Hellas Ehre.

Freilich, man mag der überwundenen Partei die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, die ihr zukommt, sachlich bleibt die Auffassung Droysens
unanfechtbar, daß nur der Sieg des makedonischen Königtums die griechische
Nation von dem Fluch der Kleinstaaterei erlösen und die in ihr
schlummernden Kräfte erwecken konnte.

Das Thema der Alexandergeschichte hatte ohne Zweifel für Droysen einen
aktuellen Reiz: in der Einigung der Hellenen durch die makedonische
Dynastie wird er ein Vorbild gesehen haben, in dessen Art er auch die
Lösung der deutschen Frage erstrebte. Am 6. April 1848 hat Droysen erklärt,
daß »Preußen sich Deutschland eingliedern, durch seine große und gesunde
Machtorganisation, sein Heer und seine Finanzen den Rahmen des neuen Ganzen
bilden müsse«. Als Abgeordneter in der Paulskirche war er bemüht, »der
Einigung Deutschlands unter der Oberherrschaft der Hohenzollern Anhänger zu
werben«. Der starke Anteil an den Forderungen seiner eigenen Zeit hat ja
dazu geführt, daß Droysen auch als Forscher das Gebiet der griechischen
Geschichte mit dem der preußischen vertauschte, daß er auf die »Geschichte
des Hellenismus« die Biographie des Feldmarschalls Yorck und die vielen
Bände der »Preußischen Politik« folgen ließ.

Hat aber auch für den Leser von 1917 die Geschichte Alexanders einen
unmittelbaren Reiz, abgesehen von der Belehrung über eine wichtige Epoche
der Vergangenheit? Man wird diese Frage wohl bejahen dürfen, und zwar wegen
des hervorragenden kriegsgeschichtlichen Interesses, das die Feldzüge des
makedonischen Königs erwecken. Man kann wohl sagen, daß wir bei der
Eroberung des Perserreiches durch Alexander zum erstenmal in der
Weltgeschichte die systematische Arbeit eines denkenden Generalstabs
verfolgen können. Größere Truppenbewegungen sind natürlich auch schon in
der Epoche vor Alexander erdacht und geleitet worden. Achtbar sind z. B.
die Leistungen des Perserreichs auf diesem Gebiete. Als König Darius seinen
sog. Skythenzug vorbereitete, hatte er eine Armee etwa aus der Gegend des
heutigen Bagdad in die Dobrudscha zu versetzen: eine Leistung, die auch im
Zeitalter der Eisenbahnen und Automobile recht achtbar wäre; um so mehr im
Altertum mit seiner primitiven Technik. Aber die Soldaten des Perserkönigs
hatten diesen Weg im eigenen Lande, unterstützt von der eigenen
Reichsverwaltung zurückzulegen: das Feindesland begann eigentlich erst an
der Donaumündung. Als nun aber die wirkliche militärische Aufgabe
einsetzte, die Perser die untere Donau überschritten und in Beßarabien
vordrangen, da begannen auch die Schwierigkeiten des Unternehmens deutlich
zu werden: bekanntlich haben die Perser bald den Rückzug antreten müssen.
Das ist etwa ein Beispiel für das militärische Können der Epoche um 500 vor
Christus. Die kriegerischen Unternehmungen der griechischen Staaten des 5.
und 4. Jahrhunderts zeichnen sich ebenfalls durch ihre Langsamkeit,
Schwerfälligkeit und relative Ergebnislosigkeit aus. Welch anderes Bild
geben da die Feldzüge Alexanders! Die makedonische Armee beginnt ihre
Offensive mit der Überschreitung der Dardanellen und schlägt einen starken,
durchaus achtbaren Feind überall, wo sie ihn trifft. Ein geheimer
Mechanismus scheint dieses Heer zu lenken, im Winter geht es ebenso
vorwärts wie im Sommer, Flußlinien, Hochgebirgsketten, Wüsten werden glatt
überwunden. Jede feindliche Festung fällt, wenn es auch manchmal recht viel
Zeit und Mühe kostet. Etappenlinien von vielen Hunderten von Kilometern, im
Feindesland, werden in Ordnung gehalten, weite Gebiete okkupiert und sofort
in eigene Verwaltung genommen. So passiert diese Armee Kleinasien und
dringt dann über Syrien nach Ägypten vor, es folgt der Vormarsch nach
Mesopotamien, Babylon wird genommen, das eigentliche Persien betreten. Das
gewaltige Iran wird durchzogen; über Afghanistan und den Hindukusch zieht
die griechische Armee nordwärts bis tief in die Wüsten von Turkestan; daran
schließt sich der letzte Akt: die Expedition nach Indien. All diese
erstaunlichen Leistungen sind nicht denkbar ohne eine vorbedachte, mit
einem fein verzweigten Apparat arbeitende Heeresleitung. Einen
zwanzigjährigen König, und sei er noch so geistvoll, wird man nicht gut als
den alleinigen Urheber solcher Erfolge ansehen: hier arbeitet ein
Generalstab, so gut wie in den Operationen des deutschen Heeres 1870/71
oder 1914/17. Wir wissen auch genau, wer die Generalstäbler Alexanders
gewesen sind: es sind die alten Generale aus der Schule seines Vaters, die
sog. Adjutanten (Somatophylakes), welche dem König bei der Kriegführung zur
Seite stehen, und als Chef des makedonischen Generalstabs tritt, auch noch
in unserer höfisch gefärbten Überlieferung, der alte Parmenion deutlich
genug hervor.

In den Feldzügen Alexanders fehlt, wenn man sie richtig erfaßt, das
romantisch-enthusiastische Element durchaus; im Gegenteil, mit ruhiger
Überlegung, und geradezu pedantischer Vorsicht, werden die nötigen
Entschlüsse gefaßt. Diesen Charakter der militärischen Dispositionen
Alexanders hat Droysen vortrefflich hervorgehoben, nur führt er durchweg
den König selbst als den geistigen Leiter des Krieges ein, während
tatsächlich Alexander in den meisten Fällen nach dem Rat seiner Adjutanten
gehandelt haben wird.

Die vorliegende neue Auflage des Droysenschen Werkes gibt ohne jede
Änderung den Text der letzten, vom Verfasser selbst veranstalteten Ausgabe
wieder. Das Material zur Geschichte Alexanders hat sich seitdem nur
unbedeutend vermehrt, aber in einigen immerhin bemerkenswerten
Gesichtspunkten ist doch die moderne Forschung über Droysen hinausgekommen.
Im folgenden sollen diese Punkte wenigstens kurz erörtert werden. Der Leser
kann sich dann ohne Mühe selbst die Auffassung Droysens von den
betreffenden Fragen berichtigen.


In erster Linie ist hier die Schilderung des persischen Heeres und die
Schätzung seiner Stärke zu nennen. Droysen hält noch an den überlieferten
Zahlen fest. Am Granikos nimmt er 20 000 persische Reiter und ebenso viele
griechische, im Dienste des Perserkönigs stehende Söldner an. Die Armee,
welche Alexander bei Issos besiegte, schätzt er auf Hunderttausende,
darunter 30 000 griechische und 100 000 asiatische Schwerbewaffnete, und
auch bei Gaugamela läßt er eine persische Riesenarmee auftreten. Indessen
haben die Forschungen von Eduard Meyer und Hans Delbrück über das persische
Heerwesen zu dem Ergebnis geführt, daß der Perserkönig niemals ein
Millionenheer aufgestellt hat; die Armeen, mit denen König Alexander zu
kämpfen hatte, sind erheblich schwächer gewesen; schwerlich stärker an Zahl
als die makedonischen Sieger selbst. An sich wäre es ja durchaus möglich
gewesen, daß das Perserreich, das etwa 50 Millionen Einwohner zählte, ein
Millionenheer aufgebracht hätte. Aber im persischen Reich hat eine
allgemeine Wehrpflicht, wie in den antiken griechischen und in den modernen
Staaten, niemals existiert. Die persische Armee war vielmehr eine
Berufsarmee, und Berufsheere sind niemals sehr stark. Die iranische Nation,
welche die eigentlich staatserhaltende Kraft im Perserreich darstellte,
lieferte dem König zunächst eine ausgezeichnete Adelsreiterei, sodann eine
große Zahl erprobte Bogenschützen. Mit diesen Tausenden von Rittern und
Zehntausenden von Schützen haben die ersten Perserkönige die militärisch
nur wenig leistungsfähigen orientalischen Großmächte: Babylonien, Lydien,
Ägypten niedergeworfen. Im eroberten Gebiet richteten sich die Perser
ähnlich ein wie später die Türken im 15. bis 17. Jahrhundert: der Herrscher
wies seinen Rittern große Lehensgüter an. Auf dem Besitze eines solchen
Gutes lastete die Verpflichtung, im Kriegsfalle eine Anzahl Reiter zu
stellen; vielleicht auch ein paar iranische Bogenschützen zu unterhalten.
Neben diesen Lehenstruppen stand dann die königliche Garde, die 10 000 sog.
»Unsterblichen«, entsprechend etwa den Janitscharen des Sultans. Eine
solche Berufsarmee bleibt auf der Höhe, solange der Staat dauernd Krieg
führt und die Maschinerie im Gang bleibt. Wenn aber längere Perioden des
Friedens kommen, verrostet das Uhrwerk leicht. So ist es dem Türkischen
Reich im 18. Jahrhundert ergangen: aus den Janitscharen wurde ein Korps von
Staatspensionären, das keinen Feind mehr schreckte. Ähnlich gestaltete sich
die Entwicklung im Perserreich, als die Periode der ständigen Kriege mit
König Xerxes aufhörte. Die Inhaber der Lehen wurden allmählich zu bequem,
um wirkliche Krieger zu unterhalten, und wenn der König die Heeresfolge
ansagte, schickten sie statt dessen ihre Hausdiener (vgl. Xenophon, Cyrop.
VIII 8, 20). Immerhin hat sich wenigstens die persische Reiterei in den
Alexanderschlachten tapfer geschlagen. Die asiatische Infanterie dagegen
war völlig verkommen, statt ihrer stellte man schon seit dem Ausgang des 5.
Jahrhunderts lieber griechische Söldner ein.

Die operierende persische Feldarmee ist zur Zeit ihrer höchsten Blüte,
unter König Xerxes, im Feldzug von 480/79, höchstens 50 000 Mann stark
gewesen; unter Darius III. waren es höchstens ebenso viele, wahrscheinlich
aber weniger Leute. Die phantastische Vorstellung von den Millionenheeren
des Perserkönigs hat die griechische Volkstradition des 5. Jahrhunderts
gebildet, auf der die Darstellung Herodots beruht. Die späteren
Geschichtschreiber haben dann diese Auffassung übernommen, und die
Historiker Alexanders sind von der Tradition nicht abgewichen: im
Gegenteil, sie haben die Furchtbarkeit des Perserheeres mit Behagen
ausgemalt, um die Größe der makedonischen Kriegstaten ins rechte Licht zu
rücken.

Der griechische Bund, an dessen Spitze König Alexander stand, hatte nur
etwa 1/10 der Einwohnerzahl des Perserreichs. Aber seine militärische Kraft
war weit überlegen. Hellas war damals stark übervölkert: viele Tausende von
kühnen und kräftigen Männern waren bereit, in den Osten zu ziehen, um sich
dort eine neue Heimat zu erobern. Dem makedonischen Volksheer winkte im
Orient ein ruhmvoller, leichter Sieg und unermeßliche Beute; auch die
kräftigen Barbarenstämme der Balkanhalbinsel, die dem makedonischen König
unterstanden, waren militärisch nicht unwichtig. Alles in allem war König
Alexander imstande, zur Zeit der Schlacht bei Gaugamela mit 50 000 Mann
Kerntruppen -- mit einer Kavallerie, die dem Feind zumindest gewachsen, und
einer Infanterie, die ihm in jeder Beziehung überlegen war -- die Perser
anzugreifen. Etwa ebenso viele Leute mögen zur selben Zeit als
Etappentruppen und Garnisonen das weite Gebiet von den Dardanellen bis
Mesopotamien gedeckt haben. Endlich stand noch eine starke Reservearmee
daheim, bereit, etwaige partikularistische Bewegungen in Griechenland
niederzuwerfen. Im ganzen ist es wohl kaum übertrieben, wenn man die
damalige Gesamtstärke der Heere Alexanders auf etwa 150 000 gute Soldaten
berechnet. Das war eine Heeresmacht, gegen die kein anderer Staat der Welt
aufkommen konnte, auch nicht das Perserreich mit seinem durchaus überlebten
Wehrsystem. Diese Erwägungen mögen die Leistungen König Alexanders und
seines Heeres leichter verständlich machen; sie können aber die Bewunderung
für die Taten der makedonischen Heeresleitung nicht vermindern.

Eine der merkwürdigsten Episoden in der Geschichte Alexanders ist
unstreitig sein Zug zu der Oase des Ammon, wo er sich von den Priestern als
der Sohn des Gottes begrüßen ließ. Droysen schildert dieses Ereignis in
anschaulicher und eindringlicher Art. Die Frage drängt sich auf, was
Alexander bei dem ägyptischen Gott gewollt, welche Absichten er mit seiner
Erklärung zum Gottessohn verfolgt hat. Droysen meint, der König habe
gewollt, daß ihn »in das Innere des Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine
höhere Verheißung begleiten« sollte, »in der die Völker ihn als den zum
König der Könige, zum Herrn von Aufgang bis Niedergang Erkorenen erkennen
sollten«. Aber tatsächlich hat wohl Alexander mit jenem mystischen Vorgang
gar nicht auf die Orientalen, sondern allein auf die Griechen wirken
wollen. Der Gedanke von der Göttlichkeit des Herrschers war den Untertanen
des Perserkönigs -- außerhalb von Ägypten -- fremd: den Iraniern, welche
sich zur Religion des Zarathustra bekannten, den babylonischen Verehrern
des Marduk und der Istar, den semitischen Dienern ihrer Stammesgottheiten,
und all den anderen Völkern des Ostens wurde der fremde Eroberer wahrlich
deshalb nicht ehrwürdiger oder sympathischer, weil er sich als der Sohn des
ägyptischen Ammon ausgab. In Ägypten war freilich die Auffassung zu Hause,
daß der Pharao der Sohn des großen Sonnengottes sei, und die Priester waren
gern bereit, auch jedem fremden Herrscher, der es wünschte, dieses Attribut
zu erteilen. Aber eine solche Anerkennung konnte Alexander in jedem
beliebigen ägyptischen Heiligtum empfangen; hätte er wirklich dem Herzen
des ägyptischen Volkes näherkommen wollen, dann würde er sich an einen der
führenden nationalen Tempel gewandt haben, aber sicher nicht an den Ammon
der libyschen Oase, der im ägyptischen Kulturleben so gut wie nichts
bedeutete. Indessen, und das bringt uns der Lösung des Rätsels näher, der
Ammon von Siwas war -- über Kyrene -- schon seit dem 5. Jahrhundert in
Griechenland bekannt geworden, und sein Orakel erfreute sich dort einer
gewissen Autorität, seitdem Delphi aus der Mode gekommen war. Wenn also
Alexander für die Hellenen ein Gott sein wollte, dann war das Ammonsorakel
die Stelle, deren Autorität er sich mit Aussicht auf Erfolg zu bedienen
vermochte. Was bedeutete aber die Anerkennung der Gottheit Alexanders durch
die griechischen Gemeinden? Nichts mehr und nichts weniger als eine
vollkommene Reform der hellenischen Bundesverfassung. Die beschränkten
Kompetenzen des Bundespräsidenten, wie sie für König Philipp ausreichend
gewesen waren, genügten für Alexander nicht. Er wünschte, wenn er es für
nötig hielt, ohne Hindernis in die griechischen Angelegenheiten eingreifen
zu können, ohne zugleich die Selbständigkeit der griechischen Republiken
ganz aufzuheben. Da bot sich der bequeme Ausweg, daß der ehemalige
Bundespräsident zum Staatsgott der einzelnen Gemeinden wurde: nunmehr
mußten seine Erlasse als göttliche Gebote befolgt werden. Was dies in der
Praxis zu bedeuten hatte, zeigte sich sofort, als Alexander die Verordnung
über die Rückkehr der Verbannten erließ. Dieser Akt, der die Parteikämpfe
in den griechischen Kleinstaaten formell abschließen sollte, wäre nach den
Artikeln des Korinthischen Bundes -- wie auch Droysen treffend hervorhebt
-- nicht möglich gewesen. Dagegen konnte der »Gott« Alexander ohne weiteres
eine solche Maßregel durchführen.

Das »Gottkönigtum«, wie es Alexander begründete, sollte noch die
bedeutsamsten Folgen für die spätere Entwicklung des Altertums haben. Es
blieb die maßgebende Form, in der sich eine starke monarchische Gewalt mit
der republikanischen Selbständigkeit einer größeren Zahl von Stadtstaaten
wenigstens einigermaßen vereinigen ließ. Die hellenistischen Monarchien des
Orients waren so organisiert, und das römische Kaisertum ging dann die
gleiche Bahn.

Hat Alexander selbst an seine Göttlichkeit geglaubt? Droysen deutet die
Möglichkeit an, daß der König gewisse pantheistische Gedanken von einer
Einheit zwischen der Gottheit und den Menschen gehabt hat; Gedanken, in
denen sich griechische Philosophie und ägyptische Priesterweisheit
vereinigten. Aber wenn wir die praktisch-politische Bedeutung des Zuges zum
Ammonion in den Vordergrund stellen, in der Art, wie es von den neueren
Forschern vor allem Eduard Meyer getan hat, werden wir auch hier wohl eine
einfachere Lösung suchen müssen. Über das wirkliche religiöse Innenleben
Alexanders läßt sich kaum etwas Bestimmtes sagen. Wenn er sich den
»Kinderglauben« bewahrt hatte, kann es nur der an die Götter seiner
makedonischen Heimat gewesen sein. Aber daneben konnte er sehr wohl
glauben, daß er für die Angehörigen seines Reichs selbst ein »Gott« sei.
Perikles hat einmal in einer berühmten Rede erklärt, daß man die Existenz
der Götter erschließe aus der Verehrung, die sie finden, und aus den
Wohltaten, die sie den Menschen erweisen. In diesem Sinne war auch der
große König, der all den vielen Griechenstädten Frieden, Wohlstand, ja die
Existenz sicherte, ein »Gott«. Daß er Wunder tun, durch seinen Willen die
Naturgesetze aufheben könne, hat Alexander sicher nicht angenommen.

Wenn man die Geschichte Alexanders überdenkt, drängt sich unwillkürlich
die Frage auf, ob es wirklich den wahren Interessen des
griechisch-makedonischen Volkes entsprochen hat, daß ein hellenisches
Riesenreich gegründet wurde, das sich vom Adriatischen Meere aus bis tief
nach Indien erstreckte. Dieses Problem, an dem man bei der Würdigung des
Staatsmannes Alexander nicht vorübergehen kann, ist von Droysen nicht
gestellt worden. Es ist doch bemerkenswert, daß der Hellenismus nichts von
dem gewaltigen Gebiet behauptet hat, das er damals eroberte. Das
griechische Volk bewohnt heute im großen und ganzen denselben Raum, wie
zur Zeit Philipps von Makedonien. Damit vergleiche man die
Dauerhaftigkeit, welche die Eroberungen des Romanismus gehabt haben, wie
sich aus dem römischen Kaiserreich heraus die lateinischen Nationen
Westeuropas entwickeln, wie selbst ein so spät und oberflächlich
romanisiertes Land wie Dakien seinen lateinischen Charakter bis auf den
heutigen Tag behauptete. Der Unterschied erklärt sich daraus, daß Rom in
weitem Umfang bäuerliche Kolonisten ansetzte, während die Griechen im
Orient im wesentlichen nur in die Städte gingen, sowie als Offiziere und
Beamte die herrschende Oberschicht bildeten. Daher fegte der erste beste,
politische Mißerfolg die hellenische Kolonisation wieder weg, während der
romanische, mit dem Boden verwachsene Bauer, sich nicht mehr verdrängen
ließ. Aber warum haben die Römer so gründlich kolonisiert und die Griechen
der hellenistischen Zeit so oberflächlich?

Aus dem einfachen Grund, daß Griechenland gar nicht so viele Menschen übrig
hatte, um nach dem römischen System zu kolonisieren. Das römische Italien
hatte zudem beschränktere Aufgaben zu lösen, erst sog es die Lombardei und
Venetien auf, dann wurden Spanien und Südfrankreich lateinisch gemacht,
und allmählich drang das Römertum weiter vor. Das griechische Volk dagegen
gewann mit einem Schlage ein Riesenreich, dessen Hellenisierung so gut wie
unmöglich war. Daß schon König Philipp den Eroberungskrieg in Asien geplant
hat, steht fest. Aber es bleibt doch sehr zweifelhaft, ob er -- der größte
Staatsmann, den das griechische Volk hervorgebracht hat -- bis nach Indien
und Turkestan gegangen wäre. Kleinasien hätte sicher auch Philipp für das
Griechentum erobern wollen; vielleicht hätte er auch die Perser vom
Mittelmeer verdrängt, indem er in irgendeiner Form Syrien und Ägypten unter
seine Autorität brachte: den Zug über den Euphrat möchte man ihm nicht
zutrauen. In Kleinasien waren die Küsten bereits griechisch, und auch die
Eingeborenen, wie die Karer, Lyder und Lykier, waren auf dem besten Wege
sich zu hellenisieren. Wäre es möglich gewesen, all die hellenischen
Volkssplitter, die sich unter und nach Alexander im ganzen Orient
zerstreuten, in Kleinasien zu vereinigen, so wäre dieses Land in wenigen
Generationen vollkommen griechisch geworden. Aber daneben hatte das
griechische Volk noch eine andere Aufgabe, deren Lösung freilich nicht so
glanzvoll war wie die Eroberung des Ostens: das wäre die Gewinnung und
Besiedlung des Rumpfes der Balkanhalbinsel gewesen. Hier wie überall hatte
König Philipp das Richtige erkannt und dessen Durchführung angebahnt. Das
von ihm gegründete Philippopolis trägt noch heute seinen Namen und zeugt
von der Absicht des Makedonen, das griechische Volks- und Sprachgebiet bis
zum Balkangebirge auszudehnen. Es ist geradezu das Verhängnis der Griechen
geworden, daß an dieser Aufgabe nicht weiter gearbeitet worden ist. Die
Weltgeschichte hätte eine andere Wendung genommen, wenn etwa die
Balkanhalbinsel -- nebst dem westlichen Kleinasien -- ein einheitliches
Nationalgebiet geworden wäre, in der Art, wie sich das zuerst so
vielsprachige Italien unter dem römischen Einfluß umgewandelt hat. Eben
dadurch, daß Alexander, die gerade damals vorhandene militärische
Überlegenheit Makedoniens voll ausnutzend, das griechische Weltreich
gründete, hat er seinem Volke den Weg zur wirklichen nationalen Größe
dauernd verbaut[1].

    [1] Es wird für die Leser dieses Buches von Interesse sein,
    daß während des Weltkrieges deutscher Forschung im fernen
    Asien eine nicht unwichtige Bereicherung unserer Kenntnis der
    Alexander-Zeit gelungen ist: Die Expedition Hentig, die 1915
    in Afghanistan weilte, hat -- wie kürzlich mitgeteilt wurde
    -- die Lage der von Alexander in diesem Lande gegründeten
    Griechenstädte zum ersten Male einwandfrei festgestellt.

Diese Betrachtungen sollen weiter nichts darstellen als eine kleine
Ergänzung zu Droysens trefflichem Werke, das hoffentlich auch in dieser
Ausgabe der Wissenschaft und der Geschichte des Altertums neue Freunde
werben wird.

  Berlin.
  Arthur Rosenberg.



  Erstes Buch

  +Tade men leusseis, phaidim' Achilleu+



  Erstes Kapitel

  Die Aufgabe -- Der Gang der griechischen Entwicklung --
  König Philipp und dessen Politik -- Der Korinthische Bund
  von 338 -- Das Perserreich bis Darius III.


Der Name Alexander bezeichnet das Ende einer Weltepoche, den Anfang einer
neuen.

Die zweihundertjährigen Kämpfe der Hellenen mit den Persern, das erste
große Ringen des Abendlandes mit dem Morgenlande, von dem die Geschichte
weiß, schließt Alexander mit der Vernichtung des Perserreiches, mit der
Eroberung bis zur afrikanischen Wüste und über den Jaxartes, den Indus
hinaus, mit der Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung über die
Völker ausgelebter Kulturen, mit dem Anfang des Hellenismus.

Die Geschichte kennt kein zweites Ereignis so erstaunlicher Art; nie vorher
und nachher hat ein so kleines Volk so rasch und völlig die Übermacht eines
so riesenhaften Reiches niederzuwerfen und an Stelle des zertrümmerten
Baues neue Formen des Staaten- und Völkerlebens zu begründen vermocht.

Woher hat die kleine Griechenwelt die Kühnheit zu solchem Wagnis, die Kraft
zu solchen Siegen, die Mittel zu solchen Folgewirkungen? Woher erliegt das
Königtum der Perser, das so viele Reiche und Lande zu erobern und zwei
Jahrhunderte lang zu beherrschen vermocht, das soeben noch zwei
Menschenalter hindurch die Hellenen der asiatischen Küste zu Untertanen
gehabt, über die der Inseln und des Mutterlandes die Rolle des
Schiedsrichters gespielt hat, dem ersten Stoß des Makedonen?

Einen Teil der Erklärung gibt der in aller Richtung völlige Gegensatz
zwischen beiden Gestaltungen, der, geographisch vorgebildet, in der
geschichtlichen Entwicklung fort und fort gesteigert, zur letzten
Entscheidung gereift war, als Alexander gegen Darius auszog.

Den alten Kulturvölkern Asiens gegenüber sind die Hellenen ein junges Volk;
erst allmählich haben sich sprachverwandte Stämme in diesem Namen
zusammengefunden; das glückliche Schaffen einer nationalen, das vergebliche
Suchen einer politischen Einheit ist ihre Geschichte.

Bis zu der Zeit, wo jener Name Geltung gewann, wissen sie von ihrer Vorzeit
nur Unsicheres, Sagenhaftes. Sie glauben Autochthonen in der
gebirgsreichen, buchtenreichen Halbinsel zu sein, die sich vom Skardos und
den Axiosquellen südwärts bis zum Tänaron erstreckt. Sie gedenken eines
Königs Pelasgos, der in Argos geherrscht, dessen Reich auch Dodona und
Thessalien, auch die Abhänge des Pindos, Päonien, alles Land »bis zum
hellen Wasser des Strymon« umfaßt habe; ganz Hellas, sagen sie, hat einst
Pelasgia geheißen.

Die Stämme des Nordens blieben in ihren Bergen und Tälern, bei ihrem
Bauern- und Hirtenleben, in altertümlicher Frömmigkeit, die die Götter noch
ohne besondere Namen nur »Mächte« nannte, »weil sie alles machen«, und die
in dem Wechsel von Licht und Dunkel, von Leben und Tod, in den Vorgängen
der Natur Zeugnisse und Beispiel von deren strengem Walten erkannte.

Andere Stämme führte die Not daheim oder Wanderlust hinab an das nahe Meer
und über das Meer, mit Krieg und Seeraub Gewinn zu suchen oder mit Wagnis
und Gewalt sich eine neue Heimat zu gründen. Da war denn der persönlichen
Kraft alles anheimgegeben und die volle entschlossene Selbständigkeit die
Bedingung erfolgreichen Tuns und sicheren Gewinnes; ihnen verwandelte sich
das Bild der Gottheit; für sie waren und galten statt der stillen in der
Natur lebenden und wirkenden Götter solche Mächte, wie sie nun ihr Leben
bewegten und erfüllten, Mächte des energischen Wollens, des entschlossenen
Handelns, der gewaltigen Hand. Wie äußerlich, so innerlich verwandelten sie
sich; sie wurden Hellenen. Die einen begnügten sich von den Bergen in die
Ebenen Thessaliens, Boiotiens, den Peloponnes hinabzusteigen und da zu
bleiben; andere lockte das Ägäische Meer mit seinen schönen Inseln, die
Küste in dessen Osten mit ihren weiten Fruchtebenen, hinter denen die Berge
zum inneren Hochland Kleinasiens aufsteigen; und die schwellende Bewegung
machte immer neue Scharen lose ihnen zu folgen.

Wenn daheim, wo »Könige«, mit ihren »Hetairen«, ihren Kriegsgesellen, in
die nächstgelegenen Täler oder Ebenen wandernd, die Alteingesessenen
ausgetrieben oder untertänig gemacht hatten, sich ein Herrentum der
Hetairen entwickelte, das bald genug auch das Königtum, mit dem sie
begonnen, beseitigte oder bis auf den Namen beschränkte, um in strenger
Geschlossenheit und Stetigkeit die Adelsherrschaft zu sichern, -- so
suchten und fanden die Ausgetriebenen und Hinausgezogenen, um sich in der
Fremde und unter Fremden fester zu begründen und rühriger auszubreiten,
bald um so freiere Formen und um so raschere, dreistere Spannung des
Lebens; sie eilten der Heimat weit voraus an Reichtum, Lebenslust und
heiterer Kunst.

Die Gesänge der Homeriden sind das Vermächtnis dieser bewegten Zeit, dieser
Völkerwanderungen, mit denen die Hellenen in dem engen und doch so reichen
Kreise der alten und neuen Heimat die Anfangsgründe ihres geschichtlichen
Lebens lernten.

Dies Meer mit seinen Inseln, seinen Küsten ringsum war nun ihre Welt.
Gebirge umziehen sie von der Nähe des Hellesponts bis zum Isthmus, von da
bis zum tänarischen Vorgebirge; selbst durch das Meer hin bezeichnen
Kythera, Kreta, Rhodos die Umschließung, die auf der karischen Küste sich
in mächtigeren Gebirgsformen erneut und in reichen Flußtälern, Fruchtebenen
und Berghängen zum Meere sich absenkend bis zum schneereichen Ida und dem
Hellespont hinzieht.

Jahrhunderte hat sich das hellenische Leben in diesem geschlossenen Kreise
bewegt, wundervoll namentlich bei denen, die sich in dem ionischen Namen
geeint fühlen, erblühend. »Wer sie da sieht«, sagt der »blinde Sänger von
Chios« von der Festfeier der Ionier auf Delos, »die stattlichen Männer, die
schöngegürteten Frauen, ihre eiligen Schiffe, ihre unendliche Habe, der
möchte meinen, daß sie frei seien von Alter und Tod.« In immer neuen
Aussendungen von ihnen, bald auch von den anderen Stämmen auf den Küsten
und Inseln wie daheim, erblühten neue Hellenenstädte an der Propontis, im
Pontos bis zur Mündung des Tanais und am Fuß des Kaukasus; es entstand in
Sizilien und Süditalien ein neues Hellas; Hellenen besiedelten die
afrikanische Küste an der Syrte; an den Gestaden der Seealpen bis zu den
Pyrenäen erwuchsen hellenische Pflanzstädte. So nach allen Seiten, soweit
sie mit ihren geschwinden Schiffen gelangen konnten, griffen diese Hellenen
hinaus, als gehöre ihnen die Welt, überall in kleinen Gemeinwesen
geschlossen, geschickt, mit den Umwohnern, von welcher Sprache und Art sie
sein mochten, fertig zu werden und sich, was sie da nach ihrem Sinn fanden,
anzueignen und anzuähneln, in bunter Verschiedenartigkeit der Dialekte,
Kulte, Betriebsamkeit je nach Ort und Art ihrer Stadt, in steter Rivalität
der einen gegen die anderen, der Ausgezogenen gegen ihre Mutterstädte, und
doch, wenn sie zu den olympischen Festen von nah und fern zusammenströmten,
alle in denselben Wettkämpfen um den Preis ringend, an denselben Altären
opfernd, an denselben Gesängen sich entzückend.

Gesängen, die ihnen in zahllosen Mythen und Sagen, in den Abenteuern und
Wanderzügen und Kämpfen ihrer Väter das Bild ihrer selbst gaben, vor allen
die schönsten und ihnen die liebsten die von den Zügen nach dem Osten.
Immer wieder richtet sich mit ihnen ihr Sinn morgenwärts. Aus dem
Morgenlande entführt Zeus die sidonische Königstochter und nennt Europa
nach ihrem Namen. Nach dem Morgenlande flüchtet Io, den hellenischen Gott
zu umarmen, den ihr in der Heimat Heras Eifersucht versagt. Auf dem Widder
mit goldenem Vließ will Helle nach dem Osten flüchten, um dort Frieden zu
finden; aber sie versinkt in das Meer, ehe sie das nahe jenseitige Ufer
erreicht. Dann ziehen die Argonauten aus, das goldene Vließ aus dem Walde
von Kolchis heimzuholen; das ist die erste große Heldenfahrt nach dem
Morgenlande, aber mit den Helden zurück kommt Medea, die Zauberin, die Haß
und Blutschuld in die Königshäuser von Hellas bringt, bis sie, mißehrt und
verstoßen von dem Heros Athens, zurückflüchtet in die medische Heimat.

Dem Argonautenzuge folgte ein zweiter Heldenkampf, der heimatliche Krieg
gegen Theben, das traurige Vorbild des Hasses und der Bruderkämpfe, die
Hellas zerrütten sollten. In verhängnisvoller Verblendung hat Laios gegen
das Orakel des Gottes einen Sohn gezeugt, hat Ödipus, über seine Eltern und
sein Vaterland in Zweifel, den Gott gefragt; er kehrt, die Fremde suchend,
zur Heimat zurück, erschlägt den Vater, zeugt mit der Mutter, herrscht in
der Stadt, der besser das Rätsel der männermordenden Sphinx nie gelöst
wäre. Als er endlich seiner Schuld inne wird, zerstört er das Licht seiner
sehenden Augen, verflucht sich, sein Geschlecht, seine Stadt; und das
Geschick eilt seinen Fluch zu erfüllen, bis der Bruder den Bruder
erschlagen hat, bis die Epigonen den Tod ihrer Väter gerächt haben, bis ein
Trümmerhaufe die Stätte drei- und vierfacher Blutschuld deckt.

So in Frevel und Blutschuld eilt die Zeit der Heroen ihrem Ende zu. Die
Fürstensöhne, die um die schöne Helena geworben haben, sitzen daheim bei
Weib und Kind, kämpfen nicht mehr gegen Riesen und Frevel. Da rufen die
Herolde Agamemnons zum Heereszuge gen Osten, nach dem Schwur, den einst die
Freier getan; denn der troische Königssohn, den Menelaos gastlich in seinen
Palast aufgenommen, hat ihm seine Gemahlin, die vielumworbene, entführt.
Von Aulis ziehen die Fürsten Griechenlands gen Asien, mit den Fürsten ihre
Hetären und ihre Völker. Jahrelang kämpfen und dulden sie; der herrliche
Achill sieht seinen Patroklos fallen und rastet nicht, bis er Hektor, der
ihn getötet, erschlagen und um die Mauern Trojas geschleift hat; dann
trifft ihn selbst der Pfeil des Paris, und nun, wie der Gott es verkündet,
ist der Fall Trojas nahe. In furchtbarem Untergang büßt die Stadt den
Frevel des Gastrechtschänders. Die Ausgezogenen haben erreicht, was sie
gewollt; aber die Heimat ist für sie verloren; die einen sterben in den
Fluten des empörten Meeres, andere werden in die Länder ferner Barbaren
verschlagen, andere erliegen der blutigen Tücke, die am heimatlichen Herde
ihrer harrt. Die Zeit der Heroen ist zu Ende und es beginnt die Alltagswelt
»wie nun die Menschen sind«.

So die Sagen, die Mahnungen und Ahnungen aus alten Zeiten. Und als die
Gesänge der Homeriden vor anderen neuen Sangesweisen verstummten, begannen
sie sich zu erfüllen.

Nie bisher hatten die Hellenen mit mächtigen Feinden sich zu messen gehabt.
Jede Stadt an ihrem Teil hatte der Gefahr, die ihr etwa kam, sich zu
erwehren oder ihr geschickt auszuweichen vermocht. Sie waren wohl nach
Sprache und Sitte, zu Gottesfeier und Festspielen wie _ein_ Volk, aber
politisch zahllose Städte und Staaten nebeneinander, ungeeint; nur daß das
dorische Herrentum in Sparta, wie es sich die alten Bewohner des
Eurotastales unterworfen, so auch die nächstgelegenen Grenzlandschaften von
Argos, von Arkadien erobert, die Dorer Messeniens zu Heloten gemacht,
endlich die meisten Städte in dem Peloponnes zu einer Bundesgenossenschaft
geeinigt hatte, in der jede Stadt ein Herrentum dem der Spartanerstadt
analog bewahrte oder erneute. Den Peloponnes beherrschend, der schon
beginnenden Bewegung der untertänigen unteren Massen feind, mit dem Ruhm,
vielerorten die Tyrannis, die da und dort aus jener beginnenden Bewegung
erwachsen war, gebrochen zu haben, galt Sparta für die Hüterin echt
hellenischer Art und für die leitende Macht in der hellenischen Welt.

Um diese Zeit begann den weit und weiter hinaus schwellenden Kreisen der
Griechenwelt eine Gegenströmung bedenklicher Art. Die Karthager gingen an
die Syrte vor, die Kyrenaiker zu hemmen; sie besetzten Sardinien, sie
vereinten sich mit den Etruskern, die Phokier aus Korsika zu verdrängen.
Die Städte Ioniens, ungeeint, fast jede durch inneren Hader geschwächt,
vermochten sich nicht mehr des lydischen Königs zu erwehren; einzeln
schlossen sie mit ihm Verträge, zahlten ihm für die halbe Freiheit, die er
ihnen ließ, Tribut. Schon erhob sich im fernen Osten Kyros mit seinem
Perservolk, brachte das Königtum Mediens an sich, begründete die Macht der
»Meder und Perser«; ihre Heere siegten am Halys, drangen nach Sardes vor,
brachen das Lyderreich. Umsonst wandten sich die Hellenenstädte Asiens
Hilfe bittend an Sparta; sie versuchten Widerstand gegen die Perser, eine
nach der anderen wurden sie unterworfen; auch die nächstgelegenen Inseln
ergaben sich. Sie alle mußten Tribut zahlen, Heeresfolge leisten; in den
meisten erhob sich unter dem Zutun des Großkönigs eine neue Art von
Tyrannis, die der Fremdherrschaft; in anderen erneuten die Vornehmen unter
persischem Schutz ihre Gewalt über den Demos; sie wetteiferten in
Dienstbeflissenheit; 600 hellenische Schiffe folgten dem Großkönige zum
Zuge gegen die Skythen, mit dem auch die Nordseite der Propontis und die
Küsten bis zum Strymon persisch wurden.

Wie tief waren diese einst stolzen und glücklichen Ionierstädte gebeugt.
Nicht lange ertrugen sie es; sie empörten sich, nur von Eretria und Athen
mit Schiffen unterstützt, die bald heimkehrten. Der Zug der Ionier nach
Sardes mißlang; zu Land und See rückte die Reichsmacht Persiens heran; es
folgte die Niederlage in der Bucht von Milet, die Zerstörung dieser Stadt,
die furchtbarste Züchtigung der Empörer, die völlige Verknechtung.

Das schönste Drittel des Griechentums war zerbrochen, durch Deportation,
durch endloses Flüchten entvölkert. Die phönikischen Flotten des Großkönigs
beherrschten das Ägäische Meer. Schon begannen die Karthager von der
Westspitze Siziliens, die sie behauptet hatten, vorzudringen; die Hellenen
Italiens ließen es geschehen, mit eigenem Hader vollauf beschäftigt; es war
der Kampf zwischen Sybaris und Kroton entbrannt, der mit dem Untergang von
Sybaris endete, während die Etrusker nach Süden vordringend schon auch
Kampanien erobert hatten; die Kraft des italischen Griechentums begann zu
erlahmen.

Man sah in der hellenischen Welt wohl, wo der Fehler lag. In der Zeit des
Kampfes gegen den Lyderkönig hatte Thales gemahnt, alle Städte Ioniens zu
_einem_ Staat zu einigen, in der Art, daß jede Stadt fortan nur eine
Gemeinde in diesem Staat sein sollte. Und als die persische Eroberung
begann, empfahl Bias von Priene allen Ioniern, gemeinsam auszuwandern und
im fernen Westen sich ansiedelnd auszuführen, was Thales geraten hatte.

Aber die ganze bisherige Entwicklung der hellenischen Welt, ihre eigenste
Stärke und Blüte war bedingt gewesen durch die völlig freie Bewegung und
Beweglichkeit, nach allen Seiten hin sich auszudehnen, immer neue Sprossen
zu treiben, durch diesen unendlich lebensvollen Partikularismus der kleinen
und kleinsten Gemeinwesen, der, ebenso spröde und selbstgefällig, wie immer
nur auf das Nächste und Eigenste gewandt, sich nun als die größte Gefahr,
als das rechte »panhellenische Unheil« erwies.

Nicht auf den Wegen Spartas lag es, die rettende Macht Griechenlands zu
werden. Und zu wie wirksamen Gestaltungen sich aus der beginnenden freieren
Bewegung des Demos die Tyrannis da und dort erhoben hatte, auf Gewalt gegen
den Herrenstand und Gunst der Massen gegründet, war sie immer wieder
zusammengesunken.

Nur an einer Stelle, in Athen, folgte ihrem Sturz statt der Wiederkehr des
Herrentums, wie sie Sparta erwartet und betrieben hatte, eine kühne,
freiheitliche Reform, eine Verfassung »mit gleichem Recht für alle«, mit
nur kommunaler Selbständigkeit der Ortsgemeinden innerhalb des attischen
Staates, damit eine innere Kraftentwicklung, die kaum begonnen, dem
vereinten Angriff der Herrenstaaten rings umher, den Sparta leitete, die
Stirn zu bieten vermochte. Selbst den Tyrannen nach Athen zurückzuführen
war nun Sparta bereit; da die anderen Peloponnesier es versagten, setzten
wenigstens die Ägineten, die in Athen einen Rivalen zur See fürchteten, den
Kampf fort. Ihrer stärkeren Flotte sich zu erwehren, mußte Athen die den
Ioniern zu Hilfe gesandten Schiffe heimrufen; und um dieser Hilfe willen
hatte es, als Milet gefallen war, die Rache des Großkönigs zu erwarten.

Schon zog dessen Landheer und Flotte vom Hellespont her die Küste entlang,
die Griechenstädte dort, die Thraker des Binnenlandes, den makedonischen
König unterwerfend. Die Edlen Thessaliens suchten die persische
Freundschaft, die herrschenden Dynastenfamilien in Boiotien, voll
Erbitterung gegen Athen, nicht minder. Des Königs Herolde durchzogen die
Inseln und Städte, Erde und Wasser zu fordern; die nach Athen gesandten
wurden vom Felsen gestürzt. Daß Sparta desgleichen tat, gab beiden, die
soeben noch widereinander gestanden, einen gemeinsamen Feind. Aber als die
Perser nach Euböa kamen, Eretria zerstörten, auf der attischen Küste bei
Marathon landeten, zögerte Sparta, dem Hilferuf Athens zu folgen. Von allen
Hellenen nur die Plataier fochten an der Seite der Athener; der Tag von
Marathon rettete Athen und Hellas.

Es war nur eine erste Abwehr. Athen mußte auf neue, schwerere Gefahr gefaßt
sein. Ihr zu begegnen wies Themistokles die Wege, an Kühnheit der Gedanken
und Tatkraft sie auszuführen der größte Staatsmann, den Athen gehabt hat.

Vor allem, nicht zum zweiten Male durften die Barbaren von der See her
Attika plötzlich überfallen können; auch für Sparta und die Peloponnesier
hing Wohl und Wehe daran, der feindlichen Übermacht den näheren Weg zur See
zu verlegen. Die Seestaaten von Hellas, Ägina, Korinth, Athen besaßen nicht
soviel Kriegsschiffe, wie die asiatischen Hellenen allein zur Perserflotte
stellten. Nach Themistokles' Antrag -- das Silber der laurischen Bergwerke
bot die Mittel dazu -- wurde die Flotte Athens verdreifacht, im Piräus ein
fester Kriegshafen geschaffen, bald die langen Mauern gebaut, die Stadt und
den Hafen zusammenzuschließen. Daß für die Flotte die Masse ärmerer Bürger,
die nicht zum Hoplitendienst pflichtigen, als Ruderer mit zu der Pflicht
und Ehre des Dienstes herangezogen wurden, steigerte den demokratischen Zug
in der Verfassung und gab demselben zugleich die Disziplin des strengeren
Dienstes auf der Flotte.

Ein Zweites ergab sich mit dem Heranziehen der ungeheuren Heeresmacht des
Großkönigs. Daß zugleich die Karthager in Sizilien losbrachen, mußte die
Griechenwelt erkennen lassen, in welchem Umfange sie bedroht sei. Aber
allerorten war in ihr Hader und Haß und Nachbarfehde, die Zersplitterung
und Zerrüttung des eigensinnigsten Kleinlebens. Nur daß die Tyrannen von
Syrakus und Akragas sich verbündeten und die ganze Streitkraft des
hellenischen Siziliens vereinigten, gab dort Hoffnung dem punischen Angriff
zu widerstehen. Wie gleiche Einigung in Hellas schaffen? Auf Themistokles'
Rat unterordnete sich Athen der Hegemonie Spartas; Sparta und Athen luden
alle hellenischen Städte zu einem Waffenbunde ein, dessen Bundesrat in
Korinth tagen sollte. Solcher Bund hätte nur die Hinzugetretenen binden
können; es galt den kühnsten Schritt zu tun, aus der nationalen
Gemeinschaft, die bisher nur in der Sprache, dem Götterkult, dem geistigen
Leben bestanden hatte, ein politisches Prinzip zu machen, so eine
Eidgenossenschaft aller Hellenen wenigstens für den Kampf gegen die
Barbaren zu schaffen. Das Synedrion in Korinth verfuhr und verfügte in
diesem Sinne; es beschloß, daß alle Fehde zwischen griechischen Städten
ruhen solle, bis die Barbaren besiegt seien; es erklärte für Hochverrat,
den Persern mit Wort oder Tat Dienste zu leisten; und welche Stadt sich den
Persern ergebe, ohne bezwungen zu sein, sollte dem delphischen Gott geweiht
und gezehntet werden, wenn der Sieg errungen sei.

Der Tag von Salamis rettete Hellas, der Sieg an der Himera Sizilien. Aber
dem hellenischen Bunde waren daheim nur die meisten Städte des Peloponnes,
von denen in Mittel- und Nordgriechenland außer Athen nur Thespiä, Platää,
Potidäa beigetreten. Mit den Schlachten bei Platää und Mykale wurde das
Land bis über den Olymp hinaus, wurden die Inseln und die ionische Küste,
in den nächsten Jahren auch der Hellespont und Byzanz befreit. In derselben
Zeit schlug der Tyrann von Syrakus mit den Kymäern vereint die Etrusker in
der Bucht von Neapel; die Tarentiner, die von den Japygern eine schwere
Niederlage erlitten hatten, in neuen Kämpfen siegreich, wurden Herren des
Adriatischen Meeres.

Aber weder die italischen und sizilischen Hellenen schlossen sich dem Bunde
an, der auf dem Isthmus gegründet war, noch erzwang dieser selbst, unter
der schlaffen und mißtrauischen Hegemonie Spartas, in Boiotien, im
Spercheioslande, in Thessalien den Beitritt. Den Athenern, die bei Salamis
mehr Schiffe als die übrigen zusammengestellt, die die Befreiung der Inseln
und Ioniens von Sparta ertrotzt hatten, boten die Befreiten die Hegemonie
der gemeinsamen Seemacht an, und Sparta ließ geschehen, was es nicht
hindern konnte; es entstand ein Bund im Bunde.

Schon war Themistokles, in dem die Spartaner ihren gefährlichsten Feind
sahen, seinen Gegnern in Athen erlegen, derjenigen Partei, die in dem Bunde
mit Sparta zugleich einen Halt gegen die schwellende demokratische Bewegung
daheim sah und erhalten wollte. Vielleicht hätte er dem Seebunde, den Athen
schloß, eine andere, festere Gestalt gegeben; die Staatsmänner, die ihn
ordneten, begnügten sich mit loseren Formen, mit dem gleichen Recht der
Staaten, die er umschloß, mit der Schonung ihres Partikularismus. Nur zu
bald zeigten sich die Schäden der so geformten Union; die Notwendigkeit,
zur Bundespflicht zu zwingen, Versäumnis, Widersetzlichkeit, Abfall zu
strafen, ließ die nur führende Stadt zur herrschenden und herrischen, die
freien Bündner zu Untertanen werden, die selbst der Jurisdiktion des
attischen Demos unterworfen waren.

Herrin des Seebundes zum Schutz des Meeres und zum Kampf gegen die
Barbaren, hatte Athen die Inseln des Ägäischen Meeres, die hellenischen
Städte auf dessen Nordseite bis Byzanz, die Küste Asiens vom Eingang in den
Pontus bis Phaselis am Pamphylischen Meer inne, eine Macht, unter deren
belebenden Impulsen der hellenische Handel und Wohlstand, nun weithin
geschützt, sich von neuem erhob, Athen selbst in allen Richtungen des
geistigen Lebens kühn und schöpferisch voranschreitend der Mittelpunkt
einer im vollsten Sinn panhellenischen Bildung wurde.

Mochte Sparta noch den Namen der Hegemonie haben, es sah seine Bedeutung
tief und tiefer sinken; es begann unter der Hand die Mißstimmung bei den
Bündnern Athens zu nähren, während schon Argos, Megara, die Achäer, selbst
Mantinea, sich mit Athen verbanden. Daß dann die helotisch verknechteten
Messenier sich empörten, und die Spartaner, außerstande sie zu bewältigen,
die Bundeshilfe Athens forderten, daß Athen sie ihnen gewährte, und sie,
ehe der Kampf beendet war, Tücke und Verrat fürchtend, wieder heimsandten,
führte zu der verhängnisvollen Entscheidung. Das attische Volk wandte sich
von denen ab, die den Hilfezug geraten, gab, ihren Einfluß für immer zu
beseitigen, den demokratischen Institutionen des Staates eine
durchgreifende Steigerung, kündigte den hellenischen Bund und damit die
spartanische Hegemonie auf, beschloß zu allen hellenischen Städten, die
nicht schon im Seebund waren, zu senden, sie zum Abschluß einer neuen und
allgemeinen Einigung aufzufordern.

Der Bruch war unheilbar. Es begann ein Kampf heftigster Art, nicht bloß in
den hellenischen Landen: Ägypten war unter einem Nachkommen der alten
Pharaonen von dem Großkönige abgefallen, rief die Hilfe Athens an; ein
selbständiges Ägypten hätte dauernd die Flanke der persischen Macht
bedroht, die syrischen Küsten, Cypern, Kilikien hätten sich in gleicher
Weise losgerissen; Athen sandte eine Flotte nach dem Nil.

Das kühnste Wagnis attischer Politik mißlang. Ägypten erlag den Persern,
nach schweren Verlusten dort, nach blutigen, nicht immer siegreichen
Kämpfen an den heimischen Grenzen schloß Athen, um die Scharte gegen die
Barbaren auszuwetzen, mit den Spartanern Frieden, opfernd, was es ihrem
Bunde auf dem Festlande entzogen hatte.

Daß Athen innehielt, versöhnte Sparta so wenig wie die Herrenstaaten und
den Partikularismus. Daß Athen um so fester die Zügel seiner
Bundesherrschaft anzog, steigerte die Erbitterung der Beherrschten, die
schon an den Spartanern, an dem Perserkönig sicheren Rückhalt zu finden
hoffen durften. Daß Perikles trotzdem und trotz der breiten Macht und dem
gefüllten Schatz Athens nur mit der Überlegenheit weiser Mäßigung und des
streng innegehaltenen Vertragsrechtes den Frieden und mit ihm die attische
Seeherrschaft, diese durchaus nur in dem Umfange, den sie einmal hatte, zu
erhalten gedachte, ließ Athen nach außen hin die Initiative verlieren und
im Innern die Opposition derer erstarken, die nur in weiterer Steigerung
der Demokratie, in ihrer völligen Durchführung auch bei den Bündnern, in
Ausdehnung der Herrschaft über die pontischen, die sizilisch-italischen
Griechenstädte die Möglichkeit sahen, der dreifachen Gefahr, welche die
attische Macht bedrohte, zu begegnen: der Rivalität Spartas und der
Herrenstaaten, dem lauernden Haß der Perser, dem Abfall der Bündner.

Das sind die Elemente des furchtbaren Krieges, der die hellenische Welt
dreißig Jahre lang durchtoben und bis in die Fundamente zerrütten, in dem
die in Athen und unter dem Schutze Athens gereifte Fülle von Wohlstand,
Bildung und edler Kunst, die damit sich verbreitende Fassung des ethischen
Wesens sich tief und tiefer zersetzen sollte.

Es gab in diesem Kriege einen Moment -- Alkibiades und die sizilische
Expedition bezeichnen ihn --, wo der Sieg der attischen Macht, die
Erweiterung derselben auch über die westlichen Meere gewiß schien; die
Karthager waren in höchster Sorge, »daß die Attiker gegen ihre Stadt
heranziehen würden«. Aber der geniale Leichtsinn dessen, der auf seinem
Goldschilde den blitzschleudernden Eros führte, gab der Intrige seiner
oligarchischen und demokratischen Gegner daheim die Gelegenheit, ihn, der
allein das begonnene Unternehmen hätte hinausführen können, zu stürzen. Er
ging zu den Spartanern, er wies ihnen die Wege, wie Athen zu bewältigen
sei, er gewann ihnen die Satrapen Kleinasiens und das Gold des Großkönigs,
freilich gegen die Anerkennung Spartas, daß dem Großkönige wieder gehören
solle, was ihm ehedem gehört habe.

In ungeheuren Wechseln raste der Krieg weiter; mit persischem Gold bezahlt,
erschien auch die Flotte Siziliens, sich mit der Spartas, Korinths, der
abgefallenen Bündner Athens zu vereinigen. Unvergleichlich, wie das
attische Volk da gekämpft, mit immer neuer Spannkraft sein
zusammenbrechendes Staatswesen zu retten versucht, wie es bis auf den
letzten Mann und einen letzten goldenen Kranz im Schatz den Kampf
fortgesetzt hat. Nach dem letzten Siege, den es errang, dem bei den
Arginusen, ist Athen den Parteien im Innern, dem Verrat seiner Feldherren,
dem Hunger erlegen; der Spartaner Lysandros brach die langen Mauern,
übergab Athen der Herrschaft der Dreißig.

Nicht bloß die Macht Athens war zertrümmert. In diesem langen und
furchtbaren Kriege hatte sich das Wesen des attischen Demos verwandelt. Von
den einst glücklichen Elementen seiner Mischung waren die stetigen dahin;
es war mit der Entfesselung aller demokratischen Leidenschaft die
zersetzende Aufklärung übermächtig geworden, die ihm die Oligarchen erzogen
hatte, welche in jener Verfassung der Dreißig unumschränkt das erschöpfte
Volk zu knechten unternahmen, unter ihnen die entarteten Reste der alten
großen Familien, die der Krieg gelichtet hatte. Noch gründlicher war in dem
alten hoplitischen Bauernstande aufgeräumt, den die feindlichen
Einlagerungen auf dem attischen Gebiet erst Jahr für Jahr, dann für Jahre
lang in die Stadt getrieben hatten, wo er, ohne seine Arbeit, verarmend,
mit in den Strudel des städtischen Lebens gezogen, Pöbel wurde. Wenn dann
nach Jahr und Tag die Landflüchtigen ihre Rückkehr erzwangen, die Dreißig
von dannen jagten, die Demokratie herstellten -- es war nur der Name
Athens, der Name der solonischen Verfassung, der hergestellt wurde; alles
war verarmt, armselig, ohne Kraft und Schwung; und daß man mit doppelt
eifersüchtiger Fürsorge die Machtbefugnisse der Ämter minderte, dem Einfluß
hervorragender Persönlichkeiten möglichst vorbeugte, neue Formen fand, die
irgend mögliche Beschränkung der demokratischen Freiheit unmöglich zu
machen, fixierte diese bedenklichste Form des Staatswesens in der
bedenklichsten Phase ihrer Schwankungen, in der der Ernüchterung nach dem
Rausch.

Mit dem Ruf der Befreiung hatte Sparta dreißig Jahre vorher allen Haß, alle
Furcht und Mißgunst gegen Athen, allen Partikularismus um sich vereint. Nun
hatte es den vollsten Sieg; Sparta war das Entzücken des nun überall
wiederkehrenden Herrentums und Lysandros ihr Held, ja ihr Gott; ihm wurden
Altäre errichtet und Festdienste gestiftet. Das alte Recht Spartas auf die
Hegemonie schien nun endlich das Griechentum zu vereinigen.

Aber es war nicht mehr die alte Spartanerstadt; daß die Bürger ohne
Eigentum, in strenger Ordnung und Unterordnung, ganz Soldat seien, waren
die ersten Forderungen der vielbewunderten lykurgischen Verfassung gewesen;
jetzt mit dem Siege schwand der Nimbus, in dem man Sparta zu sehen sich
gewöhnt hatte; jetzt zeigte sich, wie Habgier, Genußgier, jede Art von
Entartung, wie Geistesarmut neben Herrschsucht, Brutalität neben Heimtücke
und Heuchelei da heimisch sei. Stetig sank die Zahl der Spartiaten, in dem
nächstfolgenden Zeitalter gab es deren nur noch tausend statt der neun-
oder zehntausend in den Zeiten der Perserkriege. Die daheim zu starrem
Gehorsam und äußerer Zucht Gewöhnten herrschten nun als Harmosten um so
willkürlicher und gewaltsamer in den Städten von Hellas, überall bemüht,
die gleiche oligarchische Ordnung durchzuführen, zu der sich in Sparta
selbst die alte vielbewunderte Aristokratie verwandelt hatte; überall deren
Einführung, Austreibung der besiegten Partei, Konfiskation ihrer Güter; die
hellenische Welt von der wogenden Masse politischer Flüchtlinge und ihren
Entwürfen und Versuchen gewaltsamer Heimkehr in stetem Gären und Brodeln.

Freilich schickte Sparta sofort ein Heer nach Asien, aber für den Empörer
Kyros, gegen den Großkönig, seinen Bruder, ein Söldnerheer. Und als Kyros
in der Nähe von Babylon gefallen, die 10 000 in der Schlacht unbesiegt,
unbesiegt auch auf der weiten, kampfreichen Irrfahrt durch die fremde Welt
wieder bis ans Meer gelangt und heimgekehrt waren, als des Großkönigs
Satrapen die hellenischen Städte Asiens wieder in Besitz nahmen, deren
Tribute forderten, da ließ Sparta den jungen König Agesilaos nach Asien
ziehen, der, als sei es ein Nationalkrieg der Hellenen und er ein zweiter
Agamemnon, mit einem feierlichen Opfer in Aulis begann, nur daß die
boiotische Behörde das Opfer störte und die Opfernden aus dem Heiligtum
trieb; weder Theben, noch Korinth, noch Athen, noch die anderen Bündner
leisteten die geforderte Bundeshilfe, und die erste Tat des Agesilaos in
Asien war, daß er mit des Großkönigs Satrapen Waffenstillstand schloß.

Schon war in den hellenischen Landen die Erbitterung gegen Sparta ärger,
als sie je gegen Athen gewesen war. Die Thebaner hatten die Flüchtlinge
Athens unterstützt, ihre Vaterstadt zu befreien; die Korinther hatten
dulden müssen, daß in ihrer Tochterstadt Syrakus, die in schwersten
Parteikämpfen krankte, und der zur Ruhe zu helfen sie einen ihrer besten
Bürger gesandt hatten, die Partei, welche die Spartaner unterstützten, mit
dem Morde des korinthischen Mittelmannes die Tyrannis des Dionysios
gründete; empörender als alles war, wie die Spartaner, um Elis zum Gehorsam
zu zwingen, das Land des Gottesfriedens mit Krieg überzogen, verheerten und
in seine Gaue auflösten.

Wenn man in der Hofburg zu Susa, eingedenk jenes Griechenzuges fast bis
Babylon, mit Sorge dem Anmarsch des Agesilaos entgegengesehen, wenn man die
noch schwerere Gefahr einer neuen Empörung Ägyptens, mit der sofort Sparta
in Verbindung trat, erkennen mochte, so bot ein attischer Flüchtling,
Konon, einer der zehn Strategen der Arginusen, den Plan zur sichersten
Abwehr. Der Satrap Pharnabazos erhielt das nötige Geld, die bedeutenderen
Staaten in Hellas zum offenen Kampf gegen Sparta zu treiben, zugleich eine
Flotte zu schaffen, die unter Konons Führung die Seemacht Spartas vom Meere
jagen sollte. Wieder mit dem Ruf der Befreiung, als Bund der Hellenen
erhoben sich Korinth, Theben, Athen, Argos gegen Sparta; ihrem ersten Siege
folgte die schleunige Heimkehr des Agesilaos, mit dem Kampf bei Koronäa
erzwang er sich den Rückzug durch Boiotien. Aber schon hatte Konon die
Spartaner besiegt, die Hälfte ihrer Schiffe vernichtet. Dann segelte
Pharnabazos mit der Flotte nach Griechenland hinüber, überall verkündend,
daß er nicht die Knechtschaft, sondern Freiheit und Unabhängigkeit bringe,
landete selbst auf Cythere, hart an der Küste Lakoniens, erschien dann auf
dem Isthmos in dem Bundesrat der Hellenen, zur eifrigen Fortsetzung des
Kampfes mahnend, überließ, um selbst heimzukehren, dem Konon die Hälfte der
Flotte, der nun nach Athen eilte, für persisches Geld die langen Mauern
herstellen, wieder eine attische Flotte gründen, ein Heer Söldner werben
ließ; die leichte Waffe der Peltasten, die Iphikrates erfand und
ausbildete, überholte die taktische Kunst Spartas.

Es wurde für Sparta hohe Zeit, Wandel zu schaffen. Das Mittel lag nahe zur
Hand; wenn das persische Gold versiegte, hatte die Begeisterung und die
Macht der Feinde Spartas ein Ende. Antalkidas, der nach Susa gesandt wurde,
trug es über Konon davon; der Großkönig sandte den »Befehl« an die
Hellenen: »Er halte für gerecht, daß die Städte Asiens ihm gehörten und von
den Inseln Cypern und Klazomenä, den Athenern aber Lemnos, Imbros und
Skyros, daß alle anderen hellenischen Städte groß und klein autonom seien;
die, welche diesen Frieden nicht annähmen, werde er mit denen, die ihn
wollten, zu Land und zu Wasser mit Schiffen und Geld bekämpfen.« Mit einer
mächtigen Flotte, zu der teils die griechischen Städte Kleinasiens, teils
der Tyrann von Syrakus die Schiffe stellte, fuhr Antalkidas durch die
Cykladen heim; die Schiffe der Gegner zogen sich eiligst zurück.

Dieser Friede war die Rettung Persiens; mit dem zugesprochenen Besitz von
Cypern -- es kostete noch Jahre, die Insel zu bewältigen -- konnte der
Großkönig hoffen, auch Ägypten niederzuwerfen; mit der Zuwendung der drei
Inseln war Athen befriedigt, mit der verkündeten Autonomie in Hellas bis in
die kleinsten Gebiete der Hader getragen, jedes Bündnis, jede
landschaftliche Zusammenschließung, jede neue Machtbildung im
panhellenischen Sinn unmöglich gemacht, und Sparta der Hüter und Büttel
dieser persischen Politik über Griechenland.

Sparta war tätig genug, mit der Auflösung der landschaftlichen und
Ortsverbände nach dem Prinzip der Autonomie das von Lysandros begonnene
System der Oligarchisierung, das der Korinthische Krieg unterbrochen hatte,
zu vollenden. Daß Olynth die Städte auf der Chalkidike zu einem Bunde
vereinigte, auch nicht wollende mit Drohung zum Beitritt zwang, und die so
Bedrohten in Sparta um Hilfe baten, gab Anlaß zu einem Heereszuge dorthin,
dem sich nach langem Widerstand die Stadt beugen, ihren Bund auflösen
mußte. Auf dem Hinzuge hatten die Spartaner Theben überfallen, Oligarchie
eingerichtet, alles, was nicht gut spartanisch war, ausgetrieben, in die
Kadmeia eine Besatzung gelegt. Es war die Mittagshöhe der spartanischen
Macht, auch darin die Höhe, daß nach der rechten Natur eines Machtsystems
jede Regung, die sich gegen ihren Druck erhob, nur neuen Anlaß gab, ihn zu
steigern und der gesteigerte Druck zu neuem Widerstand trieb, der die
gesteigerte Gewalt ihn niederzuwerfen rechtfertigte.

Nur daß eine kleine Lücke in dieser Berechnung war. Wohl hatte Lysandros
die Macht Athens gebrochen, nicht aber die Bildung, die in Athen erblüht,
nicht den demokratischen Zug der Zeit, der mit ihr erwachsen war. Je
gewaltsamer das Herrentum Spartas wurde, desto mehr wandten sich die
Oppositionen derselben Demokratie zu, die die stärkste Waffe Athens gegen
Sparta gewesen war. Und die befohlene Autonomie wirkte in eben dieser
Richtung; überall lösten sich die alten Bande, die sonst einer größeren
Stadt die kleineren um sie her pflichtig gehalten hatten, bis in die
letzten Winkel und Täler drang die zersetzende Autonomie und die trotzige
Anmaßung der Freiheit; die hellenische Welt zerbröckelte sich immer weiter,
in immer kleinere Atome und entwickelte in der immer steigenden Gärung
dieses entfesselten und höchst erregten Kleinlebens eine Fülle von Kräften
und Formen, von Reibungen und explosiven Elementen, welche die doch nur
mechanische und äußerliche Gewalt Spartas bald nicht mehr zu beherrschen
vermögen sollte.

Dazu ein anderes. Solange in dem attischen Seebunde das Ägäische Meer die
Mitte der hellenischen Welt gewesen war, solange die hellenischen Städte,
die es umsäumten, die immer bereite Macht des Bundes hinter sich fühlten,
hatten die Barbaren wie im Osten so im Norden sich möglichst ferngehalten;
wenn damals die thrakischen Stämme am Hebros vorzudringen wagten, so hatte
ihnen Athen mit der Anlage von Amphipolis am Strymon -- 10 000 Ansiedler
wurden dorthin gesandt -- den Weg nach den hellenischen Städten der Küste
verlegt; das Erscheinen einer attischen Flotte im Pontos hatte genügt, auch
dort die Seewege und die Küsten zu sichern; in den Tagen der attischen
Macht erstarkte die Hellenisierung der Insel Cypern; selbst in Ägypten
hatte eine hellenische Flotte gegen die Perser gekämpft, selbst Karthago
die Seemacht Athens gefürchtet.

Mit dem Frieden des Antalkidas waren nicht bloß die Städte der asiatischen
Küste preisgegeben; das Meer der Mitte war verloren, die Inseln derselben,
obschon dem Namen nach autonom, die Buchten und Küsten von Hellas selbst
lagen wie entblößt da. Und zugleich begannen die Völker im Norden rege zu
werden; die Küstenstädte von Byzanz bis zum Strymon, nur von ihren Mauern
und ihren Söldnern geschützt, hätten dem Andringen der thrakischen Völker
nicht lange zu widerstehen vermocht; die noch lose geeinten makedonischen
Landschaften, deren Hader wie erst die Athener, so nun Sparta und die
Städte der Chalkidike nährten, waren selbst in steter Gefahr, von den
Odrysen im Osten, den Triballern im Norden, den Illyriern im Westen
überschwemmt zu werden; schon drängte hinter diesen die keltische
Völkerwanderung zwischen der Adria und der Donau vorwärts. Die Triballer
begannen ihre Raubzüge, die sie bald bis Abdera führen sollten; es brachen
die Illyrier bis nach Epiros ein, siegten in einer großen Schlacht, in der
15 000 Epiroten erschlagen wurden, durchheerten das Land bis in die
Gebirge, die es von Thessalien scheiden, wandten sich dann rückwärts, durch
die offeneren Gebirgspässe nach Makedonien einzubrechen. Gegen solche
Gefahren sich zu schützen, hatte Olynth die Städte der Chalkidike zu einem
Bunde vereint; daß die Spartaner ihn zerstörten, machte den Norden der
Griechenwelt wehrlos gegen die Barbaren.

In derselben Zeit war größere Gefahr über das westliche Griechentum
gekommen. Seit die Seemacht Athens gebrochen war, hatten die Karthager in
Sizilien von neuem vorzudringen begonnen, Himera im Norden, Selinunt,
Akragas, Gela, Kamarina bewältigt; Dionys von Syrakus ließ, um den Frieden
zu gewinnen, diese Städte in dem Tribut der Punier. Es brachen die Kelten
über die Alpen nach Italien ein, unterwarfen das etruskische Land am Po,
überstiegen den Apennin, brannten Rom nieder; es brachen die Samniter gegen
die Griechenstädte Kampaniens vor, unterwarfen eine nach der anderen,
während Dionys die im brettischen Lande an sich riß; nur Tarent hielt sich
aufrecht. Wenigstens die Tyrannis von Syrakus war rüstig und tätig; in
immer wieder erneutem Kampf entriß Dionys den Karthagern die Küste der
Insel bis Akragas, schlug die etruskischen Seeräuber und plünderte ihren
Schatz in Agylla, gewann in großangelegten Kolonisationen bis zur
Pomündung hinauf und auf den Inseln der illyrischen Küste die Herrschaft in
der Adria; -- ein Fürst, der, mit geordnetem Regiment, fürsorgender
Verwaltung, gleich energischer Willkür gegen die wüste demokratische wie
partikularistische »Freiheit«, mit seinem Heere von griechischen,
keltischen, iberischen, sabellischen Söldnern und einer mächtigen Flotte,
mit seiner verwegenen, treulosen und zynischen Politik gegen Freund und
Feind der letzte Schutz und Halt, so schien es, für das Griechentum im
Westen war -- ein principe in der Art, wie ihn der große Florentiner sich
gewünscht hat, das Italien seiner Zeit zu retten, im übrigen auf der Höhe
damaliger Bildung, wie er denn Philosophen, Künstler und Dichter an seinen
Hof zog und selbst Tragödien dichtete. Die Tyrannis des Dionys und die
nicht minder machiavellistische Spartanermacht unter Agesilaos sind die
Typen hellenischer Politik in diesen trüben Zeiten.

Es sollten noch trübere folgen. Aus der Bildung, deren Mittelpunkt Athen
war, aus den Schulen der Rhetoren und Philosophen gingen politische
Theorien hervor, die, möglichst unbekümmert um die tatsächlichen Zustände
und die gegebenen Bedingungen, die Formen und Funktionen des idealen
Staates entwickelten, des Staates vollendeter Freiheit und Tugend, der
allein allem Schaden abhelfen könne und alles Heil bringen werde. Vorerst
nur ein verwirrendes Element mehr in der wirren Gärung von Herrschaft und
Knechtung, von Willkür und Ohnmacht, von aller argen Sucht und Kunst des
Reichwerdens und dem um so trotzigeren Neide der ärmeren Massen, zumal da,
wo die Demokratie ihnen das gleiche Recht und dem mehreren Teil die
Entscheidung gab. Wenn man verfolgt, wie die Schulen des Platon, des
Isokrates usw., wie die Philosophie, die Rhetorik, die Aufklärung in den
freien Städten, an den Höfen der Dynasten und Tyrannen bis Sizilien, Cypern
und dem pontischen Heraklea, selbst bis an die Satrapenhöfe sich
verbreitete und Einfluß gewann, so sieht man wohl, wie sich über allen
Partikularismus und alle Lokalverfassung eine neue Art der Gemeinschaft,
man möchte sagen die der Souveränität der Bildung erhob, von der das
brutale Herrentum Spartas am weitesten entfernt war.

Nicht von der Theorie ging der entscheidende Umschlag aus, aber dem
gelungenen gab sie den Nimbus einer großen Tat, sie half seine Wirkungen
steigern; mit der steigenden Flut fahrend, ging sie daran, sich zu
verwirklichen.

Drei Jahre lang trug Theben die spartanischen Harmosten, die spartanische
Besatzung auf der Kadmeia, die freche Willkür der unter ihrem Schutz
herrschenden Oligarchie, immer neue Hinrichtungen und Austreibungen.
Endlich wagten die Geflüchteten die Befreiung der Vaterstadt; unter
Pelopidas' Führung, im glücklich durchgeführten Verrat überfielen,
ermordeten sie die Oligarchen, riefen das Volk auf, mit ihnen die
Demokratie zu verteidigen und die alte Macht der Stadt über Boiotien
herzustellen. Daß Epaminondas, der edle, philosophische, freisinnige, in
dessen Geist das schöne Bild einer großen Zukunft lebte, hinzutrat, gab der
Bewegung ihren idealen Schwung. Die Besatzung der Kadmeia wurde zum Abzug
gezwungen, die Städte Boiotiens, deren Autonomie »des Großkönigs Frieden«
geboten hatte, wieder in den boiotischen Bund gezogen, Orchomenos, Tanagra,
Platää, Thespiä, die sich weigerten, mit gewaffneter Hand gezwungen, ihre
Mauern gebrochen, ihr Gemeinwesen aufgelöst, die Bürger ausgetrieben.

Vergebens suchten die Spartaner zu hemmen. Daß eben jetzt Athen sich
aufrichtete, mit raschem Entschluß daranging, eine neue Flotte, eine neue
Symmachie, aber mit der Devise der Autonomie zu schaffen, zeigte den
Spartanern die schwellende Gefahr. Schon griff Theben über die böotischen
Grenzen hinaus, versuchte die Phokier in den neuen Bund zu zwingen,
verbündete sich mit Jason von Pherai, der die Macht über Thessalien den
Dynasten zu entwinden verstanden hatte, die dauernde kriegerische
Herrschaft an seine Hand zu ketten gedachte. Bei Naxos schlugen die
attischen Strategen die Flotte Spartas, mit der Schlacht von Leuktra gewann
Theben den Weg nach dem Peloponnes, in dem, wie die Furcht vor Sparta dahin
war, ein neues lärmendes Leben begann; unter dem Schutz der siegreichen
Waffen Thebens wurde überall das Joch der Oligarchie gebrochen, die
zerstreuten Dorfschaften zu städtischen Gemeinwesen vereint, selbst die
verknechteten Messenier befreit und ihr Staat hergestellt.

Jenen Sieg dankte Athen einer raschen und geschickten Finanzmaßregel, die
dann freilich eine Wirkung nach innen hatte, welche von der Demokratie
nicht viel mehr als die Form und den Schein übrigließ. Die reicheren Bürger
leisteten auf Grund einer neuen Schatzung die zum Bau einer Flotte und zur
Werbung von Söldnern nötigen Mittel, in Gruppen verteilt, in denen je die
Reichsten die Vorschüsse gaben und die Leitung übernahmen. Der Demos ließ
sich diese Plutokratie, die ihn nichts kostete, gefallen, um so mehr
gefallen, da sie ihm mit jenem Siege von Naxos einen neuen Seebund schuf,
welcher Macht, Geldzahlungen, Kleruchien in Aussicht stellte. Die Inseln
und Küstenstädte traten diesem gern bei, da er Schutz versprach und
ausdrücklichst die Autonomie, wie sie der Großkönig befohlen hatte, zur
Grundlage nahm. So versuchte Athen zwischen dem sinkenden Sparta und dem
emporsteigenden Theben balancierend ein Nachbild seiner einstigen
Herrlichkeit zu schaffen, bald auch die Nichtwollenden zwingend. Vor allem
Amphipolis galt es heranzuziehen, das ja Athen einst gegründet, mit dem es
die thrakischen Küsten beherrscht hatte; auf alle Weise, mit Hilfe der
Makedonen, der thrakischen Fürsten versuchte es zum Ziele zu gelangen. Von
Olynth unterstützt, widerstand Amphipolis den wiederholten Angriffen
Athens.

Schon trat eine vierte Macht in diesen Wettkampf um die hellenische
Führung. Der mächtige Jason von Pherai, von den Thessalern nach der alten
Art ihres Landes mit dem Amt des Tagos, der Feldhauptmannschaft, betraut,
der rastlos geworben und Schiffe gebaut, ein Kriegsheer geschaffen hatte,
wie es Hellas noch nicht gesehen, er ließ bekannt werden, daß seine Rüstung
den Barbaren im Osten gelte, daß er über Meer gegen den Perserkönig zu
ziehen gedenke. Schon wie zur Weihung des beginnenden Werkes schickte er
sich an, in feierlichem Pomp das pythische Fest in Delphoi zu begehen, da
wurde er von Verschworenen ermordet, sieben Jünglingen, die dann die
hellenische Welt als »Tyrannenmörder« feierte. Nach blutigem Familienhader
kam der Rest seiner Macht in die Hand seines Schwagers Alexandros von
Pherai; ihn haben nach einem Jahrzehnt seine nächsten Verwandten
umgebracht.

So wurde Theben des Rivalen in seinem Rücken frei, und Sparta lag tief
getroffen danieder; der neuen Erhebung Athens den Vorrang abzulaufen, baute
auch Theben sich eine Flotte, begann sich auf den Meeren fühlbar zu machen.
Kaum befreit, meinte nun das vereinte Arkadien schon nicht mehr der
Thebaner zu bedürfen, selbst die Herrschaft in dem Peloponnes fordern zu
können. Sie zogen den Argivern zu Hilfe, deren Angriff auf Epidauros gegen
Athen und Korinth zu decken, sie brachen in das Eurotastal ein und rissen
ein Stück Lakoniens an sich; dann kam den Spartanern Hilfe von dem Tyrannen
Dionys, 2000 keltische Söldner, und die Arkader wurden zurückgeworfen; nur
um so ungestümer wandten sie sich gegen ihre westlichen Nachbarn; sie
warfen sich auf Olympia, die nächste Feier des Gottesfestes zu leiten, und
in dem Heiligtum des Gottes wurde die Schlacht geliefert, in der sie die
Elier von dannen trieben; und die unermeßlichen Schätze des Tempels
zerrannen unter ihren Händen.

So hier, so überall, jeder gegen jeden; es schien in dem Griechentum nur
noch Kraft und Leidenschaft genug, zu lähmen, was noch mächtig war, und
niederzubrechen, was emporzusteigen drohte. Von Dankbarkeit, Treue, großen
Gedanken, von nationalen Aufgaben blieb wenig oder gar nichts in der
hellenischen Politik, und das Söldnertum und Flüchtlingswesen zerrüttete
jede feste Ordnung und demoralisierte die Menschen.

Selbst Theben fühlte sich nicht stark genug, das, was es Neues geschaffen,
aufrechtzuerhalten; es fürchtete, daß Sparta und Athen am Perserhofe die
Gründung von Megalopolis und Messenien als Verletzung des Friedens, »den
der Großkönig befohlen«, denunzieren und persisches Gold zum ferneren Kampf
gewinnen könnten. Pelopidas ward mit einigen Männern aus dem Peloponnes
nach Susa gesandt, wo schon spartanische Gesandte waren, schleunigst auch
attische erschienen. Vor dem Großkönige und seinem Hofe kramten nun diese
hellenischen Männer den Schmutz ihrer Heimat aus; aber Pelopidas gewann den
Vorsprung. Der Großkönig befahl, daß die Messenier autonom bleiben, die
Athener ihre Schiffe auf das Land ziehen, Amphipolis autonom sein und unter
dem Schutz des Großkönigs stehen solle; wer diesen Bestimmungen nicht Folge
leiste, gegen den solle man zu Felde ziehen; welche Stadt nicht mitziehen
wolle, gegen die solle man zuerst ausziehen.

Es war der Antalkidasfriede von thebanischer Seite. Und Theben lud nun die
Staaten von Hellas zu sich, des Königs Befehl zu vernehmen. Die Spartaner
wiesen ihn zurück, die Arkader protestierten gegen die Ladung nach Theben,
die Korinther weigerten sich des Eides auf den Frieden des Großkönigs, und
in Athen wurden die heimkehrenden Gesandten als Verräter hingerichtet.

Dann fand Pelopidas bei einem zweiten Versuch, Thessalien zu befreien, den
Tod. Epaminondas zog aus, die Ordnung in dem Peloponnes herzustellen, er
besiegte die Spartaner und die mit ihnen verbündeten Elier, Mantineer,
Achäer bei Mantinea; er selbst fand in der Schlacht den Tod. Und der
Spartanerkönig, der alte Agesilaos, ließ sich von den Ephoren den Auftrag
geben, nach Ägypten zu ziehen, warb Söldner für ägyptisches Geld und führte
dem Könige Tachos, der schon 10 000 Helden in Sold hatte, deren noch 1000
zu, die versuchte Erneuerung des Pharaonentums gegen den Großkönig zu
verteidigen.

Mit dem Tage von Mantinea endete die Macht Thebens, die, getragen und
veredelt durch die Persönlichkeit einzelner Männer, nach deren Ende weder
die befreiten oder neugegründeten Städte festzuhalten, noch die boiotischen
Städte, die vernichtet, die benachbarten Phokier, Lokrer, Malier, Euboier,
die mit Gewalt an Theben gekettet waren, zu versöhnen verstand. Nach dem
kurzen Rausch der Hegemonie, zu Übermut und Insolenz verwöhnt, wurde das
sinkende Theben nur um so unleidlicher.

Auch Athens zweiter Seebund gewann keinen hohen Flug. Durch Sorglosigkeit,
Habgier, durch Ränke schmiedende Staatsmänner verleitet, schon längst
daran gewöhnt, statt der eigenen Bürger Söldner ins Feld zu schicken, ließ
es seine Strategen bei Freund und Feind Geld erpressen, statt Krieg zu
führen, attische Beamte und Besatzungen in die Bundesstädte legen, wohl
auch Bündner -- so die auf Samos -- austreiben, an attische Kleruchen ihre
Häuser und Äcker austeilen, so völlig das Recht und die Pflicht des
geschlossenen Bundes mißachtend, daß die mächtigeren die erste Gelegenheit
zum Abfall wahrnahmen. Es gelang nicht mehr, sie zu bezwingen: Athen verlor
zum zweiten Male seine Seeherrschaft; aber es behielt noch Samos und einige
andere Plätze; es hatte in seinen Werften über 350 Trieren, mehr als ein
anderer hellenischer Staat.

Nicht minder im Sinken schien das westliche Griechentum. Bis zu seinem Tode
hatte Dionys von Syrakus seine Herrschaft straff und fest gehalten; unter
seinem gleichnamigen Sohne unternahm die Philosophie, Dion, Kallippos,
Platon selbst, an dem Hofe des Tyrannen ihre Ideale zu verwirklichen, bis
der junge Herr der Dinge überdrüssig wurde und die andere Seite seiner
verbildeten Geistesarmut hervorzukehren begann. In den wüsten zehn Jahren
seiner Herrschaft und dem nicht minder wüsten Jahrzehnt danach verkam das
Haus, und das Reich des kühnen Gründers zerbröckelte.

Wundervoll sind die Erzeugnisse des Griechentums in Poesie und Kunst und
allen Gebieten des intellektuellen Lebens auch noch in dieser Zeit; die
Namen des Platon, des Aristoteles genügen, zu bezeichnen, welche
Schöpfungen dieses Zeitalter den früheren hinzugefügt hat. Aber die
öffentlichen und privaten Zustände waren schwer krank; sie waren
hoffnungslos, wenn man fortfuhr, sich im Kreis zu bewegen.

Nicht bloß, daß die alten bindenden Formen des Glaubens und der Sitte, des
Familienlebens, der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung gebrochen
oder doch durch das Scheidewasser der Aufklärung zerfressen waren; nicht
bloß, daß mit dem um so hastigeren politischen Wechsel in den kleinen
Gemeinwesen die Seßhaftigkeit zerstört, mit dem Anwachsen der zuströmenden
Masse politischer Flüchtlinge die Gefahr neuer, schlimmerer Explosionen
fort und fort gesteigert wurde, ein wüstes Söldnertum, schon völlig auf das
»Gewerbe« organisiert, sich über die Welt zerstreute, für oder gegen
Freiheit, Tyrannei und Vaterland, für oder gegen die Perser, Karthager,
Ägypter und wo sonst Sold zu verdienen war, zu kämpfen. Schlimmer war, daß
dies hochgebildete Griechentum in immer neuen Anläufen, das Ideal des
Staates zu verwirklichen, nur die Schäden mehrte, die es heilen wollte, daß
es von falschen Voraussetzungen aus nach nicht minder falschen Zielen rang,
daß es, immer nur auf die Autonomie der kleinen und kleinsten Gemeinwesen,
auf das unbedingte persönliche Freisein und Mitherrschen bedacht, keine
Formen fand, auch nur die Autonomie und Freiheit sicherzustellen,
geschweige denn die Fülle großer nationaler Güter, die es besaß, ja die
schon ernstlich bedrohte Existenz der Nation selbst zu schützen.

Was Hellas brauchte, lag auf der Hand. »Unter den Staaten, die bisher die
Hegemonie gehabt,« sagt Aristoteles, »hat jeder es für sein Interesse
gehalten, die der eigenen entsprechende Verfassung, die einen die
Demokratie, die anderen die Oligarchie in den von ihnen abhängigen Städten
durchzuführen, indem sie nicht auf dem Wohl, sondern auf den eigenen
Vorteil Bedacht nahmen, so daß nie oder selten und nur bei wenigen das
Staatswesen der rechten Mitte zustande kam; und in den Bevölkerungen ist es
zur Gewohnheit geworden, nicht die Gleichheit zu wollen, sondern entweder
zu herrschen oder beherrscht zu werden.« Kurz und scharf bezeichnet der
große Denker den fieberhaften und erschöpfenden Zustand, der daraus
entsteht: Austreibung, Gewaltsamkeit, Rückkehr der Flüchtlinge,
Güterteilung, Schuldaufhebung, Freigebung der Sklaven zu Zwecken des
Umsturzes; bald stürzt sich der Demos auf die Besitzenden, bald üben die
Reichen oligarchische Gewalt an dem Demos; Gesetz und Verfassung schützt
nirgend mehr die Minorität gegen die Majorität, ist in der Hand dieser nur
noch eine Waffe gegen jene; die Rechtssicherheit ist dahin, der innere
Friede in jedem Augenblick in Gefahr; jede demokratische Stadt ist ein Asyl
für demokratische, jede oligarchische für oligarchische Flüchtlinge, die
kein Mittel verschmähen und versäumen, ihre Rückkehr und den Umsturz der
Dinge dort herbeizuführen, um den Besiegten dasselbe anzutun, was sie von
ihnen haben leiden müssen. Zwischen den hellenischen Staaten, den kleinen
und kleinsten, gibt es kein anderes öffentliches Recht als diesen
Kriegszustand leidenschaftlichen Parteihaders, und die kaum geschlossenen
Bündnisse zersprengt der nächste Parteiwechsel in den verbündeten Staaten.

Mit jedem Tage zeigte sich schärfer und mahnender, daß die Zeiten der
autonomen Kleinstaaterei, der partiellen Bündnisse mit oder ohne Hegemonie
vorüber, daß neue staatliche Formen nötig seien, panhellenische, so
gesteigerte, daß in ihnen die bisher vermengten Begriffe Stadt und Staat
sich schieden und die Stadt kommunale Stellung innerhalb des Staates fand,
wie in der attischen Demenverfassung vorgebildet, in dem älteren Seebund
versucht, aber nur in der Macht der Bundesgewalt, nicht in dem gleichen
kommunalen Recht der Bundesglieder durchgeführt war. Und nicht bloß das, in
dem Griechentum waren seitdem zu viele Kräfte, Ansprüche, Rivalitäten
erwachsen, zu viele Bedürfnisse und Erregungen zur Gewohnheit, zu viel
Leben Bedingung des Lebens geworden, als daß es, in den engen Raum daheim
gebannt, in dem alles Kleine groß und alles Große klein erschien, sich mit
dem, was es war und hatte, noch hätte ersättigen oder weiter entwickeln
können. Unermeßliche Elemente der Gärung erfüllten es, solche, die eine
Welt umzugestalten fähig waren; auf den heimischen Boden gebannt, in der
heimischen Art beharrend konnten sie nur gleich jener Drachensaat des
Kadmos sich selbst zerfleischen und zerstören. Es kam alles darauf an, daß
ihrem wirr wuchernden Hader ein Ende gemacht, ihnen ein neues weites Feld
fruchtbarer Tätigkeiten geöffnet, in großen Gedanken alle edlere
Leidenschaft entflammt, der Fülle noch ungebrochener Lebenstriebe Licht und
Luft geschafft werde.

Seit Lysandros' Siege die alt-attische Macht niedergebrochen hatten, war
die äußere Gefahr für die Griechenwelt von allen Seiten her in stetem
Steigen; mehr als je in schon völlig verschiedene Kreise zerlegt, verlor
sie an allen ihren nationalen Grenzen immer mehr Terrain. Das Griechentum
Libyens war von den Puniern hinter die Syrte zurückgedrängt; das Siziliens
verlor an dieselben Punier die größere Westhälfte der Insel, das Italiens
starb bei dem Andrang der Völkerstämme des Apennin Glied für Glied ab. Die
Barbaren des unteren Donaulandes, von den in Italien zurückgestauten Kelten
gedrängt, begannen ihre Versuche, nach dem Süden durchzubrechen. Die
hellenischen Städte an der West- und Nordseite des Pontos hatten Mühe, sich
der Triballer, der Geten, der Skythen zu erwehren, von denen auf der
Südseite fand wenigstens Heraklea in der Tyrannis, die ein Schüler Platons
dort gründete, einigen Halt. Die anderen Hellenenstädte Kleinasiens standen
unter dem Perserkönige, von dessen Satrapen, von Dynasten, von
dienstwilligen Oligarchen mehr oder weniger willkürlich beherrscht und
ausgebeutet. Auch die reichen Inseln an der Küste beherrschte der persische
Einfluß; das hellenische Meer gehörte den Hellenen nicht mehr; der Friede
des Antalkidas hatte dem Hofe von Susa und den Höfen der Satrapen den Hebel
in die Hand gegeben, in dem wohlgepflegten Hader der führenden Staaten das
Griechentum tief und tiefer zu zerrütten und, während die großen
politischen Dinge dort durch die »Befehle« des Großkönigs entschieden
wurden, von der kriegstüchtigen hellenischen Mannschaft so viel an sich zu
ziehen, wie nötig schien.

Niemals ist in Hellas der Gedanke des nationalen Kampfes gegen die
Persermacht vergessen worden; er war den Hellenen, was jahrhundertelang der
abendländischen Christenheit der Kampf gegen die Ungläubigen. Selbst Sparta
hatte wenigstens zeitweise seine Herrsch- und Habgier mit dieser Larve zu
verdecken gesucht; Jason von Pherai sah für die Tyrannis, die er gründete,
in dem nationalen Kampf, zu dem er sich anschickte, die Rechtfertigung. Je
deutlicher die Ohnmacht und innere Zerrüttung des übergroßen Reiches wurde,
je leichter und einträglicher die Arbeit erschien, es zu vernichten, desto
allgemeiner und zuversichtlicher wurde die Erwartung, daß es geschehen
werde und geschehen müsse. Mochte Platon und seine Schule bemüht sein, den
Idealstaat zu finden und zu verwirklichen, Isokrates, von dem eine doch
breitere und populärere Wirkung ausging, kam immer wieder darauf zurück,
daß man den Kampf gegen Persien beginnen müsse: ein solcher Krieg werde
mehr ein Festzug als ein Feldzug sein; wie ertrage man den Schimpf, daß
diese Barbaren die Wächter des Friedens in Hellas sein wollten, während
Hellas imstande sei, Taten zu verrichten, die würdig seien, daß man die
Götter darum bitte. Und Aristoteles sagt: die Hellenen könnten die Welt
beherrschen, wenn sie zu einem Staat vereinigt wären.

Der eine wie andere Gedanke lag nahe genug, nahe genug auch der, beides,
die Vereinigung der Hellenen und den Kampf gegen die Perser, als _ein_ Werk
zusammenzufassen, nicht das eine warten zu lassen, bis das andere getan
sei. Nur wie solche Gedanken verwirklichen?

König Philipp von Makedonien unternahm es. Er mußte es, kann man sagen,
wenn er das zerrüttete Königtum seines Hauses herstellen und sicherstellen
wollte. Immer wieder hatte die Politik Athens, Spartas, Olynths, Thebens,
der thessalischen Machthaber den Hader in der königlichen Familie genährt,
Usurpation einzelner fürstlicher Häupter des Landes unterstützt, die
Barbaren auf den makedonischen Grenzen zu Einbrüchen und Raubzügen nach
Makedonien veranlaßt. Hatten sie alle keinen anderen Rechtstitel zu ihrem
Verfahren gehabt als die Ohnmacht des makedonischen Königtums, so bedurfte
es nur der Herstellung genügender Macht, um dessen Rat gegen sie zu
erweisen, und sie hatten keinerlei Anspruch auf rücksichtsvollere oder
schonendere Maßregeln von seiten des makedonischen Königtums, als sie
selbst solange gegen dessen Interesse sich erlaubt hatten.

Philipps Erfolge gründen sich auf den sicheren Unterbau, den er seiner
Macht zu geben verstand, auf die schrittweise vorgehende Bewegung seiner
Politik gegenüber der bald hastigen, bald schlaffen, immer in ihren Mitteln
oder ihren Zielen sich verrechnenden der hellenischen Staaten, vor allem
auf die Einheit, das Geheimnis, die Schnelligkeit und Konsequenz seiner
Unternehmungen, die von denen, die sie treffen sollten, so lange für
unmöglich gehalten wurden, bis ihnen nicht mehr zu entgehen oder zu
widerstehen war. Während Thessalien mit Alexandros' Ermordung in Zerrüttung
sank, die Athener auf den Bundesgenossenkrieg, die Thebaner auf den
heiligen Krieg, der die Phokier zur Folgeleistung zwingen sollte, alle
Aufmerksamkeit wandten, die Spartaner sich bemühten, in dem Peloponnes
wieder einigen Einfluß zu gewinnen, rückte Philipp nach Süden und Osten
seine Grenzen so weit vor, daß er mit Amphipolis den Paß nach Thrakien, mit
dem Bergrevier des Pangäon dessen Goldminen, mit der Küste Makedoniens den
Thermäischen Busen und den Zugang zum Meere, mit Methone den Weg nach
Thessalien hatte. Dann riefen ihn die Thessalier, von den Phokiern auf das
schwerste bedroht, zu Hilfe; er kam, er hatte schweren Stand gegen die
wohlgeführte Kriegsmacht der Tempelräuber; erst mit nachrückender
Verstärkung warf er sie zurück; er stand am Eingang der Thermopylen; er
legte makedonische Besatzung nach Pagasä, er war damit Meister des
thessalischen Hafens und des Weges nach Euböa. Da gingen den Athenern die
Augen auf; unter Demosthenes' Führung begannen sie den Kampf gegen die
Macht, welche, so schien es, die Hand nach der Herrschaft über Hellas
ausstreckte.

An dem Patriotismus des Demosthenes und dessen Eifer für die Ehre und Macht
Athens wird niemand zweifeln; und mit vollstem Recht wird er als der größte
Redner aller Zeiten bewundert. Ob er in gleichem Maße als Staatsmann groß,
ob er der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands war, ist eine
andere Frage. Wenn in diesem Kampfe der Sieg gegen Makedonien entschieden
hätte, was wäre das weitere Schicksal der Griechenwelt gewesen? Im besten
Fall die Herstellung einer attischen Macht, wie sie soeben zum zweitenmal
zusammengebrochen war, entweder einer Bundesmacht auf Grund der Autonomie
der Bündner, die weder den Barbaren im Norden zu wehren, noch den Barbaren
im Osten die Stirn zu bieten, noch das sinkende Griechentum im Westen an
sich zu ziehen und zu schützen vermocht hätte, -- oder einer attischen
Herrschaft über untertänige Gebiete, wie denn schon jetzt Samos, Lemnos,
Imbros, Skyros in solcher zum Teil kleruchischer Form, in loserer Tenedos,
Prokonnesos, der Chersones, Delos in attischem Besitz waren; in dem Maße,
als die Athener ihre Herrschaft erweitert hätten, würden sie größerer
Eifersucht, heftigerem Gegendruck von rivalisierenden Staaten zu begegnen
gehabt, sie würden nur die schon so tief eingefressene Spaltung und
Zerrissenheit der hellenischen Welt gemehrt, sie würden jede Hilfe, auch
die der Perser, der thrakischen, illyrischen Barbaren, der Tyrannis, wo sie
sich gerade fand, willkommen geheißen haben, um sich zu behaupten. Oder
wollte Athen nur die unberechenbaren Veränderungen, welche die Macht
Makedoniens über Hellas zu bringen drohte, abwehren, nur die Zustände
erhalten, wie sie waren? Sie waren so elend und beschämend wie möglich und
wurden in dem Maße unhaltbarer und explosiver, als man sie länger in dieser
Zerfahrenheit und Verkrüppelung des Kleinlebens ließ, in dem der
Griechenwelt ein Glied nach dem anderen abstarb. Mochten die attischen
Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der
hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben,
keines dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt, mit der
erneuten Herrschaft des attischen Demos über Bündner oder untertänige Orte,
mit der verschlissenen und vernutzten Demokratie, ihren Sykophanten,
Demagogen und Soldtruppen zu erhalten gewesen. Es war ein Irrtum des
Demosthenes, der vielleicht seinem Herzen, gewiß nicht seinem Verstande
Ehre macht, wenn er glauben konnte, mit diesem schwatzhaft, unkriegerisch,
banausisch gewordenen Bürgertum Athens, selbst wenn er es mit der Macht
seiner Rede zu glänzenden Entschlüssen hinreißen, selbst für einen Moment
zu Taten galvanisieren konnte, noch große Politik machen, noch einen langen
und schweren Kampf durchführen zu können; ein noch schwererer Irrtum, wenn
er glauben konnte, durch Bündnisse mit Theben, Megalopolis, Argos und
welchen Staaten sonst, im Augenblick der Gefahr zusammengeklittert, der
erstarkenden Macht des Königs Philipp Halt gebieten zu können, der, selbst
wenn man ihm ein Treffen abgewann, mit doppelter Macht zurückgekehrt wäre,
während die hellenischen Bündnisse mit der ersten Niederlage ein Ende
hatten. Demosthenes mußte wissen, was es bedeutete, daß nicht er selbst der
Kriegsheld war, die politischen Projekte hinauszuführen, die er empfahl,
daß er sie und mit ihnen die Geschicke des Staates Feldherren wie dem
eigenwilligen Chares, dem wüsten Charidemos anvertrauen mußte, die es
wenigstens verstanden, mit Söldnerbanden fertig zu werden und ihnen die
nötige »Zehrung« zu schaffen. Er mußte wissen, daß in Athen selbst, sowie
er Einfluß gewann, sich die Reichen, die Trägen, die Selbstsüchtigen wider
ihn zusammenfinden, daß, auf sie gestützt, seine persönlichen Gegner alle
Schikanen und Schwerfälligkeiten der Verfassung benützen würden, seine
Pläne zu kreuzen, Pläne, deren Wert von einem attischen Mann nach dem Tage
von Chaironeia mit dem bitteren Worte bezeichnet worden ist: »Verloren wir
nicht, so waren wir verloren.«

Zum Verständnis dessen, was dieser großen Katastrophe folgt, ist es nötig,
den Verlauf des Ringens zwischen Athen und Makedonien, das so endete, in
seinen wesentlichen Zügen zu verfolgen.

Demosthenes' große politische Tätigkeit begann, als Philipps Erfolge gegen
die Phokier, seine Einwirkung auf die Parteiungen Euboias, sein Vordringen
über Amphipolis hinaus das Emporwachsen einer Machtbildung erkennen ließ,
die über alle bisherigen Voraussetzungen hellenischer Politik hinausging.
Daß die Athener -- zunächst mit der Besetzung der Thermopylen 352, nach
Philipps ersten Erfolgen gegen die Phokier -- zeigten, was sie wollten,
wies ihrem Gegner seinen weiteren Weg. Noch hatten sie ihre Flotte, damit
auf dem Meere eine Überlegenheit, der nur Raschheit und Entschlossenheit
fehlte, um die erst werdende makedonische Flotte zu erdrücken. Athen war
für Philipp der gefährlichste Feind in Hellas; er mußte vereinzelt, in
raschen Zügen überholt werden.

Olynthos, an der Spitze der wieder verbündeten chalkidischen Städte, hatte
vier Jahre vorher, als um Amphipolis noch gestritten wurde, sich mit
Philipp gegen Athen verbündet, hatte aus seiner Hand das mit attischen
Kleruchen besetzte Potidaia angenommen; auch die Olynther hielten sich klug
genug, von dem, den sie schon fürchteten, Vorteil zu ziehen; jetzt nach dem
ersten Erfolg Philipps über die Phokier sandten sie nach Athen, ein Bündnis
anzutragen; daß sie den geflüchteten Prätendenten des makedonischen
Königtums in ihren Schutz nahmen, ihn auszuliefern sich weigerten, ergriff
Philipp, um den Kampf gegen sie zu beginnen. Trotz der Hilfe, die Athen
sandte, wurde der chalkidische Bund besiegt, Olynth zerstört und die
anderen Städte des Bundes makedonische Landstädte (348).

Zugleich hatten die Athener vergebens einen Zug nach Euboia unternommen;
von den Tyrannen der einzelnen Städte hielten die meisten zu Philipp; er
hatte damit eine Stellung, die Attika in der Flanke bedrohte. Er selbst
wandte sich von Olynth -- schon zum drittenmal -- gegen den Thrakerkönig
Kersobleptes, der, von Athen veranlaßt, Olynth unterstützt hatte. Schon war
die makedonische Flotte imstande, auf den attischen Inseln Lemnos, Imbros
und Skyros zu plündern, attische Kauffahrer aufzubringen; selbst die
Paralos, eine der heiligen Trieren Athens, war am Gestade von Marathon
gekapert und als Trophäe nach Makedonien abgeführt worden. Und von den
Phokiern auf das härteste bedrängt, bat Theben bei Philipp um Beistand, lud
ihn ein, den Paß der Thermopylen zu besetzen. Dieser schlimmsten Wendung
zuvorzukommen, erbot sich Athen zum Frieden; daß Philipp die
Unterhandlungen hinzog und Athen die Phokier und Kersobleptes, die
Tempelräuber und den Barbaren, mit in den Frieden einzuschließen forderte,
um die Thermopylen und den Hellespont zu decken, schließlich (346) auch
ohne die Bedingungen den Frieden zu genehmigen bereit war, zeigte, wieviel
an Gewicht Philipp gewonnen, Athen verloren hatte. Die gleichzeitige letzte
Krisis des heiligen Krieges fügte eine weitere Wirkung hinzu.

Noch hielten die Phokier die Thermopylen, in Boiotien die von Theben
abgefallen Städte Orchomenos und Koroneia besetzt; freilich der delphische
Tempelschatz ging auf die Neige, aber sie hofften auf Athen, und der
Spartanerkönig Archidamos kam ihnen mit tausend Hopliten zu Hilfe. Mit der
Absicht, das delphische Heiligtum in Spartas Hand gelangen zu lassen,
bewirkte Philipp die Heimkehr der Spartaner; gegen freien Abzug mit seinen
8000 Söldnern überließ der Führer der Phokier -- es war in den Tagen, da
der Demos von Athen jenen Frieden genehmigte -- den Makedonen die
Thermopylen. Philipp rückte in Boiotien ein; Orchomenos, Koronea ergaben
sich; Theben war froh, diese Städte durch Philipp zurückzuerhalten. In
Gemeinschaft mit den Thebanern und Thessalern berief Philipp den Rat der
Amphiktyonen; Athen beschickte ihn nicht. So wurde das Urteil über die
Phokier gesprochen: sie wurden aus dem heiligen Bunde ausgestoßen, ihre 22
Städte aufgelöst, deren Mauern zerstört, die mit den Söldnern Abgezogenen
als Tempelräuber verflucht und vogelfrei erklärt; kaum daß die Hinrichtung
aller Waffenfähigen im Lande, welche die Oitaer beantragten, abgelehnt
wurde. Durch weiteren Beschluß der Amphiktyonen wurde die Stimme der
Phokier auf Philipp übertragen, die Leitung der pythischen Feier, der
Schutz des delphischen Heiligtums in seine Hand gelegt.

So trat er an die Spitze dieses heiligen Bundes, der durch das, was soeben
geschehen war, wie zu keiner Zeit früher eine politische Bedeutung gewonnen
hatte. Die nächste Anwendung davon traf Athen, das die gefaßten Beschlüsse,
die an Philipp übertragene Befugnis anzuerkennen zögerte; eine
amphiktyonische Gesandtschaft kam nach Athen, die ausdrückliche Zustimmung
zu fordern. Wurde sie verweigert, so sprach die Versammlung den Bann über
Athen aus, und Philipps Macht war zur Stelle, ihn zu vollziehen.
Demosthenes selbst empfahl, einem heiligen Krieg aus dem Wege zu gehen.

Sicheren Schrittes ging Philipps Politik weiter. Schon hatte er die Hand
über ein Königtum von Epiros; die Städte in dem Peloponnes führte ihm die
Hoffnung auf gemeinsamen Kampf gegen Sparta zu; in Elis, Sikyon, Megara, in
Arkadien, Messenien, Argos herrschten die ihm Zugewandten. Dann setzte er
sich in Akarnanien fest, schloß ein Bündnis mit den Ätoliern, überwies
ihnen Naupaktos, das sie sich wünschten. Von der Landseite war die Macht
Athens umstellt und so gut wie gelähmt. Aber noch hatten sie das Meer; ihre
Flotte sicherte ihnen mit dem Chersones den Hellespont und die Propontis.
Dort mußte Philipp sie zu treffen suchen. Während er ihnen die
Versicherungen seiner Freundschaft und friedlichen Gesinnungen fort und
fort wiederholte, warf er sich von neuem auf Kersobleptes und die ihm
verwandten kleineren Fürsten in Thrakien, unterwarf sich das Land zu beiden
Seiten des Hebros, sicherte es durch eine Reihe von Städten, die er im
Binnenlande gründete, und die hellenischen Städte am Pontos bis Odessos
hinauf traten gern mit ihm in Bündnis. So mächtig war der Eindruck seiner
Erfolge, daß der Getenkönig an der unteren Donau um seine Freundschaft bat,
ihm seine Tochter zur Ehe sandte.

In demselben Maße erschreckten diese Erfolge die hellenischen Gegner
Philipps. Daß die Athener die Wiedereinsetzung der thrakischen Fürsten, die
ihre Bundesgenossen seien, forderten, und, um den gefährdeten Chersones zu
schützen, Kleruchen dorthin sandten, daß die Stadt Kardia sich weigerte,
sie aufzunehmen, und Philipps Vorschlag, die Streitfrage durch ein
Schiedsgericht abzutun, von Athen abgelehnt, von den attischen Strategen
die schon makedonischen Orte an der Propontis überfallen und zerstört
wurden, leitete einen neuen Krieg ein.

Philipp hatte mit Byzanz, Perinth, anderen Städten, die sich im
Bundesgenossenkriege von Athen freigemacht, Bündnisse geschlossen und kraft
deren zum Kampf gegen die Thraker ihren Beistand gefordert; sie leisteten
ihn nicht, sie fürchteten seine wachsende Macht; Athen bot ihnen Bündnis
und Kriegshilfe. Schon hatte es ihm die meisten Städte Euboias entfremdet,
schon mit Korinth, den Akarnanen, Megara, Achaia, Korkyra Bündnis
geschlossen, mit Rhodos und Kos wieder angeknüpft; es ließ am Hofe von Susa
auf die Gefahren, die dem Perserreiche die wachsende Macht Philipps drohe,
hinweisen; der attische Strateg im Chersones empfing persische Subsidien,
und der Eifer des attischen Demos für die Rettung der hellenischen Freiheit
wuchs mit jedem Tag.

Philipp wandte sich nach dem Siege über die Thraker gegen Perinth, gegen
Byzanz, den Schlüssel des Pontos; fielen diese Städte, so war die Macht
Athens an der Wurzel getroffen. Auf Philipps Ultimatum antworteten die
Athener mit der Erklärung, daß er den geschworenen Frieden gebrochen habe;
sie sandten den Byzantinern die versprochene Flotte; von Rhodos, Kos,
Chios, den Verbündeten von Byzanz, kam Hilfe; die nächstgesessenen Satrapen
eilten, Perinth zu unterstützen, sandten Truppen nach Thrakien -- Philipp
mußte weichen.

Er zog gegen die Skythen. Für seine neue Gründung im Hebroslande war der
Skythenkönig Ateas diesseits der Donaumündungen ein gefährlicher Nachbar;
er schlug ihn. Dann zog er durch das Gebiet der Triballer heimwärts; auch
sie, den Grenzen Makedoniens oft lästige Nachbarn, sollten seine Macht
fürchten lernen. Er mußte seines Rückens sicher sein, um den entscheidenden
Stoß gegen die Athener führen zu können.

Sie arbeiteten ihm in die Hand. In dem delphischen Tempel hatten sie ihre
alten Weihgeschenke für die Schlacht von Platää erneut, mit der Inschrift:
»Aus der Beute der zum gemeinsamen Kampf gegen die Hellenen vereinten
Perser und Thebaner.« In der Versammlung der Amphiktyonen erhoben auf Anlaß
Thebens die Lokrer von Amphissa darüber Beschwerde und beantragten eine
schwere Geldstrafe; der attische Gesandte Aischines antwortete ihnen mit
dem Vorwurf, daß sie delphisches Tempelland bebaut hätten; er erhitzte die
Versammelten so, daß der Beschluß gefaßt wurde, diese Tempelräuber sofort
zu züchtigen; aber die Bauern von Amphissa trieben die Amphiktyonen und die
Delphier, die mit ihnen gekommen waren, zurück. Nach solchem Schimpf
beschloß man eine außerordentliche Versammlung der Amphiktyonen zu berufen,
die das Nötige verfügen sollte, die Frevler zu züchtigen. Gesandte Athens,
Thebens kamen nicht, Sparta war seit dem Ausgang des heiligen Kriegs
ausgeschlossen; die zur Versammlung Erschienenen beschlossen einen heiligen
Zug gegen Amphissa, übertrugen ihn den nächstgesessenen Stämmen. Er hatte
geringen Erfolg; die von Amphissa verharrten in ihrem Trotz. Die nächste
Versammlung (im Herbst 339) übertrug dem König Philipp die Züchtigung der
Gottesfrevler, die Hegemonie des heiligen Krieges.

Er eilte herbei, nicht bloß um die Bauern von Amphissa zu züchtigen. Athen
hatte den Krieg wider ihn erneut, hatte ihn vor Byzanz und Perinth zu
weichen genötigt; mit dem Zuge für den delphischen Gott konnte er seine
Landmacht in die Nähe der attischen Grenzen führen, den Krieg da
fortsetzen, wo den Athenern ihre Seemacht nichts half; daß sie selbst den
Handel mit Amphissa eingeleitet hatten, daß sie nun gegen den, der ihn
hinauszuführen kam, sich wenden mußten, enthüllte vor den Augen aller Welt
ihr Unrecht und die inneren Widersprüche ihrer Politik. Er durfte auf
Theben rechnen, das ihm, zumal seit dem Kriege gegen die Phokier, voll
Erbitterung gegen Athen und den rettenden Waffen Makedoniens zu Dank
verpflichtet, durch Bündnis verknüpft war. Mit Nikaia am Südausgang der
Thermopylen, das er den Thessaliern überwiesen, stand ihm der Weg nach dem
Süden offen. Er ließ einen Teil seines Heeres von Heraklea, am Nordeingang
der Thermopylen, durch den Paß der Landschaft Doris, den nächsten Weg nach
Amphissa, vorgehen; mit dem größeren Teil zog er über Nikaia durch den Paß,
der nach Elatea in das obere phokische Tal der Kephissos hinabführt; im
Spätherbst 339 stand er in Elatea, verschanzte sich dort; die offenen
Grenzen Boiotiens und die Straße nach Attika lagen vor ihm, hinter ihm die
Pässe, die seine Verbindung mit Thessalien und Makedonien sicherten.

Er sandte nach Theben; er bot, wenn die Stadt mit ausziehe gegen Athen,
Anteil an der Siegesbeute und Gebietserweiterung, forderte, wenn sie nicht
mitkämpfen wolle, wenigstens freien Durchzug. Zugleich waren attische
Gesandte nach Theben gekommen; dem Eifer des Demosthenes gelang es trotz
allem, was seit zwanzig Jahren nicht geschehen war, ein Bündnis zwischen
Athen und Theben zustande zu bringen. Theben sandte eine Schar Söldner den
Lokrern von Amphissa zu Hilfe; Athen überließ ihnen 10 000 Mann, die es
geworben; beide Städte riefen die verbannten Phokier auf, in ihre Heimat
zurückzukehren, halfen ihnen einige der wichtigsten Plätze des Landes neu
befestigen. Aber die Makedonen drangen auf Amphissa vor, schlugen die
Soldhaufen des Feindes; Amphissa wurde zerstört. Der Hauptmacht Philipps in
Phokis zu begegnen, rüsteten Athen und Theben mit höchstem Eifer, riefen
auch ihre Bürger unter die Waffen; das attische Heer zog nach Theben,
vereinte sich mit dem boiotischen. Zwei glückliche Gefechte erhöhten ihre
Zuversicht; auch Korinth, Megara, andere von den Verbündeten Athens sandten
Hilfstruppen.

Aber Philipp wich nicht; er zog Verstärkungen aus Makedonien heran; mit
denen, die sein Sohn Alexander nachführte, war sein Heer bei 30 000 Mann
stark. Es mag in dieser Zeit gewesen sein, daß der König nach Theben
sandte, Unterhandlungen anzubieten; der heftige Widerspruch des Demosthenes
machte die Friedensneigung der Böotarchen wirkungslos. Wenn nur in gleichem
Maße das Heer der Verbündeten -- der Zahl nach war es dem makedonischen
überlegen -- militärisch die Initiative zu ergreifen verstanden hätte; sie
standen in fester Stellung am Eingang nach Phokis, am Kephissos. Eine
Bewegung Philipps nach der Linken zwang sie rückwärts zu gehen, in die
boiotische Ebene. Bei Chaironeia traf sie Philipp zur Schlacht (August
338); das lange schwankende Gefecht entschied der Reiterangriff, den
Alexander führte; es war der vollständigste Sieg; das Heer der Verbündeten
war zersprengt und vernichtet. Das Schicksal Griechenlands lag in Philipps
Hand.

Er hatte weder den Siegesübermut, noch lag es in den Wegen seiner Politik,
Griechenland zu einer Provinz Makedoniens zu machen. Nur die Thebaner
erfuhren für ihren Abfall die verdiente Strafe. Sie mußten die Verbannten
wieder aufnehmen, aus ihnen einen neuen Rat bestellen, der über die
bisherigen Führer und Verführer der Stadt Tod oder Verbannung verhängte.
Der boiotische Bund wurde aufgehoben, die Gemeinden von Platää, Orchomenos,
Thespiä wiederhergestellt, Oropos, das Theben zwanzig Jahre früher von
Attika abgerissen, an Athen zurückgegeben, endlich auf die Kadmeia eine
makedonische Besatzung gelegt, eine Position, nicht bloß Theben, sondern
Attika und ganz Mittelgriechenland in Ruhe zu halten.

Mit so viel Strenge Theben, mit ebenso viel Nachsicht wurde Athen
behandelt. In der ersten Aufregung nach der Niederlage hatte man dort sich
zu einem Kampf auf Leben und Tod angeschickt; man hatte Charidemos an die
Spitze des Heeres stellen, man hatte die Sklaven bewaffnen wollen -- das
Schicksal Thebens und die Erbietungen des Königs kühlten den Eifer ab; man
nahm den Frieden an, wie ihn der König durch einen Gefangenen, den Redner
Demades, anbieten ließ: die Athener erhielten alle Gefangenen ohne Lösegeld
zurück, sie behielten Delos, Samos, Imbros, Lemnos, Skyros, sie kamen
wieder in den Besitz von Oropos; es wurde -- vielleicht nur der Form nach
-- ihrem Belieben freigestellt, ob sie dem gemeinen Frieden des Königs mit
den Hellenen und dem Bundesrate, den er mit denselben errichten werde,
beitreten wollten. Der attische Demos beschloß Ehren aller Art für den
König, gab ihm, seinem Sohn Alexander, seinen Feldherren Antipatros und
Parmenion das Bürgerrecht, errichtete ihm als einem »Wohltäter der Stadt«
ein Standbild auf der Agora; anderes mehr.

Es war doch nicht die Furcht allein, auf die der König sein Werk in Hellas
zu gründen gedachte; und die makedonische Partei, auf die er rechnete oder
die sich neu bildete, bestand doch nicht bloß aus Verrätern und
Bestochenen, wie es Demosthenes darstellt. Es ist bedeutsam, daß Demaratos
von Korinth einer der treuesten Anhänger des Königs war, Timoleons Freund
und Kampfgenosse in der Befreiung Siziliens, wenn einer erfüllt von dem
großen Gedanken des nationalen Kampfes gegen die Perser. Auch andere mögen
sich zu der Ansicht bekannt haben, die Aristoteles mit den Worten
ausgesprochen hat: daß das Königtum seiner Natur nach allein imstande sei,
über den Parteien zu stehen, welche das griechische Staatsleben
zerrütteten, allein das Staatswesen der rechten Mitte schaffen könne; »denn
die Aufgabe des Königs ist, Wächter zu sein, daß die Besitzenden nicht in
ihrem Eigentum geschädigt, der Demos nicht mit Willkür und Übermut
behandelt werde.« Die so oft versuchte Tyrannis hat dies Werk nicht
vollbringen können, »denn sie steht nicht, wie das altgegründete Königtum,
auf eigenem Recht, sondern auf der Gunst des Demos oder auf Gewalt und
Unrecht«.

Verfuhr nun Philipp in solchem Sinn?

Ohne das attische Gebiet zu berühren, zog er weiter nach dem Peloponnes.
Hatten Megara, Korinth, Epidauros, andere Städte sich hinter ihren Mauern
zu verteidigen gedacht, so baten sie nun um Frieden; der König gewährte ihn
den einzelnen, den Korinthern unter der Bedingung, daß sie Akrokorinth
einer makedonischen Besatzung übergaben; ähnliche Friedensschlüsse mit der
Weisung, zum Abschluß des allgemeinen Friedens Bevollmächtigte nach Korinth
zu senden, folgten bei seinem weiteren Marsch durch den Peloponnes. Nur
Sparta wies jedes Erbieten zurück; bis an das Meer zog Philipp durch das
lakonische Gebiet, ordnete dann nach dem Spruch eines Schiedsgerichts aus
allen Hellenen die Grenzen Spartas gegen Argos, Tegea, Megalopolis,
Messenien, so daß die wichtigsten Pässe in die Hände derer kamen, die sich
lieber mit der Vernichtung des verhaßten Staates aller künftigen Sorge
befreit gesehen hätten.

Schon waren die Gesandten der Staaten in Hellas -- nur Spartas nicht -- in
Korinth versammelt; dort wurde »der gemeinsame Friede und Bundesvertrag«
errichtet, vielleicht auf Grund des von König Philipp vorgelegten
Entwurfes, gewiß nicht in der Form eines makedonischen Befehls. Die
Freiheit und Autonomie jeder hellenischen Stadt, der ungestörte Besitz
ihres Eigentums und dessen gegenseitige Garantie, freier Verkehr und steter
Friede zwischen ihnen, das waren die Grundlagen dieser Einigung; sie zu
sichern und ihre Befugnisse auszuführen wurde ein »gemeinsamer Bundesrat«
bestellt, zu dem jeder Staat Beisitzer senden solle; namentlich war die
Aufgabe dieses Synedrions, darüber zu wachen, »daß in den verbündeten
Staaten keine Verbannung oder Hinrichtung wider die bestehenden Gesetze,
keine Konfiskation, Schuldaufhebung, Güterteilung, Sklavenbefreiung zum
Zweck des Umsturzes« vorkomme. Zwischen den so geeinten Staaten und dem
makedonischen Königtum wurde ein ewiger Bund zu Schutz und Trutz errichtet;
kein Hellene sollte gegen den König Kriegsdienste tun oder seinen Feinden
hilfreich sein bei Strafe der Verbannung und des Verlustes von Hab und
Gut. Das Gericht über Bundbrüchige wurde dem Rat der Amphiktyonen
überwiesen. Endlich der Schlußstein des Ganzen: es wurde der Krieg gegen
die Perser beschlossen, »um die von ihnen an den hellenischen Heiligtümern
geübten Frevel zu rächen«; es wurde König Philipp zum Feldherrn dieses
Krieges zu Lande und zur See mit unumschränkter Gewalt ernannt.

Philipp ging nach Makedonien zurück, alle Vorbereitungen zu dem großen
nationalen Kriege zu treffen, den er mit dem nächsten Frühling zu beginnen
gedachte. Jene Hilfesendung der Satrapen nach Thrakien gab ihm den
Rechtsgrund zum Kriege gegen den Großkönig.

Wie denkwürdig, daß in derselben Zeit die Geschicke Siziliens auf
entgegengesetztem Wege sich herstellten. In kläglichstem Zustande, von
Tyrannen bedrückt und von den Karthagern bedroht, hatten sich die Patrioten
Siziliens nach Korinth gewandt, um Rettung zu bitten. Von dort wurde ihnen
mit geringer Macht der hochherzige Timoleon gesandt. Er brach die Tyrannis
in Syrakus, der Reihe nach in den anderen Städten, er warf die Karthager
auf ihre alten Grenzen in der Westecke der Insel zurück (339); er zog in
die befreiten Städte neue hellenische Ansiedler in Menge, er erneute in
ihnen die demokratische Freiheit und die Autonomie; in Sizilien schien die
Art des Staatenlebens, die in der Heimat zusammenbrach, von neuem erblühen
zu sollen. Aber den Tod des Hochgefeierten (337) überdauerte der
neugeschaffene Zustand nur kurze Frist; noch ehe die Karthager sich zu
neuen Angriffen erhoben, waren diese Demokratien auf dem Wege der
Oligarchie oder der Tyrannis, in neuem Nachbarhader. Am wenigsten aus
Großgriechenland konnte ihnen Rettung kommen; den noch nicht verkommenen
Städten dort erwuchsen aus der eben jetzt rasch schwellenden Bewegung der
italischen Völker neue Bedrängnisse; jener König Archidamos von Sparta, den
die Tarentiner in Dienst nahmen, fand, an der Spitze seiner Söldner gegen
die Messapier kämpfend, den Tod, an demselben Tage, heißt es, da Philipp
bei Chaironeia siegte.

Mit dieser Schlacht und dem Korinthischen Bunde war wenigstens in dem
heimatlichen Gebiet der Hellenen eine Einigung geschaffen, die inneren
Frieden und nach außen eine gemeinsame nationale Politik verbürgte -- eine
Einigung nicht bloß völkerrechtlicher, sondern staatsrechtlicher Art, wie
sie einst Thales und Bias den Ioniern empfohlen hatten, nicht eine
Hegemonie, wie sie die Athener in den Tagen ihres schönsten Ruhmes nur zu
bald zur Herrschaft hatten umbilden müssen, um sie zu erhalten, noch
weniger eine solche, wie sie Sparta mit dem Frieden des Antalkidas namens
des Großkönigs und in Ausführung seiner Politik durchzusetzen versucht
hatte, sondern eine Bundesverfassung mit geordnetem Rat und Gericht über
die verbündeten Staaten, mit kommunaler Autonomie der einzelnen, mit
dauerndem Landfrieden und freiem Verkehr zwischen ihnen, mit der Garantie
aller für jeden, endlich zu dem beschlossenen Kriege gegen die Perser so
gefaßt, daß das Wesentliche der Militärhoheit und der auswärtigen Politik
jedes Staates durch den Bundeseid an den Hegemonen des Bundes, den
makedonischen Machthaber, übertragen war.

Wie schwerer Kämpfe, wie scharfer Maßnahmen es bedurft haben mochte, zu
diesem Ergebnis zu gelangen, der makedonische König ehrte sich und die
Hellenen, wenn er voraussetzte, daß der Kampf gegen die Perser, der so erst
möglich wurde, die Macht der doch gemeinsamen nationalen Sache, die Erfolge
nach außen und die Segnungen im Innern, die das gelungene Werk verhieß, die
Niederlagen und Opfer vergessen machen werde, die dessen Schaffung
gefordert hatte. Nicht bloß seine wiederholten Erklärungen und die in dem
Bundesvertrage übernommene Pflicht verbürgten ihnen, daß seine Waffen dem
großen nationalen Kampf geweiht sein würden; sein eigenes Interesse hatte
ihm von Anfang her diese Politik vorgezeichnet, die Kraft Griechenlands zu
sammeln, um den Kampf gegen die Persermacht wagen zu können, diesen Kampf
zu unternehmen, um die irgend noch gesunden Kräfte im hellenischen
Staatenleben desto sicherer zu vereinigen und dauernd zu verschmelzen.

Seine Macht, die und die allein Hellas wie ein schützender Wall gegen die
Barbaren des Nordens deckte, denen Italien schon erlag, war nun so weit und
in feierlichster Weise berufen, an der Spitze des geeinten Hellas den Kampf
gegen die Barbaren im Osten durchzuführen. Das bedeutete: Befreiung der
hellenischen Inseln und Städte, die seit dem Sturz Athens, seit dem Frieden
des Antalkidas dem persischen Joch von neuem verfallen waren, -- die
Erschließung Asiens für den freien Verkehr und die Industrie von Hellas,
für das Einströmen des hellenischen Lebens, -- der Überfülle unruhiger,
gärender, verwilderter Elemente, an denen es bisher in seiner wirren
Kleinstaaterei auf den Tod gekrankt, deren es so krankend nur immer mehr,
immer zerstörendere erzeugt hatte, Raum und Gelegenheit und lockende
Aussicht vollauf in neuen Verhältnissen neue Tätigkeiten zu finden und in
der Fülle neuer Aufgaben arbeitend zu genesen.

Der kosmopolitische Zug, den in dem Griechentum zugleich mit dem zähen
Partikularismus der Weltverkehr, das Flüchtlingswesen, das Söldnertum, die
Kurtisanen, die Aufklärung und Bildung entwickelt hatten, mußte endlich,
wenn er nicht den Rest nationalen Bestandes nutzlos vergeuden sollte, in
geordneter Bewegung, in vorgedachten Wirkungen die ihm entsprechende
Gestaltung finden. In dem Zuge nach Asien konnte er es.


War auf der europäischen Seite so alles zur letzten Entscheidung bereit, so
hatte auf der asiatischen in entsprechender Weise das große Reich der
Perser den Punkt erreicht, wo es in den Machtelementen, in denen einst
seine Erfolge begründet gewesen waren, erschöpft und nur noch durch die
träge Kraft des Bestehens gehalten schien.

Es ist wenig, was von der Natur und Art dieses Perserreiches überliefert
wird, und dieses Wenige meist sehr äußerlicher Art, fast nur von denen
aufgefaßt, welche in den Persern nur die Barbaren sahen und verachteten;
und nur in der großen Gestalt des Dareios, wie sie einer der
Marathonkämpfer in seinem Drama von den Perserkriegen geschildert hat,
empfindet man etwas von dem doch tief-mächtigen Wesen dieses edlen Volkes.

Vielleicht darf man diesen Eindruck ergänzen und vertiefen durch das, was
dasselbe in der unmittelbarsten Gestaltung seines inneren Lebens, in seiner
Religion und seiner heiligen Geschichte ausgesprochen hat. Sie bezeugen die
höhere ethische Kraft, mit der die Perser den anderen Völkern Asiens
gegenüber in die Geschichte eintreten, die ernste und feierliche Auffassung
dessen, um deswillen der einzelne und das Volk lebt.

Rein sein in Werken, rein in Worten, rein in Gedanken, das ist es, was
diese Religion fordert; die Wahrhaftigkeit, die Heiligung des Lebens, die
Pflichterfüllung mit vollster Selbstverleugnung ist das Gesetz, wie es
durch Zarathustra, den Verkünder des göttlichen Wortes, offenbart worden
ist. In den Sagen von Dschemschid und Gustasp, von den Kämpfen gegen Turan
entwickeln sich ihnen, sehr anders als den Hellenen in ihren Gesängen von
Troja und Theben und den Argonauten, die Vorbildlichkeiten dessen, was das
wirkliche Leben suchen und meiden soll.

Denn die Hochebenen vom Demawend bis zum Sindhflusse durchschwärmten in
unvordenklicher Vorzeit wüste Horden; da erschien der Verkünder des alten
Gesetzes, der Hort des Menschen, Haoma, verkündete seine Lehre dem Vater
Dschemschids, und die Menschen begannen sich anzusiedeln und den Acker zu
bauen. Und als Dschemschid König wurde, ordnete er das Leben seines Volkes
und die Stände seines Reichs; unter dem Glanz seiner Herrschaft starben die
Tiere nicht, und die Pflanzen verwelkten nicht, an Wasser und Früchten war
nie Mangel, es war nicht Frost noch Hitze, nicht Tod noch Leidenschaft, und
Friede überall. Er sprach in seinem Stolz: »Verstand ist durch mich, gleich
mir ist noch keiner gekrönt; die Erde ist geworden, wie ich verlangt;
Speise und Schlaf und Freude haben die Menschen durch mich; die Macht ist
bei mir und den Tod habe ich von der Erde genommen; darum müssen sie mich
den Weltschöpfer nennen und anbeten.« Da wich der Glanz Gottes von ihm;
Zohak, der verderbliche, kam über ihn, begann seine furchtbare Herrschaft;
es folgte eine Zeit wilden Aufruhrs, aus der endlich siegend Feridun der
Held hervorging; er und nach ihm sein Geschlecht, das der »Männer des
ersten Glaubens«, herrschten über Iran, immer wieder in schwerem Kampf mit
den wüsten Turaniern, bis dann unter dem sechsten nach Feridun, dem Könige
Gustasp, Zarathustra erschien, der Bote des Himmels, den König zu
unterweisen, damit er dem Gesetz gemäß denke, spreche, handle.

Die Grundlage des neuen Gesetzes war der ewige Kampf des Lichts und der
Finsternis, des Ormuzd und der sieben Erzfürsten des Lichts gegen Ahriman
und die sieben der Finsternis; beide mit ihren Heerscharen ringen um die
Herrschaft der Welt; alles Geschaffene gehört dem Licht, aber die
Finsternis nimmt mit teil an dem rastlosen Kampf; nur der Mensch steht
zwischen beiden, um nach freier Wahl dem Guten zu helfen oder dem Bösen
Raum zu lassen. Die Söhne des Lichtes, die Iranier, kämpfen so den großen
Kampf für Ormuzd, seinem Reiche die Welt zu unterwerfen, sie nach dem
Vorbilde des Lichtwerdens zu ordnen und in Gedeihen und Reinheit zu
erhalten.

So der Glaube dieses Volkes und die Impulse, aus denen sich ihm sein
geschichtliches Leben entwickelt; teils ackerbauende, teils Hirtenstämme in
dem Gebirgsland Persis, unter ihren edlen Geschlechtern, von deren
zahllosen Burgen noch nach Jahrhunderten die Rede ist, an ihrer Spitze der
Stamm der Pasargaden, deren edelstem Geschlecht, dem der Achämeniden, das
Stammkönigtum des Volkes zusteht. Da hat denn der Königssohn Kyros am Hofe
des Großkönigs in Ekbatana so viel Hochmut und Erschlaffung und
verächtliches Wesen gesehen, daß er die Herrschaft an sein strengeres Volk
zu bringen für wohlgetan hält. Er ruft, so lautet die Sage, die Stämme
zusammen, läßt sie den einen Tag ein Stück Feld urbar machen und die ganze
Last der Untertänigkeit fühlen, beruft sie anderen Tags zum festlichen
Mahl; er fordert sie auf zu wählen zwischen jenem traurigen Knechtsleben,
das an der Scholle haftet, und dem herrlicheren des Siegers; und sie wählen
Kampf und Sieg. So zieht er gegen die Meder aus, besiegt sie, wird Herr des
Reiches, das bis zum Halys und bis zum Jaxartes reicht. Weiter kämpfend,
unterwirft er das lydische Königtum und das Land bis zum Meer der Jaonen,
das babylonische Reich bis an die Grenze Ägyptens. Kyros' Sohn Kambyses
fügt das Reich der Pharaonen hinzu; keins der altgeschichtlichen Völker und
Reiche widersteht der Kraft des jungen Volkes. Aber des Großkönigs Zug über
Ägypten hinaus in die Wüste, seinen jähen Tod benutzen die Meder; ihre
Priester, die Magier, machen einen aus ihrer Mitte zum Großkönig, nennen
ihn des Kyros jüngeren Sohn, erlassen den Völkern den Kriegsdienst und die
Tribute auf drei Jahre; und die Völker fügen sich willig. Nach Jahr und Tag
erhebt sich Dareios der Achämenide mit den Häuptern der sechs anderen
Stämme, sie ermorden den Magier und seine vornehmsten Anhänger. »Die
Herrschaft, welche unserm Geschlecht entrissen war, diese brachte ich
wieder zurück; ich habe wiederhergestellt die Heiligtümer und die Verehrung
dessen, der des Reiches Schützer ist; so gewann ich durch Ormuzds Gnade das
Entrissene zurück, ich stellte das Reich glücklich, Persien, Medien und die
anderen Provinzen, wie ehedem«, so sagt eine Inschrift des Dareios.

Dareios hat das Reich organisiert. Da es keine persische Bildung gab, die
wie einst die von Babel und Assur die mit Gewalt Unterworfenen auch
innerlich hätte besiegen und umbilden können, da die Religion des Lichtes,
die eigenste Kraft und der Vorzug des persischen Volkes, nicht bekehren
konnte noch wollte, so mußte die Einheit und Sicherheit des Reiches auf die
Organisation der Macht gestellt werden, die es gegründet hatte und
beherrschen sollte. Es war der vollste Gegensatz dessen, was sich als das
Wesen der Griechenwelt entwickelt hat: in diesem _ein_ Volk, zu zahllosen
kleinen und kleinsten Kreisen in freier Autonomie, in dem Drang
unerschöpflicher Erregbarkeit und Eigenartigkeit sich differenzierend und
auseinander lebend -- in dem Perserreich viele Nationen, meist ausgelebte
und einer eigenen Lebensgestaltung nicht mehr fähige, zusammengeballt durch
die Gewalt der Waffen und zusammengehalten durch die strenge und stolze
Überlegenheit des Perservolkes und des Großkönigs, des »gottgleichen
Menschen«, an dessen Spitze.

Diese Monarchie, vom griechischen Meer bis zum Himalaja, von der
afrikanischen Wüste bis zu den Steppen des Aralsees, läßt die Völker in
ihrer Art, in ihren gewohnten Zuständen, schützt sie in dem, »was ihr Recht
verlangt«, ist tolerant gegen alle Religionen, sorgt für den Verkehr, den
Wohlstand der Völker, läßt ihnen selbst ihre Stammfürsten, wenn sie sich
unterwerfen und Tribut zahlen -- aber stellt über sie alle hoch hin das
starkgefugte Gerüst einer militärischen und Verwaltungseinheit, deren
Träger aus dem herrschenden Stamm, dem der »Perser und Meder«, berufen
werden. Die gleiche Religion, die harte und strenggeübte Lebensweise in
Feld und Wald, die Erziehung der zum Dienst berufenen edlen Jugend am Hofe
und unter den Augen des Großkönigs, dazu die an diesem Hofe versammelte
Kriegsmacht der zehntausend Unsterblichen, der zweitausend Lanzenträger und
zweitausend Reiter, die aus allen Teilen des weiten Reiches in die Hofburg
zusammenfließenden und in dem Reichsschatz aufgesammelten Tribute und
Geschenke, die geordneten Rangstufen und Ämterfolge der am Hofe
versammelten Edlen bis zu den »Tischgenossen«, den »Verwandten« des
Großkönigs hinauf -- das alles zusammen gibt der Zentralstelle des Reiches
die Macht und Wucht, der zusammenhaltende und beherrschende Mittelpunkt zu
sein. Das Netz von Heerstraßen, die durch das ganze Reich erbaut werden,
die Poststationen mit immer bereiten Stafetten, die Festungen an allen
wichtigen Paß- und Grenzpunkten sichern die Verbindung und das möglichst
schnelle Einschreiten der zentralen Macht. Des Großkönigs Boten können so
von Susa bis Sardes -- 350 Meilen -- in weniger als zehn Tagen Depeschen
überbringen, und in jeder Landschaft steht militärische Macht bereit,
auszuführen, was sie befohlen.

Für die Verwaltung teilt Dareios das Reich in zwanzig Satrapien, nicht nach
der Nationalität oder nach historischen Motiven; es sind geographische
Gebiete, wie sie die natürlichen Grenzen bestimmen. Das Verhältnis der dort
Heimischen zum Reich besteht nur darin, daß sie in Gehorsam bleiben, ihre
Tribute zahlen und wenn ein allgemeines Aufgebot ergeht, den Heeresdienst
leisten, den Satrapen mit seinem Hofe und die in den Hauptstädten und
Grenzfesten ihres Bereichs stehenden Truppen des Großkönigs unterhalten.
Die Satrapen -- »Könige nur dem Großkönige untertan« -- haften für den
Gehorsam und die Ordnung in ihrer Satrapie, zu deren Schutz sowie zur
Vergrößerung des Gebietes und des Tributes sie mit und ohne Befehl von der
Hofburg Kriege führen und Frieden schließen. Sie selbst überlassen dann
wohl einzelne Distrikte ihres Gebietes Eingeborenen oder sonst von ihnen
Begünstigten, die dort die Tribute erheben und das Regiment führen. Die
Truppen in der Satrapie stehen zu ihrer Verfügung, aber unter
Befehlshabern, die der König unmittelbar bestellt, oft mit dem Heerbefehl
über mehrere beieinander liegende Satrapien. Die Wachsamkeit und
Tüchtigkeit der Truppen, die Treue der Satrapen, die stete durch die
Sendboten geübte Aufsicht des Großkönigs über sie, diese abgestufte
Pyramide monarchischer Organisation ist die Form, die die untertänigen
Länder und Völker zusammenhält.

In reichen Dotationen, in immer neuen Gnadengeschenken und Ehren, dem hohen
Sold des Kriegsdienstes haben die Edlen und das Volk Persiens den Mitgenuß
der Herrschaft ihres Königs. Dies, und anderseits die stete Überwachung und
Kontrolle, die strengste Disziplin, die willkürliche und oft blutig geübte
Strafgewalt des Königs erhält die zum Dienst Berufenen in Furcht und
Pflichttreue. Wehe dem Satrapen, der auch nur säumig ist, für den Ackerbau,
für den Wohlstand seiner Provinz, für Bewässerung zu sorgen, Paradiese
anzulegen, dessen Provinz sich entvölkert oder im Anbau zurückgeht, der die
Untertanen bedrückt; des Königs Wille ist, daß sie in ihrem Sein und Tun
rechte Diener der reinen Lehre seien. Sie alle sollen auf den König und nur
auf ihn sehen; wie Ormuzd, dessen Abbild und Werkzeug er ist, die Welt des
Lichtes beherrscht und gegen die des verderblichen, Arges sinnenden Ahriman
kämpft, so ist er unumschränkt, unfehlbar, über alle und über alles.

So die Grundzüge dieser Machtbildung, die aus dem eigensten Wesen des
Perservolkes, seiner altgewohnten schlichten Anhänglichkeit an das
Stammhaupt, dem stolzen Zuge der Legitimität in der alten
Geschlechtsverfassung hervorgegangen ist. Diese grandiose Organisation
despotischer Macht war darauf gestellt, daß die persönliche Würdigkeit und
Kraft des einen, der sie innehatte, sich in jedem Nachfolger erneute, daß
der Hof und der Harem in seiner Nähe, die Satrapen und Kriegsobristen in
der Ferne nicht aufhörten, von ihm bestimmt und beherrscht zu werden, daß
das herrschende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und Rauheit und der
fraglosen Hingebung an den Gott-König getreu blieb.

Unter Dareios hat die persische Macht die höchste Blüte erlebt, deren sie
fähig war; auch die unterworfenen Völker segneten sein Regiment; selbst in
den griechischen Städten fanden sich überall angesehene Männer, die für den
Preis der Tyrannis gern sich und ihre Mitbürger unter das persische Joch
beugten; die moralische Achtung der edlen Perser vor den klugen Hellenen
wird darum nicht größer geworden sein. Nach Dareios, nach den Niederlagen
von Salamis und Mykale begannen sich Anfänge der Stockung und des Sinkens
zu zeigen, dem das Reich, einer inneren Entwicklung unfähig, verfallen
mußte, wenn es aufhörte, siegend und erobernd zu wachsen. Schon mit dem
Ausgang des Xerxes wurde die Erschlaffung der despotischen Kraft und der
Einfluß des Hofes und Harems fühlbar; die Eroberungen an der thrakischen
Küste, der Hellespont und der Bosporus, die hellenischen Inseln und Städte
an der Küste Kleinasiens waren verloren; bald versuchten einzelne der
unterworfenen Völker sich frei zu machen, schon fand die Empörung Ägyptens
und die Herstellung der altheimischen Dynastie von Hellas her
Unterstützung. Je glücklicher dagegen die Satrapen der vorderen Lande
ankämpften und je mehr sie den persönlichen Willen und die Kraft ihres
Herren nachlassen sahen, desto dreister wurden sie, im eigenen Interesse zu
verfahren, nach selbständiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien
zu trachten. Aber noch war der festgefugte Bau des Reiches stark genug und
in dem Adel und Volk Persiens die gewohnte Zucht und Treue lebendig genug,
um die da und dort ausbrechenden Schäden zu überwinden.

