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Title: Die Harzreise
Author: Heine, Heinrich, 1797-1856
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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               Die Harzreise


                    Von

               Heinrich Heine


    Nach Adolph Strodtmanns Handexemplar
        berichtigt und herausgegeben

                   von

              Otto F. Lachmann



                  Leipzig

  Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.



      Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,
    Weiße höfliche Manschetten,
    Sanfte Reden, Embrassieren --
    Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

      Herzen in der Brust, und Liebe,
    Warme Liebe in dem Herzen --
    Ach, mich tötet ihr Gesinge
    Von erlognen Liebesschmerzen.

      Auf die Berge will ich steigen,
    Wo die frommen Hütten stehen,
    Wo die Brust sich frei erschließet,
    Und die freien Lüfte wehen.

      Auf die Berge will ich steigen,
    Wo die dunkeln Tannen ragen,
    Bäche rauschen, Vögel singen,
    Und die stolzen Wolken jagen.

      Lebet wohl, ihr glatten Säle!
    Glatte Herren! glatte Frauen!
    Auf die Berge will ich steigen,
    Lachend auf euch niederschauen.



Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört
dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen,
eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karcer, eine Bibliothek
und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach
heißt »die Leine«, und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr
kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder wirklich einen großen
Anlauf nehmen mußte, als er hinüber sprang. Die Stadt selbst ist schön,
und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie
muß schon sehr lange stehen, denn ich erinnere mich, als ich vor fünf
Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie
schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollständig
eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Thédansants,
Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen,
Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und
anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der
Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein
ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen, und davon
stammten alle die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen,
Thüringer u. s. w., die noch heutzutage in Göttingen, hordenweis und
geschieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäste, über die
Weenderstraße einherziehen, auf den blutigen Wahlstätten der Rasenmühle,
des Ritschenkruges und Bovdens sich ewig unter einander herumschlagen,
in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Völkerwanderung
dahinleben, und teils durch ihre Duces, welche Haupthähne heißen, teils
durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches Komment heißt und in den _legibus
barbarorum_ eine Stelle verdient, regiert werden.

Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten,
Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger
als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die
Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen
Professoren hier herzuzählen, wäre zu weitläuftig; auch sind mir in
diesem Augenblicke nicht alle Studentennamen im Gedächtnisse, und unter
den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl
der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand oder, besser
gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens mit ihren
schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen vor den Pforten des
akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen,
wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.

Ausführlicheres über die Stadt Göttingen läßt sich sehr bequem nachlesen
in der Topographie derselben von K. F. H. Marx. Obzwar ich gegen den
Verfasser, der mein Arzt war und mir viel Liebes erzeigte, die
heiligsten Verpflichtungen hege, so kann ich doch sein Werk nicht
unbedingt empfehlen, und ich muß tadeln, daß er jener falschen Meinung,
als hätten die Göttingerinnen allzugroße Füße, nicht streng genug
widerspricht. Ja, ich habe mich sogar seit Jahr und Tag mit einer
ernsten Widerlegung dieser Meinung beschäftigt, ich habe deshalb
vergleichende Anatomie gehört, die seltensten Werke aus der Bibliothek
excerpiert, auf der Weenderstraße stundenlang die Füße der
vorübergehenden Damen studiert, und in der grundgelehrten Abhandlung, so
die Resultate dieser Studien enthalten wird, spreche ich 1) von den
Füßen überhaupt, 2) von den Füßen bei den Alten, 3) von den Füßen der
Elefanten, 4) von den Füßen der Göttingerinnen, 5) stelle ich alles
zusammen, was über diese Füße auf Ullrichs Garten schon gesagt worden,
6) betrachte ich diese Füße in ihrem Zusammenhang, und verbreite mich
bei dieser Gelegenheit auch über Waden, Knie u. s. w., und endlich 7),
wenn ich nur so großes Papier auftreiben kann, füge ich noch hinzu
einige Kupfertafeln mit dem Faksimile Göttingischer Damenfüße. --

Es war noch sehr früh, als ich Göttingen verließ, und der gelehrte **
lag gewiß noch im Bette und träumte wie gewöhnlich, er wandle in einem
schönen Garten, auf dessen Beeten lauter weiße mit Citaten beschriebene
Papierchen wachsen, die im Sonnenlichte lieblich glänzen, und von denen
er hie und da mehrere pflückt, und mühsam in ein neues Beet verpflanzt,
während die Nachtigallen mit ihren süßesten Tönen sein altes Herz
erfreuen.

Vor dem Weender Thore begegneten mir zwei eingeborne kleine Schulknaben,
wovon der eine zum andern sagte: »Mit dem Theodor will ich gar nicht
mehr umgehen, er ist ein Lumpenkerl, denn gestern wußte er nicht mal,
wie der Genitiv von _mensa_ heißt.« So unbedeutend diese Worte klingen,
so muß ich sie doch wieder erzählen, ja, ich möchte sie als Stadt-Motto
gleich auf das Thor schreiben lassen; denn die Jungen piepsen, wie die
Alten pfeifen, und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen
Notizenstolz der hochgelahrten Georgia Augusta.

Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vögel sangen gar
freudig, und auch mir wurde allmählich wieder frisch und freudig zu
Mute. Eine solche Erquickung that not. Ich war die letzte Zeit nicht aus
dem Pandektenstall herausgekommen, römische Kasuisten hatten mir den
Geist wie mit einem grauen Spinnweb überzogen, mein Herz war wie
eingeklemmt zwischen den eisernen Paragraphen selbstsüchtiger
Rechtssysteme, beständig klang es mir noch in den Ohren wie »Tribonian,
Justinian, Hermogenian und Dummerjahn«, und ein zärtliches Liebespaar,
das unter einem Baume saß, hielt ich gar für eine Korpusjurisausgabe mit
verschlungenen Händen. Auf der Landstraße fing es schon an lebendig zu
werden. Milchmädchen zogen vorüber; auch Eseltreiber mit ihren grauen
Zöglingen. Hinter Weende begegneten mir der Schäfer und Doris. Dieses
ist nicht das idyllische Paar, wovon Geßner singt, sondern es sind
wohlbestallte Universitätspedelle, die wachsam aufpassen müssen, daß
sich keine Studenten in Bovden duellieren, und daß keine neuen Ideen,
die noch immer einige Decennien vor Göttingen Quarantaine halten müssen,
von einem spekulierenden Privatdocenten eingeschmuggelt werden. Schäfer
grüßte mich sehr kollegialisch; denn er ist ebenfalls Schriftsteller,
und hat meiner in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich
denn auch außerdem oft citiert hat und, wenn er mich nicht zu Hause
fand, immer so gütig war, die Citation mit Kreide auf meine Stubenthür
zu schreiben. Dann und wann rollte auch ein Einspänner vorüber,
wohlbepackt mit Studenten, die für die Ferienzeit oder auch für immer
wegreisten. In solch' einer Universitätsstadt ist ein beständiges Kommen
und Abgehn, alle drei Jahre findet man dort eine neue Studentengeneration.
Das ist ein ewiger Menschenstrom, wo eine Semesterwelle die andere
fortdrängt, und nur die alten Professoren bleiben stehen in dieser
allgemeinen Bewegung, unerschütterlich fest, gleich den Pyramiden
Ägyptens -- nur daß in diesen Universitätspyramiden keine Weisheit
verborgen ist.

Aus den Myrtenlauben bei Rauschenwasser sah ich zwei hoffnungsvolle
Jünglinge hervorreiten. Ein Weibsbild, das dort sein horizontales
Handwerk treibt, gab ihnen bis auf die Landstraße das Geleit,
klätschelte mit geübter Hand die mageren Schenkel der Pferde, lachte
laut auf, als der eine Reiter ihr hinten auf die breite Spontaneität
einige Galanterien mit der Peitsche überlangte, und schob sich alsdann
gen Bovden. Die Jünglinge aber jagten nach Nörten, und johlten gar
geistreich, und sangen gar lieblich das Rossini'sche Lied: »Trink Bier,
liebe, liebe Lise!« Diese Töne hörte ich noch lange in der Ferne; doch
die holden Sänger selbst verlor ich bald völlig aus dem Gesichte,
sintemal sie ihre Pferde, die im Grunde einen deutsch langsamen
Charakter zu haben schienen, gar entsetzlich anspornten und
vorwärtspeitschten. Nirgend wird die Pferdeschinderei stärker getrieben
als in Göttingen, und oft, wenn ich sah, wie solch eine
schweißtriefende, lahme Kracke für das bißchen Lebensfutter von unsern
Rauschenwasserrittern abgequält ward, oder wohl gar einen ganzen Wagen
voll Studenten fortziehen mußte, so dachte ich auch: »O du armes Tier,
gewiß haben deine Voreltern im Paradiese verbotenen Hafer gefressen!«

Im Wirtshause zu Nörten traf ich die beiden Jünglinge wieder. Der eine
verzehrte einen Heringssalat, und der andere unterhielt sich mit der
gelbledernen Magd, Fusia Kanina, auch Trittvogel genannt. Er sagte ihr
einige Anständigkeiten und am Ende wurden sie handgemein. Um meinen
Ranzen zu erleichtern, nahm ich die eingepackten blauen Hosen, die in
geschichtlicher Hinsicht sehr merkwürdig sind, wieder heraus und
schenkte sie dem kleinen Kellner, den man Kolibri nennt. Die Bussenia,
die alte Wirtin, brachte mir unterdessen ein Butterbrot, und beklagte
sich, daß ich sie jetzt so selten besuche, denn sie liebt mich sehr.

Hinter Nörten stand die Sonne hoch und glänzend am Himmel. Sie meinte es
recht ehrlich mit mir und erwärmte mein Haupt, daß alle unreife
Gedanken darin zur Vollreife kamen. Die liebe Wirtshaussonne in Nordheim
ist auch nicht zu verachten; ich kehrte hier ein, und fand das
Mittagessen schon fertig. Alle Gerichte waren schmackhaft zubereitet,
und wollten mir besser behagen, als die abgeschmackten akademischen
Gerichte, die salzlosen, ledernen Stockfische mit ihrem alten Kohl, die
mir in Göttingen vorgesetzt wurden. Nachdem ich meinen Magen etwas
beschwichtigt hatte, bemerkte ich in derselben Wirtsstube einen Herrn
mit zwei Damen, die im Begriff waren abzureisen. Dieser Herr war ganz
grün gekleidet, trug sogar eine grüne Brille, die auf seine rote
Kupfernase einen Schein wie Grünspan warf, und sah aus, wie der König
Nebukadnezar in seinen spätern Jahren ausgesehen hat, als er, der Sage
nach, gleich einem Tiere des Waldes nichts als Salat aß. Der Grüne
wünschte, daß ich ihm ein Hotel in Göttingen empfehlen möchte, und ich
riet ihm, dort von dem ersten besten Studenten das Hotel de Brühbach zu
erfragen. Die eine Dame war die Frau Gemahlin, eine gar große,
weitläuftige Dame, ein rotes Quadratmeilen-Gesicht mit Grübchen in den
Wangen, die wie Spucknäpfe für Liebesgötter aussahen, ein langfleischig
herabhängendes Unterkinn, das eine schlechte Fortsetzung des Gesichtes
zu sein schien, und ein hochaufgestapelter Busen, der mit steifen
Spitzen und vielzackig festonierten Krägen, wie mit Türmchen und
Bastionen, umbaut war und einer Festung glich, die gewiß eben so wenig
wie jene andern Festungen, von denen Philipp von Macedonien spricht,
einem mit Gold beladenen Esel widerstehen würde. Die andere Dame, die
Frau Schwester bildete ganz den Gegensatz der eben beschriebenen.
Stammte jene von Pharao's fetten Kühen, so stammte diese von den magern.
Das Gesicht nur ein Mund zwischen den Ohren, die Brust trostlos öde wie
die Lüneburger Heide; die ganze ausgekochte Gestalt glich einem
Freitisch für arme Theologen. Beide Damen fragten mich zu gleicher Zeit,
ob im Hotel de Brühbach auch ordentliche Leute logierten. Ich bejahte es
mit gutem Gewissen, und als das holde Kleeblatt abfuhr, grüßte ich
nochmals zum Fenster hinaus. Der Sonnenwirt lächelte gar schlau und
mochte wohl wissen, daß der Karcer von den Studenten in Göttingen Hotel
de Brühbach genannt wird.

Hinter Nordheim wird es schon gebirgig, und hier und da treten schöne
Anhöhen hervor. Auf dem Wege traf ich meistens Krämer, die nach der
Braunschweiger Messe zogen, auch ein Schwarm Frauenzimmer, deren jede
ein großes, fast häuserhohes, mit weißem Leinen überzogenes Behältnis
auf dem Rücken trug. Darin saßen allerlei eingefangene Singvögel, die
beständig piepsten und zwitscherten, während ihre Trägerinnen lustig
dahinhüpften und schwatzten. Mir kam es gar närrisch vor, wie so ein
Vogel den andern zu Markte trägt.

In pechdunkler Nacht kam ich an zu Osterode. Es fehlte mir der Appetit
zum Essen, und ich legte mich gleich zu Bette. Ich war müde wie ein Hund
und schlief wie ein Gott. Im Traume kam ich wieder nach Göttingen
zurück, und zwar nach der dortigen Bibliothek. Ich stand in einer Ecke
des juristischen Saals, durchstöberte alte Dissertationen, vertiefte
mich im Lesen, und als ich aufhörte, bemerkte ich zu meiner Bewunderung,
daß es Nacht war, und herabhängende Krystallleuchter den Saal erhellten.
Die nahe Kirchenglocke schlug eben Zwölf, die Saalthüre öffnete sich
langsam, und herein trat eine stolze, gigantische Frau, ehrfurchtsvoll
begleitet von den Mitgliedern und Anhängern der juristischen Fakultät.
Das Riesenweib, obgleich schon bejahrt, trug dennoch im Antlitz die Züge
einer strengen Schönheit, jeder ihrer Blicke verriet die Titanin, die
gewaltige Themis, Schwert und Wage hielt sie nachlässig zusammen in der
einen Hand, in der andern hielt sie eine Pergamentrolle, zwei junge
_Doctores juris_ trugen die Schleppe ihres grau verblichenen Gewandes,
an ihrer rechten Seite sprang windig hin und her der dünne Hofrat
Rustikus, der Lykurg Hannovers, und deklamierte aus seinem neuen
Gesetzentwurf; an ihrer linken Seite humpelte gar galant und wohlgelaunt
ihr _Cavaliere servente_, der geheime Justizrat Cujacius, und riß
beständig juristische Witze, und lachte selbst darüber so herzlich, daß
sogar die ernste Göttin sich mehrmals lächelnd zu ihm herabbeugte, mit
der großen Pergamentrolle ihm auf die Schulter klopfte, und freundlich
flüsterte: »Kleiner, loser Schalk, der die Bäume von oben herab
beschneidet!« Jeder von den übrigen Herren trat jetzt ebenfalls näher
und hatte etwas hin zu bemerken und hinzulächeln, etwa ein neu
ergrübeltes Systemchen oder Hypotheschen oder ähnliches Mißgebürtchen
des eigenen Köpfchens. Durch die geöffnete Saalthür traten auch noch
mehrere fremde Herren herein, die sich als die andern großen Männer des
illustren Ordens kund gaben, meistens eckige, lauernde Gesellen, die mit
breiter Selbstzufriedenheit gleich darauf los definierten und
distinguierten und über jedes Titelchen eines Pandektentitels
disputierten. Und immer kamen noch neue Gestalten herein, alte
Rechtsgelehrte in verschollenen Trachten, mit weißen Allongeperücken und
längst vergessenen Gesichtern, und sehr erstaunt, daß man sie, die
Hochberühmten des verflossenen Jahrhunderts, nicht sonderlich
regardierte; und diese stimmten nun ein, auf ihre Weise, in das
allgemeine Schwatzen und Schrillen und Schreien, das wie Meeresbrandung
immer verwirrter und lauter die hohe Göttin umrauschte, bis diese die
Geduld verlor, und in einem Tone des entsetzlichsten Riesenschmerzes
plötzlich aufschrie: »Schweigt! schweigt! ich höre die Stimme des teuren
Prometheus, die höhnende Kraft und die stumme Gewalt schmieden den
Schuldlosen an den Marterfelsen, und all euer Geschwätz und Gezänke kann
nicht seine Wunden kühlen und seine Fesseln zerbrechen!« So rief die
Göttin, und Thränenbäche stürzten aus ihren Augen, die ganze Versammlung
heulte wie von Todesangst ergriffen, die Decke des Saales krachte, die
Bücher taumelten herab von ihren Brettern, vergebens trat der alte
Münchhausen aus seinem Rahmen hervor, um Ruhe zu gebieten, es tobte und
kreischte immer wilder, -- und fort aus diesem drängenden Tollhauslärm
rettete ich mich in den historischen Saal, nach jener Gnadenstelle, wo
die heiligen Bilder des belvederischen Apolls und der mediceischen Venus
nebeneinander stehen, und ich stürzte zu den Füßen der Schönheitsgöttin,
in ihrem Anblick vergaß ich all das wüste Treiben, dem ich entronnen,
meine Augen tranken entzückt das Ebenmaß und die ewige Lieblichkeit
ihres hochgebenedeiten Leibes, griechische Ruhe zog durch meine Seele,
und über mein Haupt, wie himmlischen Segen, goß seine süßesten
Lyraklänge Phöbus Apollo.

Erwachend hörte ich noch immer ein freundliches Klingen. Die Herden
zogen auf die Weide, und es läuteten ihre Glöckchen. Die liebe, goldene
Sonne schien durch das Fenster und beleuchtete die Schildereien an den
Wänden des Zimmers. Es waren Bilder aus dem Befreiungskriege, worauf
treu dargestellt stand, wie wir alle Helden waren, dann auch
Hinrichtungsscenen aus der Revolutionszeit Ludwig XVI. auf der
Guillotine, und ähnliche Kopfabschneidereien, die man gar nicht ansehen
kann, ohne Gott zu danken, daß man ruhig im Bette liegt und guten Kaffee
trinkt und den Kopf noch so recht komfortabel auf den Schultern sitzen
hat. Auch hingen noch an der Wand Abälard und Heloise, einige
französische Jugenden, nämlich leere Mädchengesichter, worunter sehr
kalligraphisch _la prudence, la timidité, la pitié_ &c. geschrieben
war, und endlich eine Madonna, so schön, so lieblich, so hingebend
fromm, daß ich das Original, das dem Maler dazu gesessen, aufsuchen und
zu meinem Weibe machen möchte. Freilich, so bald ich mal mit dieser
Madonna verheiratet wäre, würde ich sie bitten, allen ferneren Umgang
mit dem heiligen Geiste aufzugeben, indem es mir gar nicht lieb sein
möchte, wenn mein Kopf durch Vermittlung meiner Frau einen
Heiligenschein, oder irgend eine andere Verzierung gewönne.

