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Title: Der Fall Deruga
Author: Huch, Ricarda, 1864-1947
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Der Fall Deruga

Roman

von

Ricarda Huch

1917

Verlag Ullstein & Co, Berlin/Wien

       *       *       *       *       *

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin.



=I.=


»Wer ist der Anwalt, der mit Justizrat Fein hereingekommen ist?« fragte
eine Dame im Zuschauerraum ihren Mann, »und warum hat der Angeklagte
zwei Anwälte? Fein ist allerdings wohl nur ein Schaustück.«

»Wenn der Betreffende ein Anwalt wäre, liebes Kind, würde er einen Talar
tragen,« antwortete der Gefragte vorwurfsvoll. »Aber wer es ist, kann
ich dir auch nicht sagen.« Ein vor dem Ehepaar sitzender Herr drehte
sich um und erklärte, der fragliche Herr sei der Angeklagte =Dr.=
Deruga.

»Ist das möglich?« rief die Dame lebhaft, »wissen Sie das bestimmt?«

Der alte Herr lachte vergnügt. »So bestimmt wie ich weiß, daß ich der
Musikinstrumentenmacher Reichardt vom Katzentritt bin; der Herr Doktor
wohnt nämlich bei mir.«

Die Dame machte große Augen. »Läßt man denn einen Mörder frei
herumlaufen?« fragte sie. »Ich dachte, er wäre im Gefängnis. Ist es
Ihnen nicht unheimlich, einen solchen Menschen in Ihrer Wohnung zu
haben?«

»Ja, sehen Sie, gnädige Frau,« sagte der alte Mann, »der Herr Justizrat
Fein hat ihn bei mir eingeführt, weil er mich schon lange kennt und
seinen Klienten gut versorgt wissen wollte, und wenn der Herr Justizrat
so viel Vertrauen in mich setzt, daß er seine Geigen und Flöten von mir
reparieren und sein Töchterchen Unterricht im Zitherspielen bei mir
nehmen läßt, so schickt es sich, daß ich auch wieder Vertrauen zu ihm
habe. Und er hat mir seinen Klienten wärmstens empfohlen, der sich bis
jetzt als ein lieber, gutartiger Mensch gezeigt hat, wenn auch etwas
wunderlich.«

»Du darfst nicht vergessen, liebes Kind,« sagte der Ehemann, »daß ein
Angeklagter noch kein Verurteilter ist.«

»Sehr richtig, sehr richtig,« sagte der Musikinstrumentenmacher und
wollte eben allerlei merkwürdige Fälle von Justizirrtümern erzählen,
als das Erscheinen der Geschworenen seine Aufmerksamkeit ablenkte.

Sie finde es doch ungehörig, flüsterte die junge Dame ihrem Manne zu,
daß ein des Mordes Verdächtiger sich so frei bewegen dürfe, noch dazu
einer, der so aussehe, als ob er zu jedem Verbrechen fähig wäre.

»Man soll sich hüten, nach dem Äußeren zu urteilen, liebes Kind,« sagte
der Ehemann. »Aber abgesehen davon würde ich auch diesem Menschen nicht
über den Weg trauen. Es ist merkwürdig, wie leichtgläubig und wie
ungeschickt im Auslegen von Physiognomien das Volk ist.«

Die meisten Zuschauer hatten denselben ungünstigen Eindruck von
=Dr.= Deruga empfangen, der durch Nachlässigkeit in Kleidung und
Haltung und mit seinen neugierig belustigten Blicken, die den Saal
durchwanderten, der Majestät und Furchtbarkeit des Ortes zu spotten
schien.

»Ich dachte, er hätte schwarzes, krauses Haar und Feueraugen,« bemerkte
die junge Frau tadelnd gegen ihren Mann.

»Aber, Kindchen,« entgegnete dieser, »wir haben doch auch nicht alle
blaue Augen und blondes Haar.«

»Er stammt aus Oberitalien,« mischte sich ein Herr ein, »wo der
germanische Einschlag sich bemerkbar macht.«

Ein anderer fügte hinzu, er vertrete doch einen durchaus italienischen
Typus, nämlich den der verschlagenen, heimtückischen, rachsüchtigen
Welschen, wie er seit dem frühen Mittelalter in der Vorstellung der
Deutschen gelebt habe.

Unterdessen war ein Gerichtsdiener an den Angeklagten herangetreten und
hatte ihn aufgefordert, sich auf der Anklagebank niederzulassen, was er
folgsam tat, um sein Gespräch mit dem Justizrat Fein von dort aus
fortzusetzen.

»Sehen Sie, da kommt der Jäger vor dem Herrn, =Dr.= Bernburger,«
sagte der Justizrat, auf einen jungen Anwalt blickend, der eben den
Zuschauerraum betrat. »Den hat die Baronin Truschkowitz auf Ihre Spuren
geheftet, und eine gute Spürnase hat er, wie Sie sehen. Er ist Ihr
gefährlichster Feind, der Staatsanwalt ist nur ein Popanz.«

Deruga betrachtete =Dr.= Bernburger, der angelegentlichst in seine
Papiere vertieft schien.

»Ich glaube, er ist Ihnen ebenso gefährlich wie mir,« sagte er dann mit
freundlichem Spott, die große, bequeme Gestalt des Justizrats
betrachtend. »Eigentlich gefiele mir der Bernburger ganz gut, wenn er
nicht ein so gemeiner Charakter wäre.«

Der Justizrat wendete sich um und sagte, den Arm auf das Geländer
stützend, das die Anklagebank abschloß: »Bringen Sie mich jetzt nicht
zum Lachen, Sie verzweifelter Italiener! Wir haben alle Ursache, uns ein
Beispiel an seinen Geiermanieren zu nehmen.«

»Er hat wirklich etwas von einem Raubvogel,« sagte Deruga, »ein feiner
Kopf, so möchte ich aussehen. Sehe ich ihm nicht ähnlich?«

»Benehmen Sie sich ähnlich,« sagte der Justizrat, »und halten Sie Ihre
Gedanken zusammen! Mensch, Ihre Sache ist nicht so sicher, wie Sie
glauben. Der Bernburger hat zweifellos Material im Hinterhalt, mit dem
er uns überrumpeln will; also passen Sie auf!«

»Aber ja,« sagte Deruga ein wenig ungeduldig. »Ihren Kopf behalten Sie
auf alle Fälle, und an meinem braucht Ihnen nicht mehr zu liegen als
mir.«

Jetzt flogen die Türen im Hintergrunde des Saales auf, und der
Vorsitzende des Gerichts, Oberlandesgerichtsrat =Dr.= Zeunemann,
trat ein, dem die beiden Beisitzer und der Staatsanwalt folgten. Der
Luftzug hob den Talar des rasch Vorwärtsschreitenden, so daß seine
stramme und stattliche Gestalt sichtbar wurde. Er grüßte mit einer
Gebärde, die weder herablassend noch vertraulich war und eine
angemessene Mischung von Ehrerbietung und Zuversicht einflößte. Seine
Persönlichkeit erfüllte den bänglich feierlichen Raum mit einer gewissen
Heiterkeit, insofern man die Empfindung bekam, es werde sich hier nichts
ereignen, was nicht durchaus in der Ordnung wäre. Er rieb, nachdem er
sich gesetzt hatte, seine schönen, breiten, weißen Hände leicht
aneinander und ging dann an das Geschäft, indem er die Auswahl der
Geschworenen besorgte. Es ging glatt und flott voran, jeder fühlte sich
von einer wohltätigen Macht an seinen Platz geschoben.

»Meine Herren Geschworenen,« begann er, »es handelt sich heute um einen
etwas verwickelten Fall, dessen Vorgeschichte ich Ihnen kurz
zusammenfassend vorführen will.

Am 2. Oktober starb hier in München, infolge eines Krebsleidens, wie man
annahm, Frau Mingo Swieter, geschiedene Frau Deruga. Sie hatte nach
ihrer vor siebzehn Jahren erfolgten Scheidung von Deruga ihren
Mädchennamen wiederangenommen. In ihrem Testament, das Anfang November
eröffnet wurde, hatte sie ihren geschiedenen Gatten, =Dr.= Deruga,
zum alleinigen Erben ihres auf etwa vierhunderttausend Mark sich
belaufenden Vermögens ernannt, mit Beiseitesetzung ihrer Verwandten, von
denen die Gutsbesitzersgattin Baronin Truschkowitz, eine Kusine, die
nächste war. Auf das Betreiben der Baronin Truschkowitz und auf gewisse
zureichende Verdachtsgründe hin, die Ihnen bekannt sind, veranlaßte das
Gericht die Exhumierung der Leiche, und es wurde festgestellt, daß die
verstorbene Frau Swieter nicht infolge ihrer Krankheit, sondern eines
furchtbaren Giftes, des Curare, gestorben war.

Als dem seit siebzehn Jahren in Prag ansässigen =Dr.= Deruga das
Gerücht von einem gegen ihn im Umlauf befindlichen Verdacht zu Ohren
kam, reiste er hierher, um zu erfahren, wer seine Verleumder, wie er sie
nannte, wären, und sie zu verklagen. Es wurde ihm mitgeteilt, daß das
Gericht bereits den Beschluß gefaßt habe, die Anklage auf Mord gegen ihn
zu erheben, und daß er seine Anklage bis zur Beendigung des Prozesses
verschieben müsse. Unter diesen besonderen Umständen, da der Angeklagte
sich gewissermaßen selbst gestellt hatte, wurde angenommen, daß
Fluchtverdacht nicht vorliege, und von einer Verhaftung einstweilen
abgesehen. Verdächtig machte den Angeklagten von vornherein, daß er sich
in bedeutenden finanziellen Schwierigkeiten befand. Ferner belastete ihn
die Tatsache, daß er am Abend des 1. Oktober vergangenen Jahres eine
Fahrkarte nach München löste und erst am Nachmittag des 3. Oktober nach
Prag in seine Wohnung zurückkehrte. Einen genügenden Alibibeweis
vermochte der Angeklagte nicht zu erbringen.

Dies sind also die Hauptgründe, die das Gericht bewogen haben, die
Anklage auf Totschlag zu erheben. Es wird angenommen, daß Deruga seine
geschiedene Frau aufsuchte, um Geld von ihr zu erbitten, beziehungsweise
zu erpressen, und daß er sie bei dieser Gelegenheit, irgendwie gereizt,
vielleicht durch eine Weigerung, tötete. Allerdings scheint der Umstand,
daß Deruga Gift bei sich gehabt haben muß, für einen überlegten Plan zu
sprechen. Allein das Gericht hat der Möglichkeit Raum gegeben, der
verzweifelte Spieler habe damit sich selbst vernichten wollen, wenn sein
letzter Versuch mißlänge, und nur in einem unvorgesehenen Augenblick der
Erregung davon Gebrauch gemacht.«

Während des letzten Satzes hatte der Staatsanwalt vergebens versucht,
durch Verdrehungen seines hageren Körpers und Deutungen seines knotigen
Zeigefingers die Aufmerksamkeit des Vorsitzenden auf sich zu lenken.
»Verzeihung,« sagte er, indem er seinem langen, weißen Gesicht einen
süßlichen Ausdruck zu geben suchte, »ich möchte gleich an dieser Stelle
betonen, daß ich persönlich dieser Möglichkeit nicht Raum gebe. Warum
hätte der Mann es denn so eilig mit dem Selbstmorde gehabt? Er amüsierte
sich viel zu gut im Leben, um es so Hals über Kopf wegzuwerfen.

Ferner möchte ich darauf hinweisen, daß der Angeklagte auf das
erstmalige Befragen des Untersuchungsrichters die abscheuliche Untat
eingestand, oder, besser gesagt, sich ihrer rühmte, um sie mit ebenso
großer Dreistigkeit hernach zu leugnen.«

»Jawohl, jawohl, wir kommen darauf zurück,« sagte der Vorsitzende mit
einer Handbewegung gegen den Staatsanwalt, wie wenn ein Kapellmeister
etwa einen vorlauten Bläser beschwichtigt. »Ich will zunächst den
Angeklagten vernehmen.«

»Sie müssen aufstehen,« flüsterte der Justizrat seinem Klienten zu, der
mit schläfriger Miene den Saal und das Publikum betrachtete.

»Aufstehen, ich?« entgegnete dieser erstaunt und beinahe entrüstet.
»Nun also auch das. Stehen wir auf,« fuhr er fort, erhob sich langsam
und heftete einen scharf durchdringenden Blick auf den Präsidenten; man
hätte meinen können, er sei ein Examinator und =Dr.= Zeunemann ein
zu prüfender Kandidat.

»Sie heißen Sigismondo Enea Deruga,« begann der Vorsitzende das Verhör,
die beiden klangvollen Vornamen durch eine ganz geringe Dosis von Pathos
hervorhebend, die genügte, die Zuhörer zum Lachen zu bringen. Deruga
warf einen stechenden Blick in die Runde. »Ist es hier etwa ein
Verbrechen, nicht Johann Schulze oder Karl Müller zu heißen?« sagte er.

»Beantworten Sie bitte schlechtweg meine Fragen,« sagte =Dr.=
Zeunemann kühl. »Sie heißen Sigismondo Enea Deruga, sind in Bologna
geboren und sechsundvierzig Jahre alt. Stimmt das?«

»Jawohl.«

»Sie haben in Bologna, Padua und Wien Medizin studiert und sich erst in
Linz, dann in Wien niedergelassen, nachdem Sie dort das Heimatrecht
erworben hatten. Stimmt das?«

»Es wäre wirklich eine Schande,« sagte Deruga, »wenn Sie nach vier
Monaten nicht einmal das richtig herausgebracht hätten.«

»Ich erinnere Sie nochmals, Angeklagter,« sagte der Vorsitzende, den das
sich erhebende Gelächter ein wenig ärgerte, »daß Sie sich an die kurze
und klare Beantwortung der an Sie gerichteten Fragen zu halten haben. Es
ist Ihre Schuld, daß sich die Voruntersuchung so lange hingezogen hat.
Ich ergreife die Gelegenheit, Ihnen einen ernstlichen Vorhalt zu machen.
Sie befolgen augenscheinlich den Grundsatz, das Gericht durch
Ungehörigkeiten und Wunderlichkeiten hinzuhalten und irrezuführen. Sie
verschlimmern dadurch Ihre Lage, ohne Ihren Zweck zu erreichen. Die
Untersuchung nimmt ihren sicheren Gang trotz aller Steine, die Sie auf
ihren Weg werfen. Sie stehen unter einer schweren Anklage und täten
besser, anstatt die gegen Sie zeugenden Momente durch ungebärdiges und
zügelloses Betragen zu verstärken, den Gerichtshof und die Herren
Geschworenen durch Aufrichtigkeit in ihrer dornigen Arbeit zu
unterstützen und für sich einzunehmen. Sie befinden sich in einem Lande,
wo die Justiz ihres verantwortungsvollen Amtes mit unerschütterlicher
Unbestechlichkeit und Unparteilichkeit waltet. Der Höchste und der
Niedrigste findet bei uns nicht mehr und nicht weniger als
Gerechtigkeit. Wir erwarten dagegen vom Höchsten wie vom Niedrigsten
diejenige Ehrfurcht, die einer so heiligen und würdigen Institution
zukommt. Der Gebildete sollte sie uns freiwillig darbringen; aber im
Notfall wissen wir sie zu erzwingen.«

»Ja, ja,« sagte Deruga gutmütig, »nur zu, ich werde schon antworten.«

=Dr.= Zeunemann hielt es für besser, es dabei bewenden zu lassen,
und fuhr fort: »Sie verheirateten sich im Jahre 18.. mit Mingo Swieter
aus Lübeck, erzielten aus dieser Ehe ein Kind, eine Tochter, die
vierjährig starb, und kurz darauf, vor jetzt siebzehn Jahren, wurde die
Ehe geschieden. Als Grund ist böswillige Verlassung von seiten der Frau
angegeben, und zwar hat Frau Swieter das Wiener Klima vorgeschützt,
welches sie nicht vertragen könne. In Wirklichkeit sollen Ihr
unverträglicher Charakter und Ihr unberechenbares Temperament, das zu
Gewalttaten neigt, Ihre Frau zu diesem Schritt veranlaßt haben.«

Da =Dr.= Zeunemann bei diesen Worten fragend zu =Dr.= Deruga
hinübersah, sagte dieser: »Es wird das beste sein, wenn Sie sich
schlechtweg an die in den Akten befindlichen Angaben halten.«

Der Vorsitzende unterdrückte eine Anwandlung zu lachen und fuhr gelassen
fort: »Bald nach erfolgter Scheidung zogen Sie von Wien nach Prag und
übten dort Ihre Praxis aus, während Frau Swieter sich in München
niederließ, wo sie einen Teil ihrer Jugendjahre verlebt hatte. Auf
weitere Daten werden wir gelegentlich zurückkommen. Erzählen Sie uns
jetzt, was Sie am 1. Oktober des vorigen Jahres getan haben.«

»Da ich kein Tagebuch führe,« sagte =Dr.= Deruga laut, »noch meine
täglichen Verrichtungen durch einen Kinematographen oder ein Grammophon
aufnehmen lasse, ist es mir leider unmöglich, Ihnen den Verlauf des
Tages mit mathematischer Genauigkeit wiederzugeben. Ich werde eben
gefrühstückt, einige Patienten besucht, zu Mittag gegessen und hernach
eine Stunde im Café gesessen haben. Dann werde ich in der Sprechstunde
mehrere Exemplare der mir sehr unsympathischen Gattung Mensch untersucht
haben. Gegen Abend ging ich aus, um eine mir befreundete, hochanständige
Dame zu besuchen. In der Nähe des Bahnhofs begegnete ich einem Kollegen,
der mich fragte, ob ich auch in den ärztlichen Verein ginge. Ich sagte,
ich könne leider nicht, da ich verreisen müsse. Worauf er mich bis zum
Bahnhof begleitete. Ich nahm aufs Geratewohl eine Karte nach München,
weil ich ja sonst meine Lüge hätte zugestehen müssen, und auch weil mir
eingefallen war, daß auf diese Weise die mir befreundete Dame sicher
wäre, nicht kompromittiert zu werden.«

»Weigern Sie sich nach wie vor,« fragte =Dr.= Zeunemann, »den Namen
dieser hochanständigen Dame zu nennen?«

»Ich habe ja schon gesagt, daß mir daran liegt, sie nicht zu
kompromittieren,« antwortete Deruga.

»Ich gebe Ihnen zu bedenken, Herr Deruga,« sagte =Dr.= Zeunemann
warnend, »daß Ihre Ritterlichkeit auf sehr wackeligen Füßen steht.
Sollte eine Dame zulassen, daß sich ein Freund um ihretwillen in solche
Gefahr begibt? Da möchte man schon lieber annehmen, daß diese Dame gar
nicht existiert. Die ganze Geschichte, die Sie vorbringen, entbehrt der
Wahrscheinlichkeit. Daß Sie eine Dame besuchten und Tage und Nächte bei
ihr zubrachten, wäre an sich bei Ihrer Lebensführung nicht unglaublich.
Auch das mag hingehen, daß Sie den Wunsch hatten, sie nicht zu
kompromittieren, aber das Mittel, das Sie zu diesem Zweck gewählt haben
wollen, kann man nur als ungeeignet und lächerlich bezeichnen. Jemand,
der sich in so schlechter finanzieller Lage befindet wie Sie, gibt nicht
zweiunddreißig Mark für eine Fahrkarte aus, die er nicht braucht.«

»Einunddreißig Mark fünfundsiebzig Pfennig,« verbesserte Deruga.

»Die Karte von Prag nach München kostet zweiunddreißig Mark,« sagte
=Dr.= Zeunemann scharf.

»Der umgekehrte Weg ist fünfundzwanzig Pfennige billiger,« beharrte
Deruga.

»Lassen wir den Wortstreit,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Man wirft auch
einunddreißig Mark und fünfundsiebzig Pfennige nicht fort, wenn man in
Geldverlegenheiten ist.«

»Ein verständiger Deutscher wohl nicht,« entgegnete Deruga, »aber ich
habe größere Dummheiten in meinem Leben gemacht als diese. Übrigens war
ich nicht in Geldverlegenheit, ich hatte nur Schulden.«

Der Staatsanwalt rang die Hände und wendete die Blicke nach oben, wie
wenn er den Himmel zum Zeugen einer solchen Verwilderung anrufen wollte.
Dann bat er um das Wort und fragte, wie es zugehe, daß der Angeklagte
genug Geld für eine so unvorhergesehene Reise bei sich gehabt hätte.

Statt der Antwort griff Deruga in seine Westentasche, zog eine Handvoll
Geld hervor und zählte: »Sechzig, dreiundsechzig, siebzig,
vierundsiebzig Mark. Sie sehen, ich könnte auf der Stelle nach Prag
reisen, wenn ich es nicht vorzöge, in Ihrer angenehmen Vaterstadt zu
bleiben.«

»Warum bezahlten Sie Ihre Schulden nicht, wenn Sie Geld hatten?« rief
der Staatsanwalt, dessen Stimme, wenn er sich aufregte, einen
kreischenden Ton annahm.

»O, dazu reichte es bei weitem nicht,« lachte Deruga. »Ich hatte nur so
viel, um meine täglichen Bedürfnisse zu befriedigen.«

Der Vorsitzende erklärte diese Zwischenfragen durch eine Handbewegung
für beendet. »Sie bleiben also dabei, Angeklagter,« fragte er, »daß Sie
zum Schein eine Fahrkarte nach München lösten. Was brachte Sie gerade
auf München?«

»Das ist eine schwierige Frage,« sagte Deruga. »Hätte ich eine Karte
nach Frankfurt oder Wien genommen, könnten Sie sie ebensogut stellen.
Vielleicht ist ein Psychoanalytiker anwesend und könnte uns interessante
Aufschlüsse über die Gedankenassoziation geben, und ob sie
gefühlsbetont war oder nicht. Meine Spezialität sind Nasen-, Hals- und
Rachenkrankheiten.«

»Was taten Sie, nachdem Sie die Karte gelöst hatten?« fragte der
Vorsitzende weiter.

»Ich stellte mich an die Barriere,« erzählte Deruga, »ging, als sie
geöffnet wurde, an den Zug, stieg aber nicht ein, sondern ging mittels
einer vorher gelösten Perronkarte zurück. Dann suchte ich die schon
öfters genannte Dame auf, bei der ich bis zum Nachmittag des 3. Oktober
blieb.«

»Die Unwahrscheinlichkeiten häufen sich,« sagte =Dr.= Zeunemann.
»Welcher Arzt wird ohne zwingende Gründe anderthalb Tage von seiner
Praxis wegbleiben?«

»Ich bin der Ansicht,« sagte Deruga, »daß nicht ich für die Praxis da
bin, sondern daß die Praxis für mich da ist.«

»Ein bedenklicher Grundsatz für einen Arzt,« meinte =Dr.=
Zeunemann.

»Warum?« antwortete Deruga leichthin. »Die meisten Patienten können sehr
gut ein paar Tage warten, die übrigen brauchten überhaupt nicht zu
kommen. Wichtige Fälle hatte ich damals nicht.«

»Ihre Patienten waren allerdings nicht verwöhnt,« sagte =Dr.=
Zeunemann. »In den letzten Jahren hatten Sie sogar eine Anzahl verloren,
weil sie nachlässig und unaufmerksam in der Führung Ihrer Praxis waren.
Immerhin war es selbst an Ihnen auffallend, daß Sie außer der Zeit, ohne
Abmeldung, zwei Tage abwesend waren. Sie kamen nach Ihrer eigenen
Aussage, die von Ihrer Haushälterin bestätigt wurde, am 3. Oktober kurz
vor vier Uhr wieder in Ihrer Wohnung an. Beiläufig sei bemerkt, daß der
von hier kommende Schnellzug um drei Uhr zwanzig Minuten in Prag
eintrifft. Ihre Sprechstunde war noch nicht vorüber, und es warteten
zwei geduldige Patienten, die sich von Ihrer Hausdame mit der Aussicht
auf Ihr baldiges Erscheinen hatten vertrösten lassen. Sie weigerten sich
aber, diese gutmütigen Herrschaften, die einiger Rücksicht wohl wert
gewesen wären, anzunehmen, weil Sie, so sagten Sie zu Ihrer
Haushälterin, müde wären und sich zu Bett legen wollten. Ihr Aufenthalt
bei der in ihrer Tugend so heiklen Dame muß also sehr anstrengend
gewesen sein.«

»Ich finde Frauen immer anstrengend,« sagte Deruga, »besonders wenn sie
dumm sind.«

»Nehmen wir also an,« sagte der Vorsitzende, während der Staatsanwalt
die Hände rang und seine unter diabolisch geschwänzten Brauen fast
verschwindenden Augen zum Himmel richtete, »daß die Ihnen befreundete
Dame ebenso dumm wie tugendhaft ist! Gehen wir nun zu einem anderen
wichtigen Punkt über! Wollen Sie erzählen, wann und wie Sie von dem
Inhalt des Testamentes in Kenntnis gesetzt wurden, durch welches die
verstorbene Frau Swieter Sie zum Erben ihres Vermögens einsetzte!«

»Anfang November,« sagte Deruga, »das Datum habe ich mir nicht gemerkt,
durch die zuständige Behörde.«

»Sie sollen«, sagte =Dr.= Zeunemann, »Ihr Erstaunen und Ihre Freude
lebhaft geäußert haben. Ich bemerke,« wiederholte er mit Nachdruck
gegen die Geschworenen, »daß andere Personen dies bezeugen: Erstaunen
und Freude.«

»O, edler Richter, wack'rer Mann,« sagte Deruga lächelnd.

»Bitte Zwischenbemerkungen zu unterlassen,« sagte der Vorsitzende. »Es
ist bereits halb zwölf Uhr, und ich möchte bis zur Mittagspause mit
Ihrem Verhör zu einem vorläufigen Ende kommen. Erzählen Sie uns bitte,
wann und wie Ihnen zuerst etwas von dem gegen Sie erhobenen Verdacht zu
Ohren kam!«

»Durch einen sehr anständigen Menschen,« begann Deruga, »sehr anständig
und achtungswert, obgleich er nur ein roher italienischer Weinhändler
ist. Der Mann heißt Tommaso Verzielli und kam vor fünfzehn Jahren als
ein armer Teufel zu mir, nachdem er eine fünfjährige Gefängnisstrafe
verbüßt hatte. Er hatte nämlich einen Polizisten niedergestochen, der
eine arme alte Frau verhaften wollte, weil sie in einem Bäckerladen ein
Brot genommen hatte. Er war sehr verzagt und wollte nach Italien zurück,
denn unter Deutschen, sagte er, würde er doch nicht aus dem Gefängnis
herauskommen, weil er fortwährend Dinge mit ansehen müßte, wobei ihm das
Blut zu Kopfe stiege. Ich sagte, das würde in Italien nicht anders sein,
und redete ihm zu, er sollte die Menschen sich untereinander zerreißen
lassen, sie wären einander wert, und es wäre um keinen schade. Er solle
heiraten und nur noch für Frau und Kinder arbeiten und sorgen, und
außerdem gab ich ihm den Rat, einen Handel mit italienischen Weinen und
anderen Lebensmitteln anzufangen, und schoß ihm ein kleines Kapital dazu
vor. Das hat er mir längst zurückgestellt, denn durch Fleiß und
Intelligenz brachte er sich schnell in die Höhe, aber er widmet mir
immer noch eine Dankbarkeit, als ob ich ihm täglich neu das Leben
schenkte.

Dieser Verzielli also kam Mitte November am späten Abend in voller
Aufregung zu mir gelaufen und erzählte mir, der italienische Konsul,
Cavaliere Faramengo, ein guter alter Herr, aber etwas schwachsinnig, sei
bei ihm gewesen -- Verzielli hat nämlich jetzt ein sehr feines
Restaurant -- und habe sich unter der Hand nach mir erkundigt und als
tiefstes Geheimnis verraten, daß ich als Mörder meiner geschiedenen Frau
verhaftet werden sollte. Der gute Mensch war außer sich und bot mir sein
ganzes Vermögen an, wenn ich nach Amerika fliehen wollte. 'Deruga und
fliehen? Da kennst du Deruga schlecht, guter Freund,' sagte ich und lief
sofort, trotz Verziellis Flehen, zum italienischen Konsul. Der arme alte
Herr hat fast einen Schlaganfall bekommen, so heftig stellte ich ihn zur
Rede, und da ich von ihm keine genügende Auskunft bekam, reiste ich
hierher, um den Ursprung des infamen Gerüchtes kennenzulernen.«

»Es mußte Ihnen mitgeteilt werden,« fiel =Dr.= Zeunemann ein, »daß
das Gericht bereits beschlossen hätte, die Anklage auf Mord gegen Sie zu
erheben, und daß Sie eine etwaige Beleidigungsklage bis zur Beendigung
des Prozesses zu verschieben hätten. Wenn Ihr erstes Auftreten, wie ich
nicht unterlassen will zu bemerken, den Schein der Schuldlosigkeit
erwecken konnte, so belastete Sie hingegen Ihr Verhalten dem
Untersuchungsrichter gegenüber in bedenklicher Weise. So haben Sie
zuerst auf die Frage, wo Sie vom 1. bis 3. Oktober gewesen wären, die
Antwort verweigert. Dann haben Sie erzählt, Sie wären in der Absicht,
sich das Leben zu nehmen, fortgefahren, an einem beliebigen Haltepunkt
ausgestiegen und dann aufs Geratewohl querfeldein gegangen, bis Sie in
eine ganz einsame Gegend gekommen wären. An einem Flusse hätten Sie
lange gelegen und mit sich gekämpft, bis Sie darüber eingeschlafen
wären. Nach vielen Stunden festen Schlafes wären Sie ernüchtert
aufgewacht, hätten sich noch eine Weile herumgetrieben und wären dann
heimgefahren. Schließlich tauchte die Geschichte von der geheimnisvollen
Dame auf. Der Born der Phantasie sprudelt sehr ergiebig bei Ihnen.«

»Nicht so wie Sie meinen,« sagte Deruga. »Ich wollte nur den
Untersuchungsrichter ärgern und kann wohl sagen, daß mir das gelungen
ist. Er hat beinah Nervenkrämpfe bekommen.«

=Dr.= Zeunemann ließ eine Pause verstreichen, bis das Gelächter im
Publikum verstummt war, und sagte dann: »Es wundert mich, daß ein Mann
in Ihrer Lage, in Ihrem Alter und von Ihrem Verstande sich so kindisch
benehmen mag -- oder so töricht, denn vielleicht waren Ihre verschiedenen
Angaben auch nur ein Verfahren, darauf zugeschnitten, unsicher zu machen
und irrezuführen.«

»Sind Sie schon einmal von einem täppischen Untersuchungsrichter
ausgefragt worden?« fragte Deruga. »Nein, wahrscheinlich nicht. Also
können Sie nicht wissen, wie Sie sich in solcher Lage benehmen würden.
Allerdings vermutlich vernünftiger als ich. Sie haben eine
beneidenswerte Konstitution. Sie sind so recht ein Musterbeispiel, wie
der gesunde Mensch sein soll. Alle Erschütterungen durch häßliche
Eindrücke, Fragen, Zweifel und Leidenschaften werden bei Ihnen durch
eine tadellose Verdauung geregelt, so daß Sie sich immer im stabilen
Gleichgewicht befinden; _ich_ dagegen bin unendlich reizbar.«

=Dr.= Zeunemann hatte versucht, den Angeklagten zu unterbrechen,
aber ohne genügenden Nachdruck. »Sie haben wohl auch mehr Ursache
unruhig zu sein als ich,« sagte er jetzt mit leichter Ironie.
»Vielleicht würden Sie sich wohler fühlen, wenn Sie es einmal mit
vollkommener Offenheit versuchten, anstatt sich und uns durch Ihre
Winkelzüge zu reizen.«

»Sie, Herr Präsident, will ich nicht ärgern, darauf können Sie sich
verlassen,« sagte Deruga mit einem freundlich beschwichtigenden Tone,
wie man ihn etwa einem Kinde gegenüber anschlägt.

       *       *       *       *       *

»Warten Sie im Vorsaal des ersten Stockes auf mich,« flüsterte Justizrat
Fein seinem Klienten zu, als gleich darauf die Sitzung aufgehoben wurde.
Von dort aus gingen sie zusammen durch ein rückwärtiges Portal in die
Anlagen, die auf eine stille Straße ohne Geschäftsverkehr führten. Vor
einem mit Gesträuch bewachsenen Hange blieb der Justizrat stehen,
stocherte mit der Spitze seines Regenschirmes in der alten,
feucht-verklebten Blätterdecke und sagte: »Da muß es bald
Schneeglöckchen und Krokus geben; ich will ihnen den Weg ein wenig frei
machen.«

»Kommen Sie, kommen Sie,« sagte Deruga, den Justizrat am Arm ziehend.
»Die finden ihren Weg ohne Sie. Sagen Sie, kann ich heute nachmittag
während der Sitzung nicht lesen oder noch lieber schlafen? Das Zeug
langweilt mich unbeschreiblich, Sie könnten mir ja einen Stoß geben,
wenn ich mich betätigen muß.«

»Machen Sie keine Dummheiten,« sagte der Justizrat; »heute nachmittag
wird wahrscheinlich der Hofrat von Mäulchen vernommen, der sehr schlecht
für Sie aussagen wird. Sie müssen also aufpassen, ob Sie ihm nicht
Ihrerseits etwas am Zeuge flicken können.«


»Am Zeuge flicken!« rief Deruga aus. »Umbringen möchte ich ihn. Ich
hasse diesen Menschen, vielmehr diesen rosa Wachsguß über einer Kloake.«

»Hören Sie, Deruga,« sagte der Justizrat. »Ich verstehe Sie öfters
nicht, doch das am wenigsten, wie Sie einem Menschen Geld schuldig
bleiben mochten, den Sie haßten. Sie hätten doch das Geld auch von
anderer Seite haben können, zum Beispiel von dem guten Verzielli.«

»Wahrscheinlich hätte es Ihr Ehrgefühl verletzt, einem verhaßten
Menschen Geld zu schulden,« sagte Deruga. »Sehen Sie, bei mir ist das
anders. Mir machte es Vergnügen zu sehen, was für Angst er um seine
Taler hatte, und wie er sich quälte, die Angst nicht merken zu lassen,
sondern den Anschein zu wahren, als wäre es ihm ganz gleichgültig. Denn
er will erstens für unermeßlich reich und zweitens für sehr weitherzig
in Geldsachen gelten. Hätte ich Geld im Überfluß gehabt, würde ich ihn
wahrscheinlich doch nicht ausbezahlt haben, um ihn zappeln zu sehen.«

»Ich glaube, Sie können fürchterlich hassen,« sagte der Justizrat
nachdenklich, indem er den Doktor nicht ohne Bewunderung von der Seite
betrachtete.

Dieser lachte herzhaft und ausgiebig wie ein Kind. »Das kann ich
allerdings,« sagte er. »Ich möchte manchmal einem ein Messer im Herzen
herumdrehen, nur weil mir seine Mundwinkel nicht gefallen. Ich will mich
aber heute nachmittag Ihnen zuliebe zusammennehmen, so gut ich kann.«

»Ja, darum bitte ich,« sagte der Justizrat, »ich fühle mich doch etwas
verantwortlich für Sie.«

       *       *       *       *       *

Hofrat von Mäulchen erschien in gewählter Kleidung, in einen
angenehmen, mondänen Duft getaucht, mit dem leichten und sicheren Gang
dessen, den allgemeine Beliebtheit trägt, im Schwurgerichtssaale. Die
Eidesformel, die der Präsident ihm vorsprach, wiederholte er mit
liebenswürdiger Gefälligkeit und einem leicht fragenden Ausklang, so,
als wolle er sich bei jedem Satz vergewissern, ob es dem Vorsitzenden
und dem lieben Gott so auch recht wäre.

»Der Angeklagte,« begann =Dr.= Zeunemann das Verhör, als alle
Förmlichkeiten abgetan waren, »ist Ihnen seit Mai 19.., also seit fünf
Jahren, sechstausend Mark schuldig. Wollen Sie, bitte, erzählen, wie Sie
den Angeklagten kennenlernten, und wie es kam, daß er das Geld von Ihnen
borgte!«

»Beides ist schnell getan,« sagte der Hofrat. »Ich lernte Deruga im
ärztlichen Verein kennen, außerdem hat er mich gelegentlich einer
kleinen Wucherung in der Nase behandelt. Kollegen empfahlen ihn mir,
weil er eine besonders leichte Hand habe, was meine eigene Erfahrung
bestätigt hat. Es handelte sich bei mir allerdings um einen sehr
einfachen Fall, aber auch darin kann man ja seine Fähigkeiten beweisen.
Gewisse kleine Originalitäten und Wunderlichkeiten hatte er an sich, zum
Beispiel erinnere ich mich, daß er mich immer in der Erwartung hielt,
als käme etwas außerordentlich Schmerzhaftes, was doch gar nicht der
Fall war. Ich habe sagen hören, daß er nach Belieben, sagen wir nach
Laune, die Patienten ganz schmerzlos oder sehr grob behandelte. Aber das
gehört eigentlich nicht hierher, und so weit meine persönliche Erfahrung
reicht, kann ich ihn als Arzt nur loben. Als ich nun gelegentlich eine
Bemerkung über die schäbige Ausstattung seines Wartezimmers machte,
sagte er mir, er habe kein Geld, um sich so einzurichten, wie er möchte,
worauf ich ihm, einem augenblicklichen Gefühl folgend, so viel anbot,
wie er brauchte. Ich bin vielleicht kein sehr besonnener Rechner,«
schaltete der Hofrat mit einem Lächeln ein, »aber in diesem Falle, einem
Kollegen und tüchtigen Arzt gegenüber, glaubte ich gar nichts zu
riskieren.«

»Hat der Angeklagte das Geld für eine neue Einrichtung verwendet?«
fragte der Vorsitzende.

»Darüber kann ich aus eigener Anschauung nichts sagen,« antwortete der
Hofrat. »Es wurde mir später einmal zugetragen, geschwatzt wird ja viel,
die Sessel seines Wartezimmers würden immer schäbiger;
begreiflicherweise habe ich es aber vermieden, ihn aufzusuchen und mich
darüber zu unterrichten.«

»Wollen Sie sich dazu äußern?« wendete sich der Vorsitzende gegen
Deruga. »Haben Sie sich für das geliehene Geld Ihr Wartezimmer neu
eingerichtet?«

»Gehört das hierher?« fragte Deruga. »Ich glaubte immer, man könne sein
Geld verwenden, wie man wolle, einerlei, ob es geliehen oder gestohlen
ist.«

»Sie verweigern also die Antwort?«

»Soviel ich mich erinnere,« sagte Deruga mürrisch, »habe ich
Instrumente, moderne Apparate, einen Operationsstuhl und dergleichen
dafür gekauft.«

»Sie haben,« setzte der Präsident die Zeugenvernehmung fort, »im Laufe
der nächsten Jahre den Angeklagten niemals gemahnt?«

»Bewahre,« erwiderte der Hofrat. »Einen Kollegen! Überhaupt würde ich
das ohne genügende Gründe niemals tun. Ich hatte das Geld eigentlich
schon verloren gegeben, denn das Gerede ging, als betriebe Deruga seine
Praxis nur nachlässig und führe ein sehr ungeregeltes Leben. Ich habe
übrigens, wie ich gleich vorausschicken will, der Wahrheit dieses
Geredes nicht nachgeforscht und bitte, keine Schlüsse daraus zu ziehen.«

»So gehen wir ohne weiteres zu dem Anlaß über,« sagte =Dr.=
Zeunemann, »der Sie bewog, das Geld zurückzufordern. Wollen Sie den
Vorgang im Zusammenhang erzählen!«

»Im September vorigen Jahres,« berichtete der Hofrat, »traf ich mit
Deruga in dem schon erwähnten ärztlichen Verein zusammen, nachdem ich
ihn fast ein Jahr lang nicht gesehen und das Geld sozusagen vergessen
hatte. Er rief mir über den Tisch hinüber in ziemlich formloser Weise
zu, er wolle eine Patientin, von der er glaube, daß sie ein
Unterleibsleiden habe, zu mir schicken, ich solle sie untersuchen und
nötigenfalls behandeln, aber umsonst, zahlen könne sie nicht. Mehr über
seine Art und Weise als über die Sache selbst verstimmt, erwiderte ich,
wie ich gern glauben will, ein wenig kühl, ich sei mit Arbeit sehr
überhäuft, die Kranke könne ja zu dem in Betracht kommenden Kassenarzt
gehen. Darauf wurde Deruga kreideweiß im Gesicht und überhäufte mich mit
einem Schwall von Beleidigungen, wie, daß ich es nur auf Geldmacherei
abgesehen hätte, der Arzt für Kommerzienrätinnen und fürstliche Kokotten
wäre und dergleichen mehr, was ich nicht wiederholen will. Ich möchte
bemerken, daß ich glaube, wie ungerecht seine Beschuldigungen auch waren
und wie unpassend auch die Form war, wie er sie erhob, er machte sie
=bona fide=. Er hatte die Meinung, ich sei gemütlos und strebte nur
nach klingendem Erfolg und äußerem Glanz, vielleicht weil ihm infolge
einer gewissen volkstümlichen oder zigeunerhaften Veranlagung der Sinn
für geregeltes bürgerliches Leben mit seinen traditionellen Begriffen
von Anstand und Ehre überhaupt abgeht. In jenem Augenblick vermochte ich
mich zu dieser objektiven Ansicht nicht zu erheben, sondern, ich gestehe
es, ich fühlte mich verletzt und im Innersten empört.«

»Beinah wäre der rosa Wachsguß geschmolzen,« flüsterte Deruga dem
Justizrat zu.

»Ohne mein entrüstetes Gefühl zu zügeln oder es nur zu wollen,
antwortete ich heftig, er habe am wenigsten Ursache, mir derartige
Vorwürfe zu machen, da ich ihm bereitwillig ausgeholfen und den Verlust
nicht nachgetragen hätte. Ich hätte ihn damals für zahlungsfähig
gehalten, sagte er boshaft, sonst würde ich ihm nichts geborgt haben.
Allerdings, sagte ich, hätte ich einen Kollegen für so ehrenhaft
gehalten, daß er seine Schulden bezahlte, und da er mich nun selbst
herausfordere, solle er es auch tun. Der Streit wurde dann durch mehrere
Kollegen, die sich ins Mittel legten, geschlichtet. Bevor wir uns
trennten, sagte ich zu Deruga, er solle das, was ich vorhin in heftiger
Aufwallung gesagt hätte, nicht so auffassen, als wolle ich ihn drängen.
Erlauben Sie mir bitte, festzustellen, daß ich der ganzen Sache aus
freien Stücken niemals in der Öffentlichkeit Erwähnung getan haben
würde!«

»Darf ich bitten,« sagte Justizrat Fein, sich an den Zeugen wendend,
»Sie sind nachher mit keinem Wort und mit keiner Andeutung auf die
Geldangelegenheit zurückgekommen?«

»Nein, durchaus nicht,« antwortete der Hofrat. »Es tat mir im Gegenteil
leid, daß ich mir in der Erregung die Mahnung hatte entschlüpfen
lassen.«

»Also«, sagte der Justizrat, »war die Lage für =Dr.= Deruga nicht
im mindesten verändert, und es liegt kein Grund zu der Behauptung vor,
er habe sich durchaus Geld verschaffen müssen, um die fällige Schuld zu
bezahlen.«

»Ich bitte sehr,« rief der Staatsanwalt, »durch den Vorfall im
ärztlichen Verein war das Schuldverhältnis einer ganzen Reihe von
Kollegen bekannt geworden; das ist denn doch eine erhebliche Veränderung
der Lage. So viel Ehrgefühl dürfen wir doch bei einem jeden gebildeten
Manne voraussetzen, daß ihm das nicht gleichgültig war.«

»Nehmen wir, bitte, =Dr.= Deruga wie er ist, und nicht, wie er nach
der Meinung anderer sein sollte. Da es ihm nichts ausmachte, dem Hofrat
von Mäulchen Geld schuldig zu bleiben, für den er augenscheinlich keine
besondere Vorliebe hatte, lag ihm wahrscheinlich sehr wenig daran, daß
ein paar andere Kollegen, mit denen er, wie es scheint, ganz gut stand,
davon wußten. Jedenfalls, wenn er früher so dickfellig in diesem Punkt
war, wird er nicht plötzlich so empfindlich geworden sein, daß er ein
Verbrechen beging, um sich aus der Klemme zu ziehen.«

Die gemächliche Grandezza, mit der der Justizrat dastand, die Wucht
seiner massigen Gestalt und seines großgeformten, ruhigen Gesichtes
überzeugten noch wirksamer als seine Worte und brachten seinen
zappeligen Gegner außer Fassung.

»Ja, wenn der Mensch immer so folgerichtig wäre!« sagte er heftig.
»Dafür, daß Männer lieber Verbrechen begehen, als einen Fleck auf ihrer
sogenannten bürgerlichen Ehre dulden, finden sich viele Beispiele.«

=Dr.= Zeunemann hob Ruhe gebietend seine Hand.

»Eine verbrecherische Handlung wird dem Angeklagten zunächst noch gar
nicht zugemutet,« sagte er. »Wenn er seine geschiedene Frau um Geld
anging, so war das höchstens taktlos, und es ist um so weniger
auffallend, als wir aus vielen Zeugnissen wissen, daß er diese
Hilfsquelle öfters in Betracht zog. Halten Sie,« wendete er sich an den
Hofrat, »die Schuld für ein Motiv, das stark genug gewesen wäre, den
Angeklagten zu veranlassen, sich auf irgendeine ungewöhnliche oder
bedenkliche, etwa sogar verbrecherische Weise in den Besitz von Geld zu
setzen?«

»Ich muß sehr bitten,« wehrte der Hofrat ab, »mir die Antwort zu
erlassen. Ich schrecke um so mehr davor zurück, ein Urteil darüber zu
äußern, als ich nicht in der Lage war, mir eines zu bilden. Ich bin mit
der Psyche Derugas nicht vertraut, könnte mich nur in Phantasien
ergehen, aber selbstverständlich bin ich eher geneigt, Gutes als
Schlechtes von einem Kollegen zu denken.«

»Sie waren,« fuhr der Vorsitzende fort, »derjenige Kollege, dem der
Angeklagte am 1. Oktober zwischen sechs und sieben Uhr in der Nähe des
Bahnhofs begegnete, und der ihn fragte, ob er in den ärztlichen Verein
wolle?«

»Jawohl,« sagte der Hofrat. »Ich stellte die Frage, weil ich mich nach
dem, was kürzlich vorgefallen war, kollegial zu ihm verhalten wollte.
Seine Antwort, er wolle verreisen, erregte mir keinerlei Zweifel, da wir
ja in der Nähe des Bahnhofs waren und Deruga ein Paket trug. Dasselbe
fiel mir auf, weil es größer war, als Herren unserer Gesellschaftskreise
solche zu tragen pflegen.«

Der Vorsitzende wandte sich an Deruga mit der Frage, ob er zugebe, ein
Paket getragen zu haben, und was darin gewesen sei.

»Ich erlaubte mir allerdings,« sagte Deruga, »als ein armer Teufel, der
sich nicht erdreistet, zu den Gesellschaftskreisen des Herrn von
Mäulchen gehören zu wollen, ein Paket zu tragen. Darin wird Wäsche und
dergleichen gewesen sein, was man für die Nacht braucht.«

Der Staatsanwalt schnellte von seinem Sitz auf und bat, daß festgestellt
werde, ob Deruga, als er am 3. Oktober in seine Wohnung zurückkehrte,
ein Paket bei sich gehabt habe.

»Die Haushälterin wird gleich vernommen werden,« sagte der Vorsitzende.
»Der Angeklagte antwortete Ihnen, Herr Hofrat, er wolle verreisen, und
Sie begleiteten ihn bis zum Bahnhof. Können Sie sonst etwas
Sachdienliches mitteilen?«

»Nein, durchaus nicht,« beteuerte der Hofrat. »Gerüchte und
Schwätzereien zu wiederholen werden Sie mir erlassen, da dergleichen ja
mehr oder weniger über jeden Menschen in Umlauf ist und in ernsten
Fällen nicht in Betracht gezogen werden sollte.«

»Vielleicht könnten Sie doch sagen,« fragte der Vorsitzende, »was für
einen Ruf =Dr.= Deruga im allgemeinen unter seinen Kollegen genoß?«

»Ich glaube nicht, daß meine diesbezüglichen Mitteilungen einen
namhaften Wert für Sie hätten,« entschuldigte sich der Hofrat. »Aus
dem, was ich erzählt habe, läßt sich ja schon mancherlei schließen. Den
sicheren Boden der Tatsachen möchte ich nicht verlassen.«

       *       *       *       *       *

Weinhändler Verzielli, der nächste Zeuge, war ein untersetzter,
dunkelfarbiger Mann, der den Eid in strammer Haltung, die Augen fest auf
den Präsidenten gerichtet, die linke Hand auf das Herz gelegt, mit
lauter Stimme und leidenschaftlichem Ausdruck leistete.

»Sie sind mit dem Angeklagten bekannt, aber nicht verwandt?« fragte
=Dr.= Zeunemann.

»Befreundet, sehr befreundet,« sagte Verzielli eifrig.

»Aber nicht verwandt?« wiederholte =Dr.= Zeunemann.

»Leider nicht,« sagte Verzielli, »aber sehr befreundet. Ich liebe und
bewundere ihn.«

»Sie fühlten sich ihm zu Dank verpflichtet,« sagte der Vorsitzende
freundlich, »weil er durch einen guten Rat und auch durch eine
Geldsumme, die er Ihnen vorschoß, Ihr Glück begründet hatte?«

»Ach, Rat und Kapital, das ist nicht die Hauptsache,« rief Verzielli
aus. »Er hat mir den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. Er ist
edel und hilfsbereit.«

»Sie konnten ihm das Geliehene bald zurückgeben,« fuhr der Vorsitzende
fort, »und haben ihm seitdem Ihrerseits zuweilen Geld geborgt?«

»Das ist ja gar nicht der Rede wert,« sagte Verzielli, Kopf und Hand
schüttelnd, »wo ich ihm meine ganze Existenz verdanke. Übrigens hat er
mich nie um Geld gebeten, ich habe es ihm aufgedrängt. Er verstand ja
nicht mit Geld umzugehen, er war zu gut und zu edel dazu.«

»Hat er Ihnen jemals Geld zurückgezahlt?«

»O ja,« rief Verzielli stolz, »auch in bezug auf das Rückständige fragte
er mich öfters, ob ich es brauche. Aber wozu hätte ich es brauchen
sollen? Es war ja ebenso sicher bei ihm wie auf der Bank. Ich sagte ihm
immer, es sei noch Zeit, wenn er es einmal meinen Kindern wiedergäbe.
Meine Frau war auch der Meinung, man dürfe ihn nicht drängen.«

»Hat der Angeklagte Sie zuweilen mit Hinblick auf etwaige Schenkungen
oder eine etwaige Erbschaft von seiten seiner geschiedenen Frau
vertröstet?«

»Zu vertrösten brauchte er mich nicht,« sagte Verzielli ein wenig
gereizt. »Aber natürlich hat er zuweilen von seiner geschiedenen Frau
und seinem verstorbenen Kinde gesprochen. Er hat das arme Kind sehr
geliebt. Meine Frau und ich haben oft geweint, wenn er davon sprach.«

Er zog bei diesen Worten ein großes, buntes Taschentuch hervor und fuhr
sich damit über Stirn und Augen, sei es um sich Tränen oder Schweiß
damit zu trocknen.

»Ich bitte Sie,« sagte =Dr.= Zeunemann freundlich, »genau auf meine
Fragen zu achten und sie kurz und deutlich zu beantworten. Hat der
Angeklagte Ihnen zuweilen von einer Aussicht gesprochen, Geld von seiner
geschiedenen Frau zu erhalten, sei es bei ihren Lebzeiten oder nach
ihrem Tode?«

»Ich glaube,« sagte Verzielli, sein Taschentuch quetschend, »er sagte
gelegentlich einmal, seine geschiedene Frau sei reich, und er sei
überzeugt, sie würde ihm geben, was er brauchte, wenn er sie darum
bäte.«

»Erinnern Sie sich, wann er Ihnen das gesagt hat?«

»Ich glaube,« sagte Verzielli, »daß es in der letzten Zeit nicht gewesen
ist.«

»Wir kommen jetzt,« sagte der Vorsitzende, nach einem leichten Räuspern
die Stimme hebend, »zu einem sehr wichtigen Punkt, und ich fordere Sie
auf, Herr Verzielli, Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Gedächtnis energisch
zusammenzufassen. Denken Sie vor allen Dingen nicht daran, welche Folgen
Ihre Aussagen für den Angeklagten haben könnten, sondern nur daran, daß
Sie einen Eid geschworen haben, die Wahrheit zu sagen!«

Verzielli richtete sich stramm auf, blickte dem Vorsitzenden fest ins
Auge und umfaßte krampfhaft sein Taschentuch.

»Erzählen Sie uns genau mit allen Einzelheiten, wie es sich begab, daß
Sie von dem Gerücht, =Dr.= Deruga habe seine Frau ermordet,
erfuhren, und daß Sie ihn davon in Kenntnis setzten!«

Verzielli schwieg und starrte angelegentlich in einen Winkel,
augenscheinlich bemüht, seine Gedanken zu sammeln.

»Ich will Ihnen zu Hilfe kommen,« sagte =Dr.= Zeunemann
nachsichtig. »Am Abend des 25. November kam Cavaliere Faramengo, der
italienische Konsul, in Ihr Restaurant, um ein Glas Wein zu trinken, wie
er zuweilen tat. Er fragte Sie nach dem Angeklagten aus, und Sie
erfuhren von ihm, daß von München aus Erkundigungen über ihn eingezogen
wären, und daß er im Verdacht stehe, seine geschiedene Frau, die Anfang
Oktober gestorben war und ihn zum Erben ihres Vermögens eingesetzt
hatte, ermordet zu haben. Außer sich vor Entrüstung liefen Sie sofort zu
dem Angeklagten, erzählten ihm alles und sagten, wenn Sie nur wüßten,
wer der Verleumder wäre, Sie würden ihn töten. Der Angeklagte sagte
lachend: 'Dummkopf, ich habe es ja getan.' Das ist, was der
Untersuchungsrichter nicht ohne Mühe aus Ihnen herausgebracht hat.
Bestätigen Sie es jetzt vor dem versammelten Gericht und vor den
Geschworenen?«

»Es ist wahr, daß =Dr.= Deruga sagte: 'Dummkopf, ich habe es ja
getan,' aber er hatte nur insofern recht, als er mich einen Dummkopf
nannte, denn er meinte ...«

»Bleiben Sie bei der Sache!« sagte =Dr.= Zeunemann. »Was
antworteten Sie darauf?«

»Ich sagte, das wäre nicht möglich, und davon war ich auch überzeugt,
daß es unmöglich wäre; aber in dem Zustand von Aufgeregtheit, in dem ich
mich befand, bat ich ihn, augenblicklich nach Amerika zu fliehen, und
bot ihm mein ganzes Vermögen an, damit er sich dort weiter helfen
könnte.«

»Guter Mann,« sagte plötzlich Deruga laut.

Verzielli, der es bisher vermieden hatte, nach der Anklagebank
hinüberzusehen, wandte jetzt den Kopf herum und warf Deruga einen
verzweifelten Blick zu.

Auch =Dr.= Zeunemann sah ihn an. »Wie erklären Sie es,« sagte er,
»daß Sie im ersten Augenblick der Überraschung Verzielli gegenüber die
Tat zugaben?«

»Ich wollte sehen, was für ein Gesicht er machte,« sagte Deruga
leichthin, »das ist alles.«

»Ja, natürlich,« fiel Verzielli rasch ein. »So war er. Das ist ganz er.
O Gott, er hatte recht, mich einen Dummkopf zu nennen. Ja, ein Esel, ein
verwünschter Tölpel war ich, es nicht sofort klar zu durchschauen.«

»Bei der Sache bleiben,« unterbrach =Dr.= Zeunemann. »Die Stimmung
des Angeklagten schlug unvermittelt um, er geriet in Wut und wollte
sofort zum italienischen Konsul laufen, um zu erfahren, wer ihn
verleumdet hätte. 'Sie haben es also nicht getan,' riefen Sie und
beschworen den Angeklagten, keinen übereilten Schritt zu tun und mit dem
Besuch beim Konsul bis zum folgenden Morgen zu warten. Fürchteten Sie
vielleicht, er würde sich in seiner Wut am Konsul vergreifen?«

»Gott bewahre!« rief Verzielli entrüstet. »Der Konsul sollte nur nicht
erfahren, daß ich Deruga alles ausgeplaudert hatte. Auch fürchtete ich,
daß =Dr.= Deruga in seinem gerechten Zorne sich allzu heftig äußern
und dadurch den Konsul gegen sich einnehmen würde. Kurz, ich war ein
Dummkopf und war maßlos aufgeregt. Ich wußte nicht, was ich sagte und
was ich tat.«

Der Staatsanwalt war im Laufe des Verhörs aufgestanden und begleitete
die Antworten des Italieners mit unwillkürlichen Gebärden und hier und
da mit einem höhnischen Lachen oder entrüsteten Ausruf.

»In Ihrer Aufgeregtheit,« sagte er jetzt, sich vorbeugend, »hatten Sie
jedenfalls den Eindruck, daß der Angeklagte im Ernst sprach, als er
sagte: 'Ich habe es ja getan.' Sonst hätten Sie hernach nicht
ausgerufen: 'Sie haben es also nicht getan!'«

Verzielli warf einen zornigen und verächtlichen Blick auf den Sprecher
und sagte entschlossen: »Was ich auch gesagt und gedacht habe, ich war
im Unrecht, und der Doktor war im Recht, und wenn er seine Frau getötet
hätte, was er aber nicht getan hat, so hätte er auch recht gehabt.«

Eine Bewegung, mit Gelächter vermischt, ging durch den Saal.

»Eigentümliche Auffassung,« sagte der Staatsanwalt, beide Arme in die
Seite stemmend.

»Ich denke,« nahm der Vorsitzende das Wort, als es wieder still
geworden war, »wir lassen die Auffassungen beiseite und halten uns an
Tatsachen. Wünscht einer der Herren Kollegen oder der Herren
Geschworenen noch eine Frage an den Zeugen zu stellen? Nein? So können
wir zu Fräulein Klinkhart, der Haushälterin oder Empfangsdame des
Angeklagten, übergehen.«

       *       *       *       *       *

Ein Fräulein von etwa fünfunddreißig Jahren trat vor, einfach, aber gut
gekleidet, schwarzhaarig, mit gerader Nase und ruhigen, braunen Augen.
Sie kam mit raschen, sicheren Schritten und sah sich um, als suche sie,
wo es etwas für sie zu tun gäbe; als ihr Blick dabei auf Deruga fiel,
nickte sie ihm freundlich und ermunternd zu. Den Eid leistete sie frisch
und freudig; sie schien zu denken, nun habe sie den Faden in der Hand
und werde den Wust schon entwirren.

Das Verhör begann folgendermaßen:

»Wie lange sind Sie in Stellung bei dem Angeklagten?«

»Zehn Jahre.« Ich kenne ihn also etwas besser als Sie alle, meine
Herren, lag in diesen Worten.

