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Title: Friedrich v. Schiller's Biographie
Author: Döring, Heinrich, 1789-1862
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Friedrich v. Schiller's Biographie" ***

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[] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos



Biographien
Deutscher Classiker.


#SUPPLEMENT#
zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe
"deutscher Classiker"


       *       *       *       *       *



Erstes Bändchen.
#FRIEDRICH VON SCHILLER.#

Jena, 1853



Friedrich v. Schiller's
#BIOGRAPHIE#

von

Dr. H. Doering.

Complet in Einem Bändchen



#SCHILLER'S LEBEN.#


_Friedrich Schiller_, mit seinen vollständigen Vornamen Johann Christoph
Friedrich, später in den Adelstand erhoben, erblickte zu Marbach den 11.
November 1759 das Licht der Welt, unter Verhältnissen, die der Entwicklung
vorhandener Fähigkeiten und Geistesanlagen nicht besonders günstig, für
die Gesundheit des Leibes und der Seele aber von günstigem Einfluß waren.
Seinen Vater, _Johann Caspar_, geboren am 27. Oktober 1723 zu Bitterfeld,
gestorben am 7. Sept. 1796 auf dem Herzogl. Würtembergischen Lustschlosse
Solitude bei Stuttgart, schildern übereinstimmende Berichte als einen
Biedermann von unbescholtenem Wandel und strenger Redlichkeit, weniger
ausgezeichnet durch eine vielseitige Bildung, als durch eine große
Gewandtheit im praktischen Leben. Als Wundarzt hatte er 1745 ein
Bairisches Husarenregiment nach den Niederlanden begleitet, und war nach
dem Aachner Frieden (1748) wieder nach Würtemberg zurückgekehrt, wo er als
Fähndrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis angestellt, einigen
Feldzügen des siebenjährigen Krieges beiwohnte. Durch Mäßigkeit blieb er
verschont von den ansteckenden Seuchen, die in Böhmen das Regiment, bei
dem er stand, hart heimsuchten. Neben der sorgsamen Pflege der Kranken
vertrat der rastlos thätige Mann die Stelle eines Feldpredigers durch
Vorlesen von Gebeten und durch Leitung des Gesanges. Später stand er bei
einem andern Regiment in Hessen und Thüringen. In Ludwigsburg, wo er nach
dem Hubertsburger Frieden im Quartier lag, gründete er, mit
vorherrschendem Interesse an der Oekonomie, eine Baumschule, nach den
Prinzipien, die er in spätern Jahren (1795) in einem von ihm
herausgegebenen Werke: "die Baumzucht im Großen," bekannt machte. Der
Herzog Carl von Würtemberg fand sich dadurch veranlaßt, ihm mit dem
Charakter eines Hauptmanns, die Aufsicht über die Anpflanzungen und
Gartenanlagen auf einem seiner Lustschlösser, der Solitude bei Stuttgart,
zu übertragen, wo er, von seinem Fürsten geachtet und geliebt von seinen
Untergebenen, in rastloser Thätigkeit sein Leben beschloß. In einem noch
erhaltnem Briefe dankte er mit frommer Rührung dem Ewigen, daß er ihm noch
gegönnt, seines Sohnes Ruhm zu erleben.

Schiller's Mutter, _Elisabeth Dorothea Kodweiß_, die Tochter eines früher
wohlhabenden, späterhin durch eine Ueberschwemmung des Neckars und andere
Unglücksfälle verarmten Bürgers zu Marbach, war eine sanfte, anspruchslose
und gutmüthige Hausfrau, ohne vielseitige Bildung, doch eine Freundin der
religiösen Poesie, besonders der Gellert'schen Lieder. Von Gestalt war sie
schlank, ohne eigentlich groß zu seyn, ihr Haar hochblond, beinahe
röthlich, die Augen kränklich und meist etwas entzündet. Aus ihren durch
Sonnenflecken etwas entstellten Zügen sprach Wohlwollen und Milde. Dem
klaren und scharfen Verstande ihres Gatten gegenüber trat die innige Wärme
des Gefühls, mit der sie an ihm und ihren Kindern hing, um so
unverkennbarer hervor. Sie ward von ihnen tief betrauert, als sie im Mai
1802 ihre irdische Laufbahn beschloß.

Nur seiner guten Natur und der sorgsamen Pflege seiner Mutter hatte es
Schiller zu verdanken, daß er bei seiner zarten Körperconstitution nicht
den krampfhaften Zufällen unterlag, die ihn bei den gewöhnlichen
Kinderkrankheiten hart heimsuchten. Seine Geistesanlagen entwickelten sich
früh in einer regen Wißbegierde, die seine Eltern mit den mannichfachsten
Fragen bestürmte. Die Bibel war seit seinem fünften Jahre seine
Lieblingslectüre, und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte er, wenn der
Vater, wie es seine Gewohnheit war, das Morgen- und Abendgebet im
Familienkreise laut sprach. Bis zu Thränen ward er gerührt, als einst auf
einem Spaziergange seine Mutter ihm das Osterfeiertags-Evangelium erklärte
und ihm erzählte, wie Jesus mit zweien seiner Jünger nach Emmaus gewandert
sei. Mit der Liebe für alles Große und Schöne verband er Gehorsam gegen
seine Eltern und Verträglichkeit mit seinen Geschwistern und Gespielen.
Zwei Jahre älter als er, war seine Schwester _Elisabeth Christophine
Friedericke_, späterhin mit dem Bibliothekar _Reinwald_ in Meiningen
verheirathet. Eine zweite Schwester, _Dorothea Luise_ ward nach ihm 1767
geboren und nachher die Gattin des Stadtpfarrers _Frankh_ zu Möckmühl im
Würtembergischen. Eine dritte Schwester, _Nanette_ mit Namen, starb
bereits in ihrem achtzehnten Lebensjahre.

Von Schwäbisch Gmünd, wohin er von dem Herzog von Würtemberg als
Werbeofficier gesandt worden war, begab sich Schillers Vater 1765 nach
Lorch, einem Würtembergischen Grenzdorfe. Zu dem Unterricht, den der
sechsjährige Knabe dort im Lesen und Schreiben erhielt, traten späterhin
auch die Elemente der lateinischen und griechischen Sprache. Den Namen
seines ersten Lehrers, des Pfarrers Moser in Lorch, verewigte Schiller
später in seinen "Räubern". An dem Sohne jenes Geistlichen, Carl Moser,
erhielt er zugleich seinen ersten Jugendfreund, der nachher zugleich mit
ihm die lateinische Schule zu Ludwigsburg besuchte. Damals scheint die
späterhin nicht ohne innern Kampf unterdrückte Neigung Schillers zum
geistlichen Stande zuerst erwacht zu seyn. Nach der Erzählung seiner
ältern Schwester stieg er mit einer schwarzen Schürze und einem Käppchen
auf einen Stuhl, und recitirte auswendig gelernte Sprüche, mitunter auch
wohl Stellen aus den von ihm angehörten Predigten des Pfarrers Moser.

Für die Schönheiten der Natur war Schiller ganz besonders empfänglich. Ein
religiöses und historisches Interesse zugleich hatten für ihn die in einem
Kloster bei Lorch befindlichen Gräber der Hohenstauffen. Der Weg nach
jenem Kloster war sein Lieblingsspaziergang. Immer blieb ihm für die
Gegend von Lorch eine große Anhänglichkeit. Als er späterhin die
Karlsschule in Stuttgart verlassen, besuchte er, von seiner Schwester
Christophine begleitet, noch einmal alle seine Lieblingsplätze. Seine
Liebe zur Natur war so groß, daß er sich oft durch einen schönen
Sommertag, unbekümmert um seine Unterrichtsstunden, in's Freie locken
ließ. Einen solchen Fehltritt zu verheimlichen, war er zu gewissenhaft; er
gestand ihn vielmehr offen. Am wenigsten harmonirte mit seines Vaters
Ansichten Schillers ideale Liberalität, womit er, der vom Eigenthum kaum
einen Begriff hatte, einzelne Kleidungsstücke und die unentbehrlichsten
Schulbücher an Dürftige verschenkte. Die väterlichen Züchtigungen, die ihn
deßhalb trafen, würde er noch härter empfunden haben, wenn nicht seine
Schwester Christophine mit seltener Aufopferung sich als eine Mitschuldige
bekannt, und dadurch die Strafe auf sich selbst gelenkt hätte. Auch die
sanfte und zur Verzeihung geneigte Mutter trat durch ihre Fürsprache bei
dem Vater in solchen Fällen vermittelnd ein.

In Ludwigsburg, wohin Schillers Vater 1768 versetzt worden war, sah der
neunjährige Knabe zum ersten Mal ein Theater. Mächtig war der Eindruck,
den die dargestellten Stücke mit ihren prachtvollen Dekorationen und
Aufzügen von Pferden, künstlichen Elephanten, Löwen u.s.w., in dem Opern-
und Balletgeschmack der damaligen Zeit, in Schillers Seele zurückließen.
Alle seine jugendlichen Spiele bezogen sich auf die Bühne und ihre
Darstellungen. Er entwarf selbst Pläne zu Trauerspielen, und mit Puppen,
die er sich aus Papier geschnitten, führte er einzelne Scenen auf.

Noch in anderer Weise äußerte sich sein Gefühl für Poesie um diese Zeit.
Mit einem seiner Jugendfreunde, dem nachherigen Physikus Elwert in
Cannstadt, bestand er, nicht ohne Furcht vor der ihm angedrohten harten
Strafe seines strengen Lehrers, zu dessen voller Zufriedenheit das
Schulexamen. Als Belohnung seines Fleißes erhielt er vier Kreuzer, die er
mit seinem Freunde zu einer Schüssel saurer Milch auf dem benachbarten
Hartenecker Schlößchen verwenden wollte. Dort war indeß keine Milch
vorhanden, und erst in Neckarweihingen, wohin er mit seinem Freunde
gewandert war, erhielten Beide die ersehnte Labung. Schiller fühlte sich
so begeistert, daß er auf einer Anhöhe, von welcher man Harteneck und
Neckarweihingen überschauen konnte, in einer pathetischen Ergießung über
den erstgenannten Ort seinen Fluch, über den letzten aber seinen
feierlichen Segen aussprach.

In der lateinischen Schule zu Ludwigsburg beschränkte sich Schillers
Unterricht fast nur auf die Erlernung der Sprache, von welcher jene
Lehranstalt den Namen führte. Im Griechischen kam er kaum über die ersten
Elemente hinaus. Daß er dem Virgil, Horaz und andern römischen Dichtern
keinen sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte, lag wohl an der trocknen
Erklärungsmethode, die Schillers Gemüth nicht ergreifen konnte. Sein Fleiß
jedoch erwarb ihm bald das Lob eines der ersten Schüler in seiner Classe.
Er genügte selbst den strengen Anforderungen seines Lehrers Jahn, der zwar
ein tüchtiger Philolog, aber zugleich ein Mann von finsterem Charakter
war, und durch seinen Jähzorn, als Schiller später bei ihm Kost und
Wohnung hatte, seinem Charakter eine schiefe Richtung gab. Er ward
schüchtern und zurückgezogen. Auch sein Vater ließ keine Gelegenheit
unbenutzt, ihn zum Fleiß zu ermuntern, und er empfand im vollen Maße die
väterliche Strenge, wenn er außer der Schulzeit unbeschäftigt war oder im
Garten spielte. Merkwürdig war es, wie sich seine Schüchternheit mitunter
bis zum Muthwillen steigerte. Bei Spielen, wo es wild herging, gab er fast
immer den Ton an, und wußte sich durch seine Furchtlosigkeit bei seinen
Schulkameraden in Respect zu setzen. Nie aber lag den kleinen Neckereien,
mit denen er sich wohl bisweilen selbst an erwachsene Personen wagte, eine
bösartige Absicht zum Grunde. Er hatte daher unter seinen Jugendgespielen
kaum einen, der ihm übel wollte. Verhältnißmäßig klein war jedoch der
Kreis von Freunden, zu denen er mit der ganzen Innigkeit seines Gefühls
sich hingezogen fühlte.

Noch immer war ihm eine Vorliebe für den geistlichen Stand geblieben, den
auch sein Vater sehr achtete, weil er sich von dieser Laufbahn seines
Sohnes eine ehrenvolle Existenz versprach. Die mehrmaligen Prüfungen in
dem Stuttgarter Gymnasium, die dem Eintritt in die Klosterschulen
vorangingen, hatte Schiller, nach noch erhaltenen Zeugnissen, rühmlich
bestanden. Die Stimmung seines Gemüths und der Gang seiner Phantasie waren
religiös geblieben. Dafür sprach unter Anderem sein elfter poetischer
Versuch, ein an seine Eltern gerichteter Neujahrswunsch in Versen vom Jahr
1768. Verloren ging ein Gedicht religiösen Inhalts, welches er am Tage
seiner Confirmation, wahrscheinlich im Jahr 1770, niederschrieb, als seine
Mutter, die ihn auf der Straße umherlaufen sah, ihm Vorwürfe machte über
seine Gleichgültigkeit gegen die Handlung des folgenden Tages. Erhalten
hat sich dagegen ein in lateinischer Prosa geschriebener Neujahrswunsch an
seinen Vater vom Jahr 1771.

Seinen Plan, sich dem geistlichen Stande zu widmen, durchkreuzte der Wille
des Herzogs von Würtemberg. Es war eine fürstliche Gnade, die Schillers
Vater nicht ablehnen konnte, als der Herzog, vielleicht durch günstige
Zeugnisse der Lehrer Schillers bestimmt, sich geneigt zeigte, ihn in das
auf der Solitude bei Stuttgart errichtete Lehr- und Erziehungsinstitut
aufzunehmen, welches bisher meist nur Söhne von Adlichen zu Zöglingen
gehabt hatte. Für Schillers Vater war der Antrag des Herzogs auch noch von
einer andern Seite lockend. Schiller sollte dort auf herzogliche Kosten
unterrichtet werden. Die Wahl seines Lebensberufs blieb ihm freigestellt.
Auch für eine künftige vorteilhafte Anstellung versprach der Herzog zu
sorgen. Diese vortheilhaften Aussichten machten jedoch auf Schillers
Eltern einen ganz andern Eindruck, als der Herzog erwartet haben mochte.
Dem geistlichen Stande konnte sich Schiller nicht mehr widmen, da er in
der neuen Pflanzschule, die eine völlig militärische Einrichtung hatte,
nicht dazu vorbereitet werden konnte. Nicht beleidigt durch eine
Vorstellung, die Schiller's Vater an den Herzog zu richten und dessen
Antrag abzulehnen wagte, verlangte der Fürst die Wahl eines andern
Standes. Der Theologie zu entsagen, scheint Schillern nicht leicht
geworden zu seyn. Daß er durch die Nähe des Instituts mit seinen Eltern in
Berührung blieb und sie jeden Sonntag wenigstens sprechen konnte, war ein
Trost, der ihm den Entschluß erleichterte, sich der Jurisprudenz zu
widmen. Im Januar 1773 trat er in das neue Institut. Er stand damals in
seinem vierzehnten Lebensjahre.

Wie Schillers Vater die Gnade des Herzogs zu schätzen wußte, zeigt ein
noch erhaltenes Schreiben aus Ludwigsburg vom 10. Januar 1773 an den
Oberstwachtmeister v. Seeger, dem die Oberaufsicht über das neue Institut,
nach dessen Stifter die Karlsschule genannt, übertragen worden war.
Erhalten hat sich auch noch ein mit der Unterschrift von Schillers Vater
und mit dessen Siegel versehener Revers, den er nach der Aufnahme seines
Sohnes in die Karlsschule ausstellen mußte. Dieser Revers fällt in eine
spätere Zeit. Er ist aus Ludwigsburg vom 23. September 1774 datirt.

Eine Schilderung der innern Einrichtung und der Erziehungsmethode des
neuen Instituts, welchem Schiller jetzt angehörte, muß vorangeschickt
werden, um dem Gange seiner weitern Ausbildung folgen zu können. Die
gesammten Zöglinge, in zwei Classen abgetheilt, bewohnten ein großes, aus
vier Flügeln bestehendes Casernengebäude. Die adliche Classe bestand meist
aus adlichen Offizierssöhnen, die bürgerliche größtenteils aus
Soldatenkindern. Jene hießen Cavaliere, diese Eleven. Als später die Zahl
der Zöglinge bis auf dreihundert gestiegen war, wurden die beiden Classen
halbjährlich von dem Herzog selbst in dem sogenannten Rangirsaal gemustert
und in drei Abtheilungen getrennt, von denen die erste aus den funfzig
größten Köpfen, und die beiden andern ebenfalls aus funfzig Köpfen
bestanden. Jede dieser Abtheilungen hatte ihren besondern Schlafsaal, und
stand anfangs unter der Aufsicht von Sergeanten, späterhin unter einem
Capitain oder Lieutnant. Die Direction des Ganzen war einem Obristen,
damals, als Schiller in das Institut eintrat, dem Obristwachtmeister v.
Seeger übertragen. Dem Militärdienst widmete sich fast ausschließlich die
erste Classe jener Lehranstalt, die sogenannten Cavaliere. Die Eleven
erhielten den erforderlichen Unterricht, um sich zu Künstlern und
Handwerkern, Malern, Architekten, Musikern u.s.w. zu bilden. Fast auf alle
wissenschaftlichen Zweige, die Theologie ausgenommen, erstreckte sich nach
und nach der Unterricht des Instituts. Man hatte die Einrichtung
getroffen, die Zöglinge nach den verschiedenen Lehrgegenständen in vier
und zwanzig Divisionen zu theilen. In der ersten Division befanden sich
die Juristen, in der zweiten die Militärpersonen, in der dritten die
Kameralisten u.s.w. So bot die Karlsschule, indem sie das ganze
Unterrichtswesen umfaßte, hinreichende Mittel dar zu einer universellen
Bildung.

Vorherrschend war in diesem künstlich zusammengesetzten Staate die
militärische Form. Das Commando: "Marsch!" führte die Zöglinge in den
Speisesaal, wo ihnen ein "Halt!" zugerufen ward. Auf das Commando:
"Front!" wandten sie sich gegen den Tisch, hoben hier, als der Ruf: "Zum
Gebet!" ertönte, die gefalteten Hände bis zum Munde empor, und rückten auf
ein gegebenes Zeichen die Stühle mit einem donnerähnlichen Geräusch zum
Tische. Auf ähnliche Weise zogen sie in gleichmäßigem Tempo nach den
Hörsälen. Das Verhältniß der Lehrer zu ihren Schülern war ordonanzmäßig.
An die militärische Form des Instituts wurden die Zöglinge schon durch
ihre Kleidung erinnert. Nach der Beschreibung, die ein Jugendfreund
Schillers, v. Scharffenstein, davon entworfen, trugen die Offizierssöhne
gewöhnlich hellblaue Westen von Commißtuch, Kragen und Aermelaufschläge
von schwarzem Plüsch, und Beinkleider von weißem Tuch. Unter dem kleinen
Hute sahen an jeder Seite des Kopfes zwei ungepuderte Papilloten hervor.
Lange falsche Zöpfe, nach einem bestimmten Maße, wurden von allen
Zöglingen getragen. In dieser wunderlichen Kleidung nahm sich Schiller vor
vielen Andern höchst seltsam aus, in seiner langen hagern Gestalt, in dem
bleichen Gesicht und den fast immer etwas entzündeten Augen.

Noch schwerer, als der Körperzwang, dem er sich unterworfen sah, lastete
auf ihm der Druck des Geistes. Die strenge Form und Regel in jenem
Institut vertrug sich nicht mit der leisesten Freiheitsäußerung. Strenge
Verleugnung seiner selbst, das Ersticken hervorstechender Talente, die
nicht in den Erziehungsplan paßten, vor Allem aber die Niederbeugung des
eigenen Willens, waren die Grundsätze, deren Befolgung die Karlsschule
unbedingt verlangte. Seinen tiefen Unmuth über diesen Zwang sprach
Schiller in mehreren Briefen an seinen Jugendfreund Carl Moser aus. Selbst
den Trost freundschaftlicher Mittheilung mußte er entbehren. Ueberall
scharf beobachtet, durften die Zöglinge ohne einen Grund, der den
Inspectoren genügte, sich nicht aus einem Schlafsaal in den andern
begeben. Das Puder- und Waschzimmer, eine abgelegene Allee im Garten, ein
Durchgang im Hofe u.s.w. mußte das Local darbieten, wo Schiller einzelnen
Vertrauten Proben seiner Gedichte oder später Scenen aus seinen "Räubern"
mittheilen konnte, doch nicht selten unterbrochen ward, wenn der
ausgestellte Vorposten das verabredete Zeichen gab.

Zu der Erinnerung an die Freiheit, die er im elterlichen Hause genossen,
trat noch für Schiller das drückende Gefühl der Einsamkeit. Seine Natur
war nicht geeignet, sich Andern zu nähern. Unter den dreihundert Zöglingen
der Karlsschule hatte er nur wenig Freunde im strengsten Sinne des Wortes.
Nicht ausgezeichnetes Talent, wohl aber Herzensgüte und
Charakterfestigkeit mußte der besitzen, an den er sich anschloß. Mit
zurückschreckender Kälte behandelte er Individuen von schwankendem,
niedrigem und bösartigem Charakter, und suchte sich ihrem Umgange
möglichst zu entziehen. Ein Glück war es für ihn, daß er in der
Karlsschule bald nach seinem Eintritt mehrere gleichgesinnte Jünglinge
fand, die sich zugleich lebhaft für die Dichtkunst interessirten. Zu
seinen Freunden gehörten vor allen v. Hoven, später Medicinalrath in
Nürnberg, der nachherige Bibliothekar Petersen in Stuttgart, v.
Scharffenstein, späterhin General in würtembergischen Diensten, der
Bildhauer Dannecker und der Tonkünstler Zumsteg.

Mit seinem trüben Schicksal versöhnte ihn einigermaßen die humane
Behandlung des Majors v. Wolf, unter dessen Oberaufsicht er stand. Ohne
von der Würde eines Vorgesetzten sich etwas zu vergeben, verschaffte jener
feingebildete und zartfühlende Mann dem aufkeimenden Talente Schillers
neue Nahrung, indem er ihm zu der Bekanntschaft mit den ausgezeichneten
Geisteswerken verhalf, was jedoch nicht ohne Beseitigung mancher
Hindernisse geschehen konnte, da deutsche Bücher in der Karlsschule als
eine Art von Contrebande galten. Groß war Schillers Freude, als ihm ein
Zufall Klopstocks Oden und den Messias verschaffte. Sein eignes poetisches
Talent ward durch jene Dichtungen, die in seinem religiös gestimmten
Gemüth leicht Anklang fanden, mächtig angeregt. Von allen andern
Zerstreuungen geschieden, kehrte er in seiner klösterlichen Einsamkeit
immer wieder zu seinem Lieblingsdichter Klopstock zurück, dessen
Anschauungen, Bilder, Gefühle und Gedanken er sich allmälig aneignete.
Jene Gattung der Poesie nährte Schillers Empfänglichkeit für das Große und
Erhabene. Aber auch die Neigung zum geistlichen Stande ward wieder in ihm
rege durch Klopstocks Dichtungen. In der Bibel fand er den Stoff zu einem
epischen Gedicht, Moses, das sich leider nicht erhalten hat.

Einen fast noch tiefern und bleibendern Eindruck auf Schillers
empfängliches Gemüth machten die erhabenen, rührenden und erschütternden
Scenen in Gerstenbergs Ugolino. Noch in spätern Jahren schätzte er dieß
Trauerspiel sehr, dessen Mittheilung er 1773 einem Freunde verdankte.
Völlig abgelenkt von der lyrischen und epischen Poesie ward Schiller, als
er bald nachher Goethe's Götz von Berlichingen kennen lernte. Dies
Ritterschauspiel führte ihn mit hinreißender Gewalt der tragischen
Laufbahn entgegen. Durch die Wielandsche Uebersetzung Shakspeare's, die
ihm sein Freund v. Hoven verschaffte, ward er mit diesem großen Dramatiker
bekannt. Eine Stelle aus Shakspeare's Werken, die sein Lehrer Abel einst
in einer Unterrichtsstunde mittheilte, soll ihn zuerst für den großen
Britten begeistert haben. In spätern Jahren gestand er jedoch, daß sein
moralisches Gefühl, vielleicht auch die Vorliebe für Klopstocks Poesie,
ihn lange verhindert habe, Shakspeare gerecht zu würdigen. Er gestand
offen, daß ihn die Kälte und Unempfindlichkeit empört habe, die dem
Britten erlaubte, im höchsten Pathos zu scherzen, und die erschütternden
Scenen im Hamlet, im König Lear und Macbeth durch einen Narren zu stören.
Immer mehr erkaltete in ihm die Vorliebe für Shakspeare. Neuere deutsche
Dichter verdrängten ihn, besonders Lessing in seiner Emilia Galotti und
Leisewitz in dem Trauerspiel Julius von Tarent. Mehrere Briefe an seinen
Jugendfreund Carl Moser bewiesen, wie ihn die strenge Disciplin der
Karlsschule erbitterte, die durch ihre Fesseln ihn nöthigte, jenen
Geistesgenuß als etwas Strafbares zu betrachten. Er fühlte, wie er in
einem seiner Briefe äußerte, jenem Zwange gegenüber, in seinem Herzen eine
ganz andere Welt, als die, die ihn umgab. "So lange sich mein Geist frei
erheben kann," schrieb er unter andern, "wird er sich in keine Fesseln
schmiegen." In solcher Stimmung gab es Fälle, wo sein Unmuth, den er bei
Irrungen mit seinen Vorgesetzten meist durch einen witzigen oder
sarkastischen Einfalt beschwichtigt hatte, sehr lebhaft hervorbrach. Mit
der Aeußerung: er müsse bei der Wahl seiner Studien seinen freien Willen
haben, warf er einst, als er unter dem Vorwande der Krankheit auf seinem
Zimmer geblieben war, ein ihm aufgedrungenes Pensum dem Ueberbringer vor
die Füße. Für diesen Trotz ward er einige Zeit degradirt und lernte
einsehen, daß in solchen Fällen die Inspectoren doch weiter mit ihrem
Willen reichten, als er mit dem seinigen.

Wenn er Nachts, wo seine Phantasie am lebhaftesten aufgeregt war,
ungestört arbeiten wollte, mußte er ebenfalls Unwohlseyn vorschützen. Ihm
ward dann erlaubt, im Krankensaale sich einer Lampe zu bedienen, während
er außerdem, wie die übrigen Zöglinge, nur bis zu einer bestimmten Stunde
Licht brennen durfte. Ein wissenschaftliches Buch war immer bei der Hand,
um das Manuscript sogleich zu bedecken, wenn es einem der Inspectoren oder
mitunter dem Herzog selbst einfiel, den Saal zu visitiren. Mehrere
Gedichte, zum Theil auch Schillers Schauspiel, die Räuber, entstanden auf
diese Weise. Als er einst einigen Freunden eine Scene aus diesem noch
ungedruckten Stück vorlas, überraschte ihn einer der Inspectoren. Mit
Pathos recitirte Schiller die von Franz Moor an den Pastor Moser
gerichteten Worte: "Ha! was! du kennst keine Strafe drüber? (über den
Vatermord) Besinne dich nochmals! Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß
schwebt auf dem Laute deines Mundes." In diesem Augenblick öffnete sich
die Thür. "Ei! wer wird denn so entrüstet seyn und fluchen?" sagte der
hereintretende Aufseher. Schillers Freunde lächelten, und er selbst rief
dem sich wieder entfernenden Inspector bitter lächelnd nach: "Ein
confiscirter Kerl!"


Mit solchen Kraftäußerungen harmonirte Schillers Freimüthigkeit in der
Beurtheilung seiner selbst und Anderer. Eine blondere Veranlassung, diese
Freimüthigkeit zu zeigen, bot sich ihm dar, als der Herzog von Würtemberg
1774 verlangte, daß unter den altern Zöglingen seines Instituts jeder
nicht nur von sich, sondern auch von allen Genossen seiner Abtheilung eine
schriftliche Charakteristik entwerfen sollte. Sowohl die Fehler, als die
Fähigkeiten und Lieblingsneigungen der einzelnen Zöglinge, besonders aber
eines Jeden Betragen gegen die Lehrer und Inspectoren sollten, nach der
Ansicht des Herzogs, in jener Charakteristik genau angegeben werden. In
den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachträgen zu Schillers Werken
haben sich die Schilderungen erhalten, die der damals funfzehnjährige
Jüngling von mehren seiner Mitschüler entwarf. Jene Schilderungen waren
nicht blos Beweise seiner feinen Beobachtungsgabe; sie zeigten auch seine
redliche, wohlwollende und freimüthige Gesinnung im schönsten Lichte. Von
manchen seiner Mitschüler bekannte er offen: die Ehrerbietung gegen ihre
Vorgesetzten grenze an Niederträchtigkeit.

In der Schilderung, die er von sich selbst entwarf, verschwieg er nicht
seine vorherrschende Neigung zur Poesie. Freimüthig gestand er: "daß er in
manchen Stücken noch fehle, daß er eigensinnig, hitzig, ungeduldig sei,
daß er aber auch ein aufrichtiges, treues und gutes Herz habe." Die
mißfälligen Aeußerungen seiner Freiheitsliebe suchte er durch sein edles
Gemüth zu entschuldigen. Am Schluß seiner Selbstcharakteristik
unterdrückte er nicht das Geständniß, daß er sich weit glücklicher fühlen
würde, wenn er dem Vaterlande als Theolog dienen könnte. Daß er dem
geistlichen Stande entzogen worden, beklagte er oft. Auch in spätern
Jahren verband er etwas Großes und Erhabenes mit der Vorstellung, vor
einer versammelten Gemeinde über die wichtigsten Angelegenheiten des
Menschen zu sprechen.

Wie Schillers Mitschüler über ihn urtheilten, zeigt ein noch erhaltener
Aufsatz eines seiner Jugendfreunde. Seine Neigung zur Poesie, besonders
zur tragischen, wird in jenem Aufsatze besonders hervorgehoben. Seinem
Betragen nach wird er als sehr lebhaft und lustig, dabei aber zugleich
auch als bescheiden, schüchtern und freundlich geschildert, mehr in sich
selbst, als äußerlich vergnügt, nie ganz mit sich selbst, doch mit seinem
Schicksal zufrieden. Das Letztere konnte schwerlich der Fall seyn. Mit
seinen poetischen Beschäftigungen stand das von ihm gewählte Studium einer
so trocknen Wissenschaft, wie die Jurisprudenz, in der furchtbarsten
Disharmonie. Seine Phantasie, von poetischen Bildern, Träumen und Plänen
fortwährend bewegt, konnte durch die Geschichte der in Deutschland
geltenden Rechte eben so wenig gefesselt werden, als durch spätere
Collegien über das Naturrecht und über das römische Recht. Von seinen
juristischen Lehrern ward er daher für einen talentlosen Menschen
gehalten, dessen Fähigkeiten zu keinen großen Erwartungen für die Zukunft
berechtigten. Fleißiger, als das Studium der Rechte, betrieb er den
fortgesetzten Unterricht im Lateinischen und Griechischen, in der
Geographie, Geschichte und Mathematik. Anziehend waren für ihn besonders
die Elemente der Philosophie. Doch hatte er auch in den neuern Sprachen
hinlängliche Fortschritte gemacht, um die französischen Classiker ohne
Schwierigkeit lesen zu können.

Glücklicherweise fand Schiller 1775 durch eine Erweiterung der Karlsschule
Gelegenheit, die ihm lästige Jurisprudenz mit einem andern Studium zu
vertauschen. In den Kreis der bisherigen Lehrgegenstände war um diese Zeit
auch die Medicin gezogen worden. Schiller entschloß sich, diese
Wissenschaft zu studiren und sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu
wählen, wahrscheinlich, wie einer seiner Jugendfreunde erzählt, durch die
Ansicht geleitet, daß Psychologie und die damit verwandten Kenntnisse ihm
in dramatischer Hinsicht förderlich seyn könnten. Nach einer andern
Nachricht entschloß sich Schiller zur Medicin durch die seinem Vater von
dem Herzog eröffneten Aussichten einer schnellen Versorgung seines Sohnes.

Hätte auch Schillers neues Studium ein noch höheres Interesse für ihn
gehabt, als dies, wenigstens anfangs, der Fall war, so konnte es ihm doch
keine Entschädigung darbieten für den Druck der Fesseln, die überall den
Aufschwung seines Geistes lähmten. In ihm lebte ein hohes Freiheitsgefühl,
dem er sich mit ganzer Seele hingab, wenn es ihm dann und wann gelang, den
engen Mauern zu entschlüpfen, die ihn mit der Welt und ihren Verhältnissen
in gänzlicher Unbekanntschaft erhielten. Der Plan, den er mit einigen
Freunden 1775 zu einer heimlichen Flucht entworfen hatte, mißlang, ohne
verrathen worden zu seyn, doch gänzlich. Schiller mußte sich mit dem Trost
begnügen, wie bisher, der Menschen Thun und Treiben aus der Ferne zu
belauschen.

