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Title: Warum wir sterben
Author: Lipschütz, Alejandro, 1883-1980
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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    Anmerkung zur Transkription:

    Im Original fett gedruckte Passagen sind hier mit "#"
    gekennzeichnet. Passagen, die im Original nicht in Fraktur
    gedruckt waren, sind hier mit "+" gekennzeichnet. Passagen,
    die im Originaltext gesperrt gedruckt oder unterstrichen
    waren, sind hier mit "_" gekennzeichnet.



  Warum wir sterben

  Von

  Dr. Alexander Lipschütz

  Zürich

     Also sprach Zarathustra:
     Wichtig nehmen alle das Sterben: Aber noch ist der Tod kein
     Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die
     schönsten Feste weiht.

  Mit 36 Abbildungen im Text

  [Illustration: Signet]

  _Stuttgart_

  Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

  Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung

  1914



  Inhaltsverzeichnis.


                                                   Seite
      Vorwort                                          5

   1. Gevatter Tod und Bazillen                        7

   2. Der Tod und die Wissenschaft                    15

   3. Leben und Tod                                   18

   4. Tod und Unsterblichkeit                         24

   5. Der sterbende Zellenstaat                       30

   6. Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat         34

   7. Wie wir sterben                                 41

   8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens       52

   9. Jugend und Alter der Nervenzellen               64

  10. Der Tod der Eintagsfliege                       75

  11. Kopulation und Befruchtung                      80

  12. Die Unvollkommenheit des Stoffwechsels          85



  Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

  +Copyright 1914 by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+



Ich habe das Problem des Todes in den Zusammenhängen, wie ich es in diesen
Blättern bringe, zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren in dem Feuilleton
einer Tageszeitung behandelt. Eine ähnliche wissenschaftliche Behandlung
hat das Todesproblem in ausgezeichneter Weise durch _Doflein_ erfahren.
Meine Darstellung knüpft an das an, was unsere großen Meister des
biologisch-medizinischen Denkens, wie _Nothnagel_, _Ribbert_ und _Verworn_,
an Bausteinen und an allgemeinen Gesichtspunkten für eine Erörterung des
Todesproblems zusammengetragen haben, und ich habe versucht, diese
Gesichtspunkte _zellularphysiologisch_ weiter auszugestalten durch
Berücksichtigung der zahlreichen zellularpathologischen Arbeiten des
russischen Forschers _Mühlmann_. Das Tatsachenmaterial, über das diese
beiden Forscher berichtet haben, ist für eine wissenschaftliche Behandlung
des Todesproblems von einschneidender Bedeutung, wenn auch _Mühlmann_ in
seinen kritischen Studien über den Tod zu Schlüssen gelangt ist, die ich
keinesfalls unterschreiben will. Ich habe in meine Erörterung auch den
Begriff der »Unvollkommenheit des Stoffwechsels« eingeführt, den _Jickeli_
für die Behandlung biologischer Fragen -- wenn auch in anderen
Zusammenhängen und in nicht ganz glücklicher Weise -- als erster zu
verwerten bemüht war. Den ganzen Komplex der wichtigen Partialprobleme des
Todes, die _Friedenthal_ und _Rubner_ in ihren Arbeiten behandelt haben,
habe ich unberücksichtigt lassen müssen, da sonst meine Darstellung zu sehr
angewachsen wäre. Wer eingehender über das Problem des Todes orientiert
sein will, sei auf meine »_Allgemeine Physiologie des Todes_« verwiesen,
die im Verlag von _Vieweg u. Sohn_ erscheinen wird. In diesem Buch wird der
Leser auch all die Originalarbeiten genannt finden, die meinen Ausführungen
über den Tod zugrundeliegen. --

Noch einige Worte über die _Sprache_, in der ich meine Darstellung
geschrieben habe. Ich habe mich nicht bemüht, meine Umgangssprache, in der
ich mich sonst über biologische Dinge auszusprechen pflege, in die
spanischen Stiefel der modernen Schreibsprache hineinzuzwängen. Ich habe
vielmehr so geschrieben, wie ich spreche. Es ist mir nicht klar, warum die
Schriftsprache anders sein soll als die mündliche Sprache, gewissermaßen
ein »Sonntagsdeutsch«. Das Schriftdeutsch ist heute wahrhaftig genau so ein
Sonntagsdeutsch wie unsere Festkleidung ein pompöser Sonntagsstaat ist. Wie
im Sonntagsstaat so fühle ich mich auch beengt im Sonntagsdeutsch. Und ich
will darum nicht anders schreiben als in meinem Werktagsdeutsch. Man kann
seine Feste feiern auch ohne die spanischen Stiefel des guten Tones. --

Den Herren, die mich bei der Ausführung dieser Arbeit unterstützt haben,
sei es durch Übersendung von Separatabdrücken, sei es durch
Literaturhinweise und Überlassung von Büchern, sage ich auch an dieser
Stelle meinen herzlichsten Dank. Zu besonderem Danke bin ich der Bibliothek
des Zoologischen Instituts unserer Universität verpflichtet. Ebenso Herrn
Dr. _M. Mühlmann_ für die freundliche Überlassung einiger
Originalzeichnungen. Ich möchte schließlich nicht versäumen, auch Herrn Dr.
_J. Strohl_, Privatdozent der Zoologie in Zürich, meinen besten Dank für
manchen erteilten Ratschlag auszusprechen.

_Zürich_, im Mai 1914.

                                               #Alex. Lipschütz.#



1. Gevatter Tod und Bazillen.


Erzählen will ich zunächst von Gevatter Tod und _Bazillen_.

Es hat mancher heute eine eigene Krankheit, die Bazillenfurcht heißt. Es
nagt in ihm nicht der Tuberkelbazillus in der Lunge oder in den Knochen,
nicht Eitererreger sind in seinem Blut. Wer von Bazillenfurcht befallen
ist, krankt an Bazillen, die nicht in seinem Körper, sondern außer ihm
sind. Man hat so viel von Bazillen gehört, so einseitig gehört, nur gehört
und nicht durchdacht, daß man sie stets und überall -- und soweit ja mit
gutem Recht -- wittert und in heller Angst herumläuft, sie, die
allgegenwärtigen und bösen, die unsichtbar sind wie Beelzebub und
Astharote, spielten einem den Streich. Man krankt an der _Furcht_ vor
Bazillen.

Und der Hohepriester derer, die an Bazillenfurcht kranken, ist Herr
Professor _Metschnikoff_ in Paris, ein wirklich Großer in der modernen
Naturwissenschaft ... Da müssen wir schon eine Pause machen, um
Metschnikoff bei seinem Morgenfrühstück zuzuschauen, über das ihn einmal
ein Zeitungsmann ausgefragt hat.

Unsereiner nimmt ahnungslos Messer, Gabel und Löffel in die Hand, so wie
sie auf dem Tische daliegen. Ohne zu wissen, daß uns dabei direkte
Lebensgefahr droht -- von wegen der allgegenwärtigen Bazillen natürlich.
Metschnikoff ist da viel vorsichtiger. Und offenherzig genug, um zuzugeben,
daß er Messer, Gabel und Löffel vor dem Gebrauch an einer Flamme ausbrennt,
um alle Keime abzutöten. Unsereiner beißt ahnungslos in seine Stulle und in
seinen Weck, oder wie das Brötchen sonst heißen mag, ohne zu wissen, daß
auf der goldbraunen Kruste des Brötchens gefährliche Mikroben sitzen.
Metschnikoff aber röstet zunächst das Brot, um den Bazillen den Garaus zu
machen: denn er kennt ihre Schliche und Wege und geht ihnen nicht in die
Falle. Unsereiner ißt Erdbeeren, ungebrüht und vielleicht sogar
ungewaschen. Metschnikoff versagt sich den Genuß von Erdbeeren ganz --
immer von wegen der Bazillen. Aber eine Banane will schließlich auch ein
Metschnikoff essen. »Hier sehen Sie,« hat Metschnikoff so ungefähr dem
Zeitungsmann gesagt, »ein paar Bananen, die ich mir gekauft habe, um sie
nach Hause mitzunehmen. Weil diese Frucht mit einer dicken Schale bedeckt
ist, glauben viele, daß die Bananen keine Bazillen haben. Weit gefehlt! Es
sind doch welche drin, und in meinem Hause werden darum die Bananen immer
erst gebrüht, bevor sie gegessen werden. Ich tauche sie etwa eine Minute
lang in kochendes Wasser, und die Frucht verliert dabei nichts von ihrem
Wohlgeschmack ...«

Ist ja alles so weit sehr schön: aber die _Zeit_, die einer da zu seinem
Morgenfrühstück braucht! Die kann sich wahrhaftig doch nicht jedermann
leisten.

_Aber was tut nicht einer, der dem #Tode# entrinnen will!_

Denn mit dem Tod und den Bazillen ist es nach Metschnikoff folgendermaßen
bestellt.

Wir sind alle von Bazillen bevölkert, von Millionen und Abermillionen
Bazillen, die in unserem Darme wohnen. Namentlich in dem unteren Teile des
Darmrohres, im Dickdarm, sind die Bakterien[1] wohl zu Hause. Wie ungeheuer
viele es sein mögen: wenn man bedenkt, daß wir insgesamt an die sieben
Meter Darm, und davon etwa anderthalb Meter Dickdarm herumtragen (Abb. 1)!
Wollten wir die Bakterien zählen, die bloß in einem allerkleinsten
Krümelchen unseres Darminhaltes drin sind, wir kämen schon in die Millionen
hinein. Über hunderttausend Milliarden Bazillen -- also eine Million mal
Million und dann noch mal hundert -- werden es nach allerlei Berechnungen
wohl schon sein, die wir in unserm Darm insgesamt beherbergen. Ein ganzes
Drittel von dem, was wir aus dem Darm an einem Tage entleeren, sind lauter
Bazillen!

    [1] Bazillen und Bakterien gebrauchen wir in unserer
    Darstellung in ein und derselben Bedeutung.

    [Illustration: Abb. 1. Schema des Verdauungsrohres. 1 Gaumen,
    2 Mundspalte, 3 Zunge, 4 Schlund, 5 Kehldeckel, 6 Luftröhre,
    7 Speiseröhre, 8 Mageneingang, 9 Magen, 10 Magenausgang, 11
    Zwölffingerdarm, mit dem der Dünndarm beginnt, 12
    Dünndarmschlingen, 13 Übergang des Dünndarms in den
    Blinddarm, 14 Blinddarm, mit dem der Dickdarm beginnt, 15
    Wurmfortsatz, 16, 17, 18 Dickdarm, 19, 20 Enddarm. Nach
    Rauber.]

Und Metschnikoff hat sich gesagt, daß es diese Bazillenbevölkerung ist, die
uns ein frühes Grab gräbt. Die Bakterien scheiden, wie alle andere
lebendige Substanz, Stoffwechselprodukte aus, Schlacken des Lebens, wenn
man will. Diese Stoffwechselprodukte gelangen aus dem Darm ins Blut. Zum
Teil werden diese Stoffe, die in größeren Mengen zweifellos Gifte für die
Zellen unseres Körpers sind, von manchen arbeitsfreudigen Zellen des
Zellenstaates, z. B. von den Zellen der Leber, abgefangen, zu ungiftigen
Stoffen verarbeitet und durch die Nieren nach außen abgeschieden. Die Leber
hat eine Schutzaufgabe in unserem Körper, Polizeifunktion, wenn man so
will. Das sind Tatsachen, die jedermann kennt. Metschnikoff nun ist der
Meinung, daß es mit dem Unschädlichmachen der Gifte, die von den
Darmbakterien ins Blut gelangen, doch nicht so auf das allerbeste bestellt
ist, wie man glauben möchte. Denn man muß bedenken, daß die Stoffe, die von
den Bakterien des Dickdarms abgegeben werden, tatsächlich sehr starke Gifte
sind. Sie gehören in die Gruppe des Karbols hinein, das jedermann als
todbringendes Gift kennt. Man kann diese Gifte in den Ausscheidungen des
Darms sowohl als der Nieren -- hier in verändertem Zustande -- finden. Und
da erscheint es auf den ersten Blick gar nicht so ohne, daß -- wie
Metschnikoff es will -- die giftigen Stoffwechselprodukte der Darmbakterien
daran schuld sind, daß wir früh alt werden und früh sterben.

Nun, einen direkten Beweis in diesen Dingen führen, das kann man natürlich
nicht. Denn man müßte ja dann seinen Versuch so einrichten, daß man zusähe,
wie lange einer lebte, der keine Bakterien im Darm hätte. Wir Menschen und
ebenso alle Tiere haben aber stets ihr Bakterienvolk im Darm. Und dann: ein
bißchen langwierig wäre es schließlich doch, so zuzusehen, wie lange einer
lebte, ob 100, 200 oder gar noch mehr Jahre. Unserer hastenden Zeit ginge
dieses lange Zusehen nicht nach Geschmack ... Metschnikoff blieb also
nichts anderes übrig, als einen Umweg in seiner Beweisführung zu gehen. Er
hat sich gesagt, daß, wenn seine Theorie richtig ist, dann diejenigen
Tiere, die mehr Bakterien im Leibe haben, weniger lang leben müßten als
jene, die nicht so viel Bakterien in ihrem Körper beherbergen, d. h. die
einen kürzeren Dickdarm haben. Wer unter den Tieren einen kurzen Dickdarm
hat, der muß nach Metschnikoff länger leben.

Metschnikoff hat nun die Lebensdauer der Tiere mit ihrer Darmlänge
verglichen, und es hat sich dabei tatsächlich herausgestellt, daß
diejenigen Arten, die durch einen kurzen Dickdarm ausgezeichnet sind, wie
z. B. viele Vögel, eine sehr lange Lebensdauer haben, während z. B. die
Säugetiere, die einen viel längeren Dickdarm haben, viel früher sterben. So
weist Metschnikoff auf die Tatsache hin, daß z. B. Schwäne, Gänse, Raben
und manche Raubvögel über 50 Jahre, Papageien und Kakadus sogar über
80 Jahre leben können. Dagegen sterben Hunde, Katzen, Pferde und andere
Säugetiere stets in einem viel jüngeren Alter: ihre Lebensdauer beträgt in
der Regel nicht mehr als 15 Jahre, und ein Alter von 30 Jahren gehört bei
ihnen zu den seltensten Ausnahmen. Um ein sehr augenfälliges Beispiel zu
wählen: der Kanarienvogel hat eine Lebensdauer von etwa 20 Jahren, die etwa
gleich große Maus lebt höchstens 6 Jahre. Mit der Länge des Dickdarms nimmt
nun selbstverständlich die Menge der giftspendenden Bakterien zu, die das
Tier in sich beherbergt. Und da war für Metschnikoff der Schluß gegeben,
daß es eben die Gifte der Darmbakterien sind, die die kürzere Lebensdauer
der Tiere verschulden.

Nachdem Metschnikoff sich die Sache so zurecht gelegt hatte, daß die
Bakterien am frühen Altern und Sterben von Tier und Mensch schuld seien,
hat er sich gesagt, daß es doch heute eigentlich ein großes _Unglück_ mit
dem Altern und mit dem Sterben sei. Das Altern von heute sei wie eine
Krankheit: unser Körper wird ganz allmählich von den Darmbakterien
vergiftet. Und wenn das Sterben und das Altern eine Krankheit ist, dann ist
es ja die schlimmste Krankheit, die es gibt. Die Tuberkelbazillen und die
Bazillen, die andere Krankheiten machen, töten die Menschen, die das
Unglück hatten, sich mit diesen Krankheitserregern anzustecken. Die
Darmbakterien aber hat jedermann in sich, _alle_ Menschen sind mit ihnen
behaftet, und die Menschen, die den Krankheiten sonst entronnen sind, gehen
an der Vergiftung durch Darmbakterien zugrunde: sie werden früh alt und
müssen früh sterben.

Das ist in Metschnikoffs Theorie des Pudels Kern: Wenn das Altern heute so
etwas wie eine Bakterienkrankheit ist, dann ist klar, daß man dieses Altern
und Sterben mit denselben Mitteln bekämpfen muß, wie jede andere Krankheit
auch. Und es bot sich da für Metschnikoff das allbekannte Beispiel mit dem
Alkohol. Wir wissen, daß das Alkoholgift unsern Körper schädigt, wenn er
Tag für Tag genossen wird, daß auf dem Alkoholgenuß eine ganze Reihe von
Krankheiten beruhen, an denen die Menschen nach langem Siechtum zugrunde
gehen. Wir bekämpfen dieses Siechtum, indem wir das Gift, den Alkohol, zu
meiden suchen. Also: auch das Gift des frühzeitigen Alters, die Gifte der
Darmbakterien, müssen von unserem Körper ferngehalten werden, damit die
Menschen länger leben und eines natürlichen Todes sterben könnten. Das war
für Metschnikoff ein ganzes Programm: den Bakterien beikommen, die in
unserem Dickdarm nisten.

Aber wie? Das war die große Frage.

Metschnikoff hatte da zunächst einen ganz radikalen Einfall. Es ist nämlich
eine Tatsache, daß wir in unserem sieben Meter langen Darm ein Organ haben,
das für uns Menschen gut anders eingerichtet sein könnte, als es in
Wirklichkeit ist. Der Darm ist viel, viel länger als wir ihn wirklich
brauchen. Der Dickdarm ist für uns sogar völlig nutzlos. Man kann einem
Menschen den größten Teil des Dickdarms herausschneiden, ohne seine
Gesundheit zu beeinträchtigen. Man hat bei manchen Patienten solche
Operationen schon vornehmen müssen. Die Patienten, die an schweren
Darmkrankheiten litten, und diese Operation durchmachen mußten, wurden
vollständig gesund. Für den Pflanzenfresser ist der Dickdarm wohl von
Nutzen, denn der Pflanzenfresser braucht einen langen Darm: seine Nahrung
ist schwer verdaulich und muß längere Zeit im Darm verweilen, und bei der
Verdauung der Nahrung helfen hier sogar die Darmbakterien mit. Aber für uns
Menschen ist der Dickdarm nicht nur nutzlos, sondern direkt schädlich. Denn
ein Teil des Dickdarms, der Wurmfortsatz des Blinddarms, neigt beim
Menschen sehr zu Erkrankungen, und jedermann weiß, wie gefährlich die
Blinddarmentzündung ist, wenn man sie vernachlässigt, und daß schon manch
blühendes Menschenleben an einer vernachlässigten Blinddarmentzündung
zugrunde gegangen ist. Und was nicht alles noch an andern Krankheiten
häufig genug den Dickdarm befällt!

Aber noch mehr! Nicht nur der Dickdarm ist zu lang oder gar nutzlos für
uns: auch der Dünndarm ist zu lang geraten. Die Ärzte sind schon häufig
genug in die Lage gekommen, einem Patienten kleinere oder größere Stücke
aus dem Dünndarm herauszuschneiden, und auch solchen Patienten geht es nach
der Operation gut. Vor einigen Jahren hat der Amerikaner _Underhill_
gezeigt, daß man Hunden einen sehr beträchtlichen Teil des Dünndarms
entfernen kann, ohne die Tiere in ihrer Gesundheit zu beeinträchtigen. So
schnitt Underhill seinen Hunden zunächst 2/5 ihres Dünndarms heraus. Die
Hunde blieben am Leben, verdauten wie immer ihre Nahrung und nahmen
unverdrossen an Gewicht zu. Erst wenn 2/3 des Darms den Versuchstieren
weggenommen waren, ging es den Tieren schlecht: mit dem letzten Drittel
ihres Dünndarmes konnten sie wohl doch nicht mehr so viel verdauen, als
nötig war, und sie nahmen jetzt an Gewicht ab. Nun braucht ja das, was
Underhill für den vorwiegend fleischfressenden Hund nachgewiesen hat, nicht
gerade in genau demselben Maße für den Menschen zu gelten, da wir ja neben
Fleisch auch pflanzliche Nahrung zu uns nehmen, deren Verdauung schwieriger
ist und einen längeren Darm verlangt. Aber wahrscheinlich ist es doch, daß
wir einen zu langen Darm haben und ein gut Teil davon zu unserem Nutz und
Frommen wohl einbüßen könnten.

Also war der radikale Einfall von Metschnikoff der, daß man den Menschen
den Dickdarm herausschneiden solle, um ihnen damit ein langes Leben zu
schenken.

Aber der Gedanke war doch zu radikal, um zu Ende gedacht zu werden. Auch
seinen eigenen Dickdarm, geschweige denn einen Teil seines Dünndarms, hat
Metschnikoff nicht für seine Idee als Opfer auf den Altar der Menschheit
legen wollen. Er hat diesen radikalen Weg zur Lebensverlängerung für eine
ferne Zukunft vorbehalten und ist für heute einen Kompromiß eingegangen.

Wer's ihm da angetan hatte? Sehr einfach: zunächst bloß ein Topf saurer
Milch. Oder nein, es sind eigentlich wiederum Bazillen, die da im Spiele
waren. Aber dieses Mal Bazillen, die _wohltätig_ sind: die Bakterien der
sauren Milch, die nach Metschnikoff mit gar artigen Eigenschaften
ausgezeichnet sind. Die Sache verhält sich hier folgendermaßen. Das
Sauerwerden der Milch beruht darauf, daß die sog. Milchsäurebakterien, die
sich schon innerhalb 24 Stunden in der Milch zu ganz gewaltigen Mengen
vermehren, den Milchzucker vergären. Aus dem Milchzucker entsteht dabei
eine Säure, die man Milchsäure nennt. Die macht die Milch sauer und macht
sie dick, denn in der angesäuerten Milch ballt sich das Kasein, der
Eiweißstoff der Milch zusammen, das Eiweiß der Milch gerinnt dabei genau
so, wie das Hühnereiweiß beim Kochen gerinnt. Worauf es Metschnikoff aber
ankam, das ist der Umstand, daß die Säure ein Mittel ist gegen
Bakterienfäulnis. Die Bakterien, die eine Fäulnis von abgestorbener
lebendiger Substanz hervorrufen, können ihre Wirkung nicht tun, wenn es
rings um sie sauer ist. So verhindert z. B. der saure Magensaft, der sich
auf die genossenen Speisen im Magen ergießt, die Fäulnis der Speisen. Hier
im sauren Magensaft können die fäulniserregenden Bakterien nicht gut
aufkommen und sie können hier ihre Geschäfte nicht betreiben. Erst im Darm,
wo die Verdauungssäfte nicht mehr sauer, sondern alkalisch sind, d. h. wo
die Bakterien in einer stark verdünnten Lauge schwimmen, da beginnt die
Fäulnis der Nahrung oder der Nahrungsreste. Das ist namentlich im Dickdarm
der Fall, und von hier gelangen all die schädlichen Stoffe der Fäulnis in
den Kreislauf des Blutes, in den Zellenstaat hinein. Gut, hat sich
Metschnikoff gesagt, machen wir den Bakterien im Darm das Leben sauer!
Trinken wir saure Milch! Wir bevölkern dann unsern Magen und unsern Darm
mit Milchsäurebakterien und ekeln einfach die Fäulnisbakterien heraus!

    [Illustration: Abb. 2. Pantoffeltierchen. Sehr stark
    vergrößert. +mf+ Mundfeld, +m+ Mund, +sch+ Schlund, +na+
    Nahrungsballen, +ps+ pulsierendes Bläschen (Vakuole) +ma+
    Großkern, +mi+ Kleinkern. Rings um den Protoplasmaleib herum
    sieht man die Wimperhärchen, mit denen die Zelle im Wasser
    schlägt und sich fortbewegt. Aus Stridde.]

Das war Metschnikoffs Losung im Kampfe gegen Gevatter Tod: nicht mit Lanze
und Speer zog er aus in den Kampf, sondern mit einem Troß von Bazillen
gegen Bazillen.

Wer an Bazillenfurcht krankt, schüttelt ungläubig den Kopf. Mit Unrecht.
Denn soweit es sich um die gesundheitsschädliche Wirkung starker
Fäulnisvorgänge im Darm handelt und um die Möglichkeit, diese Fäulnis durch
eine Milchdiät zu bekämpfen, hatte sich Metschnikoff ja an Tatsachen
gehalten. Hier kann man Meister Metschnikoff nichts anhaben, hier hat er
recht. Die Frage ist aber die, ob die Darmbakterien, die die Fäulnisstoffe
im Dickdarm produzieren, wirklich die bösen Geister sind, die uns _ins
frühe Grab_ bringen. Doch Metschnikoff hat sich mit dieser Frage nicht
weiter abgeben wollen und er ist von nun an nur _einem_ Ziele nachgegangen:
den Kampf von Bazillen gegen Bazillen im Darm möglichst zuungunsten
derjenigen Bakterien zu gestalten, die seiner Meinung nach uns das frühe
Grab graben. +Corriger la fortune!+

Was da Metschnikoff nicht alles ersonnen und versucht hat, denkt sich
unsereiner gar nicht aus. Zu den Bulgaren war er in die Lehre gegangen und
er hat ihnen ihre saure Milch, den Yoghurt, abgeguckt. Ja, die Bulgaren
waren ein fetter Braten für Metschnikoffs Theorie von der Bedeutung der
sauren Milch im Kampfe gegen Gevatter Tod. In keinem andern Lande gibt es
nämlich so viel alte Leute wie in Bulgarien. Da laufen die Menschen von
über hundert Jahren zu tausenden herum. Aha, hat sich Metschnikoff gesagt,
das ist alles von wegen der sauren Milch, von wegen des Yoghurts, den die
Bulgaren trinken. Das wäre nun ein Elixier, noch viel wirksamer als die
gewöhnliche dicke Milch. Also trinket, ihr Kinder des Todes, dicke Milch
oder Yoghurt und ihr werdet alt werden wie Methusalem! Euern langen Darm
braucht ihr nicht herzugeben, das sei euern Urenkeln überlassen. Vielleicht
werdet ihr sogar noch Augenzeugen davon sein ...

Wer wird nun aber immer wieder und wieder dicke Milch trinken wollen!
Mancher tuts wohl sein Leben lang, aber nach jedermanns Geschmack ist das
doch nicht. Nun, habt ihr nach dicker Milch kein Begehr, euch ist
trotzdem geholfen. Denn Metschnikoff kommt euch dann mit einem Eßlöffel
voll Bakterien der sauren Milch, die ihr in konzentrierter Form essen
könnt, genau so, wie wenn einer Hefe äße. Die Hefe ist nichts anderes als
ein Ballen von vielen Millionen kleiner Lebewesen, der Hefezellen. Und
wenn man Hefe zu den Speisen, z. B. zum Brot fügt, warum nicht auch
»Laktobazillin«, die Bakterien der sauren Milch, die ihr sogar in
Pastillenform in der Apotheke kaufen könnt. Für billiges Geld habt ihr
euch langes Leben erkauft, tragt euer Glück in der Tasche. Und all das
von wegen der Bakterien, die ihr im Kampfe gegen die bösen, todbringenden
Bakteriengeister in euerm Dickdarm wohl gebrauchen könnt.

