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Title: Unterm Birnbaum
Author: Fontane, Theodor, 1819-1898
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Unterm Birnbaum" ***

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from scans of public domain material at Klassik Stiftung
Weimar / Herzogin Anna Amalia Bibliothek.)



                           Unterm Birnbaum.


                                  Von

                           Theodor Fontane.


                                Berlin,
                  G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.
                                 1885.



                    Übersetzungsrecht vorbehalten.

   Pierer’sche Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel & Co. in Altenburg.



                                  I.


Vor dem in dem großen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin um
Michaeli 20 eröffneten _Gasthaus und Materialwaarengeschäft von Abel
Hradscheck_ (so stand auf einem über der Thür angebrachten Schilde)
wurden Säcke, vom Hausflur her, auf einen mit zwei magern Schimmeln
bespannten Bauerwagen geladen. Einige von den Säcken waren nicht gut
gebunden oder hatten kleine Löcher und Ritzen, und so sah man denn an
dem, was herausfiel, daß es Rapssäcke waren. Auf der Straße neben dem
Wagen aber stand Abel Hradscheck selbst und sagte zu dem eben vom Rad
her auf die Deichsel steigenden Knecht: »Und nun vorwärts, Jakob, und
grüße mir Ölmüller Quaas. Und sag’ ihm, bis Ende der Woche müßt’ ich das
Öl haben, Leist in Wrietzen warte schon. Und wenn Quaas nicht da ist, so
bestelle der Frau meinen Gruß und sei hübsch manierlich. Du weißt ja
Bescheid. Und weißt auch, Kätzchen hält auf Komplimente.«

Der als Jakob Angeredete nickte nur statt aller Antwort, setzte sich auf
den vordersten Rapssack und trieb beide Schimmel mit einem schläfrigen
»Hüh« an, wenn überhaupt von Antreiben die Rede sein konnte. Und nun
klapperte der Wagen nach rechts hin den Fahrweg hinunter, erst auf das
Bauer Orth’sche Gehöft sammt seiner Windmühle (womit das Dorf nach der
Frankfurter Seite hin abschloß) und dann auf die weiter draußen am
Oderbruch-Damm gelegene Ölmühle zu. Hradscheck sah dem Wagen nach, bis
er verschwunden war, und trat nun erst in den Hausflur zurück. Dieser
war breit und tief und theilte sich in zwei Hälften, die durch ein paar
Holzsäulen und zwei dazwischen ausgespannte Hängematten von einander
getrennt waren. Nur in der Mitte hatte man einen Durchgang gelassen. An
dem Vorflur lag nach rechts hin das Wohnzimmer, zu dem eine Stufe
hinaufführte, nach links hin aber der Laden, in den man durch ein
großes, fast die halbe Wand einnehmendes Schiebefenster hineinsehen
konnte. Früher war hier die Verkaufsstelle gewesen, bis sich die zum
Vornehmthun geneigte Frau Hradscheck das Herumtrampeln auf ihrem Flur
verbeten und auf Durchbruch einer richtigen Ladenthür, also von der
Straße her, gedrungen hatte. Seitdem zeigte dieser Vorflur eine gewisse
Herrschaftlichkeit, während der nach dem Garten hinausführende
Hinterflur ganz dem Geschäft gehörte. Säcke, Citronen- und
Apfelsinenkisten standen hier an der einen Wand entlang, während an der
andern übereinandergeschichtete Fässer lagen, Ölfässer, deren stattliche
Reihe nur durch eine zum Keller hinunterführende Fallthür unterbrochen
war. Ein sorglich vorgelegter Keil hielt nach rechts und links hin die
Fässer in Ordnung, so daß die untere Reihe durch den Druck der
obenaufliegenden nicht ins Rollen kommen konnte.

So war der Flur. Hradscheck selbst aber, der eben die schmale, zwischen
den Kisten und Ölfässern freigelassene Gasse passirte, schloß, halb
ärgerlich halb lachend, die trotz seines Verbotes mal wieder
offenstehende Fallthür und sagte: »Dieser Junge, der Ede. Wann wird er
seine fünf Sinne beisammen haben!«

Und damit trat er vom Flur her in den Garten.

Hier war es schon herbstlich, nur noch Astern und Reseda blühten
zwischen den Buchsbaumrabatten, und eine Hummel umsummte den Stamm eines
alten Birnbaums, der mitten im Garten hart neben dem breiten
Mittelsteige stand. Ein paar Möhrenbeete, die sich, sammt einem schmalen
mit Kartoffeln besetzten Ackerstreifen, an eben dieser Stelle durch eine
Spargel-Anlage hinzogen, waren schon wieder umgegraben, eine frische
Luft ging, und eine schwarzgelbe, der nebenanwohnenden Wittwe Jeschke
zugehörige Katze schlich, muthmaßlich auf der Sperlingssuche, durch die
schon hoch in Samen stehenden Spargelbeete.

Hradscheck aber hatte dessen nicht Acht. Er ging vielmehr rechnend und
wägend zwischen den Rabatten hin und kam erst zu Betrachtung und
Bewußtsein, als er, am Ende des Gartens angekommen, sich umsah und nun
die Rückseite seines Hauses vor sich hatte. Da lag es, sauber und
freundlich, links die sich von der Straße her bis in den Garten
hineinziehende Kegelbahn, rechts der Hof sammt dem Küchenhaus, das er
erst neuerdings an den Laden angebaut hatte. Der kaum vom Winde bewegte
Rauch stieg sonnenbeschienen auf und gab ein Bild von Glück und Frieden.
Und das alles war sein! Aber wie lange noch? Er sann ängstlich nach und
fuhr aus seinem Sinnen erst auf, als er, ein paar Schritte von sich
entfernt, eine große, durch ihre Schwere und Reife sich von selbst
ablösende Malvasierbirne mit eigenthümlich dumpfem Ton aufklatschen
hörte. Denn sie war nicht auf den harten Mittelsteig, sondern auf eins
der umgegrabenen Möhrenbeete gefallen. Hradscheck ging darauf zu, bückte
sich und hatte die Birne kaum aufgehoben, als er sich von der Seite her
angerufen hörte:

»Dag, Hradscheck. Joa, et wahrd nu Tied. De Malvesieren kümmen all von
sülwst.«

Er wandte sich bei diesem Anruf und sah, daß seine Nachbarin, die
Jeschke, deren kleines, etwas zurückgebautes Haus den Blick auf seinen
Garten hatte, von drüben her über den Himbeerzaun kuckte.

»Ja, Mutter Jeschke, ’s wird Zeit,« sagte Hradscheck. »Aber wer soll die
Birnen abnehmen? Freilich wenn Ihre Line hier wäre, die könnte helfen.
Aber man hat ja keinen Menschen und muß alles selbst machen.«

»Na, Se hebben joa doch den Jungen, den Ede.«

»Ja, den hab’ ich. Aber der pflückt blos für sich.«

»Dat sall woll sien,« lachte die Alte. »Een in’t Töppken, een in’t
Kröppken.«

Und damit humpelte sie wieder nach ihrem Hause zurück, während auch
Hradscheck wieder vom Garten her in den Flur trat.

Hier sah er jetzt nachdenklich auf die Stelle, wo vor einer halben
Stunde noch die Rapssäcke gestanden hatten, und in seinem Auge lag
etwas, als wünsch’ er, sie stünden noch am selben Fleck oder es wären
neue statt ihrer aus dem Boden gewachsen. Er zählte dann die
Fässerreihe, rief, im Vorübergehen, einen kurzen Befehl in den Laden
hinein und trat gleich danach in seine gegenüber gelegene Wohnstube.

Diese machte neben ihrem wohnlichen zugleich einen eigenthümlichen
Eindruck, und zwar, weil alles in ihr um vieles besser und eleganter
war, als sich’s für einen Krämer und Dorfmaterialisten schickte. Die
zwei kleinen Sophas waren mit einem hellblauen Atlasstoff bezogen, und
an dem Spiegelpfeiler stand ein schmaler Trumeau, weißlackirt und mit
Goldleiste. Ja, das in einem Mahagoni-Rahmen über dem kleinen Klavier
hängende Bild (allem Anscheine nach ein Stich nach Claude Lorrain) war
ein Sonnenuntergang mit Tempeltrümmern und antiker Staffage, so daß man
sich füglich fragen durfte, wie das alles hierherkomme? Passend war
eigentlich nur ein Stehpult mit einem Gitter-Aufsatz und einem Kuckloch
darüber, mit Hilfe dessen man, über den Flur weg, auf das große
Schiebefenster sehen konnte.

Hradscheck legte die Birne vor sich hin und blätterte das Kontobuch
durch, das aufgeschlagen auf dem Pulte lag. Um ihn her war alles still,
und nur aus der halboffenstehenden Hinterstube vernahm er den Schlag
einer Schwarzwälder Uhr.

Es war fast, als ob das Ticktack ihn störe, wenigstens ging er auf die
Thür zu, anscheinend um sie zu schließen; als er indeß hineinsah, nahm
er überrascht wahr, daß seine Frau in der Hinterstube saß, wie
gewöhnlich schwarz aber sorglich gekleidet, ganz wie Jemand, der sich
auf Figurmachen und Toilettendinge versteht. Sie flocht eifrig an einem
Kranz, während ein zweiter, schon fertiger an einer Stuhllehne hing.

»Du hier, Ursel! Und Kränze! Wer hat denn Geburtstag?«

»Niemand. Es ist nicht Geburtstag. Es ist blos Sterbetag, Sterbetag
Deiner Kinder. Aber Du vergißt alles. Blos Dich nicht.«

»Ach, Ursel, laß doch. Ich habe meinen Kopf voll Wunder. Du mußt mir
nicht Vorwürfe machen. Und dann die Kinder. Nun ja, sie sind todt, aber
ich kann nicht trauern und klagen, daß sie’s sind. Umgekehrt, es ist ein
Glück.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Und ist nur zu gut zu verstehn. Ich weiß nicht aus noch ein und habe
Sorgen über Sorgen.«

»Worüber? Weil Du nichts Rechtes zu thun hast und nicht weißt, wie Du
den Tag hinbringen sollst. Hinbringen sag’ ich, denn ich will Dich nicht
kränken und von Zeit todtschlagen sprechen. Aber sage selbst, wenn
drüben die Weinstube voll ist, dann fehlt Dir nichts. Ach, das verdammte
Spiel, das ewige Knöcheln und Tempeln. Und wenn Du noch glücklich
spieltest! Ja, Hradscheck, das muß ich Dir sagen, wenn Du spielen
willst, so spiele wenigstens glücklich. Aber ein Wirth, der _nicht_
glücklich spielt, muß davon bleiben, sonst spielt er sich von Haus und
Hof. Und dazu das Trinken, immer der schwere Ungar, bis in die Nacht
hinein.«

Er antwortete nicht, und erst nach einer Weile nahm er den Kranz, der
über der Stuhllehne hing, und sagte: »Hübsch. Alles, was Du machst, hat
Schick. Ach, Ursel, ich wollte, Du hättest bessere Tage.«

Dabei trat er freundlich an sie heran und streichelte sie mit seiner
weißen, fleischigen Hand.

Sie ließ ihn auch gewähren, und als sie, wie beschwichtigt durch seine
Liebkosungen, von ihrer Arbeit aufsah, sah man, daß es ihrer Zeit eine
sehr schöne Frau gewesen sein mußte, ja, sie war es beinah noch. Aber
man sah auch, daß sie viel erlebt hatte, Glück und Unglück, Lieb’ und
Leid, und durch allerlei schwere Schulen gegangen war. Er und sie
machten ein hübsches Paar und waren gleichaltrig, Anfang vierzig, und
ihre Sprech- und Verkehrsweise ließ erkennen, daß es eine Neigung
gewesen sein mußte, was sie vor länger oder kürzer zusammengeführt
hatte.

Der herbe Zug, den sie bei Beginn des Gesprächs gezeigt, wich denn auch
mehr und mehr, und endlich fragte sie: »Wo drückt es wieder? Eben hast
Du den Raps weggeschickt, und wenn Leist das Öl hat, hast Du das Geld.
Er ist prompt auf die Minute.«

»Ja, das ist er. Aber ich habe nichts davon, alles ist blos Abschlag und
Zins. Ich stecke tief drin und leider am tiefsten bei Leist selbst. Und
dann kommt die Krakauer Geschichte, der Reisende von Olszewski-Goldschmidt
und Sohn. Er kann jeden Tag da sein.«

Hradscheck zählte noch anderes auf, aber ohne daß es einen tieferen
Eindruck auf seine Frau gemacht hätte. Vielmehr sagte sie langsam und
mit gedehnter Stimme: »Ja, Würfelspiel und Vogelstellen ...«

»Ach, immer Spiel und wieder Spiel! Glaube mir, Ursel, es ist nicht so
schlimm damit und jedenfalls mach’ ich mir nichts d’raus. Und am
wenigsten aus dem Lotto; ’s ist alles Thorheit und weggeworfen Geld, ich
weiß es, und doch hab’ ich wieder ein Loos genommen. Und warum? Weil ich
heraus will, weil ich heraus _muß_, weil ich uns retten möchte.«

»So, so,« sagte sie, während sie mechanisch an dem Kranze weiter flocht
und vor sich hin sah, als überlege sie, was wohl zu thun sei.

»Soll ich Dich auf den Kirchhof begleiten,« frug er, als ihn ihr
Schweigen zu bedrücken anfing. »Ich thu’s gern, Ursel.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?«

»Weil, wer den Todten einen Kranz bringen will, wenigstens an sie
gedacht haben muß.«

Und damit erhob sie sich und verließ das Haus, um nach dem Kirchhof zu
gehen.

Hradscheck sah ihr nach, die Dorfstraße hinauf, auf deren rothen Dächern
die Herbstsonne flimmerte. Dann trat er wieder an sein Pult und
blätterte.



                                  II.


Eine Woche war seit jenem Tage vergangen, aber das Spielglück, das sich
bei Hradscheck einstellen sollte, blieb aus und das Lottoglück auch.
Trotz alledem gab er das Warten nicht auf, und da gerade
Lotterie-Ziehzeit war, kam das Viertelloos gar nicht mehr von seinem
Pult. Es stand hier auf einem Ständerchen, ganz nach Art eines Fetisch,
zu dem er nicht müde wurde, respektvoll und beinah mit Andacht
aufzublicken. Alle Morgen sah er in der Zeitung die Gewinn-Nummern
durch, aber die seine fand er nicht, trotzdem sie unter ihren fünf
Zahlen drei Sieben hatte und mit sieben dividirt glatt aufging. Seine
Frau, die wohl wahrnahm, daß er litt, sprach ihm nach ihrer Art zu,
nüchtern aber nicht unfreundlich, und drang in ihn, »daß er den
Lotteriezettel wenigstens vom Ständer herunternehmen möge, das verdrösse
den Himmel nur und wer dergleichen thäte, kriege statt Rettung und Hilfe
den Teufel und seine Sippschaft ins Haus. Das Loos müsse weg. Wenn er
wirklich beten wolle, so habe sie was Besseres für ihn, ein Marienbild,
das der Bischof von Hildesheim geweiht und ihr bei der Firmelung
geschenkt habe.«

Davon wollte nun aber der beständig zwischen Aber- und Unglauben hin und
her schwankende Hradscheck nichts wissen. »Geh mir doch mit dem Bild,
Ursel. Und wenn ich auch wollte, denke nur, welche Bescheerung ich
hätte, wenn’s Einer merkte. Die Bauern würden lachen von einem Dorfende
bis ans andere, selbst Orth und Igel, die sonst keine Miene verziehen.
Und mit der Pastor-Freundschaft wär’s auch vorbei. Daß er zu Dir hält,
ist doch blos, weil er Dir den katholischen Unsinn ausgetrieben und
einen Platz im Himmel, ja vielleicht an seiner Seite gewonnen hat. Denn
mit meinem Anspruch auf Himmel ist’s nicht weit her.«

Und so blieb denn das Loos auf dem Ständer, und erst als die Ziehung
vorüber war, zerriß es Hradscheck und streute die Schnitzel in den Wind.
Er war aber auch jetzt noch, all seinem spöttisch-überlegenen Gerede zum
Trotz, so schwach und abergläubisch, daß er den Schnitzeln in ihrem
Fluge nachsah, und als er wahrnahm, daß einige die Straße hinauf bis an
die Kirche geweht wurden und dort erst niederfielen, war er in seinem
Gemüthe beruhigt und sagte: »Das bringt Glück.«

Zugleich hing er wieder allerlei Gedanken und Vorstellungen nach, wie
sie seiner Phantasie jetzt häufiger kamen. Aber er hatte noch Kraft
genug, das Netz, das ihm diese Gedanken und Vorstellungen überwerfen
wollten, wieder zu zerreißen.

»Es geht nicht.«

Und als im selben Augenblick das Bild des Reisenden, dessen Anmeldung
er jetzt täglich erwarten mußte, vor seine Seele trat, trat er
erschreckt zurück und wiederholte nur so vor sich hin: »Es geht nicht.«

                           *       *       *

So war Mitte Oktober heran gekommen.

Im Laden gab’s viel zu thun, aber mitunter war doch ruhige Zeit, und
dann ging Hradscheck abwechselnd in den Hof, um Holz zu spellen, oder in
den Garten, um eine gute Sorte Tischkartoffeln aus der Erde zu nehmen.
Denn er war ein Feinschmecker. Als aber die Kartoffeln heraus waren,
fing er an, den schmalen Streifen Land, darauf sie gestanden,
umzugraben. Überhaupt wurde Graben und Gartenarbeit mehr und mehr seine
Lust, und die mit dem Spaten in der Hand verbrachten Stunden waren
eigentlich seine glücklichsten.

Und so beim Graben war er auch heute wieder, als die Jeschke, wie
gewöhnlich, an die die beiden Gärten verbindende Heckenthür kam und ihm
zusah, trotzdem es noch früh am Tage war.

»De Tüffeln sinn joa nu rut, Hradscheck.«

»Ja, Mutter Jeschke, seit vorgestern. Und war diesmal ’ne wahre Freude;
mitunter zwanzig an einem Busch und alle groß und gesund.«

»Joa, joa, wenn een’s Glück hebben sall. Na, Se hebben’t, Hradscheck. Se
hebben Glück bi de Tüffeln un bi de Malvesieren ook. I, Se möten joa
woll ’n Scheffel ’runnerpflückt hebb’n.«

»O mehr, Mutter Jeschke, viel mehr.«

»Na, bereden Se’t nich, Hradscheck. Nei, nei. Man sall nix bereden. Ook
sien Glück nich.«

Und damit ließ sie den Nachbar stehn und humpelte wieder auf ihr Haus
zu.

Hradscheck aber sah ihr ärgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl
Grund dazu. War doch die Jeschke, so freundlich und zuthulich sie that,
eine schlimme Nachbarschaft und quacksalberte nicht blos, sondern machte
auch sympathetische Kuren, besprach Blut und wußte, wer sterben würde.
Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbehause stehn. Und
es hieß auch, »sie wisse, wie man sich unsichtbar machen könne«, was,
als Hradscheck sie seinerzeit danach gefragt hatte, halb von ihr
bestritten und dann halb auch wieder zugestanden war. »Sie wisse es
nicht; aber _das_ wisse sie, daß frisch ausgelassenes Lamm-Talg gut sei,
versteht sich von einem ungeborenen Lamm und als Licht über einen rothen
Wollfaden gezogen; am besten aber sei Farrnkrautsamen in die Schuhe oder
Stiefel geschüttet.« Und dann hatte sie herzlich gelacht, worin
Hradscheck natürlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes
Wort, als ob es ein Evangelium wär’, in Erinnerung geblieben, vor allem
das »ungeborne Lamm« und der »Farrnkrautsamen«. Er glaubte nichts davon
und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit
unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so
nach dem Gespräch über das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr.

                           *       *       *

Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem
Morgengeplauder über die »Tüffeln« und die »Malvesieren«, in ihrem Hause
verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte: »Wenn een’s
Glück hebben sall. Na, Se hebben’t joa, Hradscheck. Awers bereden Se’t
nich.« Ja, so waren ihre Worte gewesen. Und was war mit dem allem
gemeint? Was sollte dies ewige Reden von Glück und wieder Glück? War es
Neid oder wußte sie’s besser? Hatte sie doch vielleicht mit ihrem
Hokuspokus ihm in die Karten gekuckt?

Während er noch so sann, nahm er den Spaten wieder zur Hand und begann
rüstig weiter zu graben. Er warf dabei ziemlich viel Erde heraus und war
keine fünf Schritt mehr von dem alten Birnbaum, auf den der
Ackerstreifen zulief, entfernt, als er auf etwas stieß, das unter dem
Schnitt des Eisens zerbrach und augenscheinlich weder Wurzel noch Stein
war. Er grub also vorsichtig weiter und sah alsbald, daß er auf Arm und
Schulter eines hier verscharrten Todten gestoßen war. Auch Zeugreste
kamen zu Tage, zerschlissen und gebräunt, aber immer noch farbig und
wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, daß es ein Soldat gewesen
sein müsse.

Wie kam der hierher?

Hradscheck stützte sich auf die Krücke seines Grabscheits und überlegte.
»Soll ich es zur Anzeige bringen? Nein. Es macht blos Geklätsch. Und
Keiner mag einkehren, wo man einen Todten unterm Birnbaum gefunden hat.
Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen.«

Und damit warf er den Armknochen, den er ausgegraben, in die Grube
zurück und schüttete diese wieder zu. Während dieses Zuschüttens aber
hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen
ihm immer häufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht,
sondern wurden Pläne, die Besitz von ihm nahmen und ihn, ihm selbst zum
Trotz, an die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu thun
hatte, war gethan, es gab nichts mehr zu graben und zu schütten, aber
immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah sich um, als ob
er bei böser That ertappt worden wäre. Und fast war es so. Denn
unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) umdrängten ihn
so faßbar und leibhaftig, daß er sich wohl fragen durfte, ob nicht
Andere da wären, die diese Gestalten auch sähen. Und er lugte wirklich
nach der Zaunstelle hinüber. Gott sei Dank, die Jeschke war nicht da.
Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Todte sehen
konnte, Todte, die noch nicht todt waren, warum sollte sie nicht die
Gestalten sehn, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen überlief
ihn, nicht vor der That, nein, aber bei dem Gedanken, daß das, was erst
That werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und
verrathen war. Er zitterte, bis er, sich plötzlich aufraffend, den
Spaten wieder in den Boden stieß.

»Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dümmere
hinter’s Licht zu führen. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer
und ihrer ganzen Todtenkuckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht
einen Sarg an der Thür stehn, und dann stirbt Einer. Ja, sie sagt es,
aber sagt es immer erst, wenn Einer todt ist oder keinen Athem mehr hat
oder das Wasser ihm schon an’s Herz stößt. Ja, dann kann ich auch
prophezeihn. Alte Hexe, Du sollst mir nicht weiter Sorge machen. Aber
Ursel! Wie bring’ ich’s der bei? Da liegt der Stein. Und wissen muß
sie’s. Es müssen zwei sein ...«

Und er schwieg. Bald aber fuhr er entschlossen fort: »Ah, bah, es wird
sich finden, weil sich’s finden muß. Noth kennt kein Gebot. Und was
sagte sie neulich, als ich das Gespräch mit ihr hatte? ›Nur nicht arm
sein ... Armuth ist das Schlimmste.‹ Daran halt’ ich sie; damit zwing’
ich sie. Sie _muß_ wollen.«

Und so sprechend, ging er, das Grabscheit gewehrüber nehmend, wieder auf
das Haus zu.



                                 III.


Als Hradscheck bis an den Schwellstein gekommen war, nahm er das
Grabscheit von der Schulter, lehnte die Krücke gegen das am Hause sich
hinziehende Weinspalier und wusch sich die Hände, saubrer Mann der er
war, in einem Kübel, drin die Dachtraufe mündete. Danach trat er in den
Flur und ging auf sein Wohnzimmer zu.

Hier traf er Ursel. Diese saß vor einem Nähtisch am Fenster und war,
trotz der frühen Stunde, schon wieder in Toilette, ja noch sorglicher
und geputzter als an dem Tage, wo sie die Kränze für die Kinder
geflochten hatte. Das hochanschließende Kleid, das sie trug, war auch
heute schlicht und dunkelfarbig (sie wußte, daß Schwarz sie kleidete),
der blanke Ledergürtel aber wurde durch eine Bronzeschnalle von
auffälliger Größe zusammengehalten, während in ihren Ohrringen lange
birnenförmige Bummeln von venetianischer Perlenmasse hingen. Sie wirkten
anspruchsvoll und störten mehr als sie schmückten. Aber für dergleichen
gebrach es ihr an Wahrnehmung, wie denn auch der mit Schildpatt
ausgelegte Nähtisch, trotz all seiner Eleganz, zu den beiden hellblauen
Atlas-Sophas nicht recht passen wollte. Noch weniger zu dem weißen
Trumeau. Links neben ihr, auf dem Fensterbrett, stand ein
Arbeitskästchen, darin sie, gerade als Hradscheck eintrat, nach einem
Faden suchte. Sie ließ sich dabei nicht stören und sah erst auf, als der
Eintretende, halb scherzhaft, aber doch mit einem Anfluge von Tadel
sagte: »Nun, Ursel, schon in Staat? Und nichts zu thun mehr in der
Küche?«

»Weil es fertig werden muß.«

»Was?«

»Das hier.« Und dabei hielt sie Hradscheck ein Sammtkäpsel hin, an dem
sie gerade nähte. »Wenig mit Liebe.«

»Für mich?«

»Nein. Dazu bist Du nicht fromm und, was Du lieber hören wirst, auch
nicht alt genug.«

»Also für den Pastor?«

»Gerathen.«

»Für den Pastor. Nun gut. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft,
und die Freundschaft mit einem Pastor kann man doppelt brauchen. Es
giebt einem solch Ansehen. Und ich habe mir auch vorgenommen, ihn wieder
öfter zu besuchen und mit Ede Sonntags umschichtig in die Kirche zu
gehen.«

»Das thu nur; er hat sich schon gewundert.«

»Und hat auch Recht. Denn ich bin ihm eigentlich verschuldet. Und ist
noch dazu der Einzige, dem ich gern verschuldet bin. Ja, Du siehst mich
an, Ursel. Aber es ist so. Hat er Dich nicht auf den rechten Weg
gebracht? Sage selbst. Wenn Eccelius nicht war, so stecktest Du noch in
dem alten Unsinn.«

»Sprich nicht so. Was weißt Du davon? Ihr habt ja gar keine Religion.
Und Eccelius eigentlich auch nicht. Aber er ist ein guter Mann, eine
Seele von Mann, und meint es gut mit mir und aller Welt. Und hat mir zum
Herzen gesprochen.«

»Ja, das versteht er; das hat er in der Loge gelernt. Er rührt einen zu
Thränen. Und nun gar erst die Weiber.«

»Und dann halt’ ich zu ihm,« fuhr Ursel fort, ohne der Unterbrechung zu
achten, »weil er ein gebildeter Mann ist. Ein guter Mann, und ein
gebildeter Mann. Und offen gestanden, daran bin ich gewöhnt.«

Hradscheck lachte. »Gebildet, Ursel, das ist Dein drittes Wort. Ich weiß
schon. Und dann kommt der Göttinger Student, der Dir einen Ring
geschenkt hat, als Du vierzehn Jahr alt warst (er wird wohl nicht echt
gewesen sein), und dann kommt vieles _nicht_ oder doch manches nicht ...
verfärbe Dich nur nicht gleich wieder ... und zuletzt kommt der
Hildesheimer Bischof. Das ist Dein höchster Trumpf, und was Vornehmeres
giebt es in der ganzen Welt nicht. Ich weiß es seit lange. Vornehm,
vornehm. Ach, ich rede nicht gern davon, aber Deine Vornehmheit ist mir
theuer zu stehn gekommen.«

Ursel legte das Sammtkäpsel aus der Hand, steckte die Nadel hinein und
sagte, während sie sich mit halber Wendung von ihm ab und dem Fenster
zukehrte: »Höre, Hradscheck, wenn Du gute Tage mit mir haben willst, so
sprich nicht so. Hast Du Sorgen, so will ich sie mittragen, aber Du
darfst mich nicht dafür verantwortlich machen, daß sie da sind. Was ich
Dir hundert Mal gesagt habe, das muß ich Dir wieder sagen. Du bist kein
guter Kaufmann, denn Du hast das Kaufmännische nicht gelernt, und Du
bist kein guter Wirth, denn Du spielst schlecht oder doch nicht mit
Glück und trinkst nebenher Deinen eigenen Wein aus. Und was da nach
drüben geht, nach Neu-Lewin hin, oder wenigstens gegangen ist (und dabei
wies sie mit der Hand nach dem Nachbardorfe), davon will ich nicht
reden, schon gar nicht, schon lange nicht. Aber das darf ich Dir sagen,
Hradscheck, so steht es mit Dir. Und anstatt Dich zu Deinem Unrecht zu
bekennen, sprichst Du von meinen Kindereien und von dem hochwürdigen
Bischof, dem Du nicht werth bist die Schuhriemen zu lösen. Und wirfst
mir dabei meine Bildung vor.«