In seiner Einsamkeit blieb die Dichtkunst seine Lieblingsbeschäftigung.
Außer Klopstock, für den er noch immer eine besondere Vorliebe zeigte,
waren Uz, Haller, Lessing, Gerstenberg und Goethe die Dichter, deren
poetische Schöpfungen ihn am meisten ansprachen. Den tiefsten Eindruck auf
sein empfängliches Gemüth machten Werthers Leiden. Als dieser Roman im
Kreise einiger seiner vertrautesten Freunde vorgelesen ward, entwarfen
sie, von jugendlicher Begeisterung ergriffen, sogleich den Plan zu einem
zweiten Werther, der freilich ungeschrieben blieb. Schwer möchten die
Empfindungen zu schildern seyn, von denen Schiller bei dem Anblick
Goethe's ergriffen ward, der den Herzog von Weimar begleitete, als dieser
Fürst die Karlsschule besuchte. Wie hätte ihm damals nur eine Ahnung
kommen können, daß zwischen ihm und dem Verfasser des Werther sich einst
ein Freundschaftsband knüpfen werde! Als einfaches sinniges Gemälde
schöner Jugendliebe sprach ihn auch Millers Siegwart an, und Stunden lang
schwärmte er, am einsamen Gitterfenster sitzend, in den durch jene
Klostergeschichte in ihm erregten Gefühlen.

Schiller wollte indeß nicht blos genießen, er wollte auch selbst
produciren. Nahe lag ihm und seinen gleich gestimmten Freunden die Idee,
mit den Mustern zu wetteifern, die durch tiefe Blicke in das Innere der
Seele, wie durch Reichthum der Phantasie und der Sprache, der Dichtkunst
einen neuen Schwung zu geben suchten. Mit seinen Freunden kam Schiller
überein, daß sie sich in die aus den verschiedenen Gattungen der Poesie
gewählten Stoffe theilen wollten. Petersen machte sich anheischig, ein
rührendes Schauspiel zu dichten; v. Hoven wollte ein Seitenstück zum
Werther und Scharffenstein versprach ein Ritterstück. Schiller selbst war
wegen des Süjets, das zu einer Tragödie paßte, längere Zeit in so großer
Verlegenheit, daß er, nach seiner eignen Aeußerung in spätern Jahren,
damals seinen letzten Rock und Hemde für einen dankbaren Stoff würde
hingegeben haben.

In solcher Stimmung fiel ihm ein Zeitungsblatt in die Hände, das eine
Nachricht von der Selbstentleibung eines Studenten in Nassau enthielt.
Sein theilnehmendes Herz und seine lebhafte Phantasie fand in diesem
Ereigniß sogleich die Grundlage zu einer Tragödie, die den Titel: "der
Student von Nassau" erhielt. In spätern Jahren soll er bedauert haben, daß
er diesen ersten dramatischen Versuch, dessen vielfache Mängel ihm bald
einleuchteten, wieder vernichtet hatte. Jenes Trauerspiel war ein
merkwürdiges Document der ersten glühenden Wärme seines Gefühls. Auch ein
zweiter dramatischer Versuch Schillers, "Kosmus von Medicis", hat sich
nicht erhalten. Diese Tragödie soll dem von Leisewitz gedichteten
Trauerspiel Julius von Tarent sehr ähnlich gewesen seyn. Einzelne Gedanken
und Situationen nahm Schiller später in seine "Räuber" auf.

Hauptsächlich dem Freiheitsdrange hatte Schiller in den erwähnten
dramatischen Versuchen Luft gemacht. Aber auch sein Herz verlangte
Befriedigung. Er fand sie, noch immer wieder zu Klopstocks Poesie
zurückkehrend, in lyrischen Ergießungen. Sein erstes Gedicht dieser Art,
in den Nachträgen zu seinen Werken enthalten, und "Schilderung des
menschlichen Lebens" überschrieben, entstand 1775, zu einer Zeit, wo trübe
Erfahrungen und die peinliche Unruhe der erwachenden Denkkraft den Frieden
der Seele des damals sechszehnjährigen Jünglings schon untergraben hatten.
Psychologisch merkwürdig war dieß Gedicht, weil Schiller darin schon im
Allgemeinen die Zerwürfnisse angedeutet hatte, die er später mit
gewaltsamem Ungestüm in den "Räubern" zur Sprache brachte.

Ganz im Geiste Klopstocks war eine zweite lyrische Ergießung, die unter
der Ueberschrift: "der Abend", eine Stelle in Balthasar Haug's
Schwäbischen Magazin vom Jahr 1776 fand. Es war eine Art von Hymne an
Gott, voll religiöser Empfindung und mit einer ungewöhnlichen Kraft und
Energie der Sprache gedichtet. Dies mochte der Herausgeber des
Schwäbischen Magazins gefühlt haben, weil er in einer Anmerkung dem jungen
Dichter ein "%os magna sonaturum%" prophezeihte. Schiller sprach einige
Jahre später ein wegwerfendes Urtheil über dies Gedicht aus, als ihn ein
Jugendfreund daran erinnerte. "Damals", sagte er, "war ich noch ein Sklave
Klopstocks."

Der eben genannte Dichter begeisterte ihn auch zu dem Gedicht: "der
Eroberer", ebenfalls in Haugs Schwäbischen Magazin vom Jahr 1777 gedruckt
und späterhin in die Nachträge zu Schillers Werken aufgenommen. Nicht
unbillig beurtheilte sein Jugendfreund Petersen dies Gedicht, das er als
"den Erguß einer orientalischen Geistesergrimmung" bezeichnete, mit
Erinnerungen aus der Messiade und den Propheten, voll wilden Feuers und
roher brausender Kraft, aber auch voll Schwulst und Unverständlichkeit. In
seiner Unbekanntschaft mit der Welt und ihren Verhältnissen lag
hauptsächlich der Grund, warum Schillers Phantasie, die sich an keine
Erfahrungen und Anschauungen halten konnte, leicht ins Unbegrenzte
hinausschweifte. Dem Leben völlig entfremdet, konnte er seine poetischen
Stoffe nur aus Büchern schöpfen, und so war ihm das Dichten mehr eine
angestrengte Arbeit, als ein leichtes Spiel.

Früher, als sein poetisches Talent, gelangte seine hervorstechende
Denkkraft zu einer gewissen Selbstständigkeit. Garve's Anmerkungen zu
Ferguson's Moralphilosophie verdankte Schiller das erste Licht im Reich
der Vernunftwahrheiten. Auch mehrere Schriften Lessing's, Sulzer's,
Mendelssohn's, Herder's u.A. las er fleißig. Vorzüglich waren es
Plutarch's Lebensbeschreibungen, durch welche Schillers Vorstellungsweise
sich zum Großen und Allgemeinen erhob. Für dies Werk blieb ihm stets eine
große Vorliebe. In den später gedichteten "Räubern" ließ er seinen Karl
Moor sagen: "Mir ekelt vor diesem dintenklecksenden Seculum, wenn ich in
meinem Plutarch lese von großen Menschen." Auch noch in spätern Jahren
(1788) empfahl er das Studium jenes griechischen Autors einer Freundin.
Ein solches Werk, meinte er, erhebe uns über die platte Generation und
mache uns zu Zeitgenossen einer bessern Menschheit.

Neue Nahrung und eine bestimmte Richtung erhielt Schillers
Selbstthätigkeit im Denken nicht sowohl durch den Unterricht, den er in
der Karlsschule genoß, als vielmehr durch den eigenthümlichen Gang seines
Geistes. Schon bei dem mühsamen Entwurf seiner poetischen Stoffe hatte er
seine Denkkraft üben müssen. Den Eindrücken der Außenwelt durch einen
harten Erziehungszwang entzogen, mußte er ein Denker werden, wenn irgend
ein geistiges Interesse in ihm vorhanden war. Ein solches Interesse fühlte
er für das Moralische und Religiöse. Sein Denken nahm eine philosophische
Richtung. Der fromme Glaube an die positiven Lehren des Christenthums, den
ihm der Religionsunterricht in seiner Jugend eingeflößt hatte, war
erschüttert worden, seit er in den Dichtern, die er zu seiner Lectüre
gewählt, auf andere und freiere Ansichten gestoßen war. Auch seine
Vernunft harmonirte nicht manchen positiven Dogmen. Sein erwachtes
Selbstgefühl, das Bewußtseyn des Adels der menschlichen Natur wollte sich
nicht lange vertragen mit so manchem, was ihm bisher als ehrwürdig
gegolten. Er ward irre in seinen religiösen Ansichten, und Zweifel
bemächtigten sich seiner Seele. Ein merkwürdiges Document dieser
Gemüthsstimmung waren die von ihm verfaßten "Morgengedanken am Sonntage",
die er in das Schwäbische Magazin vom Jahr 1777 einrücken ließ. Der
Herausgeber jener Zeitschrift, Balthasar Haug, nannte den erwähnten
Aufsatz "eine Frucht der bessern religiösen Empfindungen und
Ueberzeugungen des Verfassers, der durch vermiedene Schicksale, auch in
Sachen der Religion und Wahrheit geläutert worden sei." Schiller legte in
jenem Aufsatze das offene Geständniß ab, "daß oft bange Zweifel seine
Seele in Nacht gehüllt, und daß sein beunruhigtes Herz nach himmlischer
Erleuchtung gerungen habe."

Für die Lauterkeit seiner Empfindung, wie für die Wahrheit seiner
Gesinnung gab jener Aufsatz, oder vielmehr jenes rührende Gebet, das sich
in den Nachträgen zu Schillers Werken erhalten hat, ein vollgültiges
Zeugnis. Beruhigen konnte es ihn nicht in seiner, durch religiöse Zweifel
und den erwachten Forschungsgeist vielfach bewegten Stimmung. Voltaire's
und Rousseau's Schriften, die ihm damals in die Hände gefallen waren,
unterhielten in ihm den Zwiespalt zwischen Glauben und Vernunft, in den er
gerathen war. Eine merkwürdige Revolution schien in seinem Geiste
eingetreten zu sein. Von den religiösen Wahrheiten wandte sich sein
Forschen zu Gegenständen und Angelegenheiten, die dem Menschen überhaupt
wichtig und theuer sind. Durch eine besondere Veranlassung ward seine
erwachte Denkkraft in Thätigkeit erhalten. 1779 feierte er das Geburtsfest
der Favoritin des Herzogs von Würtemberg, der Reichsgräfin Franziska von
Hohenheim, durch eine Rede, in der ihn die Lösung der Frage beschäftigte.
"ob allzu viel Güte, Leutseligkeit und Freigebigkeit im engsten Verstande
zur Tugend gehöre." Wahrscheinlich war ihm dieß sonderbare Thema vom
Herzog selbst aufgegeben worden. Mit jugendlichem Feuer und mit einer
Kühnheit der Sprache, die ihn fast in's Ueberschwängliche führte, äußerte
sich Schiller in dieser Rede. Die ihm aufgegebene Frage aber beantwortete
er so umfassend und geistreich, daß er die kühnsten Erwartungen des
Herzogs übertraf. Aus dem classischen Alterthum, aus der Zeit der Griechen
und Römer nahm er die Beispiele her, an die er seine sittlichen Ideen und
Gefühle knüpfte. Bei aller Dankbarkeit und Pietät gegen seinen Fürsten
enthielt er sich gänzlich frei von niedriger Schmeichelei. Auf einer noch
höhern Stufe seiner intellectuellen Bildung erschien er in einer spätern
Rede, durch die er 1780 das Geburtsfest der Gräfin von Hohenheim feierte.
Er wählte für diese Rede ein verwandtes Thema, welchem ebenfalls eine
sittliche Idee zum Grunde lag: "Die Tugend in ihren Folgen betrachtet."
Noch unverkennbarer, als in der frühern Rede, zeigte sich in dieser
zweiten die in's Große und Universelle sich erstreckende Geistesrichtung
des ein und zwanzigjährigen Jünglings. Eine weitere Ausführung gab er in
spätern Gedichten der hier ausgesprochenen Idee, daß die Liebe in der
geistigen Welt das sei, was das Anziehungsgesetz in der materiellen Welt.

Während Schiller in dieser Weise sein oratorisches Talent übte, ergriff
ihn mitten unter seinen philosophischen und poetischen Studien drückender
als jemals ein tiefes Gefühl des Unmuths, das ihm eine völlige
Gleichgültigkeit gegen das Leben und alle irdischen Verhältnis einflößte.
In einem am 15. Januar 1780 geschriebenen Briefe gestand er, daß die Welt
durchaus keinen Reiz mehr für ihn habe, und meinte: mit jedem Schritt, den
er an Jahren gewänne, verlöre er immer mehr an Zufriedenheit. Er wünschte
als Kind gestorben zu seyn. "Wäre", schrieb er, "mein Leben mein eigen, so
würd' ich nach dem Tode geizen. So aber gehört es einer Mutter und dreien
ohne mich hülflosen Schwestern, denn ich bin der einzige Sohn, und mein
Vater fängt an, graue Haare zu bekommen." Daß ihn das Gefühl der Pflicht
an seine Selbsterhaltung mahnte, war ein schöner Zug in Schillers
Charakter. Dem Briefe, der das oben erwähnte Geständniß enthielt, lag
übrigens eine äußere Veranlassung zum Grunde. Das Schreiben war an den
Vater seines Jugendfreundes v. Hoven gerichtet, dessen Bruder als Zögling
der Karlsschule in der Blüthe seiner Jahre gestorben war. Auch in diesem
Briefe, wie bei andern Veranlassungen, zeigte sich Schillers Hang zur
Reflexion. Zu einer Vergleichung des irdischen Lebens mit dem glücklichen
Loose, das uns jenseits erwartet, nahm er seine Zuflucht, um den
trauernden Vater zu trösten.

Seine trübe Stimmung suchte Schiller durch den Eifer und Fleiß zu
verscheuchen, mit dem er sich seinen medicinischen Studien widmete. Dem
Entschluß, der Poesie vor der Hand zu entsagen und sich ausschließlich
seinem Beruf zu widmen, blieb er wenigstens eine Zeit lang unverbrüchlich
treu. Wie tief er in einzelne Zweige der von ihm gewählten Wissenschaft
eingedrungen war, zeigte eine unter dem Titel: "Philosophie der
Physiologie" verfaßte Abhandlung, die er später lateinisch ausarbeitete
und in der letzten Gestalt als Probeschrift vorlegte. Sie scheint nicht
gedruckt worden zu seyn. Von der deutschen Abhandlung hat sich leider nur
ein Fragment von fünf Capiteln und nicht einmal das erste vollständig
erhalten. Aber schon dieß Bruchstück zeigte den seltnen Scharfsinn, die
hohe geistige Ausbildung und das wissenschaftliche Streben des Jünglings.

Ihrem Inhalt nach mit dieser Abhandlung verwandt war eine andere, welche
Schiller zwei Jahre später (1780) zur Zufriedenheit seiner Lehrer und
selbst des dabei anwesenden Herzogs vertheidigte, der sich nach der
Prüfung in dem Speisesaal, den Arm auf Schillers Stuhl gelehnt, sehr
herablassend mit ihm unterhalten haben soll. Diese Abhandlung, "Versuch
über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner
geistigen," zu Stuttgart 1780 gedruckt und später in Schillers Werke
aufgenommen, war von ihm seinem Fürsten gewidmet worden, in dankbarer
Erinnerung an den Unterricht, den er ihm nebst so manchen andern
Wohlthaten zu verdanken gehabt hatte. Schiller war ein und zwanzig Jahre
alt, als er durch diese ursprünglich lateinisch geschriebene Abhandlung
ein vollgültiges Zeugniß seiner Fähigkeiten und der vielseitigen Bildung
gab, zu der er sich durch anhaltenden Fleiß emporgeschwungen. Der
Hauptzweck dieser Dissertation war, die Abhängigkeit des Geistes vom
Körper zu zeigen, wodurch er unwillkührlich dem in seiner Natur tief
begründeten Idealismus entzogen und in das realistische Gebiet geführt
ward.

Lange konnte er dort nicht verweilen. Unter den zu seinem künftigen
Lebensberuf dienenden Studien zog ihn seine Neigung immer wieder zur
Poesie zurück. Ein vorherrschendes Interesse behielt für ihn das Studium
dramatischer Werke. Die in der Karlsschule übliche Sitte, jährlich einige
Mal Theaterstücke in einem Saal des akademischen Gebäudes aufzuführen,
verschaffte ihm Gelegenheit, sich als Schauspieler zu versuchen. Er trat
als Clavigo in dem gleichnamigen Trauerspiel Goethe's auf, erntete jedoch
keinen Beifall ein. Noch lange nachher scherzten seine Freunde über sein
unangenehmes Organ, seine heftige Declamation und seine übertriebene Mimik
Durch seinen ersten dramatischen Versuch, durch die "Räuber," die in diese
Zeit seines Lebens fallen, wies Schiller seinen Naturanlagen und seinem
Talent für immer die eigentliche Richtung an.

Dem gereizten Gefühl des oft wiederkehrenden Unmuths über den Druck seiner
Verhältnisse, verbunden mit dem überwiegendem Hange zur Reflexion,
verdankte das erwähnte Schauspiel, das durch die ungeheure Sensation, die
es machte, für Schiller die trübsten Schicksale herbeiführte, seine
Entstehung. Das Manuscript der "Räuber" war ganz oder doch beinahe
vollendet, als mit seiner Anstellung als Regimentsarzt Schillers
Aufenthalt in der Karlsschule endete. Die äußere Veranlassung zu seinem
Schauspiel soll eine im Schwäbischen Magazin enthaltene Erzählung von
einem durch seinen verstoßnen Sohn geretteten Vater gegeben haben. Nur aus
seinem eignen Busen hatte Schiller, von aller Erfahrung und
Menschenkenntniß entblößt, den Gehalt zu einer so ungeheuern Dichtung, wie
die Räuber, schöpfen können. Ein über die Entstehung seines Schauspiels
einige Jahre später von ihm geschriebener Aufsatz enthielt in dieser
Hinsicht ein merkwürdiges Selbstgeständniß Schillers.

"Ein seltsamer Mißverstand der Natur", schrieb er, "hatte mich in meinem
Vaterlande zum Dichter verurtheilt. Neigung für Poesie beleidigte die
Gesetze des Instituts, worin ich erzogen ward, und widersprach dem Plane
seines Stifters. Acht Jahre rang mein Enthusiasmus mit der militärischen
Regel. Aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die
erste Liebe. Was sie ersticken sollte, fachte sie an. Verhältnissen zu
entfliehen, die mir zur Folter waren, schweifte mein Hang in eine
Idealwelt aus. Aber unbekannt mit der wirklichen Welt, von welcher mich
eiserne Stäbe schieden, unbekannt mit den Menschen, denn die vierhundert,
die mich umgaben, waren ein einziges Geschöpf, der getreue Abguß eines und
eben dieses Modells, von welchem die plastische Natur sich feierlich
lossagte; unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst überlassener
Wesen--denn hier kam nur eine zur Reife, die ich jetzt nicht nennen will--
jede übrige Kraft des Willens erschlaffte, indem eine einzige sich
convulsivisch spannte; jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der
tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der
herrschenden Ordnung verloren; unbekannt mit dem schönen Geschlecht--die
Thüren dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern
nur, wenn sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehört
haben, es zu seyn; unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal, mußte
mein Pinsel nothwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel
verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt
nicht vorhanden war, und dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen
möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, die der naturwidrige
Beischlaf der Subordination und des Genius in die Welt setzte.--Ich meine
die Räuber. Dies Stück ist erschienen. Die ganze sittliche Welt hat den
Verfasser als einen Beleidiger der Majestät vorgefordert. Seine ganze
Verantwortung sei das Klima, unter dem es geboren ward. Wenn von allen den
unzähligen Flugschriften gegen die Räuber eine einzige mich trifft, so ist
es diese, daß ich zwei Jahre vorher mir anmaßte, Menschen zu schildern,
ehe mir noch einer begegnet war."

Durch keine Rücksicht ließ sich in diesem Schauspiel Schillers
Freiheitsdrang und seine feurige Phantasie zähmen, die ihn in's
Schrankenlose und Leidenschaftliche trieb. In einer Selbstcritik der
"Räuber", die er später entwarf, äußerte Schiller, Rousseau habe es am
Plutarch gerühmt, daß dieser erhabene Verbrecher zum Stoff seiner Stücke
gewählt habe und Schiller gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er diesem
Beispiel gefolgt sei. Es lag in seiner Natur, Alles in's Uebermäßige zu
treiben. In den Personen, die er in seinem Schauspiel auftreten ließ,
wurde Alles Affect und Leidenschaft. Sogar dem metaphysischen Franz Moor,
der sich im ersten Act der Räuber einen kalten, hölzernen Alltagsmenschen
hatte, gab Schiller im vierten Act eine gewisse Sentimentalität. Unter
allen von ihm dargestellten Charakteren war kaum ein einziger, der nicht
durch eine momentane Aufwallung bald hier- bald dorthin gerissen ward. Von
den verschiedenartigsten Empfindungen, von Zorn, Wehmuth, Rührung, Jubel,
Verzweiflung und Wahnsinn ergriffen, schilderte er in der letzten Scene
seinen Helden Karl Moor, in welchem er zum Theil sich selbst mit seinem
leidenschaftlichen Freiheitsdrang gezeichnet hatte. "Ich soll," ließ er
ihn sagen, "meinen Leib pressen in eine Schnürbrust, und meinen Wollen
schnüren in Gesetze? Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was
Adlersflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet,
aber die Freiheit brütet Colosse und Extremitäten aus."

Während Schiller seinem idealen Freiheitsdrange in den Räubern Luft
machte, mußte ihm ein Blick auf seine Verhältnisse sagen, daß er selbst
der lang ersehnten Freiheit noch immer entbehrte, oder sie wenigstens nur
scheinbar erhalten hatte. Abgesehen davon, daß mit der früher erwähnten
Anstellung als Regimentsarzt bei dem in Stuttgart cantonirenden Regimente
Auge, bei welchem er sich mit dem geringen Monatsgehalt von achtzehn
Gulden Reichswährung begnügen mußte, sah er sich noch immer gefesselt
durch die strengen Bande militärischer Verhältnisse. Schon seine Kleidung
mußte ihn daran erinnern. Eingepreßt in eine Uniform nach altpreußischem
Schnitt, trug er an jeder Seite drei stark vergipste Rollen, auf dem Kopf
einen kleinen Hut, eine schmale Halsbinde von Roßhaar und sehr klappe
Beinkleider mit weißen Gamaschen. Schillers lange, hagere Gestalt, das
bleiche eingefallene Gesicht und seine von Natur steife Haltung konnten
durch diesen Anzug nicht gewinnen, der jede freie Muskelbewegung lähmte.
Der ungünstige Eindruck seiner Persönlichkeit ward verstärkt durch seine
meist entzündeten Augen und sein röthliches Haar.

Was die Natur ihm in körperlicher Hinsicht versagt, hatte sie reichlich
vergütet durch die innere Kraft seines Geistes, die in seiner Unterhaltung
einen unwiderstehlichen Zauber ausübte. Auch dem gewöhnlichsten Gespräch
wußte Schiller ein Interesse zu geben durch das Talent, Nahes und Fernes
zu verknüpfen, und Allem, was er sagte, eine gewisse Bedeutung zu geben.
Selten entschlüpfte ihm ein Wort des Unmuths über seine noch immer nicht
günstigen Verhältnisse. Selbst im Kreise seiner vertrautesten Freunde
schwieg er über diesen Punkt. Seine frühere Neigung zum geistlichen Stande
schien verschwunden. Die lange Laufbahn eines würtembergischen Theologen,
die er hätte durchwandern müssen, schreckte ihn. Jetzt, meinte er, sei er
fertig, ausgerüstet für die Welt. An Entbehrung gewöhnt, schien er
zufrieden mit seinen nichts weniger als günstigen Verhältnissen. Seine
jugendlich frohe Laune würzte die frugale Kost, die er mit dem Lieutenant
Kapf theilte, der gleichzeitig mit ihm die Karlsschule verlassen hatte.
Beide bewohnten gemeinschaftlich ein kleines Zimmer, parterre, im Hause
des Professors Haug, mit welchem Schiller durch seine Beiträge zu dem
Schwäbischen Magazin in einer Art von literarischer Verbindung stand.

Eine höchst wichtige Angelegenheit, die ihn längere Zeit beschäftigte, war
für Schiller die Herausgabe seiner Räuber. Seinen Freunden hatte er das
Manuscript zur Beurtheilung mitgetheilt. In einem noch erhaltenen Briefe
richtete er an seinen Freund Petersen, den nachherigen Bibliothekar in
Stuttgart, die dringende Bitte, ihm zur Herausgabe seines Schauspiels
behülflich zu seyn, und dieselbe möglichst zu beschleunigen. Als den
ersten und wichtigsten Grund nannte er seinen drückenden Geldmangel. Dann
wünschte er aber auch das Urtheil der Welt über seine Befähigung zum
Dramatiker und Schriftsteller überhaupt zu vernehmen.

Was seine Freunde über die Räuber urtheilten, schien ihm nicht
gleichgültig. Er selbst hatte seinem Schauspiel, noch auf der Karlsschule,
bald nach dem Entwurf des Plans, ein eigenthümliches Prognostikon gestellt
durch die an seinen Freund Scharffenstein gerichtete Aeußerung: "Wir
wollen ein Buch machen, das durch den Henker absolut verbrannt werden
muß." Auf ähnliche Weise hatte Schiller in der Vorrede zu den Räubern sich
damit zu entschuldigen gesucht: "Wer eine Copie der wirklichen natürlichen
Welt und keine theatralischen Affectationen, keine Compendienmenschen
liefern wolle, sei in die Notwendigkeit versetzt, Charaktere auftreten zu
lassen, die das feinere Gefühl der Tugend beleidigten, und die
Zärtlichkeit unsrer Sitten empörten."

Vergebens bemühte sich Schiller, für sein Schauspiel einen Verleger zu
finden. Auch die Bemühungen seines Freundes Petersen hatten keinen Erfolg.
Der unbemittelte Autor mußte den Druck seines Werks auf eigene Kosten
veranstalten. Die dazu erforderliche Summe von 150 Gulden würde weder von
ihm, noch von seinen Freunden aufzubringen gewesen seyn, wenn sich nicht
eine dritte Person für die Rückzahlung eines Darlehns von jenem Belange
verbürgt hätte. Ein Zögling der Karlsschule hatte sich erboten,
unentgeltlich eine Vignette zu radiren, welche den Titel des Schauspiels
schmücken sollte. Es war ein Löwe, mit dem die Tendenz des Stücks
bezeichnenden Motto: %In Tyrannos%. Dies grimmige Thier, mit erhobener
Vordertatze und ausgestrecktem Schweif fiel in den spätern Ausgaben der
Räuber hinweg. Das Schauspiel ward auf fast durchsichtigem Papier
gedruckt. Trotz der fehlerhaften Orthographie und der zahllosen
Druckfehler freute sich Schiller unendlich, als er die ersten
Aushängebogen empfing. Mehrere derselben sandte er, noch vor Beendigung
des Drucks, dem Buchhändler Schwan in Mannheim, mit der Bitte, sein Werk
auch im Auslande bekannt zu machen, und groß war Schillers Freude, als ihn
Schwan schriftlich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels für die
Mannheimer Bühne aufforderte. Durch die ihm mitgetheilten Bemerkungen
Schwan's fand sich Schiller veranlaßt, in den letzten Bogen der Räuber
manchen zu grellen und widerlichen Ausdruck zu mildern, und die Vorrede
völlig umdrucken zu lassen.

Die jugendliche Begeisterung, sein Schauspiel gedruckt zu sehen,
verscheuchte dem jungen Dichter die Sorgen und mißlichen Umstände des
Selbstverlags. Seine Autoreitelkeit fühlte sich geschmeichelt, als
durchreisende Schöngeister, unter andern der als Pater Brey in Goethe's
Jahrmarkt zu Plundersweiler verewigte Schriftsteller Leuchsenring, ihm
ihren Besuch abstatteten. Leicht übersah Schiller, daß sein ärmliches
Logis nichts weniger als geeignet war zur Aufnahme von Fremden, die, nach
dem spätern Bericht eines seiner Jugendfreunde, selbst mitunter in schönen
Equipagen gefahren kamen. In jenem nach Tabak und Allerhand riechenden
Zimmer bestand das Mobiliar in einem großen Tisch und Bänken. An den
Wänden hing die Garderobe, angestrichene Beinkleider u.s.w. In der einen
Ecke des Zimmers lagen hohe Ballen der Räuber, und in der andern fiel das
Auge auf einen Haufen Kartoffeln, mit leeren Tellern, Bouteillen u. dgl.
bunt durcheinander.

Durch den Buchhändler Schwan in Mannheim war Schiller mit dem Intendanten
des dortigen Theaters dem Freiherrn v. Dalberg, einem als Beförderer von
Kunst und Wissenschaft allgemein geachteten Manne, in Verbindung gekommen.
Auch von Dalberg ward er zu einer Umarbeitung seiner Räuber für die
Mannheimer Bühne aufgefordert, die damals zu den vorzüglichsten in
Deutschland gehörte. In vierzehn Tagen hoffte Schiller mit der Umarbeitung
seines Schauspiels, für die ihm ein bestimmtes Honorar zugesichert worden
war, fertig zu werden. Er konnte jenen ohnehin kurz anberaumten Termin um
so weniger einhalten, da ihm eine in dem Regiment Auge ausgebrochene
Ruhrepidemie oft von seinen poetischen Beschäftigungen abrief. Ueberdieß
mußte er täglich auf der Wachtparade erscheinen und dem General über den
Zustand der Kranken in den Lazarethen Bericht abstatten. Erschwert ward
ihm die Umarbeitung seines Schauspiels noch durch seine Unbekanntschaft
mit den theatralischen Anforderungen und Bedürfnissen. Erst am 6. October
1781 konnte er seinen "verlornen Sohn", wie er damals die Räuber nannte,
an Dalberg senden. In dem Briefe, der das Manuscript begleitete,
verschwieg er nicht die unsägliche Mühe und Geistesanstrengung, die ihm
die Umarbeitung der Räuber gekostet, und gestand offen, daß er in
derselben Zeit ein ganz neues Stück würde haben liefern können.
Schriftliche, mündliche und gedruckte Kritiken hatte er, nach seinem
eignen Geständniß, auf's Sorgfältigste benutzt, den ursprünglichen Entwurf
des Stücks verändert und mehrere ganz neue Scenen und Situationen
hinzugefügt. Auch darüber gab er in seinem fortgesetzten Briefwechsel mit
dem Freiherrn v. Dalberg hinreichende Auskunft.

Diese Correspondenz und die dadurch bedingte Beschäftigung mit seinen
Räubern nahm Schillers Zeit, die ohnedieß durch seinen ärztlichen Beruf
mehrfach zersplittert war, fast über seine Kräfte in Anspruch.
Demungeachtet fand er noch Muße zur Herausgabe einer poetischen
Blumenlese. Sie erschien unter dem Titel: "Anthologie für das Jahr 1782,"
nach einer Bemerkung auf dem Titel angeblich zu Tobolsko gedruckt. Durch
diese Anthologie, zu welcher mehrere seiner Freunde Beiträge lieferten,
wollte Schiller, wie einer derselben erzählt, den Musenalmanach
"zermalmen", den der Kanzleiadvokat Stäudlin in Stuttgart, ein
mittelmäßiger, doch sehr anmaßender Poet, herauszugeben beabsichtigte.
Schiller mußte die Anthologie großenteils mit seinen eignen Gedichten
füllen, da er unter den wenigen Beiträgen, die er von seinen Freunden
erhielt, noch eine strenge Auswahl traf, und sich dabei von allerlei
Rücksichten leiten ließ. Wie bei den Räubern, verschwieg er auch auf dem
Titel jener Blumenlese, wie in dem Buche selbst, seinen Namen. Mit dem
Buchstaben Y unterzeichnete er die meisten seiner Gedichte, einige jedoch
auch mit andern Lettern. Nur dem Gedicht "Monument Moor's, des Räubers"
fügte er die Unterschrift bei: "Vom Verfasser der Räuber." Durch Feuer der
Phantasie und Gluth der Empfindung zeichneten sich die von Schiller
verfaßten Gedichte an Laura aus, zu denen Schillers damalige Bekanntschaft
mit einer jungen Offizierswittwe in Stuttgart die nächste Veranlassung
gegeben haben soll.

Während Schiller sich mit der Herausgabe seiner Anthologie beschäftigte,
die vor Kurzem neu gedruckt worden, blickte er mit Sehnsucht nach dem
Zeitpunkte, wo die erste Vorstellung der Räuber in Mannheim statt finden
sollte. Mehrere Briefe an Dalberg schilderten seine Ungeduld, die gar
keine Grenzen kannte. Dem Theaterzettel, der den 13. Januar 1782 an den
Straßenecken Mannheims die Vorstellung der Räuber ankündigte, war noch
eine von Schiller verfaßte Proclamation beigefügt, zu welcher der Dichter
durch Dalberg veranlaßt worden war. Sie lautete. "Die Räuber--das Gemälde
einer verirrten großen Seele, ausgerüstet mit allen Gaben zum
Fürtrefflichen und mit allen Gaben verloren. Zügelloses Feuer und
schlechte Kameradschaft verdarben Karl's Herz--rissen ihn von Laster zu
Laster--bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande stand, Greuel
auf Greuel häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte, in alle Tiefen der
Verzweiflung.--Groß und majestätisch im Unglück und durch Unglück
gebessert, zurückgeführt zum Fürtrefflichem. Einen solchen Mann wird man
im Räuber Moor beweinen und hassen, verabscheuen und lieben.--Einen
heuchlerischen heimtückischen Schleicher wird man entlarvt erblicken und
gesprengt sehen in seinen eignen Minen. Einen allzu Schwachen,
nachgiebigen Verzärtler und Vater. Die Schmerzen schwärmerischer Liebe und
die Folter herrschender Leidenschaft. Hier wird man auch nicht ohne
Entsetzen in die innere Wirthschaft des Lasters Blicke werfen, und aus de
Bühne unterrichtet werden, wie alle Vergoldungen des Glücks den innern
Wurm nicht tödten, und Schrecken, Angst, Reue und Verzweiflung hart hinter
seinen Fersen sind. Der Zuschauer weine heute vor unsrer Bühne--und
schaudere--und lerne seine Leidenschaften unter die Gesetze der Religion
und des Verstandes beugen; der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der
zügellosen Ausschweifungen nach, und auch der Mann gehe nicht ohne den
Unterricht aus dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsicht auch
den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absichten und Gerichte brauche, und den
verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflösen könne."