Nachdem ich Kaffee getrunken, mich angezogen, die Inschriften auf den
Fensterscheiben gelesen, und alles im Wirtshause berichtigt hatte,
verließ ich Osterode.

Diese Stadt hat so und so viel Häuser, verschiedene Einwohner, worunter
auch mehrere Seelen, wie in Gottschalks »Taschenbuch für Harzreisende«
genauer nachzulesen ist. Ehe ich die Landstraße einschlug, bestieg ich
die Trümmer der uralten Osteroder Burg. Sie bestehen nur noch aus der
Hälfte eines großen, dickmaurigen, wie von Krebsschäden angefressenen
Turms. Der Weg nach Klausthal führte mich wieder bergauf, und von einer
der ersten Höhen schaute ich nochmals hinab in das Thal, wo Osterode mit
seinen roten Dächern aus den grünen Tannenwäldern hervorguckt wie eine
Moosrose. Die Sonne gab eine gar liebe, kindliche Beleuchtung. Von der
erhaltenen Turmhälfte erblickt man hier die imponierende Rückseite.

Es liegen noch viele andre Burgruinen in dieser Gegend. Der Hardenberg
bei Nörten ist die schönste. Wenn man auch, wie es sich gebührt, das
Herz auf der linken Seite hat, auf der liberalen, so kann man sich doch
nicht aller elegischen Gefühle erwehren beim Anblick der Felsennester
jener privilegierten Raubvögel, die auf ihre schwächliche Nachbrut bloß
den starken Appetit vererbten. Und so ging es auch mir diesen Morgen.
Mein Gemüt war, je mehr ich mich von Göttingen entfernte, allmählich
aufgethaut, wieder wie sonst wurde mir romantisch zu Sinn, und wandernd
dichtete ich folgendes Lied:

      Steiget auf, ihr alten Träume!
    Öffne dich, du Herzensthor!
    Liederwonne, Wehmutsthränen
    Strömen wunderbar hervor.

      Durch die Tannen will ich schweifen,
    Wo die muntre Quelle springt,
    Wo die stolzen Hirsche wandeln,
    Wo die liebe Drossel singt.

      Auf die Berge will ich steigen,
    Auf die schroffen Felsenhöhn,
    Wo die grauen Schloßruinen
    In dem Morgenlichte stehn.

      Dorten setz' ich still mich nieder
    Und gedenke alter Zeit,
    Alter blühender Geschlechter
    Und versunkner Herrlichkeit.

      Gras bedeckt jetzt den Turnierplatz,
    Wo gekämpft der stolze Mann,
    Der die Besten überwunden
    Und des Kampfes Preis gewann.

      Epheu rankt an dem Balkone,
    Wo die schöne Dame stand,
    Die den stolzen Überwinder
    Mit den Augen überwand.

      Ach! den Sieger und die Siegrin
    Hat besiegt des Todes Hand --
    Jener dürre Sensenritter
    Streckt uns alle in den Sand.

Nachdem ich eine Strecke gewandert, traf ich zusammen mit einem
reisenden Handwerksburschen, der von Braunschweig kam und mir als ein
dortiges Gerücht erzählte, der junge Herzog sei auf dem Wege nach dem
gelobten Lande von den Türken gefangen worden, und könne nur gegen ein
großes Lösegeld freikommen. Die große Reise des Herzogs mag diese Sage
veranlaßt haben. Das Volk hat noch immer den traditionell fabelhaften
Ideengang, der sich so lieblich ausspricht in seinem »Herzog Ernst«. Der
Erzähler jener Neuigkeit war ein Schneidergesell, ein niedlicher,
kleiner junger Mensch, so dünn, daß die Sterne durchschimmern konnten,
wie durch Ossians Nebelgeister, und im Ganzen eine volkstümlich barocke
Mischung von Laune und Wehmut. Dieses äußerte sich besonders in der
drollig rührenden Weise, womit er das wunderbare Volkslied sang: »Ein
Käfer auf dem Zaune saß, summ, summ!« Das ist schön bei uns Deutschen:
Keiner ist so verrückt, daß er nicht einen noch Verrückteren fände, der
ihn versteht. Nur ein Deutscher kann jenes Lied nachempfinden, und sich
dabei totlachen und totweinen. Wie tief das Goethe'sche Wort ins Leben
des Volkes gedrungen, bemerkte ich auch hier. Mein dünner Weggenosse
trillerte ebenfalls zuweilen vor sich hin: »Leidvoll und freudvoll,
Gedanken sind frei!« Solche Korruption des Textes ist beim Volke etwas
Gewöhnliches. Er sang auch ein Lied, wo »Lottchen bei dem Grabe ihres
Werthers« trauert. Der Schneider zerfloß vor Sentimentalität bei den
Worten: »Einsam wein' ich an der Rosenstelle, wo uns oft der späte Mond
belauscht! Jammernd irr' ich an der Silberquelle, die uns lieblich Wonne
zugerauscht.« Aber bald darauf ging er in Mutwillen über und erzählte
mir: »Wir haben einen Preußen in der Herberge zu Kassel, der eben solche
Lieder selbst macht; er kann keinen seligen Stich nähen; hat er einen
Groschen in der Tasche, so hat er für zwei Groschen Durst, und wenn er
im Thran ist, hält er den Himmel für ein blaues Kamisol, und weint wie
eine Dachtraufe, und singt ein Lied mit der doppelten Poesie!« Von
letzterem Ausdruck wünschte ich eine Erklärung, aber mein Schneiderlein
mit seinen Ziegenhainer Beinchen hüpfte hin und her und rief beständig:
»Die doppelte Poesie ist die doppelte Poesie!« Endlich brachte ich es
heraus, daß er doppelt gereimte Gedichte, namentlich Stanzen, im Sinne
hatte. -- Unterdes, durch große Bewegung und den konträren Wind, war der
Ritter von der Nadel sehr müde geworden. Er machte freilich noch einige
große Anstalten zum Gehen und bramarbasierte: »Jetzt will ich den Weg
zwischen die Beine nehmen!« Doch bald klagte er, daß er sich Blasen
unter die Füße gegangen, und die Welt viel zu weitläuftig sei; und
endlich bei einem Baumstamme ließ er sich sachte niedersinken, bewegte
sein zartes Häuptlein wie ein betrübtes Lämmerschwänzchen, und wehmütig
lächelnd rief er: »Da bin ich armes Schindluderchen schon wieder
marode!«

Die Berge wurden hier noch steiler, die Tannenwälder wogten unten wie
ein grünes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weißen Wolken.
Die Wildheit der Gegend war durch ihre Einheit und Einfachheit gleichsam
gezähmt. Wie ein guter Dichter liebt die Natur keine schroffen
Übergänge. Die Wolken, so bizarr gestaltet sie auch zuweilen erscheinen,
tragen ein weißes oder doch ein mildes, mit dem blauen Himmel und der
grünen Erde harmonisch korrespondierendes Kolorit, so daß alle Farben
einer Gegend wie leise Musik in einander schmelzen, und jeder
Naturanblick krampfstillend und gemütberuhigend wirkt. -- Der selige
Hoffmann würde die Wolken buntscheckig bemalt haben. -- Eben wie ein
großer Dichter weiß die Natur auch mit den wenigsten Mitteln die größten
Effekte hervor zu bringen. Da sind nur eine Sonne, Bäume, Blumen, Wasser
und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Herzen des Beschauers, so mag das
Ganze wohl einen schlechten Anblick gewähren, und die Sonne hat dann
bloß so und so viel Meilen im Durchmesser, und die Bäume sind gut zum
Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfäden klassifiziert, und
das Wasser ist naß.

Ein kleiner Junge, der für seinen kranken Oheim im Walde Reisig suchte,
zeigte mir das Dorf Lerrbach, dessen kleine Hütten mit grauen Dächern
sich über eine halbe Stunde durch das Thal hinziehen. »Dort,« sagte er,
»wohnen dumme Kropfleute und weiße Mohren,« -- mit letzterem Namen
werden die Albinos vom Volke benannt. Der kleine Junge stand mit den
Bäumen in gar eigenem Einverständnis; er grüßte sie wie gute Bekannte,
und sie schienen rauschend seinen Gruß zu erwidern. Er pfiff wie ein
Zeisig, ringsum antworteten zwitschernd die andern Vögel, und ehe ich
mich dessen versah, war er mit seinen nackten Füßchen und seinem Bündel
Reisig ins Walddickicht fortgesprungen. Die Kinder, dacht' ich, sind
jünger als wir, können sich noch erinnern, wie sie ebenfalls Bäume oder
Vögel waren, und sind also noch imstande, dieselben zu verstehen;
unsereins aber ist schon alt und hat zu viel Sorgen, Jurisprudenz und
schlechte Verse im Kopf. Jene Zeit, wo es anders war, trat mir bei
meinem Eintritt in Klausthal wieder recht lebhaft ins Gedächtnis. In
dieses nette Bergstädtchen, welches man nicht früher erblickt, als bis
man davorsteht, gelangte ich, als eben die Glocke Zwölf schlug und die
Kinder jubelnd aus der Schule kamen. Die lieben Knaben, fast alle
rotbäckig, blauäugig und flachshaarig, sprangen und jauchzten, und
weckten in mir die wehmütig heitere Erinnerung wie ich einst selbst als
ein kleines Bübchen in einer dumpfkatholischen Klosterschule zu
Düsseldorf den ganzen lieben Vormittag von der hölzernen Bank nicht
aufstehen durfte, und so viel Latein, Prügel und Geographie ausstehen
mußte, und dann ebenfalls unmäßig jauchzte und jubelte, wenn die alte
Franziskanerglocke endlich Zwölf schlug. Die Kinder sahen an meinem
Ranzen, daß ich ein Fremder sei, und grüßten mich recht gastfreundlich.
Einer der Knaben erzählte mir, sie hätten eben Religionsunterricht
gehabt, und er zeigte mir den königl. hannov. Katechismus, nach welchem
man ihnen das Christentum abfragt. Dieses Büchlein war sehr schlecht
gedruckt, und ich fürchte, die Glaubenslehren machen dadurch schon
gleich einen unerfreulich löschpapierigen Eindruck auf die Gemüter der
Kinder; wie es mir denn auch erschrecklich mißfiel, daß das Einmaleins,
welches doch mit der heiligen Dreiheitslehre bedenklich kollidiert, im
Katechismus selbst, und zwar auf dem letzten Blatte desselben,
abgedruckt ist, und die Kinder dadurch schon frühzeitig zu sündhaften
Zweifeln verleitet werden können. Da sind wir im Preußischen viel
klüger, und bei unserem Eifer zur Bekehrung jener Leute, die sich so gut
aufs Rechnen verstehen, hüten wir uns wohl, das Einmaleins hinter dem
Katechismus abdrucken zu lassen.

In der »Krone« zu Klausthal hielt ich Mittag. Ich bekam frühlingsgrüne
Petersiliensuppe, veilchenblauen Kohl, einen Kalbsbraten, groß wie der
Chimborasso in Miniatur, so wie auch eine Art geräucherter Heringe, die
Bückinge heißen, nach dem Namen ihres Erfinders, Wilhelm Bücking, der
1447 gestorben, und um jener Erfindung willen von Karl V. so verehrt
wurde, daß derselbe anno 1556 von Middelburg nach Bievlied in Zeeland
reiste, bloß um dort das Grab dieses großen Mannes zu sehen. Wie
herrlich schmeckt doch solch ein Gericht, wenn man die historischen
Notizen dazu weiß und es selbst verzehrt. Nur der Kaffee nach Tische
wurde mir verleidet, indem sich ein junger Mensch diskursierend zu mir
setzte und so entsetzlich schwadronierte, daß die Milch auf dem Tische
sauer wurde. Es war ein junger Handlungsbeflissener mit fünfundzwanzig
bunten Westen und eben so viel goldnen Petschaften, Ringen, Brustnadeln
u. s. w. Er sah aus wie ein Affe, der eine rote Jacke angezogen hat und
nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. Eine ganze Menge Charaden
wußte er auswendig, so wie auch Anekdoten, die er immer da anbrachte, wo
sie am wenigsten paßten. Er fragte mich, was es in Göttingen Neues gäbe,
und ich erzählte ihm: daß vor meiner Abreise von dort ein Dekret des
akademischen Senats erschienen, worin bei drei Thaler Strafe verboten
wird, den Hunden die Schwänze abzuschneiden, indem die tollen Hunde in
den Hundstagen die Schwänze zwischen den Beinen tragen, und man sie
dadurch von den nichttollen unterscheidet, was doch nicht geschehen
könnte, wenn sie gar keine Schwänze haben. -- Nach Tische machte ich
mich auf den Weg, die Gruben, die Silberhütten und die Münze zu
besuchen.

In den Silberhütten habe ich, wie oft im Leben, den Silberblick
verfehlt. In der Münze traf ich es schon besser, und konnte zusehen, wie
das Geld gemacht wird. Freilich, weiter hab' ich es auch nie bringen
können. Ich hatte bei solcher Gelegenheit immer das Zusehen, und ich
glaube, wenn mal die Thaler vom Himmel herunter regneten, so bekäme ich
davon nur Löcher in den Kopf, während die Kinder Israel die silberne
Manna mit lustigem Mute einsammeln würden. Mit einem Gefühle, worin gar
komisch Ehrfurcht und Rührung gemischt waren, betrachtete ich die
neugebornen, blanken Thaler, nahm einen, der eben vom Prägstocke kam, in
die Hand, und sprach zu ihm: Junger Thaler! welche Schicksale erwarten
dich! wie viel Gutes und wie viel Böses wirst du stiften! wie wirst du
das Laster beschützen und die Tugend flicken! wie wirst du geliebt und
dann wieder verwünscht werden! wie wirst du schwelgen, kuppeln, lügen
und morden helfen! wie wirst du rastlos umherirren, durch reine und
schmutzige Hände, jahrhundertelang, bis du endlich schuldbeladen und
sündenmüd versammelt wirst zu den deinigen im Schoße Abrahams, der dich
einschmelzt und läutert und umbildet zu einem neuen besseren Sein,
vielleicht gar zu einem unschuldigen Theelöffelchen, womit einst mein
eigenes Ururenkelchen sein liebes Breisüppchen zurechtmatscht.

Das Befahren der zwei vorzüglichsten Klausthaler Gruben der »Dorothea«
und »Karolina«, fand ich sehr interessant, und ich muß ausführlich davon
erzählen.

Eine halbe Stunde vor der Stadt gelangt man zu zwei großen,
schwärzlichen Gebäuden. Dort wird man gleich von den Bergleuten in
Empfang genommen. Diese tragen dunkle, gewöhnlich stahlblaue, weite, bis
über den Bauch herabhängende Jacken, Hosen von ähnlicher Farbe, ein
hinten aufgebundenes Schurzfell und kleine grüne Filzhüte, ganz randlos
wie ein abgekappter Kegel. In eine solche Tracht, bloß ohne Hinterleder,
wird der Besuchende ebenfalls eingekleidet, und ein Bergmann, ein
Steiger, nachdem er sein Grubenlicht angezündet, führt ihn nach einer
dunkeln Öffnung, die wie ein Kaminfegeloch aussieht, steigt bis an die
Brust hinab, giebt Regeln, wie man sich an den Leitern festzuhalten
habe, und bittet, angstlos zu folgen. Die Sache selbst ist nichts
weniger als gefährlich; aber man glaubt es nicht im Anfang, wenn man gar
nichts vom Bergwerkswesen versteht. Es giebt schon eine eigene
Empfindung, daß man sich ausziehen und die dunkle Delinquententracht
anziehen muß. Und nun soll man auf allen Vieren hinab klettern, und das
dunkle Loch ist so dunkel, und Gott weiß, wie lang die Leiter sein mag.
Aber bald merkt man doch, daß es nicht eine einzige, in die schwarze
Ewigkeit hinablaufende Leiter ist, sondern daß es mehrere von fünfzehn
bis zwanzig Sprossen sind, deren jede auf ein kleines Brett führt,
worauf man stehen kann, und worin wieder ein neues Loch nach einer neuen
Leiter hinableitet. Ich war zuerst in die Karolina gestiegen. Das ist
die schmutzigste und unerfreulichste Karolina, die ich je kennen gelernt
habe. Die Leitersprossen sind kotig naß. Und von einer Leiter zur andern
geht's hinab, und der Steiger voran, und dieser beteuert immer, es sei
gar nicht gefährlich, nur müsse man sich mit den Händen fest an den
Sprossen halten, und nicht nach den Füßen sehen, und nicht schwindlicht
werden, und nur bei Leibe nicht auf das Seitenbrett treten, wo jetzt das
schnurrende Tonnenseil heraufgeht, und wo vor vierzehn Tagen ein
unvorsichtiger Mensch hinuntergestürzt und leider den Hals gebrochen. Da
unten ist ein verworrenes Rauschen und Summen, man stößt beständig an
Balken und Seile, die in Bewegung sind, um die Tonnen mit geklopften
Erzen oder das hervorgesinterte Wasser herauf zu winden. Zuweilen
gelangt man auch in durchgehauene Gänge, Stollen genannt, wo man das Erz
wachsen sieht, und wo der einsame Bergmann den ganzen Tag sitzt und
mühsam mit dem Hammer die Erzstücke aus der Wand herausklopft. Bis in
die unterste Tiefe, wo man, wie einige behaupten, schon hören kann, wie
die Leute in Amerika »_Hurrah, Lafayette!_« schreien, bin ich nicht
gekommen; unter uns gesagt, dort, bis wohin ich kam, schien es mir
bereits tief genug: -- immerwährendes Brausen und Sausen, unheimliche
Maschinenbewegung, unterirdisches Quellengeriesel, von allen Seiten
herabtriefendes Wasser, qualmig aufsteigende Erddünste, und das
Grubenlicht immer bleicher hineinflimmernd in die einsame Nacht.
Wirklich, es war betäubend, das Atmen wurde mir schwer, und mit Mühe
hielt ich mich an den glitscherigen Leitersprossen. Ich habe keinen
Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten
in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahre ungefähr um
dieselbe Zeit einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt,
es sei doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und
her schaukelt, die Winde ihre Trompeterstückchen losblasen,
zwischendrein der lustige Matrosenlärm erschallt, und alles frisch
überschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft! -- Nach Luft
schnappend stieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Höhe, und mein
Steiger führte mich durch einen schmalen, sehr langen, in den Berg
gehauenen Gang nach der Grube Dorothea. Hier ist es luftiger und
frischer, und die Leitern sind reiner, aber auch länger und steiler als
in der Karolina. Hier wurde mir auch besser zu Mute, besonders da ich
wieder Spuren lebendiger Menschen gewahrte. In der Tiefe zeigten sich
nämlich wandelnde Schimmer; Bergleute mit ihren Grubenlichtern kamen
allmählich in die Höhe mit dem Gruße »Glückauf!« und mit demselben
Wiedergruße von unserer Seite stiegen sie an uns vorüber; und wie eine
befreundet ruhige, und doch zugleich quälend rätselhafte Erinnerung
trafen mich mit ihren tiefsinnig klaren Blicken die ernstfrommen, etwas
blassen, und vom Grubenlicht geheimnisvoll beleuchteten Gesichter dieser
jungen und alten Männer, die in ihren dunkeln, einsamen Bergschachten
den ganzen Tag gearbeitet hatten, und sich jetzt hinaufsehnten nach dem
lieben Tageslicht, und nach den Augen von Weib und Kind.