»Nein, Ursel.«

»Oder daß ich’s ein bischen hübsch oder, wie Du sagst, vornehm haben
möchte.«

»Ja, das.«

»Also doch. Nun aber sage mir, was hab’ ich gethan? Ich habe mich in den
ersten Jahren eingeschränkt und in der Küche gestanden und gebacken und
gebraten, und des Nachts an der Wiege gesessen. Ich bin nicht aus dem
Haus gekommen, so daß die Leute darüber geredet haben, die dumme Gans
draußen in der Ölmühle natürlich an der Spitze (Du hast es mir selbst
erzählt), und habe jeden Abend vor einem leeren Kleiderschrank gestanden
und die hölzernen Riegel gezählt. Und so sieben Jahre, bis die Kinder
starben, und erst als sie todt waren und ich nichts hatte, daran ich
mein Herz hängen konnte, da hab’ ich gedacht, nun gut, nun will ich es
wenigstens hübsch haben und eine Kaufmannsfrau sein, so wie man sich in
meiner Gegend eine Kaufmannsfrau vorstellt. Und als dann der Konkurs auf
Schloß Hoppenrade kam, da hab’ ich Dich gebeten, dies Bischen hier
anzuschaffen, und das hast Du gethan und ich habe mich dafür bedankt.
Und war auch blos in der Ordnung. Denn Dank muß sein, und ein gebildeter
Mensch weiß es und wird ihm nicht schwer. Aber all das, worüber jetzt so
viel geredet wird, als ob es wunder was wäre, ja, was ist es denn groß?
Eigentlich ist es doch nur altmodisch, und die Seide reißt schon,
trotzdem ich sie hüte wie meinen Augapfel. Und wegen dieser paar Sachen
stöhnst Du und hörst nicht auf zu klagen und verspottest mich wegen
meiner Bildung und Feinheit, wie Du zu sagen beliebst. Freilich bin ich
feiner als die Leute hier, in meiner Gegend ist man feiner. Willst Du
mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich nicht wie die Pute, die Quaas
bin, die ›mir‹ und ›mich‹ verwechselt und eigentlich noch in den
Friesrock gehört und Liebschaftenhaben für Bildung hält und sich
›Kätzchen‹ nennen läßt, obschon sie blos eine Katze ist und eine falsche
dazu? Ja, mein lieber Hradscheck, wenn Du mir daraus einen Vorwurf
machen willst, dann hättest Du mich nicht nehmen sollen, das wäre dann
das Klügste gewesen. Besinne Dich. Ich bin Dir nicht nachgelaufen, im
Gegentheil, Du wolltest mich partout und hast mich beschworen um mein
›ja‹. Das kannst Du nicht bestreiten. Nein, das kannst Du nicht,
Hradscheck. Und nun dies ewige ›vornehm‹ und wieder ›vornehm‹. Und
warum? Blos weil ich einen Trumeau wollte, den man wollen muß, wenn man
ein bischen auf sich hält. Und für einen Spottpreis ist er
fortgegangen.«

»Du sagst Spottpreis, Ursel. Ja, was ist Spottpreis? Auch Spottpreise
können zu hoch sein. Ich hatte damals nichts und hab’ es von geborgtem
Gelde kaufen müssen.«

»Das hättest Du nicht thun sollen, Abel, das hättest Du mir sagen
müssen. Aber da genirte sich der werthe Herr Gemahl und mußte sich auch
geniren. Denn warum war kein Geld da? Wegen der Person drüben. Alte
Liebe rostet nicht. Versteht sich.«

»Ach Ursel, was soll das! Es nutzt uns nichts, uns unsere Vergangenheit
vorzuwerfen.«

»Was meinst Du damit? Was heißt Vergangenheit?«

»Wie kannst Du nur fragen? Aber ich weiß schon, es ist das alte Lied,
das ist Weiberart. Ihr streitet Eurem eignen Liebhaber die Liebschaft
ab. Ursel, ich hätte Dich für klüger gehalten. So sei doch nicht so kurz
von Gedächtniß. Wie lag es denn? Wie fand ich Dich damals, als Du wieder
nach Hause kamst, krank und elend und mit dem Stecken in der Hand, und
als der Alte Dich nicht aufnehmen wollte mit Deinem Kind und Du dann
zufrieden warst mit einer Schütte Stroh unterm Dach? Ursel, da hab’ ich
Dich gesehn, und weil ich Mitleid mit Dir hatte, nein, nein, erzürne
Dich nicht wieder ... weil ich Dich liebte, weil ich vernarrt in Dich
war, da hab’ ich Dich bei der Hand genommen, und wir sind hierher
gegangen, und der Alte drüben, dem Du das Käpsel da nähst, hat uns
zusammengethan. Es thut mir nicht leid, Ursel, denn Du weißt, daß ich in
meiner Neigung und Liebe zu Dir der Alte bin, aber Du darfst Dich auch
nicht aufs hohe Pferd setzen, wenn ich vor Sorgen nicht aus noch ein
weiß, und darfst mir nicht Vorwürfe machen wegen der Rese drüben in
Neu-Lewin. Was da hinging, glaube mir, das war nicht viel und eigentlich
nicht der Rede werth. Und nun ist sie lange todt und unter der Erde.
Nein, Ursel, daher stammt es nicht, und ich schwöre Dir’s, das alles
hätt’ ich gekonnt, aber der verdammte Hochmuth, daß es mit uns was sein
sollte, das hat es gemacht, das ist es. Du wolltest hoch hinaus und was
Apartes haben, damit sie sich wundern sollten. Und was haben wir nun
davon? Da stehen die Sachen, und das Bauernvolk lacht uns aus.«

»Sie beneiden uns.«

»Nun gut, vielleicht oder wenigstens so lang es vorhält. Aber wenn das
alles eines schönen Tages fort ist?«

»Das darf nicht sein.«

»Die Gerichte fragen nicht lange.«

»Das darf nicht sein, sag’ ich. Alles andre. Nein, Hradscheck, das
darfst Du mir nicht anthun, da nehm’ ich mir das Leben und geh’ in die
Oder, gleich auf der Stelle. Was Jammer und Elend ist, das weiß ich, das
hab’ ich erfahren. Aber gerade deßhalb, gerade deßhalb. Ich bin jetzt
aus dem Jammer heraus, Gott sei Dank, und ich will nicht wieder hinein.
Du sagst, sie lachen über uns, nein, sie lachen _nicht_; aber wenn uns
was passirte, dann würden sie lachen. Und daß dann ›Kätzchen‹ ihren Spaß
haben und sich über uns lustig machen sollte, oder gar die gute Mietzel,
die noch immer in ihrem schwarzen Kopftuch steckt und nicht mal weiß,
wie man einen Hut oder eine Haube manierlich aufsetzt, das trüg’ ich
nicht, da möcht’ ich gleich todt umfallen. Nein, nein, Hradscheck, wie
ich Dir schon neulich sagte, nur nicht arm. Armuth ist das Schlimmste,
schlimmer als Tod, schlimmer als ...«

Er nickte. »So denk’ ich auch, Ursel. Nur nicht arm. Aber komm’ in den
Garten! Die Wände hier haben Ohren.«

Und so gingen sie hinaus. Draußen aber nahm sie seinen Arm, hing sich,
wie zärtlich, an ihn und plauderte, während sie den Mittelsteig des
Gartens auf und ab schritten. Er seinerseits schwieg und überlegte, bis
er mit einem Male stehen blieb und, das Wort nehmend, auf die wieder
zugeschüttete Stelle neben dem Birnbaum wies. Und nun wurden Ursel’s
Augen immer größer, als er rasch und lebhaft alles, was geschehen müsse,
herzuzählen und auseinander zu setzen begann.

»Es geht nicht. Schlag’ es Dir aus dem Sinn. Es ist nichts so fein
gesponnen ...«

Er aber ließ nicht ab, und endlich sah man, daß er ihren Widerstand
besiegt hatte. Sie nickte, schwieg, und Beide gingen auf das Haus zu.



                                  IV.


Der Oktober ging auf die Neige, trotzdem aber waren noch schöne warme
Tage, so daß man sich im Freien aufhalten und die Hradscheck’sche
Kegelbahn benutzen konnte. Diese war in der ganzen Gegend berühmt, weil
sie nicht nur ein gutes wagerechtes Laufbrett, sondern auch ein bequemes
Kegelhäuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige
Kuckfenster hatte. Das gelbe sah auf den Garten hinaus, das blaue
dagegen auf die Dorfstraße sammt dem dahinter sich hinziehenden
Oderdamm, über den hinweg dann und wann der Fluß selbst aufblitzte.
Drüben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich: die
neumärkische Haide.

Es war halb vier, und die Kugeln rollten schon seit einer Stunde. Der
zugleich Kellnerdienste verrichtende Ladenjunge lief hin und her, mal
Kaffee, mal einen Kognak bringend, am öftesten aber neugestopfte
Thonpfeifen, aus denen die Bauern rauchten und die Wölkchen in die klare
Herbstluft hineinbliesen. Es waren ihrer fünf, zwei aus dem benachbarten
Kienitz herübergekommen, der Rest echte Tschechiner: Ölmüller Quaas,
Bauer Mietzel und Bauer Kunicke. Hradscheck, der, von Berufs wegen, mit
dem Schreib- und Rechenwesen am besten Bescheid wußte, saß vor einer
großen schwarzen Tafel, die die Form eines Notenpultes hatte.

»Kunicke steht wieder am besten.« »Natürlich, gegen den kann keiner.«
»Dreimal acht um den König.« Und nun begann ein sich Überbieten in
Kegelwitzen. »Er kann hexen,« hieß es. »Er hockt mit der Jeschke
zusammen.« »Er spielt mit falschen Karten.« »Wer so viel Glück hat, muß
Strafe zahlen.« Der, der das von den »falschen Karten« gesagt hatte, war
Bauer Mietzel, des Ölmüllers Nachbar, ein kleines aufgetrocknetes
Männchen, das mehr einem Leineweber als einem Bauern glich. War aber
doch ein richtiger Bauer, in dessen Familie nur von alter Zeit her der
Schwind war.

»Wer schiebt?«

»Hradscheck.«

Dieser kletterte jetzt von seinem Schreibersitz und wartete gerad’ auf
seine die Lattenrinne langsam herunter kommende Lieblingskugel, als der
Landpostbote durch ein auf die Straße führendes Thürchen eintrat und
einen großen Brief an ihn abgab; Hradscheck nahm den Brief in die Linke,
packte die Kugel mit der Rechten und setzte sie kräftig auf, zugleich
mit Spannung dem Lauf derselben folgend.

»Sechs!« schrie der Kegeljunge, verbesserte sich aber sofort, als nach
einigem Wackeln und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel.

»Sieben also!« triumphirte Hradscheck, der sich bei dem Wurf
augenscheinlich was gedacht hatte.

»Sieben geht,« fuhr er fort. »Sieben ist gut. Kunicke, schiebe für mich
und schreib’ an. Will nur das Porto zahlen.«

Und damit nahm er den Briefträger unterm Arm und ging mit ihm von der
Gartenseite her ins Haus.

Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort, wer aber Spiel und Gäste
vergessen zu haben schien, war Hradscheck. Kunicke hatte schon zum
dritten Male statt seiner geschoben, und so wurde man endlich ungeduldig
und riß heftig an einem Klingeldraht, der nach dem Laden hineinführte.

Der Junge kam auch.

»Hradscheck soll wieder antreten, Ede. Wir warten ja. Mach’ flink!«

Und sieh, gleich darnach erschien auch der Gerufene, hochroth und
aufgeregt, aber, allem Anscheine nach, mehr in heiterer als
verdrießlicher Erregung. Er entschuldigte sich kurz, daß er habe warten
lassen, und nahm dann ohne Weiteres eine Kugel, um zu schieben.

»Aber Du bist ja gar nicht dran!« schrie Kunicke. »Himmelwetter, was ist
denn los? Und wie der Kerl aussieht! Entweder is ihm eine
Schwiegermutter gestorben oder er hat das große Loos gewonnen.«

Hradscheck lachte.

»Nu, so rede doch. Oder sollst Du nach Berlin kommen und ein paar neue
Rapspressen einrichten? Hast ja neulich unserm Quaas erst vorgerechnet,
daß er nichts von der Öl-Presse verstünde.«

»Hab’ ich, und ist auch so. Nichts für ungut, Ihr Herren, aber der Bauer
klebt immer am Alten.«

»Und die Gastwirthe sind immer fürs Neue. Blos daß nicht viel dabei
heraus kommt.«

»Wer weiß!«

»Wer weiß? Höre, Hradscheck, ich fange wirklich an zu glauben ... Oder
is es ’ne Erbschaft?«

»Is so was. Aber nicht der Rede werth.«

»Und von woher denn?«

»Von meiner Frau Schwester.«

»Bist doch ein Glückskind. Ewig sind ihm die gebratnen Tauben ins Maul
geflogen. Und aus dem Hildesheim’schen, sagst Du?«

»Ja, da so ’rum.«

»Na, da wird Reetzke drüben froh sein. Er war schon ungeduldig.«

»Weiß; er wollte klagen. Die Neu-Lewiner sind immer ängstlich und
Pfennigfuchser und können nicht warten. Aber er wird’s nu wohl lernen
und sich anders besinnen. Mehr sag’ ich nicht und paßt sich auch nicht.
Man soll den Mund nicht voll nehmen. Und was ist am Ende solch bischen
Geld?«

»Geld ist nie ein bischen. Wie viel Nullen hat’s denn?«

»Ach, Kinder, redet doch nicht von Nullen. Das Beste ist, daß es nicht
viel Wirthschaft macht und daß meine Frau nicht erst nach Hildesheim
braucht. Solche weite Reise, da geht ja gleich die Hälfte drauf. Oder
vielleicht auch das Ganze.«

»War es denn schon in dem Brief?«

»I, bewahre. Blos die Anzeige von meinem Schwager, und daß das Geld in
Berlin gehoben werden kann. Ich schicke morgen meine Frau. Sie versauert
hier ohnehin.«

»Versteht sich,« sagte Mietzel, der sich immer ärgerte, wenn von dem
»Versauern« der Frau Hradscheck die Rede war. »Versteht sich, laß sie
nur reisen; Berlin, das ist so was für die Frau Baronin. Und vielleicht
bringt sie Dir gleich wieder ein Atlassopha mit. Oder ’nen Trumeau. So
heißt es ja wohl? Bei so was Feinem muß unserein immer erst fragen. Der
Bauer ist ja zu dumm.«

                           *       *       *

Frau Hradscheck reiste wirklich ab, um die geerbte Summe von Berlin zu
holen, was schon im Voraus das Gerede der ebenso neidischen wie reichen
Bauernfrauen weckte, vor allen der Frau Quaas, die sich, ihrer
gekrausten blonden Haare halber, ganz einfach für eine Schönheit hielt
und aus dem Umstande, daß sie 20 Jahre jünger war als ihr Mann, ihr
Recht zu fast eben so vielen Liebschaften herleitete. Was gut aussah,
war ihr ein Dorn im Auge, zumeist aber die Hradscheck, die nicht nur
stattlicher und klüger war als sie selbst, sondern zum Überfluß auch
noch in Verdacht stand (wenn auch freilich mit Unrecht), den ältesten
Kantorssohn – einen wegen Demagogie relegirten Thunichtgut, der nun bei
dem Vater auf der Bärenhaut lag – zu Spottversen auf die Tschechiner und
ganz besonders auf die gute Frau Quaas angestiftet zu haben. Es war eine
lange Reimerei, drin jeder was wegkriegte. Der erste Vers aber lautete:

    Woytasch hat den Schulzen-Stock,
    Kunicke ’nen langen Rock,
    Mietzel ist ein Hobelspahn,
    Quaas hat keinem was gethan,
    Nicht mal seiner eignen Frau,
    Kätzchen weiß es ganz genau.
    Miau, miau.

Dergleichen konnte nicht verziehen werden, am wenigsten solcher
Bettelperson wie dieser hergelaufenen Frau Hradscheck, die nun mal für
die Schuldige galt. Das stand bei Kätzchen fest.

»Ich wette,« sagte sie zur Mietzel, als diese denselben Abend noch, an
dem die Hradscheck abgereist war, auf der Ölmühle vorsprach, »ich wette,
daß sie mit einem Sammthut und einer Straußenfeder wiederkommt. Sie kann
sich nie genug thun, diese zierige Person, trotz ihrer vierzig. Und
alles blos, weil sie ›Swein‹ sagt und nicht ›switzen‹ kann, auch wenn
sie drei Kannen Fliederthee getrunken. Sie sagt aber nicht Fliederthee,
sie sagt Hollunder. Und das soll denn was sein. Ach, liebe Mietzel, es
ist zum Lachen.«

»Ja, ja!« stimmte die Mietzel ein, schien aber geneigt, die größere
Schuld auf Hradscheck zu schieben, der sich einbilde, Wunder was Feines
geheirathet zu haben. Und sei doch blos ’ne Kattolsche gewesen und
vielleicht auch ’ne Springerin; wenigstens habe sie so was munkeln
hören. »Und überhaupt, der gute Hradscheck,« fuhr sie fort, »er soll
doch nur still sein. In Neu-Lewin reden sie nicht viel Gutes von ihm.
Die Rese hat er sitzen lassen. Und mit eins war sie weg und keiner weiß
wie und warum. Und war auch von Ausgraben die Rede, bis unser alter
Woytasch ’rüber fuhr und alles wieder still machte. Natürlich, er will
keinen Lärm haben und is ’ne Suse. Zu Hause darf er ohnehin nicht reden.
Oder ob er der Hradschecken nach den Augen sieht? Sie hat so was. Und
ich sage blos, wenn wir alles hergelaufene Volk ins Dorf kriegen, so
haben wir nächstens auch die Zigeuner hier und Frau Woytasch kann sich
dann nach ’nem Schwiegersohn umsehn. Zeit wird es mit der Rike; dreißig
is sie ja schon.«

So ging gleich am ersten Tage das Geklatsch. Als aber eine halbe Woche
später die Hradscheck gerade so wieder kam, wie sie gegangen war, das
heißt ohne Sammthut und Straußenfeder, und noch ebenso grüßte, ja
womöglich noch artiger als vorher, da trat ein Umschlag ein, und man
fing an, sie gelten zu lassen und sich einzureden, daß die Erbschaft sie
verändert habe.

»Man sieht doch gleich,« sagte die Quaas, »daß sie jetzt was haben.
Sonst sollte das immer was sein, und sie logen einen grausam an, und war
eigentlich nicht zum Aushalten. Aber gestern war sie anders und sagte
ganz klein und bescheiden, daß es nur wenig sei.«

»Wie viel mag es denn wohl sein?« unterbrach hier die Mietzel. »Ich
denke mir so tausend Thaler.«

»O mehr, viel mehr. Wenn es nicht mehr wäre, wäre sie nicht _so_; da
zierte sie sich ruhig weiter. Nein, liebe Mietzel, da hat man denn doch
so seine Zeichen, und denken Sie sich, als ich sie gestern frug, ›ob es
ihr nicht ängstlich gewesen wäre, so ganz allein mit dem vielen Geld‹,
da sagte sie: ›nein, es wär’ ihr nicht ängstlich gewesen, denn sie habe
nur wenig mitgebracht, eigentlich nicht der Rede werth. Das Meiste habe
sie bei dem Kaufmann in Berlin gleich stehen lassen.‹ Ich weiß ganz
bestimmt, sie sagte: das Meiste. So wenig kann es also nicht sein.«

                           *       *       *

Unterredungen, wie diese, wurden ein paar Wochen lang in jedem
Tschechiner Hause geführt, ohne daß man mit Hilfe derselben im
Geringsten weiter gekommen wäre, weßhalb man sich schließlich hinter den
Postboten steckte. Dieser aber war entweder schweigsam oder wußte
nichts, und erst Mitte November erfuhr man von ihm, daß er neuerdings
einen rekommandirten Brief bei den Hradschecks abgegeben habe.

»Von woher denn?«

»Aus Krakau.«

Man überlegte sich’s, ob das in irgend einer Beziehung zur Erbschaft
stehen könne, fand aber nichts.

Und war auch nichts zu finden. Denn der eingeschriebene Brief lautete:


                                      »_Krakau_, den 9. November 1831.

Herrn _Abel Hradscheck_ in Tschechin. Oderbruch.

Ew. Wohlgeboren bringen wir hiermit zu ganz ergebenster Kenntniß, daß
unser Reisender, Herr Szulski, wie alljährlich so auch in diesem Jahre
wieder, in der letzten Novemberwoche, bei Ihnen eintreffen und Ihre
weitern geneigten Aufträge in Empfang nehmen wird. Zugleich aber
gewärtigen wir, daß Sie, hochgeehrter Herr, bei dieser Gelegenheit
Veranlassung nehmen wollen, unsre seit drei Jahren anstehende Forderung
zu begleichen. Wir rechnen um so bestimmter darauf, als es uns, durch
die politischen Verhältnisse des Landes und den Rückschlag derselben auf
unser Geschäft, unmöglich gemacht wird, einen ferneren Kredit zu
bewilligen. Genehmigen Sie die Versicherung unserer Ergebenheit.

                Olszewski-Goldschmidt & Sohn.«


Hradscheck, als er diesen Brief empfangen hatte, hatte nicht gesäumt,
auch seine Frau mit dem Inhalte desselben bekannt zu machen. Diese blieb
anscheinend ruhig, nur um ihre Lippen flog ein nervöses Zittern.

»Wo willst Du’s hernehmen, Abel? Und doch muß es geschafft werden. Und
ihm eingehändigt werden ... Und zwar vor Zeugen. Willst Du’s borgen?«

Er schwieg.

»Bei Kunicke?«

»Nein. Geht nicht. Das sieht aus nach Verlegenheit. Und die darf es nach
der Erbschaftsgeschichte nicht mehr geben. Und giebt’s auch nicht. Ich
glaube, daß ich’s schaffe.«

»Gut. Aber wie?«

»Bis zum 30. hab’ ich noch die Feuerkassengelder.«

»Die reichen nicht.«

»Nein. Aber doch beinah. Und den Rest deck’ ich mit einem kleinen
Wechsel. Ein großer geht nicht, aber ein kleiner ist gut und eigentlich
besser als baar.«

Sie nickte.

Dann trennte man sich, ohne daß weiter ein Wort gewechselt worden wäre.

Was zwischen ihnen zu sagen war, war gesagt und jedem seine Rolle
zugetheilt. Nur fanden sie sich sehr verschieden hinein, wie schon die
nächste Minute zeigen sollte.

Hradscheck, voll Beherrschung über sich selbst, ging in den Laden, der
gerade voll hübscher Bauernmädchen war, und zupfte hier der einen am
Busentuch, während er der andern die Schürzenbänder aufband. Einer Alten
aber gab er einen Kuß. »Einen Kuß in Ehren darf niemand wehren – nich
wahr, Mutter Schickedanz?«

Mutter Schickedanz lachte.

Der _Frau_ Hradscheck aber fehlten die guten Nerven, deren ihr Gatte
sich rühmen konnte. Sie ging in ihr Schlafzimmer, sah in den Garten und
überschlug ihr Leben. Dabei murmelte sie halb unverständliche Worte vor
sich hin und schien, den Bewegungen ihrer Hand nach, einen Rosenkranz
abzubeten. Aber es half alles nichts. Ihr Athem blieb schwer, und sie
riß endlich das Fenster auf, um die frische Luft einzusaugen.

So vergingen Stunden. Und als Mittag kam, kamen nur Hradscheck und Ede
zu Tisch.



                                  V.


Es war Ende November, als an einem naßkalten Abende der von der Krakauer
Firma angekündigte Reisende vor Hradscheck’s Gasthof vorfuhr. Er kam von
Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden verspätet, weil die vom Regen
aufgeweichten Bruchwege beinah unpassirbar gewesen waren, am meisten im
Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schritt von der Orth’schen
Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit gekostet, weil das ermüdete
Pferd mitunter stehen blieb und trotz allem Fluchen nicht weiter wollte.
Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladenthür, durch deren trübe
Scheiben ein Lichtschein auf den Damm fiel, und knipste mit der
Peitsche.

»Halloh; Wirthschaft!«

Eine Weile verging, ohne daß wer kam. Endlich erschien der Ladenjunge,
lief aber, als er den Tritt heruntergeklappt hatte, gleich wieder weg,
»weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle.«

»Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!«

Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein
gelassene Reisende das Schutzleder zurück, hing den Zügel in den
freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung
des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, über das Rad weg auf
eine leidlich trockene, grad’ vor dem Laden-Eingange durch Aufschüttung
von Müll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolfsschur und Pelzmütze
hatten ihm Kopf und Leib geschützt, aber die Füße waren wie todt, und er
stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen.

Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von früher her
kannte.

»Jott, Herr Szulski, bi so’n Wetter! Un so’ne Weg’! I, doa kümmt joa
keen Düwel nich.«

»Aber ich,« lachte Szulski.

»Joa, blot _Se_, Herr Szulski. Na, nu geihen’s man in de Stuw’. Un dat
Fellisen besorg’ ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ick weet
joa: de Giebelstuw, de geele, de noah de Kegelboahn to.«

Während er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schulter
genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu; als er aber
sah, daß Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts hin in
das Hradscheck’sche Wohnzimmer eintreten wollte, wandt’ er sich wieder
und sagte: »Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw
... Se weeten joa.«

»Sind denn Gäste da?«

»Versteiht sich. Wat arme Lüd’ sinn, na, de bliewen to Huus, awers
Oll-Kunicke kümmt, un denn kümmt Orth ook. Un wenn Orth kümmt, denn
kümmt ook Quaas un Mietzel. Geihen’s man in. Se tempeln all wedder.«

                           *       *       *

Eine Stunde später war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein
einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National-Polen
erst mit dem polnischen Sammtrock sammt Schnüren und Knebelknöpfen
angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der
Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschäftliche war in Gegenwart
von Quaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufgelaufene
Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Baarzahlung und kleine Wechsel
beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulirung
kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner
Firma gelieferten Ruster bringen zu lassen.

»Ich kenne die Jahrgänge, meine Herren, und bitt’ um die Ehr’.«

Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen,
aber sich rasch erinnernd, daß einige von ihnen bis ganz vor Kurzem noch
zu den Kunden der Krakauer Firma gehört hatten, sahen sie das Anerbieten
schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an, den man sich gefallen
lassen könne. Was aber den Ausschlag gab, war, daß man durchaus von dem
eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte, von Diebitsch und
Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe.

Szulski, wenn irgendwer, mußte davon wissen.

Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor
Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe
bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurück,
Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt, welchem Sturme der
zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum Mindesten als
Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkämpfer (er ließ dies vorsichtig im
Dunkel) beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich für unsere
Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein
guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen
Heldenthaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren
sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Haus-Erstürmung in der
Dlugastraße, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die
Weichsel berührt, war dabei sein Paradepferd.

»Wie hieß die Straße?« fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten
Leute bei Kriegsgeschichten immer hochroth wurde.

