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Title: Der Kalendermann vom Veitsberg - Eine Erzählung für das Volk
Author: Glaubrecht, O., 1807-1859
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Kalendermann vom Veitsberg - Eine Erzählung für das Volk" ***

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Der Kalendermann vom Veitsberg.


Eine Erzählung für das Volk


von O. Glaubrecht.



Dritte Auflage.


Mit einem Bilde.


Frankfurt a. M. und Erlangen.

Verlag von Heyder & Zimmer.

1853.



Sehet an, lieben Brüder, euren Beruf. Nicht viel Weise nach dem
Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern was
thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu
Schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet,
daß er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und
das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu
nichte mache, was etwas ist; auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme.
(1. Korinter 1, 26-29.)



1. Der Gruß an den Leser aus der Heimath des Kalendermannes.


Wenn in unsern Tagen ein junger Mann sein Studium oder sein Handwerk
gelernt hat, wenn er auch seine Wartezeit hinter sich hat, wenn er
draußen gewesen ist in der Welt mit dem Reisebündel auf dem Rücken, und
er kehrt zur lieben Heimath wieder, wer will's ihm verargen, daß er dann
nach dem Plätzchen sich umsieht, wo er sein Haus bauen und sein Geschäft
treiben, und manchen stillen Herzenswunsch befriedigen kann? Und unsere
Zeit ist eine gütige Mutter, für alle Wünsche ihrer Kinder hat sie auch
die Erfüllung; sie weiß Mittel und Rath, und wer es anders nur klug
angreift, der findet auch Haus und Brod. Ueberall wächst die
Bevölkerung, aber mit ihr auch die Klugheit, der Erde ihr Gewächs
abzugewinnen, daß es den Tausenden nicht an Brod fehle, und überall auch
der Kunstfleiß, der Neues schaffet und das Alte verbessert. Hätten wir
vor hundert Jahren gelebt und könnten einmal wieder unsere alte Heimath
besuchen; sähen wir da die Länder mit Straßen durchzogen, die wüsten
Stellen in fruchtbare Aecker umgewandelt, die Sümpfe ausgetrocknet und
die Eisenbahnen im Flug die Menschen zu einander führen; sähen wir in
Städten und Dörfern das Volk sich wie in einem Ameisenhaufen
durcheinander winden; wir würden uns wie Träumende vorkommen, und die
Heimath nicht wieder erkennen.

Denn an's Wunderbare gränzt der Fortschritt, den unsere Zeit vor den
früheren gemacht hat, unsere Zeit, die so Vielen nicht gefallen will.
Manchen gefällt sie nicht, weil sie nicht schnell genug geht, weil der
junge Mensch, der mit hoffendem Herzen in sie hineintritt, nicht seine
Zeit, oder vielmehr Gottes Zeit mit ihm, abwarten kann, und murret und
klagt, daß ihm nicht schnell genug geholfen werde.

Höre doch einmal, du Unzufriedener, von der Väter Zeit; die lehrte
warten. Da war auch das Herz der Jugend ungestüm, aber die lange
Wartezeit machte es kühl; da ward auch die Jugend gelehrt und
unterwiesen, länger und fast gründlicher, denn jetzt; aber die Mühe fand
nicht so schnell ihren Lohn; das Brod kam oft lange in kleinen Laiben
nur in's Haus, und unter Geduld und Warten mußte es im Schweiße des
Angesichtes gegessen werden. Wie viele Meister gab es damals, die
niemals eine eigne Werkstätte erlangten, sondern froh sein mußten, Zeit
Lebens das Gesellenbrod zu essen! Wie viel Künstler gingen damals umher,
den Kopf voll großer Entwürfe und schöner Gedanken, und war Niemand da,
der sie verstand! Wie viel studirte Leute, die was Tüchtiges gelernt
hatten, sah man noch über die Mitte ihres Lebens hinaus umhergehen und
nach einem Aemtchen suchen, das ihnen das tägliche Brod geben könnte,
und suchten oft lang und immer vergebens! Wie ist in dem langsamen,
tiefgründigen Strom jener Zeit so manches Haupt untergegangen, das man
jetzt hochheben würde, damit es seiner Zeit leuchte! Wie ist damals
manches Herz in Ungeduld und Trübsinn gebrochen, dem nichts gefehlt
hätte, als ein verwandtes Herz, daran sich's anschmiegen und festhalten
konnte!

Aber wie viel schöne, stille Bilder der Genügsamkeit, wie viel Bilder
der Gottseligkeit und einer Tugend, die wir fast nicht kennen, bot auch
wieder jene Zeit dar! Manches Herz, dem die Welt nicht hielt, was sie
ihm versprach, baute sich ungekannt von ihr ein stilles Haus des
Gottesfriedens. Unzerstreut und unverworren durch das Geräusch der Welt
ward Mancher ein Weiser in Gesinnung und in That und half das Reich
Gottes im kleinen, engen Raum ausbauen.

Von einem solchen weiß ich dir zu erzählen, mein lieber Leser, und bitte
dich, du mögest mir in jene Zeit folgen, wo in unserm lieben Deutschland
das äußere Leben noch gar eng und klein war, wo aber das Leben, das aus
Gott ist, in manchem Dörfchen, in manchem unscheinbaren Haus eine
trauliche Stätte gefunden hatte, und dort zu Thaten trieb, die _auch_ in
Gott gethan waren. Erwartest du, daß ich dir von Menschen erzähle, die
Tausende beglückt oder über die Tausende geweint, daß ich dich mit
Staunen erregenden Begebenheiten unterhalte, oder wohl gar
Mordgeschichten dir vor's Auge führe, wie das hin und wieder geschieht;
dann, mein lieber Leser, lege das Büchlein schon jetzt bei Seite. Nein,
in ein stilles Dörfchen, auf einer grünen Höhe im lieben Vaterland, will
ich dich führen; in ein Häuschen will ich dich geleiten, arm und klein;
von einem Manne will ich dir erzählen, der im kleinen Kreise des Guten
viel that, und heiß geliebt und innig betrauert zum Herrn ging, an den
er im Leben treu geglaubt hatte. Noch spricht man in jenen Thälern, wo
unsere Geschichte sich zugetragen, vom Kalendermann vom Veitsberg, noch
steht sein Häuschen in seinem alten Zustande da, noch grünen die Bäume,
die er gepflanzt, noch weht sein guter Geist des Glaubens und der Liebe
in den Enkeln seiner Schüler. Ist auch Manches untergegangen, was er
gewirkt, sein Gedächtniß lebt noch im Segen, und manches Blatt Papier
gibt hier und da Zeugniß von seinem Fleiß und seiner Frömmigkeit.

Und so begleite mich denn, mein lieber Leser, in die Heimath des
Kalendermanns. Ich weiß gut Bescheid daselbst, denn sie ist auch meine
Heimath, mein liebes Hessenland, mit seinen grünen Hügeln und waldigen
Höhen und fruchtbaren Ebenen, auf die Gottes Auge allezeit segnend
herabblicken möge! Während ich die gelben Blätter betrachte, die der
Kalendermann geschrieben, denk' ich der Zeit, wo ich am Haag, der sein
Grab umgränzt, Veilchen gesucht, oder von seinen Bäumen die Kirschen
gebrochen. Lieb ist mir sein Gedächtniß, möchte es auch dir lieb werden!
—



2. Der Gallusmarkt.


Es war Gallustag des Jahres 17.., und in Grünberg, dem freundlichen
Städtchen im Lande Hessen, war Jahrmarkt. Weithin über die Felder am
westlichen Theile der Stadt breitete sich eine vielfache Reihe von
Zelten aus, manche einfach von Leinwand, manche groß und mit mehr Kunst
von Baumästen aufgeführt, zum Nutzen und Vergnügen der Marktgäste. Da
sah man hoch aufgeschichtet die Holzwaaren vom Vogelsberg, Löffel und
Küchengeräthe, zierlich mit Figuren geschmückt, und vor Allem
Spinnräder, bunt von Farben und künstlich ausgedreht, mit Ringlein und
hölzernen Springmännlein, die bei jedem Umschwung des Rades tanzten.
Zwischen den Spinnrädern durch gingen sittig und prüfend die Mägdlein,
mit den Krämern feilschend, und der Winterabende gedenkend, wo die
bunten Räder zum lustigen Gespräch der Spinnstube schnurren sollten.

Und neben die Spinnräder hatten die Bänderkrämer aus Sachsen ihre Buden
aufgeschlagen. Hoch von den Stangen herab flatterten lustig und lockend,
von Seide und Wolle, theuer und wohlfeil, aber brauchbar und sehr
beliebt, die bunten Bänder, und die Krämer priesen den Mägdlein die
breiten, mit Flittergold durchwirkten Streifen zu Rockenbändern an.

Von vielen Kunden besucht, bekannten und unbekannten, und manchen Gruß
rufend und manchen Händedruck gebend, sah man dort die Schuhmacher von
Alsfeld und Homberg guten Markt halten, während die Messerschmiede von
Lauterbach mit den Kindern um die Batzenmesserlein feilschten, klein und
mit hölzernen Stielen, indeß der Kaufmann von fern her, auf dem Nagel
den Stand der Messer und Gabeln prüfte und dutzendweise sie mit sich
nahm.

Hell glänzten dort in der Octobersonne die Zelte und Buden der Blech-
und Kupferschmiede von Grünberg, und ihnen zur Seite hatten auf dem
grünen Rasen einer Wiese zwischen den Herbstzeitlosen, die Niemand
beachtete, die Töpfer von Marburg und Hausen ihre bräuchliche Waare
ausgestellt.

Es war gute Zeit im Lande, die Erndte war reichlich ausgefallen, in den
Säcken des Bauern war Geld und die Kaufleute waren billig und ließen
Alles um den halben Preis, wie sie sagten, aus lauter guter
Freundschaft. Wohin man nur sah, da bemerkte man frohe Gesichter. Selbst
um die Bude eines reisenden Doctors her gab's mehr Lachen, als Weinen;
denn so schrecklich der Mann selber aussah in seiner ungeheuren Perücke
und seinem dreieckten Bordenhut darauf und seinem rothen Rock mit
thalergroßen Stahlknöpfen und seinem Halsband von Menschenzähnen; so
hatte er doch neben sich ein Männlein stehen, bunt gekleidet und immer
lachend, das mit seinen Späßen auch die bittersten Pillen und Pulver
versüßte, und so drollige Gesichter schnitt, während er die Köpfe zum
Zahnausziehen hielt, daß aller Schmerz nicht der Rede werth war.

Und was doch in der Bude gegenüber das Bier so trefflich schmeckte und
die Würste so lieblich dufteten; denn wer that's je den Metzgern von
Grünberg in ihrer Blutwurst gleich! Nur Einer wagte zu versichern, die
seine sei besser, fetter und delicater, das war ein Metzger aus
Schotten, der seine Bude nicht fern von dem Grünberger aufgeschlagen
hatte, und allen Kunden mit Stirnrunzeln nachsah, die hinüber zu dem
Grünberger gingen; »denn Schotten«, sagt er, »liefert die beste Wurst
auf weit und breit;« und »alls herein, meine Herrn«, rief er, »alls
herein, hier ist Alles zu haben für Mund und Herz, Musik und Schauspiel,
wenn's beliebt!«

Das Schauspiel war aber eine Gesellschaft von Hunden, theils in
Bordenröcke gekleidet, mit Hüten und Perücken auf den Köpfen, theils in
Reifröcke gehüllt und die Damen vorstellend. Die führten nach dem Ton
einer Sackpfeife, die ihr Herr blies, allerlei kurzweilige Tänze aus,
machten einander Diener und Knickse, und benahmen sich ganz anständig,
bis ein Spaßvogel ihnen ein Stück Wurst zuwarf, worauf sie schnell in
ihre Hundenatur zurückfielen.

Da gab's unmäßiges Gelächter, in das eine Schaar von Knaben aus vollem
Halse einstimmte, die mit Holz und Strohbündeln unter den Armen den
benachbarten Höhen zueilten. Denn wer mag ein Knabe sein in der guten
Stadt Grünberg und kein Gallusfeuer sehen! Zwei Freuden auf einmal; von
den Höhen herab den Markt sehen mit seinem bunten Gewimmel und vor sich
das Gallusfeuer! Da klingt erst das Lied recht gut.

    »Gallmarkt ist da!
    Drum heraus
    Aus dem Haus!
    Wer Bier hat, der trink's,
    Wer Holz hat, der bring's
    Zum Gallusfeuer,
    Zum Gallusfeuer!«

Während so Geschäftigkeit und Frohsinn den Jahrmarkt belebte, schallte
durch das Getümmel hindurch der dumpfe Ton einer Trommel, in den sich
schrillernd die Melodie einer Querpfeife mischte. Alles was abkommen
konnte, drängte sich der Stelle zu, und man sah, was man lange nicht
gesehen hatte, zween Polacken in Pelzkleidern und mit großen Prügeln in
den Händen, die führten an einer langen Kette einen Bären, und auf dem
Rücken des fürchterlichen Thieres saß, o Wunder und Entzücken! ein
Aefflein in einem rothen Jäckchen, sonst nichts um und nichts an. Das
Aefflein tanzte auf dem Bären und schlug Purzelbäume, und aß Aepfel und
warf die Krutzen nach den Zuschauern. Und der Bär tanzte auch, aber viel
ungelenkiger und schien gar keine Freude an seinem Tanzen zu haben, und
bekam viele Prügel, daß er zum Entsetzen von Jung und Alt erschrecklich
brummte.

In der Menschenmenge, die den Bären von allen Seiten umgab, hielt seit
geraumer Zeit eine Chaise; denn es war nicht möglich, auch nur einen
Schritt weit vorwärts zu kommen. Der Kutscher war abgestiegen und stand
vor den Pferden, und hielt ihnen die Augen zu, und strich ihnen den
Hals, und gab ihnen Schmeichelnamen aller Art; denn den Pferden war's
bange vor dem Raubthier, und wollten nicht Stand halten. Ein Bedienter
in Jägeruniform hatte derweil seinen Rath mit Einem aus der
Bürgerschaft, der zur Marktwache gehörte, und auf seinen Spieß gestützt,
das einzige Zeichen seiner Würde, in das Treiben hineinsah und behaglich
sein kurzes Pfeifchen rauchte. Der Rath zwischen dem Jäger und dem
Spießmann schien nicht sehr freundlich zu sein; denn der Jäger hatte ein
zornrothes Gesicht und rief in einem fort: »Macht Platz, oder ich ziehe
vom Leder!« Der Spießmann blickte lächelnd auf die halbgezogene Waffe
und sagte gelassen: »Stecket euer Schwert an seinen Ort, mein Freund;
nach gutem alten Marktrecht spielt der zuerst, der zuerst kommt, und da
der Polack mit seinem Pelz zuerst auf dem Fleck war, so spielt der
zuerst, dann kommt die Reihe auch an euch. Was ihr nun in eurem Kasten
dort habt — es will mich bedünken, als wären auch fremde Thiere drinnen
— das laßt später sehen. Eile mit Weile.« — »Aber seht ihr denn nicht,
Mann«, rief der Jäger noch ungeduldiger, indem er den Hirschfänger
völlig aus der Scheide zog, »daß der Kutscher die Pferde nicht halten
kann, die Bestie dort bringt meine Herrschaft in's Unglück!« — »Das ist
ein Anderes, Freund«, sagte der Spießmann, »das hättet ihr gleich sagen
können, daß ihr Reisende führt. Ich will gleich Platz machen; nur sag'
ich noch einmal: Steckt euer Schwert an seinen Ort; nach gutem
Grünberger Marktrecht kommt Jeder dort in den Thurm, der sich
erdreistet, wider hochlöbliche Bürgerschaft, zumal im Marktdienst, das
Gewehr zu ziehen!« So sagend schwang er seine Waffe und gebot in
gebrochenem Deutsch, das sie selber redeten, den Bärführern zur Seite zu
gehen.

Die Pferde zogen rasch an mit manchem gefährlichen Seitensprung, mit
manchem scheuen Blick nach dem Bären hin, und nach wenigen Minuten
rollte der Wagen durch die Marktgasse hinauf auf den Marktplatz und vor
das Gasthaus zum Riesen. Da war ebenfalls ein reges Leben und Treiben.
Unter Mühe nur konnte der Kutscher eine Anfahrt gewinnen; denn Fuhrwerke
von allen Arten hatten bereits die Straße besetzt. Der Riesenwirth, ein
kleines fettes Männlein, mit einem langen steifen Zopf, stand, ein
weißes Schürzlein vorgebunden, und die weiße Mütze unter dem linken
Arme, unter seinem Hofthore und machte einen Bückling hinter dem andern,
während der Jäger zur Seite des Schlages stehen blieb, um abzuwarten,
bis drinnen die Thüre des Wagens geöffnet werde. Das kam dem Riesenwirth
sonderbar vor und noch sonderbarer seinen Gästen, die zu allen Fenstern
heraussahen und sich über die Kutsche von so fremder Gestalt und über
die Passagiere unterhielten, die gar nicht aus dem Wagen heraus wollten.

Da es endlich dem Riesenwirth scheinen wollte, als thue der Jäger seine
Schuldigkeit nicht, so trat er an den Kutschenschlag, um ihn zu öffnen,
wurde aber von dem Jäger ziemlich unsanft zur Seite geschoben. Da
öffnete sich von innen die Thüre und statt eines alten, gebrechlichen
Reisenden, den man vermuthet hatte, sprang schnell und leicht ein junger
Mann, in einen weiten Reisemantel gehüllt, heraus, und half mit der
rechten Hand, während er die linke unter dem Mantel verborgen hielt, als
trüge er etwas, einem, wie es schien, eben so jungen Frauenzimmer aus
dem Wagen. Ueber das Alter seiner Reisegefährtin ließ sich nichts sagen,
denn ein dichter Schleier verbarg ihr Angesicht; aber mit rüstigen
Schritten folgte sie dem Begleiter in ein Zimmer im obern Stocke, indeß
der Jäger sich mit den Koffern und Reisepäcken zu schaffen machte.

Der Riesenwirth, der die Fremden auf ihr Zimmer geleitete, sprach vom
Wetter und vom Vergnügen, das er habe, solche vornehme Marktgäste
beherbergen zu dürfen, und wie er es bedaure, den Herrschaften heute
kein besseres Zimmer anbieten zu können, sintemal die Marktbesucher
schon Alles besetzt hätten, und machte Bücklinge über Bücklinge; aber es
kam aus dem Munde der Fremden keine Antwort. Ein Wink des Herrn nach der
Thüre gab zu vergehen, daß die Reisenden allein zu sein wünschten, und
kopfschüttelnd entfernte sich der Riesenwirth. Nach einiger Zeit
erschien der Jäger, der ab- und zugegangen war, und verlangte für seine
Herrschaft ein Mittagessen, nahm aber alle Schüsseln dem Riesenwirth vor
der Thüre ab und trug sie selber hinein. Das kam dem Wirthe immer
sonderbarer vor, und er säumte nicht, seinen Gästen mitzutheilen, wie in
seiner langen Wirthschaft ihm so eigne Leute noch nicht vorgekommen
seien, und wie dahinter gewiß etwas stecke. Und die Gäste theilten seine
Meinung und blickten von Zeit zu Zeit hinab auf die Straße und staunten
den Wagen an, vor dem bereits eine Anzahl Schaulustiger sich gesammelt
hatten.

»Hätte ich nicht mit meinen Augen gesehen, wie der Jäger das Fuhrwerk
ausgepackt bis auf den Grund, es möchte mich schier bedünken, es wär'
noch allerei fremdes Gethier in dem Kasten«, sagte Einer aus den
Umstehenden. »Und sehet nur«, hub ein Zweiter an, »wie tief die Axen
hinabreichen, fast scheint es, der Wagenkasten schleife auf dem Boden.
Es sieht das Ding fast einer Feuerspritze ähnlicher, denn einem
Herrnwagen.« »Aber das bleibt gewiß«, sprach ein Dritter, »schön ist das
Fuhrwerk; seht nur, wie bunt die Räder gemalt sind; und so wahr ich
lebe, Goldleisten überall. Gebt Acht, das sind keine geringen Leute, die
also fahren; aber weit her sind sie, darauf möcht' ich wetten!«

So ging eine Stunde des Gallustages nach der andern hin. Der Markt vor
der Stadt nahm seinen fröhlichen Fortgang, die Gäste im Riesen gingen
aus und ein, und der Jäger bediente die fremde Herrschaft allein. Als es
Abend ward, trat er unter das Thor und schaute sich die Marktbesucher
an, wie sie gingen und kamen. Eben ward das Marktglöcklein gezogen, zum
Zeichen, daß für heute das Kaufen und Verkaufen aufhören solle, da trat
der Riesenwirth zu dem Jäger heran und sagte, auf das Fuhrwerk der
Fremden zeigend: »Schön Fuhrwerk das!« »Wem's gefällt«, war des Jägers
Antwort. »Scheint im Ausland gebaut zu sein?« »Denk's auch«, sagte der
Jäger. »Ist die Herrschaft schon lang auf der Reise?« fragte der
Riesenwirth. »Ziemlich!« — »Weit her?« — »Soll's meinen!« »Aus
Frankreich?« — »Nein!« — »Holland?« — »Ja!« — »Also aus Holland ist die
Herrschaft?« fragte erfreut der Riesenwirth. »O das ist schön, große
Ehre für Grünberg. Doch wohl ein Kaufmann, der auf unserm Gallusmarkt
denkt Geschäfte zu machen? Glück zu! Gibt auch nur einen Gallusmarkt auf
weit und breit.« Damit folgte der Riesenwirth zweien Gästen, die eben in
sein Haus eingingen.

»Hört Landsmann«, rief der Jäger einem Bauer zu, der näher getreten war,
sich das fremde Fuhrwerk zu besehen, »wo seid ihr her, wenn's erlaubt
ist, zu fragen?« Der Bauer lüftete seinen dreieckigen Hut und sprach
»Wie's euren Edlen gefällt, ich bin von Göbelnrod.« »Nun dann seid ihr
ja nicht weit vom Veitsberg«, sprach der Jäger, »und könnt mir wohl
sagen, ob der Schulmeister Justus noch lebt?« — »Wird wohl noch leben«,
war des Bauers Antwort, »denn wär' er gestorben, so hätt' ich's sicher
erfahren. Doch wart', alleweile fällt mir ein, daß der Kalendermann noch
lebt. Denn mein Nachbar, der Bornpeter, sagte vorgestern zu mir, er
wolle bald auf den Veitsberg, und sich den Kalender holen für's künftige
Jahr. Wenn ihr den Schulmeister kennt, so wißt ihr auch, daß Keiner auf
weit und breit den Kalender besser versteht, denn der Justus. Ehe die
Sterngucker, Gott weiß wo sie sind, ihn gemacht haben, da haben wir ihn
hier herum längst und Einer schreibt ihn vom Andern ab, und wenn die
Drucker ihn endlich liefern, so um Weihnachten hin, da weiß Unsereiner
schon längst im neuen Jahr Bescheid. Und wenn er's wissen will, so sagt
ihm der Kalendermann vom Veitsberg auch jede Sonn- und Mondsfinsterniß
voraus, und das auf die Minute. Kurz der Mann versteht seine Sache, das
muß man ihm lassen.« »Dank für die Nachricht, guter Freund«, sprach der
Jäger freundlich, »da trinkt, ehe ihr heimgeht, noch ein Frisches auf
die Gesundheit des Kalendermanns, und gedenkt auch mein dabei, wenn's
euch nichts verschlägt!« — Ehe noch der erstaunte Bauer seinen Dank
sagen konnte, war der Jäger in's Haus zurückgegangen.



3. Lust neben Schmerz.


Eine milde Octobernacht breitete sich über die Stadt Grünberg aus. Die
Sterne schienen friedlich vom dunkelblauen Herbsthimmel hernieder, aber
Friede brachte ihr Glanz nicht allen Menschenseelen an diesem Abend. Die
Buden auf dem Marktplatz waren geschlossen, um erst am Morgen zu neuer
Geschäftigkeit geöffnet zu werden, und mit festen Schritten und einander
zurufend, schritten die Wächter auf und ab. In den Bäckereien war man
emsig beschäftigt, neuen Vorrath zu backen, und aus den Häusern der
Metzger hörte man das taktvolle Fallen der Hackmesser. Aus allen
Gasthäusern und Herbergen schallte Tanzmusik und Jubel, und die Mühe des
Tages ward vergessen in der neuen Mühe, die man Freude nannte.

Auch im Riesen war Tanz, und von dem Saale auf dem Hinterbau drang der
Ton der Instrumente und das Jauchzen der Fröhlichen durch alle Zimmer
des Hauses. Eben drängte sich der Wirth, dicke Schweißtropfen auf seiner
Stirne, zum hundertsten Male durch das Getümmel, um den Durstigen einen
neuen Trunk zu bringen; da winkte ihm die Hausmagd zur Seite und sagte
in ängstlichem Tone, indem sie sich schüchtern umsah: »Herr, mit den
Fremden, die heute hier eingekehrt sind, ist es nicht geheuer. Denkt
nur, ich ging eben an ihrer Stube vorbei, da hörte ich Kindergeschrei
drinnen, so wahr ich lebe, Kindergeschrei; ist das nicht fürchterlich?
Darum lassen sie Niemanden hinein, und liegen wie die Dachse im Baue,
während der unleidliche Jäger wie ein Jagdhund davor liegt, und
Unsereinem nicht einmal ein freundlich Gesicht gönnt, zumal am
Gallustag.« »Nun was wird's sein, Susann'«, rief der Riesenwirth, »was
wird's sein! Geh' deiner Wege, Mädchen, und laß' mich in Ruh', zumal
heut' Abend. Kehr' vor deiner Thür', sag' ich, und lern' dein' Lektion,
statt durch die Schlüssellöcher zu gucken. Wer in meinem Haus einkehrt,
der mag in seiner Stube treiben, was er will. Der Herr ist ein Holländer
und ist ein Kaufmann und ist reich, das ist mir schon genug, mehr
brauch' ich nicht zu wissen.« Damit ließ er die Hausmagd stehen und ging
weiter. —

Und doch hatte die Susanne recht gehört. Es hatte wirklich in der Stube
der Fremden ein Kind geweint, und ein Kind war es gewesen, was der
Reisende unter seinem Mantel verbarg, als er aus dem Wagen stieg. An dem
Bette ihres Kindes saßen die Aeltern an diesem Abend, während die
Tanzmusik schallte, und weinten und klagten, und je lauter das Jauchzen
der Fröhlichen wurde, desto betrübter wurden sie. »Ist's denn gar nicht
zu ändern, Lewin«, sprach weinend die fremde Dame, indem sie einen Kuß
auf die Stirne eines lieblichen Mädchens drückte, das schlafend im Bette
lag; »ist's denn gar nicht zu ändern, und muß ich mich von meinem
kleinen Engel scheiden? Ach ich halt' es nicht aus! Thue Alles, was du
willst; sage lieber vor aller Welt, ich wäre nicht dein Weib, nur nimm
mir mein Kind nicht, meine Selma. Sage deinem Vater, was du willst; sage
ihm, wir seien nicht getraut. Geh' allein zurück, vergiß mich, wenn du
kannst, aber laß' mir mein Kind. Ach, in fremdem Land es zurücklassen,
Wochen und Monate nichts von ihm hören, wie kann ein Mutterherz das
ertragen?« — »Mora«, hub der Fremde an, indem die Thränen fast seine
Stimme erstickten, »hältst du mich denn für einen Wilden, ohne Gefühl
und Glauben? Weißt du nicht, wie ich selber gekämpft, bis dieser
fürchterliche Entschluß gefaßt war? Meinst du, ich wäre so stark, daß
ich mit lachendem Munde unser Kind in fremde Hände geben könnte? O,
schon daß ich dich nöthigen mußte, das Kind abzugewöhnen, damit es in
fremde Hände könne gegeben werden, das hat mir tief in's Herz
geschnitten. Aber es muß sein; morgen am Tage muß das Kind von uns, und
wir müssen mit aller Schnelligkeit nach Hause. Und ich, o schrecklicher
Fluch! muß mein Weib und mein Kind vor meinem Vater verläugnen, und mich
von dir scheiden, gebe Gott, auf recht kurze Zeit.« »Aber, Lewin«,
fragte schluchzend die Frau, »ist es denn gar nicht möglich, das Herz
deines Vaters zu erweichen? Wenn du ihm dein Kind bringst, wenn du ihm
sagst, daß ich schon seit zwei Jahren mit dir vermählt sei; wenn du ihn
beschwörest, dich und dein Kind nicht unglücklich zu machen, sollte dann
nicht endlich sein Widerwille gegen mich aufhören, und er mir um
deinetwillen erlauben, dein Weib sein zu dürfen?« — »O Mora«, rief
hastig der Fremde, indem eine brennende Röthe sein blasses Gesicht
überzog, »zwinge mich nicht, daß ich dir meinen Vater schildere, wie er
mir erscheint nach seiner Härte gegen mich. Du kennst ihn nicht. Ich
habe nie gehört, daß er jemals etwas zurückgenommen hätte, das er
gesagt. Als er durch feile Zwischenträger von unserer Liebe hörte, da
beschied er mich einst in seine Arbeitsstube. Lange schien er nach
Fassung zu ringen, und ging mit gesenktem Kopfe auf und ab. Dann blieb
er plötzlich vor mir stehen und sprach in leisem Tone: »Lewin, du hast
die Wahl, entweder du gibst dein Vorhaben mit jenem Mädchen auf, oder du
bist enterbt, und bekommst meinen Fluch oben drein. Jetzt geh' und
wähle!« »Aber um Christi willen, Lewin«, rief das Weib in höchster
Aufregung, »warum hast du mir davon nichts gesagt? Nur obenhin
berührtest du, dein Vater mißbillige unsere Verbindung vor der Hand;
sie müsse darum heimlich vollzogen werden. O hättest du mich doch bei
meiner alten Base gelassen, und mich junges, unerfahrenes Mädchen nicht
in einen Stand hineingezwungen, der mir jetzt, wie ich sehe, zum
Verderben werden wird. Sag' mir, Lewin, ich frage dich bei Gott, dem
Allwissenden, nicht wahr, dein Vater nöthigte dich selbst zu der Reise
nach Deutschland, damit du mich vergessen solltest?« »Ja, Mora, so ist
es«, sprach der Fremde mit niedergeschlagenem Auge; »ich that Unrecht,
großes Unrecht, beides an dir und an meinem Vater. Ich sehe unendliches
Herzeleid über uns hereinbrechen, und es ist mir manchmal, als wenn mein
Herz mit tausend Messern durchbohrt würde. Ja, Gottes Gerichte sind
ernst und strenge! Laß mir nur den Trost, daß du mich nicht hassest, daß
du mit mir tragen willst, was Gott mir auferlegt hat!« — »Hast du je
daran gezweifelt, Lewin«, sprach mit sanfter Stimme die Frau, indem sie
ihren Arm um des Mannes Nacken schlang. »Komme, was da wolle, ich bin
auf Alles gefaßt; ich bin dein Weib, rechtmäßig durch den Segen der
Kirche dir angetraut, und das will ich bleiben, ob man mich von dir
reißt oder nicht. Laß uns aber zum Herrn beten, daß er uns unsere Sünden
vergebe und die Last uns leicht mache, nach seinem gnädigen Willen; ach,
daß er vor Allem unser Herz stark mache für die bittere Trennung von
unserm Kinde, und es uns bald wieder schenke, an Leib und Seele gesund.«
— Ein Kuß besiegelte den frommen Vorsatz und still betend und weinend
saßen sie am Lager ihres Kindes, bis der Morgen graute.

Wie der Tag anbrach, verlor sich ein Tänzer nach dem andern vom
Tanzplatze; die Musik verstummte, und auf den Straßen begann es laut zu
werden, denn der zweite Markttag brach an. Mit dem Verstummen der Musik
sanken die Fremden in einen kurzen Schlaf; böse Träume unterbrachen ihn
oft.

Ein leises Pochen an die Thüre weckte zuerst den Herrn; und wie er sich
erhob, da fuhr mit einem Schrei auch die Frau auf, und griff hastig nach
dem Kinde an ihrer Seite. Es war der Jäger, der anfragte, ob's der
gnädigen Herrschaft gefällig wäre, das Frühstück zu nehmen? Ein
Kopfnicken war die einzige Antwort. Im Hinausgehen fragte der Herr
hastig: »Bist du fertig, Heinrich?« »Zu dienen, Ihre Gnaden«, war die
Antwort.

Unberührt stand noch das Frühstück, als der Jäger bald darauf in einen
weiten Mantel gehüllt zur Stube hineintrat und an der Thüre stehen
blieb. Da schritt die junge Frau hastig auf das Bett zu, wo das Kind
ruhte, schlang mit Hast mehrere Tücher um dasselbe, knüpfte eine
Perlenschnur von ihrem Halse ab und band sie dem Kinde um, und unter
sanftem Weinen sprach sie: »Nimm den letzten Kuß, Engel meines Lebens;
der Herr sei mit dir, mein Herzenskind. Und nun fort, Heinrich, fort,
oder ich sterbe auf der Stelle!« »Hier, Heinrich«, rief mit abgewandtem
Angesicht der Fremde, und legte einen schweren Beutel in des Dieners
Hand. »Alles bleibt nach der Verabredung.«

O Menschenherz, wie viel Jammer bereitest du dir selbst! Wie wahr bleibt
deines Heilands Wort: »Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken
zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor
deinen Augen verborgen.«



4. Das Trauerhaus.


Der Morgen des 17. Octobers war so schön, wie nur ein Herbsttag sein
kann im lieben Deutschland. Die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel
herab, der Herbstthau schimmerte noch im Grase, und zwischendurch
zirpten die Heimchen. In langen weißen Fäden flog der Sommer über die
Felder hin, hier von einzelnen Sträuchern in seinem Flug aufgehalten,
und dort vom Morgenwind einem Wandrer entgegengeführt. Eine
eigenthümliche Stille herrschte in der Natur, nur hin und wieder
unterbrochen vom lauten Schlag der Drossel oder vom sanften Gesang des
Rothkehlchens. O unser Vaterland ist schön zu jeder Jahreszeit; und wer
mit dem Frieden Gottes in der Brust hinaustritt auf die gesegneten
Felder oder auf die grünen Höhen, der fühlt tief das Wort der Schrift:
»Groß sind deine Werke, Herr, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust
daran.« —

Die Stille des Herbstmorgens waltete auch um das Häuschen her, in dem
der Schulmeister Jakob Konrad Justus wohnte. Das stand auf dem
Veitsberg, eine Stunde von Grünberg, neben der Kirche, und drum her eine
kleine Zahl von Häusern. Von der Höhe herab übersieht man eine Reihe von
Dörfern, deren Bewohner sonntäglich entweder die Kirche vom Veitsberg,
oder die vom Wirberg besuchen. An den Kirchhof lehnt sich das Schulhaus,
damals wie jetzt noch klein und unscheinbar, aber heimisch und traulich
gelegen. Trauben rankten an der Sonnenseite empor und bedeckten fast die
kleinen Fenster, und zwischen den breiten Blättern schimmerten blau und
hellgrün die saftigen Trauben hervor. —

In dem Häuschen herrschte eine düstere Stille, nur manchmal durch einen
einzelnen Laut der Klage unterbrochen. Magdalenchen, das jüngste Kind
des Schulmeisters, war gestorben, und um das offne Särglein in der
Wohnstube standen Vater und Mutter und drei Geschwister, auch die
Gespielinnen des Kindes und einige Nachbarn standen da, Alle sonntäglich
geschmückt und den Rosmarinkeim in der Hand. »Nun Kinder«, sprach der
Schulmeister in wehmüthigem Tone, »draußen läuten die Glocken, seht euch
euer Schwesterlein noch einmal an, es ist Zeit, daß wir aufbrechen; und
ihr Kameraden meines Magdalenchens, gebt ihm die Blumen, die ihr tragt,
in sein Todtenstübchen. So, nun sieht mein Lenchen wie ein Engel aus,
der unter Blumen schläft. Nun, Nachbarn, deckt den Sarg zu und laßt uns
gehen. Komm Dorothe und sei fest; ein Kind weniger auf Erden und einen
Engel mehr im Himmel, wozu da das Trauern? Das Mägdlein ist nicht todt,
es schläft nur, und ist droben schon erwacht. Der Herr ist sein Hirte
und weidet sein Schäflein, gebe er auch uns seinen Frieden in die Seele
und die Hoffnung des seligen Wiedersehens in's Herz. Und damit Amen in
seinem Namen! — Wie dann der Zug der Leidtragenden um das Grab stand,
wie das Särglein hinabgesenkt und mit Erde bedeckt war, wie sie die
Blumenkrone auf dem Hügel befestigt hatten; da sprach der Schulmeister,
indem ihm die Thränen über die Wangen rollten: »Ich will schweigen und
meinen Mund nicht aufthun. Du, Herr, wirst es wohl machen. — Du warst
ein Kind guter Art und das Loos ist dir gefallen auf's Liebliche; dir
ist ein schön Erbtheil geworden!« — »Und nun, Nachbarn, betet ein still
Vaterunser mit uns, und dann habt Dank für eure Liebe. Der Herr
vergelt's. — So, und nochmals Amen! und einen freundlichen guten Morgen
euch Allen, auch euch, ihr Kinder!«

»Guten Morgen, Bruder!« rief's da plötzlich, und der Jäger, den wir zu
Grünberg im Riesen kennen gelernt, eilte über die Gräber weg, und
schlang seinen Arm um den Schulmeister und küßte ihn. Aber erschrocken
fuhr er zurück, als er die Thränen in seinen Augen gewahrte. »Was ist
mit euch, Bruder«, rief er, »habt ihr Eines der Euren verloren? Doch
nicht meinen Pathen Heinrich, das wolle Gott verhüten!« »Sei
willkommen«, sprach freundlich der Schulmeister, »auf dem Grab meiner
Jüngsten muß ich dir heute die Hand reichen. Aber es ist auch so gut;
der Herr hat's gethan! Siehe, diese sind mir ja noch übrig, meine
Dorothe, mein Heinrich, meine Marie und meine Anna. Bin ich da nicht
reich genug? — Und woher kommst du denn, Bruder Heinrich, und was trägst
du denn unter deinem Mantel? Ein Kind? Wem gehört denn das? Dein
vielleicht?« »Seid ihr verheirathet, Schwager?« fragte Dorothe. »Davon
laßt uns drinnen im Hause reden«, sprach in leiserem Tone der Jäger,
»was ich euch zu sagen habe, gehört nicht vor Jedermanns Ohren.«

Wie sie nun in's Haus gegangen waren und der Jäger die Tücher, mit denen
es umhüllt war, abgebunden hatte, da erwachte das Kind, und da es die
gewohnten Gesichter nicht sah, so fing es an zu weinen. Dorothe nahm es
auf ihren Arm und liebkoste es, und hieß die Marie hinausgehen und Milch
für das Kleine holen, während Anna auf einen Schemel stieg, um sich den
kleinen Fremdling besser zu betrachten.

»Wo das Kind eben ist, Schwägerin«, sprach da der Jäger, »in euren
Armen, da möcht' ich es gern auf einige Zeit lassen. Seid so gütig und
nehmt euch seiner an; das Kind muß von Vater und Mutter weg, seid ihr
ihm Vater und Mutter, bis ich es wiederhole. An einem schönen Stück Geld
für eure Mühe soll's nicht fehlen; hier ist einstweilen der Anfang.« Und
der Jäger legte den Beutel mit Geld auf den Tisch.

»Ich wünschte, Heinrich«, hub da der Schulmeister an, »du sagtest mir
erst, ehe du mich mit dem Gelde versuchst, wem das Kind gehört und ob es
ehrlicher Leute Kind ist; denn selbst deine Bitte könnte mich nicht
vermögen, ein fremd Kind in mein Haus zu nehmen, wenn nicht Alles
ehrlich dabei zugeht.«

Da erzählte der Jäger, was er von den Aeltern des Kindes wußte; wie sein
Herr ein vornehmer, reicher Kaufmann aus Delft in Holland sei; wie er
van der Bruck heiße; wie der Vater desselben ein harter Mann sei, der
sich der Heirath seines Sohnes widersetzt habe; wie aber dennoch diese
Verbindung zu Stande gekommen sei; wie aber die Aeltern ihr im Ausland
gebornes Kind nicht mit nach Holland zurücknehmen dürften, weil dadurch
ihre Verbindung dem alten Vater verrathen würde; wie sie aber bald
wiederkommen und das Kind mit tausend Dank aus den guten Händen, denen
sie es vertraut, nehmen würden.

Wie der Jäger so sprach, ging der Schulmeister Justus kopfschüttelnd auf
und ab. Endlich blieb er vor dem Bruder stehen und sagte: »Dein Wort in
Ehren, Heinrich, aber es will mich sonderbar bedünken, wie so reiche,
vornehme Leute, denen die Welt offen steht, ihr Kind in das Haus eines
armen Schulmeisters thun wollen, den sie gar nicht kennen. Und dann muß
wohl zwischen den Leuten nicht Alles in Richtigkeit sein, sonst nähmen
sie ihr Kind mit zurück nach Holland und ließen es nicht hier in so
weiter Ferne von Haus.« —

»Was den ersten Einwand betrifft, so steht hier der Mann, dem du das
Zutrauen meiner Herrschaft verdankst. Hab' ich nicht bereits 14 Jahre,
erst dem alten und dann dem jungen Herrn treu und redlich gedient, und
wird mein Herr mir nicht glauben, wenn ich ihm sage: Mein Bruder, der
Schulmeister vom Veitsberg, ist ein armer, aber ehrlicher Mann und wird
dem Kinde Eurer Gnaden ein treuer Wächter Leibes und der Seelen sein!«

»Da hast du wohlgesprochen, Heinrich«, sprach der Justus, »wie ein
Bruder vom Bruder reden soll; aber wie steht's mit dem zweiten Punkt?
Der Teufel ist in mancher Gestalt schon in mein Häuschen gekommen, und
hat mich zu allerlei Werk gebrauchen wollen, ich möchte auch dießmal
erst wissen, ob's vom Herrn ist, oder von ihm, daß dieß Kind in mein
Haus soll.« »An diesem Wort kenne ich dich, Bruder«, sprach der Jäger
ernst, »und weil ich dich kenne, so habe ich meinen Herrn vermocht, von
seinem Trauschein und dem Taufschein des Kindes eine Abschrift nehmen zu
lassen; die habe ich beide hier, und sieh nur, sie sind von deinem
Freund, dem Stadtschultheiß Weinrich zu Braubach, geschrieben und
gesiegelt; was willst du mehr?« Der Schulmeister warf einen flüchtigen
Blick auf die Papiere, und sein Angesicht ward heiter, als er sprach:
»Ja das ist meines guten Weinrichs Hand; so sei es denn!«

Die letzten Worte schien Dorothe nicht gehört zu haben; sie war ganz in
den Anblick des fremden Kindes vertieft, und drückte es wiederholt an
ihre Brust. Jetzt stand sie auf und das Kind in ihren Armen trat sie zu
ihrem Manne und sprach freundlich: »Justus, laß mir das Kind; es ist
freundlich und schön wie ein Engel, und fast scheint es mir, als sähe es
meinem Magdalenchen ähnlich. Gewiß will der liebe Gott mein Herz mit dem
Kindlein trösten, darum schickt er es mir. Höre nur: Ich war gestern
Abend unter Thränen eingeschlafen um mein Töchterchen, das mir der liebe
Gott genommen; da träumte mir, es kam aus dem Himmel ein Engel herab,
und um den Engel her war Licht und Luft, während zu meinen Füßen Winter
und Kälte war. Der Engel hatte eine Bibel in seiner Hand und fragte
mich: »Dorothe, hast du Glauben?« »Ja Herr«, sagt' ich, »aber hilf
meinem Glauben.« Und er deutete auf den Spruch: »Die mit Thränen säen,
die sollen mit Freuden erndten«, und fragte mich: »Glaubest du das?« Und
wie ich »ja« sagte mit lauter Stimme, da rief der Engel: »Dein Glaube
hat dir geholfen, gehe hin in Frieden!« »Siehe, mein Glaube hat mir
schon geholfen; das Kind schickt mir Gott!« —

»Aber Dorothe«, sprach der Schulmeister, »wenn nun die fremde Herrschaft
bald wiederkommt und verlangt ihr Kind, und du hast dein Herz daran
gehängt, mußt du dann nicht noch einmal fühlen, was es heißt: »Rachel
beweinte ihre Kinder, und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war
aus mit ihnen?« »Du hast Recht, Justus«, sprach Dorothe, indem sie das
Kind küßte, »daß du mir heute schon sagst, wie es bald ein Ende nehmen
soll auch mit dieser Freude; aber ich hab' ja das Verlieren schon
vielfach gelernt, so werd' ich auch das überstehen. Sagt der fremden
Herrschaft, Schwager, ihr Kind sei bei mir gut aufgehoben. Und nun
macht's euch bequem, und sprecht ein freundlich Wörtlein mit eurem
Pathen Heinrich. Seht nur, wie er an eurem Munde hängt, als wolle er
euch zwingen, sein zu gedenken.« »Nun, das Nöthigste mußte erst
abgemacht werden, Dorothe«, sprach gütig der Jäger, indem er den Jungen
zu sich aufhob. »Wie doch der Bube so groß geworden ist, und was mag er
Alles schon gelernt haben! Schwägerin, der muß auch ein Jäger werden!
Willst du, Heinrich?« »Wenn es der Vater erlaubt«, war des Kindes
verlegene Antwort. »Das war gut gesprochen, Junge«, sagte der Jäger,
»und siehe, zum Lohn gebe ich dir diesen Schauthaler, daß du mein dabei
gedenkest. So, und nun fort, und gib du mir das Geleite, Bruder! Meine
Herrschaft wartet meiner, bis zum Abend sind wir über alle Berge.«

Da half kein Widerreden, und nach einigen Minuten schon wanderten die
Brüder dem Berg hinab auf Grünberg zu. Wie sie allein waren, da ward
erst von der fremden Herrschaft gesprochen und von dem Kinde, und von
den Briefen, die bald ankommen sollten. Dann hielt der Jäger plötzlich
im Gehen ein, und des Schulmeisters Hand ergreifend sprach er: »Warum,
Konrad, bist du noch immer auf dem Veitsberg, und warum immer noch
nichts anders als Schulmeister?« »Das frage den«, sprach der
Schulmeister ernst, »der Etliche zu Aposteln gesetzt hat, Etliche zu
Propheten, Etliche zu Evangelisten, Etliche zu Hirten und Lehrern. Er
wird mich wohl zu nichts Besserem brauchen können, denn daß ich über
eine kleine Heerde ein Hirte sei.« »Nun, das muß ich sagen«, rief der
Jäger heftig, »denkst du selber so von dir und deiner Fähigkeit, dann
geschieht dir Recht, wenn Andere auch so denken, und den Justus sein
Thränenbrod auf dem Veitsberg essen lassen bis an sein selig Ende. O wer
nichts aus sich macht, aus dem macht auch die Welt nichts. Wer unter den
Wölfen ist, der muß mit ihnen heulen, und lernst du dich nicht schicken
und drücken und bücken, so bleibst du, was du bist, sonst nichts! Mann,
wozu hast du denn dein Latein gelernt und das Alles, was du
zusammengescharrt, wie ein Hamster, und zu was hat denn der
Superintendent damals gesagt, als er dich prüfte: »»Justus, ihr seid ein
grundgelehrter Mann!«« wozu frag' ich?«

»Hebe dich weg von mir, Satan«, sprach traurig lächelnd der
Schulmeister, »du vergissest, daß ich Justus heiße. Wenn ich zum
Schmeichler und zum Broddieb hätte werden wollen, dann wär' ich's
während meiner Wartezeit geworden, die an 16 Jahre gedauert hat. Jetzt,
wo ich durch des Herrn Gnade Amt und Brod habe, und wo mein Haupt weiß
wird, sollen da meine grauen Haare mir nicht eine Krone der Ehren sein,
die auf dem Wege der Gerechtigkeit erfunden werden? Und dann vergissest
du, Bruder, daß die Ruthe noch nicht zerknickt ist, die meinen Rücken
bis dahin geschlagen hat. Der Gerst lebt noch, und so lange er lebt,
haßt er mich und schlägt mich und Gott hat ihm viel Gewalt gegeben,
damit ich immer recht demüthig bleibe und mich nie überhebe. Er ist mein
Satansengel, der mich mit Fäusten schlägt. Wie Paulus habe ich den Herrn
angefleht, oft und viel, und er hat auch zu mir gesprochen: »Laß dir an
meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«
Und ich fühle ja täglich seine Kraft. Seit ich hier bin auf meinem
Veitsberg und Weib und Kinder habe und mein täglich Brod, und mein Amt
mir gelingt über Bitten und Verstehen, da bin ich recht glücklich und
bitte Gott um kein anderes Loos. O wenn ich manchmal auf dem Kirchhof
stehe, und die Sterne betrachte, wie sie auf- und untergehen, dann ist
es mir, als hätte jeder Stern, der kommt, seinen Gruß vom lieben Gott an
mich, und jeder, der untergeht, einen Trost vom Heiland: »Noch ein
Kleines und ich will dich wiedersehen und dein Herz soll sich freuen,
und die Freude soll Niemand von dir nehmen.«

»Bruder«, sagte der Jäger, indem er eine Thräne im Auge zerdrückte, »du
bist ein glücklicher Mensch, viel glücklicher, denn ich. Mein Herz ist
wie ein Schifflein auf offener See, und das darum, weil ich weder fest
glauben, noch recht lieben kann. Nein, an meinen Todfeind kann ich nicht
denken, wie du an ihn denkst. Der Gerst hat dir Alles geraubt, was den
Menschen das Leben lieb macht, deine ganze Jugend und deine ganze Ehre
vor der Welt, und mußt noch froh sein, daß er dich das Brod eines armen
Schulmeisters in Ruhe essen läßt. Das könnt' ich nicht ertragen! Und
wehe dem Menschen, wenn ich je in dieser Gegend längere Zeit bleiben
sollte; ich würde ihm Alles eintränken, was er je Böses an dir gethan
hat!« »Und was hättest du damit für mich gethan, Heinrich?« fragte ernst
der Schulmeister. »Nichts, sage ich, gar nichts! Die Jugend ist vorüber,
wer denkt an mich, und wer will mich? Laß mir mein Loos; es ist Freude
mit Zittern, und meinen Glauben laß mir auch, der mich lehret: Die Rache
ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.« —

So schieden die Brüder; und in derselben Stunde, wo der Schulmeister vom
Veitsberg sein Haus betrat, da fuhr die fremde Herrschaft aus der Stadt
Grünberg hinaus.



5. Des Kalendermanns Jugend.


Es ist dir gewiß, mein lieber Leser, im bisherigen Gang unserer
Geschichte Manches dunkel geblieben, worüber du gerne Aufschluß haben
möchtest. Laß mich dir denn zuerst sagen, wer der Justus war, den du mit
mir lieb gewinnen sollst.

Folge mir einmal an den schönen Rhein, wo die Reben wachsen, deren Wein
Tausende erfreut, und an dessen Ufer schöne Städte und Dörfer liegen,
und in dessen hellen Wellen sich viele alte Schlösser beschauen, von
denen viel schöne und schaurige Sagen im Munde des Volkes gehen.

Dort am Rhein, im Herzogthum Nassau, liegt dicht am Ufer ein sauber
Städtlein, Braubach geheißen, und drüber auf hohem, hohem Berge steht
ein Schloß, noch wohl erhalten und bewohnt, das heißt die Marksburg.

Links von dieser Marksburg zieht durch eine tiefe Schlucht zwischen
steilen Bergen und durch Gestrüpp und Dorn ein Fußpfad über's Gebirge
nach dem Bade Ems. Etwa in der Mitte des Weges liegt zwischen Wäldern
und Bergwiesen ein stattliches Haus, das Jägerhaus genannt. Dem sieht
man auf den ersten Blick an, daß es noch neu ist, auch daß es
eingerichtet ist zum Nutzen und Vergnügen der Badereisenden, die jetzt
zu Tausenden die Bäder dort im Gebirge besuchen, und nicht Alle dort
gesund werden. So war es nicht in der Zeit, von der wir hier reden. An
der Stelle des Jägerhauses, das jetzt nicht viel mehr, denn ein Gasthaus
ist, lag die Wohnung des Landgräflich Hessischen Försters; denn die
ganze Gegend umher gehörte zu Hessen, auch ein Theil des Bades Ems
gehörte dazu, und war noch kein sonderlich Wesen mit dem Bade damals.

In dem Jägerhaus im Walde, mit den Hirschgeweihen über der Thüre und mit
den großen Schweißhunden an den Seiten, lebte damals der Förster
Zacharias Justus. Der hatte, wie man sich ausdrückt, von der Pieke auf
gedient; war erst Jägerbursche gewesen in verschiedenen Förstereien, und
hatte dann, nachdem er aufgedingt worden war, mit dem Hirschfänger an
der Seite, vieler Herrn Länder durchreist, vieler Menschen Städte
gesehen, und wußte von den Wölfen in Frankreich und von den Bären in
Polen eben so gut zu erzählen, wie von den Hirschen in Flandern. Doch
was er mitgenommen hatte in die Fremde, ein treues deutsches Herz, das
brachte er wieder mit heim, und man machte ihn, weil er die Försterei
aus dem Grunde verstand und ein meisterhafter Schütze war, zum Förster
auf dem Jägerhaus bei Braubach. Und der Justus fand noch mehr, denn sein
Försteramt, er fand auch ein Eheweib, und mit ihm was Gutes und
Wohlgefallen vom Herrn. Denn Kunigunde, des Försters Ehefrau, war armer
Leute Kind, aber ein sauber und züchtig Mägdlein und reich durch ein
demüthig, fromm Herz. Und Justus lebte sehr glücklich mit ihr, und
versicherte mehr als einmal, er habe manchen Meisterschuß gethan und
manchen guten Preis davon getragen, aber seine Kunigunde sei der höchste
Preis, den er gewonnen. In dem Försterhaus war viel Friede und viel
Frömmigkeit, ohne Sang und Klang, aber treu und wahr. Und in diesem
Sinne erzog Kunigunde ihre Söhne, Jakob Konrad und Johann Heinrich. War
der Jüngste dem Vater ähnlicher, so hatte der Aelteste ganz seiner
Mutter Herz, und Kunigunde freute sich innig, als ihr Konrad sich für
den geistlichen Stand bestimmte, während der Vater in dem Jüngsten
glücklich war, den er zu seinem Nachfolger zu erziehen gedachte.

