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Title: Briefe an eine Freundin
Author: Humboldt, Wilhelm von, 1767-1835
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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WILHELM VON HUMBOLDT

BRIEFE AN
EINE FREUNDIN

HERAUSGEGEBEN VON
DR. HUHNHÄUSER


BERLIN 1921
VOLKSVERBAND DER
BÜCHERFREUNDE

WEGWEISER-VERLAG G. M. B. H.



Vorbericht von Charlotte Diede.


Die Briefe, welche hier erscheinen, werden gewiß als eine willkommene
Zugabe zu den gesammelten Werken Wilhelm von Humboldts empfangen werden.
Oft ist der Wunsch ausgesprochen, daß, außer den gelehrten Schriften,
die man allein und getrennt von denen wünschte, die nicht in dieses Fach
gehören, noch mehr Ungedrucktes, besonders Briefe, erscheinen möchten.
Die hier vorliegenden fallen in die Jahre von 1788 bis 1835. Jahre waren
nötig, bis die Herausgeberin den Entschluss fassen und festhalten
konnte, von dem, was ihr verborgenes Heiligtum war, etwas durch den
Druck mitzuteilen. Endlich überzeugte sie sich, daß das nicht untergehen
darf, was wesentlich zur Charakteristik eines wahrhaft großen Mannes
gehört.

Was Wilhelm von Humboldt in bewegter, geschichtlich-wichtiger Zeit dem
Staat war; was er voll hoher Humanität und edler Freisinnigkeit den
Völkern, der Menschheit leistete; was er für Wissenschaft und
Gelehrsamkeit erforschte, bewahrt die Geschichte und verzeichnet ihr
Griffel auf unvergängliche Tafeln. Aber in dem unerschöpflichen Reichtum
der Gedanken, der Tiefe der Empfindung, der Mannigfaltigkeit, Höhe und
Reinheit der Ideen, worin der Verewigte lebte, waltete vor allem – wie
der edle Bruder sich ausdrückt – »das herrliche Gemüt, die Seele voll
Hochsinn und Adel«, die ihn belebte. Und wer kleidete seine Gesinnungen
in eine so kraftvolle und würdige Sprache! Doch ist diese, wie schön sie
auch war, nur die äußere Schale und Hülle des hohen Geistes. Die ihm
inwohnende Seele war: ein ganz uneigennütziger, sich immer selbst
verleugnender, starker, ganz selbstloser Wille; mit diesem verband sich
der tiefe Sinn, der heilige Ernst, der der Wahrheit entstammt, die Macht
der Überzeugung, die liebevollste Schonung, die Milde im Urteilen, und
der unendliche Zauber der zartesten Empfindung, der alles umfaßte.

Alles das spricht sich hinreißend in diesen Briefen an eine Freundin
aus, die nach dem Ableben derselben für den Druck hinterlassen worden.
Außerdem, daß sie den Verfasser verklären, könnte in der Herausgabe noch
ein anderer, höher belohnender Zweck erkannt werden: die Briefe wirkten
sehr wohltätig einst bei jedem Empfange. Sie waren an eine vom Glück
vergessene Freundin geschrieben, für sie gedacht und empfunden, dieser
sollten sie segensvoll werden, und sie erreichten ihren Zweck. Sie
können nur so auf die Leser wirken, für welche sie ausgewählt sind.
Bleibt ja von großen Menschen ihr Geist, oder was aus ihm hervorging,
fortwirkend der Nachwelt, wenn er gleich selbst die Welt verlassen hat.

Die Briefe sind nicht für jedermann, wie das kein Buch ist. Aber es
sind, für die rechten Leser und Leserinnen, reiche mannigfache Gaben,
die allerdings immer auf einen Gegenstand sich bezogen, wo sie voll
Verehrung und Dankbarkeit empfangen wurden. Sie berührten das Außenleben
nur, um einen Anknüpfungspunkt für Ideen daraus zu nehmen. Sie gingen
hervor aus einem unerschöpflichen Quell inneren, geistigen Reichtums.
Der eigene Stoff, der nie von außen genommen, nie ausgehen konnte,
belebte alles.

Die Briefe sind nicht gelehrten oder wissenschaftlichen, noch weniger
historisch-politischen, ja nicht einmal ästhetischen oder romantischen
Inhalts. Auch wenn sie einmal bei äußeren Erscheinungen verweilen,
kehren sie gleich wieder auf das innere _Sein_ zurück, das allen Schein
verschmäht. Sie kompromittieren niemand, sie enthalten kein Wort, das
irgend jemand unangenehm sein könnte oder die Zensur fürchten dürfte.
Sie zeigen, wie ein großer Mann Teilnahme und Freundschaft auszusprechen
und zu beweisen, wie er verschiedene Empfindungen zu sondern und in
reine Harmonie zu bringen, und wie er zu überzeugen weiß, oft selbst mit
rührender Bescheidenheit. So verstand es höchst trostreich der Edle, wie
das viele Briefe beweisen, über Leben und Schicksale zu erheben, um auf
den Standpunkt zu geleiten, von dem aus er selbst das irdische Dasein
betrachtete.


So weit die Einleitung zum Vorbericht von befreundeter Hand. Das Weitere
kann allein die Herausgeberin wahr und getreu hinzufügen, ja, sie allein
_darf_ es.

Und _wahr_ und _treu_ will ich hinzusetzen, was als Erklärung nötig ist,
doch erst an das Vorhergehende anreihen, was noch dahin gehört. Dieser
Briefwechsel war seit einer langen Reihe von Jahren mein einziges, mein
höchstes, ungekanntes Glück. Was ich an Teilnahme und Trost bei allem,
was mich traf, an Rat und Ermutigung, an Erhebung und Erheiterung,
endlich an Erkenntnis und Erleuchtung über höhere Wahrheiten bedurfte,
ich nahm es aus diesem unerschöpflichen Schatz, der mir immer zugänglich
und zur Seite war.

Ein solcher Briefwechsel, der durch nichts gestört und unterbrochen
wurde, ist Umgang, der gegenseitig zu näherer Kenntnis des Charakters
führt. Ein Geheimnis kann er nicht sein, die ganze Welt könnte den
Inhalt wissen. Aber sie waren an mich geschrieben, so war es das
_Heiligtum_ meines Lebens; so bewahrte ich schweigend und verborgen, was
nur für mich geschrieben war, mich entschädigte für große Entbehrungen,
mich lohnte für viele Leiden, mir erschien wie mein zugewogenes
Erdenglück, das mich ganz aussöhnte mit Schicksal und Verhängnis.

Wie viel aus einem solchen, das innere Leben vertrauungsvoll berührenden
Briefe ausgeschaltet werden muß, wie nicht die Hälfte bleiben kann,
auch vieles durch Mitteilung entweiht werden würde, darf kaum angedeutet
werden. Zugleich ist anderes wieder in dem Schönen und selbst Lobenden
so charakteristisch, spricht den inneren Gemütsreichtum und die Fülle
des gütigsten, gerechtesten Herzens so hinreißend aus, daß es denen
nicht entzogen werden darf, die jede Erinnerung der Art gewiß heilig
verehren. Daß alle diese die hier erscheinenden Briefe wie eine
zwiefache Stimme aus einer unsichtbaren Welt, wie ein doppeltes
Vermächtnis ansehen, ist mein Wunsch. Zuerst die teuern Hinterbliebenen
des Verfassers, dann die große Zahl seiner Verehrer und Freunde, in
deren Herzen gewiß nie sein Bild erlöschen wird, da ihm die Stelle darin
durch Liebe und Ehrfurcht geweiht ist. Demnächst sind sie ein
Vermächtnis für den engen Kreis der Freunde der Herausgeberin, welche
alle Papiere sorgfältig gesammelt, bewahrt, geordnet und
treu-gewissenhaft ausgewählt hat. Jeder, der das Glück hatte, dem
Vollendeten näher zu stehen und den er würdigte, ihm das Innere seiner
hohen Seele aufzuschließen, wird ihn in den Briefen, in dem Gange seiner
Ideen und den öfteren Selbstzeichnungen wiederfinden.

Manches bedarf, nur um nicht ganz unverständlich zu sein, einer
Erklärung, wozu ich mich ungern entschließe. Welche Frau, geehrt und
beglückt durch Wilhelm von Humboldts Teilnahme und Freundschaft,
gewürdigt vieljähriger, vertrauungsvoller Briefe und im Besitz so
vieler geistreicher Blätter, könnte den Mut haben, ihre Ansichten und
ihr Geschreibe neben das zu stellen, was aus seiner Feder floß! Ihn
allein reden zu lassen ist geziemend und natürlich. Die Briefe selbst
sind es und sie allein, worauf es ankommt, und welche Tendenz der
Briefwechsel haben sollte, geht klar daraus hervor.

Über den Beginn desselben möchte einige Nachricht dem einen und andern
interessant sein. Kurz und einfach will ich sie geben.

Wir lernten uns in früher Jugend, im Jahre 1788 in _Pyrmont_ kennen, wohin
Herr von Humboldt, der in Göttingen studierte, von dort kam, und wohin
ich, nur wenige Jahre jünger, meinen Vater begleitete, der alljährlich
ein Bad besuchte. Wir wohnten in einem Hause, waren Tischnachbarn an der
Wirtstafel und lebten in Gesellschaft meines Vaters drei glückliche
Jugendtage von früh bis spät als unzertrennliche Spaziergänger in
Pyrmonts Alleen und reizenden Tälern. Wir hatten uns so viel zu sagen!
so viele Ansichten und Meinungen mitzuteilen! so viele Ideen
auszutauschen! wir wurden nicht fertig. Wie leise diese oder jene Saite
angeschlagen wurde, sie fand den tiefsten Anklang.

Es war die letzte Epoche einer schönen, blüten- und hoffnungsreichen,
poetischen Zeit, worin ein Teil der Jugend ideal und begeistert lebte,
während der andere, wie heute, im Realismus prosaisch fortschritt. Wir
gehörten beide zu dem ersten. Und es herrschte damals noch die schöne
Ruhe vor dem nahen Sturm, der bald furchtbar ausbrach.

Wenn die Jugend auch den klaren Begriff der Größe noch nicht hat, so
ahnt und empfindet sie doch solche. Wilhelm von Humboldts Charakter war
schon im Jüngling derselbe, wie er sich später und bis an das Ende
seines Lebens aussprach. Schon 1788 lebte er in hohen und klaren Ideen,
schon damals war die einzig heitere Ruhe über sein ganzes Wesen
ausgegossen, die im Umgang höchst wohltätig ergriff und sich jeder
Unterhaltung ebenso mitteilte. Jedes Wort war überzeugend und
beleuchtete hell den Gegenstand, worüber er sprach.

Herr von Humboldt reiste nach drei Tagen ab. Wir blieben länger. Mir
blieb die Erinnerung von drei glücklichen Jugendtagen, die ein
gewöhnliches, alltägliches langes Leben an Gehalt aufwiegen. Das
Andenken derselben hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Mein
neuer junger Freund hatte auf mich einen tiefen, nie vorher gekannten,
nie in mir erloschenen Eindruck gemacht, der gesondert von andern
Empfindungen, in sich geheiligt, wie ein geheimnisvoller Faden durch
alle folgenden Verhängnisse meines Lebens ungesehen lies, und fest in
mir verborgen blieb, den ich immer gesegnet und als eine gütige Fügung
der Vorsehung angesehen habe. Es knüpften sich an diese Erinnerungen, so
wenig als an die drei Tage selbst, weder Wünsche, noch Hoffnungen, noch
Unruhe. Ich fühlte mich unendlich bereichert im Innern und meine Seele
war mehr noch als vorher aufs Ernste gerichtet. Manches, was wir
besprochen hatten, beschäftigte mich noch lange, und »das Gefühl fürs
Wahre, Gute und Schöne« wurde klarer und stärker in mir.

Wir sahen uns nicht wieder, auch hegte ich nicht die leiseste Hoffnung
des Wiedersehens. Ich schloß die vorübergegangene schöne Erscheinung in
das Allerheiligste und gab es nie heraus, sprach nie darüber und
sicherte es so vor Entweihung durch fremde Berührung.

Ein Stammbuchblättchen, ein in jener Zeit mehr als jetzt gebräuchliches
Erinnerungszeichen, blieb mir ein sehr teures Andenken durch mein ganzes
Leben. Ich ahnte nicht, wie bedeutend es noch werden würde, als ein
Dokument, das hierher gehört, da es beides charakterisiert, den
jugendlichen Humboldt und unser jugendliches Verhältnis.

Bald nach dieser für mich in den späteren Folgen so wichtigen
Bekanntschaft, im Frühjahr 1789, wurde ich verheiratet. Ich lebte in
dieser kinderlosen Ehe nur fünf Jahre und trat in keine zweite.

Mich trafen ungewöhnliche und schmerzlich-verwickelte Schicksale, und
durch rätselhafte, geheime, erst spät enthüllte Intriguen und
Feindschaften blieb mein ganzes Leben ein Gewebe von Widerwärtigkeiten,
die ich später gesegnet habe, da nichts anders sein durfte, als es war,
sollte ich der segensvollen Teilnahme des edelsten Freundes teilhaftig
werden.

In dieser Zeit begannen die großen Weltbegebenheiten und griffen mehr
oder weniger in die Schicksale von Tausenden ein, die nichts damit zu
tun hatten. Auch auf mich übten sie ihre Gewalt, indem sie mich eines
Vermögens beraubten, das eben ausreichte, mir bei mäßigen Wünschen
Unabhängigkeit zu sichern, wodurch mir viele Lebensbitterkeiten fern
blieben, die ich später kennen lernte.

In der ereignisschweren Zeit 1806 wohnte ich als Fremde in Braunschweig.
Eine Reihe von Jahren hatte ich dort unter der milden Regierung des
alten, allgeliebten, verehrten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand gelebt. Es
war nach der Schlacht bei Jena, wovon man so große Erwartungen hegte,
als die Besitznahme deutscher Länder und die französische Herrschaft
begann. Braunschweig traf der Schlag zuerst. Wie gewaltsam die Schritte
auch waren, die geschahen, man sah sie als kriegerische Maßregeln an,
aber nicht als Vorspiel dessen, was folgte. Man besorgte und befürchtete
keine Fremdherrschaft.

Jetzt erging eine Aufforderung, die allgemeine Last freiwillig oder
gezwungen mitzutragen. An mich erging aber keine Anforderung, gern und
freiwillig gab ich einen großen Teil meines Vermögens. Es war mir gerade
ein Kapital ausgezahlt, das vorerst auf Wechsel stand, worüber ich
gleich disponieren konnte; gefährlich schien es durchaus nicht, die
Obligationen wurden von den Landständen ausgestellt und garantiert, die
Gelder von ihnen empfangen. Man hielt das für sehr sicher. Mich hatten
schwere Privatleiden in der Zeit getroffen, so, im Schmerz befangen,
handelte ich wohl nicht vorsichtig genug. Wie es bald mit diesen
Papieren ging, ist bekannt genug und gehört nicht weiter hierher.

Bald kamen die wichtigen weltgeschichtlichen Jahre 1812, 13 und 14
heran. Wer, der sie erlebte, denkt nicht gern und mit Freuden der
Begeisterung jener Zeit, in der man des eigenen Geschicks vergaß, wenn
es nicht zu schwer war! Ich lebte in dieser Zeit im Braunschweigischen.
Wer hatte mehr gelitten als der Herzog selbst, wie hing ihm sein Volk an
mit deutscher Treue und Liebe! Auf eine den gütigen Fürsten hochehrende
Art war er mit meinen Verlusten und meiner daraus hervorgegangenen Lage
bekannt geworden. Er rechnete mir, als einer Fremden, mein früheres
Darlehn höher an, als es solches verdiente. Freunde von mir standen ihm
nahe und machten ihn genauer mit allem bekannt. Der höchst gütige Fürst
bezeigte mir in zwei Briefen seine Teilnahme an meinen Verlusten und den
Wunsch, meine Lage gründlich zu ändern. Man riet mir, das Wohlwollen
gleich in Anspruch zu nehmen und um eine Pension zu bitten. Das
vermochte ich nicht. Ich vertraute dem fürstlichen Wort: nach glücklich
beendeter Sache die Sorge für mich selbst zu übernehmen. Dies Vertrauen
hätte mich gewiß nicht getäuscht, wäre er nicht bei Waterloo gefallen. –

Mehrere einflußreiche Männer in hoher Stellung interessierten sich für
meine Sache, um mir einigen Ersatz zu verschaffen, aber vergeblich.
Meine großen Verluste blieben, wie hart und drückend sie waren,
unersetzt.

Um diese Zeit sprachen die Zeitungen viel in großen, ehrenvollen
Erwartungen von dem Minister von Humboldt, der im Hauptquartier des Königs
von Preußen und dann als dessen Bevollmächtigter auf dem Kongreß in Wien
war. Plötzlich kam mir der Gedanke, mich in die Erinnerung des nie
Vergessenen zurückzurufen, mich offen und ohne Rückhalt gegen ihn über
meine dermalige Lage auszusprechen und es ihm und seiner Einsicht anheim zu
stellen, _ob_ und _was_ für mich zu tun sei. So schnell wie der
Gedanke in mir aufstieg, wurde er ausgeführt. Alles Jugendvertrauen kehrte
während des Schreibens zurück. Ich gab dem teuern Freund einen möglichst
kurzen Überblick über viele verhängnisvolle Jahre, verweilte aber länger
bei der Gegenwart, die mir den Mut gegeben hatte zu diesem Schritt. Das
heilig bewahrte Stammbuchblättchen war eine sprechende Beglaubigung. Von
diesem Brief habe ich damals für mich eine Abschrift bewahrt und diese
jetzt wiedergefunden, und da er die folgenden veranlaßte und den
Briefwechsel eröffnete, so gehört er, stückweise, hierher und ich teile das
Nötige daraus mit.

Ich bekam auf der Stelle Antwort.

Jeder, der den Vollendeten kannte, wird seinen Brief, den treuen
Ausdruck des edelsten Gemüts, nicht ohne gerührtes Interesse lesen.


Ehe jedoch zu den wertvollen Briefen übergegangen wird, möchte es nötig
sein zu sagen, wie die Veröffentlichung oder vielmehr der Entschluß dazu
entstanden ist. Es möchte dies Pflicht sein in einer Zeit, worin so
viele Briefe von vertrautem Inhalt erscheinen, die neben dem Interesse,
das sie gewähren, notwendig verletzen müssen und gerechten Tadel
verdienen, ohne die Wahrhaftigkeit zu beweisen.

Die Herausgabe _dieser_ Briefe ist wie von einem unsichtbaren Willen
geleitet entstanden. Ich bewahrte viele Jahre meine köstlichen,
neidenswerten Briefschätze, schweigend, wie ein Heiligtum, und sah sie an
wie eine unerschöpfliche Quelle höheren Lebens, woraus ich lange Jahre Mut
und Kraft schöpfte und die Reife empfing, deren ich fähig war, und nur auf
diese Art teilhaftig werden konnte. Eigentlich bedurfte ich für meinen
Geist keine weitere Nahrung, für mein Nachdenken keinen reicheren Stoff,
für meine Belehrung kein anderes Buch, für meine Seele kein helleres Licht.
Dabei fand ich in allen Lagen den Trost und die Ermutigung, die mir gerade
nötig waren. Höchst gütig ließ der edle Freund sich zu meiner Fassungskraft
herab, so war er mir, worüber er auch reden mochte, immer verständlich,
klar und überzeugend. Wenn wir auch in manchen Meinungen verschieden waren,
so ging diese Verschiedenheit aus ganz verschiedenen Äußerlichkeiten des
Lebens hervor. Immer aber blieb der Freund meiner Seele das leitende
Prinzip meines geistigen Lebens; ich lebte von einem Brief bis zum andern
mit ihm fort, und es bildete sich für mich, in einer mühe- und sorgenvollen
Lage und bei untergrabener Gesundheit, ein reiches inneres Leben. Wenn ich
mich immer mehr zurückzog, den Kreis meiner Freunde enger schloß, folgte
ich nur meiner tiefsten Neigung; Vergnügen und Freude, und meine stille
Verborgenheit war, ungekannt und ungeahnt von jedermann, höchst belebt und
beseelt, ja _beseligt_, und war es allein durch diesen seelenvollen
Briefwechsel, der nie wieder unterbrochen wurde, weder durch Reisen, noch
durch Krankheiten, und bis in den Tod bestand. Dem mit mir
übereinstimmenden Freunde war es eine besondere Befriedigung, daß ich so
_schweigend_ mein Heiligtum während eines halben Menschenalters
bewahrte.

Die letzten Jahre meines Lebens gewährten mir wieder mehr Muße, so
konnte ich mehr und tiefer in den Geist der Briefe, der in allen und
jedem einzelnen weht, mich versenken und vertiefen, in diesen reichen,
hocherleuchteten Geist, voll lauterer himmlischer Gesinnungen! Jahre
habe ich mit diesen Briefen, und nur mit ihnen gelebt.

Oft vertieft in die Ideen des vollendeten Freundes und zugleich versenkt
in Nachdenken über dies einzige Verhältnis und das, was dadurch für Zeit
und Ewigkeit in mir gereift war, schien es mir nicht recht, daß so viel
Wahres, Großes und Gutes mit mir untergehen sollte. Es war allerdings
nur für mich geschrieben, für mich und meine Art zu empfinden berechnet,
aber die überzeugenden Wahrheiten, so klar ausgesprochen, die sicheren
Wege zu innerem Glück und Ruhe so unverkennbar, so klar und milde
gezeigt, daß die Erkenntnis heilsam für jedes gutgeartete Gemüt sein
muß.

Und das alles sollte mit mir untergehen? mit mir zernichtet werden? –

Das war vielleicht die erste innere Aufforderung, das Segensreiche so
oder anders zu erhalten!

Ich fing an Auszüge zu machen, um solche im Manuskript Freunden zu
hinterlassen, und erkannte bald, wie vergänglich solche Vermächtnisse
sind und wie schnell verlesen. So stiegen nach und nach Gründe auf, so
wertvolle Papiere durch den Druck zu erhalten. Ein großes Hindernis trat
mir entgegen: der Widerwille an aller Öffentlichkeit. Was Freunden für
mich hochehrend erschien, dünkte mir Entweihung. Ein zweites Hindernis
war die Forderung einer strengen Durchsicht, selbst teilweise einer
gänzlichen Umschreibung der gemachten Auszüge. Schwierigkeiten aller Art
entstanden. So waren, wie schon gesagt, Jahre nötig, den Entschluß der
Veröffentlichung zu reifen. Auch kann diese erst nach meinem Ableben
stattfinden. Die Zeit, die das Unbedeutende bald erbleichen läßt,
verklärt das Große und wird auch den hohen Wert der Gaben steigern, die
ich denen hinterlasse, die sie verstehen, würdigen und gewiß mit Freuden
empfangen.

Als heilige Pflicht erschien es mir nach dem gefaßten Entschluß, alle
Auszüge selbst zu machen und eigenhändig zu schreiben. So sicherte ich
Wahrheit und Treue auf einer Seite, indem ich auf der andern niemand
verantwortlich machte. So kann ich aber nicht dafür einstehen, daß nicht
Wiederholungen vorfallen. Ich bemerke dies im Vorbericht, um nicht
später bei jedem einzelnen Fall daran zu erinnern. Ich bedarf gewiß
Nachsicht und Verzeihung für solche Fehler, die ich begehen, ja nicht
werde vermeiden können, da ich den Entschluß der Herausgabe zu spät
gefaßt habe, und keine fremde Hilfe erbitten noch zulassen will. Man ist
wohl so gütig, wenn bei aller Sorgfalt Wiederholungen der Art vorfallen,
solche Stellen zu überschlagen. Der Verfasser ist es ja allein, der
Interesse erregt und gewährt, und was er schreibt, entschädigt
reichlich, wo mich Tadel trifft.

Von meinen Briefen ist, wie ich das gewünscht und erbeten hatte, nichts
erhalten; nur von einzelnen habe ich Abschrift oder Fragmente bewahrt,
um Ereignisse im Gedächtnis festzuhalten, die mir selbst nicht
entschwinden sollten. Dies werde ich als Zusätze nachtragen, wo es nötig
ist.


           *       *       *       *       *


_An den Freiherrn von Humboldt_,
K. Pr. Staats-Minister, auf dem Kongreß in Wien.

Nicht an Ew. Exzellenz, nicht an den Preußischen Staatsminister, – an
den unvergessenen, unvergeßlichen Jugendfreund schreibe ich, dessen Bild
ich eine lange Reihe von Jahren verehrend im Gemüt bewahrt, und gern und
viel dabei verweilt habe, der nie wieder von dem jungen Mädchen hörte,
das ihm einst begegnete, mit dem er drei fröhliche Jugendtage verlebte
in jenen schönen Gefühlen, die uns spät in Erinnerung beseligen und
erheben. Der Name, auf den die Welt jetzt mit großen Erwartungen blickt,
der Platz, auf den Sie früh durch Geist und Namen gestellt waren, machte
es mir nicht sehr schwer, von Ihnen zu hören und Sie mit meinen Gedanken
zu begleiten. Ich erfreute mich an allem Großen und Schönen, was ich las
oder hörte, nahm meinen Anteil von dem Wahren und Guten, suchte den Sinn
wie früher zu verstehen, dem Geist zu folgen, wenn ich ihn nicht gleich
faßte. Das alles läßt sich nur durch Worte andeuten, aber nicht sagen.
Nur einmal Sie wiederzusehen, wäre es auch nur in der Ferne, war und
blieb mir ein vergeblicher Wunsch. Durch Freunde, welche kürzlich einige
Zeit in Berlin lebten, erfuhr ich ausführlicher, was ich schon wußte,
daß Ew. Exzellenz mit einer höchst geistreichen und ebenso edlen Dame
sehr glücklich vermählt und Vater sehr liebenswürdiger Kinder sind,
welche reiche Hoffnungen geben.

Ich lege hier ein Blättchen ein, das Ihnen drei in Pyrmont verlebte
Jugendtage zurückrufen wird. Ich habe das liebe Blättchen unter den
kleinen Heiligtümern der Jugend sorgfältig vor allen andern bewahrt, als
das einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen
wahren Lebensfreude, die mir das Schicksal zugewogen. Dies Blättchen
(das ich mir zurück erbitten darf) wird Ew. Exzellenz eine Bekanntschaft
zurückrufen, welche die großen Bilder und Erscheinungen des Lebens
längst verwischt und ausgelöscht haben werden. Im weiblichen Gemüte
bleiben solche Eindrücke tiefer und sind unwandelbar, um so mehr, wenn
es (welche Bedenklichkeit sollte ich finden, Ihnen nach 26 Jahren diesen
Beweis von Verehrung zu geben?) wie bei mir, die ersten, ungekannten
Regungen erster, erwachender Liebe waren, so geistiger Art, wie sie wohl
bei der edleren Jugend immer sind. Für die weibliche Jugend und die
Entwickelung des Charakters aber ist es gewiß von der höchsten
Wichtigkeit, für welchen Gegenstand die ersten Gefühle erwachen. Auch
knüpften sich, was selten ist, durchaus keine trüben oder schmerzlichen
Gefühle daran, sondern sie wurden von großem Einfluß auf die Ausbildung
meines Charakters und Gemüts.

Die Gefühle wandelte die Zeit. Das tief ins Gemüt gesenkte, teure Bild
erbleichte nie mehr. An dies geliebte Bild, das höher und immer höher
erschien, lehnte sich fort und fort mein Ideal von Männerwert und
Hoheit. Hier ruhte ich aus, wenn ich unter dem schweren Leben am
Erliegen war, hier ermutigte ich mich, wenn aller Mut sank, hier
richtete ich mich auf im Glauben, wenn der Glaube an Menschen schwankte.
Glauben Sie mir, ewig geliebter Freund! (Sie verzeihen dem Herzen diese
Benennung) ich bin gereift unter großem, mannigfaltigem Schmerz, nicht
entadelt, noch je durch unwürdige Empfindungen entweiht. Ew. Exzellenz
sind, das erkenne ich im eigenen Busen, noch derselbe, der Sie waren,
wie wir uns einst begegneten. Die Höhe des Lebens, der Glanz der äußeren
Stellung mögen für viele Klippen sein – hohe Naturen erlangen Reife und
Vollendung, gleich viel, ob im Sonnenstrahl des Glücks oder im Schatten
schwerer Verhängnisse. Der Gehalt in unserer Brust, wie die Form unseres
Geistes, beides ist gewiß ohne Wandel, beides ewig.

Wie es mir erging? was ich erlebte? das werden Sie jetzt fragen. Es ist
eine lange Reihe von Jahren, von der die Rede sein muß, dennoch läßt
sich viel auf ein Blatt bringen, aber das gibt kein Bild, wird Ihnen
nicht genug sein. So will ich suchen, Ihnen im _äußeren_ Leben das _innere_
in seiner Tiefe und ernsten Entwickelung zu zeigen. Ob und wie ich mich
bemühen werde um Kürze, wird es doch einige Blätter füllen, die Auswahl
und Zusammenstellung kann nur schmerzlich sein, wenn man sich in
Gegenden umsieht, die gleichsam mit unsern Tränen benetzt sind. Wenn ich
daher mich nicht so kurz fassen kann, wie es Respekt für die Person und
die Zeit des mit den wichtigsten Arbeiten beschäftigten Ministers
gebietet, so vertrete mich bei diesem der Jugendfreund. Legen Ew.
Exzellenz die Blätter zurück für eine Stunde, die den Erinnerungen
gehört.

Die Zeit, bis wo wir uns kennen lernten, gehörte der ersten Jugend, und
diese war harmlos im stillen, friedlichen Schatten eines gebildeten,
sorgenlosen Familienlebens auf dem Lande hingeflossen. An teuern Eltern
hatte ich nur Rechtschaffenheit und Güte und Beispiele vieler Tugenden
gesehen. Ein mehr als ausreichendes Vermögen erlaubte ihnen in jener
einfachen Zeit viele Annehmlichkeiten des Lebens, besonders auch des
häuslichen Lebens; demgemäß war auch die Erziehung ihrer Kinder; sie war
vor allem, wofür ich sehr dankbar bin, in sittlicher Hinsicht sehr
sorgfältig. Mein Vater, in ziemlich freier, unabhängiger Lage, indem
meine Mutter dem Hause mit seltener Einsicht und Würde vorstand, ließ
sich in seinen Neigungen gehen, die ihn vor allem in die Vorzeit und die
Studien der Vorzeit zogen. Er lebte nur im Klassischen, war nur umgeben
mit klassischen Werken. Die neue Lektüre zog ihn nicht an, ja ließ ihn
unbefriedigt. Damit in Übereinstimmung war auch sein Umgang. Aus den
nicht immer gelehrten, aber immer ernsten Unterhaltungen, die ich still
anhörte, nahm ich vielleicht früh, und früher als andere, den Grund
meiner intellektuellen Bildung, und genoß auch früher, als es gewöhnlich
ist, das Glück, bedeutenden Personen näher zu stehen, mit großer Güte
behandelt und ihres Anteils gewürdigt zu werden. Auf diese Art wurde
ich, meinen natürlichen Anlagen gemäß, früh zum Nachdenken geführt, und
mehr durch Zuhören als durch Unterricht, mehr durch Nachdenken als durch
Kenntnisse und Talente auf den Weg der Bildung geleitet. Die ernste
Richtung, die so, schon als Kind möchte ich sagen, meine Seele nahm,
schützte vor vielen jugendlichen Torheiten und Frivolitäten, nährte aber
zugleich mehr, als es wenigstens zum Glück des Lebens gut ist, den Hang
zum Idealen. Dabei bildete sich mehr und mehr, denn es war schon sehr
früh, ja schon in der Kindheit entstanden, ein hohes, beseligendes Bild
von Freundschaft in mir aus, das mir das größte, einzige Erdenglück
erschien. Die erste Erzählung, die mir durch öfteres Lesen genau
bekannt wurde und mich begeisterte, war die allerdings wunderschöne
Gesinnung und Handlungsart Jonathans gegen den zurückstehenden David.
Alle Beispiele aus alter und neuer Zeit sammelte ich – Richardsons
Clarisse gab den vollen Ausschlag. Jeder Aufopferung fähig, glaubte ich,
nur für dies Glück geboren zu sein, und verlangte nichts Höheres. In
Pyrmont war nun diese Überzeugung bis zur Begeisterung gesteigert und
wurde bald die tiefe und unendliche Quelle vielfacher, leidenvoller
Verhängnisse und schmerzlicher Verwickelungen. Verzeihen Sie diese
Einleitung, die ich nötig glaube, um das Folgende richtig zu beurteilen.

Nun gehe ich über zu der schmerz- und ereignisschweren Vergangenheit,
und von da zu der drückenden und zerdrückenden Gegenwart, die mir
eigentlich zu diesem Schritt den Mut gegeben hat. Es wird schon leichter
werden, da während des Schreibens bis hierher nach und nach das
seelenvolle Vertrauen zurückgekehrt ist, womit wir uns einst in den
Pyrmonter Alleen besprachen und verstanden.«

       *       *       *       *       *

Darauf folgte eine möglichst kurz zusammengefaßte Übersicht der
hauptsächlichsten Ereignisse meines Lebens, worunter die am meisten
herausgehoben und beglaubigt wurden, die mich zum Schreiben ermutigt
hatten: meine großen Verluste an den Staat. Daran knüpften sich Pläne
für mein Fortkommen, denen aber überall meine zerstörte Gesundheit, ein
Mangel und Erschöpftsein aller Lebenskräfte entgegentraten. Das alles
gehört nicht hierher und ist nicht erforderlich als Kommentar oder
Einleitung zu den nun folgenden wertvollen Briefen, welche dadurch
entstanden. Der Schluß war dann ungefähr so: »Jetzt haben Sie die
Umrisse meines Lebens in dem langen Zeitraum übersehen, geben Sie der
treuen, immer schweigenden Teilnahme etwas zurück! Sie kennen das Herz
der Frauen und wissen besser, als ich das sagen kann, wie teuer uns
alles ist, was dem einst geliebten Manne angehört und ihn beglückt.
Sagen Sie mir etwas von den teuern Ihrigen, geben Sie mir etwas ab von
Ihrem Glück!

Jetzt schließe ich die vielen Blätter ohne Furcht. Ich lege meine
Angelegenheiten an Ihr Herz, da sind sie gut aufgehoben, und es
geschieht, was geschehen kann. Wie sehe ich einer Antwort entgegen, die
ich gewiß empfange!«

H., den 18. Oktober 1814.



WILHELM VON HUMBOLDT

_BRIEFE_



_Wien_, 3. November 1814.

Ich habe heute früh Ihren Brief vom 18. Oktober erhalten, und ich kann
Ihnen nicht sagen, wie mich Ihr Andenken gerührt und gefreut hat. Ich
hatte in unserm Zusammentreffen in Pyrmont immer eine wunderbare Fügung
des Schicksals erkannt, denn Sie irren sehr, wenn Sie glauben, daß Sie
in einer flüchtigen Jugenderscheinung an mir vorüber gegangen sind. Ich
dachte sehr oft an Sie, erkundigte mich auch, aber immer fruchtlos, nach
Ihnen, glaubte Sie verheiratet, dachte Sie mir mit Kindern und in einem
Kreise, wo Sie mich längst vergessen hätten, und bewahrte nur in mir,
was mir jene Jugendtage gelassen hatten. Jetzt erfuhr ich, daß Ihr Leben
viel weniger einfach gewesen ist, als ich es mir dachte. Hätten Sie mir
damals geschrieben, wie Sie am meisten litten, vielleicht hätten Ihnen
meine Worte wohltun können. Glauben Sie mir, liebe Charlotte, Sie werden
mir diese vertrauliche Benennung nicht übel deuten, _da ja nur Sie und
ich unsere Briefe lesen_, der Mensch traut nie dem Menschen genug. So
erfahre ich erst jetzt durch Sie, daß ich damals einen tieferen Eindruck
auf Sie machte, als ich mir je eingebildet hätte. Die Zeilen, die man
nach so langer Zeit von sich selbst wiedersieht, sprechen einen wie aus
einer anderen Welt an. Ich habe das Glück, denn es ist wirklich nur ein
Glück, daß ich mich keiner Empfindung schämen darf, die ich in jener
Jugend hegte, und glauben Sie es mir, ich bin noch jetzt gleich einfach
wie damals. Jedes Wort Ihres Briefes hat mich auf das Tiefste ergriffen,
ich versetze mich ganz in Ihre Lage, und ich danke Ihnen recht aus
innigem Herzen, daß Sie den Glauben an mich nicht verloren, und daß Sie
mich wert hielten, sich mir, wie Sie es tun, zu erschließen. Schreiben
Sie mir denn, wenn Sie es der Mühe wert halten es ferner zu tun, ohne
Umschweife und mit dem Vertrauen, auf das ich vielleicht ein Recht
erlangt hätte, wenn ich Sie wiedergesehen hätte. Sehr Unrecht haben Sie,
wenn Sie sagen, daß gewisse Eindrücke im weiblichen Gemüt tiefer und
länger haften. Ich könnte Ihnen das Gegenteil aus Ihrem eigenen Briefe
beweisen. Gestehen Sie immer, es soll kein Vorwurf sein – 26 Jahre
liegen hinter unserer kurzen Bekanntschaft, und wir sehen uns leider
vermutlich nie wieder –, daß ich ziemlich aus Ihrem Gedächtnis
verschwunden bin, wie ich Sie verließ. Sie haben sich wenigstens nicht
an mein Versprechen erinnert, Sie wieder zu besuchen, das nicht gehalten
zu haben mich oft sehr ernstlich geschmerzt hat. Ich könnte die Bank in
der Allee noch bezeichnen, wo ich es machte; ich war im Begriff, zu
Ihnen zu kommen, aber eine jugendliche Pedanterie, in der ich es für
unmöglich hielt, eine Woche später nach Göttingen zurückzukehren, hielt
mich davon ab. Es ist mir ein sicherer Beweis, daß wir einander im
Leben nicht nahe kommen sollten, und das Einzige, was mir innig leid
tut, ist, daß ich nicht bestimmt war, irgend dauernde Freude in Ihr
Leben zu bringen. Trübe oder schmerzliche Empfindungen konnten sich,
davon seien Sie sicher überzeugt, an den Umgang mit mir nicht knüpfen.
Es trifft mich kein Vorwurf dieser Art. Ihr Schicksal hat mich so
ergriffen, wie Sie es nach diesen Geständnissen sich denken können. Ich
habe es auch auf mannigfaltige Weise heut überlegt. Ich bitte Sie aber,
überlassen Sie sich für den Augenblick mir, folgen Sie blindlings meinem
Rat und glauben Sie dem, der mehr Welterfahrenheit hat als Sie, und
ebenso wie Sie weiß, was ein Gemüt in Ihrer Lage bedarf. Setzen Sie aber
dabei alle kleinlichen Rücksichten beiseite, seien Sie wirklich
vertrauend, seien Sie gut gegen mich, und erzeigen Sie mir den größten
Gefallen, den Sie mir erzeigen können. Was Sie in Ihrer jetzigen Lage
brauchen, Ihre Gesundheit und Ihr Herz, ist Ruhe. Die ängstliche Sorge,
die große Anstrengung für Ihre Erhaltung, untergräbt beides. Sie waren,
ich erinnere mich dessen noch sehr gut, gesund und stark, Sie waren es,
so scheint es, später wieder geworden. Bleiben Sie ein Jahr nur ruhig
und pflegen Ihre Gesundheit, so wird sie wiederkehren, trotz der Stürme,
die Sie bestanden haben. Dies ist zugleich der beste Rat für Ihre
übrigen Pläne. Glauben Sie mir, wer in dem Augenblick suchen muß, wo er
braucht, findet schwer. Wenn man hingegen nur eine Zeit lang sorglos
leben kann, finden sich die Lagen von selbst. Welcher Ihrer Pläne
ausführbar sein kann, muß die Zeit erst lehren, ebenfalls was ich
befördern kann. Ich halte es für Pflicht, Ihnen darüber ganz offen zu
reden. O! Sie hätten sehr unrecht, es mir übel zu deuten. Die Briefe des
Herzogs sind sehr gut und machen ihm Ehre, aber er kann, wie Sie aus den
Briefen Ihrer Freunde sehen, _vorerst_ nicht helfen. Diese Dinge müssen
Sie also wenigstens der Zeit und dem Schicksal überlassen. Erlauben Sie
mir das Verdienst, Ihnen diese Zeit zu verschaffen, gönnen Sie mir die
Beruhigung zu wissen, daß Ihnen jetzt ein Jahr ungetrübt von kleinen
äußeren Sorgen verstrichen ist. Ja, liebe Charlotte, ich bitte Sie
inständig darum; verschmähen Sie mein Anerbieten nicht. Es wäre
innerlich die falscheste Delikatesse von der Welt, und Sie können sicher
sein, daß niemand je _als ich und Sie_ darum wissen wird. Ich bin nicht
reich, aber ich weiß sehr gut, was ich tue, und ich sehe aus Ihrem
ganzen Brief und allen seinen Beilagen, daß Sie, was meinen Gefallen an
Ihrem Leben und meine wahre Achtung für Sie vermehrt, sich an eine große
Einfachheit von Bedürfnissen gewöhnt haben. Ich lege Ihnen hier eine
Anweisung ein. Ich begreife, daß dies nur für Monate sein kann. Aber
folgen Sie mir, schreiben Sie mir recht vertraulich, recht ordentlich,
was Sie, eine Badekur eingerechnet, brauchen. Glauben Sie mir, daß ich
nie mehr tue, als ich kann, geben Sie es mir zurück, wenn Ihre Lage und
Ihr Schicksal sich ändert, aber begreifen Sie nur recht meinen Plan, der
ganz einfach der ist, daß Sie ein Jahr vor sich haben, für das Sie nicht
zu sorgen brauchen, und in dem Sie mit _Freiheit_ und ohne _Ängstlichkeit_
künftige Pläne bilden können. Ich fühle recht gut dasjenige, dem ich
mich nach der Schilderung, die Sie mir von sich selbst machen, aussetze.
Sie können alles ausschlagen, Sie können Anmaßung in mir finden, mir
Vorwürfe machen. Ich muß aber doch auf meinem Vorschlag beharren, er ist
der einzige Ihrer Lage angemessene. Glauben Sie ja nicht, liebe
Charlotte, daß ich irgend etwas Ungeziemendes darin finde, selbst mit
seiner Arbeit Verdienst zu suchen, Sie sollen ja auch nachher ganz frei
sein. Nur bis Ihre Gesundheit wiederhergestellt ist, folgen Sie. Jetzt
ist jede Arbeit Ihnen verderblich. Wenden Sie sich aber an andere, so
glauben Sie mir, niemand antwortet Ihnen so anspruchslos, so
uneigennützig; andere glauben Ihnen einen Gefallen zu tun; mir erzeigen
Sie einen. – Jetzt breche ich davon ab und rede Ihnen von mir, weil Sie
es wollen. Ich bin, wie man Ihnen gesagt hat, verheiratet, ich heiratete
drei Jahre, nachdem ich Sie sah, und habe jetzt fünf Kinder; drei habe
ich verloren. Ich heiratete bloß und nur aus innerer Neigung, und es ist
vielleicht nie ein Mann in seiner Verbindung so glücklich gewesen. Nur
seit den letzten zwei Jahren habe ich das Unglück, daß meine Frau
kränkelt, und mich meine Geschäfte oft von ihr fern gehalten haben, wie
es noch jetzt der Fall ist. Da Sie, wie Sie mir sagen, manchmal von mir
hörten, so werden Sie wissen, daß ich einige Jahre hindurch Gesandter in
Rom war. Ich nahm die Stelle nur des Landes wegen an, und hätte es, ohne
die unglücklichen Ereignisse, nie verlassen. In diesen wurde es aber
gewissermaßen zur Pflicht, zu dienen, und so bin ich nach und nach in
verwickelte Verhältnisse gestoßen worden. Sie sind aber meiner Neigung
wenig angemessen, und mir würde ein stilleres und einfacheres Leben mehr
zusagen. Den Krieg hindurch war ich im Hauptquartier, dann in England,
von da ging ich nach der Schweiz, meine Frau zu besuchen, die dort
hingereist war. Jetzt bin ich hier auf dem Kongreß, und sie ist auf
ihren Gütern, von denen sie nach Berlin gehen wird. Nach dem Kongreß
besuche ich sie dort und gehe als Gesandter nach Paris, wohin sie mir
später folgen wird. Mein ältester Sohn ist schon Offizier, ging mit 16
Jahren ins Feld, wurde verwundet, ist aber glücklich geheilt und nun
wohlbehalten zurückgekommen. Außer ihm habe ich drei Mädchen und einen
kleinen Jungen. Die beiden jüngsten der Mädchen sind eigentlich in
Italien groß geworden und konnten keine Silbe deutsch, wie sie, die
älteste im zehnten Jahre, nach Wien kamen. Ich wünschte, Sie sähen sie.
Es sind zwei unendlich liebe Geschöpfe. Der kleine Junge ist erst fünf
Jahre. Zwei Söhne hatte ich das Unglück in Rom zu verlieren, eine
Tochter, mit der meine Frau, als sie eine Reise nach Paris machte,
niederkam, ohne daß ich sie sah. So wissen Sie meine äußeren Schicksale.
Von den inneren läßt sich nur reden, nicht schreiben.

Nun nehmen Sie noch einmal meinen herzlichen Dank. Ich weiß nicht, ob
ich Sie je wiedersehen werde, und ich darf es kaum hoffen. Ich kann mir
auch jetzt kein deutliches Bild von Ihnen machen. Allein wenn daher auch
das, was ich von Ihnen in der Seele trage, eine Erscheinung der
Vergangenheit ist, sogar eine, an die meine Einbildungskraft vieles,
über die augenblickliche Dauer unseres Zusammenseins hinaus, legte, so
glauben Sie gewiß, daß es nie eine flüchtige war und nie eine solche
sein wird.

Ganz der Ihrige.                H.

Die Originalbriefe und das Erinnerungsblatt schicke ich zurück.



_Wien_, den 18. Dezember 1814.

Ihr Brief, liebe Charlotte, hat mir große Freude gemacht, und ich danke
Ihnen recht herzlich dafür. Sie legen zu viel Wert auf das, was so
natürlich war und nicht anders sein konnte. Ihr Andenken hat sich nie
bei mir verloren, noch verlieren können, allein es fiel mir nicht ein,
zu glauben, daß ich je wieder von Ihnen hören würde, noch weniger, daß
Sie meiner auch nur irgend gedachten. Auf einmal rufen Sie mir mit Güte
und mit dem ungezwungenen Geständnis, daß Sie, ohne die Umstände, die
uns trennten, vielleicht mehr empfunden hätten, die Bilder der
Vergangenheit und Jugend zurück. In der Rührung und in der Freude, die
das in mir weckte, habe ich Ihnen geantwortet und werde ich Ihnen immer
antworten. Erheben Sie mich also nicht deshalb, aber bleiben Sie mir
gut, erhalten Sie mir Ihr Vertrauen; schreiben Sie mir so herzlich, so
vertrauend als jetzt, lassen Sie sich ganz mit mir gehen, wie ich mit
Ihnen, und glauben Sie nicht, daß mir Ihre Briefe je zu häufig kommen,
je zu weitläufig sein könnten. Es gibt nichts Beglückenderes für einen
Mann, als die unbedingte Ergebenheit eines weiblichen Gemüts. Ich bin
weit entfernt, den mindesten Anspruch an Sie zu machen. Ich kann kein
Recht dazu besitzen. Sie können nur ein schwankendes Bild von mir in der
Seele tragen. Ich muß jetzt, von Geschäften, Sorgen, Zerstreuungen
zerrissen, Verzicht darauf tun, Ihnen irgend etwas sein zu können. Aber
Sie können mir, wenn Sie fortfahren mir zu schreiben, wie Sie tun, mir
von Ihrem äußern und innern Leben zu erzählen, mit mir ohne Rückhalt so
vertraulich umzugehen, wie es Ihren ersten Empfindungen für mich
entsprochen hätte, eine Freude geben, die ich mit inniger und wahrer
Dankbarkeit empfangen werde. Schreiben Sie mir also ja von Zeit zu Zeit.
Sie schreiben natürlich und ausgezeichnet gut außerdem, und lassen Sie
mich die Kinderei gestehen, schon Ihre Hand macht mir Freude, sie ist
hübsch an sich, und ich erinnere mich ihrer von ehemals. Reden Sie mir
aber vor allem von sich selbst. Ihr letzter Brief enthält kaum ein Wort
über Ihre Gesundheit. Lassen Sie mich wissen, ob Ihre Kräfte, Ihr
gesundes Aussehen, Ihre Heiterkeit zunehmen. Dann muß ich Sie um Eines
bitten: Warten Sie nie eine Antwort ab, mir zu schreiben; seien Sie
großmütig, rechnen Sie nicht um Briefe mit mir. Ich habe sehr wenig
Zeit. Ich kann nur selten, nur abgerissen schreiben, geben Sie mir, und
fordern Sie nicht von mir. Sie finden vielleicht in dieser Bitte mehr
Freimütigkeit, als ich haben sollte. Aber ich leugne es nicht, daß ich
eigennützig mit Ihnen bin, und Sie haben eine zu gute Meinung von mir,
die ich gern zur Wahrheit herunterstimme.

Sie fragen mich, liebe Charlotte, ob Sie vorerst in Göttingen oder
Braunschweig leben sollen, und wollen nichts ohne meinen Willen tun.
Damit berühren Sie eine sonderbare Seite in mir. Ich habe es sehr gern,
wenn man meiner Bestimmung folgt. Ich will also, daß Sie nach Göttingen
gehen sollen, und nicht bloß aus Gefälligkeit für Sie, weil Sie es
vorziehen, sondern weil es mir lieber ist. Sie werden dies sehr
sonderbar finden und nicht erraten, was mich bestimmen mag. Auch kann
ich es Ihnen kaum recht erklären; allein es ist doch nun so, wäre es
auch nur, weil ich Sie von Göttingen aus sah, wie ich in Braunschweig
war, Sie nicht kannte, und in Göttingen sehr oft an Sie dachte.
Überhaupt liebe ich Göttingen, weil ich da in einer Zeit einsam lebte,
in der die Einsamkeit bildend ist. Grüßen Sie in meiner Seele den Wall,
und schreiben Sie mir, wenn Sie da sind, auch von den Menschen dort.

Nun leben Sie wohl, teure Frau, und werden mir nicht wieder fremd. Es
ist ein wunderbares Verhältnis unter uns. Zwei Menschen, die sich vor
langen Jahren drei Tage sahen und schwerlich wieder sehen werden! Aber
es gibt in dieser Art der reinen und tiefen Freuden so wenige, daß ich
mich schämen würde, geizig mit dem Geständnis zu sein, daß Ihr Bild von
damals her, mit allen Gefühlen meiner Jugend, jener Zeit, und selbst
eines schöneren und einfacheren Zustandes Deutschlands und der Welt, als
der jetzige ist, innig in mir zusammenhängt. Ich habe überdies eine
große Liebe für die Vergangenheit. Nur was sie gewährt, ist ewig und
unveränderlich wie der Tod, und zugleich, wie das Leben, warm und
beglückend. Mit diesen unwandelbaren Gesinnungen Ihr  H.



_Burgörner_, April 1822.

Es ist sehr lange, daß ich ohne Nachricht von Ihnen bin, es tut mir
leid, ja es schmerzt mich, so ganz von Ihnen vergessen zu sein, während
ich Ihrer oft gedachte. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, sobald Sie
diese Zeilen empfangen haben, wie es Ihnen ergangen hat und ergeht? Es
mahnte mich schon lange, Ihnen zu schreiben und um Nachricht zu bitten.
Vielleicht bin ich selbst schuld an Ihrem Schweigen. Meine kurzen Briefe
können Sie eingeschüchtert haben, Sie mochten besorgen, mir lästig zu
werden. Adressieren Sie Ihren Brief nach Burgörner bei Eisleben; ich bin
hier auf einem der Güter meiner Frau. Leben Sie wohl und antworten mir
gleich.     H.



_Burgörner_, April 1822.

Ich lasse meinem kurzen Briefe, den ich Ihnen, liebe Charlotte, vor ein
paar Tagen schrieb, einen zweiten folgen. Einmal, weil ich sehr mich
nach Zeilen von Ihrer Hand sehne und es mir leid tut, daß ich so lange
schwieg; dann auch, um noch einen andern Weg einzuschlagen, damit mein
Brief sicher in Ihre Hände komme. Ich weiß Ihre Adresse nicht genau, ja
ich weiß nicht einmal, ob Sie noch in Kassel sind. Das aber darf ich mit
Zuversicht hoffen, daß Sie mich nicht vergessen haben. Ich vergesse Sie
nie.   Ihr H.



_Burgörner_, den 3. Mai 1822.

Ich habe Ihre beiden lieben Briefe vom 24. und 26. April empfangen, und
sage Ihnen, liebste Charlotte, auf der Stelle meinen herzlichsten Dank.
Sie haben mich recht sehr dadurch erfreut und ganz meinen Erwartungen
entsprochen. Nie könnte ich irre an Ihnen werden oder den Glauben an die
Ausdauer und die Treue Ihrer Gesinnungen und Empfindungen verlieren. Das
sagte ich Ihnen schon neulich, und es ist nur natürlich. Wenn uns jemand
eine so lange Reihe von Jahren, ohne irgend ein Zeichen des Andenkens
empfangen zu haben, die tiefen Empfindungen eines edlen und zarten
Gemüts bewahrte, so wäre es wahrer und hoher Undank, daran ferner zu
zweifeln. Es ist gewiß ein seltenes Glück für einen Mann, daß ihm ein
weibliches Gemüt die ersten Empfindungen der jugendlichen Brust heilig
und vertrauungsvoll bewahrt, und ich bin mir bewußt, daß ich dies Glück,
so wie es ist, würdige und schätze. Aber ich sage ohne Stolz, der mir
wahrlich nicht eigen ist, allein auch ohne eine kindische
Bescheidenheit, es kann auch Ihnen durch mich vieles kommen, was Ihr
Leben bereichert, erheitert und verschönert. Wenn das Schicksal so etwas
für zwei Menschen aufbewahrt hat, muß man es nicht hinwelken lassen,
sondern erhalten und in Vereinigung bringen mit allen äußeren und
inneren Verhältnissen, da auf diese Harmonie allein alle Zartheit der
Gefühle und alle Ruhe der Seele gegründet sein kann. Weil nun kein
persönlicher Umgang unter uns stattfinden kann, so wollen wir einen
brieflichen beginnen und feststellen. Ich schreibe zwar nicht gern und
klage mich zum voraus an, Sie werden sehr oft Nachsicht, Geduld und
Großmut zu üben haben, aber ich lese sehr gern Briefe, besonders die
Ihrigen, nicht nur, weil ich gern lese, was Sie schreiben, sondern noch
mehr, weil mich Ihr äußeres und noch mehr Ihr inneres Leben in der
innersten Teilnahme interessiert. Sollte ich also einmal seltener
schreiben, so lassen Sie sich das nicht hindern. Schreiben Sie mir immer
den 15., so habe ich immer einen Tag, auf den ich mich freue. Wenn Sie
mir in der Zwischenzeit schreiben, so ist das eine liebe Zugabe, die ich
stets mit Dank empfangen werde.

Ihr Gartenleben und schon die Wahl desselben hat etwas, das mir ungemein
gefällt. Es spricht Ihre Neigungen charakteristisch aus und vereint
Einsamkeit und Annehmlichkeit. Die erste paßt zu Ihrem Charakter, Ihren
Empfindungen und Ihrer Lage; die letzte erheitert und verschönert Ihr
Leben. Es ist mir daher am liebsten, Sie so zu denken, zu denken, daß
Sie nur selten in die Stadt kommen. Besuche, das fühle ich, können Sie
nicht vermeiden, und es ist auch gut, in einigen Verbindungen zu
bleiben, besonders da Sie mir sagen, daß diese Verbindungen meist
bewährte alte Freunde sind.

Daß Sie am liebsten in Kassel leben, wo Ihre Jugend, wenn auch nicht
immer schmerzlose, doch auch frohe und heitere Erinnerungen zurückließ,
begreife ich ganz. Auch ist die Gegend schön, und eine größere Stadt
bietet, wie Sie sehr richtig bemerken, vor allen anderen, Freiheit zu
leben, wie es die Neigungen fordern, und daneben, ohne großen Aufwand,
manche Genüsse, welche in kleinen Städten versagt sind. Ich billige also
ganz Ihren Entschluß, dort ferner zu wohnen. Sorgen Sie aber vor allem
in Ihrer ländlichen Wohnung für Ihre Gesundheit. Zu wenig sagen Sie mir
darüber, und doch sind Ihre Ruhe, Ihre Gesundheit, Ihr Glück das, worauf
es mir ankommt. In selbstsüchtigen Wünschen und Absichten habe ich mich
Ihnen nicht wieder genähert, wenn ich auch einen Wunsch hege, den ich
Ihnen nächstens aussprechen werde.

Ich schließe jetzt, ich bin seit vierzehn Tagen garnicht wohl, leide
zwar nur an einem katarrhalischen Fieber, da ich aber in Jahren nicht
krank war, ist es mir lästig. Mit den herzlichsten, unwandelbarsten
Gesinnungen der Ihrige.   H.



_Burgörner_, Ende Mai 1822.

Ich sage Ihnen heute zuerst, liebe Charlotte, daß ich wieder vollkommen
wohl bin, damit Sie sich nicht beunruhigen. Es geht sehr eigen mit
unserm Briefwechsel. Er fing so an, daß Sie selten Briefe von mir zu
bekommen glaubten, und jetzt muß ich mich über Ihr Stillschweigen
beklagen. Sie hatten mir in Ihrem letzten Briefe versprochen, mir
unmittelbar nach dem 15. jedes Monats zu schreiben, das müssen Sie aber
nicht getan haben, da sonst Ihr Brief längst in meinen Händen sein
müßte, und ich habe weder am vorigen Posttage noch heute das Geringste
bekommen. Es beunruhigt mich, da Sie krank sein können, ich suche alles
auf, was Sie verhindert haben könnte. Wie dem sei, so drängt es mich,
Ihnen zu sagen, daß ich sehr nach einem Briefe verlange, und die, welche
ich habe, oft wieder durchgelesen habe, und immer in dankbarer
Erinnerung an Ihre mir so wunderbar erhaltenen Gesinnungen. Man könnte
das wohl Eitelkeit nennen, könnte es wohl nur dem Gefühl, sich
geschmeichelt und gehuldigt zu sehen, zuschreiben, wenn man sich durch
die Bewahrung dieser Empfindungen beglückt fühlt. Allein es wäre das
doch ein zu harter Ausspruch, und gegen mich wirklich ein ungerechter,
da Eitelkeit mir nie eigen war. Schwerlich hat jemand je sich selbst so
unparteiisch beurteilt und so wenig schonend behandelt, schwerlich je
einer so kalt und richtig erkannt, was an den Lobsprüchen anderer
abzuschneiden und an dem, worüber sie schweigen, zu tadeln war. Und
einem gewissen Mißtrauen in meine Kräfte und die mir hier und da
beigelegten Vorzüge verdanke ich sogar die vorzüglichsten der Erfolge,
die ich in Privat- und öffentlichen Verhältnissen gehabt habe. Allein
ich gestehe gern, daß ich immer einen vorzüglichen Wert darauf gelegt
habe, die innere Stimmung zu besitzen und zu bewahren, die auf ein
weibliches Gemüt Eindruck zu machen fähig ist. Ich würde nicht so
töricht sein mir einzubilden, daß sie mir jetzt noch eigen sein könnte.
Wenn man nun aber auf eine so wahre, natürliche, so ergreifende Weise,
als sich in Ihren Briefen ausspricht, überzeugt wird, daß man jenen
Eindruck tief und dauernd erregt hat, so liegt darin ein doppeltes, die
Empfindung süß erhebendes Gefühl, das des Selbstbewußtseins, und das des
edlen, tiefen Gemüts, welches diese Empfindungen zart zu sondern und
fest aufzubewahren verstand. Darum freut mich die Erneuerung unsers
Briefwechsels unendlich, und ich schmeichle mir, daß sie auch Ihnen
wohltätig sein wird; mir könnte sie nie anders sein. Ihr Bild ist mir
ein ganzes Leben hindurch geblieben, in allen, auch den wechselvollsten
Verhältnissen, stand es mir freundlich und licht, wie ich Ihnen neulich
schrieb, vor. Ich glaubte nie wieder etwas von Ihnen zu erfahren. Die
Zeit, wie Sie sich mir wieder nahten, trat gerade in die bewegteste
meines Lebens. Diese ist vorüber, und so mahnte es mich schon lange,
Ihnen zu schreiben. Da wir uns nach so langer Zeit nur durch einzelne
Briefe nahe gewesen sind, so kann es nicht fehlen, daß wir in manchen
Ideen abweichend denken müssen, über die wir uns bei ruhigem und stillem
Ideen-Umtausch leicht verständigen werden.

Sie erinnern mich daran, liebe Charlotte, welchen Schatz ein weibliches
Herz bewahrt, und fordern mich auf, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Glauben
Sie gewiß, daß ich ein unbegrenztes Vertrauen in Sie, in Ihre Wahrheit,
Ihre Treue und die Zartheit Ihrer Empfindungen setze, wie würde ich
Ihnen sonst selbst so offen und wahr schreiben. Vertrauen Sie aber auch
mir fest. Seien Sie sicher, daß das, was Sie mir vertrauensvoll sagen,
bei mir wie im Grabe ruht und verschlossen ist. Glauben Sie auch fest,
daß ich es herzlich gut mit Ihnen meine, immer meinte und immer meinen
werde; vertrauen Sie mir auch dann, wenn Sie mich nicht gleich
verstehen. Überlassen Sie mir die Sorgfalt für die Erhaltung unsers
gegenseitigen Verhältnisses, für die Entfernung jedes störenden
Einflusses. Ich will niemandem, aber am wenigsten Ihnen, auch nur eine
meiner Meinungen aufdringen. Ich habe die unzerstörbare Überzeugung, daß
Sie nie weder mich noch irgend eine Idee von mir zu verkennen imstande
sind, ja, ich weiß, und sie haben es mir recht schmeichelnd wiederholt,
daß sie immer gern und mit Freuden sich von mir, wie Sie gütig sich
ausdrücken, »berichtigen« lassen.

Es ist mir lieb, daß Sie niemanden sagen, daß Sie Briefe von mir
empfangen. Es geht niemanden was an, daß wir einander schreiben; was
heilig in sich ist, muß man nicht gemein machen.

Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie fest auf die Unwandelbarkeit
meiner Gesinnungen.

Ihr                 H.



_Burgörner_, 1822.

Ich will Ihnen, beste Charlotte, heute einen Wunsch, eine Bitte
aussprechen, durch deren Erfüllung Sie mir große Freude machen werden,
die ich gewiß recht dankbar empfange. Ihre Lebensgeschichte, besonders
auch die Entwicklung und seltene Ausbildung Ihres inneren Lebens, möchte
ich gern im Zusammenhange übersehen und genau kennen. Dieser Wunsch ist
schon durch Ihre früheren Briefe in mir erregt und entstanden und durch
die jetzigen vermehrt. Schwer kann es ihnen nicht werden, Sie haben sich
eine große Fertigkeit im Schreiben erworben. Sie schreiben leicht,
gewandt, geläufig, natürlich und ausgezeichnet gut. Die Sprache steht
Ihnen ganz ungewöhnlich zu Gebote. Ich sage Ihnen da keine Schmeichelei,
es ist die Wahrheit, die ich mit Überzeugung ausspreche und die sich in
jedem Ihrer Briefe darlegt.

Wollen Sie in meine Wünsche eingehen, so tun Sie es auf folgende Weise:
Fangen Sie mit Ihrem Geburtstag und Jahr an, in chronologischer Folge
und in der größten Ausführlichkeit. Schreiben Sie aus dem Gedächtnis,
auf was Sie sich besinnen, nicht aus der Phantasie. Gehen Sie zurück in
Ihre Kindheit und Jugend, zurück auf Ihre Eltern und Großeltern, auf
Ihre Vorfahren, wenn Sie davon Nachricht haben. Lieb wäre es mir, wenn
Sie in dritter Person redeten. Geben Sie den Orten und Menschen, wenn
sie dahin kommen, auch mir, andere Namen, nur den Namen Charlotte
behalten Sie. Ich habe das mit Goethe gemein, daß ich eine besondere
Vorliebe für Ihren Namen habe. Aber reden Sie über sich vor allem wie
über eine Dritte, loben und tadeln Sie sich, wo Sie ein anderer loben
und tadeln würde.

Was ich besorge, ist, daß Sie von schmerzlichen Erinnerungen ergriffen
werden, da ich ja schon weiß, daß Sie viel gelitten haben. Allein
vorerst sind Sie davon noch fern. Kindheit und Jugend sind meist heiter
und froh, und waren es gewiß auch bei Ihnen, und die Schilderung beider
werde ich von Ihnen mit Freude empfangen. Sie schreiben _nur für mich_,
und kein anderes Auge als das meinige ruht auf dem, was Sie für mich
schreiben. Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen
entgegen. Leben Sie herzlich wohl! Ihr      H.



_Burgörner_, 1822.

Meine beiden Briefe werden Sie, liebe Charlotte, empfangen haben, ob sie
gleich noch unbeantwortet sind. Beide hatten die Absicht, Sie über Ihre
Bedenklichkeiten zu beruhigen. Ich hoffe, das ist mir gelungen, und ich
wiederhole Ihnen heute zuerst, was Ihnen mein letzter Brief sagte, daß
alles, was Sie mir aus Ihrem Leben und Ihrer Vergangenheit mitteilen,
ganz durch Ihre Empfindungen bestimmt werden muß. Es soll ein
Zurückgehen in die Vergangenheit sein, mit dem, der den innigsten Teil
an Ihnen nimmt, aber kein Aufreißen schmerzlich vernarbter Wunden, das
mußte ich Ihnen zuerst sagen.

Recht herzlich danke ich Ihnen für die mir als Probe übersandten wenigen
Bogen. Die Erzählung beginnt so ganz zu meiner Zufriedenheit, nur
wünschte ich doch hier und da noch mehr Ausführlichkeit. Lassen Sie sich
gar keine Furcht angehen, daß Sie zu weitläufig werden könnten, und
denken Sie nicht, wie langsam Sie verweilen. Wir leben beide noch sehr
lange, wenngleich Sie länger. Gerade die Schilderungen Ihres väterlichen
Hauses, bestes Kind! haben ein großes Interesse für mich, und Sie haben
wieder völlig wahr gemacht, was ich Ihnen immer sagte, daß Sie sehr gut
schreiben, sehr wahr, hübsch und natürlich erzählen. Fahren Sie nur eben
so fort, und wenn es Ihnen manchmal beschwerlich wird oder Ihnen Zeit
raubt, so denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen. Es verlängert und
erweitert gewissermaßen das Leben, wenn man so individuelle
Schilderungen einer Zeit vor sich hat, die man an ganz andern Orten und
in ganz andern Verhältnissen erlebte, und es gibt doch in der Welt
nichts Interessanteres für den Menschen, als wieder der Mensch. Man kann
eigentlich nie genug sehen und nie genug hören. Es entstehen selbst
durch jedes neue Gesicht, möchte ich sagen, neue Ideen. Erhält man nun
aber gar bestimmte, ins Detail gehende Schilderungen, so sind es neue
Figuren, die sich vor der Seele bewegen, und mit denen man ebenso lebt,
wie in der Wirklichkeit. Dieser Hang, sich eigentlich an
Menschengestalten zu ergötzen, in ihnen wie unter Anwesenden zu leben,
verträgt sich doch sehr gut mit dem entschiedensten Hange zur
Einsamkeit. Sobald man mit Menschen umgehen muß, oder noch mehr, sobald
man recht gern mit ihnen umgeht, befindet man sich selbst zu sehr in
Tätigkeit, will sich auch wohl selbst geltend machen, und wird von bloß
reiner Beschauung abgezogen. Lebt man aber mit dem Hange zur Einsamkeit
unter Menschen, was man von Zeit zu Zeit nicht vermeiden kann, so gehen
sie mehr wie Figuren der Beschauung vor einem vorüber, man richtet seine
Aufmerksamkeit ganz auf sie und nicht auf sich selbst. Wie man auf sie
wirkt, wie man ihnen gefällt, bleibt einem sehr gleichgültig, wenn man
sie nur in ihrer eigentlichen Natur sieht. Kehrt man dann in die
wirkliche Einsamkeit zurück, so hat man viele Bilder um sich, und wenn
man zu innerer Geistesbeschäftigung geneigt ist und aufgelegt, so
entstehen aus den wirklichen Menschen idealische in der Phantasie, denen
die wirklichen nur in den äußeren Umrissen zum Grunde liegen. Alle
moralischen Fragen, alle tieferen Betrachtungen über Leben und Zweck des
Lebens, über Glück und Vollkommenheit, über Dasein und Zukunft gewinnen
ein reicheres Interesse, erlauben mannigfaltigere Anwendungen, wenn man
sie gleichsam an so vielen Menschengestalten einzeln prüfen kann. Denn
in jedem, auch selbst unbedeutenden Menschen liegt im Grunde ein
tieferer und edlerer, wenn der wirklich erscheinende nicht viel taugt,
oder noch edlerer, wenn er in sich gut ist, verborgen. Man darf sich
nur gewöhnen, die Menschen so zu studieren, und man kommt unvermerkt aus
einem anscheinend alltäglichen Leben in eine ungleich höhere und tiefere
Ansicht der Menschheit überhaupt. Es ist ja eigentlich das, worin das
Gepräge jedes größeren Dichters liegt, diese Ansicht überall, und da er
nur frei schaffen kann, ganz rein zu geben, oder vielmehr sie mitten aus
aneinander gereihten, oft zufällig scheinenden Begebenheiten
hervortreten zu lassen. Die Geschichte hat etwas Ähnliches. Das
menschliche Wesen tritt auch schon reiner und größer in ihr hervor, als
in den tausendfältigen kleinen Umgebungen der Gegenwart. Einen
interessanten Charakter mehr im Bilde zu besitzen, ist ein eigentlicher
Lebensgewinn, und mit dem Einzelnen verbinden sich nun bisweilen die von
Ständen, Zeiten, Gegenden. So habe ich immer eine entschiedene Neigung
zu den Landpredigern gehabt, und eine Art romantische für ihre Töchter.
Das war schon in mir, ehe ich Sie gesehen hatte, und nachher hat es eben
durch Sie unendlich in mir zugenommen, obgleich Sie die Einzige
geblieben sind, die diesen Eindruck auf mich gemacht hat. Einen großen
Teil alles Guten im deutschen Charakter habe ich aus den
Landprediger-Töchtern abgeleitet: die tiefe, nicht tändelnde Empfindung;
die Einfachheit bei hoher Bildung; die Entfernung alles vornehmen
unangenehmen Tons, bei allen Eigenschaften, die man in vornehmen
Zirkeln gern hat. Ich habe davon oft gesprochen und dann bei mir lachen
müssen, daß ich das alles im Grunde von Ihnen herleitete, da ich nie
eine andere Prediger-Tochter auch nur irgend näher gekannt hatte. Aber
ich hatte, wie ich Ihnen sage, ein Vorgefühl davon, denn schon zu Ihnen
hat mich diese Neigung, wie wir uns sahen, schnell hingezogen. Nun waren
Sie mir, ein halbgesehenes Bild, entschwunden, und gehörten also ganz
der Phantasie an. Daher hat nun auch alles, was Sie mir von Ihrer
Kindheit, Ihrer Jugend, Ihrem elterlichen Hause sagen, ein besonderes
Interesse für mich. Ich prüfe daran, ob ich richtig oder falsch ahnte,
und befinde mich in der Welt, in die mich meine jugendliche Phantasie
versetzt hatte. Es ist mir jetzt doppelt leid, daß ich Ihren Vater und
Sie nicht in demselben Herbste, wo ich Sie zuerst sah, besuchte. Ich war
in Düsseldorf bei Jacobi und wollte von dort zu Ihnen, aber Jacobi hielt
mich länger auf, und nun eilte ich nach Göttingen zurück. Man hat in der
Jugend oft eine einfältige Pflichtmäßigkeit. Um ein paar
Kollegienstunden nicht zu versäumen, versäumte ich etwas, was sich nie
nachholen läßt, mir ein lebendiges Bild von Ihnen in jener Zeit, Ihrem
Elternhause, Ihrem ganzen Leben zu verschaffen.

Ich sagte im Anfange, daß Sie nicht ausführlich genug gewesen wären,
darüber werden Sie lachen, da Sie schon alles menschenmögliche Maß
überschritten zu haben glauben. Aber es ist doch so. Ich meine nämlich,
daß Ihre Schilderungen noch umständlicher sein, noch mehr Züge dessen,
wie es um Sie her war, enthalten sollten. Die Frage, die ich hersetzen
will, müssen Sie mir noch in einem Ihrer nächsten Briefe auf einem
besondern Blatte pünktlich und genau beantworten: Wie Ihre Mutter
aussah? Das läßt sich doch beschreiben. Sie haben es aber garnicht
getan. Von allen Personen, die oft und viel in Ihrer Erzählung
vorkommen, müssen Sie das immer tun. Was Sie sich also von den
Gesichtszügen und dem Körperbau Ihrer Mutter erinnern, schreiben Sie ja
ganz genau. Dann haben Sie mir zwar das Innere Ihres elterlichen Hauses
beschrieben, aber nicht bestimmt genug. Ob die Lage des Hauses, des
Orts, die Umgebungen gegen Gärten, gegen Nachbarhäuser, ob die Gegend
anmutig war, ob Sie aus den Fenstern ins Grüne, ob weit ins Ferne sahen,
von dem allen steht kein Wort in Ihrer Erzählung, und das sind so ganz
wesentliche Umstände, das holen Sie ja nach und machen Sie die
Schilderung so, daß ich mir ein bestimmtes Bild davon entwerfen kann.
Diesen Wunsch müssen Sie mir befriedigen, sonst schwankt alles in der
Phantasie, und selbst die Gedanken und Empfindungen verlieren dadurch in
ihrem Gehalte.

Sie werden mich recht lästig mit meinen Bitten finden, aber Sie haben
sich einmal darauf eingelassen, sie zu erfüllen.

Ich bin allein hier und nicht auf lange Zeit. Richten Sie aber doch
Ihren nächsten Brief hierher; vermutlich findet er mich noch hier, und
ist das nicht, so geht er von hier von selbst nach Berlin, wohin ich
zurückkehre. Sie erinnern sich wohl – Burgörner bei Hettstädt. Leben
Sie herzlich wohl, liebste Charlotte, mit immer unveränderlichen
Gesinnungen Ihr               H.



_Tegel_, den 10. Juli 1822.

Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich Sie bitte, Ihre Briefe,
wenn die meinigen diese Überschrift tragen, immer nach Berlin zu
adressieren, sie kommen mir sicherer zu. – Hier brachte ich meine
Kindheit und einen großen Teil meiner Jugend zu. Ich liebe Tegel sehr.
Die Gegend ist wenigstens die hübscheste um Berlin; auf der einen Seite
ein großer Wald, auf der anderen von Hügeln, die schön bepflanzt sind,
eine Aussicht auf einen ausgedehnten, von mehreren Inseln
durchschnittenen See. Um das Haus und fast überall sind hohe Bäume, die
ich in meiner Kindheit erst in mäßiger Stärke sah, und die nun mit mir
emporgewachsen sind. Ich baue jetzt ein neues Haus hier, das schon halb
fertig ist, und bringe auch hierher die Gemälde und Marmorsachen, die
wir haben, so wird es ein anmutiger Wohnplatz, von dem ich selten in die
Stadt kommen werde.

Hier bekam ich auch Ihre beiden lieben Briefe, den vom 25. v. M. und den
vom 3. d. M., für die ich Ihnen herzlich danke. Ich beantwortete den
ersten, in dem Sie mich so sehr bitten, Ihnen augenblicklich zu
schreiben, nicht gleich, weil ich wußte, daß einer von mir in der Zeit
in Ihren Händen sein müßte.

Daß ich ihren Hang zur Einsamkeit tadeln oder einschränken möchte,
dürfen Sie nie fürchten. Ihr alter väterlicher Freund Ewald ist aber
doch wohl hier viel gütig-sorglicher gewesen und hat an Ihr Glück
gedacht und geglaubt, Sie hätten mehr Vergnügen in einer geselligeren
Art zu leben. Ich meine nun das garnicht, allein, wenn ich es auch
meinte, so würde ich doch mehr zur Einsamkeit raten. Es ist nun einmal
(das lobe ich aber nicht) meine Art so, bei mir (das möchte hingehen),
aber auch bei anderen, viel weniger auf ihr Glück, ihren Genuß, als auf
das, was sie in sich sind, auf den vorzüglicheren Grad und die
eigentümliche Art ihrer Gemütsstimmung zu sehen. Diese nun ist aber
schon schöner, wenn man die Einsamkeit liebt, und wird schöner, wenn man
dieser Liebe nachhängt; sie würde es aber allmählich auch, wenn man von
Natur die Einsamkeit nicht liebte, und sich nur Gewalt antäte, in ihr zu
beharren. Das ist so in vielem meine Theorie.

Daß Sie mir gelegentlich erzählen, daß an Ihrem Haus und Garten ein Bach
mit einem Steg ist, hat mir Vergnügen gemacht. Solche kleinen Züge
bezeichnen die ganze Lage und versetzen einen in die Gegenwart. Denken
Sie nun auch hübsch an mich, teure Charlotte, hinter Ihrem Bach.

Der Aufsatz, den Sie mir vorerst als Beantwortung meiner Frage senden,
der ursprünglich nicht für mich bestimmt war, in dem aber eine Stelle
über mich vorkommt, für die ich Ihnen sehr dankbar bin, hat mich sehr
interessiert. Ich liebe die Ansichten, die jemand, der bei vielen andern
genauen Übereinstimmungen doch sehr verschieden sein muß, über
Gegenstände wie über Schriften hat, mit denen man durch das Leben
gegangen ist. Es muß in solchen Beurteilungen vieles einseitig, selbst
unrichtig sein, aber es ist die wahre, die natürliche und die eigene
Ansicht, diese zieht immer an, weil man von ihr aus wieder Blicke in das
Individuum tut, sie ist auch in hohem Grade belehrend, weil man sie sich
gar nicht so von selbst vorstellen kann, und den Wert, den Eindruck, die
Wirksamkeit der Dinge meist nur nach allgemeinen Maßstäben mißt und nur
gewohnt ist, sich alles im Zusammenhange mit Denkart, Charakter,
Erziehung und äußeren Umständen zu denken. Man wird die individuelle
Ansicht immer ehren, auch wenn man nicht darin übereinstimmen könnte.
Das, was Sie über mich sagen, ist sehr liebevoll und gütig, aber ich
kann auch gewiß hinzusetzen, daß das gewiß wahr ist, daß ich unfähig
wäre, je einen Menschen, der mir irgend nahe stand, zu vergessen oder
aufzugeben, ich verfolge vielmehr jede Spur, die aus der Vergangenheit
übrig ist. Jede solche Verbindung, ja jedes solches bloßes Begegnen,
hängt ja mit so vielen in einem zusammen, und das Leben ist schon ein
solches Stück- und Flickwerk, daß man nicht genug trachten kann, die
zusammenhängenden Teile fester aneinander zu knüpfen. Freilich kommt es
auch darauf an, daß die, an die man sich auf solche Weise erinnert, noch
etwas behalten haben, was dem Bilde entspricht, das in der Seele lebt.
Aber selbst, wenn das nicht ist, wie ich auch deren Beispiele in meinem
Leben habe, so ergötze ich mich doch, wenn mir solche Personen wieder
vorkommen, sie und ihr Treiben zu betrachten, ohne ihnen weiter ein
fortdauerndes Interesse zu beweisen. Bei Ihnen ist das nun aber sehr
anders; Sie haben so lange Jahre mein Andenken treu bewahrt, ohne
irgendein Zeichen des Andenkens von mir zu empfangen; Sie leben gern und
viel in Gedanken mit mir; Sie machen keine Ansprüche noch Forderungen an
mich, als die ich gern und mit Freuden erfülle.

Sie bitten mich abermals, meine Briefe bewahren zu dürfen. Liebe
Charlotte, ich bin ein großer Feind von alten Briefen, und wenn auch gar
nichts darinnen steht, was irgend jemandem im mindesten nachteilig sein
könnte, habe ich das Aufheben nicht gern. Ein Brief ist ein Gespräch
unter Anwesenden und Entfernten. Es ist seine Bestimmung, daß er nicht
bleiben, sondern vergehen soll, wie die Stimme verhallt. Bleiben soll
der Eindruck, den er in der Seele hervorbringt, und den dann der zweite
und die folgenden verstärken oder verändern.

Aber Sie legen einen so hohen Wert darauf, Sie bitten mich so inständig
und dringend darum, daß ich es Ihnen gewiß nicht abschlagen will.
Behalten Sie also immerhin die Blätter. Es ist ja dazu sehr lieb und gut
von Ihnen, daß Sie sagen, Sie holen sich immer daraus, was Sie bedürfen.
Ich schreibe nie eine Zeile, die ich nicht mit Fug und Recht verteidigen
könnte, so ist es mir auch nicht gegeben, über das Schicksal meiner
Briefe unruhig zu sein. Auch war es das nicht, was mich bewog, Sie um
Verbrennung der meinigen zu bitten, sondern, wie ich oben sagte, weil
ich das Aufheben der Briefe überhaupt nicht liebe. Selbst das Lesen
alter Briefe will mir nicht recht einkommen. Ich dächte, man
beschäftigte sich lieber mit dem Gegenstande in Gedanken, an dem das
Herz hängt, da der Brief doch sein Leben verloren hat, wenn er nicht
eben von geliebter Hand kommt. Bei Ihnen ist das anders. So behalten Sie
immerhin die Briefe. Es macht mir Freude, Ihnen einen Wunsch zu
gewähren, da Sie so selten einen Wunsch aussprechen. Nun leben Sie
herzlich wohl, liebste Charlotte, und bleiben Sie um mich mit Ihren
Gedanken, die meinigen teilen oft Ihre Einsamkeit. Ihr           H.

       *       *       *       *       *

Sie wundern sich, daß eine Liebe zur Beschäftigung mit Empfindungen,
eine Milde und Zartheit in denselben, ein Eingehen in fremde
Gemütsstimmungen, mir unter vielen und abziehenden Geschäften geblieben
ist. Das kommt doch nur daher, daß jenes eigentlich die natürliche
Beschaffenheit meines Gemüts ist, und daß es mir immer eigen gewesen
ist, gegen das innere und eigentliche Sein, die Geschäfte nur wie eine
Art Nebensache zu behandeln, immer ihrer mächtig zu bleiben, statt mich
von ihnen beherrschen zu lassen. Man macht sich darum und auf diese
Weise nur desto besser. Und das, was den Menschen als Mensch berührt,
die Gefühle, die ihn erfüllen, die sich in ihm drängen und stoßen, haben
immer einen hauptsächlichen Reiz für mich gehabt. Ich habe zuerst damit
angefangen, mich selbst zu kennen und mich selbst zu beherrschen, und
kein Mensch kann sich klarer durchschauen, keiner sich mehr in seiner
Gewalt haben als ich. Ich habe dabei immer nach zwei Dingen gestrebt:
mich empfänglich zu halten für jede Freude des Lebens, und dennoch
durchaus in allem, was ich mir selbst nicht geben kann, unabhängig zu
bleiben, niemandes zu bedürfen, auch nicht der Begünstigungen des
Schicksals, sondern auf mir allein zu stehen, und mein Glück in mir und
durch mich zu bauen. Beides habe ich in hohem Grade erreicht, über keine
Freude und keinen Genuß des Lebens bin ich hinweg, wie es die Leute
nennen. Die einfachste Sache, wenn sie nur etwas Anmutiges oder Höheres
an sich trägt, oder wenn sie mir durch irgend etwas besonders zusagt,
gewährt mir reine Freude. Daher niemand so dankbar ist als ich, weil
wirklich auch wenig Menschen so viel Grund zur Dankbarkeit haben. Teils
begegnet ihnen vielleicht weniger Erfreuliches, teils aber finden sie
auch in dem, was ihnen begegnet, das Erfreuliche nicht so heraus, und
genießen es nicht, wie sie könnten. Aber kein Mensch ist auch so wenig
bedürftig als ich, und darauf beruht ein großer Teil meines Glücks, denn
jedes Bedürfnis ist, wie es befriedigt wird, nur eigentlich Stillung
eines Schmerzes, und alles, was darauf verwendet wird, geht dem reinen,
ruhigen, stillen Genuß ab.

Der Fähigkeit, sich einem fremden Willen, bloß weil es ein solcher Wille
ist, auch geradezu gegen die Neigung zu unterwerfen, als _Muß_ sich zu
unterwerfen, dieser Fähigkeit bedarf jeder, auch der Mann, und ich würde
mich sehr tadeln, wenn ich nicht wüßte, daß ich sie hätte. Sie macht
überdies das Gemüt milder, weicher und, so sonderbar es scheint,
zugleich stärker, selbständiger und der Freiheit würdiger.

Ohne Kampf und Entbehrung ist kein Menschenleben, auch das glücklichste
nicht, denn gerade das wahre Glück baut sich jeder nur dadurch, daß er
sich durch seine Gefühle unabhängig vom Schicksale macht.



_Burgörner_, im Juli 1822.

Ich habe zwei recht liebe Briefe von Ihnen bald nacheinander empfangen,
liebe Charlotte, die mir herzliche, wahre Freude gemacht haben, und
wofür ich Ihnen ebenso herzlich danke. Die Güte und Liebe, die Sie mir
so treu, wahr und natürlich bezeigen, tut meinem Herzen unendlich wohl,
und wenn ich auch fühle, daß, wenn Sie von mir reden, das nur nach der
Art ist, wie Sie mich ansehen, nicht gerade wie ich wirklich bin, so
freut es mich, selbst da ich viel abbrechen muß, da ja dies liebevolle
Zusetzen eine Folge und ein Beweis Ihrer Empfindung ist. Die
Erinnerungen an Pyrmont haben mich sehr gefreut, auch mir steht noch
vieles, sehr vieles in der Erinnerung von jener Zeit her. Mancher
Gespräche unter uns erinnere ich mich auch noch. Es war in jener Zeit
und selbst in der Gegend eine Scheide im Urteil über viele Dinge, auch
über Dichtungen und Charakterformen, die in jeder Zeit sehr in
Verbindung miteinander stehen. Die einen lebten mehr in Klopstock, den
Stolbergen, und den Dichtern und Theaterstücken, die ruhiger und weniger
excentrisch hinliefen; die andern mehr in Goethe, Schiller, von dem man
damals eigentlich nur die ersten Stücke hatte (Die Räuber, Fiesko), und
allem Regellosen, Excentrischen. Ich stand noch sehr unentschieden. Sie
schienen mir mehr auf die erste Weise gebildet. Ich erinnere mich, daß
Sie die Schillerschen Stücke nicht liebten. Alles das ist mir sehr im
Gedächtnis geblieben, und ist mir noch heute, selbst außer der
Persönlichkeit, merkwürdig, weil sich seit jener Zeit, auch in den
inneren Ansichten, viel mehr verändert hat, als die doch nicht so
unendlich lange Reihe der Jahre voraussehen ließe. Darum ist es mir auch
sehr angenehm, wenn Sie, liebe Charlotte, gerade in Ihrer Jugend recht
lange verweilen, in der Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung. Ich werde
Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie sich dieser Arbeit recht sorgfältig
unterziehen. Auch wünschte ich genauer zu erfahren, durch welche Bücher
Sie schon früh eine so ungewöhnlich ernste Bildung und Stimmung bekommen
haben, und wie und wodurch diese in späteren Jahren sich so sehr
befestigt hat. Ich wiederhole auch hier, Sie können in dem allen nicht
weitläufig genug sein. Über das: jemand nach seinem Charakter behandeln,
kann ich nicht ganz Ihrer Meinung sein. Ich tue es immer, einesteils
weil es leicht zum Zwecke führt, dann, weil ich nicht berufen bin, auf
den Charakter der Menschen gegen ihren Willen einzuwirken, endlich, weil
die Menschen dabei glücklich und heiter bleiben und man gern Glück und
Heiterkeit um sich verbreitet. Allein, was mich selbst betrifft, so
wünsche ich immer und tue alles dazu, daß mich die Menschen nicht nach
meinem Charakter nehmen mögen. Denn was heißt das anders, als den
Charakter, wie er nun einmal ist, für abgeschlossen und unveränderlich
annehmen, und ihn in allem, was er in sich enthält, zu bestärken? Nun
aber ist keines Menschen Charakter fehlerfrei, es heißt also auch, den
Menschen in seinen Fehlern bestärken. Ich weiß wohl, daß es mich
manchmal tief schmerzt, wenn ich gegen meinen Charakter behandelt werde,
allein ein solcher innerer Schmerz ist allemal heilsam, und das wahre
Glück beruht gar nicht auf Schmerzlosigkeit. In dem Grade nun, daß die
Menschen meines vertrauten Umgangs mir zu erkennen geben, daß Sie auch
gern mit Kraft und Selbstverleugnung an sich arbeiten, daß sie heilsame
Schmerzen nicht scheuen, behandle ich auch sie weniger mit Rücksicht auf
ihren Charakter, und so könnte ich wohl bisweilen gegen die, welche mir
innerlich am nächsten stehen, gerade am wenigsten schonend erscheinen.
– Es tut mir sehr leid, aus einzelnen Äußerungen zu erkennen, daß Sie
leidend waren, vielleicht noch sind. Schonen Sie sich, liebe, gute
Charlotte, schonen Sie sich auch für mich, denken Sie, daß es mich
unendlich bekümmert, Sie leidend zu wissen. Ihre Ruhe, Ihre Heiterkeit,
vor allem Ihre Gesundheit ist es, worauf es mir ankam. Frauen sind darin
glücklicher und unglücklicher als Männer, daß ihre meisten Arbeiten von
der Art sind, daß sie während derselben meist an ganz etwas anderes
denken können. Ich würde es ein Glück nennen. Denn man kann ein ganz
inneres Leben fast den ganzen Tag fortführen, ohne in seinen Arbeiten
oder in seinem Berufe dabei zu verlieren oder gestört zu werden. Es ist
das auch wohl ein Hauptgrund, warum wenigstens viele Frauen die Männer
in allem übertreffen, was zur tieferen und feineren Kenntnis seiner
selbst und anderer führt. Allein, wenn jene inneren Gedanken nicht
beglückend, oder wenn sie wenigstens das nicht rein und unvermischt
sind, sondern niederschlagend und beunruhigend dabei, so ist allerdings
die Gefahr größer, welche die innere Ruhe bedroht; da Männer in ihren
Geschäften selbst, auch wider ihren Willen, Zerstreuung und Abziehung
von einem das Innere einnehmenden Gedanken finden.

Fürchten Sie nie, daß mir Ihre entschiedene Vorliebe für die einsame
Stille, die Sie sich selbst geschaffen haben, mißfallen könne. Gerade
das Gegenteil. Die Zeichnung Ihres kleinen Landhauses und Gartens, die
Ihrem letzten Brief beigelegt war, hat mir Vergnügen gemacht; es ist
angenehm, sich mit jemand, den man liebt, alle Umgebungen denken zu
können. Die Einseitigkeit, welche, wie Sie sagen, Ewald für Sie
gefürchtet und darum die große Zurückgezogenheit, worin Sie leben, nicht
ganz gebilligt habe, ist allerdings etwas, das nicht taugt. Einmal aber
ist sie bei Ihnen nicht zu besorgen, andernteils auch kann man doch für
sehr vieles verstummen, ohne zu verarmen im Innern, oder dem Wahren,
Guten und Schönen abzusterben.

Die Abgeschiedenheit spannt alle Vermögen eines weiblichen, in sich
zarten und tiefen Gemüts höher, läutert die Seele und zieht sie ab von
den kleinlichen, zerstreuenden Rücksichten, worein Frauen leichter
verfallen als Männer. Auch gibt eine Frau, die die Einsamkeit liebt und
in ihr lebt, gleich den Begriff, daß sie keine Freude sucht, als die sie
aus der Tiefe ihres eigenen Innern schöpft, und das ist das
Haupterfordernis, um einem selbst tiefer und besser fühlenden Mann zu
gefallen und ein bleibendes, unwandelbares Interesse einzuflößen.

Die wenigsten Menschen verstehen, wie unendlich viel in der Einsamkeit
liegt, und gerade für eine Frau liegt. Wenn sie verheiratet ist und
Kinder hat, ist ihr Familienkreis ihre Einsamkeit, im entgegen gesetzten
Fall aber ist es eine absolute, in der man wirklich allein lebt und
wenig Menschen sieht.

Das Glück vergeht und läßt in der Seele kaum eine flache Spur zurück und
ist oft gar kein Glück zu nennen, da man dauernd dadurch nicht gewinnt.
Das Unglück vergeht auch (und das ist ein großer Trost), läßt aber tiefe
Spuren zurück, und wenn man es wohl zu benutzen weiß, heilsame, und ist
oft ein sehr hohes Glück, da es läutert und stärkt. Dann ist es eine
eigene Sache im Leben, daß, wenn man garnicht an Glück oder Unglück
denkt, sondern nur an strenge, sich nicht schonende Pflichterfüllung,
das Glück sich von selbst, auch bei entbehrender, mühevoller Lebensweise
einstellt. Dies habe ich oft bei Frauen in sehr unglücklichen ehelichen
Verhältnissen erlebt, die aber lieber untergingen, als ihre Stelle
verlassen wollten. Leben Sie herzlich wohl. Ihr     H.



_Berlin_, den 2. Dezember 1822.

Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, empfangen, und danke Ihnen von
ganzem Herzen dafür. Es gehört immer zu meinen angenehmsten
Empfindungen, etwas von Ihnen zu erhalten, und jemehr ich darin Ihre
treue und liebevolle Anhänglichkeit erkenne, desto tiefer ist der
Eindruck, den Ihre Zeilen auf mich machen. Die Erinnerung der
Vergangenheit gesellt sich alsdann zu dem Genuß der Gegenwart, und ich
rechne es immer zu den günstigsten Schicksalen meines Lebens, daß Sie
mein Andenken haben bewahren wollen, und daß, wie mich Ihnen
Beschäftigungen, Schicksale genähert haben, Sie fortdauernd Wert auf
meine Teilnahme legen, in meine Ideen eingehen, und es sich selbst für
ein Glück, ja wohl gar mir zum Verdienst anrechnen, daß mir Empfindungen
blieben, die nur mit meinem eigenen Leben aufhören können. Es könnte
mich dieser Beifall eigentlich stolz machen, allein dazu habe ich keine
Anlage. Ich kenne mehr, wie irgendeiner, meine Fehler und Schwächen und
weiß, daß es kein Verdienst genannt werden kann, daß, wenn man einmal
vom Schicksal gewürdigt worden ist, das natürlich Treffliche und
Gediegene zu sehen, wenn es sich, auch durch eine Gabe des Glücks, einem
wirklich erschlossen hat, man es nun auch im Tiefsten der Seele festhält
und sich nicht wieder entreißen läßt. Für ein solches Glück halte ich
es, daß ich Sie einmal sah und Sie mir blieben, und fortfuhren, mir mit
Treue anzuhängen, sich noch jetzt gern und willig mir unterordnen und
mir erlauben, Ihnen so vertraulich zu schreiben. Ich habe die Stimmung
von der Natur empfangen, die ich für eine ihrer wohltätigsten Gaben
halte, daß ich das Unglück nie fürchte, ja, wo es mich betraf, und das
ist doch einigemal auf sehr harte Weise geschehen, es nur als einen
ernsten, aber nicht übelwollenden Begleiter betrachte; dagegen das Glück
unendlich schätze, erkenne und genieße. Ich meine aber so das recht
reine Glück, das, von allem Verdienst entblößt, uns die Götter schicken,
ohne daß der Mensch dazu das mindeste tut. Ein solches Glück war es, daß
Sie mir je begegneten, daß mir ein irdisches Bild vor Augen trat, das
mir immer blieb und immer bleiben wird, mit dem nichts meinen Frieden
stören kann und stören wird. Denn selbst, wenn es möglich wäre, daß Sie
etwas anwandelte, das ich mißbilligen müßte, so bliebe jenes Bild ewig
rein und unentweiht in mir. Es wäre dann etwas, das Ihnen so begegnete,
wie es jedem Menschen wohl begegnen kann, es wäre aber nicht in die Züge
verwebt, die den Umriß jenes Bildes ausmachen. Denn jeder Mensch trägt
eigentlich, wie gut er sei, einen noch besseren Menschen in sich, der
sein viel eigentlicheres Selbst ausmacht, dem er aber wohl einmal untreu
wird, und an diesem inneren und nicht so veränderlichen Sein, nicht an
dem veränderlichen und alltäglichen muß man hängen, auf jenes dieses
zurückführen, und manches verzeihen, woran jenes tiefere Sein unschuldig
ist. So hatte ich ja auch nie geahnt, welchen Schatz von Liebe und Treue
Sie mir ein langes Leben bewahrten. Wie sollte es mich nicht beglücken!
Diese Empfindungen, die Sie für mich hegen, die Gefühle, die aus jedem
Ihrer Briefe sprechen, sind ja der Grund, auf dem alles, was wir
miteinander wechseln, rein und schön hinfließt, von dem es die Farbe
annimmt und in dessen Licht es erscheint. Darin liegt auch der große
Reiz, den Ihre Lebensbeschreibung für mich hat. Jemehr ich die
Umgebungen kennen lerne, in denen Sie, meine gute Charlotte, aufwuchsen,
jemehr ich Sie mir darin denke, desto mannigfaltiger bewegt schweben mir
die Züge vor, an die meine Einbildungskraft immer gern und lieblich
geheftet ist. Solchen Genuß der Phantasie rechne ich zu den höchsten,
die den Menschen gegeben sind, und in vieler Rücksicht ziehe ich ihn der
Wirklichkeit vor. In diese kann immer leicht etwas störend eintreten,
aber jene nähert sich den Ideen, und das Größte und Schönste, das
Menschen zu erkennen imstande sind, bleiben doch die reinen, nur mit dem
inneren Blick erkennbaren Ideen. In ihnen zu leben ist eigentlich der
wahre Genuß, das Glück, was man ohne Beimischung irgendeiner Trübheit in
sich aufnimmt. Nur haben wenig Menschen eigentlich Sinn dafür. Denn es
gehört dazu eine Neigung der Beschauung, die in Menschen unmöglich ist,
bei denen Sinnlichkeit und innere moralische Empfindung in Verlangen zur
Wirklichkeit und zum Genuß übergehen. Ich bin von diesem Verlangen mein
ganzes Leben hindurch sehr frei gewesen und habe daher mehr durch den
Anblick vom Inneren und Äußeren genossen, und in beiden Rücksichten mehr
die Wahrheit der Dinge erkannt, ohne mich Täuschungen hinzugeben.

Sie haben mich, liebe Charlotte, schon vor längerer Zeit gebeten, Ihnen
Nachricht von den Meinigen zugeben; Sie haben den Wunsch leise erneuert
und sprechen ihn jetzt wieder auf eine so zart empfundene Art aus, daß
ich mir fast einen Vorwurf darüber mache. Sie sagen: die nahen
Angehörigen geliebter Männer seien für Frauen unendlich teure,
geheiligte Gegenstände; die Kinder, Teile seines Wesens, die
Lebensgefährtin, als die Mutter dieser, würden in dem Grade, wie sie den
Geliebten beglücken, von der innigsten Zärtlichkeit umfaßt. Indem ich es
zu würdigen weiß, aus wie edler Quelle dergleichen Äußerungen kommen,
danke ich Ihnen recht herzlich dafür. Ich habe es nur von Brief zu Brief
verschoben, weil ich gewöhnlich das letzte Wort eines Blattes und die
letzte Viertelstunde der Zeit erreichte, ehe ich dazu kam. Ich fange bei
meiner Frau an, da ich mich nicht erinnere, ob Sie wissen, wer sie
eigentlich ist. Wenn ich Ihnen also etwas sage, was Ihnen bekannt ist,
so seien Sie mir darum nicht böse. Sie war ein Fräulein von Dacheröden,
in ihrer Jugend sehr schön, und, ob sie gleich acht Kinder gehabt hat,
noch viel mehr erhalten, als es Frauen, die nicht in dem Falle sind,
gelungen ist. Sie ist seit einiger Zeit kränklich, aber auf keine Weise,
die Besorgnis erregte, oder ihre natürliche Heiterkeit störte. Burgörner
gehört ihr und ist eins ihrer Güter, dahingegen Tegel und die
schlesischen mir gehören. Unsere Ehe wurde bloß durch gegenseitige
Neigung, ohne alles Zutun von Eltern und Verwandten, geschlossen, sie
hat in den einunddreißig Jahren, die sie nun währt, nie einen nur
weniger zufriedenen Moment gehabt, unser Glück ist gegenseitig heute,
wie im Anfang, und hat nur die Farbe der verlaufenden Zeit nach und nach
angenommen. Da wir beide von Natur heiter sind, so ist unser Verhältnis
selbst jugendlicher geblieben, als es sonst der Fall sein würde. Meine
Geschäfte haben uns manchmal lange voneinander getrennt, aber seitdem
ich freie Muße genieße, sind wir fast ununterbrochen zusammen, und dies
fortsetzen zu können, wird mich vorzüglich bewegen, wenn es nicht
durchaus sein muß, nicht wieder in Dienst zu treten. Gleich nach meiner
Verheiratung lebte ich auch außer Dienstverhältnissen über zehn Jahre
lang, und reiste damals mit meiner Frau nach Frankreich und Spanien.
Jetzt in der Stadt berühre ich fast die Straße mit keinem Fuß, und fahre
auch selten aus. Auf dem Lande gehen wir immer zusammen spazieren, oder
sind beide zu Hause. Von unsern acht Kindern haben wir leider drei, eins
in Paris, zwei in Rom, verloren, als ich dort Gesandter war. Jetzt haben
wir noch drei Töchter und zwei Söhne. Die älteste Tochter wird sich
schwerlich verheiraten, sie bleibt gern mit uns, und wir würden sie, da
sie so lange mit uns gewesen ist, noch ungerner missen. Meine beiden
andern Töchter sind verheiratet; die zweite heiratete, ehe sie noch
fünfzehn Jahre alt war, und ihr Mann in den Krieg ging. Sie hat den
Obrist-Lieutenant von Hedemann zum Manne und lebt überaus glücklich. Die
jüngste ist an den Geheimrat von Bülow verheiratet, der
Legations-Sekretär bei mir in London war, und jetzt hier bei dem
auswärtigen Departement steht. Sie hat eine Tochter, die bald ein Jahr
alt sein wird, und lebt gleichfalls sehr heiter und in ihrer
Häuslichkeit zufrieden. Mein jüngster Sohn ist noch im Hause und wird
bei mir erzogen. Mein ältester ist Kavallerieoffizier in Breslau und hat
eine schöne und liebenswürdige Frau. Sie hat leider noch keine Kinder.
So wissen Sie wenigstens im ganzen so viel, daß Sie sich meine Familie
und mein Leben in derselben vorstellen können. Außer meiner Familie sehe
ich wenig Leute. In Privathäuser gehe ich selten, nur zu einigen alten
Bekannten.