»Worin besteht Ihre Beschäftigung?«

»Ich führe das Haus; koche das Essen, mache die Zimmer, empfange die
Patienten, schreibe die Rechnungen und so weiter.«

»Das ist sehr viel. Standen oder stehen Sie in freundschaftlichen, ich
wollte sagen, in mehr als freundschaftlichen Beziehungen zu dem
Angeklagten?« Sie runzelte die Brauen und schien eine rasche Antwort
geben zu wollen, besann sich aber und sagte kurz: »Nein.«

»Wieviel Lohn erhielten Sie?«

»Achtzig Kronen.«

»Hatten Sie Nebeneinkünfte?«

»Nein.«

»Die Stelle muß offenbar ideelle Annehmlichkeiten haben. Sie waren
vermutlich sehr selbständig? Der Doktor behandelte Sie gut?«

»Er mich und ich ihn. Wir passen gut zusammen. Übrigens ist es leicht,
mit =Dr.= Deruga gut auszukommen, wer es nicht tut, trägt selbst
die Schuld.«

»Gut. Erinnern Sie sich an den 1. Oktober des vorigen Jahres? Der
Angeklagte verließ die Wohnung etwa um sechs Uhr. Sagte er Ihnen, wohin
er ginge, und wann er wiederkomme?«

»=Dr.= Deruga sagte, er käme vielleicht nachts nicht nach Hause und
wisse auch noch nicht, ob er am folgenden Tage zur Sprechstunde wieder
da sein würde. Wenn Patienten kämen, sollte ich sie vertrösten.«

»Glaubten Sie, daß er verreise?«

»Ich glaubte gar nichts -- weil es mich nichts anging. Ich pflegte nie zu
fragen, wohin er ginge, nur neckte ich ihn zuweilen, weil ich wußte, daß
ihm die Frauenzimmer nachliefen. Vielleicht habe ich das auch an jenem
Abend getan.«

»Was hatte der Angeklagte bei sich, als er fortging?«

»Ein Paket.«

»Wissen Sie, was der Inhalt des Paketes war?«

»Nein.«

»Sie wissen es nicht, aber Sie ahnten es doch vielleicht. Haben Sie ihn
etwas einwickeln sehen? Hat er in Schränken oder Kommoden gekramt?«

»Ja, ich sah, daß er etwas suchte, und fragte ihn, was es sei. Da sagte
er ärgerlich: 'Wo, zum Teufel, haben Sie den alten Faschingströdel
versteckt?' Ich sagte, es sei alles in der Truhe auf dem Vorplatz, was
überhaupt noch vorhanden sei. Er hatte nämlich verschiedenes verliehen
oder verschenkt.«

»Was verstehen Sie unter altem Faschingströdel?«

»Kostüme, die er früher beim Fasching getragen hatte. In den letzten
Jahren hatte er nichts mehr mitgemacht.«

»Was für Kostüme waren das?«

»O, das kann ich so genau nicht sagen, was sie bedeuteten. Bauernkleider
und ein Bajazzo und ein Mönch, glaub' ich. Ich kenne mich nicht aus
damit.«

»Vermutlich boten Sie ihm Ihre Hilfe an?«

»Ja, aber er sagte: 'Gehen Sie zum Teufel!' Das war nicht böse gemeint,
es war so eine Redensart von ihm. Mir war es ganz recht, denn es war
nach Tisch und ich hatte in der Küche zu tun.«

Inzwischen war der Staatsanwalt aufgestanden, gestikulierte mit seinen
langen Armen und machte Grimassen. »Mein liebes Fräulein,« sagte er,
»hatte der Angeklagte keine Reisetasche?«

»Ja, wenn er verreiste, nahm er eine Reisetasche,« sagte Fräulein
Klinkhart.

»Nun, mein liebes Fräulein,« fuhr der Staatsanwalt mit süßlicher
Liebenswürdigkeit fort, »sollten Sie als Dame und als Haushälterin,
teils aus Neugier und teils aus Ordnungsliebe, nachdem Ihr Brotherr fort
war, nicht nachgesehen haben, was er mitgenommen hatte? Wenn ich mich in
Ihre Lage versetze, so scheint mir, Sie mußten sich Gewißheit zu
schaffen versuchen, wie lange Ihr Brotherr fortbleiben würde. Aus dem,
was er mitgenommen hatte, ließ sich doch manches schließen.«

Fräulein Klinkhart faltete finster die Brauen und warf einen Blick
unverhohlener Abneigung auf den Staatsanwalt. »Ich sah,« antwortete sie,
»daß in der Truhe alles durcheinandergeworfen war, und machte wieder
Ordnung. Ob etwas fehlte, weiß ich nicht, ich habe nicht darauf
geachtet. Ein Nachthemd hatte er, wie mir schien, nicht mitgenommen.«

»Sehen Sie, sehen Sie,« rief der Staatsanwalt triumphierend und mit dem
langen Zeigefinger auf sie deutend, »dahin wollte ich Sie bringen! Also
ein Nachthemd hatte er nicht mitgenommen?«

»Nun, und?« sagte Fräulein Klinkhart finster, »wenn er doch gar nicht
verreiste!«

»Sehr wohl, mein liebes Fräulein,« sagte der Staatsanwalt mit entzücktem
Lächeln, »wenn nun aber kein Nachtkleid in dem Paket war, was war Ihrer
Meinung nach dann darin?« Fräulein Klinkhart zuckte ärgerlich und
ungeduldig die Achseln und sagte: »Wahrscheinlich war irgendein
Kostümstück zum Verkleiden darin, das er jemandem leihen wollte.«

»Wollen Sie uns das Rätsel lösen?« wandte sich der Vorsitzende an
Deruga.

»Es war ein Kimono darin,« sagte Deruga, »den mir einmal ein Patient aus
China mitgebracht hatte, und den ich der Dame, die ich besuchte, leihen
wollte.«

»Sie sagten ja vorhin, es wäre Wäsche darin gewesen,« sagte =Dr.=
Zeunemann, den Arm auf die Lehne seines Sessels stemmend und sich nach
dem Angeklagten herumwendend.

»Ja, können Sie sich nicht denken, daß ich das Breittreten der albernen
Kleinigkeiten satt habe?« erwiderte dieser mit einem so wütenden
Ausdruck, daß der Fragende unwillkürlich zurückfuhr. »Ich habe gesagt,
was mir gerade einfiel, und nächstens werde ich überhaupt nichts mehr
sagen. Es war ein Kimono, ein Nachthemd, eine Zahnbürste, ein Revolver
und eine Flasche Gift darin. Das ganze Paket wächst mir zum Halse
heraus.«

=Dr.= Zeunemann wartete eine Weile und sagte dann ruhig: »Ich frage
Sie nicht aus, weil es mir Vergnügen macht, sondern weil es meine
Pflicht ist. Ich hoffe, Sie sehen das ein und entscheiden sich, was Sie
endgültig als den Inhalt des Pakets angeben wollen.«

Derugas Züge glätteten sich. »Wahrhaftig,« sagte er mit einem
liebenswürdigen Lächeln, »ich bin ein grober Kerl, entschuldigen Sie
mich. Es war also ein Kimono in dem verwünschten Paket.«

»Den Sie der bewußten Dame leihen wollten,« fügte =Dr.= Zeunemann
hinzu.

»Der Fasching beginnt meines Wissens erst im Januar,« bemerkte der
Staatsanwalt.

Deruga lachte. »Die Dame machte entweder ihre Vorbereitungen sehr früh
oder sie brauchte ihn für einen anderen Anlaß. Ich werde sie
gelegentlich fragen und es Ihnen dann mitteilen.«

Der Staatsanwalt bebte vor Ärger, um so mehr als er auf dem Gesicht des
Justizrats und auf dem des Vorsitzenden ein belustigtes Lächeln sah, das
der letztere aber schnell unterdrückte. »Gehen wir nun,« sagte er, »zu
der Rückkehr des Angeklagten am 3. Oktober über. Was ging dabei vor?
Besinnen Sie sich noch, Fräulein Klinkhart, was =Dr.= Deruga
sagte?«

»O ja,« antwortete sie. »Ich sagte: 'Gut, daß Sie kommen, Doktor. Es
warten einige Patienten über zwei Stunden auf Sie.' Der Doktor sagte:
'Desto schlimmer für sie, ich bin sehr müde und will mich sofort zu
Bett legen.' Ich fragte, ob er nicht wenigstens einen Augenblick selbst
mit ihnen sprechen und sie wieder bestellen wollte. Da machte er eine
abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte: 'Ich kann nicht,' und da
wußte ich, daß ich nicht weiter in ihn dringen dürfte.«

»Fiel Ihnen denn dieses Benehmen nicht auf?« fragte der Vorsitzende.

»Durchaus nicht,« sagte Fräulein Klinkhart. »Er leidet an Migräne, und
wenn ein Anfall kommt, hat er solche Kopfschmerzen, daß ihm alles
einerlei ist. Er legt sich dann hin, und ich muß ihn in Ruhe lassen.
Gewöhnlich ist es am anderen Morgen vorbei. Er sah auch so fahl aus, wie
er immer tut, wenn er die Migräne hat.«

»Er ging also in sein Schlafzimmer, und Sie haben ihn bis zum folgenden
Morgen nicht gesehen? Hatte er das Paket bei sich, das er mitgenommen
hatte?«

»Darauf habe ich nicht geachtet.«

»Ich erinnere Sie, Fräulein Klinkhart,« sagte =Dr.= Zeunemann
streng, »daß Sie unter Eid aussagen. Es ist glaublich, daß Sie im
ersten Augenblick nicht an das Paket dachten; aber da Sie am anderen
Tage das Zimmer aufräumten, wird es Ihnen doch eingefallen sein?«

»Das denken Sie, Herr Präsident,« sagte Fräulein Klinkhart mit einem
lebhafteren Feuer ihrer stillen, braunen Augen, »weil Sie einen Argwohn
haben und sich womöglich einbilden, es wäre irgendein Mordinstrument in
dem Paket gewesen. Ich war aber unbefangen, und deshalb fand ich das
Paket gar nicht wichtig, was es auch gewiß nicht war. Aber wenn ein
Kostüm darin gewesen war, das er jemandem geliehen hatte, so konnte er
es ja auch gar nicht wieder mitbringen.«

»Ja, wenn,« sagte =Dr.= Zeunemann, »das stimmt. Besaß denn der
Angeklagte einen chinesischen Kimono?«

»Chinesisches Zeug habe ich einmal gesehen,« sagte Fräulein Klinkhart.
»Nebenbei kenne ich aber nicht alles, was der Doktor besitzt. Ich bin
kein Spion.«

=Dr.= Zeunemann blätterte eine Weile in den Akten und fragte dann:
»Hat der Angeklagte Ihnen sofort Mitteilung davon gemacht, als er die
Nachricht von der Erbschaft bekam, die ihm zugefallen war?«

»Ja, er rief mich herein,« erzählte Fräulein Klinkhart, »denn ich war
gerade in der Küche, und er war sehr erregt und machte allerlei
Zukunftspläne und fragte mich, was ich mir wünschte, aber etwas Schönes
und Kostbares sollte es sein. Ich sagte, ich hätte nur einen einzigen
Wunsch, nämlich ein paar Brillantohrringe. Die versprach er mir, aber er
neckte mich damit, wie es so seine Art war. Wir haben sehr gelacht.«

»Er freute sich also sehr?«

»Gewiß,« sagte Fräulein Klinkhart ruhig, »er war geradezu toll vor
Freude. Er litt immer unter der Beschränktheit seiner Mittel und liebte
es, sich auszumalen, daß er reich wäre. Er war wie ein Kind, wenn er in
solchen Vorstellungen schwelgte. Aber oft sagte er schon eine Stunde
nachher, daß er den ganzen Bettel verachte.«

Zum Beschluß wurden noch ein Schneider und ein Friseur vernommen,
welchen Deruga größere Beträge schuldig war. Die Eleganz des Schneiders
war nicht einschmeichelnd wie die des Hofrats von Mäulchen, sondern
vernichtend, und zwar zermalmte sie weniger die ganz armen Teufel, für
welche sie überhaupt nicht in Betracht kam, als diejenigen, die zwar
Geld hatten, aber nicht genug, oder nicht Geschmack und Erziehung genug,
um sich ihm oder einem ihm ebenbürtigen Kleiderkünstler anzuvertrauen.
Er sagte aus, er habe sehr bald Mißtrauen geschöpft, weil er =Dr.=
Deruga nicht für einen wahrhaft feinen Gentleman hätte halten können.
Er, der Schneider, habe nur hochfeine Kundschaft und sei deshalb in
diesem Punkte nicht leicht zu täuschen. Deruga sei viel zu kordial im
Verkehr mit seinen Angestellten gewesen und habe zuweilen mit ihm, dem
Schneider, Späße gemacht, die er in Gegenwart seiner Angestellten, des
Respekts wegen, nicht gerne angehört hätte. Seine diesbezüglichen
Andeutungen habe Deruga nicht verstanden. Er habe Deruga daher auch
halbjährliche Rechnungen geschickt, während er den feinen Kunden nur
jährliche schickte. Deruga sei ihm seit zweieinhalb Jahren eintausend
Mark schuldig, das sei nicht viel, und er würde einem feinen Kunden
gegenüber kein Aufheben davon machen; es könne ihm aber natürlich nicht
gleichgültig sein, wenn es sich um einen Mann mit zweifelhaftem
Charakter handle.

Auf die Frage, ob Deruga ihm gegenüber von einer zu erwartenden
Erbschaft oder sonst von Geldquellen gesprochen hätte, die ihm zur
Verfügung ständen, sagte der Schneider mit vornehmer Zurückhaltung,
Deruga habe sehr viel geschwatzt, es könnten auch derartige Worte
gefallen sein; er befolge aber seit Jahren den Grundsatz, die privaten
Mitteilungen, die seine Kunden ihm machten, weder zu wiederholen noch zu
behalten, und sei deshalb gar nicht mehr imstande, sie sich zu merken.
Vollends wären ihm die Redereien Derugas viel zu belanglos vorgekommen,
als daß er sein Gedächtnis damit belastet hätte.

Der Friseur betonte mit Feuer, daß Deruga ohne Zweifel die ihm
ausstehende Schuld bezahlt haben würde, wenn er ihn jemals gemahnt
hätte. Deruga sei ihm aber viel zu teuer gewesen, ein Mann nach seinem
Herzen, genial und edel, den zu bedienen er sich immer zur Ehre
angerechnet habe. Sein Auge dringe den Menschen bis ins Innerste, er
lasse sich nie durch Scheingrößen blenden, und das Geringste mißachte er
nicht. »Und wenn er mir nie einen Pfennig bezahlte, meine Herren,« rief
der Friseur mit Schwung aus, »ich würde ihm stets meine ganze Kraft
weihen und nie aufhören zu sagen, das ist ein großer Mann.«

»War Deruga bei Ihnen,« fragte der Vorsitzende, »nachdem er von der
Erbschaft in Kenntnis gesetzt worden war?«

»Ich darf mir schmeicheln, der erste gewesen zu sein,« sagte der
Friseur, »dem der Herr Doktor sein Herz über dieses Ereignis
ausschüttete. 'Nun werde ich dich königlich belohnen,' sagte er zu mir,
'denn du verdienst es sowohl wegen deiner Kunst wie wegen deiner
anständigen Gesinnung.' Herr Doktor pflegte mir nämlich zuweilen, wenn
er stark in Stimmung war, das trauliche Du zu geben. Ich erwiderte, mit
der Bezahlung solle er es halten, wie er wolle, nur seine Kundschaft
solle er mir nicht entziehen. 'Da kennst du Deruga schlecht!' rief er
aus, 'meinst du, ich unterschätze dein Kabinett, weil es in einem
Seitengäßchen liegt und keine goldenen Spiegel und von denkenden
Künstlern entworfene Stühle darin sind? Und wenn ich Kaiser von China
würde, auf diesem schäbigen, aber bequemen Sessel, von deiner
Meisterhand würde ich mich rasieren lassen. Ich hasse und verabscheue
das Geld, und wenn ich es nicht brauchte, um das Ungeziefer, Menschen
genannt, mir vom Leibe zu halten, würfe ich die ganze Erbschaft in den
nächsten Straßengraben.'«

Der Staatsanwalt schüttelte mit verzweifeltem Hohnlachen den Kopf.
=Quousque tandem?= stand auf seinem Gesicht geschrieben; schreit
sein Lästern noch nicht genug zum Himmel?

»Kam der Angeklagte täglich zu Ihnen?« fragte der Vorsitzende.

»Ich darf wohl sagen, im allgemeinen täglich,« erwiderte der Friseur.
»Sowohl ich selbst wie meine Kunden vermißten ihn aufs schmerzlichste,
wenn er einmal ausblieb.«

»Erinnern Sie sich, ob er am 2. und 3. Oktober des vorigen Jahres
ausblieb?«

»Ich erinnere mich,« sagte der Friseur, »daß ich ihn im Spätsommer oder
Herbst einmal ein paar Tage lang nicht sah. Das Datum habe ich mir aber
nicht gemerkt.«

»Sie erinnern sich auch nicht, was er, als er wiederkam, als Grund
seines Ausbleibens angab? Wie Sie mit ihm standen,« setzte =Dr.=
Zeunemann in etwas strengerem Ton hinzu, »ist anzunehmen, daß Sie ihn
danach fragten?«

»Ich erinnere mich allerdings,« erwiderte der Gefragte, »daß ich es
unterließ ihn zu fragen, weil er schweigsam und in sich gekehrt war. Ich
bin nach meinem Beruf nur Friseur,« setzte er mit Hoheit hinzu, »aber
mir ist so viel Takt angeboren, daß das Vertrauen eines edlen Menschen
mich nicht zudringlich macht, und daß ich fühle, wann Heiterkeit und
wann Ernst am Platze ist. Gerade den Herrn Doktor habe ich nie
ausgehorcht und zum Reden anzustacheln versucht, wenn er in sich
versunken oder umwölkten Mutes zu sein schien.«

»Was für Vermutungen,« fragte der Vorsitzende weiter, »hatten Sie denn
bei sich über das Ausbleiben des Angeklagten und über seine ungewöhnlich
ernste Stimmung?«

»Gar keine,« sagte der Friseur, milde Mißbilligung und Belehrung im Ton,
»ich erlaubte mir gar keine.«

=Dr.= Zeunemann gab es auf und wollte den Zeugen eben entlassen,
als der Staatsanwalt noch eine Frage an ihn richten zu wollen erklärte.

»Hat der Angeklagte im Spätsommer des vorigen Jahres oder noch früher
eine Perücke oder einen falschen Bart oder beides bei Ihnen gekauft oder
geliehen?«

»Ich bedaure,« sagte der Friseur mit höflich schadenfrohem Lächeln,
»aber dergleichen Artikel führe ich nicht. In einem kleinen,
bescheidenen, abgelegenen Geschäft, wie das meinige ist, lohnt sich das
nicht aus.«

Es war schon eine vorgerückte Abendstunde, und der Vorsitzende hob die
Sitzung auf. Als der Justizrat die Hand auf die Schulter Derugas legte,
der mit aufgestütztem Kopfe dasaß, fuhr dieser herum und sah den anderen
mit blinzelnden Augen unsicher an.

»Ich glaube, weiß Gott, Sie haben geschlafen?« fragte der Justizrat
zwischen Staunen und Entrüstung. »Ich glaube auch,« sagte Deruga; »das
letzte, was ich sah, war der Kerl, der Schneider. Der ekelte und
langweilte mich so, daß ich die Augen zumachte, und da war ich sofort
weg. Ich habe mir das in meiner Universitätszeit angewöhnt, wo ich oft
sehr müde war. Ich konnte stundenlang während der Vorlesungen schlafen,
ohne daß es jemand merkte, ausgenommen mein Freund Carlo Gabussi, der
neben mir saß. O traurige Jugend und süße Erinnerung!«



=II.=


Die Sitzung des nächsten Tages eröffnete =Dr.= Zeunemann mit der
Erklärung, eine Zeugin, die aus Ragusa gekommen sei, habe gebeten,
sofort vernommen zu werden, damit sie möglichst bald zu ihrer Familie
zurückreisen könne. Er habe um so weniger Anstoß genommen, ihrer Bitte
zu willfahren, als er sie nicht für wichtig halte und sie nur auf
Ansuchen des Verteidigers zulasse. Immerhin werde man von ihr
Aufschlüsse über die Beziehungen des Angeklagten zu seiner geschiedenen
Frau während der ersten Zeit seiner Ehe erhalten.

Auf seinen Wink trat eine mittelgroße Dame ein, die mit einer
ziegelroten Schabracke behängt war und auf ihrem brandroten, in vielen
Tollen und Puffen aufgesteckten Haar einen großen, von einem Niagarafall
weißer und blauer Straußenfedern überstürzten Hut trug. Sie trat ein
paar Schritte vorwärts, blieb dann stehen und sah mit suchenden Blicken
um sich, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Augenscheinlich
hatte sie sich den Platz des Angeklagten beschreiben lassen, denn dort
blieb der Blick hängen, ohne zunächst durch das Ergebnis seiner
Forschung befriedigt zu werden.

Plötzlich indessen stieß sie einen Schrei aus, rief mit kreischender
Stimme: »Dodo!« und lief mit ausgestreckten Armen auf Deruga zu. Sie
hatte ihn jedoch nicht erreicht, als der Gerichtsdiener, der sie
hereingeführt hatte, ihrer habhaft wurde und sie vor den kleinen Tisch
im Angesicht der versammelten Richter stellte, wo sie den Eid zu leisten
hatte.

»Entschuldigen Sie,« sagte sie schluchzend, indem sie ihr Taschentuch
hervorzog, »aber das war zu viel für mich. Dies Wiedersehen nach so viel
Jahren! Die Veränderung! Und im Grunde doch dasselbe liebe, närrische
Gesicht! Wenn Sie mir eine Pfanne mit glühenden Kohlen herstellen, Herr
Präsident, so schwöre ich Ihnen, ich halte die Hand hinein, um seine
Unschuld zu beweisen!«

»Die Sache ist leider nicht so einfach,« sagte =Dr.= Zeunemann mit
wohlwollender Überlegenheit. »Hingegen können Sie uns unsere Arbeit sehr
erleichtern und dem Angeklagten nützen, wenn Sie, was Sie zu sagen
haben, kurz, klar und folgerichtig sagen. Sie heißen Rosine Schmid
geborene Vogelfrei, sind Hauptmannsgattin und vierundvierzig Jahre alt?«

»Jawohl,« sagte die Dame, »ich gehöre nicht zu denjenigen Frauen, die
sich ihres Alters schämen. Übrigens tun die Männer auch, was sie können,
um jung zu erscheinen, besonders beim Militär, und würden es noch mehr
tun, wenn so viel für sie davon abhinge wie für uns Frauen.«

»Frau Hauptmann,« sagte der Vorsitzende, »Sie kennen den Angeklagten
Sigismondo Enea Deruga, sind aber nicht mit ihm verwandt. Wollen Sie so
gut sein und mit Vermeidung alles Überflüssigen erzählen, wann und unter
welchen Umständen Sie ihn kennenlernten?«

»Mit Vergnügen will ich das,« sagte Frau Hauptmann Schmid lebhaft.
»Alles will ich sagen, was ich weiß, denn dazu bin ich ja hergekommen.
Und wenn ich ans Ende der Welt reisen müßte, sagte ich zu meinem Mann,
ich täte es, um dem Dodo aus der Patsche zu helfen. Das hat er um mich
verdient, so lieb und gut wie er immer war. Und getan hat er es auch
nicht, denn wenn er auch etwas toll und originell war, der Topf voll
Mäuse, gemordet hat er sicherlich keinen Christenmenschen und am
wenigsten die gute Seele, seine Frau.«

»Wie kommt es, daß Sie den Angeklagten einen Topf voll Mäuse nennen?«
fragte =Dr.= Zeunemann.

»So nennt man doch,« erklärte Frau Schmid, »die Figur, die bei den
Feuerwerken gewöhnlich zuletzt kommt, wo es so kracht und prasselt, daß
man glaubt, einen feuerspeienden Berg vor sich zu haben. Es war eine Art
Kosenamen, den seine Frau ihm gegeben hatte, weil er zuweilen Anfälle
von Wut bekam, wo er Rauch und Feuer spuckte, so daß sie sich vor ihm
fürchtete.«

»Sonderbarer Kosename,« meinte der Vorsitzende.

»Ach, Herr Präsident,« sagte die Frau Hauptmann lachend, »er meinte es
ja im Grunde nicht böse, so wenig wie ein Topf voll Mäuse gefährlich
ist. Darum paßte der Name gerade so gut, und wir nannten ihn alle so,
obgleich es sich für mich, so ein junges Mädchen wie ich war, kaum recht
schickte.«

»Ich bitte zu beachten,« sagte der Staatsanwalt, »daß nach Aussage der
Zeugin die damalige Frau Deruga sich vor ihrem Mann fürchtete.«

Frau Hauptmann Schmid drehte sich schnell nach dem Sprecher herum und
sagte, während ihr das Blut ins Gesicht stieg: »Wenn Sie glauben, Sie
hätten damit einen Vorteil über den Herrn Doktor gewonnen, daß ich
gesagt habe, er sei aufbrausend, so sind Sie gewaltig im Irrtum. Die
Aufbrausenden sind die Schlimmsten nicht, und das sagt ja auch das
Sprichwort: Hunde, die bellen, beißen nicht. Ich habe oft zu meinem
Manne gesagt: 'Meinetwegen möchtest du schimpfen und fluchen, ja, sogar
in Gottes Namen zuschlagen, nur das Maulen und Scheelblicken, das
Brummen und Nachtragen, das ist mir zuwider, und ich glaube, daß einer,
dem es nie überläuft, das Herz nicht auf dem rechten Flecke hat.'«

Der Vorsitzende machte eine abschließende Handbewegung und sagte: »Ihre
Mitteilungen, Frau Hauptmann, sind uns sehr wertvoll. Vielleicht
erzählen Sie uns zunächst, auf welche Weise Sie die Bekanntschaft des
Angeklagten machten!«

»Sehr gern, sehr gern,« sagte Frau Hauptmann, »ich habe auf der langen
Reise immer an jene Zeit gedacht, darum ist mir alles gegenwärtig,
obschon es jetzt zweiundzwanzig Jahre her sind. Ja, zweiundzwanzig Jahre
ist es her, und einundzwanzig Jahre war ich damals alt. Die Großmutter
hatte gerade viel Geld bei der Lotterie verloren. Denn, obwohl sie sich
einbildete, ein Muster von Vernunft zu sein, konnte sie doch nicht
leben, ohne zu spielen. Und wenn sie sich das Geld hätte zusammenbetteln
müssen, gespielt mußte werden. Weil nun der Großvater ärgerlich war, was
er zwar nicht aussprach, denn das traute er sich nicht, aber er machte
ein langes Gesicht und manchmal eine spöttische Bemerkung, wollte die
Großmutter es wieder einbringen und richtete das alte Lusthäuschen am
Gartenzaun zum Vermieten ein, und es wurde eine Anzeige für die Zeitung
gemacht. Ich weiß noch wie heute, wie wir abends spät um den Tisch unter
der Lampe saßen und uns abrackerten, um die Sache in richtiges Deutsch
zu bringen. Denn der Großmutter war das Schriftliche nicht geläufig, und
der Großvater wollte nichts damit zu tun haben. Erstens, sagte er,
schicke es sich für den Offiziersstand nicht, Zimmer zu vermieten -- er
war nämlich Hauptmann, aber schon lange nicht mehr im Dienst --, zweitens
möchte er keine Fremden im Hause leiden, und drittens sei es eine
Schande, arglosen Leuten die alte Baracke als Wohnung aufzuschwatzen.«

»Ihre Großmutter war offenbar keine Deutsche,« schaltete der Vorsitzende
ein, »da ihr das Deutsche nicht geläufig war?«

»Nein, natürlich nicht,« antwortete Frau Schmid, »sie war ja aus
Bosnien; aber sie war eine sehr schöne Frau und übrigens auch gebildet,
nur nicht in den Wissenschaften.«

»Und Ihre Eltern?« fragte der Vorsitzende.

»Ja, meine Eltern waren auch von dorther,« sagte die Frau Hauptmann ein
wenig errötend; »aber sie waren zu früh gestorben, als daß ich mich
ihrer hätte erinnern können, und ich sah eigentlich den Großvater und
die Großmutter als meine Eltern an. Also, um in meiner Erzählung
fortzufahren, als der Großvater das sagte, geriet die Großmutter in eine
Furie und sagte, das Lusthaus hätte der Kaiser Joseph oder Ferdinand
oder Maximilian, das weiß ich nicht mehr, für seine Geliebte gebaut, da
in dieser Gegend noch lauter Wald und Heide gewesen wäre, und es wäre
noch etwas Malerei an der Decke und eine steinerne Vase, wenn auch
zerbrochen, an der Treppe. Außerdem wolle sie es den Leuten gar nicht
aufschwatzen, nur zeigen; sie könnten ja die Augen auftun und mit Gott
wieder heimgehen, wenn es ihnen nicht paßte. Wenn die Großmutter in der
Furie war, sah sie sehr majestätisch aus; sie hatte eine gebogene Nase,
wie ein Papagei, aber schöner, Augen wie Diamanten und dickes weißes
Haar, das wie ein Schneeberg über ihrem Kopfe stand. Um sie zu
begütigen, half der Großvater doch mit bei der Anzeige, und sie lautete
schließlich so: 'Hier ist ein fesches Sommerhaus zu vermieten, auch
winters brauchbar, wenn es beliebt. Es liegt im Grünen und hat einige
Möbel. Besonders geeignet für ein junges Ehepaar.' Die Großmutter wollte
nämlich zuerst schreiben: 'für ein Liebespaar.' Da wurde aber der
Großvater beinahe böse und sagte, die Großmutter würde ihn noch um Ehre
und guten Namen bringen, und sie wäre ärger als eine Zigeunerin. Da gab
die Großmutter nach, denn sie hatte eine große Hochachtung für des
Großvaters Vornehmheit und Weltkenntnis, und es wurde statt dessen das
'junge Ehepaar' gesetzt.«

»Und auf diese Anzeige hin kamen Herr =Dr.= Deruga und seine Frau?«
fragte der Vorsitzende. »Wann war das?«

»Vor zweiundzwanzig Jahren, wie ich schon sagte,« antwortete Frau
Schmid; »es mag im Mai gewesen sein.«

»Juli war es,« sagte Deruga, »denn die Linde, unter der wir abends
saßen, duftete, und der Rosentriumphbogen über der Gartenpforte blühte,
als wir das erstemal hindurchgingen.«

Alle blickten erstaunt nach dem Angeklagten, dessen wohllautende Stimme
und melodischer Tonfall jetzt erst auffielen; was er sagte, hatte fast
wie ein kleines Lied geklungen.

Die farbenprächtige Frau zeigte wieder eine Neigung auf ihn zuzulaufen,
unterdrückte sie aber und sagte nur: »Recht haben Sie, es war Juli! Sie
wissen es am besten und könnten überhaupt alles viel besser und schöner
erzählen als ich.«

»Schräg über unserem Pavillon stand das Sternbild des Wagens,« sagte
Deruga, »und wenn wir nachts Hand in Hand nach Hause kamen, Mingo und
ich, sah ich ihn an und dachte: Wie bald, fliegender Wagen der Zeit,
wirst du uns von diesen schnellen, törichten Augenblicken fortführen in
das namenlose Dunkel.«

»Ja, etwas Ähnliches muß ich wohl mal von Ihnen gehört haben,« fiel Frau
Schmid lebhaft ein; »denn im folgenden Sommer, wenn der Wagen am Himmel
stand, sah er mir immer so leer aus, und doch hatte ich sonst auch
niemand darin sitzen sehen, natürlich.«

»Sie haben also noch zuweilen an uns gedacht, Brutta?« fragte Deruga.

Frau Hauptmann Schmid zog ihr Taschentuch und brach in Tränen aus.

»Ach,« schluchzte sie, »das greift mir ans Herz, wenn Sie mich bei dem
Namen anreden. Es nennt mich ja seit Jahren niemand mehr so, denn der
Großvater und die Großmutter sind lange tot, und ich möchte gar nicht
wieder hin nach dem alten Hause. Wer weiß, ob der Wagen noch
darübersteht!«

Der Vorsitzende nahm jetzt den Faden des Verhörs wieder auf, indem er
Frau Schmid bat, sich zu beruhigen, und sie fragte, ob die Eheleute
Deruga den Eindruck eines glücklichen Paares gemacht und ob sie ihren
Großeltern gefallen hätten.

»Und wie!« sagte Frau Schmid, »besonders der Doktor. Das heißt, dem
Großvater gefiel die Frau besser, aber er hielt sich zurück. Dagegen,
wenn die Großmutter einen leiden mochte, dann merkte man's. Und vom
ersten Augenblick an sagte sie, das wäre ein Mann für mich gewesen.«

»Wie kam sie darauf?« fragte =Dr.= Zeunemann. »Erwies er Ihnen
Aufmerksamkeiten?«

»Keine Spur!« sagte Frau Schmid. »Er spaßte nur mit mir, wie das so
seine Art war. Zum Beispiel sagte er mir immer, ich wäre so häßlich, daß
man mich nur mit einem Auge ansehen könnte, sonst hielte man es nicht
aus; und wenn ich ihm in den Weg kam, kniff er ein Auge zu, bald das
eine, bald das andere. Um sie zu schonen, wie er sagte. Die Grimassen,
die er dabei schnitt, waren zu komisch, daß ich nicht aufhören konnte zu
lachen, und die Großmutter lachte auch; aber sie ärgerte sich doch ein
bißchen. Das ließ sie übrigens nie an ihm aus, sondern an mir, wie ich
denn überhaupt, um die Wahrheit zu sagen, viel von ihr ausgestanden
habe; denn sie war rasch und zornig, obwohl sonst eine herrliche Frau,
die ich bis an mein Lebensende lieben und verehren werde.«

»Empfanden Sie das Benehmen des Angeklagten nicht als unzart?«
erkundigte sich der Vorsitzende.

»Bewahre!« sagte Frau Schmid. »Wenn einem auf solche Weise gesagt wird,
daß man häßlich ist, glaubt man hübsch zu sein. An Heiraten habe ich nie
gedacht, er hatte ja eine Frau, und noch dazu eine, die ich
schwärmerisch verehrte. Die Großmutter gewann sie erst allmählich lieb,
dann aber war sie fast mehr in sie als in den Doktor verliebt. Anfangs
hatte sie allerlei an ihr auszusetzen: sie wäre zu alt für den
Doktor -- tatsächlich zählte sie ein paar Jahre mehr --, und namentlich
wäre sie nicht feurig genug für einen so hübschen und reizenden Mann.
Ihr Gesicht wäre nicht übel, wenn man genau zusähe, aber ihre Augen
wären zu sanft und dadurch langweilig. Immer gleiche Freundlichkeit wäre
wie Milchbrei; müßte man den täglich essen, würde einem übel. Dagegen
ein gut gepfeffertes und gezwiebeltes Gulasch würde einem nie zuwider.
Nur eins ließ meine Großmutter an ihr gelten; das war ihr Nacken. Die
arme Frau trug nämlich immer den Hals frei, obschon das damals nicht so
in der Mode war wie heutzutage, und wenn sie durch den Garten ging,
leicht, wie wenn sie Flügel an den Füßen hätte, sagte meine Großmutter:
'Übrigens gefällt sie mir nicht, aber ich möchte sie einmal auf den
Nacken küssen.'

Eines Tages, es muß im Oktober gewesen sein, weil wir die Trauben
abgenommen hatten, war die Großmutter besonders schlechter Laune wie
jedes Jahr bei der Traubenernte. In der Zwischenzeit bildete sie sich
nämlich ein, daß sie süß wären, und kam die Zeit heran, waren sie doch
wieder sauer. Morgens beim Frühstück gab sie mir eine Ohrfeige, weil ich
die Kaffeetasse umgeworfen hatte. Das heißt, sie hatte mir einen Stoß
gegeben, aber sie sagte, das wäre keine Entschuldigung, denn ich hätte
sie dumm angeglotzt. Bei der Gelegenheit sagte sie mir auch, wenn ich
wenigstens gescheit wäre, so möchte es hingehen, aber häßlich und dumm,
da könne es einen nicht wundern, daß der Doktor mich nicht genommen
habe; daß er mich als unverheirateter Mann gar nicht gekannt hatte und
mich aus dem Grunde gar nicht hätte heiraten können, leuchtete ihr
niemals ein. In der Küche stellte ich mich auch an wie ein Tölpel, sagte
sie, und doch hinge vom Kochen das Glück der Ehe ab, und daß sie große
Stücke darauf hielt, danke ich ihr noch tagtäglich, wenn mein Mann sagt,
in den feinsten Hotels von Wien und Prag schmecke es ihm nicht so gut
wie zu Hause, und doch ist er weit herumgekommen und versteht sich
darauf.

An dem Tage nun wollte ich einen Risotto machen, und weil ich schon
einmal einen unter der Aufsicht der Großmutter gemacht hatte, dachte
ich, dabei würde es mir gewiß nicht fehlen. Ich schnitt also meine
Zwiebeln und Leber und alles und richtete das Zeug an, und plötzlich
fiel mir ein, daß ich Hunger hätte, und daß gewiß noch eine Traube
hängen geblieben wäre, die ich mir holen könnte, ohne daß die Großmutter
es merkte. Ich schüttete noch ein wenig Fleischbrühe nach und dachte,
auf die Art könnte ich es ruhig eine Weile gehen lassen. Eigentlich
nämlich muß der Risotto fortwährend gerührt werden, und das wußte ich
gut genug; aber ein bißchen keck und leichtsinnig war ich schon. Jetzt
kann ich das nicht mehr begreifen, aber in der Jugend kommt man
unversehens von einem aufs andere, wenn man sich die Zukunft ausmalt:
Verehrer, Körbe, Hochzeit und so weiter, und ich vergaß über solchen
Träumereien wahrhaftig das Mittagessen. Auf einmal steht die Großmutter
vor mir, in der Nachtjacke, das Gesicht rot wie ein glühender Ofen, und
schreit: 'Da steht sie und maust, die Dirne, die mir den ganzen Risotto
verbrannt hat!' Wahrhaftig, ich roch es selbst durch das offene
Küchenfenster, unter dem wir standen, und unbegreiflich ist es, daß ich
es nicht vorher bemerkt hatte. Und dann fiel sie über mich her, griff
mit der einen Hand in meine Haare und schlug mit der anderen so auf mich
los, daß mir zumute war, als hätte mich ein Wirbelwind gefaßt, und
drehte sich mit mir im Kreise herum. Weh tat es mir nicht, dazu war ich
zu erstaunt. Aber noch viel mehr erstaunte ich, als plötzlich die
Großmutter ihrerseits von einem Sturmwind erfaßt und zurückgerissen
wurde, und Frau =Dr.= Deruga zwischen uns stand, wie der Engel mit
dem feurigen Schwerte, der Adam und Eva aus dem Paradiese trieb, mit
Augen, die nicht blau wie sonst, sondern schwarz waren und knisterten,
so kam es mir nämlich vor in meiner Erregung.

'Lassen Sie das Kind los, Sie abscheuliche, gottlose Hyäne!' rief sie so
laut und hart, wie sie mit ihrer weichen Stimme konnte; und nach einer
kleinen Pause sagte sie ein wenig weicher und gelinder: 'Megäre, wollte
ich sagen.' Wie sie das gesagt hatte, kam es ihr wohl selbst ein wenig
komisch vor, daß sie in den Mundwinkeln zu lachen anfing, und dann
lachte die Großmutter geradeheraus, und wie ich das hörte, lachte ich
dermaßen, daß ich ordentlich kreischte, und fiel der Frau Doktor um den
Hals, der die Tränen aus den Augen sprangen vor Lachen.«

Während dieser Erzählung beobachteten sowohl die Richter wie =Dr.=
Bernburger in unauffälliger Weise den Angeklagten, in dessen Mienen sich
deutlich ausprägte, wie er die wiedererstehende Vergangenheit
miterlebte, seine länglichen, schöngeschnittenen Augen erglänzten wie
die Schuppen eines silbernen Fisches. Er schien seine Lage und Umgebung
vollständig vergessen zu haben und sagte unbefangen zu der alten
Freundin: »Arme Marmotte,« (so nannte er seine Frau) »arme, gute, feige
Person! So hatte sie später ihr Junges gegen mich verteidigt, das
natürlich seine Prügel ebenso verdiente, wie Sie damals, Brutta. Aber
erzählen Sie weiter, erzählen Sie: was tat die Großmutter?«

»Der Großmutter,« fuhr die Frau Hauptmann fort, »waren die Augen auch
feucht, aber nicht nur vom Lachen, sondern gerührt war sie, gerührt über
die Frau Doktor, und machte kein Hehl daraus; denn obwohl sie, wie schon
gesagt, eher scharf und zornig war, so war sie doch ohne Falsch und
zögerte nicht, ein Unrecht zuzugestehen, wenn sie es nämlich eingesehen
hatte. Sie stemmte die Arme in die Seite und sagte: 'Also so sieht das
stille Wasser aus! Eine richtige Feuerflamme kann herausschlagen! Da bin
ich freilich so dumm wie alt gewesen. Und wenn ich heute unser Herr
Doktor wäre, würde ich Sie morgen vom Fleck weg heiraten, so gut haben
Sie mir eben gefallen. Und nun muß ich Sie auf den Nacken küssen!' Damit
umarmte sie die Frau Doktor und küßte sie nicht nur auf den Nacken,
sondern auch auf beide Backen, und dann sagte sie, der Risotto solle nun
vergeben und vergessen sein, und sie wolle für das Mittagessen sorgen,
denn kochen könne sie besser, als man es von einer gottlosen Hyäne
erwarten würde. In der Tat brachte sie in einer Stunde das feinste Essen
zusammen, nämlich Fleischpastete und Marillenknödel, und ich begreife
heute noch nicht, wie sie es machte, denn das sind Gerichte, zu denen
man seine Zeit braucht. Helfen mußte ich allerdings doch und bekam Püffe
und Kniffe, aber das schadete nicht, weil sie ein vergnügtes Gesicht
dazu machte. Nachher beim Mittagessen, an dem die arme Marmotte, ich
meine die Frau Doktor, auch teilnehmen mußte, sprach die Großmutter viel
über Erziehung, und daß namentlich die Mädchen lernen müßten, nicht so
heikel und empfindlich zu sein, denn bei den Männern wären sie nicht auf
Daunen gebettet, und wenn eine nicht einen Puff vertrüge und sich ihrer
Haut wehren könnte, ginge es ihr schlecht; die Wehleidigen und
Nachgiebigen würden nur verachtet. Eine Frau, die ihnen keinen Vorteil
brächte, sähen die Männer nur als eine Last an, deshalb müßte ein
Mädchen entweder Geld haben oder kochen können. Die arme Marmotte rühmte
ihren Mann, daß er nicht so wäre, aber die Großmutter, die doch bisher
so viel Wesens von ihm gemacht hatte, sagte, da gäbe es keine Ausnahmen.
In diesem Punkte wäre einer wie der andere, und wenn die Liebe einmal
einen uneigennützig machte, haßte er die Frau nachher doppelt, die ihn
so verblendet hätte.«

»Warum sagen Sie immer 'arme Marmotte'?« fragte der Vorsitzende, der mit
außerordentlicher Geduld zugehört hatte.

»Nun, weil sie tot ist,« antwortete die Frau Hauptmann nach einer Pause
etwas verblüfft.

»Ach so,« sagte =Dr.= Zeunemann, »bei ihren Lebzeiten haben Sie
nicht so von ihr gesprochen?«

»Bewahre,« sagte Frau Schmid, »sie kam mir im Gegenteil beneidenswert
vor. Nun ja, etwas Hilfloses hatte sie an sich, und zuweilen war sie
auch traurig und sah ängstlich aus, und da mag ich sie wohl einmal 'arme
Marmotte' genannt haben.«

»Wissen Sie, warum sie zuweilen traurig war?« fragte der Vorsitzende.

»Warum?« fiel Deruga höhnisch ein. »Das kann ich Ihnen sagen. Weil sie
ihren Mann nicht so liebte, wie sie sollte, weil sie an einen anderen
dachte, der besser zu ihr passen würde, und weil sie Angst vor meiner
Eifersucht hatte. Denn wir Italiener haben nicht Milch oder Wasser in
den Adern, sondern Blut, und dann werden unsere Augen blutrot, wenn wir
zornig werden.«

Frau Hauptmann warf einen erschrockenen und tadelnden Blick auf Deruga
und sagte, zu den Richtern gewendet:

»Er macht nur Spaß! Er war immer ein Spaßmacher und liebte es, die Leute
zu foppen und zu erschrecken.« Dann wieder zu ihm herüber: »Warum hätte
die arme Marmotte Sie denn geheiratet? Ein Kind konnte ja sehen, wie
lieb sie Sie hatte.«

Deruga hatte bereits den Kopf wieder auf die Hand gestützt, so daß man
sein Gesicht nicht sah, und gab kein Zeichen des Anteils mehr.

»Wenn sie sich vor ihm fürchtete,« fuhr Frau Schmid, zu den Richtern
gewendet, fort, »so war das sicherlich nicht seine Schuld, sondern es
kam von ihrer außerordentlichen Furchtsamkeit. Einmal in der Nacht fiel
etwas mit einem Betrunkenen vor. Ich erinnere mich nicht mehr genau
daran, aber ich weiß, wie sie von uns allen damit geneckt wurde.«

Der Vorsitzende ermunterte Frau Schmid, sich zu besinnen oder zu
erzählen, was sie noch davon wisse. Dann, da ihr nichts einfiel, fragte
er Deruga, ob er sich vielleicht noch daran erinnere.

Deruga hob den Kopf und sah aus, als habe er keine Ahnung, wovon die
Rede sei.

»Ach, Sie wissen doch, Doktorchen,« redete ihm Frau Schmid zu. »Es kam
nachts ein Betrunkener am Pavillon vorbei und grölte so laut, daß Ihre
Frau davon aufwachte und dachte, es wäre unter dem Fenster. Es wird im
November gewesen sein, denn es war eine stürmische und regnerische
Nacht, und Sie hatten keine Lust aufzustehen und stellten sich
schlafend, während Ihre Frau fast verging vor Angst. So ungefähr war es,
erinnern Sie sich denn nicht mehr daran?«

»O ja,« sagte Deruga, »es stellte sich eine ungewöhnliche Zärtlichkeit
bei meiner Frau ein. Ich wachte auf, weil sie sich an mich schmiegte und
ihren Kopf dicht an meinen Hals drückte, und als ich mich noch in dem
Traum wiegte, es habe sie plötzlich eine Leidenschaft für mich
überkommen, flehte sie mich an, ich solle sie vor dem Betrunkenen
schützen. 'Er ist unter dem Fenster,' sagte sie, 'im nächsten Augenblick
wird er hereinkommen. Was fangen wir an, o, was fangen wir an! Schließe
wenigstens das Fenster.' Ich rief: 'Ich werde mich hüten, das zu tun; so
bist du doch einmal zärtlich gegen mich' -- und ich habe es ausdrücklich
ziemlich bösartig gesagt, denn sie ließ mich los und drehte ihr Gesicht
nach der anderen Seite und weinte. Ich sagte noch viel beißender als
vorher, sie solle nicht so dumm sein zu weinen, und übrigens, wenn sie
sich so unglücklich fühle, brauchte sie nicht für das Leben zu zittern.
Und wenn sie zum Sterben unglücklich sei, sagte sie, sie möchte doch
nicht, daß ein ekelhafter, betrunkener Mensch sie anfaßte und erwürgte.
Daß sie gar nicht unglücklich wäre, sagte sie nicht. 'Der Kerl liegt
draußen im Straßengraben und wird singen, bis er einschläft,' sagte ich,
und dann stellte ich mich schlafend, um sie durch die Furcht zu quälen.
Nach einer halben Stunde verstummte das Geheul, und gleich darauf
schlief sie fest und ruhig, während ich wachend neben ihr lag und ihren
hübschen weißen Hals betrachtete und darüber nachdachte, wie leicht ich
ihre Kehle zudrücken könnte, fast ohne daß sie es merkte.«

Der Staatsanwalt zuckte triumphierend seine geschwänzten Augenbrauen und
streckte, den Mund schon zum Reden geöffnet, den Zeigefinger aus, als
der Justizrat die Hand gegen ihn erhob und gleichgültig, wie man einen
nichtigen Einwand beseitigt, sagte: »Er hat es ja nicht getan. Hunde,
die bellen, beißen nicht, wie unsere Zeugin schon sagte.«

Ehe noch der Staatsanwalt einen Laut hervorbringen konnte, erklärte
=Dr.= Zeunemann, nachdem er durch einen verbindlichen Blick nach
rechts und links die Zustimmung erbeten, aber nicht abgewartet hatte,
die Sitzung der Mittagspause wegen für geschlossen. Er wollte um drei
Uhr noch einige Fragen an Frau Hauptmann Schmid richten, und wenn seine
Kollegen einverstanden wären, könne sie dann abreisen. Der Nachtzug nach
Wien gehe um acht Uhr.



=III.=


=Dr.= Bernburger hatte der Sitzung in Gesellschaft eines ihm
befreundeten jungen Nervenarztes, des =Dr.= von Wydenbruck,
beigewohnt und verließ mit ihm zusammen das Justizgebäude.

Die beiden Herren waren außerordentlich verschieden, aber durch das
gemeinsame Interesse für Psychologie, und was damit zusammenhängt,
ziemlich vertraut geworden, besonders seit Bernburger, als er infolge
von Überarbeitung an nervösen Depressionen litt, sich von =Dr.= von
Wydenbruck nach einer eignen Methode hatte behandeln lassen. Während
Bernburger klein war, von verkümmertem Wuchs, mit schwächlichen
Gliedmaßen, dabei aber ein ausdrucksvolles Gesicht und unermüdlich
kluge, aufmerksame Augen hatte, war =Dr.= von Wydenbruck von
großer, schmaler und eleganter Figur und hatte so verfeinerte Züge, daß
sie sich bei scharfer Beobachtung ganz zu verflüchtigen schienen. Sein
Gang hatte etwas Elastisches und Biegsames, als sei er stets bereit,
auszuweichen oder sich anzupassen, aber in Wirklichkeit streckte er nur
höchst bewegliche Fühler aus und blieb auf dem Grunde seines Wesens von
schwerer, glatter Unveränderlichkeit.

»Da sind wieder einmal ein paar Hysterische zusammengekommen,« sagte er,
als sie die breite, zum Mittelpunkt der Stadt führende Straße
hinuntergingen.

»Sie halten Deruga doch nicht für hysterisch?« sagte =Dr.=
Bernburger eifrig, an seinem Begleiter hinaufsehend. »Ich beurteile ihn
ganz anders. Daß er den Mord begangen hat, steht mir fest, und zwar hat
er ihn ohne Erregung, mit einer Ruhe ohnegleichen, ja mit einer
Selbstverständlichkeit begangen, die es ihm ermöglicht hat, keinen
Schnitzer zu begehen, der ihn verraten könnte. Die Verbrecher, die mit
sorgfältiger Überlegung zu Werke gehen, machen bekanntlich immer
irgendeinen Fehler, der ihnen zum Verhängnis wird. Deruga hat gemordet,
wie ein anderer seine Suppe auslöffelt, beiläufig, beinah mechanisch,
und darum hat er keine Spur hinterlassen.«

»Sehr fein bemerkt,« lobte =Dr.= von Wydenbruck. »Nur die
unbewußten Handlungen sind lebendig und fruchtbar und in ihrer Art
fehlerlos und unfehlbar. Ich möchte hinzusetzen, auch tadellos.«

»An sich meinetwegen, in bezug auf die Zweckmäßigkeit,« entgegnete
Bernburger; »aber das ist jetzt nicht unser Standpunkt. Sonst wäre ja
jeder unmoralische Mensch in seinen unmoralischen Handlungen tadellos.«

»Ist er denn das nicht?« fragte Wydenbruck. »Aber Deruga,« fuhr er fort,
»gehört nach meinem Dafürhalten nicht dahin. Ich halte ihn und nicht
minder seine Frau für moralisch zurechnungsfähig, aber für hysterisch.
Mord ist in unserer Zeit ein nur den untersten Schichten des Volkes
angemessenes Verbrechen; tritt er in gebildeten Kreisen auf, so deutet
er auf Hysterie oder Perversität.«

»Das stimmt für uns,« sagte Bernburger, »aber nicht für die Italiener.
Übrigens gibt es auch bei uns Umstände und Leidenschaften, die einen
Gebildeten auf natürlicher Grundlage zum Mörder machen können, zum
Beispiel Eifersucht.«

»Ich möchte die Eifersucht selbst für das Dämonische erklären,« sagte
der andere. »Jedenfalls glaube ich, daß wir es hier mit einer
hysterischen Mordlust zu tun haben, die nichts als verdrängter
Liebestrieb ist. Obwohl Derugas Frau ihn nach Aussage dieser guten,
komischen Brutta liebte, findet er keine Befriedigung. Um mehr
herauszupressen, erregt er Furcht, ihre Angst verdoppelt seinen Genuß,
aber seine Gier bleibt ungesättigt und wird auch über ihrem Leichnam
nicht erlöschen. Diese Unglücklichen sind die eigentlichen Vampire der
Sage.«

»Daß es das gibt, bezweifle ich nicht,« sagte =Dr.= Bernburger,
»vielleicht hat sogar jeder Mensch etwas vom Vampir in sich; doch kann
ich Ihre Methode, die äußeren Beweggründe gar nicht in Betracht zu
ziehen, nicht billigen. Sie sind vorhanden und üben ihre Wirkung aus,
so oder so.«

»Auf Gesunde, ja,« antwortete Wydenbruck, »auf Kranke kaum oder nur, um
willkürlich verwertet zu werden. Auf Hysterie deutet bei Deruga schon
seine höchst merkwürdige Fähigkeit, sich auszuschalten, wann es ihm
paßt. Er ist überaus reizbar, leicht bis zu Tränen ergriffen, und im
nächsten Augenblick ist er wie von Stein. Er ist dann gewissermaßen
nicht mehr da. Wenn er sich darauf legte, könnte er es vielleicht dahin
bringen, sich tatsächlich zu spalten, und wir hätten dann die
Erscheinung der Doppelgängerei.«

»Und die Frau?« forschte Bernburger; »warum halten Sie die Frau für
hysterisch?«

»Ihre Furchtsamkeit ist ein hinreichendes Smyptom,« sagte =Dr.= von
Wydenbruck. »Beachten Sie doch, wie Mordlust und Furchtsamkeit
aufeinander eingestellt sind. Es ist höchst merkwürdig, wie solche
Naturen magnetisch zueinander hingezogen werden, um ihre
Wesenseigentümlichkeiten durcheinander aufs höchste zu steigern und ihr
Los zu erfüllen. Alle Schranken durchbrechend offenbart sich der
Selbstvernichtungstrieb als rätselhafte Leidenschaft.«

       *       *       *       *       *

Es war, als hätten sich diese Gedanken dem Justizrat Fein mitgeteilt.
Denn als er seinen Klienten nach beendigter Sitzung traf, sagte er zu
ihm:

»Hören Sie, Doktor, wenn wir Sie als geisteskrank hinzustellen
versuchten, hätten wir, glaube ich, Aussicht.«

»Machen Sie das, wie Sie wollen,« sagte Deruga, »ich überlasse ja
ohnehin alles Ihnen. Da ich ein sehr guter Mensch bin und die Dinge sehe
und benenne, wie sie sind, ist es leicht möglich, daß man mich für
verrückt hält.«

Der Justizrat sprach seine Absicht aus, Deruga zum Mittagessen zu
begleiten. Meister Reichardt werde schon etwas Eßbares haben, soviel er
wisse, führe der Alte sogar einen ganz guten Wein. Ohne einen Schluck
Wein, eine gute Zigarre und eine Tasse guten Kaffee könne er allerdings
um drei Uhr nicht weiterarbeiten.

»Das ist recht, daß Sie mitkommen,« sagte Deruga, »so können wir noch
ein bißchen miteinander tratschen. Aber hören Sie,« unterbrach er sich
plötzlich, »kommen Sie wirklich aus Teilnahme für mich, oder wollen Sie
mich aushorchen?«

»Ja, mein Freund,« lachte der Justizrat, »wozu bin ich denn eigentlich
da? Ich vertrete ja Ihre Interessen, und wenn Sie vernünftig wären,
erzählten Sie von vornherein alles mir, anstatt zur Unzeit und zu Ihrem
Schaden damit herauszuplatzen. Mensch, Sie machen einem, weiß Gott, das
Handwerk schwer.«

»Wenn ich eine alte Freundin nach zwanzig Jahren unverhofft wiedersehe,«
entschuldigte sich Deruga, »komme ich natürlich ins Schwatzen. Sie
hätten mich warnen sollen. Übrigens ist es mir ja gleichgültig.«

In Derugas kleinem, altmodisch eingerichtetem Stübchen war der Tisch
schon bereit, und es brauchte nur ein zweites Gedeck aufgelegt zu
werden. Nachdem der Justizrat seinen ersten Hunger gestillt hatte,
lehnte er sich behaglich zurück und sagte: »Sie scheinen Ihre Frau aber
doch mordsmäßig geliebt zu haben?«

»Wieso?« fragte Deruga kühl. »In den Flitterwochen ist das doch
selbstverständlich. Seitdem habe ich Gott weiß wie viele andere
geliebt.«

»Nun ja,« meinte der Justizrat, »aber man muß doch jedenfalls eine Frau
sehr lieben, um sich ihretwegen in eine solche Klemme zu bringen.«

»Erstens konnte ich das nicht voraussehen,« sagte Deruga, »und zweitens
täte ich das für jeden Menschen, und es ist schlimm genug, daß das nicht
alle tun. Wenn ein Jäger ein angeschossenes Tier nicht möglichst schnell
vollends tötete, würde man ihn mit Recht einen rohen Kerl nennen.
Menschen dagegen sieht man wochenlang, monatelang Qualen leiden, bevor
sie sterben können, und hilft ihnen nicht. Schöne Nächstenliebe! Als ob
man einem überhaupt ein kostbareres Geschenk machen könnte als den Tod!
Ich wäre dem, der mir das Leben abkürzt, wenn ich nicht mehr dazu tauge,
bedeutend dankbarer als denen, die es mir gegeben.«

»Das hat denn doch seine zwei Seiten, mein Lieber,« sagte der
Justizrat. »Da könnte schließlich jeder Neffe seinen reichen Erbonkel
umbringen und behaupten, er habe es aus Nächstenliebe getan.«

Deruga schoß das Blut ins Gesicht. »Was meinen Sie damit?« sagte er.
»Das ist eine gemeine Anspielung, die ich mir verbitte.«

»Erlauben Sie,« sagte der Justizrat besänftigend, »das war ganz sachlich
geredet, und wenn Sie empfindlich sind, kommen wir nicht weiter. Der
Mensch ist einmal ein Kentaur, und außer guten Antrieben gibt es auch
schlechte. Und wenn einer eine Person tötet, deren Tod ihm Vorteil
bringt, so muß man wenigstens mit der Möglichkeit rechnen, er habe es
mindestens zum Teil des Vorteils wegen getan.«

»Sie wissen,« sagte Deruga, »daß ich von dem Testament meiner Frau keine
Ahnung hatte.«

»Das heißt, Sie haben es mir gesagt!« berichtigte der Justizrat
gelassen.

