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Title: Aus dem Durchschnitt
Author: Falke, Gustav, 1853-1916
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Aus dem Durchschnitt

Roman

von

Gustav Falke

Hamburg

1900



Meinem Bruder Albert gewidmet.



I.


Dem undurchdringlichen Nebel des Märzabends war eine Frostnacht gefolgt.
An der Ecke der Gärtnerstraße und des Durchschnitts, in einem östlichen
Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Glätte des übereisten,
abgenutzten Straßendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so
unglücklich gestürzt, daß an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen
Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen
gebrochen. Schweißbedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem
Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer.

Der Kutscher, ein älterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei.

"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein
Schlachter drängte sich durch die Menge:

"Na, Beuthien, is he henn?"

"To'n Dübel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er
warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran,
den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien.

Der Frager und ein junger kräftiger Mann, dessen frisches,
wettergebräuntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher
aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich.

"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann.

"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort.

In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich
Mitleid, Neugier und Lust am Unglück die Wage. Auch fehlte es nicht an
schlechten Witzen. Vergeblich bemühte sich ein Schutzmann, die Menge zu
zerstreuen. Er ließ seinen Aerger dafür an den Kindern aus, aber die auf
der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der
anderen beharrlich wieder an.

Hatte das Publikum nur spöttische Mienen, halblaute Scherze für die
heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines
Geschäftskellers, in dem sich eine Weiß- und holländische Warenhandlung
befand, um so energischer bemüht, den Mann der Ordnung wenigstens durch
ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt.

Die kleine, rundliche Frau war in beständiger Bewegung. Unter Mittelmaß,
kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf
den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermöglichen.

Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus
dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern.

"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender
Stimme in das Gewühl hinein.

"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurück, unter dem
Gelächter der Umstehenden.

Ein Dienstmädchen suchte, mit unwilligem Ellbogenstoß die Zärtlichkeit
eines Gesellen abwehrend, die Nähe der Geärgerten zu gewinnen.

"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur für'n Groschen Haarnadeln haben,
von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man bloß
mal eben Kartoffel holen."

"Recht, Fräulein, holen Sie man bloß mal eben Kartoffel", lachte die
Wittfoth.

Gewandt schlüpfte das Mädchen durch das Gedränge.

Allmählich verlor sich die Menge. Das gestürzte Tier ward bis zur
Ankunft des Frohnes durch übergeworfene Decken dem Anblick der
Vorübergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der
Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde später zeugte nichts mehr
von dem Vorfall.

Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpäckchen
beschäftigt, ihr nervöser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu
richten, zu verändern und zu verbessern, als auch schon jenes
Dienstmädchen, mit der gefüllten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig
in den Laden trat.

"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln
rausgesucht?"

"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten
Haarnadeln einwickelnd.

"Ich? Ne, wie meinem Sie das?"

"Na, ich meine man, weil Sie so vergnügt sind."

"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man
sich so schon genug."

"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?"

"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint
wunder, was sie ist, und muß sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr
was beißt."

"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefühl
erheuchelnd. Die andere ließ sich jedoch gemütlich auf dem einzigen
Rohrstuhl an der Tonbank nieder.

"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Nächstens
ißt sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen
Finger in Wasser? I bewahre, könnt ja naß sein".

"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein.
"Wenn ich die Mutter wäre".

"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf".

"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte
eine bezeichnende Handbewegung.

"Dreimal auf'n Tag und düchtig", eiferte das Mädchen. "Aber Herrjeses!
ich vergeß mir ja ganz. Na, das wird'n schönen Segen geben. Sie hat so
keinen Guten heute".

Sie riß ihre Kartoffelkiepe an sich und stürzte mit einem vertraulichen
"Schüüß Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thür hinter sich
schließend.

"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher.



II.


Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr
außer einer geringfügigen Pension soviel hinterlassen hatte, daß sie die
Weiß- und holländische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin
kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingeführte Geschäft
mit Glück fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie
sich bald in die neuen Verhältnisse hineingearbeitet. Sie wußte, was sie
wollte. Die Geschäftsreisenden merkten, daß sie der kleinen helläugigen
Frau nichts aufschwätzen konnten und respektierten ihre
Geschäftstüchtigkeit.

Mehr Mühe und Verdrießlichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Mädchen
gemacht, deren sie zwei benötigte, eine Verkäuferin und eine Schneiderin
für die Anfertigung der Dienstmädchenkostüme.

Sie hatte viel wechseln müssen. Die meistens ungebildeten,
anspruchsvollen Mädchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst
noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau
Caroline Wittfoth ließ sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren".
Sie hatte immer kurzen Prozeß gemacht und, wenn nötig, alle acht Tage
gewechselt, bis sie schließlich die brauchbaren Persönlichkeiten
gefunden und sich in diesem täglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit,
Unordnung und Trägheit soweit geschult und gestählt hatte, daß sie sich
fortan in Respekt zu setzen wußte.

Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Saß, die Tochter
einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein
zweiundzwanzigjähriges, schwächliches, etwas verwachsenes Mädchen, das
erkenntlichen Charakters die Fürsorge der Tante durch hingebende
Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und
erlebte die Genugthuung, daß neuerdings auch einzelne Damen der
Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenröcke, von ihr
anfertigen ließen.

Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschäftes,
und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem
zweiten jungen Mädchen unterstützt wurde.

Die achtzehnjährige blühende Blondine mit den großen grauen, blitzenden
Augen wußte ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war
sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und
sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwächen und
Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das hübsche Mädchen
durch sein gefälliges, entgegenkommendes Wesen.

Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine
wärmere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmütig, fühlte sie Mitleid
mit der kränklichen, in einer freudlosen Jugend Verkümmerten, und diese
empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden
Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere
Lebensfreude verurteilten Daseins.

So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehörigkeit.
Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein
Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im
Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besaß.

Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Mädchen wegen. Der
verwandtschaftlichen Freundschaft für Therese gesellte sich eine
aufrichtige Wertschätzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres
feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner
Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der hübschen Verkäuferin
seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken.

Mimi hatte keinen glühenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wußte
das und verwandte alle kleinen Künste der Koketterie, um ihn an sich zu
fesseln.

Das gutmütige, etwas fade, von einem dünnen blonden Bart umrahmte
Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu
sagen pflegte. Ihre Schwärmerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen.

Die goldene Brille, die Hermann trug, söhnte sie jedoch wieder etwas mit
seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Mädchen, eine
Vorliebe für Augengläser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend.
Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein
bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen
Schutz etwas blöde in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an
Glanz und Leben.

Auch der Umstand, daß die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei
Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal
einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so mußte sie
hierzu triftige Gründe haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und
auskömmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der
Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein
gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafür durfte er schon
blond sein und einen schlichten Scheitel tragen.

Hermann hatte den beiden Mädchen versprochen, sie am ersten Ostertage
spazieren zu führen, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends
um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Nähere zu bereden.
Man wollte bei günstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und
am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung
sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee
getrunken werden.

Die Mädchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten
ein Vergnügen wurde, freute sich wie ein Kind.

Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an?

Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich
auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens
Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig.
Auch trug sie nur schwarz.

Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der
Voraussetzung, daß sie ablehnen würde. Man wußte, daß sie um keinen
Preis an irgend einem Tage ihr Geschäft schloß und etwas darin suchte,
zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte überhaupt einen
Hang, die Märtyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das
geplagteste war.

Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entrüstet die Zumutung
zurückwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu
schließen. Sie hatte tausend Gründe dagegen. Gerade an diesem Tage hätte
sie noch in jedem Jahre die glänzendsten Geschäfte gemacht. Für sie gäbe
es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren
laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die
Ladenglocke schellte.

"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die
hastig aufgerissene Thür. "Fräulein Behn will Maß genommen haben."

Mit Metermaß und ihrem Notizbüchlein folgte Therese.

Mimi saß am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus
bläulichem Milchglas dicht vor sich gerückt und war beschäftigt, die
dünnen, schmiegsamen Stahlstäbchen in der Taille eines hellen
Mädchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre
etwas großen, aber weichen, schöngeformten Hände, die gut gepflegt
waren, wenn auch nicht jede Spur häuslicher Thätigkeit sich hatte
entfernen lassen.

Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers führte sie die Nadel.
Die gleichmäßige Bewegung der vollen, rosigen Mädchenhand, an deren
Mittelfinger ein schmächtiger Ring mit einem falschen grünen Stein matt
glänzte, fesselte Hermanns Blick.

"Wie mögen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fräulein Mimi", sagte
er.

"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne
aufzusehen.

"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er.

"Bin ich das nicht immer?"

Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen,
der ihm entging.

In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie
ihm heute doppelt verführerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in
diese verfängliche Unterhaltung geraten, fühlte er sich ganz in der
Gewalt ihrer Reize.

Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich
schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend.

Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfüm, das sie jedoch diskret
gebrauchte, stieg zu ihm auf.

Er zog den Duft ein.

"Ah, Veilchen."

"Das letzte Tröpfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus
mit der Veilchenherrlichkeit."

"Dann bleiben die Rosen."

"Wie so?"

Er berührte mit dem Rücken der rechten Hand sanft ihre linke Wange.

"Wie Feuer."

Sie schlug nach ihm.

Sie hatte ihn kräftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem
Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretär aus
Eichenholz, dessen Messingringe und Schlüssellochumkleidungen der
Verdruß der jungen Mädchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der
Wittfoth glänzend genug leuchten.

Hermann, auf der Verfolgung des Ausreißers, lag bäuchlings auf dem
Fußboden und angelte und fegte pustend und ächzend mit einem langen
hölzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Möbel umher,
als das Zimmer von außen geöffnet und die helle Stimme der Tante laut
wurde:

"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fräulein."

Gleichzeitig erschien Fräulein Behn in dem Rahmen der Thür, noch ehe die
Wittfoth die ungewöhnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte.

In größter Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln
und Rockschößen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Fäden der
Nähstube festgesetzt hatten.

Schallendes Gelächter begrüßte ihn, in das er notgedrungen einstimmte.

"Fräulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.

Die junge Dame maß den Neffen mit etwas spöttischem Blick, der jenem
entging, da er bei seinem demütigen Ritterdienst die Brille vorsichtig
abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der
linken Hand ängstlich von sich abhielt.

Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der
Kleiderbürste an die Reinigung ihres Vetters machte.



III.


Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kühlen
Festtag. Voller Sonnenschein lag über der herben Frühlandschaft, als die
Glocken von St. Gertrud die Gläubigen und Erbauungsbedürftigen zum
Gottesdienst riefen.

Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den
Kirchgängern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, daß sie sie
in zehn Minuten erreichen konnte, versäumte die kleine, lebenslustige,
keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die
Predigt zu hören und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen.

"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehöre durchaus nicht zu
den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Höheres
haben. Und für mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben
singen und die Orgel dazu spielt."

Therese begleitete die Tante regelmäßig in die Kirche, besuchte auch
häufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges
Herzensbedürfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz
Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle
Angelegenheiten des Herzens, umfaßte sie auch diese Dinge mit großer
Innigkeit und fühlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante,
die auch hier ihre Oberflächlichkeit nicht verleugnete.

"Ach, ich glaub an gar nichts", erklärte die Wittfoth einmal. "Mir
soll's auch einerlei sein. Sterben müssen wir alle, und von oben ist
noch keiner lebendig wieder runter gekommen".

Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem
Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach
ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren".

"Dann könnt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich
los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser,
Ihr verbrennt mich gleich".

Vor der Kirchenthür trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit
ihren Töchtern.

"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth.

"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger
ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach.

Fräulein Lulu musterte mit lässigem Gruß die Toiletten der Tante und
Nichte.

"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, glätte
schnell die Falten ihres vergnügten rundlichen Gesichts zu
andachtsvollem demütigem Ausdruck und drängte sich mit dem allgemeinen
Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute
Kirche.

Mimi Kruse hütete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als
ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal
wieder eine Predigt gehört, das heißt, eine solche in den Kauf genommen
zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit
in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode
geworden.

"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und
entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen
Uebungen.

Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben
sich auf dem Fensterbrett liegen und überflog den Roman im Feuilleton.
Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur Hälfte bei der schnöde verlassenen
Gräfin, die andere Hälfte gehörte dem blauen Kleid, das sie am
Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine
Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren.

Mimi wollte hübsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonntäglichen,
dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den
"Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah.

Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so lästig durch seine
unaufhörliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein beständiges,
verliebtes Anlächeln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint
gewesen. Sie haßte diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann
der Länge nach auf dem Fußboden lag, war er ihr sehr lächerlich
erschienen.

Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht
"angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte
schon an die Chokolade, Törtchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag
spendieren würde.

Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in
kürzeren oder längeren Zwischenräumen die Sonne überzogen. Besorgt sah
sie auf. Es wäre doch zu ärgerlich, wenn sich das Wetter nicht halten
würde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen?

Und wirklich fielen jetzt große, schwere Tropfen, denen sich bald
weiche, zerfließende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben.

Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wütend durch das ganze Zimmer.
Ihre Stirn legte sich in bitterböse Falten, und dem unmutig verzogenen
Mund entfuhr ein derbes Wort.

Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte
der lose Schnee um die Straßenecken, als wäre es Weihnachtszeit und
nicht Ostern.

Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein,
in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen
Künstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung
heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die
benäßte, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen
in der Thür stehen.

"Eine schöne Bescherung, meine Damen, der reine Winter", näselte er
verschnupft.

"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht klärt sich's noch
auf."

"Klärt sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein."

"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfügung, gnädiges Fräulein",
scherzte Hermann.

"Höchst ungnädiges Fräulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr
helles Kleid."

"Fällt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr
mißgestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu können. Auch Hermann sah
nicht so aus daß man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte
Partie, dachte sie.

"Meinetwegen laßt uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese.

"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte
wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die
Wittfoth den Ausschlag gab.

"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und fürchten sich vor Schnee?
Marsch, fort mit Euch!"

"Man nich so eitel, Fräulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind
noch lange hübsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs
Kleid."

"Das mein ich auch", bekräftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst
sich schmückt, schmückt sie auch den Garten."

"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet."

"Rückert, liebe Tante", belehrte Hermann.

Die liebe Tante überhörte diese Belehrung und wandte sich an Therese:
"Daß Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du weißt, Du bist gleich erkältet.
Und daß Ihr mir fahrt heute Abend, hörst Du Hermann? Die Abendluft ist
so gefährlich."

Mimi, die sich mürrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt
wieder. Sie lachte über das ganze Gesicht.

Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschließende schwarze
Plüschjacke, ein schwarzes, langhaariges Müffchen und ein dunkelbraunes
kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel
hatte sie schnell über das blaue Kleid getröstet, und höchst zufrieden
fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre
Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitreißendes,
dominierendes in ihrem Wesen.

Hermann war glücklich über diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und
bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute
sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der
Tante Abschied.



IV.


Die Wittfoth hatte sich eine Tasse starken Kaffee bereitet, ihr
Lieblingsgetränk, der zwar für die vollblütige, nervöse Frau das reine
Gift war, dem sie jedoch mit wahrer Leidenschaft zusprach. Wenn Frau
Caroline von "einer Tasse Kaffee" sprach, so war das nur der einfachere
Ausdruck für ein gefülltes Kannenmaß. Heute, zur Feier des Festtages,
hatte sie sogar noch für eine Tasse über das gewöhnliche Maß gesorgt,
sich guten Rahm statt der sonst bei ihr üblichen Milch gegönnt und neben
der gefüllten Zuckerschale einen selbstgebackenen Kuchen gestellt.

Seit Jahren kam zu allen Festlichkeiten ein solcher Kuchen, ein großer,
flacher Platenkuchen mit Zucker- und Mandelaufguß auf den Tisch. Wer
dieses Gebäck nicht genug zu würdigen wußte, hatte es mit der kleinen
Frau verdorben. Ihr Platenkuchen war ihr Stolz.

Behaglich in den tiefen Lehnstuhl fast versinkend, ließ sich die
Wittfoth ihren Festkaffee vortrefflich schmecken. Sie steckte ihre
Näharbeit in die Ecke des Sofas und nahm sich vor, den Rest des
Nachmittags mit gemütlichem Nichtsthun zu verbringen. Sie wollte auch
ihren Feiertag haben. Sie mußte sich wahrlich genug plagen. "Ich wundere
mich nur, daß mir der Kaffee noch so gut schmeckt", sagte sie oft.

Im Grunde hatte sie wenig Ursache zum Klagen. Die Mädchen nahmen ihr
alle Arbeit ab. Selbst die Küche brauchte sie nicht allein zu besorgen.
Dennoch war sie überzeugt, daß niemand so mit Arbeit überbürdet sei wie
sie.

Sie war immer in Bewegung und meistens in unnötiger. Sie war überall und
nirgends, bald in der Küche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier
einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden
aus dem Wege räumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft
noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine
Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen
weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" müde war.

Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem
Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der
duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem
Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefühl überkam
sie.

Aus einer der über ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang
gedämpftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauß
und dann Ketterers beliebtes Salonstück "Silberfischchen".

"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespräch.
Schnutentante war eine vierzehnjährige "höhere Tochter", der sie wegen
ihrer das Normalmaß überschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte.

Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die
Musik stimmte sie sentimental. Das Gefühl des Alleinseins überkam sie,
die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst.

Das Wetter draußen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne
Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Höhe mit dem
Trottoir lagen.

Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen
strahlte so gemütliche Wärme aus. Gott sei Dank, daß sie nicht draußen
"rumzupatschen" brauchte.

Aber die Musik von oben führte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins
Konzerthaus. Sie hörte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte,
besuchten sie häufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt
Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen".

Das war lange her.

Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnügen. Sie fühlte
sich überflüssig in deren Gesellschaft.

Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fünfunddreißig Jahre
ein Alter?

Zu den achtzehnjährigen Backfischen allerdings paßte sie nicht mehr.
Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen
zu rechnen, war es doch noch zu früh.

Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren muß sich schon
zufrieden geben. Man muß froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen
guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer.

