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Title: Der Ketzer von Soana
Author: Hauptmann, Gerhart, 1862-1946
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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  [Anmerkung:
  Im Originaltext vorkommende unterschiedliche Schreibweisen wie
  »zum erstenmal« : »zum ersten Mal« oder »stehen« : »stehn« wurden
  beibehalten.]



DER KETZER VON SOANA

von

Gerhart Hauptmann


1922

S. Fischer, Verlag

Berlin


114. bis 124. Auflage

Copyright 1918 by S. Fischer, Verlag Berlin



Reisende können den Weg zum Gipfel des Monte Generoso in Mendrisio
antreten oder in Capolago mit der Zahnradbahn, oder von Melide aus
über Soana, wo er am beschwerlichsten ist. Das ganze Gebiet gehört zum
Tessin, einem Kanton der Schweiz, dessen Bevölkerung italienisch ist.

In großer Höhe trafen Bergsteiger nicht selten auf die Gestalt eines
brilletragenden Ziegenhirten, dessen Äußeres auch sonst auffällig war.
Das Gesicht ließ den Mann von Bildung erkennen, trotz seiner
gebräunten Haut. Er sah dem Bronzebildnis Johannes des Täufers, dem
Werke Donatellos im Dome zu Siena, nicht unähnlich. Sein Haar war
dunkel und ringelte über die braunen Schultern. Sein Kleid bestand aus
Ziegenfell.

Wenn ein Trupp Fremder diesem Menschen nahe kam, so lachten bereits
die Bergführer. Oft wenn dann die Touristen ihn sahen, brachen sie in
ein ungezogenes Gebrüll oder in laute Herausforderungen aus: Sie
glaubten sich durch die Seltsamkeit des Anblicks berechtigt. Der Hirte
achtete ihrer nicht. Er pflegte nicht einmal den Kopf zu wenden.

Alle Bergführer schienen im Grunde mit ihm auf gutem Fuße zu stehn.
Oft kletterten sie zu ihm hinüber und ließen sich in vertrauliche
Unterredungen ein. Wenn sie zurückkamen und von den Fremden gefragt
wurden, was da für ein seltsamer Heiliger sei, taten sie meist so
lange heimlich, bis er aus Gesichtsweite war. Diejenigen Reisenden
aber, deren Neugier dann noch rege war, erfuhren nun, daß dieser
Mensch eine dunkle Geschichte habe und, als »der Ketzer von Soana« vom
Volksmund bezeichnet, einer mit abergläubischer Furcht gemischten
zweifelhaften Achtung genieße.

       *       *       *       *       *

Als der Herausgeber dieser Blätter noch jung an Jahren war und das
Glück hatte, öfters herrliche Wochen in dem schönen Soana zuzubringen,
konnte es nicht ausbleiben, daß er hin und wieder den Generoso bestieg
und auch eines Tages den sogenannten »Ketzer von Soana« zu sehen
bekam. Den Anblick des Mannes aber vergaß er nicht. Und nachdem er
allerlei Widersprechendes über ihn erkundet hatte, reifte in ihm der
Entschluß, ihn wiederzusehen, ja, ihn einfach zu besuchen.

Der Herausgeber wurde in seiner Absicht durch einen deutschen
Schweizer, den Arzt von Soana, bestärkt, der ihm versicherte, wie der
Sonderling Besuche gebildeter Leute nicht ungern sehe. Er selber hatte
ihn einmal besucht. »Eigentlich sollte ich ihm zürnen,« sagte er,
»weil mir der Bursche ins Handwerk pfuscht. Aber er wohnt so hoch in
der Höhe, so weit entfernt, und wird Gott sei Dank nur von den wenigen
heimlich um Rat gefragt, denen es nicht darauf ankäme, sich vom Teufel
kurieren zu lassen.« Der Arzt fuhr fort: »Sie müssen wissen, man
glaubt im Volk, er habe sich dem Teufel verschrieben. Eine Ansicht,
die von der Geistlichkeit darum nicht bestritten wird, weil sie von
ihr ausgegangen ist. Ursprünglich, sagt man, sei der Mann einem bösen
Zauber unterlegen, bis er dann selbst ein verstockter Bösewicht und
höllischer Zauberer geworden sei. Was mich betrifft, ich habe weder
Klauen, noch Hörner an ihm bemerken können.«

       *       *       *       *       *

An die Besuche bei dem wunderlichen Menschen erinnert sich der
Herausgeber noch genau. Die Art der ersten Begegnung war merkwürdig.
Ein besonderer Umstand gab ihr den Charakter einer Zufälligkeit. An
einer steilen Wegstelle fand sich nämlich der Besucher einer hilflos
dastehenden Ziegenmutter gegenüber, die eben ein Lamm geworfen hatte,
und dabei war, ein zweites zu gebären. Das vereinsamte Muttertier in
seiner Not, das ihn furchtlos anblickte, als ob es seine Hilfe
erwartet habe, das tiefe Mysterium der Geburt überhaupt inmitten der
übergewaltigen Felsenwildnis, machten auf ihn den tiefsten Eindruck.
Er beschleunigte aber seinen Lauf, denn er schloß, daß dieses Tier zur
Herde des Sonderlings gehören müsse, und wollte diesen zu Hilfe rufen.
Er traf ihn unter seinen Ziegen und Rindern an, erzählte ihm, was er
beobachtet hatte, und führte ihn zu der Gebärenden, hinter der bereits
das zweite Ziegenlämmchen, feucht und blutig, im Grase lag.

Mit der Sicherheit eines Arztes, mit der schonenden Liebe des
barmherzigen Samariters, ward nun das Tier von seinem Besitzer
behandelt. Nachdem er eine gewisse Zeit abgewartet hatte, nahm er
jedes der Neugeborenen unter einen Arm und trat langsam, von der ihr
schweres Euter fast schleifenden Mutter gefolgt, den Weg zu seiner
Behausung an. Der Besucher wurde nicht nur mit dem freundlichsten Dank
bedacht, sondern auf eine unwiderstehliche Art zum Mitgehen
eingeladen.

Der Sonderling hatte mehrere Baulichkeiten auf der Alpe, die ihm
gehörte, errichtet. Eine davon glich äußerlich einem rohen
Steinhaufen. Innen enthielt sie trockne und warme Stallungen. Dort
wurden Ziege und Zicklein untergebracht, während der Besucher zu einem
weiter oben gelegenen, weiß getünchten Würfel geleitet wurde, der, an
die Wand des Generoso gelehnt, auf einer mit Wein überzogenen Terrasse
lag. Unweit des Pförtchens schoß aus dem Berge ein armdicker
Wasserstrahl, der eine gewaltige Steinwanne füllte, die man aus dem
Felsen gemeißelt hatte. Neben dieser Wanne wurde durch eine
eisenbeschlagene Tür eine Berghöhle, wie sich bald erwies, ein
Kellergewölbe, abgeschlossen.

       *       *       *       *       *

Man hatte von diesem Platz, der, vom Tale aus gesehen, in scheinbar
unzugänglicher Höhe hing, einen herrlichen Blick, von dem der
Verfasser indes nicht reden will. Damals freilich, als er ihn zuerst
genoß, fiel er von einem sprachlosen Staunen in laute Ausrufe des
Entzückens und wieder in sprachloses Staunen zurück. Sein Wirt aber,
der eben in diesem Augenblick aus der Behausung, wo er etwas gesucht
hatte, wieder ins Freie trat, schien nun auf einmal mit leiseren
Sohlen zu gehen. Solches Verhalten, sowie überhaupt das ganze stille,
gelassene Betragen seines Gastfreundes ließ der Besucher sich nicht
entgehen. Es ward ihm zur Mahnung, mit Worten karg, mit Fragen geizig
zu sein. Er liebte den wunderlichen Sennen bereits zu sehr, um Gefahr
zu laufen, sich ihn durch einen bloßen Schein von Neugier oder
Zudringlichkeit zu entfremden.

Noch sieht der Besucher von damals den runden Steintisch, der, von
Bänken umgeben, auf der Terrasse stand. Er sieht ihn mit allen guten
Dingen, die der »Ketzer von Soana« darauf ausbreitete: dem
herrlichsten Stracchino di Lecco, köstlichem italienischen Weizenbrot,
Salami, Oliven, Feigen und Mispeln, dazu einem Krug voll roten Weins,
den er frisch aus der Grotte geholt hatte. Als man sich setzte, sah
der ziegenfellbekleidete, langgelockte, bärtige Wirt dem Besucher
herzlich in die Augen, dabei hatte er seine Rechte gefaßt, als wollte
er ihm eine Zuneigung andeuten.

Wer weiss, was alles bei dieser ersten Bewirtung gesprochen wurde.
Nur einiges blieb erinnerlich. Der Berghirt wünschte Ludovico genannt
zu sein. Er erzählte manches von Argentinien. Einmal, als das Gebimmel
der Angelusglocken aus den Tiefen drang, machte er eine Bemerkung über
dieses »allfällig aufreizende Getön«. Einmal fiel der Name Seneca. Es
wurde auch etwas obenhin von Schweizer Politik gesprochen. Endlich
wünschte der Sonderling manches von Deutschland zu wissen, weil es des
Besuchenden Heimat war. Er sagte, als für diesen, nach vorgefaßtem
Beschluß, die Zeit des Abschieds kam: »Sie werden mir immer willkommen
sein.«

       *       *       *       *       *

Obgleich, wie er nicht verbergen will, der Herausgeber dieser Blätter
nach der Geschichte dieses Menschen lüstern war, vermied er es auch
bei neuen Besuchen, irgendein Interesse dafür zu verraten. Man hatte
ihm einige äußere Tatsachen mitgeteilt, bei gelegentlichen Gesprächen,
die er in Soana geführt hatte, Tatsachen, die daran schuld sein
sollten, daß Ludovico zum »Ketzer von Soana« ernannt wurde: ihm
dagegen lag weit mehr daran, herauszubringen, in welchem Sinne man mit
dieser Bezeichnung recht hatte und in welchen eigentümlichen inneren
Schicksalen, welcher besonderen Philosophie die Lebensform Ludovicos
wurzele. Er hielt jedoch mit Fragen zurück und ist dafür auch
reichlich belohnt worden.

Er traf Ludovico meistens allein, entweder unter den Tieren der Herde
oder in seiner Klause. Einige Male fand er ihn, als er, wie Robinson,
eigenhändig die Ziegen molk. Oder er legte einer widerspenstigen
Mutter die Zicklein an. Dann schien er ganz im Berufe eines Sennhirten
aufzugehen: er freute sich der Ziege, die das strotzende Euter am
Boden schleppte, des Bockes, wenn er hitzig und fleißig war. Von einem
sagte er: »Sieht er nicht wie der Böse selber aus? Sehen Sie doch
seine Augen. Welche Kraft, welches Funkeln in Zorn, Wut,
Boshaftigkeit. Und dabei welches heilige Feuer.« Dem Autor aber kam es
vor, als ob in den Augen des Sprechers dieselbe Höllenflamme vorhanden
wäre, die er ein »heiliges Feuer« genannt hatte. Sein Lächeln bekam
einen starren und grimmigen Zug, er zeigte die weißen, prächtigen
Zähne und geriet dabei in einen Zustand von Versonnenheit, wenn er
einen seiner dämonischen Matadore mit dem Blicke des Fachmanns bei
seiner nützlichen Arbeit beobachtete.

Manchmal spielte der »Ketzer« die Panflöte, und der Besucher vernahm
ihre einfachen Tonreihen schon bei der Annäherung. Bei einer solchen
Gelegenheit kam natürlich das Gespräch auf Musik, und der Hirt
entwickelte seltsame Ansichten. Niemals, wenn er inmitten der Herde
war, sprach Ludovico von etwas anderem, als von den Tieren und ihren
Gewohnheiten, vom Hirtenberuf und seinen Gepflogenheiten. Nicht selten
ging er der Psychologie der Tiere, der Lebensweise der Hirten nach bis
in tiefste Vergangenheit, so ein gelehrtes Wissen von nicht
gewöhnlichem Umfang verratend. Er sprach von Apoll, wie dieser bei
Laomedon und Admetos die Herden besorgte, ein Knecht und ein Hirte
war. »Ich möchte wohl wissen, mit welchem Instrument er damals seinen
Herden Musik machte.« Und als wenn er von etwas Wirklichem spräche,
schloß er: »Bei Gott, ich hätte ihm gerne zugehört.« Das waren die
Augenblicke, in denen der zottige Anachoret vielleicht den Eindruck
erwecken konnte, als wären seine Verstandeskräfte nicht eben ganz
lückenlos. Andrerseits erfuhr der Gedanke eine gewisse Rechtfertigung,
als er bewies, wie vielfältig eine Herde durch Musik zu beeinflussen
und zu leiten sei. Mit einem Ton jagte er sie empor, mit anderen
brachte er sie zur Ruhe. Mit Tönen holte er sie aus der Ferne, mit
Tönen bewog er die Tiere, sich zu zerstreuen oder, an seine Fersen
geheftet, hinter ihm drein zu ziehen.

Es kamen auch Besuche vor, bei denen fast nichts geredet wurde. Einst,
als die drückende Hitze eines Juninachmittags bis auf die Almen des
Generoso gestiegen war, befand sich Ludovico, von seinen lagernden,
wiederkauenden Herden umgeben, ebenfalls liegend, in einem Zustand
seliger Dämmerung. Er blinzelte nur den Besucher an und veranlaßte ihn
durch einen Wink, sich ebenfalls ins Gras zu strecken. Er sagte dann
unvermittelt, nachdem dies geschehen war und beide eine Weile
schweigend gelagert hatten, in schleppendem Tone etwa dies:

»Sie wissen, daß Eros älter als Kronos und auch mächtiger ist. -- Fühlen
Sie diese schweigende Glut um uns? Eros! -- Hören Sie, wie die
Grille feilt? Eros!« -- In diesem Augenblick jagten einander zwei
Eidechsen und huschten blitzschnell über den Liegenden weg. Er
wiederholte: »Eros! Eros!« -- Und als ob er das Kommando dazu gegeben
hätte, erhoben sich jetzt zwei starke Böcke und griffen einander mit
den gewundenen Hörnern an. Er ließ sie gewähren, obgleich der Kampf
immer hitziger wurde. Das Klappern der Stöße erklang immer lauter und
ihre Zahl nahm immer zu. Und wieder sagte er: »Eros! Eros!«

Und nun drangen an das Ohr des Besuchers zum erstenmal Worte, die ihn
ganz besonders aufhorchen ließen, weil sie einigermaßen über die Frage
Licht verbreiteten oder wenigstens zu verbreiten schienen, warum
Ludovico im Volksmund »der Ketzer« hieß. »Lieber,« sagte er, »will ich
einen lebendigen Bock oder einen lebendigen Stier, als einen Gehängten
am Galgen anbeten. Ich lebe nicht in der Zeit, die das tut. Ich hasse,
ich verachte sie. Jupiter Ammon wurde mit Widderhörnern dargestellt.
Pan hat Bocksbeine, Bacchus hat Stierhörner. Ich meine den Bacchus
Tauriformis oder Tauricornis der Römer. Mithra, der Sonnengott, wird
als Stier dargestellt. Alle Völker verehrten den Stier, den Bock, den
Widder und vergossen im Opfer sein heiliges Blut. Dazu sage ich:
ja! -- denn die zeugende Macht ist die höchste Macht, die zeugende Macht
ist die schaffende Macht, Zeugen und Schaffen ist das gleiche.
Freilich, der Kultus dieser Macht ist kein kühles Geplärr von Mönchen
und Nonnen. Ich habe einmal von Sita, dem Weibe Vichnus, geträumt, die
unter dem Namen Rama ein Mensch wurde. Die Priester starben in ihren
Umarmungen. Ich habe da vorübergehend etwas von allerlei Mysterien
gewußt: dem Mysterium der schwarzen Zeugung im grünen Gras, von dem
der perlmuttfarbenen Wollust, der Entzückungen und Betäubungen, vom
Geheimnis der gelben Maiskörner, aller Früchte, aller Schwellungen,
aller Farben überhaupt. Ich hätte brüllen können im Wahnsinn des
Schmerzes, als ich der unbarmherzigen, allmächtigen Sita ansichtig
wurde. Ich glaubte zu sterben vor Begier.«

Während dieser Eröffnung kam sich der Schreiber dieser Zeilen wie ein
unfreiwilliger Horcher vor. Er stand auf, mit einigen Worten, die
glauben machen sollten, daß er das Selbstgespräch nicht gehört habe,
sondern mit seinen Gedanken bei anderen Dingen gewesen sei. Danach
wollte er sich verabschieden. Ludovico ließ es nicht zu. Und so begann
denn auf der Bergterrasse abermals eine Gasterei, deren Verlauf aber
diesmal bedeutsam und unvergeßlich war.

Der Besucher wurde gleich bei der Ankunft in die Wohnung, den
Innenraum des schon geschilderten Würfels, eingeführt. Er war
quadratisch, sauber, hatte einen Kamin und glich dem schlichten
Arbeitszimmer eines Gelehrten. Vorhanden war Tinte, Feder, Papier und
eine kleine Bücherei, hauptsächlich griechischer und lateinischer
Schriftsteller. »Warum soll ich es Ihnen verhehlen,« sagte der Hirt,
»daß ich aus guter Familie bin, eine mißleitete Jugend und gelehrte
Bildung genossen habe. Sie werden natürlich wissen wollen, wie ich
aus einem unnatürlichen Menschen ein natürlicher, aus einem gefangenen
ein freier, aus einem zerstörten und verdrossenen ein glücklicher und
zufriedener geworden bin? Oder wie ich mich selbst aus der
bürgerlichen Gesellschaft und der Christenheit ausgeschlossen habe?«
Er lachte laut. »Vielleicht schreibe ich einmal die Geschichte meiner
Umwandlung«. Der Besucher, dessen Spannung aufs höchste gestiegen war,
fand sich plötzlich wiederum weit vom Ziele verschlagen. Es konnte ihm
dabei wenig helfen, daß der Gastfreund zum Schluß erklärte, die
Ursache seiner Erneuerung sei: er bete natürliche Symbole an. Im
Schatten des Felsens, auf der Terrasse, am Rande der überfließenden
Wanne war, in köstlicher Kühle, reichlicher als das erstemal getafelt
worden: Räucherschinken, Käse und Weizenbrot, Feigen, frische Mispeln
und Wein. Vielerlei war, nicht übermütig, aber mit stiller Heiterkeit
geplaudert worden. Endlich wurde der Steintisch abgeräumt. Nun aber
kam ein Augenblick, der dem Herausgeber wie etwas eben Geschehenes
gegenwärtig ist.

Der bronzefarbene Hirt machte, wie man weiß, mit seinem ungepflegten,
langen Gelock des Haupt- und Barthaares, sowie durch seine Kleidung
aus Fell den Eindruck der Verwilderung. Er ist mit einem Johannes des
Donatello verglichen worden. In der Tat hatten auch sein Gesicht und
das Antlitz jenes Johannes in der Feinheit der Linien viel
Ähnlichkeit. Ludovico war eigentlich, näher betrachtet, schön, sofern
man von dem Entstellenden der Brille absehen konnte. Freilich erhielt
die ganze Gestalt durch sie wiederum, neben dem leise komischen Zug,
das rätselhaft Sonderbare und Fesselnde. In dem Augenblick, von dem
die Rede ist, unterlag der ganze Mensch einer Veränderung. Hatte das
Bronzeartige seines Körpers sich auch durch eine gewisse
Unbeweglichkeit seiner Züge ausgedrückt, so wich es insofern, als sie
beweglich wurden und sich verjüngten. Er lächelte, man könnte sagen,
in einem Anflug knabenhafter Schamhaftigkeit. »Was ich Ihnen jetzt
zumute,« sagte er, »habe ich noch keinem anderen Menschen
vorgeschlagen. Woher ich den Mut plötzlich nehme, weiß ich eigentlich
selber nicht. Aus alter Gewohnheit vergangener Zeiten lese ich
gelegentlich noch und hantiere auch wohl noch mit Tinte und Feder. So
habe ich in müßigen Winterstunden eine simple Geschichte
niedergeschrieben, die lange vor meiner Zeit, hier in und um Soana,
sich ereignet haben soll. Sie werden sie äußerst einfach finden, mich
aber zog sie aus allerlei Gründen an, die ich jetzt nicht erörtern
will. Sagen Sie kurz und offen: wollen Sie mit mir nochmals ins Haus
gehen und fühlen Sie sich aufgelegt, etwas von Ihrer Zeit an diese
Geschichte zu verlieren, die auch mich schon ohne Nutzen manche Stunde
gekostet hat? Ich möchte nicht zu-, ich möchte abraten. Übrigens, wenn
Sie befehlen, nehme ich jetzt schon die Blätter des Manuskripts und
werfe sie in den Abgrund hinunter«.

Selbstverständlich geschah dies nicht. Er nahm den Weinkrug, ging mit
dem Besucher ins Haus, und beide saßen einander gegenüber. Der
Berghirt hatte ein in Mönchsschrift und auf starke Blätter
geschriebenes Manuskript aus feinstem Ziegenleder gewickelt. Wie um
sich Mut zu machen, trank er dem Besucher, eh er gleichsam vom Ufer
abstieß, um sich in den Fluß der Erzählung zu stürzen, noch einmal zu
und begann dann mit weicher Stimme.


Die Erzählung des Berghirten

An einem Bergabhang oberhalb des Luganer Sees ist unter vielen anderen
auch ein kleines Bergnest zu finden, das man auf einer steilen, in
Serpentinen verlaufenden Bergstraße in etwa einer Stunde, vom Seeufer
aus gerechnet, erreichen kann. Die Häuser des Ortes, die, wie an den
meisten italienischen Plätzen der Umgegend, eine einzige,
ineinandergeschachtelte, graue Ruine aus Stein und Mörtel sind, kehren
ihre Fronten einem schluchtähnlichen Tale zu, das von den Auen und
Terrassen des Fleckens und gegenüber von einem mächtigen Abhang des
überragenden Bergriesen Monte Generoso gebildet wird.

In dieses Tal, und zwar dort, wo es wirklich als enge Schlucht seinen
Abschluß nimmt, ergießt sich von einer wohl hundert Meter höher
gelegenen Talsohle ein Wasserfall, der je nach Tages- und Jahreszeit
und der gerade herrschenden Strömung der Luft, mehr oder weniger
stark, mit seinem Rauschen eine immerwährende Musik des Fleckens ist.

In diese Gemeinde war vor langer Zeit ein etwa fünfundzwanzigjähriger
Priester versetzt worden, der Raffaele Francesco hieß. Er war in
Ligornetto geboren, also im Tessin, und konnte sich rühmen, ein
Mitglied desselben, dort ansässigen Geschlechtes zu sein, das den
bedeutendsten Bildhauer des geeinten Italiens, hervorgebracht hatte,
der ebenfalls in Ligornetto geboren wurde und endlich auch dort
gestorben ist.

Der junge Priester hatte seine Jugend bei Verwandten in Mailand und
seine Studienzeit in verschiedenen Priester-Seminaren der Schweiz und
Italiens zugebracht. Von seiner Mutter, die aus einem edlen
Geschlechte war, stammte die ernste Richtung seines Charakters, die
ihn ohne jedes Schwanken schon zeitig dem religiösen Beruf in die Arme
trieb.

Francesco, der eine Brille trug, zeichnete sich vor der Menge seiner
Mitschüler aus durch exemplarischen Fleiß, Strenge der Lebensführung
und Frömmigkeit. Selbst seine Mutter mußte ihm schonend nahelegen, daß
er als künftiger Weltgeistlicher sich ein wenig Lebensfreude wohl
gönnen möge und nicht eigentlich auf die strengsten Klosterregeln
verpflichtet sei. Sobald er die Weihen empfangen hatte, war es
indessen sein einziger Wunsch, eine möglichst entlegene Pfarre zu
finden, um sich dort als eine Art Eremit, nach Herzenslust, noch mehr,
als bisher, dem Dienste Gottes, seines Sohnes und dessen geheiligter
Mutter zu weihen.

Als er nun nach dem kleinen Soana gekommen war und das mit der Kirche
verbundene Pfarrhaus bezogen hatte, merkten die Bergbewohner bald, daß
er von einer ganz anderen Art als sein Vorgänger war. Schon äußerlich,
denn jener war ein massiver, stierhafter Bauer gewesen, der die
hübschen Weiber und Mädchen des Orts mit Hilfe ganz anderer Mittel in
seinem Gehorsam hielt, als Kirchenbußen und Kirchenstrafen. Francesco
dagegen war bleich und zart. Sein Auge lag tief. Hektische Tupfen
glühten auf der unreinen Haut über seinen Backenknochen. Hierzu kam
die Brille, in den Augen einfacher Leute noch immer Symbol
präzeptoraler Strenge und Gelehrsamkeit. Er hatte nach Verlauf von
vier bis sechs Wochen, auf seine Art, die erst ein wenig
widerspenstigen Weiber und Töchter des Orts ebenfalls, und zwar noch
mehr als der andere, in seine Gewalt gebracht.

Sobald Francesco durch die kleine Pforte des an die Kirche
geschmiegten Pfarrhöfchens auf die Straße trat, ward er auch meist
schon von Kindern und Weibern umdrängt, die ihm mit wahrer Ehrfurcht
die Hand küßten. Und wie viele Male des Tags er durch die kleine
Kirchenschelle in den Beichtstuhl gerufen wurde, das machte am Abend
eine Zahl, die seiner neuangenommenen, beinahe siebzigjährigen
Haushälterin den Ruf entlockte: sie habe nie gewußt, wieviele Engel in
dem sonst ziemlich verderbten Soana verborgen gewesen wären. Kurz, der
Ruf des jungen Pfarrers Francesco erscholl auch in der Umgegend weit
und breit, und er kam sehr bald in den Ruf eines Heiligen.

Von alledem ließ sich Francesco nicht anfechten und war weit davon
entfernt, irgendein anderes Bewußtsein in sich zu pflegen, als daß er
seinen Pflichten leidlich gerecht wurde. Er las seine Messen, vollzog
mit nie vermindertem Eifer alle kirchlichen Funktionen des
Gottesdiensts und -- das kleine Schulzimmer befand sich im
Pfarrhause -- versah auch überdies die Obliegenheiten des weltlichen
Schulunterrichts.

       *       *       *       *       *

Eines Abends, zu Anfang des Monats März, wurde sehr heftig an der
Klingel des Pfarrhöfchens gerissen, und als die Schaffnerin öffnen kam
und mit dem Licht der Laterne in das schlechte Wetter hinausleuchtete,
stand vor der Tür ein etwas verwilderter Kerl, der den Pfarrer zu
sprechen wünschte. Nachdem die Schaffnerin erst die Pforte wieder
geschlossen hatte, begab sich die alte Person zu ihrem jungen Gebieter
hinein, um, nicht ohne merkbare Ängstlichkeit, den späten Besucher
anzumelden. Allein Francesco, der es sich unter anderem zur Pflicht
gemacht hatte, niemand, wer es auch sei, der seiner bedürfe,
abzuweisen, sagte nur kurz, von der Lektüre irgendeines Kirchenvaters
aufblickend: »Geh', Petronilla, führ ihn herein.«

Bald darauf stand vor dem Tische des Pfarrers ein etwa vierzigjähriger
Mann, dessen Äußeres das der Landleute jener Gegend war, nur weit
vernachlässigter, ja, verwahrloster. Der Mann ging barfuß. Eine
zerlumpte, regendurchnäßte Hose war über den Hüften von einem Riemen
festgehalten. Das Hemd stand offen. Die braune, behaarte Brust setzte
sich in eine buschige Kehle und in ein von Bart- und Haupthaar schwarz
und dicht umwuchertes Antlitz fort, aus dem zwei dunkel glühende Augen
hervorbrannten.

Eine aus Flicken bestehende, vom Regen durchnäßte Jacke hatte der Mensch
nach Hirtenart über die linke Schulter gehängt, während er einen von
Wind und Wetter vieler Jahre entfärbten und zusammengeschrumpften,
kleinen Filz, aufgeregt, mit den braunen und harten Fäusten herumdrehte.
Einen langen Knüttel hatte er vor dem Eingang abgestellt.

Gefragt, was er wünschte, brachte der Mann unter wilden Grimassen
einen unverständlichen Schwall rauher Laute und Worte hervor, die zwar
der Mundart jener Gegend angehörten, aber wiederum einer Abart davon,
die selbst der in Soana geborenen Schaffnerin wie eine fremde Sprache
erschien.