Diese Wünsche der Aeltern schienen in Erfüllung gehen zu wollen. Konrad
kam von der Universität zurück und hatte was Tüchtiges gelernt, und
Heinrich ging, wie einst sein Vater, mit Büchse und Hirschfänger auf die
Wanderschaft. Da geschah es, daß der Rhein einst gewaltig anschwoll.
Große Schneemassen waren in der Schweiz, von wannen er kommt,
geschmolzen, und das Wasser stieg und stieg, und das Städlein Braubach
war in großer Gefahr. Von der Marksburg herab donnerten die Kanonen, um
die Umgegend zur Hülfe aufzubieten; aber es hatte Jeder mit der eignen
Sorge genug zu thun, und die Noth ward von Minute zu Minute größer.
Vornen, dicht am Rhein, stand ein Häuschen, von dem man nur noch das
Dach sah, und vom Dache aus rangen zwei Frauensleute jammernd die Hände
und flehten um Rettung. Doch Jeder hatte mit sich und seiner Noth
vollauf zu thun, und der Strom war so gewaltig an der Stelle, daß
Niemand sein Leben wagen wollte. Da sah man plötzlich einen Mann sich
mit einer Fahrstange nach einem Baume hinarbeiten, an dem ein Nachen
angebunden war, sah ihn eilig hineinspringen, und sah, wie die Strömung
ihn rasch auf das Häuschen zutrieb. Mit aller Kraft stemmte er sich
gegen den Strom; mit übermenschlicher Anstrengung hielt er sich am
Gebälke des Häuschens fest, und im Nu trieb der Strom den Nachen mit den
beiden Geretteten und dem kühnen Schiffer den Strom hinab.

»Wenn dem der liebe Gott nicht tausend Engel zur Hülfe schickt«, rief
ein schnurrbärtiger Grenadier von der Marksburg, der helfend am Ufer
stand, »so ist er doch verloren, seht nur, der Nachen dreht sich wie
eine Nußschale auf dem Wasser. Schade um den guten Jungen, der hat ein
Herz im Leib, trotz dem besten Soldaten. Ha, jetzt geht's hinunter! So,
frisch auf! Victoria, sie sind am Ufer!« »Das war brav gemacht, Kamerad,
dich muß ich kennen lernen!« Und wie der Soldat nach der Stelle
hineilte, wo der Nachen an's Ufer trieb, da kam er gerade zur rechten
Zeit, um den Retter in seinen Armen aufzufangen, der von der ungeheuren
Anstrengung erschöpft niedersinken wollte. »So jung noch, Kamerad«, rief
er, indem ihm die Thränen der Rührung in seinen grauen Schnurrbart
flossen, »so jung noch und doch so viel Herz im Leib! Nun da, thut einen
rechtschaffenen Schluck aus meiner Feldflasche, und ruht euch hier aus,
ihr habt die Ruhe verdient!« »So ist's Recht«, sprach er dann zu den
geretteten Frauen, »betet immerhin zum lieben Gott, ihr habt's
Ursache. Nach der Schlacht an den Herrn gedacht, so will's das
Soldatensprüchlein, und das ist wahr wie ein Bibelspruch.«

Indessen kamen immer Mehrere herzu, auch der Förster vom Jägerhaus, und
kaum erblickte er den durchnäßten Jüngling, so schloß er ihn weinend in
seine Arme und rief laut: »Also du, mein Konrad, hast das Meisterstück
gemacht! Nun Junge, das war brav! Hat mir doch das Herz geklopft, als
ich dich im Wasser sah; hätt' ich gar gewußt, du seist es, ich glaube,
ich wäre schier vor Angst gestorben. Aber nun schnell hinauf in meines
Gevatters Heinzmanns Wingertshäuschen, da will ich dich letzen und
umkleiden, ehe das Gerücht dich todt sagt, und die Mutter nicht
deinetwegen sich prest.« »Und ihr, Frau«, so wandte er sich freundlich
zu der Geretteten, »könnt mit eurer Tochter, — das wird ja wohl das
zitternde Mägdlein dort sein, — zu uns in's Jägerhaus hinauf ziehen;
denn ihr scheint fremd hier im Orte zu sein. Ich bin wohl manches Jahr
in Braubach aus- und eingegangen, aber euch habe ich mit Wissen nie
darin gesehen.«

Die Frau gab auf die freundliche Rede keine Antwort; sie schien in
Gedanken versunken zu sein; ihr Blick ruhte bald auf ihrer Tochter,
einem zarten Mägdlein von sechszehn Jahren, bald auf dem Häuschen, das
sie kaum verlassen und an das noch immer die Wellen gleich drohend
schlugen. Der Förster wiederholte noch einmal seine Einladung, fast noch
dringender denn zuvor. Da fuhr das Weib wie aus einem Traume auf und
sprach wehmüthig: »Ihr scheint es gut mit einer Unglücklichen zu meinen,
und nach eurer Kleidung seid ihr ein Jäger; habt ihr ein treues Herz in
der Brust, so nehmt mein Kind hier mit euch und gebt ihm eine trockne
Kleidung, mich aber laßt hier, bis ich weiß, was es mit meinem Häuschen
da drüben giebt. Dort im Wasser liegt Alles, was ich habe, mein ganzer
Reichthum und meine Hoffnung und meines Kindes Glück. Wenn das Wasser
mein Häuschen umgeworfen hat, dann gönnt freundlich mir armen Weib ein
Stückchen Brod, und gebt mir Gottes Segen mit auf den Weg; denn dann bin
ich sehr arm.« Und die Fremde weinte laut.

Da sprach der Förster heimlich mit dem Grenadier von der Marksburg, und
hieß ihn, auf das Weib achten; nahm seinen Konrad an einer und das
fremde Mägdlein an der andern Hand, und nach einer Stunde schon hatten
sie das Jägerhaus erreicht, in trockne Kleider sich gehüllt und mit
Speise sich erquickt. Das Mägdlein brachte die Försterin zu Bette,
sprach ihm Muth und Trost ein, denn es war gar schüchtern, und saß lange
an seinem Lager, den Blick voll Theilnahme auf das schöne Angesicht
gerichtet, und manchmal über die hohe glatte Stirn ihm streichend, wenn
es im Schlafe auffuhr und nach seiner Mutter rief, und im Traum den
gehabten Schrecken dieses Tages wiederholte. »Sei ruhig, mein lieber
Engel«, flüsterte sie leise, über das Gesicht der Schlafenden gebeugt,
»der Herr gebe dir gute Träume und Friede in dein junges Herz. Du hast
wohl noch nicht viel Stürme im Leben gehabt, darum zagt dein Herz so. Ja
Herr, gieb dem Kinde deinen Frieden! Amen.« Damit schritt sie auf den
Zehen, den Kopf oft umwendend, nach der Thüre zu.

Am Abend kam der Grenadier in's Jägerhaus, und erzählte, wie das Wasser
im Abnehmen begriffen sei, wie alle Leute von der schönen That des
Konrad Justus viel Rühmens machten, wie aber die fremde Frau keine
Nahrung und kein Obdach annehmen wolle, sondern immerfort am Ufer hin
und her laufe und nach ihrem Häuschen sähe, sie müsse zweifelsohne große
Schätze in demselben haben. Er für sein Theil meine, wer sein Leben im
Trocknen habe, der soll von seinem Geld und Gut denken: »Laß fahren
dahin, sintemal der Mensch nichts mit in die Welt gebracht, und also
auch nichts mit hinausbringen werde.«

Am nächsten Tage, nach einer Nacht voll trüber Besorgnisse, lief die
Nachricht ein, das Wasser sei bedeutend gefallen; und nicht lange, so
kam auch die fremde Frau, blaß wie der Tod und zitternd wie das Laub im
Winde. Sie trug ein Bündlein nasser Kleider unter dem Arm und sprach,
wie aus dem Grabe schien ihre Stimme zu kommen: »Wenn du ausgeruht hast,
Dorothe, dann laß uns gehen, arm sind wir hierher gekommen, noch ärmer
gehen wir weiter. Das Kästchen, das meine Hoffnung enthielt, ist im
Wasser versunken, und mit ihm unser Lebensglück! Habt Dank, ihr guten
Leute, für euren Liebesdienst, und ihr besonders, junger Mann, daß ihr
uns dieß nackte Leben gerettet. Wer tief im Elend steckt, kann nicht mit
vielen Worten danken; der Herr vergelt's und mach' euch reich an
zeitlichem und ewigem Heil. Und nun Dorothe, komm', komm', Kind, die
Zeit drängt!« So eilte die Fremde nach der Thüre, und zog ihre Tochter
hinter sich her. Doch plötzlich sank sie mit einem lauten Schrei zu
Boden; eine Ohnmacht hatte sie niedergeworfen. Kälte und Hunger und
Angst hatten ihr eine schwere Krankheit zugezogen, und die Ohnmacht war
der Anfang derselben.

Da war an kein Weggehen mehr zu denken; die Kranke ward zur Ruhe
gebracht, und Wochen gingen hin, in welchen sie kaum ein Stündlein ihrer
bewußt war; das Fieber raubte ihr alles Bewußtsein, alle Erinnerung an
ihr gehabtes Leid. Ihre Dorothe war wie umgewandelt; aus dem ängstlichen
Kinde war eine kräftige Krankenpflegerin geworden, und Anstrengungen und
Nachtwachen, denen ihr zarter Körper sonst unterlegen wäre, ertrug sie
mit Kraft und Heiterkeit. So versetzt der gute Gärtner manches zarte
Pflänzchen in rauhen Boden, damit es stark werde in seinem Dienst. Darum
wollen wir uns rühmen der Trübsal, weil wir wissen, daß sie Geduld
bringet.

An dem Krankenbette der Mutter, die bewußtlos da lag, erzählte dann
Dorothe unter vielen Thränen ihr Lebensschicksal. Ihr Vater war ein
wohlstehender Kaufmann gewesen in Arnsberg in Westphalen, und hatte
plötzlich all' sein Hab' und Gut durch den Bankerott eines
Handlungshauses verloren, auf dessen Wohlstand er zu viel getraut hatte.
Der Kummer darüber hatte den ehrlichen Mann auf ein Krankenlager
geworfen, von dem er nicht wieder aufgestanden war. Seit zwei Jahren
stand seine Wittwe mit ihrer Dorothe allein in der Welt. Niemand nahm
sich ihrer an, denn die Geschäftsfreunde, die vor dem reichen Herrn Kunz
die Diener nicht tief genug hatten machen können, die wollten jetzt
seine Wittwe und Tochter gar nicht kennen. Alle Thüren waren
verschlossen und alle Herzen ohne Mitleid und Trost. Da ging ein
Hoffnungsstern für die Verlassenen auf. Es war in der Grafschaft
Katzenelnbogen, in der Nähe von Braubach, ein reicher Anverwandter der
Familie, ohne Weib und Kinder zu hinterlassen, gestorben. Die Verwandten
in der Nähe, obgleich nur entfernt mit dem Verstorbenen verwandt, hatten
zugegriffen, und die Erbschaft an sich gerissen. Zu spät hatte die
Wittwe des Kaufmanns Kunz, die nächste und rechtmäßige Erbin, davon
gehört, und war mit den Papieren, die ihr die Erbschaft sichern sollten,
nach Braubach gereist, um am dortigen Amte ihre Sache verfechten zu
lassen. Unbekannt an dem Orte, hatte sich ein junger Advokat, mit Namen
Gerst, erboten, ihren Proceß zu führen. Die Mutter hatte anfangs dem
Advokaten großes Vertrauen geschenkt, weil sie den Eifer und die
Ausdauer sah, mit der er ihre Sache verfocht; dann aber hatte sie
Mißtrauen gegen ihn gefaßt, weil ihr mancherlei Nachtheiliges von ihm zu
Ohren gekommen war, und endlich hatte sie sich nach einer langen
Unterredung, der aber Dorothe nicht beigewohnt, mit ihm völlig entzweit.
Was der Grund des Streites gewesen, das hatte Dorothe nicht erfahren;
die Mutter hatte es auch nicht sagen wollen, hatte viel geweint und an
jenem ganzen Abend nicht aufgehört zu beten und die Hände zu ringen.
»Bete mit mir, Dorothe«, hatte sie gesagt, »der Satan hat unserer
begehret, daß er uns sichten möchte wie den Waizen.« Seitdem habe die
Mutter sich verschiedentlich nach anderer Hülfe umgesehen, aber Einer
habe gesagt: der Proceß sei nicht zu gewinnen, ein Andrer: er werde zu
viel kosten, ein Dritter endlich: er wolle es dem Gerst nicht zu Leide
thun. — Ja. Herrendienst geht bei den Kindern dieser Welt allezeit über
Gottesdienst, und sie drücken die Verlassenen, weil sie nicht glauben an
den Vater der Waisen und an den Richter der Wittwen.

Bei solchen Unterredungen ward manch' schönes Trostwort von den guten
Förstersleuten gesprochen. »Man soll Gott nicht vorgreifen wollen«,
sagten sie, »seine Gedanken seien nicht unsere Gedanken, und seine Wege
nicht unsere Wege; und wen er warten lasse auf ein Glück, dem wolle er
es doppelt süß machen; sein Rath sei wunderbar, aber er führe Alles
herrlich hinaus!«

Wenn die Alten so sprachen, und die trüben Augen der Dorothe ob der
freundlichen Rede vom Glanz der Hoffnung prahlten, dann saß Konrad
schweigend da, und schüttelte nur mit dem Kopfe; denn er konnte die
Hoffnung der Aeltern nicht theilen. Er hatte mit dem Gerst Jahre lang
auf der Universität zugebracht, und kannte ihn genau. Er wußte, daß er
zu den bösen Buben gehörte, die viel Gutes verderben, und daß er sich in
Fressen und Saufen, in Kammern und Unzucht, in Hader und Neid
umhergetrieben habe. Auch manche verführte Seele hatte der
Unglücksmensch auf dem Gewissen, und hatte sie nicht eher aus den Klauen
gelassen, bis er ein Kind des Satans aus ihr gemacht. Wenn er dann in's
reine Angesicht des Mägdleins schaute, in's Auge so blau und klar und
schuldlos, wenn er seine Stimme hörte, so mild und fromm, dann ergriff
ein inniges Mitleid ihn. Und das Mitleid ward zum Wunsche, dieser
verlassenen Unschuld ein Tröster und Schützer zu werden, und aus dem
Wunsche ward die Liebe geboren, die Liebe zu dem geliebten Weib, die
unser Herr so schön schildert in den Worten: »Darum wird ein Mensch
Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hängen, und werden die
zwei Ein Fleisch sein.« Aber kein Wort von dieser stillen Neigung kam
über seine Lippen; denn Konrad war ein sittiger Jüngling, und ehrte des
Mägdleins Jugend und Sorge, und hielt der Aeltern Rath und Stimme gar
hoch.

Nach einigen Wochen konnte Dorothe's Mutter das Bett verlassen, und auf
ihrer Tochter Arm gestützt, freute sie sich wieder des warmen
Sonnenscheins und der frischen Luft, die über die Berge hinzog. So waren
sie einst auf dem grünen Waldweg hingegangen, der hinab nach Braubach
führt, und der Mutter Herz hob sich in Dank und Preis gegen Gott, und
ihr Ohr lauschte dem frommen, heiteren Gespräch der guten Tochter. Wie
die Jugend denkt, heiter und sorglos, so dachte auch Dorothe, und malte
der Mutter eine gar frohe Zukunft. Wie sie so fleißig sein, und für die
Mutter arbeiten wolle, wenn sie wieder daheim seien; wie der liebe Gott
Mittel und Wege genug finden werde, ihnen ihr täglich Brod zu geben, wie
vielleicht auch die Erbschaft ihnen noch zufallen könne, denn es seien
ja schon größere Dinge möglich geworden; davon sprach Dorothe, und ward
immer heiterer, und auch über der Mutter Angesicht breitete sich eine
leichte Heiterkeit.

Da kam von Braubach herauf ein Mann auf die Frauen zu, und wie er näher
kam, erkannten beide in ihm den Advokaten Gerst. Die Mutter erschrack
bei seinem Anblick, und wollte einen Seitenweg einschlagen, aber der
Gerst trat ihr in den Weg und sprach, indem er sein Gesicht zu einem
wohlwollenden Lächeln zusammenzog: »Weichet mir nicht aus, gute Frau
Kunz, und höret einmal auf, so böse von mir zu denken, wie ihr bisher
gethan. Ich meine es gut mit euch, und hab' mich täglich nach eurem
Befinden erkundigt, da ihr im Jägerhaus krank laget. Jetzt, wo ihr auf
dem Wege der Besserung seid, laßt mich euch noch einmal meine geringen
Dienste anbieten. Willigt ihr in den Lohn, den ich mir bedungen habe, so
ist die Erbschaft binnen Jahresfrist in euren Händen. Besinnt euch nicht
lange, und nehmt das Gewisse für das Ungewisse. Denn verschmäht ihr
mich, so ist eure Sache verloren.«

»Die ist ohnehin verloren«, sprach mit mühesamer Fassung die Frau;
»sparet darum die Mühe. Wären die Papiere, auf die es ankommt, noch in
meinen Händen, so könnte mir auch ein Andrer helfen, der es ehrlicher
meinte, denn ihr. Versucht mich nicht mehr mir euren Reden und
Versprechungen. Meinen Entschluß wißt ihr, und in meinem Herzen habe ich
die Hoffnung auf das Geld niedergekämpft, und Gott wird mich auch diesen
Verlust tragen lassen. Geht also und quält mich nicht.« Da trat der
Gerst schnell auf die Frau zu und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr
und die Frau taumelte zurück, und hielt sich, einer Ohnmacht nahe, an
einem Baume fest. »Wie nun«, rief der Advokat mit lauerndem Blick, »wie
nun, Frau Kunz, ist sie jetzt bereit, meinen Willen zu thun?« Da sah ihn
die Frau Kunz mit einem Blicke tiefer Verachtung an und rief mit starker
Stimme: »Nein, auch jetzt nicht. Geh', du Ungeheuer, jetzt erst kenne
ich dich ganz! Thue, was du nicht lassen kannst; bestiehl Wittwen und
Waisen, aber verlange nicht, daß sie ihre Seligkeit dir verkaufen.
Glaubst du nicht an Gott und an's künftige Gericht, so laß' mich doch
daran glauben, und verlange nicht, daß ich vom Herrn weiche, um Ehr' und
Geld zu gewinnen!« Damit zog sie schnell ihre Dorothe hinter sich her
und sank bewußtlos auf ihr Krankenlager.

Und das Krankenlager sollte nach Gottes Willen ihr Sterbebette werden.
Die Unterredung mit dem bösen Gerst hatte ihre Krankheit wieder
zurückgerufen; sie brach in neuer Heftigkeit aus. Wieder folgten Nächte
der Angst auf Tage der Sorge, wieder wachte Dorothe am Lager der Mutter,
still und hoffend. Aber der Herr hatte es anders beschlossen.

Wie die Mutter fühlte, daß ihr Ende herannahe, da sprach sie zum Förster
Justus, der mit den Seinen neben ihrem Bette stand: »Förster, ihr habt
Großes an mir gethan, mehr als ein Bruder an der Schwester thun kann,
und habt's gethan mit stillem, gutem Sinn. Der Herr vergelt's euch und
eurem lieben Eheweib. Wenn ich zu Gott komme, will ich für euch beten,
daß euer Leben leicht, und euer Ende selig werden möge. Es wird mir das
Sterben schwer, weil ich mein Kind unversorgt muß hinter mir lassen.
Nehmt euch seiner an, und macht ihm eine gute Herrschaft aus, daß es
sein Brod ehrlich verdienen kann. Wacht über dem Mädchen, soweit ihr
könnt. Vor Allem aber, Förster, gebt mir eure Hand darauf, und auch ihr,
gute Frau, bewahrt es vor dem Gerst. Mein Geld hat er gestohlen, meines
Kindes Herz soll er nicht rauben dürfen; das soll dem Herrn bleiben.« —
»Und du, Dorothe, habe du dein Leben lang Gott vor Augen und im Herzen,
und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch thust wider Gottes
Gebot. Sündigest du aber, so wisse, daß du einen Fürsprecher hast beim
Vater; an den halt' dich fest, auf den bau' und trau', daß er dein
bleibe und du sein für Leben und Sterben. Das ist mein Erbe, das du von
mir empfängst, sonst habe ich nichts zurückzulassen. Wohl hab' ich noch
einen Bruder, aber der ist weit, weit in Holland, und wird schwerlich
sich deiner annehmen wollen, denn er hat nie nach mir gefragt, und lebt
dort als reicher Mann unter fremdem Namen. Verlaß' du dich nicht auf
Menschen, verlaß' dich auf den Herrn; Vater und Mutter haben dich
verlassen, aber der Herr wird dich aufnehmen. Amen, sein Wille geschehe
mit dir und mit mir!«

Wie dann die Kranke erschöpft zurücksank, und Dorothe mit lautem Weinen
ihre Hand küßte, da trat Konrad weinend vor seine Aeltern hin, und
sprach also: »Vater und Mutter, ich muß mir ein Herz fassen, mit euch zu
reden. Ich hab' Dorothe von Herzen lieb, gebt mir das Mägdlein; sie ist
fromm und gut, und steht jetzt so einsam in der Welt. Sagt ja, daß ihre
Mutter uns noch segnet, ehe sie stirbt, und den Trost mit hinübernimmt,
daß sie Vater und Mutter und den Schützer gefunden hat.«

»Konrad«, sprach da der Förster, »kommt's vom Herrn, was du beginnst, so
sag' ich ja, und gebe dir meinen Segen.« »Dorothe, willst du mit diesem
Manne ziehen?« fragte mit schwacher Stimme die Sterbende. Und Dorothe
legte schweigend ihre Hand in die Rechte des Jünglings. »Amen!« lispelte
die Mutter und starb. Und wie Konrad und Dorothe an dem Bette
niederknieten, Hand in Hand und die Augen voll Thränen, da brach die
Abendsonne roth und golden durch die Regenwolken und ihr Schein röthete
das blasse Angesicht der Todten. Der Friede der Seligen ruhte drüber.

    Es ist noch eine Ruh' vorhanden;
    Auf, müdes Herz und werde Licht!
    Du seufzest hier in deinen Banden,
    Und deine Sonne scheinet nicht.
    Sieh' auf das Lamm, das dort mit Freuden
    Dich wird vor seinem Stuhle weiden;
    Wirf hin die Last und eil' ihm zu!
    Bald ist der schwere Kampf vollendet,
    Bald, bald der saure Lauf geendet,
    Dann gehst du ein zu deiner Ruh'! —



6. Die Wartezeit.


Tritt einmal im Geist mit mir an's Ufer des Meeres, mein lieber Leser.
Von leichten Wellen gekräuselt, liegt tiefblau und prächtig das Meer;
blau und wolkenlos wölbt sich der Himmel drüber hin, und unten in der
Tiefe Spielen die Fische, und drüber in der Luft schweben die Vögel des
Himmels, Alles voll Leben und Lebensfreude. Und am Ufer liegt ein
Schifflein; bunt bemalt ist sein Rumpf, ein glänzendes Schild trägt
seine Vorderseite; ein Weib ist es, das auf einen Anker sich lehnt, das
ist des Schiffes Sinnbild und Name: »die Hoffnung.« Lustig spielt der
Wind mit den leichten bunten Fahnen, die von den Masten herabwehen, und
durch Segel und Tauwerk rauscht es in sanfter, heimlicher Weise. Auf dem
Schiffe treibt sich ein lustig Völkchen umher; Auswandrer sind es, die
von Osten kommen und nach Westen reisen, weil sie dort ihr Glück finden
wollen. Sie haben die Heimath verlassen, den trauten Ort der Kindheit;
froh und zuversichtlich sind sie vom Aelternhaus geschieden; sie haben
ihm nicht viel Thränen nachgeweint. Warum auch? Fluren, auf denen ein
ewiger Frühling herrscht, Bäume, die Blüthen und Früchte zugleich
tragen, Früchte der Erde, so süß und labend, Vögel unter dem Himmel,
bunt von Farben, und Gottes liebe Sonne Jahr aus, Jahr ein, und immer
glänzend und immer warm. Und dabei das Herz so frisch und froh, der
Wille so fest, die Hoffnung so stark. Fahr' hin, Schifflein, fahr' hin!
Wind und Wellen werden dich schonen, aber du trägst das Verderben in dir
selbst. Unten am Bild der Hoffnung, das du trägst, ist eine kleine
Oeffnung geblieben. In die ist ein Wurm gedrungen, und ist gewachsen,
und hat sich vermehrt, und der Wurm hat das Schifflein angefressen, und
es ist mürbe geworden und drohet zu versinken. Verstummt ist die Lust
seiner Bewohner; ihr Reigen ist verwandelt in eine Klage. Nach der
Heimath blicken sie zurück, klagend und weinend.

Fragst du, mein Leser, wo das Meer ist? Es ist das menschliche Leben.
Was das Schifflein ist, das bunt und geschmückt ausfährt? Es ist das
Menschenherz. Wo das ferne Land liegt, nach dem des Schiffleins Lauf
gerichtet ist? Es ist der Traum, den die Jugend träumt von einem
Paradiese, das doch hier unten nicht mehr wohnt. Wer der Wurm ist, der
sich in's Schifflein eingebohrt hat? Das ist der Feind, der da kommt,
wenn die Leute schlafen und säet Unkraut unter den Waizen, und geht
davon. Den Feind nehmen wir Alle mit aus der Kindheit in's Jugendalter.
Bald ist's die Sünde, die sich eingebohrt hat in's Herz, dem Wurme
gleich; bald ist's der Frühfrost der Sorge, der schon die junge Saat
unserer Kindheit gedrückt hat; bald ist's auch die Bosheit der Menschen,
die mit allen Waffen der List und des Trugs gegen ein Menschenherz
kämpfet, das hoffend ausgehet, das Plätzchen zu suchen, wo es unter dem
Frieden Gottes ruhen könnte.

So voll Freude und Hoffnung ging der junge Justus und seine Dorothe in's
Leben hinein. Sie hatten sich ja lieb, mehr glaubten sie nicht, daß zum
Leben gehöre; sie waren beide fromm und gottergeben, warum sollten sie
vom lieben Gott nicht das Beste hoffen!

So war ein Jahr vorübergegangen. Auf dem Grabe der Mutter blühten schon
Blumen, und die Wangen der Dorothe glühten von den ersten Rosen der
Jugend, und Mutter Kunigunde gewann sie täglich lieber. Denn wie sie
schön war von Angesicht, so war sie gut von Herzen, und was sie that,
das that sie mit Lust, also daß die Aeltern den Konrad glücklich
priesen, und seine Freunde ihn um diesen Schatz beneideten. Aber es war
ein Wurm in's Lebensschifflein der jungen Brautleute gerathen, an den
sie nicht gedacht hatten, und das war der Neid und die Rachsucht des
Advokaten Gerst. Der Mensch wußte nicht, was es heißt: mit den
Fröhlichen sich freuen, was es heißt: vergeben und vergessen. Er hatte
nicht vergeben, daß ihn die Mutter der Dorothe von sich gewiesen; hatte
nicht vergessen, daß das Mägdlein vielleicht doch sein geworden wäre,
wenn Konrad ihm nicht zuvorgekommen. Und er schwur, daß er sich an
Beiden rächen wollte und hat den Schwur treulich gehalten, und ist zum
Wurm geworden, der die Jugendblüthe zweier guten Menschen zerstörte.

Auf dem Grabe der Mutter nahm Konrad Abschied von seiner Dorothe; er
wollte als Gehülfe zu einem alten Pfarrer gehen, um so baldige Ansprüche
auf eine Stelle haben zu können. Und wie er schied, so sagte er: »Geh'
der Mutter rüstig zur Hand, Dorothe, will's Gott, so halten wir bald
Hochzeit, und dann ist alles Leid, das du bis dahin gehabt hast,
vergessen, und wir wollen täglich dem Herrn danken, daß er uns so
wunderbarlich zusammengeführt, und mit unserm Haus ihm dienen, wie es
sein Wille ist.« Und Dorothe lächelte unter Thränen und bat um einen
baldigen Brief.

Der Brief kam bald, und es kam noch mancher, und ging wieder ein Jahr
hin; aber die Aussicht zu Amt und Brod war nicht näher gerückt. Der alte
Pfarrer, bei dem Konrad gestanden, war gestorben, und man meinte, der
Gehülfe müsse den Dienst kriegen. Doch wie die Zeit der Entscheidung
kam, da kam ein Andrer in's Amt, ein Vetter des Gerst, und rühmte sich
laut, wie der Vetter sich's viel habe kosten lassen an Zeit und Mühe und
Geld, den verhaßten Justus um seine Hoffnung zu betrügen. —

Dem Herrn die Rache anheimgebend, der da recht richtet, zog Konrad
weiter und ward Informator bei Einem vom Adel, der ihm versprach, ihm
eine seiner Pfarrstellen zu geben, wenn er zwei Jahre bei ihm aushielte.
Die zwei Jahre waren ein saures Stück Brod; jeder Tag hatte seine eigne
Plage. In dem Haus des Edelmanns galt es als Grundsatz: Nur wer vom Adel
ist, der ist was werth und zu achten, alles Andere ist bürgerlich Pack,
mit dem darf man schalten und walten, wie man will. So waren denn die
Junker trotzig und vorlaut, und der Herr Papa lachte dazu; und die
Junker hatten mehr Freude am Fischfang und Vogelstellen, am Reiten und
Jagen, denn an ihren Büchern, und der Herr Papa hieß das gut und meinte,
das viele Wissen mache den Kopf schwer, und er habe auch nicht viel
gelernt und sei doch ein Mann von Kopf geworden. Doch die zwei Jahre
gingen unter Geduld und Hoffnung hin und auch das versprochene Amt that
sich auf; aber damit auch das Anerbieten, die Kammerzofe der gnädigen
Frau zu ehelichen, die auch längst ein ähnliches Versprechen erhalten
hatte.

Da nahm Konrad seinen Wanderstab, schüttelte den Staub von seinen Füßen
und ging weiter. Gebrochen war sein Muth nicht, denn die Welt war ja
weit und das Herz war warm von Glaube und Liebe, und die liebe Heimath
nicht fern, und in der Heimath treue, gutmeinende Herzen. Wie er heimkam
und dem Vater seine vereitelten Hoffnungen berichtete, da sagte der:
»Laß den Muth nicht sinken, Konrad, zu meiner Zeit war es mit dem Laufen
um Amt und Brod noch schlimmer, denn jetzt. Wen der liebe Gott warten
läßt, dem hat er etwas Besseres noch aufbehalten. Mir ist's auch also
ergangen, und ich hab' doch mein gut Theil empfangen, und meine
Kunigunde dazu. Nur hinaus und versucht. Der Mann muß sein Amt sich
erlauern, wie der Jäger das Wild.

    Alles ohne Tück' und Lug,
    Wie es will der Weidmannsspruch.

Also that Konrad, und erwarb sich, wohin er kam, viel Liebe. So hatte er
wieder ein Jahr einer lateinischen Schule in einem Städtchen
vorgestanden, und der Magistrat glaubte die Stelle in keine besseren
Hände legen zu können, denn in die seinen. Er ward dem Landesherrn
vorgeschlagen, und er erwartete täglich seine Bestallung. Statt deren
aber kam vom Consistorium ein Schreiben des Inhalts: »Man habe in
Erfahrung gebracht, daß der Justus, den man als ein tüchtiges Subject
vorgeschlagen, keines guten Rufes genieße; wie er denn da und dort, wo
er bisher gedient, kein gutes Gerücht hinter sich gelassen.« Da war es
aus mit der Gunst, die man ihm bisher erwiesen hatte; Niemand grüßte
ihn auf der Straße, Niemand wollte seine Kinder ihm zum Unterricht
anvertrauen, und Konrad mochte hoch und theuer seine Unschuld
versichern, und auf seine Zeugnisse sich berufen; man zuckte die Achseln
und meinte, das Consistorium müsse das besser wissen. Wie nun Justus das
Consistorium selbst um Aufschluß anging, da hieß es: »Es sei schon
schlimm, wenn ein solch' Gerede über einen Candidaten im Schwange gehe,
er solle nunmehr durch seine Aufführung beweisen, daß die Leute auf ihn
gelogen hätten.« Das hatte Konrad nicht erwartet. Mit einem Male
durchschaute er die ganze Bosheit seines alten Feindes, des Gerst, und
beschloß, diesen selbst zur Rede zu stellen. Aber wo fand er ihn? In
einem Amte, das er durch seine Schleichwege sich erbeutet, und das so
einflußreich und hoch war, daß der bescheidene Candidat es nicht wagen
durfte, ihm mit Fragen und Vorwürfen zu nahen. »Als ich solche
Schelmerei und Tücke wahrnahm«, schreibt er in seinem Tagebuch, »und ich
schier gestrauchelt mit meinen Füßen, weil es mich verdroß auf die
Ruhmredigen, da ich sahe, daß es den Gottlosen so wohl ging, da hab' ich
Assaph's Psalm, der da ist der 73te, vielmal gelesen, daß ich ihn fast
auswendig gekannt, und mich sonderlich getröstet an dem Wort: »Ich
dachte ihm nach, daß ich es begreifen möchte; aber es war mir zu schwer,
bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes und merkte auf ihr Ende.«
»Laß' mich denn, Herr, mein Gott, bleiben an dir, und halt' mich bei
meiner rechten Hand. Leit' mich nach deinem Rath und nimm mich endlich
mit Ehren an! Amen.«

Den 13. Februari. »Hab' ich doch nimmer geglaubt, daß so viel Bosheit
auf der Welt sei, und daß es so weh' thue, gehaßt zu werden ohne
Ursache. Ich bin weggegangen aus meinem Lande und von meiner
Freundschaft; denn ich bin wie der Prophet ein Spott meinem Volk und
täglich ihr Liedlein. Soll ich warten, bis man mich gehen heißet, und
mich bedeutet, daß ich daheim kein Amt finden werde, so will ich lieber
selber in die Fremde gehen. Was mein Gott will, gescheh' allzeit! Ist
ein sauer Brod, das ich in der Fremde essen muß. Daheim wär's süßer, und
würde mir gern von Vater und Mutter gereicht, noch manches Jahr; aber
wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Thu' denn, was deines
Amtes ist; Zwanzig Thaler und ein Weniges an Kleidung ist ein geringer
Lohn für Einen, der von Morgen bis Abend muß informiren. Geb' der liebe
Gott nur seine Kraft, daß Alles mög' zu seinem Dienst geschehen.«

Den 3. Martii. »Ist doch ein sauer Amt, das ein Schulmeister hat; man
sollt' ihn doppelter Ehre werth halten um seines Amtes willen. Gestern
war ein harter Tag. Hatte den Jüngsten knien lassen, weil er
Narretheidinge getrieben; ist der Herr Principal hereingekommen während
der Pönitenz, und hat mich mit Worten hart angefahren. Ist auch die Frau
hinten drein gekommen ob des Lärms, den der Herr gemacht, und hat mir
gedroht, sie wolle mir die Suppen versalzen, daß ich daran denken solle.
Habe mich exkusiret aus aller Macht; hat aber nichts gefruchtet, sondern
haben den Jüngsten mitgenommen und ihm einen Pfefferkuchen gegeben, mit
dem er wieder herein gekommen und es getrieben, wie vorher. »Wer seiner
Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn.« Sprüchwörter Salomonis 13, 24.

Den 11. Septembris. »Wie doch das Menschenherz ein trotzig und verzagt
Ding ist.« Mein Herr glaubt nicht an Jesum, daß er der Christ sei, auch
nicht, daß wir Alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhle
Christi, und hat zu verschiedenen Malen die Gelegenheit vom Zaun
gebrochen, mit mir zu disputiren. Ich hab' kräftiglich Zeugniß gegeben
von der Hoffnung, die in mir ist, und aus göttlichem Wort manchen Spieß
und Nagel nach seinem Herzen gerichtet, aber das Wort sähet nicht in
ihm. Will mich manchmal schier bedünken, als wenn etliche Menschenherzen
des Glaubens nicht ein Fünklein in sich hätten. Doch der Herr weiß seine
Zeit. Nun liegt der starke Geist, wie er sich selbsten gerne tituliret,
auf seinem Schmerzenslager und stöhnt, daß es zum Herzbrechen ist, und
flucht auch mitunter gar fürchterlich, aber an Gott, der das Kreuz
schickt, will er nicht denken. »Wir rühmen uns der Trübsal, dieweil wir
wissen, daß Trübsal Geduld bringet.« Röm. 5, 3.

Den 24. Septembris. »Richtet nicht vor der Zeit«, das Sprüchlein muß
dich meistern, Justus! Hast wieder des Herrn Macht bezweiflen und seines
Worts vergessen wollen: »Meine Zeit ist noch nicht hie, eure Zeit aber
ist allezeit.« Mein Herr hat mich zu sprechen begehrt außer der Zeit, wo
ich ihm die Aufwartung gethan; und als ich zu ihm eingetreten, da hat er
mich an sein Bett sitzen lassen, und mich fleißig aus Gottes Wort
examiniret. Wie ich denn freudig Zeugniß gegeben von der Hoffnung, die
in mir ist, auch die Gnade Gottes laut gerühmt, die sich unser wider
Verdienst und Würdigkeit erbarmet, und die Vergebung der Sünden noch
heut' anbeut Allen, die Gottes Zorn fürchten; da hat mein Herr das Wort
ein rechtes Trostwort und Labsal geheißen, und mich ersucht, ihm etliche
Kapitel aus heiliger Schrift zu lesen. Darauf hab' ich am ersten den
sechsten Psalm gebetet: »Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und
züchtige mich nicht in deinem Grimm &c.« Zum andern, so hab' ich den 51.
Psalm vorgenommen, und wie ich kommen bin an den 12. Vers: »Schaffe in
mir, Gott, ein reines Herz, und gieb mir einen neuen, gewissen Geist;
verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heil. Geist
nicht von mir«, — da ist mein Herr gewesen, so bußfertig wie David war,
da der Prophet Nathan zu ihm kam, und hat unter viel Weinen und Seufzen
einmal über das andere Mal gerufen: »Herr, nimm deinen heil. Geist nicht
von mir!« Mich selber aber hab' ich gedemüthiget vor dem Herrn ob solch'
großer Gnade, die er mir erwiesen, sein Wort zur Buße predigen dürfen,
und ist mir gewesen denselbigen ganzen Tag, wie ich meine, daß es Paulo
muß gewesen sein, da er sprach: »Ich ward entzückt bis in den dritten
Himmel. Hilf nur, Herr, mein Gott, daß ich nicht Andern predige und
selbst verwerflich werde!« (1. Korinther 9, 27.)

Den 30. Novembris. »Mein Herr ist durch Gottes Gnade wieder gesund und
ein neuer Mensch geworden. O wie ist doch wahr Pauli Wort: »Ist Jemand
in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe,
es ist Alles neu worden.« (2. Kor. 5, 17.)

»Mein Herr hat eine große Liebe zu mir gefaßt, also daß ich nicht mehr
als ein Fremdling im Haus bin, sondern schier als ein lieber Freund. Er
will auch, daß ich im Land Sachsen bleiben soll und hat mich Einem von
Adel recommandiret, der eine Pfarre zu besetzen hat. »Was mein Gott
will, gescheh' allzeit!« Die Erd' ist überall des Herrn, und man kann im
fremden Land' auch ein frommer und getreuer Knecht sein. Aber auf
Menschenwort und Trost bau' ich nicht viel, seit ich weiß, daß solch'
Trauen eitel ist.«

       *       *       *       *       *

Den 1. Januari. »Wie gedacht, so geschehn! War schon mit einem Bein' im
neuen Amt, hat auch meine Dorothe schon getröstet mit einem süßen
Hoffnungswörtlein; da ist ein Andrer gekommen und hat erlangt, wonach
mein Sinn stand. Ob wohl noch zuviel Eitelkeit und Hoffahrt in meinem
Herzen sein mag, weßhalb der liebe Gott mich warten lässet? »Nun, Herr,
so zeige mir deinen Weg, daß ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein
Herz bei dem Einigen, daß ich deinen Namen fürchte!«

       *       *       *       *       *

Ein Jahr später. »Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie
meine Väter alle.« (Psalm 39, 13.) Es muß wieder geschieden sein; will
einmal wieder mein Glück daheim versuchen. Vater und Mutter mahnen gar
dringend an die Rückkehr. Sie meinen, es sollt' mir jetzt daheim auch
gelingen und meine Wartezeit nach Gottes Willen zu Ende gehen. Aber das
Scheiden thut auch weh', sonderlich wenn man eins geworden ist,
einmüthig und einhellig.«

    »Barmherz'ger Gott und Vater,
    Du treuer Menschenrather!
      Auf dein Wort zieh' ich aus,
    Auf unbekannten Straßen
    Wollst du mich nicht verlassen,
      So bin ich überall zu Haus.

    Behüte mich vor Feinden
    Und heuchlerischen Freunden,
    Gieb mir die Engel zu;
    Geleit' all' meine Werke,
    Sei Morgens meine Stärke,
      Und dann am Abend meine Ruh'.

Auf der Reise. »Also hab' ich gebetet, ehe ich mein Bündel schnürte und
den Wanderstab in die Hand nahm. Der treue Gott hat mein Gebet erhört.
Wie ich an die hessische Gränze kommen bin, hab' ich Herberg' genommen
in einem Flecken, allda zu rasten. Wäre gerne weiter gegangen, als ich
kaum den Reisesack abgelegt. Denn in der Herberg' ging's toll her.
Kaiserliche Werber lagen da; die hatten gute Geschäfte gemacht, und
tranken den Rekruten vollends den Verband weg. Und die Rekruten waren
schier wie toll; Einer sang den Prinz Eugenius und schrie dabei wie
besessen; ein Anderer soff und heulte dabei, daß einem weh' zu Herzen
ward, und ein Dritter raufte sich mit den Dirnen. Die nicht mehr brüllen
und saufen konnten, die hatte man wie die Schlachtschweine unter einen
Schoppen gelegt, und dabei standen schnurrbärtige Grenadiere und hüteten
ihrer. Wie ich mir den Heidengräuel etwas angesehen und des Sprüchleins
eingedenk worden: »Besser allein, denn in böser Gemein«, da wollt' ich
wieder meines Weges gehen, obgleich der Abend nahe war. Wie ich mich
umwenden will, so kommt ein freundlicher Herr auf mich zugegangen, faßt
mich bei der Hand und sagt: »Monsieur scheint auch keinen Gefallen zu
haben an solch' unfläthigem Saufen. Theile in dem Stück ganz Monsieurs
Meinung. Beliebt's demselben, ein wenig hereinzutreten und einen
freundlichen Rath zu halten, so wird Monsieur mich sehr verbinden!« »Das
Wort gefiel mir sehr, sintemal meine Füße vom langen Gehen wund geworden
waren, und ich trat mit dem Herrn in ein sauber Zimmerlein. Dort
hielten wir selbander angenehmen Rath, bis es dunkel ward und erzählten
uns unser Lebensschicksal. Und des Fremden Leben war gar wunderbar.
Jetzt, so sagt' er, war er auf einer langen Reise, und könnte just einen
Secretär und Gesellschafter brauchen, wie ich sei; ich solle mit ihm
ziehen. Der Vorschlag leuchtete mir schnell ein; aber ich bedung mir
Ueberlegung aus bis zum andern Tag. Da ließ der Herr Wein kommen, denn
wir hatten bisher einen Krug Bier mit einander geleert, und ward immer
redsprächiger, also daß auch mir das Herz auf die Zungen kam. Da rückte
der Fremde mir näher und rief: »Besinnt euch nicht lange mehr, jetzt
kennt ihr mich, sagt ja und wir sind Handels einig; da nehmt zum Voraus
etwas Reisegeld und schlagt ein.« Wußte nicht, wie mir geschah und hielt
die Brabanter, die er in meine Hand gelegt, in den Fingern und sah ihm
ihn's Auge. Indem klopft's draußen und es erschien Einer in der Thüre,
der ein Diener des Herrn zu sein schien und rief ihn hinaus. Wie ich
noch auf die Thaler blicke, so kommt aus einem Kämmerlein zur Seiten ein
Mägdlein heraus, noch sehr jung an Jahren und sagt in leisem Tone:
»Herr, ist euch euer Leben lieb, so werft das Blutgeld auf die Erde und
macht euch auf und davon, sonst geht es euch wie den Rekruten drüben im
Hof. Der Hauptmann ist ein Erzschelm und betrügt euch wie die Andern.« —
»Wie ich das Wort gehört, da hab' ich das Fenster aufgerissen, das nach
dem Garten hinsah, hab' schnell mein Bündel hinabgeworfen, und bin
hinabgesprungen, wohl an 10 Fuß hoch. Und gleich als wär' der böse Feind
hinter mir, bin ich dem Walde zugeeilt, den ich heute erst durchwandert
hatte, und hab' nicht eher mit Laufen eingehalten, bis der Wald dichter
ward.«

»So hat mich abermal mein treuer Gott wunderbarlich erhalten und hat mir
seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten.« (Daniel 6,
22.) Aber der treue Gott hat noch mehr an mir gethan damals, als ich den
Werbern entging, wofür ich ihm Dank sagen will all' mein Leben lang;
denn er hat mich dazumalen ein Sprüchlein aus seinem heil. Wort erkennen
lassen, das ich bis dahin nicht ganz verstanden, und das Sprüchlein
steht Psalm 19. Vers 2. und heißt: »Die Himmel erzählen die Ehre
Gottes.« »Wie der Wald dichter um mich ward, bin ich langsam und
fürsichtig gegangen, und habe mit meinem Reisestock den Grund vor mir
geprüfet; denn es war so finster, als in einem Sack um mich her, und nur
manchmal schien ein Sternlein durch die Büsche, gleich als wollt' es
sagen: »Geh' nur getrost, Justus; ob du schon wandelet im finsteren
Thal, so fürchte doch kein Unglück, denn ich, dein Hirte, bin bei dir.«
(Psalm 23, 4.)

»Wie ich wohl eine Stunde im Dickicht herumgetastet, so ist der Wald
lichter geworden, und ein Pfädlein hat sich durch die Bäume
geschlängelt, und dem Pfädlein bin ich nachgegangen. Da ist mir bald ein
Licht in's Auge gedrungen; und wie ich dem Schein nachging, so hab' ich
bald vor einem Kohlenmeiler gestanden, neben dem ein lustig Feuer
brannte und ein Mann stand, der mit einer Schaufel Erde auf den Meiler
warf, wo die Lohe durchbrechen wollte. Da hab' ich den Mann freundlich
gegrüßt, und ihm gesagt, daß ich ein Fremdling sei, der des Weges
verfehlet, und wie ich ihn bäte, mir aus christlicher Lieb' die rechte
Straße zu weisen. Da hat der Köhler meinen Gruß mit einem »schönen Dank«
erwiedert und gesagt: »Ihr seid nicht der Erste, der verirrt zu mir
kommt, und werdet auch nicht der Letzte sein, denn der Wald ist tief
und die Wege gerade nicht leicht einzuhalten. Aber vergebt, wenn ich
euch in dieser Nacht nicht geleiten kann; ihr seht wohl, mein Meiler
bricht aus und ich darf ihn keine halbe Stunde allein lassen.
Verdrießt's euch nicht, so bleibt bei mir bis zum Morgen; dann soll
weiter Rath werden. Geht einstweilen dort in die Hütte und ruht euch
aus; aber bückt den Kopf, wenn ihr hineintretet; eines Köhlers Häuslein
ist eben nicht für hohe Herrn, sondern für Solche, die sich gern vor
Gott und Menschen bücken.«

»Da kroch ich hinein in die Hütte und setzte mich auf das Mooslager des
Köhlers, und mein Bündel legt' ich neben mich, nicht ohne daß ich für
mich hin betete: »Das walt Gott der Vater, der Sohn und der heil.
Geist.« »Wie ich ein Weniges geruht, so kommt der Köhler auch herein,
steckt einen großen Kienspahn in eine eiserne Gabel und stößt die Gabel
vor dem Eingang in die Erde. »So«, sagt' er, »nun haben wir Licht und
können uns in's Angesicht sehen wie zwei Christenmenschen. In meinem
seht ihr, trotz Kohlenstaub und Ruß, daß ich ein alter Mann bin, und in
eurem lese ich, daß ihr jung seid und müde, und wie steht es mit dem
Appetit? Ekelt euch nicht vor eines Köhlers rauher Kost, so seid mein
Gast, bis euch morgen ein besserer Tisch gedeckt ist.« »Und von einem
Bänklein herab holte der Köhler ein großes schwarzes Brod, schnitt zwei
gewaltige Stücke ab und legte jedes auf einen hölzernen Teller, und oben
drauf ein Stück gekochten Speckes. Und wie er von dem Bänklein auch zwei
Messer herabgeholt, und eins mit dem andern gesäubert hatte; da nahm er
die Ledermütze zwischen seine gefaltenen Hände und betete mit tiefer
Stimme: »Aller Augen warten auf dich, Herr, und du giebst ihnen ihre
Speise zu seiner Zeit; du thust deine Hand auf und erfüllest Alles, was
lebet, mit Wohlgefallen! Amen.« »Und wie ich auch »Amen!« gesagt, da aß
der Köhler sein Abendbrod und ich mit ihm, und hat mir lange kein
Abendbrod so gut geschmeckt. Wie er damit zu Ende war, griff er hinter
sich, und langte einen Wasserkrug von Stein hervor, deckte ihn auf und
that einen herzhaften Zug. Dann schüttete er ein Weniges ab, reichte mir
den Krug und sprach: »Trinkt, guter Freund, ein Schelm gibt's besser,
als er's hat; im Wald wächst kein ander Getränk; aber das Wasser aus dem
Heiligenbörnlein ist dafür auch ein sonderlich und vornehm Wasser, und
schmeckt frisch und süß, und hat viel Kranken schon geholfen.« Da trank
ich auch nach Herzenslust; und wie ich den Krug geschlossen, da nahm der
Köhler wieder die Ledermütze ab und sprach: »Nun, unser Gott, wir danken
dir, und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit!«

»Wie es mir da so wohl ward um's Herz, das kann ich gar nicht sagen; es
war mir, als wenn ich den Köhler schon lange gekannt und plötzlich
wiedergefunden hätte. So macht das Wort Gottes die Menschen zu Freunden,
daß sie sich erkennen und lieb haben; und war doch nichts geschehen,
denn daß wir mitsammen gebetet und das Brod gebrochen hatten. Da ward es
mir, als müßt' ich dem Köhler sagen, was mich zu ihm geführt habe, und
ich that es und sagte ihm auch Dieß und Das aus meinem Leben: was ich
gelitten und worüber ich mich gefreut, und was ich von der Zukunft hoffe
und fürchte. Da lächelte der Alte und sprach: »Das ist nur das alte
Lied, das schon Sirach sang: Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller
Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden,
die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und
zulegt der Tod. So ist es mir ergangen, so wird es auch euch ergehen und
euren Kindern und Enkeln nach euch. Man meint, eine Zeit müsse der
andern ablernen, wie man's besser machen und dem Schicksal in der Welt
das Feld abgewinnen, und seine Schneide stumpf machen könne. Aber es muß
wohl so sein sollen, weil unser lieber Gott die Jungen immer wieder von
vorne anfangen und in den Schranken laufen lässet. Was euch bis dahin
betroffen hat, das vergleich' ich dem Wind, der in der Frühlingszeit,
wenn die Saat schon grünt und die Lerche schon singt, mit den Bäumlein
umspringet, als wollte er sie schier zerzausen. Da gilt aber auch: »Du
machest deine Engel zu Winden, und deine Diener zu Feuerflammen;« denn
lauter Engel und Diener Gottes sind die Schicksalsstürme in der Jugend.
Die machen, daß das Bäumlein hübsch seine Wurzeln hinabtreibt und stehen
lernt auf seinen eignen Füßen, wenn der Winter des Lebens kommt, und mit
ihm noch mehr Tage, von denen wir sagen: »Sie gefallen uns nicht.« Auch
glaubt mir das, mein junger Herr, ich sag's aus eigner Erfahrung, der
Mensch macht sich darum in seiner Jugend so viel Herzeleid, weil er
immer Eins ganz fest im Sinne hat, und meint, es geschähe ihm ein
gewaltig Unrecht, daß der liebe Gott ein Anderes mit ihm will. So läuft
denn Einer wie ein Schaf, das die Drehkrankheit hat, immer auf einem
Fleck umher, oder rennt wie ein Gaul, der den Koller hat, gerade hinaus,
bis er sich den Kopf zerstößt. Ihr wollt mit Gewalt ein Pfarrer werden,
und ich dachte, als ich euer Alter hatte, ich müßte ein Schulmeister
werden. Ja, Herr, seht mich an, wie ihr wollt, ich, der Köhler Martin
Ebert von Blankenau, wollt' ein Schulmeister werden, und ging Jahre lang
umher und haderte mit Gott und mit der Welt, daß es nicht nach meinem
Kopf gehen wollte. Damals sagte unser Nachbar, der alte Hufschmied
Nagel, Gott hab' ihn selig! »Martin«, sagt' er zu mir, »wart' doch
unsers lieben Gottes Zeit erst ab, ob er dich brauchen kann als
Schulmeister und geh' erst mit deinem Vater hinaus und lerne Kohlen
brennen. Wie du es jetzt treibst, so lernst du beides nicht, weder die
Schulmeisterei, noch das Kohlenbrennen.« »Und ich hing damals über
solche Rede das Maul und stand am Meiler meines Vaters wie ein
Blödsinniger. Da nahm mich mein großer Meister im Himmel in seine Lehre
hinein, und gab mir die Lection, daran ich noch lerne, und so lange
lernen will, bis er mich in seine himmlische Werkstatt abholt. Mein
Vater starb und meine Mutter stand als ein schwaches Weib mitten unter
sieben unversorgten Kindern. Herr, damals lernt' ich Kohlenbrennen und
das vierte Gebot thun: »Du sollst Vater und Mutter ehren,« lernt aber
damit auch die Verheißung kennen: »Auf daß dir's wohl gehe.« Und von da
an ist mir's wohl gegangen; im Schweiße meines Angesichtes hab' ich mein
Brod gegessen, aber ich habe auch geschmeckt und gesehen, wie freundlich
der Herr ist und wie wahr sein Wort: »Denen, die mich lieben und meine
Gebote halten, thue ich wohl bis in's tausende Glied.« Geht hin in unser
Ort, dort stehen sieben Häuser, alle blank von außen und rein von innen;
in den sieben Häusern wohnen des seligen Haneberts sieben Kinder, und
haben sich gemehrt zum Erstaunen, und ist eine schöne, feine Sippschaft.
Wenn dem Vetter Martin das Essen soll hinausgetragen werden zum Meiler,
dann solltet ihr hören, was ein Reißen um das Körbchen ist, und wie die
Jungen mit den Alten hadern um den Liebesdienst! Und ich selber hier an
meinem Meiler, den ich nur Samstags verlasse, um zur Kirche zu gehen,
hab' nichts verlernt von Allem, was ich als Junge gewußt, sondern hab'
noch mehr dazu gelernt, und mein Wissen blähet mich nicht, sondern
demüthigt mich nur. Hier steht meine Weisheit, hier im Bibelbuch, das
ich aufschlage, wenn ich allein bin und mein Meiler Ruhe hält. Und
wenn's Abend wird, dann hat der liebe Gott ein ander Buch vor mir
ausgeschlagen, den Himmel mit seinen Sternen, und hat mich auch gelehrt,
ein Stücklein dieser heil. Schrift zu lesen. Höret, wie das zuging!«

»Wie ich ein Kohlenbrenner ward, da wußte ich von der Sternwissenschaft
nur, was ich darüber aus der heil. Schrift gelernt hatte, namentlich aus
dem Buche Hiob, wo es heißt: »Er versiegelt die Sterne«, und »die Sterne
sind nicht rein vor seinen Augen«, und »kannst du die Bande der sieben
Sterne zusammenbinden?« Wie ich dann so manche Nacht hier saß, und die
Welt um mich her schwarz und todt wie ein Grab lag, so sah ich um so
lieber zum Himmel hinauf, von dem man hier oben ein ziemlich Stück
übersehen kann. Anfangs trieb ich mit meinen Gedanken allerlei Fürwitz
und die Sterne mußten dabei mithelfen, nachher aber sah ich mir sie an,
wie sie zu einander stunden, auch wie einer den andern in der Klarheit
übertraf; auch wie sie nicht stille Bünden, sondern zu bestimmten
Stunden hier, zu andern wieder dort sichtbar wurden. Dann sah ich auch,
wie Etliche in einer Art von Kameradschaft standen, so daß sie ihre
Figur behielten und selbander ihre Reise am Himmel machten. Dann nahm
ich mir ein Papier und stach mir mit einer Nadel die Sternfiguren so
hinein, wie ich dachte, daß sie zusammengehören möchten; und wenn ich
nach Haus kam, dann malte ich mir die Sternlein aus und verband sie
durch Striche mit einander, und gab ihnen auch Namen, denn ich dachte,
ich sei der erste Sterngucker, der sich die Mühe nähme, des Herrn Werke
zu bewundern. Diese Sternkärtlein zeigt ich einmal dem Nachbar Nagel,
der in allerlei Künsten erfahren war, und fragte ihn unter viel
Stottern, denn ich schämte mich, was er davon halte? »Martin«, sagte
der, »du bringst deine Nachtwachen recht im Dienst des Herrn zu, denn
wer die Werke Gottes achtet, der hat eitel Lust an ihnen, und kannst
noch einmal ein Kalendermann werden.« »Das wäre!« sagt' ich, »muß denn
der Kalendermann auch ein Sterngucker sein?« »Allemal«, sagt' er, »woher
wüßt' er denn sonst Frühlingsanfang und die andern Zeiten, wozu den
Neumond und die Finsternisse, die noch kommen sollen, voraus? Und heißt
es nicht im ersten Buch Mosis, im ersten Kapitel: »Und Gott sprach: Es
werden Lichter an der Veste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht,
und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre!« »Da du so fleißig nach den
Sternen siehst, so mußt du sie besser kennen lernen, und er gab mir aus
seinen Büchern, deren er viele hatte, ein Büchlein aus dem vorigen
Jahrhundert, das hieß: »Der edelen Sternwissenschaft fürnehmste Stücke.«
O Herr, wie ich das Buch verschlang, das kann ich euch gar nicht sagen;
ich glaub' sogar, ich hab's zu Zeiten geküßt. Nach und nach lernte ich
das ganze Buch verstehen, einige lateinische Brocken abgerechnet, die
hin und wieder vorkamen, und die hat mir auf meine Bitte später der Herr
Pfarrer verdolmetscht. Stand aber nicht sonderlich viel in dem Latein,
und hätt' nach meiner Meinung auch deutsch können geschrieben werden.
Aus dem Buch lernte ich auch den Kalender berechnen und Sonnenuhren
machen, wie ihr deren, wenn es jetzt Tag wäre, an vielen Bäumen rings
umher sehen könntet. Seitdem hab' ich, durch guter Leute Hülfe, noch
manches Buch über die edle Sternwissenschaft gelesen, und habe nie
darüber mein Kohlbrennen versäumt, sondern bin immer mit um so
herzlicherem Eifer an meine Tagsarbeit gegangen, weil ich dabei gute
Gedanken in meinem Kopf gehabt. Habt ihr euch je mit der
Sternwissenschaft und mit dem Kalender abgegeben, Herr, dann fahrt fort,
also zu thun; und habt ihr's nicht gethan, so thut es auf eines alten
Mannes Rath. In der Welt ist viel Traurigkeit, und wir haben hier keine
bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir; da hilft die
Sternwissenschaft gar sonderlich, daß unser Wandel sei im Himmel, von
dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi. Doch jetzt laßt uns in
Gottes Namen schlafen, und haltet einem alten Mann die Redsprächigkeit
zu Gute. Mitternacht ist vorbei, das seh' ich an den Sternen hier über
uns, sonderlich am Wagen. Also schlaft wohl und der Herr, der treue
Wächter Israel's, geb' euch gute Ruh' und fromme Träume.«

»O Herr, mein Gott, hab' Dank für diese Nacht! In ihr hab' ich viel Ruhe
funden und bin erwacht wie ein Kindlein, das in seiner Mutter Aug'
sieht, wenn's die Aeuglein aufthut.«

»Wie ich mich erhob, so brannte schon das Wachtfeuer wieder, und der
Köhler stand wieder mit der Schaufel in der Hand am Meiler, und die
Vögel sangen ihr Morgenlied, und die Sonne zeigte dem Meiler gegenüber
auf einer schöngemalten Uhr die fünfte Stunde des Morgens.«

»Gott zum Morgengruß, mein Schlafkamerad«, rief fröhlich der Köhler;
»beliebt's euch, so laßt uns singen mit den Vögeln um die Wett':

    »Wach auf mein Herz,
    Die Nacht ist hin,
    Die Sonn' ist aufgegangen!«

Und wir sangen mit einander das Lied. Dann rief der Köhler mit einem
Pfiff auf dem Finger seine Ziege herbei; die gab willig ihre Milch zum
Morgentrank, und wir gingen selbander durch den Wald. Nach einer halben
Stunde ward der Wald licht; noch einige Schritte, und man sah in ein
Thal hinab, durch das ein Flüßchen ging und in dem mehrere Dörfer lagen.
»Dort, Herr«, sagte der Köhler, »liegt Blankenau; geht nur immer hier
dem Pfad nach auf den weißen Thurm zu. Und nun geb' der Herr euch das
Geleit' heim in's Vaterhaus und auf eure ganze Lebensreise! Vor Gottes
Thron sehen wir uns zunächst wohl wieder. Laßt uns halten, was wir
haben, daß uns Niemand die Krone raube.« »Amen!« sagt' ich, und wir
drückten uns die Hände und schieden. Und wie ich fürbaß ging, so sprach
ich: »Das war ein Stiller im Land, und sein Wort hat mich stille gemacht
und hat mich gelehret David's Wort verstehen: »Meine Seele ist stille zu
Gott, der mir hilft.« Pf. 62, 2.