Aus Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt und andern benachbarten Orten waren
am 13. Januar 1782 zahlreiche Fremde zu Wagen und zu Fuß nach Mannheim
geströmt, um von den Künstlern einer der vorzüglichsten Bühnen
Deutschlands ein Stück darstellen zu sehen, das bereits große Sensation
erregt hatte. Auf dem Theaterzettel war ausdrücklich bemerkt worden, daß
man, um die Veränderung der Coulissen zu erleichtern, die fünf Acte der
Räuber in sieben habe zerfallen lassen, die bis nach zehn Uhr dauerten. Um
den ihnen zugetheilten Rollen zu genügen, boten die Schauspieler all' ihr
Talent auf, Bök als Karl Moor, Iffland als Franz Moor, Beil als Schweizer,
Beck als Kosinsky. Tieferschütternd war vor Allem die Art und Weise, wie
Iffland als Franz Moor diesen Charakter auffaßte und in allen Abstufungen
consequent durchführte. Selbst die äußere Erscheinung des damals kaum
sechs und zwanzig Jahre alten Künstlers, sein schmächtiger Körper, sein
blasses, hageres Gesicht, harmonirten mit seinem Spiel, besonders in der
Scene, wo er den Traum vom jüngsten Gericht erzählte, und in der Hand die
Lampe, die sein todtenbleiches Gesicht beleuchtete, zu Boden sank.

Von der mächtigen Wallung seines Schauspiels überzeugte sich Schiller, der
der Vorstellung beiwohnte, durch den stürmischen Beifall der Menge. Ohne
Urlaub war er heimlich nach Mannheim abgereist. Die Darstellung seines
Schauspiels hatte so begeisternd auf ihn gewirkt, daß in ihm der Wunsch
aufstieg, als Mitglied des Mannheimer Theaters die Bühne zu betreten.
Ernstlich widerrieth ihm dies jedoch Beil, indem er äußerte, nicht als
Schauspieler, wohl aber als Schauspieldichter werde er einst der deutschen
Bühne zur Zierde gereichen. Die wärmsten Danksagungen über die Vorstellung
der Räuber stattete Schiller in einem Briefe dem Freiherrn v. Dalberg ab.
Er schloß sein Schreiben mit den Worten: "Ich glaube, wenn Deutschland
einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von
der vorigen Woche an zählen."

Ueber sein Talent und seinen wahren Beruf schien er, nach dieser
Aeußerung, zur Gewißheit gekommen zu seyn. Um so lästiger waren ihm aber
jetzt seine medicinischen Geschäfte und der militärische Dienstzwang, dem
er sich unterwerfen mußte. Mit tiefem Unmuth empfand er es, daß er seine
ganze Kraft, seine schönsten Stunden völlig heterogenen Geschäften opfern
mußte. Er sehnte sich in die Pfalz, nach Mannheim zurück, wo er eine
seinen Wünschen und Neigungen mehr entsprechende Lage zu finden hoffte.
Das Verlangen nach erneuter poetischer Thätigkeit regte sich in ihm immer
lebhafter. Unter mehreren dramatischen Stoffen gab er einer Bearbeitung
der Verschwörung des Fiesko in Genua den Vorzug. Für dieß historisch
merkwürdige Ereigniß hatte er sich schon auf der Karlsschule lebhaft
interessiert. Die Beschäftigung mit seinem neuen dramatischen Stoff raubte
ihm die Muße zu einer ausführlichen Selbstcritik der Räuber, die er dem
Freiherrn v. Dalberg versprochen hatte. Er entschuldigte sich deßhalb
brieflich, und fügte die Aeußerung hinzu, daß er bereits in einem
"vaterländischen Journal einige Worte über sein Schauspiel gesagt habe."

Mit diesem Journal meinte er eine Vierteljahrsschrift, unter dem Titel
eines "Würtembergischen Repertoriums der Literatur", zu dessen Herausgabe
er sich mit seinem ehemaligen Lehrer, dem Professor Abel und mit seinem
Freunde Petersen vereinigt hatte. Von jenem Journal erschienen jedoch nur
drei Stücke, die einige von Schiller herrührende und später in seinen
Werken wieder abgedruckte Aufsätze enthielten, unter andern eine
Abhandlung über das deutsche Theater, den "Spaziergang unter den Linden",
und eine "großmüthige Handlung aus der neuesten Geschichte." Unstreitig
die bedeutendste Abhandlung, die Schiller für das Würtemberger Repertorium
der Literatur lieferte, war eine Selbstcritik der Räuber nach der
Mannheimer Theaterausgabe. Sich selbst und seine Leistungen beurtheilte er
mit einer vorurtheilsfreien Strenge, die in Bezug auf sein Talent mitunter
an Geringschätzung grenzte. Reich war jene Selbstchritik besonders an
psychologischen Bemerkungen, und unstreitig das Gediegenste, was bisher
über sein Schauspiel gesagt worden war.

Unter diesen literarischen Beschäftigungen zog sich über seinem Haupt ein
drohendes Ungewitter zusammen, das sowohl in seine schriftstellerische
Thätigkeit, die ihm allein Trost und Freude gab, als auch in seine äußern
Lebensverhältnisse zerstörend eingreifen zu wollen schien. Durch die
größere Verbreitung war die Sensation, welche sein Schauspiel gleich
Anfangs erregt hatte, noch vermehrt worden. Wegen ihrer verderblichen
Wirkung auf jugendliche Köpfe hatten die Räuber zu den lebhaftesten
Besorgnissen Anlaß gegeben. Der revolutionäre Inhalt des Stücks, das der
bestehenden Ordnung Hohn sprach, und allen bisherigen Verhältnissen den
Umsturz drohte, war es nicht allein, was jene Sensation erregte.
Gesteigert ward sie noch dadurch, daß man mehrere Stellen in den Räubern
als gehässige Anspielungen auf die nächsten Umgebungen, ja auf den
Würtembergischen Hof selbst bezeichnete. Schillers Persönlichkeit milderte
zwar einigermaßen den Inhalt seines Stücks. Als ein excentrischer Kopf
hatte er sich jedoch schon in seiner Anthologie gezeigt, in mehreren dort
mitgetheilten Gedichten, unter andern in einer Art von Nachahmung der
Fürstengruft von Schubert, "die schlimmen Monarchen" überschrieben. Durch
ein nicht mehr erhaltenes Gedicht auf den Tod eines Offiziers soll er den
Herzog von Würtemberg persönlich verletzt haben, der als ein vielseitig
gebildeter Fürst der Dichtkunst eigentlich nicht abhold war, doch die
Richtung mißbilligte, die Schillers poetisches Talent genommen. Immer war
dieser des Herzogs Liebling gewesen. Er ließ ihn daher zu sich kommen, und
warnte ihn väterlich vor ähnlichen Ausschweifungen seiner Phantasie. Daß
Schiller ihm seine künftigen poetischen Produkte vor dem Druck zeigen
sollte, war ein Verlangen, welchem der junge Dichter nicht willfahren
konnte, und seine Weigerung ward leicht begreiflicher Weise nicht gut
aufgenommen.

Ein unangenehmer Vorfall kam indeß noch hinzu, um das Band, das ihn an
seinen fürstlichen Gönner kettete, völlig zu lösen. Die in den beiden
ersten Ausgaben der Räuber befindlichen Worte Spiegelbergs, die Schiller
später unterdrückte: "Ich rathe dir, reise du in's Graubündner Land; das
ist das Athen der heutigen Gauner!" hatten einen Bündner so hart verletzt,
daß er sich darüber in dem Hamburger Correspondenten öffentlich beklagte.
Ein Garteninspector in Ludwigsburg, Walter mit Namen, ward dadurch
veranlaßt, sich zum Agenten der Bündner aufzuwerfen, und dem Herzog von
Würtemberg das erwähnte Zeitungsblatt vorzulegen. In seiner Vertheidigung
berief sich Schiller darauf, daß er jene Aeußerung dem Munde des gemeinen
Volks in Schwaben abgelauscht habe. Er erhielt von seinem entrüsteten
Landesherrn einen harten Verweis. Zugleich erging an ihn der strenge
Befehl, bei Festungsstrafe nichts Anderes drucken zu lassen, als was zu
seinem Fach, der Medicin, gehörte. Schillers eigene Worte in der
Ankündigung der späterhin von ihm herausgegebenen Zeitschrift, "die
Rheinische Thalia", schildern am besten den Eindruck, den jener
despotische Befehl auf ihn gemacht hatte. "In einer Epoche", schrieb er,
"wo der Ausspruch der Menge unser schwankendes Selbstgefühl leiten muß, wo
das warme Blut eines Jünglings durch den freundlichen Sonnenblick des
Beifalls munterer fließt, tausend einschmeichelnde Ahnungen künftiger
Größe seine schwindelnde Seele umgeben, und der göttliche Nachruhm in
schöner Dämmerung vor ihm liegt--mitten im Genuß des ersten
verführerischen Lobes, das unverhofft und unverdient aus entlegenen
Provinzen mir entgegen kam, untersagte man mir in meinem Geburtsorte, bei
Strafe der Festung--zu schreiben."

Den Enthusiasmus, mit welchem Schiller sich der Fortsetzung und Vollendung
seines Trauerspiels: "die Verschwörung des Fiesko" widmete, hatte jener
despotische Befehl nicht schwächen können. Bei den erforderlichen
historischen Vorarbeiten zog er die Stuttgarter Bibliothek zu Rathe. Er
fand dort mehrere schätzbare Werke, die ihm über jenes merkwürdige
Ereigniß, über die Verschwörung selbst, ihren Schauplatz und ihre Zeit
Aufklärung verschafften. Erst nach diesen Zurüstungen entwarf Schiller
einen ausführlichen, auf Acte und Scenen berechneten Plan. Das Urtheil
seiner Freunde über sein neues Stück war ihm nicht gleichgültig. Er
theilte ihnen einzelne Scenen mit, um ihre Meinung zu hören.

Schon durch seine äußern, höchst ungünstigen Verhältnisse war Schiller
genöthigt, auf dem einmal betretnen Wege fortzuschreiten. Auch seine
Anthologie hatte er auf eigene Kosten herausgegeben. Dadurch war die noch
immer nicht abgetragene Schuld, in die er durch den Druck der Räuber
gerathen war, bis zu 200 Fl. vermehrt worden. Kaum zur Bestreitung der
nöthigsten Bedürfnisse reichte der mäßige Gehalt, den er als
Regimentsmedicus bezog. Berauscht von dem Beifall, der ihm als Dichter
überall entgegen kam, überließ er sich manchen Vergnügungen, Zerstreuungen
und jugendlichen Thorheiten, die seine Casse erschöpften und zugleich
seiner Gesundheit schadeten. Nicht gänzlich verlor er jedoch darüber
seinem Beruf aus den Augen. Er beschäftigte sich vielmehr fleißig mit
einer Dissertation, die ihm zum Grade eines Doctors der Medicin verhelfen
sollte.

Der Beifall, den die Räuber nach mehrmaligen Vorstellungen fanden, war so
groß, daß Schiller der Lockung nicht widerstehen konnte, sein Schauspiel
nochmals in Mannheim aufführen zu sehen. Er begab sich dorthin am 25. Mai
1782 in Begleitung einiger Freunde und Freundinnen, die sich lebhaft für
sein Schauspiel interessirten. Von dem Herzog von Würtemberg, der auf
kurze Zeit verreist war, hatte er keinen Urlaub nehmen können. Begeistert
von dem Eindruck und der Wirkung seines Schauspiels, doch zugleich
schmerzlich ergriffen von dem Gedanken an die Fesseln, die die Kräfte
seines Geistes lähmten, kehrte er nach Stuttgart zurück. Sein Unmuth ward
noch vermehrt durch physische Leiden. Ein an Dalberg gerichteter Brief vom
4. Juni 1782 schilderte seine trübe Stimmung und trostlose Lage. "Noch bin
ich wenig oder nichts", schrieb er. "In diesem Norden des Geschmacks werde
ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein
griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden."

Dringend legte er dem Freiherrn v. Dalberg in jenem Briefe die Bitte an's
Herz, sich für ihn zu verwenden bei dem Herzog von Würtemberg, und es
dahin zu bringen, daß er seiner Dienste entlassen und ihm erlaubt werden
möchte, seinen bisherigen Aufenthalt in Stuttgart mit dem in Mannheim zu
vertauschen. Mit wachsender Ungeduld sah er einer Antwort Dalbergs von
Tage zu Tage entgegen. Sie blieb aus. Dagegen zog sich ein neues
Ungewitter über dem Haupte des Dichters zusammen. Daß er ohne Urlaub den
25. Mai 1782 nach Mannheim gereist, war nicht verborgen geblieben. Durch
seinen Chef, den General Auge, erfuhr es der Herzog. Schiller mußte vor
seinem Landesherrn erscheinen, der höchst entrüstet ihm sein Betragen aufs
strengste verwies. Ein vierzehntägiger Arrest war die Strafe seines
Dienstvergehens. Dadurch fühlte sich Schillers Ehrgeiz tief gekränkt. Er
würde vielleicht sofort seinen Abschied genommen haben, wenn ihn nicht die
Dankbarkeit an den Herzog gefesselt hätte. Von einem solchen Schritt ward
Schiller jedoch auch durch seine kindliche Liebe abgehalten. Seiner Eltern
Schicksal lag in den Händen seines Fürsten, und es konnte durch jenen
Schritt vielleicht eine schlimme Wendung nehmen.

In seiner trüben Stimmung erinnerte sich Schiller an den unglücklichen
Dichter Schubart, der seine Freimüthigkeit mit einer strengen Haft auf der
Festung Hohenasberg büßte. Ihn selbst konnte ein gleiches Schicksal
treffen. Dringend ersuchte er daher in einem Briefe vom 15. Juli 1782 den
Freiherrn von Dalberg, wenn sich für ihn zum Aufenthalt in Mannheim noch
Aussichten zeigten, dieselben möglichst zu beschleunigen. Er wäre, schrieb
er, außerdem gezwungen, einen Schritt zu thun, der es ihm unmöglich machen
würde, in Mannheim zu bleiben. Vierzehn Tage wartete er vergebens auf eine
Antwort. In seiner trostlosen Stimmung vermochten ihn weder seine Freunde,
noch die Beschäftigung mit seinem neuen Trauerspiel zu erheitern. Nichts
schien für ihn Reiz zu haben. Mit entschiedener Abneigung betrieb er seine
medicinische Praxis, die ihm durch einige kühne, aber mißlungene Curen
völlig verleidet worden war. In seiner früher erwähnten anonymen
Selbstcritik der Räuber hatte er über den Verfasser jenes Schauspiels
geäußert: "Er soll ein Arzt bei einem Würtembergischen Grenadier-Bataillon
seyn, und wenn das so ist, so macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn
Ehre. So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in
%Emeticis% eben so sehr lieben, als in %Aestheticis%, und ich möchte ihm
lieber zehn Pferde, als meine Frau zur Cur übergeben."

Die Idee, dem Herzog Vorstellungen zu machen gegen den erlassenen Befehl,
verwarf Schiller nach reiflicher Ueberlegung. Ein solcher Schritt konnte
leicht neue Vorwürfe oder Strafen über ihn verhängen. Er entschloß sich zu
einer abermaligen heimlichen Reise nach Mannheim. Von dort aus wollte er
in einem Schreiben seinem Landesherrn vorstellen, wie durch das erlassene
Verbot seine ganze Existenz vernichtet worden. In Mannheim hoffte er als
Theaterdichter angestellt zu werden. Diese Stadt wollte er daher, wenn
kein Widerruf des herzoglichen Befehls erfolgte, zu seinem künftigen
Wohnsitz wählen. Ueberall beobachtet in seinen Schritten, hielt er es für
bedenklich, mehreren Freunden seinen Entschluß zu vertrauen. Nur einem
einzigen konnte er mit Sicherheit sein Herz öffnen. Mit einer Hingebung
und Aufopferung, die an Schwärmerei grenzte, hing Johann Andreas Streicher
an ihm, ein geborner Stuttgarter, der sich der Musik widmete, und dessen
Bekanntschaft Schiller vor ungefähr achtzehn Monaten gemacht hatte.
Zwischen ihm und Streicher hatte sich bald das innigste
Freundschaftsverhältniß gebildet. Sie sahen sich fast täglich, und ein
unumschränktes Vertrauen fesselte sie an einander. Schillers unglückliche
Lage war der immer wiederkehrende Hauptgegenstand ihrer Gespräche.

Den vorhin erwähnten Plan einer heimlichen Entfernung nach Mannheim hatte
Schiller, außer seinem Freunde, auch seiner ältesten Schwester
Christophine mitgetheilt. Sie hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt.
Auch Schillers Mutter war in das Geheimniß gezogen worden. Sein Vater
dagegen wußte nichts von der Sache. Beschleunigt ward die Reise durch den
Umstand, daß Streicher, der im Frühjahr 1783 nach Hamburg gehen wollte, um
dort unter Bach's Leitung sich in der Musik zu vervollkommnen, mit
Zustimmung seiner Mutter sich schon jetzt zu jener Reise entschloß, um
seinen Freund begleiten zu können.

Erst nach Vollendung seines neuen Trauerspiels, der "Verschwörung des
Fiesko", konnte Schiller jedoch seinen Entschluß ausführen. Kaum bis zur
Hälfte war jene Tragödie vollendet, aller Anspannung seines Geistes
ungeachtet. Um seine Arbeit zu beschleunigen, brachte er oft die Nächte
schlaflos zu. Von der Außenwelt halte er sich fast gänzlich zurückgezogen.
Schon zu Anfange des August 1782 waren in Stuttgart, Hohenheim,
Ludwigsburg u. a. Orten mehrfache Anstalten getroffen worden zum Empfang
des russischen Großfürsten (nachherigen Kaisers) Paul und seiner Gemahlin,
einer Nichte des Herzogs von Würtemberg. Unter den benachbarten Fürsten
und unzähligen Fremden, die in der ersten Hälfte des Septembers in
Stuttgart eintrafen, befand sich auch der Freiherr v. Dalberg, den
Schiller besuchte, ohne ihm jedoch etwas von seinem Vorhaben zu entdecken.
Außer Streicher begleitete ihn die Gattin des Mannheimer Theaterregisseurs
Meier, die ebenfalls in Stuttgart angelangt war, als sich Schiller nach
der Solitude degab [begab], um seine Eltern noch einmal zu sehen und
besonders seine sehr um ihn besorgte Mutter zu trösten. Schillers Vater
entwarf eine sehr ausführliche Beschreibung von den Festlichkeiten, die
auf der Solitude statt finden sollten, und unterbrach auf diese Weise das
oft stockende Gespräch. Als Schiller, der sich unbemerkt mit seiner Mutter
entfernt hatte, wieder zurückkam, schien er in sich gekehrt, und die
Feuchtigkeit und Röthe seiner Augen verrieth, wie schwer ihm der Abschied
von seiner Mutter geworden war. Etwas heiterer ward er erst, als er wieder
nach Stuttgart zurückgekehrt war.

Mit seinem Freunde Streicher war er überein gekommen, daß sie den 17.
September ihre Reise nach Mannheim antreten wollten. Sie hatten
absichtlich jenen Tag gewählt, weil an demselben, wie Schiller auf der
Solitude erfahren, eine große Hirschjagd, theatralische Vorstellungen und
eine prachtvolle Illumination statt finden sollten. Daß das Regiment, bei
welchem Schillers Vater stand, an jenem Tage nicht die Wache hatte,
befreite die beiden Freunde zugleich von der Besorgnis, unter den
Stadtthoren Soldaten zu treffen, denen Schiller bekannt war. Die Nacht vor
seiner Abreise brachte Schiller bei seinem Freunde Scharffenstein auf der
Wache zu. Den folgenden Tag, Morgens um neun Uhr, sollte alles bereit
seyn, was an Kleidern, Wäsche, Büchern u. s. w. aus Schillers Wohnung noch
in Streichers Haus geschafft werden sollte. Dort wollten die Freunde
abfahren.

Nicht das Mindeste fand jedoch Streicher vorbereitet, als er am andern
Morgen in Schillers Wohnung sich pünktlich einfand. Dieser war vielmehr
beschäftigt, ein Gegenstück zu einer Klopstock'schen Ode zu dichten.
Streicher mußte, so sehr er auch zur Eile trieb, zuerst diese Ode und dann
das Gegenstück anhören. Es dauerte lange, ehe Schiller aus seiner idealen
Welt wieder in die wirkliche zurückkehrte. Durch Anschaffung der
nöthigsten Kleidungsstücke und anderer unentbehrlicher Dinge war seine
Casse so erschöpft worden, daß sie nur aus 23 Fl. bestand. Nicht viel mehr
besaß Streicher. Indeß glaubten beide mit dieser Summe bis nach Mannheim
zu kommen und dort einige Tage damit auszureichen. Von seiner Mutter,
obgleich sie nicht vermögend war, hoffte Streicher noch nachgeschickt zu
erhalten, was er zu seiner Reise nach Hamburg brauchte.

Mit zwei alten Pistolen unter seinem Civilkleide, die er Sicherheits
halber mitgenommen, trat Schiller am 17. Sept. 1782 Abends neun Uhr in
Streichers Wohnung. Es hatte zehn Uhr geschlagen, als der Wagen, in
welchem die Freunde saßen, mit zwei Koffern und einem kleinen Clavier für
Streicher bepackt, zum Eßlinger Thor hinausfuhr. Dieß Thor war eins der
dunkelsten, war jedoch aber auch deßhalb gewählt worden, weil Schiller
erfahren, daß dort einer seiner vertrautesten Freunde die Wache hatte,
durch dessen Dazwischenkunst etwaige Hindernisse leicht beseitigt werden
konnten. Schiller nannte sich am Thor Doctor Ritter, und Streicher gab
sich für einen Doctor Wolf aus. Eßlingen ward als Reiseziel angegeben. Die
Freunde mußten den Weg um die Stadt einschlagen, der sie auf die Straße
nach Ludwigsburg führte. Schiller war in sich gekehrt und wechselte wenig
Worte mit seinem Begleiter. Das hoch gelegene Lustschloß Solitude, von
welchem sie ungefähr anderthalb Stunden entfernt seyn mochten, mit seinen
weitläufigen Nebengebäuden prachtvoll erleuchtet, zeigte sich in einem
herrlichen Feuerglanze. "O meine Mutter!" rief Schiller, auf den Punkt
hindeutend, wo seine Eltern wohnten. Ueberwältigt von wehmüthigen
Gefühlen, sank er mit einem halb unterdrückten Seufzer auf seinen Sitz
zurück.

Beim Caffee, den die Freunde in Enzweihingen, wo gerastet werden sollte,
einnahmen, recitirte Schiller aus einem Heft ungedruckter Gedichte des
unglücklichen Schubart einige der bedeutendsten, unter andern "die
Fürstengruft", die ihn bei seinem früher erwähnten Gedicht: "die schlimmen
Monarchen" zum Muster gedient hatte. Das erhebende Gefühl, drückende
Fesseln von sich abgeschüttelt zu haben, und der feste Vorsatz, sich nie
wieder einem ähnlichen Zwange zu unterwerfen, bemächtigte sich Schillers,
als eine kleine Pyramide, die sie um acht Uhr Abends erreichten, ihn und
seinen Freund überzeugte, daß sie sich an der churpfälzischen Grenze
befanden. Schiller machte seinen Reisegefährten auf die blau und weiß
angestrichenen Pfähle aufmerksam. Eben so freundlich, wie diese Pfähle,
meinte er, sei der Geist der Landesregierung. Ein politisches Gespräch
knüpfte sich an diese Bemerkung, und die Zeit entschwand darüber den
Freunden so schnell, daß sie sich wunderten, als sie um zehn Uhr schon in
Bretten ankamen. Dort ward der Stuttgarter Wagen zurückgeschickt. Mit der
Post fuhren die Freunde über Waghäusel nach Schwetzingen. Die Thore der
Stadt Mannheim, die damals noch eine Festung war, konnten sie vor dem
hereinbrechenden Dunkel nicht mehr erreichen. Sie mußten daher in
Schwetzingen übernachten.

Am folgenden Tage, den 19. Sept., waren die Freunde schon früh Morgens
beschäftigt, die besten Kleidungsstücke aus den Koffern hervorzuholen, um
in Mannheim nicht gar zu dürftig zu erscheinen. Seine ziemlich erschöpfte
Börse hoffte Schiller durch sein neues Trauerspiel: "die Verschwörung des
Fiesko", wieder einigermaßen zu füllen. Ihm schien außer Zweifel, daß die
Theaterdirection sich beeilen werde, auch dieß zweite Stück anzunehmen.
Mit der Hoffnung eines nicht ganz unbedeutenden Honorars trat er in die
Wohnung des Theaterregisseurs Meier, der sich höchlich verwunderte über
seine Ankunft zu einer Zeit, wo in Stuttgart so viele Festlichkeiten und
Lustbarkeiten statt fanden. Aus Schillers Munde erfuhr er, daß er als
Flüchtling vor ihm stehe, und Meier verschaffte ihm und seinem Freunde
sofort in dem menschenleeren Mannheim eine Wohnung. Es geschah auf seinen
Rath, als sich Schiller entschloß, noch denselben Tag an den Herzog von
Würtemberg zu schreiben, und ihn um Aufhebung des Befehls zu bitten, keine
andern als medicinische Schriften drucken zu lassen. Er stellte seinem
Landesherrn vor, wie seine geringe Besoldung und die große Concurrenz von
Aerzten in Stuttgart ihn nöthige, durch poetische Arbeiten seine Einkünfte
zu vermehren. Zugleich bat er um die Erlaubniß, jährlich auf kurze Zeit
in's Ausland reisen zu dürfen. Von dem fürstlichen Versprechen, daß ihm
sein unregelmäßiger Dienstaustritt verziehen werde, machte Schiller seine
Rückkehr nach Stuttgart abhängig. In einem besondern Briefe ersuchte er
seinen Regimentschef, den General Augè, das von ihm entworfene Schreiben
dem Herzog zu übergeben, um durch seinen Einfluß sein Gesuch zu
unterstützen.

Die Gattin des Theaterregisseurs Meier war unterdeß wieder von Stuttgart
nach Mannheim zurückgekehrt. Sie erzählte, wie Schillers Entfernung in
Stuttgart sogleich bekannt geworden, und wie sich dort ein allgemeines
Gerücht verbreitet, daß der Herzog Schillers Auslieferung verlangen werde.
Schiller tröstete sich zwar damit, daß er kein eigentlicher Soldat sei,
und daß auf ihn die bei der Desertion übliche Strafe nicht angewendet
werden könnte. Indeß gebrauchte er doch die Vorsicht, die ihm seine
Freunde empfahlen. Er zeigte sich an keinen öffentlichen Orten, sondern
beschränkte sich auf seine und Meiers Wohnung.

Aus dem Briefe des Generals Augè, den Schiller einige Tage später erhielt,
war nicht deutlich zu ersehen, ob der Herzog zu Erfüllung seiner Wünsche
geneigt sei. Der General entledigte sich in seinem Schreiben blos des von
seinem Fürsten ihm gewordenen Auftrags mit den Worten: "Da Se. Durchlaucht
bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, so möge
Schiller nur zurückkehren." Auch ein zweiter Brief des Generals, den
Schiller um eine nähere Erklärung gebeten hatte, enthielt nichts anderes,
als einen ähnlichen lakonischen Bescheid. Unter diesen Umständen wagte
Schiller, selbst wenn es mit seiner Ehre verträglich gewesen wäre, nicht
wieder nach Stuttgart zurückzukehren. Er zog es vor, einer ungewissen
Zukunft entgegen zu gehen und mit Noth und Mangel zu kämpfen, ehe er sich
wieder einem Joch unterwarf, das ihn so hart gedrückt hatte.

Gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft in Mannheim war Schillers
"Verschwörung des Fiesko" durch Streicher dem Theaterregisseur Meier als
ein dramatisches Product geschildert worden, das den Räubern in keiner
Hinsicht nachstände, ja dieß Schauspiel noch überträfe. Schiller, um
Mittheilung seines Manuscripts ersucht, erbot sich, dasselbe in einem
größern Kreise vorzulesen, der aus den bedeutendsten Mitgliedern der
Mannheimer Bühne bestand. Unter ihnen befanden sich Iffland, Böck, Beil u.
A. An einem bestimmten Tage versammelten sie sich Nachmittags in Meiers
Wohnung, mit gespannten Erwartungen von dem neuen Product eines Dichters,
dem sie ihre tiefste Verehrung auszudrücken suchten. Schiller begann seine
Vorlesung, nachdem er einen historischen Umriß und eine Erklärung der in
seinem Trauerspiel auftretenden Personen vorangeschickt hatte.

Das neue Stück brachte indeß eine ganz andere Wirkung hervor, als Schiller
erwartet haben mochte. Ungeachtet der Aufmerksamkeit und Stille, die unter
seinen Zuhörern herrschte, war kein Ausdruck von Empfindung, nicht das
geringste Zeichen des Beifalls sichtbar geworden, als Schiller bereits den
ersten Act seines Trauerspiels beendet hatte. In der eintretenden Pause
unterhielten sich die Schauspieler über das historische Factum; über die
dramatische Bearbeitung entschlüpfte ihnen kein Wort. Kein höheres
Interesse, als der erste Act, schien der zweite zu erregen. Die
Gleichgültigkeit der Zuhörer zeigte sich dadurch, daß sie, als einer von
ihnen, um die Zeit zu verkürzen, ein Bolzenschießen in Vorschlag brachte,
noch vor beendeter Vorlesung sich nach und nach entfernten. Schiller,
sichtbar verstimmt, nahm zeitig Abschied, ließ jedoch das Manuscript des
Fiesko dem Theaterregisseur Meier zurück, der ihn darum gebeten hatte, um
den Ausgang des Stücks kennen zu lernen.

Schiller irrte sich, als er die kalte Aufnahme seines Werks dem
Unverstand, dem Neid und der Kabale der Schauspieler beimaß. Durch seinen
schwäbischen Dialect und seine hochtrabende Declamation hatte das neue
Trauerspiel seine Wirkung auf die Zuhörer verfehlt. Sein anfänglich
ungünstiges Urtheil über das Stück änderte Meier, als er es mit
Aufmerksamkeit gelesen hatte. Er nannte den Fiesko eine sehr gelungene
Tragödie, die nächstens vorgestellt zu werden verdiene.

Getrübt wurden diese frohen Aussichten für Schiller wieder durch Briefe,
die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt. Sie äußerten die
Besorgnis, daß der Herzog von Würtemberg die churpfälzische Regierung
auffordern werde, den Flüchtling auszuliefern. Wohlmeinend riethen sie ihm
daher, Mannheim schleunig zu verlassen. Schiller entschloß sich, mit
Streicher über Darmstadt nach Frankfurt zu reisen. Die Casse der beiden
Freunde reichte nicht hin, einen Wagen zu bezahlen. Sie wanderten daher
über die Neckarbrücke nach Sandhofen. Gegen sechs Uhr Abends erreichten
sie Darmstadt, nachdem sie in einem Dorfe übernachtet hatten. Ihren Schlaf
störte um Mitternacht das furchtbare Trommeln der Reveille. Als Schiller
am andern Morgen mit seinem Freunde den Weg nach Frankfurt einschlug, nahm
seine Ermattung so bedeutend zu, daß er sich in einem Wäldchen ins Gras
legte, um sich durch einen kurzen Schlaf zu stärken. Die Abenddämmerung
war bereits eingetreten, als die beiden Freunde Frankfurt erreichten. In
der Vorstadt Sachsenhausen quartirten sie sich ein.

Schillers Kummer über seine hülflose Lage ward noch durch einen besondern
Umstand vermehrt. Er erfuhr, daß dem edelmüthigen Manne, der sich wegen
seiner Schuld von 200 Fl. für ihn in Stuttgart verbürgt hatte, Gefahr
drohte, von dem besorgten Gläubiger verhaftet zu werden. Nach langem
Zögern und nicht ohne innern Kampf entschloß sich Schiller, an den
Freiherrn v. Dalberg zu schreiben, der das Manuscript des "Fiesko" aus
Meiers Händen empfangen hatte. Sein früherer Trübsinn schien wieder
einigermaßen gewichen, als Schiller dieß Schreiben, in welchem er um einen
Vorschuß von 200 Fl. bat, mit einer an Meier addressirten Beilage an
Dalberg abgesandt hatte. Ein Spaziergang über die Mainbrücke erheiterte
ihn. Sein Geist erhielt eine andere Richtung, als er das geschäftige
Treiben der Kaufleute betrachtete. Mehrere dramatische Entwürfe traten vor
seine Seele. Mit besonderem Interesse ergriff er wieder eine Idee, die
schon auf dem Wege von Mannheim nach Sandhofen und von da nach Darmstadt
ihn lebhaft beschäftigt hatte. Es war der Entwurf zu einem bürgerlichen
Trauerspiel, das "Luise Millerin" heißen sollte, späterhin aber von
Schiller "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Beifall, den v. Gemmingen's
"deutscher Hausvater" und andere dramatische Familiengemälde damals auf
der Bühne gefunden hatten, ward für Schiller die Veranlassung, sich
ebenfalls in dieser Gattung zu versuchen.

