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Title: Kriegsbüchlein für unsere Kinder
Author: Sapper, Agnes, 1852-1929
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Kriegsbüchlein

für unsere Kinder


Von

Agnes Sapper


1914



Meinen lieben Enkeln

  Theo
  Otto
  Eduard

gewidmet im Kriegsjahr 1914



Inhaltsverzeichnis


Heimkehr aus Österreich
Der 4. August
Das Pfarrhaus in Ostpreußen
Die Konservenbüchsen
Zu welcher Fahne?
Der kleine Franzos
In Gefangenschaft
Der junge Professor
Allerlei Kriegsbilder



Die Heimreise aus Österreich


„Ist das ein köstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut,
wie wollen wir die vier Wochen genießen!“ Frau Lißmann stand auf der
Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen
österreichischen Dörfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jüngsten
Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von
zehn und ein Mädchen von zwölf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine
Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frühjahr Scharlachfieber gehabt
und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die
Pflege. So hatte Herr Lißmann, der in München Lehrer an einer
Kunstschule war, für diese drei Glieder seiner Familie einen stillen
Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewählt. Er selbst hatte Ende
Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ältester Sohn Ludwig
war in Passau, wo er sein Einjährigenjahr abdiente. Es blieb noch
Philipp, der siebzehnjährige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wäre
wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er
war ein etwas leichtsinniger Schüler und hatte im Schuljahr so wenig
gearbeitet, daß er in den Ferien lernen mußte. So übergaben ihn die
Eltern einem Lehrer, der alljährlich eine Anzahl Ferienschüler aufnahm,
und Philipp mußte sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach
Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!

Wieviel hatten all diese Pläne zu überlegen gegeben, und welche Mühe war
es gewesen, für die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles
Nötige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die große
Wohnung abzuschließen und alles gut zu versorgen für die lange
Ferienzeit! Kein Wunder, daß Frau Lißmann jetzt, nachdem all das hinter
ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.

„Herrlich ist's!“

Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die
Altane getreten. Wie schön war's, die Mutter für sich zu haben, die
Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglückt in die schöne
Landschaft hinausschaute.

Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem
Dörfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen,
konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermißten unsere
Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den
Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Örtchen,
in das nur zweimal wöchentlich ein Postbote kam.

Eines Morgens brach die Sonne durch, wärmte, trocknete und vertrieb die
Nebel. Die bisher verhüllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen
Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch für den nächsten Tag
ein großer Ausflug geplant, und am frühen Morgen brachen sie auf, die
Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstöcken bewaffnet, mit Rucksäcken
versehen. Ihr Ziel war der Bergpaß, von dem aus man hinübersehen konnte
in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fußgänger machten das leicht
in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen
und auf der Paßhöhe übernachten, wo eine einfache Unterkunft für
Sommergäste war und von wo aus sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang
sehen konnten. „Wenn es uns gar zu gut gefällt dort oben, bleiben wir
vielleicht zweimal über Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns,“ sagte
die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Bäuerin, bei der sie
wohnten.

Wie war das schön für unsere drei Sommerfrischler, auf dem
Bergsträßchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal,
immer näher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man
auch andere Wanderer, die den schönen Tag benützten. Gegen Mittag wurde
im Freien getafelt und nach einer längeren Rast ging es mit frischen
Kräften vorwärts. Die Straße wurde steiler, der Anstieg mühsamer. „Nur
sachte voran,“ mahnte die Mutter, „wir haben viel Zeit vor uns. Schaut
euch um, es wird immer schöner.“

Je höher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und
plötzlich--die Paßhöhe war erreicht--leuchtete das große Schneefeld des
Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der
Unterkunftshütte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.

So großartig und erhebend war der Anblick, daß sie wie aus _einem_ Mund
riefen: „Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder
herunter!“

Und so kam es auch. Als einzige Gäste der munteren Sennerin, die allein
die Hütte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen,
friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene
Gebirgswelt, nichts zu hören von dem, was tief unter ihnen die Menschen
in ihren Städten beschäftigte.

Am dritten Tag umwölkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhüllt,
das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an,
und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere für die
nächsten Wochen.

Als gegen Abend in der Ferne das Dörfchen erschien, freuten sie sich
doch wieder auf dieses Heim. Endlich mußten ja auch Nachrichten
eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft
hatten sie sie herbeigewünscht, fast am meisten den siebzehnjährigen
Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und
arbeiten sollte, während sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften.
Nun kamen sie am ersten Häuschen vorbei; unter der Türe standen der
Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit
einem Militärkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied
genommen. „B'hüt Gott, b'hüt Gott, kommt g'sund wieder,“ riefen ihnen
die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um
und rief fröhlich zurück: „Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!“

„Hast du gehört, Mutter?“ rief Karl, „die ziehen in den Krieg!“

„Ja, offenbar,“ sagte die Mutter, „aber es hieß doch, die Tiroler müßten
nicht einrücken. Bloß die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien
ziehen.“

Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe
von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im
Vorbeigehen hörten sie sagen: „In Kufstein ist es schon vorgestern
angeschlagen gewesen.“

„Was denn?“ fragte Frau Lißmann und trat zu den Leuten.

„Daß die Russen den Krieg erklärt haben.“

„Nein, wirklich?“ sagte Frau Lißmann zweifelnd; „es wird ein falscher
Lärm sein.“

Nun redeten alle zusammen: „Gestern ist's bekannt gemacht worden:
Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch
gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst.“

Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging
weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: „Es ist hart für
sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den
Krieg.“

Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. „Kommt, Kinder, kommt
heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch
keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies
alles wahr wäre!“

Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich
dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: „Küß die
Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen
ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der
Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es
wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles
beisammen.“

Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam
von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: „Bin einberufen, muß
Philipp heimschicken.“ Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt!
Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!

Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem
Einjährigen: „Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme
noch für einen Tag nach Hause.“

Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur
Österreich, auch Deutschland machte mobil? „Die Zeitungen her, Kinder!“
Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben
über das ganze Blatt: _Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich_!
Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater,
der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der
älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb
der sich herum?

Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen
Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder
verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der
Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins
eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: „Kinder, wir
müssen heimreisen so rasch wie möglich!“--„Ja, Mutter, schnell,
schnell,“ rief Lisbeth ängstlich. „Die Brüder können ja gar nicht ins
Haus herein!“ Karl war nicht so schnell gefaßt. „Jetzt sollen wir schon
wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht!
Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn
auf einen Tag an?“

Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen
an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den
Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich
anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich
vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch
gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in
den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über
das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen,
abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der
sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den
Nachtzug nach München erreichen. „Lisbeth, fange an einzupacken; wie es
kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach
der Bahn zu bestellen.“

In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat
angeschlagen. „Sieh, Mutter,“ sagte Karl, „vom Kaiser von Österreich:
‚An meine Völker!‘ Das möchte ich lesen.“--„So lies, ich gehe zum Wirt.“
Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll
einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts
zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nächsten Morgen war
nichts zu machen. „Aber dann gewiß?“ fragte Frau Lißmann. „Um wieviel
Uhr können wir wohl abfahren?“ Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie
müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen
Bescheid sagen. „Um neun Uhr vielleicht.“--„So spät?“--Ja, die Pferde
müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen,
und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr
in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus.

Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der
begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland
aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen,
das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse
Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge,
was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen.
Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und
daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig
brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die
Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es
wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden
Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor
neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen.

Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her;
ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie
aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es
sei schon angespannt.

Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. „Jawohl, wir kommen, der
Wirt soll doch ganz gewiß warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen,
nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!“ Die Kinder fuhren aus
den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht
kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit
Bauernburschen auf einen Leiterwagen!

Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die
Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der
frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie
dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem
Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und
Kamm, die sie vergessen hatten!

Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem
fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß
schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er
sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den
erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei
nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los.
Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde,
verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen
und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts
fuhren sie hinaus in den Krieg.

Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der
Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in
einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen
und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft
fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand
und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an
dem „Hopsen“. Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr
weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine
Pferdedecke, die langte er herunter. „Frau,“ sagte er, „da setzen Sie
sich drauf und das kleine Fräulein auch.“

Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen
den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das
Verstehen schwer.

„Mein Sohn muß auch mit in den Krieg,“ sagte Frau Lißmann und sah die
jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes.

„Muß er sich in Wien stellen?“

„Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern.“

„Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk
allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich
zusammen, die können's machen!“

Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand.
Vom Wagen aus wurde er angerufen: „Steig ein, Kamerad!“ Der Wirt murrte:
„Sind so schon genug!“ Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz
sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun
ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine
Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die
Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster
holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch
die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und
Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt
sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen
die Grüße.

Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich
jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war,
hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich
ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber
sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war!

Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich
an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt
hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber
Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten
in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen,
klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: „Nichts zu eilen, der Zug hat
drei Stunden Verspätung!“

Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! „Nun, das
geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das
ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!“ Da erhob ein älterer Herr mitten
im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren
etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: „Meine Herren, das ist
kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben
müssen als das!“

Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach
einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum
Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen
Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder
an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu
bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im
dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen
Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen,
diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen.
Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden
Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran
gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den
Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.

„Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit!
Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!“ Sie drängten,
baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter
nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu
drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber
dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der
Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt.

„Allein käme ich schon durch,“ versicherte Karl.

„So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten
ihnen von Herzen Glück in den Krieg!“ Der Knabe schlängelte sich
geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah
von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen
Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder
zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie
übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden,
ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.

Endlich--es war heiße Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen
Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein
unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen
wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und
wo sie hinein wollten, hieß es: „Voll, übervoll!“

Die Beamten trösteten: „In drei Stunden kommt wieder ein Zug.“

Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wußte, ob es dann mehr Platz
gäbe? Frau Lißmann mit den Kindern lief hin und her, überall standen die
Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da
plötzlich hörte sie eine Stimme: „Nur herein, es geht schon noch!“ Ein
starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wußte, wie es
zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang
eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelöst
hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurück lassend.
„Gottlob!“ rief Frau Lißmann, sie zitterte noch vor Erregung. „Wo ist
denn mein Hut?“ fragte Karl, „man hat ihn mir vom Kopf gerissen!“ „Macht
nichts,“ tröstete die Mutter, „das ist der Krieg, hat der Herr gesagt.
Gottlob, daß wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen,
sonst wären wir nicht herein gekommen.“

„Das war ja der große Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat,
hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?“

„Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt
hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafür danken.“

Ein Mitreisender hatte das Gespräch gehört, er mischte sich ein: „Da ist
nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Österreicher; wir sind
Verbündete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz
schaffen“ und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden
des Ganges. „So, nun nehmen Sie Platz,“ sagte er freundlich. „Für das
Töchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch
einmal Soldat werden, der übt sich einstweilen im Stehen.“

Langsam fuhr der überfüllte Zug. An jeder Station gab es längeren
Aufenthalt; eine Menge Einberufene drängten noch herein und immer wurden
sie mit fröhlichen, heiteren Zurufen begrüßt. Ein Wiener Zug, schon voll
eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den
Güterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders
lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen
angeschrieben, bezeugten die fröhliche Stimmung der Krieger. An einem
war zu lesen:

  Serbien
  Du mußt sterbien!

Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: ‚Hier werden noch
Kriegserklärungen angenommen.‘ Unter Lachen und lautem „Heil, Heil“
rufen, fuhr man an dem Zug vorüber.

So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drückender wurde es in
dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablässig; seine blasse Mutter
entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen
ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stieß des Vaters
volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig
und übelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja
Krieg--man mußte sich in alles fügen, mußte froh sein, daß man überhaupt
noch fahren durfte; vom nächsten Tag an wurden nur noch Soldaten
befördert.

Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen
ebenso überfüllten Zug.

Wie ein Traum erschien es Frau Lißmann, als sie endlich spät abends in
den Münchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge ließen sich
unsere müden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie
sonst warteten hier die Angehörigen; der Zutritt war für jedermann
gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des
Bahnhofgebäudes und hier war es, wo plötzlich eine Stimme, eine liebe,
bekannte, fröhliche Stimme rief: „Mutter, grüß dich Gott, endlich kommt
ihr! Gebt nur euer Gepäck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur
her, Karl!“

„Philipp!“ riefen sie alle erstaunt, „ja woher hast du denn gewußt, daß
wir jetzt kommen?“

„Einmal habt ihr doch kommen müssen! Siebenmal habe ich euch schon
erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden
am Bahnhof. Warum seid ihr so spät gekommen, habt ihr meinen Brief nicht
erhalten?“

„Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater.“

„Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen.
Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt
nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kämt.
Aber daheim ist schon der Tisch für euch gedeckt. Nämlich schon seit
zwei Tagen.“

„Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?“

„Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es
scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Österreich. Die ganze
Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr
werdet staunen. Dürft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein
lassen.“

Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. „Aber
weißt du, daß Krieg ist?“ fragte Karl. Philipp lachte hell auf. „Besser
als du. Wißt ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklärt!“

Die Mutter blieb mitten auf der Straße stehen: „England! Kinder, das ist
ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es
denn amtlich mitgeteilt?“

„Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur
keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir
müssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heißes: Alle Mann auf Deck! Du
hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter,
daß ich mich als Freiwilliger gemeldet habe.“

Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: „Philipp, du mit deinen
siebzehn Jahren!“

„Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der
Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen können. Ich habe mich
gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur,
ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte
der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut.“

„Aber er muß doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?“

„Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris,
die Mutter in Österreich, da kann ich natürlich nicht warten, bis sie
heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das
war ihm recht. Dann fragte er nach dem ärztlichen Zeugnis. Das habe ich
mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn
so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten können, sie
gehen reißend ab, sind schon kaum mehr zu haben.“

„Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!“

Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal für den
Bruder ein. „Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr
bekommen!“

Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt
ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: „Mutter, es ist eben
Krieg! Und was für ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kämpfen
kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!“

„Ich auch,“ „und ich,“ riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen
Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: „Die Engländer auch--eine Welt
von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurückhalten!“

       *       *       *       *       *

Eine Weile später saßen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah
Philipp nach, der hin und her ging und für die erschöpften Reisenden in
liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnützer Schlingel; nein,
ihr Philipp, der künftige Soldat, der sein Leben geben wollte fürs
Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!



Der 4. August


Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der
Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder
abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien
hier bleiben.

Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein
reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im
siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle
Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und
ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz
überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der
Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir
sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles
ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon
vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes
miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung
fast Tränen.

Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges
zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.

Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz
anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem
habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast
vollzählig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu
ihrem Regiment einberufen waren.

Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des
königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat,
Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten
versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin
Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht
viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber
das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an
den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform
erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in
Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte
sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter
Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte
unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit
schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er
von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im
Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten,
stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam.
Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell
die nötigen Beschlüsse fassen.

Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der
Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das
gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: „Ich kenne keine
Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Und dann bat er die Vorstände
der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und
dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.

Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der
Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob
der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon
vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen.

Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem „Hoch“ auf den
Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne
angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer
den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt,
man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan.

Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das
ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher
muß ich noch was Lustiges erzählen.

Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ
der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie
z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter
diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht
wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack,
sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der
Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen
Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten
Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem
Herrn: „Nun aber wollen wir sie dreschen!“

Dies kräftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, daß es zur Losung
für den Krieg geworden ist und auf allen möglichen Postkarten sieht man,
wie wir uns das „Dreschen“ ausmalen können.

Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.

Schon gleich der Anfang war großartig. Von all den umständlichen
Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so
unerquicklich ausfüllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts
wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Präsident und
Schriftführern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmütig standen
die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, daß ihnen der frühere
Präsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der
Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen
Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug
hätte stören mögen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: „Ein
gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein.“ Dann legte er dar, wie
es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die
Russen sich so heimtückisch benommen hätten und wie die Franzosen ohne
Kriegserklärung in die Reichslande eingedrungen seien, so daß wir nicht
länger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mußten, weil uns sonst
die Franzosen von dieser Seite angegriffen hätten. Wir könnten mit
reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Höchstes
verteidigen müssen.

Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreißend
sei der Schluß gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief:
„Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr
ist das ganze deutsche Volk!“ Da brauste es durch den großen Saal und
von den dicht gefüllten Tribünen; der Beifall wollte garnicht enden und
der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: „das _ganze_
deutsche Volk!“ Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er über die
Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stürmisch Beifall riefen, wie alle
andern Parteien.

Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso
großartig zu. Ich weiß aber nur noch das eine, daß alles, was die
Regierung beantragt hatte, einmütig ohne irgend einen Widerspruch
durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden für die Kriegsausgaben
bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht
einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im
Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte:
„Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.“

Das freute mich am allermeisten. Am Schluß der Sitzung dankte der
Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal
einen stürmischen Beifall, als er sagte. „Was uns beschieden sein mag,
der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der größten Tage
Deutschlands sein.“

Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzählte. Er
sagte, den größten Sieg hätten wir schon errungen, den über unsere
eigene Uneinigkeit; jetzt könnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser
hat es ja auch in dem Ausruf: „An mein Volk“ gesagt: „Noch nie ward
Deutschland überwunden, wenn es _einig_ war.“

Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde ärgern
werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte über diesen Reichstag
lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im
Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir
streiten nur untereinander, wenn es nach außen nichts zu streiten gibt,
und das finde ich ganz natürlich.

Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch
einige Besprechungen, über die er aber nichts mitteilen darf. In diese
Tage fiel die Kriegserklärung der Engländer. Diese taten, als müßten sie
Belgien schützen und leider deshalb in den Krieg ziehen.

Aber der Vater sagt, man hätte gleich gewußt, daß das nur ein Vorwand
sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verächtlich gemacht.
Es sei eine große Schande, daß sie sich mit den Russen verbünden und sie
würden dieses Unrecht schwer büßen müssen.

Für den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht
viel für uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm
wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern
nicht gern anvertraut.

Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wäre statt 13, dann würde ich vielleicht
auch in manches eingeweiht. Statt dessen muß ich in die Schule gehen,
als wenn kein Krieg wäre. Die Mutter versteht, daß ich keine Lust dazu
habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah
erstaunt auf mich und sagte: „Ich hoffe doch von meinem Mädel, daß es
dasselbe tut, wie unsere Soldaten!“ Ich verstand nicht gleich, was er
damit meinte, bis er sagte: „Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut
sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst,
als nur das Nötige, so soll es mich freuen.“

Da schwieg ich über die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu
Hause ist, oder in der Schule, bei den Großeltern auf dem Land oder bei
den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an
den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als daß wir Deutsche siegen!



Das Pfarrhaus in Ostpreußen.


In Ostpreußen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blühende
Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mußte den ersten
Anprall der Feinde aushalten. Wohl kämpften die todesmutigen preußischen
Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach
Deutschland vorzurücken; aber Ostpreußen war der Kampfplatz und ehe das
Volk nur recht wußte, daß der Krieg erklärt sei, begann schon die
Verwüstung des Landes.

Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und
Hof, Äcker und Vieh besitzt, verläßt nicht so leicht die Heimat.

Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen
hörten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. „Wir
können nicht,“ sagten sie zueinander, „wie sollten wir das machen?
Wohin? Wovon sollen wir uns ernähren? Was mit den Kranken anfangen, und
wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht.“

Vom Nachbarort hatte man freilich gehört, daß viele Familien geflüchtet
waren, auch der Pfarrer.

„Unser Pfarrer wird auch gehen,“ sagten sie zu einander, „er hat seine
Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen;
da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins
Pfarrhaus gehen und hören, was der Herr Pfarrer meint.“

Der Pfarrer saß am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor
sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt,
aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.

Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau öffnete
die Türe. Eine ganze Anzahl Männer und Frauen standen da. Sie sagten,
daß sie des Herrn Pfarrers Meinung hören wollten, ob man fliehen sollte.

Der Pfarrer riet zur Flucht: „Morgen schon können die Feinde hier sein,“
sagte er, „und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Männer sind unseres
Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten
preisgegeben. Jetzt können wir noch flüchten; die Landsleute in
Westpreußen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich
überzeugt.“

„Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?“

„Wenn ihr geht, ja.“

„Und wenn wir nicht gehen?“

„Dann werde ich bei euch bleiben.“

Einer sah den andern an, sie waren still und überlegten. Die Pfarrfrau,
die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt
unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme:
„Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr könnt ja doch Haus und Hof nicht
schützen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen,
gleich heute, sonst ist es zu spät!“

Da wandte einer der Bauern sich an sie: „Frau Pfarrer, ich glaube es
nicht, daß die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der
großen Straße; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach
Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen,
dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich
herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste
Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben.“

Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblaßte. Wohl legte ihr Mann den
Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie
fühlte: es ist umsonst, was er redet, sie können sich nicht trennen von
ihrer Heimat.

So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: „Wir danken auch, daß
Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer.“

Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder
der Pfarrleute. Der Kleine saß in der Schaukel, das fünfjährige Fickchen
kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen
deutete einer der Männer auf die Kinder: „Die haben wir auf dem
Gewissen, wenn sie in die Hände der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer
betrifft, die wäre gern geflohen.“--„Ja, und der Herr Pfarrer war auch
dafür.“

„Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken
erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die
deutschen Truppen stehen.“

Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere
Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und
dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.

Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer
seine Frau an sich mit großer, innerer Bewegung: „Wir müssen uns
trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen.“

„O Johannes!“ rief sie, „warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich
habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch
zu deiner Mutter!“ Sie weinte bitterlich. Er drückte sie innig an sein
Herz: „Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich
kann nicht, unmöglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren
Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie hätten keinen Gottesdienst,
keinen Zuspruch in Unglück, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf
dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu
bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will
mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns
trennen müssen.“

„Trennen?“ sagte sie, „wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das
rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir
bis in den Tod.“

Es gelang ihm nicht, sie zu überreden, daß sie sich mit den Kindern
flüchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der
Pfarrfrau: „Sei getreu bis in den Tod.“ Ruhig und mutig sah sie dem
entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.

Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schöner Sonntag
war angebrochen. Die Kirche füllte sich wie an einem hohen Festtag.
Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers
hören, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille
Andacht die ganze Kirche erfüllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst
der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine
Anzahl Leute von der Landstraße her auf das Dorf zurennen. Schon von
weitem hörte man ihren Schreckensruf: „Die Kosaken kommen! Ein ganzer
Trupp ist hinter uns her!“

Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. „Luise, es wird ernst! Die Feinde
kommen! Gott sei uns gnädig!“ Er wollte den Talar ablegen.

„Behalte ihn an,“ bat seine Frau, „vielleicht achten sie dies Gewand!“

„Meine gute, kluge Frau!“ rief er und drückte sie an sein Herz, „was
wird nun über uns kommen?“

„Was sollen wir tun?“ fragte sie dagegen, „das Hoftor und die Haustüre
schließen?“

„Das hat keinen Wert; sie schlagen die Türen ein und dringen dann schon
in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie
Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt
brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine
Furcht.“ Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im
Nebenzimmer spielten: „Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf,
wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen.“

„Keine Feinde, gelt Vater?“ sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige
Worte hörte.

