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Title: Der Todesgruß der Legionen, 3. Band
Author: Meding, Johann Ferdinand Martin Oskar, 1829-1903
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Todesgruß der Legionen, 3. Band" ***

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Der Todesgruß der Legionen



Zeit-Roman

von

Gregor Samarow.



Dritter Band.



Berlin, 1874.

Druck und Verlag von Otto Janke.



Erstes Capitel.


Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf
und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem
Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine
lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten
unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch
das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht.

Auf seinem Schreibtisch lag eine große Anzahl von Telegrammen über
einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der
Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete.

„Welch eine Anhäufung von Unruhe und Aufregung,“ sagte er mit einem
tiefem Athemzug, „die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wäre
allein genügend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle
Nervenerregung zu versetzen, — da muß noch dieses Complott hinzutreten,
das mir vor zehn Jahren gleichgültig gewesen wäre, das mir auch heute
gleichgültig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr für mein Leben
handelt, — diesem Complott aber liegt eine größere Gefahr zu Grunde. Mein
Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so
abenteuerlich und thöricht diese Absicht der Zerstörung der Tuilerien
und der öffentlichen Gebäude im ersten Augenblick erscheinen mag, so
liegt darin doch eine tiefe Kenntniß der so scharf concentrirten
Zustände. Würde der Streich gelungen sein, so gehörte ganz Frankreich
dem Aufstande. Und,“ sprach er dumpf, vor sich hin starrend, „bin ich
denn schon sicher, daß er nicht gelingen wird, bin ich sicher, daß was
heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann.“

Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt
und prüfte genau mit scharfem forschendem Blick die Züge des Bildes.

„Dieser Mensch,“ sagte er dann, „ist kein Fanatiker, — das ist kein
exaltirter Kopf, der aus überspannten Theorien in dem Gedanken sich für
eine große Idee zu opfern, zum Mörder wird, — dies Gesicht ist gemein und
gleichgültig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug — und wenn er
unschädlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn überall
wiederfinden, — und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand
dumpfer Gährung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit,
wenn das allgemeine Gefühl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That
in diesem Augenblick die öffentliche Stimmung beherrscht, den tollkühnen
Unternehmungen der Verschwörer zu Hülfe kommt. Haben nicht vielleicht
Diejenigen doch Recht,“ sagte er in tiefem Gedanken, „welche mir rathen,
durch eine militairische Aktion das Gefühl der Nation wieder mit dem
Kaiserthum zu verbinden.“

Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hände auf den Rücken
gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im
Zimmer auf und nieder.

„Eine glänzende Action,“ sagte er dann — „ja — aber wenn sie nicht
glänzend wäre — wenn das launenhafte Glück _nicht_ über meinen Fahnen
schwebte — was dann? Dann würde all das Unheil, welches jetzt unter der
Oberfläche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen
würden über den Trümmern meines Gebäudes zusammenschlagen — warum aber
soll das Glück sich von mir wenden?“ rief er dann stehen bleibend und
den aufleuchtenden Blick seines großen geöffneten Auges auf eine
Marmorbüste Cäsars richtend, welche auf schwarzem Fuß in der Nähe seines
Schreibtisches stand. „War es mir doch bisher günstig wie jenem Römer,
dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwörer
fiel, auf dessen Thaten aber sich der glänzende Thron des Augustus
erbaute, — warum vermag ich nicht mehr an mein Glück zu glauben — wenn
dieses Plebiscit günstig ausfällt, so steht ja wieder der Wille der
ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestützt, sollte ich
es wohl wagen können, dem Glück zu gebieten, denn das Glück beugt sich
dem kühnen Muth und dem festen Entschluß, — aber wenn das Plebiscit
ungünstig ausfällt,“ sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit
dumpfem traurigem Ton. „Doch nein,“ rief er dann, „nein, das ist
unmöglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten über
den Erfolg der Abstimmungen lauten überraschend günstig.“

Er trat an den Tisch und durchblätterte die auf demselben liegenden
Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und
addirte dieselben.

„Paris,“ sagte er, „Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten
Städte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden
Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen für
„Ja“ und nur 200,000 für „Nein.“ Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg
gewiß.“

Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Groß-Siegelbewahrer.

„Er ist willkommen,“ rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der
Thür hin, durch welche Herr Ollivier lächelnd und freudig bewegt
eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des
Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die
Anrede seines Souverains abzuwarten:

„Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von
hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen
Wähler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und
432,000 mit Nein. So eben,“ fuhr er fort, „habe ich dieses zweite
Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig
Wahlbezirke die Resultate sämmtlich bekannt sind. Für Ja stimmten
hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der
Marine und der Bevölkerung von Algier sind hierbei noch nicht
mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefähr auf acht bis
zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majorität bereits
gesichert.“

Der Kaiser athmete tief auf und drückte noch einmal herzlich die Hand
seines Ministers.

„Das Glück steht mir noch zur Seite,“ sagte er halblaut, mehr seinem
frühern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. „Dies
glänzende Resultat,“ sagte er dann mit unendlich liebenswürdiger
Verbindlichkeit, „habe ich zum großen Theil meinen Ministern und Ihnen
ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es
verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche
Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglückliche traurige
Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glückliche Fügung, da
gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren
die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren,
gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment
Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie überzeugt, daß ich die
Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben,
niemals vergessen werde.“

Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Lächeln.

„Eure Majestät haben ganz mit Recht bemerkt,“ sagte er dann, „daß das
verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor
einigen Tagen entdeckt, sehr günstig auf die Theilnahme der gut
gesinnten Bevölkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat, — dessen
ungeachtet“ fuhr er fort, „bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn
Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, daß man es hier
mit einem tief angelegten Plan unversöhnlicher Verschwörer zu thun hat,
und ich bitte Eure Majestät zu genehmigen, daß nicht wie in frühern
ähnlichen Fällen die Angelegenheit mit der Ihnen persönlich so nahe
liegenden Milde behandelt, sondern daß hier mit der äußersten Strenge
vorgegangen werde, um ein für allemal ernstlich und nachdrücklich von
ähnlichen Unternehmungen abzuschrecken.

„Es widerstrebt mir,“ sagte der Kaiser mit einem sanften weichen
Ausdruck, „Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben
gerichtet sind, mit äußerster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefühl
möchte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten völlig
ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem
mir das ganze Volk auf eine so glänzende Weise sein Vertrauen bezeigt.
Doch,“ fuhr er ernster fort, „es handelt sich hier nicht allein um mich,
man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des
ganzen Staatsgebäudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten
Kräfte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe;
hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt,“ fuhr er
fort. „Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der
Verschwörung.“

„Der Polizeipräfect befindet sich in Eurer Majestät Vorzimmer,“
erwiderte Herr Ollivier, „und wenn Sie es erlauben, kann er hier
sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestät können die
Maßregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der
Verbrecher und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit vorschlagen
möchte.“

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem
Polizeipräfecten Pietri zurück, dessen bleiches, scharfes Gesicht
unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch
stechender als gewöhnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden
Stirn hervorblickten.

Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der
Polizeipräfect neben dem Schreibtisch Platz, während Napoleon sich in
seinen Lehnstuhl niedersinken ließ, — den Ellenbogen auf das Knie
gestützt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an.

„Eurer Majestät,“ begann dieser, indem er eine kleine Mappe öffnete und
mehrere Papiere aus derselben hervorzog, „erlaube ich mir mitzutheilen,
daß der frühere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur,
die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde.
Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas
über dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen
Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, daß
Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestät durch
die Bomben zu tödten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu
überreichen die Ehre gehabt habe.“

„Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt,“ sagte der Kaiser — „ich
würde ihrer Wirkung nicht entgangen sein,“ fügte er lächelnd hinzu.

„Die Briefe von Flourens,“ fuhr Pietri fort, „welche ich Eurer Majestät
hier vorzulegen die Ehre habe“ — er legte mehrere beschmutzte Papiere auf
den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, daß es sich
nicht nur um ein Attentat gegen Allerhöchst Ihre Person handelte,
sondern daß zu gleicher Zeit die Tuilerien und die sämmtlichen
öffentlichen Gebäude, in welchen die leitenden Organe der öffentlichen
Regierung ihren Sitz haben, zerstört werden sollten. Man hat auf die
Aussage Beaury's gestützt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung
umfassende Geständnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem
Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht
habhaft geworden sind, eine weitere größere Anzahl von Bomben, Massen
von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitäten Petroleum gefunden;
auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale
an der ganzen Verschwörung außer Zweifel, was zugleich beweist, daß
diese Verbindung, welche sich nur mit der Erörterung socialer Fragen und
mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschäftigen
vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die
bestehende Staatsordnung ist.“

„Haben Sie alle diese Beweisstücke da,“ fragte der Kaiser.

„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und
Protokolle dem Kaiser überreichte.

Dieser legte sie auf seinen Tisch.

„Ich werde das Alles später prüfen,“ sagte er. „Es ist eine schmerzliche
Erfahrung für mich,“ fuhr er fort, „daß gerade diese internationale
Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse
der Arbeiter beschäftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war,
mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewährt habe, sich jetzt zu
solchen Zwecken mißbrauchen läßt.“

„Ich habe Eure Majestät stets darauf aufmerksam gemacht,“ sagte Pietri,
„daß diese Organisation selbst unter ihren früheren gemäßigten, so zu
sagen philosophischen Führern eine große Gefahr für den Staat und die
Gesellschaft in sich schloß, und daß es nothwendig sei, mit der
äußersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit
verzweigten Einfluß zu zerstören. Nachdem nun ihre gefährlichen und
verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, möchte ich
Eure Majestät um die Erlaubniß bitten, die ganze Internationale mit
einem Schlage zu zertrümmern, und in allen Städten Frankreichs ihre
Führer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen.“

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

„Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Maßregeln vollkommen an,“
sagte er, „doch weiß ich nicht, ob die Verhaftung der Führer von einigem
Nutzen sein wird. So weit mir aus früheren Berichten die Organisation
jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Führer einen Substitut, und
die Verhaftung der ersten Leiter würde also für die Unterdrückung der
Sache selbst nicht viel nützen, außerdem gehört dieser Internationale
eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die
verbrecherischen Absichten der Häupter weder kennen, noch billigen. Ich
glaube deshalb, daß es klug wäre, den Maßregeln, welche gegen die
Internationale getroffen werden müssen, jeden polizeilichen Character zu
nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens
erscheinen zu lassen.“

Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier.

„Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestät,“ sagte dieser. „Und
es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der
Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten,
welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die
Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht
des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Händen sein soll,
Eurer Majestät überreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets
beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet.
Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von
dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte
vorgenommen werden müssen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche
Maßregeln sein.“

„Sehr gut,“ sagte der Kaiser, „ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber
Herr Ollivier, und ich hoffe,“ fügte er sich zu Pietri wendend hinzu,
„daß Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen
entwischen zu lassen.“

„Eure Majestät können überzeugt sein,“ erwiderte der Polizeipräfect,
„daß in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun möglich
ist, dennoch aber möchte ich bitten, einige Personen welche ich dem
Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung
auszuschließen. Es sind die Personen welche wir genau zu überwachen in
der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Überwachung
fortwährend Kunde von den Fäden erhalten, durch welche die revolutionäre
Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Würden diese Personen verhaftet
werden, so würde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten
verschließen, und wir würden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um
neue Netze zu knüpfen.“

Der Kaiser lächelte.

„Ich verstehe,“ sagte er — „nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie
finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt —“

„So fern dadurch,“ sagte der Justizminister, „der gerichtlichen
Verfolgung keine Beweise entzogen werden.“

„Sie können sicher sein,“ sagte Herr Pietri, „daß diejenigen Personen,
um welche es sich handelt, — und zu denen in erster Linie der eitle
Schwätzer Raoul Rigault gehört, so vollständig umstellt sind, daß keine
ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und daß ihre
Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick
stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis,“
fügte er hinzu, „in großen und besonders bedeutungsvollen Fällen immer
einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um,
wenn es nöthig ist, durch sie das herstellen zu können, was man mit dem
technischen Ausdruck eine „Mausefalle“ nennt. Hat man einmal alle
Personen, von denen man irgend etwas weiß, im Gefängniß eingeschlossen,
so ist es kaum möglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren.“

„Ich bitte Sie also,“ sagte Herr Ollivier, „sich mit dem
Generalprocurator Grandperret über diesen Punkt zu verständigen.“

„Der Herr Marschall Kriegsminister,“ meldete der Kammerdiener.

„Ich bitte den Marschall einzutreten,“ erwiderte der Kaiser.

Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung
seiner großen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken
Gesichts mit dem großen, dichten Schnurrbart ließen in ihm trotz des
Civilüberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen.

„Nun, mein lieber Marschall,“ rief ihm der Kaiser entgegen. „Sie bringen
das Resultat der Abstimmungen der Armee.“

„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte der Marschall. „Leider aber habe ich
Eurer Majestät mitzutheilen, daß nach den Mittheilungen, welche nunmehr
beinahe abgeschlossen sind dreißigtausend Ihrer Soldaten mit „Nein“
gestimmt haben.“

Der Kaiser ließ einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein
trüber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

„So großen Einfluß,“ sagte er, „haben die Feinde meiner Regierung also
auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, daß dreißigtausend kaiserliche
Soldaten es wagen, ein Mißtrauensvotum gegen mich auszusprechen.“

„Ich habe Eure Majestät,“ sagte Herr Pietri, „bereits seit lange darauf
aufmerksam gemacht, daß es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht
zweckmäßig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft
über drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie
fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevölkerung, und es sind gerade
die revolutionären Elemente, welche in kluger Berechnung und mit großem
Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu
machen, — wenn Eure Majestät Ihre Regimenter öfter die Garnisonen
wechseln ließen, so würde so etwas nicht vorkommen.“

„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte der Kaiser, sich zum Marschall
Leboeuf wendend. „Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben
worden,“ fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die
Mittheilung des Marschalls berührt.

„Vor allen Dingen hier in Paris,“ erwiderte der Marschall Leboeuf,
„bei dem siebenzehnten Jägerbataillon und dem siebenzehnten
Linienregiment. — In der Kaserne Prinz Eugene,“ fuhr er fort, „hatte
sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast
ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die
Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher
ich ihnen auseinandersetzte, daß gerade in diesem Augenblick, in
welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung
umzustürzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe
patriotische Pflicht sei.“

„Und,“ fragte der Kaiser.

„Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort,“
erwiderte der Marschall. „Ich glaube,“ fuhr er fort, „daß bei dem
negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz maßgebend gewesen
ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein
wenig Opposition machen können. Ich glaube aber nicht, daß diese
Opposition gefährlich ist, und daß irgend ein Theil der Armee es an
Energie in der Bekämpfung der Revolution fehlen lassen würde, wenn es
jemals dazu käme.“

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

„Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben,“
sagte er zu Pietri gewendet.

„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte dieser. „Es finden dort
Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen,
als daß einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, daß
mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden
möchten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, daß
Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden.“

„Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jägerbataillon
und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple,
um gegen die Ruhestörungen, welche man dort versuchen möchte,
einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, daß ich ihr Recht des
freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfüllung ihrer
Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht
erschüttert werden kann. Nun aber,“ fuhr er fort, indem er sich in einer
kräftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei über
die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten ließ, „ist es
nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwörer durch die Gerichte
Maßregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schützen,
welche vielleicht dennoch von denen versucht werden könnten, die sich
bisher der Wachsamkeit der Behörden zu entziehen wußten. Lassen Sie,
mein lieber Marschall,“ sprach er im festen Ton des Befehls, der keine
Erörterung und keinen Widerspruch duldet, „die Truppen sämmtlich in den
Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und
jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen
öffentlichen Gebäuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den
Befehl erhalten müssen, jeden Eintritt unbekannter Personen
zurückzuweisen und die Keller und Souterrainräume zu überwachen.
Sodann,“ fuhr er fort, „sollen die Voltigeurs der Garde sämmtlich in die
Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen
Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den
Befehl schicken, daß der Prinz seine Wohnung nicht verläßt, man könnte
seinen Wagen für den Meinigen halten, und er könnte das Opfer eines
gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn
auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe,“ fuhr er
immer in demselben festen Ton fort, „welche heute Abend in den Straßen
von Paris stattfinden könnte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne
jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsführer sind mir
verantwortlich dafür, daß keine Barricade länger als eine halbe Stunde
stehen bleibt, — vor Allem,“ fügte er noch hinzu, „sollen starke Posten
in das Erdgeschoß des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden
und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst
oder durch einen besonderen Erlaubnißschein legitimiren kann. Außerdem
werden Sie, mein lieber Pietri,“ sagte er, sich an den Polizeipräfecten
wendend, „den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlässigen
Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die
Annäherung an denselben zu gestatten.“

Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben,
welcher an die Zeit des unumschränkten persönlichen Regiments erinnerte,
schien ihn zu befremden.

„Und welche Sicherheitsmaßregeln befehlen Eure Majestät,“ sagte Herr
Pietri, „für den Pavillon de l'Horloge, — für Eurer Majestät eigene
Wohnung?“

„Keine,“ sagte der Kaiser stolz lächelnd, „ich habe die Pflicht, für die
Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich
betrifft, — ich vertraue meinem Stern! — Gehen Sie, meine Herren,“ sagte
er mit freundlicher Würde und Hoheit, „und sorgen Sie für die pünktliche
Ausführung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu
bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen.“

Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurück.

„Sie wissen,“ sagte der Kaiser, als er mit dem Großsiegelbewahrer
allein war, „daß die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur
Regentin bestimmt ist, für den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes
während der Minderjährigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,“
fuhr er fort, „aber man könnte einen Zweiten und einen Dritten absenden,
und irgend ein plötzliches Ereigniß könnte meinem Leben ein Ende
machen.“

„Sire,“ rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, „die Vorsehung
wird verhüten —“

„Ich hoffe das,“ sagte der Kaiser kalt und ruhig, „indessen muß ich für
den Fall eines verhängnißvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen,
als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich,“ fuhr er
fort, „das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden,
so werden Sie unverzüglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen
treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm
und der Regentin den Eid der Treue schwören lassen. Sie werden jeden
Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rücksichtsloser Strenge
niederwerfen und die Regierung genau so fortführen, als ob sich Nichts
geändert habe — Nichts,“ fügte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu,
„als daß neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht.
Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf.“

Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswürdiger
Herzlichkeit zugleich die Hand hin.

„Ich schwöre es Eurer Majestät,“ rief Ollivier mit einer von innerer
Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers
legte.

„So haben wir Vorsorge getroffen,“ sprach Napoleon im ruhigen, heiteren
Ton weiter, „für den Fall eines unglücklichen Verhängnisses, jetzt
lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten.
Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des
Nationalwillens gesichert hat, müssen wir darauf denken, die Regierung,
selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu
consolidiren. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten vor allen
Dingen, welches Sie seit dem Rücktritt des Grafen Daru mit so großer
Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer übrigen Arbeiten
geführt haben, muß, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden.“

Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders
angenehm berührt zu werden.

„Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem
erhöhten Maße dem Dienste Eurer Majestät zu widmen. Und bis zu diesem
Augenblick,“ fügte er mit einem gewissen selbstbewußten Lächeln hinzu,
„ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den
vermehrten Arbeiten zu entziehen, möchte ich Eure Majestät zur Besetzung
des auswärtigen Portefeuille drängen.“

„Ich weiß, mein lieber Minister,“ sagte der Kaiser verbindlich, „daß Sie
keine Mühe scheuen, und daß Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last
leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische
Leitung der Regierung Sie in der nächsten Zeit, in welcher alles jetzt
Geschaffene befestigt werden muß, so sehr in Anspruch nehmen, daß ich
nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbürden möchte. Es kommt
darauf an,“ fuhr er fort, „einen Minister der auswärtigen
Angelegenheiten zu finden, welcher die für den internationalen Verkehr
erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft
vereint, die Würde und die Interessen Frankreichs nach außen hin
energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsätzen, nach
welchen Sie zu meiner großen Freude meine Regierung führen, völlig
übereinstimmt. Ich habe geglaubt, daß Drouyn de L'huys, welcher bereits
mehrere Male die auswärtige Politik Frankreichs geführt hat, im
wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es würde nur
darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und
aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu können.“

Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen
Verstimmung sich zu befinden.

„Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch,“ sagte er mit einiger
Zurückhaltung, „er ist ein Mann von großer und ausgedehnter Erfahrung,
von tiefen Kenntnissen und großer Charakterfestigkeit. Freilich,“ fuhr
er fort, „sagt man, daß diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die
Grenzen des Eigensinns streifen soll, —“

„Man hat nicht ganz Unrecht,“ fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend,
ein. „Indeß glaube ich, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu
überzeugen, nicht schwer werden würde“ —

Die Flügel der Thür des kaiserlichen Cabinets wurden geöffnet. Der
Huissier meldete die Kaiserin.

Unmittelbar darauf trat Ihre Majestät schnell ein, ihre Hand leicht auf
den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schöne Gesicht der Kaiserin
leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein
triumphirendes Lächeln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das
Haupt auf dem wunderbar schönen, schlanken Halse.

Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war
schlank und schmächtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches
Gesicht mit dem dichten, dunkel glänzenden Haar, schien älter als seine
Jahre, frühzeitige körperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck
von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine
auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, während der untere
Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter
erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend,
es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden
Offenheit, doch auch ein gewisses prüfendes Mißtrauen.

Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und küßte, nachdem
die Kaiserin den Kaiser begrüßt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand
seines Vaters.

„Ich komme mit unserm Louis,“ rief die Kaiserin, „um die Erste zu sein,
welche Ihnen zu dem so glänzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem
Herzen Glück wünscht, und zugleich,“ sagte sie, mit anmuthiger Bewegung
sich zu Ollivier wendend, „dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen
eifriger Thätigkeit wir vor allen Dingen dieses glückliche Resultat zu
verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu
sagen.“

Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drückte.

„Es scheint,“ sagte der Kaiser, „als ob gerade in diesem Augenblick, in
welchem das Glück uns lächelt, die finsteren Dämonen der Revolution von
Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe,“ fuhr er
fort, „soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je
widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen
gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die
Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein
lieber Louis,“ sagte er, leicht mit der Hand über das Haar seines Sohnes
streichend, „wirst in den nächsten Tagen Dir gefallen lassen müssen, die
Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in
allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschädlich gemacht sein wird.“

„Oh, Papa,“ rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, „ich fürchte mich
nicht, mögen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen,
und“ fügte er hinzu, den glänzenden Blick aufwärts gerichtet, „Gott wird
nicht erlauben, daß die ruchlosen Pläne dieser Verschwörer gelingen.“

„Ich bin überzeugt, daß Du Dich nicht fürchtest, mein Sohn,“ sagte der
Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen
ließ — „Du würdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen,
aber Dein Leben gehört der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in
der Schlacht für die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es
soll nicht die Beute heimtückischer Meuchelmörder werden. Wo ist der
General Frossard?“ fragte er.

„Der General hat den Prinzen hierher begleitet,“ erwiderte die Kaiserin,
„er befindet sich im Vorzimmer.“

Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General.
Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und
streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle
des Kaisers.

„Mein lieber General,“ sagte Napoleon, „ich bitte Sie, dafür Sorge zu
tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt,
und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt
habe. Gehe mit dem General, mein Sohn,“ fuhr er fort, dem Prinzen
freundlich auf die Schulter klopfend, „und beschäftige Dich ein wenig
mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen,
was Du treibst.“

Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth
erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte
zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das
Cabinet.

„Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten,“ sagte die
Kaiserin — „er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den
glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten
Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche
bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde
Dir den Brief vorlesen,“ sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf
Ollivier, „wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer
in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner
glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich
glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen.

Es ist nur zu bedauern,“ fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu,
„daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich
befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier,
er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und
mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen
dieser so reich und so fruchtbar ist,“ sagte sie, mit einem reizenden
Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen,
forschenden Blick auf den Kaiser richtete.

Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter
Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden.

„Euer Majestät hatten so eben die Gnade,“ sagte Ollivier, indem er sich
halb zur Kaisern wendete, „mit mir über die Besetzung des auswärtigen
Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu
nennen“ — ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der
Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig
lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an.

„Drouyn de L'huys,“ sagte sie, „würde reiche Erfahrungen für diesen
Posten mitbringen, — er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im
Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der
Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier,“ fügte sie in heiterem Tone
hinzu, „er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig
zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber,“ sagte
sie, „es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er
ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier —“

Sie schwieg abbrechend.

Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken
beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend,
zum Kaiser und sagte:

„Ich habe Eure Majestät, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich
über Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indeß eine Bemerkung nicht
unterdrücken, welche ein wenig gegen die Übertragung des auswärtigen
Ministeriums an ihn sprechen möchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge
der Verhältnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866
abgegeben, für einen großen Gegner Preußens und für einen Fürsprecher
kriegerischer Unternehmungen.“

„Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen,“
sagte der Kaiser schnell.

Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und
führte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen.

„Ich glaube, daß Herr Drouyn de L'huys den Frieden will,“ erwiderte
Ollivier, „indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal
das Gegentheil von ihm, es wäre vielleicht zu befürchten, daß seine
Ernennung von den fremden Mächten, in's Besondere von dem Berliner
Cabinet mit Mißtrauen aufgenommen werden möchte, und in diesem
Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschäftigt
sind, würde eine Trübung der auswärtigen Beziehungen die Erfüllung der
Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestät gemäß uns gesteckt haben,
sehr erschweren. Es wäre vielleicht gut, das auswärtige Ministerium
einem Manne zu übertragen, welcher seit längerer Zeit dem Mittelpunkt
der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine
beunruhigenden Schlüsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestät die
Kaiserin,“ fuhr er fort, „hatten so eben die Güte gehabt, mitzutheilen,
daß der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen für meine
geringe Person hegt. Ich bin gewiß, Eure Majestät wissen, daß ich weit
davon entfernt bin, mich durch persönliche Eindrücke leiten zu lassen,
um so mehr als ich in diesem Falle glaube, daß die Sympathie des
Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in
Uebereinstimmung mit Eurer Majestät auszuführen unternommen habe, und in
dieser Beziehung würde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem
Manne, der vollständig von denselben Grundsätzen durchdrungen ist, nur
für sehr nützlich halten können.“

„Würden Sie nicht,“ fragte die Kaiserin lächelnd, — „Sie, der bürgerliche
Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St.
Germain zu sehr zu nähern?“

„Ich achte alle Klassen der Gesellschaft,“ sagte Ollivier in
pathetischem Ton, „wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren
Tagen leiten müssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel
Frankreichs sich entschließen könnte, den Wegen des Kaisers und seiner
Regierung zu folgen, so würde die ganze Nation dabei gewinnen.“

„Sie nehmen die Sache ernst“, sagte die Kaiserin leicht hin — „ich habe
gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwägungen vorgreifen
wollen.“

„Die Andeutungen Eurer Majestät,“ sagte Ollivier, während der Kaiser
fortwährend unbeweglich schwieg, „verdienen indeß die höchste Beachtung
und vielleicht hat — Euer Majestät verzeihen mir,“ fügte er, sich leicht
verneigend hinzu, „hier der weibliche Instinct schneller das Richtige
getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwägungen hätten
finden können. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr will es mir
scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete
Persönlichkeit für das auswärtige Ministerium wäre.“

Der Kaiser stand auf.

„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte er in einem Tone, der jede
weitere Unterredung darüber abschnitt, „sobald das Plebiscit beendet
sein wird. Für jetzt bitte ich Sie,“ fuhr er zu Ollivier gewendet fort,
„mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick
auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen.“

„Um Gottes Willen,“ rief die Kaiserin erschrocken, „ganz Paris ist in
unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwörung
ergründet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen — ich
bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie
leicht könnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie
im reservirten Garten.“

Der Kaiser lächelte.

„Sie können Sich überzeugen, Eugenie,“ sagte er, „daß ich für die
Sicherheit des Prinzen gesorgt habe, — ich selbst will meinen Feinden und
allen Franzosen zeigen, daß wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich
zu tödten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschüchtern.“

Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen
Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier öffnete die Thürflügel. Der
Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und führte sie durch das Vorzimmer,
in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin,
wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements.

Dann stützte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die
Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des
Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurückzubleiben.

Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der
Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte,
daß er an der dem Platze zugekehrten Seite ging.

Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich
unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrüßten den Kaiser.

Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und
blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab.

„Sie sehen,“ sagte er lächelnd, sich zu Ollivier wendend, „daß das
Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehört wahrlich wenig dazu,
um mich von dort unten her zu treffen.“

„Je näher Euer Majestät Ihrem Volke treten,“ sagte Ollivier, „um so
sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein — auch ich gehörte einst zu
Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als daß Euer Majestät mir
erlaubten, in Ihre Nähe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und
ergebenden Diener zu machen.“

Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes für diese in
etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen
Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen
Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentümlichen bezaubernden
Liebenswürdigkeit von allen möglichen Dingen plauderte, aber trotz aller
Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des
auswärtigen Ministeriums wieder zu berühren.



Zweites Capitel.


Es war ungefähr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der
Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in
das Cabinet des Kaisers trat.

Napoleon saß ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den
Campagneüberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen
Cigarretten von türkischem Taback, welche er sich selbst bereitete,
träumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von
einer großen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete
Zimmer dahinzogen.

Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er
seinen Vertrauten mit freundlichem Lächeln grüßte.

„Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?“

„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Herr Pietri, „die Dame ist hier und
wartet in meinem Zimmer.“

Der Kaiser stand auf.

„Es wäre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich
erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiß, mit wem sie es zu thun
hat.“

„Aber, Sire,“ sagte Pietri, „in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu
begeben, das wäre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wäre
Tollkühnheit, und wenn Euer Majestät dort erkannt worden wären, wenn
irgend ein Unglück sich ereignet hätte, so würde man mit Recht ein
solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen.“

„Sie haben vielleicht Recht,“ sagte der Kaiser —

 — „auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus
prüfen, lassen Sie die Dame kommen — Mademoiselle — ?“ versetzte er
fragend.

„Mademoiselle Lesueur,“ erwiderte Pietri.

Der Kaiser nickte mit dem Kopfe.

Pietri ging hinaus und führte nach wenigen Augenblicken durch die
Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das
Cabinet, während er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem
unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers
niedersetzte.

Der Kaiser grüßte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und
betrachtete sie mit forschendem Blick.

Mademoiselle Lesueur war eine äußerst elegante und sympathische
Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit
einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in
leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen
durchsichtige Blässe von einer feinen Röthe auf den Wangen belebt wurde,
war von klassischer Schönheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend
langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich,
und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast
kindlicher Harmlosigkeit und Naivität.

Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten
Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berühmte
Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mädchens zu
erblicken.

„Man hat mir viel erzählt,“ sagte der Kaiser, „von der besonderen,
eigentümlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu
öffnen. Und da ich mich für alle solche Dinge interessire, durch welche
man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, welche unser Leben
umgeben, so habe ich gewünscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen.“

„Es macht mich glücklich,“ erwiderte Fräulein Lesueur mit einer ungemein
wohltönenden, etwas tiefen Stimme, „Euer Majestät Wunsch zu erfüllen. Es
ist keine geheimnißvolle Kunst dabei,“ fuhr sie fort, „meine Mutter
hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung
mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft
ist auf mich übergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie
sie die Geister sprechen zu lassen, — es ist mir in vielen Fällen
gelungen, und ich hoffe, daß es mir auch Euer Majestät gegenüber
gelingen wird.“

„So beginnen wir,“ sagte der Kaiser.

Pietri stellte zwei Stühle einander gegenüber an den kleinen Tisch.

Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe
aus, — legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die
Tischplatte und sagte:

„Wollen Euer Majestät die Gnade haben, mir gegenüber Platz zu nehmen.“

Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkürlichen Lächeln an die
andere Seite des Tisches.

„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Fräulein Lesueur, „Ihre Hände ebenso
wie ich auf die Platte legen zu wollen.“

Der Kaiser that es.

Fräulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen
Augen mit schwärmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter
Stimme:

„Allmächtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in
den Höhen des Himmels und in den Tiefen der Hölle, ich bitte Dich den
Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, daß sie aus ihren
Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkündigen,
was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen.“

Der Kaiser hörte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrünstigen Gebets
gesprochenen Worten zu.

„Befehlen Euer Majestät,“ sagte die junge Dame sodann, „daß ich einen
bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persönlich
befreundeten Geist hören.“

Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken.

„Ich bitte Sie zunächst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle,“
sagte er.

„Es ist der Geist meiner Mutter,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur, „und
er wird sogleich erscheinen.“

Sie beugte sich ein wenig nieder und flüsterte eine unverständliche
Formel leise vor sich hin.

Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern.

Der Kaiser drückte die Hände stärker auf die Platte, allein die
unruhige, beinahe wellenförmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer
mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des
Kaisers ein wenig in die Höhe und blieb in dieser schwebenden Stellung
stehen.

„Der Geist ist da,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „und bereit, Euer
Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen, — es ist aber
nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken
stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen.“

Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.

„Kann mir der Geist,“ fragte er, „den Namen nennen, an welchen ich in
diesem Augenblick denke?“

„Wie heißt der Name?“ fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt
und leiser Stimme.

Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte
einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen
Füße desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und
vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl
von Schlägen inne haltend.

Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlägen, mit leiser
Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y.

„Der Name, an den Euer Majestät gedacht, heißt Beaury,“ sprach sie dann
ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend.

Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lächelnde
Gesicht der jungen Dame.

„Sie haben Recht,“ sagte er, „der Geist hat den Namen richtig gelesen.“

Er bog sich einen Augenblick zurück und blickte unter den Tisch, dessen
Füße unmittelbar an der Platte befestigt waren.

Die vier Füße standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle
Lesueur etwas vorgebeugt, saß so weit zurück, daß nicht einmal der Saum
ihres Kleides die Füße des Tisches berührte.

Der Kaiser schüttelte den Kopf und legte die Hände wieder auf den Tisch.

„Da Ihr Geist,“ sagte er, „den Namen gelesen hat, an welchen ich
gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten können,
welche sich an diesen Namen knüpft.“

„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „die Frage in
Ihren Gedanken zu formuliren —“

Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal stärker
als vorher.

Nach kurzer Zeit schlugen die Füße abermals regelmäßig und schnell
hinter einander auf das Parquet.

„Wollen Sie die Güte haben, zu schreiben,“ sagte Mademoiselle Lesueur,
sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen
Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur
in schneller Folge ihm sagte.

Der Tisch hielt an.

„Wollen Sie die Antwort lesen,“ sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri
gewendet.

Pietri las.

„Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder
in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmörders wird seinem Leben
Gefahr bringen.“

„Diese Antwort paßt allerdings auf meine Frage,“ sagte der Kaiser, „aber
sagt sie die Wahrheit?“

„Es steht Eurer Majestät frei, zu glauben oder nicht,“ erwiderte
Mademoiselle Lesueur, „ich für meine Person bin davon überzeugt, daß die
Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen — sie sind nicht
allwissend — das ist Gott allein — aber sie wissen viel, und namentlich
ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen
ihre körperliche Hülle einst durch die Bande des Blutes verbunden war.

„Noch eine Frage,“ sagte der Kaiser, „wer ist mein bester Freund?“

„Euer Majestät hätten nicht nöthig gehabt, die Frage auszusprechen,“
sagte Mademoiselle Lesueur.

Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schläge ertönten auf dem Boden.

Mademoiselle Lesueur flüsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte
sie.

„Die Antwort des Geistes heißt: Napoleon.“

Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen saß
er einen Augenblick da.

„Der Geist hat Rechte,“ sagte er halblaut, „Niemand ist der Freund eines
Souverains, als er selbst, und aus mir allein muß ich die Entschlüsse
schöpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfüllen, was ich mir
vorgesteckt.“

„Doch,“ rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner
Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete,
„kann Ihr Geist mir sagen, wer mein größter und gefährlichster Feind
ist?“

Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte:

„Orleans.“

„Wunderbar,“ rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte.
„Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen könnte, welche
Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen,“ flüsterte er
leise vor sich hin. „Noch eins,“ fragte er dann laut, „kann mir Ihr
Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufüllen,
über welche ich in diesem Augenblick nachdenke.“

Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die
einzelnen Buchstaben verfolgend:

„Gramont.“

Betroffen zuckte der Kaiser zusammen.

„Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen,“ fragte er rasch.
„Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir
die Wahrheit zu sagen, — die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande
bin,“ fügte er in strengem Tone hinzu.

„Ich war niemals hier im Schlosse,“ sagte Mademoiselle Lesueur mit
offenem, freiem Blick und unbefangenem Lächeln, „ich habe Niemanden von
hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier,“ sie deutete auf Pietri,
„heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen.“

„Seltsam — sehr seltsam“ sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt
durch die Antworten, welche er erhalten.

„Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann — ein wenig zögernd, indem
er die junge Dame scharf anblickte, daß die Geister besonders klar über
das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie
durch besonders nahe Bande verbunden sind?“ —

„So ist es, Sire,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur. — „Der Geist meiner
Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den
Angelegenheiten über welche andere Personen Fragen stellen.“

„Können Sie einen Geist citiren,“ fragte der Kaiser, „den ich Ihnen
bezeichnen würde.“

„Eure Majestät haben nicht nöthig, den Geist zu nennen,“ sagte Fräulein
Lesueur, — „Sie dürfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten, — das
genügt.“

„Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu
hören wünsche,“ fragte der Kaiser.

„Eure Majestät werden nur nöthig haben, ihn nach seinem Namen zu
fragen,“ erwiderte die junge Dame.

„So beginnen Sie,“ sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf
seine Züge legte.

„Erlauben Eure Majestät,“ sprach die junge Dame, „daß ich zunächst den
Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse.“

Sie beugte den Kopf nieder und flüsterte eine Zeitlang leise vor sich
hin.

Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung, — dann
stellte er sich fest auf seine vier Füße.

„Nun Sire,“ sagte Fräulein Lesueur, „dann bitte ich Eure Majestät, Ihre
Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu
citiren wünschen.“

Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfüllte sein
Gesicht indem er die beiden Hände fest auf den Tisch legte.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel.

Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, daß man den
Herzschlag der drei anwesenden Personen hätte hören können.

Da krachte es in dem Holz der Tischplatte, — diese Platte schien zu
zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und
mit mächtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder.

Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und
seinen Platz verlassen.

„Der Geist ist da und bereit Eurer Majestät zu antworten,“ sagte
Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone.

„Will der Geist mir seinen Namen sagen?“ fragte der Kaiser.

Der Tisch begann rasch sich zu bewegen, — er schlug auf das
Parquet — Mademoiselle Lesueur zählte, — und sagte dann sich gegen den
Kaiser verneigend:

„Der Geist antwortet:

„Napoleon.“

Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust
sinken ließ, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung.

Er schwieg einige Augenblicke, während Fräulein Lesueur ihn mit ihren
klaren Augen erwartungsvoll anblickte.

„Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?“
sagte er dann mit einer beinahe demüthigen Stimme.

Der Tisch begann sich schnell zu bewegen.

„Schreiben Sie, mein Herr,“ sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri
gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die
Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher
Reihenfolge ihm nannte.

„Die Antwort?“ rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage
seine Bewegung beendete.

Herr Pietri las:

„Mir ist nicht vergönnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten; — wer
auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heißt, der sollte nicht
mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen
suchen, welcher die Zukunft verhüllt, — er sollte mit kühner Hand diesen
Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu
gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehört die Zukunft;
aber frage, — ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist, — wenn Deine
Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trägt, und
wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst.“

Pietri schwieg.

Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin, — brennend richtete
sich sein Blick in das Leere, — er schien nach einer sichtbaren Spur des
Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich
lächelnde junge Mädchen verdollmetschte.

Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an
und öffnete die Lippen.

„Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen,“ sagte die junge
Dame, „daß es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen, — der
Geist kann Ihre Gedanken lesen.“

„Gut denn,“ sagte der Kaiser, — „ich frage.“

Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich
unter seinen Händen zu bewegen begann.

Fräulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die
Buchstaben — Pietri schrieb.

„Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein, — er wird neuen Ruhm und
neuen Glanz an den Namen knüpfen, den er trägt.“

Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus
seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glücklichem Ausdruck
emporschlug.

Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus:

„O könnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist.“

Der Tisch zuckte — er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend
auf den Boden.

„Es ist die Wahrheit Sire,“ sagte Mademoiselle Lesueur ernst und
überzeugungsvoll.

„Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege führen müssen?“
fragte der Kaiser schnell.

Der Tisch schlug abermals laut und fest auf.

„Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestät,“ sagte die junge Dame.

„Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?“ fragte der Kaiser
in athemloser Spannung.

Einige Augenblicke vergingen, — dann bewegte sich der Tisch
wieder, — Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle
Lesueur ihm angab.

„Wie heißt die Antwort?“ rief der Kaiser, welcher vergebens versucht
hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen.

Pietri las:

„Ave Caesar, morituri te salutant!“

Napoleon erbleichte und drückte die Hände an die Stirn.

„Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?“ flüsterte er vor sich hin — und
schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme:

„Wird der Todesgruß der Sterbenden dem _siegreichen_ Cäsar ertönen?“

Mehrere Minuten vergingen, — der Tisch blieb unbeweglich.

„Der Geist antwortet nicht mehr,“ sagte Mademoiselle Lesueur, — „es würde
vergeblich sein, ihn weiter zu fragen. — Erlauben Eure Majestät, daß ich
ihm danke und ihn entlasse?“

Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt.

Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel, — der Kaiser faltete die
Hände in andächtigem Schweigen.

„Wünschen Eure Majestät noch eine weitere Citation?“ fragte die junge
Dame.

„Ich danke Ihnen, mein Fräulein,“ erwiderte Napoleon aufstehend, indem
sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen ruhigen Ausdruck annahm. — „Ihr
Experiment hat mich in hohem Grade interessirt, — ich hatte viel von dem
Spiritismus gehört, — aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so
durchaus kein Apparat angewendet wurde,“ — fügte er mit einem leichten
Lächeln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war.

Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den
Worten des Kaisers.

„Ich bin glücklich, Sire“ sagte sie, „daß Eure Majestät zufrieden sind,
und hoffe, — oder vielmehr,“ — fügte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, „ich
bin gewiß, daß Alles Gute, was die Geister Eurer Majestät verkündet
haben, sich erfüllen werde.“

„Alles Gute?“ sprach der Kaiser sinnend — „aber war es gut? — was war
es? —

Morituri te salutant!“ flüsterte er leise.

Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an.

Dieser reichte ihm ein kleines Etui.

Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswürdiger Freundlichkeit zu
Mademoiselle Lesueur:

„Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen
an diese Stunde zu geben,“ — er öffnete das Etui ein wenig, — die Facetten
eines schönen Solitärs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe.

Mit der naiven Freude eines jungen Mädchens ergriff Fräulein Lesueur den
Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzückt
betrachtete, sagte sie:

„Ich werde Gott unablässig bitten, daß er alle seine guten Geister zum
Schutz Eurer Majestät und Frankreichs aussende.“

Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet,
der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurück, durch welche
sie in das Cabinet eingeführt worden war.

Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder.

„Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister,“
sprach er leise vor sich hin, — „und kann es ihnen erlaubt sein, auf
irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen über das, was ihrem
Blicke sich öffnet?

„Dieses junge Mädchen scheint aufrichtig von ihrer Sache überzeugt,“
sprach er gedankenvoll, — „ich wüßte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung
setzen könnte, — und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich
selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr
stellte, so ist sie ein Phänomen an Menschenkenntniß und Geist! —

„Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund
bezeichnete, — und wie wahr — alles, was mir feindlich ist, in diesen
einen Namen Orleans zusammenzufassen.“

Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt auf und nieder.

„Und Drouyn de L'huys,“ sagte er kaum hörbar, — „er war der Freund dieser
Orleans, — er ist es noch — kann jemand mein Freund sein — der zugleich
der Freund meiner Feinde ist? — Gramont“ fuhr er fort, — „der Geist
nannte Gramont als den künftigen Minister der auswärtigen
Angelegenheiten, — Gramont war Legitimist, — die Legitimität hat keine
Möglichkeit einer Zukunft, — sie ist eine fromme Erinnerung, — eine
Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich
anknüpfen, — deren edle Traditionen ich fortsetzen möchte. —

„Seltsam,“ rief er, — „sehr seltsam ist das Alles, — oder sollte auch hier
eine Intrigue“ —

Pietri trat wieder ein.

Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den
Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die
Augen.

„Pietri“ sagte er, — „haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die
Politik — über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage
bezug hat?“

„Sire,“ erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton, — „Eure
Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast
verpflichtet, — dennoch schmerzt mich dasselbe, — ich schwöre Eurer
Majestät,“ fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd,
„daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was
nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie
hieher zu führen.“

„Und was denken Sie davon?“ fragte der Kaiser.

Pietri lächelte ein wenig.

„Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat,“ erwiderte
er, — „und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der
Verhältnisse beschämen würde.“

Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.

„Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren,“ sagte
er. —

„Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?“ fragte Pietri.

„Denken Sie sich,“ erwiderte der Kaiser ernst, — „eine Welt von
Blindgebornen, — würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den
Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen
verrichten, — würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet
erscheinen, — oder als ein Narr verlacht werden, — und das bloß weil er
einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen
könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn, — welche
aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu
fehlt. — Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche
unser Organismus keinen Sinn besitzt, — und ist es unmöglich, daß
Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns
verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer
Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?“ —

„Und wenn dem so wäre,“ sagte Pietri, — „Eure Majestät können mit der
Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein — Napoleon
IV wird Kaiser der Franzosen sein — hat sie ihren Geist antworten
lassen, — und“ sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone, — „ich habe
dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch
recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge.“

„Nun,“ rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck, — „wenn nur diese
Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu
lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft
verhüllt, — ein Fürst darf keine Person sein, — er ist ein Glied in einer
großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte
aneinander knüpft — ob, wann und wie ich untergehe, — was liegt daran,
wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die
Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden.“

Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin.

„Gehen Sie zum Prinzen,“ sagte er dann, — „er soll seine Uniform anlegen
und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin
abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien
Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen.“

Pietri eilte hinaus.

Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform,
steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die
Thür öffnend, in das Vorzimmer.

Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der
Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der
Kaiserin.

Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die
Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den
kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der
Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß.

„Der Kaiser!“ rief der Huissier.

Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur
Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte
die Damen verbindlich.

„Sie sind in militärischer Tenne,“ fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser
und den Grafen Castelnau anblickend, — „zu so später Stunde, — ist denn
etwas Außergewöhnliches geschehen?“ fügte sie unruhig hinzu, — „sind die
Unruhen in Paris bedenklicher geworden?“ „Seien Sie unbesorgt,“
erwiderte der Kaiser lächelnd, — „es ist nichts Besonderes
geschehen, — aber die Truppen sind consignirt — und da muß auch der Kaiser
der Consigne folgen und im Dienst sein, — außerdem wollte ich mit Ihnen
und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der
Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe.“

Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen.

„Das ist ein vortrefflicher Gedanke,“ rief sie lebhaft, „je fester und
lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so
sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin
sogleich bereit,“ sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete
und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand.

Eine Kammerfrau trat ein.

Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher
ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von
blauer Seide.

„Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band.“

Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen
seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug
eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von
rother Seide.

Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich
dann der Gräfin von Poëze und sagte:

„Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande
eine große Schleife hier zu befestigen.“

Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe.

Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife
mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der
Kaiserin.

„Jetzt trage ich die Farben Frankreichs,“ rief Eugenie mit einem Blick
auf den Spiegel, „lassen Sie uns gehen,“ fuhr sie zum Kaiser gewendet
fort.