In kaum vierzehn Tagen hatte er schon mehrere Scenen seiner neuen Tragödie
vollendet. Seine traurige Lage entfernte ihn selten aus seinem
Ideenkreise. Es gab Stunden, wo er, für die Außenwelt fast gar nicht
vorhanden, sich blos den Eingebungen seiner Phantasie überließ. In solchen
Augenblicken, die sich durch seine ausdrucksvolle Miene, durch sein
lebhaftes Gebehrdenspiel und seinen empor gerichteten Blick kund gaben,
hielt sich Streicher von seinem Freunde mit einer Art von heiliger Scheu
so viel als möglich entfernt, um ihn in keiner Weise zu stören.

Einen angenehmen Eindruck machte auf Schiller die Anerkennung seines
Talents, als er beim Eintritt in einen Frankfurter Buchladen nach dem
Absatz der "Räuber" und nach dem Urtheil des Publikums über dieß Stück
sich erkundigte, und über beides eine höchst günstige und schmeichelhafte
Antwort erhielt. Er war davon so überrascht, daß er, ungeachtet er sich
dem Buchhändler als Doctor Ritter vorgestellt hatte, das Geständniß nicht
zurückhielt: er sei der Verfasser der Räuber.

Abermalige Briefe, die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt,
empfahlen ihm, wegen der großen Sensation, die sein Verschwinden erregt,
die äußerste Vorsicht und weckten dadurch in ihm allerlei neue
Besorgnisse. In die trostloseste Stimmung versetzte ihn Meiers Schreiben.
Er berichtete, daß Dalberg sich zu keinem Vorschuß verstehen wolle, bevor
das neue Trauerspiel erst umgearbeitet worden sei. In der jetzigen Gestalt
sei es für die Bühne unbrauchbar. Nicht einmal einige Zeilen von Dalbergs
Hand milderten diese kalte abschlägliche Antwort, die mit der frühern
Theilnahme jenes Mannes an Schillers Schicksal in dem auffallendsten
Contraste stand. Immer überließ sich Schiller noch der Hoffnung, daß die
Mannheimer Theaterdirektion sein Trauerspiel annehmen werde. Sein
Aufenthalt in Frankfurt war jedoch so kostspielig, daß er für rathsam
hielt, sich in die Gegend von Mannheim zu verfügen. Dort glaubte er im
äußersten Nothfall auf Schwans und Meiers Unterstützung rechnen zu können.

Um seine geringe Baarschaft etwas zu vermehren, entwarf er ein ziemlich
langes Gedicht, das leider verloren gegangen. Es führte die seltsame
Ueberschrift: "Teufel und Amor." Mißmuthig kehrte er jedoch mit diesem
poetischen Product wieder in seine Wohnung zurück, als ein Frankfurter
Buchhändler, welchem er sein Gedicht verkaufen wollte, ihm statt der
verlangten fünf und zwanzig Gulden nur achtzehn bot. Glücklicherweise
befreite ihn eine kleine Summe, die Streicher seiner Mutter verdankte, von
dem augenblicklichen, sehr drückenden Geldmangel. Mit dem Marktschiffe
fuhren die Freunde nach Mainz. Den Weg nach Worms setzten sie am nächsten
Tage zu Fuße fort. Kurz vor seiner Abreise hatte Schiller an den
Theaterregisseur Meier in Mannheim geschrieben. Sein Brief enthielt die
Bitte, ihm einen Ort zu bestimmen, wo sie sich sprechen könnten.

Diese Zusammenkunft fand in Oggersheim statt, in einem Wirthshause, der
Viehhof genannt. Den trostlosen Dichter suchte Meier durch die Aussicht zu
beruhigen, daß sein Trauerspiel mit einigen Abkürzungen sicher auf die
Bühne gebracht werden dürfte. Schiller erklärte sich sofort zur
Umarbeitung seines Stücks bereit, ohne die geringste Empfindlichkeit zu
verrathen, daß ihn Dalberg so bitter getäuscht. Er entschloß sich, einige
Wochen in Oggersheim zuzubringen. Rathsam schien ihm dieß auch schon wegen
der Gefahr der Auslieferung, die ihm nach den Briefen seiner Stuttgarter
Freunde drohte. Dem Wirth im Viehhof, bei welchem er gemeinschaftlich mit
Streicher Kost und Logis für den Tag bedungen batte [hatte], nannte er
sich Doctor Schmidt.

Statt indeß, wie er dem Theaterregisseur Meier versprochen hatte, die
Umarbeitung des "Fiesko" sogleich anzufangen, beschäftigte ihn sein früher
erwähntes bürgerliches Trauerspiel, die "Luise Millerin." In den nächsten
acht Tagen hatte er kaum sein Zimmer verlassen. Abends ging er nachsinnend
in dem oft nur vom Mondlicht erhellten Zimmer auf und ab. Angenehm war es
ihm dann, wenn das Clavierspiel seines Freundes Streicher durch bald
lebhafte, bald melancholische Töne die Gefühle in ihm aufregte, durch die
sein Trauerspiel rühren und erschüttern sollte. Bei den darin auftretenden
Personen ließ er die Individualität der Mannheimer Schauspieler nicht
unberücksichtigt. Beck's Gattin, eine der liebenswürdigsten Künstlerinnen,
sollte die Rolle der Luise übernehmen. Von dem Schauspieler Beil als
Stadtmusikus Miller erwartete Schiller eine recht naive und drollige
Auffassung dieses Charakters. Eine großartige Wirkung versprach er sich
von dem Wechsel der komischen und tragischen Scenen in seinem Stück. Er
interessirte sich für seinen neuen dramatischen Stoff so lebhaft, daß die
Umarbeitung des "Fiesko" dadurch in den Hintergrund gedrängt ward.

Bei diesem republikanischen Trauerspiel, wie er es nannte, hatte er
ohnedieß mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen, besonders hinsichtlich
der noch unvollendeten Katastrophe. Er schwankte, ob er dem historischen
Factum, nach welchem Fiesko durch einen Zufall in den Wellen seinen Tod
fand, in seiner dramatischen Bearbeitung treu bleiben sollte.
Beschleunigen mußte er jedenfalls seine Arbeit. Seine Lage drängte ihn
dazu. Er bedurfte aber auch der Zerstreuung, und fand sie, wenn er dann
und wann seine Freunde in Mannheim besuchte. Gewöhnlich übernachtete er
dort. Aber auch in Oggersheim, wo es ihm nicht sonderlich gefiel, verhalf
ihn der Zufall zur Bekanntschaft mit dem dortigen Kaufmann Derain, einem
vielseitig gebildete Manne. Zwischen ihm und Schiller bildete sich ein
Freundschaftsverhältniß, und trauliche Gespräche verkürzten dem Dichter
auf diese Weise die trüben und neblichten Abende, die mit dem Anfang des
November eintraten.

In einem Briefe, den er am 6. des genannten Monats an seine Schwester
Christophine schrieb, schilderte er ihr seine gegenwärtige Lage und
Stimmung. Er entwarf in seinem Schreiben zugleich seinen Lebensplan für
die nächste Zukunft. Seinen Aufenthalt in Oggersheim wollte er mit Berlin
vertauschen, wo er, wie er äußerte, mit bedeutenden Empfehlungen versehen,
sich eine ziemlich gesicherten Subsistenz als Schriftsteller zu gründen
hoffte. Mit zarter Schonung, um seine Schwester nicht zu beunruhigen,
hatte er in jenem Briefe seine Lage, so drückend sie auch war, in dem
günstigsten Lichte dargestellt. Durch allerlei weit ausschweifende
Entwürfe für die nächste Zukunft hatte er die um ihn besorgte Schwester zu
trösten gesucht. Keiner von diesen Entwürfen ward jedoch realisirt, und
die Reise nach Berlin, wo er sein Glück zu machen hoffte, ward wieder
aufgegeben.

Mit dem in's Reine geschriebenen Manuscript seiner Umarbeitung des Fiesko
begab sich Schiller in der Mitte des November nach Mannheim, wo er sein
Trauerspiel dem Theaterregisseur Meier übergab. Vergebens wartete er
jedoch eine ganze Woche auf eine Antwort Dalbergs, die ihm in den nächsten
Tagen versprochen worden war. Dadurch beunruhigt, entschloß er sich den
16. November 1782 an ihn selbst zu schreiben. In diesem Briefe, dem
ersten, den er nach seiner Rückkehr aus Frankfurt an ihn richtete, meldete
er zugleich, "daß er im Viehhof zu Oggersheim unter dem Namen Schmidt
logire," woraus hervorzugehen schien, daß Dalberg bisher gar keine Notiz
von ihm genommen.

Um einige Auskunft zu erhalten, was er von seinem Trauerspiel zu erwarten
habe, begab sich Schiller, von Streicher begleitet, nach Mannheim in
Meiers Wohnung. Dieser empfing ihn mit sichtbarer Bestürzung. Ein
würtembergi[scher] Offizier, erzählte Meier, habe sich bei ihm sehr
angelegentlich nach Schiller erkundigt, doch von ihm den Bescheid
erhalten, daß ihm Schillers gegenwärtiger Aufenthalt gänzlich unbekannt
sei. Bald nach diesem Bericht klingelte die Hausthür. Schiller verbarg
sich mit Streicher in einem Cabinet, das durch eine Tapetenthür von dem
Wohnzimmer getrennt war. Der Ankömmling war ein Hausfreund, der die
wiederholten Erkundigungen des Offiziers, den er auf dem Caffeehause
gesprochen, bestätigte, über die Uniform und Gestalt desselben jedoch nur
unbestimmte Schilderungen entwarf, nach denen man auf keine bestimmte
Person schließen konnte.

Meier war sehr besorgt um seine beiden Freunde, die, nachdem sie ihren
Schlupfwinkel verlassen, noch einige Mal durch neue Ankömmlinge dahin
zurückgescheucht wurden. In Mannheim zu übernachten, schien für Schiller
und Streicher ebenso gefährlich, als nach Oggersheim zurückzukehren. Meier
selbst konnte sich allerlei Verdruß und Unannehmlichkeiten zuziehen, wenn
es der Zufall fügte, daß der Verfolgte in seiner Wohnung gefunden ward.
Mit lebhaftem Dank ergriffen daher die beiden Freunde das Anerbieten einer
Madame Curioni, in dem Palais des Prinzen von Baden, das unter ihrer
Aufsicht stand, zu übernachten. Die prachtvollen, mit kostbaren Gemälden
und Kupferstichen geschmückten Zimmer eines Fürsten, die sie jetzt
betraten, bildeten einen auffallenden Contrast mit ihrem ärmlichen Logis
in Oggersheim.

Mit Anbruch des Tages wagte sich Streicher in Meiers Wohnung, um dort
nähere Erkundigungen über den Fremden einzuziehen, der sich so
angelegentlich nach Schiller erkundigt hatte. Durch einen ihm bekannten
Secretär des Ministers, Grafen von Oberndorf, hatte Meier bereits am
frühen Morgen erfahren, daß jener Offizier keine Aufträge von der
Regierung gehabt habe. Auch war derselbe nach dem Meldezettel des
Gastwirths, bei dem er logirt, schon am Abend wieder abgereist. Späterhin
erfuhren die Freunde durch einen von Schillers Vater den 8. December 1782
an den Buchhändler Schwan in Mannheim gerichteten Brief, daß der Offizier,
der sich so angelegentlich nach Schiller erkundigt, einer seiner
Jugendfreunde, der Lieutenant Kosewitz gewesen sei, der ihn auf seiner
Durchreise hatte besuchen wollen.

Beruhigt durch die Nachrichten, die ihm Streicher mitgetheilt, verließ
Schiller das glänzende Palais, das ihm zum Asyl gedient hatte. Mit dem
Theaterregisseur Meier besprach er ausführlich seine in mehrfacher
Hinsicht unsichere und bedenkliche Lage. War auch seine Besorgnis grundlos
gewesen, so drohte ihm bei einem längern Aufenthalt in Mannheim doch immer
Gefahr, so gern er auch, des Theaters wegen, noch einige Zeit dort
geblieben wäre.

Längst hatte er mit Sehnsucht die Entscheidung über sein umgearbeitetes
Trauerspiel erwartet. Er sah sich abermals in allen seinen Hoffnungen
getäuscht, als er den kurzen Bescheid erhielt, daß die "Verschwörung des
Fiesko" auch in ihrer jetzigen Gestalt für die Bühne nicht brauchbar sei,
folglich von der Theaterdirection nicht angenommen, und auch nichts dafür
vergütet werden könnte. Keine Aussicht zeigte sich für Schiller, als er
jenes Schreiben gelesen, seine traurige Lage auch nur einigermaßen zu
erleichtern. Zwei Monate lang hatte er nutzlos Zeit und Kräfte
aufgeopfert, ohne durch Entbehrungen jeder Art seinem Schicksal eine
andere Wendung geben zu können. Auf's Bitterste sah er sich getäuscht
durch einen Mann, den er bisher für seinen Gönner gehalten. Mit leerer
Börse, wie er vor zwei Monaten sein Vaterland verlassen, ließ ihn der
reiche Freiherr von Dalberg wieder aus Mannheim gehen. Durch
conventionelle Rücksichten war vielleicht Dalberg abgehalten, einen
entscheidenden Schritt für Schiller zu thun, der gleichsam ein politischer
Flüchtling aus einem befreundeten Nachbarstaate war. Er mußte ihn
möglichst von sich entfernt halten, um sich nicht bei dem Herzog von
Würtemberg zu compromittiren. Um so großartiger war die Fassung, womit
Schiller die engherzige Gesinnung und unwürdige Behandlung seines
scheinbaren Gönners ertrug, der, ohne auf den Namen eines Beschützers der
Künste Verzicht zu leisten, den Dichter nicht geradezu von sich weisen
konnte.

Mehr wahrhafte Theilnahme an seinem harten Schicksal regte sich in einem
weiblichen Herzen. In der Karlsschule war er mit Wilhelm von Wolzogen und
dessen drei Brüdern, und durch diese auch mit ihrer Mutter bekannt
geworden. Von dieser hochherzigen Frau hatte Schiller, als er ihr den
Entschluß seiner Flucht mitgetheilt, das Versprechen erhalten, ihm auf
ihrem in Meiningen gelegenen Gute Bauerbach ein sicheres Asyl zu gewähren,
wenn der Herzog von Würtemberg Schritte thun sollte zur Verfolgung des
Flüchtlings. An jene edle Frau, die oft in Stuttgart verweilte, hatte er
sich gewandt, und fand sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht.

Seine Verhältnisse waren so drückend, daß er den Augenblick, in eine
einigermaßen sorgenfreie Lage gesetzt zu werden, beschleunigen mußte. Aus
Noth hatte er seine Uhr verkaufen müssen. Die eilf Louisd'or, die er von
dem Buchhändler Schwan in Mannheim für sein dem Professor Abel gewidmetes
Trauerspiel: "Die Verschwörung des Fiesko," erhalten, hatten kaum
hingereicht, die seinem Hauswirth schuldige Summe zu tilgen, bei dem er
eine Zeitlang auf Borg gelebt. Er mußte sich aber auch mit den
unentbehrlichsten Kleidungsstücken für den Winter versehen, um die Reise
nach Bauerbach antreten zu können.

Aus Worms, wohin sie ihn von Oggersheim aus begleitet hatten, kehrten
Streicher, Meier und einige andere Freunde Schillers wieder nach Mannheim
zurück. Der Abschied von seinem treuen Streicher ward ihm dadurch
erleichtert, daß er dessen Gesellschaft schon einige Zeit hatte entbehren
müssen, weil Streicher, um seinem Broderwerb nachzugehen, sich von
Oggersheim nach Mannheim begeben hatte. In einem leichten Ueberrock, bei
strenger Kälte, trat Schiller die Reise nach Bauerbach an, begleitet von
den besten Wünschen seiner Freunde, die sich mit dem Gedanken beruhigten,
daß Schiller, wenigstens für die nächste Zeit, Mangel und Verfolgung nicht
zu fürchten habe.

Im November 1782 war er auf dem der Frau von Wolzogen gehörenden
Rittergute Bauerbach spät Abends angelangt. Er hatte einen Weg von
sechsundfunfzig Stunden zurückgelegt. In der herrschaftlichen Wohnung fand
er schon alles zu seinem Empfange bereitet. Eine ausführliche Schilderung
seiner gegenwärtigen Lage, mit der er sehr zufrieden zu seyn schien,
entwarf er dem Buchhändler Schwan in Mannheim in einem vom 8. December
1782 datirten Briefe. Er betrachtete sich in diesem Schreiben als einen
Schiffbrüchigen, der sich aus den Wellen mühsam emporgekämpft. Dringend
legte er dem Empfänger seines Briefes die Bitte an's Herz, den Druck
seines Trauerspiels, die "Verschwörung des Fiesko", möglichst rasch zu
fördern. Nur das Verbot, Schriftsteller zu seyn, äußerte Schiller, habe
ihn aus würtembergischen Diensten vertrieben; sollte er nun als
Schriftsteller nicht bald in seinem Vaterlande etwas von sich hören
lassen, so würde man den Schritt, den er gethan, grund- und nutzlos
finden.

Auch seinem Freunde Streicher meldete Schiller gleichzeitig, den 8.
Dezember 1782, seine Ankunft in Bauerbach, und entwarf auch ihm eine
günstige Schilderung seiner neuen Verhältnisse. In seiner Einsamkeit zu
Bauerbach, unter einfachen Landleuten, entfernt vom Geräusch der Welt, das
mit seinem in sich gekehrten Wesen und seiner oft trüben Stimmung nicht
harmonirte, fühlte sich Schiller anfangs sehr glücklich, wenn gleich die
rauhe Natur des Orts mit ihren schroffen Felsenabhängen in ihm dann und
wann eine schmerzliche Erinnerung an seine Heimath, an das gesegnete milde
Schwaben hervorrief.

Ein inniges Freundschaftsverhältniß entstand bald nach Schillers Ankunft
in Bauerbach zwischen ihm und dem Bibliothekar Reinwald in Meiningen, der
sich später mit Schillers ältester Schwester Christophine vermählte. Mit
diesem durch Geist und Herz ausgezeichneten Manne stand Schiller in
fortgesetztem Briefwechsel. Bisweilen sahen sie sich in Bauerbach, in
Meiningen oder an einem dritten Orte. In seinem ländlichen Asyl fehlte es
ihm ohnedieß an Personen, in deren Umgange er sich gefallen konnte. Dann
und wann spielte er mit dem Verwalter des Guts eine Parthie Schach, oder
begleitete ihn auf die Jagd, oder auf einem Spaziergange. Von Streicher
getrennt, fühlte er schmerzlich, daß ihm ein treuer theilnehmender Freund
fehle, und oft ergriff ihn eine schwermüthige Stimmung, die er in mehreren
Briefen an Reinwald aussprach.

Das Verhältniß zu seiner Beschützerin, der Frau von Wolzogen, wenn auch
mitunter durch Schillers Reizbarkeit getrübt, hatte sich noch immer in
seiner ursprünglichen Reinheit erhalten. Er war ihr in mehrfacher Hinsicht
Dank schuldig, unter andern dafür, daß sie während ihres Aufenthalts in
Stuttgart seine um ihn bekümmerten Eltern über sein Schicksal beruhigt
hatte. Sehr erfreut hatte sie ihn durch Nachrichten von seiner Familie.
Namentlich hatte sie ihm die Genesung seiner Mutter gemeldet, an der er
mit inniger Liebe hing. Schiller war nicht undankbar. Um die zarte
Aufmerksamkeit, die sie ihm bewies, einigermaßen zu erwiedern,
verherrlichte er den Tag, an welchem Frau von Wolzogen im Mai 1783 aus
Stuttgart wieder nach Bauerbach zurückkehrte, durch allerhand ländliche
Festlichkeiten.

Einen nicht unwesentlichen Antheil der wahrhaft kindlichen Liebe Schillers
zu der edlen Frau, die sich seiner so edelmüthig angenommen, hatte die in
ihm aufkeimende Neigung, die er für ihre Tochter Charlotte empfand. Um so
größer war seine Bestürzung bei der Nachricht, daß ein Adlicher aus
Stuttgart neben ihm, dem dürftigen Flüchtling, als Bewerber um Charlottens
Hand aufgetreten sei. Ihm drohte selbst, wenn jener Herr in Meiningen
blieb, vielleicht Gefahr, entdeckt zu werden. Besorgnisse dieser Art
schlummerten nie ganz in seiner Seele. Ein Brief an seine mütterliche
Freundin vom 30. May 1783 schilderte den leidenschaftlichen Zustand, in
dem er sich befand. Er äußerte in seinem Schreiben sogar den Entschluß,
geradezu nach Weimar zu gehen, wenn sich die Nachricht bestätigen sollte,
daß jener Stuttgarter Herr in Meiningen angekommen wäre.

So ward durch eine Leidenschaft, die er bei seinen unbestimmten Aussichten
unterdrücken mußte, Schillers literarische Thätigkeit gestört. Es war für
ihn ein Glück, daß eine Ortsveränderung seinem Schicksal eine andere
Wendung gab. Sein aufgelöstes Verhältniß zu dem Freiherrn von Dalberg
schien sich wieder anknüpfen zu wollen. Wiederholt hatten die Mitglieder
des Mannheimer Theaterausschusses, bei denen Schiller noch in gutem
Andenken stand, den Wunsch geäußert, daß die "Verschwörung des Fiesko"
aufgeführt werden möchte. Viel versprachen sie sich auch, nach der
Schilderung, die ihnen Streicher davon entworfen hatte, von einer
Vorstellung der "_Luise Millerin_."

Dies Trauerspiel hatte Schiller bereits im Februar 1783 beinahe vollendet.
Bald nachher, im März, erkundigte sich Dalberg schriftlich, ob Schillers
neues Stück sich nicht vielleicht zu einer Vorstellung auf den [der]
Mannheimer Bühne eignen möchte. In einem Briefe Schillers vom 3. April
entschuldigte er seine verspätete Antwort damit, daß er mit dem
Buchhändler Weygand in Leipzig verhandelt, doch wegen des Honorars sich
nicht habe vereinigen können. Höflich, und ohne ohne [] die mindeste
Empfindlichkeit zu verrathen, schrieb er an den Mann, der ihn bitter
getäuscht hatte. In Bezug auf sein Trauerspiel, die "Luise Millerin",
bemerkte Schiller: "Außer der Vielfältigkeit der Charaktere und der
Verwicklung der Handlung, der vielleicht allzufreien Satyre und
Verspottung einer vornehmen Narren- und Schurkenart, habe sein Stück noch
den Mangel, daß Komisches mit Tragischem, Laune mit Schrecken wechselten,
und obschon die Entwicklung tragisch genug sei, doch einige lustige
Charaktere und Situationen hervorragten." In eben diesem Briefe meldete
er, daß er sich mit einem neuen Trauerspiel, dem Don Carlos beschäftige,
von dem er sich eine großartige Wirkung versprach. Auch beabsichtigte er
eine dramatische Bearbeitung der Geschichte Conradins von Schwaben. Die
Idee, Maria Stuart zur Heldin einer Tragödie zu wählen, gab er wieder auf,
und realisirte sie erst in späteren Lebensjahren.

Einer anregendern Umgebung, wie sie ihm sein einsamer Aufenthalt in
Bauerbach darbieten konnte, bedurfte Schiller, um die genannten
dramatischen Entwürfe auszuführen. Abgesehen davon, daß die Nähe eines
guten Theaters seinem Talent sehr förderlich seyn mußte, zeigten sich ihm
auch Aussichten, seine ökonomischen Verhältnisse zu verbessern, wenn es
ihm gelang, seine "Luise Millerin", vielleicht auch seinen "Fiesko", in
Mannheim auf die Bühne zu bringen. Von seiner dortigen Anwesenheit hoffte
er, daß ihm dies gelingen werde. Ein drückendes Gefühl war es ohnedies für
ihn, noch länger von den Wohlthaten Anderer zu leben. Er fürchtete seiner
unbemittelten Gönnerin auf die Dauer zur Last zu fallen.

Schiller tröstete sie und ihre Tochter Charlotte, die ihm die Trennung
erschwerte, durch die Hoffnung einer baldigen Rückkehr nach Bauerbach, als
er nach siebenmonatlichem Aufenthalte in der zweiten Hälfte des Juli 1783
seine Reise nach Mannheim antrat. Am 27. Juli kam er dort an. Groß war
Schillers Freude, seinen treuen Streicher wieder zu finden. Der
Theaterregisseur Meier verschaffte ihm neben dem Schloßplatz für einen
billigen Preis eine freundliche Wohnung.

Wie seine Verhältnisse in Mannheim sich gestalten würden, ließ sich nicht
voraussehen, da der Freiherr von Dalberg von einer damaligen Reise nach
Holland noch nicht wieder zurückgekehrt war. Mehrere Schauspieler hatten
Urlaub genommen, und Schiller konnte von der Anschauung des Theaters um so
weniger Vortheil ziehen, da bei der damaligen Anwesenheit der Churfürstin
und des Herzogs von Zweibrücken wenig bedeutende Stücke aufgeführt wurden,
"nur Alttagscomödien, wie sie der Geschmack der hohen Herrschaften
verlangte." So äußerte sich Schiller selbst hierüber in einem Briefe vom
11. August 1783.

Seine literarische Thätigkeit ward gehemmt durch die unerträgliche Hitze
und durch Zerstreuungen jeder Art. Er glaubte die Zeit, die er in Mannheim
zubrachte, als eine verlorene betrachten zu müssen. In einem Briefe an
Frau von Wolzogen schilderte er die Sehnsucht nach seinem einsamen
Aufenthalt in Bauerbach. Er wünschte recht bald wieder dahin zurückkehren
zu können, und meldete, wie er sich schon einiges Reisegeld erspart habe.
Unterdeß war Dalberg wieder in Mannheim angelangt. Schiller traf ihn im
Theater, und ward von ihm mit Auszeichnung behandelt. Zu dem Manne, der
ihn so bitter getäuscht, konnte er zwar kein sonderliches Vertrauen mehr
haben. Er entschied sich indeß, nach einiger Ueberlegung, zur Annahme der
erneuerten Vorschläge, die ihm Dalberg in Bezug auf eine Anstellung als
Theaterdichter aus freiem Antriebe machte.

In einem Briefe vom 11. September 1783 machte Schiller die Bedingungen
namhaft, unter denen er sich bei der Mannheimer Bühne angagirt hatte.
"Erstens", schrieb er, "bekommt das Theater von mir drei neue Stücke, den
Fiesko, meine Luise Millerin, und ein drittes, daß ich innerhalb meiner
Vertragszeit machen muß. Zweitens: der Contract dauert eigentlich ein
Jahr, nämlich vom 1. September dieses Jahres bis zum letzten August des
nächsten. Ich habe mir aber die Erlaubniß ausbedungen, die heißeste
Jahreszeit, meiner Gesundheit wegen, anderswo zuzubringen. Drittens
erhalte ich für dieses eine fixe Pension von 300 Fl. Außerdem bekomme ich
von jedem Stück, daß ich auf die Bühne bringe, die ganze Einnahme der
Vorstellung, die ich selbst bestimmen kann. Dann gehört das Stück dennoch
mein, und ich kann es nach Gefallen verkaufen oder drucken lassen."
Hierauf verzichtete Schiller späterhin, und erhielt im Ganzen ein Fixum
von 500 Fl.

Ueber den auf diese Weise abgeschlossene Contract, der ihm neben der
Vervollkommnung in seiner Kunst, zugleich Aussichten eröffnete, seine
ökonomischen Verhältnisse zu verbessern, empfand Schiller eine ungemeine
Freude. Sein Gemüth war ruhiger, seine Stimmung heiterer geworden. Dies
zeigten mehrere Stellen in einem damaligen Briefe an Frau von Wolzogen.
Begeistert von der sehr gelungenen Vorstellung seiner "Räuber", bei
überfülltem Schauspielhause, widmete er sich mit Eifer seinem "Fiesko". Er
ward jedoch in der Umarbeitung dieses Trauerspiels bald gestört.

Wiederholte Rückfälle eines kalten Fiebers, das ihn in der Mitte des
Augusts ergriff, schwächten seinen Körper in solchem Grade, daß er, nach
seinem eignen Geständnisse, durch starke Dosen China seine Kräfte
einigermaßen stärken mußte. Zu diesem physischen Leiden trat seine
unausgesetzte Geistesanstrengung, die ihn völlig erschöpfte. Nicht
grundlos schien seine Besorgnis, "daß diese Krankheit ihm vielleicht für
Zeitlebens einen Stoß versetzen möchte." Durch den übermäßigen Gebrauch
der China hatte er seinen Magen sehr geschwächt, und er mußte eine äußerst
einfache Diät beobachten, um den Krankheitsstoff nicht zu nähren.

Einen nachtheiligen Einfluß auf seine Gesundheit äußerten manche
Unregelmäßigkeiten, zu denen er wider seinen Willen verleitet ward.

Obgleich er seinen Umgang nur auf Dalberg's Haus und auf die Wohnung des
ihm befreundeten Buchhändlers Schwan beschränkte, konnte er sich doch dem
Verkehr mit den Schauspielern, den Einladungen mehrerer Familien
Mannheims, den Besuchen von Fremden nicht ganz entziehen. Durch seine
neunwöchentliche Krankheit hatte er, nach seinem eigenen Geständniß,
wenigstens dreißig Dukaten eingebüßt. Um sich von seinen Schulden zu
befreien, mußte er in stiller Zurückgezogenheit sich mit verdoppeltem
Eifer seinen literarischen Beschäftigungen widmen. Er ward jedoch davon
häufig abgelenkt durch Ausflüge in die Umgegend, nach Oggersheim,
Schwetzingen, Speier und andern Orten.

Indeß brachten ihm jene kleinen Reisen wieder den Vortheil, daß sie ihm zu
manchen interessanten Bekanntschaften verhalfen, zu denen unter andern
Wielands Jugendfreundin, die geistreiche Schriftstellerin Sophie la Roche
gehörte. Selten wich jedoch der durch seine Krankheit erzeugte Mißmuth
gänzlich von ihm. In eine heitere Stimmung versetzte ihn in der Mitte des
Novembers 1783 der unerwartete Besuch des Professors Abel aus Stuttgart
und eines andern Landsmannes. Kurz zuvor, an seinem Geburtstage, den 11.
November, hatte er einige Flaschen Burgunder zum Geschenk erhalten, und er
freute sich, seine Gäste beim Mittag- und Abendessen festlich bewirthen zu
können. Obgleich er sich nicht sonderlich wohl befand, ließ er sich
dadurch nicht abhalten, seine Landsleute in der Stadt umherzuführen.
Lebhaft schilderte er in einem Briefe an Frau von Wolzogen, wie schnell
ihm bei jenem Besuch die Zeit verflossen, und wie er und seine Freunde vor
lauter Erzählen und Fragen kaum hätten zu Athem kommen können.

Solche frohe Momente wurden für Schiller wieder getrübt durch seine
traurige, sorgenvolle Lage. Noch immer körperlich leidend, durfte er keine
geistige Anstrengung scheuen, um sich die Mittel zu einer leidlichen
Subsistenz zu verschaffen, um nur mit einigem Anstande leben zu können.
Nicht unbedeutend war die Summe, die er zur Tilgung seiner Schulden
brauchte. Die Ungeduld der Theaterdirection und die Erwartungen des
Publikums mußte er in Bezug auf seinen "Fiesko" zu befriedigen suchen.
Dieß Trauerspiel, wie späterhin auch seine "Luise Millerin" oder "Cabale
und Liebe", ward von ihm für die Bühne umgearbeitet.

Das Manuscript der "Verschwörung des Fiesko" empfing der Freiherr v.
Dalberg in der Mitte des December 1783 aus Schillers Händen. Mehrere
Proben waren nöthig, um dieß republikanische Trauerspiel auf die Bühne zu
bringen. Am 17. Januar 1784 ward es aufgeführt, und die
Carnevalsbelustigungen gewissermaßen mit diesem Stück eröffnet. Nicht
unwichtige Aufschlüsse über die Theaterbearbeitung des "Fiesko", die sich
von dem früher gedruckten Trauerspiel wesentlich unterschied, wie es in
Schillers Werke aufgenommen worden, gab ein wenig bekanntes Avertissement,
welches Schiller, wie er es schon bei den "Räubern" gethan, neben den
Anschlagszettel drucken ließ. Man findet diese "Erinnerung an das
Publikum" in den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachträgen zu
Schillers Werken.

Auch in der veränderten Gestalt, die der Dichter diesem Trauerspiel
gegeben hatte, blieb es in Bezug auf die theatralische Wirkung hinter den
"Räubern" zurück, ungeachtet Böck als Fiesko, Iffland als Verrina und Beil
als Mohr bei der Darstellung des Stücks ihr ganzes Künstlertalent
aufboten. Schiller selbst meinte in einem Briefe an Reinwald vom 4. May
1784, das Publikum habe sein Trauerspiel gar nicht verstanden.
"Republikanische Freiheit", schrieb er, "ist hier zu Lande ein Schall ohne
Bedeutung, ein leerer Name. In den Adern der Pfälzer fließt kein römisches
Blut."