7. Scheiden von der Heimath.


Wer je in der Fremde war, und ist zurückgekehrt zur lieben Heimath, der
denket gewiß noch in späteren Jahren, wie sonderbar es ihm damals um's
Herz war. Wie alte Bekannte grüßten ihn aus der Ferne die Berge der
Heimath, wie liebe Freunde nickten die Bäume ihm zu. Das Bächlein unter
den Erlenbüschen schien ihn mit seinem Murmeln zu grüßen, und der
Kirchthurm drüben, mit dem goldenen Hahn auf seiner Spitze, der allen
Kinderspielen zugesehen, wie gut schien der den Jüngling noch zu kennen!
Aber wer ist auch je zurückgekehrt in's Aelternhaus nach langer
Trennung, ohne daß ihm in der Nähe desselben das Herz nicht schwerer
geworden wäre! Berg und Baum und Thurm stehen noch, wird aber Alles in
dem Aelternhaus selber noch auf dem alten Flecke stehen? Vater und
Mutter waren alte Leute schon, als das Reisebündel geschnürt ward, und
Brüder und Schwestern sind ja auch wie die Blumen des Grases, ein Hauch
und man kennet ihre Stätte nicht mehr.

Solche Gedanken bewegten auch das Herz des Konrad Justus, als er aus der
Ferne das Jägerhaus erblickte, und unwillkührlich blieb er stehen und
legte die Hand auf sein klopfendes Herz und befahl Gott seinen Eingang.
Ja Gott hat in's Christenherz eine Ahnung vom künftigen Leid gelegt,
nicht um es zu quälen, sondern um uns, die wir eine kleine Zeit leiden,
vollzubereiten, zu stärken, zu kräftigen, zu gründen.

Freundlich wedelnd und an ihm hinaufspringend begrüßten ihn im Hofe die
treuen Hunde, und rüstig schritt er zur Hausthüre hinein. Es war stille
auf der Hausflur und stille in der Küche; ringsher Alles in der
gewohnten Ordnung, aber Niemand ließ sich sehen. Er öffnete die
Stubenthüre, aber auch hier sah er Niemand. Die Schlafkammer der Aeltern
stand offen; er trat hinein und sah Vater und Mutter bleich und krank im
Bette liegen, und vor ihnen stand Dorothe, nicht mehr das blühende
Mägdlein von ehemals, sondern leidend und krank, und reichte den Kranken
einen kühlenden Trank. »Willkommen, Konrad«, riefen die Aeltern, »du
kommst eben zu rechter Zeit in's Klagehaus, um den Segen deiner Aeltern
dir zu holen. Des Herrn Hand liegt schwer auf uns; wir sind allesammt
krank; ein böses Fieber hat uns bis an den Tod gebracht. Dorothe hält
sich unter Mühe noch aufrecht und droben liegt dein Bruder, der von der
Wanderschaft heimgekehrt ist, an gleicher Krankheit.« »Ach Gott«, rief
Konrad unter lautem Weinen, »sehe ich euch also wieder! Muß ich dazu
heimkehren, um euch dem Tode nahe zu finden.«

»Weine nicht, Konrad«, sprach die Försterin, »wir Alten haben unser
Tagwerk hier unten vollbracht und ein neues beginnt droben beim lieben
Gott. Sorge du jetzt nur, daß dein Herz auf unser Scheiden gefaßt sei,
und weise die Mägde und die Burschen an, daß das Haus nicht Noth leide,
während wir es nicht überwachen können. Dann schicke deine Dorothe
hinauf in ihre Kammer, sie bedarf der Ruhe; das Fieber rüttelt sie wie
uns, und sie will es nicht an sich kommen lassen.«

So stand denn Konrad in seinem Aelternhaus als einziger Gesunder unter
Kranken; aber sein Herz verzagte nicht, und er pries täglich Gott, daß
er ihm seine Kraft erhalten, und ihn berufen habe, Vater und Mutter in
ihrer Schwachheit zu pflegen, und den Geschwistern Trost und Stärkung an
ihr Krankenlager zu bringen.

Doch ein harter Augenblick stand ihm noch bevor. Eins wie sie im Leben
gewesen, waren auch die alten Förstersleute eins im Tode; der Herr rief
sie in _einer_ Stunde ab, und ließ sie ruhen in _einem_ Grabe. Unter
Gebet für ihr Seelenheil und für ihre Kinder schieden sie. Ohne Sang und
Klang, aber von viel weinenden Freunden begleitet, wurden sie auf dem
Kirchhof zu Braubach bestattet, und der Pfarrer, der ihr Grab
einsegnete, rief ihnen die Worte der Schrift nach: »Selig sind die
Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, daß
sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach!« Und
alles Volk, das dastand und zuhörte, sprach: »Amen!« Der Gerechten
Gedächtniß bleibet im Segen.

Unter den Leidtragenden war auch der Grenadier von der Marksburg
gewesen, den wir damals kennen gelernt, als Konrad die Dorothe und ihre
Mutter rettete, und der Soldat weinte wie ein Kind, und wollte sich
nicht trösten lassen, denn im Förster war ihm ein guter Freund
gestorben. Seit jenem Tage, wo Dorothe das Jägerhaus betreten hatte, kam
auch der Grenadier öfter dorthin, und ob ihn gleich Niemand einlud, so
sah man ihn doch gerne, und hatte sich an sein Kommen und Gehen so
gewöhnt, daß er fast zu den Hausfreunden gerechnet wurde. Der Grenadier
Scheuermann, denn so hieß er, war eine alte deutsche Soldatennatur, wie
man sie jetzt gar nicht mehr findet. Von frommen Aeltern aus einem
Dörfchen des Vogelsberges ausgegangen, war er gezwungen Soldat geworden,
hatte aber sein Handwerk, wie er es nannte, lieb gewonnen, und begehrte
nichts anders zu werden, denn Soldat. In fünfundzwanzigjährigem Dienst
hatte er es noch nicht weiter gebracht, denn zum Corporal, ob er gleich
ein Muster von Ordnung im Dienst, und, wie seine Officiere sagten, ein
sehr tapferer Soldat im Kriege war. Selbst ohne Weib und Kind, hielt er
das Familienleben sehr hoch, war gern bei friedfertigen Eheleuten, und
liebte die Kinder so sehr, daß sie ihn, wo er war, schnell kannten und
freundlich grüßten. Dabei war der Corporal gläubig, wie der Hauptmann
von Kapernaum, und nach dem Heil begierig, wie Cornelius, und wer mit
ihm redete von Gottes Wort, dem war er Freund und ging für ihn durch ein
Feuer, wie das Sprüchwort sagt. Das war es, was ihn nach dem Jägerhaus
zog und was ihn festhalten ließ an den treuen guten Menschen, die dort
wohnten. Wußte er dem alten Förster oder seiner Hausfrau einen Dienst zu
thun, oder gar der Jungfer Dorothe, die sein Augapfel war, so war Keiner
froher, als der Scheuermann. Wie dann die bösen Tage in's Haus des
Försters kamen, da ließ er sich Urlaub geben, und wich nicht aus dem
Jägerhaus, und kam Wochen lang in kein Bette, und war die
Dienstfertigkeit und Freundlichkeit selbst. War es ein Wunder, daß die
treue Seele am Grabe der Förstersleute weinte und sich nicht wollte
trösten lassen! Wenige kannten dich, du guter Soldat, und dein treues
Herz; aber wie dort der Geist Gottes zu Cornelius sprach: »Dein Gebet
ist erhöret und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott«, so ist auch
deiner Treue droben im Himmel gedacht worden. Gehe ein zu deines Herrn
Freude! —

Zurückgekehrt von der Aeltern Grab, lastete eine neue Sorge auf Konrad's
Herz. Er wollte seinem Bruder, der noch krank lag und für sich selber
nicht sorgen konnte, den Dienst des Vaters verschaffen, damit der liebe
Ort der Heimath der Familie erhalten bliebe. Er schrieb Briefe auf
Briefe an alle Gönner und Freunde seines Vaters; er warb bei der
Landesbehörde um die Stelle, und der Corporal Scheuermann that manchen
Gang um Gunst und Fürsprache, wie es damals noch mehr geschehen mußte,
denn heut' zu Tage. Von einem solchen kam der Soldat einst in trüber
Stimmung zurück. Er war dem Gerst begegnet, den man jetzt den Herrn Rath
nannte, und der hatte ihm zugerufen: »Scheuermann, ich weiß, was euer
Gehen und Laufen bedeuten will, geht nur heim und schonet eure Beine, so
lange der Gerst lebt, kommt kein Justus wieder als Förster in's
Jägerhaus und auch kein Justus in's Pfarramt. Das sagt den Söhnen des
alten Försters und der Jungfer Dorothe richtet auch meinen schönen Gruß
aus, wenn es euch gefällt.« Da hatte der Corporal nicht Ansehen der
Person geachtet, sondern war dem Gerst mit Worten und Werken so zu Leibe
gegangen, daß der Corporal einige Tage bei halber Kost auf dem
Gefängnißthurm hatte sitzen müssen. Als er wieder frei war, erzählte er
es dem Konrad, und tiefe Trauer ergriff darob das Herz des Jünglings.
»Also meine Prüfungszeit soll noch nicht vorübergehen«, rief er, »nun
Herr, dein Wille geschehe! Euch aber, Scheuermann, bitte ich, behaltet
das böse Wort des Gerst für euch und theilt es dem Heinrich und der
Dorothe nicht mit; es ist genug, daß ich allein davon leide. So meint's
wohl der Apostel, wenn er sagt: Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie
träget der Schwachen Gebrechlichkeit.« —

Auch kam der Tag der Entscheidung bald. Kaum hatten Heinrich und Dorothe
sich einigermaßen von ihrer Krankheit erholt, so erschien ein fremder
Förster und wünschte Besitz von Amt und Haus zu nehmen. Die Brüder
suchten nicht das Unrecht eines Andern an dem Fremdling, als an einem
Broddieb, zu rächen, wie denn überhaupt ihr Herz keine Rache kannte.
Sie hießen den Fremden willkommen, ja Heinrich sprach sogar: »Es ist mir
lieb, Konrad, daß dein Bemühen zu meinen Gunsten nicht geglückt ist; es
gefällt mir nicht in der Heimath; ich gehe lieber wieder nach Holland,
wo ich einen guten Dienst gefunden habe, und auch einst, wenn es Gott
gefällt, meine Heimath finden will. Und meinst du es wohl mit dir, so
gehe auch von hier weg; es ist selten, daß man die Söhne um der Väter
willen lieb hat und hochhält. Undank ist der Welt Lohn. Aber eine Bitte
habe ich an dich, ehe wir scheiden, die mußt du mir erfüllen, um der
Liebe willen, die du zu mir hast. Laß' Dorothe mit uns theilen, als wäre
sie unsere Schwester. Sie hat Jahre lang den Aeltern gedient, und ist
von ihnen als eine Tochter gehalten worden, soll sie jetzt leer
ausgehen! Sie ist ein schwaches Mägdlein und steht einsam in der Welt,
und wer weiß, wie lange es noch dauert, bis sie in dein Haus eingehen
kann als dein Weib.« —

Da griff Konrad in seine Tasche und reichte dem Bruder ein Papier, und
dann bedeckte er mit den Händen sein Angesicht und weinte laut. Das
Papier war von des Försters Hand geschrieben, kurz vor seinem Ende, und
in demselben bat er die Söhne, um der Liebe willen, die sie zu ihm
gehabt, Dorothe als ihre Schwester zu betrachten und ihr Erbgut mit ihr
zu theilen. Und sie riefen die Schwester und zeigten ihr des Vaters
Testament und theilten mit ihr das Gut. — »Siehe, wie fein und lieblich
ist es, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche
Balsam ist, der vom Haupt Aaron's herabfließt — wie der Thau, der vom
Hermon herabfällt auf die Berge Zion.

Denn daselbst verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewiglich.« —

Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus gehörte nicht zu
denen seines Standes in damaliger Zeit, die ihr Gut mehrten mit fremdem
Gut und sich durch Geschenke und Gaben verblenden ließen, ein Aug' im
Dienst zuzudrücken. Nur ein guter Wohlstand war im Hause, nicht ein
trüglicher Reichthum, von dem man nicht gewußt hätte, wie er
hineingekommen wäre.

Das Gut war bald getheilt, denn der Förster Justus war ein guter
Haushalter und hielt streng auf Ordnung im Großen wie im Kleinen; so
waren denn seine Bücher und Rechnungen so klar und verständlich, daß
keine Advokaten und Proceßkrämer sie zu entwirren brauchten, um im
Trüben selbst nach Herzenslust zu fischen.

Wenn ich also theilen sehe unter Geschwistern, und der Hader und die
Mißgunst sitzt dabei zu Rathe, so mein' ich immer, das Gut, das sie
theilen, muß kein ehrlich Gut sein, weil es schon jetzt nicht mehr bei
den Erben bleiben will, sondern hinaus möchte unter die bösen Rathgeber.

Das Gut des Försters Justus war bald getheilt, denn die Liebe saß dabei
zu Gericht, nicht mit verbundenem Aug', wie die Göttin Gerechtigkeit,
sondern mit dem klaren, offnen Aug' der Treue.

Aber Scheiden und Meiden thut weh, am wehesten, wenn Vater und Mutter
todt sind, und die Kinder den trauten Ort der Kindheit, das Aelternhaus,
verlassen müssen, um Jedes für sich eine neue Heimath zu suchen. Und die
Heimath ist oft so leicht nicht gefunden. So ward auch denen dort im
Jägerhaus der Abschied gar schwer; denn nach drei verschiedenen
Richtungen wandten sich ihre Wege. Heinrich ging nach Holland, Dorothe
zu einer braven Familie im Nassauischen, wo man sie lieb hatte, und wo
sie nur dem Namen nach diente, der That nach aber wie das Kind vom Hause
war; und Konrad Justus, wohin ging der? Die Seinen wußten es während
mehrere Jahre nicht; er suchte eine Heimath und ein Stück Brod.

       *       *       *       *       *

So waren sieben Jahre hingegangen. Da saß an einem Novemberabend ein
Mann in mittleren Jahren an einem kleinen Tischchen, das just, weil es
kalt war, in die Nähe des Ofens gerückt war, und las und schrieb. Die
Stube war klein und niedrig; zwei Fenster mit alten runden Scheiben
erhellten sie nothdürftig am Tage, und an jenem Abend warf eine kleine
Oellampe ihren matten Schimmer auf das kleine Tischchen und auf das
blasse, aber geistreiche Angesicht des Mannes, der fleißig in seinen
Büchern las. Nicht fern vom Ofen stand ein Bette, und an der Seite, der
Thüre gegenüber, war ein langer Tisch mit Kreuzbeinen aufgestellt, vor
welchem und hinter welchem Bänke zum Sitzen standen, wie man sie in den
Schulen hat. Die obere Seite des Tisches stand etwas von der Wand ab,
und dorthin schien der Großvaterstuhl zu gehören, der jetzt dem Ofen
näher geschoben war, und in dem der Mann saß. In der Ecke, der Thüre
zunächst, stand, an die Wand gelehnt, eine Harfe mit etlichen
Notenblättern zwischen den Saiten, und an der langen Wand hin ging ein
sogenannter Kambank, auf welchem eine schöne Reihe Bücher stand. Das
Häuschen, in dem der Gelehrte wohnte, stand in der Stadt Gießen im
Lande Hessen und stieß mit seiner Vorderseite in ein enges Gäßchen, der
Tiefeweg genannt, während die hintere Seite, von der wir hier reden, die
Aussicht in ein dumpfes Gärtchen hatte, hinter welchem sich der Wall
erhob; denn Gießen war damals noch eine Festung. Es war eine
Todtenstille in dem Stübchen des Mannes, nur unterbrochen durch das
leise Umschlagen eines Blattes, oder durch das dumpfe Knarren der Feder
in der Hand des Schreibenden. Da klopfte, es mochte wohl acht Uhr am
Abend sein, eine Hand leise an die Thüre des Stübchens, und auf ein
lautes Herein! des Mannes, öffnete sich die Thüre, und ein altes
Mütterchen, angekleidet wie die unbemittelten Bürgerinnen der damaligen
Zeit, mit einem weiten Mutzen von Bieber, dessen Schöße wie Klappen über
den Rock von gleichem Tuch herabfielen, und ein gesteiftes Häubchen auf
dem Kopf trat zur Thüre herein, machte einen anständigen Knicks, und
sagte mit einer klaren Stimme, indem es die hellen und lebhaften Augen
auf den Dasitzenden richtete: »Ist es erlangt, Herr Justus, so kehr' ich
heute Abend ein wenig bei euch ein. Es ist mir drunten in meinem
Stübchen etwas unheimlich geworden, weil die Nachbarin, die Annelore,
mir heute nicht Gesellschaft leisten konnte. Mein Wollrad soll euch
nicht incommodiren, ich hab's just frisch geschmiert, und euch dazu hier
etwas mitgebracht, wofür ich wohl auch ein freundlich Gesicht bekomme,
Aepfel, wie sie nur auf dem Nahrungsberg wachsen können, einen Ranau,
einen wahren Prinzenapfel, und hier noch Borstorfer dabei, die einem mit
ihren rothen Bäcklein anlachen.« Und die Alte stellte den irdenen Teller
mit den Aepfeln auf das Arbeitstischchen.

»Eure Aepfel sind willkommen und ihr dabei, Mutter Lindin«, sagte der
Candidat Justus, denn dieser war der Mann in dem Stübchen. »Fürchtet
auch nicht, daß euer Wollrad mich störe; ich mache gerne Feierabend, und
plaudere mit euch ein Stündchen und drüber. Und so macht's euch denn
bequem und setzt euch, oder nehmt hier meinen Lehnstuhl, den ihr euch
ohnedieß schon in euren alten Tagen entzogen habt; von Rechtswegen
solltet ihr ihn behalten.« »Behüte, Herr Justus«, sprach abwehrend die
Alte, »Ehre, dem die Ehre gebührt; ihr sitzt leider Gottes mehr wie ich
und braucht ein Polster, euch am Abend für euer sauer Tagewerk
auszuruhen. Mein Alter hatte oft ein Sprüchwort im Munde, das hieß:
»Lehrerbrod, sauer Brod«, und geb' ihm Recht, seit ich euch um euer
täglich Brod also schanzen sehe. Wenn mir's nachginge, ich hätte längst
was Anders aus euch gemacht.«

Der Justus rütschte verlegen auf seinem Stuhle hin und her, und um dem
Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte er: »Sagt, Frau Lindin,
wie geht es denn der Kranken, zu der ihr heute Morgen gerufen wurdet,
ist sie besser, oder hat sie der liebe Gott zu sich genommen?«

»Die Schuckin meint ihr, Herr Justus, des Daniel Schucks am Burggraben
Ehefrau? Die ist sanft und selig im Herrn entschlafen. Sie war ziemlich
von meinem Alter, und hat wie ich Manches in der Kreuzschule gelernt,
und wir haben uns oft einander getröstet und uns versprochen im letzten
Stündlein uns beizustehen. Das hab' ich denn nach des Herrn Rath thun
müssen, und hab's gethan ohne Heulen und Greinen. »Was hilft's, Frau
Schuckin«, sagt' ich zu ihr, »wenn ich euer Herz durch Klagen schwer
mache, laßt uns vielmehr mitsammen uns freuen, daß ihr bald ausgespannt
werdet und zum Herrn kommt!« »Und wie ich ihr dann das Kopfkissen
zurecht gelegt, und zu beten anhub: »Christi Blut und Gerechtigkeit, das
ist mein Schmuck und Ehrenkleid«, da sprach sie mit einer Stimme, die
aus dem tiefsten Herzen kam: »Darin will ich vor Gott bestehen, wenn ich
zum Himmel werd' eingehen.« Und dann ist sie entschlafen, und hat mir
droben Quartier gemacht, und wie sie gestorben ist, so will ich auch
sterben;

    »Ich glaub' an Jesum, welcher spricht:
    Wer gläubt, der kommt nicht in's Gericht.
    Gott Lob, daß ich es glauben kann!
    Auch meine Schuld ist abgethan.«

»Doch, daß ich von etwas Anderm rede, noch eine Neuigkeit für euch, Herr
Justus, die euch gewiß erfreuen wird. Wie ich heute zum Thore am
Neuenweg hinaus will, um in meinen Garten zu gehen, so wandelt just ein
Soldat in der Sonne auf und ab, den ich bis dahin nicht gesehen hatte,
wie denn überhaupt die Compagnie, die dort lag, eine fremde zu sein
schien. Ich biete dem Soldaten die Zeit und der Soldat dankt freundlich,
und fragt: »Wohin so eilfertig, Mütterchen?« »Mit der Eilfertigkeit
pressirt es just nicht, sagt' ich, Unsereins lehrt das Alter gemach
thun; will noch etwas in meinem Garten am Nahrungsberg holen«, sagt'
ich. »Ist doch jetzt keine Zeit mehr zum Gartenbesuch«, sagt' er. »Ja
wohl«, sagt ich, »sind aber noch etliche Kohlstengel draußen geblieben,
die hätt' ich gerne heim. Eure Compagnie scheint noch nicht lange in der
Stadt zu sein, und habt ihr etwa noch Niemand, der euch wascht und
flickt, so wisset, daß ich dergleichen um ein Geringes gern thue. Ich
wohne auf dem Tiefenweg neben dem Wall, fragt nur nach der Barbara
Lindin, jed' Kind kann euch zu mir weisen; und sollt' ich ja nicht zu
Haus sein, so gebt nur meinem Hausmann das schwarze Zeug, der Herr
Justus wird es sorgsam aufbewahren.« »Der Herr Justus«, sagt' er, »was
ist's mit dem, heißt euer Miethsmann Konrad Justus, und ist er seines
Berufs ein Theologe?« »Ja«, sagt' ich, »der wohnt bei mir; und woher
kennt ihr ihn?« »Ich bin der Corporal Scheuermann«, sagt' er, »und habe
den Herrn Justus eher gekannt, als ihr.« »Ja«, sagt' ich, »wenn ihr der
seid, so kenne ich euch auch, denn der Herr Justus hat von euch auch
schon erzählt, und euch ein gut Zeugniß gegeben.« »Hat er das gethan?«
sagt' er, und dem Mann flossen ja, so wahr ich lebe, die Thränen über
die Backen herunter. »Und was ist Herr Justus hier«, fragt er, »und geht
es ihm wohl?« »Es geht ihm wohl«, gab ich zur Antwort, »könnt' ihm aber
auch besser gehen;« und so redeten wir ein Langes und Breites von euch
und wurden gute Freunde mit einander. Und wie ich ging, so trug mir der
Corporal einen freundlichen Gruß an euch auf und er wolle euch bald
besuchen.«

»Der gute Scheuermann von der Marksburg«, sprach gedankenvoll der
Justus; »also denkt er mein noch. Habt Dank Frau Lindin für die
Nachricht, sie hat mir wohl gethan. Man hört selten von seinen alten
Freunden; hat Jeder seine Last mit sich und seine Lust für sich, das ist
so der Welt Lauf.«

»Ihr könntet wohl auch eure Lust für euch haben, Herr Justus«, hub die
Alte mit leisem Tone an, indem ihre scharfen Augen den Eindruck zu
beobachten schienen, den ihre Rede auf den Zuhörer mache, »ihr könntet
auch eure Lust für euch haben, sag' ich, wenn ihr euch nur darnach
stelltet. Nehmt es nicht für ungut, wenn ich alte Frau mir einmal ein
Herz fasse und von der Leber weg zu euch rede; seit ich mit dem Corporal
Scheuermann über euch gesprochen, mein' ich ordentlich mehr Muth
gesammelt zu haben. Also laßt mich frisch heraus reden. Ihr seid eures
Standes ein Gottesgelehrter, und das ein rechtschaffener und kapitaler,
und wenn's mir nachginge, ich machte euch heute noch zum
Superintendenten, oder mindestens zum Inspector. Statt dessen wohnt ihr
nun schon sieben Jahre in meinem Hause, arbeitet wie Einer, der erst
anfängt, helft den lockern Studenten, die ihrer Aeltern Geld und Gut
verpraßt haben, durch's Examen, stutzt den Faulenzern den Doctorhut
zurecht, tretet den Herrn Professoren all' ihren lateinischen Quark aus;
und so lange sie euch brauchen, heißt's Herr Justus hier, Herr Justus
dort; und wenn sie haben, was sie wollen, was geben sie euch? Einen
Lohn, dessen sich diese sauberen Herrn schämen sollten. Heißt's doch:
»Dem Ochsen, der da drischt, sollst du das Maul nicht verbinden«, »und
ein Arbeiter ist seines Lohnes werth;« aber euer Lohn ist für's Sterben
zu viel und für's Leben zu wenig, und Keiner ist so ehrlich, eurer zu
gedenken und euch zu einem Stück Brod zu verhelfen. Sind Alle sammt und
sonders wie der Mundschenk, der des Joseph vergaß. O Schande über dieß
Pack!«

»Und wenn ich gar an die Rangen denke, denen ihr Tag für Tag hier am
Tische das Latein einbläut, Herr, dann vergeht mir ganz mein bischen
Geduld. Von eurem Latein versteh ich nichts; aber von der Unterweisung
zur Seligkeit, die ihr ihnen gebt, glaub' ich ein gutes Theil wohl
begreifen zu können, und doch sitzen die Rangen da, so dumpf und stumpf,
so verhagelt und vernagelt, daß ich an eurer Stelle längst den Bakel
gebraucht und ihnen Moses und die Propheten durch den Rücken
eingetrieben hatte. Und wenn sie dann zur Treppe herunterkommen, dann
solltet ihr einmal die Gesichter und Gestus sehen, die sie machen, man
sollte meinen, es hätte Jeder droben sein Prämium verdient. Einer stellt
dem Andern ein Bein, schlägt ihm die Bücher unter'm Arm weg, oder klemmt
ihm gar den Zopf in die Hausthüre. Aber, mein' ich dann, ich hab's ihnen
vertrieben; thut euch der Herr Justus nichts in seiner Engelsgeduld,
dacht' ich, so will ich euch Mores lehren. Ich nahm den Ziemer, der noch
von alter Zeit her hinter dem Ofen hängt, in meine Fäuste, und sagte
kein Wort, und stellte mich nur unten an der Treppe auf, und sah Einem
nach dem Andern in die Augen; mein' ich dann, das Toben verging ihnen!
Das ging so zwei Tage; am dritten, als sie herunterkamen, boten sie mir
schon freundlich die Zeit: »Schön Dank, ihr jungen Herren«, sagt' ich,
und hing meinen Ziemer wieder hinter den Ofen. Doch damit ich meine Rede
nicht vergesse, das erzähl' ich Alles nur darum, damit ich euch
begreiflich mache, daß Undank der Welt Lohn sei. Die Buben sind lauter
Söhne von unsern schönsten Leuten hier aus der Stadt: Rathssöhne,
Professorssöhne, Officierssöhne; wo fällt es nur Einem dieser vornehmen
Herrn einmal ein, für den Herrn Justus ein gutes Wort einzulegen!
Bewahre! Als frischmelkende Kuh betrachten sie ihn, daß sie diesen
Büffeln von Buben die Milch gebe. Ich für mein Theil ließe es bleiben.
Haben sie euch ausgemolken, und seid ihr alt und steif, so giebt euch
Keiner das Gnadenbrod. Das war's, was ich sagen wollte; nichts für
ungut, Herr Justus!«

Der Kandidat Justus hatte die Rede seiner Hauswirthin mit der größten
Ruhe angehört, und als sie fertig war, und sich mit der Schürze den
Schweiß von der Stirne gewischt, auch den verlorenen Faden auf ihrem
Wollrad wieder gesucht hatte; da sah er sie an mit einem Blick, von dem
es schwer zu sagen war, ob er ein billigender, oder ein vorwurfsvoller
sein sollte. Er putzte das Licht und dann sagte er gelassen: »Ich habe
euch euer Herz einmal ausschütten lassen, Frau Lindin, wozu ihr, seitdem
wir zusammen leben, schon manchen Ansatz gemacht habt; und damit ihr
seht, daß ich euer Wohlmeinen verstehe, ob es gleich etwas derb an Mann
gebracht worden ist, so laßt mich euch sagen, was ich von mir und meinen
Ansichten halte. Für's Erste, so weiß ich, daß unser Keiner ihm selber
stirbt und unser Keiner ihm selber lebt: daß unser Herrgott uns an
seinen getreuen Händen leitet und führet, und daß Alles von ihm kommt:
Glück und Unglück, Leben und Tod, Armuth und Reichthum. Da ich solches
weiß, was soll ich meinem Gott den Gehorsam aufkündigen und ihm sagen:
»Deine Wege gefallen mir nicht, führ' mich besser!« Nein, da will ich
lieber in seiner Schule bleiben und mit David sagen: »Du leitest mich
nach deinem Rath und nimmst mich endlich mit Ehren an.« Zum Andern, so
hat es mir bis dato nicht sonderlich gemangelt, und ich muß auch, wenn
der Herr mich fragte: »Hast du je Mangel gehabt?« wie seine Jünger
sagen: »Herr, nie keinen.« Wenn ich einem meiner Mitmenschen kann einen
Dienst thun, zu dem ich Geschick und Zeit habe, und ist keine unehrliche
Handthierung, warum soll ich so ängstlich um den Lohn feilschen? Und
sind sie einig mit mir geworden um ein Geringes, was soll ich hinten
drein scheel sehen und sagen: »Hätte auch mehr geben können.« So meint's
meine Dorothe auch, und wenn ich heute zu ihr käme, und sagte: »So hab'
ich's bis dahin gemacht; macht' ich's anders, so konnt' ich dich
vielleicht früher freien,« sie würde mir sicher zur Antwort geben:
»Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird es zuletzt
wohlgehen.« Auch hab' ich in den sieben Jahren, die mich mein Gott hat
abermals warten lassen, so viel Neues gelernt, daß ich nun um so besser
bereitet bin, wenn er kommt und spricht wie zu Petro, auch zu mir:
»Justus, hast du mich lieb?« »So weide meine Lämmer.« Zum Dritten, und
das ist's wohl, was sie am Liebsten hören möchte, weil sie mich
nachgerade für ein Schaf hält, das nicht aus seinem Stall möchte, so
hab' ich manchen Schritt gethan bis dahin, zu Amt und Brod zu kommen.
Denn ich habe gesehen, wie alle meine Kameraden sind vor mir in's Amt
gekommen, und waren nicht lauter berufene Diener, und ist auch Mancher
wie ein Dieb in den Schafstall hineingestiegen. Ich hab' auch angeklopft
an dieser und jener Thüre; ich hab' den Rücken gebeugt und den Hut in
der Hand gehabt; ich hab' gebeten und bin Bittens nicht müde geworden;
aber es gebt mir eben wie dem Kranken am Teich Bethesda, ich habe
Keinen, der mich hineinträgt, wenn das Wasser bewegt wird. Daraus merk'
ich, daß meines Herrn Zeit noch nicht da ist. Laß' sie denn, Frau
Lindin, laß' sie den für mich sorgen, der die Vögel nährt und die Lilien
kleidet.«

Und wie die alte Lindin sich die Augen mit der Schürze abgetrocknet, und
solche Rede eine gute Rede geheißen, und sich verabschiedet, und den
frommen Miethsmann in ihren Abendsegen eingeschlossen hatte; da hörte
sie aus dem Oberstübchen herab den sanften Ton der Harfe und hinein
klang voll und kräftig das Lied: »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!«

Wieder war es Abend, und der Candidat Justus saß wie gestern in seinem
Lehnstuhl und las und schrieb; da kam die Hauswirthin keuchend zur Thüre
hereingerannt, und rief: »Um Gottes Willen, Herr Justus, es sind
Soldaten drunten mit Einem von der Polizei, die fragen nach euch und
wollen euch arretiren!« Und wie die Alte das kaum gesagt, und die Augen
mit der Schürze bedeckt hatte, da traten die Soldaten mit ihren Gewehren
in der Hand in die Stube hinein, und der Mann von der Polizei sprach:
»Seid ihr der Candidat Justus?« »Ja!« sagte ruhig der Angeredete.
»Dann«, war die Antwort, »lautet mein Auftrag, euch zu verhaften und auf
die Hauptwache abzuliefern; auch eure Schreibereien soll ich mit mir
nehmen.« — Und wie er das gesagt, so raffte er alles Geschriebene, das
auf Tisch und Kambank lag, auf; durchsuchte auch die Kiste in der Ecke,
und nahm daraus mit, was geschrieben war.

Das geschah Alles so plötzlich, so schnell und unerwartet, daß die alte
Lindin selbst, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war,
wie versteinert in einer Ecke stand und Einen nach dem Andern anstarrte.
Nur einmal brach Justus das Schweigen und fragte: »Was gibt man mir denn
Schuld?« »Wird der Herr selbsten am Besten wissen«, lautet die Antwort.
»Und auf wessen Befehl werde ich verhaftet?« fragte er noch einmal. »Auf
Befehl des Herrn Rath Laupus«, antwortete der Polizeibeamte.

Wie er ging und stand wurde dann der Candidat Justus abgeführt, und die
Thüre ward hinter ihm versiegelt. Und wie sie hinaus traten, war schon
allerlei neugierig Volk um das Haus versammelt; das theilte sich so
laut, daß es der arme Gefangene hören konnte, seine Bemerkungen über
den Vorfall mit, und je weiter man ging, desto mehr schlossen sich dem
Zuge an. Es war Martinsabend, und wer daheim keine Gans zu verzehren
hatte, der wollte doch wenigstens bei einem vollen Glas einen guten Rath
halten über den Preußenkönig und die Kaiserlichen.

So langte der Zug auf der Hauptwache an, und Justus wurde in das
Arrestzimmer im oberen Stock geführt, und die Thüre schnell hinter ihm
verschlossen.

Da stand er denn, der Vielgeprüfte, stand in der Dunkelheit völlig
allein, nur Einer war bei ihm, sein treuer Gott, und vor dem prüfte er
sein Gewissen, und zu dem betete er aus Herzensgrund um Trost und
Stärke. »Herr, mein Gott«, so betete er, »du treuer Wächter, der du
nicht schläfst, noch schlummerst, der du die Armen hörest und die
Gefangenen nicht verachtest, laß vor dich kommen mein Seufzen und hilf
mir aus meiner Noth. Herr, ich wandre im finsteren Thal und doch fürchte
ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten
mich!« Und wie er das Gebet gesprochen und nach dem Fenster sich
hingetastet, von wo ein Lichtstrahl von der Laterne vor dem Wachthause
in die Stube fiel, so wurde es laut vor der Thüre. Man zündete Feuer im
Ofen an, und das Knistern der Funken tröstete ihn. Nicht lange, so ging
die Thüre auf, ein Soldat trat mit einem Lichte herein, stellte es auf
die Pritsche und fiel unter Weinen dem Gefangenen um den Hals. »Ich
bin's, Herr Justus, erschrecket nicht, ich bin's, der Corporal
Scheuermann ist es«, rief er schluchzend; »muß ich euch so wiedersehen,
meines alten Freundes vom Jägerhaus Sohn, als Gefangenen wiedersehen,
und bestimmt sein, euch zu arretiren und euch zu bewachen? Gelt, ihr
habt nicht gewußt, wer euch gefangen nahm dort in eurer Wohnung. Ich
schlug das Auge vor euch nieder, als sei ich der Arrestant. Aber um
Christi willen, was habt ihr denn gethan, daß ihr bei Nacht und Nebel
einem Diebe gleich müßt ausgehoben werden?« »Ich weiß nicht, wessen man
mich anklagt«, sprach mit fester Stimme der Gefangene. »Wir fehlen Alle
mannigfach, aber die Sünden des Herzens richtet ja die Obrigkeit nicht,
und einer Sünde, die meinen Nächsten gekränkt hätte, weiß ich mich nicht
zu erinnern. Ich habe sieben Jahre lang hier in der Stadt mir mein Brod
verdient, und ich glaube ehrlich und sauer genug; meine Unschuld wird
bald an's Tageslicht kommen.« »Nun, wie es auch sei«, sprach der
Corporal mit einem herzlichen Händedruck, »so bleib' ich euer Freund;
der alte Scheuermann vergißt seiner Freunde nicht. So lang ihr hier
sitzet, tausche ich mit meinen Kameraden, daß ich die Wache bei euch
behalte. Da nehmt einstweilen meinen Mantel und stellt euch an den Ofen;
es friert euch.«

Damit ging er, und kam bald mit einem Pausch Stroh wieder, den er auf
die Pritsche warf. »Ein besseres Bett darf ich euch heute nicht machen«,
sagte er; »der Dienst erlaubt's nicht; aber mein Gast dürft ihr sein;
hier in dem Körbchen ist mein Abendbrod, das theilt mit mir.« So that
Justus.

Nur auf kurze Zeit verließ ihn manchmal der Corporal, um seines Dienstes
zu warten; und als um neun Uhr das Licht in der Arreststube gelöscht
werden mußte, saßen die Beiden, der Gefangene und sein Wächter, noch
manche Stunde bei einander und redeten von der Vergangenheit: von Vater
und Mutter, von Heinrich und Dorothe, vom Jägerhaus und der Marksburg,
vor Allem aber vom Rath Gottes in der Menschen Schicksal, und daß man
ihm stille halten und nicht verzagen müsse.

Einst, wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann
wird er sagen zu denen zu seiner Rechten: »Ich bin gefangen gewesen und
ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr gethan habt
Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir gethan.«

So gingen drei Tage hin; ein Verhör ward nicht gehalten, auch ward dem
Gefangenen nicht gesagt, warum man ihn festgenommen. Er sah Niemand bei
sich, als den Corporal; denn auch seine Hausfrau, die ihm regelmäßig das
Essen brachte, durfte nicht zu ihm; so lautete der Befehl.

Am Abend des vierten Tages ließ sich bei dem Rath Laupus eine Frau aus
der Stadt melden, die in einen Schanzenloper gewickelt, und mit einer
Laterne in der Hand, auf der Hausflur stand. Der Herr Rath hatte
dringende Arbeit und nahm die Frau ungern an; doch willigte er endlich
in ihr Begehren, und die Frau Lindin vom Tiefenweg stellte ihre Laterne
an die Thüre und trat ein. »Der Herr Rath wollen gnädigst
entschuldigen«, sprach sie, »daß ich dieselben noch am Abend zu
incommodiren mir erlaube; aber mein Miethsmann, der Candidat Justus,
sitzt nun schon seit vier Tagen ohne Verhör und Urtheil auf der
Hauptwache, und ich möchte wissen, wen ich denn eigentlich bis dahin in
meinem Hause beherbergt habe ganzer sieben Jahre, einen kreuzbraven,
lammfrommen Menschen, oder einen Spitzbuben, den man bei Nacht und Nebel
mit Soldaten aus dem Hause holt?«

Der Herr Rath sah die Sprecherin von oben bis unten an, und meinte mit
kurzen Worten, das gehe die Frau Lindin nichts an, sie solle der Sache
ihren Gang lassen. »Die Sache gehe mich nichts an, Herr Rath«, rief die
Frau; »ei, wen soll sie denn sonst angehen? Hätte der Herr Justus noch
Aeltern und Geschwister, die sich seiner annehmen könnten, dann gelte
mir auch: 'Was deines Amtes nicht ist, davon laß' deinen Fürwitz;' so er
aber Niemanden hat, denn mich, und allein steht in der Welt, und seinen
Feinden nicht zum Spott werden soll, so lange ich lebe, und ich ihn lieb
habe wie ein Kind, und nicht von ihm lassen werde, und wenn man ihn
gleich zu Boden werfen will; so möge der Herr Rath einer armen, alten
Frau die freie Rede zu gute halten, und mir reinen Wein einschenken,
warum der Herr Justus wie ein Verbrecher in Ketten und Banden gehalten
sei.« »Nun, nun«, sagte begütigend der Herr Rath, »bis zu Ketten und
Banden sind wir noch lange nicht; was aber dem Justus schuld gegeben
wird, und wobei ein dringender Verdacht auf ihm ruht, das ist, daß er
bei der Fälschung einer Urkunde soll mitgeholfen haben, ja vielleicht
die Fälschung selbsten gethan hat.«

»Fälschung einer Urkunde?« sagte die Frau und ging einen Schritt zurück,
um eben so schnell wieder vor den Herrn Rath hinzutreten; »Fälschung
einer Urkunde?« fragte sie noch einmal. »Wie, Herr Rath, nicht wahr, die
Roßkaut' an der Lahnbrücke ist tief, und hat noch Niemand Grund in ihr
gefunden, und stirbt jeder Christenmensch gerne eines seligen Todes auf
seinem Bette; aber seht, Herr Rath, ich Barbara Lindin, des seligen
Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche Hausfrau, will mit gleichen Füßen
von der Lahnbrücke herab in die Roßkaut' springen, meintwegen an jedem
Bein noch einen Stein wie die Löwen auf dem Marktbrunnen, wenn der Herr
Justus ein Fälscher ist. Der Herr Justus ein Fälscher; ei, Herr Rath,
fließt auch aus einer Quelle süßes und salziges Wasser zugleich, und
tragen die Weinstöcke auch Distelköpfe? Und wer sieben Jahre lang kein
Kind geärgert, und im Schweiße seines Angesichtes sein Brod gegessen
hat, und mit dem Abendsegen in's Bett gegangen und mit gottseligen
Gedanken aufgestanden ist, der soll der Diebe und Lotterbuben Geselle
werden? Sucht die Spitzbuben unter den Müßiggängern und Tagdieben, unter
den Säufern und Spielern, aber sucht sie nicht in meinem Hause; solche
Unzucht dulde ich nicht, die thut auch der Herr Justus nun und
nimmermehr. Der und betrügen, der und fälschen! Wo hätte er denn den
Sündenlohn! Was er einnimmt, das gibt er mir für Hausmiethe, Wasche und
Kost und hat nicht immer die Kasse voll, sondern viel öfter leer. Traut
ihr ihm aber mit Gewalt etwas Arges zu, so seht in seine Schreibereien
hinein; da steht Alles, was er treibt und thut, ich glaube schier, sogar
was er denkt. Nicht daß ich's schon gesehen hätte, denn ich kann
Geschriebenes nicht sonderlich lesen; auch schickte sich das Spioniren
in fremder Leute Stuben nicht; sondern der Herr Justus hat mir selber
gesagt, daß er aufschreibe, was ihm geschieht im Leben, damit er immer
sehen könne, wie gut ihn der liebe Gott geführt und ob er zu- oder
abgenommen.«

Ein Anderer an des Herrn Raths Stelle hätte der Frau ob ihrer freien
Rede kein freundlich Gesicht gemacht, hätte sie wohl mit harten Worten
angelassen. Aber das that der Herr Rath nicht, denn einmal war er ein
gar feiner, liebreicher Mann, und mäßigte als ein Vernünftiger seine
Rede, und dann kannte er die Weise der Frau Lindin gar genau, wie sie
die ganze Stadt kannte; er wußte, daß ihre Rede zwar nicht immer wie
Honig war, daß ihr Herz aber ein warmes, treues Christenherz sei, voll
Liebe zu Gott und voll Treue gegen die Menschen.

Wohl kannten dich noch Mehrere so, du gute, alte Lindin. Noch leben
Etliche, denen ihre Aeltern von der treuherzigen, oft etwas derben Weise
der alten Lindin erzählt haben, und wie sie als uraltes Mütterchen, auf
ihren Stock gestützt, die Kranken und Sterbenden besucht, und mit dem
Verdienst Jesu Christi getröstet und aufgerichtet habe. Dabei immer noch
der Wille so fest, der Abscheu gegen die Alltagssünde so scharf und
scheltend, das Auge so klar und feurig, die Rede so tief und feierlich,
und das Herz in der Brust so warm. So mein' ich, müßte Hanna gewesen
sein, die auf den Trost Israel's wartete, und mit Simeon den Herrn
preisete, daß ihre Augen den Heiland gesehen hatten.