Mein Cicerone selbst war eine kreuzehrliche, pudeldeutsche Natur. Mit
innerer Freudigkeit zeigte er mir jene Stelle, wo der Herzog von
Cambridge, als er die Grube befahren, mit seinem ganzen Gefolge gespeist
hat, und wo noch der lange hölzerne Speisetisch steht, so wie auch der
große Stuhl von Erz, worauf der Herzog gesessen. Dieser bleibe zum
ewigen Andenken stehen, sagte der gute Bergmann, und mit Feuer erzählte
er, wie viele Festlichkeiten damals stattgefunden, wie der ganze Stollen
mit Lichtern, Blumen und Laubwerk verziert gewesen, wie ein Bergknappe
die Zither gespielt und gesungen, wie der vergnügte, liebe, dicke Herzog
sehr viele Gesundheiten ausgetrunken habe, und wie viele Bergleute, und
er selbst ganz besonders, sich gern würden totschlagen lassen für den
lieben, dicken Herzog und das ganze Haus Hannover. -- Innig rührt es
mich jedesmal, wenn ich sehe, wie sich dieses Gefühl der Unterthanstreue
in seinen einfachen Naturlauten ausspricht. Es ist ein so schönes
Gefühl! Und es ist ein so wahrhaft deutsches Gefühl! Andere Völker mögen
gewandter sein und witziger und ergötzlicher, aber keins ist so treu wie
das treue deutsche Volk. Wüßte ich nicht, daß die Treue so alt ist wie
die Welt, so würde ich glauben, ein deutsches Herz habe sie erfunden.
Deutsche Treue! sie ist keine moderne Adressenfloskel. An euren Höfen,
ihr deutschen Fürsten, sollte man singen und wieder singen das Lied von
dem getreuen Eckart und dem bösen Burgund, der ihm die lieben Kinder
töten lassen, und ihn alsdann doch noch immer treu befunden hat. Ihr
habt das treueste Volk, und ihr irrt, wenn ihr glaubt, der alte
verständige, treue Hund sei plötzlich toll geworden, und schnappe nach
euren geheiligten Waden.

Wie die deutsche Treue, hatte uns jetzt das kleine Grubenlicht ohne viel
Geflacker still und sicher geleitet durch das Labyrinth der Schachten
und Stollen; wir stiegen hervor aus der dumpfigen Bergnacht, das
Sonnenlicht strahlte -- Glückauf!

Die meisten Bergarbeiter wohnen in Klausthal und in dem damit
verbundenen Bergstädtchen Zellerfeld. Ich besuchte mehrere dieser
wackern Leute, betrachtete ihre kleine häusliche Einrichtung, hörte
einige ihrer Lieder, die sie mit der Zither, ihrem Lieblingsinstrumente,
gar hübsch begleiten, ließ mir alte Bergmärchen von ihnen erzählen und
auch die Gebete hersagen, die sie in Gemeinschaft zu halten pflegen, ehe
sie in den dunkeln Schacht hinuntersteigen, und manches gute Gebet habe
ich mitgebetet. Ein alter Steiger meinte sogar, ich sollte bei ihnen
bleiben und Bergmann werden; und als ich dennoch Abschied nahm, gab er
mir einen Auftrag an seinen Bruder, der in der Nähe von Goslar wohnt,
und viele Küsse für seine liebe Nichte.

So stillstehend ruhig auch das Leben dieser Leute erscheint, so ist es
dennoch ein wahrhaftes, lebendiges Leben. Die steinalte, zitternde Frau,
die, dem großen Schranke gegenüber, hinterm Ofen saß, mag dort schon ein
Vierteljahrhundert lang gesessen haben, und ihr Denken und Fühlen ist
gewiß innig verwachsen mit allen Ecken dieses Ofens und allen
Schnitzeleien dieses Schrankes. Und Schrank und Ofen leben, denn ein
Mensch hat ihnen einen Teil seiner Seele eingeflößt.

Nur durch solch tiefes Anschauungsleben, durch die »Unmittelbarkeit«
entstand die deutsche Märchenfabel, deren Eigentümlichkeit darin
besteht, daß nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch ganz leblos
scheinende Gegenstände sprechen und handeln. Sinnigem, harmlosem Volke
in der stillen, umfriedeten Heimlichkeit seiner niedern Berg- oder
Waldhütten offenbarte sich das innere Leben solcher Gegenstände, diese
gewannen einen notwendigen, konsequenten Charakter, eine süße Mischung
von phantastischer Laune und rein menschlicher Gesinnung; und so sehen
wir im Märchen, wunderbar und doch als wenn es sich von selbst
verstände: Nähnadel und Stecknadel kommen von der Schneiderherberge und
verirren sich im Dunkeln; Strohhalm und Kohle wollen über den Bach
setzen und verunglücken; Schippe und Besen stehen auf der Treppe und
zanken und schmeißen sich; der befragte Spiegel zeigt das Bild der
schönsten Frau; sogar die Blutstropfen fangen an zu sprechen, bange
dunkle Worte des besorglichsten Mitleids. -- Aus demselben Grunde ist
unser Leben in der Kindheit so unendlich bedeutend, in jener Zeit ist
uns alles gleich wichtig, wir hören alles, wir sehen alles, bei allen
Eindrücken ist Gleichmäßigkeit, statt wir später absichtlicher werden,
uns mit dem Einzelnen ausschließlicher beschäftigen, das klare Gold der
Anschauung für das Papiergeld der Bücherdefinitionen mühsam einwechseln,
und an Lebensbreite gewinnen, was wir an Lebenstiefe verlieren. Jetzt
sind wir ausgewachsene, vornehme Leute; wir beziehen oft neue Wohnungen,
die Magd räumt täglich auf, und verändert nach Gutdünken die Stellung
der Möbeln, die uns wenig interessieren, da sie entweder neu sind, oder
heute dem Hans, morgen dem Isaak gehören; selbst unsere Kleider bleiben
uns fremd, wir wissen kaum, wie viel Knöpfe an dem Rocke sitzen, den wir
eben jetzt auf dem Leibe tragen; wir wechseln ja so oft als möglich mit
Kleidungsstücken, keines derselben bleibt im Zusammenhange mit unserer
inneren und äußeren Geschichte; -- kaum vermögen wir uns zu erinnern,
wie jene braune Weste aussah, die uns einst so viel Gelächter zugezogen
hat, und auf deren breiten Streifen dennoch die liebe Hand der Geliebten
so lieblich ruhte!

Die alte Frau, dem großen Schrank gegenüber hinterm Ofen, trug einen
geblümten Rock von verschollenem Zeuge, das Brautkleid ihrer seligen
Mutter. Ihr Urenkel, ein als Bergmann gekleideter blonder, blitzäugiger
Knabe, saß zu ihren Füßen und zählte die Blumen ihres Rockes, und sie
mag ihm von diesem Rocke wohl schon viele Geschichtchen erzählt haben,
viele ernsthafte hübsche Geschichten, die der Junge gewiß nicht so bald
vergißt, die ihm noch oft vorschweben werden, wenn er bald als ein
erwachsener Mann in den nächtlichen Stollen der Karolina einsam
arbeitet, und die er vielleicht wieder erzählt, wenn die liebe
Großmutter längst tot ist, und er selber ein silberhaariger, erloschener
Greis, im Kreise seiner Enkel sitzt, dem großen Schranke gegenüber,
hinterm Ofen.

Ich blieb die Nacht ebenfalls in der Krone, wo unterdessen auch der
Hofrat B. aus Göttingen angekommen war. Ich hatte das Vergnügen, dem
alten Herrn meine Aufwartung zu machen. Als ich mich ins Fremdenbuch
einschrieb und im Monat Juli blätterte, fand ich auch den vielteuern
Namen Adalbert von Chamisso, den Biographen des unsterblichen Schlemihl.
Der Wirt erzählte mir, dieser Herr sei in einem unbeschreibbar
schlechten Wetter angekommen, und in einem eben so schlechten Wetter
wieder abgereist.

Den andern Morgen mußte ich meinen Ranzen nochmals erleichtern, das
eingepackte Paar Stiefel warf ich über Bord, und ich hob auf meine Füße
und ging nach Goslar. Ich kam dahin, ohne zu wissen wie. Nur soviel kann
ich mich erinnern: ich schlenderte wieder bergauf, bergab, schaute
hinunter in manches hübsche Wiesenthal; silberne Wasser brausten, süße
Waldvögel zwitscherten, die Herdenglöckchen läuteten, die mannigfaltig
grünen Bäume wurden von der lieben Sonne goldig angestrahlt, und oben
war die blauseidene Decke des Himmels so durchsichtig, daß man tief
hinein schauen konnte bis ins Allerheiligste, wo die Engel zu den Füßen
Gottes sitzen, und in den Zügen seines Antlitzes den Generalbaß
studieren. Ich aber lebte noch in dem Traum der vorigen Nacht, den ich
nicht aus meiner Seele verscheuchen konnte. Es war das alte Märchen, wie
ein Ritter hinabsteigt in einen tiefen Brunnen, wo unten die schönste
Prinzessin zu einem starren Zauberschlafe verwünscht ist. Ich selbst war
der Ritter, und der Brunnen die dunkle Klausthaler Grube, und plötzlich
erschienen viele Lichter, aus allen Seitenlöchern stürzten die wachsamen
Zwerglein, schnitten zornige Gesichter, hieben nach mir mit ihren kurzen
Schwertern, bliesen gellend ins Horn, daß immer mehr und mehr herzu
eilten, und es wackelten entsetzlich ihre breiten Häupter. Wie ich
darauf zuschlug und das Blut herausfloß, merkte ich erst, daß es die
rotblühenden, langbärtigen Distelköpfe waren, die ich den Tag vorher an
der Landstraße mit dem Stocke abgeschlagen hatte. Da waren sie auch
gleich alle verscheucht, und ich gelangte in einen hellen Prachtsaal; in
der Mitte stand, weiß verschleiert, und wie eine Bildsäule starr und
regungslos, die Herzgeliebte, und ich küßte ihren Mund, und, beim
lebendigen Gott! ich fühlte den beseligenden Hauch ihrer Seele und das
süße Beben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hörte ich, wie Gott
rief: »Es werde Licht!« blendend schoß herab ein Strahl des ewigen
Lichts; aber in demselben Augenblick wurde es wieder Nacht, und alles
rann chaotisch zusammen in ein wildes, wüstes Meer. Ein wildes, wüstes
Meer! über das gährende Wasser jagten ängstlich die Gespenster der
Verstorbenen, ihre weißen Totenhemden flatterten im Winde, hinter ihnen
her, hetzend, mit klatschender Peitsche lief ein buntscheckiger
Harlekin, und dieser war ich selbst -- und plötzlich, aus den dunkeln
Wellen, reckten die Meerungetüme ihre mißgestalteten Häupter, und
langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und vor Entsetzen erwacht'
ich.

Wie doch zuweilen die allerschönsten Märchen verdorben werden!
Eigentlich muß der Ritter, wenn er die schlafende Prinzessin gefunden
hat, ein Stück aus ihrem kostbaren Schleier heraus schneiden; und wenn
durch seine Kühnheit ihr Zauberschlaf gebrochen ist, und sie wieder in
ihrem Palast auf dem goldenen Stuhle sitzt, muß der Ritter zu ihr treten
und sprechen: »Meine allerschönste Prinzessin, kennst du mich?« Und dann
antwortet sie: »Mein allertapferster Ritter, ich kenne dich nicht.« Und
dieser zeigt ihr alsdann das aus ihrem Schleier herausgeschnittene
Stück, das just in denselben wieder hineinpaßt, und beide umarmen sich
zärtlich, und die Trompeter blasen, und die Hochzeit wird gefeiert.

Es ist wirklich eigenes Mißgeschick, daß meine Liebesträume selten ein
so schönes Ende nehmen.

Der Name Goslar klingt so erfreulich, und es knüpfen sich daran so viele
uralte Kaisererinnerungen, daß ich eine imposante, stattliche Stadt
erwartete. Aber so geht es, wenn man die Berühmten in der Nähe besieht!
Ich fand ein Nest mit meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straßen,
allwo mittendurch ein kleines Wasser, wahrscheinlich die Gose, fließt,
verfallen und dumpfig, und ein Pflaster, so holprig wie Berliner
Hexameter. Nur die Altertümlichkeiten der Einfassung, nämlich Reste von
Mauern, Türmen und Zinnen, geben der Stadt etwas Pikantes. Einer dieser
Türme, der Zwinger genannt, hat so dicke Mauern, daß ganze Gemächer
darin ausgehauen sind. Der Platz vor der Stadt, wo der weitberühmte
Schützenhof gehalten wird, ist eine schöne große Wiese, ringsum hohe
Berge. Der Markt ist klein, in der Mitte steht ein Springbrunnen,
dessen Wasser sich in ein großes Metallbecken ergießt. Bei
Feuersbrünsten wird einigemal daran geschlagen; es giebt dann einen
weitschallenden Ton. Man weiß nichts vom Ursprunge dieses Beckens.
Einige sagen, der Teufel habe es einst zur Nachtzeit dort auf den Markt
hingestellt. Damals waren die Leute noch dumm, und der Teufel war auch
dumm, und sie machten sich wechselseitig Geschenke.

Das Rathaus zu Goslar ist eine weißangestrichene Wachtstube. Das
danebenstehende Gildenhaus hat schon ein besseres Ansehen. Ungefähr von
der Erde und vom Dach gleich weit entfernt stehen da die Standbilder
deutscher Kaiser, räucherig schwarz und zum Teil vergoldet, in der einen
Hand das Scepter, in der andern die Weltkugel; sehen aus wie gebratene
Universitätspedelle. Einer dieser Kaiser hält ein Schwert, statt des
Scepters. Ich konnte nicht erraten, was dieser Unterschied sagen will;
und es hat doch gewiß seine Bedeutung, da die Deutschen die merkwürdige
Gewohnheit haben, daß sie bei allem, was sie thun, sich auch etwas
denken.

In Gottschalks »Handbuch« hatte ich von dem uralten Dom und von dem
berühmten Kaiserstuhl zu Goslar viel gelesen. Als ich aber beides
besehen wollte, sagte man mir, der Dom sei niedergerissen und der
Kaiserstuhl nach Berlin gebracht worden. Wir leben in einer
bedeutungsschweren Zeit: tausendjährige Dome werden abgebrochen, und
Kaiserstühle in die Rumpelkammer geworfen.

Einige Merkwürdigkeiten des seligen Doms sind jetzt in der
Stephanskirche aufgestellt. Glasmalereien, die wunderschön sind, einige
schlechte Gemälde, worunter auch ein Lukas Cranach sein soll, ferner ein
hölzerner Christus am Kreuz, und ein heidnischer Opferaltar aus
unbekanntem Metall; er hat die Gestalt einer länglich viereckigen Lade,
und wird von Karyatiden getragen, die, in geduckter Stellung, die Hände
stützend über dem Kopfe halten, und unerfreulich häßliche Gesichter
schneiden. Indessen noch unerfreulicher ist das dabeistehende, schon
erwähnte große hölzerne Kruzifix. Dieser Christuskopf mit natürlichen
Haaren und Dornen und blutbeschmiertem Gesichte zeigt freilich höchst
meisterhaft das Hinsterben eines Menschen, aber nicht eines gottgebornen
Heilands. Nur das materielle Leiden ist in dieses Gesicht
hineingeschnitzelt, nicht die Poesie des Schmerzes. Solch Bild gehört
eher in einen anatomischen Lehrsaal, als in ein Gotteshaus. Die
kunsterfahrene Frau Küsterin, die mich herumführte, zeigte mir noch als
ganz besondere Rarität ein vieleckiges, wohlgehobeltes, schwarzes, mit
weißen Zahlen bedecktes Stück Holz, das ampelartig in der Mitte der
Kirche hängt. O, wie glänzend zeigt sich hier der Erfindungsgeist in der
protestantischen Kirche! Denn, wer sollte dies denken! Die Zahlen auf
besagtem Stück Holze sind die Psalmennummern, welche gewöhnlich mit
Kreide auf einer schwarzen Tafel verzeichnet werden und auf den
ästhetischen Sinn etwas nüchtern wirken, aber jetzt durch obige
Erfindung sogar zur Zierde der Kirche dienen, und die so oft darin
vermißten Raphaelschen Bilder hinlänglich ersetzen. Solche Fortschritte
freuen mich unendlich, da ich, der ich Protestant und zwar Lutheraner
bin, immer tief betrübt worden, wenn katholische Gegner das leere,
gottverlassene Ansehn protestantischer Kirchen bespötteln konnten.