Was war das doch für ein Gerede damals gewesen, mit dem hübschen
Reisenden von Rosinsky und Söhne. Weil sie höflich gegen Herrn
Bellermann war, sollte sie natürlich Heiratsabsichten haben. Als ob es
nicht ihre Pflicht gewesen wäre, im Beginn ihrer Geschäftsthätigkeit
sich mit Kunden und Lieferanten auf möglichst guten Fuß zu stellen.

Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der,
bald jener, den sie ködern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen
sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person,
sondern von ihrem Geschäft zu reden. Als ob sie nicht immer noch
ansehnlich genug sei.

Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Müller und Lenze, der
großen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal
hatten die Leute ja recht. Ein Blinder mußte sehen, daß Herr Pohlenz auf
die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die
Alster, als daß sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten,
kalten Händen schauderte ihr.

Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht
hatte. Zwar nahm sie es damals für Scherz und nahm es auch noch dafür.
Aber gesetzt, er hätte die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den
Pomadenhengst mit den Leichenhänden.

Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese
Heiratsgedanken? Sie mußte über sich selbst lachen.

Sie füllte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein längliches Stück
Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging.

Sie hörte am schweren Auftreten, daß männliche Kundschaft sie beehrte.

Es war der junge Beuthien, der sonntäglich gekleidet vor der Tonbank
stand.

Er bat um einen neuen Halskragen.

"Welche Nummer, Herr Beuthien?"

Ja, wenn er das wüßte, lachte er. Seine Kragen wären ihm zu eng
geworden. "Dat kniept all bannig".

Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er paßte sie unbeholfen an.
Da er sich nicht entschließen konnte, half sie ihm und legte eigenhändig
einen Kragen um seinen Hals.

"De paßt", empfahl sie.

Als er gewählt hatte, mußte sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen
widerspenstigen Hornknöpfe durch die neuen steifen Knopflöcher zu
drücken. Seine großen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu.

Sie hatte Mühe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart
kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn höher, und sie bewunderte
seinen braunen kräftigen Hals.

Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestüm zu Werke, so daß das
Halsband riß.

"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is mör".

Verlegen besah er den Schaden. Aber es ließ sich nichts daran ändern,
und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern.

Sein verlegener Aerger rührte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie
neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu
reparieren.

Sie nötigte ihn in die Stube. Zögernd folgte er und nahm mit etwas
umständlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, während sie ihr
Nähzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte.

Ein Blick auf die Straße zeigte ihr, daß im Parterre gegenüber Lulu
Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte.

"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und ließ die Rouleaux
herunter, um jener einen Einblick zu versperren.

Beuthien schien ihre Bemerkung überhört zu haben.

Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee
anzubieten.

"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den
Kuchenteller zu.

Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig,
als er mit seinem Kaffee.

Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und
stillte ihre Neugier.

Als er gesprächig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu
sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten
Se woll gliek?"

"Ja", antwortete er scherzend. "Wülln Se min Fru sin?"

"Da föhrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein.

"Un mit söß", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich.

Schwerfällig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, daß er ein
wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Rücken der linken Hand langsam
über die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern.

Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurückgab griff er nach ihrer
Hand und legte den Arm um ihre Taille.

"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreißend. "So wiet sünd wi ja
woll noch nich".

Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich flüchtende
zu erhaschen.

"Nichts für ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spaß muß
sind, sagt der Berliner".

"All wo's hin gehört", sagte sie pikiert.

"Na, denn nich", brummte er gekränkt und fragte, was er schuldig sei.
Aber sie wollte für die kleine Mühe nichts haben.

"Se föhrt mi mal ut", scherzte sie, wieder versöhnlich gestimmt.

"Na, dann besten Dank und fröhlich Fest".

Er gab ihr die Hand, und sein kräftiger Druck zwang ihr ein leises Au
ab.

Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb
noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner
kräftigen Finger längst verzogen hatten.



V.


Therese und Mimi waren spät nach Hause gekommen, hatten die Vorwürfe der
Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes
Veilchensträußchen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann
gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht.

Beim Frühkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten
aus. Sie hatten sich "himmlisch" amüsiert, wie Mimi versicherte. Hermann
sei "zu nett" gewesen. Sie wußte, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen
loben hörte.

Nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Torte bei Homann, hatte man zu
Fuß den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zurücklegen müssen, da alle
Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters überfüllt waren. Auch dort
hatte man nur mit Mühe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales
erwischen können. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergnügler
schnell von der Straße in die Lokale, und auch der große Saal des
Ludwigschen Etablissements war bald überfüllt.

Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfänglicher der Musik
des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Rücksicht auf
das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natürlich ein
Straußischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche
Art von Trübsinn und Verstimmung.

Wie immer zog das hübsche Mädchen die Blicke der näher sitzenden Herren
auf sich. Auch Herrn Pohlenz begrüßte man von weitem. Hermann, um nicht
aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswürdigkeit
verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schluß des Konzertes, die Mädchen
zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo
man vorzüglich aß und vor allen Dingen ungestört genießen konnte.
Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war
jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu
entledigen.

Die Wittfoth hatte den fröhlichen Berichten der Mädchen nichts
entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf
der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wußte nicht den rechten Ton zu
finden und begnügte sich, eine große Zufriedenheit zu erheucheln, daß
sie doch einmal einen ruhigen, ungestörten Nachmittag ganz für sich
allein gehabt hätte. Zuletzt aber mußte sie doch wenigstens so viel
verraten, daß der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte.

"Der schöne Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott.

"Ist er eigentlich so schön?" meinte Therese, während die Tante, ohne
auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abräumte, mit mehr
Geklapper, als sonst ihre Art war.

Mimi erklärte Beuthien für einen ganz ansehnlichen Mann. Für Köchinnen,
setzte sie hinzu, und ließ durchblicken, daß ihre Ansprüche höher
gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zügen und lobte dagegen das
ehrliche, gutmütige Gesicht seines Vaters.

Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in
Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich früh auf den Weg, und Nichte und
Tante blieben allein.

Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den
Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter
freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern
gewünscht hatte. Man sah und hörte ihm an, wie glücklich ihn die
Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine
Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, überreichte, anscheinend
wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weiße und bestimmte die
übrig bleibende tiefrote für "Fräulein Kruse".

Auch ein Buch, von dem er dem Mädchen gesprochen hatte, lieferte er ab:
Rückerts Liebesfrühling.

"Liebesfrühling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was
auf einbilden", meinte die Wittfoth.

Sie stand dem Verhältnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmädchen
nicht blind gegenüber. Es amüsierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei,
die zu nichts Ernstlichem führen würde. Keinem würde das Herz dabei
brechen, am allerwenigsten dem Mädchen. Uebrigens wollte sie
gelegentlich mit Hermann darüber reden.

Therese hatte das Buch in Empfang genommen und blätterte mechanisch
darin.

"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die
Nähmaschine.

"Und Du?" fragte Hermann.

"Du weißt, ich schwärme für Gedichte".

"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll
Liebe."

Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kümmerlichen
Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Töpfen auf dem Fensterbrett
standen.

"Werft doch die elenden Stöcke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts
darnach."

"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie.

Sie hatte wieder ihre gewöhnliche, gelbblasse, kränkliche Farbe.

Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwächlich
vorgekommen, wie in diesem Augenblick.

"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde.
Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller."

"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie.

"Luft und Licht sind Euch beiden nötig ", eiferte er. "Also steckt die
Nase man mal hinaus."

Er reichte ihr die Hand zum Abschied.

"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger
Betrübnis.

"Meine Freunde warten", erklärte er.

"Kommst Du bald wieder?" bat sie.

Er versprach es.

"Adieu, liebe Tante", rief er über den Korridor in die Küche hinein, wo
die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte.

Therese gab ihm das Geleit bis an die Thür. Lange sah sie ihm nach.

Auf ihren Platz am Fenster zurückgekehrt, las sie im Liebesfrühling,
brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der
Sache zu sein.

Sie wußte ja, das Buch war eigentlich für Mimi bestimmt.

Mimi und Gedichte!

Was waren der alle schönen Gefühle und erhabenen Gedanken. Was war ihr
überhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfähige
Kurmacher.

Mimi war ein gutes Mädchen, aber leicht und oberflächlich. Und
anspruchsvoll war sie.

Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverständlich
gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Krösus.

Therese hatte tausend Gründe gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter
und Mimi, denn sie liebte ihn selbst.

Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie
an. Er galt ihr für gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem
unwissenden, früh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Mädchen.

"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins
Zimmer tretend.

"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen.

Bei Behns drüben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die
Familie kehrte von einer Ausfahrt zurück.

Die Wittfoth stürzte ans Fenster.

"Die können's. Immer nobel."

Fräulein Lulu verließ als letzte etwas langsam den Wagen.

"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt."

Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon,
schwieg.

"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl
seit acht Tagen keine frischen Strümpfe angezogen."

"So?" zweifelte Therese.

"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante.

"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Mädchen.

"Na, jedenfalls würd' ich mich schämen, mit solchen Strümpfen
auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern."



VI.


Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen
Liebling die ihm ähnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen,
etwas beschränkten Mutter an Verstand weit überlegen, genoß sie nach
Kräften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr
ermöglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Trägheit aus, je
weniger die unter harter Arbeit groß gewordene Mutter vom
Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren
oft kränkelnden Frau von dem gutmütigen Mann in jeder Weise
Erleichterung zu Gebote gestellt wurde.

Mit Hilfe eines Dienstmädchens und der zweiten, vierzehnjährigen Tochter
Paula, die in allem der Mutter ähnelte, konnte sie recht gut den
Pflichten des schlicht bürgerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die
Unterstützung der älteren Tochter angewiesen zu sein.

Lulu, die früh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine für ihre
Verhältnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer
auswärtigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen
schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen.

Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus
zurückgekehrt.

Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unüberwindliche
Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum
Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kräftig, kerniger als die Mutter,
arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmädchen um die Wette. Gab es
nichts zu scheuern, putzen, spülen oder schrapen in der Küche, so
spielte sie lieber auf der Straße mit ihren Altersgenossen, am liebsten
mit den Knaben, als hinter den Schulbüchern zu sitzen.

Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer
hinaufgearbeitet hatte, war vernünftig genug, die Kleine, ihren
Neigungen und Fähigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken.

"Die wird noch mal 'ne fixe Köksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach
seiner Art."

Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der
wollte er höher hinaus.

Schon zweimal hätte Lulu eine anständige Partie machen können, aber
beide Freier waren kleine Handwerker, Anfänger, und der alte Behn wollte
für seine Lulu einen "Herrn".

Glücklich war er, wenn ihm das Mädchen vorspielte. Das Blumenlied von
Gustav Lange, der Kußwalzer von Strauß und die Ouverture zum "Kalifen
von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestücke. Diese und
zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht
und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populär gewordenes Lied
"Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie
jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen
Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem
Dienstmädchen, teilte.

Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinär geblieben. Auf
dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben.

Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffälligen und sah infolge ihrer
Trägheit und Unordnung in jedem neuen Kostüm bald schlampig und
gewöhnlich aus. Gefallsüchtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in
Betreff ihrer äußern Erscheinung zur Schau. Sie wußte, daß sie hübsch
war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Männer auf sich zog.

Ihre mittelgroße, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas
zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen
Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen,
eigenartig verschleiert glänzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare
und vor allem der sinnlich müde, lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes
machten sie jedem Manne interessant.

Das in der Pension verwöhnte Mädchen hatte nach der Rückkehr ins
Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Berührung
kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu ließ deutlich durchblicken, daß sie
höhere Ansprüche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab.

Als aber auch bei ihr dann das Liebesbedürfnis sich einstellte und sie,
der vornehmen Maske müde, Annäherung suchte, war man in ihren Kreisen
ihrer überdrüssig geworden.

Die Mutter war besorgt, die Tochter könnte auf diese Weise ganz leer
ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren hätte Lulu noch
keine so große Eile.

"Tid hätt se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu.

"Du mit Din Baron", schalt er, "för'n Discher is se mi to god".

"De Hugelmann wär'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern
is man krütsch".

"Kann se ok", behauptete er. "För'n Discher is se nich in de Pangschohn
wesen."

"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn.

Während die Eltern über die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch
manchmal viel überflüssige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit
vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit
zurück lag, in ihren Kindertagen entsprungen war.

Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes
Häuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei
Jahre früher verheirateten, älteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der
mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschäft
eröffnet hatte.

Hier hatten die Kinder, der zehnjährige Wilhelm und die neunjährige Lulu
im täglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten
Trennungen, durch Wohnungsveränderungen bedingt, überstand, bis
allmählich der intelligentere, vom Glück begünstigte Behn einen zu
weiten Vorsprung vor seinem früheren Schulkameraden gewann und "das
Pensionsfräulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde.

Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Straße vereinigte, war
die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern längst erkaltet. Die
Väter begrüßten sich noch gewohnheitsmäßig mit Du, nannten sich aber
nicht mehr beim Vornamen, wie sonst.

Lulu war natürlich für den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt
das Fräulein Behn, wie er für sie Herr Beuthien.

So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus
zwingenden Geschäftsrücksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie
durch vornehme Zurückhaltung das frühere Verhältnis in Vergessenheit zu
bringen bemüht war, so wenig schien er von der Nähe der Jugendfreundin
und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als hätte er sie
garnicht mit auf der Rechnung. Der hübsche, von allen Weibern beachtete
junge Mann schien durchaus keinen großen Abstand zu empfinden zwischen
einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter
eines fünffachen Hausbesitzers. Er grüßte sie, wie er ihre Anna,
das Dienstmädchen, grüßte und die Krämersfrau oder die Wittfoth und
andere Frauen und Mädchen aus den Geschäfts- und Wohnkellern der
Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen überlegenen Herablassung eines
siegesüberdrüssigen Don Juans.

Er war ihr gegenüber entschieden im Vorteil. Das ärgerte sie.

Als es mit der Vornehmheit nicht glücken wollte, suchte sie den
Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Höhe
auszugleichen.

Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm
Fräulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte
die gekränkte Eitelkeit.

Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse für ihn zu
einer fast krankhaften Leidenschaft.

Fuhr er aus, er mußte immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiß am
Fenster. Sie lauerte ihm förmlich auf.

Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wußte bald, wie
er mit Fräulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz.

Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm
nicht mehr als hundert andere hübsche Mädchen auch.

Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen könnte, wie mit der Anna,
er würde etwas darum geben. Es wäre ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen
lassen, wie jede andere Lise.



VII.


Früher als sonst stellte sich der Frühling ein. Dem späten, aber immer
noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Sträuchern im März
schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im
April zuversichtlich heraus.

Ueberall ein Schwellen und Knospen. Grüner Hauch über Busch und Baum. Es
gab schon einzelne heiße Tage, an denen der Ueberzieher lästig wurde,
und man an die Sommergarderobe dachte.

Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth öffnete ihr die Thür
ihres Kellergewölbes. Mit der zunehmenden Wärme stand diese den ganzen
Tag auf. Fräulein Mimi hatte dann ihren beständigen Sitz hinter der
Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden
konnte.

Die Dienstmädchen, die jetzt durch die immer geöffnete Thür bequem "mal
vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzärmeligen
Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen
Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren.

An der Ecke gegenüber, beim Gastwirt Tetje Jürgens, der unter dem
Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Frühstückskeller" seit
Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflüglern.
Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen
"Stehseidel" weiter.

Es war Frühling, sonnenwarmer Frühling.

Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem
Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der
Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten,
glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem
Wintergetränk zum sommerlichen Trunk kühlen Augustinerbräus
bewerkstelligen.

Im Winter pflegte er allabendlich in dem geräumigen, gemütlichen
Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen
Steifen zu trinken.

Einmal in der Woche hielt er eine längere Skatsitzung ab.

Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft saßen die Frauen und
Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche
Brauselimonade, während sich die Männer und Väter im Gastzimmer beim
Spiel erhitzten.

Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der
Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde
Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem
Mittwoch war in den hintern Sälen großes Tanzvergnügen. Da sprachen die
Köchinnen und Dienstmädchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur
einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum
Abendbrot.

Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar,
geführt von sonntäglich geputzten jungen Burschen.

Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde
an der Thür absetzend, drängten sich zu einem kurzen Rundtanz in den
Saal. Hausknechte traten im Vorübergehen ein, Kutscher ließen ihre
Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den
Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberfluß im Saal vor,
oder sie nahmen von den draußen stehenden die erste beste mit hinein. Es
gab immer neugierige oder schüchterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit
oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie
vor einem Bienenkorb. Ein beständiges Kommen und Gehen.

Lulu, die leidenschaftlich gerne tanzte, beneidete im Stillen jedes
Mädchen, das am Arm seines Liebhabers lachend und ungeduldig dem über
alles geliebten Walzer entgegeneilte.

Nun fuhr auch noch der junge Beuthien mit seiner Droschke vor, der vier
etwas angeheiterte junge Burschen entstiegen. Jeder von ihnen trug eine
rote Nelke im Knopfloch, und auch Wilhelm war auf diese Weise
geschmückt.

"Kumm mit, min Jung", rief ihn einer seiner Fahrgäste an.

"Ne, ne, lat man", sträubte er sich, sah aber den Hineinschwankenden
unschlüssig nach.

Ein hübsches Dienstmädchen in hellrotem Kattunkleid und sauberer weißer
Schürze mit Spitzenlätzchen, nickte ihm im Vorübergehen wie einem alten
Bekannten zu. Die Kleine schien seinen Entschluß zu bestimmen, und er
folgte ihr schnell.

Ob er Lulu bemerkt hatte? Es schien nicht so. Diese verging fast vor
Tanzlust, Neid und Eifersucht.

Paula hatte sich neugierig bis an die Saalthür gedrängt und kam nun mit
glühenden Wangen und leuchtenden Augen zurück.

"Du, ich hab auch getanzt", rief sie freudestrahlend und stolz.

"Du? Dummes Gör! Töf, dat vertell ik Vadder", schalt die Mutter.

Die Kleine wurde etwas bestürzt.

"Es war man bloß Beuthien", suchte sie sich zu entschuldigen. "Ich
wollte erst gar nich, aber er zog mich hinein".