„Sie werden,“ sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte,
„diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit
unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat.“

Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich
nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und
die Damen folgten.

Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General
Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants,
der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz
trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt
voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an
den Pavillon stoßenden Gallerie.

Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes
Schauspiel dar, — die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in
hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern
brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her
standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen
kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen
Crystallcaraffen aufgestellt waren.

An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger
Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen,
essend, trinkend und fröhlich plaudernd.

In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte
Tische, an welchen die Officiere soupirten.

Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der
Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich
die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im
lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser.

Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt
nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über
diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz
hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den
Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden,
das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien.

„Lassen Sie die Leute häufig ablösen,“ sagte der Kaiser, „damit ihnen
der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich
hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen.“

Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser,
füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter
Stimme:

„Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf
das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes
ist!“ In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen.

„Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!“ brauste ihm der Ruf
der Soldaten entgegen.

„Ich danke Euch, meine Tapferen,“ sagte der Kaiser, als nach einigen
Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, „ich
kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind
Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das
Kaiserreich,“ fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, „deren
edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen
Prinzen, Eures Kameraden trägt.“

„Es lebe die Kaiserin!“ riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten
in den Ruf ein.

Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere
schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen,
der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte
sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin, — oft blieb der
Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille
und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er
diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den
zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten
zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer
fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer
willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von
den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal.

Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die
Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich,
Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General
Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach
ihren Appartements zurück.

„Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte,“ sagte die Kaiserin leise zu
ihrem Gemahl, „die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu
benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum
Schaffot zu gehen nöthig gehabt.“

„Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen,“ erwiderte der
Kaiser, „und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen
haben.“

Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die
Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem
General Castelnau nach seinem Cabinet zurück.

Als er dort angekommen war, rief er Pietri.

Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser
erhoben hatte, in das Cabinet ein.

Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder.

„Schreiben Sie sogleich an Gramont,“ sagte er dann, „sagen Sie ihm in
kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der
auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte,
sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich
noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und
dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der
europäischen Politik möglichst bestimmt constatire.“

Pietri verneigte sich.

„Eure Majestät sind also entschlossen?“ fragte er.

„Ich bin entschlossen,“ erwiderte der Kaiser, — „legen Sie mir morgen
früh den Brief zur Unterschrift vor, — jetzt will ich ruhen. Wenn irgend
Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute
Nacht,“ sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte.

Dann bewegte er die Glocke.

Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein
Schlafzimmer begab.



Drittes Capitel.


Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im
Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend
hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte
in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner
Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt
gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die
doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen
waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber
auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche
seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer
Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre
wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten.

Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand
der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in
Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte
Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern
fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe
märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun
von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion
Näheres zu hören hoffte.

Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Aeußerungen
gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und
die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine
Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer,
doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte,
denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen
dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt
und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden
möge, damit man wisse, woran man sei.

Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen,
hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und
gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende
Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten
habe.

Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern
hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem
von dem Leben in Frankreich erzählt — von dem Leben der Offiziere in
Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von
den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und
immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein
Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein
Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte.
Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das
Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche
und schwankende Unruhe.

Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich
nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer
Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein
Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der
Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines
Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an
welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren
würde.

Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache
ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte,
dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine
Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an
Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese
Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief
sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem
Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der
Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des
Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren
Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde.

Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine
Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem
Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer
wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er
doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das
auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er
fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und
sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner
Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte.

Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus,
dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen
rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich
schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher
zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob
jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies
ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und
blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden
Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen.

Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und
mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog,
dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte; — wenn er
die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er
sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme
sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr
zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen.

Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe
seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar
machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter
bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was
für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann
mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen
war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm
so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was
würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein
Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine
Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten
Bauern war. „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ — schon der Gedanke,
eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als
Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des
alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er
erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in
den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren,
abermals in die weite Welt hinausziehen wolle.

Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte
Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das
entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die
beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft
waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde.

So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben.
Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit
vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an
seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre.
Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn
derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die
Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich
vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer
hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in
einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses
unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest
versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner
Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er
diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe
nicht länger ertragen.

Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme
gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein
Kummer bedrücke, — er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise
geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm
mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei, — aber immer erfolglos. Der alte
Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen, — daß
nichts für ihn angekommen sei.

Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter
dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause
zurückgeblieben, — fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als
Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in
das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und
ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb
bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines
unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen.

Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen,
klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen
mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde
war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der
selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so
unerschöpflich reich ist.

„Meine Mutter,“ sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, „ich
bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und
das alte Haus wiedergesehen habe.“

Er hielt einen Augenblick inne.

„Und wir nicht minder, mein Sohn,“ sagte die alte Frau, „daß wir Dich
nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben.“

Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke
Hand der alten Frau streichelte.

„Ich bin aber doch,“ sagte er dann, „nicht glücklich, wie ich es sonst
bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht,
mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich
mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist.“

Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie
fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel
sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen
Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist, — sie mußte ihm
entgegenkommen.

„Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?“ sagte sie.

„Ach ja, Mutter,“ erwiderte er, „sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer
so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen
zu trennen,“ fügte er seufzend hinzu.

„Sind es bloß Deine Freunde,“ fragte die Alte mit einem freundlichen,
beinahe neckischen Lächeln, „oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen,
hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden, — Du der Du hier so
gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?“

Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn
ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine
Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah.

„Ja,“ rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise
zusammenzuckte, „ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so
gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann
und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön,
Mutter, oh, so schön,“ rief er schnell aufbringend, die alte Frau
stürmisch umarmend, „so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie
auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und
gehorsame Tochter sein, — sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei
ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich
entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat.“

Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die
stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit
freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen
Mann an und sagte:

„Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du
mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter,
Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren, — daß Deine Wahl auf
keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und
älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau.“

Ihr Sohn blickte trübe zu Boden.

„Das ist es ja eben, Mutter,“ sagte er mit leiser Stimme, „was mir so
viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich
weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath
hängen und nun — sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer
Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines
Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß
ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres
Vaters zu übernehmen und fortzuführen, — ich habe ihr das auch
versprochen,“ fuhr er ohne aufzublicken fort, — „als ich bei ihr war,
schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun
ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die
alten Felder sehe, da fühle ich,“ sagte er mit zitternder Stimme, „wie
schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land
oder hier zu bleiben, — durch weite Entfernungen von mir getrennt.“

Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie
strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie
ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann
legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich,
beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte.

„Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat
schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück
in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater
und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz
ihn hinzieht, aber,“ fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter
wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit
Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag
und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die
Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest,
da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein
Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht.“

„Oh, Mutter,“ rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau
auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit
sein Haupt auf ihren Schooß legte, „wie danke ich Ihnen für dieses
Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt.“

Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie
mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann
erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an.

„Aber der Oheim,“ fragte er, „was wird er dazu sagen?“

„Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,“ sagte die alte Frau, den
Kopf schüttelnd, „er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so
leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath
verläßst — aber,“ sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des
Nachdenkens, „der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie
seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung
Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen.
Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu
behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise
nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich
Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange
er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen — wer weiß, ob er sich
dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner
Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch
Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß
die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den
Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem
lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß
mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner
Heftigkeit schon auszuhalten wissen.“

„Doch nun, Mutter,“ sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer
Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, „muß ich Euch noch etwas sagen,
das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure
liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, — ich habe,“ fuhr er
fort, „gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, — ich
habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine
Antwort erhalten, — und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem
Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine
Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte — aber
nichts, gar nichts,“ — sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Was
kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch
ihren Vater Nachricht geben zu lassen, — ich weiß nicht, was ich davon
sagen soll,“ fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu.

„Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,“ fragte die Alte,
„kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, — oder kannst Du Dir
irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein
könnte, Dir Nachricht zu geben.“

„Oh,“ rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender
Begeisterung auf seine Mutter richtend, „ich bin ihrer sicher, wie
meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser
bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, — ich habe mit
ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben,
sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,“
sagte er, wieder finster zu Boden blickend, „keine Nachricht trotz aller
meiner Bitten, keine Antwort, — oh, es muß ein großes Unglück geschehen
sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht,
mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.“

„Sei ruhig, mein Sohn“ sagte die Alte, „bei einer so weiten Entfernung
kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren
gehen — Alles wird sich aufklären, — sei ruhig, — wenn Du sie kennst und
ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe
aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle
Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim
sprechen. Vielleicht,“ sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt,
„erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung
Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, — ja, ja,“ sagte
sie, „so wird es sein; und ich muß sagen,“ fuhr sie immer
zuversichtlicher und heiterer fort, „ich würde ihrem Vater ganz Recht
geben, — er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch
nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.“

„Ja“ sagte der junge Mann sinnend, „so könnte es sein — das wäre
möglich“ — und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten
Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und
nieder.

„Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,“ sagte er dann, „mit dem
Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und
geschickter machen, als ich, — aber nun erlauben Sie mir auch, meiner
Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl
einverstanden sind. Und nicht wahr,“ fügte er schmeichelnd über das
Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, „Sie werden einige
freundliche Worte unter meinen Brief schreiben — sie versteht zwar nicht
deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und
dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird
ihr erlauben, mir zu antworten.“

Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und
dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte
von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen — ihrer süßen Stimme,
von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der
Champagne und von den grünen Ufern der Marne, — er malte ihr so
glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm
leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen
Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz
sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte.

       *       *       *       *       *

Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit
der Nachschrift seiner Mutter abgesendet.

Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es
hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in
finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig
gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne
Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören, — der junge
Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles
schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden
alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise
mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und
Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er
seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die
Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters,
und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes,
welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten
augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze
Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen.

Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig
angefangen, — wenn auch noch immer murrend und scheltend, — über die
Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht
angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise
nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen
ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen
Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu
berathen.

So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem
Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen
Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit
liebte, obgleich sie sie nie gesehen.

Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf
den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt
hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des
dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten
die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe
gequältes Herz.

Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte
den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu
reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen.
Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes
erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl, — auch der alte Niemeyer hatte nichts
dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung
dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein
Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache,
die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden
möchte.

Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur
in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines
Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung
gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen
Urlaubspaß zu erbitten.

Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte
schweigend sein Gesuch an.

„Sie wollen nach Frankreich gehen,“ sagte er — „welchen Zweck hat Ihre
Reise.“

Cappei zögerte einen Augenblick.

„Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein,“ sagte der Beamte, — „Sie
befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort
könnte Ihnen nur nachtheilig sein.“

„Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen,“ sagte der
junge Mann — „ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu
unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen.“

„Sie sind landwehrpflichtig,“ sagte der Amtsverwalter, „und es thut mir
leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte
Erlaubniß nicht ertheilen kann.“

„Ich verspreche,“ sagte der junge Mann erbleichend, „meine Adresse hier
zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine
Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen
wieder hier sein.“

„Ich kann,“ erwiderte der Beamte, „auch trotz dieses Versprechens Ihnen
die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben, — jedenfalls nicht
ohne höhere Genehmigung.“

Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht
Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und
wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen.

Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt.

„Bleiben Sie,“ rief er in strengem Ton.

Cappei wendete sich erstaunt um und wartete.

„Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,“
sagte der Beamte, „und da ich befürchten muß, daß Sie bei der
Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich
gezwungen, Sie zu verhaften.“

„Mich zu verhaften,“ rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine
tödliche Bläße sein Gesicht überzog, „und warum?“

Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein.

„Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im
Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist.
Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen.“

Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten
sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so
unerwartet traf.

Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete
dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit
das Protocoll aufzunehmen.

„Haben Sie,“ fragte er, sich an Cappei wendend, „seit ihrem Aufenthalt
hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit
demselben correspondirt?“

„Ich habe keine Verbindung dort,“ erwiderte Cappei, „als diejenige mit
meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat,
ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen
Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten.“

Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden
Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten.

„Kennen Sie diese Briefe?“

Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein
fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt.

„Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben,“ rief er mit
bebender Stimme.

„Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben
sind?“

„Gewiß,“ rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe
gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben,
und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten
gebeten hatte.

„Sie behaupten also,“ fuhr der Beamte fort, „daß diese Briefe wirklich
an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben
keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken.“

„Welchen anderen Sinn könnte er haben?“ rief Cappei, entsetzt vor diesem
Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob.

„Man hat Beispiele,“ sagte der Beamte, „daß scheinbar unverfängliche
Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch
darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch
das wird sich finden,“ fuhr er fort.

Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne
vor.

„Kennen Sie diese Handschrift?“

„Nein,“ rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend.

„Dennoch,“ sagte der Beamte, „sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse
angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende
Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse
Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig
ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt
nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das
Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich
Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und
kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß
Ihre Lage nur verbessern kann, — wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich
eine genügende Erklärung zu geben.“

Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten
Papiere.

„Tragen diese Briefe eine Unterschrift?“ fragte er.

„Nein,“ sagte der Beamte, „solche Correspondenzen pflegt man nicht zu
unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt
ist,“ fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu.

„Mein Gott, sollte es möglich sein,“ rief Cappei, indem eine glühende
Röthe sein Gesicht überflog, „ich erinnere mich, einmal ein Billet von
diesem Vergier gelesen zu haben, — sollte es möglich sein, — sollte er —“

„Junger Mann,“ sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein
gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet
sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten
gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die
Sache wissen, — ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor
scharfer Strafe zu schützen.

„Herr Amtmann,“ rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, „ich muß
glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um
mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von
nichts, — ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von
diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben,
enthalten keinen verborgenen Sinn.“

Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des
jungen Mannes.

„Ich will in Ihrem Interesse wünschen,“ sagte er, „daß es so ist, wie
Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien
erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier
handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie
in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut
behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als
möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken
Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist.

Führen Sie den Arrestanten ab,“ sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet.

In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem
Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den
Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner
Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das
einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen
Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit
Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der
schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen
Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte.



Viertes Capitel.


Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des
französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das
Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, — die Elemente des
Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten
von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel
zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt,
der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille
der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich
umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung,
als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich
die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu
lenken im Stande war.

Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der
kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort
jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem
intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen
beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über
die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem
tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie
erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz
vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen
Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur
der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der
Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen.

Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin
spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der
Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der
Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud.

Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die
Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt
konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der
Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine
meteorologische Combination hätte machen lassen, — und die Berichte der
Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen
hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der
Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den
Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut
auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten
umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme
musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin
der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und
jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt
ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig
darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge
fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der
Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen
braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie
dieselben betäubt zu Boden fielen.

Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen
Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken
Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr
complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die
kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für
alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck
gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden
umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in
den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen
Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn
er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit
Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und
glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen
Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick
ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig
jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten
und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief
durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast
kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an
dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort
Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß
gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser
haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären
hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, — denn nur ein guter Mensch
kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen
Natur bewahren.

Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen
dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der
Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch
geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er
nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe.

Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des
kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte
er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die
Umhüllung gesprengt hatten.

„Ah,“ sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch
herzutrat, „da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist
erschlossen und“ — er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf
die Blume.

Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz
erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden
Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau.

„Die Rose ist blau,“ sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe
erfaßte und sie hin und her wendete.

Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte,
immer zeigte sich der blaue Glanz.

Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit.

„Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt,“ sprach er, „daß es Ihnen
niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die
schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben
immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals
gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen.“

„Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt,“ sagte der
Kaiser. „Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen
Vogels“ —

„Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen,“ sagte der Gärtner
kopfschüttelnd, „Alles das ist nicht schwarz, — es sind nur tiefe
Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im
Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in
der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen
werden.“

Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde
ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich
nieder.

„Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht,“ sagte er — „das menschliche
Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so
schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt, — die Menschen müssen
künstlich die schwarze Farbe schaffen, — — sind alle die Sorgen, die uns
quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren
Natur entfremdeten Welt, — aus den wir uns dennoch nicht losmachen
können,“ fügte er seufzend hinzu, „um wieder zur Reinheit und Freiheit
der Natur zurückzukehren, — einer Welt, aus der uns nur der Tod
hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz
bedeckt — — werden wir dahinter,“ sprach er tief sinnend weiter, „eine
neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte
schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?“

Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm
er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er
sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner, — grüßte
denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen
Blick über seinen blühenden Rosengarten, — dann wandte er sich schnell um
und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten.

All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die
freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie
verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem
Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener
Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem
davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich
runden Sitzkissen nieder.

„Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,“ sagte er, „die
Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und
Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich
heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland
consolidirt sich,“ sagte er, „Österreich schwankt und trotz aller guten
Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche
Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein
wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu
schließen. Und selbst wenn es gelänge,“ fuhr er fort, „würde eine solche
Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action — im Augenblick der
Gefahr vielleicht — gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,“ sagte er
nach einigen Augenblicken, „machen mir diese spanischen Angelegenheiten,
die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und
trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie
urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach
jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu
gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die
Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches
Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß
gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner
Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen
begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde
ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich
durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung
gewesen, — und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen,
aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der
Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine
Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und
dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don
Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier,
der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde — was vielleicht
Prim auch thun wird,“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu — „den
ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene
hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.“

Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben
zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere
derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte
sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück.

„Von meinem Agenten in Spanien,“ rief er, — „vielleicht nähert sich diese
Sache ihrem Ende.“

Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes.

„Alles ist vorbereitet,“ las er dann, den Zeilen folgend, „die
maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien
günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen
Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt,
mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch
gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die
unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends
ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig,
daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und
alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch
auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch
nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und
nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für
jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig,
wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß
selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre
Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den
man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die
Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können,
so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.“

Der Kaiser warf den Brief zurück.

„Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,“ sagte er, — „das Glück
scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie
in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich
günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen
derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber
wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich
feindlich sein — vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene
Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in
Spanien vereitelt wurde. —

Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das
Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen.
Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft
verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes
wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche
durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede
Garantie geben zu können.“

Er sann einige Minuten nach.

„In Augenblicken wie dieser,“ sagte er dann, „kommt es auf schnelles und
entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu
rascher Entscheidung führen, — man weiß niemals, wie lange sie dauern
können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit
einem Schlage zu erledigen.“ Er klingelte.

„Meinen Wagen,“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener, „große
Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten.“

Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer.

       *       *       *       *       *

An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky,
welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über
dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens
von Spanien glänzte.

Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch
die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle
dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern
Gemächern emporführt.

In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen
goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß
der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin,
ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens
Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch
junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem
Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der
Katholischen.

Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu
Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die
Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen
hinabführten.

Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor
in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels.

Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock
herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte
ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem
jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank
gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden
sprang.

Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm
strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und
etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch
feste und energische Willenskraft zusammengezogen, — aus seinen kleinen
Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen
Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen
Bande um den Hals.

Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren,
erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und
des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu
richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der
sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr
von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging,
und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit
leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf.

Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die
Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das
rothe Band des goldenen Vließes um den Hals.

Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen.

Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht
begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst
als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung
voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung
oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin
ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen.

„Ich danke Ihnen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „daß sie gekommen
sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung
segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses.“

Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des
Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines
Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten
den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte.
Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen
großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem
über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin
die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde
glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon
durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt
war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen
konnte.

Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen
pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der
Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große
Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast
überzogen.

Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte
sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber.

„Erlauben Sie, mein Vetter,“ sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur
in ihrer Anrede vermeidend, „daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder,
vorstelle?“

Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt.

Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in
welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte
die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien
und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich
wieder in das Vorzimmer zurückzog.

Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und
kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem
Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr
hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen
von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei
Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den
Stuhl ihrer Mutter stellten.

„Don Alphonso,“ sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, „Donna Maria
del Pilar — Donna Maria della Pay, — Donna Eulalia,“ — fuhr sie fort, die
kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem
Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten.

Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von
Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer
überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen,
wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog
dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der
andern auf die Stirn.

„Die lieben Kinder,“ sagte er, — „die Glücklichen, die noch allen Sorgen
des Lebens — und der Politik fern stehen, — Gott segne sie.“

Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine
tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer
verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin
Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell
verneigend, die Kinder hinaus.

„Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter,“ sagte die
Königin, „um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen
zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der
spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus
seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den
Frieden wieder herzustellen.“

Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren,
kalten und strengen Ausdruck an.

„Über die spanische Nation,“ sagte er, „ist das Strafgericht
hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet
und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch
dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen
Zukunft zugeführt werden.“

„Sie haben Recht, mein Vetter,“ sagte die Königin mit sanfter Stimme.
„Indeß,“ fuhr sie fort, „ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar,
wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den
Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über
dasselbe bestehen.“

„Es giebt nur ein Recht,“ erwiderte Don Carlos, „und wenn zwei
verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld
denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die
alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu
ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden,“ fuhr er in klangvoller
Stimme fort, „wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das
alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist.“

„Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter,“ sagte die
Königin, „wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben,“ fuhr
sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend
gegen ihn erhob, „daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir — was zu
meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron
bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief,
ein im Rechte begründetes gewesen sei.“

„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine,“ sagte Don Carlos, in
sanftem Tone, „es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines
Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott
eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese
Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet.“

„Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „so werden
Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß,
welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und
welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde.
Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in
Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens
und Aufruhrs gegenüber gestellt werde.“

Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand,
dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und
sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah:

„Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne
vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden
kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten
können.“

Die Königin schwieg einen Augenblick.

„Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter,“ sagte sie dann, „daß ich
mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne, — sie
haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer
ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem
traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber,“ fuhr sie fort, „ich
habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die
monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine
Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde.“

Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu.

„Ich setze voraus,“ fuhr die Königin fort, „daß in Ihrem Herzen, wie in
dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses
weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen — wenn dies
der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die
Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft
zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das
Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz
entgegen zu führen.“

„Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person,“
erwiderte Don Carlos, „und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick
bereit, mich zum Opfer zu bringen.“

„Oh,“ rief die Königin lebhaft, „dann werden Sie gewiß auf die Idee
eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte, — eine Idee, von der mir so
viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem
jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne.“

Don Carlos sah die Königin fragend an.

„Mein Vetter,“ fuhr Isabella fort, „Sie sind der Vertreter des Rechts
der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie
haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt
noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle
vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu
gehört,“ fuhr sie fort, „nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den
Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen
persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu
stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren
Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben
gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone
verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte
gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren
Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte
und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird
dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das
vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte
monarchische Prinzip aufrecht erhalten.“

Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit
einem gewissen Erstaunen an.

„Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso,“ sagte er, „mit meiner
Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der
allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des
königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht,
Madame,“ fuhr er fort, „wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso
unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst
wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung
kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf.“

„Wenn Sie, mein Vetter,“ erwiderte die Königin „zugleich mit der
besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir
scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person
die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt
für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein.“

Don Carlos richtete sich hoch empor.

„Ich bewundere, Madame,“ sagte er mit schneidendem Hohn, „die Klugheit
Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen
wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und
unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben,
einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch
welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist.“

„Aber, mein Gott,“ sagte die Königin erstaunt über die plötzliche
Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin,
„der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung
Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade
gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in
Anspruch nehmen.“

„Das heißt mit andern Worten,“ fiel Don Carlos ein, „ich soll mit
meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen
Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes
Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten
lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen
Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für
meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht
verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine
solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl
fragen, — Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den
Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation
der Welt.“

„Aber, mein Vetter,“ sagte die Königin, „Sie haben nur eine Tochter und
wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr
legitimer Erbe.“

„Sie vergessen, Madame,“ rief Don Carlos, „daß in den nächsten Tagen
vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken
wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse,“ rief er lebhaft,
„über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses
Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die
Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein
königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame,“ sagte
er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, „seien
Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen
werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine
Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat — selbst dann würde ich meine
persönlichen Rechte nicht veräußern, — versagt mir Gott einen Sohn, so
ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter
Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein
großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen, — aber so lange ich lebe,“
fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen
Bekräftigung seiner Worte emporhob, „so lange ich lebe, giebt es in
meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich — in
Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das
hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt
bleiben soll — ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem
mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu
erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes
Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge
schließen, — und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte
Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann,
Madame,“ fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, „werde
ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz
meines Hauses — und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde
Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen
ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht
abgehen.“

Die Königin erhob sich ebenfalls.