Ich muß nun schließen, das Papier ist zu Ende. Leben Sie herzlich wohl,
liebe Charlotte. Mit der unwandelbarsten und wärmsten Anhänglichkeit der
Ihrige.                        H.



_Berlin_, den 27. Dezember 1822.

Ich setze mich mit inniger Freude an den Tisch, Ihre beiden Briefe zu
beantworten, die mir, wie alles, was mir von ihnen kommt, sehr teuer
gewesen sind. Es tut mir sehr leid, daß mein längeres Schweigen Sie
einen Augenblick beunruhigt hat, ob ich gleich diesem Umstande einen
Brief mehr von Ihnen verdanke. Sie müssen aber nie unruhig sein, wenn
ich einmal länger nicht schreibe, als Sie gerade gedacht haben, daß ich
es tun würde. Ich bin so selten krank, daß dies garnicht in Berechnung
kommen kann, und eine Änderung in meinen Gesinnungen, wie leise sie auch
sein möchte, ist in der Tat unmöglich. Es widerspricht meinem Charakter
überhaupt, und widerspricht noch viel mehr meinen einmal für Sie
gefaßten Empfindungen, und kann mit einem Worte nicht eintreten. Daß ich
aber einmal weniger oft schreibe, hat ganz zufällige Ursachen, die ich
aber auch nicht gut ändern kann. Ob ich gleich jetzt gar keine
eigentlichen Geschäfte habe, so bin ich beschäftigter als die meisten,
die selbst viel mit solchen beladen sind, und ich lebe keineswegs so,
wie manche andre, daß ich nur auf irgend eine Weise dem Vergnügen oder
meinen Einfällen nachhänge. Meine Stunden vom Morgen bis zum Abend, und
vor 1 Uhr gehe ich nie zu Bette, sind regelmäßig besetzt; mit meiner
Familie bringe ich nur etwa zwei Stunden am Abend, außer dem
Mittagessen, zu. In Gesellschaft gehe ich so gut als garnicht, und in
meiner Stube, in der ich also die meiste Zeit meines Lebens zubringe,
bin ich mit Papieren und Büchern umringt. Ich führe, seit ich den Dienst
verlassen habe, ein eigentliches Gelehrten-Leben, habe weitläufige,
wissenschaftliche Untersuchungen unternommen, und so kommt es denn
freilich, daß der Briefwechsel manchmal stockt, der mit Ihnen aber doch
am wenigsten. Denn ich wundere mich selbst manchmal, wie ich Ihnen so
oft und so lange Briefe schreibe, und dann finde ich es doch wieder so
natürlich, weil ich mich so gern in meinen Gedanken vor Ihnen gehen
lasse, und meine Briefe wieder Veranlassung der Ihrigen sind, die ich so
innig gern lese, wie lang sie sein möchten. Denn zum Lesen habe ich
immer Zeit, da dazu der Entschluß nicht wie zum Schreiben zu nehmen ist,
sondern mit dem erscheinenden Briefe natürlich da ist, so schiebt sich
alles andre so lange zur Seite. Auch das Denken gehört jeder Stunde an,
nur zum Schreiben kommt man nicht immer, und ich könnte mir darin einen
Zwang antun. Ich klagte mich zum voraus bei Ihnen an, liebe Charlotte,
daß ich eigentlich nicht ordentlich und regelmäßig im Schreiben bin, und
Sie sehen jetzt, daß ich nicht unwahr redete.

Daß Sie erfreut und zufrieden sind mit den kurzen Nachrichten, die ich
Ihnen über meine Familie gab, ist mir lieb, ob sie hinzusetzen, »wenn
ich sie auch ausführlicher gewünscht hätte, bin ich doch erfreut und
etwas bekannt mit den Ihrigen und bescheide mich«. – Das ist ganz in
Ihrer Art, und wenn ich Sie darum lobe, so muß ich darüber schmälen, daß
Sie besorgen, ob Sie sich nicht zu sehr haben gehen lassen in dem
Ausdruck Ihrer Empfindungen? Sie haben in Ihrer Selbstbiographie nur für
mich geschrieben. Sie haben mir die ersten Empfindungen Ihrer
jugendlichen Brust aufrichtig, edel und offen gestanden, Sie haben mir
diese Gefühle durch ein ganzes Leben gesondert, bewahrt, und mein
Andenken heilig erhalten, ohne irgendein Zeichen des meinigen empfangen
zu haben. Ihr ganzer Besitz waren ein paar Zeilen auf einem Zettel
Papier. Das würde jeden Mann gerührt haben. Wer aber so etwas zu
würdigen versteht, wie ich das von mir sagen darf, der wird es wie ein
seltenes Glück dankbar empfangen und wie eine Zugabe des Himmels
ansehen. Nicht der leiseste, nur scheinbar gerechte Vorwurf könnte Sie
treffen, und die kälteste, ruhigste Beurteilung könnte hier nichts zu
tadeln finden. Sie sehen, ich will mir nicht wieder entreißen lassen,
was Sie mir einst freiwillig gegeben haben. Ich will es behalten, und
keine kleinlichen Skrupel von Ihrer Seite sollen mir meinen lieben
Besitz rauben. Irre ich, so irrt wenigstens mein Herz nicht. Ich habe
nicht die engherzigen Begriffe über solche Empfindungspflichten, die
wohl sonst im Schwange sind. Wenn man in sich rein ist, kein Gefühl mit
dem andern vermengt, keine Pflicht verletzt, so habe ich für mich (ich
will nie für das Gewissen eines andern reden) kein Arges, mich jedem
Gefühl, das wahr und unentstellt in mir aussteigt, ohne alle
Ängstlichkeit hinzugeben. So ist es in mir. Sie sehen, was ich Ihnen
oben sagte, ich will behalten, was ich habe.

Von meinem Familienleben hätte ich Ihnen, wenn Sie es nicht ausdrücklich
gefordert hätten, und es mir nicht natürlich geschienen, doch auch das
Innere und gerade dasjenige Verhältnis zu berühren, von dem in einem
Familienkreise alle anderen Empfindungen ausgehen, immer geschwiegen.

Also noch einmal, ich will, liebe Charlotte, daß Sie nicht eine einzige
Zeile, nicht ein Wort zurückwünschen. Alles, was Sie mir geschrieben
haben, woraus Ihre Gefühle so rein und wahr hervorstrahlen, beglückt
mich in der Erinnerung. Ich wünsche vor allem, daß der Briefwechsel mit
mir Ihnen reine, durch nichts getrübte Freude mache. Ich habe ja dabei
keinen andern Zweck, als für mich Erinnerungen festzuhalten, die mir
ewig teuer sein werden, und für Sie, Ihnen eben dadurch Freude zu geben.

Daß ich Ihnen jene Nachrichten so spät gab, darf Sie nicht wundern, ich
gab sie nur, weil Sie es wollten. An sich ist es meine Art nicht, von
dem, was ich für einen Menschen fühle, einem andern als ihm selbst zu
sprechen, ja, es ist mir ganz entgegen. Ich weiß wohl, daß man es so
gemeinhin für ein Zeichen und ein Bedürfnis der Freundschaft hält, sich
gegenseitig Freude und Kummer und alles mitzuteilen, den andern, wie man
es nennt, mit sich leben zu lassen. Ich könnte tiefen Kummer und große
Freude im Herzen haben, und es würde mich nie drängen, es denen
mitzuteilen, die ich am liebsten habe. Ich tue es auch wirklich nicht,
wenn die Mitteilung nicht andere Veranlassung hat. Ich halte sehr wenig
von den Ereignissen des Lebens und für mich (Gott weiß, nicht für
andere) wenig von Glück und Unglück, beide, auf mich bezogen, sind die
letzten Rücksichten bei meinem Tun und Handlungen; ich weiß, Gottlob!
mit denen, die ich so gern habe, als Sie, immer noch etwas Besseres zu
reden, als was eben um mich herum vorgeht. Ich mache es gerade so mit
meiner Frau und Kindern. Sie wissen von sehr vielem, was mich
beschäftigt, garnicht, und meine Frau denkt so gleichgestimmt mit mir
darüber, daß, wenn sie zufällig etwas erfährt, was sie nicht wußte,
oder ich ihr selbst bei einer Veranlassung davon sagte, es ihr nicht
einfällt, das sonderbar zu finden. Freundschaft und Liebe bedürfen des
Vertrauens, des tiefsten und eigentlichsten, aber bei großartigen Seelen
nie der Vertraulichkeiten.

Leben Sie herzlich wohl! Mit unveränderlichen
Gesinnungen der Ihrige.                    H.



_Berlin_, den 14. Februar 1823.

Sie verstummen ja ganz, liebe Charlotte. Es ist ungewöhnlich lange, daß
ich keine Zeile von Ihnen erhielt. Schon seit acht Tagen wollte ich Sie
bitten, das Stillschweigen zu brechen. Aber ich hoffte mit jedem Posttag
einen Brief zu erhalten. Wenn Sie nur nicht krank sind! Allein gerade
dann, dächte ich, hätten Sie geschrieben, mir wenigstens das zu sagen.
Sie waren aber sehr angegriffen, hatten sich sehr angestrengt, dazu
jetzt die kalte Witterung, das alles könnte Ihnen doch wohl geschadet
haben. Ich bitte Sie inständigst, schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht.
Ich würde in der Tat sehr unruhig sein, wenn ich auch jetzt keinen Brief
erhielte. Ich bin wohl, aber sehr beschäftigt. Mein Bruder war vier
Wochen hier bei mir. Er ist nun nach Paris zurückgegangen; während
seiner Anwesenheit hatte ich alles liegen lassen, und so ist schon das,
was sich in meinen Geschäften angehäuft hat, so ansehnlich, daß ich ein
paar Wochen daran aufzuräumen haben werde. Darum verzeihen Sie auch die
Kürze meiner Zeilen. Da Siegern lange Briefe von mir haben, so wird
Ihnen mein letzter gefallen haben, er füllte den ganzen Bogen, und mit
meiner kleinen Handschrift ist das sehr viel. Leben Sie wohl, und ich
bitte, schreiben Sie mir gleich. Von Herzen und mit unveränderlichen
Gesinnungen der Ihrige.     H.



_Berlin_, den 14. März 1823.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe mit deren Beilagen erhalten und
sage Ihnen meinen herzlichen Dank dafür. Man kann nicht ordentlicher
sein, als Sie diese zweite Lieferung zu Ihrer Lebensbeschreibung
eingerichtet haben. Sie nennen sie: Einleitungshefte. Die Folge wird das
erst ganz deutlich machen, da alle Ihre Gedanken Klarheit haben. Alles
liest sich leicht und mühelos, wie ein Buch, und was bei Handschriften
immer sehr angenehm ist. Daß Sie das Ganze in Lieferungen teilen und
jede in einen angemessenen Abschnitt zusammenfassen, ist äußerst
zweckmäßig. Ich finde es daher auch besser, daß Sie künftig sich nicht
gerade an die Zeitpunkte halten, die ich anfangs bestimmt hatte, sondern
jeder Lieferung einen angemessenen, sich nach dem Inhalt richtenden
Abschnitt geben, daß er weder allzukurz noch allzulang wird, und
abzusenden, wenn Sie solche Lieferung fertig haben, ohne sich an einen
bestimmten Zeitabschnitt zu kehren. Ich weiß, auf der einen Seite, daß
Sie Interesse genug an der Sache nehmen, und liebevoll gegen mich
gesinnt, selbst gern meine Wünsche erfüllen, und also die Muße, die Sie
auf diese Arbeit verwenden können, gewiß nicht ohne Not andern Dingen
schenken. Auf der andern Seite aber möchte ich selbst nie, daß Sie den
notwendigen Geschäften, die Ihnen obliegen, Zeit entzögen, die dann
wieder zu große Anstrengungen forderten, um das Verschobene wieder
einzubringen. Alles, wozu ich Sie veranlasse, soll nur zu Ihrem
Vergnügen und Ihrer Genugtuung dienen, nicht aber Ihnen zur Last noch
Unruhe werden. Was mich bei dieser Lieferung erschreckt, ist, daß Sie
schon so weit vorgerückt sind. Sie sehen daraus, wie ich Ihnen immer
sagte, daß Ihre Furcht vergeblich sei, daß Sie bei einer so großen
Ausführlichkeit nie zu einem Ende kommen würden. Indessen kann ich Ihnen
durchaus über Mangel an Ausführlichkeit keinen Vorwurf machen. Ich
glaube gern und sehe es aus der Schrift selbst, daß Sie nichts weiter zu
erzählen hatten, weil der Gegenstand Ihnen in Ihrem Gedächtnis nicht
mehr darbot. Sie haben nichts übergangen, alle Personen, die Sie
erwähnen, erscheinen in einer vollständigen Zeichnung mit sehr
bestimmten Umrissen, man sieht zugleich ihre Umgebungen, und es geht dem
Bilde kein Zug ab, dessen Vermissen eine Lücke verursachte. Zwei
interessante Figuren sind Ihre beiden Großmütter, man ist sehr geneigt,
sie in Ihnen wieder zu erkennen. Zwei vorzügliche Frauen waren es gewiß.
Es ist in sich natürlich, daß die Schilderung des Lebens einer in den
einfachsten Verhältnissen sich befindenden Familie nicht mehr und nichts
Vielfacheres darzubieten imstande ist; auch ist es Ihnen wohl bis dahin
nicht eingefallen, dies Leben in so weiter Vergangenheit zurückzuholen
und zu beschreiben. Das alles, gute Charlotte, erkenne ich mit wahrer
Dankbarkeit, erkenne, wie gern Sie mir Freude machen. Auch hat Ihre
Erzählung, gerade in dieser Einfachheit eines solchen Lebens, für mich
und meine individuelle Art zu empfinden einen großen Reiz, den ich auch
wieder bei Lesung Ihrer Blätter empfunden habe. Ich muß diese Lieferung
auch darin noch mehr loben als früher, weil die Erzählung darin ruhiger,
ununterbrochener, und in einem einzig nur das Geschilderte
heraushebenden Tone fortgeht. So gern ich auch Betrachtungen lese,
welche Sie früher dem Erzählten einzustreuen pflegten, so besteht der
größte Reiz einer Erzählung doch gerade darin, daß man nur das Erzählte
erblickt, und daß es als etwas ehemals Vorgegangenes und sich selbst vor
dem Auge Bewegendes dasteht, nicht durch den unterbrochen wird, der es
jetzt absichtlich darstellt. Im gegenwärtigen Falle sind nun zwar Sie,
als darstellend und dargestellt, dieselbe Person, allein die
Verschiedenheiten der Zeit bleiben auch so doch gleich beachtungswert,
und Sie, jetzt und selbst erzählend, werden gegen sich, in jener Zeit
dargestellt, auch wieder gewissermaßen eine Fremde. Sie müssen aber
darum nicht glauben, daß ich mich durchaus gegen die Einstreuung jeder
Betrachtung erklärte, und Sie sich jede neue verbieten müßten. Dies ist
gar nicht meine Absicht. Ich lobe mehr die Art, die ich hier beobachtet
gefunden habe, als ich es tadeln würde, wenn Sie eine andere angewendet
hätten. Denn auch diese könnte auf ihre Weise Reiz gehabt haben, und Sie
würden es gewiß verstanden haben, ihn derselben zu geben. Allein in sich
ist es richtig, daß die Erzählung reiner und anziehender in dem Grade
ist, in welchem sich der Erzähler mehr zurück und in Schatten stellt,
und dieser verliert dabei nicht, denn man sieht ihn und seine
Individualität in der Art und Natur der Erzählung gleich klar und
bestimmt, und fühlt sich durch die verstecktere Art, mit der es
geschieht, überrascht. Die Zeichnungen, die Sie beigelegt hatten, haben
mich sehr gefreut. Sie versetzen den, der sie sieht, auf den Schauplatz
der Personen, von denen erzählt wird, und tragen daher zur Lebendigkeit
der Schilderung und zur Bestimmtheit des Bildes bei. Die äußere Ansicht
Ihres elterlichen Hauses hat aber auch etwas in sich Freundliches und
Gefälliges. Bei Gelegenheit des Todes Ihrer Mutter erwähnen Sie,
obgleich dunkel und so, daß man nicht deutlich und bestimmt sehen kann,
wie es gewesen ist, etwas Geisterartiges. Dies bitte ich Sie nicht zu
übergehen. Ist es, wie es fast scheint, Ihre Absicht, darauf bei einer
andern Gelegenheit in der Folge zurückzukommen, so mag es so bleiben,
und so lese auch ich die genaue Darstellung dieses Ereignisses lieber an
dem Orte, den Sie für den paßlichsten halten. Wollen Sie aber nicht
darauf zurückkommen, sondern es bei demjenigen bewenden lassen, was Sie
darüber gesagt haben, so muß ich Sie bitten, dieser Sache eine besondere
Zugabe zur zweiten Lieferung zu widmen, sie zuerst und zunächst
auszuarbeiten und mir einzeln zuzusenden. Es hat gerade dies ein ganz
besonderes Interesse für mich. – Das Mißgeschick mit Ihrer Wohnung hat
mich sehr geschmerzt; Sie befanden sich dort einsam und wohl, und hatten
überdies sie sich nach Ihren Neigungen eingerichtet. Das verlassen zu
müssen, ist wirklich höchst unangenehm, und ich nehme nicht nur den
innigsten Anteil daran, sondern begreife auch ihre Niedergeschlagenheit
darüber vollkommen.

Daß Ihnen meine Teilnahme tröstlich, mein Andenken wohltätig ist, und
Sie gern dabei verweilen und ausruhen, wenn Ihnen, wie auch jetzt, weh
ist, dafür, liebe Charlotte, kann ich Ihnen nur sehr dankbar sein. Es
war mein Wunsch und meine Absicht, ich wollte nur glücklich, heilsam und
wohltätig auf Sie einwirken, und es freut mich unendlich, wenn ich
erkenne, daß ich das erreiche. Gestatten Sie mir denn auch jetzt diesen
Einfluß auf Ihr Gemüt, da Sie leiden und gebeugt sind. Richten Sie sich
an mir auf. Ich möchte niemand lieber als Ihnen zur Stütze sein. Leben
Sie für heute herzlich wohl, und erlauben Sie mir die Wiederholung
meiner Bitte, sich zu beruhigen. Halten Sie den Glauben an die Treue
meiner innigsten, liebevollsten Teilnahme fest, womit ich Ihnen stets
angehöre. Ihr              H.



_Berlin_, den 30. März 1823.

Ihr Brief vom 19. dieses, liebe Charlotte, hat mich bekümmert, da er in
großer und sichtbarer Niedergeschlagenheit geschrieben war; es hat mich
aber gefreut zu sehen, daß er gegen das Ende hin heiterer wird, weil das
ein sicheres Zeichen ist, daß das ruhige Schreiben, das stille Gespräch
mit dem, von dem Sie wissen, daß er immer gleichen Anteil an Ihnen
nimmt, eben jene wohltätige Wirkung auf Sie ausgeübt hat. Darum hoffe
ich auch, werden Sie nicht bei dem Vorsatz des Verstummens bleiben,
sondern fortfahren, wie bisher, zu schreiben. Jener Vorsatz, den ich
überhaupt nur für augenblicklich halten will, kann Ihnen nur von einer
düsteren Stimmung eingegeben sein. Es ist sehr liebevoll von Ihnen, daß
Sie, wie Sie sagen, mein Leben nicht durch Ihre Niedergeschlagenheit
stören wollen. Allein, weiß ich sie darum weniger, wenn ich sie in Ihrem
Verstummen erkenne, und muß sie mich denn nicht gerade darum mehr
beunruhigen, weil ich den Grad, die Farbe, die Art derselben weniger
kenne? Sie können versichert sein, daß ich immer den herzlichsten und
mitfühlendsten Anteil an Ihnen und allem, was Ihnen begegnet, nehme, und
daß ich auch auf dieselbe Weise den Unfall ansehe, daß Sie gerade jetzt,
und überhaupt, eine Ihnen zu bequemer und lieber Gewohnheit gewordene
Wohnung aufgeben müssen. Allein ich möchte Ihnen doch, liebe Charlotte,
bei einem solchen Falle mehr Stärke, mehr innere, äußeren Unfällen
entgegenstrebende Heiterkeit wünschen, da Ihnen so vieles zum inneren
Genuß bleibt. Es soll dies gewiß auch nicht der fernste und leiseste
Vorwurf sein, ich möchte lieber alles, als Ihnen im mindesten weh tun.
Aber es ist einmal meine Art, zu denen, mit denen ich vertraulich
umgehe, durchaus und ganz wahr zu reden, unverhohlen zu sagen, was mir
nicht zu billigen scheint, und ihnen die Vorstellungen zu machen, durch
die sie meiner Überzeugung nach in sich stärker, fester und dadurch
selbständiger und minder abhängig von äußeren Zufälligkeiten werden.
Also seien Sie mir um dasjenige, was ich Ihnen hier sage und sagen
werde, nicht böse. Sehen Sie es auch nicht als etwas an, das der leicht
sagen kann, der selbst nur in glücklicher und genügender Lage vor
ähnlichen Unfällen sicher ist. Es kommt nicht auf die äußere Ursache an,
von welcher der Schmerz oder die Widerwärtigkeit entsteht, und der
Himmel hat Schmerz und Widerwärtigkeit so weise verteilt, daß der
äußerlich noch so vorzüglich Begünstigte darum keinen Augenblick
hindurch freier ist von Anlässen und Ursachen inneren Schmerzes. In
einem schon ziemlich langen und gar nicht in einfachen Verhältnissen
hingegangenen Leben sind mir mannigfaltige Dinge vorgekommen, die mich
augenblicklich oder auf lange aus meinem ganzen gewohnten Lebenswege in
einen andern, in vielen, gerade das Innerste berührenden Punkten
verschiedenen gestoßen haben. Ich bin also den Empfindungen, die Sie
jetzt haben, auf keine Weise fremd, und kann mir jeden Tag, da wir in
der Hand des Schicksals sind, eine ähnliche bevorstehen. Ich verkenne
auch darum die Art Ihrer Empfindungen nicht, weil ich, wie Sie
allerdings Recht haben zu sagen, nicht gerade mit der äußeren Ursache
sympathisieren kann. Das Wechseln einer Wohnung, das mir so oft von den
angenehmsten zu den unlieblichsten begegnet ist, würde auf mich
allerdings wenig Einfluß haben. Ich lebe zwar auch beständig in meiner
Stube, bin jetzt zum Beispiel, trotz des Sonnenscheins, seit acht Tagen
mit keinem Fuße anders, als zu den durch Gewohnheit bestimmten
Tageszeiten, in das Nebenzimmer zu meiner Familie gekommen. Ich habe
keine Bedürfnisse der Art, jede Stube ist mir gleich, ich brauche keine
Bequemlichkeiten, den Rohrstuhl, auf dem ich sitze, und den Tisch, an
dem ich schreibe, ausgenommen. Sie würden keinen Spiegel, kein Sofa,
nichts von dem allen bei mir finden. Allein auf die Ursache der Trauer
kommt gar nichts an, es gilt nur diese, und ich sage Ihnen das nur, um
jedem, auch stummem Einwand zu begegnen, daß ich bei einem Unfall, wie
er Sie jetzt betrifft, mich nicht in Ihre Lage versetzen könnte. Ich
kann es gewiß, da jeden reizbaren und nicht empfindungslosen Menschen
niederschlagende Empfindungen ähnlicher Art betreffen. Aber gerade
darum, meine eigenen Erfahrungen benutzend, muß ich Sie doch bitten,
liebe Charlotte, sich durch dies Ereignis nicht auf solche Weise beugen
zu lassen. Ich kann es nach Ihrer eigenen Schilderung nicht sowohl für
ein empfindliches Übel halten, daß Sie gerade diese Wohnung verlassen,
sondern mehr, daß Sie nicht wieder eine ungenierte Gartenwohnung mit
Stille und Einsamkeit und ohne Mitbewohner gefunden haben. Was Sie mir
einmal von der Kälte und Feuchtigkeit der Wände, auch wo Sie schlafen,
sagten, hat mich sehr geschreckt, und kann Ihnen unmöglich zuträglich
gewesen sein. Trotz alledem, was sich da sagen läßt, bleibt der Verlust,
bis Sie eine andere ländliche und stille Wohnung finden, sehr groß, und
läßt sich nicht wegräsonieren, auf keine Weise. Aber da, liebe
Charlotte, bleibt, außer der Resignation, das zu tragen, was
unabänderlich ist, doch auch der Genuß dessen, was Ihnen in Ihrem
inneren Leben unentreißbar bleibt, das Andenken an alles, was Ihnen
teuer ist, der Umgang mit einigen Personen, denen Sie geneigt sind, das
Bewußtsein eines immer reinen Gemüts ein bewegtes Leben hindurch, die
Genugtuung an einem sich selbst geschaffenen Dasein, endlich, darf ich
auch mit Freuden hinzusetzen, nach dem, was Sie mir so oft sagen, die
Beschäftigung mit mir, die Sicherheit, wie innig ich alles Weh und alle
Freude teile, die sich in Ihnen bewegen. Einer gewissen Stärke bedarf
der Mensch in allen, auch den glücklichsten Verhältnissen des Lebens,
vielleicht kommen sogar Unfälle, wie Sie jetzt einen erfahren, um
dieselbe zu prüfen und zu üben, und wenn man nur den Vorsatz faßt, sie
anzuwenden, so kehrt bald, auch selbst dadurch Heiterkeit in die Seele
zurück, die sich allemal freut, pflichtmäßige Stärke geübt zu haben. – –


Überhaupt, liebe Charlotte, und ich denke das oft, mag es wohl sein, daß
ich anders bin, als Sie sich mich manchmal gedacht hatten. Das kann
eigentlich nicht fehlen, wenn man sich fast nie gesehen und nie
miteinander gelebt hat. Ich schrieb Ihnen, im Beginn unsers
Briefwechsels, Sie müssen mich nehmen, wie ich bin, ich kann aus meinem
Wesen, wie es ist, nicht herausgehen. Meine wahren und eigentlichen
Gesinnungen überhaupt und gegen Sie, liebe Charlotte, bleiben immer
dieselben und ändern nie. Ob Ihnen der Ausdruck immer gleich erfreulich
und ansprechend ist, dafür kann ich nicht einstehen. Ich kann meiner
Freiheit, weder in der Häufigkeit, noch in der Art, wie ich schreibe,
etwas nehmen, und muß Sie da, wo ich zufällig nicht mit Ihnen oder Ihren
Bemerkungen übereinstimme, um Nachsicht bitten. Daß ich in Wahrheit teil
an Ihnen nehme, daß ich Ihnen auch gern schreibe, sehen Sie genug auch
daraus, daß ich Ihnen vom Anfange an frei und offen, wie ich immer bin,
sagte, daß ich ungern schreibe, daß Sie selten und kurze Briefe von mir
bekommen würden, und daß ich doch häufig, und wie selbst dieser zeigt,
sehr lange Briefe wirklich schreibe. Um zu Ihrer Lebenserzählung
zurückzukehren, so kann ich Ihnen nur wiederholen, daß Sie mir durch die
Fortsetzung wahre Freude machen werden, muß aber auch hinzusetzen, daß
meine Bitte immer von der Voraussetzung ausgeht, nicht bloß, daß Sie es
gern tun, das weiß ich gewiß, sondern auch, daß Sie Stimmung und Zeit in
Anschlag bringen, und sich nur dann damit beschäftigen, wenn beide es
erlauben; ich weiß ja, wie gewissenhaft Sie Ihre Zeit anwenden und
darüber denken, und Sie wissen, wie dies meine wahre Achtung für Sie
erhöht. Was Sie mir von den Geistererscheinungen sagen, hat mich noch
neugieriger darauf gemacht. Ich bin ganz der Meinung Ihres verewigten
Vaters. Niemand kennt den geheimen, Zusammenhang der Dinge, und ich
werde keinen Unglauben haben. Leben Sie nun herzlich wohl, liebste
Charlotte! Suchen Sie sich zu erheitern, tun Sie es auch aus Liebe zu
mir, und glauben Sie, daß niemand so gern und so oft an Sie denkt, als
ich.                      Ihr H.



_Berlin_, den 12. April 1823.

Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre wenigen Zeilen, welche Ihnen
Ihre liebevollen Gesinnungen eingaben. Ihre Worte: »Nehmen Sie dem
gepreßten Herzen die Worte nicht genau, so wenig als den Kleinmut, der
Folge schwerer Verhängnisse ist« – diese Worte haben mich tief gerührt.
Niemals werden Sie in meinen Gesinnungen den leisesten Wandel erkennen.
– Ihrem nächsten Briefe sehe ich nun mit großem Verlangen entgegen; aus
einigen Äußerungen möchte ich schließen, daß ich Ihnen eine angenehmere
Aussicht eröffnet habe. – – – – – – – – – – – – – – H.



_Berlin_, den 25. April 1823.

Ich wollte mich eben hinsetzen, liebe Charlotte, Ihren lieben Brief vom
9. dieses zu beantworten, als ich zu meiner großen Freude den vom 20.
bekam. Ich glaubte schon, Sie wollten, ehe Sie mir schrieben, erst eine
Antwort von mir abwarten. Ich freue mich sehr, Sie nicht in dem Hause zu
wissen, vor dessen unlieblichen Bewohnern Sie mit Recht einen so großen
Abscheu hatten. Sie haben bei Ihrem neuen Etablissement wenigstens an
Ruhe und Einsamkeit gewonnen. Ich begreife indes vollkommen Ihren
Widerwillen vor der Stadt. Wäre ich nicht meiner Kinder wegen hier, die
einmal ihrer Verhältnisse wegen die Stadt, zumal im Winter, nicht
verlassen können, so würde ich immerfort auf dem Lande bleiben. Selbst,
wo die Gegend nicht reizend wäre, bleibt der Anblick des freien Himmels
schon viel. Der Anblick des Himmels hat überhaupt unter allen Umständen
einen unendlichen Reiz für mich, bei sternenhellen, wie bei dunklen
Nächten, bei heiterm Blau, wie bei ziehenden Wolken, oder dem traurigen
Grau, worin sich das Auge verliert, ohne etwas darin zu unterscheiden.
Jeder dieser Zustände entspricht einer eigenen Stimmung im Menschen, und
wenn man das Glück hat, diese Stimmung nicht gerade von den Elementen
empfangen zu müssen, nicht düster zu werden mit dem düsteren Himmel,
sondern in der aus dem reinen Innern entsprungenen Stimmung, durch den
Anblick des Himmels nur in andere und andere Betrachtungen versenkt zu
werden, so hat man wenigstens kein Mißfallen am farblosen Himmel, wenn
man auch dem ruhig und mild strahlenden natürlich den Vorzug gibt. Mir
ist überhaupt das Klagen über Wetter fremd, und ich kann es an andern
nicht sonderlich leiden. Ich sehe die Natur gern als eine Macht an, an
der man die reinste Freude hat, wenn man ruhig mit allen ihren
Entwicklungen fortlebt, und die Summe aller als ein Ganzes betrachtet,
indem es nicht gerade darauf ankommt, ob jedes Einzelne erfreulich sei,
wenn nur der Kreislauf vollendet wird. Das Leben mit der Natur auf dem
Lande hat vorzüglich darin seinen Reiz für mich, daß man die Teile des
Jahres vor seinen Augen abrollen sieht. Mit dem Leben ist es nicht
anders, und es scheint mir daher immer aufs mindeste eine müßige Frage,
welches Alter, ob Jugend oder Reife, oder sonst einen Abschnitt man
vorziehen möchte. Es ist immer nur eine Selbsttäuschung, wenn man sich
einbildet, daß man wahrhaft wünschen könnte, in Einem zu bleiben. Der
Reiz der Jugend besteht gerade im heiteren und unbefangenen
Hineinstreben in das Leben, und er wäre dahin, wenn es einem je deutlich
würde, daß dies Streben nie um eine Stufe weiter führt, etwa wie das
Treten der Leute, die in einem Rade eine Last in die Höhe heben. Mit dem
Alter ist es nicht anders, es ist im Grunde, wo es schön und kräftig
empfunden wird, nicht anderes, als ein Hinaussehen aus dem Leben, ein
Steigen des Gefühls, daß man die Dinge verlassen wird, ohne sie zu
entbehren, indem man doch zugleich sie liebt und mit Heiterkeit auf sie
hinblickt, und mit Anteil in Gedanken bei ihnen verweilt. Selbst ohne
auch religiöse Gedanken an den Anblick des Himmels zu knüpfen, hat es
etwas unbeschreiblich Bewegendes, sich in der Unendlichkeit des
Luftraums zu verlieren, und benimmt so auf einmal alle kleinlichen
Sorgen und Begehrungen des Lebens, und der Wirklichkeit ihre sonst
leicht einengende Wichtigkeit. So sehr auch der Mensch für den Menschen
das Erste und Wichtigste ist, so gibt es gerade nichts gegenseitig mehr
Beschränkendes, als die Menschen, wenn sie, enge zusammengedrängt, nur
sich vor Augen haben. Man muß erst oft wieder in der Natur ein höheres
und über der Menschheit waltendes Wesen erkennen und fühlen, ehe man zu
den beschränkten Menschen zurückkehrt. Nur dadurch auch gelangt man
dahin, die Dinge der Wirklichkeit nicht so wichtig zu halten, nicht so
viel auf Glück oder Unglück zu geben, Entbehrung und Schmerz minder zu
achten, und nur auf die innere Stimmung, die Verwandlungen des Geistes
und Gemüts seine Aufmerksamkeit zu richten, und das äußere Leben bis auf
einen gewissen Grad in sich untergehen zu lassen. Der Gedanke des Todes
hat dann nichts, was abschrecken oder ungewöhnlich bekümmern könnte, man
beschäftigt sich vielmehr gern mit ihm, und sieht das Ausscheiden aus
dem Leben, was ihm auch immer folgen möge, als eine natürliche
Entwicklungsstufe in der Folge des Daseins an. Ich komme zum Teil mit
deshalb auf diese Betrachtungen, weil ich eben die Zugabe zu Ihrem
zweiten Heft gelesen habe, für die ich Ihnen herzlich danke und deren
Inhalt damit enge zusammenhängt. Es ist schwer zu bestimmen, was man
über die Tatsachen, denn als solche muß man Selbsterfahrenes ansehen,
sagen soll.

Daß eine geliebte Person im Augenblick ihres Abscheidens, oder auch
nachher, den Elementen und der Sinnenwelt die Kraft abgewinnt, zu
erscheinen, läßt sich zwar auch nicht weiter begreiflich machen, allein
die menschliche Seele empfindet doch selbst Dinge in sich, welche die
Möglichkeit, wenn auch nur in einem Schleier, durchblicken lassen. Wer
je Sehnsucht in sich getragen hat, begreift, daß sie eine Stärke
gewinnen kann, die von selbst die gewöhnlichen Schranken der Natur
durchbricht. Es mag aber auch bei dem, der etwas sehen soll, eine
Empfänglichkeit notwendig sein, die Geistergegenwart zu vernehmen, und
wir mögen manchmal von Geistern umgeben sein, ohne es zu wissen oder zu
ahnen. Warum man weniger Geister sieht, weniger von Erscheinungen hört,
läßt sich eher erklären. Unter den Geschichten von ehemals waren wohl
viele falsch, nicht gerade erfundene, aber ununtersucht gebliebene, oder
nicht verstandene, natürliche Ereignisse. Man hatte mehr Glauben
überhaupt und auch an diese Dinge, man war mehr zur Furcht vordem
Übernatürlichen geneigt; die Meinung von einem bösen Geist, der quäle
und verführe, wurde sinnlicher und materieller genommen. Indes mag auch
außerdem richtig sein, daß doch auch wahre Erzählungen, wirklich
übernatürliche Wirkungen, wie die von Ihnen beobachtete, häufiger
waren, und wenn das ist, ist die Erklärung freilich schwierig, zumal wo
so eine Wirkung von mehreren sehr verschiedenartigen Menschen beobachtet
wurde, wie es in Ihrem Hause der Fall war. Denn Erscheinungen und
Gesichter einzelner würden sich eher erklären lassen. Ich sagte schon
erst, daß eine gewisse Empfänglichkeit auch zur Wahrnehmung des
Übersinnlichen gehöre. Diese mochten die Menschen in jener Zeit mehr
haben, wo sie weniger weltlich zerstreut lebten, ihr Gemüt innerlicher
gesammelt, frommer und ernster auf eine Wesenreihe außerhalb der
irdischen Welt gerichtet war. Gerade bei einem Manne von so würdigem,
tief religiös gestimmtem Charakter, wie Ihr Vater war, konnte das
füglich der Fall sein. Wie es sei, so hat er die Sache trefflich
aufgenommen, zugleich ohne Furcht und Unglauben. Die Erzählung hat mich
ausnehmend interessiert, ich danke Ihnen herzlich dafür, und sehe es als
einen lieben Beweis Ihrer Bereitwilligkeit an, mir Freude zumachen, daß
Sie so bald meinen Wunsch in dieser Sache erfüllt haben, und zu einer
Zeit, wo Sie durch Ihr Umziehen auch sehr gestört waren. – Da das
Wetter so rauh ist, bin ich noch mit meiner Familie in der Stadt, und
gehe auch vorerst nur auf mein nahegelegenes kleines Landgut Tegel.
Nachher vermutlich nach Ottmachau in Schlesien, auf sechs bis acht
Wochen. Leben Sie herzlich wohl und verwahren Sie sich ja in Ihrer
Wohnung gegen die Einflüsse der äußeren Lust, die noch garnicht
frühjahrmäßig ist. Ihr                   H.



_Tegel_, den 15. Mai 1823.

Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, von meinem kleinen Landsitze aus,
der Ihnen schon bekannt ist. Ich bin mit den Meinigen seit einigen Tagen
hier, das Wetter aber begünstigt uns sehr wenig. Es ist ein ewiges
Stürmen, Regnen, oder wenigstens ein mit Wolken bedeckter Himmel. Den
letztern liebe ich zwar wohl im Sommer. Wenn die Wolken leicht sind und
nur wie ein zarter Schleier das helle Blau verhüllen, und es dabei
windstill und warm ist, so hat es etwas Wehmütiges, was einer
gleichgestimmten Seele sehr wohl tut. Das Grün ist noch sehr zurück, die
Eichen im Walde fangen erst an, Laub anzusetzen, und nur die frühesten
Bäume, Kastanien, Flieder und solche prangen schon in vollem Laube.
Dagegen sind die Blüten der Obstbäume reich und schön. Ich denke mir
täglich, daß Sie das alles nun auch in Ihrem Garten genießen und bin nur
bange, daß der Wind und das schlimme Wetter, da Ihre Wohnung, wie Sie
schreiben, gar nicht dicht genug verwahrt ist, Ihnen darin lästig sein
werden. Die Anwesenheit meines Bruders in Berlin und eine Reihe anderer
kleiner Umstände hatten gemacht, daß ich den ganzen Winter über in der
Stadt geblieben war und gar keinen Aufenthalt hier gemacht hatte; so ist
mir das Land wie neu und ich genieße es doppelt. Es ist eigentlich
wunderbar, daß gerade die freie Natur und die Einsamkeit einen so großen
Reiz für mich haben, da mein Leben nicht dazu beitragen konnte. Wenn man
immer daran gewöhnt gewesen ist, oder wenn man es in sehr langer Zeit
nicht genossen hat, in beiden Fällen kann man eine solche Neigung leicht
erklären. Die Neuheit tritt im letzten Fall an die Stelle der
Gewohnheit. Bei mir war keins von beiden der Fall. Ich bin weder ganz
von Land und Einsamkeit, auch nur auf mehrere Jahre entfernt gewesen,
noch habe ich beide so viel genossen, daß sie mir gleichsam zur andern
Natur geworden wären. Als ich viele Jahre lang noch nicht in Geschäften
war, reiste ich, oder war sonst unter Menschen, hatte nicht einmal ein
Gut, und wohnte aus eigener, freilich durch andere Dinge bestimmter Wahl
in kleinen Städten. Die Geschäfte zogen mich in große und vielfache von
aller ländlichen Einsamkeit entfernte Zirkel. Doch auch dann fand ich
Mittel, mich zu isolieren, und war oft mitten in der Gesellschaft
einsam. Man lernt das sehr gut, wenn man nur ein innerliches Interesse
hat, das genug die Seele einnimmt. Ich habe es aber immer als eine wahre
Wohltat des Himmels angesehen, für die ich dem Geschick nicht genug
danken kann, und empfinde es noch jeden Tag ebenso, daß es mich gerade
in meinem Alter in die Lage versetzte, in der ich, wie es auch sonst
immer sein möge, dieser Lieblingsneigung frei nachhängen kann. Die
meisten legen es mir noch als eine Anspruchlosigkeit und Philosophie
aus, daß ich nicht bloß im Augenblicke, wo es geschah, die
Geschäftswirksamkeit mit Gleichmut aufgegeben habe, sondern auch seitdem
ruhig, beschäftigt und glücklich lebe, ohne Plan wieder in dieselbe zu
treten und mit sichtbarer Abwesenheit aller Zeichen, daß ich auch
versteckt irgend eine Sehnsucht danach habe. Ich mache mir nicht das
mindeste Verdienst daraus, weil ich weiß, daß ich keins dabei habe. Was
geschehen ist, entsprach meiner Neigung, die sich auf Grundlagen meines
innern Charakters stützt, so ist es kein Wunder, daß sie dauernd ist.
Sie wird nie geschwächt werden. Es ist mir überhaupt immer eine widrige
Idee gewesen, so bis zum Ende des Lebens an Verhältnissen teilzunehmen,
die mit dem Moment des Todes alle gleichsam zu nichts werden, von denen
man nichts jenseits mit hinüber nimmt. Und doch ist in Geschäften alles
in dieser Art. Ganz anders ist es mit der Beschäftigung mit Ideen und
Kenntnissen. Auch wenn die letztern ganz ins Einzelne eingehen, hängen
sie doch zuletzt immer mit Ideen zusammen, die, wenn man sie recht
verfolgt, ihren Mittelpunkt nicht mehr in dieser Welt haben.

Was man in dieser Art erwirbt und ausbildet, behält man wahrhaft und
trägt es mit sich, so lange noch überhaupt Dasein währt. Es hat mir
immer unmöglich geschienen, daß, was einmal in mir denkt und empfindet,
je aufhören könnte zu denken und zu empfinden. Wenn auch Zwischenräume
mangelnden Bewußtseins eintreten, wenn die verschiedenen Zustände des
Seins nicht verknüpft sein sollten durch zusammenhängende Erinnerung, so
wirkt die einmal gefaßte Idee darum nicht minder auf das Wesen und den
inneren Gehalt der Seele. Ganz anders ist es, wenn man die, an äußern
Verhältnissen, wirklichen Geschäften teilnehmende Arbeit, nicht aus ganz
freier Wahl, nicht aus unmittelbarer Liebe zu ihr, sondern aus andern
Rücksichten und als einen Erwerb treibt. Auf diese Art würde ich sie
ohne Mühe so lange fortsetzen können und fortgesetzt haben, als nur die
Kräfte es zulassen. Darin sind Frauen besonders gut daran, daß die
Arbeiten, die sie auf diese Weise machen, wenn auch nicht immer ganz,
doch größtenteils mechanischer Art sind, den Kopf wenig, die Empfindung
gar nicht in Anspruch nehmen, und also den bessern, zartern und höhern
Teil des Menschen viel mehr sich selbst überlassen, als das bei Männern
der Fall ist. Daher werden Männer so leicht einseitig, trocken, hölzern
durch ihre Arbeit, Frauen nie, wenn sie auch durch Umstände und
Widerwärtigkeiten bestimmt werden, einen Erwerb darin zu suchen, wenn in
ihrem frühern Leben sie noch so fern von einer solchen Notwendigkeit
waren.

Was mir aber weniger angenehm ist in meiner Lage, ist, daß ich nicht gut
vermeiden kann, auch in demselben Jahre mehrmals den Aufenthalt zu
wechseln. Ich gewöhne mich zwar leicht an einen neuen Ort, aber ich
bleibe lieber an einem alten, und es hat vorzüglich einen großen Reiz
für mich, so in demselben die Reihe der Jahreszeiten vorübergehen zu
sehen. Die bloßen regelmäßigen Veränderungen der Zeit haben einen Reiz
für mich, den ich mir oft selbst vergebens zu erklären versucht habe.
Sie werden sagen, daß bei der völligen Freiheit, die ich genieße, ich
leicht auch hier mein Leben nach meinen Wünschen einrichten könnte.
Allein es gibt doch immer auch für den Freiesten Umstände, die ihn mit
einer gewissen Nötigung bestimmen, und so geht es auch mir. Leben Sie
nun herzlich wohl und verzeihen Sie, wenn ich in diesen Zeilen viel von
mir sprach. Ich rede zu Ihnen, wie zu mir selbst, und habe es auch gern,
wenn Sie mir von sich erzählen. Mit der herzlichsten Anhänglichkeit der
Ihrige.                       H.



_Tegel_, den 26. Mai 1823.

Unsere Briefe haben sich gekreuzt, liebe Charlotte, ich hatte Ihnen
geschrieben, ohne einen Brief von Ihnen abzuwarten, und Sie haben den
Ihrigen früher als gewöhnlich abgehen lassen.

Die Stelle in Ihrem Briefe über das Pfingstfest hat mich sehr gefreut
und spricht ganz Ihr tiefstes Gemütsbedürfen aus. Auch mir ist es
eigentlich das liebste unter den großen Festen. Seine heilige Bedeutung,
das Herabsteigen göttlicher Kraft auf menschliche Wesen, hat etwas
zugleich Tröstendes und Erhebendes, und das doch nicht über der
Fassungskraft unsers Geistes liegt, da man wohl zu begreifen vermag, wie
sich geistig Göttliches und Menschliches mischt. Irdisch genommen aber
ist es ein gar liebliches Fest, weil es den Winter recht eigentlich
beschließt und man nun dem heiteren Sommer entgegengeht. – Was Sie über
Schmerz sagen, begreife ich sehr wohl, nämlich, daß Sie nicht dahin
gekommen wären, Glück und Unglück, und besonders den Schmerz, nicht sehr
zu achten. Es hat mir schon öfter geschienen, als wäre Ihnen nicht
gerade viel Stärke darin verliehen, und dies ist wohl das Zeichen einer
schönen Weichheit einer weiblichen Seele, wo es unnütz und unrecht
zugleich wäre, sich abhärten zu wollen. Ich will es daher auch nicht
unternehmen, Sie das zu lehren, sondern vielmehr von innigem Herzen
wünschen, daß Schmerz und Unglück, so wie jeder Kummer von Ihnen fern
bleiben mögen. Ich will gern und mit Freuden, wo ich kann, dazu
beitragen. Aber bei einem Manne muß das anders sein. Wenn ein Mann dem
Schmerze Herrschaft über sich einräumt, wenn er ihn ängstlich meidet,
über den unvermeidlichen klagt, flößt er eher Nichtachtung als Mitleid
ein. So vieles muß in einer Frau anders sein als im Manne. Einer Frau
geziemt es sehr wohl, und scheint natürlich in ihr, sich an ein anderes
Wesen anzuschließen. Der Mann muß gewiß auch das Vermögen dazu besitzen,
aber wenn es ihm zum Bedürfnis würde, so wäre es sicher ein Mangel oder
eine Schwäche zu nennen. Ein Mann muß immer streben, unabhängig in sich
dazustehen.....

Ihre Frage, ob ich je wirklich Schmerz gefühlt hätte, war sehr
natürlich. Sie können aber überzeugt sein, daß ich immer von dem zu
reden vermeide, was ich nicht aus eigener, wohlerprüfter Erfahrung
kenne...

Indem ich von Herzen wünsche, daß es bald besser und recht gut mit Ihrer
Gesundheit gehen möge, wiederhole ich Ihnen die Versicherung meiner
herzlichsten Teilnahme und Anhänglichkeit. Ihr              H.


Glück und Unglück verliert von seinem Wert, wenn es den Kreis der innern
Empfindung verläßt. So wie die Wirklichkeit in der Tat immer armselig
und beschränkt ist, so vermindert sich auch der Reiz jedes angenehmen
Gefühls, wenn man es in Worte kleidet. Im Herzen, wo es entstanden ist,
muß es bleiben und wachsen, und wenn es vergänglich ist, wieder vergehen
und sterben. Mit dem Unglück ist es nicht anders. Der im eigenen Busen
erhaltene Schmerz enthält etwas Süßes, von dem man sich nicht gern mehr
trennen mag, wenn ihn die eigene Brust bewahrt...

Trost wüßte ich bei einem andern, als mir selbst, nie zu finden. Es
würde mir ein zweites, noch unangenehmeres Gefühl, als das widrige
Schicksal durch sich einflößt, geben, wenn ich nicht selbst Stärke genug
besäße, mich selbst zu trösten. Dies mag indes bei Frauen billig anders
sein. Wenn es bei einem Manne anders ist, ist es nicht lobenswürdig. Ein
Mann muß sich selbst genug sein...

Mitleid ist gar eine widrige Empfindung, und Teilnahme zwar eine sehr
schöne, aber nur in einer gewissen Art...

Es ist mir unendlich viel wert, zu wissen, daß Sie an allem, was mir
begegnet, einen so innigen Anteil nehmen, allein diese Teilnahme
wirklich zu erfahren, ihrer gewissermaßen zu bedürfen, könnte ich nicht
zu den erwünschtesten Gefühlen rechnen. Überhaupt ist mir das _Bedürfen_
ungemein, nämlich für mich, nur für mich und mein Gefühl, zuwider. Von
jeher habe ich gestrebt, nichts außer mir selbst zu bedürfen. Es ist
vielleicht nicht möglich, je ganz dahin zu gelangen, aber, wenn man es
erreichte, so wäre man erst dann, auf vollkommen reine und
uneigennützige Weise, der höchsten Freundschaft und der höchsten Liebe
fähig, sowohl sie zu gewähren, als zu genießen. Denn das _Bedürfen_ ist
immer etwas Körperlichem im Geistigen ähnlich, und was dem Bedürfnis
angehört, geht dem wahren Vergnügen ab. Befriedigung des Bedürfnisses
ist nur Abhilfe eines Übels, also immer etwas Negatives, das wahre
Vergnügen aber, körperlich und geistig, muß etwas Positives sein. Wer
also z. B. am wenigsten der Freundschaft bedürfte, der empfindet die,
die ihm gewährt wird, am vollsten und süßesten, sie ist ihm ein reiner
und ungetrübter Genuß, ein Zuwachs, den er zu seinem, schon in sich
geschlossenen und beglückenden Sein erhält; er gewährt sie dann auch am
beglückendsten für den andern, denn es ist in ihm keine Rücksicht auf
sich, nur einzig auf den andern dabei. Je stärker und sicherer zwei
Wesen, jedes in sich gewurzelt, je einiger mit sich und ihrem Geschick
sie sind, desto sicherer ist ihre Vereinigung, desto dauernder, desto
genügender für jeden.

Fehlt es dem einen an dieser Sicherheit, so bleibt dem andern für beide
hinreichend übrig. Nur was so die Alltagsbegriffe der Freundschaft und
Liebe von gegenseitigem Stützen aufeinander sagen, ist schwach und nur
für sehr mittelmäßige Menschen und Empfindungen gemacht, denn leicht
stürzen dabei beide, indem keinem die Schwachheit des andern Gewähr der
Sicherheit leistet. Nur auf diese Weise müssen Sie mich verstehen, wenn
ich von männlicher Selbständigkeit rede, die ich wirklich für die erste
Bedingung männlichen Werts halte. Ein Mann, der sich durch Schwächen
verführen, hinreißen läßt, kann gut, in andern Punkten recht
liebenswürdig sein, er ist aber kein Mann, sondern eine Art Mittelding
zwischen beiden Geschlechtern. Er sollte daher eigentlich, obgleich
dies manchmal sehr umgekehrt ist, nicht ausgezeichneten Beifall bei
Frauen finden. Denn die schöne und reine Weiblichkeit sollte nur durch
die schönste und reinste Männlichkeit angezogen werden.



_Ottmachau_, den 12. Juli 1823.

Die Güter, welche ich in diesem Augenblicke bewohne, besitze ich erst
seit 1820. Sie sind sehr reizend belegen. Das alte Schloß liegt auf
einem Hügel, von dem man einen Kreis der schlesischen, böhmischen und
mährischen Gebirge übersieht, und zwischen diesen Hügeln, an deren Fuß
die Neisse hinläuft, und dem Gebirge sind die anmutigsten Äcker, Wiesen
und Gebüsche, zu denen auch meine Besitzungen gehören. Ich bewohne zwar
dieses Schloß nicht, da es nicht ausgebaut ist und nur einige bewohnbare
Zimmer für meine Kinder hat, aber ein recht bequemes und gutes Haus, ein
wenig tiefer, dient mir zur Wohnung und hat auch größtenteils dieselbe
Aussicht.

Daß ich in einer glücklichen Lage bin, ist sehr wahr, und Sie bemerken
mit Recht, daß das mehr die Sache des Glücks als meiner Anstrengungen
ist. Das ist vollkommen wahr, und macht mir mein Glück, wenn ich so
sagen soll, noch glücklicher. Eine Gabe, die mir nur durch das Glück
zufällt, ist mir unendlich lieber, als etwas durch mein Verdienst
Erstrebtes. Wer mit der ersten beschenkt wird, scheint für das Schicksal
Wert und Wichtigkeit genug zu haben, um Gaben auf ihn zu häufen. Ich bin
auch in vielen andern Dingen glücklich gewesen, die ein anderer nicht
so, als diese Äußerlichkeiten, beurteilen kann, ja, ich kann wohl sagen,
daß sich bis jetzt mein Glück ziemlich in allem bewährt hat, was ich
unternahm. Manches in öffentlichen und Privat-Angelegenheiten, was nicht
gerade sehr weise angelegt war, hat nicht die üblen Folgen gehabt, die
daraus hätten entstehen können, anderes, das gar nicht sonderliche Mühe
kostete, wurde mit ausgezeichnetem Erfolge belohnt. So bin ich gewohnt,
mich als einen Glücklichen anzusehen, und habe Mut, aber nur immer wie
einer, den das Glück auch in jedem Augenblicke verlassen kann. Daher
macht auch dies Glück mich doppelt vorsichtig. Träfen mich große
Unglücksfälle im Äußerlichen, oder moralisch, oder in meiner Gesundheit,
so würde ich dadurch natürlich leiden wie ein anderer, aber sie würden
mich sehr vorbereitet und gefaßt finden, ich würde doch mit Heiterkeit
auf das lang Genossene zurückblicken, und meine innere Ruhe würde solche
Zustände nicht zerstören oder nur bedeutend ergreifen. Eben jene
Selbständigkeit, von der ich erst sprach, gibt Mittel, jedem Unglück so
zu begegnen, daß für mich Glück und Unglück wenigstens ganz andere
Bedeutung, als für andere Menschen haben. Und das ist mir immer eigen
gewesen. Sie reden in Ihrem Briefe, liebe Charlotte, den ich hier die
Freude hatte vorzufinden und wofür ich Ihnen noch nicht dankte, von der
Sehnsucht und fragen mich, ob ich sie wohl je gefühlt habe? Ich glaube
allerdings. Indes ist es freilich wahr, und ich sage das nicht eben als
ein Lob, da es vielleicht eher eine Selbstanklage ist, daß ich früh eine
große Ruhe gewonnen habe, die nicht leicht durch etwas gestört wird. Ich
lernte früh mir in meinen eigenen Gedanken und meinen von keiner fremden
Einwirkung abhängigen Gefühlen genügen, und jetzt paßt diese Ruhe und
Zurückgezogenheit in sich selbst zu meinen Jahren und ist mir dadurch
doppelt natürlich. Indes bin ich sicher, daß diese Ruhe und
Bedürfnislosigkeit nie der Wärme meiner Empfindungen geschadet hat.
Wenige Menschen aber können fassen, wie man auf der einen Seite nicht
mit Unruhe wünschen und nicht schmerzlich entbehren und auf der andern
Seite doch voll Dank empfangen und genießen könne. Dennoch kommt es mir
äußerst natürlich vor. Sie müssen nun aber darum nicht denken, daß ich
Sehnsucht und selbst unruhiges Begehren in andern tadle. Jeder hat und
muß seine eigene Weise haben, und wenn ich auch in der meinigen bleibe
und gewiß in keine andere hinüberzuziehen bin, so mißbillige ich die
fremde nicht und bin Ihnen für jeden Ausdruck, jede erneute Versicherung
Ihrer immer gleichen Gefühle für mich sehr dankbar, sie bleiben mir
immer gleich wohltätig. Ich hoffe, Sie haben an Ihrer Lebenserzählung
wieder gearbeitet und freue mich darauf. In zehn bis zwölf Tagen gehe
ich von hier und hoffe, in Berlin Briefe von Ihnen vorzufinden. Mit
herzlicher Anhänglichkeit der Ihrige.     H.



_Tegel_, den 11. August 1823.

Ich bin vorgestern nach Berlin und gestern hierher zurückgekommen und
habe mich ungemein gefreut, ein Paket und Briefe von Ihnen, liebe
Charlotte, hier zu finden. Nächstdem danke ich Ihnen recht herzlich für
das neue Heft Ihrer Lebensbeschreibung, das Sie mir geschickt haben. Ich
habe es, wie Sie selbst ermessen werden, in diesen ersten Tagen noch
nicht lesen können, indes habe ich schon hier und da darin geblättert,
und bin mit dem, was ich angetroffen, ausnehmend zufrieden, ich bin also
im voraus überzeugt, daß ich es mit dem Ganzen sein werde. Was Sie in
der Vorrede sagen, daß man bei einem solchen Aufzeichnen des Vergangenen
sein Leben noch einmal lebt, ist sehr wahr, allein der Eindruck, den die
Wirklichkeit, und derjenige, den die bloße Erinnerung macht, sind
notwendig sehr voneinander verschieden.

Wo die Begebenheiten schmerzlich sind, ist die Wirklichkeit in ihrem
schroffen und starren Wesen, und von der Ungewißheit dessen, was weiter
erfolgen wird, begleitet, niederschlagend und zerreißend. Die
Erinnerung dämpft diese Gefühle bis zur sanften Wehmut. Das Schmerzvolle
ist nicht mehr ein einzelner, abgeschnitten dastehender Moment, sondern
verschmelzt sich mit dem ganzen Leben, und erhält dadurch einen ungleich
milderen Charakter. Und sehr wohltätig und heilsam ist dann gewiß ein
solches rückwärts gehendes Vertiefen in die Vergangenheit, das zugleich
ein Vertiefen in die mannigfachen Falten des eigenen Gemüts und Herzens
ist. Wie gut man sich auch schon erkennen möge, so gewinnt das Bild, je
öfter man es wieder zu zeichnen versucht, immer mehr Klarheit und
Bestimmtheit, und wird auch wohl in einzelnen Zügen noch berichtigt und
der Wahrheit nähergebracht. Die Furcht, daß Sie durch eine
Selbstschilderung bei mir verlieren könnten, dürfen und können Sie
eigentlich nicht haben. Sie brauchen auch darin nicht, liebe, gute
Charlotte, sich an meine Nachsicht und milde Beurteilung zu wenden.
Gerade ein so ausführliches, so das ganze Leben wie aus seiner ersten
Knospe entfaltendes Verwahren bewahrt vor jedem Mißverständnis, jedem
Irrtum, jeder falschen Beurteilung. Es kommt im Menschen, wie Sie auch
gewiß denken, immer unendlich mehr auf das Wesen, als auf die einzelnen
Handlungen an. Die gewöhnlichen Menschen richten allerdings nur die
letzten, wie es auch die Gesetze tun. Aber die Macht, die die Herzen
durchspäht, geht auf die Gesinnung, die Absicht, die ganze
Beschaffenheit und Stimmung des Gemüts, und dasselbe tut auch die
Geschichte. Jede zusammenhängende Erzählung aber, welche die Erfolge aus
ihren Ursachen zu entwickeln strebt, ist Geschichte und bringt denselben
Eindruck hervor, sie mögen Weltbegebenheiten oder die Schicksale eines
einfachen Privatlebens zum Gegenstande haben. Überhaupt wünscht man ja
nicht darum die Begebenheiten eines Menschenlebens zu übersehen, um sich
gleichsam zum Richter darüber aufzuwerfen, am wenigsten ist ein solches
Beurteilen je mir eigen. Die Anschauung eines interessanten
Gemütszustandes, die Betrachtung seiner Ursachen und Folgen, zieht –
ohne daß man nur daran denkt zu urteilen oder zu richten – das Gemüt
des Beschauers an, wenn der Gegenstand ihm wert ist und seinen Anteil
erweckt, ja, wenn das abgesondert werden könnte, so erblickt man in der
einzelnen Gestalt die allgemeine, in dem einzelnen Menschen die
Menschheit selbst. Dagegen bin ich überzeugt und habe es schon an den
bisherigen Heften erfahren, daß Ihre Erzählung mir sehr oft, ohne daß
Sie es wollen, ja, ohne daß Sie es nur ahnen werden, Veranlassung geben
wird, die Meinung, die Sie mir vor einer langen Reihe von Jahren durch
Ihren Anblick und Ihre Gespräche und nachher durch Briefe und
Schilderungen einflößten, und aus der mein warmer, lebhafter und sich
immer gleicher Anteil an Ihnen entsprang, zu bestätigen, mit neuen
Beispielen zu belegen und selbst zu erweitern. Fahren Sie also ja, teure
Charlotte, nur mutig und ohne einige Besorgnis, je mißverstanden zu
werden, fort.                   H.



Den 10. September 1823.

Ich habe nun das empfangene Heft Ihrer Lebensbeschreibung mit großer
Sammlung und sehr großem Vergnügen gelesen und wiederhole Ihnen meinen
wirklich recht herzlichen und aufrichtigen Dank dafür. Ich habe die
Zeiten gewählt, wo ich am freiesten war, mich in die geschilderten Lagen
zu versetzen, und habe also langsam und mit großem Bedacht jedes
Einzelne erwogen. Einige der Schilderungen sind mir ungemein anziehend
und reizend vorgekommen. Es muß Sie das nicht wundern. Wenn man den
Inhalt dieser Bogen in seinen Resultaten erzählt, so kann das Leben
eines Kindes nur höchst unbedeutend scheinende geben. Aber wenn man eine
sehr ausführliche Schilderung vor sich hat, ist es durchaus anders. Es
ist dann nicht mehr die Sache, das Resultat, es ist die Veränderung, die
dabei in der Seele vorgeht, die innere Entwickelung der Ideen und
Empfindungen, und die ist bei einem Kinde nicht bloß ebenso anziehend
als bei Erwachsenen, sondern im Grunde mehr, da das Kind zu mehr
Vergleichen Stoff darbietet. Wie Sie zum Beispiel sich als Kind zeigten,
vergleicht man gern mit der Natur Ihrer beiden Eltern, und mit Ihrem
eigenen späteren Wesen. Diese drei Punkte haben mir beim Lesen immer
gleich deutlich vor Augen gestanden. Es ist vollkommen offenbar, daß,
was Sie als Kind charakterisiert hat und was sich überall in Ihrem
künftigen Leben wieder finden wird, wenn Sie in Ihren Schilderungen
fortrücken werden, eine gewisse Innerlichkeit Ihres Wesens ist. Sie
scheinen zwar auch in jenen Jahren der früheren Kindheit sehr aufmerksam
auf dasjenige gewesen zu sein, was um Sie herum vorging, allein doch
nicht sowohl, um darin nun wirklich zu leben, als um sich daraus eine
eigene, innere Welt zu bilden. Es ist ebenso unverkennbar, daß Sie
diese, mehr innerliche Natur Ihrem Vater verdanken, in dem sie nur auf
eine andere Weise vorhanden und aus anderen Quellen entsprungen war.
Über Ihre Eltern und ihre gegenseitigen Vorzüge zu urteilen, ist nicht
leicht. Wie beide da in der Welt standen, ist man sehr geneigt, sich
doch mehr für Ihre Mutter zu erklären. Sie ist praktisch tätig, mutig,
besonnen, verständig und doch nicht von tändelnder, aber doch von sehr
wahrer Liebe und Wohltätigkeit. Der größere Charakter unter beiden ist
sie gewiß. Bei dem Vater vermißt man das recht ins Leben Eingreifende,
das einem Manne noch mehr als einem Weibe geziemt. Allein man hütet sich
mit Recht abzuurteilen. Es ist sichtbar, daß man in sein eigentliches,
inneres Wesen nicht gehörig eindringt. Es ist auch höchst
wahrscheinlich, daß er nie Gelegenheit fand, dies ganz und ohne Rückhalt
aufzuschließen. Mit seiner Frau konnte er in einem solchen Verhältnis
nicht stehen. Er hätte es späterhin mit Ihnen gekonnt, und vielleicht
ist es auch in der Folge bis auf einen gewissen Punkt geschehen? Das
werden in der Folge Ihre Blätter zeigen. Allein es ist selten und
schwer, daß ein Vater sich über sich selbst erwachsenen Töchtern
vollkommen öffnen kann. Dann war auch die innerliche Natur Ihres Vaters
(ich meine darunter nämlich die Neigung, vorzugsweise vor allem andern,
sich mit sich selbst zu beschäftigen) mit etwas, das, wenn man es auch
nicht körperlich allein nennen mag, doch vom Willen und selbst vom
Bewußtsein unabhängig und getrennt ist, vermischt. Diese Träume, dieser
gewissermaßen natürliche Magnetismus, haben in sich etwas
Geheimnisvolles, von dem sich weder Ursachen noch Folgen berechnen
lassen, und das immer wie eine unbekannte Größe dasteht, und etwas, das
das Urteil über den ganzen Menschen, in dem es sich befindet, ungewiß
macht.

Ich gestehe, daß ich keine Vorliebe für diese innere Gemütsstimmung
habe. Ich bedarf Klarheit der Gedanken und des Bewußtseins, daß nichts
in mir ohne meinen bestimmten und wohlgeordneten Willen vorgeht. Ich
besitze, teils von Natur, teils durch die sehr früh begonnene Übung
eines langen Lebens, eine große Gewalt und Stärke über mich selbst, und
mir würde daher schon in der Idee ein Zustand peinlich sein, wie der
war, wo in dem Traum, den Sie von Ihrem Vater erzählen, er von einem
fremden Geiste in seiner unmittelbaren Existenz scheint beherrscht zu
werden. Ich bin daher noch viel behutsamer, über Ihren Vater mir das
mindeste Urteil zu erlauben, als ich es immer bei jemanden sein würde,
der Ihnen so nahe steht. Sie fragen mich, ob ich die Umgegend von
Preußisch-Minden und die Porta Westphalica kenne. Nein, ich bin in jener
Provinz immer im schnellen Durchreisen gewesen, und in diese Gegenden
auch nicht einmal gekommen. Ich halte sie aber für sehr anziehend,
außerdem, daß sie geschichtliche Wichtigkeit haben. Nun werde ich indes
schwerlich mehr reisen und mich anders als in dem Kreise bewegen, in dem
ich mich herumdrehe, und werde ich sie also auch wohl nie sehen. Auch
sehe ich eben, daß Sie meinen Rat über etwas wünschen. Schreiben Sie mir
nur ohne Rückhalt, wenn ich Ihnen raten kann, tue ich es gewiß mit
Freuden. Es ist aber wahr, daß ich nichts davon halte, Rat zu fragen,
noch zu erteilen. Gewöhnlich wissen die Fragenden schon, was sie tun
wollen, und bleiben auch dabei. Man kann sich von einem andern über
mancherlei, auch über Konvenienz, Pflicht aufklären lassen, aber
entschließen muß man doch sich selbst. Leben Sie herzlich wohl!
Unwandelbar der Ihrige.                          H.



_Berlin_, den 18. Oktober 1823.

Den für den Augenblick nötigsten Teil Ihres letzten Briefes, liebe
Charlotte, habe ich schon neulich beantwortet, und bin begierig, aus
Ihrem nächsten zu sehen, ob Sie meinen Rat befolgt haben werden. Der
Ausgang bleibt allerdings immer zweifelhaft, indes kann der Schritt
nicht schaden, und man weiß doch nicht, was geschieht. Ich halte immer
sehr viel davon im Leben, die Anlässe, die sich zu etwas darbieten, was
dem gewohnten Gange eine veränderte Richtung geben kann, nicht zu
versäumen, sie vielmehr zu benutzen, und was sich daraus irgend
entspinnt, in das übrige Leben zu verweben. Vorzüglich ist aber dies der
Fall bei Dingen, die schon zu einer gewissen Reife gediehen sind, und
das war doch Ihre Bekanntschaft mit dem verstorbenen Herzog. Er hatte
Ihnen einmal so günstige Äußerungen gemacht, daß es schade wäre, auf
diesem Wege nicht weiter fortzugehen. Es ist immer auch zugleich eine
Prüfung der Menschen, und neben dem, was man etwa handelnd und redend
ausrichten kann, ist doch im Leben das Anschauen, Versuchen und Sammeln
von Erfahrungen das Nützlichste und wenigstens bei weitem das
Unterhaltendste. Es kann zwar sein, daß das nicht so in jeder Natur ist,
aber der meinigen ist es, sogar mehr als billig ist, eigen, das Leben
wie ein Schauspiel anzusehen, und selbst wenn ich in Lagen war, wo ich
ernsthaft selbst mithandeln mußte, hat mich diese Freude am bloßen
Zusehen der Entwickelungen der Menschen und Ereignisse nie verlassen.
Ich habe darin zugleich eine große Zugabe zu meinem innern Glück und
eine nicht geringe Hilfe bei jeder Arbeit selbst gefunden. Das Erste ist
leicht begreiflich und entsteht auf doppelte Weise. Zuerst hat man die
positive Freude am Anblick der wirkenden Kräfte, am Weiterrücken der
sich in uns unbekannten Ursachen verflochtenen Dinge und Ereignisse, und
dann wird man gleichgültiger gegen den Ausgang, insofern dieser nämlich
uns selbst betrifft. Denn der Anteil an andern kann dadurch auf keine
Weise geschwächt werden. Im Handeln selbst aber gewinnt man dadurch
Ruhe, Kälte und Besonnenheit. Besonders bei großen Angelegenheiten gibt
diese Ansicht gerade die Überzeugung, daß sie, wenn sie auch gegen
unsere Neigungen ausschlagen, einen Gang gehen, der tief in den einmal
feststehenden Plänen des Schicksals liegt, und auch nur das Mindeste
dieses Plans zu ahnen, ist schon an sich ein über jedes andere gehendes
geistiges Vergnügen. Bei eigenen Lebensbegebenheiten ist es, wenigstens
bei mir, anders. Es würde mir immer nur Eitelkeit und Selbstsucht
scheinen, die ich mir nie erlauben würde, wenn ich, was sich mit mir und
meiner Persönlichkeit ereignet, gewissermaßen tiefen Plänen im Weltlaufe
zuschieben wollte. Es gehört freilich auch zum Ganzen, aber wie ein
Atom, es interessiert mich geistig dabei nur, wie ich mich selbst
betrage, wie ich die Ereignisse aufnehme, ob mit Fertigkeit im Widrigen,
mit Bescheidenheit im Günstigen, ob ich tue, was ein Mann seiner Pflicht
und seinen Gefühlen schuldig ist, das Übrige mag auf- und abstürmen, ich
suche mich darein zu finden, so gut es nun einmal gehen will. Aber auch
bei den, von höherem Gesichtspunkte aus betrachtet, unbedeutenden
Ereignissen meiner selbst und meiner Familie bleibt doch jenes Vergnügen
der Beschauung der ins Spiel kommenden Personen, der Umstände u. s. f.,
was oft für so vieles auch wirklich Widrige entschädigt. Es versteht
sich jedoch von selbst, daß diese Beschauungslust des Lebens nie aus
bloßer Neugierde entstehen muß, daß sie nicht sein darf, wie
vergnügungssüchtige Leute in die Komödie gehen. Sie muß entstehen aus
dem lebhaften Interesse, was man an der Menschheit, nicht bloß an ihrem
Glück, denn das Glück ist bei weitem nicht das Höchste, sondern an ihrem
innern Wert, ihrem Wesen und ihrer Natur nimmt, aus dem immer
unermüdlichen Streben, eben diese menschliche Natur tiefer in ihrem
Innern zu erkennen, und so viel es möglich ist, die Räder zu erahnen,
welche die Schicksale der Menschen, oft unauflöslich scheinend,
ineinander treiben, und sie dann doch wieder so schonend auseinander
rollen, daß wahre, nur nicht gleich eingesehene Harmonie daraus
hervorgeht. So wie alles im Menschen nur auf die Höhe des Gesichtspunkts
ankommt, auf den man sich stellt, so ist es auch hier. Ist der
Gesichtspunkt der rechte, edel und gut, so kann nichts als wieder Gutes
und Edles daraus hervorgehen. – Ich bitte Sie, mir die Fortsetzung
Ihrer Lebenserzählung sobald zuschicken, als Sie den Abschnitt erreicht
haben, zu dem Sie kommen wollten. Leben Sie herzlich wohl; mit dem
innigsten Anteil der Ihrige. H.



_Burgörner_, den 29. November 1823.

Ich befinde mich hier sehr wohl. Es ist nicht bloß für diese Jahreszeit
und den sonst oft so schlimmen Monat, sondern wirklich an sich immer
leidliches und oft sehr gutes Wetter. Heute war es wirklich schön, und
die Sonne kam sehr freundlich heran. Zwar erhob sie sich nur wenig über
eine dichte und finstere Wolke, die den Abendhimmel bedeckte, aber der
übrige Teil des Himmels war vollkommen blau. Da ich teils viele
Geschäfte hier habe, teils die Zeit zu eigenen Arbeiten benutzen will,
so ist es mir sehr lieb, ganz allein hier zu sein, ich bin so gar keiner
Störung ausgesetzt und liebe an sich die Einsamkeit. Die Freude, mit den
Meinigen zu sein, ist mir nur immer eine unendlich glückliche Zugabe zu
meinem schon glücklichen Leben. Ich habe mir aber nie denken können, wie
dasjenige eigentlich ein Glück zu heißen verdient, was eine Lücke
ausfüllt, die einem Unglück nahe kommt, und es hat mir immer
geschienen, als ginge der wahrhaft edle und hohe Glücksgenuß erst an,
wenn man, sich selbst genügend im Gleichgewicht, seine Neigungen und
Empfindungen mit sich verknüpft, die diesen, schon in sich
befriedigenden Zustand dergestalt erhöhen, daß er, damit verglichen,
wirklich mangelhaft erscheint. Heftige Begierden und leidenschaftliche
Äußerungen sind mir daher immer fremd geblieben. Indes will ich das
nicht eben loben noch in Schutz nehmen. Es könnte leicht auch in einem
Mangel an Feuer liegen, dessen der Mann zu vielen der wichtigsten und
ernsthaftesten Dinge bedarf, es ist auch nicht jene Fremdheit immer in
gleichem Grade in mir gewesen. Jetzt ist sie meinen Jahren freilich
natürlich. Die Jugend muß im Manne immer zuerst in der wirklich nur
jugendlichen Lebendigkeit des Empfindens und dem, was leidenschaftlich
ist, erlöschen; zum Entschluß und zur Anstrengung kann dann ihre Kraft
noch lange ausdauern. – Nun komme ich zu dem letzten Heft Ihrer
Lebenserzählung zurück. Es hat mir wieder ungemein viel Freude gemacht,
und ich habe es gestern abend ohne Unterbrechung hintereinander gelesen.
Es schadet garnicht, wenn auch einiges, was Sie darin erzählen, in eine
andere Periode gehört, wie Sie besorgen. Es ist unmöglich, in der
Erinnerung so genau in der Zeitfolge zu bleiben, ich würde sehr verlegen
sein, sollte ich von einem meiner Kinderjahre so ausführlich erzählen.
Es ist merkwürdig, daß Ihnen so viel in der Erinnerung geblieben ist.
Da in diesem Hefte gerade so viel vom Schreiben die Rede ist, so kann
ich Ihnen mit Wahrheit sagen, daß diese Erzählung wieder ganz diesen
Vorzug hat. Alles darin ist trefflich gedacht und empfunden, das ist das
erste darin, und wie Sie selbst richtig bemerken, das unerläßliche
Erfordernis jedes guten Schreibens; allein auch das letzte ist bei Ihnen
damit verbunden. Die Art Ihrer Entwickelung hat mich ungemein
interessiert. Sie bemerken sehr richtig, daß das, was Ihnen mehr durch
Sie selbst, und zufällig durch Umgang mit Erwachsenen, an Unterricht
zukam, gerade darum so stark und so dauernd wirkte, weil es wenig war,
und in ein auf besseren und reichhaltigeren Unterricht begieriges Gemüt
fiel, so möchte ich auch im übrigen weiter schließen. Es sollte mich
aber nicht wundern, wenn doch gerade diese Erziehung mehr oder kräftiger
beigetragen hätte, Sie so, wie Sie geworden sind, zu bilden, als wenn
alles fein systematisch dabei ausgedacht worden wäre. Man muß sich die
Erziehung ja nicht bloß und immer als eine direkte Leitung zu
verständiger Haltung, gutem Charakter und hinlänglichem Reichtum von
Kenntnissen denken. Sie wirkt oft weit mehr als ein Zusammenfluß von
Umständen, deren beabsichtigte Wirkung ganz vereitelt wird, die aber
durch den Streit gegen die Individualität des zu Erziehenden in ihm
bewirkt, was die direkte Einwirkung nie vermocht hätte. Denn das
Resultat der Erziehung hängt ganz und gar von der Kraft ab, mit der der
Mensch sich auf Veranlassung oder durch den Einfluß derselben selbst
bearbeitet. Mit großem Vergnügen habe ich auch bestätigt gefunden, daß
dasjenige, was Ihr Gemüt und Ihren Verstand noch jetzt auszeichnet,
Ihnen auch in der Kindheit schon beiwohnte. Es ist immer meine Meinung
gewesen, daß sich der Mensch, wenn man das Wesentliche seines Charakters
nimmt, nicht eigentlich ändert. Er legt Fehler ab, vertauscht auch wohl
Tugenden und gute Gewohnheiten gegen schlechte, allein seine Art zu
sein, ob mehr nach der Außenwelt, oder mehr nach innen gekehrt, ob
heftig oder sanft, ob in die Tiefe der Ideen eingehend, oder auf der
Oberfläche verweilend, ob mit kühnerem und fettem Entschluß ins Leben
eingreifend, oder Schwäche verratend, bleibt gewiß von der Kindheit bis
in den Tod die nämliche. Das war für heute vorerst das Wichtigste, was
ich Ihnen über dies Heft sagen wollte. Auf ein und anderes komme ich ein
anderes Mal zurück. Immer aber wiederhole ich Ihnen aufs neue meinen
herzlichen Dank für die Mühe, die Sie mir so liebevoll widmen.



_Berlin_, den 12. Januar 1824.

Ihr Brief, liebe Charlotte, vom 21. v. M. hat mir große Freude gemacht,
und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles Liebevolle, das er
enthält. Nehmen Sie besonders meinen Dank für Ihre Wünsche zum neuen
Jahr an, und seien Sie versichert, daß ich sie aus recht inniger Seele
erwidere. Niemand kann innigeren Anteil an Ihnen nehmen als ich, niemand
es besser mit Ihnen meinen; so kann auch niemanden die Erfüllung der
Wünsche für Ihr Glück so sehr am Herzen liegen als mir, davon seien Sie
mit unumstößlicher Gewißheit überzeugt. Sorgen Sie aber auch selbst,
beste Charlotte, angelegentlich für Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe. Mir
kommt es immer vor, daß die Art, wie man die Ereignisse des Lebens
nimmt, eben so wichtigen Anteil an unserm Glück und Unglück hätte, als
diese Ereignisse selbst. Den eigentlich frohen heiteren Genuß kann man
sich allerdings nicht geben, er ist eine Gabe des Himmels. Aber man kann
viel dazu tun, das Unangenehme, dessen für jeden das Leben immer viel
herbeiführt, ruhiger aufzunehmen, mutiger zu tragen, besonnener
abzuwehren oder zu vermindern. Man kann wenigstens vermeiden, sich
unnötige und ungegründete Besorgnis und Unruhe zu erregen. Wenn man das
eine und das andere tut, sucht man sich damit gleichsam recht frei von
der Abhängigkeit der höheren Mächte zu machen; man genießt ja dadurch
noch lange kein Glück, man bewahrt sich nur vor zu unangenehmen
Empfindungen. Man handelt aber gewiß im Sinne und nach dem Willen des
Himmels, wenn man mit so viel Selbständigkeit, als die individuellen
Kräfte zulassen, dem Geschick begegnet und sich seinen Einflüssen von
innen heraus weniger zugänglich macht. Ich sage das, liebe Charlotte, um
Ihnen vorzustellen, daß Sie sich nicht so um nichts beunruhigen müssen,
wie neulich, wo Sie, geschreckt durch Träume, sich bangen Ahnungen
überließen. Ihre Worte: »Nehmen Sie mir den ängstlichen Kleinmut nicht
strenge auf, ach! nehmen Sie mir die Worte nicht so genau – das Unglück
macht abergläubig, man fürchtet überall, man sieht nur traurige
Vorbedeutungen – der Glückliche weiß nichts von Aberglauben« – diese
Worte haben mich sehr gerührt und in innigster Teilnahme bewegt, und nur
aus diesen Empfindungen geht das hervor, was ich Ihnen sage. Sie haben
einen viel zu klaren und bestimmten Verstand, haben über diese Dinge in
dem, was Sie bei Gelegenheit der Stimmung Ihres Vaters in dieser Art mir
geschrieben, so richtig geurteilt, daß Sie nicht durch so unbedeutende
Zeichen, wenn man es nur überhaupt Zeichen nennen kann, sich sollten
irgend bewegen lassen. Nehmen Sie, was ich da sage, ja nicht als einen
Vorwurf auf. Ich würde mir gewiß nicht herausnehmen, Ihnen je einen zu
machen. Ich wünsche aber dringend, daß Sie sich nicht vergeblich
beunruhigen, nicht Ihrer Gesundheit schaden, sich in Ihren
Beschäftigungen stören und sich Ahnungen hingeben, die entweder Kummer
über Unglücksfälle rege machen, die nicht eintreten, oder die Träume
über wirklich sich ereignende schon im voraus fühlen lassen. Ich halte
es auch nicht für unangemessen, Ihnen so ausführlich darüber zu
schreiben, da ich besorge, daß die Unruhe, die Sie darüber äußern, Sie
nicht sobald verlassen möchte, und Sie mir sehr oft die wohltuende
Versicherung geben, daß Ihnen meine Worte beruhigend und tröstlich sind.
Nun leben Sie herzlich wohl und verscheuchen Sie jede bange Sorge.
Vertrauen Sie den gütigen Mächten des Schicksals, und glauben Sie nicht,
daß es solche gibt, die absichtlich das Herz mit Ahnungen plagen, sich
nicht an dem Schmerz über wirkliches Unglück begnügend. Mit den Ihnen
bekannten unveränderlichen Gesinnungen der Ihrige.       H.

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Ergebung in das, was geschehen kann, Hoffnung und Vertrauen, daß nur
dasjenige geschehen wird, was heilsam und gut ist, und Standhaftigkeit,
wenn etwas Widerwärtiges eintrifft, sind alles, was man dem Schicksale
entgegenstellen kann.

Sie erinnern mich an eine Stelle der Bibel und fragen mich, ob ich sie
gelesen habe? Ich habe die Bibel von einem Ende zum andern mehrmals
durchgelesen, das letzte Mal noch in London, und ich kannte daher sehr
gut das Kapitel des Briefes an die Korinther, das Sie anführen. Es ist
allerdings eines der schönsten im Neuen Testament, wenn es recht
verstanden wird, allein auch eines von denen, in welche zu leicht ein
jeder etwas von seinem eigenen Gefühl und seiner Individualität
hineinträgt, und wenn diese auch recht gut und fromm sind, so können sie
doch der ursprünglichen Bedeutung fremd sein. Im griechischen Urtext ist
das weniger möglich. Wir haben im Deutschen nur das eine Wort _Liebe_,
welches zwar sehr rein, edel und schön ist, aber doch für sehr
verschiedenartige Empfindungen gebraucht wird. Im Griechischen gibt es
ein eigenes für die ruhige, sanfte, leidenschaftlose, immer nur auf das
Höhere und Bessere gerichtete Liebe, das niemals für die Liebe Zwischen
den Geschlechtern, wie rein sie sein möchte, gebraucht wird, und dies
Wort, welches mehr den christlichen griechischen Schriftstellern als den
früheren eigen ist, steht gerade in diesem Kapitel. Ich möchte damit
aber keineswegs die Lutherische Übersetzung tadeln, vielmehr leugne ich
nicht, ist mir unser deutsches Wort lieber als jedes andere, gerade weil
es so vielumfassend ist, und die Empfindungen in der Seele gerade bei
ihrer Wurzel aufnimmt. Was sowohl den Inhalt dieses Kapitels vorzüglich
würdig und groß macht, und auch den Begriff deutlich zeigt, der mit dem
Worte der Liebe nach dem Sinne des Apostels verbunden werden soll, sind,
wie es mir scheint, zwei Dinge: Erstens, daß nicht bloß auf die Ewigkeit
hingedeutet, sondern die Liebe selbst, als etwas Ewiges, mehreren
andern, auch großen und schätzungswürdigen, aber dennoch vergänglichen
Dingen entgegengesetzt wird, und daß die Liebe nicht als ein einzelnes
Gefühl, sondern sichtbar als ein ganzer, sich über den ganzen Menschen
verbreitender Seelenzustand geschildert wird. Die Liebe, heißt es, hört
nimmer auf. Dies beweist zur Genüge, daß sie auf Dinge gerichtet sein
muß, die selbst ewig und unvergänglich sind, und daß sie dem Herzen auf
eine solche Weise eigen sein muß, daß sie in keinem Zustande des Daseins
demselben entrissen werden kann. Es ist nicht sowohl von einer
bestimmten Liebe, nicht einmal der des höchsten Wesens, die Rede,
sondern von der inneren Seelenstimmung, die sich über alles ergießt, was
der Liebe würdig ist und worauf sich Liebe anwenden läßt. Es ist auf den
ersten Anblick nicht gleich zu begreifen, warum, da alles hienieden
Stückwerk genannt wird, die Liebe allein zu dem, was ganz und vollkommen
ist, gerechnet wird. Denn das übrige, welches der Apostel anführt, ist
doch offenbar deshalb Stückwerk genannt, weil es in endlichen Wesen
nicht vollkommen sein kann, und die Liebe, wie rein und erhaben sie sein
möge, ist: doch auch nur in endlichen Geschöpfen nach der Art, wie sie
in diesem Kapitel genommen ist. Es ist aber wohl deshalb, weil alles
übrige, wovon als von Stückwerk die Rede ist, eine Kraft des Wissens und
des Tuns voraussetzt, die sich in menschlichen und endlichen Wesen nicht
befinden kann. Die Liebe hingegen geht selbst von einem bedürfenden
Zustande aus, sie gehört rein der Gesinnung und dem Gefühle an und ist
überall aufopfernd, gehorchend und hingebend. Sie wird daher durch die
Schranken der Endlichkeit nicht so gehemmt. Allerdings könnte sie im
Menschen nicht wohnen, wenn ihm nicht selbst eine Verwandtschaft mit dem
Unendlichen im Innersten seines Wesens zugrunde läge, denn wenn ihr Odem
ihn einmal beseelt, so kann er sich in ihm mehr, als irgend sonst, dem
Höheren verwandt fühlen. Da aber, wie ich im Anfange sagte, wohl jeder,
ohne auch irgend in Mißverständnisse zu verfallen, gerade diese Stelle
der Bibel nach seiner individuellen Empfindung nimmt, so gestehe ich,
daß ich den Ausdruck Liebe hier von aller und jeder einzelnen Empfindung
für ein Wesen durchaus geschieden und getrennt halte, und darin nur eine
Schilderung des an sich weit höheren Seelenzustandes finde, der, frei
von aller Selbstsucht, fern von jeder Leidenschaftlichkeit, mit
Wohlwollen auf allem verweilt, das günstige, wie das widrige Schicksal
mit Ergebung und Gelassenheit trägt, und aus dessen Ruhe selbst die
belebende Wärme in alles, was ihn umgibt, übergeht. Darum heißt es, daß
die Liebe nicht eifert, sich nicht ungebärdig anstellt u. s. f. Darum
werden ihr Glaube und Hoffnung zur Seite gestellt, sie aber über beide
erhoben; darum besonders wird sie über die Werke gesetzt. Dies letzte
kann augenblicklich sonderbar scheinen. Allein es ist sehr richtig, da,
wenn die Gesinnung wahrer Liebe da ist, die Werke von selbst aus ihr
entspringen. Diesem Seelenzustande ist das Fordernde, das Unruhige,
Sorgende, auf Ausübung von Recht mehr als auf strenge Übung der Pflicht
Bedachte, das sich selbst Lobende und mit sich Zufriedene
entgegengesetzt. So nehme ich diese biblische Stelle, obgleich ich fern
bin zu behaupten, daß nicht auch eine andere Ansicht statthaft wäre.



_Berlin_, den 12. März 1824.

Ich habe Ihre Blätter vom 21. v. M. erhalten und danke Ihnen auf das
herzlichste dafür. Es hat mir aber leid getan, zu sehen, daß Sie sich
wieder vergebliche Besorgnis und Unruhe gemacht hatten. Sie müssen das
möglichst vermeiden, liebe Charlotte, und darin eine größere Herrschaft
über sich gewinnen. Ich sage Ihnen das gewiß nur zu Ihrem Besten und zur
Beförderung Ihrer inneren Ruhe. Es ist so vielen Zufälligkeiten
unterworfen, ob ein Brief einige Tage früher oder später geschrieben
wird, ob er länger oder kürzer geht, daß, wenn eine solche Erwartung
gerade einmal nicht zutrifft, Sie darum sich nicht beunruhigen müssen.
Ich erkenne gewiß den ganzen Wert der Gesinnungen, die Sie gerade für
mich besorgt machen, allein ich bin vollkommen wohl, und Sie brauchen
auf keine Weise für mich zu fürchten. Ich lebe den ganzen Tag mit
ernsthaften und mir wichtigen Dingen beschäftigt, ich verlasse kaum
mein Zimmer als in den späten Abendstunden und bin ruhig, tätig und
heiter. Bei solcher Stimmung würde sich selbst eine schwächliche
Gesundheit erhalten. Die meinige aber ist bisher sehr gut gewesen. Ich
weiß freilich, daß sich das sehr leicht und von einem Jahre, ja Tage zum
andern ändern kann, indes für jetzt ist kein Anschein dazu. Wenn es
kommen wird, bin ich auch darauf vorbereitet. Auf meine Stimmung wird
selbst Kränklichkeit keinen Einfluß haben, ich habe mich von früher
Jugend an gewöhnt und geübt, gegen mich selbst hart zu sein und meinen
Körper als etwas meinem eigentlichen Selbst Fremdes anzusehen. Meinen
Beschäftigungen werde ich schon eine Wendung geben können, daß ich sie
nicht aufzugeben brauche, wenn sie auch gestört werden, und so dürften
Sie sich wirklich mich auch dann nicht unglücklich denken, wenn einmal
der Fall käme, daß ich wirklich leidend würde. Es freut mich sehr, aus
Ihrem Briefe zu sehen, daß auch Sie im ganzen leidlich wohl sind, und
der sonderbare Winter Ihnen nicht geschadet hat, wie ich zuweilen
fürchtete. Ich liebe im Grunde die Abwesenheit von strenger Kälte so,
daß ich die andern Unannehmlichkeiten, die ein so gelinder und
wechselnder Winter allerdings mit sich führt, leicht übersehe. Die recht
eigentliche Kälte hat etwas mehr als bloß physisch Erstarrendes, es
kommt einem ordentlich vor, daß Menschen ihr nie ausgesetzt sein
sollten, sie gibt der Natur selbst ein so einförmiges Ansehen und hat
etwas wahrhaft Unbarmherziges für die Armen. Das niedrige Volk, das nur
wenig Mittel herbeischaffen kann, ist schon darum viel glücklicher in
südlichen Ländern, weil es wenigstens von dieser Plage befreit ist. –
Sie haben mir, liebe Charlotte, sehr lange nichts von Ihrer
Lebensschilderung geschickt, vermutlich ist der Winter mit seinen
Geschäften und kürzeren Tagen daran schuld. Wenn Sie aber Muße und
Stimmung haben, so ist es, wie ich Ihnen oft und immer sagte, mein
Wunsch, daß Sie fortfahren, wenigstens bis zu Ihrer Verheiratung.
Hernach will ich Sie dann weder bitten noch bereden.

Ich war heute einige Stunden in Tegel, und so wenig günstig das Wetter
war, so hat es mir doch Vergnügen gemacht. Die Annäherung des Frühjahrs
spürt sich immer und bringt auch in den Menschen eine Art von
Erneuerung. Man ist lebendiger, man glaubt einem neuen Lebensabschnitt
entgegen zu gehen und vergißt gewissermaßen, daß die schöne Gestalt, die
die Natur nun wieder annimmt, nur wenige Monate dauern und dann dasselbe
wiederkehren wird, dem man sich jetzt entgangen zu sein freut. Wenn das
aber auch eine Art von Selbsttäuschung ist, so bleibt es das ganze Leben
hindurch eine immer und immer gleich freudig wiederkehrende. Seit meinen
Kinderjahren erinnere ich mich des gleichen oder wenigstens ganz
ähnlichen Gefühls. Da Sie in einem Garten wohnen, werden Sie diese
Gefühle auch gewiß teilen. Denn in der Stadt gehen freilich die
Jahreszeiten in traurigem Einerlei an einem vorüber.

Mit den Ihnen bekannten unveränderlichen
Gesinnungen der Ihrige.               H.



_Berlin_, im April 1824.

Allerdings gehört das vollkommene Gelingen unserer Unternehmungen der
ursprünglichen Kraft wohl größtenteils an, die der Mensch nicht in
seiner Gewalt hat. Ich teile ganz Ihre Meinung, daß es noch mehr von
einem nicht zu erklärenden höheren Segen abhängt, der einzelne
begleitet, und wohl, wie Sie sagen, auf der Lauterkeit Ihrer Gesinnungen
beruht. Ihr Ausdrucke, daß es scheine, als ob die Gottheit ihren Segen
nur in reine Gefäße ergieße, hat mir ungemein gefallen. Der Mensch
vermag diesen Segen, wenn er ihm entsteht, nicht herbeizuzaubern. Daß
dieser Segen wirklich mit den Menschen zusammenhängt auf unsichtbare und
geheimnisvolle Weise, das glaube ich mit Ihnen. Aber die Begriffe von
Glück und Unglück sind selbst bei denen, die richtige Ideen zu haben
pflegen, so unbestimmt und so irrig, daß ich von früh an immer gestrebt
habe, mir darüber ganz klar zu werden, und wie ich dahin gelangt bin,
habe ich gefühlt, daß man des Glückes, bis auf einen gewissen Grad
wenigstens, immer sicher ist, so wie man sich von den äußeren Umständen
unabhängig macht, so wie man lernt, Freude aus allem Erfreulichen in
Menschen und Dingen zu ziehen, aber in Menschen und Dingen nichts
eigentlich zu bedürfen.

Gewiß hat man seinen Lohn dahin, indem alles Verdienst aufhört, wenn man
der Folgen wegen etwas tut.

Was ich beitragen kann, Ihr Leben zu erheitern, werde ich immer mit
Freuden nach meinen Kräften tun. Erlauben Sie mir den Rat, sich einmal
einige Erholung zu gönnen in der schönen Jahreszeit; sollte Ihnen nicht
eine Badekur zuträglich sein? Antworten Sie mir vertrauend, liebe
Charlotte, niemand als Sie und ich weiß von dem, was Sie mir und ich
Ihnen sage.                       H.



_Tegel_, im Mai 1824.

Sie haben mir durch das mir übersandte neue Heft Ihrer Biographie eine
viel größere Freude gemacht, als Sie es wohl geglaubt haben mögen. Ich
habe es mit dem größten Anteil gelesen. Zuerst und hauptsächlich aus
Anteil an Ihnen. In dieser Hinsicht ist es ein sehr erfreuliches Heft,
weil es eine Zeit schildert, die Sie glücklich und froh verlebten und
unter interessanten Menschen zubrachten. Es hat mich lebhaft in die
Vergangenheit und in jene Zeit zurückversetzt. Wenn auch die
verschiedene Lebensart, in von einander entfernten Provinzen
Deutschlands, Sitten und Lebensweise sehr verschieden gestaltet, so
spricht sich doch auch wieder der eine Geist der Zeit gleichmäßig in
allem aus.

Was Sie als Kind von sich erwähnen, daß Sie Bilder in der Phantasie
getragen, für die Sie Wesenheit wünschten, ersehnten, erwarteten, ist
mir genau ebenso und von der frühesten Kindheit an gewesen, ich glaube
gewiß vom sechsten Jahre an, was doppelt früh bei mir ist, da ich erst
im dritten sprechen gelernt habe. Bei Ihnen war es die Sehnsucht nach
einer Freundin, und zum Teil entstanden durch das Lesen der Clarisse.
Bei mir hatte es keine äußere Ursache oder Veranlagung, wenigstens ist
mir durchaus keine erinnerlich. Die Gegenstände, ich meine nicht
eingebildete Personen, sondern die Sachen überhaupt, die sie betraf,
waren allerdings verschieden, aber eine blieb von dieser Zeit der ersten
Kindheit bis jetzt und wird vermutlich bis an meinen Tod bleiben; denn
noch jetzt, wenn ich einmal eine schlaflose Nacht habe, oder allein im
Wagen sitze, oder spazieren gehe, oder sonst eine Zeit habe, die man in
bloßer Beschäftigung der Einbildungskraft zubringen kann, beschäftigt
mich dieselbe Vorstellung noch immer, wie die in meiner Kindheit, aber
natürlich in anderer, oft wechselnder Gestaltung. Da es ein Gegenstand
ist, der garnicht in das Leben übergehen, sondern nur auf die innere
Denkweise einwirken kann, so berührt es mich auch im Leben nicht,
sondern geht wie eine Dichtung neben der Wahrheit fort; allein im Innern
verdanke ich, im besten Sinne des Worts, dieser Selbstbeschäftigung sehr
viel. Es ist ja überhaupt die natürliche Folge aller inneren Tätigkeit
und jeder recht lebendigen Regsamkeit der Einbildungskraft und des
Gefühls, daß dadurch die wirklichen Ereignisse des Lebens mehr in
Schatten treten, und das zu große Gewicht dieser, ihr zu helles Licht zu
vermindern, ist immer heilsam, das Unglück schadet und drückt dann
weniger, und das Glück fesselt nicht an seinen Genuß, und macht den
Gedanken erträglich, daß es immer leicht beweglich, vielleicht nicht
immer bleiben wird. Sie werden mir große Freude machen, wenn Sie
fortfahren, an Ihrer Lebensbeschreibung zu arbeiten. Ganz der Ihrige.  H.



_Herrnstadt_, den 9. Juli 1824.