Ich logierte in einem Gasthofe nahe dem Markte, wo mir das Mittagessen
noch besser geschmeckt haben würde, hätte sich nur nicht der Herr Wirt
mit seinem langen, überflüssigen Gesichte und seinen langweiligen Fragen
zu mir hingesetzt; glücklicher Weise ward ich bald erlöst durch die
Ankunft eines andern Reisenden, der dieselben Fragen in derselben
Ordnung aushalten mußte: _quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur?
quomodo? quando?_ Dieser Fremde war ein alter, müder, abgetragener Mann,
der, wie aus seinen Reden hervorging, die ganze Welt durchwandert,
besonders lang auf Batavia gelebt, viel Geld erworben und wieder alles
verloren hatte, und jetzt, nach dreißigjähriger Abwesenheit, nach
Quedlinburg, seiner Vaterstadt zurückkehrte, -- »denn,« setzte er hinzu,
»unsere Familie hat dort ihr Erbbegräbnis.« Der Herr Wirt machte die
sehr aufgeklärte Bemerkung, daß es doch für die Seele gleichgiltig sei,
wo unser Leib begraben wird. »Haben sie es schriftlich?« antwortete der
Fremde, und dabei zogen sich unheimlich schlaue Ringe um seine
kümmerlichen Lippen und verblichenen Äugelein. »Aber,« setzte er
ängstlich begütigend hinzu, »ich will darum über fremde Gräber doch
nichts Böses gesagt haben; -- die Türken begraben ihre Toten noch weit
schöner als wir, ihre Kirchhöfe sind ordentlich Gärten, und da sitzen
sie auf ihren weißen, beturbanten Grabsteinen, unter dem Schatten einer
Cypresse, und streichen ihre ernsthaften Bärte, und rauchen ruhig ihren
türkischen Tabak aus ihren langen türkischen Pfeifen; -- und bei den
Chinesen gar ist es eine ordentliche Lust zuzusehen, wie sie auf den
Ruhestätten ihrer Toten manierlich herumtänzeln, und beten, und Thee
trinken, und die Geige spielen, und die geliebten Gräber gar hübsch zu
verzieren wissen mit allerlei vergoldetem Lattenwerk, Porzellanfigürchen,
Fetzen von buntem Seidenzeug, künstlichen Blumen und farbigen Laternchen
-- alles sehr hübsch -- wie weit hab' ich noch bis Quedlinburg?«

Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto mehr aber
jenes wunderschöne Lockenköpfchen, das bei meiner Ankunft in der Stadt
aus einem etwas hohen Parterrefenster lächelnd heraus schaute. Nach
Tische suchte ich wieder das liebe Fenster; aber jetzt stand dort nur
ein Wasserglas mit weißen Glockenblümchen. Ich kletterte hinauf, nahm
die artigen Blümchen aus dem Glase, steckte sie ruhig auf meine Mütze
und kümmerte mich wenig um die aufgesperrten Mäuler, versteinerten Nasen
und Glotzaugen, womit die Leute auf der Straße, besonders die alten
Weiber, diesem qualificierten Diebstahle zusahen. Als ich eine Stunde
später an demselben Hause vorbeiging, stand die Holde am Fenster, und
wie sie die Glockenblümchen auf meiner Mütze gewahrte, wurde sie blutrot
und stürzte zurück. Ich hatte jetzt das schöne Antlitz noch genauer
gesehen; es war eine süße, durchsichtige Verkörperung von
Sommerabendhauch, Mondschein, Nachtigallenlaut und Rosenduft. -- Später,
als es ganz dunkel geworden, trat sie vor die Thüre. Ich kam -- ich
näherte mich -- sie zieht sich langsam zurück in den dunkeln Hausflur --
ich fasse sie bei der Hand und sage: »Ich bin ein Liebhaber von schönen
Blumen und Küssen, und was man mir nicht freiwillig giebt, das stehle
ich« -- und ich küßte sie rasch -- und wie sie entfliehen will, flüstere
ich beschwichtigend: »Morgen reis' ich fort und komme wohl nie wieder«
-- und ich fühle den geheimen Wiederdruck der lieblichen Lippen und der
kleinen Hände -- und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich muß lachen,
wenn ich bedenke, daß ich unbewußt jene Zauberformel ausgesprochen,
wodurch unsere Rot- und Blauröcke, öfter als durch ihre schnurrbärtige
Liebenswürdigkeit, die Herzen der Frauen bezwingen: »Ich reise morgen
fort und komme wohl nie wieder!«

Mein Logis gewährte eine herrliche Aussicht nach dem Rammelsberg. Es war
ein schöner Abend. Die Nacht jagte auf ihrem schwarzen Rosse, und die
langen Mähnen flatterten im Winde. Ich stand am Fenster und betrachtete
den Mond. Giebt es wirklich einen Mann im Monde? Die Slaven sagen, er
heiße Klotar, und das Wachsen des Mondes bewirke er durch
Wasseraufgießen. Als ich noch klein war, hatte ich gehört, der Mond sei
eine Frucht, die, wenn sie reif geworden, vom lieben Gott abgepflückt
und zu den übrigen Vollmonden in den großen Schrank gelegt werde, der am
Ende der Welt steht, wo sie mit Brettern zugenagelt ist. Als ich größer
wurde, bemerkte ich, daß die Welt nicht so eng begrenzt ist, und daß der
menschliche Geist die hölzernen Schranken durchbrochen, und mit einem
riesigen Petrischlüssel, mit der Idee der Unsterblichkeit, alle sieben
Himmel aufgeschlossen hat. Unsterblichkeit! schöner Gedanke! wer hat
dich zuerst erdacht? War es ein Nürnberger Spießbürger, der, mit weißer
Nachtmütze auf dem Kopfe und mit weißer Thonpfeife im Maule, am lauen
Sommerabend vor seiner Hausthüre saß, und recht behaglich meinte, es
wäre doch hübsch, wenn er nun so immerfort, ohne daß sein Pfeifchen und
sein Lebensatemchen ausgingen, in die liebe Ewigkeit hineinvegetieren
könnte! Oder war es ein junger Liebender, der in den Armen seiner
Geliebten jenen Unsterblichkeitsgedanken dachte, und ihn dachte, weil er
ihn fühlte, und weil er nicht anders fühlen und denken konnte? -- Liebe!
Unsterblichkeit! -- in meiner Brust ward es plötzlich so heiß, daß ich
glaubte, die Geographen hätten den Äquator verlegt, und er laufe jetzt
gerade durch mein Herz. Und aus meinem Herzen ergossen sich die Gefühle
der Liebe, ergossen sich sehnsüchtig in die weite Nacht. Die Blumen im
Garten unter meinem Fenster dufteten stärker. Düfte sind die Gefühle der
Blumen, und wie das Menschenherz in der Nacht, wo es sich einsam und
unbelauscht glaubt, stärker fühlt, so scheinen auch die Blumen, sinnig
verschämt, erst die umhüllende Dunkelheit zu erwarten, um sich gänzlich
ihren Gefühlen hinzugeben und sie auszuhauchen in süßen Düften. --
Ergießt euch, ihr Düfte meines Herzens, und sucht hinter jenen Bergen
die Geliebte meiner Träume! Sie liegt jetzt schon und schläft; zu ihren
Füßen knieen Engel, und wenn sie im Schlafe lächelt, so ist es ein
Gebet, das die Engel nachbeten; in ihrer Brust liegt der Himmel mit
allen seinen Seligkeiten, und wenn sie atmet, so bebt mein Herz in der
Ferne; hinter den seidnen Wimpern ihrer Augen ist die Sonne
untergegangen, und wenn sie die Augen wieder aufschlägt, so ist es Tag,
und die Vögel singen, und die Herdenglöckchen läuten, und die Berge
schimmern in ihren smaragdenen Kleidern, und ich schnüre den Ranzen und
wandre.

In diesen philosophischen Betrachtungen und Privatgefühlen überraschte
mich der Besuch des Hofrat B., der kurz vorher ebenfalls nach Goslar
gekommen war. Zu keiner Stunde hätte ich die wohlwollende Gemütlichkeit
dieses Mannes tiefer empfinden können. Ich verehre ihn wegen seines
ausgezeichneten, erfolgreichen Scharfsinns, noch mehr aber wegen seiner
Bescheidenheit. Ich fand ihn ungemein heiter, frisch und rüstig. Daß er
letzteres ist, bewies er jüngst durch sein neues Werk: »Die Religion der
Vernunft«, ein Buch, das die Rationalisten so sehr entzückt, die
Mystiker ärgert, und das große Publikum in Bewegung setzt. Ich selbst
bin zwar in diesem Augenblick ein Mystiker, meiner Gesundheit wegen,
indem ich nach der Vorschrift meines Arztes alle Anregungen zum Denken
vermeiden soll. Doch verkenne ich nicht den unschätzbaren Wert der
rationalistischen Bemühungen eines Paulus, Gurlitt Krug, Eichhorn,
Bouterwek, Wegscheider u. s. w. Zufällig ist es mir selbst sehr
ersprießlich, daß diese Leute so manches verjährte Übel forträumen,
besonders den alten Kirchenschutt, worunter so viele Schlangen und böse
Dünste. Die Luft wird in Deutschland zu dick und auch zu heiß, und oft
fürchte ich zu ersticken, oder von meinen geliebten Mitmystikern in
ihrer Liebeshitze erwürgt zu werden. Drum will ich auch den guten
Rationalisten nichts weniger als böse sein, wenn sie die Luft etwas gar
zu sehr abkühlen. Im Grunde hat ja die Natur selbst dem Rationalismus
seine Grenze gesteckt; unter der Luftpumpe und am Nordpol kann der
Mensch es nicht aushalten.

In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas höchst
Seltsames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angst daran
zurückdenken. Ich bin von Natur nicht ängstlich, und Gott weiß, daß ich
niemals eine sonderliche Beklemmung empfunden habe, wenn z. B. eine
blanke Klinge mit meiner Nase Bekanntschaft zu machen suchte, oder wenn
ich mich Nachts in einem verrufenen Walde verirrte, oder wenn mich im
Konzert ein gähnender Lieutenant zu verschlingen drohte -- aber vor
Geistern fürchte ich mich fast eben so sehr wie der österreichische
Beobachter. Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstande oder aus dem
Gemüt? Über diese Frage disputierte ich so oft mit dem Doktor Saul
Ascher, wenn wir in Berlin im Café Royal, wo ich lange Zeit meinen
Mittagstisch hatte, zufällig zusammentrafen. Er behauptete immer, wir
fürchten etwas, weil wir es durch Vernunftschlüsse für furchtbar
erkennen. Nur die Vernunft sei eine Kraft, nicht das Gemüt. Während ich
gut aß und gut trank, demonstrierte er mir fortwährend die Vorzüge der
Vernunft. Gegen das Ende seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr
zu sehen, und immer schloß er damit: »Die Vernunft ist das höchste
Prinzip!« -- Vernunft. Wenn ich jetzt dieses Wort höre, so sehe ich noch
immer den Doktor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem
engen, transcendentalgrauen Leibrock, und mit seinem schroffen, frierend
kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertafel
dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Fünfzigen, war eine
personificierte grade Linie. In seinem Streben nach dem Positiven hatte
der arme Mann sich alles Herrliche aus dem Leben heraus philosophiert,
alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm
nichts übrig, als das kalte positive Grab. Auf den Apoll von Belvedere
und auf das Christentum hatte er eine spezielle Malice. Gegen letzteres
schrieb er sogar eine Broschüre, worin er dessen Unvernünftigkeit und
Unhaltbarkeit bewies. Er hat überhaupt eine ganze Menge Bücher
geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenen Vortrefflichkeit
renommiert, und wobei es der arme Doktor gewiß ernsthaft genug meinte,
und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin aber bestand
ja eben der Hauptspaß, daß er ein so ernsthaft närrisches Gesicht
schnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind
begreift, eben weil es ein Kind ist. Einigemal besuchte ich auch den
Vernunftdoktor in seinem eigenen Hause, wo ich schöne Mädchen bei ihm
fand; denn die Vernunft verbietet nicht die Sinnlichkeit. Als ich ihn
einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mir sein Bedienter: »Der Herr
Doktor ist eben gestorben.« Ich fühlte nicht viel mehr dabei, als wenn
er gesagt hätte: Der Herr Doktor ist ausgezogen.

Doch zurück nach Goslar. »Das höchste Prinzip ist die Vernunft!« sagte
ich beschwichtigend zu mir selbst, als ich ins Bett stieg. Indessen, es
half nicht. Ich hatte eben in Varnhagen von Ense's »Deutsche
Erzählungen«, die ich von Klausthal mitgenommen hatte, jene entsetzliche
Geschichte gelesen, wie der Sohn, den sein eigener Vater ermorden
wollte, in der Nacht von dem Geiste seiner toten Mutter gewarnt wird.
Die wunderbare Darstellung dieser Geschichte bewirkte, daß mich während
des Lesens ein inneres Grauen durchfröstelte. Auch erregen
Gespenstererzählungen ein noch schauerlicheres Gefühl, wenn man sie auf
der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause,
in einem Zimmer, wo man noch nie gewesen. Wie viel Gräßliches mag sich
schon zugetragen haben auf diesem Flecke, wo du eben liegst? so denkt
man unwillkürlich. Überdies schien der Mond so zweideutig ins Zimmer
herein, an der Wand bewegten sich allerlei unberufene Schatten, und als
ich mich im Bett aufrichtete, um hin zu sehen, erblickte ich --

Es giebt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondschein das eigene
Gesicht zufällig im Spiegel sieht. In demselben Augenblicke schlug eine
schwerfällige, gähnende Glocke, und zwar so lang und langsam, daß ich
nach dem zwölften Glockenschlage sicher glaubte, es seien unterdessen
volle zwölf Stunden verflossen, und es müßte wieder von vorn anfangen,
Zwölf zu schlagen. Zwischen dem vorletzten und letzten Glockenschlage
schlug noch eine andere Uhr, sehr rasch, fast keifend gell, und
vielleicht ärgerlich über die Langsamkeit ihrer Frau Gevatterin. Als
beide eiserne Zungen schwiegen, und tiefe Totenstille im ganzen Hause
herrschte, war es mir plötzlich, als hörte ich auf dem Korridor vor
meinem Zimmer etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere Gang
eines alten Mannes. Endlich öffnete sich meine Thür, und langsam trat
herein der verstorbene Doktor Saul Ascher. Ein kaltes Fieber rieselte
mir durch Mark und Bein, ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich
das Gespenst anzusehen. Er sah aus wie sonst, derselbe transcendentalgraue
Leibrock, dieselben abstrakten Beine, und dasselbe mathematische
Gesicht; nur war dieses etwas gelblicher als sonst, auch der Mund, der
sonst zwei Winkel von 22 1/2 Grad bildete, war zusammengekniffen, und
die Augenkreise hatten einen größeren Radius. Schwankend und wie sonst
sich auf sein spanisches Röhrchen stützend, näherte er sich mir, und in
seinem gewöhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er freundlich: »Fürchten
Sie sich nicht und glauben Sie nicht, daß ich ein Gespenst sei. Es ist
Täuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehen glauben.
Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition? Deducieren Sie mir
die Bedingungen der Möglichkeit eines Gespenstes? In welchem
vernünftigen Zusammenhang stände eine solche Erscheinung mit der
Vernunft? Die Vernunft, ich sage die Vernunft.« -- Und nun schritt das
Gespenst zu einer Analyse der Vernunft, citierte Kants »Kritik der
reinen Vernunft«, zweiter Theil, erster Abschnitt, zweites Buch, drittes
Hauptstück, die Unterscheidung von Phänomena und Noumena, konstruierte
alsdann den problematischen Gespensterglauben, setzte einen Syllogismus
auf den andern, und schloß mit dem logischen Beweise, daß es durchaus
keine Gespenster giebt. Mir unterdessen lief der kalte Schweiß über den
Rücken, meine Zähne klapperten wie Kastagnetten, aus Seelenangst nickte
ich unbedingte Zustimmung bei jedem Satz, womit der spukende Doktor die
Absurdität aller Gespensterfurcht bewies, und derselbe demonstrierte so
eifrig, daß er einmal in der Zerstreuung, statt seiner goldnen Uhr, eine
Handvoll Würmer aus der Uhrtasche zog, und, seinen Irrtum bemerkend, mit
possierlich ängstlicher Hastigkeit wieder einsteckte. »Die Vernunft ist
das höchste --« da schlug die Glocke Eins, und das Gespenst verschwand.

Von Goslar ging ich den andern Morgen weiter, halb auf Geratewohl, halb
in der Absicht, den Bruder des Klausthaler Bergmanns aufzusuchen. Wieder
schönes, liebes Sonntagswetter. Ich bestieg Hügel und Berge,
betrachtete, wie die Sonne den Nebel zu verscheuchen suchte, wanderte
freudig durch die schauernden Wälder, und um mein träumendes Haupt
klingelten die Glockenblümchen von Goslar. In ihren weißen Nachtmänteln
standen die Berge, die Tannen rüttelten sich den Schlaf aus den
Gliedern, der frische Morgenwind frisierte ihnen die herabhängenden,
grünen Haare, die Vöglein hielten Betstunde, das Wiesenthal blitzte wie
eine diamantenbesäete Golddecke, und der Hirt schritt darüber hin mit
seiner läutenden Herde. Ich mochte mich wohl eigentlich verirrt haben.
Man schlägt immer Seitenwege und Fußsteige ein, und glaubt dadurch näher
zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben überhaupt, geht's uns auch auf dem
Harze. Aber es giebt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten
Weg bringen; sie thun es gern, und finden noch obendrein ein besonderes
Vergnügen daran, wenn sie uns mit selbstgefälliger Miene und wohlwollend
lauter Stimme bedeuten, welche große Umwege wir gemacht, in welche
Abgründe und Sümpfe wir versinken konnten, und welch ein Glück es sei,
daß wir so wegkundige Leute, wie sie sind, noch zeitig angetroffen.
Einen solchen Berichtiger fand ich unweit der Harzburg. Es war ein
wohlgenährter Bürger von Goslar, ein glänzend wampiges, dummkluges
Gesicht; er sah aus, als habe er die Viehseuche erfunden. Wir gingen
eine Strecke zusammen, und er erzählte mir allerlei Spukgeschichten, die
hübsch klingen konnten, wenn sie nicht alle darauf hinaus liefen, daß es
doch kein wirklicher Spuk gewesen, sondern daß die weiße Gestalt ein
Wilddieb war, und daß die wimmernden Stimmen von den eben geworfenen
Jungen einer Bache (wilden Sau), und das Geräusch auf dem Boden von der
Hauskatze herrührte. Nur wenn der Mensch krank ist, setzte er hinzu,
glaubt er Gespenster zu sehen; was aber seine Wenigkeit anbelange, so
sei er selten krank, nur zuweilen leide er an Hautübeln, und dann
kuriere er sich jedesmal mit nüchternem Speichel. Er machte mich auch
aufmerksam auf die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit in der Natur. Die
Bäume sind grün, weil grün gut für die Augen ist. Ich gab ihm Recht, und
fügte hinzu, daß Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den
Menschen stärken, daß er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu
Vergleichungen dienen können, und daß er den Menschen selbst erschaffen,
damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war
entzückt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz
erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerührt.

So lange er neben mir ging, war gleichsam die ganze Natur entzaubert;
sobald er aber fort war, fingen die Bäume wieder an zu sprechen, und die
Sonnenstrahlen erklangen, und die Wiesenblümchen tanzten, und der blaue
Himmel umarmte die grüne Erde. Ja, ich weiß es besser; Gott hat den
Menschen erschaffen, damit er die Herrlichkeit der Welt bewundere. Jeder
Autor, und sei er noch so groß, wünscht, daß sein Werk gelobt werde. Und
in der Bibel, den Memoiren Gottes, steht ausdrücklich, daß er die
Menschen erschaffen zu seinem Ruhm und Preis.

Nach einem langen Hin- und Herwandern gelangte ich nach der Wohnung des
Bruders meines Klausthaler Freundes, übernachtete alldort, und erlebte
folgendes schöne Gedicht:


I.