Der junge Priester, der seinen Besuch neben der kleinen, brennenden
Lampe hin mit Aufmerksamkeit betrachtet hatte, bemühte sich
vergeblich, den Sinn seines Anliegens zu ergründen. Mit viel Geduld,
mittels zahlreicher Fragen, konnte er endlich soviel aus ihm
herausbringen, daß er Vater von sieben Kindern war, von denen er
einige gern in der Schule des jungen Priesters angebracht hätte.
Francesco fragte: »Wo seid Ihr her?« Und als die Antwort,
hervorgesprudelt: »Ich bin aus Soana« lautete, erstaunte der Priester
und sagte zugleich: »Das ist nicht möglich! ich kenne jedermann hier
am Ort! aber Euch und Eure Familie kenne ich nicht.«

Der Hirte, Bauer oder was er nun sein mochte, gab nun von der Lage
seines Wohnhauses eine von vielen Gesten begleitete, leidenschaftliche
Schilderung, aus der jedoch Francesco nicht klug wurde. Er meinte nur:
»Wenn Ihr Einwohner von Soana seid, und Eure Kinder das gesetzliche
Alter erreicht haben, so müßten sie doch ohnedies schon längst in
meiner Schule gewesen sein. Und ich müßte doch Euch oder Eure Frau
oder Eure Kinder beim Gottesdienst in der Kirche, bei Messe oder
Beichte, gesehen haben.«

Hier riß der Mann seine Augen auf und preßte die Lippen aufeinander.
Statt jeder Antwort stieß er, wie aus empörter und gepreßter Brust,
den Atem aus.

»Nun so werde ich mir Euren Namen aufschreiben. Ich finde es brav
von Euch, daß Ihr selber kommt und Schritte tut, damit Eure
Kinder nicht unwissend und womöglich gottlos bleiben.« Bei
diesen Worten des jungen Klerikers fing der zerlumpte Mensch, so
daß sein brauner, sehniger und beinahe athletischer Körper davon
geschüttelt wurde, auf eine sonderbare, beinahe tierische Art und
Weise zu röcheln an. -- »Jawohl,« wiederholte betreten Francesco,
»ich zeichne mir Euren Namen auf und werde der Sache wegen
nachforschen.« Man konnte sehen, wie Träne um Träne von den
geröteten Augenrändern des Unbekannten über das struppige Antlitz
herniederrann.

»Gut, gut,« sagte Francesco, der sich das aufgeregte Wesen seines
Besuchers nicht erklären konnte und übrigens davon nochmehr
beunruhigt, als ergriffen war -- »gut, gut, Eure Sache wird untersucht
werden. Nennt mir nur Euren Namen, guter Mann, und schickt mir morgen
früh Eure Kinder!« Der Angeredete schwieg hierauf und sah Francesco
mit einem ratlosen und gequälten Ausdruck lange an. Dieser fragte
nochmals: »Wie heißt Ihr? sagt Euren Namen.«

Dem Geistlichen war, von Anfang an, in den Bewegungen seines Gastes
etwas Furchtsames, gleichsam etwas Gehetztes aufgefallen. Jetzt, wo er
seinen Namen angeben sollte und draußen auf dem steinernen Estrich
gleichzeitig der Schritt Petronillas hörbar ward, duckte er sich und
zeigte überhaupt eine Schreckhaftigkeit, wie sie meist nur
Irrsinnigen oder Verbrechern eignet. Er schien verfolgt. Er schien auf
der Flucht vor Häschern zu sein.

Dennoch ergriff er ein Stück Papier und die Feder des Geistlichen,
trat seltsamerweise ins Dunkel, vom Lichte abgewandt, ans
Fensterbrett, wo unten ein naher Bach und, mehr von ferne, der
Wasserfall von Soana hereinrauschte, und malte, mit einiger Mühe, aber
doch leserlich, etwas auf, was er mit Entschluß dem Geistlichen
zureichte. Dieser sagte: »Gut!« und, mit dem Zeichen des Kreuzes:
»geht mit Frieden!« Der Wilde ging und ließ eine Wolke von Dünsten
zurück, die nach Salami, Zwiebel, Holzkohlenrauch, nach Ziegenbock und
nach Kuhstall dufteten. Sobald er hinaus war, riß Francesco das
Fenster auf.

       *       *       *       *       *

Den nächsten Morgen hatte Francesco, wie immer, seine Messe gelesen,
danach ein wenig geruht, danach sein frugales Frühstück zu sich
genommen und befand sich bald danach auf dem Wege zum Sindaco, den man
zeitig besuchen mußte, um ihn anzutreffen. Er fuhr nämlich täglich von
einer Bahnstation, tief unten am Seeufer, nach Lugano hinein, wo er in
einer der belebtesten Gassen einen Groß- und Kleinhandel mit
tessinischem Käse betrieb.

Die Sonne schien auf den kleinen, mit alten Kastanienbäumen, die
einstweilen noch kahl waren, bestandenen Platz, der dicht bei der
Kirche gelegen war und gleichsam die Agora der Ortschaft bildete. Auf
einigen Steinbänken saßen und spielten Kinder herum, während die
Mütter und älteren Töchter an einem von kaltem Bergwasser, womit er
reichlich gespeist wurde, überfließenden, antiken Marmor-Sarkophag
Wäsche wuschen und in Körben zum Trocknen davontrugen. Der Boden war
naß, weil am Tage vorher Regen, mit Schneeflocken untermischt,
gefallen war, wie denn der machtvolle Felsenabhang des Monte Generoso
unter Neuschnee, jenseits der Talschlucht, in seinem eigenen Schatten
mit unzugänglichen Schroffen aufragte und frische Schneeluft
herüberhauchte.

Der junge Priester ging mit niedergeschlagenen Augen an den
Wäscherinnen vorbei, deren lauten Gruß er durch Nicken erwiderte. Den
ihn umdrängenden Kindern ließ er, sie ältlich über die Brille
betrachtend, die Hand einen Augenblick, wo sie denn alle mit Eifer und
Hast ihre Lippen abwischten. Die Ortschaft, wie sie hinter dem Platz
begann, ward durch wenige enge Gassen gangbar gemacht. Aber selbst die
Hauptstraße konnte nur von kleinen Fuhrwerken und auch nur in ihrem
vorderen Teile benutzt werden. Nach dem Ausgang des Ortes zu verengte
sie sich und wurde noch überdies so steil, daß man höchstens noch mit
einem beladenen Maultier hindurch und hinan kommen konnte. An diesem
Sträßchen befand sich ein kleiner Kramladen und die schweizerische
Postagentur.

Der Postagent, der mit Francescos Vorgänger auf kameradschaftlichstem
Verkehrsfuß gestanden hatte, grüßte und ward von Francesco wieder
gegrüßt, aber doch nur so, daß zwischen dem Ernst des Geweihten und
der platten Freundlichkeit des Profanen der volle Abstand gewahrt
wurde. Nicht weit von der Post bog der Priester in ein erbärmliches
Seitengäßchen ein, das mit Treppen und Treppchen auf eine
halsbrecherische Weise, an geöffneten Ziegenställen und allen Arten
schmutziger, fensterloser, kellerartiger Höhlen vorüber, abwärts
stieg. Hühner gackerten, Katzen saßen auf morschen Galerien unter
Büscheln aufgehängter Maiskolben. Hie und da meckerte eine Ziege,
blökte ein Rind, das aus irgendeinem Grunde nicht mit auf die Weide
gezogen war.

Man konnte erstaunt sein, wenn man, aus dieser Umgebung kommend, durch
eine enge Pforte das Haus des Bürgermeisters betreten hatte und sich
in einer Flucht von kleinen, gewölbten Sälen befand, deren Decken von
Handwerkern, im Stile Tiepolos, figurenreich ausgemalt worden waren.
Hohe Fenster und Glastüren, mit langen, roten Gardinen geschmückt,
führten aus diesen sonnigen Räumen auf eine ebenso sonnige, freie
Terrasse hinaus, die von uraltem, kegelförmig geschnittenen Buchsbaum
und wundervollem Lorbeer geziert wurde. Wie überall, so auch hier,
vernahm man das schöne Rauschen des Wasserfalls und hatte jenseits die
wilde Bergwand sich gegenüber.

Der Sindaco, Sor Domenico, war ein gutgekleideter, in der Mitte der
vierziger Jahre stehender, ruhiger Mann, der vor kaum einem
Vierteljahre erst zum zweitenmal geheiratet hatte. Die schöne,
blühende, zweiundzwanzigjährige Frau, die Francesco in der blanken
Küche mit der Zubereitung des Frühstücks beschäftigt getroffen hatte,
geleitete ihn zu dem Gatten herein. Als jener die Erzählung des
Priesters, von dem Besuch, den er abends vorher empfangen hatte,
angehört und den Zettel gelesen hatte, der den Namen des Besuchers und
wilden Mannes in unbeholfenen Schriftzügen trug, ging ein Lächeln
durch seine Gesichtszüge. Dann, als er den jungen Sacerdote Platz zu
nehmen genötigt hatte, fing er, vollkommen sachlich, und ohne daß die
maskenhafte Gleichgültigkeit seiner Mienen jemals gestört wurde, die
gewünschte Auskunft über den mysteriösen Besucher, der tatsächlich
ein dem Pfarrer bisher verborgen gebliebener Bürger Soanas war, zu
geben an.

       *       *       *       *       *

»Luchino Scarabota,« sagte der Sindaco -- es war der Name, den der
Besucher des Pfarrers auf den Zettel gekritzelt hatte! -- »ist ein
keineswegs armer Mann, aber schon seit Jahren machen seine häuslichen
Zustände mir und der ganzen Gemeinde Kopfschmerzen, und es ist nicht
eigentlich abzusehen, wo dies alles am Ende noch hinauslaufen soll. Er
gehört einer alten Familie an, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er
etwas von dem Blut des berühmten Luchino Scarabota da Milano in sich
hat, der zwischen Vierzehn- und Fünfzehnhundert das Langhaus des Domes
unten in Como baute. Solche alte, berühmte Namen haben wir ja, wie Sie
wissen, Herr Pfarrer, manche in unserem kleinen Ort.«

Der Sindaco hatte die Glastüre geöffnet und den Pfarrer während des
Redens auf die Terrasse hinausgeführt, wo er ihm, mit der ein wenig
erhobenen Hand, in dem trichterförmigen, steilen Quellgebiete des
Wasserfalles einen jener, aus rohem Stein gemauerten Würfel wies, wie
sie die Bauern der Gegend bewohnen. Aber dieses, in großer Höhe, weit
über allen anderen hängende Anwesen unterschied sich von jenen nicht
nur durch seine vereinzelte, scheinbar unzugängliche Lage, sondern
auch durch Kleinheit und Ärmlichkeit.

»Sehen Sie, dort, wo ich mit dem Finger hinzeige, wohnt dieser
Scarabota,« sagte der Sindaco.

»Es nimmt mich wunder, Herr Pfarrer,« fuhr der Sprechende fort,
»daß Sie von jener Alpe und ihren Bewohnern noch nichts gehört
haben sollten. Die Leute geben weit und breit in der ganzen Gegend
seit einem Jahrzehnt und länger das widerwärtigste Ärgernis. Leider
kann man ihnen nicht beikommen. Man hat die Frau vor Gericht
gestellt, und sie hat behauptet, die sieben Kinder, die sie geboren
hat, stammten -- gibt es etwas Unsinnigeres? -- nicht von dem Manne,
mit dem sie lebt, sondern von sommerlichen Schweizer Touristen ab, die
an der Alpe vorüber müssen, wenn sie zum Generoso hinaufklettern.
Dabei ist die Vettel verlaust und schmutzstarrend und überdies
abschreckend häßlich, wie die Nacht.

Nein, es ist offenkundig, daß der Mann, der Sie gestern besucht hat
und mit dem sie lebt, Vater von ihren Kindern ist. Aber das ist der
Punkt: dieser Mensch ist zugleich ihr leiblicher Bruder.«

Der junge Priester verfärbte sich.

»Natürlich ist dies blutschänderische Paar von aller Welt gemieden
und in die Acht getan. In dieser Beziehung wird die vox populi selten
fehl gehen.« Mit dieser Erklärung setzte der Sindaco seine Erzählung
fort. »Sooft sich eines der Kinder etwa bei uns oder in Arogno oder in
Melano hat blicken lassen, ist es beinahe gesteinigt worden. Man hält
jede Kirche, soweit die Leute bekannt sind, für entweiht, wenn das
verruchte Geschwisterpaar sie betritt, und die beiden Verfemten haben
das, als sie den Versuch glaubten machen zu dürfen, auf eine so
furchtbare Weise zu fühlen bekommen, daß ihnen seit Jahren jede
Neigung zum Kirchenbesuch abhanden gekommen ist.

Und sollte man etwa gestatten«, fuhr der Sindaco fort, »daß solche
Kinder, solche verfluchte Kreaturen, die jedermanns Abscheu und Grauen
sind, hier unten in unsere Schule gehen und zwischen den Kindern guter
Christen in der Schulbank sitzen? Kann man uns zumuten, wir sollen
dulden, daß unsere ganze Ortschaft, Klein und Groß, durch diese
moralischen Schandprodukte, diese schlechten, räudigen Bestien
verpestet wird?«

Das bleiche Antlitz des Priesters Francesco verriet durch keine Miene,
inwieweit die Erzählung Sor Domenicos ihn berührt hatte. Er dankte und
ging mit dem gleichen würdigen Ernst im Ausdruck des ganzen Wesens,
mit dem er erschienen war, davon.

       *       *       *       *       *

Francesco hatte bald nach der Unterredung mit dem Sindaco seinem
Bischof über den Fall Luchino Scarabota Bericht erstattet. Acht Tage
später war die Antwort des Bischofs in seiner Hand, die dem jungen
Geistlichen auftrug, sich von dem allgemeinen Stand der Verhältnisse
auf der sogenannten Alpe von Santa Croce persönlich zu unterrichten.
Der Bischof lobte dabei den geistlichen Eifer des jungen Manns und
bestätigte ihm, er habe wohl Ursach, sich dieser verirrten und
verfemten Seelen wegen in seinem Gewissen bedrängt zu fühlen und auf
ihre Errettung bedacht zu sein. Von den Segnungen und Tröstungen der
Mutterkirche dürfe man keinen noch so verirrten Sünder ausschließen.

Erst gegen Ende des Monats März erlaubten die Amtsgeschäfte und auch
die Schneeverhältnisse des Berges Generoso dem jungen Geistlichen von
Soana, mit einem Landmann als Führer, den Aufstieg zur Alpe von Santa
Croce anzutreten. Ostern stand vor der Tür, und trotzdem an der
Schroffwand des Bergriesen fortwährend mit dumpfem Donner Lawinen in
die Schlucht unterm Wasserfall niedergingen, hatte der Frühling
überall, wo die Sonne ungehindert zu wirken vermochte, mit voller
Kraft eingesetzt.

So wenig Francesco, unähnlich seinem Namensheiligen von Assisi,
Naturschwärmer war, konnte doch das zarte und saftige Sprießen, Grünen
und Blühen um ihn her nicht ohne Wirkung auf ihn bleiben. Ohne daß
sich der junge Mensch dessen deutlich bewußt werden brauchte, hatte er
die feine Gährung des Frühlings im Blut und genoß sein Teil von jenem
inneren Schwellen und Drängen der ganzen Natur, das himmlischen
Ursprungs und trotz wonnig-sinnlich-irdischen Auswirkens auch in allen
seinen erblühten Freuden himmlisch ist.

Die Kastanienbäume auf dem Platz, über den der Priester mit seinem
Begleiter zunächst wieder schreiten mußte, hatten aus braunen,
klebrigen Knospen zarte, grüne Händchen gestreckt. Die Kinder lärmten,
nicht minder die Sperlinge, die unterm Kirchdach und in unzähligen
Schlupflöchern der winkligen Ortschaft nisteten. Die ersten Schwalben
zogen ihre weiten Schleifen von Soana über den Abgrund der Schlucht,
wo sie scheinbar dicht vor dem phantastisch getürmten, unzugänglichen
Felsmassiv der Bergmauer abschwenkten. Dort oben auf Vorsprüngen oder
in Felslöchern, wo nie eines Menschen Fuß hingedrungen war, horsteten
Fischadler. Die großen, braunen Pärchen traten herrliche Fahrten an
und schwebten, nur um zu schweben, in stundenlangen Dauerflügen über
Bergspitzen, immer höher und höher kreisend, als wollten sie
majestätisch, selbstvergessen, in die befreite Unendlichkeit des
Raumes hinein.

Überall, nicht nur in der Luft, nicht nur in der braunen, aufgewühlten
oder mit Gras und Narzissen bekleideten Erde und allem, was sie durch
Halme und Stämme in Blätter und Blüten aufsteigen ließ, sondern auch in
den Menschen war das Festliche, und die braunen Gesichter der Bauern,
die auf den Terrassen zwischen den Reihen der Weinstöcke mit Hacke oder
gekrümmtem Messer arbeiteten, strahlten von Sonntäglichkeit: hatten doch
überdies die meisten von ihnen das sogenannte Osterlamm, eine junge
Ziege, bereits geschlachtet und mit zusammengebundenen Hinterläufen zu
Hause am Türpfosten aufgehängt.

Die Weiber, die ganz besonders zahlreich und laut mit ihren gefüllten
Wäschekörben um den überfließenden Sarkophag aus Marmor versammelt
waren, unterbrachen, als der Priester und sein Begleiter vorüberging,
ihre lärmende Heiterkeit. Auch am Ausgang des Dorfes standen
Wäscherinnen, wo unter einem kleinen Madonnenbild ein Wasserstrahl aus
dem Felsen drang und sich ebenfalls in einen antiken Sarkophag aus
Marmor ergoß. Beide Stücke, sowohl dieser Sarkophag, als jener, der
auf dem Platze stand, waren vor längerer Zeit aus einem Baumgarten
voll tausendjähriger Steineichen und Kastanien gehoben worden, wo sie
seit undenklicher Zeit, nur wenig aus dem Boden hervorragend, unter
Epheu und wildem Lorbeer versteckt, gestanden hatten.

Im Vorübergehen bekreuzte sich Francesco, ja, unterbrach das Schreiten
für einen Augenblick, um der lieblich mit Feldblumenopfern der Landleute
umstellten Madonetta über dem Sarkophag, mit einer Beugung des Knies zu
huldigen. Zum ersten Male sah er dies kleine, von Bienen umsummte,
liebliche Heiligtum, da er diesen oberen Teil der Ortschaft noch niemals
besucht hatte. War Soana mit seinem unteren Teil, mit seiner Kirche und
einigen mit grünen Läden geschmückten, hübschen Bürgerhäusern um den
terrassenartig untermauerten Kastanienplatz bürgerlich beinahe
wohlhabend und zeigte es dort in Gärten und Gärtchen blühende
Mandelbäumchen, Orangen, hohe Zypressen, kurz, eine mehr südliche
Vegetation, hier oben, einige hundert Schritte höher hinauf, war es nur
noch ein alpines, ärmliches Hirtendorf, das nach Ziegen und Kuhstall
duftete. Auch setzte hier ein mit Wackersteinen gepflasterter, äußerst
steiler Bergweg ein, der durch täglichen morgendlichen Auszug und
abendlichen Einzug der großen Gemeinde-Ziegenherde geglättet war; denn
er führte hinauf und hinaus zur Gemeindealm in das kesselförmige
Quellgebiet des Flüßchens Savaglia, das weiter unten den herrlichen
Wasserfall von Soana bildet und nach kurzem, rauschenden Lauf durch
tiefe Schlucht im See von Lugano untergeht.

Nachdem der Priester, immer geführt von seinem Begleiter, eine kurze
Weile auf diesem Bergweg hinan geklettert war, stand er still, um
aufzuatmen. Den großen, schwarzen, tellerartigen Hut mit der Linken
vom Kopfe nehmend, hatte er mit der Rechten ein großes, buntes
Taschentuch aus der Soutane gezogen, womit er die Schweißperlen von
seiner Stirn tupfte. Im allgemeinen ist der Natursinn, der Sinn eines
italienischen Priesters für die Schönheit der Landschaft, nicht
sonderlich. Aber der Weitblick von großer Höhe und aus der sogenannten
Vogelperspektive, wie man es nennt, ist doch ein Reiz, der auch den
naivsten Menschen mitunter trifft und ihm ein gewisses Staunen
abnötigt. Francesco erblickte seine Kirche mitsamt der dazugehörigen
Ortschaft bereits nur noch als ein Miniaturbild tief unter sich,
während rings um ihn her die gewaltige Bergwelt, wie es schien, immer
höher gen Himmel ragte. In das Gefühl des Frühjahrs mischte sich jetzt
das Gefühl des Erhabenen, das vielleicht aus einem Vergleich der
eigenen Kleinheit mit den erdrückend gewaltigen Werken der Natur und
ihrer drohenden, stummen Nähe entstehen mag und das mit einem halben
Bewußtsein davon verbunden ist, daß wir doch auch an dieser Übermacht
auf irgendeine Weise teilhaben. Kurz, Francesco fühlte sich
erhaben-groß und winzig-klein in ein und demselben Augenblick, und
dies gab den Anlaß, mit gewohnter Bewegung auf Stirn und Brust das vor
Irrungen und Dämonen schützende Kreuz zu schlagen.

Im Weitersteigen hatten bald wieder religiöse Fragen und
praktisch-kirchliche Angelegenheiten seines Sprengels von dem
jugendlich eifrigen Klerikus Besitz ergriffen. Und als er wiederum
diesmal am Eingang eines felsigen Hochtals stille stand und sich
umwandte, hatte ihn der Anblick eines arg verwahrlosten, hier für die
Hirten errichteten, gemauerten Heiligenschreins auf den Gedanken
gebracht, alle vorhandenen Heiligtümer seines Kirchspiels, und wenn
sie noch so entlegen waren, aufzusuchen und in einen gotteswürdigen
Stand zu setzen. Er ließ sogleich seine Augen umherschweifen und
suchte den die vorhandenen Kultstätten womöglich umfassenden
Überblick.

Er nahm seine eigene Kirche mit dem daran geklebten Pfarrhaus zum
Ausgangspunkt. Sie stand, wie gesagt, auf der Ebene des Dorfplatzes
und ihre Außenmauern setzten sich in steilen Wänden des Grundfelsens
fort, an dem ein munterer Gebirgsbach unten vorüberrauschte. Dieser
Gebirgsbach, unter dem Platz von Soana hindurchgeführt, trat in einem
gemauerten Bogen ans Licht, wo er, freilich durch Abwässer stark
verunreinigt, Baumgärten und blumige Wiesen wässerte. Jenseit der
Kirche, ein wenig höher, was von hier aus nicht festzustellen war, lag
auf rundem, flachen Terrassenhügel das älteste Heiligtum der Umgegend,
eine kleine Kapelle, der Jungfrau Maria geweiht, deren verstaubtes
Kultbild auf dem Altar von einem byzantinischen Mosaik der Apsis
überwölbt wurde. Dieses, trotz tausendjährigen und höheren Alters in
Goldgrund und Zeichnung wohlerhaltene, Mosaik stellte Christus
Pantokrator dar. Die Entfernung von der Hauptkirche bis zu diesem
Heiligtum betrug nicht über drei Steinwurfsweiten. Eine andere hübsche
Kapelle, diese der heiligen Anna geweiht, lag in der gleichen
Entfernung von ihr. Über Soana und hinter Soana erhob sich ein äußerst
spitzer Bergkegel, der im Umkreis natürlich von weiten Talräumen und
den Flanken der überragenden Generoso-Kette umgeben war. Dieser
beinahe zuckerhutartige, aber bis oben begrünte, scheinbar
unzugängliche Berg hieß Sant Agatha, weil er auf seinem Gipfel zur Not
ein Kapellchen eben dieser Heiligen beherbergte. Dies waren im engsten
Umkreis der Ortschaft eine Kirche und drei Kapellen, der sich im
weiteren Kreise der Pfarre drei oder vier andere Kapellen anreihten.
Auf jedem Hügel, an jeder hübschen Wegwende, auf jeder weithin
blickenden Spitze, da und dort an malerischen Felsabstürzen, nah und
fern, über Schlucht und See hatten fromme Jahrhunderte Gotteshäuser
angeklebt, so daß in dieser Beziehung die tiefe und allgemeine
Frömmigkeit des Heidentums noch zu spüren war, die im Verlauf
vergangener Jahrtausende alle diese Punkte ursprünglich geweiht und so
gegen die bedrohlichen, furchtbaren Mächte dieser wilden Natur sich
göttliche Bundesgenossen geschaffen hatte.

Der junge Eiferer sah alle diese Anstalten römisch-katholischen
Christentums, wie sie den ganzen Kanton Tessin auszeichnen, mit
Befriedigung. Freilich mußte er sich zugleich mit dem Schmerz des
echten Gottesstreiters eingestehen, daß in ihnen weder überall ein
reger und reiner Glaube lebendig war, noch auch nur eine genügend
liebevolle Fürsorge seiner Amtsbrüder, um alle diese verstreuten,
himmlischen Wohnstätten vor Verwahrlosung und Vergessenheit zu
bewahren.

Nach einiger Zeit ward in den engen Fußsteig eingebogen, der in
dreistündiger, mühsamer Steigung zum Gipfel des Generoso führt. Dabei
mußte sehr bald das Bett der Savaglia auf einer verfallenen Brücke
überschritten werden, in deren nächster Nähe das Sammelbecken des
Flüßchens war, das von da aus in seinen selbstgebildeten Erosionsspalt
von hundert und mehr Meter Tiefe hinabstürzte. Hier hörte Francesco
aus verschiedenen Höhen, Tiefen und Richtungen neben dem Rauschen des
zu seinem Sammelbecken heraneilenden Wildwassers, Herdengeläut und sah
einen Mann von rauhem Äußeren -- es war der Gemeindehirt von Soana! --
der lang auf der Erde ausgestreckt, sich mit den Händen am Ufer
stützend, den Kopf zum Wasserspiegel hinabgebeugt, ganz nach Art eines
Tieres seinen Durst löschte. Hinter ihm grasten einige Ziegenmütter
mit ihren Zicklein, während ein Wolfshund mit gespitztem Ohr auf
Befehle wartete und des Augenblicks, wo sein Meister und Herr mit
Trinken fertig war. »Auch ich bin ein Hirte,« dachte Francesco, und
als jener sich von der Erde erhob und mit schneidendem Pfiff durch die
Finger, der an den Felswänden widerhallte und mit weit ausholenden
Steinwürfen seine überallhin verstreuten Tiere bald zu schrecken, bald
weiter zu treiben, bald zurückzurufen und überhaupt vor der Gefahr
des Absturzes zu bewahren suchte, dachte Francesco, wie dies schon bei
Tieren, geschweige bei Menschen, die der Versuchung des Satans
allezeit preisgegeben waren, eine mühevolle und verantwortungsschwere
Arbeit sei.

       *       *       *       *       *

Mit doppeltem Eifer begann nun der Priester weiter zu steigen, nicht
anders, als wenn zu fürchten gewesen wäre, der Teufel könne auf diesem
Wege zu den verirrten Schafen womöglich der Schnellere sein. Als er,
immer von seinem Begleiter geführt, den Francesco einer Unterhaltung
nicht würdigte, eine Stunde und länger steil und beschwerlich
gestiegen war, immer höher und höher in die Felswildnis des Generoso
hinein, hatte er plötzlich die Alpe von Santa Croce auf fünfzig
Schritt vor Augen liegen.

Er wollte nicht glauben, daß jener Steinhaufen und das inmitten davon
befindliche, ohne Mörtel aus flachen Steintafeln geschichtete
Mauerwerk, wie ihn der Führer versichert hatte, das gesuchte Anwesen
sei. Was er erwartet hatte, war, nach dem Reden des Sindaco, eine
gewisse Wohlhabenheit, wogegen diese Behausung höchstens als eine Art
Unterschlupf für Schafe und Ziegen bei plötzlichem Unwetter gelten
konnte. Da es auf einer steilen Halde von Gesteinschutt und kantigen
Felsblöcken lag und der Pfad dahin in seinem Zickzacklaufe verborgen
war, schien der verfluchte Ort ohne Zugänge. Erst nachdem der junge
Priester sein Befremden und einen gewissen Schauder, der sich meldete,
überwunden hatte und näher gedrungen war, gestaltete sich das Bild der
verfemten und gemiedenen Wohnstätte etwas freundlicher.

Ja, die Trümmerstätte verwandelte sich sogar vor den Augen des
näherkommenden Priesters in eitel Lieblichkeit: denn es schien, als
würde die aus großer Höhe losgelöste Lawine von Blöcken und Schutt
durch den rohgemauerten Würfel der Wohnstätte aufgestaut und
festgehalten, so daß unter ihm eine steinfreie, saftig begrünte Lehne
blieb, aus der in entzückender Fülle und holdester Lieblichkeit gelbe
Kuhblumen bis an die Rampe vor die Haustüre hinankletterten -- und als
wären sie neugierig, über die Rampe hinweg und buchstäblich durch die
Haustür in die verfemte Wohnhöhle hinein.