Auf Ifflands Vorschlag war es geschehen, daß Schillers Trauerspiel: "Luise
Millerin" von ihm "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Vorstellung dieses
Stücks wohnte Schiller in einer Loge bei, die er sich mit Streicher
gemiethet hatte. Vom Publikum ward dieß Trauerspiel sehr günstig
aufgenommen. Ein lauter Beifallsruf ertönte bei einzelnen Scenen,
besonders am Schluß des zweiten Acts. Als der Vorhang fiel, wiederholte
sich jener Beifallsruf, und Schiller, der während der Vorstellung in sich
gekehrt neben seinem Freunde gesessen und nur wenige Worte gewechselt
hatte, fühlte sich dadurch so überrascht, daß er aufstand und sich gegen
das Publikum verneigte.

Die Darstellung seines Trauerspiels und die günstige Aufnahme, die es
gefunden, gab dem Dichter ein erhöhtes Selbstgefühl. Jetzt erst glaubte er
seinen Eltern und seiner von Besorgnis um ihn fortwährend gequälten Mutter
entgegen treten zu können. Seinen Vater hatte er gekränkt, als er den Plan
entschieden verworfen, nach welchem jener sich an den Herzog von
Würtemberg wenden, und um die Rückkehr seines Sohnes in dessen Dienste
bitten wollte. Nach einem Briefe, den Schiller am 1. Januar 1784 an seine
Schwester Christophine geschrieben, hatte er einen solchen Schritt mit
seinem Ehrgefühl für unverträglich gehalten.

In Bretten, einem außerhalb der würtembergischen Grenze gelegenen
Städtchen, traf Schiller, bald nach der Vorstellung von "Cabale und
Liebe", mit seiner Mutter und seiner ältesten Schwester Christophine
zusammen, und nahm mit schwerem Herzen von ihnen Abschied. Seine trübe
Stimmung erheiterte sich, als er, wieder in Mannheim angelangt, mit
Iffland und Beil nach Frankfurt am Main reiste. Dorthin waren die
genannten Mitglieder der Mannheimer Bühne eingeladen worden, um Gastrollen
zu geben. Sie traten unter andern in "Cabale und Liebe" und in dem
Ifflandschen Schauspiel "Verbrechen aus Ehrsucht" auf, und fanden großen
Beifall. In einem Briefe vom 1. May 1784 meldete Schiller dem Freiherrn v.
Dalberg "den Triumph, den die Mannheimer Schauspielkunst in Frankfurt
erhalten." Iffland und Beil hätten unter den besten dortigen Schauspielern
"hervorgeragt, wie der Jupiter des Phidias unter Tüncherarbeiten." Zu den
interessantesten Bekanntschaften die Schiller in Frankfurt am Main machte,
gehörte die als Schauspielerin späterhin hochgefeierte Sophie Albrecht. In
einem seiner damaligen Briefe rühmt er ihr zur innigsten Theilnahme
geschaffenes Herz. Sie sei erhaben gewesen über den Kleinigkeitsgeist der
gewöhnlichen Cirkel, und voll edlen, reinen Gefühls für Wahrheit und
Tugend.

Seiner mannigfachen Zerstreuungen ungeachtet, erinnerte sich Schiller des
Verbrechens, das er seiner Mutter in Bretten gegeben hatte, sich um eine
feste Anstellung zu bewerben. In seiner unsichern Lage kam ihn eine
Aufforderung Dalbergs sehr gelegen. Das Frühjahr 1784 war verflossen, und
noch immer war Schiller nicht mit sich einig über den Stoff zu einem neuen
Trauerspiel, welches er contractmäßig noch in dem laufenden Jahre liefern
mußte. Seine zweifelhafte Produktivität machte den Freiherrn v. Dalberg
bedenklich, den Contract mit ihm zu erneuern. Vielleicht war es weniger
Theilnahme an seinem Schicksal, als der Wunsch, sich seiner zu entledigen,
wodurch Dalberg sich bewogen fand, ihm zu rathen, daß er sich wieder zum
Studium der Medicin wenden möchte, um sich die Mittel zu seiner Subsistenz
zu sichern. Wenigstens erfüllte jener vermögende Mann Schillers Bitte
nicht, ihm eine mäßige Summe vorzuschießen, damit er auf der Universität
Heidelberg das in seinem Fache Versäumte oder Vergessene wieder nachholen
könnte. Damit hoffte er in einem Jahre fertig zu werden. So zerschlug sich
dieser, auch später von ihm noch wieder aufgegriffene Plan.

In einem seiner damaligen Briefe gestand Schiller offen, daß sein eignes
Herz ihn schon längst zur Medicin zurück gezogen habe. Er meinte, daß
früher oder später sein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie
seine Brodwissenschaft bliebe, daß sie dagegen neuen Reiz für ihn haben
müßte, wenn er sie nur als Erholung gebrauchte und ihr nur seine reinsten
Augenblicke widmete. "Dann nur," schrieb er, "kann ich mit ganzer Kraft
und immer regem Enthusiasmus Dichter seyn, dann nur hoffen, daß meine
Leidenschaft und Fähigkeit für die Kunst durch mein ganzes Leben
fortdauern werde."

Was ihm bisher in der Ausübung jener Kunst und in der Theorie derselben
dunkel vorgeschwebt, sprach Schiller klar und unumwunden aus in dem von
ihm verfaßten Aufsatze: "Was kann eine gute stehende Schaubühne wirken?"
Diesen Aufsatz, dem er früher den veränderten Titel gab: "Die Schaubühne
als eine moralische Anstalt betrachtet," hatte er am 26. Juni 1784 in
einer öffentlichen Sitzung der churpfälzischen deutschen Gesellschaft
vorgelesen, deren Mitglied er bereits im Februar des genannten Jahres
geworden, und dadurch mit mehreren Gelehrten und angesehenen Personen
Mannheims in nähere Verbindung getreten war. Manche Vortheile, unter
andern die Benutzung der churfürstlichen Bibliothek, waren mit seinem
Eintritt in jenes Institut verbunden. Ein Honorar von drei Dukaten für den
gedruckten Bogen ward den Mitgliedern der Gesellschaft für ihre Aufsätze
gewährt, und außerdem jährlich eine goldene Medaille, funfzig Dukaten an
Werth, für die Lösung einer aufgegebenen Preisfrage bestimmt.

Angenehm fühlte sich Schiller überrascht, als er bei der ihm übertragenen
Durchsicht mehrerer eingegangener Aufsätze in einem derselben die
Handschrift seines Jugendfreundes Petersen erkannte. Er freute sich sehr,
als es ihm durch eine detaillirte Kritik und Vergleichung zweier
Abhandlungen, die auf den Preis Anspruch machen konnten, gelang, diesen
Preis seinem Freunde zuzuwenden. "Das ist," schrieb er an ihn, "mein
geringes Verdienst; aber ich gestehe Dir offen, nicht der Rücksicht auf
unsere Bekanntschaft, blos meiner Ueberzeugung hast Du jenen Preis zu
danken. Eben das würde ich einem Fremden gethan haben. Deine Abhandlung
ist vortrefflich." Die in diesem ziemlich ausführlichen Briefe enthaltenen
Aeußerungen lieferten einen schönen Beweis, wie sich in Schillers
Charakter Freundschaft, Aufrichtigkeit und Pflicht harmonisch vereinigten.

Eine sehr angenehme und fruchtbare Uebung für seine müssigen Stunden
versprach sich Schiller, nach seinen eigenen Worten in einem am 29. Sept.
1784 geschriebenen Briefe, von der Beantwortung dramaturgischer
Preisfragen. Diese Fragen wurden von Dalberg jährlich aufgegeben, und die
Mitglieder der Mannheimer Bühne sollten darin gewissermaßen Rechenschaft
ablegen über ihre Kunst und ihr Spiel. Selbst für den dramatischen
Dichter, meinte Schiller, könnte die Vergleichung mehrerer Aufsätze über
denselben Gegenstand in mehrfacher Hinsicht belehrend seyn. Schiller fand
sich dadurch veranlaßt zur Herausgabe einer dramaturgischen Monatsschrift,
welche Recensionen und Antikritiken der theatralischen Vorstellungen
liefern sollte. Ein aus sechs Mitgliedern der Gesellschaft gebildeter
Ausschuß, zu welchem Dalberg und er selbst gehörten, sollte die
Beurtheilungen übernehmen. Einen ausführlichen Entwurf jenes
vielversprechenden Plans enthielt ein von Schiller an Dalberg gerichteter
Brief, datirt vom 2. Juli 1784. Die Ausführung unterblieb jedoch, weil die
Theaterdirektion sich nicht dazu verstehen wollte, den von Schiller
verlangten jährlichen Zuschuß von funfzig Dukaten zu verwilligen.

Mehrere dramatische Pläne wurden von Schiller wieder verworfen. Er konnte
zu keinem bestimmten Entschluß kommen, was für einen Stoff er zur
Bearbeitung wählen sollte. Mehrmals dachte er an einen zweiten Theil der
"Räuber," in welchem die Dissonanzen dieses Schauspiels aufgelöst werden
sollten. Den früher erwähnten Plan, Conradin von Schwaben zum Helden einer
Tragödie zu wählen, hatte er wieder aufgegeben. Mitunter kam ihn die Idee,
ausländische Meisterwerke für die Bühne zu bearbeiten, unter andern
Shakspeare's Macbeth und Timon von Athen. Es schien ihm aber damit so
wenig Ernst zu seyn, als mit der in einem Briefe vom 24. August 1784
geäußerten Hoffnung: "durch Verpflanzung der classischen Tragödien
Corneille's, Racine's, Crebillon's und Voltaire's auf den deutschen Boden,
der Bühne eine wichtige Eroberung zu verschaffen." Bereits am 7. Juni 1784
hatte er dem Freiherrn v. Dalberg in einem Briefe offen gestanden, daß er
mehr als jemals in Verlegenheit sei wegen der Wahl eines neuen
dramatischen Stoffes.

Mit Begeisterung ergriff er zum zweiten Mal die schon früher durch St.
Real's Novelle in ihm geweckte Idee, den Don Carlos zum Helden eines
Trauerspiels zu wählen. Die dramatische Bearbeitung dieses Stoffes
nöthigte ihn zu manchen historischen Vorarbeiten, denen er sich mit großem
Eifer widmete. Nach seinen brieflichen Aeußerungen wollte er in seinem
neuen Trauerspiel völlig heraustreten aus dem dramatischen Kreise, in
welchem er sich bisher bewegt hatte. Er wollte etwas ganz Anderes, und wo
möglich weit Vollkommneres liefern. Ein erhebendes Selbstgefühl
bemächtigte sich seiner Seele während der Beschäftigung mit seinem neuen
Trauerspiel, von welchem er sich eine großartige Wirkung versprach. Nach
seinen eigenen Aeußerungen wollte er "nichts weniger als ein politisches
Stück, sondern vielmehr ein Familiengemälde aus einem fürstlichen Hause
liefern." Beschäftigt mit seiner neuen dramatischen Arbeit, konnte er oft
kaum die Abendstunde erwarten, um seinem treuen Streicher, der sich noch
immer in Mannheim befand, die im Laufe des Tages gedichteten Scenen des
Don Carlos vorzulesen.

Aus dem Reich der Ideen ward Schiller jedoch bald wieder in die wirkliche
Welt zurückgescheucht. Seine Stuttgarter Schuld hatte er noch immer nicht
tilgen können, und der Gedanke einer Mahnung hatte ihn oft beunruhigt. In
Schrecken versetzte ihn nun die Nachricht, daß der Freund, der sich für
ihn verbürgt hatte, und von dem ungestümen Gläubiger hart gedrängt worden
war, sich aus Stuttgart nach Mannheim geflüchtet hatte. Dort war er
ergriffen und verhaftet worden. Schiller befand sich, als er dieß erfuhr,
in der äußersten Unruhe und Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er die Summe
von 200 Fl. auftreiben sollte, um seinem edelmüthigen Freunde zu helfen
und ihn aus seiner Haft zu befreien. An seine Eltern, abgesehen davon, daß
sie unbemittelt waren, sich in seiner Noth zu wenden, widerstrebte seinem
Stolz. Von Dalberg konnte er, nach frühern Erfahrungen, kaum Hülfe
erwarten. Ein unvermögender, aber edelmüthiger Mann ward sein Retter. Der
Baumeister Hölzel, in dessen Hause er wohnte, und der ihn sehr schätzte,
bewilligte ihm ein Darlehn von 200 Fl.

Um diese neue Last von sich abzuwälzen, mußte Schiller an eine Vermehrung
seines Einkommens denken, das bisher kaum hingereicht hatte, seine
nothwendigsten Bedürfnisse zu bestreiten. Er entwarf, nachdem sein
früheres Project einer Dramaturgie sich zerschlagen, den Plan zur
Herausgabe einer Zeitschrift, die ebenfalls vorzugsweise die Bühne und
ihre Vorstellungen, nebenher aber auch andere wissenschaftliche
Gegenstände berücksichtigen sollte. Durch eine öffentliche Ankündigung,
die er in das von Göckingk herausgegebene Deutsche Museum einrücken ließ,
machte Schiller das Publikum mit dem Plan seiner neuen Zeitschrift
bekannt. Sie führte den Titel: "Rheinische Thalia."

In jener Ankündigung warf sich Schiller dem Publikum mit Vertrauen in die
Arme durch die offenherzige Mittheilung seiner Jugendgeschichte, seiner
Begeisterung für Dichtkunst und seiner bisher erlebten trüben Schicksale.
"Ich schreibe," äußerte er, "als Weltbürger, der keinem Fürsten dient.
Früh verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt zu vertauschen.
Nunmehr sind alle meine Verbindungen aufgelöst. Das Publikum ist mir jetzt
Alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter. Ihm allein gehöre
ich ganz an. Vor diesem und keinem andern Tribunal werde ich mich stellen.
Dieses nur fürcht' ich und verehr' ich. Etwas Großes wandelt mich an bei
der Vorstellung, keine andern Fesseln zu tragen, als den Ausspruch der
Welt, an keinen andern Thron zu appelliren, als an die menschliche Seele."
Seinen Aufsatz schloß Schiller mit den Worten: "Den Schriftsteller
überhüpfe die Nachwelt, der nicht mehr war, als seine Werke--und gern
gesteh' ich, daß bei der Herausgabe dieser Thalia es meine vorzügliche
Absicht war, zwischen dem Publikum und mir ein Band der Freundschaft zu
knüpfen."

Durch seinen häufigen Theaterbesuch erhielt sich in Schiller das Interesse
für dramatische Kunst, das ihm auch bei der Beschäftigung mit dem "Don
Carlos" sehr förderlich war. Neben der Herausgabe der "Rheinischen Thalia"
nahm dieß Trauerspiel Schillers Geisteskräfte fast unausgesetzt in
Anspruch. Aber auch sein Herz verlangte Befriedigung. Er sehnte sich nach
freundschaftlicher Mittheilung und inniger Theilnahme, die er seit seinem
Aufenthalt in Bauerbach mehr oder minder zu vermissen glaubte. Seine immer
rege Phantasie entwarf sich ein reizendes Bild von den stillen Freuden des
häuslichen Lebens. Nur in einem solchen Verhältnis glaubte er, nach
mehreren Stellen in seinen damaligen Briefen, die Ruhe und Heiterkeit zu
finden, die seine angestrengten Kopfarbeiten nothwendig verlangten. In
einem Briefe an seinen Jugendfreund Zumsteg, der sich damals unlängst
verheirathet, hatte Schiller zwar gemeint, "daß ihn selbst ein solcher
Schritt von der Bahn seines Glücks ablenken, und daß überdieß sein
ungestümer Kopf und sein warmes Blut jetzt noch keine Frau glücklich
machen würden." Dieser Aeußerungen ungeachtet bewarb er sich in einem
Schreiben an Frau v. Wolzogen vom 7. Juny 1784 um die Hand ihrer Tochter
Charlotte.

Schillers Heirathsantrag, von welchem ihn seine noch immer unsichere und
keineswegs sorgenfreie Lage hätte abhalten sollen, blieb unerwiedert oder
vielmehr unbeachtet. Sein für Liebe empfängliches Herz mußte einen andern
Gegenstand seiner Neigung suchen. Er fand ihn in der damals
neunzehnjährigen Tochter seines Freundes, des Buchhändlers Schwan,
Margarethe mit Namen, einem schönen und vielseitig gebildeten Mädchen.
Schiller fühlte sich glücklich in dem Gefühl der Liebe. Aber eine ruhige
Uegerlegung [Ueberlegung] untersagte ihm, irgend weitere Schritte in
seiner Herzensangelegenheit zu thun.

Einer weiblichen Hand hätte er übrigens wohl bedurft, um seinen
zerrütteten Haushalt einigermaßen in Ordnung zu erhalten. In seinem Zimmer
lagen Kleider, Wäsche, Bücher in solcher Verwirrung umher, daß er
gewöhnlich das, was er suchte, nicht finden konnte. An kleinliche und
alltägliche Dinge zu denken, erlaubte ihm die poetische Begeisterung
nicht, in der er sich fast unausgesetzt befand. Er behalf sich mit einem
kärglichen Mittagsmahl, und lebte, mit Ausnahme der sogenannten
Ehrenausgaben, die seine geselligen Verbindungen unbedingt zu fordern
schienen, im Allgemeinen sehr mäßig. Aber seine Einkünfte hatten sich so
wenig verbessert, daß er oft nicht wußte, wie er die nöthigsten Ausgaben
für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag bestreiten sollte.

Schillers Sinn für edle Freundschaft fand Nahrung in dem Umgange mit der
Frau v. Kalb, die mit ihrem Gatten, der als Offizier in französischen
Diensten in dem nordamerikanischen Freiheitskriege gefochten, im August
1784 Mannheim zu ihrem Wohnort gewählt hatte. Schiller nannte sie in einem
Briefe an Dalberg "eine vortreffliche Person, die ohne aus ihrem
Geschlecht zu treten, sich glänzend darin auszeichne." Jedenfalls übte
Charlotte v. Kalb als eine vielseitig gebildete Dame durch das
freundschaftliche Verhältniß, in welchem Schiller zu ihr stand, einen sehr
günstigen Einfluß aus auf des Dichters Haltung im geselligen Leben.

Nicht viel fehlte jedoch daran, daß ein Zufall das unlängst angeknüpfte
Freundschaftsverhältniß wieder aufgelöst hätte. Schiller hatte der Frau v.
Kalb einige Scenen aus seinem damals noch unvollendeten "Don Carlos"
vorgelesen. Verletzt aber mußte er sich fühlen, als er sie um ihr Urtheil
bat, sie einer bestimmten Antwort auswich, und endlich unumwunden
erklärte: "Das sei das Schlechteste, was er je geschrieben." Befremdet und
entrüstet über diese Aeußerung, nahm Schiller Hut und Stock, und entfernte
sich schnell. Die heftige und stürmische Art seiner Declamation, die ihm
schon früher ein ähnliches Mißgeschick bereitet hatte, war die Ursache des
harten Urtheils gewesen, welches Frau v. Kalb gänzlich wieder zurück nahm,
als sie das Manuscript des "Don Carlos" für sich gelesen hatte. Das gute
Vernehmen mit jener fein gebildeten Dame war auf diese Weise wieder
hergestellt. Schiller hatte für sie sogar die Aufmerksamkeit, bei der
nächsten Vorstellung von Cabale und Liebe den Namen des darin auftretenden
Hofmarschalls v. Kalb umändern zu wollen, was jedoch seine Freundin, von
einem richtigen Urtheil und Gefühl geleitet, nicht zugab.

Auch außerhalb Mannheim hatte Schillers ausgezeichnetes Talent ihm Freunde
und Verehrer erworben. Am 7. Juni 1784 erhielt er ein Paket aus Leipzig
von vier ihm gänzlich unbekannten Personen, deren Briefe sich mit
Begeisterung über ihn und seine Gedichte äußerten. Er fand in jenem Paket,
außer einer höchst geschmackvoll gestickten Brieftasche, die Composition
eines Liedes aus seinen "Räubern" und vier Portraits, unter denen sich
zwei schöne Frauengesichter befanden. Die Personen, die ihm diese
Ueberraschung bereitet hatten, waren F. Huber, C. G. Körner, der Vater des
bekannten Dichters, Minna Stock, Körners Braut, und deren Schwester Dora.

In einem damaligen Briefe an Dalberg gestand Schiller, daß ihm "der
lauteste Beifallsruf der Welt kaum schmeichelhafter gewesen wäre, als dieß
Geschenk von fremden Menschen, die dabei kein anderes Interesse gehabt
hätten, als ihm für einige frohe Stunden, die er ihnen bereitet, zu
danken." Aehnliche Aeußerungen enthielt ein Schreiben Schillers an seine
mütterliche Freundin, Frau v. Wolzogen. Schiller schloß seinen Brief mit
der charakteristischen Aeußerung: "Wenn ich mir denke, daß in der Welt
vielleicht noch mehr solche Cirkel sind, die mich unbekannt lieben, und
sich freuen, mich kennen zu lernen; daß vielleicht in hundert und mehr
Jahren, wenn mein Staub lange verwest ist, man mein Andenken segnet, und
mir noch im Grabe Thränen und Bewunderung zollt, dann freue ich mich
meines Dichterberufs und versöhne mich mit Gott und meinem oft harten
Verhängniß." Mit seinen Freunden, die damals sämmtlich in Leipzig lebten,
trat Schiller in einen fortgesetzten Briefwechsel, und knüpfte daran die
Hoffnung, durch eben diese Freunde vielleicht seinen noch immer höchst
ungünstigen Verhältnissen entrissen zu werden.

Durch die Ernennung zum Rath, die er dem Herzog Carl August von Sachsen-
Weimar verdankte, schienen sich für Schiller Aussichten auf eine
erfreulichere Zukunft zu eröffnen. Längst schon hatte Schiller gewünscht,
jenem als Freund und Beschützer der Wissenschaften gepriesenen Fürsten
persönlich bekannt zu werden. Als der Herzog 1785 die landgräfliche
Familie in Darmstadt besuchte, ergriff Schiller die Gelegenheit, sich ihm
vorstellen zu lassen. Sein Wunsch, den ersten Act des "Don Carlos" bei
Hofe vorzulesen, ward dem berühmten jungen Dichter gern gewährt. Dem
entschiedenen Beifall, den sein neues Trauerspiel fand, verdankte er die
vorhin erwähnte Auszeichnung.

Ein gesteigertes Selbstgefühl schien sich Schillers durch die ihm
verliehene Auszeichnung bemächtigt zu haben. Einen Beweis dafür lieferten
die scharfen Theaterkritiken, denen er in seiner "Rheinischen Thalia" eine
eigene Rubrik eingeräumt hatte. Verletzt fühlten sich die wegen ihres
Spiels oft hart von ihm getadelten Mitglieder der Mannheimer Bühne
besonders dadurch, daß er sie, was bisher bei Theaterkritiken noch nicht
üblich gewesen, bei jenen Rügen geradezu nannte. Auf ähnliche Weise
äußerte er sich in seinen Briefen an Dalberg. Seit Schiller, da sein
Contract nicht erneuert worden, mit der Bühne in keiner Verbindung mehr
stand, schien er ihr gegenüber eine ganz andere Sprache anzunehmen.

Vorzüglich machte er mehrern Schauspielern das nachlässige Memoriren zum
Vorwurf. "Es kann mir," schrieb er unter andern, "Stunden kosten, bis ich
einer Periode die bestmöglichste Rundung gebe, und wenn das geschehen ist,
so bin ich dem Verdruß ausgesetzt, daß der Schauspieler meinen mühsam
vollendeten Dialog nicht einmal in gutes Deutsch verwandelt.--Wenn unsere
Schauspieler einmal die Sprache in der Gewalt haben werden, dann ist es
allenfalls Zeit, daß sie ihrer Bequemlichkeit mit Extemporiren zu Hülfe
kommen. Es thut mir leid, daß ich diese Anmerkung machen muß; noch mehr
aber verdrießt es mich, daß ich diese unangenehme Erscheinung nur auf
Rechnung ihres guten Willens, und nicht ihrer Kunst schreiben kann, und
daß eben diese Schauspieler, die in den mittelmäßigsten Stücken
vortrefflich, ja groß gewesen sind, in den meinigen gewöhnlich unter sich
selbst sinken." Seinen Brief schloß Schiller mit den Worten: "Ich glaube,
daß ein Dichter, der drei Stücke auf die Schaubühne brachte, unter denen
die Räuber sind, einiges Recht hat, Mangel an Achtung zu rügen."

Von den Mitgliedern der Mannheimer Bühne ward dieser Tadel nicht
gleichgültig aufgenommen. Ihre Erbitterung erreichte den höchsten Grad,
und ging so weit, daß der Schauspieler Böck, nach Schillers eignen Worten,
"nicht erröthete, auf öffentlicher Bühne mit Gebrüll und Schimpfwörtern
und Händen und Füßen gegen ihn auszuschlagen, und auf die pöbelhafteste
Art von ihm zu reden."

Schillers längerer Aufenthalt in Mannheim ward ihm dadurch immer mehr
verleidet. Von seinen früher erwähnten Freunden, Körner und Huber, nach
Leipzig eingeladen, ging er, von ihnen durch gesandte Wechsel großmüthig
unterstützt, im März 1785 nach der genannten Stadt. Seinem treuen
Streicher, bei dem er den Abend vor der Abreise bis Mitternacht zubrachte,
theilte er den phantastischen Plan mit, sich in Leipzig der
Rechtswissenschaft widmen zu wollen. Er verband mit dieser Idee die
Hoffnung, an einem der sächsischen Höfe bald eine Anstellung zu erhalten.
Mit dem schwärmerischen Versprechen, nicht eher an einander zu schreiben,
als bis der Eine Minister, der Andere Capellmeister seyn würde, schieden
die Freunde von einander.

Noch aus Manheim hatte Schiller am 15. März 1785 einen Brief an Huber in
Leipzig geschrieben. Er sprach darin seinen Wunsch aus, daß er nicht wie
bisher seine eigene Oekonomie führen möchte. Es koste ihm, äußerte er,
weniger, eine ganze Verschwörung und Staatsaction durchzuführen, als seine
Wirthschaft. "Poesie", schrieb er, "ist nirgends gefährlicher, als bei
ökonomischen Rechnungen. Meine Seele wird getheilt; ich stürze aus meinen
idealen Welten, wenn mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt."
Auch allein wollte er nicht wohnen. Zu seiner geheimen Glückseligkeit
brauche er einen wahren Herzensfreund, dem er seine aufkeimenden Ideen
sogleich mittheilen könnte, nicht aber erst durch Briefe oder Besuche
zutragen müßte. Das, meinte er, wären nur Kleinigkeiten, aber
Kleinigkeiten trügen oft die schwersten Gewichte im Lauf unsres Lebens. Er
wünschte mit Huber eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen, und äußerte
dabei, er sei kein schlimmer Nachbar, und biegsam genug, sich in einen
Andern zu schicken. Zu seinen unentbehrlichen Mobilien rechnete er eine
Commode, einen Schreibtisch, ein Bett und ein Sopha, außerdem noch einen
Tisch und einige Sessel. Ausdrücklich aber bemerkte er in jenem Briefe,
daß er weder Parterre noch in einem Dachzimmer wohnen könnte. Dann möchte
er auch nicht die Aussicht auf einen Gottesacker haben, denn, fügte er
hinzu, er liebe die Menschen und ihr Gedränge.

Nach einer bei ungünstiger Witterung beschwerlichen Reise war Schiller zur
Meßzeit in Leipzig angelangt. Einige dort angeknüpfte Bekanntschaften
machte er in einem Briefe namhaft, den er den 24. April 1785 an den
Buchhändler Schwan in Mannheim schrieb. Er nannte in diesem Briefe, außer
Körner und Huber, Weiße, Oeser, Zollikofer, Jünger und den berühmten
Schauspieler Reinike. Seine angenehmste Erholung habe er bisher in
Richters Caffehause gefunden. Ueber den Eindruck, den seine persönliche
Erscheinung gemacht, äußerte er scherzend: "Vielen wollte es gar nicht in
den Kopf, daß der Verfasser der Räuber wie andere Muttersöhne aussehen
sollte. Wenigstens rundgeschnittene Haare, Courierstiefeln und eine
Hetzpeitsche hatte man erwartet."

Seinem früher geäußerten Wunsche gemäß, bewohnte Schiller eine Zeitlang
mit Huber ein gemeinschaftliches Zimmer. Späterhin bezog er eine der
kleinsten Studentenstuben. Er war noch immer genöthigt, sich hinsichtlich
seiner Ausgaben sehr zu beschränken. Sein innerer Reichthum mußte ihm für
manche Entbehrung Ersatz bieten. Von seiner mitunter frohen Stimmung gab
er einen Beweis in dem "Lied an die Freude". In dem bei Leipzig gelegenen
Dorfe Gohlis, wo er einige Sommermonate zubrachte, dichtete er dies Lied.

Ein erhöhtes Selbstgefühl gab ihm die Hoffnung einer gesicherten äußern
Existenz. Er erwartete sie nicht von der dem Studium der Jurisprudenz, der
er sich in Leipzig hatte widmen wollen, sondern von der Rückkehr zu seinem
ehemaligen Berufsfache, der Medicin. In solcher Stimmung war er selbst so
kühn, in seinem früher erwähnten Briefe an den Buchhändler Schwan um die
Hand seiner Tochter Margarethe anzuhalten. Die abschlägliche Antwort, die
ihm Schwan ertheilte, gründete sich auf das mildernde Motiv, daß
Margarethe bei der Eigenthümlichkeit ihres Charakters nicht für ihn passe.
Obgleich sich dies Verhältniß auflöste, blieb Schiller immer noch mit
Schwan und dessen Tochter in freundschaftlicher Verbindung. Margarethe,
späterhin verheirathet, starb im sechsunddreißigsten Jahre an den Folgen
einer Niederkunft.

Aus dem unbefriedigten Gefühl der Sehnsucht seines Herzens entsprangen
wahrscheinlich die von Schiller damals (1786) geschriebenen Gedichte
"Freigeisterei der Leidenschaft" und "Resignation", von denen er das erste
bedeutend abgekürzt, späterhin unter der veränderten Ueberschrift: "der
Kampf" in die Sammlung seiner Gedichte aufnahm. Das gewaltsam getrennte
Verhältniß zu Margarethe hatte in Schillers Gemüth eine Lücke
zurückgelassen, die er nun durch die Freundschaft auszufüllen suchte. An
Streichers Stelle war Körner getreten, den er in einem spätern Briefe vom
20. November 1788 mit den Worten schilderte: "Es ist kein imposanter
Charakter, aber desto haltbarer und zuverlässiger auf der Probe. Ich habe
sein Herz noch nie auf einem falschen Klange überrascht. Sein Verstand ist
richtig, uneingenommen und kühn. In seinem ganzen Wesen ist eine schöne
Mischung von Feuer und Kälte."

Um den Besitz eines solchen Freundes nicht zu verlieren, war Schiller
schon zu Ende des Sommers 1786 nach Dresden gegangen, wo Körner eine
Anstellung als Appellationsrath erhalten hatte. Nach seiner eigenen Angabe
in einem Briefe vom 1. Juni 1785 wohnte Schiller in der Dresdner Neustadt,
auf dem Kohlenmarkt, im Faustischen Hause. Späterhin bezog er ein
Gartenhäuschen auf dem Weinberge seines Freundes Körner, bei dem an der
Elbe gelegenen Dorfe Loschwitz, wo er in ungestörter Muße seinen "Don
Carlos" vollendete. Er ließ dies Trauerspiel, ehe es 1787 zu Leipzig in
Göschens Verlag vollständig erscheinen konnte, bis zur achten Scene des
dritten Acts in den vier ersten Heften der "Thalia" einrücken. Im eilften
Stück dieses Journals theilte er auch einige Fragmente seines
Trauerspiels: "der Menschenfeind" mit, das jedoch unvollendet blieb.

Unter diesen Beschäftigungen war die Idee, zum Studium der Medicin
zurückzukehren, wieder völlig in den Hintergrund getreten. Durch irgend
eine Thätigkeit außerhalb des Gebiets der Dichtkunst wünschte Schiller
gleichwohl sich eine unabhängige Existenz zu gründen. Historische Studien
hatten von jeher, schon auf der Karlsschule, viel Anziehendes für ihn
gehabt. In einer historischen Sammlung, die er unter dem Titel:
"Geschichte der merkwürdigsten Revolutionen und Verschwörungen aus der
mittlern und neuern Zeit" zu Leipzig 1788 herausgab, rührte nur die fast
wörtlich aus dem Französischen des Abbé St. Real übersetzte "Verschwörung
des Marquis von Bedemar gegen die Republik Venedig" von ihm selbst her.
Die beiden andern Aufsätze, welche der erste Band jenes Werkes enthielt,
welchem kein zweiter folgte, hatten Huber und Schillers Schwager Reinwald
zum Verfasser. Jener schilderte die "Revolution in Rom durch Nicolaus
Rienzi", dieser die "Verschwörung der Pazzi." Der Name Johann Friedrich
Schiller auf dem Titel einer Uebersetzung von "Robertson's Geschichte von
Amerika" hat hie und da zu der Vermuthung geführt, als sei auch diese
Uebersetzung aus des Dichters Feder gestossen. Sie rührte indeß von einem
Seitenverwandten seiner Familie her, der eine Zeitlang als Buchhändler in
Mainz lebte, und nach einem längern Aufenthalt in London durch
Uebersetzungen mehrerer Werke von A. Smith, Hawkesworth und anderer
englischer Schriftsteller sich bekannt machte.