      Auf dem Berge steht die Hütte,
    Wo der alte Bergmann wohnt;
    Dorten rauscht die grüne Tanne,
    Und erglänzt der goldne Mond.

      In der Hütte steht ein Lehnstuhl,
    Reich geschnitzt und wunderlich,
    Der darauf sitzt, der ist glücklich,
    Und der Glückliche bin Ich!

      Auf dem Schemel sitzt die Kleine,
    Stützt den Arm auf meinen Schoß;
    Äuglein wie zwei blaue Sterne,
    Mündlein wie die Purpurros'.

      Und die lieben, blauen Sterne
    Schaun mich an so himmelgroß,
    Und sie legt den Lilienfinger
    Schalkhaft auf die Purpurros'.

      Nein, es sieht uns nicht die Mutter,
    Denn sie spinnt mit großem Fleiß,
    Und der Vater spielt die Zither,
    Und er singt die alte Weis'.

      Und die Kleine flüstert leise,
    Leise, mit gedämpftem Laut;
    Manches wichtige Geheimnis
    Hat sie mir schon anvertraut.

      »Aber seit die Muhme tot ist,
    Können wir ja nicht mehr gehn
    Nach dem Schützenhof zu Goslar,
    Und dort ist es gar zu schön.

      »Hier dagegen ist es einsam
    Auf der kalten Bergeshöh',
    Und des Winters sind wir gänzlich
    Wie vergraben in dem Schnee.

      »Und ich bin ein banges Mädchen
    Und ich fürcht' mich wie ein Kind
    Vor den bösen Bergesgeistern,
    Die des Nachts geschäftig sind.«

      Plötzlich schweigt die liebe Kleine,
    Wie vom eignen Wort erschreckt,
    Und sie hat mit beiden Händchen
    Ihre Äugelein bedeckt.

      Lauter rauscht die Tanne draußen,
    Und das Spinnrad schnarrt und brummt
    Und die Zither klingt dazwischen,
    Und die alte Weise summt:

      »Fürcht' dich nicht, du liebes Kindchen,
    Vor der bösen Geister Macht;
    Tag und Nacht, du liebes Kindchen,
    Halten Englein bei dir Wacht!«


II.

      Tannenbaum mit grünen Fingern
    Pocht ans niedre Fensterlein,
    Und der Mond, der gelbe Lauscher,
    Wirft sein süßes Licht herein.

      Vater, Mutter schnarchen leise
    In dem nahen Schlafgemach,
    Doch wir beide, selig schwatzend,
    Halten uns einander wach.

      »Daß du gar zu oft gebetet,
    Das zu glauben wird mir schwer,
    Jenes Zucken deiner Lippen
    Kommt wohl nicht vom Beten her.

      »Jenes böse, kalte Zucken,
    Das erschreckt mich jedesmal,
    Doch die dunkle Angst beschwichtigt
    Deiner Augen frommer Strahl.

      »Auch bezweifl' ich, daß du glaubest
    Was so rechter Glaube heißt,
    Glaubst wohl nicht an Gott den Vater
    An den Sohn und heil'gen Geist?«

      Ach, mein Kindchen, schon als Knabe,
    Als ich saß auf Mutters Schoß,
    Glaubte ich an Gott den Vater,
    Der da waltet gut und groß;

      Der die schöne Erd' erschaffen,
    Und die schönen Menschen drauf,
    Der den Sonnen, Monden, Sternen
    Vorgezeichnet ihren Lauf.

      Als ich größer wurde, Kindchen,
    Noch viel mehr begriff ich schon,
    Und begriff, und ward vernünftig,
    Und ich glaub' auch an den Sohn;

      An den lieben Sohn, der liebend
    Uns die Liebe offenbart,
    Und zum Lohne, wie gebräuchlich,
    Von dem Volk gekreuzigt ward.

      Jetzo, da ich ausgewachsen,
    Viel gelesen, viel gereist,
    Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen,
    Glaub' ich an den heil'gen Geist.

      Dieser that die größten Wunder,
    Und viel größre thut er noch;
    Er zerbrach die Zwingherrnburgen,
    Und zerbrach des Knechtes Joch.

      Alte Todeswunden heilt er,
    Und erneut das alte Recht:
    Alle Menschen, gleichgeboren,
    Sind ein adliges Geschlecht.

      Er verscheucht die bösen Nebel
    Und das dunkle Hirngespinnst,
    Das uns Lieb' und Lust verleidet,
    Tag und Nacht uns angegrinst.

      Tausend Ritter, wohlgewappnet,
    Hat der heil'ge Geist erwählt,
    Seinen Willen zu erfüllen,
    Und er hat sie mutbeseelt.

      Ihre teuern Schwerter blitzen,
    Ihre guten Banner wehn!
    Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen,
    Solche stolze Ritter sehn?

      Nun, so schau mich an, mein Kindchen,
    Küsse mich und schaue dreist;
    Denn ich selber bin ein solcher
    Ritter von dem heil'gen Geist.


III.

      Still versteckt der Mond sich draußen
    Hinterm grünen Tannenbaum,
    Und im Zimmer unsre Lampe
    Flackert matt und leuchtet kaum.

      Aber meine blauen Sterne
    Strahlen auf in hellerm Licht,
    Und es glüht die Purpurrose,
    Und das liebe Mädchen spricht:

      »Kleines Völkchen, Wichtelmännchen
    Stehlen unser Brot und Speck,
    Abends ist es noch im Kasten,
    Und des Morgens ist es weg.

      »Kleines Völkchen, unsre Sahne
    Nascht es von der Milch, und läßt
    Unbedeckt die Schüssel stehen,
    Und die Katze säuft den Rest.

      »Und die Katz' ist eine Hexe,
    Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm
    Drüben nach dem Geisterberge,
    Nach dem altverfallnen Turm.

      »Dort hat einst ein Schloß gestanden,
    Voller Lust und Waffenglanz;
    Blanke Ritter, Fraun und Knappen
    Schwangen sich im Fackeltanz.

      »Da verwünschte Schloß und Leute
    Eine böse Zauberin,
    Nur die Trümmer blieben stehen,
    Und die Eulen nisten drin.

      »Doch die sel'ge Muhme sagte:
    Wenn man spricht das rechte Wort
    Nächtlich zu der rechten Stunde,
    Drüben an dem rechten Ort:

      »So verwandeln sich die Trümmer
    Wieder in ein helles Schloß,
    Und es tanzen wieder lustig
    Ritter, Fraun und Knappentroß;

      »Und wer jenes Wort gesprochen,
    Dem gehören Schloß und Leut',
    Pauken und Trompeten huld'gen
    Seiner jungen Herrlichkeit.«

      Also blühen Märchenbilder
    Aus des Mundes Röselein,
    Und die Augen gießen drüber
    Ihren blauen Sternenschein.

      Ihre goldnen Haare wickelt
    Mir die Kleine um die Händ',
    Giebt den Fingern hübsche Namen,
    Lacht und küßt, und schweigt am End'.

      Und im stillen Zimmer alles
    Blickt mich an so wohlvertraut;
    Tisch und Schrank, mir ist als hätt' ich
    Sie schon früher mal geschaut.

      Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr
    Und die Zither, hörbar kaum,
    Fängt von selber an zu klingen,
    Und ich sitze wie im Traum.

      Jetzo ist die rechte Stunde,
    Und es ist der rechte Ort;
    Staunen würdest du, mein Kindchen,
    Spräch' ich aus das rechte Wort.

      Sprech' ich jenes Wort, so dämmert
    Und erbebt die Mitternacht,
    Bach und Tannen brausen lauter,
    Und der alte Berg erwacht.

      Zitherklang und Zwergenlieder
    Tönen aus des Berges Spalt,
    Und es sprießt, wie'n toller Frühling
    Draus hervor ein Blumenwald.

      Blumen, kühne Wunderblumen,
    Blätter, breit und fabelhaft,
    Duftig bunt und hastig regsam,
    Wie gedrängt von Leidenschaft.

      Rosen, wild wie rote Flammen,
    Sprühn aus dem Gewühl hervor;
    Lilien, wie krystallne Pfeiler,
    Schießen himmelhoch empor.

      Und die Sterne, groß wie Sonnen,
    Schaun herab mit Sehnsuchtsglut;
    In der Lilien Riesenkelche
    Strömet ihre Strahlenflut.

      Doch wir selber, süßes Kindchen,
    Sind verwandelt noch viel mehr;
    Fackelglanz und Gold und Seide
    Schimmern lustig um uns her.

      Du, du wurdest zur Prinzessin,
    Diese Hütte ward zum Schloß,
    Und da jubeln und da tanzen
    Ritter, Fraun und Knappentroß.

      Aber ich, ich hab' erworben,
    Dich und alles, Schloß und Leut':
    Pauken und Trompeten huld'gen
    Meiner jungen Herrlichkeit!


Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen, wie Gespenster beim dritten
Hahnenschrei. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte
die schöne Sonne, immer neue Schönheiten beleuchtend. Der Geist des
Gebirges begünstigte mich ganz offenbar; er wußte wohl, daß so ein
Dichtermensch viel Hübsches wiedererzählen kann, und er ließ mich diesen
Morgen seinen Harz sehen, wie ihn gewiß nicht jeder sah. Aber auch mich
sah der Harz, wie mich nur wenige gesehen, in meinen Augenwimpern
flimmerten eben so kostbare Perlen, wie in den Gräsern des Thals.
Morgentau der Liebe feuchtete meine Wangen, die rauschenden Tannen
verstanden mich, ihre Zweige thaten sich von einander, bewegten sich
herauf und herab, gleich stummen Menschen, die mit den Händen ihre
Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnisvoll, wie
Glockengeläute einer verlornen Waldkirche. Man sagt, das seien die
Herdenglöckchen, die im Harz so lieblich, klar und rein gestimmt sind.

Nach dem Stande der Sonne war es Mittag, als ich auf eine solche Herde
stieß, und der Hirt, ein freundlich blonder junger Mensch, sagte mir,
der große Berg, an dessen Fuß ich stände, sei der alte, weltberühmte
Brocken. Viele Stunden ringsum liegt kein Haus, und ich war froh genug,
daß mich der junge Mensch einlud, mit ihm zu essen. Wir setzten uns
nieder zu einem _Dejeuner dinatoire_, das aus Käse und Brot bestand; die
Schäfchen erhaschten die Krumen, die lieben blanken Kühlein sprangen um
uns herum, und klingelten schelmisch mit ihren Glöckchen, und lachten
uns an mit ihren großen, vergnügten Augen. Wir tafelten recht königlich;
überhaupt schien mir mein Wirt ein echter König, und weil er bis jetzt
der einzige König ist, der mir Brot gegeben hat, so will ich ihn auch
königlich besingen.

      König ist der Hirtenknabe,
    Grüner Hügel ist sein Thron,
    Über seinem Haupt die Sonne
    Ist die schwere, goldne Kron'.

      Ihm zu Füßen liegen Schafe,
    Weiche Schmeichler, rotbekreuzt!
    Kavaliere sind die Kälber,
    Und sie wandeln stolz gespreizt.

      Hofschauspieler sind die Böcklein;
    Und die Vögel und die Küh',
    Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
    Sind die Kammermusici.

      Und das klingt und singt so lieblich,
    Und so lieblich rauschen drein
    Wasserfall und Tannenbäume,
    Und der König schlummert ein.

      Unterdessen muß regieren
    Der Minister, jener Hund,
    Dessen knurriges Gebelle
    Wiederhallet in der Rund'.

      Schläfrig lallt der junge König:
    »Das Regieren ist so schwer,
    Ach, ich wollt', daß ich zu Hause
    Schon bei meiner Kön'gin wär'!

      »In den Armen meiner Kön'gin
    Ruht mein Königshaupt so weich,
    Und in ihren lieben Augen
    Liegt mein unermeßlich Reich!«

Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und fröhlich stieg ich den Berg
hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich
in jeder Hinsicht Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen
nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend
sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken
übersäet, und die meisten Bäume mußten mit ihren Wurzeln diese Steine
umranken oder sprengen, und mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung
schöpfen können. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Thor
bildend, über einander, und oben darauf stehen die Bäume, die nackten
Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend, und erst am Fuße derselben
den Boden erfassend, so daß sie in der freien Luft zu wachsen scheinen.
Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Höhe empor geschwungen, und,
mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester
als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. So
stehen auch im Leben jene großen Männer, die durch das Überwinden früher
Hemmungen und Hindernisse sich erst recht gestärkt und befestigt haben.
Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen und unter denselben
spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier
sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergnügen daran
finden, es zu hetzen und zu töten. Solch ein Tier war barmherziger als
die Menschen, und säugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen
Genovefa.

Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte
Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall
schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten
Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle
und träumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser
unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und
Fasern bespült. Wenn man sich nach diesem Treiben hinab beugt, so
belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und
das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser
aus den Steinen und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden.
Da läßt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Vögel
singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Bäume flüstern wie mit tausend
Mädchenzungen, wie mit tausend Mädchenaugen schauen uns an die seltsamen
Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam breiten, drollig
gezackten Blätter, spielend flimmern hin und her die lustigen
Sonnenstrahlen, die sinnigen Kräutlein erzählen sich grüne Märchen, es
ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein
uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint -- ach, daß sie so
schnell wieder verschwindet!

Je höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafter werden die
Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu schrumpfen, bis nur
Heidelbeer- und Rotbeersträuche und Bergkräuter übrig bleiben. Da wird
es auch schon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke
werden hier erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Größe.
Das mögen wohl die Spielbälle sein, die sich die bösen Geister einander
zuwerfen in der Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und
Mistgabeln einhergeritten kommen, und die abenteuerlich verruchte Lust
beginnt, wie die glaubhafte Amme es erzählt, und wie es zu schauen ist
auf den hübschen Faustbildern des Meister Retzsch. Ja, ein junger
Dichter, der auf einer Reise von Berlin nach Göttingen in der ersten
Mainacht am Brocken vorbei ritt, bemerkte sogar, wie einige
belletristische Damen auf einer Bergecke ihre ästhetische
Theegesellschaft hielten, sich gemütlich die »Abendzeitung« vorlasen,
ihre poetischen Ziegenböckchen, die meckernd den Theetisch umhüpften,
als Universalgenies priesen, und über alle Erscheinungen in der
deutschen Litteratur ihr Endurteil fällten; doch als sie auch auf den
»Ratcliff« und »Almansor« gerieten, und dem Verfasser alle Frömmigkeit
und Christlichkeit absprachen, da sträubte sich das Haar des jungen
Mannes, Entsetzen ergriff ihn, -- ich gab dem Pferde die Sporen und
jagte vorüber.

In der That, wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt, kann man
sich nicht erwehren, an die ergötzlichen Blocksberggeschichten zu
denken, und besonders an die große mystische deutsche Nationaltragödie
vom Doktor Faust. Mir war immer, als ob der Pferdefuß neben mir hinauf
klettere, und jemand humoristisch Atem schöpfe. Und ich glaube, auch
Mephisto muß mit Mühe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt;
es ist ein äußerst erschöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich
das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam.

Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbildungen bekannt ist, bloß aus
einem Parterre besteht, und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erst
1800 vom Grafen Stolberg-Wernigerode erbaut, für dessen Rechnung es auch
als Wirtshaus verwaltet wird. Die Mauern sind erstaunlich dick, wegen
des Windes und der Kälte im Winter; das Dach ist niedrig, in der Mitte
desselben steht eine turmartige Warte, und bei dem Hause liegen noch
zwei kleine Nebengebäude, wovon das eine in frühern Zeiten den
Brockenbesuchern zum Obdach diente.

Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwas
ungewöhnliche, märchenhafte Empfindung. Man ist nach einem langen,
einsamen Umhersteigen durch Tannen und Klippen plötzlich in ein
Wolkenhaus versetzt; Städte, Berge und Wälder blieben unten liegen, und
oben findet man eine wunderlich zusammengesetzte, fremde Gesellschaft,
von welcher man, wie es an dergleichen Orten natürlich ist, fast wie ein
erwarteter Genosse, halb neugierig und halb gleichgiltig, empfangen
wird. Ich fand das Haus voller Gäste, und, wie es einem klugen Manne
geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines
Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich gleich Thee, und der
Herr Brockenwirt war vernünftig genug, einzusehen, daß ich kranker
Mensch für die Nacht ein ordentliches Bett haben müsse. Dieses
verschaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo schon ein junger
Kaufmann, ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, sich
etabliert hatte.

In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von
verschiedenen Universitäten. Die einen sind kurz vorher angekommen und
restaurieren sich, andere bereiten sich zum Abmarsch, schnüren ihre
Ranzen, schreiben ihre Namen ins Gedächtnisbuch, erhalten Brockensträuße
von den Hausmädchen; da wird in die Wangen gekniffen, gesungen,
gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fußweg,
Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und
diese haben von der schönen Aussicht einen doppelten Genuß, da ein
Betrunkener alles doppelt sieht.

Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarte, und fand
daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungen und einer
ältlichen. Die junge Dame war sehr schön. Eine herrliche Gestalt, auf
dem lockigen Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen
weißen Federn die Winde spielten, die schlanken Glieder von einem
schwarzseidenen Mantel so fest umschlossen, daß die edlen Formen
hervortraten, und das freie, große Auge, ruhig hinabschauend in die
freie, große Welt.

Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber und
Wundergeschichten, und jede schöne Dame, die Straußfedern auf dem Kopfe
trug, hielt ich für eine Elfenkönigin, und bemerkte ich gar, daß die
Schleppe ihres Kleides naß war, so hielt ich sie für eine Wassernixe.
Jetzt denke ich anders, seit ich aus der Naturgeschichte weiß, daß jene
symbolischen Federn von dem dümmsten Vogel herkommen, und daß die
Schleppe eines Damenkleides auf sehr natürliche Weise naß werden kann.
Hätte ich mit jenen Knabenaugen die erwähnte junge Schöne in erwähnter
Stellung auf dem Brocken gesehen, so würde ich sicher gedacht haben:
Das ist die Fee des Berges, und sie hat eben den Zauber ausgesprochen,
wodurch dort unten alles so wunderbar erscheint. Ja, in hohem Grade
wunderbar erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom Brocken, alle
Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrücke, und diese, meistens
verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer
Seele zu einem großen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefühl.
Gelingt es uns, dieses Gefühl in seinem Begriff zu erfassen, so erkennen
wir den Charakter des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl
in Hinsicht seiner Fehler, also auch seiner Vorzüge. Der Brocken ist ein
Deutscher. Mit deutscher Gründlichkeit zeigt er uns klar und deutlich,
wie ein Riesenpanorama, die vielen hundert Städte, Städtchen und Dörfer,
die meistens nördlich liegen, und ringsum alle Berge, Wälder, Flüsse,
Flächen, unendlich weit. Aber eben dadurch erscheint alles wie eine
scharfgezeichnete, rein illuminierte Specialkarte, nirgends wird das
Auge durch eigentliche schöne Landschaften erfreut; wie es denn immer
geschieht, daß wir deutschen Kompilatoren wegen der ehrlichen
Genauigkeit, womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken
können, das einzelne auf eine schöne Weise zu geben. Der Berg hat auch
so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes; eben weil er die
Dinge so weit und klar überschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine
Riesenaugen öffnet, mag er wohl noch etwas mehr sehen, als wir Zwerge,
die wir mit unsern blöden Äuglein auf ihm herum klettern. Viele wollen
zwar behaupten, der Brocken sei sehr philiströse, und Claudius sang:
»Der Blocksberg ist der lange Herr Philister!« Aber das ist Irrtum.
Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe
bedeckt, giebt er sich zwar den Anstrich von Philiströsität; aber, wie
bei manchen andern großen Deutschen, geschieht es aus purer Ironie. Es
ist sogar notorisch, daß der Brocken seine burschikosen, phantastischen
Zeiten hat, z. B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe
jubelnd in die Lüfte, und wird, eben so gut wie wir Übrigen, recht
echtdeutsch romantisch verrückt.