Nehmen Sie nicht übel, liebe Charlotte, daß ich Ihnen mit lateinischen
Lettern schreibe. Aber meine Augen sind schon seit geraumer Zeit so, daß
ich sie sehr schonen muß, und da habe ich jetzt die Entdeckung gemacht,
daß die kleinen deutschen Buchstaben sie mehr angreifen als die größeren
lateinischen. An Deutlichkeit gewinnen auch Sie im Lesen bei dem Tausch.
Es gibt aber Personen, welchen die lateinische Schrift mißfällig ist,
und die wenigstens, weil sie ihnen fremd vorkommt, sie nicht gern im
Briefwechsel mit Personen gebraucht sehen, die ihnen wert sind. Ich
halte Sie, nach Ihrer übrigen Art zu sein, von solcher gewissermaßen
eigensinnigen Ansicht frei. Wären Ihnen indes doch diese Buchstaben
weniger angenehm, so sagen Sie es mir ja, ich kehre dann zu den andern
zurück. – Wenn ich Ihnen nicht einmal geschrieben habe, daß meine
zweite Tochter hier verheiratet ist, so dürfte Ihnen der Ort der
Überschrift dieses Brief es wohl kaum auf irgendeine Art bekannt sein.
Ich denke aber, daß ich es Ihnen einmal aus Berlin, als ich Ihnen über
die Meinigen schrieb, gesagt habe, so wenig es mir sonst eigen ist, über
das, was mich umgibt, oder mir begegnet, in Briefen zu reden. Dieser
Ort, eine kleine, sehr unbedeutende Stadt, liegt kaum eine Tagereise von
Breslau entfernt, ich bin seit einigen Tagen hier, gehe aber in wenigen
andern von hier nach Ottmachau auf mein Gut, wohin ich Sie bat, mir zu
schreiben. Es hat, dünkt mich, immer etwas die Phantasie und das Gemüt
angenehm Ansprechendes, wenn man weiß, daß an einem Ort und in einer
Gegend, die einem sonst ganz und gar fremd ist und die man gar nicht
oder kaum dem Namen nach gekannt hat, mit freundschaftlicher Teilnahme
an einen gedacht wird. Diese Empfindung wünsche ich, daß die Überschrift
dieser Zeilen auf Sie machen möge. Von Ottmachau habe ich Ihnen schon
öfter geschrieben. – Wir haben hier eine warmnasse oder wenigstens
feuchte Witterung, die leicht etwas Melancholisches haben kann, die ich
aber sehr liebe. Die Natur hat dann eine doppelt wohltätige Stille und
ist wie mit einem nebeligen Schleier überzogen, der indes doch die
Gegenstände nicht verdunkelt, sondern nur ihre Formen und Farben sanfter
hervortreten läßt. Ich bin immer und doppelt auf Reisen auf die
mannigfaltigsten Modifikationen aufmerksam, welche die Verschiedenheit
der Luft- und Wolkenbeschaffenheit dem Charakter der nämlichen Gegend
gibt. Man kann eine Gegend immer ihrem Charakter nach, nach Art eines
Menschen betrachten, und jene Modifikationen entsprechen dann den
verschiedenen Stimmungen des Gemüts und sind, wie sie, ruhig und bewegt,
sanft und hart, fröhlich oder traurig, ja auch wohl launen- und
grillenhaft. Danach machen Sie denn auch ihren Eindruck auf den, der auf
sie zu achten versteht, und ich kann wohl sagen, daß ich das Glück habe,
diesen Eindruck nur immer so zu erfahren, wie er für die Seele Reiz hat,
sie angenehm und lebendig spannt. Unangenehme Wirkungen macht das Wetter
nie auf mich, und wenn es schwermütig oder schauerlich ist, empfinde ich
es ungefähr nur ebenso, wie man auf dem Theater schwermütige oder
schauerliche Szenen aufnimmt. – Beim Theater fällt mir ein, daß Sie es
vermutlich auch garnicht, oder doch höchst selten besuchen. Mein Fall
ist das ganz und gar, vorzüglich seitdem meinen Augen der Glanz der
vielen Lichter zu widrig und mein Gehör auch nicht mehr gut genug ist,
um die wenigstens nicht sehr gut und deutlich redenden Schauspieler zu
verstehen. Hier ist jetzt gerade eine herumziehende Truppe, und ob man
gleich hier vor allem Glanz und blendendem Lichte sicher und auch bei
der Nähe der Sitze eher in Gefahr wäre, überschrieen zu werden, so bin
ich doch noch nicht dazu gekommen, sie spielen zu sehen. An einem guten
Schauspiel entbehrt man wirklich viel, wenn man darauf, freiwillig oder
durch Umstände genötigt, Verzicht leistet. Selbst wenn die Schauspieler
nur mittelmäßig sind, hat das Vortragen eines guten Stücks (denn darauf
kommt freilich alles an) durch Personen, die als selbsthandelnd
auftreten, immer etwas mehr Ergreifendes und Belebendes als selbst ein
viel besseres, einzelnes Vorlesen. Auf der andern Seite aber liegt ein
besonderer Reiz darin, sich von allen Gelegenheiten größerer
Versammlungen zurückzuziehen. Schon jung, dann in männlichen Jahren
hatte ich mir das lebhaft gedacht und gleichsam den Reiz vorher
genossen, in den Jahren eine hinreichende Rechtfertigung zu finden, der
Gesellschaft immer mehr und mehr zu entsagen, und jetzt, wo ich diesen
Zustand wirklich erreicht habe, finde ich, was ich damals empfand,
vollkommen bestätigt. Ich hatte mir das Alter immer reizend und viel
reizender als die früheren Lebensepochen gedacht, und nun, da ich dahin
gelangt bin, finde ich meine Erwartungen fast übertroffen. Daher mag es
auch kommen, daß ich eigentlich in der Seele gewissermaßen älter bin
als körperlich und an Jahren. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, und wer ohne
große körperliche Ermüdungen und meist gesund und immer höchst
regelmäßig und ohne Leidenschaften gelebt hat, welche die Gesundheit
untergraben, kann da noch keine merkliche körperliche Abnahme fühlen.
Allein die Ruhe des Geistes, die Freiheit von allem, was die Seele
unangenehm spannt und aufreizt, die Unabhängigkeit fast von allem, was
man sich nicht selbst durch innerliche Stimmung und Beschäftigung geben
kann: diese Dinge sind alle in früheren Jahren schwerer zu erreichen,
sind alsdann oft nur dann vorhanden, wenn, was noch viel schlimmer ist,
sie aus Kälte und Unempfindlichkeit entstehen. Dennoch sind sie es
vorzüglich, welche ein innerlich glückliches Leben geben und sichern. Es
ist daher nicht ganz richtig, wenn man glaubt oder sagt, daß das Alter
abhängiger von anderen Umständen und Zufällen mache. Körperlich und
äußerlich ist es freilich wohl der Fall, allein auch nicht so viel, als
man glaubt, da wenigstens bei gutgearteten und an Selbstbeherrschung
gewöhnten Menschen die Begierden und selbstgeschaffenen Bedürfnisse noch
viel mehr im Alter abnehmen als die Kraft, ihnen Befriedigung zu
verschaffen. Auf der andern Seite aber gewinnt eben dadurch die viel
wesentlichere und das Glück weit mehr befördernde Unabhängigkeit
ungleich mehr. Mangel an Ergebung und Ungeduld sind eigentlich die
Dinge, welche alle Übel, welcher Art sie sein mögen, erst recht
empfindlich machen und sie wirklich vergrößern. Gerade von diesen beiden
Übeln heilt das Alter vorzüglich, immer eine Gemütsart vorausgesetzt,
die keine einmal eingewurzelten unartigen Gewohnheiten hat, die freilich
ihr Gift sonst in jedes Alter hinübertragen. Der größte Gewinn aber, der
aus dieser größeren geistigen Freiheit, aus der Begierden- und
Leidenschaftslosigkeit, dem gleichsam wolkenlosen Himmel, den zunehmende
Jahre über das Gemüt hinführen, entsteht, ist, daß das Nachdenken
reiner, stärker, anhaltender, mehr die ganze Seele in Anspruch nehmend
wird, daß sich der intellektuelle Horizont erweitert und das
Beschäftigen mit jeder Art von Wissenschaft und jedem Gebiet der
Wahrheit immer mehr und mehr, ausschließend das ganze Gemüt ergreift und
jedes andere Bedürfnis, jede andere Sehnsucht schweigen macht. Das
nachdenkende, betrachtende, forschende Leben ist eigentlich das höchste;
allein in gewisser Art läßt es sich doch nur im höheren Alter vollkommen
genießen. Früher ist es im Streit mit der Aufforderung und sogar mit der
Pflicht zu handeln, und erfährt nicht selten Störungen durch sie. Es
wäre aber sehr unrichtig, wenn man in dem Wahne stände, daß ein solches
Vergnügen an einem garnicht mit dem Leben und dessen Weltlichkeit
zusammenhängenden Nachdenken eine große Bildung oder viele Kenntnisse
voraussetze. Wo diese gerade bei jemand zufällig vorhanden sind, da
kann das Nachdenken vielfältige Gegenstände treffen, es ist da
allerdings mehr Mannigfaltigkeit und ein wenigstens scheinbar weiterer
Kreis. Allein gerade die dem Menschen notwendigsten, heiligsten und
wahrhaft erfreulichsten Wahrheiten liegen auch dem einfachsten,
schlichtesten Sinne offen, ja werden von ihm nicht selten richtiger und
selbst tiefer aufgefaßt, als von dem, den großer Umfang von Kenntnissen
mehr zerstreut. Diese Wahrheiten haben noch außerdem das Eigene, daß, ob
sie gleich keines Grübelns bedürfen, um erkannt zu werden, vielmehr sich
von selbst Eingang in das Gemüt verschaffen, daß immer in ihnen Neues
gefunden wird, weil sie in sich wirklich unerschöpflich und unendlich
sind. Sie knüpfen sich an jedes Alter an, allein doch am natürlichsten
an dasjenige, was den endlichen Aufschlüssen über alle unendlichen
Rätsel, die eben diese Wahrheiten enthalten, am nächsten steht. So
stirbt zwar in höheren Jahren eine gewisse Lebendigkeit mehr ab; aber es
ist dies nur eine äußere, oft sogar fälschlich geschätzte. Die viel
wohltätigere, schönere, edlere, die sich immer in fruchtbarer Klarheit
entfaltet, gehört vielmehr erst recht eigentlich dem wahren Alter an.
Ich weiß, liebe Charlotte, daß Sie über alle diese Gegenstände auch sehr
übereinstimmend mit mir denken, und schmeichle mir also, daß es Ihnen
nicht unangenehm sein wird, daß ich mich gewissermaßen gehen ließ,
darüber zu sprechen. Diese Dinge, über die sich nur mit wenigen reden
läßt, sind ja wohl die natürlichsten Gegenstände für einen Briefwechsel,
der, frei von Geschäften und äußeren einschränkenden Bedingungen, dann
am meisten erfreut, wenn er ein recht ungezwungener vertraulicher
Austausch persönlicher Stimmungen und Gesinnungen ist. – In Ottmachau
hoffe ich, unter der Ihnen neulich gegebenen Adresse, einen Brief von
Ihnen zu empfangen. Mit der aufrichtigsten Herzlichkeit der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 12. September 1824.

Ich bin seit einigen Tagen aus Schlesien wieder hierher zurückgekommen,
liebe Charlotte, und eine meiner ersten Beschäftigungen ist, Ihnen zu
schreiben. Meinen letzten Brief aus Ottmachau werden Sie bereits
empfangen haben. Der Herbst verspricht sehr schön zu werden, und ich
habe mich darum doppelt gefreut, wieder hier zu sein, die letzten Monate
der scheidenden besseren Jahreszeit zu genießen. Ich liebe bei weitem
mehr das Ausgehen als das Beginnen des Jahres. Man blickt dann auf so
manches, das man getan oder erlebt hat, zurück, man meint sich sicherer,
weil der Raum kleiner ist, in dem noch Unfälle begegnen können. Alles
das ist freilich eine Täuschung, ein Augenblick reicht hin zu dem
größten. Aber so vieles im Leben, im Glück und im Unglück sogar, ist ja
nichts als Täuschung, und so kann man auch dieser stillere Momente
verdanken. Ich bin zwar von Besorgnissen für mich sehr frei, nicht
gerade, weil ich mich weniger Unfällen ausgesetzt glaubte, oder weil ich
mich vor nichts Menschlichem fürchte, sondern schon früh das Gefühl in
mir genährt habe, daß man immer vorbereitet sein muß, jedes, wie das
Schicksal es gibt, durchzumachen. Man kann sich aber doch nicht
entschlagen, das Leben wie ein Gewässer zu betrachten, durch das man
sein Schiff mehr oder minder glücklich durchbringt, und da ist es ein
natürliches Gefühl, lieber den kürzeren als den längeren Raum vor sich
zu haben. Diese Ansicht des Lebens, als eines Ganzen, als einer zu
durchmessenden Arbeit, hat mir immer ein mächtiges Mittel geschienen,
dem Tode mit Gleichmut entgegen zu gehen. Betrachtet man dagegen das
Leben nur stückweise, strebt man nur, einen fröhlichen Tag dem andern
beizugesellen, als könne das nun so in alle Ewigkeit fortgehen, so gibt
es allerdings nichts Trostloseres, als an der Grenze zu stehen, wo der
Faden auf einmal abgebrochen wird.

Das Laub der Bäume fängt schon an, die Buntfarbigkeit anzunehmen, die
den Herbst so sehr ziert und gewissermaßen eine Entschädigung für die
Frischheit des ersten Grüns ist. Der kleine Ort, den ich hier bewohne,
ist vorzüglich gemacht, alle Reize zu zeigen, welche große, schöne und
mannigfaltige Bäume durch alle wechselnden Jahreszeiten hindurch
gewähren. Um das Haus herum stehen alte und breitschattige, und umziehen
es mit einem grünen Fächer. Über das Feld gehen in mehreren Richtungen
Alleen, in den Gärten und dem Weinberg stehen einzelne Fruchtbäume, im
Park ist ein dichtes und dunkles Gebüsch, und der See ist vom Walde
umkränzt, sowie auch alle Inseln darauf mit Bäumen und Büschen
eingefaßt. Ich habe eine besondere Liebe zu den Bäumen und lasse nicht
gern einen wegnehmen, nicht einmal gern verpflanzen. Es hat so etwas
Trauriges, einen armen Baum von der Umgebung, in der er viele Jahre
heimisch geworden war, in eine neue und in neuen Boden zu bringen, aus
dem er nun, wie unwohl es ihm werden mag, nicht mehr herauskann, sondern
langsam schmachtend sein Ausgehen erwarten muß. Überhaupt liegt in den
Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und
beschränkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie können,
über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der
Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht
es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders.
Er ist, wie weit er herumschweifen möge, doch auch an eine Spanne des
Raums gefesselt. Bisweilen kann er sie garnicht verlassen, und das ist
oft der Fall der Frauen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und
sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung und
Bedürfnis immer von Zeit zu Zeit wieder zurück, oder er bleibt auch
fortwährend entfernt, und seine Gedanken und Wünsche sind doch dem
ursprünglichen Wohnsitz zugewendet.

Es freut mich, daß Sie, liebe Charlotte, in Ihrem Garten auch in einiger
Art wenigstens einen ländlichen Aufenthalt genießen. Ich weiß, wie sehr
Sie daran hängen und jede damit verbundene Freude zu schätzen wissen.
Für meine Beschäftigungen ist mir das Herannahen des Spätherbstes und
Winters sehr unangenehm. Meine Augen sind zwar durch den anhaltenden
Gebrauch wirksamer Mittel um vieles besser, sie erfordern indes doch
noch viel Schonung, und bei Licht greife ich sie nicht an. Damit zieht
sich aber der Tag enge zusammen, und wenn man noch abrechnen muß, was
das häusliche Leben, Besuche, Zerstreuungen mancher Art, endlich
wirkliche Geschäfte wegnehmen, so bleibt wenig übrig. Und je länger ich
fortfahre, ausschließlich meine Zeit den Studien und dem Nachdenken zu
widmen, jemehr kann ich sagen, vertiefe ich mich darin und verliere
Neigung und Geschmack an allem andern. Die Ereignisse der Welt haben
auch nicht das mindeste Interesse für mich. Sie gehen an mir vorüber wie
augenblickliche Erscheinungen, die weder dem Geist noch dem Gemüt etwas
zu geben vermögen. Den Kreis meiner Bekanntschaften ziehe ich immer
enger zusammen; die Männer, mit denen ich früher den anziehendsten
Umgang hatte, sind gestorben, und ich habe es immer für Glücksfälle
gehalten, die man benutzen, nicht aber Bedürfnisse, die man suchen muß,
wenn sich ein solcher Umgang von selbst anknüpfte. Dagegen ist das Feld
des Wissens und Forschens unermeßlich und bietet beständig neue Reize
dar. Es füllt alle Stunden aus, und man sehnt sich, nur die Zahl dieser
vervielfältigen zu können. Ich kann wohl sagen, daß ich in meinem Innern
einzig darin lebe, oft Tage lang, ohne diesen Gegenständen mehr als
flüchtige Gedanken zu entwenden. Naturwissenschaften haben mich nie
angezogen. Es fehlte mir auch der auf die äußeren Gegenstände aufmerksam
gerichtete Sinn. Von früh an hat mich das Altertum aber angezogen, und
es ist auch eigentlich das, was mein wahres Studium ausmacht. Wo der
Mensch noch seinem Entstehen näher war, zeigte sich mehr Größe, mehr
Einfachheit, mehr Tiefe und Natur in seinen Gedanken und Gefühlen, wie
in dem Ausdrucke, den er beiden lieh. Zu der vollen und reinen Ansicht
davon kommt man freilich nur durch mühevolle und oft in mechanischer
Beschäftigung zeitraubende Gelehrsamkeit; aber auch das hat seinen Reiz,
oder wird wenigstens leicht überwunden, wenn man sich einmal an
geduldiges Arbeiten gewöhnt hat. Zu den kraftvollsten, reinsten und
schönsten Stimmen, die aus grauem Altertum zu uns herübergekommen sind,
gehören die Bücher des Alten Testaments, und man kann es nie genug
unserer Sprache verdanken, daß sie, auch in der Übersetzung, so wenig an
Wahrheit und Stärke eingebüßt haben. Ich habe oft darüber mit Vergnügen
nachgedacht, daß es nicht möglich wäre, etwas so Großes, Reiches und
Mannigfaltiges zusammen zu bringen, als die Bibel, die Bücher des Alten
und Neuen Testaments, enthalten. Wenn sie auch, wie bei uns, dem Volke
gewöhnlich das einzige Buch ist, so hat dieses in ihr ein Ganzes
menschlicher Geisteswerke, Geschichte, Dichtung und Philosophie, und
alles dies so, daß es schwerlich eine Geistes- oder Gefühlsstimmung
geben könnte, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fände. Auch
ist nur weniges so unverständlich, daß es nicht gemeinem, schlichtem
Sinne zugänglich wäre. Der Kenntnisreichere dringt nur tiefer ein, aber
keiner geht eigentlich unbefriedigt hinweg.

Ich bleibe diesen und den größten Teil des künftigen Monats hier, ehe
ich nach Berlin ziehe, und auch dann bringe ich wohl nur einige Wochen
dort zu. Sie können darauf für Ihre Briefe mit Sicherheit rechnen. Im
November und Dezember werde ich zwar vermutlich wieder, wie im vorigen
Herbst, eine Reise machen, die sich mit einem Aufenthalt von einigen
Wochen in Burgörner schließen wird; allein es ist an sich noch nicht
gewiß, noch weniger der Zeitpunkt, und ich schreibe es Ihnen vorher.
Ich habe immer Neigung zum Bleiben am nämlichen Ort, und zum Aufsuchen
eines andern, wie Gewicht und Gegengewicht, in mir. Doch ist das Reisen
und der Wechsel des Aufenthalts meist Notwendigkeit, selten
ursprüngliche Lust. Leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den
herzlichsten Gefühlen der Ihrige.                    H.



_Burgörner_, den 13. November 1824.

In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmut, zur
Zufriedenheit mit sich und zur Reue, da hat man mit sich, mit andern,
mit dem Geschicke gekämpft, gesiegt und unterlegen; was da gefunden
wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war,
untilgbar wie eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar wie ein
der Seele eingewachsener Gedanke; es ist ferner rein von der
Ängstlichkeit, der Besorgnis der Zukunft....

Ergebung und Genügsamkeit sind es vor allem, die sicher durch das Leben
führen. Wer nicht Festigkeit genug hat, zu entbehren und selbst zu
leiden, kann sich nie vor schmerzlichen Empfindungen sicherstellen, ja
er muß sich sogar selbst, wenigstens die zu rege Empfindung dessen, was
ihn ungünstig trifft, zuschreiben....

Es gibt in der moralischen Welt nichts, was nicht gelänge, wenn man den
rechten Willen dazu mitbringt. Der Mensch vermag eigentlich über sich
alles, und muß über andere nicht zu viel vermögen wollen.

Gegen Menschen und gegen Schicksale ist es nicht bloß die edelste und
sich selbst am meisten ehrende, sondern auch die am meisten auf dauernde
Ruhe und Heiterkeit berechnete Gemütsstimmung, nicht gegen sie zu
streiten, sondern sich, wo und wie es nur immer das Verhältnis erlaubt,
zu fügen, was sie geben, als Geschenk anzusehen, aber nicht mehr zu
verlangen, und am wenigsten mißmutig über das zu werden, was sie
verweigern....

Mit den sogenannten Ahnungen und Vorgefühlen ist es eine sonderbare
Sache. Bisweilen trifft so etwas ein, bisweilen schlägt es fehl. Man
möchte aber doch keineswegs weder das eine noch das andere als etwas
bloß Zufälliges ansehen, und darum, weil diese Vorgefühle oft ohne
Erfolg bleiben, sie nicht auch, wenn sie eintreffen, dem Zufall
beimessen, und ihnen das Verdienst wahrer Voranzeige der Zukunft nehmen.
Es geht mit diesen Dingen wie mit allem, was auf innerem Selbstgefühl
beruht. Dies Selbstgefühl kann sich täuschen, man kann für Vorbedeutung
halten, was es nicht ist, und kann auch wieder die wahre verkennen.
Objektive Sicherheit läßt sich darüber nicht haben. Es kann keine
sicheren äußeren Zeichen der Erkennung der Wahrheit geben. Es sind immer
oft schwache Andeutungen, sie können in die Seele gelegt, sie können
aber auch aus einem unbestimmten, durch Hoffnung oder Furcht
irregeleiteten Seelenzustand erzeugt sein. Im ersteren Falle läßt sich
auf ihre Zuverlässigkeit bauen, im letzteren Falle nicht. Das Weiseste
ist immer, sie auf keine Weise herbeizulocken, bei ihrem Erscheinen sich
die Möglichkeit ihrer Falschheit zu denken, und wenn sie ungünstig, auf
ihre Wahrheit gefaßt zu sein.               H.



_Berlin_, den 31. Januar 1825.

Sie werden sich wundern, liebe Charlotte, schon vor der Zeit, wo Sie
gewohnt sind, meine Briefe zu erwarten, einen von mir zu empfangen. Aber
ich bin krank, habe ziemlich starkes Schnupfenfieber und Zahnweh, und
beides hindert mich am Arbeiten. Da suche ich gern im Briefwechsei, und
am liebsten in dem mit Ihnen, eine ruhig-erheiternde und die Seele
stimmende Beschäftigung. Ich gehöre zu den geduldigsten Kranken, ja ich
kann mich oft nicht entschließen, das Kranksein ein Übel zu nennen. Sie
werden sagen, daß das nur beweist, daß ich nie oder selten ernsthaft
krank war, und darin haben Sie ganz recht. Aber es gibt genug Leute, die
auch schon bei kleinen Übeln und bloß belästigenden Unpäßlichkeiten
klagen. Mir bringt das Kranksein immer eine gewisse Ruhe und Sanftheit
in die Seele. Es ist nicht, daß ich gesund sehr das Gegenteil wäre. Aber
das gesunde Streben hat, vorzüglich im Manne, doch einen Eifer und eine
Lebendigkeit, die immer mehr oder weniger anspannen. Das fällt in
Krankheit weg, man fühlt seine Tätigkeit; gelähmt und erwartet, bis es
besser geht, keine Erfolge. Übrigens beunruhigen Sie sich ja nicht über
mein Unwohlsein. Es ist durchaus unbedeutend und geht gewiß in wenig
Tagen vorüber. Es ist bloß die Folge einer Erkältung, der ich nicht
vermeiden konnte mich auszusetzen; ich fühlte gleich auf der Stelle das
Entstehen des Übels. Meine Augen – Sie denken oft liebevoll daran –
haben sich sehr gebessert. Ich leide garnicht in diesem Winter daran.
Ich schreibe es doch der großen Schonung und selbst den lateinischen
Buchstaben zu. Für Ihren letzten Brief habe ich Ihnen schon meinen
herzlichsten Dank gesagt; ich habe ihn seitdem oft wieder gelesen, jedes
Wort darin macht mir große und herzliche Freude, für die ich Ihnen schon
im Stillen viel gedankt habe! Es ist Ihnen eine seltene und natürliche
Gabe eigen, Ihre Empfindungen einfach und wahr auszudrücken, darin liegt
die große Wirkung, die Ihre Worte haben. Ich wünschte immer, ja ich
wußte, daß, wenn Sie mich erst näher kennen lernten, sich die
Überzeugung mehr und mehr in Ihnen befestigen werde, wie herzlich mein
Anteil an Ihnen und wie unwandelbar meine Gesinnungen gegen Sie sind.
Dies hoffe ich jetzt erreicht zu haben. Es ist mir auch eine
Angelegenheit, es Ihnen bestimmt zu sagen. Beim Schluß des Jahres
drängen sich ganz natürlich die Empfindungen zusammen für diejenigen,
die uns besonders wert sind, und wir fassen Sie enger zusammen. Ich
halte überhaupt sehr viel auf die Zeitabschnitte auch im gewöhnlichen
Leben, und der Anfang einer neuen Epoche ist mir kein gewöhnlicher Tag.
Ich passe alles, was ich tue, genau in die Zeit ein, und lasse sie über
mich herrschen.

Daß die Zeit hingehe und geistig erfüllt werde, ist das Große und
Wichtige im Menschenleben. Durchdringt man sich recht von dieser Idee,
so wird man gegen Glück und Unglück, gegen Freude und Schmerz sehr
gleichgültig. Was sind Glück und Unglück, Freude und Schmerz anders, als
ein Hinfliegen der Zeit, von der nichts übrig bleibt, als was sich davon
geistig gesammelt hat? Die Zeit ist das Wichtige im menschlichen Leben;
denn was ist die Freude nach dem Verfliegen der Zeit? und das
Tröstliche, denn der Schmerz ist ebenso nichts nach ihrem Verfließen,
sie ist das Gleis, in dem wir der letzten Zeit entgegenwallen, die dann
zum Unbegreiflichen führt. Mit diesem Fortschreiten verbindet sich eine
reifende Kraft, und sie reift mehr und wohltätiger, wenn man auf sie
achtet, ihr gehorcht, sie nicht verschwendet, sie als das größte
Endliche ansieht, in der alles Endliche sich wieder auflöst.

Ihre Tätigkeit achte ich sehr hoch, sie macht Ihnen viel Ehre und
belohnt sich in der selbständigen Unabhängigkeit, die Sie sich nach
großen und ehrenvollen Verlusten wieder geschaffen haben. Darum
interessiert mich auch alles aufs höchste, was Sie mir über Ihre schon
an sich interessante Beschäftigung sagen.

Ich liebe überall die Arbeitsamkeit, sie ist mir besonders an Frauen
sehr schätzenswert. Diejenigen Arbeiten, welche Frauen vorzunehmen
pflegen, haben noch das Einladende und Reizende, daß sie erlauben, dabei
viel mehr in Empfindungen und Ideen zu leben. Ich leite daher die
wirklich feinere und schönere, oft selbst tiefere Bildung her, welche
auch solche Frauen, die keine vorzügliche Erziehung genossen haben,
meistenteils vor den Männern voraushaben, welchen sie sonst in
Kenntnissen nachstehen. Zum Teil freilich rührt aber eben daher auch die
bei Frauen häufigere Schwermut und Verletzbarkeit. Wie die Seele mehr,
öfter, tiefer und abgeschiedener in sich gekehrt ist, so berührt alles
Äußere sie rauher. Indes ist das ein leicht zu verschmerzender Nachteil.
Es hat immer einen unendlichen Nutzen, sich so zu gewöhnen, daß man sich
selbst zu einem beständigen Gegenstand seines Nachdenkens macht. Man
kann zwar auch, und mit gleicher Wahrheit, sagen, daß der Mensch wieder
gerade sich garnicht kennt, oder doch wenigstens nie recht. Beides ist
wahr. Er weiß nämlich von niemanden so viel, er kennt bei niemanden so
den geheimen Zusammenhang des Denkens und Wollens, die Entstehungsart
jeder Neigung und jedes Entschlusses, und in dieser Art kennt er nur
sich. Aber auf der andern Seite kann er, wie er es auch wollen möge,
nie unparteiisch gegen sich sein; denn der, den er beurteilt, mit dem
beurteilt er auch. Er ist also in Einseitigkeit befangen, und ich habe
daher nichts lieber, als wenn die, mit denen ich lebe, mich auf das
Allerfreieste und ohne allen Rückhalt beurteilen; man wird dadurch
belehrt, man hört etwas, das man sich selbst so nun einmal nicht sagt,
und auf irgend eine Weise, wenn es nicht mit Absicht verdreht wird, hat
es doch Grund. – Leben Sie jetzt recht herzlich wohl, und lassen Sie
sich, ich wiederhole es, durch meine Unpäßlichkeit nicht beunruhigen.
Ganz mit den alten und sich nie ändernden Gesinnungen Ihr

Humboldt.



_Berlin_, den 12. Februar 1825.

Meine Gesundheit ist ganz wieder hergestellt, und ich bin wieder im
gewöhnlichen Zuge meiner Arbeiten. Es ist mir dies vorzüglich lieb, da
ich mit Recht sagen kann, daß das mein Leben ist. Es sind lauter
selbstgewählte Beschäftigungen und immer mit Ideen allgemeinerer Art. Da
ich diese Beschäftigungen einen großen Teil meines Lebens hindurch
geführt habe, so haben sie meinem Wesen auch die Richtung zum Ernst und
zum Halten an Ideen und Gedanken gegeben, die es offenbar hat. Ich habe
alles, was mich umgibt und womit ich in Berührung komme, in ein gewisses
System gebracht. Ich behaupte darum garnicht, daß dies System immer
richtig ist. Vielmehr ist nichts darin, was ich nicht von Zeit zu Zeit
von neuem überdenke und in Betrachtung ziehe, und immer findet sich auch
irgendwo ein Irrtum zu verbessern. Allein so lange ich das, was ich
meine, für wahr halte, kann ich nicht leiden, daß um mich her, soweit
ich Einfluß darauf habe, anders gehandelt wird. Ich kann alsdann die
Grundsätze jedes Handelns aufweisen, und somit ist doch eine Grundlage
vorhanden, auf die man fußen kann. Denn nichts ist mir so zuwider, als
das bloße launige Wechseln der Ideen, oder das blinde Herumtappen. Es
ist allerdings nicht immer möglich, jede Sache in ihrer Wahrheit zu
ergründen, jeden Entschluß immer so zu nehmen, wie es am weisesten wäre.
Aber man kann dem doch nahe kommen, und alles, auch das Unbedeutende in
Regel und Norm zu pressen, nicht der wechselnden Lust oder Unlust zu
diesem oder jenem zu folgen, sondern sich selbst zur Befolgung dieser
Regel zu nötigen, ist eine heilsame Weise für den äußeren Erfolg und für
den inneren Charakter. Es ist auch garnicht richtig, daß eine solche Art
des Seins den Aufschwung des Geistes hindern sollte, oder dem Erguß der
Empfindung Schranken setze. Der Geist bewegt sich vielmehr zuverlässiger
in einem ihm gegebenen Gleise, in dem er eine feste Richtung und den
gehörigen Anhalt findet, und die Empfindung erlangt mehr Stärke, wenn
sie aus ganz geläuterten und berichtigten Ideen hervorgeht.

Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte, und seien Sie überzeugt, daß ich
sehr oft und immer mit herzlichster Teilnahme Ihrer gedenke. Auf Ihr
Befinden, denke ich, hat der gelinde Winter, den wir haben, einen
wohltätigen Einfluß ausgeübt. Je älter man wird, desto mehr wird man dem
plötzlichen Wechsel und den Extremen der Witterung gram. Mit den alten,
sich nie ändernden Gesinnungen der Ihrige.                  H.



_Berlin_, den 8. März 1825.

Die Beschreibung Ihres Lebens und Ihres häuslichen Daseins vom Jahre
1786 hat mir, liebe Charlotte, eine viel größere Freude gemacht, als ich
Ihnen sagen kann. Es ist auch dieser Lebensabschnitt in Ihrer Jugend,
wie natürlich, ohne gerade wichtige Ereignisse vorübergegangen, aber es
ist Ihnen eine ganz besondere Gabe eigen, die inneren Seelenzustände zu
schildern. Immer aber sind es doch nur diese, welche die Begebenheiten
selbst erst anziehend machen, sie mögen dieselben nun vorbereiten,
begleiten, oder aus ihnen entstehen. Nichts aber ist gleich reizend, als
der Zustand eines aufblühenden Mädchens in dem Alter, worin Sie damals
gewesen sein müssen. Ich war damals neunzehn Jahre und auch noch nicht
aus dem mütterlichen Hause gekommen. Meinen Vater habe ich schon früher
in meinem zwölften Jahre an einer Krankheit verloren, die bloß zufällig
war, da er seinem sonstigen Gesundheitszustande nach noch lange hätte
leben können. Sie müssen ungefähr vier Jahre jünger sein als ich. Ich
erinnere mich aber hier, daß ich Ihr Geburtsjahr nicht genau weiß.
Schreiben Sie es mir doch einmal. Mir ist es immer wichtig, ganz genau
zu wissen, wie alt die sind, die ich gern habe, vorzüglich bei Frauen.
Ich habe meine eigenen Gedanken über das weibliche Alter und ziehe ein
weiter fortgerücktes eigentlich einem jüngeren vor. Sogar der bloße
körperliche Reiz erhält sich meiner Meinung nach viel länger, als man
gewöhnlich annimmt, und was in dem Innern einer Frau vorzüglich fesselt,
gewinnt offenbar bei fortgeschrittenen Jahren. Ich hätte auch in keinem
Alter meines Lebens gern in engem Verhältnis mit einem Mädchen oder
einer Frau stehen mögen, die viel jünger als ich gewesen wäre, am
wenigsten hätte ich eine solche heiraten mögen. Ich bin auch in mir
überzeugt, daß solche Heiraten im ganzen nicht gut sind. Sie führen
meistenteils dahin, daß die Männer die Frauen wie Unmündige und Kinder
behandeln, und es kann bei einer solchen Altersverschiedenheit unmöglich
der freie, gegenseitig erhebende und beglückende Umgang, das volle und
reine überströmen der Gedanken und Empfindungen aus einem Gemüt in das
andere stattfinden, die in dem Umgange beider Geschlechter eigentlich
das Beseligende ausmachen. Gleichheit in allen inneren Bedingungen ist
da unentbehrlich notwendig, und der Mann kann nur daran große Freude
finden, daß sich ihm die in jeder Art in Empfindungen und Denken, nach
Maßgabe der Verschiedenheit der Geschlechter, in ihrer Art Gleiche, in
der mit erlangter Reife vollen Selbständigkeit ihres Wesens hingibt und
seinen Willen als den ihrigen erkennt.

Ich bin aber von Ihrer Lebenserzählung abgekommen. Es ist eine sehr
eigentümliche, aber in der Unschuld eines aufkeimenden, noch vor sich
selbst gar nicht entfalteten Gemüts, natürliche und liebenswürdige
Richtung in Ihrem Herzen, in jener Zeit, daß Sie sich nur nach einer
Freundin sehnten, und jede andere Sehnsucht Ihnen fremd war. Man erkennt
darin recht, was Freundschaft und Liebe unterscheidet. Beide teilen
miteinander das innere Seelenleben, worin zwei Wesen einander
entgegenkommen, und indem sie, jeder seine Art zu sein in dem andern
aufzugeben scheinen, dieselbe reiner und klarer zurückempfangen. Der
Mensch muß etwas außer sich gewinnen, an das er sich anschließen, auf
das er mit allen vereinten Kräften seines Daseins wirken könne. Allein
wenn auch diese Neigung allgemein ist, so ist der Hang und die Sehnsucht
nach wahrer Freundschaft und Liebe doch nur ein Vorrecht zarter und
innerlich gebildeter Seelen. Weniger zarte oder durch die Außenwelt
betäubte Gemüter heften sich wechselnd und vorübergehend an und
erreichen niemals den wahren Frieden, einer in dem andern. Unter sich
aber sind Liebe und Freundschaft doch immer und unter allen Umständen in
der Art verschieden, daß die erste immer zugleich eine sinnliche Farbe
an sich trägt. Man tut dadurch ihrer Reinheit keinen Eintrag, denn auch
die sinnliche Neigung kann die größte Reinheit in sich schließen, diese
stammt aus der Seele selbst und verwandelt alles in ihren unbefleckten
Glanz. Bei jungen weiblichen Gemütern, die noch gar nicht bis zum
Gefühl, oder vielmehr bis zum Bewußtsein der Liebe gekommen sind, ist es
doch aber eigentlich diese, die das Gewand der Freundschaft annimmt. Die
Gefühle sind da noch nicht so bestimmt und klar geschieden, aber die
beginnende weibliche Reife spielt doch alles, ohne es zu wissen, in die
Liebe hinüber. Die Freundschaft selbst von einem Geschlecht zu einer
Person desselben wird dann lebendiger, leidenschaftlicher, hingebender,
aufopfernder; wenn sie auch in späteren Jahren alles dasselbe der Tat
nach leistet, so ist in der früheren doch die Art anders, die Farbe der
Empfindung glühender, die Seele heftiger davon ergriffen und gleichsam
wärmer und heller davon durchstrahlt. So ist es gewiß auch Ihnen, liebe
Charlotte, damals mit Ihrer Freundin gegangen. Ich wünsche sehr, daß Sie
Ihre Lebenserzählung fortsetzen. – Nun leben Sie herzlich wohl und
gedenken Sie meiner, der Ihnen immer mit gleicher Teilnahme zugetan
bleibt.                     H.



_Berlin_, den 22. März 1825.

Ich setze mich mit recht eigentlicher Freude hin, Ihnen zu schreiben,
liebe Charlotte, und wünsche von ganzem Herzen, daß Sie dies Blatt
körperlich recht wohl und heiter gestimmt finden möge. Bei dieser
wunderbaren Witterung, wo der Winter es sich recht aufgespart hat, zum
Frühjahr zu kommen, kann es selbst festen Gesundheiten leicht anders
ergehen. Die meinige hat Gottlob! bis jetzt keinen Anstoß erlitten, und
ich denke, wenn nicht zum Osterfest, doch gleich nachher, nach Tegel zu
gehen. Wenn man auch dies Jahr lange auf das Grünwerden der Bäume wird
warten müssen, so ist es eine süße Erwartung, wie die alles Guten, das
unfehlbar ist, weil es aus einer sich immer gleichbleibenden Güte
quillt. Alle Freuden an dem Wechsel der Naturerscheinungen haben das,
daß sie zugleich moralische sind für das sie dankbar empfindende Herz.
Diese Zuverlässigkeit, die in der Natur liegt und sich schon in ihrer
Regelmäßigkeit ausspricht, durch die die gewöhnlichsten Begebenheiten,
ja selbst der tägliche Sonnen-Auf- und -Niedergang etwas Großes und
Wunderbares erhalten, diese Zuverlässigkeit, sage ich, verbunden mit der
Wohltätigkeit alles dessen, was aus der Natur auf den Menschen
herabfließt, erteilt allen Empfindungen, die sich auf sie beziehen, eine
erhebend beruhigende Fülle der Sanftheit. In unserm rauhen Norden
müssen wir freilich den Übergang zum Frühjahr mit bittern
Winterempfindungen erkaufen und das Bessere langsam erwarten. Aber
dieser große Wechsel hat doch auch seine Vorzüge. Er schafft mehr und
etwas Tieferes in dem Menschen, wenn er nach der Düsterheit, die doch
immer den Winter begleitet, in die Milde heiterer Frühlingssonne
übergeht. Man empfindet das recht, wenn man einige Jahre in südlichen
Ländern zubringt. Der Winter ist da eigentlich Frühjahr, und man kann
fast nur drei Jahreszeiten unterscheiden, die der großen Hitze, den
Sommer, die der Früchte, den Herbst, und die übrigen Monate des Jahres,
wo man auch nicht Kälte oder unangenehme Witterung leidet, das Gras auf
Angern und Wiesen frisch und schön, und bei vielen immer grünen Bäumen
selbst wenige laublos dastehen. So kommt man in den Winter und Frühling,
ohne eigentlich eine Veränderung zu bemerken, aber man entbehrt auch des
ganzen, bei uns wahrhaft himmlischen Eindrucks, den diese Veränderung
auf das Gemüt immer unfehlbar hervorbringt. Die Natur ist es aber auch
allein, an der mir der Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar wird. Die
Menschen pflegen ihn sonst auch noch in ihrer veränderten Lebensweise zu
spüren. Das ist nun bei mir nicht der Fall. Ich lebe, einigen Wechsel
des Aufenthalts abgerechnet, ziemlich jeden Monat im Jahr auf die
gleiche Weise. Es ist dies eine natürliche Folge meines wenigen
Ausgehens im Winter und meines ununterbrochenen Arbeitens. Denn wenn
Sie die Stunden von 3 bis 5 und von 8 bis 10 des Tages und die Nacht
ausnehmen, können Sie sich mich, liebe Charlotte, immer in meiner Stube,
und da immer an meinem Schreibtische sitzend, denken. Da die wenigen
Gesellschaften, die ich besuche, auch noch meistenteils in die eben
bezeichneten Stunden fallen, so gibt es kaum Ausnahmen. Je tiefer man in
höhere Jahre tritt, je mehr reizt, wenn man dessen einmal fähig ist, der
Ernst der Gedanken. Man kann sogar ohne Übertreibung sagen, daß das das
Einzige ist, was uns dann noch reizt. Und dieser Reiz steigt mit der
Beschäftigung selbst. Es entspringt eines aus dem andern, es entspinnt
sich neu zu Denkendes aus bisher Halbgedachtem, oder nur Geahntem. Man
wird dadurch, von dieser Seite will ich zwar diese Art des einsamen
Denkens nicht unbedingt loben, man wird dadurch nicht anziehender für
andere, man grenzt sich vielmehr mehr ab, man weist gewisse Dinge
zurück, man hat überhaupt eine Neigung und ein Bedürfnis, sich und seine
Ansicht herrschend zu machen, und zieht sich leicht, wenn es auch nicht
zu billigen wäre, zurück, wo man sieht, daß sie keinen Eingang findet,
man fühlt gewissermaßen, daß man nur noch in einem gewissen Gleise
fortgehen kann, und verlangt daher, daß die, welche einen noch begleiten
wollen, sich demselben fügen. Alles das mag seine Unbequemlichkeiten
haben, allein alles Menschliche ist damit verbunden, und jenes
beschauliche Leben in sich selbst, das sich seinen Kreis schließt und
diesen Kreis nie wieder verläßt, hat und gewählt einen solchen Ersatz,
daß man sich doch darum nicht davon trennen würde. Ja, wenn es recht die
Weise erreicht, mit der sich ein sonst gut geartetes und tieferes Gemüt
wahrhaft beruhigt, so darf man sich sogar aus Pflicht nicht davon
trennen. Denn aus diesem nach eigenen Entschlüssen und eigener Wahl
begonnenen Verfolgen von Ideen entsteht immer etwas, das weiter und
wichtig wirkt, und ohne die Selbständigkeit des Mannes ist eine freie
Anwendung seiner Tätigkeit nicht zu denken.



_Tegel_, den 1. Mai 1825.

Ich habe eine große Freude daran, in der Vergangenheit zu leben. Von dem
Kleinsten, was mir begegnet ist, habe ich wenig vergessen, und ich
verweile vor allem gern in Gedanken bei den Menschen, mit denen ich
näher zusammen trat. Gerade in den Jahren, wo wir uns sahen, hatte ich
eine Art von Leidenschaft, interessanten Menschen nahe zu kommen, viele
zu sehen und diese genau, und mir in der Seele ein Bild ihrer Art und
Weise zu machen. Ich hatte mir dadurch früh eine Menschenkenntnis
verschafft, die andern sonst wohl viel später fehlt. Die Hauptsache lag
mir an der Kenntnis. Ich benutze sie zu allgemeinen Ideen,
klassifizierte mir die Menschen, verglich sie, studierte ihre
Physiognomien, kurz machte daraus, so viel es gehen wollte, ein eigenes
Studium. Indes hat es mir auch für die Behandlung der Menschen im Leben
sehr viel geholfen. Ich habe gelernt, jeden zu nehmen, wie er nach
seiner Sinnesart genommen werden muß, und was mir recht und dem
Verhältnis gemäß scheint, mit jedem durchzusetzen. Was ich als junger
Mensch zur Übung versuchte, hat mir im männlichen Alter oft sichtbar
genutzt. Jetzt kommt es mir längst nicht mehr vor, in dieser Art eine
Wirkung auf einen Menschen zu bezwecken. Wenn man meine Jahre erlangt
hat, kann man sich teils nicht mehr so in andere Verschiedenheiten
finden, teils muß man es nicht wollen. Man muß seine Individualität frei
gewähren lassen, mit denen fortwandeln, die sich ihr anpassen und sich
nach ihr richten wollen, und die andern nur mit allgemeinem Wohlwollen
begleiten. – – –

Sie sind also auch von der schnellen, wunderartig plötzlichen
Erscheinung des Frühjahrs in diesem Jahr so betroffen gewesen? Ich
meine, ich hätte es noch nie so erlebt. In einer einzigen Nacht stand
ein großer alter Kirschbaum hier, der den Tag vorher noch nichts als
nackte Reiser hatte, mit Blüten bedeckt da.

Die wehmütige Empfindung, gerade in dem Aufleben der Natur, ist sehr
begreiflich, und ist wohl allen Menschen eigen, die tiefer empfinden und
genauer auf sich achten. Sie hindert darum das frühe Teilnehmen an der
erwachenden Natur garnicht. Sie sprießt vielmehr aus der Tiefe dieser
Empfindungen selbst, denn jede wahrhaft tiefe Empfindung im Menschen
wird von selbst wehmütig. Sehr natürlich. Der Mensch fühlt seine
Schwäche, sein dem Wechsel und der Vergänglichkeit unterworfenes Dasein;
und indem er nun in diesem, ihn scheinbar nur mit Unglück und
Widerwärtigkeiten bedrohenden Dasein eine unendliche, ihn rund umgebende
Güte erblickt, da die ganze Natur, gerade in diesem ersten Aufkeimen,
überzuquellen scheint, um ihn mit Genüssen aller Art zu bereichern, so
ist er darüber in seiner innersten Tiefe gerührt, was sich nur in
wehmütiger Freude aussprechen kann. Eine andere Art der Wehmut, und eine
schmerzlichere, kann auch, nach Beschaffenheit der verschiedenen
Stimmungen, daher entstehen, daß man den Eintritt einer so großen Menge,
wenn auch nicht nach menschlicher Art lebender Wesen, in erneuertes
Dasein oder erneuerte Regsamkeit nicht ansehen kann, ohne zugleich an
ihre Rückkehr in Winterschlaf und Tod zu denken, die ebenso plötzlich
eintreten wird. Daß alles Leben nur ein der scheinbaren Vernichtung
Entgegengehen ist, wird einem nie so klar, als in dem regelmäßigen
Wechsel der Jahreszeiten. Die ganze Pflanzenwelt nun mit so harmlos
zuversichtlicher Freude ins Leben treten zu sehen, als ahnte sie
garnicht das winterliche Ersterben, hat ebenso etwas tief Rührendes, wie
das Leben eines noch keine Gefahren ahnenden Kindes.

Leben Sie herzlich wohl. Unwandelbar mit der herzlichsten,
unveränderlichsten Zuneigung Ihr             H.



_Tegel_, den 15. Mai 1825.

So sehr ich auch die Natur liebe und gern in ihr weile, bin ich doch,
seit ich hier bin, nicht sehr viel ins Freie gekommen. Wenn nicht Besuch
kommt, was bei diesen kalten und regnichten Tagen nicht so häufig der
Fall ist, pflege ich von sechs bis acht Uhr abends draußen zu sein. Ich
ziehe den Abend dem Morgen besonders wegen des Sonnenuntergangs vor.
Nicht leicht versäume ich diesen an irgend einem Tage zu sehen. Ich habe
ihn immer werter gehalten als den Aufgang, obgleich das vielleicht nur
daher kommt, daß man am Abend, nach vollendeten Geschäften, ruhiger und
besser gestimmt ist, sich Natureindrücken zu überlassen. Den ganzen Tag
über arbeite ich in meiner Stube, die aber nach der Mittags- und
Abendseite die unmittelbare Aussicht nach dem Garten und hohen Bäumen
hat. Dies Arbeiten in selbstgewählten Studien, unabhängigem Denken (denn
meine eigentlichen Geschäfte kosten mir verhältnismäßig sehr wenig Zeit)
kann ich eigentlich als mein Leben ansehen. Meine Ideen, und dies in
Büchern, in Anschauungen, in Erfahrungen, wodurch sie genährt werden,
beschäftigen mich eigentlich allein und ausschließend; und ich kann mit
Recht sagen, daß ich mein sehr heiteres und glückliches Dasein, wenn
nicht allein, doch größtenteils ihnen verdanke. Hat man sich einmal an
dies Leben in Ideen gewöhnt, so verlieren Kummer und Unglücksfälle ihre
Stachel. Man ist wohl wehmütig und traurig, aber nie ungeduldig noch
ratlos. Ich knüpfe, weil ich einmal diese Gewohnheit gefaßt habe, dies
Nachdenken immer an gelehrte Beschäftigungen, aber ich suche mich immer
und an jedem Punkte darin zu freien Ideen zu erheben, die sich dann an
alles, was nicht wirklich, und an alles, was in der Wirklichkeit echten
und wesenhaften Glanz, Gehalt und Reiz hat, knüpfen. In dieser höheren
Region werden die Ideen, die als gelehrte Beschäftigungen nur für wenige
bestimmt scheinen, wieder sehr einfach und knüpfen sich an alles
allgemein Menschliche an.

Ich freue mich zu denken, daß Sie diesen Brief, wie Sie es immer freut,
zum Pfingstfest bekommen. Mit unwandelbaren Gesinnungen der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 16. Juli 1825.

Dies ruhige, schöne, meinem Alter und Neigungen angemessene Verhältnis
können wir ungestört so lange fortsetzen, als wir miteinander im Leben
fortwandeln; es ist von meiner Seite nichts da, was es unterbrechen
könnte, und ich weiß nichts, was es von Ihrer Seite hindern könnte.
Genügt Ihnen, wie ich denn sicher überzeugt bin, daß es Ihnen genügt,
dies, so ist unser Verhältnis so klar und rein, wie es nur immer gedacht
werden kann. Sie brauchen auch garnicht zu denken, daß Sie darin bloß
die Empfangende sind; ich habe Ihnen oft gesagt, daß mir Ihre Briefe,
Ihre natürlichen, weiblichen Äußerungen Ihrer Ergebenheit, Ihre
Lebensbeschreibung recht große Freude machen und gemacht haben. Glaube
ich, daß Sie mir eine besondere machen könnten, so haben Sie ja gesehen,
daß ich es Ihnen frei und natürlich geäußert habe. Sagt das Ihnen nicht
zu, so trete ich davon zurück, und gewiß ohne Erbitterung, ohne Klage,
ohne, wie ich Ihnen sagte, irgend eine Empfindung, die Ihnen unangenehm
sein könnte, bloß in dem Gefühle, daß nicht zwei Menschen ganz gleich
denken können. Also auch so etwas müssen Sie, liebe Charlotte, nicht
schwer aufnehmen. Es gibt schon sehr vieles, was auch das glücklichste
Leben schwer machen kann, daß man es nicht willkürlich vermehren muß.
Willkürlich ist nun zwar eine solche Mißstimmung nicht, aber man kann
doch gegen sie arbeiten. Das erfordert freilich Selbstbeherrschung, aber
darauf muß ich auch zurückkommen, daß die allen Menschen nötig ist. So
glaube ich, liebe Charlotte, mich so rein ausgesprochen zu haben, daß
Ihnen wenigstens in mir nichts dunkel und rätselhaft bleiben kann. Nun
muß ich noch eine Stelle Ihres Briefes berichtigen, wo Sie mich ganz
mißverstanden haben, indem Sie sagen, daß ich nichts zu meinem Glück
bedürfe als mich. Es ist das allerdings wahr. Aber das kann ich, wie
streng ich mich untersuche, nicht tadeln, es ist vielmehr in mir die
Frucht eines langen und darauf gerichteten Lebens gewesen. Ich lebe
nämlich in Gefühlen, Studien, Ideen; diese sind es eigentlich, die
machen, daß ich nichts Fremdes bedarf, und sie sind auf unvergängliche
Dinge gerichtet, sie lassen mich nicht sinken, wenn mir Erwartungen
fehlschlagen, wie ich es oft, wenn mir Unglücksfälle zustießen, erlebt
habe. Nur wenn man in diesem Sinne nichts bedarf, kann man möglichst
frei von Egoismus sein, denn da man für sich nichts fordert, kann man
andern hilfreicher sein. Man genießt auch dann jede Freude mehr, gerade
weil sie kein Bedürfnis ist, sondern eine reine, schöne Zugabe zum
Dasein. Alles, was dem Bedürfnis ähnlich ist, hat die Eigentümlichkeit,
daß man es viel weniger genießt, wenn man es hat, als es schmerzt, wenn
man es entbehrt. Darum aber fühle ich (ich habe es ja mehr als einmal
erfahren) den Verlust geliebter Personen wohl eher tiefer als andere,
wenn auch mit mehr Fassung und Ruhe. Nur die Wehmut setze ich nicht dem
Glücke entgegen, sondern teile das Glück in wehmütiges und heiteres, und
setze jenes nicht gegen dieses zurück. So meinte ich das, was Sie anders
verstanden, und wenn Sie den Inhalt meiner Briefe im ganzen durchgehen,
werden Sie immer dies darin ausgesprochen finden. Dafür, daß einzelne
Stellen anders erscheinen könnten, möchte ich nicht einstehen, da man
nicht jedesmal alles begrenzen kann, doch glaube ich es kaum. Leben Sie
nun herzlich wohl, rechnen Sie fest auf die Unveränderlichkeit meiner
Gesinnungen, verscheuchen Sie vor allem jede unnütze Besorgnis,
erheitern Sie sich. Denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen, das tun
Sie ja so gerne. Von Herzen Ihr     H.



_Burgörner_, den 18. August 1825.

Ich bin seit einigen Tagen hier und habe mich schon sehr an dem Gefühle
erfreut, das den Aufenthalt in der Provinz und in einer Gegend, wo man
ganz und gar von größern Städten entfernt ist, begleitet. Ich finde mich
immer sehr leicht darein und habe daran ein vorzügliches Gefallen. Es
wandelt mich auch nicht die leiseste Neugierde an, und ich kann sehr gut
selbst die Zeitungen entbehren. Ich pflege alsdann auch meine
Beschäftigungen fast ganz einförmig einzurichten und so viel als möglich
bei einem Ideengange zu bleiben. Ich habe von jeher eine große Neigung
gehabt, mich in eine Sache zu vertiefen, und habe oft Gelegenheit
gehabt, die Vorteile und Nachteile davon an mir selbst zu erfahren. Denn
daß diese Vorliebe für eine und dieselbe oft wiederholte Beschäftigung,
dies Grübeln über eine Idee auch seine beschränkenden und daher
schädlichen Eigenschaften hat, läßt sich nicht leugnen. Die Vertiefung
bringt im Grunde dieselbe Wirkung hervor als die Zerstreuung, sie läßt
vieles nicht bemerken, manches ungeschickt betreiben. Der Unterschied
ist nur freilich, daß der zerstreute Mensch sich in nichts zersplittert,
und nichts findet, noch besitzt, an dem er zu haften vermöchte, daß aber
der Vertiefte immer eins hat, was ihn für die Vernachlässigung des
übrigen entschädigt. Am nachteiligsten empfinde ich diesen Hang, sich
einer Sache, die dann meistenteils eine innere Idee ist, hinzugeben
dann, wenn ich mich in der freien Natur befinde. Ich liebe sie
unendlich, und der Genuß oft selbst einer einfachen Gegend, geschweige
denn einer schönen, hat für mich mehr Reiz als fast alles übrige sonst.
Aber auch der Eindruck, den die Natur macht, schließt sich immer wieder
an den mich innerlich beschäftigenden Gedanken an, und verwandelt sich
selbst in eine allgemeine Empfindung; dagegen entgehen mir eine ganze
Menge Einzelheiten. Ich würde nie zum Naturbeobachter darum getaugt
haben, und hätte sicherlich mitten unter Pflanzen und Steinen sehr
vieles unbemerkt vorübergehen lassen, was ich zu anderer Zeit mit
Bedauern inne geworden sein würde. Indes möchte ich darum diesen Hang
zur Vertiefung nicht fahren lassen und ihn nicht bloß nicht mit dem
entgegengesetzten Extrem vertauschen, sondern mich nicht einmal gern mit
der Mittelstraße zwischen beiden Extremen, die man sonst wohl als die
weisere zu preisen pflegt, begnügen. Man lernt doch das, dem man sich
so ganz, so ausschließend, so in fester Beharrlichkeit widmet, besser
kennen, und je länger man dabei verweilt, desto mehr scheint an ihm in
der Betrachtung hervorzutreten. Man kann in der Tat nicht sagen, daß die
Dinge der Welt dasjenige, was an ihnen zu sehen ist, offen daliegen
haben. Der eine sieht, was dem andern entgeht, und es ist, als wenn der
Blick, wenn er durch gehörige Vertiefung geschärft wird, erst selbst den
Gegenstand erschlösse. Die einfachsten Sachen können darum denjenigen,
der einmal diesen Hang hat, sehr lange Zeit, und nicht auf eine leere,
nutzlose Weise beschäftigen. Vorzüglich finde ich immer, geht bei dieser
anhaltenden Betrachtung, wenn sie nicht bloße Gedanken, sondern
Gegenstände der Welt betrifft, dasjenige auf, was die Zeit an ihnen
gearbeitet hat, die Spur der Vergangenheit in der Gegenwart, ja oft auch
die leise Ahnung der Zukunft, welcher die Gegenwart entgegengeht. Darin
liegt auch einer der höchsten Reize. Denn alles, was das Laufen und das
ununterbrochene Fließen der Zeit versinnlicht, zieht den Menschen
unendlich und unnennbar an. Sehr natürlich, da er selbst das Geschöpf
der Zeit ist, da seine Schicksale auf ihr wie auf einem immer wogenden
Meere schweben, da er nie weiß, ob er sich der Gegenwart sicher
vertrauen darf, und ob nicht eine trügerische Zukunft seiner wartet. Das
tiefere Eindringen in die Gegenstände, das man dem Hange zur Vertiefung
dankt, wäre aber noch der mindeste Vorteil. Denn Sie könnten mir
vielleicht mit Recht einwenden, daß es gar wenig Dinge gibt, die ein
solches Eindringen verdienen. Das viel Wichtigere dabei ist der Gewinn,
den der Geist in sich, aus diesem Sichsammeln auf einen Punkt, aus
dieser Genügsamkeit mit wenigen Gegenständen, auf die er sich
vereinzelt, zieht. Es entspringt notwendig daraus eine größere geistige
Innigkeit, eine höhere Wärme, eine Liebe, mit der man das umfaßt, mit
dem man sich gleichsam allein in der Welt fühlt. Dadurch wird auf den
Charakter selbst gewirkt, oder vielmehr, da nichts Äußeres hinzutritt,
sondern dieser Hang aus dem Charakter selbst hervorgeht, so entwickelt
sich der Charakter dadurch und bildet sich zu einer höheren Würde und
gehaltvolleren Schönheit aus. Denn es gibt Ideen, mit denen er gleichsam
zusammengewachsen ist, die er nie aufgeben möchte, die ihn wie
beständige Leiter, Freunde, Tröster begleiten, und diese Ideen, die so
zu ihm treten, sind gerade immer die eigentümlichsten, diejenigen, die
ein anderer oft garnicht, oft erst nach Jahren, verstehen und begreifen
kann, was garnicht darin liegt, daß sie ihm, wie man es auszudrücken
pflegt, zu hoch, zu verwickelt wären, sondern nur darin, daß sie so
unzertrennbar mit einem andern Individuum verbunden sind. In Ideen
dieser Gattung würde ich nie von dem Allerkleinsten, ohne vollkommene
Änderung meiner früheren Überzeugung, zurückgehen; es kann nichts
geben, was für dies Zurückgehen Entschädigung gewährte, und welches
Opfer auch einer solchen zu tiefer Überzeugung gewordenen Idee gebracht
werden müßte, so kann es nie, gegen sie selbst gehalten, zu groß sein.
Die Festigkeit aber, die darin sich ausspricht, ist keine eigensinnige,
sie entsteht nicht einmal allein aus Verstandesüberlegung. Denn ob sie
gleich an sich freilich, wie die Überzeugung, von demjenigen, was von
dieser Festigkeit begleitet ist, aus dem Verstande entspringt, so
gesellt sich nun in einem Gemüte, das den Hang besitzt, eine Idee und
einen sich mit ihr verbindenden Gegenstand ganz und gewissermaßen
ausschließend zu umfassen, dazu Wärme, Empfindung und eigentliche Liebe.
Das ganze Leben wird durch diese Stimmung innerlicher, und wo sie recht
einheimisch geworden ist, dauert sie, wie ich in verschiedenen Perioden
meines Lebens erfahren habe, auch in derselben Innerlichkeit mitten
unter großen äußeren Bewegungen fort. Sie macht alsdann denjenigen,
welcher sie besitzt, von allen Äußerlichkeiten unabhängig, überhaupt
wird durch dieselbe das Bedürfnis, sich gerade mit einem äußeren
Gegenstande zu verbinden, vermindert. Denn die Liebe, welche die bloße
innere Idee erweckt, vertritt schon dessen Stelle. Wo aber etwas Äußeres
mit der Idee zusammentrifft, da ist nun auch die Wirkung doppelt stark
und dauernd. Die Ideen, welche so durch das Leben begleiten, sind auch
natürlich zugleich dann die, welche am besten vorbereiten, das Leben
auch entbehren zu können. Denn da das Leben vorzüglich nur durch sie
Wert hat, sie aber fest mit den tiefsten Kräften des Gemüts und der
Seele vereinigt sind, so kann ich mir wenigstens nicht denken, wie nicht
mit ihnen gerade auch das Eigenste, was man besitzt, mit einem
hinübergehen sollte. Es ist wohl zu hoffen und mit Vertrauen zu
erwarten, daß sie klarer, heller, und in neuer vielfacherer Anwendung
den Geist umgeben werden. –

Recht herzlich habe ich mich gefreut, in Ihrem Briefe zu erkennen und
ausgedrückt zu finden, daß Sie wieder ruhig und heiter werden und aufs
neue erkannt haben, daß ich nur beides zu befördern wünsche. Gewiß habe
ich nur diese wohlwollenden Gesinnungen für Sie gehabt, wie ich vor
einigen Jahren den Briefwechsel mit Ihnen wieder anfing. Ich glaube mir
in meinen Gesinnungen stets gleich geblieben zu sein, und Sie können
gewiß ferner darauf rechnen. Die Grundsätze, nach denen ich handle,
stammen weder aus Eigensinn, noch sind sie eben so wenig auf eigene
Wünsche berechnet. Sehr gefreut hat es mich auch, das volle feste
Vertrauen, wie sonst bei Ihnen, zu diesen Ihnen mit liebevollem Anteil
geweihten Gesinnungen gefunden zu haben. Halten Sie dies unverbrüchlich
fest, liebste Charlotte, und nie wird etwas Störendes in unserem
Verhältnis entstehen.

Daß Sie der Konsequenz gram und feind sind, wenn sie nichts als
Eigensinn ist, und nur diesen edleren Namen annimmt, darin haben Sie
ganz recht. Es ist dies dann nur eine tadelnswerte Scheinheiligkeit.
Doch muß man nicht alles Eigensinn nennen, wovon man die Gründe nicht
einsieht, oder was auf solchen Gründen beruht, für die man, wenn man sie
auch kennt, keinen Sinn hat. Das wäre wieder auf der andern Seite und in
einem andern Extreme gefehlt. Noch weniger könnte es Konsequenz genannt
werden, wenn man bei Meinungen beharren wollte, die man selbst
abgeändert hätte und nicht mehr, wie ehemals, für wahr hält; das wäre
nichts als Rechthaberei, oder die Schwäche, nicht vor andern bekennen zu
wollen, daß man früher unrecht gehabt hat. Wenn man das selbst fühlt,
muß man auch keine Schwierigkeit darin finden, es vor andern
einzugestehen. Ich halte garnichts davon, in seinen Grundsätzen,
Meinungen und Empfindungen so ein für alle Mal abgeschlossen zu sein und
zu denken, daß das nun alles darum so recht wäre, weil man es so lange
dafür gehalten hat. Ich prüfe vielmehr immer alles aufs neue und würde
es keinen Augenblick Hehl haben, wenn auch das, woran ich sehr gehangen
hätte, mir plötzlich anders erschiene. Ich würde dann nicht nur selbst
meine vorige Meinung ablegen, sondern es auch ohne allen Anstand
bekennen. Gerade aber, wenn man so gestimmt ist, begegnet einem dies bei
andern viel weniger, denn man ist dann an sich dem Nachdenken geneigt,
und die Grundsätze und Meinungen, die man hat, gründen sich dann auch
auf das Nachdenken, solche aber vertauscht man nicht leicht mit andern,
wenn man auch sich neuen Prüfungen noch so offen erhält. Sie sagen, daß
Sie in den letzten Wochen zu sehr ernsthaftem Nachdenken über sich
geführt worden sind und Ihre Blicke sehr in die Tiefe Ihres Innern
gerichtet haben. Sie werden dann dabei erfahren haben, wie wohltätig es
ist. Mir kehrt aus solchen Selbstbetrachtungen, die ich für die höchste
und beste Beschäftigung halte, alle Mal eine große und nicht leicht
wieder zu zerstörende Heiterkeit zurück. Man findet entweder, daß der
Zustand des Gemüts von der Art ist, wie man nur wünschen kann ihn zu
erhalten, und hat nichts nötig gehabt, als ihn nur besser zu entwirren,
mehr Licht und Klarheit in ihm zu genießen – und das ist gewiß der Fall
bei Ihnen – oder man muß sich selbst anklagen und unzufrieden mit sich
sein; dann ändert man seinen Sinn, nötigt das Gemüt zu dem, was es aus
Irrtum, oder Schwäche, oder sonst einer Verkehrtheit versagte, und
genießt gerade wieder in dem Gefühl, sich auf den rechten Weg
zurückgebracht zu haben, einer neuen und nun wahrhaft befestigten
Heiterkeit. Leben Sie herzlich wohl, bleiben Sie ruhig und heiter, und
rechnen Sie auf die Gleichheit und Unveränderlichkeit meiner
Gesinnungen.                      H.



_Burgörner_, den 6. September 1825.

Es ist nahe an Mitternacht, da ich meinen Brief an Sie anfange, er kann
aber, es ist heute Dienstag, erst am Freitag abgehen. Ich habe immer im
Briefschreiben die Sitte, die ich aber nicht unbedingt loben will, mich
im Schreiben nicht an die Posttage zu kehren, sondern meiner Neigung zu
folgen. Bei vertraulichen Briefen, wie die unsrigen sind, ist das
eigentlich nicht gut. Es ist natürlich, solche Briefe sobald als möglich
in die Hände desjenigen zu wünschen, dem sie bestimmt sind. Aber mit
andern Briefen, die Dinge betreffen, an denen das Gemüt keinen oder
wenigen Teil nimmt, ist es nicht übel, sie einige Tage liegen zu lassen.
Man kann dann noch vielleicht ändern.

Was Sie über den Einfluß des schnelleren oder langsameren Umlaufs des
Bluts auf das Gemüt sagen, ist vollkommen wahr und darf bei Beurteilung
anderer nicht aus der Acht gelassen werden. Indes ist es eine schöne
Eigenschaft im Menschen, und ein ihm von dem Schöpfer ausschließlich vor
den übrigen Erdengeschöpfen eingeräumter Vorzug, daß er immer fühlt, daß
er durch den Gedanken und durch den Entschluß jeden körperlichen
Einfluß, wie stark er sein möge, hemmen und beherrschen kann. Es sagt
dem Menschen eine innere Stimme, daß er frei und unabhängig ist, sie
rechnet ihm das Gute und das Böse an, und aus der Beurteilung seiner
selbst, die immer stärker und strenger sein muß als die anderer, muß man
jene ganz körperlichen Einflüsse völlig hinweglassen. Es sind zwei
verschiedene Gebiete, das der Abhängigkeit und das der Freiheit, und
durch den bloßen Verstand läßt sich der Streit beider nicht lösen. In
der Welt der Erscheinungen sind alle Dinge dergestalt verkettet, daß
man, wenn man alle Umstände bis auf die kleinsten und entferntesten
immer genau wüßte, beweisen könnte, daß der Mensch in jedem Augenblick
gezwungen war, so zu handeln, wie er gehandelt hat. Dabei hat er aber
doch immer das Gefühl daß er, wollte er in das hemmende Rad greifen und
sich von dieser ihn umstrickenden Verkettung losmachen, es vermöchte. In
diesem Gefühl seiner Freiheit liegt seine Menschenwürde. Es ist aber
auch das, wodurch er gleichsam aus einer andern Welt in diese eintritt.
Denn im Irdischen allein kann nichts frei, und im Überirdischen nichts
gebunden sein. Der Widerstreit ist nur dadurch zu lösen, daß es eine
Herrschaft des ganzen Gebiets der Freiheit über das ganze Gebiet der
Abhängigkeit gibt, die wir nur im einzelnen nicht begreifen können, die
aber die Verkettung der Dinge vom Uranfange so leitet, daß sie den
freien Beschlüssen des Willens entsprechen muß.

Wie ich mir Ihren körperlichen Zustand denke, liebe Charlotte, so hängt
er auch sehr von der Seele ab. Suchen Sie daher vor allem sich zu
erheitern und von allen Seiten zu beruhigen. Es ist dies freilich
leichter zu sagen als zu tun, aber viel vermag es doch, wenn man sich
nur alles, was einem besorglich scheint, recht klar macht und
vollständig auseinandersetzt, und alles in sich zurückruft, worin man
mit dem Geschick zufrieden sein oder es vielleicht sogar dankbar preisen
kann. Gelingt es dem Geist, die Krankheit oder Kränklichkeit ganz aus
sich zu entfernen und bloß in den Körper zu bannen, so ist unendlich
viel gewonnen, und so erträgt sich danach körperliches Übel mit Fassung
und wirklicher, nicht scheinbarer Ruhe, und erträgt sich nicht bloß,
sondern hat sehr oft auch noch etwas die Seele schön und sanft
Reinigendes. Ich selbst bin zwar mehrere Male, und ein paar Mal sehr
gefährlich, krank gewesen, aber an dauernder Kränklichkeit, eigentlich
schwacher Konstitution, habe ich nie gelitten. Ich bin aber oft mit
Personen umgegangen, Männern und Frauen, in denen dieser Zustand der
tägliche war, und die nicht einmal irgend wahrscheinliche Hoffnung
hatten, sich je anders als durch den Tod herauszuwickeln. Zu diesen
Menschen gehörte Schiller vorzüglich. Er litt sehr, litt dauernd, und
wußte, wie auch eingetroffen ist, daß diese beständigen Leiden nach und
nach seinen Tod herbeiführen würden. Von ihm aber konnte man wirklich
sagen, daß er die Krankheit in dem Körper verschlossen hielt. Denn zu
welcher Stunde man zu ihm kommen, wie man ihn antreffen mochte, so war
sein Geist ruhig und heiter, und aufgelegt zu freundschaftlicher
Mitteilung und interessantem und selbst tiefem Gespräch. Er pflegte
sogar wohl zu sagen, daß man besser bei einem gewissen, doch freilich
nicht zu angreifenden Übel arbeite, und ich habe ihn in solchen,
wirklich sehr unerfreulichen Zuständen Gedichte und prosaische Aufsätze
machend gefunden, denen man diesen Ursprung gewiß nicht ansah.

Wenn sich Schwäche mit Wallung des Blutes, Unruhe oder gar Beängstigung
vereinigt, und dies Leiden mehrere Jahre dauert, so begreife ich
freilich wohl, daß es Überdruß am Leben überhaupt hervorbringen kann,
diesem aber sollte man doch mit allen Kräften immer entgegen arbeiten.
Ich will nicht einmal darauf zurückgehen, daß dies offenbar sogar
gebotene Religionspflicht ist, aber das Leben ist schon, selbst wenn es
am längsten währt, gegen die unendliche Zeit, wo man wenigstens keinen
Begriff im voraus von der Art des Daseins hat, so kurz, daß man nicht
mit seinen Wünschen die Schranken noch näher rücken, sondern sich
vielmehr, so gut es irgend gehen will, darin betten muß, und gewiß ist
es fast noch wichtiger, wie der Mensch das Schicksal nimmt, als wie sein
Schicksal ist. Es ist eine sprichwörtliche Redensart, daß jeder sich das
seinige schafft, und man pflegt das so zu nehmen, daß er es sich durch
Vernunft oder Unvernunft gut oder schlecht bereitet. Man kann es aber
auch so verstehen, daß, wie er es aus den Händen der Vorsehung empfängt,
er sich so hinein paßt, daß es ihm doch wohl darin wird, wieviel Mängel
es darbieten möge.

Erhalten Sie mir Ihr liebevolles Andenken und seien Sie des meinigen
unbezweifelt gewiß. Meine Gedanken begleiten Sie öfter, als Sie es wohl
denken. Der Ihrige.               H.



_Tegel_, den 17. Oktober 1825.

Gewiß haben Sie in den letzten September- und ersten Oktobertagen auch
die Schönheit des östlichen Sternenhimmels bemerkt. Drei Planeten und
ein Stern erster Größe standen nahe beisammen, Mars und Jupiter im
Löwen, die Venus später als Morgenstern nahe dem Sirius. Ich bemerke es
nur, damit, im Fall Sie den herrlichen Anblick versäumt hätten, Sie ihn
noch nachholen können. Am schönsten war es zwischen drei und vier Uhr
morgens zu sehen. Ich bin mit meiner Frau fast alle Morgen aufgestanden,
und wir haben lange am Fenster verweilt, und haben uns jedesmal nur mit
Mühe von dem schönen Anblick losreißen können. Ich habe von meiner
Jugend an sehr viel auf die Sterne und das Beschauen des gestirnten
Himmels gehalten. Meine Frau teilte, wie die meisten, so auch diese
meine Neigung mit mir, und so habe ich mein ganzes Leben hindurch, zu
Zeiten mehr, zu Zeiten weniger, in sternhellen Nächten zugebracht.
Selten ist aber ein Jahr und eine Jahreszeit so günstig dazu gewesen,
als dieser wunderbar schöne, helle und reine Herbst. Ich kann nicht
sagen, daß an den Sternen mich so die Betrachtung ihrer Unendlichkeit
und des unermeßlichen Raumes, den sie einnehmen, in Entzücken setzt,
dies verwirrt vielmehr nur den Sinn, und in dieser Ansicht der
Zahllosigkeit und der Unendlichkeit des Raumes liegt sogar sehr vieles,
was gewiß nur auf menschlicher, nicht ewig zu dauern bestimmter Ansicht
beruht. Noch weniger betrachte ich sie mit Hinsicht auf das Leben
jenseits. Aber der bloße Gedanke, daß sie so außer und über allem
Irdischen sind, das Gefühl, daß alles Irdische davor so verschwindet,
daß der einzelne Mensch gegen diese in den Luftraum verstreuten Welten
so unendlich unbedeutend ist, daß seine Schicksale, sein Genießen und
Entbehren, worauf er einen so kleinlichen Wert setzt, wie nichts gegen
diese Größe verschwinden; dann daß die Gestirne alle Menschen und alle
Zeiten des Erdbodens verknüpfen, daß sie alles gesehen haben vom
Anbeginn an, und alles sehen werden, darin verliere ich mich immer in
stillem Vergnügen beim Anblick des gestirnten Himmels. Gewiß ist es aber
auch ein wahrhaft erhabenes Schauspiel, wenn in der Stille der Nacht,
bei ganz reinem Himmel, die Gestirne, gleichsam wie ein Weltenchor,
herauf- und herabsteigen, und gewissermaßen das Dasein in zwei Teile
zerfällt. Der eine Teil, wie dem Irdischen angehörend, in völliger
Stille der Nacht verstummt, und nur der andere heraufkommend in aller
Erhabenheit, Pracht und Herrlichkeit. Dann wird der gestirnte Himmel,
aus diesem Gesichtspunkte angesehen, gewiß auch von moralischem Einfluß.
Wer, der sich gewöhnt hat, in dergleichen Empfindungen und Ideen zu
leben und oft darin zu verweilen, könnte sich leicht auf unmoralischen
Wegen verirren. Wie entzückt nicht schon der einfache Glanz dieses
wundervollen Schauspiels der Natur? Ich habe schon oft daran gedacht,
daß Ihnen gerade, liebe Charlotte, ein kleines Studium der Astronomie
besonders zusagen müsse; wenn Sie es wünschen, will ich Ihnen gern
einige Anleitung geben und Ihnen Bücher nennen, die Ihnen behilflich
sein können.

Sie fragen mich, ob ich allein oder mit den Meinigen in Burgörner
gewesen bin? Wir waren noch in diesem Sommer mit allen unsern Kindern
und noch andern Verwandten in Burgörner, so daß im ziemlich großen Hause
kein Zimmer zu viel war. Es ist nie meine Art gewesen, in Briefen davon
gern zu sprechen, und daher hatte ich auch vergessen, Ihnen zu sagen, ob
ich allein gereist sei oder nicht. Ich halte einmal nichts vom Erzählen,
Ereignisse und Begebenheiten scheinen mir nur der Gefühle und Gedanken
wegen, die sie hervorbringen, interessant. Auch im Gespräch erzähle ich
nie, wo ich nicht muß, und trage nichts in meiner Familie, was mich und
andere betrifft, herum, um es mitzuteilen. Es hat mir immer eine
gewisse Ideenarmut geschienen, wenn man schriftlich oder mündlich aufs
Erzählen kommt, wiewohl ich’s in andern nicht tadle. Ich bin auch nie
der Meinung gewesen, daß es zur Freundschaft gehört, sich mitzuteilen,
was einem Frohes oder Schmerzliches begegnet. Es mag dies wohl auch
Freundschaft heißen und sogar sein, aber es gibt wenigstens Gottlob!
eine höhere, auf Reinerem und Höherem beruhende Freundschaft, die dessen
nicht bedarf und, weil sie mit etwas Edlerem beschäftigt ist, darauf
nicht kommt.

Ich gehe noch einmal Ihren letzten Brief durch und verweile bei einer
Stelle, die mir viel Vergnügen gemacht hat, und die ich mehr als einmal
gelesen habe. An das zarte Verhältnis unserer dauerhaften Freundschaft
knüpfen sich so manche schöne und, wenn man sie weiter verfolgt, höhere
und selbst erhebende Ideen. Ich gehe zuerst davon aus, daß Sie mir diese
Empfindungen von früher Jugend her gewidmet und zart gesondert erhalten
haben bis ins Alter, ohne irgend eine Absicht, Wunsch oder Forderung
daran zu knüpfen. Es gibt also schon hier, unter allem irdischen
Wechsel, den Beweis von Dauer, Unvergänglichkeit, und man möchte sogar
sagen Unendlichkeit; auf der andern Seite, von Festhalten des
Unveränderlichen, von Würdigung des wahrhaft Wertvollen in würdiger
Erfassung eines höhern Guts, in Wegweisung kleinlicher, engherziger
Beschränkung. Denn gerade diese Engherzigkeit, der man so oft begegnet,
und worin sich der, der sie nährt, meist gefällt, beweist die sinnliche
Unlauterkeit der Gefühle derer, die dergleichen Schranken bedürfen, um
sich dahinter zu verstecken. Die wahre Liebe, die ihrer höheren
Abstammung treu bleibt und gewiß ist, erwärmt gleich der Sonne, so weit
ihre Strahlen reichen, und erhellt verklärend alles in ihrem lautern
Glanz. Endlich erhebt eine solche Erscheinung die Seele in Hoffnung und
Glauben. Begleiten uns schon hierin unserer Endlichkeit und
Unvollkommenheit dauernde Treue und Liebe, besitzen wir schon hier
unentreißbare Güter, die mit uns hinübergehen, die wir nicht
zurücklassen werden, wie sollte uns nicht die Hoffnung beseelen und
erheben, daß wir im Überirdischen in höherer Klarheit wiederfinden, was
uns schon hier beseligen konnte als freie Himmelsgabe. Zählen und
rechnen Sie, teure Charlotte, aber auch fest auf die gleiche und
unwandelbare Gesinnung, womit ich Ihnen angehöre. Ihr               H.



_Berlin_, den 8. November 1825.

Ich hoffe gewiß, daß die Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht
haben werden. Sie sind so genau, daß sie ein sehr bestimmtes und
deutliches Bild des Hauses geben müssen, wenn man sie durchgeht. Ich
habe den Ort sehr gerne, bin aber doch im Grunde nicht viel da. In
diesem Jahre verlebte ich kaum vier Monate dort. Im Winter habe ich
mehrere Gründe, in der Stadt zu sein, obgleich meiner Frau und mir das
Leben auf dem Lande auch dann sehr zusagen würde. Im Sommer nötigen oder
veranlassen mich wenigstens die Angelegenheiten der andern Güter, auch
diese zu besuchen. So kommt man, bei aller anscheinenden Freiheit, doch
nicht immer dazu, das zu tun, was einem das Liebste wäre. An Tegel hänge
ich aus vielen Gründen, unter denen doch aber der hauptsächlichste die
Bildsäulen sind, teils Antiken in Marmor, teils Gipse von Antiken, die
in den Zimmern stehen und die ich also immer um mich habe. Wenn man Sinn
für die Schönheit einer Bildsäule hat, so gehört das zu den reinsten,
edelsten und schönsten Genüssen, und man entbehrt die Gestalten sehr
ungern, an denen sich das Vergnügen, wie unzählige Male man sie sieht,
immer erneuert, ja steigert. So reizend auch Schönheit und
Gesichtsausdruck an lebenden Menschen sind, so sind beide doch an einer
vollendeten Statue, wie die antiken sind, so viel mehr, und so viel
höher, daß es gar keine Vergleichung aushält. Man braucht, um das zu
finden, gar keine besondern Kenntnisse zu besitzen, sondern nur einen
natürlich richtigen Sinn für das Schöne zu haben, und sich diesem Gefühl
zu überlassen. Die Schönheit, welche ein Kunstwerk besitzt, ist
natürlich, weil es ein Kunstwerk ist, viel freier von Beschränkung als
die Natur, sie entfernt alle Begierde, alle auch auf noch so leise und
entfernte Weise eigennützige oder sinnliche Regung. Man will sie nur
ansehen, nur sich mehr und mehr in sie vertiefen, man macht keine
Ansprüche an sie, es gilt von dieser Schönheit ganz, was Goethe so schön
von den Sternen sagt: »Die Sterne die begehrt man nicht, man freut sich
ihres Lichts.« Sie werden auf der Zeichnung des Hausflurs einige Statuen
bemerken, unter anderen einen weiblichen Körper ohne Kopf und Arme.
Dieser steht nicht mehr da, sondern ist jetzt mit andern Statuen in
meiner Stube. Ich besitze ihn schon lange und hatte ihn auch in Rom
immer bei mir. Es ist eine der vollendetsten antiken Figuren, die sich
erhalten haben, und es gibt nicht leicht eine andere Bildsäule einen so
reinen Begriff streng weiblicher Schönheit....

Sie wollen meine Meinung über Walter Scott und fragen mich, was Sie
lesen sollen. Da weiß ich Ihnen aber schwer Rat zu geben. Ich lese schon
an sich wenig Deutsch, und unter diesen meist solche wissenschaftliche
Bücher, die doch nicht für Sie sein würden, ich bin also eigentlich
darin ein schlechter Ratgeber. Einige habe ich auf dem Lande den Abend
bei meiner Frau vorlesen hören, und sie haben mir viel Vergnügen
gemacht. Ich empfehle Ihnen vor allen den Astrologen, den Kerker von
Edinburg und Robin den Roten. Es ist eine schöne Lebendigkeit und eine
sehr richtige Zeichnung und Durchführung der Charaktere in diesen
Romanen, und sie haben noch das Anziehende, daß sich mehrere derselben
genau an wirklich geschichtliche Ereignisse anschließen, und eine in
große Details eingehende Schilderung von Sitten und Gebräuchen
verschiedener Zeitalter enthalten. Auch Quintin Durward und Ivanhoe sind
aber zu empfehlen. Geschichtsbücher würde ich immer als Lektüre
vorziehen, und ich denke mir oft, daß, wenn ich einmal das Schicksal
haben sollte, wie es Personen, die ihre Augen viel gebraucht haben,
häufig geht, ganz schwache Augen zu bekommen oder ganz blind zu werden,
wo das eigene Studieren nicht mehr geht, daß ich mir, sage ich, da würde
lauter Geschichtsbücher vorlesen lassen. In der Geschichte interessiert
nun einen mehr das Entferntere, andere mehr das Nahe. Wenn Ihnen das
letzte das liebste wäre, so sind seit einigen Jahren eine Menge
interessanter Memoiren in Frankreich erschienen. Ich habe äußerst wenige
davon gelesen, aber doch viel davon gehört, und anziehend sind diese
Schriften gewiß. – Ich wiederhole Ihnen von ganzem Herzen, liebe
Charlotte, die Versicherung meiner herzlichen und immer gleichen
Gesinnungen. Ihr                      H.



_Berlin_, den 25. Dezember 1825.

Ich habe seit Abgang meines letzten Briefes zwei von Ihnen empfangen,
liebe Charlotte, einen vom 6., den andere vom 20. d. Mts., und danke
Ihnen recht herzlich dafür. Es hat mich sehr gefreut, daß die
Kupferstiche von Tegel Ihnen Freude gemacht haben, ich hatte das
gewünscht und erwartet, aber nicht, daß Ihnen das Haus ein so
stattliches Schloß scheint. Das alte Gebäude, aber kleiner als das
jetzige, wie Sie sehen, war ein Jagdschloß des großen Kurfürsten, das
nachher an meine Familie kam. Wegen dieses Besitzes, seiner Kleinheit,
und da es noch ein mir nicht gehörendes Dorf Tegel gibt, heißt es in der
Gegend das Schlößchen Tegel. Jetzt fangen die Leute an, es _Schloß_ zu
nennen. Ich habe das nicht gern. In Schlesien habe ich ein mehr als noch
einmal so großes altes Schloß mit Turm und Gräben, ich nenne es aber das
Wohnhaus. Das Tegelsche Haus aber ist bequem und eigentümlich. Das dankt
es dem Baumeister, dem ich freie Hand gelassen. Mein größtes Verdienst
bei dem Hause ist, daß ich nicht meine eigenen Ideen in den Bau gemischt
habe.

Wir sind nun wieder am Schlusse eines Jahres. Schreiben Sie mir, ich
bitte Sie, den 3. Januar, wo wir dann ein neues begonnen haben. Das
jetzige ist mir heiter und glücklich, aber ungeheuer schnell verflossen,
so daß es mir ist, als hätte ich lange nicht so viel darin getan als ich
mir vorgesetzt hatte, und als auch eigentlich wohl ausführbar gewesen
wäre. Daß ich die herzlichsten Wünsche für Sie, auch besonders beim
Wechsel des Jahres hege, das wissen Sie, gute, liebe Charlotte. Möge vor
allem Ihre, doch oft leidende, Gesundheit sich stärken und Ihre innere
heitere Ruhe sich erhalten. Auf die Unveränderlichkeit meiner Teilnahme
für Sie und aller Gesinnungen, auf die Sie so gütig Wert legen, können
Sie mit Zuversicht immer rechnen. Ich möchte Ihnen immer nach allen
meinen Kräften, wo sich Gelegenheit zeigt, mit Rat und Tat nützlich
sein, und es würde mich ungemein freuen, wollten Sie sich mit mehr
Vertrauen noch, als Sie tun, im Innerlichen und Äußerlichen an mich
wenden. Sie werden mich in allem immer gleich finden.

Ich klagte erst über das schnelle Verfliegen der Zeit, und wie ich es
sagte, so ist es in Absicht der Arbeiten, die mich beschäftigen, auch
wahr. Sonst aber kann ich nicht sagen, daß mich diese Schnelligkeit
beunruhigt, oder mir lästig ist. Ich scheue das Alter nicht, und den Tod
habe ich, durch eine sonderbare innere Stimmung, vielleicht von meiner
Jugend an, nicht bloß als eine so rein menschliche Begebenheit
angesehen, daß sie einen, der über Menschenschicksale zu denken gewohnt
ist, unmöglich betrüben kann, sondern eher als etwas Erfreuliches. Jetzt
ist meine Rechnung mit der Welt längst abgeschlossen. Ich verlange vom
langen Leben weiter nichts, ich habe keine weit aussehenden Pläne, nehme
jeden Genuß dankbar aus der Hand des Geschickes, würde es aber sehr
töricht finden, daran zu hängen, daß das noch lange so fortdauere. Meine
Gedanken, meine Empfindungen sind doch eigentlich der Kreis, in dem ich
lebe und durch den ich genieße, von außen bedarf ich kaum etwas, und
diese Gedanken und Empfindungen sind zu sehr mein, als daß ich sie nicht
mit mir hinübernehmen sollte. Niemand kann den Schleier wegziehen, den
die Vorsehung gewiß mit tiefer Weisheit über das Jenseits gezogen hat.
Aber gewiß kann die Seele nur gewinnen an innerer Freiheit, an Klarheit
aller Einsicht in das Tiefste und Höchste, an Wärme und Reinheit des
Gefühls, an Reichtum und Schönheit der umgebenden Welt. Ein einziger
Blick in die unermeßliche Ferne des Sternhimmels bringt mir das mit
einer inneren Stärkung, von der nur derjenige einen Begriff hat, dem sie
zuteil geworden ist, vor das Gefühl, und so erscheint mir das Ende des
Lebens, so lange es von Krankheit und Schmerz frei ist, die ja aber auch
Kindheit und Jugend treffen, vielleicht der schönste und heiterste Teil.

Für diese Jahreszeit fürchte ich immer die zu große Anstrengung für Sie
doppelt, bei den wenigen Tagesstunden. Schonen Sie, liebe Charlotte,
Ihre Augen, arbeiten Sie nicht zu tief in die Nacht, schonen Sie sich
überhaupt, und denken Sie daran, daß mich der Gedanke beunruhigt, daß
gerade Sie, mit Fähigkeit und Bedürfnis im Höheren zu leben, sich für
das Leben so abmühen. Sie klagen nicht darüber, und wenn Sie es täten,
würde es mich vielleicht weniger rühren. – Auch wünsche ich, Sie
könnten bald mit freierer Muße an Ihre Lebenserzählung denken, die mir
so viel Freude macht. Es schien Ihnen, als Sie diese Hefte anfingen, als
würden Sie nie endigen. Nun haben Sie doch aber schon Ihre ganze
Kindheit geschildert, und so, wenn Sie mit Liebe zu der Arbeit
fortfahren, wird sich auch nach und nach das Übrige daran reihen. – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Sie sagen mir, daß Sie über manche Ihnen sehr wichtige Wahrheiten und
Meinungen meine Ansichten haben möchten. Ich bin dazu mit Freuden immer
bereit. Sagen Sie mir immer ohne Umstände, was in Ihrer Seele aufsteigt.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Denken Sie beim Schluß des Jahres meiner, und seien Sie versichert, daß
ich mit der aufrichtigsten Teilnahme und Zuneigung Ihrer gedenke.
Der Ihrige.                     H.



_Berlin_, den 14. Februar 1826.

Ich danke Ihnen recht herzlich, liebe Charlotte, für Ihren langen und
ausführlichen Brief vom 25. und 29. Januar. Er hat mir eine ganz
besondere Freude gemacht, und mein Dank ist daher wirklich ein recht
lebhaft empfundener. Ihre Blätter sprechen nicht allein wieder in
gleicher Wärme die liebevollen Gesinnungen aus, auf die ich einen so
großen Wert lege, sondern sie sind auch in der ruhigen Stimmung und
Heiterkeit geschrieben, die ich besonders gern habe. Es ist dies auch
nicht bloß eine Eigenheit meiner Gesinnung oder meiner Jahre, diese
heitere Ruhe allem andern vorzuziehen, sondern es ist doch wirklich
wahr, daß, wo sie gestört ist, die Harmonie des Lebens nicht mehr rein
und voll erklingt. Ich meine nämlich die innere Harmonie, die die
notwendige Bedingung des glücklichen Lebens, ja die wahre Grundlage
desselben ist. Wo diese Störung durch Kummer, durch Unruhe, durch irgend
ein inneres Leiden, welcher Art es sein möge, entsteht, begreift sich
das von selbst. Aber ich möchte sagen, auch wo diese Ruhe durch Kummer
und betrübende Ursache, durch Sehnsucht, durch Stärke eines Gefühls ins
Schwanken gerät, ist der Seelenzustand, wenn er auch augenblicklich süß
sein mag, doch nicht so schön, so erhebend, so der innersten und höheren
Bestimmung, nach und nach, und so viel es dem Menschen hier gegeben ist,
sich in die Ruhe und Unveränderlichkeit des Himmels einzuwiegen,
angemessen. Alles Heftigere und Leidenschaftliche trägt mehr Irdisches
an sich. Doch bin ich weit entfernt, darum selbst wahre Leidenschaft,
wenn sie wirklich aus der Tiefe des Gemüts flammt und auf einen guten
Zweck gerichtet ist, gewissermaßen zu verurteilen. Was ich ausspreche,
mag auch mehr eine Abendansicht des Lebens sein, und überhaupt war ich
nie leidenschaftlich und habe früh die Maxime gehabt, was davon die
Natur in mich gelegt hatte, durch die Herrschaft des Willens zu
besiegen, was mir auch, wenn auch mit Anstrengung, nicht mißlungen ist.
Wie dem aber sei, so halte ich die Ruhe und die sie hervorbringende und
aus ihr fließende Stimmung immer für wohltätiger und beglückender als
eine bewegtere, welcher Art sie sei, und da ich den innigsten Anteil an
Ihnen und Ihrem Glück nehme, so reicht mir das hin, am liebsten diese
Stimmung in Ihren Briefen ausgedrückt zu finden. –

Sie bemerken, daß es mit dem Berufen doch nicht ohne allen Grund ist.
Obwohl ich indes diesen Aberglauben nicht habe, ist er sehr alt und wohl
unter den meisten Völkern verbreitet. Mich können Sie immer glücklich
nennen, ohne daß ich daraus eine üble Ahnung ziehe. Ich erwähnte nur,
daß mir der mir wohlbekannte Aberglaube dabei eingefallen wäre. Diesem
Aberglauben liegt indes doch wohl eine tiefere Idee zugrunde. Das
Preisen des Glücks, freilich noch mehr, wenn es der Beglückte selbst
tut, ist wohl überall als ein Überheben über den unsteten Gang der
menschlichen Dinge oder als etwas Anmaßendes, der Demut und Scheu
Entgegenlaufendes, angesehen worden. Daran hat sich der Begriff
geknüpft, daß diesem Überheben die Strafe nachfolgt, an die sich die
häufige Erfahrung eines solchen Wechsels der Dinge gesellt hat. In
furchtsamen, oder von solcher Scheu sich zu überheben durchdrungenen
Gemütern hat das also ein Streben hervorgebracht, sein Glück lieber zu
verbergen, wenigstens nicht laut werden zu lassen, das Schicksal nicht
daran zu erinnern, daß es wohl Zeit sei, nun auch einen Wechsel
eintreten zu lassen. In Beziehung auf andere hat sich der Begriff des
Neides, der Schadenfreude hineingemischt, man hat befürchtet, es sei
dies Anpreisen wohl nicht redlich gemeint, habe wohl gar die heimliche
Absicht, eine Umwandlung herbeizuführen. Dadurch ist das Anpreisen auch
als ein Zaubermittel angesehen worden, und daher muß man wohl das
allerdings alberne Verwahrungsmittel des »Unberufen« herleiten. Vor
geläuterten, auch religiösen Ideen fällt das alles über den Haufen. Wer
sein oder anderer Glück aus reiner Freude daran, mit Dankbarkeit gegen
den Ursprung desselben, rühmt, ist gewiß Gott wohlgefällig und setzt
sich dadurch, wenn dies nicht sonst in unerforschlichen Plänen liegt,
keiner Umwandlung als Strafe aus. Vielmehr ist es eine schöne
Empfindung, fremdes Glück ohne Neid zu preisen, und sich des eigenen als
einer unverdienten Gabe zu freuen.

Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den Gesinnungen
unveränderlicher Anhänglichkeit der Ihrige.            H.



_Berlin_, den 13. März 1826.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre beiden Briefe vom 13. und 26. v. M. zur
Beantwortung vor mir liegen. Sie können sich kaum vorstellen, wieviel
Freude mir der ruhige und vertrauungsvolle Ton macht, der in beiden
herrscht, und der ein treuer Ausdruck Ihrer Gesinnung und
Seelenstimmung ist. Es hat mich auch sehr gefreut, zu sehen, daß es doch
mit Ihrer Gesundheit leidlich zu gehen scheint. Bei Ihnen wirkt die
einfache und regelmäßige Lebensart, die Sie führen, gewiß sehr zur
leichteren Besiegung aller Krankheiten mit, und damit verbinden Sie eine
Ausdauer, die man gewiß selten findet. Es ist unglaublich, wie viel es
tut, wenn der ganze Körper in einer steten und immer ununterbrochen
fortgesetzten Ordnung bleibt und von dem Wechsel der Eindrücke frei ist,
der doch immer die körperlichen Funktionen mehr oder weniger stört.
Durchgängige Mäßigkeit ist gewiß doch am Ende dasjenige, was den Körper
am längsten erhält und am sichersten vor Krankheiten bewahrt. Bei Ihnen,
liebe Charlotte, tritt nur _ein_ Übermaß ein, wofür ich Sie so gern sicher
wüßte, das nämlich der Arbeit. Ich habe mit lebhafter Freude gesehen,
daß Sie darauf bedacht sind, sich mehr Hilfe und eigene Ruhe zu
verschaffen. Sie haben aber sehr recht, und ich habe deutlich erkannt,
daß auch der Teil der Arbeit, den Sie sich vorbehalten haben, noch über
einzelne Kräfte ist. Wenn Sie durch dieselbe, wie Sie mir sagen, stets
genötigt sind, bis tief in die Nacht, bis 1-2 Uhr, zu arbeiten, und doch
um 6 Uhr morgens wieder auf zu sein, so ist das gewiß eine zu große
Anstrengung. Ich bleibe zwar auch immer, bis auf wenige Ausnahmen, bis
1 Uhr nachts auf, und jetzt, wo ich Ihnen schreibe, ist es nahe an
Mitternacht. Aber ich bin es aus langer Zeit gewohnt, stehe auch morgens
vor 8 Uhr nicht auf und suche vor dem Schlafengehen in den letzten
Stunden nur leichte, nicht anstrengende Beschäftigungen. Gewöhnlich
schreibe ich nur Briefe und besorge meine Geschäfte. Eigentlich
wissenschaftliche, oder sonst anstrengende Arbeit behalte ich mir immer
für den Tag, meistenteils für den Morgen vor.

Es ist sehr lieb und gut von Ihnen, daß Sie meine Briefe des letzten
Jahres wieder der Reihe nach durchgelesen haben. Es tut mir aber leid,
daß Sie bei denen verweilt haben, die Ihnen mißfällig waren. Das war
ohne Nutzen. Es war ein reines Mißverstehen, das wir beide können ganz
ruhen lassen. Wichtiger und nach ihren Gesinnungen für mich beruhigend
muß es Ihnen sein, daß sich in mir gegen Sie nichts von dem, was vorher
war, geändert hat, daß sich nichts ändern wird, daß Sie meiner
lebhaftesten Teilnahme und Anhänglichkeit immer gewiß sind. Ohne Ihnen
dies als einen Vorwurf zu sagen, ist es doch gewiß, und ich sehe aus
Ihren Briefen durchscheinen, daß Sie sich noch immer manchmal Sorge und
Kummer deshalb ohne Ursache machen, das tut mir leid, ob ich die
Gesinnung zu ehren weiß, da es die stille Heiterkeit hindert, die Sie
doch jetzt haben könnten. Auf mich, meinen Anteil, meine
Bereitwilligkeit, Ihnen zu helfen, können Sie rechnen und sicher
rechnen, da in meinem Alter unmöglich mehr etwas Leidenschaftliches,
was immer unsicher ist, liegen kann, und in meinem Charakter nichts
Launenhaftes liegt, noch je gelegen hat. Wie ich gegen Sie bin, so
bleibe ich. Auch sehe ich mit Rührung, daß Ihr Kummer noch immer
zuweilen der ist, mir vielleicht in Ihren Äußerungen mißfällig gewesen
zu sein. Nichts davon liegt in meiner Ihnen in der innigsten Teilnahme
zugewendeten Seele. Wollen Sie mir aber einen Beweis geben, daß Sie mir
gern einen Gefallen erzeigen, so lassen Sie diese Sache ruhen und
erwähnen derselben nicht wieder. Sie können mir auch offen alles sagen,
ich nehme am Kleinsten wie am Größten teil und werde Ihnen immer mit
Ruhe, Vernunft und herzlicher Teilnahme in allen Dingen raten, sie mit
Ihnen prüfen und Ihre innere Zufriedenheit, wie Ihr äußeres Wohlsein
nach meinen Kräften befördern. In unserm Briefwechsel tue ich es mit
Fleiß, daß ich Ihre Gedanken aufnehme, die meinigen entwickele und
ausspreche, ob beide übereinstimmen oder nicht. Es ist das der
Hauptvorzug eines Briefwechsels, der keinen äußeren Gegenstand betrifft,
sondern nur Mitteilung von Gedanken und inneren Stimmungen enthält. Aber
ich habe darum garnicht die Anmaßung, daß ich gerade immer recht habe,
und selbst wo ich es glaube, fordere ich nicht, daß Sie es finden
sollen; vielmehr ist mir jeder Widerspruch immer erwünscht. So, liebe
Charlotte, sehen Sie mein Verhältnis zu Ihnen an, und gewinnen und
bewahren Sie ungestörtes Vertrauen, Zufriedenheit und Heiterkeit,
verbunden mit der Ruhe, die jedem Alter, vorzüglich aber, wie ich an mir
selbst fühle, dem höheren so wohltätig ist.   H.



