Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Gladius Dei; Schwere Stunde
Author: Mann, Thomas, 1875-1955
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gladius Dei; Schwere Stunde" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



Thomas Mann


GLADIUS DEI

- und -

SCHWERE STUNDE



Die Texte folgen den Ausgaben:

'Gladius Dei' aus »Tristan. Sechs Novellen.« Berlin, S. Fischer Verlag
1903

'Schwere Stunde' aus »Das Wunderkind. Novellen.« Berlin, S. Fischer
Verlag [1914] (= Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane, Jg. 6,
Bd. 6)



       *       *       *       *       *



GLADIUS DEI


1

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen
Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den
springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte
sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und
lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem
Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.

Vogelgeschwätz und heimlicher Jubel über allen Gassen. ...Und auf
Plätzen und Zeilen rollt, wallt und summt das unüberstürzte und
amüsante Treiben der schönen und gemächlichen Stadt. Reisende aller
Nationen kutschieren in den kleinen, langsamen Droschken umher, indem
sie rechts und links in wahlloser Neugier an den Wänden der Häuser
hinaufschauen, und steigen die Freitreppen der Museen hinan...

Viele Fenster stehen geöffnet, und aus vielen klingt Musik auf
die Straßen hinaus, Übungen auf dem Klavier, der Geige oder dem
Violoncell, redliche und wohlgemeinte dilettantische Bemühungen. Im
'Odeon' aber wird, wie man vernimmt, an mehreren Flügeln ernstlich
studiert.

Junge Leute, die das Nothung-Motiv pfeifen und abends die Hintergründe
des modernen Schauspielhauses füllen, wandern, literarische
Zeitschriften in den Seitentaschen ihrer Jacketts, in der Universität
und der Staatsbibliothek aus und ein. Vor der Akademie der bildenden
Künste, die ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem
Siegestor ausbreitet, hält eine Hofkarosse. Und auf der Höhe der Rampe
stehen, sitzen und lagern in farbigen Gruppen die Modelle, pittoreske
Greise, Kinder und Frauen in der Tracht der Albaner Berge.

Lässigkeit und hastloses Schlendern in all den langen Straßenzügen des
Nordens... Man ist von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt
dortselbst, sondern lebt angenehmen Zwecken. Junge Künstler, runde
Hütchen auf den Hinterköpfen, mit lockeren Krawatten und ohne Stock,
unbesorgte Gesellen, die ihren Mietzins mit Farbenskizzen bezahlen,
gehen spazieren, um diesen hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung
wirken zu lassen, und sehen den kleinen Mädchen nach, diesem hübschen,
untersetzten Typus mit den brünetten Haarbandeaux, den etwas zu
großen Füßen und den unbedenklichen Sitten. ...Jedes fünfte Haus
läßt Atelierfensterscheiben in der Sonne blinken. Manchmal tritt
ein Kunstbau aus der Reihe der bürgerlichen hervor, das Werk eines
phantasievollen jungen Architekten, breit und flachbogig, mit bizarrer
Ornamentik, voll Witz und Stil. Und plötzlich ist irgendwo die Tür
an einer allzu langweiligen Fassade von einer kecken Improvisation
umrahmt, von fließenden Linien und sonnigen Farben, Bacchanten, Nixen,
rosigen Nacktheiten...

Es ist stets aufs neue ergötzlich, vor den Auslagen der
Kunstschreinereien und der Basare für moderne Luxusartikel zu
verweilen. Wieviel phantasievoller Komfort, wieviel linearer Humor in
der Gestalt aller Dinge! Überall sind die kleinen Skulptur-, Rahmen-
und Antiquitätenhandlungen verstreut, aus deren Schaufenstern dir
die Büsten der florentinischen Quattrocento-Frauen voll einer edlen
Pikanterie entgegenschauen. Und der Besitzer des kleinsten und
billigsten dieser Läden spricht dir von Donatello und Mino da
Fiesole, als habe er das Vervielfältigungsrecht von ihnen persönlich
empfangen...

Aber dort oben am Odeonsplatz, angesichts der gewaltigen Loggia, vor
der sich die geräumige Mosaikfläche ausbreitet, und schräg gegenüber
dem Palast des Regenten drängen sich die Leute um die breiten
Fenster und Schaukästen des großen Kunstmagazins, des weitläufigen
Schönheitsgeschäftes von M. Blüthenzweig. Welche freudige Pracht der
Auslage! Reproduktionen von Meisterwerken aus allen Galerien der Erde,
eingefaßt in kostbare, raffiniert getönte und ornamentierte Rahmen
in einem Geschmack von preziöser Einfachheit; Abbildungen moderner
Gemälde, sinnenfroher Phantasieen, in denen die Antike auf eine
humorvolle und realistische Weise wiedergeboren zu sein scheint; die
Plastik der Renaissance in vollendeten Abgüssen; nackte Bronzeleiber
und zerbrechliche Ziergläser; irdene Vasen von steilem Stil, die
aus Bädern von Metalldämpfen in einem schillernden Farbenmantel
hervorgegangen sind; Prachtbände, Triumphe der neuen
Ausstattungskunst, Werke modischer Lyriker, gehüllt in einen
dekorativen und vornehmen Prunk; dazwischen die Porträts von
Künstlern, Musikern, Philosophen, Schauspielern, Dichtern, der
Volksneugier nach Persönlichem ausgehängt... In dem ersten Fenster,
der anstoßenden Buchhandlung zunächst, steht auf einer Staffelei
ein großes Bild, vor dem die Menge sich staut: eine wertvolle, in
rotbraunem Tone ausgeführte Photographie in breitem, altgoldenem
Rahmen, ein aufsehenerregendes Stück, eine Nachbildung des Clous der
großen internationalen Ausstellung des Jahres, zu deren Besuch an
den Litfaßsäulen, zwischen Konzertprospekten und künstlerisch
ausgestatteten Empfehlungen von Toilettenmitteln, archaisierende und
wirksame Plakate einladen.

Blick um dich, sich in die Fenster der Buchläden. Deinen Augen
begegnen Titel wie 'Die Wohnungskunst seit der Renaissance',
'Die Erziehung des Farbensinnes', 'Die Renaissance im modernen
Kunstgewerbe', 'Das Buch als Kunstwerk', 'Die dekorative Kunst',
'Der Hunger nach Kunst'--und du mußt wissen, daß diese Weckschriften
tausendfach gekauft und gelesen werden, und daß abends über
ebendieselben Gegenstände vor vollen Sälen geredet wird...

Hast du Glück, so begegnet dir eine der berühmten Frauen in Person,
die man durch das Medium der Kunst zu schauen gewohnt ist, eine jener
reichen und schönen Damen von künstlich hergestelltem tizianischen
Blond und im Brillantenschmuck, deren betörenden Zügen durch die Hand
eines genialen Porträtisten die Ewigkeit zuteil geworden ist, und von
deren Liebesleben die Stadt spricht--Königinnen der Künstlerfeste im
Karneval, ein wenig geschminkt, ein wenig gemalt, voll einer edlen
Pikanterie, gefallsüchtig und anbetungswürdig. Und sieh, dort fährt
ein großer Maler mit seiner Geliebten in einem Wagen die Ludwigstraße
hinauf. Man zeigt sich das Gefährt, man bleibt stehen und blickt den
beiden nach. Viele Leute grüßen. Und es fehlt nicht viel, daß die
Schutzleute Front machen.

Die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt
ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt. Eine
allseitige respektvolle Anteilnahme an ihrem Gedeihen, eine
allseitige, fleißige und hingebungsvolle Übung und Propaganda in ihrem
Dienste, ein treuherziger Kultus der Linie, des Schmuckes, der Form,
der Sinne, der Schönheit obwaltet... München leuchtete.



2

Es schritt ein Jüngling die Schellingstraße hinan; er schritt,
umklingelt von den Radfahrern, in der Mitte des Holzpflasters der
breiten Fassade der Ludwigskirche entgegen. Sah man ihn an, so war
es, als ob ein Schatten über die Sonne ginge oder über das Gemüt eine
Erinnerung an schwere Stunden. Liebte er die Sonne nicht, die die
schöne Stadt in Festglanz tauchte? Warum hielt er in sich gekehrt und
abgewandt die Augen zu Boden gerichtet, indes er wandelte?