In die Zeit seines Aufenthalts in Dresden fiel Schillers Roman: "der
Geisterseher" und die in psychologischer Hinsicht merkwürdige Erzählung:
"der Verbrecher aus verlorner Ehre" oder "aus Jafamie", wie der Titel
ursprünglich lautete. Den Stoff zu dieser Erzählung verdankte Schiller der
Geschichte des schwäbischen Sonnenwirths, die er noch während seines
Aufenthalts in Stuttgart aus dem Munde seines Lehrers Abel gehört hatte.
Aus den Anfragen, die von mehreren Seiten in Bezug auf seinen
"Geisterseher" an Schiller ergingen, überzeugte er sich, daß er durch
jenen Roman, dem durchaus keine wahre Geschichte zu Grunde lag, blos die
Neugier des Publikums gereizt habe. Er hatte eine höhere Wirkung
beabsichtigt, und ließ daher dies Werk unbeendigt. Verwandte Ideen
enthielten die gleichzeitig (1786) von ihm geschriebenen "philosophischen
Briefe" zwischen Julius und Raphael.

Unter so mannigfachen Beschäftigungen, die er oft bis tief in die Nacht
fortsetzte und dadurch vielleicht den Grund zu seiner spätern
Kränklichkeit legte, ergriff ihn in der letzten Zeit seines Aufenthalts in
Dresden eine glühende Leidenschaft für ein Fräulein v. Arnim, die Tochter
der Wittwe eines pensionirten Offiziers. In den geschmackvoll möblirten
Zimmern seiner früher erwähnten Freundin Sophie Albrecht, die als eine
gefeierte Schauspielerin und eine der ersten Zierden der Dresdner Bühne
zahlreiche Besuche von der eleganten Welt zu empfangen pflegte, sah
Schiller zuerst das Fräulein, eine hohe Gestalt und blauäugige Blondine,
die einen tiefen Eindruck auf sein Herz machte. Seine Freundin Sophie
Albrecht, der dieß nicht entging, suchte er zwar zu überreden, Julie v.
Arnim sei ihm gleichgültig. Er gab jedoch die unzweideutigen Beweise vom
Gegentheil, ungeachtet seine Besuche ihm auf mehrfache Weise erschwert
wurden. Die Weisung, nicht zu erscheinen, wenn er Licht in gewissen
Fenstern sähe, durfte er nicht überschreiten. Seine Freunde behaupteten,
daß Frau v. Arnim alsdann mehr begünstigte Liebhaber ihrer schönen Tochter
empfange, und sich nicht scheue, ihnen werthvolle Geschenke zu entlocken,
um ihren Aufwand, für den ihre mäßige Pension nicht hinreichte,
befriedigen zu können.

Um für Schiller und die erhabene Größe seines Geistes zu schwärmen, stand
Julie v. Arnim vielleicht geistig zu tief. Seine Gestalt und
Persönlichkeit konnte sie kaum fesseln. Schillers Kleidung bestand in
einem dürftigen grauen Rock. Sein tiefgesenktes, immer sinnendes Haupt
machte keinen günstigen Eindruck. Nur auf seiner schönen Stirn und in dem
glänzenden Auge sprachen erhebende Zeichen von den großen Gedanken, die er
meist Nachts dem Manuscript seines Don Carlos übergeben hatte. Qualvolle
Tage bereitete ihm des Fräuleins Kälte und Sprödigkeit. Durch werthvolle
Geschenke, selbst in baarem Gelde, suchte er ihre Gunst zu erkaufen. Durch
diese Summen, die er nothwendiger für andere Zwecke brauchte, schmälerte
er das von seinem Verleger Göschen ihm zugesagte Honorar für den Don
Carlos.

Schillers Vernunft erlag fast im Kampf mit einer unbändigen Leidenschaft.
Nicht ohne große Selbstüberwindung gab er den Bitten seiner Freunde nach,
die ihm zu einer Ortsveränderung riethen. Von Frau v. Kalb, die ihren
frühern Aufenthalt in Mannheim mit Weimar vertauscht hatte, freundlich
eingeladen, begab er sich im July 1787 in jene Residenz, mit dem
schwärmerischen Versprechen, das er dem Fräulein v. Arnim gab, entweder zu
sterben oder bald wieder nach Dresden zurückzukehren. Er ward indes andern
Sinnes, als er, was längst sein Wunsch gewesen war, mit den größten
Geistern Deutschlands in nähere Berührung kam.

Nur Wieland und Herder fand Schiller in Weimar. Goethe war in Italien. Mit
Wieland kam er bald in nähere Verbindung durch dessen Aufforderung,
Beiträge für den "Deutschen Merkur" zu liefern. Außer seinen "Briefen über
Don Carlos" und andern Aufsätzen ließ Schiller damals in jenem Journal
einige seiner vorzüglichsten Gedichte drucken, unter andern "die Götter
Griechenlands" und "die Künstler." Auch ein Fragment seiner "Geschichte
des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung" theilte er im
"Deutschen Merkur" mit. Bei diesem historischen Werke hatte er keine Zeit
und Mühe gescheut, alle ihm irgend zugänglichen Quellen zu benutzen.
Seiner mütterlichen Freundin der Frau v. Wolzogen, gestand Schiller: "er
sitze unter Folianten und alten staubigen Schriftstellern wie begraben."

So unausgesetzte literärische Arbeiten forderten gewissermaßen ein
stilles, zurückgezogenes Leben, das von jeher mit Schillers Neigungen
harmonirt hatte. Einen einsamen Spaziergang im Park abgerechnet, verließ
er selten sein Zimmer, falls er nicht seine Freundin Frau v. Kalb
besuchte. Höchst frugal war sein Mittagessen. Abends behalf er sich meist
mit Butterbrod und einem Glase Bier, das er schon in Mannheim dem Wein
vorzog, den er erst in späteren Jahren liebte. Seine sehr mäßigen und
unsichern Einkünfte nöthigten ihn so sparsam zu seyn. Er war genügsam und
nach mehreren damaligen Briefen im Allgemeinen zufrieden mit seinen
Verhältnissen.

Zu seinen interessantesten Bekanntschaften in Weimar gehörten außer
Wieland und Herder, besonders Riedel, damals Erzieher des Erbprinzen von
Weimar, der bekannte Romanschriftsteller Fr. Schulz, außerdem Bode,
Bertuch und die gefeierte Schauspielerin Corona Schröter. Zerstreuung
gewährte ihm im November 1787 eine Reise nach Meiningen zu seinem
Schwager, dem Bibliothekar Reinwald. Auf dieser Reise besuchte er auch
seine mütterliche Freundin in Bauerbach, wo er Wilhelm v. Wolzogen wieder
fand. Durch diesen Jugendfreund, der mit ihm zugleich Zögling der
Karlsschule gewesen, ward Schiller auf der Rückreise nach Weimar in
Rudolstadt mit der v. Lengefeldschen Familie bekannt.

Nach seinen eignen brieflichen Aeußerungen schien es ihm sehr schwer
geworden zu seyn, von dieser Familie, die ihm sehr lieb und werth geworden
war, sich wieder zu trennen. Charlotte v. Lengefeld, einige Jahre jünger,
als ihre an einen Herrn v. Beulwitz verheirathete Schwester Caroline,
hatte einen so tiefen Eindruck auf Schillers Herz gemacht, daß ihr Besitz
ihm als das höchste Erdenglück erschien. Mit einer anmuthigen Gestalt und
Physiognomie vereinigte sie eine vielseitige Geistesbildung. Sie besaß
zugleich reine Herzensgüte und Empfänglichkeit für alles Große und Schöne.
Die Sehnsucht nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz erwachte
wieder in Schiller. "Seit Jahren," schrieb er seinem Freunde Körner, "hab'
ich kein ganzes Glück gefühlt, und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände
dazu fehlten, sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte, als genoß,
weil es mir an immer gleicher Heiterkeit und sanfter Empfänglichkeit
fehlte, die nur die Ruhe des Familienlebens giebt."

Groß war Schillers Freude, als ein freundliches Geschick die Geliebte
wieder in seine Nähe brachte. Charlotte v. Lengefeld war nach Weimar
gereist, wo sich ihr Aussichten zeigten zu der Stelle einer Hofdame bei
der Herzogin Luise. Schiller sah sie bei ihrer Freundin Frau v. Stein und
in einigen andern Cirkeln, obgleich nur selten. Längere Zeit blieb sein
Verhältnis ein bloß freundschaftliches, an welchem die Liebe wenigstens
keinen offen ausgesprochenen Antheil hatte. In seinen Briefen an Charlotte
machte Schiller aus seinen Begriffen von wahrem Lebensgenuß, der nach
seinen Begriffen nur in der freien Natur, fern von den Menschen zu finden
sei, kein Geheimniß. Es schien ihm unbegreiflich, wie Charlotte "in der
Hof- und Assembleenluft" sich gefallen könne. Für ihn hatten die
gewöhnlichen gesellschaftlichen Zerstreuungen wenig Reiz, weil sie ihn aus
seiner Ideenwelt hinausführten. "Es sieht vielleicht mysanthropisch aus,"
schrieb er, "aber ich kann mir einmal nicht helfen, ich bin Kleist's
Meinung: Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn."

Genußreiche Tage verlebte Schiller im May 1788. Er begab sich um diese
Zeit nach dem eine halbe Stunde von Rudolstadt gelegenen Dorfe Volkstädt.
Dort hatte die v. Lengefeld'sche Familie ihm eine Wohnung gemiethet. Seine
"Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung," und
andere meistens historische Arbeiten nahmen den größten Theil des Tages in
Anspruch. Gegen Abend begab er sich nach Rudolstadt, wo er im Kreise der
v. Lengefeld'schen Familie die Früchte seines Fleißes mittheilte. Die
schöne Natur und der freundliche Umgang wirkten günstig auf seine
Stimmung. Er war heiter, gesprächig, und mitunter selbst reich an witzigen
Einfällen.

Durch Goethe's Erscheinung, den er bei der Rückkehr aus Italien in
Rudolstadt zum ersten Mal sah, fühlte sich Schiller im Allgemeinen nicht
befriedigt. Seine Erwartung war aufs Höchste gespannt gewesen, theils
durch die frühern Eindrücke von Goethe's Werken, theils durch das, was er
über seine Persönlichkeit in Weimar gehört hatte. Eine gegenseitige
Annäherung beider Dichter fand nicht statt. Schiller fühlte sich
zurückgescheucht durch Goethe's Abgeschlossenheit und Kälte. Seine
geistige Stellung jenem Dichter gegenüber bezeichnete Schiller in einem
Briefe an Körner mit den Worten: "Im Ganzen genommen ist meine in der That
große Idee von Goethe nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht
vermindert worden. Aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken
werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu
wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein
ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige,
seine Welt ist nicht die meinige; unsere Vorstellungsarten scheinen
wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen
Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das Weitere
lehren."

Das schon in Weimar auf Wielands Empfehlung begonnene Studium des Homer
und der griechischen Tragiker setzte Schiller in Rudolstadt fort. Er
bedürfe, meinte er, abgesehen von dem Genuß, den er daraus schöpfe, auch
schon deßhalb des Studiums der alten Classiker, um seinen eignen Geschmack
zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit und Künstelei sehr von der
wahren Simplicität entfernt habe. Seine Vorliebe für die griechischen
Tragiker führte ihn zu dem Versuch einer metrischen Uebersetzung der
"Iphigenie" des Euripides und einiger Scenen aus den "Phönizierinnen"
jenes Dichters. Bei seiner mangelhaften Kenntniß des Griechischen benutzte
er einige lateinische und französische Uebersetzungen.

Im Kreise der v. Lengefeld'schen Familie fand Schiller die Ruhe und
Heiterkeit der Seele wieder, die bisher durch manche bittere
Lebenserfahrungen, durch Mißmuth und Leidenschaftlichkeit getrübt worden
war. In einem Briefe an Körner gestand er, als er im November 1788 wieder
nach Weimar zurückgekehrt war: "sein Abschied sei ihm schwer geworden. Er
habe in Rudolstadt schöne Tage verlebt, und ein wertes Freundschaftsband
geschlossen." Für den Genuß, den er nun entbehren mußte, suchte er sich
durch einen fortgesetzten Briefwechsel mit Charlotten und deren Schwester
zu entschädigen. Beider Briefe, die ihn regelmäßig jede Woche
überraschten, schnell zu beantworten, gehörte zu Schillers
Lieblingsbeschäftigungen. Nicht blos seine Neigung, auch seine
literarischen Arbeiten fesselten ihn an sein Zimmer. Durch seine
ökonomischen Verhältnisse ward er zum Fleiß gespornt. Kaum aber reichte
seine Zeit hin, um neben der Fortsetzung seiner "Geschichte des Abfalls
der Niederlande," noch Beiträge für die "Thalia" und den "Deutschen
Merkur" zu liefern.

Die oft wiederkehrende Sehnsucht Schillers nach einer mehr gesicherten
Existenz ward gestillt, als er durch Verwendung Goethes und des
Weimarischen Staatsministers von Voigt einen Ruf als Professor der
Philosophie nach Jena erhielt. Er sah sich dadurch am Ziel seiner Wünsche.
Gleichwohl überraschte ihn das ihm angetragene historische Lehramt. Er
glaubte noch einiger Jahre zu bedürfen, um sich darauf vorzubereiten. In
diesem neuen Verhältniß, meinte er, werde er sich selbst lächerlich
vorkommen, denn mancher Student wisse vielleicht mehr Geschichte, als er.

Der Beschäftigung mit der Dichtkunst, wenigstens in den nächsten Jahren,
zu entsagen, war ihm ein schmerzliches Gefühl. "Der Abschied von den
freundlichen schönen Musen," schrieb er, "ist immer schwer, und die Musen,
ob sie schon Frauenzimmer sind, haben ein rachsüchtiges Gemüth. Sie wollen
verlassen, aber nicht verlassen werden, und wenn man ihnen den Rücken
gekehrt hat, kommen sie nachher auf kein Rufen mehr zurück. Wenn dieß aber
auch nicht der Fall wäre, so rächen sie sich schon genug durch ihre
Abwesenheit."

In dem ungünstigsten Lichte erschien ihm, nach mehreren seiner Briefe,
sein neues Verhältniß. Die Vorbereitung auf seine Collegien preßte ihn die
Klage aus: "er sei verdammt, sich durch die geschmacklosesten Pedanten
durchzuschlagen, um Dinge daraus zu lernen, die er morgen schon wieder
vergäße." Mit diesen Schattenseiten seines Berufs versöhnt ihn wieder die
Aussicht eines Besuchs seiner Freundinnen in Jena. Auf einen Ausflug nach
Rudolstadt glaubte er ohnedieß, aus Mangel an Zeit, für das nächste Jahr
verzichten zu müssen.

Seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar, wo er noch Bürgers Bekanntschaft
gemacht hatte, der damals jene Residenz besuchte, vertauschte Schiller im
May 1789 mit Jena. Ein ungewöhnlicher Beifall begleitete sein erstes
Auftreten auf dem Katheder. Vor fast vierhundert Zuhörern eröffnete er in
dem Auditorium des Kirchenraths Griesbach sein Lehramt mit der
Antrittsrede: "Was heißt und zu welchem Ende studirt man
Universalgeschichte?" Im ersten Semester las er wöchentlich zweimal,
Dienstags und Mittwochs von sechs bis sieben Uhr Abends, über alte
Geschichte. Späterhin hielt er auch Vorlesungen über die Geschichte der
europäischen Staaten und über die Kreuzzüge.

Durch Kraft, Feuer und lichtvolle Ideen zeichnete sich Schiller als
akademischer Dozent aus. Sein Vortrag soll indeß zu rhetorisch und
pathetisch gewesen seyn. Zu dem Rednertalent, das er im freien
wissenschaftlichen Gespräch mit Freunden entwickelte, vermochte er, aus
Ungeübtheit, später auch wohl aus Kränklichkeit, sich auf dem Katheder nie
zu erheben. Störend wirkte dort auch sein schwäbischer Dialekt. Diese
Mängel aber vergütete reichlich die überwiegende Kraft seines Geistes.

Mit seinen neuen Verhältnissen, so unbehaglich sie ihm anfangs dünkten,
versöhnte ihn das beruhigende Gefühl, eine gesicherte Stellung und einen
ausgedehnten Wirkungskreis gefunden zu haben. Mehrere gesellige
Verbindungen, die er in Jena anknüpfte, vermehrten seine Heiterkeit. Von
Reinhold, Paulus, Griesbach, Schütz und andern geistreichen Männern ward
er freundlich empfangen. Nur kurze Zeit sah er seine Rudolstädter
Freundinnen wieder, als sie im Juli 1789, um den Badeort Lauchstädt zu
besuchen, den Weg über Jena genommen hatten. Er versank in seine oft
wiederkehrende trübe Stimmung, die ihm in einem seiner damaligen Briefe
das Geständniß entlockte: "es gehöre viel Muth dazu, ein so freudenloses
Dasein zu ertragen, und allein von den Gütern der Phantasie zu leben." Die
verlorene Ruhe und Heiterkeit fand er erst wieder, als er in Lauchstädt,
wohin er damals gereist war, mit dem Geständniß seiner Liebe
hervorzutreten wagte, und Charlotte ihm ihre Hand versprach.

Die herannahenden Ferien benutzte Schiller zu einem Ausflug nach
Rudolstadt. Das Wiedersehn der Geliebten hatte ihn erheitert. Bekümmert
war er jedoch, daß sich ihm zu einer baldigen Verbindung keine Aussicht
zeigte. Als Professor bezog er bisher keinen Gehalt. Auf seine Vorlesungen
konnte er sich nicht verlassen. Er mußte, wie früher, zur Feder greifen,
um für die nöthigsten Bedürfnisse sorgen zu können.

Auf eine schriftliche Vorstellung an den Herzog von Weimar erhielt er die
Zusicherung eines Jahrgehalts von 200 Thalern. Auch Karl Theodor v.
Dalberg, Coadjutor von Mainz und Statthalter zu Erfurt, ein älterer Bruder
des Freiherrn v. Dalberg in Mannheim, eröffnete dem Dichter Aussichten zu
einer seinen Wünschen und Neigungen entsprechenden Stelle.

Am 20. Februar 1790 ward Schiller mit Charlotte von Lengefeld in Wenigen-
Jena durch den Pfarrer Schmid getraut. Einige Monate nach seiner
Verheirathung schrieb er seinem Freunde Körner: "Es lebt sich doch ganz
anders an der Seite einer lieben Frau, als so verlassen und allein. Jetzt
erst genieße ich die schöne Natur ganz, und lebe in ihr. Ich sehe mit
fröhlichem Geiste um mich her, und mein Herz findet eine immerwährende
sanfte Befriedigung außer sich, mein Geist eine so schöne Nahrung und
Erholung. Mein Daseyn ist in eine harmonische Gleichheit gerückt, nicht
leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir die Tage dahin.
Meinem künftigen Schicksal sehe ich mit heiterem Muth entgegen. Jetzt, da
ich am erreichten Ziel stehe, erstaune ich selbst, wie Alles doch über
meine Erwartung gegangen ist. Das Schicksal hat die Schwierigkeiten für
mich besiegt, es hat mich zum Ziele gleichsam getragen. Von der Zukunft
hoffe ich Alles. Wenige Jahre, und ich werde im vollen Genuß meines
Geistes leben, ja, ich hoffe, ich werde wieder zu meiner Jugend
zurückkehren; ein inneres Dichterleben giebt sie mir zurück."

Schillers damalige Stimmung war so ruhig und gleichförmig, daß nur selten
eine Aeußerung an seine frühere Leidenschaftlichkeit erinnerte, wie unter
andern, als er einst bei der Erzählung einer niederträchtigen Handlung
eines in Jena angesehenen Mannes entrüstet in die Worte ausbrach: "man
müsse sich wundern das solche Menschen im Gefühl ihrer Nichtswürdigkeit
nicht augenblicklich verwesten." Als Erholung von geistesanstrengenden
Arbeiten liebte Schiller gesellige Zerstreuungen, mitunter auch wohl
Karten- und Kegelspiel. Immer aber blieb in seiner Natur ein ernster Sinn
vorherrschend, der das Alltägliche mit dem Höhern und Idealen in eine
gewisse Verbindung zu bringen suchte. So gab er einst beim Kegelschieben
auf die Bemerkung eines der Mitspielenden über den herrlichen Abend die
bedeutende Antwort. "Ach, man muß doch das Schöne in die Natur erst
überall hineintragen!"

Den reinsten Genuß fand Schiller in einem engen Kreise guter und
geistvoller Menschen, besonders in dem Umgange mit Griesbach und Paulus.
Wo jeder Einzelne seine Originalität geltend machen konnte, fühlte er sich
am wohlsten. Sein fester Sinn bewährte sich in der lebhaften Mißbilligung
eines Vorschlags im akademischen Senat: den Jenaischen Studenten, die nach
manchen tumultuarischen Auftritten die Stadt verlassen und sich nach Nora
bei Erfurt begeben hatten, entgegen zu gehen und sie einzuholen. Dadurch,
meinte Schiller, vergebe der akademische Senat sein Ansehen und seine
Würde. Nur unter dem Versprechen eines bescheidenen und anständigen
Betragens von Seiten der Studirenden müßte ihnen die Erlaubniß zur
Rückkehr ertheilt werden. Schiller ward überstimmt und fand dadurch um so
mehr Grund, jenen Schritt laut und unverholen zu tadeln. Demungeachtet
erhielt er sich bei den Studirenden in fortwährender Achtung. Eine von den
Landsmannschaften an ihn abgesandte Deputation bat ihn um Verzeihung, daß
in Folge der tumultuarischen Bewegungen durch ein Versehen auch ihm die
Fenster eingeworfen worden. In größere Irrungen gerieth Schiller mit
einigen seiner Amtscollegen. Weil er sich auf den Titel einer gedruckten
Vorlesung, statt Professor der Philosophie, Professor der Geschichte
genannt hatte, erlaubte sich der Professor Heinrich, dem das historische
Fach übertragen worden, den Titel jener Vorlesung von dem Buchladen, wo er
angeschlagen war, durch einen Pedell herunterreißen zu lassen. Ueber diese
Jämmerlichkeit äußerte sich Schiller sehr bitter in einem seiner damaligen
Briefe.

Die durch jene Kämpfe mit der Außenwelt ihm geraubte Ruhe fand Schiller in
seinem häuslichen Kreise wieder. Wechselseitige Harmonie des Geschmacks
und der Empfindung machte seine Ehe zu einer sehr glücklichen. Auch
dadurch ward ihm seine Gattin besonders werth, daß ihr feiner Tact sein
Urtheil bestimmte und leitete. Er mußte ein Wesen um sich haben, dem er
seine Ideen mittheilen konnte. Für einen Geist, wie den seinigen, waren
gleichwohl die Schranken des häuslichen Lebens jedenfalls zu enge. Geschah
es nun auch, daß seine wechselnde Stimmung, manche Eigenheiten, besonders
die Liebe zur Einsamkeit, mitunter einige Mißverhältnisse in seiner Ehe
erzeugten, so wurden sie durch Schillers Gutmüthigkeit bald wieder
beseitigt. Mit Grund behauptete einer seiner vertrauteren Freunde, daß
eine leichtsinnige, nach sinnlichen Freuden haschende und Zerstreuung
liebende Gattin für Schiller durchaus nicht gepaßt haben würde.

Seine Lage war übrigens nichts weniger als sorgenfrei. Auch nachdem er als
Professor einen kleinen Gehalt bezog, durfte seine literarische Thätigkeit
nicht ruhen, wenn er sich eine anständige Subsistenz sichern wollte; so
mäßig auch seine Ansprüche waren. Neben der Fortsetzung der "Thalia" und
Recensionen für die Allgemeine Literaturzeitung, beschäftigte ihn
vorzüglich eine mit Paulus, Woltmann u. a. Freunden unternommene
Herausgabe von "Historischen Memoiren", für die er selbst eine einleitende
Abhandlung und einige, später in der Sammlung seiner Werke wieder
abgedruckte Aufsätze schrieb. Durch den Buchhändler Göschen in Leipzig
aufgefordert, verfaßte Schiller eine "Geschichte des dreißigjährigen
Krieges", die zuerst als "Historischer Kalender für Damen" erschien und
von Wieland mit einer empfehlenden Vorrede begleitet ward.

Historische Forschungen waren damals für Schiller von hohem Interesse. Es
lag aber in seiner Natur, daß Geschichte in der höhern Bedeutung dieses
Worts für ihn nie zur eigentlichen Lebensaufgabe werden konnte. Sie war
ein nothwendiger, aber vorübergehender Moment in seiner Selbstbildung.
Seine eigenthümlichsten Talente ragten über die Geschichte weit hinaus,
und sie trat in den Hintergrund durch das wachsende Interesse an
philosophischen und ästhetischen Studien, deren Ausbeute er auch Andern
mitzutheilen wünschte. Einige Vorlesungen, die er im Sommer 1790 über den
"Oedipus" des Sophokles hielt, führten ihn zum Studium der Poetik des
Aristoteles, und er fühlte sich, nach mehrern seiner damaligen Briefe,
"erhoben und gestärkt durch die in jenem Werke enthaltenen liberalen
Kunstansichten."

Die von Schiller damals geschriebenen Aufsätze: "Ueber den Grund des
Vergnügens an tragischen Gegenständen" und "Ueber die tragische Kunst"
verdankten ihre Entstehung den erwähnten ästhetischen Studien. Verdrängt
wurden diese jedoch wieder durch das überwiegende Interesse für die
Kantische Philosophie, die in Jena damals zahlreiche und enthusiastische
Verehrer zählte. Unter diesen befanden sich Männer, mit denen Schiller
nähern Umgang hatte, wie Reinhold, Paulus, Niethammer u. A. Er war ein
Mitglied des Klubbs, in welchem die genannten Gelehrten nebst einigen
andern, wie Göttling und Hufeland, sich wöchentlich zu philosophischen
Gesprächen einfanden. Noch behaglicher würde sich Schiller in jenem Cirkel
gefühlt haben, wenn es ihm leichter geworden wäre, sich an Individuen
anzuschließen, die sich um seine Freundschaft bewarben. Gegen Unbekannte
und Fremde, die ihn nicht besonders interessirten, verrieth sein Wesen
eine Verschlossenheit, die bisweilen an schneidende Kälte grenzte.

Demungeachtet zeigte sich, als seine von Natur schwache Gesundheit heftig
erschüttert ward, die allgemeine Liebe und Verehrung für ihn in der
lebhaftesten Theilnahme, die kein Opfer scheute. Anstrengende
Geistesarbeiten und Nachtwachen hatten seinen Körper sehr geschwächt.
Durch seine eingezogene Lebensweise war er überdieß der Erkältung leicht
ausgesetzt. Bei einem Besuch, den er mit seiner Gattin dem Coadjutor
Dalberg in Erfurt machte, überfiel ihn zu Anfange des Jahres 1791 ein
heftiges Fieber, das bei seiner Rückkehr nach Jena bald in eine
lebensgefährliche Brustkrankheit ausartete.

Bereitwillig erboten sich Schillers Freunde zu allem, was irgend zur
Erleichterung seines Zustandes dienen konnte. Mehrere seiner Zuhörer,
unter andern der späterhin als Dichter unter dem Namen Novalis bekannte
Freiherr v. Hardenberg und ein junger Livländer, v. Adlerskron, unterzogen
sich Nachts seiner Wartung und Pflege. Schillers Brustkrämpfe wurden zwar
durch ärztliche Hülfe beseitigt, aber sein körperlicher Zustand blieb
zerrüttet für seine ganze übrige Lebenszeit. Seine Schwäche war so groß,
daß er öffentliche Vorlesungen aussetzen mußte. Zur Thätigkeit spornte ihn
jedoch die Kraft seines Geistes, die sich unter seinen physischen Leiden
fast ungeschwächt erhalten hatten. Er nahm zu Privatvorträgen in seinem
Zimmer seine Zuflucht.

Selbst mit einigen poetischen Entwürfen beschäftigte er sich wieder. Mit
Bürger, den er, wie früher erwähnt, in der letzten Zeit seines Aufenthalts
in Weimar kennen gelernt, hatte Schiller, nach einer Aeußerung in einem
seiner damaligen Briefe, sich vorgenommen, "einen kleinen Wettkampf der
Kunst einzugehen." Beide wollten ein und dasselbe Stück aus Virgil's
Aeneide, doch jeder in einer andern Versart übersetzen. Von seiner
metrischen Uebersetzung, für die er die italienischen %Ottave rime%
wählte, versprach sich Schiller viel, und las seinem Freunde Conz, der ihn
damals in Jena besuchte, mit einem gewissen Selbstgefühl einige Proben
vor. Eine großartige Wirkung versprach er sich auch von einer "Hymne an
das Licht" und von einer "Theodicee" nach Kantischen Prinzipien. Er
entwarf zu beiden Gedichten den Plan; die Ausführung aber unterblieb.

Auch die durch seine Beschäftigung mit der "Geschichte des dreißigjährigen
Krieges" in ihm geweckte Idee, den König von Schweden zum Helden eines
epischen Gedichts zu wählen, gab Schiller wieder auf. In einem seiner
Briefe hatte er gemeint, unter allen historischen Stoffen, wo sich das
poetische Interesse mit dem nationalen und politischen noch am besten
vereinigen lasse, stehe Gustav Adolph oben an. "Eine merkwürdige Action
Friedrichs II zu einem Epos zu benutzen", war nach einer brieflichen
Aeußerung Schillers, ein Plan, bei dem er ziemlich lange verweilte. Er
hoffte die mannichfachen Schwierigkeiten zu besiegen, welche der moderne
Stoff und die scheinbare Unverträglichkeit des epischen Tons mit einem
gleichzeitigen Gegenstande herbeiführten. Auch über die metrische Form,
die er seinem Gedicht geben wollte, war er mit sich einig geworden. Er
wollte dasselbe Versmaß wählen, wie bei seiner Uebersetzung des Virgil.
Durch die italienische Stanze hoffte er den Wohlklang seines Gedichts zu
erhöhen. Es blieb jedoch bei diesen Vorbereitungen. Dramatische Entwürfe
zogen ihn wieder von der epischen Gattung ab, ungeachtet er auch zu jenen
kein rechtes Vertrauen gewinnen konnte.

Wieland, meinte Schiller, habe recht gehabt, als er ihm einst Mangel an
Leichtigkeit vorgeworfen. Das Gleichgewicht seiner Kräfte war gestört,
seit die Reflexion die poetischen Bilder verscheuchte, die ihm seine
Phantasie in glücklichen Augenblicken zuführte. In einem Briefe an Körner
gestand er offen: "er glaube, die Kritik habe ihm geschadet, weil er schon
seit mehreren Jahren die Kühnheit und Gluth der Phantasie vermisse, die
ihn beseelt habe, als ihm noch keine Regel bekannt war."

Für ein dringendes Bedürfnis hielt Schiller eine gründliche philosophische
Bildung. Unter Kant's Schriften, die er mit ernstem Eifer studirte, fiel
seine Wahl zuerst auf die "Kritik der Urteilskraft." Begeistert von den
neuen und lichtvollen Ideen, die er aus diesem Werke geschöpft, war
Schiller nach einer Aeußerung in einem seiner damaligen Briefe, "fest
entschlossen, nicht eher nachzulassen, als bis er die Kantische
Philosophie ergründet habe, und wenn ihm dies auch drei Jahre kosten
sollte." Seine Absicht war, die Kantischen Ideen, die er sich
selbstständig angeeignet, in einem Collegium über Aesthetik, das er in dem
Winter von 1791-1792 lesen wollte, öffentlich mitzuteilen. Man könne,
meinte Schiller, fast nichts Neues mehr auf dem Katheder sagen, wenn man
sich nicht vornehme, nicht Kantisch zu seyn.

Die Hauptresultate seines Studiums der Kantischen Philosophie enthielten
Schillers Abhandlungen: "Ueber Anmuth und Würde; vom Erhabenen;" und die
"Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände."
Nach einem mit seinem Freunde Körner verabredeten Plan traten zu den
genannten Abhandlungen später noch die von Schiller verfaßten "Briefe über
die ästhetische Erziehung des Menschen" hinzu, die er Anfangs in der Form
eines philosophischen Gesprächs hatte herausgeben wollen, diesen Entschluß
aber wieder aufgab, als sich mit seinen neuaufkeimenden Ideen auch sein
anfänglicher Plan erweiterte. Viel versprach sich Schiller auch von einer
Abhandlung "über das Naive", in welcher er vorzüglich den Contrast
zwischen Einfalt der Natur und der Cultur schildern wollte.