Ernster wurde die Gefahr, als mit dem Ausgang Dareios' II. (424 bis 404)
dessen jüngerer Sohn Kyros sich zum Aufstande gegen den älteren, Artaxerxes
II., der die Tiara bereits empfangen hatte, erhob. Kyros, nicht vor der
Thronbesteigung des Vaters geboren wie der Bruder, sondern als der Vater
schon König war, glaubte sich in demselben besseren Recht, kraft dessen
einst Xerxes dem Dareios gefolgt war; noch der Vater hatte ihn, den
Liebling der Mutter Parysatis, als »Karanos« nach Kleinasien gesandt, als
»Herrn«, wie es scheint, ihm die Satrapien Kappadokien, Phrygien und Lydien
gegeben; hatten die bisherigen Satrapen an der Seeküste, Tissaphernes und
Pharnabazos, in dem schweren Kampf zwischen Athen und Sparta miteinander
rivalisierend, bald die eine, bald die andere Macht begünstigt, so trat
Kyros in der nach dem Interesse des Reiches gewiß richtigen Politik rasch
und entschieden auf die Seite Spartas. Selbst nach dem Zeugnis der Griechen
war dieser junge Fürst voll Geist und Energie, von militärischem Talent, in
der strengen Art seines Volkes; dem Spartaner Lysandros konnte er den Park
zeigen, den er meist mit eigener Hand geschaffen habe; und als dieser
ungläubig auf seine goldene Kette und seine glänzende Kleidung sah, schwur
Kyros bei Mithras: daß er des Tages nicht eher Speise zu sich nehme, als
bis er in Landarbeit oder kriegerischer Übung seine Pflicht getan. Die
militärische Kunst und Tüchtigkeit der Hellenen hatte er kennen und
würdigen gelernt; daß zumeist durch seine Unterstützung Lysandros der
Athener Meister geworden, mit dem Falle Athens die Seemacht, welche bisher
dem Reiche schweren Abbruch getan, zu Ende war und Sparta ausdrücklich die
Rückkehr der asiatischen Griechenstädte unter die persische Herrschaft
zugesagt hatte, mochte es ihm unbedenklich erscheinen lassen, als Kern des
Heeres, mit dem er das ihm gebührende Reich in Besitz zu nehmen gedachte,
13 000 griechische Söldner, ein buntes Gemisch aus allen griechischen
Staaten, zu werben, denen dann noch Sparta 700 Hopliten nach Issos
nachsandte. Tissaphernes, der Satrap Ioniens, der persönliche Feind des
Kyros, hatte rechtzeitig Warnungen nach Susa gesandt; mit dem Aufgebot des
Reichs rückte Artaxerxes gegen den Empörer aus; am Eingang Babyloniens, bei
Kunaxa, traf er ihn zur Schlacht. Nach dem Siege der Griechen auf ihrem
Flügel, stürmte Kyros mit 600 Reitern auf die 6000 Reiter, die den König
umgaben, durchbrach sie, drang auf den König selbst ein, verwundete ihn,
erlag dann unter den Streichen des Königs und seiner Getreuen. Des Königs
Wunde heilte sein Arzt, der Grieche Ktesias. Auch des Kyros Harem fiel in
des Königs Hand, unter den Gefangenen zwei Griechinnen, die von ihren
Eltern dem Prinzen nach Sardes gebracht waren; die eine von ihnen, eine
Milesierin, flüchtete sich glücklich in das Lager der Hellenen, die andere,
die schöne und hochgebildete Milto von Phokaia, die in des Großkönigs Harem
überging, hat dann dort, wie die Griechen erzählen, lange eine bedeutende
Rolle gespielt.

Äußerlich war die Macht des Großkönigs mit dem Tage von Kunaxa hergestellt.
Aber es war ein Zeugnis tiefer Zerrüttung, daß unmittelbar vor der Schlacht
viele Edle aus dem Reichsheer zu dem Empörer übergegangen waren; es war ein
bedenklicheres Symptom, daß dies Häuflein Griechen auf dem Schlachtfelde
die Massen des Reichsheeres durchbrochen und geschlagen, und dann mitten
durch das Reich in geschlossenen Reihen marschierend die Küste des Pontos
erreicht hatte. War denn die Organisation des Reiches nichts, daß ein
feindliches Heer so ungestraft drei, vier Satrapien durchziehen, deren
Grenzfesten mißachten konnte? Nimmermehr hätte der Empörer die Pässe des
Taurus überschreiten können, wenn der Satrap Kilikiens, aus dem
altheimischen Stamm der Syennesis, wenn die persische Flotte, die unter dem
Ägypter Tamos stand, ihre Schuldigkeit getan hätten. Vor allem, daß Kyros,
mit zu großer Macht in den vorderen Satrapien, die rings von den Küsten her
mit griechischem Wesen durchzogen waren, griechisches Kriegsvolk in Masse
hatte an sich ziehen können, zeigte, daß man mit jenen Satrapien behutsamer
und strenger als bisher verfahren müsse. Nicht das Satrapensystem war
fehlerhaft; es war der Fehler der zentralen Stelle, daß die Karanen und
Satrapen sich hatten gewöhnen können, Politik auf eigene Hand zu machen,
wie Territorialherren zu regimentieren, in den Stadttyrannen,
Steuerpächtern, dotierten Günstlingen sich persönlichen Anhang zu schaffen,
welcher Macht genug gab, nach oben zu trotzen und nach unten zu drücken.

Vielleicht war es nicht erst in diesem Zusammenhange, daß die Zahl der
Satrapien Kleinasiens -- nach der Einrichtung des Dareios I. nur vier --
gemehrt, daß namentlich die große Satrapie Phrygien, welche von der
Propontis bis zum Taurus und den armenischen Gebirgen das ganze innere
Hochland umfaßte, in drei Satrapien -- Phrygien am Hellespont, Großphrygien
und Kappadokien -- zerschlagen, von der Satrapie Ionien das ganze Karien
und die Südküste bis Kilikien abgelöst, daß endlich Kilikien fortan ohne
Satrapen gelassen und, so scheint es, unmittelbares Reichsland wurde.

Schon waren die Spartaner unter Agesilaos' Führung in den vorderen Landen,
den Kampf gegen das Reich zu wagen. Daß Tissaphernes, der in sein früheres
Amt zurückgekehrt war, nicht energischer verfuhr, nicht mehr erreichte, gab
der Königinmutter die Handhabe, den Tod ihres Lieblings an dem Verhaßten zu
rächen; ihm ward ein Nachfolger gesandt mit dem Befehl ihn zu ermorden.

Von sehr ernster Bedeutung war, daß zugleich Ägypten in Waffen stand. Noch
bei Kunaxa hatte auch ägyptisches Kriegsvolk in dem Heere des Großkönigs
gekämpft; aber man wußte in dem Griechenheere bereits, daß Ägypten
abgefallen sei; jener Tamos flüchtete mit der Flotte nach Ägypten, und
Sparta trat mit Memphis in Verbindung, empfing von dort Subsidien und die
Zusage weiterer Hilfe. Nur zu leicht konnten auch die phönizischen Städte,
auch Cypern, wo der König Euagoras das griechische Wesen eifrig förderte,
dem Beispiel Ägyptens folgen; die ganze maritime Macht Persiens stand auf
dem Spiel, während die griechische Landmacht die Satrapien Kleinasiens
bedrängte; dem Reich wiederholte sich die Gefahr der perikleischen Zeit in
gesteigertem Maße. Wie ihr wehren?

Den rechten Weg wies der Athener Konon, der nach der letzten Niederlage der
attischen Macht Zuflucht am Hofe des Euagoras gefunden hatte. Auf seinen
Rat erhielt der Satrap von Phrygien am Hellespont Befehl, eine Flotte
zusammenzubringen und den Staaten in Hellas mit persischem Golde den Kampf
gegen Sparta möglich zu machen. Mit Konons Sieg bei Knidos, mit der
Schilderhebung von Theben, Korinth, Athen, mit des Pharnabazos Seezuge bis
zur lakonischen Küste und seinem Erscheinen in der Versammlung der
Verbündeten zu Korinth war Agesilaos zu schleuniger Heimkehr gezwungen.
Bald hart bedrängt, suchte Sparta des Großkönigs Gunst und Bündnis; es
sandte Antalkidas, jenen Frieden zu schließen, in dem Sparta dem Reiche die
Griechenstädte Asiens und Cypern obendrein preisgab. Nicht mehr
militärisch, aber diplomatisch war damit Persien der Griechen Meister; bald
den Spartanern, bald den Athenern, bald den Thebanern seine Gunst
zuwendend, hielt der Hof von Susa die noch streitbaren Staaten
Griechenlands in Atem; er ließ sie sich selbst zerfleischen.

Nur daß mit diesem Ringen in Hellas auch die Empörer des Großkönigs,
Cypern, Ägypten, die syrische Küste, Gelegenheit fanden, sich dorther
Beistand zu gewinnen, und die Satrapen Kleinasiens schon nicht mehr bloß
nach der Weisung der Hofburg sich zu dem Wirrsal in Hellas verhielten. Des
zu gütigen Artaxerxes Hand war nicht fest genug, die Zügel anzuziehen.
Trotz zehnjährigen Kampfes erlangte er von dem cyprischen Könige nichts,
als daß er sich zur Zahlung des Tributes wie ehedem verstand. Ägyptens
wurde er trotz des hellenischen Söldnerheeres, das er sandte, trotz des
Iphikrates, der es führte, nicht mehr Herr. Die empörten Kadusier in den
Gebirgen der kaspischen Pässe vermochte er mit aller Anstrengung nicht
wieder zu unterwerfen. Die Bergvölker zwischen Susa, Ekbatana und
Persepolis hatten sich der Botmäßigkeit entzogen; sie forderten und
erhielten, wenn der Großkönig mit seinem Hofe durch ihr Gebiet zog, Tribut
für den Durchzug. Schon empörten sich einige der Satrapen Kleinasiens,
Ariobarzanes in Phrygien am Hellespont, Autophradates in Lydien, Mausollos,
Orontes; nur der Verrat des Orontes, den sie zum Führer gewählt hatten,
rettete dem Großkönige die Halbinsel.

Noch trauriger zeigen die Überlieferungen, freilich die griechischen, des
alternden Artaxerxes Schwäche im Bereich seines Hofes; er erscheint da wie
ein Spielball in den Händen seiner Mutter, seines Harems, seiner Eunuchen.
Sein Sohn Dareios, den er, ein Neunziger, zum Nachfolger ernannt mit dem
Recht, schon jetzt die Tiara zu tragen, soll wegen einer Gunst, die ihm von
dem Vater versagt worden, eine Verschwörung gegen dessen Leben angezettelt
und dann auf des Vaters Befehl, dem sie verraten worden, mit dem Tode
gebüßt haben. Zum Thron der nächste war nun Ariaspes, nach ihm Arsames;
aber ein dritter Sohn Ochos, so wird erzählt, trieb den ersten mit falschen
Gerüchten von des Vaters Ungnade zum Selbstmord, ließ den zweiten durch
gedungene Mörder beseitigen. Gleich darauf starb Artaxerxes II. Ochos
folgte ihm.

Ochos erscheint in der Überlieferung als ein asiatischer Despot echter Art,
blutdürstig und schlau, energisch und wollüstig, in der kalten und
berechneten Entschiedenheit seiner Handlungen nur desto furchtbarer; ein
solcher Charakter konnte wohl die im Innersten zerrüttete Persermacht noch
einmal zusammenraffen und mit dem Schein von Kraft und Frische beleben, die
empörten Völker und die trotzigen Satrapen zur Unterwürfigkeit zwingen,
indem er sie auch seine Launen, seine Mordlust, seine wahnsinnige Wollust
schweigend anzusehen gewöhnte. Er begann mit der Ermordung seiner jüngeren
Brüder, ihres Anhanges; und der persische Hof nannte ihn voll Bewunderung
mit dem Namen seines Vaters, der keine Tugend als die Sanftmut gehabt habe.

Die Art, wie der Thronwechsel geschah, vielleicht schon die blutigen
Vorgänge, die ihm vorausgingen, waren Anlaß oder Vorwand zu neuen
Empörungen in den vorderen Satrapien, zu dreisterem Vorgehen Ägyptens. Es
erhob sich Orontes, der Ionien, Artabazos, der Phrygien am Hellespont
hatte; attische Inschriften bezeugen die Verbindung des Orontes mit Athen.
Artabazos hatte zwei rhodische Männer, die Brüder Mentor und Memnon, beide
tüchtige Kriegsleute, an sich gezogen, sich mit ihrer Schwester vermählt,
seine griechischen Söldner unter ihren Befehl gestellt. Die attischen
Strategen Chares, Charidemos, Phokion leisteten ihm Beistand. Andere
Satrapen blieben auf des Königs Seite; namentlich der von Karien, Mausollos
aus dem alten Dynastengeschlecht des Landes; sein Werk war der Abfall der
attischen Bundesgenossen (357), Rhodos, Kos, Chios voran; nur um so
eifriger half Athen den empörten Satrapen; das gegen sie gesandte
königliche Heer wurde durch Chares' Beistand geschlagen; die Athener
jubelten wie über einen zweiten marathonischen Sieg. Aber eine persische
Gesandtschaft erschien in Athen, über Chares Beschwerde zu führen, drohte,
300 Trieren den Feinden Athens zum Beistand zu senden; man beeilte sich,
den Zorn des Königs zu begütigen, schloß mit den empörten Bundesgenossen
Frieden (355). Auch ohne attische Hilfe kämpfte Artabazos weiter; sein
Schwager Memnon unternahm einen Zug gegen den Tyrannen im kimmerischen
Bosporus, mit dem Heraklea im Kriege war, die wichtigste Stadt an der
bithynischen Küste des Pontos. Artabazos selbst gewann Unterstützung von
den Thebanern, die ihm ihren Feldherrn Pammenes mit 5000 Söldnern sandten;
mit deren Hilfe schlug er des Königs Truppen in zwei Schlachten. Dann ließ
Artabazos den thebanischen Feldherrn gefangensetzen, weil er mit den
Gegnern in Verhandlung zu stehen schien; Pammenes mag Weisung dazu aus
Theben empfangen haben, wohin der Großkönig große Geldsummen hatte senden
lassen. Rasch sank nun das Glück des Artabazos; er mußte flüchten (um 351),
er und Memnon fanden an dem makedonischen Hofe Zuflucht, Mentor ging nach
Ägypten.

Ägypten war seit lange der rechte Herd des Kampfes gegen die Persermacht.
Noch als Artaxerxes II. das Reich hatte, war dort von Tachos, dem Sohn des
Nektanebos, ein großes Unternehmen gerüstet; mit einem Heere von 80 000
Ägyptern, 10 000 griechischen Söldnern, zu denen Sparta unter dem alten
Agesilaos noch 1000 sandte, einer Flotte von 200 Schiffen, deren Befehl der
Athener Chabrias übernahm, gedachte Tachos auch das syrische Land zu
erobern. Aber Tachos hatte sich durch Mißtrauen und Zurücksetzung den König
Agesilaos, durch Erpressungen das ägyptische Volk so verfeindet, daß,
während er in Syrien stand, seines Oheims Sohn Nektanebos II. sich zum
Pharao aufwerfen konnte, und da Agesilaos auch die griechischen Truppen
dem neuen Herrn zuwandte, blieb dem Tachos kein anderer Ausweg, als nach
Susa zu flüchten und des Großkönigs Gnade anzuflehen. Gegen Nektanebos
erhob sich in Mendes ein anderer Prätendent, er fand Zulauf in Menge; es
kam so weit, daß der Pharao samt seinen Griechen umstellt, mit Wällen und
Gräben dicht und dichter eingeschlossen wurde, bis gegen die 100 000 Mann
der alte Agesilaos mit seinen Griechen anrückte und den ganzen mendesischen
Haufen auseinander- und in Flucht trieb; es war die letzte Tat des alten
Spartanerkönigs; im Begriff nach Sparta heimzusegeln, starb er (358).

Die dürftigen Überlieferungen dieser Zeit geben nur an, daß noch Artaxerxes
II. seinen Sohn Ochos gegen Ägypten gesandt habe, daß das Unternehmen
gescheitert sei, daß Ochos, gleich nachdem er König geworden, gegen die
Kadusier gekämpft, sie besiegt habe.

Wenige Jahre darauf, um 354, war man in Athen in lebhafter Sorge über die
großen Rüstungen, die König Ochos mache, größere als seit Xerxes' Zeit
gemacht seien; man meinte, er wolle zuerst Ägypten unterwerfen, um sich
dann auf Griechenland zu stürzen; auch Dareios habe erst Ägypten
unterworfen, dann sich gegen Hellas gewandt, auch Xerxes zuerst das empörte
Ägypten bewältigt, dann seinen Zug nach Hellas unternommen; man sprach in
Athen, als sei er schon auf dem Wege: seine Flotte liege bereit, Truppen
übers Meer zu führen, auf 1200 Kamelen werde ihm der Schatz nachgeführt;
mit seinem Golde werde er zu seinem asiatischen Heere hellenische Söldner
in Masse anwerben; Athen müsse eingedenk der Tage von Marathon und Salamis
den Krieg wider ihn beginnen. So schnell freilich war das Reichsheer nicht
beieinander. Und bevor es kam, hatte sich zu der noch währenden Empörung in
Kleinasien auch Phönikien erhoben. Die Sidonier unter ihrem Fürsten Tennes
beredeten auf dem Tage zu Tripolis die anderen Städte zum Abfall; man
verbündete sich mit Nektanebos, man zerstörte die königlichen Schlösser und
Paradiese, verbrannte die Magazine, ermordete die Perser, die in den
Städten waren; sie alle, namentlich das durch Reichtum und Erfindungen
ausgezeichnete Sidon, rüsteten mit größtem Eifer, warben Söldner, machten
ihre Schiffe fertig. Der Großkönig, dessen Reichsheer sich bei Babylon
sammelte, befahl dem Satrapen Belesys von Syrien und dem Mazaios, dem
Verwalter Kilikiens, den Angriff auf Sidon. Aber Tennes, unterstützt von
4000 griechischen Söldnern unter Mentors Führung, die ihm Nektanebos
sandte, leistete glücklichen Widerstand. Zu gleicher Zeit erhoben sich die
neun Städte von Cypern, verbanden sich mit den Ägyptern und Phönikiern,
gleich ihnen unter ihren neun Fürsten unabhängig zu sein. Auch sie rüsteten
ihre Schiffe, warben griechische Söldner. Nektanebos selbst war auf das
beste gerüstet; der Athener Diophantos, der Spartaner Lamios standen an der
Spitze seiner Söldner.

»Mit Schimpf und Schande«, sagt ein attischer Redner dieser Zeit, »mußte
Ochos abziehen.« Er rüstete einen dritten Zug, er forderte die hellenischen
Staaten auf, ihn zu unterstützen; es war in den letzten Stadien des
heiligen Krieges; wenigstens Theben sandte ihm 1000 Söldner unter Lakrates,
Argos 3000 unter Nikostratos; in den asiatischen Griechenstädten waren 6000
Mann geworben, die unter Bagoas' Befehl gestellt wurden. Der Großkönig
befahl dem Satrapen Idrieus von Karien den Angriff auf Cypern; er selbst
wandte sich gegen die phönikischen Städte. Vor solcher Übermacht entsank
diesen der Mut; nur die Sidonier waren entschlossen, den äußersten
Widerstand zu leisten; sie verbrannten ihre Schiffe, um sich die Flucht
unmöglich zu machen. Aber auf Mentors Rat hatte König Tennes bereits
Unterhandlungen angeknüpft, sie beide verrieten die Stadt; als die Sidonier
bereits die Burg und die Tore in Feindes Hand und jede Rettung unmöglich
sahen, zündeten sie die Stadt an und suchten den Tod in den Flammen; 40 000
Menschen sollen umgekommen sein. Den cyprischen Königen sank der Mut, sie
unterwarfen sich.

Mit dem Fall Sidons war der Weg nach Ägypten frei. Das Heer des Großkönigs
zog an der Küste südwärts; nicht ohne bedeutende Verluste gelangte es durch
die Wüste, welche Asien und Ägypten scheidet, unter die Mauern der
Grenzfestung Pelusion, welche von 5000 Griechen unter Philophron
verteidigt wurde; die Thebaner unter Lakrates, voll Begier ihren Waffenruhm
zu bewähren, griffen sogleich an, wurden zurückgeworfen; nur die
einbrechende Nacht rettete sie vor schwerem Verlust. Nektanebos durfte
hoffen, den Kampf zu bestehen; er hatte 30 000 Griechen, ebenso viele
Libyer, 60 000 Ägypter, dazu zahllose Nilschiffe, dem Feind jeden
Flußübergang zu wehren, selbst wenn er die Verschanzungen, die am rechten
Nilufer entlang errichtet waren, genommen hatte.

Der Großkönig teilte seine Macht. Er selbst zog den Nil aufwärts, Memphis
bedrohend. Die boiotischen Söldner und persisches Fußvolk unter Lakrates
und dem lydischen Satrapen Roisakes sollten Pelusion berennen; die Söldner
von Argos unter Nikostratos und 1000 auserwählte Perser unter Aristazanes
wurden mit 80 Trieren ausgesandt, im Rücken von Pelusion eine Landung zu
versuchen; eine vierte Abteilung, in ihr Mentors Söldner und die 6000
Griechen des Bagoas, rückte südwärts von Pelusion auf, die Verbindung mit
Memphis abzuschneiden. Dem verwegenen Nikostratos gelang die Landung im
Rücken der feindlichen Linie, er schlug die dort stehenden Ägypter, die
unter Kleinias von Kos zu deren Unterstützung eilenden griechischen
Söldner. Nektanebos eilte, seine Truppen rückwärts auf Memphis
zusammenzuziehen. Nach tapferem Widerstande übergab Philophron Pelusion
gegen freien Abzug. Mentor und Bagoas wandten sich gegen Bubastis; die
Aufforderung zur Unterwerfung, die Drohung, bei unnützem Widerstande die
Züchtigung, die Sidon erlitten, zu wiederholen, brachte den Zwiespalt
zwischen den Griechen, die bereit waren, ihr Leben daran zu setzen, und den
feigen Ägyptern zum Ausbruch; die Griechen kämpften weiter; der endlichen
Einnahme der Stadt -- sie hätte dem Bagoas, dem Liebling des Königs, das
Leben gekostet, wenn nicht Mentor zu seiner Rettung herbeigeeilt wäre
-- folgte die Besetzung der noch übrigen Plätze des niederen Landes. Der
anrückenden Übermacht gegenüber hielt sich Nektanebos nicht mehr in seiner
Hauptstadt sicher; er rettete sich mit seinen Schätzen stromauf nach
Äthiopien.

So erlag -- um 344 -- Ägypten Artaxerxes III. Er ließ das Land, das sechzig
Jahre dem Reiche entfremdet gewesen war, seinen Zorn fühlen. Die Zeiten des
Kambyses erneuten sich. Es folgten Hinrichtungen in Menge, Plünderungen
ärgster Art; mit eigener Hand durchbohrte der Großkönig den heiligen Stier
Apis, befahl, die Tempel ihres Schmuckes, ihres Goldes, selbst ihrer
heiligen Bücher zu berauben. »Der Dolch« hieß er fortan im Munde des
Volkes. Nachdem Pherendakes zum Satrapen eingesetzt, die griechischen
Söldner überreich beschenkt in die Heimat entlassen waren, kehrte der König
unter unermeßlicher Beute, mit Ruhm bedeckt, nach Susa zurück.

Wie schwer hatten die attischen Redner vor einem Jahrzehnt, als Artaxerxes
III. erst zu rüsten begann, die Gefahr für Hellas geschildert, wenn Ägypten
wieder persisch würde. Jetzt hatte man in Athen nur die Sorge um die
wachsende Macht des makedonischen Königs, der schon die Hand nach Perinth
und Byzanz ausstreckte. Freilich, Philipp mochte meinen, eilen zu müssen,
ehe die Persermacht -- denn griechische Söldner, griechische Bundesgenossen
fand sie so viele, als sie bezahlen wollte -- sich auf Europa stürze; über
sein Gebiet zuerst hätte sich die Flut der Barbaren ergossen.

Das Perserreich stand so gewaltig da wie in seinen besten Tagen; und daß es
gelernt hatte, mit griechischen Feldherren, griechischen Söldnern seine
Kriege zu führen, schien ihm eine neue Überlegenheit zu sichern, solange
die Griechenwelt blieb, wie sie war, voll vagabunder Kräfte, in zahllose
Autonomien zerrissen, in jeder Stadt immer wechselnde Parteiherrschaft. Der
Großkönig hatte das ganze Reich seiner Vorfahren wieder, bis auf das, was
Dareios und Xerxes jenseits des Hellespontes dem Reich einverleibt hatten,
Thrakien, Makedonien, Thessalien. In seinem Chiliarchen Bagoas, in dem
Rhodier Mentor besaß er zwei treffliche Werkzeuge zu weiterem Wirken;
miteinander in geschworener Gemeinschaft, dienten sie dem Herrn, lenkten
sie ihn, Bagoas allmächtig am Hofe und in den oberen Satrapien, Mentor mit
der Küste Kleinasiens betraut, zugleich, wie erscheint, als Karanos, wie
einst Kyros, an der Spitze der Kriegsmacht Kleinasiens.

Auf Mentors Antrag gewährte der Großkönig die Begnadigung des Artabazos,
des Memnon und ihrer Familien, die am makedonischen Hofe Zuflucht gefunden
hatten; sie kehrten zurück. Aus dieser Zeit Mentors ist ein Zug
überliefert, der bedeutsame Zusammenhänge erschließt. Ein Bithynier,
Eubulos, seines Zeichens ein Wechsler, hatte, wohl auf dem Wege der
Tributpachtung, die Stadt Atarneus, das feste Assos, die reiche Küste
gegenüber Lesbos an sich gebracht, sie seinem getreuen Hermeias vererbt,
einem dreimal entlaufenen Sklaven, wie man in dem klatschsüchtigen Athen
sagte; man kannte ihn dort als Schüler Platons, als Freund des Aristoteles;
nach Platons Tod folgte Aristoteles seiner Einladung nach Atarneus (348/47)
zu längerem Aufenthalt. Gegen diesen reichen »Tyrannen« wandte sich Mentor,
lud ihn, um ihm die Wege zur Gnade des Großkönigs zu zeigen, zu einer
Zusammenkunft ein, ließ ihn dann greifen, schickte ihn nach Susa, wo er ans
Kreuz geschlagen wurde; er selbst bemächtigte sich seiner Schätze, seines
Gebietes. Nur seine Nichte und Adoptivtochter rettete sich, flüchtete zu
Aristoteles; er nahm das verarmte, »aber sittsame und wackere Mädchen« zur
Frau.

Es war in der Zeit, da Philipp gegen die Thraker zog, Byzanz, Perinth
bedroht schienen. Demosthenes empfahl damals den Athenern, Gesandte an den
Großkönig zu schicken, ihm den Zweck der makedonischen Rüstungen
darzulegen; es sei ja einer der mächtigsten Freunde Philipps und Mitwisser
aller seiner Pläne bereits aufgegriffen und in des Königs Hand. Den
Perinthern sandte Arsites, der Satrap Phrygiens am Hellespont, Geld,
Proviant, Waffen, Soldtruppen unter dem Athener Apollodoros. Aber auf die
Bitte der attischen Gesandtschaft um persische Subsidien antwortete der
Großkönig in einem »sehr stolzen und barbarischen Schreiben«. Mochte er die
Athener nur verachten oder auch ihnen Verderben sinnen, die Dinge in Hellas
rollten rasch weiter, vollendeten sich in derselben Zeit, da ihn ein jähes
Ende traf.

Seit der glorreichen Rückkehr aus Ägypten saß er in seiner Hofburg, in
zügelloser Willkür und Grausamkeit herrschend. Alle fürchteten und haßten
ihn; der einzige, dem er Vertrauen schenkte, mißbrauchte es. Sein
Vertrauter Bagoas war ein Ägypter; dem Glauben und Aberglauben seines
Vaterlandes, zu dessen Untergang er selbst geholfen, ganz ergeben, hatte er
die Schändung der vaterländischen Heiligtümer und die Ermordung des
heiligen Apis nicht vergessen; je mehr im Reich und am Hofe die Erbitterung
gegen den Großkönig wuchs, desto kühner wurden die Pläne seines tückischen
Günstlings. Der Eunuch gewann den Arzt des Königs, ein Gifttrank machte dem
Leben des Verhaßten ein Ende; das Reich war in des Eunuchen Hand; um desto
sicherer seine Stelle zu behaupten, ließ er des Königs jüngsten Sohn Arses
zum König weihen, die Brüder desselben ermorden; nur einer, Bisthanes,
rettete sich. Das geschah etwa zu der Zeit der Schlacht von Chaironeia.

Bald empfand Arses den frechen Stolz des Eunuchen; er vergaß ihm nicht den
Mord seines Vaters und seiner Brüder. Bagoas eilte ihm zuvorzukommen; nach
kaum zweijähriger Regierung ließ er den König mit seinen Kindern ermorden;
zum zweiten Male war die Tiara in seinen Händen. Aber das königliche Haus
war verödet; durch Ochos' Hand waren Artaxerxes' II. Söhne, durch Bagoas
Ochos' Söhne und Enkel ermordet bis auf jenen Bisthanes, der sich durch die
Flucht gerettet hatte. Noch lebte ein Sohn jenes Dareios, dem sein Vater
Artaxerxes II. die Tiara gewährt, die erbetene Gunst versagt hatte, des
Namens Arbupalos; aber die Augen der Perser wandten sich auf Kodomannos,
der einer Seitenlinie des Achämenidenhauses angehörte; er war der Sohn des
Arsames, des Brudersohnes von Artaxerxes II., und der Sisygambis, einer
Tochter desselben Artaxerxes; in dem Kriege, den Ochos gegen die Kadusier
geführt, hatte er die Herausforderung ihres riesigen Anführers, da kein
anderer sich zu stellen wagte, angenommen und ihn bewältigt; damals war ihm
von den Persern der Preis der Tapferkeit zuerkannt, sein Name von alt und
jung gefeiert worden, der König Ochos hatte ihn mit Geschenken und
Lobpreisungen überhäuft, ihm die Satrapie Armenien gegeben. Mochte Bagoas
jener Stimmung der Perser nachgegeben, oder sich mit der Hoffnung
geschmeichelt haben, daß Kodomannos für die Tiara, die er durch ihn
erlangt, ihm ergeben bleiben werde; früh genug sollte er erkennen, wie sehr
er sich getäuscht hatte. Der König -- Dareios nannte er sich -- haßte den
Mörder und verachtete seinen Rat; Bagoas beschloß, ihn aus dem Wege zu
räumen, er mischte ihm Gift in den Becher; Dareios war gewarnt; er rief den
Eunuchen und hieß ihn, als wäre es ein Zeichen seiner Gunst, den Becher
trinken. So fand Bagoas eine späte Strafe.

Die Zügel der Herrschaft waren in der Hand eines Königs, wie ihn Persien
lange nicht gehabt hatte; schön und ernst, wie der Asiate sich gern seinen
Herrscher denkt, allen huldreich und von allen verehrt, an allen Tugenden
seiner großen Ahnen reich, und frei von den scheußlichen Lastern, die das
Leben des Ochos geschändet und zum Verderben des Reichs gemacht hatten,
schien Dareios berufen, das Reich, das er ohne Schuld und Blut erworben,
von den Schäden zu heilen, an denen es krankte. Keine Empörung störte den
Beginn seiner Herrschaft; Ägypten war dem Reiche wiedergegeben, Baktrien,
Syrien dem Könige treu und gehorsam; von den Küsten Ioniens bis an den
Indus schien Asien so sicher, wie seit lange nicht, geeint unter dem edlen
Dareios. Und dieser König sollte der letzte Enkel des Kyros sein, der über
Asien herrschte, gleich als ob ein unschuldiges Haupt büßen müsse, was
nicht mehr zu heilen war.

Schon stieg im fernen Westen das Wetter, das Persien vernichten sollte,
empor. Schon hatten die seeländischen Satrapen Botschaft gesandt, daß der
makedonische König mit den Staaten von Hellas Frieden und Bündnis
geschlossen habe, daß er sein Heer rüste, um mit dem nächsten Frühling in
die Provinzen Kleinasiens einzubrechen. Dareios wünschte auf jede Weise
diesen Krieg zu vermeiden; er mochte ahnen, wie sein ungeheures Reich, in
sich zerrüttet und abgestorben, nur eines äußeren Anstoßes bedürfe, um
zusammenzubrechen. So zögernd, versäumte er die letzte Frist, dem Angriff,
den er fürchtete, zuvorzukommen.

In derselben Zeit, da er das Königtum übernahm, sandte König Philipp die
ersten Truppen unter Parmenions und Attalos' Befehl über den Hellespont,
sich in den griechischen Städten der nächsten Satrapien festzusetzen. Schon
war an die Genossen des hellenischen Bundes die Weisung erlassen, ihre
Kontingente nach Makedonien, ihre Trieren zur makedonischen Flotte zu
senden. Er selbst gedachte demnächst aufzubrechen, um an der Spitze der
makedonisch-hellenischen Macht das Werk zu beginnen, für das er bisher
gearbeitet hatte.



  Zweites Kapitel

  Das makedonische Land, Volk, Königtum -- König Philipps II.
  innere Politik -- Der Adel; der Hof -- Olympias -- Alexanders
  Jugend -- Zerwürfnis im Königshause. Attalos -- Philipps II.
  Ermordung


Aber war Philipp, waren seine Makedonen Griechen, den Kampf gegen die
Perser im Sinne des hellenischen Volkes und der hellenischen Geschichte
übernehmen zu können?

Die Verteidiger der alten partikularistischen Politik und der hellenischen
»Freiheit« haben es oft bestritten, und ihr großer Wortführer Demosthenes
geht in seinem patriotischen Eifer so weit, zu versichern, daß Philipp
weder ein Hellene, noch mit Hellenen verwandt sei, sondern zu den Barbaren
gehöre, die nicht einmal zu Sklaven brauchbar seien.

Ältere Überlieferungen geben eine andere Auffassung. Äschylos läßt, wie
schon angeführt ist, den König Pelasgos von Argos sagen, sein Volk,
Pelasger nach ihm geheißen, wohne bis zu des Strymon klaren Wassern und
umfasse wie das Bergland Dodona, so das Land am Pindos und die weiten Gaue
Päoniens. Also dem alten Marathonkämpfer gelten die Völkerschaften, die das
Flußgebiet des Haliakmon und des Axios bewohnen, für gleichen Stammes mit
der alten Bevölkerung der Lande vom Olympos bis zum Tänaron, mit der im
Westen des Pindos. Der hohe Pindos, der Thessalien vom Bergland Dodona und
von Epiros scheidet, bildet in seinen nördlichen Fortsetzungen bis zum
Schar-Dagh, dem alten Skardos, die Scheidung zwischen Makedonien und
Illyrien; dann wendet sich das Gebirge nach Osten zu den Quellen des
Strymon und weiter südostwärts auf dessen linker Seite als Orbelos zur
Küste hinab, die natürliche Grenze des makedonisch-paionischen Gebietes
auch gegen die thrakischen Völker im Osten und Norden vollendend. In dem so
umschlossenen Gebiet durchbrechen der Haliakmon, der Axios mit seinen
Nebenflüssen, der Strymon eine zweite, eine dritte Gebirgsreihe, die, dem
Pindos-Skardos-Orbelos gleichsam konzentrisch, die innerste Küstenebene,
die von Pella und Thessalonike am Thermaischen Busen, umschließt; und der
Doppelkranz von Talkesseln, durch welche die drei Ströme hindurchbrechen
und, wenigstens der Axios und Haliakmon, in dieser Küstenebene einander
nahe das Meer erreichen, macht die Bevölkerung dieser Lande wie von Natur
in kantonale Stämme zerfallen, und die Ebene der Küste zu deren gemeinsamer
Mitte und Malstatt.

Nach den Erzählungen Herodots ist das Volk, das später den Namen Dorier
geführt, aus Thessalien gedrängt, an den Pindos in das Tal des Haliakmon
gezogen und hat dort den Namen Makedonen geführt. Andere Sagen lassen
Argeas, den Stammvater der Makedonen, von Argos in die Orestis, am
Quellgebiet des Haliakmon, ausziehen, und erklären damit den Namen
Argeaden, mit dem das Königshaus wohl genannt wird. Nach anderer
Überlieferung, die dann die landesübliche wurde, waren drei Brüder,
Herakliden aus dem Fürstengeschlecht von Argos, das vom Temenos abstammt,
nach Norden zu den Illyriern, dann weiter in das obere Land Makedoniens
gekommen, hatten sich dann in Edessa festgesetzt, an den mächtigen
Kaskaden, mit denen die Wasser in die weite, fruchtreiche Küstenlandschaft
treten. Hier in Edessa, das auch Aigai genannt wird, habe Perdikkas, der
jüngste der drei Brüder, das Königtum begründet, das dann in allmählichem
Wachstum die nächstgelegenen Landschaften Emathia, Mygdonia, Bottiäa,
Pieria, Amphaxitis in dem Namen der Makedonen vereinigte.

Sie gehörten zu denselben pelasgischen Stämmen, die einst alles hellenische
Land innegehabt hatten, und von denen auch andere später den Hellenen,
hinter deren Entwicklung sie zurückgeblieben, als Barbaren oder
Halbbarbaren erschienen. Die Religion, die Sitte der Makedonen bezeugt
diese Gemeinschaft; mögen an den Grenzen Vermischungen mit illyrischen,
mit thrakischen Stämmen stattgefunden haben, die makedonische Sprache
erweist sich als den älteren Dialekten der hellenischen nahestehend.

Bis in die späte Zeit ist in der makedonischen Kriegsverfassung der Name
der Hetairen in Übung geblieben. War derselbe, wie wohl nicht zu zweifeln,
mit der Gründung des Königtums in das Land gekommen, so hatten die
makedonischen Herakliden das gleiche Los mit ihren Vorfahren in dem
Peloponnes, in ein fremdes Land eingewandert, ihre Macht und ihr Recht auf
die Unterwerfung der dort Altheimischen gründen zu müssen; nur daß hier
mehr als in anderen dorischen Landen das Alte mit dem Neuen sich mischte
und zu einem Ganzen verschmolz, welches die Frische, aber auch die rohe
Derbheit der Väter, man möchte sagen die Heroenzeit in ihrer unpoetischen
Gestalt, bewahrte. Es gab da Sitten höchst altfränkischer Art; wer noch
keinen Feind getötet, mußte den Halfter umgegürtet tragen; wer noch keinen
Eber im freien Anlauf erlegt hatte, durfte beim Gastmahl nicht liegen,
mußte sitzen; bei der Leichenfeier hatte des Verstorbenen Tochter den
Scheiterhaufen, auf dem der Leichnam verbrannt war, auszulöschen; es wird
berichtet, daß die Trophäen des ersten Sieges, den Perdikkas über die
einheimischen Stämme davontrug, durch den Willen der Götter über Nacht von
einem Löwen umgerissen wurden, zum Zeichen, daß man nicht Feinde besiegt,
sondern Freunde gewonnen habe, und seitdem sei es makedonische Sitte
geblieben, über besiegte Feinde, ob Hellenen oder Barbaren, keine Trophäen
zu errichten; weder Philipp nach dem Tage von Chaironeia, noch Alexander
nach den Siegen über die Perser, die Inder, habe es getan.

In den Jahren dieser Siege schreibt Aristoteles: in den hellenischen Landen
habe sich das Königtum nur in Sparta, bei den Molossern und in Makedonien
erhalten; bei den Spartanern und Molossern, weil es in seiner
Machtvollkommenheit so beschränkt worden sei, daß die Könige nicht mehr
beneidet würden. Während allerorten sonst das Königtum, das sich in dem
niederen Volk eine Stütze zu gewinnen versäumt hatte, dem Emporkommen des
Herrenstandes erlegen war, während gegen diesen Herrenstand selbst das
niedere Volk, lange von allem Anteil an der Leitung des öffentlichen Lebens
ausgeschlossen und in Druck gehalten, sich endlich aufgelehnt, die edlen
Geschlechter ihrer Vorrechte beraubt und sie in das gleiche Recht des
demokratischen Gemeinwesens herabgezogen hatte, war Makedonien in seiner
altertümlichen Königsherrschaft geblieben, da hier die Elemente der Reibung
und des Hasses in dem Verhältnis der Stände nicht zur Ausbildung kamen; »an
Reichtum und Ehre über alle hervorragend«, sagt Aristoteles, blieb hier das
alte Königtum.

Es gab hier Gefahren anderer Art. Das Königtum gehörte dem königlichen
Geschlecht; aber die Erbfolge in demselben war nicht so fest normiert, daß
sie jeden Zweifel und Hader im voraus ausgeschlossen hätte. Je freier hier
die königliche Gewalt blieb, um so mehr forderte sie von dem, der sie
innehatte, persönliche Tüchtigkeit und Leistung; und nur zu oft geschah es,
daß Unmündige, Unfähige, Lässige dem tüchtigeren Bruder oder Vetter weichen
mußten. So hat nach Alexandros' I. Tod dessen jüngerer Sohn Perdikkas II.
nicht geruht, bis er seine älteren Brüder Amyntas, Philippos, Alketas zur
Seite geschoben hatte; so hat Perdikkas' Sohn Archelaos, der in
unrechtmäßiger Ehe geboren war, den rechtmäßigen Erben verdrängt und, ehe
er heranwuchs, ermordet. In anderen Fällen gab die Vormundschaft, die
geordnete Form der Prostasie die Handhabe zur Usurpation.

Dazu noch ein anderes. Mehrere Beispiele zeigen, daß jüngeren Söhnen des
Königs, auch wohl Fremden, Teile des Landes zu erblichem Besitz abgetreten
wurden, gewiß unter der Oberhoheit des Königs, aber doch mit so fürstlicher
Befugnis, daß sie auch zu Waffendienst aufbieten und eigene Truppen halten
durften. So hatte der jüngere Bruder des ersten Alexandros, Arrhidaios, das
Fürstentum Elymiotis im oberen Lande erhalten, und es blieb in dessen
Geschlecht; so des Perdikkas Bruder Philippos ein Gebiet am oberen Axios.
Das Königtum konnte nicht erstarken, wenn es diese Fürstenlinien nicht zur
Gefolgschaft zu halten vermochte, zumal solange die Paionen, die Agrianer,
die Lynkestier, andere Grenzgebiete unter selbständigen Fürsten ihnen
Rückhalt gaben. Zuerst Alexandros I., in der Zeit der Perserkriege, scheint
die Lynkestier, die Paionen, die Oresten, die Tymphaier zur Anerkennung der
makedonischen Oberhoheit gezwungen zu haben; aber die Fürsten dort
behielten ihren Fürstenstand und damit ihre fürstlichen Güter.

Von der Verfassung und Verwaltung Makedoniens[1] ist zu wenig überliefert,
als daß man sagen könnte, wie weit sich des Königs Macht erstreckt habe.
Wenn König Archelaos im letzten Jahrzehnt des Peloponnesischen Krieges eine
Fülle neuer Einrichtungen schaffen, wenn Philipp II. das Münzwesen seines
Landes, das bis dahin höchst ungleichartig gewesen war, neugestalten, wenn
er ein völlig neues Heerwesen schaffen konnte, so muß das Königtum eine
sehr weitgehende Befugnis regelnder Verordnung gehabt haben. Aber gewiß
bestimmte, was Recht sei, die Gewohnheit und das Herkommen, ergänzte den
Mangel der Verfassung. Man wird wohl sagen dürfen, daß das Königtum ebenso
weit von asiatischer Despotie, wie das Volk von Leibeigenschaft und
sklavischer Unterwürfigkeit entfernt war; »die Makedonen sind freie
Männer«, sagt ein alter Schriftsteller, nicht Penesten, wie die Masse des
Volkes in Thessalien, nicht Heloten, wie im spartanischen Lande, sondern
ein Bauernvolk, gewiß nicht ohne freien und erblichen Besitz, gewiß nicht
ohne Gemeindeverfassung mit Ortsversammlung und Ortsgericht, alle zu den
Waffen pflichtig, wenn der König das Land aufruft. Noch in später Zeit gilt
das Heer als versammeltes Volk, wird zur Volksversammlung berufen zu
Beratung und Gericht.

    [1] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

In diesem Heere tritt deutlich ein zahlreicher Adel hervor unter dem Namen
der »Hetairen«, der Kriegsgesellen, wie ihn schon die homerischen Gesänge
kennen. Diesen Adel wird man kaum als Herrenstand bezeichnen dürfen; was
ihn auszeichnete, war wohl nur größeres Besitztum, die Erinnerung edler
Abstammung, nähere Beziehung zur Person des Königs, der treue Dienste mit
Ehren und Geschenken belohnte. Selbst die Familien von fürstlichem Adel,
die früher in den oberen Landschaften selbständige Herrschaft gehabt und,
nachdem sie von dem mächtigeren Königtum Makedoniens abhängig geworden,
doch den Besitz ihres Territoriums behalten hatten, traten wohl mit ihrem
Volk in die Verhältnisse ein, welche für das Königsland galten. Größere
Städte in hellenischem Sinne gab es in diesem Bauern- und Adelslande nicht;
die an der Küste liegenden waren hellenische Kolonien, selbständige
Gemeinwesen, im bewußten Gegensatz gegen das Binnenland.

Gegen die Zeit der Perserkriege, namentlich unter dem ersten Alexandros,
»dem Philhellenen«, wie Pindar ihn nennt, begannen lebhaftere Beziehungen
Makedoniens zum Griechentum. Schon dessen Vater hatte dem aus Athen
geflüchteten Hippias, Peisistratos' Sohn, Zuflucht und Besitz in seinem
Lande angeboten. Alexandros selbst, der dem Heere der Perser nach Hellas
folgen mußte, tat, was er konnte -- man erinnere sich der Schlacht bei
Platää --, den Hellenen hilfreich zu sein; ihm wurde auf Grund seiner
nachgewiesenen Abstammung von den Temeniden von Argos die Zulassung zu den
olympischen Wettkämpfen gewährt, als Anerkennung, daß er Hellene sei.

Wie er, so waren seine nächsten Nachfolger, mit mehr oder minder Geschick
und Kraft darauf gewandt, ihr Land in unmittelbaren Zusammenhang mit dem
Verkehr, dem politischen Leben und der Bildung der Hellenen zu bringen. Die
Nähe der reichen und handelskundigen Kolonien in Chalkidike, die durch sie
veranlaßten vielfachen Berührungen mit den Hauptmächten von Hellas, die um
deren Besitz kämpften und den Einfluß Makedoniens suchten oder fürchteten,
die fast ununterbrochenen Kämpfe in Hellas selbst, welche manchen berühmten
Namen die Heimat zu meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre
zu suchen veranlaßten, das alles begünstigte die Fortschritte Makedoniens.

Vor allem wichtig und erfolgreich war die Zeit des Königs Archelaos;
während das übrige Hellas von dem Peloponnesischen Kriege verwirrt und
zerrissen wurde, schritt unter seiner umsichtigen Leitung Makedonien rasch
vorwärts; er baute feste Plätze, deren bisher das Land entbehrt hatte; er
legte Straßen an; er entwickelte die begonnene Ordnung des Heerwesens; »er
tat in allem«, sagt Thukydides, »mehr für Makedonien als die acht Könige
vor ihm«. Er stiftete Festspiele nach Art der hellenischen, die bei Dion,
unfern dem Grabe des Orpheus, dem olympischen Zeus und den Musen gefeiert
wurden, gymnische und musische. Sein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und
Künstlern aller Art und der Vereinigungspunkt des makedonischen Adels,
wurde das Vorbild für das Volk und dessen fortschreitende Entwicklung;
Archelaos selbst galt den Zeitgenossen für den reichsten und glücklichsten
Menschen der Welt.

Nach ihm begann schwerer als zuvor innerer Hader, vielleicht von einer
Reaktion gegen die Neuerungen der sich sammelnden Königsmacht veranlaßt
oder geschürt, gerichtet zugleich gegen die neue Bildung und Sitte, für die
das Königtum eingetreten war; Tendenzen, die der Lage der Sache nach in den
Fürstengeschlechtern und einem Teil der Hetairen ihre Träger fanden und von
der Politik der leitenden Staaten in Hellas bestens gefördert wurden,
während die Masse des Volkes, so scheint es, dabei gleichgültig blieb.

Schon gegen König Archelaos hatte sich der Lynkestierfürst Arrhabaios in
Verbindung mit dem elymiotischen Sirrhas in Waffen erhoben, vielleicht
unter dem Vorwand, die Beseitigung des echten Erbfolgers zu rächen,
vielleicht für Amyntas, des Arrhidaios Sohn, Enkel des Amyntas, den
Perdikkas zur Seite geschoben hatte, den Nächstberechtigten aus dem
königlichen Hause. Archelaos hatte den Frieden damit erkauft, daß er seine
Töchter, die ältere dem Sirrhas von Elymiotis, die jüngere dem Amyntas
vermählte. Dann wurde er, wie es heißt, durch Zufall auf der Jagd getötet.
Ihm folgte sein unmündiger Sohn Orestes unter Vormundschaft des Äropos,
aber der Vormund ermordete ihn, wurde selbst König. Äropos ist gewiß der
Sohn jenes Arrhabaios, aus dem bakchiadischen Fürstengeschlecht der
Lynkestis an der Grenze der Illyrier, mit deren Hilfe seine Vorfahren so
oft gegen die Könige von Makedonien gekämpft hatten; was Äropos, seine
Söhne und Enkel in den folgenden sechzig Jahren getan, bezeichnet sie als
die steten Gegner der neuen monarchischen Tendenzen des Königshauses, als
Vertreter des althergebrachten loseren Zustandes. Immer neue Empörungen und
Thronwechsel, die folgen, sind der Beweis für das Ringen des
Königsgeschlechtes und der partikularistischen Richtungen.

Äropos verstand das Königtum zu behaupten; aber als er 392 starb,
bemächtigte sich Amyntas der Kleine der Gewalt; ihn ermordete Derdas 391,
und des Äropos Sohn Pausanias wurde König. Wieder diesen verdrängte jener
Amyntas, des Arrhidaios Sohn (390-369); die älteste Linie des Königshauses
trat mit ihm wieder in ihr Recht.

Die Jahre seiner Regierung sind voller Wirren, die das zerrüttete
Makedonien zur leichten Beute jedes Überfalles zu machen schienen.
Vielleicht von den Lynkestiern herbeigerufen, brachen die Illyrier
verheerend in das Land, besiegten des Königs Heer, zwangen ihn selbst zur
Flucht über die Grenzen. Zwei Jahre lang hatte Argaios das Königtum inne,
ob aus dem Königshause, ob ein Bruder des Pausanias, ob ein Lynkestier, muß
dahingestellt bleiben. Aber mit thessalischer Hilfe kam Amyntas zurück,
gewann das Königtum wieder, freilich in elendem Zustande; die Städte, die
Landschaften an der Küste waren in der Gewalt der Olynthier, selbst Pella
schloß dem Könige die Tore. Daß er sich mit Eurydike vermählte, die beiden
Fürstenhäusern, dem von Elymais und von Lynkestis, angehörte, mag geschehen
sein, um endlich Versöhnung zu schaffen.

Es folgten die Wirkungen des Antalkidischen Friedens, der Zug der Spartaner
gegen Olynthos; Amyntas schloß sich dem Zuge an, auch Derdas, der Fürst der
Elymiotis, folgte mit 400 Reitern. Aber man kam nicht so bald zum Ziel;
Derdas wurde gefangen. Und nachdem endlich (380) Olynth gebrochen war,
erhob sich Theben, es folgten Spartas Niederlagen bei Naxos, bei Leuktra;
Olynth erneuerte den Chalkidischen Bund; Jason von Pherai vereinte die
Macht Thessaliens, nötigte wie Alketas von Epiros, so Amyntas III. in
seinen Bund zu treten; an der Schwelle großer Erfolge wurde er ermordet
(370). Der schwache Amyntas hätte sich seiner Oberhoheit nicht zu erwehren
vermocht. Er starb wenig später: ihm folgte der älteste seiner drei Söhne,
Alexandros II.; von seiner Mutter, der Elymiotin, kam ihm ein rasches
Verderben. Sie hatte schon lange geheime Buhlschaft mit Ptolemaios, aus
unbekanntem Geschlecht, dem Mann ihrer Tochter, gehabt; sie veranlaßte ihn,
während Alexandros, von den Thessaliern zu Hilfe gerufen, glücklich
kämpfte, die Waffen gegen ihn zu erheben; er behauptete gegen den
Heimeilenden das Feld; dann eilte Theben, sich einzumischen, es galt
Makedonien zu lähmen, bevor es weitere Erfolge in Thessalien gewann;
Pelopidas stiftete einen Vergleich, nach dem Alexandros dreißig Edelknaben
als Geiseln stellte, Ptolemaios, so scheint es, ein Teilfürstentum mit der
Stadt Aloros -- nach dieser wird er genannt -- erhielt. Ein Vergleich, der
nur gemacht schien, den König sicherer zu verderben; während eines
festlichen Tanzes wurde er ermordet: dem Mörder gab die Mutter ihre Hand
und, unter dem Namen der Vormundschaft für ihre jüngeren Söhne Perdikkas
und Philippos, das Königtum (368-365). Gegen ihn erhob sich, von vielen
Makedonen gerufen, von der Chalkidike kommend, Pausanias -- er heißt »aus
dem Königshause«; von welcher Linie desselben er stammt, ist nicht mehr zu
erkennen. Er machte rasche Fortschritte; Eurydike flüchtete mit ihren
beiden Kindern zu Iphikrates, der mit attischer Macht in der Nähe war; er
schlug den Aufstand nieder. Aber fester stand darum Ptolemaios nicht; die
Ermordung Alexanders war ein Bruch des Vertrages mit Theben; an Pelopidas,
der mit einem Heere in Theben stand, wandten sich die Freunde des
Ermordeten; er kam mit einem rasch geworbenen Heere; aber des Ptolemaios
Gold zerrüttete es; Pelopidas begnügte sich, einen neuen Vertrag mit ihm zu
schließen; als Pfand seiner Treue stellte Ptolemaios 50 Hetairen und seinen
Sohn Philoxenos; vielleicht war es bei diesem Anlaß, daß auch Philippos
nach Theben kam.

Aber Perdikkas III., sowie er herangewachsen war, rächte den Mord seines
Vaters mit dem Morde des Usurpators. Sich dem Einflusse Thebens zu
entziehen, hielt er sich zu Athen, kämpfte an Timotheos' Seite mit Ruhm
gegen die Olynthier. Dann aber brachen, vielleicht von den Lynkestiern
aufgerufen, die Illyrier über die Grenze herein; er kämpfte anfangs
glücklich gegen sie, dann in einer großen Schlacht fand er und 4000 Mann
den Tod; das Land wurde weithin von den Illyriern verwüstet, die Paionen
brachen von Norden ins Land.

Unter solchen Umständen übernahm Philippos das Regiment 359, zunächst für
des Perdikkas unmündigen Sohn Amyntas. Er war schon -- wohl seit des
Ptolemaios Ende -- im Lande; nach einem Vergleich, zu dem Platon dem
Perdikkas geraten haben soll, war ihm ein Teilfürstentum zugewiesen worden;
die Truppen, die er dort hielt, gaben ihm einen ersten Anhalt. Die Gefahr
war groß; die Illyrier, die Paionen standen im Lande, es kamen die älteren
Prätendenten Argaios, Pausanias, von Athen, von den Thrakerfürsten
unterstützt; drei Bastardsöhne seines Vaters forderten das Königtum. Von
dem bereiten Willen des Landes gestützt, überstand Philipp die erste Not;
mit Vorsicht, Gewandtheit, Entschlossenheit rettete er das Reich vor den
Illyriern, Thrakern, Paionen, das Königtum vor den Prätendenten, das
königliche Haus vor neuen Intrigen und Verwirrungen. Und als die Athener,
die die Torheit gehabt hatten, der gemeinsamen Sache wider ihn für seine
Anerkennung ihres Anspruchs auf Amphipolis den Rücken zu kehren, über seine
Erfolge in Sorge gerieten und mit »Grabos dem Illyrier, Lyppeios dem
Paionen und Ketriporis dem Thraker und seinen Brüdern« ein Schutz- und
Trutzbündnis schlossen, damit Barbareneinbrüche von drei Seiten zugleich
die Macht Makedoniens brächen, ehe sie völlig gesammelt wurde und
erstarkte, da war Philipp -- schon hatte er Amphipolis genommen und die
Bürgerschaft gewonnen -- rasch an den Grenzen, und die Barbaren, die noch
lange nicht zum Werk fertig waren, mußten eilen, sich zu unterwerfen.

Um 356 waren die Grenzen gegen die Barbaren bis auf weiteres gesichert. In
kurzem schwanden die Parteien am Hofe; von der der Lynkestier waren
Ptolemaios und Eurydike tot; einer von den Söhnen des Äropos, Alexandros,
wurde später durch Vermählung mit des treuen Antipatros Tochter, die beiden
anderen, Heromenes und Arrhabaios, durch andere Gnaden gewonnen,
Arrhabaios' Söhne Neoptolemos und Amyntas am Hofe erzogen. Die beiden
Prätendenten Argaios und Pausanias verschwinden in der geschichtlichen
Überlieferung. Den rechtmäßigen Thronerben endlich, des Perdikkas Sohn
Amyntas, in dessen Namen Philipp im Anfange die Regierung geführt hatte,
knüpfte er, als er erwachsen war, durch die Vermählung seiner Tochter Kynna
an sein Interesse.

So war Makedonien in der Hand eines Fürsten, der mit Planmäßigkeit und
Gewandtheit die Kräfte seines Reiches zu entwickeln, zu benutzen und bis zu
dem Grade zu erhöhen verstand, daß sie dem großen Gedanken, an der Spitze
des Griechentums gegen die Persermacht in die Schranken zu treten,
schließlich gewachsen waren. In den geschichtlichen Überlieferungen, wie
sie uns vorliegen, sind über die staunenswürdigen Erfolge des Königs die
Machtelemente, durch welche sie errungen wurden, vergessen; und während sie
die Hand, die einen Staat Griechenlands nach dem anderen zu sich
herüberzog, in jedem einzelnen ihrer schlauen Griffe beobachten, lassen sie
uns über den Körper, dem diese Hand angehört, und dem sie ihre Kraft und
Sicherheit dankt, fast völlig im Dunkeln; das verführerische Gold, das sie
dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spenden lassen, erscheint fast
als das einzige oder doch wesentliche Mittel, mit dem Philipp gewirkt.

Faßt man das innere Leben seines Staates näher ins Auge, so treten deutlich
zwei Momente hervor, die, schon früher angeregt, aber durch Philipp erst zu
ihrer ganzen Bedeutung entwickelt, die Basis seiner Macht wurden.

»Mein Vater«, sagt Alexander bei Arrian zu den meuternden Makedonen in Opis
324, »übernahm euch, als er König wurde, umherziehend, mittellos, die
meisten in Felle gekleidet, auf den Bergen Schafe weidend und elend genug
zu deren Schutz gegen die Illyrier, Thraker und Triballer kämpfend; er hat
euch die Chlamys der Soldaten gegeben, euch in die Ebene hinabgeführt, euch
gelehrt, den benachbarten Barbaren im Kampf gewachsen zu sein.« Gewiß war
früher schon, wenn es Krieg gab, jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach
Beendigung des Krieges wieder zu seinem Pflug oder zu seiner Herde
zurückzukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung übernahm,
die Kämpfe, mit denen er namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung
sein von allen Seiten bedrohtes Land zu schützen hatte, gaben Veranlassung,
das, was schon König Archelaos begonnen, vielleicht die dann folgenden
inneren Wirren wieder zerrüttet hatten, wiederaufzunehmen und weiter zu
entwickeln. Auf Grund jener Kriegspflicht schuf er ein Nationalheer, das,
fort und fort gesteigert, schließlich wohl 40 000 Mann zählte.

Er verstand nicht bloß, es zu formieren, sondern ihm Zucht und militärische
Tüchtigkeit zu geben. Es wird berichtet, daß er den unnützen Troß, die
Bagagewagen des Fußvolkes abschaffte, den Reitern nur je einen Pferdeknecht
gestattete, daß er oft, auch in der Sommerhitze, marschieren, oft Märsche
von 6-7 Meilen, mit vollem Gepäck und Proviant für mehrere Tage, machen
ließ. So strenge war die Zucht des Heeres, daß in dem Kriege von 338 zwei
hohe Offiziere, die sich eine Lautenschlägerin mit ins Lager gebracht
hatten, verabschiedet wurden. Mit dem Dienst selbst entwickelte sich die
feste Ordnung von Befehlenden und Gehorchenden und eine Stufenfolge des
Ranges, in der nur Verdienst und anerkannte Tüchtigkeit steigen ließ.

Die Erfolge dieser Militärverfassung zeigten sich bald. Sie bewirkte, daß
sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als ein Ganzes, die
Makedonen als _ein_ Volk fühlen lernten; sie machten es möglich, daß die
neugewonnenen Gebiete mit dem alten Makedonien zusammenwuchsen. Vor allem,
sie gab in dieser Einheit und in dem militärischen Typus, der fortan
vorherrschend wurde, dem makedonischen Volk das Selbstgefühl kriegerischer
Tüchtigkeit und die ethische Kraft fester Ordnung und Unterordnung, deren
Spitze der König selbst war. Und wieder bot ihm für seine Zwecke das
Bauernvolk seines Landes ein fügsames und derbes Material, der Adel der
Hetairen die Elemente zu einem Offizierstande voll Ehrgefühl und Wetteifer
sich auszuzeichnen. Ein Heer dieser Art mußte den Söldnerhaufen oder gar
dem herkömmlichen Bürgeraufgebot der hellenischen Staaten, ein Volkstum
von dieser Derbheit und Frische dem überbildeten, in Demokratie und
städtischem Leben überreizten oder abgestumpften Griechentum überlegen
sein. Die Gunst des Schicksals hatte diesem makedonischen Lande die alte
Kraft und Art erhalten, bis es demselben zuteil wurde, sie in großen
Aufgaben zu bewähren; sie hatte hier in dem Kampf des Königtums mit dem
Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenstande,
sondern dem Königtum den Sieg gegeben. Und dieses Königtum eines freien und
kräftigen Bauernvolkes, diese militärische Monarchie gab jetzt diesem Volke
die Form, die Kraft und Richtung, welche auch die Demokraten in Hellas wohl
als wesentlich erkannt, aber festzuhalten und zu dauernden Organisationen
zu entwickeln nicht vermocht hatten.

Dagegen mußte die Bildung, das eigenste Ergebnis des hellenischen Lebens,
ganz und völlig dem makedonischen Volksleben gegeben, so das schon von
früheren Fürsten Begonnene fortgesetzt werden. Das Vorbild des Königs und
seines Hofes war hier von der größten Wichtigkeit, und der Adel des Landes
trat bald in die ebenso natürliche wie wirksame Stellung, den gebildeten
Teil der Nation auszumachen; ein Unterschied, der sich in solcher Art in
keinem der griechischen Hauptstaaten zu entwickeln vermocht hatte, da die
Spartaner alle roh und den Heloten und Perioiken ihres Landes gegenüber nur
Herren waren, die freien Athener aber sich wenigstens selbst ohne Ausnahme
für höchst gebildet hielten, während andererorts freilich mit der
Demokratie der Herrenstand aufgehört hatte, aber um mit dem Unterschiede
von reich und arm das Niveau des geistigen Lebens desto sicherer sinken zu
machen.

Philipp hatte in den Tagen des Epaminondas in Theben gelebt; ein Schüler
des Platon, Euphraios von Oreos, hatte früh auf sein Schicksal Einfluß
gehabt; ihn selbst nennt Isokrates einen Freund der Literatur und der
Bildung; daß er Aristoteles zum Lehrer seines Sohnes berief, bezeugt es. Er
sorgte, so scheint es, durch Einrichtung von Lehrvorträgen aller Art, die
zunächst für die Edelknaben in seiner Umgebung bestimmt waren, für die
Bildung des jungen Adels, den er so viel als möglich an den Hof zu ziehen,
an seine Person zu fesseln und für den unmittelbaren Dienst des Königtums
vorzuüben suchte. Als Edelknaben und bei reiferer Jugend in den Scharen der
Hetairen als Leibwächter (Somatophylakes) des Königs, als Kommandierende
bei den verschiedenen Abteilungen des Heeres, in Gesandtschaften an
hellenische Staaten, wie sie so häufig vorkamen, hatte der Adel Gelegenheit
genug, sich auszuzeichnen oder den Lohn für geleistete Dienste zu
empfangen; überall aber bedurfte er jener Bildung und attischen Sitte, wie
sie der König wünschte und selbst besaß. Sein eifrigster Gegner mußte
gestehen, daß Athen kaum einen an feiner Geselligkeit ihm Ähnlichen
aufzuweisen habe; und wenn es an seinem Hofe für gewöhnlich nach der derben
makedonischen Art mit Gelagen und Lärm und Trunkenheit herging,
»zentaurenhaft, lästrygonenhaft«, wie Theopomp sagt, so waren die Hoffeste,
der Empfang fremder Gesandtschaften, die Feier der großen Spiele desto
glänzender nach hellenischer Art und Geschmack, alles prächtig und
großartig, nichts kleinlich und karg. Die Domänen des Königshauses, die
Grundsteuern des Landes, die Zölle der Häfen, die Bergwerke am Pangaion,
die jährlich an 1000 Talent Ertrag gaben, vor allem die Ordnung und
Wirtschaftlichkeit der Verwaltung, die Philipp durchgeführt, machten sein
Königtum so überlegen, wie es in der hellenischen Welt nur einmal
vorgekommen war, in der perikleischen Zeit Athens.

Selbst attischen Gesandten konnte der Hof von Pella mit seiner Opulenz,
seinem militärischen Glanz, dem Adel, der dort versammelt war, wohl
imponieren. Mehrere dieser edlen Geschlechter, wie schon bemerkt, waren
fürstlichen Ursprungs; so das Bakchiadengeschlecht von Lynkestis; so das
Geschlecht des Polysperchon, fürstlich im tymphaiischen Lande; so das des
Orontes, dem die Landschaft Orestis gehört zu haben scheint; des Orontes
älterer Sohn Perdikkas erhielt die Führung der Phalanx von Orestis,
derselben, wie es scheint, welche, als er selbst Hipparch wurde, an seinen
Bruder Alketas überging. Das bedeutendste unter diesen fürstlichen
Geschlechtern, eine Seitenlinie des Königshauses, war das von Elymiotis,
entstammt von dem oben erwähnten Fürsten Derdas aus der Zeit des
Peloponnesischen Krieges; um das Jahr 380 hatte ein zweiter Derdas den
Besitz des Landes und war damals, mit Amyntas von Makedonien und den
Spartanern verbündet, gegen Olynth gezogen; später wird er als von den
Olynthiern gefangen erwähnt. Wenn Philippos dessen Schwester Phila zur
Gemahlin genommen hat, so wird er damit ihn fester an sich zu ketten oder
ein Zerwürfnis auszugleichen bezweckt haben. Des Derdas Brüder, Machatas
und Harpalos werden in des Königs Umgebung erwähnt. Aber es blieben
zwischen Philipp und dieser Familie Spannungen, die nicht immer geschickt
genug verhehlt wurden, und die der König vielleicht absichtlich nährte, um
durch zweifelhafte Gunst sie etwas fern und in Besorgnis zu halten; kaum
konnte Machatas in einer Rechtssache, in welcher der König zu Gericht saß,
einen gerechten Spruch erlangen, und Philipp unterließ nicht, eine
Unrechtlichkeit, die ein Verwandter des Hauses sich zuschulden kommen
lassen, zur öffentlichen Kränkung der Familie zu benutzen; die Bitten, die
des Machatas Bruder für ihn einlegte, wurden nicht ohne Schärfe
zurückgewiesen.

Von den zahlreichen edlen Geschlechtern, die an dem Hofe von Pella
versammelt waren, verdienen zwei wegen ihrer besonderen Wichtigkeit
Erwähnung, das des Jollas und des Philotas. Philotas' Sohn war jener treue
und besonnene Feldherr Parmenion, dem Philipp wiederholt die Führung der
wichtigsten Expeditionen anvertraute; ihm dankte er den Sieg über die
Dardaner 356, durch ihn ließ er 343 Euboia besetzen; Parmenions Brüder
Asandros und Agathon, noch mehr seine Söhne Philotas, Nikanor und Hektor
nahmen später bedeutenden Anteil an dem Ruhme des Vaters; seine Töchter
verbanden sich mit den vornehmsten Söhnen des Landes: die eine mit Koinos,
dem Phalangenführer, die andere mit Attalos, dem Oheim einer späteren
Gemahlin des Königs. In nicht minder einflußreicher und ehrenvoller
Stellung war des Jollas Sohn Antipatros oder, wie ihn die Makedonen
nannten, Antipas; das bezeichnet des Königs Wort: »Ich habe ruhig
geschlafen, denn Antipas wachte«; seine erprobte Treue und die nüchterne
Klarheit, mit der er militärische wie politische Verhältnisse auffaßte,
machten ihn für das hohe Amt eines Reichsverwesers, das er bald genug
einnehmen sollte, vollkommen geeignet; die Vermählung mit seiner Tochter
schien das sicherste Mittel, die hohe Familie der Lynkestier zu gewinnen;
seine Söhne Kassandros, Archias und Jollas erhielten erst später Bedeutung.

So der Hof, so die Nation, wie sie durch Philipp gestaltet waren; man darf
hinzufügen, daß das monarchische Element in dem makedonischen Staatsleben
ebenso durch die geschichtliche Stellung dieses Staates, wie durch die
Persönlichkeit Philipps ein entschiedenes Übergewicht erhalten mußte. Erst
in dem Ganzen dieses Zusammenhanges ist des Königs Charakter und
Handlungsweise begreiflich. In dem Mittelpunkte von Widersprüchen und
Gegensätzen der eigentümlichsten Art, Grieche im Verhältnis zu seinem
Volke, Makedone für die Griechen, war er jenen um die hellenische List und
Hinterlist, diesen um die makedonische Derbheit und Tatkraft voraus, beiden
überlegen an scharfer Fassung seiner Ziele, an folgerichtiger Durchführung
seiner Entwürfe, an Verschwiegenheit und Raschheit in der Ausführung. Er
verstand seinen Gegnern stets ein Rätsel zu sein, ihnen immer anders, an
anderer Stelle, in anderer Richtung zu erscheinen, als sie erwarteten. Von
Natur zu Wollust und Genuß geneigt, war er in seinen Neigungen ebenso
rücksichtslos wie unbeständig; oft schien er von seinen Leidenschaften
völlig beherrscht zu werden und war doch in jedem gegebenen Fall ihrer
völlig Herr, so nüchtern und kalt, wie es seine Zwecke forderten; und man
kann zweifeln, ob in seinen Tugenden oder in seinen Fehlern mehr sein
eigenstes Wesen hervortrat. In ihm stellt sich die Bildung seines
Zeitalters, ihre Glätte, Klugheit, Frivolität, ihre Verbindung von großen
Gedanken und raffinierter Geschmeidigkeit wie in _einem_ Bilde dar.

Das entschiedene Gegenteil von ihm war seine Gemahlin Olympias[2], die
Tochter des Epirotenkönigs Neoptolemos, aus dem Geschlechte Achills;
Philipp hatte sie in seinen jungen Jahren bei der Mysterienfeier auf
Samothrake kennengelernt und sich mit Einwilligung ihres Vormundes und
Oheims Arybbas mit ihr vermählt. Schön, verschlossen, voll tiefer Gluten,
war sie dem geheimnisvollen Dienste des Orpheus und Bacchos, den dunklen
Zauberkünsten der thrakischen Weiber eifrigst ergeben; in den nächtlichen
Orgien, so wird berichtet, sah man sie vor allen in wilder Begeisterung,
den Thyrsos und die Schlange schwingend, durch die Berge stürmen; ihre
Träume wiederholten die phantastischen Bilder, deren ihr Gemüt voll war;
sie träumte, so heißt es, in der Nacht vor der Hochzeit, es umtose sie ein
mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Schoß, daraus
dann ein wildes Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen
verschwinde.

    [2] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Wenn die Überlieferung sagt, daß außer vielen anderen Zeichen in der Nacht,
da Alexander geboren wurde, der Artemistempel zu Ephesos mit seinem
Megabyzos an der Spitze seiner Verschnittenen und Hierodulen den Hellenen
ein echt morgenländisches Heidentum, niedergebrannt sei, daß ferner der
König Philipp die Nachricht von der Geburt seines Sohnes zu gleicher Zeit
mit drei Siegesbotschaften erhielt, so spricht sie sagenhaft den Sinn des
reichsten Heldenlebens und den großen Gedanken eines Zusammenhanges aus,
wie ihn die Forschung nachzuweisen sich oft umsonst bemüht und öfter
überhoben hat.

Von König Philipp sprechend, sagt Theopompos: »Nie hat, alles in allem
gerechnet, Europa einen solchen Mann getragen, wie den Sohn des Amyntas.«
Aber das Werk, in dem er das Ziel seines Lebens sah, zu vollbringen, fehlte
ihm, dem Zähen, Rechnenden, mit unverdrossener Arbeit sich Mühenden, ein
letztes Etwas, das auf seinem Wege nicht lag. Er mag jenen Gedanken als
Mittel ergriffen haben, die Griechenwelt zu einigen, den Blick seiner
Makedonen hoch und höher zu heben; es war der Gedanke, den die Bildung, die
Geschichte des Griechentums ihm gab; die Notwendigkeit der Verhältnisse, in
denen er so lange, so schwer zu ringen hatte, trieb ihn zu diesem Gedanken,
nicht die Notwendigkeit und die unwiderstehliche Macht dieses Gedankens zu
dessen Ausführung; man möchte zweifeln, ob er an ihn glaubte, wenn man ihn
in immer neuen Vorbereitungen zögern und zur Seite lenken sieht; gewiß
waren diese erforderlich; aber den Ossa auf den Pelion türmend, erreicht
man den Olymp der Götter doch nicht. Wohl sah er jenseits des Meeres das
Land der Siege und der Zukunft Makedoniens; dann aber trübte sich sein
Blick, und seine Pläne umwölkten sich mit den luftigen Gestaltungen seiner
Wünsche. Dasselbe Verlangen nach dem großen Werke teilte von ihm sich
seinen Umgebungen, dem Adel, dem gesamten Volke mit, es wurde der stets
durchdringende Grundton des makedonischen Lebens, das lockende Geheimnis
der Zukunft: man kämpfte gegen die Thraker und siegte über die Griechen;
aber der Orient war das Ziel, für das man kämpfte und siegte.

Unter solchen Umgebungen verlebte Alexander seine Kinderjahre, und früh
genug mögen die Sagen vom Morgenlande, vom stillen Goldstrom und dem
Sonnenquell, dem goldenen Weinstock mit smaragdenen Trauben, und der
Nysawiese des Dionys des Knaben Seele beschäftigt haben; dann wuchs er
heran und hörte von den Siegen bei Marathon und Salamis und von den
heiligen Tempeln und Gräbern, die der Perserkönig mit seinen Sklavenheeren
zerstört und geschändet habe, und wie damals auch sein Ahnherr, der erste
Alexandros, den Persern Erde und Wasser habe darbringen, ihnen Heeresfolge
gegen die Hellenen leisten müssen, wie nun Makedonien nach Asien ziehen und
die Ahnen rächen werde. Als einst Gesandte aus der persischen Königsburg
nach Pella kamen, fragte er sie sorgsam nach den Heeren und Völkern dieses
Reichs, nach Gesetz und Brauch, nach Verfassung und Leben der Völker; die
Perser erstaunten über den Knaben.

Von nicht minderer Wichtigkeit war, daß Aristoteles, der größte Denker des
Altertums, des Heranwachsenden Lehrer wurde (345-344). Philipp soll bei der
Geburt seines Sohnes ihn darum ersucht, er soll ihm geschrieben haben:
»Nicht daß er geboren ist, sondern daß er in Deinen Tagen geboren ist,
macht mich froh; von Dir erzogen und gebildet wird er unserer würdig und
der Bestimmung, die einst sein Erbe ist, gewachsen sein.« Der die Welt dem
Gedanken erobert hat, erzog den, der sie mit dem Schwerte erobern sollte;
ihm gebührt der Ruhm, dem leidenschaftlichen Knaben die Weihe und Größe
der Gedanken, den Gedanken der Größe gegeben zu haben, der ihn den Genuß
verachten und die Wollust fliehen lehrte, der seine Leidenschaft adelte und
seiner Kraft Maß und Tiefe gab. Alexander bewahrte für seinen Lehrer
allezeit die innigste Verehrung: seinem Vater danke er nur sein Leben,
seinem Lehrer, daß er würdig lebe.

Unter solchen Einflüssen bildete sich sein Genius und sein Charakter; voll
Tatenlust und Ruhmbegier trauerte er wohl um die Siege seines Vaters, die
ihm nichts mehr zu tun übriglassen würden. Sein Vorbild war Achilles, aus
dessen Geschlecht er sich gern entstammt zu sein rühmte, und dem er durch
Ruhm und Leid ähnlich werden sollte. Wie jener seinen Patroklus, so liebte
er den Freund seiner Jugend, Hephaistion; und wenn er seinen großen
Ahnherrn glücklich pries, daß Homer der Nachwelt das Gedächtnis seiner
Taten überliefert habe, so ist die Heldensage der morgen- und
abendländischen Völker nicht müde geworden, den Namen Alexanders mit allem
Wunderglanz menschlicher und übermenschlicher Größe zu schmücken. Er liebte
mehr seine Mutter als seinen Vater; von jener hatte er den Enthusiasmus und
die tiefe Innigkeit des Empfindens, die ihn in der Reihe der Helden alter
und neuer Zeit unterscheidet. Dem entsprach sein Äußeres: sein scharfer
Gang, sein funkelnder Blick, das zurückfliegende Haar, die Gewalt seiner
Stimme bekundete den Helden; wenn er ruhte, bezauberte die Milde seiner
Miene, das sanfte Rot, das auf seiner Wange spielte, sein
feuchtaufblickendes Auge, das ein wenig zur linken geneigte Haupt. In
ritterlichen Übungen war er vor allen ausgezeichnet; schon als Knabe
bändigte er das wilde thessalische Roß Bukephalos, an welches sich kein
anderer wagen wollte, und das ihm späterhin in allen seinen Kriegen als
Schlachtroß diente. Die erste Waffenprobe legte er unter seines Vaters
Regierung ab; er bezwang, als Philipp Byzanz belagerte, die Maider und
gründete dort eine Stadt mit seinem Namen; noch höheren Ruhm gewann er in
der Schlacht von Chaironeia, die durch seine persönliche Tapferkeit
gewonnen wurde. Im Jahre darauf schlug er den illyrischen Fürsten Pleurias
in einer sehr hartnäckigen Schlacht. Der Vater sah, so scheint es, neidlos
in dem Sohn den einstigen Vollender seiner Pläne; er wird nach so vielen
Erschütterungen, die die Nachfolge des Königshauses über das Land gebracht,
über die Zukunft desselben beruhigt gewesen sein, wenn ihm zur Seite der
Nachfolger stand, der den höchsten Aufgaben des Königtums gewachsen schien,
dem, so soll sein Ausspruch gewesen sein, »Makedonien zu klein sein werde,«
der, »nicht, wie er selbst, vieles, was nicht mehr zu ändern, zu bereuen
haben werde«.

Dann begannen Irrungen zwischen Vater und Sohn; Alexander sah seine Mutter
von Philipp vernachlässigt, thessalische Tänzerinnen und griechische
Buhlerinnen ihr vorgezogen; dann gar wählte sich der König eine zweite
Gemahlin aus den edlen Töchtern des Landes, des Attalos Nichte Kleopatra.
Das Beilager, so ist die Erzählung, wurde nach makedonischer Sitte glänzend
und lärmend gefeiert; man trank und lachte; schon waren alle vom Wein
erhitzt, da rief Attalos, der jungen Königin Oheim: »Bittet die Götter, ihr
Makedonen, daß sie unserer Königin Schoß segnen und dem Lande einen
rechtmäßigen Thronerben schenken mögen!« Alexander war zugegen; im
heftigsten Zorn schrie er ihm zu: »Gelte ich dir als ein Bastard,
Lästerer?« und schleuderte den Becher gegen ihn. Der König sprang wütend
auf, riß das Schwert von der Seite, stürzte auf den Sohn, ihn zu
durchbohren; der Wein, die Wut, die Wunde von Chaironeia machten seinen
Schritt unsicher; er taumelte, fiel zu Boden. Die Freunde eilten, Alexander
aus dem Saale zu entfernen; »seht, Freunde,« sagte er beim Hinausgehen,
»mein Vater will von Europa nach Asien gehen und kann nicht den Weg von
Tisch zu Tisch vollenden«. Er verließ mit der Mutter Makedonien; sie ging
nach ihrer Heimat Epiros, er weiter zu den Illyriern.

Nicht lange danach kam Demaratos, der korinthische Gastfreund, nach Pella;
nach dem Gruße fragte der König, wie es unter den Hellenen aussähe und ob
sie Frieden und Eintracht hielten. Mit edler Freimütigkeit antwortete der
Gastfreund: »O König, schön fragst du nach Fried' und Eintracht im
hellenischen Lande und hast dein eigen Haus mit Unfrieden und Haß erfüllt
und, die dir die Nächsten und Liebsten sein sollten, von dir entfremdet!«
Der König schwieg; er wußte, wie Alexander geliebt wurde, was er galt und
war; er fürchtete, den Hellenen Anlaß zu bösem Leumund und vielleicht zu
böseren Plänen zu geben. Demaratos selbst mußte das Geschäft des
Vermittlers übernehmen; bald waren Vater und Sohn versöhnt, Alexander
kehrte zurück.

Aber Olympias vergaß nicht, daß sie mißehrt und verstoßen war; sie blieb in
Epiros; sie drang in ihren Bruder, die Waffen gegen Philipp zu erheben,
sich der Abhängigkeit von ihm frei zu machen. Sie wird auch ihren Sohn zu
warnen und aufzureizen nicht unterlassen haben. Anlaß zu Mißtrauen fand
sich genug; Attalos und dessen Freunde standen überall voran. Als gar den
Gesandten des karischen Dynasten Pixodaros, die um ein Bündnis mit Philipp
warben und Verschwägerung beider Häuser vorschlugen, für des Dynasten
Tochter Arrhidaios zum Gemahl angeboten wurde, des Königs Sohn von der
Thessalerin, da meinte Alexander nicht anders, als daß sein Recht auf die
Nachfolge in Gefahr sei. Seine Freunde stimmten bei; sie rieten, mit
Entschlossenheit und höchster Eile den Plänen des Vaters
entgegenzuarbeiten. Ein Vertrauter, der Schauspieler Thessalos, wurde zum
karischen Dynasten gesandt: er möge doch seine Tochter nicht dem
blödsinnigen Bastard preisgeben; Alexander, des Königs rechtmäßiger Sohn
und einstiger Thronerbe, sei bereit, eines so mächtigen Fürsten Eidam zu
werden. Philipp erfuhr die Sache und zürnte auf das heftigste; in Gegenwart
des jungen Philotas, eines der Freunde Alexanders, warf er ihm die
Unwürdigkeit seines Mißtrauens und seiner Heimlichkeiten vor: er sei seiner
hohen Geburt, seines Glückes, seines Berufes nicht wert, wenn er sich nicht
schäme, eines Karers Tochter, des Barbarenkönigs Sklavin, heimzuführen. Die
Freunde Alexanders, die ihn beraten, Harpalos, Nearchos, Ptolemaios, des
Lagos Sohn, die Brüder Erigyios und Laomedon, wurden vom Hofe und aus dem
Lande verwiesen, Thessalos' Auslieferung in Korinth gefordert.

So kam das Jahr 336. Die Rüstungen zum Perserkriege wurden mit der größten
Lebhaftigkeit betrieben, die Kontingente der Bundesstaaten aufgerufen, nach
Asien eine bedeutende Heeresmacht unter Parmenion und Attalos
vorausgesandt, die Plätze jenseits des Hellesponts zu besetzen und die
hellenischen Städte zu befreien, dem großen Bundesheere den Weg zu öffnen.
Seltsam genug, daß der König so seine Macht zersplitterte, doppelt seltsam,
daß er einen Teil derselben, der nicht auf alle Fälle stark genug war,
daran gab, ehe er der politischen Verhältnisse daheim völlig sicher war.
Ihm entgingen die Bewegungen in Epiros nicht; sie schienen einen Krieg in
Aussicht zu stellen, der nicht bloß den Perserzug noch mehr zu verzögern
drohte, sondern, wenn er glücklich beendet wurde, keinen bedeutenden Gewinn
gebracht, im entgegengesetzten Falle das mühsame Werk, das der König in
zwanzigjähriger Arbeit vollendet hatte, mit einem Schlage zerstört haben
würde. Der Krieg mußte vermieden, der Molosser durfte nicht in so
unzuverlässiger Stellung zu Makedonien gelassen werden; er wurde durch
einen Antrag gewonnen, der ihn zugleich ehrte und seine Macht sicherte.
Philipp verlobte ihm seine und Olympias' Tochter Kleopatra; noch im Herbst
desselben Jahres sollte das Beilager gehalten werden, welches der König
zugleich als das Fest der Vereinigung aller Hellenen und als die gemeinsame
Weihe für den Perserkrieg mit der höchsten Pracht zu feiern beschloß; hatte
doch auf seine Frage, ob er den Perserkönig besiegen werde, der delphische
Gott ihm geantwortet: »Siehe, der Stier ist gekränzt; nun endet's; bereit
ist der Opferer.«

Unter den jungen Edelleuten des Hofes war Pausanias, ausgezeichnet durch
seine Schönheit und in des Königs hoher Gunst. Bei einem Gelage hatte er
schwere Beschimpfung von Attalos erlitten, dann sich, auf das höchste
entrüstet, an den König gewandt, der, was Attalos getan, wohl tadelte, aber
sich begnügte, den Beleidigten mit Geschenken zu begütigen, ihn in die
Reihe der Leibwächter aufzunehmen. Darauf vermählte sich Philipp mit
Attalos' Nichte, Attalos mit Parmenions Tochter; Pausanias sah keine
Hoffnung sich zu rächen; desto tiefer nagte der Gram und das Verlangen
nach Rache und der Haß gegen den, der ihn um sie betrogen. In seinem Hause
war er nicht allein; die lynkestischen Brüder hatten nicht vergessen, was
ihr Vater, was ihr Bruder gewesen war; sie knüpften geheime Verbindung mit
dem Perserkönige an; sie waren um desto gefährlicher, je weniger sie es
schienen. Im stillen fanden sich mehr und mehr Unzufriedene zusammen;
Hermokrates, der Sophist, schürte die Glut mit der argen Kunst seiner Rede,
er gewann Pausanias' Vertrauen. »Wie erlangt man den höchsten Ruhm?« fragte
der Jüngling. »Ermorde den, der das Höchste vollbracht hat«, war des
Sophisten Antwort.

Es kam der Herbst, mit ihm die Hochzeitfeier; in Aigai, der alten Residenz
und, seit Pella blühte, noch der Könige Begräbnisort, sollte das Beilager
gehalten werden; von allen Seiten strömten Gäste herbei, in festlichem Pomp
kamen die Theoren aus Griechenland, viele mit goldenen Kränzen für Philipp,
die Fürsten der Agrianer, Paionen, Odryser, die Großen des Reiches, der
ritterliche Adel des Landes, unzähliges Volk. In lautem Jubel, unter
Begrüßungen und Ehrenverleihungen, unter Festzügen und Gelagen vergeht der
erste Tag; Herolde laden zum nächsten Morgen in das Theater. Ehe noch der
Morgen graut, drängt sich schon die Menge durch die Straßen zum Theater in
buntem Gewühl; von seinen Edelknaben und Leibwächtern umgeben naht endlich
der König im festlichen Schmuck; er sendet die Begleitung vorauf in das
Theater, er meint ihrer inmitten der frohen Menge nicht zu bedürfen. Da
stürzt Pausanias auf ihn zu, durchstößt seine Brust, und während der König
niedersinkt, eilt er zu den Pferden, die ihm am Tore bereit stehen;
flüchtend strauchelt er, fällt nieder; Perdikkas, Leonnatos, andere von den
Leibwächtern erreichen ihn, durchbohren ihn.

In wilder Verzweiflung löst sich die Versammlung; alles ist in Bestürzung,
in Gärung. Wem soll das Reich gehören, wer es retten? Alexander ist der
Erstgeborene des Königs; aber man fürchtet den wilden Haß seiner Mutter,
die dem Könige zu Gefallen mancher verachtet und mißehrt hat. Schon ist sie
in Aigai, die Totenfeier ihres Gemahls zu halten; sie scheint das
Furchtbare geahnt, vorausgewußt zu haben; den Mord des Königs nennt man
ihr Werk, sie habe dem Mörder die Pferde bereit gehalten. Auch Alexander
habe um den Mord gewußt, ein Zeichen mehr, daß er nicht Philipps Sohn,
sondern unter schwarzen Zauberkünsten empfangen und geboren sei; daher des
Königs Abscheu gegen ihn und seine wilde Mutter, daher die zweite Ehe mit
Kleopatra. Dem Knaben, den sie eben geboren, gebühre das Reich; und habe
nicht Attalos, ihr Oheim, des Königs Vertrauen gehabt? Der sei würdig, die
Regentschaft zu übernehmen. Andere meinen, das nächste Recht an das Reich
habe Amyntas, Perdikkas' Sohn, der als Kind die Zügel des vielbedrohten
Reiches an Philipp habe überlassen müssen; nur Philipps Trefflichkeit mache
seine Usurpation verzeihlich; nach unverjährbarem Recht müsse Amyntas jetzt
die Herrschaft erhalten, deren er sich in langer Entsagung würdig gemacht
habe. Dagegen behaupten die Lynkestier und ihr Anhang: wenn ältere
Ansprüche gegen Philipps Leibeserben geltend gemacht würden, so habe vor
Perdikkas und Philipps Vater ihr Vater und ihr Bruder das Reich besessen,
dessen sie nicht länger durch Usurpation beraubt bleiben dürften; überdies
seien Alexander und Amyntas fast noch Knaben, dieser von Kindheit an der
Kraft und Hoffnung zu herrschen entwöhnt, Alexander unter dem Einfluß
seiner rachedürstenden Mutter, durch Übermut, verkehrte Bildung im
Geschmack des Tages, Verachtung der alten guten Sitte den Freiheiten des
Landes gefährlicher als selbst sein Vater Philipp; sie dagegen seien
Freunde des Landes und aus jenem Geschlecht, das zu aller Zeit die alte
Sitte aufrechtzuerhalten gestrebt habe; ergraut unter den Makedonen, mit
den Wünschen des Volkes vertraut, dem großen Könige in Susa befreundet,
könnten sie allein das Land vor dessen Zorn schützen, wenn er Genugtuung
für den tollkühn begonnenen Krieg Philipps zu fordern komme; zum Glück sei
das Land durch die Hand ihres Freundes früh genug von einem Könige befreit,
der das Recht, der des Volkes Wohl, der Schwüre und Tugend für nichts
geachtet habe.

So die Parteien; aber das Volk haßte die Königsmörder und fürchtete den
Krieg nicht; es vergaß Kleopatras Sohn, da der Vertreter seiner Partei
fern war; es kannte den Sohn des Perdikkas nicht, dessen Tatlosigkeit
Beweis genug für seine Unfähigkeit schien. Auf Alexanders Seite war alles
Recht und die Teilnahme, welche unverdiente Kränkungen erwecken, außerdem
der Ruhm der Kriege gegen die Maider, die Illyrier, des Sieges von
Chaironeia, der schönere Ruhm der Bildung, Leutseligkeit und
Hochherzigkeit; selbst den Geschäften des Reiches hatte er schon mit Glück
vorgestanden; er besaß das Vertrauen und die Liebe des Volkes; namentlich
des Heeres war er sicher. Der Lynkestier Alexandros erkannte, daß für ihn
keine Hoffnung blieb; er eilte zu Olympias' Sohn, er war der erste, der ihn
als König der Makedonen begrüßte.

Alexanders Anfang war »nicht die einfache Übernahme eines zweifellosen
Erbes«; er, der Zwanzigjährige, sollte zeigen, ob er König zu sein Beruf
und Kraft habe. Er ergriff die Zügel der Herrschaft mit sicherer Hand, und
die Verwirrung war vorüber. Er berief nach makedonischer Sitte das Heer,
seine Huldigung zu empfangen: nur der Name des Königs sei ein anderer, die
Macht Makedoniens, die Ordnung der Dinge, die Hoffnung auf Eroberung
dieselbe. Er ließ die alte Dienstpflicht; er erließ denen, die dienten,
alle anderen Dienste und Lasten. Häufige Übungen und Märsche, die er
anordnete, stellten den militärischen Geist bei den Truppen, den die
jüngsten Vorgänge gelockert haben mochten, wieder her und machten sie
seiner Hand sicher.

Der Königsmord forderte die strengste Strafe; sie war zugleich das
sicherste Mittel, das neue Regiment zu befestigen. Es kam an den Tag, daß
die lynkestischen Brüder vom Perserkönige, der den Krieg mit Philipp
fürchtete, bestochen waren und in der Hoffnung, durch persische Hilfe das
Reich an sich zu reißen, eine Verschwörung gestiftet hatten, für deren
geheime Pläne Pausanias nur das blinde Werkzeug gewesen war; die
Mitverschworenen wurden in den Tagen der Leichenfeier hingerichtet, unter
ihnen die Lynkestier Arrhabaios und Heromenes; ihr Bruder Alexandros wurde
begnadigt, weil er sich unterworfen hatte; des Arrhabaios Sohn Neoptolemos
flüchtete zu den Persern.



  Drittes Kapitel

  Gefahren von außen -- Der Zug nach Griechenland 336 -- Erneuerung
  des Bundes von Korinth -- Das Ende des Attalos --
  Die Nachbarn im Norden -- Feldzug nach Thrakien, an die Donau,
  gegen die Illyrier -- Zweiter Zug nach Griechenland -- Zerstörung
  Thebens -- Zweite Erneuerung des Bundes von Korinth


Rasch und mit fester Hand hatte Alexander die Zügel der Herrschaft
ergriffen, die Ruhe im Innern hergestellt. Aber von außen liefen höchst
beunruhigende Nachrichten ein.

In Kleinasien hatte Attalos, auf seine Truppen rechnend, die er zu gewinnen
verstanden, den Plan gefaßt, unter dem Scheine, die Ansprüche seines
Großneffen, des Sohnes der Kleopatra, zu vertreten, die Herrschaft an sich
zu reißen; seine Heeresmacht, mehr noch die Verbindungen, die er mit den
Feinden Makedoniens angeknüpft hatte, machten ihn gefährlich. Dazu begann
eine Bewegung in den hellenischen Landen, die einen allgemeinen Abfall
besorgen ließ. Die Athener hatten auf die Nachricht von Philipps Tod -- die
erste empfing Demosthenes durch geheime Boten des Strategen Charidemos, der
wohl in der Nähe der thrakischen Küsten auf Station war -- ein Freudenfest
gefeiert, dem Gedächtnis des Mörders einen Ehrenbeschluß gewidmet;
Demosthenes selbst hatte diese Anträge gestellt, er hatte, in der
Ratsversammlung sprechend, Alexander einen Gimpel genannt, der sich aus
Makedonien nicht hinauswagen werde; er setzte alles in Bewegung, Athen,
Theben, Thessalien, das ganze Hellas zum offenen Bruch mit Makedonien zu
vermögen, als bände der Eid des mit dem Vater geschworenen Bundesvertrages
die Staaten, die ihm geschworen, nicht gegen den Sohn. Er sandte Boten und
Briefe an Attalos, er unterhandelte mit Persien über Hilfsgelder gegen
Makedonien. Athen rüstete zum Kriege, machte die Flotte bereit; Theben
schickte sich an, die makedonische Besatzung aus der Kadmeia zu treiben;
die Ätoler, bisher Freunde Makedoniens, beschlossen, die von Philipp aus
Akarnanien Verjagten mit gewaffneter Hand zurückzuführen; die Ambrakioten
verjagten die makedonische Besatzung und richteten Demokratie ein; Argos,
die Elier, die Arkader waren bereit, das makedonische Joch abzuwerfen, und
Sparta hatte sich ihm nie unterworfen.

Umsonst schickte Alexander Gesandte, die sein Wohlwollen für Hellas, seine
Achtung vor den bestehenden Freiheiten versicherten; die Hellenen
schwelgten in der Zuversicht, daß nun die alte Zeit des Ruhmes und der
Freiheit zurückgekehrt sei; sie meinten, der Sieg sei unzweifelhaft; bei
Chaironeia habe die ganze makedonische Macht unter Philipp und Parmenion
mit Mühe die Heere Athens und Thebens besiegt; jetzt seien alle Hellenen
vereint, ihnen gegenüber ein Knabe, der kaum seines Thrones sicher sei, der
lieber in Pella den Lehren des Aristoteles nachhängen als mit Hellas zu
kämpfen wagen werde; sein einziger erprobter Feldherr Parmenion sei in
Asien, mit ihm ein bedeutender Teil des Heeres, schon von den persischen
Satrapen bedrängt, ein anderer unter Attalos bereit, sich für die Hellenen
gegen Alexander zu erklären; selbst die thessalischen Ritter, selbst das
Kriegsvolk der Thraker und der Paionen sei der makedonischen Macht
entzogen, nicht einmal der Weg nach Hellas ihr mehr offen, wenn Alexander
wagen sollte, sein Reich den Einfällen der nordischen Nachbarn und den
Angriffen des Attalos preiszugeben. In der Tat drohten die Völker im Norden
und Osten, sich der Abhängigkeit von Makedonien zu entziehen, oder bei dem
ersten Anlaß die Grenzen des Reiches räuberisch zu überfallen.

Alexanders Lage war peinlich und dringend. Seine Freunde -- auch die jüngst
verbannten waren zurückgekehrt -- beschworen ihn, nachzugeben, ehe alles
verloren sei, sich mit Attalos zu versöhnen und das vorausgesandte Heer an
sich zu ziehen, die Hellenen gewähren zu lassen, bis der erste Rausch
vorüber sei, die Thraker, Geten, Illyrier durch Geschenke zu gewinnen, die
Abtrünnigen durch Gnade zu entwaffnen. So hätte sich freilich Alexander in
Makedonien recht festsetzen und sein Land in Frieden regieren können; er
hätte vielleicht allmählich denselben Einfluß über Hellas und dieselbe
Macht über die umwohnenden Barbaren, die sein Vater gehabt hatte, gewinnen,
ja endlich wohl auch an einen Zug nach Asien denken können, wie der Vater
sein Leben lang. Alexander war anderer Art; der Entschluß, den er faßte,
zeigt ihn in der ganzen Macht und Kühnheit seines Geistes. Wie von einem
Helden späterer Jahrhunderte gesagt worden ist: »Sein Genius zog ihn.«

Das Gewirr der Gefahren ordnete sich ihm in drei Massen: der Norden, Asien,
Hellas. Zog er gegen die Völker im Norden, so gewann Attalos Zeit, seine
Macht zu verstärken und vielleicht nach Europa zu führen; das Bündnis der
hellenischen Städte erstarkte, und er war gezwungen, als Treubruch und
offene Empörung der Staaten zu bekämpfen, was jetzt noch als Parteisache
und als Einflüsterungen verbrecherischer und von persischem Golde
bestochener Demagogen bestraft werden konnte. Zog er gegen Hellas, so
konnte auch eine geringe Macht den Marsch durch die Pässe sperren und lange
aufhalten, während Attalos durch nichts gehindert war, in seinem Rücken zu
operieren und sich mit den aufrührerischen Thrakern zu vereinen. Das
Unstatthafteste war, gegen Attalos selbst zu ziehen; die griechischen
Staaten wären zu lange sich selbst überlassen gewesen, Makedonen gegen
Makedonen zum Bürgerkriege geführt, in dem vielleicht persische Satrapen
den Ausschlag gegeben hätten, endlich Attalos, der nur als Verbrecher
angesehen werden durfte, als eine Macht behandelt worden, gegen die zu
kämpfen den König in den Augen der Hellenen und Barbaren erniedrigt hätte.
Verstand man ihn zu treffen, so war die Kette gesprengt, und das Weitere
fand sich von selbst.

Attalos wurde als des Hochverrats schuldig zum Tode verurteilt; einer der
»Freunde«, Hekataios von Kardia, erhielt den Befehl, an der Spitze eines
Korps nach Asien überzusetzen, sich mit den Truppen Parmenions zu
vereinigen, Attalos lebend oder tot nach Makedonien einzubringen. Da von
den Feinden im Norden schlimmstenfalls nicht mehr als verwüstende Einfälle
zu fürchten waren und ein späterer Zug sie leicht unterwerfen konnte,
beschloß der König, mit seinem Heere in Hellas einzurücken, bevor ihm dort
eine bedeutende Heeresmacht entgegengestellt werden konnte.

Um diese Zeit kamen Boten des Attalos nach Pella, welche die Gerüchte, die
über ihn verbreitet seien, Verleumdung nannten, in schönklingenden Worten
seine Ergebenheit versicherten und zum Zeichen seiner aufrichtigen
Gesinnung die Briefe, die er von Demosthenes über die Rüstungen in Hellas
empfangen habe, in des Königs Hand legten. Der König, der aus diesen
Dokumenten und aus Attalos' Annäherung auf den geringen Widerstand, den er
in Hellas zu erwarten habe, schließen durfte, nahm seinen Befehl nicht
zurück; auf des alten Parmenion Diensttreue, obschon Attalos dessen
Schwiegersohn war, konnte er sich verlassen.

Er selbst brach nach Thessalien auf; er zog an der Meeresküste den Pässen
des Peneios zu; den Hauptpaß Tempe, sowie den Seitenpaß Kallipeuke fand er
stark besetzt. Sie mit der Waffe in der Hand zu nehmen, war schwierig,
jeder Verzug gefahrbringend; Alexander schuf sich einen neuen Weg. Südwärts
vom Hauptpaß erheben sich die Felsmassen des Ossa, weniger steil vom Meere
her als neben dem Peneios emporsteigend; zu diesen minder steilen Stellen
führte Alexander sein Heer, ließ es, wo es nötig war, Stufen in das Gestein
sprengen und kam, so das Gebirge übersteigend, in die Ebene Thessaliens, im
Rücken des thessalischen Postens. Er war ohne Schwertstreich Herr des
Landes, das er gewinnen, nicht unterwerfen wollte, um für den Perserkrieg
der trefflichen thessalischen Reiter gewiß zu sein. Er lud die Edlen
Thessaliens zu einer Versammlung; er erinnerte an die gemeinschaftliche
Abstammung vom Geschlecht Achills, an die Wohltaten seines Vaters, der das
Land von dem Joche des blutigen Tyrannen von Pherai befreit und durch die
Wiederherstellung der uralten Tetrarchien des Aleuas für immer vor
Aufständen und Tyrannei gesichert habe; er verlangte nichts, als was sie
freiwillig seinem Vater gegeben hätten, und die Anerkennung der in dem
hellenischen Bunde demselben übertragenen Hegemonie von Hellas; er
versprach, die einzelnen Familien und Landschaften, wie sein Vater, in
ihren Rechten und Freiheiten zu lassen und zu schützen, in den
Perserkriegen ihren Rittern den vollen Anteil an der Kriegsbeute zu geben,
Phthia aber, die Heimat ihres gemeinsamen Ahnherrn Achilles, durch
Steuerfreiheit zu ehren. Die Thessalier eilten, so günstige und ehrenvolle
Bedingungen anzunehmen, durch gemeinsamen Beschluß Alexander in den Rechten
seines Vaters zu bestätigen, endlich, wenn es not tue, mit Alexander zur
Unterdrückung der Unruhen nach Hellas zu ziehen. Wie die Thessaler, so mit
dem gleichen Entgegenkommen gewann er die anwohnenden Änianen, Malier,
Dolopier, -- Stämme, deren jeder in dem Rat der Amphiktyonen eine Stimme
hatte, und mit deren Zutritt ihm der Weg durch die Thermopylen offen stand.

Die schnelle Einnahme und Beruhigung Thessaliens hatte den hellenischen
Staaten nicht Zeit gelassen, die wichtigen Pässe des Oitagebirges zu
besetzen. Es lag nicht in Alexanders Plan, durch gewaltsame Maßregeln einer
Bewegung, die womöglich nur als das törichte Werk einer Partei erscheinen
sollte, Vorwand und Bedeutung zu geben. Durch die Nähe der makedonischen
Heeresmacht erschreckt, beeilte man sich in Hellas, den Schein tiefen
Friedens anzunehmen. Weil demnach die früheren Verhältnisse, wie sie von
Philipp gegründet waren, noch bestanden, berief Alexander die Amphiktyonen
nach den Thermopylen, forderte und erhielt von ihnen durch gemeinsamen
Beschluß die Anerkennung seiner Hegemonie. In derselben Absicht gewährte er
den Ambrakioten die Autonomie, die sie mit der Austreibung der
makedonischen Besatzung hergestellt hatten: er habe selbst sie ihnen
anbieten wollen, sie seien ihm nur zuvorgekommen.

Wenn auch die Thessaler, die Amphiktyonen, Alexanders Hegemonie anerkannt
hatten, von Theben, Athen, Sparta waren keine Gesandten in den Thermopylen
erschienen. Vielleicht brach Theben jetzt noch los; es hätte auf die
Zustimmung vieler Staaten, vielleicht auf ihren Beistand rechnen können.
Freilich gerüstet waren sie nicht; Sparta hatte, seit Epaminondas am
Eurotas gelagert, sich nicht erholen können; in der Kadmeia, in Chalkis,
auf Euboia, in Akrokorinth lag noch makedonische Besatzung; in Athen wurde,
wie immer, viel deklamiert und wenig getan; selbst als die Nachricht kam,
daß der König bereits in Thessalien sei, daß er mit den Thessalern vereint
in Hellas einrücken werde, daß er sich über die Verblendung der Athener
sehr erzürnt geäußert habe, waren, obschon Demosthenes nicht aufgehört
hatte, den Krieg zu predigen, die Rüstungen nicht eifriger betrieben
worden. Rasches Vorgehen des makedonischen Heeres konnte Hellas vor großem
Unheil retten.

Alexander rückte aus den Thermopylen in die boiotische Ebene hinab, lagerte
sich nahe bei der Kadmeia; von Widerstand der Thebaner war keine Rede. Als
man in Athen erfuhr, daß Theben in Alexanders Händen sei, so daß jetzt ein
Marsch von zwei Tagen den Feind vor die Tore der Stadt bringen konnte,
verging auch den eifrigsten Freiheitsmännern der Mut; es wurde beschlossen,
in Eile die Mauern in Verteidigungsstand zu setzen, das platte Land zu
räumen, alle fahrende Habe nach Athen zu flüchten, »so daß die viel
bewunderte und viel umstrittene Stadt wie ein Stall voll Rinder und Schafe
wurde«, zugleich beschlossen, dem Könige Gesandte entgegenzuschicken, die
ihn begütigen, um Verzeihung bitten sollten, daß seine Hegemonie nicht
sofort von den Athenern anerkannt sei; vielleicht ließ sich noch der Besitz
von Oropos retten, das man zwei Jahre vorher aus Philipps Hand empfangen
hatte. Demosthenes, der einer der Gesandten war, kehrte auf dem Kithairon
um, entweder seines Schreibens an Attalos eingedenk, oder um sein
Verhältnis mit Persien nicht bloßzustellen; mochten die anderen Gesandten
die Bitten des attischen Demos überbringen. Alexander nahm sie gütig auf,
verzieh das Geschehene, erneuerte die früher mit seinem Vater geschlossenen
Verträge, verlangte nur, daß Athen zu den weiteren Verhandlungen
Bevollmächtigte nach Korinth sende. Der Demos hielt es angemessen, dem
jungen Könige noch größere Ehren als zwei Jahre vorher seinem Vater zu
dekretieren.

Alexander zog weiter nach Korinth, wohin die Bevollmächtigten der
Bundesstaaten beschieden waren. Auch Sparta mag geladen worden sein; darauf
führt die Erwähnung der spartanischen Erklärung: es sei nicht Herkommen bei
ihnen, anderen zu folgen, sondern selbst zu führen. Alexander hätte sie
unschwer zwingen können; es wäre weder klug noch der Mühe wert gewesen, er
wollte nichts als die möglichst schleunige Beruhigung Griechenlands und die
Anerkennung der Hegemonie Makedoniens gegen die Perser. In diesem Sinne
wurde die Formel des Bundes erneut und beschworen, Alexander zum
unumschränkten Strategen der Hellenen ernannt.

Alexander hatte erreicht, was er wollte. Es wäre von Interesse, die
Stimmung zu kennen, wie sie nun in den hellenischen Landen über ihn war;
wahrscheinlich weder so empört, noch so nur erheuchelt, wie es der
verbissene Freiheitseifer attischer Redner, oder der affektierte
Tyrannenhaß griechischer Moralisten der römischen Kaiserzeit möchte glauben
machen. Die andere Seite zeigt es, wenn, von den asiatischen Hellenen
gesandt, Delius von Ephesos, der Schüler Platons, zu Alexander gekommen war
und ihn »am meisten drängte und entflammte«, den Krieg gegen die Perser zu
beginnen. Unter den ihm Nächstbefreundeten waren Erigyios und Laomedon
geborene Lesbier, nach Amphipolis übersiedelt, denen das Elend ihrer von
Perserfreunden beherrschten Heimat bekannt genug gewesen sein wird, -- eine
traurige Erläuterung der Autonomie, die der Großkönig in dem Antalkidischen
Frieden den Inseln von Rhodos bis Tenedos zugesichert hatte; für das
Griechentum dort gab es keine Rettung, wenn nicht Alexander kam und siegte.
In Hellas selbst hatte nur Theben, nicht unverschuldet, den Untergang
seiner Autonomie zu beklagen; in Athen war die Stimmung der
leichtfertigsten Menge, die je geherrscht hat, je von den letzten
Eindrücken und den nächsten Hoffnungen abhängig; und Spartas mürrische
Abkehr bezeugt doch mehr Konsequenz der Schwäche als der Stärke, mehr üble
Laune als echtes Selbstgefühl. Man darf vermuten, daß der verständigere
Teil des hellenischen Volkes sich dem großen nationalen Unternehmen, an
dessen Schwelle man stand, und dem jugendlichen Helden, der sich für
dasselbe einsetzte, zuwandte; die Tage, welche Alexander in Korinth
zubrachte, schienen den Beweis dafür zu geben. Von allen Seiten waren
Künstler, Philosophen, politische Männer dorthin geeilt, den königlichen
Jüngling, den Zögling des Aristoteles, zu sehen; alle drängten sich in
seine Nähe, suchten einen Blick, ein Wort von ihm zu erhaschen. Nur
Diogenes von Sinope blieb ruhig in seiner Tonne am Ringplatz der Vorstadt.
So ging Alexander zu ihm; er fand ihn vor seiner Tonne liegen und sich
sonnen; er begrüßte ihn, fragte ihn, ob er irgendeinen Wunsch habe; »geh
mir ein wenig aus der Sonne«, war des Philosophen Antwort. Der König sagte
darauf zu seinem Gefolge: »Beim Zeus, wenn ich nicht Alexander wäre, möchte
ich Diogenes sein.« Vielleicht nur eine Anekdote, wie deren unzählige von
dem Sonderling erzählt wurden.

Alexander kehrte mit dem Winter nach Makedonien zurück, um sich zu dem bis
jetzt verschobenen Zuge gegen die barbarischen Völker an der Grenze zu
rüsten. Attalos war nicht mehr im Wege; Hekataios hatte sich mit Parmenion
vereinigt, und da sie ihre Macht nicht stark genug glaubten, Attalos
inmitten der Truppen, die er zu gewinnen verstanden hatte, festzunehmen,
ließen sie ihn dem Befehl gemäß ermorden; die verführten Truppen, teils
Makedonen, teils hellenische Söldner, kehrten zur Treue zurück.

So in Asien; in Makedonien selbst hatte Olympias ihres Sohnes Abwesenheit
benutzt, die Wollust der Rache bis auf den letzten Tropfen zu genießen. Der
Mord des Königs war, wenn nicht ihr Werk, gewiß ihr Wunsch gewesen; aber
noch lebten die, um deren Willen sie und ihr Sohn Unwürdiges hatten dulden
müssen; auch die junge Witwe Kleopatra und ihr Säugling sollten sterben.
Olympias ließ das Kind im Schoß der Mutter ermorden und zwang die Mutter,
sich am eigenen Gürtel aufzuknüpfen. Es wird berichtet, daß Alexander der
Mutter darüber zürnte; mehr als zürnen konnte der Sohn nicht. Noch war der
Mut der Gegner nicht gebrochen; immer neue Anzettelungen wurden entdeckt;
an einem Plan zur Ermordung Alexanders fand man Amyntas beteiligt, den Sohn
des Königs Perdikkas, den Philipp nachmals mit seiner Tochter Kynna
vermählt hatte; er wurde hingerichtet.

Indes hatte das nach Asien vorausgesandte Korps sich an der Küste nach
Osten und Süden ausgedehnt; das freie Kyzikos an der Propontis stützte
dessen linke Flanke, auf der rechten hatte Parmenion Gryneion im Süden des
Kaikos besetzt; und schon hatte sich in Ephesos der Demos erhoben und die
persisch gesinnte Oligarchie ausgetrieben, für das weitere Vordringen
Parmenions ein wichtiger Stützpunkt. Gewiß sah der Demos allerorten, der
von Tyrannen wie in den Städten der Insel Lesbos, von Oligarchen wie in
Chios und Kos gedrückt und in persischer Unterwürfigkeit gehalten wurde,
mit steigender Erregung auf die Fortschritte der makedonischen Truppen.
Mochte deren Voraussendung ein Fehler, für Alexanders Anfänge eine
Verlegenheit gewesen sein, jetzt konnte dies Korps und die Aufregung, die
es veranlaßte, wenigstens für den thrakischen Feldzug den Rücken decken;
die Positionen, die es besetzt hatte, und die makedonische Flotte, die im
Hellespont lag, machten einen Versuch der Perser, nach Thrakien
hinüberzugehen, unmöglich.

Allerdings war es dringend nötig, die Thraker, Geten, Triballer, Illyrier
die Überlegenheit der makedonischen Waffen fühlen zu lassen, um mit ihnen,
bevor das große Unternehmen nach Asien begonnen wurde, ein haltbares
Verhältnis herzustellen. Diese Völkerschaften, die Makedonien von drei
Seiten umgaben, waren in der Zeit Philipps teils zu Untertanen, teils zu
pflichtigen Verbündeten des makedonischen Königtums gemacht oder doch, wie
die illyrischen Stämme, durch wiederholte Niederlagen in ihren räuberischen
Streifzügen gehemmt worden. Jetzt mit Philipps Tode schien diesen Barbaren
die Zeit gekommen, sich der lästigen Abhängigkeit zu entschlagen und unter
ihren Häuptlingen in alter Unabhängigkeit zu streifen und zu heeren, wie
ihre Väter getan.

So standen jetzt die Illyrier unter ihrem Fürsten Kletosi auf, dessen Vater
Bardyllis, erst Kohlenbrenner, dann König, die verschiedenen Gaue zu
gemeinsamen Raubzügen vereint und in den schlimmsten Zeiten des Amyntas und
des Aloriten Ptolemaios auch makedonische Grenzgebiete besetzt hatte, bis
endlich Philipp in schweren Kämpfen ihn bis hinter den lychnitischen See
zurückgeworfen hatte. Wenigstens die Pässe im Süden desselben gedachte
jetzt Kleitos zu gewinnen. Gemeinsame Sache mit ihm zu machen, rüsteten
sich die Taulantiner unter ihrem Fürsten Glaukias, die neben und hinter
jenen bis zur Seeküste bei Apollonia und Dyrrhachion saßen. Nicht minder
schickten sich die Autariaten, die seit zwei Menschenaltern in den Tälern
des Brongos und Angros, der serbischen und bulgarischen Morawa, saßen, von
der allgemeinen Bewegung ergriffen, zu einem Einbruch in das makedonische
Gebiet an.

Noch gefährlicher schien der zahlreiche, den Makedonen feindliche
Thrakerstamm der Triballer, die jetzt im Norden des Haimosgebirges und
längs der Donau hinab wohnten. Sie hatten schon einmal, um 370, als die
Autariaten sie aus ihrem Lande an der Morawa verdrängt hatten, den Weg über
die Gebirge bis Abdera gefunden und waren dann mit Beute beladen zur Donau
zurückgekehrt, wo sie die Geten aus ihren Sitzen trieben. Die
Ausgetriebenen zogen sich auf die weiten Ebenen auf dem linken Donauufer
zurück, die wie die Sumpfwälder der Donaumündung und die Steppe der
Dobrudscha die Skythen, die der alte König Ateas beherrschte, innehatten;
so bedrängten sie ihn, daß der alte König endlich durch Vermittlung der ihm
befreundeten Griechen in Apollonia Philipps Hilfe anrief; aber bevor diese
kam, hatte er seinen Frieden mit den Geten gemacht und kehrte seine Waffen
gegen den, der zu seiner Hilfe heranzog; er büßte es mit schwerer
Niederlage (339). Aber den mit reicher Beute heimkehrenden Philipp -- er
wählte den Weg durch das Gebiet der Triballer -- überfielen die, welche er
zu schrecken gedacht haben mochte, nahmen ihm einen Teil seiner Beute ab,
und die Wunde, die er davontrug, zwang ihn heimzuziehen, ohne sie erst zu
züchtigen; im Herbst darauf hatte ihn der amphiktyonische Krieg nach Hellas
gerufen, dann die Bewältigung Thebens, die Ordnung des Korinthischen
Bundes, dann der Krieg gegen den Illyrier Pleurias in Anspruch genommen;
bevor er sich gegen die Triballer hatte wenden können, hatte ihn der Tod
ereilt. Wie hätten die Anfänge eines jungen Königs und die nur zu bekannten
Spannungen am Hofe zu Pella nicht die Triballer ebenso locken sollen wie
die Illyrier?

Wenn sie sich jetzt erhoben, so würden die ihnen nächstgesessenen
Thrakerstämme, die »selbst den Räubern als Räuber furchtbar« im Haimos
hausten, die Maider, Besser, Korpillen, nicht etwa ihren Einbruch
abgewehrt, sondern sich mit ihnen vereint und die Gefahr verdoppelt haben;
auch die südlicher in der Rhodope bis zum Nessostal hinab wohnenden, die
sogenannten freien Thraker, hätten sicher, wie ehedem bei dem Zug gegen
Abdera, mit den Triballern gemeinsame Sache gemacht. Und der im Norden
nächstgelegenen, halb untertänigen Gebiete, namentlich des zwischen dem
Strymon und dem oberen Axios gelegenen und immer noch bedeutenden
Fürstentums der Paionen[3] war das makedonische Königtum noch keineswegs
für alle Fälle sicher, obschon sie sich für den Augenblick noch ruhig
verhielten. Nicht weniger unzuverlässig schienen die Thraker im Flußgebiet
des Hebros und bis an die Propontis im Süden, den Pontos im Osten, einst
viele kleine Fürstentümer, zusammen von bedeutender Macht, solange sie in
dem odrysischen Königtum -- sie alle stammten aus diesem Königshause des
Teres, des Odrysenkönigs in der perikleischen Zeit -- eine Art
zusammenhaltender Einigung gehabt hatten; von König Philipp waren sie in
langen und schweren Kämpfen mehr und mehr getrennt und zur Abhängigkeit
gezwungen worden; daß Athen die Wiedereinsetzung des Kersobleptes und des
alten Teres von Philipp forderte, hatte den schweren Krieg von 340
veranlaßt. Möglich, daß nach dem Siege von Chaironeia Philipp auch in den
thrakischen Verhältnissen Ordnung gemacht hat; es kann kein Zweifel sein,
daß einzelne dieser Fürsten ihr Erbe behielten, aber in Abhängigkeit von
Makedonien, die ihnen zu ertragen unleidlich genug sein mochte; doppelt
unleidlich, da die makedonischen Ansiedlungen am Hebros und vielleicht ein
makedonischer Strateg als Statthalter sie zwang, Ruhe zu halten. Ohne daß
diese Völker die Verwirrung nach Philipps Ermordung zu offenbaren
Feindseligkeiten benutzt, oder mit den Verschworenen, mit Attalos, mit den
Athenern in Verbindung gestanden hätten, war die Besorgnis vor ihnen im Rat
Alexanders so groß, daß alle Nachgiebigkeit, und selbst wenn sie abfielen,
Nachsicht für geratener hielten, als mit Strenge Unterwürfigkeit und
Achtung für die bestehenden Verträge zu fordern. Alexander erkannte, daß
Nachgiebigkeit und halbe Maßregeln und Makedonien, wenn es angriff,
unüberwindlich war, zur Defensive erniedrigt, die wilden und raublüsternen
Barbaren kühner, den Perserkrieg unmöglich gemacht hätten, da man weder die
Grenzen ihren Angriffen preisgeben, noch sie als leichtes Fußvolk in den
Perserkriegen entbehren konnte.

    [3] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Jetzt waren die Gefahren im hellenischen Lande glücklich beseitigt und die
Jahreszeit so weit vorgerückt, daß man die Gebirge ohne bedeutende
Hindernisse zu durchziehen hoffen durfte. Da diejenigen der bezeichneten
Völkerschaften, welche zu Makedonien gehörten, noch nichts Entschiedenes
unternommen hatten, oder wenigstens seit Alexanders Rückkehr nach
Makedonien an weitere Wagnisse nicht zu denken schienen, da auf der anderen
Seite, um sie von jedem Gedanken an Abfall und Neuerungen abzuschrecken,
die Überlegenheit der makedonischen Waffen und der bestimmte Wille, diese
geltend zu machen, gleichsam vor ihren Augen gezeigt werden mußte, so
beschloß der König einen Zug gegen die Triballer, welche noch nicht dafür
bestraft worden waren, daß sie Philipp auf dem Rückmarsche vom Skythenzuge
überfallen und beraubt hatten.

Dem Könige standen zwei Wege über das Gebirge in das Land der Triballer
offen, entweder am Axiosstrom aufwärts durch die nördlichen Pässe und das
Gebiet der allezeit treuen Agrianer in die Ebene der Triballer
hinabzugehen, oder ostwärts durch das Gebiet der freien Thraker ins Tal des
Hebros zu ziehen und dann nach dem Haimos hinaufzusteigen, um die Triballer
an ihrer Ostgrenze zu überfallen; dieser zweite Weg war vorzuziehen, weil
er durch das Gebiet unsicherer Völkerschaften, namentlich der odrysischen
Thraker führte. Zugleich wurde Byzanz aufgefordert, eine Anzahl
Kriegsschiffe nach den Donaumündungen zu senden, um den Übergang über
diesen Strom möglich zu machen. Antipatros blieb zur Verwaltung des Reiches
in Pella zurück.

Von Amphipolis aus zog der König zuerst gegen Osten, durch das Gebiet der
freien Thraker, Philippoi, dann den Orbelos zur Linken lassend, im
Nessostal hinauf und über diesen Fluß. Darauf ging er über die Rhodope, um
durch das Gebiet der Odryser zu den Haimospässen zu gelangen. Nach einem
Marsche von zehn Tagen, so heißt es, stand Alexander am Fuß des Gebirges;
der Weg, der sich hier eng und steil zwischen den Höhen hindurchdrängt, war
von den Feinden besetzt, die mit aller Macht den Übergang hindern zu wollen
schienen, teils Gebirgsbewohner dieser Gegend, teils freie Thraker. Nur mit
Dolch und Jagdspieß bewaffnet, mit einem Fuchsbalg statt des Helmes
bedeckt, so daß sie gegen die schwerbewaffneten Makedonen nicht das Feld
halten konnten, wollten sie die feindliche Schlachtlinie, wenn sie gegen
die Höhen anrückte, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit denen
sie die Höhen besetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung bringen, um über
die aufgelösten Reihen herzufallen. Alexander, der die Gefahr sah und sich
überzeugte, daß der Übergang an keiner anderen Stelle möglich sei, gab dem
Fußvolk die Weisung, sobald die Wagen herabrollten, überall, wo es das
Terrain gestattete, die Linien zu öffnen und die Wagen durch diese Lücken
hinfahren zu lassen; wo sie nicht nach den Seiten hin ausweichen könnten,
sollten die Leute, das Knie gegen den Boden gestemmt, die Schilder über
ihre Häupter fest aneinander schließen, damit die niederfahrenden Wagen
über sie wegrollten. Die Wagen kamen und jagten teils durch die Öffnungen,
teils über die Schilddächer hinweg, ohne Schaden zu tun. Mit lautem
Geschrei drangen jetzt die Makedonen auf die Thraker ein; die Bogenschützen
vom rechten Flügel aus vorgeschoben, wiesen die anprallenden Feinde mit
ihren Geschossen zurück und deckten den bergaufsteigenden Marsch der
Schwerbewaffneten; sowie diese in geschlossener Linie vordrangen,
vertrieben sie mit leichter Mühe die schlechtbewaffneten Barbaren aus ihrer
Stellung, so daß sie dem auf dem linken Flügel mit den Hypaspisten und
Agrianern anrückenden König nicht mehr standhielten, sondern die Waffen
wegwarfen und, so gut sie konnten, flüchteten. Sie verloren fünfzehnhundert
Tote; ihre Weiber und Kinder und alle ihre Habe wurde den Makedonen zur
Beute und unter Lysanias und Philotas in die Seestädte auf den Markt
geschickt.

Alexander zog nun die sanfteren Nordabhänge des Gebirges hinab in das Tal
der Triballer, über den Lyginos (wohl die Jantra bei Tirnowo), der hier
etwa drei Märsche von der Donau entfernt strömt. Syrmos, der
Triballerfürst, hatte, von Alexanders Zuge in Kenntnis gesetzt, die Weiber
und Kinder der Triballer zur Donau vorausgeschickt und sie auf die Insel
Peuke überzusetzen befohlen; ebendahin hatten sich bereits die den
Triballern benachbarten Thraker geflüchtet; auch Syrmos selbst war mit
seinen Leuten dahin geflohen; die Masse der Triballer dagegen hatte sich
rückwärts dem Flusse Lyginos zu, von dem Alexander tags zuvor aufgebrochen
war, gezogen, wohl um sich der Pässe in seinem Rücken zu bemächtigen. Kaum
hatte das der König erfahren, so kehrte er schnell zurück, um sie
aufzusuchen, und überraschte sie, da sie sich eben gelagert hatten; sie
stellten sich schnell an dem Saume des Waldes auf, der sich an dem Fluß
entlangzog. Während die Kolonnen der Phalanx heranzogen, ließ Alexander die
Bogenschützen und Schleuderer vorauseilen, mit Pfeilen und Steinen die
Feinde auf das offene Feld zu locken. Diese brachen hervor, und indem sie,
namentlich auf dem rechten Flügel, sich zu weit wagten, sprengten rechts
und links drei Ilen der Ritterschaft auf sie ein; schnell rückten im
Mitteltreffen die anderen Ilen und hinter ihnen die Phalanx vor; der Feind,
der sich bis dahin wacker gehalten hatte, stand dem Andrang der
geharnischten Reiter und der geschlossenen Phalanx nicht und floh durch den
Wald zum Fluß zurück; dreitausend kamen auf der Flucht um, die anderen
retteten sich, durch das Dunkel des Waldes und der hereinbrechenden Nacht
begünstigt.

Alexander setzte seinen früheren Marsch fort und kam am dritten Tage an die
Ufer der Donau, wo ihn bereits die Schiffe von Byzanz erwarteten; sofort
wurden sie mit Bogenschützen und Schwerbewaffneten bemannt, um die Insel,
auf welche sich die Triballer und Thraker geflüchtet hatten, anzugreifen;
aber die Insel war gut bewacht, die Ufer steil, der hier eingeengte Strom
reißend, der Schiffe zu wenig, und die Geten am Nordufer schienen bereit,
mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Alexander zog seine Schiffe zurück
und beschloß, sofort die Geten am jenseitigen Ufer anzugreifen; wenn er
durch die Demütigung Herr der beiden Ufer war, konnte sich auch die
Donauinsel nicht halten.

Die Geten, etwa viertausend Mann zu Pferde und mehr als zehntausend zu Fuß,
hatten sich am Nordufer der Donau vor einer schlechtbefestigten Stadt, die
etwas landeinwärts lag, aufgestellt; sie mochten erwarten, daß der Feind
tagelang brauchen werde, über den Strom zu kommen, daß sich so Gelegenheit
finden werde, die einzelnen Abteilungen, die landeten, zu überfallen und
aufzureiben. Es war Mitte Mai, die Felder neben der Getenstadt mit Getreide
bedeckt, das hoch genug in den Halmen stand, um landende Truppen den Augen
des Feindes zu entziehen. Alles kam darauf an, die Geten mit schnellem
Überfall zu fassen; da die Schiffe aus Byzanz nicht Truppen genug aufnehmen
konnten, so brachte man aus der Gegend eine Menge kleiner Nachen zusammen,
deren sich die Einwohner bedienten, wenn sie auf dem Strome fischten,
Freibeuterei trieben oder Freunde im unteren Dorfe besuchten; außerdem
wurden die Felle, unter denen die Makedonen nächtigten, mit Heu ausgefüllt
und fest zusammengeschnürt. In der Stille der Nacht setzten fünfzehnhundert
Reiter und viertausend Mann Fußvolk unter Führung des Königs über den
Strom, landeten unter dem Schutze des weiten Getreidefeldes unterhalb der
Stadt. Mit Tagesanbruch rückten sie durch die Saaten vor, vorauf das
Fußvolk, mit der Weisung, das Getreide mit den Sarissen niederzuschlagen
und, bis sie an ein unbebautes Feld kämen, vorzurücken. Dort ritt die
Reiterei, die bisher dem Fußvolke gefolgt war, unter des Königs Anführung
bei dem rechten Flügel auf, während links, an den Fluß gelehnt, die Phalanx
in ausgebreiteter Linie unter Nikanor vorrückte. Die Geten, erschreckt
durch die unbegreifliche Kühnheit Alexanders, der so leicht den größten
aller Ströme, und das in einer Nacht, überschritten, eilten, weder dem
Andrang der Reiter, noch der Gewalt der Phalanx gewachsen, sich in die
Stadt zu werfen; und als sie auch dahin die Feinde nachrücken sahen,
flüchteten sie, indem sie von Weibern und Kindern mit sich nahmen, was die
Pferde tragen konnten, weiter ins Innere des Landes. Der König rückte in
die Stadt ein, zerstörte sie, sandte die Beute unter Philippos und
Meleagros nach Makedonien zurück, opferte am Ufer des Stromes dem Retter
Zeus, dem Herakles und dem Strome Dankopfer. Es war nicht seine Absicht,
die Grenzen seiner Macht bis in die weiten Ebenen, die sich nordwärts der
Donau ausbreiten, auszudehnen; der breite Strom war, nachdem die Geten die
Macht der Makedonen kennengelernt hatten, eine sichere Grenze, und in der
Nähe weiter kein Volksstamm, dessen Widerstand man zu fürchten gehabt
hätte. Nachdem der König mit jenen Opfern das nördlichste Ziel seiner
Unternehmungen bezeichnet hatte, kehrte er noch am gleichen Tag von einer
Expedition, die ihm keinen Mann gekostet hatte, in sein Lager im Süden des
Flusses zurück.

So schwer und plötzlich getroffen, schickten die Völkerschaften, die in der
Nähe der Donau wohnten, Gesandte mit den Geschenken ihres Landes in des
Königs Lager, baten um Frieden, der ihnen gern gewährt wurde; auch der
Triballerfürst Syrmos, der wohl einsah, daß er seine Donauinsel nicht zu
halten imstande sein werde, unterwarf sich. Hierher kam auch von den Bergen
am Adriatischen Meere eine Gesandtschaft keltischer Männer, die wie ein
Augenzeuge erzählt, »groß von Körper sind und Großes von sich denken«, und,
von des Königs großen Taten unterrichtet, um seine Freundschaft werben
wollten. Beim Gelage fragte sie der junge König, was sie wohl am meisten
fürchteten? Er meinte, sie sollten ihn nennen; sie antworteten: »Nichts,
als daß etwa der Himmel einmal auf sie fallen möchte; aber eines solchen
Helden Freundschaft gelte ihnen am höchsten.« Der König nannte sie Freunde
und Bundesgenossen und entließ sie reich beschenkt, meinte aber nachmals
doch, die Kelten seien Prahler.

Nachdem so mit der Bewältigung der freien Thraker auch die odrysischen zur
Ruhe gezwungen, mit dem Siege über die Triballer die makedonische Hoheit
über die Völker südwärts der Donau hergestellt, durch die Niederlage der
Geten die Donau als Grenze gesichert, somit der Zweck dieser Expedition
erreicht war, eilte Alexander südwärts, durch das Gebiet der ihm
verbündeten Agrianer (in der Ebene von Sofia) nach Makedonien
zurückzukehren. Er hatte bereits die Nachricht, daß der Fürst Kleitos mit
seinen Illyriern sich des Passes von Pelion bemächtigt habe, daß der
Taulantinerfürst Glaukias schon heranziehe, sich mit Kleitos zu vereinigen,
daß die Autariaten mit ihnen im Einverständnis sich anschickten, das
makedonische Heer in seinem Marsche durch die Gebirge zu überfallen.

Alexanders Lage war schwierig; noch mehr als acht Tagemärsche von den
Pässen der Westgrenze entfernt, welche die Illyrier bereits überschritten
hatten, war er nicht mehr imstande, Pelion, den Schlüssel zu den beiden
Flußtälern des Haliakmon und des Apsos (Devol), zu retten; hielt ein
Überfall der Autariaten ihn auch nur zwei Tage auf, so waren die vereinten
Illyrier und Taulantiner stark genug, von Pelion aus bis in das Herz
Makedoniens vorzudringen, die wichtige Linie des Erigonstromes zu besetzen
und, während sie selbst die Verbindung mit ihrer Heimat durch den Paß von
Pelion offen hatten, den König von den südlichen Landschaften seines
Reiches und von Griechenland abzuschneiden, wo bereits gefährliche
Bewegungen merkbar wurden. Freilich lag Philotas mit einer starken
Besatzung in der Kadmeia, und Antipatros in Makedonien hatte noch Truppen
zur Hand, ihn zu unterstützen; aber ohne die Heeresmacht, die mit dem
Könige war, vermochten sie wenig; und diese Heeresmacht war in ernstem
Gedränge; für Alexander stand Großes auf dem Spiel; ein unglückliches
Treffen, und alles, was er und sein Vater mühsam erreicht hatten, stürzte
zusammen.

Langaros, der Fürst der Agrianer, der ihm schon bei Philipps Lebzeiten
unzweideutige Beweise seiner Anhänglichkeit gegeben, und dessen Kontingent
in dem eben beendeten Feldzuge mit ausgezeichnetem Mute gefochten hatte,
war ihm mit seinen Hypaspisten und den schönsten und tüchtigsten Truppen,
die er sonst noch hatte, entgegengekommen; und als nun Alexander, voll
Besorgnis über den Aufenthalt, den ihm die Autariaten verursachen könnten,
sich nach ihrer Macht und Bewaffnung erkundigte, berichtete ihm Langaros,
er brauche vor diesen Menschen, den schlechtesten Kriegsvölkern im Gebirge,
nicht besorgt zu sein; er selbst wolle, wenn der König es gestatte, in ihr
Land einfallen, so daß sie genug mit sich selbst zu tun haben und an
feindliche Überfälle nicht weiter denken sollten. Alexander gab seine
Zustimmung, und Langaros drang plündernd und verwüstend in ihre Täler ein,
so daß sie den Marsch der Makedonen nicht weiter störten. Der König ehrte
die treuen Dienste des treuen Bundesgenossen, verlobte ihm seine
Halbschwester Kynna und lud ihn ein, nach Beendigung des Krieges nach Pella
zu kommen, um die Hochzeit zu feiern. Langaros starb gleich nach dem Zuge
auf dem Krankenbette.

In dem mächtigen Gebirgswall, der die Wasserscheide zwischen den
makedonischen und illyrischen Strömen bildet, ist südöstlich vom
lychnitischen See (dem See von Ochrida) eine fast zwei Meilen breite Lücke,
durch die der Apsos (Devol) nach Westen fließt; sie bildet das natürliche
Tor zwischen dem makedonischen Oberlande und Illyrien. König Philipp hatte
nicht eher geruht, als bis er sein Gebiet bis an den See erweitert hatte;
unter den Positionen und Kastellen, welche die Wege dorthin beherrschten,
war die Bergfestung Pelion die beste und wichtigste; wie ein Außenwerk
gegen die Vorberge nach Illyrien zu gelegen, die sie im Kreise umgaben,
schützte sie auch den Weg, der aus dem Tale des Erigon südwärts zu dem des
Haliakmon und in das südliche Makedonien führte; die Straße von hier nach
Pelion ging an dem eingeschnittenen Bette des Apsos hinab und war
stellenweise so eng, daß ein Heer kaum zu vier Schilden hindurchziehen
konnte. Diese wichtige Position war bereits in den Händen des illyrischen
Fürsten; Alexander rückte in Eilmärschen den Erigon aufwärts, um womöglich
die Festung vor Ankunft der Taulantiner wiederzunehmen.

Vor der Stadt angekommen, bezog er am Apsos ein Lager, um am folgenden
Tage zu stürmen. Kleitos hatte schon auch die waldigen Höhen rings um die
Stadt besetzt, so den Rücken der Feinde, wenn sie den Angriff versuchen
sollten, bedrohend; nach der Sitte seines Landes schlachtete er zum Opfer
drei Knaben, drei Mädchen, drei schwarze Widder, rückte dann vor, als wolle
er mit den Makedonen handgemein werden; doch sobald diese gegen die Höhen
anrückten, verließen die Illyrier eiligst ihre feste Stellung, ließen
selbst die Schlachtopfer liegen, die den Makedonen in die Hände fielen, und
zogen sich in die Stadt zurück, unter deren Mauern sich jetzt Alexander
lagerte, um sie, da der Überfall mißlungen war, mit einer Umwallung
einzuschließen und zur Übergabe zu zwingen. Aber schon am folgenden Tage
zeigte sich Glaukias mit einer starken Heeresmacht auf den Höhen; Alexander
mußte es aufgeben, mit seinen gegenwärtigen Streitkräften auf die mit
Kriegsvolk gefüllte Festung Sturm zu wagen, bei dem er den Feind auf den
Bergen im Rücken gehabt hätte. Es bedurfte in dieser Stellung großer
Vorsicht. Philotas, der mit einem Trupp Reiter und den nötigen Gespannen
zum Fouragieren abgeschickt wurde, wäre fast in die Hände der Taulantiner
gefallen; nur Alexanders schnelles Nachrücken mit den Hypaspisten, den
Agrianern und Bogenschützen, und 300 von der Ritterschaft sicherte
Philotas' Rückkehr, rettete den wichtigen Transport. Die Lage des Heeres
wurde von Tage zu Tage peinlicher; in der Ebene fast eingeschlossen, hatte
Alexander weder Truppen genug, Entscheidendes gegen die Macht beider
Fürsten zu wagen, noch hinreichend Proviant, um sich bis zur Ankunft von
Verstärkungen zu halten. Er mußte zurück, aber der Rückzug schien doppelt
gefährlich; Kleitos und Glaukias glaubten nicht ohne Grund, den König auf
diesem höchst ungünstigen Boden in ihren Händen zu haben; die überragenden
Berge hatten sie mit zahlreicher Reiterei, mit vielen Akontisten,
Schleuderern und Schwerbewaffneten besetzt, die das Heer in jenem engen
Wege überfallen und niedermetzeln konnten, während die Illyrier aus der
Festung den Abziehenden in den Rücken fielen.