Er trug keinen Hut, woran bei der Kostümfreiheit der leichtgemuten
Stadt keine Seele Anstoß nahm, sondern hatte statt dessen die Kapuze
seines weiten, schwarzen Mantels über den Kopf gezogen, die seine
niedrige, eckig vorspringende Stirn beschattete, seine Ohren bedeckte
und seine hageren Wangen umrahmte. Welcher Gewissensgram, welche
Skrupeln und welche Mißhandlungen seiner selbst hatten diese Wangen so
auszuhöhlen vermocht? Ist es nicht schauerlich, an solchem Sonnentage
den Kummer in den Wangenhöhlen eines Menschen wohnen zu sehen? Seine
dunklen Brauen verdickten sich stark an der schmalen Wurzel seiner
Nase, die groß und gehöckert aus dem Gesichte hervorsprang, und
seine Lippen waren stark und wulstig. Wenn er seine ziemlich nahe
beieinanderliegenden braunen Augen erhob, bildeten sich Querfalten
auf seiner kantigen Stirn. Er blickte mit einem Ausdruck von Wissen,
Begrenztheit und Leiden. Im Profil gesehen, glich dieses Gesicht genau
einem alten Bildnis von Möncheshand, aufbewahrt zu Florenz in einer
engen und harten Klosterzelle, aus welcher einstmals ein furchtbarer
und niederschmetternder Protest gegen das Leben und seinen Triumph
erging...

Hieronymus schritt die Schellingstraße hinan, schritt langsam und
fest, indes er seinen weiten Mantel von innen mit beiden Händen
zusammenhielt. Zwei kleine Mädchen, zwei dieser hübschen, untersetzten
Wesen mit den Haarbandeaux, den zu großen Füßen und den unbedenklichen
Sitten, die Arm in Arm und abenteuerlustig an ihm vorüberschlenderten,
stießen sich an und lachten, legten sich vornüber und gerieten ins
Laufen vor Lachen über seine Kapuze und sein Gesicht. Aber er achtete
dessen nicht. Gesenkten Hauptes und ohne nach rechts oder links zu
blicken, überschritt er die Ludwigstraße und stieg die Stufen der
Kirche hinan.

Die großen Flügel der Mitteltür standen weit geöffnet. In der
geweihten Dämmerung, kühl, dumpfig und mit Opferrauch geschwängert,
war irgendwo fern ein schwaches, rötliches Glühen bemerkbar. Ein altes
Weib mit blutigen Augen erhob sich von einer Betbank und schleppte
sich an Krücken zwischen den Säulen hindurch. Sonst war die Kirche
leer.

Hieronymus benetzte sich Stirn und Brust am Becken, beugte das Knie
vor dem Hochaltar und blieb dann im Mittelschiffe stehen. War es
nicht, als sei seine Gestalt gewachsen, hier drinnen? Aufrecht und
unbeweglich, mit frei erhobenem Haupte stand er da, seine große,
gehöckerte Nase schien mit einem herrischen Ausdruck über den starken
Lippen hervorzuspringen, und seine Augen waren nicht mehr zu Boden
gerichtet, sondern blickten kühn und geradeswegs ins Weite, zu dem
Kruzifix auf dem Hochaltar hinüber. So verharrte er reglos eine
Weile; dann beugte er zurücktretend aufs neue das Knie und verließ die
Kirche.

Er schritt die Ludwigstraße hinauf, langsam und fest, gesenkten
Hauptes, inmitten des breiten, ungepflasterten Fahrdammes, entgegen
der gewaltigen Loggia mit ihren Statuen. Aber auf dem Odeonsplatze
angelangt, blickte er auf, so daß sich Querfalten auf seiner kantigen
Stirne bildeten, und hemmte seine Schritte: aufmerksam gemacht durch
die Menschenansammlung vor den Auslagen der großen Kunsthandlung, des
weitläufigen Schönheitsgeschäftes von M. Blüthenzweig.

Die Leute gingen von Fenster zu Fenster, zeigten sich die
ausgestellten Schätze und tauschten ihre Meinungen aus, indes einer
über des anderen Schulter blickte. Hieronymus mischte sich unter sie
und begann auch seinerseits alle diese Dinge zu betrachten, alles in
Augenschein zu nehmen, Stück für Stück.

Er sah die Nachbildungen von Meisterwerken aus allen Galerieen
der Erde, die kostbaren Rahmen in ihrer simplen Bizarrerie, die
Renaissanceplastik, die Bronzeleiber und Ziergläser, die schillernden
Vasen, den Buchschmuck und die Porträts der Künstler, Musiker,
Philosophen, Schauspieler, Dichter, sah alles an und wandte an jeden
Gegenstand einen Augenblick. Indem er seinen Mantel von innen mit
beiden Händen fest zusammenhielt, drehte er seinen von der Kapuze
bedeckten Kopf in kleinen, kurzen Wendungen von einer Sache zur
nächsten, und unter seinen dunklen, an der Nasenwurzel stark sich
verdichtenden Brauen, die er emporzog, blickten seine Augen mit einem
befremdeten, stumpfen und kühl erstaunten Ausdruck auf jedes Ding eine
Weile. So erreichte er das erste Fenster, dasjenige, unter dem das
aufsehenerregende Bild sich befand, blickte eine Zeitlang den vor ihm
sich drängenden Leuten über die Schultern und gelangte endlich nach
vorn, dicht an die Auslage heran.

Die große, rötlichbraune Photographie stand, mit äußerstem Geschmack
in Altgold gerahmt, auf einer Staffelei inmitten des Fensterraumes.
Es war eine Madonna, eine durchaus modern empfundene, von jeder
Konvention freie Arbeit. Die Gestalt der heiligen Gebärerin war von
berückender Weiblichkeit, entblößt und schön. Ihre großen, schwülen
Augen waren dunkel umrändert, und ihre delikat und seltsam lächelnden
Lippen standen halb geöffnet. Ihre schmalen, ein wenig nervös und
krampfhaft gruppierten Finger umfaßten die Hüfte des Kindes, eines
nackten Knaben von distinguierter und fast primitiver Schlankheit,
der mit ihrer Brust spielte und dabei seine Augen mit einem klugen
Seitenblick auf den Beschauer gerichtet hielt.

Zwei andere Jünglinge standen neben Hieronymus und unterhielten sich
über das Bild, zwei junge Männer mit Büchern unter dem Arm, die
sie aus der Staatsbibliothek geholt hatten oder dorthin brachten,
humanistisch gebildete Leute, beschlagen in Kunst und Wissenschaft.

»Der Kleine hat es gut, hol' mich der Teufel!« sagte der eine.

»Und augenscheinlich hat er die Absicht, einen neidisch zu machen«,
versetzte der andere... »Ein bedenkliches Weib!«

»Ein Weib zum Rasendwerden! Man wird ein wenig irre am Dogma von der
unbefleckten Empfängnis...«

»Ja, ja, sie macht einen ziemlich berührten Eindruck... Hast du das
Original gesehen?«

»Selbstverständlich. Ich war ganz angegriffen. Sie wirkt in der Farbe
noch weit aphrodisischer... besonders die Augen.«

»Die Ähnlichkeit ist eigentlich doch ausgesprochen.«

»Wieso?«

»Kennst du nicht das Modell? Er hat doch seine kleine Putzmacherin
dazu benützt. Es ist beinahe Porträt, nur stark ins Gebiet des
Korrupten hinaufstilisiert... Die Kleine ist harmloser.«

»Das hoffe ich. Das Leben wäre allzu anstrengend, wenn es viele gäbe,
wie diese mater amata...«

»Die Pinakothek hat es angekauft.«

»Wahrhaftig? Sieh da! Sie wußte wohl übrigens, was sie tat. Die
Behandlung des Fleisches und der Linienfluß des Gewandes ist wirklich
eminent.«

»Ja, ein unglaublich begabter Kerl.«

»Kennst du ihn?«

»Ein wenig. Er wird Karriere machen, das ist sicher. Er war schon
zweimal beim Regenten zur Tafel...«

Das letzte sprachen sie, während sie anfingen, voneinander Abschied zu
nehmen.