Metschnikoff ist bei den Bakterien der sauren Milch und des Joghurts nicht
stehen geblieben. Wie ein großer Feldherr mit seinen Soldaten gegen die
feindlichen Heerscharen, so rückt Metschnikoff immer aufs neue mit allerlei
treuen Bakterien gegen die verräterischen Dickdarmbakterien vor. Er sammelt
seine Scharen, verfügt, disloziert ... Er hat Bakterienarten ausfindig
gemacht, die noch viel wirksamer sind im Kampfe gegen die Bakterien des
Dickdarms als die Bakterien der sauren Milch und des Joghurts. Und es ist
gar nicht abzusehen, wie weit Metschnikoff es im Verein mit seinen getreuen
Bakterien noch bringen wird: denn im Zeichen der Bakterien leben wir
heute ...



2. Der Tod und die Wissenschaft.


Kein Arzt bezweifelt, daß die Stoffe der Darmfäulnis, die in den
Blutkreislauf gelangen, der Gesundheit schädlich sind. Zweifellos können
manche krankhafte Zustände, manche Erkrankungen der inneren Organe und wohl
namentlich die leichteren Störungen des Nervensystems auf einer
Überschwemmung unseres Zellenstaates mit den Stoffwechselprodukten der
Darmbakterien beruhen. Wer kennt nicht den Kopfschmerz, der sich mit
Sicherheit dann einstellt, wenn einmal der Dickdarm nicht recht arbeiten
will? Und es ist heute sicher, daß der Genuß von dicker Milch ein Mittel
ist, seinen Körper gesund zu erhalten, weil eben, wie wir im vorigen
Kapitel erfahren haben, die Bakterien der sauren Milch und die Milchsäure
uns eine Waffe sind im Kampfe gegen die Darmbakterien.

Nun hat sich natürlich in der kurzen Spanne Zeit, seit der die Welt von der
dicken Milch als von einem eigentlichen Lebensverlängerungsmittel etwas
weiß, nicht feststellen lassen, ob Metschnikoff die saure Milch in ihrer
Bedeutung als eines Lebenselixiers nicht doch zu hoch eingeschätzt hat. Es
ist wohl möglich, daß die dicke Milch uns schließlich doch nicht das Alter
von weiland Methusalem garantiert.

Aber nehmen wir an, die dicke Milch wäre wirklich ein
Lebensverlängerungsmittel +Ia+, wie es Metschnikoff will, und die
Darmbakterien wären die bösen Geister, die uns ins frühe Grab bringen.
_Wäre damit für die Wissenschaft das Problem des Todes gelöst?_

Mit nichten! Auch Metschnikoff selber will ja mit Hilfe seiner dicken
Milch das Altern und den Tod der Menschen nur _hinausschieben_. Und
wenn die dicke Milch auch wirklich das Lebensverlängerungsmittel wäre,
das Metschnikoff in ihr sieht, wir könnten dann _dieses_
Lebensverlängerungsmittel doch nicht anders werten als tausend andere
auch.

Schaut um euch, wie ihr lebt! In engen Häusern zusammengepfercht, die
aussehen wie Zwingburgen. Zwingburgen der frischen Luft sind eure
Wohnstätten. Ihr baut Bollwerke gegen Luft, Sonne und Licht. Ihr vergiftet
euch mit Alkohol, schwächt euern Leib durch Arbeit über alles Maß,
mißachtet verbriefte Rechte der Frucht im Leibe und des Nachwuchses, der
nach Lebensbejahung lechzt. Und kommen Städtebauer zu euch, die
Gartenstädte planieren und die Stätte der Arbeit als einen geweihten Tempel
erstehen lassen wollen, kommen Apostel zu euch, die euch die Rechte eurer
Kinder predigen, was habt ihr dann für all das übrig? ...

Doch gut. Es wird eine Zeit kommen, wo ihr Augen haben werdet für den
Städtebauer und Ohren für den Apostel. Und stellt euch vor: auch
Metschnikoffs Wort -- das von der sauren Milch -- war auf fruchtbaren Boden
gefallen. Oder gar die ferne Zukunft ist schon gekommen, wo ihr dickdarmlos
lustwandelt in Sonne und Licht in den Gefilden des Menschenglücks, und wo
euch die Arbeit geworden ist ein kurzweilig Spiel. Nicht siebzig Jahre
mehr, nein hundertundzwanzig und schließlich gar das Alter von Methusalem
verzeichnet jetzt die Reichsstatistik als das Durchschnittsalter der
Menschen.

Und trotz alledem: _es wäre auch dann noch so gut wie heute das Problem des
Todes für die Wissenschaft da_. Auch dickdarmlos in den sonnigen Gefilden
des Glücks würden wir nicht ewig leben: wir würden doch altern und sterben.
Man trüge schließlich doch eine sterbliche Hülle, eine Leiche zu Grabe. Aus
_Altersschwäche_, wie man zu sagen pflegt, würden wir sterben.

Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis die Menschen dahin gekommen sind,
sich die Frage nach einem Tod aus Altersschwäche zu stellen. Machen wir
einen Spaziergang zu den Indianern in Zentralbrasilien, zu den Bakairi, und
erzählen wir ihnen, daß jedermann sterben müsse. Die Bakairi lachen uns
gründlich aus. Genau so würde es uns ergehen, wenn wir zu den viel höher
stehenden Melanesiern und Polynesiern damit kommen wollten, daß jedermann
sterben müsse. Die Erfahrung des »Wilden« reicht nicht so weit, wie die des
Kulturmenschen. Er weiß nur von den Dingen, die sich innerhalb der kleinen
Horde abgespielt haben, der er angehört, womöglich auch nur von den
Begebenheiten, deren Augenzeuge er und seine wenigen Zeitgenossen waren.
Und er selbst hat durchaus nicht alle Leute seiner Horde, durchaus nicht
jedermann sterben gesehen. Nur den einen oder den andern aus seiner eigenen
Horde oder aus den kleinen Horden, mit denen er in Berührung gekommen ist,
hat er sterben gesehen. Auch kann er sich keine Rechenschaft darüber
abgeben, wie viele Leute gestorben sind, denn er kann nur bis 10, selten
bis 20 zählen. In seinem Erfahrungskreis ist also der Tod eine seltene
Erscheinung, durchaus nicht etwas, was alltäglich vorkommt. Zudem ereilt
der Tod einen sehr selten auf dem Lager in der Horde, die meisten Genossen
sterben im Kampfe mit dem Feind oder erliegen Verletzungen, die sie sich
auf der Jagd oder auf einem längeren Marsch zugezogen haben. Für den
primitiven Menschen ist aber auch die Krankheit, die einen befällt, ein
böser Geist, der teuflischerweise von einem Besitz ergriffen hat. Und so
wird auch der Tod des Greises, der schon an und für sich eine ungewöhnliche
Erscheinung im Leben der wilden Horde ist, im Sinne des Geisterglaubens der
Wilden folgerichtig als ein böser Streich eines feindseligen Geistes
gedeutet.

Auch in unserem Denken über den Tod spukt noch der Geisterglaube, wenn wir
vermeinen, mit Hilfe irgendeines Elixiers Gevatter Tod von uns ganz
abzuhalten. _Die Wissenschaft aber, frei von allem Geisterglauben, kennt
heute das Problem des Todes aus Altersschwäche, das Problem des Alters und
des Todes, der unerbittlich kommt._ Trotz saurer Milch und aller herrlichen
Dinge der Welt, trotz Licht und Sonne und Glück. Das ist ein viel weiter
greifendes Problem in der Biologie, in der Lehre vom Leben, als jener Tod,
den wir mit dicker Milch und tausend andern Mitteln glauben bekämpfen zu
können.



3. Leben und Tod.


Eine _Leiche_ wird zu Grabe getragen. Die reglose Leiche ist uns das Abbild
des _Todes_. Und wenn wir die große Frage aufwerfen, ob alle lebendige
Substanz einmal aus Altersschwäche sterben muß, so stellen wir damit die
Frage, ob alle lebendigen Zellen, in welcher Form wir sie auch vor uns
hätten -- als einzelliges Lebewesen oder als pflanzlichen oder tierischen
Zellenstaat --, im normalen Kreislauf ihres Lebens zu einer Leiche werden.

Doch vorerst: was ist eine Leiche? Lebendige Substanz, Zellsubstanz, die
aufgehört hat zu _leben_.

Aber was ist »Leben«? Wir können vom Sterben, von der Entstehung der Leiche
nicht sprechen, bevor wir uns nicht darüber klar geworden sind, was Leben
ist.

Wir sind heutzutage über die Zeit hinaus, wo man auf die Frage, was Leben
ist, damit zu antworten pflegte, daß man die Meinungen von so und so viel
Gelehrten darüber aufzählte, Meinungen, die in der Regel einander
widersprachen. Wir wissen heute, daß Leben nichts anderes ist, als eine
Summe sehr verwickelter chemischer Vorgänge, die sich im Rahmen einer Zelle
abspielen. Im Mittelpunkt dieser Vorgänge stehen die Eiweißstoffe, so
benannt, weil der Chemiker sie dem Weiß des Hühnereies sehr ähnlich
gefunden hat. Alles Leben besteht nun darin, daß die Eiweißstoffe der
Zellen bestimmte chemische Veränderungen erfahren, verbrennen. Aber die
Zelle geht dabei nicht zugrunde: denn in das kleine chemische Laboratorium
der Zelle werden immer wieder Stoffe von außen aufgenommen, die zu
lebendiger Zellsubstanz verarbeitet werden. So findet ein ständiger
Stoffwechsel in der Zelle statt: Stoffe, die zur lebendigen Substanz der
Zelle gehören, werden verbrannt, und die Verbrennungsprodukte, die
Stoffwechselprodukte der Zelle werden aus dieser ausgeschieden; und neue
Stoffe werden von außen aufgenommen, um als Ersatz für den verbrannten
Anteil der lebendigen Zellsubstanz zu dienen. _Alles_ Leben beruht auf
diesem Stoffwechsel der lebendigen Substanz, und alle Lehre vom Leben ist
nichts anderes als die Lehre vom Stoffwechsel der Zellen. Das Leben
erforschen, heißt, den Stoffwechsel erkennen, der sich in der Zelle
abspielt. Auf den chemischen Vorgängen, die man als Stoffwechsel der
lebendigen Substanz zusammenfaßt, beruhen alle Erscheinungen, die man
Leben nennt: Bewegung, Ernährung, Fortpflanzung, Empfindung und Denken.
Mit Bezug darauf, wie aus dem Stoffwechsel der lebendigen Substanz die
Lebensäußerungen folgen, stehen die Dinge viel einfacher, als mancher
glaubt. Folgendes Beispiel soll uns da aushelfen. In der Dampfmaschine
verbrennen Stoffe, die wir auch sonst, wo's uns gerade paßt, verbrennen
können. Aber in der Dampfmaschine geht die Verbrennung dieser Stoffe so vor
sich, daß die brennenden Stoffe bestimmte Arbeit leisten. Mit dem Brennen
der Stoffe in der Dampfmaschine ist die Arbeit dieser _gegeben_, sie ist
da, es steckt hinter der Arbeit der Dampfmaschine _nichts_ anderes dahinter
als das Brennen von Stoffen in ihr. Ebenso steckt hinter den
Lebensäußerungen der lebendigen Substanz, und mögen diese Lebensäußerungen
noch so kompliziert und auf den ersten Blick ganz unerklärlich sein, nichts
anderes dahinter als ein Stoffverbrauch und Stoffersatz, nichts anderes als
der Stoffwechsel der Zellen. Mit diesem Stoffwechsel sind alle
Lebensäußerungen schon gegeben, man kann sie mit demselben Recht als
Stoffwechselvorgänge und als Lebensäußerungen ansprechen: die stofflichen
Vorgänge, die sich z. B. im Muskel abspielen, sind Bewegung des Muskels,
die Stoffwechselvorgänge, die sich in den Zellen unseres Gehirnes
abspielen, sind Denken.

Wenn alles Leben nichts anderes ist, als der Stoffwechsel der lebendigen
Substanz, so bedeutet der Tod der Zelle, das Erlöschen des Lebens in ihr,
daß der Stoffwechsel der Zelle aufgehört hat. Und eine Leiche ist eine
Zelle, die nicht mehr den Stoffwechsel hat, den wir Leben nennen.

Aber damit ist doch noch nicht alles über die Leiche gesagt. Und da wollen
wir von einem Versuch erzählen, der uns einen Einblick gewährt in noch
andere Dinge, die man über Tod und Leiche wissen muß.

Wir holen uns aus einem Aquarium einige Pantoffeltierchen, die
mikroskopisch kleine einzellige Lebewesen sind (Abb. 2, S. 13), heraus,
indem wir einen Tropfen Wasser aus dem Aquarium schöpfen. Den Tropfen mit
den Pantoffeltierchen bringen wir auf ein Glasplättchen in einer geeigneten
Vorrichtung unter das Mikroskop. Dann richten wir es so ein, daß Alkohol an
unserem Tropfen vorbeistreicht (Abb. 3). Die Pantoffeltierchen, die bisher
in lebhafter Bewegung begriffen und pfeilschnell im Tropfen hin und her
geschwirrt waren, sehen wir schon nach wenigen Minuten ihre Bewegungen
einstellen. Und bald liegen sie regungslos an Ort und Stelle. Sie sind
gelähmt. Aber nicht tot: denn lassen wir wieder frische Luft an den
Pantoffeltierchen vorbeistreichen, so haben sie sich bald erholt und sind
so munter wie je zuvor.

    [Illustration: Abb. 3. #Versuchsanordnung zum Studium der
    Einzelligen.# Unter dem Mikroskop die Glaskammer, die oben
    durch ein dünnes Deckglas abgeschlossen ist. Am Deckglas ein
    hängender Tropfen, in welchem sich die zu untersuchenden
    Zellen befinden. Nach links ist die Glaskammer mit einer
    Einrichtung verbunden, die es gestattet, verschiedene Gase
    durch die Glaskammer zu pressen: das gewünschte Gas, z. B.
    Luft, Sauerstoff oder Stickstoff, tritt aus einem
    Glasbehälter in der Richtung des links angebrachten Pfeiles
    in die Glaskammer ein und tritt in der Richtung des auf der
    rechten Seite der Abbildung angebrachten Pfeiles durch eine
    Wasserflasche wieder aus. Zwischen dem Gasbehälter und der
    Glaskammer mit den zu untersuchenden Tieren ist eine
    Vorrichtung aus Glas eingeschaltet, die es ermöglicht, nach
    Belieben Alkoholdämpfe dem Gas beizumischen. Öffnet man den
    Hahn +a+, so kann das Gas aus dem Gasbehälter in die Glaskammer
    unter dem Mikroskop strömen: und zwar durch +c+ oder durch +b+, +K+
    und +b1+. Schließen wir die Hähne +b+ und +b1+ ab, so gelangt das
    Gas (z. B. Luft oder Sauerstoff) durch +c+ in die Glaskammer
    unter dem Mikroskop. Schließen wir aber +c+, so muß das Gas
    durch +b+, +K+ und +b1+ strömen. In +K+, das ein kleines Glaskölbchen
    ist, können wir nach Öffnung des oben im Kölbchen steckenden
    Gummistopfens, einen kleinen Wattebausch hineinbringen, den
    wir vorher mit Alkohol getränkt haben: es werden sich also
    jetzt dem durch die Glaskammer unter dem Mikroskop strömenden
    Gase Alkoholdämpfe beimischen. Wollen wir nach einiger Zeit
    unseren Versuchstieren wieder frisches Gas zuführen, so
    brauchen wir nur +b+ und +b1+ zu schließen und +c+ zu öffnen. Nach
    Ishikawa und Verworn. Schematisiert.]

Wir hatten die Tiere mit Alkohol vergiftet. Und es ist uns
selbstverständlich, daß die Vergiftung unserer Pantoffeltierchen nur darin
bestehen konnte, daß ihr Stoffwechsel gestört, geschädigt war. Der äußere
Ausdruck dieser Schädigung des Stoffwechsels ist die Lähmung der Zelle. Da
aber diese Lähmung, wie wir gesehen haben, rückgängig gemacht werden
konnte, so müssen wir voraussetzen, daß der Stoffwechsel der Zellen bei der
Alkoholvergiftung wohl beeinträchtigt, wohl geschädigt war, daß er aber
nicht ganz aufgehört hatte. Und tatsächlich wissen wir aus Versuchen, die
_Heaton_, ein junger Engländer, in _Verworns_ Laboratorium vor einigen
Jahren ausgeführt hat, daß bei der Alkoholvergiftung der Stoffwechsel der
lebendigen Substanz, auch wenn sie gelähmt ist, keinesfalls ganz
stillsteht: der Stoffwechsel ist nur verändert, aus seinen normalen Bahnen
gelenkt. Das ist es, was die Narkose, von der wir hier erzählt haben, vom
Tode unterscheidet: daß in dem ersten Falle der Schaden wieder gut gemacht
werden kann, im zweiten Falle aber nicht.

Mit dieser Betrachtung gewinnen wir die Möglichkeit, uns schärfer das
herauszuarbeiten, was eine Leiche ist: _eine Zelle ist zu einer Leiche
geworden, wenn ihr Stoffwechsel unwiderruflich stillgestanden, »irreparabel
erloschen« ist_, wie Verworn sich ausgedrückt hat ... Dann ist die Uhr des
Lebens abgelaufen ...

Es scheint nun auf den ersten Blick sehr leicht zu entscheiden, ob z. B.
ein Pantoffeltierchen, das wir unter dem Mikroskop vor uns haben, lebendig
ist oder tot, zu entscheiden, ob die Zelle eine Leiche ist. In Wahrheit ist
das gar nicht so leicht. Gewiß, wenn wir eben erst mit der Zufuhr von
Alkohol zum Wassertropfen begonnen haben, und unsere Pantoffeltierchen eben
erst in den Zustand der Narkose verfallen sind, so wissen wir aus
Erfahrung, daß unsere Zellen sich wieder erholen und alle normalen
Lebensäußerungen aufweisen werden, sobald wir den Alkohol durch frische
Luft aus dem Wassertropfen verdrängt haben werden. Aber wenn wir den
Versuch zu lange ausdehnen, wenn die Pantoffeltierchen zu lange unter der
Einwirkung des Alkohols gewesen sind, so gelingt es trotz Zufuhr von
frischer Luft nicht mehr, sie aus dem Zustande der Lähmung zu erwecken. Sie
sind tot, sie sind zu Leichen geworden. Und hier entsteht die Frage, in
welch einem Moment die Zelle gestorben ist, wann sie aufgehört hatte zu
leben und zu einer Leiche geworden ist. Mit andern Worten -- die Frage, _wo
die Grenze liegt zwischen Leben und Tod_.

Wollten wir diese Frage beantworten, wir würden in arge Verlegenheit
geraten. Aus dem einfachen Grunde, weil, wie die Erfahrung uns lehrt, es
eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht gibt.

Auch hier wieder tun wir gut, den kniffligen Fragen mit einem Versuch an
freilebenden Zellen nachzugehen. Und da hören wir am besten _Verworn_ zu,
der all diese Dinge an verschiedenen Einzelligen genau verfolgt hat. Wenn
wir von einem einzelligen Lebewesen, z. B. einem Pantoffeltierchen oder
einer Amöbe, durch eine geeignete Operation ein Stück abtrennen, so daß das
abgeschnittene Teilstück der Zelle nichts vom Kern mitbekommt, so wird der
zurückbleibende kernhaltige Teil der Zelle unverdrossen weiter leben. Ganz
anders der kernlose Teil: er geht innerhalb kürzerer oder längerer Zeit
unfehlbar zugrunde. Aber das geschieht ganz allmählich -- und über die
Geschichte des Todes, des allmählichen Sterbens eines kernlosen Teilstückes
einer Zelle wollen wir uns von Verworn an einem Einzeller, Orbitolites
genannt, der an der Sinaiküste im Roten Meer lebt und bis nahezu ein
Zentimeter groß werden kann, berichten lassen. Aus den Poren ihrer
Kalkschale streckt die Orbitolites-Zelle kernlose Protoplasmafäden,
Scheinfüßchen heraus (Abb. 4), mit deren Hilfe die Zelle sich bewegt und
Nahrung fängt. Schneidet man nun solche kernlose Protoplasmafäden von einem
Orbitolites ab, so ballen sie sich zunächst etwa zu einer Kugel zusammen
(Abb. 5). Später streckt die Protoplasmakugel selber Scheinfüßchen aus
(Abb. 6), als ob die Protoplasmakugel ein ganzer Orbitolites wäre, und mit
den Scheinfüßchen wird sogar Nahrung gefangen. Aber unser neugebackener
Orbitolites +en miniature+ kann die Nahrung nicht verdauen. Es fehlt ihm
eben das, was mit zu dem regelrechten Stoffwechsel einer Zelle gehört --
der Kern. So kommt es, daß die Protoplasmakugel wohl noch stundenlang sich
bewegen kann, sich dabei aber doch unaufhaltsam dem Tode nähert. Die
Scheinfüßchen, die die Protoplasmakugel ausstreckt, werden klumpig (Abb. 7)
und zerfallen (Abb. 8). Schließlich ist unsere ganze Protoplasmakugel zu
einem lockeren Haufen kleinster unbeweglicher Klümpchen und Körnchen
zerfallen. Sie ist tot ... In eigener poetischer Weise hat Verworn dieses
allmähliche Sterben der lebendigen Substanz an einem abgetrennten kernlosen
Stück des Pantoffeltierchens beschrieben: »Das kernlose Teilstück verhält
sich ... zunächst vollkommen normal. Die Wimpern sind in derselben Weise
tätig wie bei diesem Körperteil, wenn er noch im intakten Zusammenhange mit
dem übrigen Zellkörper ist. Allmählich wird der Wimperschlag langsamer und
einzelne Wimpern beginnen unregelmäßig zu schlagen. Es treten bei ihnen
Pausen ein zwischen den einzelnen Schlägen ... Dann beginnt das Protoplasma
an einer Stelle zu zerfallen ... und löst sich in eine schleimig-körnige
Masse auf. Dieser körnige Zerfall schreitet weiter und weiter vorwärts,
befällt eine Wimper nach der andern und bringt sie für immer zum
Stillstand. So kann man in diesen interessanten Fällen unter dem Mikroskop
direkt sehen, wie der Tod über die Zelle hinkriecht. Teilchen nach Teilchen
ergreifend und mitten aus einer rastlosen Bewegung heraus zur ewigen Ruhe
zwingend. Der Prozeß kann sich über Tage erstrecken, aber in andern Fällen
verläuft er akut und eilt in wenigen Stunden über die Zelle dahin, wie der
Funke über die Zündschnur, nur zerfallende Massen hinter sich lassend ...«

    [Illustration: Abb. 4. Orbitolites. Einzelliges Lebewesen,
    das im roten Meer lebt. Aus der mit Poren versehenen
    Kalkschale, die die Zelle umgibt, sieht man die Scheinfüßchen
    herausragen. Schwach vergrößert. Nach Verworn.]

    [Illustration: Abb. 5. Die abgeschnittene Protoplasmamasse
    hat sich zusammengeballt. (Stark vergrößert.)]

    [Illustration: Abb. 6. Die abgeschnittene Protoplasmamasse
    streckt Scheinfüßchen aus.]

    [Illustration: Abb. 7. Die ausgestreckten Scheinfüßchen werden
    klumpig.]

    [Illustration: Abb. 8. Die ausgestreckten Scheinfüßchen sind
    zerfallen. Abb. 5, 6, 7 und 8 nach Verworn.]

Was aber für uns in all diesen Versuchen wichtig ist: daß hier vor unsern
Augen der Tod sich ganz allmählich aus dem Leben entwickelt. Nicht mit
einem Schlage ist hier die Leiche entstanden, sondern sie ist hier
_geworden_ im Verlauf einer langen Kette von Veränderungen, die sich in der
lebendigen Substanz der Zelle, im Stoffwechsel der Zelle abgespielt haben,
weil der Stoffwechsel durch den künstlichen Eingriff (die Lostrennung des
Protoplasmas vom Kern) gestört, in andere Bahnen gelenkt worden war. Wir
sehen, daß _eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht vorhanden ist:
»der Tod entwickelt sich aus dem Leben«_ (Verworn).



4. Tod und Unsterblichkeit.


Nun wissen wir, was eine Leiche ist: eine Zelle, deren Stoffwechsel
irreparabel gestört und schließlich unwiderruflich erloschen ist.

Aber wir haben bisher nur die Leichen von Zellen gesehen, die wir _getötet_
hatten. Stirbt die Zelle auch eines _natürlichen_ Todes? Wir haben uns ja
noch gar nicht darüber Rechenschaft abgegeben, ob es bei den Zellen einen
natürlichen Tod gibt, _einen Tod, der zum Leben der Zelle gehört_.

Wenn wir diese Frage beantworten wollen, müssen wir den Lebensweg einer
Zelle verfolgen, den Lebensweg eines freilebenden einzelligen Lebewesens.

Die einzelligen Lebewesen pflanzen sich durch Teilung fort. Eine Amöbe
z. B., ein Protoplasmaklümpchen mit einem Kern darin, hat sich schlecht und
recht durchs Leben gefressen, ist ausgewachsen und teilt sich nun einfach
in zwei Teile auf. Man hat den Vorgang der Teilung bei der Amöbe und den
vielen andern einzelligen Lebewesen sehr genau studiert, aber all das
Viele, was man dabei gefunden hat, interessiert uns an dieser Stelle nicht.
Wir wollen hier nur die Tatsache festhalten, daß im Lebenslauf des
einzelligen Lebewesens einmal die große Stunde kommt, wo in der Zelle,
nachdem sie herangewachsen ist, der Kern allerlei Veränderungen zeigt, die
schließlich darauf hinausgehen, daß der Kern sich in zwei Teile teilt und
gleichzeitig der ganze Protoplasmaleib der Zelle sich in die Länge zu
strecken beginnt. Dann bekommt die Zelle eine Einschnürung in der Mitte,
gleichsam als ob der Protoplasmaleib mit einer Schlinge zusammengeschnürt
würde. Jederseits von der Einschnürung sehen wir eine der beiden
Kernhälften liegen -- und da hat jedermann schon den Eindruck, daß da zwei
Amöben aus der einen entstanden sind. Nur noch durch eine schmale
Verbindungsbrücke hängen sie miteinander zusammen. Schließlich reißt die
schmale Brücke ein und zwei kleine Amöben gehen jede ihren eigenen Weg
(Abb. 9). Alles in allem hat der Vorgang der Teilung wenige Minuten oder
auch Stunden und sogar Tage gedauert -- das ist bei den verschiedenen
Einzelligen nicht gleich. Aus der »Mutterzelle« sind zwei »Tochterzellen«
entstanden -- zwei jüngere Amöben, die ganz der Mutter gleichen, nur
kleiner sind als diese. Dann wachsen die Tochterzellen heran und jede von
ihnen teilt sich wiederum in zwei Teile, in zwei Tochteramöben. Und das
geht so fort -- ins Unendliche ...

    [Illustration: Abb. 9. Amöbe in Teilung. Im Protoplasmaleib
    der Amöbe sieht man den dunkleren Kern und das pulsierende
    Bläschen (Vakuole). Man sieht die Scheinfüßchen der Amöbe. 1,
    2, 3, 4, 5 und 6 verschiedene Stadien der Teilung. Erklärung
    siehe im Text. Nach F. E. Schultze.]