Durch eine kühne Bewegung, wie sie nur ein makedonisches Heer auszuführen
imstande war, machte Alexander die Hoffnungen der Feinde zuschanden.
Während die meisten der Reiterei und sämtliche Leichtbewaffnete, dem Feinde
in der Stadt zugewandt, jede Gefahr von dieser Seite unmöglich machten,
rückte die Phalanx, zu 120 Mann Tiefe formiert, die Flanken mit 200 Reitern
gedeckt in der Ebene vor, mit der größten Stille, damit die Kommandos
schnell vernommen würden. Die Ebene war bogenförmig von Höhen umschlossen,
von welchen herab die Taulantiner die Flanken der vorrückenden Masse
bedrohten; aber das ganze Viereck fällte die Spieße, drang gegen die Höhen
vor, machte dann plötzlich rechtsum, rückte in dieser Richtung vor, kehrte
sich, da ein anderer Haufen der Feinde die neue Flanke bedrohte, gegen
diesen; so abwechselnd, vielfach und mit der größten Präzision eine Stelle
mit der anderen tauschend, rückten die Makedonen zwischen den feindlichen
Höhen hin, formierten sich endlich aus der linken Flanke »wie zu einem
Keile«, als wollten sie durchbrechen. Bei dem Anblick dieser unangreifbaren
und mit ebensoviel Ordnung wie Schnelligkeit ausgeführten Bewegungen wagten
die Taulantiner keinen Angriff und zogen sich von den ersten Anhöhen
zurück. Als nun aber die Makedonen das Schlachtgeschrei erhoben und mit den
Spießen an ihre Schilde schlugen, kam ein panischer Schrecken über die
Barbaren, und eiligst flohen sie über die Höhen nach der Stadt hinein. Nur
eine Schar hielt noch eine Anhöhe besetzt, über welche der Weg führte;
Alexander befahl den Hetairen seiner Stabswache, aufzusitzen, gegen die
Anhöhe vorzusprengen; wenn der Feind Miene machte, sich zu widersetzen,
sollte die Hälfte von ihnen von den Pferden springen und gemischt mit denen
zu Pferd zu Fuß kämpfen. Aber die Feinde zogen sobald sie dies
Herausstürmen sahen, rechts und links von der Anhöhe hinab. Der König
besetzte nun diese, ließ die noch übrigen Ilen der Ritterschaft, die
zweitausend Bogenschützen und Agrianer eilig nachrücken, dann die
Hypaspisten und nach ihnen die Phalangen durch den Fluß gehen und jenseits
in Schlachtordnung links aufrücken, die Wurfgeschütze dort auffahren. Er
selbst blieb indes auf jener Anhöhe mit der Nachhut und beobachtete die
Bewegungen der Feinde, welche kaum den Übergang des Heeres bemerkten, als
sie auch schon an den Bergen hin vorrückten, um über die mit Alexander
zuletzt Abziehenden herzufallen. Ein Ausfall des Königs gegen sie und der
Schlachtruf der Phalanx, als wolle sie durch den Fluß zurück anrücken,
schreckte sie zurück, und Alexander führte seine Bogenschützen und Agrianer
im vollen Laufe in den Fluß. Er selbst ging zuerst hinüber und ließ, sobald
er sah, daß seine Nachhut vom Feinde gedrängt wurde, das Wurfgeschütz gegen
die Feinde jenseits spielen, die Bogenschützen mitten im Fluß umwenden und
schießen; während nun Glaukias mit seinen Taulantinern sich nicht in die
Schußweite wagte, gingen die letzten Makedonen durch den Fluß, ohne daß
Alexander bei dem ganzen gefährlichen Manöver auch nur einen Mann verloren
hätte; er selbst hatte an den gefährlichsten Punkten gefochten, er war am
Halse durch einen Keulenschlag, am Kopfe durch einen Steinwurf verwundet.

Durch diese Bewegung hatte Alexander nicht bloß sein Heer aus
augenscheinlicher Gefahr gerettet, sondern er konnte von seiner Stellung am
Ufer des Flusses aus alle Wege und Operationen der Feinde übersehen und sie
in Untätigkeit halten, falls er Verstärkungen heranziehen wollte. Indes
gaben ihm die Feinde früher Gelegenheit, einen Handstreich auszuführen, der
dem Kriege hier ein schnelles Ende machte. Sie hatten sich, in der Meinung,
jener Rückzug sei ein Werk der Furcht gewesen, in langer Linie vor Pelion
gelagert, ohne sich mit Wall und Graben zu schützen oder auf den
Vorpostendienst die nötige Sorgfalt zu wenden. Das erfuhr Alexander; in der
dritten Nacht ging er unbemerkt mit den Hypaspisten, Agrianern,
Bogenschützen und zwei Phalangen über den Fluß und ließ, ohne die Ankunft
der übrigen Kolonnen abzuwarten, die Bogenschützen und Agrianer vorrücken;
diese brachen an der Seite des Lagers ein, wo am wenigsten Widerstand
möglich war; und die Feinde, aus tiefem Schlafe aufgeschreckt, unbewaffnet,
ohne Leitung oder Mut zum Widerstande, wurden in den Zelten, in der langen
Gasse des Lagers, auf dem regellosen Rückzuge niedergehauen, viele zu
Gefangenen gemacht, den anderen bis an die Berge der Taulantiner
nachgesetzt; wer entkam, rettete sich mit Verlust seiner Waffen. Kleitos
selbst hatte sich in die Stadt geworfen, sie dann angezündet und sich unter
dem Schutz der Feuersbrunst zu Glaukias in das Taulantinerland geflüchtet.
So wurde die alte Grenze auf dieser Seite wiedergewonnen und den besiegten
Fürsten, wie es scheint, unter der Bedingung der Friede gegeben, daß sie
die Oberhoheit Alexanders anerkannten.

Die raschen und heftigen Stöße, mit denen der König, mehr als einmal in
gewagten Angriffen, die Illyrier niederwarf, lassen seine Ungeduld
erkennen, hier fertig zu werden. Während er mit den Illyriern noch vollauf
zu tun hatte, war im Süden eine Bewegung ausgebrochen, die, wenn sie nicht
schnell gedämpft wurde, den großen Plan eines Perserzuges noch lange
hindern, vielleicht für immer unmöglich machen konnte.

Die Hellenen hatten zwar Alexanders Hegemonie anerkannt, das Bündnis mit
ihm auf dem Bundestage zu Korinth beschworen; aber er war ja nun mit seiner
Kriegsmacht weit hinweg, und die Worte derer, die an die alte Freiheit und
den alten Ruhm mahnten, fanden bald offene Ohren und Herzen. Freilich
solange in der Hofburg von Susa noch Alexanders Jugend verachtet wurde,
hielt man es für geraten, zu lavieren; den Athenern wird noch in den Ohren
geklungen haben, was ihnen jüngst der Großkönig geschrieben: »Ich will euch
kein Geld geben, bittet mich nicht, denn ihr bekommt doch nichts.« Aber
allmählich wurde dort erkannt, was für ein Feind dem Reich in Alexander
erstanden sei. Es wurde Memnon -- sein Bruder war wohl nicht mehr am Leben
-- mit 5000 hellenischen Söldnern gegen die bereits in Asien gelandeten
makedonischen Truppen ins Feld geschickt. Aber die Bewegung unter den
asiatischen Hellenen drohte ihm einen schweren Stand; es gab kein besseres
Schutzmittel als das oft erprobte, die Feinde des Reiches in Hellas und
durch die Hellenen zu bekämpfen.

Dareios erließ ein Schreiben an die Hellenen, sie zum Kriege gegen
Alexander aufzufordern; er sandte Geld an die einzelnen Staaten, nach Athen
300 Talente, die der Demos noch verständig genug war, nicht anzunehmen;
aber Demosthenes nahm sie, um sie im Interesse des Großkönigs und gegen
den beschworenen Frieden zu verwenden. Er stand mit dem Strategen des
Großkönigs in brieflichem Verkehr, natürlich um für den Kampf gegen
Alexander Mitteilungen zu geben und zu empfangen. Hand in Hand mit Lykurgos
und den anderen gleichgesinnten Volksführern, tat er, was nötig war, einen
neuen Kampf gegen die makedonische Macht vorzubereiten und einzuleiten,
namentlich die Flüchtlinge Thebens, deren viele in Athen Aufnahme gefunden,
zu neuen Wagnissen aufzufordern. Je ferner Alexander war, je länger er
fernblieb, desto größer wurde der Mut und der Eifer dieser Partei; schon
wurden Gerüchte von einer Niederlage Alexanders im Lande der Triballer
verbreitet und geglaubt. Auch in Arkadien, in Elis, in Messenien, bei den
Ätolern erwachte die alte Neuerungssucht und neue Hoffnungen; vor allen
fühlten die Thebaner das Joch der makedonischen Herrschaft; die Besatzung
in ihrer Burg schien sie unablässig an ihre jetzige Schmach und den Verlust
ihres einstigen Ruhmes zu mahnen.

Da verbreitete sich gewisse Nachricht, Alexander sei im Kampf gegen die
Triballer gefallen; Demosthenes brachte einen Menschen vor das versammelte
Volk, der eine Wunde aus dieser Schlacht aufzuweisen hatte, in der
Alexander vor seinen Augen gefallen sein sollte. Wer konnte zweifeln? Wer
hätte nicht mit Freuden sich von denen überzeugen lassen, die sagten: jetzt
sei die Zeit gekommen, des makedonischen Joches frei zu werden; die
Verträge, die man mit Alexander geschlossen, hätten mit seinem Tode ein
Ende; der Großkönig, bereit die Freiheit der hellenischen Staaten zu
schützen, habe reichliche Subsidien in die Hände der Männer, welche mit ihm
nichts als das Wohl und die Freiheit der Hellenen im Sinne hätten, zur
Unterstützung aller gegen die Makedonen gerichteten Unternehmungen
niedergelegt. Nicht weniger als das persische Gold wirkte für solche Pläne,
daß neben Demosthenes der unbestechliche Lykurgos für sie sprach. Das
Notwendigste war, daß ungesäumt gehandelt, daß mit einer großen Tat der
allgemeinen Erhebung ein Mittelpunkt gegeben wurde.

Begreiflich, daß in dem schwer gestraften Theben, daß unter den
Geflüchteten und Verbannten Thebens in Athen und überall die Stimmung dazu
war, das Äußerste zu wagen. Schon einmal waren Verbannte von Athen aus zur
Befreiung der Kadmeia ausgezogen; Pelopidas hatte sie geführt, die Siege
von Leuktra und Mantineia waren die stolzen Früchte jener Heldentat
gewesen. Freilich in dem Bundesvertrage hatte jede Stadt ausdrücklich
gelobt, nicht gestatten zu wollen, daß von ihr aus Flüchtlinge die Heimkehr
zu erzwingen unternähmen; aber der König, mit dem man den Bund beschworen,
war jetzt tot. Gewiß nicht ohne Einverständnis mit Demosthenes, vielleicht
von ihm mit einem Teil des persischen Geldes, das in seinen Händen war,
unterstützt, verließen mehrere der Flüchtlinge Athen; nachts kamen sie nach
Theben, wo ihre Freunde sie schon erwarteten. Sie begannen damit, zwei
Führer der makedonischen Partei, die, nichts ahnend, von der Kadmeia
herabgekommen waren, zu ermorden. Sie beriefen die Bürgerschaft zur
Versammlung, berieten, was geschehen, was zu hoffen sei; sie beschworen das
Volk bei dem teuren Namen der Freiheit und des alten Ruhmes, das Joch der
Makedonen abzuschütteln, ganz Griechenland und der persische König seien
bereit, ihnen beizustehen; und als sie verkündeten, daß Alexander nicht
mehr zu fürchten, daß er in Illyrien gefallen sei, da beschloß das Volk,
die alte Freiheit herzustellen, wieder Boiotarchen zu bestellen, die
Besatzung aus der Kadmeia zu vertreiben, durch Gesandte die anderen Staaten
zum Beistand aufzurufen.

Alles schien den glücklichsten Erfolg zu versprechen; die Elier hatten
bereits die Anhänger Alexanders verjagt; die Ätoler waren in Bewegung,
Athen rüstete, Demosthenes sandte Waffen nach Theben, die Arkader rückten
aus, den Thebanern zu helfen. Und als Gesandte des Antipatros nach dem
Isthmos kamen, die schon bis dahin Vorgerückten an die geschlossenen
Verträge zu mahnen, zur vertragsmäßigen Bundeshilfe aufzufordern, hörte man
nicht auf sie, sondern auf die flehende Bitte der thebanischen Gesandten,
die, mit wollenumwundenen Ölzweigen in den Händen, zum Schutz der heiligen
Sache aufriefen. Nur um so eifriger wurde man in Theben selbst; die
Kadmeia ward mit Palisaden und anderen Werken eingeschlossen, so daß der
Besatzung dort weder Hilfe noch Lebensmittel zukommen konnten; die Sklaven
wurden freigegeben, sie und die Metöken zum Kriege gerüstet; die Stadt war
mit Vorräten und Waffen vollauf versehen; bald mußte die Kadmeia fallen,
dann war Theben und ganz Hellas frei, dann die Schande von Chaironeia
gerächt, und der Bundestag von Korinth, dies Trugbild von Selbständigkeit
und Sicherheit, verschwand vor dem fröhlichen Lichte eines neuen Morgens,
der schon über Hellas hereinzubrechen schien.

Da verbreitete sich das Gerücht, ein makedonisches Heer rücke in
Eilmärschen heran, stehe nur zwei Meilen entfernt in Onchestos. Die Führer
beschwichtigten das Volk; es werde Antipatros sein; seit Alexander tot sei,
brauche man die Makedonen nicht mehr zu fürchten. Dann kamen Boten: es sei
Alexander selbst; sie wurden übel empfangen; Alexander, der Lynkestier,
Äropos' Sohn, sei es. Tags darauf stand der König, der totgeglaubte, mit
seinem Heere unter den Mauern der Stadt.

Wie alles in diesem ersten Kriege des Königs überraschend, plötzlich, wie
voll Nerv und Muskel ist, so vor allem dieser Marsch. Vierzehn Tage vorher
hatte er den letzten Schlag bei Pelion getan; auf die Nachrichten, was in
Theben geschehen, war er aufgebrochen, in sieben Tagen durch das Gebirge
bis Pellineion am oberen Peneios marschiert; nach raschem Weitermarsch zum
Spercheios, durch die Thermopylen, nach Boiotien hinein, stand er jetzt bei
Onchestos, zwei Meilen von Theben, fast 60 Meilen von Pelion. Sein
plötzliches Erscheinen hatte zunächst den Erfolg, daß die arkadischen
Hilfsvölker nicht über den Isthmos hinauszurücken wagten, daß die Athener
ihre Truppen so lange zurückzuhalten beschlossen, bis sich der Kampf gegen
Alexander entschieden habe, daß sich die Orchomenier, Platäer, Thespier,
Phokier, andere Feinde der Thebaner, die sich schon der ganzen Wut ihrer
alten Peiniger preisgegeben glaubten, mit doppeltem Eifer den Makedonen
anschlossen. Der König hatte nicht im Sinn, sofort zur Gewalt zu schreiten;
er führte sein Heer von Onchestos heran, ließ es vor den nördlichen Mauern
nahe beim Gymnasium des Iolaos lagern; er erwartete, daß die Thebaner
angesichts seiner Macht die Torheit ihres Unternehmens erkennen und um
gütlichen Vergleich bitten würden. Sie waren, obschon ohne alle Aussicht
auf Hilfe, so weit entfernt sich beugen zu wollen, daß sie ihre Reiter und
leichtes Volk sofort einen Ausfall machen ließen, der die feindlichen
Vorposten zurückdrängte, und die Kadmeia nur eifriger bedrängten. Auch
jetzt noch zögerte Alexander, einen Kampf zu beginnen, der, einmal
begonnen, schweres Unheil über eine hellenische Stadt bringen mußte; er
rückte am zweiten Tage an das südliche Tor, welches nach Athen hinausführt
und an welches innerhalb die Kadmeia stößt; er bezog hier ein Lager, um zur
Unterstützung der in der Burg liegenden Makedonen in der Nähe zu sein; er
zögerte noch weiter mit dem Angriff. Man sagt, er habe die in der Stadt
wissen lassen, daß, wenn sie den Phönix und Prothytes, die Urheber ihres
Abfalles, auslieferten, das Geschehene vergeben und vergessen sein solle.
Es gab manche in der Stadt, die empfahlen und verlangten, daß man an den
König senden und um Verzeihung für das Geschehene bitten sollte; aber die
Boiotarchen, die Verbannten, die, welche sie zur Rückkehr aufgefordert
hatten, von Alexander keiner freundlichen Aufnahme gewärtig, reizten die
Menge zum hartnäckigsten Widerstande; es soll dem Könige geantwortet sein:
wenn er den Frieden wolle, so möge er ihnen Antipatros und Philotas
ausliefern; es soll die Aufforderung erlassen sein, wer mit ihnen und dem
Großkönige Hellas befreien wolle, möge zu ihnen in die Stadt kommen.
Alexander wollte auch jetzt noch nicht angreifen.

Aber Perdikkas, der mit seiner Phalanx die Vorhut des makedonischen Lagers
hatte und in der Nähe der feindlichen Außenwerke stand, hielt die
Gelegenheit zu einem Angriffe für so günstig, daß er Alexanders Befehl
nicht abwartete, gegen die Verschanzungen anstürmte, sie durchbrach und
über die Vorwache der Feinde herfiel. Schnell brach auch Amyntas mit seiner
Phalanx, die zunächst an der des Perdikkas stand, aus dem Lager hervor,
folgte ihm zum Angriff auf den zweiten Wall. Der König sah ihre Bewegungen
und fürchtete für sie, wenn sie allein dem Feinde gegenüberblieben; er ließ
eilig die Bogenschützen und Agrianer in die Umwallung eindringen, das Agema
nebst den anderen Hypaspisten ausrücken, aber vor den äußeren Werken
haltmachen. Da fiel Perdikkas schwer verwundet beim Angriff auf den zweiten
Wall, doch die zwei Phalangen, in Verbindung mit den Schützen und
Agrianern, erstürmten den Wall, drangen durch den Hohlweg des elektrischen
Tores in die Stadt bis zum Herakleion vor, und mit lautem Geschrei wandten
sich die Thebaner, stürzten sich auf die Makedonen, so daß diese mit
bedeutendem Verluste -- siebzig von den Bogenschützen fielen, unter ihnen
ihr Führer, der Kreter Eurybotas -- fliehend sich auf die Hypaspisten
zurückzogen. In diesem Augenblick rückte Alexander, der die Thebaner ohne
Ordnung verfolgen sah, mit geschlossener Phalanx schnell auf sie an; sie
wurden geworfen, sie flüchteten so übereilt, daß die Makedonen mit ihnen in
das Tor eindrangen, während zugleich an anderen Stellen die Mauer, die
wegen der vielen Außenposten ohne Verteidiger war, erstiegen und besetzt,
die Verbindung mit der Kadmeia hergestellt wurde. Jetzt war die Stadt
verloren; die Besatzung der Kadmeia warf sich mit einem Teile der
Hereingedrungenen in die Unterstadt auf das Amphieion; andere stiegen über
die Mauern und rückten im Sturmschritt auf den Markt. Umsonst kämpften die
Thebaner mit der größten Tapferkeit; von allen Seiten drangen die Feinde
ein; überall war Alexander und befeuerte die Seinigen durch Wort und
Beispiel; die thebanische Reiterei, in die Straßen zersprengt, jagte durch
die noch freien Tore ins offene Feld hinaus; von dem Fußvolk rettete sich,
wer es konnte, ins Feld, in die Häuser, in die Tempel, die mit wehklagenden
Weibern und Kindern angefüllt waren. Voll Erbitterung richteten jetzt nicht
sowohl die Makedonen, als die Phokier, die Platäer und die übrigen Boiotier
ein gräßliches Blutbad an; selbst Weiber und Kinder wurden nicht geschont,
ihr Blut besudelte die Altäre der Götter. Erst das Dunkel der Nacht machte
dem Plündern und Morden ein Ende; von den Makedonen sollen 500 gefallen,
von den Thebanern 6000 erschlagen worden sein, bis des Königs Befehl dem
Gemetzel ein Ende machte.

Am folgenden Tage berief er eine Versammlung der Genossen des Korinthischen
Bundes, welche an dem Kampfe teilgenommen hatten, und überwies ihnen die
Entscheidung über das Schicksal der Stadt. Die Richter über Theben waren
dieselben Platäer, Orchomenier, Phokier, Thespier, welche den furchtbaren
Druck der Thebaner lange hatten erdulden müssen, deren Städte ehemals von
ihnen zerstört, deren Söhne und Töchter von ihnen geschändet und als
Sklaven verkauft waren. Sie beschlossen: die Stadt solle dem Erdboden
gleichgemacht, das Land, mit Ausnahme des Tempellandes, unter Alexanders
Bundesgenossen verteilt, alle Thebaner mit Weib und Kind in die Sklaverei
verkauft, nur den Priestern und Priesterinnen, den Gastfreunden Philipps,
Alexanders und der Makedonen die Freiheit geschenkt werden; Alexander gebot
auch Pindars Haus und Pindars Nachkommen zu verschonen. Dann wurden 30 000
Menschen jedes Alters und Standes verkauft und in die weite Welt zerstreut,
hierauf die Mauern niedergerissen, die Häuser ausgeräumt und zerstört; das
Volk des Epaminondas war nicht mehr, die Stadt ein grauenvoller
Schutthaufen, »der Kenotaph ihres Ruhmes«; eine makedonische Wache oben auf
der einsamen Burg hütete die Tempel und die »Gräber der Lebendigen«.

Das Schicksal Thebens war erschütternd; kaum ein Menschenalter vorher hatte
es die Hegemonie in Hellas gehabt, seine heilige Schar Thessalien befreien,
seine Rosse im Eurotas tränken lassen; jetzt war es von der Erde vertilgt.
Die Griechen aller Parteien sind unerschöpflich in Klagen über Thebens
Fall, und nur zu oft ungerecht gegen den König, der es nicht retten konnte.
Er hat nachmals, wenn Thebaner unter den Söldnerscharen Asiens als
Kriegsgefangene in seine Hände fielen, sie nie anders als mit Großmut
behandelt; schon jetzt, während der Kampf kaum beendet war, verfuhr er in
gleicher Weise. Eine edle Thebanerin, so wird erzählt, wurde gefangen und
gebunden vor ihn gebracht; ihr Haus war von Alexanders Thrakern
niedergerissen, sie selbst von den Anführern derselben geschändet, dann
unter wilden Drohungen nach ihren Schätzen gefragt; sie hatte den Thraker
an einen im Gebüsch versteckten Brunnen geführt: darin seien die Schätze
versenkt; und als er hinabstieg, hatte sie Steine auf ihn
hinabgeschleudert, bis er tot war. Nun brachten die Thraker sie vor des
Königs Richterstuhl; sie sagte aus: sie sei Timokleia, jenes Theagenes
Schwester, der als Feldherr bei Chaironeia gegen Philipp für die Freiheit
der Hellenen gefallen war. So glaubwürdig wie die Erzählung ist ihr Schluß,
daß Alexander der hochherzigen Frau verziehen, ihr und ihren Verwandten die
Freiheit geschenkt habe.

Der Fall und Untergang Thebens war wohl dazu angetan, die Hellenen und ihre
kurzatmige Begeisterung zu ernüchtern. Die Elier eilten, die Anhänger
Alexanders, die sie verbannt hatten, wieder heimzurufen; die Arkader riefen
ihre Kriegsscharen vom Isthmos zurück und verdammten die zum Tode, die zu
diesem Hilfszuge gegen Alexander aufgemuntert hatten; die einzelnen Stämme
der Ätoler schickten Gesandte an den König und baten um Verzeihung für das,
was bei ihnen geschehen sei. Ähnlich anderer Orten.

Die Athener hatten die Flüchtlinge Thebens trotz des Bundeseides heimkehren
lassen, hatten auf Demosthenes' Antrag beschlossen, Beistand nach Theben zu
schicken, die Flotte auszusenden; aber das Zögern Alexanders hatten sie
nicht benutzt, ihre Truppen -- in zwei Märschen hätten sie dort sein können
-- ausrücken zu lassen. Sie feierten gerade die großen Mysterien (im Anfang
September), als Flüchtende die Nachricht von dem Falle der Stadt brachten;
in höchster Bestürzung wurde die Feier unterbrochen, alles bewegliche Gut
vom Lande in die Stadt geflüchtet, dann eine Versammlung gehalten, die auf
Demades' Vorschlag beschloß, eine Gesandtschaft von zehn Männern, die dem
Könige genehm seien, zu senden, um wegen seiner glücklichen Rückkehr aus
dem Triballerlande und dem Illyrischen Kriege, sowie wegen der
Unterdrückung und gerechten Bestrafung des Aufruhrs in Theben Glück zu
wünschen, zugleich aber um die Vergünstigung zu bitten, daß die Stadt ihren
alten Ruhm der Gastfreundschaft und Barmherzigkeit auch an den
thebanischen Flüchtlingen bewähren dürfe. Der König forderte die
Auslieferung des Demosthenes, des Lykurgos, ferner des Charidemos, des
erbitterten Gegners der makedonischen Macht, die seiner Art lukrativer
Kriegsführung ein Ende machte, des Ephialtes, der jüngst als Gesandter nach
Susa gesandt worden war und anderer; denn diese seien nicht bloß die
Ursache der Niederlage, die Athen bei Chaironeia, sondern auch aller der
Unbilden, die man nach Philipps Tode sich gegen dessen Andenken und den
rechtmäßigen Erben des makedonischen Königtums erlaubt habe; den Fall
Thebens hätten sie nicht minder verschuldet, als die Unruhestifter in
Theben selbst; die von diesen jetzt in Athen Zuflucht gefunden, müßten
gleichfalls ausgeliefert werden. Die Forderung Alexanders veranlaßte die
heftigsten Erörterungen in der Volksversammlung zu Athen; Demosthenes
beschwor das Volk, »nicht wie die Schafe in der Fabel ihre Wächterhunde dem
Wolfe auszuliefern«. Das Volk wartete in seiner Ratlosigkeit auf des
strengen Phokion Meinung; sein Rat war, um jeden Preis des Königs
Verzeihung zu erkaufen und nicht durch unbesonnenen Widerstand zum Unglück
Thebens auch noch Athens Untergang hinzuzufügen; jene zehn Männer, die
Alexander fordere, sollten jetzt zeigen, daß sie aus Liebe zum Vaterlande
sich auch dem größten Opfer zu unterziehen bereit seien. Demosthenes aber
bewog durch seine Rede das Volk, durch fünf Talente den makedonisch
gesinnten Redner Demades, daß dieser an den König gesandt wurde und ihn
bat, diejenigen, welche strafbar seien, dem Gerichte des attischen Volkes
zu überlassen.

Der König tat es, teils aus Achtung vor Athen, teils aus Eifer für den Zug
nach Asien, während dessen er keine verdächtige Unzufriedenheit in
Griechenland zurücklassen wollte; nur die Verbannung des Charidemos, jenes
wüsten Abenteurers, den selbst Demosthenes ehedem verabscheut hatte, wurde
verlangt; Charidemos floh nach Asien zum Perserkönige. Nicht lange darauf
verließ auch Ephialtes Athen und ging zur See fort.

Nachdem auf diese Weise Hellas beruhigt, durch die Vernichtung Thebens und
die makedonische Besatzung in der Kadmeia auch für die Zukunft neuen
Bewegungen hinlänglich vorgebeugt schien, brach Alexander aus dem Lager
vor Theben auf und eilte im Herbste 335 nach Makedonien zurück. Ein Jahr
hatte hingereicht, sein vielgefährdetes Königtum fest zu gründen; des
Gehorsams der barbarischen Nachbarvölker, der Ruhe in Hellas, der
Anhänglichkeit seines Volkes gewiß, konnte er den nächsten Frühling zum
Beginn des Unternehmens bestimmen, das für das Schicksal Asiens, für die
Wege von Jahrhunderten entscheidend werden sollte.

Die nächsten Monate waren den Rüstungen zum großen Kriege gewidmet; von
Griechenland, von Thessalien, von den Gebirgen und Tälern Thrakiens kamen
Scharen der Verbündeten; Söldner wurden geworben, Schiffe zur Überfahrt
nach Asien gerüstet. Der König hielt Beratungen, die Operationen des
Feldzuges nach den Erkundigungen, die über die Beschaffenheit der östlichen
Länder, über die militärische Wichtigkeit der Stromtäler, der Bergzüge, der
Städte und Landschaften eingezogen waren, zu entwerfen. Wie gern erführen
wir Genaueres darüber, namentlich, ob man am Hofe zu Pella eine Vorstellung
von den geographischen Verhältnissen des Reiches, das man anzugreifen
gedachte, von dessen Ausdehnung jenseits des Taurus, jenseits des Tigris
hatte. Gewiß kannte man die Anabasis des Xenophon, vielleicht die persische
Geschichte des Ktesias; manches mochte man von Hellenen, die in Asien in
Sold gewesen, von persischen Gesandtschaften, von Artabazos und Memnon, die
jahrelang als Flüchtlinge am makedonischen Hofe gelebt hatten, erkundet
haben. Aber wie sorgfältig man Nachrichten gesammelt haben mochte, es
konnte kaum mehr sein als ein unsicheres Material zu Entwürfen für den
Krieg bis zum Euphrat und allenfalls bis zum Tigris; von der Gestaltung der
Länder weiter nach Osten, von den Entfernungen dort hatte man unzweifelhaft
keine Vorstellung.

Dann wurden die Angelegenheiten der Heimat geordnet, Antipatros zum
Reichsverweser bestellt, mit genügender Heeresmacht um die Ruhe in Hellas
zu sichern, die Grenzen Makedoniens zu decken, die zugewandten Völker umher
in Gehorsam zu halten; es wurden die Fürsten der verbündeten
Barbarenstämme zur persönlichen Teilnahme am Kampfe aufgefordert, damit
das Reich vor Neuerungen desto sicherer, die Stammesgenossen unter ihrer
Führung desto tapferer wären. Noch eine Sorge wurde im Kriegsrate besonders
von Antipatros und Parmenion angeregt: wessen, im Fall eines
unvorhergesehenen Unglückes, die Thronfolge im Reiche sein solle? Sie
beschworen den König, sich vor dem Feldzuge zu vermählen und die Geburt
eines Thronerben zu erwarten. Er verwarf ihre Anträge: es sei seiner, der
Makedonen und Hellenen unwürdig, an Hochzeit und Ehebett zu denken, wenn
Asien zum Kampfe bereit stehe. Sollte er warten, bis die schon aufgebotene
Flotte der Phönikier und Cyprioten herankäme, das schon aufgebotene
Reichsheer des Großkönigs sich sammelte und über den Taurus kam? Er durfte
nicht länger zögern, wenn er Kleinasien und damit die Basis zum weiteren
Kampf gewinnen wollte.

Es wird berichtet, daß er so verfahren, als wenn er für immer von
Makedonien Abschied nehmen wolle. Was daheim ihm gehörte, Landgüter,
Waldungen und Dörfer, selbst Hafenzölle und andere Einkünfte, habe er an
die Freunde verschenkt, und auf Perdikkas' Frage, als fast alles verteilt
gewesen sei: was denn ihm bleibe? habe er geantwortet: »die Hoffnung«; da
habe denn Perdikkas seinen Anteil verschmäht: »Laß uns, die wir mit dir
kämpfen werden, die Hoffnung mit dir teilen«; und manche Freunde seien dem
Beispiel des Perdikkas gefolgt. Die Erzählung wird übertrieben sein, aber
der Stimmung vor dem Auszuge entspricht sie; der König verstand es, sie
hoch und höher zu spannen; der Enthusiasmus, der ihn erfüllte, entflammte
seine Generale, den ritterlichen Adel, der ihn umgab, das gesamte Heer, das
ihm folgte; den Heldenjüngling an ihrer Spitze, forderten sie siegesgewiß
eine Welt zum Kampfe heraus.



  Zweites Buch

  +Dios plagan echousin eipein.+



  Erstes Kapitel

  Die Vorbereitungen zum Kriege -- Das Münzwesen -- Die
  Bundesverhältnisse des Königtums -- Die Armee -- Übergang
  nach Asien -- Schlacht am Granikos -- Besetzung der Westküste
  Kleinasiens -- Eroberung von Halikarnaß -- Zug durch Lykien,
  Pamphylien, Pisidien -- Organisation der neuen Gebiete


Alexanders Unternehmen erscheint auf den ersten Blick in nicht geringem
Mißverhältnis zu den Hilfsmitteln, die ihm zur Verfügung standen. Und nur
die kleinere Hälfte seines Werkes war, den Feind aus dem Felde zu schlagen;
er mußte daran denken, wie die Erfolge der Waffen dauernd gemacht werden
sollten.

Denn der räumlichen Ausdehnung nach kam das Ländergebiet, über dessen
Kräfte er verfügen konnte, kaum dem dreißigsten Teile des Perserreiches
gleich; nicht minder ungleich stellte sich das Zahlenverhältnis der
Bevölkerungsmassen hier und dort, seiner und der persischen Streitkräfte zu
Wasser und zu Lande. Fügt man hinzu, daß der makedonische Schatz beim Tode
Philipps erschöpft und mit 500 Talenten Schulden belastet war, während in
den Schatzkammern des Großkönigs zu Susa, Persepolis, Ekbatana usw.
ungeheuere Vorräte edlen Metalls aufgehäuft lagen, daß Alexander nach
Beendigung seiner Rüstungen, zu denen er 800 Talente hatte aufnehmen
müssen, nicht mehr als 60 Talente zur Verfügung hatte, den Krieg gegen
Asien zu beginnen, so erscheint sein Unternehmen tollkühn und fast
chimärisch.

Der Charakter der uns erhaltenen Überlieferungen gestattet nicht, aus ihnen
auf die Fragen, die sich hier aufdrängen, Antwort zu erwarten. Selbst der
verständige Arrian gibt nur den äußeren, fast nur den militärischen
Sachverlauf mit gelegentlicher moralischer Würdigung seines Helden, kaum
daß er von denen, die militärisch in Rat und Tat seine Helfer waren, mehr
als die Namen anführt; von der Verwaltung, den Finanzen, den politischen
Organisationen, von der Kanzlei, dem Kabinett des Königs, von den Personen,
die in diesen Funktionen des Königs Werkzeuge waren, sagt er nichts; er
unterläßt es, sich und dem Leser klarzumachen, wie die Taten und Erfolge,
von denen er berichtet, möglich waren und wirklich wurden, mit welchen
Mitteln inwieweit vorausgeplant, von welchen Zielen und nach welchen
praktischen Gesichtspunkten bestimmt, durch welche Macht des Willens, der
überlegenen Einsicht, der militärischen und politischen Genialität.

Aus der Fülle von Fragen, die damit angedeutet sind, genügt es vorerst,
diejenigen hervorzuheben, die hier an der Schwelle des staunenswürdigsten
Siegeslaufes die wesentlichen sind.

Es hat nicht an solchen gefehlt, die dem Charakter Alexanders und seiner
Genialität damit gerecht zu werden glaubten, daß sie ihn wie einen
Phantasten darstellten, der mit seinen nicht minder enthusiastischen
Kriegsvölkern nach Asien gezogen sei, die Perser zu schlagen, wie und wo er
sie fände, vom Zufall erwartend, wie ihn der nächste Tag weiterführen
werde. Andere haben gemeint, daß er den Gedanken, mit dem sich sein Vater
getragen, den Philosophen, Redner, Patrioten immer von neuem empfohlen, der
recht eigentlich von der hellenischen Bildung gezeugt und entwickelt worden
sei, nur eben ausgeführt habe.

Der Gedanke, bevor er zur Tat geworden, ist nur ein Traum, ein Phantom, ein
Spiel der erregten Phantasie; erst dem, der ihn ausführt, gewinnt er
Gestalt, Fleisch und Bein, den Impuls eigener Bewegung, das Hier und Jetzt
seines Wirkens, und mit den Bedingnissen und Gegenwirkungen in Raum und
Zeit immer neue Schranken, immer schärfere Ausprägungen, mit denen seiner
Kraft zugleich die seiner Schwächen.

Ist Alexander wie ein Abenteurer, wie ein Träumer hinausgezogen mit dem
summarischen Gedanken, Asien bis zu den ungekannten Meeren, die es
umgrenzen, zu erobern? Oder hat er gewußt, was er wollte und was er wollen
konnte? Hat er danach seine militärischen und politischen Pläne entworfen,
seine Maßregeln getroffen?

Es handelt sich nicht darum, aus der Reihenfolge seiner Erfolge rückwärts
schließend, deren planmäßigen Zusammenhang aufzuweisen und die Evidenz als
Beweis zu geben; es fragt sich, ob es Beweise gibt, daß vor dem begonnenen
Werk schon vor seinem Geiste stand, wie es werden sollte.

Vielleicht daß eine Tatsache dafür anzuführen ist, von der freilich unsere
Quellen nicht sprechen. Außer wenigen Inschriften und Kunstwerken haben wir
unmittelbare Überreste aus jener Zeit nur in den Münzen, deren Tausende,
goldene, silberne, kupferne mit dem Gepräge Alexanders erhalten sind,
stumme Zeugen, welche die Forschung endlich zu sprechen gelehrt hat.
Verglichen mit den Gold- und Silbermünzen der Perserkönige, der zahllosen
Griechenstädte, der makedonischen Könige vor Alexander, ergeben sie einen
Vorgang sehr bemerkenswerter Art.

Im früheren ist erwähnt worden, daß König Philipp in seinen Landen eine
neue Münzordnung eingeführt habe; sie war, nach dem Ausdruck eines
berühmten Forschers, gleichsam eine entfernte Anbahnung zur Eroberung
Persiens. Sie bestand darin, daß er, während in der hellenischen Welt die
Silberwährung, wie im Perserreich die Goldwährung herrschte, Gold auf den
Fuß der Dareiken prägte, daneben Silber auf denjenigen Fuß, der dem
Handelswert des Goldes am nächsten entsprach. Also er setzte die
Goldwährung »nicht an die Stelle, sondern an die Seite der bisher in der
griechischen Welt allein üblichen Silberwährung, er führte damit in seinem
Reiche Doppelwährung ein«. Nach dem Verhältnis des Goldes zu Silber, das im
Handel 1:12,51 stand, normierte er seine Silberstücke, deren 15 auf ein
Goldstück von 8,60 Gramm gehen sollten, auf 7,24 Gramm; es war im
wesentlichen der Fuß des verbreiteten rhodischen Silbergeldes.

Die Goldmünzen Alexanders sind von demselben Gewicht und Feingehalt wie die
»Philippeer«, aber seine Silbermünzen folgen einem völlig anderen System;
es sind Tetradrachmen von 17,00-17,20 Gramm und deren Stücklung, ganz nach
dem attischen System, mit der Wertung des Goldes gegen Silber wie 1:12,30.
Nicht bloß geschah diese Verminderung in der Absicht, von der Doppelwährung
des Vaters zur reinen Silberwährung der Hellenen zurückzukehren, wie denn
im weiteren die »Alexanderdrachme« zur allgemeinen, in dem ganzen Reiche
gültigen Zahlungseinheit erhoben worden ist, sondern -- und dies ist das
für unsere Frage Bedeutsamere -- es gibt in der großen Masse Drachmengeldes
von Alexander auch nicht ein Stück nach dem philippischen Fuß.

Man wird nicht annehmen wollen, daß diese Neuordnung ohne wesentliche
Motive eingeführt wurde. Hatte Philipp die Doppelwährung eingeführt, so war
seine Absicht gewesen, bei dem Sinken des Goldpreises im Handel mit der
griechischen Welt, wo die Silberwährung galt, den Preis beider edlen
Metalle zu fixieren und sie damit im Gleichgewicht zu erhalten. Sank der
Wert des Goldes weiter, so mußte auch aus Makedonien das Silber abfließen,
wie bisher schon aus Persien, in dem Maße als der Wert des Silbers höher
war als der des Goldes, für das man es kaufen konnte. Mit der neuen
Münzordnung, die Alexander einführte, war dem persischen Golde sozusagen
der Krieg erklärt; das Gold war zur bloßen Ware gemacht, zu einer Ware,
die, wenn die Schätze des Perserkönigs erobert und das dort in Masse tot
liegende Gold dem Verkehre zurückgegeben wurde, sich immerhin weiter
entwerten konnte, ohne daß die auf Silber gestellten Preise in der
griechischen Welt dadurch in gleichem Maße erschüttert wurden. Das Silber
nach attischem Fuß wurde fortan zum Wertmaß, die Tetradrachme zum Nominal
einer Münzeinheit, in der sich ungefähr alle hellenischen Münzsysteme wie
ebenso vielerlei Brüche in ihrem Generalnenner zusammen finden konnten. Und
nach einem halben Menschenalter war die »Alexanderdrachme« die Weltmünze.

Ob mit dieser Umgestaltung des makedonischen Münzsystems zugleich eine
finanzielle Hilfe für die augenblicklichen Geldgeschäfte gesucht wurde, ob
Alexander und sein Ratgeber die wirtschaftliche Wirkung der Maßregel
berechnet, ob sie die weitere Entwertung des Goldes, wenn die persischen
Schätze in Umlauf gesetzt wurden, vorausgesehen haben, muß dahingestellt
bleiben. Genug, wenn uns eine tiefeingreifende Maßregel darauf aufmerksam
macht, bis zu welchen Punkten hin der große Plan, ehe man zur Ausführung
schritt, vorbedacht worden ist.

Eine zweite Vorfrage ist, wie das Unternehmen, zu dem Alexander auszog,
basiert war, oder ob es sein Wille war, sobald er den Hellespont hinter
sich hatte, seine Basis aufzugeben und, wie man wohl den Ausdruck gebraucht
hat, die Schiffe hinter sich zu verbrennen.

Dem weiteren Verlauf der Darstellung muß es vorbehalten bleiben, zu
rechtfertigen, warum auf die so gestellte Alternative hier nicht
eingegangen werden kann. Wenigstens vorerst lag für Alexander alles daran,
seiner Basis sicher zu sein, und nur soweit er es militärisch und politisch
war, konnte er den entscheidenden ersten Stoß wagen und dessen Wirkung zu
entwickeln hoffen.

Der Machtbereich Alexanders erstreckte sich von Byzanz bis zum Eurotas und
landeinwärts über den Haimos und Pindos bis gegen die Donau und die Adria;
ein Gebiet, das von den vier Seiten des Ägäischen Meeres die nördliche und
westliche wie im rechten Winkel umschloß, während dessen Ostseite die zum
Perserreich gehörenden, aber von Griechenstädten besetzten Gestade
Kleinasiens bilden; Kreta, das der offenen Südseite dieses Meeres vorliegt,
war griechisch, aber eine Welt für sich wie Großgriechenland und Sizilien,
wie die Griechenstädte im Norden und Süden des Pontus.

Vollkommen sicher war Alexander des Gebietes, das auf dem Scheitel jenes
rechten Winkels lag und gleichsam den Keil- und Schlußstein seines
Machtbereiches bildete. Hier in den makedonischen Landen, mit Einschluß der
Tymphaia und Paraunia im Westen, des Strymonlandes im Osten, war er der
geborene König, dem der Adel, der Bauer, die Städte -- auch die
griechischer Gründung, wie Amphipolis -- unbedingt ergeben waren.

An dieses Kernland seiner Macht schlossen sich die übrigen Gebiete rechts
und links und rückwärts in den mannigfachsten politischen Formen von
völliger Abhängigkeit bis zur losen Föderation.

Von besonderer Wichtigkeit war das thrakische Land, derjenige Teil des
Machtbereiches, der vom Eingang des Hellespontes bis zum Ausgang des
Bosporus der Küste Kleinasiens nahe liegt und sie flankiert. Das
Thrakerreich, das einst das Becken des Hebros bis in die Berge hinauf
beherrscht hatte, war von König Philipp zerstört worden, und wenn noch, wie
es scheint, ein Rest desselben als Fürstentum der Odrysen bestand, so war
es von Makedonien zur Heeresfolge abhängig. Thrakien war, wenn es gestattet
ist, den römischen Begriff zu übernehmen, eine Provinz des makedonischen
Staates geworden. Sie zu behaupten, waren an dominierenden Punkten des
Landes die neuen Städte Philippopolis, Kalybe, Beroia, Alexandropolis,
andere gegründet und kolonisiert worden, nicht freie Kolonien in
althellenischer Art, sondern militärische Stationen, immerhin mit
bürgerlichem Gemeinwesen und kommunaler Autonomie, in die zur Füllung aus
der Nähe und Ferne zum Teil zwangsweise Ansiedler gesetzt wurden. Das Land
Thrakien stand -- wenigstens seit 335 wissen wir davon -- unter einem
makedonischen Strategen. Es muß dahingestellt bleiben, wie weit dessen
Amtsbereich über die Haimospässe hinaus sich erstreckte, und ob ein zweiter
Strateg, wie eine unsichere Nachricht aus dem Jahre 331 oder 326 vermuten
läßt, die Gegenden »am Pontos« verwaltete, oder ob die Völkerschaften vom
Haimos bis zur Donau nach dem Feldzug von 335 nur zu friedlicher
Nachbarschaft und vielleicht zu Tribut verpflichtet waren. Die
Griechenstädte an der thrakischen Küste des Pontos, von Apollonia und
Mesembria bis Kallatis und Istros hinauf, waren wohl schon dem Philipp
befreundet; aber sie scheinen auch nach dem Feldzug von 335 nicht in ein
engeres Verhältnis zu Makedonien getreten zu sein. Von Byzanz wurden zu
jenem Feldzug Schiffe an die Donau gesandt, gewiß auf Grund eines nur
symmachischen Verhältnisses; denn Byzanz hat in der Zeit Alexanders und der
Diadochen keine Alexandermünzen geprägt, war also ein selbständiger Staat
geblieben, wie die griechischen Städte des Korinthischen Bundes; ob Byzanz
in diesen getreten war, ob nicht vielmehr Verträge für sich mit Makedonien
geschlossen, muß dahingestellt bleiben.

Sehr bemerkenswert ist, daß von fast allen Griechenstädten der thrakischen
Südküste Alexandermünzen geprägt sind, wie von den makedonischen Pella,
Amphipolis, Skione usw.; also sie stehen wie diese unter dem makedonischen
Münzgesetz, sie sind wie diese, immerhin mit kommunaler Autonomie, nicht
mehr »Selbststaaten«. Von diesen, wenn man will, königlichen Städten in
Thrakien liegen Abdera, Maronea auf der Straße zum Hellespont, Kardia auf
dem Eingang zum Chersones, Krithote am Nordeingang des Hellespont gegenüber
von Lampsakos, Sestos und Koile an der Stelle des Übergangs nach Abydos,
Perinthos und Selymbria an der Propontis.

Im Norden Makedoniens ist das Fürstentum der Paionen und weiter das der
Agrianer unter der Hoheit Makedoniens, mit dem Recht oder Pflicht des
Waffendienstes in dem Heere des Königs; wenigstens von den paionischen
Fürsten gibt es auch aus der Zeit gleich nach Alexander Münzen, aber weder
nach dem makedonischen Münzfuß, noch mit dem Gepräge Alexanders.

Die Völkerschaften im Norden von ihnen bis zum Adriatischen Meere, die
Triballer, Autariaten, Dardaner, die Taulantiner, die Illyrier des Kleitos
sind mit dem Feldzuge von 335 zur Ruhe und zu Verträgen gezwungen, in denen
sie ihre Abhängigkeit von Makedonien haben anerkennen müssen; ob bis zur
Tributpflichtigkeit, muß dahingestellt bleiben.

Sehr eigentümlich ist das Verhältnis des Königtums von Epiros zu
Makedonien. Seit König Philipp es dem Arybbas entrissen und an dessen
Neffen Alexandros, den Bruder der Olympias, übergeben und bis an den
ambrakischen Busen erweitert hatte, stand es wie eine natürliche Stütze an
der Seite Makedoniens; die Vermählung des jungen Königs mit Philipps
Tochter, vielleicht eine Art Mitbesitz der Königin Olympias, schien es noch
enger an das makedonische Interesse knüpfen zu müssen. Wie seltsam, daß
trotzdem die Epiroten weder in den Kämpfen von 335 für Makedonien
eintreten, noch an dem großen Zuge nach Asien sich beteiligen; vielmehr
unternimmt der Epirotenkönig ein Jahr darauf »mit 15 Kriegsschiffen und
zahlreichen Fahrzeugen zum Transport von Truppen und Pferden« seinen Zug
nach Italien, man kann nicht einmal sagen, ob im Einverständnis mit
Makedonien. Wäre ein solches zu erweisen, so gewänne man für die Auffassung
der politischen Gedanken dieser Zeit ein wichtiges Moment mehr. Aber
vielleicht darf man sich erinnern, daß die Verfassung der Molosser bei
weitem nicht in dem Maße königlich war, wie die makedonische, sondern durch
die Eide, die der König dem Volk, das Volk dem König leistete, in hohem
Maße gebunden; wohl so, daß der König nur über das, was sein Königsgut ihm
brachte, freie Verfügung hatte; und so mag der Molosserkönig seinen Zug
nicht im Namen des epirotischen Staates unternommen, sondern auf eigene
Kosten und Gefahr ein geworbenes Heer nach Italien geführt haben, um,
ähnlich wie mehr als ein spartanischer König, in fremdem Dienst zu kämpfen.

In welcher Weise die griechischen Staaten sich zu Makedonien verhielten,
ist früher aufgeführt worden. Es wird hier nötig sein, auf diese Frage
zurückzukommen, um einige Punkte von politischer Bedeutung zu berühren, die
freilich nicht mehr alle ins klare zu bringen sind.

Nicht erst der Korinthische Bund knüpfte die Thessaler an Alexander; in
eigener Verfassung standen sie in ihren vier Landschaften zu einem
Gemeinwesen vereint neben Makedonien jener Verfassung, die ihnen König
Philipp gegeben oder erneut hatte, und kraft deren die militärischen und
finanziellen Mittel des Landes dem makedonischen Könige so gut wie zur
freien Verfügung standen. Ob in dieser Verfassung auch die Bergstämme
Thessaliens, die von alters her »zugewandten Kantone«, die Doloper,
Ainianen, Malier usw., begriffen waren, oder ob nur die amphiktyonische
Verbindung sie an Makedonien knüpfte, ist nicht mehr zu erkennen.

Auch die Ätoler scheinen nicht in dem Korinthischen Bunde gestanden,
sondern ihre früheren Sonderverträge mit Makedonien, durch die sie 338
Herren von Naupaktos geworden waren, erneut zu haben.

Der Korinthische Bund umfaßte »Hellas bis zu den Thermopylen«; nur Sparta
war nicht beigetreten. Aus den früher angeführten Artikeln der
Bundesverfassung erhellt, daß sie nicht bloß der führenden Macht dienen
sollte, sich der Hegemonie über Hellas und der hellenischen Kontingente zum
Perserkriege zu versichern, sondern zugleich den Landfrieden innerhalb des
Bundesgebietes und den Besitzstand auf Grund der 338 getroffenen
Feststellungen zu erhalten und jeden ferneren Einfluß der persischen
Politik auf die einzelnen verbündeten Staaten auszuschließen. Über die
Organisation des Bundes fehlen weitere Nachrichten in dem Maße, daß nicht
einmal zu erkennen ist, ob das Synedrion in Korinth dauernd vereinigt war
oder nur zu gewissen Zeiten zusammentrat, ob Makedonien in demselben Sitz
und Stimme hatte, ob nicht vielmehr Makedonien außer dem Bunde stand und
der König nur als »unumschränkter Feldherr« für den Perserkrieg über die
vertragsmäßigen Kontingente und die auswärtige Politik der Bundesstaaten
die Verfügung hatte. In dem Seebunde der perikleischen Zeit hatte Athen
über seine Bundesgenossen eine wirkliche Herrschaft gehabt und streng genug
gehandhabt, selbst ihre Prozesse vor die attischen Gerichtshöfe gezogen; in
dem zweiten attischen Seebunde hatte der attische Staat und die Gesamtheit
der autonomen Bundesgenossen nebeneinander gestanden, in der Art, daß das
Synedrion der Verbündeten, ständig in Athen versammelt, mit Rat und Volk
von Athen über die zu treffenden Maßregeln verhandelte und auf die Anträge
des Synedrion der Demos von Athen die entscheidenden Beschlüsse faßte. Wenn
König Philipp bei Gründung des Korinthischen Bundes sich mit einer ungleich
loseren Form begnügte, wenn Alexander trotz des zweimal gegebenen Anlasses
deren festere nicht forderte oder erzwang, so muß es ihm entweder nicht
nötig oder unmöglich erschienen sein, diese Föderation nach heutiger
Ausdrucksweise über die bloß völkerrechtliche zu einer staatsrechtlichen
Vereinigung zu entwickeln.

Man wird dies beachten müssen, um die Konsequenzen, die sich daraus
ergaben, richtig zu würdigen. Die Art, wie der Bund gegründet, wie er dann
gebrochen und von neuem beschworen worden war, zeigte hinlänglich, daß die
geschworenen Eide allein nicht ausreichten, Alexander der Hilfe der
Bundesstaaten gegen den Großkönig und ihres Beharrens bei der gemeinsamen
Politik zu versichern. Wenigstens ein Surrogat dafür gab das Parteiwesen in
fast jeder hellenischen Stadt und der althergebrachte echt
partikularistische Nachbarhader der Städte untereinander; und es konnte die
makedonische Politik kein Vorwurf treffen, wenn sie ihren Anhängern
Vorschub leistete, um nicht das Heft in die Hände derer kommen zu lassen,
die nach Lage der Dinge die persische Partei waren, wenn sie fortfuhren
wider den geschlossenen Bund zu arbeiten. Zur weiteren Sicherung lagen in
Akrokorinth, in Chalkis, auf Euböa, in der Kadmeia makedonische
Besatzungen; und als ihr Rückhalt, keineswegs bloß um die Barbarenstämme
jenseits des Haimos und in Illyrien in Respekt zu halten, ließ Alexander
bei seinem Abmarsch eine bedeutende Kriegsmacht, vielleicht die volle
Hälfte der eigentlich makedonischen Truppen, in Makedonien zurück, die sich
zugleich mit dem jährlichen Nachwuchs an Rekruten verstärkte und als Depot
der für die Armee in Asien auszubildenden Ersatztruppen diente.

Noch blieb ein sehr wesentlicher Übelstand. Die makedonische Seemacht war
bei weitem nicht der persischen gewachsen. Der Großkönig konnte, wie sich
demnächst zeigte, ohne weiteres 400 Kriegsschiffe in See schicken, seine
Flotte war die der Phönikier und Cyprier, der besten Seeleute der alten
Welt; mit den Inseln der Westküste Kleinasiens, die, obschon nach dem
Antalkidischen Frieden autonom, unter Tyrannen oder Oligarchen ganz zur
Verfügung des Großkönigs standen, war er, wenn er wollte, Herr des
Ägäischen Meeres. Hätten die Staaten des Korinthischen Bundes ihre
Kriegsschiffe mit denen Makedoniens vereint -- und Athen allein hatte deren
über 350 in seinen Schiffshäusern --, so wäre es leicht gewesen, sich
dieses Meeres zu versichern, bevor die persische Seemacht herankam. Die
makedonische Politik hat es weder bei der Gründung des Bundes, noch bei
dessen Erneuerung für möglich oder für rätlich erachtet, bedeutende
maritime Leistungen von den hellenischen Staaten zu fordern. Wenn sie es
vorzog, dem Kampfe wider die Persermacht auch für den ersten einleitenden
Feldzug wesentlich den Charakter eines Landkrieges zu geben, so liegt es
auf der Hand, daß es politische, nicht militärische Gründe waren, die sie
dazu bestimmten.

Alexander mußte sich mit seiner Landmacht des Erfolges völlig sicher
halten, oder richtiger -- denn hier schließt sich unsere dritte Frage an --
er mußte die Stärke der nach Asien bestimmten Feldarmee, ihre Ausrüstung,
ihre Organisation, das Verhältnis der Waffen in ihr so berechnet haben, daß
er sich des Erfolges völlig sicher halten durfte.

Die makedonische Kriegsmacht hatte schon König Philipp auf etwa 30 000 Mann
Fußvolk und gegen 4000 Reiter gebracht; sie hatte unter ihm ihre
eigentümliche Ausbildung erhalten; es war die entwickelte hellenische
Militärorganisation, auf die Verhältnisse Makedoniens übertragen und ihnen
entsprechend weitergebildet; sie war natürlich darauf gestellt, die
verschiedenen Waffen, Infanterie und Kavallerie, leichte und schwere
Truppen, Landesaufgebot und Soldtruppen in ungleich freierer und
wirksamerer Durchbildung als in der hellenischen Kriegskunst bisher
erreicht war, verwenden zu können.

Bei seinem Aufbruch nach Asien ließ Alexander, freilich nach einer Angabe,
die sich als sehr unzuverlässig erweist, 12 000 Mann Fußvolk und 1500
Reiter unter Antipatros' Befehl in Makedonien zurück, und ihre Stelle
ersetzten 1500 thessalische Reiter, 600 Reiter und 7000 Mann Fußvolk
hellenischer Bundestruppen, 5000 hellenische Söldner, außerdem Thraker zu
Fuß, odrysische und päonische Reiter. Die Gesamtstärke des Heeres[4], das
nach dem Hellespont marschierte, wird nach der sichersten Überlieferung auf
»nicht viel über 30 000 Mann zu Fuß und mehr als 500 Reiter« angegeben.

    [4] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Die Gesamtstärke des Fußvolkes und der Reiterei war nach den Waffen und zum
Teil nach Landsmannschaften geteilt, nicht nach Art der römischen Legionen
und der Divisionen neuester Zeit, die in ihrer Verbindung aller Waffen
gleichsam Armeen im kleinen sind. Gegen Feinde, wie die Völkermassen
Asiens, die, ohne militärische Ordnung und Kunst, zu einem Hauptschlage
zusammengerafft, mit einer Niederlage alles verloren geben, mit einem Siege
über organisierte Truppen nichts als erneute Gefahr gewinnen, gegen solche
Feinde hat die Ordnung nach der Waffe und der Landsmannschaft den Vorzug
der einfachsten taktischen Form und der natürlichen inneren
Geschlossenheit; in denselben Gegenden, in denen Alexanders Phalanx des
Dareios Heer übermannte, erlagen sieben römische Legionen den ungestümen
Angriffen der Parther.

Das Heer, das Alexander nach Asien führte, behielt als Grundlage die
makedonische Organisation; die Kontingente der Bundesgenossen, die
hinzukamen, sowie die außer dem alten Bestande von Geworbenen neu
hinzugefügten Mietvölker dienten nur dazu, diese Organisation, der sie
eingefügt wurden, nach ihren beiden Elementen, der Beweglichkeit und der
Stetigkeit, möglichst zu vervollständigen.

In der hellenischen Taktik war das schwere Fußvolk die überwiegende Waffe
gewesen, bis in den Peltasten eine leichtere Infanterie hinzugefügt worden
war, der die Spartaner erlagen. Auch in dem makedonischen Heere bildeten in
der Schlachtordnung diese beiden Formen des Fußvolkes, die Phalangiten und
die Hypaspisten, die der Zahl nach stärkste Macht.

Das Eigentümliche der Phalanx bestand in der Bewaffnung der einzelnen und
in ihrer Zusammenordnung. Die Phalangiten sind Hopliten im hellenischen
Sinn, wenn auch nicht ganz so schwer wie die hellenischen; sie sind
ausgerüstet mit Helm, Brustharnisch, Beinschienen und einem Rundschilde,
der die Breite des Mannes deckt; ihre Hauptwaffe ist die makedonische
Sarissa, ein Spieß von 14-16 Fuß Länge, und das kurze griechische Schwert.
Für das Nahgefecht in Masse bestimmt, mußte sie so geordnet sein, daß sie
einerseits den heftigsten Anlauf des Feindes ruhig erwarten, anderseits die
feindlichen Reihen mit einem Vorstoß zu durchbrechen sicher sein konnten;
sie standen in der Regel sechzehn Mann tief, indem die Spieße der ersten
fünf Glieder über die Front hinausragten, dem gegen sie anstürmenden Feinde
eine undurchdringliche, ja unangreifbare Mauer; die folgenden Reihen legten
ihre Sarissen auf die Schultern der Vordermänner, so daß der Angriff dieser
»Schlachthaufen« durch die furchtbare Doppelgewalt der Schwere und Bewegung
durchaus unwiderstehlich war. Nur die vollendete gymnastische Ausbildung
der einzelnen machte die Einheit, Präzision und Schnelligkeit, mit welcher
die auf engen Raum zusammengedrängte Menschenmasse die künstlichsten
Bewegungen ausführen mußte, möglich; sie sind in der Schlacht, wie zwei
Jahrtausende später der Tataren Aga die geschlossenen brandenburgischen
Bataillone, Vierecke von Pikenieren und Musketieren, genannt hat,
»wandernde Kastelle«. Von diesen makedonischen Hopliten, den »Pezetairen«,
waren in dem Heere, das nach Asien zog, sechs Taxeis oder Phalangen, die
unter den Strategen Perdikkas, Koinos, Amyntas, Andromenes' Sohn,
Meleagros, Philippos, Amyntas' Sohn, Krateros standen; die Taxeis scheinen
kantonweise gebildet zu sein und rekrutiert zu werden, so war die des
Koinos aus Elymiotis, die des Perdikkas aus der Orestis und Lynkestis, die
des Philippos, die später Polysperchon führte, aus der Tymphaia.

Die hellenischen Schwerbewaffneten, Söldner sowohl wie Bündner standen
unter besonderem Kommando; Strateg der Bündner war Antigonos, der spätere
König, Strateg der Söldner Menandros, einer der Hetären. Für größere
Aktionen scheinen diese Bündner und Söldner mit den makedonischen Hopliten
kombiniert worden zu sein in der Art, daß die soundso viel Lochen der
makedonischen Taxis, die Pezetären, mit soundso viel Bündnern und Söldnern
die Phalanx des Perdikkas, des Koinos usw. bildeten. Das gesamte schwere
Fußvolk in Alexanders Heer mag sich auf 18 000 Mann belaufen haben.

Sodann die eigentümlich makedonische Truppe der Hypaspisten. Schon der
Athener Iphikrates hatte, um eine Waffe zu haben, die behender zum Angriffe
als die Hopliten und schwerer als die Leichtbewaffneten wäre, ein Korps mit
linnenen Panzern, mit leichterem Schild und längerem Schwert, als die
Hopliten trugen, unter dem Namen von Peltasten errichtet. In Makedonien
fand diese neue Waffengattung Eingang vielleicht für die Truppen, die, im
Gegensatz gegen das Aufgebot der Miliz, in beständigem Dienst gehalten
wurden, wie ihr Name, der Trabanten, Schildtruppen (des Königs) bedeutet,
anzudeuten scheint. Der Feldzug von 335 hat uns die Verwendung dieses Korps
in mehrfachen Beispielen gezeigt. Oft hinderte das Terrain den vollen
Gebrauch der Phalanx, öfter noch waren Überfälle, rasche Züge, Handstreiche
aller Art zu wagen, zu denen die Phalangen nicht beweglich, die leichten
Truppen nicht fest genug waren; Höhen zu besetzen, Flußübergänge zu
forcieren, Kavallerieangriffe zu unterstützen und auszunutzen, waren diese
Hypaspisten vor allen geeignet. Das ganze Korps, »die Hypaspisten der
Hetairen«, wie sie bezeichnet werden, führte Nikanor, dessen Bruder
Philotas die Ritterschaft der Hetairen befehligte, der Sohn des Parmenion.
Die erste Taxis führte den Namen des Agema, des königlichen Geleites der
Hypaspisten.

In der Reiterei den ersten Rang haben die makedonischen und thessalischen
Ilen. Sie sind aus dem ritterlichen Adel Makedoniens und Thessaliens;
gleich an Waffen, Übung und Ruhm wetteifern sie unter den Augen des Königs,
sich auszuzeichnen, der in der Regel an ihrer Spitze kämpft. Von welcher
Bedeutung diese Waffe für Alexanders Unternehmen war, zeigt jede der großen
Schlachten, die er geschlagen hat, und vielleicht mehr noch Kavalkaden, wie
die letzte Verfolgung des Dareios, die Jagd auf Bessos. Gleich furchtbar in
Masse wie im Einzelkampf, waren Alexanders Reiter durch Ordnung und Übung
der asiatischen Reiterei, in wie großen Massen sie auch erscheinen mochte,
überlegen, ihr Angriff auf das feindliche Fußvolk in der Regel
entscheidend. Sie haben Helm, Halsberge, Brustharnisch, Achsel- und
Hüftstücke; auch das Roß ist an Stirn und Brust gepanzert; sie führen den
Stoßspeer und an der Seite das Schwert. Die makedonischen Hetairen führt
Philotas, des Parmenion Sohn, wie es scheint mit dem Namen Hipparch; sie
führen den Namen der »Ritterschaft der Hetairen«. Sie bilden acht Ilen
oder Geschwader, die bald nach ihrem Ilarchen, bald nach makedonischen
Landschaften benannt werden. In der Schlacht bei Arbela stehen die
einzelnen Geschwader unter Kleitos, Glaukias, Ariston, Sopolis,
Herakleides, Demetrios, Meleagros und Hegelochos. Das Geschwader des
Sopolis heißt nach Amphipolis am Strymon, das des Herakleides nach der
Landschaft Bottiaia usw. Das des Kleitos wird die königliche Ile genannt
und bildet das Agema der Ritterschaft. Unter den thessalischen Ilen ist die
von Pharsalos die stärkste und tüchtigste; den Befehl über die thessalische
Ritterschaft hat Kalas, des Harpalos Sohn.

Auch hellenische Reiter, Bundeskontingente, sind mit im Heer; sie werden in
der Regel den thessalischen zugeordnet, aber als besonderes Korps; sie
stehen unter Befehl des Philippos, Menelaos' Sohn. Geworbene Reiter aus
Hellas kommen erst in den späteren Feldzügen vor.

Endlich die leichten Truppen zu Fuß und zu Pferd. Sie kommen teils aus dem
oberen Makedonien, teils aus den Ländern der Thraker, Paionen, Agrianer, je
nach der Art ihres Landes mit Schutz- und Trutzwaffen gerüstet, durch das
in ihrer Heimat übliche Jagen und Wegelagern und die unzähligen kleinen
Kriege ihrer Häuptlinge geübt, waren sie zum fliegenden Gefecht, zur
Deckung des Marsches, zu alledem, wozu man im beginnenden achtzehnten
Jahrhundert die Panduren, Husaren, Ulanen, Tataren verwenden lernte,
geeignet.

Unter dem leichten Fußvolk der Zahl nach am bedeutendsten sind die Thraker,
die Sitalkes, wohl aus dem thrakischen Fürstenhause, führt. Daß sie mehrere
Taxen bilden, läßt auf ihre Zahl schließen; sie werden als Akontisten, als
Speerwerfer bezeichnet; sie scheinen den kleinen Schild geführt zu haben,
wie ja die Waffe der Peltasten den Thrakern nachgeahmt worden ist. Dann die
Agrianer, auch sie sind Akontisten, sie stehen unter Führung des Attalos,
der vielleicht ein Sohn des Fürsten Langaros war. Endlich die
Bogenschützen, teils Makedonen, teils geworbene, wohl meist aus Kreta; fast
kein Gefecht, in dem sie und die Agrianer nicht voran sind; in einem Jahre
ist dreimal die Stelle des Toxarchen neu besetzt worden; bei Eröffnung des
Krieges führte sie Klearchos.

Daneben die leichte Reiterei, teils makedonische, teils Paionen, Odryser,
Völkerstämme, deren Tüchtigkeit im Reiterdienst seit alten Zeiten berühmt
gewesen ist; ihre Zahl ist nicht festzustellen. Die Paionen führte Ariston,
die odrysischen Thraker Agathon, des Tyrimmas Sohn, beide wohl aus
fürstlichem Stamm. Sie und das makedonische Korps der Sarissophoren unter
des Lynkestiers Amyntas Führung werden unter dem Namen der Prodromen, der
Plänkler, befaßt.

Mit diesen leichten Truppen kam in Alexanders Heer ein Element zur Geltung,
das in der hellenischen Kriegskunst bisher nicht in seinem vollen Wert
anerkannt worden war. Die leichten Truppen in den griechischen Heeren vor
ihm hatten weder durch ihre Anzahl, noch durch ihre Anwendung große
Bedeutung erlangen, auch einer gewissen Geringschätzung nicht frei werden
können, da sie teils aus dem niederen Volke, teils barbarische Söldner
waren, deren Stärke in jener Kunst heimlicher Überfälle, lärmender
Angriffe, scheinbar verwirrter Rückzüge bestand, die den hellenischen
Kriegsleuten zweideutig und widerwärtig erschien. Der berühmte spartanische
Feldherr Brasidas selbst gestand, daß der Angriff dieser Völkerschaften mit
ihrem wildschallenden Kriegsgeschrei und dem drohenden Schwenken ihrer
Waffen etwas Schreckendes, ihr willkürliches Überspringen aus Angriff in
Flucht, aus Unordnung in Verfolgung etwas Furchtbares habe, davor nur die
strenge Ordnung eines hellenischen Kriegshaufens zu sichern vermöge. Jetzt
traten diese leichten Völker als wesentliche Bestandteile des makedonischen
Heeres auf, um in dessen Aktion nach der Eigentümlichkeit ihrer nationalen
Kampfweise verwertet zu werden, zugleich ihrerseits durch die feste
Disziplin, die in dieser Armee herrschte, gehalten und in ihrem Wert
gesteigert.

Über die Marschordnung und Lagerordnung der Armee fehlt es an nennenswerten
Nachrichten. Für größere Aktionen wiederholt sich im wesentlichen dasselbe
Schema der Aufstellung, das, um in der weiteren Darstellung Wiederholungen
zu vermeiden, hier in seinen charakteristischen Punkten bezeichnet werden
mag. Die Mitte bildet das schwere Fußvolk in der regelmäßig wechselnden
Folge der sechs Phalangen, jede unter ihrem Strategen. An die Phalangen
schließen sich rechts die Taxeis der Hypaspisten, an diese die acht
Geschwader der makedonischen Ritterschaft in ihrer regelmäßig wechselnden
Folge; die leichten Truppen des rechten Flügels, die Ilen der Sarissophoren
und die der Päonen sowie die Agrianer und Bogenschützen, werden nach den
Umständen als Plänkler, zur einleitenden Attacke, als Flankendeckung für
die Spitze des Flügels usw. verwandt. Dem linken Flügel der Phalanx
schließen sich zunächst, wenn sie nicht anderweitig, z. B. zur Deckung des
Lagers, verwandt werden, die Thraker des Sitalkes an, als Peltasten den
Hypaspisten des rechten Flügels entsprechend; dann die hellenischen
Kontingente zu Pferd, darauf die thessalische Ritterschaft, endlich die
leichten Truppen dieses Flügels, die odrysischen Reiter des Agathon, in den
nächstfolgenden Kriegsjahren auch eine zweite Abteilung Bogenschützen. Die
Schlachtlinie hat zwischen der dritten und vierten Phalanx ihre Mitte, von
dort aus rechnet man die beiden »Flügel«, von denen der rechte, in der
Regel zum Angriff bestimmte, unter des Königs Führung, der linke unter der
Parmenions steht.

In zwei Momenten tritt die Eigentümlichkeit der Armee Alexanders am
stärksten hervor.

In den griechischen Heeren war die Zahl der Reiter immer gering gewesen; in
den Schlachten des Epaminondas steigt das Verhältnis derselben zum Fußvolk
auf 1:10. In dem Heere Alexanders ist es fast doppelt so stark 1:6. Schon
bei Chaironeia hatte Alexander an der Spitze der Reitermasse des linken
Flügels die fast verlorene Schlacht glänzend entschieden. Für den Kampf
gegen die Heere des Großkönigs, die in den Reitervölkern Asiens ihre Stärke
hatten, verstärkte er eben diese Waffe, der er die eigentlich offensive
Rolle bestimmte; es galt den Feind in seiner Stärke zu treffen.

Es verdient beachtet zu werden, daß den Griechen und Makedonen der
Steigbügel und das Hufeisen unbekannt waren; gewiß auch den Reitervölkern
Asiens, die sonst ohne weiteres überlegen gewesen sein würden. Bei den
ungeheuren Strapazen, den langen Märschen in Winterszeit auf dem Glatteis
der Gebirgswege, die Alexander in den späteren Feldzügen den Pferden seiner
Kavallerie zumutete, muß man sich der fehlenden Hufeisen erinnern. Nicht
minder eine Steigerung der Strapazen für die Reiter war es, daß sie ohne
Sattel und Steigbügel, mit bloß festgeschnallten Decken ritten; für das
Gefecht war der Reiter durch den Mangel des Steigbügels auf eine Weise
gehindert, die wir uns schwer vorstellen können; indem er nicht in seinem
Steigbügel stehend, sondern durchaus nur sitzend den Stoß oder Hieb führen
konnte, hatte er sozusagen nur die Kraft der oberen Hälfte des Körpers zur
Verfügung, und es mußte um so mehr auf die Vehemenz der geschlossenen, den
Feind durchbrechenden Masse gerechnet werden. Es scheint, daß die
Ausbildung des Reiters besonders darauf gerichtet sein mußte, ihn zu
freiester Bewegung auf seinem Pferde zu gewöhnen, wie sich vielleicht etwas
derart noch auf Bildwerken aus dieser Zeit wiedererkennen läßt.

Noch schärfer ist diese Armee dadurch charakterisiert, daß sie nicht bloß
Offiziere, sondern einen wirklichen Offizierstand hatte. Wie in späteren
Jahrhunderten das von Gustav Adolf gegründete #Gymnasium illustre# des
Ritterhauses eine rechte »Akademie ritterlicher Übungen«, so war die
»Somatophylakia«, das Korps der »königlichen Knaben«, militärisch und
wissenschaftlich die Vorschule der jungen makedonischen Edelleute; aus
dieser gingen die »Hetairen« der Ritterschaft, die Offiziere der
Hypaspisten, der Pezetairen, der Sarissophoren usw. hervor, um zu den
höheren Stufen emporzusteigen, wie solches Avancement noch in mehrfachen
Beispielen erkennbar ist. Als höchste Rangstufe, oder doch zunächst um den
König, die sieben Somatophylakes und, wie es scheint, die im engeren Sinne
Hetairen Genannten, die einen wie die anderen zu Rat und Dienst und
vorübergehenden Kommandos stets zu des Königs Verfügung. Dann als höchster
Offizier nach dem Könige der alte Parmenion wie daheim Antipatros, ob mit
besonderem Titel, muß dahingestellt bleiben. Dann -- man weiß nicht in
welcher Reihenfolge -- die Hipparchen der verschiedenen Reiterkorps, die
Strategen der Phalangen, der Hypaspisten, der hellenischen Bundesgenossen,
der Söldner; darauf wohl die Ilarchen der Kavallerie, die Chiliarchen der
Hypaspisten, die Taxiarchen der Pezetairen usw. Wenn gelegentlich auch die
»Hegemonen« der Bundesgenossen, der Söldner zum Kriegsrat berufen werden,
so scheinen damit Kommandierende wie Sitalkes, der die thrakischen
Akontisten, Attalos, der die Agrianer, Agathon und Ariston, die die
odrysischen und päonischen Reiter führten, gemeint zu sein, vielleicht auch
die Führer der hellenischen Kontingente, der Lochen hellenischer Söldner.
Eine Menge technischer Fragen, die sich hier noch aufdrängen, sind nach dem
vorhandenen Material nicht mehr zu beantworten; aber man tut wohl, sich der
Lücken zu erinnern, die damit in unserer Kenntnis bleiben. Daß das Heer
Feldgeschütz mit sich führte, zeigt das Gefecht bei Pelion. Nicht bloß die
Bespannung für diese, für die Bagage- und Proviantwagen mehrte die Masse
der Pferde, für die gesorgt werden mußte; nach einer Bestimmung des Königs
Philipp durfte jeder Reiter nur einen Knecht mit sich führen; aber doch
einen, der natürlich gleichfalls beritten war. Wenn, wie noch heute, für
das Pferd täglich vier Metzen Hafer oder Gerste gerechnet und -- wie bei
dem Marsche nach Asien hinein doppelt notwendig war -- Fourage auf drei
Tage mitgenommen wurde, so konnte das zweite Pferd nicht wohl zu dem
Reitknecht noch Massen Heu und 24 Metzen Hartkorn tragen, sondern es war
ein Handpferd (Saumtier) nötig, das zugleich das Gepäck des Hetären trug.
Gewiß galt dies bei der thessalischen Ritterschaft wie bei der
makedonischen; beide zusammen auf 3000 Kombattanten gerechnet, gibt schon
9000 Pferde; wie es mit den hellenischen Reitern, mit den Sarissophoren und
Paionen gehalten wurde, wissen wir nicht. Nach einer zweiten Anordnung
Philipps war auf je zehn Phalangiten ein Lastträger bewilligt;
wahrscheinlich bei den Bündnern und Söldnern ebenso. -- Natürlich mußte im
Hauptquartier des Königs eine Kanzlei, eine Intendantur, eine
Kassenverwaltung sein usw. Gelegentlich erfährt man, daß Harpalos, einer
der 337 verbannten Freunde Alexanders, der zum Kriegsdienst körperlich
untauglich war, die Kasse des Königs zu verwalten erhielt, daß ein anderer
dieses Kreises, der Mytilenäer Laomedon, weil er der Sprache der Barbaren
kundig war, zur Obhut über die gefangenen Barbaren bestellt wurde. Und im
Verlauf des Feldzugs im baktrischen Lande wird ein Vorgang erwähnt, der auf
die Organisation des Lazarettwesens ein Streiflicht fallen läßt.

So das Heer Alexanders. Sein Vater hatte es organisiert, in scharfer
Disziplin und zahlreichen Feldzügen tüchtig gemacht, in der festen
Verbindung der thessalischen mit der makedonischen Ritterschaft eine
Kavallerie geschaffen, wie sie die hellenische Welt noch nicht gesehen.
Aber bis zur vollen Wirkung seiner militärischen Überlegenheit, bis zur
freien und vollen Handhabung, man möchte sagen bis zum Verständnis seiner
eigenen Kraft hatte Philipp sich nicht erhoben; bei Chaironeia, wo er die
makedonischen Reiter des rechten Flügels führte, durchbrach er die
andrängende Linie des Feindes nicht, er ließ selbst die Phalanx, wenn auch
in Ordnung, zurückgehen; daß Alexander auf die heftig nachdrängende Linie
des Feindes mit der thessalischen Ritterschaft des linken Flügels einbrach,
entschied den Erfolg des Tages. Schon da, noch mehr in den Kämpfen des
Jahres 335, hatte Alexander gezeigt, daß er kühner, plötzlicher, immer
entscheidend die unwiderstehliche Offensivkraft dieses Heeres zu verwenden
verstand, nicht minder, daß er zugleich der Feldherr und der erste Soldat
seines Heeres und im vollsten Sinn des Wortes dessen Vorkämpfer war. Wenn
irgend etwas, so war die Art, wie er sich persönlich einsetzte und immer an
der Spitze des entscheidenden Stoßes auf den Feind stürzte, dazu angetan,
den Wetteifer seiner Offiziere und seiner Truppen zu entflammen. Sein Heer
war der Zahl nach gering, aber in so organischer Gestaltung, bei solcher
taktischen Ausbildung der einzelnen Waffen, unter solcher Führung zog es
mit der vollen moralischen Überlegenheit, sich des Sieges gewiß zu fühlen,
nach Asien.

Das Perserreich war nicht dazu angetan, Widerstand zu leisten; in seiner
Ausdehnung, in dem Verhältnis der beherrschten Völker, in der mangelhaften
Organisation der Verwaltung und der Heeresmacht lag die Notwendigkeit
seines Falles.

Betrachtet man den Zustand des Perserreiches, wie er zu der Zeit war, als
Dareios III. den Thron bestieg, so erkennt man leicht, wie alles in
Auflösung und zum Untergange reif war. Der Grund war nicht die
Sittenverderbnis des Hofes, des herrschenden Stammes, der beherrschten
Völker; stete Begleiterin des Despotismus, tut sie niemals der despotischen
Gewalt Abbruch, die, wie das Reich der Osmanen lange genug den Beweis
gegeben hat, unter der liederlichsten Hof- und Haremswirtschaft, unter
steten Kabalen und Schändlichkeiten der Großen, unter gewaltsamen
Thronwechseln und unnatürlicher Grausamkeit gegen die eben noch allmächtige
Partei, immer wieder diplomatische und militärische Erfolge nach allen
Seiten hin zu gewinnen vermag. Persiens Unglück ist eine Reihe schwacher
Regenten gewesen, welche die Zügel der Herrschaft nicht so fest anzuziehen
vermocht hatten, wie es zum Bestehen des Reiches nötig war; daraus folgte,
daß in den Völkern die Furcht, in den Satrapen der Gehorsam, im Reiche die
einzige Einheit schwand, die es zusammenhielt; in den Völkern, die überall
noch ihre alte Religion, ihre Gesetze und Sitten, und zum Teil einheimische
Fürsten hatten, nahm das Verlangen nach Selbständigkeit, in den Satrapen,
zu mächtigen Statthaltern großer und entfernter Länderstrecken, die Begier
nach unabhängiger Macht, in dem herrschenden Volke, das im Besitz und der
Gewohnheit der Gewalt, die Bedingungen ihrer Gründung und ihrer Dauer
vergessen hatte, die Gleichgültigkeit gegen den Großkönig und gegen das
Geschlecht der Achämeniden überhand. In den hundert Jahren fast gänzlicher
Untätigkeit, welche auf Xerxes' Kriegszug nach Europa gefolgt waren, hatte
sich in den griechischen Landen eine eigentümliche Kriegskunst entwickelt,
mit der sich Asien zu messen vermied und verlernte; der Zug der Zehntausend
hatte gezeigt, daß die griechische Kriegsart mächtiger sei als die
ungeheuren Völkerheere Persiens; ihr vertrauten sich die Satrapen an, wenn
sie sich empörten, ihr der König Ochos, als er den Aufstand in Ägypten zu
unterdrücken auszog; so das Königtum, auf die Siege der persischen Waffen
gegründet, sich durch griechische Söldner zu erhalten genötigt war.

Allerdings hatte Ochos noch einmal die Einheit des Reiches äußerlich
hergestellt, und mit der blutigen Strenge, die der Despotismus fordert,
seine Macht geltend zu machen gewußt; aber es war zu spät, er selbst
versank in Untätigkeit und Schwäche, die Satrapen behielten ihre allzu
mächtige Stellung, und die Völker, namentlich die der westlichen Satrapien,
vergaßen unter dem erneuten Druck nicht, daß sie schon nahe daran gewesen,
ihn abzutun. Nach neuen und furchtbaren Verwirrungen war endlich der Thron
an Dareios gekommen; er hätte statt tugendhaft energisch, statt großmütig
rücksichtslos, statt milde Despot sein müssen, wenn das Reich durch ihn
sollte gerettet werden; er hatte die Verehrung der Perser, und die Satrapen
waren ihm ergeben, aber das rettete ihn nicht; er wurde geliebt, nicht
gefürchtet, und bald sollte sich zeigen, wie vielen unter den Großen des
Reiches ihr eigener Vorteil höher galt als der Wille und die Gunst eines
Herrn, an dem sie alles, nur nicht Herrschergröße bewundern konnten.

Dareios' Reich erstreckte sich vom Indus bis zum hellenischen Meere, vom
Jaxartes bis zur Libyschen Wüste. Seine oder vielmehr seiner Satrapen
Herrschaft war nicht nach dem Charakter der verschiedenen Völker, über die
sie herrschten, verschieden; sie war nirgends volkstümlich, nirgends durch
eine von ihr aus entwickelte und tief hinabgreifende Organisation
gesichert; sie beschränkte sich auf momentane Willkür, auf stete
Erpressungen und auf eine Art Erblichkeit der Amtsgewalt, wie sie, ganz
gegen den Sinn monarchischer Herrschaft, in den langen Zeiten schlaffen
Regimentes üblich geworden war, so daß der Großkönig kaum noch eine andere
Gewalt über sie hatte als die der Waffen oder die, welcher sie aus
persönlichen Rücksichten sich fügen mochten. Die volkstümlichen Zustände,
welche in allen Ländern des persischen Reiches fortbestanden, machten den
morschen Koloß nur noch unfähiger, sich zur Gegenwehr zu erheben; die
Völker von Iran, Ariana, den baktrischen Ländern waren allerdings
kriegerisch, und mit jeder Art von Herrschaft zufrieden, solange sie diese
zu Krieg und Beute führte; und hyrkanische, baktrische, sogdianische Reiter
bildeten die stehenden Satrapenheere in den meisten Provinzen; aber
besondere Anhänglichkeit für das persische Königtum war keineswegs bei
ihnen zu finden, und so furchtbar sie einst in den Völkerheeren des Kyros,
Kambyses und Dareios zum Angriff gewesen waren, ebenso unfähig waren sie
zur ernsten und nachhaltigen Verteidigung, zumal wenn ihnen griechische
Kriegsübung und Tapferkeit gegenüberstand. Die westlichen Völker gar, stets
mit Mühe und oft nur durch blutige Gewalt in Unterwürfigkeit gehalten,
waren, wenn ein siegreicher Feind ihren Grenzen nahte, gewiß bereit, die
persische Sache zu verlassen. Kaum waren die Griechen der kleinasiatischen
Küste durch Oligarchie oder durch Tyrannen, deren Existenz von der Macht
der Satrapen und des Reiches abhing, in Abhängigkeit zu erhalten, und die
Völker im Innern der Halbinsel hatten, seit zwei Jahrhunderten in stetem
Druck, weder die Kraft noch das Interesse, sich für Persien zu erheben;
selbst an den früheren Empörungen der kleinasiatischen Satrapen hatten sie
nicht teilgenommen; sie waren stumpf, indolent, ohne Erinnerung ihrer
Vergangenheit. Dasselbe galt von den beiden Syrien diesseits und jenseits
der Wasser; die Knechtschaft langer Jahrhunderte hatte diesen Völkern den
Nacken gebeugt, sie ließen über sich ergehen, was auch kommen mochte; nur
an der Küste Phönikiens war das alte bewegliche Leben, mit ihm mehr Gefahr
als Treue für Persien, und nur die Eifersucht gegen Sidon und der eigene
Vorteil vermochte Tyrus den Persern treu zu erhalten. Ägypten endlich hatte
niemals seinen Haß gegen die Fremdlinge aufgegeben oder verleugnet, und die
Verwüstungen des Ochos konnten es wohl lähmen, aber nicht gewinnen. Alle
diese Länder, von dem persischen Reiche zum eigenen Verderben erobert,
waren bei einem kühnen Angriffe von Westen her so gut wie verloren.

Deshalb hatte die persische Politik seit lange keine höhere Sorge, als die
Eifersucht der hellenischen Staaten zu nähren, die mächtigen zu schwächen,
die schwachen aufzureizen und zu unterstützen, und durch ein ausgebildetes
System von Bestechungen und Verfeindungen eine Gesamttätigkeit der
Hellenen, der Persien nicht Widerstand zu leisten vermocht hätte, zu
hintertreiben. Lange war dies gelungen, bis endlich das makedonische
Königtum, schnell und sicher vorwärtsschreitend, alle diese Bemühungen
zuschanden zu machen drohte. Mit dem Siege von Chäronea, mit der darauf
folgenden Gründung des Hellenischen Bundes mußte man in der Hofburg von
Susa wissen, was bevorstand.

Erst Dareios -- er wurde König um die Zeit, als Philipp ermordet wurde --
ergriff Maßregeln gegen die schon über den Hellespont gekommenen Truppen.
Er überwies dem Rhodier Memnon, dem Bruder Mentors, was an hellenischen
Söldnern zur Hand war, mit dem Befehl, den Makedonen entgegenzuziehen und
die Grenzen des Reiches zu schützen. Es war leicht zu sehen, daß auf diese
Weise wohl ein einzelnes Korps, nicht aber das makedonisch-griechische
Heer, dessen Avantgarde es war, und welches sich bereits zum Übergange nach
Asien rüstete, aufzuhalten sei; ebensowenig konnte bis zu dessen Ankunft
ein persisches Reichsheer aufgeboten, zusammengezogen, nach Kleinasien
gesandt sein; es schien am leichtesten und geratensten, die Gefahr in ihrer
Wurzel zu ertöten. So wurden Verbindungen am makedonischen Hofe angeknüpft
und König Philipp -- so erklärt Alexander in einem späteren Schreiben an
den Großkönig -- mit dessen Wissen und Willen ermordet. Das gefürchtete
Unternehmen schien mit einem Schlage vereitelt, die Unruhen, die in
Thessalien, Hellas, Thrakien, Illyrien ausbrachen, ließen die letzte
Besorgnis schwinden; als gar Attalos an der Spitze seiner Truppen und im
Einverständnis mit den leitenden Staatsmännern Athens sich gegen Alexanders
Thronbesteigung erklärte, da schienen die persischen Intrigen noch einmal
den Sieg davon getragen zu haben. Schon hatte sich Memnon gegen Magnesia,
das Parmenion und Attalos besetzt hatten, gewandt, hatte ihnen durch
geschickte Manöver empfindliche Verluste beigebracht. Indes hatte
Alexander die Angelegenheiten Makedoniens geordnet, Griechenland beruhigt;
Attalos war beseitigt, die Truppen schnell zur Treue zurückgekehrt;
Parmenion hatte mit dem einen Teile des Heeres Gryneion erobert, sich dann
auf Pitane gewandt, während mit dem andern Kalas, des Harpalos Sohn, sich
im Innern der Landschaft Troas festzusetzen suchte. Daß der makedonische
König sich zum Feldzug gegen die Thraker, Triballer, Illyrier anschickte,
gab dem persischen Hofe eine neue Frist; allerdings wurde das Reichsheer,
die Seemacht der Seeküsten aufgeboten; aber vorerst mußte man auf Abfall
und Empörung in Hellas rechnen, erwarten, wie weit Memnon mit seinen
geringen Streitkräften reichen werde.

Der wichtigste Punkt zum Schutz gegen eine Invasion vom Hellespont her war
Kyzikos; auf einer Insel erbaut, nur durch einen seichten Meeresarm vom
nahen Festlande getrennt, in den letzten Jahrzehnten mit mächtigen Mauern
umgeben, mit Schiffshäusern für 200 Trieren versehen, bot diese stark
bevölkerte freie Stadt dem, der sie besaß oder dem sie sich anschloß, eine
Position, welche die Propontis, das asiatische Ufer bis Lampsakos, den
Osteingang des Hellespont beherrschte. Es war für das makedonische Korps in
Asien von großem Wert, daß die Stadt der persischen Sache abgewandt war.
Memnon gedachte sie durch einen Handstreich zu nehmen; an der Spitze von
5000 griechischen Söldnern brach er aus seinen Besitzungen -- im westlichen
Bithynien -- auf und zog in Eilmärschen heran; fast wäre es ihm gelungen,
sich der Stadt, deren Tore, da man Kalas' Heer zu sehen glaubte, nicht
geschlossen waren, zu bemächtigen; da das mißlang, verwüstete er das
städtische Gebiet und eilte nach der Äolis, wo Parmenion Pitane belagerte;
Memnons Erscheinen entsetzte die Stadt. Dann brach er -- auch die Stadt
Lampsakos gehörte ihm -- schnell nach Troas auf, wo er Kalas bereits
bedeutend vorgedrungen fand; Lampsakos gab seinen Bewegungen einen
trefflichen Stützpunkt; an Truppen überlegen, siegte er in einem Gefechte,
und Kalas war gezwungen, sich an den Hellespont zurückzuziehen und sich auf
die feste Stellung von Rhoiteion zu beschränken.

Es ist unklar, ob wenigstens diese Position von Kalas gehalten wurde;
jedenfalls Parmenion selbst war demnächst am Hofe zu Pella. Vielleicht hat
der König diesen zurückberufen, weil es nach der Beendigung des Feldzuges
im Norden nur nötig schien, die Punkte, die den Übergang nach Asien
deckten, gleichsam als Brückenkopf festzuhalten; und mit der Flotte zur
Seite genügte dazu eine geringere Truppenzahl in Rhoiteion und vielleicht
Abydos. Um so auffallender dann, daß Memnon, der ein vorzüglicher Feldherr
war, nicht schärfer drängte, die ganze Küste zu säubern; die Satrapen
warfen ihm späterhin vor, daß er, um sich unentbehrlich zu machen, den
Krieg zu verlängern suche; entweder das, oder die Eifersucht der Satrapen
entzog ihm die Mittel, mehr zu tun.

Mit dem Frühling 334 war die Flotte des Großkönigs zum Aussegeln bereit; es
war an die Satrapen und Befehlshaber in Kleinasien Befehl gesandt, nach der
Küste vorzurücken und den Makedonen an der Schwelle Asiens die Spitze zu
bieten. In der Ebene von Zeleia versammelte sich diese Kriegsmacht, 20 000
Mann persische, baktrische, medische, hyrkanische, paphlagonische Reiter
und ebenso viele griechische Söldner, ein Heer, das, wie es sich demnächst
zeigte, tapfer und groß genug war, um gut geführt dem Feinde den Weg zu
verlegen. Aber der Großkönig hatte keinen obersten Befehlshaber ernannt;
die gemeinschaftliche Beratung der Anführer sollte über den Gang der
Unternehmungen entscheiden; es waren außer Memnon Arsites, Hyparch von
Phrygien am Hellespont, der zunächst bedrohten Landschaft, Spithridates,
Satrap von Lydien und Ionien, Atizyes, Satrap von Großphrygien,
Mithrobuzanes, Hyparch von Kappadokien, der Perser Omares und andere
persische Große. Unzweifelhaft war unter diesen Memnon der bewährteste,
wenn nicht der einzige Feldherr; doch als Grieche und Liebling des Königs
verhaßt, hatte er im Kriegsrate weniger Einfluß, als für die persische
Sache zu wünschen gewesen wäre.

Während dieser Rüstungen in Kleinasien war Alexander mit den seinigen so
weit gediehen, daß er mit dem Anfang des Frühlings 334 aufbrechen konnte.
Er zog über Amphipolis am Strymon längs der Küste über Abdera, Maroneia,
Kardia; am zwanzigsten Tage war er in Sestos. Schon lag seine Flotte im
Hellespont. Parmenion erhielt den Befehl, die Reiterei und den größeren
Teil des Fußvolks von Sestos nach Abydos zu führen. Mit dem übrigen Fußvolk
ging der König nach Elaius, den troischen Gestaden gegenüber, auf dem
Grabhügel des Protesilaos, des ersten Helden, der im Kriege gegen Troja
gefallen war, zu opfern, damit ihm glücklicher als jenem der Zug gen Osten
würde. Dann wurde das Heer eingeschifft; 160 Trieren und viele Lastschiffe
kreuzten an diesen Tagen zwischen den schönen, im Frühlingsschmuck
prangenden Gestaden des Hellespont, den einst Xerxes gejocht und gegeißelt
hatte; Alexander, selbst am Steuer seines königlichen Schiffes, lenkte vom
Grabe des Protesilaos aus nach der Bucht hinüber, die seit den Zeiten
Achills und Agamemnons der Hafen der Achaier hieß, und an der die Grabhügel
des Aias, des Achilleus und Patroklos emporragten. Auf der Höhe des
Hellespontes opferte er dem Poseidon, spendete den Nereiden aus goldener
Schale. Dann nahte man dem Gestade; Alexanders Triere war die erste am
Ufer; vom vorderen Bug schleuderte der König seine Lanze in das Land der
Feinde, sprang dann, der erste von allen, in voller Rüstung an den Strand.
Altäre, gebot er, sollten fortan diese Stelle bezeichnen. Dann zog er mit
seinen Strategen und dem Geleit der Hypaspisten nach den Ruinen Ilions,
opferte im Tempel der ilischen Athena, weihte ihr seine Waffen, nahm statt
deren von den Waffen des Tempels, namentlich den heiligen Schild, der für
den des Achill gegolten haben mag. Auch am Altare des herdschirmenden Zeus
opferte er dem Schatten des Priamos, um dessen Zorn gegen Achills
Geschlecht zu versöhnen, da Achilleus' Sohn den greisen König am heiligen
Herde erschlagen hatte. Vor allem ehrte er das Andenken seines großen Ahnen
Achill, er kränzte und salbte des Helden Grab, das Grab des Patroklos sein
Freund Hephaistion; dann folgten Wettkämpfe aller Art. Viele, Eingeborene
und Hellenen, kamen, dem Könige goldene Kränze darzubringen, unter ihnen
der Athener Chares, der Herr von Sigeion, derselbe, dessen Auslieferung er
im vorigen Jahre gefordert hatte. Zum Schluß der Festlichkeiten befahl der
König den Wiederaufbau Ilions, gab den Bürgern der neuen Stadt Autonomie
und Steuerfreiheit und versprach ihrer noch weiter zu gedenken.

Dann zog er nach der Ebene von Arisbe, wo das übrige Heer, das unter
Parmenions Führung bei Abydos gelandet war, ein Lager bezogen hatte.
Unverzüglich brach man auf, um den Feinden zu begegnen, von denen man
wußte, daß sie etwa fünfzehn Meilen ostwärts um Zeleia sich zusammengezogen
hatten. Der Marsch ging über Perkote nach Lampsakos, der Stadt des Memnon;
die Bürger wußten sich keine andere Rettung, als durch eine Gesandtschaft
des Königs Gnade zu erflehen; an deren Spitze stand Anaximenes, der als
wissenschaftlicher Mann wohlbekannt und bei König Philipp früher gern
gesehen war; auf seine Fürbitte verzieh Alexander der Stadt.

Von Lampsakos aus rückte das Heer unweit der Küste weiter, als Vorhut
voraus der Lynkestier Amyntas mit einer Ile der Ritterschaft, der von
Apollonia und vier Ilen der Sarissophoren. Wie sie nahten, ergab sich die
Stadt Priapos an der Propontis unfern der Mündung des Granikos; gerade
jetzt war dieser Platz, der die vom Granikos durchströmte Ebene Adrasteia
beherrscht, von Wichtigkeit, da nach den Berichten des Amyntas das
persische Heer an die Ufer des Granikos vorgerückt und demnach dort der
erste Zusammenstoß mit dem Feinde zu erwarten war.

Wenn Alexander sichtlich möglichst bald zu schlagen wünschte, so hätten die
Perser ihm um so mehr ausweichen sollen. Im Kriegsrat in Zeleia hatte
Memnon widerraten, einen Kampf zu beginnen, der kaum einen Sieg und, wenn
man siegte, kaum einen Vorteil hoffen lasse; die Makedonen seien an Fußvolk
den Persern weit überlegen, und doppelt gefährlich, da sie unter Führung
ihres Königs kämpfen würden, während Dareios dem persischen Heere fehle;
selbst angenommen, daß die Perser siegten, so würde den Makedonen der
Rücken gedeckt und ihr Verlust nur der eines vergeblichen Angriffes sein;
die Perser dagegen verlören durch eine Niederlage das Land, das sie zu
verteidigen hätten: das einzig Ersprießliche sei, jedes entscheidende
Gefecht zu vermeiden; Alexander sei nur auf kurze Zeit mit Lebensmitteln
versehen, man müsse sich langsam zurückziehen, eine Einöde hinter sich
lassen, in der die Feinde keinen Unterhalt, kein Vieh, kein Obdach fänden;
dann werde Alexander ohne Schlacht besiegt sein, durch kleinen Schaden dem
größeren und unberechenbaren vorgebeugt werden. Memnons Meinung fand im
Rate der persischen Feldherren kein Gehör, man hielt sie der Hoheit
Persiens nicht würdig; namentlich widersprach Arsites von Phrygien am
Hellespont: in seiner Satrapie werde er auch nicht ein Haus anzünden
lassen. Die übrigen Perser stimmten mit ihm für die Schlacht, ebensosehr
aus Kampfeslust, wie aus Abneigung gegen den griechischen Fremdling, der
schon zuviel beim Großkönig galt und den Krieg verlängern zu wollen schien,
um noch höher in des Königs Gnade zu steigen. Sie rückten den Makedonen bis
an den Granikos entgegen; sie beschlossen, von den steilen Ufern dieses
Flusses aus jedes Weiterrücken Alexanders zu hindern; sie stellten sich an
dem rechten Ufer so auf, daß der Rand des Flusses von der persischen
Reiterei, das ansteigende Terrain in einiger Entfernung hinter ihr von den
griechischen Söldnern besetzt war.

Indes rückte Alexander über die Ebene Adrasteia dem Granikos[5] zu, das
schwere Fußvolk in die zwei Kolonnen des rechten und linken Flügels
geteilt, auf der rechten Flanke die makedonische, auf der linken die
thessalische und griechische Reiterei; die Packtiere mit dem größeren Teil
des leichten Fußvolkes folgten den Kolonnen; die Vorhut bildeten die
Sarissophoren und etwa fünfhundert Mann leichtes Fußvolk unter Hegelochos'
Führung. Schon näherte sich die Hauptmasse dem Flusse, als eilends einige
von den Sarissophoren zurückgesprengt kamen mit der Nachricht, die Feinde
ständen jenseits des Flusses in Schlachtordnung, und zwar die Reiter in
ausgedehnter Linie längs dem steilen und lehmigen Flußufer, eine Strecke
rückwärts das Fußvolk. Alexander durchschaute die Fehler der feindlichen
Dispositionen, welche die Waffe des ungestümen Angriffs zur Verteidigung
eines schwierigen Terrains, und die trefflichen griechischen Söldner zu
müßigen Zuschauern eines Kampfes machten, dem nur sie gewachsen waren; ein
dreistes Vorgehen mit Kavallerie mußte hinreichen, das jenseitige Ufer und
damit die Schlacht zu gewinnen, deren Erfolge zu sichern und zu benutzen
die Hypaspisten und Phalangen folgen sollten. Er ließ die Truppen aus den
Marschkolonnen rechts und links aufmarschieren und sich in Schlachtordnung
setzen. Parmenion kam zu ihm, den Kampf zu widerraten: es sei ratsam, sich
vorerst an dem Ufer des Flusses zu lagern; der Feind, an Fußvolk schwächer,
werde nicht wagen, in der Nähe der Makedonen zu übernachten, er werde sich
zurückziehen und so es möglich machen, daß man am andern Morgen, bevor die
Perser ausgerückt und aufgestellt seien, den Übergang ohne Gefahr
bewerkstellige; jetzt dagegen scheine ein Übergang nicht ohne Gefahr: der
Tag neige sich, der Fluß sei an manchen Stellen tief und reißend, das Ufer
jenseits steil, man könne nicht in Linie passieren, man müsse in Kolonnen
durch den Fluß gehen; die feindliche Reiterei werde diese in die Flanke
nehmen und niederhauen, ehe sie zum Fechten kämen; der erste Unfall aber
sei nicht bloß für den Augenblick empfindlich, sondern für die Entscheidung
des Krieges höchst bedenklich. Der König antwortete: »Wohl erkenne ich das,
aber ich würde mich schämen, wenn ich den Hellespont leicht überschritten
hätte, und dies kleine Wasser uns abhalten sollte, hinüberzugehen, wie wir
sind; auch würde das weder mit dem Ruhme der Makedonen, noch mit meiner
Art, einer Gefahr gegenüber, stimmen; die Perser, glaube ich, würden Mut
fassen, als könnten sie sich mit Makedonen messen, weil sie nicht sofort
erführen, was sie fürchten.« Mit diesen Worten schickte er Parmenion nach
dem linken Flügel, den er führen sollte, während er selbst zu den
Geschwadern des rechten ritt.

    [5] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

An dem Glanze seiner Waffen und an der weißen Feder seines Helmes, an der
Ehrerbietung der ihn Umgebenden sahen die Perser jenseits, daß Alexander
ihrem linken Flügel gegenüberstand, und daß dort der Hauptangriff zu
erwarten sei; sie eilten, den Kern ihrer Reiterei in dichten Reihen ihm
gegenüber hart an das Ufer zu stellen; dort war Memnon mit seinen Söhnen
und Arsames mit seinen eigenen Reitern; dann folgte in der Schlachtlinie
der phrygische Hyparch Arsites, der lydische Satrap Spithridates mit den
hyrkanischen Reitern und vierzig edlen Persern in seinem Geleit, dann die
weiteren Reiterhaufen des Zentrums, endlich die des rechten Flügels unter
Rheomithres. Eine kurze Zeit standen beide Heere schweigend in gespannter
Erwartung einander gegenüber, -- die Perser bereit, auf den Feind, wenn er
durch den Fluß anrückend die steilen Ufer heraufkomme und ehe er sich
ordnen könne, zu stürzen, Alexander mit raschem Blick erspähend, wie und wo
der Angriff möglich sei. Dann bestieg er sein Schlachtroß, rief den Truppen
zu, ihm zu folgen und als Männer zu kämpfen, gab das Zeichen zum Vorrücken.
Voran Amyntas der Lynkestier mit den Sarissophoren und Paionen und einer
Taxis (der Hypaspisten), ihm zugeordnet die Ile von Apollonia, von
Ptolemaios, Philipps Sohn, geführt, die diesen Tag die erste Stelle in der
Ritterschaft, den ersten Angriff hatte. Sowie sie im Fluß waren, folgte der
König an der Spitze der übrigen Ilen der Hetairen unter dem Schall der
Trompeten und des Schlachtgesanges; er wollte, während Ptolemaios durch
seinen Angriff den äußersten linken Flügel des Feindes beschäftigte, mit
den sieben Ilen, halb rechts aufrückend, rechts an Ptolemaios, links an die
nachrückende Linie des Fußvolkes gelehnt, auf das Zentrum der Feinde
einbrechen und dasselbe sprengen. Mit dem linken Flügel sollte Parmenion,
dem Flusse zu in schräger Linie folgend, den rechten Flügel des Feindes
lähmen.

Sobald sich Amyntas und Ptolemaios dem feindlichen Ufer des Flusses nahten,
begann das Gefecht. Die Perser, hier von Memnon und dessen Söhnen geführt,
widersetzten sich mit aller Macht ihrem Hinaufdringen, indem sie teils vom
hohen Ufer herab ihre Wurflanzen schleuderten, teils unmittelbar an das
Wasser vorgingen und die Heraufsteigenden zurückdrängten; diese, durch den
schlüpfrigen Lehm am Ufer noch mehr behindert, hatten schweren Stand,
großen Verlust, zumal die am meisten rechts, während denen links sich schon
eine Stütze bot. Denn schon war der König mit dem Agema der Ritterschaft
durch den Fluß, stürmte schon gegen die Stelle des Ufers an, wo die
dichteste Masse der Feinde und die Heerführer hielten. Sofort begann hier,
um die Person des Königs, der heftigste Kampf, in den die anderen Ilen,
eine nach der andern, durch den Fluß folgend, mit eingriffen; ein
Reitergefecht, das in seiner Hartnäckigkeit, Stetigkeit und der Wut des
Handgemenges einem Kampfe des Fußvolkes glich; Roß an Roß, Mann an Mann
gedrängt, kämpften die Makedonen mit ihren Speeren, die Perser mit ihren
leichteren Wurflanzen und bald mit ihren krummen Säbeln, jene, um die
Perser vom Ufer zurück auf das Blachfeld zu werfen, diese, um die Makedonen
in den Strom zurückzustoßen. Des Königs weißen Helmbusch sah man im
dichtesten Getümmel; in dem heftigen Gefecht zersplitterte sein Speer, er
rief seinem Stallmeister zu, ihm einen anderen zu reichen; auch dem war
sein Speer zerbrochen, und er kämpfte mit dem umgekehrten Stumpf; kaum daß
Demaratos von Korinth dem Könige seine Waffe gereicht, so sprengte auch
schon ein neuer Schwarm erlesener persischer Reiter heran, Mithridates, ihr
Führer, jagte voraus und auf Alexander zu, sein Wurfspieß verwundete des
Königs Schulter; ein Speerstoß Alexanders streckte den persischen Fürsten
tot zu Boden. In demselben Augenblick jagte des Gefallenen Bruder,
Rhoisakes, auf Alexander zu, zerschmetterte mit einem Hiebe dessen Helm, so
daß der Säbel noch die Stirnhaut ritzte; Alexander bohrte ihm den Speer
durch den Harnisch bis tief in die Brust, und Rhoisakes stürzte rücklings
vom Pferde. Zugleich war der libysche Satrap Spithridates an Alexander
herangesprengt; schon hatte er über des Königs Nacken seinen Säbel zum
tödlichen Schlage erhoben, da kam ihm der schwarze Kleitos zuvor, mit einem
Hiebe trennte er des Barbaren Arm vom Rumpfe, gab ihm dann den Todesstoß.
Immer wilder wurde der Kampf; die Perser fochten mit höchster Tapferkeit,
den Tod ihrer Fürsten zu rächen, während immer neue Scharen über den Fluß
setzten, eindrangen, niedermetzelten; umsonst suchten Niphates, Petines,
Mithrobuzanes zu widerstehen, umsonst Pharnakes, des Dareios Schwager,
Arbupalos, der Enkel des Artaxerxes, die sich schon lösenden Massen zu
halten; bald lagen sie erschlagen auf dem Felde. Das Zentrum der Perser war
durchbrochen, die Flucht wurde allgemein; etwa tausend, nach andern
zweitausendfünfhundert Perser waren geblieben, die übrigen flohen weit
zersprengt vom Schlachtfelde. Alexander verfolgte sie nicht weit, da noch
die ganze Masse des feindlichen Fußvolkes unter Omares auf den Höhen stand,
entschlossen, den Ruhm griechischer Söldner gegen die makedonischen Waffen
zu bewähren. Es war das einzige, was ihnen übrigblieb; müßige Zuschauer
eines blutigen Kampfes, den ihre Mitwirkung vielleicht gewonnen haben
würde, ohne bestimmte Befehle für den Fall, den der Stolz der persischen
Fürsten unmöglich geglaubt hatte, blieben sie geschlossen auf ihrer Höhe,
die wenigstens einen ehrenvollen Rückzug zu sichern vermocht hätte; die
blinde Flucht der Reiterscharen hatte sie preisgegeben; auf sich
beschränkt, erwarteten sie den Angriff des siegreichen Heeres und den
eigenen Untergang, den sie so teuer als möglich zu machen entschlossen
waren. Alexander ließ die Phalanx auf sie anrücken, zugleich von allen
Seiten alle Reiter, auch die thessalischen und hellenischen des linken
Flügels, auf sie einbrechen. Nach kurzem furchtbarem Kampfe, in welchem dem
Könige ein Pferd unter dem Leibe erstochen wurde, waren die Söldner
bewältigt; es entkam niemand, außer wer sich etwa unter den Leichen
verborgen hatte; zweitausend von diesen Söldnern wurden gefangengenommen.

Alexanders Verlust war verhältnismäßig gering; beim ersten Angriff waren
fünfundzwanzig Ritter von der Ile von Apollonia geblieben, es waren
außerdem etwa sechzig Mann von der Reiterei und dreißig vom Fußvolke
gefallen. Sie wurden am folgenden Tage in ihrer Waffenrüstung und mit allen
militärischen Ehren begraben, ihren Eltern und Kindern daheim alle Steuern
erlassen. Für die Verwundeten trug Alexander persönlich Sorge, ging zu
ihnen, ließ sich ihre Wunden zeigen, sich von jedem erzählen, wie er sie
empfangen. Er befahl auch, die gefallenen persischen Führer, auch die
griechischen Söldner, die im Dienste des Feindes den Tod gefunden hatten,
zu bestatten; die gefangenen Griechen dagegen wurden in Fesseln geschlagen
und zu öffentlicher Strafarbeit nach Makedonien abgeführt, weil sie wider
den gemeinsamen Beschluß Griechenlands und für die Perser gegen
Griechenland gefochten hatten; nur die von Theben erhielten Verzeihung. Das
reiche persische Lager fiel in Alexanders Hände; die Beute des Sieges
teilte er mit seinen Bundesgenossen; seiner Mutter Olympias schickte er von
den goldenen Bechern, purpurnen Teppichen und anderen Kostbarkeiten, die in
den Zelten der persischen Fürsten gefunden waren; er gebot zum Andenken der
fünfundzwanzig Ritter, die zuerst im Kampfe gefallen waren, ebensoviel
Bronzestatuen von dem Bildhauer Lysippos gießen und in Dion aufstellen zu
lassen. Er sandte dreihundert vollständige Rüstungen nach Athen als
Weihgeschenk für Pallas Athene, mit der Aufschrift: »Alexander, Philipps
Sohn und die Hellenen, mit Ausnahme der Lakedämonier, von den Barbaren in
Asien.«

Mit dem Siege am Granikos war die Macht Persiens diesseits des Taurus
vernichtet, die Streitmacht der Satrapien, welche die Vormauer des Reiches
bildete, zerstreut, entmutigt, so zusammengeschmolzen, daß sie nicht wieder
im offenen Felde mit den Makedonen zusammenzutreffen wagen durfte; auch die
persischen Besatzungen der einzelnen großen Städte, zu klein, um einer
siegreichen Armee zu widerstehen, konnten als überwunden gelten. Dazu kam,
daß viele Führer der Perser, namentlich der lydische Satrap, gefallen
waren, daß Arsites, der Hyparch Phrygiens am Hellespont, bald nach der
Schlacht, wie es hieß, aus Reue und Angst vor Verantwortlichkeit sich
selbst entleibt hatte, daß endlich die wichtigen Küstenstriche um so
leichter eine Beute der Makedonen werden mußten, da sich in den reichen
griechischen Städten noch immer demokratisch gesinnte Männer fanden, denen
sich jetzt Gelegenheit bot, des persischen Joches und der persisch
gesinnten Oligarchen frei zu werden.

Alexander konnte nicht zweifelhaft sein, wohin er sich wenden müsse, um die
Wirkung seines Sieges auf die vorteilhafteste Weise zu benutzen und zu
steigern. Ein schnelles Eindringen in das Innere Kleinasiens hätte ihn
weite Gebiete, große Beute, Land und Leute gewinnen lassen; aber sein Zweck
war, die Macht des Großkönigs zu vernichten; schon war eine Perserflotte im
Ägäischen Meere, die, wenn er ins Innere vorgedrungen wäre, hinter seinem
Rücken operieren und sich der Küsten bemächtigen, mit Hellas Verbindung
anknüpfen konnte. Seine Erfolge zu Lande mußten sie überholen; seine
Operationsbasis zum weiteren Vordringen nach Osten mußte so breit und so
sicher als möglich sein; stützte er sich nur auf den Hellespont, so blieben
die Satrapien am Ägäischen Meere in der Hand des Feindes, der von da aus
seine Flanke beunruhigen konnte. Es war notwendig, die ganze West- und
Südküste Kleinasiens zu besetzen, um über den Taurus vordringen zu können.
Diese Küstenstriche, voll hellenischer oder hellenisierter Städte, wurden
unter dem Eindruck der gewonnenen Schlacht je schneller, desto sicherer für
das Interesse des siegenden Griechentums gewonnen.

Alexander übergab die Satrapie in Phrygien am Hellespont Kalas, dem Sohne
des Harpalos, der, durch zweijährigen Aufenthalt in diesen Gegenden schon
bekannt, geeignet schien, die in militärischer Hinsicht höchst wichtige
Landschaft zu verwalten; es wurde nichts Weiteres in der Verwaltung
geändert, auch die Abgaben blieben dieselben, wie sie an den Großkönig
entrichtet worden waren. Die nicht griechischen Einwohner des Binnenlandes
kamen größtenteils, sich freiwillig zu unterwerfen; sie wurden ohne
weiteres in ihre Heimat entlassen. Die Zeliten, die mit dem Perserheere an
den Granikos ausgezogen waren, erhielten Verzeihung, weil sie gezwungen am
Kampfe teilgenommen hatten. Parmenion wurde nach Daskylion, der Residenz
des phrygischen Satrapen, detachiert; er nahm die Stadt, die von der
persischen Besatzung bereits geräumt war, in Besitz. Weiter ostwärts in
dieser Richtung vorzudringen, war für den Augenblick nicht nötig, da
Daskylion für den Marsch nach Süden als Rückendeckung genügte.

Alexander selbst wandte sich südwärts, um auf Sardes, die Residenz der
Satrapie Lydien, zu gehen. Sardes war berühmt wegen seiner alten Burg, die,
auf einer isolierten, schroff abstürzenden Felsmasse, welche vom Tmolos in
die Ebene vorspringt, gelegen und mit dreifacher Mauer umgeben, für
uneinnehmbar galt; es befand sich in derselben der Schatz der reichen
Satrapie, welcher dem Befehlshaber der Stadt Gelegenheit bieten konnte, die
überdies bedeutende Besatzung zu vermehren und zu versorgen, und eine
starke Macht in Sardes hätte der persischen Seemacht die beste Stütze
gegeben. Um so willkommener war, daß etwa zwei Meilen von der Stadt
Mithrines, der persische Befehlshaber der Besatzung, nebst den
angesehensten Bürgern erschien, diese die Stadt, jener die Burg mit dem
Schatz zu übergeben. Der König sandte Amyntas, des Andromenes Sohn, voraus,
die Burg zu besetzen, er selbst folgte nach kurzer Rast; den Perser
Mithrines behielt er fortan in seiner Nähe und zeichnete ihn auf jede Weise
aus, gewiß ebensosehr, um seine Unterwerfung zu belohnen, als um zu zeigen,
wie er sie belohne. Den Sardianern und allen Lydiern gab er die Freiheit
und die Verfassung ihrer Väter wieder, deren sie zwei Jahrhunderte lang
unter dem Druck persischer Satrapen entbehrt hatten. Um die Stadt zu ehren,
beschloß er die Burg mit einem Tempel des olympischen Zeus zu schmücken;
als er sich nach der tauglichsten Stelle im Bereiche der Akropolis umsah,
erhob sich plötzlich ein Wetter, unter Donner und Blitz ergoß sich ein
heftiger Regenschauer über den Platz, wo einst der lydische Königspalast
gestanden hatte; diese Stelle wählte der König für den Tempel, der fortan
die hohe Burg des vielgefeierten Krösus schmücken sollte.

Sardes wurde der zweite wichtige Punkt in der Operationslinie Alexanders,
das Tor zum Innern Kleinasiens, zu dem die großen Straßen von diesem
Mittelpunkte des vorderasiatischen Handels hinaufführen. Die
Statthalterschaft Lydiens erhielt des Parmenion Bruder Asandros; eine Schar
Reiter und leichtes Fußvolk wurde als Besatzung der Satrapie unter seinen
Befehl gestellt; mit ihm blieben Nikias und Pausanias aus der Schar der
Hetairen zurück, dieser als Befehlshaber der Burg von Sardes und ihrer
Besatzung, zu der das Kontingent von Argos bestimmt wurde, jener zur
Verteilung und Erhebung der Tribute. Ein anderes Korps, das aus den
Kontingenten der Peloponnesier und der übrigen Hellenen bestand, wurde
unter Kalas und dem Lynkestier Alexandros, der an Kalas' Stelle den Befehl
über die thessalische Ritterschaft erhalten hatte, nach dem Gebiet, das dem
Rhodier Memnon gehörte, abgesandt. Nach dem Fall von Sardes mochte es
notwendig erscheinen, auch auf der linken Flanke die Okkupation
weiterzuführen und mit der weiteren Küste der Propontis die Straße ins
Innere am Sangarios hinauf zu gewinnen. Die Flotte endlich -- Nikanor
führte sie -- wird nach dem Siege am Granikos Befehl erhalten haben, nach
Lesbos und Milet zu segeln; es wird bei ihrem Erscheinen geschehen sein,
daß Mytilene dem makedonischen Bunde beitrat.

Der König selbst wandte sich mit der Hauptmacht von Sardes aus nach Ionien,
dessen Städte seit langen Jahren das Joch persischer Besatzungen oder
persisch gesinnter Oligarchen getragen hatten und sich, wie sehr sie auch
durch die lange Knechtschaft gebeugt sein mochten, nicht ohne lautes
Verlangen ihrer alten Freiheit erinnerten, die ihnen jetzt noch einmal wie
durch ein Wunder der Götter wiederkehren zu wollen schien. Nicht als ob
sich diese Stimmung überall geäußert hätte; wo die oligarchische Partei
stark genug war, mußte der Demos schweigen; aber man durfte gewiß sein,
daß, wenn die befreiende Macht nahte, die Demokratie hoch aufflammen werde;
immerhin, daß dann nach hellenischer Art ungezügelte Freude und
leidenschaftlicher Haß gegen die Unterdrücker den Beginn der neuen Freiheit
bezeugten.

Ephesos, die Königin unter den ionischen Städten, ging den anderen mit
einem großen Beispiele voran. Noch zu Philipps Zeit, vielleicht infolge
jener Beschlüsse von Korinth 338, hatte der Demos sich frei gemacht.
Autophradates war mit einem Heere vor die Stadt gerückt, hatte deren
Behörden zu Unterhandlungen zu sich beschieden, hatte dann während
derselben die Bevölkerung, die an keine weitere Gefahr dachte, von seinen
Truppen überfallen, viele gefangennehmen, viele töten lassen. Seit dieser
Zeit war wieder eine persische Besatzung in Ephesos, und die Gewalt in den
Händen des Syrphax und seines Geschlechtes.

Unter denen, die nach Philipps Tode den Hof von Pella verlassen hatten, war
Amyntas, des Antiochos Sohn, dessen Bruder Heraklides die Ile der
Ritterschaft von Bottiaia führte; obschon Alexander ihn nie anders als
gütig behandelt hatte, war er, mochte er sich irgendeiner Schuld bewußt
sein, oder argen Wünschen Raum gebend, aus Makedonien geflüchtet und nach
Ephesos gekommen, wo ihn die Oligarchie auf alle Weise ehrte. Indes war die
Schlacht am Granikos geschlagen, Memnon hatte sich mit einigen Überresten
der geschlagenen Truppen nach der ionischen Küste gerettet und flüchtete
weiter auf Ephesos zu. Hier hatte die Nachricht von der Niederlage der
Perser die heftigste Aufregung hervorgebracht; das Volk hoffte, die
Demokratie wiederzugewinnen, die Oligarchie war in höchster Gefahr; da
erschien Memnon vor der Stadt; die Partei des Syrphax eilte, ihm die Tore
zu öffnen, und begann in Verbindung mit den persischen Truppen auf das
ärgste gegen die Volkspartei zu wüten; das Grab des Herophthos, des
Befreiers von Ephesos, wurde aufgewühlt und entweiht, der heilige Schatz im
großen Tempel der Artemis geplündert, des Königs Philipp Bildsäule im
Tempel umgestürzt, kurz, es geschah alles, was den Untergang der
Gewaltherrschaft noch mehr als ihren Beginn zu schänden pflegt. Indes
rückte Alexanders siegreiches Heer immer näher; Memnon war bereits nach
Halikarnassos gegangen, um dort möglichst kräftige Verteidigungsmaßregeln
zu treffen; und Amyntas, der bei der Aufregung des Volkes sich nicht mehr
sicher, noch die Stadt gegen die Makedonen zu behaupten für möglich halten
mochte, eilte mit den in der Stadt liegenden Söldnern, sich zweier Trieren
im Hafen zu bemächtigen, und flüchtete zur persischen Flotte, welche
vierhundert Segel stark bereits im Ägäischen Meere erschienen war. Kaum sah
sich das Volk von den Kriegsscharen befreit, als es auch in allgemeiner
Empörung gegen die oligarchische Partei aufstand; viele vornehme Männer
flüchteten, Syrphax und sein Sohn und die Söhne seiner Brüder retteten sich
in die Tempel, das wütende Volk riß sie von den Altären hinweg und
steinigte sie; man suchte die übrigen, sie dem gleichen Tode zu opfern. Da
rückte Alexander, einen Tag nach Amyntas' Flucht, in die Stadt ein, tat dem
Morden Einhalt, befahl, die um seinetwillen Verbannten wiederaufzunehmen,
die Demokratie für alle Zeit in Geltung zu lassen; er überwies die Abgaben,
die bisher an Persien entrichtet worden waren, der Artemis und dehnte das
Asylrecht des Tempels auf ein Stadion von den Tempelstufen aus. Mag die
neue Umgrenzung des Tempelbezirks mit bestimmt gewesen sein, künftigem
Streit zwischen dem Tempel und der politischen Gemeinde vorzubeugen, dem
Hader in der Gemeinde selbst wurde durch die Vermittlung des Königs ein
Ende gemacht, »und wenn ihm irgend etwas zum Ruhm gereicht,« sagt Arrian,
»so ist es das, was er damals in Ephesus tat.«

In Ephesus kamen zu Alexander Abgeordnete aus Tralleis und Magnesia am
Maiandros, um ihm die beiden Städte, die wichtigsten im nördlichen Karien,
zu übergeben; Parmenion wurde mit einem Korps von fünftausend Mann Fußvolk
und zweihundert Pferden abgesandt, um die Städte in Besitz zu nehmen. Zu
gleicher Zeit wurde Alkimachos, Lysimachos' Bruder, mit ebensoviel Truppen
nordwärts nach den äolischen und ionischen Städten detachiert, mit dem
Befehl, überall die Oligarchie aufzuheben, die Volksherrschaft
wiedereinzurichten, die alten Gesetze wiederherzustellen, die bisher an
Persien entrichteten Tribute ihnen zu erlassen. Es wird die Wirkung dieser
Expeditionen gewesen sein, daß auch in Chios die Oligarchie, an deren
Spitze Apollonides stand, gestürzt, daß auf Lesbos die Tyrannis in Antissa
und Eresos gebrochen, Mytilene mit einer makedonischen Besatzung gesichert
wurde.

Der König selbst blieb noch einige Zeit in Ephesos, das ihm der Verkehr mit
Apelles, dem größten unter den damals lebenden Malern doppelt liebmachen
mochte; das Bild Alexanders, mit dem Blitze in der Hand, das noch lange
eine Zierde des großen Tempels der Artemis war, entstand in dieser Zeit.
Ihn beschäftigten mancherlei Pläne zur Förderung der griechischen
Küstenstädte; vor allem befahl er, die Stadt Smyrna, die seit der Zeit der
Zerstörung durch die lydischen Könige sich in mehrere Flecken aufgelöst
hatte, wiederherzustellen, die Stadt Klazomenai durch einen Damm mit ihrer
Hafeninsel zu verbinden, die Landenge von Klazomenai bis Teos zu
durchstechen, damit die Schiffe nicht nötig hätten, den weiten Umweg um das
schwarze Vorgebirge zu machen. Das Werk ist nicht zustandegekommen, aber
noch in später Zeit wurden auf der Landenge in einem dem Könige Alexander
geweihten Haine Wettkämpfe von dem »Bunde der Ionier« zum Gedächtnis ihres
Befreiers gehalten.

Nachdem Alexander noch im Tempel der Artemis geopfert und eine Musterung
der Truppen, die in vollem Waffenschmucke und wie zur Schlacht aufgestellt
waren, gehalten hatte, brach er folgenden Tages mit seinem Heere, das aus
vier Ilen makedonischer Ritter, den thrakischen Reitern, den Agrianern und
Bogenschützen und etwa 12 000 Mann Hopliten und Hypaspisten bestand, auf
der Straße nach Milet auf. Die Stadt war wegen ihres geräumigen Hafens für
die persische Flotte, wenn sie das Ägäische Meer halten sollte, beim
Herannahen der späten Jahreszeit von der größten Wichtigkeit. Der
Befehlshaber der persischen Besatzung von Milet, der Grieche Hegesistratos,
hatte früher in einem Schreiben dem Könige die Übergabe der Stadt
angeboten, aber, von der Nähe der großen persischen Flotte unterrichtet,
die wichtige Hafenstadt den Persern zu erhalten beschlossen. Desto eifriger
war Alexander, die Stadt zu erobern.

Milet liegt auf einer Landzunge im Süden des latmischen Meerbusens, drei
Meilen südwärts von dem Vorgebirge Mykale, vier von der Insel Samos, die
man am Horizont aus dem Meere hervorragen sieht; die Stadt selbst, in die
äußere und die mit starken Mauern und tiefem Graben versehene innere Stadt
geteilt, öffnet nach dem Meerbusen zu vier Häfen, von denen der größte und
wichtigste auf der Insel Lade etwas von der Küste entfernt liegt; groß
genug, um einer Flotte Schutz zu gewähren, ist er mehr als einmal
Veranlassung gewesen, daß Seekriege in seiner Nähe geführt und durch seine
Besetzung entschieden sind; die zunächst an der Stadt liegenden Häfen
werden durch kleine Felseneilande voneinander geschieden, sie sind für den
Handel sehr bequem, aber weniger geräumig, und werden durch die Reede der
Insel Lade mitbeherrscht. Die reiche Handelsstadt war von den Persern nicht
eben bedrückt, ihr war ihre Demokratie gelassen worden; sie mag gehofft
haben, neutral zwischen den kämpfenden Mächten verharren zu können; sie
hatte nach Athen gesandt, um Hilfe zu bitten.

Nikanor, der die »hellenische Flotte« führte, erreichte vor Ankunft der
überlegenen Perserflotte die Höhe von Milet und ging mit seinen
hundertundsechzig Trieren bei der Insel vor Anker. Zu gleicher Zeit war
Alexander unter den Mauern der Stadt erschienen, hatte sich der äußeren
Stadt bemächtigt, die innere mit einem Wall eingeschlossen, zur Verstärkung
der wichtigen Position von Lade die Thraker und gegen 4000 Mann Söldner auf
die Insel übersetzen lassen und seiner Flotte die Weisung gegeben, von der
Seeseite Milet auf das sorgfältigste zu sperren. Drei Tage darauf erschien
die persische Flotte; die Perser steuerten, da sie die Meerbucht von
hellenischen Schiffen besetzt sahen, nordwärts und gingen, vierhundert
Segel stark, bei dem Vorgebirge Mykale vor Anker.

Daß die hellenische und die persische Seemacht einander so nahe lagen,
schien ein entscheidendes Seegefecht unvermeidlich zu machen; viele
Strategen Alexanders wünschten es; man glaubte des Sieges gewiß zu sein, da
sogar der alte vorsichtige Parmenion zum Kampfe riet; denn ein Adler -- das
läßt ihn Arrian anführen -- sei am Ufer beim Spiegel des Schiffes
Alexanders sitzend gesehen worden; stets hätten die Griechen zur See über
die Barbaren gesiegt, und das Zeichen des Adlers lasse keinen Zweifel, was
der Götter Wille sei; ein gewonnenes Seegefecht werde der ganzen
Unternehmung von außerordentlichem Nutzen sein, durch eine verlorene
Schlacht könne nichts weiter verloren werden, als was man schon jetzt nicht
mehr habe, denn mit ihren vierhundert Segeln seien die Perser doch Herren
der See; er selbst erklärte sich bereit, an Bord zu gehen und an dem Kampfe
teilzunehmen. Alexander wies es zurück: unter den jetzigen Verhältnissen
eine Seeschlacht zu wagen, würde ebenso nutzlos, wie gefährlich, es würde
tollkühn sein, mit hundertsechzig Schiffen gegen die Übermacht der
feindlichen Flotte, mit seinen wenig geübten Seeleuten gegen die Kyprier
und Phöniker kämpfen zu wollen; die Makedonen, unbezwinglich auf dem festen
Lande, dürften den Barbaren nicht auf dem Meere, das ihnen fremd sei und wo
überdies tausend Zufälligkeiten mit in Betracht kämen, preisgegeben werden;
der Verlust eines Treffens würde den Erwartungen von seinem Unternehmen
nicht bloß bedeutenden Eintrag tun, sondern für die Hellenen die Losung zum
Abfall werden; der Erfolg eines Sieges könne nur gering sein, da der Gang
seiner Unternehmungen auf dem festen Lande die Perserflotte von selbst
vernichten werde; das sei auch der Sinn jenes Zeichens; so wie der Adler
sich auf das Land gesetzt, so werde er die persische Seemacht vom Lande aus
überwältigen; es sei nicht genug, nichts zu verlieren; nicht zu gewinnen,
sei schon Verlust. Die Flotte blieb ruhig auf der Reede bei Lade.

Indes kam Glaukippos, ein angesehener Milesier, ins Lager des Königs, im
Namen des Volkes und der Söldnerscharen, in deren Hand jetzt die Stadt sei,
zu erklären: Milet sei bereit, seine Tore und Häfen den Makedonen und
Persern in gleicher Weise zu öffnen, wenn Alexander die Belagerung aufheben
wolle. Der König erwiderte: er sei nicht nach Asien gekommen, um sich mit
dem zu begnügen, was man ihm werde zugestehen wollen, er werde seinen
Willen durchzusetzen wissen; von seiner Gnade möge man Strafe oder
Verzeihung für die Wortbrüchigkeit erwarten, die die Stadt zu einem ebenso
strafbaren als vergeblichen Widerstand veranlaßt habe; Glaukippos möge
schleunigst in die Stadt zurückkehren und den Milesiern melden, daß sie
eines Sturmes gewärtig sein könnten. Mit dem nächsten Tage begannen die
Sturmböcke und Mauerbrecher zu arbeiten, bald lag ein Teil der Mauer in
Bresche; die Makedonen drangen in die Stadt, während ihre Flotte, sobald
sie von ihrem Ankerplatze aus den Sturm gegen die Stadt gewahrte, dem Hafen
zuruderte und den Eingang sperrte, so daß die Trieren, dicht aneinander
gedrängt und die Schnäbel hinausgewendet, der Perserflotte Hilfe zu leisten
und den Milesiern, sich zur Perserflotte zu retten, unmöglich machten. Die
Milesier und Söldner, in der Stadt von allen Seiten gedrängt und ohne
Aussicht auf Rettung, suchten ihr Heil in der Flucht; die einen schwammen
auf ihren Schilden zu einem der Felseneilande der Häfen, andere suchten auf
Booten den makedonisch-hellenischen Trieren zu entkommen; die meisten kamen
in der Stadt um. Jetzt Meister der Stadt, setzten die Makedonen, von dem
König selbst geführt, nach dem Eiland über, und schon waren die Leitern von
den Trieren an die steilen Ufer geworfen, um die Landung zu erzwingen; da
befahl der König, voll Mitleid mit jenen Tapferen, die sich auch jetzt noch
zu verteidigen oder rühmlich zu sterben bereit seien, ihrer zu schonen und
ihnen Gnade unter der Bedingung anzubieten, daß sie in seinem Heere Dienst
nähmen; so wurden dreihundert griechische Söldner gerettet. Allen
Milesiern, die nicht beim Sturme umgekommen waren, schenkte Alexander Leben
und Freiheit.

Die Perserflotte hatte den Fall Milets von Mykale aus angesehen, ohne das
Geringste zur Rettung der Stadt tun zu können. Jeden Tag lief sie gegen die
hellenische Flotte aus, in der Hoffnung, sie zum Kampfe herauszulocken und
kehrte abends unverrichteter Sache nach der Reede des Vorgebirges zurück,
einem höchst unbequemen Ankerplatz, da sie ihr Trinkwasser nachts aus dem
Mäandros, etwa drei Meilen weit, holen mußte. Der König gedachte sie aus
ihrer Position zu treiben, ohne seine Flotte ihre sichere und sichernde
Stellung aufgeben zu lassen; er sandte die Reiter und drei Taxen vom
Fußvolk unter Philotas' Führung an der Küste entlang nach dem Vorgebirge
Mykale, mit dem Befehle, jede Landung der Feinde zu hindern; nun auf dem
Meere gleichsam blockiert, waren sie bei gänzlichem Mangel an Wasser und
Lebensmitteln genötigt, nach Samos zu gehen, um das Nötige an Bord zu
nehmen. Dann kehrten sie zurück, fuhren wieder, zum Kampf herausfordernd,
in Schlachtordnung auf; da die hellenische Flotte ruhig bei Lade blieb,
sandten sie fünf Schiffe dem Hafen zu, der, zwischen dem Lager und den
kleinen Inseln gelegen, das Heer von der Flotte trennte, in der Hoffnung,
die Schiffe unbemannt zu überraschen, da es bekannt war, daß sich das
Schiffsvolk in der Regel von den Schiffen zerstreue, um Holz und Vorräte zu
holen. Sobald Alexander jene fünf Schiffe heransteuern sah, ließ er mit dem
gerade anwesenden Schiffsvolke zehn Trieren bemannen und in See gehen, um
auf den Feind Jagd zu machen. Die persischen Schiffe kehrten, bevor jene
heran waren, schleunigst um, sich zu ihrer Flotte zurückzuziehen; eines,
das schlecht segelte, fiel den Makedonen in die Hände und wurde
eingebracht; es war aus Jasos in Karien. Das persische Geschwader zog sich,
ohne Weiteres gegen Milet zu versuchen, nach Samos zurück.

Der König hatte sich durch die letzten Vorfälle überzeugt, daß die
Perserflotte auf die Bewegungen seiner Landmacht keinen nennenswerten
Einfluß mehr üben, vielmehr durch die fortschreitende Okkupation der Küsten
bald völlig vom Festland abgedrängt, gezwungen sein werde, auf weiteres
Eingreifen in die entscheidenden Aktionen zu verzichten und einstweilen bei
den Inseln vor Anker zu liegen. Auf dem Festlande, in der ganzen Kraft der
Offensive, sah Alexander seine Seemacht jetzt, da sie unmöglich gegen den
dreimal stärkeren Feind die See halten konnte, auf die Verteidigung
beschränkt; so wichtige Dienste sie ihm beim Beginn des Feldzuges und zur
Deckung der ersten Bewegungen des Landheeres geleistet hatte, sie war ihm,
seit die persische Macht in Kleinasien unterlegen, ohne besonderen Nutzen,
dagegen der Aufwand, den sie verursachte, außerordentlich; hundertsechzig
Trieren forderten an dreißigtausend Mann Matrosen und Epibaten, fast
ebensoviel Mannschaft als das Heer, das das Perserreich über den Haufen
stürzen sollte; sie kosteten monatlich mehr als fünfzig Talente Gold, und
vielleicht ebensoviel Unterhalt, ohne, wie das Landheer, das nicht viel
teurer zu unterhalten war, mit jedem Tage neue Eroberung und neue Beute zu
machen. Alexanders Kassen waren erschöpft und hatten vorerst keine
bedeutenden Zuflüsse zu erwarten, da den befreiten griechischen Städten
ihre Abgaben erlassen wurden, die inländischen weder gebrandschatzt noch
geplündert, sondern nur nach dem alten, sehr niedrigen Ansatz besteuert
werden sollten. Dies waren die Gründe, die den König veranlaßten, im Herbst
334 seine Flotte aufzulösen; er behielt nur wenige Schiffe zum Transport
längs der Küste bei sich, unter diesen zwanzig, die Athen gestellt hatte,
sei es, um dadurch die Athener zu ehren oder um ein Unterpfand ihrer Treue
zu haben, falls die feindliche Flotte, wie zu vermuten, sich nach Hellas
wenden sollte.

Jetzt nach Auflösung der Flotte, wurde es für Alexander doppelt wichtig,
jede Küstenlandschaft, jede Seestadt, jeden Hafen zu besetzen, um dadurch
jene Kontinentalsperre durchzusetzen, mit welcher er die persische Seemacht
mattzusetzen hoffte. Noch war an der Küste des Ägäischen Meeres Karien, und
in Karien Halikarnassos übrig, doppelt wichtig durch seine Lage am Eingange
dieses Meeres und dadurch, daß sich in diese sehr feste Stadt der letzte
Rest der persischen Macht in Kleinasien zum Widerstande gesammelt hatte.

Karien war vor etwa fünfzig Jahren zur Zeit des zweiten Artaxerxes unter
die Herrschaft des Dynasten Hekatomnos von Halikarnassos gekommen, der, dem
Namen nach persischer Satrap, so gut wie unabhängig und bereit war, diese
Unabhängigkeit bei der ersten Veranlassung mit gewaffneter Hand geltend zu
machen; er hatte seine Residenz nach dem Innern seines Landes, nach Mylasa,
verlegt und von hier aus seine Herrschaft bedeutend auszudehnen verstanden.
Sein Sohn und Nachfolger Mausollos verfolgte die Pläne des Vaters, er
vergrößerte auf jede Weise seine Macht und seine Reichtümer; dann auch mit
Lykien betraut, beherrschte er zwei wichtige Seeprovinzen Kleinasiens; um
so näher lag es ihm, seine Seemacht -- schon der Vater hatte, als
persischer Nauarch, gegen Cypern gekämpft -- weiter zu entwickeln; er
verlegte die Residenz wieder nach Halikarnaß, das er durch Zusammenziehung
von sechs kleinen Ortschaften vergrößerte; er erregte den
Bundesgenossenkrieg gegen die Athener, um deren Seemacht zu schwächen;
selbst nach Milet streckte er seine Hand aus. Nachdem dann seine Schwester
und Gemahlin Artemisia, die ihm nach karischer Sitte in der Herrschaft
folgte, gestorben war, übernahm der zweite Bruder Idrieus die Regierung;
von den Zeitumständen begünstigt, behauptete er Chios, Kos und Rhodus.
Seine Schwester und Gemahlin Ada folgte ihm, wurde aber schon nach vier
Jahren durch ihren jüngeren Bruder Pixodaros der Herrschaft beraubt, so daß
ihr nichts als die Bergfestung Alinda blieb. Pixodaros beabsichtigte, durch
eine Verbindung mit dem makedonischen Königshause, dessen Pläne in
Beziehung auf Asien kein Geheimnis mehr waren, sich zu einem Kampfe um
seine Unabhängigkeit vorzubereiten. Daß er auch Gold auf seinen Namen
prägte, was -- so ist die Meinung -- keinem Satrapen zustand, würde zeigen,
wieweit er schon zu sein glaubte. Der Hader am Hofe Philipps störte seine
Pläne, so daß er dem Wunsche des Perserkönigs, seine Tochter mit dem edlen
Perser Othontopates zu vermählen, entgegenkam, und nach seinem im Jahre 335
erfolgten Tode wurde Othontopates Herr der karischen Dynastie.

Sobald jetzt Alexander in Karien einrückte, eilte Ada ihm entgegen; sie
versprach, ihn auf jede Weise bei der Eroberung Kariens zu unterstützen,
ihr Name selbst würde ihm Freunde gewinnen; die Wohlhabenden im Lande,
unzufrieden über die erneute Verbindung mit Persien, würden sich sofort für
sie entscheiden, da sie im Sinne ihres Bruders stets gegen Persien und für
Griechenland Partei genommen habe; sie bat den König, als Treupfand ihrer
Gesinnung ihre Adoption anzunehmen. Alexander wies es nicht zurück, er ließ
ihr die Herrschaft von Alinda; die Karier wetteiferten, sich ihm zu
ergeben, namentlich die griechischen Städte; er stellte ihre Demokratie
her, gab ihnen Autonomie, entließ sie der Tributpflicht.