„Hungrige Soldaten,“ erwiderte dieser ausweichend. „Hilf der Mutter den
Tisch decken, Stühle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine.“

Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch
wie für Gäste.

In diesem Augenblick kam aus der Küche Maruschka, das Mädchen, totenblaß
herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben
sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.

„Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung.
Sieh, daß das Essen recht gut ausfällt. Man muß den hungrigen Soldaten
gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Küche, ich komme gleich
nach.“

„Ei, Mutti,“ sagte Fickchen, „ich glaube, Maruschka ist bange vor den
Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung.“

Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die
Straßen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Häuser.

Dann plötzlich hörte man von ferne Pferdegetrabe, hörte ein Signal, die
Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anführer ließ in deutscher Sprache
ausrufen, daß keiner der Einwohner den Ort verlassen dürfe. Bei
Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenläuten oder
sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten.
Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.

Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schöne Pfarrhaus, obwohl es
abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mißtrauisch um sich
schauend durch den Garten auf die Haustüre zu; voran einer, der der
Anführer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Türe
weit auf. Als seine große Gestalt im langen, schwarzen Talar plötzlich
vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer
machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in
russischer Sprache: „Kommt herein, der Tisch ist schon für euch
gedeckt!“

Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit
dem großen weißgedeckten Eßtisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum
noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hände
segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heißen. Die
Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.

„Das ist meine Frau und meine Kinder,“ sagte der Pfarrer ruhig. Die
beiden Kleinen traten zutraulich heran. „Meine Frau kann nicht russisch,
aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch,
Luise,“ fügte er in deutscher Sprache hinzu.

Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepäck ablegten.
Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anführer,
es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen
Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die
Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die
Hände. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie
waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.

Was draußen in der Küche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte,
was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs
beste.

Während des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau
aufgetragen: die schönen Betten im Gastzimmer überzog sie mit frischer
Wäsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die müden Soldaten hinauf und
lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten
erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau
sorgte voraus für das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, daß die
Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen würden.

So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten
ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wüstes Treiben; das ganze
Wirtshaus lag voll Kosaken, die aßen und tranken bis tief in die Nacht
hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den
Kellerschlüssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er
weigerte und wehrte sich; plötzlich zog einer der Soldaten die Pistole
und schoß den Wirt nieder.

Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und
am frühen Morgen, während die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin
einen Buben zum Pfarrer, er möchte doch den Toten beerdigen, den die
Soldaten nicht im Haus dulden wollten.

Der Pfarrer ließ sagen, man möge das Grab richten, er werde den Toten
beerdigen, aber es müsse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um
die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.

Vom Dorf aus brachten vier Träger den Sarg mit dem Toten. Niemand als
seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs
trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor
des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das
Friedhofglöcklein geläutet. Der Pfarrer blieb bestürzt stehen: „Wer
läutet? Wißt ihr nicht, daß die Kosaken auch das Läuten bei Todesstrafe
verboten haben?“

„Ach, Herr Pfarrer,“ sagte die Frau erschreckt, „es ist ja nur das
Sterbeglöckchen! Ich habe den Meßner gebeten, daß er läutet. Das werden
die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Geläute zu
Grabe getragen werden.“

Der Pfarrer hörte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ältesten Buben:
„Spring zum Meßner! Er soll das Läuten sein lassen, es kann ihm das
Leben kosten!“

Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und
versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst über dem
Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim
ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich für verraten.
Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wütend stürmten ein paar von
ihnen nach der Kirche. Der Glöckner wurde in einem Augenblick
überwältigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem
Pfarrer, denn der hatte gewiß das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie
drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der
wilden Rotte liefen die Sargträger und die Wirtin mit ihren Kindern
unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in
der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. „Ich habe
nur getan was meines Amtes ist,“ sagte er zu ihnen in ihrer Sprache,
„das Läuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen.“ Da wechselten
sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt
fortzuführen. Im Augenblick waren ihm die Hände auf den Rücken gebunden.
Dabei riß einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. „Versündige
dich nicht,“ sagte der Pfarrer, „lege es dem Toten auf sein Grab,“ und
der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.

Sie führten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straßen waren leer,
niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber
hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Straße und mit Entsetzen
sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem
Wirtshaus geführt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.

Nur die Pfarrfrau wußte nichts von allem, was geschehen. Zwar über das
Läuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darüber
nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter
geworden; sie hörte sie lebhaft reden und eilte, Frühstück für sie zu
bereiten. So früh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch
wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug
sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, daß ihr Mann wieder vom Friedhof
zurück käme.

Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mußte sich wohl
darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre
Sprache gekonnt hätte! Sie öffnete die Türe; aber die Soldaten schienen
nicht vor zu haben, zum Frühstück zu kommen, sie gingen auf die Haustüre
zu.

„Tee?“ fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene
Türe war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zögerten bei
diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte;
dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in
Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Käs und
Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Straße.
Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklären, ging hinauf in
das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepäck
mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mußten sie wohl heute früh
schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspätet und deshalb
so eilig? O Wonne, diese Gäste glücklich los zu sein!

Vom Gastzimmer aus konnte man hinüber blicken nach dem Friedhof. Der
lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er
so früh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar?
Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher
unmöglich schien.

Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese
Stille etwas Bedrückendes. Es fröstelte sie. Sie ging wieder hinunter in
die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die große Teekanne. Ja, eine Tasse Tee
würde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe über die Kanne, daß der
Tee schön heiß bliebe, bis ihr Mann endlich käme. So saß sie ganz allein
an dem großen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete
auf ihren treuen Gefährten, der doch auch noch kein Frühstück hatte.

Jetzt endlich hörte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten,
durch die Flur; die Wohnzimmertüre ging auf--ihr Mann stand vor ihr.

„So, endlich!“ sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, „jetzt
komme nur gleich, der Tee wird kalt!“

Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien
transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und
Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der
einzigen Sorge: der Tee würde kalt.

Sie sah jetzt seine Erregung. „Was ist denn geschehen?“ fragte sie
ängstlich.

„Du weißt wohl von gar nichts?“

„Nein, wo warst du denn?“

„Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine
Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde.
Gefesselt bin ich vom Friedhof herein geführt worden, ganz nahe an
unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's
gönnen, daß du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Läuten der
Sterbeglocke für Verrat gehalten; dem Glöckner hat es das Leben
gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an
meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiß, Luise; es ist nichts mehr
zu fürchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer
Einquartierung. Unsere vier Leute sind für mich eingetreten, haben für
mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze
Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!“

„Ja, Gott Lob und Dank!“ Die Pfarrfrau war so erschüttert, sie konnte
sich gar nicht fassen. Freilich für diesmal war die Gefahr überstanden;
aber noch heute konnten größere feindliche Heere das Land überfluten.

Aus der Ferne hörte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.

Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Straße und wieder kamen
sie in großer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt.
Sie wollten flüchten; alle waren einig, so schnell wie nur möglich;
keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des
Glöckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen
einen Schreck eingeflößt, so daß es von Mund zu Mund ging:

„Nur fort, nur fort!“

Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine
Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefüllt, Kranke und
Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvögel u. dgl. durften
mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.

Unterwegs stieß man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz
anders gehaust und Greuel verübt hatten, bei deren Bericht man
schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwärts; ängstliche,
bekümmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verließen und mit
schwerer Sorge in die Zukunft sahen.

Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen
geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfüllte die Straßen
und Plätze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brüllend in den
engen Straßen.

Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rührender Nächstenliebe wurden
in kurzer Zeit all die armen Flüchtlinge untergebracht, wurde Dach und
Fach, Arbeit und Verdienst für sie geschafft.

Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und
Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch
sie trauerten um das schöne Land, das vom feindlichen Heer verwüstet
wurde, und um die unglückseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner
konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen
Ostpreußens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht.
Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der
Hand der Feinde gerettet würde.

Und der große Tag kam; der Retter Ostpreußens erschien: Generaloberst
_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen
Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.

Was war das für ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!

Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des
Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser
Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde
untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen
Flüchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, daß sie bald
wieder in die geliebte Heimat zurück könnten. Alles Schwere, alles Leid
versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott,
der dem Leid ein Ende gemacht.

Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen dürfen
zurückzukehren, denn noch immer können sich feindliche Einfalle an der
Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte
Not für die Flüchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir
wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so
glücklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb
verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!



Die Konservenbüchsen.


In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauß unter seiner
Ladentüre und sah die Straße hinunter, immer nach einer und derselben
Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenüber
sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und
sie rief dem Nachbar zu: „Kommt sie noch nicht?“--„Sie muß gleich
kommen.“

Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der größere von beiden sah
aber nebenbei auch immer wieder die Straße hinunter. „Jetzt kommt sie!“
rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die
Zeitungsausträgerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie
es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm
trug. Sie war froh, daß ihr viele Blätter auf der Straße abgenommen
wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man
hatte in der Stadt schon etwas von einem großen Sieg der Deutschen
gehört und war gespannt, ob es auch gewiß wahr sei. Wer seine Zeitung
glücklich in Händen hatte, las sie schon auf der Straße. Auch Georg, so
schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon
unterwegs, was mit großen Buchstaben über das ganze Blatt gedruckt stand
und rief dem Vater zu: „_Großer Sieg über die Russen, sechzigtausend
Mann gefangen_.“--„Wirklich? gib her, Georg!“ Der Vater verschwand im
Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch,
auch die Mutter lehnte sich darüber; der Vater las laut und alle freuten
sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte
Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung mußte
beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Küche, die
Jungen folgten ihr. „Das hätte ich so gerne noch gehört,“ sagte
Georg, „was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den
Konservenbüchsen.“--„Was für Büchsen sind denn das?“ fragte der kleine
Hans.--„Blechbüchsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemüse und
Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen nötig brauchen, wenn sie
gerade nichts Frisches haben können. Der Vater wird schon nachher
weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Käs zum Vesper für
den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar
Pfennige mehr sein, wenn es ein schönes Stück ist. Ich gebe dir 35 statt
30 Pfennig mit.“

Georg ging mit dem Geld in die nächste Straße und verlangte in dem
Warengeschäft ein Viertelpfund Käs. Ein Stück wurde abgeschnitten und
gewogen. „Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30
Pfennig,“ sagte die Verkäuferin. Währenddessen hatte Georg auf dem
Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden
Schokoladestangen erblickt. Das Stück fünf Pfennig, stand auf dem
Kasten. Und fünf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf
diese fünf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie wären ja auch weg
gewesen, wenn er sie für den Käs ausgegeben hätte. „Und eine
Schokoladestange für fünf Pfennig,“ sagte er; bekam sie, ging hinaus,
ließ sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes
Gewissen dabei; „wegen der fünf Pfennig“. Er war schon mit Essen fertig,
als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Käs ab. „Komm, der Vater ist
allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor.“ Bald
standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: „Unter den
Gepäckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich
zur großen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbüchsen
angefüllter. Die Büchsen waren verlötet und jede trug die Gewichts- und
Inhaltsangabe der verschiedenen Gemüse- und Fleischgerichte. Als aber
eine und dann immer mehr dieser Büchsen geöffnet wurden, fand sich, daß
sie, anstatt mit Eßwaren, mit Sand und Spänen gefüllt waren. Dieser
Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im
russischen Volk herrscht.“

„Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen
nicht!“ rief die Frau empört.--„Ja es ist unglaublich!“--„Was denn,
Mutter, was ist denn so schlimm, erkläre mir's doch,“ drängte
der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehört, aber doch die
Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.