Wirklich ins Unendliche? Wir werden bald sehen, wie wichtig diese Frage für
uns ist.

Es ist zunächst nicht abzusehen, was schließlich der Teilung bei den
Einzelligen einen Riegel vorschieben sollte. Warum sollte plötzlich,
nachdem die Zelle sich fortlaufend vielmals geteilt, ein Moment eintreten,
wo sie sich nicht mehr teilen könnte? Aber doch schien es auf Grund
verschiedener Beobachtungen lange Zeit, daß die Teilungsfähigkeit der
Einzelligen nicht unbegrenzt sei, daß nach einer bestimmten Anzahl von
Teilungen die Teilungsfähigkeit der Einzelligen sich erschöpfte. Man hatte
gefunden, daß nach einer bestimmten Anzahl von Generationen die Einzelligen
aufhörten, sich zu teilen und zugrunde gingen, starben. Wir wollen von
allen diesen Dingen später sprechen, wenn wir der ganzen Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens zuhören werden. Hier interessiert uns aus dieser
Geschichte nur das eine oder das andere, was wir uns von einem fleißigen
Amerikaner erzählen lassen wollen, der in den letzten Jahren den kleinen
Pantoffeltierchen eine ganze Menge von ihrem Leben und Weben abgeguckt hat.

_Woodruff_, der besagte Amerikaner, hat nämlich mit aller Sicherheit
festgestellt, daß die Teilungsfähigkeit der Einzelligen wirklich unbegrenzt
ist. Woodruff fing sich aus einem Aquarium ein wildes Pantoffeltierchen
heraus. Das Pantoffeltierchen hielt er in einigen Tropfen Wasser, das er
zuvor mit Heu und Gras ausgekocht hatte. Das Pantoffeltierchen ist ja ein
»Aufgußtierchen«, ein Infusor, das sich in einem Heuaufguß zu Hause fühlt,
weil es in ihm all das an Nahrungsmitteln findet, was ihm sonst die freie
Natur in Sumpf und Tümpel zu bieten weiß. Die paar Tropfen Wasser kamen in
ein »Aquarium«, das nichts anderes war als eine Aushöhlung in einer
Glasplatte und einige Tropfen Wasser zu fassen vermochte. Woodruff war um
das Wohlergehen seines Pantoffeltierchens äußerst besorgt, und er ließ es
nicht in den paar Tropfen Aufgußwasser versauern. Nachdem nämlich das wilde
Pantoffeltierchen sich geteilt hatte (Abb. 10) -- das geschieht bei einem
Pantoffeltierchen ungefähr alle Tage einmal -- brachte Woodruff eines der
beiden Tochtertiere in frisch bereitetes Aquariumwasser. Sobald sich im
Laufe des nächsten Tages der erste Nachkomme des wilden Pantoffeltierchens
seinerseits auch geteilt hatte, wurde eines seiner beiden Tochtertiere
wiederum in frisch bereitetes Aquariumwasser verbracht usf. Jede Teilung
wurde notiert, und Woodruff konnte somit ganz genau wissen, zu welcher
Generation ein Pantoffeltierchen gehörte, das er in seinem tropfengroßen
Aquarium gerade vor sich hatte. So ein Zuchtversuch hat natürlich sehr
viele Mühe gemacht. Aber die Mühe wurde reichlich belohnt durch all das
viele, was das Pantoffeltierchen dabei von seinem Können gezeigt hat. Denn
Woodruff ist es gelungen, seinen Zuchtversuch bis zur 3029. Generation
fortzuführen! Fünf Jahre hat es gedauert, bis aus dem wilden
Pantoffeltierchen der Ururur ... 3029. Urenkel entstanden war, den Woodruff
als das Ergebnis seiner vielen Mühe schließlich der Wissenschaft
präsentieren konnte. Und, was wichtig ist, dieser Ururur-Enkel war genau so
frisch und gesund, wie sein wilder Ururur-Ahne.

    [Illustration: Abb. 10. Pantoffeltierchen in Teilung. +m+ Mund,
    +ps+ pulsierende Bläschen, +ma+ Großkern, +mi+ Kleinkern. Aus
    Stridde.]

Von dem wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn stammte in 3029. Generation
dieses Pantoffeltierchen ab. Aber dieser Sprößling eines so uralten
Pantoffeltierchen-Geschlechts, dessen Urahne als ein wilder Raubritter doch
wohl etwas zu bedeuten hatte, besaß keine ... Ahnengalerie, keine Galerie
der _Toten_ seines Geschlechts. Woher auch? Aus dem wilden
Pantoffeltierchen waren zwei Tochterzellen entstanden, aus jeder der beiden
Tochterzellen wiederum zwei, aus jeder der so entstandenen vier
Tochterzellen der zweiten Generation wiederum zwei Pantoffeltierchen, aus
jeder der acht Pantoffeltierchen der dritten Generation waren wieder zwei
Tochterzellen entstanden usf. bis zur 3029. Generation. Oder gar bis ins
Unendliche -- denn vielleicht präsentiert uns Woodruff nach einiger Zeit
die 5000. Generation des wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn. _Es hatte sich
das Pantoffeltierchen bis ins 3029. Geschlecht fortgepflanzt, ohne daß es
eine Leiche gegeben hatte, und wir dürfen mit gutem Recht annehmen, daß die
Einzelligen sich bis ins Unendliche fortpflanzen können, ohne daß eine
Leiche entsteht._

Die Leiche ist uns das Abbild des Todes. Und wenn bei den Einzelligen
normalerweise keine Leichen vorkommen, so ist damit gesagt, daß _es einen
natürlichen Tod bei den Einzelligen nicht gibt_. Was da bei den Einzelligen
stirbt, das ist das Opfer eines Unglücks, von dem ein Pantoffeltierchen
betroffen wird, das ist das Opfer ungünstiger Lebensumstände. Sind die
Umstände günstig, so gibt es einen Tod im Reiche der Einzelligen nicht.

Übrigens: _wer_ sollte normalerweise bei den Einzelligen sterben? Wer von
den beiden völlig gleichen Tochterzellen? Der Elter, die Mutter sollte
zuerst sterben -- nicht wahr? Aber wer könnte sagen, welche der beiden
Zellen Mutter und welche Tochter ist? »Stellen wir uns eine Amöbe mit
Selbstbewußtsein vor«, sagt der jetzt achtzigjährige Altmeister der
Zoologie _Weismann_, der als einer der ersten das große Problem des
natürlichen Todes wissenschaftlich behandelt hat, sehr launig, »so würde
sie bei ihrer Teilung denken: >ich schnüre eine Tochter von mir ab<, und
ich zweifle nicht, daß jede Hälfte die andere für die Tochter und sich
selbst für das ursprüngliche Individuum (für die Mutter) ansehen würde«.
Der Elter, die Mutterzelle, die neben den Tochterzellen vorhanden wäre,
müßte zunächst sterben: hier aber geht die ganze Mutterzelle in den
Tochterzellen auf ...

                 *       *       *       *       *

Da haben wir Lebewesen vor uns, die nicht unbedingt zu sterben brauchen.
Gehört somit der Tod nicht zum Leben?

Sofern wir unter Tod die Bildung einer Leiche verstehen, sind die
Einzelligen -- wenn ihnen die äußeren Umstände günstig sind -- unsterblich.
Denn im Verlauf des Entwicklungsganges dieser Zellen erfährt ihr
Stoffwechsel, wie die Versuche von Woodruff uns mit aller Sicherheit
gezeigt haben, unter günstigen äußeren Umständen niemals eine Störung, die
zur Entstehung einer Leiche, d. h. zum Untergang der Zelle führen müßte.
Und da jede einzelne Zelle schon all das darbietet, was Leben ist, da die
Zelle die allgemeine Form der lebendigen Substanz ist, so dürfen wir jetzt
sagen, daß _der Tod in dem oben gefaßten Sinne der Leichenbildung nicht
unbedingt zum Leben gehört. Der Tod aus Altersschwäche, wie er bei Mensch
und Tier vorkommt, ist nur ein Spezialfall: die lebendige Substanz
schlechtweg ist unsterblich._

Aber man muß sich hüten, diese Schlußfolgerung zu mißdeuten, wenn man nicht
in arge Widersprüche hineingeraten will. Faßt man nämlich die
Unsterblichkeit der lebendigen Substanz in einem weitern Sinne auf, im
Sinne einer _unveränderten_ Fortexistenz der Zelle -- und das ist ja die
geläufige Auffassung der »Unsterblichkeit« --, so kommt man in Widerspruch
mit allen unsern wissenschaftlichen Vorstellungen vom _Leben_. Leben ist
_Veränderung_, und lebendige Substanz kann nicht sein ohne Veränderung.
Alles Leben beruht auf dem Stoffwechsel der Zelle, auf bestimmten
chemischen Wandlungen, auf Zerfall und Wiederaufbau der lebendigen
Substanz: ein _unverändertes_ Sein der Zelle ist ein _Unding_. Leben ohne
Veränderung ist ein Widerspruch in sich selbst: denn Leben ohne Veränderung
würde Stillstand des Lebens bedeuten. Ja, man kann so weit gehen und auch
den Zerfall der lebendigen Substanz, wie er normalerweise _andauernd_ im
Stoffwechsel vor sich geht, als ein »Sterben« auffassen und man kann dann
mit Verworn sagen, daß ohne Sterben kein Leben vorhanden ist, daß alles
Leben ein Sterben ist, »+une destruction organique+«, eine organische
Zerstörung, wie der große Meister der Biologie _Claude Bernard_ einst
gesagt hat.

Die beiden Tochterzellen eines Pantoffeltierchens bestehen in Wahrheit gar
nicht aus derselben lebendigen Substanz, aus der ihre Mutterzelle aufgebaut
war, als sie als Tochterzelle einst ihr selbständiges Dasein begonnen
hatte. Denn im Verlaufe ihres individuellen Lebens -- von dem Augenblick
ab, in dem sie sich als Tochterzelle abgeschnürt hatte, bis zu dem
Augenblick, wo sie sich selbst wieder in zwei Tochterzellen aufgeteilt
hat --, haben andauernd Veränderungen in ihrer lebendigen Substanz
stattgefunden und kein Teilchen der Zelle war davon verschont geblieben.
_So existiert die lebendige Substanz der Mutterzelle nicht unverändert in
den Tochterzellen fort und es gibt keine Unsterblichkeit im Sinne einer
unveränderten Fortdauer der lebendigen Substanz._

Um den Mißdeutungen aus dem Wege zu gehen, die mit der Tatsache verknüpft
werden können, daß die Einzelligen unsterblich sind, müssen wir also
streng festhalten, was wir unter Unsterblichkeit verstehen. Unsterblichkeit
bedeutet für uns nur, daß im normalen Entwicklungsgang einer Zelle keine
Leiche entsteht. Die lebendige Substanz ist unsterblich nur soweit, als man
unter Tod die Bildung einer Leiche versteht, einer Zelle, deren
Stoffwechsel unwiderruflich erloschen ist.



5. Der sterbende Zellenstaat.


Eine Leiche war uns eine Zelle, deren Stoffwechsel unwiderruflich erloschen
ist. Solange nur von _einzelligen_ Lebewesen die Rede war, haben wir uns
gut an diese Vorstellung einer Leiche halten können. Wenn wir nun aber auf
den Tod der _vielzelligen_ Lebewesen zu sprechen kommen -- wie entsteht
hier die Leiche?

Das vielzellige Tier ist ein Zellenstaat, und in diesem Zellenstaat gehen
stets wieder und wieder Zellen zugrunde, die zum Teil vom Körper
abgestoßen, abgeworfen werden. In allen Klassen des Tier- und
Pflanzenreiches ist das der Fall. Die obersten Schichten unserer Haut z. B.
sind abgestorbene verhornte Zellen, die mit der Zeit von unserer Haut
losgelöst und abgestoßen werden, während an ihre Stelle von unten her
jüngere Zellen vorrücken, und das Schicksal dieser Jungen ist ebenso
besiegelt wie das ihrer Vorgänger (Abb. 11 u. 12). Auch unsere Haare und
unsere Nägel sind zum großen Teil tote Zellen der Haut. Ebenso die Federn
der Vögel. Und wenn die Vögel mausern, so werfen sie schon recht
beträchtliche Mengen von toter Zellsubstanz ab, sie werfen Zelleichen ab.
So tun es auch zahlreiche Gliederfüßler bei der Häutung. Dieses Sterben
einzelner Zellen im Zellverband beginnt schon sehr frühzeitig, indem z. B.
schon die Haut des Tieres im Mutterleibe eine Hornschicht und ein Haarkleid
besitzt. Und schon im Mutterleibe werden abgestorbene Zellen der
Hornschicht und der Haare abgestoßen. Auch von den Schleimhäuten des Mundes
und des Darmes werden andauernd Zellen, und sogar intakte Zellen, aus dem
Zellverbande gelockert, um dann dem Tode zu verfallen. Unsere roten
Blutkörperchen, die roten Blutzellen, die im Laufe ihrer Entwicklung den
Zellkern einbüßen und als kernlose Scheiben willenlos vom Blutstrom
getragen werden, leben bloß vierzehn Tage, um dann zu zerfallen und als
»altes Eisen« -- hier im buchstäblichen Sinne des Wortes -- im Haushalt des
Zellenstaates Verwendung zu finden. Rote Blutkörperchen, die um vierzehn
Tage jünger sind, treten aus dem Knochenmarke, das die Bildungsstätte der
roten Blutzellen in unserem Körper ist, an die Stelle ihrer toten
Vorgänger. Auch in den Drüsen gehen ständig Zellen zugrunde. Die
Geschlechtsdrüsen des Männchens geben periodisch Millionen von
lebensfrischen Zellen ab, die winzig kleinen Samenzellen, die alle dem
Untergange, dem Tode geweiht sind. Nur einigen wenigen dieser Millionen und
Abermillionen von Zellen ist es beschieden, am Leben zu bleiben und in den
Kindern fortzuleben. Auch beim Weibe findet periodisch eine Abstoßung von
lebendigen Zellen statt, die dem Tode verfallen. Und bei den höheren Tieren
ist die Geburt des Kindes damit verknüpft, daß ein Teil des mütterlichen
Organismus, der Mutterkuchen, sich vom Körper loslöst und mit all seinen
Zellen stirbt.

    [Illustration: Abb. 11. Senkrechter Schnitt durch die Haut.
    Oben die Hornhaut (+O+), unten die Lederhaut aus Bindegewebe.
    In der Lederhaut und der Hornhaut der Ausführungsgang einer
    Schweißdrüse (+S+) und Blutgefäße (+B+). +P+ die in die Oberhaut
    hineinragenden Papillen der Lederhaut. +Z+ die Schicht der
    Zellen, die später verhornen und die Hornschicht bilden. Die
    einzelnen Zellen sind bei schwacher Vergrößerung nicht
    sichtbar. +DS+ Übergangsschicht zwischen der Bildungsschicht
    der verhornenden Zellen und der eigentlichen Hornhaut.
    Schwach vergrößert. Nach Sigmund.]

    [Illustration: Abb. 12. Ein Schnitt durch die Haut, stärker
    vergrößert. Man sieht in der Bildungsschicht der später
    verhornenden Zellen die einzelnen Zellen liegen, die sich
    später bis zur Unkenntlichkeit (in der Hornschicht)
    verändern. Bezeichnungen wie in Abb. 11. Nach Stöhr.]

Wie bei den Tieren, so ist es auch bei den Pflanzen. Im Pflanzenkörper
stirbt immer wieder und wieder ein Teil der Zellen, um als
Bildungsmaterial für den Aufbau der vielzelligen Pflanze zu dienen. Da sind
die verholzten Zellen, aus denen die vielgestaltigen Elemente der Leitung
in der Pflanze aufgebaut sind, wo von den Zellen schließlich nur verholzte
Wände zurückgeblieben sind, und auch diese durchlöchert und durchbrochen.
Das Protoplasma dieser Zellen ist ganz geschwunden. Da sind die toten
Zellen der Rinde, der Oberhaut der Blätter. Millionen von Zellen des
Pflanzenkörpers gehen ferner während des Laubfalls zugrunde, und ihre
vielen, vielen Leichen bestimmen das Bild unserer herbstlichen Landschaft.
Millionen lebendiger Zellen der Pflanze werden der Liebe geopfert, wenn der
Pollen der Blüte vom Winde erfaßt und in die Weite getragen wird -- nur
einige wenige Pollenkörner der, ach, so vielen gelangen auf die Narbe der
weiblichen Blüte. Und auch die lebensfrischen und duftsprühenden Zellen der
bunten Blütenpracht verfallen dem Tod.

Das Gespenst des Todes geht in uns und um uns ...

Die toten Zellen der vielzelligen Pflanzen und Tiere -- sie sind jede für
sich eine Leiche, sie sind Zelleichen. Aber es wird doch niemandem
einfallen zu behaupten, ein vielzelliger Organismus sei gestorben, weil ein
Teil der Zellen, aus denen er besteht, abgestorben ist. Das wäre eine ganz
unsinnige Behauptung. Denn diese toten Zellen gehören ja zum Teil mit zum
Zellenstaat von Pflanze und Tier, ohne diese toten Zellen können Pflanze
und Tier nicht leben. Die einzelnen Zelleichen schlechtweg machen also den
Zellenstaat noch nicht zu einer Leiche. Aber doch, wie wir gleich sehen
werden, es ist der Tod der _Zellen_, was den Zellenstaat zur Leiche macht.

Wenn der vielzellige Organismus aufhört zu leben, so wird sein Stoffwechsel
stillgestanden sein. Nun ist das Leben des vielzelligen Organismus nichts
anderes als das Leben, das Zusammenleben der Zellen, aus denen er aufgebaut
ist. Der Stoffwechsel des vielzelligen Organismus beruht auf dem
Stoffwechsel seiner Zellen. Und da ist es uns klar, daß _Zellen_ gestorben
sein müssen, wenn einmal der Zellenstaat zu leben aufhört. Aber wir wissen
ja schon, daß nicht der Tod einer jeden Zellgruppe im Zellenstaat diesen
zur Leiche macht. _Bestimmte Zellgruppen_ vielmehr müssen gestorben sein,
wenn der große Zellenstaat zu einer Leiche werden soll. Ja, noch mehr:
schon wenn bestimmte Zellen im Zellenstaat nicht mehr so recht auf ihrem
Posten sind, ohne tot zu sein, auch dann schon kann der Zellenstaat
zugrunde gehen. Das muß aber noch näher erklärt werden.

Wir verstehen es wohl, daß dem Leben eines vielzelligen Tieres noch kein
Ziel gesetzt ist, wenn das Tier z. B. Arme und Beine eingebüßt hat. Aber
stellen wir uns vor, wir haben einem Versuchstier, z. B. einem Frosch, das
Herz herausgeschnitten. Innerhalb eines kürzeren oder längeren Zeitraumes
wird unser Versuchstier sterben. Die Zellen seines Gehirnes, seiner
Muskeln, seiner Leber usw. werden nach Entfernung des Herzens keinen
Sauerstoff mehr bekommen und sie werden ersticken. Ihr Stoffwechsel wird
erlöschen, die Zellen werden Leichen sein. Und schließlich wird ein
Zeitpunkt kommen, wo sämtliche Zellen des Zellenstaates, der der Frosch
ist, tot sein werden. Wir sagen, jetzt ist das Versuchstier tot, jetzt ist
es eine Leiche. Oder wir haben einem Versuchstier, z. B. einem Kaninchen,
beide Nieren herausgeschnitten. Die Schlacken, die Abfallsprodukte des
Stoffwechsels werden nun nicht aus dem Körper herausgeschafft werden
können, sie werden sich in dem Blute und in den Zellen des Tieres anhäufen:
und die Zellen werden sterben -- die einen früher, die andern später, bis
schließlich alle Zellen des Zellenstaates tot sein werden. Oder in
Krankheiten, wo bestimmte Zellen und Organe in ihrer Tätigkeit erlahmen,
z. B. bei Erkrankungen des Herzens. Das Herz tut seine Arbeit nicht mehr
wie sonst, weil die Herzmuskelzellen erkrankt und geschwächt sind. Die
Zellen des ganzen Zellenstaates werden dabei in Mitleidenschaft gezogen,
sie bekommen zu wenig Nährstoffe, vor allem zu wenig Sauerstoff, und die
Stoffwechselprodukte werden aus den Zellen nicht gründlich genug
herausgewaschen. Schließlich hört die geregelte Arbeit des Herzens ganz
auf, und es beginnt ein schnelles Sterben aller Zellen des Zellenstaates.
Oder die Nieren sind erkrankt, sie tun ihre Arbeit nicht mehr so recht,
ohne daß die tätigen Drüsenzellen der Niere ganz ihre Arbeit eingestellt
hätten, ohne daß sie tot wären. Und alle Zellen des Körpers werden unter
der schlechten Arbeit der Nierenzellen zu leiden haben, und es wird die
Stunde kommen, wo die Zellen des Herzens oder die Zellen des Gehirnes
versagen werden. Sie werden sterben -- und es beginnt das große Sterben der
Zellen im Zellenstaat.

Genau so ist es bei der Pflanze. Büßt die Pflanze ihre Wurzeln ein, so
werden nach kürzerer oder längerer Zeit alle lebendigen Zellen des
pflanzlichen Zellenstaates sterben. Die Pflanze wird tot sein. Oder wir
schneiden mit Hilfe eines scharfen Instruments aus dem Stamm einer Pflanze
dicht oberhalb der Wurzel ein auch nur ganz kleines Stück des Holzteiles
heraus: nun wird die Zuleitung der Nährstoffe zu den Zellen der Pflanze ins
Stocken geraten -- genau so, wie wenn wir einem Versuchstier das Herz
herausgeschnitten haben. Die Zellen der Pflanze werden abzusterben
beginnen, bis schließlich alle Zellen des großen Zellenstaates der Pflanze
tot sein werden. Jetzt wird die Pflanze eine Leiche sein.

_Alles in allem: der vielzellige Organismus stirbt, wenn bestimmte Zellen
im Zellenstaat in ihrer gewohnten Tätigkeit versagen und damit den normalen
Ablauf des Stoffwechsels in allen anderen Zellen des Zellenstaates stören._
Aber nicht alle Zellen des Zellenstaates sterben zu gleicher Zeit. Wie der
Tod über das sterbende kernlose Teilstück einer Zelle »hinkriecht«, um mit
Verworn zu sprechen, so kriecht er auch über die einzelnen Zellen des
Zellenstaates ganz allmählich hin. Gleichgültig, was den Tod des
vielzelligen Organismus unmittelbar bedingt hat: _stets sterben die einen
Zellen früher, die andern später, bis schließlich der ganze Zellenstaat
eine Leiche ist_ ...

Und wenn wir wissen wollen, _warum_ wir sterben? Warum wir alt werden und
schließlich eine Leiche sind? Welch einen Weg müssen wir gehen, wenn wir
hier Antwort haben wollen?

_Wir müssen vor allen Dingen die Veränderungen studieren, die die Zellen
des vielzelligen Organismus im Laufe des Lebens erfahren, im Laufe des
Lebens, das sich zum Tode entwickelt._



6. Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat.


Wir haben der Wilden gedacht, die es gar nicht begreifen wollen, daß jeder
Mensch sterben müsse. Der Naturmensch betrachtet den Tod als ein Unglück,
bei dem unbedingt ein böser Geist im Spiele war: dem bösen Geist waren
nicht all die Artigkeiten erwiesen, die man den feindseligen Geistern schon
schuldet, wenn man ungeschoren bleiben und sich nicht allerlei peinlichen
Zufällen aussetzen will. Wenn jemand stirbt, dann hat stets ein
feindseliger Geist sein schändliches Handwerk getan.

Sieht man sich die modernen Statistiken an, die uns über das Sterben der
Menschen berichten, so möchte man beinahe dem Naturmenschen darin Recht
geben, daß es einen »natürlichen« Tod, einen Tod aus Altersschwäche gar
nicht gibt, und daß es beim Sterben der Menschen stets mit »unrechten
Dingen«, wo Geister im Spiele sind, zugeht. In Deutschland sterben jährlich
über eine Million Menschen, und von diesen sterben an Altersschwäche nur
über hunderttausend, nicht mehr als z. B. allein an Tuberkulose sterben.
Und dann kommt noch hinzu, daß von den hunderttausend Menschen, die über
sechzig Jahre alt geworden und angeblich an Altersschwäche verstorben sind,
in Wirklichkeit nur die wenigsten an Altersschwäche zugrunde gegangen sind.
Daß einer wirklich an Altersschwäche und nicht an einer Krankheit gestorben
ist, die seinen gealterten, widerstandslosen Körper befallen hat, darüber
kann man ja mit Sicherheit nur dann etwas aussagen, wenn man die Organe des
Verstorbenen einer sehr eingehenden mikroskopischen Untersuchung
unterworfen hat. Das geschieht nur in den seltensten Fällen, dann, wenn der
Greis in einer öffentlichen Krankenanstalt gestorben ist, und auch dann
nicht immer. Bei der mikroskopischen Untersuchung der Organe des
verstorbenen Greises wird sich herausstellen, ob der anscheinend an
Altersschwäche Verstorbene nicht doch krankhafte Veränderungen in seinen
Organen und Zellen hat. Wo diese fachmännische Untersuchung der Leiche
nicht vorgenommen worden ist, läßt es sich niemals ausschließen, daß es
sich um einen Tod aus Krankheit gehandelt hat. Dieser Verdacht ist um so
eher gerechtfertigt, als gerade im hohen Alter die Menschen sehr häufig
leichtern Krankheiten erliegen, die ein Jüngerer ohne weiteres überstanden
hätte, ohne auch nur den Eindruck eines Schwerkranken auf seine Umgebung
gemacht zu haben. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß ziemlich ein Drittel
aller Verstorbenen überhaupt nicht vor dem Tode ärztlich behandelt wird.
Und der Arzt, der in solchen Fällen die Todesursache zu beglaubigen hat,
wird bei einem über sechzig Jahre alten Menschen natürlich nichts anderes
als Todesursache angeben können, als Altersschwäche, -- was ja insofern
auch richtig ist, als die Altersschwäche jedenfalls an dem Tode des alten
Menschen mit schuld war. Aber eine wissenschaftlich genaue Aussage darüber,
daß der alte Mensch wirklich aus Altersschwäche und nicht an einer
Krankheit gestorben ist, ist die Beglaubigung des Arztes nicht. Wie schon
erwähnt, nur die eingehende Leichenschau mit Hilfe von Messer und Mikroskop
erlaubt uns eine Aussage darüber, ob jemand an Altersschwäche und nicht an
Krankheit gestorben ist.

So werden wir es verstehen, daß der berühmte Arzt _Nothnagel_ zur
Überzeugung gelangen konnte, »daß fast alle Menschen durch äußere Gewalt
oder Krankheit dahingerafft werden ... und daß die allerwenigsten Menschen
eines natürlichen Todes sterben, vielleicht kaum einer unter
Hunderttausend.«

Und nun das »andererseits«.