Als sie der Herr Rath Laupus nun mit freundlichen Worten ermahnet, sich
zu geduldigen, weil die Sache bald sich endigen würde und sie entlassen
hatte, da ging er nachdenkend in der Stube auf und ab. Und während die
alte Lindin die Hauptwache aufsuchte, um sich nach dem Befinden ihres
Schützlings zu erkundigen, und ihm durch den Corporal Scheuermann ein
freundlich Trosteswort sagen zu lassen, da nahm der Herr Rath die
Papiere vor sich, die aus der Wohnung des Justus waren mitgenommen
worden, und begann darin zu lesen. Was ihm zuerst in's Auge fiel, das
waren Arbeiten, in verschiedenen fremden Sprachen geschrieben, die er
für Studenten und Doctoren gemacht, die gerne durch's Examen hatten
kommen wollen, ohne sich selbst eine sonderliche Mühe zu machen; und war
manche Arbeit dabei, die bereits dem, der sich nicht gescheut, mit
fremdem Kalbe zu pflügen, einen Doctorhut, dem armen Justus aber nur
wenige Gulden eingebracht hatte. Da lagen weiter Abarbeitungen, so groß
wie Bücher und so sauber gearbeitet, daß man sie gleich hätte dem
Drucker übergeben können; und was drinnen stand, das verrieth, wie treu
der Kandidat Justus den Rath des alten Köhlers im Walde bei Blankenau
befolgt habe; denn die Schriften handelten von der Sternwissenschaft und
waren mit feinen Zeichnungen versehen, also daß man jeglichen Stern, der
Nachts am Himmel steht, auf dem Papiere verzeichnet fand. Dabei lagen
fromme Betrachtungen über einzelne Texte aus heiliger Schrift, Gebetlein
voll Saft und Kraft, und Lieder, wie sie der singt, deß' Herz dem
Heiland anhängt, und dem Gott die Zunge des Geistes gelöst hat, daß er
in frommen Weisen seine Thaten preisen kann. Was aber besonders den
Herrn Rath viele Stunden auf seinem Stuhle festhielt, und nicht müde
werden ließ, das war des Justus Tagebuch. Was ihm geschehen war von
frühester Jugend auf; wie er die Aeltern geliebt, wie er Gott und den
Heiland in seiner treuen Führung erkannt, wie er Dorothe, das Weib
seiner Jugend gefunden, und was er seitdem gelitten, aber ohne zu sagen
durch wen; das stand Alles in dem Buch, so treu und fromm erzählt, ohne
Hoffarth und Eitelkeit, daß dem Herrn Rath bei'm Lesen mehr wie einmal
die Augen übergingen und er ausrief: »Ach Gott, warum hast du mir keinen
solchen Sohn gegeben!« Denn sein Vaterherz war gedemüthigt; er hatte
einen Sohn gehabt, und der war wie der verlorene Sohn im Evangelio
weggegangen und noch nicht zurückgekehrt. Besonders aber zog eine
Bemerkung im Tagebuch, fast am Ende desselben, seine Aufmerksamkeit auf
sich. Die lautete also:

Den 12. Octobris. »Gestern zu Abend ist ein Männlein zu mir
hereingekommen, das sich für einen Advokatenschreiber ausgegeben, und
hat ein Documentum bei sich gehabt, auf Pergament geschrieben und mit
Siegeln von Wachs versehen, die daran gehangen, begehrend, ich solle ihm
das Schreiben lesen, sintemal er des Lateins nicht sonderlich erfahren.
Wie ich sein Begehren erfüllt, und ihm die Urkunden verdeutscht, da hat
er eine Abschrift begehrt, die ich ebenfalls in seiner Gegenwart
gefertigt, und von ihm ein Ansehnliches pro labore empfangen. Darauf ist
er weggegangen, aber am andern Abend um dieselbe Stunde wiedergekommen;
hat gar freundlich gethan bei'm Eintreten, und mich gefragt, ob ich ein
schön Stück Geld verdienen wolle? Wie ich gesagt, daß ich ein ehrlich
verdientes Geld nicht von mir weise, so hat er sich an meine Seite
gesetzt, das Documentum vor mir ausgebreitet und gesagt: »Schreibt mir
hier auf die Stelle, die ich bereits gesäubert und geglättet habe, dieß
Wort hinein, das hier auf dem Zettel steht.« Wie ich aber auf den Zettel
sehe, und das Wort in den Zusammenhang hineinpasse, da ist ein ganz
anderer Sinn herausgekommen, und wollte mich also dieser Verführer
verleiten, daß ich sollt' zu einer gräulichen Fälschung meine Hand
hergeben. Da habe ich mit dem Herrn ausgerufen: »Hebe dich weg, Satan,
weißt du nicht, daß geschrieben stehet: Du sollst Gott, deinen Herrn,
nicht versuchen« (Luc. 4, 12). Und zu dem Versucher sagt' ich: »Geht
hinaus von mir, Mann, ehe ich euren Namen weiß, sonst möchte ich leicht
an euch thun, was ich schier nicht lassen kann.« Da wich das Männlein
von mir, eiferte und drohete aber gewaltig, wie der Satan allezeit
thuet, wenn man ihm Gottes Wort unter Augen hält« (Jakobus 4, 7).

»Das ist also das Ende vom Lied«, rief in hoher Entrüstung der Herr Rath
aus; »ein Schuldiger giebt einen Unschuldigen an, um sich zu reinigen.
Doch warte Fuchs, du hast dich selbst gefangen; einem Andern hast du
eine Grube gegraben und bist selbst hineingefallen. Und dieser Andere,
welch' ein treues Herz, und das Herz hat leiden müssen, um eines
Lotterbuben willen! Auf denn, und wieder gut gemacht, was geschehen ist,
so lange es heute heißt!«

Das sagend eilte der Herr Rath sogleich auf die Hauptwache. Es war Abend
und war schon zehn Uhr vorüber. Die Wache rief ihn mit vorgehaltenem
Gewehre an, und erst als er sich hatte zu erkennen gegeben, ward er
eingelassen. Herzklopfend öffnete ihm der Corporal Scheuermann die Stube
des Gefangenen; aber wie staunte er, als der Herr Rath auf den Justus
zuging, ihm, der sich verwirrt und geblendet von dem plötzlichen
Lichtstrahl von seinem harten Lager aufrichtete, freundlich die Hand
reichte, und in gar lieblichem Tone sprach: »Vergebt, Herr Justus, daß
ich euch um des Amtes willen, das ich habe, wehe thun mußte; es ist euch
Unrecht geschehen. Ein böser Bube hat euch verderben wollen, um sich
selbst zu retten. Gott hat eure Unschuld an den Tag gebracht, und ich
bin selber hierhergekommen, um euch eure Entlassung zu verkünden. Geht
denn heim, mein lieber Justus, und ruht euch wieder einmal auf eurem
Bette aus, und wie ihr bisher gethan, so haltet fest an Gott, und
wisset: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden.« Und
wie dann der Justus mit thränenden Augen dem Herrn Rath die Hand
gedrückt und seinen Freund in der Noth brüderlich umarmt hatte, da ging
er heim, ohne zu ahnen, wem er nächst Gott seine Erlösung zu verdanken
habe. Denn wie eine Mutter ihr wiedergefundenes Kind, empfing ihn die
alte Lindin, aber über ihre Zunge kam kein Wort von dem, was sie für ihn
gethan. Das meint wohl der Apostel, wenn er sagt: »Die Liebe blähet sich
nicht.«

Am andern Morgen mußte Justus noch einmal im Verhör erscheinen, und hier
kam seine Unschuld völlig an den Tag. Der Verläumder gab nach manchen
Wendungen und Winkelzügen der Wahrheit die Ehre, und ward mit der
verdienten Strafe belegt. Nach dem Verhöre behielt der Herr Rath den
Justus bei sich, und redete mit ihm von seinem Leben und seinen
Aussichten. »Ich habe euch lieb gewonnen, Herr Justus«, sagte er zu ihm,
»denn ihr habt das Joch eurer Jugend wie ein guter Streiter Christi
getragen, und ich möchte gerne etwas für euch thun, damit euer späteres
Leben ein froheres würde. Sagt mir darum, womit kann ich euch dienen?«

»Es gab eine Zeit in meinem Leben«, antwortete Justus, »wo ich nicht
anders meinte, als Gott habe mich berufen, von der Kanzel herab seinen
Namen zu verkündigen. Da ich aber 40 Jahre alt geworden bin, ohne daß er
mich in seinen Weinberg gerufen hat, so will er wohl haben, ich soll
mich mit einem kleineren Aemtlein und knapperen Stück Brod begnügen. Und
darum hab' ich denn bisher den Herrn angefleht, und wollt ihr an mir
thun, wie der Herr Christus an dem Kranken am Teich Bethesda that und
mir hineinhelfen, so thut es, Herr Rath, und seid versichert, ich will
mit Gottes Hülfe meines Amtes warten und eurer Empfehlung Ehre machen.«
Da wischte sich der Herr Rath die Augen und sagte: »Ich bin heute schon
für euch ausgewesen bei meinen guten Freunden; aber man kennt euch in
diesem Landestheile nicht, und trägt darum Bedenken, euch ein Pfarramt
zu übergeben, auch soll just keins in der Nähe erledigt sein. Aber da
ist eine Schulmeisterstelle auf dem Veitsberg, in schöner Gegend, aber
mit schmalen Mitteln, wollt ihr die zum Anfang annehmen, so läßt sich
vielleicht später ein Weiteres für euch thun.«

Als ein Geschenk von Gott mit dankbarem, stillem Herzen nahm Justus das
Aemtchen an, und bald zog der Candidat Justus als Präceptor, Organist
und Glöckner in das kleine Schulhaus auf dem Veitsberg ein. Und es
währte nicht lange, so stand er mit seiner Dorothe am Altare der
Pfarrkirche zu Veitsberg, und ward über Beide unter Gebet und Segen der
Spruch der Schrift ausgesprochen: »Ich will ihnen einerlei Herz geben,
daß sie mich fürchten sollen ihr Leben lang, auf daß es ihnen und ihren
Kindern nach ihnen wohl gehe.« Und wie der Herr Pfarrer Amen gesagt, da
hieß es noch einmal: »Amen!« »Amen!« Denn als Zeugen standen am Altar
die alte Lindin vom Tiefenweg zu Gießen und der Corporal Scheuermann.



8. Der Schulmeister.


»Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm begnügen«,
sagt der Apostel, und der Herr, dem er es nachspricht, sagt, indem er
uns zur Gottseligkeit und Begnügsamkeit ermuntern will: »Sehet die Vögel
unter dem Himmel an, schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen.«
Von den Vögeln und den Blumen und der ganzen Schöpfung um uns her sollen
wir lernen. So hab' ich einst in heißer Sommerzeit nicht fern von einem
Brunnen gestanden; und ein Vogel kam geflogen und suchte Wasser, seinen
Durst zu löschen. Wohl stand vor dem Brunnen ein steinerner Trog, aber
der war leer, und der Vogel dauerte mich, daß er ungetränkt sollte
weiter fliegen. Indem, so läßt er sich auf dem Rand des Troges nieder,
bückt sein Köpfchen und hebt es wieder empor, und flattert singend
weiter; sein Durst war gestillt. Ich trat zum Troge, und sah im Stein
ein Löchlein, wie ein Fingerhut tief. Das wenige Wasser darin war für
den Vogel eine Quelle der Erquickung geworden; er hatte für jetzt genug
und begehrte weiter nichts. Das ist Genügsamkeit.

Wieder stand ich an einer Blume, voll Pracht und Wohlgeruch, und ein
Bienlein kam geflogen, summend und suchend, und erkor sich die Blume zur
Weide. Aber die Blume hatte keinen Honig, das wußte ich; wie, dacht'
ich, wird sie sich da benehmen? Summend kam sie zurück aus dem Kelch, um
weiter zu fliegen. Da sah sie die Staubfäden der Blume, wie sie so voll
Blumenmehl hingen, daraus das Wachs bereitet wird, und sie nahm die
beiden Beinlein voll, bis sie zu gelben Höslein wurden, wie der
Bienenvater sagt, und flog schwer beladen heim. Du hast Honig gesucht,
dacht' ich, und ihn nicht gefunden, und dich mit dem Wachs begnügt, und
es heimgebracht, daß deine Reise nicht zwecklos sei. Sei mir ein Bild
der Genügsamkeit!

Wer die Stimme Gottes aus der Natur vernimmt, der labt sich auch an
solchen Bildern, die dem Aufmerksamen überall begegnen. Aber wie freut
sich erst das Herz dessen, dem solche Bilder der Genügsamkeit im
Menschenleben begegnen, oder wenn vielmehr ein einzelnes Menschenleben
ein solches Bild christlicher Genügsamkeit ist. Und so war das Leben
unseres Justus. Im Hause des Wohlstandes aufgewachsen, fand er sich ohne
Murren in eine lange Wartezeit, in die ihn sein Gott, als in eine gute
Schule der Uebung, hineinführte, und jetzt, wo die Zeit kam, die man
gewöhnlich die Zeit der Ernte nennt, wo das langersehnte Amt sich
aufthat, und nur ein Aemtlein war voll Sorge und mit geringem täglichem
Brod, da konnte Keiner dankbarer und froher sein, als Justus. Die noch
vorhandenen Blätter seines Tagebuchs zeigen uns das Bild dieses
Ehrenmannes von allen Seiten und in allen Lagen. Sorge, Furcht, Hoffnung
wechseln auch in seinem Herzen ab; aber vergeblich sucht man auch nur
nach einer einzigen Klage über sein Loos, nach einem einzigen Wunsche,
daß sein Loos ein anderes sein möge. Rührend ist es, mit welcher
Innigkeit er von seinem Stande redet, wie hoch er sein Amt hält, und wie
laut er Gott preist, daß er ihn habe berufen, sein Werk als christlicher
Schulmeister zu treiben. O könnte ich euch, ihr Lehrer unserer Zeit, die
ihr, wie Sirach sagt, an eurem Amte verzagt und es selber verunehret,
weil ihr meinet, ihr wäret zu etwas Besserem bestimmt, könnte ich euch
doch alle die Trost-, Saft- und Kraftsprüchlein zu Herzen führen, mit
denen der Schulmeister vom Veitsberg sich sein Amt leicht und sein
Leben schön machte! Doch warum sollte uns diese heitere Genügsamkeit an
Justus überraschen? Ein Mensch, dem sein Glaube Alles ist, der aus ihm
allen Trost schöpft, und nie müde wird in seinem Glauben, dem muß Alles
zum Besten dienen, der thut Alles, was er thut, dem Herrn und nicht sich
selbst. Was ihm sein Amt war und was er seinem Amte sein wollte, das
drückt am Besten ein Lied aus, das in seinem Tagebuche steht, mit der
Aufschrift: »des Schulmeisters Morgensegen.«

    »O Hirte deiner Heerde,
      O mein Herr Jesus Christ,
    Der du durch viel Beschwerde
      Zum Himmel gangen bist;

    Der du zum Trost der Deinen
      Den Geist verheißen hast,
    Und Denen, die hier weinen,
      Nimmst ab des Tages last;

    O gib den Geist der Stärke,
      Den Geist der Zuversicht
    Auch mir zu deinem Werke,
      So oft er mir gebricht.

    Ist auch mein Amt so kleine,
      Mein Loos so niedrig hier,
    So ist es doch das Deine,
      Was du einst suchst bei mir.

    Ich soll die Heerde weiden,
      Wie du von mir gethan,
    An treuer Hand sie leiten,
      So gut ich Schwacher kann;

    Ich soll zu frischen Bronnen
      Geleiten deine Schaar,
    Daß sie als lauter Sonnen
      Sich einst dir stellen dar.

    O Herr, du starker Streiter,
      Steh' denn zur Seite mir,
    Führ' mich im Kampfe weiter,
      Der Sieg, er steht bei dir!«

       *       *       *       *       *

Die Bestallung des Justus lautete dahin, »daß dem ehrsamen und
wohlgelahrten Candidaten Jakob Konrad Justus das Amt eines
Schulmeisters, Organisten und Glöckners zum Veitsberg übergeben werde,
daß man sich aber zu demselben versehe, er werde seines Amtes getreulich
warten.« Dieses Rathes hätte es bei Justus nicht bedurft; denn bei ihm
galt: »Alles was ihr thut, das thut dem Herrn und nicht den Menschen.«
In jedem Theil seines Amtes war er drum ein treuer Knecht, und wie er
der Schule fleißig wartete, so that er den Kirchendienst, der häufig an
ihn kam, zur großen Erbauung der Gemeine, und in allen Dörfern der
Gegend ward die Uhr gerichtet nach der vom Veitsberg, denn es hieß
überall: »Der Kalendermann kennt die Zeit am Besten.«

Ist es heut zu Tage immer noch kein Kleines um einen guten und treuen
Schulmeister, weil kein Amt mehr Sorgen und Grämen hat, denn seines, so
war das zu des Justus Zeit, vor hundert Jahren, noch viel mehr der Fall.
In Sommerszeit war wegen des Weidgangs fast kein Kind zur Schule zu
bringen, und wenn im Winter der Schnee die Wege ungangbar gemacht hatte,
so blieben die Schüler von den Ortschaften rings umher auch aus, und
Dräuen und Strafen half auch nicht viel, weil man den Schlendrian
gewohnt war, und Niemand da war, der dem Schulmeister half. Doch wußte
sich Justus selber zu helfen, er half sich nach dem Sprüchlein, das er
sich selber gemacht:

    »Wer Kinder will zur Schule bringen,
    Darf mit dem Stock nicht viel umspringen;
      Die Furcht macht Schul' und Köpfe leer,
      Die Liebe lockt und bauet sehr.«

Und diese Liebe lockte und bauete auch in der Schule zum Veitsberg. Was
auch der Schulmeister mit den Kindern tractirte, er brachte allezeit ein
freundlich Gesicht dazu mit, und wußte neben dem Worte Gottes, das er
fleißig trieb, auch manche andere Wissenschaft den Schülern angenehm zu
machen. Lieder, die er selbst gedichtet, oder aus guten Gesangbüchern
gewählt, und wozu er selbst die Weisen gemacht, sang er mit den Kindern
und spielte die Harfe dazu, also daß Jung und Alt sich daran erbaute;
denn, pflegte er zu sagen:

    »Wer singen kann ein frommes Lied,
    Der hat den Herrn noch im Gemüth.
    Und frommes Lied aus frommer Brust
    Treibt aus die Sünd', gibt Himmelslust.«

Zur Frühlingszeit, wo die Felder noch leer waren, nahm er die Knaben mit
hinaus in's Feld, und zeigte ihnen, wie sie die gelernte Rechenkunst zum
Feldmessen brauchen könnten, wie er denn selber zum Gebrauch seiner
Schüler eine Anweisung zum Feldmessen, und für schon Geübtere im Jahr
1741 ein Büchlein verfaßte, das den Titel führt: »Geodaesia, oder
Feldmeßkunst, nämlich wie aller Felder Größe zu messen und zu rechnen,
sammt einem Anhang, wie alle Höhen, Weiten und Tiefen zu finden seien,
auch mit einer Zugabe, wie das Verhältniß der Planeten gegen unsere
Erdkugel gefunden werden könne;« Alles durch die reinsten Zeichnungen
erläutert, und durch Exempel aller Art erklärt.

Eigenthümlich bleibt freilich die Lehrweise, die in seiner Schule
herrschte; sie trägt ganz das Gepräge seiner Zeit, einer Zeit, wo man
meinte, dem Gedächtniß der Kinder dadurch zu Hülfe kommen zu können,
wenn man die Lehrgegenstände in Verse kleide. So haben wir von Justus
noch ein »Rechenbuch, darinnen die ganze allgemeine Rechnungsart mit
allen ihren Regeln deutlich vorgetragen, und mit Exempeln erklärt ist,
vom Jahr 1739.« In diesem Rechenbuche, das wie alle Schriften des
Kalendermanns äußerst sorgfältig und sauber gearbeitet und mit schönen
Handzeichnungen verziert ist, wird außer einer Menge gewöhnlicher
Exempel immer eins in Versen gegeben und ein Bildchen dazu. Davon ein
Beispiel aus der Regel de Tri mit Brüchen:

    »Es thut ein Schiffmann fahren fort
    Mit seinem Schiff an andre Ort'
    Bei gutem Winde sag' ich rund
    Gar recht in einer Viertelstund'
    Fünfsechstheil Meil', wie mir bericht,
    Der Schiffer, der da lüget nicht.
    Nun möcht' ich wissen, wie viel dann
    Der Schiffmann Meilen fahren kann,
    Wenn er dreiviertel Stunden führ',
    Und guter Wind das Schiff berühr'.«

Noch ein Anderes machte den Justus zu einem besonders guten Schulmeister
und gewann ihm die Herzen der Jugend, das war seine große Liebe für die
Natur. Nie ist er inniger und beredter, als wenn es gilt, von der Macht
Gottes in seinen Werken zu reden, oder die Liebe Gottes in den
tausendfachen Wundern der Schöpfung zu preisen. Wie man den lieben Gott
und die Weisheit seiner Wege in allen seinen Geschöpfen finden könne,
das zeigte er beständig seinen Schülern. Und wie man ihn zur Sommerszeit
niemals ohne eine Blume in der Hand sah, so trieb sein frommes Herz
manche schöne Blüthe der Dichtkunst und der Begeisterung für die Werke
Gottes. Laß' es dich nicht verdrießen, lieber Leser, wenn ich dir jetzt
und auch noch später des Justus eigne Gedanken mittheile. So mögen denn
hier zwei Lieder von ihm stehen.

    Das Vöglein auf dem grünen Ast.


    Sing-Vöglein auf dem grünen Ast,
      Wie herzig ist dein Sang!
    Gönnst dir nicht Ruh', gönnst dir nicht Rast,
      O sag', wem gilt dein Klang?

    Kommt aus der Nacht hervor der Tag,
      Ist schon dein Tisch bestellt,
    Und deiner Kehle lauter Schlag
      Singt Dank dem Herrn der Welt.

    Das Brünnlein, das aus Bergen quillt,
      Das gibt dir deinen Trank,
    Und hast du deinen Durst gestillt,
      Vergißt du nie den Dank.

    Du singst und trillerst wohlgemuth,
      Für morgen nicht verzagt,
    Als wüßtest du, ein Vater gut
      Hält über Alles Wacht.

    Wie friedlich ist die Ruhe dein,
      Du weißt nichts von Gefahr,
    Den Kopf wohl unter'm Flügelein
      Bist du der Sorge bar.

    O wüßt' ich doch, wie du es weißt,
      Daß über aller Welt,
    Mein Gott, der ewig Vater heißt,
      Gar treulich Wache hält;

    Daß er mir gibt mein täglich Brod,
      Mir reichet, was mir nützt,
    Daß er mir hilft aus aller Noth,
      In Trübsal mich beschützt.

    O Vöglein auf dem grünen Ast,
      Gib mir die weise Lehr',
    Lehr' singen mich ohn' Ruh' und Rast,
      Das Lied zu Gottes Ehr'!«

       *       *       *       *       *

    Das Bienlein auf der Weide.


    O Bienlein, nimm mich mit in's Feld!
    Wie schön ist meines Gottes Welt.
      Nun um mich her geworden!
    Es grünt der Wald, der Anger lacht,
    Der Baum steht weiß in seiner Pracht,
      Und Blumen aller Orten.

    O Bienlein, laß' mich mit dir zieh'n,
    In's Thal hinab, hinab in's Grün,
      Und zeig' mir deine Weise!
    Von Blum' zu Blume eilest du,
    Und gönnst dir nimmer Rast noch Ruh'
      Und singst dein Lied so leise.

    Du fliegest lustig ein und aus;
    Viel süßer Kost trägst du nach Haus,
      Und willst nicht müde werden;
    Der Frühling geht, der Sommer auch,
    Du läßt nicht von dem alten Brauch,
      Bis Winter wird auf Erden.

    O Bienlein ohne Rast und Ruh',
    Dir seh' ich mit Vergnügen zu,
      Du lehrst mich wohl ermessen:
    Ich soll als Christ hier meine Zeit
    Treu nützen für die Ewigkeit,
      Des Heimgangs nie vergessen.



9. Der Kalendermann.


Du hast es bisher fast rathen müssen, mein lieber Leser, daß der Konrad
Justus, dessen Leben ich dir erzählen will, eine Person sei mit dem
Kalendermann, den unser Büchlein als Titel führt. Aber ich konnte dem
Justus keinen andern Namen geben, einmal weil er unter diesem zu seiner
Zeit sehr bekannt war, und dann, weil er auch heute noch in seiner
Heimath von Vielen also genannt wird, die ihren Kindern von dem
Kalendermann erzählen. Es ist ein Eignes um die Namen, die das Volk
gibt; man kann Beides daraus erkennen, sein Lob und seinen Tadel. Dem
Justus aber sollte sein Name ein Lob sein, denn er ward zu seiner Zeit
von Vielen für einen Wundermann gehalten, weil er, was Wenige wußten,
den Kalender aus dem Fundament verstand. Und die Kalenderwissenschaft
war des Justus Steckenpferd, nur mit dem Unterschied, daß er es nicht
ritt wie die Kinder am Geist, die mit ihren Steckenpferden ihr eigen
Seelenheil und ihrer Brüder Glück niederreiten, sondern den Kalendermann
machte sein Zeitvertreib zu einem Gottesmann und Menschenfreund wie
Wenige.

Von dem Tage an, wo der Köhler im Wald bei Blankenau ihn gelehrt hatte,
die Schrift verstehen, die der liebe Gott mit seinen Sternen an's
Himmelsgewölbe geschrieben hat, da lernte Justus diese Schrift immer
deutlicher lesen; und was er fand in diesem heiligen Buche des
Sternenhimmels, das hat er selbst zu seiner Seelen Seligkeit benutzt und
zur Kräftigung des Glaubens Anderer. In vielen Häusern nah' und fern
sind noch ganze Schriften oder einzelne Stücke derselben zerstreut und
werden um des frommen Sinnes willen, der in ihnen herrscht, gar hoch
gehalten. Man weiß nicht, wenn man diese Büchlein liest, was man mehr
bewundern soll, ob den Fleiß, mit dem er sie gearbeitet, oder die
ungewöhnlichen Kenntnisse, die er in der Sternwissenschaft sich
erworben, oder mehr als dies Alles, das treue Christenherz, das auf
jeder Zeile bekennet: »Gebt unserm Gott allein die Ehre!« Werde denn
nicht müde, lieber Leser, wenn ich dir mit den eignen Worten des
Kalendermanns sage, was er vom Sternenhimmel dachte und warum er die
Wissenschaft davon so hoch hielt. Auch wir sollen ja verstehen lernen,
»daß die Himmel erzählen die Ehre Gottes.«


Auszug aus dem Tagebuch und den Schriften des Kalendermanns.

»Es hat mich mein Gott je und je geliebet, hat mich wunderbarlich
geleitet von meiner Jugend an bis auf diesen Tag. Wo er mir nach seiner
Weisheit mit der einen Hand nahm, da hat er mir nach seiner Güte mit der
andern reichlich gegeben. Ein klein Amt und Brod hat er mir gegeben,
aber so reich hat er mich gemacht an Freud' und Seligkeit des inwendigen
Menschen, daß ich nicht tauschen mag mit denen, die satt haben, und doch
das Himmelsbrod entbehren. Denn wie der liebe Gott dem Bienlein ein sein
Zünglein gegeben hat, den Honig zu kosten, und die Blumen ihm
aufgestellt rings umher, voll Pracht und Wohlgeruch; so hat auch mir
mein Gott erst eine rechte reiche. Liebe gegeben zu seinem Weltgebäude,
sonderlich zu seinem Firmament, und mich denn auf meinen Veitsberg
gestellt, und das Firmament über mir ausgebreitet wie einen lustigen
Garten, daß ich dann auch wie das Bienlein von Blume zu Blume fliegen
und Nahrung suchen kann für meine Seele.«

[1] »Anaxagoras, ein berühmter Philosophus, ward gefragt, warum er in
die Welt geboren wäre? Und er gab zur Antwort: »Darum, daß ich den
Himmel, die Sonne, den Mond und andere Wundermale betrachten möchte.«
Darüber ward er von dem Lactantius mit Lachen sehr verhöhnet; gereicht
aber diese Verspottung nicht dem Anaxagoras, sondern dem Lactantius zur
Schande. Denn da Sonne, Mond und Sterne, ja das ganze Weltgebäude ein
großes Wundergebäude ist, so muß der Baumeister, der solches gemacht,
gewiß noch viel herrlicher, wunderbarer und größer sein. Sirach wußte
sich dieß besser als Lactantius zu Nutz zu machen; er sagt: »»Wer kann
sich seiner Herrlichkeit satt sehen?«« (Sirach 43,1.) Anaxagoras, ob er
schon ein Heide war, beschämt hierdurch viele Christen, die Gott aus
seiner Welt kennen wollen, und mögen doch sein Wundergebäu des schönen
Himmels nicht anschauen.«

       *       *       *       *       *

»Wer das Werk eines Künstlers nicht achtet, der achtet auch nicht den
Künstler, der es gemacht hat. Heutiges Tages fragt man nicht viel nach
dem Sternenhimmel und der obern Welt, sondern man fragt vielmehr nach
Geld und guten Bißlein in der unteren Welt. Daher werden auch die,
welche die Himmelskörper betrachten, immerfort von den Weltgesinnten
verspottet, wie Anaxagoras. Solche Spötter leben in der Zeit und wissen
nicht, was die Zeit ist; weil sie an der Erde kleben, und nach dem
Himmel kein Verlangen haben, so neiden sie die, welche den Himmel
betrachten. Sie sitzen in der Tiefe und haben sich in das Untere
verliebt; da werden sie auch endlich immer bleiben, und nicht zum Glanz
der Sterne gelangen. Es ist eine besondere Sache, sich in das so sehr
verlieben, und an dem so hart hangen, dabei man doch nicht bleiben kann.
Edle Geister lieben den Himmel und nicht die Erde. Zwar dieweil man in
der Welt ist, muß man sich derselben annehmen und sorgen, aber doch
nicht ganz an derselben kleben bleiben, sondern es muß sein wie Paulus
sagt: »»Die sich freuen als freuten sie sich nicht, und die dieser Welt
brauchen, daß sie derselben nicht mißbrauchen. Warum denn? Darum, das
Wesen dieser Welt vergeht.«« (1 Corinther 7, 30 u. 31.)

»Solche Weltmenschen sagen wohl zum Schein: Die Berufsarbeit wird durch
die Sternguckerei versäumt. Aber hier frage ich: ob dem Menschen bei
seiner Berufsarbeit nicht eine Stunde erlaubt sei? Wenn nun ein
Liebhaber der edlen Astronomie in solcher Ruhestunde die Himmelskörper
als Geschöpfe des großen und wunderbaren Baumeisters in stiller
Ehrfurcht desselben betrachtet, und ihre Bewegung berechnet; ein
Weltmensch aber gehet zum Schmausen, sitzet im Rath der Gottlosen, wo
die Spötter sitzen (Psalm 1), beneficiret seinen Leib und haschet
einstweilen dem Nächsten seine Unterhaltungsgüter; so frage ich,
welcher unter diesen Beiden hat seine Nebenstunden am besten angewendet?
Mein lieber Leser, ich überlasse dir hierüber das Urtheil.«

       *       *       *       *       *

»Der Stern- und Himmelsbetrachter ist vergnügt bei und mit dem, was ihm
Gott gegeben, und sagt mit Paulo: »Wir wissen aber, so unser irdisch
Haus dieser Hütten zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott
erbaut, ein Haus nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.« (2
Corinther 5, 1.) Und mit David: Ich werde sehen die Himmel, deiner
Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast.« (Psalm 8,
4.)

       *       *       *       *       *

»Das ist die Freude und das Vergnügen eines christlichen Stern- und
Himmelsbetrachters, daß er, wenn er die irdische Hütte ablegt, in
solchem Glanz wie die Sterne und Sonne vor seinem Schöpfer prangt, davon
auch Daniel also sagt: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels
Glanz.« (Daniel 12, 3.)

       *       *       *       *       *

»Unter allen Wissenschaften ist keine unschuldiger, als die
Sternwissenschaft; denn mit deren Umgang und Ausübung wird weder Gott
noch der Nächste beleidigt, welche mich auch so ergötzet, daß ich alle
meine Nebenstunden dieser anmuthvollen, unschuldigen Wissenschaft in der
stillen Einsamkeit gewidmet habe.«

       *       *       *       *       *

[2] »Wenn ich den wunderbaren und hohen Himmel mit seinem
hellleuchtenden Sternenheere anschaue und betrachte, so ist dieses meine
höchste Freude, daß ich endlich auch einmal, wenn ich aus dem irdischen
Haus meiner Hütte ausgehe, und in das neue Jerusalem, allwo mein
himmlisches Bürgerrecht ist, welches mir mein Heiland durch sein Kreuz
und Tod erworben, eingehe, noch viel heller als alle Sterne glänzen
werde, und daß ich daselbst mit meinen geistlichen Augen in der frohen
Ewigkeit auch also meinen Heiland in voller Freude und Wonne anschaue,
so wie ich jetzt und hier mit meinen leiblichen Augen das helle
Sternenheer des Himmels sehe und anschaue; und daß ich vor seinem
göttlichen Thron ihm in der allerhöchsten Freude dienen, auch ihm zu Lob
mit allen Heiligen und Auserwählten ein: Heilig! Heilig! Heilig ist Gott
der Herr Zebaoth! über das andere anstimmen werde. Ja! Ja! Eja! Ach wäre
ich nur schon da!«

    »Ach wär, o Jesu, ich doch schon zu dir gerücket,
    Daß meine Seele sich an deiner Huld erquicket!
    Da wollt ich herzen dich, da wollt mit vielen Küssen
    Dich, o mein Jesu, ich in meine Arme schließen!«

Hier stehe auch ein Lied des Kalendermanns, in welchem sich dieselbe
Innigkeit des Glaubens an seinem Gott, den Herrn des Weltalls,
ausdrückt.

    »Wie ist das Werk so wohl bedacht,
    Das, Vater, du hervorgebracht,
      Daß ich mit Fleiß es schaue,
      Mein Herz daran erbaue.

    Es sagt's ein Tag dem andern nach,
    Es ruft's die Nacht dem Tage nach,
      Es rühmen alle Werke,
      Herr, deine Huld und Stärke!

    Wie glänzt die Sonn', wie lacht die Au!
    Wie prangt die Blume schön im Thau!
      Wie glänzt des Vogels bunt Gefieder!
      Zu deinem Preise singt er Lieder!

    Es sinkt die Sonn', aus ihrem Thor
    Gehn tausend Sternlein jetzt hervor;
      Sie wandeln ihre Bahnen stille,
      Ihr Gang und Glanz es ist dein Wille.

    O auf, mein Aug', zum Himmel auf!
    Sieh der Gestirne hellen Lauf,
      Ein Gott hält sie in Händen,
      Daß sie den Lauf vollenden.

    Kannst du sie zählen? löschen aus,
    Wie's Abendlicht im eignen Haus? —
      Nur Einer zählt sie, läßt erbleichen
      Vor'm Sonnenglanz die Feuerzeichen.

    D'rum Menschenherz, von Sorgen schwer,
    Schau doch hinauf zum Sternenheer!
      Wo Gottes Augen auf dich blicken,
      Soll nimmer dich der Kummer drücken.

    O Sternlein mit dem trauten Licht,
    Von euch die frohe Botschaft spricht:
      Im Vaterland, bei euch dort oben
      Ist ewig Heil uns aufgehoben!

    O Heiland, Morgenstern der Nacht!
    Dein harr' ich, bis mein Tag erwacht,
      Bis du mich führst zu Gottes Throne,
      bis du mir reichst die Ehrenkrone!«

       *       *       *       *       *

Wenn man eine Beschäftigung als recht nutzlos bezeichnen will, so nennt
man sie eine brodlose Kunst, sagt auch wohl im Sprüchwort, man könne mit
ihr keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Das muß auch dem
Kalendermann oft gesagt worden sein, von Solchen, die von der
Sternwissenschaft keinen Begriff hatten, und darum auch keinen Sinn für
sie haben konnten. Denn er kommt in seinen Schriften allezeit darauf
zurück, wie eine solche Meinung eine gar thörichte sei. »Denn was mich
selig macht, sagt' er, und mir einen Vorschmack gibt künftiger
Herrlichkeit, sollte das nicht auch Viele reizen zu gleicher Lust? So
hab' ich denn allezeit, die Spötter nicht achtend, zu meines Gottes
Himmel hinaufgeschaut und auch Andere gelehrt, hinaufzuschauen,
sonderlich die Meinigen, auch dazu meine Nachbarn, Freunde und Schüler,
und mit Gottes Gnade Manchen zu einem fleißigen Himmelsbeschauer und
Gottesfreund gemacht. Denn die die Schrift, von Gott an sein Himmelszelt
geschrieben, hatten lesen gelernt, die sind darnach um so eifriger
geworden, die Gottesschrift im heiligen Bibelbuch zu erforschen, und
darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheinet im dunklen Ort, bis
der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in ihren Herzen.«

       *       *       *       *       *

»Auch sind die Himmelsbetrachter und Kalendermacher, welche stets mit der
Zeit umgehen, nicht zu verachten, denn das ganze bürgerliche Wesen hängt
davon ab. Was Elend würde im gemeinen Leben entstehen, wenn man nichts
wüßte von Sonne und Mond und ihrem Lauf, wenn Jahr und Tag wechselte,
und wüßte Niemand wie und warum; lebte man denn nicht dahin, wie das
unvernünftige Vieh? Die Kalender sind daher nützlich und nöthig im
gemeinen Leben, denn sie sind solche Bücher, darinnen Alles, was nur am
Himmel unter den Sternen vorgeht, ausgerechnet und zu finden ist,
welches Alles keine geringe Arbeit ist, zumal was die Sonn- und
Mondsfinsternisse betrifft.«

       *       *       *       *       *

»Darum so soll der Kalender in jeglichem Haus der Hausfreund sein, also
daß man gerne mit ihm redet, und zu ihm kommt, seinen Rath zu holen.
Meine darum, es dürfe nichts darinnen vergessen werden, das dem Menschen
Anleitung gebe, seinen Beruf und Erwählung feste zu machen. Zum Ersten,
so sagt dir der Kalender: »Mensch, du bist nichtig, und die Zeit ist
flüchtig, davon Salomo spricht: Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt
und es ist Alles ganz eitel.« (Prediger 1. 2. 4.) Zum Zweiten, so sagt
er dir: »Brauche deine Zeit weislich, denn sie ist Gottes Zeit, nicht
deine. Ob du säest oder erndtest, ob du wachest oder schlafest, ob du
arbeitest oder feierst, gedenk, was dein Herr sagt: »Eure Zeit ist
allezeit, und schaffet, daß ihr selig werdet mit Furcht und Zittern.«

    »Siehst du den Zeichen an, denk', daß zum Ende gehet;
    Faß Jesum in der Zeit, dein' Sach' alsdann wohl stehet!«


»So oft die Glocke schlägt, betrachte, ob du die vergangene Zeit wohl
oder übel angelegt. Alsdann bessere dich von Stund' an in der
gegenwärtigen Zeit, dieweil es noch heute heißt; denn du weißt nicht,
wie lang die zukünftige Zeit noch bei dir währet, daß alsdann, wenn der
Bräutigam kommt, du wachend erfunden wirst, und also mit ihm zur
Hochzeit eingehest in den himmlischen Freudensaal, denn allda ist Freude
und Wonne und liebliches Wesen und Leben immer und ewiglich.«

»Zum Dritten, so soll der Kalender dir deines Gottes Wundergebäu
begreiflich machen, so weit es ein Mensch begreifen kann. Er soll dir
nennen die Sterne mit ihrem Namen, und wie sie mit einander wandeln,
auch welche Bahnen der Herr sie führt. Auch wie daraus Tag und Nacht,
Sommer und Winter, Saat und Erndte entsteht; was es auf sich hat mit der
Zahl der Tage und Monate, mit den ordentlichen und Schaltjahren und wie
die Finsternisse kommen und zu verstehen sein; denn das Alles muß ein
Christenmensch wissen und verstehen.«

»Zum Vierten, so will der Kalender wie das Frühlingsvöglein
Spitzdieschaar ein Mahner sein, daß Dieß und Das zu Haus, im Garten und
im Feld nicht vergessen werde; denn auch der sorglichste Landmann
bisweilen einen Deuter haben muß, und ein guter Rath oft Geldes werth
ist.«

»Es werden auch viel Narrentheidinge mit der Kalenderwissenschaft
getrieben, und etliche Kalenderschreiber thun, als könnten sie in die
Tiefe des Reichthums Gottes hineinsehen, da er doch in einem Lichte
wohnt, dahin Niemand kommen kann, und unser Wissen Stückwerk bleibet.
Die aber thun, als könnten sie in Gottes Werk hineinsehen und weissagen
und orakeln frisch weg, und wollen bös und gut Wetter voraussagen, ja
sogar Krieg und Frieden, Gesundheit und Krankheit; ist aber Alles ganz
eitel, und wird damit nur die arge Welt noch verstockter und
gottvergeßner gemacht.«

»Wer nach den Bauernregeln, die auch mancher Kalendermann für ein
Evangelium ausgibt, seine Wirthschaft einrichtet, der hat schon oft zu
seinem Schaden müssen inne werden, daß der Herr im Regimente sitzt und
den Rath der Menschen vereitelt.«

»Gott der Herr kann allein das Erdreich frucht- und unfruchtbar machen.
Jedoch ist ein frucht- oder unfruchtbar Jahr zu schließen aus dem Leben
und Wandel der Menschen. Denn der große Gott sagt im 5 Buch Mose, im 28.
Kapitel, daß, wer in allen seinen Geboten einhergehet, und solche hält
und thut, den wolle Gott segnen in allem seinem Thun, wer aber ihm, dem
großen Gott, nicht gehorchet, den wolle er nicht segnen, sondern das
Verderben über ihn kommen lassen. Wenn man nun den Lauf und das Leben
der Menschen untersuchet und betrachtet, so kann man diesem nach bald
schließen, was für ein Jahr zu gewarten.«

»Was nun den Krieg betrifft, den Etliche voraussagen wollen, wie nämlich
Krieg zu erwarten, wenn am neuen Jahrestage der Morgen roth erscheine
oder wenn an Pauli Bekehrungstag der Wind stark weht, so ist nur das
wahr, der Krieg ist eine Strafe Gottes, damit er die Bosheit der
Menschen heimsuchet. Und es bleibt allein dabei: wie die Arbeit, so der
Lohn; denn Gott ist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt, wer böse
ist, bleibet nicht vor ihm. Er dreuet täglich, will man sich nicht
bekehren, so hat er sein Schwert gewetzet und seinen Bogen gespannt und
zielet. Darum, wenn wir also leben, daß er ein Wohlgefallen an uns hat,
so wendet er allen Krieg und Unruhe von uns ab.«

»Ob ein gesundes, oder ein ungesundes Jahr zu erwarten sei, solches
vorher zu sagen, läßt sich nicht wohl thun. Doch aber, wenn man den
Ursprung der Schwachheiten und Krankheiten eigentlich untersuchet, so
kann man endlich leicht schließen, daß in einem jeden Jahre
Schwachheiten und Krankheiten sich einfinden. Denn der eigentliche
Ursprung der Krankheit ist Sünde. Da nun kein Jahr, kein Tag, keine
Stund', keine Minute vorübergeht, daß die Menschen nicht sündigen, so
können auch allezeit Krankheiten und Gebrechen sich ereignen. Denn
Paulus sagt Römer 6: »Der Tod ist der Sünden Sold.«

Nach diesen Grundsätzen verfuhr der Kalendermann vom Veitsberg in seinen
Kalendern; muß nicht der Nutzen, den er seiner Umgebung brachte, gar
groß gewesen sein? Er hat ihrer in seinem Leben viele verfaßt, auf jedes
Jahr einen für den Hausgebrauch, und wenigstens ein Dutzend größere
Kalenderwerke, für geübtere Liebhaber der Sternkunde und der
Kalenderwissenschaft, die mit großer Gründlichkeit, vielem Fleiße und
tiefer Gelehrsamkeit geschrieben sind. Ob eines dieser Werke zu seiner
Zeit gedruckt worden sei, habe ich nicht erfragen können; ich zweifle
auch daran, denn der Kalendermann war zu bescheiden, um nach Ruhm von
draußen her zu trachten. Die Werklein sind aber so schön und mit
Handzeichnungen so sauber gezieret, daß man sie noch jetzt mit
Wohlgefallen betrachtet, und den Mann bewundert, der sie allein zu
Gottes Ehre, und sich selber zu Nutzen und Ergötzen schrieb. Daher sein
inniger Dank gegen Gott am Schlusse eines jeden Werkleins. Sein
immerwährender Kalender schließt mit den Worten:

    »Nun sag' ich zum Beschluß:
      Mein Jesu habe Dank
    Für seiner Weisheit Gaben,
      Die mir zu diesem Werk
    Sehr wohl gedienet haben;
      Ich will dich loben hier
    Ja noch in dieser Zeit,
      Und endlich auch bei Dir
      In froher Ewigkeit.
    Da will ich schauen Dich
      In solchem Glanz und Wonne,
    Sowie ich habe hier
      Geschaut' die Stern' und Sonne.«

Am Schlusse des ersten Theils der Kalenderlust stehen die Worte:

    »Nun hab' den ersten Theil von der Kalenderlust
    Historice vollbracht, soviel davon gewußt.
    Jehova, Dir sei Dank, der Du mich stark gemacht,
    Daß ich hab' diesen Theil soweit zu Stand' gebracht!
    Wenn mir der treue Gott wird geben Glück und Heil,
    So soll auch folgen noch hierzu der zweite Theil.
    Der wird von solcher Lust die Praxis legen dar,
    Wie man Kalender macht auf ein begehrtes Jahr.«

Und der Schluß des ganzen Werkes heißt:

    »Da nun der zweite Theil von dieser Lust geendet,
    So ist das ganze Werk durch Gottes Gnad' vollendet.
    Ich leg' die Feder hin, erhebe mein Gemüthe
    Mit innigster Begier, und preise Gottes Güte.
    Dem, der das große Rund so prächtig dargestellt,
    Und der der Zeiten Lauf eintheilt, wie's ihm gefällt;
    Dem, der da ist der Herr des Himmels und der Erden,
    Ja, der da ist und war und nie kann anders werden;
    Demselben sag' ich Dank für seines Geistes Stärke,
    Die mich hat ausgerüst zu machen dieses Werke;
    O große Majestät; o Vater, Sohn und Geist,
    O tiefer Weisheit Brunn', hör', wie mein Lied dich preist!«

Fußnoten:

[1] Aus der ungedruckten Schrift: »Historische und praktische
Kalenderlust. Erster Theil, darinnen eine kurze Beschreibung von dem
Anfang und Ursprung des römischen, nunmehr Christen-, wie auch Juden-
und Türkenkalenders enthalten, zusammengetragen von eJnem
Calender-LJebhaber. — Anno 1764.« Unter einem schönen Titelkupfer von
des Kalendermanns eigner Hand, auf welchem man den Veitsberg und seine
Umgebung sieht, steht das Sprüchlein:

    »Es gibt viel Lust, vergnügt auch sehr,
    Wenn man betracht' das Sternenheer.«


[2] Aus dem ungedruckten Schriften des Kalendermanns: »Tägliches
Handbüchlein, darinnen ein Gebetbüchlein, ein immerwährender Kalender,
die Feldmeßkunst, und dann wie man des Nachts bei hellem Himmel am
Nordpol oder kleinen Bären die wahre Stunde der Nacht finden kann,
welches sowohl zu Haus als auch auf der Reis' dienlich und nützlich zu
gebrauchen ist. Gemacht und verfertigt von Jakob Konrad Justus,
Schulmeister zum Veitsberg. Anno 1741.«



10. Die Hausfreunde.


Daß ein solcher Mann wie unser Justus, in der Gegend, wo er lebte,
Aufsehen erregen mußte, das möchten wir wohl nach dem bisher Gehörten,
voraussetzen, und doch war dem nicht so. Justus war nicht der Mann, viel
Wesens aus sich selber zu machen; er trieb sein Tagewerk so für sich
hin, und man beachtete ihn nicht sonderlich. Also geschah es von Denen,
die sich vornehm in der Welt dünken; aber ein Anderes war es mit den
Stillen im Lande. Wer unser deutsches Volk kennt, der weiß auch, daß in
ihm Herzen schlagen, empfänglich für alles Schöne, Gute und Göttliche,
daß in seinen Dörfern und kleinen Städten ein Völklein wohnt, die man
nicht anders benennen darf, denn mit dem biblischen Namen »Stille im
Lande.« Stille sind sie, denn sie treiben ihren Lebensberuf in der
Stille hin; stille sind sie, denn im Getümmel der Märkte und der
Schenken seht ihr sie nie; stille sind sie, denn ihre Seele ruht in
irgend einem ernsten Gedanken aus. Sie sind die Grübler im Volke, die
gleich weit entfernt von Müßiggang wie von Weltgeschäftigkeit, irgend
einem Ziel ihr ganzes Herz geweiht haben, und dieses Ziel im Auge, gar
Wunderbares schaffen. Ich habe solche gekannt, die nach dem Stein der
Weisen suchten und die Goldmacherei trieben, zu deren Lob will ich nicht
reden; denn sie jagten einem Schatten nach, und gaben den Herrn auf, um
in Satans Dienst Schätze zu erbeuten und fielen über kurz oder lang in
die Grube, die sie sich selber gegraben. Aber ich habe auch solche unter
ihnen gekannt, die aus sich selber heraus eine wunderbare Geisteskraft
entwickelten, und diese zur Erfindung kunstreicher Handarbeiten, oder
zur Auflösung schwieriger Rechnungsaufgaben, oder zur Hervorbringung von
allerlei schönen Gedanken und Liedern benutzten, die dem Hörer gar nicht
selten wie Edelsteine vorkommen, die nur noch des Schleifers Hand
bedürfen, um in allen Lichtern und Farben zu glänzen. Am meisten aber
haben mich immer die Stillen im Lande angezogen, deren Herz dem
geschliffenen Edelsteine gleicht, in dem jeder Strahl von Gottes Güte
und Gnade wiederspiegelt. Die haben frühe den geheimnißvollen Zug nach
oben bekommen; und während nun Tausende um sie her leiden und im Leiden
klagen und verzagen, leiden sie auch und sind doch allezeit froh. Sie
kennen ihren Gott, wie sie sich von ihm gekannt wissen, und wie sie ihn
in allen ihren Lebensführungen erkannt haben; sie lieben ihren Heiland
mit einer tiefen Johannesliebe; sie sind eifrige und starke Beter, und
wer ihre Erfahrungen in diesem Stücke hört, der staunt über die Größe
ihres Glaubens. Habt ihr solche in eueren Gemeinden, ihr Lehrer des
Volks, machet um Alles die Stillen nicht irre, lasset sie ihr Wesen
treiben, auch wenn es euch manchmal sonderbar bedünket. Sie sind zarte
Pflanzen, fasset sie nicht mit rauher Hand an. Habt ihr sie zu euren
Freunden gemacht, und das hält nicht schwer, dann lieben sie euch fest
und treu wie Brüder, und ihr habt ein gut Fundament euch erbauet, darauf
ihr fortbauen könnet.

Die Zeit, von der wir reden, war noch viel reicher an diesen Stillen,
wie die unsrige. Das äußere Leben war noch enger und kleiner; so mußte
denn manch' kräftig Gemüth in die Tiefe wurzeln, weil man ihm nach außen
den Weg versperrte.

Solche Stille fanden an unserm Justus den rechten Mann. Auch ihn zog
Gemüth und Beruf und ein tiefgründiger Glaube von der Welt ab; so waren
denn auch solche ihm willkommen, die sich in der Stille mit ihm freuen
konnten. Denket aber nicht, daß die Besuche, die dem Schulmeister vom
Veitsberg galten, eine Art Kirchlein in der Kirche zum Zwecke hatten;
des Justus Hausfreunde waren vielmehr derbe, deutsche Kernnaturen von
altem Schrot und Korn, die in dem Einen, das Noth thut, festgewurzelt
waren, und dessen niemals einen Hehl machten, von denen aber Jeder noch
nach dem Sprichwort sein eigen Steckenpferd ritt, für das sie Futter bei
dem Kalendermann suchten und fanden. Und wie Justus über seine
Hausfreunde dachte, das drückt er selber in dem Sprüchlein aus:

    »Ist fromm dein Haus, so ziehen ein
    Viel' guter Freund', sich dein zu freu'n;
    Auf gutem Haus der Storch nur wohnt,
    Die Freundschaft nur den Treuen lohnt.
    Drum an dem Freund' halt' treu und feste,
    Er ist der Gottesgaben beste.«

So füllte sich denn auch an einem schneehellen Februarabend des Jahres
1744 das Stübchen des Schulmeisters mit seinen Freunden an. Es war ein
traulich liebes Stübchen das des Schulmeisters vom Veitsberg, und Alle,
die einmal dort gewesen waren, versicherten, es sei ihnen am warmen Ofen
noch niemals so wohl gewesen. Denn die Herzensgüte, die aus dem Auge des
Justus leuchtete, that Allen wohl, und wenn er sprach, dann war seine
Rede so eindringlich und überzeugend, daß Jeder von ihm nur belehrt
sein wollte. Und Dorothe, wie freundlich empfing die die Gäste, wie
sorgsam erkundigte sie sich nach dem Befinden der Ihren, und wie
überlegsam wußte sie Jeden so zu setzen, wie es seinen Körperumständen
am zuträglichsten war!

So kam der alte Zacharias Storch von Bolnbach allezeit in den Sorgstuhl
neben den Ofen, und nicht selten ward ihm auch ein gewärmter Backstein
unter's linke Bein gelegt, das er steif aus dem Türkenkrieg mit
heimgebracht hatte. Denn der alte Storch hatte unter Prinz Eugen gegen
den Erbfeind gefochten, und wußte viel zu erzählen von den Schlachten
bei Peterwardein und Belgrad, und von der Türken Blutgier und von dem
Pascha, den er selber vom Pferd heruntergehauen und seinen Fingerring
erbeutet, von Gold und grünem Stein, auf dem ein Spruch in arabischer
Schrift gestanden, und der ihm leider von einem Kroaten war gestohlen
worden; »denn dieß Gesindel«, so sagte er immer, »stiehlt wie die
Elstern, und hat nicht soviel Gewissen, wie diese losen Vögel.«

Das Bänkchen an der andern Seite aber gehörte dem Förster Simon
Kleinfelder von Winnerod, auch der Kirschenförster genannt, weil der
Kirschbaum sein Lieblingsgewächs war, das er anpflanzte, wo er konnte,
und von dem er sprach, er mochte reden, mit wem er wollte. Der war
unseres Justus Lehrer in der Baumzucht, und daß er an ihm einen
gelehrigen Schüler hatte, davon zeugen noch heute die Kirschbäume um die
Kirche her, die der Justus gepflanzt, und so manche gute Obstsorte, die
um den Veitsberg her sich findet. Denn Justus sagte und lehrte auch
seine Schüler das Verslein:

    »Ein jeder Baum in seiner Pracht,
    Der lobet den, der mit Bedacht
    Ihn einst gepflanzt und bezweigt,
    Und Sorg' und Wartung ihm gereicht.
    Die Blüthe, die auf's Grab einst fällt
    Vom Baume, den man selbst bestellt,
    Kein Marmor gibt ihm solche Zier; —
    Drum sei der Baum ein Denkmal mir.«

Auch an diesem Abend unterhielt sich der Förster mit dem Justus über die
Baumzucht, und sie theilten sich ihre Hoffnungen und Befürchtungen über
das neue Jahr mit; unter den Befürchtungen war eine recht große, wie wir
bald hören werden.