»Sieht man dich heute abend im Theater?« fragte der eine. »Der
dramatische Verein gibt Macchiavelli's 'Mandragola' zum besten.«

»Oh, bravo. Davon kann man sich Spaß versprechen. Ich hatte vor, ins
Künstlervarieté zu gehen, aber es ist wahrscheinlich, daß ich den
wackeren Nicolò schließlich vorziehe. Auf Wiedersehen...«

Sie trennten sich, traten zurück und gingen nach rechts und links
auseinander. Neue Leute rückten an ihre Stelle und betrachteten das
erfolgreiche Bild. Aber Hieronymus stand unbeweglich an seinem Platze;
er stand mit vorgestrecktem Kopfe, und man sah, wie seine Hände, mit
denen er auf der Brust seinen Mantel von innen zusammenhielt, sich
krampfhaft ballten. Seine Brauen waren nicht mehr mit jenem kühl und
ein wenig gehässig erstaunten Ausdruck emporgezogen, sie hatten sich
gesenkt und verfinstert, seine Wangen, von der schwarzen Kapuze halb
bedeckt, schienen tiefer ausgehöhlt als vordem, und seine dicken
Lippen waren ganz bleich. Langsam neigte sein Kopf sich tiefer und
tiefer, so daß er schließlich seine Augen ganz von unten herauf starr
auf das Kunstwerk gerichtet hielt. Die Flügel seiner großen Nase
bebten.

In dieser Haltung verblieb er wohl eine Viertelstunde. Die Leute um
ihn her lösten sich ab, er aber wich nicht vom Platze. Endlich drehte
er sich langsam, langsam auf den Fußballen herum und ging fort.



3

Aber das Bild der Madonna ging mit ihm. Immerdar, mochte er nun in
seinem engen und harten Kämmerlein weilen oder in den kühlen Kirchen
knieen, stand es vor seiner empörten Seele, mit schwülen, umränderten
Augen, mit rätselhaft lächelnden Lippen, entblößt und schön. Und kein
Gebet vermochte es zu verscheuchen.

In der dritten Nacht aber geschah es, daß ein Befehl und Ruf aus der
Höhe an Hieronymus erging, einzuschreiten und seine Stimme zu erheben
gegen leichtherzige Ruchlosigkeit und frechen Schönheitsdünkel.
Vergebens wendete er, Mosen gleich, seine blöde Zunge vor;
Gottes Wille blieb unerschütterlich und verlangte laut von seiner
Zaghaftigkeit diesen Opfergang unter die lachenden Feinde.

Da machte er sich auf am Vormittage und ging, weil Gott es wollte,
den Weg zur Kunsthandlung, zum großen Schönheitsgeschäft von M.
Blüthenzweig. Er trug die Kapuze über dem Kopf und hielt seinen Mantel
von innen mit beiden Händen zusammen, indes er wandelte.



4

Es war schwül geworden; der Himmel war fahl, und ein Gewitter drohte.
Wiederum belagerte viel Volks die Fenster der Kunsthandlung, besonders
aber dasjenige, in dem das Madonnenbild sich befand. Hieronymus warf
nur einen kurzen Blick dorthin; dann drückte er die Klinke der mit
Plakaten und Kunstzeitschriften verhangenen Glastür. »Gott will es!«
sagte er und trat in den Laden.

Ein junges Mädchen, das irgendwo an einem Pult in einem großen Buche
geschrieben hatte, ein hübsches, brünettes Wesen mit Haarbandeaux und
zu großen Füßen, trat auf ihn zu und fragte freundlich, was ihm zu
Diensten stehe.

»Ich danke Ihnen«, sagte Hieronymus leise und blickte ihr, Querfalten
in seiner kantigen Stirn, ernst in die Augen. »Nicht Sie will ich
sprechen, sondern den Inhaber des Geschäftes, Herrn Blüthenzweig.«

Ein wenig zögernd zog sie sich von ihm zurück und nahm ihre
Beschäftigung wieder auf. Er stand inmitten des Ladens.

Alles, was draußen in einzelnen Beispielen zur Schau gestellt war, es
war hier drinnen zwanzigfach zu Häuf getürmt und üppig ausgebreitet:
eine Fülle von Farbe, Linie und Form, von Stil, Witz, Wohlgeschmack
und Schönheit. Hieronymus blickte langsam nach beiden Seiten, und dann
zog er die Falten seines schwarzen Mantels fester um sich zusammen.

Es waren mehrere Leute im Laden anwesend. An einem der breiten Tische,
die sich quer durch den Raum zogen, saß ein Herr in gelbem Anzug und
mit schwarzem Ziegenbart und betrachtete eine Mappe mit französischen
Zeichnungen, über die er manchmal ein meckerndes Lachen vernehmen
ließ. Ein junger Mensch mit einem Aspekt von Schlechtbezahltheit
und Pflanzenkost bediente ihn, indem er neue Mappen zur Ansicht
herbeischleppte. Dem meckernden Herrn schräg gegenüber prüfte eine
vornehme alte Dame moderne Kunststickereien, große Fabelblumen in
blassen Tönen, die auf langen, steifen Stielen senkrecht nebeneinander
standen. Auch um sie bemühte sich ein Angestellter des Geschäfts.
An einem zweiten Tische saß, die Reisemütze auf dem Kopfe und die
Holzpfeife im Munde, nachlässig ein Engländer. Durabel gekleidet,
glatt rasiert, kalt und unbestimmten Alters, wählte er unter Bronzen,
die Herr Blüthenzweig ihm persönlich herzutrug. Die ziere Gestalt
eines nackten kleinen Mädchens, welche, unreif und zart gegliedert,
ihre Händchen in koketter Keuschheit auf der Brust kreuzte, hielt er
am Kopfe erfaßt und musterte sie eingehend, indem er sie langsam um
sich selbst drehte.

Herr Blüthenzweig, ein Mann mit kurzem braunen Vollbart und blanken
Augen von ebenderselben Farbe, bewegte sich händereibend um ihn herum,
indem er das kleine Mädchen mit allen Vokabeln pries, deren er habhaft
werden konnte.

»Hundertfünfzig Mark, Sir«, sagte er auf englisch; »Münchener Kunst,
Sir. Sehr lieblich in der Tat. Voller Reiz, wissen Sie. Es ist
die Grazie selbst, Sir. Wirklich äußerst hübsch, niedlich und
bewunderungswürdig.« Hierauf fiel ihm noch etwas ein und er sagte:
»Höchst anziehend und verlockend.« Dann fing er wieder von vorne an.

Seine Nase lag ein wenig platt auf der Oberlippe, so daß er beständig
in einem leicht fauchenden Geräusch in seinen Schnurrbart schnüffelte.
Manchmal näherte er sich dabei dem Käufer in gebückter Haltung, als
beröche er ihn. Als Hieronymus eintrat, untersuchte Herr Blüthenzweig
ihn flüchtig in eben dieser Weise, widmete sich aber alsbald wieder
dem Engländer.

Die vornehme Dame hatte ihre Wahl getroffen und verließ den Laden. Ein
neuer Herr trat ein. Herr Blüthenzweig beroch ihn kurz, als wollte er
so den Grad seiner Kauffähigkeit erkunden, und überließ es der jungen
Buchhalterin, ihn zu bedienen. Der Herr erstand nur eine Fayencebüste
Piero's, Sohn des prächtigen Medici, und entfernte sich wieder.
Auch der Engländer begann nun aufzubrechen. Er hatte sich das kleine
Mädchen zu eigen gemacht und ging unter den Verbeugungen Herrn
Blüthenzweigs. Dann wandte sich der Kunsthändler zu Hieronymus und
stellte sich vor ihn hin.

»Sie wünschen...« fragte er ohne viel Demut.

Hieronymus hielt seinen Mantel von innen mit beiden Händen zusammen
und blickte Herrn Blüthenzweig fast ohne mit der Wimper zu zucken ins
Gesicht. Er trennte langsam seine dicken Lippen und sagte:

»Ich komme zu Ihnen wegen des Bildes in jenem Fenster dort, der
großen Photographie, der Madonna.«--Seine Stimme war belegt und
modulationslos.