»Wenn Sie meinen Worten nicht glauben,« rief Deruga außer sich, »so
spreche ich überhaupt nicht mehr mit Ihnen. Was fällt Ihnen ein, meine
Verteidigung zu übernehmen, wenn Sie mich für einen gemeinen Raubmörder
halten? Das ist unanständig gehandelt, ebenso unanständig, wie wenn ich
meine Frau umgebracht hätte, um sie zu beerben. Und unanständig ist es,
unter der Maske des Wohlwollens und der Zuneigung mit mir zu verkehren.«
Er war graubleich im Gesicht geworden und hatte unwillkürlich mit der
schlanken, braunen Hand den Griff seines Messers erfaßt.

»Ja, hören Sie mal,« sagte der Justizrat gutmütig, »wollen Sie mir
eigentlich zwischen Käse und Kaffee die Kehle durchschneiden? Sie sind
ein rabiater Italiener, und ich sollte mir jedesmal einen Blechpanzer
unterschnallen, bevor ich zu Ihnen gehe.«

»Bevor Sie mich beleidigen, allerdings,« gab Deruga zurück; »nur würde
Ihnen das wenig nützen.«

»Ist das eine Beleidigung,« fuhr der Justizrat fort, »wenn ich sage, ich
halte es für möglich, daß Sie von dem Testament Ihrer Frau Bescheid
wußten? Sage ich denn, daß dieser Umstand Sie zur Tat bewog? Ich sage
nur, man muß die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß dieser Umstand
mitwirkte.«

Deruga ließ das Messer auf den Tisch fallen und lehnte sich müde in
seinen Stuhl zurück. »Die Möglichkeit ist deshalb ausgeschlossen,« sagte
er, »weil die Voraussetzung fehlt. Sie wissen, daß das Testament mich
nicht beeinflussen konnte, weil ich keine Ahnung davon hatte. Sie wissen
das, weil ich es Ihnen sagte und Sie mir glauben müssen. Das sogenannte
Publikum, das dumm ist und mich nicht kennt, braucht mir nicht zu
glauben, aber von Ihnen verlange ich es.«

Der Justizrat schwieg eine Weile und sagte dann: »Versuchen Sie, mein
Bester, einmal einen Teil der Gerechtigkeit selbst zu üben, die Sie von
anderen in so reichem Maße verlangen! Ich habe erst seit kurzem das
Vergnügen, Sie zu kennen, und zwar lernte ich Sie unter sehr
zweideutigen Umständen kennen. Viel Gutes hört man nicht von Ihnen. Sie
führen ein Lotterleben, arbeiten nur, wenn Sie keinen Pfennig mehr in
der Tasche haben, obwohl Sie einen einträglichen Beruf und viel Verstand
haben. Sie haben sich absichtlich verkommen lassen, sind sozusagen ein
mutwilliger Vagabund. Wäre es nicht leichtfertig oder dumm von mir, wenn
ich Ihnen durch dick und dünn glaubte, auch wo etwa Tatsachen oder
berechtigte Mutmaßungen dagegen sprechen? Wären Sie nicht der erste,
mich allenfalls auszulachen und zu sagen: Der Fein ist ein echter
Deutscher, dumm wie eine Kartoffel?«

Deruga wandte dem Justizrat mit einem liebenswürdigen Lächeln das
Gesicht wieder zu. »Für einen Deutschen sind Sie wirklich ziemlich
gescheit,« sagte er, »und dabei ein ganz guter Kerl. Aber ich sehe nicht
ein, warum Sie mich nicht die Wahrheit sagen ließen. Dann wäre diese
langweilige und ekelhafte Geschichte schon zu Ende.«

Der Justizrat sah gedankenvoll in den Rauch seiner Zigarre und
schüttelte den Kopf. »Ich habe Ihnen nach bester Überzeugung geraten,«
sagte er. »Daß Sie die Tat aus reinen, edlen Motiven begangen haben,
hätten Sie nicht beweisen können; umgekehrt kann man Ihnen nicht
beweisen, daß Sie sie überhaupt begangen haben, es müßten sonst noch
ganz unvorhergesehene Indizien herauskommen. Ich denke also, wenn Sie
konsequent leugnen, bringe ich Sie durch. Und das ist doch besser als
ein paar Jahre Gefängnis, wenn Sie vielleicht auch einen ganz
gemütlichen Diogenes darin vorgestellt hätten. So wagen wir einen hohen
Einsatz, können aber auch einen hohen Gewinn davontragen; im anderen
Falle bekämen wir auch im besten Falle nur Stückwerk!«

»Und Sie sind kein Flickschneider, sondern ein Kleiderkünstler,« sagte
Deruga. »Ich gehöre aber eigentlich in die Bude des Flickschneiders.«

»Ein echter Italiener kann ebensogut den Lazzarone wie den Edelmann
spielen,« sagte der Justizrat. »Wenn Sie erst frei und im Besitze Ihres
Vermögens sind, werden Sie diesen kurzen Schmerz vergessen und womöglich
ein neues Leben anfangen.«

»Ein neues Leben anfangen?« lachte Deruga. »Mit sechsundvierzig Jahren!
Als ob ich nicht längst genug und übergenug davon hätte!«

»Na, da will ich Ihnen weiter nicht hineinreden,« sagte der Justizrat.
»Sie können ja auch weiter lumpen. Jedenfalls leuchtete Ihnen mein Rat
damals ein, und Sie haben ihn aus freien Stücken angenommen.«

»Ich tue alles, was Sie wollen, damit die Baronin Truschkowitz, diese
niederträchtige Person, das Vermögen nicht bekommt,« sagte Deruga. »Wäre
das nicht, ich ließe mich ruhig köpfen oder ins Zuchthaus sperren. Das
Leben ist einen solchen Kampf nicht wert.«



=IV.=


Auf der von unsicheren Frühlingssonnenstrahlen durchflackerten, breiten
Straße, die auf die Front des Justizgebäudes führte, stieß =Dr.= von
Wydenbruck auf den Oberlandesgerichtsrat Zeunemann, stellte sich vor und
sprach seine Bewunderung über die Art aus, wie der Oberlandesgerichtsrat
die Verhandlung führte. Er sei für den Einblick in eine komplizierte
Psyche, der ihm da gewährt würde, sehr erkenntlich, und er sei
überzeugt, =Dr.= Zeunemann werde noch immer mehr in ihre Tiefen und
Untiefen hineinleuchten.

»Ich pflege meine Fragen so zu stellen,« sagte der
Oberlandesgerichtsrat, »daß alles auf den Fall Bezügliche an äußeren und
inneren Tatsachen von selbst hervorkommt. Nicht mit Hebeln und
Schrauben, wissen Sie, sondern unwillkürlich, wie sich ein Blatt
entrollt.«

»Ja, ich habe das bemerkt,« sagte =Dr.= von Wydenbruck entzückt,
»es ist wundervoll. Sie schaffen gewissermaßen nur die geeignete
Atmosphäre, und das Spiel des Lebens entfaltet sich. Bisher haben Sie
die Bestrahlung des Tages vorwalten lassen, vielleicht lassen Sie es
auch einmal Nacht werden, lassen die Schatten aus dem Hades der Seele
aufsteigen.«

»Sie sind Psycholog und wollen Ihre Studien machen?« sagte =Dr.=
Zeunemann.

»Von Ihrer reichbesetzten Tafel fällt vieles ab,« erwiderte =Dr.=
von Wydenbruck verbindlich.

Sie blieben auf der breiten Freitreppe stehen, um das Gespräch zu
beenden, während es drei Uhr schlug. »Ich kann dazu nicht so viel tun,
wie Sie glauben,« erklärte der Oberlandesgerichtsrat. »Ohne Seelenkunde
kann allerdings heutzutage kein Kriminalist auskommen, aber ich sage mit
Absicht 'Seelenkunde', um auszudrücken, daß es sich nach meiner Meinung
um keine eigentliche Wissenschaft handelt, sondern um ein angeborenes
Gefühl, man könnte es Genialität nennen. Ich lasse mich weit mehr von
meinem Gefühl als von Berechnung leiten; Sie werden sich wundern, eine
solche Ansicht von einem Juristen zu hören.«

Während Herr =Dr.= von Wydenbruck Verwunderung und Bewunderung
ausdrückte, hatte sich der Schwurgerichtssaal gefüllt, und einer von den
Geschworenen, Geflügelzüchter Köcherle, fragte den Obmann der
Geschworenen, Kommerzienrat Winkler, neben dem er saß, wer die feine
Dame mit der langgestielten, goldenen Lorgnette in der ersten Reihe des
Zuschauerraums sei.

»Das ist doch die Baronin Truschkowitz, die die ganze Geschichte in Gang
gebracht hat,« sagte der Kommerzienrat. »Kennen Sie denn die nicht?«

»So sieht die aus?« rief der andere erstaunt aus. »Die hätte ich mir
sehr schäbig und unterernährt vorgestellt, weil sie von der dürftigen
Lage ihrer Kinder redet, und wie sie sich durchs Leben kämpfen müßten.«

»Der Adel,« sagte der Kommerzienrat, die Achsel zuckend, »hat eben
andere Begriffe von dem, was man braucht und beanspruchen darf.
Übrigens, wenn einer, der viel hat, noch mehr haben kann, sagt er nie
Nein.«

Der Geflügelhändler gab das zu, aber er fand es doch geschmacklos, sich
so kostbar zu tragen, wenn man so redete, als wimmerten seine Kinder
nach dem täglichen Brot.

»Ihre Toilette ist aber geschmackvoll,« bemerkte ein anderer.

»Und teuer,« setzte der Kommerzienrat hinzu, indem er einen schätzenden
Blick über die Dame gleiten ließ.

»Der Reiherbusch auf dem Hut etwa hundert Mark, die Brillanten im Stiel
der Lorgnette vielleicht tausend Mark.«

»Sind es echte Brillanten?« fragte der Geflügelzüchter mit großen Augen.

»Ja, das Feuer haben nachgeahmte Steine nicht,« sagte der Kommerzienrat
beinahe hitzig. »Wenn man auch dahin kommt, Brillanten künstlich
herzustellen, so stimmt es meinetwegen nach der chemischen Formel, aber
das Feuer der natürlichen Steine ist anders. Das lasse ich mir nicht
abstreiten. Die Natur ist eben doch unerreichbar.«

»Sind das denn auch Brillanten, die sie auf dem Hut hat?« fragte der
Geflügelzüchter.

»Bewahre,« antwortete der Kommerzienrat mißbilligend, »dazu weiß eine
solche Dame zu gut Bescheid in Geschmacksfragen. Das ist eine moderne
Phantasieagraffe, die etwa fünfzig Mark gekostet hat. Aber Sie sind ja
das reine Kind in solchen Sachen!«

»Stimmt,« gab der Geflügelzüchter zu, »wenn meine Frau nicht ein bißchen
nach mir schaute, wäre ich von einem Bauernknecht nicht zu
unterscheiden. Und ich will Ihnen ganz offen sagen, was man so eine
elegante Frau von Welt nennt und eine sogenannte Demimonde-Dame, kenne
ich nicht auseinander.«

»Was Sie sagen,« rief der Kommerzienrat. »Aber das gibt es ja gar nicht!
Da muß man sich doch auskennen.«

»Was ist denn zum Beispiel die Truschkowitz für ein Typus?« fragte der
Geflügelzüchter. »Steht das nicht ungefähr auf der Grenze?«

»Ich bitte Sie,« sagte der Kommerzienrat, vor Schreck und Ärger
errötend, »das ist eine ganz feine Frau von Welt! Der Anzug ist der gute
Ton und die Diskretion selbst.«

»Na, wissen Sie,« wandte der andere ein, »eine gescheite Demimonde-Dame
sollte das doch nachmachen können. So etwas lernt sich doch bald.«

»Nein,« beharrte der Kommerzienrat, noch immer rot und erregt. »Ein
gewisses Etwas lernt sich eben nicht. Es läßt sich nicht lernen, weil es
sich nur fühlen läßt. Da gibt ein Atom den Ausschlag.«

Der eintretende Gerichtshof unterbrach das Zwiegespräch, Frau Hauptmann
Schmid wurde wieder vorgeführt, und nachdem der Vorsitzende sie nochmals
ermahnt hatte, die Wahrheit zu sagen und nichts zurückzuhalten, faßte er
das Ergebnis ihrer bisherigen Aussage zusammen:

»Bald nach seiner Verheiratung mit seiner um einige Jahre älteren Frau
bezog der Angeklagte eine Sommerwohnung bei Ihren Großeltern in Laibach.
Die Derugas machten den Eindruck eines glücklichen Paares, dessen Glück
immerhin getrübt wurde durch gewisse Eigenheiten des Mannes, namentlich
seine an Jähzorn streifende Heftigkeit und seine Neigung zur Eifersucht.
Soweit Sie wissen, war eine Eifersucht unbegründet. Nicht wahr, ich habe
Sie recht verstanden.«

»Darüber kann ich doch unmöglich etwas wissen,« sagte Frau Schmid. »Denn
es handelte sich ja um Vergangenes. Daß die arme Marmotte einen anderen
gern gehabt hat, kann ja leicht sein, sie war ja gewiß schon dreißig
Jahre alt, und ich glaube es sogar; denn der Doktor wäre doch närrisch
gewesen, wenn er die Geschichte erfunden hätte, um sie und sich damit zu
plagen.«

»Sie sagten doch aber heute morgen einmal,« hielt ihr =Dr.=
Zeunemann vor, »Sie hielten es für ausgeschlossen, daß Frau =Dr.=
Deruga sich jemals hätte etwas zuschulden kommen lassen.«

»Zuschulden kommen lassen,« wiederholte Frau Schmid, »davon ist doch
keine Rede. Mein Gott, man wird doch einmal einen gern haben dürfen,
ohne daß einem gleich daraus der Strick gedreht wird. Ich habe doch
auch unser Doktorchen gern gehabt -- nun, das Gefühl ist im Keime
steckengeblieben --, aber wenn es auch einmal einen Kuß gegeben hätte,
was wäre dabei? Den Allzuzimperlichen traue ich am wenigsten.«

»Sie haben aber keinen Anhaltspunkt dafür,« sagte =Dr.= Zeunemann,
»daß die damalige Frau Deruga etwaige frühere Beziehungen derzeit noch
fortgesetzt hätte?«

»Bewahre!« rief Frau Hauptmann Schmid fast schreiend, »was meinen Sie
denn, dann wäre sie ja eine ganz infame Kröte gewesen! Da brauchen Sie
nur Herrn Doktor selbst zu fragen, der wird es Ihnen schon sagen. Ich
glaube, er spränge Ihnen gleich an die Kehle, wenn Sie ihn so etwas
fragten!«

=Dr.= Zeunemann konnte nicht umhin zu lächeln. »Darum halte ich
mich lieber an Sie,« sagte er. »Sie halten also für möglich, daß Frau
Deruga vor ihrer Verheiratung einmal eine Neigung hatte, sind aber
überzeugt, daß derzeit jede etwaige Beziehung gelöst war. In Anbetracht
des Umstandes, daß der Angeklagte sich als Arzt zuerst in Linz
niederließ, gab er im Dezember die Sommerwohnung bei Ihren Großeltern
auf. Haben Sie später noch im Verkehr mit ihm und seiner Frau
gestanden?«

»Sie schickten eine Anzeige von der Geburt des kleinen Mädchens,« sagte
Frau Schmid, »das nachher starb. Die Anzeige ließ ich mir von der
Großmutter schenken und habe sie noch. Ich hatte immer das Gefühl, daß
es besondere Menschen wären, und wartete lange darauf, daß sich etwas
Besonderes mit ihnen begeben würde. Daß es so käme, dachte ich freilich
nicht.«

Nachdem noch einige Fragen über die Besuche, die Derugas empfingen, und
über ihren Geldverbrauch gestellt waren, wurde Frau Hauptmann Schmid
entlassen, und ein eleganter Herr von etwa sechsunddreißig Jahren folgte
ihr. Er sah so überaus tadellos aus, daß er an eine Figur aus dem
Modeblatt erinnerte, und auch sein Gesicht hatte einen dementsprechenden
regelmäßigen Zuschnitt; nur war es nicht glatt und rosig, sondern
blaßgrau, müde und etwas eingefallen.

Er machte eine Verbeugung, durch welche er dem Gerichtshof den Respekt
zuteilte, den er jeder staatlichen Einrichtung, wie weit er persönlich
auch darüber stehen mochte, zugestand, und ließ unter anderen
Personalien feststellen, daß er Peter Hase heiße und in München wohnhaft
sei. Dann wurde er aufgefordert mitzuteilen, wie er die Bekanntschaft
des Angeklagten gemacht habe.

»Wir wurden einander im Kavalier-Café, wo er verkehrte, vorgestellt. Es
ist kein Café ersten Ranges, aber ein sehr behagliches Lokal und
ziemlich viel von Künstlern besucht, weil es eigentlich für
Nichtkünstler gegründet wurde. Deruga ist dort sehr bekannt, und ich
hatte öfters von ihm als von einer eigentümlichen Persönlichkeit und
einem guten Gesellschafter sprechen hören, so daß ich mich freute, ihn
kennenzulernen. Er hatte einen bestimmten Platz an einem bestimmten
Tisch, wo sich ein ziemlich gemischter Kreis um ihn zu versammeln
pflegte.«

»Waren Herren aus der Gesellschaft darunter?« fragte der Vorsitzende.

»Sowohl solche wie andere,« antwortete Peter Hase, »hauptsächlich aus
der Bohème.« Er sprach das Wort so unbetont aus, daß es unmöglich
gewesen wäre, herauszufühlen, ob er Verachtung oder Sympathie oder sonst
was für den Begriff empfand. Überhaupt hatte er etwas vollkommen
Beziehungsloses; er schien keine Umwelt als leere, weiße Mauern zu
haben.

»Traten Sie in ein intimeres Verhältnis zu Deruga?« sagte =Dr.=
Zeunemann.

»Das nicht,« sagte Herr Hase, ohne die Zumutung, er könne zu irgend
jemandem in intimere Verhältnisse treten, im allermindesten zu rügen,
»aber er interessierte mich immer, wenn ich ihn sah.«

»Darf ich Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »jetzt den Auftritt zu
schildern, der zwischen Ihnen und Deruga in dem erwähnten Café
stattfand?«

Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Erlauben Sie mir die
Richtigstellung,« begann er, »daß von einem Auftritt zwischen =Dr.=
Deruga und mir insofern nicht die Rede sein kann, als ich mich in keiner
Weise aktiv dabei beteiligt habe. Es hatte damals ein Grubenunglück
stattgefunden, bei welchem eine Anzahl Arbeiter verunglückt waren, und
es wurde für die Hinterbliebenen gesammelt. An jenem Nachmittag kam eine
Dame mit einer Liste für Unterschriften und Beiträge in das Café.«

»Eine Dame?« fragte der Vorsitzende.

»Eine Frau, wenn Sie lieber wollen,« sagte Herr Hase, »sie war sehr
dürftig gekleidet. Sie näherte sich unserem Tisch, und da ich zunächst
saß, gab ich ihr durch eine Handbewegung oder ein Kopfschütteln zu
verstehen, sie solle sich nicht bemühen; denn ich finde Sammlungen jeder
Art in Vergnügungslokalen unpassend. =Dr.= Deruga, der im Besitz
einer außerordentlichen Beobachtungsgabe ist, hatte den kleinen Vorgang
bemerkt und rief die Dame oder Frau, die im Begriffe war weiterzugehen,
zurück. 'Warum kommen Sie nicht zu uns, liebes Kind?' sagte er. 'Kommen
Sie, wir möchten auch etwas zeichnen.' Dann überhäufte er mich mit
Vorwürfen, daß ich die Dame eigenmächtig, ohne die Absicht der
Gesellschaft zu kennen, verscheucht hätte. Um der Sache ein Ende zu
machen, griff ich schnell nach der Liste, zeichnete einen Betrag und gab
sie weiter. Als sie an Deruga kam, überlas er die Einträge und ärgerte
sich, wie ich sofort an seinem Gesicht sehen konnte, über ihre
Geringfügigkeit. 'Sehen Sie, liebes Kind,' sagte er zu der Dame, 'diese
Herren hier sind reich und haben infolgedessen, da sie sich Häuser
bauen, Autos halten und Sekt trinken müssen, kein Geld für
Arbeiterfrauen und Arbeiterkinder übrig, deren es ohnehin zu viele gibt.
Ich dagegen bin arm, sollte mich eigentlich aufhängen und brauche
infolgedessen nur einen Strick, der wenig kostet; daher bin ich in der
Lage, dreihundert Mark zu zeichnen, die ich Sie in meiner hier
angegebenen Wohnung abzuholen bitte. Übrigens können Sie einstweilen als
Pfand diese Nadel hier mitnehmen.' Er zog dabei eine eigentümliche,
augenscheinlich sehr wertvolle Nadel aus seiner Krawatte und händigte
sie der Dame ein, die, ohnehin durch sein Benehmen in Verlegenheit
gesetzt, sich weigerte, sie anzunehmen, aber endlich nachgeben mußte.
Ein paar von den Herren, die =Dr.= Deruga besser kannten als ich,
sagten zu ihm, wenn jeder etwa fünf Mark zeichnete, käme genug zusammen;
es sei doch nicht die Absicht, die hinterbliebenen Arbeiterfrauen
reicher zu machen, als man selbst sei. Er solle Vernunft annehmen und
eine seinen Verhältnissen angemessene Summe geben. Dadurch reizten sie
=Dr.= Deruga noch mehr, er wurde wütend und sprudelte im Zorne
allerlei Äußerungen hervor, die ich natürlich nur ganz ungefähr
wiedergeben könnte.«

Der Vorsitzende bat dies zu tun, soweit es sein Gedächtnis erlaubte.

Herr Hase verbeugte sich zustimmend. »Er sagte also ungefähr so: 'Meine
Verhältnisse? Was wissen Sie von meinen Verhältnissen? In Ihren Augen
bin ich ein armer Teufel, und Sie glauben deshalb sich über mich zu
amüsieren und mich bevormunden zu können. Sie sehen eine Art Hofnarren
in mir, der dazu da ist, Sie zu unterhalten, übrigens aber keine
Ansprüche zu stellen hat. Ich könnte ebenso wie Sie eine reiche Frau
heiraten und wäre dann in denselben Verhältnissen wie Sie. Übrigens habe
ich das nicht einmal nötig, denn ich kann jederzeit über das Vermögen
meiner geschiedenen Frau verfügen. Nach ihrem Tode werde ich ein reicher
Mann und wahrscheinlich ebenso geizig und habgierig wie Sie jetzt; also
nehmen Sie mein Geld, solange ich noch arm bin, liebes Kind!' Ich bitte
übrigens nochmals zu bedenken,« setzte Herr Hase hinzu, »daß ich
erzähle, was die Erinnerung mir aufbewahrt hat oder mir vorspiegelt. Das
beste wird sein, wenn Sie =Dr.= Deruga selbst befragen, ob er die
von mir wiedergegebenen Worte als die seinigen anerkennt.«

Der Vorsitzende hatte kaum den Kopf nach Deruga gewendet, als dieser
vergnügt ausrief: »Vorzüglich war die ganze Schilderung und eines so
ausgezeichneten Schriftstellers würdig. Ich mache einen viel besseren
Eindruck darin, als ich für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlich habe
ich alles das gesagt, nur hat Herr Hase, anständig wie er ist, alle die
Beschimpfungen weggelassen, die ich ihm persönlich an den Kopf geworfen
habe, über seine Herzlosigkeit, Verlogenheit, Nichtigkeit und so
weiter.«

»Ich habe weggelassen, was nicht unbedingt zur Sache gehört,« sagte
Herr Hase gegen den Präsidenten gewendet, »allerdings hätte ich seine
Ausfälle gegen mich vielleicht nicht ganz unterdrücken sollen, weil
daraus deutlich wird, wie sehr er im Augenblick der Erregung unter der
Herrschaft seines Temperaments steht, und man nur sehr bedingterweise
Schlüsse aus den Äußerungen ziehen darf, die er in solchen Augenblicken
tut.«

»Ich bitte um die Erlaubnis,« sagte Justizrat Fein, aufstehend, »dieser
sehr richtigen Bemerkung des Zeugen eine ähnliche hinzuzufügen. Das
Ergebnis der eben vernommenen Aussage ist hauptsächlich, daß man Deruga
überhaupt nicht zu ernst nehmen darf. Man muß in Italien gewesen sein
und die Italiener kennen, um ihn richtig zu beurteilen. Seine Reden
erinnern zuweilen an das Pathos, mit dem ein italienischer Quacksalber
auf dem Markte seine Hühneraugenpflaster anpreist: 'Meine Damen und
Herren, und wenn Ihr leiblicher Bruder hier stünde, er könnte Sie nicht
ehrlicher bedienen, als ich es tue. Nicht um meinetwillen, um
Ihretwillen stehe ich hier, denn was bedeuten die paar Pfennige, die
Sie mir geben, gegen das, was ich Ihnen verschaffe, ein schmerzloses
Dasein, einen sieghaften Gang, die Gunst der Frauen, die Bewunderung der
Männer!'«

Während im Publikum gelacht wurde, legte =Dr.= Zeunemann seine
Stirn in leichte Falten und sagte: »Man darf immerhin nicht vergessen,
daß die Italiener als schlaue Leute von ihren nationalen
Eigentümlichkeiten sehr guten Gebrauch zu machen wissen, und daß, wer
häufig Masken trägt, deshalb doch ein Gesicht hat, wenn auch mitunter
schwer zu entscheiden sein mag, welches das echte ist. Ich will aber
jetzt nicht Philosophie treiben, sondern Tatsachen feststellen, und da
möchte ich darauf hinweisen, daß uns von dem Angeklagten noch ähnliche
Aussprüche bekannt geworden sind, die er in vollständigem seelischem
Gleichgewicht machte. Ferner möchte ich wissen, ob der Angeklagte damals
die gezeichnete Summe gezahlt hat?«

Herr Hase bedauerte, darüber keine Auskunft geben zu können. Auf der
vordersten Reihe der Geschworenensitze erhob sich Kommerzienrat Winkler
und sagte: »Die gewünschte Auskunft gibt uns vielleicht die Nadel in der
Krawatte des Angeklagten. Es dürfte die verpfändete sein, die er also
augenscheinlich ausgelöst hat!«

Deruga bestätigte, daß es die Nadel sei, die er gegen Bezahlung der
genannten Summe zurückerhalten habe, zog sie heraus und bot sie zur
Besichtigung an.

»Haben Sie denn wirklich die dreihundert Mark gegeben?« fragte der
Justizrat Fein. »Wie hatten Sie denn gleich soviel Geld übrig?« Deruga
zuckte etwas ungeduldig die Schultern. »Glauben Sie denn,« sagte er,
»ich hätte mir nicht jeden Augenblick dreihundert Mark verschaffen
können? Ich brauchte mir zum Beispiel nur einen Vorschuß vom
italienischen Konsulat geben zu lassen für Übersetzungen, Untersuchungen
oder dergleichen. Deruga hat Gehirn im Schädel und keine Kartoffeln.«

Inzwischen hatte der Vorsitzende die Nadel betrachtet und fragte Herrn
Hase, ob es dieselbe sei, die der Angeklagte an jenem Abend als Pfand
gegeben habe, was Peter Hase, nachdem er einen diskreten Blick darauf
geworfen hatte, bejahte.

»Es ist ein auffallend schönes Stück,« sagte =Dr.= Zeunemann, in
den Anblick der Nadel versunken, die einen Mohrenkopf mit Turban
darstellte; der Kopf bestand aus einer schwarzen, der Turban aus einer
weißen Perle, und der letztere war reich mit Rubinen und Smaragden
besetzt.

»Ein Geschenk meiner verstorbenen Frau,« sagte Deruga, indem er die
Nadel wieder in Empfang nahm. »Sie meinte, sie sei wie gemacht für einen
Othello wie mich.«

Nach diesem Zwischenfall fragte der Vorsitzende den Zeugen, ob er noch
irgend etwas hinzuzufügen habe. Über Herrn Hases unbewegliches Gesicht
ging zum ersten Male ein schwaches Erröten; seine Aufmerksamkeit war
nämlich durch die Baronin Truschkowitz abgelenkt worden, die, in der
ersten Reihe der Zuschauer sitzend, sich weit vorgebeugt und die von dem
Präsidenten gehaltene Nadel mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit
betrachtet hatte. Angeredet, drehte er sich erschreckt um und sagte,
daß er nichts mehr zur Sache mitzuteilen wisse, aber bereit sei, auf
fernere Fragen zu antworten.

Peter Hase verließ nach Schluß der Sitzung das Gerichtsgebäude nicht,
sondern wartete auf =Dr.= Zeunemann, stellte sich ihm vor und bat, ein
paar Fragen an ihn richten zu dürfen, worauf der Oberlandesgerichtsrat
ihn in sein Zimmer mitnahm. Hauptsächlich wünschte Herr Hase zu wissen,
welche Strafe den Angeklagten etwa treffen könnte, falls er wider
Erwarten verurteilt würde.

»Ja, sehen Sie, Verehrtester,« antwortete =Dr.= Zeunemann, während
er seinen Talar mit dem Gehrock vertauschte, »bis jetzt geht die Anklage
nur auf Totschlag, und dabei würde er mit ein paar Jahren Zuchthaus
davonkommen. Aber unser Staatsanwalt sieht es eigentlich als Mord an,
und wenn noch irgendein dahinzielendes Indizium auftaucht, kann die
Geschichte bedenklich werden. Wenn zum Beispiel festgestellt würde, daß
der Mann mit dem Inhalt des Testaments bekannt war, ja, dann würde die
Meinung des Staatsanwalts wahrscheinlich durchdringen, und in dem Falle
würden wir auch sofort, so leid es mir tut, zur Verhaftung schreiten
müssen.«

»Darf ich fragen,« erkundigte sich Herr Hase, »wie Sie persönlich die
Sache beurteilen?«

»Ich bin zu sehr Psychologe,« sagte =Dr.= Zeunemann, »um nicht
einen gewissen Anteil an problematischen Charakteren zu nehmen. Was für
eine Grundfarbe dieses Chamäleon eigentlich hat, darüber bin ich, um die
Wahrheit zu sagen, noch nicht ins klare gekommen.«

»Warum sollte er überhaupt eine Grundfarbe haben?« sagte Herr Hase
verhältnismäßig lebhaft. »Der schimmernde Wechsel ist die Natur dieses
fabelhaften Geschöpfes. Ich habe eine große Sympathie für Chamäleons,«
fügte er nach einer Pause hinzu.

»Ich verstehe, ich verstehe,« erwiderte =Dr.= Zeunemann, »schön,
aber schlüpfrig. Die ästhetische Betrachtungsweise ist sehr verschieden
von der moralischen und diese nicht immer identisch mit der
juristischen.«

Er war im Begriff, einen breitrandigen Filzhut vom Gestell zu nehmen,
als es klopfte und auf sein unwirsches Herein die Baronin Truschkowitz
auf der Schwelle erschien, der der Staatsanwalt die Tür öffnete.

»Lieber Präsident,« sagte sie rasch, indem sie ihm ihre in einem weißen,
festanliegenden Lederhandschuh steckende Hand reichte, »ich weiß, daß es
im höchsten Grade zudringlich ist, Sie in Ihrem Heiligtum und noch dazu
um diese Zeit zu überfallen, aber Sie sind zu ritterlich, um mich
hinauszuwerfen, und ich bin zu unedel, um Ihre Höflichkeit nicht
auszunutzen.«

=Dr.= Zeunemann stieß einen komischen Seufzer aus. »Machen Sie es
wenigstens kurz, Frau Baronin,« sagte er.

Sie lachte ein helles, jugendliches Lachen, in dem ein girrender Ton
war, der etwas Verführerisches hatte. »Ich mache es schon kurz,« sagte
sie, »wenn nur Sie, Herr Präsident, es nicht in die Länge ziehen. Es
betrifft die Nadel, die Sie heute in der Hand hatten und jenem Menschen
zurückgaben. Ich erkannte sie sofort wieder als ein Erbstück meiner
Urgroßmutter, das heißt, meiner und meiner verstorbenen Kusine
Urgroßmutter. Es ist mir unleidlich, dies kostbare Andenken in den
Händen jenes Menschen zu wissen, und ich möchte Sie bitten zu bewirken,
daß sie mir eingehändigt wird.«

»Ihnen, Frau Baronin,« sagte =Dr.= Zeunemann erstaunt, »ja, gehört
sie denn Ihnen?«

»Natürlich,« sagte die Baronin, »ich bin bekanntlich die nächste
Verwandte der Verstorbenen.«

=Dr.= Zeunemann war so betroffen, daß er sich unwillkürlich setzte,
nicht ohne auch der Baronin durch eine Gebärde einen Stuhl anzubieten.
»Aber die Nadel gehörte ja gar nicht Ihrer Kusine,« sagte er, »sie hatte
für gut befunden, sie zu verschenken.«

»Leider,« sagte die Baronin, »aber hernach hat sie sich scheiden lassen,
und in solcher Lage geben sich anständige Menschen ihre Geschenke
zurück. Außerdem hat er sie doch umgebracht! Da kann man ihn doch nicht
ihre Nadel tragen lassen.«

Die ratlosen Blicke, die der Oberlandesgerichtsrat mit dem Staatsanwalt
wechselte, brachten sie durchaus nicht aus der Fassung. »Nun?« fragte
sie mit einem energisch aufmunternden Nicken. »Sie sehen, daß Sie es
sind, der die Sache in die Länge zieht.«

»Da Sie mir befehlen kurz zu sein,« sagte =Dr.= Zeunemann, der sich
inzwischen gesammelt hatte, »so sage ich Ihnen rund heraus, daß Ihr
Wunsch unerfüllbar ist. Selbst wenn =Dr.= Deruga verurteilt würde,
könnten wir ihm nicht nehmen, was ihm gehört; aber noch ist er nicht
verurteilt und hat einstweilen Ihre verstorbene Frau Kusine so wenig
umgebracht wie -- verzeihen Sie -- wie Sie und ich.«

»Herr Präsident,« rief die Dame mit einem vorwurfsvollen Blick ihrer
graublauen Augen aus, »verlieren denn wirklich gerade die
Rechtsgelehrten allen Sinn für das natürliche und menschliche Recht?«

»Ihr Recht wird Ihnen werden, Frau Baronin,« beeilte sich jetzt der
Staatsanwalt zu versichern. »Ich bin überzeugt, daß, wenn es unserer
Einsicht und Arbeit nicht gelingen sollte, die Vorsehung selbst die
Wahrheit ans Licht bringen wird.«

»Und die Nadel?« fragte die Baronin. »Ich sammle solche Sachen, und das
schönste Stück, auf das ich Erbansprüche habe, soll in den Händen eines
solchen Menschen bleiben?«

»Dafür machen Sie Ihre Urgroßmutter, aber nicht uns verantwortlich,«
sagte =Dr.= Zeunemann lachend, indem er aufstand und wieder nach
seinem Hute griff.

»Sie sind ein steinharter, gepanzerter, undurchdringlicher Jurist,«
schmollte die Baronin.

»Aber ein weicher, für die Reize schöner Damen sehr empfänglicher
Mensch,« fügte =Dr.= Zeunemann versöhnlich hinzu.

Als sie alle zusammen aufbrachen, bat die Baronin, mit Peter Hase
bekannt gemacht zu werden. »Sie sind mir kein Fremder,« sagte sie
liebenswürdig zu ihm, »da ich Ihre Bücher kenne und bewundere. Es
tröstet mich über den abscheulichen Prozeß, daß ich ihm eine so
wertvolle Begegnung verdanke.«

Sie forderte ihn auf, sie und ihren Mann im Hotel zu besuchen, falls er
noch einige Zeit hierbleibe, und als sie ihren Wagen warten sah,
verabschiedete sie sich von den beiden anderen Herren, indem sie
lächelnd sagte: »Ich bekomme die Nadel doch noch, das weissagt mir mein
Gefühl.«

Die Herren gingen noch ein paar Schritte miteinander. »Wie reizend und
anziehend,« sagte =Dr.= Zeunemann, »ist doch der gänzliche Mangel
an Logik und Objektivität an Frauen. Wenigstens für uns Männer.«

»Und ihre Grausamkeit!« setzte Herr Hase anerkennend hinzu.

»Ich halte sie mehr für gedankenlos,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Wie
alt schätzen Sie übrigens diese Frau? Sie hat eine erwachsene Tochter,
da muß sie doch schon zweiundvierzig Jahre alt sein.«

»Eher älter,« sagte Peter Hase, »sie ist sehr gepflegt und sehr
geschickt angezogen.«

»Natürlich, natürlich,« sagte =Dr.= Zeunemann, »keine Arbeit, keine
Sorgen, das erhält jung.«

Auch den Kommerzienrat Winkler beschäftigte die Baronin Truschkowitz,
und er suchte eine Gelegenheit, =Dr.= Bernburger ein wenig nach ihr
auszufragen. »Sie hat Charme, Schick, Grazie,« sagte er zu ihm, »aber
gefährlich viel Temperament.«

»Dazu bin ich ja da, um das zu kontrollieren,« sagte =Dr.=
Bernburger.

»Ich habe beobachtet,« fuhr der Kommerzienrat fort, »daß sie es
vermeidet, Deruga anzusehen, obschon sie sonst scharf aufpaßt. Sie setzt
sich so, daß er nicht in ihr Gesichtsfeld kommt. Haben früher
irgendwelche Beziehungen zwischen ihnen stattgefunden?«

»Sie kennt ihn gar nicht,« sagte =Dr.= Bernburger, »aber sie hat
ihn von jeher gehaßt.«

»Also blinde Voreingenommenheit?« meinte Herr Winkler.

»Nun ja,« sagte =Dr.= Bernburger, »aber das macht ihn nicht
besser.«

Der Kommerzienrat lachte. »Wie verhält sich denn ihr Mann dazu?« fragte
er.

»O, er gibt ihr den Arm und ist neben ihr,« sagte =Dr.= Bernburger.
Ȇbrigens ist er ein feiner Mensch. Selbst seine Dummheit hat etwas an
sich, daß man unwillkürlich den Hut vor ihr abnimmt.«

»Dumm sein, mit der Frau!« sagte der Kommerzienrat, »na, ich
gratuliere!«

»Da können Sie sich täuschen,« entgegnete der Anwalt. »Ob sie Respekt
vor ihm oder Grundsätze hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist sie eine
kalte Kokette.«

Der Kommerzienrat schüttelte sich. »Das wäre nichts für mich,« sagte er.
»Ich glaube, da möchte ich noch lieber betrogen werden.«



=V.=


Der Präsident eröffnete die Sitzung mit den Worten, daß die nächsten
Zeugenverhöre sich mit der letzten Lebenszeit der verstorbenen Frau
Swieter beschäftigen würden, und daß er hoffe, es würde von dieser Seite
aus mehr Licht auf die noch nicht völlig aufgeklärten Vorgänge fallen.
Man sei bis jetzt davon ausgegangen, daß der Angeklagte von dem Inhalt
des Testaments keine Kenntnis gehabt habe. Die einzige Person, die darum
gewußt habe, sei die nächste Freundin der Verstorbenen, Fräulein
Kunigunde Schwertfeger. Es sei nicht unmöglich, daß durch deren Aussage,
falls sie nämlich die bisher beobachtete Zurückhaltung aufgäbe, das Bild
erheblich verändert würde.

Es war für jedermann sichtbar, daß es Fräulein Schwertfeger
Selbstüberwindung kostete, den Saal zu betreten. Sie war einfach und
nicht nach der Mode gekleidet, eine unauffällige Erscheinung, die nur,
wenn man sie eingehend betrachtete, Besonderheit und Reiz verriet.
Beides fand man dann reichlich in den fast zu großen, offenen, grauen
Augen, in der zu kurzen Nase, in dem kleinen, stets etwas geöffneten
Munde und in dem Mienenspiel, das das ohnehin unregelmäßige Gesicht
beständig bewegte. Wahrscheinlich, weil sie sich einer kindlichen
Unfähigkeit zur Verstellung und einer Neigung unbedacht herauszuplaudern
bewußt war, wappnete sie sich unter Fremden gern mit Vorsicht und
Verschwiegenheit, was ihr, verbunden mit der Scheu vor der
Öffentlichkeit, den Ausdruck eines kleinen Tieres im Käfig gab, das
gewohnt ist, geneckt zu werden und sich zur Wehr setzen zu müssen.

Nachdem =Dr.= Zeunemann ihr den Eid abgenommen hatte, forderte er
sie auf, das zur Aufklärung des Falles Dienliche ohne Vorbehalt zu
sagen. Es gebe Leute, fügte er hinzu, die sich für wahrheitsliebend
hielten und doch unter Umständen ein Verschweigen, eine Lüge für
erlaubt, ja sogar für verdienstlich ansähen. »Gehören Sie zu denen?«
fragte er.

Sie zögerte einen Augenblick und sagte dann, indem sie die großen Augen
fest auf ihn richtete: »Ja, das tue ich.«

Ihre kleinen, verarbeiteten und nicht schön geformten Hände schlangen
sich dabei fest ineinander.

»Das sind ja gute Aussichten,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Haben Sie,
wenn ich fragen darf, von vornherein die Absicht, uns die Wahrheit nur
in Auszügen und Bearbeitungen zuzuteilen?«

Sie schüttelte den Kopf und lächelte, ein lustiges Lächeln, das im Nu
ihr ganzes Gesicht überrieselte. »Nein, nein,« sagte sie treuherzig,
»ich habe die Absicht, die Fragen, die Sie an mich richten werden, nach
bestem Wissen und Vermögen wahrheitsgemäß zu beantworten. Es ist ja
nicht gesagt, daß die vorhin erwähnten Umstände hier vorliegen.«

»Nun das ist brav,« sagte der Vorsitzende. »An die schweren Folgen eines
Meineides brauche ich Sie wohl nicht zu erinnern. Nur das will ich
sagen, daß wir kurzsichtigen Menschen allemal am besten tun, jede Lüge
schlechthin für Lüge, im häßlichsten und abscheulichsten Sinne,
anzusehen und uns an die Wahrheit zu halten. Die Folgen liegen in Gottes
Hand. Jene Sophismen oder Trugschlüsse, die uns eine Lüge für geboten
erscheinen lassen wollen, können gefährliche Irrlichter sein.«

Fräulein Schwertfeger nickte ernsthaft.

»Wollen Sie uns und den Herren Geschworenen zunächst ausführlich
erzählen, was Sie von der Entstehung des Testamentes der verstorbenen
Frau Swieter wissen! Da Sie von früher Jugend an miteinander befreundet
waren, wird sie vor der Aufsetzung des Testamentes mit Ihnen davon
gesprochen, vielleicht Sie um Ihren Rat gefragt haben?«

»O nein,« antwortete Fräulein Schwertfeger schnell, »sie sagte wohl
immer: 'Was meinst du dazu, Gundel? Soll ich das tun, Gundel?' Aber das
war nur eine Form der Höflichkeit oder Herzlichkeit. In wichtigen Dingen
beanspruchte sie nie Rat und hätte ihn nie angenommen.«

»Um Rat also hat sie nicht gefragt?« sagte =Dr.= Zeunemann. »Aber
die Beweggründe ihres Willens wird sie doch angegeben haben?«

»Ja, das hat sie getan,« antwortete Fräulein Schwertfeger.

»Die Verstorbene war schon seit acht Jahren krebsleidend,« sagte
=Dr.= Zeunemann. »Hat ihr das nicht schon früher, bevor sie das
Testament aufsetzte, Anlaß gegeben, über ihre letztwilligen Verfügungen
zu sprechen?«

»Mit mir nie,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Und ich glaube, überhaupt
nicht. Die Ärzte suchten sie doch immer über den wahren Charakter ihres
Leidens zu täuschen, und sie kam ihnen darin entgegen, erstens, weil ihr
überhaupt leicht etwas weiszumachen war, und dann, weil sie in diesem
Falle das Bedürfnis hatte, getäuscht zu werden. Sie wollte leben und
hoffen. Dazu kommt, daß sie sich nach einer Operation immer wieder
vollkommen gesund fühlte.«

»Wie kam es denn,« sagte =Dr.= Zeunemann, »daß sie doch zuletzt an
das Testament dachte?«

»Nun, das ist klar,« sagte Fräulein Schwertfeger, »weil es damals
wirklich dem Ende zuging und sie das fühlte. Als ihr vor einem Jahre der
schreckliche Anfall kam, nach welchem sie nicht wieder aufgestanden ist,
war sie sehr betroffen und wußte, daß sie nicht wieder gesund werden
würde. Sie sprach es nicht aus, aber ich fühlte oft, daß sie es dachte.«

Aufgefordert, den Vorgang ausführlich zu schildern, erzählte Fräulein
Schwertfeger:

»Eines Nachmittags, da ich sie wie gewöhnlich besuchte, empfing sie mich
mit den Worten, ich käme im rechten Augenblick. Sie habe eben
beschlossen, ihr Testament zu machen, und ich müsse ihr dabei behilflich
sein. Wenn sie wieder gesund würde, so mache es ja nichts, aber sie
müsse doch auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß sie diesmal
nicht davonkäme, und ohnehin sei es leichtfertig von ihr, so alt wie sie
sei, es noch nicht getan zu haben. Es wäre doch zu sinnlos, wenn die
Verwandten ihr Geld bekämen, die ihr fast ganz fremd und die außerdem
reich wären. Ich sagte, sterben würde sie noch lange nicht. Ich sähe sie
schon im Geiste vor mir, frisch und stark und leichtfüßig wie früher.
Darauf antwortete sie nichts, aber in ihren Augen sah ich, was sie
dachte, und sie las wohl dasselbe in meinen.«

»War sie aufgeregt?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger, indem sie mit einer heldenmütigen
Anstrengung die bei der Erinnerung aufsteigenden Tränen verschluckte,
»nicht besonders, nur im Anfang zitterte die Stimme ein wenig. Dann
sagte ich, daß ich nicht gern mit Testamenten und solchen Sachen zu tun
hätte, besonders wenn es sie anginge. Aber sie hätte ganz recht. Wenn
man Vermögen besäße, müsse man ein Testament machen, und sie hätte es
schon längst tun sollen. Was sie denn mit ihrem Gelde vorhätte, wenn
ihre Verwandten es nicht bekommen sollten? Sie wurde darauf sehr
verlegen und machte eine lange Vorrede, ich würde gewiß erstaunt sein
und sie auslachen und sie schelten, bis sie mir endlich sagte, daß sie
=Dr.= Deruga zu ihrem Erben einsetzen wollte.«

»Bitte, einen Augenblick,« unterbrach =Dr.= Zeunemann. »Ihre
Freundin setzte voraus, daß der Entschluß Sie überraschen würde. Hatte
sie früher einmal andere Pläne geäußert? Wenn man Sie vorher nach den
Absichten Ihrer Freundin gefragt hätte, hätten Sie gar keine Ahnung oder
Meinung gehabt?«

»Doch, das hätte ich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Ich hatte immer
geglaubt, sie würde eine Stiftung für arme Kinder machen, zum Andenken
an ihr eigenes verstorbenes Kind, und weil sie überhaupt Kinder so sehr
liebte. Sie pflegte zu sagen, schlecht ernährte, traurige Kinder wären
ein Schandfleck der Gesellschaft. Sie ging darin so weit, daß sie jedes
Kind, das sie zufällig schreien hörte, für ein mißhandeltes hielt. Ich
sagte oft zu ihr, um sie zu trösten: 'Weißt du, das ist wirklich ein
eigensinniger Balg.' Aber im Grunde glaubte sie mir nicht. Wir hatten
auch von Einrichtungen gesprochen, die man zugunsten armer Kinder machen
könnte.«

»Erinnerten Sie sie denn nicht daran?« fragte =Dr.= Zeunemann,
»oder hielt sie es nicht von selbst für nötig, ihre Sinnesänderung zu
erklären?«

»Sie sagte, sie hätte bei Stiftungen immer den Verdacht, das Geld käme
gar nicht denen zugute, für die man es bestimmt hätte.«

Fräulein Schwertfeger stockte, nachdem sie dies erklärt hatte, und war
augenscheinlich ungewiß, ob sie noch was hinzufügen müsse oder
fortfahren dürfe.

»Und irgendeinen Weg, diese Gefahr zu vermeiden, hatte ihre Freundin nie
ins Auge gefaßt?« ermunterte der Vorsitzende.

Das Fräulein faßte nach kurzem Kampfe augenscheinlich Mut und sagte:

»Sie hatte die Absicht gehabt, ihr Vermögen mir zu vermachen, sowohl,
damit ich mein Leben bequemer einrichten könnte -- meine Freundin stellte
sich das Leben einer Zeichenlehrerin nämlich sehr mühsam vor -- und dann,
weil sie wußte, ich würde in ihrem Sinne damit für arme Kinder wirken.«

»Ja so!« sagte =Dr.= Zeunemann, »Ihnen hatte sie ihr Vermögen
vermachen wollen. Das ist doch aber keine Kleinigkeit, wenn man in einer
solchen Sache plötzlich umschwenkt. Das muß sie Ihnen doch erklärt und
entschuldigt haben?«

Fräulein Schwertfeger machte ein stolz abwehrendes Gesicht. »Das mußte
sie gar nicht,« sagte sie, »wir waren doch befreundet. Allerdings
bedrückte es sie, und sie wollte mir weitläufig auseinandersetzen, warum
sie so handelte. Sie hätte einmal gehört, daß es =Dr.= Deruga
schlecht ginge, und daß er sehr heruntergekommen wäre, und daran müsse
sie fortwährend denken. Er sei der Vater ihres geliebten Kindes und
hätte sie liebgehabt, und sie könne sich noch immer nicht von dem
Gedanken entwöhnen, daß, was ihr gehöre, eigentlich auch sein sei. Kurz,
sie würde nicht ruhig sterben können, wenn sie ihn nicht durch ihr
Vermögen vor Not geschützt wisse. Natürlich ließ ich sie gar nicht
ausreden, sondern tröstete sie und versicherte sie, daß das Geld mich
nur in Verlegenheit setzen würde, weil ich denken würde, ich müsse es
irgendwie ausgeben und wisse nicht wie, und daß ich mein Leben nicht
anders einrichten möchte, weil ich es einmal so gewöhnt wäre und ich
mich wohl dabei fühlte. Das Geld würde mich nur an ihren Verlust
erinnern und mir dadurch verhaßt werden.«

»Es ist doch aber sonderbar,« sagte der Vorsitzende, »daß Ihre Freundin
Ihnen nicht wenigstens ein Legat ausgesetzt hat wie ihrem
Dienstmädchen.«

»Das unterließ sie auf meinen Wunsch,« sagte Fräulein Schwertfeger kurz.

»Ich bitte einen Augenblick ums Wort,« schaltete plötzlich der
Staatsanwalt ein. »Nach der Darstellung der Zeugin hatte ich den
Eindruck, als habe die von ihr mitgeteilte Unterredung, der sich die
Abfassung des Testamentes anschloß, gleich nach der letzten, schweren
Erkrankung ihrer Freundin, also im März oder April, stattgefunden.
Dagegen ist das vorliegende Testament vom 19. September, also vierzehn
Tage vor dem Tode derselben, datiert.«

Fräulein Schwertfeger entgegnete nichts, sondern warf nur einen langen,
feindseligen Blick auf den Fragesteller, wie auf einen unberufenerweise
sich Einmischenden, und sah dann wieder den Vorsitzenden an.

»Wollen Sie uns darüber aufklären, mein Fräulein,« bat dieser
freundlich.

»Meine Freundin schrieb das Testament zuerst im Frühling,« sagte
Fräulein Schwertfeger, »und am 19. September schrieb sie es noch einmal
ab.«

»Es blieb also unverändert?« fragte der Vorsitzende.

»Meine Freundin erhöhte die Summe, die sie der Ursula, ihrem
Dienstmädchen, ausgesetzt hatte,« sagte Fräulein Schwertfeger.

»Vermutlich,« sagte =Dr.= Zeunemann, »hatte das Mädchen sie während
ihrer schweren Krankheit so gut verpflegt, daß sie ihre Dankbarkeit mehr
zum Ausdruck bringen wollte.«

Fräulein Schwertfeger nickte und sah den Vorsitzenden herzlich an.
»Dafür,« setzte sie hinzu, »fiel jetzt auf meinen Wunsch das Legat fort,
das in der ersten Fassung mir ausgesetzt war.«

»Wenn es so weiter geht, wird unvermerkt noch ein ganz neues Testament
aus der unveränderten Abschrift,« bemerkte der Staatsanwalt mit
diabolischem Kichern.

»Sie hatten also anfänglich nichts gegen das Legat einzuwenden gehabt,«
sagte der Vorsitzende. »Aus welchem Grunde lehnten Sie es jetzt ab? Es
war doch nichts zwischen Sie und Ihre Freundin getreten?«

»O nein, nein,« beteuerte Fräulein Schwertfeger lebhaft. »Ich gab nur
damals nach, um sie nicht aufzuregen; aber ich beschloß von Anfang an,
das Legat gelegentlich rückgängig zu machen, weil es mir nicht paßte.«
Da sie das spöttisch-ungläubige Lächeln des Staatsanwalts bemerkte, warf
sie mit einer kleinen, trotzigen Gebärde den Kopf zurück und preßte die
Lippen zusammen.

Nach einer Pause nahm der Vorsitzende das Verhör wieder auf, indem er
fragte: »Ist die Verstorbene in der Folge, ich meine nach der ersten
Abfassung, noch öfters auf das Testament zurückgekommen?«

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger entschieden. »Es war kein
angenehmer Gesprächsgegenstand für uns beide.«

Der Staatsanwalt lachte hörbar, als wolle er sagen, es scheine auch
jetzt keiner für sie zu sein, worauf sie einen vernichtenden Blick nach
der Richtung seines Platzes warf.

»Hat Frau Swieter Ihnen nie erzählt oder Andeutungen gemacht,« fragte
der Vorsitzende mit freundlicher Dringlichkeit, »ob irgendein besonderer
Anlaß vorlag, der sie bewog, ihr Testament zugunsten des Angeklagten zu
machen? Sie sprach, wie Sie erzählten, davon, daß es ihm schlecht ginge,
daß er heruntergekommen sei. Wie war ihr das zu Ohren gekommen? Hatten
sich vielleicht Gläubiger von ihm an sie gewendet? Oder sollte er selbst
sie um Geld angegangen haben?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger, »aber ich glaube es
nicht, weil sie es mir gewiß erzählt haben würde. Sie hätte mir dadurch
ihr Testament ja viel leichter erklären können. Daß es Herrn =Dr.=
Deruga nicht gut ging, wußte sie schon lange; es gibt unzählige Wege,
auf denen einem solche Gerüchte zu Ohren kommen.«

»Sprach Ihre Freundin zuweilen mit Ihnen über den Angeklagten?« fragte
=Dr.= Zeunemann.

»Nein, fast nie,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie glaubte, daß ich
kein Verständnis für ihn hätte.«

»Also,« fiel der Staatsanwalt ein, »konnten sehr wohl Beziehungen
zwischen Ihrer Freundin und ihrem geschiedenen Gatten bestehen, ohne daß
Sie Kenntnis davon hatten.«

Fräulein Schwertfeger warf den Kopf zurück und kräuselte verächtlich
ihre kurze Oberlippe.

»Es soll selbstverständlich nichts Nachteiliges über Ihre Freundin
geäußert werden,« sagte der Vorsitzende vermittelnd. »Immerhin könnte
sie Ihnen etwas verschwiegen haben, um nicht ein tadelndes Urteil von
Ihnen hören zu müssen.«

»Möglich wäre das,« sagte Fräulein Schwertfeger, »aber sehr
unwahrscheinlich. Es liegt jedenfalls kein Grund vor, so etwas
anzunehmen. Ihr Vermögen vermachte sie ihm einfach, weil er der Vater
ihres Kindes war und sie, ihrer Meinung nach, geliebt hatte. Ich
erinnere mich, daß sie früher einmal sagte, die Ehe wäre ihrem Wesen
nach unauflöslich, wenn sie durch Kinder befestigt wäre, und als jemand
widersprach, sagte sie, vielleicht wäre das nicht allgemein gültig, aber
sie hätte die Erfahrung an sich gemacht. Meine Freundin war ihrer
anschmiegenden Natur nach nicht geeignet, alleinzustehen, und vielleicht
hatte sie sich unbewußt diese Theorie gebildet, um sich wenigstens
seelisch noch gebunden zu fühlen.«

»Wenn ich Sie nicht schon über Gebühr angestrengt habe,« sagte
=Dr.= Zeunemann höflich, »möchte ich Sie bitten, uns zu erklären,
wie es kommt, daß Sie und Frau Swieter, so vertraut sie miteinander
waren, in der Beurteilung des Angeklagten so sehr voneinander abwichen.«

Fräulein Schwertfeger lachte ein wenig. »Warum ein Mensch einen anderen
liebt, versteht der Dritte selten. Außerdem kann man wohl selbst einem
Menschen das Unrecht verzeihen, das er einem getan hat; die Freunde
aber werden am wenigsten dazu geneigt sein.«

»Danach sind Sie der Meinung,« sagte der Vorsitzende, »daß der
Angeklagte an dem ehelichen Zerwürfnis schuld war?«

»Er quälte sie durch sein launisches, maßloses Wesen,« sagte Fräulein
Schwertfeger mit Zurückhaltung.

»Trotzdem, und da Frau Swieter seinerzeit selbst auf der Scheidung
bestand,« sagte der Vorsitzende, »scheint es, daß sie fortfuhr, an ihrem
geschiedenen Manne zu hängen. Können Sie, als ihre Freundin, uns
vielleicht zum Verstehen dieses Widerspruches helfen?«

Fräulein Schwertfeger dachte eine Weile nach und sagte dann:

»Widersprüche gibt es in jedem einzelnen Menschen und um so mehr in den
Beziehungen zwischen zweien. Als meine Freundin noch verheiratet war,
schenkte sie ihrem Manne einmal ein Buch zum Geburtstage; und als er
eine Widmung darin haben wollte, schrieb sie auf das erste Blatt:

    'Deruga, du bist eben
    So schön als wunderlich.
    Man kann nicht ohne dich
    Und auch nicht mit dir leben.'

Es ist ein Epigramm, das Lessing auf eine gewisse Klothilde gemacht
hat.«

Die Zuhörer lachten, aber =Dr.= Zeunemann blieb ganz ernst. »Noch
mit einer Frage möchte ich Sie belästigen,« sagte er. »Frau Swieter soll
außerordentlich furchtsam gewesen sein. Die Furcht vor dem hitzigen
Temperament ihres Gatten soll sie mit zur Scheidung bewogen haben.
Glauben Sie, daß sie sich auch nach der Scheidung noch vor ihm
gefürchtet hat?«

»O nein, vor Deruga nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger mit Überzeugung.
»Vor ein paar Jahren las sie einmal in der Zeitung, daß ein Mann seiner
von ihm geschiedenen Frau aufgelauert und sie erstochen habe. Mit Bezug
darauf sagte sie, das käme häufig vor, und Frauen, die sich von ihren
Männern trennen wollten oder getrennt hätten, müßten eigentlich
irgendwie geschützt werden. Ich sagte, sie solle doch die dummen
Zeitungen nicht lesen, die Hälfte von allem, was darin stünde, wäre
erlogen. Da lachte sie und sagte, ich meinte wohl, sie fürchtete sich?
Und dann erklärte sie mir, Deruga sei zwar bei den kleinen Reibungen,
die im Zusammenleben unvermeidlich wären, maßlos heftig gewesen und auch
nicht frei von Rachsucht, aber von langer Dauer sei das nie gewesen, und
sie sei gewiß, daß er gegen sie keinen Groll hege. Daher weiß ich
bestimmt, daß sie keinerlei Furcht vor ihm hatte. Im allgemeinen
allerdings war sie sehr furchtsam und bevorzugte zum Beispiel zum Wohnen
den dritten Stock, weil sie da vor Einbrechern am geschütztesten zu sein
glaubte. Sie fürchtete sich auch sehr vor dem Tode, obwohl sie ihn
andererseits als eine Wiedervereinigung mit ihrem Kinde ersehnte.«

»Vermutlich fürchtete sie nicht den Tod, sondern das Sterben,« sagte der
Vorsitzende, »das sie sich als qualvoll vorstellte.«

»Ja,« stimmte Fräulein Schwertfeger zu, »sie hatte große Angst vor
Schmerzen und mußte doch so schrecklich aushalten.«

Der Staatsanwalt fragte, ob die Kranke infolge der Schmerzen jemals
Störungen oder Trübungen des Bewußtseins gehabt hätte.