Bei diesem Anblick stutzte Francesco. Dieser Sturmlauf von gelben
Wiesenblumen gegen die verrufene Schwelle hinauf, dieses Hinanblühen
üppiger Prozessionen langgestielter Vergißmeinnicht, unter denen Adern
von Bergwasser versickerten, und die ebenfalls mit ihrem blauen
Abglanz des Himmels die Tür zu erobern suchten, schien ihm beinahe
ein offener Protest gegen Acht, Bann und Femgerichte der Menschen zu
sein. Francesco mußte sich in seinem Staunen, dem eine gewisse
Verwirrung folgte, mit seiner schwarzen Soutane auf einen von der
Sonne gewärmten Gesteinsblock niedersetzen. Er hatte seine Jugend im
Tal und dazu meist in geschlossenen Räumen, Kirchen, Hörsälen oder
Studierzimmern zugebracht. Sein Natursinn war nicht geweckt worden.
Eine Unternehmung, wie diese, in die erhabene, herbe Lieblichkeit des
Hochgebirges hinein, hatte er niemals bisher ausgeführt und würde es
vielleicht niemals getan haben, hätte nicht Zufall und Pflicht vereint
ihm die Bergfahrt aufgedrängt. Nun überwältigte ihn die Neuheit und
die Größe der Eindrücke.

Zum ersten Mal fühlte der junge Priester Francesco Vela eine klare und
ganz große Empfindung von Dasein durch sich hinbrausen, die ihn
augenblicklang vergessen ließ, daß er ein Priester und weshalb er
gekommen war. Alle seine Begriffe von Frömmigkeit, die mit einer Menge
von kirchlichen Regeln und Dogmen verflochten waren, hatte diese
Empfindung nicht nur verdrängt, sondern ausgelöscht. Er vergaß jetzt
sogar, das Kreuz zu schlagen. Unter ihm lag das schöne Luganer Gebiet
der oberitalienischen Alpenwelt, lag Sant Agatha mit dem
Wallfahrtskirchlein, über dem noch immer die braunen Fischräuber
kreisten, lag der Berg San Giorgio, tauchte die Spitze des Monte San
Salvatore auf, und endlich lag in schwindelerregender Tiefe unter ihm,
in die Täler des Gebirgsreliefs wie eine längliche Glasplatte
sorgfältig eingefaßt, der Capolago genannte Arm des Luganer Sees mit
dem segelnden Boot eines Fischers darauf, das einer winzigen Motte auf
einem Handspiegel glich. Hinter alledem waren in der Ferne die weißen
Gipfel der Hochalpen, gleichsam mit Francesco, höher und höher
gestiegen. Daraus hob sich der Monte Rosa weiß, mit sieben weißen
Spitzen hervor, zugleich diademhaft und schemenhaft aus dem seidigen
Blau des Azurs herüberstrahlend.

Wenn man mit Fug von einer Bergkrankheit reden kann, so mit nicht
minderem Recht darf man von einem Zustand reden, der Menschen auf
Berghöhen überkommt, und den man am besten als Gesundheit ohnegleichen
bezeichnet. Diese Gesundheit spürte nun auch der junge Priester im
Blut, wie eine Erneuerung. Neben ihm, zwischen Steinen unter noch
dürrem Heidekraut, stand eine kleine Blume, dergleichen Francesco noch
niemals im Leben erblickt hatte. Es war eine überaus liebliche Spezies
blauen Enzians, dessen Blütenblättchen mit einem flammenden Blau
überraschend köstlich bemalt waren. Der junge Mann in der schwarzen
Soutane ließ das Blümchen, das er in seiner ersten Entdeckerfreude
hatte abpflücken wollen, unbehelligt an seinem bescheidenen Platze
stehen und bog nur das Heidekraut beiseite, um das Wunder lange
entzückt zu betrachten. Überall aus den Steinen drang junges,
hellgrünes Zwergbuchenlaub, und aus einer gewissen Ferne, über den
Lehnen von hartem, grauen Schutt und zartem Grün, meldete sich mit
Glockengeläut die Herde des armen Luchino Scarabota. Diese ganze
Bergwelt besaß eine frühe Eigenart, den Jugendreiz versunkener,
menschlicher Zeitalter, von denen in den Taltiefen keine Spur mehr
vorhanden war.

Francesco hatte seinen Begleiter heimgeschickt, da er den Rückweg
ungestört durch die Gegenwart eines Menschen machen wollte und
überdies bei dem, was er am Herde Luchinos vorhatte, einen Zeugen
nicht wünschen konnte. Er war inzwischen bereits bemerkt worden, und
eine Anzahl schmuddliger und verfilzter Kinderköpfe streckten sich
immer wieder neugierig zu dem schwarzverräucherten Türloch der
Scarabotaschen Gesteinsburg heraus.

Langsam begann sich der Priester ihr anzunähern und betrat jenen
Umkreis des Anwesens, der den großen Viehbestand des Besitzers
anzeigte und von den Rückständen einer großen Herde Rinder und Ziegen
verunreinigt war. In Francescos Nase stieg stärker und stärker mit der
dünnen und kräftigen Bergluft Rinder- und Ziegenduft, dessen steigende
Penetranz am Eingang der Wohnung durch zugleich mit ihm
herausdringenden Holzkohlenrauch erträglich gemacht wurde. Als
Francesco im Rahmen der Tür erschien und mit seiner schwarzen Soutane
das Licht verstellte, waren die Kinder ins Dunkel zurückgewichen, von
wo sie dem Gruße des Priesters, der sie nicht sah, und allen seinen
Anreden Schweigen entgegensetzten. Nur eine alte Mutterziege kam,
meckerte leise und beschnüffelte ihn.

Allmählich war es im Innern des Raumes für das Auge des Boten Gottes
heller geworden. Er sah einen Stall, mit einer hohen Dungschicht
gefüllt und nach hinten in eine natürliche Höhle vertieft, die
ursprünglich im Nagelflu, oder was für Gestein es sein mochte,
vorhanden war. In einer groben Steinwand rechts war ein Durchgang
geöffnet, durch den der Priester einen Blick auf den jetzt verlassenen
Herd der Familie tat: einen Aschenberg, innen noch voll Glut und zwar
auf dem natürlich zutage liegenden Felsen des Fußbodens
aufgeschichtet. An einer von dickem Ruß überdeckten Kette hing ein
verbeulter, ebenfalls verrußter, kupferner Topf darüber herab. An
dieser Feuerstätte des Steinzeitmenschen stand eine lehnenlose Bank,
deren faustdickes, breites Sitzbrett auf zwei ebenso breiten, im
Felsen befestigten Pfeilern ruhte und das seit einem Jahrhundert und
länger von Generationen ermüdeter Hirten, Hirtenweiber und Kinder
abgewetzt und poliert worden war. Das Holz schien nicht mehr Holz,
sondern ein gelber, polierter Marmor oder Speckstein zu sein, aber mit
zahllosen Narben und Schnitten. Der quadratische Raum, der im übrigen
mit seinen natürlich ungeputzten, aus rohen Blöcken und
Schieferplatten geschichteten Mauern mehr einer Höhle glich und aus
dem der Qualm durch die Tür in den Stall und wiederum von dort durch
die Tür vollends ins Freie drang, weil er außer etwa durch
Undichtigkeiten der Wände sonst keinen Abzug hatte, der Raum also war
vom Qualm und Ruß der Jahrzehnte geschwärzt, so daß man beinahe den
Eindruck gewinnen konnte, im Innern eines dickverrußten Kamines zu
sein.

Eben bemerkte Francesco den eigentümlichen Glanz von Augen, die aus
einem Winkel hervorleuchteten, als draußen ein Rollen und Rutschen von
Gesteinschutt hörbar ward und gleich darauf die Gestalt Luchino
Scarabotas in die Tür und wie ein lautloser Schatten vor die Sonne
trat, wodurch sich der Raum noch tiefer verdunkelte. Der verwilderte
Berghirt atmete schwer, nicht allein deshalb, weil er in kurzer Zeit
den Weg von einer entfernten, höher gelegenen Alm gemacht, nachdem er
von dort aus die Ankunft des Priesters beobachtet hatte, sondern weil
dieser Besuch ein Ereignis für den Verfemten war.

Die Begrüßung war kurz. Francesco wurde von seinem Wirt zum Sitzen
genötigt, nachdem er die Specksteinbank mit seinen rauhen Händen
von Steinen und abgerissenen Kuhblumen gesäubert hatte, die der
verfluchten Brut seiner Kinder als Spielzeug gedient hatten.

Der Berghirte schürte und blies aus vollen Backen das Feuer an, wobei
seine fieberhaften Augen im Widerschein noch wilder erglänzten. Er
nährte die Flamme mit Scheiten und trockenem Reisig auf, so daß der
beizende Qualm den Priester beinahe vertrieben hätte. Das Betragen des
Hirten war von kriechender Unterwürfigkeit und von einem ängstlichen
Eifer getragen, dermaßen, als ob nun alles darauf ankäme, sich die
Gnade des höheren Wesens nicht zu verscherzen, das seine schlechte
Wohnung betreten hatte. Er brachte eine große schmutzige Gelte voll
Milch herbei, deren Oberfläche dicken Rahm abgesetzt hatte, aber
leider auf eine unglaubliche Weise verunreinigt war, so daß Francesco
sie schon deshalb nicht anrühren konnte. Er wies aber auch den Genuß
von frischem Käse und reinlichem Brote zurück, trotzdem er hungrig
geworden war, weil er sich in abergläubischer Scheu damit zu
versündigen fürchtete. Schließlich, als der Berghirt sich ein wenig
beruhigt hatte und mit furchtsam wartenden Blicken und hängenden Armen
ihm gegenüber stand, begann der Priester also zu reden:

       *       *       *       *       *

»Luchino Scarabota, Ihr sollt des Trostes unserer heiligen Kirche
nicht verlustig gehen, und Eure Kinder sollen aus der Gemeinschaft
katholischer Christen nicht ferner verstoßen sein, wenn es sich
entweder herausstellt, daß die üblen Gerüchte über Euch unwahr sind,
oder wenn Ihr redlich beichtet, Reue und Zerknirschung zeigt und Euch
bereit findet, mit Gottes Hilfe den Stein des Anstoßes aus dem Wege zu
räumen. Also öffnet mir zuerst Euer Herz, Scarabota, bekennet mit
Freimut, worin Ihr verleumdet seid und mit wahrhaftiger Wahrheit die
Sündenschuld, die Euch etwa belastet.«

Nach dieser Anrede schwieg der Hirt. Es rang sich nur plötzlich ein
kurzer, wilder Ton aus seiner Kehle hervor, der aber keinerlei Gefühl
verriet, vielmehr etwas Glucksendes, Vogelartiges an sich hatte. Wie
es Francesco geläufig war, schritt er alsbald dazu, dem Sünder die
schrecklichen Folgen der Verstocktheit vorzustellen und die
versöhnliche Güte und Liebe Gottes des Vaters, die er durch das Opfer
seines einigen Sohnes bewiesen habe, das Opfer des Lammes, das die
Sünden der Welt auf sich nahm. Durch Jesum Christum, schloß er, kann
jede Sünde vergeben werden, vorausgesetzt, daß eine rückhaltlose
Beichte, verbunden mit Reue und Gebet, dem himmlischen Vater die
Zerknirschung des armen Sünders bewiesen hat.

Erst nachdem Francesco, der Priester, eine lange Weile gewartet hatte
und sich achselzuckend erhob, wie es schien, um davon zu gehen, begann
der Hirte ein unverständliches Durcheinander von Worten durch die
Kehle zu würgen: eine Art Gewölle, wie es der Raubvogel tut. Und mit
gespannter Aufmerksamkeit versuchte der Priester das Verständliche aus
dem Wuste festzuhalten. Aber dieses Verständliche erschien ihm ebenso
wie das Dunkle fremd und wunderbar. Nur so viel ward aus der
beängstigenden und beklemmenden Menge eingebildeter Dinge klar, daß
Luchino Scarabota sich seines Beistandes gegen allerlei Teufel, die in
den Bergen hausten und ihn bedrängten, versichern wollte.

Es hätte dem jungen, gläubigen Priester schlecht angestanden, am
Dasein und Wirken von bösen Geistern zu zweifeln. War doch die
Schöpfung erfüllt von allen Arten und Graden gefallener Engel aus dem
Gefolge Luzifers, des Empörers, den Gott verstoßen hatte; hier aber
grauste ihm, er wußte nicht, ob vor der Verfinsterung durch unerhörten
Aberglauben, auf die er traf, oder ob vor der hoffnungslosen
Erblindung durch Unwissenheit. Er beschloß, mittels einzelner Fragen
sich über den Vorstellungskreis und das Begriffsvermögen seines
Parochialen ein Urteil zu bilden.

Da ward denn alsbald ersichtlich: dieser wilde, verwahrloste Mensch
wußte nichts von Gott, noch viel weniger von Jesus Christus, dem
Heiland, am allerwenigsten vom Vorhandensein eines heiligen Geists.
Dagegen gewann es den Anschein, als fühle er sich von Dämonen umgeben
und sei besessen von einem düsteren Verfolgungswahn. Und in dem
Priester sah er nicht etwa den berufenen Diener Gottes, sondern viel
eher einen mächtigen Zauberer oder den Gott. Was sollte Francesco
anderes tun, als sich bekreuzigen, während der Hirte sich demütig auf
die Erde warf und mit feuchten, wulstigen Lippen seine Schuhe
abgöttisch zu belecken und mit Küssen zu bedecken begann.

Der junge Priester hatte sich noch niemals in einer ähnlichen Lage
befunden. Die dünne Bergluft, der Frühling, die Trennung von der
eigentlichen Schicht der Zivilisation brachten es mit sich, daß sein
Bewußtsein sich ein wenig umnebelte. Etwas wie ein traumhafter Bann
zog ins Bereich seiner Seele ein, darin sich die Wirklichkeit zu
schwebenden Luftgebilden auflöste. Diese Veränderung verband sich mit
einer leisen Furchtsamkeit, die ihm mehrmals schleunige Flucht hinab
ins Bereich der geweihten Kirchen und Glocken anraten wollte. Der
Teufel war mächtig, wer konnte wissen, wie viele Mittel und Wege er
hatte, den ahnungslosen, gutgläubigsten Christen hinanzulocken und vom
Rande eines schwindelerregenden Abgrunds hinabzustürzen.

Man hatte Francesco nicht gelehrt, daß die Götzen der Heiden nur leere
Gebilde der Phantasie und nichts weiter gewesen seien. Die Kirche
anerkannte ausdrücklich ihre Macht, nur daß sie dieselbe als eine Gott
feindliche hinstellte. Sie kämpften noch immer, wenn auch
hoffnungslos, mit dem allmächtigen Gott um die Welt. Deshalb erschrak
der bleiche, junge Priester nicht wenig, als sein Wirt ein hölzernes
Ding aus irgendeinem Winkel seiner Behausung hervorholte, eine
greuliche Schnitzerei, die zweifellos einen Fetisch vorstellte. Trotz
seines priesterlichen Abscheus vor dem zuchtlosen Gegenstand, konnte
Francesco nicht umhin, das Gebilde näher zu betrachten. Mit Abscheu
und Staunen gestand er sich, daß hier die scheußlichste, heidnische
Greuel, nämlich die des ländlichen Priapdienstes, noch lebendig sei.
Nichts anderes, als Priap konnte, wie klar ersichtlich war, das
primitive Kultbild vorstellen.

Kaum hielt Francesco den kleinen, harmlosen Zeugungsgott, den Gott der
ländlichen Fruchtbarkeit, der bei den Alten so offen in hohen Ehren
stand, als sich die sonderbare Umklammerung seines Wesens in heiligen
Zorn umsetzte. Er warf zunächst, ohne Überlegung, das schamlose,
kleine Alräunchen ins Feuer hinein, von wo es aber mit der
Schnelligkeit eines Hundes-Zufahren der Hirt im selben Augenblick
wieder herausholte. Es glimmte da und es brannte dort, wurde aber
sofort durch die rauhen Hände des Heidenmenschen in den alten
ungefährlichen Zustand versetzt. Nun mußte es aber, samt seinem
Retter, eine Flut von strafenden Worten über sich hingehen lassen.

Luchino Scarabota schien nicht zu wissen, welchen von beiden Göttern
er für den stärkeren halten sollte: den von Holz oder den von Fleisch
und Blut. Indessen hielt er den Blick, in dem sich Entsetzen und
Grauen mit tückischer Wut mischten, auf die neue Gottheit gerichtet,
deren frevelhafte Kühnheit jedenfalls nicht auf ein Bewußtsein von
Schwäche schließen ließ. Einmal im Zuge, ließ sich der Bote des
einigen und alleinigen Gottes in seinem heiligen Eifer durch noch so
gefährliche Blicke des umnachteten Götzendieners nicht einschüchtern.
Und ohne alle Umstände kam er nun auch auf die verruchte Sünde zu
sprechen, der, wie man allgemein behauptete, der Kindersegen des
Berghirten zu verdanken war.

In die lauten Reden des jungen Priesters platzte gleichsam die
Schwester Scarabotas hinein, die aber, ohne zu reden und nur
verstohlen den Eiferer musternd, sich da und dort in der Höhle zu tun
machte. Sie war ein bleiches und widerwärtiges Weib, dem Waschwasser,
wie es schien, eine unbekannte Sache war. Man sah ihren nackten Körper
durch die Risse verwahrloster Kleider unangenehm hindurch schimmern.

Nachdem der Priester geendet und seinen Vorrat von strafenden Anklagen
fürs erste erschöpft hatte, schickte das Weib den Bruder mit einem
kurzen, kaum hörbar gesprochenen Wort ins Freie hinaus. Ohne
Widerspruch war der wilde Mensch sogleich wie der folgsamste Hund
verschwunden. Hierauf küßte die schmutzstarrende Sünderin, der das
verfilzte, schwarze Haar über die breiten Hüften hing, mit den Worten
»Gelobt sei Jesus Christus!« dem Priester die Hand.

Gleich darauf brach sie in Tränen aus.

Sie sagte, der Priester habe ganz recht, wenn er sie mit harten Worten
verurteile. Sie habe sich allerdings versündigt gegen Gottes Gebot,
wenn auch keineswegs in der Weise, wie es die Verleumdung ihr
nachrede. Sie allein sei die Sünderin, ihr Bruder dagegen vollkommen
unschuldig. Sie schwor und zwar bei allen Heiligen, daß sie jener
fürchterlichen Sünde, der man sie zeihe, der Blutschande nämlich,
niemals verfallen wäre. Freilich habe sie unkeusch gelebt, und da sie
nun einmal im Beichten sei, so sei sie bereit, die Väter ihrer Kinder
zu beschreiben, wenn auch nicht alle namhaft zu machen. Denn nur die
wenigsten Namen wisse sie, da sie, wie sie sagte, aus Not oftmals ihre
Gunst an vorüberkommende Fremde verkauft habe.

Im übrigen habe sie ihre Kinder ohne jede Hilfe mit Schmerzen zur Welt
gebracht, und einige hätte sie müssen da und dort, bald nach der
Geburt, im Schutte des Generoso wieder begraben. Ob er sie nun
absolvieren könne oder nicht, sie wisse trotzdem, daß Gott ihr
verziehen habe, denn sie habe durch Nöte, Leiden und Sorgen genügsam
gebüßt.

Francesco konnte nicht anders, als die weinende Beichte des Weibes wie
ein Gewebe von Lügen ansehen, wenigstens soweit das Verbrechen in
Frage kam. Freilich fühlte er, es gab Handlungen, die jedem
Bekenntnis vor Menschen unbedingt widerstreben und die nur Gott allein
in einsamer Stille des Gebetes erfährt. Er achtete in dem verkommenen
Weibe diese Schamhaftigkeit und konnte sich überhaupt nicht verhehlen,
daß sie in mancher Beziehung höher als ihr Bruder geartet war. In der
Art ihrer Rechtfertigung lag eine klare Entschlossenheit. Das Auge
gestand, aber ein Geständnis durch Worte würden ihr weder gutes
Zureden, noch glühende Zangen des Henkers entrissen haben. Sie war es
gewesen, wie sich ergab, die den Mann zu Francesco gesandt hatte. Sie
hatte den jungen, bleichen Priester gesehen, als sie eines Tages nach
Lugano zum Markte ging, wo sie die Erzeugnisse ihrer Alm verhandelte,
und sie hatte bei seinem Anblick Vertrauen und den Gedanken gefaßt,
ihm ihre verfemten Kinder ans Herz zu legen. Sie allein war das
Familienhaupt und trug die Sorge für Bruder und Kinder.

»Ich lasse es unerörtert,« sagte Francesco, »inwieweit Ihr schuldig
oder unschuldig seid. Eines steht fest: wenn Ihr Eure Kinder nicht wie
Tiere aufwachsen lassen wollt, so müßt Ihr Euch von dem Bruder
trennen. Solange Ihr mit ihm lebt, wird der furchtbare Leumund, den
Ihr habt, niemals zum Schweigen zu bringen sein. Immer wird man die
schreckliche Sünde bei Euch voraussetzen.«

Nach diesen Worten schien Verstockung und Trotz im Gemüte des Weibes
herrschend zu werden, jedenfalls gab sie keine Antwort und widmete
sich so, als ob kein Fremder zugegen wäre, eine längere Weile
häuslicher Tätigkeit. Währenddessen kam ein etwa fünfzehnjähriges
Mädchen herein, das einige Ziegen in die Öffnung des Stalles trieb und
sich alsdann, ebenfalls als wenn Francesco nicht da wäre, an der
Arbeit des Weibes beteiligte. Der junge Priester wußte sofort, als er
nur erst den Schatten des Mädchens durch die Tiefe der Höhle gleiten
sah, daß es von ungewöhnlicher Schönheit sein mußte. Er bekreuzte
sich, denn er hatte einen leisen Schrecken unerklärlicher Art im
Körper gespürt. Er wußte nicht, ob er in Gegenwart der jugendlichen
Hirtin seine Ermahnungen wieder aufnehmen sollte. Zwar war sie, wie
nicht zu bezweifeln war, von Grund aus verderbt, da Satan sie auf dem
Wege der schwärzesten Sünde zum Leben erweckt hatte, aber es konnte
doch noch ein Rest von Reinheit in ihr sein, und wer mochte wissen, ob
sie von ihrem schwarzen Ursprung eine Ahnung hatte.

Ihre Bewegungen zeigten jedenfalls eine große Gelassenheit, aus der
man keineswegs auf Unruhe des Gemütes oder Gewissensbeschwernis
schließen konnte. Im Gegenteil war alles an ihr von einer
bescheidenen Selbstsicherheit, die durch das Dasein des Pfarrers nicht
berührt wurde. Sie hatte Francesco bis jetzt nicht mit einem Blicke
gestreift, wenigstens nicht so, daß er ihrem Auge begegnet wäre oder
sie sonstwie ertappt hätte. Ja, während er selbst sie verstohlen durch
die Brille beobachtete, mußte er mehr und mehr in Zweifel ziehen, ob
wirklich ein Kind der Sünde, ein Kind solcher Eltern von dieser
Beschaffenheit sein könnte. Endlich verschwand sie über eine
Steigeleiter in eine Art Dachgelaß hinauf, so daß nun Francesco sein
mühsames Seelsorgerwerk fortsetzen konnte.

»Ich kann meinen Bruder nicht verlassen,« sagte die Frau, »und zwar
ganz einfach deshalb, weil er ohne mich hilflos ist. Er kann zur Not
seinen Namen schreiben, und ich habe ihm das nur mit der größten Mühe
beigebracht. Er kennt keine Münze, und vor der Eisenbahn, der Stadt
und den Menschen fürchtet er sich. Wenn ich fortgehe, wird er mich
verfolgen, wie ein armer Hund seinen verlorenen Herrn verfolgt. Er
wird mich entweder finden oder elend zugrunde gehen: und was soll dann
aus den Kindern und unserem Besitztum werden. Bleibe ich mit den
Kindern hier, so wollte ich den wohl sehen, dem es gelänge, meinen
Bruder fortzuschaffen: man müßte ihn denn in Ketten tun und hinter
Eisenstangen in Mailand einschließen.«

Der Priester sagte: »Dies kann sich am Ende noch ereignen, wenn Ihr
meinem guten Rate nicht folgen wollt.«

Da gingen die Ängste des Weibes in Wut über. Sie habe ihren Bruder zu
Francesco geschickt, damit er sich ihrer erbarme, aber nicht deshalb,
damit er sie unglücklich mache. Es sei ihr dann schon lieber, von
denen da unten gehaßt und ausgestoßen weiter zu leben, wie bisher. Sie
sei eine gute Katholikin, aber wen die Kirche ausstoße, der habe ein
Recht, sich dem Teufel anheimzugeben. Und was sie bisher noch nicht
getan habe, die große, ihr zur Last gelegte Sünde, werde sie dann
vielleicht erst tun.

In diese mit einzelnen Schreien gemischten, gepreßten Worte der Frau
hörte Francesco von dort, wo das Mädchen verschwunden war, von oben her,
immer einen süßen Gesang bald im leisesten Hauch, bald stärker
schwellend hineinklingen: so daß seine Seele mehr in diesem melodischen
Banne, als bei den Wutausbrüchen des verkommenen Weibes war. Und eine
Welle stieg heiß in ihm, verbunden mit einer Bangigkeit, wie er sie nie
gefühlt hatte. Das qualmige Loch dieses tierisch-menschlichen
Wohnstalles schien, wie durch Zauberei, in die lieblichste aller
kristallenen Grotten des Danteschen Paradieses verwandelt zu
sein: -- voll Engelstimmen und lachtaubenartig klingender Fittiche.

Er ging. Es war ihm unmöglich, noch länger, ohne sichtbar zu beben,
solchen verwirrenden Einflüssen standzuhalten. Draußen, vor dem
ausgehöhlten Steinhaufen angelangt, sog er die Frische der Bergluft
ein und ward sogleich, wie ein leeres Gefäß, mit dem ungeheuren
Eindruck der Bergwelt angefüllt. Seine Seele ward gleichsam in die
weiteste Kraft des Auges verlegt und bestand aus den kolossalen Massen
der Erdrinde, von fernen, schneeichten Spitzen zu nahen, furchtbaren
Abgründen, unter der königlichen Helle des Frühlingstags. Noch immer
sah er braune Fischadler überm Zuckerhut von Sant Agatha ihre
selbstvergessenen Kreise ziehn. Da verfiel er darauf, der verfemten
Familie dort einen heimlichen Gottesdienst abzuhalten und eröffnete
diesen Gedanken der Frau, die kummervoll auf die vom gelben Löwenzahn
umwucherte Schwelle der Höhle getreten war. »Nach Soana dürft Ihr
nicht kommen, wie Ihr ja selber wißt,« sagte er, »würde ich Euch dazu
einladen, ich und Ihr, wir würden gleich übel beraten sein.«

Wiederum ward das Weib bis zu Tränen gerührt und versprach, sich an
einem bestimmten Tage mit dem Bruder und den älteren Kindern vor der
Kapelle von Sant Agatha einzufinden.

       *       *       *       *       *

Als der junge Priester soweit aus dem Bereich der Wohnstätte Luchino
Scarabotas und seiner fluchbeladenen Familie war, daß er von dort aus
nicht mehr gesehen werden konnte, wählte er einen von der Sonne
durchwärmten Block zum Ruheplatz, um über das eben Erlebte
nachzudenken. Er sagte sich, daß er zwar mit einem schauerlichen
Interesse, aber doch pflichtmäßig nüchternen Sinnes und ohne jeden
Vorschmack von dem heraufgestiegen war, was ihn jetzt auf so
ahnungsvolle Weise beunruhigte. Was war das doch? Er zupfte, strich
und putzte lange an seiner Soutane herum, als ob er es dadurch
loslösen könnte.

Als er nach einiger Zeit noch immer nicht die erwünschte Klarheit
empfand, nahm er gewohnheitsgemäß sein Brevier aus der Tasche, aber
auch das alsbald begonnene, laute Lesen befreite ihn nicht von einer
gewissen wunderlichen Unschlüssigkeit. Es war ihm zumute, als ob er
irgendetwas, einen wichtigen Punkt seiner Sendung, zu erledigen
vergessen hätte. Deshalb wandte er seine Blicke unter der Brille immer
wieder mit einer gewissen Erwartung den Weg zurück und konnte sich
nicht ermannen, den begonnenen Abstieg fortzusetzen.