»Jawohl, ganz recht«, sagte Herr Blüthenzweig lebhaft und begann,
sich die Hände zu reiben: »Siebenzig Mark im Rahmen, mein Herr. Es ist
unveränderlich ... eine erstklassige Reproduktion. Höchst anziehend
und reizvoll.«

Hieronymus schwieg. Er neigte seinen Kopf in der Kapuze und sank ein
wenig in sich zusammen, während der Kunsthändler sprach; dann richtete
er sich wieder auf und sagte:

»Ich bemerke Ihnen im voraus, daß ich nicht in der Lage, noch
überhaupt willens bin, irgend etwas zu kaufen. Es tut mir leid, Ihre
Erwartungen enttäuschen zu müssen. Ich habe Mitleid mit Ihnen, wenn
Ihnen das Schmerz bereitet. Aber erstens bin ich arm, und zweitens
liebe ich die Dinge nicht, die Sie feilhalten. Nein, kaufen kann ich
nichts.«

»Nicht ... also nicht«, sagte Herr Blüthenzweig und schnüffelte stark.
»Nun, darf ich fragen...«

»Wie ich Sie zu kennen glaube«, fuhr Hieronymus fort, »so verachten
Sie mich darum, daß ich nicht imstande bin, Ihnen etwas abzukaufen...«

»Hm ...« sagte Herr Blüthenzweig. »Nicht doch! Nur ...«

»Dennoch bitte ich Sie, mir Gehör zu schenken und meinen Worten
Gewicht beizulegen.«

»Gewicht beizulegen. Hm. Darf ich fragen ...«

»Sie dürfen fragen«, sagte Hieronymus, »und ich werde Ihnen antworten.
Ich bin gekommen, Sie zu bitten, daß Sie jenes Bild, die große
Photographie, die Madonna, sogleich aus Ihrem Fenster entfernen und
sie niemals wieder zur Schau stellen.«

Herr Blüthenzweig blickte eine Weile stumm in Hieronymus' Gesicht, mit
einem Ausdruck, als forderte er ihn auf, über seine abenteuerlichen
Worte in Verlegenheit zu geraten. Da dies aber keineswegs geschah, so
schnüffelte er heftig und brachte hervor:

»Wollen Sie die Güte haben, mir mitzuteilen, ob Sie hier in
irgendeiner amtlichen Eigenschaft stehen, die Sie befugt, mir
Vorschriften zu machen, oder was Sie eigentlich herführt...«

»O nein«, antwortete Hieronymus; »ich habe weder Amt noch Würde von
Staates wegen. Die Macht ist nicht auf meiner Seite, Herr. Was mich
herführt, ist allein mein Gewissen.«

Herr Blüthenzweig bewegte nach Worten suchend den Kopf hin und her,
blies heftig mit der Nase in seinen Schnurrbart und rang mit der
Sprache. Endlich sagte er:

»Ihr Gewissen ... Nun, so wollen Sie gefälligst ... Notiz davon
nehmen ... daß Ihr Gewissen für uns eine ... eine gänzlich belanglose
Einrichtung ist!«--

Damit drehte er sich um, ging schnell zu seinem Pult im Hintergrunde
des Ladens und begann zu schreiben. Die beiden Ladendiener lachten von
Herzen. Auch das hübsche Fräulein kicherte über ihrem Kontobuche. Was
den gelben Herrn mit dem schwarzen Ziegenbart betraf, so zeigte es
sich, daß er ein Fremder war, denn er verstand augenscheinlich nichts
von dem Gespräch, sondern fuhr fort, sich mit den französischen
Zeichnungen zu beschäftigen, wobei er von Zeit zu Zeit sein meckerndes
Lachen vernehmen ließ.--

»Wollen Sie den Herrn abfertigen«, sagte Herr Blüthenzweig über die
Schulter hinweg zu seinem Gehilfen. Dann schrieb er weiter. Der junge
Mensch mit dem Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost trat
auf Hieronymus zu, indem er sich des Lachens zu enthalten trachtete,
und auch der andere Verkäufer näherte sich.

»Können wir Ihnen sonst irgendwie dienlich sein?« fragte der
Schlechtbezahlte sanft. Hieronymus hielt unverwandt seinen leidenden,
stumpfen und dennoch durchdringenden Blick auf ihn gerichtet.

»Nein«, sagte er, »sonst können Sie es nicht. Ich bitte Sie, das
Madonnenbild unverzüglich aus dem Fenster zu entfernen, und zwar für
immer.«

»Oh ... Warum?«

»Es ist die heilige Mutter Gottes...« sagte Hieronymus gedämpft.

»Allerdings ... Sie hören ja aber, daß Herr Blüthenzweig nicht geneigt
ist, Ihren Wunsch zu erfüllen.«

»Man muß bedenken, daß es die heilige Mutter Gottes ist«, sagte
Hieronymus, und sein Kopf zitterte.

»Das ist richtig.--Und weiter? Darf man keine Madonnen ausstellen?
Darf man keine malen?«

»Nicht so! Nicht so!« sagte Hieronymus beinahe flüsternd, indem er
sich hoch emporrichtete und mehrmals heftig den Kopf schüttelte.
Seine kantige Stirn unter der Kapuze war ganz von langen und tiefen
Querfalten durchfurcht. »Sie wissen sehr wohl, daß es das Laster
selbst ist, das ein Mensch dort gemalt hat ... die entblößte Wollust!
Von zwei schlichten und unbewußten Leuten, die dieses Madonnenbild
betrachteten, habe ich mit meinen Ohren gehört, daß es sie an dem
Dogma der unbefleckten Empfängnis irremache...«

»Oh, erlauben Sie, nicht darum handelt es sich«, sagte der junge
Verkäufer überlegen lächelnd. Er schrieb in seinen Mußestunden eine
Broschüre über die moderne Kunstbewegung und war sehr wohl imstande,
ein gebildetes Gespräch zu führen.

»Das Bild ist ein Kunstwerk«, fuhr er fort, »und man muß den Maßstab
daranlegen, der ihm gebührt. Es hat allerseits den größten Beifall
gehabt. Der Staat hat es angekauft...«

»Ich weiß, daß der Staat es angekauft hat«, sagte Hieronymus. »Ich
weiß auch, daß der Maler zweimal beim Regenten gespeist hat. Das Volk
spricht davon, und Gott weiß, wie es sich die Tatsache deutet, daß
jemand für ein solches Werk zum hochgeehrten Manne wird. Wovon
legt diese Tatsache Zeugnis ab? Von der Blindheit der Welt, einer
Blindheit, die unfaßlich ist, wenn sie nicht auf schamloser Heuchelei
beruht. Dieses Gebilde ist aus Sinnenlust entstanden und wird in
Sinnenlust genossen ... ist dies wahr oder nicht? Antworten Sie;
antworten auch Sie, Herr Blüthenzweig!«

Eine Pause trat ein. Hieronymus schien allen Ernstes eine Antwort zu
verlangen und blickte mit seinen leidenden und durchdringenden Augen
abwechselnd auf die beiden Verkäufer, die ihn neugierig und verdutzt
anstarrten, und auf Herrn Blüthenzweigs runden Rücken. Es herrschte
Stille. Nur der gelbe Herr mit dem schwarzen Ziegenbart ließ, über die
französischen Zeichnungen gebeugt, sein meckerndes Lachen vernehmen.