_Ottmachau_, den 10. April 1826.

Ich bin heute hier angekommen, liebe Charlotte, und habe Ihren lieben
Brief vorgefunden, der hier gewiß schon lange gelegen hat. Denn obgleich
ich den 29. März aus Berlin abgereist bin, so habe ich mich, ehe ich
hierher kam, an mehreren Orten ausgehalten. Es würde mir recht angenehm
gewesen sein, wenn man Ihren Neffen zu mir gebracht hätte. Ich habe es
immer zum Grundsatz gehabt, daß man in jedem Alter und jeder Lage sehr
zugänglich sein muß, und ich weise auch Unbekannte nie zurück. Man hat
gegenseitig Vorteile davon; ein lebender Mensch ist immer ein Punkt, an
den sich wieder anderes anschließt, und wo man nicht berechnen kann, wo
und wie es sich wieder zu etwas Erfreulichem gestaltet. Leute aber, die
sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigen, haben immer, auch
wenn sie im Anfange ihrer Laufbahn sind, ein höheres Interesse als
andere, und man geht mit ihnen leicht auch in Dinge ein, die einem nach
seiner eigenen Lebensweise und Bildung fremd sind. Denn am Ende hängt
doch, wäre es auch nur in den höchsten und allgemeinsten Punkten, alles,
was mit Ideen ausgemessen werden kann, zusammen, und die Berührung mit
Personen verschieden artiger Ausbildung, wenn diese nur irgendeinen
bedeutenderen Grad erreicht hat, wirkt vorzugsweise belebend auf den
Geist und verhindert die Einseitigkeit, der man sonst selten, und selbst
dann nicht entgeht, wenn man auch im Leben sich mit Menschen aller
Stände gemischt hat und reich an wechselnden Erfahrungen gewesen ist.

Sie haben unrecht, liebe Charlotte, wenn Sie sagen, daß ich jetzt gegen
Sie einen zu höflichen, gleichsam alles billigenden Ton annehme. Meinem
Gefühle nach ist das nicht der Fall, und daß ich nicht jede Ihrer
Meinungen teile, oder in alle Ihre Ideen eingehe, hat Ihnen noch mein
letzter Brief bewiesen, wo ich ganz verschiedener Meinung mit Ihnen war.
Dies zeigt Ihnen deutlich, daß ich Ihre Ansichten und Ideen prüfe. Mit
den Gesinnungen der herzlichsten Anhänglichkeit der Ihrige.          H.



_Glogau_, den 9. Mai 1826.

Meine Reise, liebe Charlotte, hat sich über meine Erwartung verzögert,
ich bin aber nun auf der Rückreise nach Berlin und schreibe Ihnen von
hier, da ich früher, als ich dachte, hier angekommen bin, und doch nicht
weiter reisen mag, sondern hier übernachten will. Es ist sehr lange her,
daß ich keinen Brief von Ihnen erhalten habe. Es war mir, so leid es
mir tat, unmöglich, Ihnen einen Ort anzugeben, wo mich Ihre Briefe mit
Gewißheit gefunden hätten. Mein Aufenthalt war wechselnd, und obgleich
ich vierzehn Tage in Ottmachau war, sah ich auch das nicht voraus,
sondern meine Geschäfte zogen sich nur so von einem Tage zum andern hin.
Jetzt bitte ich Sie, liebe Charlotte, mir den 23. dieses Monats zu
schreiben, da trifft mich der Brief gewiß in Berlin, wohin Sie wie
gewöhnlich adressieren. Ich hoffe, daß alsdann nicht wieder eine solche
Unterbrechung unseres Briefwechsels stattfinden soll, da ich immer sehr
ungern Ihre Briefe und Nachrichten entbehre. Ich fürchte, daß Ihnen das
kalte und unfreundliche Wetter Übelbefinden zugezogen hat. Es war hier
wenigstens – ich meine in Schlesien – sehr rauh und garnicht der
Jahreszeit gemäß. Aus Berlin höre ich dieselben Klagen, aber seit drei,
vier Tagen hat es sich geändert, und heute war ein warmer, schöner
Sonnenschein, der mich von früh bis Abend im Fahren begleitet hat.
Himmel und Erde boten einen sonderbaren Kontrast dar. Die Luft war
ruhig, der Himmel blau, nur mit leichten Wolken hie und da bedeckt, die
Sonne selten, nur auf Augenblicke, versteckt. Dagegen hatte die Erde
keinen so friedlichen Anblick. Ich mußte auf einer Fähre über die Oder
gehen, und mein Weg führte mich auch stundenlang an dem Ufer des Stromes
hin, den ich erst hier verlassen habe. Vorgestern und gestern war der
Fluß ungewöhnlich gediegen, große Felder waren überschwemmt, Dörfer
wurden ausgeräumt, die Menschen waren überall in Bewegung, der Flut zu
wehren, die Dämme zu erhöhen und Vorkehrungen aller Art zu treffen.
Menschen konnte nicht leicht ein Unglück begegnen, da die weite
Wasserfläche, außer in der Strömung selbst, ruhig und still war. Es sah
wunderbar aus, wie das Gebüsch aus dem Wasser hervorblickte. Seit dem
Jahr 1813 hat man keine so große Flut hier gehabt. Die unfreundliche
kalte Jahreszeit hat vermutlich den Schnee in den hohen Gebirgen
vermehrt, den die Wärme einiger darauf folgenden Tage zu schnellem
Schmelzen brachte. So erklärt man sich wenigstens hier das schnelle
unbegreifliche Anschwellen des Wassers. Die Zeitungen erwähnen diese
Überschwemmungen gewiß, und Sie werden darin davon lesen. Es ist aber
wohl möglich, fällt mir ein, wie ich dies schreibe, daß Sie, liebe
Charlotte, keine Zeitungen lesen. Ich würde dies wenigstens sehr
begreiflich finden, schon wenn ich Sie nach mir beurteile. Ich habe
wirklich seit dem 29. März, wo ich Berlin verließ, keine Zeitung
angesehen, wenn ich ein paar Blätter ausnehme, die mir zufällig in die
Hand gefallen sind. Mein Leben kann innerlich und äußerlich recht gut
fortgehen, ohne daß ich in Berührung mit dem bin, was man
Weltbegebenheiten nennt. Wenn die wirklich großen sich ereignen, und die
Kunde davon gewiß ist, erfährt man es, ohne die Zeitungen zu lesen, und
alle kleinen aufzusammeln, oder die großen von ihrem Entstehen an zu
verfolgen, oder dem Schwanken der Nachrichten über sie Monate lang
nachzugehen, hat kein erhebliches Interesse für mich und ermüdet bald
meine Geduld. Auch in den Weltbegebenheiten und den Ereignissen, die
ganze Staaten erleben, bleibt doch immer das eigentlich Wichtige
dasjenige, was sich auf die Tätigkeit, den Geist und die Empfindung
einzelner bezieht. Der Mensch ist einmal überall der Mittelpunkt, und
jeder Mensch bleibt doch am Ende allein, so daß nur, was in ihm war und
aus ihm ausgeht, auf ihn Wichtigkeit ausübt. Wie der Mensch im Leben auf
Erden mitempfindend, wirksam, teilnehmend, immer sich gesellig
entwickelnd, ist, so macht er den größeren Weg, der über die Grenzen der
Irdischkeit hinausreicht, doch allein, und keiner kann ihn da begleiten,
wenn auch freilich in allen Menschen die Ahnung liegt, jenseits des
Grabes die wiederzufinden, die vorangegangen sind, und die um sich zu
versammeln, die nach uns übrig bleiben. Kein gefühlvoller Mensch kann
dieser Ahnung, ja dieses sichern Glaubens entbehren, ohne einen großen
Teil seines Glückes, und gerade den edelsten und reinsten, aufzugeben,
und auch die heilige Schrift rechtfertigt ihn. Ja, man kann ihn in
einigen Schriftstellen als eine ausgemachte und zu den trostreichen
Lehren des Christentums wesentlich gehörende Wahrheit aufgestellt
finden. Allein, das ändert an dem, was ich erst sagte, nichts ab. Ich
meinte nämlich, daß hier auf Erden alles, was sich auf andere, und im
ganzen auf künstlich eingerichtete Institute bezieht, doch nur insofern
dem Menschen wahren Gewinn bringt, als es in den einzelnen eingeht.
Alles Erhöhen der Bildung, alles Verbessern der Dinge und der
Einrichtungen auf Erden, alle Vervollkommnung der Staaten und der ganzen
Welt selbst besteht nur in der Idee, insofern es sich nicht im einzelnen
Menschen ausspricht, und darum nehme ich in allen, auch den größten
Weltbegebenheiten immer den einzelnen, seine Kraft zu denken, zu
empfinden und zu handeln, heraus. Die Allgemeinheit der Begebenheit
macht nur, daß sie zugleich auf viele so wirkt, oder durch ein solches
Wirken vieler entsteht, und die Größe der Begebenheit, daß sie
außerordentliche und ungewöhnliche Kräfte in Bewegung setzt oder zu
Urhebern hat. Dadurch verknüpft sich denn auch das Privatleben mit dem
öffentlichen. Was man in diesem an dem einzelnen Menschen bemerkt,
findet sich auch, nur anders, durch andere Triebfedern in Bewegung
gesetzt, zu anderen Handlungen anregend, in jenen. Es ist nur der
Schauplatz, der sich ändert, das Schauspiel, der Gegenstand, an dem man
sich erfreut, ist derselbe. Sieht man so die öffentlichen Ereignisse an,
so gewinnen sie, wenigstens in meinen Augen, ein höheres und
lebendigeres Interesse. So aber können die Zeitungen sie eigentlich
garnicht oder nur höchst selten liefern. – Bei dem, was ich vorher von
dem Wiederfinden nach dem Tode sagte, fällt mir ein rührender Vers ein,
den ich vor einigen Tagen beim Spazierengehen auf einem Dorfkirchhofe
fand. Eine Frau, die Mutter und Großmutter gewesen war, war mit ihren
Kindern und Enkeln redend und für sie betend eingeführt, und das Gebet
schloß mit den Worten: »Behüt sie, Gott, vor Ungemach, und bringe sie
mir stille nach!« Dieser Ausdruck hat etwas ungemein Naives und
Ergreifendes. Ich vermute, daß die beiden Verse schon in älteren
Gesangbüchern vorkommen, die in der Regel schönere und kräftigere Lieder
als die neueren haben, und so sind sie Ihnen vielleicht bekannt. Ich
habe eine eigene Neigung zu Kirchhöfen und gehe nicht leicht an einem
vorüber, ohne ihn zu besuchen. Vor allem liebe ich sie, wenn sie mit
großen und alten Bäumen bepflanzt sind, auch nur einer oder der andere
solcher Bäume darauf steht. Das grünende Leben verbindet sich so schön
mit dem schlummernden Tode. Die schönsten Kirchhöfe sah ich in dieser
Art in Königsberg in Preußen. Sie haben ganze Reihen der schönsten,
größten und kräftigsten Linden. Ich brachte einen Teil des Jahres 1809
in Königsberg zu und versäumte nicht leicht einen schönen
Sommernachmittag, auf einem dieser Kirchhöfe herumzugehen. In Rom liegt
der der Fremden, die nicht katholisch sind, auch sehr schön und hat auch
eine antike Pyramide (auch ein Grabmal), die zufällig da steht.

Wenn ich nach Berlin komme, bleibe ich nur kurze Zeit da und gehe dann
nach Tegel, teils weil ich den Ort liebe und von dem umgeben bin, was
ich liebe, teils der ungestörten Ruhe wegen, in der ich dort wieder
arbeiten kann. Auf der Reise und bei wechselndem Aufenthalt tut man
immer wenig und hat nur eine solche Geschäftigkeit, bei der man für den
Geist eigentlich immer untätig ist.

Leben Sie wohl, liebe Charlotte, mit herzlicher Teilnahme und
unveränderlicher Anhänglichkeit der Ihrige.                H.



_Berlin_, Ende Mai 1826.

Ich bin sehr wohl, aber unendlich beschäftigt, da ich Arbeiten, die ich
schon seit Jahren vorbereitet habe, endlich zu endigen denke. Ich habe
mir für die nächsten Jahre einen regelmäßigen Plan darüber gemacht, und
werde ihnen jetzt, wie ich es seit einigen Wochen tue, alle meine freie
Zeit widmen.

Die Witterung ist so schön, wie sie selten bei uns, in unserm
nördlichen Klima ist; man fühlt sich dann geistig wie körperlich heiter
und mehr als gewöhnlich aufgelegt zu geistigen Beschäftigungen. Es ist
gewiß ein beneidenswürdiger Vorzug der südlicheren Himmelsstriche, sich
einer größeren Gleichheit der Temperatur zu erfreuen. In anderer
Hinsicht ist diese Gleichheit der Natur wieder freudenloser und
vielleicht gar in geistiger Hinsicht nachteilig. Die Ankunft des
Frühlings ist keine solche reine und mit Ungeduld erwartete
Begebenheit, da ihm der Winter garnicht so unähnlich ist. Dies wirkt
natürlich auf die Seele, und wenn man annehmen kann, wie ich es
wenigstens für sehr wahr halte, daß jede leidenschaftliche oder doch
tiefere Empfindung ihren ursprünglichen Grund in Eindrücken der äußeren
großen Natur, auch ohne daß wir es selbst im einzelnen bemerken, hat, so
kann einen es wohl bedünken, daß die Sehnsucht garnicht so in der Seele
und dem Gemüte südlicher Völker tiefe Wurzeln schlagen könne wie unter
uns, wo seit unserer Kindheit jedes Jahr die große und tiefe, aus der
dumpf verschließenden Starrheit des Winters nach dem neu sprießenden und
grünenden Erwachen der Natur zurückführt. Dies muß dann aber, da nichts
in der Seele allein steht, auch auf die ganze Empfindungsart
zurückwirken, und so mag es entstehen, daß auch in unsern Dichtern alles
mehr in kontrastierenden Farben, mehr mit Schattenmassen, die das Licht
bekämpfen, ausgetragen wird, daß vieles freilich düsterer, finsterer
ist, aber auch alles tiefer, ergreifender und bei jeder noch so kleinen
Veranlassung mehr aus dem Licht der äußeren Natur in das Dunkel und in
die Einsamkeit des inneren Gemüts zurückführend erscheint. Die Stärke
der Empfindung und der Leidenschaft, die dort als Glut flammt, hat hier
eine andere Art des Feuers, ein mehr innerlich geheim kochendes und
langsam verzehrendes. Diese Empfindung, diese Sehnsucht wird noch
dadurch vermehrt, daß wir in diesen wenig Reize darbietenden
Himmelsstrichen auf jene immer wie auf ein Paradies hinblicken, das uns,
wenigstens auf längeren und beständigen Wohnsitz, versagt ist. Das
bringt in allen, hauptsächlich mit geistigen Dingen beschäftigten
Menschen eine zweite große Sehnsucht hervor, die nur wenigen fremd ist.
Denn wer sich hier auch noch so wohl fühlt und auch nie einen andern
Himmelsstrich gesehen hat, kann doch nicht anders, als empfinden, daß es
schönere gibt, und in jeder Art von der Natur reicher begabte. Es kann
damit immerhin verbunden sein, daß er doch nicht seinen Aufenthalt mit
einer Reise vertauschen würde, er kann in Dingen, die er wieder dort
entbehren müßte, eine Entschädigung finden, allein darum ist das
Anerkennen, daß ihm das minder Schöne zuteil geworden ist, immer gleich
gewiß, und davon kann eine Sehnsucht, wenigstens auf Augenblicke, nicht
getrennt sein. Auch ist sie in allen deutschen und englischen Dichtern
und spricht sich gleich aus, wie der Zusammenhang Gelegenheit dazu
darbietet. Es hat, wenn man das viel Größere mit dem viel Geringeren
vergleichen dürfte, eine Ähnlichkeit mit der Sehnsucht nach einem mehr
von sinnlichen Schranken befreiten Dasein, die in jeder höher gestimmten
Seele wirklich vorhanden ist, ohne daß man doch darum gerade das Leben
augenblicklich zu verlassen wünscht. – – – –

Die Einseitigkeit ist etwas ganz Relatives, und im Manne, der sich nach
einer großen Menge von Gegenständen hinwenden soll, kann sie wohl zu
fürchten sein. Frauen aber haben, wie man es recht eigentlich nennen
kann, das Glück, vielen Dingen ganz fremd bleiben zu können, sie
gewinnen meistenteils gerade dadurch, daß sie den Kreis ihres Erkennens
und Empfindens zu kleinerem Umfang und größerer Tiefe zusammenziehen,
und es ist also bei ihnen in der Art, wie beim Manne, Einseitigkeit
nicht schädlich. Ich erinnere mich, früher zwei Frauen gekannt zu haben,
die mit allen Mitteln versehen, sich in dem bewegtesten Leben zu regen,
aus reiner Neigung und ohne Unglücksfälle eine solche Einsamkeit
bewahrten, daß es auch dem einzelnen schwer wurde, ihnen zu nahen, und
die dadurch gewiß nicht das mindeste an Interesse eingebüßt
hatten. – – – –

Sie berühren mit Widerwillen manche Laster in gewissen Beziehungen und
Folgen und wollen meine Ansichten darüber. Ich gestehe, daß ich die
Ansicht nicht liebe und nicht sonderlich billigen kann, wo man die
Sittlichkeit so in einzelne Tugenden zerlegt, welche man einzelnen
Lastern gegenüberstellt. Es scheint mir eine durchaus verkehrte und
falsche. Ich wüßte nicht zu sagen, wer unter den Hoffärtigen, Geizigen,
Verschwenderischen, Wollüstigen mir der am meisten Verhaßte sei. Es kann
es nach Umständen jeder sein; denn es kommt auf die Art an, wie es
jeder ist. Ich gehe in meiner Beurteilung der Menschen garnicht darauf,
sondern auf die Gesinnung, als den Grund aller Gedanken, Vorsätze und
Handlungen, und auf die gesamte Geistes- und Gemütsstimmung. Wie diese
pflichtmäßig oder pflichtwidrig, edel oder unedel ist, das allein
entscheidet bei mir. Haben zwei oder drei Menschen in demselben Grade
eine unedle, selbstsüchtige, gemeine Gemütsart, so ist es mir sehr
einerlei, in welchem Laster sich diese äußert. Das eine oder andere kann
schädlicher oder unbequemer sein, aber alle diese Untugenden sind dann
gleich schlecht und erbärmlich. Und ebenso ist es mit den Tugenden. Es
kann einer gar keine Unsittlichkeit begehen, manche Tugend üben, und
dagegen ein anderer z. B. durch Stolz oder Heftigkeit oder sonst fehlen,
und ich würde doch, wenn der letztere, was sehr gut möglich ist, eine
höhere und edlere Gesinnung hegt, ihn vorziehen. In der Gesinnung aber
kommt es auf zwei Punkte an, auf die Idee, nach und aus welcher man gut
ist, und auf die Willensstärke, durch die man diese Idee gegen die
Freiheit oder Leidenschaftlichkeit der Natur geltend macht. Die
erbärmlichen Menschen sind die, die nichts über sich vermögen, nicht
können, was sie wollen, und die, welche selbst, indem sie tugendhaft
sind, niedrige Motive haben, Rücksichten auf Glück und Zufriedenheit,
Furcht vor Gewissensbissen, oder gar vor künftigen Strafen. Es ist recht
gut und nützlich, wenn die Menschen auch nur aus diesen Gründen nicht
sündigen, aber wer auf Gesinnung und Seelenzustand sieht, kann daran
keinen Gefallen haben. Das Edle ist nur dann vorhanden, wenn das Gute um
des Guten willen geschieht, entweder als selbst erkanntes und
empfundenes Gesetz aus reiner Pflicht, oder aus dem Gefühl der erhabenen
Würde und der ergreifenden Schönheit der Tugend. Nur diese Motive
beweisen, daß wirklich die Gesinnung selbst groß und edel ist, und nur
sie wirken auch wieder auf die Gesinnung zurück. Tritt, wie das bei
gutartigen Gemütern immer der Fall ist, die Religion dazu, so kann auch
sie auf zweierlei Art wirken. Die Religion kann auch nicht in ihrer
wahren Größe gefühlt, noch von einem niedrigen Standpunkte aus gewonnen
werden. Wer Gott selbst nur in Rücksicht auf sich dient, um wieder dafür
Schutz, Hilfe und Segen von ihm zu erhalten, um gleichsam von ihm zu
fordern, daß er sich um jedes einzelne Lebensschicksal kümmern soll, der
macht doch wieder sich zum Mittelpunkt des Alls. Wer aber die Größe und
väterliche Güte Gottes so mit bewundernder Anbetung und mit tiefer
Dankbarkeit in sein Gemüt aufgenommen hat, daß er alles von selbst
zurückstößt, was nicht mit der reinsten und edelsten Gesinnung
übereinstimmt wie der Gedanke, daß, was Pflicht und Tugend von ihm
fordern, zugleich der Wille des Höchsten und die Forderung der von ihm
gegründeten Weltordnung ist, der hat die wahrhaft religiöse und gewiß
tugendhafte Gesinnung. – – – –

Ihrer fortgesetzten Lebenserzählung sehe ich, nach dem, was Sie mir
sagen, in den nächsten Tagen mit großer Freude entgegen. Leben Sie
herzlich wohl. Mit unveränderlicher, anteilvoller Anhänglichkeit der
Ihrige.             H.



_Tegel_, den 10. September 1826.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihre Briefe, nebst dem mit Ungeduld
erwarteten neuen Heft Ihrer Lebensgeschichte empfangen und danke Ihnen
recht herzlich dafür. Es sind allerdings wenige Blätter, sie umfassen
einen kurzen, aber inhaltreichen Zeitraum, aber ich habe sie nicht nur
mit großem Interesse, sondern mit inniger Teilnahme gelesen.

Sie hatten mir schon einmal gesagt, daß, als ich Sie in Pyrmont kennen
lernte, Sie eigentlich schon versprochen waren, nur noch nicht
öffentlich. Es fiel mir damals sehr auf. Ich hatte, wie wir uns sahen,
keine Ahnung davon. Die Art, wie diese Verbindung sich anknüpfte, hat
etwas ganz Eigenes und Sonderbares. – Allein, was man in solchen Fällen
auch denken und sagen mag, es scheint allerdings, wie Sie sehr richtig
bemerken, ein ewiges Verhängnis im Zusammenhang zu walten, worin niemand
dem Schicksal entgehen kann, was ihn für seine höhere Bestimmung
entwickeln soll, worauf es doch eigentlich ankommt. Ich teile ganz Ihre
Meinung, daß es nicht denkbar ist, daß die Vorsehung das, was wir Glück
und Unglück nennen, einer Berücksichtigung würdige. So trostlos das auf
den ersten Blick scheint, so erhebend ist es zugleich, einer höheren
Ausbildung wert gehalten zu werden. Es ist in solchen Schicksalen, wie
das Ihrige war und sehr früh begann, ein wunderbarer Zusammenhang. Auch
wenn man nicht von andern gestoßen und getrieben wird, wenn man nicht
einmal sich selbst recht deutlich machen kann, was einen innerlich stößt
und treibt, nähert man sich doch einem Ziele, oder zieht eine Fügung
über sich heran, von der man beinahe das Gefühl hat, es sei besser, man
stieße sie zurück. Wirklich haben Sie auch weniger getan, sich in das
Schicksal, das sich für Sie bereitete, zu verwickeln, als Sie nur sich
haben aus Liebe zu Ihrer Freundin gehen lassen, und nicht entgegen
gearbeitet. Es ist ungemein häufig der Fall, daß Verbindungen ohne alle
Neigung, ja selbst gegen die Neigung, aus allerhand Gründen, mit
Empfindungen eingegangen werden; die man oft garnicht in sich tadeln
kann, die aber doch bei einem solchen Schritt nicht leitende sein
sollten. In mir und nach meiner Weise kann ich mir das zwar wenig
begreiflich machen. Mir wäre es durchaus unmöglich gewesen, auch nur den
Gedanken einer solchen Verbindung zu fassen, wenn ich nicht wirklich die
tiefe Überzeugung der Empfindung gehabt hätte, daß die, mit der ich
mich verbände, die einzige sei, mit der ich ein solches Band eingehen
könnte. Der Gedanke der Ehe, selbst auf eine recht gute und verträgliche
Weise mit gegenseitiger Achtung und Freundschaft geschlossen, aber ohne
das tiefe und das ganze Wesen ergreifende Gefühl, das man gewöhnlich
Liebe nennt, war mir immer zuwider, und es wäre meiner ganzen Natur
entgegen gewesen, sie auf eine solche Weise zu schließen. Es ist zwar
wahr, daß die so, wie ich es da von mir sage, geschlossenen Ehen die
einzigen sind, in welchen die Empfindungen bis zum Grabe im gleichen
Grade, nur in den Modifikationen, welche Jahre und Umstände
herbeiführen, dieselben bleiben. Es ist indes doch recht gut, daß diese
Art, die Sache anzusehen, nicht die allgemeine ist, da sonst wenig Ehen
zustande kommen würden. Auch gelingen so viele Ehen, die anfangs recht
gleichgültig geschlossen werden, so daß sich dagegen nicht viel sagen
läßt. In Ihrem Fall war es offenbar das Gefühl für Ihre Freundin, das
Sie leitete, und das war allerdings ein edles und aus dem Besten und
Reinsten im menschlichen Herzen sprießendes. Gerade das aber zeigt sich
recht oft, daß die besten, edelsten, aufopferndsten Gefühle gerade die
sind, die in unglückliche Schicksale führen. Es ist, als würden durch
eine höhere und weise Führung die äußeren Geschicke absichtlich in
Zwiespalt mit den inneren Empfindungen gebracht, damit gerade die
letzteren einen höheren Wert erlangen, in höherer Reinheit glänzen, und
dem, der sie hegt, eben durch Entbehrung und Leiden teurer werden
sollten. So wohltätig die Vorsehung waltet, so kommt es ihr nicht immer
und durchaus auf das Glück der Menschen an. Sie hat immer höhere Zwecke
und wirkt gewiß vorzugsweise auf die innere Empfindung und Gesinnung.

Die Geschichte der geisterartigen Warnung ist sehr sonderbar – sie
wurde Ihnen in dem Moment, wie Sie zuerst bestimmt Ihre Zustimmung zu
einer Verbindung niederschrieben, die Sie in unendliche Leiden
verwickelte. Noch sonderbarer, da sie zugleich eine Todesanzeige Ihrer
Mutter war.

Daß Sie wirklich sich haben so rufen hören, ist nicht abzuleugnen. Es
ist auch eben so sicher, daß kein sterblicher Mensch Sie gerufen hat in
der totalen, abgeschiedenen Einsamkeit, worin Sie die warnende Stimme
vernahmen. In sich haben Sie die Stimme gehört, wenn sie gleich Ihr
äußeres Gehör zu vernehmen schien, und in Ihnen ist die Stimme
erschallt. Es gibt gewiß viele, die das nur als eine Selbsttäuschung
erklären würden, die denken, daß der Mensch auf natürlichen Wegen, ohne
alle Verknüpfung des Irdischen mit dem Geisterreich, bloß durch die
innere Bewegung, die in seinem Gemüt, seiner Einbildung, seinem Blut
selbst waltet, so etwas äußerlich zu vernehmen glaubt. Daß es so sein
kann, bisweilen so ist, möchte ich nicht leugnen, wohl aber, daß es
nicht auch anders sein kann, und bei gewissen Menschen unter gewissen
Umständen anders gewesen ist. Sie sagen: Ihrer Seele habe sich in
späterer Zeit und nach und nach die Meinung bemächtigt, die
Jung-Stilling in seiner Theorie der Geisterkunde (ich habe sie nicht
gelesen) aufstelle, daß die uns Vorangegangenen, heller Sehenden, mit
Liebe uns Umgebenden, uns oft gern Schützenden, warnend uns erkennbar zu
werden suchten, und dies gern, um tiefere Eindrücke zu bewirken, an
bedeutende und wichtige Ereignisse knüpften, wo es nur darauf allein
ankomme, daß sie sich mit uns in Rapport zu bringen vermöchten, was
allein davon abhänge, in welcher Entbundenheit der geistige Zustand von
den äußeren Sinnen sich befinde. In diesem entbundenen Zustand, worin
sich gewiß niemand eigenwillig bringen kann, glauben Sie vielleicht in
jener Stimmung gewesen zu sein, wo Sie über alle gewöhnlichen
Rücksichten hinaus Ihre Entschließungen niedergeschrieben haben. Diese
Ihre Bemerkungen sind tief gedacht und empfunden. Es gibt unleugbar ein
stilles, geheimnisvolles, mit irdischen Sinnen nicht zu fassendes
Gebiet, das uns, ohne daß wir es ahnen, umgibt, und warum sollte da
nicht auf Augenblicke der Schleier reißen und das vernommen werden
können, wozu in diesem Leben keine vernehmbare Spur führt? Sie wurden
hier in dem Augenblicke gewarnt, wie Sie einen bis dahin nur Ihnen
bekannten Gedanken niederschreiben wollten, einen Federzug tun, der Ihr
Leben, in vielfache und unglückselige Verwickelung ziehen sollte, Sie
wurden mit der Stimme derer gewarnt, die bald nicht mehr sein sollte,
und es wurde, wie Sie bemerken, um sicherer Sie zum Nachdenken zu
führen, der Moment bedeutend bezeichnet, da Ihre Mutter gerade in
demselben Moment acht Tage nachher starb. Das war offenbar nicht von
dieser Welt. Es war eines der Zeichen, die selten, aber doch bisweilen
kund werden von dem, was eine im Leben unübersteigbare Kluft von uns
trennt. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie dies nicht übergangen haben.

Für heute Adieu, liebste Charlotte. Mit unwandelbarem Anteil und
Anhänglichkeit der Ihrige.              H.



_Tegel_, im Oktober 1826.

Sie fragen mich, liebe Charlotte, wie ich das meinte, wenn ich sagte,
daß die Stimme, die Sie an jenem Novemberabend rief, eigentlich _in Ihnen_
erschallte, da Sie dieselbe doch deutlich hinter sich vernahmen. Recht
ordentlich zu erklären ist so etwas eben nicht, ich möchte hierin auch
meine Ansicht nicht für die ausgemacht wahre ausgeben, aber ich habe
über alles, was man Geister und Geistererscheinungen nennt, einen
Glauben, der, wenn ich so sagen darf, den Glauben und Unglauben daran
gewissermaßen miteinander vereinigt. Ich glaube, daß Menschen solche
Erscheinungen in Tönen und Gesichten und auf jede Weise haben können,
und daß dies garnicht Einbildungen einer bloß erhitzten
Einbildungskraft, Täuschungen und sozusagen wachende Träume sind. Ich
würde es kaum sonderbar finden, wenn mir selbst etwas dieser Art
begegnete. Ich halte also diese Erscheinungen für etwas Wirkliches,
durch eine überirdische Macht Hervorgebrachtes, nur daß man freilich
sehr genau prüfen muß, ob in dem einzelnen Fall die Erscheinung wirklich
eine von der gewöhnlichen Ideenverbindung verschiedene und keine bloße
Abirrung dieser Ideenverbindung, also bloße Vorstellung der Phantasie
war. Dagegen glaube ich nicht, daß solche Töne oder Gesichte ebenso
außer demjenigen vorgehen, welcher sie vernimmt, als wie wenn ein
leiblicher Mensch ruft oder auftritt. Daher bin ich auch etwas
ungläubiger gegen solche Geschichten, wo ein Geräusch von mehreren
gehört wird. Sind es nur zwei, so kann die Gleichheit der innern
Seelenstimmung wohl gleichzeitige innere Erscheinungen hervorbringen.
Für innerlich halte ich also Erscheinungen, von denen nicht wirkliche
Beweise des Gegenteils da wären, aber so für innerlich, daß sie im
Innern immer auch durch eine überirdische Macht eingeführt und geweckt
werden, und daher der Mensch, der sie erfährt, weil ihn das Bewußtsein
überirdischer Gegenwart und von nicht aus ihm kommender Einwirkung
ergreift, sie notwendig außer sich setzt. Wie viel auch schon über
diese Sache gestritten worden ist, so kann man doch nicht ableugnen, daß
etwas wirklich Innerliches von dem, dem es begegnet, als durchaus
äußerlich betrachtet werden kann, und der höheren überirdischen Macht
ist die Hervorbringung einer Erscheinung ebenso möglich, wenn sie in der
Tat eine gewissermaßen körperlich äußere, als wenn sie eine idealisch
innere ist.

Der Gedanke einer verfolgenden Macht würde mir immer fremd sein. Ich
habe mich niemals mit den Vorstellungen vertragen können, die eines
solchen, allem Guten feindseligen, am Bösen Gefallen findenden Wesens
Dasein annehmen. Im Neuen Testament halte ich die dahin einschlagenden
Stellen nur für bildliche, sich an die Vorstellungen des Judentums
anschließende Ausdrücke, für das Böse, das der Mensch, auch wenn er gut
ist und sich ganz schuldlos glaubt, doch immer in sich zu bekämpfen hat.
Es gibt unleugbar Personen, welchen mehr Widerwärtiges als Glückliches
begegnet, und auch die sehr Glücklichen haben kürzere oder längere
Perioden, wo der Verlauf der Umstände ihnen nicht zusagt, und sie gegen
den Strom zu schwimmen genötigt sind. Dies liegt aber, auch wo es
garnicht eigene Schuld oder Folge unrichtig berechneter Verfahrungsweise
ist, in der natürlichen Verkettung der Umstände, wo das allgemein
Notwendige oder Unvermeidliche dem Interesse des einzelnen zuwider ist.
Sehr oft, und dies ist mir bei weitem wahrscheinlicher, kann es auch
Fügung der mit weiser und immer wohltätiger Strenge heilsam züchtigenden
und prüfenden Vorsehung sein; denn die Züchtigung überirdischer und
übermenschlicher Weisheit setzt nicht gerade immer Schuld voraus. Es
kann in den Wegen und Pfaden der über alle menschliche Vernunft
hinausreichenden Einsicht liegen, auch ohne Verschulden, zur bloßen
heilsamen Zurückführung auch den ganz Schuldlosen zu züchtigen. Auch ist
der Beste, wenn er nur die Selbstprüfung mit gehöriger Strenge anstellt,
nicht von Flecken rein, und es können in seinen bewußtlosen Empfindungen
solche liegen, die ihn zur Schuld führen würden, wo aber der Schuld
durch die heilsam angebrachte Züchtigung vorgebeugt wird. Der Mensch
selbst ist zu kurzsichtig und sein Blick zu trübe, dies einzusehen,
allein die in der Höhe waltende Macht durchschaut es und weiß es zu
lenken und zum Besten zu kehren. Alles dies pflege ich mir zu sagen, oft
ohne äußere Veranlassung, allein auch besonders da, wo, wie’s auch mir
geschieht, das Schicksal den Wünschen entgegenwirkt, und eine Periode
der Widerwärtigkeit oder des wahren Unglücks eintritt. Ich werde dann
vorsichtiger als sonst im Handeln, und ohne mich im geringsten beugen
oder betrüben zu lassen; suche ich durchzusteuern, so gut es gehen will.
Wenn ich sage, ohne mich zu betrüben, so meine ich damit nicht, daß mich
die einzelnen Unfälle nicht betrüben sollten (was unvermeidlich ist),
sondern nur, daß ich ihr Eintreten überhaupt, die Wendung vom Glück zum
Gegenteil nicht als etwas Feindseliges, sondern als etwas Natürliches,
mit dem Weltgang und der menschlichen Natur eng Verbundenes, oft sogar
Heilbringendes nehme. Nach dieser in mir festgewordenen Ansicht kann ich
an eine verfolgende oder gar nur neckende Macht nicht glauben. Ich
gestehe, daß ich einen solchen Glauben nicht einmal bei andern dulden
oder unangefochten lassen könnte. Es ist eine finstere, beengte
Vorstellung, die der Güte der Gottheit, der Größe der Natur und der
Würde der Menschheit widerspricht. Dagegen hat der Glaube an eine, unter
Zuladung und Leitung der höchsten, untergeordnete, schützende Macht
etwas Schönes, Beruhigendes und den reinsten und geläutertsten
Religionsideen Angemessenes. Ich möchte ihn daher niemand rauben, der
durch seine Natur angeregt wird, ihn zu haben und zu hegen. Mir ist er
jedoch nicht eigen, und er gehört auf alle Fälle zu denjenigen
religiösen Vorstellungen, die nicht allgemein geboten sind, sondern bei
denen es auf die individuelle Neigung und Stimmung ankommt.

Es wird mich sehr freuen, wenn Sie Zeit und Stimmung haben, Ihre
Lebenserzählung fortzusetzen. Leben Sie herzlich wohl und rechnen Sie
fest auf die Dauer der Gesinnungen, die Ihnen immer von mir gewidmet
bleiben. Ihr            H.



_Berlin_, den 8. November 1826.

Ihr lieber Brief hat mir große Freude gemacht, weil er in den Inhalt
meines letzten eingeht und demselben Gründe und Behauptungen
entgegenstellt. Es ist sehr natürlich und begreiflich, daß unsere
Ansichten bisweilen auseinander gehen müssen; es liegt das zuerst im
Geschlecht, dann in der Lebensweise und den einmal angenommenen
Gewohnheiten. Ein Mann, und noch mehr einer, der oft in Verhältnissen
war, in denen er gegen Gefahr und Ungemach nur bei sich Schutz und Rat
suchen konnte, muß mehr von der Selbständigkeit erwarten und mehr auf
sie dringen. Er muß sich zutrauen, mehr ertragen, Schmerz und Unglück
(von denen kein Mensch frei ist, und zu denen Geschäfte und für andere
übernommene Verantwortlichkeit auch empfindlichere Gelegenheiten
darbieten, als in einfacheren Lagen vorkommen können) mit mehr
Gleichgültigkeit ansehen, um sie mehr durch sich selbst bezwingen zu
können. Indes müssen Sie nie denken, daß dies die Teilnahme an fremdem
Unglück schwächt, oder daß es hindert zu begreifen, daß jeder die
verschiedenartigen Ereignisse des Lebens nach seiner Weise und seiner
Eigentümlichkeit aufnimmt. Sind Sie aber auch in vielem von dem, was
mein voriger Brief enthielt, anderer Meinung mit mir, so stimmen wir
ganz in dem Wunsche überein, eine Anzeige des bevorstehenden Todes zu
haben. Bis jetzt denke ich mir den Tod als eine freundliche Erscheinung,
eine, die mir in jedem Augenblick willkommen wäre, weil, wie zufrieden
und glücklich ich lebe, dies Leben doch immer beschränkt und rätselhaft
ist, und das Zerreißen des irdischen Schleiers darin auf einmal
Erweiterung und Lösung mit sich führen muß. Ich könnte darum stundenlang
mich nachts in den gestirnten Himmel vertiefen, weil mir diese
Unendlichkeit fernher flammender Welten wie ein Band zwischen diesem und
dem künftigen Dasein erscheint. Ich hoffe, diese Freudigkeit der
Todeserwartung soll mir bleiben, ich würde mich dessen, da sie tief in
meiner Natur (die nie am Materiellen, immer nur an Gedanken, Ideen und
reiner Anschauung gehangen hat) gegründet ist, sogar gewiß halten, wenn
nicht der Mensch, wie stark er sich wähne, sehr vom augenblicklichen
Zustande seiner körperlichen Gesundheit und selbst seiner
Einbildungskraft abhinge. Ich wähne mich aber nicht einmal stark,
sondern fordere nur unbedingt von mir, es zu sein. Ich würde daher,
bliebe ich wie jetzt gestimmt, den Tod ohne Schrecken herannahen sehen,
und mein Bemühen würde nur sein, mit Besonnenheit den Übergang in einen
anderen Zustand, so lange es möglich ist, schrittweise zu verfolgen.
Darum würde ich auch für mich einen langsameren Tod nicht für ein
Unglück erachten, obgleich ein schneller sowohl für den Sterbenden
selbst, als für die Zurückbleibenden Vorzüge hat. Ich trage mich auch
seit einer Reihe von Jahren, und nach einer Begebenheit, die mich, als
ich in Rom war, traf und sehr ergriff, mit dem Glauben, oder, wenn dies
zu viel gesagt ist, mit der Ahnung, daß ich nicht anders sterben werde,
als bis eine bestimmte Erscheinung es mir vorher verkündet. Wie das nun
sein wird, will ich erwarten, aber erwünscht wäre mir, wie Ihnen, die
Vorandeutung.

Die biblischen Stellen, die Sie anführen, waren mir, als ich sie
nachschlug, wohl bekannt. Sie sind allerdings tröstend, weil sie
Hoffnung gewähren, Vertrauen hervorrufen und auf Liebe, die sich
erbarmt, zählen lassen. Ich muß aber doch, wenn ich meine innere
Empfindung erschließe, sagen, daß gerade die von Ihnen angeführten
Stellen nicht diejenigen sein würden, bei denen ich Trost suchen würde.
Sie gehören in die Reihe der Verheißungen, Hoffnungen, und in dieser Art
in der Zukunft zu leben, ist nie mein Sinnen und Trachten gewesen. Ich
habe immer mehr gesucht, mich gleich selbst in der Gegenwart zu
bearbeiten, daß daraus soviel mögliche innere Besiegung des Unglücks
hervorgeht. Gerade in dieser Hinsicht aber ist das Lesen der Bibel eine
unendliche und wohl die sicherste Quelle des Trostes. Ich wüßte sonst
nichts mit ihr zu vergleichen. Der biblische Trost fließt, wenn auch
ganz verschieden, doch gleich stark, auf eine doppelte Weise im Alten
und Neuen Testament. In beiden ist die Führung Gottes, das Allwalten
der Vorsehung, die vorherrschende Idee, und daraus entspringt in
religiös gestimmter Gesinnung auch gleich die tiefe innere, durch nichts
auszurottende Überzeugung, daß auch die Schicksale, durch welche man
selbst leidet, doch die am weisesten herbeigeführten, die wohltätigsten
für das Ganze und den dadurch Leidenden selbst sind. In dem Neuen
Testament hernach ist ein solches überschwängliches Vorwalten des
Geistigen und des Moralischen, es wird alles so einzig auf die Reinheit
der Gesinnung zurückgeführt, daß was den Menschen sonst innerlich und
äußerlich betrifft, wenn er jenem mit Ernst und Eifer nachstrebt,
vollkommen in Schatten zurücktritt. Dadurch verliert auch das Unglück
und jedes Leiden einen Teil seiner drückenden Einwirkung, und es
schwindet auf jeden Fall alle Bitterkeit davon. Die unendliche Milde der
ganzen neutestamentlichen Lehre, die Gott fast nur von der erbarmenden
Seite darstellt, und in der überall die aufopfernde Liebe Christi für
das Menschengeschlecht vortritt, lindert, wie ein wohltätiger Balsam,
verbunden mit Christi Beispiel selbst, jeden Körper- und Seelenschmerz.
Im Alten Testament kann sich dies allerdings nicht finden. Aber da
erscheint wieder, und doch auch immer mehr tröstend als schreckend, die
Allmacht und Allweisheit des Schöpfers und Erhalters der Dinge, die
durch die Größe und Erhabenheit der Vorstellung über das einzelne
Unglück hinaushebt. Leben Sie herzlich wohl. Mit den Gesinnungen, die,
wie ich weiß, Sie lieben und die nie in mir ändern werden, Ihr      H.



_Tegel_, den 6. Dezember 1826.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren inhaltreichen Brief vom 19. v. M., den
Sie am 21. geschlossen haben, bekommen und mit großem Interesse gelesen
und danke Ihnen recht herzlich dafür.

Sie bemerken in Ihrem Briefe, daß vor dem Erscheinen Christi ein Umgang
zwischen der Gottheit und einigen gleichsam bevorrechteten Personen
stattgefunden, durch das Christentum aber jeder, der in seinen Schoß
aufgenommen sei, ein näheres Verhältnis zu dem höchsten Wesen erhalten
habe. Ich halte dies für ungemein richtig. Zwar möchte ich nicht sagen,
was eigentlich von jener engeren und persönlichen Gemeinschaft der
Erzväter mit Gott, wie sie das Alte Testament schildert, zu halten sei.
Diese Erzählungen des ersten Teils der Schrift haben in jeder Rücksicht,
welches auch ihr Ursprung sein möge, eine so ehrwürdige Heiligkeit, daß
man dem Zweifel an der Wahrheit keinen Raum gibt, wohl aber ungewiß
bleiben kann, was Eigentümlichkeit der Vorstellungs- und
Darstellungsweise, bildlicher oder eigentlicher Ausdruck sei. Denn bei
so alten Überlieferungen, und die sich doch auch wiederum vermutlich
Jahrhunderte lang mündlich fortgepflanzt haben, ehe sie aufgezeichnet
worden sind, läßt sich der wahre Sinn von der äußeren Einkleidung schwer
und wenig unterscheiden. Das aber ist eine gewisse und tröstliche und im
höchsten Grade heilsame Wahrheit, daß durch das Christentum alle
Segnungen der Religion eine durchaus allgemeine Wohltätigkeit erlangt
haben, daß alle innere und äußere Bevorrechtung aufgehört, und jeder
ohne Unterschied Gott so nahe zu stehen glauben kann, als er sich ihm
durch seine eigene Kraft und Demut im Geist und in der Wahrheit zu
nähern vermag. Es ist überhaupt in allem, im Religiösen und Moralischen,
der wahrhaft unterscheidende Charakter des Christentums, die
Scheidewände, die vorher die Völker wie Gattungen verschiedener
Geschöpfe trennten, hinweggeräumt, den Dünkel, als gäbe es eine von der
Gottheit bevorrechtete Nation, genommen, und ein allgemeines Band der
Nächstenpflicht und Nächstenliebe um alle Menschen geschlungen zu haben.
Hier ist nun nicht mehr von bildlichen Darstellungen und nicht mehr von
Wundern die Rede. Es herrscht hier die geistige Gemeinschaft, welche die
einzige ist, deren der Mensch wahrhaft bedarf, und zugleich diejenige,
der er immer durch Vertrauen und Wandel teilhaftig werden kann. Ich
gestehe daher auch, daß ich nicht in die Idee eingehen kann, als wäre
oder als könnte nur noch jetzt eine engere Gemeinschaft zwischen Gott
und einzelnen sein, als die allgemeine, der schlichten Lehre des
Christentums angemessene, in die jeder durch Reinheit und Frömmigkeit
der Gesinnung tritt. Es wäre ein gefährlicher Stolz, sich einer solchen
anderen und besonderen teilhaftig zu glauben, und das Menschengeschlecht
bedarf dessen nicht. Frömmigkeit und Reinheit der Gesinnung und
Pflichtmäßigkeit des Handelns, selbst schon Streben nach beiden, da das
vollendete Erreichen keinem gelingt, sind alles, den Menschen, einzeln
und in der Gesamtheit, Notwendige, und alles dem höchsten Wesen, wie wir
es uns denken müssen, Wohlgefällige. – Schreiben Sie mir, liebe
Charlotte, den 26. Dezember nach Hadmarsleben bei Halberstadt.
Hadmarsleben ist ein Gut meiner Frau, wo ich mich einige Tage aufhalten
werde. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme
der Ihrige.              H.



_Rudolstadt_, den 2. Januar 1827.

Das neue Jahr hat begonnen, und ich wünsche Ihnen, liebe Charlotte, von
ganzem Herzen Glück dazu. Mögen Sie es heiter, sorglos und vor allem in
ungestörter Gesundheit durchleben. Ich hoffe, daß die Erfüllung dieser
Wünsche wahrscheinlich ist.

Ein Jahr scheint ein so kleiner Abschnitt des Lebens, und ist es auch
gewissermaßen, da Tage, Wochen und Monate so unglaublich schnell
verschwinden. Es ist aber doch wieder ein so wichtiger Abschnitt, da
auch der längst Lebende nicht so viele dieser Abschnitte zusammensetzt.
Es fängt auch freilich mit jedem Tage gewissermaßen ebenso gut, als mit
dem ersten Januar, ein neues Jahr an, aber es ist dennoch nicht
abzuleugnen, daß das Schreiben einer neuen Jahreszahl immer etwas in
sich trägt, das den Bedächtigen und gern Überlegenden in Nachdenken
versetzt. Es ist überhaupt sehr meine Art, mich von Epoche zu Epoche
zusammenzufassen und irgend etwas Neues in meinen Vorsätzen zu beginnen,
und ich habe oft gefunden, daß es immer seinen Nutzen hat, wenn auch
nicht immer alle Vorsätze in Erfüllung gehen oder durchaus dauerhaft
sind. Es gibt auch mehr oder minder günstige Jahre, und das beweist
sich, wie ich oft im Leben bemerkt habe, manchmal an gewissen Anzeichen,
wenn sie auch augenblicklich unbedeutend und vorübergehend scheinen, in
den ersten Tagen, wo die neue Jahreszahl beginnt. Sie werden das
vielleicht etwas abergläubig finden, aber es ist es doch nicht so ganz
und so sehr. Die Unfälle, die den Menschen betreffen, kommen weit mehr,
als man es denken sollte, aus ihm selbst. Es gibt ein geheimes und
unbemerktes Einwirken des Menschen auf die Dinge, was man ihm nicht
Schuld geben kann, weil es nicht innerhalb seines Bewußtseins liegt,
aber was doch von ihm kommt. Ist nun die Stimmung innerlich eine
ungünstige, düstere, von Heiterkeit fern, so bringt sie auch so etwas im
Äußeren hervor; wenn man das Leben nicht leicht, oder doch wenigstens
ruhig und gleichmütig mit einer gewissen Kälte, als wäre einem Glück
und Unglück ziemlich gleich, aufnimmt, so stellt es sich nicht bloß
insofern noch drückender und lastender, daß man es schwerer empfindet,
sondern es begegnet einem, meiner Erfahrung nach, auch mehr
Widerwärtiges. Auf große Dinge mag das, wie ich wohl glauben will,
keinen Einfluß haben, aber auf die kleineren, die doch auch überwunden
sein wollen, scheint es mir nicht abzuleugnen zu sein.

Ihren lieben Brief werde ich erst in mehreren Tagen empfangen, es tut
mir immer sehr leid, auch habe ich gern einen Brief von Ihnen bei mir,
wenn ich selbst schreibe; aber meine Reise hat sich gegen meinen Willen
verlängert. Ich bitte Sie, mir jetzt so zu schreiben, daß Ihr Brief den
25. oder nur wenige Tage später in Berlin eintrifft. Leben Sie wohl,
beste Charlotte. Mit der herzlichsten und unveränderlichsten Teilnahme
der Ihrige.                    H.



_Berlin_, den 28. Januar 1827.

Ich habe, liebste Freundin, Ihre beiden Briefe richtig empfangen,
obgleich den ersten vom 20. Dezember v. J. sehr spät, da ich meinen
Reiseplan nicht so, wie ich ihn machte, ausgeführt habe, und garnicht
nach Hadmarsleben gekommen bin. Er ist mir hierher nachgeschickt worden.
Nun bleibe ich bis zur Mitte des Sommers hier und in Tegel, und unser
Briefwechsel ist bis dahin gegen Störungen dieser Art gesichert. Es hat
mich sehr gefreut zu sehen, daß Ihre Gesundheit wenigstens leidlich
ist, und daß die Veränderlichkeit der Witterung und der viele Sturm, der
sonst reizbaren Konstitutionen zu schaffen macht, Ihnen nicht sehr
nachteilig geworden ist. Ich liebe den Winter zwar garnicht, und habe
von Kindheit an für die angebliche Schönheit eines Wintertages keinen
Sinn gehabt. Die Kälte ist mir insofern gleichgültig, als ich mich ihr
nie anders als so verwahrt aussetze, daß sie mir nichts anhaben kann,
und als ich mir sogar im Zimmer den traurigen und einförmigen Anblick
des Schnees durch Gardinen verschließe. In der Stadt ist es mir
überhaupt heimlicher, wenn ich von meinem Zimmer aus nichts davon
erblicke. Es ist da nur die Nacht schön, wo der Mensch und das
gewöhnliche Treiben des Gewühls verschwinden und der gestirnte Himmel
den Anblick der reinen Natur gibt. Am Tage freut der Anblick aus dem
Fenster nur auf dem Lande. Diese Gewohnheit, mich in der Stadt auf den
Genuß der Nacht zu beschränken, habe ich schon sehr früh gehabt. Schon
als ganz junger Mensch saß ich, so oft ich die Stadt bewohnen mußte, die
Tage über, wenn ich nicht in Gesellschaft war, in meinem Zimmer,
durchstrich aber fast regelmäßig, sogar im strengen Winter, mehrere
Stundenlang des Nachts die einsamen Straßen. Es freut mich ungemein, daß
Sie die gleiche Neigung mit mir für den gestirnten Himmel haben. Wem
dieser innere Sinn nicht erschlossen ist, entbehrt eine sehr große, und
eine der reinsten und erhabensten Freuden, die es gibt.

Sie bemerken sehr richtig, daß ein Wintertag doch auch seine Freuden
habe. Einförmig ist der Schnee freilich, aber auch rein und wie ein Bild
unberührter Fleckenlosigkeit, wenn er frisch gefallen und noch
unbetreten ist. In der Schweiz sehen jene weißen Decken an den hohen
Gebirgen, die nicht leicht ein Menschenfuß erreicht, sehr schön aus. Ihr
Vergleich mit einem Leichentuch ist mir aufgefallen. Er war mir neu.
Aber wenn nun der Schnee ein Leichentuch wäre, ist es keine unerwünschte
Erinnerung. Die Natur liegt wie in Todesstarrheit im Winter, und wenn
die große Natur in ihrem regelmäßig wiederkehrenden Laufe die Erinnerung
an den Tod herbeiführt, erscheint er dem Geist und der Einbildungskraft
nur wie eine notwendige Verwandlung, eine Enthüllung eines neuen, vorher
nicht geahnten Zustandes.

Ich muß mich neulich nicht deutlich ausgedrückt haben, wenn Sie, liebe
Charlotte, glauben, ich hätte gewissermaßen bestritten, daß die
allwaltende Vorsehung die Schicksale der Menschen auch ganz im einzelnen
leite. Auch nach meiner festen Überzeugung kann darauf der Mensch mit
Sicherheit bauen, es liegt in der Idee des Weltschöpfers und
Welterhalters, es geht aus vielen Stellen der Bibel, des Alten und Neuen
Testaments, hervor und ist nicht nur eine sichere und fest gegründete,
sondern auch tiefe und trostreiche Wahrheit, über welche kein Zweifel
bleibt, und Sie haben gewiß recht, wenn Sie sagen, der Glückliche bedarf
den Glauben, um nicht übermütig zu werden, der nicht Glückliche aber als
Halt, und der Unglückliche um nicht zu erliegen. Wenn auch jeder auf
seine Weise sich diese göttliche Teilnahme und Fürsorge denkt, so sind
das nur unbedeutende Verschiedenheiten der individuellen Ansicht. Die
Hauptsache bleibt immer, daß eine Allweisheit und Allgüte die Ordnung
der Dinge regiert, zu der wir gehören, daß unsere kleinsten und größten
Schicksale darin mit verwebt sind, daß daher alles, was geschieht, gut
und uns, sei es auch schmerzhaft, wohltätig sein muß, endlich daß sein
Wohlgefallen an uns, und wo nicht aus andern gleich weisen Gründen
Ausnahmen eintreten, auch der Segen oder Unsegen, der uns trifft, von
der Pflichtmäßigkeit unserer Handlungen, noch mehr aber von der Reinheit
unserer Gesinnung abhängt. Darin können unsere Meinungen nicht
voneinander abweichen. Was ich sagte, bezog sich nur auf das, was Ihr
früherer Brief enthält, wo Sie anzunehmen schienen, daß die Gottheit
gleichsam einen Unterschied unter den Menschen zu machen scheine und
manche durch eine strengere Schule leite. Sie hatten dies nicht einmal
als Ihre Meinung ausgesprochen, sondern nur als eine der versuchten
Erklärungsarten der von Ihnen erwähnten Erscheinungen. In die Ansicht
nur könnte ich nie einstimmen, daß die Gottheit sich um einige weniger
kümmert als um andere. Gott kann, und das liegt in der Sache selbst,
sein Wohlgefallen mehr auf die richten, die dadurch, daß sie ihm
anhängen, eine größere Liebe, Innigkeit und Reinheit des Gemüts
beweisen, aber eine ungleiche Verteilung seiner leitenden, sorgenden,
belohnenden und strafenden Fürsorge läßt sich nicht, weder mit den
Begriffen von seiner Allmacht, noch mit denen von seiner Gerechtigkeit
in Vereinigung bringen. Im Alten Testament kommt allerdings von
Auserwählten Gottes vielleicht auch in diesem Sinne vor, allein diese
Stellen hängen auch zum Teil mit der jüdischen Idee des auserwählten
Volkes Gottes zusammen, und dann braucht auch dieser Begriff der
Auserwählung nicht gerade jenen ausschließenden Sinn, sondern nur den zu
haben, daß die Auserwählten diejenigen waren, welche sich durch ihre
Herzensreinheit und Frömmigkeit am meisten der Liebe Gottes würdig
gemacht und sein Wohlgefallen auf sich gezogen hatten. Im Neuen
Testament kommen Stellen, aus denen man auf eine ungleiche Sorge Gottes
in den waltenden Fügungen seiner Vorsehung schließen könnte, wohl nicht
vor. Wenn es bei einer oder der andern dies Ansehen haben sollte, sie
ist wohl anders zu erklären. Der tröstende Gedanke aber bleibt fort und
fort, daß Gott auch widrige und schmerzliche Schicksale nur aus Liebe
sendet, um unsere Gesinnungen zu läutern. So, liebe Charlotte, habe ich
die Sache verstanden, die in ein paar unserer Briefe von uns besprochen
worden ist, und so sollte ich denken, stimmte sie auch mit Ihren
Ansichten und Überzeugungen vollkommen überein.



_Tegel_, den 18. März 1827.

Sie kennen schon meine Neigung, bisweilen auf dem Lande zu sein, und so
wird es Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen von Tegel jetzt schreibe. Ich
bin indes nur auf ein paar Tage hier und habe die Stadt eigentlich noch
nicht verlassen. Wenngleich die Witterung rauh ist, so hindert mich das
nicht, alle Tage spazieren zu gehen, nämlich hier, und so lange und so
oft ich hier bin.

Der See, der in meinen Besitzungen ist, ist natürlich jetzt wieder ganz
frei von Eis. Das ist immer ein Schauspiel, an dem ich mich sehr
erfreue, dies Befreitwerden des Wassers von den Banden, die ihm im
Winter seine schöne Beweglichkeit rauben und es dem festen Lande gleich
machen. Man fühlt ordentlich die wiedergegebene freie Bewegung mit und
ist der rauhen Starrheit gram, welche das zarte, hingleitende Element,
so tief sie ihren Einfluß auszuüben vermag, um den schönsten Teil seiner
eigentümlichen Natur bringt. Man sagt gewöhnlich, das Wasser trennt die
Länder und Orte, aber es verbindet sie eher, es bietet eine viel
leichter zu durchschneidende Fläche dar als das feste Land, und es ist
ein so hübscher Gedanke, daß, wie weit auch die Ufer voneinander
entfernt sind, die Welle, die mir die Füße bespült, in kurzer Zeit am
gegenüberstehenden Gestade sein kann.

Mit Vergnügen lese ich in Ihrem Briefe, daß Sie mit dem Plan einer
kleinen Reise nach Offenbach beschäftigt sind, und bitte Sie, doch ja
Ihren Vorsatz nicht aufzugeben; auch glaube ich, daß Sie, liebe
Charlotte, einmal einer Erholung bedürfen, oder eine solche wenigstens
sehr wohltätig auf Sie wirken würde. Ich empfinde recht wohl, daß Sie
darum auf keine Weise unzufrieden mit Ihrer Lage, oder Ihrer
Beschäftigung überdrüssig sind. Allein es ist doch in den Menschen so.
Wenn sie eine lange Zeit hindurch dieselbe Sache, auch ohne Widerwillen,
sogar mit Vergnügen getrieben haben, so bemächtigt sich ihrer dennoch
eine durch die Einförmigkeit bewirkte Ermüdung, und neue, auch nur auf
eine kurze Zeit genossene Gegenstände geben den Gedanken und der
Empfindung eine neue Spannung, die gewöhnlich auch auf den Körper
zurückwirkt. Die Wahl von Offenbach finde ich sehr angemessen, da Sie
dort eine innig mit Ihnen verbundene, liebe, vertraute Freundin haben;
es ist ein angenehmer Ort in einer sehr hübschen Gegend, auch nicht sehr
weit von Ihnen entfernt. Ich war sehr oft da, zum erstenmal in demselben
Jahre, wo ich Sie in Pyrmont sah, im Jahre 1788. Ich besuchte die dort
als Schriftstellerin bekannte Frau von Laroche, die ich auch viele Jahre
später dort wieder sah, als ich mit meiner Frau und Familie von Paris
zurückkam. Sie war eine geistreiche und noch im hohen Alter unendlich
lebendige Frau und hatte etwas ganz besonders Angenehmes und
Liebenswürdiges, wenn man sie mitten im Kreise ihrer Kinder und Enkel
sah. Ein Sohn, wenig älter als ich, lebt noch hier in Berlin in sehr
genauer Freundschaft mit mir, ist glücklich verheiratet und in jeder
Rücksicht ein trefflicher Mensch. – Ich wünsche von Herzen, daß Sie das
Vorhaben ausführen.



_Berlin_, den 10. April 1827.

Ich habe Ihren Brief, liebe Charlotte, den Sie nach meinem Wunsch am 3.
abgeschickt haben, richtig erhalten und danke Ihnen herzlich dafür. Der
heitere, zufriedene Ton, der darin von der ersten bis zur letzten Zeile
herrscht, hat mir eine ganz besondere Freude gemacht. Es scheint mir
aber, als wären Sie schon seit längerer Zeit viel gleichförmiger
gestimmt als im Anfang unseres brieflichen Umgangs. Es ist sehr gütig
und liebevoll von Ihnen, und gereicht mir zur Freude, daß Sie es dem
Einfluß zuschreiben, den Sie mir so willig gestatten. Das Verdienst ist
auf Ihrer Seite; Ihre Seele ist so klar und empfänglich wie Ihr Gemüt,
und so sind Sie jeder Überzeugung und jeder Wahrheit immer offen. Ich
liebe die Heiterkeit ungemein. Es ist nicht gerade die laute, die sich
wie genießende Fröhlichkeit ankündigt, sondern die stille, die sich so
recht und ganz über die innere Seele ergießt. Ich liebe sie in anderen
und mir vorzüglich der größeren Klarheit wegen, die in der Heiterkeit
immer die Gedanken haben, und die für mich die erste und unerläßliche
Bedingung eines genügenden Daseins im Leben für sich und im Umgange mit
anderen ist. Die Wehmut führt auch bisweilen eine und oft noch größere
Klarheit mit sich. Man sieht und empfindet die Dinge in ihrer Nacktheit,
wenn das Gemüt so tief in sich bewegt ist, daß der Schleier zerreißt,
der sie sonst verhüllt. Aber es ist dies, wie ich es nennen möchte, eine
schmerzliche Klarheit, die teuer erkauft werden muß, und sie zeigt die
Gegenstände auch nur im Augenblicke und vorübergehend, wie man auch
augenblicklich in die Tiefe des Himmels schaut, wenn der Blitz die
Wolken zerreißt. Davon ist die leichte Klarheit ruhiger Heiterkeit
himmelweit verschieden. Diese zeigt die Dinge teils, als gingen sie
fremd vor einem vorüber, teils als besitze man Stärke genug, sich nicht
von ihnen bewegen zu lassen. Auf beide Weisen geht die Masse der
Ereignisse wie ein Schauspiel vorüber, und das ist eigentlich die des
Menschen würdigste Art, sie anzusehen, ohne lange bei ihnen zu verweilen
oder sich gar in sie zu vertiefen, immer eingedenk, daß es ein ganz
anderes und würdigeres geistiges Gebiet gibt, in dem der Mensch wirklich
sich heimatlich zu fühlen bestimmt ist. Wenn man das Fremde so nimmt,
und dasjenige, was Anteil der Freundschaft und Zuneigung nur in der Tat
zur Wirklichkeit macht, die sich auf keine Weise mehr als Schauspiel
behandeln läßt, nicht mehr bloß die Phantasie und den Gedanken in
Anspruch nimmt, sondern warm und lebendig das Herz ergreift, so
behandelt man das Leben vielleicht auf die unter allen zweckmäßigste
Art. Es ist mir für die Erhaltung und Fortdauer Ihrer Heiterkeit,
liebste Charlotte, sehr lieb, daß Sie sich mit dem Plane Ihrer kleinen
Reise beschäftigen. Es würde Ihnen diese Beschäftigung selbst zur
Entschädigung dienen, im Fall sich der Ausführung des Projekts etwas
entgegenstellte. Ich kann mir aber das nicht denken, da die Sache so
ungemein einfach ist. Was Sie mir in Ihrem letzten Briefe über Offenbach
sagen, hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich wußte nicht, daß der
Isenburger Hof das ehemalige Haus der Frau von Laroche war. Es ist sehr
hübsch und sehr natürlich von Ihnen, daß Sie alles lebhaft bei Ihrem
Dortsein und Wohnen in dem Hause interessierte, so daß Sie bei allen
Details verweilten, da die Schriften der Laroche, wie Sie mir sagen,
Ihnen in der Jugend nicht nur großes Vergnügen gewährten, sondern
bildend auf Sie wirkten. In gut gearteten Gemütern bewahrt und erhält
sich dann eine dankbare Anhänglichkeit. Gerade der Garten, von dem Sie
reden, ist das einzige, dessen ich mich deutlich erinnere. Ich sah die
Frau von Laroche zum letzten Male darin, als ich im Jahre 1801 mit
meiner Frau und Familie aus Paris zurückkam. Es war eine Laube im
Garten, in der wir saßen. Sie erinnern mich an das, was Goethe in seiner
Biographie, Wahrheit und Dichtung, von der Familie Laroche sagt, wo er
bei seiner Rückkehr von Wetzlar nach Frankfurt dort mehrere Tage
einkehrte und freundschaftlich aufgenommen war. Sie sind, wie es
scheint, nicht ganz zufrieden mit Goethe und der Art, wie er die würdige
Frau und die übrigen Familienmitglieder darstellt.

Leben Sie für heute herzlich wohl, und schreiben Sie mir doch den
24. d. M. Mit der herzlichsten und immer unveränderlichen Teilnahme Ihr
                                                              H.



_Berlin_, den 2. Mai 1827.

Tausend Dank, liebe Charlotte, für Ihren mir sehr erwünscht gewesenen
Brief vom 24. v. Mts. Ich habe es immer sehr gern, wenn ich, indem ich
einen Brief schreibe, einen zur Beantwortung vor mir habe. Wenn auch
unser Briefwechsel selten etwas enthält, worauf eigentlich eine Antwort
erforderlich wäre, so ist doch ein Briefwechsel seiner Natur nach immer
eine Erwiderung, und man schreibt weniger gern, wenn der Faden für den
Augenblick abgerissen ist und von neuem angeknüpft werden muß. Das
begegnet mir nun durch Ihre liebevolle Aufmerksamkeit nie, sondern
unsere Briefe wechseln sich regelmäßig ab. Ich bin überzeugt, daß, wenn
manche Menschen wüßten, daß wir uns so regelmäßig schreiben, ohne über
wissenschaftliche oder Geschäftsgegenstände zu reden, noch uns Tatsachen
mitzuteilen, sie gar nicht begreifen würden, was man sich sagen könne,
wenn man sich scheinbar nichts zu sagen hat. Recht wenige Menschen haben
einen Begriff und einen Sinn für die Mitteilung von Gedanken, Ideen und
Empfindungen, wenn es ihnen auch auf keine Art an Verstand, Geist und
Regsamkeit für alle Gefühle fehlt, für welche der Mensch empfänglich zu
sein pflegt. Es gehört zum Gefallen an solchen Mitteilungen noch mehr,
nämlich die Neigung, das, was man selbst denkt und fühlt, gern außerhalb
des eigenen Seins im andern zu erblicken. Bei einem Umgange, wie es der
zwischen uns beiden ist, ist es nicht eben der Wunsch, etwas in den
andern zu verpflanzen, Meinungen in ihm zu begründen, zu befestigen oder
zu zerstören, wenigstens fühle ich keinen solchen Hang und solches
Bemühen in mir. Aber was ich deutlich fühle, ist ein großes und in der
Liebe zu gefaßten Meinungen selbst: gegründetes Verlangen, was ich über
Gegenstände inneren Bewußtseins meine und empfinde, mit den Erfahrungen
und der Vorstellungsweise anderer zu vergleichen. Es kommt einem nun
gewissermaßen in sich gesicherter vor, was man mit dem Vorteilen und
dem Denken anderer zusammen hält, und wenn es keinen andern Grund
gegenseitiger Mitteilung im Menschengeschlecht gäbe, so wäre schon dies
gewiß ein hinlänglicher. Es hat auch gewissermaßen das Schreiben darin
einen Vorzug vor dem mündlichen Gespräch. Es vereinigt die Vorzüge des
letzteren mir denen des einsamen Nachdenkens, die doch gleichfalls
unverkennlich sind. Man hat für alles, was die Mitteilung der Gedanken
und Empfindungen betrifft, den andern nicht minder gegenwärtig, als wenn
man persönlich beieinander ist, und zu der Sammlung und dem Festhalten
der eigenen Gedanken trägt doch unfehlbar das Alleinsein, und selbst,
daß man den Faden seiner Gedanken ruhig ausspinnen kann, ehe ein anderer
dazwischentritt, bei.

Es ist mir sehr erfreulich gewesen zu sehen, daß es Ihnen lieb war,
meinen Brief gerade in den Feiertagen zu erhalten. Es war das meine
Absicht. Ich weiß, daß Sie sich in den Festtagen Muße, Ruhe und Erholung
erlauben, die Sie, gute Charlotte, so oft ersehnen – und ihrer so
selten teilhaftig werden, – ich weiß auch, daß Ihnen das Pfingstfest;
besonders lieb ist in seiner geistigen Bedeutung, und nun erkenne ich
mit Vergnügen, daß so die Tage in Heiterkeit still an Ihnen
vorübergegangen sind, und mein Brief und dessen Beantwortung Ihre
zufriedene, heitere Stimmung vermehrt hat. Ich gestehe Ihnen, daß Ihre
einfache Zufriedenheit mir stets erfreulich, oft rührend ist. Sie geht
aus Ihrem Innern hervor, wodurch sich das Äußere gestaltet. Ich teile
ganz Ihre Meinung, daß die Einrichtung bestimmter Ruhetage, selbst wenn
sie garnicht mit religiöser Feier zusammenhinge, eine für jeden, der ein
menschenfreundliches, auf alle Klassen der Gesellschaft gerichtetes
Gemüt hat, höchst erfreuliche und wirklich erquickende Idee ist. Es gibt
nichts so Selbstisches und Herzloses, als wenn Vornehme und Reiche mit
Mißfallen, oder wenigstens mit einem gewissen verschmähenden Ekel auf
Sonn- und Feiertage zurückblicken. Selbst die Wahl des siebenten Tages
ist gewiß die weiseste, welche hätte gefunden werden können. So
willkürlich es scheint und bis auf einen Punkt auch sein mag, die Arbeit
um einen Tag zu verkürzen oder zu verlängern, so bin ich überzeugt, daß
sechs Tage gerade das wahre, den Menschen in ihren physischen Kräften
und in ihrem Beharren in einförmiger Beschäftigung angemessene Maß ist.
Es liegt noch etwas Humanes auch darin, daß die zur Arbeit dem Menschen
behilflichen Tiere diese Ruhe mitgenießen. Die Periode wiederkehrender
Ruhe über die Maße zu verlängern, würde ebenso unhuman als töricht sein.
Ich habe dies sogar einmal an einem Beispiel in der Erfahrung gesehen.
Da ich in der Revolutionszeit einige Jahre in Paris war, so habe ich
dort es erlebt, daß man auch diese Einrichtung, sich an die göttliche
Einsetzung nicht kehrend, dem trocknen und hölzernen Dezimalsystem
untergeordnet hatte. Der zehnte Tag erst war es, was wir einen Sonntag
nennen, und alle gewöhnliche Betriebsamkeit ging neun Tage lang fort.
Wenn dies eigentlich sichtbar viel zu viel war, so wurde von mehreren,
so viel es die Polizeigesetze erlaubten, der Sonntag zugleich
mitgefeiert, und so entstand wieder zu vieler Müßiggang. So schwankt man
immer zwischen zwei Äußersten, wie man sich von dem regelmäßigen und
geordneten Mittelwege entfernt.

Wenn dies nun aber bloß nach schon vernunftgemäßen und weltlichen
Betrachtungen hiermit der Fall ist, wie anders stellt sich noch die
Sache nach den religiösen Beziehungen dar; dadurch wird die Idee, wie
der Genuß der Feiertage, zu einer Quelle geistiger Heiterkeit und wahren
Trostes. Die großen Feiertage sind überdies mit so merkwürdigen
Geschichtsereignissen verbunden, daß sie dadurch eine besondere
Heiligkeit erhalten. Es ist gewiß die angemessenste Feier dieser Tage,
in der Bibel selbst, in allen vier Evangelisten, die Erzählung
derjenigen, auf welche sich das Fest bezieht, zu lesen, wie Sie mir
schreiben, daß Sie zu tun pflegen seit vielen Jahren. In den
Evangelisten ist namentlich die Übereinstimmung in der Erzählung ebenso
merkwürdig als die Art, wie die Erzählung der einzelnen voneinander
abweicht. Die Übereinstimmung bürgt für die Treue und Wahrheit, und in
ihr liegt das Gepräge des Geistes, in dem alle diese unmittelbaren
Zeugen, die Christus selbst sahen und begleiteten, schrieben. Allein
dieser Geist, ob er gleich ein Geist der Einheit war, der alle beseelte,
hinderte doch nicht, daß sich nicht die eigentümliche Echtheit und
Schönheit jedes einzelnen Erzählers hätte gehörig entfalten und
darstellen können. Wirklich kann man, wenn man gewohnt ist, die vier
Evangelisten oft zu lesen, nicht leicht verkennen, von welchem eine
Stelle ist, wenn man nur irgendeine solche auswählt, in der sich das
Charakteristische einigermaßen zeigen läßt. Es scheint mir auch aus
Ihrem letzten Briefe, wie ich schon öfter bemerkt zu haben glaube, daß
Sie dem Evangelium Johannis den Vorzug geben. Dieser Ausdruck ist zwar
nicht passend, da in diesen Schriften mit Recht alles gleich geachtet
werden muß. Allein es ist doch natürlich, daß der eine Erzähler das Herz
und die Empfindung auf eine andere Art als der andere anspricht, und
alsdann läßt sich auch nach Individualitäten ein Unterschied im Eindruck
festsetzen. Ich teile ganz Ihre Meinung hierüber. Es ist gerade im
Johannes, wenn man es so nennen darf, etwas vorzüglich Seelenvolles.

In dem, was Sie über das Glück sagen, haben Sie mich doch einmal
mißverstanden, wie das ja auch bei den meisten und großen
Übereinstimmungen unter uns manchmal nicht anders sein kann. Was ich
darüber denke, wende ich übrigens nur für mich an. Ich finde es für mich
tröstend und ausreichend. Ich liebe es, auf mir selbst zu stehen, und
entbehre lieber, als ich an Hoffnungen hänge, die auch fehlschlagen
können. Jeder mag darin seine Weise haben. Mit innigster Teilnahme Ihr H.



_Tegel_, den 23. Mai 1827.

Sie haben mir, liebe Charlotte, mit Ihrem Brief vom 12., 13. und
14. d. M. eine große Freude gemacht, für welche ich Ihnen herzlich
danke. Ich habe mit großem Vergnügen daraus ersehen, daß Sie wohl und
heiter sind und das schöne und wirklich ungewöhnlich schöne Frühjahr
genießen. Sie wundern sich nicht mit Unrecht, daß ich dieses Jahr
später, als es die Jahreszeit zu erlauben schien, hierher gegangen bin.
Indes pflege ich gewöhnlich erst im Juni die Stadt zu verlassen. Es ist
jetzt sehr schön hier, und eigentlich war es vor acht Tagen noch
schöner. Es blühte da der lila oder spanische Flieder, der gerade hier
in großer Menge und Schönheit ist; er gibt für Auge und Geruch dem
Garten immer einen großen Reiz. Ich entbehre das indes wenig, denn ich
kann nicht sagen, daß ich gerade auf einzelne Blumen sehr viel hielte.
Die ganze Gartenkunst läßt mich ziemlich gleichgültig. Ich suche die
großen Bäume, und ziehe noch mehr die eines freien Waldes den
gepflanzten vor, und mein Vergnügen am Landleben ist mehr das freie und
weite Herumgehen in einer angenehmen Gegend, als das Bekümmern um
Pflanzungen und Blumenanlagen. Dies weite Herumgehen und die Freude an
Bäumen habe ich nun hier sehr. Um mein Haus unmittelbar herum sind
schöne, alte und doch noch in voller Kraft stehende Bäume in bedeutender
Menge, und will ich weiter gehen, so habe ich dicht hinter meinem Park
einen großen, dem König gehörenden Wald. Die Bäume haben darin etwas so
Schönes und Anziehendes, auch für die Phantasie, daß, da sie ihren Ort
nicht verändern können, sie Zeugen aller Veränderungen sind, die in
einer Gegend vorgehen, und da einige ein überaus hohes Alter erreichen,
so gleichen sie darin geschichtlichen Monumenten und haben doch ein
Leben, sind doch wie wir, entstehend und vergehend, nicht starr und
leblos wie Fluren und Flüsse, von denen sonst das im vorigen Gesagte in
gleichem Maße gilt. Daß man sie jünger und älter und endlich nach und
nach dem Tode zugehend Geht, zieht immer näher und näher an sie an.
Gewiß aber ist es, um diesen Eindrücken offen zu bleiben, notwendig, von
Kindheit an oft und anhaltend auf dem Lande gewesen zu sein. Nur auf
diese Weise verschwistern sich Gedanken und Empfindungen mit den uns in
der Natur umgebenden Gegenständen. Sonderbar aber ist es, daß meine
Liebhaberei nur auf die Bäume geht, die, da sie keine eßbare Frucht
tragen, gewissermaßen wilde heißen können. Obstbäume haben höchstens in
der Blüte einen Reiz für mich. Es gibt zwar sehr große, und deren Wuchs
in der Tat malerisch ist. Aber sie sagen mir nichts, ohne daß ich mir
weiter einen Grund davon angeben könnte. Es liegt indes vermutlich
darin, daß man die Obstbäume gewöhnlich nahe an Gebäuden findet, oder
daß sie doch immer die Kunst und Sorgfalt des Menschen verraten, da die
Seele und die Einbildungskraft die freie Natur fordert, an welcher der
Mensch nichts gemodelt und nichts geändert hat. Es ist schon schlimm
genug, daß so oft Bäume, die wirklich auf große Schönheit Anspruch
machen können, durch Menschenhände und ewiges Behauen ganz um ihren
freien und großartigen Wuchs gebracht werden. So ergeht es z. B. den
Weiden. Sie werden, wenn man sie frei und ungehindert wachsen läßt, zu
starken, hohen und malerisch schönen Bäumen. Noch in meiner Kindheit gab
es in Berlin selbst drei solche wirklich wundervolle Bäume, die aber
auch jetzt nicht mehr vorhanden sind. Aber ich sehe, daß ich zwei volle
Seiten über meine Liebhaberei an Bäumen geschrieben habe. Wüßte ich
nicht, wie gut Sie sind, liebe Charlotte, so müßte ich fürchten, Sie zu
ermüden, so aber rechne ich darauf, daß Sie gern lesen, was ich
schreibe, meist meinen Ideen gern folgen und sie in sich fortspinnen.
Mir ist es ein sehr angenehmes Gefühl, mich so vor Ihnen ganz zwanglos
gehen zu lassen, und zu Ihnen zu reden wie zu mir selbst. Aber ich habe
Ihnen noch das eine und andere heute zu sagen, so werden Sie diesmal
noch einen längeren Brief als gewöhnlich erhalten.

Ihr letzter Brief hat mir darin besonders Freude gemacht, daß Sie meine
Meinung teilen in dem, was ich über den Wert einer schriftlichen
Mitteilung, wie wir sie in unserm Briefwechsel aufgenommen, sagte. Auch
haben Sie darin vollkommen recht, daß ein solcher brieflicher Umgang,
der nie unterbrochen wird, zu einer gegenseitigen tieferen Kenntnis des
Charakters führt. Wenn es gewiß nur wenige sind, die an einem
Briefwechsel, wie der unsrige ist, Gefallen finden würden, so möchten
ihn auch vielleicht wenig Frauen führen können. Es sind dazu doch
Individualitäten erforderlich, die nicht jedermanns Sache sind, vor
allen auch eine Innerlichkeit des Lebens. Ich kenne Frauen, denen
niemand Geist absprechen kann, noch absprechen wird, sie besitzen viele
und selbst gelehrte Kenntnisse. Im Gebiete der Wissenschaften ist ihnen
wenig fremd; sie haben alles gelesen, was in die neuere und frühere Zeit
fällt, und selbst die Schriften und Schriftsteller der Vorzeit sind
ihnen bekannt, und ihre Unterhaltung ermüdet, und ihre Briefe sind kaum
zu lesen. Man fragt wohl, woran das liegt, und die Antwort ist nicht
leicht. Gewiß aber ist die Sprache ein Haupterfordernis, und sie ist
nicht allen verliehen und in der Tat mehr angeboren als angebildet. Sie
haben die Sprache wohl das Kleid der Seele genannt. Es ist das eine
ungemein richtige Bezeichnung, die mir sehr gefallen hat. Ihnen, liebe
Charlotte, ist die Sprache vor vielen anderen geworden, und wenn auch,
wie Sie wohl gesagt haben, Sie mit der neuen, modernen Lektüre unbekannt
geblieben sind, zu der Ihnen keine Zeit übrig blieb, indem Sie auch
nicht durch Ihre Neigungen dahin gezogen wurden, so hat Ihnen das
garnicht geschadet, vielleicht ist das Eigentümliche Ihnen dadurch
gerade mehr erhalten. Ich selbst bin auch ganz unbekannt mit diesen
Büchern. Es ist aber unverkennbar, daß Sie bei früherer, größerer Muße
nur unsere besten Schriften gelesen, ja mit ihnen gelebt haben, so hat
sich Charakter und Denkweise zugleich mit Sprache und Stil gebildet.
Leben, Wärme und Feuer ist in Ihrer Sprache, die dabei immer einfach und
natürlich und nie gesucht oder schwülstig ist. Ich habe Ihnen schon oft
Ähnliches gesagt, ohne mich einer Schmeichelei schuldig zu machen. Die
Tatsache hegt in jedem Ihrer Briefe und in jedem Heft Ihrer Biographie.
Es hat mich garnicht überrascht, daß Sie mir sagen, wie Sie schon sehr
früh die Neigung gehabt, in _»ernsthafte«_ Korrespondenz zu treten, die
nicht Erzählung von erlebten Begebenheiten, sondern Betrachtungen,
Gedanken und dergleichen enthalte. Jede Gelegenheit dazu haben Sie schon
als Kind mit einer Art Leidenschaft ergriffen, und Ihre empfangenen
Briefchen, wohl geordnet, mit Wichtigkeit bewahrt. Früh schon, wohl mit
zwölf Jahren, wären Ihnen manche Briefe übertragen, z. B. in der
Familie, auch die Krankenberichte an den verwandten Hausarzt. Überhaupt
bemerken Sie, wären Ihnen unter allen Beschäftigungen die mit Crayon und
Feder die liebsten gewesen, ob Ihnen doch auch eine vielleicht seltene
Kunstfertigkeit in weiblicher Arbeit angeboren sei; gewiß angeboren
meinen Sie, da Sie nie in irgend etwas Unterricht bekommen oder auch
bedurft haben, da der scharf unterscheidende Blick Ihres Auges
hinreichend gewesen, Sie zu belehren. (Diese Fähigkeit, bemerken Sie,
wäre in dem letzten Teil Ihres Lebens von der größten Wichtigkeit für
Sie geworden.) Ob nun dies Talent oder Kunstfertigkeit Sie auch erfreut
habe und Ihnen viel Lob gewonnen, hätten Sie sich doch noch lieber Ihrem
kleinen Schreibtisch zugewendet und Auszüge aus allen Büchern gemacht,
mit denen Sie nach und nach bekannt geworden.

Ich rufe Ihnen, liebe Charlotte, diese Selbstschilderungen aus einem
Heft Ihrer Biographie nicht ohne Absicht zurück. Die frühe Übung im
Schreiben mag beigetragen haben, Ihnen eine ungewöhnliche Leichtigkeit,
Fertigkeit, Gewandtheit, Richtigkeit und Gefälligkeit des Ausdrucks zu
geben, nicht weniger aber sind auch die intellektuellen Kräfte
erforderlich, die als Grundlage jenen den Wert geben.

Durch alle diese, sich stets erneuernden Bemerkungen ist schon mehr als
einmal der Gedanke in mir erregt, den ich Ihnen heute aussprechen will,
über den Sie lachen werden, der aber mein Ernst ist. Hören Sie mich denn
aufmerksam an, liebe Charlotte. Ich weiß, wie Sie in jener, nun schon
lange vergangenen Zeit, nach den Ihnen leider unersetzt gebliebenen
Vermögensverlusten, ganz niedergebeugt waren. Ich habe es nicht
vergessen, wie Sie damals mit sich, Verhängnis und Entschlüssen kämpften
und endlich, da Sie etwas ergreifen mußten, die Kunstarbeit wählten, mit
der Sie Ihre Neigung in einige Harmonie zu bringen dachten. Ich habe
nicht vergessen, wie Sie nun unermüdet allen Fleiß und Nachdenken
anwendeten und sich so eine seltene Geschicklichkeit gewannen, so daß
Ihre Fabrikate den ausländischen gleichgestellt, sehr gesucht und
versendet wurden. So gelang es Ihrer Anstrengung und Ausdauer, sich eine
unabhängige Selbständigkeit zu schaffen, die Ihnen noch die Freiheit
gab, nach Ihrer Neigung ein halb ländliches Leben zu führen. Es macht
Ihnen viel Ehre und erregt meine volle und wahre Achtung. Nicht allein
das Talent weiß ich zu würdigen, mehr noch die Charakterseiten, die dazu
erfordert werden.

Gern möchte ich Sie indes in einer freieren Lage und in Beschäftigungen
wissen, worin Sie bei zunehmenden Jahren weniger angestrengt, mehr sich
selbst lebten: das müßte, denke ich, zu erreichen sein. Ja, teure
Charlotte, ich möchte Sie so gern aus Ihrer sehr angestrengten
Lebensweise herausgehoben wissen und weiß zugleich, daß, was für viele
andere paßt, doch nicht für Sie ist.

Sie haben sehr oft in Ihren Briefen des schönen Verhältnisses gedacht,
worin Sie von Kindheit an, durch alle wechselnden Schicksale Ihres
Lebens, bis an sein Grab, zu Ewald gestanden; Sie denken mit gerührter
Dankbarkeit des Einflusses, den er auf Sie gehabt, und der unendlichen
Teilnahme, die er Ihnen in Rat und Tat durch ein langes Leben trostvoll
bewiesen. Hat er nie die Idee in Ihnen geweckt, Vorteil aus Ihrer Feder
zu ziehen? Wie viele Frauen taten und tun das, die vielleicht weniger
dazu berechtigt sind als Sie. Denken Sie nur an Therese Huber, deren Sie
schon mehrmals mit Liebe erwähnt haben, die Ihnen durch
gemeinschaftliche Freunde näher bekannt war. Es war wirklich
Notwendigkeit, was sie bestimmte zum Schreiben. Anfangs war sie gewiß
weniger dazu befähigt als Sie. Sie wenden mir hier vielleicht ein,
Therese Huber arbeitete an der Seite ihres Mannes, unter seinem Schutz,
Forthilfe und Korrektur. Wenn Sie einen solchen Entschluß fassen auf
meinen Rat, so ist es billig, daß ich Ihnen hilfreich bin. Schreiben Sie
Ihre Ansichten, Gedanken, Betrachtungen über freigewählte Gegenstände.
Ihre eigenen Schicksale und mancher, die Ihnen näher standen, bieten
Ihnen gewiß Stoff genug, mehr noch Ihr reiches, inneres Leben, das auch
in der sehr einfachen und angestrengten Lebensweise sich nie erschöpfte.
Die Schilderungen innerer Seelenzustände gelingen Ihnen ganz
vorzüglich.

Denken Sie meinem Vorschlage nach, prüfen Sie Ihre inneren Kräfte, seien
Sie nicht zu bescheiden und sagen mir, mit dem Vertrauen, das Sie mir ja
immer und unwandelbar so gütig zeigen, und worauf meine Teilnahme an
allem, was Sie angeht, auch gerechten Anspruch hat, Ihre Meinung.

Und nun leben Sie herzlich wohl, liebe Charlotte, ich erschrecke selbst
über die Länge meines Briefes, aber Sie finden darin einen Beweis der
innigen Teilnahme, womit ich Ihnen angehöre und unwandelbar angehören
werde. Ihr     H.



_Tegel_, den 12. Juni 1827.

Ihr lieber Brief, am 5. d. M. zur Post gegeben, hat mir, wie alle Ihre
Briefe, wieder viel Freude gemacht, und ich danke Ihnen herzlich dafür,
liebe Charlotte.

Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrer Gegend auch so viele Gewitter haben.
Neulich dauerte hier eins die ganze Nacht hindurch, und ich erinnere
mich, nie so schöne und mannigfaltige Donner gehört zu haben. Alle Arten
des fernen und langsamen und dann beschleunigten Rollens und der
Schläge, die mit Krachen immer die Höhe verraten, kamen hintereinander
vor. Ich saß, wie ich gewöhnlich tue, bis nach ein Uhr an meinem
Schreibtisch beschäftigt, ging aber noch während des Gewitters zu Bette
und schlief ein, als es noch in voller Stärke war. Ich liebe unter allen
Naturerscheinungen die Gewitter vorzugsweise. Ob sie gleich freilich oft
großen Schaden anrichten und schmerzliche Verluste herbeiführen, so sind
sie doch auch durch Kühlung und den Regen, den sie gewähren, höchst
wohltätig. Hier in Tegel kommen sie selten recht herauf, weil der sehr
große See das ist, was die Leute eine Wetterscheide nennen. Haben sie
aber den Übergang über den See gemacht, so ist es ein Beweis, daß sie
groß genug waren, um den Abgang an Elektrizität, welche die Wassermasse
ihnen nimmt, ertragen zu können, und dann pflegen sie sich nachher noch
lange zu halten. Sie sagen mir in Ihrem Brief, daß Sie im letzten
strengen Winter einige Akazien verloren haben, die Sie zum Schirm vor
der Sonne in Ihrer Gartenstube hatten pflanzen lassen, und betrauern den
Verlust der so schön herangewachsenen Bäume. Das glaube ich Ihnen gern
und verstehe es ganz. Es ist nicht nur verdrießlich, Bäume zu verlieren,
sondern es kann sogar schmerzlich sein, wenn man sich an einen Baum
gewöhnt hat. Durch den Frost habe ich keinen Baum verloren, aber der
Sturm hat mir eine Akazie entwurzelt und einen Ahorn gespalten. Beides
waren alte, wunderschöne Bäume. Die Akazie habe ich nirgends größer
gesehen. Sie hatte einen sehr dicken Stamm und weit verbreitete Äste. Im
Grunde aber bleibt die Akazie selten gesund, wenn sie ein Alter, wie
diese gewiß hatte, von 45 bis 50 Jahren erreicht. Auch diese war schon
einmal gespalten, ich hatte aber durch eine, angelegte starke Klammer
ihr wieder Festigkeit gegeben. Der Sturm hat sie langsam niedergebeugt
und die Wurzeln mit aus der Erde gerissen. Der Ahorn war noch größer und
schöner, aber leider so gespalten, daß ich den ganzen Baum habe müssen
abhauen lassen. Nun ist eine Lücke entstanden, die man, wenn man nicht
die Ursache weiß, für absichtlich hält, da sie gerade vom Hause eine
hübsche Aussicht auf den See gibt, die mir aber leid tut, so oft ich
hinblicke. Die Bäume sind darin eigentlich unglücklich, zu allem Wind
und Wetter, allen Verunglimpfungen der Vögel und Insekten, der
Beschädigungen durch Menschen garnicht zu gedenken, geradezu still
halten zu müssen und sich nicht vom Fleck rühren zu können. Tieren steht
es doch frei, einen Schutz zu suchen, und doch kann man sich kaum
erwehren, die Bäume auch als empfindende Wesen anzusehen. Lebende sind
sie offenbar. Ihr Neigen sieht oft wie eine Klage aus, daß sie so
unbeweglich dastehen müssen; der Sturm ist ohnehin die unerfreulichste,
ja man kann wohl sagen, fürchterlichste Naturerscheinung. Schon daß er
eine so furchtbare Gewalt unsichtbar ausübt und man gar nicht einmal
begreift, wie er plötzlich entsteht und sich wendet, macht ihn viel
schauerlicher als die anderen Naturerscheinungen, die mehr in die Augen
fallen. Bei Stürmen denke ich noch allemal mit größerer Teilnahme, wie
Sie darunter leiden, da Sie mir wohl gesagt haben, daß Ihr Gartenhaus so
wenig Sie sichert.

Sie haben es sich schon wieder müssen gefallen lassen, daß ich mich in
meiner Liebe für die Bäume habe gehen lassen, aber Sie sind zu gut und
unendlich gut und sagen mir sehr freundlich, daß Ihre eigenen
Empfindungen für meine Lieblinge der freien Natur sehr gesteigert seien
und Sie jetzt die belaubten Mitbewohner Ihres kleines Gebiets mit
größerer Liebe betrachten als früher. Das sind so schöne und zart
weibliche Äußerungen, daß ich sie mit Vergnügen gelesen habe und Ihnen
recht innig dafür danke, liebe, gute Charlotte.

Sie sprechen in Ihrem Brief davon, daß ich wohl in diesem Sommer nach
Schlesien gehen würde und dies Ihnen minder lieb sei, weil es Ihnen eine
so weite Entfernung dünke. Ich gehe aber leider, obgleich ich Schlesien
nicht berühren werde, in diesem Sommer noch weiter. Ich begleite nämlich
meine Frau ins Bad nach Gastein. Dies Bad liegt hinter Salzburg und ist
also nahe an 120 Meilen von hier. Wir gehen aber erst im Juli fort, und
ich werde Ihnen in meinem nächsten Briefe, den ich noch vor meiner
Abreise von hier schreiben werde, sagen, wohin ich Sie bitten werde, die
Briefe an mich zu richten. Ich werde auch bei dieser Gelegenheit einmal
wieder München besuchen, wo ich seit sehr langen Jahren nicht war.
Unsere Abwesenheit wird bis in den September hinein dauern, da mit der
Hin- und Rückreise schon bedeutende Zeit verloren geht und der
Aufenthalt in München hinzukommt. Gastein ist eine der interessantesten
Gegenden Deutschlands. Ich habe es zwar noch nicht selbst gesehen, da im
vorigen Jahr meine Frau ohne mich da war, aber ich kenne Salzburg, und
dort fängt das Gebirge an, von dem das Bad Gastein gewissermaßen die
letzte und äußerste Schlucht ist. Gastein wird vom Norden Deutschlands
wenig besucht, von Österreich und Bayern aber, und selbst aus Italien
sehr viel. Dennoch sind alle Anstalten zum Wohnen und Leben dort sehr
schlecht, und man denkt auch wenigstens nur sehr langsam darauf, sie zu
verbessern. Da ich Tegel sehr liebe, so gehe ich eigentlich immer ungern
weg. Doch ist das überwunden, wenn man im Wagen sitzt, und in vieler
Rücksicht freue ich mich auf diese Monate. Ich habe sehr lange keine
Berge und überhaupt keine wahrhaft große, schöne Natur gesehen, und so
versetzt man sich immer gern in eine solche. Das Gasteiner Wasser gehört
übrigens zu den wirksamsten, die man kennt. Was aber die Gesundheit
betrifft, so gehören die Badereisen zum Teil auch zu den Moden der
Ärzte. In meiner Kindheit und ersten Jugend war es höchst selten, daß
jemand, wenn er auch bedeutend leidend war, sich in Bewegung setzte, um
seine Gesundheit durch ein Bad wieder herzustellen. Jetzt sind die
Menschen beweglicher geworden und finden mehr Vergnügen an dem Hin- und
Herwandern, wissen sich auch, obgleich alles jetzt kostbarer ist, die
Mittel dazu zu schaffen, und so entsteht in jedem Sommer eine
eigentliche Auswanderung nach den Bädern. Doch glaube ich, daß es auch
hier mehr Mode ist als anderswo, und z. B. bei Ihnen und in Ihrer
Gegend.

       *       *       *       *       *

Sie schreiben, liebe Charlotte, in Ihrem letzten Brief viel von
Gewittern, indem Sie auf etwas antworten, was ich in einem meiner Briefe
darüber gesagt hatte. Ich bekam Ihre lieben Blätter gerade bei einem
heftigen Gewitter. Daß es Ihnen ist, als könnten Sie den Wunsch hegen,
gerade durch einen Blitz zu sterben, bin ich weit entfernt zu tadeln,
ich finde es, wenn man den Tod leicht gegenwärtig hat, sehr natürlich
und würde den Wunsch ohne Anstand selbst teilen. Es ist ein so reiner,
garnicht verstümmelnder, kaum verletzender Tod, und wenn man auch immer,
welche Todesart einem auch bestimmt sein mag, durch eine höhere Fügung
stirbt, so ist es doch in der Einbildungskraft nicht auszutilgen, was
Sie auch von Ihren Kinderjahren sagen, daß dieser Tod als einer
angesehen wird, der gleichsam unmittelbar vom Himmel kommt. Unter den
Elementen gibt es kein reineres und schöneres Feuer, als das bloß durch
die elektrische Naturkraft entstehende. Man wird auch bei dieser
Todesart in einem so majestätischen Schauspiel hinweggenommen, daß
darüber das Gewaltsame verschwindet. Kein durch äußere Umstände
herbeigeführter Tod ist dem natürlichen so nahe kommend als dieser.
Unstreitig aber sehen die vom Gewitter Erschlagenen weder den Blitz,
noch hören sie den Donner. Es kann nur eine Sekunde sein, wo Leben und
Bewußtsein dahin sind. Es ist indes sonderbar, daß Personen, die sich
vor dem Gewitter fürchten, gerade bei dem Donner am meisten in Schrecken
zu geraten pflegen: wenn man den Donner hört, ist alle Gefahr vorüber.
Wieviel man ihnen das sagen mag, es hilft nichts. Es liegt das gewiß
darin, daß der Donner durch sein furchtbares Krachen und langsam
steigendes Rollen die Nerven erschüttert und damit alle ruhige und
verständige Überlegung raubt, oder wenigstens schwächt. Es mag überhaupt
die Gewitterfurcht nicht immer sowohl Furcht und ängstliche Besorgnis
vor der drohenden Gefahr, sondern öfter eine Wirkung des Blitzes und des
Donners auf reizbare Nerven sein. Es ist aber überhaupt eine nicht so
leicht zu beantwortende Frage: ob vorzuziehen ist, schnell hinweggerufen
zu werden, oder langsam zu sterben und das Bewußtsein seines Todes zu
haben. Ich setze freilich dabei immer voraus, daß auch der langsame Tod
ein schmerzloser sei. Selbst theologisch hat man die Frage aufgeworfen.
Der Grund, den man sich dabei gedacht hat, ist wohl kein anderer
gewesen, als daß man Zeit haben soll, sich auf den Tod vorzubereiten,
damit man nicht unbußfertig sterbe. Davon, gestehe ich, würde ich wenig
halten, und bin ohne Ihre Erklärung darüber gewiß, daß wir gleicher
Meinung sind. Die Vorbereitung zum Tode muß das ganze Leben sein, so wie
das Leben selbst, und wirklich von seinem ersten Schritte an, eine
Annäherung zum Tode ist. Allein wenn ich auch in diesen Grund nicht
eingehen kann, so läßt sich sonst, wenigstens im individuellen Gefühl,
manches zugunsten eines voraussehenden, mit Bewußtsein verknüpften Todes
sagen. Es hat immer etwas sehr Gewaltsames, so plötzlich hinweggerufen
zu werden, auch wenn es ein bloßer Schlagfluß ist, und in der Tat noch
so sanft. Dann aber liegt noch etwas Menschliches darin, sich dem Gefühl
des Todes nicht entziehen zu wollen, ihn kennen zu lernen, bis auf den
letzten Hauch das scheidende Leben in sich zu beobachten.