So verfiel er in seltsame Träumerei, aus der ihn zwei kleine Vorfälle
weckten, die seine aus dem gewohnten Bereich gebrochene Phantasie mit
erheblicher Übertreibung sah: erstlich zersprang ihm mit einem Knick,
durch den Einfluß der kalten Bergluft, das rechte Brillenglas, und
fast unmittelbar darauf hörte er ein fürchterliches Geprust über
seinem Kopf und spürte einen heftigen Druck auf den Schultern.

Der junge Priester war aufgesprungen. Er lachte laut, als er die
Ursache seines panischen Schreckens in einem scheckigen Geißbock
erkannte, der ihm einen Beweis seines unbegrenzten Vertrauens dadurch
gegeben hatte, daß er ohne jedwede Rücksicht gegen sein geistliches
Gewand mit den Vorderhufen auf seine Schultern gesprungen war.

Damit begann aber erst seine höchst vertrauliche Zudringlichkeit. Der
zottige Bock mit den starken, schön gewundenen Hörnern und
feuerspeienden Augen war gewohnt, wie es schien, vorüberkommende
Bergsteiger anzubetteln und tat dies auf eine so drollige,
entschlossene und unwiderstehliche Art, daß man sich seiner nur durch
die Flucht erwehren konnte. Er setzte Francesco immer wieder,
hochaufgebäumt, die Hufe vor die Brust und schien entschlossen,
nachdem der Bedrängte sich eine Durchschnupperung seiner Taschen
hatte gefallen lassen müssen und einige Brotreste mit unglaublicher
Gier verschluckt worden waren, Haar, Nase und Finger des Priesters
abzuknabbern.

Eine alte, bärtige Geiß, der Glocke und Euter bis auf die Erde hing,
war dem Wegelagerer nachgefolgt und begann, durch diesen ermutigt, den
Priester ebenso zu bedrängen. Ihr hatte das mit Goldschnitt und Kreuz
versehene Brevier besonderen Eindruck gemacht, und es gelang ihr,
während Francesco mit der Abwehr eines gewundenen Bockshorns zu tun
hatte, sich des Büchelchens zu bemächtigen. Und seine schwarz
bedruckten Blätter für grüne nehmend, aß sie, nach des Propheten
Vorschrift, die heiligen Wahrheiten buchstäblich und gierig in sich
hinein.

In solchen Nöten, die sich durch Ansammlung anderer, vereinzelt
weidender Tiere noch gesteigert hatten, erschien mit einemmal die
Hirtin als Retterin. Es war eben dasselbe Mädchen, das Francesco
zuerst in der Hütte Luchinos flüchtig erblickt hatte. Er sagte, als
die schlanke und starke Person, nachdem sie die Ziegen verscheucht
hatte, mit frisch geröteten Wangen und lachenden Augen vor ihm stand:
»Du hast mich gerettet, braves Mädchen!« Und er setzte ebenfalls
lachend hinzu, indem er sein Brevier aus den Händen der jungen Eva
entgegennahm: »Es ist eigentlich wunderlich, daß ich trotz meines
Hirtenamts gegen deine Herde so hilflos bin.«

Ein Priester darf sich nicht länger, als seine kirchliche Pflicht etwa
erfordert, mit einem jungen Mädchen oder Weibe unterhalten, und die
Gemeinde vermerkt es sofort, wenn er außerhalb der Kirche bei einer
solchen Begegnung zu zweien gesehen wird. So hatte denn auch
Francesco, eingedenk seines strengen Berufs, ohne sich lange zu
verweilen, seinen Rückweg fortgesetzt: dennoch hatte er ein Gefühl,
als ob er sich auf einer Sünde ertappt hätte und bei nächster
Gelegenheit sich durch eine reuige Beichte reinigen müsse. Noch war er
nicht aus dem Bereich der Herdenglocken gelangt, als der Klang einer
weiblichen Stimme zu ihm drang, der ihn plötzlich wiederum alle
Meditationen vergessen machte. Die Stimme war so geartet, daß er nicht
auf den Gedanken kam, sie könne der eben zurückgelassenen Hirtin
angehören. Francesco hatte nicht nur zu Rom die kirchlichen Sänger des
Vatikans, sondern auch öfters früher mit seiner Mutter in Mailand
weltliche Sängerinnen gehört, und also war ihm Koloratur und bel canto
der Primadonnen nicht unbekannt. Er stand unwillkürlich still und
wartete. Unzweifelhaft sind es Touristen von Mailand, dachte er und
hoffte womöglich, im Vorübergehen, die Besitzerin dieser herrlichen
Stimme ins Auge zu fassen. Da sie nicht kommen wollte, setzte er
weiter Fuß vor Fuß, sorgsam absteigend, in die schwindelerregende
Tiefe hinunter.

Was Francesco im ganzen und im einzelnen auf diesem Berufsgang erlebt
hatte, war äußerlich nicht der Rede wert, wenn man die Greuel nicht in
Erwägung zieht, die ihre Brutstätte in der Hütte der armen Geschwister
Scarabota hatte. Aber der junge Priester fühlte sogleich, wie diese
Bergfahrt für ihn ein Ereignis von großer Bedeutung geworden war, wenn
er auch über den ganzen Umfang dieser Bedeutung vorläufig noch nicht
entfernt Bescheid wußte. Er spürte, daß von innen heraus eine Umwandlung
mit ihm vorgegangen war. Er befand sich in einem neuen Zustande, der ihm
von Minute zu Minute wunderlicher und einigermaßen verdächtig war, aber
doch lange nicht so verdächtig, daß er womöglich den Satan gewittert
oder etwa ein Tintenfaß nach ihm geschleudert haben würde, wenn er es
auch in der Tasche gehabt hätte. Die Bergwelt lag wie ein Paradies unter
ihm. Zum allerersten Male wünschte er sich, mit unwillkürlich gefalteten
Händen, Glück, von seinem Oberen gerade mit der Verwaltung dieser Pfarre
betraut worden zu sein. Was war, gegen diese köstliche Tiefe gehalten,
Petri Tuch, das an drei Zipfeln von Engeln gehalten vom Himmel kam. Wo
gab es eine für Menschenbegriffe größere Majestät, wie diese
unzugänglichen Generoso-Schroffen, an denen fort und fort der dumpfe
Frühlingsdonner schmelzenden Schnees in Lawinen hörbar ward.

       *       *       *       *       *

Vom Tage seines Besuches bei den Verfemten an konnte sich Francesco zu
seinem Erstaunen nicht mehr in den gedankenlosen Frieden seines
früheren Daseins zurückfinden. Das neue Gesicht, das die Natur für ihn
angenommen hatte, verblaßte nicht mehr, und sie wollte sich auf keine
Weise in ihren früheren, unbeseelten Zustand zurückdrängen lassen. Die
Art ihrer Einwirkungen, durch die der Priester nicht nur am Tage,
sondern auch in seinen Träumen beängstet wurde, nannte er und erkannte
er zunächst als Versuchungen. Und da der Glaube der Kirche, schon
dadurch, daß er ihn bekämpft, mit dem heidnischen Aberglauben
verschmolzen ist, so führte Francesco seine Verwandlung allen Ernstes
auf die Berührung jenes hölzernen Gegenstandes zurück, jenes
Alräunchens, das der struppige Hirt aus dem Feuer gerettet hatte. Da
war unzweifelhaft noch ein Rest jener Greuel lebendig geblieben,
denen die Alten unter dem Namen des Phallus-Dienstes huldigten, jenes
schmachvollen Kultes, der durch den heiligen Krieg des Kreuzes Jesu in
der Welt niedergezwungen worden war. -- Bis dahin, als er den
scheußlichen Gegenstand erblickt hatte, war allein das Kreuz in
Francescos Seele eingebrannt. Man hatte ihn, nicht anders, wie wenn
man die Schafe einer Herde mit einem glühenden Stempel zeichnet, mit
dem Brandmal des Kreuzes versehen, und dieses Stigma war, im Wachen
und Träumen gegenwärtig, zum Wesenssymbol seiner selbst geworden. Nun
blickte der leidige und leibhaftige Satan über dem Kreuzesbalken
herab, und das höchst unsaubere, entsetzliche Satyr-Symbol nahm in
immerwährendem Wettstreit mehr und mehr die Stelle des Kreuzes ein.

Francesco hatte, neben dem Bürgermeister, vor allem seinem Bischof
über den Erfolg seines Hirtenganges Bericht erstattet, die Antwort,
die er von ihm erhielt, war eine Billigung seines Vorgehens. »Vor
allem,« schrieb der Bischof, »vermeiden wir jedes laute Ärgernis.« Er
fand es überaus klug, daß Francesco für die armen Sünder einen
besonderen und geheimen Gottesdienst auf Sant Agatha, in der Kapelle
der heiligen Mutter Mariens, anberaumt hatte. Aber die Anerkennung
seines Oberen konnte den Seelenfrieden Francescos nicht herstellen,
er vermochte den Gedanken nicht los zu werden, daß er von dort oben
mit einer Art Bezauberung behaftet zurückgekommen sei.

In Ligornetto, wo Francesco geboren war, und wo sein Oheim, der
berühmte Bildhauer, die letzten zehn Jahre seines Lebens zugebracht
hatte, war noch derselbe alte Pfarrer, der ihn als Knabe in die
Heilswahrheiten des katholischen Glaubens eingeführt und ihm den Weg
der Gnade gewiesen hatte. Diesen alten Priester suchte er eines Tages
auf, nachdem er den Weg von Soana bis Ligornetto in beiläufig drei
Stunden zurückgelegt hatte. Der alte Priester hieß ihn willkommen und
war mit sichtlicher Rührung bereit, die Beichte des jungen Mannes, die
er ihm abzulegen wünschte, entgegenzunehmen. Natürlich absolvierte er
ihn.

Francescos Gewissensnöte sind ungefähr in folgender Eröffnung, die er
dem Alten machte, ausgedrückt. Er sagte: »Seit ich bei den armen
Sündern auf der Alpe von Santa Croce war, befinde ich mich in einer
Art von Besessenheit. Ich schüttele mich. Es ist mir, als hätte ich
nicht etwa einen anderen Rock, sondern geradezu eine andere Haut
angezogen. Wenn ich den Wasserfall von Soana rauschen höre, so möchte
ich am liebsten in die tiefe Schlucht hinunterklettern und mich unter
die stürzenden Wassermassen stellen, stundenlang, gleichsam um
äußerlich und innerlich rein und gesund zu werden. Sehe ich das Kreuz
in der Kirche, das Kreuz über meinem Bett, so lache ich. Es will mir
nicht gelingen, wie früher, zu weinen und zu seufzen und mir die
Leiden des Heilands vorzustellen. Dagegen werden meine Augen von
allerlei Gegenständen angezogen, die dem Alräunchen des Luchino
Scarabota ähnlich sind. Manchmal sind sie ihm auch ganz unähnlich, und
ich sehe doch eine Ähnlichkeit. Um zu studieren, um mich in das
Studium der Kirchenväter recht tief versenken zu können, hatte ich
Vorhänge an die Fenster meines Stübchens gemacht. Ich habe sie nun
hinweg genommen. Der Gesang der Vögel, das Rauschen der vielen Bäche
durch die Wiesen, an meinem Haus nach der Schneeschmelze, ja, der Duft
der Narzissen störte mich. Jetzt öffne ich meine Fensterflügel weit,
um das alles recht gierig zu genießen.

Dies alles beängstet mich,« hatte Francesco fortgefahren, »aber es ist
vielleicht nicht das Schlimmste. Schlimmer ist vielleicht, daß ich,
wie durch schwarze Magie, in das Machtbereich unsauberer Teufel
geraten bin. Ihr Zwicken und Zwacken, ihr freches Kitzeln und Anreizen
zur Sünde, zu jeder Stunde Tages und Nachts, ist fürchterlich. Ich
öffne das Fenster, und durch ihren Zauber kommt es mir vor, als
strotze der Gesang der Vögel in dem blühenden Kirschbaum unter meinem
Fenster von Unzüchtigkeit. Ich werde durch gewisse Formen der Rinde
der Bäume herausgefordert und durch sie, ja, durch gewisse Linien der
Berge an Teile des corporis femini erinnert. Es ist ein schrecklicher
Sturmlauf hinterlistiger, tückischer und häßlicher Dämonen, dem ich
trotz aller Gebete und Kasteiungen überantwortet bin. Die ganze Natur,
ich sage es euch mit Schaudern, rauscht, braust und donnert manchmal
vor meinen erschrockenen Ohren ein ungeheures Phallus-Lied, womit sie,
wie ich trotz allen Sträubens zu glauben gezwungen bin, dem
erbärmlichen, kleinen, hölzernen Götzen des Hirten huldigt.

Dies alles steigert natürlich,« hatte Francesco fortgefahren, »meine
Unruhe und Gewissensnot, um so mehr, als ich es als meine Pflicht
erkenne, gegen den Pestherd oben auf der Alp als Streiter zu Felde zu
ziehen. Es ist aber immer noch nicht der ärgste Teil meines
Bekenntnisses. Schlimmer ist: sogar in die eigensten Pflichten meines
Berufs hat sich, mit einer gleichsam höllischen Süssigkeit, etwas wie
ein allesverwirrendes, unaustilgbares Gift gemischt. Ich bin zunächst
mit reiner und heiliger Gewalt durch die Worte Jesu von dem verlorenen
Schaf und dem Hirten, der die Herde verläßt, um es von den
unzugänglichen Felsen zurückzubringen, ergriffen worden. Nun aber
zweifle ich, ob diese Absicht noch immer in alter Reinheit vorhanden
ist. Sie hat an leidenschaftlichem Eifer zugenommen. Ich erwache des
Nachts, das Gesicht in Tränen gebadet, und alles löst sich, ob der
verlorenen Seelen da oben, bei mir in schluchzendes Mitleid auf. Doch
wenn ich sage: verlorene Seelen, so ist hier vielleicht der Punkt, wo
mit einem scharfen Schnitt die Lüge von der Wahrheit getrennt werden
muß. Nämlich die sündige Seele Scarabotas und seiner Schwester wird
vor meinem inneren Auge einzig und allein durch das Bild ihrer
Sündenfrucht, das heißt ihrer Tochter, eingenommen.

Ich frage mich nun, ob nicht unerlaubtes Verlangen nach ihr die
Ursache meines scheinbar gottgefälligen Eifers ist, und ob ich recht
tue und nicht Gefahr des ewigen Todes laufe, wenn ich mein scheinbar
gottgefälliges Werk fortsetze.«

Meist sehr ernst, doch einige Male lächelnd, hatte der alte,
welterfahrene Priester die pedantische Beichte des Jünglings angehört.
Dies war Francesco, wie er ihn kannte, mit seinem gewissenhaften,
äußeren und inneren Ordnungssinn und seinem Bedürfnis nach
übersichtlicher Akkuratesse und Sauberkeit. Er sagte: »Francesco,
fürchte dich nicht. Schreite nur weiter deinen Weg, wie du ihn immer
geschritten bist. Es kann dich nicht wundern, wenn sich die
Machenschaften des bösen Feindes gerade dann am mächtigsten und
gefährlichsten zeigen, wenn du daran gehst, ihm seine schon gleichsam
sicheren Opfer wiederum zu entreißen.«

In befreiter Stimmung trat Francesco aus der Pfarrwohnung auf die
Straße des kleinen Ortes Ligornetto heraus, in dem er seine erste
Jugend verlebt hatte. Es ist ein Dörfchen, das, auf breiter Talsohle
ziemlich flach gelegen, von fruchtbaren Feldern umgeben ist, auf dem
über Gemüse und Halmen-Früchten sich die Weinrebe, festgedrehten
dunklen Strängen gleich, von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum herüber und
hinüber schlingt. Auch diese Lage wird von den gewaltigen Schroffen
des Monte Generoso beherrscht, der hier, in seiner Westseite, von
seinen breiten Fundamenten aus majestätisch sichtbar wird.

Es war um die Mittagszeit, und Ligornetto befand sich, wie es schien,
in einem Zustand der Verschlafenheit. Francesco wurde auf seinem Gange
kaum von einigen gackernden Hühnern, einigen spielenden Kindern und am
Ende des Dorfes von einem kläffenden Hündchen begrüßt. Hier, nämlich
am Ende des Dorfes, war, wie ein Riegel, das mit den Mitteln eines
vermögenden Mannes errichtete Wohnhaus seines Oheims vorgeschoben, das
buen retiro jenes Vincenzo, des Bildhauers, das nun unbewohnt und als
eine Art Gedächtnisstiftung in den Besitz des Kantons Tessin
übergegangen war. Francesco schritt die Stufen zu dem verlassenen und
verwilderten Garten hinauf und gab alsdann dem plötzlich entstandenen
Wunsche nach, auch einmal das Innere des Hauses wiederzusehen. Nahe
wohnende Bauersleute, alte Bekannte, händigten ihm den Schlüssel aus.

Die Beziehungen, die der junge Priester zur Kunst hatte, waren die bei
seinem Stande herkömmlichen. Sein berühmter Oheim war seit etwa zehn
Jahren tot und nach dem Tage der Bestattung hatte Francesco die Räume
des berühmten Künstlerheims nicht wieder gesehen. Er hätte nicht sagen
können, was ihn auf einmal zum Besuche des leeren Hauses bewog, das er
bisher meist nur mit flüchtiger Anteilnahme im Vorübergehen betrachtet
hatte. Der Oheim war ihm niemals mehr, als eine Respektsperson, deren
Wirkungskreis ihm eine fremde, nichts bedeutende Sache war.

Als Francesco den Schlüssel im Schloß gewendet und durch die in
verrosteten Angeln knarrende Tür den Hausflur betrat, kam ihn ein
leiser Schauder an vor der verstaubten Stille, die ihm den
Treppenaufgang herab und von allenthalben aus den offenstehenden
Zimmern entgegen hauchte. Gleich rechts vom Hausflur war des
verstorbenen Künstlers Bibliothek, die sogleich erkennen ließ, daß
hier ein bildungseifriger Mann gelebt hatte. In niedrigen Schränken
fanden sich hier, außer Vasari, die sämtlichen Werke von Winckelmann,
während der italienische Parnaß durch die Sonette von Michelangelo,
durch Dante, Petrarca, Tasso, Ariost und andere vertreten war. In
eigens gebauten Schränken war eine Sammlung von Handzeichnungen und
Radierungen untergebracht, eine andere von Medaillen der Renaissance
und allerlei wertvolle Seltenheiten, darunter bemalte, etruskische
Tonvasen, und einige andere Antiken aus Bronze und Marmor waren im
Zimmer aufgestellt. Da und dort hing ein besonders schönes Blatt von
Lionardo und Michelangelo eingerahmt an der Wand, das etwa einen
männlichen oder weiblichen Körper nackt darstellte. Das folgende
kleine Kabinett war sogar beinahe von oben bis unten an dreien seiner
Wände mit solchen Objekten angefüllt.

Von da aus trat man in einen Kuppelsaal, dessen Höhe durch mehrere
Stockwerke reichte und der von oben sein Licht empfing. Hier hatte
Vincenzo mit Modellierholz und Meißel gearbeitet, und die Gipsabgüsse
seiner besten Schöpfungen füllten in einer gedrängten und stummen
Versammlung diesen beinahe kirchlichen Raum.

Beengt, ja, beängstigt und vor dem Hall seiner eignen Schritte
erschreckend, gleichsam mit bösem Gewissen war Francesco bis hierher
gelangt und ging nun daran, eigentlich zum erstenmal dieses und jenes
Werk des Oheims zu betrachten. Da war neben einer Statue Michelangelos
Ghiberti zu sehen. Ein Dante war da, Werke, die mit Punktierungszeichen
überdeckt waren, da man die Modelle vergrößert in Marmor ausgeführt
hatte. Aber diese weltberühmten Gestalten konnten die Aufmerksamkeit des
jungen Priesters nicht lange festhalten. Neben ihnen waren die Statuen
dreier junger Mädchen aufgestellt, der Töchter eines Marchese, der
vorurteilsfrei genug gewesen war, sie durch den Meister in völlig
unbekleidetem Zustande porträtieren zu lassen. Dem Ansehen nach war die
jüngste der jungen Damen nicht über zwölf, die zweite nicht über
fünfzehn, die dritte nicht über siebzehn Jahr. Francesco erwachte erst,
nachdem er die schlanken Körper lange selbstvergessen betrachtet hatte.
Diese Arbeiten trugen ihre Nacktheit nicht, wie die der Griechen, als
natürlichen Adel und Ebenbild der Gottheit zur Schau, sondern man
empfand sie als Indiskretion aus dem Alkoven. Erstlich war die Kopie der
Urbilder von diesen nicht losgelöst und als solche durchaus erkenntlich
geblieben: und diese Urbilder schienen zu sagen: wir sind unanständig
entblößt und gegen unseren Willen und unser Schamgefühl durch brutalen
Machtspruch entkleidet worden. Als Francesco aus seiner Versenkung
erwachte, pochte sein Herz, und er blickte furchtsam nach allen Seiten.
Er tat nichts Schlimmes, aber er empfand es bereits als Sünde, mit
solchen Gebilden allein zu sein.

Er beschloß, um nicht noch am Ende ertappt zu werden, so schnell als
möglich davon zu gehen. Als er jedoch die Haustür wieder erreicht
hatte, klinkte er, statt sich zu entfernen, den Türgriff von innen ins
Schloß und drehte dazu noch den Schlüssel herum, so daß er nun in dem
gespenstischen Hause des Toten eingesperrt, von niemand mehr
überrascht werden konnte. Nachdem dies geschehen war, begab er sich
vor das gipserne Ärgernis der drei Grazien zurück.

Hier kam ihn alsbald, indem sein Herzklopfen stärker wurde, ein
bleicher und scheuer Wahnwitz an. Er empfand den Zwang, der ältesten
unter den Marchesinnen, als wäre sie lebend, über das Haar zu
streicheln. Obgleich diese Handlung offenkundig und seinem eigenen
Urteil nach an Wahnsinn streifte, war sie doch noch einigermaßen
priesterlich. Aber die zweite Marchesina mußte sich bereits ein
Streicheln über Schulter und Arm gefallen lassen: eine volle Schulter
und einen vollen Arm, der in eine weiche und zärtliche Hand endigte.
Bald war Francesco an der dritten, der jüngsten Marchesina, durch
weitergehende Zärtlichkeit und schließlich durch einen scheuen
verbrecherischen Kuß unter die linke Brust zum fassungslos verwirrten
und zerknirschten Sünder geworden, dem nicht besser zumute war, als
jenem Adam, der die Stimme des Herrn vernahm, nachdem er vom Apfel der
Erkenntnis gekostet hatte. Er floh. Er lief, wie gehetzt, davon.

       *       *       *       *       *

Die folgenden Tage verbrachte Francesco teils in den Kirchen mit
Gebet, teils in seiner Pfarrwohnung mit Kasteiungen. Seine
Zerknirschung und seine Reue war groß. Bei einer Inbrunst der Andacht,
wie er sie bisher nicht gekannt hatte, durfte er hoffen, am Schlusse
über die Anfechtungen des Fleisches Sieger zu sein. Immerhin war der
Kampf des guten und bösen Prinzips in seiner Brust mit ungeahnter
Furchtbarkeit losgebrochen, so daß es ihm schien, als ob Gott und der
Teufel zum erstenmal ihren Kampfplatz in seine Brust verlegt hätten.
Auch der eigentlich unverantwortliche Teil seines Daseins, der Schlaf,
bot dem jungen Klerikus keinen Frieden mehr; denn gerade diese
unbewachte, nachtschlafene Zeit schien dem Satan besonders willkommen,
verführerische und verderbliche Gaukeleien in der sonst so
unschuldsvollen Seele des Jünglings anzurichten. Eines Nachts, am
Morgen, er wußte nicht, ob es im Schlafen oder im Wachen geschehen
war, sah er im weißen Lichte des Mondes die drei weißen Gestalten der
schönen Töchter des Marchese in sein Zimmer und an sein Bett treten
und bei genauerem Anblick erkannte er, wie jede auf magische Weise mit
dem Bilde der jungen Hirtin auf der Alpe von Santa Croce verschmolzen
war.

Ohne Zweifel war von dem spielzeugartig kleinen Anwesen Scarabotas bis
herunter ins Zimmer des Priesters, in das die Alpe durchs Fenster sah,
eine Verbindung hergestellt, deren Hanf nicht von Engeln gesponnen
wurde. Francesco wußte genug von der himmlischen Hierarchie und ebenso
auch genug von der höllischen, um sofort zu erkennen, wes Geistes Kind
diese Arbeit war. Francesco glaubte an Hexenkunst. Erfahren in manchem
Zweige der scholastischen Wissenschaft, nahm er an, daß böse Dämonen,
um gewisse verderbliche Wirkungen auszuüben, sich den Einfluß der
Gestirne zunutze machen. Er hatte gelernt, hinsichtlich des Körpers
gehöre der Mensch zu den Himmelskörpern, der Verstand stelle ihn den
Engeln gleich, sein Wille sei unter Gott geordnet, aber Gott lasse es
zu, daß gefallene Engel seinen Willen von Gott ablenkten, und das
Reich der Dämonen nehme durch Bündnis mit solchen schon verführten
Menschen zu. Überdies könne ein zeitlicher, körperlicher Affekt, von
den höllischen Geistern ausgenützt, oft die Ursache ewigen Verderbens
eines Menschen sein. Kurz, der junge Priester zitterte bis ins Mark
seiner Knochen und fürchtete sich vor dem giftigen Biß der Diaboli,
vor den Dämonen, die nach Blut riechen, vor der Bestie Behemoth und
ganz besonders vor Asmodeus, dem ausgemachten Dämon der Hurerei.

Er konnte sich zunächst nicht entschließen, bei den verfluchten
Geschwistern die Sünde der Hexenkunst und der Zauberei vorauszusetzen.
Freilich machte er eine Erfahrung, die ihm in arger Weise verdächtig
war. Jeden Tag nahm er mit heiligem Eifer und allen Mitteln der
Religion eine Purifikation seines Inneren vor, um es von dem Bilde des
Hirtenmädchens zu reinigen und immer wieder stand es klarer, fester
und deutlicher da. Was war das für eine Malerei und für eine
unzerstörbare Tafel aus Holz darunter, oder was war es für eine
Leinwand, die man weder durch Wasser, noch Feuer auch nur im
geringsten angreifen konnte.

Wie dieses Bild sich überall vordrängte, ward manchmal Gegenstand
seiner stillen und erstaunten Beobachtung. Er las ein Buch, und wenn
er das weiche Antlitz, umrahmt von dem eigentümlich rötlich erdbraunen
Haar, mit weiten dunklen Augen blickend, auf einer Seite sah, so
blätterte er ein vorangeheftetes Blatt herum, durch das es bedeckt und
versteckt werden sollte. Aber es schlug durch jedes Blatt, als ob
keines vorhanden wäre, wie es sich auch sonst durch Vorhänge, Türen
und Mauer im Hause und ebenso in der Kirche durchsetzte.

Bei solchen Beängstigungen und inneren Zwistigkeiten verging der junge
Priester vor Ungeduld, da der bestimmte Termin für den besonderen
Gottesdienst auf dem Gipfel von Sant Agatha nicht schnell genug
herbeikommen wollte. Er wünschte, so bald wie möglich die übernommene
Pflicht zu tun, weil er dadurch vielleicht das Mädchen den Klauen des
Höllenfürsten entreißen konnte. Er wünschte noch mehr: das Mädchen
wiederzusehen, was er aber am meisten ersehnte, war die Befreiung, die
er bestimmt erhoffte, von seiner martervollen Verzauberung. Francesco
aß wenig, brachte den größten Teil seiner Nächte wachend zu, und
täglich verhärmter und bleicher werdend geriet er bei seiner Gemeinde
noch mehr als bisher in den Geruch einer exemplarischen Frömmigkeit.

Der Morgen war endlich herbeigekommen, an dem der Pfarrer die armen
Sünder in die Kapelle bestellt hatte, die hoch auf dem Zuckerhut von
Sant Agatha gelegen war. Der äußerst beschwerliche Weg dort hinauf
konnte unter zwei Stunden nicht zurückgelegt werden. Francesco trat um
die neunte Stunde, fertig zum Gang, auf den Dorfplatz von Soana
hinaus, heiteren und erfrischten Herzens und die Welt mit neugeborenen
Augen betrachtend. Man näherte sich dem Anfang des Mai, und so hatte
ein Tag begonnen, wie er köstlicher nicht zu denken war, aber der
junge Mensch hatte Tage von gleicher Schönheit schon oft erlebt, ohne
doch die Natur, so wie heut, wie den Garten Eden selbst zu empfinden.
Heute umgab ihn das Paradies.