„Ich bitte Sie, mein Vetter,“ sagte sie, „lassen Sie unsere Unterredung
nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche
Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden
Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden
nützt.“ —

„Ich darf nichts bedenken,“ erwiderte Don Carlos, „als daß Gott mir das
Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen
werde bis zu meinem letzten Athemzuge.“

Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand,
küßte ihr die Hand und sprach:

„Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen; — wie auch das Schicksal der
Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in
unsern Adern rollt.“

Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer
entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen
Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das
Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut
aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete
begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor,
er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des
Hofes hinaus.

„Alles vergebens,“ rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr
zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat, — „Alles
vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem
Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen,“ rief sie, „wenn
diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie
sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf
Erfolg gehabt. Aber so,“ fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig
zusammendrückte, „ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die
Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines
Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann? — ich würde
mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können —“

Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar.

Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das
Cabinet der Königin.

„Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!“ rief er und
eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen.

Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen
abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz
vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte.

Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen
hinauf.

Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches
Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der
Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück.

„Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame,“ sagte er, nachdem
er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. „Wie befinden sich die
Infanten?“

„Ich danke, Eure Majestät,“ erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei
den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung
erschienen war, „sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft
des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat,
daß sie die Luft des Exils ist.“

„Und der König Don Franzesco,“ fragte der Kaiser, indem er leicht mit
der Hand über seinen Schnurrbart fuhr.

„Er ist in München,“ sagte die Königin, „und braucht dort eine Kur,“
fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, „welche ihm
statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird
er nicht wieder zurückkehren,“ sagte sie ernst mit blitzenden Augen, „es
wäre in der That nicht —“

„Erlauben Eure Majestät,“ fiel der Kaiser ein, „daß ich so schnell als
möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe
so eben,“ fuhr er fort, „gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß
in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die
monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese
Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der
Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls
versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr
die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit
Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem
Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn
demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge
auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich
befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das
Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter
Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer
Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche
Abdankungsurkunde enthalten müßte.“

„Ich weiß es,“ sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, „sie soll
nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die
Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines
Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete.“

„Eure Majestät,“ sagte der Kaiser, „werden überzeugt sein, wie tief ich
die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen
haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst
wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein,“ fuhr er fort,
„Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher
stellen, als persönliche Wünsche, — man muß im politischen Leben stets
mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes
Ziel zu erreichen, — was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause
seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden.
Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure
Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie
bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung
gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen — Jene werden
ohnehin ihrem Verhängniß verfallen, — und ich sehe den Tag kommen und
sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben
bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien
als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden.“

Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder.

„Bedenken Eure Majestät,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken,
„daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung
gefährlich werden kann — zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die
Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen
wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber
stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung
des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog
von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen
sollte.“

„Er,“ rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor
warf, „er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit
Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze,
hochmüthige Graf von Monte Molin,“ fuhr sie fort, „der jede
Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine
Infantin seines Hauses — Keiner von ihnen soll triumphiren — ich will
jedes Opfer bringen,“ sagte sie mit entschlossenem Ton, „wenn Eure
Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde
die Krone gesichert wird.“

Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an.

„Ich bin weder allwissend, Madame,“ sagte Napoleon, „noch
allmächtig, — indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in
diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald
Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn
aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern
Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten
Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der
Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden
scheint; — aber, ich wiederhole es,“ fuhr er fort, „es muß schnell
gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt.“

„Ich werde die Urkunde vollziehen,“ sagte die Königin, indem sie sich
mit einem tiefen Athemzug erhob, „man soll von mir nicht sagen können,
daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines
Hauses Geltung zu verschaffen.“

„Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher,“ sagte der Kaiser,
indem er ebenfalls aufstand, „und genehmigen Sie den Ausdruck meiner
aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht
nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst
geleistet, — Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der
Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich
darf Eure Majestät bitten,“ fuhr er fort, „sobald die Urkunde vollzogen
ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits
alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen.“

Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach
mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und
verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das
Hotel.

Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet.

„Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten,
sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen
Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In
zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie
das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?“

„Zu Befehl, Eure Majestät,“ erwiderte der Graf von Ezpeleta.

„Ich werde es unterzeichnen,“ sagte die Königin seufzend. „Heute Abend
wird Ihr König Don Alphonso heißen.“

       *       *       *       *       *

Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky
der Hof der Königin Isabella versammelt.

Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen
Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin
Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin
waren in großer Toilette.

Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein
großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem
in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares
Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von
diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an
deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand.

In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem
Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt.

Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen
Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich — aber noch war es
nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm
der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der
Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen
Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des
Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der
Justizbeamten.

Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann
sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden
Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem
Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend.

Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige
Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte,
den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den
Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust.

An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die
Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls
mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe
Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und
etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren
sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer
Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und
stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger
als sonst erschien.

Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der
Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem
Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem
Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet.

Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine
Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und
sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb
fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung
begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar.

Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen,
gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform
folgte.

Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz
ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und
setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle.

Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz.

Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don
Sebastian hinter den Fauteuil der Königin.

Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta.

Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort
liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin.

„Ich, die Königin,“ sprach Donna Isabella, „habe in Erwägung der
Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen,
meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem
Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn
Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich
beschlossen,“ fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, „um allen
Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten
spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt,
für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn
mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation
vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so
lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen
Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft.

Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein
spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei.
Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein
Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur
noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des
Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen
mütterlichen Segen ertheile, — Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf
dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure
Königin war.“

Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das
Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte.

Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete
weinend vor ihr nieder.

Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große
Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme:

„Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten
Segen!“

Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich
dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf.

Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die
Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der
Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete
sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von
Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen
sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn
und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken.

Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen
Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt
war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine
Hand, die er Jedem reichte.

Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an
ihren Sohn.

„Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß,“ sagte sie in französischer
Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, „in Ihrer Gegenwart noch
ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft,
sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein
Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die
Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte,
nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr
Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns
die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen.“

Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte
sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand.

Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches
Dokument aus der Mappe und sagte:

„Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn Francois Achille
Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document,
dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über
Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen
im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in
unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies
durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?“

„Ich will es,“ sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete
die Testamentsurkunde.

Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter
denjenigen der Königin.

„Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen,“ sagte die Königin Isabella,
sich abermals an ihren Sohn wendend, „daß von der Abdankungsurkunde
ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen
werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem
Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen
übergeben werde.“

Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit
bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin.

Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide
verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre
Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don
Sebastian folgten.

Schweigend ging die Versammlung auseinander, — Herr von Albacete
begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß
der Treppe des Hotels.



Fünftes Capitel.

Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de
Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof
des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die
schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende
Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls
X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach
seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende
Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog
von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer
dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu
schenken.

Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem
General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer
frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst
und blickte fast finster vor sich nieder.

„Ist es denn nicht möglich,“ sagte er leise, „einen Tag von diesen
ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit
eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die
alles friedliche, menschliche Glück zerstört.“

Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und
befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick
darauf in das Cabinet seines Souverains trat.

Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und
lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt
einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige
etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die
freundliche Begrüßung des Kaisers.

„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte er schnell sprechend, „eine ebenso
überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht,
welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren
muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist.“

Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht
des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl
sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich
bezeichnete mit matter, tonloser Stimme:

„Sprechen Sie, mein lieber Herzog — Sie wissen,“ fügte er mit einem
gezwungenen Lächeln hinzu, „mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die
Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse, — die
guten erfährt man immer früh genug. Leider,“ sagte er ganz leise vor
sich hin, „kommen sie nicht häufig.“

„Ich erhielt bereits gestern, Sire,“ sprach der Herzog von Gramont, der
vor dem Kaiser stehen geblieben war, „den Wortlaut einer Rede, welche
der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das
Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit
überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien
einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste
erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber
auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen
einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin
zerschlagen hätten.“

„Nun,“ sagte der Kaiser lächelnd, „das wissen wir ja, das ist vollkommen
wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden
kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen
müssen.“

„Aber, Sire,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „nachdem der Marschall
diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das
Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's
niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal
betont.“

Der Kaiser lächelte abermals.

„Es giebt Fälle,“ sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, „in
denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist,
was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet.“

„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ erwiderte der Herzog von
Gramont, „und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin
gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth
beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination,
über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen
zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht
so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber,“ fuhr
er fort, „eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem
Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in
Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters,
in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern
sehr weit fortgeschritten zu sein scheint, — wenn sie nicht schon
entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe
sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu
überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die
Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen.“

„Die Candidatur Hohenzollerns,“ sagte der Kaiser, — „mein Gott, diese
Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn
dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen,“ fragte er, den
Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, „und
woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich
darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist
die Sache in der That sehr unangenehm — ich habe mich der Königin
gegenüber,“ fügte er leiser hinzu, „einigermaßen engagirt, sie hat ihre
Abdankung unterzeichnet.“

„Es scheint,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß der Marschall Prim hier
ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller
spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich
sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit
nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und
stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er
vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen
hervorzurufen.“

„Wäre die Sache früher herangetreten,“ sagte der Kaiser, immer noch halb
zu sich selbst sprechend, — „man hätte sich darüber verständigen
können — in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That
in die äußerste Verlegenheit. — — Es scheint, daß der Marschall Prim den
Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu
verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner
Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister
sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Uebrigen
darauf haben eingehen können.“

„Es scheint, daß sie überrumpelt sind,“ sagte der Herzog von Gramont,
„und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben,
welche diese Candidatur nach sich ziehen muß, — denn,“ fuhr er fort,
„wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während
zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene
Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder
hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an
den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs
erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Aeußerste
und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen
von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem
portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren
Ausdruck findet.“

Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen
Worten des Herzogs.

„Nun,“ sagte er, „der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage
sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die
Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl
würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung
mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der
Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische
Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein,“ fuhr er fort,
„die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem
Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen
Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den
Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der
Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht
annehmen könne. Der Marschall Prim,“ sagte er, „soll fühlen, daß er noch
nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher
Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen
müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die
Sache sehr schnell erledigen.“

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „ich stimme mit Eurer Majestät
vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit
bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder
herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der
Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der
Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich
vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch,“ fuhr
er fort, „die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über
diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Aeußerste
erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und
verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis
liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen
Großmächte ausgestrichen.“

Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines
Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung.

„So sehr ich nun auch,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „die
Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag
ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action
sich gegen Spanien zu richten habe.“

Der Kaiser blickte befremdet auf.

„Aber wohin denn,“ fragte er.

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast
überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, „das
Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten
Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure
Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade
Gottes und durch den Willen der Nation — diesem Prinzip gemäß hat
Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das
Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen
Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt,
daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich
nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das
Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den
Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend
erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf
entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach
außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen
Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und
könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die
ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um
ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das,
was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch
richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den
Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien —“

„Aber wie wollen Sie denn, — —“ fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog
fragend ansah.

„Sire,“ sprach der Minister lebhaft weiter, „nicht darin, daß die
spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt,
liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des
preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge
dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher
Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden
wird.“

Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der
Hand über das Kinn.

„Ich verstehe,“ sagte er leise.

„Mir scheint deshalb,“ fuhr der Herzog fort, „daß wir nicht den Spaniern
verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns
an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom
Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von
Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.“

Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her.

„Dadurch enthalten wir uns,“ fuhr der Herzog fort, „jeder Beleidigung
der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale
Selbstbestimmungsrecht — wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in
Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich
gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von
Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, — wir haben
außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man
in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten
Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,“ fügte er mit Betonung hinzu,
„wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens
gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der
öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach
Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik
in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung
Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies
wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder
herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des
Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der
Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht
oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der
vergebliche Versuch gemacht wurde.“

Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser.

Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder
und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete
hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung
gestützt, zum Herzog zurück und sprach:

„Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen
haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu
verbessern. Das Ganze würde freilich,“ sagte er achselzuckend, „im
Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,“ fügte er hinzu, „die
öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt,
und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne
ernsthafte Gefahr. Doch,“ sagte er dann mit tiefem Ernst, „sind wir vor
solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen
nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen
Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher
und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen
Preis heraufbeschwören möchte.“

Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit
einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte:

„Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen
Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch
auftreten, — wie ich überzeugt bin,“ fuhr er fort, „daß man es auch bei
früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf
unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen
inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten
ist höchst widerstrebend, — Oesterreich steht auf unserer Seite und der
General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der
Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich.
Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und
schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht
im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen
wollen.“

„Dessen müßte man aber,“ sagte der Kaiser, „sicher sein, denn die
sympathischen Aeußerungen gegen den General Fleury vermag ich für
nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher
Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum
jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben
werden, — und was Oesterreich betrifft,“ fügte er achselzuckend
hinzu, — „Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber
Herzog, als ich es zu thun im Stande bin.“

Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich.

„Auch weiß ich nicht,“ sagte er dann, „ob unsere Armee so schlagfertig
ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen
darf, — Niel ist todt,“ sagte er düster, „und seine sichere und
energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben.

„Doch,“ sprach er dann, „unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich
komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die
Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin, — mit ihm
würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König
Wilhelm ist in Ems allein, — so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine
tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein
ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem
glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen
seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen
Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht
ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers
Geschicklichkeit,“ sagte er lächelnd, „wird es dann überlassen sein, das
Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in
Frankreich darzustellen.

„Benedetti ist in Wildbad?“ fragte er.

„Zu Befehl, Majestät,“ sagte der Herzog von Gramont, „er muß seit
einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die
Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen
Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären.“

„Geben Sie Benedetti den Auftrag,“ sagte der Kaiser, „sich sogleich nach
Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und
thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des
Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel
Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl
des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der
Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst
dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt
habe, — Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem
Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort
unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche
ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und
natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht
erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird.
Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit
rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende
führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin,
der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage
stellen könnte.“

Der Herzog verneigte sich.

„Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire,“ sagte
er.

Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände.

„Wenn Benedetti reussirt,“ sagte er, „so wird Alles vortrefflich gehen.
Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher
Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf
Bismarck,“ fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, „wird in seiner
ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener
kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor
allen Dingen aber,“ fuhr er fort, „schärfen Sie Benedetti die äußerste
Geschmeidigkeit und Rücksicht ein, — handeln Sie schnell und senden Sie
mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir
nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg
vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn,“ fuhr er nach
einem augenblicklichen Nachdenken fort, „Sie dahin wirken können, daß
durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des
Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß
jeder Schein eine Pression vermieden werden.“

Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand,
welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus.

„Fast scheint es dennoch,“ sagte der Kaiser, „daß das Glück sich mir
zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich,“ sprach er
lächelnd, „diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich
gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus
des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale
Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir
vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe,
welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte
schwebt, hineingerissen zu werden.“

Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den
breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen
Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab.



Sechstes Capitel.


Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine
zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee
hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je
nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen
Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem
sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten,
bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der
Promenade machend.

Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um
den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen
und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre
Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen,
als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch
ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der
absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit
bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder
sich vorbereitete.

In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig
mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz
von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei,
und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses
Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien,
eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps
legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont
hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung
abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von
Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die
spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand
der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon
geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im
Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße
neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft
wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und
da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da
dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten
wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich
aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja
die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen
schien.

So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems
ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem
reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und
fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle
miteinander wechselte.

Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und
hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und
Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung
erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten
Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen
Kränchen-Brunnen zu trinken.

„Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus
Frankreich gelesen,“ sagte der Präsident des evangelischen
Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit
bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem
Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann
mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung
neben ihm ging, wandte, „es scheint mir doch ein wenig bunt in
Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron
von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas
beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr
montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps
legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck
dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,“ sagte
er seufzend, „wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste
und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.“

„Ich glaube nicht daran, Excellenz,“ sagte Herr von Bernuth, „dieses
Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, — erinnern Sie sich
nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende
Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische
Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den
Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des
Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und
derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, — so wird
es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig
einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für
beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.“

Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf.

„Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,“ sagte er, — „es wäre
wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen
werden sollte.“

Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und
schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein,
während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte.

„Sehen Sie, Exzellenz,“ sagte er dann, „dort kommt Seine Majestät. Ich
bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und
ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu
fürchten.“

Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig
seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden
Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch
vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so
eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen
Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet
von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch
gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil
erschienen war.

Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so
leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer
so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben
konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten.

Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und
erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die
ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich
verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den
Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem
Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem
Kränchen-Brunnen füllen ließ.

„Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,“ sagte der König,
indem er den Becher ergriff, „überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz
ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet
haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.“

Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als
fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks.

„Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute
besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,“ sagte Herr von Lauer,
indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der
kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. „Aber ich würde, um die Quelle
zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät
Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die
Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste
Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät
diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit
welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.“

„Leider ist das nicht so ganz möglich,“ erwiderte der König, „indeß kann
ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es
angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine
aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,“ fügte er hinzu, während es wie
ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog.

„Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel
arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen —“

„Controliren Sie meine Depeschen?“ fragte der König lächelnd.

„Als Eurer Majestät Leibarzt,“ sagte Herr von Lauer, „müßte ich hier im
Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben
eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir
erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen
Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart“ —

„Nun,“ fragte der König.

 — „der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner
Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach
ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen
höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der
Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen
tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so
höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des
Dechiffrirens an einander reiht; — ob man in der Nacht überhaupt
aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,“
fuhr er fort, „haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu
Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin
mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze
Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer
trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.“

Der König lachte herzlich.

„Nun,“ sagte er, „Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so
gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin,
ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen.“

Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite.

Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König
winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und
wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth.

„Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe,“ sagte er heiter, so
muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine
ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine
Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst
meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt
diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.“

„Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,“ erwiderte
Herr von Bernuth, „so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus
des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die
Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.“

Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der
Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem
schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch
geschnittenem Haar und Bart.

„Benedetti ist diese Nacht angekommen,“ sagte der König mit etwas
gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther
aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. „Er hat mich um eine
Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags
empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am
Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht
zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach
Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt
er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich
täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor
ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre.
Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm
erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber
nicht,“ fuhr er fort, „daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm
eintreten, — wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm
einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich
nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone
anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.“

„Ich zweifle nicht, Majestät,“ sagte Herr von Werther, „daß der Graf
Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was
mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich
allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die
Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig
für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man
verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung
veranlasse.“

„Ich begreife nicht, was sie wollen,“ sagte der König einen Augenblick
stehen bleibend, „ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser
Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest
gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch
erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie
eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu
echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein
preußischer Prinz — und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in
diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik
machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu
thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren
Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,“ fuhr
er fort, — „ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein
wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und
daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger
Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der
Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.“

„Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,“ erwiderte Herr von Werther,
„denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich
aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen
zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,“ fuhr er fort, „daß
diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade
aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale — doch bei
meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem,
was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier
ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von
Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und
seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner
Minister und seiner Umgebung.“

„Nun,“ sagte der König, „ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die
Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen
zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold
zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich
ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein
Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine
Courtoisie, — wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich
ihn kaum dazu zwingen — jedenfalls bin ich als König von Preußen der
ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben
garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,“ sagte er, „gehen Sie
inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum
ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt
Brüssel.“

Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und
wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf
und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen
Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits
stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar.

„Guten Morgen, mein lieber Möller,“ sagte der König, „es freut mich, Sie
hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen
steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden
sind, daß sie Preußen geworden sind.“

„Majestät,“ sagte Herr von Möller, „die allgemeine Stimmung in der
Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben,
söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle
Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der
Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen
anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste
Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.“ —

„Ganz recht, ganz recht,“ fiel der König ein, „Sie handeln darin ganz in
meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle
Erinnerungen an die Vergangenheit achten —“

„Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der
Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei
derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die
Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit
des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene
Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten
und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den
Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem
lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union
beabsichtigt werden könnte.“

Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich
hin.

„Mein Gott,“ fuhr er fort, „daß doch gerade die Priester des
Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben
können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union,
dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der
wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen
Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen.

„Nun ich hoffe,“ sprach er weiter, „der gesunde Sinn der Gemeinden wird
kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens
liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun
zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden
mir über das Alles noch ausführlich berichten,“ sagte er, „sobald ich
eine Stunde freie Zeit habe.“

Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in
einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend,
sich tief verneigten.

Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem
anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und
Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune
funkelten.

„Nun, meine Damen,“ sagte der König, „ich hoffe, daß die Vorstellung,
welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der
Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag
für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat.“

„Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät,“ erwiderte
Fräulein Keßler, „doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein
erheblicher Ueberschuß sich ergeben wird.“

„Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut,“ sagte der König „und
spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des
immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch
im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen
werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen
beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler
und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel
vorangegangen.“

Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter,
begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er
die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte
dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause
zurück.

Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch
das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet
diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein
Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das
ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen
Monarchen.

Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte
seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in
ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen
fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn
entgegengetreten war.

„Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten,“ sagte der König, setzte sich,
während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete
einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe.

Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine
Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer.

Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze
Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung
noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich
in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner
blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen
lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher
Frische.

„Guten Morgen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, freundlich mit dem
Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als
vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen
begleitete, die Hand reichend. „Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit,
was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,“ sagte
er schalkhaft lächelnd — während Herr Abeken einen Sessel heranzog und
seine Mappe öffnete — „daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören —“

Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an.

„Ich wüßte nicht, Majestät.“

„Lauer hat sich beklagt,“ fuhr der König in demselben scherzhaften Ton
fort, „daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen
schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der
Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.“

„Nun Majestät,“ sagte Herr Abeken lächelnd, „ich hoffe, daran wird sich
Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle
gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das
Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.“

„Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,“ fragte der
König. „Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da
einige Weitläufigkeiten geben wird.“

„Herr von Thiele berichtet, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken,
indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen
hatte, „daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst
scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die
französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des
Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des
Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von
Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten
Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke
bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem
Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und
demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen
Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.“

„Der arme Bismarck,“ sagte der König, „er hat seine ländliche Ruhe so
nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die
er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,“ fuhr er fort, „wenn die
Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft
werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich
kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische
Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum
abzusehen —“ er schwieg einen Augenblick.

„Was haben Sie sonst noch?“ fragte er.

„Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät,“ sagte der Geheimrath
Abeken, „ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure
Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über
die Zustände in Rumänien.“

Der König nickte leicht mit dem Kopf.

„Es sieht dort bunt aus,“ sagte er.

„Sehr bunt, Majestät,“ erwiderte der Geheimrath Abeken, „die Lage ist
dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben,
welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860
für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien
keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung
fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung
verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz
der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich
die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen
welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der
radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken.
Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das
Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier
Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal ausgelöst, und der
Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das
öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert.“

„Lassen Sie mir den Bericht hier,“ sagte der König, „der arme Carl von
Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein
begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist
merkwürdig,“ sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den
Schreibtisch des Königs legte, „daß das Beispiel in der Familie, den
Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg
ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und
verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen
rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen
kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer
werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind,“ sagte er dann,
„so bitte ich Sie das Uebrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch
hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe
lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange,“ sagte er
mit leichtem Seufzer. „Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine
Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist
mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder
die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden
haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter
Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden
geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das
Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege
und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche
von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch
fort leben mögen.“

„Abgesehen von diesen Traditionen,“ sagte der Geheimrath Abeken, welcher
sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, „welche ja in
der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten
Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen
Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in
Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die
Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die
Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester
Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der
Rücken gedeckt ist.“

„Nun,“ sagte der König lächelnd, „dafür ist ja gesorgt, in dieser
Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze
Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber
Abeken,“ sagte der König, „wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum
Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und,“ fügte er lächelnd
mit dem Finger drohend hinzu, „stören Sie mir Lauer nicht wieder im
Schlaf.“

Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet.

Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn
persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der
Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht,
dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag
ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und
scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar
umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner
Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes.

„Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr
vollständig getroffen,“ fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath
freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Es
liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines
Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit,
welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue,
noch während meines Lebens abtragen zu können.“

„Eure Majestät hatten befohlen,“ sagte der Geheime Cabinetsrath, „daß
von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin
bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die
Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten.“

„Ganz recht,“ sagte der König, „einfach und schlicht wie der Sinn meines
Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch
wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen
Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne
und hohe Bedeutung geben.“

„Von den Rittern des eisernen Kreuzes,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath
fort, „sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin,
Potsdam und Spandau zugezogen werden —“

„Die Ritter des eisernen Kreuzes,“ sagte der König sinnend — „um das
Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses
eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer
weniger,“ fuhr er mit weicher Stimme fort, „diese alten Kämpfer für die
Befreiung Deutschlands — noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus
meiner Armee verschwunden sein, — sie werden dann dort oben Alle
versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter — und ich auch! — So Gott
will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen
lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der
Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine
Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht.“

„Uebrigens,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen
Augenblicken fort, „wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin
bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der
heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere
Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind
Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände.“

„Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird,“ sagte der König.
„Nun,“ fuhr er fort, „Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines
Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier
gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee
erscheinen,“ fuhr er dann fort, „ich will darüber noch mit Treskow das
nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut
mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth
auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich,
wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber
tief ergreifender Tag werden,“ sagte er, „und ich werde so recht ruhig
und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene
Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit
werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier,“ sagte
er dann, „ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört
habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?“

Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den
Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im
Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in
Berlin.

       *       *       *       *       *

Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische
Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und
trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom
schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das
Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und
bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar
umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres,
freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren
grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten
so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die
Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer,
auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können.

Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner
Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche
Arbeitscabinet.

König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen
Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand,
welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff.

„Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,“ sagte der König, — „wir
werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein
Conflikt entstehen.“

Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen
Sessel, welcher neben demselben stand.

„Eure Majestät,“ sagte Benedetti, indem er sich niederließ, „haben die
Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher
gekommen bin, — ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den
Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den
letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers,
meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt.“

Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht
des Botschafters.

„Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät,“ fuhr dieser fort,
„erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des
Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der
französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche,“ fügte
er hinzu, „mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der
öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann
sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist,
dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie
hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung
darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich
keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige
Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen
besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken
seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe.“

Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf,
ohne etwas zu erwidern.

„Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern,“ sprach Benedetti weiter,
„muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des
Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden,
auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird
unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer
Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät,“ fuhr
er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, „hat die Sache eine
lebhafte Beunruhigung erzeugt, — wenn man den übereinstimmenden
Aeußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die
öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu
beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als
die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen
Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen
andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich
ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese
Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät
können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch
eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche
ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von
Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu
von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von
diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die
Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt
erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät
und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren
Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen
neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen
Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den
allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des
Kaisers,“ fügte er hinzu, „wird in einem solchen Entschluß Eurer
Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen
Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie
ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung
entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz
Europa allgemeine Befriedigung erregen wird.“

Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner
Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick
schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen,
freien Auges fest auf Benedetti.

„Mein lieber Graf,“ sagte er, „es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes
Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner
Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle
Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich
ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen
von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen
Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr
sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in
dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen
Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach
Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze
Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden
war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung
darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe
mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht
glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die
ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich
meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur
gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des
Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und
nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des
Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner
Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist
außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr
vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig
verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet.“

Der König schwieg.

Benedetti, welcher mit schärfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen
Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, daß er den Sinn
derselben vollkommen erfaßt habe.

„Eure Majestät wollen mir erlauben,“ sprach er mit seiner sanften,
geschmeidigen Stimme, „ehrfurchtsvoll zu bemerken, daß die öffentliche
Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung
des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestät, welche
Allerhöchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner
Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die öffentliche
Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein
Mitglied der in Preußen regierenden Familie und kann sich, wie ich
glaube, von der Auffassung nicht los machen, daß der Prinz, indem er die
spanische Königskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei
Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemühen, diese Auffassung zu
zerstören, das Nationalgefühl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser
Auffassung, und Eure Majestät werden die Gnade haben, anzuerkennen, daß
es der Regierung des Kaisers unmöglich ist, dieser Auffassung gegenüber
gleichgültig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der
Nothwendigkeit — und ist entschlossen, jener Auffassung der öffentlichen
Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen.“

„Wenn man die Sache,“ sagte der König, „von einer andern Seite auffaßt,
so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, daß
die gegenwärtige Regierung in Spanien von allen Mächten anerkannt und in
ihren Entschließungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht
einzusehen,“ fuhr er fort, „mit welchem Recht eine europäische Macht
sich der Thronbesteigung eines Königs widersetzen könnte, welcher durch
die Vertreter des spanischen Volkes frei gewählt werden würde. Wie der
spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat,“ fuhr er fort, — „und dies
ist,“ fügte er mit Betonung hinzu, „die erste und einzige Mittheilung,
welche die preußische Regierung überhaupt in der ganzen Angelegenheit
erhalten hat, — werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses
Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich für die innere Ruhe
Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu
besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin
aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede
Candidatur zurückzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen.“

„Ich bitte um die Erlaubniß, Eurer Majestät bemerken zu dürfen,“
erwiderte Graf Benedetti, „daß die Regierung des Kaisers weit entfernt
ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschränken
zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, daß die
Combination, welche eigentlich persönlich von dem Marschall Prim
ausgegangen ist, die Quelle großer und trauriger Verwickelungen sein
würde. Solchen Verwickelungen gegenüber werden Eure Majestät gewiß
selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone
autorisiren wollen. Eure Majestät halten allein das Mittel in Händen, um
einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt,
mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestät zu wenden,
von diesem Mittel Gebrauch zu machen.“

„Die Parteien in Spanien,“ sagte der König „sind so zahlreich und so
viel gespalten, daß auch die Verzichtleistung des Prinzen von
Hohenzollern kaum im Stande sein würde, dort einen Bürgerkrieg zu
vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluß der
Majorität nicht zu fügen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte
oder ihre Ansichten zu vertreten.“

„Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer königlichen
Majestät an,“ erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich
etwas zusammenbog — „indessen würde jedenfalls, wenn es trotz der
Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kämpfen
kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung für
vergossenes Blut zu tragen haben.“

Der König senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden.

„Mein lieber Graf,“ sagte er dann, „Sie können überzeugt sein, daß ich
den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen,
welche zu Verwickelungen und Mißverständnissen Veranlassung giebt. Ich
muß indeß noch einmal darauf zurückkommen, daß meine ganze persönliche
Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive
ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie
zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich
lediglich darauf beschränkt, seinen Entschlüssen kein Hinderniß in den
Weg zu legen. Von diesem Standpunkt würde ich mich auch jetzt nur sehr
schwer entfernen können, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn
zu seinem Entschluß ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von
demselben zurückzukommen. Mir scheint, daß die Regierung des Kaisers,
wenn sie wirklich in dieser Sache so große Gefahren erblickt, die ich
noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluß in Madrid
aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, daß sie auf das
Projekt verzichte.“

„Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu bemerken,
daß die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie
Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen möchte. Sie
würde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrößern, die
kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, daß der leichteste und
einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn
Eure Majestät Allerhöchst Ihre mächtige Autorität gebrauchen, um durch
die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu
lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestät auf die Präcedenzfälle in
Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen
ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, daß Prinzen, welche der
Dynastie einer Großmacht angehören, nicht zu gleicher Zeit Souveraine
eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein
allergnädigster Herr, hat persönlich dies Prinzip anerkannt, indem er
dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron
untersagte. Eure Majestät werden sich um so mehr in diesem Sinne
entscheiden können, als ja Preußen und Deutschland keinen Antheil an den
bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu
machen haben würden, während für Frankreich sehr ernste Interessen auf
dem Spiel stehen und während dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben
muß, die öffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung
befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner
Abreise hat wahrnehmen können, und über welche er, wie ich nicht
zweifle, Eurer Majestät Bericht erstattet haben wird.“

„Diese Aufregung der öffentlichen Meinung in Frankreich ist mir
bekannt,“ sagte der König, „die Thatsache ihrer Existenz beweist aber
noch nichts für ihre Berechtigung und dann muß ich Ihnen aufrichtig
sagen, daß die Erklärung, welche der Herzog von Gramont im Corps
legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die
öffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der
erste Theil der Erklärung des Herzogs,“ fuhr der König fort, „ist sehr
richtig und sehr correct. Indessen muß ich Ihnen gestehen, daß der
Schlußsatz derselben mich allerdings sehr peinlich berührt hat. Die
Worte, welche der Herzog über die Absichten einer fremden Macht
gesprochen hat, können doch nur auf Preußen bezogen werden. Wie ich
Ihnen gesagt, hat die preußische Regierung an der ganzen Sache nicht den
geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck
einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht
finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein,
und er kann dazu beitragen, daß auch in Deutschland die öffentliche
Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze
Situation sehr erheblich verschlimmert werden würde.“

Der König hatte die letzten Worte mit etwas erhöhtem Tone gesprochen,
ohne daß indeß von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher
Höflichkeit verschwunden war.

„Ich möchte Eure Majestät bitten, zu berücksichtigen,“ erwiderte
Benedetti, „daß der Herzog von Gramont sich in einer auf's höchste
aufgeregten Versammlung befand und daß es ihm vor allen Dingen darauf
ankommen mußte, jede aufreizende und gefährliche Discussion
abzuschneiden und deshalb eine Erklärung abzugeben, welche dieser
Versammlung versicherte, daß für den Fall einer Gefährdung der Ehre und
der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine
feste und entschiedene sein werde. Eure Majestät werden anerkennen, daß
die Erklärung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden
Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle
Erörterungen auszuschließen, welche den guten Beziehungen zu Preußen,
auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen,
hätten gefährlich werden können.“

Der König schüttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese
Argumentationen des Botschafters nicht.

„Ich begreife nicht,“ sagte er, „wie die Ehre und die Interessen
Frankreichs durch den Entschluß des Prinzen von Hohenzollern berührt
werden können. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluß geführt
haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe
begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil
genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen
kann. Und ich will nicht annehmen,“ fügte er mit scharfer Betonung
hinzu, indem er voll Würde und Hoheit den Kopf emporhob, „daß der Krieg
aus einem Fall sich entwickeln könne, bei welchem gar keine europäische
Macht betheiligt ist.“

Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie
abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief:

„An eine solche Eventualität, Majestät, auch nur zu denken, kann mir
nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist
schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versöhnliche und
allgemein befriedigende Lösung der so plötzlich entstandenen
Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lösung zu gelangen,
bin ich beauftragt worden, Eurer Majestät alle diejenigen Gesichtspunkte
darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von
Hohenzollern dringend zu wünschen.“

„Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen,“ sagte der König, „daß es mir
unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen
Königskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur
zu wünschen, indeß muß ich ihm schon deßhalb, weil er nicht unmittelbar
zu meinem königlichen Hause gehört und kein preußischer Prinz ist, die
volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurückzuziehen.
Indeß,“ fügte er hinzu, „um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine
allseitig befriedigende Lösung wünsche, kann ich Ihnen mittheilen, daß
ich sogleich, als ich von der großen Aufregung in Frankreich
unterrichtet worden bin, mich mit dem Fürsten Anton, der sich in
Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn über seine und
des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie über
die in Frankreich durch den Entschluß des Prinzen Leopold
hervorgerufenen Aufregung dächten.

Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Erörterung über den
Gegenstand zu beseitigen geneigt wären, so würden ja dadurch alle
Schwierigkeiten gehoben, — einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auszuüben,
aber halte ich mich nicht für berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber
Graf, daß ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige
Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen über die
Beschlüsse des Fürsten Anton und seines Sohnes haben werde.“

Der König sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, daß
er die Unterredung für beendet halte.

Benedetti verneigte sich tief, ohne indeß aufzustehen und sagte:

„Ich muß mir erlauben Eurer Majestät ehrerbietigst zu bemerken, daß die
Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und
der Presse gegenüber, in großer Verlegenheit befindet und dringend
wünschen muß, so bald als irgend möglich bestimmte Erklärungen über die
endgültige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu können. Eure
Majestät würden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir
ungefähr den Zeitpunkt bezeichnen könnten, bis zu welchem Sie im Besitz
der zu erwartenden Nachricht sein können.“

Der König sann einen Augenblick nach.

„Ich kann den Telegraphen nicht benutzen,“ sagte er dann, „ich habe hier
in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton
correspondiren kann. Ich weiß auch nicht ganz genau, wo der Prinz
Leopold sich in diesem Augenblick befindet, — indeß kann es unmöglich
lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde
Sie dann sofort benachrichtigen.“

Benedetti erhob sich.

„Ich stehe zu Eurer Majestät Befehl,“ sagte er, „und habe nur noch den
dringenden Wunsch auszusprechen, daß Allerhöchstdieselben mich bald in
die Lage setzen möchten, meiner Regierung die glückliche und
befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu
können.“

„Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser,
indem er Benedetti die Hand reichte, „und hoffe, daß Ihr Aufenthalt hier
in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlängere,
und daß Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen
können.“

Mit tiefer Verneigung verließ Benedetti das Cabinet, begab sich durch
das Vorzimmer in den länglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits
die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten.

Der König klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit
hatte Seine Majestät die Toilette für das Diner beendet.

„Rufen Sie mir Abeken noch einmal,“ sagte der König.

Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls
zum Diner angekleidet in das Zimmer.

Ernst und sinnend sagte der König:

„Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von
Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden, — es ist in dem
Allen ein Hintergedanke, ich fühle das an dem ganzen Wesen Benedetti's,
er macht mir den Eindruck, daß er schärfere Instructionen hat, als seine
Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mühe, die man sich giebt,
um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu
machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor — und
je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich
meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewähren. Jedenfalls
telegraphiren Sie nach Berlin, daß Bismarck hierher kommen möge; wenn
die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muß ich ihn doch bei
mir haben. Auch wäre es gut,“ fügte er hinzu, „wenn Moltke von seinem
Urlaub zurückkäme, es ist immer besser, für alle Fälle vorbereitet zu
sein, als überrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich
alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind.“

Der Geheime Legationsrath ging hinaus.

„Sollte es möglich sein,“ sprach der König mit tiefem Sinnen an das
Fenster tretend, „daß auch dieser Kampf mir noch beschieden wäre? Die
Mahnung an das Standbild meines Vaters — an das eiserne Kreuz ließen so
lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten
heraufsteigen, — nun,“ sagte er den Blick über die grünen Bäume hin zum
Himmel richtend, „in dieser Mahnung liegt auch die Bürgschaft für die
Zukunft Preußens und Deutschlands, — wenn Gott den Kampf beschlossen, so
wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!“

Die Thür des Cabinets wurde geöffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher
trat ein, meldete Seiner Majestät, daß das Diner servirt sei und schritt
dann dem Könige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das
Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt
waren.

Der König grüßte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den
Speisesaal voran, in welchem die königlichen Jäger in ihrer
geschmackvollen grünen und silbernen Livree zum Service bereit standen.

Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestät Platz, der König unterhielt
sich mit ihm während des ganzen Diners in so liebenswürdig, freundlicher
und unbefangener Weise, daß alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen,
es könnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont
bestehen, und daß diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender
Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen
hatte.



Siebentes Capitel.


Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St.
Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbäumen hüllte sich in dunkle Schatten,
als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloß einfuhr.

Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements
des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden
Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde.

Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem
flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster
mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des
sinkenden Tages hineindrangen.

Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurückgezogen
und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte,
lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen
elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls
hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre
rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far
niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige
Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden
schien.

„Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht
mitzutheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „und Ihre Befehle zu
erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt
werden soll.“

Der Kaiser athmete wie erleichtert auf.

„Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt,“ fragte er.
„Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?“

„Der Prinz von Hohenzollern, Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „hat
seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um
mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der
König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen
Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese
Verzichtleistung autorisire.“

„Ah,“ sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, „unser energisches
Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen.“

„Wie immer, Sire,“ sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer
Befriedigung, „für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit
immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch
unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor
ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs
noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher
man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen
europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer
Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck
scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns
verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche
sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in
Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht
Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir
errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das
richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich
überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß
Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von
Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die
Politik einzugreifen.“

„Sehr gut, sehr gut,“ sagte der Kaiser, „das wird einen vortrefflichen
Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne
alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu
Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er
mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei.
Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als
Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer,
und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer
glänzendere Resultate folgen werden.“

Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit
strahlendem Lächeln ergriff.

„Es kommt nun darauf an,“ fuhr der Kaiser fort, „die Fassung der
Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses für die Kammer und die
Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu
schicken, aber ich glaube, Sie müssen sogleich nach Paris zurückkehren,
sich mit Ollivier darüber zu verständigen. Er ist ja Meister in der
Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklärung auf, welche in solenner
Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preußen zu verletzen, im
Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck für die Weisheit und das
Entgegenkommen des Königs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht
stellt.“

„Ollivier,“ erwiderte der Herzog, „hat die Nachricht bereits privatim im
Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung
darüber war allgemein.“

„Um so besser,“ sagte der Kaiser, „wird morgen die feierliche Erklärung
aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie
mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen — auf
Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben,“
fügte er lächelnd hinzu, „hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen,
um sich in ländlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu
erholen.“

Der Herzog empfahl sich Seiner Majestät und verließ immer das stolze
zufriedene Lächeln auf den Lippen das Cabinet.

Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend
nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff
dann eine neue Cigarre, um sie anzuzünden und sich abermals der durch
den Besuch seines Ministers unterbrochenen Träumerei zu überlassen.

Da öffnete sich schnell die Thür, General Favé erschien und sagte:

„Der österreichische Botschafter bittet Eure Majestät, ihn empfangen zu
wollen.“

Verwundert blickte der Kaiser auf.

„Metternich,“ sagte er, „zu dieser Stunde? Was kann er bringen? — bitten
Sie ihn, einzutreten.“

Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige
Schritte dem Fürsten Richard Metternich entgegen, den der General in das
Cabinet führte.

Der Sohn des großen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke
der österreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa
in seinen Händen gehalten hatte, war damals ungefähr zwei und vierzig
Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung,
die Fülle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen
keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die
leicht gelockten, dünn gewordenen Haare herabfielen, war von einem
starken, lang hinab hängenden Backenbart umrahmt; seine edel
geschnittenen Züge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser
Heiterkeit, während seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend
umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige
Aufregung — ernst erwiderte er die Begrüßung des Kaisers und sprach,
indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenüber setzte, mit leicht
erregter Stimme:

„Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, noch in so
vorgerückter Abendstunde um Gehör zu bitten; aber die beunruhigenden
Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfüllen, machen es mir
zur Pflicht, mich unverzüglich des Auftrages zu entledigen, welchen der
Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben
ertheilte.“

Der Kaiser lächelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach:

„Sie wissen, lieber Fürst, daß Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und
erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu
machen hätten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu
meinen Freunden gehört der Fürst Metternich ebenso sehr als der
Botschafter des Kaisers von Oesterreich.“

Der Fürst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung für die freundlichen
Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher
fort:

„Das gütige Wohlwollen Eurer Majestät, von welchem ich schon so viele
Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen
die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, daß Sie auch dem, was ich Ihnen
zu sagen habe, ein gnädiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire,“
sprach er weiter, „die Regierung meines allergnädigsten Herrn kann sich
der Besorgniß nicht erwehren, daß die Erörterungen, welche zwischen
Frankreich und Preußen in diesem Augenblick über die Hohenzollersche
Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der
Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer ähnlichen Aufregung
in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefährlichen Catastrophen
führen möchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner großen
Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestät gegenüber zu constatiren,
daß die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen
großen Fragen die gleichen seien, und daß eine gleichmäßige Behandlung
aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche
Versicherung hat auch der Herzog von Gramont während seines Aufenthalts
in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten.“

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

„Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten,“ fuhr der Fürst
Metternich fort, „dem Herzog gegenüber auch ganz bestimmt betont, daß
Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer
militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen
könnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit
die Zukunft der österreichischen Monarchie auf das Höchste zu gefährden,
und daß es deßhalb für die österreichische Politik geboten sei, überall
und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche
geeignet wären, kriegerische Consequenzen herbeizuführen. Der
_gegenwärtige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preußen
schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die
Befürchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin deßhalb
beauftragt, Eurer Majestät bestimmt zu erklären, daß Oesterreich, wenn
aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen
entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active
Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen.“

Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann
sagte er.

„Mein lieber Fürst, die Erklärung, welche Herr von Beust mir da durch
Sie abgeben läßt, überrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht,
dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem
Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten
Identität der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs
übereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit
Preußen gerathen, so würde, scheint es mir, der Augenblick gekommen
sein, in welchem jene Identität der Interessen sich practisch zu
bethätigen hätte, — wenn sie überhaupt irgend eine Bedeutung haben
soll, — und Oesterreich müßte doch in der That mit Freuden eine solche
Gelegenheit begrüßen, welche ihm die Möglichkeit bietet, ohne große
eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn
herein eine solche Gelegenheit ausschließen zu wollen, scheint mir nicht
im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklärung
öffentlich abgegeben wird, — wenn sie auch andern Cabinetten bekannt
wird,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „so wird das sehr wenig
dazu beitragen können, die nachdrückliche Vertretung der Interessen
Frankreichs zu unterstützen.“

„Sire,“ erwiderte der Fürst Metternich, „nach meiner Ueberzeugung,
welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, würde es
allerdings Eventualitäten geben, unter denen es für Oesterreich
vortheilhaft, ja geboten erscheinen könnte, im Verein mit Frankreich
Preußen von der 1866 eroberten Stellung zurückzuwerfen, — eine solche
Eventualität könnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des
Conflicts Oesterreich das Recht und die Möglichkeit gebe, in demselben
Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges
einigermaßen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der
Fall. Der einzige Kriegsgrund für Oesterreich könnte in einem Eingriff
Preußens in die unabhängige Selbstständigkeit der Süddeutschen Staaten
liegen; bei einem solchen Kriegsgrund würde ein großer Theil der
deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf würde die
großen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung
Frankreichs, welche damals die Verhältnisse Eurer Majestät unmöglich
machten. Gegenwärtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die
Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fürst, und wenn
Preußen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der
Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so würde
das Nationalgefühl sich auf die Seite Preußens stellen, und eine
Alliance Oesterreichs mit Frankreich würde in diesem Falle nur dazu
beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk
erscheinen zu lassen, das heißt, uns jede moralische Unterstützung zu
rauben, welche in einem solchen Kampf unumgänglich nothwendig ist.
Außerdem aber, Sire,“ fuhr er fort, „sind die Chancen des Erfolges, wie
es mir scheint, äußerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen
sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus
diesem Grunde würde Oesterreich zu einer nachdrücklichen Kriegführung
kaum im Stande sein —“

„Man würde aber doch,“ fiel der Kaiser ein, „lediglich durch eine
drohende Haltung große preußische Truppenmassen absorbiren.“

„Auch das ist nicht möglich, Sire,“ sagte Fürst Metternich seufzend,
„denn leider muß ich Eurer Majestät mittheilen, daß von Seiten Rußlands
uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung
gegen Preußen werde sofort gleiche Schritte Rußlands gegen unsere
Grenzen zur Folge haben. Damit würde also unsere Drohung wirkungslos
gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur
Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken.“

„Der Kaiser Alexander,“ fiel Napoleon ein, „hat sich aber doch
entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklärt und versichert
außerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner
Sympathien gegen Frankreich.“

„Das Alles wird nicht hindern, Sire,“ sagte der Fürst Metternich, „daß
wenn es wirklich zum Conflict kommt, Rußland sehr entschieden auf die
Seite Preußens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich
verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwöre also Eure
Majestät,“ fiel er lebhafter sprechend fort, „glauben zu wollen, daß
Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen
können — ich bitte Eure Majestät inständigst, in dieser ganzen Sache
keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten führen kann, denn
Eure Majestät würden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten
deutschen Nationalgefühl gegenüber befinden, welches, von Preußen
organisirt, ein furchtbar gefährlicher Gegner sein wird.“

„Glauben Sie,“ sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf
Metternich richtend, „daß das deutsche Nationalgefühl in Baiern und
Würtemberg sich jemals für Preußen wird erheben können, da man dort doch
einsehen muß, daß wenn man unter preußischer Führung gegen Frankreich zu
Felde zieht, man für immer die eigene Selbstständigkeit aufgiebt. Man
hat mir berichtet,“ sagte er, „daß die Stimmung in jenen Staaten sehr
preußenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fürst, haben mir früher
Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ändern können?“

„Es wird sich ändern, Sire,“ sagte der Fürst, „und hat sich zum Theil
schon geändert, und von Berlin aus wird mit großer Geschicklichkeit
gearbeitet, um der öffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs
gegenüber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der
ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure
Majestät, die Süddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preußen
gehen — die Süddeutschen Fürsten zunächst, sie haben im Jahre 1866
gesehen, wie unerbittlich Preußen mit seinen Feinden verfährt, und um
sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, müßten sie eine große
Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewißheit des Sieges oder
wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewährt.“

Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken.