»Es _ist_ wahr!« fuhr Hieronymus fort, und in seiner belegten Stimme
bebte eine tiefe Entrüstung ... »Sie wagen nicht, es zu leugnen! Wie
aber ist es dann möglich, den Verfertiger dieses Gebildes im Ernste zu
feiern, als habe er der Menschheit ideale Güter um eines vermehrt? Wie
ist es dann möglich, davor zu stehen, sich unbedenklich dem schnöden
Genüsse hinzugeben, den es verursacht, und sein Gewissen mit dem Worte
Schönheit zum Schweigen zu bringen, ja, sich ernstlich einzureden,
man überlasse sich dabei einem edlen, erlesenen und höchst
menschenwürdigen Zustande? Ist dies ruchlose Unwissenheit oder
verworfene Heuchelei? Mein Verstand steht still an dieser Stelle ...
er steht still vor der absurden Tatsache, daß ein Mensch durch die
dumme und zuversichtliche Entfaltung seiner tierischen Triebe auf
Erden zu höchstem Ruhme gelangen kann!... Schönheit ... Was ist
Schönheit? Wodurch wird die Schönheit zutage getrieben und worauf
wirkt sie? Es ist unmöglich, dies nicht zu wissen, Herr Blüthenzweig!
Wie aber ist es denkbar, eine Sache so sehr zu durchschauen und
nicht angesichts ihrer von Ekel und Gram erfüllt zu werden? Es ist
verbrecherisch, die Unwissenheit der schamlosen Kinder und kecken
Unbedenklichen durch die Erhöhung und frevle Anbetung der Schönheit
zu bestätigen, zu bekräftigen und ihr zur Macht zu verhelfen, denn sie
sind weit vom Leiden und weiter noch von der Erlösung! ...Du blickst
schwarz, antworten Sie mir, du, Unbekannter. Das Wissen, sage ich
Ihnen, ist die tiefste Qual der Welt; aber es ist das Fegefeuer, ohne
dessen läuternde Pein keines Menschen Seele zum Heile gelangt.
Nicht kecker Kindersinn und ruchlose Unbefangenheit frommt, Herr
Blüthenzweig, sondern jene Erkenntnis, in der die Leidenschaften
unseres eklen Fleisches hinsterben und verlöschen.«

Stillschweigen. Der gelbe Herr mit dem schwarzen Ziegenbart meckerte
kurz.

»Sie müssen nun wohl gehen«, sagte der Schlechtbezahlte sanft.

Aber Hieronymus machte keineswegs Anstalten, zu gehen. Hoch
aufgerichtet in seinem Kapuzenmantel, mit brennenden Augen stand er
inmitten des Kunstladens, und seine dicken Lippen formten mit hartem
und gleichsam rostigem Klange unaufhaltsam verdammende Worte...

»Kunst! rufen sie, Genuß! Schönheit! Hüllt die Welt in Schönheit ein
und verleiht jedem Dinge den Adel des Stiles! ...Geht mir, Verruchte!
Denkt man, mit prunkenden Farben das Elend der Welt zu übertünchen?
Glaubt man, mit dem Festlärm des üppigen Wohlgeschmacks das Ächzen
der gequälten Erde übertönen zu können? Ihr irrt, Schamlose! Gott läßt
sich nicht spotten, und ein Greuel ist in seinen Augen euer frecher
Götzendienst der gleißenden Oberfläche! ...Du schmähst die Kunst,
antworten Sie mir, du, Unbekannter. Sie lügen, sage ich Ihnen, ich
schmähe nicht die Kunst! Die Kunst ist kein gewissenloser Trug, der
lockend zur Bekräftigung und Bestätigung des Lebens im Fleische reizt!
Die Kunst ist die heilige Fackel, die barmherzig hineinleuchte in
alle fürchterlichen Tiefen, in alle scham- und gramvollen Abgründe
des Daseins; die Kunst ist das göttliche Feuer, das an die Welt gelegt
werde, damit sie aufflamme und zergehe samt all ihrer Schande und
Marter in erlösendem Mitleid! ...Nehmen Sie, Herr Blüthenzweig, nehmen
Sie das Werk des berühmten Malers dort aus Ihrem Fenster ... ja, Sie
täten gut, es mit einem heißen Feuer zu verbrennen und seine Asche in
alle Winde zu streuen, in alle vier Winde!...«

Seine unschöne Stimme brach ab. Er hatte einen heftigen Schritt
rückwärts getan, hatte einen Arm der Umhüllung des schwarzen
Mantels entrissen, hatte ihn mit leidenschaftlicher Bewegung weit
hinausgereckt und wies mit einer seltsam verzerrten, krampfhaft auf
und nieder bebenden Hand auf die Auslage, das Schaufenster, dorthin,
wo das aufsehenerregende Madonnenbild seinen Platz hatte. In dieser
herrischen Haltung verharrte er. Seine große, gehöckerte Nase schien
mit einem befehlshaberischen Ausdruck hervorzuspringen, seine dunklen,
an der Nasenwurzel stark sich verdickenden Brauen waren so hoch
emporgezogen, daß die kantige, von der Kapuze beschattete Stirn ganz
in breiten Querfalten lag, und über seinen Wangenhöhlen hatte sich
eine hektische Hitze entzündet.

Hier aber wandte Herr Blüthenzweig sich um. Sei es, daß die Zumutung,
diese Siebenzig-Mark-Reproduktion zu verbrennen, ihn so aufrichtig
entrüstete, oder daß überhaupt Hieronymus' Reden seine Geduld am Ende
erschöpft hatten: jedenfalls bot er ein Bild gerechten und starken
Zornes. Er wies mit dem Federhalter auf die Ladentür, blies mehrere
Male kurz und erregt mit der Nase in den Schnurrbart, rang mit der
Sprache und brachte dann mit höchstem Nachdruck hervor:

»Wenn Sie Patron nun nicht augenblicklich von der Bildfläche
verschwinden, so lasse ich Ihnen durch den Packer den Abgang
erleichtern, verstehen Sie mich?!«

»Oh, Sie schüchtern mich nicht ein, Sie verjagen mich nicht, Sie
bringen meine Stimme nicht zum Schweigen!« rief Hieronymus, indem
er oberhalb der Brust seine Kapuze mit der Faust zusammenraffte
und furchtlos den Kopf schüttelte... »Ich weiß, daß ich einsam und
machtlos bin, und dennoch verstumme ich nicht, bis Sie mich hören,
Herr Blüthenzweig! Nehmen Sie das Bild aus Ihrem Fenster und
verbrennen Sie es noch heute! Ach, verbrennen Sie nicht dies allein!
Verbrennen Sie auch diese Statuetten und Büsten, deren Anblick in
Sünde stürzt, verbrennen Sie diese Vasen und Zierate, diese schamlosen
Wiedergeburten des Heidentums, diese üppig ausgestatteten Liebesverse!
Verbrennen Sie alles, was Ihr Laden birgt, Herr Blüthenzweig, denn es
ist ein Unrat in Gottes Augen! Verbrennen, verbrennen, verbrennen Sie
es!« rief er außer sich, indem er eine wilde, weite Bewegung rings in
die Runde vollführte... »Diese Ernte ist reif für den Schnitter ...
Die Frechheit dieser Zeit durchbricht alle Dämme ... Ich aber sage
Ihnen...«

»Krauthuber!« ließ Herr Blüthenzweig, einer Tür im Hintergrund
zugewandt, mit Anstrengung seine Stimme vernehmen... »Kommen Sie
sofort herein!«

Das, was infolge dieses Befehls auf dem Schauplatze erschien, war ein
massiges und übergewaltiges Etwas, eine ungeheuerliche und strotzende
menschliche Erscheinung von schreckeneinflößender Fülle, deren
schwellende, quellende, gepolsterte Gliedmaßen überall formlos
ineinander übergingen ... eine unmäßige, langsam über den Boden
wuchtende und schwer pustende Riesengestalt, genährt mit Malz, ein
Sohn des Volkes von fürchterlicher Rüstigkeit! Ein fransenartiger
Seehundsschnauzbart war droben in seinem Angesicht bemerkbar, ein
gewaltiges, mit Kleister besudeltes Schurzfell bedeckte seinen Leib,
und die gelben Ärmel seines Hemdes waren von seinen sagenhaften Armen
zurückgerollt.

»Wollen Sie diesem Herrn die Türe öffnen, Krauthuber«, sagte Herr
Blüthenzweig, »und, sollte er sie dennoch nicht finden, ihm auf die
Straße hinausverhelfen.«

»Ha?« sagte der Mann, indem er mit seinen kleinen Elefantenaugen
abwechselnd Hieronymus und seinen erzürnten Brotherrn betrachtete ...
Es war ein dumpfer Laut von mühsam zurückgedämmter Kraft. Dann ging
er, mit seinen Tritten alles um sich her erschütternd, zur Tür und
öffnete sie.