„Begreifst nicht?“ sagte die Mutter, „wenn ich dir einen Nickel gebe und
sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir
Gutele darum kaufen; gelt das wäre nicht recht? Da hat aber der
russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten
gesagt, sie sollen Büchsen mit Fleisch und Gemüse füllen für die
Soldaten. Die haben aber das Geld für sich behalten, haben kein Fleisch
und Gemüse gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Büchsen
getan und haben sie zugelötet.“

„Die Russen haben das getan?“ fragte Hans, der mit größter Spannung
zugehört hatte.

„Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind
ehrlich.“

„Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?“ fragte Hans wieder,
„ich möchte auch ein Deutscher werden.“

Sie lachten über den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den
Blondkopf: „Bist schon längst einer, Hans, schon seit du auf der Welt
bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!“
Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehört,
daß der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fünf
Pfennig, die für den Käs bestimmt waren, hatte er für Schokolade
ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher.
„Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein
Deutscher, gelt Mutter?“ sagte er, „nur natürlich so etwas, wie mit den
Büchsen, darf er nicht tun!“ Der Vater blickte von der Zeitung auf und
sah Georg an. „Mit der kleinen Unehrlichkeit fängt's allemal an,“ sagte
er, „es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen
Pfennig betrügt, so kommt er immer weiter.“

„Das ist doch ein Unterschied, auf fünf Pfennig kommt's doch nicht an,“
beharrte Georg.

„Auf die Pfennige käme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit,
die darf eben keinen Flecken haben; da muß sich einer rein halten, schon
als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum
soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich
erschwindeln kann, als auf fünf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird
auch das andere nicht können.“

Jetzt wurde es Georg ganz angst; er würde doch nicht später einmal so
etwas tun, wie es die Russen getan hatten?

„Gelt, dich drückt etwas,“ fragte die Mutter ihren Großen, der in
sichtlichem Unbehagen dastand, „hast was auf dem Gewissen, Georg?“

„Ja, fünf Pfennig vom Käs. Die waren übrig und ich hab mir Schokolade
dafür gekauft und schon gegessen, sonst möcht' ich sie gleich hergeben.“

„So, so!“ sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehörte
doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Während er sich so
besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodaß die erste Seite
wieder obenauf lag mit der großen, frohen Siegesnachricht über die
Russen. „Ja, ja,“ sagte er plötzlich und sah hell auf, „die Russen haben
wir besiegt; die ganze Russenart müssen wir unterkriegen; denn etwas
davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kämpfen dagegen an. Wir
sehen's jetzt im Krieg, wohin das führt. Ehrliche Deutsche wollen wir
sein, keinen Fünfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den
Büchsen, gelt du?“--„Ja, Vater!“--„Da drüben ziehen sie die Fahne auf!“
rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentüre. „Ja, Sieg über
die Russen und über die Russenart!“



Zu welcher Fahne?


Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit
des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt
Elsässer; auch seine Frau stammte aus dem Elsaß. In Straßburg hatten sie
ihren Hausstand gegründet, dort waren auch ihre beiden ältesten Kinder,
zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Später
war die Familie Kolmann nach Paris übergesiedelt, wo dem Manne eine gute
Stelle an einem großen Bankgeschäft angeboten war. Sie lebten nun seit
drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brüdern noch ein
Schwesterchen gekommen. Für die Elsässer war das Eingewöhnen in Paris
leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die französische Sprache
vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern französisch und jedermann,
der nicht näher mit ihnen bekannt war, hielt sie für Franzosen. Paul und
Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den französischen
Altersgenossen zur Schule.

Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli
und brachte schwere Sorgen und Überlegungen für viele Deutsche in Paris.

In dem Bankgeschäft, für das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge
Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wußten
sie doch, daß ihres Bleibens nicht mehr war, und daß sie jeden Tag ihre
Einberufung erwarten mußten. So verließen sie Frankreich noch vor dem
eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurück.

Der Direktor der Bank, für den die plötzliche Abreise mehrerer
Angestellter sehr störend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, daß er
darauf rechne, ihn, den Elsässer, zu behalten. Im Kriegsfall käme ja
Elsaß doch wieder an Frankreich. Die Elsässer würden alle gleich bei
Beginn des Kriegs zu den Franzosen übergehen; daran sei gar nicht zu
zweifeln.

Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und würde im
Kriegsfall einberufen werden.

„Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel,“ meinte der Direktor; „Sie
dürfen sich nur naturalisieren lassen, das heißt wieder Franzose werden.
Im übrigen ist ja immer noch Hoffnung, daß es nicht zum Krieg kommt; die
Gefahr kann auch wieder vorüber gehen. Einstweilen möchte ich Sie
ersuchen, möglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu übernehmen,
wofür ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde.“

Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschäft heim. Seine
drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen
Salon erwartete ihn seine Frau.

„Wie spät du heimkommst,“ klagte sie. „Das kann doch nicht so weiter
gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, daß du die Arbeit der
Herrn übernimmst, die abgereist sind.“--„Ich muß es ja nicht umsonst
tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten
Gehalt angeboten.“

„O wie fein!“ rief Frau Kolmann, „den doppelten Gehalt! Ja, dann werde
ich nicht murren, wenn du später von der Bank kommst; wir werden den
Abend um so vergnügter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins
Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?“--„Bitte, laß uns
nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich müde und gar nicht in
der Stimmung auszugehen.“

„Schade,“ sagte die junge Frau, „wie kann einer nicht in guter Stimmung
sein, wenn man ihm unvermutet einen so glänzenden Gehalt anbietet? Aber
ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht
wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Eßzimmer, der
Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und
auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich
gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie töricht sie waren,
so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiß nicht, ich habe
es heute erst im Figaro gelesen.“

„Glaube den französischen Zeitungen nicht, sie lügen!“

„Aber nein, gewiß nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein:
der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg.
Auch der König von England versichert, er habe den ernsten Wunsch,
einen europäischen Krieg zu verhindern. Daß die Franzosen den Krieg
fürchten, wissen wir doch ganz gewiß und ebenso, daß die Deutschen nie
anfangen. Also, wie soll es einen europäischen Krieg geben? Komm, sei
nicht so schwarzsichtig, laß dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr
an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt.“

„Ja, wie geht es ihnen?“

Die Mutter erzählte nun fröhlich, daß die kleine Mimi, die einjährige,
schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zärtlich
seien mit dem kleinen Liebling. Über diesem Geplauder wurde auch der
Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.

Am nächsten Morgen machte sich Kolmann frühzeitig auf den Weg zur Bank.
Er wußte, daß viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von
Frau und Kindern mit den Worten: „Auf Wiedersehen um zwei Uhr.“ Zärtlich
küßte er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Frühstück saßen,
ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen
lockte. Sie wurde eben von der „Bonne“ in ein weißes Kleid gesteckt und
streckte verlangend dem Papa die Ärmchen entgegen. Nur einen Augenblick
hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der
Kinderfrau zurück und verließ eilends das Haus.--Er war noch keine
hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot:
„Es ist der Krieg!“ rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum
nächsten Vorübergehenden mit dem Ruf: „Es ist der Krieg!“

Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Händen das Blatt und las, daß
die Franzosen über die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen
eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg
erklärt.

Da wandte Kolmann seine Schritte zurück und nach wenigen Minuten war er
wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich
mit den beiden Knaben am Frühstück saß, und sagte auch nur die vier
Worte: „Es ist der Krieg!“ Sie griff nach dem Blatt, das er ihr
hinhielt. Sie las es. „Also wirklich?“ Nun mußte auch sie an den Krieg
glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Händen, Paul nahm es auf. Er las,
was mit großen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern
Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die großen Leute nun wohl
den Krieg führen würden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander
und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das französische
Dienstmädchen im Zimmer nebenan war. „Papa,“ fragte Paul--er redete
französisch--„Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die
Engländer halten zu uns, ist das wahr?“--„Zu uns?“ Der Vater sah seinen
Jungen an. Er hatte nie mit ihm darüber gesprochen, daß sie Elsässer und
also Deutsche waren, denn er wollte, daß seine Kinder sich ganz heimisch
und wohl fühlten unter den französischen Kameraden. Und jetzt, in dem
Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu
sprechen. „Bitte Papa, sage mir's!“ wiederholte Paul, „hält England zu
uns?“

„Franzosen, Engländer und Russen halten zusammen,“ sagte Herr Kolmann
ausweichend.--„Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder
haben die auch Freunde?“

„Ja, Österreich geht mit Deutschland.“

„Papa, wer wird's gewinnen?“

„Wir, Paul,“ sagte der Vater und er dachte dabei „wir Deutschen“, aber
er merkte wohl, daß Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er
forderte den jüngeren Bruder auf, mit ihm hinüber zu gehen ins
Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.

Die Eltern blieben allein zurück. „Paul meint, wir seien Franzosen,“
sagte Kolmann. „Das ist ja nur gut,“ entgegnete seine Frau, „Elsaß kommt
nun sicher wieder an Frankreich. Ich hörte es neulich erst sagen, ganz
Elsaß freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu
Frankreich übergehen.“

„Was man wünscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht,
und von all den Elsässern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben,
wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weißt du nicht mehr,
wie er begeistert war für das deutsche Heer? Meinst du, daß er überginge
zur französischen Fahne?“

„Der freilich nicht,“ sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fügte
sie hinzu: „Gottlob, daß du nicht in den Krieg mußt; es wäre ja
schrecklich, wenn man nicht wüßte, zu wem man halten sollte.“ In
sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.

„Was beunruhigt dich so?“ fragte sie teilnehmend.

Er schwieg.

„Sage es mir doch, lieber Freund,“ bat sie zärtlich.

Da blieb er vor ihr stehen. „Ich muß es dir ja freilich sagen, wenn du
es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine
dreißiger Jahre entheben mich der Militärpflicht. Mir bleibt nur die
Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann müssen wir
alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde
Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehören wir künftig der
französischen Nation an. Schon lange habe ich gefürchtet, daß ich einmal
vor diesen Entscheid gestellt würde, nun ist die Stunde gekommen.“

„Aber Liebster, wir können uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir
unser reizendes Heim, hier hast du eine glänzende Stellung; so bleiben
wir doch natürlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in
Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wäre doch zu töricht!“

„Ja, ja, ganz recht; es wäre töricht und für dich zu schwer,“ antwortete
er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.

„Unsere Großeltern waren noch Franzosen,“ sagte sie, „so können wir es
doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?“

„O nichts,“ sagte er bitter, „nichts als das, daß ich als Soldat zur
deutschen Fahne geschworen habe. Und daß es mir ein sonderbares Gefühl
ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu
brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer
rüstet, dem ich als junger Mann angehört habe mit Leib und Seele. Es ist
das schönste, beste Heer mit seinen prächtigen Offizieren und seinem
edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui!
All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich
hielt und den ich verehrte--alle dürften mir zurufen: Pfui!“--

Charlotte stand ergriffen.

In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten
Köpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: „Mama, wir sind schon in Berlin
gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir
gefangen, dem soll es schlecht gehen!“

„Schweigt!“ rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ältesten
eine Ohrfeige. Sehr bestürzt über diese ganz ungewohnte Behandlung
verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Tränen.