Untersucht man die Organe von alten Leuten, gleichgültig, ob sie aus
Altersschwäche oder an irgendeiner Krankheit gestorben sind, so findet man
in ihnen stets Veränderungen ganz charakteristischer Art. Von diesen
Veränderungen werden wir weiter unten noch erzählen. Es ist klar, daß
Veränderungen, die man bei _allen_ alten Leuten antrifft, als
Altersveränderungen aufgefaßt werden müssen. Und der Arzt kann in der Regel
sagen, daß wenn ein Greis auch nicht an Altersschwäche gestorben ist, doch
die allen Greisen gemeinsamen Altersveränderungen den Boden abgegeben haben
für die Entwicklung und für die schlimme Wendung der Krankheit, die ein
Jüngerer wohl überwunden hätte. _Daß heute so wenig Menschen aus
Altersschwäche sterben, liegt nicht daran, daß es einen Tod aus
Altersschwäche nicht gibt, sondern lediglich daran, daß der gealterte
Organismus sehr leicht verschiedenen Krankheiten erliegt, die für jüngere
Leute nicht tödlich sind. Der Greis, der an irgendeiner Krankheit stirbt,
stirbt gleichzeitig immer auch aus Altersschwäche._

                 *       *       *       *       *

Jetzt wollen wir davon erzählen, wie sich die alternden Zellen im
Zellenstaat verändern.

Ein gebücktes Mütterchen ist uns das Abbild des Alters. Ein gerunzeltes,
zahnloses Mütterchen. Das Fettgewebe, das die Haut einst prall erhalten,
ist geschwunden, und in Falten legt sich die Haut. Die bindegewebigen
Bänder, die die Knochen der Wirbelsäule fest aneinander gebunden hatten,
haben ihre Elastizität eingebüßt wie ein viel gebrauchtes Gummiband. Und
die Wirbelsäule gibt dem Druck des Oberkörpers nach, der Oberkörper sinkt
nach vorne. (Abb. 13). In den Kiefern schwindet der Teil, in dem einmal die
Zähne gesessen, und die Zähne fallen aus (Abb. 14 u. 15).

    [Illustration: Abb. 13. Krümmung der Wirbelsäule im Alter. +A+
    Wirbelsäule einer Frau von 35 Jahren. +B+ eines Mannes von 83
    Jahren. Aus Ewald.]

    [Illustration: Abb. 14. Unterkiefer eines erwachsenen
    Menschen. Nach Toldt.]

    [Illustration: Abb. 15. Unterkiefer eines alten Menschen.
    Nach Ribbert.]

Denken und Handeln des alternden Menschen haben sich auch verändert. Man
denkt und handelt langsamer, träger. Man humpelt, wenn das Alter gekommen,
auch im Denken, genau so wie man mühsam mit Krücken sich fortbewegt, über
Pflaster und Stiege geht.

Sehen wir uns die inneren Organe eines alten Menschen an, so finden wir,
daß sie _kleiner_ sind als bei einem jüngeren Menschen. Man kann direkt von
einem _Schwund_ der Organe im Alter sprechen. Wir haben schon des äußerlich
sichtbaren Schwundes vom Unterkiefer gedacht. Auch die Knochen sonst
erleiden einen richtigen Schwund, die Schädelknochen (Abb. 16) und alle
andern auch. Die Knochen werden dünner, und die Verdünnung der Knochen geht
so weit, daß sie brüchig werden. Jedermann weiß, daß alte Leute leicht
Knochenbrüche erleiden, namentlich an bestimmten Knochen, z. B. am
Schenkelhals. Und wie die Knochen, so erfahren auch alle andern Organe im
Alter einen Schwund: die Leber, die um die Hälfte verkleinert sein kann,
die Nieren, das Herz usw. _Besonders auffallend aber ist der Schwund, den
das Gehirn bei alten Leuten erfährt._ Die Windungen des Gehirnes, die aus
Nervenzellen bestehen, sind schmäler geworden, weit klaffen die Furchen
zwischen den Windungen. Aber nicht nur kleiner, auch härter sind die Organe
im Alter geworden. Derb und zähe fühlt sie der Arzt in der Hand, wenn er
die Leichenschau übt.

    [Illustration: Abb. 16. Schädeldach eines alten Menschen.
    Rechts und links an den Scheitelknochen sieht man sehr
    deutlich den _Knochenschwund_: es sind hier flache Gruben im
    Knochen entstanden. Nach Ziegler.]

Da haben wir eine ganze Menge darüber erfahren, wie die Organe im Alter
verändert werden. Aber all das können wir erst verstehen, wenn wir das
Mikroskop zu Hilfe nehmen, die Organe alter Leute mikroskopisch
untersuchen. Sehen wir uns z. B. ein Stückchen Niere von einem Menschen an,
der aus Altersschwäche gestorben ist (Abb. 17). Da sind an einer Stelle
noch gut erhaltene Nierenzellen zu sehen, die ein Nierenkanälchen bilden,
wie es sich für eine normale Niere nicht besser gehörte. Aber wir finden
auch Nierenkanälchen, die ganz zusammengefallen sind, wo sogar die Lichtung
der Kanälchen geschwunden ist. Die Zellen dieser Kanälchen sind
verkleinert, »atrophisch«, wie man sagt. Diese Zellen haben einen
Altersschwund erfahren. Genau so ist es mit den Zellen der Leber, der
Drüsen, des Gehirnes und der Organe sonst. Weil die _Zellen_ der Organe
klein, atrophisch geworden sind, sind eben bei dem alten Menschen die
Organe kleiner als in jüngeren Jahren. _Es findet also im Alter eine
Atrophie der Zellen statt, ein Schwund der lebendigen Zellsubstanz. Der
Schwund der lebendigen Substanz der Zellen kennzeichnet alle Organe des
gealterten Körpers._

    [Illustration: Abb. 17. Horizontalschnitte durch
    Nierenkanälchen aus der Niere eines alten Menschen. +a+ mit
    noch gut erhaltenen Zellen; man sieht hier deutlich die
    Lichtung des Nierenkanälchens. +b+ und +c+ mit atrophischen
    Zellen: die Kanälchen sind zusammengefallen, eine Lichtung
    ist nicht mehr vorhanden. Stark vergrößert. Nach Ziegler.
    Etwas schematisiert.]

Auch härter und derber, haben wir gesagt, werden die Organe im Alter. Schon
äußerlich kann man das an dem harten Puls eines alten Menschen beobachten.
Was hat das zu bedeuten? Die mikroskopische Untersuchung der Organe von
alten Menschen zeigt uns, daß sich in ihnen sehr reichliche Mengen von
Bindegewebe finden. Das Bindegewebe ist natürlich auch in lebensfrischen
Organen, in Nieren, Leber usw. stets vorhanden. Es bildet gewissermaßen die
weichen Daunen, in denen die Zellen der Organe gebettet liegen. Das
Bindegewebe nun kommt im Alter zu üppiger Entwicklung. Das wäre noch nicht
so schlimm. Aber das Bindegewebe wird im Alter sehr hart, faserig und es
ist nicht mehr so elastisch wie früher einmal. Sehr auffällig ist die
Verhärtung des Bindegewebes, das die Blutröhren umhüllt, und das, was wir
als harten Puls bei allen Leuten fühlen, das ist das verhärtete Bindegewebe
um die Blutröhren herum. Und wie die Zellen der Niere, der Leber, des
Gehirns und aller andern Organe im Alter nicht mehr so recht ihre gewohnte
Arbeit tun können, weil sie einen Altersschwund erfahren haben, so auch das
Bindegewebe. Es versagt im Dienst: es ist den Zellen und Organen nicht mehr
das weiche und elastische Bett und gibt ihnen nicht mehr wie ehedem ihren
Halt. Wir sehen das namentlich an der Krümmung der Wirbelsäule im Alter.
Verhängnisvoll ist dieses Versagen des Bindegewebes bei den Blutgefäßen.
Die Verteilung des Blutes im Körper kann nämlich nur dann regelrecht
vonstatten gehen, wenn die Blutröhren gut elastisch sind. Die elastischen
Röhren gehören mit zum Pumpapparat des Blutkreislaufes, sie arbeiten bei
der Verteilung des Blutes im Körper dem Herzen in die Hand. Ein Pumpwerk
nämlich, das eine Flüssigkeit durch _starre_ Röhren treibt, gibt einen
unterbrochenen Strom, einen Strom in einzelnen Stößen. Dagegen treibt
dasselbe Pumpwerk die Flüssigkeit durch _elastische_ Röhren nicht in
Stößen, sondern fortlaufend, ununterbrochen. Die elastischen Blutröhren
haben somit einen sehr wichtigen Anteil bei der Verteilung des Blutes im
Körper: sie sorgen dafür, daß das Blut _dauernd_ zu Organen und Zellen
fließt. Wären sie starr, so käme das Blut an die Zellen nur in einzelnen
Stößen heran, alle Sekunde, mit jedem Herzschlag einmal. Nun haben aber im
Alter die Blutröhren an Elastizität eingebüßt, wenn das Bindegewebe, in dem
sie gebettet sind, härter geworden ist. Die Zufuhr des Blutes zu den Zellen
im Körper wird beeinträchtigt. Der Stoffwechsel der Zellen wird geschädigt.
Und es kommt noch hinzu, daß die Blutpumpe selber, die Zellen des Herzens,
einen Altersschwund erfahren. Auch das Herz wird im Alter kleiner und kann
dann nicht mehr so kräftige Arbeit leisten wie in jungen Tagen. All das
trägt dazu bei, daß die Atrophie der lebendigen Substanz aller Zellen im
Körper noch beschleunigt wird.

Der Altersschwund der Zellen im Zellenstaat bedeutet, daß nunmehr weniger
lebendige Substanz im Organismus enthalten ist -- die Zellen sind kleiner
geworden und es wird jetzt im Körper weniger lebendige Substanz im
Stoffwechsel verbrannt. Das ist uns selbstverständlich: im alternden
Organismus brennt das Feuer des Lebens -- ganz wörtlich zu verstehen --
nicht mehr wie einst im Mai, es brennt nicht mehr in lodernder Glut wie
früher, wie in der Jugend des Menschen. Man hat gefunden, daß der
Stoffwechsel bei Greisen und Greisinnen eine Abnahme erfährt. So sind die
Verbrennungsvorgänge bei Leuten im Alter von etwa 68 bis 86 Jahren um rund
20% geringer als bei Leuten, die im mittleren Lebensalter stehen.

Alles in allem: _es ist das Altenteil der Zellen im Zellenstaat, daß sie
atrophisch werden, daß sie einen Altersschwund erfahren, wobei der
Stoffwechsel der Zellen eine bedeutende Abnahme erfährt_.



7. Wie wir sterben.


Nun wissen wir, was das Altenteil der Zellen im Zellenstaat ist.

Aber was gewinnen wir für das Verständnis des natürlichen Todes, das wir
suchen, wenn wir nun wissen, daß die Zellen im Zellenstaat einen
Altersschwund erfahren? Wir waren im fünften Kapitel dahin gelangt, daß der
vielzellige Organismus stirbt, _wenn bestimmte Zellen, die für den normalen
Ablauf des Stoffwechsels im Zellenstaat von Bedeutung sind, in ihrer
Tätigkeit versagen_. Weisen uns nun die Veränderungen der Zellen im
alternden Zellenstaat, die wir festgestellt haben, darauf hin, welche
Zellen im Körper am ehesten versagen und das Sterben des Zellenstaates
einleiten? Nein. Wir haben bloß gesehen, daß _sämtliche_ Zellen des
Zellenstaates einen Altersschwund erleiden. Wir wollen aber doch wissen,
warum mehr oder weniger plötzlich der Zeitpunkt kommt, wo ein schnelles
Hinsterben aller Zellen des Zellenstaates beginnt. Darüber sagt uns das,
was wir über den Altersschwund der Zellen im Zellenstaat und über die
Abnahme ihres Stoffwechsels erfahren haben, noch nichts aus. Wollen wir
hier Aufschluß gewinnen, so müssen wir einen anderen Weg einschlagen. Wir
dürfen uns dann nicht darauf beschränken, bloß die Organe von Leuten, die
an Altersschwäche verstorben sind, zu untersuchen. Wir müssen hier zusehen,
_wie man stirbt_.

Um uns das Suchen zu erleichtern, wollen wir zunächst zusehen, wie man an
einer _Krankheit_ stirbt, wie der Tod durch Krankheit zustandekommt.

Wer wollte sich aber im freudigen Jubel des Lebens in die Zahlen versenken,
welche statistische Ämter und Krankenhäuser ermittelt haben und aus denen
herauszulesen ist, woran und wie die Menschen sterben! Und mancher von
denen, die diese Zeilen zu Gesicht bekommen, nimmt's mir gar übel, daß ich
nun dran gehen will, all die trüben Bilder des Todes hervorzuzaubern. Es
mag ja dahingehen, daß man vom Sterben eines Pantoffeltierchens spricht und
wohl auch vom Tode des Menschen aus Altersschwäche. Aber vom Tod aus
Krankheit, vom Tode, der uns der kalte Schrecken ist! Und da möchte ich
_Nothnagel_ zu Worte kommen lassen, der kurz vor seinem eigenen Tode in
einem Vortrag eine lichtvolle Darstellung vom Sterben gegeben hat: »Es ist
ein Wagnis, wenn ich es unternehme, nicht, wie sonst üblich, holde Gebilde
der Kunst und Dichtung oder ergreifende Darstellungen aus dem Menschenleben
und der Geschichte oder hoheitgeschmückte lichte Fragen der Wissenschaft,
sondern ein so nachtgeborenes Problem, wie das Sterben ist, vor Ihr
geistiges Auge zu führen. Den Mut dazu gibt mir die Erwägung, daß der
elementaren Gewalt dieses Problems kein Denkender sich entziehen kann.
Handelt es sich doch um eine unentrinnbare Frage, die jeden, ohne Ausnahme,
persönlichst angeht. Wir mögen sie gleichgültig oder leichtsinnig, mutig
oder ergeben, angstvoll oder gar freudig, mit der Ruhe des Philosophen oder
der Wißbegierde des Forschers aufnehmen, aber erinnert werden wir auf
diesem oder auf jenem Wege doch irgend einmal an sie. Dem ernsten Menschen
aber geziemt es, einem Vorgange, der alles Lebendige der Vernichtung
zuführt, eine eindringliche und vertiefte Aufmerksamkeit zuzuwenden.«

Und so nehmen wir uns denn den Mut, auch über den Tod durch Krankheit zu
sprechen ...

Wenn wir uns die Todesstatistiken ansehen, so finden wir in ihnen sehr
zahlreiche »Todesursachen« verzeichnet. Das offizielle Verzeichnis der
Todesursachen, das die obersten Medizinalbehörden in den einzelnen
deutschen Bundesstaaten den Ärzten zur Anwendung empfohlen haben, enthält
über 175 verschiedene Nummern. Und schon das »kurze Verzeichnis«, das das
kaiserliche Gesundheitsamt für die Todesstatistik benutzt, zählt 23
Todesursachen auf. Da sterben die Menschen an Infektionskrankheiten, wie
Tuberkulose, Typhus, Scharlach, Diphtherie, Masern, Rose, Lungenentzündung
und Influenza, an Pocken, Ruhr, Genickstarre, an Keuchhusten usw. Die
andern erliegen Verdauungskrankheiten, Krankheiten des Herzens, der Lungen,
der Nieren, der Leber, des Nervensystems. Und andere wieder sterben an
Krebs, fallen als Opfer auf dem Schlachtfeld der Arbeit in Fabrik oder
Bergwerk, werden das Opfer eines Unfalls, eines Mordes, sterben an Gift.
Und was der Schrecken noch mehr!

So ergibt sich zunächst eine ganz außerordentliche Mannigfaltigkeit von
»Todesursachen«. Bei näherem Zusehen erweist es sich jedoch, daß das
Sterben der Menschen viel einheitlicher gestaltet ist. Nehmen wir z. B. den
Fall, daß ein Mensch an Lungenentzündung gestorben ist. Auf den ersten
Blick scheint kein Zweifel vorhanden, daß eine Erkrankung der Lungen den
Tod unseres Patienten verschuldet hat. Die erkrankten Lungen können die
Atmung nicht mehr so gut besorgen. Die Zellen des Körpers bekommen nun
nicht genug Sauerstoff zugeführt, und die Kohlensäure wird aus ihnen nicht
prompt genug herausgeschwemmt. Vor allem wird das die Nervenzellen treffen,
die gegenüber Sauerstoffmangel außerordentlich empfindlich sind. Die Sinne
des Kranken umnebeln sich, und schließlich wird unser Patient bewußtlos.
Aber noch steht die Atmung nicht ganz still und das Herz tut noch seine
Arbeit. Doch auch das Herz beginnt schließlich zu erlahmen. Denn die
Herzmuskelzellen können nur dann tüchtig Arbeit leisten, wenn sie genug
Sauerstoff mit dem Blute zugeführt bekommen und wenn sie nicht mit
Stoffwechselprodukten überladen bleiben. Normalerweise bringen besondere
Blutgefäße den Herzmuskelzellen das allerfrischeste Blut im Körper. Nun, wo
die Atmung mangelhaft geworden ist, wo die Lungen nicht mehr genug
Sauerstoff ins Blut hineinbringen, wird natürlich auch die Sauerstoffzufuhr
zu den Herzmuskelzellen mangelhaft -- die Schlagfolge des Herzens beginnt
unregelmäßig zu werden und schließlich steht das Herz still, obgleich die
Atmung unseres Patienten noch nicht ganz aufgehört hatte. Für das Herz aber
war die mangelhafte Sauerstoffzufuhr so ungenügend, daß es seine Arbeit
nicht mehr tun konnte. Unser Patient ist tot. Wir sagen, er sei an
Lungenentzündung gestorben. Das ist insofern richtig, als die
Lungenentzündung ihn krank gemacht hatte. Aber von allen Organen hat doch
das _Herz_ zuerst versagt, und der Stillstand des _Herzens_ hat das Sterben
der Zellen im Zellenstaat eingeleitet.

Ein anderes Beispiel. Ein Kind ist an Diphtherie erkrankt. Die Entzündung
des Kehlkopfes ruft Atemnot hervor. Das Kind »erstickt«, wenn der Arzt
nicht rechtzeitig dazukommt, um den rettenden Luftröhrenschnitt
auszuführen: der Stillstand des Herzens, der bei Sauerstoffmangel eintritt,
auch wenn die Atmung noch einigermaßen anhält, hat das Schicksal des Kindes
besiegelt. Und noch mehr: es kommt vor, daß ein diphtheriekrankes Kind
stirbt, bevor es noch überhaupt zu Atemnot gekommen war. Das Herz war
stillgestanden. Die Stoffe, welche die Diphtheriebazillen ins Blut
ausscheiden, haben das Herz vergiftet. Auch bei Typhus, Influenza,
Scharlach und andern Infektionskrankheiten sieht man infolge der
Bakteriengiftwirkung in gleicher Weise das _Herz_ erlahmen, während die
Veränderungen in den andern Organen bei allen diesen Krankheiten so
verschieden sind.

Ein Patient geht an einer Erkrankung der Niere zugrunde. Sein Körper ist
mit Stoffen überschwemmt, die normalerweise in den Stoffhaushalt seines
Organismus nicht hineingehören. Der Kranke liegt bewußtlos da. Aber solange
das Herz noch arbeitet, ist noch nicht alle Hoffnung geschwunden. Doch die
Stoffe, die aus den kranken Nieren in das Blut gelangen, wirken auch auf
das Herz, und das Herz ist im Laufe der Zeit, wo die Nieren krank sind,
geschwächt worden. Schließlich versagt das Herz, das Herz steht still. Der
Kranke stirbt. Das Herz hat sein Machtwort gesprochen.

Der Arzt kennt diese Tatsachen, und das erste, worüber er sich bei einem
Patienten zu vergewissern sucht, den man seiner Kunst anvertraut hat, ist
der Zustand des Herzens. Je kräftiger, je widerstandsfähiger das Herz,
desto geringer die Todesgefahr.

So können wir mit Nothnagel sagen: »Der Mensch stirbt fast immer vom Herzen
aus. So lange dieses in der Brust sich zusammenzieht, und sei es noch so
schwach, noch so mühsam, so lange lebt der Mensch -- der letzte Herzschlag,
und erst dann ist alles unwiederbringlich zu Ende.«

Die Frage, _wie_ man stirbt, hatte für uns Interesse, weil wir wissen
wollten, welche Zellen im Zellenstaat zuerst versagen und das Sterben aller
Zellen im Zellenstaat einleiten. Da ist es nach dem, was wir eben erfahren,
wohl plausibel, daß die Herzmuskelzellen die Künder des Todes im
Zellenstaat sind. Wo das Herz stillsteht, da sind die Zellen des ganzen
Zellenstaates ohne Sauerstoff -- da hat der Zellenstaat ausgelebt. Das ist
uns klar.

Gut, das Herz steht still, und die Zellen im Zellenstaat beginnen zu
sterben. _Aber die Herzmuskelzellen sind noch nicht tot, wenn das Herz zu
schlagen aufhört._ Daß dem so ist, haben in schöner Weise Versuche gezeigt,
die vor mehr als zehn Jahren der russische Physiologe _Kuljabko_ ausgeführt
hat. Kuljabko hat nämlich den erfolgreichen Versuch gemacht, _das Herz
eines toten Menschen wieder zu beleben_. Auf den ersten Blick direkt
Zauberei. Im Laboratorium aber hat sich die Zauberei in folgender Weise
abgespielt. Kuljabko ließ sich aus einem Kinderkrankenhause in Petersburg
nach der Leichenschau von Kindern, die an verschiedenen Krankheiten
gestorben waren, die Herzen in sein Laboratorium bringen. Hier band er ein
Glasröhrchen ins Herz und pumpte mit Hilfe eines automatischen
Pumpapparates eine geeignet zusammengesetzte Salzlösung durchs Herz. Die
Salzlösung hatte er vorher auf Körpertemperatur erwärmt und gut mit
Sauerstoff durchlüftet. Launig ist es dabei zu hören, wie es Kuljabko beim
ersten Versuch ergangen war. Nachdem er nämlich das Herz etwa eine
Viertelstunde mit der Salzlösung durchspült hatte, war das Herz noch so
leblos wie zuvor. Kuljabko wollte den Versuch eben abbrechen, weil er sich
dachte, die Sache sei nun abgemacht, mit der Wiederbelebung eines Herzens
aus der Brust des toten Menschen ginge es nicht. Da wurde er zufällig ins
Nebenzimmer gerufen und ließ seinen Pumpapparat mit dem Herzen einstweilen
noch stehen. Als er nach fünf Minuten zu seinem Pumpapparat zurückgekehrt
war -- da schlug das Herz! Das Herz des toten Kindes hatte wieder zu
schlagen angefangen, nachdem es kaum eine halbe Stunde mit warmer und
sauerstoffhaltiger Salzlösung durchspült worden war -- beinahe
vierundzwanzig Stunden nach dem Tode des Kindes. Kuljabko hat zehn solcher
Versuche ausgeführt an den Herzen von Kindern, die an Lungenentzündung,
Diphtherie, Genickstarre und Darmkrankheiten gestorben waren. In drei
Fällen gelang die Wiederbelebung nicht, während sieben andere Versuche von
Erfolg gekrönt waren. Gewöhnlich begannen nur einzelne Teile, nicht das
ganze Herz wieder zu schlagen. Aber in einem Falle war die Wiederbelebung
des Herzens vollständig gelungen: das Herz schlug regelrecht, genau so gut
wie das Herz im lebendigen Körper. Siebzig bis achtzig Mal in der Sekunde
schlug das Herz, und so ging es mehr als eine Stunde lang. Dann wurde der
Herzschlag schwächer, und als am nächsten Tage der Versuch mit diesem
Herzen wiederholt wurde, da war es für immer tot. Kuljabko hat seine
Wiederbelebungsversuche auch an Kaninchenherzen ausgeführt und es gelang
ihm, das Herz eines Kaninchens wieder zu beleben, das schon vor sieben
Tagen verstorben war! Im Mittelalter wären Kuljabko als einem Hexenmeister
reinsten Wassers Scheiterhaufen und Folterkammer sicher gewesen, wie ein
bekannter Physiologe einmal gescherzt hat. Heutzutage ist es ihm besser
ergangen.

Nun kann es sich aber in den Versuchen von Kuljabko nicht um eine
Wiederbelebung von _toten_ Zellen handeln. Eine Zelleiche kann nicht zum
Leben erweckt werden: was zum Leben erweckt werden kann, ist noch nicht
tot! In den Versuchen von Kuljabko war somit nur das allmähliche Sterben
der Herzmuskelzellen, der Tod in seinem Hinkriechen über die
Herzmuskelzellen aufgehalten, und der Tod war hier durch die Kunst des
Physiologen ein gut Stück Weges zurückgeworfen.

Was wir aus den Versuchen von Kuljabko also lernen, das ist: daß die
Herzmuskelzellen noch gar nicht tot zu sein brauchen, wenn das Herz
stillsteht. An dieser Tatsache kann nach den Versuchen von Kuljabko nicht
mehr gezweifelt werden. Aber warum steht denn das Herz still, wenn die
Herzmuskelzellen noch nicht tot sind? Nun, die Herzmuskelzellen sind durch
die Krankheit geschädigt: giftige Stoffe, die im Blute des Patienten
kreisen, haben sie getroffen, oder Sauerstoffmangel, wie z. B. bei der
Lungenentzündung, hat sich eingestellt, und die Herzmuskelzellen, die für
ihre rastlose Arbeit der ununterbrochenen und reichlichen Sauerstoffzufuhr
so sehr bedürfen, können jetzt ihre Arbeit nicht mehr so tun, wie es sich
normalerweise gehört. Ein regelrechtes Zusammenarbeiten der
Herzmuskelzellen, auf dem der Herzschlag beruht, ist jetzt nicht mehr
möglich und das Herz steht still. Nun führen wir aber, wie in den Versuchen
von Kuljabko, den Herzmuskelzellen genug Sauerstoff zu und spülen aus ihnen
die Schlacken heraus, die sich in jeder schlechtatmenden Zelle zu einem
Berge anhäufen. Auch die Gifte, mit denen die Herzmuskelzellen in der
Krankheit überschwemmt worden sind, werden dabei mit entfernt. Die
Herzmuskelzellen arbeiten jetzt wieder besser und der Herzschlag kommt
wieder zustande.