Hieronymus war sehr bleich geworden. »Verbrennen Sie...« wollte er
sagen, aber schon fühlte er sich von einer furchtbaren Übermacht
umgewandt, von einer Körperwucht, gegen die kein Widerstand denkbar
war, langsam und unaufhaltsam der Tür entgegengedrängt.

»Ich bin schwach...« brachte er hervor. »Mein Fleisch erträgt
nicht die Gewalt ... es hält nicht stand, nein ... Was beweist das?
Verbrennen Sie...«

Er verstummte. Er befand sich außerhalb des Kunstladens. Herrn
Blüthenzweigs riesiger Knecht hatte ihn schließlich mit einem kleinen
Stoß und Schwung fahren lassen, so daß er, auf eine Hand gestützt,
seitwärts auf die steinerne Stufe niedergesunken war. Und hinter ihm
schloß sich klirrend die Glastür.

Er richtete sich empor. Er stand aufrecht und hielt schwer atmend mit
der einen Faust seine Kapuze oberhalb der Brust zusammengerafft,
indes er die andere unter dem Mantel hinabhängen ließ. In seinen
Wangenhöhlen lagerte eine graue Blässe; die Flügel seiner großen,
gehöckerten Nase blähten und schlössen sich zuckend; seine häßlichen
Lippen waren zu dem Ausdruck eines verzweifelten Hasses verzerrt, und
seine Augen, von Glut umzogen, schweiften irr und ekstatisch über den
schönen Platz.

Er sah nicht die neugierig und lachend auf ihn gerichteten Blicke.
Er sah auf der Mosaikfläche vor der großen Loggia die Eitelkeiten
der Welt, die Maskenkostüme der Künstlerfeste, die Zierate,
Vasen, Schmuckstücke und Stilgegenstände, die nackten Statuen und
Frauenbüsten, die malerischen Wiedergeburten des Heidentums, die
Porträts der berühmten Schönheiten von Meisterhand, die üppig
ausgestatteten Liebesverse und Propagandaschriften der Kunst
pyramidenartig aufgetürmt und unter dem Jubelgeschrei des durch
seine furchtbaren Worte geknechteten Volkes in prasselnde Flammen
aufgehen... Er sah gegen die gelbliche Wolkenwand, die von der
Theatinerstraße heraufgezogen war und in der es leise donnerte, ein
breites Feuerschwert stehen, das sich im Schwefellicht über die frohe
Stadt hinreckte...

»Gladius Dei super terram...« flüsterten seine dicken Lippen, und in
seinem Kapuzenmantel sich höher emporrichtend, mit einem versteckten
und krampfigen Schütteln seiner hinabhängenden Faust, murmelte er
bebend: »Cito et velociter!«



       *       *       *       *       *



SCHWERE STUNDE


Er stand vom Schreibtisch auf, von seiner kleinen, gebrechlichen
Schreibkommode, stand auf wie ein Verzweifelter und ging mit hängendem
Kopfe in den entgegengesetzten Winkel des Zimmers zum Ofen, der lang
und schlank war wie eine Säule. Er legte die Hände an die Kacheln,
aber sie waren fast ganz erkaltet, denn Mitternacht war lange vorbei,
und so lehnte er, ohne die kleine Wohltat empfangen zu haben, die er
suchte, den Rücken daran, zog hustend die Schöße seines Schlafrockes
zusammen, aus dessen Brustaufschlägen das verwaschene Spitzenjabot
heraushing, und schnob mühsam durch die Nase, um sich ein wenig Luft
zu verschaffen; denn er hatte den Schnupfen wie gewöhnlich.

Das war ein besonderer und unheimlicher Schnupfen, der ihn fast nie
völlig verließ. Seine Augenlider waren entflammt und die Ränder seiner
Nasenlöcher ganz wund davon, und in Kopf und Gliedern lag dieser
Schnupfen ihm wie eine schwere, schmerzliche Trunkenheit. Oder war an
all der Schlaffheit und Schwere das leidige Zimmergewahrsam schuld,
das der Arzt nun schon wieder seit Wochen über ihn verhängt hielt?
Gott wußte, ob er wohl daran tat. Der ewige Katarrh und die Krämpfe in
Brust und Unterleib mochten es nötig machen, und schlechtes Wetter war
über Jena, seit Wochen, seit Wochen, das war richtig, ein miserables
und hassenswertes Wetter, das man in allen Nerven spürte, wüst,
finster und kalt, und der Dezemberwind heulte im Ofenrohr, verwahrlost
und gottverlassen, daß es klang nach nächtiger Heide im Sturm und
Irrsal und heillosem Gram der Seele. Aber gut war sie nicht, diese
enge Gefangenschaft, nicht gut für die Gedanken und den Rhythmus des
Blutes, aus dem die Gedanken kamen...

Das sechseckige Zimmer, kahl, nüchtern und unbequem, mit seiner
geweißten Decke, unter der Tabaksrauch schwebte, seiner schräg
karierten Tapete, auf der oval gerahmte Silhouetten hingen, und seinen
vier, fünf dünnbeinigen Möbeln, lag im Lichte der beiden Kerzen,
die zu Häupten des Manuskripts auf der Schreibkommode brannten. Rote
Vorhänge hingen über den oberen Rahmen der Fenster, Fähnchen nur,
symmetrisch geraffte Kattune; aber sie waren rot, von einem warmen,
sonoren Rot, und er liebte sie und wollte sie niemals missen, weil
sie etwas von Üppigkeit und Wollust in die unsinnlich-enthaltsame
Dürftigkeit seines Zimmers brachten...

Er stand am Ofen und blickte mit einem raschen und schmerzlich
angestrengten Blinzeln hinüber zu dem Werk, von dem er geflohen war,
dieser Last, diesem Druck, dieser Gewissensqual, diesem Meer, das
auszutrinken, dieser furchtbaren Aufgabe, die sein Stolz und sein
Elend, sein Himmel und seine Verdammnis war. Es schleppte sich, es
stockte, es stand--schon wieder, schon wieder! Das Wetter war schuld
und sein Katarrh und seine Müdigkeit. Oder das Werk? Die Arbeit
selbst? Die eine unglückselige und der Verzweiflung geweihte
Empfängnis war?

Er war aufgestanden, um sich ein wenig Distanz davon zu verschaffen,
denn so oft bewirkte die räumliche Entfernung vom Manuskript, daß man
Übersicht gewann, einen weiteren Blick über den Stoff, und Verfügungen
zu treffen vermochte. Ja, es gab Fälle, wo das Erleichterungsgefühl,
wenn man sich abwendete von der Stätte des Ringens, begeisternd
wirkte. Und das war eine unschuldigere Begeisterung, als wenn man
Likör nahm oder schwarzen, starken Kaffee... Die kleine Tasse stand
auf dem Tischchen. Wenn sie ihm über das Hemmnis hülfe? Nein,
nein, nicht mehr! Nicht der Arzt nur, auch ein zweiter noch, ein
Ansehnlicherer, hatte ihm dergleichen behutsam widerraten: der andere,
der dort, in Weimar, den er mit einer sehnsüchtigen Feindschaft
liebte. Der war weise. Der wußte zu leben, zu schaffen; mißhandelte
sich nicht; war voller Rücksicht gegen sich selbst...

Stille herrschte im Hause. Nur der Wind war hörbar, der die
Schloßgasse hinuntersauste, und der Regen, wenn er prickelnd gegen die
Fenster getrieben ward. Alles schlief, der Hauswirt und die Seinen,
Lotte und die Kinder. Und er stand einsam wach am erkalteten Ofen
und blinzelte gequält zu dem Werk hinüber, an das seine kranke
Ungenügsamkeit ihn glauben ließ... Sein weißer Hals ragte lang aus der
Binde hervor, und zwischen den Schößen des Schlafrocks sah man seine
nach innen gekrümmten Beine. Sein rotes Haar war aus der hohen und
zarten Stirn zurückgestrichen, ließ blaß geäderte Buchten über den
Schläfen frei und bedeckte die Ohren in dünnen Locken. An der Wurzel
der großen, gebogenen Nase, die unvermittelt in eine weißliche Spitze
endete, traten die starken Brauen, dunkler als das Haupthaar, nahe
zusammen, was dem Blick der tiefliegenden, wunden Augen etwas tragisch
Schauendes gab. Gezwungen, durch den Mund zu atmen, öffnete er die
dünnen Lippen, und seine Wangen, sommersprossig und von Stubenluft
fahl, erschlafften und fielen ein...