Frauen und Mädchen standen, wie meistens, um den von klarem Bergwasser
überfließenden Sarkophag herum und begrüßten den Priester mit lauten
Rufen. Etwas in seiner Haltung und in seinen Mienen, dazu die festliche
Frische des jungen Tages hatte den Wäscherinnen Mut gemacht. Die Röcke
zwischen die Beine geklemmt, so daß bei einigen die braunen Waden und
Knie sichtbar waren, standen sie herabgebeugt, mit den kräftigen,
ebenfalls braunen, nackten Armen wacker arbeitend. Francesco trat an
die Gruppe heran. Er fand sich veranlaßt, allerhand freundliche Worte zu
sagen, deren keines in einem Zusammenhange mit seinem geistlichen Amte
stand und die von gutem Wetter, gutem Mut und einem zu hoffenden guten
Weinjahre handelten. Zum erstenmal, wahrscheinlich durch den Besuch im
Hause seines Oheims, des Bildhauers, angeregt, ließ sich der junge
Priester herbei, den Ornamentfries des Sarkophages zu betrachten, der in
einem Bacchantenzuge bestand und hüpfende Satyren, tanzende
Flötenspielerinnen und den von Panthern gezogenen Wagen des Dionysos,
des mit Trauben bekränzten Weingottes, zeigte. Es erschien ihm in diesem
Augenblick nicht sonderbar, daß die Alten die steinerne Hülle des Todes
mit Gestalten überschäumenden Lebens bedeckt hatten. Die Weiber und
Mädchen, unter denen einige von ungewöhnlicher Schönheit waren,
schwatzten und lachten bei dieser Besichtigung in ihn hinein, und
zeitweilig kam es ihm vor, als ob er selbst von berauschten Mänaden
umjauchzt wäre.

Dieser zweite Aufstieg in die Bergnatur war, mit dem ersten
verglichen, wie der eines Menschen mit offenen Augen gegen den eines
anderen gehalten, der blind von Mutterleibe ist. Francesco hatte mit
zwingender Deutlichkeit das Gefühl, er sei plötzlich sehend geworden.
In diesem Sinne erschien ihm die Betrachtung des Sarkophags durchaus
kein Zufall, sondern tief bedeutungsvoll. Wo war der Tote? Lebendiges
Wasser des Lebens füllte den offenen Stein und Totenschrein, und die
ewige Auferstehung war in der Sprache der Alten auf der Fläche des
Marmors verkündet. So verstand sich das Evangelium.

Freilich war dies ein Evangelium, dem wenig mit jenem, was er früher
gelernt und gelehrt hatte, gemeinsam blieb. Es stammte keineswegs von
den Blättern und Lettern eines Buchs, sondern viel eher kam es durch
Gras, Kraut und Blumen aus der Erde gequollen oder mit dem Licht aus
dem Mittelpunkt der Sonne herabgeflossen. Die ganze Natur nahm ein
gleichsam sprechendes Leben an. Die Tote und Stumme ward rege,
vertraulich, offen und mitteilsam. Plötzlich schien sie dem jungen
Priester alles zu sagen, was sie bisher verschwiegen hatte. Er schien
ihr Liebling, ihr Auserwählter, ihr Sohn zu sein, den sie, wie eine
Mutter, in das heilige Geheimnis ihrer Liebe und Mutterschaft
einweihte. Alle Abgründe des Schreckens, alle Ängste seiner
aufgestörten Seele waren nicht mehr. Nichts war von allen
Finsternissen und Bangigkeiten des vermeintlichen höllischen
Sturmlaufs übrig geblieben. Die ganze Natur strömte Güte und Liebe
aus, und Francesco, an Güte und Liebe überreich, konnte ihr Güte und
Liebe zurückgeben.

Sonderbar: indem er mühsam, oft von kantigen Steinen abrutschend,
durch Ginster, Buchen und Brombeer-Dickicht aufwärts kletterte, umgab
ihn der Frühlingsmorgen wie eine glückselige und ebenso gewaltige
Symphonie der Natur, die mehr von der Schöpfung, als von Geschaffenem
redete. Offen gab sich das Mysterium eines dem Tode für immer
enthobenen Schöpfungswerks. Wer diese Symphonie nicht vernahm, so
schien es dem Priester, der betrog sich selbst, wenn er mit dem
Psalmisten »jubilate Deo omnis terra« oder »benedicte coeli domino« zu
lobsingen sich unterfing.

In satter Fülle rauschte der Wasserfall von Soana in seine enge
Schlucht hinunter. Sein Brausen klang voll und schwelgerisch. Seine
Sprache konnte nicht überhört werden. Bald dumpfer, bald heller
herüberschlagend, tönte im ewigen Wandel die Stimme der Sättigung.
Lawinendonner löste sich von des Generoso gigantischer Schattenwand,
und wenn er für Francesco hörbar ward, hatte sich die Lawine selbst,
mit lautlosen Strömen von Schneegeröll, bereits in das Bett der
Savaglia hinabgeschüttet. Wo gab es da irgend etwas in der Natur, das
nicht in der Wandlung des Lebens begriffen und das ohne Seele war:
etwas, darin nicht ein drängender Wille sich betätigte? Wort, Schrift,
Gesang und treibendes Herzblut war überall. Legte die Sonne nicht
wohlig eine warme Hand im Rücken zwischen seine Schultern? Zischten
nicht und bewegten sich nicht die Blätter der Lorbeer- und
Buchen-Dickichte, wenn er im Vorübergehen sie streifte? Quoll nicht
das Wasser überall und zeichnete überall, leise plaudernd, die Faden-
und Knotenschrift seiner Rinnsale? Las nicht er, Francesco Vela, und
lasen nicht die Faserwurzeln von Myriaden kleiner und großer Gewächse
darin, und war es nicht ihr Geheimnis, das in Myriaden von Blumen und
Blütenkelchen sich darstellte? Des Priesters Hand erhob einen winzigen
Stein und fand ihn mit rötlichen Flechten beschlagen: auch hier eine
sprechende, malende, schreibende Wunderwelt, eine formende Form, die
für die überall im Bilde wirkende Bildkraft des Lebens Zeugnis
ablegte.

Und legten nicht die Stimmen der Vögel das gleiche Zeugnis ab, die
sich in unendlich zarten, unsichtbaren Fäden über den Höhlungen des
gewaltigen Felstales netzartig vereinigten? Dieses hörbare Maschennetz
schien sich zuweilen für Francesco in sichtbare Fäden eines silbernen
Glanzes umzuwandeln, die ein innerliches und sprechendes Feuer
flimmern machte. War es nicht in Formen hörbar und sichtbar gemachte
Liebe und offenbartes Glück der Natur? Und war es nicht köstlich, wie
dieses Gespinst, so oft es verwehte oder zerriß, wie mit eilig
fliegenden, unermüdlichen Weberschiffchen immer wieder verbunden
wurde? Wo saßen die kleinen gefiederten Weber? man sah sie nicht, wenn
nicht etwa ein kleiner Vogel stumm und eilig seinen Ort wechselte: die
winzigsten Kehlen strömten diese alles überjubelnde, weithin tragende
Sprache aus.

Wo alles quoll, wo alles pulsierte, sowohl in ihm, als um ihn herum,
wußte Francesco den Platz des Todes nicht auszumitteln. Er berührte
den Stamm eines Kastanienbaums und fühlte, wie er die Nahrungssäfte
durch sich empordrängte. Er trank die Luft wie eine lebendige Seele
ein und wußte zugleich, daß sie es war, der er das Atmen und Lobsingen
seiner eigenen Seele verdankte. Und war sie es nicht allein, die aus
seiner Kehle und Zunge ein sprechendes Werkzeug der Offenbarung
machte? Francesco verzog vor einem wimmelnden, eifrig tätigen
Ameisenhaufen einen Augenblick. Eine winzige, kleine Haselmaus war von
den rätselhaften Tierchen fast ganz von ihrem grazilen Skelett
präpariert worden. Sprach das köstliche, kleine Skelett und die in der
Wärme des Ameisenstaates untergegangene und verschwundene Haselmaus
nicht von der Unzerstörbarkeit des Lebens, und hatte nicht die Natur
in ihrem Bildnerdrang oder Zwang nur die neue Form gesucht? Der
Priester sah, diesmal nicht unter sich, sondern hoch über sich,
wiederum die braunen Fischadler von Sant Agatha. Ihre beschwingten und
gefiederten Körper trugen das Wunder des Bluts, das Wunder des
pulsierenden Herzens in majestätischer Wonne durch den Raum. Aber wer
mochte verkennen, daß die wechselnden Kurven ihres Flugs auf die blaue
Seide des Himmels eine deutliche unverkennbare Schrift zeichneten,
deren Sinn und Schönheit aufs engste mit Leben und Liebe verbunden
war. Francesco war nicht anders zumut, als ob ihn die Vögel zum Lesen
aufforderten. Und wenn sie mit der Bahn ihrer Flüge schrieben, so war
ihnen auch die Kraft des Lesens nicht versagt. Francesco gedachte des
weittragenden Blicks, der diesen geflügelten Fischern beschieden ward.
Und er gedachte der zahllosen Augen der Menschen, der Vögel, der
Säugetiere, der Insekten und Fische, mit denen die Natur sich selbst
erblickt. Mit einem immer tieferen Staunen erkannte er sie in ihrer
unendlichen Mütterlichkeit. Sie sorgte dafür, daß ihren Kindern nichts
im allmütterlichen Bereich ungenossen verborgen blieb: sie waren von
ihr nicht allein mit den Sinnen des Auges, des Ohrs, des Geruches,
des Geschmackes und des Gefühls begabt worden, sondern sie hatte, wie
Francesco fühlte, für die Wandlungen der Äonen noch unzählige, neue
Sinne bereit. Was war das für ein gewaltiges Sehen, Hören, Riechen,
Schmecken und Fühlen in der Welt! -- Und eine weißliche Wolke stand
über den Fischadlern. Sie glich einem strahlenden Lustgezelt. Aber
auch sie verließ ihren Ort und wurde zusehends im lebendigsten Wechsel
umgewandelt.

       *       *       *       *       *

Es waren tiefe und mystische Kräfte, die dem Priester Francesco den
Star gestochen hatten. Aber die Folie dieses Erlebnisses war der ihn
uneingestandenermaßen beglückende Umstand, daß er vier köstliche
Stunden vor sich sah, die ein Wiedersehen mit dem armen, verfemten
Hirtenmädchen in sich schlossen. Dieses Bewußtsein machte ihn sicher
und reich, als könne die so kostbar erfüllte Zeit nicht vorübergehen.
Dort oben, ja, dort oben, wo die kleine Kapelle stand, über der die
Fischadler kreisten, erwartete ihn, wie er meinte, ein Glück, um das
ihn die Engel beneiden mußten. Er stieg und stieg, und der seligste
Eifer beflügelte ihn. Was er dort oben vorhatte, mußte sicherlich eine
Art von Verklärung über ihn ausgießen und ihn in losgelöster
Himmelsnähe beinahe dem guten ewigen Hirten selbst gleich machen.
»Sursum corda! Sursum corda!« Er sprach den Gruß Francisci immer vor
sich hin, während die heilige Agathe neben ihm schritt, jene
Märtyrerin, der man das Kapellchen hoch oben geweiht hatte und die dem
Tode durch Henkershand wie einem fröhlichen Tanze entgegengegangen
war. Und hinter ihr und ihm, so kam es Francesco im eifrigen Steigen
vor, folgte ein Zug von heiligen Frauen, die alle dem Liebeswunder auf
dem festlichen Gipfel beiwohnen wollten. Maria selbst schritt, mit
köstlich gelöstem, ambrosischen Haar und lieblichen Füßen, weit vor
dem Priester und seiner Prozession der seliggesprochenen Weiber hin,
damit sich unter ihrem Blick, unter ihrem Hauch, unter ihren Sohlen
die Erde festlich für alle mit Blumen bedecke. »Invoco te! invoco te!«
hauchte Francesco in sich verzückt, »invoco te nostra benigna stella!«

Ohne Ermüdung war der Priester auf dem Gipfel des Bergkegels
angelangt, der kaum breiter war, als es der Grundriß des kleinen dort
befindlichen Gotteshauses erforderte. Er gab noch einem schmalen Rande
und einem engen Vorplätzchen Raum, dessen Mitte von einer jungen, noch
blätterlosen Kastanie eingenommen wurde. Ein Stück des Himmels oder
von Mariens blauem Gewand schien um das Wildkirchlein hingestreut, so
hatte der blaue Enzian sich um das Heiligtum ausgebreitet. Oder man
konnte auch meinen, die Spitze des Berges habe sich einfach in den
Azur des Himmels getaucht.

Der Chorknabe und die Geschwister Scarabota waren schon anwesend und
hatten es sich unter der Kastanie bequem gemacht. Francesco
erbleichte, denn seine Blicke waren vergebens, wenn auch nur flüchtig,
nach der jungen Hirtin ausgewesen. Er nahm aber eine strenge Miene an
und öffnete mit einem großen, rostigen Schlüssel die Kapellentür, ohne
sich die Enttäuschung und den bestürzten Kampf seiner Seele merken zu
lassen. Er trat in das enge Kirchlein ein, in dem der Chorknabe
alsbald hinter dem Altar einiges für die Zelebrierung der Messe
vorbereitete. Aus einer mitgebrachten Flasche ward etwas Weihwasser in
das ausgetrocknete Becken getan, in das die Geschwister nun ihre
harten und sündigen Finger tauchen konnten. Sie besprengten und
bekreuzigten sich und ließen sich mit scheuer Ehrfurcht gleich hinter
der Türschwelle auf die Knie nieder.

Indessen begab sich Francesco, getrieben von Unruhe, nochmals ins
Freie hinaus, wo er mit einer plötzlichen stummen und tiefen
Erschütterung, nach einigem Umherschreiten, etwas unterhalb der
Plattform des Gipfels das Mädchen, das er suchte, über einem
Sternenhimmel leuchtend blauen Enzianes ruhend fand. -- »Komm herein,
ich warte auf dich«, rief der Priester. Sie erhob sich, anscheinend
träge und sah ihn unter gesenkten Wimpern mit einem ruhigen Blicke an.
Dabei schien sie in lieblicher Weichheit leise zu lächeln, was aber
nur mit der natürlichen Bildung des süßen Mundes, mit dem lieblichen
Leuchten der blauen Augen und den zarten Grübchen der vollen Wangen
zusammenhing.

In diesem Augenblick vollzog sich die schicksalsschwere Erneuerung und
Vervollkommnung des Bildes, das Francesco in seiner Seele gehegt
hatte. Er sah ein kindlich unschuldvolles Madonnengesicht, dessen
verwirrender Liebreiz mit einer ganz leisen, schmerzlichen Herbheit
verbunden war. Die etwas starke Röte der Wangen ruhte auf einer
weißen, nicht braunen Haut, aus der die feuchte Röte der Lippen mit
der Glut des Granatapfels leuchtete. Jeder Zug in der Musik dieses
kindlichen Hauptes war zugleich Süße und Bitterkeit, Schwermut und
Heiterkeit. In seinem Blick lag schüchternes Zurückweichen und
zugleich ein zärtliches Fordern: beides nicht mit der Heftigkeit
tierischer Regungen, sondern unbewußt blumenhaft. Schienen die Augen
das Rätsel und das Märchen der Blume in sich zu schließen, so glich
die ganze Erscheinung des Mädchens vielmehr einer schönen und reifen
Frucht. Dieses Haupt, wie Francesco bei sich mit Verwunderung
feststellte, gehörte noch ganz einem Kinde an, soweit sich darin die
Seele ausdrückte, nur eine gewisse traubenhaft schwellende Fülle
deutete auf die überschrittene Grenze des Kindesalters und auf die
erreichte Bestimmung des Weibes hin. Das teils erdfarbenbraune, teils
von lichteren Strähnen durchzogene Haar war in schwerer Krone um
Schläfe und Stirn gebunden. Etwas von schwerer, etwas von innerlich
gährender, edelreifer Schläfrigkeit schien die Wimper des Mädchens
niederzuziehen und gab ihren Augen eine gewisse feuchte, überdrängende
Zärtlichkeit. Aber die Musik des Hauptes ging unterhalb des
elfenbeinernen Halses in eine andere über, deren ewige Noten einen
anderen Sinn ausdrücken. Mit den Schultern begann das Weib. Es war ein
Weib von jugendlicher und reifer Fülle, das beinahe zur Überfülle
neigte und das nicht zu dem kindlichen Haupte zu gehören schien. Die
nackten Füße und starken gebräunten Waden trugen eine fruchthafte
Fülle, die fast, wie dem Priester dünkte, zu schwer für sie war.
Dieses Haupt besaß das sinnenheiße Mysterium seines isishaften Körpers
unbewußt, höchstens leise ahndevoll. Aber gerade darum erkannte
Francesco, daß er diesem Haupte und diesem allmächtigen Leibe
rettungslos auf Tod und Leben verfallen war.

Was nun aber auch der Jüngling im Augenblick des Wiedersehens mit dem
durch Erbsünde so schwer belasteten Gottesgeschöpf alles erblickte,
erkannte und empfand, außer daß seine Lippen ein wenig zuckten, konnte
man ihm deswegen nichts anmerken. »Wie heißt du eigentlich?« fragte er
nur die sündenerfüllte Sündlose. Die Hirtin nannte sich Agata und tat
dies mit einer Stimme, die Francesco wie das Lachen einer
paradiesischen Lachtaube dünkte. »Kannst du schreiben und lesen?«
fragte er. Sie erwiderte: »Nein!« »Weißt du etwas von der Bedeutung
des heiligen Meßopfers?« Sie sah ihn an und antwortete nicht. Da gebot
er ihr in das Kirchlein zu treten und begab sich selbst vor ihr
hinein. Hinter dem Altar half ihm der Knabe in das Meßgewand,
Francesco setzte sich das Barett aufs Haupt, und die heilige Handlung
konnte beginnen: nie hatte sich der junge Mensch dabei, wie jetzt, von
einer so feierlichen Inbrunst durchdrungen gefühlt.

Ihm kam es vor, als wenn ihn der allgütige Gott erst jetzt zu seinem
Diener berufen hätte. Der Weg priesterlicher Weihen, den er
zurückgelegt hatte, schien ihm jetzt nicht mehr, als eine trockene,
inhaltlose und trügerische Übereilung zu sein, die mit dem wahrhaft
Göttlichen nichts gemein hatte. Nun aber war die göttliche Stunde, die
heilige Zeit in ihm angebrochen. Die Liebe des Heilands war wie ein
himmlischer Feuerregen, in dem er stand, und durch den alle Liebe
seines eigenen Innern plötzlich befreit und entflammt wurde. Mit
unendlicher Liebe weitete sich sein Herz in die ganze Schöpfung hinein
und ward mit allen Geschöpfen im gleichen, entzückten Pulsschlag
verbunden. Aus diesem Rausch, der ihn fast betäubte, brach das Mitleid
mit aller Kreatur, brach der Eifer für das Göttlichgute mit
verdoppelter Kraft hervor, und er glaubte nun erst die heilige
Mutterkirche und ihren Dienst ganz zu verstehen. Er wollte nun mit
einem ganz anderen, erneuten Eifer ihr Diener werden.

Und wie hatte ihm nicht der Weg, der Aufstieg zu diesem Gipfel, das
Geheimnis erschlossen, nach dessen Sinn er Agata gefragt hatte. Ihr
Schweigen, vor dem er selber stumm geworden war, bedeutete ihm, ohne
daß er es merken ließ, gemeinsames Wissen durch Offenbarung, die ihnen
beiden nun widerfahren war. War nicht die ewige Mutter der Inbegriff
aller Wandlungen und hatte er nicht die verwahrlosten und im Finsteren
tappenden, verlorenen Gotteskinder auf diesen überirdischen Gipfel
gelockt, um ihnen das Wandlungswunder des Sohnes, das ewige Fleisch
und Blut der Gottheit zu weisen? So stand der Jüngling und hob den
Kelch, mit überströmenden Augen, voll Freudigkeit. Es kam ihm vor, als
ob er selber zum Gott würde. In diesem Zustand der Auserwählten, des
heiligen Werkzeugs, den er empfand, fühlte er sich mit unsichtbaren
Organen in alle Himmel hineinwachsen, in einem Gefühl von Freude und
Allgewalt, das ihn, wie er glaubte, über das ganze wimmelnde Gezücht
der Kirchen und ihrer Pfaffheit unendlich erhob. Sie sollten ihn
sehen, die Augen zu ihm in die schwindelnde Höhe seines Altars, auf
dem er stand, mit staunender Ehrfurcht emporrichten. Denn er stand auf
dem Altar in einem ganz anderen und höheren Sinne, als Petri
Schlüsselhalter, der Papst, es nach seiner Erwählung tut. Krampfhaft
verzückt hielt er den Kelch der Eucharistia und der Wandlungen, als
ein Symbol des ewig sich neu gebärenden Gottesleibes der ganzen
Schöpfung in die Unendlichkeit des Raums, wo es wie eine zweite,
hellere Sonne leuchtete. Und während er seines Erachtens eine
Ewigkeit, in Wirklichkeit zwei oder drei Sekunden, dastand mit dem
erhobenen Heiligtum, kam es ihm vor, als ob der Zuckerhut von Sant
Agatha von unten bis oben mit lauschenden Engeln, Heiligen und
Aposteln bedeckt wäre. Allein beinahe noch herrlicher schien ihm ein
dumpfer Paukenlaut und ein Reigen schön gekleideter Frauen, der sich,
verbunden mit Blumengewinden, klar durch die Mauern sichtbar, rund um
die kleine Kapelle bewegte. Dahinter drehten sich in verzückter
Raserei die Mänaden des Sarkophags, tanzten und hüpften die
ziegenfüßigen Satyrn, deren einige das hölzerne Fruchtbarkeitssymbol
des Luchino Scarabota in fröhlicher Prozession umhertrugen.

       *       *       *       *       *

Der Abstieg nach Soana brachte Francesco eine grüblerische
Ernüchterung, wie jemandem, der die letzte Hefe aus dem Becher des
Rausches getrunken hat. Die Familie Scarabota war nach der Messe
davongegangen: Bruder, Schwester und Tochter hatten beim Abschied
dankbar die Hand des jungen Priesters geküßt.

Wie er nun mehr und mehr in die Tiefe stieg, wurde ihm ebenso mehr und
mehr der Zustand seiner Seele verdächtig, in dem er dort oben die
Messe gelesen hatte. Auch der Gipfel von Sant Agatha war sicherlich
früher eine irgendeinem Abgott geweihte, heidnische Kultstätte, was
ihn da oben scheinbar mit dem Brausen des heiligen Geistes ergriffen
hatte, vielleicht dämonische Einwirkung jener entthronten Theokratie,
die Jesus Christus gestürzt hatte, deren verderbliche Macht aber vom
Schöpfer und Lenker der Welt immer noch zugelassen war. In Soana und
in seinem Pfarrhause angelangt, hatte das Bewußtsein, sich einer
schweren Sünde schuldig gemacht zu haben, den Priester ganz
eingenommen, und seine Ängste deswegen wurden so hart, daß er noch vor
dem Mittagessen die Kirche betrat, die Wand an Wand mit seiner Wohnung
lag, um sich in heißen Gebeten dem höchsten Mittler anzuvertrauen und
womöglich in seiner Gnade zu reinigen.

In einer deutlich gefühlten Hilflosigkeit bat er Gott, ihn den
Angriffen der Dämonen nicht auszuliefern. Er spüre sehr wohl, so
bekannte er, wie sie sein Wesen auf allerlei Weise angriffen,
jenachdem einengten oder über seine bisherigen, heilsamen Grenzen
ausdehnten und in erschrecklicher Weise verwandelten. »Ich war ein
sorgsam angebautes, kleines Gärtlein zu deiner Ehre,« sagte Francesco
zu Gott. »Nun ist es in einer Sintflut ertrunken, die vielleicht durch
Einflüsse der Planeten steigt und steigt, und auf deren uferlosen
Fluten ich in einem winzigen Kahne umhertreibe. Früher wußte ich genau
meinen Weg. Es war derselbe, den deine heilige Kirche ihren Dienern
vorzeichnet. Jetzt werde ich mehr getrieben, als daß ich des Zieles
und des Weges sicher bin.

Gib mir,« flehte Francesco, »meine bisherige Enge und meine Sicherheit
und gebiete den bösen Engeln, sie mögen davon ablassen, ihre
gefährlichen Anschläge gegen deinen hilflosen Diener zu richten.
Führe, o führe uns nicht in Versuchung. Ich bin zu den armen Sündern
hinaufgestiegen in Deinem Dienst, mache, daß ich mich in den
festbeschränkten Kreis meiner heiligen Pflichten zurückfinde.«

Francescos Gebete hatten nicht mehr die einstige Klarheit und
Übersicht. Er bat um Dinge, die einander ausschlossen. Er ward
mitunter selbst zweifelhaft, ob der Strom der Leidenschaft, der seine
Bitten trug, vom Himmel oder aus einer anderen Quelle stamme. Das
heißt: er wußte nicht recht, ob er nicht etwa den Himmel im Grunde um
ein höllisches Gut anflehe. Es mochte christlichem Mitleid und
priesterlicher Sorge entsprungen sein, wenn er die Geschwister
Scarabota in sein Gebet einbezog. Verhielt es sich aber ebenso, wenn
er inbrünstig bis zu glühenden Tränen den Himmel um die Rettung Agatas
anflehte?

Auf diese Frage konnte er einstweilen noch mit Ja antworten, denn die
deutliche Regung des mächtigsten Triebes, die er beim Wiedersehen des
Mädchens gespürt hatte, war in eine schwärmerische Empfindung für
etwas unendlich Reines übergegangen. Diese Verwandlung war die
Ursache, daß Francesco nicht merkte, wie sich die Frucht der Todsünde
anstelle Mariens, der Mutter Gottes, eindrängte und für seine Gebete
und Gedanken gleichsam die Inkarnation der Madonna war. Am ersten Mai
begann in der Kirche von Soana, wie überall, ein besonderer
Mariendienst, dessen Wahrnehmung die Wachsamkeit des jungen Priesters
noch besonders einschläferte. Immer, Tag für Tag, gegen die Zeit der
Abenddämmerung, hielt er, hauptsächlich vor den Frauen und Töchtern
Soanas, einen kleinen Diskurs, der die Tugenden der gebenedeiten
Jungfrau zum Gegenstand hatte. Vorher und nachher erscholl das Schiff
der Kirche, bei offener Tür, in den Frühling hinaus, zu Ehren Mariens
von Lobgesang. Und in die alten, köstlichen, nach Text und Musik so
lieblichen Weisen, mischte sich von außen fröhlicher Spatzenlärm und
aus den nahen, feuchten Schluchten die süßeste Klage der Nachtigall.
In solchen Minuten war Francesco, scheinbar im Dienste Mariens, dem
Dienste seines Idols ganz hingegeben.

Hätten die Mütter und Töchter Soanas geahnt, daß sie in den Augen des
Priesters eine Gemeinschaft bildeten, die er Tag für Tag zur
Verherrlichung dieser verhaßten Sündenfrucht in die Kirche zog, oder
darum, um sich auf den andachtsvollen Klängen des Marien-Gesanges zu
der fern und hoch am Felsen klebenden, kleinen Alm emportragen zu
lassen, man würde ihn sicher gesteinigt haben, so aber schien es, als
wüchse mit jedem Tag vor den staunenden Augen der ganzen Gemeinde des
jungen Klerikers Frömmigkeit. Nach und nach wurde alt und jung, reich
und arm, kurz jedermann, vom Sindaco bis zum Bettler, vom
Kirchlichsten bis zum Gleichgültigsten, in den heiligen Maienrausch
Francescos hineingezogen.

Sogar die langen einsamen Wege, die er nun öfters unternahm, wurden
zugunsten des jungen Heiligen ausgelegt. Und doch wurden sie nur
unternommen in der Hoffnung, daß ein Zufall ihm einmal bei solcher
Gelegenheit Agata in den Wurf führen könne. Denn er hatte bis zum
nächsten, besonderen Gottesdienst für die Familie Scarabota in seiner
Scheu, sich zu verraten, einen Zwischenraum von mehr als acht Tagen
angesetzt, der ihm jetzt unerträglich lang wurde.

Noch immer sprach die Natur in jener aufgeschlossenen Weise zu ihm,
die er zuerst auf dem Gange nach Sant Agatha, auf der Höhe des kleinen
Heiligtums wahrgenommen hatte. Jeder Grashalm, jede Blume, jeder Baum,
jedes Wein- und Epheublatt waren nur Worte einer aus dem Urgrund des
Seins aufklingenden Sprache, die, in tiefster Stille selbst, mit
gewaltigem Brausen redete. Nie hatte eine Musik so sein ganzes Wesen
durchdrungen und, wie er meinte, mit heiligem Geist erfüllt.