Kuljabkos Versuche haben uns gezeigt, daß ein Herzstillstand und damit das
schnelle Hinsterben aller Zellen im Zellenstaat schon eintreten kann, wenn
die Herzmuskelzellen noch nicht tot sind, sondern nur erst eine Störung in
ihrem Stoffwechsel durch Sauerstoffmangel oder durch Gifte erfahren haben.
Aber wir kennen auch Fälle, wo die Herzmuskelzellen vollkommen gesund sind,
und doch das Herz plötzlich seinen Dienst versagt und stillsteht. Das kommt
zuweilen nach heftigen Gemütsbewegungen vor, nach einem heftigen Schlag auf
den Kopf, nach starken Erschütterungen, denen der Körper ausgesetzt war.
Für den Arzt ist hier der Zusammenhang zwischen der Schädigung des Gehirns
und dem Herzstillstand ohne weiteres klar. Vom Gehirn geht nämlich ein Nerv
seinen weiten Weg zum Herzen herunter -- »Wandernerv« nennen ihn die Ärzte.
So hat das Gehirn die Herrschaft auch über das Herz. Das Gehirn tut bei
der Herzarbeit mit, unter seinem strengen Regiment tun all die vielen
Herzmuskelzellen ihre gewohnte Arbeit. Und wenn es einmal eine Störung gibt
in denjenigen Nervenzellen des Gehirnes -- sie sind im »verlängerten Mark«,
in dem Verbindungsstück zwischen Gehirn und Rückenmark gelegen --, die der
Herzarbeit vorstehen, dann kann die ganze geregelte Herzarbeit mit einem
Male in die Brüche gehen. Ein über alle Maßen heftiger Impuls vom Gehirn,
dessen Zellen durch eine starke Gemütsbewegung oder durch einen schweren
Schlag sehr stark erregt worden sind, geht durch den Wandernerv zu den
Herzmuskelzellen -- und das hat sie aus Rand und Band gebracht. Die
einzelnen Herzmuskelzellen aber können dabei ganz wohlauf sein: nur ihr
_Zusammenarbeiten_ geht dabei verloren. Namentlich machen sich solche
Störungen, die vom Gehirn ausgehen, dann geltend, wenn auch die
Herzmuskelzellen irgendwie geschädigt sind, z. B. bei allerlei
Herzkrankheiten. Darum ist es so wichtig, daß ein Herzkranker keinen
heftigen gemütlichen Erregungen -- gleich, ob großer Freude oder großer
Trauer -- ausgesetzt wird: sein Herz kann unter Umständen stillstehen, die
für ein gesundes Herz belanglos sind.

Der langen Rede kurzer Sinn aber ist folgender: _Wie mannigfaltig auch die
Krankheiten sind, die uns treffen, wir sterben alle so, daß das Herz
infolge von Veränderungen in den Herzmuskelzellen oder infolge von
Störungen in den Nervenzellen, die der Herzarbeit vorstehen, seinen Dienst
im Zellenstaat versagt. Herzmuskelzellen und Nervenzellen brauchen dabei
noch nicht tot zu sein: schon allerlei Schädigungen, die ihr Stoffwechsel
erfährt und die eine geregelte Arbeit der Herzmuskelzellen unmöglich
machen, können einen Stillstand des Herzens veranlassen. Und ist der
Stillstand des Herzens da, so beginnen alle Zellen des Zellenstaates, eine
Zellgruppe nach der andern, zu sterben._

Zu allererst sterben im Zellenstaat die Nervenzellen, die gegen
Sauerstoffmangel sehr empfindlich sind. Andere Zellgruppen können noch
recht lange am Leben bleiben. Daß die Herzmuskelzellen viele Stunden lang
nach dem Eintritt des Herzstillstandes, viele Stunden, nachdem der Körper
schon eine reglose Leiche geworden, noch am Leben sind, davon haben wir
schon gehört. Es ist auch bekannt, daß die einzelnen Muskeln des Skeletts
und andere Zellgruppen in unserem Körper noch viele Stunden nach dem
Eintritt des Herzstillstandes und nach dem Tode der Nervenzellen am Leben
bleiben. Erst nach Ablauf mehrerer Tage ist der letzte Funken des Lebens im
großen Zellenstaat erloschen ...

_So nimmt Gevatter Tod Besitz von uns, wenn er durch Krankheiten, die seine
Späher und Häscher sind, sein Kommen uns kündet._

                 *       *       *       *       *

Nach vielem hin und her im Suchen und Forschen sind wir dahin gekommen, daß
wir nun wissen, wie der Tod nach Krankheit über den Zellenstaat hinkriecht.
Aber was wir eigentlich herausbekommen wollten, war doch etwas anderes: wie
_der Tod aus Altersschwäche_ von uns Besitz ergreift, wie wir aus
Altersschwäche sterben. _Das_ wollten wir wissen. Vom Tod durch Krankheit
haben wir nur gesprochen, weil wir uns das Suchen leichter machen wollten.
Und wirklich, das Suchen ist uns jetzt leicht gemacht: Unsere
Aufmerksamkeit ist nun von vornherein auf zwei Zellgruppen im Zellenstaat
gerichtet, die wir fest ins Auge fassen müssen -- auf die
_Herzmuskelzellen_ und auf die _Nervenzellen_. Diese Zellgruppen hatten wir
erkannt als die Künder des Todes im _kranken_ Zellenstaat. Vielleicht sind
sie es auch im _alternden_ Zellenstaat. Sehen wir zu.

Wir haben schon früher erfahren, daß alle Organe im alternden Zellenstaat
kleiner werden, und daß dieses Kleinerwerden der Organe auf einem
Altersschwund der Zellen beruht. Was die Zellen im Alter leisten, ist nicht
mehr das, was in jüngern Jahren ihre Arbeit war. Wir haben gehört, daß der
Stoffwechsel der Zellen im alternden Zellenstaat eine ganz bedeutende
Abnahme erfährt. Und da können wir uns wohl denken, daß die herabgesetzte
Leistungsfähigkeit der Herzmuskelzellen schließlich zu einem Stillstand des
Herzens führt: das Zusammenarbeiten der Herzmuskelzellen klappt nicht mehr
und das Herz versagt. Um so mehr, als die Blutröhren, durch die das Herz
das Blut zu treiben hat, nicht mehr so elastisch sind wie früher und dem
schwachen, gealterten Herzen sogar noch _mehr_ Arbeit zumuten als in jungen
Tagen.

Und was noch hinzukommt: auch das _Gehirn_ hat einen Altersschwund
erfahren. Ja, wie _Ribbert_, dem wir eine geistvolle Studie über den Tod
verdanken, darauf hingewiesen hat, unterliegt es gar keinem Zweifel, daß
_beim Sterben aus Altersschwäche die Veränderungen und Störungen im Gehirn
und damit auch in denjenigen Nervenzellen, die der Atmung und der
Herzarbeit vorstehen, noch mehr in die Wagschale fallen, als die
Veränderungen in den Herzmuskelzellen selber_.

Das Herz tut seinen Dienst bis ins hohe Alter hinein -- rastlos und
unermüdlich, wenn es auch nicht mehr so auf dem Posten ist wie einst im
Mai. Dagegen machen sich im Denken des alternden Menschen stets
Veränderungen geltend, die darauf hindeuten, daß die Störungen in den
Nervenzellen sehr beträchtlich sind. Das reife Alter ist uns gekennzeichnet
durch die große Erfahrung und die viele Kritik im Denken, die uns in allen
Fragen des Lebens zugutekommt. Im Greisenalter aber versagt der Mensch in
diesen beiden Dingen. Das Gedächtnis des Greises läßt nach, neuen Dingen
wird er unzugänglich, gleichgültig ist er gegen die Umgebung. Und er wird
unlogisch, einseitig, »egoistisch«, wie man zu sagen pflegt, -- es kommt
die Zeit, wo nicht nur die Jugend, sondern auch der reife Mann in Konflikt
gerät mit dem Greis. Mißtrauisch, launenhaft ist der Greis: weil alles, was
die Jugend erfüllt, nicht mehr ist für den Greis, weil er nicht mithalten
kann mit der Jugend. Alles in allem: die Intelligenz des Greises läßt nach,
läßt _allmählich_ nach, gleichsam, als ob er leise schmollend, weil er
nicht mehr mitkann, hinter den anderen zurückbliebe, über die er sich
früher erhaben gedünkt, erhaben gewesen, weil er ihnen früher mit großer
Erfahrung voraus war. Dem, was uns die alltägliche Beobachtung über die
Intelligenz der Greise lehrt, entsprechen vollkommen die Veränderungen, die
man bei einer Untersuchung der Gehirne von Leuten findet, die in sehr hohem
Alter gestorben sind. Man kann sagen, daß in keinem andern Organ die
Altersveränderungen so weitgehend, so eingreifend sind, wie im Gehirn. Die
Altersveränderungen im Gehirn, die man mit bloßem Auge sehen kann, haben
wir schon früher erwähnt, und wir werden in einem späteren Kapitel noch die
mikroskopisch sichtbaren Veränderungen kennen lernen, die die Nervenzellen
im gealterten Zellenstaat aufweisen.

Die Abnahme der geistigen Fähigkeiten, die für das Greisenalter
charakteristisch ist, kann nun natürlich nicht daran schuld sein, daß mehr
oder weniger plötzlich ein Zeitpunkt kommt, wo das schnelle Sterben der
Zellen im Zellenstaat beginnt. Bei manchen von Geburt mißbildeten Menschen,
wie z. B. bei den sogenannten Mikrokephalen, d. h. den Kleinköpfen, ist die
Großhirnrinde von vornherein so mangelhaft entwickelt, daß im Seelenleben
dieser Menschen all das fehlt, was uns im großen Ganzen einen Menschen
»Mensch« sein läßt. Und trotzdem können solche »Menschen« ein hohes Alter
erreichen. Anderseits können Tiere, denen man das ganze Großhirn
wegschneidet, trotz der sehr weitgehenden Störungen in ihrem ganzen
Verhalten doch noch recht lange, sogar jahrelang leben. Aber der Tod droht
von anderswo im Gehirn. Und da müssen wir zunächst von einem Tierversuch
erzählen. _Wird nämlich jener Teil des Gehirnes verletzt, in dem die
Nervenzellen gelegen sind, die der Atmung vorstehen, so tritt sofort der
Tod des Tieres ein._ Wenn man z. B. einem jungen Hunde oder einem Kaninchen
den Kopf stark nach vorne neigt und ihm dann mit einem hohlen
Metallröhrchen, dessen unterer Rand scharf geschliffen ist, in den Nacken
sticht, tief und sicher genug, um das verlängerte Mark zu treffen, so steht
die Atmung des Tieres momentan still. Kein Muskel von all denen, die bei
den Atembewegungen mittun, regt sich mehr, das Tier ist momentan ohne alle
Qual tot, ohne daß es auch nur die geringste Bewegung gemacht hat. Wie war
das möglich? Einfach so, daß wir mit dem hohlen Metallröhrchen eine Gruppe
von Nervenzellen im verlängerten Mark, die den Atembewegungen vorstehen und
sie regulieren, aus dem verlängerten Mark direkt herausgeschnitten haben.
Der Franzose _Flourens_, der in den vierziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts alle diese Dinge fleißig studiert und die Überzeugung der
Gelehrten von der großen Bedeutung dieser Gruppe von Nervenzellen für das
Zustandekommen der geregelten Atembewegungen endgültig gefestigt hat, hat
diese Zellgruppe schlecht und recht den »Lebensknoten« genannt.

Nun müssen wir festhalten, daß natürlich nicht nur diejenigen Nervenzellen
einen Altersschwund erfahren werden, die das Denken vermitteln. Auch
diejenigen Nervenzellen, die der _Atmung_ vorstehen und die Atembewegungen
regulieren, werden im Alter arg mitgenommen sein. Und wenn die Störungen
in dem fein abgestuften Mechanismus des Zusammenarbeitens dieser
Nervenzellen weit genug fortgeschritten sind, dann geht dieser Mechanismus
in die Brüche. Dann steht die Atmung plötzlich still und man ist tot. Man
hat ausgehaucht -- im wahrsten Sinne des Wortes.

Und auch noch das ist möglich: daß einmal die Nervenzellen versagen, die
die _Herzarbeit_ regulieren. Das alte Herz klappt dann zusammen.
Wiederum -- man hat ausgelebt.

_So kommen wir nach all den vielen Dingen, die wir vom Sterben aus
Altersschwäche erfahren haben, dahin, daß die Künder des Todes hier die
Nervenzellen sind. Störungen in dem Mechanismus der Arbeit der Nervenzellen
sind es, die das schnelle Sterben der gealterten Zellen im Zellenstaat
einleiten._

Aber wir dürfen doch nicht sagen, der Tod aus Altersschwäche trete ein,
weil bestimmte Zellen des Gehirnes einen Altersschwund erfahren haben. Das
_allein_ wäre falsch. Die Veränderungen, die die alternden Nervenzellen
erfahren haben, sind nur ein Teil von all den Altersveränderungen, die sich
im ganzen Zellenstaat abgespielt haben: alle andern Zellen im Zellenstaat
sind auch gealtert. Und alle Zellen im Zellenstaat sind aufeinander
angewiesen. Wenn z. B. die Nervenzellen, auf deren Mitarbeit die
Herzmuskelzellen angewiesen sind, ihre Dienste nicht mehr tun, wie einst im
Mai, dann zahlen sie dem Herzmuskel nur mit gleicher Münze heim. Denn die
Nervenzellen sind, namentlich dann, wenn es schon just vor dem Ende war,
vom alten Herzen aus arg mitgenommen worden, weil sie nun nicht mehr soviel
Blut zugeführt bekommen konnten, wie es früher der Fall gewesen. Das rächt
sich nun am Herzen -- und so geht das hin und her im alternden Zellenstaat.
Und auch alle andern Zellen im Zellenstaat tun nur mangelhaft ihre Arbeit.
Die Leber und die Nieren, die für das Herausschaffen der Schlacken im
Körper zu sorgen haben, sind im Rückstand, die Drüsen, die allerlei Stoffe
ans Blut abzugeben haben, lassen auf sich warten. Und schließlich ist die
Stunde da, wo die Nervenzellen, die der Atmung und dem Herzen vorstehen,
versagen, und dann beginnt das schnelle Hinsterben der Zellen im
Zellenstaat.

_Es ist also mit dem Sterben aus Altersschwäche so bestellt, daß im Verlauf
der vielen Störungen in den Zellen alle Zellen im Zellenstaat einander die
Grube graben -- und fallen alle selbst herein._

Nun wissen wir, wie der Tod aus Altersschwäche kommt. Aber _warum_ er
kommt? Darauf hinaus wollten wir ja: zu wissen, _warum wir alt werden und
sterben_.

Aber alles »warum« in der Wissenschaft ist stets nur ein anderes »wie«:
wenn wir wissen wollen, warum wir sterben, müssen wir einfach
herauszubekommen suchen, wie die Altersveränderungen in den Zellen des
Zellenstaates zustandekommen, die zum Tode des Zellenstaates führen, wie
die Zellen im alternden Zellenstaat atrophisch werden. Wir wissen aber, daß
alles Leben der Zellen in letzter Linie auf dem Stoffwechsel der Zellen
beruht. _So müssen wir denn versuchen, die Altersveränderungen der Zellen
im Zellenstaat auf eine Störung im Stoffwechsel der Zellen des vielzelligen
Organismus zurückzuführen, auf eine Störung, die im Verlaufe des Lebens der
Zellen im Zellverband entsteht._ Und weil wir erfahren haben, daß die
Nervenzellen allen andern Zellen des Zellverbandes voraus sind mit dem
Versagen im Dienst, so werden wir die _Nervenzellen_ vor allem fest ins
Auge fassen, um an ihnen herauszubekommen, wie im Laufe des Lebens des
Zellenstaats die Zellen alt werden und den Zellenstaat zugrunde richten.

Um das aber herauszubekommen, müssen wir vorerst noch der Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens mit aller Aufmerksamkeit zuhören. Die also soll
nun erzählt werden.



8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens.


Wir haben uns über das Leben eines Pantoffeltierchens schon früher einmal
eine ganze Menge von einem amerikanischen Forscher erzählen lassen.[2] Und
was dabei für uns namentlich in Betracht kam, war die Tatsache, daß das
Pantoffeltierchen unter günstigen äußeren Umständen unsterblich ist.
Unsterblich in dem Sinne, daß es in der Lebensgeschichte eines
Pantoffeltierchens, wenn kein Unglück es trifft, auch in der
3000. Generation noch nicht zur Entstehung einer Leiche kommt. Die
Mutterzelle teilt sich in zwei Tochterzellen auf, die sich, wenn der
Zeitpunkt gekommen, wieder in zwei Tochterzellen teilen, und so fort.

    [2] Vgl. Kapitel 4.

Obgleich man die Art und Weise, wie sich die einzelligen Lebewesen
fortpflanzen, schon seit langer Zeit kannte, ist ihre Unsterblichkeit doch
erst in jüngster Zeit durch die Untersuchungen von _Woodruff_ nachgewiesen
worden. _Weismann_ vertrat allerdings schon vor mehr als dreißig Jahren mit
aller Entschiedenheit die Meinung, daß die Einzelligen unsterblich sind.
Aber es waren im Laufe der Jahre allerlei merkwürdige Dinge aus dem Leben
der Einzelligen bekannt geworden, die eine gegenteilige Meinung aufkommen
lassen mußten. Die Meinung, daß es auch bei den Einzelligen einen Tod aus
Altersschwäche gibt. Von diesen merkwürdigen Dingen hat in großen
Zusammenhängen der Franzose _Maupas_ zu erzählen gewußt.

Maupas hat in seinen Mußestunden, die ihm sein Beruf als Bibliothekar nur
hin und wieder ließ, fleißige Untersuchungen über das Leben der Einzelligen
ausgeführt und er hat sich damit ein dauerndes Denkmal in der Biologie
gesetzt. Er hat im Laufe der Jahre die Lebensgeschichte von zwanzig
verschiedenen Arten von Einzelligen studiert, die Lebensgeschichte des
Pantoffeltierchens und seiner Verwandten, der »bewimperten
Infusionstierchen«, wie der wissenschaftliche Ausdruck lautet. Und eben
dabei hatte er die Dinge gefunden, die der Auffassung von Weismann über die
Unsterblichkeit der Einzelligen zu widersprechen schienen. Maupas
beobachtete die sich folgenden Teilungen bei Infusorien, und er fand, daß
die Teilungsfähigkeit bei Einzelligen nicht unbegrenzt sei. Nach einer
bestimmten Anzahl von Teilungen sah er bei allen Arten, die er in seinen
Versuchen züchtete, Veränderungen in den Tieren auftreten, die er als
_Alterserscheinungen_ deutete. Nach 100, 200 oder 300 Teilungen, je
nachdem, wollten die Infusionstierchen in den Aquarien, in denen sie
gehalten wurden, sich nicht mehr so schnell teilen wie früher: es dauerte
nunmehr länger, bis eine Mutterzelle so weit war, sich in zwei
Tochterzellen aufzuteilen. Und obgleich den Tieren im Aquarium reichlich
Nahrung zur Verfügung stand, wollten sie nichts mehr essen. Sah man sich
die Tiere zu diesem Zeitpunkt genauer mit dem Mikroskop an, so konnte man
zunächst bemerken, daß sie an Größe abgenommen hatten (Abb. 18): die Länge
der Tiere ging z. B. von 0,160 Millimeter fortschreitend auf 0,135, 0,110,
0,090, 0,070, 0,045 und 0,040 Millimeter herunter. Ihr Körper war
durchsichtig geworden, und schließlich hatten die Tiere einen Teil ihrer
Wimperhärchen eingebüßt; auch der Kern zeigte weitgehende Veränderungen.
Jedoch konnten sich die Tiere auch in diesem Zustande noch teilen, aber,
wie schon erwähnt, der Zeitraum zwischen den einzelnen Teilungen war nun
verlängert. Schließlich, wenn die Tiere schon sehr klein und die
Veränderungen in ihrem Körper schon sehr auffallend geworden waren und sie
schon zahlreiche Wimpern verloren hatten, hörten sie ganz auf sich zu
teilen und starben. Sie wurden zu Leichen. »So altert und stirbt das
Infusor aus Altersschwäche,« sagt Maupas, und er kommt zum Schluß, daß die
Einzelligen keine Ausnahme machen von der allgemeinen Regel, die für alle
lebendige Substanz gilt. Nach Maupas gehört somit der Tod unbedingt zum
Leben und alles Leben mündet nach ihm in den Tod. Es gibt nach Maupas keine
Unsterblichkeit der lebendigen Substanz.

    [Illustration: Abb. 18. Die Konturen von Infusorien
    verschiedener Generationen. Man sieht die Größenabnahme der
    Zelle. Nach Maupas. Schematisiert.]

Später haben auch noch andere Forscher dieselben Beobachtungen an
Einzelligen gemacht wie Maupas. Sehr bekannt sind die Untersuchungen
geworden, die vor dreizehn Jahren der amerikanische Zoologe _Calkins_
ausgeführt hat. Wie schon Maupas hat auch Calkins gefunden, daß im Verlauf
der aufeinanderfolgenden Teilungen des Pantoffeltierchens, etwa nach der
90. bis 170. Generation, ein Zustand eintritt, wo die Tiere an Größe
abnehmen und sich nicht mehr so schnell teilen wie vorher, bis sie
schließlich ihre Teilungsfähigkeit ganz einbüßen. Calkins -- wie übrigens
auch schon Maupas -- hatte auch unregelmäßige Teilungen beobachtet,
unvollständig geteilte Mutterzellen, gewissermaßen »Mißbildungen«, die
entstehen, wenn die begonnene Teilung der Mutterzelle nicht mehr zu ihrem
normalen Abschluß kommt.

Jetzt müssen wir noch von einer anderen Beobachtung erzählen, die Maupas
gemacht hatte. Wenn zwei Tiere zu einem Zeitpunkt, wo die
»Altersveränderungen« noch nicht bemerkbar waren, miteinander verschmolzen,
»kopulierten«, um nach einiger Zeit wieder auseinander zu gehen, so wurden
sie »verjüngt«, sie wurden vom »Altern« verschont. Die Kopulation der
Infusorien ist von zahlreichen Forschern studiert worden. Zwei Tiere legen
sich aneinander (Abb. 19), verschmelzen gewissermaßen für kurze Zeit, wobei
ein teilweiser Zerfall der Kernsubstanzen beider Tiere und ein Austausch
von Kernsubstanz zwischen ihnen stattfindet. Dann gehen die Tiere wieder
auseinander. Die zahlreichen Einzelheiten der Kopulation interessieren uns
hier nicht. Calkins hat gefunden, daß nicht nur die Kopulation die Tiere
den schlimmen Zustand überwinden läßt, sondern auch noch allerlei einfache
Reizmittel, wie Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit,
Temperatursteigerungen und Schütteln. Calkins sagt, die Infusorien
verfallen im Laufe der Teilungen nach so und so viel Generationen in einen
_Depressionszustand_, und diesen Zustand überwinden sie eben, wenn ihnen
die Kopulation oder allerlei Reizmittel zugutekommen.

    [Illustration: Abb. 19. Kopulation von Pantoffeltierchen. Man
    sieht im Protoplasma den Großkern und den Kleinkern liegen.
    Nach einer Photographie von Prof. H. Joseph, aus Kammerer,
    Bestimmung und Vererbung des Geschlechts.]

Ob wir nun die Veränderungen, die der Organismus der Einzelligen im Laufe
der Zeit erfährt, mit Maupas als Altersveränderungen oder mit Calkins als
Depressionszustände bezeichnen, das bleibt sich gleich. Tatsache ist, daß
die einzelligen Lebewesen nach einer bestimmten Anzahl von Generationen
Veränderungen erfahren können, die, wenn sie nicht durch Kopulation oder
verschiedene Reizmittel behoben werden, unweigerlich zum Tode der Tiere
führen. _Die Einzelligen sind also unter gewissen Umständen sterblich wie
die lebendige Substanz der vielzelligen Tiere._ Wie tiefgreifend die
Veränderungen sind, die der Stoffwechsel der Zelle im Depressionszustand
erfährt, haben uns die Untersuchungen von _Richard Hertwig_ an einem
Strahlentierchen gezeigt (Abb. 20, 21 u. 22). Ja, so stirbt das Einzellige,
das wir früher einmal als unsterblich gefeiert!

    [Illustration: Abb. 20. Beginnende Depression: die Kernmasse
    ist vermehrt, die Scheinfüßchen sind alle noch normal.]

    [Illustration: Abb. 21. Weiter fortgeschrittenes Stadium der
    Depression: es hat sich ein »Riesenkern« gebildet, die
    Scheinfüßchen sind wirr angeordnet und nur spärlich
    vorhanden.]

    [Illustration: Abb. 22. Dasselbe Tier wie Abb. 21, einen Tag
    später: der Riesenkern ist ausgestoßen, es sind nur noch
    einige wenige Scheinfüßchen vorhanden. Abbildungen 20, 21,
    22. Depression des Strahlentierchens. Nach Richard Hertwig.]

                 *       *       *       *       *

Da sind wir in einen Sumpf von Widersprüchen hineingeraten, und der Leser
meint vielleicht, ich sei dran schuld, daß wir in diese widerspruchsvolle
Lage hineingekommen sind. Da irrt er aber sehr: denn die _Tatsachen_ sind
es, die daran schuld sind.

Wir müssen versuchen, aus diesem Sumpf der Widersprüche herauszukommen.
Wohlan -- wir werden eine ganze Menge dabei lernen.

Auf Grund der Untersuchungen von Woodruff waren wir früher zur Ansicht
gelangt, daß die Einzelligen unsterblich sind. Die Beobachtungen von
Maupas, Calkins und Richard Hertwig haben uns anscheinend das Gegenteil
gezeigt, -- daß auch die Einzelligen alt werden und sterben. Wenn wir nun
diesen Widerspruch lösen wollen, müssen wir zunächst der Frage nachgehen,
ob nicht vielleicht die Versuchsbedingungen bei Woodruff auf der einen
Seite und bei Maupas, Calkins und Richard Hertwig auf der andern Seite
verschieden gewesen sind. Das ist tatsächlich der Fall gewesen. Woodruff
hat, wie wir schon früher erfahren haben,[3] die Tochterzellen nach jeder
Teilung in frische Nährlösung gebracht. So ist es ihm denn gelungen, mehr
als 3000 Generationen von Pantoffeltierchen im Laufe von fünf Jahren zu
züchten, ohne daß seine Versuchstiere in einen Depressionszustand verfallen
wären oder Altersveränderungen zeigten. Anders aber in den Versuchen von
Maupas, Calkins und Richard Hertwig. Hier verblieben die Tiere über mehrere
Tage hinaus in derselben Nährlösung. Was hat aber dieser Unterschied in den
Versuchsbedingungen zu bedeuten? Auf den ersten Blick mag es dem Laien
scheinen, daß das doch eigentlich gar nichts zu sagen habe. Aber, wie wir
heute wissen, hat das für den Betrieb des Stoffwechsels der
Pantoffeltierchen in der Nährlösung _sehr_ viel zu bedeuten. In die
Nährlösung gelangen die Stoffwechselprodukte hinein, die im Stoffwechsel
der in ihr lebenden Pantoffeltierchen gebildet werden, die Schlacken, die
im Leben einer jeden Zelle entstehen. Diese Schlacken müssen aus den Zellen
herausgeschafft werden, wenn die Zellen nicht geschädigt werden sollen.
Genau so, wie die Asche aus der Dampfmaschine entfernt werden muß, wenn der
ganze komplizierte Apparat der Dampfmaschine nicht bald in die Brüche gehen
soll. Wenn aber die Stoffwechselprodukte der Zellen sich im Laufe einiger
Zeit in der Nährlösung anhäufen, so wird es dadurch den Zellen schwer
gemacht, sich ihrer Stoffwechselprodukte zu entledigen. Denn je mehr
Schlacken in der Nährlösung schon enthalten sind, desto schwieriger geht
die Ausscheidung der Schlacken aus den Zellen vor sich. Worauf diese
Schwierigkeit beruht, das ist eine Frage für sich. Hier ist für uns nur
wichtig festzuhalten, daß eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten in der
Nährlösung eine Anhäufung von Schlacken auch in den Zellen bedingen muß.
Die Anhäufung von Stoffwechselprodukten aber stört den Ablauf des
Stoffwechsels der Zelle, stört den Ablauf des Lebens und bringt die Tiere
um.