Sie wurden aber unterbrochen durch einen andern Hausfreund, den
Schreinerkaspar, der einen Schemel unter die Wanduhr gestellt hatte, und
sich am Werk zu schaffen machte. »Schulmeister«, sprach er von diesem
hohen Standpunkt herab, »eure Uhr hat keinen gleichen Schlag mehr, auch
ist der Guckuck, der die Stunde abruft, etwas rauhhälsig geworden,
woraus man merket, sag' ich, daß das Werk in Unordnung ist. Gebt sie mir
auf einige Tage mit heim, dann soll sie wieder gehen, daß es ein Staat
ist.« »Kaspar«, sagte der Schulmeister, »die Uhr geht wirklich besser,
als ihr glaubt, und was die Rauhhälsigkeit des Guckucks betrifft, so ist
eben des Vogels Zeit nicht, wie ihr wißt, sich hören zu lassen; wartet
nur bis zum April, dann ruft er heller.« — »Da haben wir's«, rief vom
Schemel herab der Schreinerkaspar, der den Scherz des Schulmeisters ganz
überhört hatte; »da ist ein Rädchen verbogen, gleich als hätte einer mit
Unverstand am Werke gerissen. Das geht so nicht, die Uhr muß neu
gerichtet werden; also herunter damit! Der Schreinerkaspar läßt sich
nicht nachsagen, daß eine Uhr schlecht gehe, die er selbst gemacht hat.«
»Nun meinetwegen, nehmt sie mit heim, Kaspar«, sagte der Schulmeister
lächelnd, »nur Eins bitte ich mir aus, laßt mir den Vogel in der Uhr und
setzt mir kein ander Gethier hinein; denn so kunstreich auch die Uhr
sein mag, die ihr dem Müller von Queckborn gemacht habt, so will mich's
doch bedünken, es nähme sich in der Stube eines Christenmenschen gar
sonderbar aus, wenn nach jeder Stunde des Tages und der Nacht ein
Geisbock aus dem Thürlein springt, und ein Männlein hinter ihm drein,
das so lange auf das Thier schlägt, bis das die Stunde abgeblöckt hat.«

»Schulmeister«, sagte lächelnd der Schreinerkaspar, »laßt mir meinen
Spaß; jedem Narren gefällt seine Kappe; und das müßt ihr doch sagen, es
hört Keiner den Geisbock die Stunde abrufen, er muß auch lachen, er mag
wollen oder nicht; und ein Mensch, der lacht, sag' ich alls, ist immer
um ein Lebensstündlein reicher geworden. Aber jetzt habe ich ein Werk in
Arbeit, das, wenn's gelingt, euch erlustiren soll, sonderlich den
Förster da. Da singt ein Vöglein die Stunden ab, nicht ein Guckuck,
sondern ein Vöglein wie's auf dem Baume sitzt, nur fehlt mir noch etwas
am Orgelwerk drinnen, und das soll mir der Herr Fleischhauer zu Grünberg
helfen ausdenken.«

»Schreiner«, sprach ernst der Schulmeister, »wollt ihr Rath annehmen, so
sag' ich euch, geht nicht zu dem Fleischhauer. Treibt eure Kunst daheim,
so gut ihr sie treiben könnt, Gott und Menschen zum Dienst; aber von dem
Fleischhauer bleibt weg, in dessen Nähe ist's nicht geheuer. Der kommt
mir vor, wie der leibhaftige Satan, und sein Häuschen an der Mauer, wie
die Höhle des Löwen, wo viele Spuren hinein, wenige wieder herausgehen.
Was der Mann treibt, das verstehe ich nicht, man sagt, er soll den Stein
der Weisen suchen; das aber weiß ich, daß ihrer Etliche, die mit ihm
angebunden hatten, sind ärmer geworden, denn Hiob. Ein Spielzeug wird
der liebe Gott jedem Christenmenschen gönnen, wenn aber in der Kurzweil
das Heil der Seelen auf dem Spiel steht, dann gilt auch, was dort
geschrieben steht: »Aergert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus und
wirf es von dir.«

»Ja, so mein' ich's auch«, sprach der Elias Büttner von Saasen, der
seinen Sitz am Fenster genommen hatte und von Zeit zu Zeit in die Nacht
hinaus sah, »so mein' ich's auch; was nicht Gott und Menschen zu Dienst
und Wohlgefallen gethan wird, das acht' ich für eitel Narretheiding.
Treib' ein Jeder nur hübsch seinen Beruf, dahin ihn sein Gott gesetzt
hat, und sag' Keiner, sein Aemtlein sei ihm zu klein. Es sind mancherlei
Gaben und Aemter, aber es ist Ein Geist. Und wenn einst Abend wird im
Leben, und der Tag sich neiget, und der Herr kommt und macht ein Ende
mit aller unserer Noth, dann wird er gewiß zuerst fragen, ehe er uns
dahin nimmt, wo Freude die Fülle ist und liebliches Wesen zu seiner
Rechten ewiglich: Hast du mit deinen Centnern, die ich dir gab, noch
andere gewonnen, oder dein Pfund in die Erde vergraben? Ueber Weniges
treu sein, Alles, was Gott thut, für gute und vollkommene Gabe erkennen,
an den Werken Gottes sein herzlich Wohlgefallen haben, bis wir ihn einst
von Angesicht zu Angesicht erkennen, das sollt' aller Menschen Dichten
und Trachten sein. Schulmeister, ihr habt den Kindern wieder ein neu
Sprüchlein mit heimgegeben, das ist mir aus dem Herzen herausgesprochen.
Ja, wahr bleibt's:

    »Die Welt liebt Geld,
    Und tracht' mit Macht,
    Wie sie allhie
    Viel rafft und schafft,
    Da doch hier noch
    Die Welt sammt Geld
    Zerrinnt geschwind.«

»Laßt euch nicht irre machen, Schulmeister, durch der Spötter Gerede,
als würde in eurer Schule zu viel in Liedern und Sprüchlein gelehret.
Laßt euch, sag' ich, nicht irre machen; wäre zu meiner Zeit also in der
Schule gelehrt worden, ich hätte wohl auch gelernt, meines Gottes Lob in
ein Liedlein kleiden, wie ihr das könnt. Alles, was ihr wißt, das gönn'
ich euch, aber um Eins beneide ich euch, daß ihr mit David sagen könnt:
»Mein Herz dichtet ein feines Lied.« Ist das Gebet schon so süß, und süß
ein Wort aus heiliger Schrift, so muß es noch viel süßer sein, aus dem
Herzen heraus die frommen Seufzer in schöne Reimlein fassen zu können.
Wer das kann, der rühme sich getrost: »Mir ist ein schön Erbtheil
geworden.«

»Aber da ist er ja, den wir heute Abend hier erwartet haben, der Bote
Gottes, sehet nur, wie hell sein Licht! ›Ja Licht ist sein Kleid‹, ›und
durch den Nebel bricht sein Licht‹, ›und es ist süße das Licht‹, ›und
ich bin das Licht der Welt‹, wem fallen solche Worte der Schrift nicht
mit einem Male ein, wenn er solch' Wunder beschaut.«

Welch' ein Anblick, als die Hausfreunde an's Fenster eilten! Ueber einer
herrlichen Winterlandschaft war der Mond aufgegangen. Die Dächer des
Dörfleins im Thale glänzten im Silberlicht, und es war eine Helle in der
Natur daß man die entferntesten Gegenstände wie am Tage erkannte; nur
schauerlicher war das Licht, nur dunkler die einzelnen Schatten von
Häusern und Bergen und den Wäldern, die auf den Höhen hinzogen. Solches
Licht vermochte der Mond, der im ersten Viertel stand, nicht allein zu
spenden, solches Licht kam von dem Kometen des Jahres 1744. Sein Kern
hatte die Größe von mehreren Sternen zusammen, und erschien dem Auge von
blauem Licht; und über den Stern hinauf ging ein Schweif in einer Länge
von fünf Fuß, und von einer Stärke und einem Feuerglanze, daß das Auge
nicht lange darauf haften konnte. Im Januar war der Komet aufgegangen,
erst ganz klein und kaum erkennbar; dann hatten ihn Wolken bedeckt, und
als der Himmel wieder hell ward, und mit seinen Millionen Sternen sich
schmückte, und der Mond aufging; da war es ordentlich, als wolle der
Komet sie alle an Klarheit übertreffen; denn die Helle des Abends nahm
ihm nichts von seinem wundervollen Glanze.

»Das hätten wir ja nicht besser treffen können, ihr Nachbarn«, sprach
der Büttner heiter lächelnd zu seinen Freunden. »Hatten wir uns doch
heute hierher bestellt, von euch, Herr Justus, dieß Wunder Gottes uns
verdolmetschen zu lassen; und nun thut uns die Lieb' an, und sagt uns,
was ihr von den Kometen haltet und was die Sterngucker von ihnen sagen.
Wißt ihr, wie mir der Stern da oben vorkommt? Wie ein Text aus
göttlicher Schrift, und nun werdet ihr sein Ausleger, wir wollen eure
Hörer sein.«

»Ja, der Stern ist ein Wunder Gottes«, sagte der Kalendermann, »aber ich
meine, man muß, um sich's selber deutlich zu machen, erst einen Trunk
thun aus dem Born, der in's ewige Leben quillet, erst gedenken an des
Propheten Wort: »Hebet eure Augen in die Höhe und sehet, wer hat solche
Dinge geschaffen und führet ihr Heer bei der Zahl heraus? der sie alle
mit Namen rufet; sein Vermögen und starke Kraft ist so groß, daß es
nicht an Einem fehlen kann!«

»Manches Jahr habe ich nun schon meine Augen in die Höhe gehoben, und
wohl erkannt, daß es der Herr ist, der Himmel und Erde füllet; wohl
manches Jahr habe ich schon in den Schriften der Sternseher älterer und
neuerer Zeit geblättert, aber wer kann die großen Thaten Gottes
erforschen, wer kann sie ausreden! Mit meinem geringen Wissen will ich
gern meinen Nachbarn zu Dienst sein; vergesset aber nicht, daß mein
Wissen Stückwerk bleibet. Nun kommt hierher zum Fenster, von Gottes
Wundern kann man nur recht reden, wenn man sie im Auge hat. Dorothe,
meine Liebe, lösche einmal das Licht aus, und laß deinem Rädlein auf ein
Stündchen Ruhe; hier unter'm Licht des höchsten Gottes ist alles
irdische Licht Finsterniß.«

»Was sind die Kometen? darüber wollen wir zuerst Rath halten. Wie die
übrigen Sterne sind sie nicht, sonderlich nicht wie die Planeten. Die
haben die Sonne zu ihrem Mittelpunkt, und gehen in engerem oder weiterem
Kreise um sie herum; und wenn sie einmal ihren Umgang gehalten, dann ist
ein Jahr um. Die kommen regelmäßig um dieselbe Jahreszeit und um
dieselbe Stunde der Nacht an ihre Stelle, die sie schon vor
Jahrtausenden gehabt haben. Und noch weniger Verwandtschaft haben die
Kometen mit den Fixsternen, davon also genannt, weil sie so weit von uns
sind, daß sie _fest_ zu stehen scheinen auf _einem_ Flecke; und die
Sternseher sagen, das seien auch Sonnen, wie die unsrige, und um sie her
drehten sich wieder Planeten, so wie unsere Erde mit ihrem Mond um
unsere Sonne. O wenn man das ausdenket, soweit menschliches Denken
reicht, da möchte man mit David sagen: »Solches Erkenntniß ist mir zu
wunderlich und zu hoch, ich kann es nicht begreifen!«

»Von Planeten und Fixsternen sind also die Kometen sonderlich
verschieden, einmal ihres Lichtschweifes wegen, den kein anderer Stern
hat, und davon sie den Namen tragen, und dann ihres Laufes wegen, der
unserm Verstand nach ohne Ordnung ist. Und weil sie so selten sind, auch
oftmals eines Mannes Alter nicht hinreicht, einen Kometen sehen zu
können, so haben dieselben nach ihrer Beschaffenheit und nach ihrer
Bewegung bis dahin noch nicht völlig können erkundigt werden, obgleich
Vieles von Alten und Neuen ist über sie aufgezeichnet worden.«

»So sind Etliche unter den Heiden der Meinung gewesen, die Kometen seien
eine Zusammenfügung zweier oder mehrerer Sterne, die ihr Licht
miteinander vermischen. Andere meinten, es seien noch unzählig viele
Sterne am Himmel, die andere Kreise und Umgänge hätten, denn die wir
kennen, und welche, wenn sie an die äußerste Spitze ihres Kreises
kommen, uns als Kometen erscheinen. Etliche haben sie auch für feurige
Luftzeichen gehalten, die aus den warmen und trocknen Dünsten der Erde
zusammenwüchsen und sich darnach entzündeten. In unseren Tagen haben
zwei Meinungen über die Kometen den Vorrang erhalten. Die eine ist die,
daß die Kometen dichte Körper seien, wie die andern Sterne, daß die
Schweife aber von den Ausdämpfungen des Kopfes am Sterne rührten. Daß
sie sich nur in gewissen Zeiten zeigten, komme daher, weil sie in
länglichen Kreisen um die Sonne hergingen, und nur dann von uns gesehen
werden könnten, wenn sie der Sonne sich näherten.«

»Dieser Meinung bin ich nicht, möchte vielmehr Denen beistimmen, welche
die Kometen für außerordentliche Himmelskörper halten, aus allerlei
Dünsten locker zusammengedrückt, die, wenn sie entzündet sind und
anfangen zu brennen, dann wegen ihrer starken Bewegung durch die Luft
einen lohenden Schweif hinter sich drein ziehen. Denn wären die Kometen
beständige Weltkörper, so müßten sie, nachdem sie am größten scheinen,
nach und nach wieder kleiner werden. Dieses aber geschiehet nicht also,
sondern nachdem sie sich entzündet haben und völlig in Brand gerathen
sind, verlöschen sie auf einmal. Auch ist nach meinem Dafürhalten die
Sonne nicht vermögend, ihre Strahlen durch einen beständigen und dichten
Körper zu stoßen, so daß dieselben auf den Gegenseiten als ein Schweif
zu sehen sei. Bleibe dabei, es sind die Kometen Dunstkörper, von dem
allmächtigen Gott an den Himmel gestellt, daß sie Jedermann sehen und
von andern Gestirnen unterscheiden kann, auf daß die Menschen durch
solche stumme Luftbußprediger bewogen würden, zurückzudenken, sich ihres
Frevels und Muthwillens zu erinnern und dem erzürnten Gott mit wahrer
Reu' und Buße entgegenkommen.[3]«

»Die Herrn Astronomi, die solche Kometen für beständige Weltkörper
ausgeben, thun nach meiner Meinung ein großes Unrecht, indem sie die
ohnehin sichere Welt nur noch sicherer machen. Denn der allmächtige
Schöpfer zeigt an den Kometen nicht nur seine hohe Weisheit, sondern
auch seine große Gerechtigkeit in deren Gestalt und Figur, denn die
Kometen gleichsam die Hand des erzürnten Gottes mit einer darin
haltenden Ruthe darstellen, dadurch uns Menschen anzudeuten, sein
heiliges und gerechtes Vorhaben, daß er mit der gezückten Ruthe auf uns
schlagen will, darum, weil wir ihn, den lebendigen Gott, verlassen. Auch
berichten uns die Historiker, daß allezeit auf einen Kometen etwas
Sonderliches in der Welt geschehen ist, Krieg, Mißwachs, theure Zeit,
Erdbeben, wie ich auch das eines Weiteren auseinandersetzen könnte. Und
hat darum unser treufleißiger und für die Ehre Gottes eifriger Herr
Pfarrer sehr weislich gethan, daß er am letzten Sonntag dem Volk die
Bosheit und Gottlosigkeit scharf und nachdrücklich unter die Augen
gestellt, indem er gleichsam mit Fingern die am Himmel gezückte Ruthe
des erzürnten Gottes gezeigt hat. Und solche Predigt ist auch für uns
gehalten worden, daß wir uns reizen lassen zur Buße und guten Werken.«

»Bin bis dahin in Allem eurer Meinung, Herr Justus«, sprach bescheiden
der Elias Büttner, »und habe des Herrn Pfarrers Predigt mit sonderlicher
Erbauung gehört, wünsche auch aus Herzensgrund, es möge an der Predigt
in Erfüllung gehen, was dort Jesaias sagt: »Gleichwie der Regen und
Schnee vom Himmel fällt, und nicht wieder dahin kommt, sondern feuchtet
die Erde und macht sie fruchtbar, — also soll das Wort, das aus meinem
Munde gehet, auch sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern
thun, was mir gefällt, und soll ihm gelingen, dazu ich es sende.« So
schön dieß liebe Gotteswort nun ist, so wahr ist doch auch ein anderes,
das im Jeremias, im zehenten Kapitel, im anderen Vers zu lesen ist, und
heißt: »Und sollt euch nicht fürchten vor den Zeichen des Himmels, wie
die Heiden sich fürchten.« Nach diesem Sprüchlein will mir denn ein
Zweifel kommen, ob's auch recht gethan sei, einen solchen Stern mit der
Inbrunst zu beschauen, wie wir thun, und ihn gerade Weges einen Boten
Gottes zu nennen.«

»An den Spruch, lieber Nachbar Büttner, habe ich auch schon gedacht«,
antwortete der Schulmeister, aber ich habe mir ihn von allen Seiten wohl
erwogen, und da heißt er mir nur soviel, als: »Ihr sollt euch nicht
fürchten vor den Zeichen des Himmels, wie die Heiden sich fürchten.« Die
wußten aber nichts vom wahren, lebendigen Gott und stellten ihr
Vertrauen auf selbstgemachte Götter, waren auch so ersoffen in
Aberglauben, daß sie, wenn ein ungewöhnlich Zeichen am Himmel erschien,
sie sich vor dem Zeichen selbsten fürchteten, als wenn das die Macht
hätte. Wir Christen aber glauben an den Allmächtigen, der die Zeichen am
Himmel erschaffet; so fürchten wir denn nicht die Zeichen, sondern den
Schöpfer, und betrachten sie als Vorausläufer, uns zu erinnern, daß er
bereit sei, uns zu strafen, wenn wir nicht diesen großen König Himmels
und der Erde kindlich fürchten, und mit Geschenken ihm entgegen gehen,
ich meine, mit wahrer Reu' und Buße.«

»So, ihr Nachbarn, will ich's mit dem Kometen da über uns halten, und
will acht haben auf die Zeichen der Zeit und auf mein Herz, und auf das
Wort dessen, der sagt: »Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen.«
Und zum Gedächtniß an diesen Abend und an so manch' selig Stündlein, das
mir der Komet des Jahres 1744 gebracht hat, will ich mir ein Bild machen
vom Kometen, wie er heute steht, und wie er mit dem Mond zur Seite sein
Licht herabwirft auf meinen Veitsberg und auf mein Kirchlein hier unten,
und darunter will ich schreiben:

    Was zeigt der Vorbot' an, der sich dort präsentiret?
    Ja nichts, als Gott ist auf, zu strafen unsre Sünd';
    Ach, wenn derselbe uns die Herzen doch so rühret,
    Daß wenn der Richter kommt, er Reu' und Buße find't.«

Fußnoten:

[3] Will dir Manches, was hier über den Kometen des Jahres 1744 gesagt
worden ist, sonderbar vorkommen, mein lieber Leser, und du wohl gar
glauben, ich wolle dir die Meinung des guten Justus für etwas Gewisses
ausgeben, so würdest du irren. Ich ließ den Kalendermann seine Ansicht
von den Kometen vor seinen Hausfreunden entwickeln, weil ich eine treue
Schilderung von ihm und seiner Zeit geben wollte. Und ist unser Justus
nicht selbst in dem, was du vielleicht Aberglauben nennen möchtest, ein
frommer Mann? Wer kann es ihm verargen, daß er nicht weiter war, als
seine Zeit? — Jetzt weiß man recht wohl, daß die Kometen keine
Dunstmassen, sondern Weltkörper sind, wie die übrigen Sterne; aber ihre
innere Beschaffenheit und die Ursache ihres Schweifes weiß man auch
heute noch nicht genau. Auch das weiß man, daß die Kometen sich um die
Sonne bewegen, aber nicht in kreisrunden, sondern in länglich-runden
Bahnen, daß sie darum der Sonne manchmal sehr nahe kommen, und sich dann
in unendlichen Weiten wieder von ihr entfernen. Ja sogar die Umlaufzeit
einzelner Kometen hat man berechnet, aber von den meisten weiß man sie
nicht. — Wer aber will es Aberglauben nennen, wenn bei der Erscheinung
eines Kometen der Christ gläubig hinauf zum Vater des Lichts, und
prüfend hinein in sein Herz blickt? Etwas anderes will auch die Schrift
nicht, wenn sie David sprechen läßt: »Wenn ich sehe den Himmel, deiner
Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast; was ist der
Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du dich
seiner annimmst?« — Möge nur recht bald Einer auftreten, der unserm
deutschen Volk den Sternenhimmel bekannt mache, und in weiteren Kreisen
für Gottes Erkenntniß in seinen Wundern des Himmels eben so treu wirke,
wie Justus einst in seinem engen Kreise wirkte. Aber zweierlei muß er
dazu mitbringen: das rechte Herz und das rechte Wort. Wer die Wunder in
der Höhe verstehen und dolmetschen will, der muß erst die Wunder in der
Tiefe des Menschenherzens verstanden haben.

Uebrigens hat Justus seine ganze Ansicht von den Kometen in einem eignen
Schriftchen niedergelegt, dem ich hier gefolgt bin, und das den Titel
führt:

»Einfältige Gedanken von den Kometen, veranlaßt wegen des neulich
erschienenen Kometen. Mit angehängtem Bericht, wann und in welcher
Gegend des Himmels, und in was für einem Gestirn derselbe auf dem
Veitsberg gesehen worden, nach welcher Himmelsgegend er sich bewegt,
wann und wo er sich am Himmel wieder verloren. Auch zur Anzeige seines
Laufs eine Figur verfertigt und beigefüget von

EJnem, von welchem der Comet auch gesehen Jst worden.«



11. Der verlorene Sohn.


Es war einige Wochen nach diesem Abendgespräch, und der März war
gekommen, und hatte den Schnee geschmolzen und die Erde bereitet für den
nahenden Frühling. Und seine Vorboten, die wir immer so freudig
begrüßen, kamen auch auf den Veitsberg. Auf dem Storchnest zu Saasen war
unter dem Jubel der Kinder der Sommergast eingezogen; unter den Hecken
am Berge blühten die ersten Blumen, und der Buchfink schlug auf den
Kirschbäumen so laut und anhaltend, als daure ihm der Aufbruch der
Knospen zu lange, als wolle er sie wachsingen.

Wie der Tag sonnenhell gewesen war, von einem frischen Lüftchen, das mit
dem Märzstaub spielte, gekühlt, so war auch der Abend, von dem wir
reden, ein sternheller, stiller Märzabend. Das Abendbrod im Hause des
Schulmeisters vom Veitsberg war schon seit länger als eine Stunde
verzehrt, und er selber saß an seinem Tische im Lehnstuhl, und schrieb
seine Beobachtungen über den Kometen auf, und berechnete, den Blick
manchmal auf eine große Sternkarte gerichtet, die er selber entworfen
hatte, den Lauf des Kometen. Dorothe machte sich derweil mit ihrer
Jüngstgeborenen zu schaffen, wusch und stillte sie, und legte sie dann
unter stillem Gebet in die Wiege. Dann zog sie den Vorhang vom großen
Bette weg, in dessen Mitte ihr Heinrich schlief, und labte sich an dem
blühenden, vollen Gesicht des Knaben und an dem gesunden Schlaf, und den
Mund des Kindes küssend, sprach sie leise: »Herr, erhalte sein Herz bei
dem Einigen, daß er deinen Namen fürchte!«

Da fing es an in der Guckucksuhr an der Wand lebendig zu werden, die
jetzt wieder auf die Minute ging, seit sie der Schreinerkaspar in Händen
gehabt hatte, und das Thürchen thät sich auf, daraus mit dem Schlage der
Stunde der Vogel zu kommen pflegte; und das war ein Zeichen, daß es noch
fünf Minuten vor dem Schlag seien. Auf dieß Zeichen erhob sich der
Schulmeister von seinem Sitze, setzte die Hausmütze auf den Kopf, und
sagte: »Dorothe, ich will das Spinnglöcklein ziehen, es wird nicht weit
von acht Uhr sein. Die Leuchte nehme ich heute Abend nicht mit, denn es
ist sternhell, und sollt ich nicht hurtig wieder da sein, so mache dir
keine Gedanken darüber, ich möchte den Kometen einmal wieder aufsuchen;
der scheint sich seit voriger Woche rar machen zu wollen.«

Damit ging der Schulmeister zur Thüre hinaus und trat auf den Kirchhof.
Der Himmel war sternhell, aber der Komet war nicht da. An der Stelle des
Himmels aber, wo ihn des Justus Auge suchte, war eine andere wundervolle
Himmelserscheinung. Vier schmale Lichtstreifen, nicht so breit als der
Schweif des Kometen, aber viel feiner und länger, breiteten sich in
Kreuzesform über einen großen Theil des Nachthimmels aus. Daß sie vom
Kometen herrührten, dessen Kern man nicht mehr sah, war kein Zweifel;
und der Schulmeister stand wie angewurzelt, und schaute mit thränenden
Augen das wundervolle Schauspiel an. »O Herr« rief er aus, »wer kann
deiner Herrlichkeit sich satt sehen! Du thust große Dinge, die nicht zu
forschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind!« »Doch soll ich denn der
Einzige sein«, sprach er vor sich hin, »der dieß Werk Gottes bewundert!
Dorothe soll mir helfen.« So sagend schritt er der Thüre zu. Doch in
diesem Augenblick schlug es auf dem Thurme acht Uhr, und der
Schulmeister, gewohnt, seinen Dienst pünktlich zu thun, eilte zur
Kirche, öffnete sie rasch, wunderte sich auch weiter nicht darüber, daß
er die Thüre nur angelehnt fand, und zog die Abendglocke. Wie ihr Klang
in das Thal hinab schallte, da deuchte es ihm, so feierlich hätte es
noch nie gelautet, und er selbst kam sich vor wie ein Herold,
ausgesandt, die großen Thaten Gottes zu verkündigen, und vernehmlich
sprach er vor sich hin: »Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern.«

Da kam es ihm vor, als rege sich in dem Kirchlein etwas und als seufze
ein Mensch aus tiefer Brust. Doch er achtete des Tones weiter nicht,
denn zu allen Zeiten der Nacht war er schon in der Kirche gewesen, und
hatte auf den Gräbern umhergestanden, und so waren ihm diese Orte, die
sonst bei nächtlicher Weile für den Furchtsamen Orte des Schreckens
sind, sehr befreundet und ängsteten ihn nicht.

Er hatte sein Geschäft vollendet, die Thüre rasch hinter sich
zugeschlagen, und wollte eben den Schlüssel aus dem Schlosse ziehen; da
rief aus der Kirche eine laute Stimme: »Laßt auf, es ist Jemand in der
Kirche!« Der Schulmeister blieb stehen und sein Herz klopfte ihm in der
Brust, doch rief er mit entschlossenem Tone: »Wer ist denn in der
Kirche, sagt in Gottes Namen, wer ist denn in der Kirche?« »Ein
Fremder«, scholl es aus der Kirche, »der sich hier ein Nachtquartier
gesucht hat.« Da öffnete Justus die Thüre und heraus trat eine hohe
Gewalt, mit einem Knotenstock in der Hand und sprach in mildem Tone:
»Vergebt mir, wenn ich euch erschreckt haben sollte, ich wollte nichts,
als freies Lager für diese Nacht und freien Aus- und Eingang von hier.«

»Ein Nachtquartier in einer Kirche suchen«, sprach der Schulmeister,
»ist mir noch nicht vorgekommen; wer es da ohne Grausen kann aushalten,
der muß ein gut Gewissen haben.« Da der Fremde auf diese Rede keine
Antwort gab, so fuhr er fort: »Thätet ihr aber nicht besser, Fremder,
wenn ihr in guter Leute Haus einkehrtet für diese Nacht, statt hier in
der Kirche, wo es kalt ist und wo ich euch kein Schlafplätzchen
vergönnen darf?« »Daß sich's unter Dach und am warmen Ofen besser ruht,
denn hier, das weiß ich wohl«, sprach der Fremde, »aber wer wird einen
Reisenden um Gottes willen aufnehmen mögen, der seinen letzten Pfennig
ausgegeben hat?« »Wie man anklopft«, sagte der Schulmeister, »so wird
einem aufgethan, und ein gut Wort findet auch eine gute Statt. Es sind
ihrer noch Etliche, die gastfrei sind ohne Murmeln; geht nur an die
nächste Thür' und versucht's.« »Wo ist denn die nächste Thüre«, fragte
der Fremde, »und wie heißt das Oertlein hier auf dem Berge?« »Das
Dörfchen heißt der Veitsberg«, sagte Justus, »und die nächste Hausthüre
ist die meine.« »Und wer seid ihr?« fragte langsam der Fremde. »Ich bin
der Schulmeister vom Veitsberg, und biete euch ein warmes Nachtlager an,
sogar von Herzen gern, wenn ihr mir als ehrlicher Christenmensch in's
Aug' sehen könnt, und annehmen wollt, was mein klein' Haus vermag, ein
freundlich Gesicht und einen Bissen Abendbrod.«

Der Freunde stand zögernd noch auf demselben Flecke und schaute bald den
Justus an, bald sah er in die Nacht hinaus. Dann brach er das Schweigen
mit der Frage: »Seid ihr beweibt, Herr Schulmeister?« »Das Bedenken, das
in eurer Frage liegt,« sagte Justus, »kann ich errathen, und will's
schnell heben. Ja, der liebe Gott hat mir ein Eheweib beschieden; aber
meine Dorothe denkt wie ich: »Brich den Hungrigen dein Brod, und die, so
im Elend sind, führe in dein Haus.« Sie wird weder scheel sehen, noch
maulen, wenn ihr herein kommt. Auch seid ihr nicht der erste Fremde, der
ein Obdach bei uns sucht; unser Dörfchen hat kein Wirthshaus.«

Der Fremde zögerte noch eine gute Weile; dann aber folgte er schweigend
in's Schulhaus. Wie sie zur Stube eingingen und Dorothe sich von ihrem
Sitze erhob, da sprach der Fremde einige Worte der Entschuldigung, aber
Justus nahm schnell das Wort und sagte: »Dorothe, der Fremde hier wollte
in unserer Kirche übernachten, ich habe ihn eingeladen, für diese Nacht
Herberge bei uns zu nehmen.« »Das wolle Gott verhüten«, sprach
freundlich Dorothe, »daß ihr eine Nacht in unserer Kirche zubringt, die
könnte euer Tod sein. Seid vielmehr bei uns willkomm, Herr, und macht's
euch bequem, ihr werdet müde sein und hungrig wohl auch, laßt mich euch
einen Imbis bereiten!« »Nennt man denn einen Bettler, der in zerrissenen
Kleidern kommt, einen Herrn?« sprach düster der Fremde. »Gute Frau, ihr
thut mir zu viel Ehre an.« »Sprecht nicht von Ehre«, antwortete Dorothe
freundlich, »bei uns zu Lande sieht man nicht auf' s Kleid, sondern in's
Angesicht. Und ihr seid guter Leute Kind, das merke ich an eurer
Sprache, und an euren Augen sehe ich, daß ihr viel gelitten habt, und
eben noch mehr leidet. Doch laßt mich jetzt euer Abendbrod bestellen.«
Damit ging Dorothe zur Küche.

Wäre Dorothe nie in der Schule der Prüfung gewesen, hätte sie dann so
reden können? Wie aus dem Schmelztiegel das lautere Gold hervorgeht, so
fördert auch das Leid aus der Tiefe der Seele das lautere Gold zu Tage,
das Gold der Gottes- und der Menschenliebe. In diesem Sinne sagt der
Psalm: »Ehe ich gedemüthigt ward, irrete ich, nun aber halte ich dein
Wort.«

Bald stand auf dem Tische des Fremden eine Milchsuppe mit Brodschnitten
darin, und auf flachem Teller von buntem Hausgeschirr ein Kuchen von
frischgelegten Eiern; und der Fremde aß mit großer Begierde, und man sah
es ihm an, wie er sich Gewalt thun mußte, seinen starken Hunger nicht
zur Schau zu tragen.

Während Dorothe ab- und zuging, und dem Fremden drüben im Schulstübchen
das Nachtlager bereitete, hatte derweil der Schulmeister seinen Rath mit
ihm. Doch ging das Gespräch nicht sonderlich von Statten; denn der
Fremde antwortete nur auf die gethanen Fragen, und schien gar
niedergebeugt. Das indessen brachte der Justus schon am Abend an ihm
heraus, daß er unter den Preußen gedient, als diese unter ihrem König,
dem großen Fritz, wie er nachmals genannt wurde, den Kaiserlichen das
Schlesinger Land abgenommen; aber der Fremde legte so wenig Werth auf
die Thaten, die er in diesem Kriege gethan, daß man ihm wohl anmerkte,
er habe das Soldatenhandwerk nicht sonderlich lieb gehabt. Auch vermied
er sichtlich, seinen Namen zu nennen, und das Ziel seiner Reise zu
verrathen. Viel gesprächiger ward er aber, als von gelehrten Dingen die
Rede war, und Justus merkte wohl, daß er es mit einem Manne zu thun
habe, der in fremden Sprachen einen guten Grund gelegt, auch sich da und
dort in den Büchern fleißig umgesehen habe.

So war die Zeit zur Nachtruhe gekommen, und Justus sagte zu dem Fremden:
»Ich und mein Haus wollen jetzt dem Herrn dienen. Habt ihr Gottes Schutz
und Treue erfahren an diesem Tag, so erlaubt ihr wohl, daß wir mit euch
und für euch loben und danken in dieser Abendstunde.« Als der Fremde
schweigend mit dem Kopfe genickt, da nahm der Schulmeister sein
Hausbüchlein von dem Kammbank, darin er für sich und die Seinen zu
täglichem Gebrauch den Morgen- und Abendsegen, wie viel andere herzliche
Gebetlein für allerlei Lage und Zeit eingeschrieben hatte, und betete
mit lauter Stimme also:

»Barmherziger, gnädiger Gott und Vater, ich sage dir Lob und Dank, daß
du Tag und Nacht geschaffen, Licht und Finsterniß unterschieden; den Tag
zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe, auf daß sich Menschen und Thiere
erquicken. Ich lobe und preiße dich in allen deinen Wohlthaten und
Werken, daß du mich den vergangenen Tag hast vollenden lassen durch
deine göttliche Gnade, und desselben Last und Plage hast zurück legen
lassen. Es ist ja genug, lieber Vater, daß ein jeder Tag seine eigne
Plage habe. Du hilfst ja immer eine Last nach der andern ablegen, bis
wir endlich zur Ruhe, und an den ewigen Tag kommen, da alle Plage und
Beschwerung aufhören wird. Ich danke dir von Herzen für all' das Gute,
das ich diesen Tag von deiner Hand empfangen habe. Ach Herr, ich bin zu
gering aller Barmherzigkeit, die du an mir täglich thust. Ich danke dir
für die Abwendung des Bösen, das mir diesen Tag begegnen können, und daß
du mich unter deinem Schirm des Höchsten und Schatten des Allmächtigen
bedecket, und behütet hast vor allem Unglück, und vor schweren Sünden,
und bitte herzlich und kindlich, vergib mir alle meine Sünden, die ich
diesen Tag begangen habe, mit Gedanken, Worten und Werken. Viel Böses
habe ich gethan, viel Gutes habe ich versäumt. Ach, sei mir gnädig, mein
Gott, sei mir gnädig! Laß heute alle meine Sünde mit mir absterben, und
gib mir, daß ich immer gottesfürchtiger, heiliger, frömmer und gerechter
wieder aufstehe; daß mein Schlaf nicht sei ein Sündenschlaf, sondern ein
heiliger Schlaf; daß meine Seele und mein Geist immer zu dir wache.
Segne meinen Schlaf, wie den Jakobs, da er die Himmelsleiter im Traum
sah, und den Segen empfing, und die heiligen Engel sah; daß ich von dir
rede, wenn ich mich zu Bette lege, an dich gedenke, wenn ich aufwache;
daß dein Name und Gedächtniß immer in meinem Herzen bleibe, ich schlafe
oder wache. Gib mir, daß ich nicht erschrecke vor dem Grauen der Nacht,
noch vor den Sturmwinden der Gottlosen, sondern süße schlafe. Behüte
mich vor schrecklichen Träumen, vor dem Einbruch der Feinde, vor Feuer
und Wasser. Siehe der uns behütet schläft nicht, siehe der Hüter Israels
schlummert nicht. Sei du, o Gott, mein Schatten über meiner rechten
Hand, daß mich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des
Nachts. Laß deine heiligen Wächter mich behüten, und deine Engel sich um
mich her lagern, und mir aushelfen. Dein heiliger Engel wecke mich zu
rechter Zeit, wie den Elias, und wie den Petrus, da er schlief im
Gefängniß zwischen den Hütern, auf daß ich erkenne, daß ich auch sei in
der Gesellschaft der heiligen Engel. Und wenn mein Stündlein vorhanden
ist, so verleihe mir einen seligen Schlaf, und eine selige Ruhe in Jesu
Christo, meinem Herrn.«

»Amen«, sprach feierlich der Schulmeister; »und nun Dorothe, meine
Liebe, lies du uns noch die Abendlection aus heiliger Schrift. Hier im
Evangelium Lucä stehen wir, im fünfzehnten Kapitel, am eilften Verse.«
Und Dorothe nahm die Bibel aus seiner Hand und las, wie ein gläubiger
Christ die Schrift liest, voll Salbung und Andacht das Gleichniß vom
verlorenen Sohne.

Bis dahin hatte der Fremde mit gefaltenen Händen und mit gesenktem
Blicke dagesessen, nun aber, wie Dorothe las, ward er unruhig und seine
Unruhe wuchs mit jeder Minute, und wie Dorothe an die Worte kam: »Ich
will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater
ich habe gesündigt in dem Himmel und vor Dir«, — da seufzte der Fremde
zum Herzbrechen, und große, dicke Thränen stürzten aus seinen Augen und
er rief laut: »Mein Vater, mein Vater!« Dann ward er plötzlich wieder
stille, sprach auch kein Wort mehr, als: »Gute Nacht!« und ließ sich von
seinem Gastwirth in sein Schlafgemach geleiten.

Die Nacht ging ohne Störung vorüber. Mit Gebet für das Heil des Fremden,
der unter ihr Dach getreten war, waren Justus und sein Weib
eingeschlafen; »denn er bedarf unseres Gebetes gewi߫, hatte der
Schulmeister gesagt, »trügt mich der Augenschein nicht gänzlich, so
beherbergen wir einen verlorenen Sohn; möge er nur bald heimkehren zu
seines Vaters Haus.«

Wie der Schulmeister am andern Morgen in des Fremden Schlafstube kam, da
fand er diesen am Fenster stehen, den Kopf wider die Scheiben gelehnt
und hinausschauen in den Morgen, der, einen schönen Märztag verkündend,
über die Thäler heraufstieg. Der Fremde war noch blässer, denn am Abend;
und jetzt bei hellem Tage sahe man erst recht, warum er Bedenken
getragen, in ein ehrlich Haus einzutreten, denn seine Kleidung waren
eitel Lumpen und die Schuhe waren mit Bindfaden an den Füßen
festgebunden. Gesicht aber und Hände waren rein, und seine Haltung war
aufrecht, und sein Blick hatte nichts Freches und Wildes, war vielmehr
sanft und leidend. Ein Blick auf das Lager überzeugte den Schulmeister
sogleich, daß der Fremde nicht darin geschlafen, daß er vielmehr
wahrscheinlich die Nacht durchwacht habe. Das Alles übersah Justus mit
einem Blick und mit einem Gedanken durchdachte er das ganze Seelenleiden
des Fremden und eine innige Theilnahme ergriff sein Herz. Und wie ihm zu
Sinne war, so sprach er es aus, gleich fern von Aufdringlichkeit wie von
Neugier. Das rechte treue Wort schien auch die rechte wunde Stelle im
Herzen des Fremden gefunden zu haben, denn er sagte gar bewegt: »Habt
Dank, habt Dank, guter Mann für die große Liebe, womit ihr mich, einen
Landläufer, beehrt habt. Nicht lange mehr will ich euch lästig fallen.
Wollt ihr mir aber noch einen recht großen Dienst thun, so führt mich
auf einen Pfad, auf dem ich Gießen erreichen kann, ohne daß Menschen mir
begegnen, und schenkt mir auf ein einzig Stündlein nur euer Geleit, ich
möchte von euch einen Freundesrath mir erbitten. Seit ich in der Irre
gehe, habe ich solch' eine Liebe nicht gefunden, wie bei euch! O hätte
ich euch früher gefunden, es stünde jetzt anders um mich!«

»Hab' ich denn etwas Sonderliches an euch gethan«, fragte der
Schulmeister, »das solch' Aufhebens verdiente, wie ihr thut? Ich habe
euch aufgenommen, da ihr sonst kein Obdach finden konntet, das ist
Alles. Ist das eine Tugend oder ein Lob, so hab' ich sie von Vater und
Mutter gelernt, und wäre das nicht, so kenne ich ja des Apostels Wort:
»Nehmet euch der Heiligen Nothdurft an, herberget gerne.« Was euren
Wunsch aber betrifft, so weiß ich ein Pfädlein durch Wald und Feld, das
ist einsam und traulich; ich bin's wohl auch schon an warmen Sommertagen
gegangen. Auf dem Pfädlein will ich euch gern das Geleite geben, nur
laßt mich erst meines Amtes warten. Haben wir mitsammen die Morgensuppe
gegessen, so ziehe ich das Schulglöcklein, das man drunten weithin
höret, und dann kommen meine Schüler. Seht nur dort hinunter, dort an
der Waldecke, da naht schon ein Trüpplein; sie kommen gern, und bleiben
gern, ohne daß ich sie treibe und halte. Seht, jetzt haschen sie
einander und Einer ruft, um das Echo zu wecken, das dort an der Waldecke
ist. So ist's recht, ihr Kinder! Ich sag' ihnen immer:

    »Wer sich gewöhnet hat, in Ehren sich zu freu'n,
    Wird auch bei ernster Sach' nicht träg und schläfrig sein.«

       *       *       *       *       *

Nach der Morgensuppe war der Fremde verschwunden; er hatte sich im nahen
Walde verborgen gehalten, denn er schämte sich der Lumpen, die ihn
deckten. Um die Zeit, die ihm von Justus genannt worden war, erschien er
wieder, nahm schnell aber herzlich von Dorothe Abschied, und wanderte
mit dem Schulmeister durch die Wälder nach Gießen zu.

Im Wald war's schon lebendiger geworden; die Vorboten des Frühlings
zeigten sich auch da. Einsame Bienchen flogen um die Schneeglöckchen,
oder hingen sich an die Kätzchen der Salweiden, während der Specht mit
lautem Hämmern den Würmern in den alten Buchen nachstellte, und die
Amsel Reiser trug zum Nest, und ihren lauten Schlag durch die Wälder
schallen ließ. Es war ein schöner Märztag, und die Sonnenstrahlen fielen
so warm durch die kahlen Zweige der Bäume auf die Wandrer, daß der
Schulmeister seinem Dankgefühl Worte gab und zu seinem Gefährten sagte:
»Ein solcher Tag lohnt doch für viele trübe Winterstunden. Aber so ist's
auch im Reiche Gottes; unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist,
schaffet eine ewige Herrlichkeit.«

»So muß es wohl sein«, sprach der Fremde, »denn die Schrift sagt's, und
mag für die ein großer Trost in dem Sprüchlein liegen, die gleich Hiob
sagen können: »Mein Gewissen beißt mich nicht meines ganzen Lebens
halber.« Aber wie steht es mit Denen, die ihr Leid selbst verschuldet
haben; die von Gott sich losgesagt und ihre eignen Wege gegangen sind;
wird denen auch die Last abgenommen, und haben die den Trost, daß ihr
Leid sie zum Heil führe?«

»O gewiß«, sagte der Schulmeister, »wenn sie nur ihre bösen Wege lassen
und die Stimme Gottes nicht überhören, die in den Folgen ihrer Sünden zu
ihnen spricht und sie zur Buße rufet. »Denn so wahr ich lebe, spricht
der Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er
sich bekehre und lebe.« Denn bei ihm ist viel Vergebung.«

»Ich glaube das«, sagte der Fremde, »ja seit der letzten Nacht, die ich
durchwacht, glaub' ich's sogar von Herzen, und verstehe jetzt, was ich
früher nie verstehen konnte: »wie Gott nicht will, daß Jemand verloren
gehe, sondern daß sich Jedermann zur Buße bekehre.« Aber wie ist es mit
den Menschen, nehmen die auch die Sünder so freundlich wieder auf,
werden die auch bereit sein, alles Geschehene zu vergessen, wenn Einer
kommt und sagt: »Es reut mich von Herzen, was ich gethan habe, vergib
mir meine Schuld?« Und der Fremde hielt beide Hände vor sein Angesicht
und weinte laut, und rief einmal über das andere Mal aus: »O mein Vater,
mein Vater!«

»Kümmert euch das«, sprach theilnehmend der Schulmeister, »so laßt die
Sorge fahren. Habt ihr etwas zu bereuen, das ihr gegen Gott und Menschen
gethan habt, ist es euch leid von Herzensgrund, und habt ihr durch den
euren Rückweg zu Gott genommen, der von Gott uns gemacht ist zur
Weisheit, zur Gerechtigkeit zur Heiligung und zur Erlösung, und habt ihr
durch ihn den Zutritt gewonnen zum Vater und durch ihn die Botschaft
vernommen: »Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben«, —
dann geht getrost den Menschen unter's Auge, wer sie auch sind, und sagt
ihnen: »der Herr hat mir vergeben, vergib mir auch«, sie werden euch
nicht von hinnen weisen. Und thäten sie's, was verlöret ihr dabei? Ist
Gott mit uns, wer mag wider uns sein? Wir vermögen Alles durch den, der
uns mächtig machet, Christus.«

»Ach, ihr wißt nicht«, sprach der Fremde, der sich etwas gesammelt
hatte, »wie ich meinen Vater gekränkt habe. Ich war sein einzig Kind,
und meine Mutter schon lange todt. Da hat er mich denn geliebt in Milde
und Ernst, wie ich es nie verdient und nie vergelten kann. Und doch ward
ich schlecht und schlug Alles in den Wind, und soff und spielte und
betrog und entwich endlich, und ließ meinem Vater einen Haufen Schulden
zurück. Seit Jahren treibe ich mich dann in der Welt umher; habe mir
helfen wollen auf gute und böse Weise, und bin immer tiefer gesunken,
bis ich zum Bettler ward. Da bin ich meiner Heimath immer näher
gekommen, und auch immer mehr in mich gegangen, und seit gestern Abend,
da ich im Gleichniß vom verlorenen Sohn mich selbst erkannte, habe ich
mich recht gedemüthigt und zu mir gesprochen: »Ich will mich aufmachen
und zu meinem Vater gehen!« Aber da läßt mir der Gedanke keine Ruhe: Er
wird, er kann dich nicht aufnehmen, du hast zu schwer an ihm gesündigt!
Sagt mir, o sagt mir, wird er mich aufnehmen?«

»Mein Freund«, sagte der Schulmeister tief ergriffen, »lernet doch
erkennen den Himmelstrost aus heiliger Schrift. Der dort sagt im
Gleichniß: »Und da er noch ferne war von dannen, sahe ihn sein Vater und
jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küssete ihn«, — der
muß wohl gewußt haben, wie es um ein Vaterherz steht. Alle Lieb' kann
aufhören: Gattenlieb' und Kindeslieb' und Freundeslieb', aber Vater- und
Mutterlieb' höret nimmer auf; die ist stärker als der Tod, tiefer als
das Meer, höher als der Himmel. Und der mich gelehrt hat, an solcher
Liebe Kraft zu glauben, der lehrt mich auch jetzt euch sagen: »Geht nur,
mein Sohn, euer Vater hat euch vergeben, so gewiß auch Gott uns vergibt
in Christo Jesu.«

»Amen, so sei es«, sprach der Jüngling; »mit diesem Trost will ich
meinem Vater unter die Augen treten. Wie es nun ausfalle, habt tausend
Dank für Rath und Trost, und erlaubt mir, daß ich noch einmal zu euch
komme, um euch zu danken, besser als ich es heute kann. Dann sollt ihr
auch meinen Namen erfahren, denn den ich in der Fremde geführt, der ist
nicht mein Name; meines Vaters Namen zu führen, schäme ich mich.«

Bei diesen Worten waren die Wandrer aus dem Walde getreten. Sie standen
auf einer Höhe, und vor ihnen breitete sich nach Westen hin ein
herrliches Thal mit mehreren Dörfern aus. »Kennt ihr die Gegend?« fragte
der Schulmeister den Fremden. »Wohl kenne ich sie«, war des Fremden
Antwort. »Das da drüben am Berge mit dem Schlosse, das so hell in der
Sonne glänzt, das ist Buseck, und dort im Thale sehe ich die Thürme von
Gießen. Ach dürfte ich es wieder meine Vaterstadt nennen!« »Muth gefaßt,
junger Freund«, sagte Justus, »wenn die Sonne untergeht, seid ihr dort.
Lebt wohl!« Unter herzlichem Händedruck schieden sie.

O wie mag dir der Heimweg so süß und friedlich gewesen sein, du guter
Justus! Du hast ein gut Tagewerk heute vollbracht; von dir gilt, was
dort der Prophet sagt: »Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der
Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen; die
da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!«

    »Dort ruft, o möchte Gott es geben!
    Vielleicht auch mir ein Sel'ger zu:
    Heil sei dir, denn du hast das Leben,
    Die Seele mir gerettet du!
    O Gott, wie muß das Glück erfreu'n,
    Der Retter einer Seele sein!« —

       *       *       *       *       *

Es war Abend und der Fremde stand am Thore der Stadt Gießen. Unerkannt,
wie er bis dahin geblieben war, wollte er sich an der Wache vorbei in
die wohlbekannte Stadt einschleichen; aber die Schildwache, die am Thore
stand, vertrat ihm den Weg, und rief ihm in barschem Tone zu: »Hört,
Landsmann, wer hier hinein will, und ist ein Fremder von eurem Ansehen,
der hat zuvor Stand und Beruf zu melden, auch durch Paß und Schreiben
sich gehörig zu legitimiren.« Auf des Fremden Bemerkung, daß er ein
Stadtkind sei, sagte der Soldat nichts, als: »Das steht zu beweisen.«
»He, Renner«, rief er einem Soldaten zu, der gerade aus dem Fenster der
Wachstube heraussah, »nimm einmal den Mann hier als Arrestanten in
Empfang, und bringe ihn hinein zum Corporal; es scheint nicht richtig
mit ihm zu sein.«

So geschah es. Der Corporal fragte den Fremden nach Stand und Namen, und
schüttelte den Kopf, als er den letzteren gehört, und sagte: »Seid ihr
wirklich der, für den ihr euch ausgebt, so muß ich um des Gewissens
willen eine Ausnahme von dem Befehl machen, alle Arrestanten dem Herrn
Platzkommandanten vorzuführen. Mit eurer Heimkehr hat's Eil', wie ich
heute Abend gehört, als ich zum Verles ging. Geht also, nehmt aber
diesen Soldaten mit euch, der euch zurückbringen wird, falls ihr nicht
auf dem rechten Wege bleibt.«

In Begleitung des Soldaten durcheilte der Fremde die wohlbekannten
Straßen, lenkte in die Schloßgasse ein und ergriff den Klopfer einer
Hausthüre, um hinein zu gehen. Doch die Thüre war verschlossen. Ungestüm
hämmerte er mit dem Klopfer an der Thüre. Die ward auch bald geöffnet,
aber ein Bedienter vertrat dem Fremden den Weg und sagte: »Wollt ihr zum
Herrn Rath Laupus, so kommt später wieder, der Herr Rath sind krank und
lassen Niemand vor sich.« Dieses hören und den Bedienten zur Seite
stoßen und die Treppe hinanstürzen, war bei dem Fremden das Werk eines
Augenblicks. Ungestüm riß er die Thüre zum Schlafzimmer seines Vaters
auf, und mit lautem Schrei stürzte der verlorene Sohn vor das Bette des
todtkranken Vaters. Von dem Schrei schreckte der Kranke aus seinem
Fieberschlafe auf, starrte um sich her, und als sein Blick auf den Sohn
fiel, der zur Seite des Bettes auf den Knieen lag, richtete er sich mit
großer Anstrengung auf, und fragte hastig: »Träum' ich, oder bin ich
schon todt, oder ist es wahr, ist mein Benjamin zurückgekehrt?« »Ja,
Vater«, rief der Jüngling unter lautem Weinen, »ich bin's, dein Sohn ist
es; vergib ihm, um Gottes Barmherzigkeit willen, vergib ihm. Es reuet
mich Alles, was ich gethan, aus Herzensgrund; ich will fortan ein andrer
Mensch werden!« »Hab' Dank, guter Gott, für dieß letzte Labsal«, sprach
der Kranke, indem er zurücksank, mit der linken Hand seine Augen
bedeckte, und die rechte segnend auf des Sohnes Haupt legte. »Sei
willkommen, Benjamin, sei in Gottes Namen willkommen«, sprach er leise;
»du kommst zu rechter Zeit, und wenn der liebe Gott das Gebet eines
sterbenden Vaters erhört, so bitte ich um Christi willen, er möge dir
deine Sünde vergeben, wie ich dir vergeben habe. Komm, Benjamin, küsse
mich, und sei hinfort wieder mein guter Sohn. Ich sterbe bald,
vielleicht noch in dieser Stunde, so bleib' denn um mich, daß ich mich
deines Besitzes wieder freuen kann.«

Indem klopfte es an die Thüre; eine alte Frau, die als Wärterin am Ofen
gesessen hatte, öffnete sie, und ließ einen Mann herein, der auf das
Bette des Kranken zuging, und in leisem Tone sagte: »Herr Rath, ihr habt
meiner begehrt, womit kann ich euch zu Diensten sein?« »Ich danke euch,
Herr College Gerst«, sprach der Rath Laupus, »daß ihr meinem
freundlichen Bescheid schnell habt Folge gegeben. Mein Ansinnen sollte
sein, daß ihr meinen letzten Willen mir aufsetztet; nun aber der Herr
mein Gebet erhört, und meinen Benjamin mir zurückgeführt hat, so geht
nur mein Begehren an euch, ihr wollet euch meines Sohnes nach besten
Kräften annehmen und behülflich sein, daß er auf rechtem Wege erhalten
werde.« Wie der Rath Gerst darauf dem Kranken Handschlag und Wort
gegeben, trat er vom Bette weg, um Vater und Sohn ungestörter verkehren
zu lassen, und setzte sich in die Nähe des Ofens.