       *       *       *       *       *

Francesco hatte den tiefen, ruhigen Schlaf seiner Nächte eingebüßt.
Der mystische Weckruf, der ihn getroffen hatte, schien sozusagen den
Tod getötet und seinen Bruder, den Schlaf, verbannt zu haben. Jede
dieser von überall quellendem Leben durchpulsten Schöpfungsnächte ward
für Francescos jungen Körper zur heiligen Offenbarungszeit: so zwar,
daß es ihm manchmal zumute war, als ob er den letzten Schleier vom
Geheimnis der Gottheit fallen fühlte. Oft, wenn er aus heißen Träumen,
die beinahe ein Wachen darstellten, in das Wachen der Sinne überging,
draußen der Fall von Soana doppelt so laut, als am Tage rauschte, der
Mond mit den Finsternissen der mächtigen Klüfte kämpfte und schwarzes
Gewölk, gigantisch murrend, die höchsten Spitzen des Generoso
verdüsterte, zitterte Francescos Leib von Gebeten, inbrünstig, wie nie
zuvor, und ähnlich, wie wenn ein durstiger Stamm, dessen Wipfel der
Frühlingsregen tränkt, im Winde erschauert. In diesem Zustande rang er
voll Sehnsucht mit Gott, ihn in das heilige Schöpfungswunder, wie in
den brennenden Kern des Lebens, einzuweihen, in dieses allerheiligste,
innerste Etwas, das von dort aus alles Dasein durchdringt. Er sprach:
»Von dort, o du mein allmächtiger Gott, dringt dein stärkstes Licht!
von diesem in nie zu erschöpfenden Feuerwellen strömenden Kern
verbreitet sich alle Wonne des Daseins und das Geheimnis der tiefsten
Lust. Lege mir nicht eine fertige Schöpfung in den Schoß, o Gott,
sondern mache mich zum Mitschöpfer. Laß mich teilnehmen an deinem nie
unterbrochenen Schöpfungswerk; denn nur dadurch, und durch nichts
anderes, vermag ich auch deines Paradieses teilhaft zu werden.«
Unbekleidet lief Francesco, um die Glut seiner Glieder zu kühlen, im
Zimmer bei weitgeöffnetem Fenster umher und ließ die Nachtluft um
seinen Leib fluten. Dabei kam es ihm vor, als ruhe das schwarze
Gewitter über dem riesenhaften Felsrücken des Generoso, wie ein
ungeheurer Stier über einer Ferse ruht, schnaube Regen aus seinen
Nüstern, murre, schieße zuckende Blitze aus düster flammenden Augen
und übe mit keuchender Flanke das zeugende Werk der Fruchtbarkeit.

Vorstellungen wie diese waren durchaus heidnischer Art, und der
Priester wußte es, ohne daß es ihn jetzt beunruhigte. Er war
allbereits zu sehr in die allgemeine Betäubung drängender
Frühlingskräfte versunken. Der narkotische Brodem, der ihn erfüllte,
löste die Grenzen seiner engen Persönlichkeit und weitete ihn ins
Allgemeine. Überall wurden Götter geboren in der frühen, toten Natur.
Und auch die Tiefen von Francescos Seele erschlossen sich und sandten
Bilder herauf von Dingen, die im Abgrund der Jahrmillionen versunken
lagen.

In einer Nacht hatte er, im Zustande halben Wachens, einen schweren
und in seiner Art furchtbaren Traum, der ihn in eine grausige Andacht
versenkte. Er ward gleichsam zum Zeugen eines Mysteriums, das eine
schreckliche Fremdheit und zugleich etwas, wie Weihungen einer
uralten, unwiderstehlichen Macht ausatmete. Irgendwo versteckt in den
Felsen des Monte Generoso schienen Klöster gelegen zu sein, aus denen
herab gefährliche Steige und Felstreppchen in unzugängliche Höhlen
führten. Diese Felssteige klommen in feierlichem Zuge, einer hinter
dem anderen, bärtige Männer und Greise in braunen Kutten herab, die
aber in der Versunkenheit ihrer Bewegungen, sowie in der Entrücktheit
ihrer Gesichter schauerlich wirkten und zur Ausübung eines
schrecklichen Kultes verdammt schienen. Diese beinahe riesenhaften und
wilden Gestalten waren auf eine beklemmende Weise ehrwürdig. Sie
kamen hochaufgerichtet herab, mit gewaltig verwilderten, buschigen
Häuptern, an denen sich Haupt- und Barthaar vermischte. Und diesen
Vollstreckern eines unbarmherzigen und tierischen Dienstes folgten
Weiber nach, die nur von den mächtigen Wogen ihres Haars, wie von
schweren, goldenen oder schwarzen Mänteln bedeckt waren. Während das
Joch des furchtbaren Triebs die wortlos abwärtssteigenden
Traumeremiten starr und besinnungslos gefangen hielt, lag eine Demut
über den Weibern, gleichwie über Opfertieren, die sich selber einer
schrecklichen Gottheit darbringen. In den Augen der Mönche lag stille,
besinnungslose Wut, als wenn der giftige Biß eines tollen Tiers sie
verwundet und ihnen einen Wahnwitz ins Blut gesetzt hätte, dessen
rasender Ausbruch zu erwarten war. Auf den Stirnen der Weiber, in
ihren andächtig fromm gesenkten Wimpern lag eine erhabene
Feierlichkeit.

Endlich hatten die Anachoreten des Generoso sich, wie lebende
Götzen, vereinzelt in flache Höhlen der Felswand gestellt, und es
begann ein ebenso häßlicher, als erhabener Phallusdienst. So
scheußlich er war -- und Francesco erschrak in der tiefsten
Seele -- so schauerlich war er in seinem tödlichen Ernst und seiner
bangen Heiligkeit. Mächtige Eulen revierten mit durchdringendem
Schrei an den Felswänden, beim Sturze des Wasserfalls und im
magischen Lichte des Monds; aber die gewaltigen Rufe der großen
Nachtvögel wurden von den herzerstarrenden Schmerzensschreien der
Priesterinnen übertönt, die an den Qualen der Lust dahinstarben.

       *       *       *       *       *

Der Tag des Gottesdienstes für die armen, verfemten Sennhirten war
endlich wieder herangekommen. Er glich schon am Morgen, als der
Priester Francesco Vela sich erhob, keinem unter allen früheren, die
er jemals erlebt hatte. So springen im Leben jedes bevorzugten
Menschen unerwartet und ungerufen Tage, wie blendende Offenbarungen
auf. Der Jüngling hatte an diesem Morgen nicht den Wunsch, weder ein
Heiliger, noch ein Erzengel, noch selbst ein Gott zu sein. Vielmehr
beschlich ihn leise Furcht, Heilige, Erzengel und Götter möchte der
Neid ihm zu Feinden machen; denn er kam sich an diesem Morgen über
Heilige, Engel und Götter erhaben vor. Aber oben auf Sant Agatha
wartete seiner eine Enttäuschung. Sein Idol, das den Namen der
Heiligen trug, hatte sich von dem Kirchgang ausgeschlossen. Von dem
erbleichenden Priester gefragt, brachte der rauhe, vertierte Vater nur
rauhe, vertierte Laute heraus, während die Gattin, die zugleich seine
Schwester war, die Tochter mit häuslicher Arbeit entschuldigte.
Hierauf ward die heilige Funktion durch Francesco auf eine so
teilnahmslose Weise erledigt, daß er am Schlusse der Messe nicht recht
wußte, ob er sie schon begonnen habe. Im Innern durchlebte er
Höllenpein, ja, solche Zustände, die, einem wirklichen Höllensturz
vergleichbar, aus ihm einen armen Verdammten machten.

Nachdem er den Ministranten zugleich mit den Geschwistern Scarabota
entlassen hatte, stieg er, noch immer vollkommen fassungslos, an
irgendeiner Seite des steilen Kegels bergab, ohne sich eines Zieles,
noch weniger irgendeiner Gefahr bewußt zu sein. Wieder hörte er Rufe
hochzeitlich kreisender Fischadler. Aber sie klangen ihm wie Hohn, der
sich aus trügerisch leuchtendem Äther herabschüttete. Im Geröll eines
trockenen Wasserlaufs rutschte er keuchend und springend ab, während
er wirre Gebete und Flüche wimmerte. Er fühlte Foltern der Eifersucht.
Obgleich etwas Weiteres nicht geschehen war, als daß die Sünderin
Agatha durch irgendetwas auf der Alpe von Santa Croce festgehalten
wurde, erschien es dem Priester ausgemacht, daß sie einen Buhlen besaß
und die der Kirche gestohlene Zeit in seinen verruchten Armen
zubrachte. Während ihm durch ihr Fernbleiben mit einem Schlage die
Größe seiner Abhängigkeit zum Bewußtsein kam, fühlte er abwechselnd
Angst, Bestürzung und Wut, den Drang, sie zu strafen und um Rettung
aus seiner Not, das heißt um Gegenliebe, zu betteln. Er hatte den
Stolz des Priesters noch keineswegs abgestreift: es ist dies der
wildeste und unbeugsamste! und dieser Stolz war aufs tiefste verletzt
worden. Für ihn war das Ausbleiben Agatas dreifache Demütigung. Die
Sünderin hatte den Mann an sich, den Diener Gottes und den Geber des
Sakramentes verworfen. Der Mann, der Priester, der Heilige wand sich
in Krämpfen getretener Eitelkeit und schäumte, wenn er des
bestialischen Kerls, Hirt oder Holzknecht, gedachte, den sie
inzwischen wahrscheinlich ihm vorzog.

Mit zerrissener und bestaubter Soutane, beschundenen Händen und
zerkratztem Gesicht gelangte Francesco nach einigen Stunden wilden und
irren Umherkletterns, Schlucht ab, Schlucht auf, zwischen
Ginstergebüsch, über brausendes Bergwasser, in eine Gegend des
Generoso, wo Herdengeläut sein Ohr berührte. Welchen Ort er somit
erreicht hatte, war ihm nicht einen Augenblick zweifelhaft. Er blickte
auf das verlassene Soana hinunter, auf seine Kirche, die bei heller
Sonne deutlich zu sehen war, und erkannte die Menge, die nun
vergeblich dem Heiligtum zuströmte. Jetzt eben hätte er sollen das
Meßgewand in der Sakristei übertun. Aber er hätte viel eher ein Seil
um die Sonne legen und diese herabziehen können, als daß es ihm
möglich gewesen wäre, die unsichtbaren Fesseln zu zerreißen, die ihn
gewaltsam nach der Alpe zogen.

       *       *       *       *       *

Eben wollte den jungen Pfarrer etwas, wie Selbstbesinnung anwandeln,
als ein duftender Rauch, von der frischen Bergluft getragen, ihm in
die Nase stieg. Unwillkürlich forschend umherblickend, bemerkte er
nicht sehr fern eine sitzende Mannesgestalt, die ein Feuerchen zu
behüten schien, an dessen Rand ein blechernes Gefäß, wahrscheinlich
gefüllt mit einer Minestra, dampfte. Der Sitzende sah den Priester
nicht, denn er hatte ihm seinen Rücken zugekehrt. So konnte der
Priester wiederum nur einen runden, beinahe weißwolligen Kopf, einen
starken und braunen Nacken unterscheiden, während Schulter und Rücken
von einer durch Alter, Wetter und Wind erdfarbgewordenen Jacke bedeckt
waren, die nur lose darüber hing. Der Bauer, Hirt oder Holzfäller, was
er nun sein mochte, saß, gegen das Feuerchen hingebeugt, dessen kaum
sichtbare Flammen vom Berghauch gedrückt, wagrecht an der Erde
hinzüngelten und Rauchschwaden flachhin aussendeten. Er war
augenscheinlich in eine Arbeit vertieft, eine Schnitzelei, wie sich
bald herausstellte, und schwieg zumeist, wie jemand, der bei dem, was
er gerade tut, Gott und die Welt vergessen hat. Als Francesco, aus
irgendeinem Grunde ängstlich jede Bewegung vermeidend, längere Zeit
gestanden hatte, fing der Mann oder Bursche am Feuer leise zu pfeifen
an, und einmal ins Musizieren gekommen, schickte er plötzlich aus
melodischer Kehle abgerissene Stücke irgendeines Liedes in die Luft.

Das Herz Francescos pochte gewaltig. Es war nicht deshalb, weil er so
heftig schluchtab, schluchtauf gestiegen war, sondern aus Gründen, die
teils aus der Sonderbarkeit seiner Lage, teils von dem eigentümlichen
Eindruck herrührten, den die Nähe des Menschen am Feuer in ihm
hervorbrachte. Dieser braune Nacken, dieses krause, gelblichweiße
Gelock des Kopfes, die jugendlich strotzende Körperlichkeit, die man
unter dem schäbigen Umhang ahnte, das spürbar freie und wunschlose
Behagen des Bergbewohners: alles zusammen ging blitzartig in
Francescos Seele eine Beziehung ein, in der seine krankhafte und
gegenstandslose Eifersucht noch qualvoller aufloderte.

Francesco schritt auf das Feuer zu. Es wäre ihm doch nicht gelungen,
verborgen zu bleiben; und er war überdies von unwiderstehlichen
Kräften angezogen. Da wandte sich der Bergmensch herum, zeigte ein
Antlitz voll Jugend und Kraft, wie es ähnlich der Priester noch
niemals gesehen hatte, sprang auf und blickte den Kommenden an.

Es war Francesco nun klar, daß er es mit einem Hirten zu tun hatte, da
die Schnitzelei, die jener verfertigte, eine Schleuder war. Er
bewachte die braun und schwarz gefleckten Rinder, die, da und dort
sichtbar, im ganzen entfernt und versteckt, zwischen Gestein und
Gesträuch herumkletterten, nur durch das Geläute verraten, die der
Stier und eine und die andere Kuh am Halse trug. Er war ein Christ:
und was hätte er zwischen allen diesen Bergkapellen und
Madonnenbildern der Gegend auch anderes sein sollen? Aber er schien
auch ein ganz besonders ergebener Sohn der heiligen Kirche zu sein,
denn er küßte, sogleich das Gewand des Priesters erkennend, Francesco
mit scheuer Inbrunst und Demut die Hand.

Sonst aber, wie dieser sogleich erkannte, hatte er mit den übrigen
Kindern der Parochie keine Ähnlichkeit. Er war stärker und
untersetzter gebaut, seine Muskeln hatten etwas Athletisches, sein
Auge schien aus dem blauen See in der Tiefe genommen zu sein und an
Weitblick dem der braunen Fischadler gleich, die, wie immer, hoch um
Sant Agatha kreisten. Seine Stirn war niedrig, die Lippen wulstig und
feucht, sein Blick und Lächeln von derber Offenheit. Verstecktes und
Lauerndes, wie es manchem Südländer eigen ist, war ihm nicht
anzumerken. Von alledem gab sich Francesco, Auge in Auge mit dem
blonden jungen Adam des Monte Generoso, Rechenschaft und gestand sich,
daß er einen so urwüchsig schönen Lümmel noch nicht gesehen hatte.

Um den wahren Grund seines Kommens zu verbergen und sein Erscheinen
zugleich verständlich zu machen, log er, daß er einem Sterbenden das
Sakrament in einer entlegenen Hütte gereicht und dann den Heimweg ohne
seine Ministranten angetreten habe. Dabei habe er sich verirrt, sei
abgeglitten und abgerutscht und wünsche nun auf den rechten Weg
gewiesen zu sein, nachdem er sich ein wenig geruht habe. Diese Lüge
glaubte der Hirt. Mit derbem Lachen und seine gesunden Zahnreihen
zeigend, aber doch mit Verlegenheit, begleitete er die Erzählung des
Geistlichen und machte ihm einen Sitz zurecht, die Jacke von seinen
Schultern werfend und über den Wegrand am Feuer ausbreitend. Hierbei
wurden seine braunen und blanken Schultern, ja, der ganze Oberkörper
bis zum Gürtel entblößt, und es zeigte sich, daß er ein Hemd nicht
anhatte.

Mit diesem Naturkinde ein Gespräch anzufangen, hatte beträchtliche
Schwierigkeiten. Es schien ihm peinlich, mit dem geistlichen Herrn
allein zu sein. Nachdem er eine Weile kniend ins Feuer geblasen,
Reisig dazu getan, ab und zu den Deckel des Kochgeschirrs gelüftet und
dazu Worte in einer unverständlichen Mundart gesprochen hatte, stieß
er urplötzlich einen gewaltigen Juchzer aus, der von den Felsbastionen
des Generoso zurück und in vielfachem Echo widerhallte.

Kaum daß dieses Echo verklungen war, so hörte man etwas mit lautem
Kreischen und Gelächter sich annähern. Es waren verschiedene Stimmen,
die Stimmen von Kindern, von denen sich eine abwechselnd lachende und
nach Hilfe rufende, weibliche Stimme unterschied. Beim Klang dieser
Stimme fühlte Francesco seine Arme und Füße absterben, und es war ihm
zugleich, als ob sich eine Macht ankündige, die, verglichen mit der,
die sein natürliches Dasein hervorgebracht hatte, das Geheimnis des
wahren, des wirklichen Lebens enthielt. Francesco brannte wie der
Dornbusch des Herrn, aber äußerlich war ihm nichts anzumerken. Während
sein Inneres sekundenlang ohne Besinnung war, fühlte er eine
unbekannte Befreiung und zugleich eine ebenso süße, als rettungslose
Gefangenschaft.

       *       *       *       *       *

Inzwischen hatten sich die von Gelächter erstickten, weiblichen
Notrufe angenähert, bis an der Wendung eines abschüssigen Steiges ein
ebenso unschuldiges, als freilich auch ungewöhnliches, bukolisches
Bild sichtbar ward. Ebenderselbe scheckige Ziegenbock, der den
Priester Francesco bei seinem ersten Besuch auf der Alm belästigt
hatte, führte, prustend und widerspenstig, einen kleinen
Bacchantenzug, wobei er, von lärmenden Kindern verfolgt, die einzige
Bacchantin des Trupps rittlings auf seinem Rücken trug. Das schöne
Mädchen, das Francesco, wie er glaubte, zum ersten Male erblickte,
hielt die gewundenen Hörner des Bockes kräftig gefaßt, so stark sie
sich aber nach rückwärts bog, den Hals des Tieres mit sich reißend,
vermochte sie doch nicht, weder es zum Stillstand zu zwingen, noch von
seinem Rücken herunterzusteigen. Irgendein Spaß, den sie den Kindern
zuliebe vielleicht unternommen haben mochte, hatte das Mädchen in
diese hilflose Lage gebracht, wie sie, nicht eigentlich sitzend,
sondern zu beiden Seiten des ungeeigneten Reittieres mit nackten Füßen
die Erde berührend, weniger getragen ward, als schritt und doch, ohne
einen Fall zu tun, von dem ungebärdigen, feurigen Bock nicht los
konnte. So hatte sich ihr Haar gelöst, die Tragbänder ihres groben
Hemdes waren von den Schultern geglitten, so daß eine köstliche
Halbkugel sichtbar ward, und die so wie so kaum bis zur Wade
reichenden Röckchen der Hirtin langten jetzt noch weniger zu, ihre
üppigen Knie zu bedecken.

Es dauerte eine geraume Zeit, bevor der Priester sich bewußt wurde,
wer eigentlich die Bacchantin war, und daß er in ihr den lechzend
gesuchten Gegenstand seiner marternden Sehnsucht vor sich hatte. Die
Schreie des Mädchens, ihr Lachen, ihre unfreiwillig wilden Bewegungen,
ihr fesselloses, fliegendes Haar, der geöffnete Mund, die hoch und
stoßweis atmende Brust, die ganze gleichsam erzwungene und doch
freiwillige Tollkühnheit des übermütigen Ritts, hatten sie äußerlich
ganz verändert. Eine rosige Glut überzog ihr Gesicht und mischte Lust
und Angst mit Schamhaftigkeit, die sich drollig und lieblich
ausdrückte, wenn etwa blitzschnell eine der Hände vom Horne des Bockes
fort nach dem gefährlich verschobenen Rocksaum fuhr.

Francesco war gebannt und dem Bilde verfallen, als wäre es mit der
Kraft zu lähmen begabt. Es erschien ihm schön, auf eine Art, die ihm
nicht im entferntesten die naheliegende Ähnlichkeit mit einem
Hexenritt in Erinnerung brachte. Dagegen belebten sich seine
antikischen Eindrücke. Er gedachte des marmornen Sarkophags, der,
immer von klarem Bergwasser überfließend, am Dorfplatze in Soana
stand, und dessen Bildnerei er jüngst studiert hatte. War es nicht so,
als hätte diese steinerne und doch so lebendige Welt des bekränzten
Weingotts, der tanzenden Satyrn, der panthergezogenen Triumphwagen,
der Flötenspielerinnen und Bacchantinnen, sich in die steinernen
Ödeneien des Generoso versteckt, und als wäre plötzlich eine der
gottbegeisterten Weiber, von dem rasenden Bergkult der Mänaden
abgesprengt, überraschend ins Gegenwartleben getreten.

Hatte Francesco nicht sogleich Agata, so hatte dafür der Bock den
Priester sofort erkannt: weshalb er ihm seine vergeblich schreiende
und widerstrebende Last geradeswegs zuschleppte, und indem er, ganz
ohne Umstände, mit seinen beiden gespaltenen Vorderhufen auf den Schoß
des Priesters trat, bewirkte er, daß seine Reiterin, endlich erlöst,
von seinem Rücken langsam herunterglitt.

Nachdem das Mädchen begriffen hatte, daß ein Fremder zugegen war, und
als sie nun gar in diesem Fremden Francesco erkannte, versiegte ganz
plötzlich ihr Lachen und ihre Munterkeit, und ihr Antlitz, das noch
eben vor Lust geglänzt hatte, nahm eine gleichsam trotzige Blässe an.

       *       *       *       *       *

»Warum bist du heut nicht zur Kirche gekommen?« Francesco tat diese
Frage, sich erhebend, in einem Ton und mit einem Ausdruck seines
bleichen Gesichts, den man als einen zornigen deuten mußte, obgleich
er eine andere Erregung des Gemütes als Ursache hatte. Sei es, weil er
diese Erregung verstecken wollte, oder aus Verlegenheit, ja
Hilflosigkeit, oder weil wirklich der Seelsorger in ihm in Entrüstung
geriet: der Zorn nahm zu und trat in einer Weise hervor, der den
Hirten befremdet aufblicken machte, dem Mädchen aber nacheinander die
Röte und Blässe der Bestürzung und Scham ins Antlitz trieb.

Aber während Francesco sprach und mit Worten strafte -- Worten, die
ihm geläufig waren, ohne daß seine Seele in ihnen zu sein brauchte,
war es in seinem Inneren still, und während die Adern seiner
alabasternen Stirn aufschwollen, empfand er die Wonnen einer Erlösung.
Die noch eben empfundene, tiefste Lebensnot war in Reichtum
verwandelt, der marternde Hunger in Sättigung, die noch eben
verfluchte, infernalische Welt troff jetzt vom Glanze des Paradieses.
Und indem sich die Wollust seines Zornes stärker und stärker ergoß,
wurde sie selber stärker und stärker. Er hatte den verzweifelten
Zustand nicht vergessen, in dem er soeben gewesen war, aber es
jubilierte in ihm, und er mußte ihn segnen und wieder segnen. Dieser
Zustand war ja die Brücke gewesen zur Seligkeit. So weit war Francesco
allbereits in die magischen Kreise der Liebe hineingeraten, daß die
bloße Gegenwart des geliebten Gegenstandes jenen Genuß mit sich
brachte, der mit Glück betäubt und an eine noch so nahe Entbehrung
nicht denken läßt.

Bei alledem fühlte der junge Priester und verbarg sich nicht mehr,
welche Veränderung mit ihm vorgegangen war. Der wahre Zustand seines
Wesens war gleichsam nackt hervorgetreten. Die tolle Jagd, die er
hinter sich hatte, er wußte es wohl, war von der Kirche nicht
vorgezeichnet und außerhalb des geheiligten Wegenetzes, das seinem
Wirken deutlich und streng gezogen war. Zum erstenmale geriet nicht
nur sein Fuß, sondern auch seine Seele in die Weglosigkeit und es kam
ihm vor, als wenn er nicht so als Mensch, sondern eher als ein
fallender Stein, ein fallender Tropfen, ein vom Sturme getriebenes
Blatt, an die Stelle, auf der er nun stand, gelangt wäre.

Jedes seiner zornigen Worte belehrte Francesco, daß er seiner selbst
nicht mehr mächtig war, hingegen aber gezwungen wurde, um jeden Preis
Gewalt über Agata zu suchen und auszuüben. Er nahm sie mit Worten in
Besitz. Je mehr er sie demütigte, desto voller tönten in ihm die
Harfen der Seligkeit. Jeder Schmerz, den er ihr strafend zufügte,
weckte einen Taumel in ihm: es fehlte nicht viel, ja, wäre der Hirte
nicht zugegen gewesen, Francesco wäre, in einem solchen Taumel, der
letzten Beherrschung seiner selbst verlustig gegangen und hätte, dem
Mädchen zu Füßen fallend, den echten Schlag seines Herzens verraten.

Agata hatte bis diesen Tag, trotzdem sie in dem verrufenen Anwesen
groß geworden war, den Unschuldstand einer Blume bewahrt. Ebensowenig,
als der Bergenzian waren ihre, diesem gleichenden, blauen Augensterne
jemals im Tale, unten am See gesehen worden. Sie hatte den engsten
Erfahrungskreis. Doch, obgleich der Priester für sie eigentlich gar
kein Mensch, viel eher ein Ding zwischen Gott und Mensch, eine Art
fremder Zauberer war, erriet sie doch plötzlich, und bekundete es
durch einen erstaunten Blick, was Francesco verbergen wollte.

Die Kinder hatten den Ziegenbock, über Geröll empor, davongeführt.
Dem Holzknecht war in Gegenwart des Priesters nicht wohl geworden.
Er nahm den Topf vom Feuer und kletterte damit unter vielen Mühen
wahrscheinlich zu einem Kameraden hinauf, der Lasten Reisig an einem
unendlich langen Draht über einen Abgrund zur Tiefe hinab beförderte.
Mit einem schleifenden Geräusch zog jeweilen solch ein dunkles Bündel
längs der Felsbastionen dahin, einem braunen Bären oder dem Schatten
eines Riesenvogels nicht unähnlich. Übrigens schien es zu fliegen, da
der Draht nicht sichtbar war. Als nach einem urkräftigen Jodler, der
von den Zinnen und Bastionen des Generoso widerhallte, der Hirt dem
Gesichtskreis entschwunden war, küßte Agata, gleichsam zerknirscht,
dem Priester den Saum des Gewandes und dann die Hand.

       *       *       *       *       *

Francesco hatte mechanisch über den Scheitel des Mädchens das Zeichen
des Kreuzes gemacht, wobei seine Finger ihr Haar berührt hatten. Nun
aber ging ein krampfhaftes Zittern durch seinen Arm, als ob ein Etwas
mit letzter Kraft ein anderes Etwas in seiner Gewalt behalten wollte.
Aber das angespannte, hemmende Etwas vermochte doch nicht zu
verhindern, daß die segnende Hand sich langsam spreizte und mit ihrer
Fläche dem Haupte der reuigen Sünderin näher und näher kam und
plötzlich fest und voll darauf ruhte.

Feige sah sich Francesco ringsum. Es lag ihm fern, sich etwa jetzt
noch selbst zu belügen, und die Lage, in der er war, mit den
Obliegenheiten seines heiligen Amtes zu rechtfertigen, dennoch
redete allerlei aus ihm von Beichte und Firmelung. Und die nahezu
ungebändigte, sprungbereite Leidenschaft fürchtete so sehr die
Möglichkeit, bei ihrer Entdeckung Entsetzen und Abscheu zu erregen,
daß auch sie noch einmal feige unter die Maske der Geistlichkeit
flüchtete.