    [3] Vgl. S. 26.

Wenn diese Betrachtungen richtig sind, dann wäre der Widerspruch, der uns
beunruhigte, gelöst und die Unsterblichkeit der Einzelligen gerettet. _Das,
was Maupas, Calkins und Richard Hertwig an Altersveränderungen oder an
Depressionszuständen bei den Einzelligen beobachtet haben, wäre dann kein
Altern und kein Zustand, wie er in den Lauf der Dinge im Leben der
Einzelligen unbedingt hineingehörte, sondern eine krankhafte Störung wie
tausend andere auch, die die Zelle töten können._

Da müssen wir schon genau zusehen, ob all das, was man an
»Altersveränderungen« oder an Depressionszuständen bei den Einzelligen
beobachtet hat, wirklich auf eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten und
auf eine dadurch bedingte Schädigung der Zellen zurückgeführt werden
könnte.

Ausgedehnte Versuche über die Art und Weise, wie die Nährlösung die
Pantoffeltierchen zu beeinflussen vermag, wenn die Stoffwechselprodukte
sich in ihr anhäufen, darüber, wie die Stoffwechselprodukte, wenn sie nicht
regelrecht aus dem Körper ausgeschieden werden, die Einzelligen schädigen,
verdanken wir wiederum _Woodruff_. Wir werden später noch sehen, wie diese
Versuche von Woodruff die Lehre vom Tode des vielzelligen Organismus in
ganz hervorragender Weise gefördert haben. Zunächst aber wollen wir die
nackten Tatsachen kennen lernen, die Woodruff hier festgestellt hat.

Der grundlegende Versuch, mit dem Woodruff gewissermaßen schon alle seine
weitern Versuche vorweggenommen hatte, bestand in folgendem. Die zwei
Tochterzellen eines Pantoffeltierchens, das schon der 1021. Ur ... Urenkel
eines »wilden« Pantoffeltierchens war, wurden jede unter verschiedenen
Bedingungen weitergezüchtet. Während die Tochterzellen der einen Stammzelle
nach jeder neuen Teilung in frische Nährlösung gebracht wurden, blieben die
Tochterzellen der andern Stammzelle jeweils mehrere Generationen hindurch,
mehrere Tage lang, in ein und derselben Nährlösung, genau so wie das in den
Versuchen von Calkins der Fall war.

Schon bald nachdem die beiden Stamm-Tochterzellen in verschiedene
Lebensbedingungen gekommen waren, war die Teilungsgeschwindigkeit bei
demjenigen Stamm, bei welchem die Nährlösung nicht so häufig frisch
gewechselt wurde, geringer geworden. Ganz augenfällig wurde der Unterschied
im Verhalten der beiden Stämme einige Monate später, wo die
Teilungsgeschwindigkeit bei dem zweiten Stamm mehr und mehr zu sinken
begann. Die Pantoffeltierchen teilten sich jetzt nur etwa alle zwei Tage
einmal. Bald hörten die Tiere des zweiten Stammes ganz auf sich zu teilen
und starben, während die Tiere des ersten Stammes noch genau so munter
waren wie vor vier Monaten, als der Versuch begonnen hatte. Im ersten Stamm
hatte es im Laufe der 107 Tage, die der Versuch währte, 179 Generationen
gegeben, im zweiten Stamm bloß 138 Generationen.

Dieser Versuch von Woodruff sagt uns eine ganze Menge. Ein wildes
Pantoffeltierchen hatte sich fortlaufend 1021 mal geteilt, hatte
1021 Generationen erzeugt, solange die Tochterzellen nach jeder neuen
Teilung in frische Nährlösung gebracht wurden. Und die Nachkommen dieses
1021. Ur ... Urenkels waren noch 179 Generationen lang so munter wie je
zuvor. Hatte man es aber unterlassen, die Tiere nach jeder Teilung in
frische Nährlösung zu bringen, so nahm die Teilungsgeschwindigkeit
allmählich ab: statt 179 Generationen wurden in demselben Zeitraum 138
erzeugt und die Tiere gingen schließlich zugrunde. _Warum?_ Aus
»Altersschwäche« hätte Maupas gesagt. Weil sie in einem
»Depressionszustand« waren, der in die Lebensgeschichte eines jeden
Pantoffeltierchens normalerweise hineingehört, hätte Calkins behauptet.
Woodruffs Doppelversuch sagt uns aber, daß diejenigen Pantoffeltierchen,
die im Laufe der Generationen an Teilungsfähigkeit einbüßten und
schließlich starben, einfach geschädigt worden waren dadurch, daß man es
unterlassen hatte, die Tiere nach jeder Teilung in frische Nährlösung zu
bringen. Was Maupas und Calkins an »Altersschwäche« und »Depression« bei
Einzelligen beobachtet haben, war also wirklich nichts anderes als eine
Schädigung der Tiere durch die Nährlösung, in der ihre Versuchstiere über
mehrere Generationen hinaus verbleiben mußten. _Es brauchen also die
Pantoffeltierchen gar nicht unbedingt zu altern und die Depression gehört
gar nicht unbedingt in die Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens
hinein._

Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, daß die Pantoffeltierchen _auch in
der freien Natur_ Schädigungen unterliegen, wie in den Versuchen von Maupas
und Calkins und daß es dabei zu Depressionszuständen bei ihnen kommen muß,
wie sie Maupas und Calkins bei ihren Versuchstieren beobachtet haben. Aber
dadurch wird nichts an der Tatsache geändert, daß, wie die Versuche von
Woodruff uns gezeigt haben, dieses »Altern« und diese »Depression« _nicht
unbedingt_ in den Lebenslauf des Pantoffeltierchens hineingehören und daß
das Pantoffeltierchen, wenn es von allerlei Schädigungen frei bleibt,
wirklich unsterblich ist.

Da es in einer Nährlösung, in der die Versuchstiere einige Zeit drin
bleiben, von Bakterien wimmelt, die den Pantoffeltierchen als Nahrung
dienen, so kann die Schädigung der Pantoffeltierchen in der Nährlösung
nicht auf einem Nahrungsmangel beruhen, worauf wir übrigens schon bei der
Beschreibung der Versuche von Maupas hingewiesen haben. Es bleibt nur eine
Annahme übrig: _daß die Pantoffeltierchen in einer solchen Nährlösung
geschädigt werden durch Stoffe, die sie selber in die Nährlösung
hineinbringen, durch Stoffwechselprodukte oder durch Schlacken, die in
ihrem Stoffwechsel entstehen_.

Woodruff hat durch zahlreiche weitere Versuche diese Annahme gestützt. Er
hielt seine Pantoffeltierchen in verschieden großen »Tropfen-Aquarien«, die
zwei, fünf, zwanzig und vierzig Tropfen Nährlösung fassen konnten, und es
zeigte sich, daß die Teilungsgeschwindigkeit seiner Versuchstiere um so
größer war, je mehr Tropfen Nährlösung ihr Aquarium enthielt. Diese
Versuche sagen uns, daß die Teilungsgeschwindigkeit um so größer ist, je
leichter es für die Pantoffeltierchen ist, sich ihrer Schlacken zu
entledigen: es ist eben für die Pantoffeltierchen um so leichter ihre
Schlacken nach außen abzugeben, je größer die Flüssigkeitsmenge ist, von
der sie umspült werden und in der sich die Abfallstoffe verteilen können.

Wir müssen an dieser Stelle auch eines etwas älteren Versuches von _Pütter_
gedenken, in dem eine noch stärkere Anhäufung von Schlacken im
Aquarium-Wasser erzielt wurde. Pütter brachte eine größere Anzahl von
Pantoffeltierchen in einem kleinen Tropfen Wasser unter das Mikroskop.
Obgleich die Tiere genug Sauerstoff bekamen -- denn Pütter ließ den
Wassertropfen an der Luft stehen -- wurden die vielen Pantoffeltierchen,
die in dem Wassertropfen beisammen waren, schon im Verlauf weniger Stunden
soweit geschädigt, daß sie aufhörten, mit den Wimpern zu schlagen und
schließlich stillstanden. Genau so, wie wenn man die Tiere z. B. mit
Alkohol vergiftet. Brachte Pütter normale Tiere in den Tropfen mit den
geschädigten Tieren hinein, so wurden die frischen Tiere schon innerhalb
eines viel kürzern Zeitraums geschädigt. Übertrug Pütter die geschädigten
Tiere aus ihrem Wassertropfen in frisches Wasser, so erholten sich die
Pantoffeltierchen wieder -- vorausgesetzt natürlich, daß ihre Schädigung
noch nicht zu weit gegangen war.

Dieser Versuch von Pütter stützt in ausgezeichneter Weise die Annahme, daß
die »Altersveränderungen« und die »Depressionszustände«, wie sie Maupas,
Calkins und Richard Hertwig im Gegensatz zu den Befunden von Woodruff bei
den Einzelligen festgestellt haben, auf einer Schädigung der Tiere durch
Stoffwechselprodukte beruhen, die sich in der Nährlösung anhäufen, wenn man
die Tiere mehr oder weniger lange Zeit in ein und derselben Nährlösung
beläßt. Denn in dem Versuch von Pütter, wo die Tiere innerhalb weniger
Stunden oder eines noch kürzeren Zeitraumes geschädigt wurden, kann es sich
doch nur um eine Wirkung von Stoffwechselprodukten handeln. Von einem
Nahrungsmangel kann innerhalb eines so kurzen Zeitraumes unmöglich die Rede
sein. Auch sterben Pantoffeltierchen aus Hunger unter anderen Erscheinungen
ab. Und außerdem erholten sich ja die Tiere in frischem Wasser wieder.

Woodruff hat schließlich Versuche veröffentlicht, die uns mit unleugbarer
Sicherheit sagen, daß die schädigende Wirkung eines Aufenthaltes in nicht
frischen Nährlösungen ausschließlich auf einer Überhäufung der Nährlösung
mit Stoffen beruht, die aus dem Stoffwechsel der Zellen stammen. Woodruff
hat sich nämlich gefragt, ob die Stoffwechselprodukte, die von den
verschiedenen Verwandten des Pantoffeltierchens ausgeschieden werden,
schädigend auch auf unser Pantoffeltierchen wirken. Er hielt die eine
Tochterzelle des Pantoffeltierchens, das den wissenschaftlichen Namen
+Paramaecium aurelia+ trägt, in frischer Nährlösung, die andere
Tochterzelle in einer Nährlösung, die von Schlacken erfüllt war, die von
+Paramaecium caudatum+ stammten. Die beiden Pantoffeltierchen-Arten sind
einander sehr ähnlich, sie sind miteinander sehr nahe verwandt. Woodruff
fand, daß die Schlacken von +Paramaecium aurelia+ auf +Paramaecium
caudatum+ genau so wirken, wie die Schlacken von +Paramaecium aurelia+
selber. In der mit Schlacken von +Paramaecium caudatum+ erfüllten
Nährlösung sank die Teilungsgeschwindigkeit von +Paramaecium aurelia+
sofort ab, bis schließlich die Tiere in dieser Nährlösung zugrunde gingen.
Nun benutzte aber Woodruff für weitere Versuche eine Nährlösung, in der ein
entfernterer Verwandter des Pantoffeltierchens, die sogenannte
+Pleurotricha+ gehalten worden war. Und siehe da! _In der Nährlösung, die
mit den Stoffwechselprodukten von +Pleurotricha+ erfüllt war, gediehen die
Pantoffeltierchen völlig normal._ Nun machte Woodruff folgenden
Kreuzversuch. Er züchtete die Tochterzellen von +Pleurotricha+: die eine
Tochterzelle in frischer Nährlösung, die andere in einer Nährlösung, die
mit den Stoffwechselabfällen von Pantoffeltierchen erfüllt war. _In der
Nährlösung, die mit den Stoffwechselprodukten von Pantoffeltierchen erfüllt
war, gediehen die +Pleurotricha+-Tiere völlig normal._ Diese Versuche sagen
uns, daß die schädigende Wirkung einer Nährlösung, in der Pantoffeltierchen
lange verbleiben, einzig und allein darauf beruhen kann, daß sich Stoffe in
der Nährlösung anhäufen, _die die Tiere in ihrem Stoffwechsel #selber#
produzieren_.

_Nach alledem ist uns klar, daß das »Altern« oder die »Depression«, die die
Pantoffeltierchen nach einer Reihe von Generationen erleiden, auf einer
Schädigung durch Stoffwechselprodukte beruhen, die von den Tieren selber
erzeugt werden._

                 *       *       *       *       *

Unsere Betrachtungen führen uns also dahin, daß die eigentümlichen
Veränderungen, die Maupas, Calkins, Richard Hertwig und andere
Forscher an den Einzelligen nach einer Anzahl von Teilungen oder
Generationen beobachtet haben, nicht Altersveränderungen sind, wie
sie in die Lebensgeschichte einer Zelle unbedingt hineingehören,
sondern daß sie auf einer Schädigung beruhen, die durch eine Anhäufung
von Stoffwechselprodukten in der Zelle hervorgerufen werden.

Man könnte nun meinen, daß somit die Untersuchungen von Maupas, Calkins und
Richard Hertwig in gar keiner Beziehung zum großen Problem des natürlichen
Todes stünden, und daß wir vielleicht besser getan hätten, den Leser, der
auf eine Antwort über den _natürlichen_ Tod, über den Tod aus
Altersschwäche wartet, mit all diesen Dingen zu verschonen. Aber die Sache
liegt eben so, daß alle diese Untersuchungen für das Problem des
natürlichen Todes von einschneidender Bedeutung sind.

Wenn wir sagen sollen, was die Veränderungen sind, die Maupas und Calkins
als »Altersveränderungen« oder »Depression« an ihren Tieren beobachtet
haben, so ist es, ganz allgemein, _ein allmählich zunehmender Zellschwund_,
der sich im Laufe der Generationen bemerkbar macht. Man werfe nur einen
Blick auf Maupas' Zahlen und auf die Abbildungen, die uns die Größenabnahme
der Einzelligen im Laufe der Generationen in den Versuchen von Maupas zum
Ausdruck bringen.[4] Auch Calkins und andere Forscher haben gefunden, daß
die »Depression« der Einzelligen durch eine Größenabnahme der Zelle
gekennzeichnet ist. Sobald die Größenabnahme weit genug fortgeschritten
ist, tritt der Zeitpunkt ein, wo die Zelle stirbt. Die Tatsache, daß die
Zellen nach einer Reihe von Generationen an Größe abnehmen, müssen wir in
dem Sinne auffassen, daß im Stoffwechsel der Zellen eine Störung
eingetreten war, die es ihnen dauernd unmöglich gemacht hat, genug an
Stoffen von außen aufzunehmen, um den Stoffverbrauch, der im Stoffwechsel
geschieht, zu decken. Wir wissen aus unsern Betrachtungen, daß diese
Störung im Stoffwechsel der Einzelligen auf einer Überladung ihres Körpers
mit Stoffwechselprodukten beruht.

    [4] Vgl. Seite 53.

Auf der anderen Seite wissen wir aus früheren Erörterungen, daß die
Veränderungen, die die Zellen des alternden Zellenstaates erfahren, eine
Atrophie, ein richtiger Zellschwund sind. Und wir hatten es als unsere
Aufgabe bezeichnet, diese Altersatrophie der Zellen im Zellenstaat in
letzter Linie auf eine Störung in ihrem Stoffwechsel zurückzuführen, die
im Laufe des Lebens der Zellen im Zellenstaat sich immer mehr und mehr
bemerkbar macht. Nach den vorhergegangenen Feststellungen müssen wir uns
nun fragen, _ob nicht auch die Altersatrophie der Zellen im Zellenstaat auf
einer Überladung der Zellen mit Stoffwechselprodukten beruhen könnte_. Wir
haben hier einen Zellverband vor uns, in dem viele Zellen zusammenleben.
Vielleicht liegt nun hier die Sache so, daß die Zellen im Zellverband nicht
so recht die Möglichkeit haben, die Schlacken ihres Stoffwechsels nach
außen abzugeben -- genau so wie die Pantoffeltierchen in den Versuchen von
Maupas und Calkins. Gelingt es uns, den Nachweis zu führen, daß im Laufe
des Lebens in den Zellen des Zellenstaates eine Anhäufung von Schlacken
stattfindet, die wegen des Zusammenlebens der Zellen im Zellverband nicht
schnell genug aus den Zellen herausgeschafft werden können, so sind wir im
Problem des natürlichen Todes der vielzelligen Tiere ein gut Stück vorwärts
gekommen: wir hätten dann eine Störung im Stoffwechsel der Zellen im
Zellenstaat aufgedeckt, die die Altersatrophie der Zellen hervorruft und
schließlich die Zellen und damit den ganzen Zellenstaat zugrunde richtet.

Sehen wir also zu, ob dieser Nachweis möglich ist. Suchen werden wir vor
allem in den _Nervenzellen_: denn wir wissen schon, daß die Nervenzellen
allen andern Zellen im Zellenstaat im Altwerden vorausgehen.



9. Jugend und Alter der Nervenzellen.


Die Nervenzellen wollen wir besonders ins Auge fassen, weil wir uns
überzeugt haben, daß die Altersveränderungen, die das Gehirn erfährt, sehr
beträchtlich sind, und weil sich uns ergeben hat, daß das Versagen
bestimmter Teile des Gehirnes das schnelle Hinsterben der andern gealterten
Zellen des Zellenstaates einleitet.

Eine ganze Anzahl von Forschern hat sich mit der Frage befaßt, worin die
Veränderungen bestehen, die die Nervenzellen im Alter erfahren. Daß sie im
hohen Alter an Größe abnehmen, wissen wir schon. Aber noch eine andere
Veränderung hat man an den gealterten Nervenzellen beobachtet, und diese
interessiert uns hier ganz besonders.

Es ist das große Verdienst von _Mühlmann_, einem russischen Forscher,
unsere Erkenntnis über die Altersveränderungen der Nervenzellen in beinahe
zwanzigjähriger mühseliger Forscherarbeit gefördert zu haben. Man hatte
gefunden, daß in den Nervenzellen alter Leute kleine, fettglänzende
Körnchen und dunkle Stäubchen oder Pigment vorkommen, und man nahm zunächst
an, daß das Vorkommen von Fettkörnchen und Pigment in den Nervenzellen mit
irgendwelchen Krankheiten der alten Leute zusammenhängen müsse. Hier haben
nun die Untersuchungen von Mühlmann eingegriffen. Er beschränkte sich nicht
darauf, die Nervenzellen bloß alter Leute auf ihren Gehalt an den
fraglichen Fett- und Pigment-Körnchen zu untersuchen. Er untersuchte auch
die Nervenzellen von Menschen, die schon in jugendlichem Alter gestorben
waren. So hat er im Laufe der Zeit die Nervenzellen von Leuten untersucht,
die im Alter von 1, 2, 3, 8, 15, 18, 19, 24, 26, 29, 38, 48, 53, 60, 70, 83
und 90 Jahren gestorben waren, und es hat sich dabei folgendes
herausgestellt.

Wenn man die Nervenzellen von Kindern mit dem Mikroskop untersucht, so
findet man in manchen Zellen kleine glänzende Körnchen, die über den ganzen
Zelleib verstreut sind. Betupft man das Stückchen Rückenmark oder Gehirn,
das man auf einem Glasplättchen unter dem Mikroskop liegen hat, mit einem
Tropfen der sogenannten Osmiumsäure, so werden die glänzenden Körnchen
schwarz (Abb. 23). Osmiumsäure hat die Fähigkeit, fettartige Stoffe zu
schwärzen. Wir müssen darum annehmen, daß diese Körnchen aus Fett bestehen.
Betupfen wir nun ein Stückchen Gehirn oder Rückenmark mit Alkohol oder
Äther, so verschwinden die glänzenden Körnchen: Alkohol und Äther haben die
Fähigkeit, Fett aufzulösen. Folglich ist unsere Vermutung, daß die
glänzenden Körnchen in den Nervenzellen aus einem fettähnlichen Stoff
bestehen, bestätigt. Wie uns die Abbildung zeigt, sind die Körnchen bei
jugendlichen Personen nicht in allen Zellen enthalten, und in den einen ist
ihre Zahl größer, in den andern geringer. Aber wenn man ein Stückchen
Rückenmark oder Gehirn mit dem Mikroskop untersucht, so findet man in der
einen oder anderen Zelle doch solche Körnchen in den Nervenzellen, auch
wenn es sich um die Leichen von Kindern handelt, die kaum ein Jahr alt
geworden sind.

    [Illustration: Abb. 23. Nervenzellen aus dem Rückenmark eines
    im Alter von 3 Jahren verstorbenen Knaben. Die mit
    Osmiumsäure schwarz gefärbten Körnchen sind über die ganze
    Zelle verstreut. Manche Zellen sind von Körnchen ganz frei.
    (In manchen Zellen hat der Schnitt den Zellkern nicht
    mitgetroffen).]

Untersucht man die Nervenzellen von ältern Personen, z. B. im Alter von 16
und 19 Jahren (Abb. 24 u. 25), so findet man, daß hier die Körnchen schon
in größerer Anzahl in den Zellen vorhanden sind. Sie liegen hier viel
dichter in den Zellen, und die Zahl der Zellen, in denen die Körnchen
vorkommen, ist größer als bei kleinen Kindern. Außerdem kann der
Untersucher feststellen, daß die Körnchen, auch wenn man sie nicht erst mit
Osmiumsäure färbt, schon an und für sich ein dunkleres Aussehen haben, die
Körnchen sind dunkelbraun bis schwarz geworden, und man muß sie jetzt als
Pigment bezeichnen.

    [Illustration: Abb. 24. Nervenzellen eines 16jährigen
    Mannes.]

    [Illustration: Abb. 25. Nervenzellen einer 19jährigen Frau.]

Im höheren Alter liegen die nunmehr ganz dunklen Pigmentkörnchen in dichten
Haufen beisammen, wie uns die Abb. 26 zeigt, die uns eine Nervenzelle einer
80jährigen Frau vor Augen führt. Man kann hier die einzelnen
Pigmentkörnchen gar nicht mehr zählen, so groß ist die Zahl der dicht
beisammen liegenden Körnchen. Manchmal nehmen bei alten Leuten die
Pigmentkörnchen beinahe die ganze Zelle ein, so daß nur ein schmaler Saum
von Protoplasma in der Zelle von ihnen frei bleibt (Abb. 27).

    [Illustration: Abb. 26. Nervenzelle aus dem Rückenmark einer
    80jährigen Frau.]

    [Illustration: Abb. 27. Nervenzelle einer 80jährigen Frau.
    Schematisiert.]

Wie bei Menschen, so sieht man auch bei Tieren mit zunehmendem Alter die
Fett- und Pigmentkörnchen sich in den Nervenzellen häufen. Mühlmann hat die
Nervenzellen vom Meerschweinchen, von der Kuh, der Maus, dem Papagei u. a.
auf ihren Gehalt an Fett- und Pigmentkörnchen untersucht. Stets waren sie
vorhanden, wie uns die Abb. 28 u. 29 für die Kuh und für die Maus zeigen.
Sehr schön ist der Unterschied zwischen der jugendlichen und gealterten
Nervenzelle auf den Abb. 30 u. 31 zu sehen: die Fettkörnchen fehlen bei dem
neugeborenen Meerschweinchen, während sie bei dem 2 1/2 Jahre alten
Meerschweinchen in beträchtlicher Zahl vorhanden sind. Ebenso beim jüngern
und ältern Papagei (Abb. 32 u. 33). Zuweilen findet man die Pigmentkörnchen
auch in dem Kern der Zelle liegen (Abb. 28).

    [Illustration: Abb. 28. Nervenzelle aus dem Rückenmark einer
    zweijährigen Kuh.]

    [Illustration: Abb. 29. Nervenzelle aus dem Rückenmark einer
    zweijährigen Maus. Stark schematisiert.]

    [Illustration: Abb. 30. Nervenzelle eines 1 Monat alten
    Meerschweinchens.]

    [Illustration: Abb. 31. Nervenzelle eines 2 1/2 Jahre alten
    Meerschweinchens.]

    [Illustration: Abb. 32. Nervenzelle eines etwa 12 Jahre alten
    Papageis. Stark schematisiert.]

    [Illustration: Abb. 33. Nervenzelle eines alten Papageis.
    Schematisiert. Abbildungen 23 bis 33 nach Mühlmann.]

In manchen Gebieten des Nervensystems häufen sich die Fettkörnchen, die
allmählich zu dunklen Pigmentkörnchen geworden sind, früher an als in
andern, z. B. in manchen Zellgruppen, die bei der Regulierung der
Herzmuskelarbeit und der Arbeit der Atemmuskeln mittun.

Fassen wir zusammen, was uns die Untersuchungen von Mühlmann gelehrt haben,
so läßt sich sagen, daß _in den Nervenzellen schon in der frühen Jugend
Fettkörnchen auftreten, die mit dem Alter an Menge mehr und mehr zunehmen,
bis sie schließlich beinahe die ganze Zelle erfüllen_.

_Pigmentkörnchen hat man auch in den gealterten Zellen aller anderen Organe
nachgewiesen._ Besonders auffallend ist die Ablagerung eines bräunlichen
Pigmentes in den Herzmuskelzellen.

Was hat diese Einlagerung von Pigment in den Zellen zu bedeuten? Diese
Frage zu beantworten, ist nicht leicht. Nur _Vermutungen_ können wir
darüber anstellen.