Nur Halikarnaß war noch übrig; dorthin hatte sich Othontopates
zurückgezogen; ebendahin war Memnon, nachdem er in Ephesus und Milet weder
die Gelegenheit günstig, noch die Zeit hinreichend gefunden hatte, um
erfolgreichen Widerstand zu organisieren, mit den Resten der am Granikos
geschlagenen Armee gekommen, um mit dem karischen Satrapen vereinigt die
letzte wichtige Position auf der kleinasiatischen Küste zu halten. Die
Stadt war auf drei Seiten von mächtigen Mauern umschlossen, auf der
vierten, der südlichen, dem Meere zugewandt; sie hatte drei Burgen, die
Akropolis auf den Höhen ihrer Nordseite, die Salmakis an der Südwestecke,
hart am Meere an dem Hals einer Halbinsel, die die Bai von Halikarnaß
westwärts schließt, endlich die Königsburg auf einer kleinen Insel am
Eingang des Hafens, der den innersten Teil der Bai bildet. Memnon schickte
Weib und Kind an den Großkönig, angeblich, um sie aller Gefahr zu
entziehen, in der Tat, um ein Zeichen und Unterpfand seiner Treue zu geben,
die sein griechischer Ursprung nur zu oft schon zu verdächtigen Gelegenheit
gegeben hatte. Diese Hingebung zu ehren und seinem anerkannten und oft
erprobten Feldherrntalent die gebührende Wirksamkeit zu eröffnen, hatte ihm
der Perserkönig den Oberbefehl über die gesamte persische Seemacht und die
Küsten übertragen; wenn noch etwas für Persien zu retten war, schien er der
Mann zu sein, der retten konnte. Mit außerordentlicher Tätigkeit hatte er
das feste Halikarnaß noch durch neue Werke, namentlich durch einen breiten
und tiefen Graben verstärkt, die aus Persern und Söldnern bestehende
Besatzung vermehrt, seine Kriegsschiffe in den Hafen der Stadt gezogen, um
durch sie die Verteidigung zu unterstützen und die Stadt im Falle einer
längeren Belagerung mit Lebensmitteln zu versehen; er hatte die Insel
Arkonnesos, welche die Bai im Osten beherrschte, befestigen lassen, nach
Myndos, Kaunos, Thera, Kallipolis Besatzungen gelegt, kurz alles so
vorbereitet, daß Halikarnaß der Mittelpunkt höchst erfolgreicher Bewegungen
und ein Bollwerk gegen das Vordringen der Makedonen werden konnte. Eben
darum waren nicht wenige von der besiegten Partei in Hellas nach
Halikarnassos gegangen, unter ihnen die Athener Ephialtes und Thrasybulos;
auch von den beim Morde des Königs Philipp Geflüchteten der Lynkestier; und
jener Amyntas, des Antiochos Sohn, scheint sich mit den Söldnern von
Ephesos hierher gerettet zu haben. Gelang es, in dieser starken Position
der makedonischen Macht standzuhalten, so war sie -- denn die persische
Flotte beherrschte das Meer -- von der Heimat abgeschnitten, und Hellas mit
dem Ruf der Freiheit unschwer zu neuer Schilderhebung zu bewegen.

Indes rückte Alexander heran und lagerte sich, auf eine langwierige
Belagerung gefaßt, etwa tausend Schritte vor den Wällen der Stadt. Die
Feindseligkeiten eröffneten die Perser durch einen Ausfall auf die soeben
anrückenden Makedonen, der jedoch ohne viele Mühe zurückgeschlagen wurde.
Wenige Tage nachher zog sich der König mit einem bedeutenden Teile des
Heeres nordwestlich um die Stadt hin, teils um die Mauern zu besichtigen,
besonders aber, um von hier aus die nahe Stadt Myndos, die für den Fortgang
der Belagerung von großer Wichtigkeit werden konnte, zu besetzen, da ihm
von der Besatzung dort die Übergabe versprochen war, wenn er nachts vor den
Toren der Stadt sein wollte. Er kam, aber niemand öffnete; ohne
Sturmleitern und Maschinen, da das Heer nicht wie zu einem Sturm ausgezogen
war, ließ der König, erzürnt, so betrogen zu sein, sofort seine
Schwerbewaffneten unter die Mauern der Stadt rücken und das Untergraben
derselben beginnen. Ein Turm stürzte, ohne jedoch Bresche genug zu geben,
daß man mit Erfolg hätte angreifen können. In Halikarnaß war mit
Tagesanbruch der Abzug der Makedonen bemerkt und sofort zur See
Unterstützung nach Myndos geschickt; Alexander mußte unverrichteter Sache
in seine Stellung vor Halikarnaß zurückkehren.

Die Belagerung der Stadt begann; zunächst wurde der Wallgraben, der
fünfundvierzig Fuß breit und halb so tief war, unter dem Schutz mehrerer
sogenannter Schildkrötendächer ausgefüllt, damit die Türme, von denen aus
die Mauern von Verteidigern gesäubert werden und die Maschinen, mit denen
Bresche gelegt wird, gegen die Mauern vorgeschoben werden konnten. Schon
standen die Türme den Mauern nahe, als die Belagerten über Nacht einen
Ausfall machten, die Maschinen zu verbrennen; schnell verbreitete sich der
Lärm durch das Lager; aus dem Schlafe geweckt, eilten die Makedonen ihren
Vorposten zu Hilfe, und nach kurzem Kampfe bei dem Lichte der Lagerfeuer
mußten die Belagerten in die Stadt zurück, ohne ihren Zweck erreicht zu
haben. Unter den hundertfünfundsiebzig Leichen der Feinde fand man auch die
des Lynkestiers Neoptolemos. Auf Seiten der Makedonen waren nur zehn Tote,
aber dreihundert Verwundete, da man bei der Dunkelheit der Nacht sich nicht
hinlänglich hatte decken können.

Die Maschinen begannen zu arbeiten; bald lagen zwei Türme und die Mauer
zwischen ihnen auf der nordöstlichen Seite der Stadt in Schutt; ein dritter
Turm war stark beschädigt, so daß eine Untergrabung ihn leicht zum Sturz
bringen mußte. Da saßen eines Nachmittags zwei Makedonen aus der Phalanx
des Perdikkas in ihrem Zelt beim Wein und sprachen gegeneinander groß von
sich und ihren Taten, sie schwuren, ganz Halikarnaß auf ihre Lanzenspitze
zu nehmen und die persischen Memmen in der Stadt dazu; sie nahmen Schild
und Speer und rückten zusammen gegen die Mauern, sie schwangen ihre Waffen
und schrien nach den Zinnen hinauf; dies sahen und hörten die auf der Mauer
und machten gegen die zwei Männer einen Ausfall; diese aber wichen nicht
vom Platz, wer ihnen zu nahe kam, wurde niedergemacht, und wer zurückwich,
dem nachgeworfen. Aber die Zahl der Feinde mehrte sich mit jedem
Augenblick, und die zwei Männer, die überdies tiefer standen, erlagen fast
dem Andrange der Mehrzahl. Indes hatten ihre Kameraden im Lager diesen
sonderbaren Sturmlauf mit angesehen und liefen nun auch hin, mitzuhelfen;
ebenso mehrte sich der Zulauf aus der Stadt, es entspann sich ein
hartnäckiger Kampf unter den Mauern. Bald waren die Makedonen im Vorteil,
warfen den Feind in die Tore zurück, und da die Mauern hier für den
Augenblick fast von Verteidigern entblößt und an einer Stelle bereits
eingestürzt waren, so schien nichts als der Befehl des Königs zum
allgemeinen Angriff zu fehlen, um die Stadt einzunehmen. Alexander gab ihn
nicht; er hätte gern die Stadt unversehrt erhalten; er hoffte, daß sie
kapitulieren werde.

Aber die Gegner hatten hinter jener Bresche eine neue Mauer halbmondförmig
von Turm zu Turm erbaut. Der König ließ die weiteren Arbeiten auf diese
richten; Schirmwände aus Weiden geflochten, hohe hölzerne Türme,
Schilddächer mit Mauerbrechern wurden in den einspringenden Winkel, der
schon von Schutt und Trümmern gereinigt und zum Beginn der neuen
Sturmarbeiten geebnet war, vorgeschoben. Wieder machten die Feinde einen
Ausfall, um die Maschinen in Brand zu stecken, während von den beiden
Türmen und der Mauer aus ihr Angriff auf das lebhafteste unterstützt wurde;
schon brannten mehrere Schirmwände und selbst ein Turm, kaum noch schützten
die unter Philotas zur Feldwacht aufgestellten Truppen die übrigen; da
erschien Alexander zum Beistand, eilig warfen die Feinde Fackeln und Waffen
hinweg und zogen sich hinter die Mauern zurück, von wo sie, den Angreifern
in die Flanke und zum Teil im Rücken, ihre Geschosse wirksam genug
schleuderten.

Bei so hartnäckigem Widerstand hatte der König allen Grund, schärfer
anzufassen. Er ließ die Maschinen von neuem arbeiten; er selbst war bei der
Arbeit, leitete sie. Da beschloß Memnon -- es heißt, auf Ephialtes'
dringende Mahnung, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen -- einen
allgemeinen Ausfall. Ein Teil der Besatzung brach unter Ephialtes' Führung
bei der vielgefährdeten Stelle der Mauer heraus, während die anderen aus
einem zweiten Tor, dem Tripylon, wo der Feind es am wenigsten erwartete,
gegen das Lager hin ausrückten. Ephialtes kämpfte mit dem größten Mute,
seine Leute warfen Feuerbrände und Pechkränze in die Maschinen; aber ein
kräftiger Angriff des Königs, der von den hohen Belagerungstürmen mit einem
Hagel von Geschossen und großen Steinen unterstützt wurde, zwang die Feinde
nach sehr hartnäckigem Kampfe zum Weichen; viele, unter ihnen Ephialtes,
blieben auf dem Platze, noch mehrere unterlagen auf der Flucht über den
Schutt der eingestürzten Mauer und durch die engen Toreingänge. Indes
hatten sich auf der anderen Seite den Feinden zwei Taxen Hypaspisten und
einiges leichtes Fußvolk unter dem Leibwächter Ptolemaios entgegengeworfen;
lange währte der Kampf, Ptolemaios selbst, der Chiliarch der Hypaspisten
Addaios, der Anführer der Bogenschützen Klearchos, mancher andere namhafte
Makedone war bereits gefallen, als es endlich gelang, die Feinde
zurückzudrängen; unter der Menge der Fliehenden brach die enge Brücke, die
über den Graben führte, viele stürzten hinab und kamen, teils von den
Nachstürzenden erdrückt, teils von den Spießen der Makedonen getroffen, um.
Bei dieser allgemeinen Flucht hatten schnell die in der Stadt
Zurückgebliebenen die Tore schließen lassen, damit nicht mit den Fliehenden
zugleich die Makedonen den Eingang erzwängen; vor den Toren drängten sich
nun große Haufen unglücklicher Flüchtlinge zusammen, die, ohne Waffen, ohne
Mut und Rettung, den Makedonen preisgegeben, sämtlich niedergemetzelt
wurden. Mit Entsetzen sahen die Belagerten, daß die Makedonen, von so
großen Erfolgen angefeuert und von der hereinbrechenden Nacht begünstigt,
im Begriff standen, die Tore zu erbrechen, in die Stadt selbst
einzudringen; statt dessen hörten sie das Signal zum Rückzug blasen. Der
König wünschte auch jetzt noch die Stadt zu retten; er hoffte, daß nach
diesem Tage, der ihm nur vierzig Tote, dem Feinde dagegen an tausend
gekostet und deutlich genug gezeigt hatte, daß einem neuen Angriff wohl der
Fall der Stadt folgen dürfte, von seiten der Belagerten Anträge gemacht
werden würden, die er nur erwartete, um diesem unnatürlichen Kampf von
Griechen gegen eine griechische Stadt ein Ende zu machen.

In Halikarnaß berieten die beiden Befehlshaber, Memnon und Othontopates,
welche Maßregeln zu ergreifen seien; es entging ihnen nicht, daß sie unter
den jetzigen Umständen, da bereits ein Teil der Mauer eingestürzt, ein
anderer dem Einsturz nahe, die Besatzung durch viele Tote und Verwundete
geschwächt war, die Belagerung nicht mehr lange würden aushalten können;
und wozu sollten sie die Stadt halten, da doch das Land bereits verloren
war? Der Hafen, den zu behaupten für die Flotte von Wichtigkeit war, konnte
durch Besetzung der Salmakis und der Königsburg vor den Häfen, sowie durch
die Behauptung der am karischen Meerbusen belegenen festen Plätze genugsam
gesichert werden. Sie beschlossen, die Stadt preiszugeben. Um Mitternacht
sahen die makedonischen Feldwachen über den Mauern eine Feuersbrunst
emporlodern: Flüchtende, die aus der brennenden Stadt sich ins Feld zu den
makedonischen Vorposten retteten, berichteten, daß der große Turm, der
gegen die makedonischen Maschinen gerichtet war, die Waffenmagazine, die
Stadtviertel zunächst an den Mauern brannten; man sah, wie ein heftiger
Wind das Feuer in die Stadt hineintrieb; man erfuhr, daß das Umsichgreifen
der Flamme von denen in der Stadt auf alle Weise gefördert werde. Sogleich
ließ Alexander trotz der Nacht aufbrechen, die brennende Stadt zu besetzen;
wer noch beim Anzünden beschäftigt war, wurde niedergehauen; Widerstand
fand man nirgends; die Einwohner, die man in ihrer Wohnung fand, verschonte
man. Endlich graute der Morgen, die Stadt war von dem Feind geräumt, sie
hatten sich auf die Salmakis und die Königsinsel zurückgezogen, von wo aus
sie den Hafen beherrschen und, selbst fast vollkommen sicher, die
Trümmerstätte, die in den Händen der Feinde war, beunruhigen konnten.

Dies erkannte der König; um sich nicht mit der Belagerung der Burg
aufzuhalten, die ihm unter den jetzigen Umständen nicht mehr entscheidende
Resultate bringen konnte, ließ er, nachdem die in der letzten Nacht
Gefallenen begraben waren, den Park seiner Belagerungsmaschinen nach
Tralleis vorausgehen, die Überbleibsel der Stadt, die sich so hartnäckig
der gemeinsamen Sache der Hellenen widersetzt hatte, da sie durch die Nähe
der Perser in der Nähe der Salmakis und auf Arkonnesos nur gefährlicher
wurden, von Grund aus zerstören; die Bürgerschaft wurde in die sechs
Flecken aufgelöst, die vierzig Jahre früher der Dynast Mausollos in seiner
Residenz vereinigt hatte. Ada erhielt die Satrapie über Karien wieder,
unter der die hellenischen Städte dort autonom und tributfrei blieben. Die
Einkünfte des Landes blieben der Fürstin; Alexander ließ zu ihrem und des
Landes Schutz 3000 Mann Söldner und etwa zweihundert Reiter unter
Ptolemaios' Befehl zurück, der den Auftrag erhielt, zur gänzlichen
Vertreibung der Feinde aus den Küstenplätzen, die sie noch besetzt
hielten, sich mit dem Befehlshaber von Lydien zu vereinigen, demnächst die
Belagerung der Salmakis durch Einschließung zu beginnen.

Die späte Jahreszeit war herangekommen; mit dem Fall von Halikarnaß konnte
Alexander die Eroberung der Westküste Kleinasiens als beendet ansehen; die
neubegründete Freiheit in den griechischen Städten der Küste und die
makedonischen Besatzungen in Phrygien am Hellespont, Lydien und Karien
sicherten diese Gegenden vor neuen Angriffen der Perserflotte. Dieser auch
die Südküste Kleinasiens zu sperren, sowie die Landschaften im Innern
Kleinasiens zu unterwerfen, mußte der Zweck der nächsten Operationen sein.
Da vorauszusehen war, daß weder in den Küstenstädten, denen wegen der
Jahreszeit von der See her nicht leicht Hilfe kommen konnte, noch auch im
Innern des Landes, das längst von den Persern so gut wie völlig geräumt
war, der Widerstand groß sein werde, so war es unnötig, das ganze Heer an
diesem beschwerlichen Zuge teilnehmen zu lassen; überdies mußte zu den
großen Bewegungen, die den Feldzug des nächsten Jahres eröffnen sollten,
das Heer mit frischen Truppen aus der Heimat verstärkt werden. Bei dem
Heere befanden sich viele Kriegsleute, die sich jüngst erst verheiratet
hatten; diese wurden auf Urlaub nach der Heimat entlassen, um den Winter
hindurch bei Weib und Kind zu sein. Ihre Führung übernahmen drei
Neuvermählte aus der Zahl der Befehlshaber, des Seleukos Sohn Ptolemaios,
einer der Leibwächter des Königs, des alten Parmenion Schwiegersohn Koinos
und Meleagros, beide Strategen der Phalanx; sie erhielten den Auftrag,
zugleich mit den Beurlaubten möglichst viel frische Mannschaften nach Asien
mitzubringen und im Frühling in Gordion zur großen Armee zu stoßen. Man
kann sich vorstellen, mit welchem Jubel dieser Urlaub angenommen, mit
welcher Freude die heimkehrenden Krieger von den Ihrigen empfangen und
angehört wurden, wenn sie von ihren Taten und ihrem König, von der Beute
und den schönen Ländern Asiens erzählten; es schien, als ob Asien und
Makedonien aufhörten, einander fern und fremd zu sein.

Von den in Asien zurückbleibenden mobilen Truppen (denn einige tausend Mann
waren als Besatzungen verwendet) bildete Alexander zwei Marschkolonnen; die
kleinere unter Parmenions Befehl, bestehend aus der makedonischen und
thessalischen Ritterschaft, den Truppen der Bundesgenossen, sowie dem Park
der Wagen und Maschinen, ging über Tralleis nach Sardes, um in der
lydischen Ebene zu überwintern und mit dem Beginn des Frühlings nach
Gordion aufzubrechen; die größere Kolonne, aus den Hypaspisten, den Taxen
der Phalanx, den Agrianern, Bogenschützen, Thrakern gebildet, brach, unter
Führung des Königs selbst von Karien auf, um die Seeküste und die inneren
Landschaften Kleinasiens zu durchziehen und in Besitz zu nehmen.

Der Marsch ging über den festen Grenzplatz Hyparna, dessen Besatzung, aus
griechischen Söldnern bestehend, gegen freien Abzug auch die Burg übergab,
nach der Landschaft Lykien. Lykien war seit der Zeit des Kyros dem
persischen Reiche einverleibt, hatte aber nicht bloß seine eidgenössische
Verfassung behalten, sondern auch bald seine Unabhängigkeit so weit
wiedererlangt, daß es nur einen bestimmten Tribut nach Susa zahlte, bis
dann der Satrap von Karien, wie erwähnt ist, auch Lykien zugewiesen
erhielt. Noch in den letzten Jahren hatte der Perserkönig die
Gebirgslandschaft Milyas, auf der Grenze gegen Phrygien, zu Lykien
geschlagen. Persische Besatzungen standen in Lykien nicht; Alexander fand
kein Hindernis bei der Besitznahme dieser an Städten reichen und durch
Seehäfen ausgezeichneten Provinz. Telmissos und jenseits des Xanthosflusses
Pinara, Xanthos, Patara und an dreißig kleinere Ortschaften im oberen
Lykien ergaben sich den Makedonen; dann rückte Alexander -- es war in der
Mitte des Winters -- an die Quellen des Xanthos hinauf, in die Landschaft
Milyas; hier empfing er die Gesandtschaft der Phaseliten, die ihm nach
hellenischer Sitte einen goldenen Ehrenkranz darbrachten, Gesandte mehrerer
Städte des unteren Lykiens, die wie jene sich ihm zu Frieden und
Freundschaft erboten. Den Phaseliten -- aus ihrer Stadt war der ihm
befreundete Dichter Theodektes, der jüngst in Athen gestorben war und
dessen Vater noch lebte -- versprach er, demnächst zu ihnen zu kommen und
dort einige Zeit zu rasten. Von den lykischen Gesandten, die nicht minder
freundlich aufgenommen wurden, forderte er, denen, die er dazu senden
werde, ihre Städte zu übergeben. Er bestellte demnächst einen der ihm
Nächstbefreundeten, Nearchos von Amphipolis, der aus Kreta gebürtig war,
zum Satrapen über Lykien und die östlich daran grenzenden Küstenlande. Aus
späteren Vorgängen erhellt, daß sich zu dieser Zeit ein Kontingent
lykischer Schiffe bei der Perserflotte befand; man wird annehmen dürfen,
daß Alexander deren Zurückberufung entweder als Folge der getroffenen
Vereinbarung voraussetzte, oder als Bedingung dessen, was er gewährte,
forderte. Denn unzweifelhaft ist den Lykiern, den Termele, wie sie sich
selbst nannten, ihre alte, wohlgeordnete Bundesverfassung geblieben:
dreiundzwanzig Städte, jede mit Rat und Volksversammlung, mit einem
»Strategen« an der Spitze ihrer Verwaltung, der vielleicht mit dem
lykischen Namen eines »Königs« der Stadt bezeichnet wurde, dann für das
ganze Bundesgebiet die Versammlung der Städte, in der die sechs
bedeutendsten je drei Stimmen, die mittleren je zwei, die kleineren je eine
hatten; nach demselben Verhältnis die Verteilung der Bundessteuern, als
Leiter der Union der »Lykiarch«, dessen Name vielleicht gleichfalls »König«
war; dieser, wie die übrigen Bundesbehörden durch Wahl der
Bundesversammlung bestellt.

Dann zog der König nach Phaselis. Die Stadt, dorisch ihrem Ursprunge nach,
und bedeutend genug, inmitten der lykischen Umgebung sich als hellenische
Stadt zu behaupten, lag außerordentlich günstig an der pamphylischen
Meeresbucht und den drei Häfen, denen sie ihren Reichtum dankte; gegen
Westen erheben sich die Berge in mehreren Terrassen hintereinander, bis zur
Höhe von siebentausend Fuß, in flachen Bogen sich um die pamphylische Bucht
bis Perge hinziehend, dem Ufer des Meeres so nah, daß der Weg an mehreren
Stellen nur dann nicht von der Brandung bedeckt wird, wenn der Nordwind das
Wasser von der Küste zurücktreibt; will man diesen Weg vermeiden, so muß
man den bei weitem beschwerlicheren und längeren durch die Berge
einschlagen, der gerade damals durch einen pisidischen Stamm, der sich beim
Eingang des Gebirges ein Bergschloß gebaut hatte und von da aus die
Phaseliten heimsuchte, gesperrt wurde. Alexander griff in Verbindung mit
den Phaseliten dieses Raubnest an und zerstörte es. Freudenmahle feierten
diese glückliche Befreiung der oft geängstigten Stadt und die Siege des
makedonischen Königs; es mochte seit Kimons Siegen am Eurymedon das
erstemal sein, daß die Stadt ein hellenisches Heer sah. Auch Alexander
scheint in diesen Tagen frohen Sinnes gewesen zu sein; man sah ihn nach
einem Gastmahle mit seinen Getreuen im frohen Festzuge nach dem Markte
ziehen, auf dem die Bildsäule des Theodektes stand und sie mit
Blumenkränzen schmücken, das Andenken des ihm werten Mannes zu feiern.

In eben diesen Tagen war es, daß ein verruchter Plan ans Licht kam, doppelt
verrucht, weil er von einem der vornehmsten Befehlshaber des Heeres
ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut hatte. Der
König war vielfach gewarnt worden, noch vor kurzem hatte Olympias in einem
Briefe ihren Sohn beschworen, vorsichtig gegen frühere Feinde zu sein, die
er jetzt für seine Freunde halte.

Der Verräter war Alexandros der Lynkestier, in dem die zweideutigen
Ansprüche seiner Familie auf das makedonische Königtum einen ebenso
heimtückischen wie hartnäckigen Vertreter fanden. Der gleichen Teilnahme an
jener Verschwörung zum Morde des Königs Philipp verdächtig, die zweien
seiner Brüder die Todesstrafe gebracht hatte, war er, weil er dem Sohn des
Ermordeten sich sofort unterworfen und ihn zuerst als König begrüßt hatte,
nicht bloß straflos geblieben, sondern Alexander behielt ihn in seiner
Umgebung, übergab ihm manches wichtige Kommando, so noch zuletzt die
Führung der thessalischen Ritterschaft für den Zug gegen Memnons Land und
nach Bithynien. Aber selbst das Vertrauen des Königs vermochte nicht, des
argen Mannes Gesinnung zu ändern; das Bewußtsein eines vergeblichen, aber
nicht bereuten Verbrechens, der ohnmächtige Stolz, doppelt gekränkt durch
die Großmut des glücküberhäuften Jünglings, das Andenken an zwei Brüder,
deren Blut für den gemeinsamen Plan geflossen, die eigene Herrschsucht, die
desto heftiger quälte, je hoffnungsloser sie war, kurz Neid, Haß, Begier,
Furcht, das mögen die Triebfedern gewesen sein, die den Lynkestier die
Verbindung mit dem persischen Hofe wiederanzuknüpfen oder vielleicht nicht
abzubrechen bewogen; jener Neoptolemos, der in Halikarnaß für die Perser
kämpfend den Tod gefunden hatte, war sein Neffe; durch Antiochos' Sohn
Amyntas, der, aus Makedonien landesflüchtig, beim Herannahen des
makedonischen Heeres von Ephesus zunächst wohl nach Halikarnaß geflohen,
dann weiter bis zum Perserhofe gegangen war, hatte Alexandros schriftliche
und mündliche Eröffnungen an den Großkönig gelangen lassen und Sissines,
einer von Dareios' Vertrauten, kam, angeblich um Befehle an Atizyes, den
Satrapen von Großphrygien, zu bringen, mit geheimen Aufträgen nach den
vorderen Landen, zunächst bemüht, sich in die Kantonierungen der
thessalischen Ritterschaft einzuschleichen. Von Parmenion aufgefangen,
gestand er den Zweck seiner Sendung, den er, unter Bedeckung nach Phaselis
vor den König geführt, dahin bezeichnete, daß er im Namen des Großkönigs
dem Lynkestier, wenn er Alexander ermorde, tausend Talente und das Königtum
Makedonien habe versprechen sollen.

Sofort berief der König die Freunde, mit ihnen zu beraten, wie gegen den
Beschuldigten zu verfahren sei. Ihre Meinung war, daß es früher schon nicht
wohlgetan gewesen sei, einem so zweideutigen Manne den Kern der Reiterei
anzuvertrauen; um so notwendiger scheine es jetzt, ihn wenigstens sofort
unschädlich zu machen, bevor er die thessalische Ritterschaft noch mehr für
sich gewinne und sie in seine Verräterei verwickle. Demnach wurde einer der
zuverlässigsten Offiziere, Amphoteros, Krateros' Bruder, an Parmenion
abgesandt; in der Landestracht, um unkenntlich zu sein, von einigen
Pergäern begleitet, gelangte er unerkannt an den Ort seiner Bestimmung;
nachdem er seine Aufträge gesagt hatte -- denn der König hatte so
gefährliche Dinge nicht einem Briefe, der leicht aufgefangen und
mißbraucht werden konnte, anvertrauen wollen --, wurde der Lynkestier in
der Stille aufgehoben und festgesetzt; ihn zu richten, verschob der König
auch jetzt noch, teils aus Rücksicht auf Antipatros, dessen Schwiegersohn
der Hochverräter war, besonders aber, um nicht zu beunruhigenden Gerüchten
im Heere und in Griechenland Anlaß zu geben.

Nach diesem Aufenthalt brach Alexander von Phaselis auf, um Pamphylien und
den wichtigsten Ort des Landes, Perge, zu erreichen. Einen Teil des Heeres
sandte er auf dem langen und beschwerlichen Gebirgswege, den er durch die
Thraker wenigstens für das Fußvolk hatte gangbar machen lassen, voraus,
während er selbst, wie es scheint, mit der Ritterschaft und einem Teil des
schweren Fußvolks den Küstenweg einschlug; in der Tat ein gewagtes
Unternehmen, da jetzt in der Winterzeit der Weg überflutet war; den ganzen
Tag brauchte man, um das Wasser zu durchwaten, das stellenweise den Leuten
bis an den Nabel reichte; aber das Beispiel und die Nähe des Königs, der
das Wort »unmöglich« nicht kannte, ließ die Truppen wetteifern, alle Mühe
mit Ausdauer und mit Freudigkeit zu überstehen; und als sie endlich am
Ziele angelangt, auf ihren Weg, auf die schäumende Brandung, die ihn
bedeckte, zurücksahen, da war es ihnen wie ein Wunder, das sie unter ihres
Heldenkönigs Führung vollbracht. Die Kunde von diesem Zuge verbreitete sich
mit märchenhaften Zusätzen geschmückt, unter den Hellenen: der König sei
trotz des heftigen Südwindes, der das Wasser bis in die Berge
hinaufgepeitscht, an das Gestade hinabgezogen, und plötzlich habe der Wind
sich gedreht und von Norden her die Wasser zurückgejagt; andere wollten gar
wissen, daß er sein Heer trockenen Fußes durch das Meer geführt habe; und
der Peripatetiker Kallisthenes, der zuerst die Geschichte dieser Feldzüge
schrieb, denen er selbst beiwohnte, verstieg sich zu der Phrase: das Meer
habe dem Könige seine Huldigung darbringen wollen und sei vor demselben
niedergefallen; er brauchte das Wort Proskynesis, mit dem die Hellenen die
persische Sitte des Niederfallens vor dem Großkönig bezeichnen. Der König
selbst schrieb in einem Briefe -- wenn er echt ist -- die einfachen Worte:
er habe durch die pamphylische Leiter, so nannte man die Bergabhänge dort,
einen Weg machen lassen und sei von Phaselis hindurchgezogen.

So rückte Alexander in den Küstensaum der Landschaft Pisidien, der
Pamphylien genannt wird, mit seinem Heere ein; diese Küstenlandschaft
erstreckt sich, vom Taurusgebirge im Norden begenzt, bis jenseits der Stadt
Side, wo das Gebirge sich wieder dicht an die Küste drängt, um sich
nordöstlich über Kilikien, der ersten Landschaft jenseits des Taurus,
hinzuziehen, dergestalt, daß Alexander mit der Besetzung Pamphyliens die
Unterwerfung der Seeküste diesseits des Taurus beendet nennen konnte.
Perge, der Schlüssel zum Übergang über die Gebirge im Norden und Westen zu
den inneren Landschaften, ergab sich; die Stadt Aspendos schickte Gesandte
an den König, sich zur Übergabe zu erbieten, zugleich zu bitten, daß ihr
keine makedonische Besatzung gegeben werde, eine Bitte, die Alexander unter
der Bedingung gewährte, daß Aspendos außer Ablieferung einer bestimmten
Anzahl von Pferden, deren Haltung sie dem Perserkönige statt Tributes
leistete, noch fünzig Talente zur Löhnung seiner Soldaten zahlen solle. Er
selbst brach nach Side auf, der Grenzstadt Pamphyliens, die dafür galt,
einst von Auswanderern aus Kyme in Äolis gegründet zu sein; aber die
Sprache dieser Hellenen -- die der Heimat hatten sie vergessen, die des
Landes nicht angenommen -- war eigener Art. Alexander ließ in ihrer Stadt
eine Besatzung zurück, die so wie die gesamte Küste der pamphylischen Bucht
unter Nearchos' Befehl gestellt wurde.

Darauf trat er den Rückzug nach Perge an; die mit einer Besatzung von
Landeseingeborenen und fremden Söldlingen versehene Bergfestung Syllion zu
überrumpeln, mißlang ihm; er überließ seinem Statthalter, sie einzunehmen,
da ihm bereits die Nachricht zugekommen war, daß die Aspendier weder die
Pferde, wie sie versprochen, ausliefern, noch die fünfzig Talente, zu denen
sie sich verpflichtet, zahlen wollten, sondern sich zum ernsthaften
Widerstande gerüstet hatten. Er rückte gegen Aspendos, besetzte die von
ihren Einwohnern verlassene Unterstadt; ohne sich durch die Festigkeit der
Burg, in die sich die Aspendier geflüchtet hatten, noch durch den Mangel an
Sturmzeug zur Nachgiebigkeit bewegen zu lassen, schickte er die Gesandten,
welche die Bürger, durch seine Nähe geschreckt, an ihn abgesandt hatten, um
sich auf Grundlage des früheren Vertrages zu ergeben, mit der Weisung
zurück, daß die Stadt, außer den früher verlangten Pferden und fünfzig
Talenten, noch fünfzig Talente zahlen und die angesehensten Bürger als
Geiseln stellen, wegen des Gebietes, das sie ihren Nachbarn gewaltsam
entrissen zu haben beschuldigt wurde, sich einer gerichtlichen Entscheidung
unterwerfen, dem Statthalter des Königs in dieser Gegend gehorchen und
jährlichen Tribut zahlen solle. Der Mut der Aspendier hatte rasch ein Ende;
sie fügten sich.

Der König zog wieder nach Perge, von dort weiter durch das rauhe
Gebirgsland der Pisidier nach Phrygien zu marschieren. Jetzt dieses in
viele Stämme geteilte, zum Teil in nachbarlichen Fehden begriffene Bergvolk
Tal für Tal zu unterwerfen, konnte nicht in seiner Absicht liegen; genug,
wenn er sie seine starke Hand fühlen ließ, sich den Durchmarsch zu
erzwingen; die so geöffnete Straße zwischen der pamphylischen Küste und
Phrygien dauernd zu sichern, mußte er seinen künftigen Befehlshabern in den
Gebieten, die das rauhe Gebirgsland umgaben, überlassen.

Die Straße, die er wählte, führt von Perge westwärts durch die Küstenebene
an den Fuß der Gebirge, dann in einen sehr schwierigen Paß, der, von der
Bergfeste Termessos beherrscht, durch eine kleine Truppenzahl selbst einem
großen Heere leicht gesperrt werden konnte; an einer steilen Bergwand zieht
sich der Weg hinauf, der von einem ebenso steilen Berge auf der anderen
Seite überragt wird; und hinten in dem Sattel zwischen beiden liegt die
Stadt. Beide Berge fand der König von den Barbaren -- denn ganz Termessos
war ausgezogen -- so besetzt, daß er vorzog, sich vor dem Paß zu lagern,
überzeugt, daß die Feinde, wenn sie die Makedonen so rasten sähen, die
Gefahr für nicht dringend halten, den Paß durch eine Feldwache sichern und
in die Stadt zurückkehren würden. So geschah es, die Menge zog sich zurück,
nur einzelne Posten zeigten sich auf der Höhe; sofort rückte der König mit
leichtem Fußvolk vor, die Posten wurden zum Weichen gebracht, die Höhen
besetzt, das Heer zog ungehindert durch den Paß und lagerte sich vor der
Stadt. Dort ins Lager kamen Gesandte der Selgier, die, pisidischen Stammes,
wie die Termessier, aber mit denselben in fortwährender Fehde, mit dem
Feind ihrer Feinde Vergleich und Freundschaft schlossen und fortan treu
bewahrten. Termessos zu erobern würde längeren Aufenthalt nötig gemacht
haben; Alexander brach ohne weiteren Verzug auf.

Er rückte gegen die Stadt Sagalassos, die, von den streitbarsten aller
Pisidier bewohnt, am Fuße der obersten Terrasse der pisidischen
Alpenlandschaft liegt und den Eingang in die Hochebene Phrygiens öffnet;
die Höhe auf der Südseite der Stadt hatten die Sagalasser, mit Termessiern
vereint, besetzt und sperrten so den Makedonen den Weg. Sofort ordnete
Alexander seine Angriffslinie; auf dem rechten Flügel rückten die Schützen
und die Agrianer vor, dann folgten die Hypaspisten, die Taxen der Phalanx;
die Thraker des Sitalkes bildeten die Spitze des linken Flügels; den Befehl
des linken Flügels übertrug er, bezeichnend genug, dem Lynkestier Amyntas,
wie er selbst den rechten übernahm. Schon war man bis an die steilste
Stelle des Berges vorgerückt, als sich plötzlich die Barbaren rottenweis
auf die Flügel des heranrückenden Heeres stürzten, mit doppelten Erfolg, da
sie bergab gegen die Bergansteigenden rannten. Die Bogenschützen des
rechten Flügels traf der heftigste Angriff, ihr Anführer fiel, sie mußten
weichen; die Agrianer hielten stand, schon war das schwere Fußvolk nahe
heran, Alexander an der Spitze; die heftigsten Angriffe der Barbaren
zerschellten an der geschlossenen Masse der Beschildeten, im Handgemenge
erlagen die leichtbewehrten Pisidier unter der schweren Waffe der
Makedonen: fünfhundert lagen erschlagen, die anderen flüchteten, der Gegend
kundig entkamen sie. Alexander rückte auf dem Hauptwege nach und nahm die
Stadt.

Nach dem Fall von Sagalassos wurden von den übrigen pisidischen Plätzen die
einen mit Gewalt genommen, die anderen kapitulierten. Damit war der Weg
nach der Hochfläche geöffnet, mit der Phrygien jenseits der Gebirge von
Sagalassos beginnt. In einer östlichen Senkung dieser Hochfläche liegt der
See von Egerdir, in der Größe des Bodensees, im Süden und Osten mit
mächtigen Bergmassen umgürtet; etwa acht Meilen westlich von diesem ein
kleinerer See, der askanische, von dessen Nordspitze etwa drei Meilen
entfernt der Höhenzug streicht, an dessen Nordseite die Quellen des
Maiandros liegen. In den Pässen, die zum Tal des Maiandros führen, liegt
die alte Stadt Kelainai, wo einst Xerxes nach seinen Niederlagen in Hellas
und auf dem Meere eine mächtige Burg gebaut hatte, das Vordringen der
Hellenen von der befreiten Küste her zurückzuhalten; Kelänä war seitdem der
Mittelpunkt der phrygischen Satrapie, die Residenz des Satrapen.

Dorthin wandte sich Alexander von Sagalassos aus; an dem askanischen See
vorüber, in fünf Märschen erreichte er die Stadt. Er fand die Burg -- der
Satrap Atizyes war geflüchtet -- in den Händen von 1000 karischen und 100
hellenischen Söldnern; sie erboten sich, wenn der persische Entsatz an dem
Tage -- sie nannten ihn -- für den er ihnen zugesagt worden, nicht
angekommen sei, Stadt und Burg zu übergeben. Der König ging darauf ein; er
hätte nicht ohne bedeutenden Zeitverlust der Burg Meister werden können;
und in dem Maße, als er schneller Gordion erreichte und mit den dorthin
beschiedenen anderen Teilen seines Heeres nach dem Tauros vorrückte, machte
er den Entsatz der Stadt unmöglich. Er ließ ein Kommando von etwa 1500 Mann
in Kelainai zurück. Er übertrug die Satrapie Phrygien dem Antigonos,
Philippos' Sohn, der bisher die Kontingente der Bundesgenossen befehligt
hatte, ernannte zu deren Strategen Balakros, des Amyntas Sohn.

Nach zehntägiger Rast in Kelainai zog er weiter nach Gordion am Sangarios,
von wo die große Straße über den Halys und durch Kappadokien nach Susa
führt.

Nicht eben dem Umfange nach groß war, was Alexander mit diesem ersten
Kriegsjahr erreicht hatte; und die Staatsmänner und Kriegskundigen in
Hellas mögen die Nase gerümpft haben, daß der hochgefeierte Sieg am
Granikos nichts weiter eingebracht habe, als die Eroberung der West-und der
halben Südküste Kleinasiens, Eroberungen, die Memnon in kluger Berechnung
habe geschehen lassen, um sich indes zum Herrn des Meeres und der Inseln zu
machen und so Alexanders Verbindung mit Makedonien zu durchreißen.

Die Motive, nach denen Alexander verfuhr, liegen auf der Hand. Es konnte am
wenigsten seine Absicht sein, immer mehr Gebiet zu okkupieren und immer
tiefer ins Innere Kleinasiens vorzudringen, solange die persische Seemacht
noch das Meer beherrschte und in Hellas unberechenbare Wirren veranlassen
konnte; genug, daß er sie mit den Wirkungen, die er seiner ersten großen
Schlacht gegeben hatte, vollständig von der Küste und den Hafenplätzen
ausschloß, von denen aus sie ihn, wenn er mit dem zweiten Feldzug weiter
nach Osten vordrang, im Rücken hätte gefährden können.

Freilich von den hellenischen Traditionen unterschied sich die Art seines
Vordringens gar sehr. Die attische Macht zu den Zeiten des Kimon und
Perikles hatte sich kaum je über die Küstenstädte Kleinasiens hinaus
landeinwärts gewagt; und wenn die Spartaner in den Tagen des Thibron und
Agesilaos, wenn gar Chares und Charidemos mit den Streitkräften des zweiten
attischen Seebundes es getan, so waren sie nach einigen Plünderungen und
Brandschatzungen wieder umgekehrt. Alexanders militärische Maßregeln waren
auf definitive Besitznahme, auf einen dauernden Zustand gerichtet.

Entsprachen diesem Zwecke die politischen Einrichtungen, die der König
traf?

Was davon während dieses ersten Feldzuges erkennbar wird, schloß sich
allerdings den Formen an, die dort bisher bestanden hatten, aber so, daß
sie mit wesentlicher Veränderung ihres Inhaltes ihre Bedeutung zu verändern
schienen. Es blieb die Satrapie in Phrygien, am Hellespont, in Lydien, in
Karien; aber in Lydien wurde neben dem Satrapen ein besonderer Beamter für
die Verteilung und Erhebung der Tribute bestellt; in Karien erhielt die
Fürstin Ada die Satrapie, aber die starke Truppenmacht in derselben
befehligte ein makedonischer Strateg; ebenso ein eigener Chef der
Militärmacht -- wohl auch mit dem Namen Strateg -- wurde in Lydien dem
Satrapen zur Seite gesetzt. Vielleicht wurde schon hier die
Finanzverwaltung der Satrapie in unmittelbare Beziehung zu dem Schatzamt
gestellt, welches -- ob erst in dieser Zeit, ist nicht mehr zu ersehen --
Harpalos, des Machatas Sohn, erhielt.

Daß die Kompetenz des Satrapen viel schärfer, als im Perserreiche der Fall
gewesen, umgrenzt, daß sie nicht als Herren in ihrem Territorium, sondern
als königliche Beamte bestellt wurden, zeigt sich an der Tatsache, daß es
von den Satrapen des Alexanderreiches bis 306 keine Münzen gibt, während im
Perserreich schon unter Dareios I., dem Begründer des Verwaltungssystems
des Reiches, das Münzrecht von den Satrapen geübt worden ist. Es scheint
auf die durch Alexander begründete Ordnung zu gehen, wenn in einer Schrift
aus der Diadochenzeit die verschiedenen Wirtschaftsformen, die der Könige,
der Satrapen, der Städte, der Privaten, in der Art unterschieden werden,
daß für die königliche Wirtschaft die Hauptzweige seien die Münzpolitik,
die Regelung von Ausfuhr und Einfuhr, die Führung des Hofhaltes, für die
der Satrapen vor allem die Grundsteuer, dann die Einnahme von den
Bergwerken, die von den Emporien, die von den Erträgen der Felder und des
Marktverkehrs, die von den Herden, endlich Kopfsteuer und Gewerbesteuer.

Nicht minder bedeutsam war, wie Alexander die politische Stellung der
Bevölkerungen ordnete. Es scheint sein Gedanke gewesen zu sein, da, wo
irgend organisierte Gemeinwesen bestanden oder einst bestanden hatten,
diese in allen kommunalen Sachen frei schalten zu lassen. Nicht bloß den
hellenischen Städten Asiens wurde in diesem Sinne ihre Autonomie
hergestellt und durch Herstellung der Demokratie gesichert; auch die
althergebrachte Föderation der Lykier blieb, wie wir annehmen durften, in
voller Wirksamkeit, unzweifelhaft gegen die Bedingung, daß das lykische
Kontingent von zehn Kriegsschiffen, das sich noch bei der Perserflotte
befand, zurückgerufen werde. Und die Lyder, so sagen unsere Quellen,
»erhielten ihre Gesetze wieder und wurden frei«. Wie immer diese Gesetze
der Lyder gewesen sein mögen -- wir wissen nichts Weiteres von ihnen --,
jedenfalls beweist deren Herstellung, daß hinfort in diesem Lande wieder
die Gesetze, nicht die Willkür und das Gewaltrecht der Eroberer wie bisher
gelten solle; sie beweist, daß dies einst tapfere, gewerbtätige,
hochgebildete Volk des Krösus von dem Joche der Fremdherrschaft, unter dem
es verkommen war, befreit sein und sich in seiner volkstümlichen Art und
Einheit wieder zu erheben versuchen sollte.

Von denjenigen Bevölkerungen, die -- so die »Barbaren« in den Gebirgen
Kleinphrygiens -- ohne eigenes Gemeinwesen lebten, wurde, wenn sie sich
freiwillig ergaben, nur »der Tribut, den sie bisher geleistet hatten«,
gefordert. Nicht minder bezeichnend ist, daß der Tribut, den die Epheser
bisher an den Großkönig gezahlt hatten, fortan dem Heiligtum der Artemis
entrichtet werden sollte, während Erythräa, wie eine Inschrift bezeugt,
Ilion, das Alexander als Stadt herstellen ließ, gewiß ähnlich die anderen
Griechenstädte der Küste mit der Autonomie zugleich die Entlastung vom
Tribut erhielten. Dagegen wurden die Städte Pamphyliens, die nur noch dem
Namen nach griechisch waren, namentlich Aspendos, nach dem Versuch,
unterhandelnd den König zu täuschen, zur Tributzahlung verpflichtet und
unter die Verwaltung des Satrapen gestellt. Die Burg von Halikarnaß,
mehrere Inseln blieben noch Jahr und Tag in der Gewalt der Perser; das
Gemeinwesen von Halikarnaß wurde in die Ortschaften, aus denen es die
karischen Dynastien synoikisiert hatten, aufgelöst; die Inseln -- von
mehreren werden wir sehen, daß der Demos sich für Alexander erhob -- wurden
wohl behandelt wie Griechenstädte des befreiten Festlandes.

Daß diese Städte nicht bloß in ihrer kommunalen Freiheit hergestellt,
sondern wieder freie Staaten wurden, wie sie bis zum Frieden des
Antalkidas gewesen waren, beweisen ihre Münzen aus dieser Zeit; sie haben
nicht das Gepräge des Königs, sondern das autonome der prägenden Stadt;
sie folgen nicht einmal der von Alexander eingeführten Münzordnung,
sondern mehrere der bei ihnen hergebrachten. Und wenn noch nach einem
Jahrhundert von den Seleukiden Städte in der Äolis als »in unserer
Bundesgenossenschaft« stehende bezeichnet werden, so ist das unzweifelhaft
die von Alexander begründete Form.

Es liegt die Frage nahe, ob diese befreiten und hergestellten Politien der
Inseln und der asiatischen Küste der Föderation der in dem Synedrion von
Korinth vereinten Griechenstaaten beigetreten sind? Von der Insel Tenedos
wissen wir es durch ein bestimmtes Zeugnis; daß der Ausdruck, der von
dieser gebraucht ist, sich bei Mytilene auf Lesbos und bei anderen Städten
nicht wiederholt, gestattet den Schluß, daß es bei diesen nicht geschehen
ist. Es konnte, so scheint es, wohl Alexanders Interesse sein, sich in
diesen befreiten Hellenenstädten ein Gegengewicht gegen den Bund derer zu
schaffen, die zum großen Teil mit Waffengewalt in die Verbindung mit
Makedonien gezwungen und nichts weniger als zuverlässige Verbündete waren;
auch war der »Bund der Hellenen innerhalb der Thermopylen« nicht bloß zum
Kriege gegen Persien errichtet, sondern zugleich, um Friede, Recht und
Ordnung in dem Gebiete des Bundes aufrechtzuerhalten; zu diesem Zweck wäre
für die Inseln und die Städte Asiens das Synedrion in Korinth zu entlegen
und zum regelmäßigen Beschicken ungeeignet gewesen.

Man wird unbedenklich voraussetzen dürfen -- bestimmte Angaben sind darüber
nicht vorhanden --, daß Alexander auch diese Griechenstädte außerhalb des
Bundes zur Anerkennung seiner unumschränkten Strategie und zu bestimmten
Leistungen für den großen Krieg verpflichtete; ob er mit jeder einzeln in
solchem Sinn Verträge schloß, ob er sie veranlaßte, für diesen Zweck und
zugleich zur Handhabung des Landfriedens wie im Hellenikon einige analoge
Föderationen zu schließen, etwa als Äoler, Ioner usw., ist nach den
vorliegenden Materialien nicht mehr zu erkennen. Wenigstens von einer
derartigen Verbindung haben wir, zuerst aus der Zeit des Antigonos (um
306), urkundliche Nachricht; es ist ein »Koinon der Städte«[6] in der
Landschaft des Idagebirges, vereinigt um den Dienst der Athena von Ilion,
mit einem Synedrion, das namens der Städte Beschlüsse faßt; in der
Inschrift werden als Teilnehmer dieses Bundes Gargara am Adramyttenischen
Meerbusen, Lampsakos am Hellespont genannt.

    [6] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Wir sahen, wie Alexander darauf gewandt war, das Emporkommen dieser
altgriechischen Städte zu fördern; wenn er ihnen so neidlos und mit vollen
Händen gab, so mochte er hoffen, sie an die neue Ordnung der Dinge, die in
Hellas noch bei weitem nicht sicher stand, desto fester zu knüpfen; er
mochte hoffen, daß sie der kleinen Gaunervorteile der Herrengunst und der
Weichbildpolitik, an die sie sich in der langen Zeit der Fremdherrschaft
gewöhnt hatten, über den unermeßlichen Segen ihrer neuen Lage, freie
Politien, Reichsstädte in dem Reich ihres Befreiers zu sein, verlernen und
vergessen würden.

Den Hellenen, die in diesen asiatischen Ländern von der Propontis bis zum
kyprischen Meere wohnten, muß der Kontrast der neuen gegen die bisherigen
Verhältnisse sich lebhaft genug aufgedrängt haben, es muß ihnen gewesen
sein, als wenn ihnen nun endlich Licht und Luft wiedergegeben werde.



  Zweites Kapitel

  Persische Rüstungen -- Die persische Flotte unter Memnon und
  die Griechen -- Alexanders Marsch über den Taurus -- Okkupation
  Kilikiens -- Schlacht bei Issos -- Das Manifest --
  Aufregung in Hellas -- Die Belagerung von Tyrus -- Die
  Eroberung Gazas -- Okkupation Ägyptens


Auf Seiten der Perser war die Nachricht von der Schlacht am Granikos mit
mehr Unwillen als Besorgnis aufgenommen worden. Man wird die eigentliche
Bedeutung des unternommenen Angriffes und damit die Gefahr, die dem Reiche
drohte, verkannt, man wird geglaubt haben, Alexanders Erfolge seien das
zufällige Glück eines Tollkühnen, seien durch die Fehler, die sie nur
erleichtert, verschuldet worden; meide man diese, so werde allen weiteren
Gefahren vorgebeugt, und des Makedonen Glück zu Ende sein. Vor allem schien
Mangel an Einheit und planmäßiger Führung des Heeres das Unglück am
Granikos herbeigeführt zu haben; Memnons Rat, man bekannte es jetzt, hätte
befolgt werden, er selbst das Heer von Anfang her führen sollen. So wurde
ihm wenigstens jetzt der alleinige und unumschränkte Befehl über die
persische Land- und Seemacht in den vorderen Satrapien übertragen.

In der Tat schien in diesem Hellenen dem makedonischen Könige ein
gefährlicher Gegner gefunden zu sein; schon die hartnäckige Verteidigung
von Halikarnaß zeigte sein Talent und seine Tatkraft; dann bis auf wenige
Punkte von der Küste verdrängt, faßte er, begünstigt durch die Auflösung
der makedonischen Flotte, den Plan, Alexander von Europa abzuschneiden, den
Krieg nach Hellas hinüberzuspielen, und von dort aus in Verbindung mit
Makedoniens zahlreichen Feinden in Hellas die Kraft Alexanders in ihrer
Wurzel zu zerstören. Er hatte eine mächtige Flotte von phönikischen und
kyprischen Schiffen, auch zehn lykische, zehn von Rhodos, drei von Mallos
und Soloi in Kilikien befanden sich bei derselben; die Seeburg von
Halikarnaß war noch in seiner Gewalt, Rhodos, Kos, gewiß alle Sporaden
hielten zu ihm, die attischen Kleruchen, die Samos innehatten, wohl nicht
minder; die Oligarchen und Tyrannen auf Chios und Lesbos harrten nur seines
Beistandes, der Demokratie und der Verbindung mit Makedonien ein Ende zu
machen; die Patrioten in Hellas hofften von ihm die Herstellung der
hellenischen Freiheit.

Von der Reede von Halikarnaß war Memnon mit der Flotte nach Chios gegangen;
durch den Verrat der Oligarchen, die hier früher das Regiment gehabt,
Apollonides an ihrer Spitze, gewann er die Insel; er stellte die Oligarchie
wieder her, die ihm den Besitz der Insel sicherte. Er segelte nach Lesbos,
wohin Chares von Sigeion mit Söldnern und Schiffen gekommen war, den
Tyrannen Aristonikos von Methymna auszutreiben, derselbe Athener Chares,
der Alexander bei seiner Landung in Sigeion so ergeben begrüßt hatte; er
forderte von Memnon, ihn bei seinem Unternehmen nicht zu stören. Aber
Memnon kam als des Tyrannen »väterlicher Freund und Gastfreund« und jagte
mit leichter Mühe den einst attischen Strategen von dannen. Schon hatten
sich ihm die anderen Städte der Insel ergeben, aber die bedeutendste,
Mytilene, hatte ihrem Bunde mit Alexander treu und sich auf die
makedonische Besatzung, die sie aufgenommen, verlassend, seine Aufforderung
abgewiesen. Memnon begann sie zu belagern, bedrängte sie auf das härteste;
durch einen Wall und fünf Lager auf der Landseite eingeschlossen, durch ein
Geschwader, das den Hafen sperrte und ein anderes, welches das Fahrwasser
nach Hellas beobachtete, aller Aussicht auf Hilfe beraubt, wurde sie auf
das Äußerste gebracht. Schon kamen von anderen Inseln Gesandte an Memnon;
in Euboia besorgten die Städte, die makedonisch gesinnt waren, in kurzer
Frist ihn kommen zu sehen; die Spartaner waren bereit, sich zu erheben. Da
erkrankte Memnon, und nachdem er Pharnabazos, seinem Neffen, dem Sohne des
Artabazos, bis zur weiteren Entscheidung des Großkönigs seine Gewalt
übertragen hatte, sank er, wenn nicht für seinen Ruhm, doch für Dareios'
Hoffnungen zu früh, ins Grab.

Als Dareios, so wird erzählt, die Botschaft von Memnons Tode empfing,
berief er einen Kriegsrat, unschlüssig, ob er dem Gegner, der rastlos
vorrückte, die nächsten Satrapien entgegenschicken, oder ihm in Person und
an der Spitze des Reichsheeres begegnen solle. Die Perser empfahlen, daß er
selbst das schon versammelte Reichsheer ins Feld führe; unter den Augen des
Königs der Könige werde das Heer zu siegen wissen, eine Schlacht genüge,
Alexander zu vernichten. Aber der Athener Charidemos, der, vor Alexander
flüchtig, dem Großkönig doppelt erwünscht gekommen war, riet, nicht ohne
Zustimmung, vorsichtig zu sein, nicht alles auf einen Wurf zu setzen, nicht
am Eingange Asiens Asien selbst preiszugeben, das Reichsaufgebot und die
Gegenwart des höchsten Herrn auf die letzte Gefahr aufzusparen, zu der es
nie kommen werde, wenn man dem tollkühnen Makedonen mit Geschick und
Vorsicht zu begegnen wisse; an der Spitze von hunderttausend Mann, von
denen ein Drittel Griechen, verbürge er sich dafür, den Feind zu
vernichten. Auf das heftigste widersprachen die stolzen Perser: jene Pläne
seien des persischen Namens unwürdig, sie seien ein ungerechter Vorwurf
gegen die Tapferkeit der Perser; sie anzunehmen, werde ein Zeichen des
traurigsten Argwohns, das Bekenntnis einer Ohnmacht sein, an deren Statt
des Großkönigs Gegenwart nichts als Begeisterung und Hingebung finden
werde; sie beschworen den schwankenden Herrn, nicht auch das letzte einem
Fremdling anzuvertrauen, der nichts wolle, als an der Spitze des Heeres
stehen, um das Reich des Kyros zu verraten. Zornig sprang Charidemos auf,
beschuldigte sie der Verblendung, der Feigheit und Selbstsucht: ihnen wäre
ihre Ohnmacht und die furchtbare Macht der Griechen nicht bekannt, sie
würden das Reich des Kyros ins Verderben stürzen, wenn nicht des Großkönigs
Weisheit ihm jetzt folge. Der Perserkönig, ohne Vertrauen zu sich selbst
und doppelt gegen andere mißtrauisch, in dem Gefühl persischer Hoheit
verletzt, berührte des Fremdlings Gürtel und die Trabanten schleppten den
hellenischen Mann hinaus, ihn zu erdrosseln; sein letztes Wort an den König
soll gewesen sein: »Meinen Wert wird deine Reue bezeugen, mein Rächer ist
nicht fern.« Im Kriegsrate wurde beschlossen, den Makedonen bei ihrem
Eintritt in das obere Asien mit dem Reichsaufgebot unter des Großkönigs
persönlicher Führung entgegenzutreten, von der Flotte soviel griechische
Söldner, als möglich sei, heranzuziehen, die Pharnabazos so bald als
möglich in Tripolis an der phönikischen Küste ausschiffen solle. Tymondas,
Mentors Sohn, wurde nach Tripolis gesandt, diese Völker zu übernehmen und
dem Reichsheere zuzuführen, dem Pharnabazos die ganze Gewalt, die Memnon
innegehabt hatte, zu übertragen.

Pharnabazos und Autophradates hatten indes die Belagerung von Mytilene
fortgesetzt und glücklich beendet; die Stadt hatte sich unter der Bedingung
ergeben, daß gegen die Zurückführung der Verbannten und die Vernichtung der
mit Alexander errichteten Bundesurkunde die makedonische Besatzung frei
abziehen, und die Stadt nach den Bestimmungen des Antalkidischen Friedens
wieder Bundesgenossin von Persien sein sollte. Aber sobald die beiden
Perser im Besitze der Stadt waren, achteten sie des Vertrages nicht weiter;
sie ließen eine Besatzung unter Befehl des Rhodiers Lykomedes in der Stadt,
setzten einen der früher Verbannten, Diogenes, als Tyrannen ein; in
schweren Kontributionen, die teils von einzelnen Bürgern, teils von der
ganzen Stadt gefordert wurden, ließen sie Mytilene den ganzen Druck des
persischen Joches fühlen. Dann eilte Pharnabazos, die Söldner nach Syrien
zu bringen; dort empfing er die Weisung, den Oberbefehl an Memnons Stelle
zu übernehmen, dessen Pläne freilich durch diese Ablieferung der Söldner in
ihrem Nerv durchschnitten waren; die rasche und durchschlagende Offensive,
die Sparta, Athen, das ganze hellenische Festland entflammt haben würde,
war nicht mehr möglich.

Dennoch versuchten Pharnabazos und Autophradates etwas der Art. Sie sandten
den Perser Datames mit zehn Trieren nach den Kykladen und fuhren selbst
mit hundert Schiffen nach Tenedos; sie nötigten die Insel, die sich der
hellenischen Sache angeschlossen hatte, zu den Bestimmungen des
Antalkidischen Friedens -- so war auch hier die Formel -- zurückzukehren.
Augenscheinlich war es auf die Besetzung des Hellespont abgesehen.

Alexander hatte bereits, um wenigstens die Verbindung mit Makedonien durch
eine Flotte zu sichern, zu deren Bildung Hegelochos an die Propontis
gesandt mit der Weisung, sämtliche aus dem Pontos herabkommenden Schiffe
anzuhalten und zum Kriegsdienst einzurichten. Nach Athen wurde Antimachos
gesandt mit der Aufforderung, das Bundeskontingent von Schiffen zu stellen
und der makedonischen Flotte die Ausrüstung von Schiffen in den attischen
Häfen zu gestatten; es wurde ihm verweigert. Antipatros ließ durch Proteas
Schiffe aus Euböa und dem Peloponnes zusammenziehen, um das Geschwader des
Datames, das schon bei der Insel Siphnos vor Anker lag, zu beobachten, eine
Maßregel, die höchst nötig war, da die Athener von neuem Gesandte an den
Perserkönig gesandt, ja auf die Nachricht, daß ihre aus dem Pontos
zurückkehrenden Getreideschiffe angehalten und zum Kampf gegen die
Perserflotte verwendet würden, eine Flotte von hundert Segeln unter
Menestheus, Iphikrates' Sohn, in See zu schicken beschlossen hatten;
Hegelochos hielt es für angemessen, die angehaltenen attischen Schiffe zu
entlassen, um den Athenern den Vorwand, ihre hundert Trieren zur
Perserflotte stoßen zu lassen, zu entziehen. Um so ersprießlicher war es,
daß Proteas mit seinem Geschwader von fünfzehn Schiffen die persischen
Schiffe bei Siphnos nicht bloß festhielt, sondern auch durch einen
geschickten Überfall so überraschte, daß acht derselben samt ihrer
Mannschaft in seine Hände fielen, die beiden anderen die Flucht ergriffen
und, von Datames geführt, sich zu der Flotte retteten, die in der Gegend
von Chios und Miletos kreuzte und die Küsten plünderte.

Damit war die erste und wohl größte Gefahr, die Memnons Plan hätte bringen
können, beseitigt; der rasche Angriff des Proteas hatte einem Abfall der
Griechen vorgebeugt. Aber zeigten nicht diese Erfolge selbst, daß
Alexander unrecht getan hatte, die Flotte aufzulösen, die er nach kaum
sechs Monaten von neuem zu bilden genötigt war? Alexander hatte ein
sicheres Gefühl von dem Maße der Tatkraft und der Einsicht, das er von den
persischen Führern erwarten konnte und taxierte seine hellenischen
Bundesgenossen so, wie der Erfolg sie gezeigt hat; wenn auch sie zum Abfall
geneigt und ihre Schiffe mit den persischen zu vereinigen bereit waren,
Antipatros mußte sie auf dem festen Lande im Zaume halten können; endlich
war es keineswegs so schwierig, in Eile eine neue Flotte aufzustellen, um
die Küsten gegen einen Feind zu decken, der nicht verstand, an
entscheidender Stelle aufzutreten. Alexander konnte, um den Seekrieg
unbekümmert, seinen Kriegsplan weiter verfolgen, das um so mehr, da jeder
Schritt vorwärts die Existenz der feindlichen Flotte selbst gefährdete,
indem er die Küsten ihrer Heimat nahm. Dies ins Werk zu setzen war der
Zweck des nächsten Feldzuges.

Mit dem Frühling 333 vereinigten sich in Gordion die verschiedenen
Abteilungen des makedonischen Heeres; von Süden her aus Kelainai rückten
die Truppen ein, welche mit Alexander den Winterfeldzug gemacht hatten; von
Sardes führte Parmenion die Reiterei und den Train der großen Armee heran;
aus Makedonien kamen die Neuverheirateten von ihrem Urlaub zurück, mit
ihnen eine bedeutende Zahl Neuausgehobener, namentlich 3000 Makedonen zu
Fuß und 300 zu Pferde, 200 thessalische, 150 elische Reiter, so daß
Alexander trotz der zurückgelassenen Besatzungen nicht viel weniger
Mannschaft als am Granikos beisammen hatte. Wie der Geist dieser Truppen
war, läßt sich aus ihren Erfolgen bisher und aus dem, was als Preis
weiteren Kampfes ihrer wartete, abnehmen; in dem Stolz der errungenen Siege
neuer Siege gewiß, sahen sie Asien schon als ihre Beute an; sie selbst, ihr
König und die Götter waren ihnen Gewähr für den Erfolg.

Auch Gesandte aus Athen kamen nach Gordion, den König um Freigebung der
Athener, die in der Schlacht am Granikos gefangen und gefesselt nach
Makedonien abgeführt waren, zu bitten; ob wohl mit Berufung auf den in
Korinth beschworenen Bund und ihre Bundestreue? Ihnen wurde der Bescheid,
wiederzukommen, wenn der nächste Feldzug glücklich zu Ende geführt sei.

Die Stadt Gordion, der uralte Sitz phrygischer Könige, hatte auf ihrer Burg
die Paläste des Gordios und Midas und den Wagen, an dem Midas einst erkannt
worden war als der von den Göttern zur Herrschaft Phrygiens Erkorene; das
Joch an diesem Wagen war durch einen aus Baumbast geschürzten Knoten so
künstlich befestigt, daß man weder dessen Anfang noch Ende bemerken konnte;
es gab ein Orakel, daß, wer den Knoten löse, Asiens Herrschaft erhalten
werde. Alexander ließ sich die Burg, den Palast, den Wagen zeigen, er hörte
dies Orakel, er beschloß es zu erfüllen und den Knoten zu lösen; umsonst
suchte er ein Ende des Bastes, und verlegen sahen die Umstehenden sein
vergebliches Bemühen; endlich zog er sein Schwert und durchhieb den Knoten,
das Orakel war, gleichviel wie, erfüllt.

Das Heer brach tags darauf auf und marschierte am Südabhange der
paphlagonischen Grenzgebirge nach Ankyra; dorthin kam eine Gesandtschaft
der Paphlagonier, dem Könige die Unterwerfung ihres Landes unter der
Bedingung anzubieten, daß keine makedonischen Truppen nach Paphlagonien
kämen. Der König gewährte es; Paphlagonien blieb unter einheimischen
Dynastien, vielleicht unter Kompetenz der Statthalterschaft von Phrygien
und Hellespont.

Weiter ging der Zug nach Kappadokien, jenseits des Halys durch die bis zum
Iris gelegenen Gebiete dieser großen Satrapie, die ohne Widerstand
durchzogen und, obschon die nördlichen Landschaften derselben nicht
okkupiert werden konnten, doch als makedonische Satrapie an Sabiktas
übertragen wurde. Daß in den Griechenstädten am Pontos die demokratische
Partei auf Befreiung durch Alexander hoffte, ist wenigstens durch ein
Beispiel bezeugt. Doch blieb dort die persische Partei -- so in Sinope --
oder die Tyrannis -- so in Herakleia -- vorerst noch im Besitze der Macht.
Alexander durfte die wichtigeren Unternehmungen nicht hinausschieben, um
die abgelegene Küste des Pontus zu besetzen; er zog den Küsten des
Mittelmeeres zu. Der Weg, den er nahm, führte an den Nordabhang des Tauros
zu den kilikischen Pässen oberhalb Tyana, denselben, die vor etwa siebzig
Jahren der jüngere Kyros mit seinen zehntausend Griechen überschritten
hatte.

Alexander fand die Höhe mit starken Posten besetzt; er ließ das übrige Heer
lagern und brach selbst mit den Hypaspisten, den Schützen und Agrianern um
die erste Nachtwache auf, die Feinde beim Dunkel der Nacht zu überfallen.
Kaum hörten die Wachen ihn anrücken, so verließen sie in eiliger Flucht den
Paß, den sie mit leichter Mühe hätten sperren können, wenn sie sich nicht
auf verlorenem Posten geglaubt hätten. Arsames, der kilikische Satrap,
schien sie nur vorgeschoben zu haben, um Zeit zu gewinnen, das Land zu
plündern und zu verwüsten, und sich dann sicher, eine Einöde in seinem
Rücken, auf Dareios, der schon vom Euphrat her anrückte, zurückziehen zu
können. Desto eiliger zog Alexander durch die Pässe, und mit seiner
Reiterei und den Leichtesten der Leichtbewaffneten auf Tarsos zu, so
schnell, daß Arsames, der die Feinde weder so nahe, noch so rasch geglaubt
hatte, in eiliger Flucht, ohne die Stadt oder das Land geplündert zu haben,
sein Leben für einen baldigen Tod rettete.

Von Nachtwachen, Eilmärschen und der Mittagsonne eines heißen
Spätsommertages ermattet, kam Alexander mit seinen Truppen zum Kydnos,
einem klaren und kalten Bergstrome, der nach Tarsus hinabströmt. Schnell
und nach dem Bade verlangend, warf er Helm, Harnisch und Kleid ab und eilte
in den Strom; da überfiel ihn ein Fieberschauer, er sank unter; halbtot,
bewußtlos wurde er aus dem Strom gezogen und in sein Zelt getragen. Krämpfe
und brennende Hitze schienen die letzten Zeichen des Lebens, das zu
erretten alle Ärzte verzweifelten; die Rückkehr des Bewußtseins wurde zur
neuen Qual; schlaflose Nächte und der Gram um den nahen Tod zehrten die
letzte Kraft hinweg. Die Freunde trauerten, das Heer verzweifelte; der
Feind war nah, niemand wußte Rettung. Endlich erbot sich der akarnanische
Arzt Philippos, der den König von Kindheit an kannte, einen Trank zu
bereiten, der helfen werde; Alexander bat um nichts als eilige Hilfe;
Philippos versprach sie. Zu derselben Zeit erhielt Alexander von Parmenion
ein Schreiben, das ihm Vorsicht empfahl: Philippos, der Arzt, habe von
Dareios tausend Talente und das Versprechen, mit einer Tochter des
Großkönigs vermählt zu werden, um Alexander zu vergiften. Alexander gab den
Brief seinem Arzte und leerte, während jener las, den Becher. Ruhig las der
Arzt, er wußte sich aller Schuld rein; er beschwor den König, ihm zu
vertrauen und zu folgen, bald werde dann sein Leiden vorüber sein; er
sprach mit ihm von der Heimat, von seiner Mutter und seinen Schwestern, den
nahen Siegen und den wunderreichen Ländern des Ostens; seine treue Sorgfalt
ward durch des Königs baldige Genesung belohnt; Alexander kehrte zurück in
die Reihen seiner Makedonen.

Die Kriegsoperationen wurden mit doppeltem Eifer fortgesetzt. Die
Landschaft Kilikien war in der Kette der persischen Satrapien der Ring, der
die des vorderen und oberen Asiens zusammenhielt. Die stärkste
Defensivstellung des Perserreiches gegen den Westen hatte Alexander mit den
Pässen des Tauros rasch genommen; er mußte sich des ganzen Gebietes an
ihrem Südabhange versichern, um die zweite Paßregion, die des amanischen
Gebirges gegen Syrien, gewinnen und behaupten zu können. Während Parmenion
mit den Söldnern und Bundestruppen, mit den thessalischen Ilen und den
Thrakern des Sitalkes ostwärts vorrückte, die Pässe nach dem oberen Asien
zu besetzen, ging der König westwärts, um sich der Straße nach Laranda und
Ikonion, des sogenannten rauhen Kilikiens zu versichern, dessen Bewohner,
freie räuberische Bergvölker wie ihre pisidischen Nachbarn, leicht die
Verbindung mit Kleinasien stören konnten.

Er zog von Tarsos nach der Stadt Anchiale, die, von Sardanapal gegründet,
das Standbild dieses assyrischen Königs aufbewahrte, mit der merkwürdigen
Inschrift: »Anchiale und Tarsos hat Sardanapal an einem Tage gegründet; du
aber, Fremdling, iß, trinke, liebe; was sonst der Mensch hat, ist nicht der
Rede wert.« Dann kam er nach Soloi, der Heimat der »Soloikismen«, die,
obschon griechischen Ursprungs, den Persern so anhing, daß Alexander nicht
nur eine Besatzung in der Stadt zurückließ, sondern ihr eine Buße von
zweihundert Talenten Silbers auferlegte. Von hier aus machte er mit drei
Phalangen und mit den Schützen und Agrianern einen Streifzug in das rauhe
Kilikien; in sieben Tagen hatte er teils durch Gewalt, teils in Güte die
Unterwerfung dieser Gebirgsbewohner vollendet, damit seine Verbindung mit
den westlichen Provinzen gesichert. Er kehrte nach Soloi zurück; er empfing
hier von seinen Befehlshabern in Karien die Nachricht, daß Othontopates,
der noch die Seeburg von Halikarnaß gehalten, in einem hartnäckigen Gefecht
bewältigt, daß mehr als 1000 Mann gefangen seien. Zur Feier des glücklichen
begonnenen Feldzuges und der Wiedergenesung des Königs wurden in Soloi
mannigfache Festlichkeiten veranstaltet; durch das große Opfer, das dem
Asklepios gebracht wurde, durch den Festaufzug des gesamten Heeres, durch
den Fackellauf, durch die gymnischen und künstlerischen Wettkämpfe mag in
den, der hellenischen Sitte fast schon entwöhnten Soliern die Erinnerung an
die Heimat und ihre Vorfahren erweckt worden sein; nun war die Zeit der
Barbaren vorüber, hellenisches Leben gewann Raum in den Ländern
vieljähriger Knechtschaft; hellenischer Ursprung, sonst inmitten
asiatischer Barbarei verachtet und vergessen, wurde ein großes Recht.
Alexander gab den Soliern demokratische Verfassung; wenige Wochen später,
gleich nach der entscheidenden Schlacht, sandte er Befehl, ihnen die
Brandschatzung zu erlassen und ihre Geiseln zurückzugeben.

Nach Tarsos zurückgekehrt, ließ der König seine Ritterschaft unter
Philotas' Führung über das aleische Feld an den Pyramosstrom vorrücken,
während er selbst mit dem übrigen Heere an der Küste entlang über Magarsos
nach Mallos zog, zwei Städten, in denen es hellenische Erinnerungen gab, an
die der König anknüpfen konnte; namentlich in Mallos hatte sich das Volk
schon vor dem Erscheinen Alexanders gegen seine bisherigen Unterdrücker
erhoben; den blutigen Kampf zwischen der persischen und der Volkspartei
entschied und stillte erst Alexanders Erscheinen; er erließ der Stadt, die
ihren Ursprung von Argos herleitete wie das makedonische Königshaus, den
Tribut, den sie bisher an den Großkönig gezahlt, gab ihr die Freiheit,
ehrte ihren Gründer Amphilochos von Argos mit Heroenfeier.

Noch während des Aufenthaltes in Mallos erhielt Alexander die Nachricht,
daß der König Dareios mit einem ungeheuren Heere vom Euphrat herangerückt
sei, und bereits einige Zeit in der syrischen Stadt Sochoi, zwei Tagereisen
von den Pässen entfernt stehe. Alexander berief sofort einen Kriegsrat;
alle waren der Meinung, man müsse eiligst aufbrechen, durch die Pässe
vorrücken, die Perser, wo man sie auch finde, angreifen. Der König befahl,
am folgenden Morgen aufzubrechen. Der Marsch ging von Mallos um den
tiefeinschneidenden Meerbusen hin nach Issos.

Von Issos führen zwei Wege nach Syrien; der eine, beschwerlichere, geht
erst nordwärts (nach Topra Kalessi), dann ostwärts durch Schluchten und
Pässe über die amanischen Berge; Alexander wählte diesen nicht, seinen
Soldaten wären durch den Wechsel von Berg und Tal und durch die
Unwegsamkeit der Gegend doppelt ermüdet an den Feind gekommen; und er
durfte sich nicht früher von der Küste dieser Bucht entfernen, als bis sie
ganz in seiner Gewalt und den feindlichen Schiffen gesperrt war. Er rückte,
mit Zurücklassung der Kranken, die im Rücken der Armee am sichersten waren,
von Issos aus auf der gewöhnlichen und den Griechen durch Xenophons
Beschreibung bekannten Straße südwärts an der Meeresküste hin, durch die
sogenannten Strandpässe nach der Küstenstadt Myriandros, unfern vom Eingang
der syrischen Hauptpässe (Pässe von Bailan), um von hier aus mit dem
nächsten Morgen in die Ebene von Syrien und nach Sochoi aufzubrechen. Über
Nacht begann heftiges Unwetter, es waren die ersten Novembertage; Sturm und
Regen machten den Aufbruch unmöglich; das Heer blieb im Lager von
Myriandros, etwa drei Meilen südwärts der Strandpässe; in wenig Tagen
hoffte man den Feind auf der Ebene von Sochoi zur entscheidenden Schlacht
zu treffen.

In der Tat, entscheidend mußte das nächste Zusammentreffen der
beiderseitigen Heere werden. Das persische Heer zählte nach
Hunderttausenden, unter diesen hellenische Söldner, mit den jüngst unter
dem Akarnanen Banor und dem Thessaler Aristomedes gelandeten 30 000; unter
der Masse asiatischen Kriegsvolkes bei hunderttausend Mann
schwerbewaffnetes Fußvolk (Kardaker) und die gepanzerten persischen Reiter.
Dareios vertraute auf diese Macht, auf seine gerechte Sache, auf seinen
Kriegsruhm; er glaubte gern den stolzen Versicherungen seiner Großen und --
so wird erzählt -- einem Traume kurz vor dem Auszuge aus Babylon, der ihm
günstig genug von den Chaldäern gedeutet war; er hatte das makedonische
Lager in dem Scheine einer ungeheuren Feuersbrunst, den makedonischen König
in persischer Fürstentracht durch Babylons Straßen reiten, dann Roß und
Reiter verschwinden sehen. So der Zukunft sicher, war er über den Euphrat
gezogen; umgeben von der ganzen kriegerischen Pracht eines »Königs der
Könige«, begleitet von seinem Hofstaat und Harem, von den Harems der
persischen Satrapen und Fürsten, von den Scharen der Eunuchen und Stummen,
zu den Hunderttausenden unter Waffen eine endlose Karawane geschmückter
Wagen, reicher Baldachine, lärmenden Trosses, lagerte er nun bei Sochoi;
hier in der weiten Ebene, die ihm Raum gab, die erdrückende Übermacht
seines Heeres zu entwickeln und namentlich seine Reitermassen wirksam zu
verwenden, wollte er den Feind erwarten, um ihn zu vernichten.

Es soll Arsames gewesen sein, der aus Kilikien flüchtend ins Lager die
erste Nachricht von Alexanders Nähe, von dessen Anmarsch brachte; nach dem,
was er meldete, schien der Feind über die amanischen Pässe anrücken zu
wollen; man erwartete täglich die Staubwolke im Westen. Es verging ein Tag
nach dem anderen, man wurde gleichgültig gegen die Gefahr, die nicht näher
kam; man vergaß, was schon verloren war; man spottete des Feindes, der das
enge Küstenland nicht zu verlassen wage, der wohl ahne, daß die Hufe der
persischen Rosse hinreichen würden, seine Macht zu zertreten. Nur zu gern
hörte Dareios die übermütigen Worte seiner Großen: der Makedone werde,
eingeschüchtert durch die Nähe der Perser, nicht über Tarsos hinausgehen,
man müsse ihn angreifen, man werde ihn vernichten. Vergebens widersprach
der Makedone Amyntas: nur zu bald werde Alexander den Persern
entgegenrücken, sein Säumen sei nichts als ein Vorzeichen doppelter Gefahr;
um keinen Preis dürfe man sich in die engen Täler Kilikiens hinabwagen, das
Feld von Sochoi sei für die persische Macht das geeignete Schlachtfeld,
hier könne die Menge siegen oder besiegt sich retten. Aber Dareios,
mißtrauisch gegen den Fremdling, der seinen König verraten, durch die
Schmeichelreden seiner Großen und durch die eigenen Wünsche berauscht,
endlich durch die Unruhe der Schwäche und durch sein Verhängnis
vorwärtsgetrieben, beschloß, die Stellung von Sochoi aufzugeben und den
Feind, der ihn meide, aufzusuchen. Das unnötige Heergerät, die Harems, der
größte Teil des Schatzes, alles, was den Zug hindern konnte, wurde unter
Kophenes, dem Bruder des Pharnabazos, nach Damaskos gesandt, während der
König, um den Umweg über Myriandros zu meiden, durch die amanischen Pässe
nach Kilikien einrückte und in Issos ankam. Dies geschah an demselben Tage,
da Alexander nach Myriandros gezogen war. Die Perser fanden in Issos die
Kranken des makedonischen Heeres, sie wurden unter grausamen Martern
umgebracht; die frohlockenden Barbaren meinten, Alexander fliehe vor ihnen;
sie glaubten, er sei von der Heimat abgeschnitten, sein Untergang gewiß.
Ungesäumt brachen die Völker auf, die Fliehenden zu verfolgen.

Allerdings war Alexander abgeschnitten; man hat ihn der Unvorsichtigkeit
angeklagt, daß er die amanischen Tore nicht besetzt, daß er keine Besatzung
in Issos zurückgelassen, sondern die zurückbleibenden Kranken einem
grausamen Feinde preisgegeben habe; sein ganzes Heer, sagt man, hätte elend
untergehen müssen, wenn die Perser eine Schlacht vermieden, das Meer durch
ihre Flotte, die Rückzugslinie Alexanders durch eine hartnäckige Defensive
gesperrt, jedes Vorrücken durch ihre Reiterschwärme beunruhigt und durch
Verwüstungen, wie sie Memnon geraten, doppelt gefährlich gemacht hätten.
Alexander kannte die persische Kriegsmacht; er wußte, daß die Verpflegung
von so vielen Hunderttausenden auf seiner Marschlinie und in dem engen
Kilikien auf längere Zeit eine Unmöglichkeit war, daß jenes Heer, nichts
weniger als ein organisches Ganzes zu einem System militärischer
Bewegungen, durch die er hätte umgarnt werden können, unfähig sei, daß im
schlimmsten Falle eine Reihe rascher und kühner Märsche von seiner Seite
jene unbehilfliche Masse zum Nachrücken gezwungen, verwirrt, aufgelöst und
jedem Überfall bloßgegeben hätte. Er hatte nicht erwarten können, daß die
Perser das für sie so günstige Terrain aufgeben, daß sie gar in die enge
Strandebene am Pinaros vorrücken würden.

Dareios hatte es getan; von flüchtigen Landleuten benachrichtigt, daß
Alexander kaum einige Stunden entfernt jenseits der Strandpässe stehe und
nichts weniger als auf der Flucht sei, mußte er sich, da er sein ungeheures
Heer weder schnell zurückziehen konnte, noch es gegen diese Thermopylen
Kilikiens vorzuschieben wagte, in der engen Ebene gelagert zu einer
Schlacht bereitmachen, für die er jetzt die Vorteile des Angriffs dem
Feinde überlassen mußte. In der Tat, hätte es irgendein Strategem gegeben,
den Großkönig zum Aufbruch aus der Ebene von Sochoi und zu dieser Bewegung
nach dem Strand Kilikiens hinab zu nötigen, so würde es Alexander, selbst
wenn es einen größeren Verlust als den des Lazaretts von Issos gegolten
hätte, mit Freuden gewagt haben. So unglaublich schien ihm das erste
Gerücht von Dareios' Nähe, daß er einige Offiziere auf einer Jacht an der
Küste entlang fahren ließ, um sich von der wirklichen Nähe des Feindes zu
überzeugen.

Einen anderen Eindruck machte dasselbe Gerücht auf die Truppen Alexanders;
sie hatten dem Feinde in einigen Tagen und auf offenem Felde zu begegnen
gehofft; jetzt war alles unerwartet und übereilt; jetzt stand der Feind in
ihrem Rücken, schon morgen sollte gekämpft werden; man werde, hieß es, was
man schon besessen, dem Feinde durch eine Schlacht entreißen, jeden Schritt
rückwärts mit Blut erkaufen müssen; vielleicht aber seien die Pässe schon
besetzt und gesperrt, vielleicht müsse man sich, wie einst die Zehntausend,
durch das Innere Kleinasiens durchschlagen, um, statt Ruhm und Beute, kaum
das nackte Leben in die Heimat zu bringen; und das alles, weil man nicht
vorsichtig vorgerückt sei; man halte den gemeinen Soldaten nicht wert und
gebe ihn, wenn er verwundet zurückbleibe, seinem Schicksal und den Feinden
preis. So und ärger noch murrten die Soldaten, während sie ihre Waffen
putzten und ihre Speere schärften, weniger aus Mutlosigkeit, als weil es
anders, wie sie erwartet hatten, gekommen war, und um sich des
unbehaglichen Gefühls, das die tapfersten Truppen bei der Nähe einer lange
erwarteten Entscheidung ergreift, mit lautem Scheltwort zu entschlagen.

Alexander kannte die Stimmung seiner Truppen; ihn beunruhigte diese
Ungebundenheit nicht, die der Krieg erzeugt und fordert. Sobald ihm jene
Offiziere von dem, was sie gesehen, Bericht erstattet hatten, namentlich,
daß die Ebene von der Pinarosmündung bei Issos mit Zelten bedeckt, daß
Dareios in der Nähe sei, berief er die Strategen, Ilarchen und Befehlshaber
der Bundesgenossen, teilte ihnen die empfangenen Meldungen mit, zeigte, daß
unter allen denkbaren Möglichkeiten die jetzige Stellung des Feindes den
sichersten Erfolg verspreche; der Schein, umgangen zu sein, so läßt ihn
Arrian sagen, werde sie nicht beirren; sie hätten zu oft rühmlich gekämpft,
um den Mut bei scheinbarer Gefahr sinken zu lassen; stets Sieger, gingen
sie stets Besiegten entgegen; Makedonen gegen Meder und Perser, erfahrene,
unter den Waffen ergraute Krieger gegen die längst der Waffen entwöhnten
Weichlinge Asiens, freie Männer gegen Sklaven, Hellenen, die für ihre
Götter und ihr Vaterland freiwillig kämpften, gegen entartete Hellenen, die
für nicht einmal hohen Sold ihr Vaterland und den Ruhm ihrer Vorfahren
verrieten, die streitbarsten und freiesten Autochthonen Europas gegen die
verächtlichsten Stämme des Morgenlandes, kurz, Kraft gegen Entartung, das
höchste Wollen gegen die tiefste Ohnmacht, alle Vorteile des Terrains, der
Kriegskunst, der Tapferkeit gegen persische Horden, könne da der Ausgang
des Kampfes zweifelhaft sein? Der Preis dieses Sieges aber sei nicht mehr
eine oder zwei Satrapien, sondern das Perserreich; nicht die Reiterscharen
und Söldner am Granikos, sondern das Reichsheer Asiens, nicht persische
Satrapen, sondern den Perserkönig würden sie besiegen; nach diesem Sieg
bleibe ihnen nichts weiter zu tun, als Asien in Besitz zu nehmen und sich
für alle Mühsale zu entschädigen, die sie gemeinsam durchkämpft. Er
erinnerte an das, was sie gemeinsam ausgeführt, er erwähnte, wie die
einzelnen bei den Aktionen bisher sich ausgezeichnet hatten, sie mit ihrem
Namen nennend. Das und vieles andere, was vor der Schlacht im Munde des
tapferen Feldherrn tapfere Männer anzufeuern geeignet ist, sprach Alexander
mit der ihm eigentümlichen Hoheit und Begeisterung; niemand, den nicht des
jugendlichen Helden Worte ergriffen hätten; sie drängten sich heran, ihm
die Hand zu reichen und ein tapferes Wort hinzuzufügen. Sie verlangten,
gleich aufzubrechen, gleich zu kämpfen. Alexander entließ sie mit dem
Befehl, zunächst dafür zu sorgen, daß die Truppen gehörig abkochten, einige
Reiter und Bogenschützen nach den Strandpässen vorauszuschicken, mit den
übrigen Truppen für den Abend zum Marsch bereit zu sein.

Am späten Abend brach das Heer auf, erreichte um Mitternacht die Pässe,
machte bei den Felsen halt, um etwas zu ruhen, während die geeigneten
Vorposten vorgeschoben waren. Mit der Morgenröte wurde aufgebrochen, durch
die Pässe in die Strandebene zu ziehen.

Diese Ebene erstreckt sich von den Strandpässen etwa fünf Meilen nordwärts
bis zur Stadt Issos[7]; auf der Westseite vom Meere, auf der Ostseite von
den zum Teil hohen Bergen eingeschlossen, erweitert sie sich, je mehr sie
sich von den Pässen entfernt. In der Mitte, wo sie über eine halbe Meile
breit ist, durchströmt sie südwestwärts ein kleiner Gebirgsfluß, der
Pinaros (Deli-tschai), dessen nördliche Ufer zum Teil abschüssig sind; er
kommt nordöstlich aus den Bergen, die, seinen Lauf begleitend, auf seinem
Südufer eine bedeutende Berghöhe in die Ebene vorschicken, so daß sich mit
dem Laufe des Pinaros die Ebene etwas bergein fortsetzt. In einiger
Entfernung nordwärts vom Pinaros begann das persische Lager.

    [7] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Sobald Dareios Nachricht erhielt, daß Alexander zu den Strandpässen
zurückgekehrt, daß er bereit sei, eine Schlacht anzubieten und bereits
anrücke, wurde so schnell und so gut es sich tun ließ, die persische
Heeresmasse geordnet. Freilich war das sehr beschränkte Terrain der
Übermacht nicht günstig, destomehr schien es zu einer nachhaltigen
Defensive geeignet; der Pinaros mit seinen abschüssigen Ufern war wie Wall
und Graben, hinter dem sich die Masse des Heeres ordnen sollte. Um dies
ohne alle Störung bewerkstelligen zu können, ließ Dareios 30 000 Reiter und
20 000 Mann leichtes Fußvolk über den Fluß gehen, mit der Weisung, sich
demnächst rechts und links auf die Flügel der Linie zurückzuziehen. Sodann
wurde die Linie des Fußvolks so geordnet, daß die 30 000 hellenischen
Söldner unter Thymondas den rechten Flügel bildeten, den linken 60 000
Kardaker; andere 20 000 Kardaker wurden weiter links bis auf die Höhe
geschoben, bestimmt, den rechten Flügel Alexanders zu gefährden; sobald die
Makedonen zum Angriff an den Pinaros gerückt waren, stand wenigstens ein
Teil jenes Korps im Rücken des rechten Flügels. Der enge Raum gestattete
auf Seiten der Perser nur, die bezeichneten Truppen zur unmittelbaren
Teilnahme an der Schlacht zu bestimmen; die Mehrzahl der Völker, aus
leichtem und schwerem Fußvolk bestehend, rückte hinter der Linie
kolonnenweise auf, so daß immer neue Truppen ins Treffen geführt werden
konnten. Nachdem alles geordnet war, wurde den vorgeschickten
Reiterschwärmen das Zeichen zum Rückzuge gegeben; sie verteilten sich
rechts und links auf die Flügel; aber das Terrain schien auf dem linken den
Gebrauch der Reiterei unmöglich zu machen, weshalb auch die dorthin
bestimmten auf den rechten Flügel verlegt wurden, so daß nun der Küste
zunächst die gesamte Reiterei, die eigentlich persische Macht, unter
Führung des Nabarzanes vereint war. Dareios selbst nahm nach der persischen
Sitte auf seinem Schlachtwagen im Zentrum der gesamten Linie seine
Stellung, umgeben von einer Reiterschar der edelsten Perser, die sein
Bruder Oxathres befehligte. Der Schlachtplan war, daß das Fußvolk eine
Stellung hinter dem Pinaros behaupten sollte, zu welchem Ende die weniger
steilen Stellen des Ufers mit Verschanzungen ausgefüllt wurden, auf dem
rechten Flügel dagegen die persische Reiterei sich mit aller Gewalt auf den
linken Flügel der Makedonen werfen, während die Truppen von den Bergen her
den Feinden in den Rücken fielen.

Alexander hatte, sobald das Terrain freier wurde, aus seiner Marschkolonne,
in der das schwere Fußvolk, die Reiterei, die Leichtbewaffneten
nacheinander herangezogen, das schwere Fußvolk rechts und links in
Schlachtlinie zu sechzehn Mann Tiefe aufrücken lassen; beim weiteren
Vorrücken öffnete sich die Ebene mehr und mehr, so daß auch die Reiterei,
auf dem linken Flügel die der hellenischen Bündner und die Geworbenen aus
Elis, auf dem rechten, der wie gewöhnlich den Angriff machen sollte, die
thessalische und makedonische, aufreiten konnte. Schon erkannte man in der
Ferne die lange Linie des Perserheeres; die Höhen zur Rechten sah man mit
feindlichem Fußvolk bedeckt, man bemerkte, wie sich vom linken Flügel der
Feinde große Schwärme Reiterei längs der Schlachtlinie hinabzogen, um sich
auf dem rechten, wo das Terrain freier war, wie es schien, zu einem großen
Reiterangriff zu vereinen. Alexander befahl den thessalischen Ilen, hinter
der Front, damit es der Feind nicht sähe, nach dem linken Flügel
hinabzureiten, und zunächst nach den kretischen Bogenschützen und den
Thrakern des Sitalkes, die eben jetzt in die Schlachtlinie bei den
Phalangen aufrückten, einzuschwenken; er befahl Parmenion, der den linken
Flügel kommandierte, mit den geworbenen Reitern von Elis, die nun links auf
die Thessaler folgten, sich so dicht als möglich an das Meer zu halten,
damit die Schlachtlinie nicht von der Seeseite umgangen werde. Auf seinem
rechten Flügel ließ er rechts von der makedonischen Ritterschaft die Ilen
der Sarissophoren unter Protomachos, die Paionen unter Ariston, die
Bogenschützen unter Antiochos aufrücken. Gegen die auf den Bergen in seiner
Rechten aufgestellten Kardaker formierte er aus den Agrianern unter
Attalos, einem Teil der Bogenschützen und einigen Reitern eine zweite
Front, die gegen die Schlachtlinie einen Winkel bildete.

Je näher man dem Pinaros kam, desto deutlicher erkannte man die bedeutende
Ausdehnung der feindlichen Linie, die weit über den rechten Flügel des
makedonischen Heeres hinausreichte; der König hielt für nötig, zwei von den
makedonischen Ilen, die des Peroidas und Pantordanos, hinter der Front nach
dem äußersten Flügel vorzuschieben; er konnte schon in die Schlachtlinie
statt ihrer die Agrianer, die Bogenschützen und Reiter des Seitenkorps
ziehn; denn ein heftiger Angriff, den sie auf die ihnen gegenüberstehenden
Barbaren gemacht, hatte diese geworfen und sich auf die Höhen zu flüchten
genötigt, so daß jetzt jene dreihundert Hetairen hinreichend schienen, sie
fernzuhalten und die Bewegungen der Schlachtlinie von dieser Seite her zu
sichern.

Mit diesem Aufmarsch, wie er sich ohne Hast, mit kleinen Pausen zum
Ausruhen, vollzog, hatte Alexander nicht bloß jenes in seine Rechte
vorgeschobene Flankenkorps des Feindes weit seitab gedrängt; er hatte
zugleich rechts mit dem leichten Volk zu Fuß und zu Roß seine Linie über
den linken Flügel des Feindes hinausgerückt, so daß dieses den Stoß, den er
mit den Ilen der Hetairen zu führen gedachte, decken und die Spitze der
feindlichen Linken beschäftigen konnte, bis er sich auf das Zentrum des
Feindes gestürzt hatte, ihm zur Linken die Hypaspisten, die nächsten
Phalangen, ihm folgend. War das Zentrum des Feindes gebrochen, so hoffte er
dessen rechten Flügel, der durch die hellenischen Söldner und die
Reitermassen ein entschiedenes Übergewicht über Parmenions Flügel hatte,
gleichzeitig mit seinen Ilen in der Flanke, mit seinen Hypaspisten in der
Front zu fassen und zu vernichten. Er konnte voraussehen, daß sein erster
Stoß um so entscheidender wirken werde, da der Großkönig sich nicht bei der
Reiterei auf dem rechten Flügel, die den Hauptangriff hätte machen können,
sondern im Mittelpunkt der Defensive befand, die, wenn schon durch die
natürlichen Uferwände des Pinaros und durch Erdaufschüttungen geschützt,
einem scharfen Angriff nicht widerstehen zu können schien.

Alexander ließ seine Linie langsam vorrücken, um mit größter Ordnung und
durchaus geschlossen auf den Feind einbrechen zu können. Er ritt an der
Front entlang, sprach zu den einzelnen Abteilungen, rief diesen, jenen der
Führer mit Namen an, erwähnend, was sie schon Rühmliches getan; überall
jauchzten ihm die Scharen zu, forderten, nicht länger zu zögern, den
Angriff zu beginnen. Sobald sich die ganze Linie in geschlossener Ordnung
auf Pfeilschußweite den Feinden genähert hatte, warf sich Alexander unter
dem Schlachtrufe des Heeres mit seiner Ritterschaft in den Pinaros. Ohne
von dem Pfeilhagel des Feindes bedeutenden Verlust zu erleiden, erreichten
sie das jenseitige Ufer, stürzten sich mit solcher Gewalt auf die
feindliche Linie, daß diese nach kurzem vergeblichen Widerstande sich zu
lösen und zu weichen begann. Schon sah Alexander des Perserkönigs
Schlachtwagen, er drang auf diesen vor; es entspann sich das blutigste
Handgemenge zwischen den edlen Persern, die ihren König verteidigten und
den makedonischen Rittern, die ihr König führte; es fielen Arsames,
Rheomithres, Atizyes, der ägyptische Satrap Sabakes; Alexander selbst ward
im Schenkel verwundet; desto erbitterter kämpften die Makedonen; dann
wandte Dareios seinen Wagen aus dem Getümmel, ihm folgten die nächsten
Reihen, die links gegen die Höhe vorgeschobenen; bald war hier die Flucht
allgemein. Die Paionen, die Agrianer, die beiden Ilen des äußersten
makedonischen Flügels stürzten sich von rechts her auf die verwirrten
Haufen und vollendeten an dieser Seite den Sieg.

Indes hatte dem heftigen Vorrücken Alexanders das schwere Fußvolk der Mitte
nicht in gleicher Linie folgen können, so daß da Lücken entstanden, die der
Eifer, nachzukommen, schon durch die steilen Ufer des Pinaros gehemmt, nur
vergrößerte; als Alexander schon in dem Zentrum der Feinde wütete und ihr
linker Flügel wankte, eilten die Hellenen des Perserheeres, sich auf die
makedonischen Hopliten, denen sie sich an Mut, Waffen und Kriegskunst
gewachsen wußten, da, wo in deren Linie die größte Lücke war, zu werfen. Es
galt, den schon verlorenen Sieg wieder zu gewinnen; gelang es, die
Makedonen wieder von dem steilen Ufer zurück und über den Fluß zu drängen,
so war Alexander in der Flanke entblößt und so gut wie verloren. Diese
Gefahr feuerte die Pezetairen zu doppelter Anstrengung an; sie hätten den
Sieg, den Alexander schon gewonnen, preisgegeben, wenn sie wichen. Den
Kampf des gleichen Mutes und der gleichen Kraft machte der alte Haß
zwischen Hellenen und Makedonen noch blutiger; man wütete doppelt, weil der
Feind des Feindes Fluch und Todesseufzer verstand. Schon war Ptolemaios,
des Seleukos Sohn, der die vorletzte Taxis führte, schon waren zahlreiche
Offiziere gefallen; nur kaum noch, mit äußerster Anstrengung hielt man hier
das Gefecht, das sich in der Nähe des Gestades bereits für die Perser zu
entscheiden schien.

Nabarzanes mit den persischen Reitern war über den Pinaros gesetzt und
hatte sich mit solchem Ungestüm auf die thessalischen Reiter geworfen, daß
eine der Ilen ganz zersprengt wurde, die anderen sich nur durch die
Gewandtheit ihrer Pferde, sich immer von neuem rasch sammelnd und bald da,
bald dort dem Feinde mit neuem Stoß zuvorkommend, zu behaupten vermochten;
es war nicht möglich, daß sie auf die Dauer der Übermacht und der Wut der
persischen Reiter widerstanden. Aber schon war der linke Flügel der Perser
gebrochen und Dareios suchte, statt in der Schlacht und bei seinen
Getreuen, sein Heil in der Flucht. Alexander sah seine Phalangen in Gefahr;
er eilte, sie zu retten, ehe er den flüchtigen König weiter verfolgte; er
ließ seine Hypaspisten links schwenken und den griechischen Söldnern,
während die Hopliten der Phalanx von neuem ansetzten, in die Flanke fallen,
die, unfähig, dem Doppelangriff zu widerstehen, geworfen, zersprengt,
niedergemacht wurden. Die Massen hinter ihnen, die als Reserve hätten
dienen und nun den Kampf aufnehmen können, waren der Flucht des Großkönigs
gefolgt. Die Reiter des Nabarzanes, die noch im heißesten Kampf und im
Vordringen waren, erreichte jetzt das Geschrei: »Der König flieht«; sie
begannen zu stocken, sich zu lockern, zu fliehen; von den Thessalern
verfolgt, jagten sie über die Ebene. Alles stürzte den Bergen zu, die
Schluchten füllten sich; das Gedränge aller Waffen und Nationen, der
zermalmende Hufschlag der stürzenden Pferde, das Geschrei der
Verzweifelnden, die mörderische Wut ihrer Todesangst unter den Klingen und
Spießen der verfolgenden Makedonen und deren jubelndes Siegesgeschrei --
das war das Ende des glorreichen Tages von Issos.

Der Verlust der Perser war ungeheuer, der Wahlplatz mit Leichen und
Sterbenden bedeckt, die Schluchten des Gebirges mit Leichen gesperrt, und
hinter dem Wall von Leichen des Königs Flucht sicher.

Dareios, der, sobald Alexanders erster Angriff glückte, sein Viergespann
gewendet hatte, war durch die Ebene bis zu den Bergen gejagt; dann hemmte
der jähe Boden seine Eile, er sprang vom Wagen, ließ Mantel, Bogen und
Schild zurück und warf sich auf eine Stute, die zu ihrem Füllen im Stall
mit der Eile, die Dareios verlangte, heimjagte. Alexander setzte ihm nach,
solange es Tag war; den Großkönig zu fangen, schien der Siegespreis des
Tages; er fand in der Schlucht dessen Schlachtwagen, Schild, Mantel, Bogen;
mit diesen Trophäen kehrte er ins Lager der Perser zurück, das ohne Kampf
von seinen Leuten besetzt und zur Nachtruhe eingerichtet war.

Die Beute, die man machte, war, außer dem üppigen Prunke des Lagers und den
kostbaren Waffen der persischen Großen, an Geld und Geldeswert nicht
bedeutend, da die Schätze, die Feldgerätschaften, die Hofhaltungen des
Großkönigs und der Satrapen nach Damaskos gesendet waren. Aber die
Königinmutter Sisygambis, die Gemahlin des Dareios und deren Kinder fielen
mit dem Lager, in dem sie über der Verwirrung der Flucht vergessen waren,
in des Siegers Hand. Als Alexander, vom Verfolgen zurückgekehrt, mit seinen
Offizieren im Zelte des Dareios zu Nacht aß, hörte er das Wehklagen
weiblicher Stimmen in der Nähe und erfuhr, daß es die königlichen Frauen
seien, die Dareios für tot hielten, weil sie gesehen, wie sein Wagen, sein
Bogen und Königsmantel im Triumph durch das Lager gebracht war; sogleich
sandte er Leonnatos, einen der Freunde, an sie mit der Versicherung:
Dareios lebe, sie hätten nichts zu fürchten, er sei weder ihr noch Dareios'
persönlicher Feind, es handle sich im ehrlichen Kampf um Asiens Besitz, er
werde ihren Rang und ihr Unglück zu ehren wissen. Er hielt ihnen sein Wort;
nicht allein, daß sie die Schonung genossen, die dem Unglück gebührt, auch
die Ehrerbietung, an die sie in den Tagen des Glückes gewöhnt waren, wurde
ihnen nach wie vor gezollt, der Dienst um sie nach persischer Sitte
fortgesetzt. Alexander wollte sie nicht als Kriegsgefangene, sondern als
Königinnen halten, er wollte über den Unterschied von Griechen und Barbaren
die Majestät des Königstums gestellt sehen. Hier zuerst wurde erkennbar,
wie er sein Verhältnis zu Persien zu gestalten dachte. Unter gleichen
Umständen hätten die Athener und Spartaner ihren Haß oder ihre Habgier das
Schicksal der feindlichen Fürstinnen bestimmen lassen; Alexanders Benehmen
war ebensosehr ein Beweis freierer oder doch weiterblickender Politik, wie
sie für seinen hochherzigen Sinn zeugt. Seine Zeitgenossen priesen diesen,
weil sie oder solange sie jene nicht begriffen; fast keine Tat Alexanders
haben sie mehr bewundert als diese Milde, wo er den stolzen Sieger, diese
Ehrerbietung, wo er den Griechen und den König hätte zeigen können;
denkwürdiger als alles schien ihnen, daß er, darin größer als sein großes
Vorbild Achill, das Recht des Siegers auf des Besiegten Gemahlin, die doch
für die schönste aller asiatischen Frauen galt, geltend zu machen
verschmähte; von ihrer Schönheit auch nur zu sprechen, wo er nahe war,
verbot er, damit auch nicht _ein_ Wort den Gram der edlen Frau vermehre.
Man erzählte nachmals, der König sei, nur von seinem Lieblinge Hephaistion
begleitet, in das Zelt der Fürstinnen gekommen, dann habe die
Königinmutter, ungewiß, wer von beiden gleich glänzend gekleideten Männern
der König sei, sich vor Hephaistion, der höher von Gestalt war, in den
Staub geworfen, nach persischer Sitte anzubeten; aber da sie, durch
Hephaistions Zurücktreten über ihren Irrtum belehrt, in der höchsten
Bestürzung ihr Leben verwirkt geglaubt, habe Alexander lächelnd gesagt: »Du
hast nicht geirrt, auch der ist Alexander«; dann habe er den sechsjährigen
Knaben des Dareios auf den Arm genommen, ihn geherzt und geküßt.

Der Verlust des makedonischen Heeres in dieser Schlacht wird auf 300 Mann
vom Fußvolk, 150 Reiter angegeben. Der König selbst war am Schenkel
verwundet. Trotzdem besuchte er am Tage nach der Schlacht die Verwundeten;
er ließ die Gefallenen mit allem militärischen Gepränge, indem das ganze
Heer zur Schlacht ausrückte, bestatten; die drei Altäre am Pinaros wurden
ihr Denkmal, die Stadt Alexanders am Eingange der syrischen Pässe das
Denkmal des großen Tages von Issos, der mit einem Schlage die persische
Macht vernichtet hatte.

Von dem persischen Heere sollen gegen 100 000 Mann, darunter 10 000 Reiter,
umgekommen sein. Daß es auf seinem linken Flügel zuerst geschlagen und nach
dem Meere zu aufgerollt war, hatte die Reste desselben völlig zersprengt.
Die Masse flüchtete über die Berge nach dem Euphrat; andere Haufen waren
nordwärts in die kilikischen Berge geflohen und hatten sich von da nach
Kappadokien, Lykaonien, Paphlagonien geworfen; teils Antigonos von
Phrygien, teils Kalas von Kleinphrygien bewältigte sie. Von den
hellenischen Söldnern retteten sich etwa 8000 vom Schlachtfelde über die
amanischen Berge nach Syrien, erreichten, von Amyntas, dem makedonischen
Flüchtling geführt, in ziemlich geordnetem Rückzuge Tripolis, wo am Strande
noch die Trieren lagen, auf denen sie gekommen waren; sie besetzten von
diesen so viele, als zu ihrer Flucht nötig waren, verbrannten die anderen,
um sich nicht den Feinden in die Hände fallen zu lassen, fuhren dann nach
Kypros hinüber. Andere mögen auf anderen Wegen die See erreicht haben und
nach dem Tainaron gezogen sein, neue Dienste zu suchen. Mit denen auf
Cypern wandte sich Amyntas nach Pelusion, dort des bei Issos gefallenen
Satrapen Sabakes Stelle, mit der bereits der Perser Mazakes betraut war, an
sich zu bringen. Schon war er bis vor die Tore von Memphis gedrungen,
schon Herr des wichtigsten Teiles von Ägypten, als seine Söldner, durch
ihre frechen Plünderungen verhaßt und wieder, um zu plündern, in der Gegend
zerstreut, von den Ägyptern, die der Satrap aufgerufen, überfallen und
sämtlich, Amyntas mit ihnen, erschlagen wurden.

Dareios selbst hatte auf seiner Flucht bis Onchai die Reste seines
persischen Volkes und etwa 4000 hellenische Söldner gesammelt und mit
diesen in unablässiger Eile seinen Weg nach Thapsakos fortgesetzt, bis er
hinter dem Euphrat sich vor weiterer Gefahr sicher glaubte. Mehr als der
Verlust der Schlacht und einiger Satrapien mochte der der Seinigen, mehr
als die Schande der Niederlage und der Flucht die Schande, der er seine
Gemahlin, die schönste Perserin, in den Händen des stolzen Feindes
preisgegeben fürchtete, sein Herz kränken; und indem er über sein
häusliches Unglück und seinen Kummer wohl die Gefahr und Ohnmacht seines
Reiches, aber nicht seinen erhabenen Rang vergaß, glaubte er Großes zu tun,
wenn er dem Sieger in großmütiger Herablassung einen ersten Schritt
entgegenkam. Er schickte bald nach der Schlacht Gesandte an Alexander mit
einem Schreiben, das darlegte, wie dessen Vater Philipp mit dem Großkönig
Artaxerxes in Freundschaft und Bundesgenossenschaft gestanden, aber nach
dessen Tod gegen den Großkönig Arses zuerst und ohne den geringsten Anlaß
von seiten Persiens Feindseligkeiten begonnen, wie dann bei dem erfolgten
neuen Thronwechsel in Persien Alexander selbst versäumt habe, an ihn, den
König Dareios, Gesandte zu schicken, um die alte Freundschaft und
Bundesgenossenschaft zu befestigen, vielmehr mit Heeresmacht nach Asien
eingebrochen sei und den Persern vieles und schweres Unglück bereitet habe;
deshalb habe er, der Großkönig, seine Völker versammelt und wider ihn
geführt; da der Ausgang der Schlacht wider ihn entschieden habe, so fordere
er, der König, von ihm, dem Könige, seine Gemahlin, seine Mutter und
Kinder, die kriegsgefangen seien, ihm zurückzugeben; er erbiete sich,
Freundschaft und Bundesgenossenschaft mit ihm zu schließen; er fordere ihn
auf, die Überbringer dieser Botschaft, Menikos und Arsimas, durch
Bevollmächtigte zurückbegleiten zu lassen, um die nötigen Gewährleistungen
zu geben und zu empfangen.

Auf dieses Schreiben und die anderweitigen mündlichen Eröffnungen der
königlichen Botschafter antwortete Alexander in einem Schreiben, das er
seinem Gesandten Thersippos, welcher mit jenen an den Hof des Dareios
abging, zu übergeben befahl, ohne sich auf weitere mündliche
Unterhandlungen einzulassen. Das Schreiben lautete:

»Eure Vorfahren sind nach Makedonien und in das übrige Hellas gekommen und
haben, ohne den geringsten Anlaß von Seiten der Hellenen, mannigfaches
Unglück über uns gebracht. Ich, zum Feldherrn der Hellenen erwählt und
entschlossen, die Perser entgelten zu lassen, was sie uns getan, bin nach
Asien hinübergegangen, nachdem Ihr neuerdings Veranlassung zum Kriege
gegeben habt. Denn die Perinthier, die meinen Vater beleidigt hatten, habt
Ihr unterstützt und nach Thrakien, über das wir Herren sind, hat Ochos
Kriegsmacht gesandt; mein Vater ist unter den Händen von Meuchelmördern,
die, wie Ihr selbst auch in Briefen an jedermann erwähnt habt, von Euch
angestiftet wurden, umgekommen; mit Bagoas gemeinschaftlich hast Du den
König Arses ermordet und Dir den persischen Thron unrechtmäßigerweise,
nicht nach dem Herkommen der Perser, sondern mit Verletzung ihrer
heiligsten Rechte angemaßt; Du hast in Beziehung auf mich Schreiben, die
nichts weniger als freundschaftlich waren, den Hellenen, um sie zum Kriege
gegen mich aufzureizen, zukommen lassen; hast an die Spartaner und gewisse
andere Hellenen Geld gesandt, das zwar von keinem der anderen Staaten, wohl
aber von den Spartanern angenommen worden ist; hast endlich durch Deine
Sendlinge meine Freunde zu verführen und den Frieden, den ich den Hellenen
gegeben habe, zu stören gesucht. Aus diesen Gründen bin ich gegen Dich zu
Felde gezogen, nachdem die Feindseligkeiten von Dir begonnen sind. Im
gerechten Kampfe Sieger zuerst über Deine Feldherren und Satrapen, jetzt
auch über Dich und die Heeresmacht, die mit Dir war, bin ich durch die
Gnade der unsterblichen Götter auch des Landes Herr, das Du Dein nennest.
Wer von denen, die in Deinen Reihen wider mich gekämpft haben, nicht im
Kampfe geblieben ist, sondern sich zu mir und in meinen Schutz begeben hat,
für den trage ich Sorge; keiner ist ungern bei mir, vielmehr treten alle
gern und freiwillig unter meinen Befehl. Da ich so Herr über Asien bin, so
komm auch Du zu mir; solltest Du zu irgendeiner Besorgnis, im Fall Du
kämest, Grund zu haben glauben, so sende einige Deiner Edlen, um die
gehörigen Sicherheiten zu empfangen. Bei mir angelangt, wirst Du um die
Zurückgabe Deiner Mutter, Deiner Gemahlin, Deiner Kinder und um was Du
sonst willst, bittend geneigtes Gehör finden; was Du von mir verlangen
wirst, soll Dir werden. Übrigens hast Du, wenn Du von neuem an mich
schickst, als an den König von Asien zu senden, auch nicht an mich wie an
Deinesgleichen zu schreiben, sondern mir, dem Herrn alles dessen, was Dein
war, Deine Wünsche mit der gebührenden Ergebenheit vorzulegen,
widrigenfalls ich mit Dir als dem Beleidiger meiner königlichen Majestät
verfahren werde. Bist Du aber über den Besitz der Herrschaft anderer
Meinung, so erwarte mich noch einmal zum Kampf um dieselbe im offenen Felde
und fliehe nicht; ich für meinen Teil werde Dich aufsuchen, wo Du auch
bist.«

Ist dieses Schreiben, so wie es vorliegt, erlassen worden, so war es nicht
bloß für den geschrieben, an den es gerichtet war, sondern ein Manifest,
das der Sieger zugleich an die Völker Asiens und an die Hellenen richtete.

Auch an die Hellenen. Noch war die Perserflotte im Ägäischen Meere, und
ihre Nähe nährte die Aufregung in den Staaten von Hellas. Ein Sieg dort,
eine dreiste Landung auf dem Isthmos oder in Euboia hätte mit der dann
unzweifelhaften Schilderhebung der Hellenen unberechenbare Wirkungen
gehabt, Makedonien selbst sehr ernsten Gefahren ausgesetzt. Darum, so
scheint es, war Alexander so spät von Gordion aufgebrochen; er hätte im
Notfalle von dort in fünfzehn Tagesmärschen den Hellespont erreichen
können. Vielleicht erst die Nachricht von der Abführung der hellenischen
Söldner nach Tripolis mochte ihn zum Aufbruch bestimmt haben; ohne diese
durften die Bewegungen der persischen Flotte, die überdies um die in
Tripolis bleibenden Schiffe gemindert war, seinem militärischen Blick als
bloße Ostentation erscheinen.

Bei weitem nicht so urteilten die Patrioten in Hellas. Wie mochte ihnen der
Mut wachsen, als Hegelochos durch den tapferen Beschluß der Athener,
hundert Trieren in See zu schicken, geschreckt, die angehaltenen attischen
Schiffe freigegeben hatte; wie gar, als die makedonische Besatzung in
Mytilene gezwungen wurde, zu kapitulieren, die ganze Insel zum
Antalkidischen Frieden zurückkehrte, Tenedos die mit Alexander und dem
Korinthischen Bunde geschlossenen Verträge aufgeben und sich wieder zu dem
Antalkidischen Frieden bekennen mußte. Der glorreiche Antalkidische Friede
war dem hellenischen Patriotismus das rettende Prinzip, unter diesem Banner
gedachte man den Greuel des Korinthischen Bundes aus dem Felde zu schlagen.
Damals wurde auf der attischen Rednerbühne mit offnen Worten der Bruch mit
Alexander empfohlen, trotz der geschlossenen Verträge; »in diesen steht,«
sagt ein Redner, »wenn wir teilhaben wollen an dem gemeinen Frieden; also
können wir auch das Gegenteil wollen.«

Noch beherrschte die persische Flotte, trotz der kleinen Schlappen, die
Datames erlitten, das Ägäische Meer. Nach der Einnahme von Tenedos hatten
die persischen Admirale ein Geschwader unter Aristomenes in den Hellespont
gesandt, sich der Küsten dort zu bemächtigen, sie selbst waren, die
ionische Küste brandschatzend, nach Chios gegangen; freilich versäumten
sie, die wichtige Position von Halikarnaß zu decken, wo Othontopates noch
die Seeburg hielt; diese fiel -- in Soloi erhielt Alexander die Nachricht
davon -- in die Hand der Makedonen; nach dem schweren Verlust an
Mannschaft, den die Perser erlitten, mußten wohl auch die Punkte auf dem
Festlande, die sie noch hatten, Myndos, Kaunos, das Triopion aufgegeben
werden; nur Kos, Rhodos, Kalymna, damit der Eingang in die Bucht von
Halikarnaß blieben noch persisch. Sie wußten, daß Dareios bereits über den
Euphrat vorgerückt sei, mit einem Heere, in dem die griechischen Söldner
allein der ganzen Armee Alexanders gleichkamen, mit einer unermeßlichen
Übermacht an Reitern.

Es ist nicht klar, welche Motive die nächst weitere Aktion der Admirale
bestimmten, ob das Vordringen des Hegelochos, der auf Alexanders Weisung
von neuem eine Flotte im Hellespont gesammelt hatte, dem Aristomenes mit
seinem Geschwader erlag, der Tenedos wieder gewann, -- oder die Absicht,
mit der erwarteten Niederlage Alexanders zugleich die allgemeine Empörung
in Hellas aufflammen zu machen. Sie ließen eine Besatzung in Chios, einige
Schiffe bei Kos und Halikarnaß zurück; sie gingen mit 100 Schiffen, den am
besten fahrenden, nach Siphnos. Dort kam König Agis zu ihnen, freilich mit
nur einer Triere, aber mit einem großen Plan, zu dessen Ausführung er sie
ersuchte, soviel Schiffe und Truppen als möglich mit ihm nach dem
Peloponnes zu senden, ihm Geld zu weiteren Werbungen zu geben. Auch in
Athen war die Stimmung auf das höchste erregt oder doch die Patrioten
bemüht, sie zu entzünden; »als Alexander«, sagt Äschines drei Jahre später,
in einer Rede gegen Demosthenes, »in Kilikien eingeschlossen war und Mangel
an allem litt, wie du sagtest und nächster Tage, wie deine Worte waren, von
der persischen Reiterei niedergestampft sein sollte, da faßte das Volk
deine Zudringlichkeiten nicht, noch die Briefe, die du in deinen Händen
haltend umhergingst, mochtest du auch den Leuten mein Gesicht zeigen, wie
entmutigt und verstört es aussehe, auch wohl mich als das Opfertier
bezeichnen, das fallen werde, sobald dem Alexander etwas begegnet sei.« Und
doch, sagt Äschines, empfahl Demosthenes noch zu zögern; desto eifriger
mögen Hypereides, Moirokles, Kallisthenes gedrängt haben, mit Agis vereint
die hellenischen Staaten, die nur das Zeichen zum Abfall zu erwarten
schienen, gegen Antipatros und Makedonien zu führen. Es muß dahingestellt
bleiben, ob auch mit Harpalos Verbindungen angeknüpft wurden, dem
Schatzmeister Alexanders, der sich jüngst, gewiß nicht mit leeren Händen,
aus dem Staube gemacht hatte und nun in Megara war.

Aber statt der erwarteten Siegesnachricht aus Kilikien kam die von der
gänzlichen Niederlage des Großkönigs, von der völligen Vernichtung des
Perserheeres. Die Athener mochten Gott danken, daß sie noch nichts getan,
was sie weiter zu gehen zwang. Die persischen Admirale eilten zu retten,
was noch zu retten war. Pharnabazos segelte mit zwölf Trieren und 1500
Söldnern nach der Insel Chios, deren Abfall er fürchten mußte,
Autophradates mit dem größten Teil der Flotte -- auch die tyrischen Schiffe
unter dem Könige Azemilkos waren mit ihm -- nach Halikarnaß. König Agis
erhielt statt der großen Land- und Seemacht, die er gefordert hatte,
dreißig Talente und zehn Schiffe; er sandte sie seinem Bruder Agesilaos
nach dem Tänaron mit der Weisung, den Schiffsleuten die volle Löhnung
auszuzahlen und dann nach Kreta zu eilen, um sich der Insel zu versichern;
er selbst folgte nach einigem Aufenthalt in den Kykladen dem Autophradates
nach Halikarnaß. An Unternehmungen zur See konnte nicht weiter gedacht
werden, da die phönikischen Geschwader -- denn daß Alexander nicht nach dem
Euphrat marschierte, zeigte sich bald genug -- nur die Jahreszeit
abwarteten, um in die Heimat zu segeln, die sich vielleicht schon den
Makedonen hatte ergeben müssen. Auch die kyprischen Könige glaubten für
ihre Insel fürchten zu müssen, sobald die phönikische Küste in Alexanders
Gewalt war.

Es ist in neuerer Zeit als seltsam, als planlos bezeichnet worden, daß
Alexander nicht nach der Schlacht von Issos die Verfolgung der Perser
fortgesetzt, den Euphrat zu überschreiten sich beeilt habe, um dem Reich
der Perser ein Ende zu machen. Es wäre töricht gewesen, er würde einen Stoß
in die Luft getan haben, während sein Rücken noch keineswegs gesichert war.
Der Zug der hellenischen Söldner nach Pelusion konnte ihn daran erinnern,
daß er Ägypten haben mußte, wenn er seinen Marsch ins Innere Asiens sicher
basieren wollte. Nicht Babylon und Susa waren der Siegespreis für Issos,
sondern daß die Küste des Mittelmeeres bis zum öden Strand der Syrte ihm
offenstand, daß zunächst Phönikien, dieses unerschöpfliche Arsenal des
Perserreiches, mochte es sich unterwerfen oder verteidigen wollen, seine
Flotte aus den griechischen Meeren zurückziehen mußte, daß damit die von
Sparta begonnene Bewegung, ohne jede weitere Unterstützung von seiten
Persiens, bald gebrochen werden konnte, daß endlich mit der Besetzung des
Nillandes, der dann kein wesentliches Hindernis weiter entgegentreten
konnte, die Operationsbasis für den Feldzug nach dem weiteren Osten ihre
volle Breite und Festigkeit hatte.

Dem entsprechend mußte der Gang der weiteren Unternehmungen sein. Alexander
sandte Parmenion mit den thessalischen Reitern und anderen Truppen das Tal
des Orontes aufwärts nach Damaskos, der Hauptstadt Koilesyriens, wohin die
Kriegskasse, das Feldgerät, die ganze kostbare Hofhaltung des Großkönigs,
sowie die Frauen, Kinder, Schätze der Großen von Sochoi aus gesendet worden
waren. Durch den Verrat des syrischen Satrapen, der mit den Schätzen und
der Karawane so vieler edler Perserinnen und ihrer Kinder flüchten zu
wollen vorgab, fielen diese und die Stadt in Parmenions Hände. Die Beute
war ungemein groß; unter den vielen tausend Gefangenen befanden sich die
Gesandten von Athen, Sparta und Theben, die vor der Schlacht bei Issos zu
Dareios gekommen waren. Auf Parmenions Bericht von dieser Expedition befahl
Alexander, alles, was an Menschen und Sachen in seine Hände gefallen sei,
nach Damaskos zurückzubringen und zu bewachen, die griechischen Gesandten
ihm sofort zuzuschicken. Sobald diese angekommen waren, entließ er die
beiden Thebaner ohne weiteres, teils aus Rücksicht für ihre Person, indem
der eine, Thessaliskos, des edlen Ismenias Sohn, der andere, Dionysidoros,
ein olympischer Sieger war, teils aus Mitleid mit ihrer unglücklichen
Vaterstadt und dem nur zu verzeihlichen Haß der Thebaner gegen Makedonien;
den Athener Iphikrates, den Sohn des Feldherrn gleichen Namens, behielt er
aus Achtung für dessen Vater und um den Athenern einen Beweis seiner
Nachsicht zu geben, in hohen Ehren um seine Person; der Spartiate Euthykles
dagegen, dessen Vaterstadt gerade jetzt offenbaren Krieg begonnen hatte,
wurde vor der Hand als Gefangener zurückbehalten; er ist späterhin, als die
immer größeren Erfolge der makedonischen Waffen das Verhältnis zu Sparta
änderten, in seine Heimat entlassen worden.

Während Parmenions Zug nach Damaskos hatte Alexander die Verhältnisse
Kilikiens geordnet. Wir erfahren wenig darüber aber das wenige ist
bezeichnend. Dies Gebiet, das militärisch wichtiger war als irgendein
anderes, und das in den freien und tapferen Stämmen des Tauros eine
gefährliche Umgebung hatte, mußte in durchaus feste Hand gelegt werden. Der
König übertrug es einem der sieben Leibwächter, dem Balakros, Nikanors
Sohn; es scheint, daß ihm mit der Satrapie zugleich die Strategie
übertragen wurde; wir finden demnächst des Balakros Kämpfe gegen die
Isaurier erwähnt. Man glaubt, unter den Münzen Alexanders vom älteren Typus
eine bedeutende Zahl von kilikischem Gepräge zu erkennen. Für Syrien,
soweit es durch Parmenion besetzt war -- Koilesyrien -- wurde Menon,
Kerdimmas' Sohn, zum Satrapen ernannt. Über Phönikien konnte der König noch
nicht verfügen; dort erwarteten ihn nicht geringe Schwierigkeiten.

Die politische Stellung der phönikischen Städte im Perserreich war
besonderer Art, eine Folge ihrer geographischen Lage und ihrer inneren
Verhältnisse. Seit Jahrhunderten zur See mächtig, entbehrten sie des für
Seemächte fast unentbehrlichen Vorteils der insularen Lage; sie waren
nacheinander die Beute der Assyrer, der Babylonier, der Perser geworden.
Aber auf der Landseite durch die hohen Bergketten des Libanon fast vom
Binnenlande abgeschnitten und teilweise auf kleinen Küsteninseln erbaut,
die wenigstens dem unmittelbaren und fortwährenden Einfluß der auf dem
Festlande herrschenden Macht nicht ganz zur Hand waren, behaupteten sie mit
ihrer alten Verfassung die alte Selbständigkeit insoweit, daß sich die
Perserkönige gern mit der Oberherrlichkeit und der Befugnis, die
phönikische Flotte aufzubieten, begnügten. Die einst sehr bedrohliche
Rivalität der Griechen in Handelsschiffahrt, Industrie, Seemacht war,
seitdem der alte attische Seebund zusammengebrochen war, überholt; und
selbst in den Zeiten der völligen Unabhängigkeit dieser Städte war ihre
Betriebsamkeit und ihr Wohlstand vielleicht nicht so groß gewesen wie
jetzt unter der Perserherrschaft, die ihrem Handel ein unermeßliches
Hinterland sicherte. Während sonst in allen dem Perserreiche einverleibten
Ländern die frühere volkstümliche Zivilisation entartet oder vergessen war,
blieb in Phönikien der alte Handelsgeist und die Art von Freiheit, die der
Betrieb des Handels fordert. Auch bei den Phönikern hatte es nicht an
Versuchen gefehlt, sich der Herrschaft des Großkönigs zu entziehen; wenn es
trotz der Erschlaffung der Persermacht damit nicht gelungen war, so lag der
Grund in der inneren Verfassung und mehr noch in den scharf ausgeprägten
Sonderinteressen der untereinander eifersüchtigen Städte. Als zur Zeit des
Königs Ochos Sidon auf dem Bundestage zu Tripolis die beiden anderen
Hauptstädte des Bundes, Tyros und Arados, zur Teilnahme an der Empörung
aufrief, versprachen sie Hilfe, warteten aber untätig das Ende eines
Unternehmens ab, das, falls es glückte, sie mit befreite, falls es
mißglückte, mit Sidons Verlusten ihre Macht und ihren Handel mehren mußte.
Sidon unterlag, brannte nieder, verlor die alte Verfassung und
Selbständigkeit und Byblos, so scheint es, trat statt ihrer in den
Bundesrat von Tripolis oder hob sich wenigstens seit dieser Zeit so, daß es
fortan neben Arados und Tyros eine Rolle zu spielen vermochte.

Die neun Städte von Kypros, in ihrem Verhältnis zum Perserreiche den
phönikischen ähnlich, aber durch ihren zum Teil hellenischen Ursprung und
die größere Gunst ihrer Lage ungeduldiger frei zu sein, hatten zu gleicher
Zeit mit Sidon, König Pnytagoras von Salamis an ihrer Spitze, sich empört,
waren aber unter Pnytagoras' Bruder Euagoras bald nach Sidons Fall zum
Gehorsam zurückgekehrt; und wenn nach einiger Zeit Pnytagoras die
Herrschaft von Salamis wiedererhielt, so war völlige Hingebung an das
persische Reich die Bedingung gewesen, unter der er, wie ehedem, der erste
unter den kleinen Fürsten von Cypern sein durfte.

Zwanzig Jahre waren nach jenem Aufstand verflossen, als Alexander seinen
Krieg gegen Persien begann. Die Schiffe der Phöniker unter ihren »Königen«,
die von Tyros unter Azemilkos, die der Aradier unter Gerostratos, die von
Byblos unter Enylos, ihnen zugesellt die von Sidon; ferner die kyprischen
Schiffe unter Pnytagoras und den anderen Fürsten, waren auf des
Perserkönigs Aufruf in die hellenischen Gewässer gegangen, hatten dort,
freilich bald unter schlaffer Führung, ohne großen Erfolg den Krieg
geführt. Die Schlacht von Issos änderte für die phönikischen Städte die
Lage der Dinge völlig. Wenn sie gemeinsame Sache gemacht, wenn sie ihre
Seemacht vereinigt hätten, jeden Punkt, auf den sich der Feind werfen
wollte, gemeinsam zu unterstützen, wenn die Admirale des Großkönigs die
hellenischen Gewässer und die jetzt wirkungslose Offensive aufgegeben
hätten, um die phönikischen Häfen zu verteidigen, so ist nicht abzusehen,
wie die nur kontinentale Macht des Eroberers es über die maritime
Verteidigung dieser befestigten und volkreichen Städte hätte davontragen
sollen. Aber die phönikischen Städte waren trotz ihres Bundes nichts
weniger als geeint, am wenigsten seit dem, was sie in Sidon hatten
geschehen lassen. Die Sidonier werden den Sieg von Issos mit Jubel begrüßt
haben; sie durften hoffen, durch Alexander wiederzuerhalten, was sie im
Kampfe gegen den persischen Despoten eingebüßt hatten. Byblos, durch Sidons
Fall gehoben, mußte ebenso besorgt sein, alles zu verlieren, wie es, auf
dem Festlande gelegen, unfähig war, dem siegreichen Heere Alexanders zu
widerstehen; Arados und Tyros dagegen lagen im Meere; doch hatte Arados,
weniger durch ausgebreiteten Handel als durch Besitzungen auf dem Festlande
mächtig, durch Alexanders Heranrücken mehr zu verlieren als Tyros, das mit
den 80 Schiffen, die es noch daheim hatte, sich auf seiner Insel sicher
glaubte.

Als nun Alexander vom Orontes her sich dem Gebiete der phönikischen Städte
nahte, kam ihm auf dem Wege Straton, des aradischen Fürsten Gerostratos
Sohn, entgegen, überreichte ihm namens seines Vaters einen goldenen Kranz
und unterwarf ihm dessen Gebiet, welches den nördlichsten Teil der
phönikischen Küste umfaßte und sich eine Tagesreise weit landeinwärts bis
zur Stadt Mariamne erstreckte; auch die große Stadt Marathos, in der sich
Alexander einige Tage aufhielt, gehörte zum Gebiete von Arados. Auf seinem
weiteren Zuge nahm er Byblos durch vertragsmäßige Übergabe. Die Sidonier
eilten, sich dem Sieger der verhaßten Persermacht zu ergeben; Alexander
nahm auf ihre ehrenvolle Einladung die Stadt in Besitz, gab ihr ihr
früheres Gebiet und ihre frühere Verfassung wieder, indem er dem
Abdollonymos, einem in Armut lebenden Nachkommen der sidonischen Könige,
die Herrschaft übertrug; er brach dann nach Tyros auf.

Auf dem Wege dahin begrüßte ihn eine Deputation der reichsten und
vornehmsten Bürger von Tyrus, an ihrer Spitze der Sohn des Fürsten
Azemilkos; sie erklärten, daß die Tyrier bereit seien zu tun, was Alexander
verlangen werde. Der König dankte ihnen und belobte ihre Stadt; er gedenke
nach Tyros zu kommen, um im Tempel des tyrischen Herakles ein feierliches
Opfer zu halten.

Es war gerade das, was die Tyrier nicht wollten: unter den jetzigen
Verhältnissen, darüber waren die Lenker der Stadt einig, müsse sie, wie zur
Zeit der sidonischen Empörung mit so glücklichem Erfolge geschehen sei, mit
der strengsten Neutralität ihre Unabhängigkeit sichern, um bei jedem
Ausgange des Krieges ihren Vorteil zu finden; und sie könne es, da die
Marine der Stadt trotz dem im Ägäischen Meere befindlichen Geschwader
bedeutend genug sei, den gefaßten Beschlüssen Achtung zu verschaffen; noch
habe die persische Seemacht in allen Meeren die Oberhand und Dareios rüste
schon ein neues Heer, um das weitere Vordringen der Makedonen zu hemmen;
wenn er siege, so werde die Treue der Tyrier um so reicher belohnt werden,
da bereits die übrigen phönikischen Städte die persische Sache verraten
hätten; unterliege er, so werde Alexander, ohne Seemacht wie er sei,
vergebens gegen die Stadt im Meere zürnen, Tyros dagegen noch immer Zeit
haben, auf seine Flotte, seine Bundesgenossen in Cypern, dem Peloponnes und
Libyen, sowie auf die eigenen Hilfsmittel und die unangreifbare Lage der
Stadt gestützt, mit Alexander die Bedingungen, die dem Interesse der Stadt
entsprächen, einzugehen. Überzeugt, eine Auskunft, die zugleich
schicklich, gefahrlos und ersprießlich sei, gefunden zu haben, meldeten die
Tyrier dem makedonischen Könige ihren Beschluß: sie würden sich geehrt
fühlen, wenn er ihrem heimischen Gott in dem Tempel von Alttyros auf dem
Festlande seine Opfer darbringe; sie seien bereit zu gewähren, was er sonst
fordern werde, ihre Insel müsse für die Makedonen und Perser geschlossen
bleiben.

Alexander gab sofort alle weiteren Unterhandlungen auf; er beschloß das zu
erzwingen, was für den Fortgang seiner Unternehmungen ihm unentbehrlich
war. Das seemächtige Tyros, neutral in seinem Rücken, hätte allem
Übelwollen und Abfall in den hellenischen Landen, hätte dem schon
begonnenen Kampf des Königs Agis, dessen Bruder schon Kreta gewonnen hatte,
einen Mittelpunkt und Halt gegeben. Er berief die Strategen, Ilarchen,
Taxiarchen, sowie die Führer der Bundestruppen, teilte das Geschehene mit
und eröffnete seine Absicht, Tyrus um jeden Preis einzunehmen; weder könne
man den Marsch nach Ägypten wagen, solange die Perser noch eine Seemacht
hätten, noch den König Dareios verfolgen, während man die Stadt Tyros mit
ihrer offenbar feindlichen Gesinnung, dazu Ägypten und Cypern, die noch in
den Händen der Perser seien, im Rücken habe; der griechischen
Angelegenheiten wegen sei das noch weniger möglich; mit Hilfe der Tyrier
könnten sich die Perser wieder der Seemacht bemächtigen und, während man
auf Babylon losgehe, mit noch größerer Heeresmacht den Krieg nach Hellas
hinüberspielen, wo die Spartaner schon offenbar aufgestanden seien und die
Athener bisher mehr die Furcht als der gute Wille für Makedonien
zurückgehalten habe; werde dagegen Tyros eingenommen, so habe man Phönikien
ganz, und die phönikische Flotte, der größte und schönste Teil der
persischen Seemacht, werde sich zu Makedonien halten müssen; denn weder die
Matrosen, noch die übrige Bemannung der phoinikischen Schiffe würden,
während ihre eigenen Städte besetzt wären, den Kampf zur See auszufechten
geneigt sein; Kypros würde sich gleichfalls entschließen müssen zu folgen,
oder sofort von der makedonisch-phönikischen Flotte genommen zu werden;
habe man aber einmal auf der See diese vereinte Seemacht, zu der auch noch
die Schiffe von Cypern kämen, so sei Makedoniens Herrschaft zur See wohl
entschieden, der Zug nach Ägypten sicher und des Erfolges gewiß; und sei
erst Ägypten unterworfen, so brauche man wegen der Verhältnisse in Hellas
nicht weiter besorgt sein; den Zug nach Babylon könne man, über die
heimischen Zustände beruhigt, mit desto größeren Erwartungen beginnen, da
dann die Perser zugleich vom Meere und von den Ländern diesseits des
Euphrat abgeschnitten seien. Die Versammlung überzeugte sich von der
Notwendigkeit, die stolze Seestadt zu unterwerfen; aber ohne Flotte sie zu
erobern, schien unmöglich. Immerhin unmöglich für den ersten Blick; aber
das als notwendig Erkannte mußte auch zu ermöglichen sein; kühne Pläne
durch kühnere Mittel zu verwirklichen gewohnt, beschloß Alexander, die
Inselstadt landfest zu machen, um dann die eigentliche Belagerung zu
beginnen.

Neutyrus, auf einer Insel von einer halben Meile Länge und geringerer
Breite erbaut, war vom festen Lande durch eine Meerenge von etwa tausend
Schritt Breite getrennt, die in der Nähe der Insel etwa noch drei Faden
Fahrwasser hatte, in der Nähe des Festlandes dagegen seicht und schlammig
war. Alexander beschloß, an dieser Stelle einen Damm durch das Meer zu
legen; das Material dazu lieferten die Gebäude des von den Einwohnern
verlassenen Alttyrus und die Zedern des nahen Libanon; Pfähle ließen sich
leicht in den weichen Meeresgrund treiben, und der Schlick diente dazu, die
eingelassenen Werkstücke miteinander zu verbinden. Mit dem größten Eifer
wurde gearbeitet, der König selbst war häufig zugegen; Lob und Geschenke
machten den Soldaten die harte Arbeit leicht.

Die Tyrier hatten bisher, auf ihre Schiffe, auf die Stärke und Höhe ihrer
Mauern vertrauend, ruhig zugesehen; jetzt schien es Zeit, den übermütigen
Feind die Torheit seines Wagnisses und die Überlegenheit einer uralten
Meisterschaft in der Maschinenkunst erfahren zu lassen. Der Damm erreichte
bereits das Fahrwasser; sie brachten auf die dem Lande zugewandte Seite
ihrer hohen Mauer soviel Geschütz als möglich und begannen Pfeile und
Steine gegen die ungedeckten Arbeiter auf dem Damm zu schleudern, während
diese zugleich von beiden Seiten durch die Trieren der Tyrier hart
mitgenommen wurden. Zwei der Türme, die Alexander am Ende des Dammes
errichten ließ, mit Schirmdecken und Fellen überhangen und mit Wurfgeschütz
versehen, schützten die Arbeiter vor den Geschossen von der Stadt her und
vor den Trieren; mit jedem Tage rückte der Damm, wenn auch wegen des
tieferen Wassers langsamer, vor. Dieser Gefahr zu begegnen bauten die
Tyrier einen Brander in folgender Weise. Ein Frachtschiff wurde mit dürrem
Reisig und anderen leicht entzündbaren Stoffen angefüllt, dann am Galeon
zwei Mastbäume befestigt und mit einer möglichst weiten Galerie umgeben, um
in derselben mehr Stroh und Kien aufhäufen zu können; überdies brachte man
noch Pech und Schwefel und andere Dinge derart hinein; ferner wurden an die
beiden Masten doppelte Rahen befestigt, an deren Enden Kessel mit allerlei
das Feuer schnell verbreitenden Brennstoffen hingen; endlich wurde der
hintere Teil des Schiffes schwer beladen, um das vordere Werk möglichst
über den Wasserspiegel emporzuheben. Bei dem nächsten günstigen Winde
ließen die Tyrier diesen Brander in See gehen; einige Trieren nahmen ihn
ins Schlepptau und brachten ihn gegen den Damm; dann warf die in dem
Brander befindliche Mannschaft Feuer in den Raum und in die Masten und
schwamm zu den Trieren, die das brennende Gebäude mit aller Gewalt gegen
die Spitze des Dammes trieben. Der Brander erfüllte, von einem starken
Nordwestwinde begünstigt, vollkommen seinen Zweck; in kurzer Zeit standen
die Türme, die Schirmdächer, die Gerüste und Faschinenhaufen auf dem Damm
in hellen Flammen, während sich die Trieren an den Damm oder vor dem Winde
vor Anker legten und durch ihr Geschütz jeden Versuch, den Brand zu
löschen, vereitelten. Zugleich machten die Tyrier einen Ausfall, ruderten
auf einer Menge von Boten über die Bai hinaus, zerstörten in kurzem die
Pfahlroste vor dem Damm und zündeten die Maschinen, die noch etwa übrig
waren, an. Durch das Fortreißen jener Roste wurde der noch unfertige Teil
des Dammes entblößt und den immer heftiger anstürmenden Wellen
preisgegeben, so daß der vordere Teil des Werkes durchrissen und
hinweggespült in den Wellen verschwand.