»O nein,« sagte Fräulein Schwertfeger mit einem Lächeln, den Blick auf
=Dr.= Zeunemann gerichtet, »sie klagte im Gegenteil zuweilen
darüber, daß ihr Kopf bei den größten Qualen stets klar bleibe. Einmal
fragte sie mich, ob ich sie lieb genug hätte, um ihr ein Gift zu geben,
das sie von ihrem Leiden erlöste. Ich war sehr erschrocken und sagte,
ich hätte sie zu lieb dazu, ich könnte so etwas nicht denken, geschweige
denn es tun. Dann erinnerte ich sie daran, wie sie sich doch des Lebens
wieder freuen könne, sobald ihr besser sei, und daß sie vielleicht
wieder ganz gesund würde, und wie bald dann die Schmerzen vergessen sein
würden, so wie ich sie kennte. Da lachte sie und tröstete mich und
sagte, ich hätte ganz recht, sie hoffe noch einmal zu prahlen mit dem,
was sie so tapfer ausgehalten hätte. Es gab jedenfalls keinen
Augenblick, in dem sie nicht genau gewußt hätte, was sie tat.«

»Es erübrigt nun noch eine Frage, deren Antwort im verneinenden Sinne
mir zwar schon in Ihren übrigen Aussagen inbegriffen scheint, die ich
aber doch ausdrücklich stellen muß: Hat Frau Swieter ihren geschiedenen
Mann von dem Inhalt ihres Testamentes in Kenntnis gesetzt?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Ich glaube es auch
nicht. Wozu sollte sie es getan haben?«

»Das wollen wir zunächst dahingestellt sein lassen,« sagte der
Vorsitzende. »Gesetzt den Fall, sie hätte es ihm mitteilen wollen, so
hätte sie ihm schreiben müssen. Da sie in jener Zeit nicht mehr
aufstand, geschweige denn ausging, mußte sie den Brief irgend jemandem
zur Besorgung geben. Durch Sie hat sie es also nicht getan?«

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger.

»Hat sie Ihnen überhaupt nie Briefe zur Besorgung mitgegeben?«

»Vielleicht,« sagte Fräulein Schwertfeger, »ich erinnere mich nicht;
aber keinen an =Dr.= Deruga.«

»Er konnte vielleicht anders adressiert sein, um Sie irrezuführen?«

»O nein,« sagte Fräulein Schwertfeger, die Stirn faltend, »das hätte
sie vorher mit ihm verabreden müssen. Solche Schleichwege hätte sie
nicht gewählt, dafür stehe ich ein.«

»Ich glaube Ihnen, Fräulein Schwertfeger,« sagte der Vorsitzende nach
einer kleinen Pause. »Ich verlasse mich auf Ihre Wahrheitsliebe. Sie
sind Lehrerin, die Jugend ist Ihrem Einfluß anvertraut, Sie genießen die
Liebe und Verehrung Ihrer Schülerinnen sowohl wie der Eltern derselben
und werden das nicht um eines Hirngespinstes willen verschweigen wollen.
Sie haben also weder dem Angeklagten im Auftrage Ihrer Freundin von dem
Inhalte ihres Testamentes Mitteilung gemacht, noch haben Sie einen Brief
Ihrer Freundin besorgt, in welchem diese Mitteilung enthalten war oder
allenfalls hätte enthalten sein können?«

»Nein,« sagte Fräulein Schwertfeger.

»Sie sind also überzeugt, daß der Angeklagte von dem Testamente keine
Kenntnis hatte?«

»Ich bin überzeugt davon,« antwortete sie.

=Dr.= Zeunemann bedachte sich und sagte, er wolle das Verhör damit
abschließen, sie würde ohnehin ermüdet sein. In der Tat sah sie sehr
blaß aus, so daß ihre großen Augen beinah schwarz schienen.

»O ja, ich bin sehr müde,« sagte sie, »darf ich gehen?«

=Dr.= Zeunemann erklärte ihr, daß sie zwar jetzt, da Mittagspause
sei, wie alle anderen gehen dürfe, daß er aber für die Dauer des
Prozesses um ihre Anwesenheit bitten müsse, worauf sie sich durch eine
kurze Neigung des Kopfes verabschiedete.

»Ein wackeres Altjüngferchen,« sagte Justizrat Fein zu Deruga, »obwohl
sie nicht die beste Meinung von Ihnen hat.«

»Gute, dumme Gans,« antwortete dieser kurz. Er hatte mit aufgestütztem
Kopf und verdecktem Gesicht dagesessen und richtete sich jetzt auf wie
jemand, der in dem Labyrinth einer dunklen Musik versunken war, wenn sie
plötzlich abreißt. Der stechende Blick, den er durch den Saal gleiten
ließ, blieb zufällig an der Baronin Truschkowitz hängen, die, eben im
Aufstehen begriffen, ihrem einige Plätze von ihr entfernt sitzenden
Anwalt ein Zeichen mit den Augen gab, und er sagte: »Unausstehliche
Person; paßt ganz zu der schmutzigen Sache, die sie vertritt.«

»Na, wissen Sie,« entgegnete der Justizrat. »Daß die Baronin sich ungern
ein Vermögen entwinden läßt, auf das sie gerechnet hatte, ist
menschlich, und daß sie Ihnen allerhand Böses zutraut, um so eher zu
entschuldigen, als sie Sie nicht kennt.«

»Halten Sie das für eine Entschuldigung?« sagte Deruga scharf. »Weil sie
selbst gierig ist, kann sie sich auch bei anderen kein anderes Motiv
vorstellen; das ist ihre Menschenkenntnis. Ekelhaft!«

Die Besprochene war unterdessen auf die Freitreppe des Gerichtsgebäudes
gelangt und blickte durch die Lorgnette ungeduldig um sich. »Ich bin
ganz erregt«, sagte sie zu =Dr.= Bernburger, »über die Art und
Weise, wie man mit diesem Fräulein umgeht. Sie mag ja übrigens ein
anständiges Mädchen sein. Aber es ist klar, daß sie nicht die Wahrheit
sagt, und ich begreife nicht, daß man das so gehen läßt.«

»Ja, das ist eine heikle Sache, Gnädigste,« sagte =Dr.=
Bernburger, »die Folter ist längst abgeschafft.«

»Das war eben sehr voreilig,« sagte die Baronin. »Die Alten waren in
vieler Hinsicht klüger als wir und wußten recht gut, warum sie sie
anwendeten. Aber wir müssen doch auch Mittel haben, um die Wahrheit aus
den Leuten herauszubringen. Ich würde ganz anders vorgehen, wenn ich der
Präsident wäre. Aber Sie kommen mir zerstreut vor, Herr Doktor.«

»Im Gegenteil,« sagte =Dr.= Bernburger, »ich bin vertieft in unser
Problem.«

»Und haben Sie bemerkt,« fuhr die Baronin fort, »daß sie gerade das
zugab, was sie bestreiten wollte, nämlich daß meine Kusine sich vor
ihrem geschiedenen Mann fürchtete? Und wie interessant, daß die Männer
eine Neigung haben, ihre geschiedene Frau umzubringen! Man muß es sich
doch sehr überlegen, ehe man den Schritt tut.«

»Ich hoffe, Kind,« sagte der neben ihr stehende Baron gutmütig, »das ist
nicht der einzige Grund, der dich abhält, dich scheiden zu lassen.«

Sie sah ihn mit einem Lächeln an, in dem ein leichter Spott lag, und
sagte: »Nein, mein Teurer, du bist viel zu ritterlich, als daß ich mich
vor dir fürchten könnte.«

Gleichzeitig winkte sie dem wartenden Schofför, das Auto näher
heranzulenken, und entließ ihren Anwalt mit flüchtigem Gruß.

Der Staatsanwalt hatte sich beim Verlassen des Saales an =Dr.=
Zeunemann gehängt und begleitete ihn unter vorwurfsvollen Reden in sein
Zimmer. Es sei klar, sonnenklar, sagte er, daß dies Muster -- er meinte
Fräulein Schwertfeger -- den Brief besorgt habe. Das Muster habe keine
Übung im Lügen. Er wolle gerecht sein, aber gelogen habe sie. Da müsse
eingeschritten werden! Oder ob wieder einmal durch die Gunst der Frauen
ein Elender der verdienten Strafe entzogen werden solle? Dieser Mensch
besitze die Gunst der Frauen, und im Leben wie im Salon hänge ja
heutzutage der Mann von der Gunst der Frauen ab. Ob es denn aber nicht
zum Himmel schreie, wenn auch das Recht durch Weiberlaunen gemacht
würde!

Der Staatsanwalt rang während dieser Reden die Hände und fuhr sich
durch die langen, dünnen Haare, die verwildert nach allen Seiten hingen.

»Beruhigen Sie sich, Herr Kollege,« sagte =Dr.= Zeunemann
mißbilligend, »bei Fräulein Schwertfeger trifft Ihre Zwangsvorstellung
von der Gunst der Frauen nicht zu, sie hat offenbar eine Abneigung gegen
ihn.«

»Worte!« rief der Staatsanwalt verzweifelt. »Worte, Worte! In der Tat
begünstigt sie ihn. Wahrscheinlich hat sie selbst an ihn geschrieben.
Ist es nicht sonnenklar?« wendete er sich an die beiden Beisitzer.

Diese bestätigten, daß ihnen das Verhalten von Fräulein Schwertfeger
auffallend vorgekommen sei; aber es ließe sich auch anders, zum Beispiel
durch die den Frauen eigentümliche Scheu vor der Öffentlichkeit,
erklären.

»Ach Gott,« jammerte der Staatsanwalt, »wohin soll das führen, wenn ein
so schäbiges altes Muster schon den Scharfblick bewährter Juristen
trüben kann!«

»Lieber Herr Kollege,« sagte =Dr.= Zeunemann, nach der Uhr sehend,
»Sie bedürfen ebenso wie wir des Mittagessens und der Mittagsruhe.
Schlafen Sie ein Viertelstündchen! Und künftig bitte ich Sie die Fragen
zu stellen, die Sie für zweckmäßig halten.«

»Was hilft es, Fragen zu stellen, wenn man mit Lügen abgespeist wird?«
sagte der Staatsanwalt bitter. »Ich weiß jetzt, was ich wissen wollte,
nämlich daß es sich so verhält, wie ich von Anfang sagte: es war kein
Totschlag, sondern vorbedachter Mord. Als er erfuhr, daß sie ihm ihr
Vermögen vermacht hatte, beschloß er sie zu töten, ehe sie etwa, durch
ihre Verwandten beeinflußt, anderen Sinnes werden und das Testament
umstoßen könnte.«

»Soll ich Ihnen Ihre Insinuationen zurückgeben,« sagte =Dr.=
Zeunemann, »und den Argwohn äußern, daß Sie die Dinge durch eine von der
Baronin Truschkowitz aufgesetzte Brille ansehen? Vergleicht man ihre
Reize mit denen des Fräuleins Schwertfeger, so erscheint dieser Verdacht
beinahe begründet.«

Der Staatsanwalt, dem die Neckerei augenscheinlich schmeichelte, mußte
lachen. Indessen, fügte er brummend hinzu, ein Prozeß, bei dem Weiber
beteiligt wären, arte immer in Tratsch aus, es müßten ihm aber alle
bezeugen, daß er von Anfang an der Überzeugung gewesen sei, es handele
sich um Mord.

Ja, sagte =Dr.= Zeunemann, und er bezeuge freiwillig noch dazu, daß
der Staatsanwalt in seine ersten Überzeugungen verliebt zu sein pflege,
wie eine Mutter in ihr Kind, bis das zweite käme und jenes verdrängte.



=VI.=


»Ursula Züger, achtunddreißig Jahre alt, seit neunzehn Jahren im Dienst
der verstorbenen Frau Swieter,« begann der Präsident.

Ursula Züger blickte mit überlegenem Lächeln in die Runde. Ihr dampft
vor Gier nach den Tatsachen, die nur ich berichten kann, schien ihre
Miene zu sagen; fallt nur her über die Beute und sättigt euch, ich
denke, sie soll euch schmecken.

»Sie müssen bei so langem Zusammenleben mit allen Verhältnissen der Frau
Swieter sehr vertraut gewesen sein.«

»Das will ich meinen,« sagte Ursula, »was meine Gnädige angeht, das weiß
ich von Anfang bis zu Ende, das gibt es nicht anders.«

»Hat die Verstorbene zuweilen von der Vergangenheit, ich meine, von der
Zeit ihrer Ehe mit dem Angeklagten, mit Ihnen gesprochen?«

»Hui!« Ursula stieß einen pfeifenden Ton aus, welcher sagen zu wollen
schien, daß dies unzählige Male der Fall gewesen sei. »Namentlich seit
der Zeit, wo sie krank lag, das arme Wurm. Wenn ich dann abends bei ihr
saß, ging das immer: 'Wissen Sie noch dies und das, Urschel? Wissen Sie
noch die Geschichte mit dem Bettler?' Nämlich in der ersten Zeit, als
unser Herr Doktor noch keine Patienten hatte, da kamen ausgerechnet alle
Bettler, die es in der Stadt gab, und einmal ging der Herr Doktor selbst
an die Tür und sagte: 'Sie, guter Freund, ich soll Ihnen was geben?
Also, was haben Sie heute verdient? Na, sagen Sie die Wahrheit:
mindestens eine Mark, mindestens! Sie gehen an der Krücke, haben nur ein
Auge -- schön, sagen wir eine Mark. Ich dagegen nichts. In vier Wochen
habe ich nicht zehn Mark verdient! Aber wenn Sie eine Zigarette wollen
und mir ein bißchen Gesellschaft leisten' -- und da hat er wahrhaftig
einmal einem mit eigener Hand eine Zigarette gedreht, der sah aus, als
ob er geradeswegs aus dem Kehrichtkübel käme, aber sonst ein
verschmitzter, lustiger Kerl, der kam dann alle paar Tage und sagte
gleich, wenn ich die Tür aufmachte, er wolle nichts haben, wolle nur dem
Herrn Doktor ein bißchen Gesellschaft leisten.«

»So,« sagte der Vorsitzende, »Sie tischten der Kranken also lustige
Erinnerungen auf, um sie zu erheitern.«

»Versteht sich,« sagte Ursula. »Schmerzen und Kummer hatte sie ohnehin
genug.«

»Wenn Frau Swieter dem Herrn Doktor nichts nachtrug,« fuhr der
Vorsitzende fort, »sich seiner sogar gern erinnerte, wechselte sie wohl
auch zuweilen Briefe mit ihm?«

»Das dachte ich doch, daß Sie wieder davon anfingen,« sagte Ursula
triumphierend. »Damit ist es aber ein für allemal nichts. Wo wird sie
denn mit ihrem geschiedenen Mann Briefe gewechselt haben? Da hätten sie
ja ebenso gut zusammenbleiben können.«

»Das ist doch ein Unterschied,« setzte der Präsident auseinander. »Es
kann vorkommen, daß man sich entfernt sehr gut verträgt, während man
sich unter einem Dach beständig in den Haaren liegt.«

»Dazu war meine Gnädige eine viel zu feine Dame,« sagte Ursula streng.
»Von In-den-Haaren-liegen war da gar keine Rede und auch nicht von
heimlichen Tuscheleien, nachdem sie einmal auseinander waren. Wenn ich
früher wohl einmal sagte, der Herr Doktor sei doch im Grunde gar kein
schlechter Mensch gewesen, und es sei doch eigentlich schade, wenn er
nun auf eine schiefe Bahn geriete, und auch für uns, weil immer etwas
ging, solange er da war, dann schüttelte meine Gnädige den Kopf und
sagte: 'Wenn wir uns auch heute versöhnten, würden wir doch übers Jahr
wieder auseinandergehen.' Und recht hatte sie, so ein Mann wie der
konnte einmal keine Ruhe geben.«

»Sie sind also der Meinung,« fragte der Vorsitzende, »daß Frau Swieter
weder an den Angeklagten geschrieben, noch von ihm Briefe empfangen
hat?«

»Der Meinung!« wiederholte Ursula mit blitzenden Augen. »Von Meinung
brauchen Sie da gar nicht zu reden, Herr Präsident, denn das weiß ich.
Deswegen bilde ich mir nicht zu viel ein, wenn ich sage, daß der liebe
Gott es nicht besser wissen kann. Erstens kenne ich die Handschrift vom
Herrn Doktor, und weil sie vor einem Jahre krank wurde, hat sie keinen
Brief mehr bekommen, der nicht durch meine Hand ging, und geschrieben
hat sie auch nicht mehr, außer was sie mir oder Fräulein Schwertfeger,
aber meistens Fräulein Schwertfeger, diktierte. Wir haben auch ihre
Briefe auf die Post gebracht.«

»Nun, mein liebes Kind,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Ihre Gnädige war
doch nicht lahm! Wenn sie durchaus wollte, konnte sie auch aufstehen und
sich Schreibzeug holen und schreiben, ohne daß Sie es wußten, und sie
konnte auch zum Beispiel Herrn =Dr.= Kirchner, ihren Arzt, um die
Besorgung eines Briefes bitten.«

»Ja, das scheint Ihnen so, Herr Präsident,« sagte Ursula nachsichtig,
»weil Sie es nicht besser wissen. Aber daß meine Gnädige hinter meinem
Rücken Briefe schrieb und abschickte, das ist ausgeschlossen. Wenn Sie
die Verhältnisse kennten, würde Ihnen so etwas gar nicht in den Sinn
kommen. Nein, und wenn sie auch nicht lahm war, und das war sie
allerdings nicht, so hätte sie doch solche Zeremonien nicht mit mir
gemacht, wo gar keine Veranlassung dazu da war; denn sie hätte ja nur zu
sagen brauchen: 'Ursula, von dem Brief soll niemand etwas wissen, und
Sie sollen es auch nicht wissen.' Und dem Herrn =Dr.= Kirchner
einen Brief mitgeben, darüber muß man wirklich lachen, wenn man die
Verhältnisse kennt. Da hätte sie ja nicht gewußt, ob er ihn nicht ein
halbes Jahr in der Tasche behielte oder auf der Treppe schon verloren
hätte. Und warum hätte sie denn ihre Geheimnisse fremden Leuten
anvertrauen sollen, wo sie doch Fräulein Schwertfeger und mich hatte,
auf die sie sich verlassen konnte? Also das schlagen Sie sich nur aus
dem Kopfe, Herr Präsident, mit den heimlichen Briefen! Was in unserem
Hause vorgegangen ist, das weiß ich, und da konnte nichts vorgehen, was
ich nicht wußte.«

»Sie werden doch zuweilen Besorgungen gemacht haben, liebes Fräulein,«
sagte der Präsident, der sich noch nicht für geschlagen erklären
mochte. »Wissen Sie auch, was in der Wohnung vorfiel, wenn Sie nicht da
waren?«

»Wenn Sie mich damit hereinzulegen denken, wie man so sagt, Herr
Präsident,« antwortete Ursula unerschüttert, »dann sind Sie
ausgerutscht, mit Erlaubnis zu sagen. Wenn ich fort war, konnte am
allerwenigsten etwas vorfallen, weil ich dann nämlich die Wohnungstür
hinter mir abschloß. Meine Gnädige hatte das selbst angeordnet und
gesagt: 'Wissen Sie, Ursula, weil ich doch nicht aufstehen soll, nach
dem, was der Herr Doktor sagt, so ist es am einfachsten, Sie schließen
die Tür ab, damit ich sicher bin, daß niemand hinein kann. Kommt jemand,
so mag er läuten und wiederkommen. Brennen wird es ja nicht gerade,
während Sie fort sind.' Na, was das betrifft, darüber war ich ganz
ruhig, denn wo sollte es brennen, wo ich immer nur in der Frühe oder
nachmittags ausging, wenn kein Feuer im Hause war. Fräulein Schwertfeger
hatte eigens den Wohnungsschlüssel, damit sie zu jeder Zeit hinein
konnte. Also, Herr Präsident, das müssen Sie nun doch einsehen, daß in
meiner Abwesenheit nichts vorfallen konnte.«

»Nur ist in Ihrer Abwesenheit Ihre Herrschaft ermordet worden,« erhob
sich die kreischende Stimme des Staatsanwalts.

Ursula verstummte; aber, wie es schien, mehr erstarrt über die
Dreistigkeit, diese Tatsache anzuführen, als von ihrer Beweiskraft
überwunden. »So weit sind wir noch nicht,« sagte sie endlich, sich
aufraffend. »Ich glaube überhaupt nicht an den Mord, weil es unmöglich
ist, daß etwas in der Wohnung vorfiel, solange ich fort war.«

»Außer wenn Frau Swieter selbst wollte,« warf der Vorsitzende ein.

»Ja, das werden Sie doch aber selbst nicht glauben, Herr Präsident,«
sagte Ursula, wieder in den früheren Gedankengang einlenkend, »daß die
todkranke Frau aufstand und womöglich drei Treppen herunter auf die
Straße lief, nur um unserem Herrn Doktor einen Brief zu schicken, den
ich ihr jeden Augenblick mit dem größten Vergnügen besorgt hätte.«

=Dr.= Zeunemann seufzte. »Verreist sind Sie niemals,« begann er
von neuem, »seit Frau Swieter im vorigen Jahre krank wurde und zu Bette
lag?«

»Nein,« sagte Ursula, »obwohl sie es mir oft angeboten hat und ich ja
auch wußte, daß Fräulein Schwertfeger gerne solange bei ihr gewohnt
hätte, und daß sie ja auch eine Krankenschwester hätte nehmen können.
Aber die hätte doch die Verhältnisse nicht so gekannt wie ich, und wenn
es mir auch leid tat, meine Mutter so lange nicht zu sehen, so habe ich
mir doch gesagt: die Frau hat dich seit neunzehn Jahren nicht verlassen,
so verlasse ich sie auch nicht. Ruhe hätte ich zu Hause auch nicht
gehabt, und ich glaube, ich fände im Grabe keine Ruhe, wenn ich das
arme, kranke Wurm allein gelassen hätte.«

Ursulas laute Stimme wurde unsicher, und sie fuhr sich mit dem
Taschentuch über das Gesicht.

Der Vorsitzende wartete ein wenig und forderte sie dann auf, den
Todestag der Frau Swieter, soweit sie sich erinnern könne, vom Anfang
bis zum Ende zu schildern.

»Gerade an dem Tage,« begann Ursula, »hatte ich gar nichts Böses
vermutet. Die Nacht war nämlich sehr schlecht gewesen, ich hörte sie
stöhnen, lief wohl fünfmal hin und fragte, ob ich den Doktor holen
sollte, aber sie sagte: 'Nein, der hilft mir doch nicht,' und mich
schickte sie auch fort, weil ich es ihr nur schwerer machte. Denn wenn
ich da wäre, sagte sie, müßte sie sich beherrschen.

Gegen Morgen bin ich wirklich eingeschlafen, denn vier Uhr habe ich es
schlagen hören, aber fünf nicht mehr, und um sieben weckte mich der
Kaminkehrer, der anläutete. Ich war wütend, daß er so laut schellte, und
lief an die Tür und sagte, das sei keine Art, so unversehens
daherzukommen, er habe sich den Tag vorher anzumelden, und jetzt nähme
ich ihn schon gar nicht an; ich mochte den unverschämten Kerl nämlich
ohnehin nicht leiden. Ich dachte, meine Gnädige wäre vielleicht auch
erst vor kurzem eingeschlafen und nun wieder geweckt, und da klingelte
sie mir auch schon und fragte, wer draußen wäre. Ich sagte, der
Kaminfeger, und daß ich ihn geschimpft und wieder weggeschickt hätte,
und da lachte sie und sagte, es habe nichts zu sagen, sie würde schon
wieder einschlafen, es sei ihr jetzt ganz wohl. Aussehen tat sie
freilich, als wenn sie Fieber hätte, aber es blieb ganz ruhig bei ihr,
und da ich um zehn Uhr wieder hereinschaute, lag sie ganz still da, und
die Haare fielen ihr halb übers Gesicht. Ich ging leise heraus und
beeilte mich, so gut ich konnte, und wie ich wieder da war, guckte ich
wieder leise herein, und da lag sie mit offenen Augen und lächelte so
friedlich und sagte: 'Sind Sie da, Urselchen, mir ist ganz wohl, ich
habe gar keine Schmerzen mehr.' Sie sah auch wirklich ganz gut aus,
obgleich sie tiefe Schatten wie breite, schwarze Bänder unter den Augen
hatte, und wie ich sie so betrachtete, kam sie mir sonderbar vor und ich
sagte: 'Gnädige Frau sehen so geheimnisvoll aus.' Meine Seele dachte
aber nicht daran, daß das Geheimnis der Tod war, denn sonst hätte ich es
ja nicht gesagt.«

»Was antwortete sie darauf?« fragte der Vorsitzende.

»Sie lächelte noch glücklicher als vorher und sagte: 'Das Geheimnis ist,
daß unser Mingo mich besucht hat.' Mingo hieß unser Kind, das gestorben
ist, und wir nannten es _der_ Mingo, weil wir eigentlich bestimmt
auf einen Buben gerechnet hatten.«

»Sie hatte also von ihrem verstorbenen Kinde geträumt,« sagte der
Vorsitzende. »Erzählte sie Ihnen davon?«

»Natürlich,« sagte Ursula, »wenn sie von unserem Mingo geträumt hatte,
sprach sie den ganzen Tag davon. Es war in einem offenen Wagen mit
schönen schwarzen Pferden gekommen und hatte auf dem Rücksitz gesessen,
so wie es sonst zwischen seinen Eltern saß. Ganz gerade und stolz hatte
es dagesessen und ihr mit der kleinen Hand gewinkt, daß sie sich zu ihm
setzen sollte, und plötzlich war es dann kein Wagen mehr gewesen,
sondern eine Art Karussell oder Schaukel, und war nach einer
wunderschönen Musik immer höher und höher geflogen. Es kam ihr so vor,
als ob die Schaukel abgerissen wäre, und wie ihr bange wurde, sagte
unser Mingo ganz ernsthaft: 'Halte dich nur an mir!' Darüber mußte sie
lachen, daß das winzige Geschöpf seiner Mutter eine Stütze sein wollte,
und wachte auf.

Zwischen dem Kochen ging ich immer wieder herein und schwatzte mit ihr
von unserem Mingo, und dann brachte ich ihr das Mittagessen und setzte
mich zu ihr und redete ihr zu, ordentlich zu essen, weil sie nämlich
immer nur an allem nippte. 'Ach, Urselchen, lassen Sie mich nur, ich
habe heute keinen Hunger,' sagte sie, 'gewiß kommt unser Bettler, der
wird froh sein, wenn er so viel bekommt.' Es war nämlich Donnerstag, und
am Donnerstag kam meistens ein alter Mann, der sagte, in der ganzen
Straße gäbe es keine so gute Köchin, wie ich wäre, und so hatten wir
immer allerlei Spaß miteinander. Indem sie das sagte, läutete es auch
schon an der Tür, es war aber nicht unser Bettler, sondern ein anderer,
so wie ein Slowak sah er aus, die Mausefallen verkaufen. Ich hatte ihm
kaum aufgemacht, da klingelte meine Gnädige so stark, daß es mir
ordentlich durch die Knochen fuhr, und wie ich hinlief, sagte sie, ob es
der Doktor sei. 'Bewahre,' sagte ich, 'um die Zeit kommt der Doktor
nicht, es ist ein Bettler.' 'Dann ist es gut,' sagte sie, 'ich wollte
Ihnen nur sagen, daß Sie den Doktor heute nicht zu mir hereinlassen. Ich
bin zu müde, um mich quälen zu lassen. Sie können ihm sagen, ich hätte
eine schlechte Nacht gehabt und schliefe.'«

»Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« fragte der Vorsitzende.

»Nein,« sagte Ursula erstaunt, »es ist auch gar nichts Auffallendes
daran. Ich mußte manchmal den Doktor unter irgendeinem Vorwand
fortschicken, zum Beispiel, wenn ich ihr gerade etwas Spannendes
vorlas.«

»Haben Sie ihr auch an diesem Tage vorgelesen?« fragte der Vorsitzende.

Ursula schüttelte traurig den Kopf. »Dazu ist es nicht mehr gekommen,«
sagte sie. »Nachdem ich meine Küche gemacht hatte wie alle Tage, fragte
ich sie, ob ich ihr vorlesen sollte, oder ob sie möchte, daß Fräulein
Schwertfeger käme. 'Nein,' sagte sie, 'Gundel kommt gewiß von selbst,
wenn sie Zeit hat, und ich glaube auch, daß ich wieder einschlafen
werde. Da können Sie zur Bank gehen und die Miete bezahlen, weil Sie
gestern nicht dazu gekommen sind,' -- es war ja der 2. Oktober -- 'und auf
dem Rückweg könnten Sie mir eine Flasche griechischen Wein mitbringen,
ich habe solche Lust darauf, und der Doktor hat mir Wein erlaubt.' Dann
trug sie mir noch auf, dem Hausmeister zu sagen, daß er auf den Abend
heizte, damit ich nicht im Kalten säße, weil der Wind so stark auf
meinem Fenster stand. Er hätte nämlich eigentlich schon am Ersten heizen
müssen, aber der Mensch war ja so faul, daß er kaum die trockenen
Blätter im Vorgarten zusammenfegte, und in den Keller gehen und heizen,
das paßte ihm erst recht nicht. Wenn man ihn mahnte, hatte er immer
einen Vorwand, weswegen er nicht dazu gekommen wäre. Er möchte lieber
Heizer in der Hölle sein, als ein Hausmeister mit drei Häusern und
achtzehn Parteien, von denen jede verschieden warm haben wollte; das
war eine beliebte Redensart von ihm. Ich sagte also zu meiner Gnädigen,
lieber wolle ich frieren, als daß ich mich mit dem Mehlwurm von
Hausmeister einließe. Da lachte sie und sagte, nein, ich solle es ihm
nur recht gefährlich ausmalen, wie kalt ich es hätte und wie böse sie
auf ihn wäre. Und das waren die letzten Worte, die ich von ihr gehört
habe.«

»Als Sie nach Hause kamen,« sagte der Vorsitzende, »war sie tot. Sie
hatten die Tür abgeschlossen und fanden sie geschlossen wieder vor?«

»Abgeschlossen war die Tür nicht, und das kam daher, weil, kurz bevor
ich kam, Fräulein Schwertfeger dagewesen war, und die dachte gewöhnlich
nicht ans Abschließen.«

Fräulein Schwertfeger wurde gefragt, ob sie die Tür verschlossen
gefunden habe, und erklärte, daß sie nicht darauf geachtet habe und
deshalb nichts darüber sagen könne. Sie sei auf dem Wege in die
Abendschule und in Eile gewesen, habe eben nur fragen wollen, wie es
ginge. Da es totenstill in der Wohnung gewesen sei, habe sie
angenommen, daß ihre Freundin schliefe, habe leise in das Schlafzimmer
hineingeguckt und sei dann wieder gegangen. Die Tür, die vom
Schlafzimmer ihrer Freundin ins Wohnzimmer geführt habe, sei wie immer
weit offen gewesen. Sie habe beim Fortgehen die Wohnungstür keinesfalls
abgeschlossen, denn sie habe das nie getan. Es sei etwa fünf Minuten vor
sechs Uhr gewesen.

»Wieviel Uhr war es, als Sie nach Hause kamen?« wendete der Vorsitzende
sich wieder an Ursula.

»Als ich um die Ecke von unserer Straße bog,« sagte Ursula, »hörte ich
es von der Schloßkirche sechs Uhr schlagen, und von da sind es keine
fünf Minuten mehr, besonders weil ich schnell ging. Ich hatte mich
nämlich mit dem Warten auf der Bank, und weil ich nach dem Wein hatte
laufen müssen, verspätet. Ich ging zuerst in die Küche und legte meine
Pakete ab -- ich hatte sonst noch einiges für den Haushalt eingekauft --
und meinen Mantel. Dann ging ich leise ins Schlafzimmer; denn daß meine
Gnädige schliefe, nahm ich an, weil sie mich sonst sofort rief, sowie
ich die Tür aufmachte. 'Sind Sie's, Urselchen?' rief sie mit ihrer
weichen Stimme. Sie hatte so eine helle, unschuldige Stimme wie ein
Kind. Durch die offene Türe sah ich, wie sie ganz still dalag, den Kopf
auf der Seite und die Arme über der Decke, und kehrte gleich wieder um,
froh, daß sie so gut schlief. Aber als ich im Wohnzimmer war, fiel mir
auf einmal ein, daß sie sonst ganz anders lag, wenn sie schlief, nämlich
nie flach auf dem Rücken, sondern etwas zur Seite geneigt, und die eine
Hand hatte sie unter dem Gesicht. Wie mir das plötzlich einfiel, wurde
mir so sonderbar zumute, daß mir wahrhaftig die Knie zitterten, und ich
mußte mir ordentlich Mut machen, eh ich wieder hineinging. Und wie ich
ihr leise, leise die Haare vom Gesicht nahm, sah ich, daß sie tot war,
denn so still liegt ja kein lebendiger Mensch.«

»Trug sie die Haare immer offen?« erkundigte sich =Dr.= Zeunemann.

»O nein,« antwortete Ursula, mit einem kurzen, geringschätzigen
Lächeln. »Ich frisierte sie jeden Morgen sehr schön und ordentlich, da
fehlte gar nichts, aber in der letzten Nacht hatte es sich aufgelöst bei
dem Herumwälzen wegen der Schmerzen, und weil sie so müde war, hatte ich
sie nicht damit plagen wollen.«

»Wir wissen durch den Arzt, den das Mädchen sofort rufen ließ,« sagte
der Vorsitzende, »daß der Tod eine bis zwei Stunden vorher eingetreten
war, und zwar, wie der Arzt damals annahm, durch Herzlähmung. Der
Zustand der Kranken hatte durchaus mit einer solchen rechnen lassen,
weshalb von keiner Seite irgendein Argwohn geschöpft wurde.«

»Zählen Sie, Fräulein Züger, noch einmal im Zusammenhang auf, was für
Personen im Laufe des Tages in der Wohnung gewesen waren!«

»In der Wohnung war überhaupt niemand,« sagte Ursula mit nachdrücklicher
Mißbilligung. »Angeläutet hatte zuerst in der Frühe der Kaminfeger, den
ich wieder fortschickte. Er kam dann noch einmal wieder, der
zudringliche Mensch, und da sagte ich ihm, in einem ordentlichen
Haushalt ließe man um zehn Uhr keinen Herd mehr putzen, er solle sich
das merken. Nachher war der Postbote da; der warf gewöhnlich die Briefe
nur herein, aber diesmal läutete er an, weil er einen ungenügend
frankierten Brief hatte.«

»Was für ein Brief war das?« fragte der Vorsitzende hastig.

»Der Brief war für mich,« antwortete Ursula schnippisch triumphierend,
»von einer Freundin, die eine Stelle in Frankreich angenommen hatte.«

»Und weiter?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Danach läutete noch einmal die Gemüsefrau, der ich aber nichts abnahm,
weil der Spinat letztes Mal bitter gewesen war, und am Mittag der
Slowak. Sonst war niemand da, und in der Wohnung ist überhaupt niemand
gewesen.«

Der Staatsanwalt bat ums Wort.

»Ich möchte bemerken, daß die Wohnung doch nicht so festungsmäßig
verwahrt war, wie das gute Mädchen es darstellen möchte. Sie hat selbst
erzählt, daß sie, als sie dem sogenannten Slowaken die Tür aufgemacht
hatte, von Frau Swieter durch die Klingel abgerufen wurde. Er hätte also
die Gelegenheit benutzen und eindringen können.«

Ursula drehte sich ganz nach dem großen, mageren Angreifer um und
stemmte den Arm in die Seite, während sie ihn mit sprühenden Augen von
oben bis unten maß.

»Hätte er das?« fragte sie höhnend. »Ja, wenn ich ihm nicht die Tür vor
der Nase zugeworfen hätte. Ich schlug die Tür fest zu, ehe ich zu meiner
Gnädigen hineinlief, und sie war auch zu, als ich wiederkam. Den
Slowaken hörte ich noch auf der untersten Treppe. Ich hatte ihm nämlich
einen Teller Suppe gegeben und wollte den leeren Teller wieder
hereinnehmen, aber er hatte sie nicht angerührt. Um Suppe ist es diesen
Vagabunden ja gewöhnlich gar nicht zu tun. Übrigens war es ein ganz
harmloser Mensch und sah auch gar nicht so zerrissen und schmutzig aus
wie die richtigen Strolche.«

»Glauben Sie bestimmt,« fragte der Vorsitzende, »daß Sie den
Angeklagten in irgendeiner Verkleidung erkannt hätten?«

Ursula brauchte einige Zeit, um den Sinn dieser Frage zu fassen.

»Unseren Herrn Doktor?« fragte sie endlich mit immer größer werdenden
Augen. »Meinen Sie, ob unser Herr Doktor der Slowak gewesen sein könnte?
Ja, wissen Sie, Herr Präsident, da könnten Sie mich ebensogut fragen, ob
Sie unser Herr Doktor sein könnten! Unser Herr Doktor! Und der hätte
nicht mit den Augen gezwinkert und gesagt: 'Ursula, kennen Sie mich
nicht, dumme Person?' Überhaupt! Ja, so etwas meinen Sie, Herr
Präsident, weil Sie die Verhältnisse nicht kennen!«

=Dr.= Zeunemann schnitt die immer schneller strömende Rede durch
eine verzweifelte Handbewegung und einen Seufzer ab. »Bleiben wir bei
der Sache,« sagte er. »Sie halten es für unmöglich, daß jemand in die
Wohnung eindringen konnte?«

»Ausgeschlossen, einfach ausgeschlossen,« antwortete Ursula.

»Außer wenn Frau Swieter selbst es wollte,« sagte =Dr.= Zeunemann.

»Ja, die wird gerade Räuber und Mörder eingelassen haben,« sagte Ursula
mit zorniger Verachtung.

»Offensichtliche Räuber und Mörder nicht,« rief der Staatsanwalt
dazwischen, »vielleicht aber ihren einstigen Gatten, für den sie leider
noch immer, wie das Testament beweist, ein liebevolles Interesse hatte.«

»Und sie wird gerade nach siebzehn Jahren,« sagte Ursula fast schreiend,
»am Läuten erkannt haben, daß er es war.«

»Wenn sie ihn erwartete, mein gutes Kind, war das nicht nötig,« sagte
der Staatsanwalt mit dem beißenden Tone eines schadenfrohen Teufels.

=Dr.= Zeunemann machte eine warnende Handbewegung gegen Ursula, die
aussah, als ob sie ihrem Gegner an die Kehle springen wollte. »Ich
glaube,« sagte er, die Stimme erhebend, »wir fangen an, uns im Kreise
zu drehen. Der Herr Staatsanwalt geht davon aus, daß eine Verständigung
irgendwelcher Art zwischen den geschiedenen Eheleuten bestanden haben
könnte, was aber noch ganz unbewiesen ist, ja wovon eher die
Unmöglichkeit nachgewiesen ist. Nach meiner Meinung hat die Zeugin
nichts Sachdienliches mehr vorzubringen, und wir könnten zur Vernehmung
des Hausmeisters übergehen, wenn die Herren Kollegen und die Herren
Geschworenen einverstanden sind.«

Den Kopf steif im Nacken und ein verächtliches Lächeln auf den Lippen,
das dem angekündigten Hausmeister galt, begab sich Ursula auf ihren
Platz neben Fräulein Schwertfeger.

Der Erwartete glich insofern einem Mehlwurm durchaus nicht, als er rot
im Gesicht mit einem bläulichen Anflug über der Nase war. Er schlenderte
in der bequemen Haltung eines Menschen herein, der dem Leben zu sehr als
Liebhaber gegenübersteht, um jemals Eile zu haben, sah sich gemächlich
um und unterzog zuletzt den langen, grünen Tisch, vor dem er zu stehen
hatte, samt allen darauf befindlichen Gegenständen einer beiläufigen
Untersuchung. Der Vorsitzende vereidigte ihn und forderte ihn auf, die
an ihn gerichteten Fragen nicht nur der Wahrheit gemäß, sondern auch
ohne Zweideutigkeit und Weitschweifigkeit zu beantworten.

»I warum nicht,« sagte der Hausmeister, »da liegt ja gar nichts dran.«

»Wo pflegen Sie sich tagsüber aufzuhalten?« lautete die erste Frage.

»Ja,« sagte der Hausmeister lachend, »da läßt sich freilich nicht so
eins, zwei, drei darauf antworten. Das ist nämlich je nachdem, was ich
gerade zu tun habe. Aber wenn ich sage, daß ich entweder in einem von
meinen drei Häusern bin, weil in einer Wohnung etwas zu richten ist,
oder weil eine Partei mit mir dies oder das reden möchte, oder denn im
Keller bei der Heizung oder im Garten, wo ich so auf und ab spaziere, so
wird das schon ungefähr stimmen. In meiner eigenen Wohnung bin ich am
wenigsten und habe da ja auch nichts zu tun, denn für die Familie
interessiere ich mich nicht so wie für den Beruf.«

»Sind die Häuser untertags abgeschlossen?« fragte der Vorsitzende.

»Gott bewahre,« sagte der Hausmeister, »da kann jedermann aus und ein
gehen, wie er will. Nichts Unrechtes kommt ja bei uns sowieso nicht vor,
und für alle Fälle ist vor jeder Wohnung eine besondere Wohnungstür.
Nein, von Abschließen ist bei uns keine Rede. Des Morgens um sechs
schließe ich alle Türen auf, vielmehr meine Frau tut das, und abends um
neun Uhr schließe ich zu, und bei der Methode haben wir uns immer gut
gestanden.«

»Aber die Keller sind doch abgeschlossen?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Ja, sehen Sie, Herr Präsident,« antwortete der Hausmeister, »das läßt
sich wieder nicht so eins, zwei, drei beantworten. Bei Nacht sollten sie
wohl eigentlich geschlossen sein, denn am Tage ginge das ja gar nicht
an, schon wegen dem Heizen, und wo die Fräuleins so oft Kohlen und
Kartoffeln und dergleichen heraufholen. Das würde ja ein ewiges Auf-
und Zuschließen. Es geht sowieso den ganzen Tag: 'Herr Hausmeister, ach
helfen Sie mir doch!' 'Herr Hausmeister, bitte, nur einen Augenblick.'
Ich sollte immer an hundert Orten zugleich sein. Nein, es ist für alle
Teile am besten, wenn die Keller ein für allemal offen sind, und daran
hat auch noch niemand etwas auszusetzen gehabt.«

»Sie sollen aber selbst einmal,« erinnerte der Vorsitzende, »einen Mann
ertappt haben, der sich im Keller eingeschlichen hatte.«

»So,« sagte der Hausmeister nachdenkend. »Ach so, das hat wohl die
Urschel erzählt?« rief er nach einer Pause belustigt aus. »Ja, vor dem
brauchte niemand Angst zu haben, der sah so grün im Gesicht aus, als ob
er die ganze Nacht unreife Äpfel gegessen hätte. Das war so ein
Obdachloser, oder es kann ihn auch eins von den Mädels versteckt haben,
denn die Jungfern haben doch alle ihre Liebhaber, wenn sie sich auch
noch so zimperlich anstellen.«

=Dr.= Zeunemann machte ein ernstes Gesicht und fragte streng:

»Entsinnen Sie sich, wer am 2. Oktober des vergangenen Jahres aus und
ein gegangen ist?«

»Du lieber Himmel,« seufzte der Hausmeister, »wie soll ich das behalten,
was bei uns täglich ein und aus geht! Stellen Sie sich vor, Herr
Präsident, drei Häuser mit achtzehn Parteien, wobei ich mich noch gar
nicht mal gerechnet habe; in dem einen sind vier Parteien, in den beiden
anderen je sieben. Und wie geht es vollends Anfang Oktober zu, wo die
eine Partei auszieht und die andere einzieht, und die Handwerker, die
das mit sich bringt!«

»Gerade weil es besondere Tage sind,« beharrte der Präsident, »haben Sie
sie doch vielleicht im Gedächtnis behalten. Auch der plötzliche Tod der
Frau Swieter, die das am meisten zurückliegende Haus bewohnte, hat den
Tag unter den anderen hervorgehoben. Als später der Ihnen bekannte
Verdacht entstand, haben Sie doch sicher in Ihrem Gedächtnis
nachgeforscht, wen Sie an jenem Tag aus und ein gehen gesehen haben.«

»Ich will tun, was ich kann, um Ihnen gefällig zu sein, Herr
Präsident,« sagte der Hausmeister. »Der Kaminkehrer, der in der Frühe da
war, wird Sie ja wohl nicht interessieren, und der Postbote ebensowenig,
und die Handwerker ging das Haus von der Frau Swieter nichts an, weil
nämlich in dem Hause kein Umzug stattgefunden hatte. An Bettlern hat es
auch nicht gefehlt, und was das betrifft, so war die Frau Swieter selbst
schuld daran. Die anderen Parteien beklagten sich über sie, daß sie die
Bettler herzöge, weil sie ihnen immer etwas gäbe. Übrigens, mir hat sie
auch immer jede Kleinigkeit ordentlich bezahlt, sie gehörte nicht zu
denen, die meinen, unsereiner wäre dazu da, allen alles umsonst zu
machen. Also konnte sie es mit den Bettlern schließlich auch halten, wie
sie wollte. Sie sind ja auch einmal da und müssen in Gottes Namen zu
ihrer Sache kommen.«

»Denken Sie gut nach,« sagte der Vorsitzende, »ob Sie zwischen vier und
sechs Uhr nachmittags einen Bettler gesehen haben, einen, der Ihnen
unbekannt war, der Ihnen auffiel!«

»Zwischen vier und sechs Uhr?« sagte der Hausmeister tiefsinnig. »Da
schickte ich gerade meinen Jungen um eine Maß Bier in die Wirtschaft an
der Ecke und wartete an der Gartentür, bis er wiederkam, und dann
stellte ich die Maß auf die Treppe, um ab und zu einen Schluck zu
nehmen. Indem kam gerade die Frau Hofrat im Parterre vom zweiten Hause
und schimpfte, was sie wußte, daß ich nicht geheizt hatte, und ich
sagte: 'Aber Frau Hofrat, bei dem schönen Wetter! Solches Wetter haben
wir ja den ganzen Sommer über nicht gehabt, und das bißchen Wind wird
Ihnen doch nichts machen, es ist ja Südwind,' und so weiter, bis sie es
denn wahrscheinlich einsah und wieder fortging. Ja, und dann kam einer,
der hatte wohl etwas gebracht, einen Hut oder Mantille oder dergleichen,
denn er hatte eine Schachtel, wahrscheinlich für die Pension, da war
damals so eine Modesüchtige; und dann kam der Ulkige. Der hatte mich
erst gar nicht gesehen und wollte an mir vorbeilaufen, als ob ich ein
Laternenpfahl wäre, und ich wich ihm absichtlich nicht aus, weil ich
dachte, ich wollte doch sehen, ob er gegen mich anrennte. Da blieb er
plötzlich dicht vor mir stehen und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer
Gnaden?' und hielt mir eine Zigarette hin. Ich mußte lachen und zog
meine Schwedischen heraus und machte ihm Feuer, und zum Dank nickte er
ein bißchen und faßte an die Mütze. Ein Bettler war das aber nicht, er
hatte allerlei zu verkaufen, Löffel und Quirle, die trug er an einem
Strick an der Hand. Wie er eben aus der Türe gegangen war, warf er die
Zigarette in das Fliedergebüsch an der Pforte, ob sie nun nicht brannte
oder sonst nicht schmeckte, das weiß ich ja nicht, und ich wollte sie
erst auflesen, aber dann dachte ich: Ach laß sie liegen, eine feine wird
es doch nicht sein.«

»Können Sie eine genaue, zuverlässige Beschreibung dieses Mannes geben?«
fragte der Vorsitzende.

»Nein, Herr Präsident,« sagte der Hausmeister, indem er lächelnd den
Kopf schüttelte, als wollte er sagen, um in die Falle zu gehen, dazu
wäre er doch zu schlau. »So gern ich Ihnen den Gefallen täte, damit will
ich nichts zu tun haben. Ich glaube, daß er ziemlich lange, schwarze
Haare hatte, und daß er sozusagen träumerisch dahergeschlendert kam. Und
wenn Sie ihn da vor mich hinstellen würden, würde ich ihn ja auch wohl
wiedererkennen. Aber ob nun sein Kittel grau oder grün oder braun war,
und was er für Stiefel anhatte, und ob er Löcher in den Strümpfen hatte,
und was dergleichen mehr ist, das könnte ich wahrhaftig nicht sagen.«

»Haben Sie gar nicht darüber nachgedacht, was für ein Mann das sein
könnte?« fragte der Vorsitzende.

»Na, das sah ich ja, Herr Präsident, daß er Löffel verkaufte,« sagte der
Hausmeister, »dabei war nichts nachzudenken. Das nähme meine Zeit doch
viel zu sehr in Anspruch, wenn ich mir über jeden Hausierer Gedanken
machen wollte. Sie müssen sich nur vorstellen, was für Leute bei uns aus
und ein gehen! Da ist zum Beispiel im dritten Hause im zweiten Stock der
Herr Rübsamen, Komponist und Musikschriftsteller, ein schrecklich
nervöser Mensch, und wenn ich nicht so viel Geduld mit ihm hätte, wäre
er längst ausgezogen. Sie müssen nur sehen, was für Leute zu dem
kommen, da stößt man sich nachher an nichts mehr. Herren und Damen
kommen, die ihm was vorsingen oder vorspielen, die reine Zigeunerbande,
und nachher sind es Künstler und feine Leute gewesen. An dem Tage ist
übrigens auch der Klavierstimmer bei ihm gewesen, den hat er
weggeschickt, weil er von der Ursula, dem Mädel, gewußt hat, daß ihre
Gnädige eine schlechte Nacht gehabt hatte und schlafen sollte. Gutmütig
ist er ja, der Herr Rübsamen. Der Klavierstimmer ist aber der mit der
Zigarette nicht gewesen. Denn der hat ein rotes Gesicht und blonde
Haare, den kenne ich, weil er alle Vierteljahre zum Herrn Rübsamen
kommt.«

»Der Mann ist also aus dem dritten Hause gekommen,« fragte der
Präsident.

»Aus dem zweiten könnte er auch gekommen sein, wo die Pension drin ist,«
sagte der Hausmeister, »ich sah ihn erst, als er an das vordere
herankam, wo ich stand.«

»Ich bitte den Hausmeister zu fragen, ob der Angeklagte dem Mann mit der
Zigarette ähnlich sieht,« sagte der Staatsanwalt, indem er mit
imperatorischer Gebärde den Arm ausstreckte.

»Wollen Sie den Angeklagten daraufhin ansehen!« forderte =Dr.=
Zeunemann den Hausmeister auf.

Der Hausmeister drehte sich langsam um und betrachtete Deruga, den die
Untersuchung zu belustigen schien, aufmerksam und erstaunt.

»Da bin ich überfragt, Herr Präsident,« sagte er endlich. »Ich möchte
schwören, daß ich den Herrn da noch nie gesehen habe.«

»Sie müssen sich ihn mit schwarzer Perücke und mit falschem Bart
vorstellen,« sagte der Vorsitzende.

»Ausgeschlossen,« rief der Hausmeister mit ungewöhnlicher
Entschiedenheit. »Wenn ich mit solchen Vorstellungen anfange, kenne ich
schließlich keinen mehr vom anderen, und hernach soll ich für das
aufkommen, was ich mir vorgestellt habe, und habe unversehens einen
Meineid auf dem Halse. Denn sehen Sie, Herr Präsident, wenn man anfängt
nachzudenken, wie einer ausgesehen hat, und ihn mit dem und jenem
vergleicht, so hält man zuletzt alles für möglich, und am Ende ist es
doch nur die pure Einbildung gewesen.«

»Sie haben also«, sagte der Vorsitzende, »kein genaues Erinnerungsbild
von dem Manne, der Sie um Feuer bat. Besinnen Sie sich noch auf andere
Personen, die am 2. Oktober zwischen vier und sechs Uhr in Ihren Häusern
verkehrten?«

»Ja,« antwortete der Hausmeister. »Ich hatte eben meinem Buben
aufgetragen, den Maßkrug wieder in die Wirtschaft zu tragen, und sah ihm
nach, wie er über die Straße ging, da rief mich einer von rückwärts an
und fragte nach der nächsten Haltestelle für Autodroschken. Der war so
in Eile, daß er kaum abwartete, bis ich ihm ordentlich Bescheid gegeben
hatte, und gab mir einen Puff in die Seite, als er an mir vorbeilief.
Gleich darauf rief mich meine Frau, weil das Leitungsrohr in der Pension
im zweiten Hause wieder einmal verstopft war -- da stecken sie nämlich
immer ihre Knochen und ausgekämmten Haare hinein, als ob der Ausguß die
Drecktonne wäre -- na, und als ich da nachgesehen hatte und wieder in den
Garten kam, sah ich gerade den Doktor ins dritte Haus hineingehen wegen
der Frau Swieter, die unterdessen gestorben war.«

»Was für einen Eindruck machte der Herr auf Sie?« fragte der
Vorsitzende, »der in so großer Eile war?«

»Das weiß ich noch,« sagte der Hausmeister, »daß er einen langen,
breiten Mantel trug. Denn ich dachte bei mir, in der jetzigen Mode
tragen die Weiber Männerröcke und die Männer Weiberzeug. Von hinten hat
er wie ein eingemummtes Frauenzimmer ausgesehen. Sonst ist es aber ein
feiner Herr gewesen.«

Der Staatsanwalt bat, noch einmal auf den Mann mit der Zigarette
zurückkommen zu dürfen. Er wünsche zu wissen, ob er reines Deutsch oder
wie ein Ausländer gesprochen habe.

»Ja, wissen Sie«, sagte der Hausmeister, »geradeso wie unsereiner reden
ja die wenigsten. Ich habe schon oft gedacht, was redet der für ein
Kauderwelsch daher? und nachher war es doch ein Deutscher und nichts
weiter. 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?'« Er wiederholte sich den Satz,
wie um durch die Worte an Klang und Tonfall erinnert zu werden. »Eigen
hat es ja geklungen, aber ganz lieb, ganz spaßig, und gutes Deutsch ist
es doch auch gewesen. Der mit dem Auto dagegen, der hat so geschnauft,
daß ich ihn kaum verstehen konnte, und mich hat er, glaub' ich, auch
nicht gut verstanden, wenigstens lief er zuerst nach der falschen Seite,
obwohl ich es ihm klar auseinandergesetzt hatte. Es kann aber natürlich
auch wegen der großen Eile gewesen sein.«

»Dieser Herr,« sagte der Vorsitzende, »ist wahrscheinlich derselbe, der
in der Pension nach Zimmern fragte und abschlägig beschieden werden
mußte. Es ist keine Spur von ihm aufzutreiben gewesen, und wir nehmen
an, daß er sich nur vorübergehend hier aufgehalten hat.«

       *       *       *       *       *

Beim Schluß dieser Sitzung waren alle Beteiligten mit Ausnahme von
Deruga abgespannt, gereizt und aufgeregt. Herrn von Wydenbrucks Gedanken
weilten bei dem Traume der verstorbenen Frau, den Ursula geschildert
hatte, und er sprach sich darüber gegen =Dr.= Bernburger aus, als
er neben ihm durch die breiten Gänge des Justizgebäudes ging.

»Das Kind,« sagte er, »das sie besuchte, war natürlich ein Bild für den
Vater, das Schaukeln deutet auf sinnliche Regungen. Es ist zweifellos,
daß sie ihn erwartete.«

=Dr.= Bernburger, der sehr blaß aussah, hatte sich eben eine
Zigarre angezündet und begann sich etwas zu erholen.

»Das ist wahr,« sagte er hastig. »Die Schlüsse von zwei
entgegengesetzten Richtungen treffen sich wie die Bohrer in einem
Tunnel. Er hatte sie um Geld gebeten, das hatte ihre Erinnerungen
belebt. Sie erwartete ihn in einer verliebten oder sentimentalen
Stimmung. Er kam in der Verkleidung eines Hausierers, der hölzerne
Löffel verkauft. Entweder ließ ihn die ins Geheimnis gezogene Ursula
ein, oder er wußte ihre Aufmerksamkeit zu hintergehen, oder Frau Swieter
selbst öffnete ihm. Wäre mir das Ergebnis der Voruntersuchung bekannt
und hätte ich Fragen stellen können, so hätte ich den Tatbestand auf
der Stelle herausgebracht. Ich lag auf der Folter, während dieser
schwerfällige Apparat arbeitete.« =Dr.= Bernburger trocknete seine
Hand mit dem Taschentuch ab, wobei seine dünnen Finger zitterten.

»Sie glauben also,« fragte =Dr.= von Wydenbruck, »daß der Wunsch
des Wiedersehens von Deruga ausging und seinen Grund in der Geldsorge
hatte?«

»Das halte ich für wahrscheinlich,« sagte =Dr.= Bernburger.
»Jedenfalls hat der Slowak sie getötet, und der Slowak war Deruga.«

»Meiner Ansicht nach,« sagte =Dr.= von Wydenbruck, »lag die
magnetische Anziehung zugrunde, die Hysterische verhängnisvoll
zueinander zieht. Wie sich auch der Wunsch eingekleidet haben mag, dies
muß der Kern gewesen sein.«

»Ob es möglich wäre, daß die weggeworfene Zigarette noch in dem Gebüsche
läge?« sagte Bernburger, seine Gedanken verfolgend. »Aber wieviel Schnee
und Regen ist schon darauf gefallen.«

»Warum könnte es nicht auch der mit dem Auto gewesen sein?« wandte
=Dr.= von Wydenbruck ein.

»Er zeigte unbefangen, daß er es eilig hatte. Der andere verlangte
Feuer, um unbefangen zu erscheinen, und warf die Zigarette gleich darauf
fort, weil er gar nicht rauchen wollte. Übrigens haben Raucher meistens
auch Zündhölzer bei sich. Außerdem fühlte ich es, sowie das Mädchen den
Slowaken anführte. Ich sah es wie mit dem zweiten Gesicht.«

Herr von Wydenbruck betrachtete seinen Freund mit einem neuen Interesse
von der Seite. »Das wäre allerdings ausschlaggebend,« sagte er und
erkundigte sich, ob sein Freund schon öfter solche Erscheinungen an sich
beobachtet hätte.