Man kennt die Tatsache, daß im Stoffwechsel mancher Formen der lebendigen
Substanz, z. B. bei Bakterien und bei manchen Wirbellosen, Stoffe
entstehen, die in die chemische Gruppe der Fettsäuren hineingehören. Unter
gewissen Umständen, wie bei Krankheiten, entstehen auch im Stoffwechsel des
Menschen Fettsäuren, z. B. bei der Zuckerkrankheit. Fettsäuren nun
vereinigen sich mit Glyzerin zu Fett. Gibt man einem Tier größere Mengen
von Fettsäuren ein, so findet man nach einigen Stunden in der Lymphe des
Tieres zahlreiche Fettkügelchen. Das sagt uns, daß die Zellen des
tierischen Organismus die Fähigkeit besitzen, Glyzerin herzustellen, das
sich dann mit den Fettsäuren zu Fett vereinigt. Man könnte sich daraufhin
vorstellen, daß die fettglänzenden Körnchen, die man in den Zellen des
Organismus von der frühesten Jugend an sich bilden sieht und die, wie wir
uns oben überzeugt haben, jedenfalls Tröpfchen eines fettähnlichen Stoffes
sind, in folgender Weise entstehen. In den Zellen unseres Körpers werden im
Stoffwechsel vielleicht auch schon normalerweise Fettsäuren gebildet, die
aber im weiteren Verlauf der stofflichen Umsetzungen in den Zellen aus
diesen herausgeschafft werden, indem sie zu Kohlensäure und Wasser, den
Endprodukten des Stoffwechsels, verbrannt werden. Nun nehmen wir an, daß es
mit der Abfuhr der Stoffwechselprodukte aus den Zellen des Zellenstaates
gar nicht so gut bestellt ist, wie es sein sollte. Dann werden
Stoffwechselprodukte in den Zellen liegen bleiben, obgleich sie hier nicht
mehr hineingehören. Die Umsetzungen in den Zellen werden eine Einbuße
erleiden und die Weiterverarbeitung der Fettsäuren wird nicht gut genug
vonstatten gehen können. Es wird ein Rest von Fettsäuren in den Zellen
zurückbleiben. Die Fettsäuren werden zu einer fettähnlichen Substanz
verarbeitet werden -- das Glyzerin, das die Zellen dazu nötig haben, können
sie ja selber herstellen. Wenn dieser Gedankengang richtig ist, dann dürfen
wir die fettglänzenden Körnchen oder die Pigmentkörnchen, in die sich die
fettglänzenden Körnchen in den Nervenzellen im Laufe der Zeit umwandeln,
als Stoffwechselprodukte auffassen, die sich in den Zellen sammeln, weil
die Abfuhr der Stoffwechselprodukte aus den Zellen im Zellenstaat nicht
ergiebig genug vonstatten geht.

Doch wir dürfen nicht vergessen, daß alle diese Einzelheiten ganz und gar
nur Vermutungen sind. Der wirkliche Sachverhalt kann auch anders sein, die
Pigmentkörnchen können in den Zellen auch auf eine andere Weise entstanden
sein. Wie dem aber auch sei: _wir kommen um die Tatsache nicht herum, daß
in den Zellen unseres Körpers, vornehmlich in den Nervenzellen und in den
Herzmuskelzellen -- aber auch in allen andern Zellen sonst --,
Pigmentkörnchen, aus fettähnlichen Stoffen entstanden, sich häufen und daß
diese Körnchen wahrscheinlich Stoffwechselprodukte der Zellen oder
Schlacken des Stoffwechsels schlechtweg sind_.

Und jetzt gedenken wir all der Dinge, die wir uns aus der Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens haben erzählen lassen. Wir waren dahin gekommen,
daß das sonst unsterbliche Pantoffeltierchen altert und stirbt, wenn sich
Schlacken in seinem Zelleib ansammeln. Das Pantoffeltierchen verfällt dabei
einer Atrophie, die mit der Altersatrophie im Zellenstaat verglichen werden
kann. Nun ist uns die Tatsache vertraut geworden, daß auch in den Zellen
des Zellenstaates sich im Laufe des Lebens ganz allmählich Schlacken
ansammeln. Was ist da durchsichtiger, als daß die Altersatrophie der Zellen
im Zellenstaat in derselben Weise zustandekommt wie die Depression und die
Atrophie des Pantoffeltierchens? Die Schlacken, die sich mehr und mehr in
der Zelle häufen, stören den Stoffwechsel der Zellen, die Zellen nehmen
allmählich an Masse ab, sie werden atrophisch -- bis sie schließlich
zusammenbrechen, genau so wie das Pantoffeltierchen und seine Verwandten in
den Versuchen von Maupas und Calkins.

Wir werden also dahin geführt, _daß die im Leben entstehenden
Stoffwechselprodukte wahrscheinlich nicht sorgfältig genug aus den Zellen,
die im Zellverband beisammenleben, herausgeschafft werden können, daß sie
sich mehr und mehr in den Zellen häufen, den Stoffwechsel der Zellen stören
und eine Atrophie der Zellen hervorrufen. Und sobald die Anhäufung der
Schlacken in den Nervenzellen und damit die Atrophie der Nervenzellen weit
genug fortgeschritten ist, sind diese Zellen nicht mehr auf ihrem Posten,
sie versagen im Dienst. Wir büßen die geistige Frische ein, wir werden alt.
Es kommt schließlich der Zeitpunkt, wo auch diejenigen Nervenzellen
versagen, die Atmung und Herztätigkeit regulieren. Die alten
Herzmuskelzellen und auch alle andern Zellen im Körper sind gleichfalls
nicht mehr so recht auf ihrem Posten. Atmung und Herzschlag stehen still --
das Sterben der Zellen im Zellenstaat beginnt._

Aber wieso kommt es, daß die Stoffwechselprodukte der Zellen des
Zellenstaates nicht so sorgfältig herausgeschafft werden, wie aus dem
Zelleib des Pantoffeltierchens? Da müssen wir daran denken, daß so ein
Pantoffeltierchen eine _freilebende_ Zelle ist, die von allen Seiten vom
Wasser, in dem es lebt, umspült wird. Unter solchen Umständen geht es mit
der Ausscheidung der Stoffwechselprodukte sehr leicht. Bei den Zellen aber
im Zellenstaat mußte die Sache schwieriger werden. Allerdings, auch die
Zellen im Zellenstaat leben im Wasser, in »fließendem Wasser«, denn wir
nehmen alle Tage ein paar Liter Wasser auf und erneuern so im Laufe von
längstens drei Wochen alles Wasser unseres Körpers. Aber die Zellen im
Zellenstaat sind mit Bezug auf das Wasser, das sie umspült, doch schlechter
bestellt als das freilebende Pantoffeltierchen. Nur die wenigsten Zellen im
Zellenstaat werden von den Körperflüssigkeiten, vom Blut und von der
Lymphe, unmittelbar umspült. Die meisten Zellen im Zellenstaat, die in
großen Haufen beisammenliegen, können mit dem Blut und der Lymphe nur durch
Vermittlung benachbarter Zellen verkehren, die dem Blute näher sind oder
direkt von diesem umspült werden. Da ist es leicht begreiflich, daß die
Abfuhr der Schlacken im Zellenstaat nicht so sorgfältig vonstatten gehen
kann wie beim Pantoffeltierchen, das sich frei im Wasser tummelt. Und die
Zellen des Zellenstaates sind in derselben Lage wie ein Pantoffeltierchen,
dem man nicht häufig genug das Wasser wechselt. Und sie gehen zugrunde,
weil sie mit den Schlacken des Stoffwechsels überladen werden.

Dann kommt noch hinzu, daß das weiche bindegewebige Daunenbett der
Blutgefäße im Laufe der Zeit hart geworden ist: das alt gewordene
Bindegewebe macht die Blutgefäße starr und stört die prompte Zufuhr von
Blut zu den Zellen im Körper.

Und so ergibt sich uns der Schluß: #Im Zusammenleben der Zellen im
Zellverband liegen die Bedingungen für den Tod des vielzelligen Organismus,
für den natürlichen Tod aus Altersschwäche, der sich mit eiserner
Notwendigkeit aus dem Leben der Zellen im Zellenstaat entwickelt.
Die Schlacken des brennenden Lebensfeuers der Zellen im Zellenstaat
bringen das Leben allmählich zum Stillstand. Der Zellenstaat bringt sich
selber um.#

Mit Bezug auf die Bedeutung, die die Nervenzellen für das Zustandekommen
des Todes haben sollen, ist ein Einwand möglich. _Ribbert_ selbst hat
diesen Einwand in ansprechender Weise diskutiert.

Man könnte nämlich behaupten, daß die Atrophie der Nervenzellen doch nicht
immer daran schuld sein könne, daß nunmehr das Sterben des Zellenstaates
beginnt. Sehr viele Menschen sterben bei völliger geistiger Frische,
trotzdem sie ein Alter erreichen, das über das Durchschnittsalter der
Menschen weit hinausgeht. Man denke an den Historiker Mommsen, der 86 Jahre
alt war, als er starb, und an den Physiker Bunsen, der sogar erst mit 88
Jahren starb. Beide waren bis zuletzt bei völliger geistiger Frische. Der
berühmte Physiologe Eduard Pflüger, der ein Alter von 81 Jahren erreichte
und vor wenigen Jahren in Bonn starb, hielt bis zu den letzten Tagen seines
Lebens nicht nur die Vorlesung ab, sondern arbeitete in angestrengter Weise
auch noch im Laboratorium an schwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen,
mit denen er auch literarisch im Mittelpunkte hochwichtiger physiologischer
Streitfragen stand. Und dann war er zu Ende des Semesters wenige Tage krank
und war tot.

Wie reimt sich das damit zusammen, daß ein Versagen der Nervenzellen den
Tod unseres Zellenstaates einleitet?

Die Sache liegt hier vielleicht so: Die Arbeit des Gehirnes beruht auf
einem Zusammenarbeiten vieler Nervenzellen, und jede Zellgruppe kann dabei
für sich im Dienst versagen. Während z. B. die Nervenzellen, die der Atmung
und dem Blutkreislauf vorstehen, noch rüstig arbeiten, können die
Nervenzellen, die das Denken besorgen, schon mehr oder weniger atrophisch
sein. Das ist im Alter ja auch die große Regel. Es kann nun aber auch der
Fall eintreten, daß die Nervenzellen, die der Atmung und dem Blutkreislauf
vorstehen, eher versagen, als die Zellen, deren Arbeit Denken ist! Dann
wird der Greis bei völliger geistiger Frische sterben. Die
Altersveränderungen in den Nervenzellen, die das Denken besorgen, werden
bei solchen Menschen, die andauernd geistig tätig sind, sich weniger
schnell bemerkbar machen. »Die fortgesetzte Übung der Nervenzellen, die mit
besserer Blutzufuhr und besserer Ernährung verbunden ist, wird dadurch
auch eine lebhaftere Durchspülung des Protoplasmas und eine leichtere
Abfuhr der Stoffwechselprodukte herbeiführen,« sagt Ribbert. Die
Nervenzellen aber, die für die Regelung der Herztätigkeit und der Atmung in
Betracht kommen, werden bei diesen Menschen in demselben Tempo der Atrophie
und dem Tode entgegenschreiten, wie bei allen anderen Menschen, die aus
Altersschwäche sterben. Und dann wird plötzlich der Tag gekommen sein, wo
den silberweißen Greis, den wir alle wegen seiner geistigen Frische
bewundert, der Sensenmann ereilt hat.

Diese Auffassung ist wohl plausibel. Das sieht ein jeder ein. Wir wissen,
daß z. B. ein Muskel mit Bezug auf seine Ernährung viel besser davonkommt,
wenn er Arbeit leistet, als wenn er keine Arbeit tut. Voraussetzung ist
natürlich, daß er nicht überanstrengt wird, daß ihm genügend Zeit zur
Erholung gelassen wird. Aber es ist doch zunächst bloß eine Vermutung, daß
es so auch mit den Nervenzellen ist, daß die andauernde geistige Tätigkeit
die Nervenzellen, die Denkarbeit leisten, vor einer allzuschnellen
Überladung mit den todbringenden Stoffwechselabfällen verschont.

_Mühlmann_ hat nun vor einigen Jahren Untersuchungen ausgeführt, die diese
Vermutung vielleicht zu stützen vermögen. Er hat die Pigmentmenge in den
Nervenzellen des Rückenmarks, die die Muskeln des rechten und linken Armes
regieren, bestimmt. Er fertigte sich mikroskopische Schnitte von der
»Arm-Anschwellung« des Rückenmarkes (Abb. 34) an und zählte in einer ganzen
Serie von Schnitten die Nervenzellen aus, wobei er sich die Zahl der
Nervenzellen, die stark pigmenthaltig waren, besonders notierte. Die
Zählungen von Mühlmann haben ergeben, daß die Zahl der Nervenzellen, die
stark pigmenthaltig waren, auf der rechten Seite geringer war als auf der
linken. So waren nach Mühlmann bei 18 Personen im Alter von 18 bis
46 Jahren auf der linken Seite 77,2 Prozent aller Zellen stark
pigmenthaltig, auf der rechten Seite nur 74,8 Prozent. Die Personen, deren
Nervenzellen Mühlmann auf ihren Pigmentgehalt untersucht hat, waren
rechtshändig und sie hatten somit mit dem rechten Arm im Laufe ihres Lebens
mehr Arbeit geleistet als mit dem linken. Mühlmann ist der Meinung, daß
seine Untersuchungen dafür sprechen, daß die mehr arbeitenden Nervenzellen
weniger Pigment enthalten, d. h. weniger Stoffwechselprodukte anhäufen, als
diejenigen Zellen, die weniger gearbeitet haben. Ohne weitere
Untersuchungen ist es nicht möglich, zu entscheiden, ob Mühlmann hier
wirklich recht hat: der Unterschied von rechts und links ist in den
Zählungen von Mühlmann doch zu gering. Wollte man aber die Ergebnisse der
Mühlmannschen Untersuchungen auf die Nervenzellen des Gehirnes, die die
Denkarbeit leisten, übertragen, so wäre hier der Sachverhalt so: Bei
manchen Leuten, bei denjenigen, die als geistig hochstehende Menschen
andauernd geistig tätig sind, werden bestimmte Nervenzellen des Gehirns
mehr Arbeit leisten als bei andern Leuten, die nicht in einem solchen Maße
geistig arbeiten. Bei den ersten werden die Denkzellen weniger Pigment
anhäufen als bei den zweiten. Und darum werden die geistig arbeitenden
Menschen ihre geistige Frische länger erhalten können als die andern.

    [Illustration: Abb. 34. Rückenmark, aus dem Wirbelkanal
    herauspräpariert. Von hinten. Man sieht bei +A+ die
    Armanschwellung, die Stelle, wo die vielen großen
    Nervenzellen liegen, welche die Muskeln des Armes regieren.
    Bei +B+ die Lendenanschwellung mit den Nervenzellen für die
    Beinmuskeln. Nach Toldt.]

Aber auf jeden Fall darf man nicht glauben, daß _jede_ vermehrte Arbeit
dahin führen müsse, daß nun die Zellen, die diese Arbeiten leisten, mit
Bezug auf eine Durchspülung mit Blut besser gestellt sind als die Zellen,
die weniger Arbeit leisten. Nein, das ist nur innerhalb bestimmter Grenzen
möglich. Sobald wir den Zellen unserer Organe, sei es den Nervenzellen, die
Denkarbeit leisten, den Herzmuskelzellen, die das Blut durch die Blutgefäße
treiben, den Muskeln, die mechanische Arbeit leisten, den Nierenzellen, den
Zellen der Lunge usw. eine zu große Arbeit zumuten, der sie nicht gewachsen
sind, dann brechen sie unter der vermehrten Arbeit zusammen, wie die
Erfahrung tausendfältig lehrt. Für alle Zellen unseres Körpers gibt es ein
zuwenig und ein zuviel an Arbeit, das ihnen ein frühes Grab gräbt, und eine
bestimmte Arbeitsleistung, die ihnen am zuträglichsten ist und ihnen ein
langes und gesundes Leben sichert. Es ist das »Optimum« an Arbeit, wie der
wissenschaftliche Ausdruck für diese Dinge lauten könnte. _Dieses Optimum
an Arbeit, die »bestgrößte« Arbeitsmenge, ist das allein wirksame
Lebenselixier -- wenn man schon auf der Suche nach einem solchen ist --,
das die Wissenschaft uns zu bieten vermag._

Aber auch dieses Lebenselixier ist nicht so wirksam, daß es alle Scharten
in den Nervenzellen auswetzen könnte, die das Alter in ihnen setzt. Auch
der geistig hochstehende und andauernd geistig arbeitende Mensch büßt im
Alter an Geisteskraft ein. Aber gewöhnlich schrauben wir unsere Erwartungen
gegenüber einem Greis von 80 und 90 Jahren nicht mehr so hoch und wir
schätzen darum seine Denkleistungen höher ein, als eigentlich berechtigt
wäre. »Das wirkliche Verhalten,« sagt Ribbert, »beurteilen wir richtiger,
wenn wir uns, wie wir es ja oft tun, so ausdrücken, daß wir sagen, dieser
oder jener ist für sein Alter noch merkwürdig frisch. Damit sagen wir
zugleich, daß doch tatsächlich schon eine Abnahme der geistigen Funktionen
bemerkbar ist. Sie laufen langsamer ab und werden einseitiger. Und diese
Verminderung der psychischen Tätigkeit führen wir mit vollem Recht zunächst
auf die zu dieser Zeit allerdings noch nicht zu den höchsten Graden
fortgeschrittenen Veränderungen der Ganglienzellen zurück. Nimmt deren
Atrophie weiterhin immer mehr zu, so steigert sich die Abnahme der
psychischen Funktionen. Geordnetes Denken wird allmählich unmöglich, neue
Eindrücke werden nicht mehr verarbeitet, es stellt sich Gleichgültigkeit
gegen die Umgebung ein, das Gehirn vegetiert nur noch und seine Tätigkeit
erlischt allmählich bis zum Eintritt des Todes.«



10. Der Tod der Eintagsfliege.


Nach dem, was wir alles im vorigen Kapitel gehört haben, steht eine neue
Frage vor uns: Warum sich die Schlacken in den _Nervenzellen_ eher
ansammeln als in allen andern Zellen des Zellenstaates und zu einem Berge
in ihnen anwachsen -- wie uns die Abbildungen 26, 27 u. 33 das gezeigt
haben --, so daß die Nervenzellen früher als alle anderen Zellen des
Körpers im Dienst versagen.

Die Sache ist hier folgendermaßen bestellt. Der Stoffwechsel der
Nervenzellen ist viel reger als der Stoffwechsel in den Zellen sonst. Ein
Gramm Hirnsubstanz verbraucht etwa dreimal so viel Sauerstoff als ein Gramm
anderer Körperzellen. So könnte es denn sein, daß die Menge der Schlacken,
die im Stoffwechsel der Nervenzellen entstehen, größer ist als die der
andern Zellen im Zellenstaat, und daß darum die Nervenzellen unter der Last
von Schlacken, die nicht sorgfältig genug aus ihnen herausgeschafft werden,
viel eher zusammenbrechen müssen als die andern Zellen.

Und noch eins kommt hinzu: Die Nervenzellen sind auch noch durch ihre große
Empfindlichkeit gegenüber den verschiedenen Störungen, die ihren
Stoffwechsel treffen, ausgezeichnet. Die Nervenzellen sind der »+locus
minoris resistentiae+« in unserem Körper, wie Verworn einmal gesagt hat. So
wissen wir, daß die Nervenzellen viel eher als die anderen Zellen des
Körpers der Wirkung von Giften unterliegen, wenn diese in den Körper
eingeführt werden. Die Nervenzellen sind viel früher vergiftet als die
andern Zellen des Zellenstaats. Auch wissen wir, daß die Nervenzellen bei
angestrengter Arbeit viel früher ermüden als die andern Zellen. Alle unsere
»Müdigkeit« beruht zunächst auf einer Ermüdung unseres Nervensystems, nicht
auf einer Ermüdung unserer Muskeln. Daß die Nervenzellen nach angestrengter
Arbeit viel eher müde sind als die Muskelzellen, heißt aber nach dem
heutigen Stande unseres Wissens über die Ermüdung nichts anderes, als daß
die Nervenzellen viel eher unter der Last von Stoffwechselprodukten
zusammenbrechen, die bei angestrengter Tätigkeit in größerer Menge als
sonst gebildet werden und nicht sorgfältig genug aus den Zellen
herausgeschafft werden können. Es häufen sich in ihnen »Ermüdungsstoffe«
an, wie man sagt.

Schon aus ältern Versuchen von _Ranke_ und _Mosso_ wissen wir, daß bei der
Arbeit der Muskeln Stoffwechselprodukte in ihnen gebildet werden, die, wenn
sie sich in den Muskeln anhäufen, diese lähmen. _Verworn_ hat gezeigt, daß
dasselbe auch für die Zellen des Nervensystems gilt. Vergiftet man einen
Frosch mit Strychnin, so bekommt das Tier schwere Muskelkrämpfe. Nach
einiger Zeit werden die Krämpfe schwächer und nach ungefähr 20 bis
30 Minuten wird das Tier unerregbar, es wird gelähmt. Aber die _Muskeln_
unseres Tiers sind noch gar nicht gelähmt: prüfen wir die Erregbarkeit
eines jeden einzelnen Muskels, so überzeugen wir uns, daß sie alle noch gut
erregbar sind. Nur das _Rückenmark_ ist gelähmt, das _Rückenmark_ hat zu
angestrengt gearbeitet. Nun sehen wir dem Versuch weiter zu. Verworn band
dem gelähmten Tier ein Glasröhrchen in die Aorta, in das große Blutgefäß,
das vom Herzen abgeht, und verband das Glasröhrchen mit Hilfe eines dünnen
Gummischlauches mit einem Gefäß, das physiologische Kochsalzlösung[5]
enthielt. Die Kochsalzlösung strömt dann durch die Blutgefäße unseres
Frosches. Auch wenn wir allen Sauerstoff aus der Kochsalzlösung durch
vorheriges Auskochen vertrieben haben, tut so eine Durchspülung mit
frischer Kochsalzlösung dem Tiere außerordentlich gut: der Frosch erholt
sich in wenigen Minuten und bleibt nun wieder für einige Zeit erregbar. Er
beantwortet die Reize, z. B. das Berühren oder Kneifen der Haut, mit einer
Zuckung. Die Wirkung der Durchspülung mit der Salzlösung kann hier nur
darauf beruhen, daß aus den gelähmten Zellen des Rückenmarks irgendwelche
Stoffe herausgewaschen worden sind, die an der Lähmung, an der Ermüdung der
Nervenzellen schuld waren. Der Versuch sagt uns also, daß bei angestrengter
Arbeit Stoffwechselprodukte oder Ermüdungsstoffe sich in den Nervenzellen
anhäufen, die die Zellen lähmen. Werden diese Schlacken aus den Zellen
herausgewaschen, so kehrt ihre Erregbarkeit wieder. Sie haben sich erholt.
_Hamburger_ hat vor einigen Jahren dasselbe auch für die Flimmerzellen der
Rachenschleimhaut des Frosches nachgewiesen: auch hier häufen sich, wie
selbstverständlich in jeder andern Zelle auch, Stoffwechselprodukte an, die
lähmend auf die Zellen wirken.

    [5] Eine »physiologische Kochsalzlösung« nennt man eine
    Lösung, die 7 Gramm Kochsalz auf einen Liter destillierten
    Wassers enthält. In einer solchen Salzlösung erhalten sich
    lebendige Zellen einige Zeit recht frisch, die Salzlösung
    ersetzt bis zu einem gewissen Grade (siehe im Text) das Blut.

Die Ermüdungsstoffe sind Stoffwechselprodukte, wie sie auch in der Ruhe
gebildet werden -- nur werden sie bei angestrengter Arbeit in viel zu
großer Menge gebildet, um von dem Blute, auch wenn der Blutzufluß vermehrt
ist, aus den Zellen sorgfältig genug herausgewaschen zu werden. Wegen einer
Überhäufung mit den Ermüdungsstoffen, mit den Schlacken des vermehrten
Stoffwechsels, werden also die Nervenzellen müde und büßen an
Leistungsfähigkeit ein. Aber die Nervenzellen können bei angestrengter
Arbeit unter der Last der Ermüdungsstoffe auch ganz zusammenbrechen: die
Ermüdung kann so stark sein, daß man infolge einer Übermüdung stirbt. In
diesem Falle ist der Sachverhalt beim Menschen genau so wie bei den
Pantoffeltierchen, die in dem Versuch von Pütter (vgl. S. 61) in einem zu
kleinen Tropfen zusammengepfercht waren, so daß sie infolge einer
Überlastung mit Stoffwechselabfällen schließlich stillstanden, um sich
erst wieder zu erholen, wenn man ihnen durch Übertragung in frisches Wasser
die Möglichkeit gab, den Rückstand an Schlacken wieder los zu werden. Gibt
man ihnen diese Möglichkeit nicht, dann sterben die Pantoffeltierchen
infolge der Überlastung mit den Stoffwechselprodukten. Ebenso auch die
vielzelligen Tiere. Behindert man z. B. Hunde längere Zeit am Schlafen, so
gehen sie nach einer oder zwei Wochen zugrunde. Und man findet in den
Nervenzellen solcher schlafloser Hunde Veränderungen, die darauf hinweisen,
daß die Tiere infolge einer _Übermüdung_ der Nervenzellen gestorben sind.
Versuche, die _Piéron_ und _Legendre_ in Paris vor ein paar Jahren
ausgeführt haben, haben uns das gezeigt. Auch wir Menschen sterben, wenn
wir lange nicht geschlafen haben. Im alten China soll es eine Form der
Todesstrafe gegeben haben, die darin bestand, daß man den zum Tode
verurteilten Verbrecher einige Zeit am Schlafen hinderte.

Aus diesen Tatsachen können wir für ein Verständnis des Todes eine ganze
Menge lernen. Mit vollem Recht dürfen wir das Zugrundegehen der
Pantoffeltierchen im zu engen Wassertropfen beim Versuch von Pütter als ein
_schnelles_ Sterben auffassen, das sich nur _dem Grade nach_ vom langsamen
Sterben der Pantoffeltierchen in den Versuchen von Maupas und Calkins
unterscheidet, wo der Tod das Tier erst nach einer langen Reihe von
Generationen ereilt. Und genau so kann man nach unserer heutigen
wissenschaftlichen Erkenntnis über das Sterben der vielzelligen Tiere den
natürlichen Tod des Menschen als ein langsames Sterben infolge einer
Überladung der Zellen im Zellenstaat, vor allem der Nervenzellen, mit
Stoffwechselprodukten auffassen, _das sich nur dem Grade nach vom schnellen
Hinsterben infolge einer starken Übermüdung, z. B. bei andauerndem Wachen,
unterscheidet_.

                 *       *       *       *       *

Und jetzt müssen wir wichtiger Untersuchungen gedenken, die in jüngster
Zeit _W. Harms_ in Marburg an einem kleinen Wurm aus dem Golf von Neapel
angestellt hat. Dieser einige Millimeter lange Wurm, +Hydroides pectinata+
mit Namen, besitzt, wie seine andern Wurmverwandten auch, ein Nervensystem,
das aus einigen größern Nervenknoten am Kopfende, dem sogenannten Gehirn,
und einem zarten Strickleiternervensystem besteht. Harms hatte sich zur
Aufgabe gestellt, den natürlichen Tod bei wirbellosen Tieren zu verfolgen,
und da bot sich dieser Wurm als geeignetes Material für eine solche
Untersuchung dar, schon allein aus dem Grunde, weil er sehr anspruchslos
ist und durch äußere Bedingungen nicht leicht geschädigt wird. So gedieh er
z. B. ganz munter sogar in den Abflußbecken der Zoologischen Station in
Neapel. Und das Sterben, das Harms bei seinen Tieren verfolgt hat, können
wir ruhig als ein Sterben aus Altersschwäche auffassen -- das winzige
Würmchen wird über ein Jahr alt.