Man hat wohl gesagt, Alexander habe nach diesem unglücklichen Ereignis, das
ihm nicht bloß eine Menge Menschen und alle Maschinen gekostet, sondern
auch die Unmöglichkeit gezeigt habe, Tyros vom Lande her zu bewältigen, die
Belagerung ganz aufgeben, den von Tyros angebotenen Vertrag annehmen und
nach Ägypten ziehen sollen. Das wäre nach seinem Charakter und nach seinen
Plänen noch unmöglicher gewesen als die Eroberung der Insel. Je mächtiger
und unabhängiger Tyros seiner Landmacht gegenüberstand, desto notwendiger
war es, die stolze Stadt zu demütigen; je zweifelhafter der Erfolg
besorglicheren Gemütern erscheinen mochte, desto bestimmter mußte Alexander
ihn erzwingen; _ein_ Schritt rückwärts, _ein_ aufgegebener Plan, _eine_
halbe Maßregel hätte alles vereitelt. In dieser Zeit mag es gewesen sein,
daß von neuem Gesandte des Dareios eintrafen, die für des Großkönigs
Mutter, Gemahlin und Kinder ein Lösegeld von zehntausend Talenten, ferner
den Besitz des Landes diesseits des Euphrat, endlich mit der Hand seiner
Tochter Freundschaft und Bundesgenossenschaft anboten. Als Alexander seine
Generale versammelte und ihnen die Anträge des Perserkönigs mitteilte,
waren die Ansichten sehr geteilt; Parmenion namentlich äußerte, daß, wenn
er Alexander wäre, er unter den gegenwärtigen Umständen jene Bedingungen
annehmen und sich nicht länger dem wechselnden Glück des Krieges aussetzen
würde. Alexander antwortete: auch er würde, wenn er Parmenion wäre, also
handeln; doch da er Alexander sei, so laute seine Antwort an Dareios: daß
er weder Geld von Dareios brauche, noch einen Teil des Landes statt des
Ganzen nehme; was Dareios an Land und Leuten, an Geld und Gut habe, sei
sein und, wenn es ihm beliebe, Dareios' Tochter zu heiraten, so könne er
es, ohne daß Dareios sie ihm gebe; er möge in Person kommen, wenn er etwas
von seiner Güte empfangen wolle.

Mit doppeltem Eifer wurden die Belagerungsarbeiten fortgesetzt, namentlich
der Damm vom Lande aus in größerer Breite wiederhergestellt, um einerseits
dem Werke selbst mehr Festigkeit zu geben, anderseits mehr Raum für Türme
und Maschinen zu gewinnen. Zu gleicher Zeit erhielten die Kriegsbaumeister
den Auftrag, neue Maschinen sowohl für den Dammbau als für den Sturm auf
die mächtigen Mauern zu errichten. Alexander selbst ging während dieser
vorbereitenden Arbeiten mit den Hypaspisten und Agrianern nach Sidon, dort
eine Flotte zusammenzubringen, mit der er Tyros zu gleicher Zeit von der
Seeseite her blockieren könne. Gerade jetzt -- es mag um Frühlingsanfang
gewesen sein -- kamen die Schiffe von Arados, Byblos und Sidon aus den
hellenischen Gewässern zurück, wo sie auf die Nachricht von der Schlacht
bei Issos sich von der Flotte des Autophradates getrennt und, sobald es die
Jahreszeit erlaubte, zur Heimfahrt aufgemacht hatten; es waren an achtzig
Trieren unter Gerostratos und Enylos von Byblos; auch die Stadt Rhodus, die
sich vor kurzem für Alexanders Sache entschieden hatte, sandte zehn
Schiffe; dann lief auch das schöne Geschwader der kyprischen Könige, von
etwa hundertundzwanzig Segeln, in den Hafen von Sidon ein; dazu kamen
einige Schiffe aus Lykien und Kilikien und selbst ein makedonisches, das
Proteas, der sich durch seinen Überfall bei Siphnos ausgezeichnet hatte,
der Neffe des schwarzen Kleitos, führte, so daß sich Alexanders Seemacht
wohl auf 250 Schiffe belief, darunter auch Vier- und Fünfruderer.

Während die Flotte vollständig ausgerüstet und der Bau der Maschinen
beendet wurde, unternahm Alexander einen Streifzug gegen die arabischen
Stämme in Antilibanon, deren Unterwerfung um so wichtiger war, da sie die
Straßen, die vom Tale des Orontes nach der Küste führen, beherrschten und
die Karawanen aus Chalybon und Damaskos von ihren festen Bergschlössern aus
überfallen konnten. Von einigen Geschwadern der Ritterschaft, von den
Hypaspisten, den Agrianern und Bogenschützen begleitet, durchzog der König
die schönen Täler der Libanonketten; mehrere Burgen der Araber wurden
erstürmt, andere ergaben sich freiwillig, alle erkannten die Oberherrschaft
des makedonischen Königs an, der nach elf Tagen schon wieder nach Sidon
zurückkehrte, wo kurz vorher viertausend Mann griechische Söldner, die
Kleandros geworben, sehr zur rechten Zeit eintrafen. Die Rüstungen zur
förmlichen Belagerung des mächtigen Tyros waren so weit, daß Alexander,
nachdem er die Bemannung seiner Schiffe, um in offener Seeschlacht und
namentlich im Entern ein entschiedenes Übergewicht über die Tyrier zu
haben, mit Hypaspisten verstärkt hatte, von der Reede von Sidon aus in See
stechen konnte. In voller Schlachtlinie steuerte er auf Tyros los, auf dem
linken Flügel Krateros und Pnytagoras, er selbst mit den übrigen cyprischen
Königen und den phönikischen auf dem rechten; er gedachte die tyrische
Flotte womöglich sogleich durch eine Schlacht von der See zu verdrängen und
dann durch Sturm oder Blockade die Stadt zur Übergabe zu zwingen.

Die Stadt hat zwei Häfen, beide auf der dem Lande zugekehrten Seite der
Insel, der sidonische rechts von dem Damm der Makedonen, der ägyptische
links, durch den weit vorspringenden südlichen Teil der Insel vom offenen
Meer entfernter. Die Tyrier hatten, solange sie nicht wußten, daß sich die
cyprischen und phönikischen Geschwader unter Alexanders Befehl befanden,
die Absicht gehabt, ihm zu einer Seeschlacht entgegenzusegeln; jetzt sahen
sie am Horizont die meilenlange Linie der feindliche Flotte herauffahren,
mit der es ihre Schiffe, an Zahl wohl dreimal schwächer, um so weniger
aufzunehmen wagen durften, da sie die beiden Häfen vor einem Überfall
schützen mußten, wodurch die Zahl der verfügbaren Schiffe noch mehr
verringert wurde. Sie begnügten sich, die enge Mündung des Nordhafens, der
dem ersten Angriffe ausgesetzt war, durch eine dicht gedrängte Reihe von
Trieren mit seewärts gewandten Schnäbeln so zu sperren, daß jeder Versuch
zum Durchbrechen unmöglich war. Alexander hatte, sobald seine Geschwader
auf die Höhe von Tyrus gekommen waren, haltmachen lassen, um die feindliche
Flotte zum Gefecht zu erwarten, war dann, als kein feindliches Schiff ihm
entgegenkam, unter vollem Ruderschlage gegen die Stadt losgesteuert,
vielleicht in der Hoffnung, durch einen heftigen Anlauf den Hafen zu
gewinnen. Die dichte Reihe der Trieren in der engen Hafenmündung zwang ihn,
diesen Plan aufzugeben; nur drei Schiffe, die am weitesten aus dem Hafen
hinauslagen, wurden in den Grund gebohrt; die Besatzung rettete sich durch
Schwimmen zum nahen Ufer.

Alexander hatte die Flotte nicht fern von dem Damm sich an den Strand legen
lassen, wo sie Schutz vor dem Winde hatte. Am folgenden Tage ließ er die
Blockade der Stadt beginnen. Die kyprischen Schiffe unter dem Admiral
Andromachos und ihren eigenen Königen sperrten den Nordhafen, während die
phönikischen, bei denen er selbst blieb, sich vor den ägyptischen Hafen
legten. Es galt nun, die Maschinen und Türme nahe genug an die Mauern zu
bringen, um entweder Bresche zu legen oder Fallbrücken auf die Zinnen zu
werfen. Zu dem Ende war nicht bloß der Damm mit einer Menge von Maschinen
bedeckt, sondern auch eine große Anzahl von Lastschiffen und alle Trieren,
die nicht besonders segelten, zum Teil auf das kunstreichste mit
Mauerbrechern, Katapulten und anderen Maschinen ausgerüstet. Aber den
Maschinen vom Damme her widerstand die feste, aus Quadern erbaute Mauer,
deren Höhe von hundertfünfzig Fuß, noch vermehrt durch die Aufstellung
hölzerner Türme auf den Zinnen, die makedonischen Türme mit ihren
Fallbrücken unschädlich machte. Und wenn sich die Maschinenschiffe rechts
und links vom Damm den Mauern nahten, so wurden sie schon von fern mit
einem Hagel von Geschossen, Steinen und Brandpfeilen empfangen; wenn sie
dennoch näher an den Strand hinruderten, um endlich anzulegen, fanden sie
die Anfahrt durch eine Menge versenkter Steine unmöglich gemacht. Man
begann, die Steine herauszuschaffen, von den schwankenden Schiffen aus an
sich schon eine mühselige Arbeit, und sie wurde dadurch verdoppelt und oft
ganz vereitelt, daß tyrische, mit Schirmdächern versehene Fahrzeuge die
Ankertaue der arbeitenden Schiffe kappten und sie so der treibenden Stömung
und dem Winde preisgaben. Alexander ließ ebenso bedeckte Fahrzeuge vor den
Ankern beilegen, um die Taue zu schützen; aber tyrische Taucher schwammen
unter dem Wasser bis in die Nähe der Schiffe und zerschnitten deren Kabel,
bis endlich die Anker an eisernen Ketten in den Seegrund gelassen wurden.
Jetzt konnten die Schiffe ohne weitere Gefahr arbeiten; die Steinmassen
wurden aus dem Fahrwasser in die Nähe des Dammes hinweggeschafft, so daß
die einzelnen Maschinenschiffe sich endlich der Mauer nähern konnten. Das
Heer war voll Kampfbegier und Erbitterung; hatten doch die Tyrier gefangene
Makedonen auf die Höhe der Mauer geführt, sie dort -- recht vor den Augen
ihrer Kameraden im Lager -- geschlachtet und ins Meer geworfen.

Den Tyriern entging nicht, wie sich mit jedem Tage die Gefahr mehrte, und
wie ihre Stadt ohne Rettung verloren sei, wenn sie nicht mehr die Oberhand
auf dem Meere habe. Sie hatten auf Hilfe, namentlich von Karthago, gehofft;
sie hatten erwartet, daß die Kyprier wenigstens nicht gegen sie kämpfen
würden; von Karthago kam endlich das heilige Schiff der Festgesandtschaft,
es brachte die Botschaft, daß der Mutterstadt keine Hilfe werden könnte.
Und schon waren sie so gut wie eingesperrt, da vor dem Nordhafen die
kyprische, vor dem südlichen die phönikische Flotte ankerte, so daß sie
nicht einmal ihre ganze Marine zu _einem_ Ausfall, der noch die einzige
Rettung zu sein schien, vereinigen konnten. Mit desto größerer Vorsicht
rüsteten sie im Nordhafen hinter ausgespannten Segeln, die völlig
verdeckten, was da geschah, ein Geschwader von drei Fünfruderern, ebenso
vielen Vierruderern und sieben Trieren aus, bemannten diese mit
auserlesenem Schiffsvolk; die Stille der Mittagstunde, in der Alexander
selbst auf dem Festlande in seinem Zelte zu ruhen, sowie die Mannschaften
der meisten Schiffe sich, um frisches Wasser und Lebensmittel zu holen, auf
dem Strande zu befinden pflegten, war zum Ausfall bestimmt. Unbemerkt aus
dem Hafen gefahren, ruderten sie, sobald sie den auf der Nordseite
stationierten und fast ganz unbewachten Schiffen der kyprischen Fürsten
nahe kamen, mit lautem Schlachtruf auf dieselben los, bohrten beim ersten
Anlauf die Pentere des Pnytagoras, die des Androkles von Amathos, die des
Pasikrates von Kurion in den Grund, jagten die übrigen auf den Strand,
begannen sie zu zertrümmern. Indes hatte Alexander, der diesen Tag früher
als gewöhnlich zu seinen Schiffen auf die Südseite zurückgekommen war und
sehr bald die Bewegung vor dem Hafen jenseits der Stadt bemerkt hatte, die
Mannschaften an Bord kommandiert, schleunigst seine Schiffe bemannt, den
größten Teil derselben unmittelbar vor dem Südhafen auffahren lassen, um
einem Ausfall der Tyrier von dieser Seite zuvorzukommen, war dann mit fünf
Trieren und allen Fünfruderern seines Geschwaders um die Insel
herumgesteuert, dem bereits siegreichen tyrischen zu. Von der Mauer der
Stadt gewahrte man Alexanders Nahen; mit lautem Geschrei, mit Zeichen jeder
Art suchte man den schon Verfolgenden die Gefahr kundzutun und sie zum
Rückzuge zu bewegen; über den Lärm des anhaltenden Gefechtes bemerkten sie
es nicht eher, als bis das feindliche Geschwader sie fast schon erreicht
hatte; schnell wendeten die tyrischen Schiffe und ruderten in der größten
Eile dem Hafen zu; nur wenige erreichten ihn; die meisten wurden in den
Grund gebohrt oder so beschädigt, daß sie zu künftigem Seedienst
unbrauchbar waren; noch dicht vor der Mündung fiel ein Fünfruderer und ein
Vierruderer in des Feindes Hand, während sich die Mannschaft schwimmend
rettete.

Dieser Ausgang des Tages war für das Schicksal der Stadt von schwerer
Bedeutung; sie hatte mit dem Meere gleichsam das Glacis der Festung
verloren. Die tyrischen Schiffe lagen nun tot in den beiden Häfen, die, von
denen des Feindes auf das strengste bewacht, auf Seiten der Tyrier durch
Sperrketten vor einem Einbruch gesichert wurden. Damit begann der letzte
Akt der Belagerung, die, von beiden Seiten ein immer höher gesteigerter
Wettkampf von Erfindungen, mechanischen Mitteln und technischer Kunst,
alles übertraf, was je in dieser Art von Barbaren und Hellenen unternommen
worden war. Hatten die Tyrier, die anerkannt größten Techniker und
Maschinenbauer der damaligen Welt, alles Unerwartete geleistet, sich zu
schützen, so waren Alexanders Ingenieure, unter ihnen Diades und Chairias
aus der Schule des Polyeides, nicht minder erfinderisch gewesen, deren
Künste zu überbieten. Jetzt, nachdem der König durch seinen Damm einen
festen Angriffspunkt und für seine Schiffe einen ziemlich sicheren
Ankerplatz gewonnen, nachdem er den Meeresgrund gereinigt und seinen
Maschinen das Anlegen an den Mauern möglich gemacht, nachdem er die
tyrische Seemacht vom Meere verdrängt hatte, so daß ihm nichts mehr zu tun
übrigblieb, als die Mauern zu übersteigen oder zu durchbrechen, erst jetzt
begann für ihn die mühevollste und gefährlichste Arbeit. Die Wut der Tyrier
wuchs mit der Gefahr, ihr Fanatismus mit dem Nahen des Unterganges.

Dem Damme gegenüber waren die Mauern zu hoch und zu dick, um erschüttert
oder erstiegen zu werden; nicht viel mehr richteten die Maschinen auf der
Nordseite aus; die Mächtigkeit der in Zement gefügten Quadermassen schien
jeder Gewalt zu trotzen. Mit desto größerer Hartnäckigkeit verfolgte
Alexander seinen Plan; er ließ auf der Südseite der Stadt die Maschinen
anrücken, arbeiten, nicht eher ruhen, als bis die Mauer, bedeutend
beschädigt und durchbrochen, zu einer Bresche zusammenstürzte. Sogleich
wurden Fallbrücken hineingeworfen, ein Sturm versucht; es entbrannte der
härteste Kampf; vor der Wut der Verteidiger, vor den Geschossen, den
ätzenden, glühenden Massen, die sie schleuderten, den schneidenden,
fassenden Maschinen, die sie arbeiten ließen, mußten die Makedonen weichen;
der König gab die zu kleine Bresche auf, hinter die bald von den Tyriern
eine neue erbaut wurde.

Begreiflich, daß die Zuversicht im Heere zu wanken begann. Desto
ungeduldiger war der König, ein Ende zu machen; jene erste Bresche hatte
ihm gezeigt, wo er die trotzende Stadt fassen müsse; er wartete nur stille
See ab, den Versuch zu erneuern. Drei Tage nach dem vergeblichen Angriff --
es war im August -- war das Meer ruhig, die Luft klar, der Horizont
wolkenlos, alles so, wie des Königs Plan es forderte. Er berief die Führer
der zum Angriff bestimmten Truppen, sagte ihnen das Nötige. Dann ließ er
die mächtigsten seiner Maschinenschiffe im Süden gegen die Mauer anrücken
und arbeiten, während zwei andere Schiffe, das eine mit den Hypaspisten
Admets, das andere mit Koinos' Phalangiten, bereit lagen, zum Sturm
anzulegen, wo es möglich sein werde; er selbst ging mit den Hypaspisten; zu
gleicher Zeit ließ er sämtliche Schiffe in See gehen, einen Teil der
Trieren sich vor die Häfen legen, um während des Sturms vielleicht die
Hafenketten zu sprengen und in die Bassins einzudringen; alle anderen
Schiffe, welche Bogenschützen, Schleuderer, Ballisten, Katapulte,
Sturmböcke oder Ähnliches an Bord hatten, verteilten sich rings um die
Insel, mit dem Befehl, entweder wo es möglich sei zu landen, oder innerhalb
Schußweite unter den Mauern zu ankern und die Tyrier von allen Seiten so zu
beschießen, daß sie, unschlüssig, wo am meisten Gefahr oder Schutz sei,
desto leichter dem Sturm erlägen.

Die Maschinen begannen zu arbeiten, von allen Seiten flogen Geschosse und
Steine gegen die Zinnen, an allen Punkten schien die Stadt gefährdet, als
plötzlich der Teil der Mauer, auf den es Alexander abgesehen hatte,
zertrümmert zusammenstürzte und eine ansehnliche Bresche öffnete. Sogleich
legten die beiden Fahrzeuge mit Bewaffneten an der Stelle der
Maschinenschiffe bei, die Fallbrücken wurden hinabgelassen, die Hypaspisten
eilten über die Brücke, Admetos war der erste auf der Mauer, der erste, der
fiel; durch den Tod ihres Führers entflammt, unter den Augen des Königs,
der schon mit dem Agema folgte, drangen die Hypaspisten vor; bald waren die
Tyrier aus der Bresche verdrängt, bald ein Turm, bald ein zweiter erobert,
die Mauer besetzt, der Wallgang nach der Königsburg frei, den der König
nehmen ließ, weil von dort leichter in die Stadt hinabzukommen war.

Währenddessen waren die Schiffe von Sidon, Byblos, Arados in den Südhafen,
dessen Sperrketten sie gesprengt hatten, eingedrungen, hatten die dort
liegenden Schiffe teils in den Grund gebohrt, teils auf das Ufer getrieben;
ebenso waren die zyprischen Schiffe in den Nordhafen eingelaufen und hatten
bereits das Bollwerk und die nächsten Punkte der Stadt besetzt. Die Tyrier
hatten sich überall zurückgezogen, sich vor dem Agenorion gesammelt, dort
sich geschlossen zur Wehre zu setzen. Da rückte von der Königsburg der
König mit den Hypaspisten, von der Hafenseite her Koinos mit den
Phalangiten gegen diese letzten geordneten Haufen der Tyrier; nach kurzem,
höchst blutigem Kampf wurden auch diese bewältigt und niedergemacht.
Achttausend Tyrier fanden den Tod. Der Rest der Einwohner, so weit sie
nicht entkamen, an dreißigtausend Menschen, wurden in die Sklaverei
verkauft. Denen, die sich in den Heraklestempel geflüchtet hatten,
namentlich dem König Azemilkos, den höchsten Beamten der Stadt und einigen
karthagischen Festgesandten ließ Alexander Gnade angedeihen.

Es mag sein, daß die Sidonier und andere Phönikier auf ihren Schiffen
Tausende ihrer tyrischen Landsleute bargen und retteten; nicht minder, daß
ein Teil der alten Bevölkerung blieb oder sich wieder zusammenfand. Die
Stadt mit ihrem trefflichen Hafen zu erhalten und zu begünstigen, für eine
Flotte vielleicht die beste Station auf der ganzen syrischen Küste, hatte
Alexander allen Grund, schon um sich mitten unter den anderen Seestädten in
diesen Gewässern, die ihre Fürsten und ihre Flotten, wenn auch unter
makedonischer Hoheit behielten, die beherrschende Position zu sichern. Aber
das alte Gemeinwesen der Stadt und, so scheint es, das Königtum in ihr
hatte ein Ende. Tyros wurde der makedonische Waffenplatz an dieser Küste
und, wie man annehmen darf, eine der dauernden Stationen der Flotte.

Alexanders Siegesfeier war, daß er das Heraklesopfer, das ihm von den
Tyriern geweigert war, im Herakleion der Inselstadt beging, wobei das Heer
in voller Rüstung dazu ausrückte und die gesamte Flotte auf der Höhe der
Insel im Festaufzuge vorübersteuerte; unter Wettkampf und Fackellauf wurde
die Maschine, welche die Mauer gesprengt hatte, durch die Stadt gezogen und
im Herakleion aufgestellt, das Heraklesschiff der Tyrier, das schon früher
in Alexanders Hände gefallen war, dem Gott geweiht.

Die Kunde von diesen tyrischen Vorgängen muß unermeßlichen Eindruck
gemacht, sie muß wie der Tag von Issos dem Morgenlande, so und noch mehr
den abendländischen Küstenlanden bis zu den Säulen des Herakles die
überwältigende Wucht dieses makedonischen Kriegsfürsten fühlbar gemacht
haben. Die mächtige Inselstadt, die stolze Flotte, die Handelsschiffahrt,
der Reichtum dieser weltberühmten Stadt war dahin; der achilleische Zorn
des Siegers hatte sie niedergeworfen.

Er hatte neuen Widerstand im südlichen Syrien zu erwarten. Von Tyros hatte
er die Juden unter ihrem Hohenpriester Jaddua aufgefordert, sich zu
unterwerfen; unter dem Vorwande, durch ihren Untertaneneid dem persischen
Könige verpflichtet zu sein, hatten sie die Zufuhren und anderweitigen
Leistungen, die Alexander forderte, verweigert; im Gegensatz zu ihnen hatte
Sanballat, den der Hof von Susa zum Satrapen in Samaria bestellt hatte,
sich dem Sieger zugewandt. Größere Sorge machte die Grenzfestung Gaza; in
dem palästinischen Syrien bei weitem die wichtigste Stadt, auf der
Handelsstraße vom Roten Meer nach Tyros, von Damaskos nach Ägypten, als
Grenzfestung gegen die so oft unruhige ägyptische Satrapie für die
Perserkönige stets ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, war sie von
Dareios einem seiner treuesten Diener, dem Eunuchen Batis, anvertraut
worden, der kühn genug dem Vordringen des siegreichen Feindes ein Ziel zu
setzen gedachte. Er hatte die bedeutende persische Besatzung der Stadt
durch Werbungen bei den Araberstämmen, die bis an die Küste im Süden Gazas
wohnten, verstärkt; er hatte Vorräte für eine lange Belagerung angehäuft,
überzeugt, daß, wenn er jetzt den Feind aufzuhalten vermöchte, einerseits
die reiche Satrapie Ägypten in Gehorsam bleiben, anderseits der Großkönig
Zeit gewinnen werde, seine neuen Rüstungen im oberen Asien zu vollenden, in
die unteren Satrapien herabzukommen und den tollkühnen Makedonen über den
Tauros, den Halys, den Hellespont zurückzujagen. Der lange Widerstand, den
Tyros geleistet hatte, erhöhte den Mut des Eunuchen um so mehr, da die
Flotte, der Alexander die endliche Einnahme der Inselstadt dankte, vor Gaza
nicht anzuwenden war; denn die Stadt lag eine halbe Meile von der Küste,
die überdies, durch Sandbänke und Untiefen gesperrt, einer Flotte kaum zu
landen gestattete; von der Küste an erstreckte sich landeinwärts eine tiefe
Sandgegend bis zum Fuße des Erdrückens, auf dem Gaza erbaut war. Die Stadt
selbst hatte bedeutenden Umfang und war mit einer hohen und mächtigen Mauer
umgeben, die jedem Widder und jedem Geschoß widerstehen zu können schien.

Alexander brach etwa mit Anfang September 332 von Tyros auf; ohne bei der
festen Stadt Ake, welche den Eingang in das palästinische Syrien schließt,
Widerstand zu finden, rückte er gegen Gaza, lagerte sich auf der Südseite,
wo die Mauer am leichtesten angreifbar schien; er befahl sofort, die
erforderlichen Maschinen zu zimmern und aufzustellen. Aber die
Kriegsbaumeister erklärten, es sei bei der Höhe des Erdrückens, auf dem die
Stadt liege, unmöglich, Maschinen zu errichten, die sie zu erreichen und zu
erschüttern vermöchten. Um keinen Preis durfte Alexander diese Festung
unbezwungen lassen; je schwieriger den Seinen die Aufgabe schien, desto
mehr wollte er sie gelöst, auch hier das Unmögliche möglich gemacht sehen.
Er befahl auf der am meisten zugänglichen Südseite einen Damm gegen die
Stadt hin aufzuschütten, der die Höhe des Erdrückens, auf dem die Mauern
standen, erreichte. Die Arbeit wurde möglichst beeilt; sobald sie vollendet
war, wurden die Maschinen gegen die Mauer aufgefahren und begannen mit
Tagesanbruch zu arbeiten; währenddessen opferte Alexander gekränzt und im
kriegerischen Schmucke und erwartete ein Zeichen; da flog -- so wird
erzählt -- ein Raubvogel über den Altar hin und ließ ein Steinchen auf des
Königs Haupt hinabfallen, fing sich selbst aber in dem Tauwerk einer
Maschine; der Zeichendeuter Aristandros deutete das Zeichen dahin, daß der
König zwar die Stadt erobern werde, jedoch sich an diesem Tage wohl zu
hüten habe. Alexander blieb in der Nahe der schützenden Maschinen, die
nicht ohne Erfolg gegen die mächtigen Mauern arbeiteten. Plötzlich und mit
großer Heftigkeit machten die Belagerten einen Ausfall, warfen Feuer in die
Schirmdächer und Geschütze, beschossen von der hohen Mauer herab die
Makedonen, welche in den Maschinen arbeiteten und zu löschen suchten,
drängten diese so, daß sie bereits sich von ihrem Damme zurückzuziehen
begannen. Länger hielt sich Alexander nicht, an der Spitze seiner
Hypaspisten rückte er vor, half, wo am meisten Gefahr war, brachte die
Makedonen von neuem in den Kampf, so daß sie wenigstens nicht ganz von dem
Damme zurückgeworfen wurden; da traf ihn ein Katapultenpfeil, fuhr ihm
durch Schild und Panzer in die Schulter. Der König sank, die Feinde
drängten jubelnd heran, die Makedonen wichen von der Mauer zurück.

Des Königs Wunde war schmerzhaft, aber nicht gefährlich; sie hatte das
Zeichen zur Hälfte wahr gemacht, nun mochte auch der glücklichere Teil
desselben sich erfüllen. Eben jetzt waren die Maschinen, die die Mauern von
Tyrus gebrochen hatten, im nahen Hafen Majumas angekommen; um sie anwenden
zu können, befahl der König, Dämme von zwölfhundert Fuß Breite und
zweihundertfünfzig Fuß Höhe konzentrisch mit den Mauern der Stadt
aufzuschütten; zu gleicher Zeit wurden Minen bis unter die Mauern
getrieben, so daß diese an einigen Stellen durch ihre eigene Schwere, an
anderen vor den Stößen der Sturmböcke auf den Dämmen zusammensanken. Gegen
diese schadhaften Stellen begann man zu stürmen; zurückgeschlagen,
wiederholte man den Angriff zum zweiten-, zum drittenmal; endlich beim
vierten Sturm, als die Phalangen von allen Seiten heranrückten, als immer
neue Strecken der Mauer zusammenstürzten und die Maschinen immer
furchtbarer wirkten, als die tapferen Araber schon zu viele Tote und
Verwundete zählten, um noch an allen Orten den gehörigen Widerstand zu
leisten, gelang es den Hypaspisten, Sturmleitern in die Breschen zu werfen
und über den Schutt der eingestürzten Mauern einzudringen, die Tore
aufzureißen und dem gesamten Heere den Eingang in die Stadt zu öffnen. Ein
noch wilderer Kampf begann in den Straßen der Stadt; die tapferen Gazäer
verteidigten ihre Posten bis auf den Tod; ein gräßliches Blutbad endete den
heißen Tag; an zehntausend Barbaren sollen gefallen sein; ihre Weiber und
Kinder wurden in die Sklaverei verkauft. Reiche Beute fiel in des Siegers
Hand, namentlich an arabischen Spezereien, für die Gaza der Stapelplatz
war. Alexander zog die Bevölkerung der umliegenden philistäischen und
arabischen Ortschaften in die Stadt; eine dauernde Besatzung machte sie zu
einem Waffenplatz, der für Syrien und für Ägypten gleich wichtig war.

Nach den jüdischen Überlieferungen[8] hat Alexander nach dem Fall Gazas
einen Zug in das Gebiet des jüdischen und samaritanischen Landes
unternommen; in der Nähe Jerusalems, so sagen sie, sei ihm der Hohepriester
mit den Priestern und vielem Volk in Festkleidern entgegengekommen, habe
ihn als den begrüßt, von dem in ihren heiligen Büchern geschrieben stehe,
daß er die Herrschaft der Perser brechen werde; der König habe sich in
allem huldreich gegen sie erwiesen, ihnen ihre Gesetze gelassen und ihnen
gewährt, in jedem siebenten Jahre der Schatzung frei zu sein, habe auch in
dem Tempel Jehovas unter der Weisung des Hohepriesters ein feierliches
Opfer gebracht. Noch anderes, Widersprechendes wird erzählt.

    [8] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Es mag gestattet sein, noch einen Augenblick bei den syrischen Landen zu
verweilen. Die dürftigen Notizen, die nach den alten Überlieferungen über
die neue Ordnung der Dinge in diesen Gebieten anzuführen wären, geben im
entferntesten nicht eine klare Vorstellung, lassen nicht einmal erkennen,
ob hier in derselben Art und nach demselben Schema wie in den Satrapien
Kleinasiens verfahren wurde.

Wenigstens einiges zur Ergänzung bieten die Münzen. Das Silbergeld
Kleinasiens bis zum Tauros, sahen wir, mit dem bekannten Gepräge Alexanders
geschlagen, gehörte sämtlich späteren Klassen der Alexandermünzen an,
denen, die in und nach den Zeiten der Diadochen geschlagen sind; wir können
noch von einzelnen dieser Städte nachweisen, daß sie in der Zeit Alexanders
und solange sein Reich der Form nach bestand (bis 306), Münzen eigenen
Gepräges schlugen; wir durften daraus folgern, daß die Griechenstädte
Kleinasiens, sowie die des lykischen Bundes, durch Alexander zu freien, ihm
verbündeten Staaten gemacht wurden und daß sie in dieser ihrer staatlichen
Selbständigkeit das Münzrecht eben so souverän übten wie Athen und Argos
und die anderen Staaten des Korinthischen Bundes. Jenseits des Tauros
beginnt eine andere Weise; die zahlreichen Silbermünzen mit
Alexandergepräge, die aus den kilikischen Städten erhalten sind, gehören
sämtlich den älteren Klassen an; ebenso die von Komagene, Damaskus, von
Arados, Sidon, Ake, Askalon; und zwar wird hier in der Umschrift fast immer
Alexander König genannt, was bei den gleichzeitigen Münzen von Makedonien,
Thrakien und Thessalien in der Regel nicht der Fall ist.

Also in Kilikien, Syrien, Koilesyrien und Phönikien läßt Alexander das
städtische Gemeinwesen, aber die Städte werden nicht wie die griechischen
Kleinasiens autonome Staaten; ihre Münzen zeigen, daß sie entweder im
Auftrage des Königs und unter ihrer Verantwortlichkeit prägen, oder daß sie
nur innerhalb des von Alexander eingeführten Münzsystems und mit dessen
Typen, nur Königsgeld prägen dürfen.

Noch ein Weiteres darf hinzugefügt werden. Im Jahre 1863 wurde in der Nähe
von Sidon beim Umgraben eines Gartens ein Schatz von 3000 Goldstücken
gefunden, der nicht wie die Funde von 1829 und 1852 zerstreut wurde,
sondern wenigstens zum größeren Teil von Kundigen untersucht und
verzeichnet werden konnte. Unter den so beschriebenen 1531 Stateren waren
besonders zahlreich die von Ake und Sidon, von Arados; von Kilikien gab es
einzelne Stücke; von den Städten Makedoniens, Thrakiens, Thessaliens waren
ziemlich viele mit einem oder mehreren Typen vertreten; an Gepräge aus
Hellas fehlte es fast ganz, von Kleinasien fanden sich Kios, Klazomenä(?)
Pergamon, Rhodos mit ihrem eigenen Gepräge, ebenso König Pnytagoras vom
kyprischen Salamis vor. »Diese Münzen«, sagt der eine Bericht, »waren
beinahe durchgehend neu; ein großer Teil namentlich die in Sidon geprägten,
noch rauh wie sie eben vom Prägestock gekommen zu sein schienen.« Daß sich
unter diesen Münzen keine der Diadochen, die 306 den Königstitel angenommen
haben, fanden, sowie der Umstand, daß drei von Ake mit den Jahreszahlen 23
und 24 bezeichnet waren, ließ mit Sicherheit schließen, daß dieser Schatz
vor 306 und bald nach 310 vergraben worden ist, also zu einer Zeit, wo
formell noch die Monarchie Alexanders und die von ihm geschaffene
Reichsverwaltung bestand.

Sehr bemerkenswert ist, daß sich unter diesen vielen Goldmünzen auch nicht
eine von Tyros fand; es kann Zufall sein, wenn wir auch vermuten durften,
daß zunächst nach der Eroberung der Stadt ihre politische Berechtigung
minderer Art war als die anderer phönikischer Städte. Von besonderem
Interesse sind die Jahresziffern auf den Münzen von Ake; es finden sich die
entsprechenden auf anderweitig bekannten Münzen von Arados, und zwar von 21
bis zu 76; es wird in der Geschichte der Diadochen davon zu reden sein, daß
Arados 258 durch die Seleukiden volle Unabhängigkeit erhielt und damit eine
neue Ära begann; also Arados wie Ake hatte eine frühere Ära mit der
Befreiung vom Perserjoch begonnen, und man kann nur zweifeln, ob diese von
dem Siege am Granikos oder dem issischen datieren.

Wenigstens aus diesen Münzen ergibt sich nicht, daß auch die anderen Städte
diese Jahresrechnung eingeführt haben; aber jenen beiden Städten gewiß galt
dieser Sieg Alexanders als Befreiung und als ein neuer Anfang.

Lange genug hatte der Widerstand von Tyros, dann noch der von Gaza des
Königs Zug nach Ägypten verzögert; jetzt endlich, Jahr und Tag nach der
Schlacht bei Issos, gegen den Anfang Dezember 332 brach er von Gaza auf. Es
galt die letzte Provinz des Großkönigs am Mittelmeer zu nehmen, die, wenn
sie treu oder in treuen Händen gewesen wäre, vermöge ihrer günstigen
örtlichen Verhältnisse lange Widerstand zu leisten vermocht hätte. Aber wie
sollte sich das ägyptische Volk für die Sache eines Königs, an den es durch
nichts als die Ketten einer ohnmächtigen und darum doppelt verhaßten
Herrschaft gefesselt war, zu kämpfen bereit fühlen? Überdies lag in der
Natur der Ägypter weniger Neigung zu Kampf als zur Ruhe, mehr Geduld und
Arbeitsamkeit als Geist und Kraft; und wenn dessenungeachtet während der
zweihundert Jahre der Dienstbarkeit öfter Versuche gemacht worden waren,
die fremde Herrschaft abzuschütteln, so hat an diesen das Volk im ganzen um
so weniger Anteil genommen, als es seit der Auswanderung der einheimischen
Kriegerkaste daran gewöhnt war, fremde, besonders hellenische Söldner für
Ägypten kämpfen und höchstens Tausende von Eingeborenen als wüsten Haufen
oder als Packknechte mitziehen zu sehen. Überhaupt war der damalige Zustand
Ägyptens der der vollkommensten Stagnation; alle inneren Verhältnisse,
Überreste der längst untergegangenen Pharaonenzeit, standen im offenbarsten
Widerspruch mit jedem der geschichtlichen Wechselfälle, deren das Land seit
dem Sturze des priesterlichen Königtums soviel erfahren hatte; die Versuche
der saitischen Könige, ihr Volk durch Handel und Verbindung mit fremden
Völkern zu beleben, hatten nur das heimische Wesen noch mehr verwirren und
verstocken müssen; die persische Herrschaft, der sie erlagen, hatte dann
freilich mit dem dumpfen, stets zunehmenden Abscheu gegen die unreinen
Fremdlinge, mit wiederholten Empörungen solcher, die sich pharaonischen
Blutes rühmten, zu kämpfen, aber zu selbständiger Erhebung und eigener
Bewegung war Ägypten nicht mehr gekommen; in sich versunken, in
afrikanischer Indolenz und Genußsucht, belastet mit allen Nachteilen und
allem Aberglauben eines Kastenwesens, von dem die Zeit nichts als die
abgestorbene Form übriggelassen hatte, bei alle dem durch die überreiche
Fruchtbarkeit ihres Landes, der kein freier und lebendiger Verkehr nach
außen Wert und Reiz gab, mehr gedrückt als gefördert, bedurften die Ägypter
mehr als irgendein Volk einer Widergeburt, einer neuen und erfrischenden
Durchgärung, wie sie nur das hochgespannte hellenische Wesen und dessen
Herrschaft bringen konnte.

Ägypten war, sobald Alexander nahte, für den Perserkönig verloren; sein
Satrap Mazakes, des bei Issos gefallenen Sabakes Nachfolger, hatte die
unter Amyntas' Führung gelandeten griechischen Söldner aus Eifersucht oder
mißverstandenem Eifer, statt sie zur Verteidigung des Landes in Sold zu
nehmen, niedermetzeln lassen; jetzt, nach dem Fall von Tyros und Gaza, als
durch die feindliche Okkupation, die bis zu den Araberstämmen der Wüste
hinausreichte, Ägypten vom oberen Persien durchaus abgeschnitten war, schon
die von Tyros gekommene Flotte vor Pelusion lag, blieb dem Satrapen und den
wenigen Persern um ihn freilich nichts übrig, als sich möglichst schnell zu
unterwerfen.

So geschah es, daß, als Alexander von Gaza aus nach einem Marsche von
sieben Tagen in Pelusion eintraf, Mazakes ihm ohne weiteres Ägypten
übergab. Während der König seine Flotte auf dem pelusischen Nilarm stromauf
sandte, ging er selbst über Heliopolis nach Memphis, um sich mit derselben
dort wieder zu treffen. Alle Städte, zu denen er kam, ergaben sich ohne
Weigerung; ohne das geringste Hindernis besetzte er Memphis, die große
Hauptstadt des Nillandes, dessen Unterwerfung damit vollbracht war.

Er wollte mehr als unterwerfen; die Völker, zu denen er kam, sollten
innewerden, daß er komme, zu befreien und aufzurichten, daß er ehre, was
ihnen heilig, gelten lasse, was nach ihrer Landesart sei. Nichts hatte die
Ägypter tiefer getroffen, als daß König Ochos den heiligen Stier in Memphis
niedergestochen hatte; Alexander opferte, wie den anderen Göttern der
Ägypter, so dem Apis im Phthatempel zu Memphis; er ließ dort von
hellenischen Künstlern gymnische und musische Wettkämpfe halten, zum
Zeichen, wie fortan das Fremde hier heimisch, das Einheimische auch den
Fremden ehrwürdig sein werde. Die Achtung, die er den ägyptischen Priestern
zollte, mußte ihm diese Kaste um so mehr gewinnen, je tiefer sie von der
oft fanatischen Intoleranz der persischen Fremdlinge herabgewürdigt worden
war.

Mit der Besitznahme Ägyptens hatte Alexander die Eroberung der
Mittelmeerküsten, die unter persischer Herrschaft gestanden, vollendet. Der
kühnste Gedanke der perikleischen Politik, in der Befreiung Ägyptens der
See- und Handelsherrschaft Athens ihren Schlußstein und dauernde Sicherung
zu geben, war nun nicht bloß erfüllt, sondern weit überboten: der
hellenischen Welt war das Ostbassin des Mittelmeeres gewonnen und mit der
Herrschaft über Ägypten die nahe Meeresbucht, von der aus die Seestraßen
nach Äthiopien und dem Wunderland Indien führten. Unermeßliche Aussichten
knüpften sich an den Besitz Ägyptens.

Wie Alexander sie ergriff und zu verwirklichen gedachte, zeigte das
Nächste, was er von Memphis aus unternahm.

Er hatte in Pelusion an der östlichen Ecke des Delta eine starke Besatzung
gelassen; von dort sollte im nächsten Frühling der Zug nach dem inneren
Asien ausgehen. Von Memphis aus fuhr er mit den Hypaspisten, dem Agema der
makedonischen Ritterschaft, den Agrianern und Bogenschützen den westlichen
Nilarm hinab nach Kanobos, von da längs der Küste nach Rakotis, einem alten
Grenzposten gegen Libyen. Der Flecken lag auf der acht Meilen langen
Nehrung, welche das Haffwasser Mareotis vom Meere trennt, vor der Küste
sieben Stadien von ihr entfernt die Insel Pharos, jenes Robbeneinland der
homerischen Gesänge. Der König erkannte, wie überaus geeignet der Strand
zwischen der Mareotis und dem Meere zur Gründung einer Stadt, der Meeresarm
zur Herstellung eines großen und fast gegen jeden Wind sichernden Hafens
sei.

Er selbst, so wird erzählt, wollte sofort seinem Baumeister Deinokrates den
Plan der Stadt, die Straßen und Märkte, die Lage der Tempel für die
hellenischen Götter und für die ägyptische Isis bezeichnen; da eben nichts
anderes zur Hand war, ließ er seine Makedonen ihr Mehl ausstreuend die
Linien des Grundrisses ziehen, worauf unzählige Vögel von allen Seiten
herbeigeflogen kamen, von dem Mehl zu fressen, ein Zeichen, das der weise
Aristandros auf den künftigen Wohlstand und ausgebreiteten Handel der Stadt
deutete. Es ist bekannt, auf welch außerordentliche Weise dieses Zeichen
und des Königs Gedanken erfüllt worden sind; die Bevölkerung der Stadt
wuchs reißend schnell, ihr Handel verband demnächst die abendländische Welt
mit dem neu erschlossenen Indien, sie wurde der Mittelpunkt für das
hellenische Leben der nächsten Jahrhunderte, die Heimat der aus dem Orient
und Okzident zusammenströmenden Weltbildung und Weltliteratur, das
herrlichste und dauerndste Denkmal ihres großen Gründers.



  Drittes Kapitel

  Die persischen Rüstungen -- Alexanders Marsch nach Syrien, über
  den Euphrat, nach dem Tigris. Schlacht bei Gaugamela -- Marsch
  nach Babylon -- Besetzung von Susa -- Zug nach Persepolis


Stets ist das stolze Recht des Sieges der Sieg eines höheren Rechts, des
Rechts, das die höhere Spannkraft, die überlegene Entwicklung, die
treibende Kraft eines neuen zukunftreichen Gedankens gibt. In solchen
Siegen vollzieht sich die Kritik dessen, was bisher war und galt, aber
nicht weiter führt, mächtig und selbstgewiß schien, aber in sich krank und
brüchig ist. Nicht das Herkommen noch das ererbte Recht, nicht
Friedlichkeit noch Tugend noch sonstiger persönlicher Wert schützt dann vor
der überwältigenden Macht dessen, dem das Verhängnis geschichtlicher Größe
zuteil geworden ist. Siegend, solange er zu wagen, zu kämpfen,
niederzuwerfen findet, baut er auf, indem er noch zerstört, schafft so eine
neue Welt, aber aus den Trümmern, auf dem Trümmerfeld seiner Zerstörungen.
Was er besiegt und gebrochen hat, überdauert ihn in seinem Werk.

Die Überlieferungen von Alexanders Geschichte heben mehr oder weniger
geflissentlich den Gegensatz zwischen ihm und Dareios, zwischen dem Helden
der Tat und dem Helden des Leidens hervor. Sie schildern Dareios als milde,
edel, treu, als ein Muster der Ehrerbietung gegen seine Mutter, der Liebe
und Herzlichkeit gegen seine Gemahlin und seine Kinder, als den Persern
wegen seiner Gerechtigkeit, seiner ritterlichen Tapferkeit, seines
königlichen Sinnes hochverehrt. Es mag sein, daß er für ruhige Zeiten ein
König gewesen wäre, wie ihn die Throne Asiens selten gesehen; aber von dem
Strome der Begebenheiten, dem zu widerstehen vielleicht einem Kambyses
oder Ochos gelungen wäre, schon ergriffen, bot er, sich und sein Reich noch
zu retten, auch zu unwürdigen und verbrecherischen Plänen die Hand, ohne
damit mehr zu erreichen als das lastende Bewußtsein, nicht mehr ohne Schuld
an dem zu sein, gegen den er vergebens rang. Und mit der wachsenden Gefahr
mehrte sich die Verwirrung, die Haltungslosigkeit und das Unrecht in allem,
was er tat oder versuchte; immer dunkler umzog sich die Zukunft für das
persische Königtum und dessen gerechte Sache; schon war das Tor gen Asien
erbrochen, schon die reichen Satrapien der Küste des Siegers Beute, schon
die Grundfeste der Achämenidenmacht erschüttert. Und hätte vielleicht der
Großkönig selbst nach seiner milden Art gern das Verlorene verschmerzt und
dem Frieden noch größere Opfer gebracht, so sollte ihn, dessen Sinn weniger
an Thron und Reich als an Weib und Kind zu hängen schien, das größte Maß
des Schmerzes, wie er ihn empfand, die Größe seines Sturzes empfinden
lassen.

Dies Motiv ist es, das jene Überlieferungen mit den lebhaftesten Farben
ausmalen. Sie heben hervor, daß des Großkönigs Mutter Sisygambis, seine
Kinder, seine Gemahlin, die schönste der Frauen Asiens, ihm doppelt teuer,
da sie ein Kind unter dem Herzen trägt, Alexanders Gefangene sind. Die
Hälfte seines Reiches und ungeheure Schätze bietet Dareios dem Feinde für
die Gefangenen, der stolze Feind fordert Unterwerfung oder neuen Kampf.
Dann kommt Tireus der Eunuch, der gefangenen Königin Diener, der aus dem
Lager des Feindes geflohen ist, zum Dareios, bringt ihm die
Trauerbotschaft, die Königin sei in den Geburtswehen gestorben. Da schlägt
sich Dareios die Stirn, laut jammernd, daß Stateira tot sei, daß die
Königin der Perser selbst der Ehre des Grabes entbehren müsse. Der Eunuch
tröstet ihn: weder im Leben noch im Tode habe es ihr der makedonische König
vergessen, daß sie eines Königs Gemahlin sei, er habe sie und die Mutter
und die Kinder in höchsten Ehren gehalten bis auf diesen Tag, er habe die
königliche Leiche mit aller Pracht nach persischer Weise bestatten lassen
und mit Tränen ihr Gedächtnis geehrt. Bestürzt fragt Dareios, ob sie
keusch, ob sie treu geblieben, ob Alexander sie nicht gezwungen habe zu
seinem, wider ihren Willen. Da wirft sich der treue Eunuch ihm zu Füßen,
beschwört ihn, nicht das Andenken seiner edlen Herrin zu beschimpfen und
sich nicht selbst in seinem endlosen Unglück den letzten Trost zu rauben,
den, von einem Feinde überwunden zu sein, der mehr als ein Sterblicher zu
sein scheine; er beschwört es mit den höchsten Eiden, daß Stateira treu und
keusch gestorben, daß Alexanders Tugend ebenso groß sei wie seine Kühnheit.
Dareios hebt die Hände gen Himmel und fleht zu den Göttern: »Wollt mir mein
Reich zu erhalten und wieder aufzurichten gewähren, damit ich als Sieger
dem Alexandros vergelten kann, was er den Meinen getan; soll ich aber nicht
länger Asiens Herr sein, so gebt die Tiara des großen Kyros keinem anderen
als ihm.«

Schon war des Großkönigs Aufgebot in alle Satrapien des Reichs gesandt, von
dem, wenn auch große, doch im Verhältnis zum Ganzen nicht bedeutende
Länderstrecken in Feindesland waren. Ganz Iran, Ariana, Baktrien, alles
Land bis zu den Quellen des Euphrat stand noch unberührt; es waren die
tapfersten und treuesten Völker Asiens, die nur auf des Königs Befehl
warteten, ins Feld zu rücken; was galt Ägypten, Syrien, Kleinasien gegen
die ungeheure Länderstrecke vom Taurus bis zum Indus, vom Euphrat bis zum
Jaxartes, was der Verlust stets unzuverlässiger Küstenvölker gegen die
treuen Meder und Perser, gegen die Reiterschwärme der baktrischen Ebene und
die tapferen Bergvölker der kaspischen und kurdischen Gebirge? Waren es
nicht seit des ersten Dareios Zeit die jetzt verlorenen Küstenlande und die
Bemühungen um die Seeherrschaft, zu denen sie nötigten, so gut wie allein
gewesen, die Gefahr und Unheil über das Reich des Kyros gebracht, die
Perser zum eigenen Verderben in die ewigen Streitigkeiten der Hellenen
verwickelt hatten? Jetzt galt es, das Innere des Morgenlandes zu retten,
die hohe Burg Iran zu verteidigen, die Asien beherrscht; jetzt rief der
König der Könige die Edlen seines Stammes, die Enkel der sieben Fürsten,
die getreuen Satrapen, an der Spitze ihrer Volker für den Ruhm und die
Herrschaft Persiens zu kämpfen; in ihre Hand legte er sein Schicksal;
nicht hellenische Söldner, nicht hellenische Feldherren und makedonische
Flüchtlinge sollten die Eifersucht und das Mißtrauen der Seinen wecken; die
wenigen tausend Fremdlinge, die mit ihm von Issos geflüchtet waren, hatte
das gemeinsame Unglück mit den Söhnen Asiens vereinigt; ein echt
asiatisches Heer sollte dem Heere Europas vor den Bergwällen Irans
entgegentreten.

Die Ebene von Babylon war zum Sammelplatz des großen Völkerheeres bestimmt.
Aus dem fernsten Asien führte Bessos, der baktrische Satrap, die Baktrier,
die Sogdianer, die streitbaren indischen Völker aus dem Berglande des
indischen Kaukasus heran; ihm hatten sich das turkestanische Reitervolk der
Saker unter Mauakes und die Daer aus der Steppe des Aralsees angeschlossen.
Die Völker aus Arachosien und Drangiana und die indischen Bergbewohner der
Paravetiberge kamen unter ihrem Satrapen Barsaentes, ihre westlichen
Nachbarn aus Areia unter dem Satrapen Satibarzanes, die persischen,
hyrkanischen und tapurischen Reiterschwärme aus Chorassan, dem Schwertlande
Irans, unter Phrataphernes und seinen Söhnen. Dann die Meder, einst die
Herren Asiens, deren Satrap Atropates zugleich die Kadusier, Sakasener und
Albaner aus den Tälern des Kur, des Araxes und des Urmea-Sees führte. Von
Süden her, von den Küsten des Persischen Meeres, kamen die Völker
Gedrosiens und Karmeniens unter Okontobates und Ariobarzanes, dem Sohne des
Artabazos, die Perser unter Orxines, aus dem Geschlechte der sieben
Fürsten. Die Susianer und Uxier führte Oxyathres, der Sohn des susianischen
Satrapen Abulites; die Scharen von Babylon sammelten sich unter Bupales'
Befehl, die aus Armenien kamen unter Orontes und Mithraustes, die aus
Syrien diesseits und jenseits der Wasser unter Mazaios; selbst aus dem
kappadokischen Land, dessen Westen nur der Zug des makedonischen Heeres
berührt hatte, kamen Reisige unter ihres Dynasten Ariarathes Führung.

So sammelte sich während des Frühjahrs 331 das Reichsheer des Perserkönigs
in Babylon, an vierzigtausend Pferde und Hunderttausende von Menschen,
dazu zweihundert Sensenwagen und fünfzehn Elefanten, die vom Indus
hergebracht waren. Es heißt, daß gegen die sonstige Gewohnheit von dem
Könige für die Bewaffnung des Heeres, namentlich der Reiter, gesorgt worden
sei. Vor allem galt es, einen Kriegsplan zu entwerfen, der dem Perserheere
möglich machte, mit der ganzen Wucht seiner Massen und dem Ungestüm seiner
ungeheuren Reitermacht zu wirken.

Zwei Ströme, der Euphrat und Tigris, durchschneiden in diagonaler Richtung
das Tiefland, das sich am Fuße des iranischen Gebirgswalles hinabzieht;
über sie führen die Wege von den Küsten des Mittelmeeres zum oberen Asien.
Es war ein naheliegender Gedanke, dem Feinde an den Stromübergängen
entgegenzutreten; es war verständig, die Hauptmacht des Großkönigs hinter
dem Tigris aufzustellen, da dieser einerseits schwerer zu passieren ist,
anderseits eine am Euphrat verlorene Schlacht sie nach Armenien geworfen
und Babylon, sowie die großen Straßen nach Persis und Medien preisgegeben
hätte, wogegen eine Stellung hinter dem Tigris Babylon deckte, eine
gewonnene Schlacht den Feind in den weiten Wüstenebenen von Mesopotamien
aller Verfolgung preisgab, eine verlorene den Rückzug nach den östlichen
Satrapien offenließ. Dareios begnügte sich, an den Euphrat einige tausend
Mann unter Mazaios vorauszusenden, um die Passage des Flusses beobachten zu
lassen; er selbst ging von Babylon aus in die Gegend von Arbela, einem
Hauptorte auf der großen Heerstraße, die weiter jenseits des Lykos zu der
großen Ebene von Ninive führt, welche sich westwärts bis an das linke Ufer
des reißenden Tigris und nordwärts bis an die Vorhöhen des Zagrosgebirges
ausdehnt; dort mochte er, sobald Alexander herankam, an die Ufer des
Stromes rücken und ihm den Übergang unmöglich machen wollen.

Während der König Dareios für die Osthälfte seines Reiches an ihrer
Schwelle mit allen Streitkräften, die sie aufbringen konnte, zu kämpfen
bereit stand, war im fernen Westen der letzte Rest der persischen Macht
erlegen.

Was hätte die persische Flotte im hellenischen Meere leisten können, wenn
sie zur rechten Zeit agiert, wenn sie die von König Agis im Peloponnes
eingeleitete Bewegung mit aller Kraft unterstützt hätte. Aber zögernd, ohne
Plan und Entschluß, hatte sie im Sommer 333 den Moment einer entscheidenden
Offensive versäumt; und doch blieb sie, schon durch die Absendung der
Schiffe, die die Söldner nach Tripolis führten, geschwächt, auch nach der
Schlacht von Issos und als schon die phönikische Küste von den Feinden
bedroht war, in jenen westlichen Stationen, die nur für die Offensive einen
Sinn hatten, statt nach Phönikien zu eilen, den Widerstand von Tyrus zu
unterstützen und die unsicheren Kontingente der Flotte beieinander zu
halten. Mit dem Frühling 332 segelten die phönikischen, die cyprischen
Schiffe heim, aber Pharnabazos und Autophradates blieben mit dem Rest der
Flotte im Ägäischen Meer, schon so gering an Macht, daß sie sich nur mit
Mühe, nur noch durch die Beihilfe der von ihnen begünstigten oder
eingesetzten Tyrannen in dem Besitz von Tenedos, Lesbos, Chios, Kos zu
behaupten vermochten. Durch Antipatros' Umsicht und feste Haltung alles
Einflusses im übrigen Hellas beraubt, standen sie nur noch mit Agis in
unmittelbarer Verbindung; aber die Bewegung, die dieser im Einverständnis
mit ihnen im Peloponnes zu erregen gehofft hatte, war durch die allmähliche
Auflösung der Seemacht gleichfalls ins Stocken geraten, nur Kreta hatte er
durch seinen Bruder besetzen lassen. Indes entwickelte die makedonische
Flotte unter den Nauarchen Hegelochos und Amphoteros während des Jahres 332
in den griechischen Gewässern ein so bedeutendes Übergewicht, daß zunächst
die Tenedier, die nur gezwungen das Bündnis mit Alexander gegen das
persische Joch vertauscht hatten, den Makedonen ihren Hafen öffneten und
das frühere Bündnis von neuem proklamierten. Ihrem Beispiele folgten die
Chier, die, sobald sich die makedonische Flotte auf ihrer Reede zeigte,
gegen die Tyrannen und die persische Besatzung einen Aufstand machten und
die Tore öffneten; der persische Admiral Pharnabazos, der damals mit
fünfzehn Trieren im Hafen von Chios lag, sowie die Tyrannen der Insel
kamen in die Gewalt der Makedonen; und als während der Nacht Aristonikos,
der Tyrann von Methymna auf Lesbos, mit einigen Kaperschiffen vor dem
Hafen, den er noch in den Händen der Perser glaubte, erschien und
einzulaufen begehrte, ließ ihn die makedonische Hafenwache ein, machte dann
die Mannschaft der Trieren nieder und brachte den Tyrannen als Gefangenen
in die Burg. Immer mehr sank das Ansehen der Perser und ihre Partei; schon
hatte auch Rhodus zehn Trieren zur makedonischen Flotte vor Tyros gesandt;
jetzt sagten sich auch die Koer von der persischen Sache los; und während
Amphoteros mit sechzig Schiffen dorthin abging, wandte sich Hegelochos mit
der übrigen Flotte nach Lesbos. Dort hatte sich Chares, dem im Jahre vorher
sein Versuch auf Methymna mißglückt war, mit 2000 Söldnern eingefunden,
Mytilene besetzt und im Namen des Darius den Herrn zu spielen begonnen; der
alte attische Kriegsmann hatte nicht beabsichtigt, ein großes Spiel zu
wagen, er kapitulierte auf freien Abzug, zog mit seinen Kriegsleuten nach
der attischen Insel Imbros, später nach Tänaron, dem großen Söldnermarkt.
Die Übergabe Mytilenes gab auch den anderen Städten der Insel den Mut, frei
zu sein; sie erneuten ihre demokratische Verfassung. Dann segelte
Hegelochos südwärts nach Kos, das sich bereits in Amphoteros' Händen
befand. Nur Kreta war noch von den Lakedämoniern besetzt; Amphoteros
übernahm ihre Unterwerfung und segelte mit einem Teil der Flotte dorthin
ab, mit dem anderen ging Hegelochos nach Ägypten, um selbst die Meldung von
dem Ausgang des Kampfes gegen die persische Seemacht zu überbringen,
zugleich die Gefangenen abzuliefern, alle bis auf Pharnabazos, der auf der
Insel Kos zu entweichen Gelegenheit gefunden hatte. Alexander befahl, die
Tyrannen den Gemeinden, die sie geknechtet hatten, zum Gericht
zurückzusenden; diejenigen aber, welche die Insel Chios an Memnon verraten
hatten, wurden mit einer starken Eskorte nach der Nilinsel Elephantine, den
südlichsten Grenzposten des Reiches, ins Elend geschickt.

So war mit dem Ausgang des Jahres 332 der letzte Rest einer persischen
Seemacht, die das makedonische Heer im Rücken zu gefährden und dessen
Bewegungen zu hindern vermocht hätte, vernichtet. Die Reihe von
Waffenplätzen, die sich vom thrakischen Bosporus über die Küsten
Kleinasiens und Syriens bis zu dem neugegründeten Alexandreia hin
erstreckte, diente ebensosehr zur vollkommenen Behauptung der unterworfenen
Lande, wie sie für die weiteren Unternehmungen nach Osten eine breite Basis
gab. Der neue Feldzug sollte in eine neue und fremde Welt und unter Völker
führen, denen die hellenische Weise fremd, das freie Verhältnis der
Makedonen zu ihrem Fürsten unverständlich, denen der König ein Wesen
höherer Art war. Wie hätte Alexander verkennen können, daß die Völker, die
er zu einem Reiche zu vereinen gedachte, ihre Einheit zunächst nur in ihm
finden würden und erkennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von
Ilion als den hellenischen Helden bezeichnete, wenn die Völker Kleinasiens
in dem Löser des Gordischen Knotens den verheißenen Überwinder Asiens
erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyros und der Feier im Phthatempel
zu Memphis der siegende Fremdling sich mit den besiegten Völkern und ihrer
heiligsten Sitte versöhnt hatte, so sollte ihn jetzt in das Innere des
Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der
die Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Aufgang bis
Niedergang Erkorenen erkennen mochten.

In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das verwitterte Felsenbild
der hütenden Sphinx und die halbversandeten Pyramiden der Pharaonen stehen,
in dieser einsamen, totenstillen Wüste, die sich vom Saume des Niltales
abendwärts in unabsehbarer Ferne erstreckt, und mit deren Flugsand ein
glühender Mittagswind die mühsame Spur des Kamels verweht, liegt wie im
Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen überschattet, von Quellen und
Bächen und dem Tau des Himmels getränkt, die letzte Stätte des Lebens für
die rings ersterbende Natur, der letzte Ruheplatz für den Wanderer in der
Wüste; unter den Palmen der Oase steht der Tempel des geheimnisvollen
Gottes, der einst auf heiligem Kahne vom Lande der Äthiopen zum
hunderttorigen Theben gekommen, der von Theben durch die Wüste gezogen
war, auf der Oase zu ruhen und dem suchenden Sohne sich kundzutun in
geheimnisvoller Gestalt. Ein frommes priesterliches Geschlecht wohnte um
den Tempel des Gottes, fern von der Welt, in heiliger Einsamkeit, in der
Ammon Zeus, der Gott des Lebens, nahe war; sie lebten für seinen Dienst und
für die Verkündigung seiner Orakel, die zu hören die Volker nah und fern
heilige Boten und Geschenke sandten. Zu dem Tempel in der Wüste beschloß
der makedonische König zu ziehen, um große Dinge den großen Gott zu fragen.

Was aber wollte er fragen? Seine Makedonen erzählten sich wunderbare
Geschichten aus früherer Zeit; damals von wenigen geglaubt, von vielen
verlacht, von allen gekannt, waren sie durch diesen Zug von neuem angeregt
worden; man erinnerte sich der nächtlichen Orgien, die Olympias in den
Bergen der Heimat feierte; man wußte von ihren Zauberkünsten, um deren
willen sie König Philipp verstoßen; er habe sie einst in ihrem Schlafgemach
belauscht und einen Drachen in ihrem Schoß gesehen; vertraute Männer, die
er nach Delphi geschickt, hätten ihm des Gottes Antwort gebracht: er möge
dem Ammon Zeus opfern und ihn vor allen Göttern ehren. Man meinte, auch
Herakles sei einer sterblichen Mutter Sohn gewesen; man wollte wissen, daß
Olympias ihrem Sohne auf dem Wege zum Hellespont das Geheimnis seiner
Geburt vertraut habe. Andere hielten dafür, der König wolle für seinen
weiteren Zug Gottes Rat erfragen, wie ja auch Herakles getan, als er nach
dem Riesen Antäos ausgezogen und Perseus, ehe er die Fahrt zu den Gorgonen
unternommen; beide seien des Königs Ahnherren, deren Beispiel er gern
nachahme. Was er wirklich wollte, erfuhr niemand; nur wenige Truppen
sollten ihm folgen.

Von Alexandreia brach der Zug auf und wandte sich zunächst längs der
Meeresküste gen Paraitonion, der ersten Ortschaft der Kyrenaier, die
Gesandte und Geschenke -- 300 Kriegsrosse und 5 Viergespanne -- sandten und
um ein Bündnis mit dem Könige baten, das ihnen gewährt wurde. Von hier
führte der Weg südwärts durch wüste Sandstrecken, über deren eintönigen
Horizont kein Baum, kein Hügel hervorragt; den Tag hindurch heiße Luft voll
feinen Staubes; der Sand oft so lose, daß jeder Schritt unsicher war;
nirgends ein Grasplatz zum Ruhen, nirgends ein Brunnen oder Quell, der den
brennenden Durst hätte stillen können; -- Regenwolken, die bald, ein
Geschenk der Jahreszeit, wiederholentlich Erquickung gaben, galten für eine
Wundergabe des Gottes in der Wüste. So zog man weiter; keine Spur
bezeichnete den Weg, und die niedrigen Dünen in diesem Sandmeer, die mit
jedem Winde Ort und Form wechseln, vermehrten nur die Verwirrung der
Führer, die schon die Richtung zur Oase nicht mehr zu finden wußten; -- da
zeigten sich an der Spitze des Zuges ein paar Raben, sie erschienen wie
Boten des Gottes, und Alexander befahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu
folgen. Mit lautem Krähen flogen sie davon, sie rasteten mit dem Zuge, sie
flatterten weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten sich die
Wipfel der Palmen, und die schöne Oase des Ammon empfing den Zug des
Königs.

Alexander war überrascht von der Heiterkeit dieses heiligen Bezirkes, der,
reich an Oliven und Datteln, an kristallinischem Salz und heilsamen
Quellen, von der Natur zu dem frommen Dienste des Gottes und dem stillen
Leben seiner Priester bestimmt schien. Als der König darauf, so wird
erzählt, das Orakel zu hören verlangte, begrüßte der Älteste unter den
Priestern ihn in dem Vorhofe des Tempels, gebot dann seinen Begleitern
allen, draußen zu verweilen und führte ihn in die Zelle des Gottes; nach
einer kleinen Weile kam Alexander heiteren Angesichtes zurück und
versicherte, die Antwort sei ganz nach seinem Wunsche ausgefallen. Dasselbe
soll er in einem Briefe an seine Mutter wiederholt haben: wenn er sie
wieder sähe bei seiner Rückkehr wolle er ihr die geheimen Orakel, die er
empfangen, mitteilen. Dann beschenkte er den Tempel und die
gastfreundlichen Bewohner der Oase auf das reichlichste und kehrte nach
Memphis in Ägypten zurück.

Alexander hatte die Antwort des Gottes verschwiegen, desto lebhafter war
die Neugier oder Teilnahme seiner Makedonen; die mit im Ammonion gewesen
waren, erzählen Wunderbares von jenen Tagen; des Oberpriesters erster Gruß,
den sie gehört hätten, sei gewesen: »Heil dir, o Sohn!« und der König habe
erwidert: »O Vater, so sei es; dein Sohn will ich sein, gib mir die
Herrschaft der Welt!« Andere verlachten diese Märchen; der Priester habe
Griechisch reden und den König mit der Formel »Paidion« anreden wollen,
statt dessen aber, mit einem Sprachfehler »Paidios« gesetzt, was man
wahrlich für »Sohn des Zeus« nehmen könne. Schließlich galt als das Sichere
über diesen Vorgang: Alexander habe Gott gefragt, ob alle, die an seines
Vaters Tod schuld hätten, gestraft seien; darauf sei geantwortet: er möge
besser seine Worte wägen, nimmermehr werde ein Sterblicher den verletzen,
der ihn gezeugt; wohl aber seien die Mörder Philipps des Makedonenkönigs
alle gestraft. Und zum zweiten habe Alexander gefragt, ob er seine Feinde
besiegen werde, und der Gott habe geantwortet: ihm sei die Herrschaft der
Welt bestimmt, er werde siegen, bis er zu den Göttern heimgehe. Diese und
ähnliche Erzählungen, die Alexander weder bestätigte noch widerrief,
dienten dazu, um seine Person ein Geheimnis zu verbreiten, das dem Glauben
der Völker an ihn und seine Sendung Reiz und Gewißheit lieh und den
aufgeklärten Hellenen nicht seltsamer zu scheinen brauchte als des
Herakleitos Wort, daß die Götter unsterbliche Menschen, die Menschen
sterbliche Götter seien, nicht seltsamer als der Heroenkult der Gründer in
den neueren wie älteren Kolonien oder die Altäre und Festdienste die vor
zwei Menschenaltern dem Spartaner Lysandros gewidmet worden waren.

Es läge nahe, an dieser Stelle noch eine andere Frage aufzuwerfen,
diejenige, mit der man doch erst den Kern der Sache treffen würde. Wie hat
sich Alexander den Zweck dieses Zuges ins Ammonion, die geheinmisvollen
Vorgänge in dem Tempel dort gedacht? Hat er die Welt täuschen wollen? Hat
er selbst geglaubt, was er sie wollte glauben machen? Hat er, sonst so
klaren und freien Sinnes, seines Wollens und Könnens so gewiß, Momente
innerer Unsicherheit gehabt, in denen sein Gemüt eine Stütze, einen
Ruhepunkt in dem Überirdischen suchte? Man sieht, es handelt sich bei
dieser Frage um die religiösen und sittlichen Voraussetzungen, unter denen
das Wollen und Handeln dieses leidenschaftlichen Charakters stand, um das
innerste Wesen seiner Persönlichkeit, man könnte sagen, um sein Gewissen.
Ganz verstehen könnte man ihn nur von diesem Mittelpunkt seines Wesens aus,
zu dem das, was er tut und schafft, nur die Peripherie ist, nur Stücke der
Peripherie, von denen uns in der Überlieferung nur Fragmente erhalten sind.
Dem Poeten steht es zu, zu der Handlung, die er darstellt, die Charaktere
so zu dichten, daß sich aus ihnen erklärt, was sie tun und leiden. Die
historische Forschung steht unter einem anderen Gesetz; auch sie sucht von
den Gestalten, deren geschichtliche Bedeutung sie zu verfolgen hat, ein
möglichst klares und begründendes Bild zu gewinnen; sie beobachtet, soweit
ihre Materialien es gestatten, deren Tätigkeiten, Begabungen, Tendenzen;
aber sie dringt nicht bis zu der Stelle, wo alle diese Momente ihren Quell,
ihren Impuls, ihre Norm haben. Das tiefinnerste Geheimnis der Seele zu
finden, damit den sittlichen Wert, das will sagen, den ganzen Wert der
Person richtend zu bestimmen, hat sie keine Methoden und keine Kompetenz.
Genug, daß sie für die Lücken, die ihr so bleiben, eine Art von Ersatz hat,
indem sie die Persönlichkeiten in einem anderen Zusammenhang als dem, wo
ihr sittlicher Wert liegt, in dem ihres Verhältnisses zu den großen
geschichtlichen Entwicklungen, ihres Anteils an überdauernden Leistungen
und Schöpfungen, in ihrer Kraft oder Schwäche, ihren Plänen und
Veranstaltungen, ihrer Begabung und Energie, dieselben zu ermöglichen,
auffaßt und sie da nach ihrer Bedeutung einreiht, übt sie die
Gerechtigkeit, die ihr zusteht, und gewährt sie ein Verständnis, das nicht
tiefer, aber weiter und freier ist, als jenes nur psychologische.

Wenigstens berührt mag hier ein Punkt werden, in dem sich bedeutsame Linien
zu kreuzen scheinen.

Seit jenem merkwürdigen Ausspruch des Herakleitos, seit dem Äschyleischen
»in vielen Namen _eine_ Gestalt«, haben die Dichter und Denker der
hellenischen Welt nicht aufgehört, in den vielen Göttergestalten und deren
Mythen, die ihrem Volke Religion waren, den tieferen Sinn zu suchen und in
ihm die Rechtfertigung ihres Glaubens zu finden. Man weiß, bis zu welchen
Punkten Aristoteles diese Fragen vertieft hat. Alexander wird nicht bloß
dessen populären Dialog gelesen haben, in dem er schildert, wie ein Blick
in die Herrlichkeit der Welt und die ewige Bewegung der Gestirne dem, der
sie zum erstenmal sehe, die Überzeugung geben würde, »daß wirklich Götter
seien, daß so Staunenswürdiges ihr Wirken und Werk sei«. Aus des großen
Denkers Vorträgen mag auch er die Überzeugung gewonnen haben, daß die frühe
Vorzeit den Himmel und die Gestirne, die sich in ewigen Sphären an ihm
bewegen, als Gottheiten angeschaut, deren Tun und Wirken »in mythischer
Gestalt« ausgesprochen habe, daß »zur Überredung der vielen sowie um der
Gesetze und des Gebrauches willen« diese Mythen beibehalten, auch
weiterausgeführt und Wunderliches hinzugefügt worden sei, daß aber die
wahre Gottheit, das »Unbewegt-Bewegende«, das »nicht durch andere Ursache
als sich selbst Gewordene«, ohne Stoff, ohne Teile, ohne Vielheit sei,
reine Form, reiner Geist, sich selbst denkend, bewegend ohne zu handeln und
zu bilden, zu dem sich alles »aus Sehnsucht« bewegt als dem ewig Guten, dem
höchsten Zweck.

Wie nun, wenn Alexander im Ammonion einer Gotteslehre, einer Symbolik
begegnete, die, in ähnlichen Spekulationen sich vertiefend, zugleich die
Gewißheit des Jenseits, seines Gerichtes und seiner Verklärungen, die
Pflichten und die Ordnung des Lebens hienieden, das darauf Vorbereitung
sei, das Wesen des Priestertums und des Königtums zu _einem_ großen und in
sich geschlossenen System zu verbinden verstanden hatte? Schon Monumente
aus der alten Pharaonenzeit sprechen von »dem Gott, der sich selbst zum
Gott gemacht hat, der durch sich selbst besteht, dem einzigen nicht
erzeugten Erzeuger im Himmel und auf Erden, dem Herrn der seienden und
nicht seienden Wesen«. Und daß diese Gedanken in voller Lebendigkeit
bewahrt und vielleicht weitergeführt worden sind, lehrt eine denkwürdige
Inschrift aus Dareios' II. Zeit und zu seinen Ehren; da ist Ammon-Ra der
Gott, der sich selbst erzeugte, der sich offenbart in allem, was da ist,
der von Anbeginn war und das Bleibende ist in allem, was da ist; die
anderen Götter sind wie Prädikate für ihn, wie Tätigkeiten von ihm: »Es
sind die Götter in deinen Händen und die Menschen zu deinen Füßen; du bist
der Himmel, du bist die Tiefe; die Menschen preisen dich als den
Unermüdlichen in der Sorge für sie; dir sind ihre Werke geheiligt.« Dann
folgt das Gebet für den König: »Laß glücklich sein deinen Sohn, der da
sitzet auf deinem Thron, mach' ihn dir ähnlich, laß als König ihn herrschen
in deinen Würden; und wie deine Gestalt ist segenspendend, wenn du dich
erhebest als Ra, so ist das Wirken deines Sohnes nach deinem Wunsch,
Dareios, der ewig lebe; die Furcht vor ihm, die Achtung vor ihm, seines
Ruhmes Glanz, sie seien im Herzen aller Menschen in jedem Lande, wie die
Furcht vor dir, die Achtung vor dir im Herzen der Götter und Menschen
weilt.«

Wenn die Priester des Ammonion Alexander als Sohn des Ammon-Ra, als
Zeus-Helios begrüßt haben, so taten sie es in der vollen Wahrhaftigkeit
ihrer religiösen Überzeugung und der tieferen Symbolik, in der sie ihre
Gotteslehre faßten. Alexander, so wird erzählt, habe die Darlegungen des
Priesters Psammon, des »Philosophen«, mit Aufmerksamkeit angehört,
namentlich: daß jeder Mensch von einem Gott regiert werde (+basileuontai
hypo theou+), denn das in jedem Herrschende und Mächtige sei göttlich; dem
habe Alexander entgegnet: allerdings sei der gemeinsame Vater aller
Menschen Gott (+ton theon+), aber die Besten wähle er sich zu besonderer
Kindschaft.

Und nun zurück zu dem Zusammenhang der historischen Ereignisse, deren mit
dem Frühling 331 eine neue bedeutsame Reihe beginnen sollte.

Nach Memphis zurückgekehrt, fand Alexander zahlreiche Gesandtschaften aus
den hellenischen Landen, deren keine ohne geneigtes Gehör und möglichste
Erfüllung ihrer Anträge in die Heimat zurückkehrte. Mit ihnen zugleich
waren neue Truppen angekommen, namentlich vierhundert Mann hellenische
Söldner unter Menidas und fünfhundert thrakische Reiter unter
Asklepiodoros, und wie es scheint noch einige tausend Mann Fußvolk, die
sofort in das Heer eingereiht wurden, welches schon in den Rüstungen zum
Aufbruch begriffen war. Dann ordnete Alexander die Verwaltung des
ägyptischen Landes mit besonderer Vorsicht, namentlich darauf bedacht,
durch Zerlegung der amtlichen Befugnisse die Vereinigung zu großer Macht in
_einer_ Hand zu vermeiden, die bei der militärischen Bedeutung dieser
großen Satrapie und den reichen Machtelementen in ihr nicht ohne Gefahr
gewesen wäre. Peukestas, des Makartatos Sohn, und Balakros, des Amyntas
Sohn, erhielten die Strategie des Landes und den Befehl über die dort
zurückbleibenden Truppen mit Einschluß der Besatzungen von Pelusion und
Memphis, im ganzen etwa viertausend Mann, den Befehl über die Flotte von
dreißig Trieren der Nauarch Polemon; die in Ägypten ansässigen oder
einwandernden Griechen wurden unter eine besondere Behörde gestellt; die
ägyptischen Kreise oder Nomen behielten ihre alten Nomarchen, mit der
Bestimmung, an diese nach der früheren Taxe ihre Abgaben einzuzahlen; die
Oberaufsicht über die sämtlichen rein ägyptischen Kreise wurde anfangs
zwei, dann einem Ägypter, sowie die über die libyschen Kreise einem
griechischen Manne übertragen; der Verwalter der arabischen Kreise,
Kleomenes, der, ein Grieche aus Naukratis in Ägypten, die Sprache und
Sitten des Landes kannte, erhielt zugleich die Weisung, die von den
Nomarchen aller Kreise gesammelten Tribute in Empfang zu nehmen, sowie ihm
auch insbesondere die Sorge für den Bau der Stadt Alexandreia übertragen
wurde.

Nach diesen Einrichtungen, nach einer Reihe von Beförderungen in der Armee,
nach neuen Festlichkeiten in Memphis und einem feierlichen Opfer, das Zeus
dem Könige dargebracht wurde, brach Alexander mit dem Frühling 331 nach
Phönikien auf; zugleich mit ihm traf die Flotte in dem Hafen von Tyrus ein.
Die kurze Zeit, die der König hier verweilte, verging unter großen und
prächtigen Festlichkeiten nach hellenischem Brauch; zu den Opfern, die im
Heraklestempel gefeiert wurden, hielt das Heer Wettkämpfe aller Art; die
berühmtesten Schauspieler der hellenischen Städte waren berufen, diese Tage
zu verherrlichen, und die kyprischen Könige, die nach griechischer Sitte
die Chöre stellten und schmückten, wetteiferten an Pracht und Geschmack
miteinander. Dann lief die attische Tetrere Paralia, die stets nur in
heiligen oder besonders wichtigen Angelegenheiten gesendet wurde, in den
Hafen der Stadt ein; die Gesandten, die sie brachte, kamen, dem Könige
Glück zu wünschen und die unverbrüchlichste Treue ihrer Vaterstadt zu
versichern, eine Aufmerksamkeit, die Alexander mit der Freilassung der am
Granikos gefangenen Athener erwiderte.

Es galt, für eine lange Abwesenheit von den westlichen Landen Fürsorge zu
treffen. Bis auf Sparta und Kreta war in Hellas alles in Ruhe; nur daß noch
zahlreiche Seeräuber, die Nachwirkung der persischen Unternehmungen, die
Meere unsicher machten. Amphoteros erhielt Befehl, die Austreibung der
spartanischen und persischen Besatzungen aus Kreta zu beschleunigen, dann
auf die Seeräuber Jagd zu machen, den Peloponnesiern, die etwa von Sparta
aus bedrängt werden könnten, Hilfe und Schutz zu bieten; die Cyprier und
Phoinikier wurden angewiesen, ihm hundert Schiffe nach dem Peloponnes
nachzusenden. Zu gleicher Zeit wurden einige Veränderungen in der
Verwaltung der bisher unterworfenen Länder vorgenommen; es wurde nach
Lydien an die Stelle des Satrapen Asandros, der auf Werbung nach
Griechenland ging, der Magnesier Menandros von den Hetären gesandt, an
dessen Stelle Klearchos den Befehl über die fremden Völker erhielt; es
wurde die Satrapie Syriens von Memnon, der nicht mit der gehörigen Sorgfalt
für die Bedürfnisse des durch seine Provinz ziehenden Heeres gesorgt hatte,
auf den jüngst angekommenen Asklepiodoros übertragen, zugleich diesem der
unmittelbare Befehl über das Land des Jordan, dessen bisheriger
Befehlshaber Andromachos von den Samaritanern erschlagen worden war, und
die Bestrafung der Samaritaner übertragen. Endlich wurde die
Finanzverwaltung in der Art geordnet, daß die Generalkasse, die bisher mit
der Kriegskasse vereinigt gewesen war, von derselben getrennt und, wie
schon für Ägypten geschehen war, so für Syrien und Kleinasien bis zum
Tauros je eine besondere Hauptkasse eingerichtet wurde. Für die Satrapien
westwärts vom Tauros erhielt dies Amt Philoxenos, für die syrischen Länder
mit Einschluß der phönikischen Städte Koiranos, wogegen die Verwaltung der
Kriegskasse an den reuigen Harpalos gegeben wurde, dem der König aus alter
Freundschaft oder aus politischen Rücksichten verzieh, was er getan hatte.

Dann endlich brach das Heer von Tyros auf und zog die große Heerstraße am
Orontes hinab, vielleicht auf dem Marsche durch Zuzüge aus den
kleinasiatischen Besatzungen verstärkt, dem Euphrat zu; etwa 40 000 Mann
Fußvolk und 7000 Reiter stark, erreichte es um den Anfang August Thapsakos,
den gewöhnlichen Übergangsort. Eine Abteilung Makedonen war vorausgesandt
worden, zwei Brücken über den Strom zu schlagen; sie waren noch nicht ganz
vollendet, denn das jenseitige Ufer hatte der Perser Mazaios, mit etwa
10 000 Mann zur Deckung des Flusses abgesandt, bisher besetzt gehalten, so
daß es für die viel schwächere makedonische Vorhut zu gewagt gewesen wäre,
die Brücken bis an das jenseitige Ufer fortzuführen. Beim Anrücken der
ganzen Armee zog sich Mazaios eilends zurück; zu schwach, um den Posten
gegen Alexanders Übermacht zu behaupten, hätte er, seine Truppen
aufopfernd, höchstens das Vorrücken der Feinde in etwas verzögern können,
was für den Großkönig, dessen Rüstungen bereits vollendet waren, kein
erheblicher Gewinn gewesen wäre.

Alexander ließ sofort den Bau beider Brücken vollenden und sein Heer auf
das Ostufer des Euphrat hinüberrücken. Selbst wenn er vermutete, daß das
persische Heer in der Ebene von Babylon, in der es sich gesammelt hatte,
zum Kampfe und zur Verteidigung der Reichsstadt bereitstand, durfte er
nicht, wie siebzig Jahre früher die Zehntausend, den Weg längs des Euphrat,
den jene genommen hatten, einschlagen. Die Wüsten, durch welche derselbe
führt, wären in der Hitze des Sommers doppelt mühselig gewesen, und die
Verpflegung eines so bedeutenden Heeres hätte die größten Schwierigkeiten
gehabt. Er wählte die große nördliche Straße, welche nordostwärts über
Nisibis durch das kühlere und weidenreiche Hügelland, das die Makedonen
später Mygdonien nannten, an den Tigris und dann an der linken Seite des
Stromes hinab in die Ebene von Babylon führt.

Da brachte man eines Tages einige der feindlichen Reiter, die in der Gegend
umherschwärmten, gefangen vor den König; sie sagten aus: daß Dareios
bereits von Babylon aufgebrochen sei und auf dem linken Ufer des Tigris
stehe, entschlossen, seinem Gegner mit aller Kraft den Übergang über den
Strom zu wehren; seine jetzige Macht sei viel größer als die in den
issischen Pässen; sie selbst wären auf Kundschaft ausgesandt, damit sich
das Perserheer zur rechten Zeit und am rechten Orte den Makedonen gegenüber
am Tigris aufstellen könne.

Alexander durfte nicht wagen, einen so breiten und reißenden Strom, wie den
Tigris, unter den Pfeilen der Feinde zu überschreiten; er mußte erwarten,
daß Dareios die Gegend von Ninive, wo der gewöhnliche Heerweg über den
Strom führt, besetzt halten werde; es kam alles darauf an, möglichst bald
auf derselben Seite des Stromes mit dem Feinde zu sein; es galt, den
Übergang unbemerkt zu bewerkstelligen. Alexander veränderte sofort die
Marschroute und ging, während ihn Dareios auf der weiten Ebene der Trümmer
von Ninive erwartete, nordöstlich in Eilmärschen auf Bedzabde. Kein Feind
war in der Nähe, die Truppen begannen den sehr reißenden Strom zu
durchwaten; mit der größten Anstrengung, doch ohne weiteren Verlust,
gewannen sie das östliche Ufer. Alexander gewährte seinen erschöpften
Truppen einen Tag Ruhe; sie lagerten sich längs den bergigen Ufern des
Stromes.

Das war am 20. September. Der Abend kam, die ersten Nachtwachen rückten auf
ihre Posten am Fluß und auf den Bergen; der Mond erhellte die Gegend, die
vielen den makedonischen Berglanden ähnlich schien; da begann sich das
Licht des Vollmondes zu verdunkeln; bald war die Scheibe des hellen
Gestirnes völlig in Dunkel gehüllt. Es schien ein großes Zeichen der
Götter; besorgt traten die Kriegsleute aus ihren Zelten; viele fürchteten,
daß die Götter zürnten; andere erinnerten, daß, als Xerxes gegen
Griechenland gezogen, seine Magier die Sonnenfinsternis, die er in Sardes
gesehen, dahin gedeutet hätten, daß die Sonne das Gestirn der Hellenen, der
Mond das der Perser sei; jetzt verhüllten die Götter das Gestirn der
Perser, zum Zeichen ihres baldigen Unterganges. Dem Könige selbst deutete
der zeichenkundige Aristandros: das Ereignis sei zu seinen Gunsten, noch in
demselben Monate werde es zur Schlacht kommen. Dann opferte Alexander dem
Mond, der Sonne, der Erde, und auch die Opferzeichen verhießen Sieg. Mit
Anbruch des Morgens brach das Heer auf, um dem Heere der Perser zu
begegnen.

In südlicher Richtung, auf der linken Seite die Vorhöhen der gordyäischen
Gebirge, auf der rechten den reißenden Tigris zog das makedonische Heer
weiter, ohne auf eine Spur der Feinde zu stoßen. Endlich am 24. wurde von
der Vorhut gemeldet, im Blachfelde zeige sich feindliche Reiterei, wie
stark, lasse sich nicht erkennen. Das Heer wurde rasch geordnet und rückte
zum Kampf fertig vor. Bald kam die weitere Meldung: man könne die Zahl der
Feinde auf ungefähr tausend Pferde schätzen. Alexander ließ die königliche
und eine andere Ile Hetairen und von den leichten Reitern (den Plänklern)
die Paionen aufsitzen und eilte mit ihnen, indem er dem übrige Heere
langsam nachzurücken befahl, dem Feinde entgegen. Sobald ihn die Perser
heransprengen sahen, jagten sie mit verhängtem Zügel davon; Alexander
setzte ihnen nach, die meisten entkamen, manche stürzten, sie wurden
niedergehauen, einige gefangen. Vor Alexander gebracht, sagten sie aus, daß
Dareios nicht weit südwärts bei Gaugamela an dem Flusse Bumodos, in einer
nach allen Seiten hin ebenen Gegend stehe, daß sein Heer sich wohl auf eine
Million Menschen und mehr als vierzigtausend Pferde belaufe, daß sie selbst
unter Mazäos auf Kundschaft gesandt gewesen seien. Sofort machte Alexander
halt; ein Lager wurde am Hasser aufgeschlagen und sorgfältig verschanzt;
in der Nähe einer so ungeheuren Übermacht war die größte Vorsicht geboten;
vier Tage Rast, die den Truppen gegönnt wurden, reichten hin, alles zur
entscheidenden Schlacht vorzubereiten.

Da sich weiter keine feindlichen Truppen zeigten, so war vorauszusetzen,
daß Dareios eine für seine Streitkräfte günstige Gegend besetzt habe und
sich nicht wie früher durch das Zögern seiner Feinde und seine eigene
Ungeduld in ein ihm ungelegenes Terrain hinauslocken lassen wolle.
Alexander beschloß deshalb, ihm entgegenzurücken. Während alle unnötige
Bagage und die zum Kampf untauglichen Leute im Lager zurückblieben, brach
das Heer in der Nacht vom 29. zum 30. September etwa um die zweite
Nachtwache, auf. Gegen Morgen erreichte man die letzten Hügel; man war dem
Feind auf sechzig Stadien nahe, aber die Hügel, die man vor sich hatte,
entzogen ihn noch dem Blick. Dreißig Stadien weiter, als das Heer über jene
Hügel kam, sah Alexander in der weiten Ebene, etwa eine Stunde entfernt,
die dunklen Massen der feindlichen Linie. Er ließ seine Kolonnen
haltmachen, berief die Freunde, die Strategen, die Ilarchen, die Anführer
der Bundesgenossen und Soldtruppen und legte ihnen die Frage vor, ob man
sofort angreifen oder an Ort und Stelle sich lagern und verschanzen und das
Schlachtfeld zuvor rekognoszieren solle? Die meisten waren dafür, das Heer,
das von Kampflust brenne, sogleich gegen den Feind zu führen; Parmenion
dagegen riet zur Vorsicht: die Truppen seien durch den Marsch ermüdet, die
Perser, schon länger in dieser günstigen Stellung, würden wohl nicht
versäumt haben, sie auf jede Weise zu ihrem Vorteil einzurichten; man könne
nicht wissen, ob nicht eingerammte Pfähle oder heimliche Gruben die
feindliche Linie deckten; die Kriegsregel erfordere, daß man sich erst
orientiere und lagere. Diese Ansicht des alten Feldherrn drang durch;
Alexander befahl, die Truppen in der Ordnung, wie sie in die Schlacht
rücken sollten, auf den Hügeln im Angesicht der Feinde (bei Börtela), sich
lagern zu lassen. Das geschah am 30. September morgens.

Dareios seinerseits, obschon er lange Zeit die Ankunft der Makedonen
erwartet und in dem weiten Blachfelde jedes Hindernis bis auf das
Dorngestrüpp und die einzelnen Sandhügel, die den stürmischen Angriff
seiner Reiterschwärme oder den Lauf der Sensenwagen hätten stören können,
aus dem Wege geräumt hatte, war durch die Nachricht von Alexanders Nähe und
dem sehr eiligen Rückzuge seiner Vorposten unter Mazäos in einige Unruhe
versetzt worden; doch in der stolzen Zuversicht seiner Satrapen, die kein
unberufener Warner mehr störte, und den endlosen Reihen seines Heeres, vor
denen kein Charidemos oder Amyntas dem dichten Häuflein der Makedonen den
nur zu gerechten Vorzug zu geben wagte, endlich in den eigenen Wünschen,
die so gern ihre Blindheit für besonnene Kraft halten und die
zuversichtlichen Worte der Schmeichler lieber hören als die ernsten
Mahnungen des schon Geschehenen, fand der Perserkönig bald Beruhigung und
Selbstvertrauen; seine Großen überzeugten ihn leicht, daß er bei Issos
nicht dem Feinde, sondern dem engen Raume erlegen sei; jetzt sei Raum für
die Kampflust seiner Hunderttausende, für die Sensen seiner Kriegswagen,
für seine indischen Elefanten; jetzt sei die Zeit gekommen, dem Makedonen
zu zeigen, was ein persisches Reichsheer sei. Da sah man am Morgen des 30.
auf der Hügelreihe nordwärts das makedonische Heer geordnet und wie zur
Schlacht geschart heranrücken; man erwartete, daß es sofort zum Angriff
vorgehen werde; auch die persischen Völker ordneten sich über die weite
Ebene hinaus zur Schlacht.

Es folgte kein Angriff, man sah den Feind sich lagern; nur ein Reiterhaufe
mit einigen Scharen leichten Fußvolkes untermischt, zog von den Hügeln
herab durch die Ebene und, ohne sich der Linie der Perser zu nahen, wieder
zum Lager zurück. Der Abend kam; beabsichtigten die Feinde einen
nächtlichen Angriff? Das persische Lager, ohne Wall und Graben, hätte nicht
Schutz gegen einen Überfall gewährt; die Völker erhielten Befehl, die Nacht
hindurch unter den Waffen und in Schlachtordnung zu bleiben, die Pferde
gesattelt neben sich bei den Wachtfeuern zu halten. Dareios selbst ritt
während der Nacht an den Linien entlang, um die Völker durch sein Antlitz
und seinen Gruß zu begeistern. Auf dem äußersten linken Flügel standen die
Völker des Bessos, die Baktrianer, Daer und Sogdianer, vor ihnen hundert
Sensenwagen, zu ihrer Deckung links vorgeschoben 1000 baktrische Reiter und
die massagetischen Skythen, Mann und Roß gepanzert. Rechts auf Bessos
folgten die Arachosier und Berginder, dann eine Masse Perser, die aus
Reiterei und Fußvolk gemischt war, dann die Susier und die Kadusier, welche
sich an das Mitteltreffen anschlossen. Dieses Mitteltreffen umfaßte
zunächst die edelsten Perserscharen, die sogenannten Verwandten des Königs
nebst der Leibwache der Apfelträger; zu beiden Seiten derselben die
hellenischen Söldner, die sich noch im Dienst des Königs befanden; ferner
noch ein Mitteltreffen die Inder mit ihren Elefanten, die sogenannten
Karier, Nachkommen der einst nach den oberen Satrapien Deportierten, die
mardischen Bogenschützen, vor ihnen fünfzig Sensenwagen. Das Zentrum,
welches in der Schlacht am Pinaros so bald durchbrochen war, zu verstärken,
waren hinter demselben die Uxier, die Babylonier, die Küstenvölker des
Persischen Meeres und die Sitakener aufgestellt; es schien so in zwei- und
dreifachem Treffen fest und dicht genug, um den König in seine Mitte
aufzunehmen. Auf dem linken Flügel, zunächst an den Mardiern, standen die
Albaner und Sakasener, dann Phrataphernes mit seinen Parthern, Hyrkanern,
Tapuriern und Saken, dann Atropates mit den medischen Völkern, nach ihnen
die Völker aus Syrien diesseits und jenseits der Wasser, endlich auf dem
äußersten linken Flügel die kappadokischen und armenischen Reitervölker,
vor ihnen fünfzig Sensenwagen.

Die Nacht verging ruhig; Alexander hatte, nachdem er mit seinem
makedonischen Geschwader und dem leichten Fußvolke vom Rekognoszieren des
Schlachtfeldes zurückgekommen war, seine Offiziere um sich versammelt und
ihnen angezeigt, daß er am folgenden Tage den Feind anzugreifen gedenke: er
kenne ihren und ihrer Truppen Mut, mehr als _ein_ Sieg habe ihn erprobt;
vielleicht würde es notwendiger sein ihn zu zügeln, als anzufeuern; sie
möchten ihre Leute vor allem erinnern, schweigend anzurücken, um desto
furchtbarer beim Sturm den Schlachtgesang zu erheben: sie selbst sollten
besonders Sorge tragen, seine Signale schnell zu vernehmen und schnell
auszuführen, damit die Bewegungen rasch und mit Präzision vor sich gingen;
sie möchten sich überzeugen, daß auf jedem der Ausgang des großen Tages
beruhe; der Kampf gelte nicht mehr Syrien und Ägypten, sondern dem Besitz
des Orients; es werde sich entscheiden, wer herrschen solle. Mit lautem
Zuruf antworteten ihm seine Generale; dann entließ sie der König, gab den
Truppen Befehl zur Nacht zu essen und sich dann der Ruhe zu überlassen. Bei
Alexander im Zelte waren noch einige Vertraute, als Parmenion, wie erzählt
wird, hereintrat, und nicht ohne Besorgnis von der unendlichen Menge der
persischen Wachtfeuer und dem dumpfen Tosen, das durch die Nacht
herübertöne, berichtete: die feindliche Übermacht sei zu groß, als daß man
bei Tage und in offener Schlacht sich mit ihr zu messen wagen dürfe; er
rate, jetzt bei Nacht anzugreifen, das Unvermutete und die Verwirrung eines
Überfalls werde durch die Schrecken der Nacht verdoppelt werden. Alexanders
Antwort soll gewesen sein, er wolle den Sieg nicht stehlen. Weiter wird
erzählt, daß Alexander sich bald darauf zur Ruhe gelegt und ruhig den
übrigen Teil der Nacht geschlafen habe; schon sei es hoher Morgen, schon
alles bereit zum Ausrücken gewesen, nur der König habe noch gefehlt,
endlich sei der alte Parmenion in sein Zelt gegangen und habe ihn dreimal
beim Namen gerufen, bis Alexander sich endlich ermuntert, sich rasch
gerüstet habe.

Am Morgen des 1. Oktober rückte das makedonische Heer aus dem Lager auf den
Höhen, beim Gepäck wurde thrakisches Fußvolk zurückgelassen. Bald stand das
Heer in der Ebene in Schlachtordnung; in der Mitte die sechs Taxen der
Phalanx, auf ihrer Rechten die Hypaspisten und weiter die acht Ilen der
makedonischen Ritterschaft; der Linken der Phalanx, der Taxis des Krateros,
sich anschließend die Reiter der hellenischen Bundesgenossen, dann die
thessalische Ritterschaft. Den linken Flügel führte Parmenion, der mit der
pharsalischen Ile, der stärksten der thessalischen Ritterschaft, die Spitze
des Flügels bildete. Auf der Spitze des rechten Flügels, mit dem Alexander
den Angriff machen wollte, an die königliche Ile sich anschließend ein Teil
der Agrianer, der Bogenschützen und Balakros mit den Akontisten. Da bei der
ungeheuren Übermacht des Feindes Überflügelung unvermeidlich war und doch
dem Gewaltstoß der Offensive, der die Entscheidung bringen mußte, nur so
viel Kräfte entzogen werden durften als die Rücken- und Flankendeckung der
angreifenden Schlachtlinie durchaus forderte, ließ Alexander hinter den
Flügeln seiner Linie rechts und links je ein zweites Treffen formieren,
das, wenn der Feind die Linie im Rücken bedrohte, kehrtmachen und so eine
zweite Front bilden, wenn er gegen die Flanke losging, mit einer
Viertelschwenkung sich im Haken an die Linie anschließen sollte. Als
Reserve des linken Flügels rückten auf: das thrakische Fußvolk, ein Teil
der Bündnerreiter unter Koiranos, die odrysischen unter Agathon, am
weitesten links die Söldnerreiter unter Andromachos; auf dem rechten
Flügel: Kleandros mit den alten Söldnern, die Hälfte der Bogenschützen
unter Brison, der Agrianer unter Attalos, dann Aretes mit den
Sarissophoren, Ariston mit den paionischen Reitern, am Flügel rechts die
neugeworbenen hellenischen Reiter unter Menidas, die heute an der
gefährlichsten Stelle ihre Waffenprobe machen sollten.

Die Heere beginnen vorzurücken; Alexander mit der makedonischen
Ritterschaft, dem rechten Flügel, ist dem feindlichen Zentrum, den
Elefanten der Inder, dem Kern des feindlichen Heeres, der doppelten
Schlachtlinie gegenüber, von dem ganzen linken Flügel der Feinde überragt.
Er läßt aus der rechten Flanke halbrechts vorrücken, des Kleitos Ile und
das leichte Volk zu ihrer Rechten voran, dann die zweite, die dritte usw.
Ile, die Hypaspisten usw., staffelförmig eine Abteilung nach der andern;
Bewegungen, die mit der größten Stille und Ordnung ausgeführt werden,
während die Feinde bei ihren großen Massen eine Gegenbewegung aus ihrer
linken Flanke nicht ohne Verwirrung versuchen. Immer noch überragt ihre
Linie bei weitem die der Makedonen, und die skythischen Reiter des
äußersten Flügels traben schon zum Angriff gegen die leichten Truppen in
Alexanders Flanke vor, sind ihnen schon nahe. Ohne sich durch dies Manöver
irremachen zu lassen, setzt Alexander seine Bewegung halbrechts vorwärts
fort; nicht mehr lange und er wird an der hier zum Gebrauch der Sensenwagen
geebneten Stelle vorüber sein. Von deren vernichtendem Einbrechen -- es
stehen hier hundert Wagen der Art -- hat sich der Perserkönig besonderen
Erfolg versprochen; er befiehlt jetzt jenen skythischen und den tausend
baktrischen Reitern, den feindlichen Flügel zu umreiten und damit das
weitere Vorrücken des Feindes zu hindern. Alexander läßt gegen sie die
hellenischen Reiter des Menidas vorgehen; ihre Zahl ist zu gering, sie
werden geworfen. Die Bewegung der Hauptlinie fordert hier möglichst festen
Widerstand, die paionischen Reiter unter Ariston werden zu Menidas'
Unterstützung vorgeschickt; vereint stürmen sie vor, so heftig, daß die
Skythen und die tausend Baktrier weichen müssen. Aber schon jagt die Masse
der anderen baktrischen Reiter an Alexanders Flügel vorüber, die geworfenen
sammeln sich um sie, die ganze Übermacht stürzt sich auf Ariston und
Menidas; auf das heftigste wird gekämpft; die Skythen, Mann und Roß
gepanzert, setzen den Päonen und Veteranen hart zu, deren viele fallen;
aber sie weichen nicht, sie machen Ile um Ile ihren Schock, sie drängen die
Übermacht für den Augenblick zurück.

Die makedonische Front hat sich indes in schräger Linie weiter und weiter
vorgeschoben; jetzt sind die makedonischen Ilen und die Hypaspisten den
hundert Sensenwagen des linken Flügels gegenüber, da brechen diese los und
jagen gegen die Linie heran, die sie zerreißen sollen. Aber die Agrianer
und die Bogenschützen empfangen sie unter lautem Geschrei mit einem Hagel
von Pfeilen, Steinen und Speeren; viele werden schon hier aufgefangen, die
stutzenden Pferde bei den Zügeln ergriffen und niedergestochen, das
Riemenzeug durchhauen, die Knechte herabgerissen; die anderen, welche auf
die Hypaspisten zu jagen, werden entweder von den dicht verschildeten
Rotten mit vorgestreckten Spießen empfangen und von den stürzenden
Gespannen im Laufe gehemmt, oder jagen durch die Öffnungen, welche die
schnell rechts und links eindublierten Rotten bilden, unbeschädigt und ohne
zu beschädigen, hindurch, um hinter der Front den Reitknechten in die Hände
zu fallen.

Nun beginnt die ganze Massenlinie des Perserheeres, die sich bisher links
geschoben, wie zum Angriff vorzurücken, während das Reitergefecht in
Alexanders Flanke von Ariston und Menidas nur noch mit der größten
Anstrengung unterhalten wird. Jetzt dem Feinde vielleicht auf
Pfeilschußweite nahe, läßt Alexander in rascherem Tempo vorgehen, befiehlt
zugleich, daß Aretes mit den Sarissophoren -- es ist die letzte Kavallerie
seines zweiten Treffens -- den schwer Kämpfenden unter Menidas und Ariston
zu Hilfe eilt. So wie man auf Seiten der Perser diese Bewegung sieht,
traben die nächsten Reitermassen des Flügels den Baktriern nach; es
entsteht so eine Lücke in ihrem linken Flügel. Der Moment, den Alexander
erwartet, ist da. Er läßt das Signal zum Vorstoß geben, an der Spitze von
Kleitos' Ile sprengt er voran, die anderen Ilen, die Hypaspisten folgen mit
Alala! im Sturmschritt; dieser Keilangriff reißt die feindliche Linie
völlig auseinander; schon sind auch die nächsten Phalangen, Koinos,
Perdikkas heran, mit vorstarrenden Spießen stürmen sie auf die
Schlachthaufen der Susianer, der Kadusier, auf die Scharen, die den Wagen
des Königs Darius decken; nun ist kein Halten, kein Widerstand mehr. Den
wütenden Feind vor Augen, inmitten der plötzlichsten, wildesten,
lärmendsten Verwirrung, der mit jedem Augenblick wachsenden Gefahr für
seine Person ratlos gegenüber, gibt er alles verloren, wendet sich zur
Flucht; nach tapferster Gegenwehr folgen die Perser, ihres Königs Flucht zu
schirmen; die Flucht, die Verwirrung reißt die Schlachthaufen der zweiten
Linie mit sich. Das Zentrum ist vernichtet.

Zugleich hat die ungeheure Heftigkeit, mit der Aretes in die feindlichen
Haufen eingebrochen, das Gefecht im Rücken der Linie entschieden; die
skythischen, baktrischen, persischen Reiter suchen, von den Sarissophoren,
den hellenischen, päonischen Reitern auf das heftigste verfolgt, das Weite.
Der linke Flügel der Perser ist vernichtet.

Anders der rechte. Den raschen Bewegungen des Angriffes haben Alexanders
Schwerbewaffnete nur mit Mühe folgen, sie haben nicht geschlossen bleiben
können; zwischen der letzten Taxis, der des Krateros und der rechts ihr
nächsten, die Simmias führt, ist eine Lücke entstanden; Simmias hat
haltmachen lassen, da Krateros und der ganze Flügel Parmenions in schwerer
Gefahr ist. Ein Teil der Inder und der persischen Reiter der feindlichen
Mitte hat jene Lücke rasch benutzt, hat sich da hindurch, vom zweiten
Treffen nicht gehindert, auf das Lager gestürzt, die wenigen Thraker,
leicht bewaffnet und keines Angriffes gewärtig, vermögen den mörderischen
Kampf in den Lagerpforten nur mit größter Anstrengung zu halten; da brechen
die Gefangenen los, fallen ihnen während des Kampfes in den Rücken; die
Thraker werden überwältigt; schreiend und jubelnd stürzen sich die Barbaren
ins Lager zu Raub und Mord. Wie die Führer der zweiten Linie links,
Sitalkes, Koiranos, der Odryser Agathon, Andromachos innewerden, was
geschehen ist, lassen sie kehrtmachen, führen ihre Truppen so schnell wie
möglich gegen das Lager, werfen sich auf den schon plündernden Feind,
überwältigen ihn nach kurzem Gefecht; viele Barbaren werden niedergemacht,
die anderen jagen ohne Ordnung rückwärts, auf das Schlachtfeld zurück, den
makedonischen Ilen ins Eisen.

Parmenion hatte -- denn zugleich mit jenem Durchbruch durch die Lücke waren
die anderen Inder und Perser, die parthischen Reiter mit ihnen, der
thessalischen Ritterschaft in die Flanke gekommen -- an Alexander die
Meldung gesandt, daß er in schwerer Gefahr sei, daß er Verstärkung haben
müsse, oder alles sei verloren. Die Antwort des Königs soll gelautet haben:
Parmenion müsse von Sinnen sein, jetzt Hilfe zu verlangen, mit dem Schwert
in der Hand werde er zu siegen oder zu sterben wissen. Aber die schon
begonnene Verfolgung gibt Alexander auf, um erst zu helfen; er eilt mit
allem, was er an Truppen zur Stelle hat, nach dem rechten persischen
Flügel, der noch steht; er stößt zuerst auf die schon aus dem Lager
zurückgeschlagenen Perser, Inder, Parther, die sich schnell (im Kehrt)
sammeln und geschlossen in Ilentiefe ihn empfangen. Das Reitergefecht, das
sich hier entspinnt, ist furchtbar und lange schwankend; Mann gegen Mann
wird gerungen, die Perser kämpfen um ihr Leben; an sechzig von den Hetairen
fallen, sehr viele, unter ihnen Hephaistion, Menidas, werden schwer
verwundet; endlich ist der Sieg auch hier entschieden; die sich
durchgeschlagen, überlassen sich unaufhaltsam der Flucht.

Ehe Alexander so kämpfend bis zum rechten Flügel der Perser hindurchdrang,
hatte auch die thessalische Ritterschaft, so schwer sie von Mazaios
bedrängt wurde, das Gefecht wiederhergestellt, die kappadokischen,
medischen, syrischen Reitermassen zurückgeschlagen; sie war bereits im
Verfolgen, als Alexander zu ihr kam. Da er auch hier das Werk getan sah,
jagte er zurück und in der Richtung, die der Großkönig genommen zu haben
schien, über das Schlachtfeld; er setzte ihm nach, solange es noch hell
war. Er erreichte, während Parmenion das feindliche Lager am Bumodos, die
Elefanten und Kamele, die Wagen und Lasttiere der ungeheuren Bagage nahm,
den Lykos-Fluß, vier Stunden jenseits des Schlachtfeldes. Hier fand man ein
furchtbares Gewirre flüchtender Barbaren, noch gräßlicher durch die
Dunkelheit der einbrechenden Nacht, durch das erneute Gemetzel, durch den
Einsturz der überfüllten Flußbrücke; bald machte die Furcht den Heerweg
frei, aber Alexander mußte, da Pferde und Reiter von der ungeheuren
Anstrengung auf das äußerste ermüdet waren, einige Stunden rasten lassen.
Um Mitternacht, als der Mond aufgegangen war, brach man von neuem auf nach
Arbela, wo man Dareios, sein Feldgerät, seine Schätze zu erbeuten hoffte.
Man kam im Laufe des Tages dort an, Dareios war fort; seine Schätze, sein
Wagen, sein Bogen und Schild, sein und seiner Großen Feldgerät, ungeheure
Beute fiel in Alexanders Hände.

Dieser große Sieg auf der Ebene von Gaugamela[9] kostete nach Arrian der
makedonischen Ritterschaft allein 60 Tote; es waren über 1000 Pferde, davon
die Hälfte bei der makedonischen Ritterschaft, gestürzt oder getötet; nach
den höchsten Angaben fielen makedonischerseits 500 Mann; Zahlen, die gegen
den Verlust der Feinde, der auf 30 000 Mann, ja 90 000 Mann angegeben wird,
unverhältnismäßig erscheinen, wenn man nicht bedenkt, daß einerseits, bei
der trefflichen Bewaffnung der Makedonen, im Handgemenge nicht viele
tödlich verwundet wurden, und daß anderseits erst beim Verfolgen das
Fleischhandwerk beginnen konnte; alle Schlachten nicht bloß des Altertums
beweisen, daß der Verlust der Fliehenden bis ins Unglaubliche größer ist
als der der Kämpfenden.

    [9] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Mit dieser Schlacht war Dareios' Macht gebrochen; von seinem zersprengten
Heere sammelten sich einige tausend baktrische Reiter, die Überreste der
hellenischen Söldner, gegen 2000 Mann unter dem Ätoler Glaukias und dem
Phokier Patron, die Melophoren und Verwandten, im ganzen ein Heer von 3000
Reitern und 6000 Mann zu Fuß; mit diesen wandte sich Dareios in
unaufhaltsamer Flucht nordostwärts durch die Pässe Mediens nach Ekbatana;
dort hoffte er vor dem furchtbaren Feinde wenigstens für den Augenblick
sicher zu sein, dort wollte er abwarten, ob sich Alexander mit den
Reichtümern von Susa und Babylon begnügen, ihm das altpersische Land lassen
werde, das mächtige Gebirgswälle von dem aramäischen Tieflande scheiden;
erstieg der unersättliche Eroberer dennoch die hohe Burg Irans, dann war
des Großkönigs Plan, weit und breit verwüstend über die Nordabhänge des
Hochlandes nach Baktrien, dem letzten Quartier des einst so weiten Reiches,
zu flüchten.

Von der großen Masse der Zersprengten, die südwärts in der Richtung auf
Susa und Persien geflohen war, fanden sich noch 25 000, nach anderen 40 000
Mann zusammen, die unter Führung des persischen Satrapen Ariobarzanes, des
Artabazos Sohn, die persischen Pässe besetzten und sich hinter ihnen auf
das sorgfältigste verschanzten. Wenn irgendwo, so war an dieser Stelle noch
das persische Reich zu retten; es wäre vielleicht gerettet worden, wenn
Dareios nicht den nächsten Weg gesucht, nicht durch seine Flucht nach dem
Nordabhang von Iran die Satrapien südwärts sich selbst und der Treue der
Satrapen überlassen hätte. Denn diese waren nicht alle wie Ariobarzanes
gesinnt; sie mochten in ihrer ebenso verlockenden wie schwierigen Stellung
gern den landflüchtigen Herrn vergessen, um sich der Hoffnung einer
vielleicht längst ersehnten Unabhängigkeit hinzugeben, oder durch
freiwillige Unterwerfung von dem großmütigen Sieger mehr zu gewinnen, als
sie durch die Flucht ihres Königs verloren hatten. Die Völker selbst, die,
wenn Darius an den Pforten Persiens für sein Königtum zu kämpfen hätte
wagen wollen, nach ihrer Weise zu neuem Kampf zusammengeströmt wären, und
die natürliche Grenze ihres Landes, die sich so oft und so wirksam in der
Geschichte geltendgemacht hat, vielleicht mit Erfolg verteidigt hätten,
diese kriegerischen Reiter- und Räubervölker, die Alexander zum Teil mit
Mühe und spät bewältigt, zum Teil nie anzugreifen gewagt hat, waren durch
jene Flucht des Darius sich selbst überlassen und gleichsam auf verlorenen
Posten gestellt, ohne daß die Sache des Königs von ihnen den geringsten
Vorteil gehabt hätte. So gewann der Sieg von Gaugamela durch die
unglaubliche Verwirrung, in welche Darius, zu allem bereit, um irgend etwas
zu retten, immer tiefer versank, jene lawinenhaft wachsende Wirkung, welche
die persische Macht bis auf den letzten Rest vertilgen sollte.

Alexander folgte weder dem Großkönige die Gebirgspässe hinauf, noch den auf
der Straße nach Susa Flüchtenden. Er zog an den Vorbergen der iranischen
Randgebirge entlang die Straße nach Babylon, der Königin im weiten
aramäischen Tieflande, und seit Dareios Hystaspis' Zeit der Kapitale des
persischen Reiches; der Besitz dieser Weltstadt war der erste Preis des
Sieges von Gaugamela. Alexander erwartete Widerstand zu finden; er wußte,
wie ungeheuer die »Mauern der Semiramis« seien, was für ein Netz von
Kanälen sie umschließe, wielange die Stadt die Belagerung des Kyros und
Dareios ausgehalten hatte; er erfuhr, daß sich Mazaios, der bei Gaugamela
am längsten und glücklichsten das Feld behauptet, nach Babylon geworfen
habe; es war zu fürchten, daß sich die Szenen von Halikarnaß und Tyros
wiederholten. Alexander ließ, sobald er sich der Stadt nahte, sein Heer
schlagfertig vorrücken; aber die Tore öffneten sich, die Babylonier mit
Blumenkränzen und reichen Geschenken, die Chaldäer, die Ältesten der
Stadt, die persischen Beamten an der Spitze, kamen ihm entgegen; Mazaios
übergab die Stadt, die Burg, die Schätze und der abendländische König hielt
seinen Einzug in die Stadt der Semiramis.

Hier wurde den Truppen längere Rast gegeben; es war die erste wahrhaft
morgenländische Großstadt, die sie sahen; ungeheuer in ihrem Umfange,
voller Bauwerke der staunenswürdigsten Art: die Riesenmauer, die hängenden
Gärten der Semiramis, des Belos Würfelturm, an dessen massigem Bau sich
Xerxes' wahnsinnige Wut über die salaminische Schmach vergebens versucht
haben sollte; dazu die endlose Menschenmenge, die hier aus Arabien und
Armenien, aus Persien und Syrien zusammenströmte, dazu die überschwengliche
Pracht und Lüsternheit des Lebens, der tausendfältige Wechsel raffinierter
Wollust und ausgewähltester Genüsse; dieser ganze märchenhafte Zauber
morgenländischer Taumellust ward hier den Söhnen des Abendlandes als Preis
so vieler Mühen und Siege. Wohl mochte der kräftige Makedone, der wilde
Thraker, der heißblütige Grieche hier Sieges- und Lebenslust in überreichen
Zügen schlürfen und auf duftigen Teppichen, bei goldenen Bechern, im
lärmenden Jubelschall babylonischer Gelage schwelgen, mochte mit wilderer
Begier den Genuß, mit neuem Genuß sein brennendes Verlangen, mit beiden den
Durst nach neuen Taten und neuen Siegen steigern. So begann sich Alexanders
Heer in das asiatische Leben hineinzuleben und sich mit denen, die das
Vorurteil von Jahrhunderten gehaßt, verachtet, Barbaren genannt, zu
versöhnen und zu verschmelzen; es begann sich Morgen- und Abendland zu
durchgären und eine Zukunft vorzubereiten, in der beide sich selbst
verlieren sollten.

Mag es klares Bewußtsein, glückliches Ungefähr, notwendige Folge der
Umstände genannt werden, jedenfalls traf Alexander in den Maßregeln, die er
wählte, die einzig möglichen und die richtigen. Hier in Babylon war mehr
als irgendwo bisher das Heimische mächtig, naturgemäß und in seiner Art
fertig; während Kleinasien dem hellenischen Leben nahe, Ägypten und Syrien
demselben zugänglich war und mit ihm durch das gemeinsame Meer in
Verbindung stand, in Phönikien griechische Sitten schon länger in den
Häusern der reichen Kaufherren und vieler Fürsten eingeführt, im Lande des
Nildelta durch griechische Ansiedelungen, durch Kyrenes Nachbarschaft,
durch mannigfache Verbindungen mit hellenischen Staaten seit der
Pharaonenzeit bekannt und eingebürgert war, lag Babylon fern von aller
Berührung mit dem Abendlande, tief stromab bei dem Doppelstrome des
aramäischen Landes, das durch die Natur, durch Handel, Sitte und Religion,
durch die Geschichte vieler Jahrhunderte eher nach Indien und Arabien als
nach Europa wies; hier in Babylon lebte man noch in dem vollen Leben einer
uralten Kultur, man schrieb noch wie seit Jahrhunderten Keilschrift auf
Tonplatten, beobachtete und berechnete den Lauf der Gestirne, zählte und
maß nach einem vollendeten metrischen System, war in aller technischen
Kultur immer noch in unerreichter Meisterschaft. In dieses fremde,
buntgemischte, in sich gesättigte Völkerleben kamen jetzt die ersten
hellenischen Elemente, der Masse nach unbedeutend gegen das Heimische und
ihm nur durch die Fähigkeit, sich ihm anzuschmiegen, überlegen.

Dazu ein Zweites. Im Felde geschlagen war freilich die persische Macht;
überwunden, hinweggetilgt war sie noch keineswegs. Wollte Alexander nur als
Makedone und Hellene an des Großkönigs Stelle herrschen, so war er schon zu
weit gegangen, als er die Grenzen abendländischer Nachbarschaft
überschritt, auch jenseits der syrischen Wüste seine Eroberung
fortzusetzen. Wollte er die Völker Asiens nichts als den Namen der
Knechtschaft tauschen, sie nichts als den härteren, den demütigenden Druck
höherer oder doch kühnerer geistiger Entwicklung empfinden lassen, so war
kaum der Augenblick des Sieges ihres Gehorsams gewiß, und _ein_ Wutausbruch
der Volksmasse, _eine_ Seuche, _ein_ zweifelhafter Erfolg hätte genügt, die
Chimäre selbstsüchtiger Eroberung zu zerstören. Alexanders Macht, der Masse
nach den asiatischen Gebieten und Völkern gegenüber unverhältnismäßig
gering, mußte in den Wohltaten, die sie den Besiegten brachte, ihre
Rechtfertigung, in deren Zustimmung, ihren Halt und ihre Zukunft finden;
sie mußte sich gründen auf die Anerkennung jeder Volkstümlichkeit in Sitte,
Gesetz und Religion, soweit sie mit dem Bestehen des Reiches vereinbar war.
Was die Perser so tief gedrückt hatten und so gern erdrückt hätten, was nur
ihre Ohnmacht oder Sorglosigkeit der Tat, nicht dem Rechte nach hatte
gewähren lassen, das mußte nun neu und frei erstehen und sich unmittelbar
zum hellenischen Leben verhalten, um mit ihm verschmelzen zu können. War
nicht desselben Weges und seit Jahrhunderten die wundervolle koloniale
Entwicklung der Hellenen vor sich gegangen? Hatte nicht bei den Skythen im
taurischen Lande wie bei den Afrikanern der Syrte, in Kilikien wie an der
keltischen Rhonemündung ihre Begabung, das Fremde aufzufassen,
anzuerkennen, sich mit ihm zu verständigen und zu verschmelzen, die Fülle
neuer lebensvollster Gestaltungen geschaffen, hellenisierend das
Hellenische selbst der Zahl und der Spannkraft nach fort und fort
gesteigert? Daß in dieser Richtung Alexanders Gedanken gingen, dafür kann
als Beweis gelten, wie er in Memphis und Tyros und immerhin auch Jerusalem
Feste feierte nach der Landesart, wie er in Babylon die von Xerxes
geplünderten Heiligtümer von neuem zu schmücken, den Belosturm
wiederherzustellen, den Dienst der babylonischen Götter fortan frei und
prächtig, wie zu Nebukadnezars Zeit, zu begehen befahl. So gewann er die
Völker für sich, indem er sie sich selbst und ihrem volkstümlichen Leben
wiedergab; so machte er sie fähig, auf tätige und unmittelbare Weise in den
Zusammenhang des Reiches, das er zu gründen im Sinne trug, einzutreten,
eines Reiches, in dem die Unterschiede von Abend und Morgen, von Hellenen
und Barbaren, wie sie bis dahin die Geschichte beherrscht hatten,
untergehen sollten zu der Einheit einer Weltmonarchie.

Wie aber sollte das Reich organisiert und verwaltet, wie in der politischen
und militärischen Form der Gedanke durchgeführt werden, der für das
bürgerliche und kirchliche Wesen die Norm gab? Sollten fortan die Satrapen,
die Umgebung des Königs, die Großen des Reiches, das Heer nur Makedonen
und Hellenen sein, so war jene Ineinsbildung nur Vorwand oder Illusion, die
Volkstümlichkeit nicht anerkannt, sondern nur geduldet, die Vergangenheit
nur durch das Unglück und schmerzliche Erinnerungen an die Zukunft
geknüpft, und statt der asiatischen Herrschaft, die wenigstens in demselben
Weltteile erwachsen war, ein fremdes, unnatürliches, doppelt schweres Joch
über Asien gekommen.

Die Antwort auf diese Fragen bezeichnet die Katastrophe in Alexanders
Heldenleben; es ist der Wurm, der an der Wurzel seiner Größe nagt, das
Verhängnis seiner Siege, das ihn besiegt.

Während der König Persiens die letzten Wege flieht, beginnt Alexander sich
mit dem Glanze des persischen Königtums zu schmücken, die Großen Persiens
um sich zu sammeln, sich mit dem Namen, den er bekämpft und gedemütigt hat,
zu versöhnen, dem makedonischen Adel einen Adel des Morgenlandes
hinzuzufügen.

Schon seit dem Herbst 334 ist Mithrines von Sardes, dann seit dem Fall von
Tyros und Gaza Mazakes und Amminapes von Ägypten in Amt und Ehren bei ihm.
Der Tag von Gaugamela hat den Stolz und das Selbstvertrauen der persischen
Großen gebrochen, sie lernen die Dinge mit anderen Augen als bisher
ansehen; die Übertritte mehren sich, zumal seit Mithrines die stets
hochgehaltene Satrapie Armenien, Mazaios, der, wenn einer, tapfer gegen
Alexander gekämpft, die reiche babylonische erhalten hat. Der persische
Adel zu einem guten Teil gibt die Sache des landflüchtigen Achämeniden auf
und sammelt sich um den Sieger.

Natürlich, daß ihnen Alexander, soweit irgend möglich, entgegenkommt. Aber
ebenso natürlich, daß, wenn er einem Perser eine Satrapie gibt, oder seine
bisherige läßt, neben demselben die bewaffnete Macht in der Satrapie aus
makedonischen Truppen gebildet und unter makedonische Befehlshaber gestellt
wird; ebenso natürlich, daß die Finanz der Satrapien von dem
Geschäftsbereich des Satrapen getrennt, die Tributerhebung an makedonische
Männer gegeben wird.

So jetzt in der babylonischen Satrapie. Dem Satrapen Mazaios wurde für die
Tribute Asklepiodoros an die Seite gesetzt; die Stadt Babylon erhielt eine
starke Garnison, die auf der Burg ihr Quartier nahm, unter Agathon, dem
Bruder Parmenions, während die Strategie über die bei dem Satrapen
bleibenden Truppen Apollodoros aus Amphipolis erhielt; außerdem wurde
Menos, einer der sieben Somatophylakes, als Hyparch für Syrien, Phönikien
und Kilikien bestellt, und die nötigen Truppen unter seinen Befehl
gestellt, die große Passage von Babylon zur Küste und die Transporte aus
dem Morgenlande nach Europa und umgekehrt zu sichern, eine Einrichtung, die
wegen der Raubsucht der in der Wüste hausenden Beduinenstämme doppelt
notwendig wurde. Der erste Transport war eine Summe von etwa dreitausend
Talent Silber, von denen ein Teil an Antipatros gehen sollte, damit er den
eben jetzt beginnenden Krieg gegen Sparta mit Nachdruck führen könne, das
übrige aber zu möglichst ausgedehnten Werbungen für die große Armee
bestimmt ward.

Während des etwa dreißigtägigen Aufenthaltes in Babylon war Susa, die Stadt
des persischen Hoflagers und der königlichen Schätze, auf gütlichem Wege
gewonnen worden. Schon von Arbela aus hatte Alexander den Makedonen
Philoxenos, wie es scheint an der Spitze eines leichten Korps,
vorausgesandt, um sich der Stadt und der königlichen Schätze zu versichern;
er erhielt jetzt von ihm den Bericht, daß sich Susa freiwillig ergeben
habe, daß die Schätze gerettet seien, daß sich der Satrap Abulites der
Gnade Alexanders unterwerfe. Alexander langte zwanzig Tage nach seinem
Aufbruch von Babylon in Susa an; er nahm sofort die ungeheuren Schätze in
Besitz, die in der hohen Burg der Stadt, dem kissischen Memnonion der
griechischen Dichter, seit den ersten Perserkönigen aufgehäuft lagen;
allein des Goldes und Silbers waren fünfzigtausend Talente, dazu noch die
aufgehäuften Vorräte von Purpur, Rauchwerk, edlen Gesteinen, der ganze
überreiche Hausrat des üppigsten aller Höfe, auch mehrfache Beute aus
Griechenland von Xerxes' Zeit her, namentlich die Erzbilder der
Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton, die Alexander den Athenern
zurücksandte.

Während das Heer noch in Susa und an den Ufern des Choaspes verweilte, kam
der Strateg Amantas, welcher vor einem Jahre von Gaza aus heimgesandt war,
Verstärkungen zu holen, mit den neuen Truppen heran. Ihre Einordnung in die
verschiedenen Heeresabteilungen war zugleich der Anfang einer neuen
Formation der Armee[10], die im Lauf des nächsten Jahres und nach den neuen
Gesichtspunkten, die der Fortgang des Krieges in den oberen Satrapien an
die Hand gab, weiter entwickelt wurde; den Anfang machte, daß die Ilen der
makedonischen Ritterschaft in zwei Lochen formiert und damit so zu sagen
taktisch verdoppelt wurden.

    [10] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Im späteren wird auf diese Reorganisation zurückzukommen sein. Sie leitet
die große Umwandlung ein, die, wie man Alexanders Verhalten in ihr auch
beurteilen mag, aus der Konsequenz des Werkes, das er unternommen hatte,
und den Bedingungen, die das Gelingen forderte, sich notwendig ergab.

Alexander gedachte demnächst, es mochte Mitte Dezember sein, nach den
Königsstädten der Landschaft Persis aufzubrechen, mit deren Besitz der
Glaube der Völker die Herrschaft über Asien untrennbar verbunden zu denken
gewohnt war; er dort auf dem Throne der Großkönige, in den Palästen des
Kyros, Dareios und Xerxes bestand für sie der Beweis für den Sturz der
Achämenidendynastie. Er eilte, die Angelegenheiten des susianischen Landes
zu ordnen. Er bestätigte dem Satrapen Abulites die Satrapie, übergab die
Burg der Stadt Susa an Mazaros, die Feldhauptmannschaft der Satrapie nebst
einem Korps von dreitausend Mann an Archelaos; er wies die Schlösser von
Susa der Mutter und den Kindern des Perserkönigs, die bisher in seiner Nähe
gewesen waren, als künftige Residenz an und umgab sie mit königlichem
Hofstaat; man erzählt, daß er einige griechische Gelehrte an dem Hofe der
Prinzessinnen zurückließ, mit dem Wunsch, sie möchten von diesen Griechisch
lernen. Nach diesen Einrichtungen brach er mit dem Heere nach Persien auf.

Unter den mannigfachen militärischen Schwierigkeiten, welche Alexanders
Feldzüge denkwürdig machen, ist die Orientierung in völlig fremden Ländern
nicht die geringste. Jetzt galt es, aus dem Tiefland nach dem hohen Iran
hinaufzusteigen, nach Landschaften, von deren Gestaltung, von deren
Ausdehnung, von deren Hilfsmitteln, Straßen, klimatischen Verhältnissen,
die Griechenwelt bisher auch nicht die geringste Kenntnis hatte. Man wird
annehmen dürfen, daß sich Alexander aus den Mitteilungen der persischen
Männer, deren er bereits genug in seiner Umgebung hatte, eine ungefähre
Vorstellung von den geographischen Verhältnissen der Gebiete, auf die er
sich zunächst zu wenden hatte, zu bilden verstand; das einzelne mußte sich
dann aus den Umständen und aus Erkundigungen an Ort und Stelle ergeben.

Zunächst galt es, aus der Ebene Susianas durch höchst schwierige Pässe nach
den Königstädten in der hohen Persis zu gelangen. Die Straße, die Alexander
einzuschlagen oder vielmehr sich zu öffnen hatte, war die, welche für die
Züge des persischen Hofes zwischen Persepolis und Susa eingerichtet war.
Sie führte zunächst durch die reiche susianische Ebene, über den Kopratas
(Disful) und den Eulaios (Karun bei Shuster), die sich vereinigen und als
Pasitigris (kleiner Tigris) in das »Erythräische Meer« fließen, -- dann
weiter über zwei Flüsse, deren alte Namen nicht mehr festzustellen sind,
den Jerahi bei Ram Hormus und den Tab (Arosis?). Zwischen beiden führt ein
Paß aus der Ebene in die Berge, derselbe Paß, wie es scheint, der von den
Alten der Paß der Uxier genannt wurde. Denn die Uxier wohnten teils in der
Ebene, teils in den Bergen, die diese im Nordosten begleiten; nur die in
der Ebene waren dem Großkönige unterworfen; die Berguxier gewährten, wenn
der Hof des Weges zog, nur gegen reiche Geschenke den Durchzug durch jenen
Paß, den sie in ihrer Gewalt hatten. Dieselben Randgebirge des hohen Iran,
die bei Ninive bis nah an den Tigris reichen, begleiten in südöstlichem
Zuge die Ebene der Susianer und der Uxier, in mehreren Terrassen
hintereinander bis zur Schneehöhe emporsteigend; weiter südöstlich, wo
statt der Ebene und sie gleichsam fortsetzend das Erythräische Meer tief
in das Land einschneidet, mehrt sich die Zahl dieser von der Küste
aufsteigenden Terrassen bis zu acht und neun Berglinien hintereinander,
über die man von dem Meerbusen aus gegen zwanzig Meilen entfernt die
Schneedecke des Kuh-i-Baena als Zentralmasse emporragen sieht. In dieses
Labyrinth von Bergzügen, durchbrechenden Bergströmen, kleinen Ebenen,
Pässen zwischen ihnen, führt die »Fahrstraße«; nachdem sie jene Uxierpässe
hinter sich hat, nach Bebehan, dann südöstlich über die Ebene von Lasther,
weiter ostwärts zu der von Basht, dann in die von Fahiyan, von so mächtigen
Bergen umschlossen, daß das Dorf nur am Morgen die Sonne sieht, den übrigen
Tag im Schatten liegt. Dies nach Osten streichende Tal schließt der
Felskegel von Kala-Safid, der mit der Feste auf seiner Höhe den Weg völlig
sperrt. Das sind die persischen Pässe auf der Fahrstraße über Schiras nach
Persepolis; wer sie vermeiden will, wendet sich bei Fahiyan südwärts und
erreicht über Kasran »bösen Feldweg auf und nieder« Schiras. Daß man jenen
Paß nordwärts umgehen, daß man vom Tab her einen kürzeren Weg als die
Fahrstraße nehmen kann, zeigt Alexanders Marsch. Gleich bei Bebehan führt
ein Weg zur Linken nordostwärts, ersteigt bei Tang-i-Tobak die nächsthöhere
Terrasse und scheint dann bei Basht in die große Straße zu führen; dann
wieder bei Fahiyan wird ein Weg angegeben, der gerade nordwärts in das
Gebirge führt und jenseits Kala-Safid in die hinter der Feste liegende
kleine Ebene hinabsteigt.

So die Wege, die Alexander zu nehmen hatte, um Persepolis und Pasargadai zu
erreichen; die Jahreszeit war nichts weniger als günstig, es mußte schon
tiefer Schnee in den Bergen liegen, es mußten die bei der Seltenheit der
Ortschaften häufigen Biwaks und die kalten Nächte den an sich schon
beschwerlichen Zug noch schwieriger machen; es kam dazu, daß man Widerstand
von seiten der Uxier und noch mehr von seiten des Ariobarzanes, der sich
mit bedeutender Truppenmacht in den höheren Pässen verschanzt hatte,
erwarten konnte. Dennoch eilte Alexander nach Persien, nicht bloß um sich
des Landes, der Schätze von Persepolis und Pasargadai und des Weges ins
Innere Irans zu versichern, sondern und namentlich, damit nicht durch
längeres Zögern der Perserkönig Zeit gewann, große Rüstungen zu machen und
sich von Medien hierher zu wenden, um die Heimat des persischen Königtums
und die hohe Pforte der Achämeniden hinter den so schwierigen persischen
Pässen zu verteidigen.

So zog Alexander mit seinem Heere über die Ebene Susianas, überschritt in
wenigen Tagen den Pasitigris und betrat das Gebiet der talländischen Uxier,
die, schon dem Perserkönige unterworfen und unter der Herrschaft des
susianischen Satrapen, sich ohne weiteres ergaben. Die Berguxier dagegen
sandten Abgeordnete an ihn mit der Botschaft: nicht anders würden sie ihm
den Durchzug gestatten, als wenn sie die Geschenke, die die Perserkönige
gegeben hätten, auch von ihm erhielten. Je wichtiger die freie Passage nach
dem oberen Lande war, destoweniger konnte Alexander sie in den Händen des
trotzigen Bergvolkes lassen; er ließ ihnen sagen, sie möchten in die
Engpässe kommen und sich dort ihr Teil holen.

Mit dem Agema und den anderen Hypaspisten, mit noch etwa achttausend Mann
meist leichter Truppen wandte er sich, von Susianern geführt, bei Nachtzeit
auf einen anderen sehr schwierigen Gebirgspfad, der von den Uxiern
unbesetzt geblieben war; mit Tagesanbruch erreichte er die Dorfschaften
derselben: die meisten derer, die daheim waren, wurden auf ihren Lagern
ermordet, die Häuser geplündert und den Flammen preisgegeben. Dann eilte
das Heer zu den Engpässen, wohin sich die Uxier von allen Seiten versammelt
hatten. Alexander sandte Krateros mit einem Teile des Heeres auf die Höhen
hinter der von den Uxiern besetzten Enge, während er selbst gegen den Paß
mit größerer Eile vorrückte, so daß die Barbaren, umgangen, durch die
Schnelligkeit des Feindes erschreckt, aller Vorteile, die der Engpaß
gewähren konnte, beraubt, sich sofort, als Alexander in geschlossenen
Reihen anrückte, fliehend zurückzogen; viele stürzten in die Abgründe,
viele werden von den verfolgenden Makedonen, noch mehr von Krateros'
Truppen auf der Höhe, nach der sie sich retten wollten, erschlagen.
Alexander war anfangs willens, den ganzen Stamm der Berguxier aus diesen
Gegenden zu versetzen; Sisygambis, die Königinmutter, legte Fürbitte für
sie ein; man sagt, Madates, ihrer Nichte Gemahl, sei ihr Anführer gewesen.
Alexander ließ auf der Königin Bitten diesen Hirtenstämmen ihr Bergland; er
legte ihnen einen jährlichen Tribut von tausend Pferden, fünfhundert Haupt
Zugvieh, dreißigtausend Schafen auf; Geld und Ackerland hatten sie nicht.

So war der Eingang in die höheren Gebirge geöffnet; und während Parmenion
mit der einen Hälfte des Heeres, namentlich den schwerer Bewaffneten vom
Fußvolk, den thessalischen Reitern und dem Train, auf der großen Heerstraße
weiterzog, eilte Alexander selbst mit dem makedonischen Fußvolk, der
Ritterschaft, den Sarissophoren, den Agrianern und Schützen auf dem
nächsten, aber beschwerlichen Gebirgswege die persischen Pässe zu
erreichen. Eilmärsche brachten ihn am fünften Tage an den Eingang
derselben, den er durch mächtige Mauern gesperrt fand; der Satrap
Ariobarzanes, so hieß es, stehe mit vierzigtausend Mann Fußvolk und
siebenhundert Reitern hinter der Mauer in einem festen Lager, entschlossen,
den Eingang um jeden Preis zu sperren. Alexander lagerte sich; am nächsten
Morgen wagte er sich in die von hohen Felsen eingeschlossene Paßgegend
hinein, um die Mauer anzugreifen; ihn empfing ein Hagel von
Schleudersteinen und Pfeilen, Felsmassen von den Abhängen hinabgestürzt,
von drei Seiten ein erbitterter Feind; vergebens versuchten einzelne die
Felsenwände zu erklimmen, die Stellung der Feinde war unangreifbar.
Alexander zog sich in sein Lager, eine Stunde vor dem Paß, zurück.

Seine Lage war peinlich; nur dieser Paß führte nach Persepolis, er mußte
genommen werden, wenn nicht eine gefährliche Unterbrechung eintreten
sollte; aber an diesen Felswänden schienen die höchsten Anstrengungen der
Kunst und des Mutes scheitern zu müssen; und doch hing alles von der
Einnahme dieser Pässe ab. Von Gefangenen erfuhr Alexander, daß diese
Gebirge meist mit dichten Wäldern bedeckt seien, daß kaum einzelne
gefährliche Fußsteige hinüberführten, daß sie jetzt doppelt mühselig wegen
des Schnees in den Bergen sein würden, daß anderseits nur auf diesen
Felsenpfaden die Pässe zu umgehen und in das von Ariobarzanes besetzte
Terrain zu gelangen sei. Alexander entschloß sich zu dieser, vielleicht der
gefährlichsten Expedition seines Lebens.

Krateros blieb mit seiner und Meleagros' Phalanx, mit einem Teile der
Bogenschützen und fünfhundert Mann der Ritterschaft im Lager zurück, mit
der Weisung, durch Wachtfeuer und auf jede andere Weise dem Feinde die
Teilung der Armee zu verbergen, dann aber, wenn er von jenseits der Berge
herüber die makedonischen Trompeten höre, mit aller Gewalt gegen die Mauer
zu stürmen. Alexander selbst brach mit den Phalangen Amyntas, Perdikkas,
Koinos, mit den Hypaspisten und Agrianern, mit einem Teile der Schützen und
dem größten Teil der Ritterschaft unter Philotas in der Nacht auf und stieg
nach einem sehr beschwerlichen Marsche von mehr als zwei Meilen über das
mit tiefem Schnee bedeckte Gebirge. Er war am anderen Morgen jenseits;
rechts die Bergkette, die an den Pässen und über dem Lager der Feinde
endete, vor der Front das Tal, das sich zur Ebene des Araxes, über den hin
der Weg nach Persepolis führt, ausbreitet, im Rücken die mächtigen Gebirge,
die, mit Mühe überschritten, vielleicht bei einem Unfalle den Rückweg, die
Rettung unmöglich machten. Alexander teilte nach einiger Rast sein Heer; er
ließ Amyntas, Koinos, Philotas mit ihren Korps in die Ebene hinabgehen,
sowohl um auf dem Wege nach Persepolis über den Fluß eine Brücke zu
schlagen, als auch um den Persern, wenn sie überwältigt wären, den Rückzug
auf Persepolis zu sperren; er selbst rückte mit seinen Hypaspisten, mit der
Taxis des Perdikkas, mit dem Geleit der Ritterschaft und einer Tetrarchie
derselben, mit den Schützen und Agrianern rechts gegen die Pässe hin; ein
höchst beschwerlicher Marsch, durch die Waldung des Berges, durch den
heftigen Sturm, durch das Dunkel der Nacht doppelt schwierig. Vor
Tagesanbruch traf man die ersten Vorposten der Perser, sie wurden
niedergemacht; man nahte den zweiten, wenige entkamen zu der dritten
Postenreihe, um sich mit dieser nicht in das Lager, sondern in die Berge zu
flüchten.