In demselben Gange, den die beiden eben durchschritten, stand Deruga mit
dem Justizrat Fein in einer Fensternische im Gespräch, beiläufig die
Vorübergehenden beobachtend.

»Wenn ich der Präsident wäre,« sagte Deruga, »würde ich einen geladenen
Revolver mit in die Sitzung nehmen und den Zeugen vors Gesicht halten,
und wenn sie sich dann noch nicht entschlössen, vernünftig zu antworten,
schösse ich sie nieder. Der Mann hat eine unbegreifliche Geduld.«

In diesem Augenblick sah er =Dr.= Bernburger mit seinem Begleiter
herankommen, nahm rasch eine Zigarette aus seinem Etui, trat ein paar
Schritte vor und sagte zu =Dr.= Bernburger: »Haben Sie Feuer, Euer
Gnaden?« Dann, nachdem er seine Zigarette angezündet hatte, stellte er
sich wieder neben den Justizrat, indem er ihm aus ernstem Gesicht
zublinzelte.

=Dr.= Bernburger war vor Erregung bleich geworden, während er
Deruga schweigend die brennende Zigarre hinhielt. Es ist klar, dachte
er, daß er sich über mich lustig macht. Über wieviel Scharfblick,
Geistesgegenwart, Frechheit und Kaltblütigkeit verfügt dieser Mensch; es
ist ihm alles zuzutrauen. Allerdings, wenn er nicht schuldig wäre,
zeugte sein Benehmen nur von der Sicherheit des Unbeteiligten. Aber die
seine war die Sicherheit des gewiegten zynischen Täters; es war die
Herausforderung eines geistvollen Verbrechers, der sich für
unüberführbar hält.

=Dr.= Bernburger war zu erregt und zu vertieft, um seine Gedanken
laut zu äußern, er ging hastig, seinem Freund um einige Schritte voraus.

»Er hat Ihre Gedanken erraten,« sagte dieser. »Das ist wieder ein
Symptom von Hysterie, ebenso wie die Kaltblütigkeit. Man wird doch
zuletzt einsehen müssen, daß es sich um etwas Krankhaftes, um eine Art
Lustmord handelt.«

»Aber die Frau, die er tötete, war zweiundfünfzig Jahre alt,« sagte
=Dr.= Bernburger ärgerlich.

»Das ist eben die Perversität,« sagte =Dr.= von Wydenbruck.
»Vielleicht verschmolz sie ihm auch dadurch mit dem Erinnerungsbild
seiner Mutter, wodurch der aus Leidenschaft und Vernichtungslust
zusammengesetzte Hang verhängnisvoll verstärkt wurde.«

Unterdessen machte der Justizrat seinem Klienten Vorwürfe. »Sie sind
wirklich ein Topf voll Mäuse,« sagte er. »Ich müßte Ihnen ein Schloß
vor den Mund hängen. Was war nun das wieder für eine Eruption?«

»Ach,« sagte Deruga, »warum sollte ich den beiden jungen Haifischen
nicht einen Knochen zwischen die schiefen Zähne werfen? Sahen Sie nicht,
wie ihm die Augen aus dem Kopfe quollen vor Gier? Es tut mir nur leid,
daß ich nicht zusehen kann, wie sie ihn abnagen.«

»Mit Haifischen ist nicht zu spaßen,« sagte der Justizrat, »und obwohl
Sie ein nichtsnutziger Italiener sind, möchte ich doch nicht gerade, daß
er Sie zwischen die Zähne bekäme.«



=VII.=


Die Baronin hatte kaum am Arme ihres Mannes den Saal verlassen, als ein
Gerichtsdiener ihr in den Weg trat und sie im Namen des
Oberlandesgerichtsrats Zeunemann bat, ihn zu einer kurzen Unterredung in
seinem Zimmer aufzusuchen. Er sei bereit, setzte der Gerichtsdiener
hinzu, sie sofort hinzuführen.

»Du begleitest mich doch,« sagte sie, zu ihrem Manne hingewendet, der
sich willig anschloß. Er müsse zwar gestehen, sagte er, daß er Hunger
habe; aber die Herren vom Gericht wären sicher im gleichen Fall, und so
würde es nicht lange dauern.

Der Oberlandesgerichtsrat, sagte sie in französischer Sprache, wäre ein
ganz angenehmer Mann, etwas kleinbürgerlich eitel, aber gefällig und im
Grunde, glaubte sie, ganz auf ihrer Seite.

=Dr.= Zeunemann hatte sich bereits umgekleidet und knabberte an
einem Stückchen Schokolade zur Stärkung. »Ich würde die Herrschaften
nicht in diesem Augenblick zurückgehalten haben,« sagte er, ihnen Stühle
anbietend, »wenn es nicht in ihrem eigenen Interesse wäre; mein Wunsch
ist, Ihnen einen Schreck oder eine unangenehme Überraschung, wenn nicht
ganz zu ersparen, so doch zu mildern.«

»Einen Schreck, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief die Baronin aus,
»jetzt, wo meine Nerven durch den gräßlichen Prozeß ohnehin erregt sind!
Nein, so grausam können Sie nicht sein!«

»Ich hoffe, das Unangenehme dadurch abzuschwächen,« sagte =Dr.=
Zeunemann, »daß ich Sie persönlich vorbereite. Ich erhielt heute früh
einen Brief Ihres Fräuleins Tochter, in dem sie schreibt, sie habe aus
der Zeitung von dem Prozeß erfahren. Sie sei außer sich, protestiere
dagegen und verlange, daß ihr Protest veröffentlicht werde.«

»Aber das werden Sie doch nicht tun, Herr Oberlandesgerichtsrat,« rief
die Baronin, der das Blut ins Gesicht stieg. »Sie mag unter der Hand
protestieren, so viel sie will, aber das geht doch die Öffentlichkeit
nichts an. Als ob der Prozeß nicht schon Skandal genug wäre!«

»Vielleicht ist Ihr Fräulein Tochter aus dem Grunde dagegen gewesen,«
meinte =Dr.= Zeunemann, »daß Sie sich damit befassen?«

»Aber, lieber Oberlandesgerichtsrat,« sagte die Baronin, »Sie werden
nicht erwarten, daß ich auf die törichten Einwände eines jungen
Mädchens, eines Kindes, achte, wenn es sich um so wichtige Entschlüsse
handelt. Würden Sie das tun?«

»Jedenfalls,« sagte =Dr.= Zeunemann, »würde ich an Ihrer Stelle
jetzt zu verhindern suchen, daß Ihr Fräulein Tochter irgend etwas in
Szene setzt. Sie scheint in großer Entrüstung und Erregung zu sein, und
zwar zum Teil deshalb, weil Sie, gnädige Frau, den Prozeß in ihrem
Interesse angeregt zu haben behaupten.«

»O, die Undankbarkeit der Kinder,« seufzte die Baronin. »Hätte ich all
dies Entsetzliche und Skandalöse auf mich genommen, wenn ich es nicht
für meine Pflicht gehalten hätte, meiner Tochter die materiellen
Vorteile zu erkämpfen, die ihr gebühren? Warum sagst du gar nichts,
Botho?« wendete sie sich an ihren Mann. »Ich hoffe, du wirst deine
Autorität gegen Mingo in Anwendung bringen.«

»Ich werde versuchen, sie von auffallenden Schritten zurückzuhalten,«
sagte der Baron. »Übrigens weißt du ja, liebes Kind, daß Mingo nicht
leicht zu beeinflussen ist.«

»Sehr leicht sogar,« entgegnete die Baronin, ihre Nasenflügel dehnend,
»man muß nur verstehen, ihr zu imponieren.«

»Dazu ist sie wohl zu sehr an uns gewöhnt,« entgegnete der Baron ruhig,
»und zu sehr von uns verwöhnt.«

»Von dir!« berichtigte seine Frau. »Gottlob, daß sie zu weit entfernt
ist, um uns wesentliche Unannehmlichkeiten zu bereiten.«

»Der Brief, den ich heute erhielt,« sagte =Dr.= Zeunemann, »trägt
den Poststempel Ostende.«

»Ostende!« rief die Baronin, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Sie
ist aus England abgereist, ohne uns um Erlaubnis zu fragen! Das darfst
du nicht hingehen lassen, Botho!«

»Sie hat die Absicht hierherzukommen,« fuhr =Dr.= Zeunemann fort.

»Ich danke Ihnen, Herr Oberlandesgerichtsrat,« sagte der Baron, sich
gleichfalls erhebend, »daß Sie uns in so rücksichtsvoller Weise gewarnt
haben. Wir wollen Ihre kostbare Zeit nicht eine Minute länger in
Anspruch nehmen!«

Auch die Baronin bedankte sich mit liebenswürdigen Worten und knüpfte
die Bitte daran, von den barocken Einfällen ihrer Tochter nichts bekannt
werden zu lassen.

In dem großen Vorsaal zu ebener Erde drängte sich das Publikum noch, so
daß das Ehepaar nicht so schnell vorwärts kommen konnte, wie es
wünschte.

Halb ärgerlich auf ihren Mann, der ihr nicht so oder so die Bahn frei
machte, halb beleidigt durch die Menschen, die nicht von selbst vor ihr
zurückwichen, stand die Baronin still, als plötzlich etwas sie bewog,
den Blick zur Seite zu wenden, und sie ganz in ihrer Nähe das Gesicht
eines Mannes sah, der sie, wie es ihr schien, mit zudringlichem Spott
betrachtete. Indem sie sich zornig abwendete,[TN1] sah sie eine
auffallende Nadel in seiner Krawatte, und es wurde ihr mit einem Male
klar, daß der Mann Deruga war.

Ein Gefühl von Schwäche und Übelkeit überkam sie. »Warum gehen wir nicht
weiter?« sagte sie heftig zu ihrem Manne, ihn am Arm vorwärts drängend.
Er bemerkte ihre Gereiztheit, verdoppelte seine Anstrengungen, sich
einen Weg durch die Menge zu bahnen, und brachte sie in wenigen Minuten
an das wartende Auto. Mit dem Ausdruck äußerster Erschöpfung warf sie
sich in die Ecke des Rücksitzes.

»Hast du Deruga gesehen,« sagte sie zu ihrem Manne, der besorgt nach
ihrem Befinden fragte, »und wie frech er mich anstarrte? Es ist
unbegreiflich, daß man diesen Menschen frei herumgehen läßt. So
schrecklich hatte ich ihn mir nicht vorgestellt.«

»Du hast ihn doch heute nicht zum erstenmal gesehen!« sagte der Baron
verwundert.

»Ich erkenne niemand ohne Glas,« sagte sie gereizt, »das weißt du doch.
Ich weiß nicht, wie ich mich von diesem Eindruck erholen soll. Ist es
nicht unerhört, daß ich schutzlos der Rache dieses Mannes ausgesetzt
bin? Ich werde mich keinen Augenblick mehr meines Lebens sicher fühlen.«

Was das anbelangt, meinte der Baron, könne sie ruhig sein; ein
Angeklagter oder Verdächtiger sei immer vorsichtig.

»Und gewisse Menschen glauben immer das, was am bequemsten ist,« setzte
sie hinzu.

Sie werde selbst ruhiger denken, wenn sie gegessen hätte, prophezeite
der Baron gutmütig. Sie sei überhungrig, übermüde und durch die
schlechte Luft angegriffen. Dazu sei noch der durch Mingo verursachte
Schreck gekommen. Sie solle sich am Nachmittag ausruhen, anstatt sich
wieder stundenlang in den dumpfen Gerichtssaal einzusperren und sich
widerwärtigen aufregenden Eindrücken auszusetzen. Er sei bereit,
hinzugehen und ihr ausführlichen Bericht zu erstatten; ohnehin würden
die nächsten Vernehmungen nichts Neues bringen.

Dies verhielt sich in der Tat so. Frau von Liebenburg, die Inhaberin der
Pension im zweiten Hause, erklärte vornehm ablehnend, daß sie nur feines
Publikum habe, daß noch nie etwas mit ihren Pensionären vorgekommen sei,
daß sie nichts den Prozeß Betreffendes aussagen könne. Sie könne
natürlich nicht für jeden einstehen, der bei ihr nach Zimmern frage, und
Buch führen könne sie auch nicht über jeden, der käme, aber sie weigere
sich entschieden, irgend etwas über die bei ihr verkehrenden
Herrschaften zu sagen. Sie bäte dringend, daß die bei ihr wohnenden
feinen Herrschaften nicht mit Fragen und Nachforschungen inkommodiert
würden, die zu keinem Ergebnis führen könnten.

Nach dieser empfindlichen Dame erschien Frau Rübsamen, die Frau des
Komponisten und Musikschriftstellers im zweiten Stock des dritten
Hauses, und entschuldigte ihren Mann, der leidend sei und überhaupt viel
zu nervös, um als Zeuge auftreten zu können, da schon die Vorstellung,
in einen solchen Prozeß verflochten zu sein, ihn in krankhafte Erregung
versetzt habe. Er habe nun einmal ein künstlerisches Temperament, man
könne mit ihm nicht umgehen wie mit gewöhnlichen Menschen. Er hätte doch
auch nichts nützen können, denn sein Gedächtnis sei schwach, und wenn er
Anstrengungen mache, um sich zu besinnen, bekäme er nervöse Zustände.

Sie selbst hingegen besänne sich noch wohl auf den 2. Oktober, weil die
Ursula sie am Morgen gebeten habe, wenn möglich, ein wenig Rücksicht zu
nehmen; Frau Swieter habe eine so schlechte Nacht gehabt und könne
vielleicht am Tage ein wenig schlafen. Natürlich nähmen ihr Mann und sie
gern Rücksicht. Frau Swieter wäre ja auch eine angenehme Partei gewesen,
und ihr Mann habe immer gesagt, er könne sie nicht genug schätzen, weil
sie nicht Klavier spielte und auch sonst kein Instrument ausübte; nur
die Krankheit sei ihm peinlich gewesen. Die Vorstellung, einen
Sterbenden oder Toten im Hause zu haben, sei nämlich ganz unerträglich
für ihren Mann. Jetzt wohne eine Familie über ihnen, die turnten alle
miteinander morgens und abends, und ihr Mann sage fast täglich, er würde
noch so gern auf die arme Frau Swieter Rücksicht nehmen, wenn er nur die
Turner nicht über dem Kopfe hätte. Sie hätten also das ihrige getan und
den Klavierstimmer fortgeschickt. Es sei ohnehin die Zeit gewesen, wo
ihr Mann Mittagsruhe zu halten pflegte.

Eine Stunde später sei dann ein Herr dagewesen, sie hätte ihn aber
eigentlich nicht für einen feinen Herrn angesehen. Der hätte gebeten,
Herr Rübsamen möchte doch seine Stimme prüfen, ob es der Mühe wert sei,
sie ausbilden zu lassen. Sie hätte den Herrn in den Salon geführt und es
ihrem Manne gesagt; der hätte gefragt, was für ein Mann es wäre, worauf
sie gesagt hätte, ihr käme er vor wie ein Kutscher oder höchstens ein
Tapezierer. Solche Leute hörten nämlich oft, daß irgendein armer Teufel
durch seine schöne Stimme sein Glück gemacht hätte, und wenn sie dann so
recht brüllen könnten, daß die Wände zitterten, bildeten sie sich ein,
sie wären für die Kunst geboren. Nun, daraufhin hätte ihr Mann gar
keine Lust dazu gehabt, das Prüfen von Stimmen wäre ohnehin ein
undankbares Geschäft. Wenn man es den Leuten ausreden wollte, würden sie
oft recht grob, und für einen nervösen Mann wie Herrn Rübsamen sei das
Gift.

Ihre Aufgabe wäre es denn in solchen Fällen, so einen Menschen mit guter
Manier herauszureden, und das hätte sie auch diesmal getan, indem sie
gesagt hätte, ihr Mann sei nicht zu Hause, er möchte ein andermal
wiederkommen. Sie müsse aber sagen, er hätte sich nie wieder blicken
lassen.

Ob sie den Herrn nach seinem Namen gefragt habe, erkundigte sich
=Dr.= Zeunemann.

»Nein, nein,« sagte Frau Rübsamen, »ich wollte mich möglichst wenig
einlassen. Nun, nach ein paar Jahren heißt er vielleicht schon Mirabilio
oder Birbanti.«

»Das führt zu nichts,« sagte =Dr.= Zeunemann leise zu seinem
Nachbarn, der hinter der Hand gähnte. »Ich wußte es vorher.«

»Schluß, Schluß,« antwortete der Beisitzer ebenso.

Ob um die Mittagszeit ein Bettler oder Hausierer bei ihr angeläutet
habe, fragte =Dr.= Zeunemann noch, unterbrach aber die Zeugin, da
sie eine Reihe von Möglichkeiten zu erörtern begann, mit der
Aufforderung, nur das mitzuteilen, was sie bestimmt wisse. Etwas
Bestimmtes in bezug darauf zu wissen, wies jedoch Frau Rübsamen mit
Entschiedenheit von der Hand, worauf die Untersuchung über verdächtige
Besucher des Hauses an dem verhängnisvollen Tage einstweilen
abgeschlossen wurde.



=VIII.=


»Das war schön von Ihnen, daß Sie die Kaution für mich hinterlegt
haben,« sagte Deruga zu Peter Hase, indem er ihm die Hand reichte. »Ganz
wie Sie, Gentleman durch und durch. Ich bin Ihr ergebener Diener.«

Ein Anflug von Röte färbte das blasse Gesicht des Schriftstellers.

»Man hatte mir fest versprochen, daß mein Name nicht genannt werden
sollte,« sagte er, die Augenbrauen zusammenziehend. »Ich verstehe nicht,
wie man davon abgehen konnte.«

Deruga lachte.

»Ich habe Ihnen nur eine Falle gestellt, und Sie sind hineingegangen,«
sagte er. »Also Sie sind es wirklich. Geben Sie zu, daß ich ein
Menschenkenner bin! Wenn ich stillsitzen könnte wie ihr Deutschen, wäre
ich vielleicht auch ein Dichter.«

»Ein besserer als ich,« sagte Peter Hase ernsthaft. »Sie verstehen es
jedenfalls besser, Ihr Leben zu dichten.«

»Das fällt bei Ihnen wohl eher trocken aus,« meinte Deruga.
»Gesellschaftslöwe, reiche Frau, Liebling des Publikums, Geheimrat, etwa
noch der persönliche Adel. Etwas schematisch, aber doch ganz behaglich.
Wie? Immer in einer so leicht parfümierten Atmosphäre.«

»Ich möchte den Abend mit Ihnen zubringen,« sagte Peter Hase ablenkend.
»Wenn Sie nichts Besseres vorhaben?«

»Das wäre Bett und Schlaf,« sagte Deruga. »Beides wundervoll, aber ich
kann es immer haben, Sie dagegen vielleicht nur heute. Machen Sie mit,
Justizrat?« wendete er sich an seinen Anwalt.

Dieser sagte, er müsse sich nach seiner Familie umsehen, ein halbes
Stündchen habe er aber noch Zeit. Er freue sich, sagte er, als sie in
dem abgeseilten Raum einer Restauration beim Essen saßen, Peter Hase
kennenzulernen. Er sei zwar nur ein einfältiger Fachmensch, habe keine
Zeit für die schöne Literatur übrig, doch sei der Ruf von Hases Namen
zu ihm gedrungen. In seiner Jugend habe er sich für einen Kenner und
Feinschmecker in den Künsten gehalten, das sei aber wohl jugendliche
Selbstüberhebung gewesen.

»Das glaube ich auch,« sagte Deruga. »Ein feines Beefsteak, etwas
blutig, am Rost gebraten, darauf verstehen Sie sich besser.«

Der Justizrat lächelte gutmütig. »Nun ja,« sagte er, »das zu studieren
hat man auch täglich Gelegenheit, ein gutes Buch ist selten. Und wissen
Sie, wahre Geschichten, die würde ich lesen. Dabei kann man etwas
lernen. Aber mich von fremder Leute Phantasien an der Nase führen zu
lassen, dazu ist mir meine Zeit zu kostbar.«

»Das Leben ist leider im allgemeinen alltäglich und fade,« sagte Peter
Hase, »und die Dichtung soll ein schöner, bunter Teppich sein.«

»Ja,« sagte Deruga, »ein purpurnes Meer voller Ungeheuer, Wunder,
Kostbarkeiten und Seltenheiten. Grün wie Glas, süß wie Opal, schwarz wie
Sturm, unerschöpflich, unergründlich, immer von zauberhaften Geburten
gärend und gefräßig nach allem Lebendigen. Aber gerade so ist doch das
Leben.«

Peter Hase betrachtete Deruga aufmerksam, in dessen schmalen Augen sich
die Vorstellungen zu spiegeln schienen. »Sie sind eben ein Dichter dem
Gefühle nach,« sagte er. »Ihr Gefühl macht es so.«

»Und im Grunde ist es alles derselbe gemeine Straßendreck,« sagte Deruga
in verändertem Ton.

»Nun, da gehen Sie wieder zu weit,« sagte der Justizrat. »Betrachten wir
einmal unseren Prozeß! Sie sind mir gerade originell genug, und die
Baronin Truschkowitz ist jedenfalls auch keine gewöhnliche Nummer.«

»Ich hasse diese Art Weiber,« fiel Deruga schnell ein. »Selbstsüchtig,
habsüchtig, beschränkt, kalt und ewig nach neuen Sensationen lüstern.
Ohne Geld wäre sie eine Dirne.«

»Aber, aber, Verehrtester,« sagte der Justizrat, gelinde scheltend, »da
scheinen Sie mir doch ein bißchen parteiisch zu sein.«

»So,« sagte Deruga, sich erhitzend, »finden Sie es anständig, aus
Geldgier einen Unbekannten des Mordes zu verdächtigen? Einen Menschen,
der ihr nichts zuleide getan hat? Was für eine Gesinnung! Ich sollte
eine alternde Frau, die mein Weib war, die Mutter meines einzigen,
meines teuren, heiligen Kindes, töten, weil sie mir kein Geld, oder
nicht genug Geld geben wollte, womöglich, um ein paar Monate früher in
den Besitz ihres Vermögens zu kommen? Ich, das schwöre ich Ihnen, wäre
nie auf einen solchen Gedanken gekommen.«

»Herrgott,« sagte der Justizrat, »solche Sachen kommen doch aber vor.
Man kann das Leben nicht immer in rosa Beleuchtung sehen. Es sind schon
Menschen um ein paar Taler umgebracht worden. Außerdem vergessen Sie
oder wollen Sie vergessen, daß die Baronin Ihnen dies Motiv nicht
ausdrücklich untergelegt hat, und wenn man Sie für rachsüchtig, hitzig
und tollköpfig hält, tut man Ihnen eigentlich nicht so unrecht.«

Deruga stützte den Kopf in die Hand und antwortete nicht.

»Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu sagen,« hub Peter Hase nach einer
Pause an, »daß ich der Baronin auf ihre Aufforderung hin einen Besuch
gemacht habe. Sie machte mir den Eindruck einer Dame.«

»Was für einen Eindruck sollte sie auch sonst machen?« sagte Deruga
scharf. »Einer Straßenputzerin oder eines Stallknechtes? Übrigens ist es
ja einerlei. Sie will vermutlich mit dem berühmten Schriftsteller
kokettieren.«

»Sie kokettiert nicht mehr, als es jede Dame tut,« sagte Peter Hase.
»Sogar in einer besonders geschmackvollen, ihrem Alter angemessenen Art
und Weise. Es kommt mir eher so vor, als wäre der Wunsch in ihr
aufgetaucht, ich sollte ihre Tochter heiraten. Sie sprach mir immer
wieder von ihrer Tochter.«

»Nun ja,« sagte Deruga, höhnisch lachend, »Dirne und Kupplerin, das ist
ja fast dasselbe. Nur ist es besonders gemein, die eigene Tochter zu
verkuppeln. Eine Frau, die die Männer kennen muß. Sie werden mir doch
zugeben, meine Herren, wir haben uns alle gehörig im Schlamme gewälzt.«

»Wir sind allerdings nicht so rein wie ein Mädchen aus guter Familie,«
sagte Peter Hase unverändert ruhig und höflich, »aber ich weiß nicht, ob
das überhaupt zu wünschen wäre. Die Frauen selbst wünschen es
augenscheinlich nicht.«

»Nein, sie lieben augenscheinlich den Schmutz,« sagte Deruga. »Basta,
wie denken Sie über die kleine Baronesse?«

»Bevor ich sie gesehen und gesprochen habe,« sagte Peter Hase, »enthalte
ich mich jeder Entscheidung. Da ihr Vermögen nicht außerordentlich ist,
muß sie ungewöhnliche Qualitäten haben, um für eine Heirat in Betracht
zu kommen.«

»Auf mein Vermögen rechnen Sie also nicht,« sagte Deruga. »Das ist
anständig und auch sehr verständig. Die Deutschen sind zwar gute Hunde,
doch ein italienischer Hirsch, wenn er vielleicht auch nicht so schnell
läuft, ist gewandter und läßt sich nicht fangen.«

»Sie sind heute verdrießlich, Deruga,« sagte der Justizrat, indem er
aufstand, um sich zu empfehlen, »und in Ihrer Lage wäre ich es
vielleicht auch. Was die deutschen Hunde betrifft, so kann ich zwar
nicht besonders gut laufen, aber leidlich bellen und beißen, und stelle
mich Ihnen in dieser Hinsicht zur Verfügung. Auf Wiedersehen!«

»Gott sei Dank, erst übermorgen,« sagte Deruga, dem ein Versuch,
liebenswürdig zu lächeln, mißlang. »Morgen ist Sonntag.«

Er werde doch vielleicht zum Zweck einer kurzen Unterredung vorsprechen,
sagte Fein.

»Auch gut,« erwiderte Deruga, »ohnehin ist der Sonntag der
Selbstmörderwagen am Zuge des Lebens, Montag ist Totengräber.«



=IX.=


Der Sonntag zeigte sich indessen Deruga unverhofft wohltätig, indem ein
Freund seiner Kindheit und Jugend eintraf, =Dr.= Carlo Gabussi,
Landarzt in einem Dorfe oberhalb Belluno, den Zeitungsberichte über den
Prozeß veranlaßt hatten, nach München zu kommen, um Deruga allenfalls
beizustehen. Die Freunde umarmten und küßten sich wieder und wieder, und
es dauerte eine Weile, bis sie ein zusammenhängendes Gespräch zu führen
imstande waren.

»Kommst du wirklich meinetwegen, Carlo, lieber Junge?« sagte Deruga.
»Das ist doch der Mühe nicht wert, die Reise, die Kosten und alles das.«

»Unsinn,« sagte Gabussi, »ich war froh, Gelegenheit zu einer Reise zu
haben. Ich bin ja seit zehn Jahren nicht von meinem gesegneten Dorfe
heruntergekommen. Wenn ich aber etwas für dich tun könnte, wäre ich
allerdings glücklich. Denke dir von den vielen Opfern, die du mir
gebracht hast, einmal etwas wiederzugeben!«

»Ich dir?« lachte Deruga. »Meinst du, daß du monatelang Tag für Tag bei
mir saßest, als ich krank im Spital lag?«

»Nun ja,« sagte Gabussi, »du bist zwar nicht mir zuliebe krank geworden,
aber ich konnte doch zu dir kommen und brauchte nicht immer zu Hause zu
sein, wo es so wenig Unterhaltung für mich gab. Du hörtest mir zu, wenn
ich von meiner Angebeteten erzählte, und machtest mir Gedichte für sie.«

Deruga fragte, wie es ihr gehe, und ob sie noch immer nicht geheiratet
hätten.

»Nein,« sagte Gabussi mit einem Anflug von Wehmut. »Dadurch, daß meine
Mutter bei mir wohnt, und daß meine arme Schwester lahm ist, kann ich
nicht gut noch eine Frau unterbringen. Geld verdienen könnte sie auf
meinem Dorfe auch nicht, denn eine verheiratete Lehrerin wird nicht
angestellt. Aber ich bin ja so glücklich, daß ich meine Mutter noch
habe! Sie ist jetzt so leicht, daß ich sie auf einem Arme tragen kann,
und ich trage sie jeden Abend ins Bett, obwohl sie sich fürchtet; aber
ich kann es nicht lassen, und im Grunde hat sie es auch gern. Natürlich,
meine Lisa hat jetzt einige weiße Haare in ihren schönen schwarzen
Haaren. Sie sehen mir so aus wie eine Silberspur, die Gottes liebkosende
Hand zurückgelassen hat. Kannst du dir das denken? Und wenn ich sie so
gut und fröhlich zwischen ihren Schulkindern sehe, dann wird mir wohl
das Herz eng, und ich denke: Wenn ihr so unsere Kinder an der Hand
hingen! Aber das ist ja selbstsüchtig und unrecht, wenn ich bedenke, wie
gut es mir geht, zum Beispiel mit dir verglichen, mein Dodo, mein alter,
lieber Junge! Wie konntest du aber nur in solchen höllischen Wirrwarr
verwickelt werden! Nein, sprich jetzt nicht davon, wenn du nicht magst!
Wir haben Zeit, ich bleibe bei dir, solange du mich brauchst.«

»Die Schweinerei soll mir gesegnet sein,« sagte Deruga, »denn ohne sie
hätte ich dich so bald nicht gesehen, Gabussi! Ein bißchen magerer bist
du geworden, aber sonst ganz das liebe, alte, ehrbare, erschrockene
Gesicht!«

»Aber du bist mein bronzener David nicht mehr,« entgegnete Gabussi. »Du
siehst grau aus, das kommt vom Mangel an Luft und Bewegung. Laß uns
spazierengehen -- oder, noch besser, ich nehme einen Wagen, und du zeigst
mir die Stadt und die Umgegend.«

Der Tag war grau und weich, und der offene Wagen fuhr langsam durch die
tauenden Straßen, vom Geriesel der Tropfen wie von einem musikalischen
Geleit begleitet. Deruga saß behaglich zurückgelehnt und gab Antwort auf
die Fragen Gabussis, den die stattlichen Plätze und Gebäude entzückten.
In einer stillen Straße, in die der Kutscher, dessen Gutdünken sie die
Führung überließen, einlenkte, erkannte Deruga plötzlich ein
schmiedeeisernes Tor. Der gepflasterte Weg, der an den Häusern entlang
führte, lag verlassen, und das Fliedergebüsch war noch unbelaubt, nur
eine Weide spannte keimende Zweige in einem feinen Strahlenbogen
hinüber.

»Was ist dir?« fragte Gabussi, seinen Arm in den des Freundes schiebend,
der sich aufgerichtet hatte.

»Wir fuhren eben an dem Hause vorüber, wo die arme Marmotte wohnte,«
sagte Deruga.

Gabussi schwieg. Erst nach einer langen Pause sagte er: »Du warst doch
einmal glücklich, Dodo.«

»Nein, damals nicht,« erwiderte dieser. »Mein Gemüt war zu ruhelos, mein
Herz zu empfindlich und mein Verstand zu scharf. Ich glaube, ich müßte
ein Gott sein, um mit meinen Gaben glücklich zu sein.«

»Es ist doch aber auch schön, so begabt zu sein, wie du bist,« sagte
Gabussi. »Weißt du noch, wie oft unser Religionslehrer zu dir sagte:
'Sigismondo, Verstand hast du, Verstand genug. Aber der Verstand ist ein
höllisches Feuer, die Vernunft ist ein göttliches Licht. Und Vernunft
hat mancher alte Besenbinder mehr als du.'«

Deruga lachte. »Ja, auf den Verstand war er schlecht zu sprechen,« sagte
er. »Und weißt du, wie er dich vor mir warnte und prophezeite, es würde
ein Freimaurer und Atheist aus mir werden, wenn ich nicht etwa gar ein
Heiliger würde.«

Der Wagen hatte inzwischen die städtischen Anlagen erreicht, und sie
sahen einen schnellen, starken Fluß unter den dicken Stämmen alter
Weiden und Pappeln durch weite Wiesen fließen. Eine schwere Erinnerung
aus naher Vergangenheit vermischte sich in Deruga wunderbar mit den
Erinnerungen der Kindheit und stimmte ihn weich und träumerisch.

»Damals, als wir Buben waren,« sagte Gabussi, »da warst du doch
glücklich.«

»Wenn ich nicht tief unter dem Glück immer gefühlt hätte, wie häßlich,
armselig, falsch und ungerecht alles um mich her war,« sagte Deruga.

»Du, der einen solchen Engel zur Mutter hatte!« rief Gabussi aus. »Und
weißt du, wie gern du bei uns warst, und wie du stillhieltest, wenn
meine Mutter dich auf die Stirn küßte und 'kleiner Fremdling' nannte?
Und wie wir unter dem Dache saßen und unsere Aufgaben lernten und uns
vor jedem Schatten fürchteten?«

Als die Freunde von der Fahrt zurückkehrten, war eine wohlige
Zufriedenheit über Deruga gekommen.

»Wenn diese dumme Geschichte vorbei ist,« sagte er zu Gabussi, »werde
ich ein neues Leben anfangen. Was meinst du, wenn ich zu dir in die
Berge käme?«

»Aber, Dodo,« sagte Gabussi außer sich vor Freude, »das wäre ein
Paradies für mich. Und wie würden meine Mutter und meine Schwester sich
freuen! Und meine Lisa für mich! Das größte Glück für meine Lisa ist,
wenn mir etwas Glückliches begegnet. Zu denken, daß du mich zuzeiten auf
meinen Gängen begleitest und wir plaudern und schwatzen und Erinnerungen
austauschen wie heute!«

Sie wurden durch ein feines Klopfen unterbrochen, das schon einige Male
ungehört in das laute Gespräch geklungen hatte. Als Gabussi zur Tür ging
und öffnete, sah er ein kleines, zierliches, blondhaariges Mädchen mit
großen, dunkelbraunen Augen, die ihn ängstlich, doch mit Feuer, ansahen.

»Ich wünsche Herrn =Dr.= Deruga zu sprechen,« sagte eine helle, von
der Erregung etwas gedämpfte und zitternde Stimme. »Sind Sie es?«

Gabussi schüttelte den Kopf und wies auf seinen Freund, indem er ihn
zugleich mit den Augen fragte, ob er gehen solle.

»Nein, bleibe,« bat Deruga, die Hand auf seinen Arm legend; und er
fragte das Fräulein, mit wem er die Ehre habe zu sprechen.

»Ich bin Mingo von Truschkowitz,« sagte die kleine Dame, »und komme, um
Ihnen zu sagen, daß es mir sehr leid tut, daß meine Mutter den Prozeß
gegen Sie angefangen hat, und daß ich nichts, gar nichts damit zu tun
habe. Da meine Tante Ihnen das Vermögen vermacht hat, kommt es Ihnen zu.
Überhaupt hat meine Mutter nicht das mindeste Recht darauf, da sie sich
nie um Frau Swieter bekümmert hat.«

»Armes Kind,« sagte Deruga, »es muß Ihnen schwer geworden sein, so
allein zu mir zu kommen. So alt wie Sie würde meine kleine Mingo jetzt
auch sein,« setzte er nach einer Pause hinzu, während welcher seine
Augen liebevoll auf ihr geruht hatten.

»Dasselbe,« sagte Mingo und zögerte einen Augenblick, »sagte Ihre
verstorbene Frau, als sie mich sah.«

»Haben Sie meine Frau einmal besucht?« fragte Deruga. »Wann war es?
Erzählen Sie mir davon.«

»Es war vor acht Jahren,« berichtete Mingo. »Ich besuchte sie, weil ich
so vieles von ihr gehört hatte, was mich anzog. Bei uns fand ich alles
herkömmlich und alltäglich und unbedeutend. Ich liebte mir vorzustellen,
daß irgendein Zusammenhang zwischen mir und ihr bestünde, weil ich so
heiße wie sie. Sie gefiel mir so gut, sie war mir wie ein
geheimnisvolles Märchen; aber sie sagte, ich solle nicht wiederkommen,
wenn es ohne Wissen meiner Eltern geschehen mußte. Vielleicht hatte mein
Besuch sie auch traurig gemacht, weil ich sie an ihr verlorenes Kind
erinnerte.«

»So lebt doch wenigstens ein kleiner Mingo,« sagte Deruga warm. »Nach
Ihrer Meinung,« fragte er nach einer Pause, »bin ich also mit Unrecht
angeklagt?«

»Nach dem, was Ihre Frau mir damals von Ihnen erzählte,« sagte sie mit
Nachdruck, »bin ich überzeugt, daß Sie ihr absichtlich nie etwas zuleide
getan haben.«

»Ich habe ihr viel zuleide getan,« sagte Deruga, »aber aus Liebe.«

»Das zählt nicht,« sagte Mingo entschieden und fuhr zögernd fort: »Ihre
Frau zeigte mir auch ein Bild von Ihnen.«

»Es scheint aber nicht, daß es ähnlich war,« sagte Deruga lachend, »oder
ich habe mich seitdem sehr verändert.«

»Nicht so sehr, wie es mir zuerst schien,« sagte sie.

Gabussi beteuerte, daß sein Freund sich nur zu seinem Vorteil verändert
habe, und forderte das kleine Fräulein dringend auf, dies Urteil zu
bestätigen.

»Das weiß ich nicht,« sagte sie, tief errötend, »aber wie ein alter Mann
sieht Herr Deruga nicht aus.«

»Ihnen gegenüber bin ich sehr alt und weise,« sagte Deruga gütig, »und
vermöge dieser Weisheit gebe ich Ihnen den Rat: Entzweien Sie sich
meinetwegen nicht mit Ihrer Mutter, wenn sie mir auch unrecht tut! Ein
Kind schuldet seiner Mutter zu viel, um ihr jemals zum Gläubiger werden
zu können. Sprechen Sie es aus, wenn Sie anderer Meinung als sie sind,
aber nicht ohne den Ton zärtlicher Liebe! Versprechen Sie mir das?«

Er streckte ihr die Hand hin, in die Mingo völlig überwunden ihre kleine
legte.

Carlo Gabussi umarmte, als das Fräulein gegangen war, seinen Freund mit
Begeisterung, lobte die Kleine und erkundigte sich nach der Mutter, die
eine Teufelin sein müsse.

»Wenn sie das noch wäre,« sagte Deruga. »Sie ist nur eine glatte, hohle,
genußsüchtige Frau, zu oberflächlich selbst, um lasterhaft zu sein. Ein
Bild unserer Gesellschaft, wo die großen Räuber geehrt und die kleinen
gehangen werden. Äußerlich ist sie nicht unangenehm.«

»Und warum haßt sie dich so?« fragte Gabussi.

»Weil ich das Geld bekommen habe, worüber sie bereits zu ihren Gunsten
verfügt hatte,« sagte Deruga. »Übrigens scheine ich ihr gar nicht zu
mißfallen.«

»Wie meinst du das?« fragte Gabussi. »Hast du denn mit ihr gesprochen?«

»Bis jetzt nur durch die Augen,« sagte Deruga. »Aber ich verstehe mich
ja gut auf Weiber. Wenn ich darauf einginge, wäre sie sehr geneigt,
eine Liebelei mit mir anzufangen.«

»Aber, Dodo,« rief Gabussi entrüstet aus, »das ist ja eine abscheuliche
Entartung! Mit einem Manne kokettieren, den man ins Zuchthaus oder etwa
gar auf das Schafott zu bringen im Begriffe ist. Ich verstehe solche
Sachen nicht. Könnte ich dich nur aus den Weibergeschichten
herauswickeln, die die letzte Ursache deines Unglücks sind! Du solltest
wieder heiraten, eine einfache, brave, liebe Frau, und dann zu mir
hinauf in die Berge kommen. Was hast du von dieser heillosen
Schlamperei? Luft, Licht, Sauberkeit, das sind die wichtigsten
Verordnungen der modernen Gesundheitslehre.«

»Für gesunde Seelen ausgezeichnet,« sagte Deruga. »Aber Kranke brauchen
warmen Dreck und mollige Fäulnis.«

»Unsinn,« sagte Gabussi in großer Erregung, »der Satz ist Unsinn, und
die Voraussetzung, daß du krank bist, auch. Du bist nur bequem und zu
gutmütig. Versprich mir, daß du nichts Neues anzettelst! Auch nicht aus
Mitleid. Schließlich geraten die Frauen durch die Liebe nur noch tiefer
in den Sumpf. Und versprich mir, sollte diese Baronin wirklich mit dir
kokettieren wollen, daß du ihr die verdiente Abfertigung zuteil werden
läßt!«

Deruga wollte sich ausschütten vor Lachen über seinen Freund, der, mit
den langen Armen gestikulierend, wie ein Bußprediger vor ihm stand. »Ich
habe höchstens Lust,« sagte er endlich, als er wieder sprechen konnte,
»sie noch mehr zu reizen, um sie hernach desto empfindlicher kränken und
beschämen zu können. Ich verabscheue diese Person.«

»Ach, Dodo!« seufzte Gabussi, »das ist schlüpfrig und gefährlich. Laß
sie doch gehen, wenn du sie verabscheust! Tu es um der entzückenden
Kleinen willen, wenn du es nicht aus Selbstachtung tust!«

In Derugas Gesicht kam ein weicher Ausdruck. »Kleine Mingo,« sagte er.
»Ihr möchte ich wirklich nichts zuleide tun.«

»Siehst du,« sagte Gabussi eifrig. »Es war ein Unglück, daß du deine
Tochter verlieren mußtest. An ihrer Hand wärest du gewiß nur reine,
schöne Wege gegangen.«

»Oder ich hätte sie mit mir in den Schlamm gezogen,« sagte Deruga,
plötzlich verdüstert.

»Mensch, führe nicht so verzweifelte Reden!« schalt Gabussi, »sonst
könnte sogar ich an dir irre werden.«

Deruga umarmte und küßte seinen Freund. »Immer der alte,« lachte er.
»Hast du vergessen, daß man mich nicht so ernst nehmen muß? Ich bin kein
am Spalier gezogener Pfirsich. Man kann meine Worte nicht so ohne
weiteres genießen, es muß erst etwas Schmutz herausgekocht und
abgeschäumt werden. Hast du das vergessen?«

Auch Gabussi lachte nun. »Du hast recht, ich bin ein schwerfälliger
Dummkopf,« sagte er. »Es ist kein Wunder, wenn dich in deiner
unglücklichen Lage manchmal tolle Launen überkommen. Der muß vor allen
Dingen ein Ende gemacht werden.«

Der Justizrat, den er befragte, sprach sich ziemlich hoffnungsvoll aus.
Deruga habe zwar nicht durchaus einen guten Eindruck gemacht, und es
bleibe zu vieles im Dunkeln, als daß jeder Verdacht aufgehoben würde,
aber die vorhandenen Indizien genügten seiner Ansicht nach durchaus
nicht, daß gewissenhafte Geschworene daraufhin ein Schuldig aussprechen
könnten. Gabussis freundschaftliche Gefühle waren davon nicht
befriedigt; er bestand darauf, als Zeuge aufzutreten, damit die Menschen
Deruga mit seinen Augen, das heißt, wie er wirklich wäre, sähen und ihn
freisprächen, nicht, weil er nicht überführt werden könnte, sondern von
seiner Schuldlosigkeit überzeugt.

»Sie sind mit Vorurteilen an dich herangetreten,« sagte er. »Sie haben
nur einen Ausschnitt von dir kennengelernt. Könnte man ein Gemälde
richtig beurteilen, wenn man nur ein millimetergroßes Stückchen davon
betrachtet? Ich will ihnen von deiner Kindheit und deinen Jugendjahren
erzählen, so wie du bist, ohne Übertreibung und künstliche Beleuchtung.
Das ist eine induktive Methode, die den wissenschaftlichen Deutschen
zusagen muß.«

       *       *       *       *       *

Gabussis Erscheinung machte einen günstigen Eindruck. Man fand, daß
seine ehrlichen braunen Augen, sein schlichtes Auftreten und freimütiges
Reden eines Deutschen würdig wären. Da er ein paar Semester in Wien
studiert hatte, sprach er ziemlich gut Deutsch, wenn er langsam und
vorsichtig vorging. Er sei, erzählte er, mit dem Angeklagten seit früher
Kindheit bekannt, sie hätten dieselbe Schule und später dasselbe
Gymnasium besucht. Dodo, wie er genannt wurde, sei in seinem, Gabussis,
elterlichen Hause gern gesehen worden. Man habe bewundert, wie viel er
geleistet, unter wie schwierigen Verhältnissen er sich durchgearbeitet
habe.

»Worin bestanden die schwierigen Verhältnisse?« fragte der Vorsitzende.

»Seine Familienverhältnisse waren ungünstig,« erklärte Gabussi. »Er
wurde zu Hause viel beschäftigt, so daß er oft die Nacht zu Hilfe nehmen
mußte, um mit den Schularbeiten fertig zu werden.«

»Wie kam das?« fragte der Vorsitzende, »was war sein Vater?«

»Sein Vater war damals Obstverkäufer,« antwortete Gabussi. »Er hatte
ein kleines Gewölbe hinter dem alten Rathause.«

»So,« sagte der Vorsitzende, in den Akten blätternd. »Nach Derugas
Angabe war sein Vater Kaufmann.«

»Nun ja,« sagte Gabussi, »ein Obstverkäufer ist doch ein Kaufmann.«

»Übrigens,« setzte er hinzu, indem er einen beunruhigten Blick auf
seinen Freund warf, »hat er nicht immer dieselbe Beschäftigung gehabt.
Er war ein guter, aber ruheloser Mann.«

Der Vorsitzende bat den Zeugen, Derugas Vater etwas ausführlicher zu
charakterisieren.

Er habe ihn zu wenig gesehen und gesprochen, um ein maßgebendes Urteil
fällen zu können, sagte Gabussi. Wenn er dagewesen wäre, habe er meist
schwermütig und ohne Anteil zu nehmen in einem Winkel gesessen, nur
selten einmal sei er mutwillig gewesen und habe dann laut gelacht und
gescherzt.

»Er war also nicht immer da?« sagte =Dr.= Zeunemann.

»Nein,« sagte Gabussi, »er bekam zuweilen einen Anfall, der ihn zwang,
die Familie zu verlassen und sich irgendwo herumzutreiben. Er blieb dann
oft wochenlang, ja monatelang aus.«

»Trank er?« fragte der Vorsitzende.

»O nicht besonders viel,« sagte Gabussi; »er war nur sehr eigentümlich.
Er bekam von Zeit zu Zeit eine unwiderstehliche Sehnsucht, etwas zu
erleben, einen Drang nach Abenteuern. Für das Familienleben war er nicht
geschaffen, und das war für seine Frau und seine Kinder ein Unglück.
Glücklicherweise war seine Frau ein Engel, einfach ein Engel, und Dodo,
der älteste Sohn, nicht weniger. Er war ihr Ebenbild innen und außen.«

»Es waren also noch mehr Geschwister da?« schaltete der Vorsitzende ein.
»Was ist aus ihnen geworden?«

»O nichts besonders Gutes,« sagte Gabussi zögernd. »Sie haben des Vaters
unglückliche Sucht nach Abenteuern geerbt.«

»Und der Älteste hatte nichts davon?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Im Gegenteil,« sagte Gabussi mit Feuer. »Er war schon als Kind die
Stütze seiner Mutter. Er pflegte die kleinen Geschwister, er half in der
Küche, im Hause und im Geschäft, und sang dazu wie eine Lerche. Auch
seine Mutter war stets heiter und von Dank gegen Gott erfüllt, daß er
ihr einen solchen Sohn gegeben hatte. 'Den holdseligsten seiner Engel
hat er mir geschickt,' pflegte sie zu sagen, 'so daß ich schon auf Erden
in der himmlischen Seligkeit bin.' Verursachte es ihr Kummer, daß er so
angestrengt arbeiten mußte, tröstete sie sich dadurch, daß Gott seinem
Liebling die Kraft geben werde. Während er nachts seine Schularbeiten
machte oder später den Studien oblag, saß sie neben ihm und nähte oder
flickte. So lebten sie in Wahrheit im Paradies, solange der Vater fort
war.«

»Mißhandelte er Frau und Kinder?« fragte der Vorsitzende.

»Darüber kann ich nicht viel sagen,« antwortete Gabussi, indem er wieder
einen beunruhigten Blick nach seinem Freunde warf, »denn weder Dodo noch
seine Mutter äußerten sich darüber. Nach ihrem Tode gab es allerdings
zuweilen Auftritte zwischen Vater und Sohn; denn die Arme hatte ihn
stets etwas in Schranken gehalten.«

»Geschäft und Haushalt kamen vermutlich herunter?« fragte der
Vorsitzende.

»Mein Freund tat, was möglich war,« erzählte Gabussi. »Er war Vater und
Mutter für seine unerwachsenen Geschwister, obwohl er damals selbst ein
zarter Jüngling war. Er fuhr sogar zuweilen abends, wenn es dunkelte,
Waren auf seinem Karren in die Häuser. Der Vater wurde allerdings mehr
und mehr unzurechnungsfähig. Namentlich reizte er selbst die jüngeren
Kinder zu Unarten und bösen Streichen. Er würde unermeßliches Unheil
angerichtet haben, wenn er sich nicht vor Dodo gefürchtet hätte.«

»War er hinfällig und gebrechlich geworden?« fragte der Vorsitzende.

»Durchaus nicht,« sagte Gabussi lebhaft, »er war ein großer, muskulöser
Mann, viel stärker als Dodo. Aber im Zorne schienen sich Dodos Kräfte
zu verhundertfachen. Seine arme Mutter würde gesagt haben, daß Gott ihn
mit seinem Atem erfüllte, um seinen Liebling zu schützen. Ich habe
seinen Vater vor ihm davonschleichen sehen wie einen Hund, der weiß, daß
er Prügel verdient.«

Langsam richtete sich der Justizrat zu seiner vollen Höhe auf. »Meine
Herren,« sagte er, »ich glaube zu wissen, was viele von Ihnen jetzt
denken: Da sehen wir wieder das unbezähmbare, gefährliche Temperament
dieses Menschen! Wer sich an seinem Vater vergreift, warum sollte der
sich nicht an seiner Frau vergreifen -- und so weiter. Ich, meine Herren,
habe im Gegenteil gedacht: Wieder bricht diese beinahe krankhafte
Heftigkeit hervor, wenn es sich darum handelt, Böses zu verhüten oder zu
bestrafen. Wir haben in Deruga einen ungewöhnlich reizbaren Menschen,
aber was ihn reizt, ist das Schlechte, Häßliche, Unharmonische. Daß er
sich aus selbstsüchtigen Gründen an jemandem vergriffen oder jemandem
unrecht getan habe, dafür liegt bis jetzt kein Beispiel vor.«

»Eifersucht ist denn doch wohl Selbstsucht,« entgegnete der
Staatsanwalt, »besonders wenn keine Ursache dazu gegeben wird. Auch geht
es nicht an, besonders bei Menschen, die krankhaft veranlagt sind, oder,
richtiger ausgedrückt, die sich nicht im Gleichgewicht befinden, das
reifere und höhere Alter der Kindheit und Jugend gleichzustellen. Wir
sehen bei dem Vater des Angeklagten, wie seine verhängnisvollen Anlagen
mit dem Alter mehr hervortreten, und wie verderblich ihm das Wegfallen
der Hemmung wurde, die die Gegenwart seiner frommen Frau für ihn
bedeutete. Etwas Ähnliches liegt bei dem Angeklagten vor: Mit der
Trennung von seiner durchaus anständigen, guten Frau beginnt sein Fall.«

»Sein Fall!« sagte der Justizrat gelassen, »da muß ich protestieren,
oder den Ausdruck dahin präzisieren, daß es sich um ein Abweichen von
der herkömmlichen, ausgetretenen Laufbahn handelt. Es ist allerdings bei
Deruga eine gewisse Vernachlässigung der äußeren Stellung, äußerer
Würden, äußerer Ehren eingetreten. Damit braucht aber der Verfall des
sittlichen Menschen nicht Hand in Hand zu gehen. Es kann sogar eine
größere Verinnerlichung damit zusammenhängen. Als Staatsangehöriger bin
ich allerdings für die bürgerliche Ordnung. Wir dürfen aber doch nicht
vergessen, daß auch der Staat und jede von Menschen geschaffene Form von
Kräften lebt, die ihm von außen, sagen wir meinetwegen aus dem Chaos,
zuströmen.«

Ein ironisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Staatsanwalts. »Das ist
Philosophie,« sagte er, »und mit Philosophie läßt man sich auch die
Notwendigkeit von Massenmördern und Giftmischern beweisen. Wir dagegen
haben es ganz schlechtweg und einfältig mit strafbaren Handlungen zu
tun. Christus durfte sich erlauben, die Zöllner und Sünder zu lieben,
wir müssen uns bescheiden, sie zu strafen.«

Der Vorsitzende machte die Handbewegung, mit der man Kreidestriche von
einer Tafel löscht. »Das führt zu weit,« sagte er, und dann zum Zeugen
gewendet: »Haben Sie selbst jemals Auftritte mit Ihrem Freunde gehabt?«

»Ich? Niemals, niemals!« sagte Gabussi lebhaft, »und doch ist gewiß
nicht leicht mit mir auszukommen. Mein phlegmatisches Temperament, das
mir die Natur nun einmal gegeben hat, muß eine feurige Natur, wie mein
Freund ist, schon an sich reizen. Meine Langsamkeit im Auffassen hätte
ihn oft ungeduldig machen können. Anstatt dessen war er stets
opferwillig und hilfsbereit.«

»Ein Engel,« setzte der Staatsanwalt grinsend hinzu.

»Hatte der Angeklagte noch viele Freunde außer Ihnen?« fragte =Dr.=
Zeunemann.

»Er stand mit fast allen gut,« sagte Gabussi, »aber befreundet war er
nur mit mir. Ich bin überzeugt, daß kein einziger sein Inneres so gut
kannte wie ich.«

»Das ist eigentlich sonderbar,« meinte der Vorsitzende, »bei einem
Menschen, dessen feuriges, geselliges Temperament Sie selbst
hervorheben.«

»Ja, so möchte man denken,« sagte Gabussi, »und wenn man ihn unter
seinen Schulgefährten und später unter seinen Studiengenossen sah, so
mußte man meinen, er sei mit allen verbrüdert. Ich erinnere mich, daß
ich mich zuerst nicht an ihn heranwagte, weil ich dachte, ich mit meiner
Schwerfälligkeit könne ihm nichts sein, der von so vielen wie von einer
Familie umringt war. Aber diese Umgänglichkeit, die er an sich hatte,
und die jeden anzog, war nur der Schleier, in den er seine Seele hüllte,
um sie unzugänglich zu machen. Niemand ist schwerer zu kennen, als er,
der das Herz auf der Zunge zu haben scheint. Es gibt zurückhaltende
Menschen, die durch Schweigsamkeit oder unnahbares Wesen die anderen von
sich abwehren. Das war seine Art nicht. Er richtete durch Gesprächigkeit
und Vertraulichkeit eine Mauer um sich auf.«

In dem Maße, wie Gabussi eifriger wurde, um dem Präsidenten seines
Freundes Eigenart zu erklären, wuchs das verständnisvolle Interesse des
Vorsitzenden. »Ich begreife Sie, ich begreife Sie,« sagte er, »das kommt
bei leidenschaftlichen, übermäßig reizbaren Naturen vor. Sie müssen
immer auf der Hut sein, daß sie nicht zu viel von sich verausgaben, und
schaffen doch ihrer Lebhaftigkeit einen gewissen Ausweg.«

»Ja, ja, so ist es,« bestätigte Gabussi. »Er war im Grunde weich und
leicht verletzlich, schämte sich, das den anderen zu zeigen, die so viel
gleichgültiger und härter waren, und verhüllte sich auf seine Art. Er
war kein Tier, das zu seinem Schutze Stacheln oder Schuppen
hervorbringt, er konnte nur bunte Fäden spinnen und mit solchem
Blendwerk sich unkenntlich machen. Das bewahrte ihn wohl vor der
allzunahen Berührung wesensfremder Menschen, nicht aber vor allen
schmerzhaften Zusammenstößen mit der Außenwelt, die sein Herz bluten
machten. Ach, was für eine Tragik, daß er so oft beschuldigt wurde,
anderen Leid zugefügt zu haben, der immerfort durch andere litt!«

»Sehr interessant,« sagte =Dr.= Zeunemann. »Aber worunter litt er
denn so sehr? Nun ja, unter seinem Vater. Dafür hatte er doch aber eine
gute, liebevolle Mutter, er hatte Sie und den Verkehr mit Ihrer
Familie.«

»Seine Mutter liebte er allerdings unendlich,« erklärte Gabussi, »und
durch sie litt er gewiß nicht, wohl aber durch die Lage, in der er sie
sah. Seine Seele fühlte sich nie heimisch in der Umgebung, in die sie
gepflanzt war. Er hatte einen lebhaften Schönheitssinn, und alles
Geschmacklose, sowohl an den Gegenständen wie an den Menschen, stieß ihn
ab. Da er in ärmlichen oder wenigstens sehr beschränkten Verhältnissen
geboren war und aufwuchs, kam es mir immer wunderbar vor, daß er gegen
alles Kleinliche und Häßliche, und was sie mitbringen, so überaus
empfindlich war. Ich selbst habe das erst allmählich verstehen lernen,
anfangs klangen mir seine darauf bezüglichen Klagen wie Dichtungen in
arabischer oder persischer Sprache. Es bildete oft den Gegenstand
unseres Gesprächs und war ein Punkt, wo wir nie zusammenkamen. Da ich
ihn nicht begriff, war ich oft ungerecht gegen ihn, wenn er zum Beispiel
Reichtum als das Allererstrebenswerteste hinstellte. Ich predigte dann
wie ein rechter Moralphilosoph auf ihn ein, vielmehr an ihm vorüber.
Denn von den Bedürfnissen, die ihn Reichtum ersehnen ließen, hatte ich
keine Ahnung. Meine einfachere, derbere Seele fand sich in jeder
Umgebung zurecht, sie ist gewissermaßen ein Naturlaut, und wenn man sie
nur nicht in einen glänzenden Salon versetzt, so kann sie harmonisch
einstimmen. Mit einer reichen Symphonie ist es anders. Mein Freund
brauchte Schönheit um sich herum, in der sich die unendlich vielen,
daher oft einander widerstrebenden Töne auflösten.«

»Hier ist also doch ein Punkt, wo Sie voneinander abwichen,« sagte
=Dr.= Zeunemann.