Leben Sie recht wohl, liebste Charlotte, und suchen Sie sich gegen den
Ihnen so nachteiligen Einfluß der Hitze zu verwahren. Ihre Meinung,
immer durch Aderlässe sich zu erleichtern, beunruhigt mich. Sie können
dadurch nur geschwächt werden, und noch mehr bei Ihrem Mangel an Eßluft.
Der Ihrige.              H.



_Bad Gastein_, den 5. August 1827.

Der Ort hier liegt schon den höchsten Bergen Deutschlands sehr nahe. Man
befindet sich selbst hier im Bade 2000 Fuß über der Meeresfläche. Das
Tal ist überaus lieblich und schön. Von Salzburg hierher geht eine sehr
große, sehr bequem angelegte Straße. Doch ist das Tal sehr enge. Im
Grunde dankt man dies Tal nur dem Lauf des Flusses, welcher darin sein
Bett hat. Von Salzburg aus ist es den größten Teil des Weges über die
Salza, einige Meilen von hier aber die Ache, die in die Salza fließt.
Sehr selten aber kann der Weg neben dem Fluß in der Talebene hinlaufen.
Meistenteils hängt er hoch an dem Felsen und geht nur da hinunter, wo er
sich mittels einer Brücke auf die andere Seite des Flusses schlägt. An
den Felsen hinlaufend, ist er mit hohen Mauern, mitunter nur auch mit
hölzernen Pfeilern gestützt. Dieser Weg dauert aber nur bis in das Bad.
Hier streckt sich eine Bergkette quer vor. Von hier weiter kann man nur
mit ganz kleinen Landwagen noch etwa eine Stunde weit fahren, nachher
nur mit Lasttieren oder reitend übers Gebirge kommen. Dies macht eben
den schönen Anblick des Ortes, da man, wenn man mit dem Gesicht gegen
das Ende des Tales steht, mehrere Stufen von Bergen übereinander sieht,
deren unterste mit dunkeln Tannen bewachsen und die obersten mit Schnee
bedeckt sind. Unmittelbar an diesem Berge liegt das Haus, wo wir mit
anderen Badegästen wohnen, und das ein vom letzten Erzbischof von
Salzburg gebautes Schloß, aber weder prächtig noch groß ist. Über diese
das Tal beschließende Bergreihe fällt nun die Ache, und bildet einen in
seiner ganzen Länge sehr hohen, aber eigentlich aus mehreren einzelnen
Fällen bestehenden Wasserfall. Die ganze Höhe beträgt 630 Fuß. Von
beiden Seiten ist er von steilen Felsen eingeschlossen, über die aber an
einigen Stellen der Schaum in der Ferne sichtbar hervorspritzt. Die Lage
des Schlosses ist darin wunderbar und für mich sehr angenehm, daß die
Hinterseite so nahe an dem Felsen und dem Gebirge liegt, daß man keine
volle zwei Schritte Raum hat. Die Vorderseite, die nach dem Orte zu
liegt, hat hingegen eine hohe Treppe, die vom Platz in das untere
Stockwerk führt. Hinten herum gehen Treppen und kleine mit Geländern
versehene Pfade den Berg hinauf, neben dem Wasserfall hin; dieser ist
kaum zwanzig Schritte vom Hause entfernt, und macht ein großes,
donnerartiges Getöse, das die Badegäste vom Augenblick ihrer Ankunft bis
zur Abreise nicht einen Moment verläßt. Vielen, besonders
nervenschwachen Personen ist dieser Lärm sehr zuwider, sie machen weite
Spaziergänge, um sich auf Augenblicke davon zu befreien, können nicht
schlafen und haben ein großes Wesen damit. Mir tut er nichts, vielmehr
habe ich ihn gern. Ich bewohne das Zimmer, dem er am nächsten ist, und
arbeite und schlafe vortrefflich. Das einzige Unbequeme ist, daß, wenn
man Besuch hat, man, um sich vor dem Rauschen zu verstehen, viel lauter,
als sonst angenehm ist, reden muß. Die kleinen Felsenwege hinter dem
Schloß führen auf eine über den Wasserfall weg an seinen höchsten Punkt
gehende Brücke. Man hat dieser sehr unrichtig den Namen der
Schreckensbrücke gegeben. Sie ist angenehm und gewährt einen lieblichen
und ewig den Blick anziehenden Anblick, hat aber im geringsten nichts
Schreckliches. Geht man über diese Brücke, so steigt man noch eine
Zeitlang zur Seite der eben ihrem Fall zustürzenden Ache und gelangt
dann in ein viel freieres Tal als das hiesige, das von noch höheren
Bergen umgeben ist. Es ist meiner Empfindung nach bei weitem nicht so
malerisch als das hiesige, aber man kann eine große Strecke lang ohne zu
steigen fortgehen, weshalb ich es gern zu Spaziergängen wähle, auf denen
ich mich mehr mit mir als mit der Gegend beschäftigen will. In dem Teile
des eigentlichen Bades, das der Vorderseite des Schlosses
gegenüberliegt, sind sehr schöne Pfade und Gänge aller Art, aber kein
Platz, wo man nur 200 Schritte ohne hinauf oder hinab zu steigen gehen
könnte. Für Personen, die an den Füßen leiden, ist das schlimm, da es
ihnen leicht an Bewegung mangelt. Indes wird auch die Bewegung hier
garnicht als notwendig zur Kur angesehen. Man legt sich vielmehr gleich
nach dem Bade auf eine oder zwei Stunden ins Bett, und es wird für
zuträglich gehalten, wenn man schläft. Die ersten Tage, ehe man die
Wallung und Aufregung des Bades gewohnt wird, will das nicht gelingen,
jetzt aber schlafe ich immer. Ich bade nämlich schon um vier Uhr
morgens. Man bleibt gewöhnlich eine Stunde im Bade. Die Quelle ist sehr
heiß, wohl 40 Grad Hitze; man läßt es früh ein, damit es abkühlen kann;
27 bis 28 Grad ist die gewöhnliche Badewärme. Getrunken wird das Wasser
auch, doch ist das Baden die Hauptsache. Einigen bekommt auch das
Trinken nicht. Ohne den Wasserfall wäre das Tal seiner größten Schönheit
beraubt. Ich kann stundenlang dabeistehen und dies Treiben, Kochen und
Sprudeln mit ansehen, in dem sich das Wasser bis zu bloßem Schaum
verarbeitet. An den weniger jähen Stellen rollt es dann in länglichen,
grünen Wölbungen fort, deren Säume nur mit Schaum eingefaßt sind, und
überall ist eine Eile, eine Emsigkeit, als gelte es das Leben, das
ruhige und stille Tal zu erreichen. Ich habe in der Schweiz und Italien
viel größere und eigentlich auch schönere Wasserfälle gesehen, der
hiesige gehört doch nur zu den kleineren. Aber seine Länge und die
Verschiedenheit, bald senkrecht steiler, bald bloß einer mehr und minder
schiefen Fläche ähnlicher Abhänge, gibt ihm wieder eine
Mannigfaltigkeit, welche jene nicht haben. Ich bin in meiner Erzählung
sehr ausführlich gewesen, weil ich weiß, daß es Ihnen an sich
interessant sein wird, noch mehr aber, weil ich gewiß bin, daß Sie mich
gern mit Ihren Gedanken begleiten und darum gern ein anschauliches Bild
von einem Ort empfangen, der, soviel ich weiß, noch wenig beschrieben
ist. Sie sehen zugleich, die Sie meine Neigung, mich an einer schönen
Gegend zu erfreuen, kennen, daß mir die Zeit recht angenehm hingeht.

Auf der Herreise besuchte ich auch München und blieb vier Tage dort. Es
ist von Kunstschätzen sehr viel und unendlich Schönes da zu sehen. Der
König hat sehr viel antike Statuen und Gemälde zusammengekauft und läßt
Gebäude mit königlicher Pracht aufführen, um sie darin aufzustellen. Dem
Klima nach ist allerdings, wie Sie sagen, München keine angenehme Stadt.
Im Sommer kann man das zwar nicht eben merken, allein es liegt auf einer
sehr hohen Fläche und hat daher nicht bloß einen sehr strengen Winter,
sondern auch sehr scharfe und unangenehme Winde. Vorzüglich klagt man
über die Frühjahre und Herbste. Die unmittelbare Gegend rund herum ist
auch nicht schön, sondern eher häßlich zu nennen. Bloß der englische
Garten gewährt einen angenehmen Spaziergang und ist eine wirklich schöne
Anlage.

Leben Sie recht wohl. Mit herzlicher Freundschaft
und Teilnahme Ihr               H.



_Tegel_, den 21. September 1827.

Ihre beiden Briefe vom 4. und 15. d. M. sind mir, liebe Charlotte,
richtig zugekommen und ich danke Ihnen recht herzlich dafür. Sie haben
mir beide besondere Freude gemacht, da sich die Gesinnungen, die Sie mir
schenken, darin gerade auf die angenehmste und mir gefälligste Art
aussprechen. Es war mir auch eine erfreuliche Überraschung, daß mir der
erste dieser Briefe unerwartet kam, also eine liebe Zugabe außer der
Regel, weshalb Sie gewiß nicht um Verzeihung bitten dürfen. Ich erbitte
mir nur Ihre Briefe auf einen bestimmten Tag, weil Sie das gern haben.
Wenn ich neulich äußerte, daß es mir lieber sei, auf den Tag, nicht
früher und nicht später, den Brief zu erhalten, so sagt das nicht, daß
mir nicht immer einer mehr, welchen Tag er eintreffen möge, angenehm
sei.

Was mir am erfreulichsten in Ihrem Briefe ist, ist vor allem das, was
Sie mir über Ihre immer zunehmende Heiterkeit und Zufriedenheit sagen.
Es ist das ein sicheres Zeichen, daß Ihre Seele jetzt in einer Stimmung
ist, die aus einer Ihnen ziemlich zusagenden äußeren Lage und
Schicksalen hervorgeht. Erhalten Sie sich so viel als möglich darin,
liebe Charlotte. Der Mensch kann immer sehr viel für sein inneres Glück
tun, und was er äußeren Ursachen sonst abbetteln müßte, sich selbst
geben. Es kommt nur auf die Kraft des Entschlusses und auf einige
Gewöhnung zur Selbstüberwindung an. Diese aber ist die Grundlage aller
Tugend sowie aller inneren, größeren Gesinnung. Sie sagen in Ihrem
Briefe vom 15. September: »Ich weiß, daß alles, was mich eigentlich
jetzt beglückt, so bleibt, wie es ist.« Gewiß, liebe Charlotte, dürfen
Sie nicht fürchten, daß ich je anders gegen Sie werden würde, als ich
jetzt bin. Sie befolgten es einmal, und obgleich auch damals Ihre
Besorgnis unbegründet war, konnte sie dennoch damals eher entstehen. Es
sind seitdem über zwei Jahre verflossen, und Sie haben gesehen, wie
unnötig Ihre Besorgnisse waren, und nicht die leiseste Umänderung
eingetreten ist, und das Verhältnis unter uns dadurch zu dem geworden
ist, was Ihnen das liebste ist, und die Gestalt angenommen hat, die
Ihnen am meisten zusagt. In mir ist eine Änderung wahrhaft unmöglich.
Ich nehme den herzlichsten Teil an Ihnen und Ihrem Schicksal, wünsche
Ihr Glück, trage gern zu Ihrer Freude bei, gebe gern Ihren Wünschen
nach, wo es sich so tun läßt und so geschehen kann, daß ich nicht aus
meinem inneren Kreise herausgehe. Für mich erwarte ich nichts, Sie
können Ihrem Charakter und Ihren Gesinnungen nach mich nie täuschen,
aber ich kann auch von niemandem getäuscht werden, da ich von keinem auf
etwas Anspruch mache, mich keinem mit Erwartungen nähere, sondern mein
inneres Bedürfnis so mit meinem eigenen inneren Vermögen in
Gleichgewicht gesetzt habe, daß sich das erstere nie nach außen zu
wenden braucht. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich nie auf Dank
rechne, sondern das, was ich für andere tue, wenn es mir nicht
gewissermaßen gleichgültig erscheint, aus Ideen und Grundsätzen fließt,
die für mich einen von der Wirkung auf den andern ganz unabhängigen Wert
haben. Ich werde auch nie durch etwas gereizt. Was mein Wesen ausmacht,
ist abgeschlossen in sich und unabhängig von allen solchen das Leben so
vieler kleinlich bewegenden Zufälligkeiten. Ich tadle diese darum nicht;
sie haben ihre Weise und ich die meinige. Aber die meinige ist die
sicherere und beglückendere. Dabei ist mir jede Anerkennung, jede mir
erwiesene Teilnahme, jede mir geäußerte Gesinnung erfreulich, und ich
bin gern dankbar. Ich schätze sie besonders als ein Zeichen dessen, was
in der Seele derer ist, die sie hegen. Wird nun eine solche anhängliche,
treue, verehrende Gesinnung seit langer und sehr langer Zeit, wie in
Ihnen, liebe Charlotte, fortgetragen, so steigt natürlich der Wert
derselben. Es freut mich daher immer, zu sehen, wie Sie erkennen, daß
der nie sich verleugnende Ernst und die in sich geschlossene Festigkeit
meiner Ideen, meine Unabhängigkeit von äußeren Dingen, meine Gewohnheit,
mein Glück mir nur selbst aus meinem Innern zu schöpfen, über Ihnen
schweben, wie Sie gern daran herauf blicken und Ihre Ideen dadurch
berichtigt sehen, wo sie einer Berichtigung bedürfen. So wird es auch
gewiß ferner und immer bleiben. Mein inniger Anteil, meine
Bereitwilligkeit, meine Freude, Ihnen nützlich und erfreulich zu sein,
werden Ihnen stets unwandelbar bleiben. Ich bitte Sie, mir den
2. Oktober und nicht später zu schreiben. Der Herbst ist wunderschön; ob
er gleich immer unsere sicherste und beste Jahreszeit ist, scheint es
mir doch, daß er in diesem Jahr sich selbst übertrifft. Leben Sie recht
wohl. Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr                       H.



_Tegel_, den 8. Oktober 1827.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 2. Oktober vor einigen Tagen
erhalten, und er hat mich aufs neue erfreut, und ich danke Ihnen
herzlich dafür.

Was sagen Sie zu diesem prachtvollen Wetter? Man kann unmöglich es so
ungerührt an sich vorübergehen lassen. Indes liebe ich an unserem
nördlichen Klima das, daß die Jahreszeiten sich voneinander
unterscheiden, und nicht in Gleichförmigkeit ineinanderfließen. In
südlichen Ländern ist das nicht so, der Frühling trennt sich nicht
bestimmt wie bei uns vom Winter, er ist mehr nur der noch mildere Teil
desselben. Gerade aber der Übergang aus der Erstarrtheit und der
Dumpfheit des Winters in die heitere Lauigkeit des Frühlings macht einen
tiefen und anregenden Eindruck auf das Gemüt. Verbunden mit dem Herbst,
durch den hindurch die Natur in die Gebundenheit des Winters übergeht,
schließt sich der Wechsel und die Folge dieser drei Jahreszeiten an die
großen Ideen an, die dem Menschen immer die nächsten sind, das Erstarren
im Tode und das Auferstehen zu neuem Leben. Was man um sich sieht und
empfindet, und was einer in der inneren Tiefe seines Gemüts denkt,
stellt unter ganz verschiedenen Formen immer diesen Wechsel und diese
Übergänge vor. Am lebendigsten aber tut es die Natur im Wechsel der
Jahreszeiten, in allem Begraben des Samens in die ihn mütterlich
verdeckende Erde, und dem Wiederhervorkeimen aus derselben und vielen
anderen Erscheinungen, die man symbolisch und allegorisch also deuten
und darauf beziehen kann. Es ist der große Gedanke der Natur selbst, die
nur dadurch besteht, daß sie sich ewig wieder erneuert. Wäre man immer
recht durchdrungen von dieser Idee, so würde man sehr oft seinen
Handlungen, Empfindungen und Gedanken eine andere Richtung geben, als
man jetzt oft tut. Man würde nämlich fühlen, daß alles darauf
hinausgeht, eine gewisse Reife zu erlangen, mit welcher allein jener
Übertritt aus dem gebundenen und unvollkommenen Zustande in den freieren
und vollkommeneren gedacht werden kann. Denn man kann sich doch das
Sterben und wieder zu neuem Dasein Erstehen nicht als bloß zufällig
geschehend, oder auf irdische Ereignisse berechnet, vorstellen. Das
Verlassen dieses Lebens steht gewiß, es geschehe früh oder spät, in
unmittelbarer Beziehung auf das innere Wesen des Dahingehenden und ist
immer ein Zeichen, daß nach der Erkenntnis, der nichts verborgen ist,
eine fernere Entwickelung auf dieser Erde dem Scheidenden nicht mehr
vorteilhaft war. Ebenso kann auch der Tod nicht auf alle gleiche
Wirkungen haben den, welcher im Leben mehr und höher zu geistiger Stärke
gereift war, nicht so als den führen und stellen, der darin
zurückgeblieben. Der Tod und das neue Leben ergreifen nur immer das für
sie Gereifte. So muß also auch der Mensch diese Reife in sich befördern,
und die Reife für den Tod und das neue Leben ist nur eine und eben
dieselbe. Denn sie ist eine Trennung vom Irdischen, eine
Gleichgültigkeit gegen irdischen Genuß und irdische Tätigkeit, ein Leben
in Ideen, die von aller Welt entfernt sind, ein Sichlosreißen von dem
Sehnen nach Glück, es ist mit einem Wort die Stimmung, daß man
unbekümmert um die Art, wie man hier vom Schicksal behandelt wird, nur
auf das Ziel sieht, dem man zustrebt, daß man also Stärke und
Selbstverleugnung übt und wachsame Herrschaft über sich selbst. Daraus
entsteht die heitere, furchtlose Ruhe, die, nichts Äußeres bedürfend,
sich wie ein zweiter Himmel, ein geistiger, neben dem körperlichen in
unbewölkter Bläue über den so in sich gestimmten Menschen ausbreitet.



_Tegel_, den 26. Oktober 1827.

Entschuldigen Sie sich nie, liebe Charlotte, wenn Sie einmal einen
Posttag später schreiben, als ich Ihnen meinen Wunsch nach einem Briefe
ausgedrückt hatte. Sie sind immer so pünktlich und aufmerksam, daß ich
gewiß bin, daß dann ein Hindernis eintrat, das Sie nicht beseitigen
konnten. Auch bestimme ich ja nur die Tage, weil Sie es wünschen.

Sie haben sehr recht, in Ihrem letzten Briefe zu sagen, daß der
18. Oktober, den man gleich nach dem Ereignis, welches damals so
ungeheuer schien, ewig feiern wollte, jetzt schon beinahe vergessen ist.
Wahrhaft als ein Erinnerungstag gefeiert wird er noch in Hamburg, aber
ich glaube, auch nur da. Es liegt indessen in der Natur der Dinge, daß
ein Ereignis das andere treibt, und daß es kaum möglich ist, eins auf
sehr lange festzuhalten. Man empfindet die wohltätigen Folgen noch
dankbar im Innern der Brust, man gedenkt der wundervollen Fügung des
Schicksals, wodurch die menschlichen Pläne an einem so denkwürdigen Tage
ein solches Gedeihen gewannen, aber der frohe, über alles hinweghebende,
sich im allgemeinen Jubel ergießende Sinn erstirbt; was kurz nach der
Gegenwart als eine ganz außerordentliche Begebenheit, ein wahres Wunder
erschien, tritt nun in den gewöhnlichen Lauf der Begebenheiten zurück.
Wenn das auch nicht recht sein mag, so ist es doch natürlich, und ist,
so lange die Welt steht, so gewesen. Ich kann es selbst nicht so sehr
tadeln. Alles, was man Staats- und Weltbegebenheiten nennt, hat in allen
äußeren Dingen die größte Wichtigkeit, stiftet und vernichtet im
Augenblick das Glück, oft das Dasein von Tausenden, aber wenn nun die
Welle des Augenblicks vorübergerauscht ist, der Sturm sich gelegt hat,
so verliert sich, ja so verschwindet oft spurlos ihr Einfluß. Viele
andere ganz geräuschlos die Gedanken und Empfindung stimmende Dinge
sind da oft weit mehr von tiefem und dauerndem Einfluß. Der Mensch kann
sich überhaupt sehr frei halten von allem, was nicht unmittelbar in sein
Privatleben eingreift, und dies ist eine sehr weise Einrichtung der
Vorsehung, weil so das individuelle Glück unendlich mehr gesichert ist.
Gerade auch je mehr der Mensch sich in seine Individualität einschließt,
desto mehr geht aus ihr hervor, was segensvoll auf das Gemüt und das
innere Glück vieler wirkt. Diese Betrachtungen verrücken zwar sehr die
gewöhnlich über das, was wichtig und unwichtig ist, herrschenden Ideen;
das für das Wichtigste Gehaltene wird fast zur Gleichgültigkeit
herabgesetzt und dem Unscheinbaren große Bedeutung beigemessen. Sie sind
aber darum doch nicht minder wahr, und werden auch gewiß so von allen
empfunden, welchen das äußere Weltleben nicht allen inneren Sinn
abgestumpft hat. Auch die verschiedenen Epochen des Lebens verändern
hierin die Ansicht sehr. Dem Jugend- und früheren Mannesalter sagt alles
mehr zu, was auf einen größeren Schauplatz versetzt; im Alter fällt der
falsche Glanz von den Dingen, aber sie erscheinen darum nicht ohne
Bedeutung, hohl und leer. Man lernt nur das Reinmenschliche in ihnen
suchen und schätzen und dies bewährt sich ohne Wandel, so lange man
Kraft behält, sich mit ihm in Berührung zu setzen.



Im Dezember 1827.

Wir stehen wieder am Schlusse eines Jahres. Der Monat, in dem das Jahr
zu Ende geht, wir haben schon oft in unseren Briefen dabei verweilt, hat
immer etwas zugleich Feierliches und Anregendes für mich. Man sagt sich
wohl tausendmal, daß die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und
Unwesentliches sind, und in der Tat ginge die Zeit eben so leer und
ebenso bewegt, wie sie jeder ergreift und wie sie jeder aufnimmt, hin,
wenn man ganz vergäße, welche Woche, welcher Monat und welches Jahr es
wäre. Allein diese trocken vernünftige Philosophie verliert sich doch im
Leben, und wer nur irgend Empfindung in sich trägt, geht immer ganz
anders vom 31. Dezember zum 1. Januar, als von zwei anderen aufeinander
folgenden Tagen über. Es ist, als wenn der Mensch versucht, durch die
Zeiteinteilungen der Flüchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens
ihren ununterbrochenen und ungeschiedenen Lauf zu unterbrechen. Sie
selbst zwar geht immer fort, aber der Mensch fleht wie auf einer
schmalen Grenze zwischen der Vergangenheit und Zukunft still, er sammelt
sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt
zusammen und umspannt den nächstfolgenden mit neuen Vorsätzen,
Entwürfen, Hoffnungen und Besorgnissen. Ich möchte die Veranlassungen,
dies zu tun, nie aufgeben. So wenig man ihrer eigentlich bedarf, so
willkommen ist es, gewahr zu werden, daß sie einen mahnen. Denn eine
Mahnung liegt ganz eigentlich in der Zeit, sie straft mit der
Unwiederbringlichkeit der Schritte, die sie einmal getan; sie drängt
zugleich auf die Gegenwart mit der Ungewißheit der Zukunft, und zwischen
dieser Unwiederbringlichkeit und Ungewißheit steht der Mensch beständig,
immer mit dem Gefühl, das Versäumte nie zurückführen zu können und nicht
vorauszusehen, ob es die Zukunft nachzuholen gestatten wird. Dann halte
ich auch sehr viel auf das Charakteristische gewisser, ja jeder Epoche
des Lebens. Jedes Jahrzehnt bringt seine Sitten, Gewohnheiten,
Schicklichkeiten mit, jedes seine Genüsse und seine Entbehrungen, und
die Weisheit ist nur, das nicht zu verwechseln, nicht in ein Alter
überzutragen, was einem andern angehört.

Ich habe, wie Sie, liebe Charlotte, wissen, eine eigene Liebe für die
sternhellen Winternächte, und es freut mich nicht allein, daß Sie auch
diese Neigung, wie so viele andere mit mir teilen, sondern auch, daß Sie
mir oft gesagt haben, daß ich Sie noch mehr dahin geführt, und Ihnen
meine Anleitungen nützlich waren. Ja, es macht mir oft Freude zu denken,
daß sich unsere Blicke wohl oft in einem Planeten oder anderen Gestirn
begegnen in den tiefdunkeln, hellen, schönen Winternächten, die wir
jetzt haben, da Sie, wie Sie mir wohl gesagt haben, aus Ihrer Wohnung
einen freien weiten Horizont nach allen Seiten haben. Die Freude daran
ruht wirklich bei mir mit aus Gewohnheit. In meiner Jugend, als ich
zwanzig Jahre und darüber war, ging ich ganze Nächte hier, und wo ich
war, auf den Straßen herum. Wenn ich dann so die Gestirne hinziehen und
ihre Stellungen verändern sehe, fällt mir immer ein, daß es nur die
Abteilungen der Zeit sind, von denen ich eben sprach, die uns an jene
fernen Welten heften, durch die wir ihre gegenseitigen Stellungen zu
Bestimmungspunkten in uns und für uns zu einer Epoche in ihrem Gange
machen.

Das Versenken in diese Ferne, das Sichverlieren in dieser Menge der
Weltkörper, die sich dem Auge selbst wie ein einziges Lichtmeer
darstellen, macht mich ganz eigentlich glücklich und fesselt mich, daß
ich mich stundenlang nicht davon losreißen kann. Ist der Jupiter eben
sichtbar, suche ich ihn immer zuerst auf und erfreue mich an seinem
hellen, milden, weißen Lichte; dann verfolge ich die so unendlich fernen
Fixsterne und habe es gern, wenn das Auge zuletzt sich in dem für unser
Auge ungeschiedenen Glanzschimmer der Milchstraße verliert. Selbst das
bloße Schauen in die tiefe Nacht, wo gerade sternlose Räume sind, ist
schön, zumal gerade jetzt, wo die mondlosen Nächte so ganz und
unaussprechlich dunkel und finster sind, überhaupt ist es
bewunderungswürdig, welchen Genuß der anhaltend verweilende Anblick
ganz einfacher Gegenstände in der Natur macht. Gewiß haben auch Sie
bisweilen am Wasser gesessen, bloß um die Blicke und die Gedanken darin
recht zu versenken. Für mich ist es einer der belohnendsten Genüsse, und
der kleinste Bach, der stillste Teich, der sonst unbedeutendste See
reicht dazu hin. Es ist das reine, klare, unbewegte Element, das diese
Kraft ausübt. Es ist mir immer sehr begreiflich gewesen, wie man sich
einbilden konnte, daß Wassernixen den am Ufer Sitzenden herabzögen. Es
zieht wirklich hinab, und es ist einem bisweilen dabei, als könnte man
nur so niedersteigen, um da ewig zu ruhen, als müßte man es. Es ist in
diesem Gefühl gar kein Unwille mit der Erde, kein Überdruß an dem, was
sie bietet, es ist die reine Luft am feuchten Element. Es ist überhaupt
ein Vorurteil, wenn man meint, daß das Vergnügen an der Natur gerade
eine schöne Gegend erfordere. So unleugbar es ist, daß diese den Reiz
unendlich erhöht, so ist der Genuß überhaupt nicht daran gebunden. Es
sind die Naturgegenstände selbst, die, ohne auch für sich auf Schönheit
Anspruch zu machen, das Gefühl anziehen und die Einbildungskraft
beschäftigen. Die Natur gefällt, reißt an sich, begeistert, bloß weil
sie Natur ist. Man erkennt in ihr eine unendliche Macht, größer und
wirksamer als alle menschliche, und doch nicht furchtbar. Denn es ist,
als strahlte einem jeder Naturgegenstand immer etwas Mildes und
Wohltätiges entgegen. Denn der allgemeine Charakter der Natur ist Güte
in der Größe. Wenn man auch wohl von schauderhaften Felsen, schrecklich
schönen Gegenden spricht, so ist die Natur niemals furchtbar. Man wird
bald mit der wildesten Felsenschlucht vertraut und heimisch in ihr, und
empfindet, daß sie dem, der einsiedlerisch zu ihr flüchtet, gern Ruhe
und Frieden beut.

Die gedrückte und schwermütige Stimmung, deren Sie erwähnen, tut mir
sehr leid, und es rührt mich, wie unverkennbar sie durchscheint, daß Sie
dabei so wenig und kurz verweilen, um sie mir zu entziehen. Ich weiß und
fühle sehr wohl, daß in einem nicht sorgenfreien, eher sorgenvollen
Leben unangenehme, verdrießliche Vorfälle widrige Störungen
hervorbringen und der nach Ruhe schmachtenden und der Ruhe so innig
bedürfenden Seele schmerzlich entgegentreten – aber es sind diese
Stimmungen dennoch den Wolken zu vergleichen, die auch bald licht und
hell, bald dicht und finster getürmt einherziehen. Es läßt sich auch da
nicht immer sehen, woher sie kamen, wohin sie ziehen, aber die Sonne
verscheucht sie. Die Sonne für das Gemüt ist der Wille. Allein, wenn
dies sehr leidet, reicht er nicht aus. Wir bedürfen dann Glauben. Glaube
kann uns allein über das kleinliche tägliche Leben und irdische Treiben
erheben, der Seele eine Richtung aufs Höhere geben und auf Gegenstände
und Ideen, die allein Wert und Wichtigkeit haben. Es gibt etwas, das
Ihnen nicht fehlt, ja, das Ihnen, liebste Charlotte, innewohnt, das Sie
auch gewiß höher achten als alles, was man äußerlich und innerlich Glück
zu nennen pflegt. Es ist der Friede der Seele. Er wird nach
Verschiedenheit der menschlichen Richtungen auf sehr verschiedenen Wegen
gewonnen und erhalten. Der im äußeren Glück und selbst Glanz Lebende
bedarf dieses Friedens ebensosehr als der mit Kummer und Sorgen
Beladene. Aber er erlangt ihn schwerer. Denn jeder Friede ist ein
einfaches Gefühl, das in verwickelten Verhältnissen schwerer gewonnen
wird. Es beruht freilich auf Ruhe und Reinheit des Gewissens, damit
allein aber ist es nicht errungen. Man muß sich zufrieden mit seinem
Schicksale empfinden, sich mit Ruhe und Wahrheit sagen, daß man das
Schicksal nicht anklagt, sondern wenn es glücklich ist, mit Demut, und
wenn es unglücklich ist, mit Ergebung und mit wahrem Vertrauen in Gottes
weise Führung empfängt. Da die schwerere, sorgenvollere Lage auch das
Verdienst erhöht, sich ohne Klage zu finden und sich in ihr zu erhalten,
oder aus ihr herauszuarbeiten, so gelangt man auf diesem Wege zur
harmonischen Übereinstimmung mit dem Geschicke, wie es auch sein möge.
Sie, liebe Charlotte, wissen und üben das alles selbst. Sie brauchen nur
in sich und mit Vertrauen auf Ihre innere Kraft davon Gebrauch zu
machen, und Sie werden gewiß die schwere und niederbeugende Stimmung,
über die Sie jetzt klagen, überwinden, wenn sie nicht anders einen
äußeren Grund hat, den ich nicht kenne, der aber freilich sehr
einwirkend sein kann und von mancherlei Art. Wie sehr wünsche ich, daß
alles, was Sie in Wahrheit oder in der Vorstellung drückt, im alten Jahr
zurückbleibe und das neue heiter und froh beginne. Mit diesen herzlichen
Wünschen Ihr                 H.



_Berlin_, Januar 1828.

Der Abschnitt eines Jahres hat immer eine gewisse Feierlichkeit, meiner
Empfindung nach mehr und ganz anders als ein Geburtstag. Dieser bezieht
sich immer nur auf eine Person, und für den, der ihn sonst erlebt, ist
er nur ein Abschnitt im Abschnitte des ganzen Jahres. Für alle eine
Erneuerung der Epochen ist nur das erneuerte Jahr selbst, und es erregt
daher auch eine allgemeine Teilnahme. Das Jahr selbst, das abgeschiedene
und das neu eintretende, wird wie eine Person betrachtet, von der man
Abschied nimmt und die man begrüßt. Jedes Jahr hat seine eigenen
geschichtlichen Ereignisse, die sich in die Reihe der individuellen
Schicksale verweben, selbst wenn man gar keinen Teil daran nimmt, da man
sich beinahe unwillkürlich daran erinnert, bei diesem oder jenem nur
einen selbst betreffenden Vorfall gerade auch von diesem oder jenem
öffentlichen Ereignis gehört zu haben. Es ist aber auch keine
Einbildung, daß die Jahre glücklich oder unglücklich für die Menschen
sind, und daß man es ihnen gleichsam ansieht, wie sie sich in dieser
Hinsicht gestalten werden. Ich meine damit nicht große Unglücksfälle,
aber so das kleine Mißraten aller Unternehmungen, das Fehlschlagen der
frohen Erwartungen, die man sich auf diese oder jene Weise gebildet
hatte, in der Art, wie es auch Tage so gibt, wo man z. B. in allem
ungeschickt ist, alle Augenblicke etwas fallen läßt, sagt, was man nicht
sagen soll, und wie es so oft in Träumen geschieht, niemals zu dem
kommt, was man in der Absicht hat. Alles das liegt freilich weniger noch
im Schicksal als im Menschen, der sich immer selbst sein Schicksal
macht. Es kommt wohl oft von den ersten Eindrücken her, die man beim
Beginnen des Jahres bekommt, und die gleich das Vertrauen auf sein Glück
schwächen, oder gar Furcht vor Unglück oder wenigstens Besorgnisse
erwecken. Bisweilen ist es auch bloß phantastisch. So halte ich viel von
der Jahreszahl. Wenn sie viele ungerade Zahlen enthält, hat man bei
aller Vernunft eine Art Scheu davor. Wenn dagegen so schöne gerade
Zahlen wie in 1828 sind, so flößt das eine gewisse freudige Sicherheit
ein. Man schließt sich in das Jahr mit heiterem Mute ein, wie in ein
Fahrzeug, das schon durch sein Ansehen verspricht, einen sicher an das
Ufer des nächsten Jahres zu bringen. Wenn ich sagte, daß jeder sich
selbst sein Schicksal macht, so ist das ein altes Sprichwort, freilich
ein heidnisches, das aber auch, christlich genommen, einen richtigen
Sinn hat. Es ist nämlich hier von dem inneren Schicksal die Rede, von
der Empfindung, mit der man das Äußere aufnimmt, und das hat der Mensch
in seiner Gewalt. Er kann immer Ergebung, Fassung, Vertrauen auf
wohltätige höhere Macht in sich erhalten, und wenn es ihm noch daran
fehlt, in sich hervorbringen. Wenn der Mensch nicht darin allein von
sich selbst abhinge, so gäbe es keine Freiheit.

Indem die Vorsehung die Schicksale der Menschen bestimmt, ist auch das
innere Wesen des Menschen dabei in Einklang gebracht. Es ist eine solche
Harmonie hierin, wie in allen Dingen der Natur, daß man sie auch
gegenseitig auseinander ohne höhere Fügung erklären und herleiten
könnte. Gerade dies aber beweist um so klarer und sicherer diese höhere
Fügung, die jener Harmonie das Dasein gegeben.

In der letzten Hälfte des Märzes werde ich eine größere Reise machen und
wohl erst in sechs Monaten zurückkommen. Meine jüngste Tochter ist, wie
Sie wissen, an Herrn von Bülow verheiratet, und dieser ist jetzt
preußischer Gesandter in London. Er ist schon seit mehreren Monaten dort
und meine Tochter will ihm nun mit ihren drei kleinen Mädchen nachgehen.
Dahin nun werde ich, meine Frau und meine älteste Tochter sie begleiten.
Wir gehen über Paris und halten uns dort einige Wochen auf, dann gehen
wir nach London über und bleiben dort etwa anderthalb Monate. Von da
reisen wir, ich, meine Frau und älteste Tochter, wieder über Paris und
dann über Straßburg und München nach Gastein und brauchen dort die
gewöhnliche Badekur. Ende September können wir auf diese Weise wieder
hier sein. Ich mache die Reise sehr gern, und das einzige, was mir daran
unlieb ist, ist die Notwendigkeit, schon in der Mitte des August wieder
in Gastein sein zu müssen. Ich liebe zwar Gastein sehr und bin gern da,
aber ich würde diesmal die Zeit lieber länger in London zubringen und
dann auch später hierher zurückkommen. So setzt mir das Bad zu bestimmte
Grenzen in meinem Aufenthalt. Paris und London sehe ich mit großer
Freude wieder. Wenn ich nicht auf dem Lande bin, bin ich am liebsten in
den größten Städten. Mitten im Gewühl ist man wieder in der Einsamkeit.
Solch eine Reise scheint sehr groß und ist es auch der Meilenzahl nach,
aber am Ende ist die Zahl der Tage, die man im Wagen zubringt, doch so
groß nicht. Nachts werden wir nie fahren, und so ist es viel weniger
unbequem, als es auf den ersten Anblick scheint. Das Wetter kann
freilich im März noch kalt und unangenehm sein, doch ist in Deutschland
der April gewöhnlich gut, und sollte der Mai Nücken von Rauheit haben
wollen, so sind wir dann schon im milderen Frankreich. Meinen
Schwiegersohn finden wir in London schon in einem ganz eingerichteten
Hause, und so entgehen wir den Unbequemlichkeiten, die man sonst in
einer fremden Stadt erfährt. Paris nenne ich nicht fremd. Ich habe es
mit meiner Frau und Kindern in den früheren Jahren meiner Heirat einige
Jahre hindurch bewohnt. Es sind mir zwei Kinder dort geboren und eins
gestorben. Nachher war meine Frau einige Monate ohne mich dort, und ich
während des Krieges zweimal ohne sie. Jetzt sind es freilich elf Jahre,
daß ich nicht nach Paris gekommen bin, und als ich das letztemal, es war
bei Nacht, herausfuhr, dachte ich bei mir, daß ich nie wieder hinkommen
würde. Mit demselben Gefühl sah ich die felsigen Ufer von England, als
ich es im Jahre 1818 verließ. Das Schicksal hat es sonderbar gefügt, daß
ich nun wieder ganz unerwartet dahin komme, und daß mein Schwiegersohn
die Stelle bekleidet, die ich damals hatte. Er bleibt vermutlich lange
dort, und so wird mir das eine Veranlassung werden, auch öfter
hinzureifen. Täte ich es aber je allein, so würde ich nicht den weiten
Weg über Paris, sondern gewiß den kurzen über Hamburg nehmen. Man ist
alsdann in wenig Tagen in London und kann in drei Wochen hin- und
herreisen und beinahe vierzehn Tage in London zubringen. Wie wir es mit
unserm Briefwechsel einrichten, will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe
schreiben. Sein regelmäßiger Gang wird nicht dadurch unterbrochen
werden. Natürlich brauchen die Briefe längere Zeit, um anzukommen, aber
dies ist vorzüglich nur das erstemal unangenehm und fühlbar. Hernach
bleibt, welche die Entfernung sei, der Zwischenraum derselbe. Ich werde
es übrigens so einrichten, daß Sie Ihre Briefe ganz wie gewöhnlich
hierher schicken. Hier ist ohnehin ein Mensch, der mir die Briefe, wo
ich bin, nachsendet. Auch die meinigen werden Sie in der Regel wohl von
hier aus bekommen, so wird alles im gewohnten Geleise bleiben. Bei
meinem Wiederkommen nach Paris und London fällt mir ein, daß irgendwo
sehr hübsch gesagt ist, daß man immer nur die Orte gern besucht, die man
schon von früher her kennt. Das ist aus sehr richtiger Beobachtung
geschöpft, es ist wirklich so und macht den Empfindungen des Menschen
Ehre. Man behandelt Orte wie Menschen und kehrt nur zu den schon
bekannten gern zurück. Die Freude, die Sie in Ihrem stillen Leben am
Sternhimmel haben, macht mir wiederum Freude, da sie durch die meinige
mehr erhöht und vermehrt ist; gern beantworte ich Ihre Fragen, so viel
ich es selbst kann. Daß Ihnen früher die Zahllosigkeit der Gestirne, das
Unendliche des Weltraums, mit einem Wort, die Unermeßlichkeit der
Schöpfung furchtbar erschien, habe ich sonst kaum begreifen können, und
es freut mich, daß sich diese Empfindung in Ihnen verloren hat. Die
Größe der Natur schon ist eine erhebende, heitere, die ich gerade zu den
am meisten beglückenden rechnen möchte. Noch mehr aber ist es die Größe
des Schöpfers. Wenn man auch zugeben könnte, daß sie als Größe
niederdrückend wäre, so würde sie wieder erhebend und beglückend sein
durch die unermeßliche Güte, die sich zugleich für alle Geschöpfe darin
ausspricht. Überhaupt ist es doch nur die physische Macht und Größe,
welche als gewissermaßen niederdrückend Furcht einflößen kann. So
unendliche physische Macht aber auch diejenige ist, welche sich in der
Schöpfung und dem Weltall verherrlicht und darstellt, so ist sie doch
noch weit mehr eine moralische. Diese aber, das wahrhaft Erhabene,
erweitert immer das Innere, macht freier atmen und erscheint allemal in
Milde, als Trost, Hilfe und Zuflucht. Man kann mit Wahrheit sagen, daß
diese schaffende allmächtige Größe überall sich in gleicher, gleiche
Bewunderung auf sich ziehenden Stärke sehen läßt. Aber man kann mit
Wahrheit behaupten, daß am Himmel in den Gestirnen sie in einfacheren
Verhältnissen erscheint. Sie drängt sich der Phantasie mehr auf, es ist
alles nur durch Zahl und Maß zu ergründen, und es flieht doch wieder
durch seine Unendlichkeit alle Zahl und alles Maß. Gerade weil man an
den Himmelskörpern lauter Verhältnisse findet, die sich auf
mathematische zurückbringen lassen, kennt man die Räume des Himmels in
einigen Stücken besser als die Erde und ihre Geschöpfe. Schreiben Sie
mir, liebe Charlotte, den 26. d. M., und seien Sie überzeugt, daß alles,
was Sie mir sagen, großes Interesse für mich hat und mir immer
willkommen ist. Leben Sie herzlich wohl und zählen Sie auf meinen
unwandelbaren, unveränderlichen Anteil.                      H.

       *       *       *       *       *

Das Leben ist eine Gabe, die immer so viel Schönes für einen selbst, und
wenn man es nur will, so viel Nützliches für andere enthält, daß man
sich wohl in der Stimmung erhalten kann, es nicht nur in Heiterkeit und
innerer Genugtuung fortzuspinnen, sondern daß man auch aus wahrer
Pflicht alles tun muß, was von einem selbst abhängt, es zu verschönern
und es sich und andern nützlich zu machen.

Der Ernst und selbst der größte des Lebens ist etwas sehr Edles und
Großes, aber er muß nicht Hörend in das Wirken im Leben eingreifen. Er
bekommt sonst etwas Bitteres, das Leben selbst Verleidendes.

Wenn man auch das Ende des irdischen Daseins garnicht fürchtet, wenn man
ihm sogar mit mehr als gewöhnlicher Heiterkeit entgegensieht, muß man
dem Gedanken daran doch keinen auf irgendeine Weise störenden Einfluß
auf das Leben einräumen.....

Wir reisen nach Paris über Weimar und Frankfurt a. M. Weimar ist die
nähere und in Wegen und Wirtshäusern die bessere Straße. Wir bleiben
übrigens wegen des Hofes, mit dem wir sehr bekannt sind, einige Tage
dort.



_Berlin_, den 21. März 1828.

Es freut mich, Ihnen, liebe Charlotte, sagen zu können, daß sich unser
Reiseplan so geändert hat, daß wir über Kassel gehen werden. Unser Plan
ist, am 31. von hier abzureisen, und hiernach können wir am 2. April in
Kassel sein. Eine Nacht bleiben wir dort auf jeden Fall, ob den
folgenden Tag und also zwei Nächte, weiß ich noch nicht. Überhaupt ist
kein Plan gewiß, wenn man mit mehreren reist.

Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. Es wird freilich nur auf eine oder
zwei Stunden sein können, aber es ist immer schön, sich wiederzusehen.
Komme ich früh genug an, so komme ich noch denselben Abend zu Ihnen; ist
es zu spät, so komme ich den folgenden Tag, wenn es auch vielleicht erst
am Abend sein sollte; komme ich früh genug und bleibe doch den folgenden
Tag, so sehe ich Sie beide Tage, Ich glaube nicht, daß mich eine Antwort
auf diesen Brief noch hier finden kann, sonst wäre es mir sehr lieb,
wenn Sie mir noch einige Zeilen herschrieben.

Leben Sie herzlich wohl!



Unterwegs.

Ich glaubte gestern noch bis 5 Uhr noch einmal zu Ihnen zu kommen, aber
es kam mir etwas dazwischen. Hätten Sie näher gewohnt, hätte ich Sie
dennoch, auf eine halbe Stunde gesehen. So war es unmöglich. Sie in
Ihrem Hause gesehen zu haben, hat mir große Freude gemacht und hat mir
einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. Ich schreibe Ihnen, liebe
Charlotte, gewiß bald aus Paris und hoffe auch dort einen Brief von
Ihnen zu finden.



_Paris_, den 23. April 1828.

Ich habe bei meiner Ankunft hier, liebe Charlotte, Ihren Brief vom
26. v. M. gefunden und darin Ihre Sorgfalt erkannt, mir Ihre Wohnung zu
bezeichnen. Noch lebhafter als für diese Sorgfalt aber danke ich Ihnen
für den lebendigen Ausdruck der Freude, der in Ihrem Briefe herrscht.
Ich bin hernach Zeuge dieser Freude selbst gewesen, und Ihre Freude, die
dieser Brief ausdrückt, hat mir dieselbe noch lebhafter zurückgerufen.
Sie ist mir ein neuer, sehr angenehmer Beweis Ihrer Gesinnungen gewesen,
oder vielmehr ich habe, da mir bisher nur immer Ihre Briefe diese
Gesinnungen aussprachen, sie nun in ihrer lebendigen, noch unendlich
mehr erfreuenden Äußerung gesehen. Es ist mir sehr viel wert, selbst bei
Ihnen gewesen zu sein, es hat mir einen anschaulichen Begriff Ihres
Lebens gegeben, noch außer der Freude, Sie wiedergesehen zu haben. Das
Leben, wie Sie es sich dort eingerichtet haben, ist sehr hübsch und
spricht für den Geist und die Weise, die Sie hineinlegen. Sie genießen
einer freundlichen und heiteren Einsamkeit, und alles in Ihrem kleinen
Hause, aber garnicht so kleinen Garten, spricht einen gleich beim
Hereinkommen so an, daß einem wohl darin wird. Und doch habe ich beides
nur bei rauhem Wetter und ohne Frühlings- und Sommerschmuck gesehen. Wie
viel muß der Garten durch beides gewinnen, wo Sie dann im vollen,
dichten Grün wohnen. Ich kann mir Sie jetzt in allen Momenten denken, da
ich alle die Plage gesehen habe, worin Sie Ihr Leben zubringen, und ich
finde es eine sehr hübsche Einrichtung, daß Sie das geräumige und
freundliche Zimmer unten, in dem wir waren, von Ihrer Arbeit abgesondert
halten und es nur besuchen, wenn Sie mit jemand sind oder frei allein
sein wollen. Eine Stube nimmt immer für den, der sie bewohnt, die Farbe
dessen an, was gewöhnlich darin vorgeht, und man sollte mehr darauf
denken, sich einen Ort aufzubewahren, der einen bloß an das erinnern
kann, was man frei von anderer Beschäftigung oder Zerstreuung darin
gedacht oder empfunden hat. Wie man dann nur die Wände erblickt,
erscheinen dieselben Gedanken und Empfindungen wieder, an die sich
andere anreihen. Es ist ebenso auf dem Lande mit Spaziergängen. Mir
wenigstens geht es immer so, daß ich nach kurzem Aufenthalt in einer
Gegend sie mir zu verschiedenen Gedanken und Gefühlen bestimme, und je
länger man sie in dieser Bestimmung braucht, desto mehr erwachen diese
Gefühle und Gedanken mit ihnen. Aber auch oben, wo Sie arbeiten, sind
ihre Zimmer hübsch und bequem, wenn auch klein. Diese Kleinheit kann
auch nichts Drückendes da haben, wo man gleich in einen freien und
großen Garten hinaus kann. In der Stadt wäre das viel anders. Ihre ganze
Einrichtung, in der sichtbar so viel Verstand, Ordnung und Genügsamkeit
herrscht, hinterläßt darum einen noch viel angenehmeren und
erfreulicheren Eindruck, weil es sichtbar ist, daß Sie sich dieses
Dasein selbst geschaffen haben und es erhalten; ich hoffe auch gewiß,
daß Ihre besonnenen Einrichtungen ferner von glücklichem Erfolg sein
werden, ob zugleich die Idee immer bei mir wiederkehrt, daß Sie ein
weniger angestrengtes Leben bei Ihnen zusagender größeren Muße genießen
möchten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welchen lebhaften und
aufrichtigen Anteil ich an der Erfüllung dieses Wunsches nehmen
würde. – – – –

Unsere Reise ist zwar recht glücklich gewesen, insofern als sich kein
sonderlich unangenehmer Zufall beigemischt hat. Aber wir sind von Kassel
aus viel langsamer gereist als bis dahin. Worüber wir uns sehr zu
beklagen gehabt haben, war das Wetter. Unterwegs, namentlich zwischen
Kassel und Frankfurt, war es wahrhaft winterhaft. Auf einer langen Reise
mit Frauen und Kindern ist das beschwerlich. In Frankfurt hielten wir
uns drei Tage auf, diese Verzögerung war aber nicht willkürlich diesmal,
sondern nötig. Teils war es meiner Frau und den Kindern notwendig
auszuruhen, teils waren Reparaturen am Wagen vorzunehmen. Der längere
Aufenthalt in Frankfurt war mir verdrießlich, weil er immer so viele
Tage dem hiesigen entriß, sonst hatte ich ihn nicht ungern, denn ich
habe Frankfurt immer geliebt, und es gibt wirklich nur sehr wenige
Städte in Deutschland, welche die Vergleichung damit ertragen können. Es
zeichnet sich hauptsächlich durch zwei Vorzüge aus. Einmal hat es so
äußerst hübsche Umgebungen. Ich rede hier nicht bloß von den schön
angelegten Pflanzungen, die die Stadt umgeben, sondern von der Gegend
selbst. Das Taunus-Gebirge gewährt von mehreren Punkten einen höchst
reizenden Anblick, und der Fluß kommt dazu. Ich bin immer mit großer
Freude dort spazieren gegangen. Dann aber bringt auch die Stadt den
Eindruck hervor, daß die Bewohner fast im allgemeinen eines großen oder
wenigstens hinreichenden Wohlstandes genießen. Der wahre, große
Reichtum, der sich daselbst befindet, ist nicht so, wie oft an andern
größeren Orten, von Armut und schreiendem Elend begleitet. Das gehört
aber sehr dazu, wenn einem an einem Orte wohl werden soll. Man fühlt an
jedem immer, bis auf einen gewissen Punkt, mit der ganzen Volkszahl, und
es ist einem nicht behaglich, wenn man in dieser Not und Armut in zu
großem Kontrast mit dem Wohlstande antrifft.

Von Frankfurt bis Saarbrück aus haben wir wieder größere Strecken Weges
zurückgelegt und sind am vierten Tage noch vor der hier gewöhnlichen
Stunde des Mittagessens, die allgemein sechs Uhr ist, angekommen. Das
Reisen durch Frankreich ist nicht mit großen Annehmlichkeiten verbunden.
Die Wege sind jetzt zum Teil schlecht und sehr schlecht, im ganzen
mittelmäßig und nirgends recht gut. Gute Wirtshäuser findet man nur in
den größten Provinzialstädten, wie Lyon usw. Der Anblick des Landes und
der Bewohner hat von der Seite, von der wir kamen, garnichts Anziehendes
und Fesselndes. Die Gegenden sind vielmehr höchst gewöhnlich und bieten
nicht einmal große Fruchtbarkeit oder Stärke der Vegetation dar. Was mir
aber immer am meisten in Frankreich mißfallen hat, ist der Anblick der
Dörfer gewesen. Sie lassen sich garnicht mit unseren deutschen
vergleichen. Sie bestehen entweder aus wenigen Häusern, die auf einmal,
ohne daß man es erwartet, an einer, oft an beiden Seiten des Weges
einander gegenüberstehen, und die von keinem Baume, von keinem Garten
umgeben oder angekündigt sind, oder sie gleichen unseren kleinen
Marktflecken und haben nicht das mindeste Ländliche. Die Bewohner sind
nicht anders. Sie haben entweder ein sehr ärmliches oder städtisches
Ansehen. Vorzüglich sind die Frauen und Mädchen garnicht hübsch und
anziehend. Allerdings trägt aber auch ihr Anzug dazu bei, sie weniger
anmutig erscheinen zu lassen, vor allem die schweren und ungeschickten
Holzschuhe. Dieser wenig reizende Anblick des Landvolkes und seiner
Wohnungen nimmt der Annehmlichkeit des Reisens in Frankreich sehr viel,
und wird von allen Reisenden bemerkt.

Hier in Paris hingegen befinde ich mich sehr wohl. Ich führe hier ein
meinem gewöhnlichen ganz entgegengesetztes Leben. Ich gehe den ganzen
Tag herum oder fahre, und bin im eigentlichsten Verstande nur eine
Stunde nach dem Aufstehen, einige vor dem Schlafengehen und bisweilen,
obgleich auch selten, den Mittag zu Hause. Da ich so verschiedene Male,
zum erstenmal schon 1789, hier war, so habe ich sehr viele
Bekanntschaften, und es fehlt nicht, daß sich nicht immer neue dazu
gesellen. Dann sind auch eine Menge Dinge zu besehen, und so vergeht der
Tag, wie lang er scheinen mag. Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, daß
mir ein Leben nicht eher zuwider ist, von dem ich zu Hause aus Wahl
gerade das Gegenteil führe, allein ich habe in den verschiedenen
Perioden meines Alters so verschieden gelebt, daß ich das jetzige Leben
nicht weniger neu nennen kann. Es ist auch überhaupt nicht meine Art, so
an einer Weise zu hängen. Mir ist ziemlich jede lieb, in die ich
geworfen werde oder selbst übergehe, und ich befinde mich immer
körperlich und geistig gleich wohl dabei.

Paris hat sich in den dreizehn Jahren, daß ich es nicht gesehen habe,
ungemein verschönert. Es sind viele einzelne schöne neue Gebäude, ja
ganze Straßen und Quartiere entstanden. Der Wohlstand, der Luxus, die
Volksmenge hat zugenommen, die Bewegung, die schon immer so groß war,
ist dadurch größer geworden. Auch in Wissenschaften und Künsten ist das
Leben und alles Interessante gestiegen. Eine solche Stadt ist mit keiner
bei uns zu vergleichen. Auch die größten deutschen haben dagegen etwas
Kleinstädtisches. Wenn man einmal nicht auf dem Lande wohnt, ist
allerdings eine solche Stadt jeder anderen vorzuziehen.

Ich hoffe jetzt, bald einen Brief von Ihnen, liebe Charlotte, zu
bekommen. Mit der innigsten und aufrichtigsten Teilnahme Ihr          H.



_London_, den 20. Mai 1828.

Wir sind gestern nachmittag hier angekommen, liebe Charlotte, und sind
alle vollkommen wohl. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 23. April
aus Paris richtig empfangen; ich habe seitdem den Ihrigen, am 8.
geschlossenen erhalten und danke Ihnen herzlich dafür.

Seit ich Ihnen aus Paris schrieb, ist es uns recht gut ergangen. Wir
haben Paris den 15. d. M. verlassen und sind am 19. von Calais gerade
nach London übergeschifft. Man macht die Überfahrt jetzt in Dampfbooten,
es gibt selbst für Reisende keine anderen mehr. Es ist auch eine sehr
bequeme Manier. Die Schiffe sind groß, haben außer der Anstalt für den
Dampf auch Segel, die sie, wenn der Wind günstig ist, auch gebrauchen,
und man kommt meistenteils, wie es unser Fall war, in weniger als zwölf
Stunden von Calais bis London über. Es war das schönste Wetter, was man
denken kann. Die ersten Stunden war die See, da der Wind lebhaft ging,
ziemlich hoch, und das Schiff schwankte sehr. Die meisten Personen
wurden krank, und viele legten sich zu Bett. Ich habe nie eine
unangenehme Empfindung auf dem Wasser, sondern bin immer auf dem Verdeck
geblieben und habe mich des wundervoll schönen Anblicks des Meeres
erfreut. Vorzüglich groß und schön war der Sonnenaufgang, der mich
umsomehr anzog, als ich ihn wirklich noch nie auf dem Meere gesehen
hatte. Wir segelten nämlich schon um drei Uhr morgens ab. Hier wohnen
wir bei meinem Schwiegersohn und sind also sehr angenehm im Schoße
unserer Familie. London überrascht immer aufs neue durch seine Größe,
seine Volkszahl und die daraus entstehende merkwürdige Bewegung. Es hat
weniger schöne freie Ansichten als Paris, das durch die großen
öffentlichen und vielen Privatgärten hier und da ein ordentlich
ländliches Ansehen hat. Aber es erregt als Stadt, als an einem Orte
zusammengeflossene und sich in beständiger Mannigfaltigkeit und doch im
höchsten Wohlsein regende Volksmasse, eine größere Bewunderung.

Wir werden nahe an zwei Monate hier bleiben und dann unsere Rückreise
antreten. Allerdings war es und ist es eine große, und unter den
Umständen, wie wir sie machten, anstrengende Reise. Aber den Hauptzweck
haben wir erfüllt, meine Tochter mit den Kindern an den Ort ihrer
Bestimmung gebracht. Das übrige wird ja auch gut gehen.

Es tut mir leid, daß Sie diesen Brief mit einiger Verspätung erhalten
werden. Ich kann ihn nicht anders als über Berlin gehen lassen, es ist
zu weitläufig, Ihnen das zu erklären, es ist aber so. Schreiben Sie mir
auf die gewöhnliche Weise. Ihr                  H.



_London_, Juni 1828.

Zu Ihrer gänzlichen Beruhigung noch etwas über meinen
Gesundheitszustand. Ich begreife nicht recht, was Sie, liebe Charlotte,
deshalb besorgt gemacht hat. Daß ich älter geworden bin, seit wir uns in
Frankfurt sahen, liegt in der Natur und dürfte Sie nicht wundern. Ich
bin bis auf diesen Tag auf der ganzen Reise durch meinen Körper an
nichts gehindert worden. Mein Körper fügt sich ohne irgendeine
Unbequemlichkeit in alle abweichenden Lebensweisen. Man ißt hier nie vor
halb acht Uhr zu Mittag, es wird aber oft auch acht und bisweilen neun
Uhr. Ich frühstücke, da man hier im Hause spät aufsteht, um halb zehn
Uhr, und nur Kaffee, ohne dazu zu essen, und dazwischen und dem
Mittagessen nehme ich nichts. Sie brauchen also gewiß nicht besorgt
meinetwegen zu sein.

Unser Aufenthalt hier nähert sich seinem Ende. Wir schiffen uns zwischen
dem 10. und 15. Juli wieder ein. Es tut mir sehr leid, nicht länger
bleiben zu können, aber mehrere zusammentreffende Umstände, vor allem
unsere Badereise und die Notwendigkeit, den 15. August in Gastein zu
sein, erlauben es nicht. Sonst fehlt es hier nicht an interessanten
Gegenständen, um eine viel längere Zeit sich angenehm zu beschäftigen.
Es gibt eine große Menge der schönsten und merkwürdigsten Kunstsachen
hier, ein unglaublicher Reichtum von Statuen und Gemälden, auch in
Privathäusern, die einzeln auszusuchen viel Zeit fordern. In Paris ist
das viel leichter, da man alles an wenig Orten beisammen findet.
Außerdem ist auch sehr viel für Wissenschaften und Sprachen zu tun,
vorzüglich für die letzteren, da hier aus allen Weltteilen Menschen
zusammenkommen. Endlich ist jetzt gerade die Zeit der meisten
Gesellschaften, so daß man ohne Ende mittags und abends ausgebeten ist.



Den 16. Juli.

Ich reise übermorgen von hier ab und gehe wieder über Paris, wo ich mich
aber nur acht Tage aufhalten werde. Dann gehe ich nach Gastein und mache
vielleicht nur noch einen Aufenthalt in München, wenn der König gerade
dort sein sollte, da ich diesen wieder zu sehen wünsche. Ich bin mit
meinem Aufenthalte hier sehr zufrieden und nehme wenigstens die
Beruhigung mit hinweg, liebe Charlotte, ihn so gut benutzt zu haben,
wie es unter den Umständen nur immer möglich war. Ich habe keine Sache
ganz versäumt, und diejenigen, welche ein besonderes Interesse für mich
hatten, habe ich vollkommen erschöpft. Auch sind wir alle vollkommen
wohl. Die Gesundheit meiner Frau hat sich sogar verbessert. Sie ist
garnicht in Gesellschaft gegangen, da man hier immer erst um halb acht
Uhr und oft später zu Mittag ißt und also die Abend-Gesellschaften nicht
vor elf Uhr angehen. Aber sie hat alles gesehen, was Interesse für sie
hatte. Das Parlament geht jetzt zu Ende, und die Leute fangen schon an,
aufs Land zu gehen, wo sie nun bis zum März künftigen Jahres bleiben.
Denn man richtet sich hier nicht nach der Jahreszeit, sondern einzig
nach den öffentlichen Geschäften. Auch macht die Jagd, daß jeder gern
den ganzen späten Herbst über auf dem Lande bleibt. London wird dann
sehr leer, und es gibt dann fast keine Gesellschaften mehr. Die keine
Landsitze haben, schämen sich dessen ordentlich und verhängen wohl gar
ihre Fenster gegen die Straße, um die Leute glauben zu machen, daß sie
auf dem Lande sind. Das Landleben ist aber größtenteils nur ein
Verpflanzen der Gesellschaft von der Stadt aufs Land. Dort hat jeder
Besitzer eine Menge von Besuchen und macht Einladungen auf mehrere Tage.
Auch sind die Engländer auf dem Lande offener und mitteilender als im
Getümmel der Geschäfte und den Zerstreuungen der Stadt.

Dem Gottesdienste habe ich hier mit meiner Frau einigemal beigewohnt, er
ist mir aber weniger erbaulich erschienen als bei uns. Es werden wohl
zwei volle Stunden, ehe die Predigt angeht, mit Ablesen von Stücken aus
der Bibel, Hersagen des Glaubens usw. zugebracht. Bei diesem Ablesen
wiederholen diejenigen, welche dem Altar am nächsten sind, vorzüglich
die Kinder, welche in der Religion unterrichtet werden, die letzten
Worte jedes Verses. Dieses hat natürlich etwas sehr Einförmiges und ist
auf die Länge wahrhaft ermüdend. Gesang der Gemeinde ist sehr wenig und
ebensowenig Orgelspiel, nur kurz und bald wieder abbrechend fallen
Gesang und Orgel ein. Die Predigt ist ebenfalls kurz, etwa eine halbe
Stunde. Die wir hörten, war äußerst kalt und durchaus nicht, was man
erbaulich nennen kann. Wie man mir sagt, ist dies der Ton und die Art
der meisten Prediger hier. Dann hat noch das Äußere etwas sehr
Störendes. Nur eine Reihe Bänke, etwa der vierte Teil der Kirche, ist
für jedermann frei. Die anderen sind verschlossen, gehören aber nicht
einzelnen Personen, wie bei uns eigentümlich, wenigstens nicht alle. Nun
stehen, wenigstens bis die Predigt angeht, zwei Frauen mitten in der
Kirche, mit dem Gesicht gegen die Tür gewandt. Diese weisen jedem, der
kommt und es wünscht, einen Platz in verschlossenen Bänken an und
empfangen dann, wenn sie die Leute wieder herauslassen, ein kleines
Geschenk. Ob sie dies ganz behalten oder etwas davon abgeben, weiß ich
nicht. Immer aber ist es widrig, den größten Teil des Gottesdienstes
über zwei Personen ohne alle Aufmerksamkeit darauf und mit etwas ganz
Weltlichem beschäftigt zu sehen. Freilich ist das Herumgehen mit dem
Klingelbeutel bei uns etwas noch mehr Störendes. Indes ist es auch in
mehreren Kirchen, wenigstens im Preußischen, abgeschafft.

Etwas ganz Neues für mich waren die Zusammenkünfte der Quäker. Ich
hatte, wie ich sonst hier war, sie zu sehen versäumt. Jetzt bin ich in
einer gewesen. Der Saal war vor einigen Jahren angebaut, sehr bequem und
reinlich, aber ohne alle, auch die geringste Verzierung oder
Ausschmückung. Das Licht fiel von oben ein, und weiter hatte der Saal
keine Fenster. Die Versammlung war sehr zahlreich, die Männer auf einer
Seite, die Frauen auf der anderen. Die Quäker haben, wie Sie gewiß
wissen, keine Prediger. Wer Mut und inneren Beruf in sich fühlt zu
reden, der steht auf und tut es. Sonst herrscht in der Versammlung eine
Totenstille. Wer spricht, tut das entweder von der Stelle aus, wo er
ist, oder geht auf einen etwas erhöhten Platz, auf dem aber mehrere
zugleich stehen können und der garnicht einer Kanzel gleicht. Als wir
darin waren, war es die zwei Stunden, die die Versammlung dauerte, fast
ohne alle Unterbrechung still. Indes sprach doch ein Mann und zwei
Frauen. Sie sagten nur einzelne, aber selbst, und wie es schien, im
Augenblick gemachte Gebete, von ganz kurzen Betrachtungen begleitet. Was
sie aber sprachen, war in sich sehr gut, von vielen Sprüchen aus der
Bibel begleitet und mit großer Innigkeit und Herzlichkeit vorgetragen.
Erst am Ende meines Briefes sage ich Ihnen, liebe Charlotte, meinen
herzlichsten Dank für den Ihrigen, den ich zu seiner Zeit richtig
empfangen habe, und der wie alle so viel Freundschaftliches, Gutes und
Liebes enthält. Sie können unausgesetzt fest überzeugt sein, daß diese
Gesinnungen für mich den größten Wert haben und immer behalten werden.

Leben Sie nun herzlich wohl und erhalten mir Ihre liebevollen
Gesinnungen, ich verbleibe mit denselben Ihnen wohlbekannten
unveränderlich Ihr                     H.



_Salzburg_, den 14. August 1828.

Ich schreibe Ihnen wieder aus Deutschland, liebe Charlotte, und aus der
Gegend, die man wohl die schönste von Deutschland nennen kann.
Wenigstens kenne ich keine, die man als schöner rühmen könnte. Die Lage
ist wirklich prachtvoll, eine lachende, fruchtbare Ebene, von der man
überall die Ansicht majestätischer Gebirge hat und in der selbst einige
wie hingeschleuderte Felsenpartien liegen. Diese sind wirklich
merkwürdig, und ich sah nirgends sonst ähnliche dieser Art. Es sind
nicht einzelne Felsstücke bloß, noch weniger einzelne gipfelige Berge,
sondern hohe, lange und verhältnismäßig schmale Felsmassen, die auf
ihrer Oberfläche eine mit fruchtbarer Erde bedeckte, mit Gärten und
Häusern geschmückte Ebene bilden.

Unsere Reise von London bis hierher war sehr glücklich, nur hat das
Wetter uns garnicht begünstigt. Bloß einzelne heitere und sonnige Tage,
sonst meistenteils Sturm und Regen. Kam ein schöner Tag, so war er
gleich von so schwüler Hitze und so stechender Sonne, daß sich ein
Gewitter zusammenzog und wieder Kühle und Regen herbeiführte. In London,
Paris und Deutschland war dasselbe unerfreuliche Wetter. Indes ist das
nun vorüber, und meine Wünsche gehen nur dahin, daß es besser mit dem
Wetter während des Gasteiner Badeaufenthalts sei. In der Mitte hoher
Gebirge und auf einem so hohen Standpunkte, wo das Haus, in dem man
wohnt, wenigstens so hoch als der Gipfel des Brocken liegt, sind milde
Sonne und liebliche warme Luft mehr als bloß angenehme Zugaben zum
Dasein. Unsere Überfahrt von London nach Calais war wieder sehr
glücklich, nur ging die See sehr hoch, und so machte das Schwanken des
Schiffs viele Kranke. Ich litt keinen Augenblick, sondern ergötzte mich
eher am Schaukeln. In Paris verlebte ich noch eine sehr angenehme Woche.
Ich würde recht gern einmal ein ganzes Jahr dort zubringen, und da meine
Frau den Aufenthalt dort auch liebt, so richte ich es vielleicht einmal
so ein. Der Weg durch das südliche Deutschland über Straßburg ist sehr
schön und bequem, und wenn wir fortfahren, Gastein zu besuchen, so ließe
es sich sehr gut machen, nach dem geendigten Badeaufenthalte eines
Jahres nach Paris zu gehen und zu dem des folgenden Jahres von da
zurückzukehren. Doch kommt zwischen solche Pläne leicht vieles – und so
ist es bis jetzt mehr Idee als Plan. In Straßburg ist eine sehr hübsche
Mischung von französischer und deutscher Art. Die Natur ist deutsch in
Gegend und Menschen. Das wird man gewahr, wie man den Elsaß von dem
schönen Bergrücken von Zabern übersieht. Es ist einer der schönsten
Anblicke, die man haben kann. Lieblich geformte Hügel und Berge, schön
mit Gebüsch und Wald bekränzt, und auf den Gipfeln mehrere Gemäuer alter
Burgen, ganz wie man sie so oft in Deutschland sieht, wie sie aber
Frankreich gänzlich fremd sind. Die Physiognomien bieten auch ganz
deutsche Gesichtszüge dar, und ebenso ist auch das Benehmen der Menschen
im ganzen. Damit ist nun das französische Wesen verbunden und gleichsam
darauf gepfropft. Ich finde diese Mischung interessant und angenehm
zugleich. Von einer anderen Seite betrachtet, könnte man auch vielleicht
anders darüber urteilen, und gerade über die Vermischung das
Verdammungsurteil aussprechen. Denn es ist freilich nun weder echte
Deutschheit, noch wahres französisches Wesen in ihnen. Das fühlt sich am
meisten in der Sprache. Sie sind wohl aus dem einen heraus, aber nicht
völlig ins andere hinein gekommen. Nach dem Elsaß und wohl noch mehr ist
Schwaben ein liebliches Land, in den Gegenden wie den Menschen. Wenn die
Schwaben wie zu einem Sprichwort in Deutschland geworden sind, so ist
das einer Art Naivetät zuzuschreiben, die der spöttisch Urteilende
leicht von einer lächerlichen Seite als Einfalt darstellen kann. Mehr
und bös ist’s auch wohl mit dem Spottnamen nicht gemeint. An sich sind
die Schwaben vielleicht die lebhafteste, leicht beweglichste und
phantasiereichste unter den deutschen Völkerschaften.

Es freut mich, daß Sie sich fortwährend gern mit dem Sternenhimmel
beschäftigen, wie ich es beklage, daß mein Auge nicht mehr dafür
ausreicht. Ich gebe sehr ungern einen Genuß auf, der mich so oft
gestärkt und erhoben hat, und eines Glases bediene ich mich nicht gern.
Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 2. September nach Bad Gastein
über Salzburg, nachher nach Berlin.

Leben Sie recht wohl, mit dem lebhaftesten
Anteil der Ihrige.                     H.



_Bad Gastein_, den 14. September.

Ein einfach ruhig zufriedenes Stilleben, wie Sie es genießen und sich
nach Ihrer Neigung geschaffen haben, ist eigentlich das Höchste, was der
Mensch besitzen kann. Es ist meiner innersten Empfindung nach nicht nur
dem nach außenhin mannigfach bewegten Leben vorzuziehen, sondern auch
wirklicher innerer, aber nur augenblicklich erscheinender Freude
wenigstens gleichzusetzen. Die Stille und Ruhe gönnen dem inneren Sein
eine tiefere Macht und ein freieres Walten, und es ist immer, meiner aus
langer Erfahrung geschöpften Überzeugung nach, besser, wenn das Innere
nach außen, als wenn umgekehrt das Äußere nach innen strömt. Es scheint
zwar wohl, als könnte sich das Innere nur von außenher bereichern und
befruchten; allein dies ist ein trügerischer Schein. Was nicht im
Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein; was von außen in
ihn eingeht, ist nichts als ein zufälliger Anhalt, an dem sich das
Innere, aber immer aus seiner nur ihm angehörenden eigentümlichen Fülle
entwickelt. So wie ein tiefer und reicher Gehalt inwendig vorhanden ist,
so kommt es niemals so viel auf den äußeren Anlaß der Entwicklung an.
Jeder, auch der kleinste, ist hinreichend, da hingegen bei mangelndem
inneren Gehalt auch der reichlichste äußere Zufluß wenig oder nichts
hervorbringen würde. Ich habe dies oft in Absicht von wissenschaftlichen
Kunstkenntnissen gesehen. Bei Männern ist weniger zu bemerken, da sie
diese Kenntnisse sehr oft wieder nur zu äußeren Zwecken anwenden und man
weiter nun nichts gewahr wird, oder danach fragt, wie dieselben auf ihr
Inneres gewirkt haben. Aber bei Frauen ist das anders, und da sind mir
mehrere vorgekommen, die wirklich recht viele und in gewisser Art sogar
gelehrte Kenntnisse hatten, aber in ihrem Geist und Gemüte, also in
ihrem ganzen Innern darum nicht mehr gebildet, wenigstens nicht mehr
bereichert waren, als wenn ihnen das alles gefehlt hätte. So sehr kommt
es darauf an, daß das Innere dem äußeren Objekt, welches es in sich
aufnimmt, auch selbständig entgegenwirke....

Wir reisen den 17. d. M. von hier, halten uns aber, wenn nichts
dazwischen kommt, noch einige Tage in Franken auf. Es ist daher
wahrscheinlich, daß wir erst im Anfang Oktober nach Berlin und Tegel
zurückkommen. Schreiben Sie mir nach Berlin wie gewöhnlich. So werden
alsdann die sechs Monate abgelaufen sein, wo ich einen so wechselnden
Aufenthalt gehabt habe. Leben Sie recht wohl und rechnen Sie fortdauernd
mit Gewißheit auf meine unveränderliche Teilnahme. Ganz der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 16. Oktober 1828.

Es mag wohl ein Jahr her sein, daß ich Ihnen, liebe Charlotte, nicht von
hier aus schrieb. Ich freue mich aber desto mehr, es heute zu tun, und
danke Ihnen recht herzlich, daß Sie mich in Ihrem lieben Brief, den ich
hier fand, so herzlich beglückwünschen zu der Heimkehr in die schöne,
liebliche Heimat. Ja, liebe Charlotte, Sie haben recht, darin eine
eigene Freude zu sehen, und es erhöht in der Tat die meinige, daß Sie
dieselbe so liebevoll mitempfinden.

Es freut mich sehr, daß fortwährend die Sterne Ihnen eine wohltuende,
erheiternde Beschäftigung gewähren, um so mehr, da Sie mir sagen, daß
Sie doch oft in einer mehr als wehmütigen Stimmung sich befinden.

Am Himmel werden Sie sich bald orientieren, da Sie einen schönen und
weiten Horizont von allen Seiten haben und in Ihren Beobachtungen
fortfahren. Außer dem Buche von Bode, das ich Ihnen einmal empfohlen
habe, kann ich Ihnen für das Erkennen der Sterne einen Rat geben, der
Ihnen gewiß nützlich sein wird. Man muß nämlich den Himmel nach einer
gewissen Methode durchgehen und sich große Abteilungen machen. Zuerst
müssen Sie suchen, die Sterne recht genau und fest zu erkennen, die bei
uns niemals untergehen und nur vor der Helligkeit des Tages
verschwinden, sonst aber ihren ganzen täglichen Kreis vor unseren Augen
vollenden würden. Sie stehen bekanntlich nur, wie Sie wissen, im Norden
und drehen sich um den Polarstern und die beiden Bären herum und sind
leicht zu erkennen, da man sie an jedem sternenhellen Abend sieht, und
sie zu denselben Stunden in allen Jahreszeiten dieselbe Stelle haben. Zu
diesen gehört auch die Capella, deren Sie erwähnen. Zweitens müssen Sie
die zwölf Sternbilder des Tierkreises aufsuchen. Man sieht in jeder
Jahreszeit immer nur sechs auf einmal am Himmel. Bliebe man eine ganze
Nacht auf, so gehen natürlich einige unter und andere kommen herauf.
Allein einige werden dann immer vom Tage überholt. Wenn man nur _eins_
recht fest kennt, sind die andern sehr leicht zu finden, da sie wie in
einem großen Gürtel um den Himmel herumliegen, man also die Richtung, in
der man suchen muß, nicht verfehlen kann, wenn man sich vorher mit der
Ordnung und Folgenreihe, vor- und rückwärts, recht bekannt gemacht hat.
Die im Winter, im Januar und Dezember, so zwischen sieben und neun Uhr
erscheinen, sind schöner als diejenigen, die man zu gleicher Zeit im
Sommer sieht. Der Löwe ist ein sehr schönes Gestirn, ist aber jetzt erst
in späten Stunden sichtbar. Die Planeten erscheinen immer nur in
demselben Gürtel und können diejenigen, die noch nicht recht geübt sind,
manchmal sehr irre machen. Allein man lernt sie doch auch bald
unterscheiden; kennt man einmal recht fest die nie untergehenden
nördlichen Gestirne und die Tierkreiszeichen, so ist es dann leicht,
sich für die noch übrigen Gestirne zurechtzufinden. Denn nun macht man
sich mit denen bekannt, die zwischen dem Tierkreis und den nie
untergehenden Gestirnen, und dann mit denen, die zwischen dem Tierkreis
und dem südlichen Horizont auf- und untergehen. Bodes Anleitung zur
Kenntnis des gestirnten Himmels hat das Angenehme, daß sie Karten für
jeden Monat enthält, auf denen man natürlich die Sterne leichter findet,
da jede Karte genau so ist, als der Himmel zu einer dabei angegebenen
Stunde an dem Tage, oder wenigstens in dem Monat gerade ist.

Sie sagen sehr richtig, daß das Betrachten des gestirnten Himmels von
der Erde abzieht und die Seele mit höheren Ahnungen, Sehnen und Hoffen
erfülle, tröste und erhebe. Das tut es im höchsten Grade. Wenn man diese
unendliche, unzählige Menge von Gestirnen betrachtet und bedenkt, so
scheint es zwar ein ordentlich schaudernder Gedanke, daß eine so
ungeheure Menge im Weltall herumschwimmt. Der Mensch fühlt sich darin
gleichsam wie erdrückt. Allein die Ordnung und Harmonie, in denen alle
Bewegungen vor sich gehen und alle Zeiten hindurch vor sich gegangen
sind, ist ein wohltätiges, tröstendes Zeichen einer höheren Macht, einer
geistigen Herrschaft, die wieder beruhigt und die Besorgnis tröstend
aufhebt. Mit unveränderlicher Teilnahme Ihr     H.



_Berlin_, den 16. November 1828.

Sie klagen auch darüber, liebe Charlotte, daß es oft ist, als könne man
im Schreiben garnicht fort; Augen, Hand und Feder sind wie im Bündnis
gegen alles Gelingen der Handschrift. Man gibt sich Mühe, nimmt sich
vor, recht langsam zu schreiben, damit es nur deutlich werde, aber alle
Vorsätze scheitern, und es ist närrisch, daß man dann immer kleiner und
kleiner schreibt. Mir geht es oft so, als ob ich gar keine großen
Buchstaben machen könnte, und ich denke dann, wieviel Nachsicht Sie und
alle haben müssen, die mich lesen wollen. Wirklich war Ihr letzter Brief
auch weniger hübsch und gut, als Sie sonst tun, geschrieben. Die
Handschrift war nicht undeutlich, aber man sah ihr die Beschwerde an.

Aber mit mehr Bedauern habe ich gesehen, daß Sie sehr bekümmert und
sorgenvoll waren. In solchen Gemütszuständen, liebe Freundin, muß man
immer die äußeren Veranlassungen scheiden von der inneren Anlage des
Gemüts zu Heiterkeit und Ruhe, oder zu Besorgnis und Schmerz. Das Innere
ist immer das Mächtigste. Auch wahres, selbst erschütterndes Unglück
wird leichter und schwerer aufgenommen, je nachdem die Seele schon von
lichteren und düsteren Ideen erfüllt ist. Bei Ihnen scheint mir das
gerade jetzt noch mehr der Fall, und da bitte ich Sie inständig, dem
entgegen zu arbeiten. Ich rechne es schon zu diesen dunklen Stimmungen,
daß Sie, ohne doch krank zu sein, bald zu sterben glauben. Sie sagen
zwar, und gewiß mit voller Wahrheit, daß Ihnen gerade die Todesgedanken
freudige und Ihrer Neigung zusagende sind, und niemand kann dies besser
begreifen als ich. Ich habe nie die mindeste Furcht vor dem Tode gehabt,
er wäre mir in jedem Augenblick willkommen. Ich sehe ihn als das an,
was er ist, die natürliche Entwickelung des Lebens, einen der Punkte, wo
das unter gewissen endlichen Bedingungen geläuterte und schon gehobene
menschliche Dasein in andere, befriedigendere und erhellendere gelangen
soll. Was menschlich ist, in dem Ausbildungsgange des Lebens liegt, was
alle Menschen miteinander teilen, das kann der irgend Weise nicht
fürchten, er muß es vielmehr begünstigen und lieben, gleichsam mit
Wißbegierde, so lange die Besinnung ihm beiwohnt, auf den Übergang
achten, versuchen, wie lange er das fliehende Hier noch zu halten
vermag. Ich hörte bisweilen sagen, der Tod müsse gewiß von einem
wohltätigen und angenehmen Gefühl begleitet sein, und das ist mir
selbst, wenn auch manchmal das Gegenteil stattzufinden scheint,
glaublich. Die Schmerzen pflegen zu weichen, alle Unruhe sich zu legen,
und fast immer haben Tote, ehe die Züge entstellt und verzogen werden,
etwas Ruhiges, Friedliches, selbst oft etwas Erhebendes und Verklärtes.
Bei alledem muß man es doch eine düstere Gemütsstimmung nennen, wenn man
sich dem Tode nahe glaubt. Der Tod ist immer ein Ausscheiden aus aller
bekannten Heimat, ein Gehen ins Neue und Fremde. So trafen äußere
unerwünschte Umstände schon bei Ihnen auf ein wenigstens sehr ernst
bewegtes Gemüt. Suchen Sie, teure Charlotte, denn auch hier da die
Heilmittel, wo Sie sie schon oft fanden, in Ihrem Innern, in Ihrem
Gottvertrauen, was Sie nie im Stich ließ. Es wird Sie aufs neue retten,
und Trost und Hilfe erscheinen, wenn Sie sie auch noch nicht sehen.
Immer schütten Sie Ihr beklommenes Herz mir aus, immer werden Sie
dieselbe Teilnahme in mir finden, die keiner Veränderung fähig ist.
Ganz der Ihrige.   H.



Den 16. Dezember 1828.

Es wird mich sehr freuen, eine Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung zu
bekommen. Sie wissen, daß ich auch an Ihrem vergangenen Leben einen
warmen und innigen Anteil nehme, und daß außerdem schon jede recht
individuelle Schilderung für mich einen hohen Reiz hat, der mich anzieht
und verweilen läßt. Ich fühle aber sehr gut, daß eine solche Schilderung
aufzusetzen und aus den Händen zu geben, eine große und schwer zu
überwindende Schwierigkeit hat. Es kommen doch im Leben der Menschen
immer Dinge vor, die gerade in den besten und feingesinntesten Gemütern
eine gewisse Scheu, sie auszusprechen, hervorbringen. Ich meine damit
garnicht solche, die man sich gleichsam zu gestehen scheute, weil man
fürchtet, deshalb ungünstig beurteilt zu werden. O nein, es gibt Dinge,
die garnicht dieser, sondern ganz entgegengesetzter Natur sind, und
deren man sich eher rühmen könnte, die aberdoch ein gewisses Zartgefühl
über die Lippen gehen zu lassen und gar durch die Feder dem Papier
anzuvertrauen verbietet oder schwer macht. Es kommen auch Dinge vor, die
andere in ein nachteiliges Licht stellen, und die man also, wie sehr es
auch ihre Urheber verdient haben möchten, ungern ans Licht bringt. So
wie man aber von dem Grundsatz abgeht, bei einer Lebenserzählung nur
bloß und einfach die Erinnerungen seines Gedächtnisses abzuschreiben und
gänzlich darauf Verzicht zu leisten, zu beurteilen, was wohl gesagt
werden kann, und was verschwiegen oder verhüllt werden muß, so ist der
Reiz einer wahren Naturschilderung dahin. Es ist nicht die einfache,
nicht die vollständige, und mithin nicht die wahre Geschichte. Es ist
keine Erzählung der Vergangenheit, sondern eine aus dem Standpunkt des
späteren Lebens gemachte Beschreibung derselben. Man glaubt wohl, die
moralische und geistige Wahrheit, um die es eigentlich zu tun sei,
verliere nichts, wenn man zwar hier und da eine Tatsache nur halb oder
allgemein erzählt, allein ganz treu und wahr die Wirkung schildert, die
diese Tatsache auf die Empfindung und das Gemüt hervorgebracht habe.
Wenn z. B. jemanden ein verletzendes Wort gesagt worden sei, so komme es
nicht darauf an, dies selbst zu wiederholen. Man könne es vielmehr ganz
füglich verschweigen, wenn man nur den Eindruck des Wortes auf den, der
es hören mußte, beschreibt. Dies ist aber durchaus falsch. Denn es hört
nun aller Maßstab der ganzen Szene auf, den der Art und dem Grade nach
bloß das Wort selbst, einfach ausgesprochen, geben kann. Ich sage Ihnen
das so ausführlich, weil ich mit Ihnen recht offenherzig und nicht bloß
obenhin über die Fortsetzung Ihrer Lebenserzählung sprechen möchte. Ich
kann Ihnen nicht raten, dieselbe weiter als zu dem Punkte fortzusetzen,
wo Sie sicher sind, alles und jedes, wie es Ihnen Ihr Gedächtnis gibt,
ohne die mindeste und leiseste Retizenz niederzuschreiben. Dies war in
dem Teile, den Sie mir bis jetzt schickten, nicht nur möglich, sondern
Ihnen nach Ihrem Charakter selbst leicht, und ich bin sicher, daß Sie in
diesem so gehandelt haben. Sie konnten es, ohne irgendein eigenes oder
fremdes Gefühl zu verletzen. Es ist möglich, daß dies auch ferner der
Fall sei, allein ich kann mir auch sehr gut das Gegenteil denken. Dann
würde ich es ganz natürlich finden, daß Sie den Schmerz der Erinnerung
scheuen und vernarbte Wunden nicht aufreißen wollen; mir aber würde
durch den Gedanken eines solchen mir gebrachten Opfers alle Freude
genommen, die mir bisher durch den Empfang jedes Ihrer Hefte geworden.
Wenn von Biographie die Rede ist, habe ich nun einmal den Begriff nur
von historischer Wahrheit, von dem ich, bei dem großen und innigen
Anteil, den ich an Ihnen nehme, auch mit dem besten Willen nicht abgehen
könnte. An sich aber halte ich es für gut und heilsam, sein eigenes
Leben so buchstäblich durchzugehen, und das Zartgefühl, das Retizenzen
hervorbringt, für ein falsches, obgleich unendlich natürliches und daher
verzeihliches. Indes mißtraue ich hier meinem eigenen Gefühle, da ich
bei weitem mehr ein glückliches Leben, in einer ganz genügenden Lage,
geführt habe; man könnte dann leicht dahin kommen, den unrichtigen
Maßstab an andere zu legen, wovor ich mich immer gehütet habe. Noch
einmal also, liebe Charlotte, wiederhole ich das schon oft Gesagte,
folgen Sie Ihrem Gefühl; leidet dies nicht bei der Arbeit, so rechnen
Sie immer mit Gewißheit darauf, daß Sie mir eine große Freude dadurch
machen, aber nur auch unter der Bedingung, daß Sie ganz und ohne alle
Retizenz wahr schreiben können. Sie können zu mir auch, wie man im
Sprichwort sagt, wie in ein Grab sprechen. Ihre Hefte liegen
wohlverwahrt in meinem Pult und können nach meinem Tode nur ins Feuer,
ungelesen, gehen. In meiner Lage habe ich Gelegenheiten, dies zu
veranstalten, die durch keinen Zufall irgendeiner Art vereitelt oder
umgangen werden können. Ich halte es für Pflicht, Sie über diesen Punkt
auch fest zu beruhigen, es ist schon Pflicht der Dankbarkeit für die
vertrauensvolle, innige, rücksichtslose Hingabe, die Sie mir seit einer
langen Reihe von Jahren bewiesen und offen gezeigt haben.

Das Jahr ist am Abscheiden, und wie ich gern verweile bei so viel
schönen Genüssen, die es gewährte, worunter ich auch Ihr Wiedersehen
rechne, so scheide ich nicht ohne sehr trübe Ahnung dessen, was das
kommende bringen kann – und ich erkenne mit wehem Gefühl, daß es
ähnlich in Ihrem Gemüte ist. Möge die Vorsehung von Ihnen, gute
Charlotte, neue Prüfung abwenden! Das ist mein herzlicher Wunsch.

Seit unserer Rückkunft ist meine Frau bedeutend an mehreren
zusammenkommenden Übeln krank; es ist wenigstens kein Zeitpunkt der
Besserung mit Wahrscheinlichkeit vorauszusehen. Dies stört meine innere
Lage in diesem Winter sehr.

Ich bitte Sie, mir den 30. d. M zu schreiben. Leben Sie recht wohl und
rechnen Sie immer auf meine Ihnen bekannten Gesinnungen der Zuneigung
und lebhaften Teilnahme. Ganz der Ihrige.               H.



_Berlin_, März 1829.

Ihr Brief hat mich in einer Zeit gefunden, die ich zu den traurigsten
meines Lebens rechnen kann. Mit meiner Frau geht es zwar etwas
leidlicher, allein der Zustand ist von einem Tage zum andern immer mehr
von der Art, daß er über den endlichen Ausgang keinen Zweifel übrig
läßt.

In solchen Momenten, die zu den ernstesten des Lebens gehören, bedarf
man es, sich in sich zurückzuziehen und die Fassung da zu suchen, wo die
Quelle aller Stärke und aller inneren Ausgleichung mit dem Schicksal
ist.



_Berlin_, den 31. März 1829.

Ich kann Ihnen, liebe Charlotte, heute nur wenige Zeilen schreiben. Ich
habe den tiefen Schmerz erfahren, dem ich, wie Ihnen mein letzter Brief
sagte, entgegensah. Meine Frau ist am 26. d. M. früh gestorben und
gestern in Tegel beerdigt worden. Sie hatte ein viermonatiges
Krankenlager erduldet und viel gelitten, wenn sie auch von heftigen
Schmerzen ziemlich befreit blieb. Ihr klarer, heiterer, dem Tode und dem
Leben eigentlich gleich zugekehrter Sinn war ihr unverrückt geblieben.
Ihre letzten Stunden waren ruhig, sanft und durchaus schmerzlos. Sie
behielt bis zum letzten Atemzug ihre volle Besinnung und sprach noch
wenige Augenblicke vor ihrem Verscheiden mit fester, unbewegter Stimme
mit uns, ihren beiden älteren Töchtern und mir. Ihre Worte waren eben so
einfach, als der Ton ruhig, in dem sie sie sprach. Je näher der
Augenblick des Todes kam, je ruhiger und friedlicher wurden ihre Züge.
Auch nicht das leiseste Zucken der Lippen entstellte sie. Ihr Tod war
ein allmähliches übergehen in einen tiefen Schlaf.

       *       *       *       *       *

_Später_.

Ich habe einen ganz unerwarteten, neuen und sehr bitteren Verlust
erlitten. Ein sehr genauer Freund von uns, der alle Abende seit Jahren,
wenn wir in der Stadt waren, bei uns zubrachte und auf dem Lande oft
bei uns war, ist nach einer sehr kurzen Krankheit gestorben. Er hatte
noch mit mir am Grabe meiner Frau gestanden, und gestern war ich bei
seinem Leichenbegängnisse. Sein Verlust betrübt mich sehr und ich werde
ihn schmerzlich vermissen.



_Berlin_, den 18. Mai 1829.

Unsere Briefe, liebe Charlotte, haben sich gekreuzt. Mein Brief wird
Ihnen gezeigt haben, daß ich ihrem Wunsch, Nachricht von mir zu
erhalten, zuvorgekommen bin. Und weil Sie es gern sehen, sage ich Ihnen
zuerst, daß meine Gesundheit ganz gut ist. Im höheren Alter, wie ich
mich darin befinde, hat man immer hie und da eine kleine
Unbequemlichkeit und nach langen Wintern leicht Rheumatismen. An solchen
Kleinigkeiten leide ich natürlich auch bisweilen, allein das geht
vorüber. Wenn meine Briefe nichts von Krankheit sagen, können Sie mit
Sicherheit annehmen, daß ich gesund bin. Von meinem Befinden und
überhaupt von mir zu reden, ist mir im hohen Grade zuwider. Mich freut
eine liebevolle Teilnahme, wenn ich, wie bei Ihnen, liebe Charlotte,
überzeugt bin, daß sie aus aufrichtiger und wahrhaft teilnehmender
Brust, aus innig teilnehmendem Herzen entspringt. Aber sie würde mir
peinlich werden, wenn ich sie gewissermaßen in Anspruch nehmen, sie an
einzelnen Beispielen wahrnehmen müßte. Sie ist mir ein schöner Genuß,
wenn ich sie mit überhaupt als in den Gesinnungen liegend denke, die Sie
mir seit so langer Zeit mit so großer Treue schenken, und auf deren
Beständigkeit ich immer mit Sicherheit rechnen kann.

Ich schrieb Ihnen neulich von dem Tode eines vertrauten Freundes, in dem
ich sehr viel verloren habe. Jetzt blühen nun schon Frühlingsblumen auf
seinem Grabe, wie auf dem meiner Frau. So geht die Natur ihren ewigen
Gang fort und kümmert sich nicht um des in ihrer Mitte vergänglichen
Menschen. Mag auch das Schmerzhafteste und Zerreißendste begegnen, mag
es sogar eine unmittelbare Folge ihrer eigenen, gewöhnlichen
Umwandlungen oder ihrer außerordentlichen Revolutionen sein, sie
verfolgt ihre Bahn mit eiserner Gleichgültigkeit, mit scheinbarer
Gefühllosigkeit.

Diese Erscheinung hat, wenn man eben vom Schmerz über ein schon
geschehenes Unglück oder von Furcht vor einem drohenden ergriffen ist,
etwas wieder schmerzlich Ergreifendes, die innere Trauer Vermehrendes,
etwas, das schaudern und starren macht. Aber so wie der Blick sich
weiter wendet, so wie die Seele sich zu allgemeinen Betrachtungen
sammelt, so wie also der Mensch zu der Besonnenheit und Ergebung
zurückkehrt, die seiner wahrhaft würdig sind, dann ist gerade dieser
ewige, wie an ihr Gesetz gefesselte Gang der Natur etwas unendlich
Tröstendes und Beruhigendes. Es gibt dann doch auch hier schon etwas
Festes, »einen ruhenden Pol in der Flucht der Erscheinungen«, wie es
einmal in einem Schillerschen Gedichte sehr schön heißt. Der Mensch
gehört zu einer großen, nie durch einzelnes gestörten noch störbaren
Ordnung der Dinge, und da diese gewiß zu etwas Höherem und endlich zu
einem Endpunkte führt, in dem alle Zweifel sich lösen, alle
Schwierigkeiten sich ausgleichen, alle früher oft verwirrt und im
Widerspruch klingenden Töne sich in einen mächtigen Einklang vereinigen,
so muß auch er mit eben dieser Ordnung zu dem gleichen Punkte gelangen.
Der Charakter, den die Natur an sich trägt, ist auch immer ein so
zarter, kein auch die feinste Empfindung verletzender. Die Heiterkeit,
die Freude, der Glanz, den sie über sich verbreitet, die Pracht und
Herrlichkeit, in die sie sich kleidet, haben nie etwas Anmaßendes oder
Zurückstoßendes. Wer auch noch so tief in Kummer oder Gram versenkt ist,
überläßt sich doch gern den Gefühlen, welche die tausendfältigen Blüten
des sich verjüngenden Jahres, das fröhliche Zwitschern der Vögel, das
prachtvolle Glänzen aller Gegenstände in vollen Strahlen der immer mehr
Stärke gewinnenden Sonne erwecken. Der Schmerz nimmt die Farbe der
Wehmut an, in welcher eine gewisse Süßigkeit und Heiterkeit selbst ihm
garnicht fremd sind. Sieht man endlich die Natur nicht wirklich als das
All, als das die Geister- und Körperwelt vereinigende Ganze an, nimmt
man sie nur als den Inbegriff der dem Schöpfer dienenden Materie und
ihrer Kräfte, so gehört nicht der Mensch, sondern nur der Staub seiner
irdischen Hülle ihr an. Er selbst, sein höheres und eigentümliches
Wesen, tritt aus ihren Schranken heraus und gesellt sich einer höheren
Ordnung der Dinge bei. Sie sehen hieraus ungefähr, wie mich der zwar
langsam erscheinende, aber schöne Frühling ergreift, wie ich ihn
genieße; wie er sich mit meinen innersten Empfindungen mischt. Es gibt
Ihnen zugleich ein Bild meines Innern selbst. Mein Leben kann keine
wahrhaft freudigen Eindrücke, nur wehmütige und traurige in diesem
Augenblick erfahren, und wenn ich in diesem Augenblick sage, so tue ich
das nur, weil ich nie gern etwas von der Zukunft sage, weil ich von
aller Affektation immer frei gewesen bin, und, wenn eine wahrhaft
fröhliche Stimmung in mich zurückkehrte, ich gar kein Hehl haben würde,
es zu sagen, und kein Bedenken, mich ihr zu überlassen. Eigentlich
glaube ich aber allerdings, daß meine jetzige Stimmung auch meine
künftige sein wird. Ich habe nie begriffen, wie die Zeit einen Schmerz
um einen Verlust soll verringern können. Das Entbehren dauert durch alle
Zeit fort, und die Linderung könnte nur darin liegen, daß sich die
Erinnerung an den Verlust schwächte, oder man sich gar im Gefühl des
Alleinstehens enge an ein anderes Wesen anschlösse, was, hoffe ich, mir
ewig fern bleiben wird, wie es jeder edeln Seele fern bleibt. Es ist mir
aber auch sehr recht, daß es in mir bleibe so wie es ist. Ich habe für
mich nie das Glück in freudigen, das Unglück nie in schmerzhaften
Empfindungen gesucht, das, was die Menschen gewöhnlich Glück oder
Unglück nennen, nie so angesehen, als hätte ich ein Recht zu klagen,
wenn statt des Genusses des ersteren das letztere mich beträfe. Ich bin
eine lange Reihe von Jahren an der Seite meiner Frau unendlich glücklich
gewesen, größtenteils allein und ganz durch sie, und wenigstens so, daß
sie und der Gedanke an sie sich in alles das mischte, was mich wahrhaft
beglückte. Dies ganze Glück hat der Gang der Natur, die Fügung des
Himmels mir entzogen, und auf immer und ohne Möglichkeit der Rückkehr
entzogen. Aber die Erinnerung an die Verstorbene, das, was sie und das
Leben mit ihr in mir gereift hat, kann mir kein Schicksal, ohne mich
selbst zu zerstören, entreißen. Es gibt glücklicherweise etwas, das der
Mensch festhalten kann, wenn er will, und über das kein Schicksal eine
Macht hat. Kann ich mit dieser Erinnerung ungestört in Abgeschiedenheit
und Einsamkeit fortleben, so klage ich nicht und bin nicht unglücklich.
Denn man kann großen und tiefen Schmerz haben und sich doch darum nicht
unglücklich fühlen, da man diesen Schmerz so mit dem eigensten Wesen
verbunden empfindet, daß man ihn nicht trennen möchte von sich, sondern
gerade, indem man ihn innerlich nährt und hegt, seine wahre Bestimmung
erfüllt. Die Vergangenheit und die Erinnerung haben eine unendliche
Kraft, und wenn auch schmerzliche Sehnsucht daraus quillt, sich ihnen
hinzugeben, so liegt darin doch ein unaussprechlich süßer Genuß. Man
schließt sich in Gedanken mit dem Gegenstande ab, den man geliebt hat
und der nicht mehr ist, man kann sich in Freiheit und Ruhe überall nach
außen hinwenden, hilfreich und tätig sein, aber für sich fordert man
nichts, da man alles hat, alles in sich schließt, was die Brust noch zu
fühlen vermag. Wenn man das verliert, was einem eigentlich das Prinzip
des gedankenreichsten und schönsten Teils seiner selbst gewesen ist, so
geht immer für einen eine neue Epoche des Lebens an. Das bis dahin
Gelebte ist geschlossen, man kann es als ein Ganzes überschauen, in
seinem Gemüt durch Erinnerung festhalten und mit ihm fortleben; Wünsche
aber für die Zukunft hat man nicht mehr, und da man durch diese
Erinnerung eine beständige geistige Nähe gewissermaßen genießt, in allen
seinen Kräften sich gehoben empfindet, behält auch das Leben, das ja die
Bedingung aller dieser Empfindungen ist, noch seinen Reiz. Ich empfinde
keine Freude der Natur schwächer als sonst, nur die Menschen meide ich,
weil die Einsamkeit mir inneres Bedürfnis ist.