Lulu wurde blutrot. Diese Krabbe hatte mit ihm getanzt.

"Wie gemein", sagte sie naserümpfend.

"Ach Du", warf ihr die Kleine verächtlich über die Schulter zu.

"Daß Du mich nu hier bleibst", ermahnte die Mutter, der Nachbarn wegen,
die am nächsten Tische aufmerksam geworden waren, hochdeutsch sprechend.

"Geh mich nich wieder weg, das sag ich Dich", verspottete halblaut ein
geschniegelter Kaufmannslehrling mit hellblauer Krawatte die scheltende
Frau.

Lulu, die es hörte, errötete.

"Papa wird hoffentlich bald kommen, ich finde es unerträglich hier",
sagte sie laut und etwas affektiert, in dem Bestreben zu zeigen, daß man
an ihrem Tisch auch ein reines Deutsch sprechen konnte.

Aber auch ihre gezierte Sprache fand ein spöttisches Echo an jenem Tisch
ungezogener Grünschnäbel.

"Ich gehe nach Hause, ich bekomme Kopfweh hier", klagte Lulu und stand
auf.

Die Mutter, gewohnt, gegen den Willen der Tochter nichts auszurichten,
ließ sie gewähren.

Am Ausgang wurde Lulu unsanft bei Seite gedrängt. Jenes hübsche
Dienstmädchen, dem Beuthien in den Saal gefolgt war, hastete an ihr
vorüber.

"Marie Marie!" rief der Eiligen ein amtsfreier Briefträger nach. Aber
Marie hörte nicht.

Lulu, entrüstet über den Stoß, gewahrte, sich umsehend, auch Beuthien,
eine Cigarre im Mund, langsam und wie gelangweilt aus dem Saal
zurückkommen. Von neuen Ankömmlingen am Weiterschreiten gehindert, mußte
sie ihn herankommen lassen. Sie berührten sich im Vorübergehen, aber er
sah sie nicht, oder wollte sie nicht sehen.

Verstimmt zog sie sich zu Hause auf ihr Zimmer zurück.

Ihre Lampe war nicht gefüllt, und sie ließ ihren Aerger an Anna aus.

"Dat is Madamm ehr Sak, Se hebben mi nix to seggen," widersprach das
Mädchen.

"Dummes Ding," fuhr Lulu auf, und eine Ohrfeige brannte auf der Wange
der verdutzten Ungehorsamen.

Ohne ein Wort zu wagen, erfüllte die Gemaßregelte Lulus Befehle.

Diese plötzliche Energie des sonst so gleichmütigen, phlegmatischen
Fräuleins imponierte ihr so, daß sie verstummte. Nur in der Küche ballte
sie heimlich eine Faust und brach eine ganze Viertelstunde später vor
Wut in Thränen aus.

Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten
Unmutes ihre Gemütsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf
keinen guten Fuß mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores"
gelehrt zu haben.

Daß die Geschlagene die Züchtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum
erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten.

Es war ihr, als hätte sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen
anderen Mädchen gerächt, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens
Umgang und Freundschaft genossen.

Sie lachte einmal im Genuß dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf.
Am liebsten hätte sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die
Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Gör. Sie hätte
sie knuffen mögen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte.

Anna hatte eigentlich die ihr zugefügte Schmach mit einer Kündigung
beantworten wollen, besann sich aber mit Rücksicht auf die gute
Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern.

Im Stillen nährte sie von jetzt an einen glühenden Haß auf Lulu, der sie
so viel als möglich aus dem Wege ging.

Zwei Tage später war Lulu im Laden der Wittfoth zufällig Zeuge, wie
jenes Mädchen, Beuthiens Tänzerin, erzählte, daß sie am Mittwoch mit dem
jungen Fuhrmannssohn getanzt hätte.

"Das is aber'n Flotten", schwärmte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is".

Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzählte sie weiter, im Ottensener
Park. Leider aber hätte ihre Madam großen Kaffee, und so könne sie nicht
fort.

"Und er bat mir doch so herzlich", schloß sie bedauernd.

Wie der Blitz kam Lulu der Gedanke: Da ist Gelegenheit. Dort kennt dich
niemand. Am Sonntag besuchst Du den Ottensener Park.

Sie dachte nach, wie sie diesen abenteuerlichen Plan am leichtesten
verwirklichen könnte. Sie war wie besessen von der Idee.

Eine in Altona wohnende Freundin fiel ihr ein, die derartigen
leichtsinnigen Unternehmungen nicht abhold sein würde. Allein getraute
sie sich nicht zu gehen. Vielleicht hatte jenes Mädchen, eine
Mäntelnäherin in einem großen Altonaer Konfektionsgeschäft, irgend
einen bekannten jungen Mann, der sie begleitete. Schlimmsten Falles
konnte man jenes Lokal auch ohne Herrenbegleitung besuchen.

Die Freundin ging sofort auf ihren Vorschlag ein, Feuer und Flamme für
ein Unternehmen, das pikanteste Unterhaltung versprach.

Man verabredete alles schriftlich, und Lulu sah in fieberhafter
Aufregung dem Sonntag entgegen.



VIII.


Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit
Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Tänzer getroffen. Er
hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte
seinen Gruß kokett erwidert.

"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihre
Freundinnen drängten sich neugierig an sie.

"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen,"
erzählte sie.

"Das lügst Du," riefen die andern wie aus einem Munde.

"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch."

Ungläubig trennte man sich.

Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschönen
Walzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreißen hatte sie schon
Mut, aber wenn man sie dort sähe, es ihrem Vater hinterbrächte?

Sie suchte mit Beuthien näher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst
zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Spülen der
Droschken oder bei sonstiger Beschäftigung, so blieb sie keck stehen und
redete ihn an.

Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Bürste nach ihr
gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schürze naß gemacht," schalt
sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am nächsten Tag dachte sie, ob
er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm.

Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen
dreizehnjährigen Lümmel von Jungen, einen Schüler der Mittelschule. Aber
Bernhard Prüßnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich
keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch
eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte."

Beuthien amüsierte sich über das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl,
daß jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte
Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt.

"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinem
Reinigungswerk auf der Straße zusah.

"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die
hat's faustdick hinter den Ohren."

Er lachte.

"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer
Pause, in der sie mit anscheinend großem Interesse beobachtete, wie er
das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen ließ, es waschend
und schmierend.

"Gewiß, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen.

"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, paßt
mir immer auf."

"Dann bring sie mit," scherzte er.

Lulu war entrüstet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld
überbrachte.

"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?"

"Das kannst Du thun," antwortete Paula möglichst gleichgiltig. "Dann
sag' ich Papa, daß Du Anna geschlagen hast."

Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich."

Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Vorübergehen: "Paula, ist es
wirklich wahr, mit Beuthien?"

"Was denn?"

"Ach Du weißt ja, was ich meine."

"Ich lüg nicht so wie Du."

Zu jeder andern Zeit wäre Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung
geblieben. Diesmal hörte Lulu sie kaum.

Eine halbe Stunde später war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter
dem Rücken der Schwester auf die Sache zurückkam. "Wenn Du's Vater
sagst, hau ich Dich," flüsterte sie.

Jetzt hätte Lulu gar zu gerne die gehörige Antwort gegeben, aber um die
Mutter nicht aufmerksam zu machen, mußte sie auch diese angenehme
Eröffnung stillschweigend entgegennehmen.

Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester höchst gleichgiltig. Ihr
jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, wäre obendrein
unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fuß, konnte sie
ihr vielleicht noch gute Dienste leisten.

Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum
Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschlüssel nicht zu
vergessen. Man wolle recht vergnügt sein, und es würde voraussichtlich
spät werden.

"Dat is doch nett von Lene Kröger, dat se noch an Di denkt," meinte
Mutter Behn. "Se war immer so'n lütt anghänglich Deern. Wat schenkst Du
ehr denn?"

Lulu entschloß sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade,
die Lene so sehr liebte, wie sie sagte.



IX.


Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerlei
kleinen Aufmerksamkeiten gegen das hübsche Mädchen, obgleich er sich mit
Rücksicht auf Therese immer noch Zurückhaltung auferlegte. Sein gutes
Herz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einer
Rose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und die
Cousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, die
Geliebte länger als fünf Minuten alleine zu sprechen.

Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben,
sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzählen, wenn er ihr
eine Blume oder ein Fläschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich
genötigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht
zurückzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des
Verliebten den für Mimi bestimmten Gegenständen noch irgend einen
kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, daß er sie
auszeichnen wollte.

Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den häßlichen grünen
Stein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden müssen. Ein solches
Wertstück konnte er ihr unmöglich öffentlich überreichen, ohne die
Kritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augen
entschuldigt.

Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude
entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbündeten der goldenen
Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine höchst annehmbare
Partie, ein Verehrer, den man warm halten mußte. Sie fand ihn schon
ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so übel.

Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den
beiden Mädchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner
gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit störend empfand, war ihm der
lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu
verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht
gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmädchen seiner Tante.

Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize.

Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter
Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der
Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf
den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu
werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer
gerührt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen.

Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem
Rathausmarkt die Pferdebahn verließen, um eine Droschke erster Klasse
anzurufen. Mimi, entzückt über Hermanns Gentilität, strahlte vor
Vergnügen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefährts
zurückgelehnt, wie eine Dame durch die Straßen rollte.

Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Büste kam in dem
straff anliegenden schwarzen Jäckchen, das sich wirkungsvoll von dem
schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schönsten Geltung. Eigenhändig
hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch
gesteckt. Ein leichtes Strohhütchen, nur mit weißen, duftigen Spitzen
garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich.

Hermann, der auch seine kleinen Schwächen besaß, hatte Mimis Vorliebe
für das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war
nun alle paar Minuten beschäftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit
seinen bismarckfarbenen Händen--er trug mit Vorliebe diese
Modehandschuhe--wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese
Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten
gewiß in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine
Ladenmamsell.

Unterwegs entschloß man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergnügen
bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem
eine halbe Stunde weiter elbabwärts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von
da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurückkehren
und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschließen.

Aber ein Blick in den Vergnügungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte
Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf
Hermanns Vorschlag, dem nächstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park,
einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fühlen und ohne
Furcht gesehen zu werden, der höchste Vorteil einer großen Stadt, unter
die Tänzer mischen durfte.

Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; der
Umweg war ihnen willkommen.

Es war schon dämmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken und
Knicks, oder auf schmalen Fußsteigen an Wiesenrändern, ohne einen
Menschen zu treffen.

Mimi war sehr aufgeräumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung.
Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Gräben
zu drängen, kitzelte sich mit langhalmigen Gräsern unter die Nase und
trieb allerlei Kindereien.

Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht
heute, auch Hermann. Er kam ihr fast hübsch vor.

Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine
eigentümliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren
Narrheiten.

Gab es eine passendere Gelegenheit für ihn, sich auszusprechen? Forderte
ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen
würden?

Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. Einige
Minuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge des
Weges genötigt, hinter ihr.

"Sehen Sie, die blühen schon," rief sie plötzlich, stehen bleibend, und
zeigte auf einen schwankenden, überhängenden Weißdornzweig, an dem die
ersten Knospen sich erschlossen hatten.

Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und
streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus.

Da sie vor ihm stand, mußte er sie gewähren lassen. Aber sie mühte sich
vergeblich, und er griff über ihre Schulter weg gleichfalls nach dem
Zweig.

Wie sie so aneinandergedrängt standen, alles an ihrem schlanken,
jugendkräftigen Körper straff gespannt, faßte es ihn mit Gewalt. Er
umfing sie und drückte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen
Kuß auf den Mund.

Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht,
und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses
Spazierganges nicht ungern gesehen, so fühlte sie sich doch bei dieser
unerwarteten Berührung plötzlich ernüchtert. Sein heißer Atem, die
feuchte Wärme seiner breiten, schwülen Lippen flößten ihr Widerwillen
ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel.

Scham, Zorn und Bestürzung ließen sie anfangs auf Sekunden verstummen.
Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem
Gesicht, das sich in jähem Wechsel zwischen rot und weiß verfärbte,
zeigte ihm deutlich, daß er zu kühn gewesen war.

Betreten suchte er durch einen flauen Scherz über die Verlegenheit
hinweg zu kommen.

"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen,
peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um".

"Aber Fräulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er.

"Ganz gewiß", beteuerte sie.

Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestürzt aus.

"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein.

"O, das hat niemand gesehen", meinte er, glücklich, sie ihre gute Laune
wieder gewinnen zu sehen.

"Sind Sie mir böse"? fragte er, sich ihr nähernd.

"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als fürchte sie eine
neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift.

Nun wurde auch Hermann ärgerlich. Hatte sie sich nicht frei und
ausgelassen genug benommen, daß er auch seinerseits sich wohl vergessen
konnte?

"Wenn es Ihnen lieber ist, Fräulein Kruse", sagte er verletzt, "so
bringe ich Sie bis zur nächsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren
so vergnügt, und ich bitte Sie um Verzeihung".

Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet.
Er hätte freilich den Kuß unterwegs lassen können, aber so tragisch war
doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von
der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer für den
Rest des Abends zu entledigen?

"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zur
Antwort.

"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lüftete den
Hut.

Sie zögerte und bohrte die Spitze ihres weißen Spitzenschirmes in den
tiefen weichen Sand.

"Sie sind abscheulich!" stieß sie plötzlich hervor. Sie zog die
Unterlippe unter die Oberlippe, und Thränen standen ihr in den Augen.

Sofort war er gerührt.

"Aber liebes Fräulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er
legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich.

Zum Schein sich sträubend, mit der behandschuhten Rechten eine große
Thräne von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schämte sich,
und ein noch halb mit dem Weinen kämpfendes Lachen förderte einen
drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein.

Dieser komische Laut gab Anlaß zu erneutem Lachen, und der Friede war
geschlossen.

Sie hätte sich jetzt noch einmal von ihm küssen lassen, aber er ging
sittsam neben ihr her.

Der Umweg erwies sich größer, als Hermann ihn geschätzt hatte, und es
herrschte völliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den
bebauten Weg einbog, der nach dem erwähnten Tanzlokal führte. Die
Straßenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende
Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen
Lampen.



X.


Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Früher bei den kleinen
Bürgersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten
sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung
durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der
jungen tanzlustigen Welt.

Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und
Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum größten Teil aus
Näherinnen, Schneiderinnen, Dienstmädchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin
und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die
sonst in St. Pauli, der fröhlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres
Feld für ihre Thätigkeit fanden.

Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche
unter lichtdämpfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten
ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von grün angestrichenen
Pfählen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden
Drahtbögen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde.

In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen grünen Anstrich
versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populäre Musikstücke vor.

Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der
vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich
abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermüdeten
Ankömmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die
gedämpften Klänge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es
war voll drin, und sie mußten eine Weile stehen, bis sie an einem
Seitentisch Platz fanden.

Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe
abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem
solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den
tanzlustigen Paaren.

Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal
anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen
schmächtigen Tänzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur.

Er war erstaunt.

"Ist das nicht die von drüben?" fragte er Mimi.

Sie folgte seinem Blick.

"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?"

"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann.

"Aber die"?, meinte Mimi.

Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Brünette, die
unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht
die Achseln zucken, worauf ein breites, spöttisches Grinsen das
sinnliche gutmütige Gesicht der anderen keineswegs verschönte.

"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi
entdeckt und ihr mit erstaunt in die Höhe gezogenen Brauen einen
verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verständnisvolles
Lächeln folgen ließ. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin
los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu.

"Um Gotteswillen, Fräulein, erzählen Sie nichts," bat sie ängstlich.
"Mein Vater schlägt mich tot."

"Sein Sie ohne Sorge", tröstete Mimi. "Eine Krähe hackt der anderen die
Augen nicht aus".

Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch.
Schöne Seelen finden sich".

"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Kühlung fächelnd, hinzu und
entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken.

Ein semmelblonder, überhöflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in
singendem, sächselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und
Hermann mußte wohl oder übel ebenso höflich gewähren.

Da Lulu ohne Tänzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer.
Sie war höchst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte
sie keinen Verrat mehr zu befürchten.

Hermann, selbst ein guter Tänzer, hatte selten eine so gute Tänzerin
gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut.

Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses
sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie
selbst auch.

Sie sah vorteilhaft aus und wußte sich lebhaft und zwanglos zu
unterhalten.

Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar
auf.

"Suchen Sie jemand, Fräulein", fragte er.

"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie.

Einen Augenblick vergaß Hermann über Lulu Mimi und den Semmelblonden,
bis sie beim Anschließen vor ihm zu stehen kamen und er sich über die
singenden Komplimente des Sachsen ärgerte, um so mehr, als Mimi in
heiterster Laune auf das fade Geschwätz einging.

Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenüber, die
befremdet diese Veränderung bemerkte.

Auf einmal ging ein Flüstern durch die Reihen, und neugierig wandte sich
hier und da ein Mädchenkopf nach dem Eingang des Saales.

"Der schöne Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund.

"Wer?" wandte sich Hermann an seine Tänzerin.

Lulu war ganz blaß geworden und schien seine Frage überhört zu haben.

Mimi aber wandte sich lächelnd um.

"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar.

"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurück.

"Der schöne Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie
doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte
ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Nähe des Saaleingangs.

"Ach", rief Hermann. "Gewiß, das ist also der schöne Wilhelm? Na, jeder
nach seinem Gusto. Die Damen müssen's wissen."

"Aber sind Sie nicht wohl, Fräulein?" wandte er sich erschrocken an
Lulu.

"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch
wie zur Kühlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen,
Herr Heinecke?"

Sie hatte seinen Arm fahren lassen.

"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas
erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt.

"Laß man, Cäsar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl
wieder werden."

Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhöhten Standpunkt aus sofort
Lulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen.
Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimen
Freude, der Erfüllung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahe
zu sein.

Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war?

Sonderbar. Oder----

Ein überlegenes Lächeln flog über sein hübsches Gesicht. Die vielen
begehrlichen Mädchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen
Platz zu verändern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald
wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gespräch
mit der Freundin.