»Allerdings,« gab Gabussi zu, »aber über freundschaftliche
Meinungsverschiedenheit ging das nie hinaus. Wir ließen uns beide
gelten, und er beneidete mich wohl sogar manchmal, weil ich so viel
leichter zufriedenzustellen bin.«

»Es wundert mich,« fuhr =Dr.= Zeunemann gemütlich fort, »daß Ihr
Freund bei seinem leichtverletzlichen Schönheitssinn das Studium der
Medizin ergriff, bei dem es so viel Abstoßendes zu überwinden gibt.«

»O,« sagte Gabussi, »da kam ihm wieder seine Hilfsbereitschaft und
Liebe für alle Kranken und Leidenden zugute. Er hatte insofern eine
geradezu geniale Begabung für seinen Beruf. Dazu kam, daß er auf diesem
Wege am ehesten zu Gelde zu kommen dachte, was sowohl wegen seiner
Familie wünschenswert war, wie er es auch aus den erwähnten Rücksichten
für sich erstrebte.«

»Und woran liegt es denn Ihrer Ansicht nach,« fragte der Vorsitzende,
»daß es ihm damit doch nicht geglückt ist?«

»Jedenfalls nicht daran,« sagte Gabussi, »daß er untüchtig gewesen wäre.
Aber ich sagte schon, daß seine Seele reich und vielstimmig war. Er
sehnte sich nach Geld und verachtete es andererseits; er warf zwei Hände
voll weg für eine Handvoll, die er eingenommen hatte. Er arbeitete flink
und gut; aber er träumte noch besser. Er war geboren mit allen Tugenden,
Reichtum auf edle Art zu genießen, mit keiner von denen, die Reichtum
machen. Beim Reichwerden kommt es ebensosehr wie auf die Fähigkeit des
Erwerbens auf die des Festhaltens an, und die hatte er nicht. Es war
jener tragische Zwiespalt in ihm, der meiner Ansicht nach nur dadurch
auszugleichen ist, daß man die Nichtigkeit des Reichtums einsieht und
alles dessen, was der Reichtum verschafft. Auch der Ärmste kann
Schönheit im Überfluß genießen, wenn er sich in die Natur zurückzieht.
Es war der einzige Fehler, den Deruga beging, daß er das nicht von
Anfang an getan hat. In der großen Welt konnten die Konflikte seiner
Seele keine Lösung finden.«

»Wir haben Ihnen ein sehr feines Bild Ihres Freundes zu verdanken,«
sagte =Dr.= Zeunemann freundlich. »Nicht minder brauchbar, weil von
Freundeshand entworfen.« Dann schloß er das Verhör ab, nachdem er noch
einige belanglose Fragen gestellt hatte.

       *       *       *       *       *

Als der Justizrat mit den beiden Freunden das Haus verließ, war die Zeit
des Feierabends. Die Straßen füllten sich mit Menschen, aber in den
Anlagen hinter dem Gerichtsgebäude war es still wie immer. Mit dem
Lichte schienen die Gegenstände ihr buntes Kleid abgeworfen zu haben
und in sanft schimmernder Nacktheit am Ufer der unendlichen Nacht zu
feiern, bevor sie in das tiefe Bad hinuntertauchten. Gabussi erklärte
sich mit dem Ergebnis seiner Aussagen nicht ganz zufrieden. Es sei alles
anders herausgekommen, sagte er, als er beabsichtigt hatte. Man werde
da, ohne zu wissen wie, von einer Strömung ergriffen, die einen von der
eingeschlagenen Richtung abbrächte.

»Was du sagtest, war alles schön und gut,« tröstete Deruga. »Es kam mir
nur überflüssig vor, wie wenn man einem Deutschen einen feinen Mailänder
Risotto vorsetzt, der doch nur die Nase dazu rümpft und nach seinen
Kartoffeln verlangt. Was macht das aber? Für mich war es schön, mit dir
von der Vergangenheit zu träumen.«

»Ja,« sagte der Justizrat, »das vergangene Leiden dient, wie Shakespeare
sagt, zu desto süßerem Geschwätz.«

»Während umgekehrt nichts weher tut, wie unser Dante sagt, als sich im
Unglück vergangenen Glückes zu erinnern,« fügte Gabussi hinzu.

Bei dem Abhange, wo jetzt ein erstes Schneeglöckchen die gelbliche
Spitze herausstreckte, blieb Deruga stehen.

»Da ist eins von den kleinen Geschöpfen,« sagte er, »es guckt wie eine
Maus aus ihrem Loch hervor.«

»Sehen Sie,« triumphierte der Justizrat. »Sie lachten mich damals aus,
als ich ihm die trockenen Blätter vom Kopf wegstocherte.«

»Sie hatten auch unrecht,« entgegnete Deruga, »denn nun holt es
wahrscheinlich die Katze.«

»Meinen Sie den Nachtfrost?« fragte der Justizrat. »Diese frühen
Pflanzen können viel vertragen, sie sind darauf eingerichtet. Hören Sie,
mein Lieber,« setzte er hinzu, indem er seinen Klienten fortzuziehen
suchte, »Sie werden sentimental, das gefällt mir nicht.«

Deruga rührte sich nicht von der Stelle und starrte versunken auf die
feuchte Erde. Eine Zeile aus einem alten Gedicht lag ihm im Sinn, und er
führte sie an, als er sich darauf besonnen hatte:

»=La doglia mia cresoe coll' ombra.=«

»Das klingt wie ein Ton von einer Amati,« sagte der Justizrat, die
Musik des Verses mit sichtlichem Genusse schlürfend. »Was heißt das?«

»Mein Weh wächst mit den Schatten,« übersetzte Deruga. »Das will also
sagen, mit der wiederaufgehenden Sonne verschwindet es und bedeutet
nicht mehr als eine Abendstimmung.« Er schüttelte sich, als werfe er die
trübe Laune von sich, und wandte sich rasch dem Ausgange zu.

»Wenn du erst bei mir in meinem Bergdorfe bist,« sagte Gabussi, »werden
dich solche Stimmungen bald ganz verlassen. Das ist der Kohlenstaub der
großen Stadt, den der reine Himmel der Höhen verzehrt.«

»Ob mir diese Luft wirklich so gut anschlagen würde, wie du meinst?«
sagte Deruga. »Ich bin nun einmal kein Bauer.«

»Du wirst einer werden,« rief Gabussi lebhaft aus. »Wenn du erst gelernt
hast, dich für nichts als unsere paar Kühe und Ziegen zu interessieren,
dann wirst du gesund sein.« Er forderte den Justizrat zur Bestätigung
seiner Meinung auf.

»Ein bißchen zu verbauern, täte Ihnen gewiß gut,« sagte dieser
vorsichtig.

»Sie meinen,« sagte Deruga, »wenn man den verzwickten Kerl in seine
Bestandteile auflösen und einen ganz neuen daraus machen könnte, dann
wäre ihm allenfalls geholfen.«

Der Justizrat lachte.

»Aber wenn man den alten Deruga gar nicht mehr herauskennte,« meinte er,
»das wäre doch schade.«

Als Gabussi mit Deruga allein auf seinem Zimmer war, fuhr er fort, ihm
das Leben auf seinem Dorfe auszumalen. Deruga könne ihn auf seinen
Gängen begleiten, er verstehe ja mit einfachen Leuten umzugehen und
werde bald der Gott der ganzen Gegend sein. Übrigens würden seine Frauen
genug mit ihm zu schwatzen haben, und wenn er außerdem noch eine
Beschäftigung haben müsse, so könne er ja diese oder jene medizinische
Frage bearbeiten. Auch zu handwerklicher Beschäftigung gebe es
Gelegenheit. Die Leute dort oben wären um mehr als hundert Jahre zurück,
hätten Werkzeuge aus der Urwelt. Da wäre ein Feld für seine
Erfindungsgabe und Geschicklichkeit.

»Ach,« sagte Deruga, »wie wenig du mich kennst! Begreifst du nicht, daß
ich mich nach acht Tagen langweilen und nach vierzehn Tagen dich oder
mich umbringen würde?«

»Langweilen?« wiederholte Gabussi erstaunt, seine großen Augen noch
weiter öffnend. »Langweilst du dich denn in der Stadt?«

»Nein, hier geht es an,« sagte Deruga, »dies Gewimmel von Würmern auf
der Fäulnis unterhält mich. Ich verabscheue es, aber ich gebrauche es.
Es ist die Form des Lebens, die ich aufnehmen kann. Deine Berge wirken
wie nasse Knödel auf meinen Magen.«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Gabussi, sich ereifernd, »das kann dein
Ernst nicht sein. Einem guten Menschen muß das Große und Einfache wohl
tun.«

»Ach, Gabussi,« erwiderte Deruga ungeduldig, »der Mensch ist kein
Dreieck, worauf man den Pythagoräischen Lehrsatz anwenden kann. Glaube
mir, daß ich schließlich deine gute, alte Schwester verführen würde,
nur um die klare Atmosphäre ein bißchen zu trüben!«

»Dodo, wenn deine arme Mutter dich so reden hörte!« klagte Gabussi. »Es
sind nur Reden, nur Worte; doch die Worte schon zerreißen mir das Herz.«

Die Unterredung setzte sich bis tief in die Nacht fort, ohne daß die
Freunde zu einem Verständnis gekommen wären. Gabussi bestand darauf, in
München zu bleiben, bis der Prozeß beendigt wäre, und dann, falls er
nach Wunsch erledigt wäre, Deruga sofort mitzunehmen, wogegen dieser
eine stets wachsende Abneigung ausdrückte. Vielmehr redete er Gabussi
zu, ohne Zeitverlust abzureisen, da er zu Hause von Mutter und Schwester
und von seinen Kranken ungeduldig erwartet würde, hier aber jetzt nichts
nützen könne. Gabussi gab endlich nach, aber er war traurig und
enttäuscht.

Im Augenblick der Trennung umarmte Deruga ihn mit der alten Herzlichkeit
und mit Tränen in den Augen. »Vergiß das verzweifelte Zeug, das ich
geredet habe,« sagte er, »und glaube nur das eine, daß mein Herz immer
dasselbe ist. Und wenn dich morgen der Schlag trifft und zu einem
schlottrigen Idioten machte, der seinen Mund nicht mehr finden kann, so
würde ich dich zu mir nehmen und dich eigenhändig füttern, solange du
lebtest. Dasselbe laß mich von dir glauben! Was für ein Strudel von
Dreck wäre das Leben, wenn es nicht unwandelbare Herzen gäbe!«

»Gott sei Dank,« sagte Gabussi, dessen große braune Augen glänzten, »ich
glaube, ich hätte dem Himmel über meinem Kopfe mißtraut, wenn ich den
Glauben an dich verlieren müßte!«



=X.=


Die Baronin saß mit ihrer Tochter vor dem mit Gas geheizten Kamin und
betrachtete ihre auf das Gitter gestützten schmalen Füße, während sie
sagte:

»Was meinst du, Mingo, wenn ich dir die Erlaubnis zum Studieren gäbe?«

Mingo stand im Rücken ihrer Mutter am Fensterrand und starrte auf das
nach einem raschen, starken Frühlingsregen schwarzblanke Pflaster, in
dem die eben angezündeten Lichter sich spiegelten. Ihre Stimme klang
schwach und müde zu der Fragenden hinüber, wie sie die Gegenfrage
stellte: »Hast du denn die Absicht, es mir zu erlauben?«

»Ich habe gedacht,« antwortete die Baronin, »daß ich es doch nie übers
Herz bringen werde, dich zu einer dir unsympathischen Heirat zu zwingen,
und daß also daran gedacht werden muß, was aus dir werden soll, wenn du
spät oder gar nicht heiratest. Glaubst du denn, daß das Studium dich
glücklich machen wird?«

»Glücklich?« sagte die schwache Stimme vom Fenster her. »Ach, Mama! Aber
es wird mich doch auf eine interessante und nützliche Art beschäftigen.«

»Früher,« sagte die Baronin erstaunt und fast ein wenig unwillig, »als
du mich mit diesem Wunsche so sehr quältest, tatest du, als ob deine
Seligkeit davon abhinge.«

Mingo trat vom Fenster weg und kauerte sich in einen Sessel, den sie
neben den ihrer Mutter gerückt hatte.

»Ob wohl alle Wünsche verblassen?« sagte sie, »wenn sie ihrer
Verwirklichung nahekommen? Aber, Mama, vielleicht kann ich mich nur
heute abend nicht so recht freuen, weil ich müde bin. Wenn du mir jetzt
die Erlaubnis mit ins Bett gibst, werde ich morgen früh ganz glücklich
damit erwachen.«

Die Baronin warf einen nachdenklichen, freundlichen Blick auf ihre
Tochter.

»Nein, geh' noch nicht zu Bett, Kleines,« sagte sie. »Ich finde es so
hübsch, mit dir allein zu plaudern. Weißt du, das Heiraten steht dir ja
immer noch frei, aber es ist lange nicht so unterhaltend, wie du es dir
jetzt wohl vorstellst, besonders wenn man nur um des Geldes willen
heiratet.«

»Hast du Papa um des Geldes willen geheiratet?« fragte Mingo.

»Nun, nicht in dem Sinne, daß er mir ohne Geld unannehmbar gewesen
wäre,« sagte die Baronin, »im Gegenteil, er gefiel mir gut und zog mich
an. Nur hätte das vielleicht nicht zu einer Heirat geführt, wenn er
nicht so vermögend gewesen wäre.«

»Gefiel er dir später nicht mehr so gut?« fragte Mingo zaghaft.

»O, gefallen,« sagte die Baronin, »muß er einem doch. Er ist so
außerordentlich vornehm, nie aufdringlich, nie geschmacklos. Nur
langweilig ist er, kannst du dir das denken?«

»Ja,« nickte Mingo, »ich kann es mir vorstellen. Aber ich dachte, wenn
man sich liebt!«

»Ach, kleine Torheit,« lachte die Baronin. »Liebe allein füllt nicht
einen einzigen Abend aus, wenn man einmal verheiratet ist.«

»Ach,« sagte Mingo und träumte mit ihren großen, dunklen Augen auf die
rotwogende Kupferplatte des Kamins. »Aber man hat doch Kinder,« fuhr sie
nach einer Weile fort.

Die Baronin lachte ihr junges, anmutiges Lachen. »Du Kind bist mir bald
genug davongelaufen.«

Mingo fühlte plötzlich eine große Welle von Liebe und Mitleid für die
Mutter in sich aufsteigen, setzte sich mit einem Sprung auf ihren Schoß,
schlang die Arme um sie und küßte sie. »Du, meine Frisur und meine
Spitzen,« rief die Baronin erschreckt; doch war ihr anzumerken, daß sie
sich der Erschütterung dieses Zärtlichkeitsausbruchs nicht ungern
hingab.

»Siehst du,« sagte Mingo fröhlicher als vorher, »daß es doch besser ist
zu studieren! Das ist nicht langweilig und läuft nicht fort.«

»Für mich ist es zu spät,« meinte die Baronin; »aber für dich mag es das
Richtige sein!«

Mingo tröstete, ihre Mutter sei so klug; wenn sie wolle, könne sie es
auch.

Die Baronin schüttelte den Kopf. »Mein Verstand hat nie geturnt,« sagte
sie, »er kann mit Grazie über einen Bach hüpfen und eine Blume pflücken
und dergleichen, aber nichts, wozu man Muskeln braucht. Anstrengen kann
ich mich in gar keiner Weise mehr. Vielleicht hätte ich es früher
gekonnt, wenn die Notwendigkeit oder sonst ein starker Antrieb dagewesen
wäre.«

»Mama,« sagte Mingo, die noch immer auf dem Schoße ihrer Mutter saß,
»warst du nie verliebt? Vor deiner Heirat oder nachher?«

»Nein, so eigentlich verliebt nie,« antwortete die Baronin. »Weißt du,
früher, als ich in deinem Alter war, hielt ich für Liebe das
schmeichlerische Gefühl, das man hat, wenn man angebetet wird. Je besser
einem der gefiel, der einen anbetete, desto angenehmer war es; selbst zu
lieben, hatte ich gar kein Talent oder Bedürfnis. Und als ich
verheiratet war, hatte ich mir vorgenommen, mir nichts Ernstliches
zuschulden kommen zu lassen, und das stand mir immer im Wege.«

Mingo hatte sich inzwischen zu Füßen ihrer Mutter auf den Boden gekauert
und starrte wieder in den geheimnisvoll wogenden, kupfernen Feuerkessel.
»Dann weißt du gar nicht, wie es ist, von einer Leidenschaft hingerissen
zu sein?« fragte sie.

»Du scheinst es mir fast vorzuwerfen,« sagte die Baronin mit einem
Anflug von Schärfe im Ton, aber nach einer Weile fuhr sie milder fort:
»Es mag sein, daß ich deswegen nicht schlechter wäre. Übrigens nahm ich
mich nicht eigentlich um deines Vaters willen zusammen, sondern es war
ein Ausfluß meiner Natur. Große Aufregungen und Umwälzungen lagen mir
nicht, und das, was ich einmal gewählt hatte, wollte ich durchführen.
Ich halte das für ein Erfordernis des guten Geschmacks.«

»Ja, Mama,« sagte Mingo, indem sie auf die gepflegte, mit vielen
kostbaren Ringen allzu belastete Hand ihrer Mutter einen Kuß drückte,
»und Papa und ich haben Ursache, dir dankbar zu sein. Nur für dich
macht es mich fast traurig.«

»Mach' dir darüber keine Gedanken, mein Kleines,« sagte die Baronin.
»Was einem nicht ansteht, das würde einen auch nicht glücklich machen.
Ich habe mir einen anderen Weg zu meinem Glücke ausgedacht.«

»Was meinst du, Mama?« fragte Mingo erschreckt.

Die Baronin errötete, ohne daß es im roten Widerschein der Kaminglut
sichtbar geworden wäre. »Das erzähle ich dir ein andermal, Liebling,«
sagte sie. »Ich höre eben ein Auto vorfahren. Das wird dein Vater sein.«

»Mama,« sagte Mingo rasch. »Du hast mir noch nicht versprochen, daß du
von dem Prozeß zurücktreten willst. Ohne das kann mich nichts, nichts
glücklich machen. Ich will gern auf das Studium verzichten und immer, so
lange ich lebe, bei dir bleiben, damit du dich nicht langweilst, wenn du
mir nur das zuliebe tust.«

»Rege dich nicht auf, Mingo,« sagte die Baronin abwehrend, »du weißt,
daß ich das nicht liebe. Nichts in der Welt ist wert, daß man sich
darüber aufregt. Ich habe dir gesagt, daß ich es mit dem Anwalt
besprechen will!«

»Ach, dein Anwalt,« sagte Mingo, »der hat dich ja gerade hineingehetzt.
Er ist ein widerwärtiger Mensch! Er hat etwas Kriechendes, Schleimiges,
Saugendes, als ob er zum Spion geboren wäre. Ich begreife nicht, daß du
mit einem solchen Menschen verkehren magst.«

»Das ist doch kein Verkehr,« entgegnete die Baronin. »Ich bediene mich
seiner Gaben, die ihn für diese Arbeit geeignet machen. Wenn er ein
Edelmann wäre, würde er mir vermutlich weniger nützen können. Es mag
sein, daß er auch mich ausnützt, aber er könnte das ja gar nicht, wenn
er nicht meinte, daß ich recht habe, und daß meine Sache Erfolg haben
kann. Du tust, als handle es sich um eine Privatangelegenheit, aber es
handelt sich um ein Verbrechen, an dem die Öffentlichkeit Interesse
hat.«

»Du sollst die Hand nicht darin haben,« drängte Mingo. »Du hast mir
selbst zugegeben, daß du an deiner Überzeugung von seiner Schuld irre
geworden bist.«

»Meine Überzeugung ist nicht maßgebend,« sagte die Baronin. »Die
Geschworenen sind dazu da, das Recht zu finden. Es handelt sich einfach
um das Recht. Ich will nichts für mich erzwingen, was nicht dem Rechte
gemäß ist.«

»O Mama, Mama,« rief Mingo. »Der Schein ist aber auf dir, als wolltest
du dir das Vermögen erzwingen, das dir nun einmal nicht bestimmt war.«

Die Baronin war sichtlich verletzt. »Ein Kind, das im Überfluß
aufgewachsen ist, pflegt nicht nachzudenken, woher er fließt,« sagte
sie. »Du hast es leicht, das Geld gering zu schätzen. Habe ich ein Recht
darauf, so wäre es lächerlich von mir, darauf zu verzichten. Ob ich das
Recht darauf habe, das heißt, ob Deruga es nicht hat und ich meine
Ansprüche mit einiger Aussicht auf Erfolg werde geltend machen können,
das wird dieser Prozeß ergeben. Dann ist es immer noch Zeit, zu erwägen,
ob ich es mit einer Klage wegen des Vermögens versuchen soll.«

»Einstweilen könntest du aber doch deinem Anwalt sagen, daß er seine
Nachforschungen aufgibt,« bat Mingo.

»Ich werde mich mit ihm besprechen,« sagte die Baronin ausweichend, »und
seine Auffassung hören. Hält er Deruga jetzt für unschuldig, so bin ich
die erste, mich darüber zu freuen. Persönliche Wünsche in diesen
Angelegenheiten kommen weder dir noch mir zu.«



=XI.=


Einen Tag nach der Abreise Gabussis besuchte der Justizrat seinen
Klienten, der allein im kalten Zimmer saß. Er hatte das Fenster
geöffnet, weil der kleine eiserne Ofen zu stark heizte, und hatte
vergessen, es wieder zu schließen, nachdem es längst kalt geworden war.

Zuweilen trieb der Wind einen Regenguß hinein, ohne daß der Einsame, der
verdrossen vor sich hinstarrte, es bemerkte.

»Ihr Freund ist also abgereist,« sagte der Justizrat. »Das ist schade,
da werden Sie sehr niedergeschlagen sein!«

»Ich bin froh, daß er fort ist,« entgegnete Deruga. »Gabussi ist mir der
liebste Mensch auf Erden, aber es gibt Zeiten, wo er mir im Wege ist. Er
kann sein Leben lang nüchtern sein, aber ich muß mich zuweilen
betrinken.«

»So,« sagte der Justizrat, der inzwischen das Fenster geschlossen und
sich gesetzt hatte, »und jetzt ist der Zeitpunkt für Ihre Saturnalien?
Passend gewählt.«

Deruga zuckte die Achseln. »Ich richte mich dabei nach dem Kalender,
dessen System jeder in seinem Körper trägt.«

»Wie Sie wollen,« sagte der Justizrat. »Mich hat etwas ganz anderes
hergeführt. Kennen Sie eine Frau Valeska Durich aus Prag?«

»Ja,« sagte dieser, »ein aus Dummheit und Verliebtheit zusammengesetztes
Wesen. Formel =D_{2} V.=«

»Sie müssen es wissen,« sagte der Justizrat, »denn sie scheint eben in
Sie verliebt zu sein.«

»Ich kann wirklich nichts dafür,« sagte Deruga. »Wenn Sie eine halbe
Stunde mit ihr zusammen wären und sie womöglich etwas grob behandelten,
würde sie sich auch in Sie verlieben.«

»Nun, wir werden sehen,« sagte der Justizrat. »Sie will nämlich
herkommen.«

Deruga lachte auf und zeigte sich dann geärgert. Was die dumme Person
wolle? Der Justizrat solle ihr schreiben, daß er, Deruga, in
Untersuchungshaft sei und nichts mit ihr zu tun haben könne und wolle.

»Das käme wohl zu spät,« sagte der Justizrat. »Sie will durchaus
bezeugen, daß Sie vom Abend des 1. Oktober bis zum Nachmittag des
dritten bei ihr gewesen seien. Da hätten wir denn ein Alibi.«

»Im Ernst?« sagte Deruga aufhorchend. »Das will die dumme Person? Nun,
das ist ja eigentlich sehr angenehm. Besser könnte der Knoten gar nicht
gelöst werden.«

»Das will ich denn doch nicht gerade sagen,« meinte der Justizrat
bedächtig. »Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn einer einen Meineid auf
sich nimmt.«

»Das ist ihre Sache,« sagte Deruga heftig. »Herrgott, dieser kleinliche
Wortkram! Es gibt Lügen, die einen anständigeren Ursprung haben als
manche Wahrheit. Überhaupt ist das ihre Sache. Ich habe so viele
Belästigungen von ihr ertragen, warum sollte ich nicht auch den Vorteil
annehmen?«

»Natürlich,« sagte der Justizrat, »wenn es ohne ernstlichen Schaden
ihrerseits geschehen kann.«

»Es ist merkwürdig, daß Sie auf einmal so bedenklich geworden sind,«
sagte Deruga scharf. »Durch Sie bin ich in diese Lage gekommen. Wäre ich
meiner Regung gefolgt, so wäre es längst so oder so zu Ende. Nun sich
ein Mittel findet, mir den Prozeß in Ihrem Sinne vom Halse zu schaffen,
machen Sie moralische Ausflüchte.« Er war vor Erregung rot geworden und
warf einen wütenden Blick auf den Justizrat, der ihn nachdenklich
betrachtete.

»Ich mußte mir doch erst Klarheit verschaffen,« sagte dieser, »und
wissen, wie Sie zu der neuen Wendung stehen. Schließlich, wenn Sie
einverstanden sind! Hatten Sie denn wirklich etwas mit der Dame?«

»Ich mit ihr?« sagte Deruga. »Sie hatte etwas mit mir. Sie quälte mich
mit ihrer Verliebtheit. Übrigens irren Sie sich, wenn Sie sie als
opfermütige Heldin auffassen. Sie ist zu dumm, um die Folgen ihrer
Handlungen zu übersehen, und so verliebt, daß ihr jedes Mittel recht
ist, um mich zu gewinnen.«

»Worin sie sich aber verrechnet?« setzte der Justizrat hinzu.

»Natürlich,« sagte Deruga scharf, »dachten Sie, ich solle sie aus
Dankbarkeit heiraten?«

»O nein,« entgegnete der Justizrat, »Sie wollen jetzt viel höher
hinaus.«

»Jetzt?« wiederholte Deruga auffahrend, »was meinen Sie damit? Was
erlauben Sie sich? Meinen Sie, Sie können mich als dummen Jungen
behandeln, weil ich angeklagt und vogelfrei bin? Ich halte mich
allerdings für zu gut, mich an eine solche dumme und ungebildete Person
wegzuwerfen. Die Weiber sind mir überhaupt widerlich.«

»Mit Ausnahmen,« sagte der Justizrat kühl.

»Das stimmt,« fuhr Deruga in hitzigem Tone fort. »Zum Beispiel mit
Ausnahme der Baronin Truschkowitz. Sie ist habgierig, eitel,
selbstsüchtig; aber dafür klug, elegant und ganz und gar unmoralisch. So
müssen Frauenzimmer sein, damit man sich gut mit ihnen unterhalten
kann.«

»Geschmackssache,« sagte der Justizrat. »Einen Meineid würde sie
jedenfalls nicht für Sie schwören.«

»Nein, sie ist weder einfältig noch hündisch,« sagte Deruga, »und ich
mag die Hunde nicht. Was kümmert Sie die Valeska? Lassen Sie sie
zugrunde gehen, wenn sie will! Sie haben für mich zu sorgen.«

»Das tue ich,« sagte der Justizrat, »und ich zweifle eben, ob es
ehrenhaft von Ihnen wäre, wenn Sie ein solches Opfer annähmen.«

Deruga lachte höhnisch. »Eins von diesen pompösen Worten,« sagte er,
»die in eurer Gesellschaft üblich sind. Ehre, Moral, Ideal, Gott,
Unsterblichkeit, lauter gemalte Säulen auf Sackleinewand. Man braucht
euch keine dreißig Silberlinge zu bieten, damit ihr Gott verratet.
Übrigens, wer sagt denn, daß die Valeska einen Meineid schwört? Woher
wissen Sie, daß ich nicht vom 1. bis 3. Oktober bei ihr war?«

Der Justizrat stand auf, um zu gehen. »Genug für heute,« sagte er; »aber
ich nehme an, daß das nicht Ihr letztes Wort ist.«

»Und ich bitte Sie,« sagte Deruga, »fangen Sie nicht wieder davon an,
wenn Sie wollen, daß wir gute Freunde bleiben! Weder Sie noch ich sind
Valeskas Hüter. Sie tun am besten, sich an die Tatsache zu gewöhnen, daß
sie leichtsinnig genug war, mich vom 1. bis zum 3. Oktober vorigen
Jahres bei sich zu beherbergen.«



=XII.=


Die Baronin hatte Peter Hase zum Mittagessen eingeladen, damit er ihre
Tochter kennenlerne. Das Diner fand in einem kleinen, behaglichen Salon
ihres Hotels statt, dessen in Weiß, Schwarz und Gold gehaltene Wände mit
Blumenbüschen von ausschweifender Pracht geflammt waren.

Die Baronin teilte ihrem Gaste lächelnd mit, daß er ihrer Tochter noch
in jeder Beziehung unbekannt sei.

»Meine Tochter,« sagte sie, »hat von ihrem Vater eine gewisse
Gleichgültigkeit gegen die Literatur geerbt; vielleicht darf ich
gleichbedeutend sagen, einen gewissen Mangel an Phantasie.«

»Ich möchte es guten Geschmack nennen,« sagte Peter Hase, »denn Jugend
und Bücher gehören nicht zusammen. Auch steht Herr Baron vielleicht auf
dem Standpunkt der Alten, welche die Dichter als Lügner verachteten.«

»Ich bin zu wenig belesen, um darüber urteilen zu können,« sagte der
Baron, »aber so viel ist richtig, daß ich Zeitungen gerne lese, weil sie
Wahres berichten.«

»Ach Papa, Zeitungen,« lachte Mingo, »die sollen ja gerade am meisten
lügen.«

»Die Zeitungen sind vielleicht das interessanteste moderne Epos,« sagte
Peter Hase, »und jedenfalls ist das Leben die schönste Dichtung.«

Die Baronin wiegte zweifelnd den Kopf. »Ich glaube,« sagte sie, »auch in
bezug auf das Leben sind die großen Talente unter den Menschen selten.
Wenige leben ein großes, schön geschwungenes Leben. Bei den meisten
fällt es zerfahren, kleinlich, alltäglich und sehr langweilig aus.«

»Für flüchtige Leser,« sagte Peter Hase, »man muß sich hinein
vertiefen.«

»Ach, es lohnt nicht,« sagte die Baronin, »und wo es vielleicht lohnte,
ekelt es einen. Die Erfahrung haben Sie vielleicht auch bei der
geheimnisvollen Dame gemacht, die unserem Prozeß plötzlich eine neue
Wendung zu geben scheint.«

»Die Dame stellte sich allerdings zunächst mehr alltäglich als
geheimnisvoll dar,« sagte Peter Hase. »Ein vegetatives Wesen, gutmütig,
schwach, träge, aber mit einer Anlage zum Heroismus, wie primitive
Frauen sie manchmal haben.«

Mingo, die bis dahin mit fast unhöflicher Teilnahmlosigkeit dagesessen
hatte, blickte tief errötend auf und sagte hastig: »Wer ist die Dame,
warum war sie da?«

»Es ist eine Dame, die aussagte, daß Herr Deruga während der
verhängnisvollen Oktobertage bei ihr gewesen sei, also die Tat, der man
ihn verdächtigt, nicht begangen haben könnte,« erklärte Peter Hase. Er
sprach mit Zurückhaltung, da er den Gegenstand für gesellige
Unterhaltung nicht geeignet, ganz besonders aber für eine junge Dame
nicht für passend hielt.

»Siehst du, Mama,« rief Mingo triumphierend. »Aber wer ist die Dame, daß
er so lange bei ihr war? Ist er mit ihr befreundet?«

»Nun, unverheiratete Männer haben eben Beziehungen zu gewissen Frauen,
Frauen der unteren Stände,« erklärte die Baronin. »Das ersetzt ihnen das
Familienleben. Und sie bevorzugen ungebildete, anspruchslose Frauen,
weil sie sich ihnen gegenüber gehen lassen können. Sich gehen zu lassen,
ist Männern ein wesentliches Bedürfnis.«

»Ich möchte es eine Schutzvorrichtung der Natur nennen,« sagte Peter
Hase, »die gerade dem Kulturmenschen als eine Entspannung seiner stets
gespannten Kräfte notwendig ist. Aber es ist eine tragische Verkettung,
daß gerade der Kulturmensch es mehr und mehr verlernt, sich gehen zu
lassen, bis die unterdrückten Triebe sich zuletzt im Wahnsinn Luft
machen.«

In Mingos Gesicht war zu lesen, daß sie diese Untersuchung weder
verstand noch Interesse dafür hatte. »Wie war die Frau?« fragte sie,
angelegentlich zu Peter Hase hingewendet. »War sie ganz ungebildet? War
sie eine arme Frau?«

»Nein, das doch nicht,« sagte Peter Hase ernst und schonend. »Sie ist
die Tochter eines Hausmeisters an einem Knabengymnasium, und es
scheint, daß sie dadurch früh bedenklichen Einflüssen ausgesetzt war.
Offenbar sucht sie in rührender Art an dem, was sie für Bildung ansieht,
festzuhalten; sie betonte, wenn immer es möglich war, die Liebe zur
Natur, zu allem Guten, Schönen und Wahren, wie man zu sagen pflegt, und
sie sprach geflissentlich von der Freundschaft, die sie mit Deruga
verbände. Das Wort Liebe oder Liebesverhältnis ließ sie nicht gern
gelten. Ich hatte den Eindruck, daß sie das Bedürfnis hatte, ihrem Leben
einen Hintergrund von Schönheit und Besonderheit zu geben, soweit sie es
versteht.«

Die Baronin zuckte ungeduldig die Schultern, und der Baron suchte das
Gespräch in eine andere Bahn zu lenken, indem er sagte, ähnliche Züge
fänden sich viel bei den leichtfertigen Frauen der meisten Völker, und
allerlei aus Japan, China, Indien und anderen Ländern erzählte, die er
bereist hatte. Er sei in seiner Jugend weit herumgekommen, sagte er,
aber schließlich habe er gefunden, daß sich in Paris am besten leben
lasse.

»O, ja, Paris ist stets das mehr oder weniger Gegebene,« sagte die
Baronin mit einem unterdrückten Seufzer und einem verschmitzten
Ausdruck, der sie allerliebst kleidete.

Er liebe auch Paris, sagte Peter Hase, und sei im Begriff gewesen, zu
einem mehrwöchigen Aufenthalt hinzureisen, als Derugas Prozeß ihn
abgehalten hätte.

»Dieser Mensch scheint eine ungemeine Anziehungskraft zu besitzen,«
sagte die Baronin.

Peter Hase warf einen unauffälligen Blick zu Mingo herüber, um zu sehen,
wie das Besprochene sie berührte. Ihre großen Augen hingen mit Spannung
und Anteil an seinem Gesicht. »Man begegnet so selten,« sagte er,
»innerhalb der Kultur einem ganz natürlichen Menschen, wie Deruga ist;
ein Kind, von der Beschaffenheit und in den Verhältnissen eines Mannes.«

»Sie wollen ihn vielleicht in einem Roman verwerten,« spottete die
Baronin.

»Kaum,« erwiderte Peter Hase ernsthaft. »Er ist doch wohl
zusammenhanglos für den Bau der Dichtung, wo alles Zweck sein muß und
nirgends eine Fuge klaffen darf.«

»Unschuldig verurteilt,« fuhr die Baronin fort. »Das wäre doch ein
Titel, der ziehen würde.«

»Es wird nicht dahin kommen,« sagte Peter Hase, ruhig feststellend. »Die
Sache wird irgendwie im Sande verlaufen. Ich schließe aus Derugas
Charakter, daß er bunte Erlebnisse, aber keine großen, tragischen,
erschütternden haben wird.«

»Hörst du, Mama?« rief Mingo. »Auch Herr Hase ist von seiner Unschuld
überzeugt. Jeder ist es. Du bist es dir selbst schuldig, nichts mehr
gegen ihn zu unternehmen.«

»Ich sagte dir schon,« fiel die Baronin ein, »daß ich mit dem Anwalt
sprechen werde. Seine Sache ist eigentlich nicht meine. In der Tat
bedaure ich jetzt, daß ich so schwach war, mich von ihm in diese Sache
hineinziehen zu lassen. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es ihm in
erster Linie daran lag, sich durch einen aufsehenerregenden Prozeß
bekannt zu machen. Er spiegelte mir vor, daß ich berufen sei, ein
Verbrechen ans Licht zu ziehen, und benützte mich als Mittel, um
berühmt zu werden.«

Die Baronin hatte kaum ausgesprochen, als der Kellner den =Dr.=
Bernburger anmeldete, den sie zu einer Besprechung ins Hotel gebeten
hatte.

»Das ist ungeschickt,« sagte die Baronin zögernd, und Peter Hase erhob
sich, um nicht zu stören. Nein, sagte sie, er dürfe auf keinen Fall
schon gehen, sie hätten ja noch nicht einmal den Kaffee genommen. Im
Grunde sei es ihr lieb, wenn sie die Unterhaltung nicht allein zu führen
brauche, Geschäftliches sei ihr ohnehin zuwider, diese Angelegenheit
aber vollends verhaßt.

Den nun eintretenden Anwalt begrüßte sie mit einem hochmütigen
Kopfneigen, dem sie nachträglich eine etwas höflichere Wendung gab, als
sie bemerkte, daß er sie durchschaute und belächelte. Sie erklärte ihm,
daß die Anwesenden von allem unterrichtet wären, und daß ihre Gegenwart
nicht störe, und sagte dann mit einem kalten Blick:

»Die Sache entwickelt sich anders, Herr Doktor, als Sie mir anfänglich
einredeten.«

»Ich schätze den selbständigen Charakter der Frau Baronin zu hoch,«
entgegnete =Dr.= Bernburger, »als daß ich wagen möchte, ihr etwas
einzureden.«

»Nun gut,« sagte die Baronin unwillig, »Sie schilderten mir die Vorgänge
jedenfalls so überzeugend, wie ...«

»Wie Sie sich nur wünschen konnten,« fiel =Dr.= Bernburger lächelnd
ein. »Ich bin von der Wahrscheinlichkeit der Vorgänge, wie ich sie
damals darstellte, heute noch ebenso überzeugt wie damals.«

»Und die neue Zeugin?« fragte die Baronin.

»Eine verliebte Person,« sagte =Dr.= Bernburger wegwerfend, »die
sich ein Verdienst um ihren Angebeteten erwerben möchte. Sie ist
durchaus nicht wichtig und wurde nicht einmal vereidigt, weil der
Gerichtshof sie wegen ihrer Beziehungen zum Angeklagten von vornherein
nicht für glaubwürdig hielt. Übrigens würden sich wohl Zeugen auftreiben
lassen, um die Unwahrheit ihrer Aussage darzutun.«

»Nein, Mama,« rief Mingo, in lichter Entrüstung aufspringend, »damit
sollst du nichts zu tun haben. Dies Spionieren und Hetzen ist unwürdig.
Ich leide es nicht, daß du dich dazu hergibst.«

=Dr.= Bernburger betrachtete das junge Mädchen lächelnd durch seine
Brille. »Ginge der Verbrecher nicht dunkle Wege,« sagte er, »brauchte
man ihm nicht auf dunklen Wegen nachzuschleichen. Die Methode des
Verbrechers bestimmt die Methode dessen, der ihn entlarven soll. Wenn
ein Dieb mit Ihrer Börse davonläuft, und Sie wollen ihn wieder haben,
müssen Sie ihm nachspringen; oder einen anderen für sich springen
lassen.«

»Ich verlange von niemandem, wozu ich mir selbst zu gut bin,« sagte
Mingo feindlich. »Übrigens hat uns niemand unsere Börse genommen.«

»Mische dich nicht in Dinge, Kind,« sagte die Baronin verweisend, »die
du zu wenig kennst, um sie beurteilen zu können. Ich habe indessen doch
das Gefühl,« wandte sie sich an =Dr.= Bernburger, »daß wir keine
glückliche Rolle in dieser Angelegenheit spielen.«

»Es kommt auf den schließlichen Erfolg an,« sagte =Dr.= Bernburger,
»und wie ich Ihnen schon sagte, hat sich meine Überzeugung bisher nur
gefestigt. Mir ist es, als hätte ich den Vorgang mit erlebt. Ich könnte
ihn in einem Drama vorführen.«

»Und warum tun Sie es nicht?« rief die Baronin gereizt aus. »Ich glaube,
die Stimmung wendet sich allgemein dem Angeklagten zu.«

»Herr =Dr.= Deruga hat augenscheinlich viel Glück bei Frauen,«
sagte =Dr.= Bernburger, »in deren Augen ein Mann überhaupt durch
den Verdacht eines Verbrechens zu gewinnen pflegt. Ferner begehen viele
Menschen den Fehler, zu glauben, ein Verbrecher müsse von der Natur mit
einem besonderen Stempel gezeichnet sein. Müsse roh, brutal, gemein,
entstellt aussehen. Man bedenkt nicht, daß der Grund der meisten
Verbrechen die Schwäche des Täters ist, indem er einem Antriebe nicht
genug Widerstand entgegenzusetzen vermochte, und was für eine große
Rolle der Zufall dabei spielt. Es ist nicht ohne Ursache, daß in
früheren Zeiten viele Verbrecher selbst glaubten, der Teufel habe es
ihnen eingeblasen.«

Der Baron meinte, solche Vorstellungen wären gefährlich, indem sie
einem fast den Mut raubten, den Verbrecher zu verfolgen und zu
bestrafen.

Der Anwalt zuckte die Schultern. »Hörte man damit auf,« sagte er, »so
gäbe es ja nur noch Antriebe zum Bösen beziehungsweise Verbotenen, und
alle Hemmungen fielen fort. Es ist wohl das beste, daß jeder schlechtweg
das tut, was ihm sein Amt vorschreibt, ohne sich Skrupel über die Folgen
und innersten Gründe zu machen. Justizrat Fein bringt unentwegt neue
Entlastungszeugen vor; er hat jetzt wieder einen Professor ausgespielt,
der eine Zeitlang mit Deruga und seiner Frau dasselbe Haus bewohnte, und
der, wie es scheint, bestätigen soll, was wir längst wissen, daß Deruga
ein sogenannter guter Kerl ist, dem man zwar Übereilungen, aber nicht
überlegte Schlechtigkeiten zutraut. Ich würde meine Pflicht nicht tun,
wenn ich mich nicht bemühte, Beweise für unsere Überzeugung
aufzutreiben, und ich hoffe noch immer, daß es mir gelingen wird, etwas
Abschließendes zu finden. Ich verfolge eine Spur, von der ich aber
schweigen möchte, bis ich selbst vollkommene Klarheit gewonnen habe.«

Mingo betrachtete =Dr.= Bernburger mit unverhohlenem Abscheu. »Das
geschieht aber nicht für dich, Mama,« sagte sie in flehend befehlendem
Tone, »nicht in deinem Auftrage.«

»Bitte, mische dich nicht ein,« sagte die Baronin gereizt, »verlasse uns
lieber, wenn du dich nicht beherrschen kannst! Weder du noch ich haben
ein persönliches Interesse an der Angelegenheit, sondern einzig ein
sachliches. Es kann uns nur angenehm sein, wenn die Wahrheit
festgestellt wird.«

»Ja, ich habe ein persönliches Interesse,« rief Mingo leidenschaftlich
aus. »Ich weiß, daß er schuldlos ist. Allen Beweisen zum Trotz, die etwa
ausspioniert werden, ist er schuldlos und besser als wir alle.« Ihre
Stimme zitterte, die Tränen waren ihr nahe.

Der Baron und Peter Hase waren gleichzeitig aufgestanden, wie um die
Kleine zu beschützen. Der Baron stellte sich neben sie und schlug einen
Spaziergang vor: man müsse bei den immer noch kurzen Tagen die
Helligkeit benützen. =Dr.= Bernburger hatte das Gefühl, in Ungnade
und mit Verachtung beladen entlassen zu sein. Die Bitterkeit, die in
seinem Innern kochte, verdichtete sich mehr und mehr zum rachsüchtigen
Haß gegen Deruga, während er der Baronin gegenüber nur den inständigen
Wunsch hatte, ihr zu beweisen, daß er recht gehabt habe.



=XIII.=


»Wir wurden mit Deruga dadurch bekannt,« erzählte Professor Vondermühl,
»daß wir im gleichen Hause wohnten. Kurze Zeit nachdem sie eingezogen
waren, bekam meine Frau in der Nacht einen Magenkrampf, und um ihr
möglichst schnell Hilfe zu schaffen, ging ich hinauf und bat Deruga zu
kommen. Er zeigte die liebenswürdigste Bereitwilligkeit, und auch seine
Frau bot ihren Beistand an. Seit der Zeit sahen wir uns häufig und haben
in enger Freundschaft verkehrt, bis Derugas ihr Kind verloren und sich
bald hernach scheiden ließen.«

»Haben Sie jemals etwas von Mißhelligkeiten zwischen den Ehegatten
bemerkt?« fragte der Vorsitzende.

»Meine Frau hatte den Eindruck,« sagte der Professor, »daß sie sich zwar
liebhatten, aber nicht zueinander paßten. Deruga hatte trotz seiner
Verträglichkeit ein unstetes, unberechenbares Temperament und hätte
straffer Leitung bedurft; seine Frau vermochte solche nicht auszuüben,
sondern war zärtlich, anschmiegsam, gleichsam eine Pflanze, die im
Schutze einer Mauer hätte wachsen sollen. Die Verschiedenheit trat wohl
nach dem Tode des Kindes, das ein Band zwischen ihnen bildete, schärfer
zutage.«

»Kam es zuweilen zwischen ihnen zu heftigen Ausbrüchen?« fragte der
Vorsitzende.

»Eines Abends,« erzählte der Professor, »saßen meine Frau und ich nach
dem Abendessen auf unserem kleinen Balkon, der vom Wohnzimmer nach dem
Garten hinausging. In Derugas Wohnzimmer, das über dem unsrigen lag,
mußte die Tür offenstehen, denn wir konnten ihre Stimmen hören, und wie
ihr Gespräch allmählich in einen Wortwechsel ausartete. Wir lachten
darüber, und meine Frau sagte: 'Der schreckliche Mensch, sein Teufel ist
wieder los' -- was ein Ausdruck von ihr war, um gewisse Launen, denen
Deruga unterworfen war, zu bezeichnen. Sie schlug vor, wir wollten
hineingehen, um der Frau willen den Auftritt zu unterbrechen. Ich
jedoch war dagegen, da mir eine Einmischung in solchem Augenblick
zudringlich erschien, vielleicht auch aus Bequemlichkeit oder sonst
einer egoistischen Regung. Wir waren noch in der Auseinandersetzung
darüber begriffen, als wir Frau Deruga einen unterdrückten Schrei
ausstoßen hörten, einen Schrei des Schreckens, des Schmerzes, der Angst,
wie es schien. Da sprang meine Frau auf und lief, ohne meine Zustimmung
abzuwarten, in das obere Stockwerk hinauf, so daß ich Mühe hatte, mit
ihr Schritt zu halten. Als ich atemlos oben ankam, hatte Ursula, das
Mädchen, meiner Frau schon die Tür geöffnet und begrüßte uns mit
strahlenden Augen. Sie mochte froh sein, daß ihre Herrschaft in diesem
Augenblick nicht allein blieb.

Deruga empfing uns mit gewohnter Herzlichkeit, von Verlegenheit oder
Mißstimmung war ihm nichts anzumerken, außer daß er ein paar Redensarten
wiederholte wie: 'Ach, die Ehe!' 'Man sollte sich das Heiraten
gründlicher überlegen als das Aufhängen!' und dergleichen. Meine Frau,
die sehr temperamentvoll war und keine Menschenfurcht kannte, sagte
scheltend, indem sie sich vor ihn hinstellte: 'Wir Frauen sollten
allerdings vorsichtiger sein, und zumal die Ihrige hat unüberlegt
gehandelt, als sie sich einem solchen Wüterich anvertraute. Weil Ihre
Frau allzu gut ist, darum machen Sie Radau! Sie haben einen kleinen
Teufel in sich, der Glück und Frieden nicht verträgt, sondern immer
Schwefelgestank und Höllenspektakel um sich haben muß.' Deruga nahm
solche Strafpredigten von meiner Frau gern an, weil er fühlte, daß sie
wahrer Freundschaft entsprangen, und sie ihrerseits lieh auch seinen
Rechtfertigungen Gehör, in welcher Form immer sie gegeben wurden.
Diesmal schien er seine Heftigkeit zu bereuen und sagte in
verhältnismäßig ruhigem Tone: 'Ich gebe zu, daß meine Frau lieb und
sanft ist, aber ich verwünsche, verfluche und hasse dieses Sanftsein.
Wenn sie mich liebte, wie sie sollte und könnte, würde sie mich einmal
anzischen wie eine Schlange und mir sagen, daß ich ein Scheusal wäre,
mich in Haß oder Liebe umschlingen und erwürgen. Wenn ich eine
aussätzige alte Frau oder ein verendender Hund wäre, würde sie mich mit
derselben Liebe und Sanftheit behandeln, die mich zur Wut reizt.' Die
arme Frau sah ihn, wie ich mich gut erinnere, mit großen Augen an und
sagte in ihrer Art zornig: 'Ich sagte dir doch eben, daß du ein Scheusal
wärest,' worüber wir alle lachen mußten. Er umarmte sie und behielt ihre
Hand in der seinen, während er ihr erklärte, daß das doch nicht das
Richtige gewesen sei.«

»Sie erwähnten vorhin,« unterbrach der Vorsitzende, »daß Frau Deruga
einen Schrei ausgestoßen habe. Erfuhren Sie, ob sie nur aus Angst
geschrien oder ob ihr Mann sie tätlich angegriffen hatte?«

»Das kam nicht zur Sprache,« sagte der Professor. »Vermutlich hatte er
sie unsanft angepackt. Sie sah bleich und verstört aus. Als wir nach
einer Stunde aufbrechen wollten, fragte meine Frau sie, ob wir sie nun
auch mit dem Unhold allein lassen könnten. Worauf sie lachend erwiderte:
'Für heute hat der Vulkan ausgespien.' Das sagte sie laut und
unbefangen, und auch Deruga lachte. Meine Frau konnte lange nicht
einschlafen, weil es ihr unheimlich war, doch gelang es mir, sie zu
beruhigen, indem ich ihr sagte, sie nähme die Sache zu ernst, Derugas
Liebe zu seiner Frau habe sich gerade eben deutlich gezeigt.«

»Haben Sie jemals,« fragte der Vorsitzende, »klaren Aufschluß erhalten
über den Grund der Aufwallungen des Angeklagten gegen seine Frau? Oder
lag derselbe nach Ihrer Meinung nur in seinem Temperament und in der
Verschiedenheit der Gatten?«

»Deruga deutete gelegentlich an,« sagte der Professor, »daß er Ursache
zur Eifersucht habe, und zwar bezog sich dieselbe auf einen Mann, zu dem
seine Frau, bevor sie Deruga heiratete, eine Zuneigung gehabt hatte, den
sie aber, weil er gebunden war, nicht hatte heiraten können. Der
Umstand, daß die alte Frau dieses Mannes starb, scheint seine Eifersucht
und seinen Argwohn so sehr gesteigert zu haben, daß ihr Leben an seiner
Seite unbehaglich wurde. Man war vielfach der Ansicht, sie habe die
Scheidung betrieben, um jenen anderen zu heiraten, was aber die
folgenden Ereignisse nicht bestätigten, denn sie ist bekanntlich ledig
geblieben.«

»Halten Sie für möglich,« fragte der Vorsitzende, »daß die Furcht vor
dem Angeklagten dabei den Ausschlag gab? Er könnte Drohungen gegen sie
und den Mann ausgestoßen haben, falls sie ihn heiratete?«

»Für möglich muß ich das halten,« sagte der Professor nach einigem
Besinnen, »aber etwas Bestimmtes kann ich nicht darüber sagen. Meine
Frau würde besser unterrichtet sein, da sie sehr mit Frau Deruga
befreundet und gerade damals viel mit ihr zusammen war. Zwar pflegte sie
mir alles genau zu erzählen; aber ich habe nicht alles genau genug
behalten, um es unter solchen Umständen wiedererzählen zu können. Das
weiß ich sicher, daß Frau Deruga, nachdem sie geschieden war, sich eine
Zeitlang mit der Absicht trug, jenen Mann zu heiraten, daß sie aber
davon abstand. Der Betreffende hat sich dann anderweitig verheiratet,
soll aber unglücklich geworden sein und ist vor einigen Jahren
gestorben.«

=Dr.= Zeunemann bemerkte, aus den Schilderungen des Professors
scheine hervorzugehen, daß seine Frau diesen Verkehr mehr als er
gepflegt habe; ob etwa zwischen ihm und Deruga keine Sympathie bestanden
habe.

»Nein, nein,« sagte der Professor, »das wäre kein zutreffender Ausdruck.
Er teilte meine wissenschaftlichen Interessen nicht, und mir ist das
Schweben und Gaukeln über den Tiefen, das Ausspielen von Hypothesen und
Paradoxen, das Phantasieren im Unmöglichen nicht gegeben. Ich war zu
schwerfällig für die oft grotesken Sprünge seines Geistes. Sie
belustigten mich wohl, aber im Grunde wußte ich nichts damit anzufangen.
So kam es, und auch weil ich sehr beschäftigt war, daß meine Frau die
Beziehungen mehr pflegte, wozu sie schon durch ihre Jugend besser paßte.
Sie war bedeutend jünger als ich und mußte doch vor mir sterben.«

Ob seine Frau nach dem Wegzuge von Frau Deruga mit dieser im
Briefwechsel gestanden habe, fragte der Vorsitzende.

Es wären allerdings Briefe der Frau Deruga vorhanden gewesen, sagte der
Professor, er hätte sie aber nach dem Tode seiner Frau verbrannt, damit
sie nicht später Unberufenen in die Hände fielen. Er habe darin
geblättert, bevor er sie zerstört hätte, und erinnere sich einer Stelle,
wo sie geschrieben hätte, der Frieden und die Freudigkeit, die sie sich
von der Auflösung ihrer Ehe erwartet hätte, ließe noch immer auf sich
warten.

»'Ich ertappe mich jetzt oft darauf,' so etwa schrieb sie, 'daß ich
anstatt wie sonst vorwärts, in die Zukunft zu blicken, stehenbleibe und
mich zurückwende. Sollte das die Besinnung des Alters sein? Ach nein,
wie konnte ich auch erwarten, daß ich jemals anderswohin sollte blicken
können als dahin, wo mein Kind war, in die Vergangenheit! Für mich gibt
es keine Zukunft auf Erden mehr.' Diese Stelle ergriff mich, weil ich
damals, nach dem Tode meiner Frau, selbst anfing, nach rückwärts, statt
nach vorwärts zu leben, und sie hat sich mir aus diesem Grunde
eingeprägt.«

Diese Briefstelle, sagte der Vorsitzende, deute nicht darauf, daß die
Verstorbene eine zweite Heirat ersehnt hätte und nur durch Furcht vor
dem Angeklagten davon zurückgehalten wäre.

»Dazu möchte ich folgendes bemerken,« sagte der Professor. »Aus anderen
mündlichen oder schriftlichen Äußerungen der Verstorbenen wäre
vielleicht auf jenen Wunsch und jene Furcht zu schließen. Hätte man aber
noch so viele Beweise von Derugas damaligem Geladensein, so scheint es
mir doch fraglich, ob das mit einem so viele Jahre später begangenen
Mord in Verbindung gebracht werden könne. Es ist wahr, daß die
menschlichen Handlungen Ketten sind, deren Glieder ein Götterauge ins
Unendliche muß verfolgen können; aber ob wir Menschen uns in den
labyrinthischen Verzweigungen nicht verirren müssen?«

Der Vorsitzende blickte schweigend vor sich nieder, während der
Staatsanwalt unter kritischen Grimassen den Kopf wiegte. Dann stellte
=Dr.= Zeunemann die Schlußfrage an den Professor, ob ihm noch
andere Gründe bekannt wären, mit denen die Scheidung der Derugas damals
erklärt worden wäre oder erklärt werden könnte.

»Meine Frau wußte,« sagte der Professor, »daß Frau Deruga ihren Mann bis
zu einem gewissen Grade für den Tod ihres Kindes verantwortlich machte
und deshalb einen krankhaften Haß auf ihn warf. Es ist das so zu
verstehen, daß Deruga für Abhärtung und Rücksichtslosigkeit in der
körperlichen Erziehung des Kindes war, während seine Frau es eher
verzärtelte. Dieser Gegensatz bildete öfters Anlaß zu Streitigkeiten.
Auf die Dauer konnte die verständige Frau sich aber doch nicht dagegen
verblenden, daß Deruga das Kind, auf seine Art, ebenso wie sie geliebt
hatte und den Verlust ebenso wie sie betrauerte, und sie suchte die
ungerechte Abneigung zu überwinden, worauf auch meine Frau mit der
ganzen Lebhaftigkeit ihres Temperamentes drang. Ich kann also nicht
glauben, daß diese durch den übermäßigen Schmerz zu erklärende
Gefühlsverkehrung den Entschluß zur Scheidung bewirkt habe, wenn auch
vielleicht das Verhältnis dadurch gelockert wurde.«

Es entspann sich nun zwischen den Juristen ein Wortwechsel über den vom
Staatsanwalt gestellten Antrag, Fräulein Schwertfeger noch einmal zu
vernehmen, ob sie etwas Aufklärendes über Frau Swieters geplante und
nicht vollzogene Ehe aussagen könne. Justizrat Fein verwarf es als
zeitraubend und überflüssig, welcher Meinung sich =Dr.= Zeunemann
anschloß, der sagte, noch mehr Einzelheiten, wie sie auch ausfielen,
würden den Prozeß nicht weiterbringen. Für die Eigenart Derugas, die
darin bestehe, daß er sich im labilen Gleichgewicht befinde, ließen sich
vermutlich noch zahlreiche Beispiele aufbringen. Es handle sich aber
nicht hier darum, die Geschichte seiner Seele zu erforschen, sondern die
Geschichte seines Lebens vom 1. bis zum 3. Oktober festzustellen. Darauf
bezüglich habe Fräulein Schwertfeger nichts mehr zu sagen.

»Ich bitte die Herren dringend,« sagte der Justizrat, »sich auf
Tatsachen zu beschränken, damit wir den Knoten nicht noch mehr
verwirren, anstatt ihn aufzulösen.«

»Was für Tatsachen?« fragte der Staatsanwalt, so plötzlich von seinem
Sitz aufschnellend, daß der Justizrat die Antwort nicht gleich bereit
hatte.

»Tatsachen, die sich auf den angeblichen Mord beziehen,« entgegnete er
nach einer Pause. »Aus Mangel an Tatsachen werden Alltäglichkeiten
hervorgezerrt und aufgebauscht. Verliebte pflegen den Gegenstand ihrer
Liebe im Falle der Untreue mit dem Tode zu bedrohen, ohne daß der
Gegenstand selbst oder jemand anders darauf Gewicht legt. Dergleichen
hat nicht mehr Bedeutung als die Schwüre der Liebe.«

»Es kommt darauf an, was nachfolgt,« sagte der Staatsanwalt. »Übrigens
wären uns allen Tatsachen auf der Handfläche lieber; da der Angeklagte,
der es könnte, sie uns aber nicht liefert, so bleibt uns nichts übrig,
als den Grund zu untersuchen, aus dem die Handlungen wachsen, nämlich
das menschliche Gemüt.«

»Der Angeklagte lieferte sie uns nicht?« begann der Justizrat. Allein
=Dr.= Zeunemann bat, den fruchtlosen Streit zu beenden, und
forderte Fräulein Schwertfeger auf, dem erhobenen Wunsche genug zu tun
und noch einige wenige Fragen zu beantworten.

Fräulein Schwertfeger, die blasser und elender aussah als am ersten
Tage, ließ das unsichtbare Visier über ihr Gesicht herab und fragte,
indem sie zögernd vortrat, ob sie dazu verpflichtet sei, durchaus
private Angelegenheiten hier an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie könne
sich das nicht denken.