Fürst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine großen, klaren und
ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten
Thränenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er:

„Eure Majestät haben die Gnade gehabt, die Gefühle der tiefen
persönlichen Ergebenheit, welche ich für Allerhöchstdieselben hege,
anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire,
jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als
treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiß sehr gut,“ fuhr er
fort, „daß die Strömung der öffentlichen Meinung Frankreichs in diesem
Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiß ebenso gut, Sire, daß viele
Personen in Ihrer Umgebung — in Ihrer nächsten und unmittelbaren
Umgebung,“ fügte er mit Betonung hinzu, „sich die angelegentlichste Mühe
geben, jene Richtung der öffentlichen Meinung zu unterstützen und Eure
Majestät in gefährliche Unternehmungen hineinzudrängen, welche nach
meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglück
Frankreichs und zum Unglück Eurer Majestät ausschlagen können. Preußen
ist furchtbar gerüstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen
Frage hinter Preußen stehen und die Eurer Majestät feindlichen Parteien
in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit
zurückgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mißerfolges im
Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag
gegen das Kaiserreich zu führen. Ebenso wie man in Italien nur darauf
wartet, sich Roms zu bemächtigen. Allen diesen Gefahren gegenüber werden
Eure Majestät isolirt da stehen, keine der europäischen Mächte wird sich
Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure
Majestät, zu glauben, daß die Erklärung, die ich Ihnen als Botschafter
gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fürst Metternich giebt Ihnen sein
Wort darauf. Oesterreich wird nicht für Eure Majestät Partei nehmen,
weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun
kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu
geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint,
so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos
bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg
mit Deutschland, da auch der günstige Ausgang desselben nur dahin
führen könnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im
Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese
wichtigste militairische Hülfsquelle Oesterreichs ist jede Action für
uns unmöglich — ich bitte Eure Majestät,“ fuhr er fort, „dies als ganz
gewiß anzunehmen, — Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestät
und tiefe Sympathie für Frankreich. Täuschen sich aber Eure Majestät
nicht über die Bedeutung von Aeußerungen, welche diese seine Gefühle ihm
eingegeben haben können. Unter andern Umständen, wenn Frankreich
vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, würde Oesterreich bei einer
französischen Alliance auf die Unterstützung Ungarns rechnen
können, — gegen Deutschland niemals, — am allerwenigsten in einer Frage,
in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht.
Eure Majestät,“ fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, „kennen meine
aufrichtige und liebevolle Ergebenheit für Ihre Person, Eure Majestät
haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens
ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die
überlegene Schärfe Ihres Geistes — es ist die tiefe Ergebenheit, die
aufrichtige Liebe für Eure Majestät, welche mir die Worte in den Mund
legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hören Eure Majestät die
Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rücksicht auf meine Eigenschaft
als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte.
Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den
gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drängen möchte und an dessen
Ende kaum ein glücklicher Ausgang zu erwarten ist.“

Der Fürst schwieg.

Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswürdigen
Lächeln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick
erleuchtete.

„Ich danke Ihnen, mein lieber Fürst,“ sagte er, „für die Aufrichtigkeit
und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und
Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen für mich machen mich
stolz, — doch,“ sagte er dann, „Sie beunruhigen sich ohne Noth, die
Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht
mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurückgezogen.“

Fürst Metternich athmete erleichtert auf.

„Ich hörte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris,“ sagte er. „Ist
die Nachricht bereits offiziell angekommen?“

„Olozaga,“ sagte der Kaiser, „hat die Mittheilung im Auftrage der
spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit
scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen
wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europäische
Diplomatie,“ fügte er lächelnd hinzu, „kann wieder ruhig baden und
Brunnen trinken.“

Der Fürst Metternich schwieg einen Augenblick, als zögerte er, einen
Gedanken auszusprechen, der ihn beschäftigte.

„Sire,“ sagte er dann, „die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach
Andeutungen, die ich hier und da gehört habe, mit der Lösung der Frage
noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren
Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und
aufzuregen suchen, und da, wie ich weiß, auch in Deutschland bereits die
Geister sich zu entflammen beginnen, so könnte leicht irgend ein
Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage
stellt. Ich bitte, Eure Majestät, aus der Erklärung, welche den Kammern
gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeußerung gegen
Preußen fern halten zu lassen, damit ein für allemal alle
Auseinandersetzungen über den Gegenstand aufhören. Graf Bismarck,“ fuhr
er fort, „hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen
günstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick könnte er aber kaum
finden, und man muß ihn nicht in die Versuchung führen, durch einen
großen Aufschwung des Nationalgefühls aus der Waffenbrüderschaft aller
deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden.“

Der Kaiser lächelte.

„Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fürst,“ sagte er, „ich habe Gramont
den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklärung über die
Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um
diese Stunde wird jede Besorgniß für die Störung des Friedens
verschwunden sein.“

Fürst Metternich stand auf.

„Ich verlasse Eure Majestät mit erleichtertem Herzen und bitte um die
Erlaubniß, sogleich nach Paris zurückkehren zu dürfen, um das so
erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu können.“

„Meine herzlichsten Empfehlungen der Fürstin,“ sagte der Kaiser, „ich
hoffe, Sie Beide in den nächsten Tagen hier zu sehen.“

Er drückte dem Fürsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach
der Thür hin.

„Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern,“
sprach er leise, als er allein war „soll das Prestige Frankreichs wieder
hergestellt sein, sagt man mir, — sehr gut, wenn die öffentliche Meinung
dies glaubt. Leider,“ fuhr er seufzend fort, „ist es nicht der Fall,
jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestände, so
würde Österreich nicht zögern, in diesem Augenblick frei und offen auf
die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg
in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht
Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht, — auch Metternich
nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es
früher war, wieder herzustellen, gäbe es nur ein Mittel, und dies Mittel
wäre der Sieg — aber,“ sagte er düster vor sich hin starrend, „wo ist die
Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkämpfen könnte, — — wenn er mir
entginge — —“

Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen.

„Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein,“ sagte er dann, „über die so
friedliche Lösung — sie glaubt an den Sieg — ich will ihr selbst die Sache
sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die
Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt.“

Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin.

Der Huissier öffnete die Thür.

Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen
Schwelle ihn die Kaiserin empfing.

Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner
Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er
neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art
bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den
Herzog von Gramont.

Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des
Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren
von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich
erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und
etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle
Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter
hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen
hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger
und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die
hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig
hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung
einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen.

Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in
welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog
von Gramont.

„Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog,“ sagte
er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen
war.

„Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu
verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben.“

„Der Herzog,“ fiel die Kaiserin schnell ein, „wollte vor seiner Rückkehr
mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung
des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten,
um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der
Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den
Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem
Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem
Augenblick zu fassen hat.“

Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte
immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme.

„Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?“

Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem
Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit
gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend.

„Sire,“ sagte dieser, „ich habe mir erlaubt, der Kaiserin
mitzutheilen, — und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät
haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen, — daß die Nachricht von
der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur
in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den
Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den
befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei
dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät
voraussetzen muß.“

„Nun,“ sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, „die
Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden, — — vor der
Intervention Frankreichs verschwunden, — ich begreife nicht, — —“

„Niemand in Frankreich, Sire,“ fiel der Baron Jérome David rasch und
lebhaft ein, „hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es
verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der
Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden
könnte. — Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der
freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die
Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren
Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen
Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige
von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich,
das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur
darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der
französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch
die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht
aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen
uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von
Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich
dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine
Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht
jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische
Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die
Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden. — Ohne eine
Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer
Interessen für die Zukunft aber,“ — fuhr er laut mit entschiedenem Tone
fort, „wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloße
einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold
wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn
die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein
Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte
Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät
wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst
so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist.“

„Aber welche Genugthuung, welche Garantien,“ fragte der Kaiser,
„könnten denn gegeben werden?“

Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr
Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte.

„Sire,“ antwortete Jérome David, „die Beleidigung Frankreichs bestand
darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine
Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft
besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick
wieder aufgenommen werden kann, — dem entsprechend muß die Genugtuung und
diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung
darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er
habe dem Prinzen befohlen und — zwar mit Rücksicht auf die Intervention
Frankreichs — von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand
zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter
erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz
auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung
vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein,
jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen
und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die
kaiserliche Regierung richten.“

Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete
er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont.

„Sire,“ sagte dieser, „ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David
die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe
die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als
ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen
Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung
des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit
gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit
abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten
Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft
beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne.“

„Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben,“
fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, „wird das Corps legislatif und
die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen.“

Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen.

„Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,“
sagte er leise.

Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus
ihren Augen.

„Glauben Sie denn,“ sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend,
„daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu
erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht
noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich
immer mehr echauffire.“

„Ich bin überzeugt, Sire,“ sagte der Herzog, „daß nichts leichter sein
wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn
man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat,
die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät
und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen
Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als
Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche
nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und
sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache
dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick
zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die
geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der
öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen
Regierung wird darstellen können. Denn,“ fügte er lächelnd hinzu, „diese
öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben,
welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften
als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt.“

„Die Sache müßte aber durchaus,“ sagte der Kaiser, „in aller
vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein
ernster Conflict daraus entsteht.“

„Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde,“ rief die Kaiserin,
welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, „wollen wir
davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in
Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen
Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht
und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit
vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem
Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee
ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie
noch immer die erste in Europa ist.“

„Was sagt der Marschall Leboeuf,“ fragte der Kaiser den sinnenden,
sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet.

„Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich,“
erwiderte der Herzog, „er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis
darüber liefern —“

„Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher,“ rief die
Kaiserin, „um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und
ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen.“

„Österreich,“ sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den
Herzog von Gramont richtend, „glauben Sie, daß wir auf Österreich
rechnen können — Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen
werden,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu.

„Sire,“ sagte der Herzog lächelnd, „Fürst Metternich sagt, was er sagen
soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung
Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner
Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein
ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im
ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon
weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach
den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber“ —

„Die sehr schnell kommen werden,“ rief die Kaiserin.

„Nach diesen ersten Niederlagen, Sire,“ fuhr der Herzog fort, „wird
Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland
die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der
vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und
das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu
machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem
Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt
werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es
in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu
construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für
Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der
Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat.“

Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz
auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der
Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf
wieder matt herabsinken und sprach:

„Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten — und wer giebt mir die
Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von
welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr
gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an
einheitlicher Organisation.“

„Der Oberst Stoffel,“ sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin
zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, „ist ein wenig
geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck,
durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt — er
sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den
Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen —“

„Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen,“ sagte Napoleon, — „auch beweisen
die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze
militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er
namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten
Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt —“

„Vielleicht aber hat er vergessen,“ sagte die Kaiserin heftig, „daß dem
Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der
französischen Armee steht —“

„Und das,“ fiel der Baron Jérome David ein, „in einem solchen Kriege der
gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee
stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der
Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und,“ fügte er hinzu,
„wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue
gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können.“

Der Kaiser sah ihn fragend an.

„Diese Macht, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „ist die
Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie
ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem
Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß
die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie
das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen
die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde
das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch
gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie
geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire,
welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle
Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die
preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen.“

Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl.

Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt.

„Und wenn dann, Sire,“ fuhr der Baron David fort, „die französische
Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel
genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang
ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein.“

Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich
mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick:

„Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird — zu dem
es nicht kommen soll,“ fügte er mit fester Stimme hinzu. „Doch in Ihrer
Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke
Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an
die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph
sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung
schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der
Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen
Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich
werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie,
daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt — das Plebiscit,
die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen — das wird
ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV — das wird die Krönung
meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich,“ sagte er zum Herzog von
Gramont gewendet, „den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung
vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und
sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der
Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den
Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine
Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen
Meinung gewährt — dann wird sich Alles leicht erledigen.“

Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast
höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie
wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück.

„Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire,“ sagte der Herzog
von Gramont, „ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti
abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn
darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe,
baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen.“

„Thun Sie das, Herr Herzog,“ sagte der Kaiser, „und vergessen Sie nicht,
Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit
anzuempfehlen.“

„Und ich, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „werde dafür sorgen, daß
morgen in Paris die Marseillaise erklingt, — man wird sich in Berlin
erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn
dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die
kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden.“

Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das
Cabinet.

„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur
Kaiserin wandte, „Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden
einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges
auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik
dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute
Abend noch empfangen?“

„Nur meinen kleinen Cirkel,“ antwortete die Kaiserin leicht hin und
etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres
erfüllten.

„Ich bin ermüdet,“ sagte der Kaiser, „und bitte Sie, mich zu
entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen,
die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe.“

Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer
zurück.

„Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!“ rief die Kaiserin, als sie
allein war. „Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den
Kampf nicht wagen. Nun,“ fuhr sie mit flammendem Blick und einem
stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, „die Verhältnisse werden
mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er
nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen
auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich
endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird,
und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und
die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird
trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen — dieser Krieg, der mein
Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz
Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um
meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden
werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein, — wo man ihn
niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu
behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut
des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine
Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen
waren. — Die Stunde der Entscheidung naht — sie wird den Sieg bringen — und
dieser Sieg wird Mein sein!“

Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick
auswärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht.

Dann bewegte sie die Glocke.

„Man soll den Thee serviren,“ befahl sie dem Kammerdiener, „ich lasse
meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten.“



Achtes Capitel.


Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich
kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück.

Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen.
Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn
erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und
öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt,
um die Depeschen zu dechiffriren.

Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene
gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche
sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt
schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser
Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen
blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin.

„Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,“ sagte er,
„ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man
ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist
ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen — den Bruch — das heißt
einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das
heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter,
welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben.

Was will man in Paris?“ fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn
legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. „Will man den
Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, — er
hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt
die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den
Krieg wollen — warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und
undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare
Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er
erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen
Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer
klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem
würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,“
sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße
hinabblickte, „ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das
erste Ziel meiner Mission erreicht — die Zurücknahme der Hohenzollerschen
Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive
die Forderungen — giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande
wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu
führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft
eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben
werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht
zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich
größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte,
wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in
Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen
Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade
gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn
sie nicht erfüllt wird,“ sagte er seufzend, „nachdem man einen so
starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist
der Krieg unvermeidlich — die Welt wird diesen Grund desselben kaum
verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen
und Plan zu demselben hingetrieben werden.

Was telegraphirt der Herzog?“

Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem
Botschafter.

Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie
auf den Tisch.

„Die Festigkeit meiner Sprache,“ sagte er bitter lächelnd, „soll nicht
dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn
in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem
Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in
unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann
doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte,
welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch
machen, — vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den
Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht
entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in
Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers
wirklich ist, den Frieden zu erhalten.“

Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs
von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz
Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch
geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer.

Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und
undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit
verbindlicher Höflichkeit entgegen.

„Seine Majestät der König,“ sagte dieser im artigen Ton, „hat mich
beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage
befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können,
da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir
zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß
Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und
zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu
der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt
betrifft, eine Verpachtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich
Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen,
welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe.“

Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger,
klarer Stimme sprach er:

„Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir
diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde
dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich,“ fuhr er in
demselben ruhigen Ton fort, „Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs
des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog
von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue
Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als
ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene
Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die
ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte
um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner
Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen
gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich
aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen.“

„Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner
Majestät auszurichten,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „und werde nicht
verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen.“

Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und
stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem
Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer.

„Der Krieg liegt in der Luft,“ sagte er dann, indem er sich seufzend an
seinen Secretair wandte. „Ich kenne die Höfe, ich fühle, — ich weiß, was
geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen — er hat sein
letztes Wort gesprochen.“

„Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,“
rief der Secretair mit blitzenden Augen, „so ist das allein ein Grund
des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation
anerkennen wird.“

„Sollte es das sein?“ sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den
Kopf schüttelte, „das würde freilich die nationale Entrüstung
entflammen. Aber,“ fuhr er fort, „würde darum der Kriegsgrund besser
werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft,“ sagte er
dann, „und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des
Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf
Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken.“ — Er ließ das
Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich
schweigend und gedankenvoll zu Tisch. —

       *       *       *       *       *

Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den
Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé
niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn
nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und
abgespannten Nerven zu finden.

Endlich, es war bereits Abend — die Zeit des Diners des Königs war
vorüber — wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet.

Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck
unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem
Adjutanten des Königs entgegentrat.

Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem
dieser dem Botschafter sagte:

„Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich
verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen
angeregten Punkt — betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die
Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät
Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort
in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich
lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten.“

Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster
Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten
des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen
Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines
Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine
Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann
mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war.

„Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur
noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von
welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten
ist.“

„Soviel mir bekannt geworden,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „hat der
Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls
wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein.“

„Dann bitte ich Eure Durchlaucht,“ sagte Benedetti, „Seiner Majestät zu
sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den
Erklärungen des Königs beruhigen wolle.“

Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür
und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen.

„Der Würfel ist gefallen,“ sagte er mit düsterem Ton, „das Verderben ist
entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der
Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.“

Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair.

„Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,“ sagte er im ernsten Ton, „meine
Mission hier ist zu Ende. Doch,“ fuhr er fort, „ich will bis zum letzten
Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das
Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten,
das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen
Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von
Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form
und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem
Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von
dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen
freundlichen Abschied zu nehmen.“

       *       *       *       *       *

Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten
von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten,
war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen
Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung,
welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch
dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte
auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so
freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu
sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti
täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit
in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln
verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters
und der König war ruhig und heiter wie immer.

Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des
Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin
leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder
nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man
erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag
zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis
zurückzukehren.

Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold
von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf
Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit
erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden
vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade
nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die
Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten
Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder
den kleinen Ereignissen des Tages zu.

Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit
ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre
Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften
Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die
Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem
prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst
dort noch nicht gesehen worden war.

Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu
sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie
ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man,
wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen,
der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten
Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen
seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem
Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine.

Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit
dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt
waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu
erfahren — die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange
Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast
feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag,
einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den
nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug,
daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet
seien.

Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt
sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade.

Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt,
und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast
alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die
Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so
glänzend begonnenen Saison entgegen.

Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die
Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt
mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus
dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die
ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden
geschmückt worden war.

Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach
Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck
wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen
königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen.

Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische
Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen
heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend
auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug,
das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit
den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig
freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten
ansah.

Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und
hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen
standen an den Thürschlägen.

Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende
Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran,
er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill
begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige
entgegen und meldete, daß Alles bereit sei.

Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest,
und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine
Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten
hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem
Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne
Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im
Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen.

„Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen,“ sagte er. „Sie werden viel zu
thun finden, — unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des
hochseligen Königs,“ fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, „werden nun
wohl für längere Zeit vertagt bleiben.“

„Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben
werden, Majestät,“ erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, „das
lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in
jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit
lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder
durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des
eisernen Kreuzes „Mit Gott für König und Vaterland.“

Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weiße Band
des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der
Hand berührte, sagte er halb laut:

„In diesem Zeichen werden wir siegen.“

Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief
verneigenden Grafen Benedetti.

„Sie haben gewünscht, Herr Graf,“ sagte der König mit freundlicher
Höflichkeit, „sich von mir zu verabschieden — leben Sie wohl.“

Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck
seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige
Bewegung auf seinem Gesicht.

„Ich danke Eurer Majestät,“ sagte er mit leicht zitternder Stimme, „daß
Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke
Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das
Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an
Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden.“

„Die Zukunft liegt in Gottes Hand,“ sagte der König mit fester Stimme,
und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des
Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des
Gefolges ihn erwarteten.

„Kommen Sie zu mir, lieber Abeken,“ sagte der König, „wir haben
unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle
ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können.“

Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große
Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart,
welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran,
und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den
Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und
hinter demselben einnahmen.

Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und
winkte grüßend mit der Hand.

Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen
Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während
der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen,
friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald
hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um
von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und
seines Landes.

Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und
blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus,
während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um
ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen.

Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich,
eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor
der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu
nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte.

„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, „sogleich zu
Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München
ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt
hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät
die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt.“

Der Blick des Königs leuchtete freudig auf.

„Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht,“ sagte er,
„sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort
vielleicht Preußen nicht zu sehr — aber jetzt wo Deutschland in den Kampf
tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun
Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von
nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte
Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die
deutsche Armee ins Feld ziehen —“

„Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät,“ sagte der Geheime
Legationsrath, „so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große
Mission vollenden.“

Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem
die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen.

„Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig,“ sagte er nach
einigen Augenblicken, „ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in
allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit
zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig,
und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen,
gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?“

„Noch nicht,“ sagte der Geheime Legationsrath Abeken, „doch hat Herr von
Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht
zu zweifeln sei.“

„So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich
einig,“ sagte der König, „die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte
Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die
deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu
neuem Glanz erheben sollen.“

„Alles vereinigt sich,“ sagte der Geheime Legationsrath, „um die
Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu
bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs
einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der
freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der
Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher
berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen
Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der
Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren
Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden
und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und
ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu
können.“

„Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund,“ sagte der König. „Er
erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und
Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen
und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer
einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben
müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen.“

Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die
Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche
Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen
Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath
St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren
Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken
trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von
der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in
allen Gebieten des weiten Vaterlandes.

Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des
Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das
einfache Reiseservice.

Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas
kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen
Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer
Arbeit wieder zu ergänzen.

Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb
reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es
auf einen kleinen Teller.

„Ein Glas Wein,“ befahl er dann.

Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux.

Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so
ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer
eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte.

„Halten Sie einen Augenblick ein,“ sagte der König mit freundlichem
Lächeln, „mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch
leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein
wenig an das Campagneleben gewöhnen.“

St. Blanquart stand ganz erschrocken auf.

„Majestät,“ sagte er, „welche Gnade — Eure Majestät denken selbst an
mich —“

„Soll ich denn nicht an meine Diener denken,“ sagte der König, „die Tag
und Nacht für mich arbeiten — nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel
Zeit zur Ruhe.“

Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die
Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er
gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren
ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das
Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen.

Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König
von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer
lebhafter und begeisterter wurden.

„Krieg! Krieg gegen Frankreich!“ hörte man fast überall.

Dazwischen ertönten einzelne Stimmen:

„Nach Paris! Nieder mit Napoleon!“

Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des
Volkes.

Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die
Menschenmenge hin.

„Sie rufen nach Krieg,“ sprach er leise, „sie bewegt die patriotische
Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber
Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem
gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das
entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort
mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe
treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen
ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja
der beste Segen Gottes!“

Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in
Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus
begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf
gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen
begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens.

Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den
Platz hin.

Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille
trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps
begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen.

Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des „Heil Dir im
Sieger-Kranz“, das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien
in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie
fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster
neben seinem Sessel stand.

„Es ist die Wacht am Rhein, Majestät,“ sagte der Geheime Legationsrath.

Still schweigend blickte der König vor sich hin.