Kurz entschlossen ging er auf die beiden Mädchen zu, ließ Lulu fast
unbeachtet und forderte Lene Kröger zum Walzer auf.

Lulu biß sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurück. Sie war
kreideweiß geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Nähe, und sie
war froh, sich setzen zu können.

Lene Kröger hatte mit einem jungfräulichen Erröten Beuthiens Arm
genommen, vergebens bemüht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese
unerwartete Aufforderung geschmeichelt fühlte. Mit zusammengekniffenen
Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden.

Lene Kröger galt früher für die beste Tänzerin in diesen Kreisen, eine
Schwester von ihr war sogar Solotänzerin beim Ballett der Zentralhalle.

Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie graziös die hagere, eckige Person
sich zu wiegen verstand.

Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach!

Beuthien schien kein Ende finden zu können. Und wie die Lene lachte. Er
sprach in einem fort mit ihr.

Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurück. Mit einer
kurzen, nachlässigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung
schleuderte Beuthien das lange Mädchen förmlich auf seinen Sitz zurück.

"Der tanzt aber", stieß Lene hochatmend hervor und fächelte sich mit dem
Taschentuch Kühlung zu.

Lulu war dem Weinen nahe. Mühsam bezwang sie sich.

"Das find ich gemein von Dir", zischte sie.

"Na nu, was kann ich denn dafür?" fragte Lene unschuldig.

Lulu schwieg.

"Kind, sei doch nicht pütscherig", lachte die gutmütige Brünette. "Er
wagte sich nur nich ran."

Das log sie allerdings, und Lulu brummte:

"Unsinn."

"Er kommt noch, paß auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut
tanztest."

"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekränkte hastig ins Wort.

"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er sucht
Dich schon".

Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinländer.

"Mein Gott, was ist das? Rheinländer?" fragte Lulu bestürzt. "Den kann
ich nicht."

"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene.

Und da war er auch schon.

"Mein Fräulein."

Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick
pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militärisch vor Lulu
auf.

Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben.

Was fiel ihr ein?

Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. Das
Blut strömte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hörte kaum die Musik.

Zum Glück trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schloß sich
den promenierenden Paaren an.

"Auch'n bischen hier, Fräulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt
denn das?"

"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend.

"Nettes Mädchen", lobte er. "Rank und schlank. Schröder heißt sie?"

"Kröger", berichtigte sie.

Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach dem
Rhythmus des Rheinländers, und sie überließ sich aufatmend seiner
Führung.

"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr während des Tanzes.

"Meinen Sie?"

Er hob sie statt einer Antwort mit kräftigen Schwunge vom Boden, so daß
sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es
schien ihm Vergnügen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht",
keuchte sie.

Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so daß sie die Zähne
zusammenbiß.

"Hoch geht's hier her, Fräulein. Das ist mal nicht anders."

Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefühl kämpfte ihre Scham nieder.

"Wenn der Alte das wüßte", ängstigte er sie.

"Um Gottes Willen", flüsterte sie, als ständen Aufpasser hinter ihnen.

"Der Segen", meinte er bezeichnend.

So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er ließ Lulu nicht von sich
und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr.

Sie, überglücklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer
gesprächiger und munterer. Sie ließ sich von ihm mit Bier traktieren, er
lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und
eine gemütliche Vertraulichkeit stellte sich ein.

"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an dem
Tisch vorüber ging, wo die Drei sich gütlich thaten.

"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?"

"Gewiß", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht.
Ich kenne meine Pappenheimer."

Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflächlich und war
nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen
Droschkenkutscher in solcher Intimität auf dem Tanzboden zu treffen,
denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu
die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und
konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer
noch, und Hermann mußte nachgeben.

Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergnügen. Es wollte
ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und
"Häringsbändigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war
chokiert, daß Mimi an solchen "Herren" überhaupt Gefallen fand und sie
auf gleiche Stufe mit ihm stellte.

Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer
in dem Mädchen, das ihn überraschte. Seine Leidenschaft hätte Kuß auf
Kuß gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg
gegangen wäre.

Einen Handkuß hatte er während eines Walzers sich erlaubt, und er war
ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit
ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu
bringen. Welche Tanzwut!

Endlich hatte er sie zum Gehen überredet. Als er ihr in der Garderobe
behilflich war, kostete es ihm Mühe, sich in Gegenwart der
Garderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Nähe und das
Veilchenparfüm, das ihrem schwarzen Jäckchen entströmte.

"Wir nehmen eine Droschke", entschied er.

"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark."

"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in der
Pferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung der
Heldenthat vom Feldweg drängte? Er wollte sich aussprechen, noch heute.

Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten.

Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort.

Mimi sah ihm erschrocken zu.

Er stürzte in den Saal zurück und kam blaß und verstört wieder. Das
Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstück und
einiges Silbergeld, fünf bis sechs Mark, wie er schätzte.

Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln,
bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts übrig, als
sich vorläufig in den Verlust zu fügen.

Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fiel
Hermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafür keinem Pfennig.

"Haben Sie Geld bei sich, Fräulein?" fragte er zögernd.

Sie errötete heftig.

"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen.

Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte.
Was half es, man mußte es versuchen. Unmöglich konnte man den weiten Weg
von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fuß gehen.

Lulu war erfreut über diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu
verpflichten.

Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstücken abzuzählen.

"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog sein
Portemonnaie und wog es protzig in der Linken.

"Bitte nehmen Sie", drängte er Hermann ein Zehnmarkstück auf. "Wir sehen
uns ja wieder."

Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Gefälligkeit an, aber um
nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange.

Das war ein unerfreulicher Schluß des Tages. Es war keine Aussicht
vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das
Vergnügen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte,
stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust,
da hieß es, bis zum nächsten Ersten sich sehr einschränken. Es ging so
schon bis hart an die Grenze seiner pekuniären Kräfte, seine Liebe
kostete ihm viel.

Mimi wurde in der Pferdebahn müde und gähnte ein paar mal herzhaft.
Hermann konnte nicht über seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute
er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi
zu nennen. Er war mit einmal sehr ernüchtert, und Mimi kam ihm, wie sie
sich schläfrig in die Ecke des Wagens drückte, sehr unvorteilhaft vor.

Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren
Dank für den "wunderschönen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen
wieder auf.

Ach was, dachte er. Es war doch schön. Der Kuß zwischen den Hecken fiel
ihm ein.

"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den
Griff der Ladenthür berührte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen
hatte.

Eine Sekunde sah sie ihn verständnislos an. Er umfaßte sie, und halb
müde, halb in gutherziger Aufwallung, ließ sie es geschehen, daß er sie
küßte.



XI.


Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil
Pohlenz, von der Firma Müller und Lenze, ohne Probenkoffer, im
Gesellschaftsanzug, mit hellen Glacés und modernstem Cylinder in einer
Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth
angehalten.

Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Räuspern und Fußscharren
einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis
ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der große, altväterische
Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen,
daß der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Höflichkeit die
Wand streifte und mit einem weißen Aermel die "gute" Stube erreichte.

Das hatte willkommenen Anlaß gegeben, im Verlauf der
Reinigungsbemühungen die beiderseitige Verlegenheit zu überwinden.

Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend,
mit schmachtendem Blick über das goldene Pincenez hinweg, hatte dann
Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Füßen gelegt, "nach reiflicher
Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, daß sie zusammen glücklich
werden würden".

Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, daß sie in
ihrem fünfjährigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzüge der Ehe zu
schätzen verlernt hatte, und ließ durchblicken, daß die gebotene
Gelegenheit zur Rückkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung
nicht unwert erschien.

Herrn Pohlenzens kaufmännische Tüchtigkeit würde unbedingt das Geschäft
ungeahntem Glanz entgegenführen, das Kapital von sechstausend Mark, das
er mitbrächte, wäre nicht zu verachten, und was "das Uebrige"
anbelangte, so fühle sie sich ungemein geschmeichelt und wäre überzeugt,
daß gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme das erhoffte Glück verbürgen
würden.

Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung
über allen Zweifel, und "Rücksichtnahme, mein Gott, Rücksichten müßten
wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen".

Nachdem man noch eine Viertelstunde über das Glück der Ehe im
allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im
besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte,
mußte Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem
inhaltsschweren Schritt zu drängen. Acht Wochen Bedenkzeit möge er ihr
gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt,
sie wisse die Ehre zu schätzen.

Herr Pohlenz wollte durchaus nicht drängen. Acht Wochen wäre zwar eine
lange Zeit, "wenn es sich um das Glück eines Lebens handelt". Hierbei
unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen
Besichtigung, als überlegte er, ob derselbe auch diese Prüfungszeit
überstehen würde.

Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche
Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie
Mann und Frau vorgekommen, und der Mann wäre denn doch immer "derjenige,
welcher".

Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch
immerhin für einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck
durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen.

Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muß man
selbst denken", ein Gros Perlmutterknöpfe, kleinste Nummer. Dann trennte
man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg
angestellt hatte, mit verbindlichem Händedruck.

Der vertröstete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke
geöffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Rücken ihre Rechte
heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte.

In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, für immer?

Jedenfalls würde sie sich das in den acht Wochen noch gründlich
überlegen.

Die beiden Mädchen, die schon lange über Herrn Pohlenzens spekulatives
Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten
keinen Augenblick Zweifel darüber gehegt, welche geschäftlichen
Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von
Müller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte.

Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke
der Mädchen mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln deren Vermutungen
betätigte.

"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schüttelnd vor Heiterkeit.
Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wußte, wie die
Wittfoth über ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser
Knirps, dieser Pomadenhengst.

"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie.

"Na, na!" neckte Therese.

"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi.

Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wußte
sie nun doch zur Genüge, daß zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres
Verhältnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr
der beiden hatte nach jenem, für Hermann so "teueren" Sonntag die
bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer
Eifersüchtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug
und hatte nicht nur Therese gegenüber Andeutungen gemacht, sondern auch
ihren Neffen einmal selbst vorgenommen.

Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewährte
Gutenachtkuß versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte,
war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine.

So hielt er denn auch der Tante gegenüber nicht hinter dem Berg. Es sei
seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte
er sicher zu sein. Von Michaelis an erführe sein Gehalt die planmäßige
Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des
Mädchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die
Entscheidung stellen.

Frau Caroline hatte keine Gründe dagegen, hielt es aber doch für ihre
Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen.

Eigentlich berührte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine
andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine
Doppelverlobung verursachen würde. Tante und Neffe, Prinzipalin und
Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das würde etwas für die Nachbarn
sein.

Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch
sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach.

Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen über die Küsserei geärgert.
Sie war höchst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann
gegenüber benehmen?

An und für sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so
unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie
auf Hermann gemacht.

War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Nähe, war es ihr immer, als müßte
er sie jeden Augenblick umfassen und küssen. Gewöhnlich suchte sie sich
den Rücken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem
Bann, wenn sie ihn hinter sich wußte, allein mit ihm, und wie ein Wunsch
nach verbotenen Früchten stieg es heiß in ihr auf.

Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese
und der Prinzipalin gegenüber. Sie wäre auch noch eher darüber weg
gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden
hätte. Aber das war jetzt alles so peinlich.

Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer
Liebenswürdigkeit, die sie den andern gegenüber in Verlegenheit setzen
mußte.

Daß er jetzt ihr gehörte, ganz, daß sie nur die Hand nach ihm
auszustrecken brauchte, war ihr über jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang
mußte er sich erklären. Was dann?

Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefühl, das sie für ihn
empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder
gesunde Mann einflößte, der heiratsfähig und im Besitz seiner graden
Glieder war. Liebe war das nicht.

Ueber die Liebe hatte sie überhaupt ihre eigenen Gedanken.

Wie hatte sie im vorigen Jahr für den braunen, schwarzbärtigen
Postsekretär in der Neustraße geschwärmt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn
noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr
nicht gebrochen.

Und der hübsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf,
und der dunkeläugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer
so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Für jeden
hatte ihr Herz schneller geschlagen, als für Hermann.

Ob das Liebe war?

Dann war es nichts Beständiges, die Liebe, und jedenfalls nichts
Unentbehrliches zum Heiraten.

Freilich, sie möchte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt,
wie es in den Büchern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt.

"Du meine Wonne, Du mein Schmerz."

Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schön vor, so wie sie
auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit
Gefühl, daß man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und
lese es nicht nur.

Aber die Dichter und Romanschreiber übertreiben immer.

Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefühlen.

Und das mochte sie auch an Hermann nicht, daß er manchmal so sentimental
sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was
Therese gerade so "reizend" an ihm fand.

Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit
thäte ja viel. Wenn sie erst immer zusammen wären, fiele ihr das
vielleicht nicht mehr so auf.

Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi prüfte oft in Gedanken, wie sich das
ausnähme; es schien ihr nicht übel zu klingen.



XII.


Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annäherung auf dem
Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit
genommen.

Lulus Angst, ihr Abenteuer möchte durch irgend einen Zufall ihrer
Familie verraten werden, wurde bald eingeschläfert. Lange Nachgedanken
und ängstliche Sorgen lagen überhaupt nicht in ihrer Natur.

Und wie viel größere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren.

Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin,
das Pensionsfräulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab
zu ziehen. Aber auch ihre Person ließ ihn nicht kalt. War er auch nicht
verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal
etwas anderes und besseres als Stine und Mine.

Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Überlegung; wer weiß, wie es
kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie.

Freilich, es war höchst unwahrscheinlich, daß der alte Behn sie ihm
jemals geben würde.

Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf
aus.

Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie
ihrer Neigung für den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre
gewöhnliche Natur sich für die Verbildung, für die aufgedrungene
Überfeinerung rächen wollte.

Leichter, als die erste Wiederannäherung, war die Fortsetzung des
Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschränkt in ihrem Thun und
Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er
bestimmte.

Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie
ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu
lange aus, so daß er über die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und
den Fuhrlohn abliefern mußte, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht
kärglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermöglichten sie, da auch er
in nötigen Fällen nicht mit dem Gelde zurückhielt, gelegentlich weitere
Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit
parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstraßen in schon ländlicher
Gegend sich sicher fühlten.

Lulus ruhige, träge Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause
jeden Verdacht nieder zu halten.

Sie war nicht leicht aus ihrer täglichen Art und Weise zu bringen. Zu
statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem häufig an Kopfschmerzen
leidenden, verwöhnten Mädchen, das sich in den Jahren seiner größten
Entwickelung viel zu wenig Körperbewegung machte, tägliches, womöglich
mehrstündiges Spazierengehen empfohlen hatte.

So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die
schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten
Tochter als wohlthätige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergänge, ohne
zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten.

Schuldbewußt, jeden Anlaß zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in
ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender,
nachgiebiger.

Anna, die seit jener thätlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg
gegen Lulu geführt hatte, war plötzlich entlassen worden.

"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft.

"Se is rinfull'n," hieß es bei den Kolleginnen der Gekündigten.

Die offizielle Behnsche Erklärung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner
Tochter nicht vertragen können."

Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Mädchen vom Lande,
kam für Lulu nicht in Frage. Ihrer Autorität konnte von der Seite kein
Angriff drohen.

Die Hauptsache für sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten.

Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Tänzer hatte keine Abnahme
erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Mädchen eine willkommene
Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefügiger zu machen.

"Ich sag's Paula," drohte er, und ängstlich gab sie nach.

Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen
zu können, hatte schließlich Mut gefaßt und sich an einem unbewachten
Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem
Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der
Hoffnung, Beuthien dort zu treffen.

Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Prüßnitz,
der mit einem älteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war.

Der Erkennung war eine hastige Begrüßung gefolgt.

"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula.

"Kostet das was?"

"Ich habe zwanzig Pfennige, hier."

Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stürzten sie sich unter die
Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heißen Wangen.

"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er hüpfte wie ein
junger Hahn und stieß sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er
sie stehen ließ, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht
tanzen.

Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand
heftig am Ellbogen zerrte.

"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder."

Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermißten von dem untrüglichen
Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Flüchtling sofort hier
vermutet hatte.

Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das
größere, ihr überlegene Mädchen ihr einschärfte, kam es nun zwar nicht
an den Tag, aber auf irgend eine für Paula unbegreifliche und nie
aufgeklärte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung
seiner Jüngsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung
ihres frühzeitigen Unternehmungsgeistes.

Paula, wütend auf den unbekannten Verräter, bezichtigte unter zwanzig
anderen auch Lulu der Schändlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese,
der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im
Entdeckungsfalle warten würde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu
sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte überhaupt
nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig."

Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se
ward ja ok ümmer öller und verstänniger", meinte sie.



XIII.


Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch
häuserlosen Straße in seine Droschke aufgenommen. Es war ein
verabredetes Rendezvous, und da Lulus Börse gerade gut gefüllt war,
wollte man längere Zeit zusammen bleiben.

Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Straßen fuhren, wo eine
unliebsame Begegnung zu befürchten war, saß Lulu tief zurückgelehnt in
dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf
die Straße vermeidend. Erst weiter draußen wagte sie, das Verdeck des
Coupees zurückschlagen zu lassen.

Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drüber hinaus, auf einer
menschenleeren Feldstraße stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun
pflegte, mit ihm, an seinem Arm hängend, neben dem gemächlich bummelnden
Braunen her.

Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer
Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen,
oder in die Droschke zurückzuschlüpfen.

Beuthien wußte in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen
durfte, einzukehren.

Lulu war zu allem bereit.

Es war ein wunderschöner Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne
lästig zu sein, über den grünen, vielversprechenden Saaten.

Lulu war sehr heiter.

Die stille, wohlthuende Ruhe hier draußen wiegte alle ihre Bedenken ein.

Auch Beuthien war aufgeräumt. Er ließ bald ihren Arm fahren und legte
vertraulich den seinen um ihre Hüfte. Und sie ließ sich seine derben
Scherze und zeitweiligen Zärtlichkeiten gefallen.

Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum
einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die
jedoch mit ihren grünen Holzstäben und grüngestrichenen Tischen und
Bänken etwas Trauliches, Einladendes hatten.

Der Wirt, ein ordinär aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron,
brachte zwei Gläser Bier dorthin, fuhr einmal träge mit seiner
unsauberen blauen Schürze über den bestaubten Tisch und suchte eine
Unterhaltung anzuknüpfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, daß
er bald davon abstand.

Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und
schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, weiß und braun gefleckter
Hühnerhund blinzelte mit müden Blicken aus den triefenden, von Fliegen
gequälten Augen aus seiner Hütte zu ihnen herüber.

Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch
des nahen Hühnerstalles wurde ihnen lästig.

Lulu sah sich nach einem andern Platz um.

Hinter dem Garten zog sich ein spärliches Wäldchen an dem Rand einer
Wiese hin, größtenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nur
einige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glänzenden weißen
Stämmen hervorhoben.

Ein halbvermorschtes Brett führte über einen ausgetrockneten Graben in
das Holz hinein.

Nach einigem Zaudern, aus Rücksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit
aufgeschürztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis.

Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift,
hatten Beeren gesucht, Kränze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln
der Kuhblume gewunden, oder waren mit bloßen Füßen in dem kühlen,
schlammigen Wasser der Gräben und Pfützen gewatet.

Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus.

Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf,
und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich.

Sie drängte sich vor ihn.

Uebermütig faßte er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so
schnell, daß sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam.

Sie schrie auf und riß sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen
sie einen Augenblick unter Gelächter und Gekreisch um einander herum.

"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie
rangen mit einander. Seine Kräfte, mit denen er bisher nur gespielt
hatte, gebrauchend, hob er sie plötzlich hoch vom Boden und nahm sie wie
ein Kind auf den Arm.

Zappelnd bemühte sie sich, wieder festen Fuß zu fassen. Aber er zwang
sie.

"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er
sprach überhaupt während dieser ganzen Balgerei nur platt.

"Laß mich", keuchte sie.

Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heißen,
verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig,
schwer atmend, ließ sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen.



XIV.


Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom
Geschäft zurückzuziehen, es seinem Sohn zu überlassen. Er hatte keine
rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem.

Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot
war, also seit ungefähr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante
der Verstorbenen ihm die Wirtschaft führte.

Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann würde
er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde,
und der jungen Schwiegertochter, die natürlich das Regiment beanspruchen
würde, ärgerliche Tage haben.

Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn man
älter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und da
Freunde dem noch immer rüstigen Mann oft, teils im Scherz, teils im
Ernst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit dem
Gedanken vertraut gemacht.

Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm
vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht
daran glaubend, daß noch einmal etwas daraus werden könnte.

Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem
Glatteis gestürzten Braunen, gänzlich die Lust am Geschäft verlor, hing
er doch ernstlicher solchen Zukunftsträumen nach.

Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wie
Frau Caroline Wittfoth. Das wäre noch eine Partie.

Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu.
Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen.

Das gute Geschäft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl
daraus. Wenn er die zehntausend Mark, über die er nach Wilhelms
Abfindung noch verfügen konnte, in dies Geschäft steckte, wäre das Geld
gut angelegt. Und es würde ihm ein guter Fürsprecher bei seiner Werbung
sein.

Als er nach langem Sinnen zu dem Entschluß gekommen war, es mit Frau
Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie
fängst du das an?

Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht hätte, der
das zu behaupten wagte.

Aber dennoch war es so.

Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam über die
Anrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in der
Lage befinde," nicht hinaus.

Die Negendank störte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in der
Futterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrer
Taubheit schon von seinen Heiratsplänen munkeln hören und war der
entschiedenste Gegner solcher "Verrücktheit".

So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als
Schreibpult benutzt hatte, und öffnete der Klopfenden. "Dat togt so
bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, daß er sich
einschloß.

Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Jürgens, sein
guter Freund, hatte einen klugen Einfall.

In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" sein
Klubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts war
leichter, als durch Tetje Einladungskarten für Beuthien und die
Wittfoth zu erlangen.

Wie alljährlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die
Gesellschaft ins Grüne führen, und da müßte es doch eigen zugehen, wenn
sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annäherung finden
würde.

Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm
freudig die Einladung an, die ihr in unauffälliger Weise von Tetjes Frau
überbracht wurde, als diese ein Paar Kindersöckchen für ihr Jüngstes
kaufte.

So was wäre ihr lange nicht geboten, wann käme sie mal ins Grüne, meinte
die Geschmeichelte.

Nebenbei war sie glücklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie
nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Mädchen eingeladen hatte,
zurücktreten zu können. Sie hatte eine unüberwindliche Furcht vor dem
Wasser.

In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Fähnchen geschmückten Breaks
fuhr die vergnügte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon früh morgens
um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, größtenteils junge
Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Kästen mit ihren Instrumenten
vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das
Festprogramm schloß auch einige Konzertvorträge ein.

Es machte sich von selbst, daß die paar älteren Leute in der
Gesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wieder
Beuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzige
Witwe, zusammengeführt wurden.

Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes
schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz
war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen
sich ein Sträußchen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob.

"Kieck, wo stuhr se sik höllt, as'n Hahn", hatte Tetje Jürgens sie beim
Einsteigen gehänselt.

Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer,
etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weißen
Piquéweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er
sich etwas einbildete.

Die Fröhlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und
sie steigerte sich während der Fahrt unter dem Einfluß des heiteren,
sonnigen Wetters, das einen schönen Festtag versprach. Gesang und
allerlei Neckereien würzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden
Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes
Ziel ihm wenigstens dann und wann mit beängstigender Deutlichkeit vor
Augen schwebte.

Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft.

Eine festlich geschmückte Tafel unter hohen Bäumen, mit freiem Blick auf
eine buschumsäumte Wiese, empfing die Gesellschaft.

Herr Bierwasser, als Präses, begrüßte die Festgenossen mit einer
wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefühlen, die die
Brust eines jeden beseelen müßten, wenn er der Bedeutung dieses Tages
gedächte.

"Vor fünf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und
Festgenossen, vor fünf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen
zum ersten Mal das Licht der Welt."

Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall.

"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich
meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des
Tages Last und Mühe."

Bravo! Bravo!

"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine
verehrtesten Gäste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in
den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe
hoch!"

"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganze
Gesellschaft, stehend, die Gläser in der begeistert erhobenen Rechten.

Es war zu schön.

Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war
ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was möchte sie für ihr Leben
gern.

Unter den Bäumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt.
Ein Chocoladenautomat und einer für Cigarren, ein Elektrisierapparat und
einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, während ein benachbarter
Gelegenheit gab, das Körpergewicht vor und nach dem Festmahl zu
bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer
Jüngling witzelte.

Die Wittfoth stellte fest, daß sie in einem halben Jahr fünf Pfund
zugenommen hätte. Wovon, wüßte sie nicht. Appetit hätte sie gar nicht,
und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht
fände sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei
zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen.

"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Jürgens, "wenn Sie von's Rumarbeiten
all fett werden, würden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte
Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden".

Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit dem
Sonnenschirm.

Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und
stellte noch manchen jüngeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen
großen Händen war ihnen allen überlegen.

Die Frauenzimmer drängten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln
in allen Nerven schien ihnen Vergnügen zu bereiten. Das war ein
Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran.

Winchen Studt, eine achtzehnjährige blasse Schönheit mit Stumpfnase,
ließ sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit
Chocolade füttern. Sie war eine wichtige Persönlichkeit heute, denn sie
sollte noch etwas vortragen.

Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngeräte und eine Bergbahn.

Namentlich die letztere übte eine große Anziehungskraft auf die Damen
aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in
Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male
unter Gekreisch hin und her.

Es war zu schön, wirklich zu schön, wie sie alle Augenblicke
versicherte.

Und dann später das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von acht
Zithern vorgetragen, erntete den größten Beifall. "Entzückend" spielte
Herr Cäsar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither.

Die größte Bewunderung aber fand Herr Süß für den Vortrag des beliebten
Liedes "Im tiefen Keller sitz ich hier".

In allen Gesangvereinen sprach man von dem phänomenalen Baß des Herrn
Süß.

  Wie Orgelton und Glockenklang
  Ertönet unseres Süß' Gesang

hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet.

Auch Winchen Studt, im weißen Kleid mit Rosaschärpe, deklamierte "Des
Sängers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verständnis und Gefühl.
Besonders der Schluß verursachte den Empfindsameren unter den Hörern
eine leise Gänsehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen:
"Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch," mit
bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des
"Sängers."

Einen solchen Genuß hatte Frau Caroline lange nicht gehabt.

"Wer hätte das dem Mädchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze,
die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn Süß seine, die war ja woll
was für Pollini."

Als man den Saal verließ, wartete draußen eine neue Ueberraschung der
Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Bäumen
angebracht und gewährten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber
hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins
"Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herüber: "Das
ist der Tag des Herrn."

Den Schluß des Festes machte ein Tänzchen, das jedoch mit einer
Polonaise im Freien, durch das "stickendüstere" Gehölz eröffnet wurde.
Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen aus
weißem Papier.

"Wi sünd Hanseaten," erklärte Tetje.

Wie schön war das alles, wie wunderschön.

  Sonne, Mond und Sterne,
  Ich geh mit meiner Laterne.
  Aber so ein kleines Licht
  Leuchtet in die Ferne nicht.

Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einer
Biegung, wo er sich ungesehen glaubte, geküßt. Aber es war bemerkt
worden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette der
Promenierenden.

Das führende Paar nahm im Übermut den Weg durch einen trockenen Graben.
Das war ein Gespringe und Gehüpfe, ein Gekreisch und ein Gelächter.

Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Böschung hinunter.
Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid.

Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab,
o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdrängenden. Endlich nötigte er
mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und
weiter ging's unter Lachen und Scherzen.

Nein, so was Schönes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht
allein mit diesem Urteil.

Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald.

"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal
furchtsam.

"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje.

Längst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Träume noch
immer die Lampions wie große Leuchtkäfer huschten.

"Nein, was ich mich gestern amüsiert habe, sagen kann ich es nicht,"
sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht
Wochen später, sprach sie noch mit derselben Wärme von diesem
wundervollen Tag, und je weiter er zurücklag, desto geneigter war sie,
ihn als einen der schönsten ihres Lebens zu preisen.



XV.


Auch für Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amüsanter gewesen.

Hermann hatte sich frühzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einen
Gruß mit dem Taschentuch nachwinken zu können.

Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von der
Landungsbrücke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit der
Pferdebahn dorthin begeben.

Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere
Gesellschaft. Ein mittelgroßer Herr mit breitrandigem Panamahut, weißem
Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete
den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr
aufgeräumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen
unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die
Herren lüfteten die Hüte und gaben mit übertriebener, geckenhafter
Höflichkeit den Weg frei.

"Ah, Fräulein Kruse," rief plötzlich der Herr in Weiß überrascht und mit
schlecht verhehlter Verlegenheit.

"Fräulein Saß, Sie auch?" wandte er sich an Therese.

"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi.

Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die
Begrüßung wurde intimer, man schloß sich aneinander an und wurde nicht
müde, über diese zufällige Begegnung geistvolle Betrachtungen
anzustellen.

Hermann wäre lieber mit den Mädchen allein geblieben. Er sah voraus, daß
Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein
würde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft
anschließen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen.

Auch Therese war anfänglich etwas peinlich von Mimis Triumphen berührt.
Sie gönnte sie ihr ohne Neid und hätte nicht ungern gesehen, sie würde
so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, daß Hermann mehr auf ihre,
Theresens, Gesellschaft angewiesen wäre. Sie sah dem Eifersüchtigen
schon den Mißmut an.

Seit Hermanns offenem Geständnis der Tante gegenüber, hatte Therese sich
an den Gedanken gewöhnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu
betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukämpfen,
ein leises feindliches Gefühl gegen Mimi zu besiegen.

So ließ auch dieser Erfolg der hübschen Freundin bei der männlichen
Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es
schmerzlich empfand, auch hier wieder zurückstehen zu müssen. Erst als
sie, um nicht ganz übersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und
sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft
treffenden Bemerkungen und witzigen Einfälle aufmerksam wurde, fand auch
sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle
eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte.

Die ausgeladene Höflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald
erklärt und begründet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen
namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun
spielte der glückliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon
im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitän und Schiffsvolk
eingeschlossen, zu traktieren.

Hinter der Gloriole des liebenswürdigen Schwerenöters verschwand selbst
in Theresens Augen die komische Figur des vertrösteten Freiers. Selbst
sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi
erklärte, man könne sich doch oft sehr in einem Menschen täuschen.

Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale,
vielgewundene Este zu einer genußreichen zu machen. Die fetten, im
schönsten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache,
wechselnde Reize: Breite Deiche, mit üppigem Pflanzenteppich behangen:
großblättriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige
Schafsgarbe mit ihren weißen Blütenkronen, dazwischen gestreut, wie eine
Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blüten der Butterblume. Auf
grasreichen Wiesen weidende Kühe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der
freundlichen obstreichen Gärten, kichernde rotwangige Landmädchen, die
Kußhände und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus
zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend.

Ein jüdischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den
ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende
Geschäfte zu machen pflege.

Und in der That verriet das saubere behäbige Aussehen der einzelnen Höfe
sowohl, als der ganzen Dörfer, deren Rückseite sich oft bis hart an das
schilfumrauschte Ufer des Flüßchens erstreckte, gediegenen Wohlstand.

Selbst Hermann verlor während der Fahrt seine Mißstimmung. Hoffte er
doch auch, sich in Buxtehude mit den Mädchen verabschieden zu können.

Doch er sah sich getäuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft der
Damen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreise
so vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vieler
Gefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auch
Hermann schließlich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur gute
Miene zum bösen Spiel machen.

Schwer genug ward es ihm. Eifersüchtig sah er, wie Herr Pohlenz seine
ganze Aufmerksamkeit Fräulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich
geschmeichelt fühlte.

Allerdings war sie dann später zartfühlend genug, Herrn Pohlenzens
taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns
ältere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und wählte
seinen Platz so, daß er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen
sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so daß Hermann
auch jetzt noch nicht zur ungeschmälerten Freude an Mimis Gesellschaft
kam.

Und so blieb es. Auch für den Rest des Tages war Mimi die Königin, der
alles huldigte, und das hübsche Mädchen spielte die ihr zugewiesene
Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache.

Auf der Rückkehr nach Hamburg änderte sich das Wetter. Ein leichter
Regen fiel, ohne jedoch die fröhliche Gesellschaft vom Deck zu
vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajüte. Die meisten,
erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als
Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine
Gemütlichkeit zu stören. Sie fanden genügenden Schutz hinter der
Kajütenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die
empfindlichere Therese einhüllen konnte.

Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz
wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine
Trennung.

"Sie sind meine Gäste, Sie müssen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst
fidel."

Und man blieb zusammen, hörte einige Musikstücke in Hornhardts
Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf
ein Glas Bier zu Mittelstraß, einem beliebten Restaurant, und schloß
endlich zu später Stunde mit einer Tasse Melange in Görbers Café.



XVI.


Einige Tage später sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von
nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe
Wittfoth, hier mit neidischer Geringschätzung, dort mit selbstbewußtem
Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche
gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer
Vertiefung in den Gegenstand, als wäre nun die natürliche Ordnung der
Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum.

Und man sprach nicht mehr von einem Gerücht. Es war eine Thatsache. Der
alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens"
den nötigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach
kurzem schamhaftem Sträuben, unter Hinweis auf ihr vorgerücktes Alter,
ja gesagt.

"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glück nicht im Wege
sein."

So ungefähr lauteten die Schlußworte der kleinen Frau.

Hiermit war denn auch über den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die
Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder
unschlüssig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache
schon mehr für die Ablehnung entschieden hatte.

Für vierzigtausend Mark jedoch konnte man über Kleinigkeiten schon
hinweg sehen.

Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch über allerlei hinweg
sähe? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage.

Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das
Bestechliche, was für Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in
ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Täuschung
hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, daß auch persönliche
Neigung zu Grunde lag.

Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hörte, fiel
ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der
Verschmähte.

Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte,
wußte er, was er wollte.

"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten
Hochachtung und Wertschätzung kann ich mich der Einsicht nicht
verschließen." So oder ähnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes
an die Wittfoth.

Natürlich wollte er jetzt nicht länger Stadtreisender bei Müller und
Lenze bleiben. Aber bis zur Lösung seines Kontraktes mußte er noch seine
Geschäftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr
peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekränkten,
Verschmähten gegenüber treten, eine Rolle, in welche er sich mit
vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden würde.

Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth
bedeutend erleichterte.

Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach
geworden. Schon immer hatte er sich bemüht, dem hübschen Ladenmädchen
der Witwe näher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenüber stets kühl
bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswürdiges Entgegenkommen
in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt.

Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wußte,
welcher Wind dieses Wetterfähnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja
selbst das Leben nur vom kaufmännischen Standpunkt. Was kostet das?

Was Mimi Kruse anbelangte, so wußte er jetzt, daß er sie sich "leisten"
konnte, daß seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie
nicht "kaufen?"

Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit
einem Geschäftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei
Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie
einmal ausführen zu dürfen, erzählte von seinen Zukunftsplänen, ließ
durchblicken, daß er möglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer
Tante erwarten könnte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, daß
sie "mit Vergnügen" seine Einladung annahm.

Von jetzt ab kam Herr Pohlenz häufiger, zur Verwunderung Frau
Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren über die Veranlagung zu
diesem Geschäftseifer des Stadtreisenden blieb.

Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust,
den Verlust seines "ganzen Lebensglückes," wie er es damals nannte,
ertrug, und war entrüstet über Mimi.

Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit
diesem Gecken an, weil er Geld hatte.

Was würde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran
denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden
sollte, an der sie nur vergnügte Gesichter um sich sehen wollte, so
würde sie Hermann schon jetzt die Augen öffnen. Aber nachher sollte er
auch keinen Augenblick länger über Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben.

Dem Mädchen selbst wagte sie keine Vorwürfe zu machen. Es war ihr
peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entrüstete spielen
wollte, sähe es nicht aus, als ob sie sich über den Entgang der
vierzigtausend Mark ärgerte? Wie Neid, Mißgunst?

Nein, sie ließ der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mit
Mimi fertig würde. Im Grunde wäre es ja nur ein Glück, wenn er diese
Person nicht bekäme.