_Tegel_, den 12. Juni 1829.

Ich danke Ihnen sehr, liebe Freundin, für Ihren letzten Brief, den ich
mit großem und gewohntem Anteil gelesen habe. Ich danke Ihnen besonders
für das, was Sie in Rücksicht auf mich und meine Gefühle sagen. Sie
sehen aus meinen Briefen, daß ich ruhig und besonnen bin. Ich lebe, und
das kann nur mit jedem Jahr ausschließlicher zunehmen, im Andenken der
Vergangenheit, mit dem Glück, das die Gegenwart nicht mehr gibt. In
diesem Andenken bin ich reich, und insofern zufrieden, als ich fühle,
daß dies gerade das Glück ist, das dieser Periode meines Lebens
entspricht. Außer diesem Andenken suche ich nichts, sehe mich nicht in
diesem Leben nach Ersatz, Trost, Beruhigung um. Ich fordere nichts und
bedarf von dieser Seite nichts. Gegen meine Kinder bin ich wie sonst. Es
hat sich nichts in meinen Gefühlen für sie geändert, als daß ich Mitleid
mit ihrem Schmerz über den gleichen Verlust empfinde. Mich enger an sie
anschließen, mehr für sie sorgen, kann ich nicht, da ich das immer so
viel getan, als ich vermochte. Alle übrigen Verhältnisse bleiben mir
gerade dasselbe, was sie mir gewesen sind, und ich bin gewiß nicht
weniger teilnehmend, hilfreich, aufgelegt mit Rat und Tat beizustehen
als früher. So, liebe Charlotte, müssen Sie sich mein Inneres denken,
und Sie sehen, daß Sie auf keine Weise besorgt um mich zu sein brauchen.
Was ich erfahren, liegt im natürlichen Laufe der Dinge. Die zusammen
die Lebensbahn gehen, müssen sich an einem Punkt scheiden; es ist
glücklicher, wenn die Zwischenzeit sehr kurz ist, in der sie einander
folgen. Allein aller Verlust von Jahren ist kurz gegen die Ewigkeit. In
mir geht nichts anderes vor, als daß mein Inneres sich ungekünstelt,
unabsichtlich, ohne durch Vorsätze oder Maximen geleitet zu sein, bloß
sich seinem Gefühl überlassend, mit der Lebens- oder Schicksalsperiode,
wie Sie es nennen wollen, ins Gleichgewicht setze, in die ich
unglücklicherweise früher getreten bin, als es der gewöhnliche Gang des
Lebens erwarten ließ. An einem solchen Gleichgewicht darf es dem
Menschen, meiner Empfindung nach, nie fehlen, das Streben danach sollte
ihm wenigstens immer eigen sein. Es ist dies gar keine Klugheitsregel,
kein Bemühen, sich heftige Empfindungen zu ersparen. Das Setzen ins
Gleichgewicht wird oft nur dadurch erreicht, daß man viel Schmerz,
physischen und moralischen, in sein Dasein mit aufnimmt, aber es besteht
darin die wahre Demütigung unter die Fügung des Geschickes, die ich in
mir immer als die erste und höchste Pflicht des Menschen betrachte. Gehe
ich nun in meine gegenwärtige Lebensepoche zurück, so kann in ihr ein
gewisses Anschließen an Personen und an die Welt nicht mehr liegen, aber
das wohltätig aus sich Hinausgehen, die Geneigtheit, Anteil zu nehmen
und in jeder möglichen Art zu geben, sind gewissermaßen in dem Grade
größer, als man minder geneigt zum Empfangen, wenigstens die Seele
garnicht gerade darauf gerichtet ist.

Es freut mich sehr, daß Sie nicht aufhören, sich mit den Sternen gern
und anhaltend zu beschäftigen. Der Himmel und der Eindruck, den er auf
das Gemüt durch seinen bloßen Anblick macht, ist so verschieden von der
Erde in allen Gefühlen und Vorstellungen, daß, wer nur an der Natur des
Erdbodens Gefallen findet, die Hälfte, und gerade die wichtigste Hälfte
der ganzen Naturansicht entbehrt. Ich sage darum nicht, daß sich der
Schöpfer größer, weiser oder gütiger am Firmament offenbart als auf der
Oberfläche der Erde. Seine Macht, Weisheit und Güte leuchten aus jedem
Wesen ebenso wie aus dem größten Weltkörper hervor. Allein der Himmel
erweckt unmittelbar im Gemüt reinere, erhabenere, tiefer eindringende
und uneigennützigere, weniger sinnliche Gefühle. Leben Sie recht wohl.
Ich bleibe mit der unveränderlichsten Teilnahme und Freundschaft der
Ihrige.                     H.



_Tegel_, Juli 1829.

Daß ein Unglück das andere, aber auch ein Glück das andere nach sich
zieht, ist zu einer sprichwörtlichen Redensart geworden, so daß ihm wohl
eine gewisse Wahrheit zugrunde liegen muß, wenigstens eine hinreichende,
um die Erscheinung zu einer Volkserfahrung in Masse zu machen. Eine
genaue Untersuchung hält die Sache schwerlich aus. Gewiß kommen Glück
und Unglück eben so oft einzeln. Durch ein sehr und tief das Gemüt
ergreifendes Schicksal wird nur die Aufmerksamkeit mehr auf ähnliche
Ereignisse gespannt, was ich für einen Hauptgrund halte. Wäre es anders
und jene Gesellung gleicher und gleicher Schicksale wirklich in der
Natur und der Natur der Sache gegründet, so müßte eine geheime
Verbindung zwischen der inneren menschlichen Gemütsstimmung und dem
äußeren menschlichen Geschicke bestehen und obwalten, eine schmerzliche
Stimmung ein schmerzliches Geschick, eine freudige ein freudiges
herbeiführen. Insofern ein weltlicher, menschlich zu begreifender, wenn
auch in allen seinen einzelnen Fäden nicht zu erklärender Zusammenhang
zwischen jenem Inneren und Äußeren möglich ist, glaube ich vollkommen
daran, daß so eins das andere herbeiführt. Allein wo das, nach
menschlicher Art zu reden, nicht einzusehen ist, da zweifle ich, daß der
Schmerz wie durch eine geheimnisvolle Kraft, gleichsam wie ein geistiger
Magnet, Stoff neuer Schmerzen an sich ziehe. Auch zerfällt die Sache in
sich, da ja sonst auf ein einmal eingetretenes Unglück kaum je eine
freudige Begebenheit folgen könnte, was doch durch die Erfahrung
widerlegt wird. In gutgearteten Seelen ist ein wahrer Schmerz, was auch
seine Ursache sein möge, immer ewig, und wenn man behauptet, daß die
Zeit oder andere Umstände ihn minderten, so sind das Worte, die nur für
die schwächliche Empfindung Geltung haben, die der gehörigen Kraft, das
einmal Empfundene dauernd festzuhalten, ermangelt. Die glücklichsten
Begebenheiten ändern darin nichts. Auch können in dem wunderbaren
menschlichen Gemüt Schmerz und Empfindung eines in anderer Hinsicht
glücklichen Daseins gleichzeitig nebeneinander fortleben. Der Schmerz um
verlorene Kinder in glücklich, lange nachher fortgeführten Ehen ist ein
lebendiges, sich oft erneuerndes Beispiel davon. Auch muß es so sein.
Der Mensch muß beständig sein und das Schicksal wechselnd erscheinen.
Denn in sich hat auch das Schicksal seine, wenngleich von uns nicht
eingesehene und nicht erkannte Beständigkeit.



_Bad Gastein_, den 20. August 1829.

Ich bin überzeugt, daß Sie mir, nach Ihrer gewöhnlichen Güte und
Freundschaft und nach Ihrer so oft erprobten Pünktlichkeit, genau an dem
Tage geschrieben haben, an dem ich Sie bat, Ihren Brief auf die Post zu
geben. Dennoch habe ich noch keinen erhalten. Es liegt dies an dem so
sehr langsamen Postenlauf. Bis Salzburg gehen die Briefe vermutlich ohne
so großen Aufenthalt und bringen nur die der Weite des Wegs angemessene
Zeit zu. Allein von da geht die Post nur zweimal wöchentlich hierher.
Hat nun ein Brief das Unglück, gerade den Tag nach dem Abgange
anzukommen, so bleibt er unbarmherzigerweise liegen. Es hat mir sehr
leid getan zu denken, daß Sie auf diese Weise sehr lange ohne Brief von
mir sein werden. Mein letzter war, soviel ich mich erinnere, vom 29.
Juli, er muß also in den ersten Tagen dieses Monats in Ihren Händen
gewesen sein. Der heutige aber kann erst kurz vor Ende August Sie
erreichen.

Ich bin seit Sonntag, den 16. d. M., wieder in den bekannten Bergen und
bewohne dieselben Zimmer wie in den vorigen Jahren. Es ist mir das ganz
besonders lieb und eine angenehme Überraschung, welche mir der Zufall
bereitet hat. Das Wetter war seit meiner Ankunft hier sehr günstig, nur
einen Tag regnete es ununterbrochen mehrmals. Auf den noch garnicht weit
entfernten, nur etwas höheren Bergen liegt freilich Schnee. Aber er
glänzt freundlich im warmen Sonnenschein, und es hat auch etwas
Erfreuliches, den Wechsel des Jahres so mit einem Blick zu übersehen.
Die Sonne ist, wo sie trifft, sehr heiß und ordentlich brennend, da die
Strahlen auch von den Felsen zurückprallen. Aber vor der Hitze darf man
hier niemals bange sein. Die ganze Gegend ist schattig, die vielen
großen und kleinen Wasserfälle wehen einem überall eine frische Kühlung
zu, und man muß die Sonne, und wenn es nur irgend kühl ist, die warmen
Stellen mit Mühe aufsuchen. Hat man aber eine gewisse, doch nur sehr
mäßige Höhe erreicht, so befindet man sich in einem ganz ebenen, freien,
sonnenbeschienenen, nur von sehr hohen Bergen umgebenen Tale. Dies ist
mein gewöhnlicher Nachmittags-Spaziergang. Kurz vor Tisch pflege ich,
doch nur bei heiterem und freundlichem Wetter, einen kürzeren auf die
Gloriette zu machen. Ich habe Ihnen so oft von Gastein aus geschrieben,
daß ich dieses Ortes gewiß schon gedacht und Ihnen die Lage geschildert
habe. Ich will Sie daher nicht mit einer Wiederholung ermüden. Es ist
dort eine höchst überraschende, theatralische, dekorationsartig
malerische Aussicht, die aber des hellen Glanzes der Sonnenstrahlen auf
den schneeweißen Wasserfall bedarf. Bei dunklem Wetter ist es ohne
Anmut.

Ich bin in acht Tagen, also da die Entfernung doch von 110 Meilen ist,
nicht gerade langsam hierher gereist.

Eine solche Reise hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lesen eines
geschichtlichen Buches. Wie in diesem eine Reihe von Zeiten, so
durchläuft man reisend eine Reihe von Gegenden. In Absicht auf den
Menschen, der doch in aller Weltbetrachtung immer der wichtigste, am
meisten den Ernst und die Anstrengung der Beobachtung in Anspruch
nehmende Gegenstand ist, trifft bei beiden Fällen der Umstand ein, daß
der einzelne in einer gewissen Masse verschwindet, die individuelle
Existenz keinen Wert zu haben scheint gegen die Bestimmung des größeren
und kleineren Ganzen, zu dem sie gehört. Dagegen fühlt nun doch der
Betrachter, der Lesende oder Reisende, ganz vorzugsweise sein Ich. Er
kann auch mit größter Anspruchlosigkeit es sich nicht ableugnen, daß
dies für ihn der Mittelpunkt aller Bestrebungen sein muß. Ich meine
nicht, um sich äußere Güter, Genuß und Glück zu verschaffen, aber womit
gerade oft das freiwillige Aufgeben alles Genusses und Glückes verbunden
sein kann, um das Heil seiner Seele zu besorgen. Ich bediene mich mit
Absicht dieses Ausdrucks, um keine Art auszuschließen, die der Mensch
bei seiner geistigen Veredlung wählen kann. Denn er kann durch immer
reichere und reinere Entwicklung seiner Ideen, durch immer
angestrengtere Bearbeitung seines Charakters, sich zu einer höheren
Stufe der Geistigkeit erheben, oder zu der gleichen auf dem kürzeren
Wege stiller Gottseligkeit gelangen.

Wenn man die Welt weltlich betrachtet, so tritt vor zwei sich
aufdrängenden gewaltigen Massen das Individuum ganz in den Schatten
zurück oder wird vielmehr in einem großen Strome fortgerissen. Dieser
Eindruck entsteht nämlich, wenn man den Zusammenhang der
Weltbegebenheiten und wenn man den Wechsel des sich auf der Erde ewig
erneuernden Lebens ins Auge faßt. Was ist der einzelne in dem Strome der
Weltbegebenheiten? Er verschwindet darin nicht bloß wie ein Atom gegen
eine unermeßliche, alles mit sich fortreißende Kraft, sondern auch in
einem höheren, edleren Sinne. Denn dieser Strom wälzt sich doch nicht,
einem blinden Zufall hingegeben, gedankenlos fort, er eilt doch einem
Ziele zu, und sein Gang wird von allmächtiger und allweiser Hand
geführt. Allein der einzelne erlebt das Ziel nicht, das erreicht werden
soll, er genießt, wie ihn der Zufall, worunter ich nur hier eine in
ihren Gründen nicht erforschbare Fügung verstehe, in die Welt wirft,
einen größeren oder kleineren Teil des schon in der Tat erreichten
Zweckes, wird dem noch zu erreichenden oft hingeopfert und muß das ihm
dabei angewiesene Werk oft plötzlich und in der Mitte der Arbeit
verlassen. Er ist also nur Werkzeug und scheint nicht einmal ein
wichtiges, da, wenn der Lauf der Natur ihn hinwegrafft, er immer auf der
Stelle ersetzt wird, weil es ganz widersinnig zu denken wäre, daß die
große Absicht der Gottheit mit den Weltbegebenheiten durch Schicksale
schwacher einzelner auch nur um eine Minute könnte verspätet werden. In
den Weltbegebenheiten handelt es sich um ein Ziel, es wird eine Idee
verfolgt, man kann es sich wenigstens, ja man muß es sich so denken. Im
Laufe der körperlichen Natur ist das anders. Man kann da nichts anderes
sagen, als daß Kräfte entstehen und so lange auslaufen, als ihr Vermögen
dauert. So lange man bei einzelnen stehen bleibt, scheint darin ein
Mensch gar sehr von anderen verschieden, verschieden an Tätigkeit,
Gesundheit und Lebensdauer. Sieht man aber auf eine Masse von
Geschlechtern, so gleicht sich das alles aus. In jedem Jahrhundert
erneuert sich das Menschengeschlecht etwa dreimal, von jedem Lebensalter
stirbt in einer gewissen Reihe von Jahren eine gleiche Zahl. Kurz, es
ist deutlich zu sehen, daß eine nur auf die Masse, auf das ganze
Geschlecht, nicht auf den einzelnen berechnete Einrichtung vorherrscht.
Wie man sich auch sagen und wie fest und tief man empfinden mag, daß
darin einzig und ausschließlich allweise und allgütige Leitung waltet,
so widerstrebt doch nichts so sehr der Empfindung des einzelnen, zumal
wenn sie eben schmerzlich bewegt ist, als dies gleichsam rücksichtslose
Zurückwerfen des fühlenden Individuums auf eine nur wie Naturleben
betrachtete Masse. Darum fand man es so empörend, wie einmal kurz nach
der französischen Revolution kalt berechnet wurde, daß die Zahl aller
vor den Gerichtshöfen gefallenen Opfer nur immer einen ganz geringen
Teil der Bevölkerung Frankreichs ausmache. Dazu kommt noch, daß in
dieser Betrachtung der Mensch sich mit allem übrigen Leben, auch dem am
meisten untergeordneten, vermischt. Sein Geschlecht vergeht und erneuert
sich nicht anders als die Geschlechter der Tiere und Pflanzen, die ihn
umgeben. Diese Betrachtungen, die ich die weltlichen nannte,
verschlingen also das individuelle Dasein, und da man ihre innere
Wahrheit nicht absprechen kann, so würden sie das Gemüt in öde und
hilflose Trauer versenken, wenn nicht die innere Überzeugung tröstlich
aufrichtete, daß Gott beides, den Lauf der Begebenheiten und den der
Natur, immer so richtet, daß, die Existenz überirdischer Zukunft
mitgerechnet, das Glück und das Dasein des einzelnen darin nicht nur
nicht untergeht, sondern im Gegenteil wächst und gedeiht. Die wahre
Beruhigung, der wahre Trost, oder vielmehr das Gefühl, daß man gar
keines Trostes bedarf, entstehen erst, wenn man die weltlichen
Betrachtungen ganz verläßt und zur Beschauung der Natur und der Welt von
der Seite des Schöpfers übergeht. Der Schöpfer konnte den Menschen nur
zu seinem individuellen Glück ins Leben setzen, er konnte ihn weder dem
blinden Wechsel eines nach allgemeinen Gesetzen fortschreitenden
Lebensorganismus hingeben, noch einem idealischen Zwecke eines lange vor
ihm entstandenen und weit über ihn hinaus fortdauernden Ganzen opfern,
dessen Grenzen und Gestalt er niemals zu überschauen imstande ist. Jeder
einzelne zum Eintritt ins Leben Geschaffene sollte glücklich sein,
glücklich nämlich in dem tieferen und geistigen Sinne, wo das Glück ein
inneres Glück, gegründet auf Pflichterfüllung und Liebe ist. In diesem
Sinne regiert und leitet die Gottheit ihn und würdigt ihn ihrer Obhut.
In ihm, in dem einzelnen liegt der Zweck und die ganze Wichtigkeit des
Lebens, und mit diesem Zwecke wird der Lauf der Natur und der
Begebenheiten in Einklang gebracht. Nirgends ist diese Vatersorge Gottes
für jedes einzelne Glück so schön, so wahrhaft beruhigend ausgedrückt
als im Christentum und im Neuen Testament. Es enthält die einfachsten,
aber auch rührendsten und das Herz am tiefsten ergreifenden Äußerungen
darüber. Ich bitte Sie, liebe Charlotte, mir jetzt nicht eher wieder zu
schreiben, als ich es Ihnen anzeigen werde. Es könnte nichts helfen,
wenn ein Brief von Ihnen während meiner Abwesenheit in Tegel ankäme.

Leben Sie herzlich wohl, ich bleibe mit unveränderter Freundschaft und
Teilnahme der Ihrige.                         H.



_Regensburg_, den 10. September 1829.

Sie sehen, liebe Charlotte, schon an der Überschrift dieses Briefes, daß
ich auf der Rückreise von Gastein begriffen bin und ein bedeutendes
Stück des Weges zurückgelegt habe. Ich reise aber sehr langsam und mache
sehr kleine Tagereisen, weil es mein Grundsatz ist, daß man unmittelbar
nach einer Badekur sich besonders in acht nehmen muß, um nicht mutwillig
wieder die gute Wirkung zu zerstören. Man kann sich viel eher
anstrengen, wenn man erst in das Bad reist. Das Bad muß dann auch das
wiedergutmachen, – ich glaube, daß ich noch im Reste des Jahres eine
heilsame Nachwirkung davon erfahren werde.

Im höchsten Grade hat es mich geschmerzt, liebe Charlotte, aus Ihrem
Briefe zu ersehen, daß Sie von einer plötzlichen Augenschwäche befallen
worden sind, und diese mit Schmerzen verbunden ist. Beinahe möchte ich
aber das Letzte tröstlich nennen. Soviel ich weiß, sind Schmerzen immer
nur mit vorübergehenden Augenkrankheiten verbunden, niemals mit denen,
die zu den beiden gefährlichsten, dem grauen und schwarzen Star führen.
Mit meinen Augen steht es schlimmer und besser als mit den Ihrigen.
Schmerzen habe ich garnicht, bisher niemals, ich mag sie anstrengen oder
nicht. Überhaupt habe ich von dem, was man Anstrengung bei Augen nennt,
keinen rechten Begriff. Die meinigen sind nicht um ein Haar besser, wenn
ich auch wie in Gastein wochenlang nicht viel lese und schreibe, es
namentlich nie bei Licht tue, und sie werden nicht schlimmer, wenn ich
viel und auch bei Licht arbeite. Mit der Zeit wird sich das vielleicht
ändern, aber bis jetzt ist es so, wie ich Ihnen da sage. Allein auf dem
rechten Auge habe ich einen schon sehr ausgebildeten grauen Star. Es
leistet mir beim Lesen oder Schreiben gar keine Hilfe mehr, und wenn das
andere ebenso wäre, so könnte mir mein Gesicht zu nichts mehr dienen,
als ganz nahe Gegenstände allenfalls zu erkennen. Dies Übel ist seit
vielen Jahren langsam entstanden, nimmt aber seit einigen schneller zu.
Was ich mit dem Gesicht ausrichte, tue ich mit dem linken Auge, aber
auch das ist schwach und wird es immer mehr. Ich kann auf die Dauer
nichts ohne Brille weder lesen noch schreiben, und die Brille, die mir
sonst sehr scharf schien, reicht jetzt kaum mehr hin. Wenn ich, wie ich
weder wünsche noch glaube, noch lange, ich meine noch acht oder zehn
Jahre, leben sollte, so darf ich mir kaum schmeicheln, daß mich meine
Augen bis zum Grabe begleiten werden. Eher ist es möglich, daß ich sie,
oder doch eins, durch eine Operation wieder erhalte. Ich habe mich sehr
oft mit dem Gedanken beschäftigt, daß ich blind werden und bleiben
könnte. Denn die Operation gelingt nicht immer. Ich glaube jetzt in mir
so vorbereitet zu sein, daß mich dies Ereignis nicht außer Fassung
bringen würde. Ich würde es, glaube ich, mit der Ergebung ertragen, mit
der der Mensch alles Menschliche dulden muß. Ich würde so viel von
meiner Tätigkeit retten, als ich nicht schlechterdings aufgeben müßte,
und wenn der Mensch tätig sein kann, ist um sein Glück schon geringere
Sorge. Aber die Vorstellung eines Unglücks ist noch immer etwas ganz
anderes als das Unglück selbst, wenn es mit der furchtbaren Gewißheit
seiner Gegenwart eintritt, und für das größte Unglück, das mich an
meiner Person treffen könnte, halte ich Blindheit allerdings. Es ist
aber sehr möglich, daß alle jetzige Fassung und Vorbereitung mächtig
erschüttert werden und mich ganz verlassen könnte, wenn es käme, daß
einmal der Tag erschiene, der mir kein Licht mehr brächte. Man muß auf
nichts so wenig vertrauen, und an nichts so unablässig arbeiten, als an
seiner Seelenstärke und seiner Selbstbeherrschung, die beide die
einzigen sicheren Grundlagen des irdischen Glücks sind. Der Himmel
scheint aber den Blinden zum Ersatz eine eigene Fassung und milde
Duldsamkeit in die Seele zu flößen.



_Tegel_, den 30. September 1829.

Ich habe vor ein paar Tagen, liebe Charlotte, Ihren am 25. September
beendigten Brief empfangen und sage Ihnen meinen herzlichsten Dank
dafür. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, daß es mit Ihren Augen
bedeutend besser geht, und daß Sie einfache Mittel gefunden haben, die
Ihnen wohltätig sind. Meinetwegen bitte ich Sie recht sehr, nicht
besorgt zu sein. Ich selbst bin es nicht. Was in der Natur der Dinge
liegt und das Schicksal herbeiführt, darüber wäre es töricht und
unmännlich zugleich, seine Ruhe und sein inneres Gleichgewicht zu
verlieren. So lange ich meine natürlichen Seelenkräfte behalte, wird mir
das nicht begegnen. Ich werde einsehen, daß körperliche Organe durch den
Gebrauch schwächer werden und anderen Zufällen unterworfen sind, und es
wird mir nicht einkommen zu erwarten, daß die Vorsehung diesen
natürlichen Lauf der Dinge für mich hemmen sollte. Wäre es einmal
anders in mir, so wäre das ein trauriges Zeichen, daß mir nicht die
Kraft mehr beiwohnte, die jeder vernünftige Mann besitzen muß.

Sie bemerken sehr richtig, daß man viele Fälle hat, wo ein anfangender
grauer Star auf einem gewissen Punkt stehen bleibt, ohne je zu
eigentlicher Blindheit zu führen, und das ist schon eine große Wohltat.
Denn man muß in diesen immer sehr traurigen Zuständen doch noch immer
unterscheiden, was es mehr und was es weniger ist, und die eigentliche
Blindheit enthält eigentlich ein doppeltes Leiden, erstlich, daß man
unfähig wird, eine Menge von Dingen zu tun, zu denen das Gesicht
unentbehrlich ist, und dann, daß man, des Lichtes beraubt, in Finsternis
versetzt ist. Dies Letzte halte ich bei weitem für das Schlimmste. Denn
die bloße Empfindung des Lichts, auch von dem Wahrnehmen aller
Gegenstände gänzlich abstrahiert, hat etwas unendlich Wohltätiges und
Erfreuliches und gehört in vieler Beziehung auch zu dem heiteren und
fruchtbringenden inneren geistigen Leben. Das Licht ist wenigstens unter
allen uns bekannten Materien die am wenigsten körperliche. Es hängt,
ohne daß man selbst sagen kann, wie das zugeht, mit dem Leben selbst
zusammen, und Leben, Licht und Luft sind wie verwandte, immer
zusammengedachte, das irdische Dasein erst recht möglich machende Dinge.
Wunderbar ist es auch, daß die Finsternis selbst den Reiz, den sie
offenbar hat, verlieren muß, wenn sie zur beständigen Begleiterin des
Lebens wird. Jedoch ist es nicht zu leugnen, daß die Finsternis der
Nacht eine süße Ruhe gegen das Licht des Tages gewährt. Allein die
angenehme Empfindung beruht nur darauf, daß der Tag vorangegangen ist,
und daß man sicher ist, daß er nachfolgen wird. Nur der Wechsel ist
wohltätig. Unaufhörliches Tageslicht ermüdet. Das fühlt man schon, wenn
man im Sommer nördliche Länder bereist, wo die Dämmerung die ganze Nacht
hindurch währt. Ich wenigstens habe das nie angenehm gefunden. Allein
die ewige Finsternis muß etwas viel Traurigeres haben, als daß man den
Begriff durch bloße Ermüdung erschöpfend ausdrücken könnte. Es ist wohl
eine Stille, aber auch eine zurückstoßende Öde. Man wird durch den
Mangel äußerer Zerstreuung in sich zurückgedrängt und kann doch viel
weniger durch sich selbst handeln und tätig sein. Weit das Unangenehmste
würde für mich das Aufhören der Mitteilung durch Briefe sein, die nicht
bloß und lediglich Geschäfte beträfen. Denn wer könnte es aushalten,
anderen vertrauliche Briefe zu diktieren oder sich vorlesen zu lassen?
Der Briefwechsel beruht seinem Wesen nach ganz und gar auf gänzlich
unmittelbarer Mitteilung, und ich würde jeden gleich abschneiden, wenn
ich, was ich nicht hoffe, jemals das Unglück hätte, wirklich zu
erblinden. Überhaupt ist es wunderbar, daß, meinem jetzigen Gefühl
nach, ein solcher Zustand mich mehr von der Gesellschaft anderer
abziehen als ihr zuführen würde. Ich kann es mir selbst nicht ganz
erklären, da es natürlich scheint, die Zeit alsdann doppelt gern mit
Gespräch auszufüllen. Es kommt vielleicht daher, daß ich, ohne selbst
sagen zu können, warum, sehr ungern mit Blinden zusammen bin. Da ich
fühle, daß dies eine gewissermaßen ungerechte Empfindung ist, so
überwinde ich mich da, wo die Gelegenheit vorkommt, aber der Zwang, den
ich mir antue, hebt die Widrigkeit des Gefühls nicht auf. Der Anblick
kranker, auch nur glanzlos starrer, selbst verbundener Augen wirkt
körperlich auf mich. Ich kann machen, daß ich der Empfindung nicht Raum
gebe, aber ich kann nicht hindern, daß sie nicht entstehe und
fortdauere. Schon ein Schirm vor den Augen anderer, besonders bei
Frauen, ist mir unangenehm. Auch die Gewohnheit ändert darin nichts. Ich
bin jahrelang wöchentlich mit Blinden zusammen gewesen, der Eindruck
blieb aber immer derselbe. Daß ich nun, selbst blind, nicht mit andern
sein möchte, ist nur eine Rückwirkung desselben Gefühls, wenn sie auch
nicht dasselbe empfinden als ich, so kann ich doch nicht hindern, daß
ich mich nicht außer mich selbst versetze und mich, andern gegenüber,
mir selbst vorstelle. Leben Sie herzlich wohl. Ich wünsche sehr, daß es
mit Ihren Augen besser gehen möge. Mit unwandelbaren Gesinnungen der
Ihrige.          H.



_Tegel_, den 24. Dezember 1829.

So spät im Jahre, liebe Charlotte, habe ich Ihnen noch nie von hier aus
geschrieben. Ich war seit langen Jahren immer in der Stadt um diese
Zeit. Nur in früheren, glücklicheren Epochen meines Lebens brachte ich
auch den Winter auf dem Lande zu. Was ich damals im heiteren
Zusammensein tat, wiederhole ich jetzt allein. Das ist der Gang des
menschlichen Schicksals. Es ist heute hier, und da so kleine
Entfernungen keinen Unterschied machen, gewiß auch bei Ihnen ein äußerst
kalter Tag. Doch war ich aus. Ich gehe alle Tage gerade so spazieren,
daß ich die Sonne untergehen sehe. Ich versäume den Moment nicht gern,
und die halbe Stunde vor- und nachher sind mir im Sommer und Winter die
liebsten des Tages. Der Mond wartet dann oft schon, wenn die Sonne ihn
nicht mehr überstrahlt, seinen Glanz wieder zu gewinnen. Heute ging die
Sonne so in Nebel gehüllt unter, daß man statt ihrer Scheibe nur einen
mattgelben Duft sah. Wenn ich immer betrachtende Ruhe liebte und mich
ihr auch oft da hingab, wo ich mich im Gedränge von Menschen und Gewühl
von Geschäften befand, so versenkt mich meine jetzige Einsamkeit noch
mehr darin. Ich habe zu nichts anderem Neigung. Meine wissenschaftlichen
Beschäftigungen sind damit verwandt, und ich fühle mit jedem Tage mehr,
wie das reine und besonnene Nachdenken über sich selbst das Innere
zusammenschließt und den Frieden gibt, der gewiß immer das Werk Gottes
ist, den aber doch, gerade nach Gottes deutlich zu erkennen gegebenem
Willen, der Mensch nicht wie eine äußere Gabe von ihm erwarten, sondern
durch die eigene Anstrengung seines Willens aus sich selbst schöpfen
soll. Ich bin in jeder Epoche meines Lebens sehr gefaßt auf den
Augenblick gewesen, der uns wieder daraus abruft. Ich bin es jetzt mehr
wie je, wo ich dessen beraubt, was mir in jedem Augenblicke Genuß und
die heiterste Freude gab, nun auf den kalten Ernst des Lebens
zurückgewiesen bin. Ich glaube auch mit ziemlicher Gewißheit
vorauszusehen, daß ich die mir vielleicht noch bestimmten Jahre wie die
jetzt verflossenen Monate zubringen werde. Nur sehr bedeutende Dinge
könnten mich zu einer Umänderung bringen. Bei kleineren würde ich’s
schon zu machen wissen, daß die Umänderung nur scheinbar wäre. Ich sehe
daher mein Leben jetzt von der Seite an, daß es ein Vollenden, ein
Abschließen der Vergangenheit ist. Es ist aber in meiner Art zu
empfinden gegründet, daß mich dies nicht zur Beschäftigung mit dem Tode
und dem Jenseits, sondern gerade zu den Gedanken, die auf das Leben
gerichtet sind, bringt. Ich halte das auch nicht für eine Eigenheit in
mir, sondern ich glaube, es müßte überhaupt so sein. Wenn man an den Tod
zu denken empfiehlt, so ist das eigentlich nur gegen den Leichtsinn
gerichtet, der das Leben wie eine immer dauernde Gabe ansieht. Davon
ist ein in sich gesammeltes Gemüt schon von selbst frei, übrigens aber
weiß ich nicht, ob anhaltende Beschäftigung mit dem Tode und dem, was
ihm folgen wird, der Seele heilsam sei. Zwar möchte ich nicht darüber
absprechen, da es mehr Sache des Gefühls als der Untersuchung durch
bloße Vernunftgründe ist. Ich glaube es aber nicht. Die aus dem
Vertrauen auf eine Allgüte und Allgerechtigkeit entspringende
Zuversicht, daß der Tod nur die Auflösung eines unvollkommenen, seinen
Zweck nicht in sich tragenden Zustandes und der Übergang zu einem
besseren und höheren ist, muß dem Menschen so gegenwärtig sein, daß
nichts sie auch nur einen Augenblick verdunkeln kann. Sie ist die
Grundlage der inneren Ruhe und der höchsten Bestrebungen und eine
unversiegbare Quelle des Trostes im Unglück. Aber das Ausmalen des
möglichen Zustandes, das Leben mit der Phantasie darin, zieht nur vom
Leben ab und setzt nur scheinbar etwas Besseres an die Stelle, da
allerdings die Gegenstände erhabener sind, nach denen man trachtet, man
sie aber doch so, wie man es da versucht, nicht zu fassen vermag. Gott
hat auch deutlich gezeigt, daß er eine solche Beschäftigung nicht
wohlgefällig ansieht, denn er hat den künftigen Zustand in einen
undurchdringlichen Schleier gehüllt und jeden einzelnen in gänzlicher
Unwissenheit gelassen, wann der Augenblick ihn ereilen wird, – ein
sicheres Zeichen, daß das Lebende dem Leben angehören und darauf
gerichtet sein soll. Wozu mich also die Gewißheit, sich in dem letzten
Lebensabschnitt zu befinden, mahnt, ist ein auf das Leben gerichtetes
Bestreben, das Bestreben, das Leben abzurunden, ein inneres Ganzes
daraus zu machen. In den Stand gesetzt zu sein, dies zu tun dadurch, daß
man nicht mitten aus dem Treiben des Lebens hinweggerissen wird, sondern
einen Zeitraum der Muße und Ruhe behält, ist eine Wohltat der Vorsehung,
die man nicht ungenützt vorübergehen lassen muß. Ich meine damit nicht,
daß man noch etwas tun, etwas vollenden solle. Was ich im Sinne habe,
kann jeder in jeder Lage. Ich meine, an seinem Inneren arbeiten, seine
Empfindungen in vollkommene Harmonie bringen, sich selbständiger und
unabhängiger von äußeren Einflüssen zu machen, sich so zu gestalten, wie
man sich in den ruhigsten und klarsten Geistesmomenten gestaltet sehen
möchte. Dazu geht jedem, wieviel er auch an sich getan haben möge, viel
ab, daran ist längere Dauer, als vielleicht die Dauer des Lebens
verstatten wird. Dies aber nenne ich den eigentlichen Lebenszweck,
dieser aber gibt auch dem Leben immer noch Wert, und wenn mich irgendein
Unglück, wie es jeden, wie glücklich er scheine, betreffen kann, dahin
bringen sollte, das Leben nicht mehr zu diesem Zwecke zu schätzen, so
würde ich mich selbst mißbilligen und die Gesinnung in mir ausrotten.
Allein auch über einen solchen Lebenszweck kann man nicht unfruchtbar
mit seinen Gedanken brüten. Er muß nur die der Seele gegebene Richtung
sein, nur das, wie sich die Gelegenheit darbietet, urteilende,
billigende, zurechtweisende Prinzip. Das Leben ist zugleich eine äußere
Beschäftigung, eine wirkliche Arbeit in allen Ständen und allen Lagen.
Es ist nicht gerade diese Beschäftigung, diese Arbeit selbst, die einen
großen Wert besitzt, aber es ist ein Faden, an den sich das Bessere, die
Gedanken und Empfindungen anknüpfen, oder das, woneben sie hinlaufen. Es
ist der Ballast, ohne den das Schiff auf den Wellen des Lebens keine
sichere Haltung hat. So sehe ich auch im Grunde hauptsächlich nur meine
wissenschaftlichen Beschäftigungen an. Sie sind vorzugsweise dazu
gemacht, weil sie an sich mit Ideen in Verbindung stehen. Ich bin
hierüber ausführlich gewesen, um Ihnen einen Begriff zu geben, was ich
meine Einsamkeit und meine Freude daran nenne. Sie ist ursprünglich
keine freiwillige, sondern eine durch das Schicksal herbeigeführte. Der
von zweien Zurückgebliebene ist allein, und es ist dann eine natürliche
und zu billigende Empfindung, daß man auch fortwährend allein bleiben
will. Dann aber begünstigt auch die Einsamkeit jenes Nachdenken über
sich selbst, jene Arbeit an sich, jenes Abrunden und Schließen des
Lebens, von dem ich eben sprach. Endlich kommen die Studien hinzu, denen
man auch ihre Stelle gönnen muß. Darum gehe ich nur sehr selten zu
meinen Kindern in die Stadt und freue mich, wenn sie hierher kommen. Die
Leute bedauern erst meine Abwesenheit, das ist die Höflichkeit; dann
finden sie dies Zurückziehen in meinem Alter und in meiner Lage
natürlich, das ist die Wahrheit. Überdruß am Leben, Stumpfheit an seinen
Freuden, Wunsch, daß es enden möge, haben an meiner Einsamkeit keinen
Teil.

Ich habe Ihnen, liebe Charlotte, zwei Briefe geschrieben, die bei Abgang
des Ihrigen noch nicht angekommen waren. Ich hoffe eine Antwort auf
diese zu erhalten. Ich bitte Sie, wenn Sie können, mir noch in diesem
Jahre zu schreiben. Zu dem, welches wir neu beginnen, nehmen Sie meine
herzlichsten Wünsche. Möge der Himmel Ihnen wieder Heiterkeit und Ruhe
verleihen! Was ich dazu beitragen kann, will ich mit herzlicher Freude
tun, wo und wie es mir möglich ist. Leben Sie nun recht wohl! Gedenken
Sie meiner mit freundschaftlicher Liebe und rechnen Sie mit Zuversicht
auf meine aufrichtige, unveränderliche Teilnahme an allem, was Sie
betrifft. Ihr               H.



_Tegel_, den 26. Januar 1830.

Sie müssen, liebe Charlotte, zwei Briefe von mir bekommen haben, die
noch unbeantwortet sind, einen vom 9. und einen vom 21. Januar. Ihr
letzter war nicht auf meine Bitte, sondern aus eigener Bewegung
geschrieben, und meinen Brief vom 9. werden Sie vermutlich zu spät
empfangen haben, um ihn an dem darin genannten Tage zu beantworten. Da
ich aber weiß, daß Ihnen meine Briefe Freude machen, und ich gerade
einige Zeit frei habe, so will ich Ihnen schreiben, ohne erst eine
Antwort abzuwarten. Vielleicht bekomme ich dieselbe auch noch, ehe ich
den Brief schließe, da heute noch eine Gelegenheit aus der Stadt
herkommt. Es liegt mir sehr daran, zu wissen, wie es Ihnen geht, und ob
Sie die Ruhe und Heiterkeit wiedergewinnen, die ich Ihnen so sehr
wünsche. Noch erfreulicher sollte es mir sein, wenn mein Anteil und
meine Ratschläge in der Tat wirksam dazu beitrügen. Das Wahre und
Eigentliche müssen Sie zwar selbst dazu tun. Denn es bleibt immer ein
sehr wahrer Ausspruch, daß das Glück im Menschen selbst liegt. Das
Freudige, was ihm der Himmel verleiht, beglückt nur, wenn es auf die
rechte Art aufgenommen wird, und das Bittere und Herbe, das das
Schicksal ihn erfahren läßt, steht es in seiner Gewalt sehr zu mildern.

Wo es auch gar keinen Trost zuläßt, wie es denn allerdings solche
Unglücksfälle gibt, hat Gott noch die Wehmut zu einer Art Vermittlerin
zwischen dem Glück und dem Unglück, der Süßigkeit und dem Schmerz
geschaffen. Sie macht den Schmerz zu einem Gefühl, das man nicht
verlassen mag, an dem man hängt, dem man sich überläßt mit dem
Bewußtsein, daß er nicht zerstörend, sondern läuternd, veredelnd in
jeder Art und auf jede Weise erhebend wirkt. Es ist ein Großes, wenn der
Mensch die Stimmung gewinnt, alles, was ihn betrifft, bloß weil es
menschlich ist, weil es einmal im irdischen Geschick liegt, dagegen
anzukämpfen, aber zugleich so aufzunehmen, wie es sich in der Bestimmung
des Menschen, sich immer reifer und mannigfaltiger zu entwickeln, am
besten vereint. Je früher man zu dieser Stimmung gelangt, desto
glücklicher ist es. Man kann dann erst sagen, daß man das Leben wirklich
erfahren hat. Und um des Lebens willen ist man doch auf der Welt, und
nur was man in seinem Gemüt durch das Leben errungen hat, nimmt man mit
hinweg. Es ist ein sehr großes Glück, wenn man all sein Denken und
Empfinden an einen Gegenstand setzt. Man ist dann auf immer geborgen,
man begehrt nichts mehr vom Geschick, nichts mehr von den Menschen, man
ist sogar außerstande, etwas anderes von ihnen zu empfangen als die
Freude an ihrem Glück. Man fürchtet auch nichts von der Zukunft Man kann
nicht ändern, was nicht zu ändern ist; aber das eine, das Hängen an
einem Gedanken, einem Gefühl, wenn es auch durch den grausamsten Schlag,
der einen Menschen betreffen kann, nur zu dem Hängen an einer Erinnerung
würde, das bleibt immer. Wer das stille Hängen an einem Gedanken
erreicht hat, besitzt alles, weil er nichts anderes bedarf und verlangt.
Noch beruhigender und beglückender ist natürlich ein solches Hängen an
einem, wenn das eine nichts Irdisches, sondern das Göttliche selbst
ist. Aber auch im Irdischen ist solch ein treues, die ganze Seele
einnehmendes Hängen an einem Gefühl immer von selbst auf das gerichtet,
was im Irdischen selbst nicht irdisch ist. Denn das bloß Irdische ist
nicht fähig, die Seele so auf sich zu heften. Der Probierstein der
Echtheit des Gefühls ist nur, daß es von aller Unruhe frei, mit keiner
Art des Begehrens gemischt sei, daß es nichts verlange, nichts fordere,
keine andere Sehnsucht kenne, als in der Art, wie es ist, fortzudauern.
Darum ist das Gefühl für Verstorbene ein so süßes, so reines, so der
Sehnsucht hingegebenes Gefühl, das bis ins Unendliche fortwährt, ohne
sich je zu zerstören, in deren Wachstum selbst die Seele ohne Unterlaß
Kraft gewinnt, sich ihr in einer süßen Wehmut zu überlassen. Sobald das
Gefühle für das Göttliche sind, sind es unstreitig die reinsten und von
aller irdischen Beimischung am meisten geläuterten. Sie haben zugleich
das Eigentümliche, daß sie der Erde nicht entfremden und doch allem
Drohenden und Schmerzlichen, was die Erde auch oft hat, den Stachel und
den Wermut benehmen. Da der Gedanke an die Verstorbenen mit allem dem
zusammenhängt, was sie im Leben umgab, so sind sie, statt vom Leben
abzuführen, vielmehr immerfort Verknüpfungsmittel mit demselben; es gibt
in jeder Lage noch immer Gegenstände, an welchen man sich die
Verstorbenen als teilnehmend und noch mit dem Leben verknüpft denkt.
Diese knüpfen auch den Zurückbleibenden noch an das Leben, aber es ist
eine Verknüpfung, die dem Leben das Schwere benimmt, da man sich doch
nicht mehr ganz als ihm angehörend betrachtet. Wenn die liebsten
Gedanken alle jenseits des Lebens sind, wenn das Leben keinen hat, der
diesen die Wage halten könnte, so kann, was man sonst im Leben zu
fürchten pflegt, einem irgend gegen irdische Schicksale Gewaffneten
nicht sonderlich furchtbar erscheinen. Zeit und Ewigkeit verknüpfen sich
im Gemüte zu einer Ruhe, die nichts mehr stört. Ich habe mir immer, ehe
ich noch die Erfahrung selbst gemacht hatte, gedacht, daß es so sein
müßte. Ich habe es nie für möglich gehalten, daß es für einen wahren
Verlust auch nur einen scheinbaren Ersatz geben könnte. Jetzt empfinde
ich das wirklich, da das Los mich getroffen hat. Ja, ich werde mit
großer Freude gewahr, daß sich die wahre und richtige Einwirkung, die
solcher Verlust haben muß, mit der Zeit immer vollkommener und richtiger
entfaltet, wie die irdische Nacht tiefer wird, je länger sie währt. Die
Freude, die man am nächtlichen Dunkel hat, und für die ich immer sehr
empfänglich gewesen bin, ist dieser Empfindung ähnlich. Man ist allein
und will allein sein, man gewahrt äußerlich nichts, und innerlich regt
sich ein doppeltes Leben. Der Tag ist gewesen und der Tag wird
wiederkehren.

Es ist ein schrecklicher Winter in diesem Jahr, und noch durchaus keine
Aussicht, daß er sich bald milder lösen will. Wenn man die viele Not
bedenkt, die er mit sich führt, so ist das sehr beklagenswert. Allein
sonst ist mir keiner so leicht geworden. Dies liegt in der Ruhe und
Unabhängigkeit der Einsamkeit, worin ich lebe. Ich gehe alle Tage
spazieren, allein außerdem verlasse ich die aneinander stoßenden drei
Zimmer, die ich allein bewohne, nie, und der Anblick der unberührten
Schneeflächen und des unendlichen Glanzes, den die Sonne, deren Auf- und
Untergang ich von meinen Fenstern aus sehe, und abends Mond und Venus
und die anderen Sterne über die Schneefläche und den gefrorenen See
ausstrahlen, ist unbeschreiblich. – Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief
am 2. Februar oder, wenn das nicht möglich ist, doch noch in der ersten
Woche des Februar abgehen zu lassen. – Leben Sie recht herzlich wohl
und bleiben Sie meiner aufrichtigen und innigen Teilnahme versichert.
Ganz der Ihrige.    H.



_Tegel_, den 14. April 1830.

Ich bin sehr besorgt um Sie gewesen, liebe Charlotte. Ihr längeres
Stillschweigen hat mich diesmal nicht beunruhigt. Ich war gewiß, daß Sie
nicht krank sein konnten. Ich habe Sie so bestimmt gebeten, mir in
diesem Fall zu schreiben, daß ich gewiß darauf rechnen konnte, daß Sie
es getan haben würden. Ich erriet aber die Ursache Ihres Nichtschreibens
und sehe nun aus Ihrem Briefe, daß ich ganz richtig vermutet hatte. Es
war eine zu natürliche, Ihrer Empfindungsart zu angemessene Empfindung,
als daß sie nicht hätte in Ihnen aufsteigen sollen. Ihr jetziger Brief
aber hat mir die größte Freude gemacht, besonders wegen der ruhigen
Stimmung, die darin herrschend ist, und die ich, da sie Ihnen notwendig
die wohltätigste sein muß, so sehr liebe, um deren Erhaltung ich Sie
dringend bitte. Auch Lebenslust und Lebensfreude an den dem Leben
bleibenden Genüssen kann erst auf dieser Grundlage im Gemüt
emporsprießen. Die Ruhe ist die natürliche Stimmung eines
wohlgeregelten, mit sich einigen Herzens. Äußere Ereignisse können sie
bedrohen und das ruhigste Gemüt aus den Angeln heben. Ein großes weicht
zwar auch da nicht, allein obgleich es Frauen gibt, welche diese Stärke
mit der größten und lebendigsten Regsamkeit der Empfindung und der
Einbildungskraft verbinden, so kann man das bewundern, aber nicht
fordern. In einem Manne aber ist es Pflicht, es läßt sich verlangen, und
er verliert gleich bei allen richtig Urteilenden an Achtung, wie hierin
in ihm ein Mangel sichtbar wird. – – – –

Meine Gesundheit ist fortwährend gut. Sogar von kleinen Übeln bin ich
frei. Das Alter erscheint mit den Jahren allmählich, aber mit einer
Krankheit oder einem großen Unglücksfall, den nichts je wieder gut
machen kann, plötzlich. Das letzte ist mein Fall gewesen. Hätte ich den
Verlust nicht erlitten, den ich erfahren, so möchte es noch mehrere
Jahre so fortgedauert haben. Aber durch die große Änderung, welche
dieser Verlust in mir hervorbringen mußte, und die mit jedem Tage nur
fühlbarer wird, bei der plötzlichen Vereinzelung nach einem
achtunddreißigjährigen gemeinschaftlichen Leben, und selbst in der
Abwesenheit ununterbrochenen gemeinschaftlichen Denken und Empfinden,
war es natürlich, daß die Änderung auch körperlich eintrat. Indes ist
das sehr leicht zu ertragen, zumal solange die Gesundheit so
unangegriffen wie bei mir jetzt bleibt. Ich kann daher, wenn Sie auch
nicht immer darin einstimmen, nur dabei bleiben, daß mir das Alter lieb
ist. Es ist ein natürlicher menschlicher Zustand, dem Gott seine eigenen
Gefühle geschenkt hat, die ihre eigenen Freuden in sich tragen. Wenn ich
durch einen Zauberstab machen könnte, daß ich die mir noch übrigen Jahre
mit jugendlicher Kraft und Frischheit verleben, oder so wie jetzt
bleiben könnte, so wählte ich das erste gewiß nicht. Die jugendliche
Kraft und Frischheit paßt nicht zu greifenden Gefühlen, und diese in
einem langen Leben erworbenen und erlangten Gefühle möchte ich doch für
nichts auf Erden aufgeben. Was Sie von meiner Stimmung sagen,
unterschreibe ich insofern, als sie allerdings eine seltene und den
tiefsten und gerührtesten Dank erheischende Gabe des Himmels, nicht
menschliches Verdienst ist. Wenigstens rechne ich sie _mir_ nicht zu. Ich
verdanke sie größtenteils der, welche auch jetzt die unmittelbare Quelle
derselben ist. Denn wenn man einem durchaus reinen und wahrhaft großen
Charakter lange zur Seite steht, geht sie wie ein Hauch von ihm auf uns
über. Ich würde mir selbst jenes Besitzes unwert erscheinen, wenn ich
jetzt anders sein könnte, als innerlich in abgeschlossener Ruhe in der
Erinnerung lebend, und äußerlich, wo sich die Gelegenheit darbietet,
nützlich und wohltätig beschäftigt.

Ich wünsche, daß meine Briefe Sie ruhig, heiter stimmen, Ihnen wie eine
Erholung, eine Erquickung erscheinen. Leben Sie herzlich wohl und
rechnen Sie mit vertrauender Zuversicht auf meine ununterbrochene
freundschaftliche Teilnahme.              H.



_Tegel_, den 6. bis 9. Mai 1830.

Ich sage Ihnen, liebe Charlotte, meinen herzlichen Dank für Ihren am
27. April abgegangenen Brief, den ich richtig empfangen habe. Mit meinem
Befinden geht es sehr gut, und ich empfinde weder Folgen des nassen
Frühjahrs noch des strengen Winters. Dennoch machen sich die Folgen im
allgemeinen sehr fühlbar. Eine Menge von Leuten leiden hier an kaltem
Fieber. Ich habe für den Sommer meine Lebensart etwas geändert. Ich
stehe jetzt regelmäßig um sechs Uhr auf. Dafür gehe ich aber auch immer
vor, spätestens um Mitternacht zu Bett. Die Morgenstunden haben mehr
Reiz für mich, und so schreibe ich Ihnen, liebe Freundin, heute in der
Frühe. Es ist das erste, womit ich heute den Tag beginne. Auf meinen
Schlaf hat weder das frühe noch späte Aufstehen einigen Einfluß. – –
Die Nacht hat etwas unglaublich Süßes. Die heiteren Ideen und Bilder,
wenn man solche haben kann, wie ich ehemals oft erfahren, nehmen einen
sanfteren, schöneren, in der Tat seelenvollen Ton an, dabei ist es, als
ob man sie inniger genösse, da in der Stille nichts, nicht einmal das
Licht sie stört. Kummervolle und wehmütige Erinnerungen und Eindrücke
sind dagegen auch milder und mehr von der Ruhe durchströmt, die jede
Trauer leichter und weniger zerreißend macht. Man kann auch dem Kummer
ruhiger nachhängen, und ein tiefes Gemüt sucht doch nicht den Kummer zu
entfernen, am wenigsten zu zerstreuen, sondern sucht ihn so mit dem
ganzen Wesen in Einklang zu bringen, daß er Begleiter des Überrestes des
Lebens bleiben kann. Ich kann mich jetzt schon auf die langen
Winternächte freuen und habe, was ich hier sage, im vorigen Winter oft
erfahren. Bedenkt man auf der anderen Seite wieder, wie freudig und
schön das Licht ist, so gerät man in ein dankbares Staunen, welch einen
Schatz des Genusses und wahren Glückes die Natur allein in den täglichen
Wechsel gelegt hat. Es kommt nur darauf an, ein Gemüt zu haben, ihn zu
genießen, und das liegt doch in jedes Menschen eigener Macht. Alle
Dinge, die einen umgeben, schließen für den Geist und die Empfindung
Stoff zur Betrachtung, zum Genuß und zur Freude in sich, der ganz
verschieden und unabhängig ist von ihrer eigentlichen Bestimmung und von
ihrem physischen Nutzen; je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr
öffnet sich dieser tiefere Sinn, die Bedeutung, die halb ihnen, die sie
veranlassen, halb uns, die wir sie finden, angehört. Man darf nur die
Wolken ansehen. An sich sind sie nichts als gestaltloser Nebel, als
Dunst, Folgen der Feuchtigkeit und Wärme, und wie beleben sie, von der
Erde gesehen, den Himmel mit ihren Gestalten und Farben, wie bringen sie
so eigene Phantasien und Empfindungen in der Seele hervor.



_Tegel_, den 29. Mai 1830.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 16. d. M. vor einigen Tagen
empfangen und so wie Sie es vorausgesehen haben, doppelte Freude daran
gehabt, weil er in einem so ruhigen und heiteren Tone geschrieben ist.
Ich wünsche nichts mehr, als daß Sie in demselben und der ihm
entsprechenden Stimmung bleiben mögen, und Sie können es gewiß, wenn Sie
sich nicht selbst trübe und irrige Vorstellungen machen, sondern
vielmehr der Ruhe nachstreben, welche das Gemüt unabhängig von äußeren
Ereignissen macht. Ohne diese nur durch innere Bearbeitung seiner selbst
zu erlangende Ruhe bleibt man immer ein Spiel des Schicksals und
verliert und gewinnt sein inneres Gleichgewicht, wie die Lage um einen
her nur freudvoller oder leidvoller ist. Das gänzliche Unterlassen alles
Spazierengehens ist und bleibt doch eine Entbehrung eines großen
Vergnügens, wenn sich auch der Körper daran gewöhnt; ich habe das selbst
an mir erfahren. Der Mangel der Bewegung hat mir nie geschadet, aber
entbehren tut man viel. Man genießt die Natur auf keine andere Weise so
schön als bei dem langsamen, zwecklosen Gehen. Denn das gehört
namentlich zum Begriff selbst des Spazierengehens, daß man keinen
ernsthaften Zweck damit verbindet. Seele und Körper müssen in
vollkommener und ungehemmter Freiheit bleiben, man muß kaum einen Grund
haben, auf eine oder die andere Seite zu gehen. Alsdann befördert die
Bewegung die Idee, und man mag etwas Wichtiges denken oder sich bloß in
Träumen und Phantasien gehen lassen, so gewinnt es durch die Bewegung
des Gehens besseren Fortgang, und man fühlt sich leichter und heiterer
gestimmt. Noch vor kurzem ist es mir geschehen, daß mir durch einen
Spaziergang gelang, was sich sehr lange nicht hatte gestalten wollen.
Ich hatte oft vergebens an etwas gearbeitet, und plötzlich beim
Herumgehen draußen kam es mir ganz von selbst, daß ich beim
Nachhausekommen es nur aufzuschreiben brauchte. Ich gehe aber niemals
des Morgens aus. Daran tue ich vielleicht Unrecht, aber es hängt bei mir
mit so vielen kleinen Gewohnheiten zusammen, daß ich darüber nicht
hinauskommen kann. Ich genieße daher nur den Anblick des Grün aus den
Fenstern, wo dann die Lichter der Frühsonne im Laube einen wundervoll
herrlichen Wechsel des Hellen und Dunkeln gewähren.

Ich habe kürzlich Goethes zweimalige Reise nach Italien oder vielmehr,
da es keine eigentliche Reisebeschreibung ist, seine Briefe von daher
gelesen. Sie schrieben mir in derselben Zeit von der Jacobischen. Ich
habe diese Reise nie gelesen, wohl aber den Reisenden gekannt und sein
Buch loben hören. Er studierte mit mir zugleich in Göttingen und ging,
wenn ich nicht irre, auch mit Ihrem Bruder um. Er war ein guter Mensch
und sehr fleißig, doch vermied ich seinen Umgang, da er für meine
Neigung in zu viele Studentengesellschaften verwickelt war. Was Sie mir
aus seiner Reise über die Pracht der Kirchen und des Gottesdienstes
sagen, ist sehr wahr. Es ist, wie Sie bemerken, und wie es auch mir
erscheint, eine lobenswürdige Sitte, daß man jedem Gelegenheit gibt, in
jedem Moment, wo er Stimmung dazu hat und fühlt, an einen Ort gehen zu
können, wo er Stille und Einsamkeit oder zu seiner Stimmung passende
Verrichtungen findet, einen Ort, der ihm schon an und für sich, sobald
er ihn betritt, Ehrfurcht und dazu eine gewisse Linderung einflößt.
Unsere evangelischen Kirchen werden viel zu sehr als Orte, die zum
Predigen bestimmt sind, angesehen, und auf die religiöse Erhebung des
Gemüts in Gebet und Nachdenken wird zu wenig gedacht. Die Goetheschen
Briefe aus Italien lehren nicht gerade Italien und Rom kennen. Sie sind
ganz und garnicht beschreibend. Man muß mit den Gegenständen durch
eigene Ansicht oder durch andere Reisen bekannt und bereits vertraut
sein, um nur die Bemerkungen darüber ganz zu verstehen. Aber sie malen
sehr hübsch und interessant Goethe selbst und zeigen, was Rom und
Italien sind, durch den Eindruck, den sie auf Goethe gemacht haben.
Insofern gehören sie zu den merkwürdigsten Schilderungen. Dann erkennt
man auch daraus, welche unglaubliche Sehnsucht Goethe Jahre hindurch
hatte, Italien und vor allem Rom zu sehen.

Ich reise morgen früh ab und gehe zunächst nach Breslau. Leben Sie
herzlich wohl und seien Sie meiner unveränderlichen Teilnahme gewiß. Von
Herzen Ihr                   H.



_Tegel_, den 7. September 1830.

Ihr am 31. v. M. abgegangener Brief hat mir, liebe Charlotte, sehr viel
Freude gemacht, weil er in einer ruhigen, wirklich erfreulichen Stimmung
geschrieben ist. Ich danke Ihnen sehr dafür. Ich lebe nun wieder ganz
in meinen alten Gewohnheiten. Mein Befinden ist sehr erwünscht, und ich
wüßte nicht, worüber ich zu klagen hätte. Wenn Sie aber von meiner
kräftigen Gesundheit reden, so bedarf es doch einer Einschränkung. Meine
Gesundheit ist gut, weil sie mich nicht leiden macht, und vorzüglich,
weil ich sie durch die Regelmäßigkeit meines Lebens erhalte und
befördere, übrigens sieht man mir das Alter viel mehr an als anderen
Menschen von gleichen Jahren, und ich bin auch weniger rüstig, als es
meinem und einem weit höheren Alter gemäß ist. Auch abwesend können Sie
das an meiner Handschrift sehen, deren Ungleichheit und Mangel an
Festigkeit garnicht von den Augen, sondern allein von der Hand herkommt.
Das ist allerdings Folge der Jahre, aber daß es so früh und so plötzlich
gekommen ist, ist allein Folge des Todes meiner Frau. Wenn man, wie es
mein Fall war, so verheiratet war, wie man es einzig sein konnte und
sein mußte, so ist die Trennung dieses Bandes nicht der bloß geänderte
Zustand, sondern ein durchaus neuer. Ich klage nicht, ich weine nicht,
der Tod einer Person, und noch dazu in höheren Jahren, ist ein
natürliches, ein menschliches, ein unabänderliches Ereignis; ich suche
nicht Hilfe oder Trost – denn der Kummer, der nach Hilfe oder Trost
verlangt, ist nicht der höchste und kommt nicht aus dem Tiefsten des
Herzens. Ich bin auch garnicht unglücklich, ich bin vielmehr auf die
einzige Art glücklich und zufrieden, auf die ich es sein kann, aber ich
bin anders als sonst, ich hänge mit dem Menschen und der Welt nur
insofern zusammen, als ich Ideen daraus schöpfe, oder als ich durch
äußerliches Wirken nützen kann, sonst habe ich keinen anderen Wunsch,
als allein zu sein. Jede Störung meiner Einsamkeit, jeder, auch nur
Stunden dauernde Besuch ist mir höchst unangenehm, wenn ich auch den
Menschen, die mich besuchen, gut bin. Ich tue nichts dazu und suche
nichts darin, es hat aber seit einem Jahre sehr zugenommen, und ich
schließe daraus, daß es nicht vergehen wird. Sie können denken, daß ich
in Berlin, wo ich so lange lebte, unter vielen Bekannten einige Männer
und Frauen der engsten Vertraulichkeit habe. Ich pflegte sie
wöchentlich, auch öfter zu sehen. Seit dem unglücklichen Verluste habe
ich sie kaum drei- oder viermal gesehen. Sie fühlen und begreifen mich,
und eine natürliche Diskretion hält sie ab, mich ohne ausdrückliche
Einladung zu besuchen. Ich lade aber niemand ein, sondern überlasse das
meinen Kindern. Ist jemand bei ihnen, so brauche ich nicht länger dabei
zu sein, als ich Lust habe. Ich erzähle Ihnen das, weil Sie gern einen
Begriff meines Zustandes haben. Mit meinen Augen geht es aber nicht
schlimmer. Besser kann es natürlich auch nicht gehen. Vielmehr, da man
in allen Dingen klar sehen muß, sage ich mir, daß die Schwäche mit den
Jahren auch zunehmen muß, und daß leicht eine Zeit kommen kann, wo ich
das Lesen und Schreiben ganz aufgeben werde. Bei Licht stelle ich es
schon sehr ein. Ich sitze oft abends allein zwei bis drei Stunden, ohne
scheinbar etwas zu tun. Ich kann aber nicht sagen, daß diese Zeit mir
unnütz und noch weniger unangenehm verstriche. Das Träumen in Bildern
und Erinnerungen hat etwas sehr Süßes, und strengt man sich an,
ernsthafter und in gewisser Folge zu denken, so nützt es für die Arbeit
des folgenden Tages. Ich ziehe dies einsame Sitzen einem Gespräch weit
vor. Oft indes und in den früheren Abendstunden lasse ich mir vorlesen.
– Heute war ein selten schöner Tag, eine milde, angenehme Luft, kein
Wind, ein reiner, blauer, schöner Himmel, aber sehr herbstlich ist es
bei uns schon, ich weiß nicht, ob auch bei Ihnen. Das Laub ist schon so
gelb, und wenn man eine ganze Allee hinunter sieht, bemerkt man auch,
daß die Bäume nicht mehr die Blätterfülle wie im Sommer haben. Es ist
unglaublich, wie schnell die Zeit hingeht. Eine Woche, ein Monat sind
vorbei, und ehe man sich umsieht, das ganze Jahr. Es scheint garnicht
der Mühe wert, eine so alte und allgemein anerkannte Sache noch zu
wiederholen. Allein mir ist es wirklich, als wäre mir diese Empfindung
nie sonst in gleichem Grade lebendig gewesen. Es mag daher kommen, daß
ich die Zeit mehr nach Arbeit als nach sonst einer Ausfüllung messe, und
da ist mir immer die Zeit, in der etwas zustande kommen soll,
unzureichend zu demjenigen, was man darin erwartet. Kein Tag bringt ganz
hervor, was er soll, und aus diesen Lücken der einzelnen Tage entsteht
ein großes Defizit im ganzen. Ich habe darum den Winter nicht so ganz
ungern, weil man doch, selbst in meiner, das ganze Jahr hindurch sehr
ruhigen, mußevollen und freien Lage, immer im Winter mehr und
angestrengter arbeitet.

Sie erwähnen der neuesten unruhigen Auftritte. Seit Sie schrieben, haben
sich diese sehr vervielfältigt und sind sogar in unsere Nähe gekommen.
Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Leidenschaft, wilde Roheit und
Übermut den Frieden bedrohen, dessen man so lange genoß. Indes wird sich
auch das wieder beruhigen. Die Dinge der Welt sind in ewigem Steigen und
Fallen und in unaufhörlichem Wechsel, und dieser Wechsel muß Gottes
Wille sein, da er weder der Macht noch der Weisheit die Kraft verliehen
hat, ihn aufzuhalten und ihn zum Stillstand zu bringen. Die große Lehre
ist auch hier, daß man seine Kräfte in solchen Zeiten doppelt anstrengen
muß, um seine Pflicht zu erfüllen und das Rechte zu tun, daß man aber
für sein Glück und seine innere Ruhe andere Dinge suchen muß, die ewig
unentreißbar sind.

Leben Sie recht wohl, erhalten sie sich heiter und seien Sie meiner
aufrichtigen und unveränderlichen Teilnahme versichert.           H.



_Tegel_, den 6. Oktober 1830.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 28. v. M. erhalten und danke
Ihnen sehr dafür. Es war hier seit acht bis zehn Tagen außerordentlich
schönes Wetter, ich habe es recht genossen und bin die Nachmittage
meistenteils ganz draußen gewesen. Ich fahre fort so wohl und gesund zu
sein, daß, wenn ich auch auf alles einzelne an mir acht geben wollte,
ich nicht wüßte, worüber ich zu klagen hätte. Es ist vielleicht unrecht,
das so zu preisen und das Schicksal gleichsam herauszufordern und
gewissermaßen das Glück zu _berufen_. Größtenteils ist das Aberglaube,
aber doch nicht ganz. Wenn das Rühmen mit etwas Gutem mit einer
vermessenen, inneren Zuversicht oder mit großer und ängstlicher
Bangigkeit vor dem Umschlagen verbunden ist, so schlägt es wirklich
leicht um. Man nenne es eine Strafe Gottes, oder man glaube, daß es ein
für allemal in der sittlichen Weltordnung so eingerichtet sei, daß das
sich überhebende wieder gedemütigt werden muß, so ist die Sache nicht
abzuleugnen. Die Erfahrung lehrt sie, sie liegt im Glauben aller uns
bekannten Zeitalter und Nationen, viele haben sie in denkwürdigen
Sprichwörten, auch in Erzählungen, überlieferten und erdichteten,
niedergelegt. Auf mich findet das indes keine Anwendung. Ich spreche
gegen Sie mein Wohlsein und meine Gesundheit aus, weil ich weiß, daß es
Sie freut und Ihnen eine Beruhigung ist und Trost, und weil das
Aussprechen die natürliche Regung eines gegen das Schicksal dankbaren
Gemüts, ja selbst ein Dank ist, ohne daß man etwas hinzufügt. Ich hege
dabei keine Vermessenheit; ich habe, und gerade jetzt, wo viel Äußeres
wankend werden kann, das klare Bewußtsein, daß alles, was jetzt die
äußere Lage eines Menschen ruhig, sorgenlos, genußreich und selbst
beneidenswert macht, sich, ohne daß man es ahnt, umwenden kann; viel
leichter noch die Gesundheit in höheren Jahren. Ich habe aber darüber
nicht die mindeste Ängstlichkeit. Ich genieße alles dankbar, was von
außen kommt, aber ich hänge an nichts. Ich lebe durchaus nicht in
Hoffnungen, und da ich nichts von der Zukunft erwarte, so kann sie mich
auch nicht täuschen. Ich muß offenherzig gestehen, daß ich, wäre es auch
unrecht, nicht an einer Hoffnung jenseits des Grabes hänge. Ich glaube
an eine Fortdauer, ich halte ein Wiedersehen für möglich, wenn die
gleich starke gegenseitige Empfindung zwei Wesen gleichsam zu einem
macht. Aber meine Seele ist nicht gerade darauf gerichtet. Menschliche
Vorstellungen möchte ich mir nicht davon machen, und andere sind hier
unmöglich. Ich sehe auf den Tod mit absoluter Ruhe, aber weder mit
Sehnsucht noch mit Begeisterung. In der Gegenwart suche ich mehr
Tätigkeit als Genuß. Im Grunde ist aber dieser Ausdruck unrichtig. Der
Genuß entsteht durch die Tätigkeit, beide sind also immer verbunden. Es
gibt allerdings auch Genuß, der wie eine reine Himmelsgabe uns
zuströmt. Den kann man aber nicht suchen, und es ist beklagenswert, wenn
sich die Sehnsucht auf einen solchen heftet. Aber der große Genuß, das
große Glück, das wahrhaft durch keine Macht entreißbare, liegt in der
Vergangenheit und in der gewissen Betrachtung, daß das große Glück zwar
ein großes, schätzenswürdiges Gut, aber daß doch die Bereicherung der
Seele durch Freude und Schmerz, die Erhöhung aller edeln Gefühle der
wahre und letzte Zweck ist, übrigens alles in der Welt wechselnd und
seiner Natur nach vergänglich ist. Durch diese Ansicht versinkt das
Leben in der Vergangenheit nicht in ein dumpfes Brüten über vergangene
Freuden oder empfundene Leiden, sondern verschlingt sich in die innere
Tätigkeit, welche das Gemüt in der Gegenwart beschäftigt. So ist es in
mir, und da die Gefühle, auf welchen mein Leben beruht, jetzt alle in
die Vergangenheit entrückt sind, auf eine zwar von Wehmut begleitete,
aber ein so süßes und so sicheres, von Menschen und Schicksalen so
unabhängiges Glück gebende Weise, daß nichts es zu entreißen, ja selbst
nur zu schwächen vermag.

Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 26. d. M. zur Post zu geben; wenn
Sie früher schreiben, ist mir Ihr Brief immer und an jedem Tage
willkommen.

Leben Sie herzlich wohl. Mit aufrichtiger und unveränderter Teilnahme
der Ihrige.           H.



_Tegel_, den 6. November 1830.

Ich habe, liebe Charlotte, Ihren am 26. v. Mts. abgegangenen Brief vor
einigen Tagen empfangen und danke Ihnen herzlich dafür. Er ist in einer
so ruhigen Stimmung geschrieben, daß er mir dadurch doppelt erfreulich
geworden ist. Denn ich bin überzeugt, daß gerade diese Stimmung auch für
Sie die beglückendste ist. Der schöne Herbst ist aber auch recht
gemacht, der Seele und dem Gemüt so viel Heiterkeit und eine so
lebendige Farbe zu geben, als ein jeder nach seinem inneren Zustande in
sich aufzunehmen fähig ist. Ich denke, ich erinnerte mich nie eines so
schönen und beständigen Oktobers und beginnenden Novembers. Im vorigen
Jahre lag um diese Zeit schon Schnee, der dann auch den ganzen Winter
liegen blieb. Jetzt ist die Luft milde wie im Sommer, und kaum daß hier
und da ein Regentag das wolkenlose Blau des klaren Himmels unterbricht.
Gestern leuchteten schon die Steine sehr hell, als ich vom Spaziergange
zurückkam, und auch heute war es noch lange nach Sonnenuntergang sehr
schön. Die Monatsrosen sind in der reichsten, üppigsten Blüte. Es ist
wirklich etwas Ungewöhnliches in dieser Witterung, als wollte der Himmel
der Erde eine Entschädigung für den letzten langen Winter angedeihen
lassen. Wie sehr ich mich aber auch freue über das schöne Wetter, so
liebe ich doch eigentlich den Herbst nicht. Die Entblätterung der Bäume
hat etwas so Trauriges und gibt der Natur, die erst überall Fülle,
Reichtum und Üppigkeit ist, den entgegengesetzten Charakter der
Dürftigkeit. Die herbstlichen Bäume haben auch für mein Gefühl etwas
noch mehr Widerwärtiges als im Winter. Dann ist die Zerstörung
wenigstens vorüber, im Herbst aber stellt sie sich noch im Werden selbst
dem Auge dar. Die armen Bäume sehen so vom Winde gezaust und mißhandelt
aus, daß man Mitleid, wie mit Menschen, mit ihnen haben möchte. Im
früheren Herbst lieben viele Leute die mannigfaltigen Farben, welche
dann das Laub annimmt. Ich habe das oft rühmen hören. Ich selbst aber
habe nie Gefallen daran finden können und hätte diese Farbenpracht gern
der Natur geschenkt. Wie viel schöner ist das allgemeine Grün des
Sommers, und man hätte sehr unrecht, dieses einförmig zu nennen. Es hat
vom Zarten und Hellen an bis zum tiefsten Dunkel so mannigfaltige
Nüancen, daß auch der Wechsel und die Schattierungen das Auge erfreuen.
Diese Farbennüancen sind aber milde und fein und nicht so grell als die
herbstlichen Farben.

Die Versicherungen, die Sie mir geben, daß Sie nicht unruhig, nicht
bekümmert sind, haben mich sehr gefreut, und ich glaube Ihnen gern. In
dem Sinne, in welchem Unruhe und Unzufriedenheit zu tadeln sind,
schreibe ich sie Ihnen auch nicht zu. Daß Sie bewegt und leicht gerührt
sind, ist natürlich und schön. Auch Müdigkeit am Leben begreife ich
sehr, obgleich ich dies Gefühl nie gehabt habe. Allein selbst ohne
unglücklich zu sein, kann das Leben leicht Müdigkeit einflößen, ich
möchte sagen, es muß es sogar, sobald es dem Menschen aufhört als ein
Fortschreiten in irgendeiner Art zu erscheinen und ihm zu einem
Rundgange wird, auf dem nun nichts Neues mehr erscheint. Auf diese Weise
fühlt man das Nichtige, was das Leben sogleich hat, als man es mit dem
höchsten Geistigen vergleicht, was aber verschwindet, solange man es als
eine Stufe zu höherem Fortschreiten ansehen kann.

Ich weiß nicht, liebe Charlotte, ob zu einer geistigen Beschäftigung,
wie ich Ihnen riet, es so vieler und so absichtlicher Zurüstungen
bedürfe. Wie ich Ihnen zuerst davon schrieb, war wenigstens das mein
Gedanke nicht. Zu dieser Beschäftigung gehört gerade Freiheit, und die
wird durch so planmäßig angelegte Lektüre gehemmt. Mir scheint eine ganz
entgegengesetzte Methode viel einfacher. Wozu soll man gerade wissen und
lernen? Es ist viel besser und viel wohltätiger, zu lesen und zu denken.
Das Lesen soll nämlich bloß den Stoff zum Denken hergeben, weil man doch
einen Gegenstand haben muß, einen Faden nämlich, an dem man die Gedanken
aneinander reiht. Hierzu braucht man aber beinahe nur zufällig ein Buch,
wie es sich findet, in die Hand zu nehmen, kann es auch wieder weglegen
und mit einem anderen vertauschen. Hat man das einige Wochen getan, so
müßte es einem an aller geistigen Lebendigkeit und Regsamkeit fehlen,
wenn man dann nicht von selbst auf Ideen geriete, die man Lust hätte
weiter zu verfolgen, Dinge, über die man mehr zu wissen verlangte; so
entsteht dann ein eigen gewähltes Studium, nicht ein durch fremden Rat
gegebenes. So, dächte ich, hätte ich es alle Frauen machen sehen, die
gern in ihrem Innern ein reges geistiges Leben führten. Sehen Sie nun
zu, da wir die Sache jetzt besprochen und von manchen Seiten überlegt
haben, welchem Vorschlage Sie folgen wollen. Schon das bloße Nachdenken
über die Wahl einer Beschäftigung ist selbst eine Beschäftigung, und die
Vorbereitungen gewähren schon einen Teil des Nutzens der Sache selbst.
Ich werde Ihnen gern bei allem, soviel ich kann, behilflich sein.

Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 23. d. M. auf die Post zu geben.
Ich wünsche von Herzen, daß Sie gesund bleiben mögen, und wenigstens
nichts Äußeres Ihre Ruhe störe. Erhalten Sie sich dann auch die innere,
und seien Sie von meiner unveränderlichen Teilnahme und Freundschaft
überzeugt. Ihr               H.



_Tegel_, den 4. Januar 1831.

Da ich jetzt wenige Briefe selbst schreibe, so fiel es mir auf, als ich
die Jahreszahl hinkritzelte, denn wirklich nur Kritzeln kann ich mein
jetziges Schreiben nennen, daß ich dies in diesem Jahre zum ersten Male
tue. Nehmen Sie also auch, liebe Charlotte, meinen herzlichen
Glückwunsch an. Möge nichts Äußeres, Widerwärtiges Ihnen zustoßen, und
mögen Sie immer die nötige Stärke haben, sich die innere Ruhe zu
erhalten, wenn sie, wie man bei menschlichen Schicksalen nie eine
sichere Bürgschaft hat, einmal bedroht würde. Nach der Art, wie die
Menschen, vorzüglich die höheren Stände, leben, hat, genau genommen, der
Jahreswechsel seine wahre Bedeutung verloren. Im Grunde fängt mit jedem
Tag ein neues Jahr an. Nur die Jahreszeiten machen einen wirklichen
Abschnitt. Diese aber haben bei uns kaum auf mehr als unsere
Annehmlichkeit und Bequemlichkeit Einfluß. Mir ist aber demohngeachtet
ein neues Jahr immer eine Epoche, die mich aufs neue in mir selbst
sammelt. Ich übergehe, was ich getan habe, etwa noch tun möchte, ich
gehe mit meinen Empfindungen zu Rate, mißbillige oder billige, befestige
mich in alten, mache neue Vorsätze und bringe so gewöhnlich die elften
Tage des Jahres müßig und arbeitslos hin. Ich lächle dann selbst, daß
ich die guten Vorsätze mit Müßiggang verbringe, aber es ist nicht sowohl
Müßiggang als Muße, und diese ist bisweilen heilsamer als Arbeit. Worauf
aber diese periodischen Betrachtungen immer und gleichmäßig
zurückkommen, ist die Freude, daß ein Jahr mehr sich an das Leben
angeschlossen hat. Es ist dies keine Sehnsucht nach dem Tode, diese habe
ich schon darum nicht, weil ja Leben und Tod, unabänderlich miteinander
zusammenhängend, nur Entwickelungen desselben Daseins sind, und es also
unüberlegt und kindisch sein würde, in demjenigen, was moralisch und
physisch seinen Zeitpunkt der Reife haben muß, durch beschränkte Wünsche
etwas ändern und verrücken zu wollen. Es ist auch nicht, ja noch viel
weniger Überdruß am Leben. Ich habe dieselbe Empfindung in den
genußreichsten Zeiten gehabt, und jetzt, da ich gar keiner äußeren
Freude mehr empfänglich bin, wenigstens keine suche, aber still in mir
und der Erinnerung lebe, kann ich noch weniger dem Leben einen Vorwurf
zu machen haben. Aber der Verlauf der Zeit hat in sich für mich etwas
Erfreuliches. Die Zeit verläuft doch nicht leer, sie bringt und nimmt
und läßt zurück. Man wird durch sie immer reicher, nicht gerade an
Genuß, aber an etwas Höherem. Ich meine damit nicht gerade die bloß
trockene Erfahrung, nein, es ist eine Erhöhung der Klarheit und der
Fülle des Selbstgefühls, man ist mehr das, was man ist, und ist sich
klarer bewußt, wie man es ist und wurde. Und das ist doch der
Mittelpunkt für des Menschen jetziges und künftiges Dasein, also das
Höchste und Wichtigste für ihn. Das wird Ihnen, liebe Charlotte, mehr
und besser zeigen, wie ich es meine, wenn ich das Alter der Jugend
vorziehe. Mein eigentlicher Wunsch wäre aber, daß ich allein alt würde
und alles um mich her jung bliebe. Damit würden dann auch die anderen
zufrieden sein und gegen diese Selbstsucht keine Einwendung machen.
Ganz im Ernst zu sprechen, obgleich auch das mein Ernst ist, ich meine
nur in dem Ernst zu sprechen, den auch andere dafür nehmen würden – so
bin ich weit entfernt zu verkennen, daß die Jugend im gewissen und im
wahren Sinne eigentlich nicht bloß schöner und anmutiger, sondern auch
in sich mehr und etwas Höheres ist als das Alter. Eben weil wenig
einzelnes entwickelt ist, wirkt das Ganze mehr als solches; auch
entwickelt das Leben nicht immer alle Anlagen, oft nur wenige, da ist
dann die Jugend wirklich mehr. Auch liegt da in beiden Geschlechtern ein
großer Unterschied. Dem Manne wird es viel leichter, den Schein und
selbst die Wirklichkeit zu gewinnen, als sei er im Alter mehr und viel
mehr geworden. Man schätzt in ihm viel mehr die Eigenschaften, die
wirklich dem Alter mehr angehören, und erläßt ihm die Frische und den
Reiz der jüngeren Jahre. Er kann immer Mann bleiben und selbst mehr
werden, wenn er auch die körperliche Kraft sehr einbüßt. Bei Frauen ist
das nicht ganz der Fall, und die Strenge der Willensherrschaft, die Höhe
der freiwilligen Selbstverleugnung, durch die das weibliche Alter sich
eine so jugendliche Kraft erhalten kann, haben nur wenige den Mut sich
anzueignen. Allein auch in Frauen bewahrt das Alter vieles, was man in
ihrer Jugend vergebens suchen würde, und was jeder Mann von Sinn und
Gefühl vorzugsweise schätzen wird.

Über Ihre Beschäftigung mit Palästina freue ich mich sehr. Es ist Ihnen
gewiß wohltätig, nicht ewig mit derselben Arbeit beschäftigt zu sein und
nicht, wenn Sie dieselbe verlassen, sich wieder bloß Selbstbetrachtungen
zu überlassen, sondern sich mit einem äußeren, den Geist anziehenden
Gegenstand zu beschäftigen. Man kehrt durch einen solchen dennoch
mittelbar in sich zurück.

In dem, was Sie über den Unterschied zwischen der neueren Geschichte und
dem Altertum sagen, stimme ich Ihnen vollkommen bei. Man befindet sich
auf einem ganz anderen Boden im Altertum. Es erging zwar den Menschen in
jenen fernen Jahrhunderten auch wie uns jetzt. Aber die Verhältnisse
waren natürlicher, einfacher, und wurden, was die Hauptsache ist,
frischer aufgenommen, ergriffen, behandelt und umgestaltet. Auch ist die
Darstellung würdiger, hinreißender und vor allem poetischer, die Poesie
war damals noch wahre Natur, nicht eine Kunst, sie war noch nicht
geschieden von der Prosa. Dies poetische Feuer, diese Klarheit
anschaulicher Schilderung verbreitet sich nun für uns über das ganze
Altertum, das wir nur durch diesen Spiegel kennen. Denn allerdings
müssen wir uns sagen, daß wir wohl manches anders und schöner sehen, als
es war. Ich will damit nicht geradezu sagen, daß die Art, wie die Dinge
erzählt werden, unrichtig sei. Das nicht. Aber das Kolorit ist ein
anderes. Wir sehen die Menschen und ihre Taten in anderen Farben. Auch
fehlen uns eine Menge kleiner Details, wir sehen nicht alle, oft nur die
hervorstechenden, wenn auch nicht mit Fleiß ausgewählten Züge. So wird
alles überraschender und kolossaler.

Ich vermute, daß Sie bei dem schönen, gelinden und oft sonnigen Wetter
auch täglich Ihren Garten besuchen. Ich lasse keinen Tag ohne
Spaziergang vorübergehen. Die Sonne aber entgeht mir bisweilen, da ich
mich in meinen Spaziergängen nicht nach ihr richte. Ich gehe immer
Sommers und Winters am Nachmittag, und die Sonne versteckt sich hier in
diesen Tagen um Mittag in Nebel.

Meine Gesundheit, denn ich sehe, daß ich noch nicht von ihr gesprochen,
ist sehr gut. Ich habe bis jetzt in diesem Winter nicht einmal einen
Schnupfen gehabt. Ich könnte also nur über Altersschwächen klagen; diese
sind aber natürlich, und ich ertrage sie, ohne mich über sie zu wundern.

Ich bitte Sie, liebe Charlotte, Ihren nächsten Brief am 25. d. M. zur
Post zu geben. Leben Sie nun recht wohl und rechnen Sie immer auf meine
unveränderliche Teilnahme.    H.



_Tegel_, den 6. April 1831.

Ich habe diesmal, liebe Charlotte, keinen Brief von Ihnen seit meinem
letzten bekommen, habe also keinen zu beantworten vor mir. Der Grund
Ihres Nichtschreibens könnte in Ihren Augen liegen, was mich sehr
schmerzen sollte, dann hätten Sie aber doch wohl einige Zeilen
geschrieben; auch wenn Sie krank geworden, würden Sie es mir gewiß
gesagt haben. Die natürlichste Vermutung über die Gründe Ihres
Stillschweigens scheint mir daher die, daß Sie gefürchtet haben, mir
gerade in den Wochen zu schreiben, wo der Verlust mich traf, in den
seitdem meine Seele einzig versenkt ist. Ich danke Ihnen in der Tiefe
meiner Seele für diese Zartheit. Ihr Brief würde mir zwar gleiche Freude
gemacht haben als alle anderen. Man feiert die Toten nicht würdig durch
verringerte Teilnahme an den Lebendigen, oder wenn man sich entzieht,
ihnen hilfreich zu werden, und am wenigsten paßt das für die, welche ich
betraure. Aber die Empfindung in Ihnen ist so natürlich, sie entspricht
so sehr Ihrem Gefühl und Ihren Gesinnungen, ist so edel und zart, daß
sie mich lebhaft gerührt hat.

Ich bin den ganzen März hindurch nur einen Tag in Berlin gewesen und
habe hier, teils allein, teils mit meinen Kindern, einer
beneidenswürdigen Ruhe genossen. Auch war das Wetter nur selten
unfreundlich, und es hat mich nicht gehindert, täglich auszugehen. Jetzt
beginnt der Frühling sehr schön, und ich denke mir, daß auch Sie dies
jugendliche Erwachen der Natur in Ihrem Garten genießen. Ich weiß nicht,
ob Sie auch wohl darauf geachtet haben, was ich in sehr verschiedenen
Klimaten, auch in Spanien und Italien, gefunden habe, daß, wenn die
Tage auch noch so regnerisch sind, sich der Himmel aufhellt um die Zeit
des Sonnenunterganges. Meist hört der Regen auf eine halbe Stunde vor
und nach Sonnenuntergang. Dies ist auch die gewöhnliche Zeit meiner
Spaziergänge. Die Wolkenerscheinungen sind dann die größten, schönsten
und glänzendsten, und seit meiner Kindheit machen sie den größten Teil
meiner Freude an der Natur aus. Wie man auch darüber nachdenken mag, ist
es schwer zu sagen, worin der Reiz eigentlich besteht. Gewiß ist es
nicht das sinnliche Farbenspiel, wie schön und prachtvoll es auch ist,
allein. Das mannigfache Schauspiel am Himmel regt die Seele tiefer und
lebendiger an, als es jeder irdische Reiz tun könnte. Daß es vom Himmel
kommt, zieht wieder zum Himmel hin. Freilich allemal wehmütig, aber doch
groß und im Tiefsten ergreifend ist das allmähliche Verglühen der
Farben, das Ersterben des Glanzes, der zuletzt, noch ehe er der
Dunkelheit Platz macht, von einem falben Grau überzogen wird. Ich kann
mich dabei nie erwehren, an etwas Ernsteres und Wichtigeres zu denken.
Es gibt zwar vorzüglich in den höher und innerlich Gebildeten, aber mehr
oder minder doch in allen, eine Menge von Gedanken, die nie zu einer Tat
werden, nie ins wirkliche Leben treten, sondern still und nur dem
bewußt, der sie hat, im Busen verschlossen bleiben. Es entspringt aber
aus ihnen, und oft viel mehr als aus Reden und Taten, Freude und Leid,
Glück und Elend. Ihr Hin- und Herfluten im Gemüte, die Bewegung, in die
sie versetzen, läßt sich in vielem jenen farbig flammenden
Himmelserscheinungen vergleichen. Für den Ernst des äußeren Lebens sind
sie wirklich, sich mit ihm nicht mengend, luftige Wolkengebilde. Sie
verschwinden auch wie diese und lassen in der Seele eine Kühle und Leere
zurück, die sich dem Grau der Dämmerung und dem Dunkel der Nacht
vergleichen läßt. Sind sie aber darum dahin? Kann das, was das Gemüt so
bewegt, so aus seinem innersten Grunde erschüttert hat, ganz wieder
untergehen? Dann könnte der ganze Mensch selbst vielleicht auch nur eine
vorübergehende Wolkenerscheinung sein. Sie werden mir einwenden, daß es
auf jeden Fall, wie alles, was einmal im Gemüt gewesen ist, auf dieses,
auf den Geist und Charakter zurückwirkt und in dieser Zurückwirkung
fortlebt. Allein das ist doch nicht genug. Es müßte doch von bestimmten
Seelenbewegungen auch etwas Bestimmtes ausgehen. Diese Gedanken
ergreifen mich meistenteils, wenn ich den Himmel am Abend oder vor oder
nach einem Gewitter ansehe. Ich habe aber, wenn ich es gleich nicht
erklären und beweisen kann, ein festes Ahnungsgefühl, daß jene
Gedankenerscheinungen auf irgendeine Weise wieder aufflammen und einen
Einfluß ausüben, der bedeutender ist als gewöhnlich so hochgeachtete
Reden und Handlungen. Der Mensch muß sich nur ihrer würdig erhalten,
auf der einen Seite nicht trocken und nüchtern, auf der anderen Seite
nicht schwärmerisch und wesenlos werden, vor allen Dingen aber
selbständig sein, die Kraft besitzen, sich selbst zu beherrschen, und
den inneren Gang seiner Gedanken allem äußeren Genuß und Treiben
vorziehen.

Indem ich auf das Geschriebene zurücksehe, muß ich Sie, liebe Charlotte,
ordentlich um Verzeihung bitten, Ihnen so allgemeine Dinge und
Betrachtungen zu schicken. Aber es ist dies neben dem Andenken an die
Vergangenheit, die nie für mich zurückkehren kann, das einzige, worin
ich lebe. Solche Ideen schließen sich an meine wissenschaftlichen
Berührungen an, und so haben Sie den ganzen Kreis, worin ich lebe, wenn
ich in mir sein kann, und aus dem ich nur halb und geteilt herausgehe,
wenn mich Pflicht oder freiwillige Sorge für andere herausruft. Diese
Art zu sein hat sich ohne mein Zutun in mir gestaltet. Ich bin mir
bewußt, daß ich sie nicht absichtlich hervorgerufen habe. Ich würde auch
nicht entgegenarbeiten, wenn ich plötzlich fühlte, daß es anders in mir
würde, daß ich wieder Lust an den Dingen hätte, die mich vor jenem
Schlage erfreuten, daß ich mich wieder freiwillig ins Leben mischte, daß
ich anderer Freude fähig sei, als die ich aus mir selbst und der
Vergangenheit schöpfe, so würde ich mich frei darin gehen lassen, wenn
ich mir auch selbst gestehen müßte, daß diese Änderung meine innere
parteilose Billigung nicht erhalten könnte. Ich denke nicht einmal
daran, ob meine jetzige Stimmung mich bis ans Ende meiner Tage
begleiten, oder ob die Zeit, wie die Leute so und nicht ganz mit Unrecht
sagen, auch meine Gefühle abstumpfen und abändern wird. Ich bin hierin
nicht bloß allem Affektierten, sondern auch allem Absichtlichen feind.
Kann das Gefühl, das ich, seit ich eine solche Verbindung kannte, immer
gehabt habe, daß es eine innere Verbindung zwischen Menschen gibt, deren
Auflösung dem Zurückbleibenden alle Fähigkeit, alle Neigung und allen
Wunsch nimmt, anderswoher Glück und Freude zu schöpfen, als aus sich
selbst und dem Andenken, kann, sage ich, dies Gefühl untergehen, so möge
es plötzlich verschwinden oder nach und nach ersterben. Im Reiche der
Empfindungen muß nichts länger leben, als es innere Kraft zu leben hat.
Bis jetzt ist es nur immer in mir gewachsen, und ich verdanke ihm alles,
was ich seit jener gewaltsamen Zerreißung an innerer Stärke, Beruhigung
und wirklicher Heiterkeit genossen habe, und was mir kein Mensch auf
Erden, selbst meine Kinder nicht, ohne jenes Gefühl hätten geben können.
Ich empfinde die Wohltätigkeit dieses Gefühls auch an der größeren
Klarheit und Sicherheit meiner Ideen und Empfindungen. Denn, wenn ich
auch zu manchen äußeren Geschäften weniger geschickt sein mag als sonst,
so fühle ich dagegen deutlich, daß meine Ideen in jeder Rücksicht
lichtvoller und fester geworden sind.

Ich bestimme Ihnen heute keinen Tag zum Schreiben, da mein Wunsch und
meine Bitte dahin geht, daß Sie mir so bald schreiben mögen, als Sie
können. Mit unveränderlicher Teilnahme und Freundschaft der Ihrige.
                                                                   H.



_Tegel_, den 6. Mai 1831.

Unmittelbar nach dem Abgang meines letzten Briefes an Sie, liebe
Charlotte, empfing ich den Ihrigen und ersah daraus, daß ich die Ursache
Ihres verzögerten Schreibens richtig erraten hatte. Bald darauf erhielt
ich auch Ihren zweiten Brief.

Ich habe Sie längst befragen wollen, liebe Charlotte, ob Sie je
Schillers Leben von Frau von Wolzogen gelesen haben. Wo nicht, so rate
ich Ihnen, das Buch ja bald zu lesen. Ich glaube nicht, daß es ein
zweites so schön geschriebenes, so geistvoll gedachtes und so tief und
zart empfundenes Buch gibt. Ein Mann könnte garnicht so schreiben, wenn
er auch sonst vorzüglich von Kopf und Gemüt wäre. Unter allem, was ich
bisher von Frauen gelesen habe, weiß ich nichts damit zu vergleichen.
Außerdem sind viele Briefe von Schiller in dem Werke, und unter diesen
vortreffliche. Das Buch wird Ihnen Freude machen.

Was ist Poesie? – sagen Sie und setzen hinzu, ich denke, man muß sie
empfinden. – Ich bin ganz Ihrer Meinung. Wer recht lebendig empfindet
(denn empfunden muß und kann es eigentlich nur werden), daß etwas
poetisch ist, bedarf nicht der Erklärung, und wer kein Gefühl dafür hat,
dem kann alle Erklärung durch Worte nicht helfen. Insoweit es möglich
ist, hat es gewiß Schiller getan, der mehr als irgend jemand die Gabe
besaß, in Worte zu kleiden, was in seiner eigentümlichen Natur dem
Ausdruck widerstrebt. Beispiele erklären es schon besser. Nehmen wir
zwei gleichzeitige Dichter, die Sie gleich gut kennen, Gellert und
Klopstock. Beide sind miteinander zu vergleichen, weil sie beide
geistliche Stoffe behandelt haben, weil sie gewiß beide von gleich edler
Frömmigkeit und gleich reiner Tugendliebe beseelt waren, und endlich
auch, weil sie eine große und tiefe Wirkung auf die Gemüter und die
Herzen ihres Zeitalters hervorgebracht haben. Aber gewiß sind Sie meiner
Meinung, daß in Klopstock ein ungleich höherer Schwung ist, daß man bei
seinen Worten mehr denkt, von ihnen mehr hingerissen wird. Gellerts
Verse sind nur gereimte Prosa, Klopstock war durchaus eine poetische
Natur. – Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 24. abzusenden. Leben
Sie herzlich wohl. Mit der aufrichtigsten Teilnahme und Freundschaft der
Ihrige.     H.



_Tegel_, den 3. Juni 1831.

Ihr Brief vom 22. bis 25. vor. Monats ist mir allerdings so spät
zugekommen, daß mich sein Ausbleiben wunderte. Ich wußte diesmal
garnicht, welcher Ursache ich Ihr Stillschweigen zuschreiben sollte.
Doch hatte ich keine Besorgnis vor Krankheit, weil ich mich darauf
verlasse, daß Sie mir, liebe Charlotte, in einem solchen Fall immer,
wenn auch noch so wenige Worte sagen werden. Desto mehr habe ich mich
jetzt gefreut, einen ausführlichen Brief zu erhalten. Wenn ich dies
sage, meine ich nur, daß ich die Blätter von Ihrer Hand immer gern lese,
und immer, was Sie betrifft, es sei erfreulich, oder es sei das
Gegenteil, mit wahrer und aufrichtiger Teilnahme mitgeteilt erhalte.
Denn sonst konnte mich das, was Sie mir darin über den neuen Verlust,
der Sie betroffen, und die Stimmung, in welche Sie dieser Trauerfall
versetzt hat, nur schmerzlich berühren. Auch ganz ohne die Familie zu
kennen, hat der Todesfall dieser jungen Person etwas ungemein Rührendes.
Er ist sichtbar eine Folge des Todes der Schwester und der, aus Liebe
für die Dahingegangene, zu beschwerlich in der Besorgung der Kinder und
des Hauswesens übernommenen Anstrengung. Beides vereinigt hier alles,
was das Bedauernswürdige des Falles vermehren kann. Sie sagen, daß ein
so früher Tod beneidenswert sei, der eine schöne, reine, frische Blüte
bricht, ehe der rauhe Nord sie erstarrt, und Sie kommen auch in einer
andern Stelle Ihres Briefes hierauf zurück. Ich erinnere mich sehr wohl,
das gleiche Gefühl vor vielen Jahren bei dem Tode meines ältesten
Sohnes, eines damals zehnjährigen Knaben, gehabt zu haben. Er starb in
Rom, wo er auch an einem schönen Orte unter nun großen schattigen Bäumen
begraben liegt. Er war ein wunderschönes, verständiges, gutes Kind und
ging aus einer plötzlichen und schnell endenden Krankheit in vollem
Frohsein und voller Heiterkeit hinüber. Ich erkenne daher sehr die
Wahrheit jenes Gefühls, allein das Leben hat doch auch seinen Wert,
selbst wenn es der Freuden weniger gibt oder gegeben hat. Es stärkt die
Kraft, es reift das Gemüt, und ich kann mir wenigstens die Überzeugung
nicht nehmen, daß das Wichtigste für den Menschen der Grad der inneren
Vollkommenheit ist, zu dem er gedeiht. Dazu aber trägt das Leben selbst
in seinen Stürmen, und seinen rauhen Stürmen, mächtig bei. Alle diese
Betrachtungen sind aber nur bis auf einen gewissen Punkt trostreich und
beruhigend. Der Verlust geliebter Personen bleibt in sich unersetzlich,
und der Kummer und Gram darum lindert sich, wie ich sehr gut weiß und
empfinde, durch keine Betrachtungen, eher noch in manchen Fällen und bei
manchen Gemütern durch den ruhigen Verlauf der Zeit. Da Sie schon sehr
einsam leben, so begreife ich noch mehr und fühle noch lebhafter, wie
dieser unerwartete Verlust Sie auf einmal noch viel schmerzlicher
trifft. Wenn die Aufrichtigkeit und die Wärme meiner Teilnahme dazu
beitragen kann, Ihrem Kummer Linderung zu gewähren, so zählen Sie mit
Sicherheit auf beide. Sie kennen meine Gesinnungen für Sie, Sie wissen,
daß dieselben vom ersten Augenblicke an, wo Sie sich nach einer
bedeutenden Reihe von Jahren an mich wandten anteilvoll und wohlwollend
gewesen sind, ob gleich ich in der ganzen Zwischenzeit nichts von Ihnen
wußte, und unsere Jugendbekanntschaft nur das Werk weniger Tage war.
Dieser Ihnen aus dem reinen Wunsche, wohltätig und erheiternd auf Sie,
Ihre Stimmung und Ihr Leben einzuwirken, gewidmete Anteil wird Ihnen
bleiben, und Sie können sich versichert halten, daß er sich bei jedem
kleineren und größeren Vorfall Ihres Lebens aufs neue beweisen wird. Je
mehr ich in mir selbst lebe, je mehr ich in dem Zustand bin, nichts von
außen empfangen zu wollen, je freier ich mich in die Lage versetzt habe,
ohne alle Rücksicht jede Gemeinschaft, außer der mit meinen Kindern,
zurückzuweisen, desto freier, reiner und forderungsloser ist auch mein
Anteil an denen, von welchen ich weiß, daß sie ihn gütig aufnehmen und
daß er ihnen Freude macht. Ich sehe und empfinde die Ereignisse des
Lebens jetzt mehr in anderen als in mir selbst, ich bin ruhig und in
Erinnerungen und Betrachtungen, wenn auch oft wehmütig, dennoch heiter.
Meine Freunde und Bekannten, die das wissen, lassen mich gewähren und
stören mich in diesem abgeschlossenen Kreise nicht; aber mein Anteil an
Ihnen und Ihrem Schicksal ist gleich groß.