»Im Staate ist das Private durchgehend mit dem Öffentlichen verknüpft,«
sagte =Dr.= Zeunemann sanft belehrend. »Nur soweit die Öffentlichkeit
Interesse daran hat, bitte ich Sie noch um einige Aufschlüsse über die
Verhältnisse Ihrer verstorbenen Freundin. Frau Swieter hatte vor ihrer
Heirat mit dem Angeklagten freundschaftliche Beziehungen zu einem Manne,
die sie abbrach, da sie zu einer Ehe nicht führen konnten, und die
vermutlich, solange die Ehe mit dem Angeklagten bestand, nicht wieder
angeknüpft wurden.«

»Natürlich nicht,« sagte Fräulein Schwertfeger hochmütig. »Sie sahen
sich erst wieder, als Frau Swieter hierher übersiedelte.«

»Dabei lebte die beiderseitige Neigung auf, und die Wiedervereinigten
beschlossen, sich zu heiraten. Ist es nicht so?« fragte =Dr.=
Zeunemann.

»Ja,« antwortete das Fräulein trocken.

»Was war die Ursache, daß dieser Beschluß nicht ausgeführt wurde?«
fragte =Dr.= Zeunemann weiter. »Es ist unmöglich, daß Sie, als
nächste Freundin der Verstorbenen, nicht davon unterrichtet sein
sollten.«

»Es lag nicht in der Natur meiner Freundin, sich bis aufs letzte
auszusprechen,« sagte Fräulein Schwertfeger, »und es liegt nicht in
meiner, Verschwiegenes zu erpressen. Meine Freundin war damals sehr
aufgeregt und äußerte sich ungleich. Einmal sagte sie mir unter Tränen,
ihre alte Liebe sei so stark wie je, wolle sie sich aber an die Brust
des Geliebten werfen, so stehe ihr Mann, das Kind an der Hand
dazwischen, und dieser Schatten ihrer Einbildung sei undurchdringlicher
als eine Mauer.«

»Haben Sie das so aufgefaßt,« fragte =Dr.= Zeunemann, »als fürchte
sie sich vor ihres Mannes Rache, oder als dränge sich die Erinnerung
zwischen sie und ein neues Glück?«

»Ich habe es damals so aufgefaßt,« lautete die Antwort, »als sei
=Dr.= Deruga schuld daran, daß meine Freundin den Mann nicht
heiratete, den sie liebte. Es tat mir sehr, sehr leid, daß diese Heirat
nicht zustande kam. Ich kannte diesen Mann viel besser als =Dr.=
Deruga und hatte viel mehr Sympathie für ihn, schon deshalb, weil ich
glaubte, meine Freundin würde es gut bei ihm haben.«

»Wenn Sie jenen Herrn gut kannten,« sagte =Dr.= Zeunemann, »so
haben Sie vielleicht mit ihm darüber gesprochen und wissen, wie er es
auffaßte?«

»Er faßte es so auf,« sagte Fräulein Schwertfeger mit sehr bösem
Gesicht, »als fürchte Frau Swieter, Deruga würde ihn töten, wenn er sie
heiratete. Es ist unmöglich, daß sie ihm das gesagt hat, weil ihn das
weniger traurig machen mußte, als wenn er gewußt hätte, welchen Anteil
Deruga an ihrem Gemütsleben hatte. Es kann auch sein, daß er das glauben
wollte, weil es seinen Stolz am wenigsten verletzte. Er war stolz und
herrschsüchtig.«

»Wenn Ihre Freundin ihn so sehr liebte,« sagte =Dr.= Zeunemann, »so
muß ein starkes Motiv sie abgehalten haben, ihn zu heiraten.«

»Natürlich,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Sie hat damals auch sehr
gelitten. Sie überwand es aber verhältnismäßig bald und sagte später
stets, sie glaube, richtig gehandelt zu haben.«



=XIV.=


Es war Abend, als =Dr.= Bernburger müde in seine Wohnung kam. Er
warf sich auf den schäbigen Diwan, den er alt gekauft hatte, und sah
sich fröstelnd nach irgend etwas um, womit er sich zudecken könnte.
Drinnen war es kälter als draußen, aber abgesehen davon, daß er aus
Sparsamkeit am Abend womöglich nicht mehr einheizte, fühlte er sich auch
zu erschöpft und unlustig dazu. Mißvergnügt sah er sich in dem kahlen,
an ein Zimmer in einem Hotel zweiten Ranges erinnernden Raum um und
dachte darüber nach, woher und wozu er diesen Hang nach einer schönen,
behaglichen Umgebung habe, den er vielleicht nie würde befriedigen
können. Um seiner Verstimmung zu entrinnen und sich zu erwärmen,
beschloß er, in ein Café zu gehen. Da fand er vor der Glastür, die seine
Wohnung abschloß, eine kleine, verhutzelte Frau stehen, die schon eine
Weile nach der Klingel gesucht hatte und ihn fragte, ob hier ein Herr
Rechtsanwalt wohne. Der sei er, sagte =Dr.= Bernburger; aber jetzt
werde nicht mehr gearbeitet, sie solle am folgenden Tage in seine
Sprechstunde kommen. Die kleine Frau setzte auseinander, daß sie das
nicht könne, weil sie tagsüber bei den Herrschaften sei, um zu waschen;
ihr Mann habe sie ja verlassen, und sie müsse die Kinder allein
durchbringen. Sie komme auch jetzt von der Arbeit, und zwar komme sie,
weil der Herr Tönepöhl vom Vorderen Anger sie geschickt habe.

Bei der Nennung dieses Namens durchfuhr den Anwalt ein Gedanke, der ihm
das Blut ins Gesicht trieb und ihn bewog, mit der kleinen Frau in sein
Zimmer zurückzukehren. Während er Licht machte, bat er sie, sich zu
setzen und zu erzählen, was sie herführe, und da sie, als er damit
fertig war, noch immer bescheiden an der Tür stand, nötigte er sie
selbst auf einen Stuhl und nahm ihr den großen Deckelkorb ab, den sie in
der Hand trug. Sie lächelte verlegen und dankbar und begann ihre
Erzählung:

Vorgestern sei sie zu Herrn Tönepöhl, dem Tändler im Vorderen Anger,
gekommen, um ein Paar Schuhe für ihren Ältesten zu kaufen, und da habe
ihr ein Paar besonders gut gefallen, weil es ungefähr die rechte Größe
gehabt hätte; aber es sei zu teuer gewesen. Da habe sie zu Herrn
Tönepöhl gesagt, sie habe einen Arbeitskittel von ihrem seligen
Mann -- sie sage nämlich immer 'ihr seliger Mann', seit er auf und davon
gegangen sei -- der sähe wie neu aus, ob er den nicht dagegen annehmen
wolle. Herr Tönepöhl habe barsch gesagt, wie er überhaupt sehr
hochfahrend gegen die armen Leute sei, für solches Lumpenzeug habe er
keine Kunden. Da habe seine Frau, die in einem alten Koffer gekramt
habe, dazwischen geschrien, er solle nicht ein solcher Tölpel sein, der
Herr Rechtsanwalt habe ihm doch viel Geld für einen alten Kittel
versprochen, und er, der Mann, habe dem Herrn Rechtsanwalt fest
zugesagt, sich danach umzusehen, und nun sähe man, was für ein
Windbeutel er sei. Darauf habe Herr Tönepöhl seinerseits geschimpft, sie
sei dümmer als ein Hering. Der Herr Rechtsanwalt würde ihm den Kittel
an den Kopf werfen, denn er wolle einen, der auf der Straße gefunden
sei. Nun sei nämlich der alte Anzug, den sie gemeint habe, gar nicht von
ihrem seligen Manne gewesen, sondern sie habe ihn gefunden, aber wegen
der Grobheit des Herrn Tönepöhl habe sie sich nicht getraut, das zu
sagen, damit er nicht eine große Angelegenheit daraus mache und
behaupte, sie habe ihn gestohlen.

Sie sei also fortgegangen, habe aber an der Türe noch mit Frau Tönepöhl
geschwatzt und sie gefragt, was für ein Herr Rechtsanwalt das sei, und
sie habe ihr alles erzählt und auch, daß es sich um einen großen Prozeß
handle, und daß man ein gutes Stück Geld verdienen könnte, wenn man den
rechten Anzug brächte. Darauf habe sie gedacht, sie wolle den Kittel in
Gottes Namen dem Herrn Rechtsanwalt bringen, er werde ihr ja nichts
Böses antun und sie ins Unglück stürzen, wo sie ja nur komme, weil ihm
so viel daran gelegen sei.

Nun freilich, sagte =Dr.= Bernburger, er sei ihr sehr dankbar, und
ob er den Anzug brauchen könne oder nicht, er wolle sie für die Mühe
entschädigen. Sie sei eine brave, kleine Frau und solle recht gründlich
erzählen, wie sie zu diesem Kittel gekommen sei.

Es sei der 3. Oktober gewesen, erzählte die Frau. Sie erinnere sich
deswegen so gut daran, weil sie an dem Tage schon vor fünf Uhr aus dem
Hause gegangen sei. Die Frau Kommerzienrat Steinhäger habe sie nämlich
ersucht, eine Stunde früher zu kommen und eine oder zwei Stunden länger
zu bleiben, damit sie womöglich an einem Tage mit der Wäsche fertig
würde; es habe sich ein auswärtiger Besuch auf den folgenden Tag bei ihr
angemeldet, und das passe so schlecht, wenn Wäsche sei. Weil nun die
Frau Kommerzienrat sonst eine gute Frau wäre, habe sie es ihr zugesagt,
und so sei sie denn schon vor fünf Uhr durch die Bahnhofsanlagen
gekommen, als noch kein Mensch unterwegs gewesen sei. Ein starker Wind
habe geweht, so daß die hohen Bäume sich gebogen hätten, und die dürren
Blätter wären ihr wie Fledermäuse um den Kopf geflogen.

Auf der Brücke habe sie einen Augenblick stillstehen müssen, so habe
der Wind gegen sie angeblasen, und da habe sie etwa hundert Schritt
weiter am Ufer etwas Schwarzes gesehen. Zuerst habe sie gemeint, es sei
ein Kind oder ein Hund, weil es scheinbar Arme oder Beine ausgestreckt
hätte, und sie sei schnell hingelaufen, anstatt dessen sei es ein mit
Bindfaden umschnürter Anzug gewesen. Offenbar sei er in Papier
eingewickelt gewesen, das habe aber das Wasser größtenteils aufgelöst
und weggerissen. Sie habe den Anzug losgemacht und ausgerungen und
beschlossen, ihn mitzunehmen. Denn der, dem er gehört habe, müsse ihn
doch weggeworfen haben, also sei es kein Unrecht, und vielleicht könne
ihr seliger Mann ihn gebrauchen, wenn er etwa einmal wiederkäme, oder
sonst ihr Ältester, wenn er erwachsen sei. Ob der Herr Rechtsanwalt
meine, daß sie unrecht getan hätte?

Sie betrachtete ihn ängstlich gespannt aus ihren braunen Augen, die wie
zwei kleine, fleißige Nachtlämpchen aus dem verschrumpften Gesicht
herausleuchteten.

Aber nein, sagte =Dr.= Bernburger, da könne mancher reiche und
angesehene Mann froh sein, wenn er nicht mehr als das auf dem Gewissen
hätte. Das sei ja herrenloses Gut gewesen. Sie habe recht getan, sie sei
ein wackeres Frauchen. Gewiß habe sie den Kittel in ihrem Henkelkorbe?

Ja, sagte die kleine Frau erleichtert, sie habe ihn gleich mitgebracht,
um nicht noch einmal kommen zu müssen. Denn es sei ein großer Umweg für
sie, und ihre Kinder pflegten sie abends ungeduldig zu erwarten.

Sie nahm ein Paket aus dem Korb, und =Dr.= Bernburger faltete den
Anzug auseinander.

»Wissen Sie,« sagte er, »ich kaufe Ihnen den Anzug ab, ob es nun der
rechte ist oder nicht. Sind Sie zufrieden, wenn ich Ihnen vorderhand
zehn Mark gebe? Sie sollen aber noch mehr bekommen, wenn es sich
herausstellt, daß es der ist, den ich suche.«

Die kleine Frau wurde rot vor schreckhafter Freude. Nun könne sie ihrem
Ältesten die schönen Schuhe kaufen, sagte sie.

Aber sie solle Herrn Tönepöhl nichts von dem Geschäft sagen, das sie
miteinander gemacht hätten, rief =Dr.= Bernburger ihr die Treppe
herunter nach. Der brauche nichts davon zu wissen.

Heiß, fast blind vor Triumph trat =Dr.= Bernburger in das Zimmer
zurück, dessen Kälte und Leere er nicht mehr fühlte. Sein Gedankengang
war also richtig gewesen! Einmal kreuzte doch der Weg des Glückes den
seines Verstandes. Wie würden sie staunen, wenn er ihnen das Rätsel
löste und zugleich das Beweisstück vorlegte! Würde man angesichts dessen
noch zweifeln können? Vielleicht war irgendein Abzeichen an dem Anzuge,
welches die Ermittlung des Geschäftes, wo er gekauft war, erlaubte. Eine
genaue Untersuchung des Anzuges ergab nichts Derartiges, dagegen war
deutlich zu erkennen, daß ein neues gutes Stück vorlag, dem durch
absichtlich eingesetzte Flicken der Schein eines dürftigen, oft
getragenen Arbeitergewandes zu geben versucht worden war.

Indem =Dr.= Bernburger den Rock hin und her wendete, entdeckte er
eine zugeknöpfte Seitentasche, öffnete sie, griff hinein und zog einen
Briefumschlag heraus, der eine von der Nässe verwischte, aber lesbare
Aufschrift trug. Er las: »Herrn =Dr.= S.E. Deruga,« dann die Stadt
und die Straße.

Trotzdem dieser Brief ihm nur bestätigte, was er erwartet hatte, war er
nicht nur überrascht, sondern fast erschrocken. Versteinert starrte er
auf den Brief, der da lag wie die Gaukelei erregter Einbildungskraft und
doch Wirklichkeit war, der Zauberschlüssel, der ihm die Pforte zu
Ansehen und Reichtum öffnen würde. Daß der Umschlag einen Brief
enthielt, hatte er gefühlt, aber noch zögerte er ihn herauszunehmen und
zu lesen. Ihm selbst zum Ärger klopfte ihm das Herz. Wozu die Aufregung?
Er zwang sich, die peinliche Spannung zu beendigen, indem er las. Der
Brief lautete:

       »Dodo, lieber Dodo, ich bin todkrank und muß sterben,
       aber vorher muß ich schrecklich leiden und habe
       niemand, der mir hilft. Du bist der einzige, der mich
       lieb genug hat, um mich zu töten. Komm und befreie
       Deine arme Marmotte, von der Du weißt, wie sie sich
       vor Schmerzen fürchtet. Dies ist das erste Wort, das
       ich nach siebzehn Jahren an Dich richte, und es ist
       eine Bitte. Ach, Dodo, an kein anderes Herz als an
       Deines würde ich eine solche Bitte zu richten wagen.
       Komme bald, Du wirst wissen, wie es geschehen kann. Daß
       ich Dir geschrieben habe, wird kein Mensch erfahren.

       Deine Marmotte.«

=Dr.= Bernburger las und las wieder. Es war ihm ernüchtert und
ermüdet zumute. War dieser Brief vielleicht eine List, ein nachträglich
angefertigtes Machwerk, das Deruga oder seine Freunde ihm in die Hände
gespielt hatten? Nachdem er ihn sorgfältig untersucht und eingesehen
hatte, daß ein Betrug ausgeschlossen war, schob er ihn in den Umschlag
und steckte ihn in seine Brusttasche. Dann nahm er Hut und Mantel, um
ins Café zu gehen. Als er nur wenige Schritte von dem Restaurant
entfernt war, wo er zu Abend zu essen pflegte, kehrte er um und suchte
ein anderes Lokal auf, um nicht von Bekannten angesprochen zu werden;
er hatte das Bewußtsein zerstreut zu sein und wollte nicht auffallen.

Während er aß, mußte er denken, daß ihn nichts abhielte, den Brief in
den kleinen eisernen Ofen zu werfen, der ein paar Schritt von ihm
brannte. In einem Nu würden die hastigen Flammen das verhängnisvolle
Zeugnis vernichtet haben. Er hatte nicht die Absicht es zu tun, aber die
Vorstellung war so lebhaft in ihm, daß ihm angst wurde, er müsse es
dennoch, wie man unter dem Eindruck des Schwindels wohl fürchtet, man
würde sich wider Willen von einer Höhe in den Abgrund werfen.

Wie dumm, dachte er, daß er der alten Frau, durch die er in eine so
peinliche Lage versetzt war, zehn Mark gegeben hatte! Würde er es über
sich bringen, von dem Mantel Gebrauch zu machen und den Brief zu
verschweigen? Wenn er es tat, so war er der Bewunderung und Dankbarkeit
der Baronin sicher. Welche Genugtuung würde es ihm geben, sie von seinem
Scharfsinn, von der Richtigkeit seiner Auffassung, die er von Anfang an
gehabt hatte, zu überzeugen! Was würde sie dagegen sagen, wenn er ihr
den Brief zeigte: »Sie versprachen mir, Deruga als Verbrecher zu
entlarven, und sie verschaffen ihm einen Heiligenschein! Sie verstehen
es, Wort zu halten!« Wahrscheinlich würde sie ihm verbieten, von dem
Brief Gebrauch zu machen; und das war schließlich für ihn die
glücklichste Lösung, indem sie ihm zur Pflicht machte, was er aus
eigener Verantwortung ungern getan hätte. Und wie würde Deruga sich
verhalten? =Dr.= Bernburger begriff nicht, warum er den wahren
Hergang verschwiegen hatte. Sollte er auch seinem Anwalt nichts davon
gesagt haben?

Plötzlich überkam ihn der Wunsch, in die Anlagen zu gehen und die Stelle
aufzusuchen, wo die Waschfrau den Anzug gefunden haben wollte; in der
Restauration mochte er ohnehin nicht bleiben, und schlafen hätte er
ebensowenig können. Er hatte fast eine Stunde zu gehen, bis er an die
Brücke kam, die über den Kanal führte. Der Schnee, der in der letzten
Nacht gefallen war, hatte sich aufgelöst und in Schmutz verwandelt, und
er hörte in der Dunkelheit die Nässe unter seinen Füßen klatschen. Die
hölzerne Brücke war schlüpfrig, und das Wasser stand sehr hoch; schwarz
und heimlich-hastig floß es unter ihm fort. Nach einer Weile unterschied
er etwas weiter unten die wild sich bäumenden Wurzeln einer alten Ulme,
die das Ufer umklammerte; dort mochte das Bündel Kleider, das der Fluß
trieb, sich festgehängt haben.

Lange starrte der späte Wanderer auf die Stelle und ging dann weiter,
bis er nach einigen Schritten vor einer halbkreisförmigen Steinbank
stand, von der aus man in der schönen Jahreszeit einen angenehmen Blick
auf die Wiesen hatte, die sich weithin zwischen dunklen Gebüschen
erstreckten. Vielleicht, dachte er, hatte in der stürmischen
Oktobernacht Deruga dort gesessen und, nachdem er sich umgekleidet, die
Stunde erwartet, wo der Zug abging, mit dem er heimfahren wollte.
Vielleicht war er sehr bewegt und zugleich sehr erschöpft gewesen und
hatte hier ausgeruht, wo niemand ihn beobachtete. Unwillkürlich
durchwatete auch =Dr.= Bernburger die aufgeweichte Erde und setzte
sich auf die steinerne Bank, ohne zu beachten, wie naß sie war. Was
mochte Deruga gefühlt und gedacht haben, nachdem er die Frau, die er
einst geliebt und gehaßt hatte, wiedergesehen und für immer verlassen
hatte? Was für Erinnerungen mochten ihn zusammen mit den raschelnden
Blättern umschwirrt haben?

Indes er so sann, troff es kalt auf ihn herunter, und plötzlich überlief
ihn ein Schauer, und er stand auf und ging schnell, ohne sich umzusehen,
der Stadt zu.



=XV.=


Am anderen Morgen fühlte =Dr.= Bernburger sich so abgespannt, daß
es ihm erlaubt schien, sich als krank zu entschuldigen, und nachdem er
das telephonisch besorgt hatte, legte er sich wieder zu Bett in der
Hoffnung, noch einmal einschlafen zu können.

Das Klingeln des Telephons weckte ihn, und mit einem lebhaften Gefühl
des Überdrusses beschloß er zu tun, als gehe es ihn nichts an. Aber als
es von neuem begann, stand er mit einem Seufzer auf, um zu hören, was es
gebe. Er erkannte sofort die Stimme der Baronin, der der Apparat eine
schrille Färbung gab.

»Sie sind krank?« sagte sie. Das sei allerdings im höchsten Grade
ungeschickt. Sie sei im Begriff abzureisen, und es sei darum gerade
jetzt notwendig, daß er persönlich am Platze sei.

Er sei nicht zum Vergnügen krank, antwortete Bernburger. Die Krankheit
sei wohl nicht so arg, sagte die Baronin, daß er nicht auf eine
Viertelstunde ins Hotel kommen könne. Sie müsse ihn durchaus vor der
Abreise sprechen.

Er bedauere, antwortete Bernburger, er läge zu Bett.

»Aber Herr Doktor, Sie sind ja am Telephon,« sagte die Baronin mit dem
Lachen, von dem er wußte, wie verführerisch es klang, wenn es ihr darauf
ankam.

»So komme ich in Gottes Namen,« rief er ärgerlich auf sich und sie.

»Das ist recht, Doktor,« antwortete ihre Stimme, »Sie können sich ja
einen Wagen nehmen.«

»Sie sehen gar nicht krank aus, Doktor,« so empfing ihn die Baronin.
»Mein Mann und ich haben uns plötzlich entschlossen nach Paris zu
reisen,« fuhr sie fort, »da mich der schreckliche Prozeß, wie ich Ihnen
schon sagte, so sehr angegriffen hat.«

»Die Stellungnahme Ihres Fräuleins Tochter,« sagte =Dr.=
Bernburger mit absichtlicher Dreistigkeit, »muß sehr erschwerend für Sie
sein.«

Die Baronin errötete. »Sie wissen,« sagte sie, »daß ich meine Handlungen
durch das Urteil der Jugend nicht beeinflussen lasse. Meine Tochter wird
uns begleiten.«

»Sie sind um den Aufenthaltswechsel sehr zu beneiden,« sagte =Dr.=
Bernburger.

»Ja, der Frühling ist in Deutschland unerträglich,« sagte die Baronin.
»Vielleicht wird er gerade deshalb von deutschen Dichtern so besonders
viel besungen; man rühmt ja das, was man nicht kennt.«

»Sich niemals kennenzulernen wäre also das Geheimnis der glücklichen
Ehe,« erwiderte =Dr.= Bernburger und setzte, sich selbst
verweisend, hinzu: »Aber ich sehe, meine Schwäche macht mich zerstreut
und geschwätzig. Was wünschen Frau Baronin mir zu sagen?«

»Ich wollte Ihnen den Prozeß auf Herz und Gewissen legen,« sagte sie.
»Als wir uns das letztemal sahen, war ich schwankend geworden; eine
Folge meiner Unklugheit, persönlich anwesend zu sein, wie ich jetzt
eingesehen habe. Die vielen Einzelheiten, die wechselnden Aussagen, alle
die starken Eindrücke machen einen nervös, wenn man nicht daran gewöhnt
ist. Ich will nun, ohne mich persönlich darum zu kümmern, dem Prozeß
seinen Lauf lassen und das Ergebnis erwarten. Daß es gerecht ausfällt,
dafür sind die Anwälte und Richter da.«

»Jawohl,« sagte =Dr.= Bernburger.

»Ich kann mich doch auf Sie verlassen?« fragte sie. »Ihre Krankheit wird
doch nicht lange dauern? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir
zuweilen Bericht erstatten wollten. Sie sagten das letztemal, daß Sie
eine entscheidende Entdeckung zu machen hofften.«

=Dr.= Bernburger hatte die Baronin starr angesehen und fuhr bei
ihren letzten Worten zusammen. »Leider,« stieß er etwas gewaltsam
hervor, »muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich gezwungen sehe, die
Vertretung Ihrer Angelegenheit niederzulegen.«

Die erste Regung der Baronin bei diesen unerwarteten Worten war
gekränkte Entrüstung, die sie so stark erfüllte, daß sie kaum Fassung
gewinnen konnte, sich zu äußern.

»Das ist unerhört, das ist unmöglich,« rief sie endlich aus, während ein
kalter, stechender Ausdruck in ihre grauen Augen trat. »Sie wollen sich
aus der Verlegenheit zurückziehen, in die Sie mich verwickelt haben.
Aber ich entlasse Sie nicht. Und diese Krankheit haben Sie nur
vorgeschützt, ich durchschaue es gleich. Es ist der erste Schritt, uns,
mich ehrlos im Stiche zu lassen.«

=Dr.= Bernburger wurde bleich, aber er blieb bei wachsender
Entschlossenheit ruhig. »Ich fühle mich in der Tat krank,« sagte er,
»und der Aufgabe nicht mehr gewachsen. Es ist um Ihretwillen, daß ich
zurücktreten will.«

»Ich danke für Ihr rücksichtsvolles Opfer,« sagte die Baronin spöttisch.
»Aber ich nehme es nicht an. Ich vertraue Ihnen trotz Ihrer Krankheit.«

Inzwischen hatte die aufgeregte und scharfe Stimme ihrer Mutter Mingos
Aufmerksamkeit erregt, die sich im Nebenzimmer befand. Sie trat ein und
betrachtete die Streitenden mit verwundert fragenden Blicken. Ohne daß
er sich dessen bewußt wurde, flößte ihre Anwesenheit dem jungen
Rechtsanwalt Mut ein.

»Wenn ich Ihnen den Namen und die Art meiner Krankheit nenne, Frau
Baronin,« sagte er, »werden Sie mich besser begreifen. Sie besteht
darin, daß ich anderer Überzeugung geworden bin.«

»So plötzlich?« fragte die Baronin. »Noch vor zwei oder drei Tagen
sprachen Sie sich ganz anders aus.«

»Es kommt vor, daß einem die Augen ganz plötzlich geöffnet werden,«
sagte =Dr.= Bernburger.

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Mingo seine heiße, feuchte Hand
ergriff, deren Berührung sie sonst vermieden hatte, und ausrief: »O,
Herr Doktor, sagen Sie uns alles! Ich danke Ihnen, Mama freut sich
ebenso wie ich, wenn Sie es auch nicht gleich zugibt! Wie gut von Ihnen,
daß Sie Ihren Irrtum eingestehen!«

Sie hielt seine Hand noch immer mit leidenschaftlichem Druck fest, und
ihre Augen standen voll Tränen, während ihre Lippen zitterten. Auch in
dem Gesicht der Baronin lösten sich die gespannten Mienen, obwohl sie
Zurückhaltung und Überlegenheit zu bewahren suchte.

»Seien Sie aufrichtig gegen mich, Herr Doktor,« sagte sie mit gemäßigter
Strenge. »Das wenigstens darf ich von Ihnen verlangen. Beruht Ihre
Sinnesänderung auf psychischen Eindrücken oder auf neuen Tatsachen, die
Sie erfahren haben?«

Erst jetzt forderte sie ihn durch eine Handbewegung auf, sich zu setzen,
und da er einen Stuhl nehmen wollte, bot sie ihm mit lächelnder
Anspielung auf seine Krankheit einen Sessel an. »Auch ein Glas Wein
müssen Sie trinken,« fügte sie hinzu, indem sie Mingo durch einen Blick
bedeutete zu klingeln. »Sie sehen wirklich angegriffen aus. Ich glaube,
ich war vorhin zu hart gegen Sie, aber Sie haben es selbst durch Ihre
Unaufrichtigkeit und vor allem durch Ihre Zweifel verschuldet. Ich
glaube, wenn Sie die schlechte Meinung in Rechnung ziehen, die Sie von
mir hatten, bin ich Ihnen nichts mehr schuldig.«

Als =Dr.= Bernburger seine Erzählung beendet hatte, war Mingos
blasses Gesicht von Tränen überströmt, die zu verbergen sie keinen
Versuch machte; zu sprechen war sie nicht imstande. Ihrer Mutter war es
nicht anzusehen, daß sie bewegt war.

»Erklären Sie mir nun, Herr Doktor, in welcher Weise sich durch Ihren
Fund die Lage verändert hat,« sagte sie. »Was werden die Folgen sein?«

»Die Lage hat sich nur verändert, wenn Sie wollen,« sagte =Dr.=
Bernburger. »Wenn Sie es verlangen, habe ich die Pflicht, meinen Fund zu
verschweigen.«

»Das kommt natürlich nicht in Frage,« rief die Baronin schnell aus. »Ich
habe nie etwas anderes gewollt, als daß ein Verbrechen gesühnt würde.
Was Herr Deruga getan hat, halte ich eher für eine großmütige Tat. Ich
weiß aber nicht, wie die Justiz sich dazu stellt.«

»Durch den Brief,« erklärte der Anwalt, »ist einwandfrei festgestellt,
daß =Dr.= Deruga seine geschiedene Frau auf ihre Bitte getötet hat,
und seine Tat fällt demnach unter eine Rubrik, die 'Tötung auf
Verlangen' betitelt ist. Vermutlich wird er zu einigen Jahren Gefängnis
verurteilt. Wird er aber auch freigesprochen, so haben Sie, Frau
Baronin, mit einem Versuch, ihm die Erbschaft streitig zu machen, doch
kaum noch Aussicht auf Erfolg.«

Ein schnelles, tiefes Rot flog über das Gesicht der Baronin. »Davon ist
nicht mehr die Rede,« sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung.
»Jetzt begreife ich die Verfügung meiner verstorbenen Kusine vollkommen.
Alles, was ich getan habe, ging aus vollkommener Verkennung der
Verhältnisse hervor. Ihrem Eifer, lieber Herr Doktor, habe ich es zu
verdanken, daß ich noch rechtzeitig meinen Irrtum einsehen konnte.« Sie
reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.

Mingo vermochte immer noch nicht zu sprechen. Erst als =Dr.=
Bernburger fortgegangen war, rief sie, indem sie ihrer Mutter um den
Hals fiel: »Was für ein guter Mensch, dieser unscheinbare Bernburger!
Wie unrecht habe ich ihm getan! Und was für schöne traurige Augen hat er
hinter der Brille!«

Die Baronin küßte Mingo auf die Stirn und sagte: »Süßliche Augen, gut,
daß die Brille davor ist.«



=XVI.=


=Dr.= Zeunemann eröffnete die nächste Sitzung durch eine
überraschende Mitteilung: =Dr.= Bernburger, der von der Baronin
Truschkowitz mit Nachforschungen über den Tod ihrer Kusine betraut
gewesen sei, habe einige Tatsachen gesammelt, die geeignet wären, dem
Prozeß eine andere Wendung zu geben. Nachdem er die Genehmigung der
Baronin erhalten habe, bitte er dieselben dem Gericht vorlegen zu
dürfen.

Das unvorhergesehene Ereignis schreckte selbst Deruga aus seiner bisher
beobachteten schläfrigen Haltung. Unwillkürlich spannten seine Muskeln
sich wie zu einem Kampfe, als =Dr.= Bernburger vortrat, von dem er
sich eines tückischen Angriffs aus dem Hinterhalt versah.

»Meine Herren Richter und Geschworenen,« begann =Dr.= Bernburger,
»ich habe einen wichtigen Fund gemacht, den ich Ihnen keine Stunde
vorenthalten zu sollen glaube, da er den dunklen Fall, der Sie
beschäftigt, mit einem Schlage ins klare Licht setzt. Meine Herren, ich
ging von der Überzeugung aus, daß Deruga den Mord an Frau Swieter
begangen haben müsse, weil er erstens der einzige war, der ein Interesse
an ihrem Tode hatte, und zweitens der einzige, dessen Schicksal mit dem
ihrigen eng und in tragischster Weise verflochten gewesen war; sodann,
weil es mir schien, daß ohne den Willen der Frau Swieter oder ihres
Dienstmädchens oder beider niemand ihre Wohnung hätte betreten können.
Diese meine Ansicht wurde durch die Zeugenaussagen bestärkt und darin
verändert, daß ich von Frau Swieters Dienstmädchen absah und sie allein
für diejenige ansah, die den Mörder eingelassen hatte.

Ich stellte mir den Vorgang so vor, daß entweder Frau Swieter ihren
geschiedenen Gatten zu sich gerufen habe, um von ihm Abschied zu nehmen,
oder aber, was ich für wahrscheinlicher hielt, daß er sie aufgesucht
habe, um Geld von ihr zu erbitten; und daß irgendeine unvorhergesehene
Wendung des Gesprächs ihn zum Mörder gemacht habe. In beiden Fällen ließ
sich das durch die besonderen Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden
hatten, sowie durch Derugas unbezähmbares Temperament erklären. Ich nahm
an, daß er sich angemeldet oder sich durch irgendein ihnen beiden aus
früherer Zeit bekanntes Zeichen bemerkbar gemacht habe. Er brauchte ja
nur unter ihrem Fenster ihren Namen zu rufen, eine Melodie zu singen
oder zu pfeifen, um von ihr erkannt zu werden.

Als die wackere Ursula von dem Slowaken erzählte, der um die Mittagszeit
angeläutet hatte und nachher verschwunden war, stand es bei mir fest,
daß dies Deruga gewesen sei. Ich stellte mir vor, daß er irgendwo im
Hause, vermutlich im Keller, die Zeit erwartet hatte, wo Ursula ausging,
dann von Frau Swieter eingelassen wurde und das Haus verließ, kurz bevor
Ursula zurückzuerwarten war. Auf dem Wege zum Gartentor begegnete er dem
Hausmeister, der ihn neugierig betrachtete und dadurch, oder nur durch
seine Anwesenheit, das Bewußtsein des begangenen Frevels und die Gefahr
der Entdeckung in ihm rege machte. Er wollte sich unbefangen stellen,
und es fiel ihm nichts Besseres ein, als eine Zigarette aus der Tasche
zu ziehen und zu fragen: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' Da er aber
nicht in der Stimmung war, zu rauchen, und zu aufgeregt, um folgerichtig
zu handeln, beging er eine Unvorsichtigkeit und warf die eben
angezündete Zigarette in das Gebüsch am Gartentor.«

Die Zuhörer folgten der Erzählung mit einer Spannung, als ob sie die
angeführten Ereignisse zum ersten Male hörten. Die Aufmerksamkeit war
zwischen =Dr.= Bernburger und Deruga geteilt, der nicht daran
dachte, sein Gesicht wie sonst den Blicken zu entziehen, indem er es in
der Hand verbarg.

»Meine Überzeugung, daß der Slowak Deruga gewesen sein müsse,« fuhr
=Dr.= Bernburger fort, »war so stark, daß ich sagen kann, ich wußte
es. Ich verfolgte nun alle seine Schritte von dem Augenblick an, wo er
am Bahnhof in Prag die Fahrkarte, wie ja festgestellt war, löste. Er
trug damals einen gewöhnlichen Anzug, vermutlich einen Gehrock, denn
wenn er im Kittel seine Wohnung verlassen hätte, wäre es aufgefallen und
gemerkt worden; den Kittel hatte er im Paket bei sich. Die Frage war
nun, wo er sich umgekleidet hatte. Geschah es im Eisenbahnzuge? Irgendwo
in den Bahnhofsräumen? Oder etwa des Nachts im Freien? Er mußte einen
solchen Ort wählen, wo er sich nicht nur umkleiden, sondern auch den
gewöhnlichen Anzug zurücklassen, später wiederfinden und gegen den
Kittel vertauschen konnte. Den Kittel hatte er entweder im Paket mit
nach Hause genommen oder, wahrscheinlicher, unterwegs weggeworfen oder
versteckt. War das letztere der Fall, so konnte er gefunden und an einen
Trödler verkauft worden sein, und trotz der schwachen Aussicht auf
Erfolg, die eine darauf gerichtete Nachforschung haben konnte, machte
ich mir die Mühe, in einer großen Reihe derartiger Geschäfte
nachzufragen.

Ich erhielt keine irgendwie brauchbare Auskunft und hatte bereits die
Hoffnung, auf diesem Wege eine Spur zu finden, aufgegeben, als sich eine
alte Frau bei mir meldete, die zufällig in dem Laden eines Trödlers von
meinem Wunsche Kunde erhalten hatte. Diese Frau, eine Wäscherin, war am
Morgen des 3. Oktober bald nach fünf Uhr morgens durch die
Bahnhofsanlagen gegangen und hatte von der Brücke herunter, die über den
Kanal führt, etwas Dunkles im Wasser gesehen, das sie zuerst für etwas
Lebendiges hielt. Als sie es näher untersuchte, ergab sich, daß es ein
Anzug war, in der Art, wie Arbeiter ihn tragen, der sich an der Wurzel
eines Baumes festgehängt hatte, und nachdem sie ihn ausgerungen hatte,
nahm sie ihn als herrenloses Gut mit.«

Bei diesen Worten trat =Dr.= Bernburger an den Tisch, legte das
Paket, das er unter dem Arm gehalten hatte, auf den Tisch, wickelte es
auf und breitete den Anzug auseinander, über den die Richter und der
Rechtsanwalt, von ihren Sitzen aufstehend, sich beugten.

»Der Anzug,« fuhr =Dr.= Bernburger fort, »würde nur eben eine Spur
gewesen sein. Den Beweis, daß er dem Angeklagten gehörte, erbrachte mir
ein Brief, den ich in einer zugeknöpften Seitentasche des Kittels fand.
Er ist trotz der stellenweise verwischten Schrift vollkommen lesbar, und
ich bitte um die Erlaubnis, ihn vorlesen zu dürfen.«

Im Laufe seines Berichtes hatte sich die Erregung des Erzählers mehr und
mehr verraten. Beim Lesen des Briefes überschlug sich seine Stimme
mehrere Male, und als er ihn zum Schlusse auf den Tisch legte, zitterte
seine Hand.

»Donnerwetter!«

Mit diesem Ausdruck des Erstaunens unterbrach Justizrat Fein zuerst die
eingetretene Stille.

=Dr.= Zeunemann hatte inzwischen den Brief ergriffen, hielt ihn
dicht vor die Augen, prüfte sorgfältig die Schrift, den Poststempel und
das Papier und fragte: »Wie mag er denn befördert worden sein?«

»Darüber wird uns wohl Fräulein Schwertfeger Auskunft geben können,«
sagte =Dr.= Bernburger.

Nach einer neuen Pause wendete sich der Vorsitzende langsam zu Deruga
mit der Frage, ob er etwas zu der Mitteilung des =Dr.= Bernburger
zu bemerken habe.

Deruga schüttelte stumm den Kopf, ohne aufzublicken.

»Wir möchten gern eine Bestätigung von Ihnen hören,« begann =Dr.=
Zeunemann von neuem, »daß die Darstellung des =Dr.= Bernburger
zutreffend ist, oder eine Richtigstellung.«

Bevor er jedoch den Satz vollendet hatte, unterbrach ihn der
Staatsanwalt, mit seinen langen Armen gestikulierend und auf Deruga
deutend. »Sehen Sie denn nicht, Herr Kollege,« sagte er, »daß der Mann
krank geworden ist? Lassen Sie ihm doch jetzt Ruhe, das muß ja den
stärksten Magen angreifen! Ein Glas Wasser! Schnell!« winkte er dem
nächsten Gerichtsdiener, ihn mit drohenden Blicken zur Eile antreibend.

Justizrat Fein hatte inzwischen seinen Arm um Derugas Schulter gelegt
und auf ihn eingeredet. Dann wandte er sich gegen den Richtertisch und
sagte: »Mein Klient fühlt sich nicht wohl und bittet um die Erlaubnis,
sich zurückziehen zu dürfen. Er wird morgen alle wünschbaren Erklärungen
geben.«

Die beiden verließen zusammen den Saal, und als sie draußen waren, sagte
der Justizrat: »Hören Sie, Doktor, ich komme mir zum erstenmal in meinem
Leben wie ein gemeiner Kerl vor.«

»Da seien Sie froh,« erwiderte Deruga mit seinem gewinnenden Lächeln.
»In Ihrem Alter könnte es leicht das zehnte oder hundertste Mal sein.
Übrigens hatten Sie ganz recht, die Menschen sind dumme, schwache Tiere.
Warum hätten Sie mir glauben sollen?«

Der Justizrat schüttelte den Kopf. »Ein alter Praktiker wie ich«, sagte
er, »müßte unterscheiden können. Aber, daß ich Sie von Anfang an gern
leiden mochte, Deruga, das haben Sie hoffentlich bemerkt.«

»Ja, obwohl Sie mich nebenbei für einen Hundsfott hielten,« sagte
Deruga.

Der Justizrat musterte ihn mit liebevollen Blicken.

»Sie sehen schlecht aus. Trinken wir eine Flasche Wein zusammen!«

Deruga entschuldigte sich mit starken Kopfschmerzen.

»Ich weiß nicht, was mich so mitgenommen hat,« sagte er. »Ich glaube, es
war das Gefühl, wie dieser Herr mir Schritt für Schritt nachgeschlichen
ist.«

»Eigentlich,« sagte der Justizrat, sich besinnend, »habe ich der
Kanaille unrecht getan. Er hat sich wie ein anständiger Mensch
benommen.«

»Schade, nicht?« sagte Deruga, worauf sie sich trennten.

Im Gerichtsgebäude standen die am Prozeß beteiligten Juristen noch
zusammen, um =Dr.= Bernburger geschart, den sie nach verschiedenen
Einzelheiten ausfragten. Der Staatsanwalt schüttelte ihm zum dritten
Male beide Hände und lobte seinen Eifer. Seine dünnen Haare waren
zerzaust, und seine hellen Augen blinkten feucht unter den
fuchsschwänzigen Augenbrauen.

»Ich gelte für scharf,« sagte er, »und das bin ich auch und will es
bleiben. Aber diesem Italiener gegenüber mag man gern einmal Mensch
sein. Der ist durch und durch Mensch, ohne gemein zu sein, das gefällt
mir an ihm.«

»Sie sind durch und durch Staatsanwalt, ohne gemein zu sein,« sagte
=Dr.= Zeunemann. »Das ist vielleicht noch schwerer.«

»Was ist seltener, Schönheit im Kostüm oder Schönheit bei nacktem
Leibe?« sagte der Staatsanwalt gedankenvoll. »Nun, ich will jedenfalls
das Kostüm nicht ganz abreißen, sondern juristisch-menschlich sein,
indem ich alle die von =Dr.= Bernburger beigebrachten Tatsachen
ignoriere und, als wäre nichts geschehen, die Anklage auf Totschlag
aufrechterhalte.«

»Vorzüglich, vorzüglich,« sagte =Dr.= Bernburger. »Sonst hätte ich
ihm am Ende einen schlechten Dienst geleistet.«

»Auf die Art ginge Feins Plan durch,« sagte =Dr.= Zeunemann.
»Etwas willkürlich finde ich es aber bei der Lage der Dinge.«

»Wieso, mein Bester?« rief der Staatsanwalt lebhaft aus. »Wie ist denn
die Lage der Dinge eigentlich? Allerdings, wir wissen jetzt, daß die
gute Frau Swieter ihre Leiden durch den Tod abzukürzen wünschte, daß sie
ihren geschiedenen Mann bat, ihr diesen Dienst zu leisten, und daß
Deruga sie daraufhin tötete. Aber wissen wir denn, ob er es wirklich aus
Mitleid getan hat? Ob er nicht eigennützige Nebenabsichten hatte? Wissen
wir, ob er ihren Tod nicht längst herbeiwünschte? Ob er nicht über den
Brief frohlockte, der ihm die gewünschte Handhabe bot? Dergleichen wäre
nicht zum ersten Male vorgekommen. Vergegenwärtigen Sie sich nur die
Geschwindigkeit, mit der er den heiklen Auftrag übernahm! Das Gift hatte
er augenscheinlich schon bereit.«

»Hören Sie auf,« unterbrach =Dr.= Zeunemann lachend. »Wenn das so
weiter geht, erheben Sie die Anklage auf Mord.«

»Juristisch wäre es vielleicht richtiger,« meinte der Staatsanwalt
nachdenklich, »aber ich habe mir vorgenommen, menschlich zu urteilen,
und außerdem liefe ich, glaub' ich, Gefahr, von den Mänaden zerrissen zu
werden, wenn ich ihren Liebling angreife.«

»Im anderen Falle werden sie Sie aus Dankbarkeit zerreißen,« sagte
=Dr.= Zeunemann. »Ein Opfer der Frauen zu sein, ist nun einmal Ihr
Los!«



=XVII.=


Nachmittags ließ sich die Baronin bei Deruga melden. Er erhob sich aus
dem unbequemen Sofa, auf dem er gelegen und geschlafen hatte, und
blinzelte verdrossen gegen das Licht. »Lieber Doktor,« sagte sie, indem
sie ihm die Hand entgegenstreckte, »ich komme, mir Ihre Verzeihung zu
holen. Dem reuigen Sünder vergibt selbst Gott. Sie werden nicht
unerbittlicher sein.«

»Ich maße mir nicht an, mit Gott vergleichbar zu sein,« sagte Deruga,
»aber es kommt nichts darauf an, da ich Ihnen nichts zu verzeihen habe.
Sie verfolgten ja nicht mich, sondern traten für das vermeintliche Recht
ein.«

»Sie weichen einer Versöhnung aus,« sagte die Baronin. »Ich verstehe Sie
wohl; aber ich lasse mich nicht so leicht abweisen. Von einem Manne, der
so lieben kann wie Sie, erträgt man wohl auch Haß und noch Schlimmeres.
Welche Frau gäbe nicht alles hin, was sie hat, um einmal so geliebt zu
werden, wie Sie geliebt haben!«

»Wahrhaftig!« rief Deruga, »von Ihnen will das, glaub' ich, etwas
sagen.«

»Das klingt boshaft,« sagte die Baronin, »und doch kränkt es mich nicht,
weil ich fühle, daß Sie es nicht böse meinen. Es ist wahr, ich wüßte
nicht, wie ich ohne Geld und sogar ohne ziemlich viel Geld sollte leben
können. Mein Gott, jeder hat seine Gewohnheiten. Aber habsüchtig bin ich
nicht, am Gelde an und für sich liegt mir nichts. Und wissen Sie, warum
ich so außer mir war, daß die Erbschaft mir entging? Ich war sehr
erpicht auf das Geld gewesen, das leugne ich nicht, und Ihnen, nur Ihnen
will ich sagen, warum. Ich habe mich in meiner Ehe unbeschreiblich
gelangweilt.«

»Ja, die Langeweile ist das größte Problem und die größte Gefahr des
Lebens,« sagte Deruga. »Aber Ihr Mann scheint eine liebe, feine Person
zu sein.«

»Natürlich,« stimmte die Baronin zu, »man kann sich nichts Angenehmeres
denken. Er ist wie reine Luft, man spürt ihn gar nicht, und ich bildete
mir auch fast ein, ihn ein wenig zu lieben, als ich ihn heiratete. Aber
ich habe mich in seiner Gesellschaft so gelangweilt, daß ich ihm
wahrscheinlich untreu geworden wäre, wenn sich das mit meinen
Grundsätzen vertragen hätte. Da es sich aber um den einzigen Grundsatz
handelt, zu dem ich mich bekenne, habe ich daran festgehalten.«

»Sie hatten doch eine Tochter,« wandte Deruga ein.

»Sie fand es vermutlich bei uns ebenso langweilig wie ich,« sagte die
Baronin, »denn seit sie herangewachsen war und mir eine Gesellschafterin
hätte sein können, ergriff sie jede Gelegenheit, um von Hause fort zu
sein. Inzwischen verkürzte ich mir die Zeit mit einem Zukunftsplane:
dem, mich von meinem Manne freizumachen, sobald meine Tochter versorgt,
das heißt, verheiratet wäre.«

In Derugas Mienen malte sich aufrichtiges Erstaunen.

»Sie denken wirklich daran, sich jetzt noch scheiden zu lassen?« sagte
er.

Ein reizendes Lächeln, das sie jung machte, glitt über das Gesicht der
Baronin.

»In meinem Alter, wollen Sie sagen? Solange ich den Wunsch habe, bin ich
offenbar jung genug dazu,« entgegnete sie.

»Und dann wollen Sie einen amüsanteren Mann heiraten?« fragte Deruga.

»O, heiraten!« wiederholte sie. »Darauf kommt es mir nicht an, auch
nicht auf förmliche Scheidung, nur darauf, frei zu sein und die
Atmosphäre der Langenweile zu verlassen.«

Deruga zuckte die Schultern. »Im Grunde herrscht auf der ganzen Erde
dasselbe Klima,« sagte er.

»Nein, nein,« rief sie lebhaft, »ich kann mir zum Beispiel nicht denken,
wie man sich in Ihrer Gesellschaft je langweilen sollte!« Sie hatte so
eine freie Art, die Dinge naiv wie ein Kind herauszusagen, daß selbst
Deruga, der sich für einen Kenner der Frauen hielt, nicht unterscheiden
konnte, ob die Blüte echt oder künstlich war.

»Das hat auch seine Kehrseite,« antwortete er gutmütig. »Erinnern Sie
sich nicht an den Vers, den mir die arme Marmotte in ein Buch schrieb:

    'Deruga, du bist eben
    So schön als wunderlich;
    Man kann nicht ohne dich
    Und auch nicht mit dir leben.'«

Die Baronin errötete ein wenig, vermochte aber noch mit leidlicher
Unbefangenheit zu sagen: »Nun ja, das tägliche Sich-an-einander-Reiben,
das die Ehe mit sich bringt, das würde ich freilich wohl nicht wieder
auf mich nehmen, und ich halte es auch für verderblich und gemein. Aber
nun,« setzte sie hinzu, indem sie aufstand, »geben Sie mir zum Abschied
einen Versöhnungshändedruck!«

»Gern, Baronin,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte. »Ihre Strafe
haben Sie ja ohnehin, indem das Geld Ihnen entgangen ist.«

»Ja, das Geld,« sagte sie wehmütig, »das mir den Käfig öffnen sollte.
Wir waren vorhin davon abgekommen: Einzig der Umstand, daß ich kein
eigenes Vermögen habe und nicht wußte, wovon ich leben sollte, wenn ich
meinen Mann verließe, stand vor der Erfüllung meines Wunsches. Das Erbe
meiner armen, kranken Kusine sollte mir das neue Leben geben! Nun aber
genug von mir! Erlauben Sie mir, Ihnen dies Zimmer, für die Zeit, wo Sie
es noch bewohnen werden, ein wenig zu erheitern? Mit Blumen?«

»Wenn es Ihnen Freude macht,« sagte er.

Während sie zögernd auf der Schwelle stand, ruhten ihre Augen auf seiner
wohlgeformten braunen Hand, die sie immer noch hielt, und dann ging sie
mit einem Lächeln.

Ihr war zumute, wie sie die etwas abgelegene, düstere Straße entlang
ging, als habe sie sich noch nie, in ihrem ganzen Leben nie, in einer
solchen das ganze Leben durchglühenden Aufregung befunden. Es war eine
prickelnde, zugleich ängstigende und wohltuende Empfindung, in der sich,
so schien es ihr, alle ihre Kräfte steigerten und veredelten. Freilich,
noch ein wenig mehr, so könnte es unbehaglich werden, ja, schon jetzt
lief ein leises Angstgefühl mit unter, das jedoch die Wonne des
allgemeinen Aufruhrs noch übertönte.

Die Baronin beschloß, einen Spaziergang zu machen. Es war noch nicht
spät, die Lichter auf den Straßen und in den Schaufenstern wurden
allmählich entzündet und loderten wie feuergelbe Tupfen in das
Durcheinander der dämmerblassen Farben. Langsam und lächelnd ging sie
ziellos weiter. Wie reizend war es, sich so jung zu fühlen und wie ein
verliebtes Mädchen verbotene Wege zu gehen! Ja, es war fast, als ginge
sie zu einem Stelldichein. Als sie an einem Blumengeschäft vorbeikam,
das das Aussehen eines pompösen Urwaldes hatte, fiel es ihr ein, etwas
für Derugas Zimmer auszusuchen. Sie wählte lange und fragte kaum nach
den Preisen, die sie sonst, besonders wenn es sich um Geschenke
handelte, durchaus nicht unberücksichtigt ließ. Zufällig erblickte sie
in einem Spiegel ihre Gestalt: schlank, tadellos, voll natürlicher
Eleganz. Ein frohes Gefühl von Glück und Stolz durchzuckte sie. War sie
auch keine frische, im Morgentau glitzernde Blume, so ersetzte den
fehlenden Schmelz und das Farbenprangen die sichtbar gewordene Form und
ein Parfüm, das erst die Dämmerung entwickelt. Sie fühlte, daß sie noch
anziehen, noch bezaubern konnte; und hätte sie selbst nicht lieben
können sollen? Sie hatte ja noch nie geliebt.

Sie kämpfte mit sich, ob sie am folgenden Morgen zur Sitzung gehen
sollte, denn es war ihr, als könne es Deruga mißfallen, und als liege
überhaupt etwas Geschmackloses und Gefühlswidriges darin, wenn sie sich
jetzt auf dem Platze zeigte, den sie früher aus Neugier und dem
ungeduldigen Wunsche eingenommen hatte, ihre Sache triumphieren zu
sehen. Doch war es ihr unmöglich, dem Drange zu widerstehen, der sie in
Derugas Nähe trieb, sei es auch nur, um sich Gewißheit über sein
Befinden zu verschaffen.

»Hat man unrecht gehabt,« sagte sie beim Frühstück zu ihrem Mann und
ihrer Tochter, »so muß man es dadurch wieder gutmachen, daß man es
eingesteht. Ich möchte nicht nach Paris reisen, ehe ich weiß, was aus
Deruga wird, und was wir etwa für ihn tun können.«

Der Baron war derselben Meinung, und Mingo errötete vor Freude.

»Liebe Mama,« sagte sie, »ich bin froh, daß du doch ein guter Mensch
bist.«

»Aber Mingo,« sagte die Baronin verweisend, indem sie sich doch nicht
enthalten konnte, zu lachen.

»Darf ich mitgehen, Mama?« bat sie, die aufgesprungen war und ihre
Mutter umarmt hatte. »Du weißt, wie ich darunter gelitten habe, nun
möchte ich auch dabei sein, nachdem es sich so schön gewendet hat. Er
wird doch sicher freigesprochen?«

»Daran ist wohl nicht zu zweifeln,« sagte der Baron, indes die Baronin
sich von Mingos Umarmung freimachte und ein peinliches Gefühl von
Eifersucht, das plötzlich in ihr aufstieg, zu unterdrücken suchte. Ihr
Blick glitt schnell prüfend über Mingo hin, deren Dasein sie plötzlich
als Einengung und Hemmung empfand. Aber sie wollte ja studieren, sagte
sie sich, und das war ja ein gutes, richtiges Gefühl von ihr, daß sie
noch an sich arbeiten und sich entwickeln wollte. Die Berührung der
frischen Lippen war doch unsäglich lieblich. Die Baronin legte ihre Hand
liebkosend unter das noch kinderrunde Gesicht ihrer Tochter und sagte:

»Ich werde Deruga gelegentlich erzählen, daß du von Anfang an sein
tapferer, kleiner Ritter gewesen bist.«

Mingo leuchtete vor Stolz. »Und ich stecke mein Schwert nicht ein, bis
er frei ist,« sagte sie.



=XVIII.=


Die Ungeduld des auf die Aussage Derugas gespannten Publikums wurde
nicht sofort befriedigt, da als erste Zeugin Fräulein Gundel
Schwertfeger vernommen wurde. Der Vorsitzende legte ihr den Brief der
verstorbenen Frau Swieter an Deruga vor und fragte sie, ob er ihr
bekannt sei.

»Ja,« sagte Fräulein Schwertfeger, kaum einen flüchtigen Blick darauf
werfend, »es ist derselbe, den ich einige Tage vor Mingos Tode zur Post
gegeben habe.«

=Dr.= Zeunemann räusperte sich ein wenig und sah vor sich auf den
Tisch. »Sie haben uns das im Beginn des Prozesses verschwiegen,« sagte
er.

»Nein, ich habe gelogen,« sagte Fräulein Schwertfeger mit trotziger
Tapferkeit, während ihre großen, grauen Augen sich verdunkelten. »Es war
das erstemal in meinem Leben, und ich mußte es tun, weil ich sonst
meiner verstorbenen Freundin das Wort gebrochen hätte. Dazu konnte ich
mich nicht entschließen, gerade weil sie tot ist.«

»Wollen Sie uns jetzt vielleicht,« sagte =Dr.= Zeunemann sanft,
»kurz erzählen, was sich wegen des Briefes zwischen Ihnen begab?«

»Meine Freundin fragte mich, ob ich ihr etwas zuliebe tun wolle. Ich
sagte, ich würde alles tun, was in meinen Kräften stände, die leider
gering wären. Sie küßte mich und sagte, es wäre nicht viel an sich, aber
für mich bedeutete es vielleicht viel: ich sollte nämlich einen Brief an
Deruga besorgen, ohne daß es jetzt oder später jemand erführe. Ich
versprach zu tun, was sie wünschte, und fragte, ob sie mir sagen könnte,
was sie ihm schriebe, und warum es niemand erfahren dürfte. Sie sagte,
sie habe das Bedürfnis, ihm für den Fall, daß sie nicht lange mehr leben
sollte, Lebewohl zu sagen, und daß sie das heimlich halten wolle,
entspringe nur der vielleicht törichten Furcht, man würde sie nicht
verstehen und lächerlich finden.«

»Haben Sie sich damals,« fragte der Vorsitzende, »gar keine Gedanken
gemacht, ob es sich wirklich so verhalte?«

»Damals dachte ich,« sagte Fräulein Schwertfeger, »sie habe ihm
vielleicht geschrieben, sie wünsche ihn noch einmal zu sehen, bevor sie
stürbe, und habe sich gescheut, mir das zu sagen. Als dann die Anklage
gegen Deruga erhoben wurde, sah ich ein, wie gefährlich der Brief für
ihn werden könne, sei es, daß sie ihn gebeten hatte zu kommen, oder daß
sie ihn von dem Inhalt des Testamentes in Kenntnis gesetzt hatte; und
ich nahm mir vor, lieber zu lügen, als ihn ins Unglück zu bringen, da
ich wußte, welchen Schmerz das meiner Freundin bereitet hätte.«

»Steht vielleicht damit im Zusammenhang,« sagte =Dr.= Zeunemann,
»daß Sie das Vermächtnis Ihrer Freundin ausschlugen und später sogar die
Ihnen vermachten Wertsachen verschenkten?«

Fräulein Schwertfeger wurde dunkelrot.

»Es schien mir allerdings nun so auszusehen,« sagte sie, »als wolle
meine Freundin mich für mein Stillschweigen belohnen. Später vollends,
als der Verdacht gegen Deruga aufkam, den ich teilte, wäre ich mir
selbst vorgekommen wie eine Bestochene und wie eine Helfershelferin bei
der abscheulichen Tat, wenn ich das Geringste von den Kostbarkeiten
meiner Freundin behalten hätte.«

»Es ist Ihnen also niemals,« fragte der Vorsitzende, »die Möglichkeit
des Zusammenhangs aufgetaucht, so wie sie sich jetzt dargestellt hat?
Ihre Freundin hat Ihnen doch selbst einmal gesagt, wie Sie gelegentlich
erwähnten, daß sie demjenigen dankbar sein würde, der ihrem Leiden ein
Ende bereitete, indem er sie tötete?«

»Ich hielt das nur für eine augenblickliche Regung,« sagte Fräulein
Schwertfeger. »Jetzt erst habe ich eingesehen, wie sehr sich meine
Freundin im allgemeinen beherrschte, wenn ich bei ihr war. Dazu kommt,
daß ich Deruga nichts Gutes, aber wohl Schlechtes zutraute. Ich habe ihm
sehr unrecht getan.«

»Aber das bedachten Sie nie,« sagte =Dr.= Zeunemann mit mildem
Vorwurf, »daß der Gerechtigkeit dadurch Abbruch geschähe, wenn Deruga
seine geschiedene Frau gemordet hätte und unbestraft bliebe?«

»Ich dachte,« sagte Fräulein Schwertfeger trotzig, »ich wollte tun, was
mein Gewissen mich hieße, und das übrige Gott überlassen.«

»Als Mensch,« sagte =Dr.= Zeunemann nach einer Pause, »kann ich
Ihre Handlungsweise nicht tadeln, obwohl sie nicht als Muster für andere
Fälle gelten dürfte.«

Nachdem Fräulein Schwertfeger entlassen war, kam Derugas Vernehmung. Um
von den Geschworenen besser verstanden zu werden, wurde er aufgefordert,
die Anklagebank zu verlassen und sich auf den für die Zeugen bestimmten
Platz zu begeben.