"Stich hält sie doch nicht," schalt sie bei sich.

Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige mißvergnügte Tage. Mimis
freies Benehmen, ihre Liebenswürdigkeit gegen Pohlenz, über den sie doch
sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgoß, hatten ihn
tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflächlichen
Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen.
Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine
Entschlüsse.

Dieser faden, beschränkten Krämerseele sollte er weichen?

Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert
zurück, und glaubte, Mimi durch Vernachlässigung strafen zu können. Aber
diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu
sehen, sich auszusprechen. Doch wann würde er sie bei der Tante einmal
sprechen können, ohne Störung?

So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten.

Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht käme?

Das beste wäre, er spräche sich gleich brieflich mit ihr aus.

Und so schrieb er denn:

  Liebes Fräulein!

  Die Gefühle, die mich beseelen und die ich nicht länger zum Schweigen
  verurteilen kann, drücken mir die Feder in die Hand. Habe ich nötig,
  das noch auszusprechen, was Ihnen, ich weiß es, schon lange kein
  Geheimnis mehr sein kann?

  Mein ganzes Benehmen gegen Sie muß Ihnen längst bewiesen haben, wie
  unaussprechlich ich Sie liebe, und daß es das höchste Ziel meines
  Strebens, das Glück meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigen
  nennen zu dürfen.

  Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines
  Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf
  denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehört Ihnen, hochverehrtes,
  inniggeliebtes Mädchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfällt.

  Verschmähen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie
  namenlos glücklich

  Ihren hoffenden

  Hermann Heinecke.

Als Mimi den Brief las, überkam sie zuerst das Gefühl einer großen
Bestürzung. Nun ward es ernst.

Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort.

Sie las zum zweiten Mal und ward nun gerührt. Er war doch ein guter
Mensch. Namenlos glücklich sollte sie ihn machen.

Mein Gott, es ist doch etwas Schönes um die Liebe. Sie barg den Brief in
ihrer Tasche und brach in ein unterdrücktes Schluchzen aus.

"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei
diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemütes überraschte.

"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi.

"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline.

"Das nicht," war die Antwort.

"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," tröstete die Wittfoth.

"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thränen getrocknet
hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem."

"Na, Fräulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so
schlimm?"

"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu.

"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmütig.
"Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklärte Mimi.

Und am selben Abend schrieb sie an Hermann:

  Geehrter Herr Heinecke!

  Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben berührt hat, brauche ich
  wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiß, daß Sie
  eine Frau so glücklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen
  Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich nach reiflicher Erwägung zu dem
  Entschluß gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu können,
  so gerne ich dieses auch möchte.

  Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Sünde, wenn ich ja sagen
  wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen
  mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von
  mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich
  leid, Ihnen weh thun zu müssen, aber es giebt ja noch ganz andere
  Mädchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiß noch einmal so
  glücklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wünscht Ihnen von Herzen

  Ihre Mimi Kruse.

Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift
ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Höherschrauben der
Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen
befleckt.

Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr
Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige
vergessene U-striche hinein. Dann schloß sie den Brief in ein Couvert.
Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie öffnete es wieder.

"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so gütig waren mir zu schenken",
fügte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu
behalten. Nochmals meinen besten Dank für alles Gute."

Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift.

    Herrn Volksschullehrer
          Hermann Heinecke
  p. Adr.: Frau Ww. Thielemann
                   Hierselbst.
               Raboisen 27, III.



XVII.


Das große Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche Welt
Hamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch für alle die
Straßen, durch welche die teilweise glänzende Korsofahrt nach und von
dem Rennplatz ihren Weg nahm.

Auch in der Gärtnerstraße waren alle Fenster, Balkons und Verandas mit
Schaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Stühle und Schemel vor
ihre Ladenthür auf das Trottoir gestellt, für sich und die beiden
Mädchen.

Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war
ausgeblieben. Er hatte sich überhaupt lange nicht bei der Tante sehen
lassen, zu deren und Theresens großer Verwunderung. Nur Mimi wußte,
warum er nicht kam.

Sie fühlte keine Reue über ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich
nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante
Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefühl zur Ruhe
gelegt, als hätte sie etwas Rechtes, etwas Großes gethan.

Am nächsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefühl der Neugier: Was
wird er wohl sagen? Was wird er nun thun?

Pohlenzens Bemühungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell
schoß das neue Verhältnis unter dem befruchtenden Segen der
vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Grün der alten
Beziehungen zu Hermann überwuchernd und erstickend.

Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz
angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger
Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht
auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht.

Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen würde? Sie
wünschte es beinah. Es wäre pikant. Auf jeden Fall würde sie an der
Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren.

Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann hätte
sich das nicht leisten können, hätte auch wohl kaum zu fahren
verstanden.

Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese mögliche Begegnung
zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus.

Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfältig
beobachtete sie die Insassinnen der vorüberrollenden Equipagen und
Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlässig
zurückgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend.

Pohlenz hatte ihr ein neues Kostüm geschenkt, in dem sie ohne Frage
gefallen würde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine
Aufmerksamkeit" von ihm angenommen.

Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und
geschmeichelt hatte der überaus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu
sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin.
Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden früher von ihr gelesener
Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief brünette Pohlenz mit
dem großen Panamahut, dem weißen Röckchen, eine seiner feinen Cigaretten
rauchend, eigenhändig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im
neuen Kostüm, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurück.

Da fuhr Hermann vorüber in einer gewöhnlichen Droschke, etwas krumm,
vornübergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr
blaß aus, wie übernächtig. Auch die drei Herren neben ihm waren
keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre
Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte.

Wie gewöhnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie möchte sich nicht darin
unter diese eleganten Equipagen mischen.

Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen,
neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser
sehen zu können. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu
begegnen.

Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte
sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der
kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja
nicht unbekannt, daß ihre Bildung keine lückenlose war, ihr Charakter
nicht ohne Schwächen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwächen. Vom
Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine
vollkommene Frau hätte ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schön
geträumt, Mimi allmählich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden
guten Anlagen zu wecken.

Der Traum war aus.

Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung
und überredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu
besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorüberfahren zu sehen.
Er malte sich eine Begegnung aus: Kühler, höflicher Gruß von seiner
Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation.
Männliche Gefaßtheit. Sie errötend, dann erblassend, mit dem bekannten
schnippischen Wurf ihres hübschen Köpfchens die Sache schnell und
geringschätzig abthuend.

Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben
zu sollen. Mimi würde sich wohl noch besinnen, er müsse ihr Zeit lassen.
Sie wäre auch gar zu wenig vorbereitet gewesen.

Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur
edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar
ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein
gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und
glaubte, nicht für ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken blaß,
traurig, weinend in ihrem engen Stübchen sitzen, das ihm immer ihrer so
wenig würdig vorgekommen war.

Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht länger hingeben, seitdem
ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz
Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben.

Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine
Beschönigungen. Warum sich belügen? Sie war eine Kokette, seiner nicht
wert. Er mußte sie vergessen.

Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an
der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der
heftigste Schmerz in ihm.

Mimi sah auch entzückend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostüm gesehen.
Es musste ganz neu sein und schien ihm über ihre Verhältnisse zu gehen.
Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen?

Mimi trug ein enganschließendes, taubengraues Kleid von vornehmer
Einfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmückte die anmutig volle
Büste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weißem Taubenflügel saß
kokett auf dem hübschen Blondkopf.

Und nichts von Trauer, Gedrücktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem
frischen, lebhaften Mädchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose,
genußfreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer
Lebenslust.

Er mußte sich zusammennehmen, damit der aufwühlende Schmerz ihm keine
Thränen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhaßten Sieger. Er
trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Nähe zu kommen.

Die Tribüne verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagen
aus dem Derby zusah. Er grüßte hinauf, ohne von den ganz von der
Sportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengruß zu erhalten. Nur von
Lulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick.

Es fiel ihm auf, wie blaß das Mädchen aussah, fast leidend.

Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann flüchtig
am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals
seine eigenen Gedanken über sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er
hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Mädchen, das sicher
auch andere Vergnügungen nicht verschmähen würde, wenn es sich nicht für
zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzböden zu besuchen.

Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere
Ansicht über Lulu. Er hatte immer nur geringschätzig über sie sprechen
hören.

Was stimmte ihn nun auf einmal so günstig für das Mädchen? Wie Mitleid
überkam es ihn. Sie hatte so bedrückt, so unglücklich ausgesehen.

Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknüpfend an jenes
Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhältnisses zu Beuthien
allerlei romantische Vermutungen aufreihend.

Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme
chez nous, mit vertauschten Rollen.

Es that ihm wohl, eine Leidensgefährtin in Lulu zu haben, wenn auch nur
in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor
dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefühls befriedigter Rache.

Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine
herzlose, oberflächliche Kokette, eine käufliche Dirne.

Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesem
Knopfkrämer.

Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das
ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und
Spielen.

Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu.

Da ward ihm ein Gruß.

Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein
halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmännische Gespräche mit derben
Witzen würzend.

Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslänge
überragte, von Hitze und Biergenuß gerötet, stieß ihn ab. Lulus
Geschmack war ihm unverständlich.

Und doch, was wollte er denn?

Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Kräfte, vor denen die Weiber
Respekt haben.



XVIII.


Lulu Behn hatte sich vergeblich gesträubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie
hatte Kopfschmerz vorgeschützt, ihr häufiges Uebel, aber der Vater hatte
es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gäbe sich unterwegs, in
frischer Luft, am besten.

So gutmütig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Härte
gegen kleine körperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst
übte.

Lulu, um nicht unnötige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gründen
gefährlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke
neben der Mutter ein, während Paula mit dem Vater auf dem Rücksitz Platz
nahm.

Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre häufigen
heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was
ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst.

Nach jenem Besuch des Horner Wäldchens hatten sie sich erst einmal
wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schämte sich vor ihm.
Dieses eine Mal aber mußte sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie
befürchtete.

Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschläge gegeben und die
Geängstigte beruhigt.

Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie
gefaßter. Beuthien würde sie nicht sitzen lassen, er würde sie heiraten.

Heute aber fuhr sie mit der Gewißheit des ihr Bevorstehenden durch die
bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der
nach dem Schauplatz seiner That geführt wird.

Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal errötet war er,
als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen
stieg. Und wie gleichmütig er dort oben auf dem Bock saß, und wie
sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte.

Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen
schloß und sich erblassend zurücklehnte.

"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der
Pferdebahn zurückfahren."

Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe
hatte sie geärgert, und sie wollte es ihm nachthun.

Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes
Wäldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es über
die welligen Felder hinweg.

Ob er hinüber sah?

Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick für die Umgebung. Er
mußte seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten.

Sie aber mußte immer wieder hinüber sehen nach dem schwarzen Fleck
dahinten, über dem jetzt eine einzelne weiße Wolke, wie ein fabelhaftes
Ungetüm, schwebte.

Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im
blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean.

Ein wunderliches, nie gekanntes Gefühl der Vereinsamung überkam Lulu.
Mühsam beherrschte sie sich.

"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula.

Lulu schrak zusammen.

"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so."

Sie wußte es kaum, daß sie beständig dort hinüber starrte.

"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das
frischt ihr auf."

Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurückschicken, Beuthien
sollte dann zum Schluß des Rennens zurückkommen.

Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis wäre sie jetzt mit ihm
allein gefahren.

Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht über sie begann sich seit ihrer
letzten Unterhaltung zu regen.

Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als sähe sie schärfer,
wie durch ein Vergrößerungsglas.

Zuerst fielen ihr die vielen Fältchen unter den Augen auf, und das
häufige nervöse Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhöhung auf
dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte,
drängte sich ihren Augen förmlich auf. Die breite Hautfalte über dem
kräftigen gebräunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen
Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales.

Sie hatte während der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte
ansehen müssen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes.

Wie garstig!

Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem flüchtigen Blick vom Wagen
aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und
sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine überlegenen
Kräfte anstrengungslos brauchte, fühlte sie sich wieder auf seinem Arm,
wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine glühende Welle stieg das
alte Gefühl für ihn wieder in ihr auf.

Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschäftigt. Die
vorgeschützten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt,
infolge der Gemütsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde
herrschte. So war sie froh, als man sich für den Heimweg rüstete.

Auf der Rückfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur
lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man
hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags
ausgehalten, und das genossene Getränk hatte namentlich auf Paula seine
erregende Wirkung nicht verfehlt.

Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu dürfen, und der
alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes
für sich allein benutzen zu können.

Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen
Anregungen beständig im Schwätzen mit Beuthien, der sich an dem Mädchen
ergötzte, das ihn oft mit so eigentümlichen leuchtenden Blicken
anblitzte.

"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit."

Der große, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem
weißen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem
runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu
entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn
nicht auf die Dauer reizten.

Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten
Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weißen Strohhutes.

"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot.

Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward
plötzlich eifersüchtig.

Es war nicht Paula, "das dumme Gör", die sie fürchtete, aber in der
Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr möglicherweise
von anderer Seite drohen könnte.

Wenn Beuthien sie verließe?

Wieder kam einer jener Momente über sie, wo sie mit grauenhafter
Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau,
Kutschersfrau.

Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, würde ihr Vater ihn zwingen?
Würde er ihn als Schwiegersohn anerkennen?

Sie schloß die Augen, als könne sie sich dadurch gegen alles
Widerwärtige absperren.

Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie
weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am
angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen,
wie es ging.

Aber dann störte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer
"brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten
Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem
Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre
Droschke überholten, musterten fast auffällig das blasse Mädchen in der
weißen, gürtelumschlossenen Bluse, das mit so müden Blicken vor sich
hinstarrte.

Lulu hatte kein Auge für die Herren. Sie war ganz mit sich beschäftigt.
Etwas wie Haß auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit
ihrem naiven Geschwätz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch
schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuß in dem verbotenen Garten,
von dessen Früchten sie selbst bereits genascht hatte.

Ein häßlicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen,
höhnischen Blick aus.

Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt.



XIX.


Fräulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit Herrn
Emil Pohlenz bekannt und kündigte ihre Stellung bei der Wittfoth.

"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was
zu verheimlichen."

"Es war vorauszusehen", betätigte Therese. "Wenn sie sich leiden mögen,
kann man sich ja nur darüber freuen."

"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi,
bekommen wir schon wieder."

"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschäft recht
tüchtig."

"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heißt, vergeßlich ist sie
doch man, und nachräumen muß man ihr alles."

"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein häßlicher Husten,
der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt quälte, unterbrach stoßweise
Theresens Worte.

"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete Frau
Caroline. "Mich ärgert man bloß, daß das dumme Ding solch Glück hat.
Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meine
auch man bloß. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'n
Teller bringt."

"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende hätte ich noch
Onkel Pohlenz sagen müssen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber."

"Mich amüsiert man, daß wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande
gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth.

"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas
verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, für sie war ja
das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen.

Und doch war sie ebenso liebebedürftig, hatte ein ebenso empfängliches
Herz, wie Mimi und die so viel ältere Tante.

Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger,
sanfter Flamme, sich selbst verzehrend.

Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein für
allemal auf Liebesglück verzichtet, wenigstens sich mit dem begnügt, das
auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag.

Sie hatte, fast zu frühzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in
Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns nächstem Geburtstag
angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in
blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem
Taschenbuch zur Zierde gereichen.

Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinen
Arbeiten ungewohnten Finger geschickt.

Wenn sie ihn doch öfter erfreuen könnte, für ihn arbeiten, sich ihm
nützlich erweisen.

Als er neulich einmal, ärgerlich über seine saumselige Wirtin, der Tante
einige Strümpfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser die
Arbeit abnehmen zu dürfen, und hatte sich in dieser fraulichen
Thätigkeit für den Geliebten glücklich gefühlt.

Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so gönnte sie ihn doch nur
einer Würdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall
gefunden.

Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften
wegen, zu welchen auch ein rücksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die
kränkliche Freundin gehörte, aber für Hermann schien sie ihr doch nicht
die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie
bedenklich.

Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja
nicht mal fürs Lesen Interesse, und die Bücher waren nun doch einmal
Hermanns Rüst- und Handwerkszeug.

So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, daß Mimi durch ihre
Verlobung mit Pohlenz das Verhältnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen
hatte.

Hermann, dieser liebenswürdige, gescheute, feine Mensch, würde gewiß
bald ein anderes Mädchen finden, das ihn besser zu schätzen wüßte und
ihn Mimi vergessen machte.

Sie billigte es, daß er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit
dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermißte. Wenn
Mimi erst aus dem Hause wäre, würde ja wieder alles anders werden. Er
würde sich wieder, wie früher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie
belehren und fördern. Wie freute sie sich darauf.

Die Tante hatte der Verlobten etwas spöttisch gratuliert und allerlei
Bemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachen
Kellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekränkt ausrief: "Aber
nein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thränen ausbrach.

"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert.

"Mimi vergißt uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns hätte
sie ihr Glück nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert hätte,
oder Du, Tante hättest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi muß uns ewig
dankbar sein."

Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte,
sie würde Zeit ihres Lebens an die schönen Jahre zurückdenken, die sie
in diesen Räumen verlebt hätte.

"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer
verlassen hatte.

Mimi errötete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihre
Brauen.

"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten."

"Das muß jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen
verlangen", versetzte Therese auf dies Geständnis. "Eine Ehe ohne Liebe
denke ich mir entsetzlich."

"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu
furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte--"

"Dann werden Sie auch gewiß glücklich mit ihm," unterbrach Therese sie
schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie
fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht
daran denken."

"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz
sagt auch, mit dreitausend Mark möchte er nicht heiraten."

"Das kommt nun auf die Ansprüche an", meinte Therese.

"Natürlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen,
wenn er nur will."

"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi."

"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe,
Sie besuchen uns denn auch mal."



XX.


Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit
erklärlichem Eifer getroffen. Außer dem unvermeidlichen Platenkuchen
hatte sie einen Puffer gebacken, groß genug, um die ganze Nachbarschaft
abfüttern zu können. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei
ihrem Brotträger einen gefüllten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll
auch was davon haben", sagte sie.