So anhaltender Geistesanstrengung unterlag seine von Natur schwache
Constitution. Kant's Kritik der Urtheilskraft, aus der er sich bedeutende
Stellen vorlesen ließ, gewährte ihm Trost und Stärke in seinem Leiden, als
er im Juni 1791, während eines Besuchs in Rudolstadt, von einem
abermaligen Anfall seines Brustübels heimgesucht ward, der ihn dem Tode
nahe brachte. In diesem Vorgefühl äußerte er einst: "Dem allwaltenden
Geist der Natur müssen wir uns ergeben, und wirken, so lange wir es
vermögen." Aerztliche Mittel beseitigten nach und nach seine Brustkrämpfe.
In schlaflosen Nächten las er viel, vorzüglich Reisebeschreibungen. Diese
Gewohnheit übte bald eine so unwiderstehliche Macht auf ihn aus, daß er,
die Ordnung der Natur umkehrend einen großen Theil des Tages zu dem
entbehrten nächtlichen Schlummer verwandte.

In Karlsbad, wohin er im Juli 1791 mit seiner Gattin gereist war, führte
er ein sehr zurückgezogenes Leben. Er beschränkte sich fast nur auf den
Umgang mit einigen österreichischen Offizieren, die ihn besonders deßhalb
interessirten, weil es ihm darum zu thun war, einen Stand näher kennen zu
lernen, den er in seinem "Wallenstein" Schildern wollte. Die Idee, diesen
großen Feldherrn zum Helden eines Trauerspiels zu wählen, war damals in
ihm rege geworden. Was auf Wallenstein irgend Bezug hatte, war ihm
wichtig. Er betrachtete sein Bild auf dem Rathhause zu Eger, und ließ sich
die Wohnung zeigen, wo er ermordet worden. Die Hoffnung, wieder zu
genesen, erheiterte ihn sichtbar. Das Bad äußerte eine so günstige
Wirkung, daß er, wenigstens einigermaßen gestärkt, seinem Verleger
Göschen, den er in Karlsbad traf, die Fortsetzung des "dreißigjährigen
Krieges" für den nächsten Jahrgang des Damenkalenders versprechen konnte.

Wiederholte Rückfälle seines Brustübels ließen jedoch, als Schiller wieder
nach Jena zurückgekehrt war, das Schlimmste befürchten. Mitten unter
diesen Leiden blieb er heiter und empfänglich für frohen Lebensgenuß.
Wollte er jedoch genesen, so mußte er jeder anstrengenden Geistesarbeit
entsagen. Die Gefahr, in der sein Leben schwebte, setzte seine zahlreichen
Verehrer in Schrecken. Zu diesen gehörte besonders der dänische Dichter
Jens Baggesen. In einem Briefe, den er von Reinhold empfangen, hatte
dieser gemeint, Schiller könnte sich vielleicht wieder erholen. Nur müßte
er nicht, wie bisher, auf eine unausgesetzte literarische Thätigkeit
hingewiesen seyn. Alles käme darauf an, ihn wenigstens einige Jahre in
eine sorgenfreie Lage zu versetzen. Dies Schreiben las Baggesen dem
damaligen Erbprinzen von Holstein-Augustenburg vor, der vereinigt mit dem
dänischen Staatsminister Grafen von Schimmelmann dem leidenden Dichter
eine Pension von tausend Thalern auf drei Jahre anbot. Dem Briefe, in
welchem jene beiden Männer sich zu dieser edelmüthigen Unterstützung
bereit erklärten, war eine an Schiller gerichtete Einladung beigefügt,
nach Dänemark zu kommen. Das Schreiben war vom 27. November 1791 datirt.

Von der Feinheit, mit der ihm jenes Geschenk angeboten worden, war
Schiller fast noch mehr gerührt, als von dem Anerbieten selbst. Der Drang
der Empfindungen bei jener Ueberraschung hatte ihn jedoch so ergriffen,
daß sein Gesundheitszustand sich wieder verschlimmerte. Er mußte die
Beantwortung der von dem Prinzen und dem Grafen empfangenen Briefe einige
Tage verschieben. Den 16. December 1791 schrieb er einen sehr
ausführlichen Brief an Baggesen, in welchem er sich zur Annahme der ihm so
edelmüthig dargebotenen Unterstützung mit dankbarem Herzen bereit
erklärte. Er warf zugleich in jenem Schreiben einen Rückblick auf seinen
Lebensgang und auf die Fesseln widerwärtiger Verhältnisse, von denen er
sich bisher nie ganz habe befreien können.

"Von der Wiege meines Geistes an", schrieb Schiller, "habe ich mit dem
Schicksal gekämpft, und seitdem ich die Freiheit des Geistes zu schätzen
weiß, war ich dazu verurtheilt, sie zu entbehren. Ein rascher Schritt vor
zehn Jahren schnitt mir auf immer die Mittel ab, durch etwas anderes, als
durch schriftstellerische Wirksamkeit zu existiren. Ich hatte mir diesen
Beruf gegeben, ehe ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten
übersehen hatte. Die Nothwendigkeit, ihn zu treiben, überfiel mich, ehe
ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war. Daß ich
dieses fühlte, daß ich meinen Idealen von schriftstellerischen Pflichten
nicht diejenigen engen Grenzen setzte, in welche ich selbst eingeschlossen
war, erkenne ich für eine Gunst des Himmels, der mir dadurch die
Möglichkeit des höhern Fortschritts offen hielt. Aber in meinen Umständen
vermehrte sie mein Unglück. Unreif und tief unter dem Ideal, das in mir
lebendig war, sah ich jetzt alles, was ich zur Welt brachte, bei aller
geahnten möglichen Vollkommenheit mußte ich mit der unzeitigen Frucht vor
die Augen des Publikums eilen; der Lehre selbst so bedürftig, mich wieder
meinen Willen zum Lehrer der Menschen aufwerfen. Jedes unter so
ungünstigen Umständen nur leidlich gelungene Product ließ mich nur desto
empfindlicher fühlen, wie viele Keime das Schicksal in mir unterdrückte.
Traurig machten mich die Meisterstücke anderer Schriftsteller, weil ich
die Hoffnung aufgab, ihrer glücklichen Muße theilhaftig zu werden, an der
allein die Werke des Genius reifen. Was hätte ich nicht um zwei oder drei
stille Jahre gegeben, die ich, frei von schriftstellerischer Arbeit, blos
dem Studiren, blos der Ausbildung meiner Begriffe, der Zeitigung meiner
Ideale hätte widmen können! Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu
befriedigen, und seinem schriftstellerischen Fleiß auch nur die
nothwendigste Unterstützung zu verschaffen, ist in unserer deutschen
literarischen Welt unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt,
beides zu vereinigen; aber es nur einigermaßen möglich zu machen, kostete
mir meine Gesundheit.--Zu einer Zeit, wo das Leben anfing, mir seinen
ganzen Werth zu zeigen, wo ich nahe daran war, zwischen Vernunft und
Phantasie in mir ein zartes und ewiges Band zu knüpfen, wo ich mich zu
einem neuen Unternehmen im Gebiet der Kunst gürtete, nahte sich mir der
Tod. Diese Gefahr ging zwar vorüber, aber ich erwachte nur zum andern
Leben, um mit geschwächten Kräften und verminderten Hoffnungen den Kampf
mit dem Schicksal zu erneuen. So fanden mich die Briefe, die ich aus
Dänemark erhielt."

Seinem Herzen gereichte es zur Ehre, daß Schiller in seinem Schreiben das
Ablehnen einer Reise nach Kopenhagen nicht blos durch seinen noch immer
wankenden Gesundheitszustand, sondern auch durch die Dankbarkeit
motivirte, die ihn an den Herzog von Weimar feßle. Mit seinen Freunden in
Dänemark, vorzüglich mit der Gräfin von Schimmelmann, blieb Schiller in
fortwährender geistiger Verbindung. Die Liebe und Hochachtung gegen seine
Gönner bethätigte er außerdem dadurch, daß er seine "Briefe über die
ästhetische Erziehung des Menschen" dem Prinzen von Holstein-Augustenburg
widmete.

Der Herzog von Weimar ertheilte ihm auf sein Gesuch die Erlaubniß, Jena
auf beliebige Zeit zu verlassen. Schiller reiste nach Dresden. Sein
dortiges Zusammentreffen mit seinem Freunde Körner ward durch wiederholte
Rückfälle seines Brustübels getrübt. In Jena erfreute ihn der Besuch
seiner Mutter, die er seit acht Jahren, nach der früher erwähnten
Zusammenkunft mit ihr in Bretten, nicht wieder gesehen hatte. Mit ihr war
auch Schillers jüngste Schwester Nanette gekommen. Ein funfzehnjähriges
talentvolles Mädchen, deren große Freude es war, Stellen aus ihres Bruders
Gedichten zu recitiren.

Lebhaft regte sich in Schiller das Verlangen, sein Vaterland wieder zu
sehen. In einer minder drückenden Lage konnte er jetzt seinen Verwandten
und Freunden ohne Scheu entgegentreten. Begleitet von seiner Gattin reiste
er im August 1793 nach Schwaben. Nicht ohne innere Bewegung sah er in
Heidelberg seine Jugendgeliebte Margarethe Schwan wieder, die er dort
verheirathet fand. In Heilbronn versammelten sich seine Eltern und mehrere
Freunde um ihn. Auf ein Schreiben an den Herzog von Würtemberg, dessen
Land er jetzt zum erstenmal nach seiner Flucht wieder zu betreten wagte,
erhielt er zwar keine Antwort, doch durch seine Freunde die Nachricht, der
Herzog habe öffentlich erklärt, Schiller werde von ihm ignorirt werden.

Um dem Luftschloß Solitude, wo seine Eltern wohnten, näher zu seyn, ging
Schiller nach Ludwigsburg. Dort fand er seinen Jugendfreund v. Hoven, als
herzoglichen Leibmedikus wieder. Von seiner ärztlichen Hülfe hoffte er
Wiederherstellung seiner Gesundheit. In Ausdrücken der tiefsten Empfindung
äußerte er sich über das Glück der ersten Vaterfreude, das ihm in
Ludwigsburg zu Theil ward. Nach den Grundsätzen Quinctilians, mit dem er
sich damals beschäftigte, wollte er seinen Sohn Karl erziehen lassen, wie
er sich darüber gegen einen Freund äußerte.

In Schillers ganzem Wesen war, übereinstimmenden Zeugnissen zufolge, eine
merkwürdige Veränderung vorgegangen. Das Herbe und Schroffe in seiner
Natur hatte sich gemildert. In dem Ernst und der Würde seines Benehmens
zeigte sich kaum noch eine Spur seines aufbrausenden, stürmischen
Charakters. Seine hagere Gestalt, sein bleiches Gesicht verriethen seine
oft wiederkehrende Kränklichkeit, die seinen Freunden nur selten erlaubte,
Schillers geistreichen und herzlichen Umgang ungestört zu genießen. Unter
seinen oft hartem Leiden tröstete er sich mit den ihm lieb gewordenen
Studium von Kant's Schriften. Wenn er genöthigt war das Bett zu hüten,
und, nach seinem eigenen Ausdruck, "von Arzeneigläsern sich umlagert sah",
lag die "Kritik der Urtheilskraft" meist neben ihm auf dem Tische, und
scherzend äußerte er einst, sein Diener, der bei ihm gewacht, habe, um
sich munter zu erhalten, das ganze Buch in Einem Zuge durchgelesen.
Abwechsend [Abwechselnd] las er die Vossische Uebersetzung des Homer, die
er sehr liebte. Mitunter regten sich in ihm auch allerlei poetische
Entwürfe. Er meinte, die Beschäftigung mit abstracten philosophischen
Problemen habe nachtheilig eingewirkt auf seine dichterische
Productionskraft. "Und doch ist es", gestand Schiller seinem Freunde
Körner, "nur die Kunst selbst, wo ich meine Kräfte fühle. In der Theorie
muß ich mich immer mit Principien plagen; da bin ich bloßer Dilettant."

In Tübingen sah Schiller seinen Jugendlehrer Abel wieder, der ihn an sein
Vaterland zu fesseln suchte, das nach dem um diese Zeit erfolgten Tode des
Herzogs Carl von Würtemberg eine neue und minder willkürliche Verfassung
bekommen hatte. Jenem Antrage gab Schiller jedoch kein Gehör, und eben so
wenig der Bitte seines Vaters, dem neuen Regenten Ludwig Eugen in einem
Gedicht zu seinem Regierungsantritt Glück zu wünschen. Für unwürdig hielt
es Schiller, die Poesie zu irgend einem Vortheil oder zu andern
untergeordneten Zwecken zu benutzen. Auch wollte er den Schein vermeiden,
als freue er sich über den Tod eines Fürsten, durch dessen Willkühr er so
viel gelitten. Nie vergaß er die Wohlthaten, die er dem Herzog in seiner
Jugend zu verdanken gehabt hatte.

Einflußreich für seine spätern Lebensverhältnisse war für Schiller die in
Tübingen angeknüpfte Verbindung mit der Cottaischen Buchhandlung. Er trat
jedoch zurück von dem ihm gemachten Antrage, die Allgemeine Deutsche
Zeitung zu redigiren, da die politisch-poetische Richtung, welche Cotta
jener Zeitschrift zu geben wünschte, Schillers Geiste zu fern lag. Seinen
Fähigkeiten und Neigungen weit angemessener, als jenes Blatt, war die
Herausgabe eines poetischen Journals unter dem Titel: "die Horen." Die
neue Zeitschrift sollte, nachdem die "Thalia" aufgehört hatte, mit dem
Anfange des Jahres 1795 erscheinen. Politische Gegenstände sollten von
diesem Journal gänzlich ausgeschlossen seyn. Nach der von Schiller
geschriebenen Vorrede sollten die "Horen" einer heitern und
leidenschaftsfreien Unterhaltung gewidmet seyn. Dem Geist und Herzen des
Lesers, den der Anblick der Zeitbegebenheiten bald entrüste, bald
niederschlage, sollte diese Zeitschrift eine fröhliche Zerstreuung
gewähren, und mitten in dem politischen Tumult sollte sie für Musen und
Charitinnen einen engen vertraulichen Cirkel schließen, aus welchem alles
verbannt wäre, was mit einem unreinen Partheigeiste gestempelt sei.

Mehrere der achtenswerthesten Schriftsteller Deutschlands, Goethe, Herder,
Kant, Fichte, Humboldt u. A. waren von Schiller zu Beiträgen für die
"Horen" aufgefordert worden. Für das neue Journal zeigten sich die
günstigsten Aussichten durch vielversprechende Antworten, welche Schiller
von mehreren Seiten erhielt. Mit einzelnen der erwähnten Gelehrten war er
in nahe Berührung gekommen, unter andern mit Wilhelm von Humboldt, der
sich damals mit seiner Gattin in Jena häuslich niedergelassen hatte. Die
philosophischen und ästhetischen Abendgespräche zwischen Schiller und
Humboldt zogen sich oft bis in die Nacht hinein. Ein besonderes Interesse
gewann die Herausgabe seines Journals noch dadurch für Schiller, daß er
mit Goethe, den er zur Theilnahme an den "Horen" aufgefordert, in das
längst von ihm gewünschte nähere Verhältniß trat, welchem sich Goethe, aus
entschiedner Abneigung gegen Schillers frühere Producte, bisher entzogen
hatte.

Schillers Gespräche mit Goethe über Kunst und Kunsttheorie weckten in ihm
den Gedanken, die Correspondenz mit jenem Dichter zu einer Quelle von
Aufsätzen für die "Horen" zu benutzen. Schiller freute sich sehr über den
fruchtbaren Ideenwechsel, der aus seinem näheren Verhältniß mit Goethe
entsprang. Mit Vergnügen folgte er daher einer Einladung Goethes, nach
Weimar zu kommen, und sich dort einige Wochen in seinem Hause aufzuhalten.
Goethe hatte ihm jede Freiheit und Bequemlichkeit zugesichert, die theils
sein körperlicher Zustand, theils seine gewohnte Lebensweise forderte.

Zu Ende des Septembers 1794 war Schiller wieder nach Jena zurückgekehrt,
noch voll von den mannigfachen Ideen, die Goethe in ihm angeregt hatte.
Neben der Vollendung seiner "Briefe über die ästhetische Erziehung des
Menschen" beschäftigte er sich mit einer Recension von Matthisson's
Gedichten, den er in Tübingen persönlich kennen gelernt hatte. Aehnliche
Gedanken, wie er sie in seinem Gedicht: "die Künstler" ausgesprochen,
enthielt Schillers geistreiche Kritik der Gedichte Matthissons. Was er
einige Jahre zuvor (1788) in einer Recension von Goethe's "Egmont" diesem
Trauerspiel zum Vorwurf gemacht hatte, daß demselben Idealität fehle, das
legte Schiller mit noch größerem Nachdruck seiner sehr strengen
Beurtheilung der Gedichte Bürgers zum Grunde, durch welche er diesen an
Glück und Ruhm verarmten Dichter in den letzten Tagen seines Lebens bitter
kränkte.

Sehr günstig hatte Goethe die in Schillers "Briefen über die ästhetische
Erziehung des Menschen" enthaltenen Ideen beurtheilt. Dadurch fühlte sich
Schiller getröstet über den Widerspruch Herders, der ihm, wie er äußerte,
seine Vorliebe für Kant nicht verzeihen könne. Ungeachtet des glänzenden
Denkmals, das Schiller in einem Briefe vom 28. October 1794 der Kantischen
Philosophie setzte, ward er derselben wieder entfremdet durch anderweitige
literarische Beschäftigungen. Goethe's Schriften, besonders die Lectüre
des "Wilhelm Meister" gewährten ihm damals einen hohen Genuß. Er fühlte
sich, wie er am 7. Januar 1795 schrieb, "von einer süßen innigen
Behaglichkeit, von einem Gefühl geistiger und leiblicher Gesundheit
durchdrungen. Es sei ihm peinlich zu Muthe, von einem Product dieser Art
in das philosophische Wesen hineinzusehen. Dort sei alles so heiter, so
lebendig, so harmonisch aufgelöst und so menschlich wahr; hier alles so
streng, so rigid und abstract und so höchst unnatürlich, weil alle Natur
nur Synthesis und alle Philosophie Antithesis sei. Zwar glaubte er, sich
das Zeugniß geben zu können, in seinen Speculationen der Natur so getreu
als möglich geblieben zu seyn. Aber dennoch fühle er nicht weniger lebhaft
den unendlichen Abstand zwischen dem Leben und dem Raisonnement." So viel,
meinte er, sei gewiß: der Dichter wäre der einzige wahre Mensch, und der
beste Philosoph gegen ihn nur eine Carricatur.

Mit dem Jahr 1795 begann eine neue Periode der poetischen Fruchtbarkeit
Schillers. In dem Zeitraum von 1790 bis 1794 schien er, die metrischen
Uebersetzungen aus dem Virgil abgerechnet, der Dichtkunst beinahe ganz
entsagt zu haben. Theils in die "Horen", theils in den "Musenalmanach",
den er mit dem Jahr 1795 herausgab, nahm Schiller mehrere seiner, durch
Form und Inhalt besonders ausgezeichneten Gedichte auf, unter andern "die
Ideale", das "Reich der Schatten" (später das "Ideal und das Leben"
genannt), und die "Elegie", welcher er nachher die veränderte
Ueberschrift: "der Spaziergang" gab. Auf das zuletzt genannte Gedicht
legte Schiller einen besondern Werth. Das beste Kriterium der wahren Güte
eines poetischen Products, meinte Schiller, sei dieses, daß es in jeder
Gemüthsstimmung gefalle, und das sei ihm noch bei keinem Gedicht begegnet,
als gerade bei diesem. Eine großartige Wirkung versprach er sich von einer
Idylle, einem Gegenstück zu seiner "Elegie." Er wollte in diesem Gedicht
"das Ideal der Schönheit objectiv zu idealisiren suchen," gab indeß diesen
Plan, wie einige andere poetische Entwürfe, wieder auf.

In wechselnder Stimmung kehrte er wieder zur dramatischen Poesie zurück,
für die sich sein Talent vorzugsweise eignete. Die Geschichte der
Belagerung von Malta wollte er zu einem Trauerspiel benutzen, bei welchem
er sich viel vom Gebrauch des Chors versprach, wie er ihn später in seiner
"Braut von Messina" nach dem Muster der Griechen, wieder auf der Bühne
einführte. Das durch Wieland ihm empfohlene Studium der Alten hatte noch
immer viel Reiz für ihn, und er suchte sich ihre Vorstellungsweise
anzueignen. Seine neue dramatische Dichtung nannte Schiller die "Ritter
von Malta." Den Plan dieses Werkes findet man in des Dichters gesammelten
Werken; die Ausführung unterblieb.

Auch den schon früher entworfenen Plan, den Wallenstein zum Helden einer
Tragödie zu wählen, nahm er wieder auf, gestand aber, von einer
augenblicklichen Muthlosigkeit ergriffen, seinem Freunde Körner: "Ich
glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich nichts weniger vorstellen
kann, als einen Dichter, und daß höchstens da, wo ich philosophiren will,
der poetische Geist mich überrascht. Was ich im Dramatischen zur Welt
gebracht, ist nicht sehr geeignet, mir Muth zu machen. Im eigentlichen
Sinne des Worts betrete ich eine mir ganz unbekannte, wenigstens
unversuchte Bahn; denn im Poetischen hab' ich seit drei bis vier Jahren
ganz neuen Menschen angezogen."

Schillers Vertrauen zu seinen Kräften wuchs unter den mannichfachen
dramatischen Vorbereitungen, die sich bis in den May 1796 hinzogen, wo er
sich für den "Wallenstein" entschied. "Der Held seines neuen
Trauerspiels," meinte er, "sei ein Charakter, der nur im Ganzen, doch nie
im Einzelnen interessiren könne, denn er habe nichts Edles, erscheine in
keinem Lebensact groß, habe wenig Würde u. dgl." Dennoch aber überließ
sich Schiller der Hoffnung, auf rein realistischem Wege einen dramatisch
großen Charakter in ihm aufzustellen, der ein ächtes Lebensprincip habe.
Im "Posa" und "Karlos", bemerkte Schiller, habe er die fehlende Wahrheit
durch schöne Idealität zu ersetzen gesucht, hier im "Wallenstein" wolle er
den Versuch machen, durch die bloße Wahrheit für die fehlende Idealität zu
entschädigen.

An sich und seine Arbeiten legte Schiller den strengsten Maßstab. Er
wollte nach den ihm verliehenen Kräften das Höchste leisten. Daher seine
glühende Begeisterung für alles Treffliche, aber auch sein eben so
glühender Haß jedes falschen Geschmacks überhaupt, jeder Beschränkung der
Wissenschaft und Kunst. Unterstützt durch die achtbarsten Schriftsteller
Deutschlands hatte er sich von seinem Journal, "den Horen", eine
großartige Wirkung versprochen. Jene Zeitschrift war jedoch von mehreren
Seiten mit einer Kälte und Gleichgültigkeit aufgenommen worden, die an
Geringschätzung grenzte.

In seiner dadurch sehr gereizten Stimmung vereinigte sich Schiller mit
Goethe zu den unter dem Titel. "Xenien" bekannten Epigrammen. Nach
Schillers eigner Aeußerung in einem Briefe an Körner sollte "wilde Satyre,
besonders auf schriftstellerische Producte, untermischt mit einzelnen
poetischen und philosophischen Gedanken blitzen", den Stoff zu diesen
Epigrammen darbieten. Die Sammlung sollte aus nicht weniger als 600
Monodistichen bestehen. Der anfängliche Plan, sie bis auf 1000 zu
vermehren, scheiterte durch den Mangel an Productivität ihrer Verfasser.
Immer war noch eine große Zahl von Monodistichen nöthig, wenn die Sammlung
nur einigermaßen den Eindruck eines Ganzen machen sollte. Schiller
entschloß sich daher, unter jenen Producten die ernsten und
philosophischen in seinem "Musenalmanach" vereinzelt mitzutheilen, und die
satyrischen unter der Ueberschrift "Xenien" nachfolgen zu lassen. Die
allgemeine Sensation, welche jene Epigramme erregten, veranlaßte
zahlreiche Gegenschriften, theils in Prosa, theils in Versen, von Gleim,
Claudius, Manso, Nicolai u. A., die in jenen satyrischen Producten sehr
hart angegriffen worden waren. Man findet diese, längst aus den Augen des
Publikums verschwundenen Gegenschriften in dem von E. Bons neuerlich
herausgegebenem Werke: "Schiller und Goethe im Xenienkampf."

Sehr beunruhigend waren für Schiller die Nachrichten, die er um diese
Zeit, im Frühjahr 1796, von der traurigen Lage seiner Familie erhielt. Aus
der Solitude gelangte an ihn ein Brief, der ihm den frühen Tod seiner
jüngsten Schwester Nanette meldete. Von dem epidemischen Fieber, welches
das blühende Mädchen hinweggerafft, war auch Schillers Vater, und bald
nachher seine zweite Schwester Luise ergriffen worden. Die traurige Lage
der Seinigen, der Gedanke an seine arme, des Trostes bedürftige Mutter
bekümmerten ihn sehr. Seiner schwachen Gesundheit wegen getraute er sich
nicht in seine Heimath zu reisen. Doch erbot er sich, als seine an den
Bibliothekar Reinwald in Meiningen verheirathete Schwester Christophine
sich zu ihren Eltern begab, dieselben nach allen seinen Kräften zu
unterstützen. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn der um diese Zeit
erfolgte Tod seines Vaters. Als Schiller erfuhr, daß seine Mutter in
Leonberg eine Art von Versorgung erhalten, und seine zweite Schwester
Luise sich mit dem Stadtpfarrer Frankh in Möckmühl verheirathet hatte,
kehrte mit der Beruhigung über das Schicksal seiner Familie, die in der
damaligen Kriegsperiode sehr gefährdet gewesen war, ihm wieder
einigermaßen die Ruhe zurück, deren er bei seinen literarischen
Beschäftigungen so nöthig bedurfte.

In dem Umgange mit mehreren geistreichen Männern, die sich damals in Jena
um ihn versammelten, erheiterte sich Schillers trübe Stimmung. Mit Fichte
und Schelling kam er in nähere Berührung. Wilhelm von Humboldt war von
Berlin, wo er sich eine Zeit lang aufgehalten, wieder nach Jena
zurückgekehrt. Wilhelm v. Wolzogen war um diese Zeit Kammerrath und
Kammerherr in Weimar geworden. So führte das Schicksal auch diesen
Jugendfreund Schillers in seine Nähe. Einen seiner längst gehegten
Lieblingswünsche sah Schiller um diese Zeit (1796) erfüllt durch den
Ankauf einer Gartenwohnung. Sie lag in einer anmuthigen Gegend vor der
Stadt zwischen dem sogenannten Engelgatter und dem Neuthor, an einer
Schlucht, durch welche sich der Leutrabach schlängelt. An der obern
Gartenecke, nach der Leutra hin, hatte Schiller sich ein von seiner
Familienwohnung abgesondertes Häuschen bauen lassen, in welchem er während
der Sommermonate oft bis tief in die Nacht zu arbeiten pflegte.

Mit dichterischen Erzeugnissen, theils lyrischer, theils dramatischer
Gattung beschäftigte sich Schiller, wenn es ihm seine oft wiederkehrende
Kränklichkeit irgend erlaubte. Durch einen Wetteifer mit Goethe veranlaßt,
entstanden 1797 seine ersten Balladen, die "Kraniche des Ibykus", der
"Taucher" u. a. m. Beide Dichter theilten sich in die Stoffe, die sie
gemeinschaftlich ausgesucht hatten. Die Herausgabe seines "Musenalmanachs"
hatte Schiller mit dem Jahr 1799 aufgegeben. Schon früher hatten die
"Horen" geendet. Dadurch erhielt er mehr Muße, sich mit seinen
dramatischen Entwürfen zu beschäftigen, namentlich mit dem "Wallenstein"
und gleichzeitig mit den "Malthesern." Zu dem erstgenannten Trauerspiel
gewann er immer mehr Vertrauen. Nur die große Ausdehnung des Stücks machte
ihn mitunter besorgt.

Vollendet ward der "Wallenstein", den er in drei Theile zerfallen ließ,
im Jahr 1798. Unter der Leitung des Baumeisters Thouret aus Stuttgart
war damals ein neues Theater in Weimar erbaut worden. Zur Eröffnung der
Bühne war das Vorspiel "Wallensteins Lager" bestimmt, welches Schiller
seiner Tragödie vorangeschickt hatte. Schiller hatte sich nach Weimar
begeben. Die Vorstellung übertraf seine kühnsten Erwartungen. Durch die
"Piccolomini", den ersten Theil des "Wallenstein", sollte den 30. Januar
1799 der Geburtstag der Herzogin von Weimar gefeiert werden. Das Stück
machte einen tiefen und gewaltigen Eindruck. Schiller selbst war mit der
Darstellung sehr zufrieden. Wiederholt äußerte er den Schauspielern
seine Freude darüber, die er auch dadurch zu erkennen gab, daß er zu dem
Mahl im zweiten Act der "Picolomini [Piccolomini]" noch einige Flaschen
Champagner hinzufügte, die er selbst unter dem Mantel herbeitrug.

Neue dramatische Entwürfe beschäftigten den Dichter nach der Beendigung
des "Wallenstein." Seine Thätigkeit ward jedoch oft gehemmt durch
Rückfälle seines Brustübels, dann aber auch durch die ihm besonders
lästigen Besuche zum Theil unbedeutender Fremden, die ihn, nach seinen
eignen Worten, wie ein Wunderthier angafften. Scherzend äußerte er einst
den Wunsch, daß irgend ein Potentat ihm Gefährliches zutrauen, ihn einige
Monate auf eine Bergveste mit schöner Aussicht einsperren, und ihm nur
erlauben möchte, auf den Wällen umher zu spazieren. Da sollten, meinte er,
Werke entstehen, so recht aus einem Guß, an denen Verfasser, Mit- und
Nachwelt sich erfreuen könnten.

Die Anschauung des Theaters war es hauptsächlich, wodurch Schiller bewogen
ward, zu Ende des Jahres 1799 seinen bisherigen Aufenthalt in Jena mit
Weimar zu vertauschen. In einem Schreiben an den Herzog von Weimar
motivirte er sein Gesuch durch die Vorstellung, daß er nachdem er von
philosophischen Studien wieder zur Poesie zurückgekehrt sei, sich durchaus
nicht mehr am rechten Orte befände. Er erörterte dieß ausführlich, und bat
zugleich um eine Vermehrung seines Gehalts. Den in seinem Briefe
ausgesprochenen Ideen kam der Herzog von Weimar auf's Bereitwilligste
entgegen, und seine reelle Hülfe erleichterte die Ausführung des Plans.

Schillers Leben in Weimar war heiter und mannigfach bewegt. Die Nähe des
Theaters, seine Einwirkung darauf, erhielten ihn in einer äußern, ihm
zusagenden Thätigkeit. Unter den Schauspielern, mit denen er in
freundlichem Verkehr blieb, suchte er den höhern Kunstsinn zu wecken und
viel versprechende Talente durch Rath und Belehrung zu fördern. Die
Geistesfreiheit, die in den geselligen Verhältnissen Weimars herrschte,
entsprach seiner Denk- und Empfindungsweise. In seinem Urtheil über Andere
schien er milder geworden zu seyn. Unbeachtet ließ er den durch gekränkte
Eitelkeit oder leidenschaftliche Entrüstung gegen ihn hervorgerufenen
Tadel seiner Produkte in öffentlichen Blättern. Der Beifall, den Goethe
seinen Werken zollte, war ihm besonders erfreulich. Das rein menschliche
Urtheil dieses Dichters hatte für ihn, nach seinem eignen Ausdruck einen
hohen Werth. Mit Wieland und Herder, wiewohl er mit den Letztern späterhin
zerfiel, mit Meyer, Einsiedel, Bertuch und andern geistreichen Männern kam
er in mehrfache Berührung. Nur mit Jean Paul, der sich damals in Weimar
aufhielt, entstand kein näheres Verhältniß. Schiller verkannte nicht den
Geist und das Talent des genannten Schriftstellers, aber die Formlosigkeit
seiner Producte widerstand ihm. Mehr behagte ihm der gesunde, wahre
Naturausdruck in Kotzebue's Schriften. Mit dem Autor selbst, der damals
gleichfalls in seiner Nähe lebte, kam Schiller in keine nähere Berührung.
Er bedauerte, daß ein so bedeutendes Talent, wie es Kotzebue besaß, durch
die Flachheit seines geistigen und moralischen Sinnes fortwährend in einer
niedern Sphäre erhalten worden sei.

Von seinen nächsten Umgebungen hatte sich Schiller im May 1800 nach
Ettersburg zurückgezogen, um dort sein neues Trauerspiel "Maria Stuart",
an welchem noch der letzte Act fehlte, zu vollenden. Im Juni des genannten
Jahres erschien es auf der Bühne. An dramatischem Effect stand die neue
Tragödie dem "Wallenstein" nicht nach. Doch erregte der Streit der beiden
Königinnen, und noch mehr die Abendmahlsscene, mit der vorzüglich Herder
unzufrieden war, manchen Anstoß. Schiller fand sich dadurch veranlaßt, bei
der zweiten Aufführung seines Stücks, im Herbst 1800, manches darin zu
ändern und abzukürzen.