„Die Wacht am Rhein, — die Wacht am Rhein,“ sagte er tief sinnend,
während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen,
dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann. —

„Die Wacht am Rhein, — ja, ja, das ist es, das ist schön — das ist sehr
schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den
tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk
zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs.“

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber
die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll
und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle
diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden
Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus
der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem
Schnauben der Maschine in der Ferne verklang.

So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch
den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der
Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten.

Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof
der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort
versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf
dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als
kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den
Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an
seine Lippen führte.

Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen
Augenblick schweigend an die Brust.

„Ich hatte gehofft,“ sagte er dann ruhig und milde, „daß der Abend
meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft
Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, — Gott
hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk
nochmals zum Siege zu führen.“

Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich
wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs
fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck
und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief
bewegt entgegentraten.

„Der Augenblick ist da,“ sagte Graf Bismarck, „den wir so lange mit
aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte
Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel
zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser
großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu
vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den
europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so
großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei
Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen
werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.“

Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann
wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach
mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die
Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath
St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem
Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen.

„Nun, meine Herren,“ sagte der König, als der Zug sich in Bewegung
gesetzt hatte, „wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich
glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und
Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen
müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im
Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,“ fügte er
hinzu. „Aber,“ sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den
Kronprinzen richtend, „ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins
Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den
alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme
kämpfen mußte.“

„Und Alles ist vorbereitet, Majestät,“ sagte Graf Bismarck fast im
heiteren Ton, „um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern.
Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand
ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen
Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns,
sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen,
und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite
hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten
Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist
vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg
zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge
Neutralität Österreichs überwachen.“

Der König nickte mit dem Kopf.

„Wir werden weiter darüber sprechen,“ sagte er. — „Süddeutschland steht
ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?“

„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „trotz aller Agitationen
der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg
fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt
sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger
nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu
beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den
übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und
den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen.“

Der König blickte den Minister fragend an.

„Eure Majestät erinnern sich,“ sagte Graf Bismarck, „der schmählichen
Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten
gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die
nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an
Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands
ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir
Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens
die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit
man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert
werden sollten.“

„Ich erinnere mich,“ sagte der König.

„Nun, nun, Majestät,“ fuhr Graf Bismarck fort, „der innere, der wahre
Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin,
daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen
haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht
verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste
Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um
einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist
wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und
Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es
erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser
Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der
öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen,
wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen
wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs
Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser
unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache
vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische
Macht uns zugeführt werden.“

Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe.

„Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen
Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar
erkennt. — Ich habe auch,“ sagte er nach einigen Augenblicken, während
eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, „ich habe auch daran
gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken
und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen
zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen
habe.“

Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das
bewegte Gesicht des Königs.

„Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen,“ sagte der König, indem
er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen
niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen
Wimpern erglänzte — „das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen
und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder
erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle
Zeichen auch für Dich und Deine Generation,“ sagte er zum Kronprinzen
gewendet, „erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und
meinen Vater.“

„Und ich verspreche Dir,“ rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, „daß
ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir
erkämpft habe.“

Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den
König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß.

Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen
Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends
herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war
erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des
provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers.

Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der
Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit
prachtvollen Blumenbouquets in der Hand.

Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als
der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich
alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit
den Tüchern.

Der König und der Kronprinz stiegen aus.

In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel.

Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in
tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine
Lippen auf die königliche Rechte.

„Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee,
die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist.“

Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige
Augenblicke.

„Oh warum, Majestät,“ sagte er endlich in abgebrochenen Worten, „warum
gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder
heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird.“

„Nun,“ sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des
Feldmarschalls legend, „wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen
können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht
doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen,
ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der
Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege
führen wird. Ich werde,“ fügte er freundlich zu dem Feldmarschall
gewendet, hinzu, „das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die
Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen
können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben
haben.“

„Das freut mir von ganzem Herzen,“ sagte der Feldmarschall, indem sein
altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. „Das haben
Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist
von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da
gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die
Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem
Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: „Dir hat wohl lange
nicht die Nase geblutet.“ Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät,
und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem
Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt.“

Der König lächelte.

„Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so
weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns
Berlinern noch gute Wege.“

Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte
Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle
halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse.
Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der
städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten.

Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen
Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm
übergeben.

Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das
Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats
entgegennahm.

„Majestät,“ rief der Graf, „ich habe so eben ein Telegramm des
Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da.“

„Ist der Krieg erklärt?“ fragte der König.

„Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben,“ erwiderte Graf
Bismarck, „aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif
abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung.

„Ich bitte Sie, zu lesen.“

Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des
Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm
enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im
Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat.

„Der König weigert sich,“ las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, „die von
uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er
wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die
Verhältnisse zu Rathe zu ziehen.“

„Richtig,“ sagte der König leise vor sich hin.

„Trotzdem,“ fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, „brachen wir aus
Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere
Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich
geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe
das amtlich mitgeteilt.“

„Ist das geschehen,“ fragte der König.

„Nein, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „ein Telegramm darüber ist in
den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an
den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine
der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld
des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich
zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen.“

Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf
einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.

„Unter diesen Umständen,“ las Graf Bismarck weiter, „wäre es ein
Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine
Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns
anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der
Verantwortlichkeit hierfür überlassen.“

Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas
verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab
über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine
Gewohnheit war.

„General von Roon,“ rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche
zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen.

Der Kriegsminister trat heran.

„Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee,“ sagte der König im
festen Ton, „sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle.“

„Hurrah!“ rief der General-Feldmarschall von Wrangel. „Es lebe der
König!“

Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe
weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort.

„Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie,
General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen,“ sagte
der König.

Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem
Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm
überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die
jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter
anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal
auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin.

„Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher,
wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen,“ sagte er dann mit
bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais
eintrat.

Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt,
immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des
Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde,
in erneute Rufe ausbrechend.

Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen
der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit
ihm.

Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe.

„Meine Herren,“ sagte er, „Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu
gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten.“

„Der König will Ruhe,“ ertönte es unmittelbar durch die Massen hin.
„Nach Hause! Nach Hause!“

Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz.
Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des
„Heil Dir im Siegerkranz“ zu intoniren.

Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den
Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte,
zum nächtlichen Himmel auf, — dann wurde wieder Alles still.

Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend,
zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige
Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen
nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte.

Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur
in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches
die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem
Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des
Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus
der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen
Königs hin, — die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe
herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein
friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen
Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern
von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu
beweisen.



Neuntes Capitel.


Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des
alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen,
seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen
hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so
hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht;
sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie
hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu
ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser
Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem
Geliebten entgegengesehen.

Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß eine solche
Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Möglichkeiten der Verzögerung
sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefühl von
Traurigkeit sich oft gesagt, daß der junge Mann unter dem Eindruck der
Rückkehr in seine alte Heimath erfüllt von den lebhaften Gefühlen des
Wiedersehens seiner Mutter gezögert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte
sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich
sagte, daß ihm die Ordnung seiner Verhältnisse und die Erlangung der
Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines
Schicksals vielleicht schneller gelungen wäre, als er selbst es gehofft,
und daß er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine
Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle — damit
war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund
nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genügen
wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen
zerstörende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen,
bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als
der härteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglücksfall.

Wie die Blume vor dem mächtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt,
um es später wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blüthe
gebrochen wird, neue Blüthen treibt, so kann ein mächtiger Wetterschlag
des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer
und gewaltig erschüttern; aber nach dieser Erschütterung richtet sich
der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurück, und neues Glück, neue
Freude können unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher
Schicksalswendungen erwachsen.

Aber wie die Pflanze, der in dürrer Erde das Wasser entzogen wird,
langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender
Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blüthen die verdorrten Blätter,
langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben
aufrichten können, so tödtet und erstarrt das langsame erbarmungslose
Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn
es auch mechanisch in regelmäßigem Pulsschlag das Blut durch die Adern
treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie
wieder zurück, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhört, zu
schlagen.

So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glück und endlich die
Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mädchens, und wenn auch
die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen
Menschen Alles überlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schöpfer, der
sie in sein Geschöpf legte, — wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem
Herzen verschwand, so erfüllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht
und Wärme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie
die ewige Lampe in einem Grabgewölbe.

Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kräftigen Natur lebhaft
aufgebäumt gegen den Gedanken, daß der, den sie so sehr liebte und an
dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so
schnell habe vergessen können.

Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfüllt, immer und immer
wieder hatte sie Gründe für sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte
sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem
zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kämpfe, alle diese Qualen und
Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen.

Mit lächelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung
über das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gründe aufgesucht,
an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft
hatte sie sich den Tag über aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres
Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen;
sorgfältig hatte sie am Morgen ihre von Thränen und Nachtwachen
gerötheten Augen gekühlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu
verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie
zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei
fragte, geantwortet, daß derselbe sich vortrefflich befinde, und daß sie
hoffe, er werde bald zurückkehren.

Endlich aber war das Alles über ihre Kräfte gegangen, alle Gründe, die
sie für sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr
ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu
erklären, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und
bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe über das Benehmen des
jungen Mannes, zu dem er so großes Vertrauen gehabt, aussprach, da war
sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf
länger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lächelnder Miene zu
verbergen.

Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend
warf sie sich in die Arme ihres Vaters.

„Oh, er hat mich verlassen!“ rief sie. „Er hat mich vergessen! Er hat
sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung, — nun er zurückgekehrt
ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da
gedenkt er meiner nicht mehr. Und,“ fuhr sie heftiger weinend fort, „da
hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen — mir ein
Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in
vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht,“ rief sie, den Kopf
emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend — „das
ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so
sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn,“ rief sie. „Ich zürne,
mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben
kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an
seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so
voll Wahrheit und tiefen Gefühls — dann kann ich es nicht glauben, kann
ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig
bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm
ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott,
mein Gott,“ rief sie laut aufschreiend, „gieb mir ein Ende dieser
Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und
wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen
diesen Zustand.“

Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen
Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen,
liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches
zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet
und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von
ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete.

„Meine Tochter,“ sagte er, „gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das
Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in
unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es
nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der
Bragars niemals verlassen soll.“

„Oh, mein Vater,“ rief sie, „ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu
ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit
unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die
Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß
er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne
daß ich weiß wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstört meinen Geist,
das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein
Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes.“

„Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich
so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher
erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,“
sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. „Aber,“ fuhr
er fort, „noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß
vorliegen. Er kann krank geworden sein, — wenn ich an den jungen Mann
zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich
mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es
kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich
muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem
unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt.“

„Das sagt auch mir mein Herz,“ rief Luise, indem sie mit einem dankbaren
und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, „eine Stimme in
meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und
undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung
unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir
zu trennen.“

„Wenn Du das glaubst,“ sagte der alte Challier, „so mußt Du an ihn
schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich
ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird
klar werden.“

„Ich soll ihm zuerst schreiben,“ rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr
Gesicht überflog, „ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen — wenn er mich
vergessen hätte.“

„Wenn Du ihn liebst,“ sagte Herr Challier, „wenn Du Vertrauen zu ihm
hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der
Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit
seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so
wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst
irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen
will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur
verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben.“

„Du hast Recht, mein Vater,“ sagte Luise, „ich will den Glauben und das
Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben.“

Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles,
was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal
überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst:

„Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von
einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich
erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm
erhalten habe.“

Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick,
voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres
Herzens lag zwischen den Zeilen.

Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei
zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post.

Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen
Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen
die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber
verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals
arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses
entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen
Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt.

Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen
Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle
Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in
diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen
Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem
Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie
einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und
sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit
kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete.

Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da
trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe
nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit
fester Stimme sprach sie zu ihm:

„Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein
Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen
durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit
den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun
auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz
giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im
Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu
vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines
Lebens verloren — das ist Alles,“ sagte sie bitter und hart, „vielleicht
habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die
eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles,
wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein.“

Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf
an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie
eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr
innerstes Wesen erschüttert hatte.

Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um
zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge
waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken.

Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf.

„Ich freue mich,“ sagte er, „daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen
gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du
darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt
hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird
heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur — Du
wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich
dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so
jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie
ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,“ fügte er
hinzu, „daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines
edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für
das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich
Dir Ersatz bieten.“

Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich
empor und sprach stolzen, flammenden Blickes.

„Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will,
glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den
Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat.
Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben
treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, — aber mein Herz werde
ich für mich allein behalten und — für Dich, mein Vater,“ fügte sie mit
einem innigen Blick hinzu. „Es soll nicht wieder der Spielball
unwürdiger Laune werden.“ „Das ist brav und recht, mein Kind,“ sagte
Herr Challier, „das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der
die Zukunft der Menschen lenkt,“ fügte er die Hände faltend hinzu, „er
wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen
bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.“

Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging
hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen.

Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache
nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause
seinen Weg.

Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen
lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft,
sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik,
welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und
aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er
schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu
lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das
Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück — er
hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen
Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern
gehalten, — der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte
darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn
Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein
immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden.

Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich
freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche
den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein
Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die
Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er
früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie
ausgesprochen hatte.

Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend
gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und
Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr
Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn
Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben
brachte.

Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige
Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu
ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig
abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller
dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den
Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des
Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger
eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs
aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses
deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen
König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den
entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden
hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und
der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen,
die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu
ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V.

Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen
herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die
Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und
in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander
ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und
der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und
mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu, — jedes Wort fand
einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug
dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre
verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes,
der sie erfüllte.

Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung
zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner
Tochter saß.

„Die Entscheidung ist da,“ rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt
hinreichend, „alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach
welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt,
und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das
Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen,“
sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt
durchlas, „hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja
nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der
Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische
Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und
verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die
unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese
Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet,“ fuhr er fort,
„welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind
vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die
Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten.“

Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann
aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete
sie den Blick auf ihren Vater.

Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen.

„Ja,“ sagte er ernst, „das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt
erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen
wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne
Frankreich!“ fügte er hinzu, die Hände gefaltet.

„Ja, Gott segne Frankreich,“ flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich
mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswärts richtete.

Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu
Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern:

„Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen
uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen
Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran
erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder
Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll
es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt,
als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber
empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs,
zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in
seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen,
Ihre Liebe verachtet, — ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl
gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will
heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen
Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet,
und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders
beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir,“ fuhr er
fort, „nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe
gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick
schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen
Vaterlandes heranzieht —“

Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf.

„Ich will mir auch nicht anmaßen,“ fuhr Herr Vergier fort, indem bei der
Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen
Augen aufleuchtete, „ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich
sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche
Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir
heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen
nur eine große Familie bilden.“

Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die
Hand.

„In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht
langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr
als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft.
Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden
kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für
das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere
Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder
wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie
zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir
Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen.“

Luise sah ihn klar und frei an.

„Ich danke Ihnen, Herr Vergier,“ sagte sie, „dafür, daß Sie all des
Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, — ob
in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die
Liebe nennt,“ fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse
Bitterkeit hindurchklang, fort, „weiß ich nicht. Freundschaft und
Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft
und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will
Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude
und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.“

Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er,
seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen
drückte.

„Aber,“ fuhr Luise fort, „Sie müssen mir versprechen, daß über diesen
Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in
welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem
gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu
denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem
unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine
Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den
Segen des Himmels erhalten.“

„Das ist brav gesprochen,“ rief der alte Challier, „gesprochen wie eine
Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.“

„Und damit bin ich von Herzen einverstanden,“ rief Herr Vergier, „und
wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen
Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges
wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das
Glück meines Lebens begründen.“

Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des
Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden
Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende
Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle
französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung
glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und
Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen
für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und
welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen.

Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr
Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel
glühenden Abendhimmel hinausblickend.

„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er
fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste
französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast
das Glück meines Lebens zerstört hätte.“



Zehntes Capitel.


Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris
auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten,
Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und
lebhaft gesticulirende Gruppen.

Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der
König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu
empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch
eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei.

Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris
hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch
alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem
Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des
Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man
niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach
nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch
von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung
richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von
Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das
unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im
Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken
die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von
Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den
ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden
gegen dieselben geführt.

Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man
las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen
wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der
Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern
in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze.

Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud
kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.

Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum
politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in
dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde
und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.

Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und
bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche
der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der
Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu.

Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet,
mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den
Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit
Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte.

Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen
zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein
heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren
Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem
Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit
unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten.

Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich
zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu
sagen.

Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli
bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser
entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an.

Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so
lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, — er hätte auf alle Grüße
bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den
Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so
lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes
der Tuilerien näherte.

Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz
fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten
Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer
wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den
innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er
sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit
elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet.

„Sind die Minister hier,“ fragte er den Huissier, der ihm die Thür
öffnete.

„Zu Befehl, Sire.“

„Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten.“ Wenige Augenblicke darauf
traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le
Boeuf in das Cabinet des Kaisers.

Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont
eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen
blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die
Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des
Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister
begrüßte.

Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht
war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge
blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor.

Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig
da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden
Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als
den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit.

Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an
dessen Mitte Napoleon sich niederließ.

„Die Lage ist ernst, meine Herren,“ sagte der Kaiser mit fester voll
klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der
sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. „Preußen hat die
Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen,
abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben.
Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in
beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.“

Der Herzog hustete leicht.

„Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,“ sagte er,
„liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über
diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine
Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache,
daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten
mitgetheilt wurde.“

Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers
auf.

„Das hat man gethan?“ rief er.

„Ich habe heute morgen von allen Seiten,“ erwiderte der Herzog von
Gramont, „die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten,
überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt
worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette
von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche
Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches
Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War
es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte
Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine
friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies
nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird,
nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise
aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf
diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten
Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner
Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist
gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!“

Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf.

Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen.

Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest:

„Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die
mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die
wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so
gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich
konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens
Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von
Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und
vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte
Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben
vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne
kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe
Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung
von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und
vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das
Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, — immer wartend, immer
noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber
handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt
sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, — Frankreich
ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! — Es giebt für mich nur
einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu
gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die
Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das
ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.“

Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit
schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem
Gesicht.

„Ich glaube an den Sieg, Sire,“ rief Ollivier mit einer gewissen,
ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. „Denn wir
sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein
augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale
Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird
sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem
Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den
Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung
bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist
nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für
Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in
Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht
zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn
er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung
trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.“

„Herr Thiers wünscht den Frieden,“ sagte der Kaiser leicht lächelnd, „er
hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich
dafür ausgesprochen.“

„Die öffentliche Meinung, Sire,“ erwiderte Herr Ollivier, „hat ihm
sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr
lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. „Nieder mit dem
kleinen Preußen!“

„Herr Thiers sollte nicht vergessen,“ sagte der Kaiser, „daß sein König
Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte,
den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung
Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann.
Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe,
um demselben Schicksal zu verfallen, — sein Wunsch soll nicht erfüllt
werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die
Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich
Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud
ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die
Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther
vor.“

„Der Baron, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ist heute bereits
bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es
sind,“ fuhr er fort, „vor seinem Hotel einige unangenehme
Demonstrationen vorgekommen.“

„Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, — wenn es nöthig ist,
Truppen aufstellen,“ rief der Kaiser, „und den Botschafter gegen jede
feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale
Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des
Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander
schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,“ sagte er
dann, „nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht
mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen,
auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite
vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir
Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?“ fragte er, zum
Herzog von Gramont gewendet, — „unsere ganze Diplomatie muß die höchste
Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu
stehen.“

„Alle Mächte, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „haben die
Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen
Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß
Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche
Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so
äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die
unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.“

„Alles das ist gut,“ sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von
Ungeduld im Ton, „aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine
bestimmten Erklärungen.“

„Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die
Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,“ erwiderte der
Herzog, „nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß
Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen
activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche
des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt
werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg
unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun
werde, — ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen —“

„Ich habe sie gelesen,“ sagte Napoleon die Achseln zuckend, „die Grenzen
der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, — Fürst
Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.“

„Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ich gebe auf die officiellen
Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin
sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege
das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf
den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als
Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die
Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.“

„Ich rechne nicht auf Österreich,“ sagte der Kaiser, „seit Jahren habe
ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes
Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes
ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten.
Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung
erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat
ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die
annectirten Provinzen rechne ich weniger, — höchstens bei einem Rückzug
der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.“

„Ich muß Eurer Majestät mittheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß
sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat,
welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu
machen beauftragt sein will.“

„Graf Breda?“ fragte der Kaiser, „derselbe, der früher bei unserer
Gesandtschaft in Stockholm war und dort —“

„Derselbe, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „er scheint jetzt
im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere
fortsetzen zu wollen.“

Der Kaiser zuckte die Achseln.

„Was proponirt er,“ fragte er.

„Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des
Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem
Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.“

Napoleon lächelte mitleidig.

„Ein Corps von zwanzigtausend Mann,“ sagte er, — „nachdem der König seine
Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die
Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut
hat. Der arme König,“ fuhr er fort, „welch ein trauriges Schicksal, — in
welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, — ich bitte Sie, mein lieber
Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den
ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich
solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben,
vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten
erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht
weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen
nicht auf das Äußerste verbittern, — übrigens bin ich überzeugt, daß der
arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts
weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der
Vergessenheit übergebe.

„Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,“ sagte er nach
einer kurzen Pause, „in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die
Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im
Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und
übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der
deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine
Eroberung auf deutschem Boden machen will —“

„Eine solche Proclamation, Sire,“ fiel Herr Ollivier lebhaft ein, „ist
vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in
Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in
demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte —“

„Das französische Nationalgefühl, Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf,
indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte,
„wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der
öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,“ fuhr er fort, „ist
es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter
preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein
besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da
will.“

Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont.

„Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,“ sagte dieser, „scheint
mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung
einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten
im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche
Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch
eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von
Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine
geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden,
und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als
auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.“

„Eine solche Redaction wird sich finden lassen,“ rief Herr Ollivier,
„wenn Eure Majestät —“

„So ganz platonisch,“ sagte der Kaiser lächelnd, „würde übrigens der
Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen
und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch
geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert
wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet
weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem
preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, — sodann aber wird
wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht
streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man
ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition
besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser
damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken
können.“

Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten
Eingang in das Cabinet.

„Sire,“ sagte er, „es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben
gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu
übergeben —“

„Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,“ fiel der Herzog ein, „alle
ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer
Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.“

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri
die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von
Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog.

Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der
heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen
hatte.

„Nun,“ fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht
des Herzogs blickend.

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen
Händen leise zitterten, „eine ebenso unerwartete als unangenehme
Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem
Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den
Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, — unsere Gesandten sehen
jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.“

Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher.

Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig
hervorspringenden Kinnbart, — der Kaiser blickte einen Augenblick in
düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick
das Haupt wieder empor und sagte.

„So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine
fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den
Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in
denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die
eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren
Erfolg ist. Wir haben,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „öfter
durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere
Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben
sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,“ fuhr er fort, indem er
einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift
beschriebenen Bogen zusammenfaltete. „Da ganz Deutschland es für gut
findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so
haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken
aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig
geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu
nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und
wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland
selbst,“ sagte er dann, „so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu
sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen
Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität
erklärt, — das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege
einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für
uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte
absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will
den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen
schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich
darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, — ich
hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird
dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, — würde damit auch
nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen
und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das
schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die
Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit
stellen lassen.“

„Zu Befehl, Sire,“ sagte der Herzog sich verneigend, „ich bewundre den
Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person —“

„Zugleich aber,“ fuhr der Kaiser fort, „ist es nothwendig, eine
energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch
dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten,
einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß
sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser
Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf
der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General
Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte
Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol
Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen
Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen
Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages
einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen
muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den
unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.“

Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf
einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum
Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers.

„Nun, mein Herr Marschall,“ sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister
wendend, — „Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen
sind, wie steht es mit den Ihrigen?“

„Alles ist bereit, Sire,“ erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner
starken rauhen Stimme, „es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der
Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine
sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die
Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen,
um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu
bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback
nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät
Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.“

Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe.