Im persischen Lager ahnte man nichts von dem, was vorging; man glaubte die
Makedonen unten vor dem Tale, man hielt sich in diesem winterlichen
Sturmwetter in den Zelten, überzeugt, daß Sturm und Schnee das Angreifen
unmöglich machen werde; so war alles im Lager ruhig, als plötzlich, es war
in der Frühstunde, rechts auf den Höhen die makedonischen Trompeten
schmetterten und von den Höhen herab, aus dem Tale herauf zugleich der
Sturmruf ertönte. Schon war Alexander im Rücken der Perser, während
Krateros vom Tal herauf den Sturm begann, leicht die schlecht verwahrten
Eingänge erbrach; die dort Flüchtenden rannten dem vordringenden König ins
Eisen; sich zu der verlassenen Stellung zurückwendend, trafen sie sie
bereits von einem dritten Haufen besetzt, denn Ptolemäus war mit 3000 Mann
zurückgelassen, um von der Seite her einzudringen. So trafen von allen
Seiten die Makedonen in dem feindlichen Lager zusammen. Hier begann ein
gräßliches Gemetzel. Fliehende stürzten den Makedonen in die Schwerter,
viele in die Abgründe, alles war verloren; Ariobarzanes schlug sich durch,
er entkam mit wenigen Reitern in die Gebirge und auf heimlichen Wegen
nordwärts nach Medien.

Alexander brach nach kurzer Rast gen Persepolis auf; auf dem Wege soll ihm
ein Schreiben des Tiridates, der des Königs Schätze unter sich hatte,
zugekommen sein, ihn zur Eile zu mahnen, da sonst der Schatz geplündert
werden könne. Um desto schneller die Stadt zu erreichen, ließ er das
Fußvolk zurück und jagte mit den Reitern voraus; mit Tagesanbruch war er an
der Brücke, die von der Vorhut bereits geschlagen war. Seine unvermutete
Ankunft -- er war fast der Kunde von dem Gefecht vorausgeeilt -- machte
allen Widerstand und alle Unordnung unmöglich; die Stadt, die Paläste, die
Schätze wurden ohne weiteres in Besitz genommen. Ebenso schnell fiel
Pasargadai dem Sieger mit neuen größeren Schätzen zu; viele tausend Talente
Gold und Silber, unzählige Prachtgewebe und Kostbarkeiten wurden hier
aufgehäuft gefunden; man erzählt, daß zehntausend Paar Maultiere und
dreitausend Kamele nötig gewesen, um sie von dannen zu bringen.

Wichtiger noch als diese Reichtümer, mit denen Alexander dem Feinde sein
bedeutendstes Machtmittel entriß, und die seine Freigebigkeit aus den toten
Schatzgewölben in den Verkehr der Völker, dem sie so lange entzogen
gewesen, zurückzuführen verstand, war der Besitz dieser Gegend selbst, der
eigentlichen Heimat des persischen Königtums. In dem Tale von Pasargadai
hatte Kyros die medische Herrschaft bewältigt und zur Erinnerung des großen
Sieges dort sein Hoflager, seine Paläste und sein Grab gebaut, zwischen den
Monumenten irdischer Pracht ein einfaches Felsenhaus, bei dem fromme Magier
jeden Tag opferten und beteten. Noch reicher an Prachtbauten war die
Talebene von Persepolis mit ihren am Araxes und Medos sich westwärts und
ostwärts hinauf fortsetzenden Tälern. Dareios, des Hystaspes Sohn, der
zuerst Erde und Wasser von den Hellenen gefordert, der den Philhellenen
Alexandros, den makedonischen König, zu einem persischen Satrapen gemacht
hatte, war hier nach dem falschen Smerdes zum Großkönig erhoben worden,
hatte sich hier seinen Palast, seinen Säulenhof und sein Grab gebaut; von
vielen seiner Nachfolger war mit neuen Prachtgebäuden, mit Jagdrevieren und
Paradiesen, mit Palästen und Königsgräbern das Felsental des Bendemir
erfüllt; die Königspforte der vierzig »Säulen«, der stolze Felsenbau auf
dreifacher Terrasse, die Kolossalbilder von Rossen, von Stieren am
Eingange, ein Riesenplan von Gebäuden höchster Pracht und feierlichster
Größe schmückten den heiligen Bezirk, den die Völker Asiens ehrten als den
Ort der Königsweihe und der Huldigungen, als Herd und Mittelpunkt des
mächtigen Reiches. Dies Reich war jetzt gestürzt; Alexander saß auf dem
Throne desselben Xerxes, der einst auf der Strandhöhe der salaminischen
Bucht sein Prachtzelt aufgeschlagen, dessen frevelnde Hand die Akropolis
Athens niedergebrannt, die Tempel der Götter und die Gräber der Toten
zerstört hatte. Jetzt war der makedonische König, der hellenische
Bundesfeldherr, Herr in diesen Königsstädten, diesen Palästen; jetzt schien
die Zeit gekommen, altes Unrecht zu rächen und die Götter und die Toten im
Hades zu versöhnen; hier an diesem Herde der persischen Herrlichkeit sollte
das Recht der Vergeltung geübt und die alte Schuld gesühnt, es sollte den
Völkern Asiens der augenfällige Beweis geliefert werden, daß die Macht, die
sie bisher geknechtet, ab und tot, daß sie für immer ausgetilgt sei. Es
liegen hinlänglich Beweise vor, daß es nicht die Tat eines aufgeregten
Momentes, sondern ruhiger Überlegung war, wenn Alexander gebot, den
Feuerbrand in das Zederngetäfel des Königspalastes zu werfen. Parmenion war
anderer Ansicht gewesen, hatte dem Könige geraten, des schönen Gebäudes,
seines Eigentumes, zu schonen, nicht die Perser zu kränken in den
Denkmälern ihrer einstigen Größe und Herrlichkeit. Der König hielt dafür,
daß die Maßregel, die er beabsichtigte, nützlich und notwendig sei. So
brannte ein Teil des Palastes von Persepolis nieder. Dann befahl der König,
die Flamme zu löschen.

Vielleicht war dieser Brand des Palastes im Zusammenhang mit einer Art
Inthronisation, die Alexander gefeiert zu haben scheint. Es wird erzählt,
daß der Korinther Demaratos, als er Alexander auf dem Thron der Großkönige
unter goldenem Baldachin sitzen sah, sich geäußert habe: um wie große Wonne
diejenigen gekommen seien, welche diesen Tag nicht mehr erlebt hätten.

Noch ein zweites Vielleicht darf hier zur Erwähnung kommen, ein solches,
das für die Gesamtauffassung Alexanders und seines Verfahrens nicht ohne
Gewicht ist.

Bedeutete der Vorgang in Persepolis die feierliche Totsprechung der
Achämenidenmacht und die förmliche Besitzergreifung des ledig erklärten
Reiches, so darf man fragen, ob erst jetzt oder schon jetzt der Moment
gekommen war, in so drastischer Symbolik den unwiderruflichen Abschluß
auszusprechen und das Urteil zu vollstrecken. Hatte die Schlacht bei
Gaugamela die Persermacht definitiv gebrochen, warum zögerte dann Alexander
ein halbes Jahr, den Schritt zu tun, zu dem die Weltstadt Babylon oder die
Hofburg in Susa sich immerhin ebenso gut geeignet hätte? Oder wenn er ihn
verschob, weil mit jenem Siege, mit der Besitznahme von Babylon und Susa
noch nicht Genügendes gewonnen schien, war dann etwa die Okkupation der
Landschaft Persis militärisch und politisch von so großer Bedeutung, wenn
noch Medien mit Ekbatana in Dareios' Hand war, und damit der weite Norden
und Osten des Reichs, damit der kürzere Weg zum Tigris und der großen
königlichen Straße von Susa bis Sardes, damit für ein in Medien sich
sammelndes Heer von Reitermassen des Ostens die Möglichkeit, die lange und
dünnbesetzte Linie zu durchreißen, die Alexander mit den westlichen
Satrapien und mit Europa verband?

Die Überlieferungen, die uns vorliegen, sind nicht der Art, daß wir
voraussetzen dürfen, in ihnen alles Wesentliche erwähnt zu finden. Sie sind
redselig genug, wo es sich um die moralische Beurteilung Alexanders
handelt; von seinen militärischen Aktionen geben sie ungefähr genug, um
deren summarischen Zusammenhang erkennen zu lassen; über sein politisches
Handeln, über die Motive, die ihn bestimmten, die Zielpunkte, die er im
Auge behielt, sagen sie wenig oder nichts, so daß auf Grund der
Information, die sie uns geben, auch die Vorstellung gerechtfertigt hat
scheinen können, Alexander habe den Hellespont überschritten mit dem sehr
einfachen Plan, bis zu dem noch unbekannten Ganges und dem eben so
unbekannten Meer im Osten, in das er sich ergießt, zu marschieren.

Daß sich Alexander einen Friedensschluß möglich dachte, in welcher Form,
auf welcher Grundlage, das hatte die Antwort gezeigt, die er nach der
Schlacht bei Issos auf die eben so dürftigen wie hochmütigen Anträge des
Großkönigs gegeben hatte. Die Forderung, die er in derselben voranstellte,
ergab sich aus der Sachlage und aus der Summe der vorausliegenden
geschichtlichen Tatsachen. Einst hatten Dareios' Vorfahren den
makedonischen König gezwungen, sich ihrer Oberhoheit zu unterwerfen, ihr
Satrap zu sein; sie hatten von den hellenischen Staaten Erde und Wasser
gefordert, sie hatten nicht aufgehört, sich als geborene Herren auch über
die Hellenen und die Barbaren Europas anzusehen, sie hatten im
Antalkidischen Frieden und auf Grund desselben »Befehle« zur Nachachtung an
die hellenischen Staaten erlassen; sie hatten, als König Philipp gegen
Perinth und Byzanz kämpfte, ohne weiteres Truppen wider ihn gesandt, als
stehe ihnen zu, über die griechische Welt ihre Hand zu halten und
einzuschreiten, wann und wie es ihnen beliebe. Lag in dem Wesen Persiens,
der »Monarchie Asiens«, dieser Anspruch der Oberherrlichkeit auch über die
hellenische Welt, so konnte der Zweck des Krieges, zu dessen Führung
Alexander sich an der Spitze der Makedonen und Hellenen erhoben hatte, kein
anderer sein, als diesem Anspruch des Großkönigs gründlich und für immer
ein Ende zu machen. Alexander hatte nach der Schlacht bei Issos den
Anträgen des Dareios eine und nur eine Forderung entgegengestellt: die der
Anerkennung, daß nicht mehr Dareios, sondern Alexander Herr und König in
Asien sei; er war bereit, für diese Anerkennung dem besiegten Gegner
Zugeständnisse zu machen, ihm, so ungefähr ist der Ausdruck, alles zu
gewähren, von dessen Angemessenheit er ihn, den Sieger, überzeugen werde:
wenn er diese Anerkennung weigere, dann möge er einer neuen Schlacht
gewärtig sein. Auf solche Alternative gestellt, hatte Dareios den weiteren
Kampf gewählt; er hatte die zweite größere Schlacht, mit ihr die weite
Länderstrecke von den Meeresküsten bis zu den Randgebirgen Irans verloren.
Mußte er jetzt nicht innewerden, daß er der Macht Alexanders nicht
gewachsen sei? Zeigte nicht jeder weitere Marsch desselben, daß er
tatsächlich sei, wofür er anerkannt zu werden gefordert hatte, Herr in
Asien, und daß es keine Macht mehr gebe, die ihn hindern könne, zu tun, was
er wolle? Konnte Dareios noch zweifeln, daß er sich beugen, sich ihm
unterordnen müsse, wenn er noch irgend etwas retten, wenn er die ihm teuren
Pfänder, die in des siegreichen Gegners Hand waren, wiedergewinnen wolle?

Alexander mag nach dem Tage von Gaugamela erwartet haben, daß Dareios an
ihn senden, ihm eingehendere Anträge als nach dem von Issos machen, sich
vor der Macht der Tatsachen beugen werde; er mag, da ihm nicht angemessen
scheinen konnte, unmittelbar die Initiative zu ergreifen, der Königinmutter
-- auf deren Fürbitte hatte er den Uxiern verziehen -- Andeutungen gemacht
haben, daß er friedlichen Erbietungen ihres Sohnes gern Gehör schenken
werde. Er konnte auch jetzt geneigt sein, dem besiegten Gegner, wenn er den
geschehenen Wechsel der Macht anerkenne, einen Frieden zu gewähren, der ihm
Land und Leute ließ und ihm seine Familie wiedergab. Was Alexander jetzt
innehatte, die Länderstrecken vom Meere bis zu den Bergsteilen, die Iran
umschließen, bildete ein großes zusammenhängendes, auch der Volksart nach
ziemlich gleichartiges Ganze, groß und reich genug, um, zu einem Reich mit
Makedonien und Hellas vereint, die beherrschende Macht Asiens zu sein,
durch seine Küsten dem Westen nah genug, um die Herrschaft über das
Mittelmeer hinzuzufügen, zu der mit dem ägyptischen Alexandrien der Grund-
und Eckstein gelegt war. Ein Friedensschluß in solchem Sinn würde das Werk
der siegreichen Waffen mit der Anerkennung durch den, der ihnen erlegen
war, besiegelt haben.

So die hypothetische Linie, die zu zeichnen angemessen schien, um die Lücke
zu bezeichnen, die in unseren Überlieferungen ist; die Vorgänge in
Persepolis bekommen einen Akzent mehr, wenn man jene Lücke sich so ergänzt
denkt. Wenn Alexander Friedensanträge gewünscht, wenn er sie monatelang
erwartet hatte, wenn sie auch nach dem Fall von Susa, auch nach der
Forcierung der Pässe nach Persien hinauf, nach Besitznahme der alten
Königsstätten dort nicht kamen, so war endlich die Hoffnung auf einen
vertragsmäßigen Abschluß aufzugeben und der Akt zu vollziehen, mit dem die
Achämenidenmacht tot erklärt, die Besitzergreifung der Monarchie über Asien
verkündet wurde.

Es war der Urteilsspruch, den zu vollstrecken die nächstweitere
militärische Aufgabe sein mußte.



  Viertes Kapitel

  Aufbruch aus Persepolis -- Dareios' Rückzug aus Ekbatana --
  Seine Ermordung -- Alexander in Parthien -- Das Unternehmen
  Zopyrions, Empörung Thrakiens, Schilderhebung des
  Agis, seine Niederlage, Beruhigung Griechenlands


Vier Monate verweilte Alexander in den Königsstädten der persischen
Landschaft. Nicht bloß, um das Heer sich erholen zu lassen; es wird richtig
sein, was die minder guten Quellen berichten, daß er in diesen
Wintermonaten gegen die räuberischen Bewohner der nahen Gebirge auszog, um
das Land für immer gegen ihre Einfälle zu sichern. Es waren namentlich die
Mardier in den südlichsten Gebirgen, die, ähnlich den Uxiern, bisher in
fast völliger Unabhängigkeit gelebt hatten. Durch sehr mühselige Züge in
ihre schneebedeckten Bergtäler zwang sie Alexander sich zu unterwerfen. Die
Satrapie Karmanien, der sich Alexander bei diesem Zuge genaht haben mochte,
unterwarf sich und der Satrap Aspastes wurde in ihrem Besitze bestätigt.
Schon war dem edlen Phrasaortes, dem Sohn jenes Rheomithres, der in der
Schlacht bei Issos den Tod gefunden, die Satrapie Persis übergeben. Daß
eine Besatzung von 3000 Mann für Persepolis bestellt wurde, ist nicht
hinreichend sicher überliefert; ebenso daß ein Zuzug von 5000 Mann Fußvolk
und 1000 Reitern hier oder demnächst auf dem Marsch eingetroffen sei. Dann
endlich -- es mochte Ende April sein -- wurde nach Medien aufgebrochen,
wohin Dareios mit dem Reste des Heeres nach der Schlacht bei Arbela
geflüchtet war.

Nach dem Verlust der Schlacht war Dareios durch die medischen Gebirge nach
Ekbatana gegangen mit der Absicht, hier abzuwarten, was Alexander
unternehmen werde, und sobald derselbe ihm auch hierher nachsetzte, in den
Norden seines Reiches zu flüchten, alles hinter sich verheerend, damit
Alexander ihm nicht folgen könne. Zu dem Ende hatte er bereits die Karawane
seines Harems, seine Schätze und Kostbarkeiten an den Eingang der
kaspischen Pässe nach Ragai gesandt, um durch sie, wenn schleunige Flucht
nötig werde, nicht behindert zu sein. Indes verging ein Monat nach dem
andern, ohne daß sich auch nur ein feindliches Streifkorps in den Pässen
des Zagrosgebirges oder an der inneren Grenze Mediens zeigte. Dann war
Ariobarzanes, der heldenmütige Verteidiger der persischen Tore, in Ekbatana
angekommen; man mochte jetzt von Südosten her die Makedonen erwarten; aber
kein Feind ließ sich sehen. Gefielen dem Sieger die Schätze von Persepolis
und Pasargadai vielleicht besser als ein neuer Kampf? Hielten ihn und sein
übermütiges Heer die neuen und betäubenden Genüsse des Morgenlandes
gefesselt? Noch sah sich Dareios von treuen Truppen, von hochherzigen
Perserfürsten umgeben; mit ihm war der Kern des persischen Adels, die
Chiliarchie, die Nabarzanes führte, Atropates von Medien, Autophradates von
Tapurien, Phrataphernes von Hyrkanien und Parthien, Satibarzanes von Areia,
Barsaentes von Arachosien und Drangiana, der kühne Baktrier Bessos, des
Großkönigs Verwandter, mit ihm dreitausend baktrische Reiter, die sich mit
ihm aus der letzten Schlacht gerettet hatten; ferner des Großkönigs Bruder
Oxathres und vor allem der greise Artabazos, der vielbewährte Freund des
Dareios, vielleicht der würdigste Name des Persertums, mit ihm seine Söhne;
auch des Großkönigs Ochos Sohn, Bisthanes, auch des abtrünnigen Mazaios von
Babylon Sohn, Artabelos, war in Ekbatana. Noch hatte Dareios einen Rest
seiner griechischen Söldnerscharen unter des Phokiers Patron Führung; er
erwartete die Ankunft mehrerer tausend Kadusier und Skythen; nach Ekbatana
konnten die Völker von Turan und Ariana noch einmal zu den Waffen gerufen
werden, um sich unter ihren Satrapen um die Person des Königs zu sammeln
und den Osten des Reiches zu verteidigen; die medische Landschaft bot
Positionen genug, in denen man sich verteidigen konnte, namentlich die
kaspischen Pässe, die den Eingang nach den östlichen und nördlichen
Satrapien bildeten, konnte man auch gegen einen übermächtigen Feind leicht
behaupten und ihm dauernd sperren. Dareios beschloß, noch einmal das Glück
der Waffen zu versuchen und mit dem Heere, das er bis zur Ankunft
Alexanders versammelt haben werde, den Feind am weiteren Vordringen zu
hindern. Er mochte durch die Gesandten Spartas und Athens, die sich in
seinem Hoflager befanden, erfahren haben, welch tiefen Eindruck die
Nachricht von der Schlacht von Gaugamela in Hellas gemacht habe und daß die
antimakedonische Partei bereit sei, daß viele Staaten sich entweder schon
mit Sparta offen vereint hätten oder nur des Königs Agis ersten Erfolg
erwarteten, um von dem Korinthischen Bunde abzufallen, daß sich so in
Griechenland ein Umschwung der Verhältnisse vorbereite, der die Makedonen
bald genug aus Asien zurückzukehren zwingen werde. Dareios mochte hoffen,
glauben zu dürfen, daß das Ende seines Unglücks nicht mehr fern sei.

Schon nahte Alexander. Paraitakene, die Landschaft zwischen Persis und
Medien, hatte sich unterworfen und Oxyathres, den Sohn des susianischen
Satrapen Abulites, zum Satrapen erhalten; auf die Nachricht, daß Dareios
unter den Mauern von Ekbatana, an der Spitze eines bedeutenden Heeres von
Baktrianern, Griechen, Skythen, Kadusiern den Angriff erwarten werde, eilte
Alexander, den Feind möglichst bald zu treffen. Er ließ, um desto schneller
fortzukommen, die Bagage mit ihrer Bedeckung zurück und betrat nach zwölf
Tagen das medische Gebiet; da erfuhr er, daß weder die Kadusier noch die
Skythen, die Dareios erwartet, eingetroffen seien, daß Dareios, um ein
entscheidendes Zusammentreffen zu verzögern, sich bereits zum Rückzuge nach
den kaspischen Pässen, wohin die Weiber, Wagen und Feldgerät vorausgegangen
seien, anschickte. Doppelt eilte Alexander, er wollte Dareios selbst in
seiner Gewalt haben, um allem weiteren Kampfe um den Perserthron ein Ende
zu machen. Da kam, drei Tagereisen von Ekbatana, Bisthanes, des Königs
Ochos Sohn, einer von denen, die dem Großkönig bis dahin gefolgt waren,
ins makedonische Lager; er bestätigte das Gerücht, daß Dareios weiter
geflohen, daß er vor fünf Tagen aus Ekbatana gezogen sei, daß er die
Schätze Mediens, etwa siebentausend Talente, mit sich genommen habe, ein
Heer von sechstausend Mann Fußvolk und dreitausend Pferden ihn begleite.

Alexander eilte nach Ekbatana; schnell wurde dort alles Nötige geordnet; es
wurden die Thessaler und die übrigen Bundesgenossen, so viele ihrer nicht
freiwillig weiterdienen wollten, mit vollem Sold und einem Geschenk von
zweitausend Talenten in die Heimat gesandt; aber nicht wenige blieben; es
wurde der Perser Oxydates, der in Susa, früher von Dareios zum ewigen
Gefängnis verdammt, durch Alexander befreit war und darum doppelten
Vertrauens würdig schien, an Atropates' Stelle, der mit Dareios war, zum
Satrapen über Medien bestellt; es wurde Parmenion beauftragt, die Schätze
aus Persis in die Burg von Ekbatana zu bringen und dem Harpalos zu
übergeben, der zu ihrer Verwaltung bestellt wurde und vorerst zu deren
Bewachung sechstausend Makedonen mit den nötigen Reitern und leichten
Truppen behielt; Parmenion sollte dann nach Übergabe des Schatzes mit den
Soldtruppen, den Thrakern usw. an dem Lande der Kadusier vorüber nach
Hyrkanien marschieren. Kleitos, der krank in Susa zurückgeblieben war,
erhielt Befehl, sobald es seine Gesundheit gestatte, die sechstausend Mann,
die vorläufig bei Harpalos blieben ins Parthische zu führen, um sich dort
mit der großen Armee wieder zu vereinen. Mit den übrigen Phalangen, mit der
makedonischen Ritterschaft, den Söldnerreitern des Erigyios, den
Sarissophoren, den Agrianern und Schützen eilte Alexander dem fliehenden
Dareios nach; in elf höchst angestrengten Tagemärschen, in denen viele
Menschen und Pferde liegenblieben, erreichte er Ragai, von wo aus für
Alexanders Eile noch ein starker Marsch von acht Meilen bis zum Eingang der
kaspischen Tore war. Aber die Nachricht, daß Dareios bereits jenseits des
Passes sei und einen bedeutenden Vorsprung auf dem Wege nach Baktrien
voraushabe, sowie die Erschöpfung seiner Truppen bewog den König, einige
Tage in Ragai zu rasten.

Um dieselbe Zeit lagerte Dareios mit seinem Zuge wenige Tagereisen im Osten
der kaspischen Pässe. Er hatte kaum noch zwanzig Meilen Vorsprung; er mußte
sich überzeugen, daß es einerseits unmöglich sei, bei der ungeheuren
Schnelligkeit, mit der Alexander nacheilte, das baktrische Land fliehend zu
erreichen, daß er anderseits, wenn doch gekämpft werden mußte, möglichst
seinen Marsch verlangsamen müsse, damit die Truppen mit frischer Kraft den
vom Verfolgen ermatteten Feinden gegenüberträten; schon waren aus dem
persischen Zuge manche zu Alexander übergegangen, bei weiterer Flucht mußte
man immer mehr Abfall fürchten. Dareios berief die Großen seiner Umgebung
und gab ihnen seine Absicht kund, das Zusammentreffen mit den Makedonen
nicht länger zu meiden, sondern noch einmal das Glück der Waffen versuchen
zu wollen. Diese Erklärung machte tiefen Eindruck auf die Versammelten; das
Unglück hatte die meisten entmutigt, man dachte mit Entsetzen an neuen
Kampf; wenige waren bereit, ihrem Könige alles zu opfern, unter ihnen
Artabazos; gegen ihn erhob sich Nabarzanes, der Chiliarch: die dringende
Not zwinge ihn, ein hartes Wort zu sprechen; hier zu kämpfen sei der
sicherste Weg zum Verderben, man müsse weiter nach Osten flüchten, dort
neue Heere rüsten; aber die Völker trauten dem Glück des Königs nicht mehr;
nur eine Rettung gebe es; Bessos habe bei den östlichen Völkern großes
Ansehen, die Skythen und Inder seien ihm verbündet, er sei Verwandter des
königlichen Hauses; der König möge ihm, bis der Feind bewältigt sei, die
Tiara abtreten. Der Großkönig riß seinen Dolch aus dem Gürtel, kaum entkam
Nabarzanes; er eilte, sich mit seiner Perserschar von dem Lager des Königs
zu sondern; Bessos folgte ihm mit den baktrischen Völkern. Beide handelten
im Einverständnis und nach einem längst vorbereiteten Plane; Barsaentes von
Drangiana und Arachosien wurde leicht gewonnen; die übrigen Satrapien der
Ostprovinzen waren, wenn nicht offenbar beigetreten, doch geneigt, ihrem
Vorteile, als ihrer Pflicht zu dienen. Darum beschwor Artabazos den König,
nicht seinem Zorne zu folgen, bei den Meuterern sei die größere
Streitmacht, ohne sie sei man verloren, er möge sie durch unverdiente
Gnade zur Treue oder zum Schein des Gehorsams zurückrufen. Indes hatte
Bessos versucht, die Schar der Perser zum Aufbruch gen Baktrien zu bewegen;
aber sie schauderten noch vor dem Gedanken des offenbaren Verrates; sie
wollten nicht ohne den König fliehen. Bessos' Plan schien mißlungen; desto
hartnäckiger verfolgte er ihn; er schilderte ihnen die Gefahr, in die sie
der Großkönig stürze, er gewöhnte sie, die Möglichkeit eines Verbrechens zu
denken, das allein retten könne. Da erschien Artabazos mit der Botschaft,
der König verzeihe das unüberlegte Wort des Nabarzanes und die eigenwillige
Absonderung des Bessos. Beide eilten in des Königs Zelt, sich vor ihm in
den Staub zu werfen und mit heuchlerischem Geständnis ihre Reue zu
beglaubigen.

Des anderen Tages rückte der Zug auf dem Wege nach Thara weiter; die dumpfe
Stille, die mißtrauische Unruhe, die überall herrschte, offenbarte mehr
eine drohende als überstandene Gefahr. Der Führer der Griechen bemühte
sich, in die Nähe des Königs zu kommen, dessen Wagen Bessos mit seinen
Reitern umgab. Endlich gelang es dem treuen Fremdling; er sagte dem Könige,
was er fürchte; er beschwor ihn, sich dem Schutze der griechischen Truppen
anzuvertrauen, nur dort sei sein Leben sicher. Bessos verstand nicht die
Sprache, wohl aber die Miene des hellenischen Mannes; er erkannte, daß
nicht länger zu zögern sei. Man langte am Abend in Thara an; die Truppen
lagerten, die Baktrier dem Zelte des Königs nahe; in der Stille der Nacht
eilten Bessos, Nabarzanes, Barsaentes, einige Vertraute in das Zelt,
fesselten den König, schleppten ihn in den Wagen, in dem sie ihn als
Gefangenen mit sich gen Baktrien führen wollten, um sich mit seiner
Auslieferung den Frieden zu erkaufen. Die Kunde von der Tat verbreitete
sich schnell im Lager, alles löste sich in wilde Verwirrung auf; die
Baktrier zogen gen Osten weiter, mit Widerstreben folgten ihnen die meisten
Perser; Artabazos und seine Söhne verließen den unglücklichen König, dem
sie nicht mehr helfen konnten, zogen sich mit den griechischen Söldnern und
den Gesandten aus Hellas nordwärts in die Berge der Tapurier zurück;
andere Perser, namentlich des Mazaios Sohn Artabelos und Bagisthanes von
Babylon, eilten rückwärts, sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen.

Alexander hatte seine Truppen einige Tage in Ragai rasten lassen; am Morgen
des sechsten brach er wieder auf; er erreichte mit einem starken Marsche
den Westeingang der Pässe (Aiwan-o-i-Koif); folgenden Tages zog er durch
diese Pässe, die, fast drei Stunden lang, seinen Marsch nicht wenig
verzögerten, dann noch so weit, als an diesem Tage zu kommen möglich war,
durch die wohlbebaute Ebene von Choarene (Khuar) bis zu dem Saum der
Steppe, über die der Weg ostwärts nach der parthischen Hauptstadt
Hekatompylos, dem Mittelpunkt der Heerstraßen gen Hyrkanien, Baktrien und
Ariana, führt. Während das Heer hier lagerte und einige Truppen sich in der
Gegend zerstreuten, um für den Weg durch die Steppe zu fouragieren, kamen
Bagisthanes und Artabelos in das makedonische Lager, unterwarfen sich der
Gnade des Königs; sie sagten aus, daß Bessos und Nabarzanes sich der Person
des Großkönigs bemächtigt hätten und eiligst gen Baktrien zögen; was weiter
geschehen, wüßten sie nicht. Mit desto größerer Eile beschloß Alexander die
Fliehenden zu verfolgen; indem er den größeren Teil der Truppen unter
Krateros mit dem Befehl, langsam nachzurücken, zurückließ, eilte er selbst
mit der Ritterschaft, den Plänklern, den Leichtesten und Kräftigsten vom
Fußvolk den Fliehenden nach. So die Nacht hindurch bis zum folgenden
Mittag; und wieder nach wenigen Stunden Rast die zweite Nacht hindurch; mit
Sonnenaufgang erreichte man Thara, wo vier Tage früher Dareios von den
Meuterern gefangengenommen war. Hier erfuhr Alexander von des Großkönigs
Dolmetscher Melon, der krank zurückgeblieben war, daß Artabazos und die
Griechen sich nordwärts in die tapurischen Berge zurückgezogen hätten, daß
Bessos an Dareios' Statt die Gewalt in Händen habe und von den Persern und
Baktriern als Gebieter anerkannt werde, daß der Plan der Verschworenen sei,
sich in die Ostprovinzen zurückzuziehen und dem Könige Alexander gegen den
ungestörten und unabhängigen Besitz des persischen Ostens die Auslieferung
des Dareios anzubieten, wenn er dagegen weiter vordringe, ein möglichst
großes Heer zusammenzubringen und sich gemeinschaftlich im Besitz der
Herrschaften, die sie hätten, zu behaupten, vorläufig aber die Führung des
Ganzen in Bessos' Händen zu lassen, angeblich wegen seiner Verwandtschaft
mit den königlichen Hause und seines nächsten Anrechtes auf den Thron. --
Alles drängte zur größten Eile; kaum gönnte sich Alexander während des
heißen Tages Rast, am Abend jagte er weiter, die Nacht hindurch; fast
erlagen Mann und Roß; so kam er mittags in ein Dorf (etwa Bakschabad), in
dem tags zuvor die Verschworenen gelagert, das sie am Abend verlassen
hatten, um, wie gesagt wurde, fortan bei Nacht ihren Zug fortzusetzen; sie
konnten nicht mehr als einige Meilen voraus sein; aber die Pferde waren
erschöpft, die Menschen mehr als ermattet, der Tag heiß; auf Erkundigung
bei den Einwohnern, ob es nicht einen kürzeren Weg den Fliehenden nach
gebe, erfuhr Alexander, der kürzere sei öde, ohne Brunnen. Diesen beschloß
er zu verfolgen; er wählte 500 Pferde der Ritterschaft und für sie die
Offiziere und die tapfersten Leute des Fußvolkes aus, ließ diese in ihren
Waffen aufsitzen; mit dem Befehl, daß die Agrianer unter Attalos möglichst
rasch auf dem Heerwege nachrücken, die anderen Truppen unter Nikanor
marschmäßig folgen sollten, zog er mit seinen »Doppelkämpfern« um die
Abenddämmerung den wasserlosen Heideweg hinab. Viele erlagen der
übermäßigen Anstrengung und blieben am Wege liegen. Als der Morgen graute,
sah man die zerstreute, unbewehrte Karawane der Hochverräter; da jagte
Alexander auf sie los; der plötzliche Schrecken verwirrte den langen Zug,
mit wildem Geschrei sprengten die Barbaren auseinander; wenige versuchten
Widerstand, sie erlagen bald; die übrigen flohen in wilder Hast, Dareios'
Wagen in der Mitte, ihm zunächst die Verräter. Schon nahte Alexander; nur
ein Mittel noch konnte retten; Bessos und Barsaentes durchbohrten den
gefesselten König und jagten fliehend nach verschiedenen Seiten. Dareios
verschied kurz darauf. Die Makedonen fanden den Leichnam, und Alexander,
so wird erzählt, deckte seinen Purpur über ihn.

So endete der letzte Großkönig aus dem Geschlecht der Achämeniden. Nicht
dem erlag er, gegen den er sein Reich zu behaupten vergebens versucht
hatte; die Schlachten, die er verloren, hatten ihn mehr als Gebiet und
Königsmacht, sie hatten ihn Glauben und die Treue seines Perservolkes und
seiner Großen gekostet; ein Flüchtling unter den Verrätern, ein König in
Ketten, so fiel er von den Dolchen seiner Satrapen, seiner Blutsverwandten
durchbohrt; ihm blieb der Ruhm, nicht um den Preis der Tiara sein Leben
erkauft, noch dem Verbrechen ein Recht über das Königtum seines
Geschlechtes zugestanden zu haben, sondern als König gestorben zu sein. Als
König ehrte ihn Alexander; er sandte den Leichnam zur Bestattung in die
Gräber von Persepolis; Sisygambis begrub den Sohn.

Alexander hatte mehr erreicht, als er hatte erwarten können. Nach zwei
Schlachten hatte er den geschlagenen König fliehen lassen; aber seit er,
Herr der Königsstädte des Reiches, auf dem Thron des Kyros und nach
persischer Weise die Huldigung der Großen entgegengenommen hatte, seit er
den Völkern Asiens als ihr Herr und König galt und gelten mußte, durfte der
flüchtige König nicht länger den Namen seiner verlorenen Herrlichkeit, eine
Fahne zu immer neuem Aufruhr, durch die weiten Länder des Ostens tragen.
Der Wille und die Notwendigkeit, den Feind zu fangen, wurde nach der
heroischen Natur Alexanders zur persönlichen Leidenschaft, zum
achilleischen Zorn; er verfolgte mit einer Hast, die an das Ungeheure
grenzt, und die, vielen seiner Tapferen zum Verderben, ihn dem gerechten
Vorwurf despotischer Schonungslosigkeit aussetzen würde, wenn er nicht
selbst Mühe und Ermüdung, Hitze und Durst mit seinen Truppen geteilt,
selbst die wilde Jagd der vier Nächte geführt und bis zur letzten
Erschöpfung ausgehalten hätte. Damals, heißt, es, brachten ihm Leute einen
Trunk Wasser im Eisenhelm; er dürstete und nahm den Helm, er sah seine
Reiter traurig nach dem Labetrunk blicken und gab ihn zurück: »Tränke ich
allein, meine Leute verlören den Mut.« Da jauchzten die Makedonen: »Führe
uns, wohin du willst! Wir sind nicht ermattet, wir dürsten auch nicht, wir
sind nicht mehr sterblich, solange du unser König bist!« So spornten sie
ihre Rosse und jagten mit dem König weiter, bis sie den Feind sahen und den
toten Großkönig fanden.

Man hat Alexanders Glück darin wieder erkennen wollen, daß sein Gegner tot,
nicht lebend in seine Hände gefallen sei; er würde stets ein Gegenstand
gerechter Besorgnis für Alexander, ein Anlaß gefährlicher Wünsche und Pläne
für die Perser gewesen sein, und endlich würde doch nur über seinen
Leichnam der Weg zum ruhigen Besitze Asiens geführt haben; Alexander sei
glücklich zu preisen, daß ihm nur die Frucht, nicht auch die Schuld des
Mordes zugefallen, er habe sich um der Perser willen das Ansehen geben
können, als beklage er ihres Königs Tod. Vielleicht hat Alexander, wie nach
ihm der große Römer, über den verbrecherischen Untergang seines Feindes
sich der Vorteile zu freuen vergessen, die ihm aus dem Blute eines Königs
zufließen sollten; große Geister fesselt an den Feind ein eigenes Band,
eine Notwendigkeit, möchte man sagen; wie die Macht des Schlages sich nach
dem Gegenstand bestimmt, den er treffen soll. Bedenkt man, wie die
Königinmutter, wie die Gemahlin und Kinder des Großkönigs von Alexander
aufgenommen waren, wie er überall ihr Unglück zu ehren und zu lindern
suchte, so kann man nicht zweifeln, welches Schicksal er dem gefangenen
Könige gewährt hätte; in des Feindes Hand wäre dessen Leben sicherer
gewesen als unter Persern und Blutsverwandten.

Es ist ein anderer Punkt in diesen Vorgängen, in dem man Alexanders Glück
erkennen kann -- sein Glück oder sein Verhängnis. Wäre Dareios lebend in
seine Hand gefallen, so hätte er dessen Verzicht auf die Länder, die ihm
bereits entrissen waren, dessen Anerkennung der neuen Machtgründung in
Asien gewinnen, sie vielleicht damit erkaufen können, daß er ihm die
östlichen Satrapien überließ; er hätte dann hier, wie er später in Indien
mit dem König Poros getan, an der Grenze seines Reiches ein Königtum
bestehen lassen, das in losen Formen der Abhängigkeit nur seine Oberhoheit
anerkannte. Mit der Ermordung des Dareios war die Möglichkeit eines solchen
Abschlusses dahin; wenn Alexander ihn möglich gehalten, wenn er wirklich
daran gedacht hatte, endlich einmal haltzumachen, so riß ihn jetzt das
Verbrechen, das an seinem Gegner verübt war, weiter, in das Unabsehbare
hinaus. Die Mörder nahmen die Macht und den Titel in Anspruch, die der
legitime König nicht zu behaupten vermocht hatte; sie waren Usurpatoren
gegen Alexander, wie sie Verräter an Dareios geworden waren. Das natürliche
Vermächtnis des ermordeten Königs bestellte den, der ihn besiegt, zum
Rächer an seinen Mördern; die Majestät des persischen Königtums, durch das
Recht des Schwertes gewonnen, ward jetzt zum Schwerte des Rechtes und der
Rache in Alexanders Hand; sie hatte keinen Feind mehr als die letzten
Vertreter, keinen Vertreter als den siegreichen Feind desselben Königtums.

In den entsetzlichen Vorgängen dieser letzten Tage hatte sich die Stellung
der persischen Großen völlig verändert. Die ihrem König nach der Schlacht
von Gaugamela nicht verlassen hatten, meist Satrapen der östlichen
Provinzen, hatten ihre eigene Sache geschützt, wenn sie um die Person des
Königs zusammenhielten. Jene Aufopferung und rührende Anhänglichkeit des
Artabazos, der, einst in Pella an König Philipps Hofe ein willkommener
Gast, einer ehrenvollen Aufnahme bei Alexander hätte gewiß sein können,
teilten wenige, da sie ohne Nutzen voll Gefahr erschien. Sobald des
Großkönigs Unglück ihren Vorteil, ja die Existenz ihrer Macht auf das Spiel
setzte, begannen sie sich und ihre Ansprüche auf Kosten dieses Königs zu
schützen, durch dessen Verblendung und Schwäche allein sie das Reich der
Perser ins Verderben gestürzt glaubten; das ewige Fliehen des Dareios
brachte nun, nach dem Verlust so vieler und schöner Länder, auch ihre
Satrapien in Gefahr; es schien ihnen billig, lieber etwas zu gewinnen, als
alles zu verlieren, lieber den Rest des Perserreiches zu behaupten, als
auch ihn noch für eine verlorene Sache zu opfern; wenn nur durch sie noch
Dareios König sein konnte, so glaubten sie nicht minder, sich ohne Dareios
im Besitz ihrer Herrschaft behaupten zu können.

Sie hatten Dareios gefangengenommen; Alexanders plötzlicher Angriff trieb
sie, ihn zu ermorden, um sich selbst zu retten; sie flohen, um die
Verfolgung zu erschweren, in zwei Haufen, Bessos auf dem Wege nach
Chorassan nach Baktrien, Nabarzanes mit den Resten seiner Chiliarchie und
von dem parthischen Satrapen begleitet nach Hyrkanien, um von dort aus gen
Baktrien zu eilen und sich mit Bessos zu vereinigen. Ihr Plan war, die
persische Monarchie wenigstens im Osten aufrechtzuerhalten und dann aus
ihrer Mitte, wie einst nach Smerdes' Ermordung, einen neuen König der
Könige zu ernennen. Indes war es klar, daß, wenn Phrataphernes aus
Parthien, Satibarzanes aus Areia, Barsaentes aus Drangiana hinweg nach
Baktrien gingen, um unter Bessos' Führung, wie verabredet war, zu kämpfen,
jedenfalls ihre Satrapien dem Feinde in die Hände fielen, und sie ihre
Länder einer sehr fernen Zukunft opferten; so blieb Phrataphernes in
Hyrkanien stehen, und Nabarzanes schloß sich ihm an; Satibarzanes ging nach
Areia, Barsaentes nach Drangiana, um nach den weiteren Unternehmungen
Alexanders ihre Maßregeln zu nehmen; die nämliche Selbstsucht, die sie zum
Königsmorde vereint hatte, zerriß die letzte Macht, die dem Feinde noch
hätte entgegentreten können, und indem sie jeder nur sich und den eigenen
Vorteil im Auge hatten, sollten sie vereinzelt desto sicherer dem Schwerte
des Furchtbaren erliegen.

Alexander war nach jenem Überfall, bei der gänzlichen Erschöpfung seiner
Leute, nicht imstande gewesen, Dareios' Mörder, die nach allen Seiten hin
flohen, zu verfolgen. In der Ebene von Hekatompylos rastete er, um die
zurückgebliebenen Truppen an sich zu ziehen und die Angelegenheiten der
Satrapie Parthien zu ordnen. Der Parther Aminapes, der sich dem Könige bei
dessen Eintritt in Ägypten mit Mazakes unterworfen hatte, erhielt die
Satrapie, Tleopolemos, aus der Schar der Hetairen, wurde ihm an die Seite
gesetzt.

Im Norden der Stadt beginnen die Vorberge der Elburskette, die von den
Tapuriern bewohnt wurde; von einzelnen Pässen durchschnitten, trennt sie
die Grenzen von Parthien im Süden und Hyrkanien im Norden, die erst weiter
in den Klippenzügen von Chorassan aneinanderstoßen; der Besitz der Pässe,
die als Verbindung zwischen dem Kaspischen Meere und dem Innern, zwischen
Iran und Turan so wichtig sind, war für den Augenblick doppelt notwendig
für Alexander, weil sich einerseits die griechischen Söldner von Thara aus
in die tapurischen Berge zurückgezogen hatten, anderseits Nabarzanes und
Phrataphernes jenseits des Gebirges in Hyrkanien standen. Alexander verließ
die Straße von Chorassan, auf der sich Bessos geflüchtet hatte, um sich
dieser wichtigen Paßgegend zu versichern. Zadrakarta, eine Hauptstadt
Hyrkaniens am Nordabhange des Gebirges, ward als Vereinigungspunkt der drei
Heeresabteilungen bestimmt, mit denen Alexander nach Hyrkanien zu gehen
beschloß. Auf dem längsten aber bequemsten Wege führte Erigyios, von
einigen Reiterabteilungen begleitet, die Bagage und Wagen hinüber; Krateros
mit seiner und mit Amyntas' Phalanx, mit sechshundert Schützen und ebenso
vielen Reitern, zog über die Berge der Tapurier, um sie und zugleich die
griechischen Söldner, wenn er sie träfe, zu unterwerfen; Alexander selbst
mit den übrigen Truppen schlug den kürzesten, aber beschwerlichen Weg ein,
der nordwestlich von Hekatompylos in die Berge führt. Mit der größten
Vorsicht rückten die Kolonnen vor, bald der König mit den Hypaspisten, den
leichtesten unter den Phalangiten und einem Teil der Bogenschützen voraus,
Posten auf den Höhen zu beiden Seiten des Weges zurücklassend, um den
Marsch der Nachkommenden zu sichern, die die wilden Stämme jener Berge
beutelüstern zu überfallen bereit lagen; sie zu bekämpfen wäre zu
zeitraubend, wenn nicht gar erfolglos gewesen. Mit den Bogenschützen
vorauseilend, machte Alexander, in der Ebene auf der Nordseite des Gebirgs
angelangt, an einem nicht bedeutenden Fluß halt, die Nachrückenden zu
erwarten. In den nächsten vier Tagen kamen sie, zuletzt die Agrianer, die
Nachhut des Zuges, nicht ohne einzelne Gefechte mit den Barbaren, von den
Bergen herab. Dann rückte Alexander auf dem Wege nach Zadrakarta vor, wo
demnächst auch Krateros und Erigyios eintrafen, Krateros mit dem Bericht,
daß er zwar die griechischen Söldner nicht getroffen habe, daß aber die
Tapurier teils mit Gewalt unterworfen seien, teils sich freiwillig ergeben
hätten.

Schon in dem Lager am Flusse waren zu Alexander Boten von dem Chiliarchen
Nabarzanes gekommen, der sich bereit erklärte, die Sache des Bessos zu
verlassen und sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen; auf dem weiteren
Wege war der Satrap Phrataphernes nebst anderen der angesehensten Perser,
die bei dem Großkönige gewesen waren, zu Alexander gekommen, sich zu
unterwerfen. Der Chiliarch, einer von denen, die Dareios gebunden hatten,
mochte sich mit Straflosigkeit begnügen müssen; sein Name, sonst einer der
ersten im Reiche, wird nicht weiter genannt. Phrataphernes dagegen und
seine beiden Söhne Pharasmanes und Sissines gewannen bald Alexanders
Vertrauen, dessen sie sich in mehr als einer Gefahr würdig zeigen sollten;
der Vater erhielt seine Satrapien Parthien und Hyrkanien zurück. Dann kam
auch Artabazos mit dreien seiner Söhne, Arsames, Kophenes und Ariobarzanes,
dem Verteidiger der persischen Pässe; Alexander empfing sie so, wie ihre
Treue gegen den unglücklichen Dareios es verdiente; Artabazos war ihm aus
der Zeit bekannt, wo derselbe mit seinem Schwager, dem Rhodier Memnon, am
Hofe zu Pella Zuflucht gefunden hatte; er war dem abendländischen Wesen
schon nicht mehr fremd; er und seine Söhne nahmen fortan in Alexanders
Umgebung neben den vornehmsten Makedonen eine ehrenvolle Stellung ein. Mit
ihnen zugleich war Autophradates, der Satrap der Tapurier, gekommen; auch
er wurde mit Ehren aufgenommen und in dem Besitz seiner Satrapie bestätigt.
Mit Artabazos war von den griechischen Truppen eine Gesandtschaft
eingetroffen, bevollmächtigt, im Namen der ganzen Schar mit dem Könige zu
kapitulieren; auf seine Antwort, daß das Verbrechen derer, die wider den
Willen von ganz Hellas für die Barbaren gekämpft hätten, zu groß sei, als
daß mit ihnen kapituliert werden könne, daß sie sich auf Gnade und Ungnade
ergeben, oder so gut sie könnten, retten möchten, erklärten die
Bevollmächtigten, daß sie bereit seien, sich zu ergeben, der König möge
jemanden mitsenden, unter dessen Führung sie sicher ins Lager kämen.
Alexander wählte dazu Artabazos, ihren Führer auf dem Rückzuge von Thara,
und Andronikos, einen der angesehensten Makedonen, den Schwager des
schwarzen Kleitos.

Alexander erkannte die außerordentliche Wichtigkeit der hyrkanischen
Satrapie, ihrer Engpässe, ihrer hafenreichen Küsten, ihrer zum Schiffbau
trefflichen Waldungen; schon jetzt mochte ihn der große Plan einer
kaspischen Flotte, eines Verkehrs zwischen diesen Küsten und dem Osten
Asiens, einer Entdeckungsfahrt in diesem Meere beschäftigen; noch mehr als
dies forderte die Verbindung zwischen den bisherigen Eroberungen und den
weiteren Heereszügen vollkommene Besitznahme dieser paßreichen
Gebirgslandschaft, die das Südufer des Kaspischen Meeres beherrscht.
Alexander hatte sich soeben der Pässe der tapurischen Distrikte versichert;
Parmenion war beauftragt, mit dem Korps, das in Medien stand, durch das
nördliche Medien und die kaspischen Westpässe im Lande der Kadusier nach
dem Meeresstrande hinabzurücken, um die Straße, welche Armenien und Medien
mit dem Tale des Kur und dem Kaspischen Meere verbindet, zu öffnen; er
sollte von dort aus, am Strande entlang nach Hyrkanien und weiter der
großen Armee nachziehen. Noch hatten die Mardier, deren Wohnsitze der Name
des Amardosflusses zu bezeichnen scheint, sich nicht unterworfen; der König
beschloß, gleich jetzt gegen sie auszuziehen. Während die Hauptmasse des
Heeres im Lager zurückblieb, zog er selbst an der Spitze der Hypaspisten,
der Phalangen Koinos und Amyntas, der Hälfte der Ritterschaft und den
neuformierten Akontisten zu Pferd an der Küste entlang gen Westen. Die
Mardier fühlten sich, da noch nie ein Feind in ihre Wälder eingedrungen
war, völlig sicher, sie glaubten den Eroberer aus dem Abendlande schon auf
dem weiteren Marsch nach Baktrien; da rückte Alexander von der Ebene heran;
die nächsten Ortschaften wurden genommen, die Bewohner flüchteten sich in
die waldigen Gebirge. Mit unsäglicher Mühe zogen die Makedonen durch diese
wegelosen, dicht verwachsenen und schauerlichen Wälder nach; oft mußten sie
sich mit dem Schwerte den Weg durch das Dickicht bahnen, während bald hier,
bald da einzelne Haufen von Mardiern sie überfielen oder aus der Ferne mit
ihren Speeren warfen; als aber Alexander immer höher hinaufdrang und die
Höhen mit seinen Märschen und Posten immer dichter einschloß, schickten die
Mardier Gesandte an ihn und unterwarfen sich und ihr Land seiner Gnade; er
nahm von ihnen Geiseln, ließ sie übrigens in ungestörtem Besitz und stellte
sie unter den Satrapen Autophradates von Tapurien.

In das Lager von Zadrakarta zurückgekehrt, fand Alexander bereits die
griechischen Söldner, fünfzehnhundert an der Zahl, mit ihnen die Gesandten
von Sparta, Athen, Kalchedon, Sinope, die, an Dareios gesandt, seit Bessos'
Verrat sich mit den Griechen zurückgezogen hatten. Alexander befahl, daß
von den griechischen Söldnern diejenigen, welche schon vor dem
Korinthischen Vertrage in persischem Solde gewesen waren, ohne weiteres
entlassen, den anderen unter der Bedingung, daß sie in das makedonische
Heer einträten, Amnestie bewilligt werden sollte; Andronikos, der sich für
sie verwendet hatte, erhielt den Befehl über sie. Die Gesandten betreffend
entschied der König, weil Sinope nicht mit in dem hellenischen Bunde sei,
überdies der Stadt die Gesandtschaft an den Perserkönig als ihren Herrn
nicht zum Vorwurf gemacht werden könne, deren Gesandte sofort auf freien
Fuß zu setzen, ebenso die von Kalchedon zu entlassen, die von Sparta und
Athen dagegen, die offenbar verräterische Verbindungen mit dem gemeinsamen
Feind aller Hellenen unterhalten hätten, festzunehmen und bis auf weiteren
Befehl in Verwahrsam zu halten.

Demnächst brach Alexander aus dem Lager auf und rückte in die Residenz der
hyrkanischen Satrapie ein, um nach kurzer Rast die weiteren Operationen zu
beginnen.

Während dieser Vorfälle in Asien hatte in Europa das Glück der
makedonischen Waffen noch eine gefährliche Probe zu bestehen; die
Entscheidung war um so wichtiger, da Sparta, nach Athens Niederlage, nach
Thebens Fall, der namhafteste Staat in Hellas, sich an die Spitze dieser
Bewegungen gestellt hatte.

König Agis war, wie wir sahen, Ausgangs des Jahres 333 trotz der eben
eingetroffenen Nachricht von der Schlacht bei Issos, mit der noch bei
Siphnos ankernden persischen Seemacht im Einverständnis, in Aktion
getreten, hatte durch seinen Bruder Agesilaos Kreta besetzen lassen. Hätte
damals Athen sich entschließen wollen, der Bewegung beizutreten, so würden
-- denn ohne weiteres hätten hundert Trieren aus dem Piräus in See gehen
können -- bedeutende Erfolge möglich gewesen sein. Aber da Athen nicht zu
diesem Entschluß kam, so wagten auch die anderen Genossen des hellenischen
Bundes nicht, die beschworenen Verträge zu brechen, und der Beistand
einiger Tyrannen und Oligarchen auf den Inseln hätte die persische Seemacht
nicht stark genug gemacht, um gegen Amphoteros und Hegelochos
standzuhalten; mit dem Frühling 332, mit der Belagerung von Tyros löste sie
sich völlig auf, bis zum Ende des Jahres waren alle Inseln des Ägäischen
Meeres, auch Kreta befreit. Dennoch wurde es in Hellas nicht ruhig, weder
die Siege Alexanders, noch die Nähe des bedeutenden Heeres, das der
Reichsverweser in Makedonien unter den Waffen hatte, machten die Patrioten
an ihren Plänen und an ihren Hoffnungen irre; unzufrieden mit allem, was
geschehen war und noch geschah, noch immer in dem Wahne, daß es möglich und
gerechtfertigt sei, trotz des beschworenen Bundes und der makedonischen
Übermacht, Sonderpolitik in alter Art zu treiben, um die alte
Staatenfreiheit zu erneuern, benutzten sie jede Gelegenheit, in der
leichtsinnigen und leichtgläubigen Menge Mißgunst, Besorgnis, Erbitterung
zu nähren; Thebens unglückliches Ende war ein unerschöpflicher Quell zu
Deklamationen, den korinthischen Bundestag nannten sie eine
schlechtberechnete Illusion: alles, was von den Makedonen ausging, selbst
Ehren und Geschenke, wurde verdächtigt oder als Schmach für freie Hellenen
bezeichnet. Alexander wolle nichts, als das Synedrion selbst und jeden
einzelnen Beisitzer desselben zu Werkzeugen der makedonischen Despotie
machen; die Einheit der Hellenen sei eher im Hasse gegen Makedonien als im
Kampfe gegen Persien zu finden; ja die Siege über Persien seien für
Makedonien nur ein Mittel mehr, die Freiheit der hellenischen Staaten zu
vernichten. Natürlich war die Rednerbühne Athens der rechte Ort, dieses
Mißvergnügen in sehr erregten Debatten zur Schau zu stellen; nirgends
standen sich die beiden Parteien schärfer gegenüber; und das Volk, bald von
Demosthenes, Lykurgos, Hypereides, bald von Phokion, Demades und Äschines
bestimmt, widersprach sich oft genug selbst in seinen souveränen
Beschlüssen; während man mit dem Synedrion des Bundes wetteifernd
Glückwünsche und goldene Kränze an Alexander sandte, war und blieb auch
nach dem Tage von Gaugamela Dropidas als attischer Gesandter am Hoflager
des Großkönigs; während so Athen Verbindungen unterhielt, die nach dem
Bundesvertrage offenbarer Verrat waren, ereiferten sich die attischen
Redner über die neuen Vertragsverletzungen, die sich Makedonien erlaube.
Nur daß man es vorzog, sich nicht in Gefahr zu begeben; man begnügte sich
mit finsteren Gedanken und bedeutsamen Worten.

Nur Agis gab, auch nachdem sein Bruder durch Amphoteros und die
makedonische Flotte aus Kreta gedrängt war, die einmal begonnene Aktion
nicht auf. Er hatte von den bei Issos zersprengten Söldnern eine bedeutende
Zahl an sich gezogen, der Werbeplatz auf dem Tainaron bot ihm so viel
Kriegsvolk, als er Geld hatte anzuwerben; er hatte mit den Patrioten
namentlich in den peloponnesischen Städten Verbindungen angeknüpft, die den
besten Erfolg versprachen; die Umsicht und Kühnheit, mit der er seine Macht
und seinen Anhang zu mehren verstand, gab den Gegnern Makedoniens nah und
fern die Zuversicht naher Rettung.

In eben dieser Zeit fand ein Unternehmen, das mit großen Hoffnungen
begonnen worden war, ein trauriges Ende. Ob der Zug des Epiroten
Alexandros nach Italien im Einverständnis mit dem makedonischen Könige oder
in Rivalität gegen denselben unternommen sein mochte, es gab einen Moment,
wo er mit seinen Siegen das Griechentum Italiens sich stolzer denn je
erheben zu sollen schien. Aber die Tarentiner, die in ihm nur einen
Kondottiere gegen die italienischen Völker in den Bergen hatten haben
wollen, begannen seine hochfliegenden Pläne zu fürchten, und die
hellenischen Städte waren mit ihnen einig, daß man ihn lähmen müsse, bevor
er ihrer Freiheit gefährlich werde. Der Fortgang seiner Waffen stockte, er
wurde von einem lukanischen Flüchtling ermordet, sein Heer von den
Sabellern bei Pandosia aufgerieben. Seinem Tode folgten Irrungen im
Molosserlande wegen der Erbfolge; ein unmündiger Knabe, den ihm die
makedonische Kleopatra, Alexanders Schwester, geboren, war sein Erbe; aber
Olympias -- sie lebte, wie es scheint, im epirotischen Lande -- suchte der
Witwe, ihrer Tochter, das Regiment zu entreißen: »Das Land der Molosser
gehöre ihr«, schrieb sie den Athenern, die in Dodona ein Bild der Dione
hatte schmücken lassen, als dürfe dergleichen nicht ohne ihre Erlaubnis
geschehen. Daß so in dem Königshause selbst Zwist begann, konnte die
Hoffnungen der Patrioten in Hellas nur erhöhen.

Als Alexander im Frühling 331 auf dem Marsch zum Euphrat in Tyros war,
wußte er bereits von den weiteren Bewegungen des Agis; er begnügte sich
damals, hundert phönikische und kyprische Schiffe aufzubieten, die sich mit
Amphoteros vereinigen sollten, die ihm getreuen Städte im Peloponnes zu
schützen. Er ehrte die attischen Gesandten, die ihm in Tyrus mit
Glückwünschen und goldenen Kränzen entgegengekommen waren, und gab die am
Granikos gefangenen Athener frei, um sich den attischen Demos zu
verpflichten; er schien geflissentlich vermeiden zu wollen, daß es zwischen
den makedonischen und spartanischen Waffen zum offenbaren Kampfe käme, der
bei der Stimmung in den hellenischen Landen -- selbst in Thessalien begann
sie unsicher zu werden -- sehr bedenkliche Folgen haben konnte; im Begriff,
einen neuen und entscheidenden Schlag gegen Dareios zu führen, hoffte er,
daß der Eindruck desselben die Aufregung in Hellas entmutigen werde.

So mußte Antipatros während des Jahres 331 ruhig die Rüstungen des
Spartanerkönigs und dessen wachsenden Einfluß im Peloponnes mit ansehen,
sich begnügen, mit der Autorität Makedoniens in den Bundesstädten soweit zu
wirken, als es irgend möglich war, im übrigen die Bewegungen der
feindlichen Partei sorgfältig und immer kriegsbereit zu beobachten; er
durfte die durch den Tod des Molosserkönigs entstandenen Irrungen nicht
benutzen, die, wie es scheint, gelockerte Abhängigkeit des Landes von
Makedonien herzustellen und selbst den Unwillen und den bitteren Vorwurf
der Königin Olympias, die mit makedonischer Kriegsmacht ihren Anspruch auf
das molossische Erbe durchgeführt sehen wollte, mußte er ruhig ertragen.

Indes hatte die Bewegung in Hellas eine sehr ernste Wendung genommen. Die
Nachricht von Gaugamela -- sie konnte Ausgangs 331 in Athen sein -- mußte
die Gegner Makedoniens entweder zur Unterwerfung oder zu einer letzten
Kraftanstrengung veranlassen. Alexanders Fernsein, der Hader in Epirus,
die, wie man wußte, wachsende Mißstimmung in den thrakischen Landen empfahl
und begünstigte ein rasches Wagnis. Bald mochte man über Sinope erfahren,
daß der Großkönig sich nach Medien gerettet, daß er zum nächsten Frühling
die Völker seiner östlichen Satrapien nach Ekbatana beschieden habe, daß er
den Kampf gegen den Makedonen fortzusetzen entschlossen sei. Noch durfte
man wenigstens Subsidien von ihm erwarten; und wie sollte Alexander, von
dessen Zuge nach Susa, nach dem hohen Persien man schon wissen konnte,
wagen, sein Heer, das kaum zur Besetzung der endlos weiten Wege bis zum
Hellespont rückwärts hinreichte, mit Entsendungen nach Makedonien und zum
Kampf gegen die Hellenen zu schwächen. Wenn man jetzt noch unschlüssig
zögerte, so konnte der letzte Rest der Persermacht erliegen, so mußte man
erwarten, daß Alexander demnächst an der Spitze ungeheurer Heeresmassen wie
ein zweiter Xerxes Hellas überfluten und zu einer Satrapie seines Reiches
machen werde. Die Erregbarkeit des Volksgeistes, die begeisterten
Deklamationen patriotischer Redner, die dem Zeitalter eigentümliche Lust am
Übertriebenen und Unglaublichen, und nicht an letzter Stelle der alte
Nimbus der Spartanermacht, die sich so glorreich von neuem erhob, -- alles
vereinte sich, eine Eruption hervorzubringen, die für Makedonien
verhängnisvoll werden konnte.

Es folgen höchst merkwürdige Ereignisse, von denen uns freilich nur
einzelne zerstreute Notizen überliefert sind, deren Zusammenhang, ja deren
zeitliche Folge nicht mehr festgestellt werden kann.

Es ist neuester Zeit die obere Hälfte eines attischen Inschriftsteines[11]
gefunden worden, mit einem Relief geschmückt, von dem noch die Reste von
zwei Pferden, ein Mann im Himation, der in der Rechten eine Schale zum
Spenden hält, eine Athena, die die Hand, wie es scheint, zu ihm hinstreckt,
zu erkennen ist; darunter »Rhebulas, des Seuthes Sohn, des Kotys Bruder...«
Folgt dann ein Volksbeschluß, von dem nur die Datierung übrig ist, die etwa
dem 10. Juni 330 entspricht. Was konnte den Sohn des Seuthes nach Athen
geführt haben, daß ihn die Athener mit einem so geschmückten Ehrendekret
auszeichneten?

    [11] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Arrian freilich berichtet über die Vorgänge dieses Jahres in Hellas,
Makedonien, Thrakien nichts, aber die auf Kleitarchos zurückführenden
Überlieferungen geben einiges. Diodor sagt: »Memnon, der makedonische
Strateg in Thrakien, der Truppen hatte und voll Ehrgeiz war, regte die
Barbaren auf und griff, als er sich stark genug sah, selbst zu den Waffen,
weshalb Antipatros seine Kriegsmacht aufbot, nach Thrakien eilte, wider ihn
kämpfte.« Noch weitere Momente bietet Justin; nachdem er das Ende des
Dareios berichtet hat, fährt er fort: »Während dies geschah, empfing
Alexander Briefe des Antipatros aus Makedonien, in denen von dem Kriege des
Spartanerkönigs Agis in Griechenland, von des Molosserkönigs Krieg in
Italien, von dem Kriege seines Strategen Zopyrion in Skythien berichtet
war«; und weiterhin: »Zopyrion, der von Alexander als Strateg des Pontos
bestellt war, in der Meinung, lässig zu sein, wenn er nicht auch etwas
unternehme, ging mit einem Heere von dreißigtausend Mann gegen die Skythen
und fand mit seiner ganzen Macht den Untergang.«

Freilich Curtius, der doch im wesentlichen auf dieselbe Quelle zurückführt,
berichtet von Zopyrion und dem thrakischen Aufstande so, daß man glauben
muß, diese Dinge wären volle vier Jahre später geschehen; aber es sind
unzweifelhaft die gleichen Vorgänge: »Alexander habe, aus Indien nach
Persien zurückgekehrt, Berichte über das, was während seiner Abwesenheit in
Asien und Europa geschehen, empfangen; daß Zopyrion, als er einen Krieg
gegen die Geten unternahm, durch plötzlich entstandenen Sturm mit seinem
ganzen Heere untergegangen sei, daß auf die Nachricht von dieser Niederlage
Seuthes die Odryser, seine Landsleute, zum Abfall veranlaßt habe, daß da
Thrakien fast verloren gewesen sei, nicht einmal Griechenland...« da
beginnt eine längere Lücke im Text des Curtius.

Also nach der Auffassung des Curtius hat die schwere Niederlage des
Zopyrion dem thrakischen Fürsten Seuthes den Entschluß zur Empörung
gegeben; nach Diodor ist Memnon, der Strateg im makedonischen Thrakien, der
Anstifter dieses Abfalls; nach einer anderen Nachricht, die aus dem Kreise
derselben kleitarchischen Überlieferung zu stammen scheint, ist zugleich
das Gerücht vom Tode Alexanders verbreitet; nach einer anderen gleichen
Ursprungs hat Antipatros gegen die »Vierländer«, die am Hämos und bis zur
Rhodope hinüber wohnen, ausziehen müssen und sie durch eine Kriegslist zur
Heimkehr veranlaßt.

Man sieht ungefähr, wie hier die Dinge zusammenhängen. Alexander hatte im
Spätherbst 331 von Susa aus Menes mit 3000 Talenten nach der Küste gesandt
mit der Weisung, an Antipatros so viel zu übermachen, wie derselbe zum
Kriege gegen Agis brauchen werde. Mag Zopyrion, der Strateg am Pontos,
gewiß ohne Weisung Alexanders, gewiß ohne Gutheißung des Antipatros, sein
Unternehmen gegen die Skythen etwa im Herbst 331 begonnen haben, seines
Heeres Untergang war eine so schwere Schwächung der makedonischen Macht,
daß Memnon, der Strateg in Thrakien, den Versuch, sich unabhängig zu
machen, wagen konnte; und der odrysische Fürst Seuthes war mit Freuden zum
Abfall bereit, die thrakischen Völker im Gebirge, jene Besser, unter den
Räubern als Räuber berüchtigt, rückten ins Feld; über das ganze Gebiet im
Norden und Süden des Hämos verbreitete sich der Aufstand.

Das wird die große Botschaft gewesen sein, die im Frühling 330 Rhebulas,
des Seuthes Sohn, nach Athen brachte, gewiß mit dem Antrage, die Bündnisse,
die Athen mit so vielen seiner Vorfahren, namentlich mit Ketriporis, mit
Kersobleptes gegen König Philipp geschlossen hatte, gegen Alexander zu
erneuern.

Schon hatte im Peloponnes der Kampf begonnen. König Agis hatte
makedonische Söldner unter Korragos angegriffen und völlig vernichtet. Von
Sparta aus ergingen Aufrufe an die Hellenen, für die Freiheit mit der
Stadt Lykurgs gemeinsame Sache zu machen. Die Elier, alle Arkader außer
Megalopolis, alle Achäer außer Pellene erhoben sich; Agis eilte,
Megalopolis zu belagern, das ihm den Weg nach dem Norden sperrte: »Mit
jedem Tage erwartete man den Fall der Stadt; Alexander stand jenseits der
Grenzen der Welt, Antipatros zog erst sein Heer zusammen; wie der Ausgang
sein werde, war ungewiß«, so sagt Äschines einige Wochen später.

Schon zündete die Flamme des Aufruhrs auch im mittleren Hellas, auch
jenseits der Thermopylen; die Ätoler überfielen die akarnanische Stadt
Oiniadai, zerstörten sie; die Thessaler, die Perrhaiber standen auf. Wenn
Athen jetzt mit seiner bedeutenden Macht der Bewegung beitrat, so schien
alles erreichbar.

Noch aus den dürftigen Spuren, die uns übrig sind, erkennt man, wie heftig
in Athen debattiert sein muß. Aus einer Inschrift erfährt man von einem
platäischen Mann, der eine bedeutende Summe »für den Krieg« darbrachte, und
das Ehrendekret zum Dank dafür hat der ehrwürdige Lykurgos beantragt.
Derselbe zog den Leokrates, einen der Reichen, der nach der Niederlage von
Chäronea geflüchtet war und in Rhodus, dann in Megara große Geschäfte
gemacht hatte, wegen Verrats vor Gericht, da er nach Athen zurückzukehren
gewagt hatte; aber der Verklagte fand bei vielen Angesehenen und Reichen
Fürsprache, und in dem Gericht waren die Stimmen für und wider ihn gleich
geteilt. Wie zum Gegenschlag brachte Äschines die alte Klage gegen
Ktesiphon, die seit 337 geruht hatte, wieder in Gang; es galt, dessen
damaligen Antrag auf einen Ehrenkranz für Demosthenes als ungesetzlich
strafen zu lassen; zur Entscheidung kam der Prozeß einige Wochen später,
als schon alles entschieden war; in der Rede, die Äschines damals hielt,
führt er an, wie Demosthenes große Worte gemacht habe, als werde die Stadt
von gewissen Personen »gekappt, ausgekernt, die Muskeln ihrer Kraft
durchschnitten«; daß er auf der Rednerbühne gesagt habe: »Ich bekenne mich
dazu, die Politik Spartas unterstützt, die Thessalier und Perrhaiber zum
Abfall veranlaßt zu haben«. Also Demosthenes hatte -- etwa im Frühling 330
-- seine Verdienste um die Schürung des Aufstandes öffentlich rühmen
können. So lebhaft Äschines, Demades, Phokion entgegenarbeiten mochten,
sichtlich trieb die Stimmung der Stadt dem Kriege zu; es wurde der Antrag
gestellt, die Flotte auszurüsten und denen, die von Alexander abgefallen
seien, zu Hilfe zu senden. Da ergriff, so wird erzählt, Demades, der damals
die Kasse der Festgelder verwaltete, das letzte Mittel; allerdings erklärte
er, seien die Mittel für die vorgeschlagene Expedition vorhanden; er habe
dafür gesorgt, daß in der Theorikenkasse genug sei, um für das nächste Fest
der Choen jedem Bürger eine halbe Mine zu zahlen; er stelle den Athenern
anheim, ob sie das ihnen zukommende Geld lieber für Rüstung und Krieg
verwenden wollten. Wenn die Athener gegen die Rüstung entschieden, so war
es vielleicht nicht um der Festfeier willen; im Frühling 331 hatte
Amphoteros 100 kyprische und phönikische Schiffe Verstärkung erhalten; wenn
er mit seiner Flotte zwischen Ägina und Sunion kreuzte, so konnte er das
Aussegeln der attischen unmöglich machen.

Indes lag Agis immer noch vor Megalopolis, die Stadt verteidigte sich mit
höchster Anstrengung; daß sie nicht so rasch, wie man erwartet hatte,
gewonnen wurde, mochte den Eifer derer abkühlen, die sich gern erhoben
hätten, wenn Agis bis zum Isthmus und weiter vorgerückt wäre und sie
gedeckt hätte. Da kam die Nachricht, daß Antipatros mit Heeresmacht
heranrücke.

Er war, sobald er Memnon bewältigt hatte, nach dem Süden aufgebrochen;
nachdem er im schnellen Durchzuge die Bewegung in Thessalien unterdrückt,
im Weitermarsch die Kontingente wenigstens der zuverlässigsten Verbündeten
an sich gezogen hatte, kam er mit einem bedeutenden Heere -- es wird auf
40 000 Mann angegeben -- über den Isthmus; er war stark genug, für den
angebotenen Beistand derer zu danken, die jetzt angaben, für des Königs
Sache gerüstet zu haben. Agis, dessen Heer nur 20 000 Mann Fußvolk und 2000
Reiter stark gewesen sein soll, gab die Belagerung von Megalopolis auf um
etwas rückwärts auf dem Wege nach Sparta in günstigerem Terrain, wo er der
Übermacht widerstehen zu können hoffte, den Angriff zu erwarten. Es folgte
eine höchst blutige Schlacht, in der die Spartaner und ihre Bundesgenossen,
wie die erhaltenen Berichte es darstellen, Wunder der Tapferkeit
verrichteten, bis König Agis, mit Wunden bedeckt, von allen Seiten
eingeschlossen, endlich dem Andrang erlag und den Tod fand, den er suchte.
Antipatros hatte, wenn auch mit bedeutendem Verlust, vollständig gesiegt.

Mit dieser Niederlage brachen die Hoffnungen der hellenischen Patrioten und
der Versuch, die Hegemonie Spartas zu erneuern, zusammen. Eudamidas, des
gefallenen kinderlosen Königs jüngerer Bruder und Nachfolger, der von
Anfang her gegen diesen Krieg gewesen war, empfahl nun, obschon die
Bundesgenossen sich mit nach Sparta zurückgezogen hatten, den weiteren
Widerstand aufzugeben; es wurde an Antipatros gesandt und um Frieden
gebeten. Dieser forderte fünfzig spartanische Knaben als Geiseln; man bot
ihm ebenso viele Männer, damit begnügte sich der Sieger; er verwies die
Frage über den Friedensbruch an das Synedrion des Bundes, das nach Korinth
berufen wurde; nach vielen Beratungen überwies es die Sache an Alexander,
worauf spartanische Gesandte nach dem fernen Osten abgingen. Des Königs
Entscheidung war so mild als möglich; er verzieh das Geschehene, nur
sollten die Elier und Achaier, denn sie waren Genossen des hellenischen
Bundes, Sparta nicht -- an Megalopolis 120 Talente als Entschädigung
zahlen. Man darf vermuten, daß Sparta nun dem Bunde beitreten mußte; in
der Verfassung des altheraklidischen Staates wurde nichts geändert, dessen
Gebiet nicht von neuem gemindert.

Auch in Athen wird sich die Spannung der Gemüter nun gelöst haben, wenn man
natürlich auch nicht aufhörte, sich in bitterem Grollen zu gefallen. Bald
nach Agis' Niederlage wurde der Prozeß gegen Ktesiphon vor den Richtern
verhandelt. »Gedenket der Zeit«, sagt Aischines den Richtern, »in der ihr
das Urteil sprecht; in wenigen Tagen werden die Pythien gefeiert, und das
Synedrion der Hellenen versammelt sich; des Demosthenes Politik in diesen
Zeitläuften wird der Stadt zum Vorwurfe gemacht; wenn ihr ihm den Kranz
gewährt, wie Ktesiphon beantragt, werdet ihr dafür gelten, mit denen, die
den gemeinen Frieden brechen, eines Sinnes zu sein.« Die Athener werden es
sich als eine große politische Tat angerechnet haben, daß sich nicht ein
Fünftel der Stimmen für Äschines ergab. Damit verfiel dieser in eine Buße
von tausend Drachmen; er zahlte sie nicht, er verließ Athen und ging nach
Ephesus, und in den nächsten Dionysien erhielt Demosthenes den goldenen
Kranz, der, ihm nach der Schlacht von Chäronea bestimmt, jetzt die
Gutheißung seiner Politik von damals und jetzt aussprach.

Die allgemeinen Verhältnisse in Hellas wurden mit solchen Demonstrationen
nicht mehr geändert; seit dem Zusammenbrechen der spartanischen Erhebung
traten sie in den Hintergrund.



  Drittes Buch

  +Ailinon, ailinon eipe, to d' eu nikatô.+



  Erstes Kapitel

  Verfolgung des Bessos -- Aufstand in Areia -- Marsch des
  Heeres nach Süden, durch Areia, Drangiana, Arachosien, bis
  zum Südabhang des indischen Kaukasus -- Der Gedanke Alexanders
  und Aristoteles' Theorie -- Die entdeckte Verschwörung --
  Die neue Heeresorganisation


Um die Zeit der spartanischen Niederlage stand Alexander in Hyrkanien, am
Nordabhange jenes Gebirgswalles, der Iran und Turan scheidet, vor ihm die
Wege nach Baktrien und Indien, nach dem unbekannten Meere, das er jenseits
beider Länder als Grenze seines Reiches zu finden erwarten mochte, hinter
ihm die Hälfte des Perserreiches, und Hunderte von Meilen rückwärts die
hellenische Heimat. Er wußte von Agis' Schilderhebung, von dessen
wachsendem Einfluß im Peloponnes, von der unsicheren Stimmung im übrigen
Griechenland, welche die Alternativen des Kriegsglückes doppelt gefährlich
machte; er kannte die Bedeutung dieses Gegners, dessen Vorsicht, dessen
Tätigkeit. Und doch ging er weiter und weiter gen Osten, ohne Truppen an
Antipatros zu senden oder günstige Nachrichten abzuwarten. Wenn nun Agis
gesiegt hätte? Oder trotzte Alexander auf sein Glück? Verachtete er die
Gefahr, der er nicht mehr begegnen konnte? Wagte er nicht, um Griechenland
zu retten, die Königsmörder mit halb soviel Truppen zu verfolgen, als zu
den Siegen von Gaugamela und von Issos hingereicht hatten?

Einst war freilich die Ruhe der Griechen und ihre Anerkennung der
makedonischen Hegemonie die wesentliche Grundlage seiner Macht und seiner
Siege gewesen; jetzt garantierten ihm seine Siege die Ruhe Griechenlands,
und der Besitz Asiens die fernere Geltung dieser Hegemonie, die ihm
streitig zu machen mehr töricht als gefährlich gewesen wäre. Unterlag
Antipatros, so waren die Satrapen in Lydien und Phrygien, in Syrien und
Ägypten bereit, im Namen ihres Königs nicht Erde und Wasser, wohl aber
Genugtuung für Treubruch und Verrat zu fordern; und diese Freiheitsliebe
der Mißvergnügten, dies zweideutige Heldentum der Phrase, Intrige und
Bestechung hätte kein Marathon gefunden.

Der König durfte, unbekümmert um die Bewegungen in seinem Rücken, die Pläne
weiter verfolgen, welche das Verbrechen des Bessos und seiner Genossen ihm
aufzwang oder möglich machte. Durch den Besitz der kaspischen Pässe, durch
die Besatzungen, die am Eingange des medischen Paßweges zum Tigris in
Ekbatana zurückgeblieben waren, durch die mobile Kolonne, welche die Linie
des Euphrat beherrschte, war Alexander, wennschon durch einen Doppelwall
von Gebirgen vom syrischen Tieflande getrennt, doch der Verbindung mit den
westlichen Provinzen seines Reiches sicher genug, um die große Länder- und
Völkergrenze der hyrkanischen Gebirge zum Ausgangspunkt neuer
Unternehmungen machen zu können.

Nachdem er seinem Heere einige Rast gegönnt, nach hellenischer Sitte
Festspiele und Wettkämpfe angestellt und den Göttern geopfert hatte, brach
er aus der hyrkanischen Residenz auf. Er hatte für den Augenblick etwa
20 000 Mann zu Fuß und 3000 Reiter um sich, namentlich die Hypaspisten,
deren bewährter Strateg Nikanor, Parmenions Sohn, nur zu bald einer
Krankheit erliegen sollte, den größeren Teil der Phalangiten, endlich die
gesamte makedonische Ritterschaft unter Führung des Philotas, dessen Vater
Parmenion den wichtigen Posten in Ekbatana befehligte, von leichten Truppen
hatte Alexander die Schützen und Agrianer bei sich; während des Marsches
sollten nach und nach die anderen Korps wieder zur Armee stoßen, namentlich
Kleitos die 6000 Phalangiten von Ekbatana nach Parthien, Parmenion selbst
die Reiter und leichten Truppen, mit denen er zurückgeblieben war, nach
Hyrkanien nachführen.

Es ist ausdrücklich bezeugt, daß Alexanders Absicht war, nach Baktra, der
Hauptstadt der großen baktrischen Satrapie, zu gehen. Dorthin, wußte er,
hatte sich Bessos mit seinem Anhang zurückgezogen, dorthin alle, die es mit
der altpersischen Sache hielten, beschieden, um sich dem makedonischen
Eroberer, wenn er über Hyrkanien hinauszugehen wage, entgegenzustellen.
Alexander durfte hoffen, mit schnellem Marsch an die Ufer des Oxos die
letzte namhafte Heeresmacht, die ihm noch widerstehen wollte, zu treffen
und zu vernichten, bevor der Zuzug aus den arianischen Landen sich mit ihr
vereinigt habe; und wenn sein Marsch diese arianischen Satrapien für jetzt
rechts liegen ließ, so war zu erwarten, daß vor dem Schlage, der die
Königsmörder niederschmettern sollte, auch sie sich beugen würden.

Er folgte der großen Straße, die von Hyrkanien am Nordabhange des Gebirges,
dann durch die Teile Parthiens und Areias, die der turanischen Wüste
zunächst liegen, nach Baktriana führt. Als er die Grenze Areias erreicht
hatte, kam ihm in Susia, der nächsten Stadt Areias, der Satrap des Landes
Satibarzanes entgegen, sich und das Land ihm zu unterwerfen, zugleich
wichtige Mitteilungen über Bessos zu machen. Er ließ Satibarzanes im Besitz
seiner Satrapie; Anaxippos von den Hetairen mit 60 Mann Akontisten zu Pferd
wurde zur Bewachung des Platzes und Aufnahme der nachkommenden Kolonnen
zurückgelassen, Anordnungen, welche zeigten, daß Alexander unter der Form
einer Oberherrlichkeit, die nicht viel bedeutete, den mächtigen Satrapen in
der Flanke seines Marsches zunächst nur in Untätigkeit halten wollte, um
seinen eiligen Marsch sicher fortsetzen zu können. Denn schon hatte Bessos,
wie Satibarzanes angab und mehrere der Perser, welche aus Baktrien nach
Susia kamen, bestätigten, die Tiara, den Titel König von Asien, den
Königsnamen Artaxerxes angenommen, hatte Scharen flüchtiger Perser und
viele Baktrianer um sich gesammelt, erwartete Hilfsheere aus den nahen
skythischen Gebieten.

So rückte Alexander auf dem Wege nach Baktra vor; schon waren auch die
bundesgenössischen Reiter, die Philippos aus Ekbatana nachführte, die
Söldnerreiter und die Thessaler, welche von neuem Dienste genommen hatten,
zum Heere gestoßen. Der König durfte hoffen, so verstärkt und mit der ihm
gewöhnlichen Schnelligkeit den Usurpator binnen kurzem zu überwältigen. Er
war in vollem Marsch, als ihm höchst beunruhigende Nachrichten aus Areia
zukamen: Satibarzanes habe treuloserweise den makedonischen Posten
überfallen, sämtliche Makedonen nebst ihrem Führer Anaxippos erschlagen,
das Volk seiner Satrapie zu den Waffen gerufen; Artakoana, die Königsstadt
der Satrapie, sei der Sammelplatz der Empörer, von dort aus wolle der
treubrüchige Satrap, sobald Alexander über die Grenze Areias hinaus sei,
sich mit Bessos vereinigen und die Makedonen, wo er sie träfe, mit dem
neuen König Artaxerxes Bessos gemeinschaftlich angreifen. Alexander konnte
sich nicht verhehlen, daß solche Bewegung in der Flanke seiner Marschroute
von der größten Gefahr sei; von Areia aus konnte er gänzlich abgeschnitten,
von dort aus der Usurpation des Bessos vielfache Unterstützung zuteil
werden; und der Satrap der zunächst an Areia grenzenden Landschaften
Drangiana und Arochosien war Barsaentes, einer der Königsmörder; es war
vorauszusehen, daß er sich der Bewegung der Areier anschließen werde. Unter
solchen Umständen den Zug gegen Baktrien fortzusetzen, wäre tollkühn
gewesen; und selbst auf die Gefahr hin, dem Usurpator Zeit zu größeren
Rüstungen zu lassen, mußte er den Operationsfehler, die ganze Flanke seiner
Bewegungen einem verdächtigen Bundesgenossen anvertraut zu haben, schnell
und entschieden wieder gutzumachen, das ganze Gebiet in der Flanke erst zu
unterwerfen suchen. Er gab die Verfolgung des Bessos und die Unterwerfung
des baktrischen Landes auf, für jetzt um sich des Besitzes von Areia und
der übrigen arianischen Länder zu vergewissern und von dort her die
unterbrochenen Unternehmungen gegen den Usurpator mit doppelter Sicherheit
fortsetzen zu können.

An der Spitze zweier Phalangen, der Bogenschützen und Agrianer, der
makedonischen Ritterschaft und der Akontisten zu Pferd brach der König
eiligst gegen den empörten Satrapen auf, während das übrige Heer unter
Krateros an Ort und Stelle lagerte. Nach zwei höchst angestrengten
Tagemärschen stand Alexander vor der Königsstadt Artakoana; er fand alles
in heftiger Bewegung; durch den unerwarteten Überfall bestürzt und von dem
zusammengebrachten Kriegsvolk verlassen, war Satibarzanes mit wenigen
Reitern über das Gebirge zu Bessos entflohen; die Areier hatten ihre
Ortschaften verlassen und sich in die Berge geflüchtet. Alexander warf sich
auf sie, dreizehntausend Bewaffnete wurden umzingelt und teils
niedergehauen, teils zu Sklaven gemacht. Dies schnelle und strenge Gericht
unterwarf die Areier; dem Perser Arsames wurde die Satrapie anvertraut.

Areia ist eines der wichtigsten Gebiete Persiens, es ist das Passageland
zwischen Iran, Turan und Ariana; wo der Areiosstrom seinen Lauf plötzlich
nordwärts wendet, kreuzen sich die großen Heerstraßen aus Hyrkanien und
Parthien, aus Margiana und Baktrien, aus dem Oasengebiet von Seistan und
dem Hochtal des Kabulstromes; eine makedonische Kolonie, Alexandreia in
Areia, wurde an dieser wichtigen Stelle gegründet, und noch heute lebt
unter dem Volke von Herat die Erinnerung an Alexander, den Gründer ihrer
reichen Stadt.

Alexander wird aus den Erkundigungen, die er bei der Veränderung seiner
Marschrichtung eingezogen, ein ungefähres Bild von der Lage der arianischen
Satrapien gegen Baktrien und Indien, von den Gebirgen und Strömen, welche
die Gestaltung dieser Länder bestimmen, von den Straßen und Pässen, die sie
verbinden, gewonnen haben; es wird ihm notwendig erschienen sein, erst die
ganze Südflanke des baktrischen Landes zu okkupieren, bevor er sich gegen
den Usurpator in Baktrien wandte, ihm die Unterstützung, die er aus den
arianischen und indischen Ländern an sich ziehen konnte, zu entziehen, ihn
so in weitem Bogen einschließend schließlich auf den äußersten Flügel der
feindlichen Aufstellung zu stoßen, nach demselben strategischen System, das
nach den Schlachten am Granikos, bei Issos, bei Gaugamela maßgebend gewesen
war. Mit dem Marsch nach Areia hinauf war diese Bewegung, die zunächst nach
Drangiana und Arachosien führte, bereits eingeleitet. Alexander zog, sobald
Krateros wieder zu ihm gestoßen war, südwärts, um die einzelnen Distrikte
dieses damals reichen und wohlbevölkerten Landes zu unterwerfen. Barsaentes
wartete seine Ankunft nicht ab, er flüchtete über die Ostgrenze seiner
Satrapie zu den Indern, die ihn späterhin auslieferten. Alexander rückte im
Tale des Flusses Adreskan, der zum See Areia (Haräva) hinabfließt, in das
Land der Dranger oder Zaranger, deren Hauptstadt Prophtasia sich ohne
weiteres ergab.

Südwärts von den Drangern wohnten in den damals noch nicht versandeten
Fruchtebenen des südlichen Seistans die Ariaspen oder, wie die Griechen sie
nannten, Euergeten, ein friedliches ackerbautreibendes Volk, das, seit
uralten Zeiten in diesem »Frühlingslande« heimisch, jenes stille, fleißige
und geordnete Leben führte, welches in der Lehre Zarathustras mit so hohem
Preise geschildert wird. Alexander ehrte ihre Gastfreundschaft auf
vielfache Weise; es war ihm gewiß von besonderem Wert, dies wohlhabende und
oasenartige Ländchen inmitten der arianischen Gebirgs- und Wüstenlande sich
geneigt zu wissen; ein längerer Aufenthalt unter diesen Stämmen, eine
kleine Erweiterung ihres Gebietes, die sie längst gewünscht hatten, die
Aufrechthaltung ihrer alten Gesetze und Verfassung, die denen der
griechischen Städte in keiner Weise nachzustehen schienen, endlich ein
Verhältnis zum Reiche, das jedenfalls unabhängiger war, als das der anderen
Satrapien, das etwa waren die Mittel, mit denen Alexander das merkwürdige
Volk der Ariaspen, ohne Kolonien unter ihnen zurückzulassen oder
Gewaltmaßregeln zu brauchen, für die neue Ordnung der Dinge gewann.

Nicht minder friedlich zeigten sich ihm die Stämme der Gedrosier, deren
Gaue er bei weiterem Marsch berührte. Ihre nördlichen Nachbarn, die
Arachosier, unterwarfen sich; ihre Wohnsitze erstreckten sich bis in die
Paßgegend, welche in das Gebiet der zum Indus strömenden Flüsse
hinüberführt; darum gab Alexander diese Satrapie dem Makedonen Menon,
stellte 4000 Mann Fußvolk und 600 Reiter unter seinen Befehl, und befahl
jenes arachosische Alexandrien (Kandahar) zu gründen, das, an dem Eingange
der Pässe gelegen und bis auf den heutigen Tag eine der blühendsten Städte
jener Gegend, in dem neueren Namen das Andenken ihres Gründers bewahrt hat.
Aus dem arachosischen Lande rückte das makedonische Heer unter vielen
Beschwerden -- es war um den Untergang der Plejaden, Mitte November, und
die Berggegenden mit tiefem Schnee bedeckt -- in das Land der
Paropamisaden, des ersten indischen Volksstammes, den es auf seinem Zuge
fand; nordwärts von diesem erhebt sich der indische Kaukasos, über den der
Weg in das Land des Bessos führte.

So etwa die Märsche, mit welchen Alexander in den letzten Monaten des
Jahres 330 sein Heer von dem Nordsaume Chorassans bis an den Fuß des
indischen Kaukasos führte. Voll Mühseligkeit und arm an kriegerischem Ruhm,
sollte diese Zeit durch ein Verbrechen eine traurige Berühmtheit erlangen;
es galt Alexander zu ermorden, wie Dareios ermordet worden war; der Plan
rechnete auf die Stimmung des Heeres, das des rastlosen Weiterziehens
übersatt schien.

Daß mit dem, was der König tat und tun ließ, mannigfache Erwartungen
getäuscht, Besorgnisse genährt, Mißstimmungen gerechtfertigt wurden, war
bei der immer weiter schwellenden Eroberung, bei der Eile der
Neugestaltungen, die sie forderte, bei der Richtung, die er ihnen geben zu
müssen glaubte, unvermeidlich.

Ein neuerer Forscher ist in der Beurteilung Alexanders zu dem Ergebnis
gekommen, daß »sein alles verschlingendes Gelüst Eroberung gewesen sei,
Eroberung nach West und Ost, Süd und Nord«, eine Erklärung, mit der er dann
freilich dem Verstande nichts weiter schuldig bleibt. Wenn Alexander in so
unwiderstehlichen Erfolgen, wie es geschah, siegte, wenn er die
Machtgestaltung, von der bis dahin die Völker Asiens zusammengehalten
waren, sprengte, wenn er in dem Niederbrechen der bisherigen zugleich die
Anfänge einer neuen schuf, so mußte er im voraus des Planes gewiß sein,
nach dem er sein Werk aufbauen wollte, des Gedankens, der auch den ersten
Anfängen des Werkes, dessen Anfänge sie sein sollten, ihre Richtung und ihr
Maß gegeben haben mußte.

Der tiefste Denker des Altertums, des Königs Lehrer Aristoteles, hat ihn in
dieser Frage mehrfach beraten; er hat ihm empfohlen, zu den Hellenen sich
als Hegemon, zu den Barbaren sich als Herr zu verhalten, die Hellenen als
Freunde und Stammgenossen, die Barbaren, als wären sie Tiere und Pflanzen,
zu behandeln. Er ist der Ansicht, daß die Natur selbst diese Unterscheidung
begründe: denn, sagt er, »die Völker in den kalten Gegenden Europas sind
voll Mut, aber zu geistiger Arbeit und Kunstfertigkeit nicht geeignet,
daher leben sie meist frei, sind aber zu Staatsleben und zur Beherrschung
anderer unfähig; die in Asien sind geweckten Geistes und zu den Künsten
geschickt, aber ohne Mut, daher haben sie Herrscher und sind sie Sklaven;
das Volk der Hellenen, wie es zwischen beiden wohnt, so hat es an beider
Art teil; es ist ebenso mutvoll, wie denkend, es hat daher Freiheit und das
beste Staatsleben und ist befähigt, über alle zu herrschen, wenn es _ein_
Staatswesen bildet«. Gewiß eine richtige Betrachtung, wenn das Leben der
Völker sein und bleiben müßte, wie es die Natur einmal vorausbestimmt hat;
aber auch dann, wenn die Geschichte -- und Aristoteles gibt wenig auf sie
-- nicht neue Kräfte und Bedingungen entwickelte, war gegenüber den
Aufgaben, die dem Sieger in Asien erwuchsen, des tiefen Denkers Rat
doktrinär, unbrauchbar für das drängende, augenblickliche, praktische
Bedürfnis, am wenigsten geeignet, einen möglichen, geschweige denn einen
moralisch zu rechtfertigenden Zustand zu gründen. Der Philosoph wollte nur
die Summe des Bisherigen erhalten und fortsetzen; der König sah in der
unermeßlichen Wandlung, in dieser Revolution, die das Ergebnis und die
Kritik des Bisherigen war, die Elemente einer neuen Gestaltung, die über
jenen Schematismus hinausgehen, in der jene angeblichen
Naturnotwendigkeiten durch die Macht der fortschreitenden Geschichte
überwunden werden sollten.

Wenn das Zusammenbrechen der persischen Macht ein Beweis war, daß sie sich
und ihre Lebenskraft völlig erschöpft hatte, war denn das hellenische Wesen
schließlich mit seiner Freiheit und dem Trugbild der besten Verfassung in
besseren Zuständen? War es auch nur stark genug gewesen, sich der
beschämenden Abhängigkeit von der persischen Politik, sich der drohenden
Invasionen der Barbaren des Nordens zu erwehren, solange jede Stadt nur
ihrer Freiheit und ihrer Lust, über andere Herr zu sein, gelebt hatte? Und
selbst die Makedonen, hatten sie auch nur irgendeine Bedeutung, auch nur
Sicherheit in ihren eigenen Grenzen gehabt, bevor sich ihr Königtum
entschlossen und stark emporrichtete, sie lehrte und sie zwang, nicht bloß
zu sein und zu bleiben, wie sie so lange gewesen waren? Wenn Alexander
seines Lehrers Politik las, so fand er da eine Stelle bedeutsamer Art; es
ist die Rede von der Gleichheit der Rechte und Pflichten unter den Genossen
des Staates, und daß in ihr das Wesen der besten Staatsordnung beruhe. »Ist
aber einer durch so überlegene Tüchtigkeit ausgezeichnet, daß die
Tüchtigkeit und die politische Macht der anderen mit der dieses einzelnen
nicht vergleichbar ist, dann kann man ihn nicht mehr als Teil ansehen; man
würde dem an Tüchtigkeit und Macht in solchem Maß Ungleichen Unrecht tun,
wenn man ihn als gleich setzen wollte; ein solcher wäre wie ein Gott unter
Menschen: daraus ergibt sich, daß auch die Gesetzgebung notwendig sich auf
die, welche an Geburt und Macht gleich sind, beschränkt; aber für jene gibt
es kein Gesetz, sie selbst sind Gesetz; wer für sie Gesetze geben wollte,
würde lächerlich werden; sie würden vielleicht so antworten, wie bei
Antisthenes die Löwen, als in der Tierversammlung die Hasen eine Rede
hielten und forderten, daß alle gleichen Teil erhalten müßten.«

So Aristoteles' Anschauungen; gewiß waren sie von ihm ohne alle persönliche
Beziehung gemeint; aber wer sie las, konnte er anders, als dabei an
Alexander zu denken? »Daß dieses Königs Geist über das menschliche Maß
großgeartet gewesen sei,« sagt Polybios, »darin stimmen alle überein«.
Seine Willensstärke, seinen weiten Blick, seine intellektuelle
Überlegenheit bezeugten seine Taten und die strenge, ja starre
Folgerichtigkeit ihres Zusammenhanges. Was er gewollt, wie er sein Werk
sich gedacht hat -- und das gerechte Urteil wird nur diesen Maßstab anlegen
wollen --, nur auf Umwegen, nur aus dem, was ihm davon zu verwirklichen
gelang, ist es annähernd zu erkennen. Alexander stand in der Höhe der
Bildung, der Erkenntnisse seiner Zeit; er wird von dem Beruf des Königs
nicht minder groß gedacht haben, als »der Meister derer, welche wissen«.
Aber nicht wird ihm wie seinem großen Lehrer in der Konsequenz des
Gedankens der Monarchie und des »Wächteramtes des Monarchen« gelegen haben,
die Barbaren wie Tiere und Pflanzen behandeln zu müssen, noch wird er
gemeint haben, daß seine Makedonen darum von seinem Vater her zu den Waffen
erzogen seien, damit sie, wie der Philosoph es aussprach, »Herren über die
seien, denen es gebühre, Sklaven zu sein«, noch weniger, daß erst sein
Vater, dann er die Hellenen zu der Korinthischen Föderation gezwungen habe,
damit sie das wehrlos gemachte Asien mit ihrer raffinierten Selbstsucht und
ihrer dreisten Anstelligkeit ausbeuten und aussaugen könnten.

Er hatte Asien furchtbar getroffen; er wird des Speeres seines Ahnherrn
Achill gedacht, er wird das Charisma des echten Königsspeeres darin erkannt
haben, daß es die Wunde, die es geschlagen, auch heile. Mit der Vernichtung
des alten Reiches, mit dem Ende des Dareios war er der Erbe der Macht über
zahllose Völker, die bisher als Sklaven beherrscht worden waren; es war ein
echtes Königswerk, sie zu befreien, so weit sie frei zu sein verstanden
oder lernen konnten, sie in dem, was sie Löbliches und Gesundes hatten, zu
erhalten und zu fördern, in dem, was ihnen heilig und ihr Eigenstes war, zu
ehren und zu schonen. Er mußte sie zu versöhnen, zu gewinnen wissen, um sie
selbst zu Mitträgern des Reiches zu machen, das sie mit der hellenischen
Welt fortan vereinigen sollte; in dieser Monarchie mußte mit dem errungenen
Siege nicht mehr von Siegern und Besiegten die Rede sein, sie mußte den
Unterschied von Hellenen und Barbaren vergessen machen. Gelang es ihm, die
Bewohner dieses weiten west-östlichen Reiches so zu einem Volke zu
verschmelzen, daß sie sich mit ihren Begabungen und Mitteln gegenseitig
ergänzten und ausglichen, ihnen inneren Frieden und sichernde Ordnungen zu
schaffen, sie die »Kunst der Muße« zu lehren, ohne damit »wie das Eisen die
Stählung« zu verlieren, so konnte er meinen, ein großes und »wohltätiges
Werk« geschaffen zu haben, ein solches, wie nach Aristoteles' Wort zur
wahren Begründung des Königtums notwendig ist. War es sein Ehrgeiz, sein
Siegespreis, sein Enthusiasmus, ein west-östliches Reich hellenistischer
Art zu schaffen, »die Monarchie«, wie es spätere Zeiten nach der Vision des
Propheten genannt haben, »von den Persern auf die Hellenen zu übertragen«,
so wies ihm die Notwendigkeit der Dinge mit jedem Tage deutlicher und
zwingender die Wege, die er einschlagen müsse, das begonnene Werk
hinauszuführen.

Es lagen auf diesem Wege Schwierigkeiten unermeßlicher Art,
Willkürlichkeiten, Gewaltsamkeiten, Unnatürlichkeiten, die das Begonnene
unmöglich zu machen schienen. Sie machten ihn nicht stutzen; sie steigerten
nur die Heftigkeit seines Willens, die stiere Selbstgewißheit seines
Handelns. Das Werk, das er in der Begeisterung seiner Jünglingsjahre
begonnen hatte, beherrschte ihn; lawinenartig wachsend, riß es ihn hin,
Zerstörung, Verwüstung, Leichenfelder bezeichneten seine Bahn; mit der
Welt, die er besiegte, verwandelte sich sein Heer, seine Umgebung, er
selbst. Er stürmte weiter, er sah nur sein Ziel, in diesem sah er seine
Rechtfertigung.

Er durfte glauben, daß sich die Notwendigkeit dessen, was er wollte, von
selbst ergeben, aus dem, was geschah, auch dem Nichtwollenden sich
überzeugend aufdrängen werde. Mochte sein hellenistisches Reich vorerst in
der Form sich wenig von dem der Achämeniden unterscheiden, der wesentliche
und in seinen Folgen unabsehbare Unterschied lag in der neuen Kraft, die er
dem asiatischen Leben zuführte; was die Waffensiege begonnen hatten, konnte
er dem durchgebildeten, aufgeklärten, unendlich beweglichen und quellenden
Geiste des Griechentums ruhig weiter wirkend zu vollenden überweisen. Für
den Moment kam alles darauf an, die Elemente, die sich mischen und
durchgären sollten, einander zu nähern und aneinander zu binden. Die
asiatische Art war passiver, mißtrauischer, in ihrer Masse schwerfälliger
und verstockter; von der Schonung, mit der man sie behandelte, von dem
Verständnis ihrer Eigenart und ihres Vorurteils, von ihrer völligen
Fügsamkeit hing für den Anfang die Existenz des neuen Reiches ab. Auch sie
mußten in Alexander ihren König sehen; er war zunächst und allein die
Einheit des weiten Reiches, der Kernpunkt, um den sich die neue
Kristallisation bilden sollte. Wie er ihren Göttern geopfert und Feste
gefeiert hatte, so wollte er auch in seiner Umgebung, in den Festen seines
Hoflagers zeigen, daß er auch den Asiaten angehöre. Seit dem Ende des
Dareios begann er, die Asiaten, die zu ihm kamen, im asiatischen Kleide und
mit asiatischem Zeremoniell zu empfangen, die nüchterne Alltäglichkeit des
makedonischen Feldlagers mit dem blendenden Pomp des morgenländischen
Hoflebens abwechseln zu lassen; der nächste Tag sah ihn wieder an der
Spitze der Makedonen im Kampf voran, unermüdlich bei Strapazen, voll Sorge
und Umsicht für die Truppen, jedem einzelnen entgegenkommend und
zugänglich.

In keiner Zeit war die makedonische Art besonders fügsam gewesen; der Krieg
und die unermeßlichen Erfolge, die er gebracht, hatte den harten und
stolzen Sinn dieser Hetären nur noch gesteigert. Nicht alle begriffen, wie
Hephaistion, die Absichten und die Politik ihres Königs, oder hatten, wie
Krateros, Hingebung und Selbstverleugnung genug, dieselbe um der
Diensttreue willen zu unterstützen; die meisten verkannten und
mißbilligten, was der König tat oder unterließ. Während Alexander alles
versuchte, um die Besiegten zu gewinnen und sie in den Makedonen ihre
Sieger vergessen zu lassen, hielten viele in ihrem Hochmut und ihrer
Selbstsucht ein Verhältnis gänzlicher Unterwürfigkeit zur Grundlage aller
weiteren Einrichtungen für unerläßlich, nahmen als sich von selbst
verstehend zu der despotischen Machtvollkommenheit der früheren Satrapen
noch das grausame Gewaltrecht von Eroberern in Anspruch. Während Alexander
den Kniefall der persischen Großen und die Anbetung, die ihm die
Morgenländer schuldig zu sein glaubten, mit derselben Huld empfing wie die
Ehrengesandtschaften der Griechen und den soldatischen Zuruf seiner
Phalangen, hätten sie sich gern als die Gleichen ihres Königs, alles andere
tief unter sich im Staube der Unterwürfigkeit gesehen; und während sie sich
selbst, soviel es das Kriegslager und die Nähe ihres laut mißbilligenden
Königs gestattete, der ganzen Üppigkeit und Zügellosigkeit des asiatischen
Lebens ohne anderen Zweck als den des verwildertsten Genusses hingaben,
verargten sie ihrem Könige das medische Kleid und den persischen Hofstaat,
in dem ihn die Millionen Asiens als ihren Gott-König erkannten und
anbeteten. So waren viele der makedonischen Großen im bösesten Sinne des
Wortes zu Asiaten geworden, und der asiatische Hang zu Despotie, Kabale und
Ausschweifung vereinigte sich mit jenem makedonischen Übermaß von
Heftigkeit und Selbstgefühl, das sie noch immer nach Ruhm begierig, im
Kampf tapfer, zu jedem Wagnis bereit machte.

Sobald Alexander morgenländisches Wesen in seine Hofhaltung aufzunehmen
begann, persische Große um sich versammelte, sie mit gleicher Huld und
Freigebigkeit wie die Makedonen an sich zog, mit gleichem Vertrauen
auszeichnete, mit wichtigen Aufträgen ehrte, mit Satrapien belehnte, war es
natürlich, daß die makedonischen Großen, als geschähe ihnen Abbruch und
Erniedrigung, auf dies asiatische Unwesen, das der König begünstigte, ihren
Abscheu wandten und demgegenüber sich als die Vertreter des alt und echt
makedonischen Wesens fühlten. Viele, besonders die älteren Generale aus
Philipps Zeit, verhehlten ihre Mißgunst gegen die Perser, ihr Mißtrauen
gegen Alexander nicht; sie bestärkten und steigerten sich gegenseitig in
dem Ärger, zurückgesetzt und von dem, der ihnen alles danke, undankbar
behandelt zu sein; jahrelang hätten sie kämpfen müssen, um jetzt die Frucht
ihrer Siege in die Hände der Besiegten übergehen zu sehen; der König, der
jetzt die persischen Großen wie ihresgleichen behandelte, werde sie selbst
bald wie diese einstigen Sklaven des Perserkönigs behandeln; Alexander
vergesse den Makedonen, man müsse auf seiner Hut sein.

Der König kannte diese Stimmungen; seine Mutter, so wird berichtet, habe
ihn wiederholt gewarnt, ihn beschworen, vorsichtig gegen die Großen zu
sein, ihm Vorwürfe gemacht, daß er zu vertraut und zu gnädig gegen diesen
alten Adel Makedoniens sei, daß er mit überreicher Freigebigkeit aus
Untertanen Könige mache, ihnen Freunde und Anhang zu gewinnen Gelegenheit
gebe, sich selbst seiner Freunde beraube. Alexander konnte sich nicht
verhehlen, daß selbst unter seiner nächsten Umgebung viele seine Schritte
mit Mißtrauen oder Mißbilligung betrachteten; in Parmenion war er gewohnt,
einen steten Warner zu haben; von dessen Sohn Philotas wußte er, daß er
seine Einrichtungen unverhohlen gemißbilligt, ja über seine Person sich in
sehr schonungsloser Weise geäußert habe; er hielt es dem heftigen und
finsteren Sinne des sonst tapferen und im Dienst unermüdlichen Hipparchen
zugute; tiefer kränkte es ihn, daß selbst der schlichte und hochherzige
Krateros, den er vor allen hochachtete, nicht immer mit dem, was geschah,
einverstanden war, daß selbst Kleitos, der das Agema der Ritterschaft
führte, sich ihm entfremdete. Immer deutlicher trat unter den makedonischen
Generalen eine Spaltung hervor, die, wenn auch für jetzt ohne bedeutende
Folgen, doch die Stimmungen verbitterte und selbst im Kriegsrat schon in
peinlicher Gereiztheit hervorbrach; die Heftigeren wollten den Krieg
beendet, das Heer aufgelöst, die Beute verteilt sehen; nicht ohne ihre
Einwirkung schien auch im Heer das Verlangen nach der Heimat laut und
lauter zu werden.

So steigerte sich die Mißstimmung; schon wurde mit Geschenken, mit
Nachsicht und Vertrauen der König ihrer nicht mehr Herr. Es konnte und
durfte nicht lange in dieser Weise fortgehen; die Kriegszucht des Heeres
und die Folgeleistung der Offiziere, das waren die ersten Bedingungen nicht
bloß für das Gelingen der militärischen Unternehmungen, sondern auch für
die Erhaltung des schon Gewonnenen und die Sicherheit der Armee selbst;
wenn sich Alexander von Krateros, Kleitos, Philotas, Parmenion, von den
Hetairen auch keiner Tat gewärtig sein mochte, so mußte er des Beispiels
und der schon unsicheren Stimmung im Heere wegen eine Krisis
herbeiwünschen, die ihm die Faktion offen gegenüberstellte und sie
niederzutreten Gelegenheit bot.

Alexander rastete im Herbste des Jahres 330 mit seinem Heere in der
Hauptstadt des Drangianerlandes. Krateros war von dem baktrischen Wege her
wieder zu ihm gestoßen; auch Koinos, Perdikkas und Amyntas mit ihren
Phalangen, auch die makedonische Ritterschaft des Philotas und die
Hypaspisten waren um ihn; ihr Führer Nikanor, Philotas' Bruder, war vor
kurzem gestorben, dem Könige ein schmerzlicher Verlust; durch den Bruder
hatte er ihn feierlich bestatten lassen. Ihr Vater Parmenion stand mit den
meisten der übrigen Truppen im fernen Medien, die Straße nach der Heimat
und die reichen Schätze des Perserreiches zu hüten; im nächsten Frühling
sollte er wieder zu der großen Armee stoßen. »Da erhielt Alexander die
Anzeige von dem Verrat des Philotas«, sagt Arrian und führt dann summarisch
an, wie gegen denselben verfahren worden sei. Ausführlicher hat die Quelle,
der Diodoros, Curtius, Plutarchos folgen, die Sache erzählt, ob der
Wahrheit entsprechender, mag dahingestellt bleiben. Sie sagen im
wesentlichen folgendes.

Unter den Mißvergnügten in des Königs Umgebung war Dimnos aus Chalästra in
Makedonien. Er vertraute dem Nikomachos, mit dem er in Buhlschaft lebte,
daß er von dem Könige an seiner Ehre gekränkt, daß er entschlossen sei,
sich zu rächen; vornehme Personen seien mit ihm einverstanden, allgemein
werde eine Änderung der Dinge gewünscht; der König, allen verhaßt und im
Wege, müsse aus dem Wege geräumt werden; in drei Tagen müsse er tot sein.
Für des Königs Leben besorgt, aber zu scheu, ihm so Großes selbst zu
enthüllen, teilt Nikomachos den verruchten Plan seinem Bruder Kebalinos mit
und beschwört ihn, mit der Anzeige zu eilen. Der Bruder begibt sich ins
Schloß, wo der König wohnt; um alles Aufsehen zu meiden, wartet er im
Eingang, bis einer der Strategen herauskomme, dem er die Gefahr entdecken
könne. Philotas ist der erste, den er sieht; ihm sagt er, was er erfahren,
er macht ihn verantwortlich für die schleunige Meldung und für das Leben
des Königs. Philotas kehrt zum Könige zurück, er spricht mit ihm von
gleichgültigen Dingen, nicht von der nahen Gefahr; auf Kebalinos' Fragen,
der ihn am Abend aufsucht, antwortet er, es habe sich nicht machen lassen,
am nächsten Tage werde noch Zeit genug sein. Doch auch am andern Tage
schweigt Philotas, obschon mehrfach mit dem König allein. Kebalinos schöpft
Verdacht; er wendet sich an Metron, einen der königlichen Knaben, er teilt
ihm die nahe Gefahr mit, fordert von ihm eine geheime Unterredung mit dem
Könige. Metron bringt ihn in das Waffenzimmer Alexanders, sagt diesem
während des Bades von dem, was Kebalinos ihm entdeckt, läßt dann ihn selbst
hervortreten. Kebalinos vervollständigt den Bericht, sagt, daß er nicht
schuld an der Verzögerung dieser Anzeige sei, und daß er diese, bei dem
auffallenden Benehmen des Philotas und der Gefahr weiterer Verzögerung,
unmittelbar an den König machen zu müssen geglaubt habe. Alexander hört ihn
nicht ohne tiefe Bewegung; er befiehlt, sofort Dimnos festzunehmen. Der
sieht die Verschwörung verraten, seinen Plan vereitelt, er entleibt sich.
Dann wird Philotas zum Könige beschieden; er versichert, die Sache für eine
Prahlerei des Dimnos und nicht der Rede wert gehalten zu haben; er gesteht,
daß Dimnos' Selbstmord ihn überrasche, der König kenne seine Gesinnung.
Alexander entläßt ihn, ohne Zweifel an seiner Treue zu äußern, er ladet ihn
ein, auch heute nicht bei Tafel zu fehlen. Er beruft einen geheimen
Kriegsrat, teilt da das Geschehene mit. Die Besorgnis der treuen Freunde
vermehrt des Königs Verdacht eines weiteren Zusammenhanges und seine Unruhe
über Philotas' rätselhaftes Benehmen; er befiehlt das strengste
Stillschweigen über diese Verhandlung: er bescheidet Hephaistion und
Krateros, Koinos und Erigyios, Perdikkas und Leonnatos zu Mitternacht zu
sich, die weiteren Befehle zu empfangen. Zur Tafel versammeln sich die
Getreuen bei dem Könige, auch Philotas fehlt nicht; man trennt sich spät am
Abend. Um Mitternacht kommen jene Generale, von wenigen Bewaffneten
begleitet; der König läßt die Wachen im Schloß verstärken, läßt die Tore
der Stadt, namentlich die nach Ekbatana führenden, besetzen, sendet
einzelne Kommandos ab, diejenigen, die als Teilnehmer der Verschwörung
bezeichnet sind, in der Stille festzunehmen, schickt endlich 300 Mann zu
Philotas' Quartier, mit dem Befehl, erst das Haus mit einer Postenreihe zu
umstellen, dann einzudringen, den Hipparchen festzunehmen und ins Schloß zu
bringen. So vergeht die Nacht.

Am anderen Morgen wird das Heer zur Versammlung berufen. Niemand ahnt, was
geschehen; dann tritt der König selbst in den Kreis: er habe das Heer nach
makedonischer Sitte zum Gericht berufen, ein hochverräterischer Plan gegen
sein Leben sei an den Tag gekommen. Nikomachos, Kebalinos, Metron legen
Zeugnis ab, der Leichnam des Dimnos ist die Bestätigung ihrer Aussage. Dann
bezeichnet der König die Häupter der Verschwörung: an Philotas sei die
erste Anzeige gebracht, daß am dritten Tage der Mord geschehen solle;
obschon er täglich zweimal in das Schloß komme, habe er den ersten, den
zweiten Tag kein Wort geäußert; dann zeigt er Briefe des Parmenion, in
denen der Vater seinen Söhnen Philotas und Nikanor rät: »sorgt erst für
Euch, dann für die Euren, so werden wir erreichen, was wir bezwecken«; er
fügt hinzu, daß diese Gesinnungen durch eine Reihe von Tatsachen und
Äußerungen bestätigt und Zeugnis für das schnödeste Verbrechen seien; schon
bei König Philipps Ermordung habe Philotas sich für den Prätendenten
Amyntas entschieden; seine Schwester sei Gemahlin des Attalos gewesen, der
ihn selbst und seine Mutter Olympias lange verfolgt, ihn von der Thronfolge
zu verdrängen gesucht, sich endlich, mit Parmenion nach Asien
vorausgesandt, empört habe; trotzdem sei diese Familie von ihm mit jeder
Art von Auszeichnung und Vertrauen geehrt worden; schon in Ägypten habe er
von den frechen und drohenden Äußerungen, die Philotas gegen die Hetäre
Antigone oft wiederholt, sehr wohl gewußt, aber sie seinem heftigen
Charakter zugut gehalten; dadurch sei Philotas nur noch herrischer und
hochfahrender geworden; seine zweideutige Freigebigkeit, seine zügellose
Verschwendung, sein wahnsinniger Hochmut hätten selbst den Vater besorgt
gemacht und ihn zu der häufigen Warnung, sich nicht zu früh zu verraten,
veranlaßt; längst hätten sie nicht mehr dem Könige treulich gedient, und
die Schlacht von Gaugamela sei fast durch Parmenion verloren worden; seit
Dareios' Tode aber seien ihre verräterischen Pläne gereift, und während er
fortgefahren, ihnen alles anzuvertrauen, hätten sie den Tag seiner
Ermordung bestimmt, die Mörder gedungen, den Umsturz alles Bestehenden
vorbereitet. Mit der tiefsten Bestürzung, so sagt die Schilderung des
Vorganges, haben die Makedonen den König angehört; daß dann Philotas
gebunden vorgeführt wird, bewegt sie nicht minder, erweckt ihr Mitleid; der
Strateg Amyntas ergreift das Wort gegen den Schuldigen, der ihnen allen
mit dem Leben des Könige die Hoffnung der Heimkehr vernichtet haben würde.
Dann noch heftiger der Strateg Koinos, des Philotas Schwager; schon hat er
einen Stein ergriffen, das Gericht nach makedonischer Sitte zu beginnen;
der König hält ihn zurück; erst müsse Philotas sich verteidigen; er selbst
verläßt die Versammlung, um nicht durch seine Gegenwart die Freiheit der
Verteidigung zu beeinträchtigen. Philotas leugnet die Wahrheit der
Beschuldigungen; er verweist auf seine, seines Vaters, seiner Brüder treue
Dienste; er gesteht, die Anzeige des Kebalinos verschwiegen zu haben, um
nicht als nutzloser und lästiger Warner zu erscheinen, wie sein Vater
Parmenion in Tarsos, als er vor der Arznei des akarnanischen Arztes gewarnt
habe; aber Haß und Furcht foltere stets den Despoten, und das sei es ja,
was sie alle beklagten. Unter der heftigsten Aufregung entscheiden die
Makedonen, daß Philotas und die übrigen Verschworenen des Todes schuldig
seien; der König vertagt das Gericht bis zum folgenden Tage.

Noch fehlt das Geständnis des Philotas, der zugleich über die Schuld seines
Vaters und der Mitverschworenen Licht verbreiten muß; der König beruft
einen geheimen Rat; die meisten verlangen das Todesurteil sofort zu
vollstrecken; Hephaistion, Krateros, Koinos raten, erst das Geständnis zu
erzwingen; dafür entscheidet sich die Stimmenmehrheit; die drei Strategen
erhalten den Auftrag, bei der Folter gegenwärtig zu sein. Unter den Martern
bekennt Philotas, daß er und sein Vater von Alexanders Ermordung
gesprochen, daß sie die bei Dareios' Lebzeiten nicht gewagt hätten, da
nicht ihnen, sondern den Persern der Vorteil davon zugefallen wäre, daß er,
Philotas, mir der Vollstreckung geeilt habe, ehe sein Vater durch den Tod,
dem sein greises Leben nahe sei, dem gemeinschaftlichen Plane entrissen
würde, daß er diese Verschwörung ohne Vorwissen des Vaters angestiftet. Mit
diesen Zeugnissen tritt der König am nächsten Morgen in die Versammlung des
Heeres; Philotas wird vorgeführt und von den Lanzen der Makedonen
durchbohrt.

Auch die besten Quellen, die, denen Arrian folgt, Ptolemaios und
Aristobulos, bestätigen, daß schon in Ägypten Anzeigen von den
verräterischen Plänen des Philotas an den König gebracht worden seien, daß
dieser sich bei der Freundschaft, die zwischen ihm und Philotas bestanden,
bei der hohen Achtung, die er dem Vater Parmenion stets bezeugt, nicht habe
entschließen können, sie zu glauben. Ptolemaios bezeugt, daß der König
selbst vor versammeltem Kriegsvolk die Anklage gesprochen, daß Philotas
sich verteidigt habe, daß namentlich die Verheimlichung der Anzeige ihm als
Verbrechen angerechnet worden sei. Die Folter erwähnt er nicht.

Auch Parmenion war des Todes schuldig erkannt worden. Es erschien
notwendig, das Urteil so schnell wie möglich zu vollstrecken; er stand an
der Spitze einer bedeutenden Truppenmasse, die er bei seinem großen Ansehen
im Heere und mit den Schätzen, die ihm zur Bewachung anvertraut waren, und
die sich auf viele tausend Talente beliefen, leicht zu dem Äußersten
bringen konnte; selbst wenn er an der Verräterei seines Sohnes keinen
unmittelbaren Anteil hatte, schien nach dessen Hinrichtung das Schlimmste
möglich. Er stand in Ekbatana, 30 bis 40 Märsche entfernt; was konnte, wenn
er sich empörte, in dieser Zeit geschehen? Der König durfte bei solchen
Umständen nicht sein Begnadigungsrecht üben, er durfte nicht wagen, den
Feldherrn offenbar und inmitten der so leicht irre zu führenden Truppen
verhaften zu lassen; Polydamas, aus der Schar der Hetairen, wurde nach
Ekbatana an Sitalkes, Menidas und Kleandros gesandt, mit dem schriftlichen
Befehl des Königs, Parmenion in der Stille aus dem Wege zu räumen. Auf
schnellen Dromedaren, von zwei Arabern begleitet, kam Polydamas mit der
zwölften Nacht in Ekbatana an; der thrakische Fürst und die beiden
makedonischen Befehlshaber entledigten sich sofort ihres Auftrages.

In Prophtasia gingen indes die Untersuchungen weiter. Auch Demetrios, einer
der sieben Leibwächter, wurde, der Verbindung mit Philotas verdächtig,
gefangengesetzt; Ptolemaios, des Lagos Sohn, erhielt seine Stelle. Die
Söhne des Tymphaiers Andromenes waren dem Philotas sehr befreundet gewesen,
und Polemon, der jüngste der Brüder, der in einer Ile der Ritterschaft
stand, hatte sich, sobald er von der Gefangennahme seines Hipparchen
Philotas gehört, in blinder Angst auf die Flucht begeben; seine und seiner
Brüder Teilnahme an der Verschwörung erschien um so glaublicher. Amyntas,
Simmias, Attalos, alle drei Strategen der Phalangiten, wurden vorgeführt,
namentlich gegen Amyntas mehrfache Beschuldigungen geltend gemacht. Dieser
verteidigte sich und seine Brüder dergestalt, daß die Makedonen ihn aller
Schuld freisprachen; dann bat er um die Vergünstigung, seinen entflohenen
Bruder zurückbringen zu dürfen; der König gestattete es; er reiste noch
desselben Tages ab, er brachte Polemon zurück; das und der rühmliche Tod,
den Amyntas bald darauf in einem Gefecht fand, benahmen dem Könige den
letzten Verdacht gegen die Brüder, die fortan von ihm auf mannigfache Weise
ausgezeichnet wurden.

Bemerkenswert ist, daß bei Gelegenheit dieser Untersuchungen die Sache des
Lynkestiers Alexandros, der vier Jahre früher in Kleinasien einen Anschlag
auf des Königs Leben gemacht hatte, damals aber auf ausdrücklichen Befehl
des Königs nur festgenommen war, jetzt zur Sprache gebracht wurde. Mag es
wahr sein, daß das Heer seine Hinrichtung forderte, dem Könige konnte es
notwendig scheinen, einen Mann, den er, mit Rücksicht auf seine
Verschwägerung mit dem Reichsverweser in Makedonien bisher der gerechten
Strafe vorenthalten, dem jetzt geforderten Urteil des Heeres zu
überantworten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß neue Anlässe hinzukamen,
gerade jetzt ihn vor Gericht zu stellen; leider berichten unsere Quellen
nichts Genaueres. Aber wenn Philotas eingestanden, daß der Zweck der
Verschwörung Alexanders Ermordung gewesen sei, so mußte die erste und im
voraus bedachte Frage sein, wer nach ihm das Diadem tragen solle; der
zunächst Berechtigte war Arrhidaios, König Philipps Sohn; aber auch wenn er
mit beim Heere war, es konnte niemandem einfallen, die Gewalt einem so gut
wie Blödsinnigen zu übergeben; ebenso wenig, einem zum Königtum völlig
Unberechtigten, etwa Parmenion oder seinem Sohn oder einem anderen der
Generale das Diadem zu übertragen; der Lynkestier konnte den Verschworenen
um so geeigneter dazu scheinen, als Antipatros, auf den gewiß besondere
Rücksicht zu nehmen war, durch die Erhebung seines Eidams für die neue
Ordnung der Dinge, so mochte man meinen, gewonnen werden konnte. Vielleicht
darf erwähnt werden, daß Antipatros, sobald er von den Vorgängen in
Prophtasia und Ekbatana unterrichtet war, Schritte getan zu haben scheint,
die ohne solchen Zusammenhang unbegreiflich wären; es wird erzählt, daß er
mit den Ätolern, die Alexander wegen der Zerstörung der ihm ergebenen Stadt
Diniadai auf das strengste zu züchtigen befohlen hatte, insgeheim
Unterhandlungen angeknüpft habe; eine Vorsicht, die für den Augenblick
keine weitere Wirkung hatte, aber dem Könige nicht unbekannt blieb und, so
wurde geglaubt, sein Mißtrauen in einer Weise erregte, die, wenn auch erst
nach Jahren, ihren Ausdruck finden sollte.

So endete dieser trostlose Handel, trostlos auch, wenn das Gericht über
Philotas gerecht, die Ermordung Parmenions eine politische Notwendigkeit
gewesen war. Es macht das Geschehene nicht erträglicher, wenn Philotas nach
den Überlieferungen bei aller persönlichen Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit
gewaltsam, selbstsüchtig, tückisch gewesen sein, wenn der Vater selbst ihn
gemahnt haben soll, vorsichtiger, minder hochfahrend zu sein; noch weniger,
wenn Parmenion auch in seinen dienstlichen Beziehungen sich mehrfach des
Königs Tadel zugezogen haben soll. Mochte der König meinen, von seinen
höchsten Offizieren die strengste Folgeleistung fordern, inmitten des
Krieges die Zügel der Disziplin doppelt scharf anziehen zu müssen, -- daß
er in den Kreisen der Höchstkommandierenden zu strafen fand und so strafen
zu müssen glaubte, war ein bedenkliches Symptom für den Zustand seines
Heeres, und eine erste schlimme Scharte in dem bisher so festen und scharf
gefugten Instrument seiner Macht, der einzigen Bürgschaft für seine Erfolge
und sein Werk.

Seine Spannkraft und sein imperatorischer Geist wird die zerrüttenden
Nachwirkungen dieser Vorgänge zu bewältigen, rasch und völlig die erregten
Truppen wieder in die Hand zu bekommen verstanden haben. Aber daß Philotas,
daß Parmenion dieser Armee fehlten, war und blieb ein unersetzlicher
Schaden, ein dauernder Flecken.

Es mag dahingestellt bleiben, ob in den bezeichneten Zusammenhang auch die
Formationsveränderungen zu rechnen sind, die wenigstens teilweise in diese
Winterrast fallen, oder ob sie mehr noch von der sich verändernden
militärischen Aufgabe veranlaßt wurden.

Seit dem Ende des Dareios gab es in den bisher persischen Landen keine
organisierte feindliche Kriegsmacht mehr; es konnten noch da und dort
Massen aufgeboten und ins Feld geführt werden, aber sie hatten nichts mehr
von dem Wesen des persischen Reichsheeres, auf das Alexander beim Beginn
des Kampfes die Formation seiner Feldarmee berechnet hatte, weder die
Haupttruppen der Großkönige und die Kardaker, noch einen Kern hellenischer
Söldner und deren taktische Übung. Der weitere Krieg mußte sich wesentlich
auf den Kampf gegen lose Massen, auf deren Sprengung, rasche Verfolgung,
jede Art des kleinen Krieges einrichten. Es mußten die Truppenkörper so
formiert werden, daß sich aus ihnen mit Leichtigkeit Armeen im kleinen
zusammenstellen ließen; sie mußten beweglicher, in ihrer Taktik noch mehr
als bisher aggressiv werden, die leichten Truppen mußten eine noch größere
Ausdehnung erhalten. Endlich war es notwendig, Fürsorge zu treffen, daß
auch asiatische Aushebungen zur Verwendung kommen konnten, nicht bloß um
die Masse des Heeres zu vergrößern und in dem Maß, als man sich von den
Rekrutierungen aus der Heimat entfernte, näheren Ersatz zu schaffen.

Schon im Winter vorher waren die acht Ilen der Ritterschaft zu je zwei
Lochen formiert, deren jeder seinen Lochagen erhielt; jetzt wurden je acht
dieser Lochen zu einer Hipparchie vereint, so daß es fortan, wenn der
moderne Ausdruck erlaubt ist, zwei Regimenter dieser schweren Kavallerie zu
acht immerhin schwächeren Schwadronen gab. Die eine Hipparchie erhielt
Kleitos, des Dropidas Sohn, der bisher die königliche Ile der Ritterschaft
geführt hatte, der »schwarze Kleitos«, die zweite Hephaistion. Bereits in
dem Feldzuge des nächsten Jahres ist die Zahl der Hipparchien weiter
vermehrt.

In gleicher Weise sind die Söldnerreiter, welche 400 Mann stark unter
Menidas 331 zum Heere gekommen waren, so vermehrt worden, daß sie mehr als
eine Hipparchie bilden.

Schon ist auch eine Waffe der Akontisten zu Pferd eingerichtet, ihre Zahl
ist nicht mehr zu erkennen.

Die nicht minder bedeutenden Veränderungen in der Formation des Fußvolkes,
die in dem indischen Feldzuge hervortreten, scheinen erst nach den großen
Verstärkungen, die das Heer in Baktrien erhielt, durchgeführt zu sein.

Schon in Persepolis hatte der König Befehl in die Satrapien gesandt, junge
Mannschaften auszuheben, im ganzen 30 000 Mann, die nach makedonischer Art
zum Dienst ausgebildet und dann als »Epigonen« in die Armee eingestellt
werden sollten. Aber schon demnächst, bei seinem zweijährigen Aufenthalt in
den baktrischen Landen nahm er Baktrier, Sogdianer, Paropamisaden usw.,
namentlich als Reiter in Dienst.

Mit einem Wort, das Heer des Königs, bisher aus Makedonen, Hellenen und
europäischen Barbaren bestehend, begann sich in dem hellenistischen
Charakter, den Alexander seinem Reiche geben wollte, zu entwickeln; und
während überall in den Mittelpunkten der Satrapien mehr oder weniger starke
makedonisch-hellenistische Garnisonen zurückblieben und sich, so dauernd
angesiedelt, aus der bloß militärischen Ordnung auch zu zivilen
Gemeinwesen, zu Politien nach hellenischer Art umbildeten, mußten in der
Feldarmee die eingereihten Asiaten durch die militärische Gemeinschaft und
Disziplin sich zu hellenisieren beginnen.

Diese Feldarmee war doch nicht bloß ein militärischer Körper; sie umschloß
noch andere Elemente, andere Funktionen; sie bildete eine höchst
eigentümliche Welt für sich. Das Feldlager war zugleich das Hoflager,
umschloß die zentrale Verwaltung des ungeheuren Reiches, dessen obersten
Zivildienst, das Kassawesen, die Intendanturgeschäfte, die Vorräte für
Bewaffnung und Bekleidung der Armee, für den Unterhalt der Menschen und
Tiere, den Lazarettdienst; mit dem Heere zogen Händler, Techniker,
Lieferanten, Spekulanten aller Art, nicht wenige Literaten, nicht bloß die
zum Unterricht der jungen Herren von Adel bestimmten; auch Gäste,
hellenische und Asiaten, Laien und priesterliche; an einem Troß von Weibern
wird es nicht gefehlt haben; wenn der Lynkestier Alexandros seit den
Vorgängen in Pisidien gefangen dem Heere folgte, so wird auch der
schwachsinnige Arrhidaios, Philipps Bastard, nicht zurückgelassen sein.
Kurz, dies Feld- und Hoflager war gleichsam die bewegliche Residenz des
Reichs, der mächtige und mächtig pulsierende Schwer- und Mittelpunkt
desselben, der sich von einem Lande zum anderen schob und weilend wie
weitereilend sein Machtgewicht wirken ließ.

Vielleicht darf an dieser Stelle noch ein anderer Punkt angeführt werden,
auf den die Natur der Sache zu führen scheint. Alexanders Truppen waren in
der Bekleidung ausgezogen, welche dem Klima und der Landessitte der Heimat
entsprach; war sie für die doch sehr anderen Verhältnisse Irans, Turans,
Indiens, für die Strapazen endloser Märsche, für die unvermeidlichen
schroffen Wechsel der Ernährung, für Sonnenglut, Winterwetter im
Hochgebirge, bald tropischer Regenmonate in gleichem Maße angemessen? Ergab
nicht die Fürsorge für die Gesundheit der Mannschaften die Notwendigkeit,
den Leib mit dichter schließenden Kleidungen warm zu halten, den Schädel
vor Sonnenstich zu hüten, die Beine einzuhüllen, die Füße besser als mit
Sandalen oder niederen Schuhen zu schützen, vielleicht nach der Art, wie
man sie bei den Völkern dort in Gebrauch sah? Ist das vielleicht die
Einführung asiatischer Tracht, die dem Könige zu schwerem Vorwurf gemacht
wird? Freilich in der Dürftigkeit unserer Überlieferungen findet sich auf
diese, wie auf so viele Fragen keine Antwort.



  Zweites Kapitel

  Alexanders Zug nach Baktra -- Verfolgung des Bessos, dessen
  Auslieferung -- Zug gegen die Skythen am Jaxartes -- Empörung
  in Sogdiana -- Bewältigung der Empörer -- Winterrast
  in Zariaspa -- Zweite Empörung der Sogdianer -- Bewältigung
  -- Rast in Marakanda -- Kleitos' Ermordung --
  Einbruch der Skythen nach Zariaspa. Winterrast in Nautaka --
  Die Burgen der Hyparchen -- Vermählung mit Roxane -- Verschwörung
  der Edelknaben -- Kallisthenes' Strafe


Der nächste Feldzug galt dem oxianischen Lande. Dort hatte Bessos, der die
Tiara des Großkönigs und den Namen Artaxerxes angenommen, eifrigst
Vorbereitungen getroffen, um sich dem weiteren Vordringen der Makedonen zu
widersetzen. Außer den Truppen, die noch seit der Ermordung des Großkönigs
um ihn waren, hatte er aus Baktrien und Sogdiana etwa 7000 Reiter um sich
versammelt, auch einige tausend Daer waren zu ihm gestoßen; mehrere Große
des Landes, Dataphernes und Oxyartes aus Baktrien, Spitamenes aus Sogdiana,
Katanes aus Parätakene, befanden sich bei ihm; auch Satibarzanes hatte
sich, nachdem seine Empörung im Rücken Alexanders mißglückt war, nach
Baktrien geflüchtet -- ein Unfall, der für Bessos den großen Vorteil mit
sich zu führen schien, daß Alexander, zumal von dem großen Wege nach
Baktrien abgelenkt, wahrscheinlich die schwer zugänglichen Pässe über den
Kaukasus scheuen, und den Feldzug gegen Baktrien entweder ganz aufgeben
oder wenigstens Zeit zu neuen und größeren Rüstungen lassen, vielleicht
einen Einfall nach dem nahen Indien machen werde; und dann konnte es nicht
schwer sein, in den neuunterworfenen Ländern in seinem Rücken einen
allgemeinen Aufstand zu organisieren.

Bessos ließ die Gegenden am Nordabhange des Gebirges mehrere Tagereisen
weit verwüsten, um so jedes Eindringen eines feindlichen Heeres unmöglich
zu machen; er übergab dem Satibarzanes, welcher auf die Anhänglichkeit
seiner ehemaligen Untertanen rechnen konnte, etwa zweitausend Reiter, um
mit diesen eine Diversion im Rücken der Makedonen zu machen, die, wenn sie
glückte, den Feind gänzlich abschnitt. Die Areier erhoben sich bei dem
Erscheinen ihres ehemaligen Herrn, ja der von Alexander eingesetzte Satrap
Arsames selbst schien die Empörung zu begünstigen. Auch nach Parthien hin
sandte Bessos einen seiner Getreuen, Barzanes, um dort eine Insurrektion
zugunsten des alten Persertums zu bewirken.

Alexander erhielt die Nachricht von dem neuen Aufstand der Areier in
Arachosien; sofort sandte er die Reiterei der Bundesgenossen, sechshundert
Mann, unter ihren Führern Erigyios und Karanos, sowie die griechischen
Söldner unter Artabazos, sechstausend Mann, unter denen auch die in den
kaspischen Pässen übergetretenen unter Andronikos waren, nach Areia, ließ
zugleich dem Satrapen in Hyrkanien und Parthien, Phrataphernes, den Befehl
zukommen, mit seinen Reiterscharen zu jenen zu stoßen. Zu gleicher Zeit war
der König selbst aus dem Arachosischen aufgebrochen und unter der
strengsten Winterkälte über die nackten Paßhöhen, welche das Gebiet der
Arachosier von dem der Paropamisaden trennen, gezogen. Er fand dies
Hochland stark bevölkert, und obschon jetzt tiefer Schnee die Felder
überdeckte, doch Vorräte genug in den zahlreichen Dörfern, die ihn
freundlich aufnahmen. Er eilte in die offenere Landschaft des oberen
Kabulstromes hinab und über diesem bis an den Fuß des hohen Hindukusch, des
»Kaukasus«, jenseits dessen Baktrien liegt. Hier hielt er Winterrast.

Das Land von Kabul, ungefähr unter derselben Breite wie Cypern und Kreta,
ist ein Hochtal, das gegen 6300 Fuß über dem Meere liegt, also um 500 Fuß
höher als St. Moritz und Silvaplana im oberen Engadin. Von dort führen
sieben Pässe über den Hindukusch nach dem Stromtale des Oxos; drei von
diesen steigen an den Quellflüssen des Pundschir aufwärts, am östlichsten
der von Khewak, der Tulpaß, der mit einer Paßhöhe von 13200 Fuß nach
Anderab führt; diese und noch mehr die drei nächsten, welche zu den Quellen
des Surkab hinabführen, sind vier bis fünf Monate hindurch vom Schnee so
bedeckt, daß man sie kaum passieren kann; man muß dann den westlichsten
Paß, den von Bamihan, einschlagen, auf dem man mit etwa sechzig Meilen von
Kabul nach Balch gelangt; dieser Weg führt durch mehrere Bergketten
diesseits und jenseits des Hauptgebirges, und die Täler zwischen denselben
sind an Quellen, an Weide und Herden reich, von friedlichen Hirtenstämmen
bewohnt. Ein neuerer Reisender, der den letztgenannten dieser Pässe
durchzogen, schreibt: »Wir zogen vier Tage (es war im Mai) unter
Steilklippen und Felsenwänden hin, welche die Sonne vor unserem Gesichte
verbargen, und sich über uns zu einer senkrechten Höhe von 2000 bis 3000
Fuß erhoben; mir ist die Nase hier erfroren und von den Schneefeldern das
Auge fast erblindet; wir konnten nur des Morgens weiter, wo der Schnee
überfroren war; diese Gebirge sind fast ohne Bewohner, und unser Lager war
'des Bergstroms Bett' während des Tages.«

Alexander lagerte, das hohe Gebirge »zu seiner Linken«, an einer Stelle, wo
er den beschwerlichen Ostpässen, namentlich dem nach Anderab, näher war als
dem bequemeren Westpaß. Mußte ihn Bessos nicht über diesen erwarten und
danach seine Maßregeln getroffen haben? Es war angemessen, die näheren
Pässe zu wählen und lieber dem Heere eine längere Rast zu gewähren, um so
mehr, als die Pferde des Heeres durch die Wintermärsche schwer mitgenommen
waren. Es kam noch ein anderer Umstand hinzu; was der König im Kabullande
hörte und sah, mußte ihn erkennen lassen, daß hier die Eingangspforte zu
einer neuen Welt sei, voll kleiner und großer Staaten, voll kriegerischer
Volksstämme, bei denen die Nachricht von der Nähe des Eroberers
unzweifelhaft Aufregung genug veranlassen mußte, vielleicht selbst
Maßregeln, ihm, wenn er nach Norden weitergezogen, die Rückkehr durch die
Pässe, die er jetzt vor sich hatte, unmöglich zu machen. Zur Sicherung
dieser Position wurde an der Stelle, wo das Heer lagerte (ungefähr wo jetzt
Begram liegt), eine Stadt »Alexandreia am Kaukasus« angelegt und ihr eine
starke Besatzung gegeben; es wurde der Perser Proexes zum Satrapen des
Landes, Neiloxenos von den Hetären zum Episkopus bestellt.

Sobald die Tage der strengen Kälte vorüber waren, brach Alexander aus der
Winterrast auf, um das erste Beispiel eines Gebirgsüberganges zu geben, mit
dessen staunenswerter Kühnheit nur die ähnlichen Wagnisse Hannibals zu
wetteifern vermögen. Die Verhältnisse, unter denen Alexander den Marsch
unternehmen mußte, erschwerten denselben bedeutend; noch war das Gebirge
mit Schnee bedeckt, die Luft kalt, die Wege beschwerlich; zwar fand man
zahlreiche Dorfschaften und die Einwohner friedlich und bereitwillig, zu
geben, was sie hatten, aber sie hatten nichts als ihre Herden; die Berge,
ohne Waldung, und nur hier und da mit Terpentinbüschen bewachsen, boten
keine Feuerung dar; ohne Brot und ungekocht wurde das Fleisch genossen, nur
gewürzt mit dem Silphion, das in den Bergen wächst. So zog man vierzehn
Tage lang durch das Gebirge; je näher man den Nordabhängen kam, desto
drückender wurde der Mangel; man fand die Talgelände verwüstet und verödet,
die Ortschaften niedergebrannt, die Herden fortgetrieben; man war genötigt
sich von Wurzeln zu nähren und das Zugvieh der Bagage zu schlachten. Nach
unsäglicher Anstrengung, von der Witterung und dem Hunger mitgenommen, mit
Verlust vieler Pferde, in traurigstem Auszuge, erreichte das Heer endlich
am fünfzehnten Tage die erste baktrische Stadt Drapsaka oder Adrapsa (wohl
das heutige Anderab), noch hoch im Gebirge.