Nein, es mißlang, und alles war vergebens! Die Armee! Die Armee hätte
gezeigt werden müssen! Die Armee war die Basis von allem! Da sie nicht
vors Auge gebracht werden konnte--war die ungeheure Kunst denkbar,
sie der Einbildung aufzuzwingen? Und der Held war kein Held; er war
unedel und kalt! Die Anlage war falsch, und die Sprache war falsch,
und es war ein trockenes und schwungloses Kolleg in Historie, breit,
nüchtern und für die Schaubühne verloren!

Gut, es war also aus. Eine Niederlage. Ein verfehltes Unternehmen.
Bankerott. Er wollte es Körnern schreiben, dem guten Körner, der an
ihn glaubte, der in kindischem Vertrauen seinem Genius anhing. Er
würde höhnen, flehen, poltern--der Freund; würde ihn an den
Carlos gemahnen, der auch aus Zweifeln und Mühen und Wandlungen
hervorgegangen und sich am Ende, nach aller Qual, als ein weithin
Vortreffliches, eine ruhmvolle Tat erwiesen hat. Doch das war anders
gewesen. Damals war er der Mann noch, eine Sache mit glücklicher Hand
zu packen und sich den Sieg daraus zu gestalten. Skrupel und Kämpfe?
O ja. Und krank war er gewesen, wohl kränker als jetzt, ein Darbender,
Flüchtiger, mit der Welt Zerfallener, gedrückt und im Menschlichen
bettelarm. Aber jung, ganz jung noch! Jedesmal, wie tief auch gebeugt,
war sein Geist geschmeidig emporgeschnellt, und nach den Stunden
des Harms waren die anderen des Glaubens und des inneren Triumphes
gekommen. Die kamen nicht mehr, kamen kaum noch. Eine Nacht
der flammenden Stimmung, da man auf einmal in einem genialisch
leidenschaftlichen Lichte sah, was werden könnte, wenn man immer
solcher Gnade genießen dürfte, mußte bezahlt werden mit einer Woche
der Finsternis und der Lähmung. Müde war er, siebenunddreißig erst alt
und schon am Ende. Der Glaube lebte nicht mehr, der an die Zukunft,
der im Elend sein Stern gewesen. Und so war es, dies war die
verzweifelte Wahrheit: Die Jahre der Not und der Nichtigkeit, die er
für Leidens- und Prüfungsjahre gehalten, sie eigentlich waren reiche
und fruchtbare Jahre gewesen; und nun, da ein wenig Glück sich
herniedergelassen, da er aus dem Freibeutertum des Geistes in einige
Rechtlichkeit und bürgerliche Verbindung eingetreten war, Amt und
Ehren trug, Weib und Kinder besaß, nun war er erschöpft und fertig.
Versagen und verzagen--das war's, was übrigblieb.

Er stöhnte, preßte die Hände vor die Augen und ging wie gehetzt durch
das Zimmer. Was er da eben gedacht, war so furchtbar, daß er nicht an
der Stelle zu bleiben vermochte, wo ihm der Gedanke gekommen war. Er
setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, ließ die gefalteten Hände
zwischen den Knien hängen und starrte trüb auf die Diele nieder.

Das Gewissen... wie laut sein Gewissen schrie! Er hatte gesündigt,
sich versündigt gegen sich selbst in all den Jahren, gegen das zarte
Instrument seines Körpers. Die Ausschweifungen seines Jugendmutes,
die durchwachten Nächte, die Tage in tabakrauchiger Stubenluft,
übergeistig und des Leibes uneingedenk, die Rauschmittel, mit denen er
sich zur Arbeit gestachelt--das rächte, rächte sich jetzt!

Und rächte es sich, so wollte er den Göttern trotzen, die Schuld
schickten und dann Strafe verhängten. Er hatte gelebt, wie er leben
mußte, er hatte nicht Zeit gehabt, weise, nicht Zeit, bedächtig zu
sein. Hier, an dieser Stelle der Brust, wenn er atmete, hustete,
gähnte, immer am selben Punkt dieser Schmerz, diese kleine,
teuflische, stechende, bohrende Mahnung, die nicht schwieg,
seitdem vor fünf Jahren in Erfurt das Katarrhfieber, jene hitzige
Brustkrankheit, ihn angefallen--was wollte sie sagen? In Wahrheit, er
wußte es nur zu gut, was sie meinte--mochte der Arzt sich stellen wie
er konnte und wollte. Er hatte nicht Zeit, sich mit kluger Schonung
zu begegnen, mit milder Sittlichkeit hauszuhalten. Was er tun wollte,
mußte er bald tun, heute noch, schnell... Sittlichkeit? Aber wie kam
es zuletzt, daß die Sünde gerade, die Hingabe an das Schädliche und
Verzehrende ihn moralischer dünkte als alle Weisheit und kühle Zucht?
Nicht sie, nicht die verächtliche Kunst des guten Gewissens waren das
Sittliche, sondern der Kampf und die Not, die Leidenschaft und der
Schmerz!

Der Schmerz... Wie das Wort ihm die Brust weitete! Er reckte sich
auf, verschränkte die Arme; und sein Blick, unter den rötlichen,
zusammenstehenden Brauen, beseelte sich mit schöner Klage. Man war
noch nicht elend, ganz elend noch nicht, solange es möglich war,
seinem Elend eine stolze und edle Benennung zu schenken. Eins war not:
Der gute Mut, seinem Leben große und schöne Namen zu geben! Das Leid
nicht auf Stubenluft und Konstipation zurückzuführen! Gesund genug
sein, um pathetisch sein--um über das Körperliche hinwegsehen,
hinwegfühlen zu können! Nur hierin naiv sein, wenn auch sonst wissend
in allem! Glauben, an den Schmerz glauben können... Aber er glaubte
ja an den Schmerz, so tief, so innig, daß etwas, was unter Schmerzen
geschah, diesem Glauben zufolge weder nutzlos noch schlecht sein
konnte. Sein Blick schwang sich zum Manuskript hinüber, und seine Arme
verschränkten sich fester über der Brust... Das Talent selbst--war
es nicht Schmerz? Und wenn das dort, das unselige Werk, ihn leiden
machte, war es nicht in der Ordnung so und fast schon ein gutes
Zeichen? Es hatte noch niemals gesprudelt, und sein Mißtrauen würde
erst eigentlich beginnen, wenn es das täte. Nur bei Stümpern und
Dilettanten sprudelte es, bei den Schnellzufriedenen und Unwissenden,
die nicht unter dem Druck und der Zucht des Talentes lebten. Denn das
Talent, meine Herren und Damen dort unten, weithin im Parterre, das
Talent ist nichts Leichtes, nichts Tändelndes, es ist nicht ohne
weiteres ein Können. In der Wurzel ist es Bedürfnis, ein kritisches
Wissen um das Ideal, eine Ungenügsamkeit, die sich ihr Können
nicht ohne Qual erst schafft und steigert. Und den Größten, den
Ungenügsamsten ist ihr Talent die schärfste Geißel... Nicht klagen!
Nicht prahlen! Bescheiden, geduldig denken von dem, was man trug! Und
wenn nicht ein Tag in der Woche, nicht eine Stunde von Leiden frei
war--was weiter? Die Lasten und Leistungen, die Anforderungen,
Beschwerden, Strapazen gering achten, klein sehen,--das war's, was
groß machte!