Die Wärterin hatte ihn mittlerweile nicht aus den Augen gelassen; ihre
Blicke ruhten forschend und stechend auf seinem schönen, aber finstern
Angesicht. Jetzt trat sie leise zu ihm, tupfte mit dem Finger auf seine
Schultern und sagte: »Seid ihr der Rath Gerst?« »Ja«, war die Antwort.
»Und seid aus Braubach am Rhein?« Dieselbe Antwort. »Und kennt auch
Einen, seines Standes ein Theologe, mit Namen Justus?« Der Rath
verfärbte sich und fragte: »Wie so, was ist mit dem?« »Nun, ich merke,«
sagte die Alte, indem sie den Mann mit ihren Augen zu durchbohren
schien, »ich bin auf der rechten Spur. Was mit dem Justus ist, fragt
ihr? Dem geht ein Teufel in Menschengestalt schon seit Jahren nach, und
suchet, wie er ihn verschlinge. Laß ab, du Teufel, von dem Gesegneten
des Herrn, oder es ergeht dir, wie Dathan und Abiram, die der Herr
verschlang mit seinem Feuer.« »Und wer seid ihr denn, unverschämtes
altes Weib«, sprach der Gerst in leidenschaftlichem, aber gedämpftem
Tone, »daß ihr es wagt, mich in dem Hause meines Freundes zu beleidigen,
habt ihr keinen Respect vor meiner Person und meinem Amte?« »Wer ich
bin«, rief das Weib mit zornrothem Angesicht, aber ebenfalls in
gedämpftem Tone: »Ich bin des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg
eheliche, nachgelassene Wittib; und ich Barbara Lindin sage euch, habe
allen Respect vor eurem Amte, das von Gott geordnet ist, vor euch selbst
aber habe ich weniger Respect, denn vor dem Schinderkaspar, der hinter
dem Teufelslustgärtchen wohnt; denn der schindet, was todt ist, ihr aber
schindet Christenmenschen bei lebendigem Leib und nennt euch dazu einen
Herrn Rath. Pfui, sag' ich, über solch' Otterngezüchte! Pfui, sag' ich
noch einmal in meinem Namen, wenn ihr's hören wollt, und noch einmal
pfui, in Gottes Namen!« —

Die alte Lindin war im beßten Zuge, kein gutes Haar an dem Gerst zu
lassen; denn das war ihre schwächste Seite, daß sie nicht schweigen
konnte, wenn es galt, ein Unrecht zu strafen, oder einen Freund zu
vertheidigen. »Denn«, sagte sie, »eifern ist gut, wenn's immerdar
geschieht um's Gute.« Zum Glücke für ihren Gegner, der sich nicht mehr
zu helfen wußte, rief der Herr Rath Laupus ihn an sein Bette, und er
ergriff bald die erste Gelegenheit, sich aus der Krankenstube zu
entfernen, nicht ohne einen Blick der Rache auf die alte Lindin geworfen
zu haben, den diese standhaft aushielt und treulich erwiederte.

Heute war der Racheengel dem Gerst in Gestalt der alten Lindin genaht,
möchte sein Gewissen bald erwachen und er uns in anderem Lichte
erscheinen, wenn wir ihm in unserer Erzählung wieder begegnen! Doch die
Sünde läßt ihren Knecht nicht sobald aus ihrem Solde. »Wie der Löwe auf
den Raub lauert, also ergreifet zuletzt die Sünde den Uebelthäter.«



12. Der Feind kommt, wenn die Leute schlafen.


    »Blumenglöcklein läuten
      Durch die Thäler hin,
    Weiße Schäflein weiden
      In der Wiesen Grün.

    Vöglein singen Lieder,
      Singen lauten Schlag,
    Frühling kehrte wieder,
      Rief die Erde wach.

    Und auf linden Lüften
      Kommen Engelein,
    Schmücken rings die Triften,
      Kehren bei uns ein;

    Sagen, daß dort oben
      Ew'ger Frühling sei,
    Wer hinaufgehoben,
      Sei von Kummer frei;

    Wer hinaufgehoben,
      Schaue Jesum Christ,
    Der zum Vater droben
      Segnend gangen ist. —

    Wenn der Lenz gekommen,
      Dann gedenke sein;
    Wen er aufgenommen,
      Wird sein Engel sein.«

So sang Dorothe ihren Kindern vor am offnen Fenster. Der April war
gekommen und mit ihm das Osterfest, für die Alten das Fest der Lieb' und
Herrlichkeit, und für die Jungen das Fest der bunten Eier und des
lauten, frohen Jugendspiels auf grüner Flur. Aus dem Thal herauf hörte
man das Jauchzen der Kinder, und das Herz so voll Kindesglücks und
Frühlingslust drängte sich auch Heinrich an die Mutter heran, und
fragte, und fragte viel über das Osterfest, und über den Herrn Christum,
und über die bunten Eier, und über den Pathen im fernen Holland, und ob
denn jetzt immer Frühling bleibe und nie wieder Winter werde?

O wer kennt sie nicht diese Kinderfragen, wer hörte sie nicht gerne, und
gäbe nicht gerne Antwort darauf! Sie sind ja der Durst des kleinen
Menschenherzens, den Grund zu wissen von Allem, und den Vorhang zu
heben, der über der Zukunft liegt! Wir Alle werden ja Zeit Lebens nicht
müde zu fragen. Gingen wir nur bei unsern Fragen nicht so oft an die
unrechte Thüre; lernten wir doch _Den_ frühe zu unserm Rathgeber wählen,
der länger und geduldiger, denn Vater und Mutter, stille hält und uns
nie von sich scheucht; bei ihm würden wir Ruhe finden für unsere Seelen.

Aber Heinrich wollte viel wissen, und die Fragen des Kindes trieben der
Mutter die Thränen in's Auge. Ob Vater und Mutter immer bei ihm bleiben,
und immer froh sein und ihm immer gut, und ob es auch ihm gut ginge,
wenn er fromm und gut bliebe? »Ja«, sagte Dorothe, »es wird dir immer
gut gehen, Heinrich, wenn du den lieben Gott lieb hast und nach seinen
Geboten thust. Aber wie es in der Natur ist, daß bald Winter ist und
bald Sommer, und auch mitten im Sommer mancher Tag stürmisch und rauh
ist, und die Sonne nicht scheint, so wechselt es auch im Menschenleben,
und der liebe Gott macht uns bald froh und bald traurig. Heute gibt er
uns und morgen nimmt er uns. Aber ob er gibt, oder nimmt, so thut er uns
allezeit wohl. Wer nur recht fest an ihn glaubt und ihm fein stille
hält, dem kommt auch nach jedem Winter der Frühling wieder, und er
vergißt der gehabten Sorge um seiner Freundlichkeit willen. Es ist nur
und dem Vater nicht alle Zeit wohlgegangen, und kann auch wieder eine
Zeit kommen, wo uns das Leben sauer wird; aber wir verlassen uns auf den
lieben Gott, das thu' du auch, Heinrich und vergiß nicht dein
Sprüchlein:

    »Kindelein, bete fein,
    Wird dir Gott gnädig sein!«

Und Heinrich sah ernst in seiner Mutter Augen, die voll Thränen standen,
gleich als verstünde er, was sie sagte. Und wohl verstand er, was sie
sagte; denn Mutterthränen sind zart geschliffene Gläschen, durch die das
Kindesang' die Schrift der Liebe im Mutterherzen lesen kann; und ein
Brücklein ist gebaut zwischen Mutter- und Kindesherz, darauf führt der
Herr die guten Engel herüber und hinüber.

Mittlerweile war der Vater draußen gewesen im Hausgärtchen, um sich an
seinen Bienen zu erfreuen, die auch der Frühlingstag zu neuem Leben
gerufen hatte, und die in dicken Trauben an den Fluglöchern hingen.
Jetzt trat er herein, und in seiner Begleitung war der Fremde von
neulich, der ein Obdach im Hause des Schulmeisters gefunden, und
versprochen hatte, bald wieder zu kommen. Eine große Veränderung war
seitdem mit ihm vorgegangen. Statt der schmutzigen, zerrissenen
Kleidung, die ihn damals bedeckte, war er jetzt sehr anständig angethan,
aber die schwarze Farbe seiner Kleidung und ein schwermüthiger Zug in
seinem Angesicht sagten deutlich, daß die Nacht auf dem Veitsberg nicht
die letzte trauervolle gewesen sei. Jetzt nannte er seinen Namen,
erzählte mit tiefer Wehmuth, wie sein guter Vater in seinen Armen
gestorben sei, nachdem er ihm zuvor herzlich vergeben; erzählte auch,
wie sehr sich der Vater gefreut auf seinem Sterbebette, als er von
Justus Liebesdienst an seinem verlornen Sohne gehört; wie er ihm
aufgetragen, des Sterbenden Dank seinem Wohlthäter zu bringen, und wie
er den Sohn ermuntert habe, dieses Danks nie zu vergessen. »Ja noch mehr
hat er gethan, sagte der Benjamin Laupus, er hat auch den Herrn Rath
Gerst an sein Bette kommen lassen und ihm das Versprechen abgenommen,
euer Freund und Fürsprecher zu werden, und euch zu einer besseren
Stellung zu verhelfen, weil ihr es verdientet, mehr als Einer. Darauf
nach des Vaters Tode hat mich der Herr Rath Gerst noch einmal zur Seite
genommen, und mich gefragt, wo ihr wohntet, weil er lange nichts von
euch gehört, ob es euch wohl gehe und ihr ein gutes Zeugniß hättet; auch
ob ihr verheirathet wäret, und wie eure Frau heiße, kurz, der Mann
schien euch zu kennen, und es mit euch wohl zu meinen. Und als ich ihn
selber für euch bat, da sagte er: »Wir wollen sehen, was sich für den
Justus thun läßt!«

Wie der Name des Gerst von dem jungen Laupus genannt ward, da senkte der
Justus und sein Weib das Haupt, da war es ihnen, als lege sich eine
Centnerlast auf ihr Herz; jetzt, wo sie des Gerst, ihres Todfeindes,
eigne Worte gehört, von einem Versprechen gehört, das er für sie einem
Sterbenden geleistet, da sahen sie sich mit einem Blicke an, aus dem
alles Leid ihres bisherigen Lebens sprach, und Justus sagte mit einem
tiefen Seufzer: »Herr, dein Wille geschehe.« Sonst aber ward in
Gegenwart des Laupus kein Wort über den Gerst gesprochen, weder lobend
noch tadelnd. Der Jüngling ward wie ein lieber Gast behandelt, als hätte
er eine frohe Botschaft, nicht eine so traurige gebracht, und es ward
ihm wieder so wohl unter den lieben Menschen, daß es ihm schwer hielt,
sich am andern Tage zu verabschieden. Nur als ihm der Schulmeister
wieder das Geleite gab auf eine kleine Strecke, und er dem Jüngling die
Hand zum Abschied reichte, da sagte er: »Herr Laupus, habt Dank für
euren Besuch und für eures Vaters letzten Gruß; aber habt ihr uns lieb,
wie ihr sagt, so thut bei dem Rath Gerst, als kenntet ihr uns nicht.
Ruft meinen Namen und eures Vaters Wunsch niemals in sein Gedächtniß
zurück. »Es ist gut auf den Herrn vertrauen und sich nicht verlassen auf
Menschen.« Ich bleibe gern, was ich bis dahin war, der Schulmeister vom
Veitsberg, und gehe nur dann von hier, wenn mich mein Gott sonstwo in
seinem Dienste brauchen kann. Euch aber rufe ich aus demselben Wort, mit
dem ich euch damals getröstet, das Sprüchlein zum Abschied zu: »Wachet,
stehet fest im Glauben, seid männlich und seid stark.«

»Es scheint fast«, sprach der Schulmeister zu seiner Dorothe, als er in
sein Haus trat, »als sollte unsere Prüfungsschule etwas länger dauern,
wie wir meinten. Nun es geschehe Gottes Wille an uns; ist seine Hand auf
unserm Rücken, so muß unsere Hand auf unserm Munde sein, daß wir nicht
klagen, und seinen Rath verachten. Nach Frieden haben wir lange
getrachtet, sei es denn auch bei uns also: Je länger begehrt, je süßer
gewährt.«

Und so kam es denn; die Trauer zog wieder ein in's Haus des
Schulmeisters, aber dießmal ward sie nicht von Menschenhänden gebracht,
die Hand des Herrn nahm, was sie gegeben hatte; Magdalenchen, das
Jüngste von des Schulmeisters Kindern, ward krank und starb. Wie er aber
diesen Schlag aufnahm, und wie Dorothe ihr Kind beweinte, das haben wir
schon gesehen. Und mit dem Tag seiner Beerdigung kam ein fremder Gast
in's Schulhaus, die kleine Selma, und über der Pflege des lieblichen
Kindes ging die Zeit des ersten Schmerzes vorüber.

Monate lang warteten Justus und sein Weib auf den versprochenen Brief
aus Holland, aber er kam nicht und es ward ihnen ängstlich zu Sinn, um
des Kindes willen. Als nun endlich ein Jahr vorüber war, und die
gewünschte Nachricht noch immer ausblieb, da schrieb Justus selbst nach
Holland, erzählte viel von dem Kinde, wie es sichtlich zunehme und schön
an Leib und Seele werde, und bat dringend um Antwort, aber die Antwort
blieb aus. Abermals nach einem Jahre schickte er einen zweiten Brief ab;
aber auch der hatte keinen Erfolg. Wenn dann Justus den Kopf schüttelte
und von den Möglichkeiten sprach, die Vater und Mutter des Kindes
betroffen haben könnten, auch Besorgnisse über die Zukunft des Kindes
äußerte, dann sprach Dorothe: »Justus, laß' nur den lieben Gott walten,
hat er dem Kinde Vater und Mutter genommen, so will er, daß wir ihm
beides seien. Ich freue mich sein, als wäre ich seine Mutter, und mag's
nicht von mir lassen, denn mein Herz hängt an ihm. Thun wir an ihm, als
einem eignen Kinde, so wird es nicht wissen, von wannen es stammt, und
nach nichts Anderem begehren, als uns gehorsam zu sein, wie ein Kind den
Aeltern. Nach zeitlichem Vortheil haben wir ja nicht getrachtet, als
wir's zu uns aufnahmen, so soll es denn auch nie erfahren, was es uns
gekostet, sondern nur, wie lieb wir es gehabt.«

Und so geschah es; Selma wuchs als Töchterlein des Schulmeisters auf,
nannte die Pflegeältern Vater und Mutter, und wollte nie glauben, was da
und dort eine geschwätzige Nachbarin dem Kinde in's Ohr flüsterte, als
es zu begreifen anfing, was es heiße, Vater und Mutter verlieren und
eine Waise sein. Wer aber dem Kinde nur einmal in die großen, blauen
Augen sah, wer die Farbe seines blonden Haares und die Zierlichkeit
seiner Glieder aufmerksam betrachtete, der sah schnell, daß ein fremdes
Pflänzlein auf dem Veitsberg gepflegt ward. Aber der neue Boden bekam
ihm gut; denn der Justus und sein Weib verstanden es so recht, ein Kind
aufzuziehen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.

Besonders war es die alte Lindin, die an dem Kinde ein besonderes
Wohlgefallen hatte. So lange es ihre Kräfte erlaubten, kam sie von Zeit
zu Zeit auf den Veitsberg gegangen, und später ließ sie sich sogar
dorthin fahren, um einen frohen Tag bei ihren Freunden zu verleben. Dann
nahm sie oft Stunden lang die Selma auf ihre zitternden Kniee, erzählte
ihr in leisem Tone allerlei Scherz und Ernst, prägte manch' Sprüchlein
ihrem Gedächtnisse ein, lehrte sie beten und die Lieder ihrer eignen
Kindheit singen. Und wann sie dem Kinde bei seinen Spielen zusah, dann
füllte sich oft ihr starres Auge mit Thränen und ihre Lippen bewegten
sich zum Gebete für das Wohl ihres Lieblings.

O wohl dem Kinde, dem solcher Segen wird in's Leben mit hinein gegeben!
Das Gebet für die Kinder ist wie der Thau von oben, den der Ackermann
nicht entbehren kann, und wenn er das Saatfeld noch so treu bestellt.
Der Thau kommt über Nacht, und des Gebetes Segen auch; und was die Hitze
des Tages auch aufzehrt, der Abend bringt's wieder neu, und Blüthe und
Frucht zeugen vom Vater des Lichts, von dem herabkommt alle gute und
vollkommene Gabe. —



13. Die Nachtmenschen.


    »Es ist kein Dörflein so klein,
    Ein Hexenmeister muß drin sein.«

Dieses Sprüchlein, das aus dem Volke hervorgegangen ist, wird durch die
Erfahrung bestätigt. Man wird noch heute nicht leicht ein Dorf finden,
in welchem nicht Einer wohnte, von dem man sagt: »Er kann etwas.« Was er
aber nach der Meinung der Leute kann, oder zu können vorgibt, das ist,
daß er dem Vieh in Krankheiten zu helfen weiß mit allerlei
Hausmittelchen, auch wohl dem Herrn Doctor in's Handwerk pfuscht, und
allerlei Tränklein bereitet, und Pillen dreht, die der Kunst zu Schaden
und Schande manchmal helfen, da sie mit vollem Glauben genommen werden,
und so diesen Winkeldoctoren den Zulauf beständig erhalten. Unter ihnen
sind aber auch nicht Wenige, die dem Glauben des Volkes noch mehr
zusagen, indem sie durch ihr bloßes Wort, durch allerlei Sprüchlein, in
denen der Name Gottes nicht selten gemißbracht wird, Blutungen stillen,
behextes, d.h. krankes Vieh kuriren, Diebe ausfindig machen, ja bannen
und festmachen können gegen Hieb und Stich. Da mögen hundert Täuschungen
und Betrügereien an den Tag kommen, da mag man eifern, wie man will, und
durch alle mögliche Gründe der Vernunft und des Christenglaubens das
Uebel an der Wurzel angreifen, die Sache bleibt und wird bleiben noch
manches Jahr. Der ganzen Erscheinung, die man schlechthin Aberglauben
nennt, liegt das Bestreben zu Grunde, sich mit der Geisterwelt in
Verbindung zu setzen, denn nicht alle diese Hexenmeister sind Betrüger,
sie sind viel häufiger Betrogene, denen der Muth bei jedem Gelingen
wächst und damit der Glaube, »sie könnten wirklich etwas.«

Aus ihrer Mitte gehen auch die Schatzgräber hervor, ein unruhiges und
keineswegs kleines Völklein, die ihr Wesen wie die Nachteulen im Dunkeln
treiben, und unendliches Elend im Volke verbreiten. Sie gehen zu den
dummen, reichen Glückspilzen, die gerne ohne sonderliche Mühe noch
reicher würden, spiegeln denen allerlei Luftschlösser voll Gold und
Silber vor, locken ihnen aber dabei ihr liebes Geld listig aus der
Tasche, und sind bei Nacht und Nebel verschwunden. Zu ihnen gesellen
sich herunter gekommene Handwerker aus kleinen Städten, und Bauern, die
das Sprüchlein vergessen haben: »Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen,
verricht' das Deine nur getreu«, und die dann wachend und schlafend von
Schätzen träumen, die da und dort in verfallenen Schlössern, oder an
Orten liegen sollen, wo es nicht geheuer ist. Bisweilen ist auch Einer
unter ihnen, den man da am wenigsten suchen sollte, ein Mann von
Lebenserfahrung und Wissenschaft, der nur in diesem Einen Stücke wie von
einem bösen Geiste irre geführt wird, und es für möglich hält, mit Hülfe
von Erdspiegel und Wünschelruthe verborgene Schätze aufzufinden.

Diesen Aberglauben nähren und erhalten eine Anzahl Bücher, die sich da
und dort noch unter dem Volke finden, und in so hohem Ansehen stehen,
daß sie fast um Geld nicht feil sind, und wie die köstlichsten Schätze
vor den Dieben müssen gewahrt werden. Sie stammen größtentheils aus
alter, finsterer Zeit, sind auch wohl, wenigstens der Titel sagt's, aus
dem Arabischen übersetzt, und manche sind nicht einmal gedruckt, sondern
finden sich nur in einzelnen, höchst seltenen Handschriften. In diesen
Büchern wird geredet von der verborgenen Weisheit; nicht aber von
jener, wie man durch Christum selig werden soll, sondern von jenem
Vorwitz, wie man sich mit erdichteten Geistern in Verbindung setzen,
durch ihre Hülfe Schätze heben, sein Lebensschicksal in den Sternen
lesen, und den Stein der Weisen auffinden könne. Dazu sind nun diese
Bücher nicht in gutem Deutsch geschrieben, daß sie Jedermann lesen und
vergehen könnte, sondern die meisten sind ein leeres Geschwätz voller
hochtrabender oder dunkler Bilder, Redensarten und Gleichnisse, und
durchspickt mit Worten aus fremden Sprachen. Ja etliche sind sogar in
Figuren geschrieben, und der Schlüssel zu diesen verborgenen Schätzen
der Weisheit ist nicht dabei gegeben, so daß ein nüchterner
Christenmensch, dem ein solch' Buch in die Hand fällt, es mit dem
Gedanken zur Seite legt, wäre, was da drinnen steht, nütz zur Lehre, zur
Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, so wäre es
gewiß auch mit deutlichen Worten geschrieben. Aber gerade an diese
Bücher wagen sich die Grübler. Wenn ein Christ seinen Abendsegen betet
und sich in Gottes Namen zur Ruhe legt, dann sitzen diese Jünger der
geheimen Weisheit die Nächte hindurch vor ihrem Lämpchen, und ein böser
Geist nach dem andern nimmt Wohnung in ihnen. Erst der Geist der
thörichten Fragen, darnach der Geist des Hochmuths, darnach der Geist
des Abfalls von dem lebendigen Gott.

Eine besondere Classe dieser Düsterlinge ist jetzt seltner geworden,
aber aufgehört hat sie heute noch nicht ganz, lange Zeit hindurch eben
so unentbehrlich an den Höfen der Fürsten, wie die Hofnarren. Die
Erfahrung, daß durch Mischung von mehreren Stoffen ein neuer entsteht,
von neuer Farbe, Beschaffenheit und Brauchbarkeit, und daß verschiedene
Metalle, mit einander verbunden, ein neues geben, rief die Scheidekunst
in's Leben, eine Wissenschaft, der wir tausend wohlthätige Erfindungen
verdanken. Doch während sie jetzt auf allen Hochschulen öffentlich
gelehrt wird, betrachtete man sie noch vor hundert Jahren als ein
Geheimniß, das Einer dem Andern abzulauschen suchte. Denn dieß Geheimniß
ging auf nichts anders hinaus, als den Stein der Weisen zu heben, d.h.
Gold zu machen, und dieses mittelst des Lebenselixirs, das dem
glücklichen Finder eine willkührliche Verlängerung seines Lebens und
jedes wünschenswerthe zeitliche Gut verschaffen könnte.

O man muß einen dieser Goldmacher selbst gekannt haben, um einen rechten
Begriff von ihrem Thun und Treiben zu bekommen. Denke dir, lieber Leser,
du hast ein altes Männlein kennen gelernt, mit einem Fuß bereits im
Grabe, dessen ganze Gestalt von Vernachlässigung und selbstgewählter
Peinigung dürr und gebeugt ist, in dessen Augen aber ein lebhaftes Feuer
glüht, und dessen Gespräch immer tiefsinnig und dunkel ist. Es ist dir
gelungen, sein Vertrauen dir zu erwerben, und du bittest, der seltsame
Mann möge dich in seine Weisheit einschauen lassen. Da geht ein feines
Lächeln über sein Angesicht; da sieht er dich mit sonderbaren Augen an
und spricht: »Wohlan, es sei; aber junger Mann bedenke, der Stein liegt
tief, und es gehört viel Ausdauer dazu, ihn zu heben. Hier nimm zuerst
dieß Buch und lies es mit Bedacht und unter viel Beten und Ringen und
sei nüchtern und wachsam, denn die Weisheit von oben ist am ersten
keusch. Du nimmst das Buch, es ist von Jakob Böhm und führt den
seltsamen Titel: »Aurora, oder die Morgenröthe im Aufgange.« Du liesest
in dem Buche und bringst es mit der Versicherung wieder, du könnest es
nicht verstehen. Wieder lächelt das Männlein fein und gibt dir ein
zweites, das heißt: »Theologia mystica, oder geheime und verborgene
Lehre von den ewigen Unsichtbarlichkeiten.« Fängt es nun ein wenig an in
dir zu dämmern, wo es eigentlich mit dieser verborgenen Weisheit hinaus
will, und du wirfst da und dort ein Wörtlein in's Gespräch hinein, so
nimmt dich dein Lehrer auch wohl einmal in seine Werkstätte mit. Die ist
von Rauch geschwärzt und mit Staub bedeckt. Auf zerbrochenen Bänken
stehen Gläschen mit Flüssigkeiten von verschiedenen Farben, und auf
einem kleinen Herde siehst du eiserne Tiegel zum Schmelzen der Metalle.
Du fragst nach dem Zweck von diesem und jenem, aber du hörst wenig, und
was du hörst, verstehst du nicht, und bekommst immer nur den Rath:
»Gemach, junger Freund; lernt erst in euch selber graben nach dem Stein,
dann wird euch ein Wunder nach dem andern aufgeschlossen werden.«

Doch warum schildere ich das Alles gerade an diesem Orte? Weil es Leute
dieses Schlages waren, die in das Leben unseres Justus störend
eingriffen und ihm der trüben Tage viel bereiteten. Seine Beschäftigung
mit dem Sternenhimmel, seine Kalender, die, so schlicht und einfach sie
auch waren, doch nicht von Allen verstanden wurden, ließen ihn Vielen
von diesen Grüblern als einen von Ihresgleichen erscheinen, den man
herzuziehen und brauchen müsse.

So dachte auch der Fleischhauer von Grünberg, dessen wir schon einmal
bei Gelegenheit gedachten, wo Justus mit seinen Hausfreunden über den
Kometen von 1744 redete.

Der Fleischhauer aber war ein geheimnißvolles Geschöpf, ein alter
Junggeselle, aber ein unzugängliches, störriges und boshaftes Männlein.
Er wohnte in einem alten Häuschen an der Stadtmauer, und ging wenig
aus, sah aber und beobachtete Alles, was seine Nachbarn trieben, machte
die Kinder, die in der Nähe seines Hauses spielten, scheu, und
vergiftete alle Katzen, die er erreichen konnte; denn gegen diese Thiere
hatte er eine sonderliche Abneigung. Daß er deßhalb gescheut und
gemieden wurde, und man allerlei sonderbare Dinge von ihm erzählte,
versteht sich von selbst.

Einer wollte ihn gesehen haben, wie er Abends um die Kirchhofsmauer
geschlichen sei; ein Zweiter sagte, der Fleischhauer sei nie lustiger,
als wenn ein Nachbar sterbe, und manch' alt Mütterchen erzählte es
zähneklappernd und mit scheuem Blicke am Born, wie der Böse gar nicht
selten in Gestalt eines feurigen Drachen in seinen Schornstein
hineinfahre. Wo es aber etwas gab, im Trüben zu fischen; wo es sich um
eine Hexerei handelte, oder ein Schatz gehoben werden sollte, da kamen
die Geisterbanner und Schatzgräber bei Nacht und Nebel in's Haus des
Fleischhauers, und wußten sich viel von der sonderlichen Erfahrung des
Mannes zu erzählen, und wie er gar kostbare Bücher, namentlich »die
schwarze Rabe«, habe, und diese Bücher zu lesen verstünde, und wie sein
Rath Goldes werth sei.

Dieser Fleischhauer hatte es auf unsern Justus abgesehen; und als dieser
einst in der Nähe seines Hauses ein Geschäft zu besorgen hatte, sah er
sich plötzlich von einem Männlein begrüßt, und unter vielen Bücklingen
in ein Häuschen zur Seite gezogen. Dort erst gab sich das Männlein als
den Herrn Fleischhauer zu erkennen, und versicherte mit vielen
Redensarten, wie es sich freue, den Herrn Schulmeister Justus bei sich
zu sehen, und wie er nach solcher Ehre schon lange getrachtet, und gerne
auf den Veitsberg gekommen, wenn seine Geschäfte es erlaubt hätten.
»Und nun, Freundchen«, sprach er, »mein lieber Kunstgenosse, oder soll
ich euch lieber Meister nennen in der Wissenschaft aller Wissenschaften,
gönnt mir auf ein Stündlein eure erbauliche Rede. Bin selbst ein armer
Jünger nur und habe kaum den Ort entdeckt, da der Stein liegt. Ihr seid
sicherlich weiter; sagt, wie habt ihr ihn gehoben, habt ihr schon den
weißen Schwan gesehen? Denket nur, ich Unwürdiger muß es gestehen, bei
mir ist das Leben des Lebens, die gesegnete Tinctur noch im Mercurio
verborgen; bin erst im schwarzen Raben, und ist auch die Schwärze eine
gesegnete und selige Schwärze, so sehne ich mich doch, sie mit der
allerweißesten Weiße überkleidet zu sehen. Helft mir, Meister; auf euch
hab' ich längst mein Hoffen gestellt, denn wer in Astronomia so weit
ist, wie ihr, der muß in Alchemia noch weiter sein. Zudem kennt ihr ja
das Sprüchlein unsrer Weisen:

    Der Stein liegt tief, es hebt ihn Keiner
    Aus eigner Kraft; es zeig' es ihm denn Einer,
    Sein bester Freund, es geb' aus lauter Gnad'
    Der Herr vom Himmel dazu seinen Rath.«

»Das Sprüchlein, das ihr da sagt, Herr Fleischhauer«, sprach Justus,
»ist schön, und euer Vertrauen wäre werth, belohnt zu werden; aber ich
kann euch in eurer Kunst keinen Rath geben, denn ich verstehe von allem
dem, was ihr gesagt, kein Wort.«

»Kein Wort, mein lieber Herr Justus?« sprach der Goldmacher und blickte
mit ungläubigem Lächeln seinen Gast an. »Kein Wort? Verstehe wohl, ihr
wollt mich erst recht lüstern machen nach eurer Weisheit. Oder traut ihr
mir vielleicht nicht recht, meint, ich schwatze aus der Schule. Kommt
her, ich will euch zeigen, wie weit ich bin, damit ihr Vertrauen zu mir
gewinnt. Seht ihr den Tiegel da am Boden in zwei Stücke geborsten?
Gestern laborirte ich, und so war ich lebe, zum ersten Male seit ich der
Lebenstinctur nachtrachte, erschien der Löwe im Blut, Freund, ich sage,
der Löwe im Blut; und wie ich mit klopfendem Herzen in den hellen
Goldglanz hineinsehe und die Sonne aller Sonnen vor mir aufgeht, und wie
ich laut ausrufe: Nun, fahr' hin, Fall, Hölle, Fluch, Tod, Drache,
Thier, Schlange, — da springt der Tiegel, und als ein blau Flämmlein
steigt der Stein in Rauch auf, und roch süß wie Veilchenduft. Nun muß
ich wieder anfangen. Helft mir dabei, daß meine Mühe sich eher lohne.«

»Ich euch helfen, Herr Fleischhauer«, antwortete überrascht Justus, »ich
kann's wahrlich nicht. Diesmal habt ihr euer Vertrauen einem Unwürdigen
geschenkt. Ich kenne euren Stein der Weisen nicht, und weiß nicht, wie
er gehoben wird. Ich weiß nur von einem Stein der Weisen, von dem dort
der Prophet sagt: »Siehe ich lege in Zion einen Grundstein, einen
bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein, der wohl gegründet ist.« An
dem Stein nun hebe ich schon seit vielen Jahren, und er ist mir köstlich
erschienen bis dahin, und seine Last ist mir leicht, und er soll einst
mein Grabstein werden, mit dem Sprüchlein darauf: »Christus ist mein
Leben und Sterben mein Gewinn.«

»Aber«, hub der Fleischhauer halb ängstlich und halb trotzig an, »wie
könnt ihr euch denn den Kalendermann nennen und als Astrologus gelten
wollen, wenn ihr die göttliche Alchemia nicht kennen wollt? Sind nicht
beide Wissenschaften mit einander verschwistert, ja vermählt, wie wir
sagen?«

»Die mich den Kalendermann nennen«, sprach ernst der Schulmeister, »die
mögen's mit ihrem Gewissen ausmachen, warum sie mir mein Spielzeug wie
eine Ruthe auf den Rücken binden; aber die Astrologia habe ich in meinem
Leben nicht getrieben, eben so wenig wie die Goldmacherei. Als ich
anfing, die Milch der Sternwissenschaft zu kosten, da ist mir wohl auch
eine und die andere Schrift in die Hände gefallen, darinnen von
namhaften Männern gesagt war, die Sterne hätten Einfluß auf des Menschen
Leben und Sterben. Aber mir schien solch' Dichten eitel Fürwitz und ein
Raub an Gottes Ehr' und Macht, und ich ließ ab von solch' eitlen
Fragen.«

Auf dieß Wort ließ auch der Fleischhauer von dem Justus ab, aber in
seinem Herzen blieb dennoch die Meinung, der Schulmeister wisse mehr,
als er sagen wolle.

Der aber ging voll Angst und Grauen von dem Versucher weg, und ward
keineswegs froh darüber, als ihm an der Thüre der Rathhausdiener
begegnete, und lächelnd sprach: »Nun Schulmeister, ihr hier beim
Fleischhauer? Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, und Gleich und Gleich
gesellt sich gern. Seid aber doch auf eurer Hut; der Rath hat längst ein
Aug' auf die Eule da drinnen, und auf alle die, so hier aus- und
eingehen.« Und als Justus ihm erzählte, wie er zu dem Besuch gekommen,
da sagte der Rathhausdiener: »Will's glauben als euer guter Freund; aber
vergeßt nicht das Wörtlein: Mitgefangen, mitgehangen!« —

Aber der Rathhausdiener war des Justus guter Freund nicht, wie er
versicherte; er hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Rath Anzeige zu
machen: auch der Schulmeister vom Veitsberg sei in's Haus des
Fleischhauers gegangen und geraume Zeit drinnen geblieben. Nun muß man
wissen, daß der Rath seinem Diener den Auftrag gegeben hatte, ein
wachsames Auge auf den Fleischhauer zu haben und auf Alle, welche bei
ihm aus- und eingingen, weil seit einiger Zeit eine Schatzgräberbande in
der Umgegend ihr Wesen trieb, mit welcher der Fleischhauer sonder
Zweifel in Verbindung stand. Als nun bald darauf der Superintendent von
Gießen nach Grünberg kam, so gab man ihm den Justus als Einen an, der
mit verdächtigen Leuten Umgang habe, und von dem überhaupt allerlei
sonderbares Gerede im Schwange gehe.

Auch dauerte es nicht lange, so wurde er nach Gießen vorbeschieden, und
ihm vor versammeltem Consistorium eröffnet: »Wie man ihm vor Jahren den
Schuldienst zum Veitsberg anvertraut aus besonderer Gnade und in
Rücksicht auf höhere Fürsprache, obgleich ihm schon damals kein
sonderlicher Ruf vorangegangen sei. Wie man sich aber nunmehro in dem
auf ihn gesetzten Vertrauen sehr getäuscht habe, weil ihm für's Erste
Schuld gegeben werde, er habe Umgang mit einem der Zauberei verdächtigen
Manne in der Stadt Grünberg. Für's Zweite, so treibe er Allotria, sehe
nach den Sternen und schreibe Kalender, was Alles für einen Schulmeister
nutzlose, ja gefährliche Beschäftigungen seien. Zum Dritten, so tractire
er in seiner Schule Dinge, die gar nicht hinein gehörten, lehre die
Rechenkunst in Versen und pfropfe in die Köpfe der Schuljugend allerlei,
davon sie nie Gebrauch machen könne, dadurch nur die edle Zeit verdorben
und das Wort Gottes nicht gehörig getrieben werden könne. Zum Vierten,
so habe man von einem zuverlässigen Manne gehört, wie er, Justus,
allerlei verlaufenes Gesindel in seinem Hause beherberge, ohne nach
Herkunft und Namen zu fragen, auch schon seit etlichen Jahren ein
fremdes Kind in seinem Hause erziehe, das ihm bei Nacht und Nebel
gebracht worden sei, obgleich er selbst wisse, wie wenig es sich für
einen christlichen Schulmeister schicke, solche Findlinge aufzunehmen.«
Ueber diese vier Punkte solle er sich nun protocollariter erklären und
der Wahrheit die Ehre gehen.

»Das habe ich denn auch gethan«, erzählt er selbst, »in aller Demuth,
wie es mir geziemte, weil ich wohl sah, daß meine Herrn Vorgesetzten
waren irre geleitet worden. Ich hab' mit kurzen Worten Zeugniß von
meinem Wandel abgelegt und Rechenschaft gegeben von meinem Amte, auch
nichts verschwiegen, was einen Flecken auf mein liebes Pflegekind hätte
werfen können; hab' aber zum Schluß auch erklärt, daß ich meinen
Ankläger wohl kenne und bereit sei, von ihm ein Zeugniß abzulegen, das
nicht zu seinen Gunsten ausfallen dürfte. Doch das hat man nicht hören
wollen, und bin also mit dem Bedeuten entlassen worden, hinfüro wohl
Acht zu haben, daß ich vor Gott und Menschen ein gut Gerücht behalte.«
»So ist denn durch Gottes Gnade abermal eine Prüfung an mir
vorübergegangen, und sage zum Schluß mit Paulo: »Ich bin mir wohl nichts
bewußt; aber darinnen bin ich nicht gerechtfertiget; der Herr ist es
aber, der mich richtet.«

       *       *       *       *       *

»Also der Höllenbrand, der Gerst, schiert noch am Feuer eurer zeitlichen
Trübsal!« rief voll Unwillen die alte Lindin aus, als Justus nach dieser
schweren Stunde sie besuchte. Krank und müde von Alter lag die Alte in
ihrem Bette, aber ihre Stimme war laut und ihr Auge noch voll Feuer.
»Ich glaubte den Menschen niedergetreten zu haben wie einen Wurm, denn
er krümmte sich unter meinen Füßen«, rief sie, »aber er lebt wieder, und
ist dieselbe alte Schlange, ja giftiger, denn zuvor. Denkt nur, der
Unglücksmensch wagte sich sogar an mich alt Weibsbild, und suchte mich
da und dort bei meinen Gönnern und Freunden zu verfuchsschwänzen. Aber
warte, dacht' ich, du kennst die alte Lindin vom Tiefenweg schlecht. Ich
ließ mein Maul zum Schwert werden, und mein' ich denn, das Schwert hat
geschnitten. Sag' meinetwegen, du Lotterbube, ich sei ein alt, bös
Weibsbild; kannst Recht haben und mein Heiland muß Geduld mit mir haben,
wenn's zum Himmel mit mir eingeht; aber der muß noch kommen, der mir
nachsagt, die alte Lindin habe je einen Pfennig veruntreut oder einen
Bissen unverdienten Brods gegessen. — Geht getrost heim, Herr Justus,
und fürchtet euch nicht, der starke und eifrige Gott, dem ihr gedienet
von Kind auf, der lebt noch und wird bei euch sein, der Wagen Gottes
viel tausend mal tausend um euch her. Eilt heim, sag' ich, Justus, damit
die Euren sich nicht euretwegen bresten; grüßt Weib und Kind von mir,
und nehmt meinem Herzblatt, der Selma, dieß Kreuzlein von Bernstein mit,
daß sie mein dabei gedenke und dessen, der sein Blut am Kreuz vergossen
hat für uns arme Sünder. Der hat noch viel bösere Widersacher gehabt,
denn ihr, und hat sie doch überwunden. — So wahr Gott lebt und seine
Verheißung Ja und Amen ist, der Gerst kommt noch zu euch wie einst
Judas, der Verräther, mit dem Bekenntniß: »Ich habe übel gethan, daß ich
unschuldig Blut verrathen habe.«



14. Die Versuchung.


Jahre sind indessen hingegangen, und um die Pfingstzeit, die so lieblich
ist auf diesen Bergen, kehren wir wieder einmal ein im Hause des
Schulmeister Justus. Noch finden wir die lieben Menschen alle vereint,
aber doch ist's nicht ganz wie ehemals. Die Kinder sind herangewachsen:
Heinrich zu einem stattlichen Burschen, die Töchter zu blühenden
Mädchen, und still und in sich gekehrt sitzt Selma in einer Ecke der
Stube, und auf ihre Bibel, in der sie lies't, fallen von Zeit zu Zeit
Thränen. Sie weiß selber nicht, wie ihr geschieht. Es ist morgen der Tag
ihrer Confirmation. Die Gespielinnen suchen Blumen und schmücken die
Kirche, und freuen sich des Tages, der ihrer wartet, und haben die
Freundin eingeladen, Theil an ihrer Freude zu nehmen. Aber Selma hat
keinen Sinn mehr für die Blumen, die sonst ihre Lieblinge gewesen, und
sie denkt des morgenden Tages nicht mit Sehnsucht, nur mit Angst, denn
ein schwerer Kummer lastet auf ihrem Herzen. Und der Kummer hat Alle
weich gemacht, Aeltern und Geschwister zugleich.

Denn wie sie heute aus der Beichte gekommen, da hat Mutter Dorothe sie
allein genommen, und hat ihr Alles erzählt, was sie noch nicht gewußt,
hat ihr Vater und Mutter genannt, und ihren eignen Namen, den sie noch
nicht gekannt, und hat ihr Taufschein und Angedenken ihrer Mutter
gegeben, und unter viel Thränen zu ihr gesprochen: »Liebe Selma, wir
haben lange mit uns gekämpft, ob wir dir sagen sollten, du seiest nicht
unser Kind, oder ob wir dich in deinem Glauben lassen sollten. Denn mein
Herz wollte mir springen bei dem Gedanken, du möchtest uns fremder
werden, und kein Genügen mehr bei uns finden, wenn du wüßtest, daß du
fremder, reicher Leute Kind seiest. Aber Justus meinte, jetzt oder nie
sei die Zeit gekommen, wo du solche Nachrichten hören könntest. Du
sollst unser bleiben, unser liebes Kind, wie du bisher gewesen bist, so
lange es Gott gefällt, dich uns zu erhalten; aber es könnte ja sein
Wille sein, daß deine Aeltern bald kämen, und dich von uns nehmen
wollten, und dann wäre dein Herz vielleicht weniger zum Abschied gefaßt,
wie jetzt, wo du Alles weißt.«

Ob dieser Rede war es dem Mädchen schaurig zu Muthe geworden; es war der
Mutter unter lautem Weinen um den Hals gefallen, und hatte einmal über
das andere Mal gefragt: »Nicht wahr, Mutter, du scherzest nur mit mir,
du bist mein und ich bin dein?« Wie aber Justus auch dazu gekommen, und
ihr voll Ernst und Rührung dasselbe gesagt hatte, da war sie in sich
zusammengesunken, und saß nun still weinend mit der Bibel in der Hand
da, und Niemand wagte sie zu stören, denn Alle wußten, daß ihr Herz
betete zu dem Vater der Waisen um Trost und Stärke. Wie denn der
Pfingstmorgen kam, wie das Geläute der Glocken von allen Dörfern im Thal
heraufschallte, wie die Nachtmahlskinder, mit Blumen geschmückt, und von
ihren Aeltern geleitet, dem Berg heraufschritten zur Kirche, da hing
Selma blaß wie eine Leiche und mit zitternden Händen das goldene Kreuz
ihrer Mutter um den Hals, und wer sie sah, der konnte sich der Thränen
nicht enthalten, dem erschien sie wie eine Einsame, Unbekannte,
Verbannte, Heimathlose mitten unter Glücklichen und Liebenden. Wie aber
das Fest vorüber war, da war auch Selma wie verwandelt. Sie nahm das
Kreuz wieder von ihrem Halse ab, legte es in die Hand Dorothea's und
sprach: »Mutter, ich bin und bleibe euer, laßt mich euren Namen führen
auch forthin. Ich begehre nichts, als euer Kind zu sein, denn das bin
ich ja, da ihr mich aufgezogen habt in der Zucht und Vermahnung zum
Herrn, bis auf diesen Tag.«

Und es war Freude im Hause des Schulmeisters, und das Pfingstfest ward
Allen, die drinnen waren, ein Fest des heiligen Geistes.

       *       *       *       *       *

Ich sagte vorhin: Es waren Jahre hingegangen, und es war nicht ganz wie
ehemals im Schulhause auf dem Veitsberg, die Kinder wuchsen heran, und
waren gut geartet, aber Nahrungssorge war eingezogen. Die Besoldung
reichte nicht hin zum Unterhalt und zur Kleidung, und Justus mußte, so
schmerzlich es ihm war, mehrere Nebenämtchen übernehmen, deren eines,
das Amt eines Universitätsförsters, ihm vielen Verdruß bereitete. Es
stößt an den Veitsberg ein Wald, der der Universität Gießen gehört, und
über diesen übernahm Justus die Aufsicht. That er nun, was seines
Dienstes war, hielt er Ordnung im Walde und brachte die Frevler zur
Anzeige, so wurden ihm diese gram, und spotteten seiner, wie er als
Schulmeister ein Förster sein könne und legten es ihm als Habsucht aus,
obgleich die Noth ihn nur dazu zwang. Dazu kam noch die Sorge um sein
Weib; denn Dorothe kränkelte beständig, und konnte nicht wie ehemals Tag
und Nacht für der Familie Unterhalt arbeiten. Und obgleich die Töchter
rüstig Hand anlegten, und keiner Arbeit sich schämten, so wollt' es doch
nirgends ausreichen. Die Zeiten waren böse.

Die beständigen Kriege im deutschen Land, die vielen Mißerndten
verteuerten die Lebensmittel, und drückten den Landbewohner sehr. Und
gerade in dieser Zeit sollte Heinrich sich für seinen künftigen Beruf
bilden. Sein Vater hatte treulich für Herz und Geist gesorgt, und ihm
viel Gottesfurcht und Wissen mitgegeben; aber so sehr auch Alle sparten,
daß der Jüngling zur Schule oder zur Lehre hätte abgehen können,
nirgends wollte sich auch nur das Nothdürftigste zurücklegen lassen.
Viele in und um Gießen, an die sich der bekümmerte Vater wandte,
vertrösteten ihn von einer Zeit zur andern; und nicht Wenige wiesen ihn
ganz ab mit dem Bemerken, er sollte den Jungen zu einem Handwerker in
die Lehre thun; man brauche auch kluge Leute in diesem Stande.

Dazu hatte der Gerst wieder Unkraut genug ausgestreut, und ließ nicht
ab, den Justus und sein ganzes Haus zu verdächtigen. Auch waren die
alten Hausfreunde fast sämmtlich gestorben, oder in die Ferne gezogen,
und ihre Stelle war nicht wieder ersetzt worden. Denn so Viele ihrer
aus- und eingingen auf dem Veitsberg, sie hatten wohl schöne Worte auf
der Zunge, aber keine rechte Liebe im Herzen. Der alte Zacharias Storch
von Bolenbach, der Simon Kleinfelder, der gute treue Jäger, die Freunde,
die immer Rath und Trost gehabt hatten, sie waren in die Ewigkeit
eingegangen. Und ihnen war auch die alte Lindin gefolgt. Ihr starkes,
großes Christenherz war im Tode gebrochen, nach dem sie sich schon lange
gesehnt hatte. »Ich habe Lust abzuscheiden, und bei Christo zu sein«,
das war ihr letztes Wort. Auch der Corporal Scheuermann war nicht mehr
in Gießen, sondern hatte anderwärts seinen Dienst. Der Benjamin Laupus
aber war in ein fremdes Land gereis't, weil ihm in der Heimath sein
früheres Leben nicht verziehen ward.

Warum der liebe Gott wohl so viele Freundesgräber um uns aufhäuft, ehe
er das unsere uns bereiten läßt? Ich glaube, daß uns von diesen Hügeln
herab die Lust und Herrlichkeit dieser Welt immer kleiner, dagegen desto
näher der Sonnenaufgang aus der Heimath erscheine, von dannen der Lenz
kommt in's Land der Gräber, und mir ihm das Trostsprüchlein: »Ich will
euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und diese Freude soll
Niemand von euch nehmen.«

Aus der Zeit stammt wohl das Lied, das wir noch vom Kalendermann haben,
wenigstens drückt es ganz die Stimmung aus, in der er sich damals
befand.

    »Eins bitt' ich von dem lieben Gott,
      Das bleibt mein täglich Beten,
    Dass er mir geb' in Freund' und Noth
      Ein Herz, vor ihn zu treten.

    Ich nehm' es Alles dankbar hin,
      Was mein Gott mir will geben,
    Ich preis' ihn mit vergnügtem Sinn
      Für Hab' und Gut und Leben.

    Doch nehm' er's hin, wenn's ihm gefällt,
      Ich will es freudig missen,
    Ich weiß ja, daß in dieser Welt
      Wir Alles lassen müssen.

    Doch jenes Herz, das treu dich liebt,
      Das deines Sohns sich freuet,
    Das sich im Glauben dir ergibt,
      Sich täglich neu dir weihet;

    Dieß Herz, o Vater, wollest du
      Mir jetzt aus Gnaden schenken,
    Dann hab' ich Frieden, hab' ich Ruh'
      Will Andres nicht bedenken.

    Ein solches Herz wird nimmer ganz
      Aus deiner Gnade weichen,
    Selbst aus der Sünd' mit hellem Glanz
      Wird neu heraus es steigen.

    Und solch' ein Herz gib mir, o Gott,
      Hilf, Jesu, mir's erwerben!
    Was willst du, Welt, mit Noth und Spott?
      Eins bleibt mir, _selig Sterben_.«

       *       *       *       *       *

Es war im Herbste desselben Jahres, als eines Tages der Schreinerkaspar,
oder wie er eigentlich hieß, der Kaspar Greb von Harbach, dessen
Bekanntschaft wir früher schon machten, auf den Veitsberg kam. Das that
er von Zeit zu Zeit, ward aber immer weniger gern im Schulhaus gesehen,
weil er ein unruhiger Geist und ein schlechter Haushalter geworden war,
und sich überhaupt keines guten Gerüchtes erfreute. Der Schulmeister
hatte gethan, was er konnte, seinen Hausfreund auf dem rechten Wege zu
erhalten; aber der Schreinerkaspar gehörte eben zu jenem Menschenschlag,
die sich selbst gerne mit allerlei hochtrabenden Namen benennen, und auf
ihren Verstand viel einbilden, eigentlich aber nichts sind, als
Tagdiebe. Schon vor Jahren hatte er sein Schreinerhandwerk aufgegeben,
und war in der Gegend umhergezogen, die Uhren der Bauern zu repariren.
Durch Nachdenken und Uebung hatte er sich viele mechanische Kenntnisse
erworben, und benutzte dieselben zur Bildung von verschiedenen
Kunstwerken; aber weil er über solcher Düftelei Handwerk und Ackerbau
versäumte, so gerieth er mit Weib und Kind in die drückendste Armuth.
Das kümmerte ihn indessen nicht, und änderte nichts in seiner
Lebensweise, er machte nach wie vor Uhren, und ließ Weib und Kind im
Elend und in der Bettelei. Auf seinen Streifereien in die Nähe und
Ferne war er mit andern Gleichgesinnten zusammengetroffen, und es hatte
keine große Mühe gemacht, ihn in eine Schatzgräberbande hinein zu
ziehen. Man gab ihm Bücher zu lesen, wie wir sie früher geschildert
haben, und seine lebhafte Einbildungskraft entzündete sich dermaßen, daß
er in jedem alten Gemäuer und in jeder Kirche einen vergrabenen Schatz
witterte. Da er in diesen Büchern auch geheimnißvolle Andeutungen über
den Einfluß der Gestirne auf das Heben der Schätze fand, so richtete er
sein Augenmerk auch auf den Kalendermann, und hoffte zuversichtlich,
auch den für seine Pläne zu gewinnen.

So kramte er denn in's Lange und Breite seine ganze Weisheit vor dem
Schulmeister aus, und fragte namentlich, was er von den Astralgeistern
halte, und welche Zauberformeln und Sprüchlein er kenne, um diese
Geister sich zu Dienst zu machen.

»Kaspar«, sagte der Schulmeister, »eure Rede verstehe ich nicht, weiß
überhaupt nicht, wie solch' faules Geschwätz aus dem Munde eines
Christenmenschen kommen kann. Mein geringes Wissen beschränkt sich nur
auf das, was ich über den Gang und Lauf der Gestirne von andern
Sternkundigen gelernt, und durch eigne Beobachtung und Berechnung mir
angemerkt habe. Darnach sind Sonne, Mond und Sterne Lichter an der Beste
des Himmels oder Werke des großen Baumeisters, die da scheiden Tag und
Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage. Da sie das sind, so
regieren sie wohl die Welt, die wir bewohnen, sind auch wohl dienstbare
Geister, gemacht zum Dienst um Deren willen, die ererben sollen die
Seligkeit, da sie uns Gott kennen und seine große Oekonomie bewundern
lehren, und uns verlangend machen nach dem Licht, das droben ist, in
das nicht eingehen kann irgend etwas Unreines und Beflecktes. Aber von
euren Stern- und Astralgeistern weiß ich nichts, denn es steht davon
nichts in heiliger Schrift.«

»Ihr habt Recht«, sagte der Kaspar darauf, »aber wisset ihr denn nicht,
daß es neben der Weisheit, die in heil. Schrift steht, noch eine andere
gibt, die den Patriarchen und Propheten und Aposteln und vielen Weisen
der Vorzeit ist insgeheim mitgetheilt worden, und die sich so von
Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt hat, gleichsam auch als ein
heilig Wort neben dem geschriebenen? Diese Weisheit aber ist nicht
Jedermanns Ding, sondern nur der Auserwählten und insonders Begnadigten,
die da lehret einschauen in die Tiefen und Abgründe aller Dinge, die im
Himmel und auf Erden sind, und mittelst des wahren Schlüssels
aufschließen alle Schätze in der Höhe und in der Tiefe.«

»Hört, Kaspar«, sprach der Schulmeister mit tiefem Ernst, »jetzt
verstehe ich euch, aber jetzt warne ich euch auch, wohl vor euch zu
sehen, daß euch der Stein der Weisen, den ihr suchet, nicht zum Stein
des Anstoßes werde. Ihr treibet Fürwitz mit dem heiligen Bibelbuch. Wohl
weiß ich, daß es dort im Hiob heißt: »Ach, daß Gott mit dir redete, und
thäte deine Lippen auf und zeigte dir die heimliche Weisheit;« wohl
kenne ich das Sprüchlein aus David's Bußpsalm: »Du lässest mich wissen
die heimliche Weisheit;« aber solche heimliche Weisheit ist nichts
anders, als was der Geist Gottes einem Jeden gibt, der darum bittet,
nämlich immer tiefere Erkenntniß von Gottes väterlichem Rath, daß in
keinem Andern Heil sei, denn in Christo Jesu. Der ist und bleibt der
wahre Stein der Weisen, und daran hebt, so lange ihr lebt. Denn diese
Weisheit, die von oben kommt, die ist am ersten keusch, darnach gelinde,
lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte.