„Verzeih,“ sagte der Mann, „ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht
hören, daß meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am
besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!“

Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur
noch bitterlicher. Begütigend sagte er: „Ich werde Paul noch ein
freundliches Wort sagen, ich weiß ja, er hat die Ohrfeige nicht
verdient. Du mußt nicht mehr darüber weinen!“

„Ach, das ist's nicht,“ sagte sie schluchzend, „aber geh nur jetzt, wir
können ja mittags alles besprechen.“

Da verlief er das Haus, ging durch die Straßen zwischen der aufgeregten
Menge hindurch, hörte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der
Bank ein großes Gedränge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr
Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hörte,
wie er die Ängstlichen zu beruhigen suchte. Sein spätes Kommen mußte dem
Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser
Beamte möchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte,
es sei doch gut gewesen, daß er ihm schon gestern doppelten Gehalt
angeboten hatte. So etwas schlägt keiner aus--meinte der Direktor.

Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre
Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und fröhlich wie
sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, daß
sie möglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der
Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich
nachdenken zu können. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann
überlassen; er hatte alles für die Familie aufs beste eingerichtet und
jederzeit gewußt, was geschehen mußte. Nur heute nicht. Es war ihr
ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die
Ohrfeige, die kam doch nur daher, daß er es nicht ertragen konnte, wenn
sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen
auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinüber zum deutschen Heer.
Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten!
Bei dem bloßen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Füßen.
Während sie so in der Stille darüber nachdachte, glaubte sie im
Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hören. Aber der war doch wohl fort
mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem großen Tisch stand Paul
ganz allein, eifrig beschäftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute
Befehle gab.

„Mama,“ sagte er, „die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich
ganz still im Zimmer spielen würde. Sie meinte, es werde dir schon recht
sein, und wir wollten dich nicht stören. Mama, warum bist du so traurig,
und warum ist Papa auch nicht wie sonst?“

„Das kommt vom Krieg, Kind.“

„Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil
wir alle Deutsch könnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien
Elsässer. Wie ist das eigentlich?“

„Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darüber.“

„Das will ich auch nicht, nur wissen möchte ich es, Mama. Sieh, da
stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsässer
habe, wohin muß ich sie stellen?“

Er sah auf und wunderte sich, daß die Mutter keine Antwort gab. „Bitte,
sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe.
Sieh, da ist unsere französische Fahne und hier die schwarzweiß-rote,
das ist die deutsche. Zu welcher gehören die Elsässer?“

Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von außen Hilfe. Es
klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der
anfragte, ob er sie in so früher Morgenstunde einen Augenblick sprechen
könnte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. „Ich
wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen,“ sagte Herr Frank.
„Meine Frau läßt Sie herzlich grüßen, sie hat alle Hände voll zu tun.
Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem
Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tückisch
fallen die Feinde von allen Seiten über Deutschland her! In Lug und Trug
sind sie verbündet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird
zurückbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen
Sie?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Frau Kolmann; „vielleicht--ich weiß nicht; was
macht Ihre Frau?“

„Meine Frau drängt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr
sehen, ihnen kein Wort gönnen.“

„Aber was wird aus Ihrem Geschäft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit
Ihren Kindern?“

„Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn
das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, daß wir nach
Deutschland müssen, und wenn es auch nur wäre, um mit ihm zu leiden. Ihr
Mann denkt sicher ebenso. Ich muß gehen, grüßen Sie ihn. Wir treffen uns
unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen für alle
Freundschaft. Vielleicht führt uns das Leben noch einmal zusammen im
stolzen, sieggekrönten Vaterland!“ Er drückte ihr die Hand zum Abschied
und ging.

Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurückgelassen,
einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfüllte und ihr,
der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie groß war das, zu sagen:
Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte
sich geschämt, dem Freund nur auszusprechen, daß sie daran dächte, in
Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr müßte ihr Mann sich schämen, er, der
Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen
zurückbleiben! Alle Unsicherheit und Schwäche war von ihr gewichen.
Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurück.

„Nun, Paul,“ sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, „was wolltest
du wissen? Wohin die Elsässer gehören? Zu den _Deutschen_ gehören sie,
das mußt du doch wissen! Wir sind Elsässer und Elsaß gehört zu
Deutschland.“

„So?“ sagte der Knabe nachdenklich, „ja, dann muß ich alles anders
aufstellen; dann müssen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und
müssen oben stehen, damit sie siegen können!“

„Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird
ihn freuen.“

„Das hättest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den
Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekämpft und zu den Franzosen
gehalten.“

„Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!“

       *       *       *       *       *

Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine
entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen
verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen,
wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In
aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit
verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.

Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsässer, die nicht,
wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich übertreten wollten,
wandte sich der größte Haß der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den
Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die
Miete fürs ganze Jahr; die Köchin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte
ihren Lohn und verließ sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich,
Speisen abzugeben, und der Gepäckträger kehrte den Rücken, als er
aufgefordert wurde, das Gepäck zu besorgen. Die Leute aus dem
Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.

Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die
Achseln und erklärten, sie könnten nichts machen. Auf dem deutschen
Konsulat waren alle Räume überfüllt mit ausgewiesen Deutschen, denen das
Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Mädchen, die Schutz suchten. Da
sagte sich Kolmann: „Hilf dir selbst!“ Mit viel Geld, mit guten und
bösen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, daß er am nächsten
Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die
Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.

Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar
in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedränge, bei der
boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, daß,
während die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul
weggestoßen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich
in Bewegung setzte. Niemand kümmerte sich um den Jammer der
Zurückbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei:
„Mein Kind, mein Kind!“, der aus dem Wagen drang, in dem die Familie
Kolmann davon fuhr. Sie wußten nicht, war ihr geliebtes Kind überfahren
oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.

Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Möglichkeit,
irgend etwas zu tun für das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter,
kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfügung, feindselig waren alle
Einrichtungen; es war Krieg.

Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine
Mitreisende, ein junges deutsches Mädchen, das in einem der hintersten
Wagen gewesen, drängte sich allmählich vor und fragte in jedem Wagen:
„Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?“ Schließlich kam
sie mit der Frage in den richtigen Wagen. „Ja, ja!“ riefen Pauls Eltern
wie aus einem Mund. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich vom Fenster aus
gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte,
aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte.“ Frau
Kolmann stürzten die Tränen aus den Augen: „Aber verloren ist er!“
schluchzte sie laut. „Ich sah noch,“ fuhr das Fräulein fort, „daß eine
Frau, es schien mir eine einfache deutsche Bürgersfrau, die mit ihren
kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn
mütterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen
und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost
sagen.“--„Danke, danke!“ Frau Kolmann konnte nichts weiter
hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden über ihre
Tränen. Es war doch schon ein Trost für die Eltern, daß sie wußten, ihr
Kind war nicht unter die Räder gekommen, und sie hielten das Bild fest,
wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er
wirklich nach Deutschland, so würden Eltern und Kind sich auf allen
Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.

Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug
durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert,
was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen
Trunk Wasser, keinen Schluck Milch für die kleinen, schreienden Kinder
konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie
vom Pöbel beschimpft, ohne daß es irgend einem Beamten eingefallen wäre,
die Wehrlosen zu schützen.

Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehässig zeigte. So
Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, daß sie
Paris den Rücken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen
werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam
behandelte!

Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze
gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mußten alle aussteigen und von
da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepäck
vollends hinüber kämen.

Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat
ihnen deutsche Herzensgüte entgegen. Man hatte den Strom der
Vertriebenen erwartet und für die Nacht Unterkunft bereitet. Männer und
Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen,
standen bereit, sie zu empfangen. Den todmüden Müttern wurden die Kinder
abgenommen und mit warmer Milch gelabt, für die Erwachsenen waren
Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es
auch waren, alle bekamen Obdach und Lager für die Nacht. Manche waren zu
Tränen gerührt über diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr
wiedergewonnenes deutsches Vaterland!

       *       *       *       *       *

Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straßburg
eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon
in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren müssen. Er brachte seine
Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war
er daheim. Unermüdlich waren in dieser Zeit seine Bemühungen, durch
Anfragen bei Behörden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen über das
verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen.
Bahn, Post und Telegraph waren fast nur für das Militär zu haben und
auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch
nehmen. Schon waren große Schlachten geschlagen und viele Opfer
gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das
Wort „vermißt“ vor. Wie konnte man verlangen, daß alle sich bemühen
sollten, nach dem einen kleinen Vermißten zu forschen?

Das große Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und
tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im
verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen
sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus
dem großen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; für die kurze Zeit, die
sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine
Häuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam,
nach den glänzenden Pariser Verhältnissen. Sie waren glücklich,
beisammen zu sein, aber im stillen fürchteten sie beide den Tag, an dem
sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzähligen
derselbe Abschied bevorstand, so fühlten sie, daß es ihnen schwerer
wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief
bedrückte.

Eines Abends saßen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder
schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke störte die Stille. „Wer
kommt so spät noch?“ Herr Kolmann ging zu öffnen. Ein Briefträger stand
außen. „Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint,
es könnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen.“ Der Bote
ging.

„Gewiß eine erfreuliche Kriegsnachricht,“ sagte Kolmann, indem er sich
wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: „Auf
Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt
eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die
Kriegswirren--namentlich in Ostpreußen und im Elsaß--von ihren
Angehörigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach
solchen suchen.“

Es folgte eine Liste. Sie begann:

  „Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz
  in Berlin, Passauerstraße 6.“

  „Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer
  Gullasch in Heinrichswalde.“

  „Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im
  Elsaß.“

  „Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von
  Grau Donalus, Fasanenstraße.“

  „Dienstmädchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Mühlhausen im
  Elsaß.“

So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.

„Ja,“ sagte Herr Kolmann, indem er die Liste überflog, „an diese Zeitung
wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben.“ Er stand auf, das
Schreibzeug zu holen.

Im selben Augenblick stieß seine Frau einen Schrei aus: „Liebster, höre
nur: ‚Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm,
Walfischgasse 3, bei Frau Peter.‘ Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr?
Herzensmann, lies!“

Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus
den wenigen Worten herausfanden, daß ihr geliebtes Kind wieder gefunden
war. „Er sucht uns!“ rief Frau Kolmann bewegt, „‚gesucht von ihrem Sohn‘
heißt es. Wer hat ihm nur geholfen, daß er diesen Ausweg fand? O diese
Frau Peter, die möchte ich in Gold fassen! Wäre nur schon die Nacht
vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?“

„Zuerst telegraphieren, morgen in aller Frühe!“

Am nächsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die
Eltern, daß Paul gesund sei und gleich abreisen würde; ihn abzuholen,
sei unnötig.

„Also wird ihn Frau Peter bringen,“ schloß Frau Kolmann, „denn allein
kann das Kind doch nicht reisen.“

Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon
abgereist.

Die Züge gingen so unregelmäßig, man wußte nie, wann einer kam.

Aber Frau Kolmann machte unermüdlich mit ihren zwei Kindern den Gang an
die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein
Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und küßte
sie, lachte vor Glück und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuß,
hob die Kleine auf den Arm und rief: „Ich kann sie ganz nach Hause
tragen. Unseren Kleinen, weißt du, den von Frau Peter, habe ich auch
immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama,
in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Nähmaschine, da kann Frau
Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser.“

„War sie gut, die Frau Peter?“

„O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf
niemand hinüber, der nicht auf dem Paß genannt ist. Da hat sie mich
Johann genannt, weil so ihr Kleiner heißt und auf dem Paß stand. Der
Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur
ein Kind auf dem Paß. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade
mörderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn
angefahren: „So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!“ Da ist
der Beamte ordentlich zurückgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe
so lachen müssen, daß ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach
Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns
angenommen und uns ein Stübchen und Arbeit verschafft. Für mich hätte
sie eine Familie gewußt, die mich aufgenommen hätte, aber Frau Peter und
ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige
in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen.“

Immerzu erzählte Paul; sein Herz war übervoll von all den Erlebnissen.

Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er
die Zimmer, die ihm schön und groß vorkamen. Darüber mußte sich sein
Bruder Emil wundern. „Uns gefällt es gar nicht“; sagte er, „wir haben
doch in Paris eine schönere Wohnung gehabt!“

Aber Paul ließ sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschön vor, und
die Mutter war froh darüber. Sie merkte es aus allem: in großer Armut
hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet,
im Gegenteil.

Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer
als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der
Vater zog ihn so warm an sein Herz, daß die alte Vertraulichkeit gleich
wieder da war.

„Der Papa geht jetzt in den Krieg,“ erklärte Emil.

„Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die
Mama so grob gestoßen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden
geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat
gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Straßburg reisen--es tue mir
niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir
hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weißt du, die
Nähmaschine haben wir natürlich nicht gleich ganz bezahlen müssen, die
muß monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau
Peter nicht etwas schicken?“

„Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?“ fragte der Vater lächelnd.

Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: „Fünfzig Mark! Aber wenn du ihr
zehn schicken könntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!“

„Wir schicken ihr fünfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie
für deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau
reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch später nie vergessen.“

Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glück an diesem
Abend.

Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie
wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglückendes
Wiedersehen folgen?

Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander.



Der kleine Franzos.


Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es
gar schnell auf den großen Straßen, die nach Paris führen, vorwärts.

Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf
unsere Hauptstädte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land
eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen mußten, wie
unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze französische
Bevölkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfaßt. Männer und
Frauen ließen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der
Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen
sie heimtückisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Häusern
heraus.

Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in
ein Dorf einzögen, dürfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner
sollten sich hüten und wenn künftig nur auch _ein_ Schuß fiele, so würde
das ganze Dorf verbrannt.

Aber die Wut und der Haß waren zu groß; auch glaubten die Leute nicht,
daß unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Männer, die keine Waffen
trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein würden. Man
hatte ihnen so viel vorgelogen, daß sie meinten, die Deutschen seien
grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, daß sie wie Meuchelmörder
aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben
die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schießen, und das
geschah.

So kam es, daß eine ganze Anzahl von Dörfern niederbrannten. Viele der
Bewohner flüchteten in die nächsten Orte und erzählten dort die
Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzählten sie nicht, daß sie
selbst an diesem Unglück schuld waren. So wurde die Angst vor den
Deutschen und der Haß gegen sie immer größer.

Ein großes Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde
auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem
geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Häusern rings
herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am
Abend ein; aber sie ließen auch die französischen Familien ruhig in
ihren Häusern.

So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten
einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa
neunjährigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus
und war artig gegen seine Großeltern. „Komm doch einmal her zu mir!“
rief der Offizier, der beim Frühstück saß, in französischer Sprache dem
Jungen zu.

Ohne Scheu folgte der Knabe.

„Wie heißt du denn?“--„Pierre“.

„Bist du immer bei den Großeltern?“

„Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen
Eltern im nächsten Dorf; dort ist keine Schule.“

„So; komm einmal mit mir, Pierre, und führe mich in die Schule!“

Ängstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers
hinausgehen. Unter der Türe blickte der Kleine noch einmal zurück und
rief: „Keine Angst, gute Großmama!“ Die Straßen waren noch von Rauch und
Brandgeruch erfüllt; im untern Teil des Dorfes glühten noch die
Brandstätten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei führte der Knabe
den Leutnant zum Schulhaus. Die Türe stand offen. Sie gingen hinein.
Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: „Das
ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hieß:
„Die Ulanen kommen!“

„Dann seid ihr alle ausgerissen.“--„Ja.“

Der Offizier ging zu der großen Schultafel, die vorn beim Fenster war.
Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier
nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem französischen
Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er
mit großer Schrift in französischer Sprache an: Die deutschen Soldaten
tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die
deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird.

„So, kannst du das lesen?“

„Ja, gut!“ sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das
Geschriebene vor.

„Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und daß sie
kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, daß es wahr
ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns
schoß? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz
gut Freunde?“ Er streckte dem Bürschchen die Hand hin. Es hat verstanden
und schlug ein. „Nun so spring, kleiner Kamerad.“ Der Knabe rannte davon
und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mußten die
Schrift lesen.

Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militär zu warten, am
nächsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der
Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der
kleine Pierre vorausgeeilt in das Dörfchen, wo seine Eltern lebten. Es
lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der großen Straße, aber
nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der
Soldaten sich dorthin wenden würde? Er ließ sich nicht von den
ängstlichen Großeltern zurückhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er
wollte warnen.

Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Dörfern, war schon in
das abgelegene Örtchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten
waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen.
Die einzige Hoffnung war, daß die Flut nicht bis in das Seitental
dringen möchte!

Unwillkürlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre
Felder bestellten, unzählige Male nach dem Weg hinunter, der von der
großen Straße ab zu ihnen führte und beruhigt waren sie, daß sie keinen
Menschen sahen.

Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber
einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der
sich vorwärts bewegte und der allmählich größer wurde. Da hielten sie an
mit der Arbeit.

„Nur ein Kind,“ meinte jetzt einer.

„_Unser Kind_,“ sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie
erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten,
zu: „Pierre kommt und wie er läuft und winkt! Er hat etwas zu sagen.
Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!“

Da legten sie alle ihr Geräte aus der Hand und gingen dem Knaben
entgegen.

Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten,
was er zu Berichten wußte. Daß das untere Dorf in Brand geschossen war
und viele Menschen dabei umgekommen seien.

Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hörten ihn nicht ganz
an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts
wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wußte doch, wie man es
machen mußte, damit die Häuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb
in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, daß er noch glühte und kaum
Atem fand.

Nun jammerten die Weiber: „Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?“
Die Männer waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand
dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stieß wilde, drohende Flüche aus
gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus
dem Heuschober an der Straße wollte er sie niederknallen.

„Ja, ja, holt eure Büchsen,“ schrieen die Frauen.

„Ich hole die von meinem Mann!“ rief Pierre's Mutter und alle liefen in
ihre Häuser.

Wären die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es wäre vielleicht einer
von ihnen getroffen worden, und ganz gewiß wären die Bauernhöfe mitsamt
ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glück zeigten sich
noch keine Deutschen und allmählich beruhigten sich die Leute ein wenig.
Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da
griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Händen und flehte sie an:
„Mutter, ich schwöre dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts,
wenn ihr nicht schießt! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben
sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch
selbst dabei, wie es der Offizier an die große Schultafel geschrieben
hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch
gefrühstückt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz
allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen.“

„Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes!
Hört man doch immer, daß sie die Kinder aufspießen, die Unmenschen!“ Da
stampfte der Bub zornig auf den Boden. „Es sind keine Unmenschen, es
ist verlogen! Aber natürlich, wenn ihr schießt, dann können wir alle
braten in den Flammen unserer Häuser!“

Jetzt staunte die Mutter über ihren Buben und sie legte die Pistole weg.
„Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?“

„Sie haben mich ja nicht hören wollen, haben alle
zusammengeschrieen.“--„So komm mit, Pierre, komm, du mußt es ihnen allen
erzählen; mach schnell, schnell, daß sie's hören, ehe die Deutschen
kommen.“

Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen
auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der
Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespießt
worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen könne,
sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: „Da unten kommen sie!“

Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf.
Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich führten.
Wie gebannt standen die Leute; wußten nicht, sollten sie davonlaufen
oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Nähe, Felder und
Wiesen ringsum.

Als die Feinde näher kamen, zogen sie sich alle in das nächste große
Bauernhaus zurück und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen
würde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Plötzlich rief der
Knabe: „Seht ihr den großen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich
gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet
französisch. Dem kann man gleich sagen, daß von uns niemand auf ihn
schießt. Sagst du es ihm, Mutter?“

„Wie werde ich den Offizier anreden, ich fürchte mich zu Tode, wenn er
kommt!“

„Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!“ Und
richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen.
Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr
erstaunt sein, daß hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt
von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant
erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an
und führte ihn an der Hand.

Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen
Leuten die Bekanntschaft erklärte und ahnte nicht, daß er sagte:
„Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen
Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne
haben, werden sie schwerlich auf uns schießen.“

Nun kamen sie den Häusern ganz nahe. „Dort ist meine Mutter,“ sagte
Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geängstigten, daß Pierre den
Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.

„Bleib bei mir, kleiner Freund,“ rief der Leutnant und hielt den Knaben
fest. Da sah dieser betroffen auf.

„Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber
bis ich das weiß, mußt du bei mir bleiben.“

Das kluge Bürschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wußte er doch
selbst, daß dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine mußte den
großen Offizier schützen.

Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein,
gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentüre auf, sah vor sich ein
paar Männer und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen
zu schreien, wie wenn sie schon am Spieß steckten.

Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: „Wir kommen nicht
als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekrümmt, wenn ihr nicht
feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht,
wird sofort auf euch geschossen und die Häuser verbrannt!“

Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort:
„Mein Kleiner hat uns schon gesagt, daß der Herr so gut ist und niemand
wird etwas Feindseliges tun.“--„Nein, niemand,“ betätigte der Chor der
Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den
bösen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. „Die
Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!“ Die Weiber kreischten auf vor
Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch
gelegt und lächelnd entschuldigte er sich: „Pardon, es war nur Zufall,
ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben
seine Waffe bei der Hand!“

Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig
zu dem Buckligen: „Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis
wir fertig sind.“ Ein Wink und die Soldaten führten den Buckligen ab.

„Hände hoch!“ befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Hände
hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich.

„Es ist gut,“ sagte der Offizier und ließ seinen kleinen Kameraden frei.
Dann erklärte er den Leuten in freundlichem Ton, daß er gekommen sei,
bei ihnen Lebensmittel einzukaufen für die Soldaten. Sie sollten nun
alle aus ihren Häusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemüsen,
Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren könnten und sollten
es an den Wagen bringen. Es würde alles gut bezahlt werden, was sie
freiwillig brächten; nur wer nichts brächte, dem würden seine Leute
nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog
seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodaß sie die ersten waren, die
einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie
„sein“ Offizier alles bar zahlte. Allmählich kamen aus allen Häusern die
Frauen mit Vorräten und füllten den Wagen. Auch aus dem Haus des
Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang
zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den
Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mußten. Er aber
wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er
seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: „Noch mehr, bringe noch
dies und das!“ Die leerte Küche und Speisekammer, aber ihr allein wurde
nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft
verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen
hatten, von den Leuten.

Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte
ihnen noch während sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Büchse
besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von
diesen noch einmal in das Haus zurück, suchten, machten da und dort eine
Türe auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.

„Hier,“ riefen sie, „hieher bringt ihn!“ Der Bucklige wurde
hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer
Getreidekammer ohne Fenster. „Hier nehmen Sie Platz,“ sagte der
Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glücklich, daß er nicht, wie
gefürchtet, fortgeführt wurde. Die Kammertüre hatte ein großes, schweres
Schloß, der Offizier schloß zu und schob den Schlüssel ein. „So,
Pierre,“ sagte er, „du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und
dann darfst du den Schlüssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder
befreien!“

Da lachte Pierre laut auf vor Vergnügen, denn er hatte einen Grimm auf
den Buckligen wegen der Pistole.

Fröhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den
Proviantwagen, hatten ihren Spaß mit ihm, und fragten sich: wie es wohl
ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wäre? Und die von oben sahen
dem Zug nach und dachten: Wer weiß, ob wir nicht alle dem Kleinen unser
Leben verdanken?



In Gefangenschaft.


Als in die Familie des Buchhändlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg
kam, da wußten Vater und Mutter, daß ihre beiden Söhne Lutz und Wilhelm
sofort mit mußten. Denn der eine stand eben beim Militär, der andere
hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kräftige Leute; wenn
die nicht ausziehen würden, wer dann? Darüber war also kein Zweifel! Es
galt nur, so schnell wie möglich alles zu bedenken und zuzurüsten, was
die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermüdlich tätig und
Anna, die 14jährige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre
beiden Brüder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von
allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den
ganzen Tag in seinem Geschäft, einer großen Buchhandlung, tätig war, kam
nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen
Söhnen zu sein; er nannte sie immer noch „seine Buben“, obwohl sie ihm
beide über den Kopf gewachsen waren. Die tüchtigen, jungen Burschen
waren sein Stolz und seine Freude.

Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklärung.
Wohl wußten sie: der Krieg ist ein Unglück; aber daß er gerade _jetzt_
ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhörtes
Glück! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstürmten, das Vaterland
schützen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche
Aufgabe, keine großartigere konnte das Leben bringen.

Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; für Vater,
Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem
großen Begeisterungssturm dahin.

Und dann wurde es plötzlich still; der erste Abend ohne die Brüder! Die
waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wußte man nicht.
Aber die Zurückgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der
Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzählte jetzt mehr von
seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.

„So glänzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen,“ sagte er. Aber
siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrücken der Truppe vergangen,
da verkündete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die
Festung Lüttich erobert!_

Das war ein glänzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil
daran. Bald kam ein Brief voll Glück und Stolz: „Ich bin in Lüttich
dabei gewesen und habe mitgekämpft! Ihr habt gewiß in der Zeitung
gelesen von dem Riesengeschütz, der „fleißigen Berta“, womit wir so
schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht
vorstellen, was das für ein Höllenlärm ist, wenn unser großer Brummer
loslegt und wie der Boden wankt von der Erschütterung. Und ist es nicht
großartig, daß niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschütz? Ganz im
geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit
überrascht worden. Es ging aber heiß her und es waren schwere Gefechte,
bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann
aber war's schön! Anna, einmal hätte ich dich hergewünscht, du hättest
gelacht, wenn du gesehen hättest, wie ein paar von uns eine
schwarz-weiß-rote Flagge zusammen nähten, denn es war keine bei der
Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stück aus einer schnell
zerschnittenen belgischen Hose, zum weißen ein Handtuch, der rote fiel
etwas dünn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten
Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt
wurde. Es kann nichts Schöneres geben, als nach hartem Kampf eine
deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts
voneinander. Grüßt ihn.“

Kaum zwei Wochen später läuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt,
und von Mund zu Mund ging's: _Großer Sieg in Lothringen_, 10000
Franzosen gefangen, 50 Geschütze erobert. Diesmal war es Lutz, der
jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, daß er den
Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: „Von all
den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon
lesen und hören. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als
mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und
nichts Beglückenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den
Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem
obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hören. Wohin wir jetzt
kommen, weiß ich nicht.“--

Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den
beiden Brüdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim!
Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo
schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit
Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im
Geschäft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Söhne und suchte
doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen
durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend:
Nichts gefunden.

Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschäftigt für
jeden der Brüder ein Päckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der
Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.

Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. „Was ist's?“ „Keine
Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermißt.“ Und
er fügte hinzu: „Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr
werdet euch erinnern, daß erst kürzlich in einem Artikel ausgeführt
wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer
Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschließen, weil sie
nicht gleich die Möglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurückzukehren.“
„Ja,“ sagte Anna, „bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so,
weißt du noch, Mutter?“ Vater und Tochter hatten dasselbe Gefühl: sie
wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das
zitterte aber so sehr in ihren Händen, daß sie nicht lesen konnte. Sie
legte es weg. „Setze dich, Mutter!“ Anna schob ihr einen Stuhl hin; die
Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: „Bleibe noch ein
wenig oben bei uns, es ist so schwer!“

Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den
langen, schweren Zeiten der Ungewißheit, die nun folgte. Gegenseitig
machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.

Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: „Wochenlang
habe ich nichts von euch gehört, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post
hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu
vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben für unser Regiment. Warme,
saubere Hemden! Ihr wißt nicht, was das für eine Wonne ist! Ich und fünf
Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weißen,
spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten
Villa eines verwüsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in
Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwäsche, in Zigarren und
Würsten und sagen tausend Dank für alle Liebesgaben. Was wißt ihr von
Lutz?“

Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf;
er hatte einen Brief in der Hand. „Von Lutz,“ sagte er; aber es klang
nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und
Tochter antwortete er: „Er ist gesund, aber gefangen ist er!“--„Also
doch, o Gott, gefangen!“ rief die Mutter.--„Aber er lebt doch und ist
gesund,“ tröstete Anna; „bitte, Vater, lies seinen Brief vor!“

„Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und
deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches
ist wunderlich.“ Er las vor: „Liebe Eltern! Ich bin gefangen in
Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und
bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief
angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es
ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle.
Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz
Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch
für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer
Sohn und Bruder Lutz.“

Sie sahen sich alle drei betroffen an. „Der Brief ist gar nicht von
Lutz!“ rief Anna. „Die Leute, die wir grüßen sollen, kennen wir ja gar
nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz.“--„Ja, es ist
ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewöhnliche Marken für
seine Sammlung wollen. Es sind vier Fünfcentimes-Marken.“--„Aber doch
fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darüber
kann doch kein Zweifel sein.“

„Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht.“

Sie schwiegen alle drei und grübelten über den merkwürdigen Brief. Da
leuchtete es plötzlich in Annas Gesicht auf: „Darf ich den Umschlag
haben, Vater? Ich möchte die Marken ablösen.“

„Warum?“

„Er möchte sie doch haben!“--„Da nimm!“

Mit großer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken
fingen an sich zu lösen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.

„Da steht etwas geschrieben,“ rief sie, „ich habe mir's doch
gedacht!“--„Nur sachte, sachte!“

Alle drei waren in höchster Spannung, bis die vier Marken glücklich
gelöst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit
spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:

  Dürfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir
  sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fürs
  Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Fröhliches Wiedersehen im
  Frieden.

Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder
wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief
bewegt.

„Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft,
ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja,
ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel
Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht
existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum
Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas
herausbringen!“

Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die
geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben
zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz
_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben
das Wort: Provence. „In der Provence ist er,“ rief sie triumphierend und
sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern
ihren Spaß gehabt hatte. „Mutter,“ sagte sie, „du darfst dich nicht zu
arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut
einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht,
und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die
Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen
schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben.“

So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der
Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen
Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen
Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt
wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben;
manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los.
Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es
auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden.

Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein
großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief,
sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt
wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet
und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren.

Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die
Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu
schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie
nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden
Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit
feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.

Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den
Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte
sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das
seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel
zu tragen.

Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein
Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen
in ihnen noch nach: „_Helfen_, wo wir irgend helfen können, _tragen_,
was immer uns auferlegt sein mag.“ Da fand Herr Schreiber den Mut,
seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie
am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: „Pauline, wenn du noch etwas
mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte
ich noch etwas _helfen_.“

Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört
hatte. „Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können.
Was meinst du?“--„Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner
Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und
ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen
Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen
Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform
stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch
deinen Mann noch hergeben.“

„Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?“

„Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten
bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem
Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen
kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in
ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben,
sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen.
Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte
Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art
beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung
unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?“

„Ich nicht, ich gewiß nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann
die Gefangenen gut.“

„Gut, was heißt gut? Neulich erzählte mir jemand, daß elf französische
gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt
worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern
unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt
worden, sonst hätten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist
aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lächerlich und
verächtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem
Charakter auftritt, kann _die_ Güte zeigen, die nicht mißbraucht wird.“

Da erwiderte seine Frau nachdenklich: „Ja, ich glaube, daß dir das
gelingen würde; du könntest da Gutes wirken. Du _könntest_ nicht, du
kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurück, zu helfen, ich
will die Trennung tragen.“

„An der tragen wir beide gleich schwer,“ sagte der Mann und fühlte, wie
weh ihm der Abschied tun würde, den er doch freiwillig auf sich nahm.

Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die
große Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum
ersten Male zu zweien am Tisch saßen und ihre Vereinsamung so recht
schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete:
„Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim.“

Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Überraschungen ist der Krieg!



Der junge Professor


Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schülern und auch
wenige von den Lehrern Freude daran. Während der Ferien war der Krieg
ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hören, nichts reden, nichts
lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie
wenn es gar keinen Krieg gäbe!

Einer aber freute sich doch darüber. Das war der junge Lateinschullehrer
Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger,
geliebter Sohn, und die drei verstanden sich prächtig. Aber still war es
in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende
der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um
sich hatte.

In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die großen
Kämpfe durchleben und sich über die deutschen Siege freuen, mit ihnen,
den künftigen Soldaten Deutschlands!

Er selbst wäre ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis
jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren glücklich, daß
ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn
drängte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du
auch unter deinen Jungen etwas fürs Vaterland wirken. Er wußte noch
nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fürs
Vaterland glühte, die mußte doch auch die Herzen der Jungen erwärmen.

Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles verändert. Mehrere
Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klaßzimmer waren anders
eingeteilt; denn man hatte Platz machen müssen für einige Klassen
Volksschüler. Das große, neue Volksschulgebäude, das nahe dem Gymnasium
lag, war als Lazarett für Verwundete eingerichtet und die Schüler mußten
in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschüler war
auf demselben Stock und gerade gegenüber dem Klassenzimmer
untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schüler wiederfand. Es
waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt
hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und
lebhafter als früher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so
Großes erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der
würde gewiß etwas über den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit
dem Latein anfangen?

Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schülern über das,
was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte
auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, daß wir ohne Schuld zu
diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den
Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben,
Engländer, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da
schallte das einzige Wort durch die Klasse: Österreich!

„Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen
wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wißt ihr einen zu
nennen?“

Da brüllten sie durcheinander: „In Lothringen, Lüttich, in Ostpreußen,
Namur, Maubeuge, Brüssel!“

Einer rief: „Paris!“

„Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!“

„Aber soviel wie besiegt ist's!“

„Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Über
was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiß es?“

„Über die Grausamkeit,“ rief einer.

„Ja, ich meine aber etwas anderes.“

„Über das, daß sie gegen uns Krieg führen,“ meinte ein kindliches
Bürschlein.

„Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir
eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat.“

Jetzt kam es vielen zumal: „Über die Lügen.“

„Jawohl, sie lügen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer
sonst manchmal übertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in
diesem Krieg abgewöhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht
mehr als die Wahrheit.“

Plötzlich unterbrach sich der Lehrer: „Kinder, es ist schon halb neun
Uhr, schnell die Bücher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich möchte
von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das
erzählt ihr mir dann. Jetzt muß gelernt werden und zwar fest. Stramm an
die Pflicht wie unsere Soldaten!“

Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militärischer;
etwas vom Krieg war hereingeweht.

Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht
bei seinen Schülern bleiben. Als er nach der Pause zurückkam und über
den großen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf
er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schüler.