»Dlugastraße,« wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe.
»Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner
Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga
grad’ gegenüber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern
besetzt, das heißt von den Wenigen, die von ihnen noch übrig waren, denn
die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indeß,
was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen
Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach. Auf dem abgedeckten Dach
aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hier hinter Balkenlagen
verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun
die Russen, es war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten
sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst,
immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder.
Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Thür, stießen sie
mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf. Immer höher zogen sich
unsere Tapferen zurück, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und
im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen.
Da sah ich jeden Einzelnen so deutlich vor mir, wie ich _Sie_ jetzt
sehe, Bauer Mietzel« – dieser fuhr zurück – »denn ich hatte meine
Wohnung in dem Hause gegenüber und sah, wie sie die Konfederatka
schwenkten, und hörte, wie sie unser Lied sangen: ›Noch ist Polen nicht
verloren.‹ Und bei meiner Ehre, _hier_, an dieser Stelle, hätten sie
sich trotz aller Übermacht des Feindes gehalten, wenn nicht plötzlich,
von der Seite her, ein Hämmern und Schlagen hörbar geworden wäre, ein
Hämmern und Schlagen sag’ ich, wie von Äxten und Beilen.«

»Wie? Was? Von Äxten und Beilen?« wiederholte Mietzel, dem sein bischen
Haar nachgerade zu Berge stand. »Was war es?«

»Ja, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch
da, jetzt eine Bresche, und durch die Bresche hin drang das russische
Regiment auf den Dachboden vor. Was ich da gesehen habe, spottet jeder
Beschreibung. Wer einfach niedergeschossen wurde, konnte von Glück
sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettstoß auf die Straße
geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das
Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung (denn dergleichen ist
vorgekommen) nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und
stürzte sich mit ihnen in den Fluß.«

»Alle Wetter,« sagte Kunicke, »das ist stark! Ich habe doch auch ein
Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl, wo man Holz fällt, fallen Spähne.
So war es bei Möckern, und ich sehe noch unsren alten Krosigk, wie der
den Marinekaptän über den Haufen stach, und wie dann das Kolbenschlagen
losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinder! Alle Wetter, Szulski,
das ist scharf. Is es denn auch wahr?«

»Ob es wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Aufschneider, Herr Kunicke.
Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich
gesehn habe, das hab’ ich gesehn, und eine Thatsache bleibt eine
Thatsache, sie sei wie sie sei. Die Dame, die da herunter sprang (und
ich schwör’ Ihnen, meine Herren, es _war_ eine Dame), war eine schöne
Frau, keine 36, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich hätt’ ihr was
Bessres gewünscht, als diese naßkalte Weichsel.«

Kunicke schmunzelte, während der neben anderen Schwächen und Leiden auch
an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte, seiner nervösen
Erregtheit plötzlich eine ganz neue Richtung zu geben. Szulski selbst
aber war viel zu sehr von sich und seiner Geschichte durchdrungen, um
nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben, und fuhr, ohne sich
stören zu lassen, fort: »Eine schöne Frau, sagt’ ich, und hingemordet.
Und was das Schlimmste dabei, nicht hingemordet durch den Feind, nein,
durch uns selbst; hingemordet, weil wir verrathen waren. Hätte man uns
freie Hand gelassen, kein Russe wäre je über die Weichsel gekommen. Das
Volk war gut, Bürger und Bauer waren gut, alles einig, alles da mit Gut
und Blut. Aber der Adel! Der Adel hat uns um dreißig Silberlinge
verschachert, bloß weil er an sein Geld und seine Güter dachte. Und wenn
der Mensch erst an sein Geld denkt, ist er verloren.«

»Kann ich nicht zugeben,« sagte Kunicke. »Jeder denkt an sein Geld. Alle
Wetter, Szulski, das sollt’ unsrem Hradscheck schon gefallen, wenn der
Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier
vorspräch’ und nie an Geld dächte. Nicht wahr, Hradscheck, da ließe sich
bald auf einen grünen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder
Schwägerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden.«

»Ah, Erbschaft,« wiederholte Szulski. »So, so; daher. Nun, gratulire.
Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt. Lemberg
ist besser als Krakau. Ja, das muß wahr sein, Erbschaft ist die beste
Art zu Gelde zu kommen, die beste und eigentlich auch die
anständigste ...«

»Und namentlich auch die leichteste,« bestätigte Kunicke. »Ja, das liebe
Geld. Und wenn’s viel ist, das heißt _sehr_ viel, dann darf man auch
dran denken! Nicht wahr, Szulski?«

»Natürlich,« lachte dieser. »Natürlich, wenn’s viel ist. Aber, Bauer
Kunicke, denken und denken ist ein Unterschied. Man muß _wissen_, daß
man’s hat, soviel ist richtig, das ist gut und ein angenehmes Gefühl und
stört nicht ...«

»Nein, nein, stört nicht.«

»Aber, meine Herren, ich muß es wiederholen, denken und denken ist ein
Unterschied. An Geld _immer_ denken, bei Tag und bei Nacht, das ist
soviel, wie sich immer drum ängstigen. Und ängstigen soll man sich
nicht. Wer auf Reisen ist und immer an seine Frau denkt, der ängstigt
sich um seine Frau.«

»Freilich,« schrie Kunicke. »Quaas ängstigt sich auch immer.«

Alle lachten unbändig, und nur Szulski selbst, der auch darin durchaus
Anekdoten- und Geschichten-Erzähler von Fach war, daß er sich nicht gern
unterbrechen ließ, fuhr mit allem erdenklichen Ernste fort: »Und wie mit
der Frau, meine Herren, so mit dem Geld. Nur nicht ängstlich; haben muß
man’s, aber man muß nicht ewig daran denken. Oft muß ich lachen, wenn
ich so sehe, wie der oder jener im Postwagen oder an der Table d’hôte
mit einem Male nach seiner Brieftasche faßt, ›ob er’s auch noch hat‹.
Und dann athmet er auf und ist ganz roth geworden. Das ist immer
lächerlich und schadet blos. Und auch das Einnähen hilft nichts, das ist
ebenso dumm. Ist der Rock weg, ist auch das Geld weg. Aber was man auf
seinem Leibe hat, das hat man. All die andern Vorsichten sind Unsinn.«

»Recht so,« sagte Hradscheck. »So mach’ ich’s auch. Aber wir sind bei
dem Geld und dem Einnähen ganz von Polen abgekommen. Ist es denn wahr,
Szulski, daß sie Diebitschen vergiftet haben?«

»Versteht sich, es ist wahr.«

»Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?«

»Alles wahr,« wiederholte Szulski. »Daran ist kein Zweifel. Und es kam
so. Constantin wollte die Polen ärgern, weil sie gesagt hatten, die
Russen fräßen bloß Talg. Und da ließ er, als er eines Tages elf Polen
eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte herumreichen, das zwölfte
aber war von Marzipan und natürlich für ihn. Und versteht sich nahm er
immer zuerst, dafür war er Großfürst und Vicekönig. Aber das eine Mal
vergriff er sich doch und da hat er’s runter würgen müssen.«

»Wird nicht sehr glatt gegangen sein.«

»Gewiß nicht ... Aber, Ihr Herren, kennt Ihr denn schon das neue
Polenlied, das sie jetzt singen?«

»Denkst Du daran – –«

»Nein, das ist alt. Ein neues.«

»Und heißt?«

»Die letzten Zehn vom vierten Regiment ... Wollt Ihr’s hören? Soll ich
es singen?«

»Freilich.«

»Aber Ihr müßt einfallen ...«

»Versteht sich, versteht sich.«

Und nun sang Szulski, nachdem er sich geräuspert hatte:

    Zu Warschau schwuren tausend auf den Knieen:
    Kein Schuß im heil’gen Kampfe sei gethan,
    Tambour schlag’ an, zum Blachfeld laßt uns ziehen,
    Wir greifen nur mit Bajonetten an!
    Und ewig kennt das Vaterland und nennt
    Mit stillem Schmerz sein _viertes_ Regiment.

»Einfallen! Chorus.« »Weiter, Szulski, weiter.«

    Ade, ihr Brüder, die zu Tod getroffen
    An unsrer Seite dort wir stürzen sahn,
    Wir leben noch, die Wunden stehen offen
    Und um die Heimath ewig ist’s gethan;
    Herr Gott im Himmel, schenk’ ein gnädig End’
    Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.

Chorus:

    »Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.«

Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur
vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf.

»Wenn ihn jetzt seine Frau sähe,« rief Kunicke.

»Da hätt’ er Oberwasser.«

»Ja, ja.«

Und nun stieß man an und ließ die Polen leben. Nur Kunicke, der an
#anno# 13 dachte, weigerte sich und trank auf die Russen. Und zuletzt
auch auf Quaas und Kätzchen.

Mietzel aber war ganz übermüthig und halb wie verdreht geworden und
sang, als er Kätzchens Namen hörte, mit einem Male:

    »Nicht mal seiner eignen Frau,
    Kätzchen weiß es ganz genau.
    Miau.«

Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an
Übelnehmen.

Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen.



                                  VI.


So ging es bis Mitternacht. Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte
noch bleiben und machte spitze Reden, daß Szulski, der schon ein paarmal
zum Aufbruch gemahnt, so müde sei. Der aber ließ sich weder durch Spott
noch gute Worte länger zurück halten; »er müsse morgen um neun in
Frankfurt sein.« Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter, um in
seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Thürklinke schon in
der Hand hatte, wandt’ er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck:
»Also vier Uhr, Hradscheck. Um fünf muß ich weg. Und versteht sich, ein
Kaffee. Guten Abend, Ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!«

                           *       *       *

Auch die Bauern gingen; ein starker Regen fiel und alle fluchten über
das scheußliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der
Regen ließ nach und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das
Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so daß allerlei
Schaden an Häusern und Dächern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als
an dem Hause der alten Jeschke, das grad’ in dem Windstrome lag, der,
von der andern Seite der Straße her, zwischen Kunicke’s Stall und
Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst
herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten
Boden.

»Dat’s joa groad’, as ob de Bös kümmt,« sagte die Alte und richtete sich
in die Höh’, wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem
hochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mühe zu machen, und so
klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu
schlafen. Freilich umsonst. Der Lärm draußen und die wachsende Furcht,
ihren ohnehin schadhaften Schornstein in die Stube hinabstürzen zu sehn,
ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie
schließlich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem
bischen Aschengluth einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden.
Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf, an denen sie nie Mangel litt,
seit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Nothnagel,
drüben in der neumärkischen Haide, das freiwillige Hinken wegkurirt
hatte.

Das Licht und die Wärme thaten ihr wohl, und als es ein paar Minuten
später in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu
brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem
Behagen den Sturm, der draußen heulte. Mit einem Mal aber gab es einen
Krach, als bräche was zusammen, ein Baum oder ein Strauchwerk, und so
ging sie denn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier
blendete, vom Fenster her in die Küche, wo sie den obern Thürladen rasch
aufschlug, um zu sehn, was es sei. Richtig, ein Theil des Gartenzauns
war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis
an das Kegelhäuschen verfolgte, sah sie, zwischen den Pfosten der
Lattenrinne hindurch, daß in dem Hradscheck’schen Hause noch Licht war.
Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so daß sie nicht recht sehen
konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten oder aus dem dicht
darüber gelegenen Fenster der Weinstube.

»Mien Jott, supen se noch?« fragte die Jeschke vor sich hin. »Na,
Kunicke is et kumpafel. Un dann seggt he hinnerher, dat Wedder wihr
Schull un he künn nich anners.«

Unter dieser Betrachtung schloß sie den Thürladen wieder und ging an
ihre Herdstätte zurück. Aber ihr Hang zu spioniren ließ ihr keine Ruh,
und trotzdem der Wind immer stärker geworden war, suchte sie doch die
Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung ’was
zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne daß etwas geschehen wäre, bis
sie, als sie sich schon zurückziehn wollte, drüben plötzlich die
Hradscheck’sche Gartenthür auffliegen und Hradscheck selbst in der
Thüröffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher
herangeschafft haben mußte, lag neben ihm. Er war in sichtlicher
Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber. Und dann war’s ihr
doch wieder, als ob er wolle, _daß_ man ihn sähe. Denn wozu sonst das
Licht, in dessen Flackerschein er dastand? Er hielt es immer noch vor
sich, es mit der Hand schützend, und schien zu schwanken, wohin damit.
Endlich aber mußt’ er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das
Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein da, viel zu
schwach, um den nach wie vor in der Thüröffnung liegenden dunklen
Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es
nicht lang genug. Oder ein Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht.

»Wat he man hett?« murmelte sie vor sich hin.

Aber ehe sie sich, aus ihren Muthmaßungen heraus, ihre Frage noch
beantworten konnte, sah sie, wie der ihr auf Minuten aus dem Auge
gekommene Hradscheck von der Thür her in den Garten trat und mit einem
Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig
und mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Theil Erde
herausgeworfen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich
aufs Neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so
wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst und Sorge.

»Wat he man hett?« wiederholte sie.

Dann sah sie, daß er das Loch rasch wieder zuschüttete. Noch einen
Augenblick und die Gartenthür schloß sich und alles war wieder dunkel.

»Hm,« brummte die Jeschke. »Dat’s joa binoah, as ob he een’ abmurkst
hett’. Na, so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei, nei, denn wihr
dat Licht nich. Awers ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich.«

Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein.

Aber ein rechter Schlaf wollt’ ihr nicht mehr kommen, und in ihrem
halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch und
dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, und dann wieder
Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub.



                                 VII.


Um vier Uhr stieg der Knecht die Stiege hinauf, um Szulski zu wecken. Er
fand aber die Stube verschlossen, weshalb er sich begnügte zu klopfen
und durch das Schlüsselloch hineinzurufen: »Is vier, Herr Szulski;
steihn’s upp.« Er horchte noch eine Weile hinein, und als alles ruhig
blieb, riß er an der klapprigen Thürklinke hin und her und wiederholte:
»Steihn’s upp, Herr Szulski, is Tied; ick spann nu an.« Und danach ging
er wieder treppab und durch den Laden in die Küche, wo die
Hradscheck’sche Magd, eine gutmüthige Person mit krausem Haar und vielen
Sommersprossen, noch halb verschlafen am Herde stand und Feuer machte.

»Na, Maleken, ook all rut? Wat seggst _Du_ dato? Klock vieren. Is doch
Menschenschinnerei. Worümm nich um söss? Um söss wihr ook noch Tied. Na,
nu koch’ uns man en beten wat mit.«

Und damit wollt’ er von der Küche her in den Hof hinaus. Aber der Wind
riß ihm die Thür aus der Hand und schlug sie mit Gekrach wieder zu.

»Jott, Jakob, ick hebb mi so verfiert. Dat künn joa ’nen Doden
uppwecken.«

»Sall ook, Male. He hett joa ’nen Dodensloap. Nu wahrd he woll
uppstoahn.«

Eine halbe Stunde später hielt der Einspänner vor der Hausthür und
Jakob, dem die Hände vom Leinehalten schon ganz klamm waren, sah
ungeduldig in den Flur hinein, ob der Reisende noch nicht komme.

Der aber war immer noch nicht zu sehen, und statt seiner erschien nur
Hradscheck und sagte: »Geh hinauf, Jakob, und sieh nach, was es ist. Er
ist am Ende wieder eingeschlafen. Und sag’ ihm auch, sein Kaffee würde
kalt ... Aber nein, laß nur; bleib. Er wird schon kommen.«

Und richtig, er kam auch und stieg, während Hradscheck so sprach, gerade
die nicht allzuhohe Treppe hinunter. Diese lag noch in Dunkel, aber ein
Lichtschimmer vom Laden her ließ die Gestalt des Fremden doch
einigermaßen deutlich erkennen. Er hielt sich am Geländer fest und ging
mit besonderer Langsamkeit und Vorsicht, als ob ihm der große Pelz
unbequem und beschwerlich sei. Nun aber war er unten, und Jakob, der
alles neugierig verfolgte, was vorging, sah, wie Hradscheck auf ihn
zuschritt und ihn mit vieler Artigkeit vom Flur her in die Wohnstube
hinein komplimentirte, wo der Kaffee schon seit einer Viertelstunde
wartete.

»Na, nu wahrd et joa woll wihr’n,« tröstete sich der draußen immer
ungeduldiger Werdende. »Kümmt Tied, kümmt Roath.« Und wirklich, ehe fünf
Minuten um waren, erschien das Paar wieder auf dem Flur und trat von
diesem her auf die Straße, wo der verbindliche Hradscheck nunmehr rasch
auf den Wagen zuschritt und den Tritt herunter ließ, während der
Reisende, trotzdem ihm die Pelzmütze tief genug im Gesicht saß, auch
noch den Kragen seiner Wolfsschur in die Höhe klappte.

»Das ist recht,« sagte Hradscheck. »Besser bewahrt, als beklagt. Und nun
mach flink, Jakob, und hole den Koffer.«

Dieser that auch wie befohlen, und als er mit dem Mantelsack wieder
unten war, saß der Reisende schon im Wagen und hatte den von ihm als
Trinkgeld bestimmten Gulden vor sich auf das Spritzleder gelegt. Ohne
was zu sagen, wies er darauf hin und nickte nur, als Jakob sich
bedankte. Dann nahm er die Leine ziemlich ungeschickt in die Hand, woran
wohl die großen Pelzhandschuhe schuld sein mochten, und fuhr auf das
Orth’sche Gehöft und die schattenhaft am Dorfausgange stehende Mühle zu.
Diese ging nicht; der Wind wehte zu heftig.

Hradscheck sah dem auf dem schlechten Wege langsam sich fortbewegenden
Fuhrwerk eine Weile nach, sein Kopf war unbedeckt und sein spärlich
blondes Haar flog ihm um die Stirn. Es war aber, als ob die Kühlung ihn
erquicke. Als er wieder in den Flur trat, fand er Jakob, der sich das
Guldenstück ansah.

»Gefällt Dir wohl? Einen Gulden giebt nicht jeder. Ein feiner Herr!«

»Dat sall woll sien. Awers worümm he man so still wihr? He seggte joa
keen Wuhrt nich.«

»Nein, er hatte wohl noch nicht ausgeschlafen,« lachte Hradscheck. »Is
ja erst fünf.«

»Versteiht sich. Klock feiv red’ ick ook nich veel.«



                                 VIII.


Der Wind hielt an, aber der Himmel klärte sich, und bei hellem
Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gasthause
vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrath; Trakehner Rapphengste, der
Kutscher in Livrée. Hradscheck erschien in der Ladenthür und grüßte
respektvoll, fast devot.

»Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einen ›Luft‹ oder lieber gleich
zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann?
Eine wahre Hundekälte. Und dabei diese Sonne.«

Hradscheck verbeugte sich und rief in den Laden hinein: »Zwei
Pfefferminz, Ede; rasch!« und wandte sich dann mit der Frage zurück,
womit er sonst noch dienen könne?

»_Mir_ mit nichts, lieber Hradscheck, aber andren Leuten. Oder
wenigstens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Oder,
wahrscheinlich fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt.«

»Wo, Herr Amtsrath?«

»Hier gleich. Keine tausend Schritt hinter Orth’s Mühle.«

»Gott im Himmel, ist es möglich! Aber wollen der Herr Amtsrath nicht
bei Schulze Woytasch mit vorfahren?«

»Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner
Graf erwartet mich und habe mich schon verspätet. Und zu helfen ist
ohnehin nicht mehr, soviel hab’ ich gesehn. Aber alles muß doch seinen
Schick haben, auch Tod und Unglück. Adieu ... Vorwärts!«

Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine
Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der
grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einzubringen.

                           *       *       *

Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch,
während er selbst zu Kunicke hinüber ging, der eben seinen Mittagsschlaf
hielt.

»Stör’ Dich nicht gern um diese Zeit, Kunicke; Schlaf ist mir allemal
heilig, und nun gar Deiner! Aber es hilft nichts, wir müssen hinaus. Der
Friedrichsauer Amtsrath war eben da und sagte mir, daß ein Fuhrwerk in
der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wäre!«

»Wird wohl,« gähnte Kunicke, dem der Schlaf noch in allen Gliedern
steckte, »wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören, als ich ihm
gestern Abend sagte: ›nicht so früh, Szulski, nicht so früh ...‹ Denke
doch blos voriges Jahr, wie die Post ’runter fiel und der arme Kerl von
Postillon gleich mausetodt. Und der kannte doch unsern Damm! Und nu
solch Pohlscher, solch Bruder Krakauer. Na, wir werden ja sehn.«

Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe
Bruchstiefel und dann in einen dicken graugrünen Flausrock
hineingefahren. Und nun nahm er seine Mütze vom Riegel und einen
Pikenstock aus der Ecke.

»Komm!«

Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die Treppenrampe hinaus.

Der Wind blies immer stärker, und als Beide, so gut es ging, von oben
her sich umsahen, sahen sie, daß Schulze Woytasch, der schon anderweitig
von dem Unglück gehört haben mußte, die Dorfstraße herunter kam. Er
hatte seine Ponies, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr,
aller Polizeiregel zum Trotz, über den aufgeschütteten Gangweg hin, was
er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durft’ er sich
mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunicke’s Rampe heran
war, hielt er und rief Beiden zu: »Wollt auch hinaus? Natürlich. Immer
aufsteigen. Aber rasch.« Und im nächsten Augenblicke ging es auf dem
aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orth’s Gehöft und die
Mühle zu. Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem
Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor
Gasthaus und Kramladen.

Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm
ansteigende Schrägung. Oben war der Weg etwas besser, aber immer noch
schlecht genug, so daß es sich empfahl, dicht am Dammrand entlang zu
fahren, wo, wegen des weniger aufgeweichten Bodens, die Räder auch
weniger tief einschnitten.

»Paß Achtung,« sagte Woytasch, »sonst liegen wir auch unten.«

Und der Kutscher, dem selber ängstlich sein mochte, lenkte sofort auf
die Mitte des Damms hinüber, trotzdem er hier langsamer fahren mußte.

Sah man von der Fährlichkeit der Situation ab, so war es eine
wundervolle Fahrt und das sich weithin darbietende Bild von einer
gewissen Großartigkeit. Rechtshin grüne Wintersaat, so weit das Auge
reichte, nur mit einzelnen Tümpeln, Häusern und Pappelweiden dazwischen,
zur Linken aber die von Regengüssen hoch angeschwollene Oder, mehr ein
Haff jetzt als ein Strom. Wüthend kam der Südost vom jenseitigen Ufer
herüber und trieb die graugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm,
daß es wie eine Brandung war. Und in eben dieser Brandung standen
gekröpfte Weiden, nur noch den häßlichen Kopf über dem Wasser, während,
auf der neumärkischen Seite, der blauschwarze Strich einer
Kiefernwaldung in grellem, unheimlichem Sonnenscheine dalag.

Bis dahin war außer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut
geworden, jetzt aber sagte Hradscheck, indem er sich zu den beiden
hinter ihm Sitzenden umdrehte: »Der Wind wird ihn runter geweht haben.«

»Unsinn!« lachte Woytasch, »Ihr müßt doch sehn, Hradscheck, der Wind
kommt ja von da, von drüben. Wenn _der_ schuld wäre, läg’ er hier rechts
vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur, da
wanken ja schon welche herum und halten sich die Hüte fest. Fahr’ zu,
daß wir nicht die Letzten sind.«

Und eine Minute darauf hielten sie gerad an der Stelle, wo das Unglück
sich zugetragen hatte. Wirklich, Orth war schon da, mit ihm ein paar
seiner Mühlknechte, desgleichen Mietzel und Quaas, deren ausgebaute
Gehöfte ganz in der Nähe lagen. Alles begrüßte sich und kletterte dann
gemeinschaftlich den Damm hinunter, um unten genau zu sehen, wie’s
stünde. Die Böschung war glatt, aber man hielt sich an dem Werft- und
Weidengestrüpp, das überall stand. Unten angekommen, sah man bestätigt,
was von Anfang an niemand bezweifelt hatte: Szulski’s Einspänner lag wie
gekentert im Wasser, das Verdeck nach unten, die Räder nach oben; von
dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes
Stück Hintertheil, während die Scheere, darin es eingespannt gewesen,
wie ein Wahrzeichen aus dem Strom aufragte. Den Mantelsack hatten die
Wellen an den Damm gespült und nur von Szulski selbst ließ sich nichts
entdecken.

»Er ist nach Kienitz hin weggeschwemmt,« sagte Schulze Woytasch. »Aber
weit weg kann er nicht sein; die Brandung geht ja schräg gegen den
Damm.«

Und dabei marschirte man truppweise weiter, von Gestrüpp zu Gestrüpp,
und durchsuchte jede Stelle.

»Der Pelz muß doch oben auf schwimmen.«

»Ja, der Pelz,« lachte Kunicke. »Wenn’s blos der Pelz wär’. Aber der
Pohlsche steckt ja drin.«

Es war der Kunicke’sche Trupp, der so plauderte, ganz wie bei
Dachsgraben und Hühnerjagd, während der den andern Trupp führende
Hradscheck mit einem Male rief: »Ah, da ist ja seine Mütze!«

Wirklich, Szulski’s Pelzmütze hing an dem kurzen Geäst einer Kropfweide.

»Nun, haben wir _die_,« fuhr Hradscheck fort, »so werden wir ihn auch
selber bald haben.«

»Wenn wir nur ein Boot hätten. Aber es kann hier nicht tief sein, und
wir müssen immer peilen und Grund suchen.«

Und so geschah’s auch. Aber alles Messen und Peilen half nichts und es
blieb bei der Mütze, die der eine der beiden Müllerknechte mittlerweile
mit einem Haken herangeholt hatte. Zugleich wurde der Wind immer
schneidender und kälter, so daß Kunicke, der noch von Möckern und
Montmirail her einen Rheumatismus hatte, keine Lust mehr zur Fortsetzung
verspürte. Schulze Woytasch auch nicht.

»Ich werde Gensdarm Geelhaar nach Kienitz und Güstebiese schicken,«
sagte dieser. »Irgendwo muß er doch antreiben. Und dann wollen wir ihm
ein ordentliches Begräbniß machen. Nicht wahr, Hradscheck? Die Hälfte
kann die Gemeinde geben.«

»Und die andre Hälfte geben wir,« setzte Kunicke hinzu. »Denn wir sind
doch eigentlich ein bischen schuld. Oder eigentlich ganz gehörig. Er war
gestern Abend verdammt fißlig und man bloß noch so so. War er denn wohl
kattolsch?«

»Natürlich war er,« sagte Woytasch. »Wenn einer Szulski heißt und aus
Krakau kommt, ist er kattolsch. Aber das schad’t nichts. Ich bin für
Aufklärung. Der alte Fritze war auch für Aufklärung. Jeder nach seiner
Façon ...«

»Versteht sich,« sagte Kunicke. »Versteht sich. Und dann am Ende, wir
wissen auch nicht, das heißt, ich meine, so ganz bestimmt wissen wir
nicht, ob er ein Kattolscher war oder nich. Un was man nich weiß, macht
einen nich heiß. Nicht wahr, Quaas?«

»Nein, nein. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Und Quaasen
auch nicht.«

Alle lachten und selbst Hradscheck, der bis dahin eine würdige
Zurückhaltung gezeigt hatte, stimmte mit ein.



                                  IX.


Der Todte fand sich nicht, der Wagen aber, den man mühevoll aus dem
Wasser heraufgeholt hatte, wurde nach dem Dorf geschafft und in
Kunicke’s große Scheune gestellt. Da stand er nun schon zwei Wochen, um
entweder abgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu
werden.

Im Dorfe gab es inzwischen viel Gerede, das aller Orten darauf
hinauslief: »es sei was passirt und es stimme nicht mit den Hradschecks.
Hradscheck sei freilich ein feiner Vogel und Spaßmacher und könne
Witzchen und Geschichten erzählen, aber er hab’ es hinter den Ohren, und
was die Frau Hradscheck angehe, die vor Vornehmheit nicht sprechen
könne, so wisse jeder, stille Wasser seien tief. Kurzum es sei Beiden
nicht recht zu traun und der Pohlsche werde wohl ganz wo anders liegen,
als in der Oder.« Zum Überfluß griff auch noch unser Freund, der
Kantorssohn, der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemächtigte, in die
Saiten seiner Leier, und allabendlich, wenn die Knechte, mit denen er
auf Du und Du stand, vom Kruge her durchs Dorf zogen, sangen sie nach
bekannter Melodie:

    Morgenroth!
    Abel schlug den Kain todt.
    Gestern noch bei vollen Flaschen
    Morgens ausgeleerte Taschen
    Und ein kühles, kühles Gra-ab.

All dies kam zuletzt auch dem Küstriner Gericht zu Ohren, und wiewohl es
nicht viel besser als Klatsch war, dem alles Beweiskräftige fehlte, so
sah sich der Vorsitzende des Gerichts, Justizrath Vowinkel, doch
veranlaßt, an seinen Duz- und Logenbruder Eccelius einige Fragen zu
richten und dabei Erkundigungen über das Vorleben der Hradschecks
einzuziehen.