"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese
ein.

"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muß sein", erklärte
die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht."

Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang
aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermöglichen. Auch einem
auswärtigen älteren Bruder des Bräutigams, der nicht früher hatte
abkommen können, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern.

Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Nähe von Oldesloe, kam denn auch
schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Frühzug an, mit ihm ein
geräumiger Korb mit Eiern, Würsten und Speck.

"Min Lowise wär gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau.
"Aber de Lütt is erst veer Wochen, nu Se weten wull."

"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller."

"Jau, eenunsöstig is 'n Oeller", meinte er bedenklich.

"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline.

"Neegen Stück."

"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Küche hinein. "Denk
Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder."

"Neun?" lautete die verwunderte Rückfrage.

"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese
in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnäckig belästigte,
meinte der gutmütige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da
könnte sie sich mal ordentlich "rausessen".

"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in
dieser Hinsicht etwas empfindlich.

"Glöw ick, glöw ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll
Hosten, de geföllt mi nich."

"Ja, ich weiß gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante.
"Das geht nun schon wochenlang so. Wir müssen wirklich mal nach'n Arzt
schicken."

"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft
möt se hebben."

"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich übel",
setzte er hinzu.

"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thüren und Fenstern," erklärte
Therese, "aber meine Erkältung verträgt den Zug nicht."

"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schädlich. Aber
frische Luft, de hätt noch keenen Minschen umbrögt."

"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer
gleich sterben, wenn ich nur mal die Thür aufmach. Mir soll's gleich
sein. Ich sag nichts mehr."

Nachmittags um fünf Uhr wurde das Geschäft geschlossen, das heißt, die
Vorhänge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige
Zugang zur Wohnung durch den Laden führte, mußte dieser geöffnet
bleiben.

Um nun jede Störung durch Käufer fern zu halten, hatte Tetje Jürgens den
Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift:
Dieses Geschäft ist heute von fünf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung
der Inhaberin geschlossen.

Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch.

Eine große Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, daß
Hermann zugesagt hatte, zu kommen.

Sonst waren nur noch Tetje Jürgens nebst Frau Gemahlin gebeten.

Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hieß, versprach am Abend
nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem
Mädchen und dem Kellner alleine überlassen mochte, für den Abend aber
eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte.
Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen.

Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fürerst entschuldigen lassen müssen. Er
hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen können, da es sich um
gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurückzuerwarten.

Frau Caroline hatte keine Mühe gescheut, es ihren Gästen gemütlich zu
machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Fädchen, jede Erinnerung
an Geschäft und Arbeit, sorgfältig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen
und Reseda, mit dem Therese schon am frühen Morgen die Tante überrascht
hatte, prangte in einer weißen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis
arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der
Zuckerschale.

Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der
Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab,
von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehäkelten Sofaschoner,
Hermanns größter Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die
Tante einmal an diesem hohen Festtag sämtliche Sitzmöbel mit solchem
Zierat behangen hatte.

Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte
mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein
geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weißen Rosen, das der
galante Bräutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem
Spiegelschrank stand protzend ein mächtiger Strauß buntfarbiger
Georginen, den Onkel Martin seinem ländlichen Garten entnommen hatte.
Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wassergläsern kleinere Bouquets
und ein vom Krämer gespendetes rosagarniertes Blumenkörbchen. Der
praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas
thun zu müssen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen
Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes
"!Viel Glück und Heil!"

Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres
Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefüllt, die Hermann hatte
besorgen müssen.

Als die kleine Gesellschaft, außer Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch
versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit
Spitzen und Schleifen garniert.

Ein allgemeines Ah des Entzückens empfing die wundervoll duftende Gabe.

Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, öffnete das beigegebene
parfümierte Couvert.

"Mit herzlichem Glückwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von
der kleinen Elfenbeinkarte ab.

"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung überreichte
er das Bouquet, dessen lautester und unermüdlicher Bewunderer.

Therese beobachtete ihn still.

Nachdem die Angriffskräfte auf die Kuchenberge erschöpft waren und auch
die Unterhaltung über Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten
Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen
Skat vor. Er sah wohl, daß die lange Zeit bis zum Abendessen sonst
unerfüllbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen
würde.

Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurück. Der
Cigarrenschrank wurde geöffnet, und Therese stellte einige Flaschen
Löwenbier zur Hand.

Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Häkeln, Albumbesehen und
Küchengesprächen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und
Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten
Unterhaltungsstoffes.

Die Krämersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater
gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern hätte doch wahrhaftig
andere Pflichten.

Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich,
Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehört, für einen
ganzen Pfennig Korinthen. Daß die Person sich nicht schämte. "Und dabei
thut solch Volk, als ständen sie mit'n Bürgermeister auf Du und Du."

Und als nun Frau Jürgens die "Behnsch" erwähnte, geriet Frau Caroline in
eine kreiselnde Beweglichkeit.

"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehört?" "Nu lassen Sie
sich aber mal erzählen." So schwirrte es durcheinander.

Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gesprächen
vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung,
in ihrem Urteil über Welt und Menschen übereinstimmten.

Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie
sich jedoch sehr abgespannt fühlte und ihres Hustens wegen nicht viel
sprechen wollte, ließ sie häufig fünf gerade sein und schwieg.

Auch das überlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhörigkeit bedingt,
griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als nötig in der
Küche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann
besonders vom Glück begünstigt wurde.

Auch einige Käufer, die sich von den herabgelassenen Vorhängen nicht
hatten abschrecken lassen, beschäftigten sie zeitweilig.

Endlich kam auch Tetje Jürgens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden
nahmen die Plätze der Brüder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu
den Damen zurück.

Die Gesellschaft erhielt allmählich einen immer nüchterneren Anstrich,
hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, daß man zur
Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, überging.

Mit einigem Geräusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer.

Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen
dem kalten Aufschnitt und der süßen Speise geschickt aufgestellt und
jedem Teller ein Extrasträußchen beigelegt.

Auf dem Sofa saß das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin
mit Frau Jürgens, links von dem Bräutigam Tante Tille und Tetje Jürgens,
neben diesem Therese, Wilhelm gegenüber, dem sein Platz neben Frau
Jürgens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch,
zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt
des Mundschenken übertragen worden.

Frau Caroline hatte für guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der
sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzüglich
und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung.

Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede
auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich,
mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret
die Frauen, sie flechten und weben".

Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf
aufmerksam gemacht werden mußte, daß ihr das Hoch gelte. Wilhelm
Beuthien, der im übrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, ließ die
Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas.

Er möchte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen
wünschen, daß es ihnen immer gut gehen möge, "in truge Fründschaft un
Leev, un mit Gottes Segen."

"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Gläser aneinander
klangen.

Die Stimmung ward immer gemütlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich
zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbrüderschaft getrunken.

Tetje Jürgens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll söte
Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein
in der Küche gekühlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten.

Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, löste sich allmählich die
Zunge, da Hermann ihm fleißig einschenkte, und er rückte mit allerlei
gewagten Anekdoten und Rätseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger
noch überbieten zu müssen glaubte.

Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine
Wahrnehmung zu.

Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die
Achsel.

Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt
von ihm, die Terrine hinaus.

"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls.

"In min Köök hebbt Se nix to söken", drängte die Wittfoth ihn zurück und
schloß die Thür.

Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der
Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante
noch aufgefundenen Rumflasche.

Triumphierend trugen sie die neue Füllung auf den Tisch.

Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas.

"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "für die Damens
vielleicht noch 'n bischen zu feurig."

Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das
bräutliche Glück und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen
Augen.

"Nu Musik", meinte sie.

"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik möten wie hebben."

Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt.

"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hieß es, und Wilhelm mußte seine
Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rückte Tische und
Stühle zusammen und rollte den Teppich auf.

Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann
den Spreewalzer zu spielen.

Das Brautpaar eröffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau
Jürgens, und Tetje zerrte die sich sträubende Tante Tille einmal durchs
Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Jürgens.
Therese aber stand, an den Thürpfosten gelehnt, und sah, das
Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit müde
flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fühlte sich sehr
elend, klagte aber nicht, um die Fröhlichkeit nicht zu stören. Ihr Kopf
schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu
dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen
Räumen reizten.

Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, mußte sich aber noch
vorher, von Abspannung überwältigt, zurückziehen.

Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe
legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwätzigkeit
quälend.



XXI.


Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er
pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser
stellte er den Erfolg seiner Kur gewöhnlich schon in den ersten Wochen
nach seiner Rückkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand.

Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof
gegeben.

Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefühl, als wäre ein
Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich
aber schon am nächsten thöricht. Wie lange konnte sie es denn noch
verbergen? Ueber kurz oder lang mußte es zu Tage kommen, selbst wenn die
Mutter blind wäre.

Wilhelm wich ihr gänzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annäherung
versucht, ihm auf der Straße aufgepaßt. Aber er hatte es ja so leicht,
sie von seinem Bock aus zu übersehen, sie, schneller fahrend, hinter
sich zu lassen.

Wollte er sich von ihr zurückziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr
getrieben?

Ihr schwindelte bei dem Gedanken.

Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu
können.

Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keine
Heldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfen
Uebersichergehenlassen.

Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemächtigte sich ihrer
eine um so tiefere Niedergeschlagenheit.

Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus verändertes Wesen nicht entgehen,
die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens
nicht verborgen bleiben.

Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend,
beobachtend verhielt.

Lulu, mit der Feinfühligkeit des schlechten Gewissens, merkte es der
Mutter wohl an, daß diese sie erraten hatte.

Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen?

Es drängte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob
immer wieder Einsprache, unterstützt durch die Feigheit.

Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fuß gestanden, daß sie
nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfühlen, Verständnis, erwarten und
beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegönnt,
und sollte sich nun so vor ihr demütigen.

Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos
beklagte, daß Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte.

"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafür kaufe."

Im Grunde aber ärgerte sich die Kleine sehr über Beuthien, dessen
Benehmen sie sich nicht zu deuten wußte. Sie hatte sich etwas darauf
eingebildet, daß er sie bisher überhaupt beachtet hatte. Es war ihr
heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er über sie hinweg, wie über jedes
andere Schulmädchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich
verschüchtert zurückzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das
verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie
verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in
dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer
Entdeckungen.

"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal gequält. "Was geht
Dich Beuthien an."

Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu
können, daß diese keine Ahnung von ihrem Verhältnis zu Beuthien hatte.

Um so größer war ihre Angst vor der Mutter. Immer drängte sich das
Geständnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurück. Und
doch, irgend jemand mußte sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es
nicht mehr tragen.

Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, das
Mädchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthin
Andeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffsstützig."

Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schämte sie sich denn nicht, sich
so gemein mit dem Dienstmädchen zu machen?

Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung
aus der Hand nahm.

Frau Behn war ihrer Sache gewiß geworden und konnte nicht länger
schweigen.

Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus.

Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach
in Thränen aus.

"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch.

Lulu schwieg. Die Mutter schüttelte sie heftig am Arm.

"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?"

Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind mußte sie sich schelten lassen?

Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau
plötzlich über die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten
Groll der Mutter die Riegel öffnete. Sie bebte vor Zorn.

"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten."

Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie.

"Das ist gemein", fuhr Lulu auf.

"Was ist gemein?" Die Mutter rückte ihr fast auf den Leib. "Was ist
gemein? Du, Du!"

Ein tiefes Erblassen, ein röchelndes Nachatemringen, ein unsicheres
Umhertasten mit den Händen, und schwer sank Lulu an dem neben ihr
stehenden Stuhl hin zu Boden.

Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!"

Sie riß die Thür auf und rief nach Minna und nach Wasser.

Das Mädchen brachte das Verlangte erstaunt.

"Is Fräulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmächtige auf
den kleinen Lederdivan betten.

"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Füer nich utgahn,
hörst Du?"

Und Minna sah nach dem Herdfeuer, während Frau Behn der sich erholenden
Lulu sanft über Stirn und Scheitel strich.

"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmem
Herzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak."

Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgesöhnt, hatten sich
wieder gefunden.



XXII.


Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem,
unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schüttelfrost
erwacht.

Frau Caroline war sehr besorgt.

Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag über
allein im Geschäft sein würde, denn das neue Fräulein sollte erst am
andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, daß Therese das Bett
verließ. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.

Ein Kind aus der Nachbarschaft übernahm gern, für zwanzig Pfennig
Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine
Lungenentzündung. Therese müsse unter allen Umständen im Bett bleiben.
Warum man nicht schon früher geschickt hätte. Auch dürfe die Kranke auf
keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die
übrigen Räume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer
an.

Frau Caroline war untröstlich und quälte Therese mit lautem Lamentieren.

Die gutmütige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge
zu vergrößern und über kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.

"Was fang ich an. Wie sollen wir die Möbel umsetzen? Ich kann das nicht.
Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."

Therese beruhigte sie, daß man Hilfe finden würde, niemand mute ihr zu,
den schweren Schrank eigenhändig ins andere Zimmer zu tragen.

"Und wenn die Frieda uns nun sitzen läßt", jammerte die Tante weiter.
"Was soll ich anfangen. Alle Hände voll zu thun, und keine Hilfe."

"Warum sollte Fräulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" tröstete die
Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnötige Sorgen."

"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett.
Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Küche sieht schon
aus, daß ich mir die Augen aus'n Kopf schäme. Kein Stück ist rein."

Therese schwieg. Sie wußte, daß in solchen Stunden mit der umständlichen
Frau nicht zu reden war.

Natürlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater
Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Möbel als treuer Bräutigam und
Helfer in der Not, und auch Fräulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine
kleine schwarzäugige, bleichsüchtige Brünette, mit Anlagen zur
Korpulenz.

Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden
Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlägerig zu finden. Er kam in
der Folge öfter, und sie ließ es zuletzt zu, daß er vor ihrem Bett saß.

Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei
ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er
unterstützte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah
sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu
Flecken vergrößern.

Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig
Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen
geschlichen, wäre heftig zum Ausbruch gekommen, und es würde wohl
schnell zu Ende gehen.

Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt
gesagt, da er sie genügend kannte, um zu wissen, daß sie sich
unverständigen, die Kranke schädigenden Gefühlsausbrüchen hingeben
würde.

Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand
einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung
dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte
sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und
Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch
Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um
Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang
eines solchen Leidens naiv zu eröffnen.

Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst.

Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuen
Fräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung.

"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder
rauskriegen. Sei man ruhig."

"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter
noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch
die schönsten Tage.

Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen
Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze
der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den
Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue
Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren
unfreundliche, fast herbstliche Tage.

Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen,
gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen
glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen.

Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau
drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße
hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.

Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von
ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und
das Parterre des Behnschen Hauses begnügen.

So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte,
namentlich mit Lulu.

Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm
Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese
konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte.

Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch
unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal
etwas von ihr gehört.

Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt,
hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine
tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.

Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie
daran.

Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war
doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie
jetzt übrig gehabt haben.

Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher
rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte
Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte
sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.

Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei,
seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders
werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht:
wenn du nun stirbst?

Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch
ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen,
und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe
Stimmung aufkommen ließ.

Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.

Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im
Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie,
um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme.

"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag länger, und ich bin fertig."

"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.

Fräulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war
natürlich "die Schlechteste, die man hätte kriegen können, zu nichts zu
gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschälen."

"Hätten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.

"Wärst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede
Minute muß man sich ärgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge
ja wohl alles zu Grunde."

"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht
mehr dauern", tröstete Therese.

"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr
aus. Ich bin am ganzen Körper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht,
lege ich mich auch noch hin."

Das klang gerade nicht sehr aufheiternd für Therese. Aber wenn diese die
Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder
in der Küche mit Tellern unsanft umherstoßen hörte, war sie über Nerven
und Glieder der Tante beruhigt.



XXIII.


Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn
sofort seine Kur und reiste zurück.

Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. Die
Begrüßung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzählen, die
Frau hatte in ihrem Brief mit genügender Ausführlichkeit berichtet.

Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Straße
hinausgestarrt, das untrügliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm,
als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?"

"In ehr Stuv, Johannes."

"Ik will se nich sehn", stieß er hervor. "Nich vor Ogen."

Wie tief auch die Geschichte an ihm fraß, so war es doch fast mehr noch
die soziale, als die moralische Seite, worüber er nicht hinwegkommen
konnte.

Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen,
den ehemaligen Schulkameraden überflügelt zu haben, er, der Umhertreiber
und Thunichtgut von damals, den fleißigen, ordentlichen Musterschüler.

Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel
aufgestellt worden, wie oft hatte es geheißen. Das wird noch mal ein
tüchtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes.

Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und
Umsicht, während Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht
weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte.

So waren sie allmählich auseinander gekommen. Jeder mied den andern,
geniert durch das Mißverhältnis der Lebensstellungen.

Nun mußte so etwas zwischen ihren Familien vorfallen.

Wilhelm mußte seine Pflicht gegen Lulu erfüllen, da gab es keinen
Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es
ward ihm schwer, furchtbar schwer.

Er hatte sich für Lulu einen andern gewünscht, als diesen Kutscher,
diesen Liebling der Dienstmädchen.

Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt?

Wenn der Bursche sich nun weigern würde, sein Vergehen zu sühnen, was
dann? Unmöglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber
so weit würde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann
und würde seinem Sohn schon ins Gewissen reden.

Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder
umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal.

Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang,
wie einem furchtsamen Schuljungen.

Und er hätte doch im Zorn die Straße hinunterstürmen und alles kurz und
klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan hätte, wenn er beim
Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen wäre.

Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigen
Stockwerk über der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeöffnete
Stallthür, Wilhelm beschäftigt, das Pferdegeschirr zu putzen.

Der Anblick des Sünders weckte seinen Grimm. Am liebsten hätte er sich
gleich auf ihn gestürzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen,
ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze
Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf.

Heftig stieß er oben die Thür auf, gegen die rasselnde Schutzkette.

Tante Tille, in altmodischer weißer Haube, die sie nur des Nachts
ablegte, ein Butterbrot in der Hand, öffnete ihm.

"Meine Güte, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se sünd fort?"

Er fragte nach Beuthien.

"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein.