Alexander stand am Eingang eines Gebietes doch sehr anderer Art, als die er
bisher leicht genug unterworfen hatte. Baktrien und Sogdiana waren Länder
uralter Kultur, einst ein eigenes Reich, vielleicht die Heimat des
Zarathustra und der Lehre, die sich über ganz Iran verbreitet hatte. Dann
den Assyrern, den Medern, Persern unterworfen, hatte dieses Land, im Norden
und Westen von den turanischen Völkern umgeben und stets von ihren
Einfällen bedroht, die hervorragende Bedeutung eines zum Schutz Irans
wesentlichen, zur militärischen Verteidigung organisierten Vorlandes
bewahrt. Daß Bessos, »Satrap des Landes der Baktrier«, in der Schlacht von
Arbela zugleich mit den Sogdianern und den an Baktrien grenzenden Indern
die skythischen Saken, nicht als seine Untertanen, sondern als »Verbündete
des Großkönigs«, geführt hatte, ließ hier eine Einheit der militärischen
Leitung und eine Mitwirkung der Skythenstämme erwarten, der gegenüber die
Bewältigung dieser Lande doppelt schwierig werden konnte.

Vielleicht, daß sie der plötzliche Anmarsch des makedonischen Heeres von
unerwarteter Seite her erleichterte. Nach kurzer Rast rückte Alexander in
raschen Märschen durch die Pässe, welche die nördlichsten Vorberge bilden,
nach Aornos hinab und von dort über die Fruchtebenen Baktriens nach Baktra,
der Hauptstadt des Landes; nirgends fand er Widerstand.

Bessos, solange die Feinde noch fern waren, voll Zuversicht und in dem
Wahne, daß die Gebirge und die Verwüstungen an ihrer Nordseite das
oxianische Land schützen würden, hatte kaum von dem Anrücken Alexanders
gehört, als er eilends aus Baktra aufbrach, über den Oxos floh und, nachdem
er die Fahrzeuge, die ihn über den Strom gesetzt, verbrannt hatte, sich mit
seinem Heere nach Nautaka im Sogdianerlande zurückzog. Noch hatte er einige
tausend Sogdianer unter Spitamenes und Oxyartes, sowie die Daer vom Tanais
bei sich; die baktrischen Reiter hatten, sobald sie sahen, daß ihr Land
preisgegeben wurde, sich von Bessos getrennt und in ihre heimatlichen
Gebiete zerstreut, so daß Alexander mit leichter Mühe alles Land bis zum
Oxos unterwarf. Zu gleicher Zeit kam Artabazos und Erigyios aus Areia
zurück; Satibarzanes war nach kurzem Kampfe besiegt, der tapfere Erigyios
hatte ihn mit eigener Hand getötet; die Areier hatten die Waffen sofort
gestreckt und sich unterworfen. Alexander sandte den Solier Stasanor in
jene Gegenden mit dem Befehl, den bisherigen Satrapen Arsames, der bei dem
Aufstande eine zweideutige Rolle gespielt hatte, zu verhaften und statt
seiner die Statthalterschaft zu übernehmen. Die reiche baktrische Satrapie
erhielt der greise Artabazos, denen, die sich in ihr Schicksal ergaben,
gewiß zu nicht geringer Beruhigung. Aornos, am Nordeingang der Pässe, wurde
zum Waffenplatz ausersehen; es wurden die Veteranen, die zum ferneren
Dienst untauglich waren, sowie die thessalischen Freiwilligen, deren
Dienstzeit um war, in die Heimat entlassen.

So war mit dem Frühling des Jahres 329 alles bereit, die Unterwerfung des
transoxianischen Landes zu beginnen. Die eigentümlichen Verhältnisse
desselben hätten, gehörig benutzt, einen langen und vielleicht glücklichen
Widerstand möglich gemacht. Das fruchtreiche, dichtbevölkerte Talland von
Marakanda, im Westen durch weite Wüsten, im Süden, Osten und Norden durch
Gebirge mit höchst schwierigen Pässen geschützt, war nicht bloß leicht
gegen jeden Angriff zu verteidigen, sondern überdies zu steter Beunruhigung
Areias, Parthiens und Hyrkaniens günstig gelegen; leicht konnten dort
bedeutende Kriegsheere zusammengebracht werden; die daischen und
massagetischen Schwärme in den westlichen Wüsten, die skythischen Horden
jenseits des Jaxartes waren stets zu Raubzügen geneigt; selbst indische
Fürsten hatten sich bereit erklärt, an einem Kriege gegen Alexander Anteil
zu nehmen. Wenn auch die Makedonen siegten, boten die Wüsten im Westen, die
Felsburgen des oberen Landes sichere Zuflucht und Ausgangspunkte zu neuen
Erhebungen.

Um so wichtiger war es für Alexander, sich der Person des Bessos zu
bemächtigen, bevor seine Usurpation des königlichen Namens zur Losung eines
allgemeinen Aufstandes wurde. Er brach aus Baktra auf, um Bessos zu
verfolgen. Nach einem mühseligen Marsche über das ödere Land, das das
Fruchtgebiet um Baktra vom Oxos trennt, erreichte das Heer das Ufer des
mächtigen und reißenden Stromes. Nirgend waren Kähne zum Übersetzen,
hindurchzuschwimmen oder hindurchzuwaten bei der Breite des Stromes
unmöglich, eine Brücke zu schlagen zu zeitraubend, da man weder Holz genug
in der Nähe hatte, noch das weiche Sandbett und der heftige Strom des
Flusses das Einrammen von Pfählen leicht hätte bewerkstelligen lassen.
Alexander griff zu denselben Mitteln, deren er sich an der Donau mit so
gutem Erfolg bedient hatte; er ließ die Felle, unter denen die Truppen
nächtigten, mit Stroh füllen und fest zunähen, dann zusammenbinden,
pontonartig ins Wasser legen, mit Balken und Brettern überdecken und so
eine fliegende Brücke zustande bringen, über welche das gesamte Heer in
Zeit von fünf Tagen den Strom passierte. Ohne Aufenthalt rückte Alexander
auf der Straße von Nautaka vor.

Während dieser Zeit hatte das Schicksal des Bessos eine Wendung genommen,
wie sie seines Verbrechens und seiner Ohnmacht würdig war. In steter Flucht
vor Alexander, jedes Wollens und Handelns unfähig, schien er den Großen in
seiner Umgebung ihre letzte Hoffnung zu vereiteln; natürlich, daß selbst in
solcher Erniedrigung der Name der Macht noch lockte; und gegen den
Königsmörder ward Unrecht für erlaubt gehalten. Der Sogdianer Spitamenes,
von dem Anrücken des feindlichen Heeres unterrichtet, hielt es an der Zeit,
durch Verrat an dem Verräter sich Alexanders Gunst zu erwerben. Er teilte
den Fürsten Dataphernes, Katanes, Oxyartes seinen Plan mit, sie
verständigten sich bald, sie griffen den »König Artaxerxes«, sie meldeten
an Alexander: wenn er ihnen eine kleine Heeresabteilung schicke, wollten
sie den Bessos, der in ihrer Gewalt sei, ausliefern. Auf diese Nachricht
gewährte Alexander seinen Truppen einige Ruhe und sandte, während er selbst
in kleineren Tagemärschen nachrückte, den Leibwächter Ptolemaios den
Lagiden mit etwa sechstausend Mann voraus, die hinreichend schienen, selbst
wenn das Barbarenheer sich der Auslieferung des Bessos widersetzen sollte,
dieselbe zu bewerkstelligen. In vier Tagen legte dieses Korps einen Weg von
zehn Tagereisen zurück und erreichte die Stelle, wo tags zuvor Spitamenes
mit seinen Leuten gelagert hatte. Hier erfuhr man, daß Spitamenes und
Dataphernes in Beziehung auf Bessos' Auslieferung nicht sicher waren;
deshalb befahl Ptolemaios dem Fußvolk, langsam nachzurücken, während er
selbst an der Spitze der Reiter weiter eilte; bald stand er vor den Mauern
eines Fleckens, in dem sich Bessos, von Spitamenes und den anderen
Verschworenen verlassen, mit dem kleinen Rest seiner Truppen befand; ihn
mit eigener Hand auszuliefern hatten sich die Fürsten geschämt. Ptolemaios
ließ den Flecken umzingeln, die Einwohner durch einen Herold auffordern,
Bessos auszuliefern, so werde er ihrer schonen. Man öffnete die Tore, die
Makedonen rückten ein, nahmen Bessos fest und zogen in geschlossener
Kolonne zurück, mit ihrer Beute zu Alexander zu stoßen; Ptolemaios ließ
vorher anfragen, wie Alexander befehle, daß der gefangene Königsmörder vor
ihm erscheinen solle. Alexander befahl, ihn nackt, im Halseisen gefesselt
vorzuführen, ihn rechts an dem Wege, wo er mit dem Heere vorüberziehen
würde, aufzustellen. So geschah es; als Alexander ihm gegenüber war und
seiner ansichtig wurde, ließ er seinen Wagen halten und fragte ihn: warum
er Dareios, seinen König und Herrn, seinen Verwandten und Wohltäter,
festgenommen, gefangen fortgeschleppt, endlich ermordet habe? Bessos
antwortete: er habe dies nicht auf seine Entscheidung allein getan, sondern
in Übereinstimmung mit allen, die damals um Dareios' Person gewesen seien,
in der Hoffnung, sich so des Königs Gnade zu verdienen. Darauf ließ ihn der
König geißeln und durch den Herold bekanntmachen, was ihm der Königsmörder
gesagt habe. Bessos ward nach Baktra abgeführt, um dort gerichtet zu
werden.

So hat Ptolemaios diesen Vorgang berichtet, während nach Aristobulos
Spitamenes und Dataphernes selbst den Bessos in Ketten übergeben haben.
Damit scheint angedeutet, was die kleitarchische Überlieferung noch
bestimmter hervorhebt, daß Spitamenes, Dataphernes, Katanes, Oxyartes von
dem Könige zu Gnaden aufgenommen, wohl auch in ihrem Besitz bestätigt
worden sind. Alexander mochte glauben, damit auch des sogdianischen Landes
sicher zu sein. Er zog zwar von Nautaka weiter nach Marakanda, der
Hauptstadt Sogdianas, ließ auch dann, weiter nach dem Jaxartes
marschierend, eine Besatzung in Marakanda zurück; aber unsere Quellen
erwähnen nicht, daß er einen Satrapen der Sogdianer bestellt, noch daß er
andere Maßregeln der Unterwerfung getroffen habe; er forderte nur eine
bedeutende Lieferung von Pferden, um seine Reiter, die im Hochgebirge und
auf dem weiteren Hermarsch viele Verluste erlitten hatten, wieder
vollständig beritten zu machen.

Um so bemerkenswerter ist die beiläufige Notiz in unseren Quellen, daß
Alexander die »Hyparchen des baktrischen Landes«[12] nach Zariaspa
beschieden habe, zu einer Zusammenkunft, die mit dem Worte bezeichnet wird,
das bei den Griechen für die im Perserreich üblichen jährlichen Musterungen
in den Karanien hergebracht ist. Selbst wenn Alexander die baktrischen
Hyparchen nur zur Musterung beschieden hat, um sie zur Heeresfolge
aufzubieten -- in keinem anderen Teile der persischen Monarchie hatte er
bisher Ähnliches getan. Gedachte er diesen Landen am Oxos ein anderes
Verhältnis zu seinem Reich, eine andersgeartete Organisation zu geben als
den bisher eroberten? Wir werden sehen, daß er später in Sogdiana einen der
Großen des Landes zum »König« bestellte, daß er sich mit der Tochter eines
anderen vermählte, daß er einem dritten -- er wird ausdrücklich Hyparch
genannt --, nachdem er ihn auf seiner Felsenburg zur Kapitulation genötigt,
seine Burg und sein Gebiet ließ, daß er einen vierten, der in gleichem
Falle war, in gleicher Weise zu Gnaden annahm, ihm auf ein größeres Gebiet
Aussicht machte. Die in diesen Landen zahlreichen edlen Herren mit ihren
Burgen, ihren Gebieten, die in unseren Quellen erwähnt werden, diese
»Hyparchen«, wie sie genannt werden, erscheinen wie Lehnsfürsten, wie
Territorialherren unter des Reiches Hoheit, wie die Pehlewanen im
Schah-nâme. Es waren die Elemente vorhanden, eine Einrichtung zu treffen,
die nach der Lage dieser Lande sich wohl empfehlen konnte; und vielleicht
war die Ernennung des Artabazos in diesem Sinne gemeint. Wir kommen auf die
Frage im späteren zurück.

    [12] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Schon mit seinen Märschen bis Marakanda konnte Alexander eine ungefähre
Vorstellung von der charakteristischen Formation des transoxianischen
Landes gewonnen haben. War er über Kilif am Oxos nach Nautaka (Karschi)
marschiert, so hatte er zur Linken die weite Wüste gehabt, während ihn zur
Rechten die zum Teil bis 3000 Fuß hohen Vorberge eines Hochgebirges
begleiteten, dessen Schneegipfel (namentlich den Hazreti-Sultân) er auf dem
weiteren Marsch, von Nautaka am Kaschkafluß hinauf nach Schehrisebz, als
er den Paß von Karatübe überstieg, etwa zehn Meilen im Osten erblickte.
Dann stieg er in das Tal des Sogdflusses, des Zerafschan, den die Griechen
Polytimetus nannten, hinab nach Samarkand, das noch 2150 engl. Fuß über dem
Meere liegt, fast unter demselben Meridian mit Balk, mit der Mündung des
Derbentflusses in den Oxos, die 300 Fuß über dem Meere ist, mit Schehrisebz
in dem Tal des Kaschka, mit jenem Paß von Karatübe von fast 3000 Fuß Höhe.
Die hohe Talmulde des Sogdflusses ist im Norden durch neue von Ost nach
West streichende Bergzüge begleitet, durch welche nordostwärts die Pässe
zum Jaxartes hinabführen, der von Osten herab kommend bei Chodshent in
plötzlicher Wendung nordwärts weiterströmt; an dieser Stelle treten die
Berge vom Süden und die höheren von Norden her nahe an den mächtigen Strom,
scheiden so das reiche Tal des mittleren Jaxartes, die Ferghana, von dem
unteren, dem zur Linken sich die weite Wüste ausdehnt. Chodshent ist von
Samarkand in der Luftlinie etwa 30 Meilen entfernt, Balk von Samarkand etwa
42 Meilen, Balk von Chodshent 60, doppelt so weit wie Mailand von Basel.

Noch ein anderes Moment in der Formation dieser weiten Gebiete darf
hervorgehoben werden. Jenes Anderab oder Adrapsa, wo Alexander nach
Übersteigung der Hochpässe des Kaukasus im Beginn dieses Jahres gerastet
hatte, liegt ungefähr unter dem gleichen Meridian mit der Nordwendung des
Jaxartes bei Chodshent, beide 65 Meilen in der Luftlinie voneinander
entfernt. Als Alexander von Anderab in der Richtung auf Kundus, wie es
scheint, hinabstieg, war er auf wenige Meilen der Stelle nahe, wo die
beiden mächtigen Ströme Koktscha und Abi-Pandscha, jener von den indischen
Hochketten, dieser von dem riesigen Pamirplateau, dem »Dach der Welt«,
herabströmend, sich zum Oxos vereinigen. Unterhalb dieser Stelle erhält der
mächtige Strom eine Reihe von Zuflüssen von Norden her aus dem
schneereichen Hochgebirge, das dem Jaxartes parallel und ihm bis auf
fünfzehn bis zwanzig Meilen nahe, nach dem Süden mehrere Gebirgsketten
hinabsendet, zwischen ihnen jene mehr oder minder engen Flußtäler, die sich
nach dem Oxos öffnen und unter sich nur durch schwierige Paßwege in
Verbindung stehen. Erst mit dem vierten, dem westlichsten dieser Zuflüsse,
dem von Derbent, der zehn Meilen nördlich von Balk sich in den Oxus
ergießt, verändert sich der Charakter der Landschaft; das massige Gebirge
mit den Schneekuppen zwischen den Quellen des Derbent und dem Sogd bei
Samarkand sendet fächerartig seine Ausläufer nach West, Südwest und Süd;
und die von ihnen entspringenden Wasser vereinigen sich in dem Kaschka, der
an Karschi (Nautaka) vorüberfließt, dann in der Wüste verrinnt. Auch der
Sogdfluß, in weitem Bogen aus westlicher in südliche Richtung sich wendend,
strömt an Buchara vorüber dem Oxos zu, aber verliert sich, ehe er ihn
erreicht, in einer Steppenlache.

Für die politische Gestaltung scheint hier vor allem maßgebend, daß die
breit entwickelte Absenkung nach dem Oxos dem Lauf des Jaxartes gleichsam
den Rücken kehrt, daß das Tal des Sogdflusses, durch Schneegebirge von dem
übrigen Stromsystem des Oxos getrennt, nur wie ein Vorland, eine Barriere
desselben gegen den Jaxartes und die Wüsten in dessen Westen ist, daß der
Bergzug, den man in dem Paß des Eisernen Tores überschreitet, die
natürliche Grenze zwischen diesem Vorland und dem talreichen baktrischen
Lande bildet, daß dies Land in dem Plateau von Pamir einen natürlichen
Abschluß und Bollwerk gegen das hohe innere Asien hat.

Wenigstens die Übersicht der weiteren militärischen Tätigkeit Alexanders in
diesen Gebieten wird sich nun leichter gewinnen lassen.

Er zog von Marakanda nordostwärts, die Ufer des Tanais, den die Anwohner
Jaxartes »den großen Strom« nannten, zu erreichen. Die Heerstraße von
Marakanda nach Kyropolis, der letzten Stadt des Reiches, nicht fern von den
Südufern des Tanais, führt durch die Pässe der von räuberischen Stämmen
bewohnten oxischen Berge, durch die Landschaft von Uratübe. Hier war es, wo
einige Scharen Makedonen, beim Fouragieren in den Bergen verirrt, von den
Barbaren überfallen und niedergemacht oder gefangen wurden; sofort rückte
Alexander mit den leichteren Truppen gegen sie aus. Sie hatten sich, an
30 000 Bewaffnete, auf ihre steilen und mit Burgen besetzten Berge
zurückgezogen, von denen aus sie die heftigen und wiederholten Angriffe der
Makedonen mit Schleudern und Pfeilen zurückschlugen; unter den vielen
Verwundeten war Alexander selbst, dem durch einen Pfeilschuß das Schienbein
zerschmettert wurde; dadurch zu neuer Wut entflammt, nahmen die Seinigen
endlich die Höhe. Der größte Teil der Barbaren wurde niedergehauen, andere
stürzten sich von den Felsen hinab und zerschmetterten in den Abgründen;
nicht mehr als 8000 blieben am Leben, sich dem Könige zu unterwerfen.

Alexander zog dann aus diesen Berggegenden nordwärts, ohne Widerstand zu
finden. Der eigentümliche Charakter dieser Landschaft Ferghana hat sie zu
allen Zeiten zu einer wichtigen Völkergrenze und zur Vormauer
orientalischer Kultur gegen die Horden der turanischen Steppen gemacht. Im
Süden und Osten durch mächtige Gebirge, im Norden durch den Strom und die
Bergzüge, die ihm ihre wilden Gebirgswasser zusenden, geschützt, ist sie
nur von Westen und Nordwesten her fremden Einfällen offen; und allerdings
lauern dort in der weiten Steppe, die sich auf beiden Seiten des unteren
Jaxartes ausdehnt, die Wanderhorden streitbarer Völkerschaften, welchen das
Altertum den gemeinsamen Namen der Skythen zu geben pflegt; es sind die
Turanier der alten Parsensage, gegen deren Invasionen gewiß frühzeitig jene
merkwürdige Reihe von Grenzburgen errichtet worden ist, die unter anderen
und anderen Völkerverhältnissen ihre Wichtigkeit bis in die neue Zeit
behauptet haben. Alexander fand sieben Städte dieser Art vor, die, wenige
Meilen voneinander entfernt, den »Rand der Steppe« begleiten; die
bedeutendste unter ihnen war die Stadt Cyrus, die, größer und stärker
befestigt als die übrigen, für die Hauptfeste der Landschaft galt.
Alexander ließ in diese Pässe makedonische Besatzungen einrücken, während
er selbst mit der Armee einige Stunden nordöstlich an der Stelle lagerte,
wo der Tanais mit plötzlicher Wendung gen Norden die letzten Stromengen
bildet, um sich dann durch die Sandsteppen weiter zu wühlen. Alexander
erkannte die Wichtigkeit dieser Lokalität, der natürlichen Grenzfeste
gegen die Räuberhorden der Wüste; von hier aus war es leicht, den Einfällen
der Skythen im Norden und Westen zu begegnen; für einen Feldzug in ihr
Gebiet bot sie den gelegensten Ausgangspunkt; Alexander hoffte, daß sie
nicht minder wichtig für den friedlichen Verkehr der Völker werden müßte;
und wenn, was kaum zu bezweifeln, schon in jener Zeit Handelsverbindungen
des Tieflandes mit dem Inneren Hochasiens bestanden, so führte aus dem
Lande der Serer die einzige Gebirgsstraße, die von Kaschgar, den riesigen
bis 25 000 Fuß hohen Gebirgswall des Thian-schian hinab über Osch
unmittelbar zu dieser Stelle hin, die zu einem Markte der umwohnenden
Völker überaus günstig gelegen war.

In der Tat schienen sich die Verhältnisse mit den skythischen Nachbarn
freundlich gestalten zu wollen; von dem merkwürdigen Volke der Abier, sowie
von den »Skythen Europas«, kamen Gesandtschaften an den König, mit ihm
Bündnis und Freundschaft zu schließen; Alexander ließ mit diesen Skythen
einige seiner Hetairen zurückreisen, angeblich, damit sie in seinem Namen
Freundschaft mit ihrem Könige schließen sollten, in der Tat aber, um über
das Land der Skythen, über die Größe der Bevölkerung, über die Lebensweise,
die körperliche Beschaffenheit und das Kriegswesen der Skythen sichere
Nachricht zu erhalten.

Indes begann im Rücken Alexanders eine Bewegung, welche mit
außerordentlicher Gewalt um sich griff. Der Haß gegen die fremden Eroberer,
vereint mit dem wildbeweglichen Sinn, der zu allen Zeiten die herrschende
Klasse der Bevölkerung dieser Lande ausgezeichnet hat, bedurfte nur eines
Anstoßes und eines Führers, um in wilder Empörung auszubrechen; und
Spitamenes, der sich in seinen hochfahrenden Hoffnungen getäuscht sehen
mochte, eilte, diese Stimmungen, das Vertrauen, das ihm Alexander geschenkt
hatte, und dessen Fernsein zu benutzen. Die Sogdianer, die mit ihm an
Bessos' Flucht und Vergewaltigung teilgenommen, bildeten den Kern einer
Erhebung, zu der die Bevölkerung der sieben Städte den ersten Anstoß und
vielleicht das verabredete Signal gab; die von Alexander in diesen Städten
zurückgelassenen Besatzungen wurden von den Einwohnern ermordet. Nun
loderte der Aufruhr auch im Tal des Sogdflusses empor; die nicht große
Besatzung in Marakanda schien kaum imstande, ihm Widerstand zu leisten, sie
schien dem gleichen Schicksal verfallen. Die Massageten, die Daer, die
Saken in der Wüste, alte Kampfgenossen des Spitamenes und durch die
Makedonen nicht minder bedroht, durch die Vorspieglung von Mord und
Plünderung leicht zur Teilnahme gereizt, eilten sich der Bewegung
anzuschließen. In den baktrischen Landen wurde das Gerücht verbreitet, daß
die Zusammenkunft der Hyparchen nach Zariaspa, die Alexander angesetzt
hatte, bestimmt sei, die Führer des Volks mit einem Schlage über Seite zu
schaffen; man müsse der Gefahr vorbeugen, sich sichern, ehe es zum
Äußersten komme. Oxyartes, Katanes, Chorienes, Haustanes, viele andere
folgten dem im Sogdlande gegebenen Beispiel. Die Kunde von diesen Vorgängen
verbreitete sich über den Jaxartes in die Steppen der asiatischen Skythen;
voll Mordlust und Raubgier drängten sich die Horden an die Ufer des
Stromes, um sogleich bei dem ersten Erfolge, den die Sogdianer erringen
würden, mit ihren Pferden den Strom zu durchschwimmen und über die
Makedonen herzufallen. Wie mit einem Schlage war Alexander von
unermeßlichen Gefahren umringt; der geringste Unfall oder Verzug mußte ihm
und seinem Heere den Untergang bereiten; es bedurfte seiner ganzen Energie
und Kühnheit, um schnell und sicher den Weg der Rettung zu finden.

Er rückte eiligst nach Gaza, der nächsten der sieben Festen, indem er
Krateros gegen Kyropolis, wohin sich die meisten Barbaren der Umgegend
geworfen hatten, voraussandte mit dem Befehl, die Stadt mit Wall und Graben
einzuschließen und Maschinen bauen zu lassen. Vor Gaza angekommen, ließ er
sofort gegen die nicht hohen Erdwälle der Stadt den Angriff beginnen;
während Schleuderer, Schützen und Maschinen mit einem Hagel von Geschossen
die Wälle bestrichen und rein fegten, war das schwere Fußvolk von allen
Seiten her zugleich zum Sturm herangerückt, hatte die Leitern angelegt, die
Mauern erstiegen, und in kurzem waren die Makedonen Herren der Stadt; auf
Alexanders ausdrücklichen Befehl mußten alle Männer über die Klinge
springen; die Weiber, Kinder, alle Habseligkeiten wurden den Soldaten
preisgegeben, die Stadt in Brand gesteckt. Noch an demselben Tage wurde die
zweite Feste angegriffen und auf die gleiche Weise erstürmt, die Einwohner
traf dasselbe Schicksal. Am nächsten Morgen standen die Phalangen vor der
dritten Stadt, auch sie fiel bei dem ersten Sturm. Die Barbaren der zwei
nächsten Festen sahen die Rauchsäule der eroberten Stadt emporsteigen;
einige, aus derselben entronnen, brachten die Nachricht von dem
fürchterlichen Ende der Stadt; die Barbaren in beiden Städten hielten alles
für verloren, in hellen Haufen stürzten sie aus den Toren, in die Berge zu
flüchten. In der Erwartung, daß es geschehen werde, hatte Alexander bereits
in der Nacht seine Reiterei vorausgesandt, mit dem Befehl, die Wege um
beide Städte zu beobachten; so rannten die fliehenden Barbaren den
dichtgeschlossenen Ilen der Makedonen in die Klinge und wurden meist
niedergemacht, ihre Städte genommen und niedergebrannt.

Nachdem so in zwei Tagen die fünf nächsten Festen bewältigt waren, wandte
sich Alexander gegen Kyropolis, vor der bereits Krateros mit seinen Truppen
angekommen war. Diese Stadt größer als die schon eroberten, mit stärkeren
Mauern und im Innern mit einer Burg versehen, war von ungefähr
fünfzehntausend Mann verteidigt, den streitbarsten Barbaren der Umgegend.
Alexander ließ sofort das Sturmzeug auffahren und gegen die Mauern zu
arbeiten beginnen, um möglichst bald eine Bresche zum Angriff zu gewinnen.
Während die Aufmerksamkeit der Belagerten auf die so bedrohten Punkte
gerichtet war, bemerkte er, daß der Fluß, der durch die Stadt herabkam,
ausgetrocknet, wie er war, durch die Lücke, die sich dort in der Mauer
befand, einen Weg darbiete, in die Stadt zu kommen. Er ließ Hypaspisten,
Agrianer und Schützen auf das nächstgelegene Tor losrücken, während er
selbst mit wenigen anderen durch das Flußbette unbemerkt in die Stadt
hineinschlich, zu dem nächsten Tore eilte, es erbrach, die Seinigen
einrücken ließ. Die Barbaren, obschon sie alles verloren sahen, warfen
sich mit der wildesten Wut auf Alexander; ein blutiges Gemetzel begann,
Alexander, Krateros, viele der Offiziere wurden verwundet, desto heftiger
drangen die Makedoner vor; während sie den Markt der Stadt eroberten, waren
auch die Mauern überstiegen; die Barbaren, von allen Seiten umringt, warfen
sich in die Burg; sie hatten an achttausend Tote verloren. Sofort schloß
Alexander die Burg ein; es bedurfte nicht langer Anstrengungen,
Wassermangel nötigte sie zur Übergabe.

Nach dem Falle dieser Stadt war von der siebenten und letzten Feste kein
langer Widerstand zu erwarten; nach dem Berichte des Ptolemaios ergab sie
sich, ohne einen Angriff abzuwarten, auf Gnade und Ungnade; nach anderen
Nachrichten wurde auch sie mit Sturm genommen und die Bevölkerung
niedergemacht. Wie dem auch sei, Alexander mußte gegen die aufrührerischen
Barbaren dieser Gegend um so strenger verfahren, je wichtiger ihr Gebiet
war; er mußte sich um jeden Preis in vollkommen sicheren Besitz dieser
Paßgegend setzen, ohne welche an die Behauptung des sogdianischen Landes
nicht zu denken war; mit dem Blute der trotzenden Gegner, mit der Auflösung
aller alten Verhältnisse mußte die Einführung des Neuen, das Transoxiana
für Jahrhunderte umgestalten sollte, beginnen.

Durch die Unterwerfung der sieben Städte, aus denen die Reste der
Bevölkerung zum Teil in Fesseln abgeführt wurden, um in der neuen Stadt
Alexandreia am Tanais angesiedelt zu werden, hatte sich Alexander den
freien Rückweg nach Sogdiana erkämpft; es war die höchste Zeit, daß die in
Marakanda zurückgelassene und von Spitamenes belagerte Besatzung Hilfe
erhielt. Aber schon standen die skythischen Horden, durch die Empörung der
sieben Städte gelockt, an den Nordufern des Stromes bereit, über die
Abziehenden herzufallen; wollte Alexander nicht alle am Tanais errungenen
Vorteile und eine Zukunft neuen Ruhmes und neuer Macht aufgeben, so mußte
er die am Strome genommene Position auf das vollständigste befestigen und
den Skythen ein für allemal die Lust zu Invasionen verleiden, bevor er nach
Sogdiana zurückkehrte; vorläufig schien es genug, wenn einige tausend Mann
zum Entsatz von Marakanda geschickt wurden. In einem Zeitraume von etwa
zwanzig Tagen waren die Werke der neuen Stadt für den dringendsten Bedarf
fertig und für die ersten Ansiedler die notwendigen Wohnungen errichtet;
makedonische Veteranen, ein Teil der griechischen Söldner, überdies aus den
Barbaren der Umgegend, wer da wollte, und die aus den zerstörten Festungen
fortgeführten Familien bildeten die erste Bevölkerung dieser Stadt, der der
König unter den gebräuchlichsten Opfern, Wettkämpfen und Festlichkeiten den
Namen Alexandreia gab.

Indessen lagerten die skythischen Horden noch immer am jenseitigen Ufer des
Flusses; sie schossen wie zum Kampf herausfordernd Pfeile hinüber; sie
prahlten und lärmten, die Fremdlinge würden wohl nicht wagen, mit Skythen
zu kämpfen, wagten sie es, so sollten sie inne werden, welch ein
Unterschied zwischen den Söhnen der Wüste und den persischen Weichlingen
sei. Alexander beschloß über den Strom zu gehen und sie anzugreifen; aber
die Opfer gaben ihm keine günstigen Zeichen; auch mochte er von der Wunde,
die er bei der Einnahme von Kyropolis empfangen, noch nicht so weit
hergestellt sein, um persönlich an dem Zuge teilnehmen zu können. Als aber
die Skythen mit ihrem Prahlen immer frecher wurden, und zugleich aus
Sogdiana die bedrohlichsten Nachrichten einliefen, ließ der König seinen
Zeichendeuter Aristandros zum zweiten Male opfern und den Willen der Götter
erforschen; wieder verkündeten die Opfer nichts Gutes, sie bezeichneten
persönliche Gefahr für den König. Da befahl Alexander mit den Worten, daß
er sich selbst lieber der höchsten Gefahr aussetzen, als länger den
Barbaren zum Gelächter dienen wolle, die Truppen an das Ufer rücken zu
lassen, die Wurfgeschütze aufzufahren, die zu Pontons verwandelten
Zeltfelle zum Übergang bereit zu machen. Es geschah; während auf dem
jenseitigen Ufer die Skythen auf ihren Pferden laut lärmend auf und nieder
jagten, rückten die makedonischen Scharen in voller Rüstung längs dem
Südufer auf, vor ihnen die Wurfmaschinen, die dann plötzlich alle zugleich
Pfeile und Steine über den Strom zu schleudern begannen. Das hatten die
halbwilden Skythen noch nie gesehen; bestürzt und verwirrt wichen sie vom
Ufer zurück, während Alexanders Truppen unter dem Schmettern der Trompeten
über den Fluß zu gehen begannen; die Schützen und Schleuderer, die ersten
am jenseitigen Ufer, deckten den Übergang der Reiterei, die zunächst
folgte; sobald diese hinüber war, eröffneten die Sarissophoren und die
schweren griechischen Reiter, im ganzen etwa zwölfhundert Pferde stark, das
Gefecht; die Skythen, ebenso flüchtig zum Rückzug, wie wild im Angriff,
umschwärmten sie bald von allen Seiten, beschossen sie mit einem Hagel von
Pfeilen, setzten, ohne einem Angriff standzuhalten, der weit kleineren Zahl
der Makedonen hart zu. Da aber brachen die Schützen und Agrianer mit dem
gesamten leichten Fußvolk, das eben gelandet war, auf den Feind los; bald
begann an einzelnen Punkte ein stehendes Treffen; es zur Entscheidung zu
bringen, gab der König drei Hipparchien der Hetairen und den Akontisten zu
Pferd den Befehl zum Einhauen; er selbst sprengte an der Spitze der übrigen
Geschwader, die in tiefen Kolonnen vorrückten, den Feinden in die Flanke,
so daß diese jetzt, von allen Seiten angegriffen, nicht mehr imstande, sich
zum fliegenden Gefecht zu zerstreuen, an allen Punkten zurückzujagen
begannen; die Makedonen setzten ihnen auf das heftigste nach. Die wilde
Hast, die drückende Hitze, der brennende Durst machte die Verfolgung höchst
anstrengend; Alexander selbst, auf das äußerst erschöpft, trank, ohne
abzusitzen, von dem schlechten Wasser, das die Salzsteppe bot, schnell und
heftig stellte sich die Wirkung des unglücklichen Trunkes ein; dennoch
jagte er den Feinden noch meilenweit nach; endlich versagten seine Kräfte,
die Verfolgung wurde abgebrochen, der König krank in das Lager
zurückgetragen; mit seinem Leben stand alles auf dem Spiele.

Indes genas er bald. Der Angriff auf die Skythen hatte ganz den erwünschten
Erfolg; es kamen Gesandte ihres Königs, das Vorgefallene zu entschuldigen:
es sei die Nation ohne Anteil an diesem Zuge, den ein einzelner Haufe
beutelüstern auf eigene Hand unternommen; ihr König bedauere die durch
denselben veranlaßten Verwirrungen; er sei bereit, sich den Befehlen des
großen Königs zu unterwerfen. Alexander gab ihnen die in dem Gefechte
Gefangenen, etwa 150 an der Zahl, ohne Lösegeld frei, eine Großmut, die auf
die Gemüter der Barbaren nicht ihren Eindruck zu machen verfehlte, und die,
mit seinen staunenswürdigen Waffentaten vereint, seinem Namen jenen Nimbus
mehr als menschlicher Hoheit gaben, an welche die Einfalt roher Völker eher
zu glauben als zu zweifeln geneigt ist. Wie sieben Jahre früher an der
Donau auch unbesiegte Völker ihre Huldigungen darbrachten, so kamen jetzt
auch von den sakischen Skythen Gesandte, dem Könige Frieden und
Freundschaft anzutragen. Damit waren sämtliche Völker in der Nachbarschaft
von Alexandreia beruhigt und traten zum Reiche in das Verhältnis, mit
welchem Alexander für jetzt sich begnügen mußte, um desto schneller in
Sogdiana erscheinen zu können.

Allerdings standen die Dinge in Sogdiana sehr gefährlich; dem Aufstande,
welcher von Spitamenes und seinem Anhange begonnen war, hatte sich der
sonst friedliche, arbeitende Teil der Bevölkerung, vielleicht mehr aus
Furcht als aus Neigung, angeschlossen; die makedonische Besatzung von
Marakanda ward belagert und bedeutend bedrängt, dann hatte sie einen
Ausfall gemacht, den Feind zurückgeschlagen und sich ohne Verlust in die
Burg zurückgezogen; das war etwa um dieselbe Zeit geschehen, als Alexander,
nach der schnellen Unterwerfung der sieben Festungen, Entsatz schickte. Auf
die Nachricht davon hatte Spitamenes die Belagerung aufgehoben und sich in
westlicher Richtung zurückgezogen. Indes waren die makedonischen Truppen,
die Alexander nach dem Fall von Kyropolis abgesandt, in Marakanda
angekommen, 66 makedonische Reiter, 800 griechische Söldnerreiter, 1500
schwerbewaffnete Söldner; die Führung der Expedition hatten Andromachos,
Karanos und Menedemos, ihnen hatte Alexander den Lykier Pharnuches, der der
Landessprache kundig war, zugeordnet, überzeugt, daß das Erscheinen eines
makedonischen Korps die Empörer in die Flucht zu jagen hinreichen, im
übrigen es besonders darauf ankommen werde, sich mit der sonst
friedliebenden Masse der Bevölkerung Sogdianas zu verständigen. Die
Makedonen hatten sich, als sie die Gegend von Marakanda bereits von
Spitamenes geräumt sahen, denselben zu verfolgen beeilt; bei ihrem Nahen
war er in die Wüste an der Grenze Sogdianas geflüchtet; indes war es ihnen
notwendig erschienen, noch weiter zu verfolgen, die Skythen in der Wüste,
welche den Empörern Zuflucht zu gestatten schienen, zu züchtigen. Dieser
unüberlegte Angriff auf die Skythen hatte zur Folge, daß Spitamenes sie zu
offenbarem Beistande bewegen und seine Streitmacht mit sechshundert jener
kühnen Reiter, wie sie in der Steppe heimisch sind, vermehren konnte. Er
rückte den Makedonen auf der Grenze der Steppe entgegen; ohne einen
förmlichen Angriff auf sie zu machen oder von ihnen zu erwarten, begann er
die geschlossenen Reihen des makedonischen Fußvolkes zu umschwärmen und aus
der Ferne zu beschießen, der makedonischen Reiterei, wenn sie auf ihn
losrückte, zu entfliehen und sie durch wilde Flucht zu ermüden, an immer
anderen und anderen Punkten seine Angriffe erneuernd. Die Pferde der
Makedonen waren durch die starken Märsche und durch Mangel an Futter
erschöpft, viele von den Leuten lagen schon tot oder verwundet auf dem
Platze; Pharnuches forderte, die drei Befehlshaber sollten die Führung
übernehmen, da er nicht Soldat und mehr zum Unterhandeln als zum Kämpfen
gesendet sei; sie weigerten sich, die Verantwortung für eine Expedition zu
übernehmen, die schon so gut wie mißglückt war; man begann, sich von dem
freien Felde zu dem Strome zurückzuziehen, um dort unter dem Schutz eines
Gehölzes den Feinden Widerstand zu leisten. Aber der Mangel an Einheit und
Befehl vereitelte die letzte Rettung; an den Fluß gekommen, ging Karanos
ohne Meldung an Andromachos mit den Reitern hinüber; das Fußvolk, in dem
Wahne, daß alles verloren sei, stürzte sich in wilder Hast nach, um das
jenseitige Ufer zu erreichen. Kaum gewahrten dies die Barbaren, so
sprengten sie von allen Seiten heran, gingen oberhalb und unterhalb über
den Fluß, und von allen Seiten umzingelnd, von hinten nachdrängend, von den
Flanken her einhauend, die an das Ufer Steigenden zurückdrängend, ohne den
geringsten Widerstand zu finden, trieben sie die Makedonen auf einen Werder
im Flusse zusammen, wo die Barbaren von den beiden Ufern her den Rest der
Truppen mit Pfeilen durchbohrten. Wenige waren gefangen, auch diese wurden
ermordet; die meisten, unter ihnen die Befehlshaber, waren gefallen; nur
vierzig Reiter und dreihundert Mann vom Fußvolk hatten sich gerettet.
Spitamenes selbst rückte sofort mit seinen Skythen gegen Marakanda und
begann, durch die errungenen Vorteile ermutigt und von der Bevölkerung
unterstützt, die Besatzung der Stadt zum zweiten Male zu belagern.

Diese Nachrichten nötigten den König, auf das schleunigste die Verhältnisse
mit den skythischen Völkern am Tanais zu ordnen; zufrieden, in der
neugegründeten Stadt am Tanais zugleich eine Grenzwarte und eine wichtige
Position für künftige Unternehmungen zu besitzen, eilte er, indem er den
größeren Teil des Heeres unter Krateros' Führung nachrücken ließ, an der
Spitze des leichten Fußvolks, der Hypaspisten und der Hälfte der
Hipparchien nach dem Sogdtale; mit verdoppelten Tagemärschen stand er am
vierten Tage vor Marakanda. Spitamenes war auf die Kunde von seinem
Herannahen geflüchtet. Der König folgte, sein Weg führte über jene
Ufergegend, die an den Leichen makedonischer Krieger als Walstatt des
unglücklichen Gefechtes kenntlich war; er begrub die Toten, so feierlich es
die Eile gestattete, setzte dann den flüchtenden Feinden weiter nach, bis
die Wüste, die sich endlos gen Westen und Norden ausdehnt, vom weiteren
Verfolgen abzustehen nötigte. So war Spitamenes mit seinen Truppen aus dem
Lande gejagt; die Sogdianer, im Bewußtsein ihrer Schuld und voll Furcht vor
des Königs gerechtem Zorn, hatten sich bei seinem Herannahen hinter die
Erdwälle ihrer Städte geflüchtet, und Alexander war an ihnen, um erst
Spitamenes zu verjagen, vorübergeeilt; seine Absicht war nicht, sie
ungestraft zu lassen; je gefährlicher dieser wiederholte Abfall, je
wichtiger der sichere Besitz dieses Landes, und je unzuverlässiger eine
erzwungene Unterwerfung der Sogdianer war, desto notwendiger erschien die
größte Strenge gegen die Empörer. Sobald Alexander vom Saum der Wüste
zurückkehrte, begann er das reiche Land zu verwüsten, die Dörfer
niederzubrennen, die Städte zu zerstören, bei zwölf Myriaden Menschen
sollen bei dieser greuelhaften Züchtigung niedergemetzelt worden sein.

Nachdem auf diese Weise Sogdiana beruhigt war, ging Alexander, indem er
Peukolaos mit dreitausend Mann zurückließ, nach Zariaspa im Baktrianischen,
wohin er die Hyparchen des Landes zu jener Versammlung berufen hatte. Mögen
die Baktrier, geschreckt durch das harte Gericht, welches über Sogdiana
verhängt worden, sich nun unterworfen, oder von Anfang her ihre Teilnahme
für die Empörung minder betätigt haben, jedenfalls fand Alexander
militärische Unternehmungen gegen sie für jetzt nicht nötig, und von einer
Bestrafung des vielleicht beabsichtigten Abfalls in Baktrien ist nicht mehr
als eine unsichere Notiz überliefert. Diejenigen von den Großen, welche mit
in den sogdianischen Aufstand verwickelt waren, hatten sich in die Berge
geflüchtet und hielten in den dortigen Felsenschlössern sich für sicher.

Der Winter 329 auf 328, den Alexander in Zariaspa zubrachte, war in
vielfacher Beziehung merkwürdig. Die Versammlung der baktrianischen Großen,
das Eintreffen neuer Kriegsvölker aus dem Abendlande, zahlreiche
Gesandtschaften europäischer und asiatischer Völker, dazu das rüstige
Treiben in diesem stets siegreichen, abgehärteten Heere, das bunte Gemisch
makedonischen Soldatenlebens, persischen Prunkes und hellenischer Bildung,
das alles zusammen gibt das ebenso seltsame wie charakteristische Bild für
die Hofhaltung des jugendlichen Königs, der sehr wohl wußte, daß er zu dem
Ruhm seiner Siege und Gründungen noch die feierliche Pracht des
Morgenlandes und die volle Majestät des höchsten irdischen Glückes
hinzufügen müsse, wenn nicht die neugewonnenen Völker an der Größe irre
werden sollten, die sie als überirdisch zu verehren bereit waren.

In den altpersischen Formen hielt hier Alexander über Bessos Gericht. Der
Königsmörder wurde der Versammlung der nach Zariaspa berufenen Großen in
Ketten vorgeführt; Alexander selbst sprach die Anklage, die Berufenen, so
scheint es, das Urteil, daß er schuldig sei. Er befahl, wie es das
persische Herkommen gebot, ihm Nase und Ohren abzuschneiden, ihn nach
Ekbatana abzuführen, ihn dort auf dem Tage der Meder und Perser ans Kreuz
zu schlagen. Vor den Augen der Versammlung verstümmelt und gestäupt, ward
Bessos zur Hinrichtung nach Ekbatana abgeführt.

Um diese Zeit trafen Phrataphernes, der parthische Satrap, und Stasanor von
Areia in Zariaspa ein; sie brachten in Fesseln den treulosen Arsames, der
als Satrap von Areia die Invasion des Satibarzanes begünstigt hatte, den
Perser Barzanes, dem von Bessos die parthische Satrapie übergeben worden
war, sowie einige andere Großen, die der Usurpation des Bessos ihre
Unterstützung geliehen hatten. Mit ihnen war der letzte Rest einer
Opposition vernichtet, die bei besserer Führung das Gewaltrecht der
Eroberung in sehr ernstes Gedränge zu bringen vermocht hätte; wer jetzt
noch Partei gegen Alexander hielt, schien sich einer untergegangenen Sache
oder der leichtsinnigsten Selbsttäuschung zu opfern.

Unter den Gesandtschaften, die im Laufe des Winters in des Königs Hoflager
eintrafen, waren besonders die der europäischen Skythen merkwürdig.
Alexander hatte im vorigen Sommer mit den skythischen Gesandten einige
seiner Hetairen zurückgehen lassen; diese kamen jetzt in Begleitung einer
zweiten Gesandtschaft zurück, welche von neuem die Huldigungen ihres Volkes
und Geschenke, wie sie den Skythen die wertvollsten erschienen,
überbrachte: ihr König sei in der Zwischenzeit gestorben, des Königs Bruder
und Nachfolger beeile sich, dem Könige Alexander seine Ergebenheit und
Bundestreue zu versichern, des zum Zeichen biete er ihm seine Tochter zur
Gemahlin an; verschmähe sie Alexander, so möge er gestatten, daß sich die
Töchter seiner Großen und Häuptlinge mit den Großen von Alexanders Hof und
Heer vermählten; er selbst sei bereit, wenn Alexander es wünsche,
persönlich bei ihm zu erscheinen, um seine Befehle entgegenzunehmen; er und
seine Skythen seien gewillt, sich in allem und jedem den Befehlen des
Königs zu unterwerfen. Alexanders Bescheid war seiner Macht und den
damaligen Verhältnissen angemessen; ohne auf die Vorschläge zu einer
skythischen Brautfahrt einzugehen, entließ er die Gesandten reichbeschenkt
und mit der Versicherung seiner Freundschaft für das Volk der Skythen.

Um dieselbe Zeit war der Chorasmierkönig Pharasmanes mit einem Gefolge von
fünfzehnhundert Pferden nach Zariaspa gekommen, dem großen Könige
persönlich seine Huldigung zu bringen, da bei der freundlichen Aufnahme,
die Spitamenes unter den ihm benachbarten Massageten gefunden hatte, er
selbst leicht verdächtigt werden konnte; er herrschte über das Land des
unteren Oxus und versicherte, Nachbar des kolchischen Stammes und des
Weibervolkes der Amazonen zu sein; er erbot sich, wenn Alexander einen
Feldzug gegen die Kolchier und Amazonen zu unternehmen und die Unterwerfung
des Landes bis zum Pontos Euxinus zu versuchen geneigt sei, ihm die Wege zu
zeigen und für die Bedürfnisse des Heeres auf diesem Zuge zu sorgen.
Alexanders Antwort auf diese Anträge läßt einen Blick in den weiteren
Zusammenhang seiner Pläne tun, die, so kühn sie auch sind, von der
merkwürdigen Einsicht in das geographische Verhältnis der verschiedenen
Länderstrecken, von deren Dasein durch seine Züge die erste Kunde
verbreitet wurde, das sicherste Zeugnis ablegen. Er hatte sich bereits
durch den Augenschein und durch die Berichte seiner Gesandtschaft und der
Eingeborenen überzeugt, daß der Ozean, mit dem er das Kaspische Meer auch
jetzt noch in unmittelbarer Verbindung glaubte, keineswegs der Nordgrenze
des Perserreiches nahe sei, und daß skythische Horden noch ungemessene
Landstrecken gen Norden inne hätten, daß es unmöglich sei, für das neue
Reich auf dieser Seite eine Naturgrenze in dem großen Meere zu finden;
dagegen erkannte er sehr wohl, daß für die vollkommene Unterwerfung des
iranischen Hochlandes, die seine nächste Absicht blieb, der Besitz der
angrenzenden Tiefländer wesentliche Bedingung sei, und die Folgezeit hat
gelehrt, wie richtig er den Euphrat und Tigris, den Oxos und Jaxartes, den
Indus und Hydaspes zu Stützpunkten seiner Herrschaft über Persien und
Ariana gemacht hat. Er antwortete dem Pharasmanes, daß er für jetzt nicht
daran denken könne, in die pontischen Landschaften einzudringen; sein
nächstes Werk müsse die Unterwerfung Indiens sein; dann, Herr von Asien,
gedenke er nach Hellas zurückzukehren und durch den Hellespont und den
Bosporus in den Pontus mit seiner ganzen Macht einzudringen; bis auf diese
Zeit möge Pharasmanes das, was er jetzt anbiete, aufschieben. Für jetzt
schloß der König mit ihm Freundschaft und Bündnis, empfahl ihn den Satrapen
von Baktrien, Parthien und Areia, und entließ ihn mit allen Zeichen seines
Wohlwollens.

Noch gestatteten die Verhältnisse keineswegs, den indischen Feldzug zu
beginnen. Sogdiana war zwar unterworfen und verheert worden, aber das
strenge Strafgericht, das Alexander über das unglückliche Land verhängt
hatte, weit entfernt, die Gemüter zu beruhigen, schien nach einer kurzen
Betäubung in allgemeiner Wut seinen Rückschlag finden zu sollen; bei
Tausenden waren die Einwohner in die ummauerten Plätze, in die Berge, in
die Bergschlösser der Häuptlinge des oberen Landes und der oxianischen
Grenzgebirge geflüchtet; überall, wo die Natur Schutz bot, lagen Banden von
Geflüchteten, um so gefährlicher, je hoffnungsloser ihre Sache war.
Peukolaos vermochte nicht, mit seinen dreitausend Mann die Ordnung
aufrechtzuerhalten und das platte Land zu schützen; von allen Seiten her
sammelten sich die Massen zu einem furchtbaren Aufgebot, und es schien nur
ein Anführer zu fehlen, der die Abwesenheit Alexanders benutzte.
Spitamenes, der, nach dem Überfall am Polytimetos zu urteilen, nicht ohne
militärisches Geschick war, scheint, ins Land der Massageten geflüchtet,
ohne weitere Verbindung mit diesem zweiten Abfall der Sogdianer gewesen zu
sein; wenigstens wäre sonst nicht zu begreifen, warum er nicht früher mit
seinen Skythen herbeieilte. Denn daß Alexander den Aufstand so weit
entwickeln ließ, ehe er ihn zu unterdrücken eilte, war ein Zeichen, daß für
den Augenblick seine Streitkräfte nicht so angetan waren, diese kühnen und
zahlreichen Feinde in ihren Bergen aufzusuchen; nach der Besetzung der
Alexanderstädte in Arachosien, am Paropamisos und Tanais konnten kaum mehr
als zehntausend Mann verfügbar sein. Erst im Laufe des Winters trafen
bedeutende Verstärkungen aus dem Abendlande ein; eine Kolonne Fußvolk und
Reiter, die Nearchos, der Satrap von Lykien, und Asandros von Karien
geworben hatten, eine zweite, die Asklepiodoros, der Satrap von Syrien, und
Menes, der Hyparch, heranführte, eine dritte unter Epokillos, Menidas und
Ptolemaios, dem Strategen der Thraker, im ganzen fast 17 000 Mann zu Fuß
und 2600 Reiter, so daß nun erst der König Truppen genug um sich hatte, die
Erhebung Sogdianas bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen.

Mit dem Frühjahr 328 verließ er das Hoflager von Zariaspa, woselbst in den
Lazaretten die Kranken von der makedonischen Ritterschaft nebst einer
Bedeckung von etwa 80 Mann Söldnerreitern und einige Edelknaben
zurückblieben. Das Heer ging an den Oxos; eine Ölquelle, die neben dem
Zelte des Königs hervorsprudelte, ward von Aristandros für ein Zeichen
erklärt, daß man zwar siegen, aber mit vieler Mühe siegen werde; und in der
Tat bedurfte es großer Vorsicht, diesen Feinden, die von allen Seiten her
drohten, zu begegnen. Der König teilte sein Heer so, daß Meleagros,
Polysperchon, Attalos, Gorgias mit ihren Phalangen in Baktra zurückblieben,
das Land in Obhut zu halten, während das übrige Heer, in fünf Kolonnen
geteilt, unter Führung des Königs, des Hipparchen Hephaistion, des
Leibwächters Ptolemaios, des Strategen Perdikkas, des baktrischen Satrapen
Artabazos, dem der Strateg Koinos beigegeben war, in verschiedenen
Richtungen in das sogdianische Land einrückten. Über die Einzelheiten der
Unternehmungen sind keine Nachrichten überliefert; nur im allgemeinen wird
angeführt, daß die verschiedenen festen Plätze des Landes teils durch Sturm
genommen wurden, teils sich freiwillig unterwarfen; in kurzer Zeit war der
wichtigste Teil des transoxianischen Landes, das Tal des Polytimetos,
wieder in des Königs Gewalt, und von den verschiedenen Seiten her trafen
die einzelnen siegreichen Kolonnen in Marakanda zusammen. Indes waren noch
die Berge im Osten und Norden in Feindeshand, und man durfte vermuten, daß
Spitamenes, der sich zu den raublüsternen Horden der Massageten geflüchtet
hatte, dieselben zu neuen Einfällen bereden werde; zu gleicher Zeit mußte
alles angewendet werden, um dem furchtbar zerrütteten Zustande des Landes
möglichst schnell durch eine neue und durchgreifende Organisation ein Ende
zu machen, besonders der zersprengten, obdachlosen und der notwendigsten
Bedürfnisse entblößten Bevölkerung zu helfen und sie zu beruhigen. Demnach
erhielt Hephaistion den Auftrag, neue Städte zu gründen, in diese die
Einwohner der Dorfschaften zu vereinigen, Lebensmittel herbeizuschaffen,
während Koinos und Artabazos gegen die Skythen zogen, um womöglich des
Spitamenes habhaft zu werden, Alexander selbst aber mit der Hauptmacht
aufbrach, mit der Einnahme der einzelnen Bergschlösser die Unterwerfung des
Landes zu vollenden. Er nahm sie ohne große Mühe. Er kehrte nach Marakanda
zurück, dort zu rasten. Furchtbare Vorgänge sollten diese Ruhetage
bezeichnen.

Der greise Artabazos hatte um Enthebung von seinem Dienst gebeten, der
König statt seiner den Hipparchen Kleitos, den schwarzen Kleitos, wie man
ihn nannte, zum Satrapen von Baktrien bestimmt. Große Jagden, Gastmähler
füllten die Tage. Unter diesen war der eines dionysischen Festes, statt
dessen, so heißt es, der König die Dioskuren feierte; der Gott habe darum
gezürnt, und so sei der König zu schwerer Schuld gekommen; nicht ungewarnt;
er habe schöne Früchte vom Meere her gesandt erhalten und Kleitos einladen
lassen, sie mit ihm zu essen; Kleitos habe darüber das Opfer, das er eben
bringen wollen, verlassen, und sei zum Könige geeilt; drei zum Opfer
besprengte Schafe seien ihm nachgelaufen; nach Aristandros' Deutung ein
trauriges Zeichen; der König habe für Kleitos zu opfern befohlen, doppelt
in Sorge durch einen seltsamen Traum, den er in der letzten Nacht gehabt,
und in dem er Kleitos in schwarzem Kleide zwischen den blutenden Söhnen
Parmenions habe sitzen sehen.

Abends, so ist die weitere Erzählung, kam Kleitos zur Tafel; man war beim
Weine froh bis in die Nacht hinein; man pries Alexanders Taten: er habe
Größeres getan als die Dioskuren, selbst Herakles sei ihm nicht zu
vergleichen; nur der Neid sei es, der dem Lebenden die gleichen Ehren mit
jenen Heroen mißgönne. Schon war Kleitos vom Wein erhitzt; die persische
Umgebung des Königs, die übergroße Bewunderung der Jüngeren, die frechen
Schmeicheleien hellenischer Sophisten und Rhetoren, die der König in seiner
Nähe duldete, hatten ihn schon lange verdrossen; jenes leichtsinnige
Spielen mit den Namen der großen Heroen brachte ihn auf: das sei nicht die
Art, des Königs Ruhm zu feiern, seine Taten seien auch nicht so gar groß,
wie jene meinten, zum guten Teile gebühre den Makedonen der Ruhm. Alexander
hörte mit Unwillen so verletzende Reden von einem, den er vor allen
ausgezeichnet, doch schwieg er. Immer lauter wurde der Streit; auch König
Philipps Taten kamen zur Sprache; und als nun behauptet wurde, er habe
nichts Großes und Bewunderungswürdiges getan, sein Ruhm sei, Alexanders
Vater zu heißen, da sprang Kleitos auf, den Namen seines alten Königs zu
vertreten, Alexanders Taten zu verkleinern, sich selbst und die alten
Strategen zu rühmen, des toten Parmenion und seiner Söhne zu gedenken, alle
die glücklich zu preisen, die gefallen oder hingerichtet seien, ehe sie die
Makedonen mit medischen Ruten gepeitscht und bei den Persern um Zutritt zum
Könige bitten gesehen. Mehrere der alten Strategen standen auf, verwiesen
dem von Wein und Eifer Erhitzten seine Rede, sie suchten vergeblich die
steigende Unruhe zu stillen; Alexander wandte sich zu seinem Tischnachbarn,
einem Hellenen: »Nicht wahr, ihr Hellenen scheint euch unter den Makedonen
wie Halbgötter unter Tieren umherzuwandeln?« Kleitos lärmte weiter; er
wandte sich mit lauter Stimme an den König: »Diese Hand hat dich am
Granikos errettet; du aber rede, was dir gefällt, und lade fürder nicht
freie Männer zu deiner Tafel, sondern Barbaren und Sklaven, die deines
Kleides Saum küssen und deinen persischen Gürtel anbeten!« Länger hielt
Alexander seinen Zorn nicht, er sprang auf, nach seinen Waffen zu greifen;
die Freunde hatten sie fortgeschafft; er schrie seinen Hypaspisten auf
makedonisch zu, ihren König zu rächen; keiner kam; er befahl den Trompeter
Lärm zu blasen, schlug ihn mit der Faust ins Angesicht, da er nicht
gehorchte: geradeso weit sei es mit ihm gekommen, wie mit Dareios zu jener
Zeit, da er von Bessos und dessen Genossen gefangen fortgeschleppt sei und
nichts als den elenden Namen des Königs gehabt habe; und der ihn verrate,
das sei dieser Mensch, der ihm alles danke, dieser Kleitos. Kleitos, der
von den Freunden hinausgeführt war, trat in dem Augenblick, da sein Name
genannt wurde, zum anderen Ende des Saales wieder herein: »Hier ist
Kleitos, o Alexander!« und rezitierte dann die Verse des Euripides von dem
üblen Brauch, daß das Heer »mit seinem Blut Siege erkämpfe, aber deren Ehre
nur dem Feldherrn zugeschrieben werde, der preislich in seinem hohen Amt
thronend das Volk verachte, er, der doch nichts sei«. Da riß Alexander
einer Wache die Lanze aus der Hand und schleuderte sie gegen Kleitos, der
sofort tot zu Boden sank. Entsetzt wichen die Freunde; des Königs Zorn war
gebrochen; Bewußtsein, Schmerz, Verzweiflung bewältigten ihn; man sagt, er
habe den Speer aus Kleitos' Brust gezogen und gegen den Boden gestemmt,
sich auf der Leiche zu ermorden; die Freunde hielten ihn zurück, sie
brachten ihn auf sein Lager. Dort lag er weinend und wehklagend, rief den
Namen des Ermordeten, den Namen seiner Amme Lanike, der Schwester des
Ermordeten: das sei der schöne Ammenlohn, den ihr Pflegling zahle; ihre
Söhne seien für ihn kämpfend gefallen, ihren Bruder habe er mit eigener
Hand ermordet, ermordet den, der sein Leben gerettet; er dachte des greisen
Parmenion und seiner Söhne, er wurde nicht satt, sich anzuklagen als den
Mörder seiner Freunde sich zu verfluchen und den Tod zu rufen. So lag er
drei Tage lang über Kleitos' Leichnam, eingeschlossen in seinem Zelte, ohne
Schlaf, ohne Speise und Trank, endlich vor Ermattung stumm; nur einzelne
tiefe Seufzer tönten noch aus dem Zelte hervor. Die Truppen, voll banger
Sorge um ihren König, kamen zusammen und richteten über den Toten; er sei
mit Recht getötet; sie riefen nach ihrem Könige; der hörte sie nicht;
endlich wagten es die Strategen, das Zelt zu öffnen, sie beschworen den
König, seines Heeres und seines Reiches zu gedenken, sie sagten, nach den
Zeichen der Götter habe Dionysos die unselige Tat verhängt; es gelang ihnen
endlich, den König zu beruhigen; er befahl dem zürnenden Gotte zu opfern.

So im wesentlichen die Angaben unserer Quellen; sie genügen nicht, den
wirklichen Verlauf des schrecklichen Ereignisses, noch weniger zwischen dem
Mörder und dem Ermordeten das Maß der Schuld festzustellen. Wie furchtbar
die Tat war, zu der den König der wilde Zorn des Momentes hinriß, -- in
Kleitos trat ihm zum erstenmal die ganze Entrüstung und Empörung entgegen,
die sein Wollen und sein Tun unter denen, auf deren Kraft und Treue er sich
verlassen mußte, hervorgerufen hatte, die tiefe Kluft, die ihn von der
Empfindung der Makedonen und Hellenen trennte. Er bereute den Mord, er
opferte den Göttern; was er anderes hätte tun sollen, unterlassen die
Moralisten, die ihn verdammen, zu sagen.

Während dieser Vorgänge in Marakanda hatte Spitamenes noch einen Versuch
gemacht, in die baktrischen Lande einzudringen; unter den Massageten, zu
denen er mit dem Rest seiner Sogdianer geflüchtet war, hatte er einen
Haufen von 600 bis 800 Reitern angeworben und war an deren Spitze plötzlich
vor einem der festen Grundplätze erschienen, hatte die Besatzung
herauszulocken gewußt und sie dann von einem Hinterhalt her überfallen; der
Befehlshaber des Platzes fiel in die Hände der Skythen, seine Leute waren
meist geblieben, er selbst wurde gefangen mit fortgeschleppt. Durch diesen
Erfolg kühner gemacht, erschien Spitamenes wenige Tage darauf vor Zariaspa;
die Besatzung dort, zu der auch die Wiedergenesenen aus den Lazaretten,
meist Hetairen von der Ritterschaft, zu rechnen waren, schien zu bedeutend,
um einen Angriff rätlich zu machen; plündernd und brennend zogen sich die
Massageten über die Felder und Dörfer der Umgegend zurück. Als das Peithon,
der die Verwaltung dort hatte, und Aristonikos, der Kitharöde, erfuhren,
riefen sie die achtzig Reiter, die Wiedergenesenen von der Ritterschaft und
die Edelknaben, die dort waren, zu den Waffen und eilten vor die Tore, die
plündernden Barbaren zu züchtigen; diese ließen ihre Beute im Stich und
entkamen mit Mühe, viele wurden gefangen und niedergemacht, und fröhlichen
Mutes zog die kleine Schar zur Stadt zurück. Spitamenes überfiel sie aus
einem Hinterhalt mit solchem Ungestüm, daß die Makedonen geworfen und fast
abgeschnitten wurden; sieben von den Hetairen, sechzig von den Söldnern
blieben auf dem Platze, unter ihnen der Kitharöde; Peithon fiel schwer
verwundet in die Hände der Feinde; es war nahe daran, daß die Stadt selbst
in ihre Gewalt kam. Schnell ward Krateros von dem Vorfall unterrichtet, die
Skythen warteten seine Ankunft nicht ab, sondern zogen sich gen Westen
zurück, indem sich immer neue Haufen mit ihnen vereinten. Am Rande der
Wüste holte sie Krateros ein, es entspann sich ein hartnäckiger Kampf;
endlich entschied sich der Sieg für die Makedonen; mit Verlust von 150 Mann
floh Spitamenes in die Wüste zurück, die jede weitere Verfolgung unmöglich
machte.

Nachrichten solcher Art mochten mehr als die Bitten der Freunde oder der
Trost frecher Schmeichler dazu dienen, den König seiner Pflicht
zurückzugeben. Es wurde von Marakanda aufgebrochen; die dem Kleitos
bestimmte Satrapie von Baktra erhielt Amyntas, Koinos blieb mit seiner und
Meleagros' Taxis und vierhundert Mann von der Ritterschaft, mit sämtlichen
Akontisten zu Pferd und den anderen Truppen, die bisher Amyntas gehabt, zur
Deckung der Sogdiana zurück; Hephaistion ging mit einem Korps nach dem
baktrischen Lande, um die Verpflegung des Heeres für den Winter zu
besorgen; Alexander selbst zog nach Xenippa, wohin viele der baktrischen
Empörer sich geflüchtet hatten. Bei der Nachricht von Alexanders Anrücken
wurden sie von den Einwohnern, die nicht durch unzeitige Gastfreundschaft
ihr Hab und Gut in Gefahr bringen wollten, verjagt und suchten nun durch
heimlichen Überfall den Makedonen Abbruch zu tun; etwa 2000 Pferde stark
warfen sie sich auf einen Teil des makedonischen Heeres; erst nach einem
lange schwankenden Gefechte wurden sie zum Weichen gezwungen; sie hatten
gegen 800 Mann, teils Tote, teils Gefangene, verloren; so
zusammengeschmolzen, ohne Führer, ohne Proviant, zogen sie es vor, sich zu
unterwerfen. Dann wandte sich der König gegen die Felsenburg des
Sisimithres »im baktrianischen Lande«; es kostete schwere Anstrengungen,
ihr nahe zu kommen, schwerere, den Sturm vorzubereiten; bevor der Angriff
erfolgte, ergab sich Sisimithres.

Indes hatte Spitamenes, bevor ihm von den Erfolgen des Feindes und von
dessen Macht das ganze Grenzgebiet gesperrt würde, noch einen Versuch auf
das sogdianische Land machen zu müssen geglaubt; an der Spitze der mit ihm
Geflüchteten, und mit 300 skythischen Reitern, die die versprochene Beute
lockte, erschien er plötzlich vor Bagai an der sogdischen Grenze gegen die
Wüste der Massageten. Von diesem Einfall benachrichtigt, rückte Koinos
schleunig mit Heeresmacht gegen ihn; nach einem blutigen Gefechte wurden
die Skythen mit Verlust von 800 Mann zum Rückzuge gezwungen. Die Sogdianer
und Baktrier, die auch den letzten Versuch scheitern sahen, verließen,
Dataphernes an ihrer Spitze, den Spitamenes auf der Flucht und ergaben sich
an Koinos; die Massageten, um die Beute im Sogdianerlande betrogen,
plünderten die Zelte und Wagen der Abtrünnigen; sie flohen mit Spitamenes
der Wüste zu. Da kam die Nachricht, daß Alexander gegen die Wüste im Anzuge
sei; sie schnitten dem Spitamenes den Kopf ab und schickten ihn an den
König.

Der Tod dieses ebenso kühnen wie verbrecherischen Gegners machte der
letzten Besorgnis ein Ende; es begann dem »Garten des Orients« endlich die
Ruhe, deren er nur bedurfte, um selbst nach so vielen Kämpfen und
Zerrüttungen bald wieder zu dem alten Wohlstand zu erblühen. Der Winter war
herangekommen, der letzte, den Alexander in diesen Landen zuzubringen
gedachte; die verschiedenen Heeresabteilungen sammelten sich um Nautaka,
die Winterquartiere zu beziehen. Dorthin kamen die Satrapen der
nächstgelegenen Landschaften, Phrataphernes von Parthien und Stasanor von
Areia, die im vergangenen Winter bei ihrer Anwesenheit in Zariaspa
verschiedene, wahrscheinlich auf das Heerwesen bezügliche Aufträge erhalten
hatten. Phrataphernes wurde zurückgesandt, um den Satrapen der Mardier und
Tapurier, Autophradates, der Alexanders Befehle auf eine gefährliche Weise
zu mißachten begann, festzunehmen. Stasanor ging in seine Lande zurück.
Nach Medien wurde Atropates mit dem Befehle gesandt, den Satrapen Oxydates,
der sich pflichtvergessen gezeigt hatte, zu entsetzen und dessen Stelle zu
übernehmen. Auch Babylon erhielt, da Mazaios gestorben war, in der Person
des Stamenes einen neuen Satrapen. Sopolis, Menidas und Epokillos gingen
nach Makedonien, Truppen von dort zu holen.

Die Winterrast in Nautaka wurde, so scheint es, zu Vorbereitungen für den
indischen Feldzug benutzt, den Alexander gegen den Sommer des nächsten
Jahres, sobald die Hochgebirge zugänglicher wurden, zu beginnen gedachte.
Noch hielten sich in den diesseitigen Bergen einige Burgen, auf die sich
die letzte Kraft der Widerspenstigen zurückgezogen hatte.

Der König wandte sich mit dem ersten Beginn des Frühlings gegen den
»sogdianischen Felsen«, auf den der Baktrier Oxyartes die Seinigen
geflüchtet hatte, weil er die Feste für unnehmbar hielt. Sie war mit
Lebensmitteln für eine lange Belagerung versehen, ihren Bedarf an Wasser
hatte sie durch den reichlich gefallenen Schnee, der zugleich das Ersteigen
der Felsen doppelt gefährlich machte. Vor dieser Burg angekommen, ließ
Alexander sie zur Übergabe auffordern, indem er allen, die sich in
derselben befanden, freien Abzug versprach; ihm wurde geantwortet: er möge
sich geflügelte Soldaten suchen. Entschlossen, auf jeden Fall den Felsen zu
nehmen, ließ er im Lager durch den Herold ausrufen: die Felsenstirn, die
über der Burg hervorrage, müsse erstiegen werden, zwölf Preise seien denen
bestimmt, die zuerst, hinaufkämen, zwölf Talente dem ersten, dem zwölften
ein Talent; für alle, die an dem Wagnis teilnähmen, würde es ruhmvoll sein.
Dreihundert Makedonen, die im Bergklettern geübt waren traten hervor und
empfingen die nötigen Weisungen; dann versah sich jeder mit einigen
Eisenpflöcken, wie sie beim Zelten gebraucht werden, und mit starken
Stricken. Um Mitternacht nahten sie der Stelle des Felsens, die am
steilsten und deshalb unbewacht war. Anfangs stiegen sie mühsam, bald
begannen jäh abstürzende Felswände, glatte Eislagen, lose Schneedecken; mit
jedem Schritt wuchs die Mühe und die Gefahr. Dreißig dieser Kühnen stürzten
in den Abgrund, endlich mit Tagesanbruch hatten die anderen den Gipfel
erreicht und ließen ihre weißen Binden im Winde flattern. Sobald Alexander
das verabredete Zeichen sah, sandte er von neuem einen Herold, der den
feindlichen Vorposten zurief: die geflügelten Soldaten hätten sich
gefunden, sie seien über ihren Häuptern, weiterer Widerstand sei unmöglich.
Bestürzt, daß die Makedonen einen Weg auf den Felsen gefunden hatten,
zögerten die Barbaren nicht länger, sich zu ergeben, und Alexander zog in
die Felsenburg ein. Reiche Beute fiel hier in seine Hand, unter diesem
viele Frauen und Töchter sogdianischer und baktrischer Edlen, auch des
Oxyartes schöne Tochter Roxane. Sie war die erste, für die er in Liebe
entbrannte; er verschmähte das Recht des Herrn über die Gefangene; die
Vermählung mit ihr sollte den Frieden mit dem Lande besiegeln. Auf die
Kunde davon eilte Roxanens Vater zu Alexander; um der schönen Tochter
willen ward ihm verziehen.

Noch blieb die Burg des Chorienes im Lande der Parätakenen, des
»gebirgigen« Landes am oberen Oxus, wohin sich mehrere der Abtrünnigen
geflüchtet hatten. In den unwegsamen waldigen Bergschluchten, die man
durchziehen mußte, lag noch der tiefe Schnee; häufige Regenschauer,
Glatteis, furchtbare Gewitter machten die Märsche noch beschwerlicher. Das
Heer litt an dem Notwendigsten Mangel, viele blieben erstarrt liegen; des
Königs Beispiel, der Mangel und Mühsal mit den Seinen teilte, hielt allein
noch den Mut der Truppen aufrecht; es wird erzählt, daß der König, als er
abends am Biwakfeuer saß, sich zu erwärmen, und einen alten Soldaten von
Kälte erstarrt und wie bewußtlos heranwanken sah, aufstand, ihm die Waffen
abnahm, ihn auf seinem Feldstuhl beim Feuer niedersitzen ließ; als der
Veteran sich erholt hatte, seinen König erkannte und bestürzt aufstand,
sagte Alexander heiter: »Siehst du, Kamerad, auf des Königs Stuhl zu sitzen
bringt bei den Persern den Tod, dir hat es das Leben wiedergegeben.«
Endlich langte man vor der Burg an; sie lag auf einem hohen und schroffen
Felsen, an dem nur ein schmaler und schwieriger Pfad hinaufführte; überdies
strömte auf dieser allein zugänglichen Seite in einer sehr tiefen Schlucht
ein reißender Bergstrom vorüber. Alexander, gewohnt, keine Schwierigkeit
für unüberwindlich zu halten befahl sofort, in den Tannenwäldern, die
ringsumher die Berge bedeckten, Bäume zu fällen und Leitern zu bauen, um
vorerst die Schlucht zu gewinnen. Tag und Nacht wurde gearbeitet, mit
unsäglicher Mühe gelangte man endlich in die Tiefe hinab; nun wurde der
Strom mit einem Pfahlwerk überbaut, Erde aufgeschüttet, die Schlucht
ausgefüllt; bald arbeiteten die Maschinen und schleuderten Geschosse in die
Burg hinauf. Chorienes, der bisher die Arbeiten der Makedonen gleichgültig
mit angesehen hatte, erkannte mit Bestürzung, wie sehr er sich verrechnet
habe; einen Ausfall auf die Gegner zu machen, verhinderte die Natur des
Felsens, gegen Geschosse von oben her waren die Makedonen durch ihre
Schirmdächer geschützt. Endlich mochten frühere Beispiele ihn überzeugen,
daß es sicherer sei, sich mit Alexander zu vergleichen, als es zum
Äußersten kommen zu lassen; er ließ Alexander durch einen Herold um eine
Unterredung mit Oxyartes bitten; sie wurde gestattet, und Oxyartes wußte
seinem alten Kampfgenossen leicht die letzten Zweifel zu nehmen, die ihm
geblieben sein mochten. So erschien Chorienes, von einigen seiner Leute
umgeben, vor Alexander, der ihn auf das huldvollste empfing und ihm Glück
wünschte, daß er sein Heil lieber einem rechtschaffenen Mann als einem
Felsen anvertrauen wolle. Er behielt ihn bei sich im Zelte und bat ihn, von
seinen Begleitern einige abzusenden, mit der Anzeige, daß die Feste durch
gütlichen Vertrag an die Makedonen übergeben und daß allen, die sich auf
der Burg befänden, das Vergangene verziehen sei. Am Tage darauf zog der
König, von 500 Hypaspisten begleitet, hinauf, um die Burg in Augenschein zu
nehmen; er bewunderte die Festigkeit des Platzes und ließ den für eine
lange Belagerung getroffenen Vorsichtsmaßregeln und Einrichtungen alle
Gerechtigkeit widerfahren. Chorienes verpflichtete sich, das Heer auf zwei
Monate mit Lebensmitteln zu versorgen; er ließ aus den überaus reichen
Vorräten seiner Burg den makedonischen Truppen, die durch die Kälte und die
Entbehrungen der letzten Tage sehr mitgenommen waren, Brot, Wein und
eingesalzenes Fleisch zeltweise verteilen.

Alexander gab ihm die Burg und das umliegende Gebiet zurück; er selbst
ging mit dem größten Teile des Heeres nach Baktra, indem er Krateros mit
600 Mann von der Ritterschaft, mit seiner Taxis und drei anderen weiter
nach Parätakene hinein gegen Katanes und Haustanes, die einzigen noch
übrigen Empörer, absandte; die Barbaren wurden in einer blutigen Schlacht
überwunden, Katanes erschlagen, Haustanes gefangen vor Alexander gebracht,
das Land zur Unterwerfung gezwungen; in kurzem folgte Krateros mit seinen
Truppen dem Könige nach Baktra.

Es mag gestattet sein, hier auf eine frühere Bemerkung zurückzukommen, die,
unsicher wie sie ist, nur den Anspruch macht, auf einen Punkt hinzuweisen,
der für den Zusammenhang wichtig ist. Ein späterer Schriftsteller, der aus
sehr guten Quellen gearbeitet hat, gibt bei Gelegenheit der
Satrapienverteilung im Sommer 326 die Notiz: das Königtum in Sogdiana habe
Oropios innegehabt, nicht als väterliches Erbe, sondern Alexander habe es
ihm gegeben; da es ihm aber geschehen sei, daß er infolge eines Aufstandes
flüchtend seine Herrschaft verloren, so sei auch Sogdiana an den Satrapen
von Baktrien gekommen. Daß kein anderer Schriftsteller davon weiß, ist nach
der Art unserer Überlieferung kein Grund zum Mißtrauen gegen diese
Nachricht. Welcher Name sich in dem gewiß fehlerhaften Oriopos verbirgt,
ist nicht mehr zu erkennen, vielleicht der eines der Großen, die nach
tapferem Widerstande ihren Frieden mit Alexander machten und sich ergeben
zeigten, wie jener Chorienes oder wie Sisimithres, von dem Curtius sagt,
der König habe ihm seine Herrschaft zurückgegeben und ihm Hoffnung auf eine
noch größere gemacht.

Sind diese Beobachtungen richtig, so hat Alexander hier im oxianischen
Lande dasselbe System für seine Reichsmarken versucht, das, wie wir sehen
werden, im indischen Lande zu umfassender Anwendung kam; die Sogdiana wird
die transoxianische Mark unter einem abhängigen Könige; sie und die bis an
den Tanais hin begründeten hellenistischen Freistädte, hinter ihnen die
große Satrapie Baktrien, welche auch noch die reichbevölkerte Margiana
umfaßt, decken die den schweifenden Horden der Wüste zugewandte Seite des
Reiches, die großen Straßen nach Hekatompylos, nach dem arischen
Alexandrien, über den Kaukasus nach Indien, die Handelsstraße durch die
Ferghana nach dem hohen Asien. Man begreift, warum Alexander die Ferghana
selbst, das heutige Ckokand, nicht seinem Reich hat zufügen wollen; er
begnügt sich, mit Chodshent den Paß dorthin in seiner Gewalt zu haben; mit
noch einem Vorlande mehr würde er die Nordmark seines Reiches und die Kraft
der Defensive nur geschwächt haben.


Es waren zwei Jahre verflossen, seit Alexander in diese Landschaften
gekommen war und ein Unternehmen begonnen hatte, das, je größere
Schwierigkeiten zu überwinden gewesen waren, desto vollständiger gelungen
schien. Es hatte Mühe genug, blutiger Maßregeln, immer neuer Kämpfe gegen
empörte Massen und gegen den trotzigen Widerstand der Herren aus ihren
Felsenburgen bedurft. Jetzt war die Bevölkerung gebändigt, die Häupter des
Landes gezüchtigt und ihre Burgen zerstört, denen, die sich endlich
unterwarfen, verziehen; es war in einer bedeutenden Zahl neuer Städte dem
hellenistischen Leben, für das auch diese Lande gewonnen werden sollten,
Kraft, Anhalt und Beispiel gegeben; es war eine Form des Regimentes
gegründet worden, das der besonderen Art dieser Lande und der militärischen
Bedeutung derselben angemessen schien. Den Abschluß bildete die Vermählung
des Königs mit der schönen Tochter eines dieser sogdianischen Pehlevanen,
die jetzt gefeiert wurde; mag immerhin persönliche Neigung der nächste
Anlaß zu dieser Verbindung gewesen sein, sie war ebensosehr eine Maßregel
der Politik, gleichsam ein äußeres Zeichen und Vorbild der Verschmelzung
Asiens und Europas, die Alexander als die Folgewirkung seiner Siege, als
die Bedingung der Dauer dessen, was er schaffen wollte, erkannte und in
allmählicher Erweiterung durchzuführen versucht hat.

Freilich lagen in diesem Wollen, in dieser sich weit und weiter treibenden
Verwirklichung Notwendigkeiten von sehr bedeutsamer Art. Nach der Natur der
Elemente, die sich zusammenfinden und verschmelzen sollten, mußte das
sprödere, gebundenere, durch die Wucht der trägen Masse stärkere asiatische
vorerst überwiegen; sollte es gewonnen werden, so war es unvermeidlich, daß
die Anschauungsweise, die Vorurteile, die Gewöhnungen der orientalischen
Völker die Richtung gaben, in der sie, wenn die abendländische Macht sie
nicht bloß unterworfen haben und beherrschen, sondern gewinnen und
versöhnen wollte, an diese gewöhnt werden und an dem unendlich reicher
entwickelten Wesen der Sieger allmählich teilzunehmen lernen konnten. Darum
die asiatische Hofhaltung, mit der sich Alexander umgab, darum seine der
medischen sich nähernde Tracht, in der er erschien, wenn die Waffen ruhten,
darum das Zeremoniell und die Pracht des Hofes, die der Morgenländer als
das »Gewand des Staates« an seinem Gebieter zu sehen fordert, darum endlich
das Märchen von des Königs göttlicher Abstammung, über die er selbst mit
seinen Vertrauten scherzte.

Die Makedonen ihrerseits hatten längst über die Reichtümer Asiens, über das
neue wunderreiche Leben, das sich mit jedem Tage in steigender Flut über
sie ergoß, über die steten Strapazen des Heeresdienstes und den ersten
Taumel des Sieges, des Ruhmes und der Herrschaft jene Einfalt und
Dürftigkeit abgetan, die vor einem Jahrzehnt noch der Spott der attischen
Rednerbühne gewesen war; die Begeisterung für ihren König, der nach wie vor
unter ihnen kämpfte, der wunderbare Glanz seines Heldentums, in dessen
Wiederschein sie sich sonnten, der Reiz des Herrseins, das jedem in seiner
Sphäre hohes Selbstgefühl und die Begier zu neuen Taten gab, hatte sie
vergessen lassen, daß sie friedliche Bauern und Hirten in der Heimat sein
konnten. Und in der Heimat die Hirten und Bauern und Städter, wie überholt
von dem plötzlichen Aufschwung ihres kleinen Landes zu der Höhe des Ruhmes
und der geschichtlichen Größe, -- sie hörten der Heimkehrenden wunderbare
Erzählungen, sahen die Reichtümer Asiens dem Vaterlande zuströmen, lernten
schnell sich als das erste Volk der Welt fühlen; die Hoheit des Königtums,
das einst nah und vertraulich auf _einer_ Scholle Erde mit ihnen geweilt
hatte, wuchs wie die Entfernungen nach Babylon, nach Ekbatana, nach
Baktrien und Indien, ins Unendliche.

Das Volk der Hellenen endlich, geographisch in so viele exzentrische Kreise
auseinandergelegt, und da, wo es in dichter Masse beieinander saß,
politisch nach wie vor höchst zersplittert und höchst partikularistisch,
kam im Verhältnis zu den Völkermassen Asiens der Zahl der unmittelbar
Beteiligten nach kaum in Rechnung; desto mehr fiel das, was man als die
Summe der geschichtlichen Entwicklungen der Griechenwelt bezeichnen kann,
ihre Bildung, ins Gewicht. Die Elemente dieser Bildung oder richtiger ihrer
Ergebnisse für den einzelnen und für das Gemeinleben waren die Aufklärung
und die demokratische Autonomie. Die Aufklärung mit allem ihrem Segen und
Unsegen, da Unglaube, dort Aberglaube, oft beides zugleich, hatte die
Geister der alten schlichten Religiosität, dem Glauben an die ewigen Mächte
und der Scheu vor ihnen entwöhnt, und nur noch die Hefe von Zeremonien,
Opfern, Zeichen und Zauberwirkungen war in der Sitte und in konventioneller
Geltung geblieben; klug sein galt jetzt statt fromm sein; Frivolität, Lust
am Wagen und Gewinnen, der Ehrgeiz, sich irgendwie hervorzutun und das
Raffinement mit dem, was man Besonderes konnte oder hatte, zu wuchern, das
waren und wurden immer mehr die Impulse der praktischen Moral. Die
Demokratie war die gegebene Form für das Gemeinwesen auf solcher Basis; wie
schon Solon von seinen Athenern gesagt hatte: »Jeder für sich gehen sie des
Fuchses Wege, vereint sind sie betäubten Verstandes.« Je breiter sich diese
Demokratie entwickelt hatte, die Freiheit mit Sklavenarbeit und die Sklaven
als ihre arbeitende Klasse, desto dreister und schärfer war jener
Individualismus geworden, der in der hellenischen Staatenwelt die
Rivalitäten immer spröder, die Schwächeren auf ihre Ohnmacht trotziger, die
Stärkeren in ihrer Macht selbstsüchtiger gemacht, die Zerbröcklung und
gegenseitige Zähmung endlich bis zu unmöglichen Zuständen getrieben hatte,
-- bis Alexanders Siege völlig neue Bahnen öffneten und jeder Kraft und
Begierde und Begabung, aller Fahrigkeit und Wagelust ein unermeßliches Feld
ersprießlicher Arbeit erschlossen. Mochte daheim in Sparta, Athen, mancher
Stadt sonst Trauer, Groll, arger Wille genug bleiben, mochten die Hellenen
in Taurien mit ihren Skythen, die in Sizilien und Großgriechenland mit den
Puniern und Italikern sich schlagen und vertragen, so gut es ging
-- Tausende und aber Tausende lockte die erschlossene neue Welt des fernen
Morgenlandes, sie folgten den Werbern Alexanders oder zogen auf eigene Hand
ihm nach, in seinem Heere zu dienen oder im Lager allerlei Geschäft und
Verdienst zu versuchen, in den neuen Städten sich anzusiedeln; sie
gewöhnten sich an die asiatische Art zu leben, auch wohl an asiatische
Unterwürfigkeit gegen den König und die großen Herren, wenn ihnen übrigens
nur ihre Freimütigkeit und ihr sonstiger Betrieb nach hellenischer Art
blieb; »die Gebildeten«, soweit sie nicht vorzogen, Gegner des Neuen zu
sein, wurden um so enthusiastischere Bewunderer des großen Königs;
Rhetoren, Poeten, Witzlinge, Meister und Bewunderer geistreicher Rede, wie
sie waren, gefielen sie sich darin, Phrasen, wie sie auf die Helden von
Marathon und Salamis, auf Heroen wie Perseus und Herakles, auf die Siege
des Bacchos und Achilleus hergebracht waren, auf ihn anzuwenden; selbst die
Ehren der alten Heroen und des Olymps mußten zum Preise des mächtigen
Herrschers dienen. Längst hatten die Sophisten gelehrt, daß alle die, zu
welchen man wie zu Göttern betete, eigentlich ausgezeichnete Kriegshelden,
gute Gesetzgeber, vergötterte Menschen seien; und so gut manches Geschlecht
sich von Zeus oder Apollon abzustammen rühme, ebensogut könne ja wieder der
Menschen einer durch große Taten wie einst Herakles in den Olymp kommen,
oder wie Harmodios und Aristogeiton heroischer Ehren teilhaftig werden.
Hatten nicht hellenische Städte dem Lysandros, dem Vernichter der attischen
Macht, Altäre gestiftet und Opfer gebracht und Päane gesungen? Hatte Thasos
nicht in feierlicher Gesandtschaft »Agesilaos dem Großen«, wie man ihn
nannte, die Apotheose und die Errichtung eines Tempels angetragen? Um
wieviel Größeres hatte Alexander getan? Kallisthenes schrieb in seiner
Geschichte ohne Bedenken von dem Orakel des Ammon, das Alexander als Sohn
des Zeus bezeichnet hatte, von dem der Branchiden bei Miletos, das den
gleichen Ausspruch getan. Wenn späterhin in hellenischen Staaten ihm
göttliche Ehren zu gewähren in Vorschlag gebracht wurde, so war es nicht im
Interesse der Religion, sondern Parteisache, daß dem Antrage teilweise
widersprochen wurde.

Alles dies vorausgesetzt, kann man sich ein ungefähres Bild von der
Umgebung Alexanders machen. Dies bunte Durcheinander der
verschiedenartigsten Interessen, das geheime Spiel von Rivalitäten und
Intrigen, der unablässige Wechsel von Gelagen und Kämpfen, von
Festlichkeiten und Strapazen, von Überfluß und Entbehrung, von strengem
Dienst im Felde und zügellosen Genüssen in den Kantonierungen, dazu das
stete Weiterdringen in andere und andere Länder, ohne Sorge für die
Zukunft, und nur der Gegenwart gewiß, das alles vereinte sich, der Umgebung
Alexanders jene abenteuerliche und phantastische Haltung zu geben, die zu
dem wunderbaren Glanze seiner Siegeszüge paßte. Neben seiner überwiegenden
Persönlichkeit treten die einzelnen selten aus der Masse hervor, ihr
Verhältnis zum Könige ist ihr Charakter; so der edle Krateros, der, so
heißt es, den König, der milde Hephaistion, der den Alexander liebe; so der
immer zuverlässige und dienstbereite Lagide Ptolemaios, der ruhige, durch
und durch treue Koinos, der reckenhafte Lysimachos. Kenntlicher sind die
allgemeinen Charaktere: die makedonischen Edlen, militärisch, trotzig,
herrisch, bis zum Gespreizten voll Selbstgefühl; die asiatischen Fürsten,
zeremoniös, prunkend, Meister in jeder Kunst des Luxus, der Unterwürfigkeit
und Intrige; die Hellenen, teils im Kabinett des Königs, wie der Kardianer
Eumenes, oder für andere technische Zwecke beschäftigt, teils als Dichter,
Künstler, Philosophen im Gefolge des Königs, der auch unter den Waffen der
Musen nicht vergaß, und weder Geschenke noch Huld und Herablassung sparte,
um die auszuzeichnen, welche er um den Ruhm der Wissenschaft beneidete.

Unter diesen Hellenen in Alexanders Gefolge waren besonders zwei Literaten,
die durch sonderbare Verknüpfung der Umstände einige Bedeutung in den
Verhältnissen des Hoflagers gewannen. Der eine war der oben erwähnte
Olynthier Kallisthenes; Schüler und Neffe des großen Aristoteles, der ihn
seinem königlichen Zöglinge zugesandt hatte, begleitete er den König nach
dem Osten, um als Augenzeuge die Großtaten der Makedonen der Nachwelt zu
überliefern; er soll gesagt haben: er sei zu Alexander gekommen, nicht um
sich Ruhm zu erwerben, sondern ihn berühmt zu machen; daß ein göttliches
Wesen in ihm sei, werde man nicht um deswillen glauben, was Olympias von
seiner Geburt lüge, es werde von dem abhängen, was er in seinem
Geschichtswerk der Welt sagen werde. Die Fragmente dieses Geschichtswerkes
zeigen, wie hoch er ihn gefeiert hat; von jenem Zuge über den pamphylischen
Strand sagt er, die Wellen des Meeres hatten sich niedergelegt, wie um vor
dem Könige die Proskynesis zu machen; vor der Schlacht von Gaugamela läßt
er den König die Hand zu den Göttern erheben und ausrufen: wenn er des Zeus
Sohn sei, so möchten sie ihm beistehen und für die hellenische Sache
entscheiden. Seine hohe Bildung, sein Talent des Vortrages, seine gemessene
Haltung gaben ihm auch in militärischen Kreisen Ansehen und Einfluß. Sehr
anders Anaxarchos von Abdera, der »Eudämoniker«: er war ein Mann von Welt,
dem König stets untertänig und oft lästig; einst bei einem Gewitter soll er
ihn gefragt haben: »Donnerst du, Sohn des Zeus?« worauf Alexander lachend
geantwortet habe: »Ich mag mich meinen Freunden nicht so furchtbar zeigen,
wie du wohl wünschest, der du deswegen meine Tafel verachtest, daß ich
statt der Fische nicht Satrapenköpfe aufsetzen lasse«; ein Ausdruck, dessen
sich Anaxarchos, so heißt es, bedient hatte, als er den König sich an einem
Gericht kleiner Fische, die ihm Hephaistion geschickt, freuen sah. In
welchem Sinne seine Schrift vom Königtum geschrieben sein mochte, wird man
aus den Trostgründen schließen dürfen, mit denen er, wie erzählt wird, nach
Kleitos' Ermordung den König aufzurichten suchte: »Weißt du nicht, o König,
daß darum die Gerechtigkeit zur Beisitzerin des Königs Zeus gemacht ist,
weil alles, was Zeus tut, gut und recht ist? Ebenso muß, was ein König auf
dieser Welt getan, zunächst von ihm selbst, dann von der übrigen Menschheit
für Recht erkannt werden.«

Es ist nicht mehr ersichtlich, wann und auf welchen Anlaß sich die
Beziehungen des Königs zu Kallisthenes zu lockern begannen. Einst, so wird
erzählt, war Kallisthenes beim Könige zur Tafel und wurde von diesem
aufgefordert, beim Wein eine Lobrede auf die Makedonen zu halten; er tat es
mit der ihm eigentümlichen Kunst unter dem lautesten Beifall der
Anwesenden. Dann sagte der König: es sei leicht, das Ruhmreiche zu rühmen,
er möge seine Kunst beweisen, indem er gegen dieselben Makedonen spräche
und durch gerechten Tadel sie des Besseren belehren. Das tat der Sophist
mit schneidender Bitterkeit: der Griechen unselige Zwietracht habe die
Macht Philipps und Alexanders gegründet, im Aufruhr komme auch ein Elender
bisweilen zu Ehren. Empört sprangen die Makedonen auf, und Alexander sagte:
»Nicht von seiner Kunst, sondern von seinem Haß gegen uns hat der Olynthier
einen Beweis gegeben.« Kallisthenes aber ging heim und sagte dreimal zu
sich selbst: »Auch Patroklos mußte sterben und war mehr denn du!«

Daß der König die asiatischen Großen nach dem Zeremoniell der persischen
Hofsitte empfing, war natürlich; es war eine für sie empfindliche
Ungleichheit, wenn die Hellenen und Makedonen sich ohne solche Formen der
Ehrerbietung der Majestät des Königs nahen durften. Wie einmal des Königs
Stellung und Auffassung war, mochte es ihm erwünscht sein, daß, diesen
Unterschied zu beseitigen, die morgenländische Proskynesis zur Hofsitte
werde; aber ebenso mochte er den Vorurteilen, an welchen mancher haftete,
nicht durch einen Befehl Anlaß zur Mißdeutung und Unzufriedenheit geben
wollen. Hephaistion und einige andere übernahmen es, die Sache einzuleiten;
beim nächsten Gelage, so heißt es, habe es zur Ausführung kommen sollen;
von Anaxarchos sei da in diesem Sinn gesprochen worden, von Kallisthenes in
eingehender und ernst abmahnender Weise und in unmittelbarer Anrede an den
König so schroff dagegen, daß der König, sichtlich verletzt, jede weitere
Erwähnung der Sache untersagt habe. Eine andere Erzählung sagt: der König
habe bei Tafel die goldene Schale genommen und zunächst denen, mit welchen
die Proskynesis verabredet gewesen sei, zugetrunken; dann sei der so
Begrüßte, nachdem er seine Schale geleert, aufgestanden, habe die
Proskynesis gemacht, sei dann vom Könige geküßt. Als nun die Reihe an
Kallisthenes gekommen und der König ihm zugetrunken, dann mit Hephaistion,
der an seiner Seite gesessen, weitergesprochen, habe der Philosoph die
Schale geleert, sich erhoben, zu Alexander zu gehen und ihn zu küssen; der
König habe nicht bemerken wollen, daß die Proskynesis unterlassen sei, aber
einer der Hetairen habe gesagt: »Küsse ihn nicht, o König, er ist der
einzige, der nicht angebetet.« Alexander habe ihm darauf den Kuß geweigert
und Kallisthenes, indem er sich hinweggewendet, gesagt: »So gehe ich um
einen Kuß ärmer fort.«

Noch manches andere wird von diesen Vorgängen berichtet; bemerkenswert
erscheint die Angabe, daß Hephaistion gesagt habe, auch von Kallisthenes
sei in der vorhergehenden Besprechung die Proskynesis ausdrücklich
zugesagt, nicht minder die Angabe, daß Lysimachos, der Somatophylax, und
zwei andere den König auf des Sophisten hochmütiges Verhalten hingewiesen,
Äußerungen von ihm über Tyrannenmord angeführt hätten, die um so mehr zu
beachten seien, da viele der jungen Edelleute an ihm hingen, seine Worte
wie Orakel, ihn selbst wie den einzigen Freien unter den Tausenden des
Heeres betrachteten.

Nach einer schon von König Philipp herstammenden Einrichtung wurden die
Söhne des makedonischen Adels mit ihrem Eintritt ins Jünglingsalter
einberufen, um als »königliche Knaben« um des Königs Person und militärisch
als seine »Leibwächter« ihre Laufbahn zu beginnen; sie waren im Felde seine
nächste Begleitung, sie hatten die Nachtwache in seinem Quartier, sie
führten ihm das Pferd vor, sie waren um ihn bei Tafel und auf der Jagd; sie
standen unmittelbar unter seiner Obhut, und nur er durfte sie strafen; er
sorgte für ihre wissenschaftliche Ausbildung, zunächst für sie waren wohl
die Philosophen, Rhetoren und Poeten, die Alexander begleiteten, berufen
worden.

Unter diesen jungen Adligen war Hermolaos, der Sohn des Sopolis, desselben,
der von Nautaka aus auf Werbung nach Makedonien gesandt war. Hermolaos,
ein eifriger Verehrer des Kallisthenes und seiner Philosophie, hatte, so
scheint es, die Ansichten und Tendenzen seines Lehrers mit Begeisterung
aufgefaßt; mit jugendlichem Unwillen sah er diese Vermischung des
persischen und hellenischen Wesens, die Zurücksetzung des makedonischen
Herkommens. Bei einer Jagd, als ein Eber auf die Wildbahn kam und dem
Könige, der nach Hofsitte den ersten Wurf hatte, vor den Speer rannte,
erlaubte sich der junge Mann den ersten Wurf und erlegte das Tier; ein
Dienstvergehen, das der König unter anderen Umständen vielleicht nicht
beachtet hätte, bei Hermolaos aber als absichtlich ansah und demgemäß
bestrafte, indem er ihn züchtigen und ihm sein Pferd nehmen ließ. Hermolaos
fühlte nicht sein Unrecht, nur die empörende Kränkung, die ihm angetan sei.
Sein Busenfreund war Sostratos, der Sohn des Tymphäers Amyntas, desselben,
der mit seinen drei Brüdern bei Philotas' Prozeß in den Verdacht der
Mitschuld gefallen war, und, um sich aller Schuld frei zu zeigen, den Tod
im Kampfe gesucht hatte; diesem Sostratos teilte sich Hermolaos mit: das
Leben sei ihm verleidet, wenn er sich nicht rühren könnte. Leicht war
Sostratos gewonnen; es sei ja Alexander, der ihm schon den Vater entrissen,
der ihm jetzt den Freund beschimpft habe. Die beiden Jünglinge zogen noch
vier andere aus der Schar der Edelknaben ins Geheimnis; es waren
Antipatros, der Sohn des Asklepiodoros, des gewesenen Statthalters von
Syrien, Epimenes, Arseas' Sohn, Antiklas, Theokritos' Sohn, und der
thrakische Philotas, des Karsis Sohn; sie verabredeten, in der Nacht, wenn
Antipatros die Wache habe, den König im Schlafe zu ermorden.

Der König, so wird erzählt, habe diese Nacht mit den Freunden gegessen, sei
dann länger als sonst in ihrer Gesellschaft geblieben; als er nach
Mitternacht habe aufbrechen wollen, sei ein syrisches Weib, eine
Wahrsagerin, die ihm seit Jahren gefolgt sei und anfangs wenig beachtet,
allmählich, da sich ihr Rat und ihre Warnung mehrfach bewährt, seine
Beachtung und sein Ohr gewonnen habe, -- diese Syrerin sei, da er fortgehen
wollte, plötzlich ihm gegenüber gewesen und habe ihm gesagt: er möge
bleiben und die Nacht durchtrinken. Der König habe dem Rat Folge geleistet,
und so sei für diese Nacht der Plan der Verschworenen vereitelt worden.
Sicherer scheint das Weitere zu sein; die unglücklichen jungen Leute gaben
ihren Plan nicht auf, sie beschlossen, ihn in der nächsten Nachtwache, die
auf sie fiel, auszuführen; Epimenes sah tags darauf seinen Busenfreund
Charikles, den Sohn des Menandros, sagte ihm, was bereits geschehen, was
noch im Werke sei. Bestürzt eilte Charikles zu seines Freundes Bruder
Eurylochos, beschwor ihn, durch schnelle Anzeige den König zu retten;
dieser eilte in des Königs Zelt und entdeckte dem Lagiden Ptolemaios den
furchtbaren Plan. Auf seine Anzeige befahl der König, sofort die
Verschworenen zu verhaften; sie wurden verhört, gefoltert; sie bekannten
ihren Plan, ihre Genossen, Kallisthenes' Mitwissenschaft; auch dessen
Verhaftung erfolgte. Das zum Kriegsgericht berufene Heer sprach über die
Verschworenen das Urteil, vollzog es nach makedonischer Art. Kallisthenes,
der Hellene und nicht Soldat war, wurde in Ketten gelegt, um später
gerichtet zu werden. Alexander soll darüber an Antipatros geschrieben
haben: »Die Knaben sind von den Makedonen gesteinigt worden, den Sophisten
aber will ich selbst bestrafen, und auch diejenigen, die ihn zu mir
geschickt haben, und die in ihren Städten Verräter gegen mich aufnahmen.«
Kallisthenes ist dann während des indischen Feldzuges nach Aristobulos'
Angabe als Gefangener gestorben, nach Ptolemaios gefoltert und gehängt
worden.



  Drittes Kapitel

  Das indische Land -- Die Kämpfe diesseits des Indus -- Der
  Übergang über den Indus -- Zug nach dem Hydaspes -- Der
  Fürst von Taxila -- Krieg gegen den König Poros -- Schlacht
  am Hydaspes -- Kämpfe gegen die freien Stämme -- Das
  Heer am Hyphasis -- Umkehr


Indien ist eine Welt für sich. In der Eigenartigkeit seiner Natur, seiner
Bevölkerung, seiner Religion und Bildung völlig in sich abgeschlossen, war
es der Westwelt des Altertums jahrhundertelang nur dem Namen nach, nur wie
ein Wunderland am Ostsaume der Erde bekannt. Von zwei Seiten umfluten es
ozeanische Meere, in denen spät erst Betriebsamkeit und Wissenschaft die
Straßen der leichtesten und sichersten Verbindung erschließen sollte; von
zwei anderen Seiten türmen sich zu zwei- und dreifacher Umwallung
Gebirgsmassen empor, zum Teil die höchstragenden der Erde, deren
Schneepässe im Norden, deren glühende Felsspalten im Westen nur dem frommen
Pilger, dem wandernden Handelsmann, dem Räuber der Wüste mühsame Wege zu
öffnen scheinen, nicht dem Völker- und Weltverkehr.

Der Bevölkerung Indiens selbst ist die Erinnerung ihrer Vorzeit in zeit-
und raumlosen Phantastereien verschwommen und verkommen, seit sie aufgehört
hat, sich selbst anzugehören; aber dem voraus liegt eine Vergangenheit
großer und mannigfacher Entwicklungen, das Werden und Reifen der
religiösen, hierarchischen, politischen Bildungen, in denen sich jene
Eigenartigkeit der indischen Welt vollendet hat. In ihrer Mittagshöhe,
bevor sie noch den ersten Schritt abwärts getan, scheint sie der
makedonische Eroberer gesehen zu haben, der erste Europäer, der den Weg
nach Indien gefunden.

Er fand die Stelle, die wie ein Tor zu dem indischen Lande ist. Ein Strom
durchbricht da den Gebirgswall, der Indien von der Westwelt scheidet;
entsprungen in den Hochgebirgen, denen einander nah die Gewässer von
Baktrien und Ariana entquellen, stürzt sich der Kophen, mit zahlreichen
Zuflüssen von Norden her verstärkt, ostwärts zu dem Bette des mächtigen
Indus hinab; umsonst türmen sich rechts und links von diesem Weststrom die
wildesten Felsenmassen empor, sie öffnen seinen reißenden Wassern ein
eingeengtes Tal, nach dem die lachende Ebene von Peschawar zu dem
fruchtüppigen Tropenklima Indiens hinabführt. Aber es ist noch nicht das
rechte Indien, das sich hier öffnet; die fünf Ströme des Pandschab, die
Überschwemmungen der Sommermonate, der breite Gürtel der Wüste im Osten und
Süden machen das Abendland Indiens zu einer zweiten Schutzwehr des heiligen
Gangeslandes; es ist, als habe die Natur einen Liebling vor Gefahren, denen
sie einen Weg geöffnet, doch noch zu schützen versuchen wollen. An das
Gangesland knüpft sich alles Heilige und Große, was der Hindu kennt; dort
ist der uralte fromme Glaube und die strenge Sonderung der Kasten, die aus
Brahma gezeugt sind, heimisch, dort sind die heiligsten Orte der
Wallfahrten und der Strom des geweihten Wassers. Die Stämme im Abend der
Wüste, obschon verwandten Geschlechtes und Glaubens, sind abgewichen von
der strengen Reinheit des göttlichen Gesetzes, sie haben nicht den Verkehr
mit der Welt draußen gemieden, sie haben nicht die Würde königlicher
Herrschaft, nicht die Lauterkeit der Kasten, nicht die Abgeschlossenheit
gegen die unreinen und verhaßten Fremdlinge bewahrt, die doch Bedingung,
Sicherung und Beweis des heiligen Lebens ist; sie sind die Entarteten und
den Fremdlingen preisgegeben.

So schon in Alexanders Zeit. Die damals im Gangeslande hochentwickelten
brahmanischen Völker arischen Stammes hatten vergessen, daß auch sie einst
in dem Lande der »sieben Ströme« gesessen haben, daß sie in grauer Vorzeit
wandernd durch jenes Westtor gekommen sind, wie denn Namen ihrer
ruhmreichsten Geschlechter, die sich am Oxos und Jaxartes erhalten haben,
auf ihre früheren Sitze schließen lassen. Ihrem Wanderzuge sind andere
Völker arischer Sprache und Art dorthin nachgezogen; aber zu großen
Wagnissen nicht stark oder nicht begehrlich genug, blieben sie mit ihren
Herden auf den Gebirgsweiden am Kophen und dessen Nebenflüssen bis zum
Indus hin.

Dann ward Assyrien mächtig, gewann vom Tigris ausgehend wie das breite
syrische Tiefland, so das arische Hochland; aber Semiramis sah, so wird
erzählt, an der Indusbrücke die Kamele der westlichen Steppen vor den
Elefanten des indischen Ostens flüchten. Dann folgten die Meder, die
Perser; und seit Kyros' Zeit wird unter den Satrapien des Reiches auch
Gandara, es werden in den persischen Heeren des Xerxes Gandarener und
andere Inder aufgeführt; und Dareios sandte von seiner Stadt Kaspatyros --
wohl Kabul -- einen hellenischen Mann nach dem Indus, um diesen hinab bis
ins Meer zu fahren, der dann auch durch das Arabische Meer zurückkehrte,
eine Sendung, die des Großkönigs umfassende Pläne ahnen läßt; aber die
Kämpfe Persiens im Abendlande und das rasch einbrechende Sinken des Reiches
ließ sie nicht zur Erfüllung kommen.

Nie hat sich die Herrschaft der Achämeniden bis jenseits des Indus
erstreckt; die Ebene am Fuß des Paropamisos mit den westlichen Zweigen
indischer Bevölkerung war das letzte Gebiet, das die Großkönige besaßen;
von dort her waren die Elefanten des letzten Perserkönigs, die ersten,
welche die Westwelt sah; mit ihnen nahmen in der Schlacht bei Gaugamela die
Inder, »die an Baktrien grenzten«, unter Bessos' Führung, die Berginder
unter Barsaentes, dem Satrapen von Arachosien, teil. Jenseits des Indus
folgte eine Kette unabhängiger Staaten, die sich über die fünf Ströme gen
Osten bis zur Wüste, gen Süden bis zur Indusmündung ausdehnte, eine
Musterkarte kleinerer und größerer Völker, Fürstentümer und Republiken, ein
buntes Durcheinander politischer Zersplitterung und religiöser Verwirrung,
untereinander ohne andere Gemeinschaft als die der gegenseitigen Eifersucht
und des steten Wechsels von treulosen Bündnissen und selbstsüchtigen
Fehden.

Alexander hatte mit der Unterwerfung des sogdianischen Landes die
Besitznahme des Perserreiches vollendet; die Satrapie des Paropamisos, die
er im Jahre 329 besetzt, in der er Alexandreia am Kaukasus gegründet hatte,
war zum Ausgangspunkte des Zuges nach Indien bestimmt. Der
militärisch-politische Gedanke dieses Kriegszuges wird in unseren Quellen
nicht angegeben; er wird sich aus dem Zusammenhang der weiteren Ereignisse
hinlänglich ergeben.

Alexander hatte bereits über den Indus hinaus mehrfache Verbindungen;
namentlich die mit dem Fürsten Taxila (Takschaçila) waren von großer
Bedeutung. Dessen Königreich lag auf dem Ostufer des Indus, der Mündung des
Kophen gegenüber; es erstreckte sich ostwärts nach dem Hydaspes (Vitasta)
in einer Ausdehnung, die man der der ägyptischen Statthalterschaft
gleichschätzte. Der Fürst, mit mehreren seiner Nachbarn, namentlich dem
Paurava, dem Fürsten Poros am Hydaspes, verfeindet und zugleich nach
Erweiterung seines Gebietes begierig, hatte den König während seines
Aufenthaltes in Sogdiana zu einer indischen Heerfahrt aufgefordert und sich
bereit erklärt, die Inder, die sich ihm zu widersetzen wagen würden, mit
ihm gemeinsam zu bekämpfen. Auch ein Fürst aus dem Lande diesseits des
Indus war bereits in des Königs Umgebung, Sisikottos, der, wohl als die
Makedonen von Arachosien her anrückten, zu Bessos nach Baktrien gegangen
war, dann, als dessen Unternehmen kläglich zusammenbrach, sich dem Sieger
zugewandt hatte und ihm fortan in treuer Ergebenheit diente. Durch solche
Verbindungen konnte Alexander über die indischen Verhältnisse, über die
Natur des Landes und seiner Bevölkerung Hinreichendes in Erfahrung bringen,
um den Gang seines Unternehmens und die zu demselben erforderlichen
Vorbereitungen und Streitkräfte mit einiger Sicherheit zu bestimmen.

In den Vorbereitungen, die er während des letzten Jahres gemacht hatte,
läßt sich die richtige Würdigung der bevorstehenden Schwierigkeiten nicht
verkennen. Das verfügbare Heer, das seit der Vernichtung der persischen
Macht nicht eben bedeutend zu sein brauchte, um die einzelnen Satrapien zu
unterwerfen, reichte in der Stärke, die es die zwei letzten Jahre in
Baktrien gehabt hatte, zum Kampfe gegen die stark bevölkerten und mit
großer Kriegsmacht versehenen indischen Staaten nicht aus. Wohl waren immer
neue Tausende, teils Makedonen, wie es scheint nach ihrer Dienstpflicht,
teils thrakische, agrianische, hellenische Söldner, von Beute und Ruhm
gelockt, gen Asien nachgezogen, so daß die anfängliche Zahl von 35 000
Kombattanten, mit denen Alexander 334 begonnen hatte, im Laufe der sechs
Jahre trotz der Verluste, welche die unausgesetzten Anstrengungen, die Züge
durch Schneegebirge und Wüsten, die klimatischen Einflüsse und die
ebensooft durch Mangel wie durch Überfluß ungesunde Lebensweise
hervorgebracht haben mußte, sich dennoch verdoppelt haben mochte. Aber
teils hatte der König die hellenischen, die thessalischen Bundesgenossen
heimgehen lassen, teils waren Truppen in bedeutender Menge als Besatzungen
der okkupierten Länder und der Hauptwaffenplätze in denselben
zurückgeblieben; das baktrianische Gebiet allein behielt ein Korps von
10 000 Mann Fußvolk und 3500 Reitern; nicht minder mußten bedeutende
Streitkräfte im arachosischen Alexandrien, in Ekbatana, Babylon, Ägypten
usw. stehen, wenn schon es wahrscheinlich ist, daß namentlich die
Westsatrapien nicht von der großen Armee, sondern aus Europa ihre
Besatzungen ergänzten. Für den indischen Feldzug hatte der König aus den
streitbaren Völkern der arianischen und oxianischen Lande sein Heer
verstärkt. Daß auch Phönikier, Kyprier, Ägypter in bedeutender Zahl beim
Heere waren, zeigt sich demnächst bei der Ausrüstung der Indusflotte. Die
Stärke des Heeres um die Zeit, als es den Indus hinabzog, betrug nach
zuverlässiger Angabe 120 000 Mannen[13].

    [13] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Man sieht, dem Material nach war dies Heer schon nicht mehr ein
hellenisch-makedonisches, wohl aber der Organisation nach; und die
Tatsache, daß die folgenden Feldzüge mit diesem Heer geführt sind,
gestattet auf die feste Disziplin, auf die Armeeverwaltung und deren
Organisation, auf die Autorität der Befehlenden, vor allem auf den
militärischen Geist und die vollendete Tüchtigkeit des Offizierkorps
sichere Schlüsse; Dinge, von denen freilich in den Überlieferungen so gut
wie nichts steht, und die doch am wenigsten in dem kriegsgeschichtlichen
Bilde Alexanders zu entbehren sind. Das Heer, das solche Fülle fremdartiger
Elemente in den festen Rahmen der makedonischen Formation aufnahm und sich
anbildete, wurde der Kern und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, eine Schule
der hellenistischen Gestaltung, die sich ebenso aus der Natur des neuen
Reiches ergab, wie dessen Schaffung allein möglich machte. Wenn Alexander
wie in Ägypten und den syrischen Landen, in Iran und Baktrien, so demnächst
in Indien Tausende seiner Kriegsleute als Besatzung und Bürger der neuen
Städte zurückließ und dafür in sein Heer Asiaten in größerer Zahl aufnahm,
so zeigt das mehr als alles andere die kühne Konsequenz seines Gedankens
und seine Zuversicht auf dessen Richtigkeit und Macht; und es begreift
sich, daß er durch die versuchten Oppositionen des makedonischen Stolzes
und des hellenischen Liberalismus sich nicht beirren ließ; mit der Macht
einer imperatorischen Persönlichkeit war er gewiß, auch ferneren Hoch- und
Schwachmütigkeiten zum Trotz, alles dem Zuge seines Willens folgen zu
machen.

Gegen Ende des Frühlings 327 brach Alexander von Baktrien auf. Die
Gebirgswege, die vor zwei Jahren so viele Mühe gemacht hatten, lagen jetzt
frei von Schnee; Vorräte waren reichlich vorhanden; auf einer kürzeren
Straße erreichte man nach einem zehntägigen Marsche die Stadt Alexandreia
am Südabhange des Gebirges.

Der König fand sie nicht in dem Zustande, wie er erwartet hatte;
Neiloxenos, der seine Befehlshaberstelle nicht mit der notwendigen Umsicht
und Kraft verwaltet hatte, wurde entsetzt, auch der Perser Proexes verlor
sein Amt als Satrap der Paropamisaden. Aus der Umgegend wurde die
Bevölkerung der Stadt vermehrt, vom Heere blieben die zum Dienst
Untauglichen in ihr zurück; den Befehl über die Stadt und ihre Besatzung,
sowie den Auftrag, für ihren weiteren Ausbau Sorge zu tragen, erhielt
Nikanor von den Hetairen; Tyriaspes wurde zum Satrapen des Landes bestellt,
dessen Grenze fortan der Kophenfluß sein sollte. Alexander zog durch dies
schöne, blumen- und fruchtreiche Land zunächst nach Nikaia, die Opfer, die
er der Athena brachte, bezeichneten, so war es seine Weise, den Beginn
eines neuen Feldzuges.

Das Heer nahte sich der Grenze der Paropamisaden, die da, wo die obere
Ebene des Kophen sich schließt, gewesen sein wird[14]. Dort tritt der schon
bedeutende Fluß in das Felsental, das wie ein Tor zu dem Lande des Indus
ist; auf seiner Südseite begleiten ihn die Vorberge des hohen Sefid-Kuh,
die von Dakka bis zur Feste Ali-masjed und Jamrud nahe vor Peschawar am
rechten Ufer des Stromes die sieben Meilen langen Khaibarpässe bilden,
während auf seinem linken Ufer vom Norden her wie Querriegel mehrere
bedeutende Gebirgszüge, die sich von der Hochkette des westlichen Himalaja
abzweigen, bis nahe an seine Ufer streichen. Der Choaspes (Jarkhun oder
Kunar) und weiter östlich der Guräos (Pandjkora), beide mit zahlreichen
Nebenflüssen und Nebentälern, bilden die vielen Bergkantone dieses Landes
»diesseits des Indus«, deren Bewohner unter dem Namen der Açvaka
zusammengefaßt werden, wenn auch die einzelnen Distrikte, meist unter
eigenen Fürsten, ihre besonderen Namen führten. Im Kophental selbst wohnten
die Astakener, wohl so genannt, weil sie im Westen (Asta) des Indus
wohnten.

    [14] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Alexander hatte von Nikaia aus Herolde an die indischen Fürsten, die am
unteren Lauf des Kophen und am Ufer des Indus herrschten, vorausgesandt; er
ließ sie zu sich entbieten, ihre Huldigung zu empfangen. So kam der Fürst
von Taxila, mehrere Rajas des Landes diesseits des Indus, nach der
prunkenden Art der Hindufürsten auf geschmückten Elefanten und mit reichem
Gefolge; sie brachten dem Könige kostbare Geschenke, sie boten ihm ihre
Elefanten, es waren fünfundzwanzig, zum beliebigen Gebrauch. Alexander
eröffnete ihnen: er hoffe im Laufe dieses Sommers das Gebiet bis zum Indus
zu beruhigen, er werde die vor ihm erschienenen Fürsten belohnen,
diejenigen, welche sich nicht unterworfen hätten, zum Gehorsam zu zwingen
wissen; er gedenke den Winter am Indus zuzubringen, um in dem nächsten
Frühling die Feinde seines Verbündeten, des Fürsten von Taxila, zu strafen.
Sodann teilte er seine gesamten Streitkräfte in zwei Armeen, von denen die
eine unter Perdikkas und Hephaistion an dem rechten Ufer des Kophen zum
Indus hinabziehen sollte, während er selbst mit der anderen das sehr
schwierige, von streitbaren Völkern bewohnte Land im Norden desselben
Flusses durchziehen wollte. Es galt mit dieser Doppelbewegung den Stämmen
im Norden und Süden des Kophen durch gleichzeitigen Angriff gemeinsamen
Widerstand und gegenseitige Unterstützung unmöglich zu machen, zugleich mit
dem Vordringen durch die nördlichen Quertäler die Pässe im Süden zu
überholen, mit dem Vordringen durch diese Pässe die Stämme im Norden, gegen
welche des Königs Kolonne vordrang, in der Flanke zu fassen, in der Ebene
zwischen Peschawar und Attock sich vereinigend. Der Wege und Pässe hinter
sich Meister, konnten sie daran gehen, den Indus zu überschreiten.

Demnach rückten Hephaistion und Perdikkas mit den Phalangen Gorgias,
Kleitos, Meleagros, mit der Hälfte der makedonischen Ritterschaft und
sämtlichen Söldnerreitern, am Kophenfluß, auf dessen rechtem Ufer, wo die
Gandarer wohnten, hinab, indem die indischen Fürsten, die dem Könige
gehuldigt hatten, mit ihnen in ihre Länder zurückkehrten. Sie hatten
Befehl, alle bedeutenden Plätze zu besetzen oder, falls ihre Übergabe
geweigert werde, sie mit Gewalt zu unterwerfen, an den Ufern des Indus
angelangt, sofort den Bau der Indusbrücke zu beginnen, über welche
Alexander nach dem Innern Indiens vorzurücken gedachte.

Alexander selbst ging mit den Hypaspisten, der anderen Hälfte der
Ritterschaft, mit der größeren Zahl der Phalangen, mit den Bogenschützen,
den Agrianern und den Akontisten zu Pferd über den Kophen und durch den Paß
von Dshelalabad ostwärts[14]. Hier kommt der Choes oder Choaspes, der aus
den Gletschern des Puschti-kur im Hochgebirge entspringt, in die Talebene
hinab, zunächst aufwärts längs den mächtigen Felsenlagen des Khond ein
wildes Talland bildend, dessen andere Seite der kaum weniger mächtige
Gebirgszug schließt, der dies Tal von dem des Guräos scheidet; für
militärische Bewegungen ein äußerst schwieriges Terrain. Das Volk der
Aspasier hatte hier seine Sitze, seine Bergfesten, seine zahlreichen
Herden; einige Tage nordwärts am Choaspes lag die Fürstenstadt, wichtig
auch durch die Gebirgsstraße, die hier vorüber (in dem Tal von Tschitral)
über das Hochgebirge nach dem Quelllande des Oxos führt. Sobald Alexander
über diesen Fluß gesetzt war, und dem sich allmählich verengenden Tale
folgend die Südgrenze des aspasischen Landes erreichte, flüchteten sich die
Einwohner teils in die Berge, teils in die festen Städte, entschlossen, den
Makedonen Widerstand zu leisten. Desto mehr eilte Alexander vorwärts; mit
der gesamten Reiterei und 800 Hypaspisten, die gleichfalls beritten gemacht
wurden, rückte er voraus und gelangte bald zu der ersten Stadt der
Aspasier, die mit einer doppelten Mauer versehen war und durch eine
bedeutende unter den Wällen aufgestellte Streitmacht verteidigt wurde.
Unmittelbar vom Marsch aus griff der König an; nach einem heftigen Gefecht,
in dem er selbst in der Schulter, und von seiner nächsten Umgebung die
Leibwächter Ptolemaios und Leonnatos verwundet wurden, mußten sich die
Barbaren hinter die Mauern ihrer Stadt zurückziehen. Der Abend, die
Erschöpfung der Truppen, die Wunde des Königs machten weiteren Kampf
unmöglich; die Makedonen lagerten hart an den Mauern der Stadt. Früh am
nächsten Morgen begann der Sturm; die Mauer ward erstiegen und besetzt;
erst jetzt sah man die zweite stärkere Mauer der Stadt, die gleichfalls auf
das sorgsamste besetzt war. Indes war die Hauptmasse des Heeres
nachgerückt; sofort wurde zum neuen Angriff geschritten; während die
Schützen von allen Seiten her die Posten auf den Mauern trafen, wurden die
Sturmleitern angelegt, bald waren hie und da die Zinnen erklommen; die
Feinde hielten nicht länger stand, sie suchten aus den Toren der Stadt auf
die Berge zu entkommen; viele wurden erschlagen; die Makedonen, über des
Königs Wunde erbittert, schonten niemand; die Stadt selbst wurde dem
Erdboden gleichgemacht.

    [14] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Dieser erste rasche Erfolg verfehlte nicht, den gewünschten Eindruck zu
machen. Eine zweite Stadt Andaka ergab sich sofort. Krateros wurde hier mit
dem schweren Fußvolk zurückgelassen, die übrigen Städte in der Nähe zur
Unterwerfung zu zwingen und dann über das Gebirge nach Arigäon im Tal des
Guraios (Pandjkora) zu marschieren. Alexander selbst wandte sich mit den
übrigen Truppen nordostwärts zum Euaspla, um in möglichster Schnelle die
Stadt zu erreichen, in der er den Fürsten des Landes in seine Gewalt zu
bekommen hoffte. Bereits am zweiten Tage erreichte er die Stadt, doch war
die Kunde von seinem Anrücken vorausgeeilt; die Stadt stand in vollen
Flammen, die Wege zu den Bergen waren mit Fliehenden bedeckt; ein
fürchterliches Gemetzel begann, doch hatte der Fürst selbst mit seiner
zahlreichen und wohlbewehrten Leibwache bereits die unwegsamen Höhen
erreicht. Ptolemaios, der im Getümmel den fürstlichen Zug erkannt und
heftig verfolgt hatte, rückte, sobald das emporsteigende Gelände für seine
Pferde zu steil wurde, zu Fuß an der Spitze der wenigen Hypaspisten, die um
ihn waren, in möglichster Eile den Fliehenden nach; da machte plötzlich der
Fürst mit seinem Geleit kehrt, stürmte auf die Makedonen los, warf sich
selbst auf Ptolemaios, schleuderte ihm den Speer gegen die Brust;
Ptolemaios, durch seinen Harnisch gerettet, rannte dem Fürsten die Lanze
durch die Hüften und riß den Sterbenden zu Boden. Der Fall des Fürsten
entschied den Sieg; während die Makedonen verfolgten und niedermetzelten,
begann der Lagide den fürstlichen Leichnam seiner Rüstung zu berauben. Das
sahen die Aspasier von den Bergen; sie stürzten sich in wilder Wut herab,
wenigstens die Leiche ihres Fürsten zu retten; indes war auch Alexander
herangekommen; ein heftiges Gefecht entspann sich, mit Mühe wurde der
Leichnam behauptet, erst nach schwerem Kampf zogen sich die führerlosen
Barbaren tief in die Berge zurück.

Nicht willens, weiter in das Hochgebirge vorzudringen, wandte sich
Alexander an dem Euaspla hinauf ostwärts, um durch die Bergpässe, die dem
Tale des Guräos zuführen, die Stadt Arigäon zu erreichen. Er fand die Stadt
niedergebrannt und verlassen, die Bevölkerung war in die Berge geflohen.
Die Wichtigkeit dieser Lokalität, welche die Straße zum Choaspes
beherrscht, bewog den König, Krateros, der von Süden heranrückte, mit dem
Wiederaufbau der Stadt zu beauftragen, indem er die zum Dienst
untauglichen Makedonen, und von den Landeseinwohnern alle, die sich dazu
bereit erklärten, hier anzusiedeln befahl. Auf diese Weise waren die beiden
Paßwege zum Choaspes durch die Besetzung von Andaka und Arigaion in
Alexanders Macht. Doch schien es notwendig, die tapferen Alpenbewohner im
Norden der Stadt, die in den Bergen eine drohende Stellung innehatten, das
Übergewicht der makedonischen Waffen fühlen zu lassen. Alexander rückte von
Arigaion aus gegen das Alpenland; am Abend lagerte er am Fuß der Berge;
Ptolemaios, zum Rekognoszieren ausgesandt, brachte die Nachricht, daß der
Feuer in den Bergen eine sehr große Zahl sei, daß man auf eine bedeutende
Übermacht des Feindes schließen müsse. Sofort wurde der Angriff
beschlossen; ein Teil des Heeres hielt die Stellung am Fuß des Gebirges,
mit dem übrigen rückte der König selbst die Berge hinauf; sobald er der
feindlichen Feuer ansichtig wurde, ließ er Leonnatos und Ptolemaios sich
rechts und links um die Stellung des Feindes hinziehen, um durch einen
gleichzeitigen Angriff von drei Seiten dessen Übermacht zu teilen; er
selbst rückte gegen die Höhen, wo die größte Masse der Barbaren stand. Kaum
sahen diese die Makedonen vorrücken, so stürzten sie sich im Vertrauen auf
ihre Übermacht von den Höhen herab auf Alexander; ein hartnäckiger Kampf
entspann sich. Währenddessen rückte auch Ptolemaios heran; da aber die
Barbaren hier nicht herabkamen, war er genötigt, auf ungleichem Boden den
Kampf zu beginnen; mit ungemeiner Anstrengung gelang es ihm endlich, die
Abhänge zu erklimmen, die Feinde, die mit dem größten Mute kämpften, nach
der Seite der Höhen zurückzudrängen, die er, um sie nicht durch
vollständige Umzinglung zur verzweifelten Gegenwehr zu bringen, unbesetzt
gelassen. Auch Leonnatos hatte auf seiner Seite die Feinde zum Weichen
gebracht, und schon verfolgte Alexander die geschlagene Hauptmacht der
Mitte, ein furchtbares Blutbad vollendete den mühsam erkämpften Sieg;
40 000 Mann wurden kriegsgefangen; ungeheure Rinderherden, der Reichtum
dieses Alpenvolkes, fielen in die Hände des Siegers; Ptolemaios berichtet,
es seien über 230 000 Haupt Vieh gewesen, von denen Alexander die
schönsten ausgesucht habe, um sie zum Behuf des Feldbaues nach Makedonien
zu schicken.

Indessen war die Nachricht eingelaufen, daß die Assakener in dem nächsten
Flußtal, dem des Suastos, sich auf das eifrigste rüsteten, daß sie Söldner
von jenseits des Indus her an sich gezogen und bereits eine Streitmacht von
30 000 Mann Fußvolk, 20 000 Pferden, 30 Elefanten beisammen hätten. Der
König mußte, um ihr Land zu erreichen, zuvor das Tal des tiefen und
reißenden Guraios hinab, dessen oberen Teil er unterworfen hatte; er rückte
mit einem Teile seiner Truppen schnell voraus, während Krateros mit den
übrigen, sowie mit den schweren Maschinen von Arigaion aus langsamer
folgte. Die Bergwege, die kalten Nächte machten den Marsch beschwerlich;
desto lachender und reicher war das Talgebiet, zu dem man hinabstieg; rings
Weingelände, Haine von Mandelbäumen und Lorbeeren, friedliche Dörfchen an
den Bergen hinaufgebaut, unzählige Herden auf den Alpen weidend. Hier, so
wird erzählt, kamen die Edelsten des Landes, Akuphis an ihrer Spitze, zum
Zelt des Königs; als sie eintraten und ihn im Glanz seiner Waffen, auf die
Lanze gestützt und mit hohem Helme dasitzen sahen, knieten sie staunend
nieder; der König hieß sie aufstehen und reden. Sie nannten den Namen ihrer
Feste Nysa, berichteten, sie seien aus dem Westen hergekommen, seit jener
Zeit hätten sie selbständig und glücklich unter einer Aristokratie von
dreißig Edlen gelebt. Darauf erklärte Alexander, daß er ihnen ihre Freiheit
und Selbständigkeit lassen werde, daß Akuphis unter den Edlen des Landes
die Vorstandschaft haben, daß endlich einige hundert Reiter zum Heere des
Königs stoßen sollten. Dies mag ungefähr das Wahre von einer Sache sein,
die, vielleicht nicht ohne das Zutun des Königs selbst, auf das
wundervollste ausgeschmückt, weitererzählt wurde; fortan hießen die Nysäer
unmittelbare Nachkommen von den Begleitern des Dionysos, dessen Züge der
griechische Mythos bereits bis Indien ausgedehnt hatte; die tapferen
Makedonen fühlten sich, in weiter Ferne von ihrem Vaterlande, heimisch
unter heimatlichen Erinnerungen.

Von Nysa ging Alexander ostwärts durch den heftig strömenden Guraios zum
Lande der Assakener. Diese zogen sich bei seinem Herannahen in ihre festen
Städte zurück; unter diesen war Massaga die bedeutendste; der Fürst des
Landes hoffte sich in ihr zu behaupten. Alexander rückte nach und lagerte
sich unter den Mauern der Stadt; die Feinde, im Vertrauen auf ihre Macht,
machten sofort einen Ausfall; ein scheinbarer Rückzug lockte sie eine halbe
Stunde weit von den Toren hinweg, in ordnungsloser Hast mit wildem
Siegesgeschrei verfolgten sie; da wandten sich die Makedonen plötzlich und
rückten im Sturmschritt gegen die Inder vor, voran das leichte Volk, der
König an der Spitze der Phalangen ihnen nach; nach kurzem Gefecht flohen
die Inder mit bedeutendem Verlust zurück; Alexander folgte ihnen auf den
Fersen, aber seine Absicht, mit ihnen zugleich in das Tor einzubrechen,
wurde vereitelt. So ritt er an der Mauer hin, die Angriffspunkte für den
nächsten Tag zu bestimmen; da traf ihn ein Pfeilschuß von den Zinnen der
Stadt her; mit einer leichten Fußwunde kehrte er ins Lager zurück. Am
nächsten Morgen begannen die Maschinen zu arbeiten, bald lag eine Bresche;
die Makedonen suchten durch sie in die Stadt zu dringen, die tapfere und
umsichtige Verteidigung des Feindes zwang sie endlich, am Abend zu weichen.
Mit Heftigkeit wurde des anderen Tages der Angriff unter dem Schutz eines
hölzernen Turmes, der mit seinen Geschossen einen Teil der Mauer von
Verteidigern rein hielt, erneut; doch auch so kam man noch um keinen
Schritt vorwärts. Die Nacht wurde mit Zurüstungen verbracht, neue
Sturmböcke, neue Schirmdächer, endlich ein Wandelturm an die Mauer
geschafft, dessen Fallbrücke unmittelbar auf die Zinnen führen sollte. Am
Morgen rückten die Phalangen aus, zugleich führte der König selbst die
Hypaspisten in den Turm, er erinnerte sie, daß sie auf gleiche Weise Tyros
genommen hätten; alle brannten vor Begier zu kämpfen und die Stadt zu
erobern, die ihnen schon zu lange widerstanden. Die Fallbrücke ward
hinabgelassen, die Makedonen drängten sich auf sie, jeder wollte der erste
sein; unter der übergroßen Last brach die Brücke, die Tapferen stürzten
zerschmettert in die Tiefe. Lautschreiend sahen das die Inder, sie
schleuderten von den Zinnen herab Steine, Balken, Geschosse auf die
Makedonen, sie drängten sich aus den Mauerpforten aufs Feld hinaus, die
Verwirrung zu benutzen; überall zogen sich die Makedonen zurück; kaum daß
es der Phalanx Alketas, der es der König geboten, gelang, die Sterbenden
vor der Wut der Feinde zu sichern und ins Lager zurückzubringen. Das alles
mehrte nur die Erbitterung und die Kampfbegier der Makedonen; am nächsten
Tage ward der Turm von neuem an die Mauer gebracht, von neuem die
Fallbrücke hinabgesenkt; doch leisteten die Inder den erfolgreichsten
Widerstand, wennschon ihre Reihen immer lichter, die Gefahr für sie immer
größer wurde. Da ward ihr Fürst von einem Katapultenpfeil getroffen und
sank tot nieder. Dies endlich bewog die Belagerten, Unterhandlungen
anzuknüpfen, um sich der Gnade des Siegers zu ergeben; und Alexander voll
gerechter Anerkennung der Tapferkeit seiner Feinde, war gern bereit, einen
Kampf abzubrechen, der nicht ohne viel Blutvergießen zu Ende geführt wäre;
er forderte die Übergabe der Stadt, den Eintritt der indischen Söldner in
das makedonische Heer, die Auslieferung der fürstlichen Familie. Die
Bedingungen wurden angenommen, die Mutter und Tochter des Fürsten kamen in
des Königs Lager; die indischen Söldner rückten bewaffnet aus und lagerten
sich in einiger Entfernung von dem Heere, mit dem sie hinfort vereint
werden sollten. Doch voll Abscheu gegen die Fremdlinge, und des Gedankens,
fortan mit diesen vereint gegen ihre Landsleute kämpfen zu müssen, unfähig,
faßten sie den unglücklichen Plan, nachts aufzubrechen und sich an den
Indus zurückzuziehen. Alexander erhielt davon Nachricht; überzeugt, daß
Unterhandlungen vergeblich, Zaudern gefährlich sein würde, ließ er sie
nachts umzingeln und niederhauen. So war er Herr des wichtigsten Postens im
Assakenerlande.

Von Massaga aus schien es leicht, die Okkupation des herrenlosen Landes zu
vollenden; Alexander sandte demnach einige Truppen unter Koinos südwärts zu
der Festung Bazira, überzeugt, daß sie sich auf die Nachricht von Massagas
Fall ergeben werde; eine andere Abteilung unter Alketas ging nordwärts
gegen die Festung Ora, mit dem Befehl, die Stadt zu blockieren, bis die
Hauptarmee nachrückte. Bald liefen von beiden Orten ungünstige Nachrichten
ein; Alketas hatte nicht ohne Verlust einen Ausfall der Oriten abgewehrt,
und Koinos, weit entfernt, Bazira zur Übergabe bereit zu finden, hatte
Mühe, sich vor der Stadt zu halten. Schon wollte Alexander dorthin
aufbrechen, als er die Nachricht erhielt, daß Ora in Verbindung mit dem
Fürsten Abisares (von Kaschmir) getreten sei und durch dessen Vermittlung
eine bedeutende Zahl Truppen von den Bergbewohnern im Norden erhalten habe;
deshalb sandte er Befehl an Koinos, bei Bazira einen haltbaren Punkt zu
verschanzen, um die Verbindungen der Festung abzuschneiden, dann mit seinen
übrigen Truppen zu ihm zu marschieren. Er selbst eilte nach Ora; die Stadt,
obschon fest und tapfer verteidigt, vermochte sich nicht zu halten, sie
wurde mit Sturm genommen; reiche Beute, darunter einige Elefanten, fiel in
die Hand der Makedonen. Indes hatte Koinos den befohlenen Abzug von Bazira
begonnen; sobald die Inder diese Bewegung bemerkten, brachen sie aus den
Toren hervor, warfen sich auf die Makedonen; es folgte ein scharfes
Gefecht, in dem sie endlich zum Rückzuge gezwungen wurden. Als sich dazu
die Kunde verbreitete, daß selbst Ora den Feinden erlegen sei,
verzweifelten die Baziriten, sich in ihrer Feste halten zu können; sie
verließen um Mitternacht die Stadt und zogen sich auf die Felsenburg Aornos
am Indus nah der Südgrenze des Assakenerlandes zurück.

Durch die Besitznahme der drei Plätze Massaga, Ora und Bazira war Alexander
Herr der Gebirgslandschaft im Norden des Kophen, an der südwärts das Gebiet
des Fürsten Astes von Peukela lag. Dieser Fürst hatte, so scheint es, sein
Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn vergrößert und selbst südlich des
Kophenflusses festen Fuß gefaßt; Sangaios, der als Flüchtling zu Taxiles
gekommen war, hatte seine Herrschaft durch ihn verloren; als Alexanders
Herolde die Fürsten Indiens gen Nikäa beschieden, hatte Astes so wenig wie
Assakenos Folge geleistet. Aber der glückliche Fortgang der makedonischen
Waffen, das Anrücken des Königs, der Tod des Assakenos bewogen den Fürsten
von Peukela, um wenigstens nicht persönlich dem großen Könige und seiner
furchtbaren Kriegsmacht gegenüberzutreten, sein Stammland zu verlassen und
in seinem neuen Gebiete südwärts vom Kophen Zuflucht zu suchen; dort auf
einer festen Felsenburg hoffte er der makedonischen Südarmee Trotz bieten
zu können. Indessen hatte Hephaistion bei seinem Vorrücken sich vor die
Festung gelegt und sie nach einer dreißigtägigen Belagerung erstürmt; bei
dem Sturme war Astes selbst umgekommen, und Sangaios, der sich bei Taxiles
befand, wurde mit Bewilligung Alexanders in den Besitz der Stadt gesetzt.
Die Stadt Peukela selbst, ohne Herrn und ohne Verteidiger, ergab sich,
sobald Alexander aus dem benachbarten Assakenerlande heranzog, freiwillig;
sie erhielt makedonische Besatzung. Ihrem Beispiele folgten die anderen
minder bedeutenden Städte bis zum Indus, zu dem der König hinabziehend nach
Embolima, einige Meilen oberhalb der Kophenmündung, ging.