Er stand auf, zog die Dose und schnupfte gierig, warf dann die Hände
auf den Rücken und schritt so heftig durch das Zimmer, daß die Flammen
der Kerzen im Luftzuge flatterten... Größe! Außerordentlichkeit!
Welteroberung und Unsterblichkeit des Namens! Was galt alles Glück der
ewig Unbekannten gegen dies Ziel? Gekannt sein,--gekannt und geliebt
von den Völkern der Erde! Schwatzet von Ichsucht, die ihr nichts wißt
von der Süßigkeit dieses Traumes und Dranges! Ichsüchtig ist alles
Außerordentliche, sofern es leidet. Mögt ihr selbst zusehen, spricht
es, ihr Sendungslosen, die ihr's auf Erden so viel leichter habt! Und
der Ehrgeiz spricht: Soll das Leiden umsonst gewesen sein? Groß muß es
mich machen!...

Die Flügel seiner großen Nase waren gespannt, sein Blick drohte und
schweifte. Seine Rechte war heftig und tief in den Aufschlag seines
Schlafrockes geschoben, während die Linke geballt herniederhing.
Eine fliegende Röte war in seine hageren Wangen getreten, eine
Lohe, emporgeschlagen aus der Glut seines Künstleregoismus, jener
Leidenschaft für sein Ich, die unauslöschlich in seiner Tiefe brannte.
Er kannte ihn wohl, den heimlichen Rausch dieser Liebe. Zuweilen
brauchte er nur seine Hand zu betrachten, um von einer begeisterten
Zärtlichkeit für sich selbst erfüllt zu werden, in deren Dienst er
alles, was ihm an Waffen des Talentes und der Kunst gegeben war, zu
stellen beschloß. Er durfte es, nichts war unedel daran. Denn tiefer
noch als diese Ichsucht lebte das Bewußtsein, sich dennoch bei alldem
im Dienste vor irgend etwas Hohem, ohne Verdienst freilich, sondern
unter einer Notwendigkeit, uneigennützig zu verzehren und aufzuopfern.
Und dies war seine Eifersucht: daß niemand größer werde als er, der
nicht auch tiefer als er um dieses Hohe gelitten.

Niemand!... Er blieb stehen, die Hand über den Augen, den Oberkörper
halb seitwärts gewandt, ausweichend, fliehend. Aber er fühlte schon
den Stachel dieses unvermeidlichen Gedankens in seinem Herzen, des
Gedankens an ihn, den anderen, den Hellen, Tastseligen, Sinnlichen,
Göttlich-Unbewußten, an den dort, in Weimar, den er mit einer
sehnsüchtigen Feindschaft liebte... Und wieder, wie stets, in tiefer
Unruhe, mit Hast und Eifer, fühlte er die Arbeit in sich beginnen, die
diesem Gedanken folgte: das eigene Wesen und Künstlertum gegen das
des anderen zu behaupten und abzugrenzen... War er denn größer? Worin?
Warum? War es ein blutendes Trotzdem, wenn er siegte? Würde je sein
Erliegen ein tragisches Schauspiel sein? Ein Gott, vielleicht--ein
Held war er nicht. Aber es war leichter, ein Gott zu sein als ein
Held!--Leichter... Der andere hatte es leichter! Mit weiser und
glücklicher Hand Erkennen und Schaffen zu scheiden, das mochte heiter
und quallos und quellend fruchtbar machen. Aber war Schaffen göttlich,
so war Erkenntnis Heldentum, und beides war der, ein Gott und ein
Held, welcher erkennend schuf!

Der Wille zum Schweren... Ahnte man, wieviel Zucht und
Selbstüberwindung ein Satz, ein strenger Gedanke ihn kostete?
Denn zuletzt war er unwissend und wenig geschult, ein dumpfer und
schwärmender Träumer. Es war schwerer, einen Brief des Julius zu
schreiben, als die beste Szene zu machen,--und war es nicht darum auch
fast schon das Höhere?--Vom ersten rhythmischen Drange innerer Kunst
nach Stoff, Materie, Möglichkeit des Ergusses--bis zum Gedanken, zum
Bilde, zum Worte, zur Zeile: welch Ringen! welch Leidensweg! Wunder
der Sehnsucht waren seine Werke, der Sehnsucht nach Form, Gestalt,
Begrenzung, Körperlichkeit, der Sehnsucht hinüber in die klare Welt
des anderen, der unmittelbar und mit göttlichem Mund die besonnten
Dinge bei Namen nannte.

Dennoch, und jenem zum Trotz: Wer war ein Künstler, ein Dichter gleich
ihm, ihm selbst? Wer schuf, wie er, aus dem Nichts, aus der eigenen
Brust? War nicht als Musik, als reines Urbild des Seins ein Gedicht in
seiner Seele geboren, lange bevor es sich Gleichnis und Kleid aus der
Welt der Erscheinungen lieh? Geschichte, Weltweisheit, Leidenschaft:
Mittel und Vorwände, nicht mehr, für etwas, was wenig mit ihnen
zu schaffen, was seine Heimat in orphischen Tiefen hatte. Worte,
Begriffe: Tasten nur, die sein Künstlertum schlug, um ein verborgenes
Saitenspiel klingen zu machen... Wußte man das? Sie priesen ihn sehr,
die guten Leute, für die Kraft der Gesinnung, mit welcher er die oder
jene Taste schlug. Und sein Lieblingswort, sein letztes Pathos, die
große Glocke, mit der er zu den höchsten Festen der Seele rief, sie
lockte viele herbei... Freiheit... Mehr und weniger, wahrhaftig,
begriff er darunter als sie, wenn sie jubelten. Freiheit--was hieß
das? Ein wenig Bürgerwürde doch nicht vor Fürstenthronen? Laßt ihr
euch träumen, was alles ein Geist mit dem Worte zu meinen wagt?
Freiheit wovon? Wovon zuletzt noch? Vielleicht sogar noch vom Glück,
vom Menschenglück, dieser seidenen Fessel, dieser weichen und holden
Verpflichtung...

Vom Glück... Seine Lippen zuckten; es war, als kehrte sein Blick sich
nach innen, und langsam ließ er das Gesicht in die Hände sinken...
Er war im Nebenzimmer. Bläuliches Licht floß von der Ampel, und der
geblümte Vorhang verhüllte in stillen Falten das Fenster. Er stand am
Bette, beugte sich über das süße Haupt auf dem Kissen... Eine schwarze
Locke ringelte sich über die Wange, die von der Blässe der Perlen
schien, und die kindlichen Lippen waren im Schlummer geöffnet... Mein
Weib! Geliebte! Folgtest du meiner Sehnsucht und tratest du zu mir,
mein Glück zu sein? Du bist es, sei still! Und schlafe! Schlag jetzt
nicht diese süßen, langschattenden Wimpern auf, um mich anzuschauen,
so groß und dunkel, wie manchmal, als fragtest und suchtest du mich!
Bei Gott, bei Gott, ich liebe dich sehr! Ich kann mein Gefühl nur
zuweilen nicht finden, weil ich oft sehr müde vom Leiden bin und vom
Ringen mit jener Aufgabe, welche mein Selbst mir stellt. Und ich
darf nicht allzusehr dein, nie ganz in dir glücklich sein, um
dessentwillen, was meine Sendung ist...

Er küßte sie, trennte sich von der lieblichen Wärme ihres Schlummers,
sah um sich, kehrte zurück. Die Glocke mahnte ihn, wie weit schon die
Nacht vorgeschritten, aber es war auch zugleich, als zeigte sie
gütig das Ende einer schweren Stunde an. Er atmete auf, seine Lippen
schlossen sich fest; er ging und ergriff die Feder... Nicht grübeln!
Er war zu tief, um grübeln zu dürfen! Nicht ins Chaos hinabsteigen,
sich wenigstens nicht dort aufhalten! Sondern aus dem Chaos, welches
die Fülle ist, ans Licht emporheben, was fähig und reif ist, Form zu
gewinnen. Nicht grübeln: Arbeiten! Begrenzen, ausschalten, gestalten,
fertig werden...

Und es wurde fertig, das Leidenswerk. Es wurde vielleicht nicht gut,
aber es wurde fertig. Und als es fertig war, siehe, da war es auch
gut. Und aus seiner Seele, aus Musik und Idee, rangen sich neue Werke
hervor, klingende und schimmernde Gebilde, die in heiliger Form die
unendliche Heimat wunderbar ahnen ließen, wie in der Muschel das Meer





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gladius Dei; Schwere Stunde" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home