Der alte Beuthien saß auf dem kleinen, abgenutzten Roßhaarsofa vor dem
mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und ließ sich es anscheinend gut
schmecken.

Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich möbliert,
in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die großgeblümten, mit
selbstgehäkelten Spitzen eingefaßten Kattungardinen und der niedrige,
braune Kachelofen gaben dem Raum etwas höchst gemütliches. Der frisch
gescheuerte Fußboden zeugte von größter Reinlichkeit. Auch die beiden
billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in
schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels,
fügten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der
abgeblätterten Vergoldung und dem großen Spliß in der untern linken Ecke
des Glases, störte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen.

Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu
einer imponierenden Erscheinung aufrichten.

Erstaunt empfing ihn Beuthien.

"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend.

"Sünd wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurück.

"Ja, wat is?"

Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schloß die Thür wieder.
"Wat is, Behn?"

Kurz, heftig, stieß Behn seine Anklage heraus.

Beuthien war starr.

"Din Lulu?"

Einen Augenblick saßen sich die beiden Männer stumm gegenüber.

Beuthien stand auf.

"He sall kamen, gliek."

Behn hielt ihn zurück.

"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien.

"Ne, ne, he sall man kamen."

Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wußte er sofort, was seiner
wartete. Aber er war nicht feige.

Er grüßte unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an.

"Segg em dat sülfst", sagte sein Vater.

"He weett't woll all", bebte Behn, wütend über Wilhelms Ruhe.

"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemütlich
zu werden.

"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Fäusten.

Wilhelm wich nicht zurück.

"Ik lat mi nich schimpen", drohte er.

Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend,
der aber schleuderte sie heftig zurück.

"Du büst ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der
kreideweiß wurde.

"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden.
"Woans hest Du Din Fru kregen?"

"Dat is wat anners", keuchte Behn.

"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se
heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten."

Wilhelm erklärte, er wüßte was recht wäre, aber er könnte seine Pflicht
nicht thun.

"Wat?" rief Behn.

"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm.

"Du kannst nich?"

"Ne, ik kann nich."

"Is se Di nich god nog mehr?" höhnte Behn bitter.

Wilhelm zögerte lange mit der Antwort.

"Ik häw all 'n Kind", stieß er endlich hervor.



XXIV.


Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das frühere Behnsche Mädchen, war die
Mutter seines Kindes.

Behn hatte es übernommen, dieser ihre älteren Rechte auf Wilhelm
abzukaufen.

Er fand das Mädchen in einem Keller bei Hökersleuten einquartiert, in
einem engen, dumpfigen Raum. In einem großen Wäschekorb lag das erst
vierzehn Tage alte Kind, häßlich, klein, eine Frühgeburt.

Anna schämte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hörte,
um was es sich handelte, eine keckere Haltung an.

Lulu, der hochmütigen, gönnte sie ihr Unglück. Sie trug ihr noch immer
die Mißhandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten?
Nie!

Aber schließlich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe
zufrieden zu stellen.

Die Rücksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das
ohne sorgfältigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren
ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien.

Welch ein Vermögen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch
gezählt, zehn Hundert Markscheine.

So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier
bekommen, als Wilhelm war.

Dieser war froh, daß alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn
durchaus heiraten, so war ihm Lulu natürlich lieber, als Anna.

Lulu erfuhr durch ihre Mutter, daß Beuthien sie heiraten werde.

"Vadder hätt sik vel Möh geben", setzte die einfältige Frau hinzu.
"Dusend Mark hätt em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin."

"Für Geld?" rief Lulu.

"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie.
Und dann erzählte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte
mit Anna.

Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden.

Also Anna hätte sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande
bewahrt blieb. Und das Mädchen wußte natürlich nun alles, empfand
Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an.

Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrückte die
Gewißheit, daß Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern
gehalten hatte, als er sie ins Unglück riß.

Wer sagte ihr, daß Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte
sie zeit ihres Lebens verbunden sein.

Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letzten
Tage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm.

Alle seine Fehler, seine Roheiten drängten sich plötzlich in ihr
Bewußtsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich
verloren.

Sie kam sich wie besudelt vor.

Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Küche der Nachbarhäuser sehen.

Jene Köchin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper
Geschäftigkeit auf dem Fensterbrett den Mörser handhabte, wie oft mochte
sie in seinen Armen gelegen haben.

Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende
Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht
vielleicht alle schon mit seinen Zärtlichkeiten bedacht?

Es war ihr, als sähen alle zu ihr herüber, in ihr Fenster hinein,
höhnisch, vertraut: Wir gehören zusammen, Fräulein.

Sicher sprach man jetzt überall von ihrer Schande. Würde Anna schweigen,
Anna, die sicher noch ihren alten Haß hegte?

Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen.
Hieß das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen?

Mochte Beuthien doch das Mädchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus
dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, für sich, für das Kind, oder
sterben.

Es war das erste Mal, daß der Gedanke an den Tod ihr kam.

Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, die
Reue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn.

Natürlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber
nachher, hat man es nicht mehr ertragen können, dann weinen sie ihre
Heuchelthränen.

Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung
in die Alster, und alles ist gut.

Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen.

Sie kühlte sich am Waschtisch Augen und Stirn.

Bei dem Blinken des Wassers mußte sie immer an die Alster denken.

Ein Sprung in die Alster.

Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr
vor Augen. Sie schüttelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf.
Wer zwang sie denn? Sie war ja frei.

Als die Mutter sie so müde und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas
in die Luft zu gehen. Sie müsse sich Bewegung machen, auch des Kindes
wegen.

Lulu wehrte ab.

Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte
sie begleiten, meinte die Mutter.

Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein,
nickte Lulu.

"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter.



XXV.


Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen,
als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Nächste dazu".

Frau Caroline stellte sich völlig auf den Standpunkt der Moral. Sie
verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich für eine
anständige Frau geziemte, und hätte sicher an beiden kein gutes Haar
gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre
sittliche Entrüstung etwas gemildert hätte.

Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu über die Achseln angesehn
gefühlt. Nun rückte sie jener gegenüber gar in den Rang einer
Schwiegermutter auf.

Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior würde es nun heißen.

Meine Schwiegertochter Lulu.

Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht
nannte Lulu sie gar Mama.

"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu
Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glück, daß
noch alles so gut abläuft."

Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden
Kräfte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als
bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wußte sie, daß sie
sterben würde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah
wiederholt an der Zimmerdecke Mäuse.

Das bedeutete den nahen Tod.

Therese wollte sonst nicht für abergläubisch gelten. Kartenlegen,
Besprechen und anderen Altweiberunsinn belächelte und verspottete sie.
Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her
ehrfurchtsvollen Schauder abgenötigt. So weit erstreckte sich ihre
Aufklärung nicht. Daß der Tod entfernter Personen sich oftmals
ankündigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren,
geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis für
erwiesen.

Die Tante, der sie ihren Traum erzählte, hatte erst ein ganz bestürztes
Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn"
auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an
dergleichen Vorbedeutungen glaubte.

Hermann gegenüber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal,
gesprächsweise machte sie doch Andeutungen.

"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand,
streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und
gesund, Resi."

Als sie ungläubig den Kopf schüttelte, sagte er wiederholt "Unsinn,
Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus.

Das sagte ihr genug.

Aber sie blieb ruhig und heiter.

Sie hätte vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, daß sie den Tod so
ruhig erwarten könnte. Kein Zagen, kein Graun.

Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen
wiederkommen zu können erklärte, war ihr auf einmal so bange geworden,
so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als würde sie ihn nie wiedersehen,
als müßte sie ihn mit Gewalt zurückhalten.

Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alle
Hoffnung genommen worden war, glaubte, Therese würde die "Krisis"
überstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klare
Vorstellung davon zu machen.

Vielleicht würde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewußtsein
gekommen sein, wenn nicht ihre persönlichen Angelegenheiten sie gar so
sehr in Anspruch genommen hätten.

Die geschäftlichen Obliegenheiten lagen thatsächlich fast allein auf
ihren Schultern, da Fräulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte.

Dazu kamen die Heiratsgedanken.

Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon
allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die
"leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf.

Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Mädchen, die in
ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren.
Sie stand ja als so nahe Verwandte des Sünders mitten in der Aktion, und
von je her war sie nie glücklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit
dazu gehörte."

Als künftige Schwiegermutter der ins Unglück geratenen, bewahrte sie
natürlich allen Ausfragern gegenüber die nötige Zurückhaltung, und half
durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier
abenteuerlicher Gerüchte um diesen pikanten Vorfall zu weben.

Wie erschrak sie, als Mutter Behn früh morgens, um sechs Uhr, mit der
ängstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe.

"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen."

"Meine Güte, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts
passiert?"

Die Gemüsefrau von nebenan kam. "Hebben Se all hürt? Behns ehr Lulu is
furt."

Ein Dienstmädchen aus der Gärtnerstraße wollte "man bloß mal auf'n
Augenblick einsehen".

"Nu is se ja woll utrückt", meinte sie. "Wat'n Upstand."

Auch der alte Beuthien kam ganz verstört.

"Line, Line, wat'n Stück--wat'n Stück."

Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hörte sie.

Fräulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung glühenden Wangen
immer neben der Wittfoth.

"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie.

"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die
Schürzen gesäumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig
sein."

Damit schüttelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab.

Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster.

"Dod?" fragte die Wittfoth.

Beuthien gab mit dem Daumen über die rechte Schulter hinweg die Richtung
an: "In'n Kanal."

"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da muß ich mich erst
mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren."

Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her.

"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll.
Was sie nu wohl wieder hat."

Damit haftete sie über den Korridor, steckte aber im Vorübereilen den
Kopf durch die Thür des Arbeitszimmers:

"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und
man ja nicht zu breit, hören Sie?"



XXVI.


Der alte Behn saß in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, die
Ellbogen aufgestützt, das Gesicht mit den Händen bedeckend.

Schon geraume Zeit saß er so da.

Es war eine schwüle Luft in dem kleinen Raum.

Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich
vielfarbig in den Kristallflächen des Tintenfasses und des
Briefbeschwerers.

Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen die
Fensterscheiben flog, war das einzige Geräusch in der drückenden Stille.

Draußen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedämpfte Stimmen, ein
Geräusch, als würde ein schwerer Gegenstand transportiert.

Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt.

Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren.

Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das flüsternde Sprechen, das
Klingen der Korridorthür, und wieder die dumpfe Stille.

Noch immer saß Behn in unveränderter Stellung, wie schlafend.

Da wurde leise die Thür geöffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn
rief nach ihm.

Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust des
Mannes, aber er rührte sich nicht.

Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter.

"Johannes!"

Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuzten
Fäuste, und der große starke Mann schluchzte wie ein Kind.

"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise.

Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schämte er sich seiner Thränen.

Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf
einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch,
den Tintenwischer, die Sandbüchse, tastete an sich herum, als suche er
etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der
geduldigen Frau.

"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechte
Zimmer eintreten wollte.

Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie
die Eltern die beste Stube betraten, mit flüchtigem Blick einen Teil
des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet.

Sie beugte sich nachher zum Schlüsselloch hinunter, sah aber nichts, als
den breiten Rücken des Vaters.

Ihre Gedanken waren in großer Erregung. Lulu tot. Unfaßbar schien es
ihr.

Es war das erste Mal, daß der Tod Paula so nahe trat.

Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thränen abgepreßt.
Seine Augen waren noch rot und heiß vom Weinen, eine trockene, stechende
Hitze in den Lidern.

Jetzt, nach dem ersten Gefühlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihrem
Recht.

Paula hätte gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter
wollte es nicht leiden.

Wenn der Vater sich doch nur mal rühren wollte, dachte sie, am
Schlüsselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen
konnte.

Ob wohl viele Kränze kommen würden? Sie sah immer in Gedanken den ganzen
Pomp eines Begräbnisses vor sich.

Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am nächsten
Sonntag war.

Ob man ihn wohl feiern würde?

Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf
eingeladen. Clara würde ihr eine Papeterie schenken, das wußte sie
schon.

Wie häßlich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag würde.

Plötzlich fuhr sie vom Schlüsselloch zurück. Die Thür ward hastig
aufgestoßen, und der Vater, blaß, zitternd, trat schnell heraus.

"Water, flink, Water", ächzte er.

Minna stürzte aus der Küche und stieß unsanft mit Paula zusammen.

Doch der alte Behn war schon in der Küche, ehe die Mädchen recht
begriffen, was er wollte.

Die Stirn gegen die Wand gestützt, kämpfte er mit einem erstickenden
Würgen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handrücken den kalten
Schweiß von Stirn und Backen wischend.

So traf ihn der Briefträger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt
durch die nachlässig geschlossene Thür in die Wohnung gelangt war.

Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus.

"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend.

"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Briefträger. "So gewitterig
heute."

Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab.

"Is di beter, Johannes?"

Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen.

"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung för dat Klaveerstimmen."

Der Briefträger, noch ohne Ahnung von dem Unglück, das die Familie
betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Straße, durch ein Mädchen
des Nachbarhauses.

Er hatte auch für Frau Caroline Wittfoth einen Brief.

Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut.
"Briefträger!"

Er mußte noch ein zweites Mal rufen, bevor Fräulein Frieda erschrocken
erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen
balancierend.

Beide ausgestreckten Hände zur Höhe der Ohren erhebend, bedeutete sie
ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein.

"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert.

"Unser Fräulein is tot."

"Fräulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?"

"Schwindsucht", flüsterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvolles
Verbrechen.

Mit bedauerndem Kopfschütteln entfernte er sich.

Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock.

Fräulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach das
Gewünschte zu finden war, und holte die Wittfoth.

Frau Caroline erschien, verweint, mit geröteter Nase, das Taschentuch in
der Hand.

"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzählte sie auf den
fragenden Blick der Käuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von
gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes
Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Hände voll zu thun.
Ich weiß auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht."

"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehört hatte. "Mit so'n
Krankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang."

"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik sögg Se den Unnerrock rut."



XXVII.


Zwei Tage später hielten zwei Leichenwagen an der Ecke des
Durchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter.

Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel
vier Kränze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre
goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Kränze frisch
besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf
den Blättern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblüten
und dem dunklen Grün der Kranzgewinde.

Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge.

Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen,
das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Wäscheschatzes,
in der Hand.

Nachdem sie alles Nebensächliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu
kommen pflegte, überwunden hatte, die Störung ihres Hauswesens, die
Beeinträchtigung des Geschäftes, die Wahl eines Trauerkostümes, ob Crépe
oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige
Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen.

Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit
niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag
zurücklegte, den Fräulein Frieda öffnete.

Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr
winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur
eine schwarze Moiré-Schürze angelegt, die Frau Caroline für diesen Zweck
noch in letzer Mintute dem Schürzenkasten entnahm.

"Der Leute wegen."

Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu
entfernen.

"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Fräulein", flüsterte sie aus der
Droschke heraus dem Mädchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock
kommt, wissen Sie ja Bescheid."

Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzem
Gehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins rötliche schillerndem
Cylinder.

In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt,
damit nicht nur ein einziger Wagen folgte.

Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die
ungern zu dritt in einer Droschke gefahren wäre.

"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringt
Unglück. Gewöhnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne gerade
Zahl, das ist besser."

Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, die
Schwächen seiner Tante zu schonen.

War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet
gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschüttert. Er hatte alle seine
freie Zeit der Tante zur Verfügung gestellt und ihr alle Vorbereitungen
und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen.

Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufällige Entdeckung, daß
er dem Herzen der Verstorbenen näher gestanden haben mochte, als sie ihn
hatte merken lassen.

Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem
Nähkörbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat,
ein Geschenk, das er ihr ungefähr vor einem Jahre gemacht hatte.

"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklärte die Tante. "Und noch etwas
für Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es
zum Geburtstag haben."

Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkränzte Monogramm
Hermanns.

Gerührt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner
Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begräbnis noch
in die Wohnung der Tante zurückzukehren.

Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus
dem Behnschen Hause den reichgeschmückten Sarg hinaus.

Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen überströmte die
Straße, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren.

In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Straße hinauf.

Nur wenige, flüchtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens.
Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begräbnis.

Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man
besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger
Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen.

Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenüberhäuftem Sarg
aus, der Zauber des Gräßlichen, der Reiz des Unglücks umstrickte die
Seelen.

Der Wind warf den Staub unter die Menge, über den Sarg, über die Kränze,
trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief
herabhängenden Trauermäntel der Pferde wie Segel auf.

Die zwölf Träger, in ihren althergebrachten Pompgewändern, mit weißer
Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der
Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zügel, und der
Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor über den linken Arm
tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung
setzte.

Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine
plötzliche Verkehrsstörung wieder zum Halten zwang.

Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen
hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht.

Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein unglücklicher Zufall, ließ
das leichte Gefährt mit dem schweren Lastwagen zusammenstoßen. Das
zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden
gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker
stand in größter Verlegenheit bei dem gestürzten Fuchs, der wild
ausschlagend, alle Bemühungen, ihn aufzurichten, vereitelte.

Daneben stand, blaß, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in der
Angst den kühnen Sprung von ihrem gefährlichen Wagensitz gewagt hatte.

Hermann hatte aus seinem Coupé heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen
vermeint.

Schnell zog er sich in den schützenden Versteck des tiefen Fonds zurück.
Keine Erinnerung hätte ihm heute peinlicher sein können als diese. Sie
brachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmütige Stimmung.
Die Augen schließend, träumte er in der langsam über das stoßende
Pflaster holpernden Droschke von jenem Frühlingsabendgang zwischen den
Weißdornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Küssen.

Mit schrillem Mißklang intonierte in einer Nebenstraße eine Drehorgel
einen neuerdings beliebten Operettenwalzer.

Hermann schrak aus seinem Brüten auf.

Wie gemein waren diese Klänge.

Ein Straßenjunge sang im höchsten Diskant zu den Melodien des
Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis
zur nächsten Straßenecke hörte Hermann den Gesang des Bengels.

Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehört? War es
damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen.

Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie,
summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im
Walzerrhythmus:

  "Meine Liebste ist in Bremen,
  Ist 'ne Selterwasserdirn."





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Aus dem Durchschnitt" ***

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