„Und der Generalstab,“ fragte er dann.

„Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,“ erwiderte
der Marschall, „für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen
die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich
habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe
der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.“

„Und hat man genügend Karten von Deutschland,“ fragte der Kaiser, „nicht
nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?“

„Sire,“ erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, „jeder
Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und
geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei
mir.“

Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern
Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte.

Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr
Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und
der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb.

„Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,“ sagte Napoleon lächelnd, „hat sich
in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen
wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten
zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft
angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze
ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,“ fügte
er mit festem und bestimmtem Ton hinzu.

Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich,
daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem
soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu
legen geneigt sei.

„Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,“ fuhr Napoleon
fort, „um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur
definitiven Entscheidung vorzulegen, — eine Anweisung darüber habe ich
Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein
lieber Herr Ollivier,“ fuhr er dann fort, „das große Agens aller Kriege
herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten
Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen
weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so
schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.“

„Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,“ rief
Herr Ollivier, „und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache
fordern würden, — in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts
verweigern.“

„Also, meine Herren,“ sagte Napoleon aufstehend, „ich erwarte die
Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche
Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln.

„So treten wir denn nun,“ fügte er ernst hinzu, „der großen Entscheidung
entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern
geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze
Frankreich!“

Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen
wie fragend emporschlug.

„Gott schütze Frankreich!“ wiederholten die drei Minister —

Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der
Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in
welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel.

Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die
Hand empor und rief mit pathetischem Ton:

„Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer
Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese
preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.“

Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger
anschwellenden Klängen.

„Möchten sie,“ sprach er leise, „die Dämonen der Revolution hinausführen
auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft
sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.“

Er schwieg noch einige Augenblicke — sein brennender Blick schien den
Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen.

Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit.

„Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort — Jeder von uns muß an
seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.“

Er reichte den Herren die Hand.

Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet.

Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren
Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten.

Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der
kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein.

Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand,
welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der
Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah.

„Nun, mein lieber Rouher,“ sagte Napoleon, „wir stehen an der großen
Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung
des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und
Beharrlichkeit aufgeführt haben.“

Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den
klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem
scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen
Debatte sonst nicht eigentümlich war.

„Sire,“ sagte er, „Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang
daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere
Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure
Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen
für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den
Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge,
welche ich für denselben im Herzen trage.“

Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick
nachdenklich an.

„Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,“ sagte er dann mit
einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, „mit dem Gange der
Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die
Dinge auf einen andern Weg zu lenken.“

„Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „ich würde niemals das Verfahren
desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen
ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der,
statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein
Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair
machen, — aber verzeihen Eure Majestät — auch den Verlust vieler
erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso —“

„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik
ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles
bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er
lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der
Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen,
als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich
zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze
hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges
durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“

Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf.

„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was
ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen
er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er
fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so
möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter
Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren
Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur
einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“
sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen.
Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der
öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt,
Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg.
Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und
dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte
dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich
ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen
tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft
an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein
wird man die Schuld desselben werfen.“

„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch
den Krieg zu vermeiden?“

„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen
Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die
Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph
der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen
Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen
wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt
sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des
Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen
ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche
ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre,
wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die
Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen
nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte,
dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit
den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht
mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können
wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen
Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen
Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft,
an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit
dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser
Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen
mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die
Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich
beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht
ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen
meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals
Wirklichkeiten werden mögen.“

Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung
gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll
herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach.

„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu
erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu
fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“

Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.

Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.

„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich
hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß
aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich
dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte
Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der
Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun
nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht,
wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird
sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der
Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage
sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“

Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und
nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud
zurückzufahren.

Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la
Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte
Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser
mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt.

„Nieder mit Preußen!“ rief man ihm aus allen Gruppen entgegen.

„Nach Berlin!“

Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs
der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in
den nächsten Tagen nach Metz abzugehen.

Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei
seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und
laut sangen:

  „Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc à la lanterne,
   Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc on le pendra.“

Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem
Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach,
welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte.

Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das
steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab.

Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend,
während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in
welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über
welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien
emporragten.

Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge
durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das
furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen
zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des
französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene
finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in
Schutt und Asche zu verwandeln.

       *       *       *       *       *

Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand,
waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die
Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt.

Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen
weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen
jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit
ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller
Augen.

Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart
zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich
zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren
Manne von der Gesellschaft wandte.

„Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?“

„Vierzehn Tage vielleicht,“ erwiderte der Commissair Ebers
achselzuckend, „wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir
alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir
vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es
jedenfalls aus.“

„Wer uns das gesagt hätte,“ rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen,
indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen
Bieres that, „als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen,
um uns dem Dienst des Königs zu erhalten —“

„Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,“ sagte Herr von
Tschirschnitz, „ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine
ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns
jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst
unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im
fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt — in Deutschland als
Hochverräther verurtheilt! — Wir werden bald in der Lage sein, daß kein
Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig
ist.“

„Was bleibt uns übrig,“ sagte Herr von Götz finster, „als uns irgendwo
anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.“

„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel
getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes
Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den
Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in
welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“

Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der
Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der
Regierungsrath Meding im Reiseanzug.

Die Offiziere erhoben sich.

„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem
Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz
hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in
diesem Augenblick?“

„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen
Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch
Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit
Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich
bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander
verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der
schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter
Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das
dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und
bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und
Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“

„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte
Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie
wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft
zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten
Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir
sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“

„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz,
„als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“

„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath
Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in
diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866
handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint
gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem
Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres
gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die
Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im
Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum
für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das
dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu
warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie
nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört,
daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer
der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“

Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf.

„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des
dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von
Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist
allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“

„Aber,“ fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath
Meding wendete, „Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur
wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof
hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf
die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine
andere Rettung aus unserer Lage.“

Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder.

„Jedes Schicksal ist besser,“ sagte er, „als in den Reihen der Feinde
des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede
Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich
kann Ihnen nichts versprechen — aber es giebt vielleicht noch einen Weg,
der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen
eine freundliche Zukunft öffnen kann — lassen Sie mich meinen Weg gehen,
ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen.
Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen
gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der
verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren — den
Sie sich ja so lange erhalten haben — versprechen Sie mir das, meine
Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als
möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind — ich hoffe,
daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,“ fuhr er
fort, „ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur
gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie
nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.“

Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand.

Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme:

„Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.“

Die übrigen Herren wiederholten die Worte.

„Und ich, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, „verspreche
Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist,
einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf
baldiges Wiedersehen.“

Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local
und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit
stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen
Reisegepäck befand.

Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel
an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem
Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man
den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen
Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen
schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende
Menschenmenge hin und her bewegte.

„Der Anblick dieses Paris,“ sagte der Regierungsrath Meding, „in seinem
trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und
diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich
sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit
ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese
Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage
verwandeln wird.“

„Sie glauben an die Niederlage Frankreich,“ fragte Herr von Düring, „an
eine so schwere Niederlage?“

„Ich bin von derselben überzeugt,“ erwiderte der Regierungsrath. „Ich
bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin
sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich
nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der
verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze
auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren
im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn
ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so
konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten
mit dem fanatisch stereotypen Ruf „nach Berlin“. Mit solchen Truppen
schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel
spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und
sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,“
fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen
der Boulevards hinblickte, „Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu
erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird
vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen — ich habe hier lange
die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich
organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von
unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den
Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.“

Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte.

„Noch einmal, lieber Düring,“ sagte der Regierungsrath Meding, indem er
sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, „halten
Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf
unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.“

Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen
der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr
unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während
der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu
seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und
treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland,
Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der
Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen.



Elftes Capitel.


Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen
Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm
und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt
worden.

Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser
Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen
Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung
eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons
führten.

Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als
sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem
alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten
Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten.

Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch
unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre
Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener
Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen
gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte
sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die
Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so
schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln
habe, als die glückliche Freude der Braut.

Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths
erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit,
welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und
freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den
beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem
Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von
Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren
Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die
Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig
anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem
Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.

Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit
war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die
Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem
Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen
Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das
Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.

Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein,
welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und
Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in
den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die
Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna
Cohnheim.

Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub
des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn
bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch
zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die
Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten
natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben
werden.

Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das
militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne
unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen
unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte
daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden.
Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem
Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte
und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit
nicht denken wolle.

So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.

Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem
der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand
sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner
Gemahlin.

Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen
des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der
Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit
Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow
anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung
dieser patriotischen Aufgabe.

Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation
der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte
mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag
in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des
Vereins ihr überreichte.

Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von
Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna
unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt
hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete,
je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner
Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief
verschieden war, zu nähern.

„Wir sind glücklicher,“ sagte er, „als so viele andere Familien, deren
Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es
mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des
Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows
in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und
des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast
wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen
Kampf.“

„Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,“ erwiderte Fräulein Anna in
einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. „Der Staat braucht ja auch
während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn
wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder
aufnehmen würde. Für uns Frauen,“ fuhr sie lebhafter fort, „bildet ja
die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten
Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen
Zeit meine Pflicht zu erfüllen.“

„Sie, mein Kind,“ rief der Baron erstaunt, „Sie, gewöhnt an alle
Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich
einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten
Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte.“

„Meine zarten Kräfte?“ — sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, „und
wären sie es, — der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache
sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür
könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden
Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum
Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir,
Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen
Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,“ fuhr sie ernst mit dem
Ausdruck eines festen Entschlusses fort, „wenn die Lazarethe sich füllen
werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer
werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern
erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß
viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.“

Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der
gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem
Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte
aus seinen Augen.

„Ich habe einen Entschluß gefaßt,“ sagte er, nachdem er die Damen
begrüßt hatte, „einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen
wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.“

Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten.

„Ich habe,“ fuhr dieser fort, „mich zur Aufnahme in den Johanniterorden
gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle
Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des
Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere
und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß
meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte
gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen
beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten
werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu
thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu
welcher mein Gefühl mich treibt.“

Der Baron neigte zustimmend den Kopf.

Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand,
indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher
noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte.

„Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,“ sagte sie mit
herzlichem Ton, „und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß
mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu
sehen — Sie werden das nicht mißverstehen,“ fügte sie hinzu, „meine
treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.“

Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte
liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch
auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte:

„Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen
Schwiegersohns würdig.“

Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von
Büchenfeld.

Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen.

Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre
Tochter.

Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie
das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte
sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und
stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht.

Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug
Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant
folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn
von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann
näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und
verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen.

Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der
eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes.

„Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,“ sagte der
Oberstlieutenant, „er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in
die beste Kriegsschule hinauszuziehen, — draußen im Felde, wo man in
einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in
der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden
seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich
den Feldmarschallstab zu erkämpfen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Er hat es
glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich
habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst
hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.“

„Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,“ sagte Frau von
Rantow zu dem jungen Officier. „Aber Sie, lieber Büchenfeld,“ fuhr sie
lächelnd fort, „tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht
etwa auch mit hinausziehen —“

„Wollte Gott, ich könnte es,“ sagte der Oberstlieutenant traurig, „doch
mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,“ fuhr
er, sich militairisch aufrichtend, fort, „ich habe mich um ein
Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens
das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock
einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem
Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.“

Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang,
während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn
und dem Baron geführt wurde.

Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des
alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn
entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des
Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche
dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken,
daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu
thun und den Rock des Königs zu tragen.

„Wir müssen aufbrechen,“ sagte er endlich, „ich weiß noch nicht, wo
meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, — mein Sohn
hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.“

Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von
Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons.

Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit
niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher
Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu.

„Lebe wohl, Büchenfeld,“ sprach er, — „in einer Zeit, wie die jetzige,
muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich
werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück
begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen
wird, um Dir beizustehen.“

Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche
Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals
färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und
richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem
Ausdruck auf Fräulein Anna.

Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen
strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie
eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie
unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus.

Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter
Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn
von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme:

„Vergessen und vergeben!“

Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein
Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn
ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten.
Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf
dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen
nochmal die Worte:

„Vergessen und vergeben!“

Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte
er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das
Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf
einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer
nachsah.

       *       *       *       *       *

König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines
Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit
tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der
Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät
stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden
Vortragssachen beendet hatte.

„So ist denn,“ sagte der König, „Alles vorbereitet, was menschliche
Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung
unsere Kräfte entfalten zu können, — unser Haus ist bestellt, die Armee
ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da
oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich
unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon
einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.“

„Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,“ rief Graf Bismarck, indem
seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, — „er
wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und
er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren
vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht
fest — in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden
werden!“

Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger
Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige
Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu
seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.

„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend,
welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden
gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem
Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für
die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten
liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein
Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des
Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt,
daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer
schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich
wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er
mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In
diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen
Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich,
wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und
ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen
und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir
zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick,
in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir
den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“

Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den
König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine
Gedanken, sagte:

„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen,
manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich
meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen
Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland
einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen
Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo
ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich
auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der
Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht
gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb
zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und
Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit
wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“

Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:

„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für
Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen,
will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine
Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“

„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem
Sinne zu unterbreiten.

„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig
nicht auf unserer Seite waren.

„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und
in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des
Vaterlandes.“

Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten,
dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten.

„Majestät,“ sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, „an
diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das
königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen
sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort
wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.“

Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch,
ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das
Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte.

„Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung
des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,“ sprach er
mit tiefem Athemzug, „ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens
und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen
die Feinde richten.“

„Noch möchte ich,“ sagte der Ministerpräsident, „eine Bitte an Eure
Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu
dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät
wissen,“ fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, „daß wir von der
früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu
befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg
getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen
Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu
gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in
Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie
durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu
unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen
Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König — „auch der Verdacht gegen den
Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? —“

„Nein, Majestät,“ sagte der Ministerpräsident, „Graf Wedell steht mit
der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so
mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer
getroffen ist — doch,“ fuhr er dann fort, „wovon ich Eurer Majestät
sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere,
welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die
sogenannte Welfenlegion commandirten.“

„Nun?“ fragte der König.

„Diese Officiere, Majestät,“ sprach Graf Bismarck weiter, „befinden
sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in
Deutschland geächtet, — das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie
beseitigt — aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der
französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß
nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind — ihnen nichts
übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.“

„Die armen, jungen Leute,“ sagte der König — „sie haben sich schwer
vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise
ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich
edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern
Herrn — was kann ich für sie thun?“ fragte er mit weicher, milder Stimme.

„Majestät,“ sagte Graf Bismarck, „politisch liegt kein Grund vor, ihnen
zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie
wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren
Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz
Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch
begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich
glaube nicht, Majestät,“ fuhr er im wärmeren Ton fort, „daß jenen armen
jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick
maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen,
sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue
geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen
eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.“

„Mit Freuden,“ rief König Wilhelm lebhaft, „schlagen Sie mir vor, was
ich thun soll.“

„Majestät,“ erwiderte Bismarck, „es befinden sich unter diesen
Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen
ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, — der König Georg
hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht
gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst
vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine
lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben
sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene
Carriere.“

„Genehmigt,“ rief der König, „genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir
unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich
danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit
gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.“

Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin:

„Thut wohl denen, die Euch verfolgen.“ — —

„Es müßte dann,“ sagte Graf Bismarck, „eine Garantie von ihnen gegeben
werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden —“

„Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das
genügt,“ sagte der König, „sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre
Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.“

„Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,“ sagte Graf Bismarck,
„einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder
gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn
auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und
wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, —

Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.“

„Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,“ sagte der König, „wir
werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten —“

„Dann aber, Majestät,“ rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, „wird
der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und
eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.“

Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete
sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet.

Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das
Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß
hörbare Worte aus denselben hervordrangen.

War es ein Gebet, das er sprach, — oder verkehrten seine Gedanken mit dem
Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in
Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone
Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der
wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch
preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte
Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten?

Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob
beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen.

Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck
heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte
er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte
Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen.

       *       *       *       *       *

Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen
die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die
sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche
Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht
belebten Straßen.

Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit
offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr,
von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten
Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche
bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des
Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung,
wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen — immer aber in
gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das
Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte
zur Erringung der Triumphe und Siege.

Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle
Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der
königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand
winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor
die Augen drückte.

Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der
Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von
Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz
Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin
Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen
Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden
Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von
Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die
Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel;
die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren
mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine
Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben
dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen
Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen
Minister und der Hofchargen waren anwesend.

Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der
Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des
preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.

Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte
dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann
blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum
letzten Gruß die Hand.

Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen,
wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft
erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob
wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den
scheidenden König begrüßte.

Dann trat abermals tiefe Stille ein.

Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und
wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen
Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die
Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen
Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen
Hände gegen ihn ausstreckte.

Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den
jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit
seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus
seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen
empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:

„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“

„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die
Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und
das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in
diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben
dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre,
werden neue Helden schaffen.“

„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter
Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“

Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und
trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort
Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen.

„Ich kann sie nicht alle mitnehmen,“ sagte der König freundlich
lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin
Itzenplitz entgegennahm. „Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie
Alle und an Ihre guten Wünsche sein.“

Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der
an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren
des Gefolges schnell in das Coupé stieg.

Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von
den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges.



Zwölftes Capitel.


Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer
Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß
zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des
Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen
hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner
Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene
Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in
keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht
zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm
erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der
Verzweiflung.

Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von
der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden
Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur
die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die
Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung
nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu
erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen
Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen.

In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise
sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne
das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines
Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte
Fenster seines Gefängnisses hereinsah.

Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus
der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des
Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen.

Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein
seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und
bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den
Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar.

Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein
Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter
ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der
Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten
Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn
verbärgen.

Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein
offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu
ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere
Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte.

Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die
ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch
dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen.

Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine
schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige
Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit
beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem
starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren
hafteten.

Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt
hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her
schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast
die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten
um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und
Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner
Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie
er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und
Nachricht gefleht hatte.

Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl
durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese
beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu
unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen
und ihre Liebe zu zerstören.

Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles
klar; — wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals
vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des
Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß
dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke
sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach
Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens.

Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als
sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte
Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte.

Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige
Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann
in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung
jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen.

„Kennen Sie diese Briefe?“ fragte er mit strengem Ton.

Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung
aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger
innerer Erregung zitterte:

„Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, — es sind Briefe meiner
Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan,
welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen.
Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was
mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,“ rief er,
den brennenden Blick aufwärts richtend, „wie ist es möglich, daß so viel
Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.“

„Sie behaupten also,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „daß dies
wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine
Bedeutung haben? — Ich muß Ihnen sagen,“ fügte er hinzu, „daß Ihre so
heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu
Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft
ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die
mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die
Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an
Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.“

„Welch ein Abgrund, — welch ein Abgrund,“ rief der junge Cappei
verzweiflungsvoll. „Und kann ich jenen Brief sehen?“ fragte er dann.

Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor.

„Ja, ja,“ rief Cappei heftig auffahrend, „es ist dieselbe Handschrift.
Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen
will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu
verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als
Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles
ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines
Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen,
lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine
Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß
nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt —“

„Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese
Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,“ sagte der Untersuchungsrichter
den Kopf schüttelnd. „Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß
Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht
verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, — ich will für
heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas
auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre
Lage zu erleichtern.“

„Darf ich nicht,“ fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, „darf
ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?“

„Es würde zu nichts führen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „denn eine
gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, — wenn
diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz
sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der
chemischen Mittel,“ fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann
richtend, „durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem
Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen.
Ich wünsche nochmals,“ sprach er dann, „daß Ihre Schuldlosigkeit an den
Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes
gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht
bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche
nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen,
und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den
verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet
wird.“

In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle
zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der
vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende,
gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an
die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem
Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die
nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein
zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen,
versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die
brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen
Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte.

       *       *       *       *       *

Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm
vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt
gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber,
seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, — zuweilen dachte er fast mit
Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden
ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller
Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die
Rache, nicht zu verlieren.

Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn
auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten.

Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht
war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt,
jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn
erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen
schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das
Bureauzimmer folgte.

Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in
kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte.

Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen,
sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet
über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und
unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.

„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen.
Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn
ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“

Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er
ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu
empfinden.

„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in
wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften
Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen
nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie
für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen
Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die
Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“

Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete
sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:

„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit
gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit
triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich
darf —“

„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie
stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine
Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in
Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind,
zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden
Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“

„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit?
Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine
Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land,
dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das
Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort
nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und
nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem
leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die
rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses
Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will,
vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“

„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den
Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen
wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“

„Ich bin bereit,“ sagte Cappei.

„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie
den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer
Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion
begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die
Todesstrafe nach sich zieht.“

„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich
pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei,
welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine
Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann.

„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte,
„vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung
melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende
genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem
Kriege zurückkehren mögen.“

Er neigte freundlich den Kopf.

Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen
Schrittes das Zimmer.

Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims,
wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte.

Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie
ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren
und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren
Krieges.

Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl
zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden
aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte.

Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so
schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und
Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren
entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da.

Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach
Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte
in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den
Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes
seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.

Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles
zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten
markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den
schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält.

„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die
Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte,
so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen
Willen in diesen Worten wieder.

Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und
Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern
wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor
der alten Frau nieder.

„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise.

Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und
bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen,
aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des
Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen
Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und
heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen
Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die
Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt.

Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof
hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten
niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das
heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft.

Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine
Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte
ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und
Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle
zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die
Frevelthat an seiner Liebe.



Dreizehntes Capitel.


Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der
Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den
weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen
aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers.

Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man
sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und
Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und
Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und
spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit
Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines
Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und
unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.

Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte
mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem
Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die
glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und
Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines
militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.

Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der
Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer,
dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen
Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der
Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit
einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.

Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte,
und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht
erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten
die Hände des Kaisers das Papier zerknittert.

„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein
Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht
vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und
unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein
Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung
im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen
von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden
Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu
erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man
ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des
Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an
die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind,
und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und
welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der
ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der
Hand halte.“

Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.

Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon,
welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz
trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen
Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst
hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug
von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen,
durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen
seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe
bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den
Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da
sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend:

„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“

Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.

„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens
nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen
Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer
denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner
Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe
und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als
möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne
Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder
dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an
Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten
können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes.
Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben,
Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche
Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“

Der Kaiser schwieg noch immer.

„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“

„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des
französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung
unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.

„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du
uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen,
an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der
Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der
Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche
Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem
überwältigenden Angriff zu schützen.“

„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd,
„auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des
preußischen Handels ausgesprochen —“

„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf
den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die
Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres
Hauses?“

„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz.

„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster
hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit
ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen
Stimme sagte:

„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an
dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die
Gnade haben wollen, hinauszureiten.“

„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die
Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die
verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in
Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.

Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen
großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.

„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan
sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“

„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr
Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie
von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon
auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig
unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles
aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken
gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird
vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem
Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit
vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die
deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein
einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen
können.“

Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die
zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem
Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:

„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so
eben aus Paris erhalten habe.“

Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:

„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.

Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu
halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise
entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“

„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die
Hände zusammenschlug.

Der Marschall Leboeuf las:

„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in
Paris.

Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch
Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“

„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz.

Der Marschall las die folgende Depesche:

„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert
tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“

„Immer weiter,“ sagte der Kaiser.

Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend.

„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem
entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“

„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine
Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte.

Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton:

„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.

Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral
nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter
sind.“

Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.

„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine
Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer
Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich
schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein
wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt
und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier
bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“

Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus.

„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine
Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich
zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“

„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche
Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß
dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden
Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn,
Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen
wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte
lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“

Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein
Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt
dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich
dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche
Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.

Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und
rief mit fröhlichem Tone:

„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und
voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück
vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir
Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen
lassen und stets bei mir tragen.“

Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden
vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen.

Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und
schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn
an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf
die reine Stirn und sagte:

„Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.“

Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht,
daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging
mit dem Kaiser hinaus.

Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde.

An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus
durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde.

Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt
waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften
Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten
Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit
einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick
dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab,
schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer
schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um
nach der Stadt zurückzureiten.

Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin,
die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf
allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen
Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen
Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz
ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben.

Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche
partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten.

Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen.
Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen
bewegend, sprach er:

  „Ave, Caesar, morituri te salutant!“



Ende des dritten Bandes.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Todesgruß der Legionen, 3. Band" ***

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