Das war am 7. December, und noch am selben Tage schrieb Eccelius zurück:

»Lieber Bruder. Es ist mir sehr willkommen, in dieser Sache das Wort
nehmen und Zeugniß zu Gunsten der beiden Hradschecks ablegen zu können.
Man verleumdet sie, weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst
unsere Brücher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum
Haß gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt.
Aber #ad rem.# Er, Hradscheck, ist kleiner Leute Kind aus Neu-Lewin und,
wie sein Name bezeugt, von böhmischer Extraktion. Du weißt, daß
Neu-Lewin in den 80er Jahren mit böhmischen Kolonisten besetzt wurde.
Doch dies beiläufig. Unsres Hradscheck Vater war Zimmermann, der, nach
Art solcher Leute, den Sohn für dasselbe Handwerk bestimmte. Und unser
Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in
Berlin beschäftigt gewesen sein. Aber es mißfiel ihm, und so fing er,
als er vor etwa 15 Jahren nach Neu-Lewin zurückkehrte, mit einem
Kramgeschäft an, das ihm auch glückte, bis er, um eines ihm unbequem
werdenden ›Verhältnisses‹ willen, den Laden aufgab und den Entschluß
faßte nach Amerika zu gehen. Und zwar über Holland. Er kam aber nur bis
ins Hannöversche, wo er, in der Nähe von Hildesheim, also katholische
Gegend, in einer großen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm. Hier
traf es sich, daß an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt
umhergezogene Tochter des Hauses, krank und elend von ihren Fahrten und
Abenteuern – sie war muthmaßlich Schauspielerin gewesen – zurückkam und
eine furchtbare Scene mit ihrem Vater hatte, der ihr nicht nur die
bösesten Namen gab, sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte.
Hradscheck, von dem Unglück und wahrscheinlich mehr noch von dem
eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerührt, ergriff
Partei für sie, hielt um ihre Hand an, was dem Vater wie der ganzen
Familie nur gelegen kam, und heirathete sie, nachdem er seinen
Auswanderungsplan aufgegeben hatte. Bald danach, um Martini herum,
übersiedelten Beide hierher, nach Tschechin, und schon am ersten
Advents-Sonntage kam die junge Frau zu mir und sagte, daß sie sich zur
Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle. Was denn auch
geschah und damals (es geht jetzt ins zehnte Jahr) einen großen Eindruck
auf die Bauern machte. Daß der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in
dem Leben Beider eine Rolle gespielt hat, ist mir unzweifelhaft, ebenso
daß Beide seinen Versuchungen unterlegen sind. Auch sonst noch, wie
nicht bestritten werden soll, bleiben einige dunkle Punkte, trotzdem es
an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt hat. Aber wie dem auch
sein möge, mir liegt es pflichtmäßig ob zu bezeugen, daß es
wohlanständige Leute sind, die, so lang ich sie kenne, sich gut gehalten
und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben. Einzelnes, was ihm,
nach der entgegengesetzten Seite hin, vor längrer oder kürzrer Zeit
nachgesagt wurde, mag auf sich beruhn, um so mehr als mir Sittenstolz
und Tugendrichterei von Grund aus verhaßt sind. Die Frau hat meine
besondere Sympathie. Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie
mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und werth gemacht.«

Die Wirkung dieses Eccelius’schen Briefes war, daß das Küstriner Gericht
die Sache vorläufig fallen ließ; als demselben aber zur Kenntniß kam,
»daß Nachtwächter Mewissen, nach neuerdings vor Schulze Woytasch
gemachten Aussagen, an jenem Tage, wo das Unglück sich ereignete, so
zwischen fünf und sechs (um die Zeit also, wo das Wetter am tollsten
gewesen) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mühle gesehn
haben wollte, ganz so wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her käme,«
– da waren die Verdachtsgründe gegen Hradscheck und seine Frau doch
wieder so gewachsen, daß das Gericht einzuschreiten beschloß. Aber
freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eclats, weshalb Vowinkel
an Eccelius, dem er ohnehin noch einen Dankesbrief schuldete, die
folgenden Zeilen richtete:

»Habe Dank, lieber Bruder, für Deinen ausführlichen Brief vom 7. d. M.,
dem ich, soweit er ein Urtheil abgiebt, in meinem Herzen zustimme.
Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl, weit über seinen Stand hinaus,
und Du wirst Dich entsinnen, daß er letzten Winter sogar in Vorschlag
war und zwar auf meinen speciellen Antrag. Das alles steht fest. Aber zu
meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt,
ja, die Verdachtsgründe haben sich gemehrt, seit neuerdings auch euer
Mewissen gesprochen hat. Andrerseits freilich ist immer noch zu wenig
Substanz da, um ohne Weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen,
weßhalb ich vorhabe, die Hradscheck’schen Dienstleute, die doch
schließlich alles am besten wissen müssen, zu vernehmen und von _ihrer_
Aussage mein weiteres Thun oder Nichtthun abhängig zu machen. Unter
allen Umständen aber wollen wir alles, was Aufsehn machen könnte, nach
Möglichkeit vermeiden. Ich treffe morgen gegen 2 in Tschechin ein, fahre
gleich bei Dir vor und bitte Dich Sorge zu tragen, daß ich den Knecht
Jakob sammt den beiden andern Personen, deren Namen ich vergessen, in
Deinem Hause vorfinde.«

                           *       *       *

So des Justizraths Brief. Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem
Pfarrhaus und trat in den Flur, auf dem die drei vorgeforderten
Dienstleute schon standen. Vowinkel grüßte sie, sprach, in der Absicht
ihnen Muth zu machen, ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann,
nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt, auf Eccelius’
Studirstube zu, darin nicht nur der große schwarze Kachelofen, sondern
auch der wohlarrangirte Kaffeetisch jeden Eintretenden überaus
anheimelnd berühren mußte. Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall. Er
wies lachend darauf hin und sagte: »Vortrefflich, Freund. Höchst
einladend. Aber ich denke, wir lassen das bis nachher. Erst das
Geschäftliche. Das Beste wird sein, _Du_ stellst die Fragen und ich
begnüge mich mit der Beisitzer-Rolle. Sie werden Dir unbefangner
antworten als mir.« Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden
hohen Lehnstuhle Platz, während Eccelius, auf den Flur hinaus, nach Ede
rief und sich’s nun erst, nach Erledigung aller Präliminarien, an seinem
mächtigen Schreibtische bequem machte, dessen großes, zwischen einem
Sand- und einem Tintenfaß stehendes Alabasterkreuz ihn von hinten her
überragte.

Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Thür stehn. Er
hatte sichtlich sein Bestes gethan, um einen manierlichen Menschen aus
sich zu machen, aber nur mit schwachem Erfolg. Sein brandrothes Haar lag
großentheils blank an den Schläfen, während ihm das Wenige, was ihm
sonst noch verblieben war, nach Art einer Spitzflamme zu Häupten stand.
Am schlimmsten aber waren seine winterlichen Hände, die, wie eine Welt
für sich, aus dem überall zu kurz gewordenen Einsegnungsrock
hervorsahen.

»Ede,« sagte der Pastor freundlich, »Du sollst über Hradscheck und den
Polen aussagen, was Du weißt.«

Der Junge schwieg und zitterte.

»Warum sagst Du nichts? warum zitterst Du?«

»Ick jrul’ mi so.«

»Vor wem? Vor uns?«

Ede schüttelte mit dem Kopf.

»Nun, vor wem denn?«

»Vor Hradschecken ...«

Eccelius, der alles zu Gunsten der Hradschecks gewendet zu sehen
wünschte, war mit dieser Aussage wenig zufrieden, nahm sich aber
zusammen und sagte: »Vor Hradscheck. Warum vor Hradscheck? Was ist mit
ihm? Behandelt er Dich schlecht?«

»Nei.«

»Nu wie denn?«

»Ick weet nich ... He is so anners.«

»Nu gut. Anders. Aber das ist nicht genug, Ede. Du mußt uns mehr sagen.
Worin ist er anders? Was thut er? Trinkt er? Oder flucht er? Oder ist er
in Angst?«

»Nei.«

»Nu wie denn? Was denn?«

»Ick weet nich ... He is so anners.«

Es war ersichtlich, daß aus dem eingeschüchterten Jungen nichts weiter
herauszubringen sein würde, weßhalb Vowinkel dem Freunde zublinkte, die
Sache fallen zu lassen. Dieser brach denn auch wirklich ab und sagte:
»Nun, es ist gut, Ede. Geh. Und schicke die Male herein.«

Diese kam und war in ihrem Kopf- und Brusttuch, das sie heute wie
sonntäglich angelegt hatte, kaum wieder zu erkennen. Sie sah klar aus
den Augen, war unbefangen und erklärte, nachdem Eccelius seine Frage
gestellt hatte, daß sie nichts wisse. Sie habe Szulski gar nicht gesehn,
»un ihrst um Klocker vier oder noch en beten danoah« wäre Hradscheck an
ihre Kammerthür gekommen und hätte gesagt, daß sie rasch aufstehn und
Kaffee kochen solle. Das habe sie denn auch gethan, und grad als sie den
Kien gespalten, sei Jakob gekommen und hab’ ihr so im Vorübergehn
gesagt, »daß er den Pohlschen geweckt habe; der Pohlsche hab’ aber ’nen
Dodenschlaf gehabt und habe gar nich geantwortet. Und da hab’ er an die
Dhür gebullert.«

All das erzählte Male hintereinander fort, und als der Pastor zum
Schlusse frug, ob sie nicht noch weiter was wisse, sagte sie: »Nein,
weiter wisse sie nichts, oder man blos noch das Eine, daß die Kanne, wie
sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe, beinah noch ganz voll gewesen
sei. Und sei doch ein gräuliches Wetter gewesen und kalt und naß. Und
wenn sonst einer des Morgens abreise, so tränk’ er mehrstens oder
eigentlich immer die Kanne leer, un von Zucker übrig lassen wär’ gar
keine Rede nich. Und manche nähmen ihn auch mit. Aber der Pohlsche hätte
keine drei Schluck getrunken, und sei eigentlich alles noch so gewesen,
wie sie’s reingebracht habe. Weiter wisse sie nichts.«

Danach ging sie, und der Dritte, der nun kam, war Jakob.

»Nun, Jakob, wie war es?« fragte Eccelius; »Du weißt, um was es sich
handelt. Was Du Malen und mir schon vorher gesagt hast, brauchst Du
nicht zu wiederholen. Du hast ihn geweckt und er hat nicht geantwortet.
Dann ist er die Treppe herunter gekommen und Du hast gesehn, daß er sich
an dem Geländer festhielt, als ob ihm das Gehn in dem Pelz schwer
würde. Nicht wahr, so war es?«

»Joa, Herr Pastor.«

»Und weiter nichts?«

»Nei, wider nix. Un wihr man blot noch, dat he so’n beten lütt utsoah,
un ...«

»Und was?«

»Un dat he so still wihr un seggte keen Wuhrd nich. Un as ick to em
seggen deih: ›Na Adjes, Herr Szulski,‹ doa wihr he wedder so bummsstill
un nickte man blot so.«

Nach dieser Aussage trat auch Jakob ab und die Pfarrköchin brachte den
Kaffee. Vowinkel nahm eine der Tassen und sagte, während er sich an das
Fensterbrett lehnte: »Ja, Freund, die Sache steht doch schlimmer, als
_Du_ wahr haben möchtest, und fast auch schlimmer als _ich_ erwartete.«

»Mag sein,« erwiderte der Pastor. »Nach meinem Gefühl indeß, das ich
selbstverständlich Deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all
diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie Du gesehn
hast, konnte vor Angst kaum sprechen, und aus der Köchin Aussage war
doch eigentlich nur das Eine festzustellen, daß es Menschen giebt, die
_viel_, und andre, die _wenig_ Kaffee trinken.«

»Aber Jakob!«

Eccelius lachte. »Ja Jakob. ›He wihr en beten to lütt‹, das war das
eine, ›un he wihr en beten to still‹, das war das andre. Willst Du
daraus einen Strick für die Hradschecks drehn?«

»Ich will es nicht, aber ich fürchte, daß ich es muß. Jedenfalls haben
sich die Verdachtsgründe durch das, was ich eben gehört habe, mehr
gemehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach
Belasteten kann nicht länger mehr hinausgeschoben werden. Er muß in
Haft, wär’ es auch nur um einer Verdunklung des Thatbestandes
vorzubeugen.«

»Und die Frau?«

»Kann bleiben. Überhaupt werd’ ich mich auf das Nöthigste beschränken,
und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab’ ich vor, ihn
auf meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte, mit nach
Küstrin zu nehmen.«

»Und wenn er nun schuldig ist, wie Du beinah glaubst oder wenigstens für
möglich hältst? Ist Dir eine solche Nachbarschaft nicht einigermaßen
ängstlich?«

Vowinkel lachte. »Man sieht, Eccelius, daß Du kein Kriminalist bist.
Schuld und Muth vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lähmt.«

»Nicht immer.«

»Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Gesetz schon
über ihr ist.«



                                  X.


Die Verhaftung Hradscheck’s erfolgte zehn Tage vor Weihnachten. Jetzt
war Mitte Januar, aber die Küstriner Untersuchung rückte nicht von der
Stelle, weßhalb es in Tschechin und den Nachbardörfern hieß: »Hradscheck
werde mit Nächstem wieder entlassen werden, weil nichts gegen ihn
vorliege.« Ja, man begann auf das Gericht und den Gerichtsdirektor zu
schelten, wobei sich’s selbstverständlich traf, daß alle die, die vorher
am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten, jetzt in
Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen.

Vowinkel hatte viel zu dulden; kein Zweifel. Am ausgiebigsten in
Schmähungen aber war man gegen die Zeugen, und der Angriffe gegen diese
wären noch viel mehr gewesen, wenn man nicht gleichzeitig über sie
gelacht hätte. Der dumme Ladenjunge, der Ede, so versicherte man sich
gegenseitig, könne doch nicht für voll angesehen werden und die Male mit
ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kaffee womöglich
noch weniger. Daß man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee
kriege, das wisse jeder, und wenn alle die, die das durchgetrichterte
Cichorienzeug stehn ließen, auf Mord und Todtschlag hin verklagt und
eingezogen werden sollten, so säße bald das halbe Bruch hinter Schloß
und Riegel. »Aber Jakob und der alte Mewissen?« hieß es dann wohl. Indeß
auch von diesen Beiden wollte die plötzlich zu Gunsten Hradscheck’s
umgestimmte Majorität nichts wissen. Der dusslige Jakob, von dem jetzt
so viel gemacht werde, ja, was hab’ er denn eigentlich beigebracht? Doch
nichts weiter, als das ewige »He wihr so’n beten still.« Aber du lieber
Himmel, wer habe denn Lust, um Klock fünf und bei steifem Südost einen
langen Schnack zu machen? Und nun gar der alte Mewissen, der, so lang er
lebe, den Himmel für einen Dudelsack angesehen habe? Wahrhaftig, der
könne viel sagen, eh’ man’s zu glauben brauche. »Mit einem karrirten
Tuch über dem Kopf. Und wenn’s kein karrirtes Tuch gewesen, dann sei’s
eine Pferdedecke gewesen.« O, du himmlische Güte! Mit einer Pferdedecke!
Die Hradscheck mit einer Pferdedecke! Giebt es Pferdedecken ohne Flöhe?
Nein. Und nun gar diese schnippsche Prise, die sich ewig mit ihrem
türkischen Shawl herumziert und noch ötepotöter is als die Reitweinsche
Gräfin!

So ging das Gerede, das sich, an und für sich schon günstig genug für
Hradscheck, in Folge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage günstiger
gestaltete. Darunter war eins von besondrer Wirkung. Und zwar das
folgende. Heilig Abend war ein Brief Hradscheck’s bei Eccelius
eingetroffen, worin es hieß: »es ging’ ihm gut, weßhalb er sich auch
freuen würde, wenn seine Frau zum Fest herüberkommen und eine
Viertelstunde mit ihm plaudern wolle; Vowinkel hab’ es eigens gestattet,
versteht sich in Gegenwart von Zeugen.« So die briefliche Mittheilung,
auf welche Frau Hradscheck, als sie durch Eccelius davon gehört, diesem
letzteren sofort geantwortet hatte: »sie werde diese Reise _nicht_
machen, weil sie nicht wisse, wie sie sich ihrem Manne gegenüber zu
benehmen habe. Wenn er schuldig sei, so sei sie für immer von ihm
geschieden, einmal um ihrer selbst, aber mehr noch um ihrer Familie
willen. Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehn und ihre Sache vor
Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel inständigst bitten, ihres
Mannes Unschuld recht bald an den Tag zu bringen.« So was hörten die
Tschechiner gern, die sämmtlich höchst unfromm waren, aber nach Art der
meisten Unfrommen einen ungeheuren Respekt vor Jedem hatten, der »lieber
zum Abendmahl gehn und seine Sache vor Gott tragen«, als nach Küstrin
hin reisen wollte.

Kurzum, alles stand gut, und es hätte sich von einer totalen
»Rückeroberung« des dem Inhaftirten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes
sprechen lassen, wenn nicht _ein_ Unerschütterlicher gewesen wäre, der,
sobald Hradscheck’s Unschuld behauptet wurde, regelmäßig versicherte:
»Hradscheck? _Den_ kenn’ ich. _Der_ muß ans Messer.«

Dieser Unerschütterliche war niemand Geringeres als Gensdarm Geelhaar,
eine sehr wichtige Person im Dorf, auf deren Autorität hin die Mehrheit
sofort geschworen hätte, wenn ihr nicht seine bittre Feindschaft gegen
Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wäre.
Geelhaar, guter Gensdarm, aber noch besserer Saufaus, war, um Kognaks
und Rums willen, durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hradscheck
gewesen, bis dieser eines Tages, des ewigen Gratis-Einschenkens müde,
mit mehr Übermuth als Klugheit gesagt hatte: »Hören Sie, Geelhaar, Rum
ist gut. Aber Rum kann einen auch ’rum bringen.« Auf welche Provokation
hin (Hradscheck liebte dergleichen Witze) der sich nun plötzlich aufs
hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrothem Gesicht geantwortet hatte:
»Gewiß, Herr Hradscheck. Was kann einen nich alles ’rumbringen? Den
einen dies, den andern das. Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch
noch nicht aller Tage Abend.«

Von der aus diesem Zwiegespräch entstandenen Feindschaft wußte das ganze
Dorf, und so kam es, daß man nicht viel darauf gab und im Wesentlichen
blos lachte, wenn Geelhaar zum hundertsten Male versicherte: »_Der_? Der
muß ans Messer.«

                           *       *       *

»Der muß ans Messer,« sagte Geelhaar, aber in Tschechin hieß es mit
jedem Tage mehr: »Er kommt wieder frei.«

Und »he kümmt wedder ’rut,« hieß es auch im Hause der alten Jeschke, wo
die blonde Nichte, die Line – dieselbe, nach der Hradscheck bei seinen
Gartenbegegnungen mit der Alten immer zu fragen pflegte – seit
Weihnachten zum Besuch war und an einer Ausstattung, wenn auch freilich
nicht an ihrer eigenen, arbeitete. Sie war eine hervorragend kluge
Person, die, trotzdem sie noch keine 27 zählte, sich in den
verschiedensten Lebensstellungen immer mit Glück versucht hatte: früh
schon als Kinder- und Hausmädchen, dann als Nähterin und schließlich als
Pfarrköchin in einem neumärkischen Dorf, in welch letztrer Eigenschaft
sie nicht nur sämmtliche Betstunden mitgemacht, sondern sich auch durch
einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte. Denn sie
gehörte zu denen, die, wenn engagirt, innerhalb ihres Engagements alles
Geforderte leisten, auch Gebet, Tugend und Treue.

Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke, die
vielmehr, wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann, immer nur
Geschichten von begünstigten und genasführten Liebhabern hören wollte,
besonders von einem Küstriner Fourage-Beamten, der drei Stunden lang im
Schnee hatte warten müssen. Noch dazu vergeblich. All das freute die
Jeschke ganz ungemein, die dann regelmäßig hinzusetzte: »Joa, Line, so
wihr ick ook. Awers moak et man nich to dull.« Und dann antwortete
diese: »Wie werd ich denn, Mutter Jeschke!« Denn sie nannte sie nie
Tante, weil sie sich der nahen Verwandtschaft mit der alten Hexe schämen
mochte.

Plaudern war Beider Lust. Und plaudernd saßen beide Weibsen auch heute
wieder.

Es war ein ziemlich kalter Tag und draußen lag fußhoher Schnee. Drinnen
aber war es behaglich, das Rothkehlchen zwitscherte, die Wanduhr ging in
starkem Schlag und der Kachelofen that das Seine. Dem Ofen zunächst aber
hockte die Jeschke, während Line weitab an dem ganz mit Eisblumen
überdeckten Fenster saß und sich ein Kuckloch gepustet hatte, durch das
sie nun bequem sehen konnte, was auf der Straße vorging.

»Da kommt ja Gensdarm Geelhaar,« sagte sie. »Grad über den Damm. Er muß
drüben bei Kunicke gewesen sein. Versteht sich, Kunicke frühstückt um
diese Zeit. Und sieht auch so roth aus. Was er nur will? Er wird am Ende
der armen Frau, der Hradschecken, einen Besuch machen wollen. Is ja
schon vier Wochen Strohwittwe.«

»Nei, nei,« lachte die Alte. »Dat deiht he nich. Dem is joa sien ejen
all to veel, so lütt se is. Ne, ne, den kenn ick. Geelhaar is man blot
noch för so.«

Und dabei machte sie die Bewegung des aus der Flaschetrinkens.

»Hast Recht,« sagte Line. »Sieh, er kommt grad auf unser Haus zu.«

Und wirklich, unter diesem Gespräch, wie’s die Jeschke mit ihrer Nichte
geführt hatte, war Geelhaar von der Dorfstraße her in einen schmalen,
blos mannsbreiten Gang eingetreten, der, an der Hradscheck’schen
Kegelbahn entlang, in den Garten der alten Jeschke führte.

Von hier aus war auch der Eingang in das Häuschen der Alten, das mit
seinem Giebel nach der Straße stand.

»Guten Tag, Mutter Jeschke,« sagte der Gensdarm. »Ah, und guten Tag,
Lineken. Oder ich muß jetzt wohl sagen Mamsell Linchen.«

Line, die den stattlichen Geelhaar (er hatte bei den Gardekürassieren
gedient), aller despektirlichen Andeutungen der Alten ungeachtet,
keineswegs aus ihrer Liste gestrichen hatte, stemmte sofort den linken
Fuß gegen einen ihr gegenüberstehenden Binsenstuhl und sah ihn zwinkernd
über das große Stück Leinwand hin an, das sie, wie wenn sie’s abmessen
wollte, mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte.

Die Wirkung dieser kleinen Künste blieb auch nicht aus. So wenigstens
schien es Linen. Die Jeschke dagegen wußt’ es besser, und als Geelhaar
auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Frage, »was ihr denn
eigentlich die Ehre verschaffe,« mit einem scherzhaft gemeinten
Fingerzeig auf Line geantwortet hatte, lachte sie nur und sagte:

»Nei, nei, Herr Gensdarm. Ick weet schon, ick weet schon ... Awers nu
setten’s sich ihrst ... Joa, diss’ Hradscheck ... he kümmt joa nu wedder
rut.«

»Ja, Mutter Jeschke,« wiederholte Geelhaar, »he kümmt nu wedder rut. Das
heißt, er kommt wieder ’raus, wenn er nich drin bleibt.«

»Woll, woll. Wenn he nicht drin bliewt. Awers worümm sall he drin
bliewen? Keen een hett joa wat siehn, un keen een hett joa wat utfunn’n.
Un Se ook nich, Geelhaar.«

»Nein,« sagte der Gensdarm. »Ich auch nich. Aber es wird sich schon was
finden oder doch finden lassen, und dazu müssen Sie helfen, Mutter
Jeschke. Ja, ja. So viel weiß ich, die Hradscheck hat schon lange keinen
Schlaf mehr und ist immer treppauf und treppab. Und wenn die Leute
sagen, es sei blos, weil sie sich um den Mann gräme, so sag ich: Unsinn,
_er_ is nich so und _sie_ is nich so.«

»Nei, nei,« wiederholte die Jeschke. »He is nich so un se is nich so.
De Hradschecks, nei, de sinn nich so.«

»Keinen ordentlichen Schlaf also,« fuhr Geelhaar fort, »nich bei Tag und
auch nich bei Nacht, und wankt immer so ’rum, und is mal im Hof und mal
im Garten. Das hab’ ich von der Male ... Hören Sie, Mutter Jeschke, wenn
ich so mal Nachtens hier auf Posten stehen könnte! Das wäre so was. Line
bleibt mit auf, und wir setzen uns dann ans Fenster und wachen und
kucken. Nich wahr, Line?«

Line, die schon vorher das Weißzeug bei Seite gelegt und ihren blonden
Zopf halb aufgeflochten hatte, schlug jetzt mit dem losen Büschel über
ihre linke Hand und sagte: »Will es mir noch überlegen, Herr Geelhaar.
Ein armes Mädchen hat nichts als seinen Ruf.«

Und dabei lachte sie.

»Kümmen’s man, Geelhaar,« tröstete die Jeschke, trotzdem Trost
eigentlich nicht nöthig war. »Kümmen’s man. Ick geih to Bett. Wat doa to
siehn is, ick meen hier buten, dat hebb’ ick siehn, dat weet ick all. Un
is ümmer dat Sülwigte.«

»Dat Sülwigte?«

»Joa. Nu nich mihr. Awers as noch keen Snee wihr. Doa ...«

»Da. Was denn?«

»Doa wihr se Nachtens ümmer so ’rümm hier.«

»So, so,« sagte der Gensdarm und that vorsichtig allerlei weitere
Fragen. Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei
nur Vortheile versprechen konnte, so wurde sie trotz aller sonstigen
Zurückhaltung immer mittheilsamer und erzählte dem Gensdarmen Neues und
Altes, namentlich auch das, was sie damals, in der stürmischen
November-Nacht, von ihrer Küchenthür aus beobachtet hatte. Hradscheck
habe lang da gestanden, ein flackrig Licht in der Hand. »Un wihr binoah
so, as ob he wull, dat man em seihn sull.« Und dann hab’ er einen Spaten
genommen und sei bis an den Birnbaum gegangen. Und da hab’ er ein Loch
gegraben. An der Gartenthür aber habe was gestanden wie ein Koffer oder
Korb oder eine Kiste. Was? das habe sie nicht genau sehen können. Und
dann hab’ er das Loch wieder zugeschüttet.

Geelhaar, der sich bis dahin, allem Diensteifer zum Trotz, ebenso sehr
mit Line wie mit Hradscheck beschäftigt hatte, ja, vielleicht mehr noch
Courmacher als Beamter gewesen war, war unter diesem Bericht sehr
ernsthaft geworden und sagte, während er mit Wichtigkeitsmiene seinen
gedunsenen Kopf hin und her wiegte: »Ja, Mutter Jeschke, das thut mir
leid. Aber es wird Euch Ungelegenheiten machen.«

»Wat? wat, Geelhaar?«

»Ungelegenheiten, weil Ihr damit so spät herauskommt.«

»Joa, Geelhaar, wat sall dat? wat mienens mit ›to spät‹? Et hett mi joa
keener nich froagt. Un Se ook nich. Un wat weet ick denn ook? Ick weet
joa nix. Ick weet joa joar nix.«

»Ihr wißt genug, Mutter Jeschke.«

»Nei, nei, Geelhaar. Ick weet joar nix.«

»Das ist gerade genug, daß einer Nachts in seinem Garten ein Loch gräbt
und wieder zuschüttet.«

»Joa, Geelhaar, ick weet nich, awers jed’ een möt doch in sien ejen
Goarden en Loch buddeln künn’.«

»Freilich. Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter.«

»Na, rieden’s mi man nich rin. Un moaken Se’t good mit mi ... Line,
Line, segg doch ook wat.«

Und wirklich, Line trat in Folge dieser Aufforderung an den Gensdarmen
heran und sagte, tief aufathmend, wie wenn sie mit einer plötzlichen und
mächtigen Sinnen-Erregung zu kämpfen hätte: »Laß nur, Mutter Jeschke.
Herr Geelhaar wird schon wissen, was er zu thun hat. Und wir werden es
auch wissen. Das versteht sich doch von selbst. Nicht wahr, Herr
Geelhaar?«

Dieser nickte zutraulich und sagte mit plötzlich verändertem und wieder
freundlicher werdendem Tone: »Werde schon machen, Mamsell Line. Schulze
Woytasch läßt ja, Gott sei Dank, mit sich reden und Vowinkel auch.
Hauptsach’ is, daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen. Un is dann
am Ende gleich, _wann_ wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder
morgen abgezogen wird.«



                                  XI.


Vierundzwanzig Stunden später kam – und zwar auf die Meldung hin, die
Geelhaar, gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke, bei der Behörde
gemacht hatte – von Küstrin her ein offener Wagen, in dem, außer dem
Kutscher, der Justizrath und Hradscheck saßen. Die Luft ging scharf und
die Sonne blendete, weßhalb Vowinkel, um sich gegen Beides zu schützen,
seinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen Kopf bis an Nas’ und
Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck saß frei da,
Luft und Licht, deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte,
begierig einsaugend. Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe, von der aus sich
das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne
Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ. Das da, mit dem schwarzen,
theergestrichenen Gebälk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem
gläsernen Aussichtsthurm, mußte Kunicke’s sein, Kunicke’s »Villa«, wie
die Tschechiner es spöttisch nannten. Das niedrige, grad gegenüber aber,
das war seine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig über
die mit Schnee bedeckte Dachfläche wegragte. Vowinkel bemerkte wohl,
wie Hradscheck sich unwillkürlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von
Besorgniß drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur
Freude, seine Heimstätte wieder zu sehen.

Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizräthlichen Wagens schon
entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Igel’schen Brett- und
Schneidemühle, die man, wenn man von der Küstriner Seite her kam, als
erstes Gehöft zu passiren hatte (gerade so wie das Orth’sche nach der
Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemüller und
fegte mit einem kurzen storrigen Besen den Schnee von der obersten
Bretterlage fort, anscheinend aufs Eifrigste mit dieser seiner Arbeit
beschäftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden
Hradscheck eher als irgend ein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn
Schneidemüller Igel, oder der »Schneidigel«, wie man ihn kurzweg und in
der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein
Topfkucker. Aber so topfkuckrig er war, so stolz und hochmüthig war er
auch, und so wandt’ er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an
ihm vorüberfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, blos um nicht grüßen zu
müssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schämen mochte,
vor niemandem zu verrathen, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom
Riegel und folgte dann dem Wagen, den er übrigens bald danach schon vor
dem Hradscheck’schen Hause vorfahren sah.

Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer übernahm es Kunicke, den sie
darum gebeten haben mochte, den Wirth und so zu sagen die Honneurs des
Hauses zu machen. Er führte denn auch den Justizrath vom Flur her in den
Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen
Imbiß bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vorläufiger
freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in
den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorfobrigkeit gehörte,
versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gensdarm Geelhaar, Nachtwächter
Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner. Geelhaar, der, zur Feier
des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer
aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezuthaten, um fast drei
Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere
Zirkel. Im weitern Umkreis aber standen die, die blos aus Neugier sich
eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn
und Dorfdichter, während einige zwanzig eben aus der Schule
herangekommene Jungens mit ihren Klapp-Pantinen auf das Kegelhaus
geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu sein, was wohl bei der Sache
herauskommen würde. Vorläufig indeß begnügten sie sich damit,
Schneebälle zu machen, mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen
warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles
plapperte, lachte, reckte den Hals, und wäre nicht Hradscheck selbst
gewesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und
schweigend vor sich hinsah, so hätte man glauben können, es sei Kirmeß
oder eine winterliche Jahrmarktsscene.

Die Gerichtsmänner flüsterten und steckten die Köpfe zusammen, während
Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es schien noch etwas zu fehlen, was
auch zutraf. Als aber bald danach der alte Todtengräber Wonnekamp mit
noch zwei von seinen Leuten erschien, rückte man näher an den Birnbaum
heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzuschippen. Das ging
leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorne Erde kam, wo nun die
Pickaxt aushelfen mußte. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde
gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand
nehmen, sondern kam auch rascher vorwärts, als man anfangs gehofft
hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstücke wurden immer größer,
je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Todtengräber
einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen
Ruhe sagte: »Nu giw mi moal; nu kümmt wat.« Dabei nahm er ihm das
Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber
ersichtlich mit großer Vorsicht. Alles drängte vor und wollte sehn. Und
siehe da, nicht lange, so war ein Todter aufgedeckt, der zu großem
Theile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller
Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah
und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube that.

»Nu hebben se’n,« lief ein Gemurmel den Gartenzaun entlang, unklar
lassend, ob man Hradscheck oder den Todten meine; die Jungens auf dem
Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher, trotzdem
sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend ’was sehn zu können.

Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrath des Angeklagten Arm und
sagte, während er ihn dicht an die Grube führte: »Nun, Hradscheck, was
sagen Sie?«

Dieser verzog keine Miene, faltete die Hände wie zum Gebet und sagte
dann fest und feierlich: »Ich sage, daß dieser Todte meine Unschuld
bezeugen wird.«

Und während er so sprach, sah er zu dem alten Todtengräber hinüber, der
den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten,
geschäftsmäßig sagte: »Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich
denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine
zehn Wochen todt.«

Und siehe da, kaum daß diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt
auch schon bewiesen und jeder schämte sich, so wenig kaltes Blut und so
wenig Umsicht und Überlegung gehabt zu haben. In einem gewissen
Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet
gelassen, daß ein Schädel, um ein richtiger Schädel zu werden, auch sein
Stück Zeit verlangt und daß die Todten ihre Verschiedenheiten und ihre
Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen.

Am verlegensten war der Justizrath. Aber er sammelte sich rasch und
sagte: »Todtengräber Wonnekamp hat Recht. Das ist nicht der Todte, den
wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen
Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Todten keine Schuld
haben. Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein. Denn
Hradscheck ist erst im zehnten Jahr in diesem Dorf. Das alles ist jetzt
erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worüber
Aufklärung gegeben werden muß. Ich lebe der Zuversicht, daß es an dieser
Aufklärung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie,
Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich
dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um
Stunden und höchstens um Tage handeln.«

Und damit nahm er Kunicke’s Arm und ging in die Weinstube zurück,
woselbst er nunmehr, in Gesellschaft von Woytasch und den
Gerichtsmännern, dem für ihn servirten Frühstücke tapfer zusprach. Auch
Hradscheck ward aufgefordert, sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen.
Er lehnte jedoch ab und sagte, daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten
wolle, bis er im Küstriner Gefängniß sei.

So waren seine Worte.

Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein. »Er will nicht an seinem
eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als
Gnadenbrot essen. Da hat er Recht. Das möcht’ ich auch nicht.«

So hieß es und so dachten die Meisten.

Aber freilich nicht alle.

Gensdarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, über den, sammt andrem
Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggekuckt hatte. Natürlich auch Line.

Geelhaar tippte dieser mit dem Finger auf den Dutt und sagte: »Nu Line,
was macht der Zopf?«

»Meiner?« lachte diese. »Hörens, Herr Gensdarm, jetzt kommt _Ihrer_ an
die Reih’.«

»Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was sagt
die dazu?«

»Joa, wat sall se seggen? He is nu wedder ’rut. Awers he kümmt ook woll
wedder ’rin.«



                                 XII.


Eine Woche war vergangen, in der die Tschechiner viel erlebt hatten. Das
Wichtigste war: Hradscheck, nachdem er noch ein Küstriner Schlußverhör
durchgemacht hatte, war wieder da. Schlicht und unbefangen, ohne Lücken
und Widersprüche, waren die Dunkelheiten aufgeklärt worden, so daß an
seiner Unschuld nicht länger zu zweifeln war. Es seien ihm, so hieß es
in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage, durch Unachtsamkeit, deren er
sich selber zu zeihen habe, mehrere große Speckseiten verdorben, und
diese möglichst unbemerkt im Garten zu vergraben, hab’ er an jenem Tage
vorgehabt. Er sei denn auch, gleich nachdem seine Gäste die Weinstube
verlassen hätten, ans Werk gegangen und habe, genau so wie’s die Jeschke
gesehn und erzählt, an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht;
als er aber erkannt habe, daß da was verscharrt liege, ja, dem Anscheine
nach ein Todter, hab’ ihn eine furchtbare Angst gepackt, in Folge deren
er nicht weiter gegraben, sondern das Loch rasch wieder zugeschüttet
habe. Der Koffer, den die Jeschke gesehen haben wolle, das seien eben
jene Speckseiten gewesen, die, dicht übereinander gepackt, an der
Gartenthür gelegen hätten. »Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?«
hatte Vowinkel nach dieser Erklärung etwas spitz gefragt, worauf
Hradscheck, in seiner Erzählung fortfahrend, ohne Verlegenheit und
Unruhe geantwortet hatte: »Zu dieser Heimlichkeit seien für ihn zwei
Gründe gewesen. Erstens hab’ er sich die Vorwürfe seiner Frau, die nur
zu geneigt sei, von seiner Unachtsamkeit in Geschäftsdingen zu sprechen,
ersparen wollen. Und er dürfe wohl hinzusetzen, wer verheirathet sei,
der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen
und Streitscenen entziehe. Der zweite Grund aber sei noch wichtiger
gewesen: die Rücksicht auf die Kundschaft. Die Bauern, wie der Herr
Justizrath ja wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig
voll Mißtrauen, und wenn sie derlei Dinge, wie Schinken und Speck, auch
freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten, weil sie ja genug
davon im eignen Rauch hätten, so zögen sie doch gleich Schlüsse vom
einen aufs andre. Dergleichen hab’ er mehr als einmal durchgemacht und
dann wochenlang aller Ecken und Enden hören müssen, er passe nicht auf.
Ja, noch letzten Herbst, als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne
Heringe thranig geworden sei, habe Schneidigel überall im Dorfe
geputscht und unter anderm zu Quaas und Kunicke gesagt: ›Uns wird er
damit nicht kommen; aber die kleinen Leute, die, die ...‹«

Der Justizrath hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt, weil er
die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte, so daß, nach Erledigung
auch _dieses_ Punktes, eigentlich nichts übrig geblieben war als die
Frage, »was denn nun, unter so bewandten Umständen, aus dem durchaus zu
beseitigenden Speck geworden sei?« Welche Frage jedoch nur dazu
beigetragen hatte, Hradscheck’s Unschuld vollends ins Licht zu stellen.
»Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen
Gartenstelle verscharrt; gleich nach Szulski’s Abreise.« »Nun, wir
werden ja sehn,« hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner
Gerichtsdiener abgeschickt, um sich in Tschechin selbst über die
Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Aussage zu vergewissern. Und als
sich nun in kürzester Frist alles bestätigt oder mit anderen Worten der
vergrabene Speck wirklich an der von Hradscheck angegebenen Stelle
gefunden hatte, hatte man das Verfahren eingestellt, und an demselben
Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach
Tschechin zurückgekehrt und in einer stattlichen Küstriner Miethschaise
vor seinem Hause vorgefahren. Ede, ganz verblüfft, hatte nur noch Zeit
gefunden, in die Wohnstube, darin sich Frau Hradscheck befand,
hineinzurufen: »Der Herr, der Herr ...«, worauf Hradscheck selbst mit
der ihm eigenen Jovialität und unter dem Zurufe: »Nun Ede, wie geht’s?«
in den Flur seines Hauses eingetreten, aber freilich im selben
Augenblick auch wieder mit einem erschreckten »Was is, Frau?«
zurückgefahren war. Ein Ausruf, den er wohl thun durfte. Denn gealtert,
die Augen tief eingesunken und die Haut wie Pergament, so war ihm Ursel
unter der Thür entgegengetreten.

                           *       *       *

Hradscheck war da, das war das _eine_ Tschechiner Ereigniß. Aber das
andere stand kaum dahinter zurück: Eccelius hatte, den Sonntag darauf,
über Sacharja 7, Vers 9 und 10 gepredigt, welche Stelle lautete: »So
spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht, und ein Jeglicher beweise an
seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit. Und thuet nicht Unrecht den
_Fremdlingen_ und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem
Herzen.« Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knüpfenden
Einleitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht; als aber der
Pastor das Allgemeine fallen ließ und, ohne Namen zu nennen, den
Hradscheck’schen Fall zu schildern und die Trüglichkeit des Scheines
nachzuweisen begann, da gab sich eine Bewegung kund, wie sie seit dem
Sonntag (es ging nun ins fünfte Jahr), an welchem Eccelius auf die
schweren sittlichen Vergehen eines als Bräutigam vor dem Altar stehenden
reichen Bauernsohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel
ermahnt hatte, nicht mehr dagewesen war. Beide Hradschecks waren in der
Kirche zugegen und folgten jedem Worte des Geistlichen, der heute viel
Bibelsprüche citirte, mehr noch als gewöhnlich.

Es war unausbleiblich, daß diese Rechtfertigungsrede zugleich zur
Anklage gegen alle diejenigen wurde, die sich in der Hradscheck-Sache so
wenig freundnachbarlich benommen und durch allerhand Zuträgereien
entweder ihr Übelwollen oder doch zum mindesten ihre Leichtfertigkeit
und Unüberlegtheit gezeigt hatten. Wer in erster Reihe damit gemeint
war, konnte nicht zweifelhaft sein, und vieler Augen, nur nicht die der
Bauern, die, wie herkömmlich, keine Miene verzogen, richteten sich auf
die mitsammt ihrem »Lineken« auf der vorletzten Bank sitzende Mutter
Jeschke, der Kanzel grad’ gegenüber, dicht unter der Orgel. Line, sonst
ein Muster von Nichtverlegenwerden, wußte doch heute nicht wohin und
verwünschte die alte Hexe, neben der sie das Kreuzfeuer so vieler Augen
aushalten mußte. Mutter Jeschke selbst aber nickte nur leise mit dem
Kopf, wie wenn sie jedes Wort billige, das Eccelius gesprochen, und
sang, als die Predigt aus war, den Schlußvers ruhig mit. Ja sie blieb
selbst unbefangen, als sie draußen, an den zu beiden Seiten des
Kirchhofweges stehenden Frauen vorbeihumpelnd, erst die vorwurfsvollen
Blicke der Älteren und dann das Kichern der Jüngeren über sich ergehen
lassen mußte.

Zu Hause sagte Line: »Das war eine schöne Geschichte, Mutter Jeschke.
Hätte mir die Augen aus dem Kopf schämen können.«

»Bis doch sünnst nicht so.«

»Ach was, sünnst. Hat er Recht oder nicht? Ich meine, der Alte drüben?«

»Ick weet nich, Line,« beschwichtigte die Jeschke. »He möt et joa
weeten.«



                                 XIII.


»He möt et joa weeten,« hatte die Jeschke gesagt und damit
ausgesprochen, wie sie wirklich zu der Sache stand. Sie mißtraute
Hradscheck nach wie vor; aber der Umstand, daß Eccelius von der Kanzel
her eine Rechtfertigungsrede für ihn gehalten hatte, war doch nicht ohne
Eindruck auf sie geblieben und veranlaßte sie, sich einigermaßen
zweifelvoll gegen ihren eigenen Argwohn zu stellen. Sie hatte Respekt
vor Eccelius, trotzdem sie kaum weniger als eine richtige alte Hexe war
und die heiligen Handlungen der Kirche ganz nach Art ihrer
sympathetischen Kuren ansah. Alles, was in der Welt wirkte, war
Sympathie, Besprechung, Spuk, aber dieser Spuk hatte doch zwei Quellen,
und der weiße Spuk war stärker als der schwarze. Demgemäß unterwarf sie
sich auch (und zumal wenn er von Altar oder Kanzel her sprach) dem den
weißen Spuk vertretenden Eccelius, ihm so zu sagen die sichrere
Bezugsquelle zugestehend. Unter allen Umständen aber suchte sie mit
Hradscheck wieder auf einen guten Fuß zu kommen, weil ihr der Werth
einer guten Nachbarschaft einleuchtete. Hradscheck seinerseits, statt
den Empfindlichen zu spielen, wie manch anderer gethan hätte, kam ihr
dabei auf halbem Wege entgegen und war überhaupt von so viel
Unbefangenheit, daß, ehe noch die Fastelabend-Pfannkuchen gebacken
wurden, die ganze Szulski-Geschichte so gut wie vergessen war. Nur
Sonntags im Kruge kam sie noch dann und wann zur Sprache.

»Wenn man wenigstens de Pelz wedder in die Hücht käm ...«

»Na, Du wührst doch den Pohlschen sien’ Pelz nich antrecken wulln?«

»Nich antrecken? Worümm nich? Dat de Pohlsche drinn wihr, dat deiht em
nix. Un mi ook nich. Un wat sünnst noch drin wihr, na, dat wahrd nu joa
woll rut sinn.«

»Joa, joa. Dat wahrd nu joa woll rut sinn.«

Und dann lachte man und wechselte das Thema.

Solche Scherze bildeten die Regel, und nur selten war es, daß irgend wer
ernsthaft auf den Fall zu sprechen kam und bei der Gelegenheit seine
Verwunderung ausdrückte, daß die Leiche noch immer nicht angetrieben
sei. Dann aber hieß es, »der Todte lieg’ im Schlick, und der Schlick
gäbe nichts heraus, oder doch erst nach fünfzig Jahren, wenn das
angeschwemmte Vorland Acker geworden sei. Dann würd’ er mal beim Pflügen
gefunden werden, gerad so wie der Franzose gefunden wär’«.

Ja, gerade so wie der Franzose, der jetzt überhaupt die Hauptsache war,
viel mehr als der mit seinem Fuhrwerk verunglückte Reisende, was
eigentlich auch nicht Wunder nehmen konnte. Denn Unglücksfälle wie der
Szulski’sche waren häufig, oder wenigstens nicht selten, während der
verscharrte Franzos unterm Birnbaum alles Zeug dazu hatte, die Fantasie
der Tschechiner in Bewegung zu setzen. Allerlei Geschichten wurden
ausgesponnen, auch Liebesgeschichten, in deren einer es hieß, daß
Anno 13 ein in eine hübsche Tschechinerin verliebter Franzose beinah
täglich von Küstrin her nach Tschechin gekommen sei, bis ihn ein
Nebenbuhler erschlagen und verscharrt habe. Diese Geschichte ließen sich
auch die Mägde nicht nehmen, trotzdem sich ältere Leute sehr wohl
entsannen, daß man einen Chasseur- oder nach andrer Meinung einen
Voltigeur-Korporal einfach wegen zu scharfer Fouragirung bei Seite
gebracht und still gemacht habe. Diese Besserwissenden drangen aber mit
ihrer Prosa-Geschichte nicht durch, und unter allen Umständen blieb der
Franzose Held und Mittelpunkt der Unterhaltung.

All das kam unsrem Hradscheck zu statten. Aber was ihm noch mehr zu
statten kam, war das, daß er denselben »Franzosen unterm Birnbaum« nicht
blos zur Wiederherstellung, sondern sogar zu glänzender Aufbesserung
seiner Reputation zu benutzen verstand.

Und das kam so.

Nicht allzu lange nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft war
in einer Kirchen-Gemeinderathssitzung, der Eccelius in Person
präsidirte, davon die Rede gewesen, dem Franzosen auf dem Kirchhof ein
christliches Begräbniß zu gönnen. »Der Franzose sei zwar,« so hatte sich
der den Antrag stellende Kunicke geäußert, »sehr wahrscheinlich ein
Katholscher gewesen, aber man dürfe das so genau nicht nehmen; die
Katholschen seien bei Licht besehen auch Christen, und wenn einer schon
so lang in der Erde gelegen habe, dann sei’s eigentlich gleich, ob er
den gereinigten Glauben gehabt habe oder nicht.« Eccelius hatte dieser
echt Kunicke’schen Rede, wenn auch selbstverständlich unter Lächeln,
zugestimmt, und die Sache war schon als angenommen und erledigt
betrachtet worden, als sich Hradscheck noch im letzten Augenblick zum
Worte gemeldet hatte. »Wenn der Herr Prediger das Begräbniß auf dem
Kirchhofe, der, als ein richtiger christlicher Gottesacker, jedem
Christen, evangelisch oder katholisch, etwas durchaus Heiliges sein
müsse, für angemessen oder gar für pflichtmäßig halte, so könne es ihm
nicht einfallen, ein Wort dagegen sagen zu wollen; wenn es aber nicht
ganz so liege, mit andern Worten, wenn ein Begräbniß daselbst nicht
absolut pflichtmäßig sei, so spräch’ er hiermit den Wunsch aus, den
Franzosen in seinem Garten behalten zu dürfen. Der Franzose sei so zu
sagen sein Schutzpatron geworden, und kein Tag ginge hin, ohne daß er
desselben in Dankbarkeit und Liebe gedenke. Das sei das, was er nicht
umhin gekonnt habe hier auszusprechen, und er setze nur noch hinzu, daß
er, gewünschten Falles, die Stelle mit einem Gitter versehen oder mit
einem Buchsbaum umziehn wolle.« Die ganze Rede hatte Hradscheck mit
bewegter und die Dankbarkeitsstelle sogar mit zitternder Stimme
gesprochen, was eine große Wirkung auf die Bauern gemacht hatte.

»Bist ein braver Kerl,« hatte der, wie alle Frühstücker, leicht zum
Weinen geneigte Kunicke gesagt und eine Viertelstunde später, als er
Woytasch und Eccelius bis vor das Pfarrhaus begleitete, mit Nachdruck
hinzugesetzt: »Un wenn’s noch ein Russe wär’! Aber das is ihm alles
eins, Russ’ oder Franzos. Der Franzos hat ihm geholfen und nu hilft er
ihm wieder und läßt ihn eingittern. Oder doch wenigstens eine Rabatte
ziehen. Und wenn es ein Gitter wird, so hat er’s nicht unter zwanzig
Thaler. Und da rechne ich noch keinen Anstrich und keine Vergoldung.«

                           *       *       *

Das alles war Mitte März gewesen, und vier Wochen später, als die
Schwalben zum ersten Male wieder durch die Dorfgasse hinschossen, um
sich anzumelden und zugleich Umschau nach den alten Menschen und Plätzen
zu halten, hatte Hradscheck ein Zwiegespräch mit Zimmermeister
Buggenhagen, dem er bei der Gelegenheit eine Planzeichnung vorlegte.

»Sehen Sie, Buggenhagen, das Haus ist überall zu klein, überall ist
angebaut und angeklebt, die Küche dicht neben dem Laden, und für die
Fremden ist nichts da, wie die zwei Giebelstuben oben. Das ist zu wenig,
ich will also ein Stock aufsetzen. Was meinen Sie? Wird der Unterbau ein
Stockwerk aushalten?«

»Was wird er nicht!« sagte Buggenhagen. »Natürlich Fachwerk!«

»Natürlich Fachwerk!« wiederholte Hradscheck. »Auch schon der Kosten
wegen. Alle Welt thut jetzt immer, als ob meine Frau zum mindesten ein
Rittergut geerbt hätte. Ja, hat sich was mit Rittergut. Erbärmliche
tausend Thaler.«

»Na, na.«

»Nun, sagen wir zwei,« lachte Hradscheck. »Aber mehr nicht, auf Ehre.
Und daß davon keine Seide zu spinnen ist, das wissen Sie. Keine Seide zu
spinnen und auch keine Paläste zu bauen. Also so billig wie möglich,
Buggenhagen. Ich denke, wir nehmen Lehm als Füllung. Stein ist zu schwer
und zu theuer, und was wir dadurch sparen, das lassen wir der
Einrichtung zu Gute kommen. Ein paar Öfen mit weißen Kacheln, nicht
wahr? Ich habe schon an Feilner geschrieben und angefragt. Und natürlich
alles Tapete! Sieht immer nach ’was aus und kann die Welt nicht kosten.
Ich denke, weiße; das ist am saubersten und zugleich das Billigste.«

Buggenhagen hatte zugestimmt und gleich nach Ostern mit dem Umbau
begonnen.

Und nicht allzu lange, das Wetter hatte den Bau begünstigt, so war das
Haus, das nun einen aufgesetzten Stock hatte, wieder unter Dach. Aber es
war das _alte_ Dach, die nämlichen alten Steine, denn Hradscheck wurde
nicht müde, Sparsamkeit zu fordern und immer wieder zu betonen, »daß er
nach wie vor ein armer Mann sei.«

Vier Wochen später standen auch die Feilner’schen Öfen, und nur
hinsichtlich der Tapete waren andere Beschlüsse gefaßt und statt der
weißen ein paar buntfarbige gewählt worden.

                           *       *       *

Anfangs, so lange das Dach-Abdecken dauerte, hatte Hradscheck in
augenscheinlicher Nervosität immer zur Eile angetrieben, und erst als
die rechts nach der Kegelbahn hin gelegene Giebelwand eingerissen und
statt der Stuben oben nur noch das Balken- und Sparrenwerk sichtbar war,
hatte sich seine Hast und Unruhe gelegt und Aufgeräumtheit und gute
Laune waren an Stelle derselben getreten. In dieser guten Laune war und
blieb er auch, und nur ein einziger Tag war gewesen, der ihm dieselbe
gestört hatte.

»Was meinen Sie, Buggenhagen,« hatte Hradscheck eines Tages gesagt, als
er eine aus dem Keller heraufgeholte Flasche mit Portwein aufzog. »Was
meinen Sie, ließe sich nicht der Keller etwas höher wölben? Natürlich
nicht der ganze Keller. Um Gottes willen nicht, da blieb am Ende kein
Stein auf dem andern, und Laden und Wein- und Wohnstube, kurzum alles
müßte verändert und auf einen andern Leisten gebracht werden. Das geht
nicht. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das Mittelstück, das
grad unter dem Flur hinläuft, etwas höher legen könnten. Ob die Diele
dadurch um zwei Fuß niedriger wird, ist ziemlich gleichgültig; denn die
Fässer, die da liegen, haben immer noch Spielraum genug, auch nach oben
hin, und stoßen nicht gleich an die Decke.«

Buggenhagen widersprach nie, theils aus Klugheit, theils aus
Gleichgültigkeit, und das Einzige, was er sich dann und wann erlaubte,
waren halbe Vorschläge, hinsichtlich deren es ihm gleich war, ob sie
gutgeheißen oder verworfen wurden. Und so verfuhr er auch diesmal wieder
und sagte: »Versteht sich, Hradscheck. Es geht. Warum soll es nicht
gehn? Es geht alles. Und der Keller ist auch wirklich nicht hoch genug
(ich glaube keine fünftehalb Fuß) und die Fenster viel zu klein und zu
niedrig; alles wird stockig und multrig. Muß also gemacht werden. Aber
warum gleich wölben? Warum nicht lieber ausschachten? Wenn wir zehn
Fuhren Erde ’raus nehmen, haben wir überall fünf Fuß im ganzen Keller
und kein Mensch stößt sich mehr die kahle Platte. Nach oben hin wölben
macht blos Kosten und Umstände. Wir können eben so gut nach unten gehn.«

Hradscheck, als Buggenhagen so sprach, hatte die Farbe gewechselt und
sich momentan gefragt, »ob das alles vielleicht was zu bedeuten habe?«
Bald aber von des Sprechenden Unbefangenheit überzeugt, war ihm seine
Ruhe zurückgekehrt.

»Wenn ich mir’s recht überlege, Buggenhagen, so lassen wir’s. Wir müssen
auch an das Grundwasser denken. Und ist es so lange so gegangen, so
kann’s auch noch weiter so gehn. Und am Ende, wer kommt denn in den
Keller? Ede. Und der hat noch lange keine fünf Fuß.«

                           *       *       *

Das war einige Zeit vor Beginn der Manöver gewesen, und wenn es ein paar
Tage lang ärgerlich und verstimmend nachgewirkt hatte, so verschwand es
rasch wieder, als Anfang September die Truppenmärsche begannen und die
Schwedter Dragoner als Einquartierung ins Dorf kamen. Das Haus voller
Gäste zu haben, war überhaupt Hradscheck’s Vergnügen, und der liebste
Besuch waren ihm Rittmeister und Lieutenants, die nicht nur ihre Flasche
tranken, sondern auch allerlei wußten und den Mund auf dem rechten Fleck
hatten. Einige verschworen sich, daß ein Krieg ganz nahe sei. Kaiser
Nikolaus, Gott sei Dank, sei höchst unzufrieden mit der neuen
französischen Wirthschaft, und der unsichere Passagier, der Louis
Philipp, der doch eigentlich blos ein Waschlappen und halber Cretin sei,
solle mit seiner ganzen Konstitution wieder bei Seite geschoben und
statt seiner eine bourbonische Regentschaft eingesetzt oder vielleicht
auch der vertriebene Karl X. wieder zurückgeholt werden, was eigentlich
das Beste sei. Kaiser Nikolaus habe Recht, überhaupt immer Recht.
Konstitution sei Unsinn und das ganze Bürgerkönigthum die reine
Phrasendrescherei.

Wenn so das Gespräch ging, ging unserm Hradscheck das Herz auf, trotzdem
er eigentlich für Freiheit und Revolution war. Wenn es aber Revolution
nicht sein konnte, so war er auch für Tyrannei. Blos gepfeffert mußte
sie sein. Aufregung, Blut, Todtschießen, – wer ihm das leistete, war
sein Freund, und so kam es, daß er über Louis Philipp mit zu Gerichte
saß, als ob er die hyperloyale Gesinnung seiner Gäste getheilt hätte.
Nur von Ede sah er sich noch übertroffen, und wenn dieser durch die
Weinstube ging und ein neues Beefsteak oder eine neue Flasche brachte,
so lag allemal ein dümmliches Lachen auf seinem Gesicht, wie wenn er
sagen wollte: »Recht so, ’runter mit ihm; alles muß um einen Kopf kürzer
gemacht werden.« Ein paar blutjunge Lieutenants, die diese komische
Raserei wahrnahmen, amüsirten sich herzlich über ihn und ließen ihn
mittrinken, was alsbald dahin führte, daß der für gewöhnlich so
schüchterne Junge ganz aus seiner Reserve heraustrat und sich
gelegentlich selbst mit dem sonst so gefürchteten Hradscheck auf einen
halben Unterhaltungsfuß stellte.