Über meine Gesundheit kann ich Ihnen nur Gutes sagen. Ich kann über
keine Kränklichkeit, nur über die Schwächlichkeiten klagen, die Sie
längst kennen. Sie rühmen, liebe Charlotte, meine feste Hand und freuen
sich darüber. Ihr Urteil hierin ist auch mir darum um so wichtiger, als
Sie die erste waren, die mich auf die Schwäche und das Zitterhafte
meiner Hand aufmerksam machte. Ich wunderte mich damals darüber, wie
einer, der etwas von sich erfährt, was er selbst nicht gewußt hat, ich
bemerkte aber, daß Ihre Bemerkung ganz richtig war. Ich habe seit dem
Winter etwas gebraucht, was das Zittern der Glieder und die Schwäche der
Hand heben soll. Gegen das erste hat es sichtbar geholfen, vielleicht
auch gegen das letzte, doch glaube ich das eigentlich nicht. Was Ihnen
den Eindruck gemacht, schreibe ich mehr der Methode zu, die ich
angenommen habe, wie die Kinder auf Linien zu schreiben, dies hält die
Züge und die Hand mehr in Ordnung. Mein Arzt schließt aus der Wirkung
der verordneten Mittel, daß die Ursache der Schwäche im Rückgrat liegt,
und rät zum Gebrauch eines kräftigen Seebades. Ich werde also in diesem
Sommer nicht Gastein, sondern Norderney gebrauchen. Sie wissen wohl, daß
dies eine Insel ist, welche der Stadt Aurich in Ost-Friesland gegenüber
liegt. Meine älteste Tochter wird mich begleiten, und ich werde eine
Reise auf eines meiner Güter damit verbinden.

Leben Sie herzlich wohl; mit dem innigsten
Anteil der Ihrige.                     H.



_Oschersleben_, den 3. Juli 1831.

Ich sehe aus Ihrem Briefe, daß Sie Ihren Reiseplan aufgegeben haben, und
kann das nur billigen. Solange man noch in seinen häuslichen
Gewohnheiten ruhig ist, fühlt man in diesen wohl eine gewisse ermüdende
Einförmigkeit, die auf eine Reise mit Vergnügen hinblicken läßt. Wenn
aber der Zeitpunkt kommt, sich loszureißen, so fühlt man alles
Beschwerliche und Unerfreuliche, das nicht heimisch scheint, und lernt
erst den Wert der gewöhnlichen Existenz in alledem erkennen, was einen
alle Tage umgibt. Ich selbst habe mich diesmal höchst ungern zur Badekur
entschlossen und hätte es nicht getan, wenn ich nicht glaubte, daß ohne
die Kur die Schwächlichkeiten, an denen ich leide, und die doch meine
freie Tätigkeit hemmen, zu sehr anwachsen könnten. Interesse finde ich
an der Reise garnicht. Einige Menschen in den Orten, durch die ich
reise, sehe ich allerdings gern wieder, aber das wiegt doch die vielen
anderen Unbequemlichkeiten, und besonders den Zeitverlust, nicht auf. Zu
dem allen kommt die Ungewißheit der Zeiten.

Sie reden in Ihrem Briefe über den Wert des Lebens und äußern, daß ihn
die geschwächten Kräfte des Alters noch mindern. Wenn man von dem
Glückswert des Lebens spricht, so gebe ich gern zu, daß man ihn nicht
immer hoch anschlagen kann. Ich behaupte sogar, daß alle, die ungefähr
in meinem Alter sind, von der jetzigen Zeit wenig oder nichts
Erfreuliches zu erwarten haben können, denn in allem, was das
menschliche Leben äußerlich angeht, trüben sich die Aussichten,
verwirren sich die Begriffe bis zu den verschiedensten Meinungen, und
die Jahre, die ich noch zu leben habe, werden nicht hinreichen, dies zu
lösen. Ist es aber recht und erlaubt, den Wert des Lebens wie den eines
andern Guts zu schätzen? Das Leben ist dem Menschen von Gott gegeben, um
es auf eine ihm wohlgefällige pflichtgemäße Weise anzuwenden und im
Bewußtsein dieser Anwendung zu genießen. Es ist uns allerdings zum Glück
gegeben. Dem Glück ist aber immer die Bedingung gestellt, daß man es
zuerst, und wenn die mancherlei Tage Prüfungen mit sich führen, allein
in der mit Selbstbeherrschung geübten Pflicht finde. Ich frage mich
daher nie, welchen Wert das Leben noch für mich hat, ich suche es
auszufüllen und überlasse das andere der Vorsehung. Die Schwächung,
welche die Kräfte durch das Alter erfahren, kenne ich sehr wohl aus
eigener Erfahrung, aber ich möchte darum nicht zurücknehmen, was ich
Ihnen neulich schrieb, daß der Zweck des Lebens eigentlich der ist, zu
der höchsten, dem inneren Geistesgehalt des Individuums, von dem die
Rede ist, den Umständen und der Lebensdauer angemessenen Erkenntnisreife
zu gedeihen. Es gibt allerdings Fälle, wo das Alter alle Geisteskräfte
vernichtet. So war es mit Campe, der die letzten fünf Jahre seines
Lebens hindurch bloß vegetierte, und von dem man kaum sagen konnte, daß
er wieder zum Kindesalter zurückgekehrt war. Über diese Fälle ist nichts
zu sagen. Der Mensch hört in ihnen menschlich auf zu sein, ehe er
physisch stirbt. Sie sind aber glücklicherweise selten. Die gewöhnlichen
Altersschwächen gehen mehr den Körper an, und im Geiste bleibt die Kraft
des Entschlusses, seine Schnelligkeit und Ausdauer, das Gedächtnis, die
Lebendigkeit der Teilnahme an äußeren Begebenheiten. Das in sich
gekehrte Denkvermögen und das Gemüt bleiben nicht nur in den meisten
Fällen ungeschwächt, sondern sind reiner und minder getrübt durch
Verblendung und Leidenschaften. Gerade aber diese Kräfte sind es, die am
besten und sichersten zu der oben erwähnten Reife der Erkenntnis führen.
Sie wägen in den höheren Jahren, die keine Ansprüche mehr an Erfolge des
Glücks und Veränderung der Lage machen, am richtigsten den wahren Wert
der Dinge und Handlungen ab und knüpfen das Ende des irdischen Daseins
an die Hoffnung eines höheren an; sie läutern die Seele durch die ruhige
und unparteiische Prüfung dessen, was in ihr im Leben vorgegangen ist.
Niemand muß glauben, mit dieser stillen Selbstbeschäftigung schon fertig
zu sein. Je mehr und anhaltend man sie vornimmt, desto mehr entwickelt
sich neuer Stoff zu derselben. Ich meine damit nicht ein unfruchtbares
Brüten über sich selbst, man kann dabei tief mit seinen Gedanken in der
Zeit und der Geschichte leben, aber wenn man dies tut, was nicht
notwendig ist, meine ich nicht das Ziehen jedes Gedankenstoffes in den
Kreis der Irdischkeit, sondern in den höheren, dem der Mensch
vorzugsweise in seinen spätesten Jahren angehört. Denn dieser zweifache
Kreis ist dem Menschen sichtbar angewiesen. In dem einen handelt er, ist
er geschäftig, trägt er im Kleinsten und Größten zu den
Menschenschicksalen bei, davon aber sieht er niemals das Ende, und darin
ist nicht er der Zweck. Er ist nur ein Werkzeug, nur ein Glied der
Kette, sein Faden bricht oft im entscheidendsten Moment ab, der des
Ganzen läuft fort. In dem andern Kreise hat der Mensch das Irdische,
nicht dem Erfolg, sondern nur der Idee nach, die sich daran knüpft, zum
Zweck und geht mit diesem Streben über die Grenzen des Lebens hinaus.
Dieses Gebiet ist nur dem einzelnen, aber jedem Menschen für sich
angewiesen. Die Nationen, das Menschengeschlecht im ganzen, strömen bloß
im Irdischen fort. Jeder Mensch dreht sich, wenn er auf sich achtet,
immer in diesen beiden Kreisen herum, aber dem Alter ist der höhere und
edlere mehr eigen, und nicht ohne Grund befallen den Menschen
Altersschwächen, er widmet sich, dadurch gemildert und beruhigt, jenen
höchsten Betrachtungen.

Ich bitte Sie, Ihren nächsten Brief am 20. Juli zur Post zu geben und
nach Norderney über Aurich zu adressieren. Ich habe diesen Brief im
Hause meines Pächters angefangen und schließe ihn heute, den 6. Juli, in
Zelle. Meine Reise ist, wie es eine so unbedeutende Reise natürlich ist,
ohne alle Abenteuer gewesen. Mit unveränderlicher Teilnahme der Ihrige.
                                                                    H.



_Norderney_, den 26. Juli 1831.

Es kommt mir ordentlich wunderbar vor, liebe Charlotte, nachdem ich
Ihnen mehrere Sommer von den Gebirgen von Gastein aus geschrieben, es
nun von den niedrigen Dünen und der flachen Küste der Nordsee zu tun. Es
interessiert Sie aber wohl auch, imstande zu sein, sich einen Begriff
von dem Seebade und meinen Umgebungen zu machen. Zuerst werden Sie, nach
Ihrer Teilnahme an mir, von meinem Befinden zu hören wünschen. Bis jetzt
kann ich Ihnen nur das Beste davon sagen, und da ich schon heute das
vierzehnte Bad genommen, so hoffe ich, daß mein Befinden ferner gut
bleiben wird, obgleich man freilich von Erfolg und Wirkung einer Badekur
erst urteilen kann, wenn sie beendet ist. Aber das Gefühl der
allgemeinen Belebung und Erfrischung, die Freiheit des Kopfes und die
Leichtigkeit in allen Gliedern, unmittelbar wenn man aus der See kommt,
habe ich bis jetzt vollkommen. Das Übrige und Wesentlichere hoffe ich um
so mehr, als meine Forderungen an die Kur höchst mäßig sind. Ich bin
vollkommen zufrieden, wenn das Übel, um dessenwillen der Arzt wollte,
daß ich dies Bad nehmen sollte, im nächsten Jahre nicht zunimmt. Ich bin
nicht so betört und nicht so unbescheiden gegen das Schicksal, an eine
wirkliche Heilung zu denken. In höheren Jahren muß man sich darauf
gefaßt machen, gewisse Unbequemlichkeiten in seine Existenz als
unvermeidlich und unabänderlich aufzunehmen. Der menschliche Organismus
und die im Laufe der Zeit natürliche Vergänglichkeit lassen das nicht
anders zu, und die Unbequemlichkeiten, an denen ich leide, sind
überdies, gegen die anderer Menschen gehalten, so leidlich, daß ich
doppelt strafbar sein würde, dadurch ungeduldig gemacht zu werden.

Die Luft wird hier, selbst bei heiterem Sonnenschein, auch in diesem
Monat unaufhörlich durch frische Seewinde abgekühlt, die das Meer bald
nur lieblich kräuseln, bald in hohen Wellen bewegen. Dieser Anblick des
Meeres ist für mich hier dasjenige, was dem Aufenthalt seinen eigenen
Reiz gibt. Ich besuche den Strand gewöhnlich jeden Tag mehr als einmal
außer dem Baden und oft auf Stunden. So einfach die Bewegung des Meeres
scheint, so ewig anziehend bleibt es, ihr zuzusehen. Man kann es nicht
mit Worten ausdrücken, was einen gerade daran fesselt, aber die
Empfindung ist darum nicht weniger wahr und dauernd. Viel trägt gewiß
die Unermeßlichkeit der Erscheinung, der Gedanke des Zusammenhanges des
einzelnen Meeres, an dessen Küste man steht, mit der ganzen, Weltteile
auseinander haltenden Masse bei. Diese malt sich wirklich, kann man
sagen, in jeder einzelnen Welle. Das Dunkle, Unergründliche der Tiefe
tut auch das ihrige hinzu, und nicht bloß das der Tiefe, sondern auch
das Unerklärliche, Unverständliche dieser wilden und unermeßlichen
Massen der Luft und des Wassers, deren Bewegungen und Ruhe man weder in
ihren Ursachen, noch in ihren Zwecken einsieht, und die doch wieder
ewigen Gesetzen gehorchen und nicht die ihnen gezogenen Grenzen
überschreiten. Denn die bewegtesten Wellen des Meeres laufen in
spielenden Halbkreisen schäumend auf dem flachen Lande aus. Schade ist
es, daß man hier das Meer nirgends aus den Häusern oder doch nur sehr
unvollkommen aus Bodenkammern sieht. Die ganze Insel ist von Dünen,
niedrigen Sandhügeln, umgeben, die man immer erst übersteigen muß, ehe
man an das Ufer kommt. Auf diesen geht man dann aber auch, wenn es die
Zeit der Ebbe ist, besser wie es sonst irgend auf dem Lande möglich ist.
Der Boden ist fest wie eine Tenne, und doch elastischer und minder hart.
Zwischen diesem in der Zeit der Flut immer bespritzten Strande und den
Dünen ist tiefer Sand, und wo diese Strecke sehr breit ist, da gleicht
die Insel einer afrikanischen Wüste. Ein Bach ist nirgends, nur teils
gegrabene, teils natürliche Brunnen süßen Wassers. Aber auch dies Wasser
ist nicht sonderlich gut. In der Mitte, von den Dünen eingeschlossen,
sind aber grüne Anger und Wiesen, auf denen Vieh weidet. Wirklich hohe
Bäume hat die Insel garnicht, nur Gesträuch; höherem Wuchs widersetzen
sich die Stürme, aber von diesem Gesträuch sind ganz hübsche Bosketts
und einige gegen Sonne und Wind schützende Laubengänge angelegt. Es gibt
auf der ganzen Insel nur ein, aber sehr ansehnliches Dorf. In diesem
wohnen auch die Badegäste, in kleinen, aber sehr reinlichen Wohnungen.
Die Einrichtung ist hier schon mehr holländisch und englisch. Was diesen
Fischer- und Schifferhäusern, denn das sind die Bewohner größtenteils,
von außen ein gefälliges Äußere und innerlich Freundlichkeit und Licht
gibt, ist, daß die Fenster sehr groß sind, hölzerne Kreuze und große,
helle und gut gehaltene Glasscheiben haben, viel besser, als dies bei
uns manchmal selbst in größeren Städten der Fall ist. Ein Haus gehört
der Badeanstalt selbst, in diesem wohne ich, es ist aber klein und
gewährt wenig Vorzüge gegen die Wohnungen bei den Dorfbewohnern. Die
Badegesellschaft ist ziemlich zahlreich, obgleich die Furcht vor der
Cholera viele abhält, in diesem Jahr die Ost- und selbst die
Nordseebäder zu besuchen. Für das Zusammenkommen der Badegäste gibt es
ein eigenes Gebäude mit Versammlungssälen zum Speisen und zu
Abendgesellschaften. Ich esse aber in meiner Wohnung und bin erst einmal
in jenem Saale gewesen. Doch gibt es einzelne Personen, die mich und die
ich besuche. Was den Aufenthalt in diesem und in allen Seebädern in
Vergleichung mit anderen Bädern angenehmer macht, ist der Umstand, daß
man hier nicht von so schweren Kranken und von so großen
Krüppelhaftigkeiten hört und noch weniger sieht. Gegen solche Übel ist
das Seebad nicht geeignet, und da es auch immer, um Gebrauch davon
machen zu können, noch gewisse Kräfte voraussetzt, so können so sehr
kranke Personen es nicht benutzen. Ich sehe nur einen Mann hier, der auf
Krücken geht und sich, da der Weg zum Badestrande vom Dorfe nicht ganz
nahe ist, in einer Sänfte hintragen läßt. So können Sie sich nach der
ausführlichen Beschreibung meines hiesigen Aufenthaltes ein
anschauliches Bild meines Lebens machen.

Ich habe noch keinen Brief von Ihnen erhalten, glaube aber gewiß, daß
ich morgen, wo Posttag für ankommende Briefe ist, einen erhalten werde.
Ich lasse indes den meinigen immer abgehen. Die Briefe bleiben hier
ungewöhnlich lange aus. Ich bitte Sie, mir am 5. August hierher, wie ich
Ihnen neulich schrieb, über Aurich zu schreiben. Mit der herzlichsten
Teilnahme Ihr                          H.



_Tegel_, den 1. Januar 1832.

Ich bin fortdauernd sehr wohl und kann auch weniger über Schwächlichkeit
klagen als sonst. Das Seebad hat mir offenbar wohlgetan, nur mit dem
Schreiben geht es gleich langsam und schlecht, und die Stumpfheit der
Augen nimmt doch zu. –

Sie freuen sich, daß ich mich wieder heiter dem Leben zuwende, und da
Sie liebevollen Anteil an mir nehmen, so können Sie sich allerdings
meiner größeren Kräftigkeit freuen. Mit dem heiteren Zuwenden zum Leben
aber ist es eine eigene Sache. Es ist wahr und nicht wahr zugleich. Ich
hatte mich niemals vom Leben abgewendet, dies zu tun ist ganz gegen
meine Gesinnung; solange man lebt, muß man das Leben erhalten, sich ihm
nicht entfremden, sondern darin eingreifen, wie es die Kräfte und die
Gelegenheit erlauben. Das Leben ist eine Pflicht, die man erfüllen muß;
man ist allerdings in der Welt, um glücklich zu sein, aber der
Gutgesinnte findet sein höchstes Glück in der Pflichterfüllung, und der
Weise trauert nicht, wenn ihm auch kein anderes wird, als was er sich
selbst zu schaffen imstande ist. In einem anderen Sinne aber dem Leben
zugewendet habe ich mich nicht. Die Änderung, die das Gefühl größerer
Kräftigkeit in mir hervorgebracht hat, ist die, daß es mich gemahnt hat,
da ich das Vermögen in mir dazu besitze, noch allerlei zu vollenden, was
ich im Sinn habe, eingedenk der Ungewißheit der mir dazu übrig
bleibenden Zeit. Die Folge ist also gewesen, daß ich noch
haushälterischer mit meiner Zeit umgehe und mich seit meiner Rückkehr
von Norderney noch einsamer zurückgezogen habe, mich noch anhaltender
mit mir selbst beschäftige, und mir alles andere noch gleichgültiger in
Beziehung auf mich ist. Die Heiterkeit am gegenwärtigen Augenblicke kann
mir nicht wieder werden, seitdem meinem Leben etwas fehlt, für das es
keinen Ersatz gibt, aber die Beschäftigung mit der Vergangenheit gibt
mir eine sich immer gleich klare und ruhige Heiterkeit. Das Leben recht
eigentlich in seinen guten und bitteren Momenten durchzuempfinden und
das Tiefste und Eigenste, was die Brust in sich schließt, seinen äußeren
Einwirkungen entgegenzustellen, nannte ich oben eine Pflicht, und sie
ist es gewiß, aber es wäre auch widersinnig, es nicht zu tun. Das Dasein
des Menschen dauert gewiß über das Grab hinaus und hängt natürlich
zusammen in seinen verschiedenen Epochen und Perioden. Es kommt also
darauf an, die Gegenwart zu ergreifen und zu benutzen, um der Zukunft
würdiger zuzureifen. Die Erde ist ein Prüfungs- und Bildungsort, eine
Stufe zu Höherem und Besserem, man muß hier die Kraft gewinnen, das
Oberirdische zu fassen. Denn auch die himmlische Seligkeit kann keine
bloße Gabe sein und kein bloßes Geschenk, sie muß immer auf gewisse
Weise gewonnen werden, und es gehört eine wohl erprüfte Seelenstimmung
dazu, um ihrer durch den Genuß teilhaftig zu werden.

Es hat mich sehr geschmerzt, aus Ihrem Briefe zu ersehen, daß neue
Trauerfälle Ihnen das Ende des Jahres trüben; es hat mir umsomehr leid
getan, da Sie eben auf dem Wege waren, größere Heiterkeit zu gewinnen.
Die Schicksale des Lebens gehen ihren Gang, scheinbar fühllos, fort. Ich
habe in diesem Jahre drei sehr langjährige Freunde, einen, der älter als
ich war, und zwei jüngere, verloren. Aber die Gewöhnlichkeit und
Natürlichkeit dieser Fälle mildert den Schmerz nicht und wehrt nicht der
Trauer. Die beklommene Brust fragt sich immer, warum, da so viele länger
leben, der Dahingegangene gerade vorangehen mußte. Was Sie von Ihrer
ersten Erzieherin sagen, hat mich sehr gefreut und gerührt. Jedes
gutgesinnte Gemüt, geschweige denn zart und edel fühlende, bewahrt durch
das ganze Leben willig gezollte Dankbarkeit für die Pfleger der
Kindheit. Schon im Altertum ist das wahr und schön beschrieben. Die
Behandlung der Kindheit fordert Geduld, Liebe und Hingebung, und diese
Jahre hindurch ihr gewidmet zu sehen, berührt, wie auch übrigens der
Mensch sein mag, die weichsten und zartesten Saiten des Busens. Dies
Gefühl ist im ganzen sich immer gleich, der Unterschied beruht
vorzüglich auf der Innigkeit des Empfindenden. Der Maßstab der
Dankbarkeit ist aber der Grad der Liebe, den der, an den sie knüpft, in
das Geschäft legte. Viele, die bei Kindern sind, tun ihre Pflicht, aber
das Herz ist nicht dabei, das merkt das Kind gleich. Ich fühle recht,
daß es das war, was Sie an der Verlorenen schätzten. Möge das neue Jahr
Ihnen Heiterkeit und Freude bringen, Sie vor Verlusten in dem schon
engen Kreise bewahren und über Ihre Stimmung, wie ernst sie auch
manchmal sein möge, immer das freundliche Licht ausgießen, in dem man,
wenn man auch das Leben nur als einen Weg zum Höheren anfleht, sich doch
noch auch am Anblick des Weges erfreut. Erhalten Sie mir auch Ihr
Wohlwollen, wie Ihnen meine unveränderliche und herzlichste Teilnahme
immer gewidmet bleibt. Seien Sie auch nicht besorgt um mich, ich bin
gerade so glücklich, wie ich jetzt lebe, und kann es nur so sein. Wenn
mir die Einsamkeit und mein täglicher stiller Spaziergang bleibt, kann
mir in den Äußerlichkeiten des Lebens viel Unglück begegnen, ohne daß es
mein Inneres berührt. Leben Sie wohl! Der Ihrige.     H.



_Tegel_, den 2. Februar 1832.

Der heitere Ton Ihres lieben Briefes vom 12. Januar hat mir die größte
Freude gemacht, und ich danke Ihnen, liebe Charlotte, recht herzlich und
aufrichtig dafür. Ich habe diesen Brief schon lange bekommen, aber
keinen zweiten, von dem Sie doch in diesem reden. Sie wollten ihn acht
Tage später schreiben, wäre das geschehen, so müßte der Brief längst in
meinen Händen sein.

Ich nehme immer den lebhaftesten und aufrichtigsten Teil an Ihnen, Ihrem
Befinden und Ihrer Gemütsstimmung, und so wäre mir die größere
Heiterkeit, die aus Ihrem Briefe hervorleuchtet, immer noch ein
Gegenstand großer, inniger Freude gewesen. Noch erfreulicher aber ist
es, daß Sie diese größere Ruhe, diese freudigere Erhebung des Gemüts,
welche Sie in sich wahrnehmen, dem Einfluß, den ich auf Sie ausübe, und
den Eindrücken meiner Briefe zuschreiben. Es soll mir unendlich lieb
sein, wenn sie eine solche Kraft besitzen. Wenn dem so ist, wie ich denn
gewiß glaube und sicherlich keinen Zweifel in Ihre Worte setze, so
entspringt es aus dem Gefühl und der Zuversicht, die Sie haben, und die
Ihnen die einfache Natürlichkeit meiner Worte einflößen muß, daß, was
ich sage, unmittelbar aus meinem Herzen kommt. In etwas anderem kann es
nicht liegen. Es geht überhaupt mit allem Zuspruch in Belehrung,
Tröstung und Ermahnung so. Das Belehrende, Tröstende, Ermahnende, wenn
es erfolgreich ist und dem in das Gemüt und die Seele dringt, an welchen
es gerichtet ist, liegt nur zum kleinsten Teil in den dargestellten
Gründen selbst. Viel mehr schon ruht die Wirkung in dem Ton und dem
begleitenden Ausdruck, weil dieser der Persönlichkeit angehört. Denn
eigentlich kommt alles auf diese an, das ganze Gewicht, was ein Mensch
bei einem anderen hat, teilt sich demjenigen, was er sagt, mit, und
dasselbe im Munde eines anderen hat nicht die gleiche Wirkung. Sie
müssen es also den Gesinnungen zuschreiben, die Sie für mich so
liebevoll hegen, wenn meine Worte vorzugsweise Eindruck auf Ihr Gemüt
machen. Es freut mich aber ungemein, wenn Sie sagen, daß ich Ihnen in
Trost und Ermutigung gerade das zubringe, was Ihrer Stimmung angemessen
ist. Ein natürlicher Hang hat mich schon sehr früh im Leben auf das
Streben geleitet, in jeden Charakter und in jede Individualität so tief
einzugehen, als möglich war, um mich möglichst in ihre Denkungs-,
Empfindungs- und Handlungsweise zu versetzen, und was Sie mir sagen, ist
mir ein neuer Beweis, daß mir mein Bestreben nicht ganz mißlungen ist.
Es ist aber nicht genug, die Ansichten der Menschen zu kennen, man muß
auch zu bestimmen verstehen, wie sie sich zu denen verhalten, die man
als die unbedingt richtigen, hohen und von allen, den einzelnen
Individualitäten immer anklebenden Einseitigkeiten freien, anzusehen
hat, und danach die Richtung des Individuums lenken. Auf diesem Wege muß
man dahin gelangen, jedem einzelnen nicht bloß verständlich zu werden,
sondern ihn auch auf diejenige Weise zu berühren, welche gerade für
seine Empfindungsart die passendste und angemessenste ist. Man braucht
aber bei diesem Gange nie seine eigene Natur weder aufzugeben, noch zu
verleugnen, auch nicht die fremde unbedingt für die einzig
beifallswürdige anzusehen. Da man immer von dem Punkte ausgeht und
wieder dahin zurückkommt, wo sich alle Individualitäten ausgleichen und
vereinigen, so fallen die schneidenden Kontraste von selbst weg, und es
bleibt nur das miteinander Verträgliche übrig. Es ist wirklich das
Wichtigste, was das Leben darbietet, sich nicht in sich zu verschließen,
sondern auch ganz verschiedenen Empfindungsweisen so nahe als möglich zu
treten. Nur auf diese Art würdigt und beurteilt man die Menschen auf
ihre und nicht auf seine eigene, einseitige Weise. Es beruht auf dieser
Manier zu sein, daß man Respekt für die abweichende des anderen behält
und seiner inneren Freiheit niemals Gewalt anzutun versucht. Es gibt
außerdem nichts, was zugleich den Geist und das Herz so anziehend
beschäftigt, als das genaue Studium der Charaktere in allen ihren
kleinsten Einzelheiten. Es schadet sogar wenig, wenn diese Charaktere
auch nicht gerade sehr ausgezeichnete oder sehr merkwürdige sind. Es ist
immer eine Natur, die einen inneren Zusammenhang zu ergründen
darbietet, und an die ein Maßstab der Beurteilung angelegt werden kann.
Vor allem aber gewährt einem diese Richtung den Vorzug, die Fähigkeit zu
gewinnen, den Menschen, mit denen man in Verbindung steht, innerlich in
aller Rücksicht mehr sein zu können.

Was Sie mir von den Äußerungen einiger Menschen über Todesfälle
schreiben, habe ich sehr merkwürdig gefunden. Die Betrachtung, daß dem
Verstorbenen wohl ist, wird sehr oft nur als ein Vorwand vorgebracht,
seine eigene Gleichgültigkeit zu beschönigen. So wahr auch übrigens der
Satz gewiß ist, so läßt er sich nicht einmal immer anwenden. Auch der
Verstorbene ist oft zu beklagen, daß er so früh oder gerade in dem
Augenblicke, wo er starb, hinweggerissen wurde. Eine junge Person hätte
gern länger gelebt; eine Mutter wäre gern bei ihren Kindern geblieben,
und hundert Fälle der Art. Für den Zustand jenseits gibt es kein zu früh
oder zu spät, die Spanne des Erdenlebens kann dagegen garnicht in
Betrachtung kommen. Die Wehmut, die das Herz bei Todesfällen geliebter
oder geschätzter Personen erfüllt, ist eine Empfindung, die mit vielen
im Gemüt zugleich zusammenhängt. Es ist wohl der Zurückbleibende, der
sich selbst beklagt, aber es ist weit mehr noch als dies immer mehr oder
weniger auf sich selbst und sein Glück bezogene Empfindung. Wenn der
Tote ein sehr vorzüglicher Mensch war, so betrauert man gleichsam die
Natur, daß sie einen solchen Menschen verlor. Alles um uns her gewinnt
eine andere und schwermütigere Farbe durch den Gedanken, daß der nicht
mehr ist, der für uns allem Licht, Leben und Reiz gab, es ist nicht mehr
das einzelne Gefühl, daß uns der Dahingegangene so und so glücklich
machte, daß wir diese und jene Freude aus ihm schöpften, es ist die
Umwandlung, die unser ganzes Wesen erfahren hat, seit es den Weg des
Lebens allein verfolgen muß. Für ein tiefer empfindendes Herz liegt auch
darin ein höchst wehmütiges Gefühl, daß das Schicksal so enge Bande
zerreißen konnte, daß die innere Verschwisterung der Gemüter nicht den
Übrigbleibenden von selbst dem Vorangegangenen nachführte. Ich begreife,
daß dies Gefühl nur in wenigen so lebendig sein, nur auf wenige Fälle
passen könne. Aber auch ganz einfache Fälle, selbst unbedeutende, nur
harmlose und gute Menschen, wenn sie auch kaum eine Lücke in der Reihe
der Zurückgebliebenen zu machen scheinen, erregen doch immer Wehmut und
Schmerz, die in einem irgend fühlenden Gemüt nicht so leicht und nicht
so bald verklingen. Das Leben hat seine unverkennbaren Rechte, und es
gibt nichts Natürlicheres als den Wunsch, womöglich mit allen, die man
liebt und schätzt, zusammen darin zu bleiben, und den Schmerz, den nie
endenden, wenn dies Band zerrissen wird. Die zu große Ruhe bei dem
Hinscheiden geliebter Personen, wenn sie auch nicht aus
Gefühllosigkeit, sondern aus christlicher Ergebung entspringt, ja die
unnatürliche Freude, daß sie ins Himmelreich eingegangen sind, zeigen
immer von einem überspannt frömmelnden Gemüt, und ich habe niemals damit
sympathisieren können.

Die guten Nachrichten von Ihrer gestärkten Gesundheit haben mir lebhafte
Freude gemacht. Suchen Sie nur ja, sich recht viel Bewegung zu machen.
Dieser so ungewöhnlich gelinde Winter ladet doppelt dazu ein. Ich
erinnere mich seit Jahren keines ähnlichen. Es ist wenigstens hier gar
kein Schnee mehr. Wunderbar aber ist es, daß der See, der mehr als eine
Meile im Umkreise hat, und in dem ich bloß fünf Inseln besitze, noch
immer fest zugefroren ist. Die nächste Stadt von hier ist Spandau, die
gerade an der gegenüberstehenden Seite des Sees liegt. Nun kommen alle
Tage eine Menge Schlittschuhläufer von dort zum Vergnügen hierher, auch
Frauenspersonen in Handschlitten, die von Schlittschuhläufern gestoßen
werden. Dies geschieht alle Jahre, aber fast in jedem Jahr verunglückt
auch einer bei solcher Postreise. Sie setzen nämlich diese Überfahrten
zu lange, wenn auch schon Tauwetter ist, fort und kommen dann auf
schwache, einbrechende Stellen. Diese Beispiele vermögen aber die
anderen nicht abzuschrecken.

Mein Befinden ist sehr gut, ich habe kaum einmal einen Schnupfen in
diesem Winter gehabt, aber ich mache mir viel Bewegung, und das tut mir
immer ungemein wohl.

Ich bin im Schreiben dieses Briefes gestört worden und endige ihn erst
heute, den 6. Februar. Leben Sie herzlich wohl, mit inniger Teilnahme
und Freundschaft der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 7. März 1832.

Ich habe zwei liebe Briefe von Ihnen zur Beantwortung vor mir und fange
in meiner Erwiderung zuerst mit dem an, womit Sie enden, mit dem Duell.
Ich habe die erste Nachricht davon durch Sie erfahren, da ich Zeitungen
sehr unordentlich und oft in vier und sechs Wochen gar keine lese. Das
wird Ihnen unglaublich scheinen. Aber die sogenannten großen
Begebenheiten bieten seit Jahren so wenig dar, woran sich das Gemüt
innerlich interessieren könnte, daß mir sehr wenig daran liegt, sie
früher oder später oder auch garnicht zu erfahren. In solche Periode des
Nichtlesens war jene unselige Geschichte gefallen.

Mit den Duellen ist es übrigens eine eigene Sache. Viele sind freilich
bloße Jugendtorheiten. Allein mit anderen verhält es sich doch anders.
Sie sind ein notwendiges Übel, und in ihnen selbst liegt eine edle Art,
einen einmal unheilbaren Zwiespalt zu lösen und abzumachen. Im Volke
ziehen sich Feindschaften mit Erbitterung und Rachsucht jahrelang hin.
Der Zweikampf, der nicht immer lebensgefährlich ist und oft ganz
unblutig abgeht, führt schnell die Versöhnung herbei und endet allen
Groll.

Sie haben, liebe Charlotte, sehr lange der Sterne nicht erwähnt, aber
gewiß versäumen Sie solche nicht. Ich habe sie nie schöner als dies Jahr
gesehen. Die Gegend um den Orion ist bezaubernd. Ich habe an zwei
schönen Abenden meinen Spaziergang bis zur recht späten Sternenzeit
verlängert und einen großen Genuß gehabt. Von jeher habe ich meine
Spaziergänge gern so eingerichtet, daß der Sonnenuntergang die größere
Hälfte desselben beschließt. Es hat etwas so Liebliches, die Dämmerung
nach und nach untergehen zu sehen. Die Nacht hat überhaupt manche
Vorzüge vor dem Tage. Eine stürmische ist erhabener, und eine sanfte und
stille zieht das Gemüt ernster und tiefer an. Die kleineren Sterne
entgehen nur jetzt meinen Augen, und man gewinnt doch nur dann eine
richtige Ansicht der Sternbilder, wenn man auch die kleineren Sterne
darin aufsuchen kann. Vormittags ist es eigentlich wärmer und in
gewisser Art, besonders im Winter, besser zu gehen. Ich tue es aber nie,
oder höchstens wenn mich jemand, was ich aber garnicht liebe, um die
Tageszeit besucht. Überhaupt ist es eine große Rettung vor langweiligen
Besuchen auf dem Lande, den Schauplatz ins Freie zu verlegen. Die
langweiligen Töne verhallen leichter in der weiten Luft, und man hat
mehr Zerstreuung um sich her, indem man ihnen ein halbes Ohr leiht.

Es ist schön, daß Sie fortwährend an sich arbeiten. Jeder bedarf dessen.
Außerdem hat man über keinen Gegenstand alle Momente zur Beurteilung so
vollständig und richtig beisammen, da man nur in den eigenen Busen
hinabzusteigen braucht. Zwar kann auch das täuschen, man beschönigt die
Schwächen oder vergrößert aus einer anderen Verirrung der Eitelkeit die
Schuld seiner Fehler, denn allerdings findet die Beurteilung dadurch
Schwierigkeit, daß der Gegenstand der Beurteilung das eigene Ich ist.
Wenn man aber mit schlichter Einfachheit des Herzens und in der reinen
und ungeheuchelten Absicht die Prüfung unternimmt, um vor sich und
seinem Gewissen gerechtfertigt dazustehen, so hat man von jener Gefahr
nichts zu fürchten. Und ein lebendiges Bild seines Inneren muß sich
jeder immer machen. Es ist gewissermaßen der Punkt, auf den sich alles
andere bezieht. Man muß bei dieser Selbsterforschung nicht streng nur
bei demjenigen stehenbleiben, was Pflicht und Moral angeht, sondern sein
inneres Wesen in seinem ganzen Umfange und von allen Seiten nehmen.
Wirklich ist es ein viel zu beschränkter Begriff, wenn man sich selbst
gleichsam vor Gericht ziehen und nach Schuld und Unschuld fragen will.
Die ganze Veredlung des Wesens, die möglichste Erhebung der Gesinnung,
die größte Erweiterung der inneren Bestrebungen ist ebensowohl die
Aufgabe, die der Mensch zu lösen hat, als die Reinheit seiner
Handlungen. Es gibt auch im Sittlichen Dinge, die sich nicht bloß unter
den Maßstab des Pflichtmäßigen und Pflichtwidrigen bringen lassen,
sondern einen höheren fordern. Es gibt eine sittliche Schönheit, die so
wie die körperliche der Gesichtszüge eine Verschmelzung aller
Gesinnungen und Gefühle, einen freiwilligen Zusammenhang derselben zu
geistiger Einheit erheischt, die sichtbar zeigt, daß alles einzelne
darin aus einem aus der innersten Natur flammenden Streben nach
himmlischer Vollendung quillt und daß der Seele ein Bild unendlicher
Größe, Güte und Schönheit vorschwebt, das sie zwar niemals erreichen
kann, aber von da immer zur Nacheiferung begeistert, zum Übergang in
höheres Dasein würdig wird. Auch die Entwickelung der intellektuellen
Fähigkeiten bis zu einem gewissen Grade gehört zu der allgemeinen
Veredlung. Aber ich bin ganz Ihrer Meinung, daß dazu nicht gerade vieles
Wissen und Bücherbildung gehört. Das aber ist wirklich Pflicht und ist
auch dem natürlichen Streben jedes nicht bloß an der irdischen Welt,
ihrem Gewirre und Tand hängenden Menschen eigen, in den Kreis von
Begriffen, den er besitzt, Klarheit, Bestimmtheit und Deutlichkeit zu
bringen und nichts darin zu dulden, was nicht auf diese Weise begründet
ist. Das kann man wohl das Denken des Menschen nennen. Dazu ist das
Wissen nur das Material. Es hat keinen absoluten Wert in sich, sondern
nur einen relativen in Beziehung auf das Denken. Der Mensch sollte nicht
anders lernen, als um sein Denken zu erweitern und zu üben, und Denken
und Wissen sollten immer gleichen Schritt halten. Das Wissen bleibt
sonst tot und unfruchtbar. In Männern findet sich das sehr oft, ja man
möchte es als die Regel ansehen. Es fällt aber weniger auf, weil schon
ihr Wissen gewöhnlich zu anderen äußeren Zwecken und Nutzen wenigstens
eine Anwendung findet. Aber ich habe es auch bei Frauen gefunden, und da
erregt das Mißverhältnis des Denkens zum Wissen ein viel größeres
Mißbehagen. Ich kenne von meiner frühesten Jugend an und vor der
Universität eine Frau dieser Art, der ich durch alle Perioden ihres
Lebens gefolgt bin. Sie kennt sehr gründlich die alten und die meisten
neueren Sprachen, ist frei von aller Eitelkeit und Affektation, versäumt
nie über den Büchern eine häusliche Obliegenheit, hat aber durch ihr
Wissen nichts an Interesse gewonnen. Wenn sie gleich die ersten und
schwersten Schriftsteller aller Nationen gelesen hat, schreibt sie darum
doch keinen Brief, der einem sonderlich zusagen könnte. Sie bemerken
ganz recht in dieser Beziehung, daß Christus seine Jünger aus der Zahl
ungebildeter und unwissender Menschen wählte. Es hing aber auch mit den
Zwecken und der Natur der Religion, die er stiften wollte, zusammen, und
in dem Volke, in dem er auftrat, gab es in jener Zeit kein anderes
Wissen als ein totes und mißverstandenes. Es gab nur Schriftgelehrte,
welche das Auslegen der heiligen Bücher auf eine spitzfindig-hochmütige
Weise mit Bedrückung und Verachtung des Volkes trieben.

Erhalten Sie Ihre Gesundheit und heitere Gemütsstimmung. Mit
unveränderlicher Teilnahme der Ihrige.                     H.



_Tegel_, April 1832.

Daß Sie im Gemüte sich wieder gestärkt fühlen, ist mir eine große
Freude, und noch mehr, daß Sie mir einigen Anteil daran zuschreiben. Ich
habe bei unserem Briefwechsel nie eine Absicht für mich gehabt und habe
daher alles, was unter uns zur Sprache kam, immer mit völligster
Unparteilichkeit in Betrachtung ziehen können. Dann glaube ich aber auch
viel mehr als die meisten anderen mir an Talent sonst überlegenen
Männer, das, was sich auf den Zusammenhang der Gesinnungen und
Empfindungen im Menschen bezieht, studiert und erforscht zu haben. Ich
habe von jeher viel an mir selbst gearbeitet und weiß also, was im
Herzen vorgeht und vorgehen kann. Ich habe es von jeher an mir selbst
nicht leiden können, in meinem inneren Dasein etwas anderes als mich
selbst zu brauchen. Darum kenne ich, was Kraft und Haltung zu geben
vermag. So begreife ich, was Sie, liebe Charlotte, obgleich Sie es viel
zu hoch stellen, von meinen Briefen sagen und rühmen. Es kommt nur von
den zwei Umständen her, daß es auf der einen Seite klar und bestimmt
gedacht und auf der anderen durch die innere Erfahrung bewährt ist...

Die Unterdrückung des Stolzes ist allerdings lobenswert, und es freut
mich, wenn es Ihnen damit so ganz gelungen ist. Der Stolz, den man
wirklich nicht aufgeben soll, bleibt jedem Rechtgesinnten dennoch.
Diesen sollte man aber nicht Stolz, sondern richtig abgewägtes
Selbstgefühl nennen. Es ist eigentlich dies die Erhebung des Gemüts,
welche daraus entsteht, daß es fühlt, daß eine würdige Idee sich mit ihm
vereinigt, sich seiner bemächtigt hat. Der Mensch ist da eigentlich
stolz auf die Idee, auf sich nur insofern, als die Idee eins mit ihm
geworden ist.

Man vermeidet die Abwege, wohin der Stolz führt, am leichtesten und
sichersten, wenn man sich in allem Tun und Lassen recht natürlich gehen
läßt, jede Äußerung des Stolzes streng wegweist, aber darauf nicht
weiter Wert legt, sondern es als etwas ansieht, das sich von selbst
versteht, wo man Recht haben würde, sich Vorwürfe zu machen, wenn man
anders gehandelt hätte.

Es freut mich, daß Sie des Saturns erwähnen. Ich sehe ihn auch in diesen
Wochen immer mit Vergnügen. Das Wiederkehren der Planeten nach einer
Reihe von Jahren bei denselben Sternbildern hat etwas sehr Bewegendes im
Leben. Für den Saturn hat man übrigens, noch von den Astrologen her,
eine geringere Zuneigung. Aber den Jupiter erinnere ich mich mehrmals im
Löwen gesehen zu haben, das erstemal in einer sehr glücklichen Zeit
meines Lebens...

Sie werden, wie es schon hätte früher geschehen sollen, nächstens meinen
Briefwechsel mit Schiller empfangen. Vor meinem Briefwechsel werden Sie
eine Einleitung über Schiller und seine Geistesentwicklung finden, die
Ihnen, wenn Sie seine Schriften dabei haben, zum Leitfaden dienen kann.
Ich gehe darin seine Werke von den frühesten bis zu den spätesten durch
und zeige, wie er von dem einen zu dem anderen übergegangen und gekommen
ist. Auch die Briefe handeln fast ganz von Schillers Arbeiten, die er
gerade in jenen Jahren machte und mir nach und nach, wenn ich abwesend
war, mitteilte. Schwerlich hat je jemand Schiller so genau gekannt als
ich. Es haben ihn sehr wenige so lange und so nahe gesehen. Bei einem
Manne wie er, der nicht zum Handeln, sondern zum Schaffen durch Denken
und Dichten geboren war, heißt sehen – sprechen, und ganze Tage und
Nächte haben wir eigentlich miteinander sprechend zugebracht. Wenn daher
auch der Jahre, die wir miteinander verlebten, so viele nicht waren, so
war des Zusammenlebens doch sehr viel.

Die Lieblichkeit des Wetters dauert fort, auch fängt alles an zu knospen
und zu keimen.

Leben Sie recht wohl. Mit unveränderlicher Teilnahme und Freundschaft
der Ihrige. H.



_Tegel_, den 5. Juni 1832.

Ich finde es sehr natürlich, daß Sie ernst gestimmt sind. Es liegt an
und für sich im denkenden Menschen, ist den zunehmenden Jahren mehr noch
eigen. Das mancherlei Traurige, das Sie früher, das häusliche Ereignis,
das Sie kürzlich betroffen, war wohl dazu gemacht, solche Stimmung sogar
zu erzeugen, wenn sie selbst nicht schon vorhanden war.

Über den Tod und das Verhältnis desselben zum Leben kann ich aber doch
nicht ganz in Ihre Ideen eingehen. Niemand kann ihn weniger fürchten als
ich, auch hänge ich nicht an dem Leben, dennoch ist mir eine Sehnsucht
nach dem Tode fremd; obwohl sie edlerer Art ist als Überdruß am Leben,
dennoch ist sie zu mißbilligen. Das Leben muß erst, so lange es die
Vorsehung will, durchgenossen und durchgelitten, mit einem Wort,
durchgemacht sein, und zwar mit völliger Hingebung, ohne Unmut, Murren
und Klagen durchgeprüft sein. Es ist ein wichtiges Naturgesetz, das man
nicht aus den Augen lassen darf, ich meine das der Reise zum Tode. Der
Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern bloß ein Zwischenereignis,
ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in die andere. Beide
Zustände, hier und jenseits, hängen also genau zusammen, ja, sie sind
unzertrennlich miteinander verbunden, und der erste Moment des Dort kann
sich nur wahrhaft anschließen, wenn der des Scheidens von hier, nach der
freien Entwickelung des Wesens, wahrhaft der letzte gewesen ist. Diesen
Moment der Reise zum Tode oder der Unmöglichkeit, hier weiter zu
gedeihen, kann keine menschliche Klugheit berechnen, kein inneres Gefühl
anzeigen. Dies zu wähnen wäre nur eine eitle Vermessenheit menschlichen
Stolzes. Nur der, welcher das ganze Wesen zu durchschauen und zu
erkennen imstande ist, kann dies, und ihm die Stunde anheimzustellen und
seiner Bestimmung auch nicht einmal durch heftige Wünsche
entgegenzukommen, ist Gebot der Pflicht und der Vernunft. Glauben Sie
mir sicherlich, wenn Sie auch diese Ansichten manchmal strenge nannten,
daß sie es allein sind, was uns in tiefem Seelenfrieden durch das Leben
führt und uns als treue Stütze nie verläßt. Das Erste und Wichtigste im
Leben ist, daß man sich selbst zu beherrschen sucht, daß man sich mit
Ruhe dem Unveränderlichen unterwirft und jede Lage, die beglückende wie
die unerfreuliche, als etwas ansieht, woraus das innere Wesen und der
eigentliche Charakter Stärke schöpfen kann. Daraus entspringt dann die
Ergebung, die wenige hinreichend haben, obgleich alle sie zu haben
glauben. Fast alle setzen der Ergebung ein gewisses Maß und glauben der
Verpflichtung dazu überhoben zu sein, wenn dies Maß überschritten ist
oder ihnen scheint. Aus der wahren Ergebung, die immer die Zuversicht
mit sich führt, daß eine unwandelbare, immer gleiche Güte auch die
unerwartetsten, widrigsten Geschicke zu einem heilbringenden Ganzen
verknüpft, geht die ernste, aber heitere Milde in der Ansicht eines auch
oft gestörten und getrübten Lebens hervor. Diese Heiterkeit sich zu
erhalten oder in sich zu schaffen, sollte man immer alles nur irgend vom
Willen Abhängige versuchen. Man kann es nicht immer ganz erreichen, auch
nicht in allen Momenten des Lebens, sie läßt sich auch eigentlich nicht
hervorbringen, sondern muß sich von selbst in der Seele erzeugen. Sie
bleibt aber da nicht aus, wo ihr der Boden vorbereitet ist, und diese
Vorbereitung liegt hauptsächlich in einer besonnenen, von Selbstsucht
freien, ruhigen Stimmung des Gemüts. Diese hat man durch Vernunft und
Willenskraft in seiner Gewalt, dahin kann und muß eigentlich Übung und
Vorsatz führen. Zur Beruhigung des Gemüts trägt angemessene
Beschäftigung viel bei. So kann und darf eigentlich nichts in der Seele
vorgehen, was der Mensch nicht nach vorangegangener Prüfung darin duldet
oder unterdrückt.

Leben Sie wohl und seien Sie meiner unwandelbaren
Teilnahme gewiß.                H.



_Norderney_, den 2. August 1832.

Ich bin wieder hier, liebe Charlotte, bewohne wieder die nämlichen
Zimmer und führe wieder dasselbe, nicht sehr erfreuliche Badeleben. Ein
solcher von Jahr zu Jahr wiederkehrende Aufenthalt hat immer etwas
Sonderbares für mich. Er ruft die Frage hervor, ob man im künftigen Jahr
wiederkehren wird, und wenn nicht, aus welchem Grunde? Denn das Bad dann
entbehren zu können, bin ich nicht so töricht zu erwarten. Ich bin nicht
krank, eher gesund. Das, wogegen das Bad wirken kann, ist
Altersschwäche, die durch Umstände früher zum Durchbruch gekommen ist.
Diese kann eine Kur nicht aufheben, nur mindern. Ich sage dies mit
Fleiß, damit sich Ihr freundschaftlicher Anteil an mir nicht Hoffnungen
macht, in denen Sie sich notwendig getäuscht finden müßten. Den Erfolg
aber, den man mit Recht und Billigkeit sich versprechen kann, glaube ich
auch diesmal erwarten zu können. Meine Tochter ist allerdings wieder mit
mir hier. Das Bad hat ihr voriges Jahr so wohl getan, daß sie Unrecht
getan haben würde, die Kur nicht zu wiederholen. In den Einrichtungen
hier ist vieles besser geworden. Daß die Zeitungen gesagt haben, ich sei
nach den Rheinprovinzen gegangen, war ein grundloses Gerücht. Sie hätten
sich die Mühe, von mir zu reden, ganz ersparen können. Ich bin auf dem
gewöhnlichen Wege hergegangen und hasse alle kleinen Reisen und Umwege
so gründlich, daß ich mich nicht darauf einlassen würde. Sollte ich
einmal eine längere Abwesenheit von Hause nicht scheuen, so würde ich
nach Italien oder England gehen, und hiervon möchte ich die Möglichkeit
nicht bestreiten, vorzüglich, wenn mein Gesicht schwächer würde und mich
am eigenen Arbeiten hinderte. Es freut mich sehr, daß Ihnen mein
Briefwechsel mit Schiller Freude gemacht hat. Mir ist es mit dem Buche
sonderbar gegangen. Ich hatte den Schillerschen Erben die Herausgabe
versprochen. Als sie mich, da darüber mehrere Jahre verflossen waren,
dazu aufforderten, war es mir höchst lästig, mich damit zu befassen. Ich
mußte den ganzen Briefwechsel durchgehen, um alles auszuschalten, was
sich für den Druck nicht geeignet hätte. Dessen war so viel, daß das
Ganze gut und gern zur Hälfte zusammenschmolz, und die Arbeit kostete
mich einige Wintermonate; dann schrieb ich die Vorerinnerung. Ich
erwartete keinen großen Anteil für das Buch, höchstens für einen Teil
der Briefe Schillers und für einige wenige von mir. Der Erfolg hat aber
meine Erwartungen übertroffen, und es ist viel mehr gelesen worden, als
ich dachte, und besonders von Frauen. Viele haben mir davon gesprochen,
einige ausführlich geschrieben, und so, daß sie ganz in die Ideen
eingegangen waren und einige davon weiter ausspannen. Ich glaube auch
nicht, daß, wie Sie meinen, die Briefe gewonnen hätten, wenn sie früher
erschienen wären, eher umgekehrt. Ich bin überhaupt gegen alles Drucken
von Briefen. Die Herausgabe dieser rechtfertigt nur der Name eines
wahrhaft großen Mannes, an den sich der andere mit immer gleich
sichtbarer Unterordnung anschließt, so daß man doch immer auch in ihm
nur jenen sieht. Briefe haben immer einen Anflug des wirklichen Lebens.
Je mehr sie also aus der Ferne erscheinen, desto mehr überraschen sie.
Gleich nach dem Tode sind sie eine schwache Fortsetzung der noch in dem
Gedächtnis lebenden Wirklichkeit. Nach langer Zeit erscheinend, führen
sie Personen zurück, die man nicht mehr gewohnt war, sich mit den
Umgebungen zu denken, wie sie das Leben begleiten. Ich dächte auch
nicht, daß es störend auffallen könnte, wenn in den Briefen
gewissermaßen kunstmäßig beurteilt wird, was man in der Zeit mit
Begeisterung aufgenommen hat. In der Dichtung ist wenig oder gar keine
Kunst, die erlernt oder studiert werden müßte. Eine solche ist aber auch
nicht in den Räsonnements dieses Briefwechsels entwickelt, wenn man
einige leicht zu überschlagende Stellen über das Silbenmaß ausnimmt.
Beide, Schiller und ich, haben nur gesucht, die Gründe darzulegen, aus
welchen das Gefühl entspringt, die Bedingungen, unter denen es entsteht.
Wer nun die Gründe wahr findet, in dem müssen sie das Gefühl erhöhen, da
sie es mit anderen und gleich großen Ideen in Verbindung bringen. Wem
sie nicht zusagen, der wird sich dadurch noch mehr in seinem Gefühle
bestimmt finden und sich nun vielleicht durch die Widerlegung leichter
die Gründe selbst entwickeln.

Der Stelle in der Delphine erinnere ich mich nicht. Wenn Frau von Staël
damit meinte, daß eine in der Jugend geschlossene und bis ins Alter
fortgesetzte Ehe das Wünschenswürdigste ist, so bin ich vollkommen
derselben Meinung. Ich fürchte aber sehr, sie meinte es anders, und dann
ist es eine aus oberflächlicher französischer Ansicht geschöpfte
Behauptung. Sie müssen darum nicht glauben, daß ich den Wert der Staël
verkenne. Sie war meiner tiefsten Überzeugung nach eine wahrhaft große
Frau, und nicht bloß von Geist, sondern durch wahres und tiefes Gefühl
und eine sich nie verleugnende, unendliche Güte, und auch von Herz und
Charakter. Sie hatte die feinste Empfindung der edelsten Weiblichkeit.
Sie war in ihrem Innersten dem eigentlichen französischen Wesen fremd,
aber es begegnete ihr doch zu Zeiten, banale französische Anrichten
ihren Äußerungen beizumischen, und das ist nicht zu verwundern, da sie
immer in Frankreich lebte. Sie hat sogar erst spät Deutsch gelernt, und
ich habe sie selbst noch in Paris unterrichtet.

Allein die Ehe mehr ein Bedürfnis des Alters als der Jugend zu nennen,
ist ein Einfall, der ebenso der Natur und der Wahrheit, als jeder
schöneren Empfindung widerspricht. Die Frische der Jugend ist die wahre
Grundlage der Ehe. Ich sage damit gewiß nicht, daß das Glück der Ehe mit
der Jugend aufhört oder auch nur im mindesten dadurch verliert. Aber die
Erinnerung der zusammen genossenen Jugend muß in die höheren Jahre mit
hinübergehen, wenn das Glück vollkommen sein und nicht gerade die
Eigentümlichkeit des ehelichen verlieren soll. Diese Ansicht ist nicht
als eine sinnliche zu betrachten. Die tiefsten und heiligsten
Empfindungen hängen damit ganz enge zusammen, und man müßte aller Liebe
den Stab brechen, wenn man dies nicht anerkennen wollte. Ein junges,
sich gegenseitig gleich herzlich liebendes Ehepaar ist allemal ein im
Tiefsten erfreulicher Anblick, auch in niedrigen Ständen, insofern das
Gefühl nur irgend die Feinheit hat, die ihm die Natur in gutartigen
Gemütern gibt. Von den in höheren Jahren, über vierzig oder
fünfundvierzig, geschlossenen Ehen, zweiten oder ersten, läßt sich das
nicht sagen. Man wird sie gewiß nicht tadeln, man läßt gern jedem seine
Empfindung, solche Verbindungen können sehr vernünftig, sie können auch
für Leute, die einmal keine hohen Forderungen an ihr Gefühl machen,
beglückend sein. Wer aber tiefer empfindet, sagt sich, daß er sie nicht
eingehen würde. Mann oder Frau wird in solcher Verbindung fühlen, daß,
wenn ihm der Gegenstand jugendlicher Liebe entrissen ist, öder er nie
einen gefunden hat, er auf ein Glück Verzicht leisten muß, dessen wahre
Blüte ihm nicht mehr werden kann. Es wird ihm innerlich unmöglich sein,
nach dem so Geringen zu greifen. Ich kann auch nicht in das einstimmen,
was man über das Alter sagt. Es kann ein unglückliches und freudenloses
geben, wie eine solche Jugend. Aber die Schicksale gleichgestellt, finde
ich das Alter, selbst mit allen Schwächen, die es mir bringt, nicht arm
an Freuden; die Farben und die Quellen dieser Freuden sind nur anders.
Sie entspringen für mich immer ausschließlicher aus der Einsamkeit und
der Beschäftigung mit meinen Ideen und Gefühlen. Das nimmt mit jedem
Tage in mir zu. Ich fühle mich darin, und nur darin glücklich, und das
ist so sichtbar, daß die wahrhaft diskreten unter meinen ältesten
Bekannten diese Stimmung stillschweigend, aber durch die Tat ehren. Mir
ist sie darum doppelt lieb, da sie mit meinen Jahren und mit meiner Lage
übereinstimmt. Verzeihen Sie, daß ich wieder auf mich zurückkomme, aber
diese Dinge sind von der Art, daß man nur nach seinem individuellen
Gefühl davon reden kann. Wer möchte sich anmaßen, über Fremdes darin
abzusprechen?

Über meine Abreise kann ich noch nicht fest bestimmen, bitte Sie aber,
mir nach Berlin zu schreiben und so, daß der Brief zwischen dem 26. und
30. August dort anlangt. Mit der aufrichtigsten, unveränderlichsten
Teilnahme Ihr     H.



_Tegel_, den 3. September 1832.

Ich bin am 26. August gesund und wohl hierher zurückgekehrt, liebe
Charlotte, und habe gleich am folgenden Tage meine Beschäftigungen
wieder vorgenommen. Von dem Bade sehe ich der Fortdauer der guten
Wirkung, die ich schon spüre, entgegen. Das Wetter war vom August an in
Norderney sehr schön, ohne Regen und Sturm, und doch nie zu warm, da es
nie an kühlender Seeluft fehlt. Sonnenschein war nicht immer; es ist
allen Inseln, besonders den kleineren, eigen, auch bei sehr milder Luft
wenig eigentlich sonnige Tage zu haben. In Irland zum Beispiel zählt man
deren unglaublich wenige. Ich habe mich aber bei meinem diesjährigen
Aufenthalte im Seebad vollkommen überzeugt, daß, wenn man, wie doch
natürlich ist, bloß auf seine Gesundheit Rücksicht nimmt und nicht
weichlicherweise die Unannehmlichkeit scheut, man sich schlechtes und
kein gutes Wetter wünschen muß. Bei ruhig gutem Wetter ist die See eben
nichts anderes als eine große Badewanne. Der Sturm und die Wellen geben
ihr erst Seele und Leben. Wie das Meer in seiner erhabenen Einförmigkeit
immer die mannigfaltigsten Bilder vor die Seele führt und die
verschiedenartigsten Gedanken erweckt, so ist mir erst jetzt bei den
anhaltenden heftigen Stürmen recht sichtbar geworden, welche
schmeichelnde Freundlichkeit das Meer gerade in seiner größten
Furchtbarkeit hat. Die Welle, die, was sie ergreift, verschlingt, kommt
wie spielend an, und selbst den tiefsten Abgrund bedeckt lieblicher
Schaum. Man hat darum oft das Meer treulos und tückisch genannt, es
liegt aber in diesem Zuge nur der Charakter einer großen Naturkraft, die
sich, um nach unserer Empfindung zu reden, ihrer Stärke erfreut und sich
um Glück und Unglück nichts kümmert, sondern den ewigen Gesetzen folgt,
welchen sie durch eine höhere Macht unterworfen ist.        H.



Im November.

Was sagen Sie zu dem außerordentlich schönen Herbst? Ich dächte, ich
hätte nie einen ähnlichen erlebt. Noch jetzt scheint er mehr ein
Ausgehen aus dem Sommer als ein Eingang in den Winter. Ich gehe noch
immer eine Stunde vor Sonnenuntergang spazieren. Da ist es, selbst bei
stürmischen Tagen, meist ruhig und bei regnerischen heiter. Sie haben
gewiß auch oft gesehen, wie die scheidende Sonne sich dann durch ihre
eigenen Strahlen einen lichten Streifen bildet, in den sie sich dann
hinabsenkt. Ist dann recht dunkles Gewölk über ihr, so regnet es meist
unmittelbar nach dem Untergange, bisweilen auch noch während des
Untergangs. Es ist mir die liebste Zeit des Tages. – Sie schreiben mir,
daß die Centifolien in Kassel blühen. Auch hier habe ich es zu meiner
großen Verwunderung gesehen. In mittäglichen Ländern ist dies
wiederholte Blühen ganz gewöhnlich. Man sieht daran, daß das
vegetierende Leben beständig die Neigung hat, Blüten hervorzubringen,
aber nur durch die Abwesenheit begünstigender Umstände daran verhindert
wird. So traurig aber auch der Winter und seine lange Dauer sind, so
entschädigt doch der Frühling dafür, nicht bloß sein Erscheinen und der
Genuß desselben, sondern ganz vorzüglich das Erwarten desselben. Diese
Sehnsucht ist eine der einfachsten und natürlichsten von allen und eine
der reinsten Quellen, woraus jede andere Sehnsucht fließt, die so vieles
und großes im Gemüte schafft und aus dessen innersten Tiefen hervorruft.
Es ist dies gewiß eine der Ursachen, daß die nördlicheren Nationen doch
eine tiefer ergreifende Poesie haben als die südlicheren, wenn diese
auch klangvollere Sprachen besitzen. Es liegt unendlich viel in dem
Einfluß, den die Natur um uns her auf uns ausübt, und es kommt da nicht
darauf an, daß sie gerade Genuß gibt, sondern weit mehr darauf, daß sie
Empfindungen weckt und die Kräfte in Tätigkeit bringt. Leben Sie wohl.
                                                               Ihr H.



_Tegel_, Dezember 1832.

Der Ton der ruhigen Zufriedenheit und selbst einer frohen Heiterkeit, in
welchem Ihr letzter Brief geschrieben ist, liebe Charlotte, hat mir eine
lebhafte Freude gemacht. Ich hege nun auch die gewisse Hoffnung, daß
diese Stimmung bleibend in Ihnen sein wird. Was mich in dieser
beruhigenden Ansicht bestärkt, ist, daß Sie sich auch körperlich wohler
fühlen, seit Sie sich befreit fühlen von einem sorglichen Kummer, der
seit längerer Zeit schwer auf Ihnen lastete, und wodurch Sie nun der
Ruhe und Heiterkeit wiedergegeben sind, die ein Gemüt, wie das Ihrige,
das mit sich und der Vorsehung eins ist, immer genießen müßte....

Daß eine schon in sich ernste Seele in Zeiten, wo außerordentliche
Erscheinungen diesen Ernst vermehren, noch ernster gestimmt wird, ist
ganz natürlich. An den Wunsch und das Verlangen, nichts unberichtigt zu
lassen, knüpft sich ein moralisches Gefühl, und zwar eins der
wesentlichsten und achtungswürdigsten....

Der Mensch fühlt ein Bedürfnis, die großen Ideen, die in ihn gelegt
sind, und die er in der Natur ausgeprägt findet, in dem kleinen Kreise
seines Daseins nachzubilden, und oft, selbst wenn er ganz anderen, aus
dem gewöhnlichen Leben geschöpften Bewegungsgründen zu folgen glaubt,
folgt er in der Tat diesem geheimen Zuge, überhaupt ist die menschliche
Natur in ihrem tiefen Grunde viel edler, als sie auf der Oberfläche
erscheint. Ja selbst in anderen Stücken. Eitle Menschen sind oft in
einigen mehr wert, als sie sich selbst glauben.

Sie gebrauchen in Ihrem Briefe den Ausdruck: sein Haus bestellen. Dies
ist mir immer eine so passende und gehaltvolle Rede geschienen. Es ist
ein altertümlicher, echt biblischer Ausdruck, der, wie mehrere dieses
Gepräges, tief aus dem Leben geschöpft ist und tief in die Seele
eingreift. Auch längst, ehe ich in die Jahre kam, wo das Bestellen des
Hauses wahrhaft dringend wird, habe ich mir dadurch Abschnitte im Leben
zu machen gesucht und habe dies immer sehr wohltätig gefunden. Es gibt
aber im Innern ein Bestellen seiner Seele, wie im Äußern seines Hauses.
Man zieht dann das Gemüt auf einen kleinen Kreis von Empfindungen
zurück, übergibt die anderen der Vergessenheit und freut sich der Ruhe
in der selbstgewählten Beschränkung. Wenn man dies recht tut, tut man
dies nur einmal. Man verläßt dann nicht wieder den Raum, wie man ihn eng
umgrenzt und umzogen hat.

Sie rühmen meine Geduld. Sie hat nichts Verdienstliches und hat mir nie
Mühe gekostet. Ich möchte sie mir angeboren nennen. Die Zeit, die ich
über eine Sache sitzen muß, um sie zu Ende zu bringen, wird mir nie
lang.

Sie gedenken bei einem Ereignisse der Vergangenheit _Holzmindens_ im
Braunschweigischen. Das hat mir lebhaft eine Erinnerung zurückgerufen.
Von diesem kleinen Orte reiste ich 1789 mit Campe nach Paris. Campe kam
von Braunschweig, ich von Göttingen aus dahin. Die Reise, die Sie
gelesen haben können, da Campe sie herausgegeben hat, war kurz, aber
meine erste außer Deutschland. Campe war, wie ich Ihnen schon früher
glaube gesagt zu haben, Hauslehrer im Hause meines Vaters, und es gibt
noch eine Reihe großer Bäume hier, die er gepflanzt hat. Er hat nicht
gerade ein unglückliches, aber ein bedauernswürdiges Ende gehabt. Er war
die letzten Jahre seines Lebens ganz blödsinnig. Ich habe bei ihm
schreiben und lesen gelernt und etwas Geschichte und Geographie nach
damaliger Art, die Hauptstädte, die sogenannten sieben Wunderwerke der
Welt usw. Er hatte schon damals eine sehr glückliche, natürliche Gabe,
den Kinderverstand lebendig anzuregen....

Ich bin vollkommen wohl, und mir ist in meiner in mir vergrabenen
Stimmung sehr wohl. Ich bitte Sie, Ihren Brief an mich wie gewöhnlich
abgehen zu lassen, und wünsche von inniger Seele, daß Sie das Jahr
gesund und heiter beschließen und ebenso das neue beginnen mögen.
Begleiten Sie mich bei dem Wechsel der Jahre mit dem Wunsch, daß mich
nichts im Genuß meiner Einsamkeit, die mein wahres Glück ist, stören
möge, und machen Sie, daß ich mir Ihr Leben ruhig und zufrieden denken
kann. Mit der herzlichsten Freundschaft und unveränderlicheren Teilnahme
der Ihrige.             H.



_Tegel_, den 9. Februar 1833.

Es tut mir leid, liebe Charlotte, daß Ihnen dieser Brief später als
gewöhnlich zukommen wird. Ich habe aber wegen eines Geschäftes einige
Tage in der Stadt sein müssen, und da komme ich nicht zum ruhigen
Schreiben. Da ich Berlin jetzt selten besuche, so drängt sich dann
alles, Menschen und Sachen, zusammen, und es bleibt mir nicht einmal die
materielle Zeit übrig, etwas für mich anzufangen, wenn ich auch garnicht
von der Stimmung reden will. Ich verlor aber gerade auf diese Weise die
ersten Tage des Monats, in denen ich Ihnen jetzt gewöhnlich zu schreiben
pflege. Ich hoffe, Sie werden sich über das Ausbleiben des Briefes nicht
beunruhigt haben. Sie müssen das niemals tun, liebe Freundin, darum
bitte ich sehr. Der kleinen, ganz unbedeutenden Ursachen, warum ich
Ihnen an diesem oder jenem Tage nicht schreibe, können sehr viele sein,
und ich kann sie so wenig voraussehen, als Sie sie erraten. Aber Sie
können sicher eine von diesen voraussetzen, wenn meine Briefe Ihnen über
die gewohnte Zeit ausbleiben. Da ich zu derselben Zeit im Monat jetzt
gewohnt bin, Ihnen zu schreiben, so bekommen Sie nach einer ziemlich
längeren Pause hernach zwei Briefe schneller nacheinander, was Ihnen
Freude macht, da Sie auf meine Briefe einen viel größeren Wert legen,
als sie verdienen. Diese Ihre Freude ist auch mir eine und macht, daß
ich Ihnen willig die Zeit opfere, die es mich kostet. Seit vorgestern
bin ich wieder hier, und heute schon setze ich mich hin, um mich mit
Ihnen zu unterhalten. Denn eine Unterhaltung kann man unseren
Briefwechsel vorzugsweise nennen. Da er sich meist um Ideen dreht und
die äußeren Lebensverhältnisse sehr wenig angeht, so gleicht er darin
einem räsonnierenden Dialog, und Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft
Bleibende im Leben. Sie sind im eigentlichsten Verstande das, was den
denkenden Menschen ernsthaft und dauernd zu beschäftigen verdient. Auch
Sie nehmen ebenso lebhaftes Interesse daran, und daß Ihnen meine Briefe
Freude machen, liegt vorzüglich in diesem ihrem Inhalte. Es ist mir auch
ein besonderer Grund der Zufriedenheit und Freude an Ihrer Art zu
schreiben, daß Sie nicht mehr, wie Sie es sonst oft taten, darauf
dringen, daß ich Ihnen von dem erzähle, was mich angeht, und über das
Mitteilungen mache, was mich umgibt, was garnicht in meinem Wesen liegt.
Darum müssen Sie nun aber ja nicht denken, daß ich es auch gern habe,
wenn Sie über sich schweigen. Es macht mir im Gegenteil wahre Freude,
wenn ich Ihr inneres Leben in allen Ihren äußeren Umgebungen sehe.
Vergessen Sie also nicht, mir auch ferner von Zeit zu Zeit diesen
Überblick wie bisher zu geben....

Sie bitten mich in Ihrem letzten Brief, Ihnen noch nähere Erläuterungen
darüber zu geben, was ich eigentlich damit meine, daß man in gewissen
Lebensepochen innerlich das tun müsse, was man äußerlich sein Haus
bestellen nenne. Ich habe darunter etwas sehr Einfaches und ganz der
gewöhnlichen Bedeutung der Redensart Entsprechendes verstanden. Man
sagt, daß man sein Haus bestellt hat, wenn man Sorge getragen hat,
alles das auf den Fall seines Todes zu berichtigen, was bis dahin
unberechtigt geblieben war. Die Redensart schließt ferner in sich, daß
man angeordnet habe, wie es mit den Dingen, die einem angehören, nach
dem Hintritt werden soll. Von allen Seiten schneidet also das
Hausbestellen Verwickelung, Ungewißheit und Unruhe ab und befördert
Ordnung, Bestimmtheit und Seelenfrieden. So nimmt man den Ausdruck im
äußeren, weltlichen Leben. Auf viel höhere und edlere Weise aber findet
das ähnliche im Geistigen statt. Auch darin gibt es mehr und minder
Wichtiges, mehr und minder an das irdische Dasein Geknüpftes, mittelbar
oder unmittelbar mit dem Höchsten im Menschen Verbundenes. Ich meine
damit nicht gerade, wenigstens nicht ausschließlich, Religionsideen. Was
ich hier meine, gilt auch von solchen, die garnicht in diesen Kreis
gehören. Es läßt sich überhaupt nicht im allgemeinen bestimmen, was hier
das Höchste und Wichtigste genannt wird. Jedermann pflegt aber in sich
die Erfahrung zu machen, daß er gerade dem, was in ihm das Tiefste und
Eigentümlichste ist, die wenigste Muße widmet und sich viel zu viel
durch untergeordnete Gegenstände das Nachdenken rauben und entreißen
läßt. Dies muß man abstellen, den störenden Beschäftigungen entsagen und
sich mit Eifer den wichtigeren widmen. Noch mehr aber geht diese
Sammlung auf eine kurze Spanne noch übrigen Lebens, wie man es auch
nennen könnte, in dem Gebiete des Gefühls vor. Doch ist hier im
allgemeinen ein großer und wichtiger Unterschied. Im Intellektuellen und
allen Sachen des Nachdenkens hat der Vorsatz volle Kraft. Man kann und
muß absichtlich die Gedanken und das Nachdenken auf gewisse Punkte
richten. Im Gefühl ist das nicht nur unmöglich, sondern würde auch
geradezu schädlich sein. Im Gebiete des Empfindens läßt sich nichts
Unfreiwilliges, nichts Erzwungenes denken. Da kann also die Änderung nur
von selbst eintreten und ist mit der Reife einer Frucht zu vergleichen.
Sie geht von selbst vor sich, so wie die ganze Seelenstimmung verrät,
daß dies Loslassen vom hiesigen Dasein in das Gemüt ganz übergegangen
ist. Die Änderung besteht auch da in einem Vereinfachen und Zurückziehen
des Gemüts auf sich selbst, doch läßt sich hier noch weniger als im
Gebiet des Denkens, aus einer einzelnen Individualität heraus, etwas
allgemein Geltendes sagen. In mir ist es ganz einfach so zugegangen, daß
sich mein Gemüt so auf eine Empfindung konzentriert hat, daß es jeder
anderen unzugänglich geworden ist, insofern nämlich, als ich durch eine
andere Empfindung etwas empfangen sollte. Denn auf keine Art bin ich
dadurch kalt und unteilnehmend geworden, nur uneigennütziger und
wirklich jeder Forderung entsagend. Nicht bloß mit Menschen ist es mir
aber so, auch an das Schicksal mache ich keine Forderung. Ich würde
Ungemach wie ein anderer fühlen, das läßt sich aus der menschlichen
Natur nicht ausrotten. Entbehrung bleibt Entbehrung und Schmerz bleibt
Schmerz. Aber den Frieden meiner Seele würden sie mir nicht nehmen, das
würde der Gedanke verhindern, daß solche Ereignisse und Zustände
natürliche Begleiter des menschlichen Lebens sind, und daß es nicht
geziemend wäre, in einem langen Leben nicht einmal die Kraft gewonnen zu
haben, seine höhere und bessere Natur gegen sie aufrecht erhalten zu
können. Ich weiß nicht ob ich Ihnen so deutlich genug geworden bin. Wäre
es nicht der Fall, oder schiene Ihnen meine Ansicht nicht richtig, so
werde ich sehr gern weiter und ausführlicher in die Sache eingehen. Sie
reden in Ihrem Briefe von Gedächtnishilfen, die Sie sich ersonnen haben,
und erbieten sich, mir mehr darüber zu sagen, wenn ich es wolle. Tun Sie
es ja. Leben Sie wohl! Mit immer gleichem Anteil der Ihrige.      H.



_Tegel_, den 8. März 1833.

Auch diesmal komme ich viel später zum Schreiben, als es mein Vorsatz
war, liebe Charlotte, und da ich immer viel Zeit zum Schreiben brauche,
so werden Sie den Brief noch später bekommen. Sie müssen sich aber nie
deshalb beunruhigen. Sie werden sagen, daß man darüber nie Herr ist. Mit
jedem Ersten des Monats denke ich daran, Ihnen zu schreiben, aber es
treten bei meiner Lebenseinteilung oft Tage und Reihen von Tagen ein, wo
ich nicht zum Schreiben an Sie, auch mit dem besten Willen, kommen
kann. Der Vormittag ist unabänderlich wissenschaftlichen Arbeiten
gewidmet. Davon mache ich hier in Tegel keine Ausnahme (in der Stadt muß
ich es freilich); diese Arbeiten machen jetzt eigentlich mein Leben aus,
meine Gedanken sind ihnen ganz zugewendet, und da ich jetzt vieles
Schlafes bedarf, so ist mein Vormittag doch kurz. Den Nachmittag gehe
ich ein bis zwei Stunden spazieren, und die übrige Zeit bleibt für meine
ziemlich weitläufige Korrespondenz und vielfachen Geschäfte usw. Fällt
nun in diesen Dingen etwas ungewöhnlich Dringendes vor, wie es diesmal
der Fall war, oder kommt Besuch, so verzögert sich gegen mein Wünschen
und Wollen der Abgang meines Briefes an Sie. Dennoch bin ich
glücklicherweise viel weniger Störungen ausgesetzt wie andere und
genieße noch der höchst nützlichen Gabe, nie durch Mangel an Stimmung
abgehalten zu werden oder die Stimmung abwarten zu müssen. Wie ich die
Sache vornehme, ist, wenn ich bisweilen auch lieber etwas ganz anderes
täte und mich zum Anfange wahrhaft zwingen muß, die Stimmung da. Bei dem
Wort fallen mir Ihre Tabellen ein. Sie haben mich sehr interessiert. Es
ist eine originelle Idee, die täglichen Zustände des Lebens schnell
aneinanderzureihen, die Stimmung und alle anderen Dinge, von denen sie
abhängen kann, aufzuzeichnen. Auch nur ein halbes Leben so verzeichnet,
würde zu einer Menge von Vergleichungen Stoff darbieten.

Ihr ganzer Brief hat mir Freude gemacht, da eine ruhige, in jeder Art
erfreuliche Gemütsstimmung daraus hervorgeht. Nur hat mich für Sie der
neue Verlust sehr geschmerzt, den Sie abermals erlitten haben. Das
Vorangehen so vieler ist allerdings bei vorrückenden Jahren etwas die
ruhige Heiterkeit des Gemüts sehr schmerzlich Trübendes. Ich gehe aber
noch weiter. Auch das Altwerden derer, die man in Jugendkraft des
Körpers und Geistes gekannt hat, ist betrübend. Ich wollte schon immer
alt werden, wenn nur die, die um mich her sind, jung blieben. Indes ist
das, wenn es auch nicht scheint, ein eigennütziger Wunsch.

Sie fragen mich, was ich unter Ideen meine, wenn ich sage, daß sie
allein das Bleibende im Menschen sind, und daß sie allein das Leben zu
beschäftigen verdienen? Die Frage ist nicht leicht beantwortet, ich will
aber versuchen, deutlich darüber zu werden. Die Idee ist zuerst den
vergänglichen äußeren Dingen und den unmittelbar auf sie bezogenen
Empfindungen, Begierden und Leidenschaften entgegengesetzt. Alles, was
auf eigennützige Absichten und augenblicklichen Genuß hinausgeht,
widerstrebt ihr natürlich und kann niemals in sie übergehen. Aber auch
viel höhere und edlere Dinge, wie Wohltätigkeit, Sorge für die, die
einem nahestehen, mehrere andere gleich sehr zu billigende Handlungen
sind auch nicht dahin zu rechnen und beschäftigen denjenigen, dessen
Leben auf Ideen beruht, nicht anders, als daß er sie tut, sie berühren
ihn nicht weiter. Sie können aber auf einer Idee beruhen und tun es in
idealistisch gebildeten Menschen immer. Diese Idee ist dann die des
allgemeinen Wohlwollens, die Empfindung des Mangels desselben wie einer
Disharmonie, wie eines Hindernisses, das es unmöglich macht, sich an die
Ordnung höherer und vollkommener Geister und an den wohltätigen Sinn,
der sich in der Natur ausspricht und sie beseelt, anzuschließen. Es
können aber auch jene Handlungen aus dem Gefühl der Pflicht entspringen,
und die Pflicht, wenn sie bloß aus dem Gefühl der Schuldigkeit fließt,
ohne alle und jede Rücksicht auf Befriedigung einer Neigung oder
irgendeine selbst göttliche Belohnung, gehört gerade zu den erhabensten
Ideen. Von diesen muß man hingegen auch absondern, was bloß Kenntnis des
Verstandes und des Gedächtnisses ist. Dies kann wohl zu Ideen führen,
verdient aber nicht selbst diesen Namen. Sie sehen schon hieraus, daß
die Idee auf etwas Unendliches hinausgeht, auf ein letztes
Zusammenknüpfen, auf etwas, das die Seele noch bereichern würde, wenn
sie sich auch von allem Irdischen losmachte. Alle großen und
wesentlichen Wahrheiten sind also von dieser Art. Es gibt aber sehr
viele Dinge, die sich nicht ganz mit den Gedanken fassen und ausmessen
lassen und darum doch nicht minder wahr sind. Bei vielen von diesen
tritt dann die künstlerische Einbildungskraft ein. Denn diese besitzt
die Gabe, das Sinnliche und Endliche, zum Beispiel die körperliche
Schönheit, auch unabhängig vom Gesicht und seinem seelenvollen Ausdruck
so darzustellen, als wäre es etwas Unendliches. Die Kunst, die Poesie
mit eingeschlossen, ist daher ein Mittel, sehr vieles in Ideen zu
verwandeln, was ursprünglich und an sich nicht dazu zu rechnen ist.
Selbst die Wahrheit, wenn sie auch hauptsächlich im Gedanken liegt,
bedarf einer solchen Zugabe zu ihrer Vollendung. Denn wie wir bisher die
Idee nach ihrem Gegenstand betrachtet haben, so kann man sie auch nach
der Seelenstimmung schildern, die sie fordert. Wie sie nun, dem
Gegenstand nach, ein Letztes der Verknüpfung ist, so fordert sie, um sie
zu fassen, ein Ganzes der Seelenstimmungen, folglich ein vereintes
Wirken der Seelenkräfte. Gedanke und Gefühl müssen sich innig
vereinigen, und da das Gefühl, wenn es auch das Seelenvollste zum
Gegenstande hat, immer etwas Stoffartiges an sich trägt, so ist nur die
künstlerische Einbildungskraft imstande, die Vereinigung mit dem
Gedanken, dem das Stoff artige widersteht, zu bewirken. Wer also nicht
Sinn für Kunst oder nicht wahren und echten für Musik oder Poesie
besitzt, der wird überhaupt schwer Ideen fassen und in keiner gerade das
wahrhaft empfinden, was darin Idee ist. Es ist ein solcher Unterschied
zwischen den Menschen in ihrer ursprünglich geistigen Anlage gegründet.
Die Bildung tut hierzu nichts. Sie kann wohl hinzutun, nie aber
schaffen, und es gibt hundert künstlerisch und wissenschaftlich
gebildete Menschen, die doch in jedem Worte deutlich beweisen, daß ihnen
die Naturanlage, mithin alles fehlt. Der große Wert der Ideen wird
vorzüglich an folgendem erkannt: Der Mensch läßt, wenn er von der Erde
geht, alles zurück, was nicht ganz ausschließlich und unabhängig von
aller Erdenbeziehung seiner Seele angehört. Dies aber sind allein die
Ideen, und dies ist auch ihr echtes Kennzeichen. Was kein Recht hätte,
die Seele noch in den Augenblicken zu beschäftigen, wo sie die
Notwendigkeit empfindet, allem Irdischen zu entsagen, kann nicht zu
diesem Gebiete gezählt werden. Allein diesen Moment, bereichert durch
geläuterte Ideen, zu erreichen, ist ein schönes, des Geistes und des
Herzens würdiges Ziel. In dieser Beziehung und aus diesem Grunde nannte
ich die Ideen das einzig Bleibende, weil nichts anderes da haftet, wo
die Erde selbst entweicht. Sie werden mir vielleicht Liebe und
Freundschaft entgegenstellen. Diese sind aber selbst Ideen und beruhen
gänzlich auf solchen. Von der Freundschaft ist das an sich klar. Von der
Liebe erlassen Sie mir zu reden. Es mag an sich eine Schwachheit sein,
aber ich spreche das Wort ungern aus und habe es ebensowenig gern, wenn
man es gegen mich ausspricht. Man hat oft wunderbare Ansichten von der
Liebe. Man bildet sich ein, mehr als einmal geliebt zu haben, will dann
gefunden haben, daß doch nur das eine Mal das Rechte gewesen sei, will
sich getäuscht haben oder getäuscht sein. Ich rechte mit niemandes
Empfindungen. Aber was ich Liebe nenne, ist ganz etwas anderes,
erscheint im Leben nur einmal, täuscht sich nicht und wird nie
getäuscht, beruht aber ganz und viel mehr noch auf Ideen.

Ich fürchte aber, Sie ermüdet zu haben, ohne Ihnen vollkommen klar zu
werden. In diesem Fall verzeihen Sie mir. Sie wollten ausdrücklich, daß
ich Ihnen darüber schreiben sollte, und die Schwierigkeit liegt in der
Sache. Vielleicht aber finden Sie doch etwas darin, woran Sie sich
halten können, und wenn Sie von da aus Fragen tun, so kann ich Ihnen
weitere Erläuterungen geben, was ich von Herzen gern tun will. Wie immer
der Ihrige.             H.



_Tegel_, den 7. April 1833.

Ich bin schon lange im Besitz Ihres Briefes, liebe Charlotte, habe aber
nicht früher dazu kommen können, ihn zu beantworten. Sie haben ihn bloß
vom Monat März datiert und gegen Ihre Gewohnheit nicht den Tag des
Abgangs vermerkt. Ich bitte Sie, ihn künftig immer hinzuzusetzen. Ein
Brief, von dem man nichts als den Monat weiß, ist eine zu unbestimmte
Mitteilung, und ich habe immer auf die Tage gehalten. Man kann eher
noch etwas im Raum unbegrenzt lassen. Die Empfindung der Zeit greift
überhaupt tiefer in die Seele ein, was wohl daran liegt, daß der Gedanke
und die Empfindungen sich in der Zeit bewegen.... Ich habe oft, fast von
meiner Kindheit an, angefangen, Tagebücher zu halten und sie nach
einiger Zeit wieder verbrannt. Es tut mir aber sehr leid, nicht
wenigstens von jedem Tage aufgezeichnet zu haben, wo ich war und was ich
vorzüglich tat, oder wer mir begegnete. Ich würde mich sehr freuen, das
von meinem zehnten Jahre an zu besitzen. Von ausführlichen Tagebüchern
und solchen, die Beurteilungen der Handlungen und Gesinnungen enthalten
sollen, halte ich sonst nicht viel. Es geht einem, wie man es anfangen
möge, nie ganz ein, für sich selbst und an sich selbst gerichtet zu
schreiben. Wenn man das Geschriebene auch niemand zeigt noch zeigen
würde, so schreibt man doch wie einem imaginierten Publikum gegenüber.
Man ist wirklich mehr befangen, als wenn man die Selbstbeurteilung an
eine einzelne bestimmte Person richtet. Das Interesse an dieser zieht da
die Seele davon ab, sich zu sehr mit sich selbst zu beschäftigen und zu
sehr auf sich Rücksicht zu nehmen, stellt dadurch die Unbefangenheit
wieder her und befördert die Naivität der Erzählung. Überhaupt ist nicht
eben zu fürchten, daß man sich in solchen Aufzeichnungen über sich
selbst zu sehr schont, oft liegt sogar die Übertreibung der Wahrheit im
Gegenteil. Was dagegen eher zu fürchten sein kann, ist, daß die
Eitelkeit dabei Nahrung findet. Man hält leicht, je mehr man sich mit
sich selbst beschäftigt, alles, was einen betroffen hat, für
außerordentlicher, als was anderen begegnet ist, und legt auf jeden
Zufall wie auf eine Absicht Wert, welche Gott mit uns gehabt hätte.
Indes können solche Fehler vermieden werden, und dann wird gerade ein
solches Tagebuch zu einer zugleich anziehenden und nützlichen
Selbstbeschäftigung....

Die Zeit ist nur ein leerer Raum, dem Begebenheiten, Gedanken und
Empfindungen erst Inhalt geben. Da man aber weiß, daß sie, wenn man auch
viel Einzelnes davon kennt, diesen Inhalt freudvoll und leidvoll für
empfindende Menschen getragen hat, so ist sie an sich immer das Herz
ergreifend. Auch ihr stilles und heimliches Walten hat etwas magisch
Anziehendes. Der Tag, an dem einem ein großes Unglück begegnet, ist eine
lange Reihe von Jahren ungeahnt an einem vorbeigegangen, und ebenso
still und unbekannt schreitet der an uns vorüber, an dem uns ein Unglück
unwandelbar bevorsteht. Denkt man aber der Folge der Zeit nach, so
verliert man sich darin wie in einem Abgrund. Es ist nicht Anfang noch
Ende. Ein großer Trost liegt aber im Wandel, da er immer an ein höchstes
Gesetz, an einen ewiglenkenden Willen in unverrückter Ordnung erinnert.
Das Erkennen dieser Ordnung ist in allen Welteinrichtungen, bei der
Hinfälligkeit der menschlichen Natur und der scheinbar oft regellos
zermalmenden Gewalt der Elemente, etwas sehr Beruhigendes. Am
regelmäßigen Sonnenlauf und Mondeswechsel muß das auch ganz rohen
Nationen anschaulich werden. Je mehr die Kenntnis der Natur zunimmt,
desto mehr wächst die Zahl der Beweise dieser Ordnung. Zur eigentlichen
Einsicht in den Sternenlauf ist schon wissenschaftliche Beobachtung
notwendig. Steigt diese, wie bei uns, zum höchsten Grade, so werden
wieder Abweichungen bemerkbar und Dinge, die sich in die sonstige
Ordnung nicht passen lassen. Diese sind sichere Beweise, daß die
Forschung noch ein neues Feld zu Entdeckungen vor sich hat. Denn alles
wissenschaftliche Arbeiten ist nichts anderes, als immer neuen Stoff in
allgemeine Gesetze zu bringen...

Sie klagen im ganzen über Ihr Gedächtnis, nehmen aber einiges aus. Mehr
können wenige von sich sagen. Das Gedächtnis ist nach Gegenständen
verteilt, und in niemanden ist es für alle gleich gut. Das angenehmste
ist ein leichtes Gedächtnis für Gedichte. Ist das mit wahrem Geschmack
in der Auswahl und mit Talent im Hersagen verbunden, so gibt es keine
andere, das Leben gleich verschönende Gabe. Zum guten Hersagen gehört
aber unendlich viel: zuerst freilich nur Dinge, die jede gute Erziehung
jedem geben kann, richtiges Verstehen des Sinnes, eine gute, deutliche,
von Provinzialfehlern freie Aussprache; aber dann freilich Dinge, welche
nur angeboren werden, ein glückliches, schon in sich seelenvolles Organ,
ein feiner musikalischer Sinn für den Fall des Silbenmaßes, ein
wahrhaft dichterisches Gefühl und hauptsächlich ein Gemüt, in dem alle
menschlichen Empfindungen rein und stark wiederklingen. Der Genuß, den
ein solches Wiedergeben wahrhaft schöner Gedichte gewährt, ist in der
Tat ein unendlicher. Er ist mir oft und im höchsten Grade geworden, und
ich rechne das zu den schönsten Stunden des Lebens. Aber auch das eigene
Auswendiglernen und Auswendigwissen von Gedichten oder von Stellen aus
Gedichten verschönert das einsame Leben und erhebt oft in bedeutenden
Momenten. Ich trage mich von Jugend an mit Stellen aus dem Homer, aus
Goethe und Schiller, die mir in jedem wichtigen Augenblicke wiederkehren
und mich auch in den letzten des Lebens nicht verlassen werden. Denn man
kann nichts Besseres tun, als mit einem großen Gedanken hinübergehen...

Ich befinde mich, Gott sei gedankt, recht wohl, gehe aber doch den
Sommer wieder ins Seebad nach Norderney. Man findet, daß es meine
Schwächlichkeiten vermindert hat. Das sehe ich nun zwar nicht, und auch
Sie werden es, an meinem Schreiben wenigstens, nicht gewahr werden.
Allein das ist wohl möglich, und das glaube ich sogar selbst, daß der
jährliche Gebrauch des Bades diese meine Schwächlichkeiten auf dem
Punkte erhält, auf dem sie jetzt sind. Vielleicht sind auch die Wellen
unschuldig daran. Aber man ist gern dankbar, und die See ist ein so
schöner und großer Gegenstand, daß man ihr gern dankbar ist. Gern gehe
ich aber nicht hin, es ist mir eine lästige Störung. Aber wenn ich mich
einmal in das Notwendige fügen muß, so nehme ich mir das Angenehme
heraus und gehe leicht über das Lästige hinweg, ob ich mich gleich von
meiner hiesigen Einsamkeit so ungern als von einer geliebten Person
trenne.

Mit der Gegenwart sind Sie so dankbar zufrieden. Vertrauen Sie auch der
Zukunft und hegen keine ängstlichen Besorgnisse. Sie ist allerdings
ungewiß, aber bedenken Sie, daß die ewige Güte wacht, daraus entspringt
Vertrauen, und dies muß man im Herzen nähren. Mit inniger Teilnahme
unabänderlich der Ihrige.     H.



_Norderney_, den 2. August 1833.

Mit dem Anfange dieses Monats ist gerade die Hälfte meiner Badekur
vollendet, liebe Freundin, und es wird Ihnen Freude machen, wenn ich
Ihnen sage, daß ich sie ununterbrochen habe fortsetzen können, und
befinde mich, Dank sei es der Vorsehung, sehr wohl. Von der gänzlichen
Wirkung läßt sich erst nach Monaten urteilen. Dem Erfolg bis jetzt nach
zu schließen, wird sie hoffentlich nicht geringer als im vorigen Jahre
sein. Hier werde ich fast allgemein, meiner einzelnen Schwächlichkeiten
ungeachtet, für stark gehalten, und gewissermaßen könnte ich mir selbst
so erscheinen. Denn kein noch so junger rüstiger Mann braucht das Bad
stärker als ich, und ich fühle mich niemals nur einen Augenblick davon
angegriffen. Ich nehme nie etwas Stärkendes nachher und beschäftige
mich, wenn ich nicht der Luft im Gehen genießen will, mit jeder Sache,
die mich gerade interessiert. Von der Witterung spüre ich gar keinen
Einfluß. Einige Körperstärke setzt das allerdings voraus. Aber die
Hauptsache ist doch, das ganze Leben hindurch die Seele zur Ertragung
jedes Ungemachs abgehärtet zu haben. Es ist unglaublich, wieviel Kraft
die Seele dem Körper zu verleihen vermag. Es erfordert auch garnicht
eine große oder heldenmütige Energie des Geistes. Die innere Sammlung
reicht hin, nichts zu fürchten und nichts zu begehren, als was man
selbst in sich abwehren und erstreben kann. Darin liegt eine
unglaubliche Kraft. Man ist darum nicht in eine phlegmatische Ruhe
versenkt, sondern kann dabei gerade von den tiefsten und ergreifendsten
Gefühlen bewegt sein, ihre Gegenstände gehören nur nicht der äußeren
Welt an, sondern sind höheren Dingen und Wesen zugewendet. Man ist nicht
frei von Sehnsucht, vielmehr ihr oft hingegeben, aber es ist nicht die
verzehrende, die nach äußerer Gewährung strebt, sondern eine eigene, nur
die lebendige Empfindung von etwas Besserem und Schönerem, mit dem die
Seele innig verwandt ist. – Das Wetter war hier seit unserer Ankunft
für den Gebrauch des Bades sehr günstig. Denn da es immer windig und
einigemal sehr stürmisch war, so war die See fast unausgesetzt sehr hoch
und unruhig, und diesen heftigen Wellenschlag hält man gerade für sehr
zuträglich. Mit Sonnenschein verbunden, wie wir ihn oft hatten, ist er
zugleich ein reizender Anblick. Über Hitze hat man sich hier wohl selten
zu beklagen. Da die Winde meistenteils vom Meer herkommen, so kühlen sie
die Luft hinreichend ab. Auf Inseln, besonders auf kleinen, ist große
Hitze ebenso wie große Kälte selten. Wir haben aber in diesem Sommer
wirklich sehr heiße Tage gehabt. Meine Liebe für große Wärme schreibt
sich doch nicht, wie Sie glauben, aus meinem längeren Aufenthalt in
Spanien und Italien her, ich erinnere mich, sie von früher Kindheit an
gehabt zu haben...

Sie haben allerdings recht, wenn Sie sagen, Frau von Staël und Frau von
Laroche werden schlimm im Goetheschen Briefwechsel behandelt. Es ist
dies Goethes Schuld. Im vertraulichen Briefwechsel kann man sich, wie im
Gespräch, kleine Spöttereien erlauben, da man keine üble Absicht damit
verbindet und genau weiß, wie man verstanden wird. Wenn man aber solche
Briefe vor das große Publikum bringt, muß man solche Stellen
wegstreichen, und darin ist Goethe, der den Briefwechsel herausgegeben,
zu sorglos gewesen. Solche kleine Flecken können aber einem Werke keinen
Eintrag tun, das sonst einen solchen Reichtum an genialen und neuen
Ideen enthält und so das lebendige Gepräge des Gedankenaustausches
zweier großer Geister in sich trägt; denn es gibt nicht leicht eine
Schrift, die einen so unendlichen Stoff zum Nachdenken darbietet und so,
nach allen Richtungen hin, die einzig richtig leitenden Ansichten
angibt. Der Staël mußten Goethe und Schiller Unrecht tun, da sie sie
garnicht genug kannten. Die Staël war bei weitem weniger von ihren
schriftstellerischen Seiten, als im Leben und von Seiten ihres
Charakters und ihrer Gefühle, Geist und Empfindung. Beides war in ihr
auf eine ganz ihr angehörende Weise verschmolzen. Goethe und Schiller
konnten das nicht so wahrnehmen. Sie kannten sie nur aus einzelnen
Gesprächen, und auch da nur unvollkommen, da sie sich doch beide nicht
französisch mit vollkommener Freiheit ausdrückten. Diese Gespräche
griffen sie an, weil sie dadurch angeregt wurden, ohne sich doch in dem
fremden Organ ganz und rein aussprechen zu können, und so wurde ihnen
die lästig, die solche Gespräche veranlaßte. Von dem wahren inneren
Wesen der Frau wußten sie nichts. Was man von ihrer Unweiblichkeit
sagte, gehört zu dem trivialen Geschwätz, das sich der gewöhnliche
Schlag der Männer und Weiber über Frauen erlaubt, deren Art und Wesen
über ihren Gesichtskreis geht. Sich über das Höhere allen Urteils zu
enthalten, ist eine zu edle Eigenschaft, als daß sie häufig sein könnte.
Wirklich selbst vorzügliche Frauen, welche die Staël kannten, haben sie
nie als unweiblich getadelt, und noch weniger kann man sie so in ihren
Schriften finden.

Die Laroche habe ich selbst gleichfalls gekannt. Sie war sehr gutmütig
und mußte in ihrer Jugend schön gewesen sein. Von Geist war sie
allerdings nicht ausgezeichnet. Allein ihre Schriften sind nicht ohne
Wirkung auf die weibliche Bildung ihrer Zeit geblieben. Insofern hat die
Frau ein Verdienst gehabt, das ihr auch Goethe und Schiller nie würden
haben absprechen wollen. Sie dachten nur an den literarischen Wert, der
freilich nicht groß war. Man muß aber auch, was sie in scherzhaft
heiterer Laune hinschrieben, nicht als vollwichtigen Ernst aufnehmen.
Die Epochen, in die uns diese Erinnerungen zurückführen, weichen
allmählich in solche Ferne zurück, daß schon darum das Interesse an
ihnen wächst. Auch erscheint immer mehr, was zur Charakterisierung der
damals merkwürdigsten Personen dient. In den Urteilen über sie wirkt
noch die Stimmung mit fort, welche sie im Leben hervorbrachten; allein
nach und nach tritt eine andere Stimmung ein, bis sich endlich das
bildet, was man den bleibenden Nachruhm nennt. Die Menschen werden in
diesem gewissermaßen zu Schattengestalten. Vieles, was sie an sich
tragen, erlischt, und das Übrigbleibende wird nun zu einer ganz anderen
Erscheinung. Dabei wird noch, was man von ihnen weiß, nach dem Geiste
der jedesmaligen Zeit aufgenommen. So ungewiß steht es um das Bild, das
auch die größten Menschen hinterlassen, und um die Geschichte!

Meine Badekur ist den 21. d. M. zu Ende, und ich werde also noch vor dem
Ende desselben zurückgekehrt in Tegel sein. Ich fühle mich wohl und sehr
gestärkt, und werde die Wirkung nach einiger Zeit noch mehr empfinden.
Ich sage Ihnen das, liebe Freundin, schon jetzt und noch von hier aus,
da Sie mir mit liebevoller Teilnahme so oft gesagt haben, daß Sie diese
Nachrichten zuerst und vor allen anderen in meinen Briefen suchen. So
begegnen sie Ihnen schon am Schluß dieses Briefes und kommen Ihnen
früher zu, was Ihnen, wie ich weiß, Freude macht. Aber richten Sie es
nun auch so ein, daß ich einen Brief von Ihnen in Berlin vorfinde. Mit
der innigsten und unveränderlichsten Teilnahme der Ihrige.           H.



_Tegel_, den 6. Oktober 1833.

Ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank, liebe Charlotte, für Ihren
lieben Brief, den ich bei meiner Zurückkunft hier vorfand, und der so
viel Liebes und Gütiges über mich enthält. Ob Sie nichts von Ihrem
Befinden erwähnen, so scheint mir doch die Stimmung zu beweisen, daß Sie
wohl sind. Sie wissen, welchen lebhaften Anteil ich daran nehme. Sie
genießen doch gewiß auch recht in Ihrem Garten die schönen Tage, mit
denen das sich zum Ende neigende Jahr scheint alle schlimmen Tage, an
denen der Sommer reich war, wieder in Vergessenheit bringen zu wollen.
Es ist merkwürdig, wie wunderschön das Wetter ist, eben so ausgezeichnet
schön war der Frühling. Ich dächte in zwanzig Jahren kein so
blütenreiches Frühjahr hier erlebt zu haben. Die Pracht war über alle
Beschreibung. Das schöne Wetter wird aber bei weitem nicht so dankbar
von den Menschen erkannt, als man das bloß minder gute gleich übermäßig
allgemein tadeln hört. Die Menschen scheinen zu meinen, daß, wenn ihnen
auch der Himmel alle übrigen Glücksgaben vorenthielt, er ihnen doch
diese, gleichsam die wohlfeilste von allen, gewähren müsse. Wieviel dem
Himmel das schöne Wetter kostet, ist freilich schwer zu berechnen.
Allein in der Wirkung auf das Gemüt gehört ein wahrhaft schöner Tag zu
den allerkostbarsten Geschenken des Himmels. Wenn man im Menschen eine
gewisse mittlere Seelenstimmung als die Regel annehmen kann, so bringt
mich schlechtes Wetter niemals unter dieselbe, dies erlaubt meine gegen
alle äußeren unangenehmen Eindrücke sehr gut verwahrte Natur nicht. Aber
ein schöner Tag oder eine strahlend sternhelle Nacht hebt mich
unaussprechlich darüber empor. Denn man kann, gerade indem man die
Empfindung des Schönen schärft, die Reizbarkeit gegen das Unangenehme
abstumpfen.

Was Sie über Herder und Goethe sagen und über die verschiedene Wirkung,
welche die Schriften beider auf Sie haben, hat mich zu allerlei
Betrachtung geführt, über die Empfindungen anderer sollte man nicht so
scharf absprechen. Beschränken Sie das Gesagte auf sich und andere,
deren Gemütsart Ihnen genau bekannt ist, so stimme ich Ihnen gänzlich
bei. Was mir aber bei dieser Stelle Ihres Briefes besonders aufgefallen
ist, ist, daß sie mir wieder recht klar bewiesen hat, daß es zwei ganz
verschiedene Arten gibt, sich einem Buche zu nahen. Eine, mit einer
bestimmten Absicht verbunden und ganz nahe auf den Lesenden selbst
bezogen, und eine freiere, die mehr und näher auf den Verfasser und
seine Werke geht. Jeder Mensch liest, nach Verschiedenheit der
Stimmungen und der Momente, mehr auf die eine oder die andere Weise;
denn rein und gänzlich geschieden sind beide natürlich nie. Die eine
wendet man an, wenn man von einem Buche fordert, daß es erheben,
erleuchten, trösten und belehren soll, die andere Methode ist einem
Spaziergange in freier Natur zu vergleichen. Man sucht und verlangt
nichts Bestimmtes, man wird durch das Werk angezogen, man will sehen,
wie sich eine poetische Erfindung entfalte, man will dem Gange eines
Räsonnements folgen. Belehrung, Trost, Unterhaltung findet sich nachher
ebenso und in noch höherem Maße ein, aber man hat sie nicht gesucht, man
ist nicht von einer beschränkten Stimmung aus zu dem Buche
übergegangen, sondern das Buch hat frei und ungerufen die ihm
entsprechende selbst herbeigeführt. Das Urteil ist aber auf diese Weise
freier, und da es von augenblicklicher Stimmung unabhängiger bleibt,
zuverlässiger. Ein Verfasser muß es vorziehen, so gelesen und geprüft zu
werden. Herder kann übrigens jede Art der Beurteilung ruhig erwarten. Er
ist eine der schönsten geistigen Erscheinungen, die unsere Zeit
aufzuweisen hat. Seine kleinen lyrischen Gedichte sind voll tiefen
Sinnes und in der Zartheit der Sprache und Anmut der Bilder die
Lieblichkeit selbst. Besonders weiß er das Geistige unnachahmlich schön,
bald mit einem wohlgewählten Bilde, bald mit einem sinnigen Worte in
eine körperliche Hülle einzuschließen, und ebenso die sinnliche Gestalt
geistig zu durchdringen. In diesem symbolischen Verknüpfen des
Sinnlichen mit dem Geistigen gefiel er sich auch selbst am meisten,
bisweilen, obgleich selten, treibt er es bis ins Spielende. Eine seiner
großen Eigenschaften war es auch, fremde Eigentümlichkeiten mit
bewunderungswürdiger Feinheit und Treue aufzufassen. Dies zeigt sich in
seinen Volksliedern und in der Geschichte der Menschheit. Ich erinnere
mich z. B. aus der letzten der meisterhaften Schilderung der Araber.
Herder stand im Umfang des Geistes und des Dichtungsvermögens gewiß
Goethe und Schiller nach, allein es war in ihm eine Verschmelzung des
Geistes mit der Phantasie, durch die er hervorbrachte, was beiden nie
gelungen sein würde. Diese Eigentümlichkeit führte ihn zu großen und
lieblichen Ansichten über den Menschen, seine Schicksale und seine
Bestimmung. Da er eine große Belesenheit besaß, so befruchtete er seine
philosophischen Ansichten durch dieselbe und gewann dadurch den Reichtum
von Tatsachen für seine allegorischen und historischen Ausführungen. Er
gehört, wenn man ihn im ganzen betrachtet, zu den wundervollst
organisierten Naturen. Er war Philosoph, Dichter und Gelehrter, aber in
keiner einzigen dieser Richtungen wahrhaft groß. Dies lag auch nicht an
zufälligen Ursachen, an Mangel gehöriger Übung. Hätte er einen dieser
Zweige allein ausbilden wollen, so würde es ihm nicht gelungen sein.
Seine Natur trieb ihn notwendig zu einer Verbindung von allen zugleich
hin, und zwar zu wahrer Verschmelzung, wo jede dieser Richtungen, ohne
ihre Eigentümlichkeit zu verlassen, doch in die der andern einging, und
da doch dichtende Einbildungskraft seine vorherrschende Eigenschaft war,
so trug das Ganze, indem es die innigsten Gefühle weckte, immer einen
doppelt stark anziehenden Glanz an sich. Diese Eigentümlichkeit bringt
es aber auch freilich mit sich, daß die Herderschen Räsonnements und
Behauptungen nicht immer die eigentlich gediegene Überzeugung
hervorbringen, ja daß man nicht einmal das recht sichere Gefühl hat,
daß es seine eigene recht feste Überzeugung war, die er aussprach.
Beredsamkeit und Phantasie leihen leicht allem eine willkürliche
Gestalt. Von der Außenwelt entlehnte er nicht viel. Sein Aufenthalt in
Italien hat ihn fast um nichts bereichert, da Goethe der seinige so
reiche und schöne Früchte getragen hat. Herders Predigten waren
unendlich anziehend. Man fand sie immer zu kurz und hätte ihnen die
doppelte Länge gewünscht. Aber eigentlich erbaulich waren die, welche
ich gehört habe, nicht, sie drangen wenig ins Herz.

Wenn er jetzt wüßte, daß ich so viel mit unleserlich kleinen Buchstaben
über ihn schreibe, würde er sich gewiß wundern, und ich wundere mich
über mich selbst. Ich tue es einzig, weil ich denke, daß es Ihnen Freude
macht. Sagen Sie mir aber auch, wenn Sie mich nicht mehr lesen können.
Denn für mich selbst schreibe ich nicht.

Mit der herzlichsten Teilnahme Ihr    H.



_Tegel_, den 16. Nov. bis 7. Dez. 1833.

Ich fange diesen Brief an, liebe Charlotte, ohne noch einen von Ihnen
empfangen zu haben; ich denke aber gewiß, daß in diesen Tagen selbst
einer ankommen muß. Zuerst habe ich noch auf eine Stelle Ihres Briefes
zurückzukommen, die eigentlich ganz unbeantwortet von mir geblieben ist,
und wofür ich Ihnen sehr danke. Es ist nämlich das, was Sie über die
verschiedene Art Bücher zu lesen sagen, und über das, was man in ihnen
zu suchen hat. Sie beziehen sich dabei auf Goethe. Sie wissen, ich liebe
es sehr, wenn man im freundschaftlichen Briefwechsel es frei ausspricht,
wo die Meinungen nicht übereinstimmen. Dann auch haben Sie mich
veranlaßt, die schöne Stelle in Goethes »Wahrheit und Dichtung« wieder
zu lesen, auf die Sie sich beziehen. Im ganzen aber ist es, wie es
gewöhnlich im Entgegenstellen der Behauptungen geht, daß man einander
doch nicht bekehrt. Meine Art ist es einmal und wird es immer bleiben,
ein Buch ebenso wie einen Menschen als eine Erscheinung an sich, nicht
als eine Gabe für mich anzusehen. Ich gehe darum noch nicht, wie Goethe
sagt, in die Kritik desselben ein, ebensowenig wie ich dies bei einem
Menschen tue. Aber ich betrachte es wie ein Produkt des menschlichen
Geistes, das ohne alle Beziehung auf meine Gedanken und Gefühle einen
eigenen Ideenzusammenhang und eine eigene Gefühlsweise ausspricht und
meine Aufmerksamkeit dadurch in Anspruch nimmt. Ich begreife indes, daß
viele Leser die Bücher mehr zu sich hinziehen und sie weniger objektiv
nehmen, und wenn Sie mich fragen, ob es einem Schriftsteller unangenehm
sein könne, wenn er Beruhigung oder Erheiterung in ein dieser oder jener
bedürfendes Gemüt ergieße oder eine gebeugte Seele ermutige, so
antworte ich mit voller Überzeugung: er ist gewiß damit zufrieden und
fühlt sich belohnt, gesetzt, es wäre auch nicht gerade sein Zweck. Ich
wollte Ihnen nur sagen, wie ich Bücher lese, keineswegs aber Ihre Weise
tadeln.

Den 4. Dezember. Ich bin nunmehr im Besitz Ihres Briefes vom
24. November und danke Ihnen herzlich für den ganzen Inhalt desselben.
Erhalten Sie sich in der ruhigen, heitern, zufriedenen Stimmung. Eine
Heiterkeit wie die, von der Sie sagen, daß sie Ihnen natürlich inwohnt,
ist eine sehr glückliche Gabe des Himmels oder des Schicksals und, wie
Sie selbst sehr richtig bemerken, mehr noch eine Frucht einer natürlich
einfachen, bescheiden genügsamen Gemütsart. Wenn sie aber auch so,
gleichsam von selbst, im Charakter hervorblüht, so kann und muß man sie
doch auch nähren und unterstützen. Ich meine das nicht von außen,
sondern recht eigentlich von innen. Ebenso ist es auch mit der Wehmut.
Der Mensch hat sich, wenn er irgendein innerliches Leben gelebt hat, ein
geistiges Eigentum von Überzeugungen, Gefühlen, Hoffnungen, Ahnungen
gebildet. Dies ist ihm sicher, ja, im eigentlichen Verstande
unentreißbar. Kann er darin sein Glück, seine Beruhigung, seine stille
Heiterkeit finden, so ist ihm diese gesichert und geborgen, wenn seine
Stimmung auch wehmütig bleibt. Denn jeder Gegenstand edler Wehmut
schließt sich willig an den eben genannten Kreis an. Sobald man
überhaupt irgend etwas, was das Gemüt ergreift, in das Gebiet geistiger
Tätigkeit hinüberführen kann, wird es linder und mischt sich auf eine
sehr versöhnende Weise mit allem, was uns eigentümlich ist, wovon wir,
wenn es auch schmerzte, uns nicht trennen könnten, ja nicht trennen
möchten. Ich meine aber unter geistiger Tätigkeit nicht die der
Vernunft. Diese könnte ein fühlendes Gemüt nur zu starrer Resignation
bringen, die immer eine Ruhe des Grabes ist und nicht die schöne
lebendige Heiterkeit gewähren kann, von der ich hier rede. Die rein
geistige Wirksamkeit hat aber ein viel weiteres Gebiet und verschmilzt
mit der Empfindung gerade zu dem Höchsten, dessen der Mensch fähig ist,
und diese Verschmelzung enthält das wahre Mittel aller wahrhaft
hilfreichen Beruhigung. Der Gedanke verliert in ihr seine Kälte, und die
Empfindung wird auf eine Höhe gestellt, auf der sich die verletzende
einseitige Beziehung auf das persönliche Selbst und den Augenblick der
Gegenwart abstumpft. Leben Sie herzlich wohl! Ihren letzten Brief
beantworte ich das nächste Mal. Mit dem innigsten Anteil der Ihrige.   H.



_Tegel_, den 20. Dez. 1833 bis 7. Jan. 1834.

Es ist sehr gütig von Ihnen, liebe Charlotte, daß Sie lieber meine
Briefe entbehren wollen als mir zumuten, sie bei dem Zustand meiner
Augen und Hand zu schreiben. Ich erkenne es mit doppelter Dankbarkeit,
da ich weiß, was Ihnen meine Briefe sind, und daß Sie weit mehr darin
finden als wirklich darin liegt. Ich fühle auch, daß Ihre Einsamkeit sie
Ihnen noch wertvoller macht, da es nicht immer leicht ist, im Innern
ganz allein zu stehen. Ich begreife daher und fühle vollkommen, daß das
Ausbleiben meiner Briefe eine bedeutende Lücke in Ihrem täglichen Leben
machen würde. Gewiß weiß ich also die Stelle, die Ihr letzter Brief
enthält, nach ihrem vollen Wert zu schätzen. Für den Augenblick sehe ich
noch keine Notwendigkeit ein, eine Änderung vorzunehmen. Wenn mich,
wofür man freilich menschlicherweise nicht stehen kann, nichts
Plötzliches befällt, so wird überhaupt ein gänzliches Abbrechen nicht
nötig sein. Die Übel, die mir das Schreiben erschweren, sind von der Art
bis jetzt, daß sie nur nach und nach und bis jetzt sogar nicht schnell
zunehmen. Die Folge wird daher auch nur die sein können, daß ich weniger
ausführliche Briefe schreibe, wobei es mir doch auch ein Trost sein wird
zu denken, daß Sie weniger Mühseligkeit haben werden zu lesen.
Überlassen Sie es also vertrauensvoll mir, abzumessen, was meinen
Kräften noch zusagt und wozu sie nicht mehr ausreichen. Ich bin von
Natur und durch eigene frühe Gewöhnung tätig und von nicht leicht zu
ermüdender Geduld, lasse schwer ab in Überwindung von Schwierigkeiten
und gestatte nicht gern der Natur, meinem Willen etwas abzunötigen.
Ganz aus eigenem Triebe habe ich als Kind schon mich geübt zu tun, was
mir körperlich sauer wurde, und Schmerz und Beschwerde mir nicht aus
Weichlichkeit zu ersparen gesucht. Noch danke ich dem Himmel, daß er mir
gerade das in die Brust legte. Denn wenn auch die Selbstverleugnung und
Übung der Willenskraft garnicht zu den höchsten und größten Tugenden
gehören, so kann man sie doch mit vollem Recht zu den nützlichsten
zählen. Sie können nicht ganz von wechselnden Fügungen des Schicksals
unabhängig machen. Eine solche wahre Unabhängigkeit kann der Mensch auf
Erden niemals erlangen, er muß es schon als einen unendlich großen, ihm
von der Vorsehung eingeräumten Vorzug ansehen, daß die Unabhängigkeit,
die es ihm gelingen kann sich zu erstreben, in seine Gewalt gegeben ist,
ja, daß er allein sie sich zu schaffen imstande ist, da sie eine
innerliche ist. Wenn man aber recht frei und kühn auf das Ziel zugeht,
den äußeren Einflüssen keine Herrschaft zu gestatten, so gelangt man
immer weit und kann nicht allem, aber viel im Leben begegnen. Auch im
Alter, kann ich mit Wahrheit sagen, suche ich mir das Leben nicht leicht
und bequem zu machen, wenn ich den einzigen Punkt ausnehme, daß ich
nicht mehr in Gesellschaft gehe: denn das habe ich ganz aufgegeben,
selbst für die wenigen Orte, die ich noch, wenn auch schon selten, im
vorigen Winter besuchte.

Den 4. Januar 1834. Es ist das erstemal, daß ich die neue Jahreszahl
schreibe. Ich hätte früher nie geglaubt, daß ich noch soviel schreiben
würde, und noch jetzt, wo ich das Leben schon seit Jahren für das, was
mich eigentlich daran knüpft, als geendet ansehe, habe ich weder ein
äußeres körperliches, noch inneres geistiges Vorgefühl, daß ich nicht
noch mehrere neue Jahreszahlen schreiben würde. Das sage ich nicht im
mindesten darum bestimmter, weil ich weiß, daß Sie es gern hören, so
gern ich Ihnen auch Freude mache, sondern weil ich es wirklich so fühle.
Ungeachtet des sonderbaren Winters ist mein eigentliches Befinden, wenn
ich es von den hindernden Beschwerden trenne, so, daß es mir zu keiner
Klage Anlaß gibt.

Der Ideenumtausch, von dem Sie in Ihrem Briefe reden, ist wohl sehr
hübsch, aber mir ist der Sinn dafür vergangen. Die persönliche Nähe
anderer ist mir immer eine Störung meiner Einsamkeit, das heißt jetzt im
engsten Sinne meiner selbst. Sie wird mir leicht beunruhigend und kann
mir peinigend werden. Ich vermeide daher, soviel ich kann, die Besuche
meiner ältesten Freunde und Bekannten, sollte ich auch dadurch lieblos
oder unhöflich erscheinen. Es gibt Opfer, die man unrecht hätte zu
bringen. Die meisten aber sind diskret und gütig und gönnen mir die Luft
des Alleinseins.

Was Sie mir von Paul Gerhard schreiben, hat mich sehr interessiert, und
ich werde die Lieder, die Sie mir bezeichnen, nochmals nachlesen. Seine
Schicksale waren mir im allgemeinen bekannt, aber nicht in so genauer
Beziehung auf die Lieder, die doch hier gerade das Wichtigste ist. Ich
schließe jetzt meinen Brief mit meinen herzlichen Glückwünschen für das
neue Jahr. Möge dasselbe Sie frei von störenden Ereignissen, in
Gesundheit und der stillen heiteren Stimmung erhalten, die das
Erfreuliche, wo es nicht zu ändern ist, still hinüberträgt. Mit der
innigsten Teilnahme der Ihrige.     H.



_Tegel_, den 12. Januar 1834.

Sie sagen in Ihrem letzten Brief, daß, wenn man auch gar kein anderes
Buch haben dürfte, man mit Bibel und Gesangbuch leben könnte, über die
Bibel teile ich ganz Ihre Meinung. Das Gesangbuch würde ich doch nur als
eine Zugabe ansehen. Was so alles andere ersetzen soll, muß nicht von
einzelnen bekannten, uns nahestehenden Verfassern herrühren, es muß aus
fernen Jahrhunderten als die Stimme der ganzen Menschheit, in der sich
immer zugleich die Stimme Gottes offenbart, zu uns herüberschallen.
Darum könnte, wessen Gemüt kindlich und einfach genug ist, den Sinn
früherer Jahrtausende zu fühlen, auch mit dem Homer getrost in die
Einsamkeit gehen. Das ist das, was der Mensch nie genug an der Vorsehung
bewundern und wofür er nie dankbar genug sein kann, daß sie die wahrhaft
göttlichen Gedanken, die, auf denen unser innerstes Dasein ruht, bald
im Geiste ganzer Völker und Zeiten, bald in einzelnen Menschen weckt und
durchbrechen läßt. Von mir gestehe ich Ihnen, daß ich sehr leicht ohne
alle Bücher leben könnte. Eine eigentliche Neigung zum Lesen habe ich
garnicht, auch habe ich für ein langes Leben und so vielfache
wissenschaftliche Beschäftigungen nur wenig gelesen. Eine Menge Bücher,
die andere sehr früh gelesen, kenne ich nur dem Namen nach, und ich kann
von Büchern umringt sein, auch wissen, daß neue darunter sind, ohne in
eines hineinzusehen. Diese geringe Anziehungskraft aber haben die Bücher
nicht erst spät, gleichsam aus einer Art Überdruß, für mich bekommen, es
ist, auch wie ich sehr jung war, nicht anders gewesen. Ich habe darum
doch sehr viel, Tage und Nächte, mit Büchern gelebt, allein immer mit
dem Zweck, irgend etwas Bestimmtes zu lernen, aufzusuchen oder zu
erforschen. Dies ab er ist durchaus verschieden von der in einigen
Menschen sich bis zur Leidenschaft steigernden Lust, zu lesen. Diese
Lust liegt in einer inneren Lebendigkeit, die ich nie so besessen habe,
an einem Bedürfnis nach Ideenstoff, das aber freilich zugleich an ein
Verlangen geknüpft ist, diesen Stoff von außen in bunter
Mannigfaltigkeit zu bekommen, anstatt ihn in größerer Einförmigkeit aus
seinem Innern zu schaffen. Indes ist diese Neigung darum nicht zu
mißbilligen. Der Mangel an jener Strebsamkeit nach außen hin, das Hängen
an einsamem Sinnen, das Versenken in sich selbst ist auch nicht immer
reines Metall ohne Schlacken. Es entspringt oft aus Apathie, aus Hang
zum Müßiggange, und ist oft mehr ein waches Träumen als ein fruchtbares
Nachdenken. Es führt aber eine Süßigkeit mit sich, die ich sonst mit
nichts vergleichen kann, man mag sich nun in Ideen verlieren oder
Erinnerungen zurückrufen. Das erste ist leichter und müheloser als im
Gespräch und im Schreiben, da man nur für sich denkt, also Mittelsätze
überspringen und näher zum Ziel gelangen kann, ja, von niemand gedrängt,
es nicht so scharf zu erreichen braucht. Wo aber die Wahrheit auf
Gefühlen ruht, da vertrauen sich diese lieber der Verschlossenheit des
eigenen Busens an. Darum sind alle religiösen Menschen der Einsamkeit
leicht zugetan. Erinnerungen aber kleiden sich in ein so sanftes
Dämmerlicht, daß die Zeit, die man in ihnen zum zweitenmal durchlebt,
oft dadurch tiefer in die Seele eindringt, als ihr die Unruhe der
Gegenwart es zu tun erlaubt, denn die Gegenwart ist immer mit der
Zukunft gemischt, und die Erfindung in ihr ist von einer Seite noch dem
Wechsel offen. Auch versetzt der Genuß wie der Schmerz in eine Spannung,
die der ruhigen Betrachtung des Gegenstandes nicht günstig ist. Wenn nun
dies Vergnügen am Nachhängen gewisser Gedanken, die einen gewohnten Reiz
über das Gemüt ausüben, der unbestimmten Luft, den Blick in ein Buch zu
werfen, gegenübertritt, so bleibt meine Wahl nicht lange unentschieden,
und ich könnte sehr gut lange Zeit ohne alle Bücher zubringen.

Sie bemerkten, daß man sehr oft fragen hört: was ist Glück? Wenn man
unter dem Worte Glück das meint, durch das man im Leben in der letzten
tiefsten Empfindung glücklich oder unglücklich ist, nicht bloß darunter
einzelne Glücksfälle versteht, so ist es recht schwer, das Glück zu
definieren. Denn man kann sehr vielen und großen Kummer haben und sich
doch dabei nicht unglücklich fühlen, vielmehr in diesem Kummer eine so
erhebende Nahrung des Geistes und des Gemüts finden, daß man diese
Empfindung mit keiner anderen vertauschen möchte. Dagegen kann man im
Besitz recht vieler Ruhe und Genuß gewährender Dinge sein, gar keinen
Kummer haben, und doch eine mit den Begriffen des Glücks ganz
unverträgliche Leere in sich empfinden. Notwendig wird also zum Glück
eine gehörige Beschäftigung des Geistes oder des Gefühls erfordert,
allerdings verschieden nach jedes einzelnen Geistes- oder
Empfindungsmaß, aber doch so, daß eines jeden Bedürfnis dadurch erfüllt
werde. Die Natur dieser Beschäftigung oder vielmehr dieses inneren
Interesses richtet sich aber dann nach der individuellen Bestimmung, die
jeder seinem Leben gibt, oder vielmehr, die er schon in sich gelegt
findet, und so liegt Glück oder Unglück in dem Gelingen oder Mißlingen
des Erreichens dieser Bestimmung. Ich habe immer gefunden, daß
weibliche Gemüter in dies Gefühl lieber und williger eingehen als
Männer, und sich auf diese Weise ein stilles Glück in einer
freudenlosen, ja oft kummervollen Lage bilden. Auch für das künftige
Dasein ist diese Ansicht folgereich. Denn alles Erlangen eines anderen
Zustandes kann sich doch nur auf einen bereits erfüllten gründen. Man
kann nur erlangen, wozu man reif geworden ist, und es kann in der
geistigen und Charakterentwicklung keinen Sprung geben.



_Tegel_, Februar 1834.

Berlin hat in diesen Tagen einen Verlust erlitten, den man mit Wahrheit
einen gleich großen für die Religion und Philosophie überhaupt nennen
kann. Schleiermacher ist nach einem kurzen Krankenlager an einer
Lungenentzündung gestorben. Er ist Ihnen gewiß nicht unbekannt als
Herausgeber mehrerer religiöser und moralischer Schriften. Indes war von
Schleiermacher in ohne Vergleich höherem Grade wahr, was man von den
meisten sehr vorzüglichen Menschen sagen kann, daß ihr Sprechen ihr
Schreiben übertrifft. Wer also auch alle seine zahlreichen Schriften
noch so fleißig gelesen, aber seinen mündlichen Vortrag nie gehört
hätte, dem blieben dennoch das seltenste Talent und die merkwürdigsten
Charakterseiten des Mannes unbekannt. Seine Stärke war seine tief zum
Herzen dringende Rede im Predigen und bei allen geistlichen
Verrichtungen. Man hätte unrecht, das Beredsamkeit zu nennen, da es
völlig frei von aller Kunst war. Es war die überzeugende, eindringende
und hinreißende Ergießung eines Gefühls, das nicht sowohl von dem
seltensten Geiste erleuchtet wurde, als vielmehr ihm von selbst
gleichgestimmt zur Seite ging. Schleiermacher hatte von Natur ein
kindlich einfach gläubiges Gemüt, sein Glaube entsprang ganz eigentlich
aus dem Herzen. Daneben hatte er aber doch auch einen entschiedenen Hang
zur Spekulation, er bekleidete auch und mit ganz gleichem Beifall und
Glück ein philosophisches Lehramt neben dem theologischen an der
Universität in Berlin, und seine Sittenlehre, ein ganz philosophisches
Werk, steht in der genauesten Verbindung mit seiner Dogmatik.
Spekulation und Glaube werden oft als einander feindselig
gegenüberstehend angesehen, aber diesem Mann war es gerade eigentümlich,
sie auf das innigste miteinander zu verknüpfen, ohne weder der Freiheit
und Tiefe der einen, noch der Einfachheit des anderen Eintrag zu tun. In
einer Äußerung, die er am Tage vor seinem Hinscheiden gemacht, hat er
gleichsam das letzte Zeugnis davon abgelegt. Er hat nämlich seiner Frau,
die von sehr ausgezeichnetem Geist und Charakter ist, gesagt, daß seine
Besinnungskraft für allen äußeren Zusammenhang der Dinge sehr dunkel zu
werden anfange, daß aber in seinem inneren Ideenzusammenhange eine
vollkommene Klarheit herrsche, und daß er sich besonders freue, auch
jetzt seine tiefste Spekulation im reinsten Einklange mit seinem Glauben
zu finden. In dieser schönen harmonischen Seelenstimmung ist er auch
gestorben. Mit herzlicher Teilnahme der Ihrige.      H.



_Tegel_, den 14. März bis 4. April 1834

Es freut mich, daß die Stolbergsche italienische Reise Ihnen
Befriedigung gewährt. Ich dachte mir gleich, daß sein gründliches
Eingehen in die Gegenstände, woran andere Anstoß nehmen, Ihnen seine
Darstellung gerade interessant machen würde. Ich glaubte immer, daß
Stolbergs Katholizismus eine Folge seines Aufenthalts im Münsterschen
gewesen wäre, wo es damals einige sehr eifrige, aber geistvolle und
gemütreiche Katholiken, Männer und Frauen, in den vornehmsten Familien
gab. Es ist indes sehr möglich, daß auch die italienische Reise dazu
wesentlich mit beigetragen hat. Die Schönheit und Pracht der Kirchen
kann wohl ein ernsthaftes Gemüt nicht zu einem andern Glauben verführen,
allein sehr erfreulich und in gewissen Momenten erhebend ist sie
unleugbar, auch ganz abgesehen von aller Beziehung auf Glauben und
Katholizismus, bloß für einen regsamen, gegen innere Eindrücke leicht
empfänglichen Sinn. Etwas anderes damit Verbundenes hat mir aber immer
noch einflußreicher geschienen, ich meine den in den meisten
katholischen Ländern herrschenden Gebrauch, die Kirchen den ganzen Tag
offenstehen zu lassen. Der Geringste im Volke erhält dadurch einen Ort,
wo er unbemerkt einsam sitzen und seinen Gefühlen und Gedanken ungestört
nachhängen kann und gleichsam neben seiner von allen irdischen
Mühseligkeiten durchwimmelten Wohnung eine von diesem allen entblößte
Freistatt findet, in der ihn alles auf wahrhaft hohe und würdige
Betrachtungen führt. Das beständige sorgfältige Verschließen unserer
protestantischen Kirchen hat, wie schwerlich abgeleugnet werden kann,
etwas Trübes und macht, daß auch darin vorhandene Pracht und Kunst nicht
wahrhaft zum öffentlichen Genuß kommt. Man gelangt nur durch
ausdrückliches Aufschließen des Kirchners, den man herbeiholen lassen
muß, dazu. In jenen Ländern nimmt das ganze Volk einen freieren und
freudigeren Anteil daran, und man würde sehr irren, wenn man glaubte,
daß das Volk dagegen unempfindlich wäre.

Die geschmacklosen Stellen einiger alten Kirchengesänge, von denen Sie
schreiben, bin ich weit entfernt in Schutz zu nehmen. Das Dichterische
hängt nicht notwendig mit der Bildung zusammen, hängt wenigstens nicht
von ihr ab, es beruht auf Schwung und Tiefe, und der Sinn dafür findet
sich oft reiner beim Volke als bei der Klasse der gebildeten, aber
nicht ganz durchgebildeten Personen. Es scheint mir auch nicht, daß die
Verfasser der alten Kirchenlieder solche Stellen aufnahmen, um sich auf
diese Art an die Vorstellungsart und die Sprache des Landmanns
anzuschließen, ihm verständlicher zu werden und seine Empfindungen
lebendiger anzuregen. Was wir geschmacklos finden, erschien ihnen nicht
so, das lag in ihrer Zeit, wo wahrhaft deutsche Bildung feinerer Art
kaum vorhanden war, und die Gebildeten, insofern ihre Bildung nicht eine
ausländische oder gelehrte war, in der Tat sich weniger vom Volke
unterschieden als jetzt. Jene alten Kirchendichter, und namentlich Paul
Gerhard, in welchen einzelne uns mißfällige Stellen nur unwesentliche
Flecke sind, verstanden es weit besser, den Punkt zu finden, wo man dem
Volke durchaus verständlich und seine Gefühle anregend ist, ohne sich in
den Begriffen herabzustimmen und an ihrer Richtigkeit nachzulassen oder
eine unedle Sprache anzunehmen. Diese wahre Volksmäßigkeit ist ein
hauptsächliches Erfordernis guter und zweckmäßiger Kirchengesänge. Denn
die Kirche ist für alle, es soll sich in ihr kein Kreis vornehmer oder
höherer Bildung absondern; der wahrhaft Gebildete soll aber auch durch
nichts ihn Verletzendes zurückgestoßen werden. Beides kann erreicht
werden, ohne daß eines dem anderen Abbruch täte. Denn alles rein und
natürlich Menschliche, frei von Künstelei und Gelehrsamkeit in Sachen
der Erkenntnis und von Verzärtelung und Überspannung in Sachen des
Gefühls, ist dem Volke und besonders dem Landmanne, dem ich hierin viel
mehr zutraue als dem Städter, gewiß nicht bloß vollkommen verständlich,
sondern auch seiner Emfindung zugänglich, und eben dies tief und echt
Menschliche ist auch die Grundlage aller wahren Bildung. In diesen
Ausgangspunkten des menschlichen Denkens und Empfindens begegnen sich,
wenigstens in Deutschland, alle Klassen der Nation. Ebenso vereinigen
sie sich in dem Verständnis einer einfachen, klaren und würdigen
Sprache, wie man an Luthers Bibelübersetzung sieht, die sich nie zum
Gemeinen herabläßt und – die Stellen ausgenommen, wo die Schwierigkeit
in dem Sinne und den Sachen liegt. – zugleich allgemein verständlich
ist. Sich recht nahe an die biblische Sprache zu halten, ist auch für
Kirchengesänge der sicherste Weg, auch schwierigeren Ideenreihen in das
Gemüt des Volks Eingang zu verschaffen. Wenn man, wie nicht selten
geschieht, von einem Prediger mit Rühmen erwähnt, daß er für die
gebildeten Klassen erhebend und belehrend predige, so halte ich das für
ein sehr einseitiges Lob, und wenn er es nicht versteht, ebenso
erbaulich für das Volk und den gemeinen Mann zu predigen, für einen
wahren Tadel. Die Kirche umschließt alle, und die Religionswahrheiten
werden ihrer Natur angemessener, allgemeiner und menschlicher
aufgefaßt, wenn man sie auf allgemeine Verständlichkeit gründet. Die
Scheidewand, die die gebildeten Stände vom Volke trennt, ist ohnehin
schon zu groß; man muß daher mit doppelter Sorgfalt das hauptsächlichste
Band erhalten, das sie noch zusammenknüpft. Leben Sie wohl und rechnen
auf meine unwandelbare Teilnahme an allem, was Ihnen begegnet. Der
Ihrige.                      H.



_Tegel_, den 15. April bis 8. Mai 1834.

Sie haben, liebe Charlotte, bemerkt, daß meine Handschrift in meinen
zwei letzten Briefen größer, bestimmter und deutlicher geworden ist, und
ich sah daraus, daß diese Veränderung Sie überraschen und Ihnen
auffallen würde. Es ist ein Sieg, den mein Wille endlich durch festen
Vorsatz über meine Hand davongetragen hat. In Hinsicht der
Unbequemlichkeit, eigentlich nicht schreiben zu können, sondern alles
diktieren zu müssen, bringt mich zwar diese Verbesserung nicht weiter,
da die neue Methode eher langsamer als schneller wie die bisherige ist.
Es ist indes doch ein wahrer Gewinn, daß es ordentlicher aussieht und
keine Schwierigkeit zu lesen macht, da die vorige Schrift auf ängstliche
Weise in Unleserlichkeit überging. Man kommt so im Alter auf die
Kinderschrift zurück. – Es ist ein großer, wichtiger und mißlicher
Punkt im Alter, der wenigstens mich beständig begleitende Zweifel, ob
die Jahre nicht allmählich eine Schwächung des Geistes oder Charakters
oder beider unbemerkt hervorbringen. Wer vernünftig ist und wahr mit
sich selbst umgeht, muß sich gestehen, daß es kaum anders sein kann.
Alles nützt sich durch die Zeit ab, und die Abhängigkeit der Seele vom
Körper kommt dazu. Bisweilen ertappt man sich auch wohl selbst auf
einzelnen Beweisen. Es bleibt aber immer ein quälender Gedanke, ob diese
Fälle nicht ungleich häufiger sind, als man sie bemerkt. Man mißtraut
mit Recht dem eigenen Urteile, weil seine Schärfe auch durch dieselbe
Abnahme gelitten haben muß, und man von anderen nie die Wahrheit über
solchen Punkt erfährt. Am meisten, behauptet man gewöhnlich, leide das
Gedächtnis. Das kann ich aber an mir nicht finden; auch würde mich das,
wenn es nicht zu arg damit würde, am wenigsten kümmern. Schlimmer und
schwerer zu bemerken ist der Mangel an Festigkeit im Urteil, ja die
Schwierigkeit, sich bestimmt genug aus dem Zweifel herauszuwickeln,
um nur überhaupt ein entschiedenes zu fällen. Es ist dies
Charakterunschlüssigkeit, welche vom Handeln auf das Denken übergeht, da
alles Geistige im Innern des Menschen immer in unzertrennlichem
Zusammenhange miteinander steht. Das Schlimmste von allem aber ist die
Fruchtbarkeit an Ideen. Sie hängt natürlich von der Stärke, Regsamkeit
und Lebendigkeit aller Geisteskräfte zusammengenommen ab. Es ist daher
auch natürlich, daß die Zahl der zunehmenden Jahre darauf bedeutenden
Einfluß ausübt. Schon die Abstumpfung der Sinne bringt um sehr viel.
Alle Begriffe, die, auch früher gesammelt, auf sinnlichen Wahrnehmungen
beruhen, verlieren an Bestimmtheit, Deutlichkeit und besonders an weiter
anregender Anschaulichkeit. Was ich aber am meisten besorge, ist eine
Art Einschlafen der Seele, daß sie sich immer in einem ihr längst
bekannten Kreise herumdrehe und sich einbilde, dadurch in befriedigender
Tätigkeit zu bleiben. Das Wachsein des Geistes, seine Fruchtbarkeit an
Vorstellungen, die er bald aus der äußeren Beobachtung der Dinge und
Menschen, bald aus seinem Innern schöpft, oder das feste Fortrücken in
längst begonnenen, vielleicht durch einen Teil des Lebens
hindurchgeschlungenen Ideenreihen, ist das wahre, dem menschlichen
Dasein erst Wert verleihende Glück des Lebens, und zwar nicht bloß für
intellektueller organisierte, höher gebildete, mehr dem Denken ergebene
Menschen, sondern für alle. Denn jeder hat einen inneren Kreis von Ideen
und Gefühlen, Wahrheiten und Vorurteilen, Phantasien und Träumen, in dem
er wach und regsam bleiben und den er als innere Beschäftigung weiter
ausspinnen will. Wie wenig geistig auch ein Mensch in seiner Natur sein
möge, so fürchtet er doch keinen Vorwurf so sehr als den der
Geistesschwäche. Vor großer ist man vielleicht ohne besondere bedeutende
Krankheit sicher, aber kleinere ist auch betrübend genug, und man
ängstigt sich mehr davor, da sie einem leicht lange unbemerkt bleiben
könnte.

Ich habe Ihren letzten Brief später als gewöhnlich empfangen, und es hat
mich geschmerzt zu sehen, daß Sie wieder sehr trübe gestimmt waren. Sie
sagen zwar selbst, daß die Zeit dies auch wieder heilt, aber das Leben
ist doch zu kurz, um sich ganze Wochen so rauben zu lassen. Sie waren
auch zu meiner großen Freude eine längere Zeit heiterer und zufriedener
gestimmt. Kehren Sie dahin zurück, ich bitte Sie recht dringend darum;
man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut. Stimmungen
entstehen allerdings oft aus Ursachen, über welche der Mensch nur wenig
Gewalt hat, aber sie nehmen zu und werden der inneren Gemütsruhe immer
verderblicher, wenn man sich in ihnen gehen läßt. Am sichersten stellt
man ihnen Gefühle entgegen, und Sie haben es gewiß oft selbst an sich
erfahren, daß sich das Gefühl für erhabene und tief ergreifende Dinge so
erwärmen kann, daß alle dunkeln und dumpfen Stimmungen dadurch
verscheucht werden.

Mit der freundschaftlichsten Teilnahme der Ihrige.               H.



_Tegel_, August und September 1834.

Man kann mit Grund voraussetzen, daß alles in der Welt gerade so am
besten eingerichtet ist, wie es wirklich besteht, und dies schließt von
selbst jeden kurzsichtigen Tadel aus, den sich kein Vernünftiger
erlauben wird. Sonst ist eine Erscheinung in der Weltanordnung
auffallend, daß die lebendigen und empfindenden Geschöpfe, von den
Pflanzen an bis zu den Menschen, den wilden und rohen Elementen
untergeordnet und von ihnen abhängig gemacht erscheinen. Es ist als wenn
die Natur meinte, jenen großen körperlichen und elementarischen
Verhältnissen müsse erst ihr Recht werden, ehe an das Gedeihen und das
Glück der empfindenden Wesen zu denken sei. Es ist ohngefähr wie im
menschlichen häuslichen Leben, wo auch nicht bloß die höhere geistige
Beschäftigung oft dem gewöhnlichen körperlichen Tagewerke nachstehen
muß, sondern wo alle Tätigkeit in Geschäften, die doch auch immer nur
eine äußere ist, in der Meinung der Menschen höher gestellt wird als
eine innere Hinneigung zu Nachdenken und Wissenschaft. In beiden liegt
sichtbar der Sinn, daß durch die körperlichen, äußeren Verhältnisse erst
der Boden bereitet und gesichert werden muß, ehe das Geistige, Innere
ruhig darauf Wohnplatz finden und ohne Gefahr seine Blüten erschließen
kann. In von Menschen eingerichteten und also immer unvollkommenen
Dingen ist das sehr begreiflich. Menschliche Vernunft und Kraft reichten
nicht zu, den Hauptzweck ohne einige Aufopferung des Besseren zu
erreichen. Bei der von der höchsten Weisheit und Macht herkommenden
Welteinrichtung ist eine solche Erklärungsart nicht zulässig. Was man
sonst über eine solche Zurücksetzung des Geistigen gegen das
Körperliche, wenn man sie so nennen kann, sagt, ist auch wenig genügend.
Es muß darin noch etwas von uns Unverstandenes geben, das vielleicht in
einem uns ganz unbekannten Verhältnis des Geistigen zum Körperlichen
liegt. Denn wenn wir auch vom Geist oder der Seele nicht viel mit
Gewißheit erkennen, so ist uns das eigentliche Wesen des Körpers (der
Materie) völlig unbekannt und unbegreiflich.



_Tegel_, November bis 3. Dezember 1834.

Sie fragen mich nach Frau von Varnhagen, deren Briefe unter dem Namen
Rahel von ihrem Manne herausgegeben sind. Ich habe sie allerdings viel
gekannt, von der Zeit an, wo sie noch ein sehr junges Mädchen war, ein
paar Jahre, ehe ich auf die Universität nach Göttingen ging. So oft ich
seitdem in Berlin war, habe ich sie viel und regelmäßig gesehen. Auch
als ich mich mit meiner Familie in Paris aufhielt, war sie mehrere
Monate dort, und es fiel nicht leicht ein Tag aus, wo wir uns nicht
gesehen hätten. Man suchte sie gern auf, nicht bloß, weil sie von sehr
liebenswürdigem Charakter war, sondern weil man fast mit Gewißheit
darauf rechnen konnte, nie von ihr zu gehen, ohne nicht etwas von ihr
gehört zu haben und mit hinwegzunehmen, das Stoff zu weiterem ernsten,
oft tiefen Nachdenken gab oder das Gefühl lebendig anregte. Sie war
durchaus nicht, was man eine gelehrte Frau nennt, obgleich sie recht
viel wußte. Sie verdankte ihre geistige Ausbildung ganz sich selbst. Man
kann nicht einmal sagen, daß der Umgang mit geistvollen Männern irgend
wesentlich dazu beitrug. Denn teils ward ihr dieser nicht früh, sondern
erst als sie sich schon selbst die hauptsächlichsten, sie durch das
Leben leitenden Ansichten aus ihrem Innern herausgebildet hatte, teils
hatten alle ihre Gedanken und selbst die Form ihrer Empfindungen ein so
unverkennbares Gepräge der Originalität an sich, daß es unmöglich war,
dabei an irgend bedeutenden fremden Einfluß zu denken. Sie ging auch
viel mit uninteressanten Menschen um. Dies entstand aus Zufälligkeiten
ihrer äußeren Lage. Da sie aber eine große Lebendigkeit besaß und gern
mit Menschen lebte, so vermied sie es auch weniger sorgfältig, als es
sonst geistreiche Personen wohl zu tun pflegen. Es war ihr ein
eigentliches Talent gleichsam angeboren, auch dem unbedeutend
Scheinenden eine bessere und anziehende Seite abzugewinnen. Jede
Individualität flößte ihr schon als solche ein gewisses Interesse ein,
da sie sie zum Gegenstande ihrer Betrachtung machte, und sich auch
wirklich in jeder eine bessere und anziehende Eigenschaft herausfinden
läßt. Die Varnhagen ging von jedem Punkt des täglichen Lebens gern zu
innerem, tieferem Nachdenken über, sie schöpfte selbst vorzugsweise gern
ihren Stoff zu diesem aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit.
Überhaupt war Wahrheit ein auszeichnender Zug in ihrem intellektuellen
und sittlichen Wesen. Sie kannte darin keine weichliche Selbstschonung,
weder um sich etwaige Schuld zu verbergen oder sie zu verkleinern, noch
um in Wunden, die ihr das Schicksal schlug, mit tiefer Selbstprüfung
einzugehen. Sie überließ sich aber auch keinen Selbsttäuschungen, keinen
trügerischen Hoffnungen, sondern suchte überall nur die reine und nackte
Wahrheit auf, wenn sie auch noch so unerfreulich oder selbst bitter sein
mochte.

Ich breche hier ab, da ich eben Ihren lieben Brief bekomme. Warum aber,
liebe Charlotte, fahren Sie in aller Welt fort, den Zeitungen zu glauben
und sich und, verzeihen Sie, auch mich zu ängstigen. Ich glaubte Sie
eben beruhigt und sehe Sie leider schon wieder so sehr beunruhigt. Mein
körperlicher Zustand ist, im ganzen genommen, in diesem Augenblicke
sichtbar besser, und ich weiß von keiner besorglichen Kränklichkeit, so
daß ich nicht glaube, daß ich je wieder Norderney noch irgendein anderes
Bad besuchen werde. Sie sehen, wie falsch die Zeitungsnachrichten sind.
Ich bin so glücklich, nichts von dem zu kennen, was man von mir
schreibt. Sie erzeigen mir einen großen Gefallen, wenn Sie sich nicht
wieder dadurch beunruhigen lassen. Ich bitte Sie recht herzlich darum!
Mit inniger Teilnahme der Ihrige.     H.



_Tegel_, Dezember 1834 bis 2. Januar 1835.

Ich mußte neulich über Frau von Varnhagen abbrechen, ehe ich alles
gesagt hatte. Der Mann der Verstorbenen gab zuerst einen Band von
Briefen bloß als Geschenk für Bekannte und Freunde heraus. Diese Ausgabe
besitzen nur diejenigen, die sie zum Geschenk erhalten haben. Später
aber hat Varnhagen eine zweite vermehrte Ausgabe in drei Teilen
veranstaltet, die allgemein verkauft wird. Ich zweifle nicht, daß Sie
diese nicht sollten bald erhalten können. Ich glaube aber kaum, daß Sie
die Geduld haben werden, die drei Teile zu durchlesen. Sehr vieles wird
Ihnen gefallen, Sie anziehen, fesseln. Allein mit der ganzen
Individualität dürften Sie, wie ich Sie kenne, schwerlich
übereinstimmen. In einem Punkte gehen Sie beide schon ganz auseinander.
Die Varnhagen vergöttert wahrhaft Goethe, und es ist nichts, was sie
nicht groß und schön an ihm fände. Sie lieben und bewundern ihn zwar
auch, ja sie hegen einige Vorurteile gegen ihn, die meiner Überzeugung
nach auch ungerecht sind. Indes macht das einen Unterschied, daß sie
Goethe persönlich kannte, wodurch sich leicht eine nicht immer
unparteiische Vorliebe bildet. Ob Sie mit der Art der Religiosität, die
sich in den Briefen ausspricht, zufrieden sein werden, ist sehr die
Frage. Ich glaube es nicht.



Januar 1835.

Die Varnhagen redet sehr viel von sich. Das kann man vielleicht am
meisten und gerechtesten an ihr tadeln, obgleich diejenigen, die es
lieben, daß sich fremde Individualität unverhohlen vor ihnen ausspricht,
das Buch gerade darum gern haben. Sie erzählt aber mehr, setzt Gedanken
auseinander, drückt Empfindungen aus, fällt aber seltener Urteile über
andere, ihre Handlungen und Charaktereigenschaften. Wo sie es tut, kann
ich aber weniger als in anderen ihrer Urteile mit ihr übereinstimmen.
Sie war allerdings eine Jüdin und ging spät, wohl erst kurz vor ihrer
Verheiratung, zum Christentum über. Ihr Mann, viel jünger als Sie, war,
noch verheiratet mit ihr, Gesandter unseres Hofes in Karlsruhe und lebte
nachher in Berlin, wo er noch jetzt ist. Er beschäftigt sich fast
ausschließlich mit Literatur und wird mit Recht zu den bedeutendsten
Schriftstellern der Zeit gerechnet. Er ist aber sehr kränklich, und so
sehe ich ihn jetzt fast garnicht, so gern ich sonst viel mit ihm umgehen
würde. Daß Sie Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau hätten, kann ich
nicht nur im geringsten nicht finden, sondern ich bin überzeugt, daß das
bloß unbegründete Einbildung ist. Zwei Personen können wohl allgemeine
Eigenschaften, wie Treue, Wahrhaftigkeit, Freude am Nachdenken usw.
miteinander gemein haben, jede dieser Eigenschaften stellt sich aber in
jeder von beiden anders und wird dadurch in der Tat zu etwas
Verschiedenem. Dies war im doppeltem Grade bei der Varnhagen der Fall.
Denn man mag sie nun noch so sehr bewundern, oder im Gegenteil sie noch
so tadelnswert finden, so muß man ihr immer zugestehen, daß sie durchaus
und in allem originell war. Sie glich wirklich nur sich selbst, und ich
glaube nicht, daß man jemand nennen kann, der ihr ähnlich gewesen wäre.
Es ist das nicht gerade ein Lobspruch, mit dem man sie belegt, es ist
nur der Ausdruck der einfachen Wahrheit; Sie werden es gewiß ebenso
empfinden, wenn Sie mehr in den Briefen lesen. Es werden darin eine
große Menge von Personen erwähnt, teils mit ganz ausgeschriebenen Namen,
teils mit den Anfangsbuchstaben. Das Interesse wird nun natürlich durch
die Kenntnisse dieser Personen noch sehr erhöht, es hängt aber
eigentlich niemals davon ab, da immer schon allgemeines, Räsonnement
oder Empfindung, an die Persönlichkeit geknüpft ist. Ein Vorwurf aber,
den man der Verfasserin mit Recht machen kann, ist, einigen Personen
mehr Lobsprüche zu erteilen, als auf die sie selbst billigerweise hätten
Anspruch machen dürfen. Man kann das aber nicht Schmeichelei nennen, da
es Leute waren, von denen sie in keiner Art etwas hatte, noch je etwas
hoffen konnte. So irrig in solchen Fällen gewiß auch ihre Meinungen und
Ansichten waren, so ist der doch noch so auffallende Irrtum sichtbare
Wahrheit in ihr. Diese Menschen erschienen ihr wirklich so. Sie konnte
sogar an sehr uninteressanten Menschen, wenigstens solchen, die es allen
übrigen schienen, Gefallen finden. Es gelang ihrem Geist, ihnen
irgendeine einzelne anziehende Seite abzugewinnen, und das Gefallen
daran trug sich leicht auf die ganze Persönlichkeit über. Was Sie, liebe
Charlotte, in Ihrem letzten Briefe über Selbstkenntnis und
Selbsttäuschung sagen, hat mich sehr interessiert. Ich gestehe aber, daß
ich Ihre Meinung nicht ganz teilen kann. Ich halte die Selbstkenntnis
für schwierig und selten, die Selbsttäuschung dagegen für sehr leicht
und gewöhnlich. Es mögen einzelne dahin gelangt sein, das Ziel zu
erreichen, und so mache ich Ihnen nicht streitig, daß Sie mit Recht sich
richtig und genau zu kennen glauben. Ich möchte aber nicht dasselbe mit
gleicher Zuversicht behaupten. Auf den ersten Blick scheint es
allerdings leichter, sich selbst als andere zu kennen, da man sich
unmittelbar fühlt, von anderen aber nur Äußerungen wahrnimmt, von denen
man erst auf den inneren Grund schließen muß, so daß man bei diesem
zwiefachen Verfahren auch einem zwiefachen Irrtume ausgesetzt ist. Aber
der Beurteilende ist und bleibt doch von dem Beurteilten getrennt und
kann unter allen Umständen seine kalte Unparteilichkeit und ruhige
Besonnenheit behalten. Er wird nicht notwendig von dem Gegenstande
seiner Beurteilung bestochen oder hingerissen, oder auch gegen ihn
eingenommen oder mißtrauisch gemacht. Bei der Selbstprüfung ist man
allen diesen Gefahren ausgesetzt. Die beurteilende Kraft wird ewig von
ihrem Gegenstande affiziert. Beide tragen einerlei Farbe und Stimmung an
sich. Man ist bisweilen ebenso geneigt, sich Fehler anzudichten oder die
wirklichen zu vergrößern, als das gerade Gegenteil zu tun. Man beurteilt
sich auch ungleich in verschiedenen Momenten. Der oft eintretende Irrtum
rührt auch garnicht immer von Mangel an Wahrheitsliebe oder aus
Eigendünkel her, sondern entsteht auch bei den reinsten Absichten und
dem redlichsten Willen; denn der Irrtum schleicht sich in die Ansicht
und in das Gefühl selbst ein. Der Fall scheint mir also garnicht so
einfach, daß, wie Sie sagen, die Verfälschung nur durch Eitelkeit zu
befürchten wäre. Die Eitelkeit selbst aber ist von so vielfacher Art,
daß vielleicht niemand ist, der es wagen möchte, sich ganz frei davon zu
nennen. Man ist es von dieser oder jener, aber recht schwer von aller.
Einzelne Handlungen und ihre Beweggründe lassen sich noch eher selbst
beurteilen. Je mehr es aber auf eine Reihe von Handlungen und den ganzen
Charakter ankommt, desto unsicherer wird das eigene Urteil. Darum sind
Selbstbiographien nur dann wahrhaft lehrreich, wenn sie eine große
Anzahl von Tatsachen enthalten. Die Selbstbetrachtungen können leicht
irreführen.

Ihrem am 24. Januar abgegangenen lieben Brief habe ich die Freude zu
danken, einmal wieder etwas von Ihnen in recht heiterer Stimmung
Geschriebenes gelesen zu haben. Sie wissen, daß mich das schon aus
herzlichem Anteil an Ihnen besonders freut, daß ich es aber auch
außerdem gern habe und die Stimmung schöner finde, die das Fröhliche
recht heiter und das Widrige besonnen und gefaßt aufnimmt. Wenigstens
ist es auf jeden Fall eine mehr beglückende. Mögen dann die dem Januar
folgenden Monate alle harmlos und friedlich an Ihnen vorübergehen, und
keine schmerzlichen Erscheinungen Ihre schöne Stimmung stören. Erhalten
Sie Ihre Heiterkeit! Leben Sie wohl! Mit unveränderlicher Teilnahme Ihr
     H.

Abgegangen den 2. Februar 1835.



_Tegel_, Februar 1835.

Ich endete meinen Brief mit Wohlgefallen an Ihrer heiteren Stimmung, und
fange wieder damit an und komme darauf zurück. Da das Jahr so gut
angefangen hat, wird es auch erwünscht enden. Es ist schon viel mit der
guten Vorbedeutung gewonnen, und der Aberglaube selbst ist nützlich,
wenn er im Vertrauen bestärkt. Denn Hauptereignisse und wahre
Unglücksfälle abgerechnet, nehmen die Dinge meistenteils die Farbe der
Seele an. Ein Gemüt, das sich meist in Heiterkeit erhält, ist schon
darum so schön, weil es immer auch ein genügsames und anspruchsloses
ist. Ich rede natürlich nicht von der durch Leichtsinn entstehenden
Sorglosigkeit. Den Leichtsinn schließt schon der Ausdruck der Heiterkeit
aus. Denn dies schöne Wort wird in unserer Sprache immer nur im edelsten
Sinn genommen. Was heiter macht, ist entweder die ruhig besonnene
Klarheit des Geistes und der Gedanken, oder das Bewußtsein einer frohen,
aber des Menschen würdigen Empfindung. Man kann nicht Heiterkeit
moralisch gebieten, aber nichtsdestoweniger ist sie die Krone schöner
Sittlichkeit. Denn die Pflichtmäßigkeit ist nicht der Endpunkt der
Moralität, vielmehr nur ihre unerläßliche Grundlage. Das Höchste ist der
sittlich-schöne Charakter, der durch die Ehrfurcht vor dem Heiligen, den
edlen Widerwillen gegen alles Unreine, Unzarte und Unfeine, und durch
die tief empfundene Liebe zum rein Guten und Wahren gebildet wird. In
einem solchen Charakter herrscht die Heiterkeit von selbst, wird nur
durch wahren Kummer auf Zeiten verdrängt, doch bleibt sie auch da noch,
nur in veränderter Gestalt und sich mit der Wehmut vermählend, zurück.
So ist sie beglückend und veredelnd zugleich. Daß zur Aufheiterung des
Gemüts eine auch heitere Gestaltung der den Menschen zunächst und
täglich umgebenden Dinge beiträgt, erkennt niemand so sehr an als ich.
Ich bin daher ganz einverstanden mit dem Plan, der Sie zu dem Ende
beschäftigt, und wünsche von Herzen, daß er gut vonstatten gehen möge,
und bitte Sie, mich von der Ausführung in einigem Detail zu
benachrichtigen...

Es scheint, als könne man den eigentlichen Winter als beendigt ansehen.
Solche gelinde Winter wie der diesjährige sind zwar weniger schön für
das Auge und gewähren nicht die Wintervergnügungen, aber sie sind, was
wichtiger ist, menschlicher. Die starrenmachende Kälte hat schon für die
Einbildungskraft, geschweige für das Gefühl etwas Beengendes und
wahrhaft Fürchterliches, der Not nicht zu gedenken, in welche ein
strenger Winter die ärmeren Volksklassen versetzt, und der auch durch
reiche Almosen nie ganz abzuhelfen möglich ist, da selbst wohlhabenden
Haushaltungen der Unterschied eines strengen und gelinden Winters immer
fühlbar bleibt.



Den 27. Februar.

Ich bin im Besitz Ihres Briefes vom 18. d. Monats und danke Ihnen sehr
dafür. Ich freue mich, daß Sie fortfahren, wohl und heiter zu sein.
Leben Sie heute recht wohl! Wenn mein nächster Brief abgeht, fangen
schon die ersten Blätter an hervorzubrechen.

Mit unveränderlicher Teilnahme der Ihrige. H.



_Tegel_, im März 1835.

Ich erfahre immer nur durch Sie, liebe Charlotte, was man in den
Zeitungen von mir sagt. Diesmal enthält es bloß Wahrheit, insofern es
von meiner Gesundheit handelt. Bis jetzt hat mir der sonderbare Winter
keinerlei Unbequemlichkeit zugefügt, doch hält man ihn für ungesund.

Wie aber die Leute dazu kommen, so oft und ohne alle äußere Veranlassung
in den Zeitungen von mir zu reden! Es beweist recht, wie das
Privatgeklatsche zur öffentlichen Sache geworden ist, da man nicht die
Naivität haben muß zu glauben, daß es aus wahrem Anteil geschehe. Es ist
die Sucht, Neuigkeiten mitzuteilen, welcher Art sie auch sein mögen. Ich
erinnere mich oft bei solchen öffentlichen Erwähnungen, wie auffallend
mir der erste Gedanke daran war. Als ich noch in Göttingen studierte,
schrieb mir eine Frau, mit der ich im Briefwechsel stand: jetzt schreibe
ich ihr oft, es werde aber eine Zeit kommen, wo sie nur in Zeitungen von
mir lesen würde. Es kam mir damals ganz fabelhaft und abenteuerlich vor,
daß mein Name in den Zeitungen sollte genannt werden. Man mischte damals
noch nicht so häufig wie jetzt Privatverhältnisse den allgemeinen, die
Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Ereignissen bei.

Wenn Sie von Goethes nachgelassenen Werken nur vier Bände gelesen haben,
so fehlen Ihnen noch elf. Es sind fünfzehn neue Bände seit seinem Tode
der damals schon vollendeten Ausgabe der vierzig Bände hinzugekommen.
Die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte rate ich Ihnen aber sehr zu
lesen, sie ist an sich hübsch und anziehend und umfaßt gerade die Zeit,
wo Ewald mit Goethe oft in Offenbach zusammentraf, so daß Sie an dieser
Epoche ein doppeltes Interesse finden werden, da Sie Ewald oft von
dieser Zeit sprechen hörten und Ihre Erinnerungen jener Gespräche mit
den Goetheschen Erzählungen vergleichen können. Da er seine
Lebenserzählungen selbst Wahrheit und Dichtung nennt, so mag er sich
große Freiheit dabei erlaubt haben. Ich glaube nicht, daß diese
nachgelassenen Schriften sonst viel enthalten, das Ihnen nützlich oder
angenehm zu lesen sein könnte. Zu den optischen und naturhistorischen
kann ich Ihnen nicht raten, Sie werden von dieser Lektüre weder
augenblickliche Befriedigung, noch irgend ernsthaften Gewinn ziehen.

Sie werden vielleicht in den Zeitungen ein Buch angekündigt gefunden
haben, das den Titel führt: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Wenn
Ihnen dies in die Hände fällt, so rate ich Ihnen, es nicht ungelesen zu
lassen. Sie werden darin große Unterhaltung finden, und es wird Ihnen
nicht entgehen, daß die Verfasserin sehr ausgezeichnet ist durch Geist
und Talent. Sie ist Witwe des als Dichter berühmten Achim von Arnim und
Enkelin der als Schriftstellerin so bekannten Frau von Laroche; ihre
Mutter war die Brentano, deren auch in Goethes Leben so oft erwähnt ist,
und die mehrere Kinder hinterlassen hat. Frau von Arnim lebt in Berlin,
da ihr Mann in der Nähe Güter besaß. In ihrer ersten Jugend ging sie in
Frankfurt am Main viel mit Goethes Mutter um, die sie sehr lieb gewonnen
zu haben scheint. Dadurch entstand die Bekanntschaft mit Goethe selbst,
anfangs nur durch Briefe, nachher persönlich. Sie hat nun zwei Bände
Briefwechsel, teils mit Goethe, teils mit seiner Mutter, und einen Band
Tagebuch drucken lassen. Das Hauptthema ist ihre leidenschaftliche Liebe
zu Goethe. Nebenher kommen aber andere Erzählungen eigener und fremder
Lebensereignisse, Betrachtungen und Räsonnements darin vor. Von Goethe
geben uns diese Bände nur etwa dreißig Briefe, von welchen dazu einige
nur wenig Zeilen enthalten. Große Anerkennung von Bettinas auch wirklich
seltenem Geiste und ihrer wunderbaren Originalität geht allerdings aus
diesen Briefen hervor. Der Briefwechsel fällt in das Jahr 1807 und in
die zunächst darauf folgenden, wo die Verfasserin zwar gar kein Kind,
sondern ganz herangewachsen, aber allerdings sehr jung war. Im ganzen
macht das Buch viel Aufsehen und findet viel Beifall, obgleich auch das
wirklich Schöne und Geniale immer wieder mit Stellen vermischt ist, die
gewiß allgemein mißfallen. Überhaupt ist zu bedauern, daß sich mit der
wahren und schönen Originalität so manche Züge wunderlicher Launen
vermischen. Über Goethes Mutter enthält das Buch viele und überaus
hübsche Details. Diese war, wie es scheint, nicht gerade sehr bedeutend
von Geist und Charakter; aber ihre Lebendigkeit, ihre Lust an Menschen
und selbst an Vergnügungen, besonders eine gewisse originelle Stimmung
mögen doch auf den Sohn eingewirkt haben. Das Arnimsche Buch liefert
recht lebensfrische Briefe von ihr. Eine durch Tiefe des Gefühls höchst
interessante Erzählung in den Briefen der Frau von Arnim ist die
Erzählung des Todes eines Fräuleins von Günderrode, von der Sie gewiß
schon gehört haben. Sie brachte sich selbst ums Leben. Eine unglückliche
Liebe führte sie zu diesem gewaltsamen Entschluß.



Den 28. März.

(Elf Tage vor dem Tode Wilhelm von Humboldts.)

Ich besitze seit dem 23. Ihren Brief vom 18., liebe Charlotte, habe ihn
aber noch nicht ganz gelesen, da ich meinen Augen wenig zutrauen darf,
und mir andere Beschäftigungen dazwischen kamen. Mit unveränderlicher,
inniger Teilnahme der Ihrige.     H.



Zur Einführung.

»Gefühl fürs Wahre, Gute und Schöne adelt die Seele und beseligt das
Herz; aber was ist es, selbst dieses Gefühl, ohne eine mitempfindende
Seele, mit der man es teilen kann!

     Noch nie wurde ich von der Wahrheit dieses Gedankens so lebhaft und
     so innig durchdrungen, als in dem jetzigen Augenblick, da ich mich,
     auf ungewisse Hoffnung des Wiedersehens, von Ihnen trennen muß!

Pyrmont, den 20. Juli 1788.

_Wilhelm von Humboldt_.«


So lautete das Stammbuchblatt, das der einundzwanzigjährige Student der
Rechte, Wilhelm von Humboldt, der um zwei Jahre jüngeren Pfarrerstochter
Charlotte Hildebrand beim Abschiednehmen überreichte. Sie hatte ihren,
nach dem plötzlichen Tode der Gattin, erholungsbedürftigen Vater in das
herrlich gelegene Modebad begleitet und hier den jungen Aristokraten
kennen gelernt, der von Göttingen aus, wo er an der berühmten Georgia
Augusta studierte, einen kurzen Ausflug in das schöne Weserland
unternommen hatte und im selben Hause Wohnung fand, das den Pfarrer
Hildebrand mit seiner schönen Tochter beherbergte. Zwei gleichgestimmte
Seelen hatte das Schicksal hier zusammengeführt, und schnell war der für
Frauenschönheit empfängliche Jüngling von seiner anmutigen
Tischnachbarin bezaubert, deren große blaue Augen noch später an der
Greisin einem Gutzkow auffielen. »Schlank gewachsen, über das Maß der
mittleren Größe hinaus, war Charlotte doch von vollen Formen. Ihr
frisches Gesicht war von reichen blonden Locken umrahmt.«

»Drei glückliche Tage« verlebten die beiden jungen Menschen im regsten
Gedankenaustausch in den herrlichen Alleen und der wundervollen Umgebung
des idyllischen Pyrmont, und dann kam der Abschied, und man ging in der
Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen auseinander. Doch 26 Jahre sollten
vergehen, bis das Schicksal beide Menschen wieder zusammenführte,
freilich unter ganz anderen Bedingungen, als sie damals hätten ahnen
können.

Den weltgewandten Freund ließ der Strudel des Lebens bald das Pyrmonter
Erlebnis vergessen. Ihr aber waren jene Tage »die ersten, ungekannten
Regungen erster erwachender Liebe, so geistiger Art, wie sie wohl bei
der edleren Jugend immer sind, und das Stammbuchblatt blieb ihr das
einzige Pfand und Siegel der reinsten und zugleich der einzigen, wahren
Lebensfreude, die ihr das Schicksal zugewogen«. Und während ihn das
Leben fast mühelos auf die höchsten Höhen geleitete, wurde sie vom
Schicksal schwer geprüft, und nichts Bitteres blieb ihr erspart.

In sorgloser Kindheit wuchs Charlotte Hildebrand (im Mai 1769 geboren) auf
dem Pfarrhofe zu Lüdenhausen auf. In dem schönen Pfarrhause mit seinem
großen Garten und den geräumigen Wirtschaftsgebäuden hatten schon der Vater
und Großvater des Pfarrers Hildebrand das Amt des Geistlichen bekleidet,
und die Familie gehörte zu den wohlhabenderen unter den Landgeistlichen.
Während die Mutter Charlottes, mehr praktisch veranlagt, den großen
Haushalt mit Umsicht leitete, war der Vater ein »vielgelehrter,
tiefdenkender, in der Ideenwelt lebender, sogar in Traumvisionen zuweilen
bis zum magnetischen Hellsehen sich vertiefender Mann«, der ganz und gar in
seinen klassischen Studien aufging. Er leitete selbst den Unterricht seiner
Kinder, und Charlotte mußte an dem Lateinunterricht, den der Vater den
beiden Söhnen erteilte, teilnehmen, während sie mit ihren Schwestern die
französische Sprache bei einer aus der Schweiz stammenden Erzieherin
lernte, an der Charlotte Zeit ihres Lebens mit rührender Anhänglichkeit
hing. Das heranwachsende junge Mädchen, schwärmerisch veranlagt, lebte ganz
in der gefühlsseligen Stimmung, wie sie damals durch die Romane eines
Richardson gepflegt wurde. Damals schloß sie auch ihre ersten
Freundschaften, die zum Teil fürs Leben halten sollten, wie mit dem
lippischen Generalsuperintendenten Ewald. Eine Freundschaft mit der Tochter
eines Arztes in der kleinen hessischen Universität Rinteln war auf ihr
Leben von nachhaltigem Einfluß. In der romantischen Liebesgeschichte ihrer
Freundin Henriette Lotheisen spielte sie die Vermittlerin, und diese
Erlebnisse wurden auch für sie von folgenschwerer Bedeutung, indem sie
unter dem Einfluß der Freundin die Ehe mit einem Manne einging, der ihr als
Mensch gleichgültig war, durch den sie aber Eingang in die Gesellschaft
fand. Schon vor der Pyrmonter Reise war sie die Braut des Dr. Diede
geworden, eines wohlhabenden Juristen, der in der Residenz Kassel ein
großes Haus machte. Die Eltern waren mit dieser Verbindung nicht
einverstanden, aber doch hielt Charlotte – auch nach der Bekanntschaft mit
Humboldt – an dem Verlöbnis fest und wurde bald nach dem Tode der Mutter
Diedes Gattin. Das gesellschaftliche Leben in Kassel täuschte sie anfangs
darüber hinweg, daß ihre Ehe nicht glücklich war, aber die Abneigung gegen
Diede führte zu einem Bruch, als sie in ihrem Hause, in dem zahlreiche
Offiziere verkehrten, die Bekanntschaft eines Kapitäns von Hanstein machte
und diesem ihre Neigung zuwandte. Heftige Eifersuchtsszenen veranlaßten
sie, ihren Mann zu verlassen und zu Hanstein zu flüchten, auf dessen
Ehrlichkeit sie baute. Ihre Ehe wurde geschieden und sie schuldig
gesprochen. Dieses Ereignis bewirkte, daß sie bald vereinsamt dastand; und
auch ihr Vater sagte sich von ihr los. Nun begannen für sie schwere Jahre
der Prüfung, denn Hanstein, an dessen Liebe sie unerschütterlich glaubte,
hielt sie von Jahr zu Jahr hin, und dennoch konnte sie sich nicht von
diesem Manne losreißen. In verschiedenen Briefen an ihre Geschwister klagt
sie ihre trostlose Verzweiflung, die noch durch äußere Not verstärkt wurde,
indem ihr Erbteil, das ihr nach dem im Jahre 1800 erfolgten Tode ihres
Vaters zufiel, sich als weit geringer herausstellte, als sie erwartet
hatte. Um sich einen Erwerb zu schaffen, zog sie 1804 nach Braunschweig, wo
sie durch Handarbeiten sich ein auskömmliches Dasein zu verschaffen suchte.
Dort traf sie ein schwerer Schlag, als sie die Nachricht von der
Verheiratung Hansteins erhielt, durch die sie aufs tiefste erschüttert
wurde. »Ach, ich fühle es zu tief und zu stark«, schrieb sie damals an ihre
Schwester, »daß ich ein halbes Menschenalter mit seinen Ansprüchen und
Freuden geopfert habe, um es nun zu betrauern, daß ein edler Mann (Du
weißt, er war es!) sich selbst überlebt hat! Das ist mein Schmerz; nicht
daß ich ihn verloren habe – obgleich ich jetzt glaube, daß ich tief im
Herzen die Hoffnung, mir selbst unbewußt, genährt habe, er werde einst als
mein Freund mit erhöhter Achtung zurückkehren.«

Nun hielt es sie nicht länger in Braunschweig, und sie zog nach Kassel,
der Hauptstadt des ausschweifenden, leichtlebigen Königs »Lustik«, wie
das Volk Jerôme nannte, zurück. Hier schuf sie sich durch Vermieten und
Anfertigen von »Blumen und Ballgarnituren« einen Unterhalt, der mit den
Zinsen ihres Vermögens, das sie in Braunschweigischen Staatspapieren
angelegt hatte, ihr ein auskömmliches Leben gestattete. Von der klugen,
geistvollen Frau angezogen, fanden sich bald zahlreiche interessante
Persönlichkeiten in ihrem bescheidenen Heim ein. Da verlor sie
unerwartet ihr Vermögen, als Napoleon die Staatsschuld Braunschweigs
nicht anerkannte, und eine neue seelische Erschütterung, die ihr eine
unglückliche Neigung zu einem Manne brachte, der sie hätte glücklich
machen können, den sie aber »an ihr welkendes Leben« nicht fesseln
wollte, da sie ihm »außer einem verständigen, veredelten Herzen nichts
bieten konnte: keine Jugend, keine Schönheit, kein Vermögen, ja auch
leider keine Gesundheit« – warf die schwer geprüfte Frau aufs
Krankenlager, und aufs neue trug sie sich mit dem Gedanken, freiwillig
aus dem Leben zu scheiden. Die Jahre 1811 bis 1813 gehörten zu den
schwersten ihres Lebens. Schließlich verschlug sie ihr Geschick nach
Holzminden, wo sie schon einmal nach dem Eheskandal in Kassel geweilt
hatte, und hier erinnerte sie sich in ihrer Not ihres Jugendfreundes aus
Pyrmont, der ihr vielleicht helfen könnte, und am 18. Oktober 1814
schrieb sie an Wilhelm von Humboldt, der damals als preußischer
Abgesandter auf dem Wiener Kongresse weilte. Wir wissen, daß dies der
Anfang jenes Briefwechsels war, den Humboldt bis zu seinem Tode –
zuletzt mit rührender Entsagung – geführt hat, und der Charlotte Diede
einen ruhigen Lebensabend geschaffen hat.

Die 26 Jahre, in denen Humboldts Jugendfreundin so ungezählte Leiden
auszukosten hatte, hatten aus dem jungen Studenten der Rechte den großen
Staatsmann »von perikleischer Hoheit des Sinnes« und Gelehrten werden
lassen, dessen Freundschaft die Größten unserer Nation suchten, und der
durch seine Taten und Schriften Gewaltiges für die deutsche Kultur
geschaffen hat.

Unmittelbar nach jenem Erlebnis in Pyrmont hatte er, der schon vorher in
Berlin zu dem Tugendbund mit Henriette Herz und Karl de la Roche
gehörte, seine spätere Gattin Karoline von Dacheröden kennen gelernt,
die mit Schillers späterer Schwägerin, der nachmaligen Karoline von
Wolzogen, ebenfalls in diesem romantischen Freundschaftsbunde
aufgenommen war. Schon am 1. September 1788, also wenige Wochen nach dem
Zusammentreffen mit Charlotte Hildebrand in Pyrmont, schrieb er einen
überschwenglichen Brief an Li, wie Karoline von Dacheröden im
Freundeskreise hieß, die im Jahre darauf seine Braut wurde und mit der
er seit 1791 achtunddreißig Jahre eine überaus glückliche Ehe geführt
hat, bis ihm der Tod die treue Lebensgefährtin entriß. Wie nur wenigen
Sterblichen war es ihm vergönnt, sich sein Leben zu formen, wie es ihm
behagte, und ungetrübt durch äußere Widerwärtigkeiten konnte er auf
seiner Bahn fortschreiten, die ihn auf die Höhen der Menschheit führte.
Auf weiten Reisen nach Frankreich, Spanien, Italien und England hatte er
Welt und Menschen kennen gelernt, und nach jahrelanger Muße, in der er
sich auf seinen Besitzungen ganz seinen Forschungen widmen konnte, hatte
er in der Zeit schwerster vaterländischer Not sein überragendes Wissen
und seine Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt, hatte die
Berliner Universität mitbegründet und weilte damals, als Charlotte Diede
sich in ihrer Not an ihn wandte, auf dem Wiener Kongreß.

Noch sechs Jahre war er im Dienste des Staates tätig, dann zog er sich
ins Privatleben zurück, um »nicht vom Aktentische ins Grab taumeln« zu
müssen. Die fünfzehn Jahre, die ihm sein arbeitsreiches Leben noch
beschied, widmete er ganz seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als
Sprachforscher und Philosoph, und je älter er wurde, desto mehr fesselte
ihn sein Schloß in Tegel, in dem ihn der Geist des Altertums aus den
herrlichen Bildwerken, die er meist selbst gesammelt hatte, umgab, und
als den Weisen von Tegel lernen wir ihn auch aus den »Briefen an eine
Freundin« kennen. Und aus seinem tiefen Wissen und seiner geläuterten
Weltanschauung konnte er nun der Freundin ein Weiser auf ihrem Pfade
werden und ihrem unstäten Sinn von seinem göttlichen Frieden mitteilen.

Ihr aber wurden die Briefe Humboldts »ein verjüngender Quell«, und schon
1818 schrieb sie an ihre Schwester: »Ich genieße überall, wo ich lebe,
das Glück, geliebt zu sein, und habe die Erfahrung gemacht, daß äußeres
Glück oder Unglück, Reichtum oder Armut es nicht ist, was uns geliebt
oder geehrt macht, sondern wir selbst es sind.« Und als ihr nun der
»himmlische Freund« entrissen wurde, sah sie sich neuen Sorgen
gegenüber, und einige ihrer Freundinnen ließen ihr anonym eine
Unterstützung zukommen. Schließlich entschloß sich die Greisin zu einem
Bittgesuch an Friedrich Wilhelm IV., der sie darauf mit 300 Talern in
Gold unterstützte, so daß sie nunmehr ihren Lebensabend ruhig
beschließen konnte.

Die Briefe Humboldts aber sind ihr ein Trost in ihrer Einsamkeit, und so
schreibt sie an ihre Freundin, die ihr bei der Herausgabe behilflich
sein soll: »Mit ihnen lebe ich jetzt und fort und fort. Aus diesem
unerschöpflichen Schatz nehme ich auch jetzt Trost und Fassung, wie ich
eine lange Reihe von Jahren alles herausnahm, was ich bedurfte an Rat
und Trost, an Erhebung und Ermutigung, an Besserung und Belehrung, an
Erleuchtung und Erkenntnis. Sie waren mein einziger Reichtum, sie
beseelten meine Einsamkeit und entschädigten mich für so viele
Entbehrungen. Jetzt lerne ich etwas, wie ich den großen Schmerz würdig
aufnehme und trage, und mit dem Andenken an das, was er mir war,
fortlebe.« – Im Jahre 1846 ist auch sie dann zur ewigen Ruhe
eingegangen.

Uns Deutschen aber bleiben diese Briefe ein köstliches Vermächtnis eines
unserer größten Geistesheroen, eines Mannes, der die Ideale, die er als
Seher erschaute, auch in seinem Leben dargestellt hat.

_Rostock_, im Dezember 1920.

_Alfred Huhnhäuser_.



Anmerkungen.

_Zum Vorbericht_. S. 12 Hoffnung des Wiedersehens: Doch geschah es noch
zweimal nach vielen Jahren. – Dokument, das hierher gehört: vgl. die
Einführung S. 492. – S. 20 als Zusätze nachtragen: Diese Zusätze sind,
soweit sie zum Verständnis der Briefe wichtig waren, in den Anmerkungen
zu den Briefen mit verwertet.

S. 21 dies Blättchen: vgl. die Einführung S. 402.

S. 32 Welcher Ihrer Pläne ausführbar sein kann: »Von Ihren jetzigen
Plänen kann ich keinen billigen und keinen befördern.« In seinen
weiteren Ausführungen, die von Charlotte Diede ausgelassen sind, lehnt
Humboldt es ab, sie, wie es ihr Wunsch war, in seinem Hause aufzunehmen.
– Anweisung: »auf 200 Taler«.

S. 39 Meine kurzen Briefe können Sie eingeschüchtert haben: Dazu bemerkt
Charlotte in ihren Zusätzen: »In die Jahre von 1814-20 fielen die großen
weltgeschichtlichen Begebenheiten und Wilhelm von Humboldts Staats-Leben
und -Wirken. Lange Briefe konnte ich in dieser Zeit nicht bekommen, aber
fortwährend empfing ich Zeichen und Beweise des Andenkens und
Nachrichten über meine Vermögensangelegenheiten..... Ich durfte mich
nicht abhalten lassen, auch wenn ich nur selten und kurze Briefe
erhielt, selbst lange Briefe zu schreiben. Doch schrieb ich anfangs nur
selten.«

S. 47 Ich sehe Ihrem Entschluß und Ihrer Antwort mit Verlangen entgegen:
Darauf hat Charlotte in einem Brief geantwortet, der als einer der
wenigen von ihr erhaltenen hier Aufnahme finden möge. »Der Wunsch, den
Sie, hochverehrtester Freund, mir in Ihrem letzten Brief aussprechen,
ist ein neuer Beweis Ihrer höchst gütigen Teilnahme, den ich sehr
dankbar empfinde und erkenne, und zugleich tief die Verpflichtung fühle,
Ihren Forderungen zu entsprechen. Zugleich aber gestehe ich, daß ich
auch erschreckt bin, indem Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten mir
entgegentreten. Zuerst erlauben Sie mir die Einwendung: Wo soll ich den
Mut finden, Ihnen, der Sie Welt, Leben, Begebenheiten und Menschen in
den größten Erscheinungen sahen, mein Leben in seinen Verhängnissen
vorzuführen, die, wenn sie gleich für mich von großer Wichtigkeit waren,
Ihrem Blick sehr unbedeutend erscheinen müssen. Dann ist auch vieles
durch die Zeit verblichen, anderes mehr noch weit in die Vergangenheit
zurückgetreten, wodurch ein solches Unternehmen sehr erschwert wird. Die
freundlich-schmeichelnden Belobungen meines Schreibens erkenne ich
dankbar, sehe aber zugleich, daß sie mich ermutigen sollen. Ich antworte
auf der Stelle, wie Sie das wollen, um ganz ehrlich den ersten Eindruck
auszusprechen. Gewähren Sie mir, teuerster, gütigster Freund, daß ich
die Sache erst von allen Seiten ruhig erwäge. Ob ich die mir angeborene
Schüchternheit, die mich beschämt zurückweist, beherrschen werde? Ich
wünsche es und will es hoffen, da mein Leben, auch in den verwickeltsten
Lagen und Verhältnissen, wie in dem Innern von Ihnen gekannt, erkannt
und verstanden sein möchte, und nur so, wie es bisher geschehen, in der
einfachsten Wahrheit. – Daß ich noch einmal, und nur noch einmal auf
Ihre viel zu gütige Belobung meines Schreibens zurückkomme, verzeihen
Sie mir gewiß. Es ist große, unendliche Güte, das weiß ich, und kein
Spott, ob es vielleicht den Schein des Spottes haben könnte; denn wessen
Feder hat einen ähnlichen Zauber wie die Ihrige! Ich habe nie Anspruch
an Schönschreiben gemacht; ich habe mich sogar vor dem Bestreben danach
gehütet: denn ich meine, es führt dem Charakter manche Gefahren herbei.
Früher als die meisten Frauen habe ich viel geschrieben, teils weil es
so sein mußte, teils aus Neigung. Zuerst achtete ich streng darauf, daß
ich mich schriftlich wie mündlich ausdrückte; dies ist Forderung meines
Charakters, der das Unwahre und Falsche wegweist; dann hütete ich mich
vor Übertreibungen, die mir immer zuwider waren. So blieb wohl der
Ausdruck meiner Empfindungen einfach und natürlich, um so mehr, da mir
alles Gesuchte und Schwülstige sehr mißfällt. Da ich zugleich früher,
als es meist der Fall ist, Geschäftssachen besorgen mußte, machte dies
Klarheit der Darstellung durchaus nötig. Auf diese Art gewann ich
vielleicht mehr Übung und Gewandtheit im Schreiben, als ich ohne diese
Notwendigkeit erlangt hätte; ich gewann zugleich diese Art der
Beschäftigung zu meiner eigenen Ausbildung lieb und schrieb viel für
mich selbst. Wie hätte ich ahnen können, daß diese Übung mir einst
später den Weg bahnen würde, mich dem teuern Gegenstande vieljähriger
liebevoller Verehrung wieder zu nahen? In dem, was ich hier sage,
erkennen Sie schon meine Bereitwilligkeit, Ihnen zu gehorchen, und ich
darf die Bitte wiederholen: Gewähren Sie mir einige Tage der Überlegung.
Nachher will ich Ihnen offen und gerade die Resultate derselben
mitteilen.

»Eines aber erlauben Sie mir gleich einzuwenden: in dritter Person zu
Ihnen zu reden; was ich allein für Sie schreibe, würde mir einen
hindernden Zwang auflegen. Meine Verhängnisse wie meine Bildung, beides
ging aus meinem Innern hervor und wirkte dahin zurück. Tausend Frauen
würden, hätten sie erlebt, was ich erlebte, ganz andere Schicksale
daraus gestaltet haben. Diese über uns gebietende Individualität
verschmilzt mit dem ewig waltenden Geschicke, wie es scheint. Wir können
nur handeln, wie wir handeln; vieles, was andere tun, auch wenn wir es
nicht tadeln, weist, als unvereinbar mit uns selbst, unser Inneres weg.
Über solche Begebenheiten läßt sich nur im innigsten Vertrauen und in
der einfachsten, ich möchte fast sagen einfältigsten Wahrheit reden. Dem
schwergeprüften, gereiften Gemüt ist der Schein ganz gleichgültig; es
bewahrt das tränenschwer Erlebte, gleich einem Heiligtum, verschlossen
im Busen. Allein dem Allwissenden und der ewigen Liebe schließt es sich
gläubig auf. Auch dem so innig und unendlich geliebten Jugendfreund kann
und will es eben so offen daliegen, und nur ihm allein! Wozu dann eine
fremde, eine gesuchte, einengende Form? Ich darf dies einwenden, weil es
natürlich ist, und ich nur für Sie schreibe. Ich bin oft aufgefordert,
meine Lebensbegebenheiten selbst zu schreiben, oder jemand zu
autorisieren und dazu das Material zu geben, aber ich habe es immer
verschmäht. Man gelangt nach ungewöhnlichen Schicksalen dahin, sie nur
in ihren heilbringenden Folgen zu betrachten, sie mit Ehrfurcht als
höhere Fügungen anzusehen, ja selbst dankbar darauf hinzublicken. Wie
wenig ist am Ende der Bahn daran gelegen, was wir erlebten, wie wichtig,
wie unendlich viel, was daraus hervorging! Sollte ich Ihrer Teilnahme
gewürdigt, Ihres segenreichen Einflusses teilhaftig werden, so dürfte
auch nichts anders sein, als es war. Demohngeachtet ist es natürlich,
daß mich das Zurückrufen einer leidenvollen Vergangenheit sehr ergreift,
und deshalb kann ich nicht gleich eine bestimmte Antwort geben. Sie
wissen schon aus meinen früheren Briefen, daß ich ungewöhnlich und
ungemein viel erlebte. Manche Bilder erbleichen und schwanken; ich
möchte sie nicht wieder herausholen, ja, ich darf das nicht; es würde
mich zerstören, wollte ich zu lange verweilen in düstern, grauenvollen
Gegenden. Sie scheinen sich selbst diese Einwendungen gemacht zu haben
und wissen besser, als ich es sagen kann, daß, wer viel erlebt hat und
großen Schmerz kennt, ihn schweigend ehrt, nicht davon redet noch reden
kann, indes der, der den Schmerz weder kennt noch versteht, unendlich
davon erzählt. Ich erwarte mit Zuversicht die Antwort und darf sie
erwarten, denn Sie zürnen gewiß nicht über meine zaghaften Einwendungen
und haben Nachsicht mit meiner Schwäche, indem Sie zugleich erkennen,
daß es mein Wunsch und Wille ist, Ihnen zu gehorchen. Vielleicht
übersende ich Ihnen schon früher, als Sie es erwarten, einige Bogen als
Probe.«

S. 51 Ich war in Düsseldorf bei Jacobi: Der Philosoph Friedrich Heinrich
Jacobi (1743-1819), den Humboldt im Herbst 1788 auf seiner Rheinreise
kennen gelernt hatte. Er schreibt damals in einem Briefe an Georg
Forster, mit dem er kurz vorher enge Freundschaft geschlossen hatte,
folgendes über diese Begegnung mit Jacobi: »Sein Umgang war mir über
alles interessant. Er ist ein so vortrefflicher Kopf, so reich an neuen,
großen und tiefen Ideen, die er in seiner so lebhaften Sprache vorträgt;
sein Charakter scheint so edel zu sein, daß ich in der Tat nicht
entscheiden mag, ob er zuerst mein Herz oder meinen Kopf gewonnen hat.
Er hat mir erlaubt und versprochen, die Verbindung durch einen
Briefwechsel zu unterhalten.«

S. 54 Ihr alter väterlicher Freund Ewald: Johann Ludwig Ewald
(1747-1822), Pfarrer, später Generalsuperintendent und Konsistorialrat,
wird des öfteren in den Briefen erwähnt.

S. 92 Die Kraft abgewinnt, zu erscheinen: hierüber gibt Charlotte in
ihren Zusätzen folgende Ausführungen:

»Es möchte eine Erklärung nötig sein über die dunkeln Andeutungen,
welche dieser Brief enthält. Zwar bin ich nicht imstande, die Rätsel zu
lösen, nur erzählen kann ich das Geheimnisvolle, was Wilhelm von
Humboldt so sehr interessierte. Es schien nämlich ganz unzweifelhaft,
daß etwas Geheimnisvolles, ja in ein unsichtbares Bereich Gehörendes,
nie Aufgehelltes (so sorgfältig auch danach geforscht wurde) in meinem
Vater lag. Auch war er sich dessen wohl bewußt. Ohne erfreut oder
niedergeschlagen darüber zu sein, sprach er wohl darüber, erzählte
mehrere Erfahrungen aus verschiedenen Epochen seines Lebens, ernst,
würdig, ohne festen Glauben, ohne Furcht, aber auch ohne spöttisches,
starkgeisterisches Verwerfen. Er pflegte wohl zu sagen: den Zusammenhang
zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt hat noch niemand
durchschaut und erkannt.

Es waren weniger Erscheinungen als Wahrnehmungen durchs Gehör; laute, ja
lärmende Bewegungen in den von ihm bewohnten oder benutzten Zimmern, oft
alsbald wenn er sie verließ, nie während seiner Gegenwart. Diese
Geräusche waren dem Beschäftigungsgeräusche gleich, das er in einem
eigentlich gelehrten Leben durch die damit verbundenen Bewegungen
erregte: Kramen zwischen Büchern, Schriften und Papieren, Zusammenrücken
der Tische, Herbeiziehen der Stühle, bald langsames, bald schnelles Hin-
und Hergehen – alles ebenso, nur lauter, als es mein Vater betrieb, so
daß Mutter und Kinder im unteren Stock oft glaubten, der Vater sei zu
Hause. Dieser pflegte, wenn es das Wetter erlaubte, mittags vor Tisch
eine Stunde spazieren zu gehen oder zu reiten. Er hatte die Gewohnheit,
dann seine Arbeitsstube zu verschließen und den Schlüssel einzustecken.
In diesen Mittagsstunden war das Lärmen am lautesten. Sehr oft, wenn er
zu Tisch kam, war er ernst, etwas düster und schweigend, aß wenig oder
auch garnichts. Ein andermal erzählte er, ruhig immer, doch oft mit
umwölkter Stirn: wenn er den Schlüssel einstecke und aufschließen wolle,
scheine es, als ob der unsichtbare Teilnehmer des Zimmers, gleichsam als
werde er überrascht, schnell aufspringe und mit Poltern, Umwerfen der
Stühle in das Nebenzimmer eile, das aber immer von beiden Seiten
verriegelt war. Sehr oft sei es so, daß er glauben müsse, es habe sich
jemand auf sein Arbeitszimmer und zu seinen Papieren geschlichen. Trete
er aber ein, finde er alles ungeändert, so wie er es verlassen, Bücher,
Papiere, Federn usw., alles am gewohnten Platz, den Stuhl wie den
Tisch, an dem er zu schreiben pflegte, unverrückt. Die Mutter, die
manche häusliche Geschäfte in einem benachbarten Zimmer, auf demselben
Gange, in demselben Stock vorzunehmen pflegte, sagte wohl zu ihren
heranwachsenden Kindern: Gott verzeih’ mir – ich glaube, Euer Vater ist
doppelt! – Was das Grauenhafte ungemein verminderte, war, daß die
Nächte und auch die Nachmittage still waren. Vormittags, besonders aber
in den Mittagsstunden, waren länger als ein Jahr polternde Geräusche,
was auch Besuchende wahrnahmen. Wirklich niederschlagend war es, daß
alle Wahrnehmungen nicht bloß an sich unerfreulich waren, sondern daß
auch kein tieferer Gehalt darin erkannt werden konnte. Sie waren weder
anzeigend, noch warnend, noch weniger erhebend oder trottend, alles sah
wie ein Spiel böswilliger Geister aus, die nur Schrecken und Grauen
erregen wollten. Indes übte auch hier Gewohnheit ihr Recht. Wir hatten
uns fast an die unheimlichen Unsichtbaren gewöhnt, und da sie uns nicht
weiter schädlich berührten, ließen wir sie meist unbeachtet. Wie viele
Nachforschungen und Untersuchungen man auch vornahm, keine derselben
brachte erklärende Resultate. Mit dem Tode der Mutter, der früh
erfolgte, verstummte alles Unheimliche, als ob es Anzeichen dieses
Trauerfalles habe sein sollen.«

S. 111 Diese Träume, dieser gewissermaßen natürliche Magnetismus: Dazu
gibt Charlotte folgenden Zusatz:

»Die Hindeutung auf gewissermaßen natürlich-magnetische Träume, deren
hier gedacht wird, möchte noch einige, wenn auch nicht erklärende, doch
deutlicher machende Worte erfordern, über eine seltsame und gewiß
seltene physiologische Stimmung, wie solche mir durch oft wiederholte,
immer gleiche Erzählung bekannt worden ist, ohne Aufschluß erhalten zu
haben oder geben zu können. Mein Vater erkrankte schwer und langwierig
in meiner frühesten Kindheit. Gegen alle Erwartung der Ärzte wurde er
erhalten und gerettet durch eine schwere Operation, die ein sehr
geschickter Wundarzt, der hinzugezogen wurde, verrichtete. Derselbe
wurde nach erfolgter gänzlicher Genesung des Vaters von der Familie wie
ein teurer Wohltäter geliebt und verehrt, und beide Häuser kamen in
innige Verhältnisse, um so mehr, da groß und klein von gleichem Alter
waren. Im nächsten Frühjahr wurde der erste Besuch in die benachbarte
Stadt, zum Doktor und Regimentsarzt M., gemacht. Dieser kleine,
fröhliche Ausflug war für uns alle ein wahres Fest. Schon beim
Stillhalten des Wagens, bei dem Aussteigen, bei dem Eintritt in den
Hausflur wurde mein Vater still und bestürzt, mehr noch beim Eintritt in
die Wohnstube. Das M-sche Haus war alt und winkelig, man fand sich nicht
gleich darin zurecht, und ein versteckter Gang führte in einen kleinen
Garten, von den Kindern der Irrgarten genannt. Nach dem ersten Empfange
sollten nun erst den Gästen ihre Zimmer angewiesen werden. Jetzt nahm
der Gast den Hausherrn an den Arm, mit den Worten: »Nun will ich Sie
führen.« Schweigend brachte er ihn erst in die Gastzimmer, dann durch
alle Räumlichkeiten durch, vor dem Eintritt in jede Stube und Kammer die
Bestimmung derselben bemerkend, und zuletzt auch kannte er den
verdeckten Gartenweg. Fast genauer als im eigenen Hause kennt er hier
jedes Möbel und gibt der erstaunten Gesellschaft folgenden Aufschluß:
während seiner dreimonatigen schweren Krankheit habe ihn jeder matte
Krankenschlummer in dies Haus gebracht; er habe in allen diesen Räumen
so oft und so lange verweilt, daß er alles aufs genaueste kenne. Da er
aber den Schauplatz seiner Träume nie gesehen habe, es also keine
Erinnerungen sein konnten, welche in der kranken Einbildung wieder
aufstiegen, so habe er es ganz natürlich für phantastische, kranke
Traumbilder gehalten, ohne weiter darauf zu achten. Man möge nun sein
Erstaunen nachempfinden, wie er schon beim Stillhalten des Wagens, schon
beim äußeren Anblick des Hauses, und immer mehr und mehr, seine
Traumbilder verwirklicht sehe!

Er mochte gern bei dieser sonderbaren Erscheinung seines inneren
Sehvermögens verweilen und erzählte diese Erfahrung gern, und immer
getreu dasselbe, so daß ich es ebenfalls getreu wiedergeben kann. Nie
ist uns über die sonderbare Sache, die für Wilhelm von Humboldt
lebhaftes Interesse hatte, und die er natürlichen Magnetismus nannte,
ein näherer Aufschluß geworden. Wer möchte sich ein ähnliches inneres
Vermögen wünschen!« – Zschokke gedenkt in seiner Selbstschau eines
ähnlichen inneren Sehvermögens, doch auch sehr verschieden, da es fremde
Begebenheiten, und selbst Heimlichkeiten anderer, vorüberführt.

S. 166 wo Sie mich ganz mißverstanden haben: An dieser Stelle wie auch
zu Anfang des Briefes hat Charlotte das Original Humboldts gekürzt.
(Vgl. hierzu die Leitzmannschen Forschungen, vor allem eine
handschriftliche Notiz Charlottes zu diesem Brief.)

S. 184 An Tegel hänge ich: über das Schloß Tegel und seinen
Bildsäulenschmuck berichtet auch Fontane in seinen Wanderungen durch die
Mark im dritten Band.

S. 187 ein so stattliches Schloß scheint: Schloß Tegel, 1660 vom Großen
Kurfürsten als Jagdschloß erbaut, ging 1765 in den Besitz des Majors
Georg Alexander von Humboldt über. Nach dem Tode des Vaters (1779)
besaßen die beiden Brüder das Schloß gemeinsam. 1802 übernahm es Wilhelm
von Humboldt allein. 1822-24 wurde es von Schinkel völlig umgebaut.

S. 235 Frau von Laroche: Sophie von Laroche (1731 bis 1807), die
Jugendgeliebte Wielands, Schriftstellerin, wird in Goethes »Dichtung und
Wahrheit« an verschiedenen Stellen erwähnt.

S. 251 Therese Huber, Schriftstellerin (1764-1829), Tochter des
Göttinger Gelehrten Heyne, war mit Georg Forster, dem Freunde Humboldts,
und später mit dem Schriftsteller Ferdinand Ludwig Huber verheiratet.

S. 364 Sie erwähnen der neusten unruhigen Auftritte: Gemeint sind
Volkserhebungen des Jahres 1830. Am 25. August war auch in Belgien die
Revolution ausgebrochen.

S. 389 Die Ungewißheit der Zeiten: Zusatz von Charlotte: »In dieser Zeit
erschien die gefürchtete Cholera in ganz Deutschland und setzte, wie es
jeder erfahren hat, alles in Furcht und Schrecken.«

S. 421 Der Stelle in der Delphine: »Frau von Staël stellt nämlich in der
Delphine den Satz auf, daß für das Alter oder die späteren Jahre, wo man
allein stehe, die Ehe nötig und erwünscht sei. Die Jugend finde überall
ihre Freuden.« (Anm. von Charlotte.)

S. 491 Zum Brief vom 28. März schreibt Charlotte: »So kam der 8. April
heran und brachte mir von unbekannter Hand vom 4. April die Nachricht
»einer gewiß vorübergehenden Erkrankung« so schonend als möglich. Es war
der Todestag von Wilhelm von Humboldt, als ich die Nachricht von
unbekannter Hand erhielt.«



Dieses Buch wurde als II. Band der Jahresreihe 1920/21 ausschließlich für
die Mitglieder des Volksverbandes der Bücherfreunde hergestellt. Den Druck
besorgten Gebr. Mann in Berlin in der Behrens-Mediäval von Gebr. Klingspor
in Offenbach a. M. Den Einbandentwurf zeichnete Grete Schmedes. Gebunden in
der Buchbinderei von Wilhelm Kämmerer.



Anmerkungen zur Transkription:

Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S.  86: Ih --> Ich
S. 143: Mench --> Mensch
S. 150: Enstehungsart --> Entstehungsart
S. 322: anchlösse --> anschlösse
S. 372: Sckicksalen --> Schicksalen
S. 484: herrcht --> herrscht
S. 484: eingegenommen --> eingenommen

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
wurden prinzipiell beibehalten.

Formatierung:

Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert: _text_



Transcriber’s Notes:

The table below lists all corrections applied to the original text.

p.  86: Ih --> Ich
p. 143: Mench --> Mensch
p. 150: Enstehungsart --> Entstehungsart
p. 322: anchlösse --> anschlösse
p. 372: Sckicksalen --> Schicksalen
p. 484: herrcht --> herrscht
p. 484: eingegenommen --> eingenommen

The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
been maintained.

Formatting:

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