»Alles ganz gut, was ihr da sagt, Schulmeister«, hub der Schreinerkaspar
wieder an, »aber widerspricht eurem Worte nicht die Erfahrung? Diese
heimliche Weisheit, die ihr verwerft, hat doch schon Wunderdinge gethan.
Sie hat Etliche zur glücklichen Auffindung des Lebenselixirs gebracht,
daß sie ihr Leben in's Unglaubliche verlängert haben; sie hat Etliche
das Goldmachen gelehrt, daß sie so reich geworden sind, wie Keiner vor
ihnen; sie hat den Weg gezeigt, wie Etliche manch' schönen vergrabenen
Schatz zu Tage gebracht haben, der sie Zeitlebens von aller Sorge
bewahrte.«

»Alles nichts als Wind und Aufschneiderei«, sagte trocken der
Schulmeister, »womit Einer den Andern betrügt, ihm sein Geld aus der
Tasche lockt, und hinten drein in's Fäustchen lacht. Sagt selbst,
Kaspar, was ist bei allen Schatzgräbereien, die wir bis jetzt erlebt,
herausgekommen? Wie ist's denen dort im Gartenhäuschen bei Gießen
ergangen? Man hat sie am Morgen mit umgedrehten Hälsen gefunden. Was hat
der Dreher Müller in seiner Schachtel gefunden, statt des Goldmännleins,
das sie ihm hineinzuzaubern versprochen? So wahr ich lebe, nichts als
eine todte stinkende Ratte! Was haben die Schälke dem dummen Pachter
dort in der Wetterau, der schier eine Meste weißer Sommerkälber
einfangen ließ, damit sie sich bei ihm in Ducaten verwandelten, was,
sage ich, haben sie ihm zurückgelassen? Einen leeren Beutel und ein bös
Gewissen, und Hunger und Kummer im Hause.«

»Je nachdem man's angreift«, antwortete der Kaspar; »wer den Gaul am
Schwanz aufzäumt, der kann auch hierbei nicht fortkommen. Man muß nur
die Sache recht anzugreifen wissen. Und, mein' ich denn, unsere Herrn
Kameraden verstehen das Ding; sie sind nicht alle auf den Kopf gefallen.
Wir haben sogar Etliche darunter, vor denen ihr, Herr Schulmeister, den
Hut abthun müßtet; verstehe das also, daß sie, gleich wie ihr,
Wissenschaft haben von Allem droben am Himmel und hier unten auf Erden.«

»Das glaub' ich gern«, sagte Justus heiter lächelnd, »daß sie mehr
wissen als ich, denn mein Wissen blähet mich nicht; aber kennen möchte
ich wohl den Hauptinhalt ihrer Wissenschaft, wäre es auch nur, um zu
lernen, was mir noch fehlt.« »Nun mit einem Stücklein davon«, war des
Kaspars Antwort, »kann ich euch wohl dienen. Kennt ihr die Geister der
sieben Planeten?« »Nein«, war Justus Antwort; »die Planeten kenne ich,
aber ihre Geister nicht.«

»Dann kann ich ihre Namen euch auch nicht nennen«, sagte der
Schreinerkaspar, »wenigstens heute nicht, denn der Tag ist nicht
günstig. Wisset nur vor der Hand, daß diese Geister es sind, die alle
Witterung in der Luft wirken und zu der Geburt aller mineralischen,
vegetabilischen und animalischen Essentien ihre Kräfte geben. Daher muß
man mit solchen himmlischen Intelligenten in geheime Kundschaft treten,
und beobachten, welcher Planet über irgend eine Kraft sein Dominium
habe. Wenn ich nun weiß, welcher Planet regieret, so muß ich mich mit
seinem Geist heimlich besprechen, welches geschieht, wenn ich mein
Sinnen und Verlangen auf ihn richte. Dann theilt sich mir des Planeten
Geist mit, welches sich kund thut durch ein Getön wie mit einer
Schellen. Hörst du das, dann mußt du ein Glöcklein bei dir haben, damit
du könnest die Losung geben, daß du zu hören bereit bist. Hiernächst
wird dich bald eine Exstasis überfallen, in welcher dir Alles gegeben
wird, was du begehrest: Weisheit, Schätze, Güter. Das Glöcklein muß aber
gar magisch bereitet werden. Auf seinem Schwengel muß stehen: Adonai,
auf seiner Rundung: Tetragrammaton und auf seiner Handhabe: Jesus.
Außerdem weiß ich noch Manches, aber erstlich darf ich's euch, als einem
Uneingeweihten, nicht sagen, und dann versteht ihr's auch jetzt noch
nicht, thut wenigstens so. Könnt ich euch für uns gewinnen,
Schulmeister, ich weiß nicht, was ich euch zu Lieb' thäte; ihr wäret
ganz unser Mann.«

»Wollt ihr mir was zu Lieb' thun, Kaspar«, sprach der Schulmeister, »so
laßt's für heute genug sein mit dieser unnützen Rede. Mein Gewissen
beißt mich schon, daß ich diesem gotteslästerlichen Gerede mein Ohr
geliehen habe. Geht doch heim, Kaspar, und nehmt wieder Hammer und Säge,
und arbeitet für Weib und Kind, die bereits auf der Bettelfahrt
begriffen sind. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet
ihm genügen, und im Schweiße des Angesichtes sein Brod isset; wer aber
der Narren Geselle ist, und nach Schätzen sucht, der wird Unglück
haben.«

»Schulmeister«, antwortete der Schreinerkaspar mit großer Heiterkeit,
»stellt euch nicht so zimpferlich, wie ihr thut. Euren Unglauben nehme
ich euch nicht übel, denn gerade so war es bei mir ehemals; aber ihr
gerade solltet am wenigsten gegen das Schatzgraben etwas einwenden, da
euch, wie ich weiß, die Güter dieser Welt eben so Noth thun, denn mir.
Faßt einmal Muth und gesellt euch zu uns; gelingt, was wir eben
vorhaben, dann sind wir Alle versorgt auf Zeit Lebens, und ihr mit, wenn
ihr von der Compagnie seid.«

»Hab' ich euch je geklagt, Kaspar«, war des Schulmeisters Antwort, »daß
es mir übel gehe, und je gewünscht, reich zu werden? So lange mir mein
Gott einen genügsamen Sinn läßt, worum ich ihn täglich anflehe, bin ich
reich genug, und werde auch lernen, die Ungeduld des Fleisches zu
überwinden und mich der Trübsal zu rühmen. Wie ich es aber anfange, und
meine Dorothe mit mir, um in der Genügsamkeit mich zu üben, davon,
Kaspar, hört ein Pröbchen. Neulich komme ich just dazu, wie Dorothe die
Hühner füttert, und bemerke eins darunter, das gewaltig gluckst, ja
schier kräht wie ein Hahn. Dorothe, sag' ich und deute auf das Thier:
Wenn das Huhn fängt an zu krähen, magst du ihm den Hals umdrehen. Dazu
kann Rath werden, sagt' sie, zudem hat das Huhn ausgelegt, und
übermorgen ist Sonntag. Wie ich nun Sonntags aus der Kirche komme, da
fällt mir auch das Huhn wieder ein, und die Suppe, die davon gekocht
werden sollte, (ich hatte auch wohl früher schon etliche Male daran
gedacht,) und sagte schmunzelnd zu mir selbst: »Justus, heute issest du
Hühnersuppe und ein Stücklein Fleisch darein«, und der Mund begann mir
zu wässern. Wie wir nun sitzen, und Dorothe die Teller füllt, da kommt
eitel Mehlsuppe zum Vorschein. Nun, denk' ich, das Huhn kommt noch nach,
etwa gebraten oder gekocht, und tröstete mich. Aber statt des Huhns
kommt ein Eierkuchen. Da sah ich Dorothe an, und sie verstand meinen
Blick und lächelte und sagte: Ich habe das Huhn um zehn Albus verkauft
und dafür dieß und das in's Haus geschafft, das fehlte; versuch's
einmal, Lieber, ob's auch so thut! Und ich lachte und Dorothe mit und
die Kinder auch, und hat uns unser Mittagsbrod gar trefflich geschmeckt.
Da hab' ich abermals gelernt, was der Apostel sagt: »Lasset euch
begnügen mit dem, das da ist.«



15. Die Tiefe.


Einige Wochen nach dieser Unterredung, die dem Justus manches Bedenken
verursachte, besuchte er am Nachmittag einen kranken Freund in
Reinhardshain. Das trauliche Gespräch that dem Kranken wohl, und er bat
den Schulmeister, als der mit der Nacht wieder heim wollte, noch um ein
Stündchen, und als das verflossen war, noch um ein zweites, und der
Wächter blies bereits die zehnte Stunde, als er Hut und Stock ergriff,
dem Kranken die Hand reichte, und in Gottes Namen hinaus schritt in die
Nacht. Die Nacht war dunkel, aber der Himmel frei von Wolken, und des
Weges wohl kundig, beschaute sich der Kalendermann die Sterne am Himmel
mit allerlei gottseligen Gedanken und ernsten Ueberlegungen. So schritt
er den Weg hinauf zum Wirberg.

Es hat aber auf dem Wirberg früher ein Kloster gestanden, von Nonnen
bewohnt, die zur Zeit, als Luther mit der Predigt des Evangeliums
auftrat, keines guten Gerüchtes sich erfreuten. Denn es ging auf dem
Wirberg gar ärgerlich zu, und die Klosterfrauen trieben allerlei
Kurzweil, die sich schlecht mit ihrem Stande vertrug. Da machte der
Landgraf von Hessen, mit Namen Philipp, kurzen Proceß mit ihnen, trieb
die Nonnen aus dem Kloster, und ließ des Klosters Güter und Gefälle zu
guten Zwecken verwenden. Jetzt steht nur noch die Kirche und das
Pfarrhaus mit der Wohnung des Glöckners dort oben, und sonntäglich rufen
die Glocken vom Wirberg die Bewohner der Dörfer im Thale zum
evangelischen Gottesdienst.

Nun sieht man noch heute in der Nähe der Kirche eine Höhle im Berge, von
außen einem Keller nicht unähnlich, denn man steigt auf vielen Stufen
hinab in die Tiefe. Ein Born klaren Wassers hemmt hier den Schritt, an
dem die Bewohner ihren Trunk holen. So ist's nicht immer gewesen; denn
in der Höhle war ehemals trockner Grund, und sie führte hinab in's Thal,
ja, wie die Sage erzählt, sogar bis nach dem entfernten Grünberg. Daß es
da unten nicht geheuer ist, versteht sich, daß aber da unten auch die
Nonnen ihre Schätze, ihre goldenen und silbernen Abendmahlsgefäße
vergraben hätten, als sie das Kloster verlassen mußten, das war von
jeher im Munde des Volks eine ausgemachte Sache. Kein Wunder, daß die
Höhle oft von Schatzgräbern besucht wurde, und die drinnen gewesen
waren, die erzählten Andern, da unten sei es nun und nimmermehr geheuer,
denn man höre allerlei sonderbare Töne, gleichsam das Stöhnen der
Geister, die die Schätze bewachten, und wer die zu citiren verstünde,
dem wäre geholfen.

Als Justus an dieser Höhle vorbeiging, und zufällig einen Blick
hineinwarf, drang der Schein eines Lichtes aus der Tiefe zu ihm herauf.
Betroffen ging er weiter; schämte sich aber bald seiner Angst, kehrte
zurück, und blickte wiederholt in die Tiefe. Jetzt drang der Ton einer
Menschenstimme an sein Ohr, und das bewog ihn, genauer hinab zu sehen.
Nach einigen Minuten wagte er sich sogar in die Oeffnung, und schritt
leise einige Tritte hinab. Das Gewölbe war von mehreren Laternen
erhellt. Um einen Kreis von Männern, die mit dem Gesichte nach dem
Mittelpunkt gekehrt waren und mit gesenktem Haupte da standen, ging
Einer mit einem irdenen Rauchfaß umher, und erfüllte mit einem
übelriechenden Dampf das ganze Gewölbe. In der Mitte des Kreises stand
ein Mann, mit einem weißen Hemde über den Kleidern und einer Kappe von
Papier auf dem Haupte, vornen weiß, hinten schwarz, mit sonderbaren
Figuren bemalt. Um ihn her war ein Kreis gelegt von weißem Papier,
wieder mit Figuren bemalt, und der Mann in der Mitte hatte eine
Wünschelruthe von Messing in seiner Hand, drehte sich bald da- bald
dorthin, und murmelte allerlei Zaubersprüchlein vor sich hin, die von
den andern wiederholt wurden. Plötzlich schwieg Alles, das Rauchwerk
dampfte stärker, und mit lauter Stimme rief der Beschwörer, indem er die
Ruthe auf der Spitze seines Mittelfingers in's Gleichgewicht brachte:
»Ich Johannes beschwöre dich Ruthe bei allen denen über dich
gesprochenen Worten Adonai, Agla, Tetragrammaton, daß du mir richtig
antwortest, durch deinen vorwärts ziehenden Ruthenschlag, wo der
verborgene Schatz liegt. Und dich allerheiligsten Engel und Fürsten
Ariel des Elements der Erden, bitte und beschwöre ich, daß du diese
meine Ruthe führest und leitest, durch Adonai, Agla, Tetragrammaton,;
dieses sollt ihr helfen all' ihr heilige Chöre der Engel durch den Engel
aller Engel Jesum — Christum, in Nomine Patris † et Fili † et Spiritus
Sancti † Amen.«

Erstaunt über diese Gotteslästerung, und heftig erschreckt, wollte
Justus sich eben schweigend zurückziehen, als er sich plötzlich von
hinten am Kragen gefaßt und niedergeworfen fühlte. Im Nu füllte sich das
ganze Gewölbe mit Strickreitern, Amtsdienern und Bauern. Die Leuchten
erloschen, und Freund und Feind wälzten sich in buntem Knäul auf einem
Haufen umher. Da und dort entwischte Einer; und als man Lichter
herbeibrachte, so hatte Mancher statt eines Schatzgräbers einen von der
Wache erfaßt und aus dem Gewölbe geschleppt. Der den Justus gefaßt
hatte, leuchtete ihm in's Gesicht, — es war der Rathhausdiener von
Grünberg, — und rief: »Dachte ich's doch, Schulmeister, daß ihr auch
unter den sauberen Vögeln wäret. Hab' euch längst auf dem Strich gehabt,
und es den Herrn vom Rath versprochen, den Justus krieg ich gewiß auch
einmal, wo er sich's am wenigsten versieht. Kalendermänner und
Schatzgräber sind allezeit Gebrüder und des Teufels Diener.«

Der erschrockene Mann mochte seine Unschuld betheuern, wie er wollte,
mochte der Seinen Angst, wenn er nicht heim komme, noch so lebhaft
schildern, es half Alles nichts. Man schleppte ihn mit nach Grünberg,
und steckte ihn mit den Schatzgräbern in den Thurm.

Schon mit dem frühsten Morgen erschien Dorothe vor dem Amtmann, und kurz
nach ihr der treue Hausfreund Elias Büttner. Beide gaben sich alle Mühe,
den Richter von der Unschuld des Gefangenen zu überzeugen, baten
wenigstens um seine Freilassung, damit ihm der Schimpf erspart werde,
aber es half nichts; die kurze Antwort lautete: »Mitgefangen,
mitgehangen.« Das war ein schlechter Trost. Und was die Sache noch
verschlimmerte, war, daß die Schatzgräber aus purer Bosheit den Justus
als Einen von Ihresgleichen angaben, und sich an seinem Schmerze labten.
Dazu war der Kranke, den Justus an jenem Unglücksabend besucht hatte,
gestorben, und die Seinen waren über den Trauerfall so bestürzt, daß sie
sich in ihren Aussagen widersprachen; kurz, der redliche Justus, der
alles Schatzgräberwesen verachtete, und alle Gemeinschaft mit diesen
Leuten vermied, saß jetzt als Mitgenosse im Gefängniß, und hatte kein
Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Denn was er auch vorbrachte, sich zu
rechtfertigen, da hieß es immer: Er habe schon lange in bösem Verdachte
gestanden, als treibe er Teufelswerk, denn er trage den Namen
»Kalendermann« nicht umsonst.

Daheim war Herzeleid ohne Gränzen; und so oft auch Dorothe den Ihren
Trost einsprach, und sie auf Hiob's Wort hinwies: »Der Unschuldige wird
vom Herrn errettet werden«, so bedurfte sie des Trostes doch selber,
denn sie sah kein Ende dieser langen, schmählichen Gefangenschaft. Da
war eines Morgens Selma verschwunden. Mutter und Geschwister meinten,
sie sei nach Grünberg gegangen, den Vater zu besuchen, wie sie oft that,
und ihm Trost in sein unverdientes Gefängniß zu bringen. Als aber der
Abend kam, und das Mädchen nicht heimkehrte, da gesellte sich eine neue
Angst zu der alten. Doch am folgenden Abend, als man zu Nacht läutete,
kam sie wieder und mit ihr der Vater. Aber wer beschreibt die Rührung
Aller, als Justus sein Pflegkind an der Hand nahm und also sprach: sehet
hier meinen Engel und Retter! Dieß Kind hat, vertrauend auf den starken
Gott, der einen Daniel von der Löwen Rachen schützen kann, mich befreit
durch nichts, als durch das Wort der Wahrheit aus Kindesmund. So hab'
denn Dank, du mein Kind, für dein Wort zur rechten Stunde; du hast
reichlich vergolten, was ich an dir gethan. Uns alle aber lasset Gott
danken auch für diese Anfechtung, und ihn bitten, daß er sie uns helfe
vollführen, denn noch ist der Böse geschäftig, Unkraut zu streuen.«

Und so war es wirklich. Denn gerade Selma's fromme That der Kindesliebe
hatte die Sache des Schulmeisters nur verschlimmert. Auf die Freiwerdung
des Vaters hatte das gute Kind es abgesehen, und die erlangte es auch,
aber es hatte dem bittersten Feinde der Aeltern, dem Gerst, die neue
Noth der Familie geklagt, und der baute darauf einen neuen teuflischen
Plan. Wie Selma an jenem Morgen, wo sie heimlich das Aelternhaus
verlassen hatte, um für ihren Vater zu bitten, an der Mauer des
Kirchhofs, der vor Gießen liegt, hinging, da trat das Bild ihrer
mütterlichen Freundin, der alten Lindin, lebhaft vor ihre Seele, und
sie wünschte ihr Grab zu sehen, um auf ihm sich Stärke für ihren sauren
Gang zu erbeten. Der Todtengräber grub an der Mauer ein neues Grab, und
gab dem Mägdlein auf seine Frage nach dem Grab der Mutter Lindin
freundlichen Bescheid. »Seht dort«, sprach er, »dort, wo die Aeste der
Linde über die Mauer herüberhängen, liegt die Alte. Gott hab' sie selig.
Das war ein Weib nach dem Herzen Gottes, beides bei Alt und Jung wohl
gelitten. Ich bin nun schier 36 Jahre Todtengräber hier in der Stadt;
und wenn sie Einen nach dem Andern hier herausbringen, dann überdenk'
ich so dieß und das aus ihrem Leben, denn es denkt mir schon lange, und
vor allem an das Sprüchlein denk' ich: »Herr, lehre uns bedenken, daß
wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.« Als sie die alte Lindin
heraustrugen, da konnt' ich nichts bedenken, als dieses: »Meine Seele
müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser
Ende.« — Du weinst, mein Töchterlein? Nun weine immerhin, solch' Thränen
sind köstliche Perlen auf ihrem Grab. Hast du sie gekannt wie ich, und
ihre Liebe erfahren, wie ich und die Meinen, dann weißt du, daß der alte
Kramer die Wahrheit sagt. — Doch komm' mit; meine Arbeit ist für jetzt
hier gethan, und ich muß den Kirchhof schließen. Willst du zur Stadt, so
gehen wir ein Weilchen mit einander, und reden noch ein Wörtlein von der
alten Lindin.«

Das thaten sie denn, und bis sie zum Thore der Stadt kamen, wußte auch
der alte Kramer den Kummer im Hause des Schulmeisters, und versprach dem
Mädchen seine Hülfe. Er führte sie zu Diesem und Jenem, von dem er sich
eine Hülfe für den Schulmeister versprach; und ehe Mittag ward, konnte
Selma schon mit einem Schreiben nach Grünberg aufbrechen, in welchem
dem Amtmann bedeutet ward, den Gefangenen bis auf weiteren Befehl frei
zu geben. — Aber der alte Kramer hatte sie auch zu dem Rath Gerst
geführt, und dieser, der mit der Untersuchung nichts zu thun hatte, und
wahrscheinlich auch sobald nichts von ihr erfahren hätte, gab die
schönsten Vertröstungen mit dem Munde, im Herzen aber erwog er böse
Tücke.

Was in aller Welt scheint einfacher, als die Untersuchungssache gegen
den Kalendermann! rufst du wohl aus, lieber Leser. Aber bedenke, unsere
Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren und das Rechtsverfahren war damals
nicht so geregelt, wie heut zu Tage, und das sogenannte Menschliche
hatte oft einen solchen Einfluß auf die Richter, daß noch viel
einfachere Sachen verwickelt, und noch viel Unschuldigere, denn unser
Justus, für Schuldige gehalten wurden. Denn was gegen ihn sprach, das
war die Meinung Vieler, die hinter dem Namen Kalendermann etwas
Absonderliches suchten; und dann war er mit den Schatzgräbern gegriffen
worden, und diese legten manch' falsch Zeugniß gegen ihn ab. Man verfuhr
mit großer Strenge gegen die ganze Bande, unter welcher viele Ausländer
sich befanden; die aber aus der nächsten Nähe, auf welche es
hauptsächlich abgesehen war, der Schreinerkaspar und der Herr
Fleischhauer, waren entflohen.

Unser Justus war nun zwar frei, aber fast jeden Tag ward er zum Verhör
vorgeladen, und der Amtmann that nichts, um ihm diese sauren Wege zu
erleichtern, und ging ihn oft so hart und grausam an, daß er oft fast
die Geduld in diesen ungerechten Verhören verlor. Ueber sein ganzes
früheres Leben wurden ihm Fragen vorgelegt, manche so verfänglich, daß
man offenbar sah, es sei auf seinen Fall abgesehen. Niemand kannte sein
früheres Leben nach allen seinen Einzelheiten, als der Gerst, nur von
ihm konnten die Aufhetzungen herrühren. Aus zuverlässiger Quelle erfuhr
sogar der gequälte Mann, daß der Gerst mehrere Reisen nach Grünberg
unternommen habe, um den Amtmann völlig zum ungerechten Urtheil zu
stimmen.

Da war denn Trauer im Hause des Schulmeisters, aber doch eine andere,
als sie in solchem Falle in den Häusern Vieler zu sein pflegt. Sein
Glaube glich nicht dem Haus auf Sand gebaut, das jeder Windstoß des
Schicksals zertrümmern konnte, sondern er war auf Felsen gegründet, und
mit ihm überwand er die Furcht vor der Zukunft. Was aus ihm und den
Seinen werden sollte, wenn man ihn von Amt und Brod triebe, das bedachte
er nicht mit menschlicher Sorge, das befahl er dem treuen Gott, dem er
von ganzem Herzen diente. Täglich betete er mit den Seinen seinen
Lieblingspsalm: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«, und
es gab Stunden, wo in der schwerbedrängten Familie eine Glaubensfreude
herrschte, die sie früher in besseren Tagen nicht gekannt hatten.

Doch die Noth ging damit nicht zu Ende, sie stieg vielmehr von Tag zu
Tage. Es kamen eine Menge Beschuldigungen zum Vorschein über die Art
seines Schulunterrichts, über die Behandlung der Kinder, ja sogar
über seine Rechtgläubigkeit. Das meiste Gewicht legte der
Untersuchungsrichter auf die Beschuldigung, daß der Schulmeister
mehrmals unter der Predigt den Gottesdienst verlassen und im
Universitätswäldchen nach Holzfrevlern gespäht habe. Mußte diese
Beschuldigung nicht furchtbar für einen Mann von des Justus frommem Sinn
sein! Und doch schienen gerade in diesem Punkte seine Neider recht zu
haben. Ja, der Schulmeister war wirklich mehrmals unter der Predigt aus
der Kirche weggegangen; aber nicht um seines Dienstes als
Universitätsförster zu warten, sondern um daheim nach seinem kranken
Weibe zu sehen. Dorothe lag an schwerer Krankheit darnieder, und die
Angst um sein geliebtes Weib hatte ihn zweimal seiner Pflicht vergessen
lassen und ihn heimgetrieben, ehe die Predigt vollendet war. Immer hatte
er sich vorgenommen, sein Unrecht, das ihn in ruhiger Zeit bitter
schmerzte, seinem Pfarrer zu gestehen, aber andere Sorgen hatten den
Vorsatz wieder verdrängt, und jetzt wurde ihm diese That der Liebe zum
Verbrechen gemacht. Keine Betheurung half, und der Gerst schürte das
Feuer seines Verderbens, daß es in lichten Flammen über der
unglücklichen Familie zusammen zu schlagen drohte.

Eines Tages als der Druck der Trübsal wieder einmal recht fühlbar wurde
im Hause des Schulmeisters, als Krankheit und Mangel drinnen herrschte,
und man in jedem Eintretenden einen Unglücksboten fürchtete; da trat
Heinrich vor seinen Vater hin und sprach also: »So manchmal hab' ich
bisher euch und die Mutter gebeten, ihr möchtet mich ziehen lassen, daß
ich draußen mein Brod mir suche, das im Aelternhause gar zu knapp ist.
Ihr kennt mich wohl, Vater, und wisset, daß ich nicht hinaus möchte, auf
daß ich eurer Zucht los würde, sondern lernen möchte ich, was mir noch
fehlt, in welchem Dienst und Beruf es auch sei, und mein Brod mir selbst
erwerben. Allen euren Gründen und Vertröstungen habe ich mich bis dahin
schweigend unterworfen, aber die Noth wächst in unserm Hause von Tag zu
Tage, und ich schäme mich, irgend einem Menschen in's Angesicht zu
sehen; es ist mir, als dächte Jeder, der mich ansieht: Es ist des
Schulmeisters Heinrich doch alt genug, sein Brod sich zu verdienen, was
sitzt er daheim und gehet müßig! Müßig bin ich nun zwar nicht gegangen,
sondern habe euch im Haus und in der Schule nach meiner Kraft gedient;
auch so Vieles von euch gelernt, das ich endlich einmal zu Markt bringen
möchte. Hier bringe ich's zu nichts. Der Schreiberdienst in Gießen ist
mir wieder genommen worden, obgleich ich ohne Klagen trug, was zu tragen
war, und es scheint fast, als habe die ganze Welt sich gegen uns
verschworen, und helfe mit, unser Grab zu graben. Laßt mich weg, Vater,
laßt mich weg; vielleicht gibt der liebe Gott mir die Gnade, euch von
draußen her helfen zu können.«

»Heinrich«, sprach der Schulmeister tief bewegt, »seit wir dich haben,
war es allezeit mein Vorsatz, dir das Leben leichter zu machen, als
deines Vaters Leben gewesen ist. Aber ich sehe wohl, ohne die Wander-
und Wartezeit bringt's heut zu Tag kein Sohn zu etwas, nicht einmal zu
einem ehrlichen Stück Brod. Geh' denn hinein zu der Mutter, und gibt die
ihren Segen zu deinem Vorhaben, so nimm in Gottes Namen dein Reisebündel
auf den Rücken und ziehe aus. Aber Kind, mach' die Mutter nicht weich,
sie leidet ohnehin mehr als wir Alle.«

Heinrich blieb lange am Krankenbett der Mutter. Was die Mutter mit dem
Sohne gesprochen, wie sie geweint mit einander, und mit einander
gebetet, das hat Niemand gehört, denn der Herzenskündiger im Himmel.
Aber es muß einen Frieden geben, der über aller Menschen Vernunft ist;
denn als Heinrich in seine Dachkammer ging, sein Bündel zu schnüren, da
lag Dorothe still betend auf ihrem Lager, und Heinrich war gefaßter,
denn die Schwestern, gefaßter selbst als der Vater.

»Hier, Heinrich«, sprach der Schulmeister, »ist dein Zehrgeld für den
heutigen Tag, für Morgen muß der schon sorgen, der die jungen Raben
nähret. Da nimm auch, daß du den rechten Versorger nicht vergissest,
das Gebetbüchlein mit, das ich schon lange für dich abgeschrieben habe,
wenn du uns einst verlassen müßtest. Wie es da drinnen steht, so hab'
ich und mein Haus bis dahin dem Herrn gedienet, diene du ihm auch also,
daß wir in _einer_ Zunge und in _einem_ Geiste zum Vater treten. Sei und
bleib' in der Furcht Gottes, die der Weisheit Anfang ist. Fleuch die
Lüste der Jugend, und schaffe mit deinen eignen Händen. Laufe denn mit
Geduld in den Kampf, der dir verordnet ist, und wisse, es wird Keiner
gekrönt, er kämpfe dann recht. Der rechte Kampf gibt die rechte Krone,
und die sei dein und unser köstlich Gut, wenn wir uns wiedersehen. Der
Gott deiner Väter, der niemals einen Justus verlassen hat, der segne und
behüte deinen Aus- und Eingang um Christi willen. Amen.«

Wie nun die Schwestern, die Eine dieß, die Andere das noch in's
Reisebündel hineingeschoben hatten, wie sie Alle unter viel Weinen am
Halse des Bruders gehangen hatten; da kam auch der Schulmeister noch
einmal herein und sagte: »Heinrich, nimm auch die Geige mit dir. Als
Spielmann sollst du nicht durch die Welt reisen, denn das ist ein leicht
verdient Stück Brod und gedeiht nicht. Aber wie David des Saul bösen
Geist mit Saitenspiel dämpfte, so kann deine Geige in der Zeit der Noth
manches Menschenherz weicher machen zur Liebe gegen dich.«

       *       *       *       *       *

Eine Stunde vom Veitsberg, hart am Wege, der nach Gießen führt, liegt
ein hoher, schlanker Berg, die Nonne geheißen. Von da aus übersieht man
die ganze Gegend auf weit und breit. Lieblich ist der Ort und schattig
durch hohe Kiefern. Diese Höhe bestieg Heinrich. Unter den
herabhängenden Aesten sitzend, nahm er aus der Tasche das
Haus-Betbüchlein seines Vaters und schlug das Reisegebet auf. O wie ward
ihm so wohl dabei! Es waren seines guten Vaters Worte, die er las, es
war seines Gottes Wort, das ihm Trost in die Seele goß. Wie fest prägten
sich die Worte seiner Seele ein: »Ich bitte Dich, erhalte mich bei
Deinem Wort, daß ich nicht abweiche vom rechten Wege des ewigen Lebens.
Führe mich auf den Steig Deiner Gebote und behüte mich vor unrechtem
Glauben.« Wie herzlich ward sein Vertrauen durch die Worte des Gebetes:
»Du wollest auch Deine heiligen Engel mir zugeben, ihnen Befehl thun,
daß sie mich hüten auf allen meinen Wegen; daß sie mich führen auf
rechte Straße, auch mich gesund und frisch wieder anheim zu den Meinigen
bringen.«

Neu gestärkt erhob sich der Jüngling. Nun noch ein Blick auf die liebe
Heimath, und dann hinaus auf die Wanderschaft!



16. Die Rache.


    »Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
      Halt' ihm getreulich still!
    Fahr' hin, du Welt, mit deinem Spott!
      Mich tröstet Gottes Will'.

    Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
      Mein Auge, weine nicht!
    Ich weiß, daß hell durch Nacht und Noth
      Vom Himmel kommt mein Licht.

    Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
      Sei treu und halte aus!
    Es führt durch Spott und Noth und Tod
      Dein Gott dich gut hinaus!«

»So denk' ich jetzt und so sing' ich jetzt, Bruder Büttner«, sprach in
seinem Lehnstuhl sitzend der Schulmeister an einem Samstag Abend zu
seinem Hausfreunde. »Draußen liegt der Schnee, wie er seit
Menschengedenken nicht gelegen hat, und das Wild wird von den Wölfen bis
in die Dörfer hinein gejagt, kurz es ist ein Winter sonder Gleichen. Und
ein Winter sonder Gleichen ist auch in meinem Leben. Ich merk', es geht
bald ganz mit mir bergab. Aus der Tiefe rufe ich darum zum Herrn und
bestelle täglich mein Haus, damit ich ziehen könne, wenn's scheiden
heißt. Mein Heinrich ist auf die Wandrung hinaus, die Mädchen sind in
Dienst gegangen, so bin ich denn mit meiner Dorothe wieder allein, und
nur die Selma hab' ich nicht von mir wollen lassen, die soll nicht
dienen, sondern in meinem Kreuz mich trösten. Denkt aber nicht, Büttner,
daß mir graue vor dem, das kommen soll. Ich bin in meinem Gott fröhlich,
wie nie. Seit Monden wollt' mir kein Lied aus der Kehle, heute aber hab'
ich wieder gesungen, und je mehr ich sang, desto getroster ward ich.«

»Recht so, Schulmeister«, sprach der Büttner, »ganz so, wie's dort heißt
im Psalm: »Ich will dem Herrn singen mein Leben lang.« Hat auch wahrlich
mit euch keine Noth. Ein gut Gewissen und ein fester Glaube, wer die
zwei Stücke noch hat, was kümmert sich der um der Neider List und Tücke.
Und sollt's ja zum Aeußersten kommen, und ihr von Amt und Brod getrieben
werden, so wird's auch Rath werden. Dazu kam ich just heute Abend
herauf, um euch einen Trost zu bringen, wenn ihr sein bedürfen solltet.
Gestern und heute habe ich meine Oberstube gefegt und gescheuert, und
gut eingeschlachtet hab' ich auch um Christtag hin, und was sonst noch
Noth thut im Haus, einen herzlichen Willkomm und ein heiter Angesicht, —
das Alles, Schulmeister, findet ihr bei mir. So lang' ich lebe und der
liebe Gott das Feld segnet, sollt ihr nicht Noth bei mir leiden. Und
nicht wahr, ihr schlagt's nicht aus? Gebt die Hand, Schulmeister, laßt
mich euer Freund in der Noth werden!«

»Büttner«, sprach der Schulmeister, indem er eine Thräne im Auge
zerdrückte, »Freund in der Noth seid ihr längst gewesen. Es ist Mancher
von mir abgefallen, seit man mich verfolgt, und weicht mir scheu aus,
gleichsam als fürchte er, durch mich in üblen Geruch zu kommen. Ihr aber
habt gethan nach Sirach's Wort: »Bleibe treu deinem Freunde in seiner
Armuth.« Das vergelt' euch Gott! Ja, Büttner, ihr liebet treuer, denn
ein Bruder, und liebet mit der rechten Liebe, warum soll ich des Bruders
Hand verschmähen! Ja, ich komme zu euch, wenn ich von hier fort muß,
aber nur auf so lange, bis Gott weiter hilft.

    »Denn Weg' hat er allerwegen,
      An Mitteln fehlt's ihm nicht.«

       *       *       *       *       *

Es war Sonntag Morgen. Der Schnee wirbelte in dicken Flocken zur Erde
nieder, und verhüllte die ganze Natur in graue Dämmerung. Der
Schulmeister vom Veitsberg hatte eben von den Seinen Abschied genommen,
um den Dienst seines kranken Amtsbruders in Queckborn für diesen Sonntag
zu versehen. In seinen Reisekleidern, einen langen Stock in den Händen,
ging er erst in seine Kirche, zog die Glocke zum ersten Kirchenzeichen
und schritt dann, des Weges wohl kundig, hinab in's Thal. Wer heute über
Feld wollte, der mußte auch des Weges kundig sein. Denn von einer Bahn
war in dem tiefen Schnee keine Rede; bei jedem Fußtritt brach man in die
Schneemasse ein. Doch das Ziel ward von unserem Justus bald erreicht,
der Dienst ward gethan, und am Krankenbette seines Amtsbruders sitzend,
ward manches trauliche Wort geredet, von Zeit und Weltbegebenheiten, von
des Freundes langer Krankheit und von Gottes wunderbaren Wegen.

»Sprecht nicht, Herr Bruder«, sagte Justus, »von eurem Kreuz, als sei es
so unerhört, und von Wenigen also erlebt. Wohl ist's hart, daß ihr
nunmehr schon in den dritten Monat hinein müsset das Bett hüten; glaub's
auch wohl, daß euch manchmal der Muth sinkt, und euer Gebet zum Seufzer
wird: Ach Herr, wie lange! Kann mir denken, wie es einem Hausvater sein
muß, wenn er die Kindlein ansieht, noch so zart und klein, und dabei
denken muß, wer wird sie nähren und kleiden und ihnen Obdach geben und
sie zur Gottesfurcht auferziehen, wenn des Versorgers Aug' im Tode
bricht? Ach, wir Schulmeister jetziger Zeit sind gar übel daran! Einen
Sold zum Leben und Sterben zu wenig, Sorg' und Mühe Jahr aus, Jahr ein,
und in steter Angst, daß man uns den Abschied gebe, ohne Urtheil und
Pension! Ist's ein Wunder, daß wir alle so gedrückt einher gehen, und
uns oft so winterlich und kalt zu Sinne ist. Aber, lieber Bruder, wie es
dort heißt im Lied: »Je größer Kreuz, je süßer Glaube«, so darf auch von
uns das beste Theil nicht genommen werden, sonst sind wir zwiefach arm
und verlassen. Christi Wort: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid
getrost, ich habe die Welt überwunden«, soll uns sein die Inschrift auf
unserer Fahne, darauf wir wie der Soldat hoffend schauen, ob's auch
donnert und blitzt um uns her im Kampf, und die Wunden der zeitlichen
Trübsal wehe thun. Ihr steht dem Grabe nah' ob eures Leibes Schwachheit,
mir haben böse Zungen auch ein Grab gegraben, und vielleicht muß ich
hinab, und Niemand weiß, wie unrecht mir geschiehet, als mein Gott im
Himmel. »Sollte aber Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm
Tag und Nacht rufen?« Ja, sag' ich und sag' abermals ja, und rufe mit
Hiob: »Bis daß mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner
Frömmigkeit!« Denn es steht geschrieben: »Fürchte dich nicht, denn ich
bin bei dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott!«

Da brach ein Sonnenstrahl durch die grauen Winterwolken und fiel auf's
Bett des Kranken und über sein Angesicht ging der Friede Gottes.

       *       *       *       *       *

Der Rückweg nach dem Veitsberg war eben so mühsam, als der Weg am
Morgen. Obgleich das Schneegestöber nachgelassen hatte, war doch die
Spur vom Morgen gänzlich verwischt, und wieder mußte Justus den Weg
brechen; denn bei diesem Wetter mochte kein Fußgänger hinaus. So war er
an jene Stelle im Walde gekommen, wo der Fußpfad von Queckborn nach
Veitsberg die Grünberger Landstraße durchschneidet. Jetzt führt dort
eine bequeme Chaussee, aber der damalige Weg ging bald über Hügel weg,
bald durch Hohlwege hindurch. Einen solchen Hohlweg durchschnitt auch
der Fußpfad.

Eben war Justus in denselben eingetreten, und arbeitete sich rüstig
durch den Schnee, als das Wiehern eines Pferdes an sein Ohr drang.
Dieser Ton, der einzige Laut in der erstorbenen Natur, machte ihn
stutzig; er stand stille und horchte, und hörte deutlich nicht weit von
der Stelle wo er stand, auch das Rasseln einer Kette. Er rief laut ein
»Ho!« »Ho!« in den Wald hinein, aber keine menschliche Stimme gab ihm
Antwort, sondern das Wiehern und Kettenrasseln wiederholte sich. Ein
Unglück vermuthend arbeitete sich der Schulmeister auf den Rand des
Hohlweges, und erblickte zu seinem Schrecken eine Chaise, die mit nach
oben gekehrten Rädern tief im Schnee steckte, während die Pferde mit der
abgebrochenen Deichsel sich so in's Dickicht des Waldes verschlungen
hatten, daß alle ihre Anstrengungen, sich frei zu machen, umsonst waren.
Nicht fern von den Pferden lag der Kutscher, halb vergraben im Schnee,
ein Stück von dem Zügel noch in den Händen, wie es schien ohne alle Spur
von Leben. Mühsam schaffte Justus mit den Händen den Schnee von den
Seiten der Chaise weg, um einen Blick in das Innere thun zu können; und
nicht lange, so faßte er die kalte Hand eines Mannes, der halb in, halb
außer der Chaise lag, so als habe er im Fallen des Wagens herausspringen
wollen. Sein Gesicht war jämmerlich verschunden und blutig, aber seiner
Kleidung nach schien er ein Mann von Stand und Vermögen zu sein. Auch er
gab, wie der Kutscher, kein Lebenszeichen von sich.

Was sollte der Schulmeister beginnen! Der Tag war schon weit vorgerückt;
alle Dörfer rings umher lagen eine starke halbe Stunde entfernt, und
doch mußte schnelle Hülfe geschafft werden; denn der Zustand der
Beschädigten war gar kläglich, und die Gefahr von Wölfen seit einigen
Wochen sehr groß. Eilig verließ er daher die Stätte des Jammers, und mit
starken Schritten eilte er dem Veitsberg zu. Nicht lange, so sah man
unter seiner Anführung alle Männer von Veitsberg und Saasen mit Laternen
und Hebstangen der Stelle zueilen, wo die Verunglückten lagen. Die
Verwundeten wurden auf Bahren gelegt, die man in der Eile aus jungen
Bäumen gemacht hatte; die Pferde wurden ausgeschirrt, aber den Wagen
mußte man liegen lassen, wo er lag, denn es war keine Möglichkeit
vorhanden, ihn über die Feldwege in Sicherheit zu bringen, zumal jetzt
am Abend. So langte denn der Zug am Dorfe an, wo die Frauen und Kinder
fragend und bedauernd den Ankommenden entgegen gingen.

»Wohin mit den Verunglückten?« hieß es da. »Den hier auf der vordersten
Bahre nehm' ich in mein Haus auf«, war des Justus schnelle Antwort, »und
ich will für den Fuhrmann Sorge tragen«, sprach der Elias Büttner,
»nehmt ihr, Nachbar Kurz, die Pferde in euren Stall, bei euch sind sie
am beßten aufgehoben.«

Das war eine unruhige Nacht für die beiden Dörflein Veitsberg und
Saasen. Da gingen Wenige zur Ruhe. Denn Etliche liefen hin und her nach
Doctor und Feldscherer und Arzneimitteln, und die Andern standen um die
Verwundeten her, und bedauerten sie und halfen waschen und verbinden und
Belebungsversuche machen. Die beiden Beschädigten waren zum Glücke nicht
todt, aber schwer beschädigt waren sie beide, namentlich der Herr, den
Justus aufgenommen und in sein eigenes Bette gelegt hatte. Der schien
besonders am Kopfe beschädigt zu sein, denn die Betäubung wollte nicht
weichen, trotz aller Mittel, die man anwandte. Anders war es mit dem
Kutscher. Nachdem sein zerbrochenes Bein eingerichtet war, gab er
Auskunft über die Reise und über den Unfall, der sie betroffen, über
seinen und seines Herrn Namen und empfahl seine Pferde und sein Fuhrwerk
seinen Rettern gar dringend, denn er war ein guter Knecht.

Am Morgen nach dieser unruhigen Nacht ging der Schulmeister hinab gen
Saasen, nach dem kranken Knecht zu sehen, und den Namen seines Gastes zu
erforschen. Die Nachricht, die er da erhielt, machte einen
furchtbar-schrecklichen Eindruck auf ihn, und man sah ihn blaß werden
und schweigend sich entfernen. Wie er eintrat in seine Stube, so stand
Dorothe am Bette des Kranken, und flößte mit einem Löffelchen dem halb
Bewußtlosen eine stärkende Suppe ein, und der Kranke lag da mit
geschlossenen Augen, und nahm die Stärkung an wie ein Kind, das sich
sein noch nicht bewußt ist. Justus trat schweigend an das Bette; lange
haftete sein Auge am entstellten Angesichte des Kranken. Dann sprach er
leise zu Dorothe: »Weißt du, Liebe, wen wir herbergen, wer unser Lager
einnimmt, und wem du eben die Erquickung reichst? Es ist unser Todfeind,
es ist der Gerst; Gott hat ihn in unsere Hand gegeben. Was wollen wir
thun, Dorothe, wollen wir uns freuen des Falls unseres Feindes, und
unser Herz froh sein lassen über sein Unglück? oder wollen wir thun nach
dem Wort: »Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brod, dürstet ihn, so
tränke ihn mit Wasser?«

Dorothe sprach nichts, nur ein leises Zittern ihrer Hand verrieth die
Bewegung ihres Herzens; Thräne auf Thräne fiel herab auf's Angesicht des
Kranken, und sie hörte nicht auf, dem Schwachen die Stärkung zu reichen.
Als sie vollendet hatte, da faltete sie schweigend ihre Hände; ihr Herz
betete, und dem Todfeind war verziehen. Und ihre Hände pflegten sein,
und ihr Auge wachte über ihm bei Tag und bei Nacht, und von ihr empfing
er Speise und Labung.

So gingen drei Tage hin. Am dritten des Morgens stand Dorothe wieder am
Bette des Kranken, und reichte ihm eine Stärkung; da schlug er zum
ersten Male die Augen auf, seufzte tief, als erwache er aus schwerem
Traum, blickte forschend in's Angesicht seiner Wärterin, und fragte in
leisem Tone: »Wo bin ich?« »Im Schulhaus zum Veitsberg«, war Dorothe's
Antwort. »Und wer seid ihr, gute Frau, die ihr mich so sorgsam pfleget?
In lichten Augenblicken meiner Krankheit habe ich euch allezeit helfend
und theilnehmend an meinem Bette gesehen. Auch Thränen waren manchmal in
euren Augen; ihr müßt es recht wohl mit mir meinen; sagt mir, wer seid
ihr?« »Ich bin Dorothe, des Schulmeisters Justus Eheweib«, gab sie ruhig
zur Antwort.

Auf dieß Wort schloß sich schnell das Auge des Kranken; mit einer
raschen Bewegung faßte er sein Haupt, ließ eben so schnell die Hand
wieder sinken, warf einen ängstlich-scheuen Blick auf seine Pflegerin,
und stöhnte dann aus dem tiefsten Herzen. Der Anblick dieses inneren
Kampfes war zu fürchterlich und Dorothe entfernte sich schnell aus der
Stube.

Während dieses ganzen Tages hörte man den Kranken oft seufzen;
schweigend und mit niedergeschlagenen Augen nahm er alle Pflege an. Am
nächsten Morgen aber schien sein Herz gebrochen zu sein; er rief den
Justus und sein Weib an sein Lager; er that ein laut Bekenntniß seines
Unrechts; er legte Geständnisse ab, die ihn als Dieb und Ehrenräuber
brandmarkten; er erzählte, wie er die Familienpapiere von Dorothe's
Mutter mit List an sich gebracht, und um eine bedeutende Summe den
unrechten Erben verkauft habe; er schilderte die Schleichwege, auf denen
er dem Schulmeister Ehre und Brod geraubt; ja er gestand sogar, daß die
Reise nach Grünberg, die so üblen Ausgang gehabt, von ihm nur
unternommen worden sei, um den Richter durch allerlei falsche
Vorspiegelungen zu einem ungerechten Urtheil zu bestimmen, fügte aber
hinzu, daß ihm das nicht gelungen sei, sondern daß des Schulmeisters
Sache gut stehe, und seine Unschuld bald völlig erkannt werden würde.
»Daß ihr nach Allem, was ihr von mir habt erdulden müssen«, sprach er
dann, »noch so gut gegen mich gehandelt, das möcht' ich in seiner
Möglichkeit begreifen, aber ich kann's nicht; ich muß wohl zu schlecht
dazu sein. Ich fühle eure Liebe und doch verstehe ich sie nicht; aber
Eins begreife ich, und das steht fest bei mir, ich will mein Unrecht
wieder gut machen, soweit ich kann, und euch euren Liebesdienst
reichlich vergelten.«

»Denkt nicht an uns, Herr Rath«, sprach ernst der Schulmeister, »auch
nicht daran, wie ihr uns lohnen wollt für alles angethane Leid, denkt
vielmehr daran, wie ihr nach allem Geschehenen mit eurem Herrgott
stehet, und wie ihr ihm Dank schuldig seid für seine gnädige Hülfe in
der Stunde der Noth.«

Darauf gab der Gerst keine Antwort. Denn sein Ohr hatte den Klang des
Namens Gottes längst verlernt, und in seinem Herzen hatte das Wort
Gottes keine Stätte mehr. Es glich dem Wege, dem hartbetretenen, davon
die Vögel den guten Samen aufgefressen.

So gingen einige Tage hin. In dem körperlichen Befinden des Gerst ging
keine große Veränderung vor sich, denn die Beschädigungen am Kopfe waren
nicht ungefährlich, und ließen ein langes Krankenlager fürchten. Aber
auch sein geistiges Befinden besserte sich nicht. Nachdem er einmal ein
oberflächliches Bekenntniß seiner Sünden gegen den Schulmeister und sein
Haus abgelegt hatte, fiel er wieder in seine alte Herzenshärtigkeit, war
äußerst reizbar, ungenügsam und launig, und man sah so recht deutlich,
wie das körperliche Leiden sein Gewissen noch mehr verstockte. Es war
darum nur Freude im Hause des Justus, als Etliche seiner Freunde ihn
sorgsam einpackten und nach Gießen brachten, wo er sich in seiner
gewohnten Umgebung eine baldige Wiederherstellung versprach.

Kaum war er weg, so erfolgte auch das Urtheil über die Schatzgräber und
über ihren Mitbeschuldigten, den Kalendermann. Justus ward völlig
freigesprochen; aber für alle ausgestandenen Mühen, für alle gehabte
Kränkungen gab man ihm keine Entschädigung. Dessen bedurfte es auch bei
Justus nicht. »Mein Trost ist der«, sprach er, »daß ich ein gut Gewissen
habe und befleißige mich, reinen Wandel zu führen bei Allen.«

Den Schatzgräbern aber erging es übel; sie wurden theilweise zu langem
Gefängniß verurtheilt, auch der Schreinerkaspar, den man später
eingefangen hatte. Nur der Fleischhauer war und blieb verschwunden, und
von Obrigkeitswegen ward Beschlag auf sein Häuschen gelegt, und auf
Alles, was sich drinnen fand. Da kam denn manches merkwürdige Stück zu
Tage, Werkzeuge, deren Gebrauch Niemand verstand, und Inschriften, die
Niemand enträthseln konnte.

Noch vor zwanzig Jahren waren diese, damals den Schatzgräbern
abgenommenen Gerätschaften: der Erdspiegel und die Wünschelruthe, der
papierene Zauberkreis und der Stab des Beschwörers, auch etliche der
Zaubersiegel, die die Gehülfen getragen, noch vorhanden, und ich hab'
sie selber wiederholt beschaut, und meine Betrachtungen darüber gemacht.

Noch ist die Zeit der Schatzgräberei nicht vorüber, trotz Aufklärung und
Eisenbahnen, und wem eine Heerde vertraut ist, der wache; denn während
die Leute schlafen, kommt noch derselbe alte Feind und säet Unkraut
unter den Waizen.

Und abermals, nach einem Winter voll trüber Erfahrungen, kehrte der
Frühling als willkommener Gast auf dem Veitsberg ein. Aber so friedlich
es auch in den Herzen der Bewohner des Schulhauses aussah, so stille
ward er doch begrüßt. Heinrich in unbekannter Ferne, die Töchter im
Dienst bei fremden Leuten, Dorothe gebeugt von Krankheit, und der
Schulmeister zurückgezogener und ernster, denn je. Wenn dann Selma
allein und mit ihrer Handarbeit beschäftigt am kleinen Fenster saß; wenn
sie herabsah in's Thal, wo sich im warmen Frühlingswetter Menschen und
Thiere eines neuen Daseins freuten; wenn sie hinübersah in die blauen,
waldigen Berge, wer kann's dem Mägdlein verargen, daß dann allerlei
Gedanken an Vater und Mutter, an die ferne Heimath und an ihr künftiges
Lebensloos in ihr aufstiegen! Es gibt ein Heimweh, das fühlen Blumen und
Vögel in der Fremde, zumal wenn der Frühling wieder kommt; sollte nicht
ein Menschenherz viel mehr davon leiden? Ja, wir leiden Alle daran und
die Jugend am meisten, denn sie sucht nach. O, daß sie immer _recht_
suchte, und im Suchen den rechten Führer und die rechte Heimath nicht
aus dem Auge verlöre! —

Mit den ersten Tagen des Frühlings gelangte auch die Nachricht auf den
Veitsberg von dem Tode des Gerst. Die Wunden hatten nicht heilen wollen
und bewirkten einen langsamen und schmerzhaften Tod. Man erzählte viel
von seinem Ende, wie schmerzhaft und wie herzzerreißend das gewesen sei;
wie die Geister seiner Sünden in schreckhaften Gestalten an seinem Lager
gestanden, und wie er sich mit all' seinem erwucherten Gelde keine treue
Pflege in seinen Leidensstunden und kein fröhlich Ende habe erkaufen
können. Oft, so erzählte man, habe er den Vorsatz gefaßt, den
Schulmeister vom Veitsberg noch einmal zu sich zu bescheiden, und
wiederholt habe er geäußert, Justus sei der einzige Mensch auf Erden,
dem er wünsche, daß es ihm wohl gehe.

Im Hause des Justus ward nichts von dem Todten gesprochen, kein Wort des
Tadels oder der Freude über sein Ende, sondern Justus sprach, als er die
Kunde von seinem Abscheiden erhielt: »Gedenke seiner, Herr, nach deiner
Barmherzigkeit.« So schien auch hier sein Andenken für immer erloschen.
Aber es ward bald neu aufgefrischt. Von mehreren Seiten ward dem Justus
gemeldet, wie man in Erfahrung gebracht, so habe der Rath Gerst die
Dorothe Justus, geborne Kunz, mit einer bedeutenden Summe in seinem
Testamente bedacht; und so um die Heuerndte hin geschah eine förmliche
Aufforderung an Dorothe von Seiten des Sachwalters des Verstorbenen, der
Eröffnung des Testaments beizuwohnen.