Ich suchte gleich die schöne Dame in ein Gespräch zu verflechten; denn
Naturschönheiten genießt man erst recht, wenn man sich auf der Stelle
darüber aussprechen kann. Sie war nicht geistreich, aber aufmerksam
sinnig. Wahrhaft vornehme Formen. Ich meine nicht die gewöhnliche,
steife, negative Vornehmheit, die genau weiß, was unterlassen werden
muß; sondern jene seltnere, freie, positive Vornehmheit, die uns genau
sagt, was wir thun dürfen, und die uns, bei aller Unbefangenheit, die
höchste gesellige Sicherheit giebt. Ich entwickelte, zu meiner eigenen
Verwunderung, viele geographische Kenntnisse, nannte der wißbegierigen
Schönen alle Namen der Städte, die vor uns lagen, suchte und zeigte ihr
dieselben auf meiner Landkarte, die ich über den Steintisch, der in der
Mitte der Turmplatte steht, mit echter Docentenmiene ausbreitete. Manche
Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit den Fingern
suchte, als mit den Augen, die sich unterdessen auf dem Gesicht der
holden Dame orientierten, und dort schönere Partieen fanden, als
»Schierke« und »Elend«. Dieses Gesicht gehörte zu denen, die nie reizen,
selten entzücken, und immer gefallen. Ich liebe solche Gesichter, weil
sie mein schlimmbewegtes Herz zur Ruhe lächeln. Die Dame war noch
unverheiratet; obgleich schon in jener Vollblüte, die zum Ehestande
hinlänglich berechtigt. Aber es ist ja eine tägliche Erscheinung, just
bei den schönsten Mädchen hält es so schwer, daß sie einen Mann
bekommen. Dies war schon im Altertum der Fall, und, wie bekannt ist,
alle drei Grazien sind sitzen geblieben.

In welchem Verhältnis der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu
denselben stehen mochte, konnte ich nicht erraten. Es war eine dünne,
merkwürdige Figur. Ein Köpfchen, sparsam bedeckt mit grauen Härchen, die
über die kurze Stirn bis an die grünlichen Libellenaugen reichten, die
runde Nase weit hervortretend, dagegen Mund und Kinn sich wieder
ängstlich nach den Ohren zurück ziehend. Dieses Gesichtchen schien aus
einem zarten, gelblichen Thone zu bestehen, woraus die Bildhauer ihre
ersten Modelle kneten; und wenn die schmalen Lippen zusammen kniffen,
zogen sich über die Wangen einige tausend halbkreisartige, feine
Fältchen. Der kleine Mann sprach kein Wort, und nur dann und wann, wenn
die ältere Dame ihm etwas Freundliches zuflüsterte, lächelte er wie ein
Mops, der den Schnupfen hat.

Jene ältere Dame war die Mutter der jüngern, und auch sie besaß die
vornehmsten Formen. Ihr Auge verriet einen krankhaft schwärmerischen
Tiefsinn, um ihren Mund lag strenge Frömmigkeit, doch schien mir's, als
ob er einst sehr schön gewesen sei, und viel gelacht und viele Küsse
empfangen und viele erwidert habe. Ihr Gesicht glich einem Kodex
palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchsschrift eines
Kirchenvatertextes die halberloschenen Verse eines altgriechischen
Liebesdichters hervorlauschen. Beide Damen waren mit ihrem Begleiter
dieses Jahr in Italien gewesen und erzählten mir allerlei Schönes von
Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzählte viel von den Raphaelschen
Bildern in der Peterskirche; die Tochter sprach mehr von der Oper im
Theater Fenice. Beide waren entzückt von der Kunst der Improvisatoren.
Nürnberg war der Damen Vaterstadt; doch von dessen altertümlicher
Herrlichkeit wußten sie mir wenig zu sagen. Die holdselige Kunst des
Meistergesangs, wovon uns der gute Wagenseil die letzten Klänge
erhalten, ist erloschen, und die Bürgerinnen Nürnbergs erbauen sich an
welschem Stegreifunsinn und Kapaunengesang. O Sankt Sebaldus, was bist
du jetzt für ein armer Patron!

Derweil wir sprachen, begann es zu dämmern; die Luft wurde noch kälter,
die Sonne neigte sich tiefer, und die Turmplatte füllte sich mit
Studenten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Bürgersleuten, samt
deren Ehefrauen und Töchtern, die alle den Sonnenuntergang sehen
wollten. Es ist ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt.
Wohl eine Viertelstunde standen alle ernsthaft schweigend, und sahen,
wie der schöne Feuerball im Westen allmählich versank; die Gesichter
wurden vom Abendrot angestrahlt, die Hände falteten sich unwillkürlich;
es war, als ständen wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines
Riesendoms, und der Priester erhöbe jetzt den Leib des Herrn, und von
der Orgel herab ergösse sich Palestrina's ewiger Choral.

Während ich so in Andacht versunken stehe, höre ich, daß neben mir
jemand ausruft: »Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schön!« Die
Worte kamen aus der gefühlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen
Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltagsstimmung, war
jetzt imstande, den Damen über den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu
sagen, und sie ruhig, als wäre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu
führen. Sie erlaubten mir auch, sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie
die Erde selbst, drehte sich unsre Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter
äußerte, die in Nebel versinkende Sonne habe ausgesehen wie eine
rotglühende Rose, die der galante Himmel herabgeworfen in den
weitausgebreiteten, weißen Brautschleier seiner geliebten Erde. Die
Tochter lächelte und meinte, der öftere Anblick solcher
Naturerscheinungen schwäche ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte
diese falsche Meinung durch eine Stelle aus Goethe's Reisebriefen, und
frug mich, ob ich den Werther gelesen? Ich glaube, wir sprachen auch von
Angorakatzen, etruskischen Vasen, türkischen Shawls, Maccaroni und Lord
Byron, aus dessen Gedichten die ältere Dame einige Sonnenuntergangsstellen,
recht hübsch lispelnd und seufzend, recitierte. Der jüngern Dame, die
kein Englisch verstand und jene Gedichte kennen lernen wollte, empfahl
ich die Übersetzungen meiner schönen, geistreichen Landsmännin, der
Baronin Elise von Hohenhausen; bei welcher Gelegenheit ich nicht
ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu thun pflege, über Byrons
Gottlosigkeit, Lieblosigkeit, Trostlosigkeit, und der Himmel weiß was
noch mehr, zu eifern.

Nach diesem Geschäfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz
dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrachtete
die Umrisse der beiden Hügel, die man den Hexenaltar und die
Teufelskanzel nennt. Ich schoß meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo.
Plötzlich aber höre ich bekannte Stimmen, und fühle mich umarmt und
geküßt. Es waren meine Landsleute, die Göttingen vier Tage später
verlassen hatten, und bedeutend erstaunt waren, mich ganz allein auf dem
Blocksberge wieder zu finden. Da gab es ein Erzählen und Verwundern und
Verabreden, ein Lachen und Erinnern, und im Geiste waren wir wieder in
unserm gelehrten Sibirien, wo die Kultur so groß ist, daß die Bären in
den Wirtshäusern angebunden werden, und die Zobel dem Jäger guten Abend
wünschen.

Im großen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit
zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewöhnliches
Universitätsgespräch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die
Gesellschaft bestand meistens aus Hallensern, und Halle wurde daher
Hauptgegenstand der Unterhaltung. Die Fensterscheiben des Hofrats Schütz
wurden exegetisch beleuchtet. Dann erzählte man, daß die letzte Kur bei
dem König von Cypern sehr glänzend gewesen sei, daß er einen natürlichen
Sohn erwählt, daß er sich eine Lichtensteinsche Prinzessin ans linke
Bein antrauen lassen, daß er die Staatsmaitresse abgedankt, und daß das
ganze gerührte Ministerium vorschriftsmäßig geweint habe. Ich brauche
wohl nicht zu erwähnen, daß sich dieses auf Halle'sche Bierwürden
bezieht. Hernach kamen die zwei Chinesen aufs Tapet, die sich vor zwei
Jahren in Berlin sehen ließen, und jetzt in Halle zu Privatdocenten der
chinesischen Ästhetik abgerichtet werden. Nun wurden Witze gerissen. Man
setzte den Fall, ein Deutscher ließe sich in China für Geld sehen; und
zu diesem Zwecke wurde ein Anschlagzettel geschmiedet, worin die
Mandarinen Tsching-Tschang-Tschung und Hi-Ha-Ho begutachteten, daß es
ein echter Deutscher sei, worin ferner seine Kunststücke aufgerechnet
wurden, die hauptsächlich in Philosophieren, Tabakrauchen und Geduld
bestanden, und worin noch schließlich bemerkt wurde, daß man um zwölf
Uhr, welches die Fütterungsstunde sei, keine Hunde mitbringen dürfe,
indem diese dem armen Deutschen die besten Brocken weg zu schnappen
pflegten.

Ein junger Burschenschafter, der kürzlich zur Purifikation in Berlin
gewesen, sprach viel von dieser Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte
Wisotzki und das Theater besucht; beide beurteilte er falsch. »Schnell
fertig ist die Jugend mit dem Wort« u. s. w. Er sprach von
Garderobeaufwand, Schauspieler- und Schauspielerinnenskandal u. s. w.
Der junge Mann wußte nicht, daß, da in Berlin überhaupt der Schein der
Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine Redensart »man so duhn«
hinlänglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht
florieren muß, und daß daher die Intendanz am meisten zu sorgen hat für
die »Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird«, für die Treue der
Kostüme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von
wissenschaftlich gebildeten Schneidern genäht werden. Und das ist
notwendig. Denn trüge mal Maria Stuart eine Schürze, die schon zum
Zeitalter der Königin Anna gehört, so würde gewiß der Bankier Christian
Gumpel sich mit Recht beklagen, daß ihm dadurch alle Illusion verloren
gehe; und hätte mal Lord Burleigh aus Versehen die Hose von Heinrich IV.
angezogen, so würde gewiß die Kriegsrätin von Steinzopf, geb. Lilientau,
diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen. Solche
täuschende Sorgfalt der Generalintendanz erstreckt sich aber nicht bloß
auf Schürzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickelten
Personen. So soll künftig der Othello von einem wirklichen Mohren
gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus
Afrika verschrieben hat; in »Menschenhaß und Reue« soll künftig die
Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem
wirklich dummen Jungen, und der Unbekannte von einem wirklich geheimen
Hahnrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika zu
verschreiben braucht. In der »Macht der Verhältnisse« soll ein
wirklicher Schriftsteller, der schon mal ein paar Maulschellen bekommen,
die Rolle des Helden spielen; in der »Ahnfrau« soll der Künstler, der
den Jaromir giebt, schon wirklich einmal geraubt oder doch wenigstens
gestohlen haben; die Lady Macbeth soll von einer Dame gespielt werden,
die zwar, wie es Tieck verlangt, von Natur sehr liebevoll, aber doch mit
dem blutigen Anblick eines meuchelmörderischen Abstechens einigermaßen
vertraut ist; und endlich, zur Darstellung gar besonders seichter,
witzloser, pöbelhafter Gesellen soll der große Wurm engagiert werden,
der große Wurm, der seine Geistesgenossen jedesmal entzückt, wenn er
sich erhebt in seiner wahren Größe, hoch, hoch, »jeder Zoll ein Lump!«
-- Hatte nun obenerwähnter junger Mensch die Verhältnisse des Berliner
Schauspiels schlecht begriffen, so merkte er noch viel weniger, daß die
Spontini'sche Janitscharenoper, mit ihren Pauken, Elephanten, Trompeten
und Tamtams, ein heroisches Mittel ist, um unser erschlafftes Volk
kriegerisch zu stärken, ein Mittel, das schon Plato und Cicero
staatspfiffig empfohlen haben. Am allerwenigsten begriff der junge
Mensch die diplomatische Bedeutung des Ballets. Mit Mühe zeigte ich ihm,
wie in Hoguets Füßen mehr Politik sitzt als in Buchholz' Kopf, wie alle
seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner
Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z. B. daß er unser
Kabinett meint, wenn er, sehnsüchtig vorgebeugt, mit den Händen
weitausgreift, daß er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf
einem Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen, daß er die kleinen
Fürsten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt,
daß er das europäische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein
Trunkener hin und her schwankt, daß er einen Kongreß andeutet, wenn er
die gebogenen Arme knäuelartig in einander verschlingt, und endlich, daß
er unsern allzugroßen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmählicher
Entfaltung sich in die Höhe hebt, in dieser Stellung lange ruht, und
plötzlich in die erschrecklichsten Sprünge ausbricht. Dem jungen Manne
fielen die Schuppen von den Augen, und jetzt merkte er, warum Tänzer
besser honoriert werden, als große Dichter, warum das Ballet beim
diplomatischen Korps ein unerschöpflicher Gegenstand des Gesprächs ist,
und warum oft eine schöne Tänzerin noch privatim von dem Minister
unterhalten wird, der sich gewiß Tag und Nacht abmüht, sie für sein
politisches Systemchen empfänglich zu machen. Beim Apis! wie groß ist
die Zahl der exoterischen, und wie klein die Zahl der esoterischen
Theaterbesucher! Da steht das blöde Volk und gafft, und bewundert
Sprünge und Wendungen, und studiert Anatomie in den Stellungen der
Lemiere, und applaudiert die Entrechats der Röhnisch, und schwatzt von
Grazie, Harmonie und Lenden -- und Keiner merkt, daß er in getanzten
Chiffern das Schicksal des deutschen Vaterlandes vor Augen hat.

Während solcherlei Gespräche hin und her flogen, verlor man doch das
Nützliche nicht aus den Augen und den großen Schüsseln, die mit Fleisch,
Kartoffeln u. s. w. ehrlich angefüllt waren, wurde fleißig zugesprochen.
Jedoch war das Essen schlecht. Dies erwähnte ich leichthin gegen meinen
Nachbar, der aber mit einem Accente, woran ich den Schweizer erkannte,
gar unhöflich antwortete, daß wir Deutschen, wie mit der wahren
Freiheit, so auch mit der wahren Genügsamkeit unbekannt seien. Ich
zuckte die Achseln und bemerkte, daß die eigentlichen Fürstenknechte und
Leckerkramverfertiger überall Schweizer sind und vorzugsweise so genannt
werden, und daß überhaupt die jetzigen schweizerischen Freiheitshelden,
die so viel Politisch-Kühnes ins Publikum hineinschwatzen, mir immer
vorkommen wie Hasen, die auf öffentlichen Jahrmärkten Pistolen
abschießen, alle Kinder und Bauern durch ihre Kühnheit in Erstaunen
setzen, und dennoch Hasen sind.

Der Sohn der Alpen hatte es gewiß nicht böse gemeint, »es war ein dicker
Mann, folglich ein guter Mann,« sagt Cervantes. Aber mein Nachbar von
der andern Seite, ein Greifswalder, war durch jene Äußerung sehr
pikiert; er beteuerte, daß deutsche Thatkraft und Einfältigkeit noch
nicht erloschen sei, schlug sich dröhnend auf die Brust, und leerte
eine ungeheure Stange Weißbier. Der Schweizer sagte: »Nu! nu!« Doch je
beschwichtigender er dieses sagte, desto eifriger ging der Greifswalder
ins Geschirr. Dieser war ein Mann aus jenen Zeiten, als die Läuse gute
Tage hatten und die Friseure zu verhungern fürchteten. Er trug
herabhängend langes Haar, ein ritterliches Barett, einen schwarzen
altdeutschen Rock, ein schmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer
Weste versah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbüschel von
Blüchers Schimmel. Er sah aus wie ein Narr in Lebensgröße. Ich mache mir
gern einige Bewegung beim Abendessen, und ließ mich daher von ihm in
einen patriotischen Streit verflechten. Er war der Meinung, Deutschland
müsse in achtunddreißig Gauen geteilt werden. Ich hingegen behauptete,
es müßten achtundvierzig sein, weil man alsdann ein systematischeres
Handbuch über Deutschland schreiben könne, und es doch notwendig sei,
das Leben mit der Wissenschaft zu verbinden. Mein Greifswalder Freund
war auch ein deutscher Barde, und, wie er mir vertraute, arbeitete er an
einem Nationalheldengedicht zur Verherrlichung Hermanns und der
Hermannsschlacht. Manchen nützlichen Wink gab ich ihm für die
Anfertigung dieses Epos. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß er die
Sümpfe und Knüppelwege des Teutoburger Waldes sehr onomatopöisch durch
wässrige und holprige Verse andeuten könne, und daß es eine patriotische
Feinheit wäre, wenn er den Varus und die übrigen Römer lauter Unsinn
sprechen ließe. Ich hoffe, dieser Kunstkniff wird ihm, eben so
erfolgreich wie andern Berliner Dichtern, bis zur bedenklichsten
Illusion gelingen.

An unserem Tische wurde es immer lauter und traulicher, der Wein
verdrängte das Bier, die Punschbowlen dampften, es wurde getrunken,
smoliert und gesungen. Der alte Landesvater und herrliche Lieder von
W. Müller, Rückert, Uhland u. s. w. erschollen. Schöne Methfesselsche
Melodien. Am allerbesten erklangen unseres Arndts deutsche Worte: »Der
Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!« Und draußen
brauste es, als ob der alte Berg mitsänge, und einige schwankende
Freunde behaupteten sogar, er schüttle freudig sein kahles Haupt, und
unser Zimmer werde dadurch hin und her bewegt. Die Flaschen wurden
leerer und die Köpfe voller. Der eine brüllte, der andere fistulierte,
ein dritter deklamierte aus der »Schuld«, ein vierter sprach Latein, ein
fünfter predigte von der Mäßigkeit, und ein sechster stellte sich auf
den Stuhl und docierte: »Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze,
die Menschen sind einzelne Stiftchen darauf, scheinbar arglos zerstreut;
aber die Walze dreht sich, die Stiftchen stoßen hier und da an und
tönen, die einen oft, die andern selten, das giebt eine wunderbare,
komplizierte Musik, und diese heißt Weltgeschichte. Wir sprechen also
erst von der Musik, dann von der Welt, und endlich von der Geschichte;
letztere aber teilen wir ein in Positiv und spanische Fliegen --« Und so
ging's weiter mit Sinn und Unsinn.