»Du wirst zu mir hinunter in die Schule nach Soana kommen, Agate,«
sagte er. »Dort wirst du lesen und schreiben lernen. Ich will dich ein
Morgen- und ein Abendgebet lehren, ebenso Gottes Gebote, und wie du
die sieben Hauptsünden erkennen und vermeiden kannst. Wöchentlich
wirst du dann bei mir beichten.«

Aber Francesco, der sich nach diesen Worten losgerissen hatte und,
ohne sich umzublicken, bergabwärts gestiegen war, entschloß sich am
nächsten Morgen, nach einer übeldurchwachten Nacht, selbst zur Beichte
zu gehen. Als er einem tabakschnupfenden Erzpriester des nahen
Bergstädtchens, Arogno mit Namen, seine Gewissensnöte, nicht ohne
Versteckensspiel, eröffnete, ward er bereitwilligst absolviert.
Es war eine Selbstverständlichkeit, daß sich der Teufel dem Versuche
des jungen Priesters, verirrte Seelen in den Schoß der Kirche
zurückzuleiten, entgegensetzte, besonders da das Weib für den Mann
immer die nächste Gelegenheit zur Sünde sei. Nachdem Francesco dann
mit dem Arciprete im Pfarrhaus gefrühstückt hatte und bei offenem
Fenster, linder Luft, Sonne und Vogelsang manches offene Wort über den
öfteren Widerstreit menschlicher mit kirchlichen Angelegenheiten
gefallen war, gab sich Francesco der Täuschung hin, ein erleichtertes
Herz davon zu tragen.

Zu dieser Wandlung hatten wohl auch für ihren Teil einige Gläser jenes
schweren, schwarzvioletten Weines beigetragen, den die Bauern Arognos
kelterten und dessen der Pfaff einige Oxhofte voll besaß. Zu dem
Kellergewölbe unter gewaltigen zartbelaubten Kastanien, wo dieser
Reichtum auf Balken lagerte, gab sogar schließlich noch, nach
beendeter Mahlzeit der Priester dem Priester und Beichtkinde das
Geleit, da er gewohnheitsgemäß um diese Zeit für den weiteren
Tagesbedarf seinen mitgenommenen Fiasco zu füllen pflegte.

Kaum aber hatte Francesco seinem Beichtvater auf der blumigen,
windbewegten Wiese vor der eisenbeschlagenen Pforte des Felsgewölbes
Lebewohl gesagt, kaum hatte er, rüstig um eine Biegung des Weges davon
schreitend, hügeliges Land genug, mit Baum und Gebüsch, zwischen sich
und ihn gebracht, als er auch schon einen unerklärlichen Widerwillen
gegen den Trost des Kollegen empfand und die ganze Zeit, die er mit
ihm verbracht hatte.

Dieser schmuddlige Bauer, dessen abgenutzte Soutane und schweißiges
Unterzeug einen widerlichen Geruch verbreitete, dessen schinniger Kopf
und mit eingefressenem Schmutz bedeckte, rauhe Hände bewiesen, daß
Seife für ihn eine fremde Sache war, schien ihm vielmehr ein Tier, ja,
ein Klotz, statt ein Priester Gottes zu sein. Die Geistlichen sind
geweihte Personen, sagte er sich, wie die Kirche lehrt, die durch die
Weihe übernatürliche Würde und Gewalt erhalten haben, so daß selbst
Engel vor ihnen sich neigen. Diesen konnte man nur als eine
Spottgeburt auf das alles bezeichnen. Welche Schmach, die
priesterliche Allmacht in solche Rüpelhände gelegt zu sehen. Da doch
Gott sogar solcher Allmacht unterliege und er durch die Worte: »hoc
est enim meum corpus« unwiderstehlich gezwungen wird, auf den Meßaltar
niederzusteigen.

Francesco haßte ihn, ja, verachtete ihn. Dann wieder empfand er tiefes
Bedauern. Aber endlich kam es ihm vor, als ob sich der stinkende,
häßliche, unflätige Satan in ihn verkleidet hätte. Und er gedachte
solcher Geburten, die mit Hilfe eines incubus oder eines succubus
zustande gekommen sind.

Francesco erstaunte selbst über solche Regungen seines Innern und
über seinen Gedankengang. Sein Wirt und Beichtiger hatte, außer durch
sein Dasein, kaum einen Anlaß dazu gegeben, denn seine Worte, auch
über Tisch, waren durchaus getragen vom Geiste der Wohlanständigkeit.
Aber Francesco schwamm bereits wiederum in einem solchen Gefühl von
Gehobenheit, glaubte eine so himmlische Reinheit zu atmen, daß ihm,
verglichen mit diesem geheiligten Element, das Alltägliche wie im
Stande der Verdammnis festgekettet schien.

       *       *       *       *       *

Der Tag war gekommen, an dem Francesco die Sünderin von der Alpe zum
erstenmal im Pfarrhause zu Soana erwartete. Er hatte ihr aufgetragen,
die Schelle, unweit der Kirchtür, zu ziehen, durch die man ihn in den
Beichtstuhl rufen konnte. Aber es ging schon gegen die Mittagszeit,
ohne daß die Schelle sich regen wollte, während er, immer zerstreuter
werdend, einige halberwachsene Mädchen und Knaben im Schulzimmer
unterrichtete. Der Wasserfall sandte sein Brausen, jetzt
aufschwellend, jetzt absinkend, durchs offene Fenster herein, und die
Erregung des Priesters wuchs, so oft es sich steigerte. Er war dann
besorgt, womöglich das Läuten der Schelle zu überhören. Die Kinder
befremdete seine Unruhe, seine Geistesabwesenheit. Am wenigsten
entging es den Mädchen, deren irdische, wie himmlische Sinne
schwärmerisch an dem jungen Heiligen sich weideten, daß er mit der
Seele nicht bei der Sache und also auch nicht bei ihnen war. Durch
tiefen Instinkt mit den Regungen seines jugendlichen Wesens verknüpft,
empfanden sie sogar jene Spannung mit, die es augenblicklich
beherrschte.

Kurz vor dem Zwölfuhrglockenschlag entstand Gemurmel von Stimmen auf
dem Dorfplatz, der mit seinen mailich sprossenden Kastanienwipfeln bis
dahin still im Lichte der Sonne lag. Eine Menschenmenge näherte sich.
Man hörte ruhigere, scheinbar protestierende, männliche Kehllaute.
Aber ein unaufhaltsamer Strom von weiblichen Worten, Schreien,
Verwünschungen und Protesten überschwoll mit einemmal jene und dämpfte
sie bis zur Unhörbarkeit. Dann trat eine bange Ruhe ein. Plötzlich
schlugen ans Ohr des Priesters dumpfe Geräusche, deren Ursache im
ersten Augenblick unbegreiflich blieb. Man war im Mai und doch klang
es, als wenn im Herbst ein Kastanienbaum, unter der Wucht eines
Windstoßes, Lasten von Früchten auf einmal abschüttelte. Platzend
trommeln die harten Kastanien auf das Erdreich.

Francesco beugte sich aus dem Fenster.

Er sah mit Entsetzen, was auf der Piazza im Gange war. Er war so
erschrocken, ja, so bestürzt, daß ihn erst der ohrzerreißende,
gellende Laut des Beichtglöckchens zur Besinnung brachte, an dem mit
verzweifelter Hartnäckigkeit gerissen wurde. Und schon war er in die
Kirche und vor die Kirchtür geeilt und hatte das Beichtkind, es war
Agata, vom Zug der Klingel weg und in die Kirche hineingerissen. Dann
trat er vor das Portal hinaus.

Soviel war klar: der Eintritt der Verfemten in den Ort war bemerkt
worden und geschehen, was in diesem Falle gewöhnlich war. Man hatte
versucht, sie mit Steinen, wie jeden räudigen Hund, oder wie man einem
Wolfe getan hätte, aus dem Wohnbereich der Menschen zu jagen. Bald
hatten sich Kinder und Mütter von Kindern zusammengetan und hatten das
ausgestoßene, fluchbringende Wesen gehetzt, ohne sich durch die schöne
Mädchengestalt irgendwie in der Annahme stören zu lassen, ihre
Steinwürfe gälten einem gefährlichen Tier, einem Ungeheuer, das Pest
und Verderben verbreite. Indessen hatte Agata, des priesterlichen
Schutzes gewiß, sich von ihrem Ziel nicht abbringen lassen. So war das
entschlossene Mädchen, verfolgt und gehetzt, vor der Kirchtür
angelangt, die jetzt noch von einigen geworfenen Steinen aus
Kinderhänden getroffen wurde.

Der Priester hatte nicht nötig, die aufgeregten Gemeindeglieder durch
eine Strafpredigt zur Besinnung zu bringen: sie verflüchtigten sich,
sobald sie ihn sahen.

In der Kirche hatte Francesco der hochatmenden, stummen Verfolgten
durch einen Wink bedeutet, mit ihm ins Pfarrhaus zu gehn. Auch er war
erregt, und so hörten sich beide stoßweise atmen. Auf einem engen
Treppchen des Pfarrhäuschens, zwischen weißgetünchten Mauern, stand
die bestürzte, doch schon wieder ein wenig beruhigte Schaffnerin, um
das gehetzte Wild zu empfangen. Man merkte ihr an, daß sie bereit zu
helfen war, wenn es irgendwie not täte. Erst beim Anblick der alten
Frau schien Agata sich des Demütigenden ihres augenblicklichen
Zustands bewußt zu werden. Vom Lachen zum Zorn, vom Zorn zum Lachen
übergehend, stieß sie starke Verwünschungen aus, und gab so dem
Priester Gelegenheit, zum erstenmal ihre Stimme zu hören, die, wie ihm
vorkam, voll, sonor und heroisch klang. Ihr war nicht bekannt, weshalb
sie verfolgt wurde. Sie sah das Städtchen Soana etwa wie ein Nest von
Erdwespen oder einen Ameisenhaufen an. So wütend und entrüstet sie
war, kam es ihr doch nicht in den Sinn, über die Ursache einer so
gefährlichen Bösartigkeit nachzudenken. Kannte sie doch diesen
Zustand von Kindheit an und nahm ihn für einen nur natürlichen.
Allein man wehrt sich auch gegen Wespen und Ameisen. Mögen es Tiere
sein, die uns angreifen, wir werden durch sie, je nachdem, zum Haß,
zur Wut, zur Verzweiflung empört und entladen die Brust, wiederum
jenachdem, durch Drohungen, Tränen oder durch Regungen tiefster
Verachtung. So tat auch Agata, während ihr nun die Haushälterin die
ärmlichen Lumpen zurecht zupfte, sie selber aber den staunenerregenden
Schwall ihres rost- bis ockerfarbenen Haares, das sich im hastigen
Lauf gelöst hatte, aufsteckte.

Wie nie zuvor, litt der junge Francesco in diesem Augenblick unter dem
Zwang seiner Leidenschaft. Die Nähe des Weibes, das, wie eine wilde,
köstliche Frucht, in der Bergödenei zur Reife gediehen war, die
berauschende Glut, die ihr erhitzter Körper ausströmte, der Umstand,
daß die bis dahin ferne Unerreichliche jetzt die Enge der eigenen
Wohnung umschloß, alles das brachte zuwege, daß Francesco die Fäuste
ballen, die Muskeln spannen, die Zähne zusammenbeißen mußte, um nur in
einer Verfassung aufrecht zu bleiben, die ihm das Hirn sekundenlang
völlig verfinsterte. Wurde es hell, so war ein ungeheurer Aufruhr von
Bildern, Gedanken und Gefühlen in ihm: Landschaften, Menschen,
fernste Erinnerungen, lebendige Augenblicke der familiären und
beruflichen Vergangenheit vermählten sich mit Vorstellungen der
Gegenwart. Gleichsam fliehend von diesen, stieg süß und schrecklich
eine unentrinnbare Zukunft empor, der er sich ganz verfallen wußte.
Gedanken zuckten über dies Bilderchaos der Seele hin, unzählbar,
ruhelos, aber ohnmächtig. Der bewußte Wille, erkannte Francesco, war
in seiner Seele entthront, und ein anderer herrschte, dem nicht zu
widerstehen war. Mit Grauen gestand sich der Jüngling, ihm war er auf
Gnade und Ungnade ausgeliefert. Diese Verfassung glich der
Besessenheit. Aber wenn ihn die Angst vor dem unvermeidlichen Sturz in
das Verbrechen der Todsünde überkam, so hätte er gleichzeitig vor
unbändigster Freude aufbrüllen mögen. Sein hungriger Blick sah mit
niegekannter, staunender Sättigung. Mehr: Hunger war hier Sättigung,
Sättigung Hunger. Ihm schoß der verruchte Gedanke durch den Kopf, hier
allein sei seine unvergängliche, göttliche Speise, mit der das
Sakrament gläubige Christenseelen himmlisch nährt. Seine Empfindungen
waren abgöttisch. Er erklärte seinen Oheim in Ligornetto für einen
schlechten Bildhauer. Und warum hatte er nicht lieber gemalt?
Vielleicht konnte er selbst noch Maler werden. Er dachte an Bernardino
Luini und sein großes Gemälde in der alten Klosterkirche des nahen
Lugano und an die köstlichen, blonden, heiligen Frauen, die sein
Pinsel dort geschaffen hat. Aber sie waren ja nichts, verglichen mit
dieser heißen, lebendigsten Wirklichkeit.

Francesco wußte nun nicht sofort, was er beginnen sollte. Eine
warnende Empfindung veranlaßte ihn zunächst, die Nähe des Mädchens zu
fliehen. Allerlei Gründe, nicht alle gleich lauter, bewogen ihn,
sogleich den Sindaco aufzusuchen und, ehe es andere tun konnten, von
dem Geschehnis zu verständigen. Der Sindaco hörte ihn ruhig an,
Francesco hatte ihn glücklicherweise zu Hause getroffen, und nahm in
der Sache den Standpunkt des Priesters ein. Es war nur christlich und
gut katholisch, die Mißwirtschaft auf der Alpe nicht einfach laufen zu
lassen und sich des in Sünde und Schande verstrickten, verrufenen
Volkes anzunehmen. Was aber die Dorfbewohner und ihr Verhalten betraf,
so versprach er dagegen strenge Maßregeln.

Als der junge Priester gegangen war, sagte die hübsche Frau des
Sindaco, die eine stille, schweigsame Art zu betrachten hatte:

»Dieser junge Priester könnte es wohl bis zum Kardinal, ja, zum Papst
bringen. Ich glaube, er zehrt sich ab mit Fasten, Beten und
Nachtwachen. Aber der Teufel ist gerade hinter den Heiligen mit
seinen höllischen Künsten her und mit den verborgensten Schlichen und
Listen. Möge der junge Mann, durch Gottes Beistand, vor ihnen immer
behütet sein.«

Viele begehrliche und auch böse Weiberaugen verfolgten Francesco, als
er, mit so wenig wie möglich beschleunigtem Schritt, zurück zur Pfarre
ging. Man wußte, wo er gewesen war, und war entschlossen, sich diese
Pest von Soana nur mit Gewalt aufdrängen zu lassen. Aufrecht schreitende
Mädchen, die, Holz auf dem Kopf tragend, ihm auf dem Platze nahe dem
Marmorsarkophage begegneten, hatten ihn zwar mit unterwürfigem Lächeln
gegrüßt, sich aber hernach schnöde angesehen. Wie im Fieber schritt
Francesco dahin. Er hörte das Durcheinanderschmettern der Vögel, das
schwellende und verhaltene Rauschen des ewigen Wasserfalls: aber es war
ihm, als ob er die Füße nicht auf dem Boden hätte, sondern steuerlos in
einem Wirbel von Lauten und Bildern vorwärts gerissen würde. Plötzlich
fand er sich in der Sakristei seiner Kirche, dann im Schiff vor dem
Hauptaltar, als er kniend die Jungfrau Maria um Beistand in den Stürmen
seines Innern anflehte.

Allein seine Bitten waren nicht in dem Sinne gemeint, daß sie ihn von
Agata befreien sollte. Ein solcher Wunsch hätte in seiner Seele keine
Nahrung gehabt. Sie waren vielmehr ein Flehen um Gnade. Die Mutter
Gottes sollte verstehen, vergeben, womöglich billigen. Jäh unterbrach
Francesco das Gebet und ward vom Altar fortgerissen, als ihm von
ungefähr der Gedanke, Agata könne davongegangen sein, ins Bewußtsein
schoß. Er fand das Mädchen indessen noch, und Petronilla leistete ihr
Gesellschaft.

»Ich habe alles ins Reine gebracht,« sagte Francesco. »Der Weg zur
Kirche und zum Priester ist frei für jedermann. Traue auf mich, das
Geschehene wird sich nicht wiederholen.« Ihn überkam eine Festigkeit
und Sicherheit, als ob er nun wieder auf rechtem Pfad und auf gutem
Grund stünde. Petronilla wurde mit einem wichtigen, kirchlichen
Aktenstück auf die Nachbarpfarre geschickt. Der Gang war leider
unaufschiebbar. Im übrigen möge die Wirtschafterin dem Pfarrer über
den Vorfall berichten. »Triffst du Leute, so sage ihnen,« betonte er
noch, »daß Agata von der Alpe oben hier bei mir im Pfarrhaus ist und
in den Lehren unsrer Religion, unsres geheiligten Glaubens von mir
unterrichtet wird. Sie mögen nur kommen und es verhindern und sich die
Strafe der ewigen Verdammnis aufs Haupt ziehen. Sie mögen nur einen
Auflauf vor der Kirche machen, um ihre Mitchristin zu mißhandeln. Die
Steine werden nicht sie, sondern mich treffen. Ich werde ihr mit
Einbruch der Dunkelheit, und sei es auch bis zur Alpe hinauf, selbst
das Geleit geben.«

       *       *       *       *       *

Als die Haushälterin gegangen war, trat eine längere Stille ein. Das
Mädchen hatte die Hände in den Schoß gelegt und saß noch auf dem
gleichen, scheinbar zerbrechlichen Stuhl, den Petronilla für sie an
die weißgetünchte Wand gerückt hatte. In Agatas Augen zuckte es noch,
und die erlittene Kränkung spiegelte sich in Blitzen der Entrüstung
und heimlichen Wut, aber ihr volles Madonnengesicht hatte mehr und
mehr einen hilflosen Ausdruck angenommen, bis endlich ein stiller,
ergiebiger Strom seine Wangen badete. Francesco, ihr den Rücken
kehrend, hatte mittlerweile zum offenen Fenster hinausgeblickt.
Während er seine Augen über die gigantischen Bergwände des Soanatales,
von der schicksalsträchtigen Alpe an bis zum Seeufer, gleiten ließ
und, mit dem ewigen Summen des Falles, Gesang einer einzelnen,
schmelzenden Knabenstimme aus den üppigen Rebenterrassen drang, mußte
er zögern zu glauben, daß er nun wirklich die Erfüllung seiner
überirdischen Wünsche in der Hand hatte. Würde Agata, wenn er sich
wendete, noch vorhanden sein? Und war sie zugegen, was würde
geschehen, wenn er sich wendete? Müßte diese Wendung nicht
entscheidend für sein ganzes irdisches Dasein, ja, darüber hinaus
entscheidend sein? Diese Fragen und Zweifel bewogen den Priester, die
eingenommene Stellung solange, wie möglich innezuhalten, um noch
einmal vor der Entscheidung mit sich ins Gericht oder doch wenigstens
zu Rate zu gehen. Es handelte sich dabei um Sekunden, nicht um
Minuten: doch in diesen Sekunden wurde ihm nicht nur, vom ersten
Besuche Luchino Scarabotas an, die ganze Geschichte seiner
Verstrickung, sondern sein ganzes bewußtes Leben unmittelbar
Gegenwart. In diesen Sekunden breitete sich eine ganze gewaltige
Vision des jüngsten Gerichtes mit Vater, Sohn und heiligem Geist am
Himmel, über der Gipfelkante des Generoso aus und schreckte mit dem
Gedröhn der Posaunen. Den einen Fuß auf dem Generoso, den andern auf
einem Gipfel jenseit des Sees stand, in der Linken die Wage, in der
Rechten das bloße Schwert, furchtbar drohend, der Erzengel Michael,
während sich hinter der Alpe von Soana der scheußliche Satan mit
Hörnern und Klauen niedergelassen hatte. Fast überall aber, wo der
Blick des Priesters hinirrte, stand eine schwarzgekleidete,
schwarzverschleierte, händeringende Frau, die niemand anderes, als
seine verzweifelte Mutter war.

Francesco hielt sich die Augen zu und preßte dann beide Hände gegen
die Schläfen. Wie er sich dann langsam herumwandte, sah er das in
Tränen schwimmende Mädchen, dessen purpurner Mund schmerzlich
zitterte, lange mit einem Ausdruck des Grauens an. Agata erschrak.
Sein Gesicht war entstellt, wie wenn es der Finger des Todes berührt
hätte. Wortlos wankte er auf sie zu. Und mit einem Röcheln, wie das
eines von unentrinnbarer Macht Besiegten, das zugleich ein wildes,
lebensbrünstiges Stöhnen und Röcheln um Gnade war, sank er zerbrochen
vor ihr ins Knie und rang gegen sie die gefalteten Hände.

Francesco würde seiner Leidenschaft vielleicht noch lange nicht in
solchem Grade unterlegen sein, wenn nicht das Verbrechen der
Dorfbewohner an Agata ihr ein namenloses, heißes, menschliches
Mitgefühl beigemischt hätte. Er erkannte, was diesem von Gott mit
aphrodisischer Schönheit begabten Geschöpf in seinem fernen Leben und
in der Welt ohne Beschützer bevorstehen mußte. Er war durch die
Umstände heute zu ihrem Beschützer gemacht worden, der sie vielleicht
vom Tode durch Steinigung errettet hatte. Er hatte dadurch ein
persönliches Anrecht auf sie erlangt. Ein Gedanke, der ihm nicht
deutlich war, aber doch sein Handeln beeinflußte: unbewußt wirkend,
räumte er allerlei Hemmungen, Scheu und Furchtsamkeit hinweg. Und er
sah in seinem Geist keine Möglichkeit, seine Hand je wieder von der
Verfemten abzuziehen. Er würde an ihrer Seite stehen und stünde die
Welt und Gott auf der anderen. Solche Erwägungen, solche Strömungen
verbanden sich, wie gesagt, unerwartet mit dem Strome der
Leidenschaft, und so trat dieser aus den Ufern.

Vorerst war sein Verhalten indessen noch nicht die Abkehr vom Rechten
und die Folge eines Entschlusses, zu sündigen: es war nur ein Zustand
der Ohnmacht, der Hilflosigkeit. Warum er das tat, was er tat, hätte
er nicht zu sagen gewußt. In Wahrheit tat er eigentlich nichts. Es
geschah nur etwas mit ihm. Und Agata, die nun eigentlich hätte
erschrecken müssen, tat dies nicht, sondern schien vergessen zu haben,
daß Francesco ein ihr fremder Mann und ein Priester war. Er schien auf
einmal ihr Bruder geworden. Und während ihr Weinen zum Schluchzen sich
steigerte, ließ sie es nicht nur zu, daß der nun auch von trocknem
Schluchzen Geschüttelte sie, wie zum Troste, umfing, sondern sie
senkte ihr überströmtes Gesicht und verbarg es an seiner Brust.

Nun war sie zum Kinde geworden und er zum Vater, insoweit, als er sie
in ihrem Leid zu beruhigen trachtete. Allein er hatte nie den Körper
eines Weibes so nahe gefühlt, und seine Liebkosungen, seine
Zärtlichkeiten waren bald mehr, als väterlich. Deutlich empfand er
zwar, wie in dem schluchzenden Weh des Mädchens etwas, wie ein
Bekenntnis lag. Sie wußte, das erkannte er, welcher häßlichen Liebe
sie ihr Dasein verdanke und schwamm darüber mit ihm im gleichen Leid.
Ihre Not, ihre Schmerzen trug er mit ihr. So waren ihre Seelen
geeinigt. Allein er hob bald ihr süßes Madonnengesicht zu dem seinen,
indem er sie um den Nacken faßte und an sich zog, mit der Rechten die
weiße Stirn zurückbiegend, und indem er daran, was er so gefesselt
hielt, lange, mit dem Feuer des Wahnsinns im Auge, gierige Blicke
weidete, schoß er plötzlich, wie ein Falke, auf ihren heißen, von
Tränen salzigen Mund herab und blieb untrennbar mit ihm
verschmolzen. -- Nach Augenblicken irdischer Zeit, Ewigkeiten
betäubender Seligkeit, riß Francesco sich plötzlich los und stellte
sich fest auf beide Füße, auf seinen Lippen schmeckte er Blut --:
»Komm,« sagte er, »du kannst nicht allein, ohne Schutz, nach Hause gehn
und also werde ich dich begleiten.«

       *       *       *       *       *

Ein wechselnder Himmel lag über der Alpenwelt, als Francesco und Agata
aus der Pfarrei schlichen. Sie bogen in einen Wiesenpfad, auf dem sie,
zwischen Maulbeerbäumen, unter Rebenguirlanden hindurch, ungesehen von
Terrasse zu Terrasse abkletterten. Francesco wußte sehr wohl, was
hinter ihm lag und welche Grenze jetzt überschritten war, Reue
vermochte er nicht zu empfinden. Er war verändert, gesteigert,
befreit. Die Nacht war schwül. In der lombardischen Ebene, schien es,
zogen Gewitter umher, deren ferne Blitze fächerförmig hinter der
Riesensilhouette der Berge aufstrahlten. Düfte des gewaltigen
Fliederbusches unter den Fenstern des Pfarrhauses schwammen von dort
mit dem vorüberkommenden, sickernden Wasser des Bachgeäders herab,
vermischt mit kühlen und warmen Luftströmen. Die beiden Berauschten
redeten nicht. Er stützte sie, so oft sie im Dämmer die Mauer zu einer
tiefer gelegten Terrasse abklommen, fing sie auch wohl mit den Armen
auf, wobei ihre Brust an seiner pochte, sein durstiger Mund an ihrem
hing. Sie wußten nicht, wo sie eigentlich hin wollten, denn aus der
Tiefe der Schlucht der Savaglia führte kein Weg zur Alpe hinauf.
Darüber indessen waren sie einig, daß sie den Aufstieg dorthin durch
die Ortschaft vermeiden mußten. Aber es kam auch nicht darauf an,
irgendein äußeres, irgendein fernes Ziel zu erreichen, sondern das
nahe Erreichte auszugenießen.

Wie war doch die Welt bisher so schlackenhaft tot und leer gewesen,
und welche Wandlung hatte sie durchgemacht. Wie hatte sie sich in den
Augen des Priesters, und wie hatte er in ihr sich verwandelt. Getilgt
und entwertet waren alle Dinge in seiner Erinnerung, die ihm bis dahin
alles bedeutet hatten. Vater, Mutter, sowie seine Lehrer waren wie
Gewürm im Staube der alten, verworfenen Welt zurückgeblieben, während
ihm, dem Sohne Gottes, dem neuen Adam, durch den Cherub die Pforte des
Paradieses wieder geöffnet worden war. In diesem Paradies, darin er
nun die ersten, verzückten Schritte tat, herrschte Zeitlosigkeit. Er
fühlte sich nicht mehr als ein Mensch irgendeiner Zeit oder
irgendeines Alters. Ebenso zeitlos war die nächtliche Welt um ihn her.
Und da nun die Zeit der Verstoßung, die Welt der Verbannung und der
Erbsünde hinter ihm lag vor der bewachten Pforte des Paradieses,
empfand er auch nicht mehr die allergeringste Furcht vor ihr. Niemand
da draußen konnte ihm etwas anhaben. Es lag nicht in der Macht seiner
Oberen, noch in der Macht des Papstes selbst, ihn auch nur am Genusse
der geringsten Paradiesesfrucht zu verhindern, noch ihm das geringste
zu rauben von der ihm nun einmal gewordenen Gnadengabe höchster
Glückseligkeit. Seine Oberen waren die Niederen geworden. Sie wohnten,
vergessen, in einer verschollenen Erde des Heulens und Zähneklapperns.
Francesco war nicht Francesco mehr, er war als erster Mensch soeben
vom göttlichen Odem geweckt, als alleiniger Adam, alleiniger Herr des
Garten Eden. Es lebte kein zweiter Mann außer ihm in der Fülle der
sündenlosen Schöpfung. Gestirne zitterten, himmlisch klingend,
Glückseligkeit. Gewölke brummten wie schwelgerisch weidende Kühe,
Purpurfrüchte strömten süße Entzückung und köstliche Labung aus,
Stämme schwitzten duftendes Harz, Blüten streuten köstliche Würzen:
allein dieses alles hing doch von Eva ab, die Gott als die Frucht der
Früchte, die Würze der Würzen zwischen all diese Wunder gesetzt hatte,
von ihr, die selber sein höchstes Wunder war. Aller Gewürze Duft, ihre
feinste Essenz hatte der Schöpfer in Haar, Haut und Fruchtfleisch
ihres Körpers gelegt, aber ihre Form, ihr Stoff hatte nicht
ihresgleichen. Ihre Form, ihr Stoff war Gottes Geheimnis. Die Form
bewegte sich aus sich selbst und blieb gleich köstlich in Ruhe, wie in
Wandlung. Ihr Stoff schien aus dem gemischt, aus dem Lilienblätter
und Rosenblätter gebildet werden, aber er war keuscher an Kühle und
heißer an Glut, er war zugleich zarter und widerstandskräftiger. In
dieser Frucht war ein lebendig pochender Kern, es hämmerten in ihr
köstliche, zuckende Pulse, und wenn man von ihr genoß, so schenkte sie
je mehr und mehr um so köstlichere, ausgesuchtere Wonnen, ohne daß ihr
himmlischer Reichtum dabei verlor.