»Da, Herr,« rief er eines Tages, als er gerade mit einem Korbe voll
Flaschen wieder aus dem Keller heraufkam. »Da, Herr; das hab’ ich eben
unten gefunden.« Und damit schob er Hradscheck einen schwarzübersponnenen
Knebelknopf zu. »Sind solche, wie der Pohlsche an seinem Rock hatte.«

Hradscheck war kreideweiß geworden und stotterte: »Ja, hast Recht, Ede.
Das sind solche. Hast Recht. Das heißt, die von dem Pohlschen, die waren
größer. Solche kleinen wie _die_, die hatte Hermannchen, uns’
Lütt-Hermann, an seinem Pelzrock. Weißt Du noch? Aber nein, da warst Du
noch gar nicht hier. Bring’ ihn meiner Frau; vergiß nicht. Oder gieb ihn
mir lieber wieder; ich will ihn ihr selber bringen.«

Ede ging, und die zunächst sitzenden Offiziere, die Hradscheck’s
Erregung wahrgenommen hatten, aber nicht recht wußten, was sie daraus
machen sollten, standen auf und wandten sich einem Gespräch mit andren
Kameraden zu.

                           *       *       *

Auch Hradscheck erhob sich. Er hatte den Knebelknopf zu sich gesteckt
und ging in den Garten, ärgerlich gegen den Jungen, am ärgerlichsten
aber gegen sich selbst.

»Gut, daß es Fremde waren, und noch dazu solche, die blos an Mädchen
und Pferde denken. War’s einer von uns hier, und wenn auch blos der
Ölgötze, der Quaas, so hatt’ ich die ganze Geschichte wieder über den
Hals. Aufpassen, Hradscheck, aufpassen. Und das verdammte Zusammenfahren
und sich Verfärben! Kalt Blut, oder es giebt ein Unglück.«

So vor sich hinsprechend, war er, den Blick zu Boden gerichtet, schon
ein paarmal in dem Mittelgang auf und ab geschritten. Als er jetzt
wieder aufsah, sah er, daß die Jeschke hinter dem Himbeerzaune stand und
ein paar verspätete Beeren pflückte.

»Die alte Hexe. Sie lauert wieder.«

Aber trotzalledem ging er auf sie zu, gab ihr die Hand und sagte: »Nu,
Mutter Jeschke, wie geht’s? Lange nicht gesehn. Auch Einquartierung?«

»Nei, Hradscheck.«

»Oder is Line wieder da?«

»Nei, Lineken ook nich. De is joa jitzt in Küstrin.«

»Bei wem denn?«

»Bi School-Inspekters. Un doa will se nich weg ... Hüren’s, Hradscheck,
ick glöw, de School-Inspekters sinn ook man so ... Awers wat hebben Se
denn? Se sehn joa janz geel ut. Un hier so ’ne Falt’. O, Se möten sich
nich ärgern, Hradscheck.«

»Ja, Mutter Jeschke, das sagen Sie wohl. Aber man _muß_ sich ärgern. Da
sind nun die jungen Offiziere. Na, die gehen bald wieder und sind auch
am Ende so schlimm nicht und eigentlich nette Herrchen und immer fidel.
Aber der Ede, dieser Ede! Da hat der Junge gestern wieder ein halbes
Faß Öl auslaufen lassen. Das ist doch über den Spaß. Wo soll man denn
das Geld schließlich hernehmen? Und dann die Plackerei treppauf,
treppab, und die schmalen Kellerstufen halb abgerutscht. Es ist zum
Halsbrechen.«

»Na, Se hebben joa doch nu Buggenhagen bi sich. De künn joa doch ne nije
Trepp moaken.«

»Ach, der, der. Mit dem ist auch nichts; ärgert mich auch. Sollte mir da
den Keller höher legen. Aber er will nicht und hat allerhand Ausreden.
Oder vielleicht versteht er’s auch nicht. Ich werde mal den Küstriner
Maurermeister kommen lassen, der jetzt an den Kasematten herumflickt.
Kasematten und Keller ist ja beinah dasselbe. _Der_ muß Rath schaffen.
Und bald. Denn der Keller ist eigentlich gar kein richtiger Keller; is
blos ein Loch, wo man sich den Kopf stößt.«

»Joa, joa. De Wienstuw’ sitt em to sihr upp’n Nacken.«

»Freilich. Und die ganze Geschichte hat nicht Luft und nicht Licht. Und
warum nicht? Weil kein richtiges Fenster da ist. Alles zu klein und zu
niedrig. Alles zu dicht zusammen.«

»Woll, woll,« stimmte die Jeschke zu. »Jott, ick weet noch, as de
Pohlsche hier wihr und dat Licht ümmer so blinzeln deih. Joa, wo _wihr_
dat Licht? Wihr et in de Stuw’ o’r wihr et in’n Keller? Ick weet et
nich.«

Alles klang so pfiffig und hämisch, und es lag offen zu Tage, daß sie
sich an ihres Nachbarn Verlegenheit weiden wollte. Diesmal aber hatte
sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht und die Verlegenheit blieb
schließlich auf ihrer Seite. War doch Hradscheck seit lange schon
Willens, ihr gegenüber, bei sich bietender Gelegenheit, mal einen andern
Ton anzuschlagen. Und so sah er sie denn jetzt mit seinen
durchdringenden Augen scharf an und sagte, sie plötzlich in der dritten
Person anredend: »Jeschken, ich weiß, wo sie hin will. Aber weiß sie
denn auch, was eine Verleumdungsklage ist? Ich erfahre alles, was sie so
herumschwatzt; aber seh’ sie sich vor, sonst kriegt sie’s mit dem
Küstriner Gericht zu thun; sie ist ’ne alte Hexe, das weiß jeder, und
der Justizrath weiß es auch. Und er wartet blos noch auf eine
Gelegenheit.«

Die Alte fuhr erschreckt zusammen. »Ick meen’ joa man, Hradscheck, ick
meen’ joa man ... Se weeten doch, en beten Spoaß möt sinn.«

»Nun gut. Ein bischen Spaß mag sein. Aber wenn ich Euch rathen kann,
Mutter Jeschke, nicht zu viel. Hört Ihr wohl, nicht zu viel.«

Und damit ging er wieder auf das Haus zu.



                                 XIV.


Ängstigungen und Ärgernisse wie die vorgeschilderten kamen dann und wann
vor, aber im Ganzen, um es zu wiederholen, war die Bauzeit eine
glückliche Zeit für unsern Hradscheck gewesen. Der Laden war nie leer,
die Kundschaft wuchs, und das dem Grundstück zugehörige, draußen an der
Neu-Lewiner Straße gelegene Stück Ackerland gab in diesem Sommer einen
besonders guten Ertrag. Dasselbe galt auch von dem Garten hinterm Haus;
alles gedieh darin, der Spargel prachtvoll, dicke Stangen mit gelbweißen
Köpfen, und die Pastinak- und Dill-Beete standen hoch in Dolden. Am
meisten aber that der alte Birnbaum, der sich mehr als seit Jahren
anstrengte. »Dat ’s de Franzos«, sagten die Knechte Sonntags im Krug,
»de deiht wat för em,« und als die Pflückenszeit gekommen, rief Kunicke,
der sich gerade zum Kegeln eingefunden hatte: »Hör’, Hradscheck, Du
könntest uns mal ein paar von Deinen _Franzosen_birnen bringen.«
Franzosenbirnen! Das Wort wurde sehr bewundert, lief rasch von Mund zu
Mund, und ehe drei Tage vergangen waren, sprach kein Mensch mehr von
Hradscheck’s »Malvasieren«, sondern blos noch von den »Franzosenbirnen«.
Hradscheck selbst aber freute sich des Wortes, weil er daran erkannte,
daß man, trotz aller Stichelreden der alten Jeschke, mehr und mehr
anfing, die Vorkommnisse des letzten Winters von der scherzhaften Seite
zu nehmen.

Ja, die Sommer- und Baumonate brachten lichtvolle Tage für Hradscheck,
und sie hätten noch mehr Licht und noch weniger Schatten gehabt, wenn
nicht Ursel gewesen wäre. Die füllte, während alles andre glatt und gut
ging, seine Seele mit Mitleid und Sorge, mit Mitleid, weil er sie liebte
(wenigstens auf seine Weise), mit Sorge, weil sie dann und wann ganz
wunderliche Dinge redete. Zum Glück hatte sie nicht das Bedürfniß Umgang
zu pflegen und Menschen zu sehn, lebte vielmehr eingezogener denn je,
und begnügte sich damit, Sonntags in die Kirche zu gehn. Ihre sonst
tiefliegenden Augen sprangen dann aus dem Kopf, so begierig folgte sie
jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, _das_ Wort aber, auf das
sie wartete, das kam nicht. In ihrer Sehnsucht ging sie dann, nach der
Predigt, zu dem guten, ihr immer gleichmäßig geneigt bleibenden Eccelius
hinüber, um, so weit es ging, Herz und Seele vor ihm auszuschütten und
etwas von Befreiung oder Erlösung zu hören; aber Seelsorge war nicht
seine starke Seite, noch weniger seine Passion, und wenn sie sich der
Sünde geziehn und in Selbstanklagen erschöpft hatte, nahm er lächelnd
ihre Hand und sagte: »Liebe Frau Hradscheck, wir sind allzumal Sünder
und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine
Neigung sich zu peinigen, was ich mißbillige. Sich ewig anklagen ist
oft Dünkel und Eitelkeit. Wir haben Christum und seinen Wandel als
Vorbild, dem wir im Gefühl unsrer Schwäche demüthig nachstreben sollen.
Aber wahren wir uns vor Selbstgerechtigkeit, vor allem vor _der_, die
sich in Zerknirschung äußert. _Das_ ist die Hauptsache.« Wenn er das
trocken-geschäftsmäßig, ohne Pathos und selbst ohne jede Spur von
Salbung gesagt hatte, ließ er die Sache sofort wieder fallen und fragte,
zu natürlicheren und ihm wichtiger dünkenden Dingen übergehend, »wie
weit der Bau sei?« Denn er wollte nächstes Frühjahr _auch_ bauen. Und
wenn dann die Hradscheck, um ihm zu Willen zu sein, von allen möglichen
Kleinigkeiten, am liebsten und eingehendsten aber von den
Meinungsverschiedenheiten zwischen ihrem Mann und Zimmermeister
Buggenhagen geplaudert hatte, rieb er sich schmunzelnd und vor sich
hinnickend die Hand und sagte rasch und in augenscheinlicher Furcht, das
Seelengespräch wieder aufgenommen zu sehn: »Und nun, liebe Frau
Hradscheck, muß ich Ihnen meine Nelken zeigen.«

                           *       *       *

Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß die Hradscheck es nicht lange mehr
machen werde. Keinem entging es. Nur sie selber sah es so schlimm nicht
an und wollte von keinem Doktor hören. »Sie wissen ja doch nichts. Und
dann der Wagen und das viele Geld.« Auf das Letztere, das »viele Geld«,
kam sie jetzt überhaupt mit Vorliebe zu sprechen, fand alles unnöthig
oder zu theuer, und während sie noch das Jahr vorher für ein
Polysander-Fortepiano gewesen war, um es, wenn nicht der Amtsräthin in
Friedrichsau, so doch wenigstens der Domänenpächterin auf Schloß
Solikant gleich zu thun, so war sie jetzt sparsam bis zum Geiz.
Hradscheck ließ sie gewähren, und nur einmal, als sie gerade beim
Schotenpalen war, nahm er sich ein Herz und sagte: »Was ist das nur
jetzt, Ursel? Du ringst Dir ja jeden Dreier von der Seele.« Sie schwieg,
drehte die Schüssel hin und her und palte weiter. Als er aber stehen
blieb und auf Antwort zu warten schien, sagte sie, während sie die
Schüssel rasch und heftig bei Seite setzte: »Soll es alles umsonst
gewesen sein? Oder willst Du ...« Weiter kam sie nicht. Ein Herzkrampf,
daran sie jetzt häufiger litt, überfiel sie wieder, und Hradscheck
sprang zu, um ihr zu helfen.

Ihre Wirthschaft besorgte sie pünktlich und alles ging am Schnürchen,
wie vordem. Aber Interesse hatte sie nur für eins, und das Eine war der
Bau. Sie wollt’ ihn, darin Hradscheck’s Eifer noch übertreffend, in
möglichster Schnelle beendet sehn, und so sparsam sie sonst geworden
war, so war sie doch gegen keine Mehrausgabe, die Beschleunigung und
rascheres Zustandekommen versprach. Einmal sagte sie: »Wenn ich nur erst
oben bin. Oben werd’ ich auch wieder Schlaf haben. Und wenn ich erst
wieder schlafe, werd’ ich auch wieder gesund werden.« Er wollte sie
beruhigen und strich ihr mit der Hand über Stirn und Haar. Aber sie wich
seiner Zärtlichkeit aus und kam in ein heftiges Zittern. Überhaupt war
es jetzt öfter so, wie wenn sie sich vor ihm fürchte. ’mal sagte sie
leise: »Wenn er nur nicht so glatt und glau wär’. Er ist so munter und
spricht so viel und kann alles. Ihn ficht nichts an ... Und die drüben
in Neu-Lewin war auch mit einem Male weg.« Solche Stimmungen kamen ihr
von Zeit zu Zeit, aber sie waren flüchtig und vergingen wieder.

                           *       *       *

Und nun waren die letzten Augusttage.

»Morgen, Ursel, ist alles fertig.«

Und wirklich, als der andre Tag da war, bot ihr Hradscheck mit einer
gewissen freundlichen Feierlichkeit den Arm, um sie treppauf in eine der
neuen Stuben zu führen. Es war die, die nach der Kegelbahn hinauslag,
jetzt die hübscheste, hellblau tapezirt und an der Decke gemalt: ein
Kranz von Blüthen und Früchten, um den Tauben flogen und pickten. Auch
das Bett war schon heraufgeschafft und stand an der Mittelwand, genau
da, wo früher die Bettwand der alten Giebel- und Logirstube gewesen war.

Hradscheck erwartete Dank und gute Worte zu hören. Aber die Kranke sagte
nur: »_Hier_? Hier, Abel?«

»Es sind neue Steine,« stotterte Hradscheck.

Ursel indeß war schon von der Thürschwelle wieder zurückgetreten und
ging den Gang entlang, nach der andern Giebelseite hinüber, wo sich ein
gleich großes, auf den Hof hinaussehendes Zimmer befand. Sie trat an das
Fenster und öffnete; Küchenrauch, mehr anheimelnd als störend, kam ihr
von der Seite her entgegen und eine Henne mit ihren Küchelchen zog unten
vorüber; Jakob aber, der holzsägend in Front einer offnen Remise stand,
neckte sich mit Male, die beim Brunnen Wäsche spülte.

»_Hier_ will ich bleiben.«

Und Hradscheck, der durch den Auftritt mehr erschüttert als verdrossen war,
war einverstanden und ließ alles, was sich von Einrichtungsgegenständen
in der hellblau tapezirten und für Ursel bestimmten Stube befand, nach
der andern Seite hinüberbringen.

                           *       *       *

Und siehe da, Frau Hradscheck erholte sich wirklich und sogar rascher,
als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Schlaf kam, der scharfe Zug um
ihren Mund wich, und als die schon erwähnten Manövertage mit ihrer
Dragoner-Einquartierung kamen, hatte sich ihr Aussehn und ihre Stimmung
derart verbessert, daß sie gelegentlich die Wirthin machen und mit den
Offizieren plaudern konnte. Das Hagere, Hektische gab ihr, bei der guten
Toilette, die sie zu machen verstand, etwas Distinguirtes, und ein alter
Eskadronchef, der sie mit erstaunlicher Ritterlichkeit umcourte, sagte,
wenn er ihr beim Frühstück nachsah und mit beiden Händen den langen
blonden Schnurrbart drehte: »Famoses Weib. Auf Ehre. Wie _die_ nur
hierher kommt?« Und dann gab er seiner Bewunderung auch Hradscheck
gegenüber Ausdruck, worauf dieser nicht wenig geschmeichelt antwortete:
»Ja, Herr Rittmeister, Glück muß der Mensch haben! Mancher kriegt’s im
Schlaf.«

Und dann lachte der Eskadronchef und stieß mit ihm an.

                           *       *       *

Das alles war Mitte September.

Aber das Wohlbefinden, so rasch es gekommen, so rasch ging es auch
wieder, und ehe noch das Erntefest heran war, waren die Kräfte schon so
geschwunden, daß die Kranke die Treppe kaum noch hinunter konnte. Sie
blieb deßhalb oben, sah auf den Hof und machte sich, um doch etwas zu
thun, mit der Neu-Einrichtung sämmtlicher Oberzimmer zu schaffen. Nur
die Giebelstube, nach der Kegelbahn hin, vermied sie.

Hradscheck, der immer noch an die Möglichkeit einer Wiederherstellung
gedacht hatte, sah jetzt auch, wie’s stand, und als der heimlich zu
Rathe gezogene Doktor Oelze von Abzehrung und Nervenschwindsucht
gesprochen, machte sich Hradscheck auf ihr Hinscheiden gefaßt. Daß er
darauf gewartet hätte, konnte nicht wohl gesagt werden; im Gegentheil,
er blieb seiner alten Neigung treu, war überaus rücksichtsvoll und
klagte nie, daß ihm die Frau fehle. Er wollt’ auch von keiner andern
Hilfe wissen und ordnete selber alles an, was in der Wirthschaft zu thun
nöthig war. Vieles that er selbst. »Is doch ein Mordskerl,« sagte
Kunicke. »Was er will, kann er. Ich glaub’, er kann auch einen Hasen
abziehn und Sülze kochen.«

An dem Abend, wo Kunicke so gesprochen, hatte die Sitzung in der
Weinstube wieder ziemlich lange gedauert, und Hradscheck war noch keine
halbe Stunde zu Bett, als Male, die jetzt oben bei der Kranken schlief,
treppab kam und an seine Thür klopfte.

»Herr Hradscheck, steihn’s upp. De Fru schickt mi. Se sülln ruppkoamen.«

Und nun saß er oben an ihrem Bett und sagte: »Soll ich nach Küstrin
schicken, Ursel? Soll Oelze kommen? Der Weg ist gut. In drei Stunden ist
er hier.«

»In drei Stunden ...«

»Oder soll Eccelius kommen?«

»Nein,« sagte sie, während sie sich mühvoll aufrichtete, »es geht nicht.
Wenn ich es nehme, so sag’ ich es.«

Er schüttelte verdrießlich den Kopf.

»Und sag’ ich es _nicht_, so ess’ ich mir selber das Gericht.«

»Ach, laß doch _das_, Ursel. Was soll _das_? Daran denkt ja keiner. Und
ich am wenigsten. Er soll blos kommen und mit Dir sprechen. Er meint es
gut mit Dir und kann Dir einen Spruch sagen.«

Es war, als ob sie sich’s überlege. Mit einem Mal aber sagte sie: »Selig
sind die Friedfertigen; selig sind die reines Herzens sind; selig sind
die Sanftmüthigen. All die kommen in Abraham’s Schoß. Aber wohin kommen
_wir_?«

»Ich bitte Dich, Ursel, sprich nicht so. Frage nicht so. Und wozu? Du
bist noch nicht soweit, noch lange nicht. Es geht alles wieder vorüber.
Du lebst und wirst wieder eine gesunde Frau werden.«

Es klang aber alles nur an ihr hin, und Gedanken nachhängend, die schon
über den Tod hinausgingen, sagte sie: »Verschlossen ... Und was
aufschließt, das ist der Glaube. Den hab ich nicht ... Aber is noch ein
Andres, das aufschließt, das sind die guten Werke ... Hörst Du. Du mußt
ohne Namen nach Krakau schreiben, an den Bischof oder an seinen Vikar.
Und mußt bitten, daß sie Seelenmessen lesen lassen ... Nicht für mich.
Aber Du weißt schon ... Und laß den Brief in Frankfurt aufgeben. Hier
geht es nicht und auch nicht in Küstrin. Ich habe mir’s abgespart dies
letzte halbe Jahr, und Du findest es eingewickelt in meinem Wäschschrank
unter dem Damast-Tischtuch. Ja, Hradscheck, _das_ war es, wenn Du
dachtest, ich sei geizig geworden. Willst Du?«

»Freilich will ich. Aber es wird Nachfrage geben.«

»Nein. Das verstehst Du nicht. Das ist Geheimniß. Und sie gönnen einer
armen Seele die Ruh!«

»Ach, Ursel, Du sprichst so viel von Ruh’ und bangst Dich und ängstigst
Dich, ob Du sie finden wirst. Weißt Du, was ich denke?«

»Nein.«

»Ich denke, leben ist leben, und todt ist todt. Und wir sind Erde, und
Erde wird wieder Erde. Das Andre haben sich die Pfaffen ausgedacht.
Spiegelfechterei sag’ ich, weiter nichts. Glaube mir, die Todten _haben_
Ruhe.«

»Weißt Du das so gewiß, Abel?«

Er nickte.

»Nun, ich sage Dir, die Todten stehen wieder auf ...«

»Am jüngsten Tag.«

»Aber es giebt ihrer auch, die warten nicht so lange.«

Hradscheck erschrak heftig und drang in sie, mehr zu sagen. Aber sie war
schon in die Kissen zurückgesunken und ihre Hand, der seinigen sich
entziehend, griff nur noch krampfhaft in das Deckbett. Dann wurde sie
ruhiger, legte die Hand aufs Herz und murmelte Worte, die Hradscheck
nicht verstand.

»Ursel,« rief er, »Ursel!«

Aber sie hörte nicht mehr.



                                  XV.


Das war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gewesen, den letzten Tag
im September. Als am andern Morgen zur Kirche geläutet wurde, standen
die Fenster in der Stube weit offen, die weißen Gardinen bewegten sich
hin und her, und alle, die vorüberkamen, sahen nach der Giebelstube
hinauf und wußten nun, daß die Hradscheck gestorben sei. Schulze
Woytasch fuhr vor, aussprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen
zu sagen gewöhnt hatte, »daß ihr nun wohl sei« und »daß sie vor ihnen
allen einen guten Schritt voraushabe«. Danach trank er, wie jeden
Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Stärkung und
machte dann die kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fuß. Auch Kunicke
kam und drückte Hradscheck verständnißvoll die Hand, das Auge gerade
verschwommen genug, um die Vorstellung einer Thräne zu wecken.
Desgleichen sprachen auch der Ölmüller und gleich nach ihm Bauer Mietzel
vor, welch letztrer sich bei Todesfällen immer der »Vorzüge seiner
Kränklichkeit von Jugend auf« zu berühmen pflegte. Das that er auch
heute wieder. »Ja, Hradscheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich
piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch.«

Auch noch andre kamen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen
ohne Theilnahmsbezeigung vorüber und stellten Betrachtungen an, die sich
mit der Todten in nur wenig freundlicher Weise beschäftigten.

»Ick weet nich,« sagte der eine, »wat Hradscheck an ehr hebben deih. Man
blot, dat se’n beten scheel wihr.«

»Joa,« lachte der Andre. »Dat wihr se. Un am Enn’, so wat künn he hier
ook hebb’n.«

»Un denn dat hannüversche Geld. Ihrst schmeet se’t weg, un mit eens fung
se to knusern an.«

In dieser Weise ging das Gespräch einiger ältrer Leute; das junge
Weiberzeug aber beschränkte sich auf die eine Frage: »Weck’ een he nu
woll frigen deiht?«

Auf Mittwoch vier Uhr war das Begräbniß angesetzt, und viel Neugierige
standen schon vorher in einem weiten Halbkreis um das Trauerhaus herum.
Es waren meist Mägde, die schwatzten und kicherten, und nur einige waren
ernst, darunter die Zwillings-Enkelinnen einer armen alten Wittwe,
welche letztre, wenn Wäsche bei den Hradschecks war, allemal mitwusch.
Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der Frau Hradscheck
herrührenden Einsegnungskleidern erschienen und weinten furchtbar, was
sich noch steigerte, als sie bemerkten, daß sie durch ihr Geheul und
Geschluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei
gingen jetzt die Glocken in einem fort, und alles drängte dichter
zusammen und wollte sehn. Als es nun aber zum dritten Mal ausgeläutet
hatte, kam Leben in die drin und draußen Versammelten, und der Zug
setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann geführte
Schuljugend, die, wie herkömmlich, den Choral »Jesus meine Zuversicht«
sang; nach ihr erschien der von sechs Trägern getragene Sarg; dann
Eccelius und Hradscheck; dahinter die Bauernschaft in schwarzen
Überröcken und hohen schwarzen Hüten, und endlich all die Neugierigen,
die bis dahin das Haus umstanden hatten. Es war ein wunderschöner Tag,
frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die würdevoll vor sich
hinblickende Dorfhonoratiorenschaft achtete des blauen Himmels nicht,
und nur Bauer Mietzel, der noch Heu draußen hatte, das er am andern Tag
einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von
der andern Oderseite her ein Weih über den Strom kam und auf den
Tschechiner Kirchthurm zuflog. Und er stieß den neben ihm gehenden
Ölmüller an und sagte: »Süh, Quaas, doa is he wedder.«

»Wihr denn?«

»De Weih. Weetst noch?«

»Nei.«

»Dunn, as dat mit Szulski wihr. Ick segg’ Di, de Weih, de weet wat.«

Als sie so sprachen, bog die Spitze des Zuges auf den Kirchhof ein, an
dessen höchster Stelle, dicht neben dem Thurm, das Grab gegraben war.
Hier setzte man den Sarg auf darüber gelegte Balken, und als sich der
Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um die
Grabrede zu halten. Er rühmte von der Todten, daß sie, den ihr
anerzogenen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eignem
Entschluß den Weg des Lichtes gegangen sei, was nur _der_ wissen und
bezeugen könne, der ihr so nah gestanden habe wie er. Und wie sie das
Licht und die reine Lehre geliebt habe, so habe sie nicht minder das
Recht geliebt, was sich zu keiner Zeit schöner und glänzender gezeigt,
als in jenen schweren Tagen, die der selig Entschlafenen nach dem
Rathschlusse Gottes auferlegt worden seien. Damals, als er ihr nicht
ohne Mühe das Zugeständniß erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre
Seele hing, wiedersehn zu dürfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und
auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der
Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: »Nein, nicht jetzt; es ist
besser, daß ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd’ ich ihn
wiedersehn, früher oder später; wenn er aber schuldig ist, so will ich
ihn _nicht_ wiedersehn.« Er freue sich, daß er diese Worte, hier am
Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen könne. Ja,
sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und ihrem Rechtsgefühl.
Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden
gezählt, in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend, und als endlich
die Stunde der Befreiung gekommen sei, da sei sie zusammengebrochen. Sie
sei das Opfer arger, damals herrschender Mißverständnisse, das sei
zweifellos, und alle die, die diese Mißverständnisse geschürt und
genährt hätten, anstatt sie zu beseitigen, die hätten eine schwere
Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frühe Tod, er müsse das
wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen
hätten: »Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider Deinen Nächsten.«

Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entblätterten
Hagebuttenstrauch hinüber, unter dessen rothen Früchten die Jeschke
stand und dem Vorgange, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig
als verlegen folgte.

Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg
hinab zu lassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hände
voll Erde, mit sich abschließendem Schmerzblick und Händeschütteln, und
ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unter war, war das
Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt.

Eine halbe Stunde später, es dämmerte schon, war Eccelius wieder in
seiner Studirstube, das Sammetkäppsel auf dem Kopf, das ihm Frau
Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saßen
in der Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faßten alles, was sie
an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: »Immer Courage,
Hradscheck! Der alte Gott lebt noch« – welchen Trost- und
Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheirathungsgeschichten beinah
unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten
Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder
Einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte:
»Nimmt Gott, so nehm’ ich wieder.« Hradscheck hörte dem allem ruhig und
kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute früher als
sonst aufbrechen zu sehn. Er begleitete Kunicke bis an die Ladenthür
und stieg dann, er wußte selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der
Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor
sich hin, während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen.

Als er eine Viertelstunde so gesessen, verließ er das Zimmer wieder und
sah, im Vorübergehen, daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb
offenstand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau
zu wohnen und zu schlafen so bestimmt verweigert hatte.

»Was machst Du hier, Male?« fragte Hradscheck.

»Wat ick moak? Ick treck em sien Bett öwer.«

»Wem?«

»Is joa wihr ankoamen. Wedder een mit’n Pelz.«

»So, so,« sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter.

»Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen.«



                                 XVI.


Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch
gekriegt, auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten, und
alles wäre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen
gewesen wäre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden
Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des
Geldes, davon hätt’ er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und
Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber weil er das
seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte, schon aus
abergläubischer Furcht. Das Geld also war es nicht, und wenn er trotzdem
in Schwanken und Säumniß verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu
beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans
Licht zu ziehn. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimniß und Ähnlichem
gesprochen, er mißtraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem
ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe.

In dieser Verlegenheit beschloß er endlich, Eccelius zu Rathe zu ziehn
und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so
doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissens-Beschwichtigung gerade
nöthig war. Ursel, so begann er, habe zu seinem allertiefsten Bedauern
ernste katholische Rückfälle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer
letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt, um Seelenmessen für sie
lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen).
Er, Hradscheck, hab’ ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen,
alles versprochen, sein protestantisches Gewissen aber sträube sich
jetzt dagegen, ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke
zu halten, weßhalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die
Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein
marmornes oder vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode
seien, bestellen solle.

Eccelius zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das,
was Hradscheck zu hören wünschte. Versprechungen, die man einem
Sterbenden gäbe, seien natürlich bindend, das erheische die Pietät, das
sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und
wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei,
so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf.
Das sei nicht blos Recht, das sei sogar Pflicht. Die ganze Sache, wie
Hradscheck sie geschildert, gehöre zu seinen schmerzlichsten
Erfahrungen. Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und
allezeit einen Stolz darein gesetzt, sie für die gereinigte Lehre
gewonnen zu haben. Daß er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb
geirrt habe, sei, neben anderem, auch persönlich kränkend für ihn, was
er nicht leugnen wolle. Diese persönliche Kränkung indeß sei nicht das,
was sein eben gegebenes Urtheil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost
bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu
bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen
werde derselben genügen, dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine
Herzensfreude für jeden sein, der Sonntags daran vorüberginge.

                           *       *       *

Es war Ende Oktober gewesen, daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch
geführt hatten, und als nun Frühling kam und der ganze Tschechiner
Kirchhof, so kahl auch seine Bäume noch waren, in Schneeglöckchen und
Veilchen stand, erschien das gußeiserne Kreuz, das Hradscheck mit vieler
Wichtigkeit und nach langer und minutiöser Berathung auf der königlichen
Eisengießerei bestellt hatte. Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz
mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Aufrichten und Einlöthen aus dem
Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen
hatte, wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde,
stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen,
um die goldblanken Verzierungen zu sehn: unten ein Engel, die Fackel
senkend, und oben ein Schmetterling. All das wurde von Alt und Jung
bewundert. Einige lasen auch die Inschrift: »Ursula Vincentia
Hradscheck, geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März
1790, gest. den 30. September 1832.« Und darunter Evang. Matthäi 6,
V. 14. Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein muthmaßlich von
Eccelius selbst herrührender Spruch, darin er seinem Stolz, aber
freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch
lautete: »Wir wandelten in Finsterniß, bis wir das Licht sahen. Aber die
Finsterniß blieb, und es fiel ein Schatten auf unsren Weg.«

                           *       *       *

Unter denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen
hatten, waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen. Sie
hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße
hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen
Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer
anders kannte. Seine Neugier überwand aber seine Verlegenheit, und so
blieb er denn an der Seite der Alten und sagte:

»Hübsch is es. Un der Schmetterling so natürlich; beinah wie’n
Citronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, daß er sie so dicht an
dem Thurm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern?
Eine Mutter muß doch da liegen, wo die Kinder liegen.«

»Woll, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck is klook. Un he weet ümmer, wat
he deiht.«

»Gewiß weiß er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist ...«

»Joa, joa.«

»Nu was denn?«

Und der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil
er wohl merkte, daß sie was sagen wollte.

»Was denn, Mutter Jeschke?« wiederholte er seine Frage.

»Joa, Geelhaar, wat sall ick seggen? Eccelius möt et weten. Un de hett
nu ook wedder de Inschrift moakt. Awers _een_ is, de weet ümmer noch en
beten mihr.«

»Und wer is das? Line?«

»Ne, Line nich. Awers Hradscheck sülwsten. Hradscheck, de will de
Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb’n. Nich so upp enen Hümpel.«

»Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?«

»Nu, he denkt, wenn’t los geiht.«

Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt
aufhorchenden Geelhaar auseinander, daß die Hradscheck an dem Tage,
»wo’s los gehe«, doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde,
vorausgesetzt, daß sie sie zur Hand habe. »Un dat wull de oll Hradscheck
nich.«

»Aber, Mutter Jeschke, glaubt Ihr denn an so was?«

»Joa, Geelhaar, worümm nich? Worümm sall ick an so wat nich glöwen?«



                                 XVII.


Als das Kreuz aufgerichtet stand, es war Nachmittag geworden, kam auch
Hradscheck, sonntäglich und wie zum Kirchgange gekleidet, und die
Neugierigen, an denen den ganzen Tag über, auch als Geelhaar und die
Jeschke längst fort waren, kein Mangel blieb, sahen, daß er den Spruch
las und die Hände faltete. Das gefiel ihnen ausnehmend, am meisten aber
gefiel ihnen, daß er das theure Kreuz überhaupt bestellt hatte. Denn
Geld ausgeben (und noch dazu _viel_ Geld) war das, was den Tschechinern
als echten Bauern am meisten imponirte. Hradscheck verweilte wohl eine
Viertelstunde, pflückte Veilchen, die neben dem Grabhügel aufsprossen,
und ging dann in seine Wohnung zurück.

Als es dunkel geworden war, kam Ede mit Licht, fand aber die Thür von
innen verriegelt, und als er nun auf die Straße ging, um wie gewöhnlich
die Fensterladen von außen zu schließen, sah er, daß Hradscheck, eine
kleine Lampe mit grünem Klappschirm vor sich, auf dem Sopha saß und den
Kopf stützte. So verging der Abend. Auch am andern Tage blieb er auf
seiner Stube, nahm kaum einen Imbiß, las und schrieb, und ließ das
Geschäft gehn, wie’s gehen wollte.

»Hür’, Jakob,« sagte Male, »dat’s joa grad’ as ob se nu ihrst dod wihr.
Süh doch, wie heh doa sitt. He kann doch nu nich wedder anfang’n.«

»Ne,« sagte Jakob, »dat kann he nich.«

Und Ede, der hinzukam und heute gerade seinen hochdeutschen Tag hatte,
stimmte bei, freilich mit der Einschränkung, daß er auch von der
voraufgegangenen »ersten Trauer« nicht viel wissen wollte.

»Wieder anfangen! Ja, was heißt wieder anfangen? Damals war es auch man
so so. Drei Tag’ und nich länger. Und paß auf, Male, diesmal knappst er
noch was ab.«

Und wirklich, Ede, der aller Dummheit unerachtet seinen Herrn gut
kannte, behielt Recht, und ehe noch der dritte Tag um war, ließ
Hradscheck die Träumerei fallen und nahm das gesellige Leben wieder auf,
das er schon während der zurückliegenden Wintermonate geführt hatte.
Dazu gehörte, daß er alle vierzehn Tage nach Frankfurt und alle vier
Wochen auch mal nach Berlin fuhr, wo er sich, nach Erledigung seiner
kaufmännischen Geschäfte, kein anderes Vergnügen als einen Theaterabend
gönnte. Deßhalb stieg er auch regelmäßig in dem an der Ecke von
Hohen-Steinweg und Königsstraße gelegenen »Gasthofe zum Kronprinzen« ab,
von dem aus er bis zu dem damals in Blüthe stehenden Königsstädtischen
Theater nur ein paar hundert Schritte hatte. War er dann wieder in
Tschechin zurück, so gab er den Freunden und Stammgästen in der
Weinstube, zu denen jetzt auch Schulze Woytasch gehörte, nicht blos
Scenen aus dem Angely’schen »Fest der Handwerker« und Holtei’s »Altem
Feldherrn« und den »Wienern in Berlin« zum Besten, sondern sang ihnen
auch allerlei Lieder und Arien vor: »War’s vielleicht um eins, war’s
vielleicht um zwei, war’s vielleicht drei oder vier.« Und dann wieder:
»In Berlin, sagt er, mußt Du sein, sagt er, immer sein, sagt er etc.«
Denn er besaß eine gute Tenorstimme. Besonderes Glück aber, weit über
die Singspiel-Arien hinaus, machte er mit dem Leierkastenlied von »Herrn
Schmidt und seinen sieben heirathslustigen Töchtern«, dessen erste
Strophe lautete:

    Herr Schmidt, Herr Schmidt,
    Was kriegt denn Julchen mit?
      »Ein Schleier und ein Federhut,
      Das kleidet Julchen gar zu gut.«

Dies Lied von Herrn Schmidt und seinen Töchtern war das Entzücken
Kunicke’s, das verstand sich von selbst, aber auch Schulze Woytasch
versicherte jedem, der es hören wollte: »Für Hradscheck ist mir nicht
bange; der kann ja jeden Tag aufs Theater. Ich habe Beckmann gesehn; nu
ja, Beckmann is gut, aber Hradscheck is besser; er hat noch so was, ja
wie soll ich sagen, er hat noch so was, was Beckmann nicht hat.«

Hradscheck gewöhnte sich an solchen Beifall, und wenn es sich auch
gelegentlich traf, daß er bei seinem Berliner Aufenthalte, während
dessen er allemal eine goldene Brille trug, keine Novität gesehen hatte,
so kam er doch nie mit leeren Händen zurück, weil er sich nicht eher
zufrieden gab, als bis er an den Schaufenstern der Buchläden irgend ’was
Komisches und unbändig Witziges ausgefunden hatte. Das hielt auch nie
schwer, denn es war gerade die »Glaßbrenner- oder Brennglas-Zeit«, und
wenn es solche Glaßbrenner-Geschichten nicht sein konnten, nun, so waren
es Sammlungen alter und neuer Anekdoten, die damals in kleinen dürftigen
Viergroschen-Büchelchen unter allerhand Namen und Titeln, so
beispielsweise als »Brausepulver«, feilgeboten wurden. Ja diese
Büchelchen fanden bei den Tschechinern einen ganz besondern Beifall,
weil die darin erzählten Geschichten immer kurz waren und nie lange auf
die Pointe warten ließen, und wenn das Gespräch mal stockte, so hatte
Kunicke den Stammwitz: »Hradscheck, ein Brausepulver.«

                           *       *       *

Es war Anfang Oktober, als Hradscheck wieder mal in Berlin war, diesmal
auf mehrere Tage, während er sonst immer den dritten Tag schon wieder
nach Hause kam. Ede, der mittlerweile das Geschäft versah, paßte gut auf
den Dienst, und nur in der Stunde von 1 bis 2, wo sich kaum ein Mensch
im Laden sehen ließ, gefiel er sich darin, den Herrn zu spielen und,
ganz so wie Hradscheck zu thun pflegte, mit auf den Rücken gelegten
Händen im Garten auf und ab zu gehen. Das that er auch heute wieder,
zugleich aber rief er nach Jakob und trug ihm auf, und zwar in ziemlich
befehlshaberischem Tone, daß er einen neuen Reifen um die Wassertonne
legen solle. Dann sah er nach den Staarkästen am Birnbaum und zog einen
Zweig zu sich herab, um noch eine der nachgereiften »Franzosenbirnen«
zu pflücken. Es war ein Prachtexemplar, in das er sofort einbiß. Als er
aber den Zweig wieder los ließ, sah er, daß die Jeschke drüben am Zaune
stand.

»Dag, Ede.«

»Dag, Mutter Jeschke.«

»Na, schmeckt et?«

»I worümm nich? Is joa ’ne Malvasier.«

»Joa. Vördem wihr et ’ne Malvesier. Awers nu ...«

»Nu is et ’ne ›Franzosenbeer‹. Ick weet woll. Awers dat’s joa all een.«

»Joa, wer weet, Ede. Doa is nu so wat mang. Heste noch nix maarkt?«

Der Junge ließ erschreckt die Birne fallen, das alte Weib aber bückte
sich danach und sagte: »Ick meen’ joa nich de Beer’. Ick meen sünnsten.«

»Wat denn? Wo denn?«

»Na, so ’rümm um’t Huus.«

»Nei, Mutter Jeschke.«

»Un ook nich unnen in’n Keller? Hest’ noch nix siehn o’r hürt?«

»Nei, Mutter Jeschke. Man blot ...«

»Un grappscht ook nich?«

Der Junge war ganz blaß geworden.

»Joa, Mutter Jeschke, mal wihr mi so. Mal wihr mi so, as hüll mi wat an
de Hacken. Joa, ick glöw, et grappscht.«

Die Jeschke sah ihren Zweck erreicht und lenkte deßhalb geschickt wieder
ein. »Ede, Du bist ne Bangbüchs. Ick hebb’ joa man spoaßt. Is joa man
all dumm Tüg.«

Und damit ging sie wieder auf ihr Haus zu und ließ den Jungen stehn.

                           *       *       *

Drei Tage danach war Hradscheck wieder aus Berlin zurück, in
vergnüglicherer Stimmung als seit lange, denn er hatte nicht nur alles
Geschäftliche glücklich erledigt, sondern auch die Bekanntschaft einer
jungen Dame gemacht, die sich seiner Person wie seinen Heirathsplänen
geneigt gezeigt hatte. Diese junge Dame war die Tochter aus einem
Destillationsgeschäft, groß und stark, mit etwas hervortretenden, immer
lachenden Augen, eine Vollblut-Berlinerin. »Forsch und fidel« war ihre
Losung, der auch ihre Lieblingsredensart: »Ach, das ist ja zum
Todtlachen« entsprach. Aber dies war nur so für alle Tage. Wurd’ ihr
dann wohliger ums Herz, so wurden es auch ihre Redewendungen, und sie
sagte dann: »I da muß ja ’ne alte Wand wackeln«, oder »Das ist ja
gleich, um einen Puckel zu kriegen.« Ihr Schönstes waren Landpartieen
einschließlich gesellschaftlicher Spiele wie Zeck oder Plumpsack, dazu
saure Milch mit Schwarzbrot und Heimfahrt mit Stocklaternen und Gesang:
»Ein freies Leben führen wir«, »Frisch auf, Kameraden«, »Lützow’s wilde
verwegene Jagd« und »Steh’ ich in finstrer Mitternacht«. In Folge
welcher ausgesprochenen Vorliebe sie sich in den Kopf gesetzt hatte, nur
aufs Land hinaus heirathen zu wollen. Und darüber war sie 30 Jahr alt
geworden, alles blos aus Eigensinn und Widerspenstigkeit. Ihren Namen
»Editha« aber hatte die Mutter in Dittchen abgekürzt.

So die Bekanntschaft, die Hradscheck während seines letzten Berliner
Aufenthaltes gemacht hatte. Mit Editha selbst war er so gut wie einig
und nur die Eltern hatten noch kleine Bedenken. Aber was bedeutete das?
Der Vater war ohnehin daran gewöhnt nicht gefragt zu werden, und die
Mutter, die nur wegen der neun Meilen Entfernung noch einigermaßen
schwankte, wäre keine richtige Mutter gewesen, wenn sie nicht
schließlich auch hätte Schwiegermutter sein wollen.

Also Hradscheck war in bester Stimmung, und ein Ausdruck derselben war
es, daß er diesmal mit einem besonders großen Vorrath von Berliner
Witzlitteratur nach Tschechin zurückkehrte, darunter eine komische
Romanze, die letzten Sonntag erst vom Hofschauspieler Rüthling im
Koncertsaale des königlichen Schauspielhauses vorgetragen worden war und
zwar in einer Matinée, der, neben der ganzen #haute volée# von Berlin,
auch Hradscheck und Editha beigewohnt hatten. Diese Romanze behandelte
die berühmte Geschichte vom Eckensteher, der einen armen
Apothekerlehrling, »weil das Räucherkerzchen partout nicht stehn wolle«,
Schlag Mitternacht aus dem Schlaf klingelte, welche Geschichte damals
nicht blos die ganze vornehme Welt, sondern besonders auch unsern auf
alle Berliner Witze ganz wie versessenen Hradscheck derart hingenommen
hatte, daß er die Zeit, sie seinem Tschechiner Convivium vorzulesen,
kaum erwarten konnte. Nun aber war es so weit, und er feierte Triumphe,
die fast noch größer waren, als er zu hoffen gewagt hatte. Kunicke
brüllte vor Lachen und bot den dreifachen Preis, wenn ihm Hradscheck das
Büchelchen ablassen wolle. »Das müss’ er seiner Frau vorlesen, wenn er
nach Hause komme, diese Nacht noch; so was sei noch gar nicht
dagewesen.« Und dann sagte Schulze Woytasch: »Ja, die Berliner! Ich weiß
nicht! Und wenn mir einer tausend Thaler gäbe, so was könnt’ ich nich
machen. Es sind doch verflixte Kerls.«

Die »Romanze vom Eckensteher« indeß, so glänzend ihr Vortrag abgelaufen
war, war doch nur Vorspiel und Plänkelei gewesen, darin Hradscheck sein
bestes Pulver noch nicht verschossen hatte. Sein Bestes, oder doch das,
was er persönlich dafür hielt, kam erst nach und war die Geschichte von
einem der politischen Polizei zugetheilten Gensdarmen, der einen unter
Verdacht des Hochverraths stehenden und in der Kurstraße wohnenden
badischen Studenten Namens Haitzinger ausfindig machen sollte, was ihm
auch gelang und einige Zeit danach zu der amtlichen Meldung führte, daß
er den pp. Haitzinger, der übrigens Blümchen heiße, gefunden habe,
trotzdem derselbe nicht in der Kurstraße, sondern auf dem Spittelmarkt
wohnhaft und nicht badischer Student, sondern ein sächsischer Leineweber
sei. »Und nun, Ihr Herren und Freunde,« schloß Hradscheck seine
Geschichte, »dieser ausbündig gescheite Gensdarm, wie hieß er? Natürlich
Geelhaar, nicht wahr? Aber nein, Ihr Herren, fehlgeschossen, er hieß
bloß Müller II. Ich habe mich genau danach erkundigt, sonst hätt’ ich
bis an mein Lebensende geschworen, daß er Geelhaar geheißen haben
müsse.«

Kunicke schüttelte sich und wollte von keinem andern Namen als Geelhaar
wissen, und als man sich endlich ausgetobt und ausgejubelt hatte (nur
Woytasch, als Dorfobrigkeit, sah etwas mißbilligend drein), sagte Quaas:
»Kinder, so was haben wir nicht alle Tage, denn Hradscheck kommt nicht
alle Tage von Berlin. Ich denke deßhalb, wir machen noch eine Bowle:
drei Mosel, eine Rheinwein, eine Burgunder. Und nicht zu süß. Sonst
haben wir morgen Kopfweh. Es ist erst halb zwölf, fehlen noch fünf
Minuten. Und wenn wir uns ’ran halten, machen wir um Mitternacht die
Nagelprobe.«

»Bravo!« stimmte man ein. »Aber nicht zu früh; Mitternacht ist zu früh.«

Und Hradscheck erhob sich, um Ede, der verschlafen im Laden auf einem
vorgezogenen Zuckerkasten saß, in den Keller zu schicken und die fünf
Flaschen heraufholen zu lassen. »Und paß auf, Ede; der Burgunder liegt
durcheinander, rother und weißer, der mit dem grünen Lack ist es.«

Ede rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm Licht und Korb und hob die
Fallthür auf, die zwischen den übereinander gepackten Ölfässern, und
zwar an der einzig frei gebliebenen Stelle, vom Flur her in den Keller
führte.

Nach ein paar Minuten war er wieder oben und klopfte vom Laden her an
die Thür, zum Zeichen, daß alles da sei.

»Gleich,« rief der wie gewöhnlich mitten in einem Vortrage steckende
Hradscheck, »gleich«, und trat erst, als er seinen Satz beendet hatte,
von der Weinstube her in den Laden. Hier schob er sich eine schon vorher
aus der Küche heranbeorderte Terrine bequem zurecht und griff nach dem
Korkzieher, um die Flaschen aufzuziehn. Als er aber den Burgunder in die
Hand nahm, gab er dem Jungen, halb ärgerlich halb gutmüthig, einen Tipp
auf die Schulter und sagte: »Bist ein Döskopp, Ede. Mit grünem Lack,
hab’ ich Dir gesagt. Und das ist gelber. Geh und hol’ ’ne richtige
Flasche. Wer’s nich im Kopp hat, muß es in den Beinen haben.«

Ede rührte sich nicht.

»Nun, Junge, wird es? Mach flink.«

»Ick geih nich.«

»Du gehst nich? warum nich?«

»Et spökt.«

»Wo?«

»Unnen ... Unnen in’n Keller.«

»Junge, bist Du verrückt? Ich glaube, Dir steckt schon der
Mitternachtsgrusel im Leibe. Rufe Jakob. Oder nein, der is schon zu
Bett; rufe Male, _die_ soll kommen und Dich beschämen. Aber laß nur.«

Und dabei ging er selber bis an die Küchenthür und rief hinaus: »Male«.

Die Gerufene kam.

»Geh in den Keller, Male.«

»Nei, Herr Hradscheck, ick geih nich.«

»Auch _Du_ nich. Warum nich?«

»Et spökt.«

»Ins Dreideibels Namen, was soll der Unsinn?«

Und er versuchte zu lachen. Aber er hielt sich dabei nur mit Müh’ auf
den Beinen, denn ihn schwindelte. Zu gleicher Zeit empfand er deutlich,
daß er kein Zeichen von Schwäche geben dürfe, vielmehr umgekehrt bemüht
sein müsse, die Weigerung der Beiden ins Komische zu ziehn, und so riß
er denn die Thür zur Weinstube weit auf und rief hinein: »Eine
Neuigkeit, Kunicke ...«

»Nu, was giebt’s?«

»Unten spukt es. Ede will nicht mehr in den Keller und Male natürlich
auch nicht. Es sieht schlecht aus mit unsrer Bowle. Wer kommt mit? Wenn
zwei kommen, spukt es nicht mehr.«

»Wir alle,« schrie Kunicke. »Wir alle. Das giebt einen Hauptspaß. Aber
Ede muß auch mit.«

Und bei diesen Worten eines der zur Hand stehenden Lichter nehmend,
zogen sie – mit Ausnahme von Woytasch, dem das Ganze mißhagte –
brabbelnd und plärrend und in einer Art Procession, als ob einer
begraben würde, von der Weinstube her durch Laden und Flur, und stiegen
langsam und immer einer nach dem andern die Stufen der Kellertreppe
hinunter.

»Alle Wetter, is _das_ ein Loch!« sagte Quaas, als er sich unten
umkuckte. »Hier kann einem ja gruslig werden. Nimm nur gleich ein paar
mehr mit, Hradscheck. Das hilft. Je mehr Fidelité, je weniger Spuk.«

Und bei solchem Gespräch, in das Hradscheck einstimmte, packten sie den
Korb voll und stiegen die Kellertreppe wieder hinauf. Oben aber warf
Kunicke, der schon stark angeheitert war, die schwere Fallthür zu, daß
es durch das ganze Haus hin dröhnte.

»So, nu sitzt er drin.«

»Wer?«

»Na wer? Der Spuk.«

Alles lachte; das Trinken ging weiter, und Mitternacht war lange
vorüber, als man sich trennte.



                                XVIII.


Hradscheck, sonst mäßig, hatte mit den andern um die Wette getrunken,
blos um eine ruhige Nacht zu haben. Das war ihm auch geglückt, und er
schlief nicht nur fest, sondern auch weit über seine gewöhnliche Stunde
hinaus. Erst um acht Uhr war er auf. Male brachte den Kaffee, die Sonne
schien ins Zimmer, und die Sperlinge, die das aus den Häckselsäcken
gefallene Futterkorn aufpickten, flogen, als sie damit fertig waren,
aufs Fensterbrett und meldeten sich. Ihre Zwitschertöne hatten etwas
Heitres und Zutrauliches, das dem Hausherrn, der ihnen reichlich
Semmelkrume zuwarf, unendlich wohl that, ja, fast war’s ihm, als ob er
ihren Morgengruß verstände: »Schöner Tag heute, Herr Hradscheck; frische
Luft; alles leicht nehmen!«

Er beendete sein Frühstück und ging in den Garten. Zwischen den
Buchsbaum-Rabatten stand viel Rittersporn, halb noch in Blüthe, halb
schon in Samenkapseln, und er brach eine der Kapseln ab und streute die
schwarzen Körnchen in seine Handfläche. Dabei fiel ihm, wie von
ungefähr, ein, was ihm Mutter Jeschke vor Jahr und Tag einmal über
Farrnkrautsamen und Sich-unsichtbar-machen gesagt hatte.
»Farrnkrautsamen in die Schuh gestreut ...« Aber er mocht’ es nicht
ausdenken und sagte, während er sich auf eine neuerdings um den Birnbaum
herum angebrachte Bank setzte: »Farrnkrautsamen! Nun fehlt blos noch das
Licht vom ungebornen Lamm. Alles Altweiberschwatz. Und wahrhaftig, ich
werde noch selber ein altes Weib ... Aber da kommt sie ...«

Wirklich, als er so vor sich hinredete, kam die Jeschke zwischen den
Spargelbeeten auf ihn zu.

»Dag, Hradscheck. Wie geiht et? Se kümmen joa goar nich mihr.«

»Ja, Mutter Jeschke, wo soll die Zeit herkommen? Man hat eben zu thun.
Und der Ede wird immer dummer. Aber setzen Sie sich. Hierher. Hier ist
Sonne.«

»Nei, loatens man, Hradscheck, loatens man. Ick sitt schon so veel.
Awers Se möten sitten bliewen.« Und dabei malte sie mit ihrem Stock
allerlei Figuren in den Sand.

Hradscheck sah ihr zu, ohne seinerseits das Wort zu nehmen, und so fuhr
sie nach einer Pause fort: »Joa, veel to dohn is woll. Wihr joa gistern
wedder Klock een. Kunicke kunn woll wedder nich los koamen? _Den_ kenn’
ick. Na, sien Vader, de oll Kunicke, wihr ook so. Man blot noch en beten
mihr.«

»Ja,« lachte Hradscheck, »spät war es. Un denken Sie sich, Mutter
Jeschke, Klock zwölf oder so herum sind wir noch fünf Mann hoch in den
Keller gestiegen. Und warum? Weil der Ede nicht mehr wollte.«

»Nu, süh eens. Un worümm wull he nich?«

»Weil’s unten spuke. Der Junge war wie verdreht mit seinem ewigen ›et
spökt‹ und ›et grappscht‹. Und weil er dabei blieb und wir unsre Bowle
doch haben wollten, so sind wir am Ende selber gegangen.«

»Nu, süh eens,« wiederholte die Alte. »Hätten em salln ’ne Muulschell
gewen.«

»Wollt’ ich auch. Aber als er so dastand und zitterte, da konnt’ ich
nicht. Und dann dacht’ ich auch ...«

»Ach wat, Hradscheck, is joa all dumm Tüg ... _Un wenn_ et wat is, na,
denn möt’ et de Franzos sinn.«

»Der Franzose?«

»Joa, de Franzos. Kuckens moal; de Ihrd geiht hier so’n beten dahl. He
moak woll en beten rutscht sinn.«

»Rutscht sinn«, wiederholte Hradscheck und lachte mit der Alten um die
Wette. »Ja, der Franzos ist gerutscht. Alles gut. Aber wenn ich nur den
Jungen erst wieder in Ordnung hätte. Der macht mir das ganze Dorf
rebellisch. Und wie die Leute sind, wenn sie von Spuk hören, da wird
ihnen ungemüthlich. Und dann kommt zuletzt auch die dumme Geschichte
wieder zur Sprache. Sie wissen ja ...«

»Woll, woll, ick weet.«

»Und dann, Mutter Jeschke, Spuk ist Unsinn. Natürlich. Aber es giebt
doch welche ...«

»Joa, joa.«

»Es giebt doch welche, die sagen: Spuk ist _nicht_ Unsinn. Wer hat nu
Recht? Nu mal heraus mit der Sprache.«

Der Alten entging nicht, in welcher Pein und Beklemmung Hradscheck war,
weshalb sie, wie sie stets zu thun pflegte, mit einem »ja« antwortete,
das ebenso gut ein »nein«, und mit einem »nein«, das ebenso gut ein »ja«
sein konnte.