Ein gemütlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte, und
selig lächelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung, es sei ihm
zu Mute, als stände er wieder vor dem Theaterbüffet in Schwerin. Ein
anderer hielt sein Weinglas wie ein Perspektiv vor die Augen und schien
uns aufmerksam damit zu betrachten, während ihm der rote Wein über die
Backen ins hervortretende Maul hinablief. Der Greifswalder, plötzlich
begeistert, warf sich an meine Brust und jauchzte: »O, verständest du
mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Glücklicher, ich werde wieder
geliebt, und, Gott verdamm' mich! es ist ein gebildetes Mädchen, denn
sie hat volle Brüste, und trägt ein weißes Kleid, und spielt Klavier!«
-- Aber der Schweizer weinte, und küßte zärtlich meine Hand, und
wimmerte beständig: »O Bäbeli! O Bäbeli!«

In diesem verworrenen Treiben, wo die Teller tanzen und die Gläser
fliegen lernten, saßen mir gegenüber zwei Jünglinge, schön und blaß wie
Marmorbilder, der eine mehr dem Adonis, der andere mehr dem Apollo
ähnlich. Kaum bemerkbar war der leise Rosenhauch, den der Wein über ihre
Wangen hinwarf. Mit unendlicher Liebe sahen sie sich einander an, als
wenn einer lesen könnte in den Augen des andern, und in diesen Augen
strahlte es, als wären einige Lichttropfen hineingefallen aus jener
Schale voll lodernder Liebe, die ein frommer Engel dort oben von einem
Stern zum andern hinüber trägt. Sie sprachen leise mit sehnsuchtbebender
Stimme, und es waren traurige Geschichten, aus denen ein
wunderschmerzlicher Ton hervor klang. »Die Lore ist jetzt auch tot!«
sagte der eine und seufzte, und nach einer Pause erzählte er von einem
Halle'schen Mädchen, das in einen Studenten verliebt war, und, als
dieser Halle verließ, mit niemand mehr sprach, und wenig aß, und Tag und
Nacht weinte, und immer den Kanarienvogel betrachtete, den der Geliebte
ihr einst geschenkt hatte. »Der Vogel starb, und bald darauf ist auch
die Lore gestorben!« so schloß die Erzählung, und beide Jünglinge
schwiegen wieder und seufzten, als wollte ihnen das Herz zerspringen.
Endlich sprach der andere: »Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus in
die dunkle Nacht! Einatmen will ich den Hauch der Wolken und die
Strahlen des Mondes. Genosse meiner Wehmut! ich liebe dich, deine Worte
tönen wie Rohrgeflüster, wie gleitende Ströme, sie tönen wieder in
meiner Brust, aber meine Seele ist traurig!«

Nun erhoben sich die beiden Jünglinge, einer schlang den Arm um den
Nacken des andern, und sie verließen das tosende Zimmer. Ich folgte
ihnen nach und sah, wie sie in eine dunkle Kammer traten, wie der eine,
statt des Fensters, einen großen Kleiderschrank öffnete, wie beide vor
demselben mit sehnsüchtig ausgestreckten Armen stehen blieben und
wechselweise sprachen. »Ihr Lüfte der dämmernden Nacht!« rief der erste,
»wie erquickend kühlt ihr meine Wangen! Wie lieblich spielt ihr mit
meinen flatternden Locken! Ich steh' auf des Berges wolkigem Gipfel,
unter mir liegen die schlafenden Städte der Menschen, und blinken die
blauen Gewässer. Horch! dort unten im Thale rauschen die Tannen! Dort
über die Hügel ziehen in Nebelgestalten die Geister der Väter. O, könnt'
ich mit euch jagen auf dem Wolkenroß durch die stürmische Nacht, über
die rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit
Leid, und meine Seele ist traurig!« -- Der andere Jüngling hatte
ebenfalls seine Arme sehnsuchtsvoll nach dem Kleiderschrank
ausgestreckt, Thränen stürzten aus seinen Augen, und zu einer
gelbledernen Hose, die er für den Mond hielt, sprach er mit wehmütiger
Stimme: »Schön bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist deines
Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen
deinen blauen Pfaden im Osten. Bei deinem Anblick erfreuen sich die
Wolken, und es lichten sich ihre düstern Gestalten. Wer gleicht dir am
Himmel, Erzeugte der Nacht? Beschämt in deiner Gegenwart sind die
Sterne, und wenden ab die grünfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Morgens
dein Antlitz erbleicht, entfliehst du von deinem Pfade? Hast du gleich
mir deine Halle? Wohnst du im Schatten der Wehmut? Sind deine Schwestern
vom Himmel gefallen? Sie, die freudig mit dir die Nacht durchwallten,
sind sie nicht mehr? Ja, sie fielen herab, o schönes Licht, und du
verbirgst dich oft, sie zu betrauern. Doch einst wird kommen die Nacht,
und du, auch du bist vergangen, und hast deine blauen Pfade dort oben
verlassen. Dann erheben die Sterne ihre grünen Häupter, die einst deine
Gegenwart beschämt, sie werden sich freuen. Doch jetzt bist du gekleidet
in deine Strahlenpracht, und schaust herab aus den Thoren des Himmels.
Zerreißt die Wolken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht hervor zu
leuchten vermag, und die buschigen Berge erglänzen, und das Meer seine
schäumenden Wogen rolle in Licht!«

Ein wohlbekannter, nicht sehr magerer Freund, der mehr getrunken als
gegessen hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewöhnlich, eine
Portion Rindfleisch verschlungen, wovon sechs Gardelieutenants und ein
unschuldiges Kind satt geworden wären, dieser kam jetzt in allzugutem
Humor, d. h. ganz _en_ Schwein, vorbeigerannt, schob die beiden
elegischen Freunde etwas unsanft in den Schrank hinein, polterte nach
der Hausthüre, und wirtschaftete draußen ganz mörderlich. Der Lärm im
Saal wurde auch immer verworrener und dumpfer. Die beiden Jünglinge im
Schranke jammerten und wimmerten, sie lägen zerschmettert am Fuße des
Berges; aus dem Hals strömte ihnen der edle Rotwein, sie überschwemmten
sich wechselseitig, und der eine sprach zum andern: »Lebewohl! Ich
fühle, daß ich verblute. Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst
und sprichst: >Ich betaue dich mit Tropfen des Himmels. Doch die Zeit
meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter zerstört!
Morgen wird der Wanderer kommen, kommen, der mich sah in meiner
Schönheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen, und wird mich
nicht finden.<« -- Aber alles übertobte die wohlbekannte Baßstimme, die
draußen vor der Thüre unter Fluchen und Jauchzen sich gottlästerlich
beklagte, daß auf der ganzen dunkeln Weenderstraße keine einzige
Laterne brenne, und man nicht einmal sehen könne, bei wem man die
Fensterscheiben eingeschmissen habe.

Ich kann viel vertragen -- die Bescheidenheit erlaubt mir nicht, die
Bouteillenzahl zu nennen -- und ziemlich gut konditioniert gelangte ich
nach meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag schon im Bette, mit
seiner kreideweißen Nachtmütze und safrangelben Jacke von
Gesundheitsflanell. Er schlief noch nicht, und suchte ein Gespräch mit
mir anzuknüpfen. Er war ein Frankfurt-am-Mainer, und folglich sprach er
gleich von den Juden, die alles Gefühl für das Schöne und Edle verloren
haben, und die englischen Waren fünfundzwanzig Procent unter dem
Fabrikpreise verkaufen. Es ergriff mich die Lust, ihn etwas zu
mystificieren; deshalb sagte ich ihm, ich sei ein Nachtwandler, und
müsse im voraus um Entschuldigung bitten für den Fall, daß ich ihn etwa
im Schlafe stören möchte. Der arme Mensch hat deshalb, wie er mir am
andern Tag gestand, die ganze Nacht nicht geschlafen, da er die
Besorgnis hegte, ich könnte mit meinen Pistolen, die vor meinem Bette
lagen, im Nachtwandlerzustande ein Malheur anrichten. Im Grunde war es
mir nicht viel besser als ihm gegangen, ich hatte sehr schlecht
geschlafen. Wüste, beängstigende Phantasiegebilde. Ein Klavierauszug aus
Dante's »Hölle«. Am Ende träumte mir gar, ich sähe die Aufführung einer
juristischen Oper, die Falcidia geheißen, erbrechtlicher Text von Gans
und Musik von Spontini. Ein toller Traum. Das römische Forum leuchtete
prächtig; Serv. Göschenus als Prätor auf seinem Stuhle, die Toga in
stolze Falten werfend, ergoß sich in polternden Recitativen; Marcus
Tullius Elversus, als _Prima Donna legataria_, all seine holde
Weiblichkeit offenbarend, sang die liebeschmelzende Bravourarie
_quicunque civis romanus_; ziegelrot geschminkte Referendarien brüllten
als Chor der Unmündigen; Privatdocenten, als Genien in fleischfarbigen
Trikot gekleidet, tanzten ein antejustinianeisches Ballet und bekränzten
mit Blumen die zwölf Tafeln; unter Donner und Blitz stieg aus der Erde
der beleidigte Geist der römischen Gesetzgebung; hierauf Posaunen,
Tamtam, Feuerregen, _cum omni causa_.

Aus diesem Lärmen zog mich der Brockenwirt, indem er mich weckte, um den
Sonnenaufgang anzusehen. Auf dem Turm fand ich schon einige Harrende,
die sich die frierenden Hände rieben, andere, noch den Schlaf in den
Augen, taumelten herauf; endlich stand die stille Gemeinde von gestern
Abend wieder ganz versammelt, und schweigend sahen wir, wie am Horizonte
die kleine carmoisinrote Kugel empor stieg, eine winterlich dämmernde
Beleuchtung sich verbreitete, die Berge wie in einem weißwallenden Meere
schwammen, und bloß die Spitzen derselben sichtbar hervor traten, so daß
man auf einem kleinen Hügel zu stehen glaubte, mitten auf einer
überschwemmten Ebene, wo nur hier und da eine trockene Erdscholle
hervortritt. Um das Gesehene und Empfundene in Worten fest zu halten,
zeichnete ich folgendes Gedicht:

      Heller wird es schon im Osten
    Durch der Sonne kleines Glimmen,
    Weit und breit die Bergesgipfel
    In dem Nebelmeere schwimmen.

      Hätt' ich Siebenmeilenstiefel,
    Lief' ich mit der Hast des Windes
    Über jene Bergesgipfel,
    Nach dem Haus des lieben Kindes.

      Von dem Bettchen, wo sie schlummert,
    Zög' ich leise die Gardinen,
    Leise küßt ich ihre Stirne,
    Leise ihres Munds Rubinen.

      Und noch leiser wollt' ich flüstern
    In die kleinen Lilienohren:
    Denk' im Traum, daß wir uns lieben,
    Und daß wir uns nie verloren!

Indessen, meine Sehnsucht nach einem Frühstück war ebenfalls groß, und
nachdem ich meinen Damen einige Höflichkeiten gesagt, eilte ich hinab,
um in der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es that not; in meinem Magen
sah es so nüchtern aus, wie in der Goslarschen Stephanskirche. Aber mit
dem arabischen Trunk rieselte mir auch der warme Orient durch die
Glieder, östliche Rosen umdufteten mich, süße Bülbüllieder erklangen,
die Studenten verwandelten sich in Kameele, die Brockenhausmädchen mit
ihren Congreve'schen Blicken wurden zu Houris, die Philisternasen wurden
Minarets u. s. w.

Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unsinn enthielt
es freilich genug. Es war das sogenannte Brockenbuch, worin alle
Reisende, die den Berg ersteigen, ihre Namen schreiben, und die meisten
noch einige Gedanken und, in Ermangelung derselben, ihre Gefühle hinzu
notieren. Viele drücken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht
man, welche Greuel entstehen, wenn der große Philistertroß bei
gebräuchlichen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, sich vorgenommen
hat, poetisch zu werden. Der Palast des Prinzen von Pallagonia enthält
keine so große Abgeschmacktheiten, wie dieses Buch, wo besonders
hervorglänzen die Herren Acciseeinnehmer mit ihren verschimmelten
Hochgefühlen, die Komptoirjünglinge mit ihren pathetischen
Seelenergüssen, die altdeutschen Revolutionsdilettanten mit ihren
Turngemeinplätzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verunglückten
Entzückungsphrasen u. s. w. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als
Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majestätische Pracht
beschrieben; dort wird geklagt über schlechtes Wetter, über getäuschte
Erwartungen, über den Nebel, der alle Aussicht versperrt. »Benebelt
heraufgekommen und benebelt hinuntergegangen!« ist ein stehender Witz,
der hier von Hunderten nachgerissen wird. Eine Karolina schreibt, daß
sie bei der Ersteigung des Berges nasse Füße bekommen. Ein naives
Hannchen hat diese Klage im Sinne, und schreibt lakonisch: Auch ich bin
bei der Geschichte naß geworden. Das ganze Buch riecht nach Käse, Bier
und Tabak; man glaubt einen Roman von Clauren zu lesen.

Während ich nun besagtermaßen Kaffee trank und im Brockenbuche
blätterte, trat der Schweizer mit hochroten Wangen herein, und voller
Begeisterung erzählte er von dem erhabenen Anblick, den er oben auf dem
Turme genossen, als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der
Wahrheit, mit den nächtlichen Nebelmassen gekämpft, daß es ausgesehen
habe wie eine Geisterschlacht, wo zürnende Riesen ihre langen Schwerter
ausstrecken, geharnischte Ritter auf bäumenden Rossen einher jagen,
Streitwagen, flatternde Banner, abenteuerliche Tierbildungen aus dem
wildesten Gewühle hervortauchen, bis endlich alles in den wahnsinnigsten
Verzerrungen zusammen kräuselt, blasser und blasser zerrinnt, und
spurlos verschwindet. Diese demagogische Naturerscheinung hatte ich
versäumt, und ich kann, wenn es zur Untersuchung kommt, eidlich
versichern, daß ich von nichts weiß, als vom Geschmack des guten
braunen Kaffee's. Ach, dieser war sogar schuld, daß ich meine schöne
Dame vergessen, und jetzt stand sie vor der Thür mit Mutter und
Begleiter, im Begriff den Wagen zu besteigen. Kaum hatte ich noch Zeit,
hin zu eilen und ihr zu versichern, daß es kalt sei. Sie schien
unwillig, daß ich nicht früher gekommen; doch ich glättete bald die
mißmütigen Falten ihrer schönen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche
Blume schenkte, die ich den Tag vorher mit halsbrechender Gefahr von
einer steilen Felsenwand gepflückt hatte. Die Mutter verlangte den Namen
der Blume zu wissen, gleichsam als ob sie es unschicklich fände, daß
ihre Tochter eine fremde, unbekannte Blume vor die Brust stecke -- denn
wirklich, die Blume erhielt diesen beneidenswerten Platz, was sie sich
gewiß gestern auf ihrer einsamen Höhe nicht träumen ließ. Der
schweigsame Begleiter öffnete jetzt auf einmal den Mund, zählte die
Staubfäden der Blume, und sagte ganz trocken: Sie gehört zur achten
Klasse.

Es ärgert mich jedesmal, wenn ich sehe, daß man auch Gottes liebe
Blumen, ebenso wie uns, in Kasten eingeteilt hat, und nach ähnlichen
Äußerlichkeiten, nämlich nach Staubfäden-Verschiedenheit. Soll doch mal
eine Einteilung stattfinden, so folge man dem Vorschlage Theophrasts,
der die Blumen mehr nach dem Geiste, nämlich nach ihrem Geruch,
einteilen wollte. Was mich betrifft, so habe ich in der
Naturwissenschaft mein eigenes System, und demnach teile ich alles ein:
in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man nicht essen
kann.

Jedoch der ältern Dame war die geheimnisvolle Natur der Blumen nichts
weniger als verschlossen, und unwillkürlich äußerte sie, daß sie von den
Blumen, wenn sie noch im Garten oder im Topfe wachsen, recht erfreut
werde, daß hingegen ein leises Schmerzgefühl traumhaft beängstigend ihre
Brust durchzittere, wenn sie eine abgebrochene Blume sehe -- da eine
solche doch eigentlich eine Leiche sei, und so eine gebrochene, zarte
Blumenleiche ihr welkes Köpfchen recht traurig herabhängen lasse, wie
ein totes Kind. Die Dame war fast erschrocken über den trüben
Wiederschein ihrer Bemerkung, und es war meine Pflicht, denselben mit
einigen Voltaire'schen Versen zu verscheuchen. Wie doch ein paar
französische Worte uns gleich in die gehörige Konvenienzstimmung
zurückversetzen können! Wir lachten, Hände wurden geküßt, huldreich
wurde gelächelt, die Pferde wieherten, und der Wagen holperte langsam
und beschwerlich den Berg hinunter.

Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden
geschnürt, die Rechnungen, die über alle Erwartung billig ausfielen,
berichtigt; die empfänglichen Hausmädchen, auf deren Gesichtern die
Spuren glücklicher Liebe, brachten, wie gebräuchlich ist, die
Brockensträußchen, halfen solche auf die Mützen befestigen, wurden dafür
mit einigen Küssen oder Groschen honoriert, und so stiegen wir alle den
Berg hinab, indem die einen, wobei der Schweizer und Greifswalder, den
Weg nach Schierke einschlugen, und die andern, ungefähr zwanzig Mann,
wobei auch meine Landsleute und ich, angeführt von einem Wegweiser,
durch die sogenannten Schneelöcher hinab zogen nach Ilsenburg.

Das ging über Hals und Kopf. Halle'sche Studenten marschieren schneller
als die österreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die
kahle Partie des Berges mit den darauf zerstreuten Steingruppen schon
hinter uns, und wir kamen durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag
vorher gesehen. Die Sonne goß schon ihre festlichen Strahlen herab und
beleuchtete die humoristisch buntgekleideten Burschen, die so munter
durch das Dickicht drängen, hier verschwanden, dort wieder zum
Vorschein kamen, bei Sumpfstellen über die quergelegten Baumstämme
liefen, bei abschüssigen Tiefen an den rankenden Wurzeln kletterten, in
den ergötzlichsten Tonarten empor johlten, und ebenso lustige Antwort
zurück erhielten von den zwitschernden Waldvögeln, von den rauschenden
Tannen, von den unsichtbar plätschernden Quellen und von dem schallenden
Echo. Wenn frohe Jugend und schöne Natur zusammen kommen, so freuen sie
sich wechselseitig.

Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische
Gewässer, nur hier und da, unter Gestein und Gestrüppe, blinkte es
hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten dürfe,
und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun
zeigt sich die gewöhnliche Erscheinung: ein Kühner macht den Anfang, und
der große Troß der Zagenden wird plötzlich, zu seinem eigenen Erstaunen,
von Mut ergriffen, und eilt, sich mit jenem ersten zu vereinigen. Eine
Menge anderer Quellen hüpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden
sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen
ein schon bedeutendes Bächlein, das in unzähligen Wasserfällen und in
wunderlichen Windungen das Bergthal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse,
die liebliche, süße Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsethal,
an dessen beiden Seiten sich die Berge allmählich höher erheben, und
diese sind bis zu ihrem Fuße meistens mit Buchen, Eichen und
gewöhnlichem Blattgesträuche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderm
Nadelholz. Denn jene Blätterholzart wächst vorherrschend auf dem
»Unterharze«, wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur
Westseite desselben, die der »Oberharz« heißt, und wirklich viel höher
ist, also auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhölzer.

Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetät und Anmut die
Ilse sich hinunter stürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke,
die sie in ihrem Laufe findet, so daß das Wasser hier wild empor zischt
oder schäumend überläuft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus vollen
Gießkannen, in reinen Bögen sich ergießt, und unten wieder über die
kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen. Ja, die Sage ist
wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blühend den Berg
hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie
flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder! Wie funkeln und blitzen
ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich ernsten Vätern, die
verstohlen lächelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes zusehen; die
weißen Birken bewegen sich tantenhaft vergnügt, und doch zugleich
ängstlich über die gewagten Sprünge; der stolze Eichbaum schaut drein
wie ein verdrießlicher Oheim, der das schöne Wetter bezahlen soll; die
Vöglein in den Lüften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flüstern
zärtlich: O, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb' Schwesterchen! -- aber
das lustige Mädchen springt unaufhaltsam weiter, und plötzlich ergreift
sie den träumenden Dichter, und es strömt auf mich herab ein Blumenregen
von klingenden Strahlen und strahlenden Klängen, und die Sinne vergehen
mir vor lauter Herrlichkeit, und ich höre nur noch die flötensüße
Stimme:

      Ich bin die Prinzessin Ilse,
    Und wohne im Ilsenstein;
    Komm mit nach meinem Schlosse,
    Wir wollen selig sein.

      Dein Haupt will ich benetzen
    Mit meiner klaren Well',
    Du sollst deine Schmerzen vergessen,
    Du sorgenkranker Gesell!

      In meinen weißen Armen,
    An meiner weißen Brust,
    Da sollst du liegen und träumen
    Von alter Märchenlust.

      Ich will dich küssen und herzen,
    Wie ich geherzt und geküßt
    Den lieben Kaiser Heinrich,
    Der nun gestorben ist.

      Es bleiben tot die Toten,
    Und nur der Lebendige lebt;
    Und ich bin schön und blühend,
    Mein lachendes Herze bebt.

      Und bleibt mein Herz dort unten,
    So klingt mein krystallenes Schloß,
    Es tanzen die Fräulein und Ritter,
    Es jubelt der Knappentroß.

      Es rauschen die seidenen Schleppen,
    Es klirren die Eisensporn,
    Die Zwerge trompeten und pauken
    Und fiedeln und blasen das Horn.

      Doch dich soll mein Arm umschlingen,
    Wie er Kaiser Heinrich umschlang;
    Ich hielt ihm zu die Ohren,
    Wenn die Trompet' erklang.

Unendlich selig ist das Gefühl, wenn die Erscheinungswelt mit unserer
Gemütswelt zusammenrinnt, und grüne Bäume, Gedanken, Vögelgesang,
Wehmut, Himmelsbläue, Erinnerung und Kräuterduft sich in süßen Arabesken
verschlingen. Die Frauen kennen am besten dieses Gefühl, und darum mag
auch ein so holdselig ungläubiges Lächeln um ihre Lippen schweben, wenn
wir mit Schulstolz unsere logischen Thaten rühmen, wie wir alles so
hübsch eingeteilt in objektiv und subjektiv, wie wir unsere Köpfe
apothekenartig mit tausend Schubladen versehen, wo in der einen
Vernunft, in der andern Verstand, in der dritten Witz, in der vierten
schlechter Witz, und in der fünften gar nichts, nämlich die Idee,
enthalten ist.

Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, daß wir die
Tiefe des Ilsethales verlassen und wieder bergauf stiegen. Dies ging
sehr steil und mühsam, und mancher von uns kam außer Atem. Doch wie
unser seliger Vetter, der zu Mölln begraben liegt, dachten wir im voraus
ans Bergabsteigen, und waren um so vergnügter. Endlich gelangten wir auf
den Ilsenstein.

Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck aus der
Tiefe erhebt. Von drei Seiten umschließen ihn die hohen, waldbedeckten
Berge, aber die vierte, die Nordseite, ist frei, und hier schaut man
über das unten liegende Ilsenburg und die Ilse weit hinab ins niedere
Land. Auf der turmartigen Spitze des Felsens steht ein großes, eisernes
Kreuz, und zur Not ist da noch Platz für vier Menschenfüße.

Wie nun die Natur durch Stellung und Form den Ilsenstein mit
phantastischen Reizen geschmückt, so hat auch die Sage ihren Rosenschein
darüber ausgegossen. Gottschalk berichtet: »Man erzählt, hier habe ein
verwünschtes Schloß gestanden, in welchem die reiche schöne Prinzessin
Ilse gewohnt, die sich noch jetzt jeden Morgen in der Ilse bade; und wer
so glücklich ist, den rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den
Felsen, wo ihr Schloß sei, geführt und königlich belohnt.« Andere
erzählen von der Liebe des Fräulein Ilse und des Ritters von Westenberg
eine hübsche Geschichte, die einer unserer bekanntesten Dichter
romantisch in der »Abendzeitung« besungen hat. Andere wieder erzählen
anders: Es soll der altsächsische Kaiser Heinrich gewesen sein, der mit
Ilse, der schönen Wasserfee, in ihrer verzauberten Felsenburg die
kaiserlichsten Stunden genossen. Ein neuerer Schriftsteller, Herr
Niemann, Wohlgeb., der ein Harzreisebuch geschrieben, worin er die
Gebirgshöhen, Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Städte und
dergleichen mit löblichem Fleiße und genauen Zahlen angegeben, behauptet
indes: »Was man von der schönen Prinzessin Ilse erzählt, gehört dem
Fabelreiche an.« So sprechen alle diese Leute, denen eine solche
Prinzessin niemals erschienen ist, wir aber, die wir von schönen Damen
besonders begünstigt werden, wissen das besser. Auch Kaiser Heinrich
wußte es. Nicht umsonst hingen die altsächsischen Kaiser so sehr an
ihrem heimischen Harze. Man blättere nur in der hübschen Lüneburger
Chronik, wo die guten, alten Herren in wunderlich treuherzigen
Holzschnitten abkonterfeit sind, wohlgeharnischt, hoch auf ihrem
gewappneten Schlachtroß, die heilige Kaiserkrone auf dem teuren Haupte,
Scepter und Schwert in festen Händen; und auf den lieben, knebelbärtigen
Gesichtern kann man deutlich lesen, wie oft sie sich nach den süßen
Herzen ihrer Harzprinzessinnen und dem traulichen Rauschen der
Harzwälder zurücksehnten, wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in
dem citronen- und giftreichen Welschland, wohin sie und ihre Nachfolger
so oft verlockt wurden von dem Wunsche, römische Kaiser zu heißen,
einer echtdeutschen Titelsucht, woran Kaiser und Reich zu Grunde gingen.

Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an
Kaiser und Reich, noch an die schöne Ilse, sondern bloß an seine Füße zu
denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hörte ich
plötzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie
sich die Berge ringsum auf die Köpfe stellten, und die roten
Ziegeldächer zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die grünen Bäume in
der blauen Luft herum flogen, daß es mir blau und grün vor den Augen
wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfaßt, in den Abgrund gestürzt
wäre, wenn ich mich nicht in meiner Seelennot ans eiserne Kreuz
festgeklammert hätte. Daß ich, in so mißlicher Stellung, dieses letztere
gethan habe, wird mir gewiß niemand verdenken.

                   *       *       *       *       *

Die »Harzreise« ist und bleibt Fragment, und die bunten Fäden, die so
hübsch hineingesponnen sind, um sich im Ganzen harmonisch zu
verschlingen, werden plötzlich, wie von der Schere der unerbittlichen
Parze, abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in künftigen
Liedern, und was jetzt kärglich verschwiegen ist, wird alsdann vollauf
gesagt. Am Ende kommt es auch auf eins heraus, wann und wo man etwas
ausgesprochen hat, wenn man es nur überhaupt einmal ausspricht. Mögen
die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn sie nur in ihrer
Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solche Vereinigung mag hier und da
das Mangelhafte ergänzt, das Schroffe ausgeglichen und das Allzuherbe
gemildert werden. Dieses würde vielleicht schon bei den ersten Blättern
der Harzreise der Fall sein, und sie könnten wohl einen minder sauern
Eindruck hervorbringen, wenn man anderweitig erführe, daß der Unmut, den
ich gegen Göttingen im Allgemeinen hege, obschon er noch größer ist, als
ich ihn ausgesprochen, doch lange nicht so groß ist wie die Verehrung,
die ich für einige Individuen dort empfinde. Und warum sollte ich es
verschweigen, ich meine hier ganz besonders jenen viel teueren Mann, der
schon in frühern Zeilen sich so freundlich meiner annahm, mir schon
damals eine innige Liebe für das Studium der Geschichte einflößte, mich
späterhin in dem Eifer für dasselbe bestärkte, und dadurch meinen Geist
auf ruhigere Bahnen führte, meinem Lebensmute heilsamere Richtungen
anwies, und nur überhaupt jene historischen Tröstungen bereitete, ohne
welche ich die qualvollen Erscheinungen des Tages nimmermehr ertragen
würde. Ich spreche von Georg Sartorius, dem großen Geschichtsforscher
und Menschen, dessen Auge ein klarer Stern ist in unserer dunkeln Zeit,
und dessen gastliches Herz offen steht für alle fremden Leiden und
Freuden, für die Besorgnisse des Bettlers und des Königs, und für die
letzten Seufzer untergehender Völker und ihrer Götter.

Ich kann nicht umhin, hier ebenfalls anzudeuten, daß der Oberharz, jener
Teil des Harzes, den ich bis zum Anfang des Ilsethals beschrieben habe,
bei weitem keinen so erfreulichen Anblick wie der romantisch malerische
Unterharz gewährt, und in seiner wildschroffen, tannendüstern Schönheit
gar sehr mit demselben kontrastiert; sowie ebenfalls die drei, von der
Ilse, von der Bode und von der Selke gebildeten Thäler des Unterharzes
gar anmutig unter einander kontrastieren, wenn man den Charakter jedes
Thales zu personificieren weiß. Es sind drei Frauengestalten, wovon man
nicht so leicht zu unterscheiden vermag, welche die Schönste sei.

Von der lieben, süßen Ilse, und wie süß und lieblich sie mich
empfangen, habe ich schon gesagt und gesungen. Die düstere Schöne, die
Bode empfing mich nicht so gnädig, und als ich sie im schmiededunkeln
Rübeland zuerst erblickte, schien sie gar mürrisch, und verhüllte sich
in einen silbergrauen Regenschleier: aber mit rascher Liebe warf sie ihn
ab, als ich auf die Höhe der Roßtrappe gelangte, ihr Antlitz leuchtete
mir entgegen in sonnigster Pracht, aus allen Zügen hauchte eine
kolossale Zärtlichkeit, und aus der bezwungenen Felsenbrust drang es
hervor wie Sehnsuchtseufzer und schmelzende Laute der Wehmut. Minder
zärtlich, aber fröhlicher zeigte sich mir die schöne Selke, die schöne,
liebenswürdige Dame, deren edle Einfalt und heitere Ruhe alle
sentimentale Familiarität entfernt hält, die aber doch durch ein
halbverstecktes Lächeln ihren neckenden Sinn verrät; und diesem möchte
ich es wohl zuschreiben, daß mich im Selkethal gar mancherlei kleines
Ungemach heimsuchte, daß ich, indem ich über das Wasser springen wollte,
just in die Mitte hineinplumpste, daß nachher, als ich das nasse Fußzeug
mit Pantoffeln vertauscht hatte, einer derselben mir abhanden, oder
vielmehr abfüßen kam, daß mir ein Windstoß die Mütze entführte, daß mir
Walddornen die Beine zerfetzten, und leider so weiter. Doch all dieses
Ungemach verzeihe ich gern der schönen Dame, denn sie ist schön. Und
jetzt steht sie vor meiner Einbildung mit all ihrem stillen Liebreiz,
und scheint zu sagen: Wenn ich auch lache, so meine ich es doch gut mit
Ihnen, und ich bitte Sie, besingen sie mich! Die herzliche Bode tritt
ebenfalls hervor in meiner Erinnerung, und ihr dunkles Auge spricht: »Du
gleichst mir im Stolze und im Schmerze, und ich will, daß du mich
liebst.« Auch die schöne Ilse kommt herangesprungen, zierlich und
bezaubernd in Miene, Gestalt und Bewegung; sie gleicht ganz dem holden
Wesen, das meine Träume beseligt, und ganz, wie Sie, schaut sie mich
an, mit unwiderstehlicher Gleichgiltigkeit und doch zugleich so innig,
so ewig, so durchsichtig wahr. -- Nun, ich bin Paris, die drei Göttinnen
stehen vor mir, und den Apfel gebe ich der schönen Ilse.

Es ist heute der erste Mai, wie ein Meer des Lebens ergießt sich der
Frühling über die Erde, der weiße Blütenschaum bleibt an den Bäumen
hängen, ein weiter, warmer Nebelglanz verbreitet sich überall, in der
Stadt blitzen freudig die Fensterscheiben der Häuser, an den Dächern
bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, auf der Straße wandeln die
Leute, und wundern sich, daß die Lust so angreifend, und ihnen selbst so
wunderlich zu Mute ist, die bunten Vierländerinnen bringen
Veilchensträußer, die Waisenkinder mit ihren blauen Jäckchen und ihren
lieben, unehelichen Gesichtchen ziehen über den Jungfernstieg und freuen
sich, als sollten sie heute einen Vater wiederfinden, der Bettler an der
Brücke schaut so vergnügt, als hätte er das große Los gewonnen, sogar
den schwarzen, noch ungehenkten Makler, der dort mit seinem
spitzbübischen Manufakturwarengesicht einherläuft, bescheint die Sonne
mit ihren tolerantesten Strahlen, -- ich will hinauswandern vor das
Thor.

Es ist der erste Mai, und ich denke deiner, du schöne Ilse -- oder soll
ich dich »Agnes« nennen, weil mir dieser Name am besten gefällt? -- ich
denke deiner, und ich möchte wieder zusehen, wie du leuchtend den Berg
hinabläufst. Am liebsten aber möchte ich unten im Thale stehen und dich
auffangen in meine Arme. -- Es ist ein schöner Tag! -- Überall sehe ich
die grüne Farbe, die Farbe der Hoffnung. Überall, wie holde Wunder,
blühen hervor die Blumen, und auch mein Herz will wieder blühen. Dieses
Herz ist auch eine Blume, eine gar wunderliche. Es ist kein bescheidenes
Veilchen, keine lachende Rose, keine reine Lilie, oder sonstiges
Blümchen, das mit artiger Lieblichkeit den Mädchensinn erfreut, und sich
hübsch vor den hübschen Busen stecken läßt, und heute welkt und morgen
wieder blüht. Dieses Herz gleicht mehr jener schweren, abenteuerlichen
Blume aus den Wäldern Brasiliens, die der Sage nach alle hundert Jahre
nur einmal blüht. Ich erinnere mich, daß ich als Knabe eine solche Blume
gesehen. Wir hörten in der Nacht einen Schuß wie von einer Pistole, und
am folgenden Morgen erzählten mir die Nachbarskinder, daß es ihre »Aloe«
gewesen, die mit solchem Knalle plötzlich aufgeblüht sei. Sie führten
mich in ihren Garten, und da sah ich zu meiner Verwunderung, daß das
niedrige, harte Gewächs mit den närrisch breiten, scharfgezackten
Blättern, woran man sich leicht verletzen konnte, jetzt ganz in die Höhe
geschossen war, und oben, wie eine goldene Krone, die herrlichste Blüte
trug. Wir Kinder konnten nicht mal so hoch hinaufsehen, und der alte,
schmunzelnde Christian, der uns lieb hatte, baute eine hölzerne Treppe
um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf wie die Katzen, und
schauten neugierig in den offenen Blumenkelch, woraus die gelben
Strahlenfäden und wildfremden Düfte mit unerhörter Pracht hervordrangen.

Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Blühen; so viel
ich mich erinnere, hat es nur ein einziges Mal geblüht, und das mag
schon lange her sein, gewiß schon hundert Jahr. Ich glaube, so herrlich
auch damals seine Blüte sich entfaltete, so mußte sie doch aus Mangel an
Sonnenschein und Wärme elendiglich verkümmern, wenn sie nicht gar von
einem dunkeln Wintersturme gewaltsam zerstört worden. Jetzt aber regt
und drängt es sich wieder in meiner Brust, und hörst du plötzlich den
Schuß -- Mädchen, erschrick nicht! ich hab' mich nicht totgeschossen,
sondern meine Liebe sprengt ihre Knospe, und schießt empor in
strahlenden Liedern, in ewigen Dithyramben, in freudigster Sangesfülle.

Ist dir aber diese hohe Liebe zu hoch, Mädchen, so mach' es dir bequem,
und besteige die hölzerne Treppe, und schaue von dieser hinab in mein
blühendes Herz.

Es ist noch früh am Tage, die Sonne hat kaum die Hälfte ihres Weges
zurückgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, daß es mir betäubend
zu Kopfe steigt, und ich nicht mehr weiß, wo die Ironie aufhört und der
Himmel anfängt, daß ich die Luft mit meinen Seufzern bevölkere, und daß
ich selbst wieder zerrinnen möchte in süße Atome, in die unerschaffene
Gottheit; -- wie soll das erst gehen, wenn es Nacht wird, und die Sterne
am Himmel erscheinen, »die unglücksel'gen Sterne, die dir sagen
können -- --«

Es ist der erste Mai, der lumpigste Ladenschwengel hat heute das Recht,
sentimental zu werden, und dem Dichter wolltest du es verwehren?


                                 Ende.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Harzreise" ***

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