Und was in dieser Schöpfung, diesem wiedergewonnenen Paradiese das
Köstlichste war, konnte man wohl aus der Nähe des Schöpfers herleiten.
Weder hatte hier Gott sein Werk vollendet und allein gelassen, noch
sich darin zur Ruhe gelegt. Im Gegenteil war die schaffende Hand, der
schaffende Geist, die schaffende Macht nicht abgezogen, sie blieben im
Werke schöpferisch. Und jeder von allen Teilen und Gliedern des
Paradieses blieb schöpferisch. Francesco-Adam, soeben erst aus der
Werkstatt des Töpfers hervorgegangen, fühlte sich als ein rings umher
Schaffender. Mit einer Entzückung, die außerweltlich war, spürte und
sah er Eva, die Tochter Gottes. Es haftete noch an ihr die Liebe, die
sie gebildet hatte, und der köstlichste aller Stoffe, den der Vater zu
ihrem Leibe verwendete, hatte noch jene überirdische Schönheit, die
durch kein Erdenstäubchen verunreinigt war. Aber auch diese Schöpfung
bebte, schwoll und leuchtete noch von der himmlischen Glut tätiger
Schöpferkraft und drängte, mit Adam zu verschmelzen. Adam wieder
drängte nach ihr, um gemeinsam mit ihr in eine neue Vollkommenheit
einzugehen.

Agata und Francesco, Francesco und Agata, der Priester, der Jüngling
aus gutem Haus und das verfemte, verachtete Hirtenkind, war das erste
Menschenpaar, wie sie Hand in Hand auf nächtlichen Schleichwegen zu
Tale kletterten. Sie suchten die tiefste Verborgenheit. Schweigend,
die Seele von einem namenlosen Staunen erfüllt, mit einem Entzücken,
das ihnen beiden fast die Brust sprengte, stiegen sie tiefer und
tiefer in das köstliche Wunder der Weltstunde.

Sie waren bewegt. Die Begnadung, die Auserwählung, die sie auf sich
ruhen fühlten, vermischte mit ihrem unendlichen Glück eine ernste
Feierlichkeit. Sie hatten ihre Körper gefühlt, waren im Kuß verbunden
gewesen, aber sie fühlten die unbekannte Bestimmung, der sie
zuschritten. Es war das letzte Mysterium. Es war eben das, warum Gott
schuf und warum er den Tod in die Welt gesetzt, ihn gleichsam in Kauf
genommen hatte.

So gelangte das erste Menschenpaar in die enge Schlucht hinab, die das
Flüßchen Savaglia gesägt hatte. Sie war sehr tief, und nur ein wenig
begangener Fußpfad führte am Rande des Bachbetts bis zu dem
Wasserbecken hinauf, in das sich aus schwindelerregender Höhe das
Bergwasser über die Felsstufe hinabstürzte. Noch in beträchtlicher
Entfernung davon wurde der Bach in zwei Arme geteilt, die sich wieder
vereinigten, durch ein kleines grünes Inselchen, das Francesco liebte
und oft besuchte, weil es mit einigen jungen Apfelbäumen, die dort
Wurzel geschlagen hatten, sehr lieblich war. Und Adam zog seine Schuhe
aus und trug seine Eva dort hinüber. »Komm, oder ich sterbe,« sagte er
mehrmals zu Agata. Und sie zertraten Narzissen und Osterlilien mit dem
schweren, fast trunkenen Gang der Liebenden.

Auch hier in der Schlucht war es sommerwarm, wenngleich der rauschende
Lauf des Baches Kühlung mitbrachte. Wie kurz war die Zeit, die seit
dem Wendepunkte im Leben des Paares schon verflossen war, und wie weit
war alles zurückgewichen, was vor dem Wendepunkte lag. Der Bauer, dem
das Inselchen angehörte, hatte sich, da es ziemlich entfernt von der
Ortschaft lag, um gegen die Zufälligkeiten der Witterung einigermaßen
gedeckt zu sein, eine Hütte aus Steinen, Reisern und Erde gefertigt,
die ein leidlich regensicheres Laublager bot. Es war vielleicht diese
Hütte, die Adam vorgeschwebt hatte, als er mit Eva die Richtung zu
Tal, statt zu Berge nahm. Die Hütte schien zum Empfang der Liebenden
vorbereitet. Hier schienen heimliche Hände von dem nahenden Feste der
heimlichen Menschwerdung verständigt worden zu sein: denn es waren
Gewölke von Licht um die Hütte, Gewölke von Funken, Leuchtkäfer,
Glühwürmchen, Welten, Milchstraßen, die manchmal in Garben gewaltig
aufstiegen, als wollten sie leere Welträume neu bevölkern. Sie quollen
und schwebten so hoch durch die Schlucht, daß man Sterne des Himmels
davon nicht mehr unterschied.

Obgleich sie es kannten, war dieses Schauspiel, war dieser schweigende
Zauber für Francesco und die sündige Agata doch wunderbar und ihr
Staunen darüber hemmte sie einen Augenblick. Ist das die Stelle,
dachte Francesco, die ich im Grunde doch, ahnungslos, was sie einmal
für mich bedeuten würde, so oft gesucht und mit Wohlgefallen
betrachtet habe? Sie schien mir ein Ort, um sich als Eremit vor dem
Jammer der Welt dahin zurückzuziehen und entsagend in Gottes Wort zu
versenken. Was sie wirklich ist, eine Insel im Strome Phrat oder
Hiedekel, der heimlich-glückseligste Ort im Paradiese, hätte ich ihr
nicht angesehen. Und die mystischen, lohenden Funkengewölke,
Hochzeitsbrände, Opferbrände, oder was es nun immer war, lösten ihn
vollends von der Erde. Wenn er die Welt nicht vergaß, so wußte er, daß
sie ohnmächtig vor den Toren des Gartens Eden lag, wie der
siebenköpfige Drache, das siebenköpfige Tier, das aus dem Meer
gestiegen ist. Was hatte er mit denen zu tun, die den Drachen anbeten.
Mag er Gottes Hütte lästern. Sein Geifer erreicht ihre Stätte nicht.
Nie hatte Francesco, nie hatte der Priester ein solches Nahesein bei
Gott, ein solches Geborgensein in ihm, ein solches Vergessen der
eignen Persönlichkeit gefühlt, und im Rauschen des Bergbachs schienen
allmählich die Berge melodisch zu dröhnen, die Feldzacken zu orgeln,
die Sterne mit Myriaden goldner Harfen zu musizieren. Chöre von Engeln
jubilierten durch die Unendlichkeit, gleich Stürmen brausten von oben
die Harmonien, und Glocken, Glocken, Geläut von Glocken, von
Hochzeitsglocken, kleinen und großen, tiefen und hohen, gewaltigen und
zarten verbreiteten eine erdrückend-selige Feierlichkeit durch den
Weltenraum. -- Und so sanken sie, ineinander verschlungen, auf das
Laublager.

       *       *       *       *       *

Keinen Augenblick gibt es, der verweilt, und wenn man auch mit
angstvoller Hast solche der höchsten Wonne festhalten will -- so sehr
man sich müht, man findet dazu keine Handhabe. Sein ganzes Leben
bestand, wie Francesco fühlte, aus Stufen zum Gipfel dieses nun
gelebten Mysteriums. Wo sollte man künftig atmen, konnte man es nicht
festhalten. Wie sollte man ein verdammtes Dasein ertragen, wenn man
aus den Verzückungen seiner innersten Himmel wieder verstoßen war.
Mitten im überirdischen Rausch des Genusses empfand der Jüngling mit
stechendem Schmerz die Vergänglichkeit, im Genuß des Besitzes die Qual
des Verlustes. Es war ihm, als sollte er einen Becher des köstlichen
Weines austrinken und einen ebenso köstlichen Durst löschen: der
Becher aber wurde nie leer, während der Durst trotzdem nie gestillt
wurde. Und der Trinkende wollte auch nicht, daß sich sein köstlicher
Durst sättige, noch daß der Becher leer würde: dennoch sog er mit
gieriger Wut daran, gepeinigt, weil er nie auf den Grund kommen
konnte.

Umarmt vom Rauschen des Baches, überflutet davon, umtanzt von
Leuchtkäfern, ruhte das Paar im raschelnden Laub, während durchs Dach
der Hütte die Sterne hereinblinzelten. Von allen Heimlichkeiten
Agatas, die er wie unerreichliche Güter bewundert hatte, hatte er
zitternd Besitz ergriffen. Er war in ihr offenes Haar hineingetaucht,
er hing mit den Lippen an ihren Lippen. Aber sogleich ward sein Auge
voll Neid gegen seinen Mund erfüllt, der ihm den Anblick des süßen
Mädchenmundes geraubt hatte. Und immer unfaßbarer, immer glühender,
immer betäubender quoll aus den Geheimnissen ihres jungen Leibes
Glückseligkeit. Was er nie zu besitzen gehofft hatte, wenn es ihm
heiße Nächte vorspiegelten, das war nichts gegen das gehalten, was er
nun grenzenlos besaß.

Und während er schwelgte, ward er immer aufs neue ungläubig. Das
Übermaß der Erfüllungen veranlaßte ihn immer aufs neue, unersättlich
sich seines Eigentums zu versichern. Zum ersten Male fühlten seine
Finger, seine bebenden Hände und Handflächen, seine Arme, seine Brust,
seine Hüften das Weib. Und sie war für ihn mehr, als das Weib. Ihm
war, als habe er etwas Verlorenes, etwas Verscherztes, ohne das er ein
Krüppel gewesen war, und mit dem er sich jetzt zur Einheit verbunden
hatte, wiedergefunden. War er von diesen Lippen, diesem Haar, diesen
Brüsten und Armen jemals getrennt gewesen? Es war eine Göttin, es war
kein Weib. Und es war überhaupt nichts, was für sich bestand: er
wühlte sich in den Kern der Welt und das Ohr unter die magdlichen
Brüste gedrückt, hörte er glückselig schaudernd das Herz der Welt
pochen.

Jene Betäubung, jener Halbschlaf kam über das Paar, wo die Wonnen der
Erschöpfung in die Reize des wachen Fühlens und die Reize des wachen
Fühlens in die Wonnen der Betäubung des Vergessens übergehen: wobei
Francesco jetzt in den Armen des Mädchens, jetzt Agata in seinen Armen
entschlief. Wie seltsam und mit welchem Vertrauen hatte das scheue,
verwilderte Mädchen sich unter den liebkosenden Zwang des Priesters
gefunden, wie ergeben und glücklich diente sie ihm. Und wenn sie in
seinen Armen entschlief, so war es mit dem beruhigten Lächeln, mit dem
sich das Auge des gesättigten Säuglings im Arme und an der Brust der
Mutter schließt. Francesco aber betrachtete, bestaunte und liebte die
Schlummernde. Durch ihren Leib gingen Wellen von Zuckungen, wie es die
Entspannung des Lebens mit sich bringt. Manchmal schrie das Mädchen im
Traum. Aber immer war es das gleiche, betörende Lächeln, wenn sie die
schmachtenden Lider öffnete und dann das gleiche Sterben in letzter
Hingabe. So oft der Jüngling entschlummerte, schien es ihm, als
entwinde eine Macht ihm leise, leise den Körper, den er, mit ganzem
Leibe fühlend, umschlungen hielt. Aber jedesmal folgte diesem kurzen
Entwinden im Erwachen zuerst ein Fühlen von höchster, dankbar
empfundener Süßigkeit; ein unnennbarer Traum mit einem seligen, wachen
Empfinden des süßesten Wirklichen.

Das war sie, die Paradiesesfrucht, von dem Baume, der mitten im Garten
stand. Er hielt sie mit ganzem Leibe umschlungen. Es war die Frucht
von dem Baume des Lebens, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und
Bösen, mit der die Schlange Eva verführt hatte. Vielmehr war es jene,
deren Genuß Gott gleich machte. Erstorben war in Francesco jeder
Wunsch nach einer höheren, einer andren Glückseligkeit. Auf Erden
nicht und im Himmel nicht gab es Wonnen, die mit der seinen
vergleichbar waren. Es gab keinen König, keinen Gott, den der
Jüngling, wühlend im schwelgerischen Überfluß, nicht als darbenden
Bettler empfunden hätte. Seine Sprache war zum Stammeln, zum
stoßweisen Atmen herabgedrückt. Er sog den betörenden Hauch, der
zwischen den offenen Lippen Agatas hervorströmte. Er küßte die Tränen
der Wollust heiß von der Wimper, heiß von der Wange des Mädchens fort.
Geschlossenen Auges, nur sparsam blinzelnd, genossen beide im anderen
sich selbst, nach innen gerichteten Blicks, heißfühlend und
hellfühlend. Aber das alles war mehr als Genuß, vielmehr etwas, was
auszudrücken menschliche Sprache nicht hinreichend ist.

       *       *       *       *       *

Francesco las pünktlich am Morgen die Frühmesse. Seine Abwesenheit war
von niemand, seine Heimkunft nicht einmal von Petronilla bemerkt
worden. Die Überstürzung, mit der er, sich flüchtig säubernd, zu den
wartenden Ministranten in die Sakristei und an den Altar vor die
harrende, kleine Gemeinde begeben mußte, verhinderte, daß er zur
Besinnung kam. Die Besinnung trat ein, als er wieder im Pfarrhaus,
wieder in seinem Stübchen war, wo ihm die Wirtschafterin das übliche
Frühstück vorsetzte. Aber diese Besinnung brachte nicht sogleich die
Klarheit einer Ernüchterung. Vielmehr gab die alte Umgebung, der
aufsteigende Tag dem Erlebten den Schein von etwas Unwirklichem, das
wie ein vergangener Traum verblich. Aber hier war doch Wirklichkeit.
Und obgleich sie jeden von Francesco jemals geträumten Traum an
phantastischer Unglaubhaftigkeit überbot, konnte er sie dennoch nicht
wegleugnen. Er hatte einen furchtbaren Fall getan, an diesem Umstand
war nicht zu deuteln: die Frage hieß, ob eine Erhebung von diesem
Sturz, diesem furchtbaren Sündenfall, überhaupt noch möglich war? Der
Sturz war so tief und von einer solchen Höhe herab, daß der Priester
daran verzweifeln mußte. Nicht nur im kirchlichen, auch im weltlichen
Sinne stand dieser schreckliche Fall ohne Beispiel da. Francesco
gedachte des Sindacos, und wie er mit ihm über die mögliche Rettung
der Verworfenen von der Alpe geredet hatte. Nun erst, heimlich, in
seiner tiefen Erniedrigung erkannte er die ganze pfäffische Hoffart,
den ganzen überheblichen Dünkel, der ihn damals gebläht hatte. Er biß
die Zähne zusammen vor Scham, er krümmte sich gleichsam, wie ein
eitler, entlarvter Betrüger, vor Entehrung, in nackter Hilflosigkeit.
War er nicht eben noch ein Heiliger? Hatten nicht Frauen und
Jungfrauen von Soana fast mit Abgötterei zu ihm aufgeblickt?

Und war es ihm nicht gelungen, den kirchlichen Geist der Ortschaft
dermaßen zu heben, daß Messehören und die Kirche besuchen sogar bei
den Männern sich wieder einbürgerte. Nun war er zum Verräter an Gott,
zum Betrüger und Verräter an seiner Gemeinde, zum Verräter an der
Kirche, zum Verräter an seiner Familienehre, zum Verräter an sich
selbst, ja, sogar zum Verräter an den verachteten, verworfenen,
verruchten und erbärmlichen Scarabotas geworden, die er unter dem
Vorwand, ihre Seelen zu retten, erst recht in die Verdammnis
verstrickt hatte.

Francesco dachte an seine Mutter. Sie war eine stolze, fast männliche
Frau, die ihn als Kind mit fester Hand beschützt und geführt, und
deren unbeugsamer Wille auch die Bahn seines künftigen Lebens
vorgezeichnet hatte. Er wußte, daß ihre Härte gegen ihn nichts, als
glühende Mutterliebe war, und daß sie durch die geringste Trübung der
Ehre ihres Sohnes in ihrem Stolze aufs schwerste verletzt, durch eine
ernste Verfehlung des Sohnes aber im Sitz des Lebens unheilbar
verwundet werden mußte. Seltsam, wie im Zusammenhange mit ihr das
wirklich Geschehene, nahe und deutlich Durchlebte nicht einmal auch
nur ausgedacht werden konnte.

Francesco war in den ekelhaftesten Schlamm hinabgesunken, in den
Unflat letzter Verworfenheit. Er hatte darin seine Weihen als
Priester, sein Wesen als Christ, wie als Sohn seiner Mutter, ja, als
Mensch überhaupt zurückgelassen. Der Werwolf, das stinkende,
dämonische Tier, würde in der Meinung der Mutter, in der Meinung der
Menschen überhaupt, sofern sie von dem Verbrechen Kenntnis gehabt
hätten, einzig übrig geblieben sein. Der Jüngling fuhr von dem Stuhl
empor und von dem Brevier auf dem Tisch, in das er sich zum Scheine
vertieft hatte. Es war ihm gewesen, als wenn Hagel von Steinen wider
das Haus prasselten: nicht in der Art, wie am Tage zuvor, bei dem
Versuch einer Steinigung, sondern mit hundert-, mit tausendfachen
Kräften. So, als sollte das Pfarrhaus vertilgt, oder mindestens in
einen Schutthaufen umgewandelt und er als ein giftiges Krötengereck
darunter begraben werden. Er hatte seltsame Laute gehört, furchtbare
Schreie, rasende Zurufe und wußte, daß unter den Wütenden, die
unermüdlich Steine schleuderten, nicht nur ganz Soana, der Sindaco und
die Frau des Sindacos, sondern auch Scarabota und seine Familie, und
sogar allen voran seine Mutter war.

       *       *       *       *       *

Aber schon nach Stunden hatten ganz andere Phantasien und ganz andere
Regungen solche abgelöst. Alles, was aus der Einkehr, aus dem
Entsetzen über die Tat, aus der Zerknirschung geboren war, schien
jetzt niemals vorhanden gewesen. Eine nie gekannte Not, ein brennender
Durst dörrte Francesco aus. Sein Inneres schrie, wie jemand, der sich
im glühenden Wüstensande verschmachtend wälzt, nach Wasser schreit.
Die Luft schien ohne jene Stoffe zu sein, die man braucht, um zu
atmen. Das Pfarrhaus wurde dem Priester zum Käfig, zwischen dessen
Wänden er mit schmerzenden Knien, ruhelos wie ein Raubtier, schritt,
entschlossen, falls man ihn nicht befreie, lieber, als so weiter zu
leben, den Schädel im Anlauf gegen die Mauer zu zerschmettern. Wie ist
es möglich, als Toter zu leben? fragte er sich, indem er Bewohner des
Dorfes durchs Fenster beobachtete. Wie mögen sie oder wie können sie
atmen? Wie tragen sie, da sie doch das nicht kennen, was ich genossen
habe und nun entbehre, ihr erbärmliches Sein? Und Francesco wuchs in
sich. Er sah auf Päpste, Kaiser, Fürsten und Bischöfe, kurz auf alle
Leute herab, wie sonst Menschen auf Ameisen. Selbst in seinem Durst,
seinem Elend, seiner Entbehrung tat er das. Freilich, er war nicht
mehr Herr seines Lebens. Eine übermächtige Zauberei hatte ihn zu einem
vollständig willenlosen und, ohne Agata, vollständig leblosen Opfer
des Eros gemacht, des Gottes, der älter und mächtiger ist, als Zeus
und die übrigen Götter. Er hatte in den Schriften der Alten gelesen
über dergleichen Zauberei und diesen Gott und beides geringgeschätzt
mit einem Lächeln. Jetzt fühlte er deutlich, daß sogar an einen
Pfeilschuß und eine tiefe Wunde gedacht werden mußte, mit der, nach
Meinung der Alten, der Gott das Blut seiner Opfer vergiftete. Diese
Wunde brannte, bohrte, flammte, fraß und nagte ja in ihm. Er fühlte
furchtbar stechende, Schmerzen -- bis er sich bei Dunkelwerden,
innerlich gleichsam schreiend vor Glück, auf den Weg nach derselben
kleinen Welt-Insel begab, die ihn gestern mit der Geliebten vereint,
und wo er seine neue Begegnung mit ihr verabredet hatte.

       *       *       *       *       *

Der Berghirt Ludovico, den Bewohnern der Umgegend als »Ketzer von
Soana« bekannt, schwieg, als er bis zu der Stelle seines Manuskriptes,
wo es abbricht, gelesen hatte. Der Besucher hätte die Erzählung gern
bis zu Ende gehört. Als er indessen den Wunsch zu äußern so freimütig
war, eröffnete ihm sein Wirt, daß seine Handschrift nicht weiter
reiche. Er war auch der Ansicht, die Geschichte könne, ja, müsse hier
abreißen. Der Besucher war dieser Meinung nicht.

Was wurde aus Agata und Francesco, aus Francesco und Agata? Blieb die
Sache geheim oder war sie entdeckt worden? Fanden die Liebenden auf
die Dauer oder flüchtig Gefallen aneinander? Erfuhr die Mutter
Francescos von der Angelegenheit? Und endlich wollte der Hörer wissen,
ob eine wirkliche Begebenheit der Erzählung zugrunde liege oder ob sie
durchaus nur Dichtung sei.

»Ich sagte schon,« erwiderte Ludovico, sich ein wenig verfärbend, »daß
ein wirklicher Vorfall den Anlaß für mein Geschreibsel gegeben hat.« Er
schwieg hierauf eine lange Weile. »Man hat,« fuhr er später fort, »vor
etwa sechs Jahren einen Geistlichen mit Stockschlägen und Steinwürfen,
buchstäblich genommen, vom Altar fort aus der Kirche gejagt. Es wurde
mir jedenfalls, als ich von Argentinien nach Europa zurück und in diese
Gegend kam, von so vielen Leuten erzählt, daß ich an dem Geschehnis
selbst nicht zweifle. Auch haben die blutschänderischen Scarabotas,
allerdings nicht unter diesem Namen, hier am Generoso gelebt. Der Name
Agata ist erfunden, ich nahm ihn einfach von dem Kapellchen Sant Agatha,
über dem, wie Sie sehen, noch immer die braunen Fischräuber kreisen.
Aber die Scarabotas haben wirklich unter anderen Sündenfrüchten eine
erwachsene Tochter gehabt, und der Priester ist eines unerlaubten
Umgangs mit ihr bezichtigt worden. Er hat, wie man sagt, die Sache nicht
abgeleugnet, auch nie die geringste Reue gezeigt, und der Papst hat ihn,
behauptet man, deshalb exkommuniziert. Die Scarabotas mußten die Gegend
verlassen. Sie sollen -- die Eltern, nicht die Kinder -- in Rio am
gelben Fieber gestorben sein.«

Der Wein und die Erregung, die durch Ort, Stunde, Gesellschaft und
besonders durch das gelesene Gedicht, verbunden mit allerlei
mystischen Umständen, im Hörer hervorgerufen war, machte diesen noch
weiter zudringlich. Er fragte wieder nach dem Schicksal Francescos und
Agatas. Darüber konnte der Hirt nichts aussagen. »Sie sollen nur lange
Zeit ein Ärgernis der Gegend gewesen sein, indem sie die überall
verstreuten, einsamen Heiligtümer entweihten und schändeten und zu
Asylen ihrer verruchten Lust mißbrauchten.« Bei diesen Worten brach
der Anachoret in ein gänzlich unvermitteltes, lange nicht
einzudämmendes, lautes und freies Gelächter aus.

Gedankenvoll und seltsam bewegt trat der Übermittler dieses
Reiseabenteuers den Heimweg an. Sein Tagebuch enthält Schilderungen
dieses Abstiegs, die er hier jedoch nicht einrücken will. Die
sogenannte blaue Stunde, die eintritt, wenn die Sonne unter den
Horizont gesunken ist, war jedenfalls damals besonders schön. Man
hörte den Fall von Soana rauschen. Ganz so hatten ihn Francesco und
Agata rauschen gehört. Oder hörten sie am Ende jetzt noch sein Getön
und zwar in demselben Augenblick? Lag dort nicht der Scarabotasche
Steinhaufen? Hörte man nicht Laute fröhlicher Kinder, untermischt mit
dem Blöken der Ziegen und Schafe, von dort? Der Wanderer fuhr sich
übers Gesicht, wie wenn er einen verwirrenden Schleier abstreifen
wollte: war die kleine Erzählung, die er gehört hatte, wirklich, wie
eine winzige Enzianblume oder dergleichen, auf einer Matte dieser
Bergwelt gewachsen, oder war dieses herrliche, urgewaltige
Gebirgsrelief, diese erstarrte Gigantomachie aus dem Rahmen der
kleinen Novelle hervorgegangen? Dies und ähnliches dachte er, als sein
Gehör vom sonoren Klang einer singenden Frauenstimme berührt wurde. Es
hieß ja, der Anachoret sei verheiratet. Die Stimme trug, wie in einem
weiten, akustischen Saal, wenn die Menschen den Atem anhalten, um nur
zu lauschen. Auch die Natur hielt den Atem an. Die Stimme schien in
der Felswand zu singen. Manchmal wenigstens flutete sie, in weiten
Schwingungen voll süßesten Schmelzes und feurigen Adels, gleichsam von
dort heraus. Allein die Sängerin kam, wie sich zeigte, von ganz
entgegengesetzter Richtung den Pfad zum Würfel Ludovicos
heraufgestiegen. Sie trug ein Tongefäß auf dem Kopf, das sie mit der
erhobenen Linken ein wenig hielt, während sie mit der Rechten ihr
Töchterchen führte. Dadurch nahm die volle und doch schlanke Gestalt
jene grade, köstliche Haltung an, die so feierlich, ja, erhaben
anmutet. Irgendeine Vermutung schoß dem Beschauer bei diesem Anblick,
wie eine Erleuchtung, durch die Seele.

Wahrscheinlich war er nun entdeckt worden, denn plötzlich verstummte
der Gesang. Man sah die Steigende näherkommen, voll vom Glanze der
westlichen Himmelshälfte getroffen. Man vernahm das Kind -- die Mutter
mit ruhiger, tiefer Stimme antworten. Dann hörte man, wie die nackte
Sohle des Weibes klatschend die roh behauenen Stufen trat. Der Last
wegen mußte man fest und sicher auftreten. Für den Wartenden waren die
Augenblicke vor dieser Begegnung von einer nie gefühlten Spannung und
Rätselhaftigkeit. Die Frau schien zu wachsen. Man sah das
hochgeschürzte Kleid, sah bei jedem Schritte ein Knie sich flüchtig
entblößen, sah nackte Schultern und Arme hervortreten, sah ein rundes,
frauenhaftes, trotz stolzen Selbstbewußtseins holdes Gesicht, das von
starkem Haarwuchs, wie von rotbrauner Erde, urwesenhaft umgeben war.
War das nicht die Männin, die Menschin, die syrische Göttin, die
Sünderin, die mit Gott zerfiel, um sich ganz dem Menschen, dem Manne
zu schenken?

Der Heimkehrende war beiseite getreten, und die leuchtende Kanephore
schritt, seinen Gruß der Last wegen fast unmerklich erwidernd, an ihm
vorbei. Sie wandte beide Augen nach ihm, indes der Kopf geradeaus
gerichtet blieb. Über das Antlitz glitt dabei ein stolzes, ein
selbstbewußtes, ein wissendes Lächeln. Dann senkte sie den Blick
wiederum auf den Weg, während gleichzeitig ein überirdisches Funkeln
durch ihre Wimpern zu sprühen schien. Der Beschauer war vielleicht
durch die Hitze des Tages, den Wein und alles sonst noch Erlebte
überhitzt, aber das ist gewiß: er fühlte vor diesem Weibe sich ganz,
ganz klein werden. Diese vollen, in aller betörenden Süße fast
höhnisch gekräuselten Lippen wußten, es gab gegen sie keinen
Widerspruch. Es gab keinen Schutz, keine Waffe gegen den Anspruch
dieses Nackens, dieser Schultern, und dieser von Lebenshauchen
beseligten und bewegten Brust. Sie stieg aus der Tiefe der Welt empor
und stieg an dem Staunenden vorbei -- und sie steigt und steigt in die
Ewigkeit, als die, in deren gnadenlose Hände Himmel und Hölle
überantwortet sind.


ENDE





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Ketzer von Soana" ***

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