Er sah blaß, gleichgültig, verdrossen und verschlossen aus, fast als
habe er es auf eine abstoßende Wirkung abgesehen und empfinde Genugtuung
darüber.

»Sie haben zugestanden,« begann der Vorsitzende ernst, »Ihre geschiedene
Gattin getötet zu haben, was Sie bis jetzt leugneten. Sie reisten zu
diesem Zwecke und mit dahinzielender Absicht von Prag ab?«

»Ich weiß nicht,« sagte Deruga unmutig, »warum Sie mich noch einmal mit
Fragen behelligen. Sie wissen, daß meine Frau sich sehnte, von
unerträglichen Leiden befreit zu werden, und daß sie sich an mich
wendete, weil sie das Zutrauen zu mir hatte. Ich fühlte menschlich
genug, um ihre Bitte zu erhören. Die Ärzte im allgemeinen haben den Mut
zu einer so vernünftigen Tat nicht. Ich reiste sofort hin und tat es.
Das sollte genügen.«

»Es kommt uns nicht nur darauf an, die Tat zu wissen,« sagte =Dr.=
Zeunemann, »sondern auch die Absichten kennenzulernen, die den Täter
leiteten.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Deruga heftig auf. »Was für Absichten
könnte ich gehabt haben, außer der armen Person zu helfen? Daß ich von
der Erbschaft nichts wußte, geht aus ihrem Briefe hervor.«

»Aus dem Brief geht allerdings hervor,« sagte der Vorsitzende mit
gelassener Würde, »daß Sie mit Ihrer geschiedenen Frau seit Ihrer
Scheidung in keiner Verbindung standen, daß Sie also damals von der
Erbschaft nichts wußten.«

»Damals!« rief Deruga. »Wollen Sie damit sagen, daß ich hingereist wäre,
um meiner Frau anzubieten, ich wolle ihr den Gefallen tun, wenn sie mir
soundso viel Geld dafür gäbe? Und um den Preis ihres Vermögens hätte ich
mich kaufen lassen? Ich weiß nicht, nach was für einem Maßstab Sie die
Menschen beurteilen. Ekelhafte Welt, wo Menschen richten, die nur
gemeine Triebe zu kennen scheinen!«

»Ich muß Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »Ihre Ausdrücke zu mäßigen.
Die gefallenen Worte lasse ich deshalb hingehen, weil ich eine
krankhafte Erregung bei Ihnen voraussetze. Nachdem ich Sie aber gewarnt
habe, würde ich mich im Wiederholungsfalle zu ernsten Maßregeln
gezwungen sehen.«

Inzwischen war Justizrat Fein aufgestanden und bat, ein paar Worte mit
seinem Klienten reden zu dürfen.

»Aber, liebster Doktor,« sagte er halblaut, indem er ihn am Rock faßte,
»was für Geschichten machen Sie? Es hängt jetzt alles davon ab, daß Sie
einen guten Eindruck machen. Nachher ist alles vorüber. Nehmen Sie sich
doch zusammen, tun Sie es mir zuliebe! Bilden Sie sich ein, Sie
erzählten die ganze Begebenheit mir! Der arme Teufel tut am Ende nur
seine Pflicht, wenn er alle Möglichkeiten ins Auge faßt. Sie könnten ja
auch ein Schweinehund sein, wie es viele gibt.«

»Ich weiß nicht, warum sich mein Blut empört,« entgegnete Deruga, »wenn
ich diesen Areopag von Stallhammeln sehe, die über hungrige Wölfe zu
Gericht sitzen. Wäre ich doch ein Raubmörder oder Brandstifter! Hier
schäme ich mich, ein anständiger Mensch zu sein.«

»Das sind Sie ja gar nicht,« sagte der Justizrat beruhigend, »das heißt,
nicht in dem Sinne, wie Sie es eben meinten. Und haben Sie denn gar kein
Gefühl für das wackere alte Jüngferchen auf der Zeugenbank? Erzählen Sie
der die Geschichte! Denken Sie, wie froh sie sein wird, wenn sie Sie
für keinen Bösewicht mehr zu halten braucht.«

»Dumme, eigensinnige Gans,« brummte Deruga, aber sein Blick war
freundlicher geworden, und er erklärte sich bereit, die Fragen, die man
an ihn richten würde, zu beantworten.

»Als Sie den Brief Ihrer geschiedenen Frau erhielten,« begann =Dr.=
Zeunemann von neuem, »faßten Sie da sofort den Beschluß, ihren Wunsch zu
erfüllen?«

»Als ich ihre Handschrift sah,« sagte Deruga in ruhig erzählendem Tone,
»die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die ganz unverändert
war, so daß ich sie sofort erkannte, da erfaßte mich sofort das Gefühl
von Unruhe, Wut und Haß, das mich immer überkommen hatte, wenn ich
zufällig einmal an sie erinnert wurde, was aber in den letzten Jahren
nur sehr selten geschehen war. Was kann sie von mir wollen? dachte ich.
Will sie mir sagen, es tue ihr leid, daß sie mein Leben zerstört habe?
Bildet sie sich ein, es bestehe noch irgendein Band zwischen uns? Bildet
sie sich ein, ich könne je vergessen, was ich durch sie gelitten habe?
So ungefähr. Als ich den Brief gelesen hatte, war das alles
verschwunden, und ich empfand nur Mitleid und Liebe. Ich empfand, was
ich noch nie zuvor empfunden hatte: reine, große, ungetrübte Liebe für
das leidende Geschöpf, das ich soviel gequält hatte, eine Liebe, die nur
in dem Wunsche bestand, sie zu trösten und ihr zu helfen. Ich erinnerte
mich an ihre Angst vor Schmerzen, und wie oft sie mich gefragt hatte, ob
ich sie lieb genug haben würde, sie zu töten, wenn sie einmal von einer
sehr schmerzhaften Krankheit befallen werden sollte, wie dankbar sie mir
war, wenn ich es versprach, und wie dann ihre Sicherheit und
Überlegenheit verschwand und sie wie ein Kind sich an mich schmiegte. Es
war alles ausgelöscht, was mich einst an Eifersucht, Empfindlichkeit und
Rachsucht gegen sie verbittert hatte, vor dem einen Gefühl, daß sie mich
nicht vergeblich angerufen haben sollte, und daß ich sie von ihren
Leiden befreien wollte, wenn ich sie nicht etwa heilen könnte.«

Die Pause, die Deruga machte, benützte der Staatsanwalt, um durch
weitausholende Gestikulationen und im Flüsterton gezischte Anweisungen
einen Diener zu beauftragen, daß er dem Angeklagten, der angegriffen zu
sein scheine, einen Sessel brächte.

Nachdem er sich bedankt hatte, fuhr Deruga fort:

»Meine Regung war, sofort abzureisen, aber ich überlegte mir, was für
höchst bedenkliche Folgen die Tat für mich haben könnte, und ich
beschloß, dieselben, wenn möglich, abzuwenden. Die Art und Weise
betreffend, wie ich Mingo töten wollte, beschloß ich, es durch Curare zu
tun, wovon ich zufällig eine genügende Dosis besaß. Chloroform, das in
gewisser Beziehung vorzuziehen gewesen wäre, schloß ich deshalb aus,
weil der Geruch es sofort verraten hätte. Allerdings hätte man gerade
dabei am ersten auf Selbstmord geschlossen, außer wenn sich feststellen
ließ, daß kein Chloroform im Hause gewesen war; sicherer erschien es
mir, auf alle Fälle ein Gift zu wählen, das im Augenblick keine Spur
hinterließ, damit der Verdacht eines gewaltsamen Endes überhaupt nicht
aufkam.

Da meine Frau nicht geschrieben hatte, wie ich zu ihr gelangen könnte,
dachte ich, zuerst deswegen bei ihr anzufragen, unterließ es jedoch,
weil ich mir sagte, der Brief würde vielleicht einer Dienerin oder
Pflegerin in die Hände fallen, die voraussichtlich nicht in das
Geheimnis gezogen werden durfte. Nachdem ich vielerlei geplant und
verworfen hatte, entschloß ich mich, als Vagabund oder Hausierer
verkleidet in ihrer Wohnung vorzusprechen und die Gelegenheit
auszukundschaften; ich traute mir zu, daß ich auf diese Art irgendeinen
Weg ausfindig machen würde, und rechnete auf die glücklichen Einfälle,
die dem Unternehmenden gewöhnlich zu Hilfe kommen. Darauf brachte mich
auch der Umstand, daß ich vor Jahren einmal auf einem Maskenballe als
Mausefallenverkäufer aufgetreten und nicht nur von niemandem erkannt,
sondern von verschiedenen sogar für einen echten, zum Spaß
eingeschmuggelten Slowaken gehalten worden war. Ich wickelte den Anzug,
den ich aufgehoben hatte, in ein Papier ein und nahm ihn als einziges
Gepäck mit, um mich entweder in der Eisenbahn oder im Bahnhof
umzukleiden.

Unterwegs überlegte ich mir, daß der Kleiderwechsel im Zuge bemerkt
werden und Verdacht erregen könnte, wodurch ich vielleicht aufgehalten
würde, und im Bahnhof fand ich keine Gelegenheit. Da es noch sehr früh,
etwa halb sechs Uhr war, nahm ich an, daß ich in den Bahnhofsanlagen
vollkommen unbeobachtet sein würde. In der Tat war es rings öde und
still, und als ich die halbrunde, steinerne Bank sah, die uns Herr
=Dr.= Bernburger beschrieben hat, schien mir das der geeignete Ort
zu sein, wo ich mich umkleiden und meinen bürgerlichen Anzug, den ich ja
zur Heimreise brauchte, verbergen könnte. Nachdem ich den
Vagabundenkittel angezogen hatte, wickelte ich den anderen Anzug ein und
verbarg ihn unter der Bank. Zum Überfluß häufte ich noch welkes Laub
darüber, das überall verstreut war.

Zunächst ging ich in ein kleines Café in der äußeren Stadt und
frühstückte, weniger um mich zu erfrischen, als um den Eindruck zu
prüfen, den ich machte, und ich stellte fest, daß ich durchaus für das
genommen wurde, was ich vorstellen wollte. Bis zum Mittag trieb ich mich
herum, dann begab ich mich in die Gartenstraße. Ich war durchaus nicht
aufgeregt, außer daß ich mich sehnte, die Marmotte wiederzusehen. An den
Zweck, der mich hergeführt hatte, dachte ich kaum noch, nur daran,
wieviel wir uns zu erzählen haben würden.

Als Ursula mir die Tür öffnete, wurde es mir schwer, mich nicht zu
verraten, denn ich freute mich, sie wiederzusehen; ich hätte sie gern
begrüßt und gefragt, ob sie mich denn nicht erkennte. Als Mingo läutete
und Ursula im Weglaufen die Tür zuschlug, steckte ich rasch einen der
hölzernen Löffel, die ich als Verkaufsgegenstände bei mir hatte,
dazwischen. Es war eine Eingebung des Augenblicks, der ich vielleicht
nicht gefolgt wäre, wenn ich Zeit zur Überlegung gehabt hätte, denn das
Wagnis konnte leicht mißglücken. Immerhin traute ich mir zu, mich mit
Ursula, wenn sie mir auf die Spur käme, auf irgendeine Weise zu
verständigen. Ich stellte den Teller Suppe, den Ursula mir gebracht
hatte, auf die Treppe und ging aufs Geratewohl in die nächste Zimmertür;
sie führte in das Fremdenzimmer, das unbenutzt war. Von dort aus hörte
ich, wie Ursula wiederkam, die Wohnungstür öffnete und brummte, als sie
draußen den vollen Teller fand. Nachdem sie in der Küche verschwunden
war, ging ich vorsichtig weiter und erblickte durch die offenstehende
Tür des Nebenzimmers Mingos Bett. Ich sagte leise: 'Marmotte, da ist
Dodo!' und sie antwortete ebenso: 'Dodo! Warte, bis Ursula fort ist.'

Während ich allein in dem Fremdenzimmer saß und wartete, habe ich die
Seligkeit des Himmels genossen. Mehrere Stunden lang fühlte ich die mit
nichts auf Erden vergleichbare Wonne, die vielleicht gemarterte Heilige
empfunden haben, wenn der Schmerz aufhörte und Engel mit der Krone des
ewigen Lebens sich aus den Wolken auf sie niederließen. Mein Herz war
ganz und gar voll von der göttlichen Liebe, die nichts will als das
Glück des Geliebten. Ich hatte sie nun wiedergesehen, die Frau, deren
bloßer Name früher einen Ausbruch von Leidenschaften, Liebe, Haß,
Rachsucht in mir entfesselt hatte. Was ist noch an uns von dem Kinde,
das wir vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren einmal waren? Unser ganzer
Körper hat sich seitdem erneuert, wir haben vielleicht keinen Gedanken
und keine Empfindung mehr von denen, die wir damals hatten, und doch,
daß wir es sind, ist das Sicherste, was wir wissen. Ach, von der
Marmotte, die ich einmal mein genannt hatte, war nichts mehr da, und
doch hatte ich in dem einzigen Augenblick in ihrem von den Jahren und
der Krankheit zerstörten Gesicht dasselbe Gesicht gesehen, das ihr als
Kind schon eigen gewesen sein mochte: aus Unschuld, Liebe und Güte
zusammengezaubert. Es war nur als eine geistige Erscheinung da, und ich
weiß nicht, mit was für Augen ich es gesehen habe. Das Körperliche war
das einer alternden, todkranken Frau, einer Pflanze ähnlich, die, vom
Nachtfrost überrascht, mumienhaft im Sonnenschein steht. Es war nichts
mehr an meiner armen Marmotte, was die Leidenschaft irgendeines Mannes
hätte erregen können, aber sie war mir so teuer, so kostbar und heilig,
daß ich nicht gezögert hätte, mein Leben hinzugeben, wenn ich ihr Glück
damit hätte erkaufen können. Armes, ohnmächtiges Geschöpf, dachte ich,
du sollst nicht mehr leiden! Was es mich auch kosten mag, wie hart die
Folgen für mich sein mögen, ich will dir Frieden bringen. Und wenn alle
deine Qualen auf mich übergingen, so wollte ich sie annehmen und mich
freuen, daß du statt dessen ruhen könntest.

Vorher hatte ich gedacht, ich müsse mir erst Gewißheit über den
Charakter und Grad ihrer Krankheit verschaffen, aber ihr Anblick zeigte
mir überflüssig, wie fortgeschritten sie war. Sowie ich Ursula die Tür
hinter sich schließen und die Treppe hinuntergehen hörte, erhob ich
mich, und gleichzeitig rief mich auch die Marmotte. Ich setzte mich auf
den Rand ihres Bettes und sagte, wie ich mich gefreut hätte, daß Ursula
noch bei ihr wäre, und wie ich kaum hätte unterlassen können, sie
auszulachen, weil sie mich nicht erkannt hätte. 'Ich hätte dich gleich
erkannt,' sagte sie, und dann schwatzten wir von der Vergangenheit und
tauschten kleine Erinnerungen aus. Auch von ihrer Krankheit, ihren
Operationen, und wie sie behandelt wurde, erzählte sie mir auf mein
Befragen. Ihre Stimme war unverändert, nur fast süßer als früher. Sie
klang so, wie man wohl des Abends im Gebirge ein entferntes Alphorn
hört, in dem die rosigen, grünen und grauen Farben des dämmernden
Horizontes mitzutönen scheinen. Während wir sprachen, hielt sie eine
meiner Hände fest zwischen den ihren, und einmal küßte sie sie und
sagte: 'Du liebe, gute, schöne Hand, ich habe oft an dich gedacht, und
daß du mich erlösen würdest!'

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, da sah ich in ihrem Gesicht,
daß ein Anfall von Schmerzen im Anzuge war, Und ich dachte, nun sei der
Augenblick gekommen. Ich hätte etwas mitgebracht, um ihr die Schmerzen
zu vertreiben, sagte ich, und wolle es jetzt in der Küche
zurechtmachen, damit wir ungestört weiterplaudern könnten. 'Wird es weh
tun?' fragte sie, indem sie mich ängstlich ansah, und ihre Mundwinkel
zitterten. Arme, kleine, furchtsame Marmotte! Trotzdem sie den Tod
herbeiwünschte, fürchtete sie sich vor ihm. Ich lachte und sagte: 'Was
denkst du, so schnell geht es nicht. Erst will ich dich ein wenig
beobachten, denn vielleicht kannst du durch verständige Behandlung noch
einmal gesund gemacht werden.' Mit den Worten ging ich in die Küche,
suchte mir ein Glas und mischte das Gift so mit Limonade und Zucker, daß
man seine Bitterkeit nicht schmeckte. Als ich zurückkam, hatte sie
starke Schmerzen, und während ich sie aufrichtete, um sie trinken zu
lassen, erzählte sie mir, daß sie in der letzten Nacht von unserm Mingo
geträumt hatte. 'Wie sehne ich mich danach, sie wiederzusehen,' sagte
sie, 'und später, wenn du auch kommst, stehen wir Hand in Hand und
warten auf dich.' Ich nickte, stützte sie mit meinem Arm und setzte das
Glas an die Lippen. Sie sah mich dankbar an und trank begierig.

Ich wartete, bis sie gestorben war, dann legte ich sie nieder, küßte
sie auf die Stirn und sagte: 'Adieu, liebe, süße Marmotte.' Dann stellte
ich in den beiden Zimmern alles so, wie es vorher gewesen war, ging in
die Küche, reinigte das Glas, vertilgte überhaupt jede Spur meiner
Anwesenheit und ging fort. Im Hause begegnete mir niemand, aber auf dem
gepflasterten Wege, der zum Gartentor führte, sah ich den Hausmeister
stehen. Bis dahin war ich vollkommen ruhig gewesen oder hatte geglaubt,
es zu sein. Aber als ich den Hausmeister sah, kam es mir vor, als müsse
ich ihm auffallen und müsse irgend etwas tun, um unbefangen zu
erscheinen. Unwillkürlich faßte ich in die Tasche und zog eine Zigarette
heraus, stellte mich vor ihn hin und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer
Gnaden?' Als ich einen Zug getan hatte, ekelte es mich, und ich warf die
Zigarette ins Gebüsch, ohne in dem Augenblick daran zu denken, daß das
auffallen könnte.

Der nächste Zug nach Prag ging in der Frühe, und es war erst halb sechs
Uhr nachmittags. Ich schlenderte wieder in die äußeren Stadtteile und
setzte mich dort in ein Café. Als es Nacht wurde, begab ich mich in die
Bahnhofsanlagen. Es schien mir noch zu früh zu sein, um mich
umzukleiden. Da ich jedoch nicht mehr gehen mochte, setzte ich mich auf
die steinerne Bank, unter der ich meinen Anzug verborgen hatte, um die
Dunkelheit zu erwarten. Die himmlischen Gefühle, die mich bei Marmotte
gehoben hatten, waren verschwunden, ich war schrecklich ernüchtert, und
mich fror. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu mir genommen als etwas
schwarzen Kaffee, und ich war so schwach und abgespannt, daß ich kaum
wußte, wozu ich eigentlich dasaß. Ich kam mir abgeschmackt und
lächerlich vor.

Gegen Mitternacht erhob sich ein starker Wind, der mich bis in die
Knochen schaudern machte und die trübe Erstarrung, in die ich versunken
war, durchbrach. Da weit und breit Totenstille herrschte, stand ich auf,
zog das Paket unter den welken Blättern hervor, mit denen ich es bedeckt
hatte, und kleidete mich um. Den Arbeitskittel wollte ich nicht
mitnehmen und dachte erst daran, ihn wieder unter die Bank zu legen. Da
fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn, um ihn aus der Welt zu schaffen,
noch besser in den Kanal werfen könnte.

Ich stand schon auf der Brücke, als ich an mein Geld dachte, das noch in
dem Kittel war. Auf dem Wege zum Bahnhof malte ich mir aus, wie
verhängnisvoll es für mich hätte werden können, wenn ich ohne Geld
geblieben wäre, und dabei fiel mir endlich ein, daß ich auch Mingos
Brief bei mir gehabt hatte für den Fall, daß ich ihre Wohnung vergäße.
Es tat mir leid, den Brief verloren zu haben, aber ich war zu müde und
zu gleichgültig, um umzukehren und einen Versuch zu machen, ob ich das
Paket noch aus dem Wasser fischen könnte, was ohnehin unwahrscheinlich
war. Auch graute mir, obwohl ich solchen Stimmungen sonst nicht
unterworfen bin, vor der verlassenen Stelle, und es war mir zumute, als
würde ich mich selbst auf der weißen Bank vor dem schwarzen Wasser
sitzen sehen, wenn ich zurückkehrte. Im Eisenbahnwagen schlief ich
sofort ein und schlief fest, bis ich zu Hause ankam. Ich hatte den
Eindruck, daß niemand mich kommen sah und niemandem meine Abwesenheit
aufgefallen war.«

»Warum haben Sie den Sachverhalt nicht sofort der Wahrheit gemäß
dargestellt?« fragte der Vorsitzende, der während der langen Erzählung
mit seinem Bleistift gespielt hatte und in den Anblick desselben
versunken schien. »Das hätte Ihnen von vornherein eine andere Stellung
gesichert.«

»Ja, wenn man mir geglaubt hätte!« sagte Deruga. »Den einzigen Beweis,
den ich beibringen konnte, den Brief meiner Frau, hatte ich verloren,
und ich dachte nicht an die Möglichkeit, ihn wiederzufinden. Freilich
war ich überzeugt, selbst wenn sich der Kittel herbeischaffen ließe,
würde das Wasser den Brief zerstört haben.«

»Sonderbare Geschichte das!« sagte =Dr.= Zeunemann nach der Sitzung
zu den übrigen Herren. »Ich gestehe, der Mensch hat mich beinahe
gerührt. Ein derartiges gegenseitiges Wohlwollen findet man selten bei
Eheleuten.«

»Die waren ja auch geschieden,« sagte der Staatsanwalt listig.

Alle Herren lachten. »Übrigens,« sagte =Dr.= Zeunemann, »für ein
bißchen nervös und empfindsam halte ich unseren Italiener doch. Ich
hatte nicht unrecht, wenn ich ihn mit einem Chamäleon verglich.«

Das wurde zugegeben. Aber es sei schließlich kein Verbrechen, ein
Chamäleon zu sein. Viele fänden es sogar reizvoll.

»Ein Spielzeug für Damen,« sagte der Staatsanwalt vergnügt, »und um der
Damen willen muß er freigesprochen werden. Ich hoffe, unsere
Geschworenen vergessen nicht, daß es die Damen sind, die im öffentlichen
wie im privaten Leben den Ausschlag geben.«

»Besonders vergessen Sie hoffentlich nicht,« sagte =Dr.= Zeunemann,
»daß es Frauen gibt, die weder im öffentlichen noch im privaten Leben
hervortreten und doch tapferer sind als unser starkes Geschlecht.«

Man wollte allerseits an dem Vorsitzenden eine Vorliebe für Fräulein
Gundel Schwertfeger bemerkt haben und neckte ihn damit.

Ja, er sähe auf den Kern, rechtfertigte sich =Dr.= Zeunemann, lasse
sich nicht durch Schein und Schimmer verblenden wie der ewig junge
Staatsanwalt.

»Sie hat gelogen wie eine Heilige,« sagte dieser, »und mir ist es recht,
wenn das Gericht ihr eine Aureole statt der Strafe zuerkennt, denn das
Martyrium hat sie schon hinter sich. Hernach werde ich aber mit
verdoppelter Kraft den Buchstaben des Gesetzes schwingen.«



=XIX.=


Es dämmerte schon, als Mingo ins Hotel kam, wo ihre Mutter am Kamin saß
und in einem Buch blätterte.

»Wo warst du denn?« fragte sie mißbilligend, indem sie das Buch in den
Schoß legte. »Ich habe mich deinetwegen beunruhigt.«

»Aber Mama,« sagte Mingo erstaunt, »das habe ich nicht vorausgesetzt.
Wenn wir getrennt sind, hast du doch keine Ahnung, wann ich nach Hause
komme, und sorgst dich nie um mich.«

»Das ist etwas anderes, Mingo,« antwortete die Baronin gereizt. »Ich
wäre nicht mehr am Leben, wollte ich mir Gedanken um dich machen, wenn
du anderswo bist. Hier mußt du dich nach mir und den herrschenden Sitten
richten. Ein junges Mädchen aus guter Familie darf in der Dunkelheit
nicht allein durch die Straßen laufen.«

»Daran dachte ich nicht,« entschuldigte sich Mingo kleinlaut, »weil ich
es so gewöhnt bin. Ich war so glücklich, Mama.«

»Glücklich? Warum?« fragte die Baronin. »Weil wir nach Paris reisen,
oder weil Peter Hase uns begleitet? Oder weil du studieren darfst?«

»Ach nein, Mama,« antwortete Mingo, »weil der schreckliche Prozeß nun
bald zu Ende ist, und weil er freigesprochen wird. Er wird doch
freigesprochen?«

»Ich glaube bestimmt,« sagte die Baronin.

Mingo, die sich inzwischen auf ein Kissen zu Füßen ihrer Mutter gekauert
hatte, rief aus: »Aber seine Unschuld ist doch sonnenklar!«

»Nach dem Buchstaben des Gesetzes ist er doch nicht unschuldig,« sagte
die Baronin.

Mingos Gesicht drückte ängstlichen Zweifel aus, allmählich verzog es
sich, so daß es kläglich und hilflos wie das eines kleinen Kindes
aussah, und in Tränen ausbrechend umklammerte sie mit beiden Armen die
Knie ihrer Mutter. »O Mama, das ertrüg' ich nicht, das ertrüg' ich
nicht,« schluchzte sie.

Die Baronin schob sie sacht mit den Händen zurück und fragte befremdet,
fast tadelnd: »Was ist dir? Was hast du, Kind?« während sie sich eines
stechenden Schmerzes zu erwehren suchte, der ihr Herz zusammenzog.

»Stoß' mich doch nicht fort, Mama,« schluchzte Mingo, ihre Mutter fest
umklammernd, »ich kann ja nichts dafür, daß es so ist! Hilf mir doch,
ich habe ja nur dich! Ich kann nicht ohne ihn leben.«

Die Baronin beugte sich herab, zog die kleine Gestalt auf ihren Schoß
und preßte das tränenüberströmte Gesicht an ihres. »Meine kleine Mingo,«
sagte sie zärtlich, »so sehr liebst du ihn?«

Noch schluchzend drängte sich das Mädchen dicht an ihre Mutter. »Ich
wollte gern sterben, wenn ich ihn damit glücklich machen könnte,« sagte
sie leise.

Die Baronin streichelte sie und drückte sie fest an sich. »Meine liebe
Kleine,« sagte sie besänftigend, »es ist natürlich, daß er in dieser
Lage einen starken Eindruck auf dein liebevolles, phantastisches Gemüt
gemacht hat. Er übt einen großen Zauber aus, das ist wahr. Aber glaube
mir, das ist nicht der Mann, der dich beglücken könnte, ganz abgesehen
davon, daß sein Alter und seine Stellung im Leben den Gedanken an eine
Heirat mit dir von vornherein ausschließen.«

»Seine Stellung im Leben,« rief Mingo, sich entrüstet aufrichtend. »O
Mama, und wenn er ein Straßenkehrer wäre, er stände hoch, hoch über mir
und allen Männern, die ich kenne. O Mama, ich kann es nicht ertragen,
daß du so kleinlich denkst oder sprichst. Und was frage ich nach seinem
Alter? Will ich denn etwas von ihm? Wenn meine Jugend sein Herz einen
Augenblick erfreuen könnte, wie man sich an einer Blume erfreut, so wäre
ich glücklich, sie ihm hingeben zu dürfen.«

Plötzlich brach sie ab, da sie sah, daß die schönen grauen,
schwarzumsäumten Augen ihrer Mutter feucht und daß auf ihren blassen
Wangen Tränenspuren waren. Sie nahm das kleine, spitzenbesetzte
Taschentuch, das die Baronin in der Hand hielt, trocknete damit behutsam
ihr Gesicht und fragte nachdenklich: »Sind das meine Tränen?«

»Wessen wohl sonst?« fragte die Baronin lächelnd.

»Aber du hast ja auch Tränen in den Augen,« fuhr Mingo fort. »Ach Mama,
was für ein böses Kind bin ich, dir solchen Kummer zu machen! Aber ich
kann ja nichts dafür, es ist ganz gewiß stärker als ich! Alles, alles,
was ich habe, wollte ich geben, wenn er mich nur ein bißchen liebhaben
könnte! Wenn er mich wenigstens um sich leiden möchte! Ich weiß nicht,
was aus mir werden soll ohne ihn.«

»Meine süße, kleine Mingo,« begann die Baronin.

»Sage: mein süßer, kleiner Mingo,« bat Mingo.

»Mein süßer, kleiner Mingo,« wiederholte die Baronin, »kühle vor allen
Dingen dein Gesicht, denn du möchtest gewiß nicht gern, daß dein Vater,
der jeden Augenblick kommen kann, dich so überraschte. Ich fürchte, er
würde wenig Verständnis für deine Gefühle haben. Und dann laß uns
zunächst ruhig das Urteil erwarten! Sollte er nicht freigesprochen
werden, so kann er weitergehen; wir brauchen also selbst im schlimmsten
Falle die Hoffnung nicht aufzugeben. Was dann wird, hängt nicht von uns
ab. Dich zu lieben, können wir ihn nicht zwingen, aber ich glaube, daß
er schon um seiner verstorbenen Tochter willen Sympathie für dich hat.«

»Glaubst du?« fragte Mingo, während sie sich das erhitzte Gesicht mit
einem nassen Tuche betupfen ließ. Die ungewohnte mütterliche
Zärtlichkeit hatte etwas lieblich Einwiegendes, und sie hielt
unwillkürlich die Mutter fest umarmt, als wolle sie die wohltätige
Anwandlung verhindern, einem Traume gleich zu verschwinden.

»Du scheinst plötzlich wieder ein kleines Kind geworden zu sein,« sagte
die Baronin, »und zu denken, wie kleine Kinder tun: Mama wird mir Sonne
und Mond geben, wenn ich will.«

Mingo sah die Baronin mit großen, wundergläubigen Augen an und nickte.
»Das kommt, weil du so gut zu mir bist,« sagte sie.

Erst gegen Morgen schlief die Baronin ein und erwachte mit müdem,
unfrohem Herzen. Mingos zärtliche Begrüßung, kleine Aufmerksamkeiten
und verstohlene Blicke ermunterten sie doch allmählich.

»Nun, Mingo,« sagte sie, »ich nehme dich heute nur mit in die Sitzung,
wenn du brav sein willst. Auftritte sind mir verhaßt, besonders in der
Öffentlichkeit.« Mingo versprach es und wurde auf keine zu schwere Probe
gestellt. Denn die Reden waren kurz, und die Geschworenen lehnten nach
kaum halbstündiger Beratung die Schuldfrage ab.

       *       *       *       *       *

In der allgemeinen Bewegung, die entstand, erschien nur Deruga
gleichgültig; einzig als er, nachdem die Baronin ihn beglückwünscht
hatte, Mingos Auge voll Sorge und Liebe auf sich gerichtet sah, wurden
seine Mienen weich.

»Kleiner Mingo,« sagte er, indem er ihr zunickte, »sind Sie nun
zufrieden? Sehen Sie, die Menschen sind gar nicht so böse!«

Im ersten Augenblick überwältigte sie das Glück dieser Anrede; aber als
sie neben ihrer Mutter im Wagen saß und alles Erlebte wieder
durchträumte, schien es, als habe der bewunderte Mann sie doch recht
karg abgespeist. Mit wem mochte er seinen Triumph jetzt so recht
ausgiebig feiern? War er überhaupt froh? Es hatte so viel Widerwillen
und Verachtung in dem Gesicht gelegen, das doch so innig lächeln konnte.
Ob er glücklicher sein würde, wenn er wüßte, wie ganz und gar sie ihm
ergeben war?

»Mingo,« sagte die Baronin am Nachmittag, als sie allein miteinander
waren, »ich werde jetzt Deruga aufsuchen, um zu erfahren, welches seine
Absichten für die nächste Zukunft sind, und ihn bitten, daß er mich als
seine Verwandte betrachtet. Dich nehme ich nicht mit, weil du sehr wenig
imstande bist, deine Empfindungen zu beherrschen, und es nicht
schicklich ist, wie du auch finden wirst, wenn ein Mädchen sich einem
Manne anträgt.«

Mingo war nicht der Meinung. Sich diesem einzigen Manne gegenüber hinter
Schicklichkeitsregeln zu verschanzen, schien ihr unwürdig, das einzig
Natürliche und Richtige vielmehr, ihm zu sagen: Ich bin dein, nimm mich
hin. Da sie aber wußte, daß sie ihre Mutter für diese Auffassung nicht
würde gewinnen können, und da sie sich außerdem vor einer Begegnung mit
Deruga ebensosehr fürchtete, wie sie sie herbeisehnte, erklärte sie sich
dankbar einverstanden.

»Aber ich darf ihn doch grüßen lassen,« fragte sie. Die Baronin lächelte
und küßte sie. »Geh' inzwischen mit deinem Vater spazieren,« sagte sie,
»daß dir die Zeit nicht lang wird.«



=XX.=


Als die Baronin bei Deruga eingetreten war, der an einem Tische saß und
schrieb, blieb sie einen Augenblick stehen und sagte dann: »Sie sehen
nicht aus wie ein Sieger. Mir entfällt der Mut, Ihnen Glück zu
wünschen.«

»Sie irren sich,« antwortete Deruga, »ich habe soeben einen Entschluß
gefaßt, um dessentwillen ich zu beglückwünschen bin: Ich will den
Schauplatz, der mir nicht gefällt, verlassen.«

»Das habe ich vorausgesetzt,« sagte die Baronin. »Hätten Sie nicht Lust,
uns nach Paris zu begleiten?«

»Nein, ich will weiter, viel weiter fort,« sagte Deruga.

»Nun, das ist auch gut,« meinte die Baronin. »In der Ferne werden Sie
die häßlichen Eindrücke, die Sie hier gehabt haben, vergessen, und wenn
Sie wissen, daß Sie in dem trüben Wust einen kostbaren Schatz gewonnen
haben, nämlich ein reines, warmes, treues Herz, so wird Sie das
allmählich zurückziehen.«

»Ich bin nicht so verwegen, mir einzubilden, ich hätte Ihr Herz
gewonnen, Frau Baronin,« sagte Deruga, gutmütig spottend, »auf das Ihre
Schilderung auch wohl so ganz nicht paßt.«

»Nein, nicht so ganz,« sagte die Baronin, indem sie mit wehmütiger
Koketterie den Kopf wiegte, »immerhin dachte ich an eines, das dem
meinigen nah, sehr nah verwandt ist.«

»Kleiner Mingo,« sagte Deruga träumerisch, und dann rascher, zu seinem
Gast gewendet: »Ach, glauben Sie denn, Baronin, ich könnte es ertragen,
ein Wesen an meiner Seite zu haben, das mich immer an meinen kleinen
Mingo erinnerte, den ich verloren habe? Wenn Sie das für möglich halten,
so wissen Sie nicht, was Elternliebe ist.«

»O doch, ich habe es erfahren,« sagte die Baronin, indem sie langsam den
verschleierten Blick auf ihn richtete.

»Ich glaube Ihnen,« sagte Deruga, »aber vielleicht können Sie sich
nicht in meine Lage denken.«

»Es ist natürlich,« sagte die Baronin, »daß ich zunächst die meine und
die meines Kindes empfinde. Daß eine Mutter ihre Tochter nicht gern
einem um so viel älteren Manne gibt, das versteht sich doch wohl von
selbst. Wenn ich trotzdem mich entschlossen habe, Ihnen von dieser
Neigung zu sprechen, so geschah es, weil ihre Stärke und unschuldige
Zuversicht mich rührten und mir den Glauben erweckten, es könne doch
vielleicht -- wie man so sagt -- Gottes Wille sein. Dazu kommt freilich,
daß ich mich davor fürchte, das Kind leiden zu sehen.«

»Wirkliches Leiden,« sagte Deruga, »würde ihr die Erfüllung ihres
Wunsches bringen. Sie kennt mich nicht. Und auch Sie, Baronin, kennen
mich offenbar nicht genügend.«

»Die Natur will nicht, daß wir Frauen die Männer ganz kennen,« sagte die
Baronin leicht errötend. »Hat sie uns nicht blind gemacht, so müssen wir
uns wohl oder übel die Augen verbinden. Aber von Ihnen, gerade von
Ihnen glaubte ich, daß es nur von Ihrem Willen abhinge, wenn nicht ein
großer, so doch ein sehr guter Mensch zu sein.«

»Wenn das wahr wäre,« sagte Deruga, »so wäre ich es ja. Mein Wille hängt
aber nicht von mir ab, sondern von meinem Blut, von meinen Nerven, von
den Eindrücken, die ich empfange, von tausenderlei Strömungen und
Stockungen, über die ich nicht Herr bin. Ich habe Augenblicke gehabt, wo
es mir vor mir selbst ekelte, und ich will verhindern, daß sie
wiederkommen, nachdem ich einmal hoch über allen irdischen Niedrigkeiten
war.«

»Und könnten Sie das nicht am besten dadurch verhindern,« sagte die
Baronin, liebevoll dringend, »daß Sie Ihr Leben mit einem jungen,
reinen, vertrauenden verbänden?«

»Wenn ich stark wäre, ja,« sagte Deruga. »Aber da ich schwach bin,
bleibt mir doch nur der andere Weg, daß ich fortgehe.«

Etwas in seinen Mienen oder im Ton seiner Worte machte, daß die Baronin
ihn plötzlich richtig verstand. Ihre Hand, die auf der Lehne seines
Stuhles lag, zitterte, und sie wurde bleich. Eine schreckliche Angst, er
könne jetzt gleich, ihr gegenüber Hand an sich legen, befiel sie, und
zugleich durchzitterte sie der Gedanke, daß dies die beste Lösung für
sie wäre.

»Es ist entsetzlich, mir das zu sagen,« stöhnte sie, die Augen
schließend und den Kopf zurücklehnend.

»Nicht so sehr,« sagte Deruga, »ich hätte es nicht gesagt, wenn ich
nicht wüßte, wie verständig Sie sind. Ich will Ihnen gestehen, als mich
Ihre Augen zum ersten Male mit einem Blick trafen, der aus Abneigung und
plötzlich erregter Zuneigung gemischt war, wurde eine starke Begierde zu
leben in mir wach, wie ich sie jahrelang nicht empfunden hatte. Denn
eigentlich lebte ich nur so hin, weil ich einmal da war, ohne daß etwas
mich sonderlich reizte. Der Trieb, den Sie in mir entzündeten, war
nichts Hohes oder Schönes, es war ein Durcheinander von Genußsucht,
Eitelkeit und Selbstliebe, was eben bei uns Männern der Leidenschaft
hauptsächlich zugrunde liegt. Der Reichtum, der mir in den Schoß
gefallen war, bekam plötzlich doppelten Wert für mich. Von ihm getragen,
wollte ich leben um jeden Preis, was für Opfer es auch kosten möchte,
leben, um ungeschränkt zu genießen. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn
der gute =Dr.= Bernburger nicht den Brief von meiner armen Marmotte
gefunden hätte!«

»Da verblaßte die neue vor der alten Liebe,« sagte die Baronin leise.

»Sie mögen es immerhin so ausdrücken,« sagte Deruga. »Vom Finger der
Erinnerung berührt, stieg die göttliche Zeit vor mir auf, die mir einmal
geschenkt war. Ich sah, wie flach, zerbrechlich, alltäglich und ekelhaft
alles das war, was mich glänzend und genußreich umgaukelt hatte,
verglichen mit der Seligkeit, die ich empfand, als ich meiner armen,
kranken Marmotte den Tod gab. Ja, ich würde reicher und angesehener
sein, es würden mir feinere, höher gestellte Frauen zu Verfügung stehen
als früher, aber ich würde mit jedem Schritt tiefer in den Schlamm der
Alltäglichkeit versinken und mich weiter von jenem Götterglück
entfernen, bis ich meine Fähigkeit dazu endlich vergessen und verloren
hätte.«

»Man kann nicht immer auf den Höhen verweilen,« wandte die Baronin
zaghaft ein.

»Ich wenigstens kann es nicht,« sagte Deruga. »Aber ich war doch einmal
begnadet, in ätherischer Luft zu atmen. Mir schmeckt eure Zeit nicht
mehr nach jenen ewigen Augenblicken.«

»Vielleicht,« sagte die Baronin zögernd, »könnte Mingo Sie umstimmen,
wenn sie zu Ihnen käme.«

»Das wäre zum Unglück für uns beide,« sagte Deruga. »Lassen Sie dem
Kinde eine schöne, heilige Erinnerung, die vielleicht einmal dunkle
Stellen des Lebens verklären kann. Mich beglückt der Gedanke, daß sie
ein unbeflecktes Bild von mir in liebevollem Herzen festhält.
Versprechen Sie mir, es nicht zu zerstören, Baronin!«

»Es ist ja mir so teuer wie ihr,« sagte sie mit erstickter Stimme. Sie
drückte das Taschentuch an die Augen und saß ihm lange stumm gegenüber.
Plötzlich kam ihr inmitten verworrener Gefühle und Gedanken ein
Einfall, dem nachgebend sie sich schnell aufrichtete und fragte: »Und
die verhängnisvolle Erbschaft? Was wird aus der, wenn Sie -- fortgehen?«

Deruga lachte. »Wahrhaftig, Baronin,« sagte er, »wenn Gundel
Schwertfeger nicht wäre, würde ich sie Ihnen von Herzen gönnen. Aber,
sehen Sie, Gundel Schwertfeger kommt das Geld eigentlich zu, weil die
Marmotte es ihr zugedacht hatte, und weil sie es in ihrem Sinne anwenden
wird. Und um mich hat sie es verdient, das treue, tapfere Herz, obwohl
ich ihr einmal böse war, weil sie mich zu hart beurteilte. Im Grunde
galt mein Zorn nur ihrer Unbestechlichkeit.«

»Ach,« sagte die Baronin schmollend, »Sie und das Fräulein Schwertfeger
gehören zu den Leuten, die nur ein Herz für die Leiden der Armen haben.
Glauben Sie mir, verhältnismäßig bin ich ärmer als die ärmste
Taglöhnersfrau.«

»Ja, aber nur verhältnismäßig,« lachte Deruga.

»Nun, lassen wir das,« sagte die Baronin, »nur um eines bitte ich Sie:
Lassen Sie die Nadel, den Mohrenkopf, den Sie in der Krawatte tragen,
nicht in fremde Hände fallen!«

»Sie sollen ihn als Andenken erhalten,« sagte Deruga, »wenn ich meine
Reise antrete. Machen Sie sich aber niemals Gedanken, Baronin, als
hätten Sie den Aufbruch verschuldet! Schon oft, lange vor diesem Prozeß,
habe ich die Absicht gehabt, diese öde Station zu verlassen, wo ich mich
ebenso langweilte wie Sie in Ihrer Ehe. Vielleicht erinnern Sie sich,
daß ich einmal im Anfang der Verhandlungen erzählte, wie ich fortgereist
und aufs Geratewohl querfeldein gegangen sei, um irgendwo draußen in der
Einsamkeit wie ein Tier zu sterben. Das war keine Erfindung, wenn es
auch nicht gerade an dem Tag vorgefallen war.«

Die Baronin war aufgestanden und hielt ihm zögernd die Hand hin. »Lieber
Doktor,« sagte sie, »alles, was Sie nur eben sagten, war der Ausdruck
einer Stimmung, die nach den vorausgegangenen Eindrücken erklärlich ist,
die aber vorübergehen wird. Ihre zahlreichen Freunde werden darauf
hinzuwirken suchen, und ich bin überzeugt, schon morgen werden Sie
irdischer, menschlicher empfinden. Ich wäre nicht imstande Ihnen
Lebewohl zu sagen, wenn ich nicht fest darauf rechnete.«

»Küß die Hand, Baronin, und grüßen Sie Mingo!«

Auf der Treppe zog die Baronin einen Spitzenschleier aus der kleinen
Handtasche, die sie in der Hand trug, und band ihn vor ihr Gesicht, über
das unaufhaltsame Tränen flossen. Erst nachdem sie eine Zeitlang in den
entlegenen, einsamen Straßen dieser Gegend auf und ab gegangen war,
versiegten sie und vermochte sie sich zu fassen. Nach Hause zu gehen,
fühlte sie sich immerhin noch nicht fähig und beschloß, auf Umwegen in
die innere Stadt, wo die eleganten Geschäfte waren, zurückzukehren und
einige für die Abreise notwendige Einkäufe zu machen.

Der Gedanke an Paris hatte etwas Befreiendes für sie. Auf der neuen
Szene, dachte sie, würden neue Auftritte mit neuen Eindrücken kommen und
sie heilen; denn sie bedürfte es doch mehr als Mingo. Ja, für Mingo war
es gut so, das fühlte sie mit jedem Augenblick deutlicher. Eine kurze
Zeit leidenschaftlicher Wonne hätte sie vermutlich, wenn sie Deruga
geheiratet hätte, mit einem Leben voll Enttäuschungen und mannigfacher
Bitterkeit erkauft; denn was für Schätze sein Herz auch bergen mochte,
ihr gegenüber wäre er bald der alternde, launenhafte, überdrüssige,
erloschene Mann geworden. Der Schmerz hingegen, den sie jetzt erfuhr,
würde sich bald, wie Deruga vorausgesagt hatte, in eine heilig behütete
Erinnerung verwandeln, bei der man gern in Träumen verweilt. Vielleicht
war sie infolge der Erregungen, die sie durchgemacht hatte, gerade in
der rechten Verfassung, um für Peter Hases Werbung empfänglich zu sein,
der sie begleitete, oder es würde einem anderen gelingen, sie zu
interessieren. Dies Erlebnis hatte den Boden ihrer Seele erst lockern
müssen, der sich bisher vor der Liebe verschlossen hatte. Es lag jetzt
nur an ihr, sich eine reiche Ernte für die Zukunft zu sichern.

Sie dagegen, so dachte die Baronin, hatte einen dürren Herbst und einen
öden Winter zu erwarten. Es schauderte sie, und sie zog das
Pelzgehänge, das sie an den kühlen Frühlingstagen noch trug, dicht um
sich zusammen. Gab es denn irgendwo auf Erden die göttliche Zeit, das
himmliche Klima, wovon Deruga gefabelt hatte? Ach, mit was für
fremdartigen Gedanken hatte er sie gestört! Nein, das Verstiegene und
Überschwängliche hatte sie sich immer fern gehalten und wollte es auch
ferner tun, das ihrem guten Geschmack widerstrebte. Das Leben war reich
an heiteren, reizenden Augenblicken; die Kunst, diese Schmetterlinge
einzufangen, sich an ihrem Schmelz zu erfreuen, ohne sie zu betasten,
wollte sie sich immer mehr zu eigen machen. Konnte sie dazu eine bessere
Gelegenheit finden als in Paris, in Gesellschaft ihrer Tochter und Peter
Hasens? War nicht endlich auch ihr Mann ein schätzbarer Begleiter?
Ansehnlich, elegant, zuvorkommend, eben durch seine langweilige
Farblosigkeit bequem? Ihr Schritt wurde immer elastischer und ihre
Mienen heiterer. Als sie im Hotel ankam, strömte ihr Wesen einen so
frischen Reisemut aus, daß ein wenig davon auf Mingo überging.

Ein paar Tage später erhielt sie in Paris ein Paketchen, in dem Derugas
Nadel mit dem Mohrenkopf war. Ihre Augen wurden feucht, aber sie verbarg
das Kleinod schnell in einer Schatulle, wo sie ihre Kostbarkeiten zu
verschließen pflegte, um es erst dann wieder hervorzunehmen, wenn ihr
Herz ganz still und sicher geworden wäre.

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     |                      von Max Geißler                     |
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     |  Die letzten fünfundzwanzig Jahre deutschen Lebens       |
     |  umfaßt Max Geißlers neuer Roman, der ganz eingesponnen  |
     |  ist in den Frieden des Bergwaldes. Durchs Wettertal     |
     |  fährt im Juli 1890 der Doktor Valerius Degenhart aus    |
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     |                      Lotte Hagedorn                      |
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     |                    von Felix Philipp.                    |
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     |  In das Erleben einer früheren Generation trägt Felix    |
     |  Philipps neues Werk zurück. Mit einem Spaziergang nach  |
     |  den Linden, den am Himmelfahrtstag 1869 der             |
     |  Kommissionsrat Schlegel unternimmt, setzt die           |
     |  Geschichte der Lotte Hagedorn ein. An jenem Junitage    |
     |  des Jahres 1871 endet sie, an dem durch das             |
     |  Brandenburger Tor die aus Frankreich heimkehrenden,     |
     |  kranzgeschmückten Truppen umjubelt einzogen. Stimmungen |
     |  von altväterischem Reiz begleiten diesen zarten und     |
     |  rührenden Roman eines Frauenherzens. Den Zusammenbruch  |
     |  eines Bankhauses in der Jägerstraße, dessen Inhaber     |
     |  elegant und frivol ist wie die Bankiers des             |
     |  napoleonischen Paris, schildern die stärksten Kapitel.  |
     |  Sie bringen in diese Welt der bürgerlichen Sparsamkeit  |
     |  etwas wie eine erste Vorahnung der Gründerjahre.        |
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     |                         Candida                          |
     |                                                          |
     |                 von Albert von Trentini                  |
     |                                                          |
     |  Das neue Werk Trentinis hat ein Motiv von großer        |
     |  Kühnheit: die Zerstörung einer glühenden Leidenschaft   |
     |  durch einen Unfall, der das Antlitz der Geliebten jäh   |
     |  entstellt. In einer Sprache voll feierlichen Glanzes    |
     |  gibt der junge österreichische Dichter den Kampf zweier |
     |  Menschen wieder, des Mannes, dessen Gefühl erstarrt,    |
     |  der Frau, die stolz und einsam dem selbstgewollten      |
     |  Schicksal entgegenschreitet, bis über Stolz und         |
     |  Einsamkeit die zitternde Liebe der Seelen triumphiert.  |
     |  Rom, seine Gärten und Tempel, die nachtdunkle           |
     |  Steinwüste des Kolosseums sind der Schauplatz des       |
     |  ersten Teils; in der unberührten Natur der Tiroler      |
     |  Alpen, in Berlin und München geht die Handlung zu Ende. |
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     |                    _Jeder Band 3 Mark_                   |
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     |          _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_             |
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     |                   Schüsse vor Warschau                   |
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     |                 von Christian Bouchholtz                 |
     |                                                          |
     |  Der weiße polnische Winter ist in diesem Roman eines    |
     |  jungen Berliner Schriftstellers, der als Kanonier an    |
     |  der Bzura lag, einen Tagemarsch vor Warschau, und bei   |
     |  Brochow, Chopins Geburtsort. In kecken Skizzen malt er  |
     |  die Straßen von Lowicz, die Typen des polnischen        |
     |  Bauernvolks, die rohgezimmerten Panjehütten, die        |
     |  dumpfen Stuben mit der goldglänzenden, schwarzen        |
     |  Madonna von Czenstochau, Bäuerinnen und Burschen, die   |
     |  den Krakowiak tanzen, den Brand einer zerschossenen     |
     |  Zuckerfabrik. Ein Spionagefall ist das erregende Moment |
     |  der Handlung und trägt in sie die Gegenwart von Verrat  |
     |  und Tod. Eine Mädchenfigur, schön, künstlich,           |
     |  lasterhaft, steht mitten in dieser romantischen         |
     |  Atmosphäre des Werkes.                                  |
     |                                                          |
     |                                                          |
     |                         Variété                          |
     |                                                          |
     |                   von Joachim Delbrück                   |
     |                                                          |
     |  Ein Kenner des Variétés, seines Glanzes und seiner      |
     |  Not, seines internationalen Marktes, seiner             |
     |  unerbittlich harten Auslese, seiner tragischen und      |
     |  seiner grotesken Züge, hat diesen Roman verfaßt. Doch   |
     |  nicht die überraschend wahre Darstellung des            |
     |  Artistentums ist das Entscheidende, sondern die         |
     |  künstlerische Note des Werkes. Ein impressionistisches  |
     |  Gemälde von starkem Farbenreiz wird alles, was Joachim  |
     |  Delbrück schildert: die lichtstrotzende Rampe der       |
     |  Skala, eine goldflimmernde Akrobatentruppe, dänische    |
     |  Garde in Scharlachrot, Kopenhagens Freiluftstimmungen   |
     |  aus silbergrauer Herbstzeit. Die Seele vieler Städte    |
     |  ist in Delbrücks feinem und buntem Roman, mit dem eine  |
     |  neue, persönliche Begabung sich durchsetzt.             |
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     |                    _Jeder Band 3 Mark_                   |
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     |          _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_             |
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     |                   Das Reich von morgen                   |
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     |                     von Karl Figdor                      |
     |                                                          |
     |  Der Roman von Karl Figdor ist ein farbiges und          |
     |  spannendes Werk, das der erzählenden Literatur Neuland  |
     |  erobert. Nach Mesopotamien führt er, dem zukunftsvollen |
     |  Gebiet zwischen den beiden Riesenströmen, und an die    |
     |  Strecke der deutschen Bagdadbahn. Ein deutscher         |
     |  Ingenieur, Sektionsleiter beim Bau der Brücke von       |
     |  Dscherablus, und ein blondes deutsches Mädchen, deren   |
     |  Schicksal nach einer großen Lebenskrise vereinigt wird, |
     |  stehen im Vordergrund des Romans. Der Höhepunkt des     |
     |  ersten Teiles ist die dramatische Schilderung einer     |
     |  Meuterei arabischer und kurdischer Arbeiter. Dann trägt |
     |  die Handlung mitten hinein in die Tage des Krieges,     |
     |  zurück nach Berlin, zurück in die deutsche Heimat.      |
     |                                                          |
     |                                                          |
     |              Die neuen Weiber von Weinsberg              |
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     |                   von Karin Michaelis                    |
     |                                                          |
     |  Aus inniger Liebe zu unserem Volke ist dieses Werk der  |
     |  Dänin Karin Michaelis geboren. Deutschlands und         |
     |  Österreichs Antlitz im Frieden läßt es uns schauen, in  |
     |  den Jahren des Glückes, und zeigt es uns verwandelt in  |
     |  schwerer Kriegszeit. Mit einem Wahrheitsmut, der ihr    |
     |  tiefe Dankbarkeit sichert, stellt Karin Michaelis       |
     |  unsere und unserer Bundesgenossen Leistung dar. Mit     |
     |  schwesterlichem Gefühl, jubelnd und klagend,            |
     |  verherrlicht sie die Willensmacht, die duldende und     |
     |  hoffende Größe der deutschen Frauen. Voll zarter und    |
     |  gewaltiger Stimmungen ist dieser Roman, der als ein     |
     |  dichterisches Zeugnis für die Reinheit des deutschen    |
     |  Wesens über unsere Tage hinaus dauern wird.             |
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     |                     _Jeder Band 3 Mark_                  |
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     |           Romane aus dem Verlag Ullstein & Co            |
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     |            Auf eigener Erde von _Max Dreyer_             |
     |                             *                            |
     |      Die Spur des Ersten von _Fedor von Zobeltitz_       |
     |                             *                            |
     |             Fasching von _Paul Oskar Höcker_             |
     |                             *                            |
     |    Der Eid des Stephan Huller von _Felix Hollaender_     |
     |                             *                            |
     |       Ein Augenblick im Paradies von _Ida Boy-Ed_        |
     |                             *                            |
     |           Die Streiche der schlimmen Paulette            |
     |                  von _Karl Hans Strobl_                  |
     |                             *                            |
     |          Pantherkätzchen von _Marie Madeleine_           |
     |                             *                            |
     |      Das Bataillon Sporck von _Richard Skowronnek_       |
     |                             *                            |
     |           Kleine Mama von _Paul Oskar Höcker_            |
     |                             *                            |
     |              Zu Befehl! von _Heinz Tovote_               |
     |                             *                            |
     |            Eine Frau wie du! von _Ida Boy-Ed_            |
     |                             *                            |
     |               Peter Voß, der Millionendieb               |
     |               von _Ewald Gerhard Seeliger_               |
     |                             *                            |
     |        Der Katzentisch von _Viktor von Kohlenegg_        |
     |                             *                            |
     |        Die Glücksfalle von _Fedor von Zobeltitz_         |
     |                             *                            |
     |     Die Meisterin von Europa von _Paul Oskar Höcker_     |
     |                             *                            |
     |        Die Belowsche Ecke von _Georg Hirschfeld_         |
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     |                     _Jeder Band 3 Mark_                  |
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     |           Romane aus dem Verlag Ullstein & Co            |
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     |            Tschun von _Elisabeth von Heyking_            |
     |                             *                            |
     |   Das Geschlecht der Schelme von _Fedor von Zobeltitz_   |
     |                             *                            |
     |             Die Sieger von _Felix Philippi_              |
     |                             *                            |
     |             Moj von Hans von _Hoffensthal_               |
     |                             *                            |
     |            Der Rächer von _Stefan Zeromski_              |
     |                             *                            |
     |              Vor der Ehe von _Ida Boy-Ed_                |
     |                             *                            |
     |            Der heilige Haß von _Richard Voß_             |
     |                             *                            |
     |         Die klingende Schelle von _Felix Salten_         |
     |                             *                            |
     |        Die junge Exzellenz von _Paul Oskar Höcker_       |
     |                             *                            |
     |           Die Treppe von _Viktor von Kohlenegg_          |
     |                             *                            |
     |                Blockade von _Meta Schoepp_               |
     |                             *                            |
     |          Der gewürzige Hund von _Helene Böhlau_          |
     |                             *                            |
     |                     Ein Kriegsurlaub                     |
     |           von _Friedrich Werner van Destéren_            |
     |                             *                            |
     |   Das Buch der Liebe von _Marie Eugenie delle Grazie_    |
     |                             *                            |
     |       Das Tor der Wünsche von _Friedel Merzenich_        |
     |                             *                            |
     |    Frauenschneider Gutschmidt von _Otto von Gottberg_    |
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     |                    _Jeder Band 3 Mark_                   |
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ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION:

Stellen im Text, die nicht in Fraktur, sonder in Antigua gedruckt sind,
sind mit = (=Antigua=) gekennzeichnet.

[ANMERKUNG TN1: Korrektur des Originals, im Original ist hier
abwendetete zu finden]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Fall Deruga" ***

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