Als Stellvertreter seines Weibes erschien Justus am bestimmten Tage in
der Wohnung des Verstorbenen. Lachende Erben, größtenteils arme Leute,
waren aus der Ferne gekommen, und sahen gespannt dem entscheidenden
Augenblick entgegen. Auch Leute aus der Stadt, die mit dem Gerst in
Verkehr gestanden, oder in seinen Diensten gewesen waren, hatten sich
eingefunden. Zuletzt drängte sich noch ein Weib herein, blaß und in
ärmlicher Kleidung. Sie führte ein Kind an der Hand, und eins trug sie
auf dem Arm. Man wußte nicht, wo sie herkam, noch welche Ansprüche sie
an den Verstorbenen habe.

Das Testament wurde den Anwesenden als unverletzt gezeigt und dann
geöffnet. Es war von neuem Datum, und von dem Verstorbenen an die Stelle
eines ältern gesetzt worden, das damit seine Gültigkeit verloren hatte.
Die Verwandten waren in demselben mit kleinen Summen bedacht, und an
ihren Gesichtern sah man deutlich die Täuschung. Auch seine Dienstboten,
namentlich der Knecht, der ihm zuletzt gedient und jenen Unfall mit ihm
erlitten hatte, erhielt einen anständigen Jahrgehalt. Alles Uebrige,
eine sehr bedeutende Summe, war zwischen Justus Ehefrau und einem
gewissen Felix Fleck, Sohn von Johannes Fleck, den Keiner der Anwesenden
kannte, getheilt.

Wer der Felix Fleck gewesen sei, darüber hat man nie etwas Zuverlässiges
erfahren. Viele hielten ihn für einen natürlichen Sohn des Verstorbenen.
Der Felix Fleck kam und nahm, da seine Papiere in Ordnung waren, später
die Erbschaft ohne Widerrede in Empfang.

Das Testament war verlesen, und Stille herrschte im Gemach; Jeder gab
sich seinen Betrachtungen hin; Keiner schien ganz befriedigt. Da trat
mit tiefer Blässe auf dem Angesicht das Weib mit den beiden Kindern vor
den Tisch des Richters, wollte reden, aber die Zunge versagte ihr den
Dienst. Unter großer Anstrengung fragte sie endlich den Richter, ob kein
Nachtrag zum Testamente vorhanden sei? Als das verneint wurde, bedeckte
sie mit beiden Händen das Angesicht, und weinte laut und rief: »Kann
auch ein Mensch so grausam sein, daß er sein eigen Fleisch und Blut
vergesse und verläugne! Doch, was klag' ich, und wer erbarmt sich mein!
Kommt, meine Kinder, ihr sollt nicht wissen, wer euer Vater war!«

Damit wollte sie zur Thüre hinaus. Aber Justus faßte sie freundlich bei
der Hand, trat zum Tische des Richters, und sprach mit lauter Stimme:
»Das Geld, das nach dem Willen des Rath Gerst meiner Frau, Dorothea,
gebornen Kunz, vermacht ward, gehört von Gott und Rechtswegen ihr.
Warum? das wußte der Verstorbene und ich weiß es auch, aber Niemand
soll's erfahren. Ehe ich herging, gab mir mein Weib Vollmacht, mit der
Erbschaft zu thun, was ich für recht erkennen würde; »in meine Hände«,
sprach sie, »soll kein Pfennig kommen von diesem Gelde, denn es ist
unrein durch Blut und Thränen.« Hier steht des Gerst Weib, und da sind
seine Kinder; nehmt denn, Herr Richter, Folgendes von mir zu Protokoll:
»Ich Jakob Konrad Justus, Schulmeister zum Veitsberg, erkläre kraft und
in Vollmacht meines Eheweibes, Dorothea, geborener Kunz, daß ich auf die
Erbschaft des Rath Gerst zu Gunsten seiner natürlichen Kinder verzichte.
So wahr mir Gott helfe!« »Und hier meine Unterschrift.« —

Da lief ein Murmeln des Beifalls durch die Versammlung, und das Weib
fiel auf ihre Knie und pries Gott mit lauter Stimme. Und wie sich Justus
leise aus der Stube entfernen wollte, da erhob sich ein Advokat, der dem
Richter zur Seite gesessen hatte, ging ihm nach, und drückte ihm die
Hand; und von dem Tage an wurden Beide die innigsten Freunde. Und der
Advokat war mein Großvater, und ist nun schon an sechsundsechzig Jahre
todt. In seinen Händen war ein Theil der Papiere des Kalendermanns, und
von ihm stammen die Erzählungen, die ich, in diesen bunten Strauß
gebunden, dir, mein lieber Leser, reiche. Mein Großvater pflegte zu
sagen, so oft er von ihm sprach: »Arm wird der Justus bleiben bis an
sein selig Ende; und doch ist er der glücklichste Mensch, den ich kenne;
er ist reich in Gott.«

Noch eine freudige Ueberraschung war heute dem Justus vorbehalten, ehe
er heimging. Wie er in ein Gäßlein einbog, kam ihm sein alter Freund,
der Corporal Scheuermann, entgegen; aber nicht mehr die kräftige
Soldatengestalt von ehemals; das Gesicht war hager, das Haar gebleicht
und der Nacken gekrümmt. »Es ist vorüber mit meinem Dienst«, sprach er,
als er dem Schulmeister kräftig die Hand geschüttelt hatte, »ich fühl's,
es ist vorüber hier unten, und der liebe Gott wird mich bald in ein
ander Regiment versetzen. Da wart' ich denn täglich auf meinen Abschied,
und gibt mir mein gnädiger Herr noch ein Geringes an Gnadengehalt dazu,
so ist Alles erfüllt, was ich wünsche. Doch ja, ich wünsche noch Eins,
Herr Justus, und hab' bisher oft daran gedacht; könnt ihr mir nicht ein
Plätzchen gönnen auf eurem Veitsberg? So lang ich einen Justus hatte,
mit dem ich reden konnte, war mein Herz allezeit guter Dinge; jetzt, wo
ich alt bin, möcht' ich das Labsal nicht entbehren. Hat Dorothe den
alten Scheuermann noch lieb, wie er sie lieb hat, so wird sie ihm ja ein
Plätzchen am Ofen gönnen, bis man ihn zur Ruhe legt. Sagt ja, Herr
Justus! Es will Abend werden und mein Tag hat sich geneigt, und ich habe
Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein. Aber ich möchte, daß ich
unter Gottes Wort einschliefe, und fromme Hände mir die Augen
zudrückten. Da hab' ich freilich meine Verwandten im Vogelsberg, aber
die herzen mich nicht. Die sehen lüstern nach dem Wenigen, das ich noch
habe, und gönnen mir das Bischen Leben nicht.«

»So langer Rede hätte es nicht bedurft, Scheuermann«, sprach herzlich
der Schulmeister; »kommt nur, sobald ihr den Abschied habt; Haus und
Brod wollen wir mit euch theilen, und ein traulich Wort und ein
freundlich Gesicht soll euch nicht fehlen.«

Da wischte sich der alte Corporal die Augen, und mit herzlichem
Händedruck schieden die alten Freunde.



17. Es wird Licht.


So war wieder ein Herbst gekommen. Die Erndte von Acker und Baum war
eingethan und der Gallmarkt, dieß liebe Fest für Grünberg und seine
Umgebung rings umher, war abgehalten und die Vögel rüsteten sich zum
Flug in wärmere Länder.

Der Corporal Scheuermann war mit ehrenvollem Abschied und mit einem
kleinen Gnadengehalt zur Ruhe gesetzt worden. Jetzt zog er ein auf dem
Veitsberg, und mit ihm die Erinnerung an die alte Zeit, trotz ihrer
Sorgen und Mühen von ihm nur »die gute alte Zeit« genannt. Da saßen sie
denn zusammen, die alten Freunde; da ward das traute Dämmerstündchen mit
mancher alten Erinnerung ausgefüllt, da ward manch' alt Histörchen
wieder aufgewärmt, das aus des Corporals Munde allezeit mit »es war in
den dreißiger Jahren« begann, und von dem Justus und den Seinen mit
großer Geduld angehört. Und einen willigen Hörer fand Justus für seine
Sternwissenschaft und Kalenderkunst in dem Alten. Er schaute mit ihm
hinauf zu den Sternen, den ewigen Zeugen der Macht und Freundlichkeit
Gottes; er ließ sich die Bahnen der einzelnen Himmelskörper beschreiben,
und staunte darob; er sprach mit voll Glauben und Hoffnung, wenn des
Heilands Spruch bedacht ward: »In meines Vaters Hause sind viele
Wohnungen«, und Schauer der Nähe Gottes und Zeugnisse seines Geistes
gab's genug im stillen Schulhaus zum Veitsberg.

Einst an einem Abend saßen sie auch so traulich zusammen; da trat ein
Nachbar ein, bot freundlich einen guten Abend und sagte: »Schulmeister,
heute krieg' ich gewiß ein freundlich Gesicht von euch, denn ich bringe
einen Brief, der sonder Zweifel von eurem Heinrich kommt, und den ihr
gern auslösen werdet, so theuer er auch ist. Der Postreiter gab ihn mir
heute in Grünberg, und ich hab' ihn mit dreißig Albus müssen loskaufen.«

»Ja, ein Brief von Heinrich«, rief der Schulmeister aus, als er die
Aufschrift las: »Gott Lob, so lebt er noch. Und wie schwer und wie groß
ist der Brief, da muß viel drinnen stehen. Bleibt, Nachbar, ihr sollt
auch erfahren, was Heinrich schreibt, und mögt, so es euch gefällt, die
Abendsuppe mit uns essen.«

Und der Brief ward geöffnet, und die Zeit der Abendsuppe kam und ging
vorüber, und der Wächter rief die Mitternachtsstunde ab, und noch saßen
sie zusammen, der Schulmeister und sein Weib, der Corporal und der
Nachbar und Selma, denn die ging der Brief besonders an; sie saßen da,
ergriffen und weinend, von Hoffnung und Furcht erfüllt, und Eins nach
dem Andern fragte, und fragte wieder, und gab Rath; denn der Brief war
ein schöner, ernster Brief.

»Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt!« rief der Schulmeister
tief gerührt. »Wie doch dem Vater- und Mutterherzen ein solch' Wort aus
Kindesmund so wohl thut! Glaub' dir's, du treue Kindesseele, daß dein
Herz daheim ist bei Vater und Mutter, und daß du täglich betest für der
Schwestern Wohl! Glaub' dir's, daß du einen Sparpfennig sammelst für uns
daheim, zu vergelten die Wohlthat! Und Selma du, was sagst du zu dem,
das der Brief erzählt? Dir gibt er Hoffnung, Vater und Mutter wieder zu
finden, freust du dich darüber?« Aber Selma antwortete nicht; ihr war
zum Sterben wehe. Alles, was seit Jahren in ihr gelegen von Furcht und
Hoffnung, was sie oft gewaltsam zurückgedrängt, wonach sie sich gesehnt
und wovor sie sich doch gefürchtet, das war nun mit einem Male ihr nahe
getreten, und es brachte nicht Freude, nein, neuen Schmerz.

Aber was stand denn in dem Briefe? — Aus einer Stadt am Rhein, wo er
Arbeit und Brod gefunden, hatte Heinrich zum letzten Male geschrieben;
das war um Ostern hin gewesen. Da hatte er erzählt, wie ihn der liebe
Gott bis dahin gut geführt; wie er überall gute Menschen gefunden, und
wenig Hunger bis dahin gelitten; wie er sich etwas Geld gespart, um
damit nach Holland zu reisen, und den Onkel aufzusuchen, und über
Selma's Aeltern sich zu erkundigen.

Es war aber Holland damals, was jetzt Amerika ist, das Land der Hoffnung
für Jeden, dem es daheim nicht gefiel, und der sein Glück in der Fremde
suchen wollte. Denn reich war damals Holland noch; es hatte viel Schiffe
auf dem Meere gehen, und brauchte viel fremde Hände, und die ihm
dienten, die bezahlte es gut, und hatte namentlich die Deutschen gerne
als Soldaten und Handlungsdiener und Dienstboten. Nach diesem Holland
stand auch Heinrich's Sinn. In diesem Lande war ja der Pathe und hatte
es gut dort; von diesem Lande, seinem Reichthum, seiner Sauberkeit,
seinen Schiffen und Kanälen hatte der Vater ihm so viel erzählt, und in
diesem Lande sollten auch die Aeltern Selma's wohnen, und zwar in der
Stadt Delft, die er sich genau gemerkt hatte, sowie nicht minder den
Namen von Selma's Vater. Einzelne Andeutungen hatte zwar immer nur
Justus davon gegeben, und liebte es um Selma's willen nicht, viel
darüber zu reden; aber dem aufmerksamen Knaben war das Wenige nicht
entgangen, und er beschloß, es zu nützen. Auch hatte er in seinem
letzten Briefe keinen Hehl daraus gemacht, und Selma war damals schon
nachdenklich darüber geworden. Was sie aber jetzt hörte, wie mußte sie
das ergreifen!

Heinrich war geraden Weges nach Delft gereist, hatte sich dort erkundigt
nach dem Kaufmann van der Bruck, und sein Haus sich bezeichnen lassen.
Er war hineingegangen und hatte gefragt, ob man keinen Menschen seines
Alters und seiner Geschicklichkeit brauchen könne, und war in die
Schreibstube gewiesen worden zum obersten Buchhalter. Der war ein altes,
dürres Männchen, mit schneeweißem Haar, und einer großen Brille auf der
Nase, und saß gesondert von den übrigen Schreibern, hinter einem
Gitterverschlag auf erhöhtem Sitze, von wo er die ganze Stube übersehen
konnte. Heinrich trug in gebrochenem Holländisch, denn er war der
Sprache noch nicht mächtig, sein Gesuch vor. Der Buchhalter warf einen
schnellen Blick auf ihn, und schrieb dann weiter. Etwa nach einer
Viertelstunde, die unserm Heinrich lang wie ein Tag vorkam, drehte er
sich langsam um, betrachtete den Jüngling von oben bis unten, und sagte
dann in gutem Deutsch: »Man wünscht bei van der Bruck in Dienste zu
treten?«

»Ja!«

»Hat man sich schon anderswo im Handel umgesehen?«

»Nein!«

»Hat man Testimonia aufzuweisen?«

»Nein!«

»Als was wünscht man denn bei van der Bruck placirt zu werden?«

»Wozu eure Edlen mich brauchen können.«

»Ist er nicht zu stolz, im Packhaus zu dienen, bis er seine
Qualifikation zu etwas Anderem gezeigt hat?«

»Von Herzen gern!«

»So zeig' er seine Hände her! — Nun thu' er seine Brust auf, daß ich
sein Hemd beschauen kann! — Heb' er einmal dort den Geldsack auf, und
trag' er ihn auf den Schultern bis dort zu jenem Pulte.«

Heinrich that wie ihm befohlen wurde, und stand bald wieder vor dem
Buchhalter. Der sah ihn noch einmal von oben bis unten an, und sagte
dann: »Er ist von jetzt an Aufseher im Packhaus von van der Bruck, und
erhält wöchentlich vier holländische Gulden und freie Kost bis auf
Weiteres.« »Friedrich«, so rief er einem der Schreiber zu, »man führe
diesen Burschen in's Packhaus, und weise ihn in seine Geschäfte ein!«

So war Heinrich Aufseher im Packhaus. Er hatte die Waaren, die ankamen
und abgeholt wurden, in Empfang zu nehmen und abzugeben und in die
Lagerbücher einzutragen, und über die Waaren zu wachen.

Nach vier Wochen kam der Buchhalter, der sonst schweigend an ihm
vorbeigegangen war, auf ihn zu und sagte: »Man ist zufrieden mit ihm; er
bekommt von heut an wöchentlich sechs Gulden.«

Nach Verlauf von abermals vier Wochen kam der Buchhalter in's Gewölbe,
und hatte eine Schiefertafel in seiner Hand. »Da«, sagte er, »wenn man
sich auf's Rechnen versteht, so löse man dieß Exempel.« Heinrich löste
es mit großer Schnelligkeit, denn auf die edle Rechenkunst hatte sein
Vater viel Fleiß gewendet. »Man löse diese schwerere Aufgabe«, sagte der
Buchhalter, und hielt abermals die Tafel hin. »Das hat er gut gemacht«,
sprach ernst der Buchhalter, als er die Aufgabe geprüft hatte. »Nun
schreib er in zehen Minuten einen Brief nach Amsterdam an das
Handlungshaus Heeren und Comp., und zeig' er an, daß die verlangten
Waaren abgegangen seien.« Mit der Uhr in der Hand stand der Buchhalter
neben dem Jüngling; nahm dann den Brief in Empfang, durchsah ihn und
sagte: »Man gehe hinein, und setze sich rechter Hand an den ersten Pult;
man ist von heute an Schreiber mit unbestimmtem Gehalt.«

So war denn Heinrich Schreiber im Hause des Herrn van der Bruck zu
Delft; aber dem eigentlichen Zweck seines Hierseins war er in zwei
Monaten um keinen Schritt näher gekommen. Seinen Herrn hatte er noch mit
keinem Auge gesehen; der wohnte in einem Hause, das im Hintergrunde
eines großen Gartens lag, der das Kaufhaus nebst den dazu gehörigen
Gewölben und Speichern von der Herrnwohnung schied. Der Buchhalter holte
Morgens die Befehle bei dem »alten Herrn«, wie er genannt wurde, und von
einem jungen Herrn war durchaus keine Rede. Auch war jede Stunde im Tag
so eingeteilt und mußte so benutzt werden, daß zu Fragen und
Erkundigungen wenig Zeit übrig blieb. Schweigend verrichteten alle
Hausgenossen ihre Arbeit; Ordnung wurde in Allem, im Schlafen, im Ruhen,
in der Arbeit, wie in der Erholung gehalten, strenge Ordnung, und wer
sich dieser nicht unterwerfen wollte, der ward seines Dienstes
entlassen. Dem Buchhalter zu Gefallen leben, war nicht leicht.

Doch Einer war im Hause, von dem Heinrich sich Aufschluß versprach über
alle Fragen, die ihm je länger je mehr das Herz beschwerten; das war der
alte Kammerdiener seines Herrn, ein Deutscher von Geburt, mit Namen
Siegmund. Der Mann hatte ein so Zutrauen erweckendes Ansehen, und grüßte
unsern Heinrich so freundlich, wenn er ihm begegnete, und hatte selbst
schon einmal ein kurzes, aber herzliches Gespräch mit ihm geführt.

Einst an einem Sonntag Morgen traf Heinrich den Alten, wie er mit einem
Gebetbuch in der Hand in einer Hütte des großen Gartens saß. Der
Jüngling wollte sich schweigend zurückziehen, aber der Alte winkte ihm,
und sie redeten mit einander wie Landsleute thun, von Vaterland und vom
Glauben der Väter, und der Alte gewann den Heinrich lieb, und lud ihn zu
sich auf den Abend in seine Stube im Herrnhaus.

Wie erstaunte Heinrich, als er am Abend in die Nähe desselben kam. Das
Haus lag mitten in einem Meere von Blumen, auf zierlichen Ländchen mit
Buxbaum eingefaßt, und mit wunderbarer Kunst gepflanzt. Das Auge konnte
sich nicht satt sehen an der Farbenpracht der Tulpen, und die Luft war
rings erfüllt von dem Wohlgeruch der Hyacinthen. Das Wasser eines
Springbrunnens fiel in verschiedenen Strahlen in einen Teich, aus Marmor
gehauen, in welchem Goldfischchen schwammen; und über den Rand des
Teiches bogen sich wieder Blumen herab, gleich als wollten sie sich in
dem klaren Wasser beschauen. Das Gebüsch zu beiden Seiten der
Blumenbeete war mit einem Drahtgitter umzogen und überbaut, und Vögel
aller Art, zum Theil aus fremden Ländern, mit buntem, glänzendem
Gefieder, trieben da ihr Wesen, und erfüllten die Luft mit ihren
Gesängen.

Hoch erstaunt über all' diese Pracht, die er bis dahin noch nicht
gekannt hatte, trat Heinrich in's Stübchen des Alten. Das war nett und
freundlich, und von einer Reinlichkeit, als hauste nicht ein alter
Junggeselle, sondern ein Mägdlein drinnen. »Wie muß unser Herr sich so
glücklich fühlen«, sprach Heinrich, »daß er dieß Alles sein nennen
kann! Solche Pracht habe ich nicht für möglich gehalten!« »Ja reich ist
unser Herr«, gab Siegmund zur Antwort, »reicher als man weiß und glaubt,
aber glücklich ist er eben nicht. Es gilt auch hier, was dort
geschrieben steht: »Es ist Mancher arm bei großem Gut, und Mancher reich
in seiner Armuth.« »Aber was fehlt ihm denn, und warum ist er nicht
glücklich?« fragte neugierig Heinrich. »Seid, wie ich, erst einmal ein
Viertel Jahrhundert in einem und demselben Hause, mein Sohn«, sprach der
Alte, »dann seht ihr, wo eure Herrschaft der Schuh drückt; aber dann
lernt ihr auch schweigen, und eurer Herrschaft schwache Seiten vor
Fremden verbergen.«

»Ich will euch kein Geheimniß ablocken, Vater Siegmund«, sagte
bescheiden Heinrich, »sondern ich suchte eure Bekanntschaft, um euch
selbst eins zu vertrauen. Hört denn!«

»Es mögen etwa sechszehen Jahre sein, da kam in der Herbstzeit, am
selben Tage, als wir unser Lenchen begruben, das jüngste von uns
Kindern, mein Onkel Heinrich Justus, der in Delft bei einem Kaufmann mit
Namen van der Bruck als Jäger in Diensten stand, mit einem Kinde auf den
Veitsberg, das er für das eheliche Kind seines jungen Herrn, eines van
der Bruck, ausgab, und bat meine Aeltern, sich des Mägdleins anzunehmen,
bis die Aeltern es wieder holen würden. Und das Kind hieß Selma. Meine
Aeltern nahmen es auf, und mein Onkel versprach, bald zu schreiben. Aber
alle Nachricht blieb von ihm und den Aeltern des Kindes aus; und
obgleich mein Vater wiederholt hierher schrieb, so haben wir doch nichts
wieder gehört. Sagt, könnt ihr mir Aufschluß geben über diese Sache, und
ist Selma's Vater ein Sohn unseres Herrn?«

Auf dem Angesicht des Alten hatten bei dieser Rede Blässe und Röthe
schnell gewechselt; er war aufgestanden, und hatte dem Jüngling starr
und schweigend in's Angesicht gesehen. Dann ging er zur Thüre, sah sich
ängstlich draußen um, verschloß sie dann vorsichtig, trat wieder vor
Heinrich hin und fragte in leisem Tone:

»Also lebt das Kind noch, und ist ein Mägdlein, und ist daheim bei
euch?«

»Es ist mit uns auferzogen worden«, gab Heinrich zur Antwort, »und Vater
und Mutter haben keinen Unterschied unter uns gemacht; Selma ist wie das
Kind vom Hause gewesen, und hat erst am Tage ihrer Confirmation
erfahren, daß sie aus der Fremde zu uns gebracht worden sei.«

»Dann ist es Zeit«, sprach vor sich hin der Alte; »nun darf nicht mehr
geschwiegen werden. Wisset, ich wollte das Schicksal des Hauses, dem ich
diene, vor euch, einem Neuling, verbergen, aber ich kann nicht mehr.
Euch sendet der liebe Gott zur Rettung mehrerer Menschen. Seht, es ist
ein böses, heimliches Schicksal, das auf diesem Hause ruht; fast möcht'
ich sagen, ein Fluch. Denn so reich man hier im Hause ist an Geld, so
arm ist man an Herzensfrieden. Ich glaube, mein Herr hat nie gewußt, was
Friede sei, denn so lange ich ihn kenne, ist er in sich gekehrt,
mürrisch und unfreundlich. Fast scheint mir's, als habe er nie einen
Menschen geliebt, was Wunder, wenn er nie ist wieder geliebt worden.
Seinen einzigen Sohn, den Vater des Mädchens, hat er gut erziehen
lassen, aber lieb hat er ihn wohl nie gehabt, und eben so wenig des
Kindes Mutter, die frühe gestorben ist. Dem Sohn soll es immer ein
Fürchterliches gewesen sein, vor dem Vater zu erscheinen. Und doch war
Lewin ein Kind guter Art, und hätte gerne seinen Vater lieb gehabt,
denn sein Herz war gar weich und treu, wenn ihn sein Vater nicht immer
durch seine Härte von sich gestoßen hätte. Lewin liebte ein Mädchen, arm
aber unbescholten, und wünschte es zu ehelichen; er vertraute sich dem
Buchhalter und bat den, ein gutes Wort bei dem Vater einzulegen. Aber da
war er an den Unrechten gekommen; der Mann hat schlecht an dem Sohne
seines Herrn gehandelt. Dem war eine solche Heirath wie ein Schandfleck
für das reiche Haus van der Bruck. Er rieth, den Sohn auf Reisen zu
schicken. Da ließ sich Lewin heimlich mit seiner Geliebten trauen, und
euer Oheim war dabei behülflich. Der Vater erfuhr Alles; ich vermuthe,
durch Spionen, die er ihm nachschickte. Lewin ward zurückgerufen, mit
den gröbsten Drohungen empfangen, und fast mit Gewalt, unter Androhung
von Enterbung und Fluch, auf ein Schiff gebracht, das nach Batavia unter
Segel ging. Dem Patron des Schiffes ward mit aller Strenge verboten,
irgend Jemand mit dem jungen van der Bruck reisen zu lassen. Aber was
vermag die Liebe eines Weibes nicht! Mora mischte sich, als Schiffsjunge
verkleidet, unter die Matrosen; das Schiff fuhr ab, und der Capitain gab
sich nach langem Zögern und Schelten zufrieden, als ihm Lewin den Beweis
lieferte, Mora sei sein ehelich angetrautes Ehegemahl. Auch euer Onkel
wollte auf demselben Schiffe mit hinüber, ward aber ergriffen und
zurückgebracht. Später soll er auf einem andern Schiffe seiner
Herrschaft nachgereist sein; was aber aus ihm geworden, das weiß
Niemand. Nach Batavia scheint er nicht gekommen zu sein, wenn man Alles,
was sich später begab, zusammenhält. Denn nun beginnt erst die Sache
recht schwarz und böse zu werden.«

»Die Briefe eures Onkels an euren Vater, reich mit Geld beschwert,
fielen durch List und Bestechung in die Hände des Buchhalters, eben so
die, welche euer Vater hierher schrieb. Euren Onkel verfolgte er, und
ließ ihm von Ort zu Ort keine Ruhe, daß ich fast glauben möchte, wenn
solcher Glaube nicht gar zu sündlich wäre, er hat ihn den
Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Aber wer kann einem solchen
Gedanken verargen, wenn man weiß, was ich weiß, und worüber ich nun
schon manches Jahr getrauert habe; denn solch' Bubenstück ist gar zu
groß. Denkt nur, der Unglücksmensch hat einen Brief geschmiedet, als
käme er von eurem Vater, worin der Tod Selma's gemeldet ward, und hat
den Lügenbrief nach Batavia gesendet, und der armen Aeltern Herz bis zum
Tode betrübt. Der Alte weiß nun, daß Mora bei ihrem Manne ist, aber er
thut nicht, als wenn er es wüßte. Er schreibt nicht an ihn, wie ein
Vater an seinen Sohn, sondern der Buchhalter schreibt nur an das
Handlungshaus von Lewin van der Bruck zu Batavia. Was hilft nun den
armen Leuten das Vermögen, das sie dort erworben haben; sie sind
kinderlos und gebeugt, und den alten Herrn hier, was hilft ihn seine
Strenge, der Spruch der Schrift, den er nicht beherzigt: »Ihr Väter
reizet eure Kinder nicht zum Zorn«, rächt sich schwer an ihm! Trügen
mich meine alten Augen nicht, denn ich bin Tag und Nacht um ihn, so kann
er sich vor den Qualen des Gewissens nicht mehr retten, und würde gerne
die Hand zum Frieden bieten, wenn der Buchhalter nicht wäre. Was der
aber will, daß er sich wie ein Satansengel zwischen Vater und Sohn
stellt, das weiß ich nicht. Denkt er, hier Erbe zu werden, so geht das
nach den Gesetzen nicht, und dazu ist er selbst zu alt. Ich meine, es
muß Herrschsucht und Herzenshärtigkeit sein. Aber nun, da ich weiß, daß
das Kind noch lebt, da will ich nicht ruhen und rasten, selbst auf die
Gefahr hin, in meinem Alter noch aus dem Hause fort zu müssen, bis ich
meinen alten Herrn mit sich und dem lieben Gott wieder ausgesöhnt habe.
Dazu sollt ihr mir helfen; aber schwer, sehr schwer ist die Sache; ich
weiß euch nicht in seine Nähe zu bringen, und von mir darf der Anfang
nicht ausgehen.«

Und lange saß der Alte da und stützte sein weißes Haupt in die Hand.

Nach einer Weile sprach er: »So wird's gehen. Tretet manchmal in den
Abendstunden in den Garten ein und nehmt eure Geige mit. Ihr spielt sie
gut, wie ich gehört habe. Unser Herr liebt die Musik, namentlich die
Geige; hört er euch im Garten spielen, so läßt er euch vielleicht vor
sich kommen, fragt euch auch wohl um Herkunft und Namen, und der Herr
möge euch denn in's Herz geben, was ihr reden sollt. Aber redet im
Anfang nicht zu viel, der Herr liebt das nicht; redet bedächtig und seht
ihm recht treuherzig in's Gesicht, so sehr er euch auch von der Seite
beschauen möge.«

Heinrich that nach dem Rath des Alten. Wenn die Dämmerung kam, dann ging
er mit seiner Geige in den Garten, setzte sich in eine Laube, die dem
Gartenhaus nicht fern war, und spielte alle Lieder, die er kannte, auch
die Lieder der Heimath spielte er, die mit ihren süßen Lauten Jung und
Alt erquicken. Nicht lange, so kam der alte Siegmund und beschied den
Jüngling zum Spiel vor seinen Herrn. Heinrich fand in ihm einen schönen
Greis mit etwas gebeugtem Nacken; aber den lauernden Zug in seinem
Angesicht, auf den ihn Siegmund schon aufmerksam gemacht hatte, fand er
auch; es war ihm nicht gut in's Angesicht sehen. Heinrich bezwang seine
Bangigkeit; er strich die Geige und spielte die schönsten Weisen, die er
gelernt hatte, und spielte sie mit Ausdruck und Gefühl.

In einer Pause fragte der alte Herr:

»Wie heißt man?«

»Heinrich Justus, ihr Edlen!«

Bei Nennung dieses Namens zuckte der Alte sichtlich zusammen; Heinrich
aber stimmte die Geige, als kümmre ihn die Frage nicht.

»Wo stammt man her?« war die weitere Frage.

»Aus Veitsberg im Lande Hessen!«

»Wie heißt der Vater?«

»Jakob Konrad Justus!«

»Weß' Standes?«

»Schulmeister, ihr Edlen.«

»Hat man noch Geschwister?«

»Ja, ihr Edlen.«

»Wie heißen sie?«

»Maria, Anna und Selma.«

»Man kann abtreten«, sagte in sichtbarer Aufregung der Alte.

Heinrich entfernte sich schweigend, und als er in's Gebüsch einbog,
hielt ihn der alte Kammerdiener auf und fragte ängstlich:

»Wie steht es? Hat er nach Name und Herkunft gefragt?« Doch wie Heinrich
antworten wollte, schellte es stark aus dem Gartenhaus herüber, und bald
darauf kam Siegmund, dem der Ruf der Schelle galt, mit starken Schritten
vorüber und rief im Vorbeigehen: »Mein Herr ist in einer bösen Stimmung,
ich soll den Buchhalter rufen. Gebe Gott, daß heute ein Wunder
geschieht; denn ein Wunder muß der Herr an diesen harten Herzen thun,
sonst werden sie nicht weich.«

Betend für einen glücklichen Ausgang, und überlegend, wohin er sich
wenden solle, wenn seines Bleibens hier nicht mehr sei, ging Heinrich
seit einer Stunde in seiner Stube auf und ab; da kam Siegmund und
beschied auch ihn in's Gartenhaus. »Seid weise, klug und treu«, sprach
er flüsternd zu ihm, »von dieser Stunde hängt das Glück dreier guten
Menschen ab. Geht in Gottes Namen hinein; ich will für euch beten.«

Ohne sonderliche Angst trat Heinrich in das Zimmer, wo die beiden Alten
ihn erwarteten. Der Buchhalter führte das Gespräch; er wollte unbefangen
scheinen, aber er konnte es nicht, er wollte Kreuz- und Querfragen thun,
aber man merkte, wie ihm seine Verschlagenheit dießmal nicht helfen
wolle. Denn Heinrich erzählte, als wisse er nichts von dem Zusammenhang
der Sache, von dem Leben und Leiden daheim; erzählte von Selma's Ankunft
im Aelternhause, von ihrer Kindheit und Jugend, von ihrer Schönheit und
Herzensgüte, von ihrem Wunsche, Vater und Mutter wiederzufinden, und das
Alles so treu und kindlich, daß der alte Herr die Rührung nicht
unterdrücken konnte. Er hielt die Hand vor's Angesicht, und unbekümmert
um die Blicke und das verlegene Husten des Buchhalters, seufzte er tief
auf und rief: »O Lewin, mein Sohn!«

Da fühlte sich Heinrich von dem Buchhalter am Arme gefaßt und vor die
Thüre geschoben.

Was nun nach Heinrich's Entfernung zwischen dem Herrn van der Bruck und
seinem Buchhalter sich zugetragen, das hat Niemand erfahren, nur
vermuthen kann man, daß der gute Geist in dem alten Herrn gesiegt, und
daß der Versucher von ihm weichen mußte. Der Kammerdiener hörte Stunden
lang ein lautes Reden in der Stube, das sogar mehrmals in lautes
Schreien überging, bis die Thüre sich öffnete, und der Buchhalter
drohend herausstürzte, hinter ihm her der alte Herr mit zornrothem
Angesicht und geballter Faust.

Am andern Morgen erschien statt des Buchhalters der Herr selbst auf der
Schreibstube, was seit Jahren nicht geschehen war, gab dem ersten
Schreiber das Amt des Entlassenen, und hieß dann Heinrich ihm in seine
Stube folgen. Dort mußte er Alles, was er von Selma wußte,
niederschreiben, und mit diesem Aufsatz und einem Briefe von des Herrn
eigner Hand, ging mit dem ersten Schiff ein Reisender nach Batavia ab.
In Heinrich's äußeren Verhältnissen aber änderte sich nichts.

Das war der Inhalt von Heinrich's Brief; darf man sich wundern, wenn er
auf alle Hausgenossen einen tiefen Eindruck machte! Schweigend saßen die
Männer da, und Selma lehnte still-weinend den Kopf an Dorothe's
Schulter. »Weine nicht, Selma«, sprach selbst tief ergriffen Dorothe,
»was ich längst gehofft und doch gefürchtet, und wonach du dich still
gesehnt hast, trotz deiner Liebe zu uns, das wird nun bald geschehen. Du
wirst bald von uns genommen werden; du wirst aus der Hütte der Armuth in
das Haus des Reichthums übergehen; aber laß uns nicht vergessen, daß es
Gottes Wille also ist, und in Demuth seine Weisheit bewundern. Denk' an
das Glück von Vater und Mutter, die sechszehn Jahre lang um dich
getrauert haben, und die dich nun wiederfinden sollen. Vertrauend gaben
sie dich einst in unsere Hände, voll Stolz und Freude geben wir dich
ihnen zurück, und können getrost sagen, wir haben mit des Herrn Hülfe
dein Herz dem lieben Gott treu erhalten. Und nun, mein Töchterchen, du
Kind unserer Seele, geh' schlafen, deine Augen sind schwer vom Weinen;
danke Gott, ehe du schläfst und der treue Wächter deiner Jugend gebe dir
schöne Träume von Vater und Mutter und der neuen fernen Heimath.«

Und wie der Schulmeister den Hausfreund vor die Thüre begleitet, da sah
er seufzend auf zu den Sternen, die schimmernd vom Herbsthimmel
herniederglänzten, und vor sich hin sprach er: »Wie ist doch Alles ganz
eitel, was unter der Sonnen geschieht, stark ist nur deine Hand, Herr,
und hoch ist deine Rechte, und droben bei dir ist noch eine Ruhe
vorhanden!«



18. Selma's Abschied vom Veitsberg.


Von Herbst bis zu Christtag verlautete aus Holland kein Wort, eine lange
Zeit des Wartens selbst für so geduldige Seelen, wie der Schulmeister
und seine Familie.

Am dritten Christtag, zu ungewöhnlicher Zeit, erschien der Amtsbote von
Grünberg, und lud den Schulmeister zum augenblicklichen Erscheinen vor
Amt. Nicht ohne Besorgniß, es möge ein neues Leid ihm bevorstehen,
rüstete sich Justus zu diesem Gange.

Wie er in die Amtsstube eintrat, so saß neben dem Herrn Amtmann ein
altes Männlein, von bedächtigem Ansehen, aber freundlichen Mienen, das
schien in Berathung mit dem Herrn Amtmann begriffen, und las eifrig in
einzelnen Papieren, die auf dem Tische lagen. Bei Justus Eintreten
erhoben sich die beiden Männer, und der Amtmann ging auf Justus zu und
sprach: »Hier, Herr Schulmeister, habe ich euch vorzustellen den
vielgelehrten Herrn Advokaten Zoom aus Delft in Holland, der von dem
Handlungshaus van der Bruck in Sachen eines Kindes hierher geschickt
worden ist, das ihr vor Jahren unter dem Namen Selma, als Kind eines van
der Bruck in eurer Haus aufgenommen habt. Da gedachtem Handlungshaus van
der Bruck sehr viel an Ermittlung des wahren Thatbestandes gelegen ist,
so fordere ich euch auf, Alles zu Protokoll zu geben, was ihr von dem
Kinde wißt, und was sich bis dahin mit ihm begeben hat, Alles der
Wahrheit gemäß, so daß ihr es mit einem körperlichen Eide erhärten
könnet.«

Das Protokoll begann. Justus beschrieb genau den Tag der Ankunft des
Kindes; sagte, was sein Bruder ihm über die Verhältnisse des Hauses van
der Bruck mitgetheilt habe, beschrieb Kleidung und Schmuck des Kindes,
nannte den Inhalt der Briefe, die er selber nach Holland geschrieben
habe, und gab das Datum der Briefe genau an.

Mit großer Ruhe und Langsamkeit verglich der Advokat die einzelnen
Aussagen mit den Papieren, die er bei sich hatte und legte zu Justus
Erstaunen ihm seine eignen Briefe zur Anerkennung vor. Dann mußte Justus
gleichsam Rechenschaft geben über die Erziehung des Kindes, mußte seine
Gemüthsbeschaffenheit angeben und die Krankheiten, an denen es bis dahin
gelitten habe.

Wie nun Justus alle diese Fragen mit deutlicher Stimme und mit großer
Gewißheit beantwortet hatte, wie er bei der Schilderung von Selma's
Jugend immer ergriffener und gerührter wurde, wie ihm endlich die
Thränen unaufhaltsam über die Wangen herabflossen, als er von der Liebe
des Mädchens gegen seine Pflegeältern sprach; da ward das Gesicht des
Holländers immer liebreicher, man sah es ihm an, wie er, ein Fremdling,
den Mann lieb gewann, dessen treues Herz aus jedem Worte sprach.

»Ihr seid ein Ehrenmann, Herr Schulmeister«, sprach er dann. »Ich bin
auch Vater, und weiß, was es heißt, Liebe haben für die, die mir Gott
gab. Wenn ich Eins verlieren müßte und fände es nach langer Trennung bei
euch wieder, ich würde die Trennung für nichts achten, denn ich wüßte,
daß ich's doppelt wieder empfinge. Jetzt aber, da Alles zu meines Herrn
Zufriedenheit geordnet ist, da ich Selma als das Kind Lewin's van der
Bruck erkannt habe, so laßt uns zusammen in euer Haus einkehren und mich
das Mägdlein als Tochter des Hauses van der Bruck begrüßen.«

In einer Chaise fuhren sie vor dem Schulhause an. Selma, bekümmert über
des Vaters ungewöhnliche Vorladung vor das Amt, war die Erste, die aus
dem Hause eilte, die mit offnen Armen dem Vater entgegeneilte, die,
unbekümmert um den Fremden, sich teilnehmend nach der Ursache der
Vorladung erkundigte. Wie aber der fremde Mann vor sie hintrat, wie er
sich ehrerbietig vor ihr bückte, wie er ihre Hand ergriff und sie küßte,
wie er sie zum ersten Male mit ihrem Namen Selma van der Bruck benannte,
wie er ihr sagte, daß er gesandt sei von ihrem Großvater, sie, die
sehnsüchtig gewünschte Enkelin, in das Haus der Väter einzuführen; — da
stand Selma vor ihm, ein Bild der Verlegenheit und der Angst stand vor
ihm, das einfache Landmädchen in der dürftigen Kleidung, so sittig und
kindlich, daß dem alten Manne die Augen vor Wehmuth übergingen. Und wie
dann Dorothe kam, und, von dem Gefühl der nahen Trennung ergriffen, das
Mädchen an sich drückte, und Selma mit scheuem Blick auf den Fremden
sich inniger an Dorothe anschmiegte; da rief der Fremde: »O Gott, gib,
daß ich dieß Kind nicht in's Haus des Jammers führe aus dem Haus des
Friedens!«

Und die Zeit der Trennung kam, kam für Alle zu früh, selbst für den
Holländer, dem es so wohl geworden war unter den guten Menschen, daß er
wiederholt sagte: »Kommt mit mir nach Holland, Herr Schulmeister; ihr
seid mir lieb geworden wie ein Bruder; ich möchte mit euch leben und
eures Umgangs mich freuen.« Darauf aber sagte Justus nur: »Laßt uns
Freunde sein auch in der Ferne und für einander beten. Ich bin ein
alter, knorriger Baum, dem thut das Versetzen nicht mehr wohl. Hier, wo
ich gelebt und gelitten habe, will ich auch sterben.«

Am Tage vor der Abreise ging Selma von Haus zu Haus, Abschied zu nehmen;
gab Jeder ihrer Gespielinnen ein Andenken, denn reichlich hatte sie ihr
Großvater beschenken lassen; besuchte alle Plätze, die ihr lieb waren,
Lenchen's Grab und ihren Stand in der Kirche, das Plätzchen unter den
Kirschbäumen, von dem man weit hinaus in die Ferne sieht, und den Wald,
in dem sie zur Sommerszeit geruht und Erdbeeren gesucht. Und wie denn
die Stunde des Scheidens kam, da lag sie schweigend in den Armen der
Aeltern und Geschwister, da konnte sie nichts rufen als »Dank, Dank euch
Allen!« und fort ging's, der neuen Heimath, dem neuen Vaterhause zu.



19. Das Wiederfinden.


Wieder waren zwei Jahre hingegangen. Selma war in's Haus des Großvaters
eingetreten, und das Herz des alten menschenfeindlichen Mannes war weich
geworden in der Liebe für seine Enkelin. Nun saß er nicht mehr allein
unter seinen Blumen und Vögeln, ein Armer, Verlassener in Reichthum und
Ueberfluß; an seine Brust schmiegte sich das holde Mädchen und ihre
Hände glätteten die Furchen auf seinem Angesicht. Und mit inniger
Rührung blickten Lewin und Mora auf die Tochter, das feste Band ihrer
Wiedervereinigung mit dem Vater. Alles war vergessen, das Leid der
Jugend, der Groll des Vaters; die Prüfung war vorüber, die Herzen waren
bewährt gefunden worden im langen Kampf, der Friede Gottes hatte sein
Werk und seine Wohnung unter ihnen.

»Wie sind wir so glücklich jetzt, Vater«, sagte Lewin, »könnten wir nur
_den_ lohnen für seine Liebe und Treue an unserm Kinde, der fern von uns
ist, den guten Justus und sein Weib. Er verschmäht Alles, Heimath und
Obdach, die wir ihm bei uns angeboten haben; er verschmäht Geld und Gut,
mit dem ich ihn reichlich versehen möchte, und nimmt nur die kleinen
Gaben an, die ihm Selma schickt. Er schreibt: ›Von dem Kinde dürfe der
Vater die Wohltat annehmen; aber Fremde dürften und könnten nicht
lohnen, was die Liebe gethan.‹ Und so sehr mich das schmerzt, so hat
Vater Justus Recht.«

»Ich weiß einen Weg zum Dank für unsern alten Freund«, antwortete sein
Vater, »und gefällt er euch, so wollet ihn mit mir gehen. Er geht durch
das Herz seines Kindes. Als ich neulich mit Heinrich von Vater und
Mutter redete, da nannte er mir den Familiennamen seiner Mutter. Ich
forschte weiter, und erkannte in ihr meine Nichte, die Tochter meiner
Schwester, die in Arnsberg in Westphalen an einen Kaufmann mit Namen
Kunz verheirathet war. Ich habe, wie ihr wißt, den Familiennamen
abgelegt, und den meines Schwiegervaters angenommen, als ich der Erbe
des seligen van der Bruck ward. So ist dann Heinrich unser Vetter. Das
Unrecht, das ich an der Schwerer that, daß ich mich nicht um sie
kümmerte, das möcht' ich an ihrem Enkel wieder gut machen. Selma, du
liebst Heinrich mehr und anders, denn die Schwester den Bruder;
Heinrich, dein Auge ruht so lange schon liebend auf Selma, reicht euch
denn die Hand zum Bund der Ehe, und der Herr, der mir vergeben wolle
mein schweres Unrecht, um meiner Buße willen, und der euch so sichtlich
geleitet und zusammengeführt, der wolle euren Bund segnen von Anfang bis
zu Ende!«

Von dem Tage an flatterte die Fahne von Holland vom Hause der Herrn van
der Bruck zu Delft, wie es dort zu Lande üblich ist, wenn eine Braut im
Hause wohnt. Ein schöner Gebrauch, daß das Brautpaar unter den Farben
des Vaterlandes die ersten Tage seiner Liebe feiert. Denn wie unter der
Fahne Christi, so sollen Brautleute unter der Fahne des Vaterlandes sich
froh fühlen; denn dem Vaterlande gehört der Bund ihrer Herzen; seine
Früchte sind die Bürger des Landes und seine Tugenden des Landes
schönster Schmuck.

Der Einwilligung der Aeltern daheim gewiß, hielt Heinrich schon nach
einigen Wochen sein Hochzeitsfest. Haus und Garten des alten Herrn, in
denen bis dahin nur schweigender Mißmuth geherrscht hatte, waren voll
von fröhlichen Gästen. Heinrich und Selma und die Aeltern fanden sich
zusammen am Marmorteich. An diesem stillen Orte sahen sie lange dem
Spielen der Goldfische im hellen Wasser zu, und manch' Wort der Liebe
und des Preises Gottes redeten sie mit einander. Da nahte sich ein
Fremder in ausländischer Tracht und mit gebräuntem Angesicht. Er blieb
vor ihnen stehen, beugte das Haupte und sprach: »Vergönnt, edle Herrn
und Frauen, daß auch ein ungebetener Gast heute bei euch einspricht,
seinen Glückwunsch darzubringen!«

Van der Bruck sah dem Fremden forschend in's Auge, und rief dann
überrascht: »Werden die Todten lebendig? Heinrich Justus, mein alter
treuer Diener, seid ihr es?« »Ja, der bin ich«, rief der Fremde, »und
zur guten Stunde bin ich zurückgekehrt. Ist das nicht meine edle Frau,
und hier mein Pathe Heinrich, und hier Selma, das Kind der Sorge! Und
ich sehe den Brautkranz in ihrem Haar; ich sehe Glück in allen Zügen und
das Haus van der Bruck einig und froh! Dem Herrn sei Dank, lauter Dank
für seine Treue!«

Da gab's viel Händedrücken und Fragen, aber Justus sprach: »Erlaßt mir
heute noch die Schilderung meines bewegten Lebens; ich bin zu ergriffen
von Allem, was ich heute sehe und hörte. Ich habe viel gelitten und bin
lange ein Gefangener gewesen unter Seeräubern, bis ich frei ward, und
auf fremdem Boden es zu einigem Wohlstand brachte. Jetzt war ich auf der
Reise in's Vaterland zu meinem Bruder, um mich dort auszuruhen. Hier
wollt' ich nur sehen, ob das Haus van der Bruck noch stehe. Und es steht
noch und es blüht, und einen Justus sehe ich mit ihm vereint, das ist
viel mehr, als ich zu hoffen wagte.«

Wie es Abend ward, da rief Lewin seinen alten Diener zur Seite und
sprach: »Justus, wollt ihr mir noch einmal dienen, treu und willig, wie
ihr sonst gethan?« »Von Herzen gern«, war des alten Jägers Antwort. »So
nehmt«, sprach Lewin, »dieses Päckchen Geld und bringt es einem alten
Manne, der krank und verlassen auf seinem Lager liegt. Dieser Diener
wird euch seine Wohnung zeigen. Nennt dem Kranken euren und meinen Namen
und sagt ihm, er solle von heute an nicht mehr Mangel leiden; und sagt
ihm auch das noch: »Lewin van der Bruck rufe ihm Joseph's Wort an seine
Brüder zu: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber hat es
gut mit mir gemacht.« Der Jäger ging und fand auf dem Krankenlager den
alten Buchhalter.



20. Der Tag ist da.


»Ein Brief aus Holland! Komm, Dorothe, meine Liebe, wir wollen ihn
gemeinsam lesen«, rief einige Wochen darauf der alte Schulmeister Justus
seinem Weibe zu. »Nimm du ihn, mein Engel, und öffne ihn! Ist es Alter,
oder ist es Erwartung, meine Hände zittern, ich kann ihn nicht öffnen!«
»Ich auch nicht, Väterchen, ich auch nicht«, sprach Dorothe, »wir wollen
uns Zeit lassen. So, nun ist er auf, und nun lies du ihn. Frohe
Nachricht steht oben drüber; da ist sein Inhalt gewiß herzerquickend.«

Der Schulmeister las, und ließ die Arme sinken, und wischte sich die
Augen. »Dorothe«, sagte er, »ich kann nicht weiter; Heinrich und Selma
sind Mann und Weib, — mein Bruder Heinrich, der Todtgeglaubte, ist
zurückgekommen aus fernen Landen, — der alte van der Bruck ist deiner
Mutter Bruder! — Dorothe, ich muß den Brief hinlegen, die Freude preßt
mir das Herz ab, ich werde schwach, zum Sterben schwach!« und der Alte
lehnte sich zurück in seinen Sessel, und bedeckte mit der Hand die
Augen. Dorothe öffnete das Fenster und kühlend wehte die Morgenluft um
das weiße Haupt des Alten. Schweigend saßen die beiden Eheleute einander
gegenüber; was in ihnen vorging, das ist Gott allein bewußt.

»Dorothe«, sprach endlich der Schulmeister, »wir Beide gehen bald zur
Ruhe; laß uns nicht scheiden, bevor wir uns Rechenschaft abgelegt von
unserm Tagewerk und Gott die Ehre gegeben. Laß uns Zeugniß ablegen von
den großen Thaten Gottes an uns, denn er hat überschwänglich an uns
gethan über Bitten und Vergehen. — Er hat uns gegeben fromme Aeltern,
die jetzt vor Gottes Thron stehen, und uns behütet in den Tagen unsrer
Schwachheit, und uns eine frohe Kindheit gegeben. Dann hat er uns in
seine Uebungsschule genommen, auf daß er unser jugendlich Herz bewahre
vor Sünd' und Schand', und es dem zuwende, vor dem ein reines Herz mehr
gilt, denn Gold und Edelstein. — Als wir müde wurden vom Warten, da hat
er uns Obdach gegeben und Brod, daß wir satt wurden, und Kinder lieb und
gut und treu. Und wir haben der Keines verloren, nur Eins, das wollte
der liebe Gott uns droben auferziehen. Sie sind Alle versorgt, und haben
ihr Brod, und Heinrich sogar reichlich. — Laßt uns nicht gedenken der
Mittagshitze, die unser Lebenstag hatte; das Weh, das uns falsche Brüder
thaten, haben treue Freunde in der Noth reichlich versüßt, von denen
noch Viele leben, Etliche aber sind entschlafen. Es ist mir leid um
dich, mein Bruder Scheuermann, ich habe große Freude und Wonne an dir
gehabt, und auch um dich, Schwester Lindin! Ruht sanft ihr Freunde all',
eurer Liebe will ich bald gedenken vor Gottes Thron! — Ist doch die
Nacht der Trübsal, die uns manchmal einhüllte, vergangen, ist doch der
Morgen gekommen! Und auch die Nacht hatte ihre Sterne und ich hab' zu
ihnen aufgeschaut, und bin Schauens nicht müde geworden. Ging einer
unter, so ging ein neuer auf, und jeder hielt mir das Licht,
einzuschauen in die Tiefe des Reichthums, beides der Weisheit und
Erkenntniß Gottes. — Nun ist's Abend für unser ganzes Leben, und unseres
Lebens Sonne geht so schön unter! Wir sind müde am Leib, aber wach am
Geist, denn Du, Herr, hältst die Augen, daß sie wachen; wir wachen zu
Dir! — Laßt euch grauen vor den Tod, ihr Weltmenschen, ich fürchte ihn
nicht; ich weiß daß mein Erlöser lebt; darum habe ich Lust, abzuscheiden
und bei Christo zu sein.«

»Und nun Dorothe, gib mir noch einmal die Hand, und versprich mir, wenn
ich früher sterben sollte denn du, daß nichts an meinem Grabe geredet
werde, als das Eine Wort: »Bis hierher hat der Herr geholfen!«

    »Kommst du Justus? Herr, ich komme!
    Dein mein Leben, dein mein Ende;
    Herr, in deine treuen Hände
    Leg' ich freudig Leib und Geist,
    Herr, dein Name sei gepreist!«





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Kalendermann vom Veitsberg - Eine Erzählung für das Volk" ***

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