Mit großem Interesse hatte er damals die von de l'Averdy aus den
Manuscripten der Pariser Bibliothek herausgegebenen Acten über den
Verdammungs- und Lossprechungsproceß der Johanna d'Arc gelesen. Er
benutzte dieß historische Ereigniß zu seiner romantischen Tragödie: "die
Jungfrau von Orleans." Um völlig ungestört arbeiten zu können, begab er
sich nach Jena, wo er seine Gartenwohnung bezog. Er hatte sich so völlig
isolirt, daß er nur mit Schelling und Niethammer in einige Berührung kam.
In einem Briefe an Goethe vom 3. April 1801 äußerte er die Hoffnung, sein
Trauerspiel in vierzehn Tagen zu vollenden. Er beschäftigte sich indeß
damit noch beinahe sieben Monate. Ueber die Behandlung seines Stoffs und
über einzelne Charaktere und Situationen seiner Tragödie erklärte er sich
ausführlich in einem am 26. November 1801 geschriebenen Briefe. Er nannte
die "Jungfrau von Orleans" in jenem Briefe ein in ihrer Art einziges
Süjet, und einen beneidenswerthen Stoff für den Dichter.

Die Stimme der Kritik über sein neues Trauerspiel befriedigte ihn nicht.
Auch die billigen Anforderungen an eine Recension fand er nicht erfüllt in
einer damals von Apel für die Allgemeine Literaturzeitung geschriebenen
Beurtheilung der "Jungfrau von Orleans". Jene Recension schien ihm ein
bloßer Versuch, "die Prinzipien der Schellingschen Kunstphilosophie einem
vorhandenen Werke anzupassen und darauf anzuwenden."

Von der Wirkung seines neuen Trauerspiels und von der Macht seines Talents
überzeugte sich Schiller bei der Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" in
Leipzig. Der Enthusiasmus des Publikums äußerte sich, als der
Vorhanggefallen war, durch den vielstimmigen Ruf: "Es lebe Friedrich
Schiller!" Die Zuschauer drängten sich in dem überfüllten Schauspielhause,
um den heraustretenden Dichter zu sehen. Schiller hatte sich damals von
Leipzig nach Dresden begeben, wo er in dem nahegelegenen Loschwitz, auf
Körners Weinberge, mehrere Wochen verweilte, in heitern
Jugenderinnerungen, besonders an seinen "Don Carlos", den er dort
gedichtet hatte. In fast wehmüthiger Stimmung verließ er Dresden, wo er
mit dem durch Goethe und Meyer in ihm geweckten höhern Sinne für die
plastische Kunst, sich heimathlicher als früher gefühlt hatte in der
antiken Welt, deren Anschauung neue und fruchtbare Ideen in ihm weckte.

Sein Aufenthalt in Weimar ward ihm behaglicher, als bisher, durch ein
bequemes und freundliches Haus an der sogenannten Esplanade. In diesem,
von ihm damals gekauften Hause bewohnte er die obere Etage allein. Vor der
Mittagssonne schützte ihn in seinem Zimmer ein carmoisinrother Vorhang,
dessen röthlicher Schimmer, wie er meinte, auf seine produktive Stimmung
belebend einwirkte. Zufällig war der Tag, an welchem er seine neue Wohnung
bezog, der Todestag seiner Mutter. Wie schmerzlich ihn jene Nachricht
ergriffen, schilderte er in einem Briefe an seine Schwester Christophine,
die Gattin des Bibliothekars Reinwald in Meiningen.

Mit einer Kraft und Innigkeit, wie sie ihm, nach seinen eignen Worten,
lange nicht begegnet, fühlte sich Schiller von einem neuen dramatischen
Stoffe angezogen. Es war die "Braut von Messina." In einem Briefe vom 10.
März 1802 meldete er, daß ihn jener Stoff schon sechs Wochen beschäftige.
Erst zu Ende des Januar 1803 ward das neue Trauerspiel vollendet, und am
4. Februar ward es Abends in einer Gesellschaft von Freunden und Bekannten
vorgelesen. Doch wohnte auch der Herzog von Weimar jener Vorlesung bei.
Ehe das Stück in Weimar zur Aufführung kam, ward es in Lauchstädt gegeben.
In den ersten Tagen des Juli reiste Schiller dorthin. Bei dem
Zusammenströmen zahlreicher Fremden fand er mit Mühe ein unweit dem
Schauspielhause gelegenes Logis mit einem daran stoßenden Garten. Bei der
Vorstellung des Stücks ereignete sich der Zufall, daß bei einem
aufsteigenden schwereren Gewitter, die bisher entfernt gehörten
Donnerschläge in dem Augenblicke, wo Isabella die gewaltigen
Verwünschungen gegen den Himmel aussprach, sich bis zu einem furchtbaren
Krachen verstärkten, und daß der Schauspieler Graff diesen Zufall zu einer
Gesticulation benutzte, von der das ganze Publikum ergriffen ward.

In einigen Briefen, die Schiller aus Lauchstedt an seine in Weimar
zurückgebliebene Gattin schrieb, beklagte er sich, ungeachtet der
Zufriedenheit mit seinem Aufenthalt und seinen Umgebungen, doch über die
Ungewohnheit eines gänzlichen Müssigganges, der ihn den Verlust der
schönen Zeit bedauern lasse. Im Juli 1803 kehrte er wieder nach Weimar
zurück, nachdem er einen Tag bei dem Kanzler Niemeyer in Halle zugebracht
hatte. Bei der Rückkehr nach Weimar widmete er sich wieder seiner
gewohnten Thätigkeit. Mannigfache poetische Entwürfe beschäftigten ihn.
Reich an dramatischem Interesse schien ihm besonders die ältere
französische Geschichte, namentlich die Zeit der Ligue. Zu seinen
Lieblingscharakteren gehörte Heinrich IV. Die neuere Geschichte
Frankreichs weckte in ihm die Idee, den Zustand der Polizei in Paris unter
der Regierung Ludwigs XIV. zu einem dramatischen Gemälde zu benutzen.
Diese Idee beschäftigte ihn längere Zeit. Nach seinen eignen Aeußerungen
sollte über den bunten und mannigfachen Gestalten einer Pariser Welt wie
Polizei, wie eine Art von höherem Wesen schweben, dessen Blick ein
unermeßliches Feld überschaue und in die geheimsten Tiefen dringe, und für
dessen Arm nichts unerreichbar wäre. Das von ihm beabsichtigte dramatische
Gemälde sollte den Titel: "Die Kinder des Hauses" führen. Durch die
Lectüre von Pitaval's Causes celebres, deren Uebersetzung durch Niethammer
er mit einer Vorrede begleitet hatte, war die Idee zu jenem Drama zuerst
in Schiller rege geworden.

Auch von der deutschen Geschichte versprach er sich eine reiche Ausbeute
dramatischer Stoffe. Besonders anziehend war für ihn unter den
vaterländischen Charakteren Friedrich von Oesterreich, der Gegner und
Freund Ludwigs des Baiern. Mitunter ward auch der schon früh entworfene
Plan wieder in ihm rege, einen zweiten Theil der "Räuber" zu schreiben,
der die Dissonanzen dieses Schauspiels beseitigen sollte. Unter diesen
mannigfachen Entwürfen bot ihm die Geschichte der Schweiz endlich einen
dramatischen Stoff, von welchem er sich eine großartige Wirkung versprach.
Es war das Schauspiel "Wilhelm Tell", das ihn jedoch ein volles Jahr
beschäftigte und erst im Februar 1804 vollendet ward.

Eine große Bewegung in dem gesellschaftlichen Leben Weimars hatte nicht
lange zuvor die Ankunft einiger Fremden veranlaßt. Zu diesen gehörten
besonders Benjamin Constant und Frau v. Stael. Von den Gesprächen der eben
genannten geistreichen Schrifstellerin [Schriftstellerin] fühlte sich
Schiller angezogen. Drückend aber war ihm das Uebermaß französischer
Lebhaftigkeit, das, nach seinen eignen Aeußerungen, die ruhige und
gemüthliche Aufnahme des Geistigen störe. In einem Briefe an Goethe vom
21. December 1803, in welchem Schiller eine ausführliche Schilderung der
Frau v. Stael entwarf, und besonders die Klarheit, Entschiedenheit und
geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur hervorhob, fügte er hinzu: "Das
einzige Lustige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit der Zunge. Man muß
sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können."

Mitten unter jenen Zerstreuungen, die weder mit seiner Liebe zur
Einsamkeit harmonirten, noch auf seinen oft leidenden körperlichen Zustand
günstig einwirkten, erhielt Schiller manche Beweise der Aberkennung seines
Talents. Der König von Schweden hatte ihm bei seiner Durchreise durch
Weimar einen Brillantring zum Geschenk gemacht wegen der "Geschichte des
dreißigjährigen Kriegs", worin Schiller der Schweden rühmlich gedacht
hatte. Seinem Jugendfreunde Wilhelm v. Wolzogen schilderte er seine
freudige Ueberraschung mit den Worten: "Wir Poeten sind selten so
glücklich, daß die Könige uns lesen, und noch seltener geschieht es, daß
sich ihre Diamanten zu uns verirren. Ihr Herrn Staats- und Geschäftsleute
habt eine größere Affinität zu diesen Kostbarkeiten; aber unser Reich ist
nicht von dieser Welt."

Noch vor der Vollendung seines "Wilhelm Tell", der im Februar 1804 zum
erstenmal aufgeführt ward, hatte Schiller in der Geschichte des falschen
Demetrius in Rußland einen neuen dramatischen Stoff gefunden. Er entwarf
den Plan des Stücks und einzelne Scenen. In Stunden, wo er sich nicht
heiter genug fühlte zu eignen Dichtungen, beschäftigte er sich mit einer
metrischen Uebersetzung des Trauerspiels "Phädra" von Racine für das
weimarische Theater, für welches er schon einige Jahre früher Shakspeares
"Macbeth" und Gozzi's "Turandot" bearbeitet hatte. Auch für den Julius
Cäsar des großen brittischen Dichters interessirte sich Schiller lebhaft.
Die Idee, auch von diesem Trauerspiel eine Bearbeitung für die Bühne zu
liefern, unterblieb jedoch.

Die von ihm aus dem Französischen übertragenen Lustspiele: der "Neffe als
Onkel" und der "Parasit" reizten ihn, selbst in dieser Gattung einen
Versuch zu wagen, die jedoch für ihn etwas Fremdartiges behielt. "Zwar
glaub' ich", schrieb er, "mich derjenigen Comödie gewachsen, wo es mehr
auf eine komische Zusammenfügung der Begebenheiten, als auf komische
Charaktere ankommt. Aber meine Natur ist doch zu ernst gestimmt, und was
keine Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen." Vielleicht ward die
Idee, ein eignes Lustspiel zu schreiben, in Schiller durch den Beifall
rege, mit welchem der "Parasit" bei der ersten Vorstellung im April 1803
aufgenommen ward.

Die Ankunft der russischen Großfürstin Maria Paulowna, jetzt regierende
Großherzogin von Sachsen-Weimar, und ihre Vermählung mit dem damaligen
Erbherzog Carl Friedrich feierte Schiller durch sein lyrisches Vorspiel:
"Die Huldigung der Künste", in welchem sich seine Poesie in ihrem vollen
Glanze und ihrer ganzen Eigentümlichkeit zeigte. Das genannte Stück ward
den 12. November 1804 auf der Weimarischen Bühne vorgestellt. Den
Gesichtspunkt, aus welchem Schiller in der letzten Periode seines Lebens
sich selbst und seine Leistungen betrachtete, machte er in einem Briefe an
Humboldt vom 2. April 1805 mit den Worten namhaft: "Noch hoffe ich in
meinem poetischen Streben keinen Rückschritt gethan zu haben, einen
Seitenschritt vielleicht, indem es mir begegnet seyn kann, den materiellen
Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingeräumt zu haben. Die Werke des
dramatischen Dichters werden schneller, als alle andern, von dem Zeitstrom
ergriffen; er kommt, selbst wider Willen, mit der großen Masse in eine
vielseitige Berührung, bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs
gefällt es, den Herrscher zu machen über die Gemüther; aber welchem
Herrscher begegnet es nicht, daß er auch wieder der Diener seiner Diener
wird, um seine Herrschaft zu behaupten; und so kann es leicht geschehen
seyn, daß ich, indem ich die deutschen Bühnen mit dem Geräusch meiner
Stücke erfüllte, auch von den deutschen Bühnen etwas angenommen habe."

In diesem Briefe legte Schiller auch das Geständniß ab, daß die
speculative Philosophie ihn durch ihre hohlen Formeln verscheucht habe,
und daß er auf diesem kahlen Gefilde keine lebendige Quelle und keine
Nahrung für sich gefunden habe. "Aber", fügte er hinzu, "die tiefen
Grundideen der Idealphilosophie bleiben ein ewiger Schatz, und schon
allein um ihrentwillen muß man sich glücklich preisen, in dieser Zeit
gelebt zu haben."

Bitter beklagte sich Schiller in den letzten Jahren seines Lebens über den
Mangel an Produktivität und die unselige Nachahmungssucht der Deutschen,
die nichts weiter herbeiführe, als ein ideales Wiederbringen und
Verschlechtern des Urbildes. "Solche Nachahmungen", schrieb er, "hat auch
mein Wallenstein und meine Braut von Messina vielfach hervorgebracht. Aber
man ist auch nicht einen Schritt weiter gefördert." In einem Briefe vom
11. Februar 1803 meinte Schiller, es sei jetzt ein so kläglicher Zustand
in der ganzen Poesie der Deutschen, daß alle Liebe und aller Glaube dazu
gehöre, um noch an ein Weiterstreben zu denken, und auf eine bessere Zeit
zu hoffen.

Was Schiller in der modernen Poesie vermißte, fand er in der ältern,
vorzüglich in den Meisterwerken der Italiener. Anziehend war für ihn
besonders Ariost's rasender Roland, und er wußte seinem Freunde Körner
nicht genug zu schildern, welchen hohen Genuß ihm die wiederholte Lectüre
jener Dichtung gewährt habe. Da sei Leben und Bewegung und Farbe und
Fülle; man werde aus sich heraus in's volle Leben und wieder in sich
selbst zurückgeführt. Zwar dürfe man hier keine Tiefe suchen und keinen
Ernst. Aber wir brauchten, meinte Schiller, auch die Fläche so nöthig, als
die Tiefe, und für den Ernst sorge die Vernunft und das Schicksal schon so
hinreichend, daß die Phantasie sich nicht damit zu bemengen brauchte.

Zum Ernst mußte ihn schon die Ahnung eines kurzen Lebens stimmen, die sich
ihm fortwährend aufdrang und ihn eigentlich nie ganz verließ. Der Kampf,
den er in seiner Jugend mit dem Druck der Armuth und andern ungünstigen
Verhältnissen bestanden, war kaum härter, als die Leiden, die in spätern
Jahren seine von Natur schwache Gesundheit untergruben. Seine physische
Kraft war gebrochen. Völlige Wiederherstellung seiner Gesundheit konnte
Schiller bei seiner fortwährenden Geistesanstrengung und seinen
Nachtwachen kaum erwarten. Eine Erleichtrung seines Zustandes hoffte er
von dem Gebrauch der Seebäder. Schon einige Jahre früher war diese Idee,
die er später wieder verwarf, in ihm rege geworden.

Am 18. Juni 1801 schrieb er: "Mein Entschluß ist ernstlich gefaßt, in etwa
drei Wochen an die Ufer der Ostsee zu reisen, dort das Seebad zu
versuchen, und dann über Berlin und Dresden zurückzugehen.--Ich muß neue
Gegenstände sehen, muß einen entscheidenden Versuch hinsichtlich meiner
Gesundheit machen. Den 10. October hoff' ich wieder zurück zu seyn, denn
ich werde schnell reisen, und mich nur zwölf Tage in Dobberan, eben so
lange in Berlin, und sechs Tage in Dresden verweilen."

Noch oft kehrte in ihm der Wunsch wieder, durch Reisen seine Gesundheit zu
stärken, und zugleich seine Welt- und Menschenkenntniß zu vermehren. Gern
hätte er besonders die Schweiz besucht, um die Heimath Tell's mit der in
seinem Schauspiel entworfenen Schilderung vergleichen zu können. Die
Ausführung jener mannigfachen Entwürfe ward schon oft in den nächsten
Tagen wieder verdrängt durch den freudigen Eifer, mit dem sich Schiller
der Ausarbeitung seiner Dichtungen widmete.

Den letzten Ausflug unternahm er im Frühling 1804, das Jahr vor seinem
Tode. Er reiste nach Berlin, um der Vorstellung seines "Wilhelm Tell"
beizuwohnen. Iffland, der jene Reise veranlaßt hatte, bot Alles auf, um
ihm den höchsten dramatischen Genuß zu bereiten. Schiller ward in Berlin
mit allgemeiner Achtung empfangen. Eine rege Theilnahme, selbst von Seiten
des preußischen Hofes, kam ihm entgegen. Die Königin Luise äußerte den
Wunsch, ihn an Berlin zu fesseln. Durch den Staatsminister v. Beyme ward
ihm im Namen Friedrich Wilhelms III. ein Jahrgehalt von 3000 Thalern nebst
freiem Gebrauch einer Hofequipage zugesichert. Sein kränklicher Zustand
und die Bedenklichkeit in neue Verhältnisse zu treten, mochten die Ursache
seyn, weshalb Schiller dies glänzende Anerbieten ablehnte oder unbeachtet
ließ. Eine gewisse Vorliebe für Weimar und die Anhänglichkeit an seinen
Fürsten trug dazu bei, ihn von jenem Schritt abzuhalten. Er fühlte sich
dem Herzog von Weimar verpflichtet, der seinen Gehalt erhöht und ihm
außerdem mehrere Beweise seiner Huld gegeben hatte, unter anderen, als er
1802 aus eigner Bewegung ihm den Adelsbrief auswirkte.

"Daß ich," schrieb Schiller den 2. April 1805 aus Weimar an Wilhelm v.
Humboldt, "Anträge gehabt, mich in Berlin zu fixiren, wissen Sie, und
auch, daß mich der Herzog von Weimar in die Umstände gesetzt hat, mit
Aisance hier zu bleiben. Da ich nun auch für meine dramatischen Schriften
mit Cotta und mit den Theatern gute Accorde gemacht, so bin ich in den
Stand gesetzt, etwas für meine Kinder zu erwerben, und ich darf hoffen,
wenn ich nur bis in mein funfzigstes Jahr so fortführe, ihnen die nöthige
Unabhängigkeit zu verschaffen. Sie sehen, daß ich Sie ordentlich wie ein
Hausvater unterhalte. Aber ein solches Häuslein von Kindern, als ich um
mich habe, kann einen wohl zum Nachdenken bringen. Uebrigens lebe ich hier
in sehr angenehmen Verhältnissen, und noch keinen Augenblick habe ich es
bereut, daß ich Weimar dem Aufenthalt in Berlin vorgezogen habe. Wäre ich
ein ganz unabhängiger Mensch, so würde ich dem Süden um einige Grade näher
rücken."

Eine Erkältung, die er sich während seines Aufenthalts in Jena bei einer
Spazierfahrt durch das Dornburger Thal zugezogen, hatte für Schiller die
heftigsten Unterleibsschmerzen zur Folge. Seinen nächsten Umgebungen, wie
ihm selbst, schien sein Zustand bedenklich. Erst langsam genas er wieder.
Den 3. August 1804 schrieb er an Goethe: "Ich habe einen harten Anfall
ausgestanden, und es hätte leicht schlimm werden können. Alles geht nun
wieder besser, wenn mich nur die unerträgliche Hitze zu Kräften kommen
ließe. Eine plötzliche große Nervenschwächung in einer solchen Jahreszeit
ist in der That fast ertödtend, und ich spüre seit den acht Tagen, wo mein
Uebel sich gelegt, kaum einen Zuwachs von Kräften, obgleich der Kopf
ziemlich hell und der Appetit wieder ganz hergestellt ist."

Seit jenem Krankheitsanfall hatte sich Schiller in seinem Aeußern sichtbar
verändert. Seine bleiche Gesichtsfarbe fiel in's Graue. Das Gefühl
physischer Schwäche verließ ihn nicht wieder, und gesteigert ward es noch
durch einen Fieberanfall im Februar 1805. Seinen Zustand schilderte er in
einem Briefe an Goethe. Er schrieb: "Die zwei harten Stöße, die ich nun in
einem Zeitraum von sieben Monaten auszustehen gehabt, haben mich bis auf
die Wurzeln erschüttert, und ich werde Mühe haben, mich zu erholen. Mein
jetziger Anfall scheint zwar nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt
zu haben, aber das Fieber war so stark, und hat mich in einem schon so
geschwächten Zustande überfallen, daß mir eben so zu Muthe ist, als wenn
ich aus der schwersten Krankheit erstände; und besonders habe ich Mühe,
eine gewisse Muthlosigkeit zu bekämpfen, die das schlimmste Uebel in
meinen Umständen ist."

Trost gewährte ihm eine ruhige Ergebung in sein Schicksal. In einem
zufälligen Gespräche über den Tod meinte Schiller: "der Tod könne doch
kein Uebel seyn, weil er etwas Allgemeines sei." Am 1. Mai 1805 überfiel
ihn ein Katarrhalfieber, das jedoch wenig Besorgnisse erregte, da er sich
nicht unwohler fühlte, als bei frühern Zufällen ähnlicher Art. Es war
seine letzte Krankheit. Er nahm lebhaften Antheil an dem Gespräch einiger
Freunde, die ihn besuchten. Unter ihnen befand sich auch sein Verleger,
der Buchhändler Cotta, der auf seiner Reise nach Leipzig durch Weimar
gekommen war. Selbst mitzusprechen ward Schiller durch einen oft und sehr
heftig wiederkehrenden Husten verhindert.

Mit seltener Aufopferung brachte Heinrich Voß, der Sohn des Dichters,
mehrere Nächte an Schiller's Krankenlager zu. Schiller's Standhaftigkeit
im Leiden, wie die Sanftmuth und Milde seines Charakters zeigte sich
damals im schönsten Lichte. In einem Briefe an Goethe äußerte Schiller:
"Der sei am besten dran, der durch die Noth gezwungen, sich mit dem
Krankseyn nach und nach habe vertragen lernen."

Voß erzählte in späterer Zeit, wie ihm Schiller einst, als er bei ihm
wachte, bewußtlos in die Arme gesunken sei. Aus Schonung für seine Frau,
die aus Besorgnis um ihn sein Zimmer nicht verlassen wollen, hatte
Schiller eine ihm nahende Ohnmacht gewaltsam unterdrückt. "Bin ich denn
wirklich so matt?" sagte er einst traurig, als beim Auf- und Abgehen im
Zimmer der teilnehmende Freund ihm unter die Arme griff, um ihn zu
stützen. Nur seiner Kinder wegen, äußerte Schiller im Gefühl zunehmender
Schwäche, wünsche er zu leben.

Von der ihm drohenden Gefahr schien er keine Ahnung zu haben. Bis zum
sechsten Mai blieb ihm völliges Bewußtseyn. Er äußerte, er habe über seine
Krankheit nachgedacht, und Mittel entdeckt, die ihm wieder zu seiner
völligen Genesung verhelfen würden. In leidensfreien Stunden beschäftigten
ihn mehrfache poetische Entwürfe. Er arbeitete mitunter fleißig an seinem
Trauerspiel "Demetrius," von welchem er einzelne Scenen niederschrieb. Daß
die Arbeit so langsam fortrücke, beklagte er oft. Den Monolog der "Marsa"
fand man nach Schiller's Tode auf seinem Schreibtische. Es waren
vielleicht die letzten Zeilen, die er geschrieben.

Aus den %Contes de Tressan% einem Buche, das er sehr liebte, ließ er sich
mitunter vorlesen. Wiederholt äußerte er ein Verlangen nach Mährchen und
Rittergeschichten. Darin läge, meinte er, der Stoff zu allem Schönen und
Großen. Lebhafter, als seinem sehr geschwächten Körper zuträglich seyn
konnte, äußerte er sich über mancherlei dramatische Pläne. Seine
Umgebungen suchten ihn ruhig zu erhalten. Halb unwillig äußerte er: "Nun,
wenn mich Niemand versteht, und ich mich selbst nicht verstehe, so will
ich lieber schweigen."

Im Schlafe phantasirte Schiller oft. Sein bei ihm wachender Diener
erzählte, daß er viel gesprochen und einzelne Scenen aus dem "Demetrius"
recitirt habe. Einigemal habe ich an Gott das rührende Flehen gerichtet,
ihn vor einem langen Krankenlager und allmäligen Hinsterben zu bewahren.
Noch ehe mit dem neunten Mai völlige Bewußtlosigkeit eintrat, schien er
die in seiner Nähe befindlichen Personen wenig oder gar nicht zu beachten.
Selten verlangte er, seine Kinder zu sehen; doch freute er sich herzlich,
als ihm seine jüngste Tochter gebracht ward. Seine Brustbeklemmungen
vermehrten sich, der Athem fing an zu stocken, und ein Nervenschlag endete
am neunten Mai 1805 sein Leben im sechs und vierzigsten Jahre.

Seine Züge waren so ruhig, wie die eines sanft Schlafenden. Bei seinem
Tode war, außer seinem Arzt, dem Dr. Herder, einem Sohn des Dichters,
Niemand zugegen, als seine Gattin und deren Schwester Karoline v.
Wolzogen. Bei der Section zeigte sich, daß der linke Lungenflügel
Schiller's gänzlich zerstört war. Seine Schwägerin erinnerte sich, daß er
wenige Wochen vor seiner Krankheit, als er zum Letztenmal im Theater war,
geäußert hatte: sein Zustand sei höchst seltsam; in der linken Seite, wo
er seit mehreren Jahren Schmerz gefühlt, fühle er jetzt gar nichts mehr.
Nach der Behauptung seines Arztes würde Schiller, auch wenn er wieder
genesen wäre, der Beschaffenheit seiner Lunge nach, kaum noch ein halbes
Jahr sein Leben haben fristen können.

Eine allgemeine Trauer herrschte in Weimar bei Schiller's Tode.
Schmerzlich fühlten besonders die Mitglieder der dortigen Bühne den
Verlust eines Mannes, der durch Rath und Belehrung ihr Talent mannigfach
gefördert hatte. Immer hatten sie mit ihm in freundlichen Verhältnissen
gestanden. Sein Andenken ehrten sie durch die Weigerung, an dem Tage, wo
er gestorben, die Bühne zu betreten. Das Theater blieb eine Zeitlang
geschlossen, und ward erst wieder durch eine von einer Todtenfeier
begleitete Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" eröffnet.

Goethe, damals selbst lebensgefährlich krank, schrieb bald nach Schillers
Tode: "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere einen Freund, und
in demselben die Hälfte meines Daseyns." Goethe's Nachruf an Schillers
Grabe enthielt, in reiner Anerkennung seines Werths, die
charakteristischen Worte: "Wir dürfen ihn glücklich preisen, daß er von
dem Gipfel des menschlichen Daseyns zu den Seligen emporgestiegen, daß ein
schneller Schmerz ihn von den Lebendigen hinweggenommen. Die Gebrechen des
Alters, die Abnahme der Geisteskräfte hat er nicht empfunden. Er hat als
ein Mann gelebt, und ist als ein vollständiger Mann von hinnen gegangen.
Nun genießt er im Andenken der Nachwelt den Vortheil, als ein ewig
Tüchtiger und Kräftiger zu erscheinen. Denn in der Gestalt, wie der Mensch
die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill
als ein ewig strebender Jüngling gegenwärtig. Von seinem Grabe stärkt uns
der Anhauch seiner Kraft, und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das,
was er begonnen, mit Liebe fort- und immer fortzusetzen. So wird er seinem
Volke und der Menschheit, in dem, was er gewirkt und gewollt, stets
leben."

In rührender Weise zeigte sich die Verehrung für Schiller bei seiner
Beerdigung in der Nacht vom eilften zum zwölften May. Zu den jungen
Gelehrten und Künstlern, die sich's zur Ehre schätzten, den gewöhnlichen
Trägern Schillers Sarg abzunehmen, gehörten H. Voß, St. Schütze, J.
Jagemann, J. Klauer u. A. In dem Trauerzuge, der den Dichter zu seiner
Ruhestätte geleitete, befand sich auch sein Jugendfreund Wilhelm v.
Wolzogen, der auf die Nachricht von Schillers Tode aus Naumburg
herbeigeeilt war. Das Landschaftscassengewölbe empfing Schiller's irdische
Ueberreste. Dort ruhten sie bis zum Jahr 1826 wo sie mit dem von den
Gebeinen getrennten Schädel, der auf der Großherzoglichen Bibliothek zu
Weimar in dem Postament der Dannecker'schen Marmorbüste Schiller's
aufbewahrt worden war, wieder vereinigt wurden, und in der fürstlichen
Gruft auf dem Kirchhofe zu Weimar eine würdige Stelle fanden.

Ueber Schiller's Beerdigung ertheilte eine im Mai 1805 gedruckte
Zeitungsnachricht nähere Auskunft in den Worten: "Es war zwischen zwölf
und ein Uhr, als man sich dem Gottesacker nahte. Der rings umwölkte Himmel
drohte Regen. Als aber der Sarg vor der Gruft niedergesetzt ward, theilten
sich die Wolken, und der Mond warf seine ersten Strahlen auf den Sarg. Man
senkte ihn in die Gruft. Der Mond trat wieder hinter die Wolken. Heftig
brausend erhob sich ein Sturm, der die Anwesenden gleichsam an den großen,
unersetzlichen Verlust mahnte."

Von dem als Herausgeber des allgemeinen Reichsanzeigers bekannten
Schriftsteller Becker in Gotha ging der Vorschlag aus, auf allen
bedeutenden Bühnen Deutschlands Todtenfeiern für den Dichter zu
veranstalten, und den Gesammtertrag zum Ankauf eines Landguts zu
verwenden, das unter dem Namen "Schillers Ehre" ein unveräußerliches
Eigenthum seiner Familie bleiben sollte. Die politischen Ereignisse und
die bald nach Schillers Tode ausbrechenden Kriegsunruhen verhinderten die
Ausführung dieses Plans. Schillers Jugendfreund, der Bildhauer Dannecker
in Stuttgart, verewigte sein Andenken durch eine colossale Marmorbüste.
Eine früher verfertigte Büste in Lebensgröße, wozu Schiller während seines
letzten Aufenthalts in Schwaben (1793) gesessen, legte der Künstler jenem
Meisterwerk zu Grunde, und er beschloß es mit Anstrengung aller seiner
Kräfte auszuführen, als er die Nachricht von dem Tode seines Freundes
erhielt. Als Schillers Wittwe Danneckers Atelier besuchte, saß sie lange
schweigend vor dem Bilde des ihr vor allen theuern Mannes, und sagte dann
mit tiefer Rührung zu ihren Kindern: "Küßt dem Manne die Hand, der Euern
Vater so fortleben läßt."


Unter den von Schiller vorhandenen Bildnissen hatte vorzüglich ein
Oelgemälde von Madame Simanowitz das Verdienst sprechender Aehnlichkeit.
Als Schiller Jena verließ, schenkte er dieß Bild seiner Freundin, der
Kirchenräthin Griesbach. Späterhin kam es in den Besitz seines zweiten
Sohnes Ernst, der als Apellationsrath in Cöln 1841 starb. Schillers
ältester Sohn Karl, lebt als Königl. Würtembergischer Oberförster in
Rottweil. Der Dichter hinterließ außerdem zwei Töchter, von denen die
ältere, Caroline, an den Bergrath Junot in Rudolstadt verheirathet, 1850
gestorben, die jüngere, Emilie, aber als Gattin des Barons von Gleichen-
Rußwurm auf dessen Gute Bonnland in Baiern lebt. Bereits 1826 war
Schillers Gattin in Bonn gestorben, wohin sie gereist war, um von einem
mit Blindheit sie bedrohenden Augenübel geheilt zu werden.

Eine öffentliche Anerkennung seiner Verdienste ward dem Dichter durch ein
von Thorwaldsens Meisterhand gefertigtes Standbild in colossaler Größe,
das ihm in Stuttgart errichtet und dort am 2. May 1839 feierlich enthüllt
warb. In Weimar beabsichtigt man, ihm mit Goethe und Wieland ein
gemeinschaftliches Denkmal zu errichten. Sein dortiges Haus an der
Esplanade ward bereits vor einigen Jahren von dem Stadtrath zu Weimar
angekauft und mit manchen werthvollen Reliquien des Dichters ausgestattet,
dem Besuch von Einheimischen und Fremden geöffnet.

Treffend hat Schiller in seiner Abhandlung über naive und sentimentale
Dichtung sich selbst gezeichnet in den Worten: "Den kindlichen Charakter,
den das Genie in seinen Werken abdruckt, zeigt es auch in seinem
Privatleben und in seinen Sitten. Es ist schamhaft, weil die Natur dieses
immer ist; aber es ist nicht decent, weil nur die Verderbniß decent ist.
Es ist verständig, denn die Natur kann nie das Gegentheil seyn; aber es
ist nicht listig, denn das kann nur die Kunst seyn. Es ist seinem
Charakter und seinen Neigungen treu, aber nicht sowohl, weil es Grundsätze
hat, als weil die Natur bei allem Schwanken immer wieder in die vorige
Stelle rückt, immer das alte Bedürfniß zurückbringt. Es ist bescheiden, ja
blöde, weil das Genie immer sich selbst ein Geheimniß bleibt; aber es ist
nicht ängstlich, weil es die Gefahren des Weges nicht kennt, den es
wandelt. Wir wissen wenig von dem Privatleben der größten Genies, aber
auch das Wenige, was uns aufbewahrt worden, bestätigt diese Behauptung."





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Friedrich v. Schiller's Biographie" ***

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