»Mien leew Hradscheck,« begann sie, »Se wullen wat weten von mi. Joa,
wat weet ick? Spök! Gewen moak et joa woll so wat. Un am Enn’ ook wedder
nich. Un ick segg’ ümmer: wihr sich jrult, för den is et wat, und wihr
sich _nich_ jrult, för den is et nix.«

Hradscheck, der mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war, nickte
zustimmend, während die sich plötzlich neben ihn setzende Alte mit
wachsender Vertraulichkeit fortfuhr: »Ick will Se wat seggen,
Hradscheck. Man möt man blot Kurasch hebben. Un Se hebben joa. Wat is
Spök? Spök, dat’s grad so, as wenn de Müüs’ knabbern. Wihr ümmer
hinhürt, na, de slöppt nich; wihr awers so bi sich seggen deiht: ›na,
worümm salln se nich knabbern‹, de slöppt.«

Und bei diesen Worten erhob sie sich rasch wieder und ging, zwischen den
Beeten hin, auf ihre Wohnung zu. Mit einem Mal aber blieb sie stehn und
wandte sich wieder, wie wenn sie ’was vergessen habe. »Hürens,
Hradscheck, wat ick Se noch seggen wull, uns’ Line kümmt ook wedder. Se
hett gistern schrewen. Wat mienens? _De_ wihr so wat för Se.«

»Geht nicht, Mutter Jeschke. Was würden die Leute sagen? Un is auch eben
erst ein Jahr.«

»Woll. Awers se kümmt ook ihrst um Martini ’rümm ... Und denn,
Hradscheck, Se bruken se joa nich glieks to frijen.«



                                 XIX.


»De Franzos is rutscht,« hatte die Jeschke gesagt und war dabei wieder
so sonderbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn
wenn das Gespräch auch noch nachwirkte, darin ihr, vor länger als einem
Jahr, ihr sonst so gefügiger Nachbar mit einer Verläumdungsklage gedroht
hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen,
in dunklen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halte nur
zurück.

»Verdammt!« murmelte Hradscheck vor sich hin. »Und dazu der Ede mit
seiner ewigen Angst.«

Er sah deutlich die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und ein
Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande
der Dinge jeder Tag bringen konnte.

»Das geht so nicht weiter. Er muß weg. Aber wohin?«

Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und überlegte.

»Wohin? Es heißt, er liege in der Oder. Und dahin muß er ... je eher je
lieber ... _Heute_ noch. Aber ich wollte, dies Stück Arbeit wäre
gethan. Damals ging es, das Messer saß mir an der Kehle. Aber jetzt!
Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es das Umbetten
ist.«

Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an
das Grab seiner Frau. Da war der Engel mit der Fackel und er las die
Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht
los, und als er wieder zurück war, stand es fest: »Ja, _heute_ noch ...
Was du thun willst, thue bald.«

Und dabei sann er nach, _wie’s_ geschehn müsse.

»Wenn ich nur etwas Farrnkraut hätt’. Aber wo giebt es Farrnkraut hier?
Hier wächst ja blos Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch
nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschiren, blos um mit einem großen
Busch Farrnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum auch? Unsinn ist
es doch.«

Er sprach noch so weiter. Endlich aber entsann er sich, in dem
benachbarten Gusower Park einen ganzen Wald von Farrnkraut gesehn zu
haben. Und so rief er denn in den Hof hinaus und ließ anspannen.

Um Mittag kam er zurück, und vor ihm, auf dem Rücksitze des Wagens, lag
ein riesiger Farrnkrautbusch. Er kratzte die Samenkörnchen ab und that
sie sorglich in eine Papierkapsel und die Kapsel in ein Schubfach. Dann
ging er noch einmal alles durch, was er brauchte, trug das Grabscheit,
das für gewöhnlich neben der Gartenthür stand, in den Keller hinunter
und war wie verwandelt, als er mit diesen Vorbereitungen fertig war.

Er pfiff und trällerte vor sich hin und ging in den Laden.

»Ede, Du kannst heute Nachmittag ausgehn. In Gusow ist Jahrmarkt mit
Karoussel und sind auch Kunstreiter da, das heißt Seiltänzer. Ich hab’
heute Vormittag das Seil spannen sehn. Und vor acht brauchst Du nicht
wieder hier zu sein. Da nimm, das ist für Dich, und nun amüsire Dich
gut. Und is auch ’ne Waffelbude da, mit Eierbier und Punsch. Aber hübsch
mäßig, nich zu viel; hörst Du, keine Dummheiten machen.«

Ede strahlte vor Glück, machte sich auf den Weg und war Punkt acht
wieder da. Zugleich mit ihm kamen die Stammgäste, die, wie gewöhnlich,
ihren Platz in der Weinstube nahmen. Einige hatten schon erfahren, daß
Hradscheck am Vormittag in Gusow gewesen und mit einem großen Busch
Farrnkraut zurückgekommen sei.

»Was Du nur mit dem Farrnkraut willst?« fragte Kunicke.

»Anpflanzen.«

»Das wuchert ja. Wenn das drei Jahr in Deinem Garten steht, weißt Du vor
Unkraut nicht mehr, wo du hin sollst.«

»Das soll es auch. Ich will einen hohen Zaun davon ziehn. Und je rascher
es wächst, desto besser.«

»Na, sieh Dich vor damit. Das ist wie die Wasserpest; wo sich das mal
eingenistet hat, ist kein Auskommen mehr. Und vertreibt Dich am Ende von
Haus und Hof.«

Alles lachte, bis man zuletzt auf die Kunstreiter zu sprechen kam und an
Hradscheck die Frage richtete, was er denn eigentlich von ihnen gesehen
habe?

»Blos das Seil. Aber Ede, der heute Nachmittag da war, der wird wohl
Augen gemacht haben.«

Und nun erzählte Hradscheck des Breiteren, daß _der_, dem die Truppe
jetzt gehöre, des alten Kolter Schwiegersohn sei, ja, die Frau desselben
nenne sich noch immer nach dem Vater und habe den Namen ihres Mannes gar
nicht angenommen.

Er sagte das alles so hin, wie wenn er die Kolters ganz genau kenne, was
den Ölmüller zu verschiedenen Fragen über die berühmte Seiltänzerfamilie
veranlaßte. Denn Springer und Kunstreiter waren Quaasens unentwegte
Passion, seit er als zwanzigjähriger Junge mal auf dem Punkte gestanden
hatte, mit einer Kunstreiterin auf und davon zu gehn. Seine Mutter
jedoch hatte Wind davon gekriegt und ihn nicht blos in den Milchkeller
gesperrt, sondern auch den Direktor der Truppe gegen ein erhebliches
Geldgeschenk veranlaßt, die »gefährliche Person« bis nach Reppen hin
vorauszuschicken. All das, wie sich denken läßt, gab auch heute wieder
Veranlassung zu vielfachen Neckereien und um so mehr, als Quaas ohnehin
des Vorzugs genoß, Stichblatt der Tafelrunde zu sein.

»Aber was is das mit Kolter?« fragte Kunicke. »Du wolltest von ihm
erzählen, Hradscheck. Is es ein Reiter oder ein Springer?«

»Blos ein Springer. Aber was für einer!«

Und nun fing Hradscheck an, eine seiner Hauptgeschichten zum Besten zu
geben, die vom alten Kolter nämlich, der Anno 14 schon sehr berühmt und
mit in Wien auf dem Kongreß gewesen sei.

»Was, was? Mit auf dem Kongreß?«

»Versteht sich. Und warum nicht?«

»Auf dem Kongreß also.«

Und da habe denn, so fuhr Hradscheck fort, der König von Preußen zum
Kaiser von Rußland gesagt: »Höre, Bruderherz, was Du von Deinem
Stiglischeck auch sagen magst, Kolter ist doch besser, Parole d’honneur,
Kolter ist der erste Springer der Welt, und was ihm auch passiren mag,
er wird sich immer zu helfen wissen.« Und als nun der Kaiser von Rußland
das bestritten, da hätten sie gewettet, und wäre blos _die_ Bedingung
gewesen, daß nichts vorher gesagt werden solle. Das hätten sie denn auch
gehalten. Und als nun Kolter halb schon das zwischen zwei Thürmen
ausgespannte Seil hinter sich gehabt habe, da sei mit einem Male, von
der andern Seite her, ein andrer Seiltänzer auf ihn losgekommen, das sei
Stiglischeck gewesen, und keine Minute mehr, da hätten sie sich
gegenüber gestanden und der Russe, was ihm auch keiner verdenken könne,
habe blos gesagt: »Alles #perdu#, Bruder: _Du_ verloren, ich verloren.«
Aber Kolter habe nur gelacht und ihm was ins Ohr geflüstert, einige
sagen einen frommen Spruch, andre aber sagen das Gegentheil, und sei
dann mit großer Anstrengung und Geschicklichkeit zehn Schritte rückwärts
gegangen, während der andre sich niedergehuckt habe. Und nun habe Kolter
einen Anlauf genommen und sei mit eins, zwei, drei über den andern
weggesprungen. Da sei denn ein furchtbares Beifallklatschen gewesen und
einige hätten laut geweint und immer wieder und wieder gesagt, »das sei
mehr als Napoleon«. Und der Kaiser von Rußland habe seine Wette
verloren und auch wirklich bezahlt.

»Wird er wohl, wird er wohl,« sagte Kunicke. »Der Russe bezahlt immer.
Hat’s ja ... Bravo, Hradscheck; bravo!«

So war Hradscheck mit Beifall belohnt worden und hatte von Viertelstunde
zu Viertelstunde noch vieles Andre zum Besten gegeben, bis endlich um
elf die Stammgäste das Haus verließen.

                           *       *       *

Ede war schon zu Bett geschickt und in dem weiten Hause herrschte
Todesstille. Hradscheck schritt auf und ab in seiner Stube, mußte sich
aber setzen, denn der Aufregungen dieses Tages waren so viele gewesen,
daß er sich, trotz fester Nerven, einer Ohnmacht nahe fühlte. So lang er
drüben Geschichten erzählt hatte, munterer und heiterer, so wenigstens
schien es, als je zuvor, war kein Tropfen Wein über seine Lippen
gekommen, jetzt aber nahm er Kognak und Wasser und fühlte, wie Kraft und
Entschlossenheit ihm rasch wiederkehrten. Er ging auf das Schubfach zu,
drin er das Kapselchen versteckt hatte, zog gleich danach seine Schuh’
aus und pulverte von dem Farrnkrautsamen hinein.

»So!«

Und nun stand er wieder in seinen Schuhen und lachte.

»Will doch mal die Probe machen! Wenn ich jetzt unsichtbar bin, muß ich
mich auch selber nicht sehen können.«

Und das Licht zur Hand nehmend, trat er vor den schmalen Trumeau mit
dem weißlackirten Rahmen und sah hinein und nickte seinem Spiegelbilde
zu. »Guten Tag, Abel Hradscheck. Wahrhaftig, wenn alles so viel hilft,
wie der Farrnkrautsamen, so werd’ ich nicht weit kommen und blos noch
das angenehme Gefühl haben, ein Narr gewesen zu sein und ein Dummkopf,
den ein altes Weib genasführt hat. Die verdammte Hexe! Warum lebt sie?
Wäre sie weg, so hätt’ ich längst Ruh’ und brauchte diesen Unsinn nicht.
Und brauchte nicht ...« Ein Grusel überlief ihn, denn das Furchtbare,
was er vorhatte, stand mit einem Male wieder vor seiner Seele. Rasch
aber bezwang er sich. »Eins kommt aus dem andern. Wer A sagt, muß B
sagen.«

Und als er so gesprochen und sich wieder zurecht gerückt hatte, ging er
auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus, das er
sich schon vorher durch Überkleben mit Papier in eine Art Blendlaterne
umgewandelt hatte. Die Alte drüben sollte den Lichtschimmer nicht wieder
sehn und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem »ick weet nich,
Hradscheck, wihr et in de Stuw or wihrt et in’n Keller« in Wuth und
Verzweiflung bringen. Und nun zündete er das Licht an, knipste die
Laternenthür wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus.
Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen
Tuchstreifen geflochten, lag längst unten in Bereitschaft.

»Vorwärts, Hradscheck!«

Und zwischen den großen Ölfässern hin ging er bis an den Kellereingang,
hob die Fallthür auf und stieg langsam und vorsichtig die Stufen
hinunter. Als er aber unten war, sah er, daß die Laterne, trotz der
angebrachten Verblendung, viel zu viel Licht gab und nach oben hin, wie
aus einem Schlot, einen hellen Schein warf. Das durfte nicht sein, und
so stieg er die Treppe wieder hinauf, blieb aber in halber Höhe stehn
und griff blos nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden
Brett, das hier an das nächstliegende Ölfaß herangeschoben war, um die
ganze Reihe der Fässer am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber
doch gerade breit genug, um unten das Kellerfenster zu schließen.

»Nun mag sie sich drüben die Augen auskucken. Meinetwegen. Durch ein
Brett wird sie ja wohl nicht sehn können. Ein Brett ist besser als
Farrnkrautsamen ...«

Und damit schloß er die Fallthür und stieg wieder die Stufen hinunter.



                                  XX.


Ede war früh auf und bediente seine Kunden. Dann und wann sah er nach
der kleinen im Nebenzimmer hängenden Uhr, die schon auf ein Viertel nach
acht zeigte.

»Wo der Alte nur bleibt?«

Ede durfte die Frage schon thun, denn für gewöhnlich erschien Hradscheck
mit dem Glockenschlage sieben, wünschte guten Morgen und öffnete die
nach der Küche führende kleine Thür, was für die Köchin allemal das
Zeichen war, daß sie den Kaffee bringen solle. Heut aber ließ sich kein
Hradscheck sehn, und als es nah an neun heran war, steckte statt seiner
nur Male den Kopf in den Laden hinein und sagte:

»Wo he man bliewt, Ede?«

»Weet nich.«

»Ick will geihn un en beten an sine Dhör bullern.«

»Joa, dat dhu man.«

Und wirklich, Male ging, um ihn zu wecken. Aber sie kam in großer
Aufregung wieder. »He is nich doa, nich in de Vör- un ook nich in de
Hinner-Stuw. Allens open un keene Dhör to.«

»Un sien Bett?« fragte Ede.

»Allens glatt un ungeknüllt. He’s goar nich in west.«

Ede kam nun auch in Unruhe. Was war zu thun? Er, wie Male, hatten ein
unbestimmtes Gefühl, daß etwas ganz Absonderliches geschehen sein müsse,
worin sie sich durch den schließlich ebenfalls erscheinenden Jakob nur
noch bestärkt sahen. Nach einigem Berathen kam man überein, daß Jakob zu
Kunicke hinübergehn und wegen des Abends vorher anfragen solle; Kunicke
müss’ es wissen, der sei immer der Letzte. Male dagegen solle rasch nach
dem Krug laufen, wo Gensdarm Geelhaar um diese Stunde zu frühstücken und
der alten Krüger’schen, die manchen Sturm erlebt hatte, schöne Dinge zu
sagen pflegte. Das geschah denn auch alles, und keine Viertelstunde, so
sah man Geelhaar die Dorfstraße herunter kommen, mit ihm Schulze
Woytasch, der sich, einer abzuhaltenden Versammlung halber, zufällig
ebenfalls im Kruge befunden hatte. Vor Hradscheck’s Thür trafen Beide
mit Kunicke zusammen. Man begrüßte sich stumm und überschritt mit einer
gewissen Feierlichkeit die Schwelle.

Drin im Hause hatte sich mittlerweile die Scene verändert.

Ede, der noch eine Zeit lang in allen Ecken und Winkeln umhergesucht
hatte, stand jetzt, als die Gruppe sich näherte, mitten auf dem Flur und
wies auf ein großes Ölfaß, das um ein Geringes vorgerollt war, nur zwei
Fingerbreit, nur bis an den großen Eisenring, aber doch gerade weit
genug, um die Fallthür zu schließen.

»Doa sitt he in,« schrie der Junge.

»Schrei’ nicht so!« fuhr ihn Schulze Woytasch an. Und Kunicke setzte
mit mehr Derbheit, aber auch mit größerer Gemüthlichkeit hinzu: »Halt’s
Maul, Junge.«

Dieser jedoch war nicht zur Ruh zu bringen, und sein bischen
Schläfenhaar immer mehr in die Höh’ schiebend, fuhr er in demselben
Weimertone fort: »Ick weet allens. Dat’s de Spök. De Spök hett noah em
grappscht. Un denn wull he ’rut un kunn nich.«

Um diese Zeit war auch Eccelius aus der Pfarre herüber gekommen,
leichenblaß und so von Ahnungen geängstigt, daß er, als man das Faß
jetzt zurückgeschoben und die Fallthür geöffnet hatte, nicht mit
hinuntersteigen mochte, sondern erst in den Laden und gleich darnach auf
die Dorfgasse hinaus trat.

Geelhaar und Schulze Woytasch, schon von Amtswegen auf bessre Nerven
gestellt, hatten inzwischen ihren Abstieg bewerkstelligt, während
Kunicke, mit einem Licht in der Hand, von oben her in den Keller
hineinleuchtete. Da nicht viele Stufen waren, so konnt’ er das Nächste
bequem sehn: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach todt, ein
Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben. Unser alter
Anno-Dreizehner sah sich bei diesem Anblick seiner gewöhnlichen
Gleichgültigkeit entrissen, erholte sich aber und kroch, unten
angekommen, in Gemeinschaft mit Geelhaar und Woytasch auf die Stelle zu,
wo hinter einem Lattenverschlage der Weinkeller war. Die Thür stand auf,
etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier
Verscharrten. Alles andre war noch verdeckt. Aber freilich, was
sichtbar war, war gerade genug, um alles Geschehene klar zu legen.

Keiner sprach ein Wort, und mit einem scheuen Seitenblick auf den
entseelt am Boden Liegenden stiegen alle drei die Treppe wieder hinauf.

Auch oben, wo sich Eccelius ihnen wieder gesellte, blieb es bei wenig
Worten, was schließlich nicht Wunder nehmen konnte. Waren doch alle, mit
alleiniger Ausnahme von Geelhaar, viel zu befreundet mit Hradscheck
gewesen, als daß ein Gespräch über ihn anders als peinlich hätte
verlaufen können. Peinlich und mit Vorwürfen gegen sich selbst gemischt.
Warum hatte man bei der gerichtlichen Untersuchung nicht besser
aufgepaßt, nicht schärfer gesehn? Warum hatte man sich hinters Licht
führen lassen?

Nur das Nöthigste wurde festgestellt. Dann verließ man das durch so
viele Jahre hin mit Vorliebe besuchte Haus, das nun für jeden ein Haus
des Schreckens geworden war. Kunicke schritt quer über den Damm auf
seine Wohnung, Eccelius auf seine Pfarre zu. Woytasch war mit ihm.

»Das Küstriner Gericht,« hob Eccelius an, »wird nur wenig noch zu sagen
haben. Alles ist klar und doch ist nichts bewiesen. Er steht vor einem
höheren Richter.«

Woytasch nickte. »Höchstens noch, was aus der Erbschaft wird,« bemerkte
dieser und sah vor sich hin. »Er hat keine Verwandte hier herum und die
Frau, so mir recht is, auch nich. Vielleicht, daß es der Pohlsche
wiederkriegt. Aber das werden die Tschechiner nich wollen.«

Eccelius erwiderte: »Das alles macht mir keine Sorge. Was mir Sorge
macht, ist blos das: wie kriegen wir ihn unter die Erde und _wo_. Sollen
wir ihn unter die guten Leute legen, das geht nicht, das leiden die
Bauern nicht und machen uns eine Kirchhofs-Revolte. Und was das
Schlimmste ist, haben auch Recht dabei. Und sein Feld wird auch keiner
dazu hergeben wollen. Eine solche Stelle mag niemand auf seinem
ehrlichen Acker haben.«

»Ich denke,« sagte der Schulze, »wir bringen ihn auf den Kirchhof.
Bewiesen ist am Ende nichts. Im Garten liegt der Franzos, und im Keller
liegt der Pohlsche. Wer will sagen, wer ihn da hingelegt hat? Keiner
weiß es, nicht einmal die Jeschke. Schließlich ist alles blos Verdacht.
Auf den Kirchhof muß er also. Aber seitab, wo die Nesseln stehn und der
Schutt liegt.«

»Und das Grab der Frau?« fragte Eccelius. »Was wird aus dem? Und aus dem
Kreuz?«

»Das werden sie wohl umreißen, da kenn’ ich meine Tschechiner. Und dann
müssen wir thun, Herr Pastor, als sähen wir’s nicht. Kirchhofsordnung
ist gut, aber der Mensch verlangt auch seine Ordnung.«

»Brav, Schulze Woytasch!« sagte Eccelius und gab ihm die Hand. »Immer ’s
Herz auf dem rechten Fleck!«

                           *       *       *

Geelhaar war im Hradscheck’schen Hause zurückgeblieben. Er hatte den
Polizei-Kehrmichnichtdran und machte nicht viel von der Sache. Was war
es denn auch groß? Ein Fall mehr. Darüber ging die Welt noch lange
nicht aus den Fugen. Und so ging er denn in den Laden, legte die Hand
auf Ede’s Kopf und sagte: »Hör’, Ede, das war heut ein bischen scharf.
So zwei Dodige gleich Morgens um neun! Na, schenk’ mal ’was ein. Was
nehmen wir denn?«

»Na, ’nen Rum, Herr Geelhaar.«

»Nei, Rum is mir heute zu schwach. Gieb erst ’nen Kognak. Und dann ein’
Rum.«

Ede schenkte mit zitternder Hand ein. Geelhaar’s Hand aber war um so
sicherer. Als er ein paar Gläser geleert hatte, ging er in den Garten
und spazierte drin auf und ab, als ob nun alles sein wäre. Das ganze
Grundstück erschien ihm wie herrenloser Besitz, drin man sich ungenirt
ergehen könne.

Die Jeschke, wie sich denken läßt, ließ auch nicht lang auf sich warten.
Sie wußte schon alles und sah mal wieder über den Zaun.

»Dag, Geelhaar.«

»Dag, Mutter Jeschke ... Nu, was macht Line?«

»De kümmt to Martini. Se brukt sich joa nu nich mihr to jrulen.«

»Vor Hradscheck?« lachte Geelhaar.

»Joa. Vor Hradscheck. Awers nu sitt he joa fast.«

»Das thut er. Und gefangen in seiner eigenen Falle.«

»Joa, joa. De oll Voß! Nu kümmt he nich wedder rut. Fien wihr he. Awers
to fien, loat man sien!«

                           *       *       *

Was noch geschehen mußte, geschah still und rasch, und schon um die
neunte Stunde des folgenden Tages trug Eccelius nachstehende Notiz in
das Tschechiner Kirchenbuch ein:

    »Heute, den 3. Oktober, früh vor Tagesanbruch, wurde der
    Kaufmann und Gasthofsbesitzer Abel Hradscheck ohne Sang und
    Klang in den hiesigen Kirchhofsacker gelegt. Nur Schulze
    Woytasch, Gensdarm Geelhaar und Bauer Kunicke wohnten dem
    stillen Begräbnißakte bei. Der Todte, so nicht alle Zeichen
    trügen, wurde von der Hand Gottes getroffen, nachdem es ihm
    gelungen war, den schon früher gegen ihn wach gewordenen
    Verdacht durch eine besondere Klugheit wieder zu
    beschwichtigen. Er verfing sich aber schließlich in seiner List
    und grub sich, mit dem Grabscheit in der Hand, in demselben
    Augenblicke sein Grab, in dem er hoffen durfte, sein Verbrechen
    für immer aus der Welt geschafft zu sehn. Und bezeugte dadurch
    aufs Neue die Spruchweisheit: ›_Es ist nichts so fein
    gesponnen, ’s kommt doch alles an die Sonnen._‹«



                          Grote’sche Sammlung
                                  von
                Werken zeitgenössischer Schriftsteller.


Bis jetzt erschienen:

=Otto Glagau,= Fritz Reuter und seine Dichtungen. Neue umgearbeitete
Auflage mit Illustrationen, Porträts und einer autographischen Beilage.

=Julius Wolff,= Till Eulenspiegel redivivus. Ein Schelmenlied. Mit
Illustrationen. Sechzehnte Auflage.

=Julius Wolff,= Der Rattenfänger von Hameln. Eine Aventiure. Mit
Illustrationen von =P. Grot Johann=. Fünfundzwanzigste Auflage.

=Wilhelm Raabe,= Horacker. Mit Illustrationen von =P. Grot Johann=.
Dritte Auflage.

=Friedrich Bodenstedt,= Theater. (Kaiser Paul. – Wandlungen.)

=Anastasius Grün,= In der Veranda. Eine dichterische Nachlese. Dritte
Auflage.

=Julius Wolff,= Schauspiele. (Kambyses. – Die Junggesellensteuer.)

=Carl Siebel’s= Dichtungen. Gesammelt von seinen Freunden. Herausgegeben
von =Emil Rittershaus=.

=Wilhelm Raabe,= Die Chronik der Sperlingsgasse. Neue Ausgabe, mit
Illustrationen von =Ernst Bosch=. Vierte Auflage.

=Julius Wolff,= Der wilde Jäger. Eine Weidmannsmär. Zweiundzwanzigste
Auflage.

=Hermann Lingg,= Schlußsteine. Neue Gedichte.

=Julius Wolff,= Tannhäuser. Ein Minnesang. Mit Porträtradirung nach
einer Handzeichnung von _Ludwig Knaus_. Zwei Bände. Zehnte Auflage.

=Julius Wolff,= Singuf. Rattenfängerlieder. Vierte Auflage.

=Julius Grosse,= Gedichte. Mit einer Zuschrift von _Paul Heyse_.

=Julius Wolff,= Der Sülfmeister. Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bände.
Sechste Auflage.

=A. von der Elbe,= Der Bürgermeisterthurm. Eine Erzählung aus dem
15. Jahrhundert. Zwei Bände.

=Julius Wolff,= Der Raubgraf. Eine Geschichte aus dem Harzgau. Fünfte
Auflage.

=Julius Grosse,= Der getreue Eckart. Roman in zwölf Büchern. Zwei Bände.

=Theodor Fontane,= Unterm Birnbaum.



                           Neue Prachtwerke:


                        =Shakespeare-Gallerie.=

                            Fünfzehn Bilder

                                  von

      Ad. Menzel, C. u. F. Piloty, Ed. Grützner, P. Thumann u. A.
             Mit begleitendem Text von #Dr.# M. _Ehrlich_.
                   Preis in eleg. Einbande 15 Mark.



                   Das Buch von der =Königin Luise=.

                                  Von

                          #Dr.# =Georg Horn=.

 Mit neun Photographien, Porträts und zeitgeschichtlichen Abbildungen
                               im Text.

                    =Dritte, verbesserte Auflage.=
                        Prachtausgabe in Folio.
                            Preis 20 Mark.



                            Julius Wolff’s
                               Aventiure

                    =Der Rattenfänger von Hameln.=

                            Illustrirt von
                            _Paul Thumann_.
             Folioformat. In Prachtband gebunden 25 Mark.



                            _Bodenstedt’s_
                 =Album deutscher Kunst u. Dichtung.=

               Sechste vollständig umgestaltete Auflage.
Mit Randzeichnungen, zahlreichen Textillustrationen und 6 Heliogravüren.
                     Preis in Prachtband 12 Mark.



                               Tegnér’s
                           =Frithjofssage.=

                      Übersetzt von =G. Mohnike.=

                            Illustrirt von
                            =Ernst Roeber.=
                        Preis gebunden 12 Mark.



                              Tennyson’s
                            =Enoch Arden.=

                            Illustrirt von
                            =Paul Thumann.=
                     Dritte, verbesserte Auflage.
                 Folioformat. In Prachtbd. geb. 10 M.



                           _Voßen’s Luise_.

                Ein ländliches Idyll in drei Gesängen.

          Mit 6 Bildern von Arthur v. Ramberg u. P. Thumann.
             Folioformat in eleg. Einband mit Goldschnitt.
                            Preis 12 Mark.



                              _Goethe’s_
                        =Hermann und Dorothea.=

                Mit 8 Bildern nach Arthur von Ramberg.
   Folioformat, in elegantem Einband mit Goldschnitt. Preis 12 Mark.


                               _Berlin._
                 =G. Grote=’sche Verlagsbuchhandlung.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1885 als Dreiundzwanzigster Band in »Grote’sche
Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller« erschienenen
Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 057: Werft und Weidengestrüpp -> Werft- und Weidengestrüpp
S. 068: beten to still‹. das war -> still‹, das war
S. 073: Hören Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar
S. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen
S. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht.
S. 148: »Vorwärts, Hradschreck!« -> Hradscheck

Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die
Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 128)

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fett:           =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the edition
published in 1885 as volume 23 in “Grote’sche Sammlung von Werken
zeitgenössischer Schriftsteller”. The table below lists all corrections
applied to the original text.

p. 057: Werft und Weidengestrüpp -> Werft- und Weidengestrüpp
p. 068: beten to still‹. das war -> still‹, das war
p. 073: Hören Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar
p. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen
p. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht.
p. 148: »Vorwärts, Hradschreck!« -> Hradscheck

The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü. The ligature
for “etc.” has been replaced by etc. (p. 128)

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Bold:       =bold text=
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Unterm Birnbaum" ***

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