So war im Laufe des Sommers durch eine Reihe bedeutender und mühseliger
Kämpfe das Land von den Paropamisaden bis zum Indus unterworfen. Auf der
Südseite des Kophen, wo das Flußtal bald durch öde Gebirge geschlossen
wird, hatte Hephaistion das Land in Besitz genommen, und die Bergfeste des
Astes sowie Orabatis, die er genommen und mit Makedonen besetzt hatte,
wurden die militärischen Stützpunkte für die Behauptung des Südufers. Im
Norden waren nacheinander die Flußtäler des Choaspes, des Guraios und des
Suastos, das Gebiet der Aspasier, der Guraier, der Assakener und
Peukelaoten durchzogen, die Barbaren am oberen Choaspes und am Guräos weit
in die Gebirge zurückgesprengt, endlich durch die Festungen Andaka und
Arigaion das Tal der Guraier, durch Massaga, Ora, Bazira das Gebiet der
Assakener, durch Peukela das Westufer des Indus gesichert. Das Land trat,
obschon es zum guten Teil unter einheimischen Fürsten blieb, fortan in ein
Verhältnis der Abhängigkeit gegen Makedonien, und erhielt unter dem Namen
des diesseitigen Indien einen eigenen Satrapen.

Nur eine Bergfeste in der Nähe des Indus war noch von Indern besetzt; die
Makedonen nannten sie Aornos, gleich als ob der Flug der Vögel nicht zu ihr
hinausgereicht hätte. Von der Mündung des Kophen in den Indus etwa fünf
Meilen entfernt, erhebt sich ein letzter Vorsprung der nordwestlichen
Gebirge, eine einzelne Felskuppe, die nach der Angabe der Alten am Fuß etwa
vier Meilen im Umfang und eine Höhe von 5000 Fuß haben soll; auf der Platte
dieser steilen Bergmasse lag jene merkwürdige Felsenfestung, deren Mauern
Gärten, Quellen und Holzung umschlossen, so daß sich Tausende von Menschen
jahraus, jahrein oben erhalten konnten. Dorthin hatten sich viele Inder des
flachen Landes geflüchtet, voll Vertrauen auf die Sicherheit dieses
Königssteines, von dessen Uneinnehmbarkeit mannigfache Sagen im Schwange
waren. Desto notwendiger war es für den König, diesen Felsen zu erobern; er
mußte den moralischen Eindruck berechnen, den eine glückliche Unternehmung
gegen Aornos auf seine Truppen und auf die Inder zu machen nicht verfehlen
konnte; er mußte vor allem darauf Rücksicht nehmen, daß dieser wichtige
Punkt in Feindeshand den gefährlichsten Bewegungen in seinem Rücken Anlaß
und Anhalt werden konnte. Jetzt, nachdem das Land umher unterworfen,
nachdem es durch die feste Stellung am Indus möglich geworden war, das
Belagerungsheer, wielange auch die Belagerung währen mochte, mit Vorräten
zu versorgen, begann Alexander seine ebenso verwegenen, wie gefährlichen
Operationen. Sein unerschütterlicher Wille, diese Feste zu nehmen, war das
einzige, was den glücklichen Erfolg denkbar machte. Er ließ Krateros in
Embolima am Indus zurück; er nahm nur die Agrianer, Bogenschützen, die
Taxis des Koinos und eine Auswahl leichtester Leute von den anderen Taxen,
200 Reiter von den Hetairen, 100 Bogenschützen zu Pferd mit sich; er
lagerte sich mit diesem Korps am Fuße des Felsens. Aber nur ein Weg führte
hinauf, und dieser war so geschickt angelegt, daß er an jedem Punkte leicht
und vollkommen verteidigt werden konnte. Da kamen Leute aus der Nähe des
Felsens zu ihm, die sich ihm ergaben und sich erboten, ihn zu der Stelle
des Felsens zu führen, von wo aus die Feste anzugreifen und nicht schwer zu
nehmen sein werde. Ptolemaios, des Lagos Sohn, der Somatophylax, wurde mit
den Agrianern, dem übrigen leichten Volk und ausgewählten Hypaspisten
beauftragt, mit den indischen Männern den Felsen zu ersteigen; auf rauhen
und schwierigen Fußsteigen gelangte er, den Barbaren unbemerkt, zu der
bezeichneten Stelle, verschanzte sich dort durch ein Pfahlwerk und zündete
das verabredete Feuerzeichen an. Sobald dies der König gesehen, beschloß er
den Sturm für den nächsten Morgen, in der Hoffnung, daß Ptolemaios von der
Höhe des Gebirges aus zugleich angreifen werde. Indes war es unmöglich, von
der Tiefe her das Geringste zu gewinnen; die Inder, von dieser Seite
vollkommen sicher, wandten sich mit desto größerer Keckheit gegen die von
Ptolemaios besetzten Höhen, und nur mit der größten Anstrengung gelang es
dem Lagiden, sich hinter seinen Schanzen zu behaupten. Seine Schützen und
Agrianer hatten den Feind sehr mitgenommen, der sich mit Anbruch der Nacht
in seine Feste zurückzog.

Alexander hatte sich durch diesen unglücklichen Versuch überzeugt, daß es
unmöglich sei, von der Tiefe aus zum Ziel zu gelangen; er sandte daher
durch einen der Gegend kundigen Mann über Nacht den schriftlichen Befehl an
Ptolemaios, daß er, wenn am nächsten Tage an einer dem Ptolemaios näheren
Stelle der Sturm versucht und dann gegen die Stürmenden von der Feste aus
ein Ausfall gemacht werde, von der Höhe herab den Feinden in den Rücken
kommen und um jeden Preis die Vereinigung mit Alexander zu bewerkstelligen
suchen solle. So geschah es; mit dem nächsten Frührot stand der König da an
dem Fuße des Gebirges, wo Ptolemaios hinaufgestiegen war. Bald eilten die
Inder dorthin, die schmalen Fußsteige zu verteidigen; bis Mittag wurde auf
das hartnäckigste gekämpft, dann begannen die Feinde ein wenig zu weichen;
Ptolemaios tat seinerseits das Mögliche; gegen Abend waren die Pfade
erstiegen, und beide Heeresabteilungen vereinigt. Der immer eiligere
Rückzug der Feinde und der durch den Erfolg hochaufgeregte Mut seiner
tapferen Krieger bewogen den König, die fliehenden Inder zu verfolgen, um
vielleicht unter der Verwirrung den Eingang in die Feste zu erzwingen; es
mißlang, und zu einem Sturm war das Terrain zu eng.

Er zog sich auf die von Ptolemaios verschanzte Höhe zurück, die, niedriger
als die Feste, von dieser durch eine weite und tiefe Schlucht getrennt war.
Es galt, die Ungunst dieser örtlichen Verhältnisse zu überwältigen und die
Schlucht mit einem Damm zu durchbauen, um der Feste wenigstens so weit zu
nahen, daß das Geschütz deren Mauern erreichen konnte. Mit dem nächsten
Morgen begann die Arbeit; der König war überall, zu loben, zu ermuntern,
selbst Hand anzulegen; mit lebendigstem Wetteifer wurde gearbeitet, Bäume
gefällt, in die Tiefe gesenkt, Felsstücke aufgetürmt, Erde aufgeschüttet;
schon war am Ende des ersten Tages eine Strecke von dreihundert Schritten
gebaut; die Inder, anfangs voll Spott über dies tollkühne Unternehmen,
suchten am nächsten Tage die Arbeit zu stören; bald war der Damm weit genug
vorgerückt, daß die Schleuderer und die Maschinen von seiner Höhe aus ihre
Angriffe abzuwehren vermochten. Am sechsten Tage war der Damm bis in die
Nähe einer Kuppe gelangt, die, in gleicher Höhe mit der Burg, von den
Feinden besetzt war; sie zu behaupten oder zu erobern, wurde für das
Schicksal der Feste entscheidend. Eine Zahl auserwählter Makedonen wurde
gegen sie gesandt; ein entsetzlicher Kampf begann; Alexander selbst eilte
an der Spitze seiner Leibschar nach; mit der größten Anstrengung wurde die
Höhe erstürmt. Dies und das stete Nachrücken des Dammes, den nichts mehr
aufzuhalten vermochte, ließ die Inder daran verzweifeln, sich auf die Dauer
gegen einen Feind zu behaupten, den Felsen und Abgründe nicht hemmten, und
der den staunenswürdigen Beweis gab, daß Menschenwille und Menschenkraft
auch die letzte Scheidewand, welche die Natur in ihren Riesengestaltungen
aufgetürmt, zu überwinden und zu einem Mittel seiner Zwecke umzuschaffen
imstande sei. Sie sandten an Alexander einen Herold ab, mit dem Erbieten,
unter günstigen Bedingungen die Feste zu übergeben; sie wollten nur bis zur
Nacht Zeit gewinnen, um sich dann auf geheimen Wegen aus der Feste in die
Ebene zu zerstreuen. Alexander merkte ihre Absicht; er zog seine Posten
ein und ließ sie ungestört ihren Abzug beginnen; dann wählte er 700
Hypaspisten aus, zog in der Stille der Nacht den Felsen hinauf und begann
die verlassene Mauer zu erklettern; er selbst war der erste oben; sobald
seine Schar an verschiedenen Punkten nachgestiegen war, stürzten sie alle
mit lautem Kriegsgeschrei über die nur zur Flucht gerüsteten Feinde; viele
wurden erschlagen, andere zerschmetterten in den Abgründen; am nächsten
Morgen zog das Heer klingenden Spiels in die Felsenfeste ein. Reiche und
fröhliche Opfer feierten dies glückliche Ende einer Unternehmung, die nur
der Kühnheit Alexanders und der Tapferkeit seiner Truppen möglich war. Die
Befestigung der Burg selbst wurde mit neuen Werken vermehrt, eine
makedonische Besatzung in dieselbe gelegt, der Fürst Sisikottos, der sich
des Königs Vertrauen zu erwerben gewußt hatte, zu ihrem Befehlshaber
ernannt. Der Besitz dieser Feste war für die Behauptung des diesseitigen
Indiens von großer Wichtigkeit; sie beherrschte die Ebene zwischen Suastos,
Kophen und Indus, die man von ihr meilenweit übersieht, die Mündung des
Kophen in den Indus.

Indessen hatten sich gefährliche Bewegungen im Assakenerlande gezeigt; der
Bruder des in Massaga gefallenen Fürsten Assakenos hatte ein Heer von
20 000 Mann und 15 Elefanten zusammengebracht und sich in die Gebirge des
oberen Landes geworfen; die Feste Dyrta war in seinen Händen; er hoffte
sich durch die Unzugänglichkeit dieser wilden Gebirgsgegend genug
geschützt, er hoffte, der Weitermarsch des Königs werde ihm bald
Gelegenheit geben, seine Macht zu erweitern. Desto notwendiger war es, ihn
zu vernichten. Sobald Aornos eingenommen war, eilte der König mit einigen
tausend Mann leichter Truppen nach Dyrta im oberen Lande; die Nachricht von
seinem Anrücken hatte hingereicht, den Prätendenten in die Flucht zu jagen;
mit ihm war die Bevölkerung der Umgegend entflohen. Der König sandte
einzelne Korps aus, die Gegend zu durchziehen und die Spur des flüchtigen
Fürsten und besonders der Elefanten aufzufinden; er erfuhr, daß alles in
die Gebirgswildnis ostwärts geflohen sei; er drang nach. Dichte Urwaldung
bedeckt diese Gegenden: das Heer mußte sich mühsam den Weg bahnen. Man
griff einzelne Inder auf; sie berichteten, die Bevölkerung sei über den
Indus in das Reich des Abisares geflüchtet, die Elefanten, fünfzehn an der
Zahl, habe man auf den Wiesen am Strom freigelassen. Da kam auch schon ein
Haufe indischer Soldaten vom fliehenden Heere, das, über das Ungeschick des
Fürsten mißvergnügt, sich empört und ihn erschlagen hatte; sie brachten den
Kopf des Fürsten. Nicht gewillt, ein Heer ohne Führer in unwegsames Gebiet
zu verfolgen, ging der König mit seinen Truppen zu den Induswiesen hinab,
um die Elefanten einzufangen; von indischen Elefantenjägern begleitet,
machte er Jagd auf die Tiere; zwei stürzten in Abgründe, die übrigen wurden
eingefangen. Hier in den dichten Waldungen am Indus ließ der König Bäume
fällen und Schiffe zimmern. Bald war eine Stromflotte erbaut, wie sie der
Indus noch nicht gesehen, auf der der König mit seinem Heere den breiten
und zu beiden Seiten mit vielen Städten und Dörfern bedeckten Strom
hinabfuhr; er landete an der Brücke, die von Hephaistion und Perdikkas
bereits über den Indus geschlagen war.

In den Berichten, die uns erhalten sind, sprechen sich lebhaft genug die
mächtigen Eindrücke aus, welche das Heer aus dem Abendlande in dieser
indischen Welt, in die es seit dem Frühling 327 eingerückt war, empfing.
Die gewaltigen Naturformen, die üppige Vegetation, die zahmen und die
wilden Tiere, die Menschen, ihre Religion und Sitten, ihre Staats- und
Kriegsweise, alles war hier fremdartig und staunenswürdig, alle Wunder, die
Herodotos, die Ktesias von ihr berichtet hatten, schienen durch die
Wirklichkeit weit überboten zu werden. Bald sollte man inne werden, daß man
bis jetzt erst die Vorhöfe dieser neuen Welt gesehen habe.

Am Indus rastete das Heer, sich von den Anstrengungen des Winterfeldzuges
im Gebirgsland, den ein großer Teil der Truppen mitgemacht hatte,
auszuruhen. Dann, gegen Frühlingsanfang, schickte es sich an, mit den
Kontingenten der Fürsten in der diesseitigen Satrapie verstärkt, über den
Indus zu gehen. Da erschien eine Gesandtschaft des Fürsten von Taxila vor
dem Könige; sie versicherte von neuem die Ergebenheit ihres Herrn; sie
überbrachte dem Könige kostbare Geschenke, 3000 Opfertiere, 10 000 Schafe,
30 Kriegselefanten, 200 Talente Silber, endlich 700 indische Reiter, das
Bundeskontingent ihres Herrn; sie übergab dem Könige die Residenz des
Fürsten, die herrlichste Stadt zwischen dem Indus und dem Hydaspes.

Dann befahl der König, die Weihe des Indusüberganges zu beginnen; unter
gymnastischen und ritterlichen Wettkämpfen wurde am Stromufer geopfert; und
die Opfer waren günstig. So begann der Übergang über den mächtigen Strom;
ein Teil des Heeres zog über die Schiffbrücke, andere setzten auf Booten
hinüber, der König selbst und sein Gefolge auf zwei Jachten
(Dreißigruderern), die dazu bereitlagen. Neue Opfer feierten die glückliche
Vollendung des Überganges. Dann zog das große Heer auf der Straße von
Taxila weiter, durch reich bevölkerte und im Schmucke des Frühlings
prangende Gegenden, nordwärts mächtige Schneeberge, die Grenze von
Kaschmir, südwärts die weiten und herrlichen Ebenen, welche das Duab des
Indus und Hydaspes erfüllen. Eine Stunde vor der Residenz sah das staunende
Heer zum ersten Male indische Büßer, die nackt, einsam, regungslos unter
den Glutstrahlen der Mittagssonne und den Unwettern der Regenzeit das
heilige Werk ihrer Gelübde erfüllen.

Als Alexander der Stadt nahte, zog ihm der Fürst im höchsten Pomp, mit
geschmückten Elefanten, gewappneten Scharen und kriegerischer Musik
entgegen; und als nun der König sein Heer halten und ordnen ließ, sprengte
der Fürst seinem Zuge voraus und zu Alexander hin, begrüßte ihn
ehrerbietigst, übergab ihm sein Reich und sich selbst. Dann zog Alexander
an der Spitze seines Heeres, der Fürst an seiner Seite, in die prächtige
Residenz. Hier folgten zu Ehren des großen Königs eine Reihe von
Festlichkeiten, deren Glanz durch die Anwesenheit mehrerer Fürsten des
Landes, die ihre Geschenke und Huldigungen darzubringen gekommen waren,
erhöht wurde. Alexander bestätigte sie alle in ihrem Besitz und erweiterte
das Gebiet einiger nach ihrem Wunsche und ihrem Verdienst, namentlich das
des Taxiles, der zugleich für die Fürsorge, mit der er die Südarmee
aufgenommen hatte, und für die Aufmerksamkeit, mit der er dem Könige
wiederholt entgegengekommen, auf das reichlichste beschenkt wurde; auch von
dem »Gaufürsten« Doxaris kamen Gesandte und Geschenke. Auch Abisares von
Kaschmir schickte eine Gesandtschaft nach Taxila, es war sein Bruder, von
den Edelsten seines Landes begleitet; er brachte Kleinodien, Elfenbein,
feine Webereien, Kostbarkeiten aller Art zum Geschenk, versicherte die
treue Ergebenheit seines fürstlichen Bruders und stellte die heimliche
Unterstützung, die derselbe den Assakenern zugewandt haben sollte, durchaus
in Abrede.

Wie damals die Angelegenheiten des Duablandes geordnet wurden, ist nicht
deutlich zu erkennen; jedenfalls lagen die Gebietserweiterungen in der
diesseitigen Satrapie, sowie anderseits die Fürsten sämtlich unter die
Suzeränität Alexanders traten; vielleicht erhielt Taxiles das Prinzipat
unter den Rajahs diesseits des Hydaspes, wenigstens geschieht im Verhältnis
zu Alexander fortan nur seiner Erwähnung. Es blieb in seiner Residenz eine
makedonische Besatzung, sowie die dienstunfähige Mannschaft zurück; die
indische »Satrapie« wurde dem Philippos, dem Sohne des Machatas,
anvertraut, dessen hohe Geburt und vielfach bewährte Anhänglichkeit an
Alexander der Wichtigkeit dieses Postens entsprach; seine Provinz umfaßte
außer dem ganzen rechten Indusgebiet auch die Aufsicht über die im Reiche
des Taxiles und der anderen Fürsten zurückbleibenden Truppen.

Daß der Fürst von Taxila sich so bereitwillig dem Könige anschloß, hatte
wohl seinen Grund in der Verfeindung zwischen ihm und seinem mächtigeren
Nachbarn, dem Fürsten Poros aus dem alten Geschlechte der Paurava, der
jenseits des nächsten Stromes, des Hydaspes, ein Reich von »mehr als
hundert Städten« beherrschte, über eine bedeutende Kriegsmacht gebot,
mehrere Nachbarfürsten, namentlich den von Kaschmir, zu Verbündeten hatte.
Seine und ihre Gegner waren wie am Indus der Fürst von Taxila, so auf ihrer
anderen Seite die freien Völker in den Vorbergen des Himalaja, in den Duabs
jenseits des Akesines und in den unteren Gebieten des Fünfstromlandes. Die
Feindschaft dieser »Königslosen« (Arattas) gegen die Fürsten, unter denen
Paurava zwischen Hydaspes und Akesines der mächtigste war, lähmte den
Widerstand des reichen und dichtbevölkerten Pandschab gegen die
abendländische Invasion.

Von Taxila aus hatte Alexander an Poros gesandt und ihn auffordern lassen,
ihm an der Grenze seines Fürstentums entgegenzukommen und ihm zu huldigen.
Poros hatte die Antwort zurückgesandt, er werde den König an der Grenze
seines Reiches mit gewaffneter Hand erwarten; zu gleicher Zeit hatte er
seine Bundesgenossen aufgeboten, hatte den Fürsten Abisares, der ihm, trotz
der noch neuerdings gegebenen Versicherungen seiner Ergebenheit für
Alexander, Hilfstruppen versprochen hatte, um deren schleunige Zusendung
ersucht, war selbst an den Grenzstrom seines Reiches gerückt und hatte sich
auf dessen linkem Ufer gelagert, entschlossen, dem Feinde um jeden Preis
den Übergang zu wehren. Auf diese Nachricht sandte Alexander den Strategen
Koinos an den Indus zurück mit dem Befehl, die Fahrzeuge der Stromflotte
zum Transport über Land zersägen und auf Wagen möglichst schnell an den
Hydaspes bringen zu lassen. Zu gleicher Zeit brach das Heer nach den
üblichen Opfern und Kampfspielen von Taxila auf; es waren fünftausend Mann
indische Truppen des Taxiles und der benachbarten Fürsten dazugestoßen; die
Elefanten, die Alexander in Indien erbeutet oder als Geschenk erhalten
hatte, blieben zurück, da die makedonischen Pferde nicht an ihren Anblick
gewöhnt waren und sie überdies der den Makedonen eigentümlichen
Angriffsweise nur hinderlich gewesen wären.

Während des Marsches begannen die ersten Schauer des tropischen Regens; die
Wasser strömten rauschender, die Wege wurden beschwerlicher, häufige
Gewitter, mit Orkanen verbunden, verzögerten den Marsch vielfach. Man nahte
der Südgrenze des Fürstentums von Taxila; eine lange und ziemlich enge
Paßstraße führte hier in das Gebiet des Spitakes, eines Verwandten und
Bundesgenossen des Poros; sie war durch die Truppen dieses Fürsten, welche
die Höhen zu beiden Seiten besetzt hielten, gesperrt; durch ein kühnes
Reitermanöver unter der unmittelbaren Führung Alexanders wurden die Feinde
überrascht, aus ihrer Stellung gedrängt und dermaßen in die Enge getrieben,
daß sie erst nach bedeutendem Verlust das freie Feld gewannen. Spitakes
selbst eilte, ohne an die weitere Verteidigung seines Fürstentums zu
denken, mit dem Reste seiner Truppen sich mit Poros zu vereinigen.

Etwa zwei Tage später erreichte Alexander das Ufer des Hydaspes, der jetzt
eine Breite von fast zwölfhundert Schritten hatte; auf dem jenseitigen Ufer
sah man das weitläufige Lager des Fürsten Poros und das gesamte Heer in
Schlachtordnung vorgerückt, vor demselben, gleich Festungstürmen,
dreihundert Kriegselefanten; man bemerkte, wie nach beiden Seiten hinaus
bedeutende Scharen abgesandt wurden, um die Postenlinie längs dem Stromufer
zu verstärken, und namentlich die wenigen Furten, die das hohe Wasser noch
gangbar ließ, zu beobachten. Alexander erkannte die Unmöglichkeit, unter
den Augen des Feindes den Strom zu passieren; er lagerte sich auf dem
rechten Ufer, den Indern gegenüber. Er begann damit, durch mannigfache
Truppenbewegungen den Feind über den Ort des beabsichtigten Überganges zu
verwirren und seine Aufmerksamkeit zu ermüden: er ließ zugleich durch
andere Abteilungen seines Heeres die Ufergegend nach allen Seiten hin
rekognoszieren, durch andere das von Verteidigern entblößte Gebiet des
Spitakes brandschatzen, von allen Seiten her große Vorräte zusammenbringen,
als ob er noch lange an dieser Stelle zu bleiben gedächte; er wußte bis in
das feindliche Lager das Gerücht zu verbreiten, daß er in dieser Jahreszeit
den Flußübergang allerdings für unmöglich halte, das Ende der Regenzeit
abwarten wolle, um wenn das Wasser gefallen sei, den Angriff über den Strom
hin zu versuchen. Zu gleicher Zeit aber mußten die Bewegungen der
makedonischen Reiterei, das Auf- und Abfahren stark bemannter Boote, das
wiederholte Ausrücken der Phalangen, die trotz der heftigsten Regengüsse
oft stundenlang unter den Waffen und wie zum Kämpfen bereitstanden, den
Fürsten Poros in steter Besorgnis vor einem plötzlichen Angriff halten; ein
paar Inseln im Flusse gaben Veranlassung zu kleinen Gefechten; es schien,
als ob sie, sobald es zum ernsteren Kampfe käme, von entscheidender
Wichtigkeit werden müßten.

Indes erfuhr Alexander, daß Abisares von Kaschmir, trotz aller neuerdings
wiederholten Versicherungen seiner Ergebenheit, nicht bloß heimlich
Verbindungen mit Poros unterhalte, sondern bereits mit seiner ganzen Macht
heranrücke, um sich mit demselben zu vereinigen. War es auch von Anfang her
keineswegs des Königs Absicht gewesen, die Regenzeit hindurch untätig am
rechten Flußufer stehenzubleiben, so bewog ihn doch diese Nachricht noch
mehr, ernstlich an einen baldigen Angriff zu denken, da der Kampf gegen die
vereinte Macht des Abisares und Poros schwierig, wenn nicht gefährlich
werden konnte. Aber es war unmöglich, hier im Angesicht des Feindes über
den Fluß zu gehen; das Strombett selbst war durch die Fülle und Strömung
des Wassers unsicher und das niedrige Ufer drüben voll schlammiger
Untiefen; es wäre tollkühn gewesen die Phalangen unter den Geschossen des
dicht geordneten und sicherstehenden Feindes ans Ufer führen zu wollen;
endlich war vorauszusehen, daß die makedonischen Pferde vor dem Geruch und
dem heiseren Geschrei der Elefanten, die das jenseitige Ufer deckten, beim
Anlegen scheuen, zu fliehen versuchen, sich von den Fähren hinabstürzen,
die gefährlichste Verwirrung anrichten würden. Es kam alles darauf an, das
feindliche Ufer zu erreichen, darum ließ Alexander, es war um Mitternacht,
im Lager Lärm blasen, die Reiterei an verschiedenen Stellen des Ufers
vorrücken und sich mit Kriegsgeschrei und unter dem Schmettern der
Trompeten zum Übersetzen anschicken, die Boote auslaufen, die Phalangen
unter dem Schein der Wachtfeuer an die Furten rücken. Sofort wurde es auch
im feindlichen Lager laut, die Elefanten wurden vorgetrieben, die Truppen
rückten an das Ufer, man erwartete bis zum Morgen den Angriff, der doch
nicht erfolgte. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Nächten, und
immer von neuem sah sich Poros getäuscht; er wurde es müde, seine Truppen
umsonst in Regen und Wind die Nächte durch stehenzulassen; er begnügte sich
damit, den Fluß durch die gewöhnlichen Posten zu bewachen.

Das rechte Ufer des Flusses ist von einer Reihe rauher Höhen begleitet, die
sich drei Meilen stromauf hinziehen und dort zu bedeutenden,
dichtbewaldeten Bergen emporsteigen, an deren Nordabhang ein kleiner Fluß
zum Hydaspes hinabeilt. Wo er mündet, verändert der Hydaspes, der von
Kaschmir herab bis hierher südwärts strömt, plötzlich und fast im rechten
Winkel seine Richtung und eilt, zur Rechten die rauhe Bergreihe, zur Linken
eine weite und fruchtbare Niederung, südlich weiter. Der Bergecke
gegenüber, unter der Mündung jenes Flüßchens, liegt im Strome die hohe und
waldige Insel Jamad, oberhalb deren die gewöhnliche Straße von Kaschmir
über den Hydaspes führt. Dies war der Ort, den Alexander zum Übergange
ausersehen. Eine Reihe Feldposten war vom Lager aus längs dem Ufer
aufgestellt, jeder dem folgenden nahe genug, sich einander sehen und
zurufen zu können; ihr Rufen, ihre nächtlichen Wachtfeuer, die neuen
Truppenbewegungen in der Nähe des Lagers, hätten den Feind vollkommen über
den Ort des bevorstehenden Überganges täuschen müssen, wenn er sich nicht
schon daran gewöhnt hätte, dergleichen nicht mehr für bedeutend zu halten.
Alexander seinerseits hatte auf die Nachricht, daß Abisares nur noch drei
Tagemärsche entfernt stehe, alles vorbereitet, den entscheidenden Schlag zu
wagen. Krateros blieb mit seiner Hipparchie, mit der Reiterei der
Arachosier und Paropamisaden, mit den Phalangen Alketas und Polysperchon
und den 5000 Mann der indischen Gaufürsten in der Nähe des Lagers; er wurde
angewiesen, sich ruhig zu verhalten, bis er die Feinde drüben entweder ihr
Lager verlassen oder in der Nähe desselben geschlagen sähe; wenn er dagegen
bemerke, daß die feindlichen Streitkräfte geteilt würden, so sollte er,
falls die Elefanten ihm gegenüber am Ufer zurückblieben, den Übergang nicht
wagen; falls sie mit stromauf gegen die bei der Insel übersetzenden
Makedonen geführt würden, so sollte er sofort und mit seinem ganzen Korps
übersetzen, da die Elefanten allein dem glücklichen Erfolg eines
Reiterangriffs Schwierigkeiten in den Weg stellten. Ein zweites Korps, aus
den Phalangen Meleagros, Gorgias und Attalos, aus den Söldnern zu Fuß und
zu Roß bestehend, rückte anderthalb Meilen stromauf, mit der Weisung,
sobald sie jenseits des Flusses die Schlacht begonnen sähen, korpsweise
durch den Strom zu gehen. Der König selbst brach mit den Hipparchien
Hephaistion, Perdikkas, Demetrios und dem Agema der Ritter unter Koinos,
mit den skythischen, baktrischen und sogdianischen Reitern, mit den
daischen Bogenschützen zu Pferde, mit den Chiliarchien der Hypaspisten, den
Phalangen Kleitos und Koinos, den Agrianern und Schützen, am Morgen aus dem
Lager auf. Alle diese Bewegungen wurden durch den anhaltenden Regen zwar
erschwert, aber zugleich dem Auge des Feindes entzogen; um desto sicherer
zu sein, zog der König hinter den waldigen Uferhöhen zu dem Orte hin, den
er zum Übergang ausersehen. Am späten Abend kam er dort an; schon war hier
der Transport zersägter Fahrzeuge, den Koinos vom Indus herangeschafft
hatte, unter dem Schutz der dichten Waldung wieder instandgesetzt und
verborgen worden, auch an Fellen und Balken zu Flößen und Fähren war
Vorrat; die Vorbereitungen zum Übergang, das Hinablassen der Fahrzeuge, das
Füllen der Häute mit Stroh und Werg, das Zimmern der Flöße füllte die Nacht
aus; furchtbare Regengüsse, von Sturm und Gewitter begleitet, machten es
möglich, daß das Klirren der Waffen, das Hauen der Zimmerleute jenseits
nicht gehört wurde; der dichte Wald auf dem Vorgebirge und auf der Insel
verbarg die Wachtfeuer der Makedonen.

Gegen Morgen legte sich der Sturm, der Regen hörte auf, der Strom flutete
rauschend an den hohen Ufern der Insel vorüber; oberhalb derselben sollte
das Heer übersetzen; der König selbst, von den Leibwächtern Ptolemaios,
Perdikkas, Lysimachos, von Seleukos, der die »königlichen Hypaspisten«
führte, und einer erlesenen Schar Hypaspisten begleitet, befand sich auf
der Jacht, welche den Zug eröffnete; auf den anderen Jachten folgten die
übrigen Hypaspisten; auf Booten, Stromkähnen, Flößen und Fähren die
Reiterei und das Fußvolk; im ganzen 4000 Reiter, 1000 Bogenschützen zu
Pferd, fast 6000 Hypaspisten, endlich die Leichtbewaffneten zu Fuß, die
Agrianer, Akontisten, Bogenschützen, vielleicht 4000 Mann. Die beiden
Phalangen blieben am rechten Ufer zur Deckung und Beobachtung des Weges von
Kaschmir zurück. Und schon steuerten die Jachten an dem hohen und waldigen
Ufer der Insel vorüber; sobald man an deren Nordecke war, sah man die
Reiter der feindlichen Vorposten, die beim Anblick der herüberfahrenden
Heeresmacht eiligst über das Blachfeld zurücksprengten. So war das
feindliche Ufer von Verteidigern entblößt und niemand da, die Landung zu
hindern; Alexander war der erste am Ufer, nach ihm legten die anderen
Jachten an, bald folgte die Reiterei und das übrige Heer, rasch wurde alles
in Marschkolonnen formiert, um weiterzurücken; da zeigte sich, daß man auf
einer Insel war; die Gewalt des Stromes, dessen Bett sich an dieser Stelle
gen Westen wendet, hatte das niedrige Erdreich am Ufer durchbrochen und
einen neuen wasserreichen Arm gebildet. Lange suchten die Reiter vergebens
und mit Lebensgefahr eine Furt hindurch, überall war das Wasser zu breit
und zu tief; es schien nichts übrig, als die Fahrzeuge und Fähren um die
Spitze dieser Insel herbeizuschaffen; es war die höchste Gefahr, daß durch
den damit entstehenden Zeitverlust der Feind zur Absendung eines
bedeutenden Truppenkorps, das das Landen erschweren, ja unmöglich machen
konnte, Zeit gewann; da fand man endlich eine Stelle, die zu durchwaten
war; mit der größten Mühe hielt sich Mann und Pferd gegen die heftige
Strömung, das Wasser ging denen zu Fuß bis an die Brust, die Pferde hatten
nur den Kopf über Wasser. Nach und nach gewannen die verschiedenen
Abteilungen das jenseitige Ufer; in geschlossener Linie, rechts die
turanische Reiterei, ihr zunächst die makedonischen Geschwader, dann die
Hypaspisten, das leichte Fußvolk endlich auf dem linken Flügel, rückte das
Heer auf, dann mit rechtsum den Strom hinab in der Richtung zum feindlichen
Lager. Um das Fußvolk nicht zu ermüden, ließ Alexander langsam nachrücken
und ging selbst mit der gesamten Reiterei und den Bogenschützen unter
Tauron eine halbe Stunde weit voraus; er glaubte, wenn Poros auch mit
seiner ganzen Macht entgegenrückte, an der Spitze der trefflichen und den
Indern überlegenen Reiterei das Gefecht, bis das Fußvolk nachkam, halten
zu können, wenn dagegen die Inder, durch das plötzliche Erscheinen
erschreckt, sich zurückzögen, an seinen 5000 Reitern zum Einhauen und zum
Verfolgen genug zu haben.

Poros seinerseits hatte, als ihm von seinen zurücksprengenden Vorposten das
Heranrücken bedeutender Truppenmassen gemeldet war, im ersten Augenblick
geglaubt, es sei Abisares von Kaschmir mit seinem Heere; aber sollte der
Bundesfreund versäumt haben, sein Herannahen zu melden, oder doch, nachdem
er über den Strom gesetzt, Nachricht von seiner glücklichen Ankunft
vorauszusenden? Es war nur zu klar, daß die Gelandeten Makedonen seien, daß
der Feind den Übergang über den Strom, der ihm Tausende hätte kosten
müssen, ungehindert und glücklich zustande gebracht habe, und daß ihm jetzt
das diesseitige Ufer nicht mehr streitig gemacht werden könne. Indes
schienen die Truppenmassen, die man noch am jenseitigen Ufer stromauf- und
stromabwärts aufgestellt sah, zu beweisen, daß das den Fluß vorgeschobene
Korps nicht bedeutend sein könnte. Poros hätte alles daransetzen müssen,
dasselbe, da es einmal über den Strom war, abzuschneiden und zu vernichten;
er hätte sofort die Offensive ergreifen müssen, die durch seine
Schlachtwagen und Elefanten so sehr begünstigt und fast gefordert wurde;
statt dessen war es ihm nur darum zu tun, für jetzt das weitere Vordringen
des Feindes aufzuhalten und jedes entscheidende Zusammentreffen bis zur
Ankunft des Abisares zu vermeiden. Er sandte seinen Sohn mit zweitausend
Reitern und einhundertundzwanzig Schlachtwagen den Makedonen entgegen; er
hoffte, mit diesen den König Alexander aufhalten zu können.

Sobald Alexander dieses Korps über die Uferwiesen heranrücken sah, glaubte
er nicht anders, als daß Poros mit seinem ganzen Heere heranziehe, und daß
dies der Vortrab sei; er ließ seine Reiter sich zum Gefecht fertigmachen;
dann bemerkte er, daß hinter diesen Reitern und Wagen kein weiteres Heer
folgte; sofort gab er den Befehl zum Angriff. Von allen Seiten her jagten
die turanischen Reiter auf den Feind los, ihn zu verwirren und zu
umzingeln; geschwaderweise sprengten die Makedonen nach zum Einhauen,
umsonst suchten die Inder zu widerstehen, sich zurückzuziehen; in kurzer
Zeit waren sie trotz der tapfersten Gegenwehr gänzlich geschlagen,
vierhundert Tote blieben auf dem Platze, unter ihnen der königliche Prinz;
die Wagen, außerstande, in dem tiefen und aufgefahrenen Wiesengrunde
schnell zu entkommen, fielen den Makedonen in die Hände, die jetzt mit
doppelter Kampflust vorwärts rückten.

Die Überreste des zersprengten Korps brachten die Nachricht von ihrer
Niederlage, von des Prinzen Tod, von Alexanders Anrücken ins Lager zurück;
Poros sah zu spät ein, welchen Feind er gegenüber hatte; die Zeit drängte,
den Folgen einer halben Maßregel, die die Gefahr nur beschleunigte, soviel
noch möglich war, zu begegnen. Die einzige Rettung war, sich noch jetzt mit
Übermacht auf den heranrückenden Feind zu werfen und ihn zu vernichten,
bevor er Zeit gewann, mehr Truppen an sich zu ziehen und so den letzten
Vorteil, den Poros noch über ihn hatte, auszugleichen; doch durfte das Ufer
dem makedonischen Lager gegenüber nicht entblößt werden, damit nicht das da
schlagfertig stehende Heer den Übergang erzwänge und die Schlachtlinie der
Inder im Rücken bedrohe. Demnach ließ Poros einige Elefanten und mehrere
tausend Mann im Lager zurück, um die Bewegungen des Krateros zu beobachten
und das Ufer zu decken; er selbst rückte mit seiner gesamten Reiterei, 4000
Pferde stark, mit 300 Schlachtwagen, mit 30 000 Mann Fußvolk und 200
Elefanten gegen Alexander aus. Sobald er über den morastigen Wiesengrund,
der sich in der Nähe des Stromes dahinzog, rechts hinaus war und das
sandige freie Feld, das für die Entwicklung seiner Streitmacht und die
Bewegung der Elefanten gleich bequem war, erreicht hatte, ordnete er sein
Heer nach indischem Brauch zur Schlacht, vorauf die furchtbare Linie der
zweihundert Elefanten, die, je fünfzig Schritte voneinander, fast eine
Meile Terrain beherrschten, hinter ihnen als zweites Treffen das Fußvolk,
in Scharen von etwa 150 Mann zwischen je zwei Elefanten aufgestellt; an
die letzte Schar des rechten und linken Flügels, die über die
Elefantenlinie hinausreichte, schlossen sich je zweitausend Mann Reiter an;
die beiden Enden der weiten Schlachtlinie wurden durch je
einhundertfünfzig Wagen gedeckt, von denen jeder zwei Schwerbewaffnete,
zwei Schützen mit großen Bogen und zwei bewaffnete Wagenlenker trug. Die
Stärke dieser Schlachtlinie bestand in den zweihundert Elefanten, deren
Wirkung um so furchtbarer werden mußte, da die Reiterei, auf welche
Alexander den Erfolg des Tages berechnet hatte, nicht imstande war, ihnen
gegenüber das Feld zu halten.

In der Tat hätte ein gut geführter Angriff die Makedonen vernichten müssen;
die Elefanten hätten gegen die feindliche Linie losbrechen und, von den
einzelnen Abteilungen Fußvolk wie Geschütz durch Scharfschützen gedeckt,
die Reiterei aus dem Felde jagen und die Phalanx zerstampfen, die indische
Reiterei nebst den Schlachtwagen die Fliehenden verfolgen und die Flucht
über den Strom abschneiden müssen; selbst die außerordentlich gedehnte und
den Feind weit überflügelnde Schlachtlinie konnte von großem Erfolg sein,
wenn die Wagen und Reiter auf beiden Flügeln sogleich, wenn die Elefanten
losbrachen, dem Feinde mit einer halben Schwenkung in die Flanke fielen; in
jedem Falle mußte Poros, sobald er den Feind zu Gesicht bekam, den Angriff
beginnen, um nicht den Vorteil der Offensive und namentlich die Wahl des
Punktes, wo das Gefecht beginnen sollte, dem Feinde zu überlassen. Er
zögerte: Alexander kam ihm zuvor und benutzte seinerseits alles mit der
Umsicht und Kühnheit, die allein der Übermacht des Feindes das
Gleichgewicht zu halten vermochte.

Dem Raume nach kam sein kleines Heer der feindlichen Schlachtlinie mit
ihren Elefanten und den Kriegswagen auf den Flügeln kaum zum vierten Teile
gleich. Auch hier wie in seinen früheren Schlachten, mußte er in schiefer
Linie vorrücken, auf einen Punkt mit voller Gewalt stoßen; er mußte -- und
mit seinen Truppen durfte er es wagen -- der unbehilflichen Masse des
Feindes gegenüber gleichsam in aufgelöster Gefechtsweise vorgehend, sich
auf den Feind stürzen, und dann als Wirkung des siegreichen Vordringens der
einzelnen Truppenteile erwarten, daß sie zur rechten Zeit an der rechten
Stelle sich zusammenfänden. Da die Überlegenheit der Inder in den
Elefanten bestand, so mußte der entscheidende Schlag diese vermeiden, er
mußte gegen den schwächsten Punkt der feindlichen Linie, und, um vollkommen
zu gelingen, mit dem Teil des Heeres ausgeführt werden, dessen
Überlegenheit unzweifelhaft war. Alexander hatte 5000 Mann Reiterei,
während der Feind auf jedem Flügel deren nur etwa 2000 hatte, welche, zu
weit voneinander entfernt, um sich rechtzeitig unterstützen zu können, nur
in den 150 Wagen, die neben ihnen aufgefahren standen, eine zweideutige
Stützung hatten. Teils der makedonische Kriegsgebrauch, teils die
Rücksicht, möglichst in der Nähe des Flusses anzugreifen, um nicht ganz von
dem jenseits aufgestellten Korps des Krateros abgedrängt zu werden,
veranlaßte den König, den rechten Flügel zur Eröffnung des Gefechtes zu
bestimmen. Sobald er in der Ferne die indische Schlachtlinie geordnet sah,
ließ er die Reiter haltmachen, bis die einzelnen Chiliarchien des Fußvolkes
nachkamen. Voll Begier, sich mit dem Feinde zu messen, kamen sie in vollem
Lauf; sie Atem schöpfen zu lassen und den Feind fernzuhalten, bis sie in
Reih und Glied waren, mußten die Reiter, da und dort vorsprengend, den
Feind beschäftigen. Jetzt war die Linie des Fußvolks, rechts die Edelschar
des Seleukos, dann das Agema und die übrigen Chiliarchien unter Antigonos,
im ganzen gegen 6000 Hypaspisten, ihnen zur Linken das leichte Fußvolk
unter Tauron, geordnet; sie erhielten den Befehl, nicht eher in Aktion zu
treten, als bis sie den linken Flügel des Feindes durch den Angriff der
Reiter geworfen und auch das Fußvolk in der zweiten Linie in Verwirrung
sähen.

Schon rückten die Reiter, mit denen der König den Angriff zu machen
gedachte, die Hipparchien Hephaistion und Perdikkas und die daischen
Bogenschützen, etwa 3000 Mann, rasch halbrechts vorwärts, während Koinos
mit dem Agema und der Hipparchie Demetrios weiter rechts hinabzog mit der
Weisung, sich, wenn die ihm gegenüberstehenden Reiter des Feindes den von
dem ersten Stoß erschütterten zu Hilfe rechts abritten, in deren Rücken zu
werfen.

Sobald Alexander der feindlichen Reiterlinie auf Pfeilschußweite genaht
war, ließ er die 1000 Daer voraneilen, um die indischen Reiter durch einen
Hagel von Pfeilen und durch den Ungestüm ihrer wilden Pferde zu verwirren.
Er selbst zog sich noch weiter rechts, der Flanke der indischen Reiter zu,
sich, ehe sie, durch den Angriff der Daer bestürzt und verwirrt, sich in
Linie setzen und ihm entgegengehen könnten, mit aller Kraft auf sie zu
stürzen. Diese nahe Gefahr vor Augen, eilte der Feind, seine Reiter zu
sammeln und zum Gegenstoß vorgehen zu lassen. Aber sofort brach Koinos auf,
den so rechts Schwenkenden, die ihm gegenübergestanden hatten, in den
Rücken zu fallen. Durch diese zweite Gefahr völlig überrascht und in ihrer
Bewegung gestört, versuchten die Inder, um den beiden Reitermassen, die sie
zugleich bedrohten, die Spitze zu bieten, eine doppelte Front zu formieren;
daß Alexander den Augenblick dieser Umformung zum Einbrechen benutzte,
machte es ihnen unmöglich, seinen Stoß zu erwarten; sie sprengten von
dannen, um hinter der festen Linie der Elefanten Schutz zu suchen. Da ließ
Poros einen Teil der Tiere wenden und gegen die feindliche Reiterei
treiben; ihr heiseres Geschrei ertrugen die makedonischen Pferde nicht,
scheu flohen sie rückwärts. Zugleich war die Phalanx der Hypaspisten im
Sturmschritt angerückt; gegen sie brachen die anderen Elefanten der Linie
los, es begann der furchtbarste Kampf; die Tiere durchbrachen die
dichtesten Reihen, zerstampften sie, schlugen heulend mit ihren Rüsseln
nieder, durchbohrten mit ihren Fangzähnen; jede Wunde machte sie wütender.
Die Makedonen wichen nicht, die Reihen aufgelöst, kämpften sie wie im
Einzelkampf mit den Riesentieren, aber ohne weitere Erfolg, als den, noch
nicht vernichtet oder aus dem Felde geschlagen zu sein. Durch das
Vordringen der Elefanten ermutigt, brachen die indischen Reiter, die sich
eiligst gesammelt und formiert hatten, zum Angriff gegen die makedonischen
Reiter vor; aber diese an Körperkraft und Übung ihnen weit überlegen,
warfen sie zum zweiten Male, so daß sie wieder sich hinter die Elefanten
retteten. Schon hatte sich durch den Gang des Gefechtes auch Koinos mit den
Hipparchien des Königs vereinigt, so daß nun seine gesamte Reiterei in
geschlossener Masse vorgehen konnte. Sie warf sich mit voller Gewalt auf
das indische Fußvolk, das, unfähig zu widerstehen, in ordnungsloser Eile,
dicht von den Feinden verfolgt, mit großem Verlust zu den kämpfenden
Elefanten floh. So drängten sich die Tausende auf den gräßlichen Kampfplatz
der Elefanten zusammen; schon war Freund und Feind in dichter und blutiger
Verwirrung beieinander; die Tiere, meist ihrer Führer beraubt, durch das
wüste Geschrei des Kampfes verwirrt und verwildert, vor Wunden wütend,
schlugen und stampften nieder, was ihnen nahe kam, Freund und Feind. Die
Makedonen, denen das weite Feld offen stand, sich den Tieren gegenüber frei
zu bewegen, wichen, wo sie heranrasten, beschossen und verfolgten sie, wenn
sie umkehrten, während die Inder, die zwischen ihnen sich bewegen mußten,
sich weder bergen noch retten konnten. Da endlich soll Poros, der von
seinem Elefanten aus den Kampf leitete, vierzig noch unversehrte Tiere
vereinigt haben, um mit ihnen vordringend den furchtbaren Kampf zu
entscheiden; Alexander habe seine Bogenschützen, Agrianer und Akontisten
ihnen entgegengeworfen, die dann, gewandt wie sie waren, auswichen, wo die
schon wilden Tiere gegen sie getrieben wurden, aus der Ferne sie und ihre
Führer mit ihren Geschossen trafen, oder auch sich vorsichtig
heranschlichen, mit ihren Beilen ihnen die Ferse zu durchhauen. Schon
wälzten sich viele von diesen sterbend auf dem Felde voll Leichen und
Sterbenden, andere wankten in ohnmächtiger Wut schnaubend noch einmal gegen
die sich schon schließende Phalanx, die sie nicht mehr fürchtete.

Indes hatte Alexander seine Reiter jenseits des Kampfplatzes gesammelt,
während diesseits die Hypaspisten sich Schild an Schild formierten. Jetzt
erfolgte des Königs Befehl zum allgemeinen Vorrücken gegen den umringten
Feind, dessen aufgelöste Masse der Doppelangriff zermalmen sollte. Nun war
kein weiterer Widerstand; dem furchtbaren Gemetzel entfloh, wer es
vermochte, landeinwärts, in die Sümpfe des Stromes, in das Lager zurück.
Schon waren von jenseits des Stromes dem Befehl gemäß Krateros und die
anderen Strategen übergesetzt und, ohne Widerstand zu finden, ans Ufer
gestiegen; sie trafen zur rechten Zeit ein, um den durch achtstündigen
Kampf ermatteten Truppen die Verfolgung abzunehmen.

An zwanzigtausend Inder waren erschlagen, unter ihnen zwei Söhne des Poros
und der Fürst Spitakes, desgleichen alle Anführer des Fußvolks, der
Reiterei, alle Wagen- und Elefantenlenker; dreitausend Pferde und mehr als
hundert Elefanten lagen tot auf dem Felde, gegen achtzig Elefanten fielen
in die Hände des Siegers. König Poros hatte, nachdem er seine Macht
gebrochen, seine Elefanten überwältigt, sein Heer umzingelt und in völliger
Auflösung sah, kämpfend den Tod gesucht; zu lange schützte ihn sein
goldener Panzer und die Vorsicht des treuen Tieres, das ihn trug; endlich
traf ein Pfeil seine rechte Schulter; zum weiteren Kampfe unfähig, und
besorgt, lebendig in des Feindes Hand zu fallen, wandte er sein Tier, aus
dem Getümmel zu entkommen. Alexander hatte des indischen Königs hochragende
greise Gestalt auf dem geschmückten Tier immer wieder gesehen, überall
ordnend und anfeuernd, oft im dichtesten Getümmel; voll Bewunderung für den
tapferen Fürsten eilte er ihm nach, sein Leben auf der Flucht zu retten; da
stürzte sein altes und treues Schlachtroß Bukephalos, von dem heißen Tage
erschöpft, unter ihm zusammen. Er sandte den Fürsten von Taxila dem
Fliehenden nach; als dieser seinen alten Feind erblickte, wandte er sein
Tier und schleuderte mit der letzten Anstrengung den Speer gegen den
Fürsten, dem dieser nur durch die Behendigkeit seines Pferdes entging.
Alexander sandte andere Inder, unter ihnen den Fürsten Meroes, der ehemals
dem Könige Poros befreundet gewesen war. Poros, vom Blutverlust erschöpft
und von brennendem Durst gequält, hörte ihn gelassen an, dann kniete sein
Tier nieder und hob ihn mit dem Rüssel sanft zur Erde; er trank und ruhte
ein wenig, bat dann den Fürsten Meroes, ihn zu Alexander zu führen. Als der
König ihn kommen sah, eilte er ihm, von wenigen seiner Getreuen begleitet,
entgegen, er bewunderte die Schönheit des greisen Fürsten und den edlen
Stolz, mit dem er ihm, obschon besiegt, entgegentrat. Alexander soll ihn
nach der ersten Begrüßung gefragt haben, wie er sich behandelt zu sehen
wünsche; »königlich«, sei Poros Antwort gewesen; darauf Alexander: »Das
werde ich schon um meinetwillen tun, verlange, was dir um deinetwillen lieb
sein wird«; und Poros darauf: in jenem Wort sei alles enthalten.

Alexander bewies sich königlich gegen den Besiegten; seine Großmut war die
richtige Politik. Der Zweck des indischen Feldzugs war nicht, die
unmittelbare Herrschaft über Indien zu erobern. Alexander konnte nicht
Völker, deren hohe und eigenartige Entwicklung ihm, je weiter er vordrang,
desto bedeutender entgegentrat, mit einem Schlage zu unmittelbaren Gliedern
eines makedonisch-persischen Reiches machen wollen. Aber bis an den Indus
hin Herr alles Landes zu sein, über den Indus hinaus das entscheidende
politische Übergewicht zu gewinnen und hier dem hellenistischen Leben
solchen Einfluß zu sichern, daß im Laufe der Zeiten selbst eine
unmittelbare Vereinigung Indiens mit dem übrigen Asien ausführbar werden
konnte, das waren, so scheint es, die Absichten, die Alexanders Politik in
Indien geleitet haben; nicht die Völker, wohl aber die Fürsten mußten von
ihm abhängig sein. Die bisherige Stellung des Poros in dem Fünfstromlande
des Indus konnte für die Politik Alexanders den Maßstab abgeben. Offenbar
hatte Poros bis dahin ein Prinzipat in dem Gebiet der fünf Ströme gehabt
oder gesucht, und eben dadurch die Eifersucht des Fürsten von Taxila rege
gemacht; sein Reich umfaßte zunächst zwar nur die hochkultivierten Ebenen
zwischen dem Hydaspes und Akesines, doch hatte im Westen des Hydaspes sein
Vetter Spitakes, im Osten des Akesines in der Gandaritis sein Großneffe
Poros wahrscheinlich durch ihn selbst die Herrschaft erhalten, so daß der
Bereich seines politischen Übergewichtes sich ostwärts bis an den Hyarotis
erstreckte, der die Grenze gegen die freien indischen Völker bildete; ja
mit Abisares verbündet, hatte er seine Hand sogar nach ihrem Lande
auszustrecken gewagt, und wenn schon seine Bemühungen an der Tapferkeit
dieser Stämme gescheitert waren, so blieb ihm doch ein entschiedenes
Übergewicht in den Ländern des Indus. Alexander hatte Taxiles' Macht schon
bedeutend vergrößert; er durfte nicht alles auf die Treue _eines_ Fürsten
bauen; das gesamte Land der fünf Ströme dem Zepter des verbündeten Fürsten
zu unterwerfen, wäre der sicherste Weg gewesen, ihm die Abhängigkeit von
Alexander zu verleiden, und hätte ihm die Mittel an die Hand gegeben, sich
derselben zu entziehen, um so mehr, da die alte Feindschaft gegen den
Fürsten Poros ihn in den freien Stämmen leicht Verbündete hätte finden
lassen. Alexander konnte seinen Einfluß in Indien auf keinen sicherern
Grund bauen, als auf die Eifersucht dieser beiden Fürsten. Es kam hinzu,
daß, wenn er Poros als Fürsten anerkannte, er zugleich damit die Befugnis
gewann, die östlicheren Völker als Feinde seines neuen Verbündeten
anzugreifen und auf ihre Unterwerfung seinen weiteren Einfluß in diesen
Gegenden zu gründen; er mußte Poros' Macht in dem Maße vergrößern, daß sie
fortan dem Fürsten Taxila das Gleichgewicht zu halten vermochte, ja er
durfte ihm größere Gewalt anvertrauen und selbst die Herrschaft über die
bisherigen Widersacher geben, da ja Poros fortan gegen sie sowie gegen
Taxiles in der Gunst des makedonischen Königs allein sein Recht und seinen
Rückhalt finden konnte.

Das etwa waren die Gründe, die Alexander bestimmten, nach dem Siege am
Hydaspes Poros nicht nur in seiner Herrschaft zu bestätigen, sondern ihm
dieselbe bedeutend zu vergrößern. Er begnügte sich, an den beiden
wichtigsten Übergangspunkten des Hydaspes hellenistische Städte zu gründen;
die eine an der Stelle, wo der Weg von Kaschmir herab an den Strom kommt,
und wo die Makedonen selbst in das Land des Poros hinübergegangen waren,
erhielt ihren Namen vom Bukephalos, die andere etwa zwei Meilen weiter
stromab, wo die Schlacht geschlagen war, wurde Nikaia genannt. Alexander
selbst ließ sein Heer in dieser schönen und reichen Gegend dreißig Tage
rasten; die Leichenfeier für die im Kampf Gefallenen, die Siegesopfer, mit
Wettkämpfen aller Art verbunden, der erste Anbau der beiden neuen Städte
füllten diese Zeit reichlich aus.

Den König selbst beschäftigten die vielfachen Anordnungen, welche dem Siege
seine Wirkung sichern sollten. Vor allem wichtig war das politische
Verhältnis zu dem Fürsten Abisares, der trotz der beschworenen Verträge an
dem Kampf gegen Alexander teilzunehmen im Sinne gehabt hatte. Es kam um
diese Zeit von Sisikottos, dem Befehlshaber auf Aornos, die Nachricht, daß
die Assakener den von Alexander eingesetzten Fürsten erschlagen und sich
empört hätten; die früheren Verbindungen dieses Stammes mit Abisares und
dessen offenbare Treulosigkeit machten es nur zu wahrscheinlich, daß er
nicht unbeteiligt an diesen gefährlichen Bewegungen sei; die Satrapen
Tyriaspes am Paropamisos und Philippos in der Satrapie Indien erhielten den
Befehl, mit ihren Heeren zur Unterdrückung des Aufstandes auszurücken. Um
dieselbe Zeit kam eine Gesandtschaft des Fürsten Poros von Gandaritis, des
»feigen Poros«, wie ihn die Griechen nannten, der es sich zum Verdienst
anrechnen zu wollen schien, seinen fürstlichen Verwandten und Beschützer
nicht gegen Alexander unterstützt zu haben, und die Gelegenheit günstig
hielt, sich durch Unterwürfigkeit gegen Alexander des lästigen
Verhältnisses gegen den greisen Verwandten freizumachen. Wie mußten die
Gesandten erstaunen, als sie denselben Fürsten, den sie wenigstens in
Ketten und Banden zu seines Siegers Füßen zu sehen erwartet hatten, in
höchsten Ehren und in dem vollen Besitz seines Reiches an Alexanders Seite
sahen; es mochte nicht die günstigste Antwort sein, die sie von seiten des
hochherzigen Königs ihrem Fürsten zu überbringen erhielten. Freundlicher
wurden die Huldigungen der nächsten freien Stämme, die deren
Gesandtschaften mit reichen Geschenken überbrachten, entgegengenommen; sie
unterwarfen sich freiwillig einem Könige, vor dessen Macht sich der
mächtigste Fürst des Fünfstromlandes hatte beugen müssen.

Desto notwendiger war es, die noch Zögernden durch die Gewalt der Waffen zu
unterwerfen. Es kam dazu, daß Abisares, trotz seines offenbaren Abfalls,
und vielleicht im Vertrauen auf die von Gebirgen geschützte Lage seines
Fürstentums, weder Gesandte geschickt, noch irgend etwas getan hatte, um
sich bei Alexander zu rechtfertigen; ein Zug in das Gebirgsland sollte die
Bergstämme unterwerfen und zugleich den treulosen Fürsten an seine Gefahr
und seine Pflicht erinnern. Alexander brach nach dreitägiger Rast von den
Ufern des Hydaspes auf, indem er Krateros mit dem größten Teil des Heeres
zurückließ, um den Bau der beiden Städte zu vollenden. Von den Fürsten
Taxiles und Poros begleitet, mit der Hälfte der makedonischen Ritterschaft,
mit Auserwählten von jeder Abteilung des Fußvolks, mit dem größten Teile
der leichten Truppen, denen eben jetzt der Satrap Phrataphernes von
Parthien und Hyrkanien die Thraker, die ihm gelassen waren, zugeführt
hatte, zog Alexander nordostwärts gegen die Glausen oder Glaukaniker, wie
die Griechen sie nannten, die in den waldreichen Vorbergen oberhalb der
Ebene wohnten, eine Bewegung, die zugleich den Gebirgsweg nach Kaschmir
öffnete. Jetzt endlich beeilte sich Abisares, durch schnelles Einlenken die
Verzeihung des Königs zu gewinnen; durch eine Gesandtschaft, an deren
Spitze sein Bruder stand, unterwarf er sich und sein Land der Gnade des
Königs; er bezeugte seine Ergebenheit mit einem Geschenk von vierzig
Elefanten. Alexander mißtraute den schönen Worten; er befahl, Abisares
sollte sofort persönlich vor ihm erscheinen, widrigenfalls er selbst an der
Spitze eines makedonischen Heeres zu ihm kommen werde. Er zog weiter in die
Berge hinauf. Die Glausen unterwarfen sich; ihr reichbevölkertes Gebiet --
es zählte 37 Städte, von denen keine unter 5000 und mehrere über 10 000
Einwohner hatten, außerdem eine große Zahl von Dörfern und Flecken -- wurde
dem Fürsten Poros untergeben. Die Waldungen dieser Gegenden boten in
reicher Fülle, was Alexander wünschte; er ließ in Menge Holz fällen und
nach Bukephala und Nikaia hinabflößen, wo unter Krateros' Aufsicht die
große Stromflotte gebaut werden sollte, auf der er nach Unterwerfung
Indiens zum Indus und zum Meere hinabzufahren gedachte.

Das Heer rückte ostwärts zum Akesines hinab; Alexander hatte Nachricht
erhalten, daß der Fürst Poros von Gandaritis, durch das Verhältnis, in
welches sein Großoheim zu Alexander getreten war, für sich selbst in
Besorgnis und an der Möglichkeit verzweifelnd, daß die unlautere Absicht
seiner Unterwürfigkeit verziehen werde, soviel Bewaffnete und Schätze als
möglich zusammengebracht habe und nach den Gangeslanden geflohen sei.
Angekommen an den Ufern des mächtigen Akesines, sandte Alexander den
Fürsten Poros in sein Land zurück, mit dem Auftrage, Truppen auszuheben und
diese nebst allen Elefanten, die nach der Schlacht am Hydaspes noch
kampffähig seien, ihm nachzuführen. Alexander selbst ging mit seinem Heere
über den Strom, der hochangeschwollen, in einer Breite von fast dreiviertel
Stunden ein durch Klippen und Felsenvorsprünge gefährliches Talbett
durchwogte, und in seiner wilden, strudelreichen Strömung vielen auf Kähnen
Übersetzenden verderblich wurde; glücklicher brachten sie die Zelthäute
hinüber. Hier, auf dem linken Stromufer blieb Koinos mit seiner Phalanx
zurück, um für den Übergang der nachrückenden Heeresabteilungen Sorge zu
tragen und aus den Ländern des Poros und Taxiles alles zur Verpflegung der
großen Armee Gehörige zu beschaffen. Alexander selbst eilte durch den
nördlichen Teil der Gandaritis, ohne Widerstand zu finden, gen Osten
weiter; er hoffte, den treulosen Poros (von Gandaritis) noch einzuholen; er
ließ in den wichtigsten Plätzen Besatzungen zurück, die die nachrückenden
Korps des Krateros und Koinos erwarten sollten. Am Hyarotis, dem östlichen
Grenzfluß der Gandaritis, wurde Hephaistion mit zwei Phalangen, mit seiner
und des Demetrios Hipparchie und der Hälfte der Bogenschützen südwärts
detachiert, die Herrschaft des landesflüchtigen Fürsten in ihrer ganzen
Ausdehnung zu durchziehen, die etwa zwischen Hyarotis und Akesines
ansässigen freien Stämme zu unterwerfen, auf dem linken Ufer des Akesines
an der großen Straße eine Stadt zu gründen und das gesamte Land an den
getreuen Poros zu übergeben. Mit dem Hauptheere ging Alexander selbst über
den minder schwer zu passierenden Strom und betrat nun das Gebiet der
sogenannten freien Inder.

Es ist eine merkwürdige und in den eigentümlichen Naturverhältnissen des
Pandschab begründete Erscheinung, daß sich hier in allen Jahrhunderten,
wenn auch unter anderen und anderen Namen, republikanische Staaten gebildet
und erhalten haben, wie sie dem sonstigen Despotismus Asiens entgegen und
dem strenggläubigen Inder des Gangeslandes ein Greuel sind; die
Pendschanadas nennt er mit Verachtung Arattas, die Königslosen; auch die
Fürsten, wenn sie deren haben, nicht aus alter und heiliger Kaste, sind
ohne alles Recht, Usurpatoren. Fast scheint es, als ob das Fürstentum des
Poros selbst diesen Charakter an sich getragen habe; aber der Versuch, das
ganze königlose Indien in seine Gewalt zu bringen, war an den kriegerischen
und mächtigen Stämmen jenseits des Hyarotis gescheitert; es bedurfte der
europäischen Waffen, sie zu bewältigen. Nur wenige von ihnen unterwarfen
sich, ohne den Kampf zu versuchen; die meisten erwarteten den Feind mit
gewaffneter Hand; unter diesen die Kathaier oder Katharer, die, berühmt als
der kriegerischste Stamm des Landes, nicht nur selbst auf das trefflichste
zum Kriege gerüstet waren, sondern auch die freien Nachbarstämme zu den
Waffen gerufen und mit sich vereinigt hatten.

Auf die Nachricht von ihren Rüstungen eilte Alexander ostwärts durch das
Gebiet der Adraisten, die sich freiwillig unterwarfen; am dritten Tage
nahte er der Kathäerhauptstadt Sangala; sie war von bedeutendem Umfang, mit
starken Mauern umgeben, auf der einen Seite durch einen See geschützt, auf
der anderen erhob sich in einiger Entfernung von den Toren ein Bergrücken,
der die Ebene beherrschte; diesen hatten die Kathaier nebst ihren
Verbündeten so stark als möglich besetzt, hatten um den Berg ihre
Streitwagen zu einem dreifachen Verhau ineinandergeschoben, und lagerten
selbst in dem innerem Bezirk dieser mächtigen Wagenburg; selbst
unangreifbar, vermochten sie jeder Bewegung des Feindes schnell und mit
bedeutender Macht zu begegnen. Alexander erkannte das Drohende dieser
Stellung, welche den Berichten von der Kühnheit und kriegerischen
Gewandtheit dieses Volkes vollkommen entspricht; je mehr er von ihnen
Überfall und kühnes Wagnis erwarten durfte, desto schneller glaubte er
Entscheidendes wagen zu müssen.

Er ließ sofort die Bogenschützen zu Pferd vorgehen, den Feind zu
umschwärmen und zu beschießen, um demselben einen Ausfall gegen die noch
nicht zum Gefecht formierten Truppen unmöglich zu machen. Indes rückten auf
den rechten Flügel das Agema der Ritterschaft und die Hipparchie des
Kleitos, die Hypaspisten, die Agrianer auf, auf den linken die Phalangen,
die Hipparchie des Perdikkas, der den linken Flügel führte; die
Bogenschützen wurden auf beide Flügel verteilt. Während des Aufmarsches kam
auch die Nachhut heran; deren Reiter wurden auf beide Flanken verteilt, das
Fußvolk verwandt, die Phalanx dichter zu machen. Schon begann Alexander
seinen Angriff; er hatte bemerkt, daß die Wagenreihe nach der linken Seite
des Feindes hin minder dicht, das Terrain dort freier war; er hoffte durch
eine heftige Reiterattacke gegen diesen schwachen Punkt den Feind zu einem
Ausfall zu vermögen, durch den dann der Verhau geöffnet war. Er sprengte an
der Spitze seiner zwei Hipparchien auf diese Stelle los; die feindlichen
Wagen blieben geschlossen, ein Hagel von Speeren und Pfeilen empfing die
makedonischen Reiter, die natürlich nicht die Waffe waren, eine Wagenburg
zu stürmen oder zu sprengen. Alexander sprang vom Pferde, stellte sich an
die Spitze des schon anrückenden Fußvolkes, führte es im Sturmschritt
heran. Ohne große Mühe wurden die Inder zurückgeworfen; sie zogen sich in
den zweiten Wagenring zurück, wo sie, in dem kleinerem Umkreise, den sie zu
verteidigen hatten, dichter geschlossen und an jedem Punkt zahlreicher, mit
besserem Erfolg kämpfen konnten; für die Makedonen war der Angriff doppelt
beschwerlich, indem sie die Wagen und Wagentrümmer des schon gesprengten
Ringes erst zusammenschieben mußten, um dann zwischen ihnen in einzelnen
Trupps vorzudringen; es begann ein mörderischer Kampf, und die makedonische
Tapferkeit hatte eine harte Probe gegen die kriegsgewandten und mit der
höchsten Erbitterung kämpfenden Feinde zu bestehen. Als aber auch diese
Wagenlinie durchbrochen war, verzweifelten die Kathaier, sich so
furchtbarem Feinde gegenüber noch hinter der dritten halten zu können; in
eiliger Flucht retteten sie sich hinter die Mauern der Stadt.

Alexander umschloß noch desselben Tags die Stadt mit seinem Fußvolk, bis
auf die eine Seite, an der ein nicht eben tiefer See lag; diesen umstellte
er mit seinen Reitern; er glaubte, daß die Kathaier, durch den Ausgang
dieses Tages bestürzt, in der Stille der Nacht aus ihrer Stadt zu flüchten
versuchen und ihren Weg über den See nehmen würden. Er hatte recht
vermutet. Um die zweite Nachtwache bemerkten die Reiterposten jenseits an
der Stadtmauer ein großes Gedränge von Menschen, bald begannen sie durch
den See zu waten, versuchten das Ufer und dann das Weite zu gewinnen. Sie
wurden von den Reitern aufgefangen und niedergehauen; schreiend flohen die
übrigen zur Stadt zurück; der Rest der Nacht verging ruhig.

Am anderen Morgen ließ Alexander die Belagerungsarbeiten beginnen; es wurde
ein doppelter Wall von der Nähe des Sees aus rings um die Mauern bis wieder
an den See geführt; den See selbst umgab eine doppelte Postenlinie; es
wurden die Schirmdächer und Sturmböcke aufgerichtet, gegen die Mauer zu
arbeiten und Bresche zu legen. Da brachten Überläufer aus der Stadt die
Nachricht, die Belagerten wollten in der nächsten Nacht einen Ausfall
versuchen; nach dem See zu, wo die Lücke in der Walllinie sei, gedächten
sie durchzubrechen. Den Plan der Feinde zu vereiteln, ließ der König drei
Chiliarchien der Hypaspisten, sämtliche Agrianer und eine Taxis
Bogenschützen unter Befehl des Somatophylax Ptolemaios die Stelle besetzen,
wo der Feind ziemlich sicher zu erwarten war; er befahl ihm, wenn die
Barbaren den Ausfall wagen sollten, sich ihnen mit aller Macht zu
widersetzen, zugleich Lärm blasen zu lassen, damit sofort die übrigen
Truppen ausrücken und in den Kampf eilen könnten. Ptolemaios eilte seine
Stellung zu nehmen, sie so viel wie möglich zu befestigen; er ließ von den
am vorigen Tage noch stehengebliebenen Wagen möglichst viele herfahren und
in die Quere aufstellen, die noch nicht eingesetzten Schanzpfähle an
mehreren Stellen zwischen Mauer und Teich in Haufen zusammentragen, um den
im Dunkel Fliehenden die ihnen bekannten Wege zu verlegen. Unter diesen
Arbeiten verstrich ein guter Teil der Nacht. Endlich um die vierte
Nachtwache öffnete sich das Seetor der Stadt, in hellen Haufen brachen die
Feinde hervor; sofort ließ Ptolemaios Lärm blasen, setzte sich zugleich
mit seiner schon bereitstehenden Mannschaft in Bewegung. Während die Inder
noch zwischen den Wagen und Pfahlhaufen den Weg suchten, war schon
Ptolemaios mit seinen Scharen mitten unter ihnen, und nach langem und
unordentlichem Gefechte sahen sie sich gezwungen, zur Stadt
zurückzufliehen.

So war den Indern jeder Weg zur Flucht abgeschnitten. Zugleich traf Poros
wieder ein, er brachte die übrigen Elefanten und 5000 Inder mit. Das
Sturmzeug war fertig und wurde an die Mauern gebracht; sie wurden an
mehreren Stellen unterminiert, mit so günstigem Erfolg, daß es in kurzer
Zeit da und dort Breschen gab. Nun wurden die Leitern angelegt, die Stadt
mit stürmender Hand genommen; wenige von den Belagerten retteten sich,
desto mehr wurden von den erbitterten Makedonen in den Straßen
niedergemacht; man sagt an 17 000, eine Zahl, die nicht unwahrscheinlich
ist, da Alexander, um die Unterwerfung dieses kriegerischen Volksstammes
möglich zu machen, den strengen Befehl gegeben hatte, jeden Bewaffneten
niederzuhauen; die 70 000 Gefangenen, welche erwähnt werden, scheinen die
übrige Bevölkerung der indischen Stadt ausgemacht zu haben. Die Makedonen
selbst zählten gegen 100 Tote und ungewöhnlich viel Verwundete, nämlich
1200, unter diesen den Somatophylax Lysimachos, zahlreiche andere
Offiziere.

Gleich nach der Erstürmung der Stadt sandte Alexander den Kardianer Eumenes
mit 300 Reitern nach den beiden mit den Kathaiern verbündeten Städten, mit
der Anzeige von dem Falle Sangalas und der Aufforderung, sich zu ergeben:
sie würden, wenn sie sich dem Könige freiwillig unterwürfen, ebensowenig zu
fürchten haben, wie so viele andere Inder, welche die makedonische
Freundschaft schon als ihr wahres Heil zu erkennen anfingen. Aber die aus
Sangala Geflüchteten hatten die gräßlichsten Berichte von Alexanders
Grausamkeit und dem Blutdurst seiner Soldaten mitgebracht; an die
freundlichen Worte des Eroberers glaubte niemand, in eiliger Flucht
retteten die Einwohner der beiden Städte sich und von ihrem Hab und Gut,
soviel sie mitnehmen konnten. Auf die Meldung hiervon brach Alexander
schleunigst aus Sangala auf, die Fliehenden zu verfolgen; sie hatten zu
weiten Vorsprung, nur einige hundert, die vor Ermattung zurückgeblieben
waren, fielen in seine Hände und wurden niedergemacht. Der König kehrte
nach Sangala zurück; die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht, das Gebiet
derselben an die benachbarten Stämme, die sich freiwillig unterworfen
hatten, verteilt, in deren Städte Besatzungen, die Poros hinzuführen
entsandt wurde, gelegt.

Nach der Züchtigung von Sangala und dem Schrecken, den die übertreibenden
Gerüchte von der wilden Grausamkeit der fremden Eroberer verbreiteten,
wußte Alexander durch Milde und Großmut, wo sich Gelegenheit dazu gab,
desto wirksamer zu beruhigen. Bald bedurfte es keines weiteren Kampfes:
wohin er kam, unterwarf sich ihm die Bevölkerung. Dann betrat er das Gebiet
des Fürsten Sopeithes[15], dessen Herrschaft sich über die ersten
Bergketten des Imaos und in die Reviere der Steinsalzlager an den
Hyphasisquellen erstreckte. Das Heer nahte sich der fürstlichen Residenz,
in der, man wußte es, sich Sopeithes befand; die Tore waren geschlossen,
die Zinnen der Mauern und Türme ohne Bewaffnete; man zweifelte, ob die
Stadt verlassen oder Verrat zu fürchten sei. Da öffneten sich die Tore: in
dem bunten und flimmernden Staate eines indischen Rajahs, in hellfarbigen
Kleidern, in Perlenschnüren und Edelsteinen mit goldenem Schmuck, von
schallender Musik begleitet, mit einem reichen Gefolge zog der Fürst
Sopeithes dem Könige entgegen und brachte mit vielen und kostbaren
Geschenken, unter denen eine Meute Tigerhunde, seine Huldigung dar; sein
Fürstentum ward ihm bestätigt und, wie es scheint, vergrößert. Dann zog
Alexander weiter in das benachbarte Gebiet des Fürsten Phegeus; auch dieser
eilte, seine Huldigung und seine Geschenke darzubringen; er blieb im Besitz
seines Fürstentums. Es war das östlichste Land, das Alexander in seinem
Siegeslaufe betreten sollte.

    [15] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Die historische Tradition hat diesen Punkt in der Geschichte Alexanders auf
bemerkenswerte Weise verdunkelt. Selbst von dem Äußerlichen wird nicht
Genügendes und Übereinstimmendes angegeben; manche der Makedonen sollen
Unglaubliches in die Heimat berichtet, es soll Krateros seiner Mutter
geschrieben haben: bis zum Ganges seien sie vorgedrungen und hätten diesen
ungeheuren Strom voll Haifische und brandend wie das Meer gesehen. Andere
nannten wenigstens den Hyphasis der Wahrheit gemäß als das Ende des
makedonischen Zuges; aber, um doch irgendwie zu erklären, warum der
Eroberung ein Ziel gesetzt worden, haben sie aus dem letzten Anlaß der
Umkehr einen Kausalzusammenhang hergeleitet, über dessen Wert weder die
sonstige Glaubwürdigkeit der Berichterstatter noch der verdachtlose Glaube,
der ihnen seit zwei Jahrtausenden geschenkt worden, täuschen darf.

Alexander, so wird erzählt, war an den Hyphasis vorgedrungen, mit der
Absicht, auch das Land jenseits zu unterwerfen, denn es schien ihm kein
Ende des Krieges, solange noch irgend Feindliches da war. Da erfuhr er,
jenseits des Hyphasis sei ein reiches Land und drinnen ein Volk, das
fleißig den Acker baue, die Waffen mit Mut führe, sich einer wohlgeordneten
Verfassung erfreue; denn die Edelsten beherrschten das Volk ohne Druck und
Eifersucht; die Kriegselefanten seien dort mächtiger, wilder und in
größerer Zahl als irgendwo sonst in Indien. Das alles erregte des Königs
Verlangen, weiterzudringen. Aber die Makedonen sahen mit Sorge, wie ihr
König Mühe auf Mühe, Gefahr auf Gefahr häufe; sie traten hier und da im
Lager zusammen, sie klagten um ihr trauriges Los, sie schwuren einander,
nicht weiter zu folgen, wenn es Alexander auch geböte. Als der König das
erfuhr, eilte er, bevor die Unordnung und die Mutlosigkeit der Truppen um
sich griffe, die »Führer der Taxeis« zu berufen. »Da sie«, so sprach er,
»ihm nicht weiter, von gleicher Gesinnung beseelt, folgen wollten, so habe
er sie herbeschieden, um entweder sie von der Rätlichkeit des weiteren
Zuges zu überzeugen, oder von ihnen überzeugt zurückzukehren; erscheine
ihnen das bisher Durchkämpfte und seine eigene Führung tadelnswert, so habe
er nichts Weiteres zu sagen; er kenne für den hochherzigen Mann kein andere
Ziel alles Kämpfens als die Kämpfe selbst; wolle jemand das Ende seiner
Züge wissen, so sei es nicht mehr weit bis zum Ganges, bis zum Meere im
Osten; dort werde er seinen Makedonen den Seeweg zum Hyrkanischen, zum
Persischen Meere, zum libyschen Strande, zu den Säulen des Herakles zeigen;
die Grenzen, die der Gott dieser Welt gegeben, sollten die Grenzen des
makedonischen Reiches sein; noch aber sei jenseits des Hyphasis bis zum
Meer im Osten manches Volk zu bewältigen, und von dort bis zum Hyrkanischen
Meere schweiften noch die Horden der Skythen unabhängig umher; seien denn
die Makedonen vor Gefahren bange? Vergäßen sie ihres Ruhmes und der
Hoffnung? Einst, wenn die Welt überwunden, werde er sie heimführen gen
Makedonien, überreich an Habe, an Ruhm, an Erinnerungen.« Nach dieser Rede
Alexanders entstand ein langes Schweigen, niemand wagte entgegenzusprechen,
niemand beizustimmen; umsonst forderte der König wiederholt zum Sprechen
auf: er werde auch der entgegengesetzten Meinung Gehör schenken. Lange
schwieg man; endlich erhob sich Koinos, des Polemokrates Sohn, der Strateg
der elymiotischen Phalanx, der so oft, jüngst noch in der Schlacht am
Hydaspes, sich bewährt hatte; »der König wolle, daß das Heer nicht sowohl
seinem Befehl, als der eigenen Überzeugung folge; so spreche er denn nicht
für sich und die Führer, da sie zu allem bereit seien, sondern für die
Menge im Heer, nicht um ihr zu gefallen, sondern zu sagen, was dem Könige
selbst für jetzt und künftig das Sicherste sein werde; sein Alter, seine
Wunden, des Königs Vertrauen gäben ihm ein Recht, offen zu sein; je mehr
Alexander und das Heer vollbracht, desto notwendiger sei es, endlich ein
Ziel zu setzen; wer von den alten Kriegern noch übrig sei, wenige im Heere,
andere in den Städten zerstreut, sehnten sich nach der Heimat, nach Vater
und Mutter, nach Weib und Kind zurück; dort wollten sie den Abend ihres
Lebens, im Schoß der Ihrigen, in der Erinnerung ihres tatenreichen Lebens,
im Genuß des Ruhmes und der Habe, die Alexander mit ihnen geteilt,
verleben; solches Heer sei nicht zu neuen Kämpfen geschickt, Alexander möge
sie heimführen, er werde seine Mutter wiedersehen, er werde die Tempel der
Heimat mit Trophäen schmücken; er werde, wenn er nach neuen Taten verlange,
ein neues Heer rüsten und gegen Indien oder Libyen, gegen das Meer im
Osten oder jenseits der Heraklessäulen ziehen, und die gnädigen Götter
würden ihm neue Siege gewähren; der Götter größtes Geschenk aber sei die
Mäßigung im Glück; nicht den Feind, wohl aber die Götter und ihr Verhängnis
müsse man scheuen.« Unter allgemeiner Bewegung schloß Koinos seine Rede;
viele vermochten die Tränen nicht zu hemmen; es war offenbar, wie der
Gedanke der Heimkehr ihr Herz erfüllte. Unwillig über die Äußerungen des
Strategen und die Zustimmung, die sie fanden, entließ Alexander die
Versammlung. Am nächsten Tage berief er sie von neuem; »er werde«, so
sprach er, »in kurzem weitergehen, er werde keinen Makedonen nötigen, zu
folgen, noch seien genug der Tapferen übrig, die nach neuen Taten
verlangten, die übrigen möchten heimziehen, es sei ihnen erlaubt; sie
möchten in ihrer Heimat berichten, daß sie ihren König mitten in
Feindesland verlassen hätten.« Nach diesen Worten verließ er die
Versammlung und zog sich in sein Zelt zurück; während dreier Tage zeigte er
sich den Makedonen nicht; er erwartete, daß sich die Stimmung im Heere
ändern, daß sich die Truppen zur weiteren Heerfahrt entschließen würden.
Die Makedonen empfanden des Königs Ungnade schwer genug, aber ihr Sinn
änderte sich nicht. Dessenungeachtet opferte der König am vierten Tage an
den Ufern des Stromes wegen des Überganges, die Zeichen des Opfers waren
nicht günstig; darauf berief er die ältesten und die ihm anhänglichsten der
Hetairen, verkündete ihnen und durch sie dem Heere, daß er die Rückkehr
beschlossen habe. Die Makedonen weinten und jubelten vor Freude, sie
drängten sich um des Königs Zelt und priesen ihn laut, daß er, stets
unbesiegt, sich von seinen Makedonen habe besiegen lassen.

So die Erzählung nach Arrian; bei Curtius und Diodor ist sie in einigen
Nebenumständen verändert und erweitert, die sozusagen rhetorischer Natur
sind. Alexander habe die Truppen, um sie für den weiteren Feldzug geneigt
zu machen, auf Plünderung in die sehr reichen Ufergegenden des Hyphasis,
also in das befreundete Land des Phegeus, ausgesandt, und während der
Abwesenheit der Truppen den Weibern und Kindern der Soldaten Kleider und
Vorräte aller Art, namentlich den Sold eines Monats zum Geschenk gemacht;
dann habe er die mit Beute heimkehrenden Soldaten zur Versammlung berufen
und nicht etwa im Kriegsrat, sondern vor dem gesamten Heere die wichtige
Frage über den weiteren Zug verhandelt.

Strabo sagt: Alexander sei zur Umkehr bewogen worden durch gewisse heilige
Zeichen, durch die Stimmung des Heeres, das den weiteren Heereszug wegen
der ungeheueren Strapazen, die es bereits erduldet, versagte, vor allem
aber, weil die Truppen durch den anhaltenden Regen sehr gelitten hätten.
Diesen letzten Punkt muß man in seiner ganzen Bedeutsamkeit vor Augen
haben, um die Umkehr am Hyphasis zu begreifen. Kleitarch, den man in den
Worten Diodors wiedererkennt, stellt das Elend der Truppen in den
krassesten Bildern dar: »wenige von den Makedonen«, sagt er, »waren übrig,
und diese der Verzweiflung nahe, durch die Länge der Feldzüge waren den
Pferden die Hufe abgenutzt, durch die Menge der Schlachten die Waffen der
Krieger stumpf und zerbrochen; hellenische Kleider hatte niemand mehr,
Lumpen barbarischer und indischer Beute, elend aneinander geflickt, deckten
die benarbten Leiber der Welteroberer; seit siebzig Tagen waren die
furchtbarsten Regengüsse unter Stürmen und Gewittern vom Himmel
herabgeströmt.« Allerdings waren gerade jetzt die Peschekal, die tropischen
Regen, mit den weiten Überschwemmungen der Ströme in ihrer vollen Höhe; man
vergegenwärtige sich, was ein abendländisches Heer, seit drei Monaten im
Lager oder auf dem Marsche, durch dies furchtbare Wetter, durch die
dunstige Nässe des ungewohnten Klimas, durch den unvermeidlichen Mangel an
Bekleidung und den gewohnten Lebensmitteln gelitten haben, wieviel Menschen
und Pferde der Witterung und den Krankheiten, die sie erzeugte, erlegen
sein mußten, wie endlich durch das um sich greifende Siechtum, durch die
unablässige Qual der Witterung, der Entbehrung, der schlechten Wege und
unaufhörlichen Märsche, durch die gräßliche Steigerung des Elends, der
Sterblichkeit und der Hoffnungslosigkeit die moralische Kraft mit der
physischen zugleich gebrochen sein mochte, -- und man wird es begreiflich
finden, daß in diesem sonst so kriegstüchtigen und enthusiastischen Heere
Mißmut, Heimweh, Erschlaffung, Indolenz einreißen, das allgemeine und
einzige Verlangen sein konnte, dies Land, ehe zum zweiten Male die
furchtbaren Monate der tropischen Regen kämen, weit hinter sich zu haben.
Und wenn Alexander jener Stimmung im Heere und der Weigerung weiterer
Heeresfolge nicht mit rücksichtsloser Strenge entgegentrat, sondern, statt
sie durch alle Mittel soldatischer Disziplin zu brechen und zu strafen, ihr
endlich nachgab, so ist dies ein Beweis, daß ihr nicht Meuterei und Haß
gegen den König zugrunde lag, sondern daß sie die nur zu begreifliche Folge
jener endlosen Leiden der letzten drei Monate war.

Wohl scheint es Alexanders Wille gewesen zu sein, seine siegreichen Waffen
bis zum Ganges und bis zum Gestade des Ostmeeres hinauszutragen. Nicht mit
gleicher Wahrscheinlichkeit lassen sich die Gründe angeben, die ihn dazu
bestimmten. Vielleicht waren es die Berichte von der kolossalen Macht der
Fürsten am Ganges, von den unendlichen Schätzen der dortigen Residenzen,
von allen Wundern des fernen Ostens, wie er sie in Europa und Asien hatte
preisen hören, vielleicht nicht minder das Verlangen, in dem östlichen
Meere eine Grenze der Siege und neue Wege zu Entdeckungen und
Weltverbindungen zu finden; vielleicht war es ein Versuch, durch ein
äußerstes Mittel den Mut der Truppen aufzurichten, deren moralische Kraft
unter der Riesenmacht der tropischen Natur zusammenbrach. Er mochte hoffen,
daß die Kühnheit seines neuen Planes, daß die große Zukunft, die er dem
verzagenden Blicke seiner Makedonen zeigte, daß sein Aufruf und der
wiederentzündete Enthusiasmus seines unablässigen Vorwärts sein Heer alles
Leiden vergessen lassen und mit neuer Kraft entflammen werde. Er hatte sich
geirrt; Ohnmacht und Klage war das Echo seines Aufrufs. Der König versuchte
das ernstere Mittel der Beschämung und seiner Unzufriedenheit; er entzog
sich den Blicken seiner Getreuen, er ließ sie seinen Unwillen fühlen, er
hoffte, sie durch Scham und Reue aus ihrem Elend und ihrer Demoralisation
emporzureißen; bekümmert sahen die Veteranen, daß ihr König zürne, zu
ermannen vermochten sie sich nicht. Drei Tage herrschte im Lager das
qualvolle Schweigen; Alexander mußte erkennen, daß alles Bemühen
vergeblich, schärfere Versuche bedenklich seien. Er ließ an den Ufern des
Stromes die Opfer zum Übergange feiern, und die gnädigen Götter weigerten
ihm die günstigen Zeichen der weiteren Heerfahrt; sie geboten,
heimzukehren. Der Ruf zur Heimkehr, der nun durch das Lager ertönte, wirkte
wie ein Zauber auf die Gemüter der Entmutigten; jetzt war das Leiden
vergessen, jetzt alles Hoffnung und Jubel, jetzt in allen neue Kraft und
neuer Mut; von allen Alexander allein mag trauernd gen Abend geblickt
haben.

Diese Umkehr Alexanders am Hyphasis, für ihn der Anfang seines
Niederganges, wenn man die Summe seines Lebens und Strebens in der Devise
des abendländischen Monarchen neuerer Zeit, der sich zuerst rühmen konnte,
daß in seinem Reiche die Sonne nicht untergehe, in dem #plus ultra# zu
finden glaubt, -- sie war, nach dem Sinne seiner Aufgabe in der Geschichte
eine Notwendigkeit, vorbereitet und vorgedeutet in dem Zusammenhang dessen,
was er bis daher getan und begründet hatte; und selbst wenn man zweifeln
kann, ob seine eigene Einsicht oder die Gewalt der Umstände ihn zu diesem
Entschlusse zwangen, dessen Bedeutung bleibt dieselbe. Der weitere Feldzug
gen Osten hatte den Westen so gut wie preisgegeben; schon jetzt waren aus
den persischen und syrischen Provinzen Berichte eingegangen, die deutlich
genug zeigten, welche Folgen von einer noch längeren Abwesenheit des
Königs, von der noch weiteren Entfernung der streitbaren Macht zu erwarten
waren; Unordnungen aller Art, Bedrückungen gegen die Untertanen, Anmaßungen
der Satrapen, gefährliche Wünsche und verbrecherische Versuche von
persischen und makedonischen Großen, die, während Alexander an den Indus
hinabgezogen war, sich ohne Aufsicht und Verantwortung zu fühlen begannen,
hätten durch einen weiteren Feldzug in die Gangesländer ungefährdet weiter
wuchern und vielleicht zu einer vollkommenen Auflösung des noch keineswegs
fest gegründeten Reiches führen können. Selbst angenommen, daß der
außerordentliche Geist Alexanders noch aus dem fernsten Osten her die
Zügel der Herrschaft fest und streng anzuziehen vermocht hätte, die größten
Erfolge in den Gangesländern wären für das Bestehen des Reiches am
gefährlichsten gewesen; die ungeheuere Ausdehnung dieses Stromgebietes
hätte einen unverhältnismäßigen Aufwand von abendländischen Besatzungen
gefordert, und endlich doch eine wahrhafte Unterwerfung und Verschmelzung
mit dem Reiche unmöglich gemacht.

Dazu ein Zweites; eine Wüste von nicht geringerer Ausdehnung als die
Halbinsel Kleinasien, scheidet die Ostländer Indiens vom Fünfstromlande;
ohne Baum, ohne Gras, ohne anderes Wasser als das brackige der engen, bis
dreihundert Fuß tiefen Brunnen, unerträglich durch den wehenden Flugsand,
durch den glühenden Staub, der in der schwülen Luft flirrt, noch
gefährlicher durch den plötzlichen Wechsel der Tageshitze und der
nächtlichen Kühle, ist diese traurige Einöde die fast unüberwindliche
Vormauer des Gangeslandes; nur ein Weg führt vom Norden am Saume der
Imaosketten vom Hyphasis und Hesudros zu den Strömen des Ganges, und mit
Recht nennen ihn die Morgenländer ein zu schwaches Band, um das große und
überreiche Gangesland an die Krone von Persien zu heften.

Endlich wird man sagen dürfen, daß Alexanders Politik, wenn man sie von dem
ersten Eintritt in das indische Land an verfolgt, mit Sicherheit schließen
läßt, daß seine Absicht nicht gewesen ist, das Fünfstromland, geschweige
gar die Länder des Ganges zu unmittelbaren Teilen seines Reiches zu machen.
Das Reich Alexanders hatte mit der indischen Satrapie im Westen des Indus
seine natürliche Grenze; mit den Hochpässen des »Kaukasus« beherrschte er,
wie nordwärts das Land des Oxos und Sogdflusses, so südwärts das des Kophen
und Indus; was ostwärts vom Indus lag, sollte unter einheimischen Fürsten
unabhängig, aber unter makedonischem Einfluß bleiben, wie derselbe in der
eigentümlichen Stellung der Fürsten Taxiles und Poros zueinander und zum
Könige sicher genug begründet war; selbst der so hoch begünstigte Poros
erhielt nicht alles Land bis zum östlichen Grenzstrom des Pandschab; wie
auf der einen Seite Taxiles, so wurden auf der anderen Seite die
unabhängigen Fürstentümer des Phegeus und Sopeithes ein Gegengewicht, zwei
Fürsten, die, zu unbedeutend, um mit eigener Macht etwas wagen zu können,
einzig in der Ergebenheit gegen Alexander Kraft und Halt finden konnten. So
waren diese Fürsten, ähnlich dem Rheinbunde der neueren Zeit, durch
gegenseitige Furcht und Eifersucht der Abhängigkeit von der überlegenen
Macht Alexanders, wenn er auch nach Westen zurückkehrte, gesichert; sollte
eine Eroberung des Gangeslandes möglich sein, so hätte Alexander das
Fünfstromland, wie früher in Baktrien und Sogdiana, wenn auch mit denselben
strengen Mitteln und gleichem Zeitaufwand sich vollkommen unterwerfen
müssen, und selbst des sogdianischen Landes Meister, hatte er es
aufgegeben, von dort bis zu dem Meere vorzudringen, das er nordwärts hinter
den Gebieten der Skythen nahe geglaubt hatte. In gleicher Weise wird er von
Poros und Taxiles erfahren haben, welche Weiten bis zum Ganges, bis zu dem
Meere, in das dessen Wasser strömen, zu durchmessen seien. Das Land am
Kophenfluß, den Vorhof Indiens, hatte er mit fester Hand gefaßt, wie in der
Sogdiana eine Nordmark, so in den abhängigen Fürstentümern im Fünfstromland
ein noch entwickelteres Marksystem begründet; er scheint sich von Anfang an
her überzeugt zu haben, daß die Bevölkerung des Induslandes in allen
Verhältnissen des Lebens, des Staates und der Religion zu eigentümlich
entwickelt und in ihrer Entwicklung zu fertig war, als daß sie schon jetzt
für das hellenistische Reich gewonnen werden konnte; Alexander konnte nicht
daran denken, jenseits der nur verbündeten Fürstentümer eine neue Reihe von
Eroberungen seinem Reiche in der Form unmittelbarer Abhängigkeit
einzuverleiben. Und wenn er bereits nach der Schlacht am Hydaspes den Bau
einer Flotte beginnen ließ, die sein Heer den Indus hinab zum Persischen
Meere bringen sollte, so zeigt dies unzweideutig, daß er auf dem Wege des
Indus, nicht des Ganges, zurückzukehren die Absicht hatte, daß also sein
Zug gegen die Gangesländer nicht mehr als ein Streifzug, eine »Kavalkade«
sein sollte. Man darf vermuten, daß, wenn sie mehr hätte sein wollen, sie,
wie Napoleons großer Feldzug gen Osten, von einer Operationsbasis kaum
bewältigter Fürstentümer aus, die nur durch die schwachen Bande der
Dankbarkeit, der Furcht und Selbstsucht an den Eroberer gefesselt waren,
wahrscheinlich einen ebenso traurigen Ausgang gehabt haben würde.



  Viertes Kapitel

  Die Rückkehr -- Die Flotte auf dem Akesines -- Der Kampf
  gegen die Maller -- Alexander in Lebensgefahr -- Die Kämpfe
  am unteren Indus -- Abmarsch des Krateros -- Die Kämpfe im
  Indusdelta -- Alexanders Fahrt in den Ozean -- Sein Abmarsch
  aus Indien


Es mochte in den letzten Tagen des August 326 sein, als sich das
makedonische Heer an den Ufern des Hyphasis zum Rückmarsch rüstete. Nach
den Anordnungen des Königs errichtete das Heer an den Ufern des Stromes
zwölf mächtige turmähnliche Altäre, zum Dank für die Götter, die es bisher
siegreich hatten vordringen lassen, und zum Gedächtnis dieses Königs und
dieses Heeres. Alexander opferte auf diesen Altären, während von den
Truppen Kampfspiele aller Art nach hellenischem Brauche gefeiert wurden.

Dann brach das Heer nach Westen auf; es war befreundetes Land, durch
welches der Weg führte; ohne andere Schwierigkeiten, als die des noch immer
häufigen Regens, gelangte man zum Hyarotis, und über diesen durch die
Landschaft Gandaritis an die Ufer des Akesines; hier an der Passage des
Stromes stand bereits die Stadt, mit deren Bau Hephaistion beauftragt
worden war, fertig. Alexander ließ hier kurze Zeit rasten, um teils für die
Hinabfahrt zum Indus und ins »große Meer« die nötigen Vorbereitungen zu
treffen, teils die neue Stadt zu kolonisieren, zu welchem Ende die Inder
der Umgegend zur Ansiedlung aufgefordert und zugleich die kampfunfähigen
Söldner aus dem Heere hierselbst ansässig gemacht wurden.

Während dieser Rastzeit kam der Bruder des Fürsten Abisares von Kaschmir
und andere kleine Fürsten der oberen Gegenden, alle mit vielen und
kostbaren Geschenken, dem großen Könige ihre Huldigungen darzubringen;
namentlich sandte Abisares dreißig Elefanten und ließ in Antwort auf den
Befehl, den der König ihm hatte zukommen lassen, in Person zu erscheinen,
seine vollkommenste Ergebenheit versichern und eine Krankheit, die ihn
darniedergeworfen, als Entschuldigung für sein Nicherscheinen angeben. Da
die von Alexander nach Kaschmir gesandten Makedonen diese Angaben
bestätigten, und das jetzige Benehmen des Fürsten für seine weitere
Ergebenheit zu bürgen schien, so wurde ihm sein Fürstentum als Satrapie
übergeben und der Tribut bestimmt, den er hinfort zu entrichten habe, auch
das Fürstentum des Arsakes (Uraça in der Nähe von Kaschmir) in den Bereich
seiner Macht gegeben. Nach feierlichen Opfern zur Weihe der neuen Stadt
ging Alexander über den Akesines, gegen Mitte September trafen die
verschiedenen Heeresabteilungen in Bukephala und Nikaia am Hydaspes
zusammen.

Es war ein großer und zukunftreicher Gedanke des Königs, aus dem Gebiet des
Indusstromes, das er jetzt nach Osten durchzogen hatte, nicht etwa auf dem
Wege, den er gekommen, in sein Reich zurückzukehren, sondern ebenso in den
Ländern stromabwärts die Gewalt seiner Waffen geltend zu machen und den
Samen des hellenistischen Lebens auszustreuen. Sein Verhältnis zu dieser
neuentdeckten indischen Welt, nicht das eines unmittelbaren Herrschers,
sondern auf den jetzt zum ersten Male eröffneten Verkehr mit jenen Völkern
begründet, auf das allmähliche Wachstum dieser neuen Verbindungen und
Anfänge berechnet, hätte, wenn etwa nur die indische Satrapie mit dem
Kophenstrome das vermittelnde Band blieb, weder durchgreifend wirken, noch
selbst für die Dauer bestehen können. Wenn auch jene Satrapie die
Hauptstraße des gegenseitigen Verkehrs darbot, so mußte doch die ganze
Linie des Indusstromes in den Händen der Makedonen sein, es mußten die
tiefer am Strome wohnenden Völker denselben Einfluß wie die Völker des
Fünfstromlandes anerkennen lernen, es mußte um so entschiedener gegen sie
verfahren werden, je mehr manche derselben, namentlich die Maller und
Oxydraker, auf ihre Unabhängigkeit und ihren kriegerischen Ruhm trotzten
und jeden fremden Einfluß verabscheuten oder verachteten; vor allem mußte
dieser Einfluß selbst durch hellenistische Kolonien am Indusstrome Halt und
Nachdruck erhalten. In diesem Plane war es, daß Alexander schon, als er von
dem Hydaspes gen Osten aufgebrochen war, den Befehl zum Bau der großen
Stromflotte gegeben hatte, mit der er zum Indus und bis zum großen Meere
hinabzusegeln gedachte; jetzt, da es unmöglich geworden war, den Feldzug
bis zum Ganges und zum Ostmeere fortzusetzen, mochte sich Alexander mit
doppeltem Eifer zu dieser Expedition wenden, die, wenn nicht ebensoviel
Ruhm und Beute, wie die Heerfahrt zum Ganges, so doch gewiß große Erfolge
erwarten ließ.

Während der vier Monate, die Alexander vom Hydaspes entfernt gewesen, hatte
sich die äußere Gestalt dieser Gegend, in der seine beiden Städte lagen,
vollkommen verwandelt. Die Regenzeit war vorüber, die Wasser begannen in
ihr altes Bett zurückzutreten, und weite Reisfelder, auf dem Fruchtboden
der Überschwemmungen im üppigsten Grün, zogen sich auf der linken Seite des
Stromes hinab; das Ufer drüben unter den waldigen Höhen war meilenweit mit
Schiffswerften bedeckt, auf denen Hunderte von großen und kleinen
Fahrzeugen teils noch gezimmert wurden, teils schon fertig standen;
Flößholz aus dem Gebirge, Kähne mit Vorräten aller Art, Transporte von Bau-
und Kriegsmaterial kamen auf dem Strome daher, dessen Ufer das bunte
Treiben eines lagernden und rastenden Heeres aller Nationen seltsam genug
belebte. Alexanders nächste Sorge war, die beiden Festen, die, schnell und
auf tiefem Grunde erbaut, in ihren Erdwällen und Baracken durch die Gewalt
des Wassers manchen Schaden erlitten hatten, vollständiger und dauerhafter
auszubauen. Dann wurde die Ausrüstung der Schiffe begonnen; nach
hellenischer Sitte ernannte Alexander aus der Zahl der Reichsten und
Vornehmsten in seiner Umgebung 33 Trierarchen, denen diese Leiturgie, die
Ehrenleistung einer stattlichen und tüchtigen Schiffsausrüstung, zum
Gegenstand eines für die Sache selbst sehr förderlichen Wetteifers wurde.
Das Verzeichnis dieser Trierarchen gibt eine lehrreiche Übersicht der
Umgebung des Königs. Es sind 24 Makedonen: die sieben Leibwächter des
Königs, sowie der demnächst als achter dazu ernannte Peukestas; der Strateg
und Hipparch Krateros, von den Strategen der Phalanx Attalos, von den
Chiliarchen der Hypaspisten Nearchos, ferner Laomedon, der nicht Soldat
war, Androsthenes, der nach der Rückkehr nach Babylon die Flotte um Arabien
führte; von den übrigen elf Makedonen wird keiner sonst erwähnt, mancher
von ihnen mag wie Laomedon im Zivil- oder wenigstens Intendanturdienst
gestanden haben, Geschäfte, deren Umfang und Bedeutung bei diesem Heere,
auch wenn nichts davon überliefert ist, sich von selbst versteht. Dann sind
sechs Hellenen Trierarchen, unter ihnen des Königs Schreiber, Eumenes von
Kardia, und der Larissäer Medios, einer der Vertrautesten des Königs.
Endlich der Perser Bagoas und zwei Cyprioten, Königssöhne. Ob diese
Trierarchen die ganze Flotte oder nur die größeren Schiffe, die 80
Dreißigruderer, ausrüsteten, ist nicht mehr zu erkennen.

Zur Bemannung der Stromflotte wurden aus dem Heere die Phöniker, Ägypter,
Cyprier, Griechen der Inseln und asiatischen Küste ausgewählt und als
Schiffsleute und Ruderer auf die Fahrzeuge verteilt; und in weniger als
einem Monat war alles zur Abfahrt fertig. Tausend Fahrzeuge aller Art lagen
auf dem Strom bereit, unter diesen die achtzig als Kriegsschiffe
eingerichtet, zweihundert unbedeckte Schiffe zum Transport von Pferden;
alle übrigen Fahrzeuge, aus den Ufergegenden, wie man sie gerade vorfand,
beigetrieben, waren zum Fortschaffen von Truppen und zum Nachfahren der
Lebensmittel und Kriegsmaterialien bestimmt, wovon nach einer unsicheren
Nachricht eben jetzt große Transporte zugleich mit neuen Truppen,
sechstausend Reitern und mehreren tausend Mann Fußvolks, angekommen sein
sollen.

In den ersten Tagen des November sollte die Stromfahrt beginnen. Der König
berief die Hetairen und die indischen Gesandten, die beim Heere waren,
ihnen das weiter Nötige mitzuteilen. Er durfte die Hoffnung aussprechen,
daß der Frieden, den er dem Fünfstromlande wiedergegeben, für die Dauer
gegründet und durch seine Anordnung gesichert sein werde. Dem Fürsten Poros
wurden die Erweiterungen seines Gebiets, die sieben Völker und zweitausend
Städte umfaßten und sich bis in die Nähe des Hyphasis erstreckten,
bestätigt, sein Verhältnis zu den Nachbarfürsten Abisares, Sopeithes und
Phegeus festgestellt, dem Fürsten Taxiles der unabhängige Besitz seiner
alten und neuen Länder zuerkannt, die abhängigen Fürstentümer im Bereich
der indischen Satrapie mit ihren Tributen und anderweitigen Verpflichtungen
an den dortigen Satrapen verwiesen, ihre, sowie die anderen indischen
Kontingente in die Heimat entlassen. Sodann die Weisungen für den ferneren
Zug: der König selbst werde mit allen Hypaspisten, mit den Agrianern und
Bogenschützen, mit dem Geleit der Ritterschaft, im ganzen etwa achttausend
Mann, zu Schiffe gehen, der Chiliarch Nearchos den Befehl über die gesamte
Flotte, Onesikritos aus Astypaleia die Führung des königlichen Schiffes
erhalten; die übrigen Truppen sollten in zwei Kolonnen verteilt zu beiden
Seiten des Stromes hinabziehen, die eine unter Krateros' Führung auf dem
rechten, dem westlichen Ufer, die andere größere, bei welcher die
zweihundert Elefanten, auf dem linken unter Hephaistions Führung; beide
wurden angewiesen, möglichst schnell vorzurücken, drei Tage stromabwärts
haltzumachen und die Stromflotte zu erwarten; dort sollte der Satrap
Philippos von der indischen Satrapie zu ihnen stoßen.

Noch eine Trauerfeier war zu begehen, ehe es zum Aufbruch kam. Der Hipparch
und Strateg Koinos war einer Krankheit erlegen; die Überlieferung scheint
anzudeuten, daß der König ihm jenen Vorgang am Hyphasis nicht vergessen
habe: »nach den Umständen glänzend« wurde er bestattet.

Dann kam der zur Abfahrt bestimmte Tag; mit dem Morgen begann das
Einschiffen der Truppen; auf beiden Seiten des Stromes hatten Hephaistion
und Krateros ihre Phalangen, ihre Reiterei, ihre Elefanten in glänzender
Schlachtlinie aufrücken lassen; während sich ein Schiffsgeschwader nach dem
anderen ordnete, hielt der König an den Ufern des Stromes feierliche Opfer
nach hellenischem Brauch; nach der Weisung der vaterländischen Priester
opferte er den Göttern der Heimat, dem Poseidon, der hilfreichen
Amphitrite, dem Okeanos, den Nereiden, dem Strome Hydaspes; dann stieg er
auf sein Schiff, trat an den Bord des Vorderteiles und spendete aus
goldener Schale, ließ den Trompeter das Signal zum Aufbruch blasen, und
unter Trompetenschmettern und Alalageschrei schlugen die Ruder von allen
Schiffen zugleich in die Wellen. So fuhr das segelbunte Geschwader, die
achtzig Kriegsschiffe vorauf, in schönster Ordnung den Strom hinab, ein
wunderbares und unbeschreibliches Schauspiel. »Mit nichts vergleichen läßt
sich dies Rauschen des Ruderschlages, der auf allen Schiffen zugleich sich
wechselnd hob und senkte, dies Kommando der Schiffsführer, wenn das Rudern
ruhen, wenn wieder beginnen sollte, das Alala der Matrosen, mit dem sie die
Ruder wieder ins Wasser schlugen; zwischen den hohen Ufern hallte das Rufen
desto mächtiger, und in den Schluchten bald rechts, bald links gab das Echo
es zurück; dann wieder umschlossen Wälder den Strom, und fern in der
Waldeinsamkeit widerhallte der Fahrenden Ruf; bei Tausenden standen die
Inder an den Ufern und sahen staunend dies fahrende Heer und die
Streitrosse auf den Schiffen mit bunten Segeln, und die wunderbare stets
gleiche Ordnung der Geschwader; sie jauchzten dem Rufe der Ruderer entgegen
und zogen, ihre Lieder singend, den Strom mit hinab. Denn es gibt kein
Volk, das den Gesang und Tanz mehr liebt als die Inder.«

Nach einer dreitägigen Fahrt kam der König zu der Ufergegend, wo Krateros
und Hephaistion die Flotte erwarten sollten; sie lagerten schon zu beiden
Seiten des Stromes. Hier rastete Heer und Flotte zwei Tage, um den Satrapen
Philippos mit der Nachhut der großen Armee herankommen zu lassen. Sobald
die gesamte makedonische Kriegsmacht -- 120 000 Kombattanten zählte sie
jetzt -- beieinander war, traf der König die Einrichtungen, welche beim
baldigen Einrücken in fremdes Gebiet und zunächst zur Unterwerfung des
Landes bis zur Akesinesmündung nötig waren; namentlich wurde Philippos
linksab an den Akesines detachiert, um sich des westlichen Stromufers zu
versichern; Hephaistion und Krateros zogen rechts und links vom Hydaspes
etwas landeinwärts weiter; jenseits der Akesinesmündung sollte die gesamte
Heeresmacht wieder zusammentreffen, um den Feldzug gegen die Maller und
Oxydraker von dort aus zu beginnen. Denn schon war von den bedeutenden
Rüstungen, die diese großen und streitbaren Völker machten, Nachricht
eingelaufen; schon hätten sie, hieß es, ihre Weiber und Kinder in die
festen Plätze gebracht, und bei vielen Tausenden zögen sich Bewaffnete an
den Hyarotis zusammen. Der König glaubte um so mehr vorwärtseilen und den
Feldzug eröffnen zu müssen, ehe der Feind seine Rüstungen vollendet hätte.
So ging die Flotte nach zweitägiger Rast weiter den Strom hinab; überall,
wo sie anlangte, unterwarfen sich die Anwohner freiwillig oder wurden mit
leichter Mühe dazu gezwungen.

Am fünften Tage hoffte Alexander die Mündung des Akesines in den Hydaspes
zu erreichen; er hatte bereits in Erfahrung gebracht, daß diese Stelle für
die Schiffahrt schwierig sei, daß sich die Ströme unter starkem
Wellenschlag und vielen Strudeln vermischten, um dann in ein schmales Bett
zusammengedrängt mit Ungestüm weiterzuströmen. Diese Nachrichten waren auf
der Flotte verbreitet und zugleich zur Vorsicht ernstlich ermahnt worden.
Gegen Ende der fünften Tagefahrt hörte man aus Süden her ein gewaltiges
Brausen, ähnlich dem der Meeresbrandung bei hohler See; staunend hielten
die Ruderer der ersten Geschwader inne, unschlüssig, ob das Meer, oder ein
Unwetter, oder was sonst nahe sei; dann belehrt und ermahnt zu rüstiger
Arbeit, wenn sie der Mündung nahten, fuhren sie weiter. Immer mächtiger
wurde das Brausen, die Ufer verengten sich, schon sah man die Mündung, eine
wildwogende, schaumige Stromesbrandung, in der die Flut des Hydaspes
senkrecht auf die Wassersäule des Akesines stürzt und in strudelnder,
tosender Wut gegen ihn kämpft, um pfeilgeschwind mit ihm zwischen den engen
Ufern hinabzubrausen. Noch einmal ermahnten die Steuerleute zur Vorsicht
und zur höchsten Anstrengung der Arbeit, um durch die Gewalt der Ruder die
Strömung, die die Schiffe in die Strudel gerissen hätte, wo sie unrettbar
verloren waren, zu überwinden und möglichst schnell aus der Stromenge in
freieres Wasser zu gelangen. Und schon riß der Strom die Menge mit sich
fort, mit unsäglicher Mühe hielten Ruder und Steuer die Richtung; mehrere
Fahrzeuge wurden überwältigt, in die Strudel gerissen, kreiselnd umgedreht,
die Ruder zerbrochen, die Flanken beschädigt, sie selbst mit genauer Not
vor dem Untergehen gerettet; besonders die langen Schiffe waren in großer
Gefahr, zwei von ihnen, gegeneinandergejagt, zerschellten und versanken;
leichtere Fahrzeuge trieben ans Ufer; am glücklichsten kamen die breiten
Lastschiffe durch, die, von dem Strudel ergriffen, zu breit um
umzuschlagen, von der Gewalt der Wellen selbst wieder in die rechte
Richtung gebracht wurden. Alexander selbst soll mit seinem Schiffe in den
Strudeln und in der augenscheinlichsten Lebensgefahr gewesen sein, so daß
er schon sein Oberkleid abgeworfen hatte, um sich in das Wasser zu stürzen
und sich durch Schwimmen zu retten.

So kam die Flotte nicht ohne bedeutenden Verlust über die gefährliche
Stelle hinaus; erst eine Stunde abwärts wurde das Wasser ruhiger und
freier; der Strom wendet sich hier um die Uferhügel rechts hin; hinter
ihnen konnte man bequem und vor der Strömung gesichert anlegen, zugleich
war das weit hinausreichende Uferland zum Auffangen der hinabtreibenden
Scheiter und Leichname geeignet. Der König ließ hier die Flotte anlegen und
befahl dem Nearch, die Ausbesserung der beschädigten Fahrzeuge möglichst
schnell zu bewerkstelligen. Er selbst benutzte die Zeit zu einer Exkursion
ins Land, damit die streitbaren Völker dieser Landschaft, die Siber und
Agalasser, den Mallern und Oxydrakern, von denen sie der Akesines trennte,
nicht etwa bei dem bevorstehenden Angriff der Makedonen zu Hilfe kämen.
Nach einem Marsche von sechs Meilen, der dazu benutzt wurde, durch
Verwüstungen Schrecken zu verbreiten, stand Alexander vor der nicht
unbedeutenden Hauptstadt der Siber; sie wurde ohne große Mühe erstürmt.
Nach einem anderen Berichte ergab sie sich freiwillig.

Bei seiner Rückkehr zum Akesines fand Alexander die Flotte in segelfertigem
Stand, auch war Krateros im Lager, Hephaistion und Philippos oberhalb der
Strommündung angekommen. Sofort wurden die Anordnungen für den Zug gegen
die Maller getroffen, deren Gebiet etwa sieben Meilen stromabwärts bei der
Hyarotismündung begann und an diesem Strome weit gen Norden hinaufreichte.
Sie waren, das wußte der König, auf einen Angriff gefaßt und gerüstet; sie
mußten erwarten, daß das makedonische Heer zur Hyarotismündung hinabgehen
und von da aus in ihr Gebiet eindringen werde, da es durch eine wasserlose
Wüste von mehreren Meilen Breite vom Akesines getrennt war, und also von
der Gegend der Schiffsstation aus unangreifbar schien. Der König beschloß,
sie auf diesem Wege, wo sie es am wenigsten erwarteten, und in dem oberen
Teil ihres Landes, unfern von den Grenzen der Gandaritis und der Kathäer,
plötzlich anzugreifen und sie von da aus den Hyarotisstrom hinabzudrängen;
an den Mündungen dieses Flusses sollten sie, wenn sie Zuflucht oder
Beistand auf dem jenseitigen Ufer des Akesines suchten, den Makedonen
wiederum in die Hände fallen. Deshalb ging zunächst die Flotte unter Nearch
dorthin ab, um das rechte Ufer des Akesines der Hyarotismündung gegenüber
zu besetzen und so die Verbindung des mallischen Landes mit dem Uferlande
drüben abzuschneiden; Krateros sollte mit seinen Truppen, mit den Elefanten
und der Phalanx Polysperchon, die bis daher bei Hephaistion gewesen waren,
und mit den Truppen des Philippos, die den Hydaspes oberhalb seiner Mündung
übersetzten, drei Tage später auf der Station Nearchs eintreffen und mit
dieser bedeutenden Heeresmacht auf dem rechten Stromufer die Basis für die
kühnen Operationen jenseits bilden. Sobald Nearchos und Krateros
aufgebrochen waren, teilte Alexander das noch übrige Heer in drei Korps;
während er selbst mit dem einen den Überfall im Innern des Mallerlandes
bewerkstelligen und die Feinde stromab treiben würde, sollte Hephaistion,
der mit dem zweiten Korps fünf Tage früher ausrückte, die Linie des
Hyarotis besetzen, um die Fliehenden aufzufangen, der Lagide Ptolemaios
dagegen mit dem dritten Korps drei Tage später ausrücken, um den etwa
rückwärts zum Akesines Flüchtenden den Weg zu sperren.

Die Maller und Oxydraker ihrerseits, so heißt es, hatten zwar bei der
Nachricht von Alexanders Herannahen ihre alten Fehden beigelegt, sich zu
gegenseitiger Hilfeleistung durch Geiseln verpflichtet und ein sehr
bedeutendes Heer, über sechzigtausend Mann Fußvolk, zehntausend Reiter,
siebenhundert Streitwagen zusammengebracht, waren aber bei der Wahl eines
gemeinsamen Anführers -- denn sie gehörten zu den Aratten, den Indern ohne
Fürsten -- miteinander so uneins geworden, daß sich die Heeresmacht
auflöste und die Kontingente der einzelnen Distrikte sich in ihre festen
Städte zerstreuten; eine Angabe, die zwar nicht durch besondere Autorität
verbürgt wird, aber durch die Eigentümlichkeit des Operationsplanes, den
Alexander entworfen, einige Bestätigung erhält. Nach anderen Berichten
hatten die Maller und Oxydraker die Absicht, sich zu verbünden, und würden
dann eine bedeutende Kriegsmacht den Makedonen entgegengestellt haben,
weshalb eben Alexander so eilte, um der Vereinigung mit seinem Angriff
zuvorzukommen.

An dem zum Aufbruch bezeichneten Tage, gegen Mitte November, rückte
Alexander aus; mit ihm waren die Hypaspisten, die Schützen und Agrianer,
die Phalanx Peithon, die Hälfte der makedonischen Hipparchien und die
Bogenschützen zu Pferd. In kurzer Entfernung vom Akesines begann die Wüste;
nach einem fünfstündigen Marsche gelangte man zu einem Wasser; dort wurde
haltgemacht, Mittag gehalten, ein wenig geruht, Wasser in die Behälter, wie
sie jeder hatte, geschöpft, dann weitermarschiert; den noch übrigen Teil
des Tages und die folgende Nacht durch ging es in möglichster Eile weiter;
am anderen Morgen sah man, nach einem Marsche von fast acht Meilen, die
mallische Stadt Agalassa mit ihrer Burg gen Osten liegen. Hierher hatten
sich viele Maller zurückgezogen; sie lagerten unbewacht und unbewaffnet vor
den Mauern der Stadt, die die Menschenmenge nicht faßte; sie waren so
vollkommen überzeugt, daß ein Überfall durch die Wüste her unmöglich sei,
daß sie das herannahende Heer für alles andere, nur nicht für Makedonen
hielten. Und schon waren Alexanders Reiter mitten unter ihnen; an
Widerstand war nicht zu denken; Tausende wurden niedergehauen; was fliehen
konnte, rettete sich in die Stadt, die Alexander von der Reiterei
einschließen ließ, bis das Fußvolk nachkäme, um den Sturm zu beginnen.
Sobald dieses heran war, entsandte der König schleunigst Perdikkas mit zwei
Hipparchien und den Agrianern zu einer benachbarten Stadt, in die sich
viele Inder geflüchtet hatten, mit der Weisung, dieselbe auf das
sorgfältigste zu beobachten, selbst jedoch nichts gegen sie zu unternehmen,
bevor das Heer von Agalassa nachrücke, damit nicht die Flüchtlinge zugleich
die Nachricht von der Nähe der Makedonen weiter landein verbreiteten. Indes
begann Alexander den Sturm; die Inder, die schon bei dem ersten Überfall
hart mitgenommen waren, verzweifelten, die Mauern behaupten zu können; von
den Toren und Türmen zurückfliehend, wurden sie von den nachdringenden
Makedonen größtenteils erschlagen, nur einige Tausend flüchteten sich in
die Burg und wehrten sich von dort herab mit dem Mute der Verzweiflung;
mehr als ein Angriff der Makedonen wurde zurückgeschlagen, die immer
steigende Erbitterung, der Zuruf und das Beispiel des Königs, die
Erschöpfung der Gegner ließ die Makedonen endlich den Sieg erringen, für
dessen Mühe sie sich mit einem gräßlichen Gemetzel unter den Indern
rächten; von den zweitausend, welche die Burg verteidigt hatten, entkam
keiner.

Indessen hatte Perdikkas die Stadt, gegen die er gesandt war, bereits von
den Einwohnern verlassen gefunden; er beeilte sich, den Fliehenden
nachzusetzen; er holte sie in der Tat noch ein, und die sich nicht über den
Strom oder in das Sumpfland an dessen Ufer gerettet hatten, wurden
erschlagen. Der König seinerseits hatte nach Erstürmung der Burg von
Agalassa den Seinigen wenige Stunden Ruhe gegönnt; mit Einbruch der Nacht
ließ er, nachdem eine kleine Besatzung in die Burg gelegt war, aufbrechen
und dem Hyarotis zu marschieren, um den Mallern der Umgegend die Flucht auf
das jenseitige Ufer abzuschneiden. Gegen Morgen erreichte er die Furt des
Flusses, die meisten der Feinde waren schon hinübergeflüchtet; die noch
zurückgeblieben, wurden niedergehauen; er selbst setzte sogleich durch den
Strom, bald waren die fliehenden Scharen eingeholt, von neuem begann das
Gemetzel; wer entkam, rettete sich in eine naheliegende Feste, die übrigen
ergaben sich dem Sieger. Sobald das Fußvolk nachgekommen war, entsandte der
König Peithon mit seiner Phalanx und zwei Geschwadern gegen diese Feste;
sie fiel beim ersten Sturm, und die Maller in ihr wurden zu
Kriegsgefangenen gemacht, worauf Peithon wieder zum Könige stieß.

Dieser war indessen gegen eine Brahmanenstadt, in die sich gleichfalls
viele Maller geworfen hatten, vorgerückt und hatte sofort die Mauern
umzingelt und sie zu untergraben beginnen lassen; zugleich von den
Geschossen der Makedonen schwer mitgenommen, zogen sich die Inder in die
Burg der Stadt zurück; eine Schar Makedonen war allzu kühn vorgegangen und
mit in die Burg hineingedrungen; aber sie vermochte sich nicht gegen die
Übermacht zu halten; fast abgeschnitten, schlug sie sich mit bedeutendem
Verluste durch. Da steigerte sich die Erbitterung der Truppen; sofort ließ
Alexander Sturmleitern heranbringen und die Burgmauern unterminieren;
sobald ein Turm und der daranstoßende Teil der Mauer eingestürzt war und
eine Bresche zum Stürmen darbot, war Alexander der erste auf den Trümmern,
ihm nach drangen jubelnd die Makedonen, und in kurzer Zeit war die Mauer
trotz der tapfersten Gegenwehr von Feinden gesäubert; viele von ihnen
wurden im Kampfe erschlagen, andere warfen sich in die Gebäude, steckten
sie in Brand und schleuderten, während die Feuersbrunst ungehemmt um sich
griff, aus den brennenden Häusern Speere und Balken auf die Makedonen, bis
sie der Glut und dem Dampf erlagen. Wenige fielen lebend den Makedonen in
die Hände, gegen fünftausend waren beim Sturm und beim Brande der Burg
umgekommen.

Alexander ließ hier seine durch die ungeheuren Anstrengungen der letzten
fünf Tage erschöpften Truppen einen Tag ruhen; mit frischen Kräften zogen
sie dann aus, die anderen mallischen Städte auf der Südseite des Hyarotis
zu erobern; aber überall waren die Einwohner vor ihrer Ankunft bereits
entflohen; es schien nicht nötig, die einzelnen Haufen aufzusuchen; es
genügte, ihnen die Städte zu zerstören. So mehrere Tage; dann folgte wieder
ein Ruhetag, damit die Truppen zum Angriff auf die größte Stadt diesseits,
in die sich, auf ihre Stärke vertrauend, viele Maller geworfen haben
sollten, frische Kraft sammeln konnten.

Um die waldigen Ufer stromaufwärts, im Rücken der ferneren Bewegungen, den
zersprengten Mallern nicht zum Zufluchtsort und zum Sammelplatz für eine
gefährliche Diversion werden zu lassen, wurde die Phalanx Peithon, die
Hipparchie Demetrios und die nötigen Haufen leichtes Volk an den Strom
zurückgesandt, mit dem Auftrag, die Inder dort in den Wäldern und Sümpfen
aufzusuchen und alle, die sich nicht freiwillig ergäben, niederzuhauen. Mit
den übrigen Truppen zog der König selbst, in der Erwartung eines
hartnäckigen Kampfes, auf die oben bezeichnete Stadt los; aber so groß war
der allgemeine Schrecken, den die makedonischen Waffen verbreitet hatten,
daß die Inder in der großen Stadt, an der Möglichkeit sie zu behaupten
verzweifelnd, sie preisgaben, sich über den nahen Strom zurückzogen und
dessen hohe Nordufer besetzten, in der Hoffnung, von dieser allerdings
günstigen Position aus den Übergang der Makedonen hindern zu können. Sobald
Alexander davon unterrichtet war, brach er schleunigst mit der gesamten
Reiterei auf und befahl dem Fußvolk, ohne Verzug nachzurücken. Angekommen
an dem Strom, ließ er, unbekümmert um die jenseits aufgestellte Linie der
Feinde, sofort den Übergang beginnen; und die Inder, durch die Kühnheit
dieses Manövers in Schrecken gesetzt, zogen sich, ohne den ungleichen Kampf
zu versuchen, in geschlossener Ordnung zurück; aber sobald sie bemerkten,
daß ihnen nicht mehr als vier- bis fünftausend Mann Reiter gegenüber waren,
wandte sich ihre ganze Linie, wohl fünfzigtausend Mann stark, gegen
Alexander und dessen Reiterkolonne und versuchte sie vom Ufer, das sie
bereits besetzt hatten, hinabzudrängen. Mit Mühe und nur durch eine Reihe
künstlicher Bewegungen, durch welche jedem Handgemenge ausgewichen wurde,
behaupteten sich die Reiter auf diesem schwierigen Terrain, bis nach und
nach einige Scharen leichten Volks und namentlich die Schützen nachgekommen
waren und man jenseits auch schon das schwere Fußvolk dem Ufer nahen sah.
Jetzt begann Alexander vorzurücken; aber die Inder wagten nicht, den
Angriff zu erwarten, sie wandten sich zur Flucht in eine benachbarte, stark
befestigte Stadt; die Makedonen verfolgten sie lebhaft, töteten viele auf
der Flucht und machten nicht eher, als unter den Mauern der Stadt halt.

Der König ließ sofort die Stadt von der Reiterei umzingeln; doch wurde es
später Abend, ehe das Fußvolk herankam; zugleich waren alle, die Reiterei
von dem Flußübergange und der heftigen Verfolgung, das Fußvolk von dem
weiten und schweren Marsche, so erschöpft, daß für diesen Tag nichts weiter
unternommen werden konnte; so wurde das Lager rings um die Stadt her
aufgeschlagen. Aber mit dem ersten Morgen begann der König mit der einen,
Perdikkas mit der zweiten Hälfte des Heeres von allen Seiten das Stürmen
gegen die Mauern; die Inder vermochten nicht, sie zu behaupten, sie zogen
sich von allen Seiten auf die stark befestigte Burg zurück. Alexander ließ
auf seiner Seite ein Tor der Stadtmauer erbrechen und drang an der Spitze
seiner Leute, ohne Widerstand zu finden, in die Stadt und durch die Straßen
zur Burg; sie war mit starken Mauern versehen, die Türme wohlbemannt, die
Belagerungsarbeit unter den Geschossen der Feinde gefährlich. Dennoch
begannen die Makedonen sofort zu untergraben; andere brachten ein paar
Sturmleitern heran, versuchten sie anzulegen; der ununterbrochene
Pfeilregen von den Türmen machte selbst die Mutigsten stutzen. Da ergriff
der König eine Leiter; in der Linken den Schild, in der Rechten sein
Schwert, stieg er empor, ihm nach Peukestas und Leonnatos auf derselben,
ein alter Kriegshauptmann Abreas auf einer zweiten Leiter. Schon ist der
König bis an die Zinne; den Schild vor sich aufgestützt, zugleich kämpfend
und sich wehrend, stürzt er die einen rücklings von der Mauer hinab, stößt
die anderen mit seinem Schwert nieder; die Stelle vor ihm ist einen
Augenblick frei, er schwingt sich auf die Zinne, ihm folgt Perdikkas,
Leonnatos, Abreas; schon dringen die Hypaspisten mit lautem Geschrei auf
den zwei Leitern nach, überfüllt brechen diese zusammen, der König auf der
Zinne ist abgeschnitten. An seiner glänzenden Rüstung, an seinem Helmbusch
erkennen ihn die Inder; zu nahen wagt ihm niemand, aber Pfeile, Speere,
Steine werden aus den Türmen herab, aus der Burg herauf auf ihn
geschleudert; seine Getreuen rufen ihm zu zurückzuspringen und seines
Lebens zu schonen; er mißt mit einem Blick die Mauerhöhe zur Burg hinein,
und schon ist der kühne Sprung getan. Er steht allein innerhalb der
feindlichen Mauer; mit dem Rücken an sie gelehnt erwartet er die Feinde.
Schon wagen sie zu nahen, schon dringt ihr Führer auf ihn ein; mit einem
Schwertstoß durchbohrt ihn Alexander, einen zweiten wirft er mit einem
Stein nieder, ein dritter, ein vierter sinkt unter des Königs Schwert. Die
Inder weichen zurück, sie beginnen von allen Seiten her Pfeile, Speere,
Steine, was jeder hat, auf ihn zu werfen; noch schützt ihn sein Schild,
dann ermüdet sein Arm. Schon sind auch Peukestas, Leonnatos, Abreas
herabgesprungen, an seiner Seite; aber Abreas sinkt, von einem Pfeil ins
Gesicht getroffen, nieder; jauchzend sehen es die Inder, mit doppeltem
Eifer schießen sie; ein Pfeil trifft des Königs Brust, der Panzer ist
durchbohrt, ein Blutstrahl sprüht hervor, mit ihm der Atem der Lunge. In
der Spannung des Kampfes bemerkt es der König nicht, er fährt fort, sich zu
wehren; der Blutverlust macht ihn ermatten, seine Knie schwanken; ihm
vergehen die Sinne; er sinkt an seinem Schilde nieder. Wilder dringen die
Inder ein. Peukestas stellt sich über den Gefallenen, deckt ihn mit dem
Schilde von Ilion, das er trägt, Leonnatos beschirmt ihn von der anderen
Seite; schon trifft sie Pfeil auf Pfeil; sie halten sich kaum noch
aufrecht; der König verblutet.

Indes ist vor den Mauern die wildeste Bewegung; die Makedonen haben ihren
König in die Stadt hinabspringen sehen; es ist nicht möglich, daß er sich
rettet, und sie vermögen ihm nicht zu folgen; man will Sturmleitern,
Maschinen, Bäume anlegen; alles hält nur auf, jeder Augenblick Säumnis kann
sein Tod sein; sie müssen ihm nach, die einen treiben Pflöcke in die Mauer
und klimmen empor, andere steigen auf den Schultern der Kameraden zu den
Zinnen hinan. Da sehen sie den König am Boden, Feinde dicht umher, schon
sinkt Peukestas; vor Wut und Jammer schreiend stürzen sie sich hinab; sie
scharen sich schnell um den Gefallenen, dicht verschildet rücken sie vor
und drängen die Barbaren hinweg. Andere werfen sich auf das Tor, reißen es
auf, heben die Torflügel aus den Angeln, und mit wildem Geschrei stürzen
die Kolonnen hinein in die Burg. Nun geht es mit doppelter Macht auf den
Feind; sie schlagen alles tot, Weiber, Kinder werden durchbohrt, das Blut
soll ihre Rache kühlen. Andere tragen den König auf seinem Schilde fort;
noch ist der Pfeil in seiner Brust; man versucht, ihn herauszuziehen, ein
Widerhaken hält ihn zurück; der Schmerz läßt den König aus seiner Ohnmacht
erwachen; seufzend bittet er, den Pfeil aus der Wunde zu lösen, die Wunde
mit seinem Schwert zu erweitern. So geschieht es, reichlich rieselt das
Blut hervor, eine neue Ohnmacht überfällt ihn; Leben und Tod scheint über
ihn zu ringen. Weinend stehen die Freunde um sein Lager, die Makedonen vor
dem Zelt; so vergeht der Abend und die Nacht.

Schon waren Gerüchte von diesem Kampf, von der Wunde, vom Tode des Königs
in das Lager an der Hyarotismündung gekommen und hatten dort eine
unbeschreibliche Bewegung hervorgerufen. Zuerst Schrecken, lautes Jammern
und Weinen; dann wurde es stiller, man begann zu fragen was nun werden
solle? Es wuchs die Sorge, die Entmutigung, die Qual der Ratlosigkeit; wer
sollte des Heeres Führer werden? Wie sollte das Heer in die Heimat
zurückkehren? Wie die endlosen Länderstrecken, die furchtbaren Ströme, die
öden Gebirge, die Wüsteneien hindurch Weg und Rat finden? Wie sich
verteidigen vor allen den streitbaren Völkern, die ihre Freiheit zu
verteidigen, ihre Unabhängigkeit wiederzuerkämpfen, ihre Rache an den
Makedonen zu stillen nicht länger zögern würden, da Alexander nicht mehr zu
fürchten war? Und als die Nachricht kam, noch lebe der König, so glaubte
man es kaum, so verzweifelte man, daß er dem Tode entrinnen werde; als ein
Schreiben von dem Könige selbst kam, daß er in kurzem in das Lager
zurückkehren werde, hieß es, der Brief sei von den Leibwächtern und
Strategen erdichtet, um die Gemüter zu beruhigen, der König sei tot und
sie ohne Rat und Rettung.

Indes war Alexander wirklich vom Tode gerettet und nach sieben Tagen seine
Wunde, wennschon noch offen, doch ohne weitere Gefahr; die Nachrichten aus
dem Lager und die Besorgnis, es möchte im Heer der Glaube, er sei tot,
Unordnungen erzeugen, veranlaßten ihn, seine völlige Herstellung nicht
abzuwarten, sondern schon jetzt zum Heere zurückzukehren. Er ließ sich zum
Hyarotis hinab auf eine Jacht tragen, auf der ein Zelt für sein
Krankenlager errichtet war; ohne Ruderschlag, um die Erschütterung zu
vermeiden, nur von der Strömung getragen, nahte die Jacht am vierten Tage
dem Lager. Die Kunde, Alexander komme, war vorausgeeilt, wenige glaubten
sie. Schon sah man zwischen der Uferwaldung die Jacht mit dem Zelte den
Strom herabkommen; mit ängstlicher Spannung standen die Truppen längs dem
Ufer. Der König ließ das Zelt aufschlagen, damit ihn alle sähen. Noch
meinten sie, es sei der tote König, den das Schiff bringe. Ehe es das Ufer
erreichte, hob er den Arm, wie den Seinigen zum Gruß. Da erscholl der
freudigste Aufschrei der Tausende, sie streckten die Hände gen Himmel empor
oder ihrem Könige entgegen, Freudentränen mischten sich in den immer neuen
Jubelruf. Dann legte die Jacht an, einige Hypaspisten brachten ein Lager,
den König aus dem Schiff in sein Zelt zu tragen; er befahl ein Pferd zu
bringen; als das Heer ihn wieder hoch zu Roß sah, erbrauste ein
Freudengeschrei und Händeklatschen und Schilderklang, daß die Ufer drüben
und die Waldungen umher widerhallten. Dem Zelte nah, das für ihn bereit
war, stieg er vom Pferde, damit seine Kriegsleute ihn auch gehen sähen; da
drängten sie sich von allen Seiten heran, seine Hand, sein Knie, sein Kleid
zu berühren, oder auch nur ihn von nahe zu sehen, ihm ein gutes Wort
zuzurufen, ihm Bänder und Blumen zuzuwerfen.

Bei diesem Empfang wird geschehen sein, was Nearchos aufgezeichnet hat. Dem
Könige seien von einigen Freunden Vorwürfe gemacht worden, daß er sich so
der Gefahr ausgesetzt habe: das sei der Soldaten, nicht des Feldherrn
Sache; ein alter Boiotier, der das gehört und des Königs Mißstimmung
darüber bemerkt habe, sei herangetreten und habe in seinem boiotischen
Dialekt gesagt: »Dem Mann die Tat, o Alexandros; aber wer kämpft, muß
leiden.« Der König habe ihm zugestimmt und ihm das gute Wort auch später
nicht vergessen.

Die schnelle Eroberung der mallischen Hauptstadt hatte den mächtigsten
Eindruck auf sämtliche Völkerschaften dieser Gegend gemacht. Die Maller
selbst, obschon noch weite Strecken ihres Gebietes von den Makedonen nicht
berührt waren, verzweifelten, längeren Widerstand zu leisten; in einer
demütigen Gesandtschaft ergaben sie sich und ihr Land dem Könige. Die
Oxydraker oder Sudraker, die mit den Mallern als die tapfersten Völker
Indiens berühmt waren und eine bedeutende Streitmacht ins Feld stellen
konnten, zogen es vor, sich zu unterwerfen; eine große Gesandtschaft,
bestehend aus den Befehlshabern der Städte, den Herren der Landschaft und
einhundertundfünfzig der Vornehmen des Landes, kamen mit reichen
Geschenken, zu allem, was der König fordern würde, bevollmächtigt; sie
sagten, daß sie nicht schon eher vor dem Könige erschienen, sei ihnen zu
verzeihen, da sie mehr noch als irgendein anderes Volk Indiens ihre
Freiheit liebten, die sie seit undenklichen Zeiten, seit dem Zuge des
Gottes, den die Griechen Dionysos nennen, bewahrt hätten; dem Alexandros
aber -- denn er solle ja von den Göttern stammen, und seine Taten seien
Beweis dafür -- unterwürfen sie sich gern und seien bereit, einen Satrapen,
den er setzen werde, aufzunehmen, Tribut zu zahlen und Geiseln zu stellen,
so viele der König verlangen würde. Er verlangte tausend der Edelsten des
Volkes, die, wenn er wolle, ihm als Geiseln folgen oder den Krieg bis zur
Unterwerfung der noch übrigen Landschaften Indiens mitmachen sollten. Die
Oxydraker stellten die Tausend, sandten außerdem freiwillig fünfhundert
Kriegswagen mit, jeden mit zwei Kriegsleuten und seinem Wagenführer, worauf
Alexander die Tausend huldreich entließ, die Kriegswagen aber seinem Heere
zufügte; ihr Gebiet nebst dem der Maller wurde der Satrapie Indien unter
Philippos zugewiesen.

Nachdem Alexander hergestellt war und den Göttern in feierlichen Opfern und
Kampfspielen für seine Genesung gedankt hatte, brach er aus seinem Lager an
der Hyarotismündung auf. Während des Aufenthaltes an dieser Stelle waren
viele neue Schiffe gebaut worden, so daß jetzt bedeutend mehr Truppen als
bisher mit dem Könige stromab fahren konnten; es waren mit ihm 10 000 Mann
Fußvolk, von den Leichtbewaffneten die Schützen und Agrianer, 1700 Mann
makedonische Ritterschaft. So segelte der König aus dem Hyarotis in den
Akesines hinab, durch das befreundete Land der Oxydraker, an der
Hyphasismündung vorüber bis zur Vereinigung des mächtigen Pandschnad mit
dem Indus. Nur die Abastaner (Ambastha) hatte Perdikkas im Vorübergehen zur
Unterwerfung zwingen müssen; die anderen Völkerschaften nah und fern
schickten Gesandtschaften mit vielen und kostbaren Geschenken, feinen
Webereien, Edelsteinen und Perlen, bunten Schlangenhäuten,
Schildkrötenschalen, gezähmten Löwen und Tigern; auch neue Dreißigruderer
und Lastschiffe in bedeutender Zahl, die der König im Land des Xathras
hatte bauen lassen, kamen den Strom herab. Hier, wo der Indus den
Pandschnad, die vereinigten fünf östlichen Nebenströme aufnimmt, und wo für
den Verkehr zwischen dem Innern des Landes und der Indusmündung sich der
natürliche Mittelpunkt bildet, beschloß Alexander eine hellenische Stadt zu
gründen, die ebenso wichtig für die Behauptung des Landes, wie durch den
Indushandel bedeutend und blühend werden mußte; sie sollte der südlichste
Punkt der indischen Satrapie des Philippos sein, der hier mit einer
ansehnlichen Heeresmacht, bestehend aus den sämtlichen thrakischen Truppen
und einer verhältnismäßigen Zahl Schwerbewaffneter aus den Phalangen
zurückblieb, mit dem Auftrage, namentlich für den sicheren Handel in dieser
Gegend die möglichste Sorge zu tragen, einen geräumigen Hafen im Indus,
Schiffswerften und Speicher anzulegen und auf alle Weise das Aufblühen
dieses Alexandriens zu befördern.

Es mochte im Februar des Jahres