Harms hat nun gefunden, daß die ersten Veränderungen, die das Sterben des
Tieres einleiten, sich in den Nervenzellen abspielen, namentlich in
denjenigen Nervenzellen, die in dem Hirnknoten des Wurmes gelegen sind.
Zunächst erfahren diejenigen Zellen Veränderungen, von denen die Nerven zu
den Kiemen, d. h. zu den Atmungsorganen des Tieres, abgehen. Dann kommt die
Reihe an die Nervenzellen, die den Blutkreislauf und die Nierenarbeit
regulieren. Harms hat festgestellt, daß diese Veränderungen sich in den
Nervenzellen schon bemerkbar machen, wenn das Tier noch am Leben ist und
nur die ersten Anzeichen des herannahenden Todes aufweist.

_So führen uns die Beobachtungen von Harms die bedeutungsvolle Tatsache vor
Augen, daß auch bei Wirbellosen das Sterben der Zellen im Zellenstaat
eingeleitet wird durch ein Versagen der Nervenzellen und vor allem
derjenigen Nervenzellen, die der Atmung und dem Blutkreislauf vorstehen._
Harms hat seine Untersuchungen an einem so großen Material
ausgeführt -- insgesamt hat er 560 Tiere in Beobachtung gehabt --, daß an
der Richtigkeit seiner Ergebnisse nicht gezweifelt werden kann. Und wir
dürfen jetzt ganz allgemein sagen, daß _der Tod der Zellen im Zellenstaat
seinen Ausgang nimmt von den Nervenzellen_.

Nach dieser Feststellung werden wir die Annahme machen müssen, daß auch der
_frühe_ Tod mancher Wirbellosen -- manche Insekten, wie z. B. die
Eintagsfliege, sterben schon wenige Stunden nach dem Ausschlüpfen aus der
Larve! -- bedingt wird durch eine Überhäufung der Nervenzellen mit
Stoffwechselprodukten. Allerdings: die Eintagsfliege und manche andere
Wirbellosen sterben so frühzeitig, daß es uns auf den ersten Blick eine
widerspruchsvolle Behauptung dünkt, sie stürben aus Altersschwäche und daß
es sich hier um eine Erscheinung handle, die dem Tod aus Altersschwäche der
unvergleichlich länger lebenden Wirbeltiere gleichzusetzen sei. Aber im
ersten Abschnitt dieses Kapitels waren wir dahin gelangt, daß das Versagen
der Nervenzellen, die eine Altersatrophie erfahren haben, sich nur _dem
Grade nach_ von dem Zusammenbrechen übermüdeter Nervenzellen unterscheidet.
In dem ersten Fall handelt es sich um einen in den Zellen liegenbleibenden
Rückstand an Schlacken, die den Stoffwechsel der Zellen ganz allmählich
beeinträchtigen und zu einem Zellschwund führen; in dem zweiten Fall
handelt es sich um eine so starke Überhäufung der Nervenzellen mit
Schlacken, daß der Stoffwechsel schon innerhalb eines ganz kurzen
Zeitraumes eine weitgehende Störung erfährt, wobei die Nervenzellen sehr
bald versagen und zusammenbrechen. Und der frühe Tod der Eintagsfliege hat
nichts Unverständliches mehr für uns: _auch die Eintagsfliege stirbt aus
Altersschwäche_. Dort langsames Hinsiechen, hier schneller Tod der
Nervenzellen -- das ist der ganze Unterschied. _Ob die Eintagsfliege nur
wenige Stunden lebt, ob Insekten nur Tage und Wochen, manche Würmer kurze
Monate, der Mensch mehrere Jahrzehnte, manche Vögel über ein Jahrhundert
und manche Fische und Reptilien gar viele Jahrhunderte lang leben -- der
vielzellige Organismus des Tieres stirbt von den Nervenzellen aus, wobei
die Nervenzellen bei der einen Art früher, bei der andern später unter der
Last der Stoffwechselprodukte, die sich in ihnen ansammeln und ihren
Stoffwechsel stören, zusammenbrechen. Der Mechanismus des natürlichen
Todes, des Todes aus Altersschwäche ist bei den vielzelligen Tieren, die
ein Nervensystem haben, stets ein und derselbe._



11. Kopulation und Befruchtung.


Unerbittlich ringt der Tod die vielzelligen Tiere nieder ...

Die befruchtete Eizelle, der Keim des werdenden vielzelligen Tieres hat
sich mehrfach geteilt, und aus der einen Keimzelle ist ein ganzer
Zellenstaat geworden, in dem jede einzelne Zelle ein Nachkomme der
Keimzelle ist. Die Zellen des Zellenstaats sterben schließlich alle -- mit
Ausnahme einer bestimmten Anzahl von Keimzellen, die in den Kindern
fortleben. Während bei den Einzelligen sämtliche Nachkommen einer
Stammzelle, wie z. B. in den Versuchen von Woodruff, unsterblich sind, sich
weiter teilen, sind aus der Zahl der Nachkommen der Keimzelle eines
vielzelligen Tieres nur die Keimzellen unsterblich. Die Körperzellen leben
dagegen im großen Ganzen nur wenig länger, als es für die Brutpflege nötig
ist. Der Mohr hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehn ...

Hier sind wir vor eine neue Frage gestellt. Das Zusammenleben der Zellen im
Zellverbande bringt es mit sich, daß die Zellen der vielzelligen Tiere
sterben. Aber, wie gesagt, nicht alle Zellen des Zellenstaates sterben.
Denn die Keimzellen sind ja unsterblich: während der mütterliche Organismus
stirbt, leben die Nachkommen seiner Keimzellen in den Keimzellen der Kinder
und Kindeskinder fort. _Wieso kommt es nun, daß bestimmte Zellen des
Zellenstaates unsterblich sind wie die unsterblichen Einzelligen?_ Hier
liegt die Sache wahrscheinlich so. Die Keimzellen werden im Zellverband
wohl genau so geschädigt wie die Zellen sonst und auch sie gehen zugrunde,
wenn der Zellverband stirbt -- mit Ausnahme derjenigen Keimzellen, die
_befruchtet_ wurden. Die mütterliche Eizelle und der väterliche Samenfaden
sind in genau derselben Lage wie das Pantoffeltierchen in den Versuchen von
Calkins, das in eine Depression verfällt und stirbt, weil es mit
Stoffwechselprodukten überladen ist, und das sein munteres Dasein wieder
beginnt, wenn ihm die Gelegenheit geboten wird, eine Vereinigung mit einem
andern Pantoffeltierchen einzugehen. _Die Befruchtung der Eizelle ist in
dieser Beziehung mit der Kopulation bei den Einzelligen identisch._ Wie die
Kopulation bei den Einzelligen das wieder gut machen kann, was die
Überladung der Zellen mit Schlacken an ihnen verdorben hat, so auch die
Befruchtung. Auch hier vereinigen sich zwei Zellen, die Eizelle und die
Samenzelle, und in der Folge dieser Vereinigung gewinnt die Keimzelle die
Fähigkeit, sich zu teilen und Stammutter einer langen Reihe von
Zellgenerationen zu werden. Ihre Nachkommen sterben, weil sie im
Zellverband leben, mit Ausnahme wiederum jener Keimzellen, denen es
beschieden war, befruchtet zu werden usf. Wie gesagt: genau wie bei den
Pantoffeltierchen, wo die Nährflüssigkeit nicht häufig genug gewechselt
worden ist, jene Pantoffeltierchen, die Gelegenheit zur Kopulation bekamen,
besser davonkommen als die übrigen.

Wie weit die Übereinstimmung zwischen Kopulation und Befruchtung geht,
zeigen uns folgende Tatsachen. Wir haben schon einmal erwähnt, daß Calkins
eine Überwindung der Depression bei seinen Pantoffeltierchen nicht allein
dadurch bewerkstelligen konnte, daß er ihnen Gelegenheit zur Kopulation
gab, sondern auch mit Hilfe verschiedener chemischer Reize, wie z. B. durch
Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit und mit Hilfe
mechanischer Reize, durch Schütteln des Aquariums. Der amerikanische
Physiologe _Jacques Loeb_ hat nun gezeigt, daß man auch die Teilung, die
Entwicklung der _Eizelle_ zum Zellenstaat anregen kann, ohne daß eine
Befruchtung stattgefunden hat. Loeb brachte Eier vom Seeigel in Seewasser,
dem kleine Mengen verschiedener chemische Stoffe wie Salze, Natronlauge
u. a., beigegeben waren. Die unbefruchteten Eier, die der Einwirkung dieser
Stoffe ausgesetzt waren, teilten sich und entwickelten sich zu
Seeigel-Larven. Die unbefruchtete Eizelle gewinnt unter dem Einfluß von
Reizen die Lebensfähigkeit wieder -- genau so wie das Einzellige, das sich
in einem Depressionszustand befindet und keine Gelegenheit hat, eine
Kopulation einzugehen. _Wie für die Kopulation, so kann auch für die
Befruchtung irgendein Reiz eintreten._

Sehr interessant sind in dieser Beziehung auch manche Fälle der in der
freien Natur vorkommenden »Parthenogenese«. Unter Parthenogenese, was so
viel heißt wie Jungfernzeugung, versteht man die Entwicklung unbefruchteter
Eizellen, wie z. B. auch in den oben erwähnten Versuchen von Jacques Loeb.
Es ist jedem Naturforscher bekannt, daß auch in der freien Natur die
Eizellen sich unter Umständen unbefruchtet teilen und entwickeln können.
Allbekannt ist das Beispiel der Bienen. Hier entwickeln sich sowohl
befruchtete als unbefruchtete Eizellen. Die befruchteten Eier werden zu
Weibchen, die unbefruchteten zu Männchen, zu Drohnen. Wir müssen nun
annehmen, daß die Entwicklung der unbefruchteten Eier bei der
Parthenogenese in der freien Natur -- genau so wie in den Versuchen von
Jacques Loeb -- durch allerlei Reize veranlaßt wird, die wir noch nicht
kennen. Dafür sprechen die Beobachtungen über die Parthenogenese bei
manchen kleinen Wassertieren, z. B. bei den Rädertierchen und den
Wasserflöhen. Hier entwickeln sich die Eier im Sommer, d. h. unter höherer
Temperatur, parthenogenetisch, ohne befruchtet zu werden. Dagegen können
die Wintereier sich nur dann entwickeln, wenn sie vorher befruchtet worden
sind. Es wirkt hier die Wärme in demselben Sinne auf die Eizelle ein wie
die Befruchtung. Wie wir schon mehrfach erwähnt haben, hat Calkins gezeigt,
daß Temperatursteigerung wahrscheinlich imstande ist, den
Depressionszustand der Pantoffeltierchen zu beheben, ihnen
Teilungsfähigkeit und Lebensfähigkeit wiederzugeben, daß bei den
Einzelligen Temperaturreize wohl in demselben Sinne wirksam sind wie die
Kopulation. Wir sehen, alles verdichtet sich dahin, daß die Kopulation der
Einzelligen und die Befruchtung der Geschlechtszellen in mancherlei
Beziehung gleiche Dinge sind.

Die engen Beziehungen zwischen Kopulation und Befruchtung sind uns klar
geworden, nachdem wir erkannt hatten, daß der Befruchtung im Leben der
Eizelle in mancherlei Beziehung dieselbe Bedeutung zukommt, wie die
Kopulation des Pantoffeltierchens, der Einzelligen: wie mit der Kopulation,
so wird auch mit der Befruchtung einem Untergang der Zelle vorgebeugt. Es
ist nun von großem Interesse, daß die engen Beziehungen zwischen
Kopulation und Befruchtung auch schon allein durch das Studium der
Fortpflanzungsformen mancher Arten in wunderschöner Weise aufgedeckt werden
können. Vergleichen wir z. B. die Fortpflanzungsverhältnisse nur innerhalb
der Gruppe der Braunalgen, so können wir hier eine ganz allmähliche
Herausentwicklung der Befruchtung, die auf einer Vereinigung äußerlich
ungleicher Zellen -- der unbeweglichen Eizelle und der flinken
Samenzelle -- beruht, aus der Kopulation, die eine Vereinigung äußerlich
gleicher Zellen ist, nachweisen.

Die Fortpflanzungszellen bei vielen Algen sind sogenannte Schwärmsporen,
sehr kleine Zellen, die mit einer oder mehreren Rudergeißeln versehen sind.
Die Schwärmsporen entstehen durch Teilung aus einer Mutterzelle, die sich
statt in zwei in zahlreiche Zellen aufgeteilt hat (Abb. 35 +A+). Diese
Zellen sind natürlich viel kleiner als die Zellen sonst. Die ganze Schar
der kleinen Tochterzellen oder Schwärmsporen bleibt zunächst noch beisammen
innerhalb der Zellwände der Mutterzelle, gleichsam in einem Bläschen (+A+).
Dann platzt das Bläschen eines schönen Tages auf (+B+), die kleinen Zellen
werden frei und schwärmen ins Wasser hinaus (+C+). Eben darum hat man sie
Schwärmsporen genannt. Nach einiger Zeit setzen sich die Schwärmsporen auf
einer Unterlage fest, wachsen heran, teilen sich und bilden schließlich
eine junge Zellkolonie, einen neuen Algenstock. Bei manchen Algen kommt es
vor, daß zwei Schwärmsporen, die äußerlich einander völlig gleichen, sich
miteinander vereinigen, und zu einer Zelle verschmelzen. So, wie das bei
der Kopulation der Einzelligen, wo die Zellen allerdings später wieder
auseinander gehen, der Fall ist. Zunächst sind, wie gesagt, alle
Schwärmsporen noch einander gleich. Aber eine Braunalge hat da schon einen
Schritt zur Befruchtung gemacht: von den Schwärmsporen, die alle noch
gleich aussehen, setzen sich manche schon frühzeitig auf einer Unterlage
fest und werden von den andern beweglichen Schwärmsporen umschwärmt wie die
Eizelle von den Samenzellen (Abb. 36,1), bis sich schließlich eine
freibewegliche Schwärmspore mit einer festsitzenden vereinigt hat, mit ihr
verschmolzen ist (5). Die festsitzende Schwärmspore ist das Urbild der
weiblichen Eizelle, die bewegliche Schwärmspore das Urbild der männlichen
Samenzelle. Bei einer andern Braunalge gibt es zweierlei Schwärmsporen, die
schon äußerlich zu unterscheiden sind: große und kleine Schwärmsporen. Die
großen setzen sich nach kurzem Schwärmen bald fest und werden von den
kleinen umschwärmt. Bei einer dritten Braunalge sind die großen
Schwärmsporen von vornherein unbeweglich. Sie sind hier schon richtige
unbewegliche Eizellen, und die kleinen freibeweglichen Schwärmsporen sind
richtige Samenzellen. So lassen sich schon innerhalb dieser einen Gruppe
von Algen die Beziehungen der geschlechtlichen Fortpflanzung zur Kopulation
in ziemlich lückenloser Weise aufzeigen.

    [Illustration: Abb. 35. Schwärmsporenbildung bei der
    Braunalge +Cladostephus verticillatus+. +A+ Zellfaden, oben eine
    noch geschlossene Zelle mit zahlreichen Schwärmsporen. +B+
    Entleerung der Schwärmsporen. +A+ und +B+ ca. 230 mal vergrößert.
    +C+ eine einzelne Schwärmspore ca. 1600 mal vergrößert. (Nach
    Pringsheim, aus Straßburger, Lehrbuch der Botanik.)]

    [Illustration: Abb. 36. Verschmelzung von Schwärmsporen bei
    der Braunalge +Ectocarpus siliculosus+. Oben »Weibliche«
    Schwärmspore, von vielen »männlichen« Schwärmsporen umgeben.
    Unten allmähliche Verschmelzung einer weiblichen Schwärmspore
    mit einer männlichen. Vergrößert. (Nach Berthold, aus
    Straßburger.)]

Die Kopulation hatten wir kennen gelernt als einen Vorgang, der die
Depression und den Tod des Pantoffeltierchens behebt. Als ein solcher
Vorgang war uns schließlich auch die Befruchtung der Eizelle durch die
Samenzelle erschienen: _die Eizelle, als Zelle im Zellenstaat dem
unerbittlichen Tode geweiht, wird durch die Samenzelle zu jugendfrischem
Leben erweckt_.



12. Die Unvollkommenheit des Stoffwechsels.


Der Mechanismus des natürlichen Todes ist uns klar geworden: eine
allmählich zunehmende Atrophie der Zellen im Zellenstaat, bedingt durch
eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten, die nicht rasch genug aus den
Zellen herausgeschafft werden und die den Stoffwechsel der Zellen stören,
bis schließlich bestimmte Zellen im Zellenstaat, an deren Mittun der
normale Ablauf des Lebens aller Zellen im Zellverband gebunden ist, im
Dienst versagen. Und es beginnt ein großes und schnelles Sterben der Zellen
des Zellverbandes.

_Das die Antwort auf die große Frage: warum wir sterben ..._

Es ist eine große _Unvollkommenheit_ darin gegeben, daß die Zellen, die im
Zellverband zusammenleben, nicht sorgfältig genug ihre Stoffwechselprodukte
nach außen abgeben können. Und wegen dieser Unvollkommenheit ihres
Stoffwechsels müssen die vielzelligen Tiere sterben. Das Zusammenleben der
Zellen im tierischen Zellenstaat hätte vollkommener eingerichtet sein
können, und die vielzelligen Tiere brauchten dann vielleicht nicht zu
sterben. Behauptet man doch von manchen Baumpflanzen, sie seien
unsterblich. Jedenfalls kennt man Bäume, die viele Jahrtausende alt
geworden sind. Vielleicht hätte eine bessere Ausgestaltung des
Blutkreislaufes und der Atmung, die ein sorgfältigeres Herausschaffen der
Schlacken aus den Zellen des Zellverbandes ermöglichte, uns unsterblich
gemacht. Was wir über die Unsterblichkeit des Pantoffeltierchens erfahren
haben, legt uns diesen Satz in den Mund.

Und da höre ich schon ein wehmütig Klagen: warum wir nicht die
Unsterblichkeit haben, die einem winzigen Pantoffeltierchen gegeben ist!
Man fühlt sich benachteiligt gegenüber einem Pantoffeltierchen.

Nun ist ja alles Wehklagen gegenüber dem natürlichen Geschehen ein Unding.
Nur weil wir in Verblendung uns mit all unsern kleinen Wünschen und kleinen
Schmerzen in den Mittelpunkt der großen unendlichen Welt gesetzt haben,
glauben wir berechtigt zu sein, über das natürliche Geschehen zu klagen, es
gewissermaßen zur Verantwortung zu ziehen vor Zwecken, die wir selber
setzen. Aber auch wenn wir uns auf den Standpunkt stellen wollten -- die
Geschmäcke sind ja sehr verschieden --, daß es uns Menschen zusteht, unser
Gutachten über die Einrichtungen der Natur abzugeben, auch dann hätten wir
keinen Anlaß darüber zu klagen, wir wären gegenüber den Einzelligen im
Nachteil, indem wir aus Unvollkommenheit unseres Stoffwechsels alt werden
und sterben müssen. Halten wir uns vor, was die Unsterblichkeit der
Einzelligen für das Einzelwesen, für jedes einzelne Pantoffeltierchen
bedeutet. Die Mutterzelle teilt sich in zwei Tochterzellen. Die Mutterzelle
geht in den zwei Tochterzellen ganz auf, _das individuelle Dasein der
Mutterzelle hört auf_. Aber es hört auf ohne Leichenbildung -- in diesem
Sinne nur sind die Einzelligen unsterblich. Und die sterblichen,
vielzelligen Tiere, wie ist es um sie bestellt, wenn die Eltern Nachkommen
das Leben schenken? Der mütterliche und der väterliche Zellenstaat geben
bei der Fortpflanzung nur einen kleinen Bruchteil von ihrem Körper her. Sie
gehen _nicht ganz_ in ihren Nachkommen auf und sie _überleben_ als
Individuen die Geburt ihrer Nachkommen. Also sind die vielzelligen
Organismen gegenüber den Einzelligen nicht im Nachteil, sondern im Vorteil:
die vielzelligen Organismen haben vor den Einzelligen das voraus, daß bei
ihnen die Geburt der Nachkommen nicht das Aufhören der individuellen
Existenz des elterlichen Organismus bedeutet. Gewiß, es ist eine
Unvollkommenheit darin gegeben, daß dieses Überleben ein endliches ist,
daß die Eltern nicht unendlich lange leben. Aber es ist anderseits doch ein
großes Geschenk der Natur, daß der elterliche Organismus befähigt wird, die
Geburt der Nachkommen zu überleben ...

Die Erkenntnis, daß wir den unsterblichen Einzelligen doch in einem voraus
sind, in der Möglichkeit, die Geburt der Nachkommen zu überleben und damit
die junge Brut zu pflegen, muß es uns leichter machen, die Unvollkommenheit
unseres Stoffwechsels zu tragen, die uns den Tod bringt.

Aber doch: bedauerlich ist's, daß man nicht unendlich lange leben kann. Wer
von uns hätte nicht manchmal den Einfall gehabt, es wäre doch halt so
schön, viel hundert Jahre zu leben -- aus _Neugierde_ bloß, was da auf
Erden noch alles kommen werde und wie Menschen und Dinge mit allem drum und
dran so nach fünfhundert Jahren ausschauen dürften. Was nicht alles in
diesen langen Jahren noch kommen mag: es gibt vielleicht keinen Türkenkönig
mehr, ein Pipin regiert vielleicht wieder über die Franken, und man schießt
nicht mehr mit Schießpulver, sondern pustet auf den Feind einfach giftige
Gase aus, die ein Chemiker -- was kann nicht alles ein Chemiker! --
erfunden hat. Wär's da nicht eine Lust, noch einige hundert Jahre zu leben?

Nun haben die Menschen in der Wissenschaft schon so viel erreicht, daß
mancher wohl auf den Gedanken kommen möchte, man müßte doch schließlich ein
Mittel finden, das wieder gut zu machen, was Mutter Natur an uns so
schlecht, so unvollkommen eingerichtet. Man müßte doch ein Lebenselixier
finden können, das auf die Zellen unseres Körpers so wirkte, daß sie wieder
jugendfrisch und verjüngt daständen. Im Grunde genommen ist ein solcher
Anspruch an die Wissenschaft wohl berechtigt -- wenn es auch schon sehr
schwer fallen dürfte, dieses Mittel zu finden. Metschnikoffs saure Milch --
und auch die nach bulgarischer Art -- ist es jedenfalls nicht. Die saure
Milch soll ja auch nach Metschnikoff nur das wieder gut machen, was die
Darmbakterien in unserem Körper verderben. Die Unvollkommenheit des
Stoffwechsels, die auf dem schlecht eingerichteten Zusammenleben der Zellen
im Zellenstaat beruht, bleibt dabei bestehen und wir müssen doch sterben.

Einstweilen also haben wir das Lebenselixier noch nicht und wir sind in
böser Klemme. Den letzten Türkenkönig erleben wir nicht.

In der Not ist guter Rat teuer. Und den will ich geben -- sogar umsonst.

Die wenigsten Menschen sterben heute aus Altersschwäche, weil tausend
_Schädlichkeiten_ auf den Menschen einwirken. Die Menschen gehen heute zu
früh ins Grab, weil sie in schlechten Wohnungen hausen, schlecht essen und
abgehärmte Arbeitssklaven sind. Das sind schon Dinge von viel greifbarerer
Natur als die Darmbakterien und die Unvollkommenheiten des Stoffwechsel.
_Da_ gehet hin und greifet zu. Das ist mein guter Rat -- kurz gesagt, aber
lang getan.

_Folgte man aber diesem guten Rat: man lebte dahin seine siebenzig, achtzig
und hundert Jahr, heitern Gemütes, auf ein arbeitsfrohes Leben
zurückschauend, an den Jungen sich erfreuend, die man ins heitere Leben
geführt, und die Zeit wäre dann da, wo die Menschen wohl erlernten, die
schönsten Feste zu weihen, wo ihnen wäre der Tod ein Fest._



Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit
die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den
weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel glaubt die
Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu
erreichen mittels des

  #Kosmos#, Handweiser für Naturfreunde
  Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;

ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten
Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
erscheinen im Vereinsjahr 1914 (Änderungen vorbehalten):

  #W. Boelsche, Wanderung der Tiere in der Urwelt.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

  #Dr. Kurt Floericke, Ausländische Fische.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

  #Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

  #Arno Marx, Hochzucht.#
  Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

  #Oskar Nagel, Romantik der Chemie.#
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Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum
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II. Die ordentlichen Veröffentlichungen.

Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band.

  Wilhelm Boelsche, Tierwanderungen in der Urwelt.
  Dr. Kurt Floericke, Meeresfische.
  Dr. Alexander Lipschütz, Warum wir sterben.
  Dr. Fritz Kahn, Die Milchstraße.
  Dr. Oskar Nagel, Die Romantik der Chemie.

Änderungen vorbehalten. (Näheres wird im Kosmos-Handweiser bekanntgegeben.)

III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden naturwissenschaftlichen
Werken (siehe Seite 7 des Prospektes).

>>>> _Jede Buchhandlung_ nimmt Beitrittserklärungen entgegen und besorgt
die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die Geschäftsstelle des
Kosmos in Stuttgart.

Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.
Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.



Satzung


§ 1. Die Gesellschaft Kosmos (eine freie Vereinigung der Naturfreunde auf
geschäftlicher Grundlage) will in erster Linie die Kenntnis der
Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis
ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten.

§ 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die Herausgabe
eines den Mitgliedern #kostenlos# zur Verfügung gestellten
naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5); durch Herausgabe neuer, von
hervorragenden Autoren verfaßter, im guten Sinne gemeinverständlicher Werke
naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie ihren Mitgliedern #unentgeltlich#
oder zu #einem besonders billigen Preise# zugänglich macht, usw.

§ 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden Ausschuß,
den Vorstand usw.

§ 4. #Mitglied kann jeder werden#, der sich zu einem Jahresbeitrag von
M 4.80 = K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 (exkl. Porto) verpflichtet. Andere
Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung angegeben sind erwachsen
den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann #jederzeit# erfolgen; bereits
Erschienenes wird nachgeliefert. Der Austritt ist gegebenenfalls bis
1. Oktober des Jahres anzuzeigen, womit alle weiteren Ansprüche an die
Gesellschaft erlöschen.

§ 5. Siehe vorige Seite.

§ 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der #Franckh'schen
Verlagshandlung, Stuttgart#, Pfizerstraße 5. Alle Zuschriften, Sendungen
und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch eine Buchhandlung
Erledigung finden konnten, dahin zu richten.

                 *       *       *       *       *

Kosmos

Handweiser für Naturfreunde

Erscheint jährlich zwölfmal -- 2 bis 3 Bogen stark -- und enthält:

#Originalaufsätze# von allgemeinem Interesse aus sämtlichen Gebieten der
Naturwissenschaften. Reich illustriert.

#Regelmäßig orientierende Berichte# über Fortschritte und neue Forschungen
auf allen Gebieten der Naturwissenschaft.

#Auskunftsstelle -- Interessante kleine Mitteilungen.#

#Mitteilungen über Naturbeobachtungen#, Vorschläge und Anfragen aus dem
Leserkreise.

#Bibliographische Notizen# über bemerkenswerte neue Erscheinungen der
deutschen naturwissenschaftlichen Literatur.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Warum wir sterben" ***

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