„Seid ihr die ganze Zeit über im Schulzimmer geblieben?“ fragte er, als
er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der
oft den Sprecher für die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige
Antwort: „Draußen ist ein ganzer Haufen Volksschüler; da können wir
nicht hinaus. Wir haben oft Händel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer
Schule vorbeigekommen sind.“--„Die gehören auch nicht herein ins
Gymnasium!“ Der ganze Schülerchor stimmte zu.

Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darüber gesprochen
hatte, es werde schwierig sein, daß sich die Schüler der verschiedenen
Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. „Vielleicht
läßt es sich so einrichten, daß auf unser Stockwerk keine
Volksschulklasse kommt,“ entgegnete er, „ich werde noch mit dem Herrn
Rektor darüber sprechen.“

Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei
Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluß hielt er
es nicht mehr aus. „Macht eure Bücher zu,“ rief er, „ich will das schon
verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir müssen uns doch erst miteinander
aussprechen. Wir gehören zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr
miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben.
Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern
Kriege, die wir ganz kühl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist
ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Häuser, in unser
Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine
Wirkung gezeigt. So dürfen wir uns auch die Zeit gönnen, miteinander
davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater
verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in
der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber
einen schöneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es
nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, daß ihr
alle aufsteht, um eurem Mitschüler die Teilnahme und seinem Vater die
Ehre zu erweisen!“

Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief
bewegt von der Ehrung.

„Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Näheres gehört über den Tod deines
Vaters?“

„Ja,“ antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie
er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die
seinem Vater etwas zu melden hatten. „Ja, wir haben gehört, daß mein
Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm
verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete,
mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit
seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoß,
diesmal an den Kopf. Er stürzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn
auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebüsch, daß ihn der Feind nicht
sähe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mußten sie wieder ins
Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht,
bis der Feind zurückgedrängt und geschlagen war. Man konnte die vielen
Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber
die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei
aus ihrer Truppe, daß sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier
zu suchen, obwohl es fast unmöglich schien in dem fremden Gelände und in
der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte
ihnen, daß sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf
einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein
Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch
noch erfahren, daß die Schlacht gewonnen war, und hat uns Grüße
schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat
er gesagt: ‚Laßt mich auf dem Schlachtfeld begraben.‘ Seine Soldaten
haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darüber abgegeben. Aus zwei
Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mußten, ein Kreuz gemacht und
haben das Grab mit Feldblumen bestreut.“

Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters
berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. „So liegt er auf dem Schlachtfeld
begraben,“ sagte er, „das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr
gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in
seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? ‚Wenn ich auf dem Feld der Ehre
für Deutschlands Größe fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner
Fürstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden
ein. Grüßt mir meinen Kaiser.‘--Seht, so schreibt ein Fürst. So mag sich
auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trösten, wenn ihr gefallener
Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.

Nun aber möchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn
diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehört haben, den
letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer
hat ihn nach stundenlangen Kämpfen, selbst todmüde und durchnäßt noch
nachts gesucht, gestärkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett
gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle
einmal Volksschüler. In der Schlacht, im fürchterlichsten Ernst des
Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und
nun möchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit
beweisen, daß wir Deutsche alle Brüder sind, alle zusammen gehören,
reich und arm, vornehm und gering, Lateinschüler und Volksschüler! Unser
Kaiser hat gesagt: ‚Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur
noch Deutsche.‘ Wollt ihr sagen: ‚Wir kennen keinen Klassenunterschied
mehr, nur deutsche Kameraden?‘“

„Ja, bei Gott, das wollen wir.“ Helmut, der Offizierssohn, hatte das
gerufen, und das „ja“ ging durch die ganze Klasse.

Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den
Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenüber lag.
Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein älterer, erfahrener Mann und
Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am
nächsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschüler
an: „Haltet Frieden mit den Lateinschülern, die alberne Feindschaft
verbitte ich mir. Wenn draußen Krieg ist, muß im Land Frieden sein, auch
unter den Buben. Verstanden?“

Einer gab Antwort: „Die wollen gar nichts von uns, die sind
hochmütig.“--„Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch
nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber
den Hochmütigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der
Neid; weil sie alle zusammen _eine_ große Aufgabe haben und nur _einen_
Wunsch: daß wir siegen. Siegen können wir nur, wenn wir alle einig
sind. Und siegen müssen wir doch oder nicht?“--„Ja, ja!“ das kam allen
aus dem Herzen.

Um zehn Uhr, während der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn
auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschüler des gegenüber
liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und
Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geräumigen
Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem
Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch
fremd einander gegenüberstanden. Der Oberlehrer redete sie an:
„Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen.
Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch
abschicken, daß sie nachschauen und dann berichten.“ Darauf erfolgte ein
großes Hallo, natürlich wären am liebsten alle davon gesprungen,
Volksschüler und Lateinschüler, die einen so gut wie die andern.

„Herr Professor, schicken Sie mich,“ baten alle Gymnasiasten und
umdrängten ihren Lehrer.

„Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so
schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre
Brüder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug.“ Noch ehe er
weiterreden konnte, rief ein kleines Bürschlein: „Ich, Herr Professor,
ich, meine drei Brüder sind im Feld!“

Jetzt ließ sich ein Volksschüler vernehmen: „Von mir vier Brüder!“

Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschüler und der
Volksschüler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in
dem Gedränge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen über
die Brüder und wo sie standen; über die Väter, und daß die Briefe so
lange ausblieben. Da fand es sich, daß einer von der Volksschule und
einer von dem Lateinschule ihre Brüder in dem gleichen Bataillon hatten,
und daß sie in den Vogesen gekämpft hatten. Nun lagen sie beide schwer
verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der
andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle überein, daß diese
beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen dürften.

Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden
Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten,
gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die
Schüler zu sich, deren Angehörige in Belgien fochten. Es waren ihrer
acht, die sich nicht wenig darüber freuten. Sie wurden bewirtet von der
freundlichen Mutter des Professors und erzählten aus den Feldpostbriefen
ihrer Angehörigen.

Und wieder gab es für einen Teil der Schüler ein kleines Fest, als ein
Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen „Emden“ berichtete; diesmal
waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer
derselben, ein Volksschüler war es, war selbst schon in Kiel gewesen,
hatte die großen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wußte es schon
ganz gewiß, daß es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen
werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kühne Unternehmungen
mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle
Zeitungen voll waren.

Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine große
Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schüler den Tod ihrer
Angehörigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschüler, der
vier Brüder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen.
Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die
schweren Kämpfe. Da war große Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn
sagte am Schluß der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermöchte
spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von
Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es
gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich
möchte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer
gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor:

  Die Toten.

  Herr Gott, nun schließ den Himmel auf,
  Es kommen die Toten, die Toten zuhauf,
  Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg,
  Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg!
      Wir können sie nicht mehr schmücken,
      Nicht mehr die Hände drücken
      Den vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brüder waren.

  Herr Gott, nun trockne selber du
  Die Tränen im Aug', gib Fried' und Ruh'
  Dem wunden Herzen, dem stillen Haus,
  Führ alles Dunkle zum Licht hinaus.
      Dieweil wir Eltern und Frauen
      In zuckender Wehmut schauen
      Die vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brüder waren.

  Herr Gott, nun segne dem deutschen Land
  Seinen gefallenen Heldenstand
  Gib _allen_ freudigen Opfergeist,
  Der auch im _Frieden_ sich stark erweist,
      Weil doch ihr herrliches Leben
      Für uns zum Opfer gegeben
      Die vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brüder waren.

  _Georg Merkel._

Zwei Wochen später an einem Montag früh, als die Schüler von Professor
Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn
war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hörten die Schüler,
daß ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und
begraben sei.

Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der
Lateinschüler an und sagte: „Die Eltern von Professor Jahn haben mir
erzählt, daß er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: ‚Grüßt
mir meine Buben!‘ Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu;
denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat ‚sein
herrliches Leben für uns zum Opfer gegeben!‘“



Allerlei Kriegsbilder

nach Briefen und Zeitungen.


Der Turmbau zu Babel.


Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich über
das Völkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, über die Neger, die
Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Engländern und
Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir
auch wirklich über all' diese Herren Herr würden. Der andere sagte:
„Gerade das Völkergemisch gibt mir die Zuversicht, daß wir siegen
werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu
finden. Im nächsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und
vorlesen, was da steht.“

Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf
der Straße, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er ließ es
sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem
Kameraden sofort die Stelle über den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11,
vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere
zu der beruhigenden Überzeugung, daß das Sprachgewirre den Feinden zum
Schaden gereichen werde.


Erbprinz Luitpold.

Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem
glänzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner
tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte
man dem Sieger zu und wünschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber
mitten in diese Glückwünsche traf den Kronprinzen die Botschaft eines
schweren Unglücks. Sein ältester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte
an einer Halsentzündung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.

Tief erschüttert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich
nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: „Jetzt ist
nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln.“

Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte
in München Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte
dort keinen Vorzug vor anderen Schülern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit
„Königliche Hoheit“ oder ein Schüler mit „Sie“ anredete, so verbat er
sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen.
Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie
überall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die
Jugend die Bitte, zu helfen und die Männer auf dem Feld zu ersetzen.
Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer
mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem
folgenden Gedicht festgehalten:

  Auch ein junger Königsprosse,
  Dem der Sinn nach „Dienen“ stand,
  Steigt von seiner Väter Schlosse,
  Bietet freudig seine Hand.

  Zu der ungewohnten Mühe
  Auf dem Feld im Sonnenbrand,
  Gleich den Andern spät und frühe,
  Tapfer in der Reih' er stand.

  Schweigend schau'n die Berge nieder,
  Dunkel liegt der Königssee,
  Nirgends tönen frohe Lieder,
  Auf der Welt rings lastet Weh.

  Zarter, lieber Königsknabe,
  Banges Ahnen faßt mich an,
  Daß du dort zu deinem Grabe
  Selbst den Spatenstich getan!

  Denn indes dein Heldenvater
  Sieg auf Sieg der Welt verschafft,
  Hat dich kleinen Erntehelfer
  Schnitter Tod hinweggerafft.

  Mag des Helden Herz erschauern,
  Da von fern dies Wort er spricht:
  „Jetzt ist nicht Zeit zu trauern,
  Handeln heischt allein die Pflicht!“

  Doch indes er weiter lenken
  Muß das Schicksal der Armee,
  Sehnend wird er heimwärts denken,
  Manche Nacht in tiefen Weh:

  Deine Mutter mußt ich geben
  Längst der Erde schon zurück,
  Doch sie ließ von ihrem Leben
  Mir in dir ein köstlich Stück.

  Nun auch dieses hingeschwunden,
  Auf, mein Schwert! Fest faß' ich dich!
  Ringsum bluten tausend wunden--
  _Eine_ weiß ich, die traf _mich_.

  _Johanna Klemm_


Kein Standesunterschied.

Eine Berliner Zeitung hat eine große Menge Liebesgaben gesammelt und sie
dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen,
das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich
ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll
Wasser herbeigeschleppt hatte. „Haben Sie vielleicht noch ein Hemd
übrig?“ fragte er bescheiden, „ich habe seit vier Wochen keines bekommen
können.“--„Ja, hier haben Sie ein Hemd,“ entgegnete der Verteiler, sah
sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um
ein Hemd bat, einen Universitätsprofessor.

Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein
Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab
viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu füllen, Matratzen zu
tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm
unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswürdige Art auf,
mit der sie den Schwestern halfen, überall anpackten und für die
Verwundeten Karten schrieben. „Was sind das für Kameraden?“ fragte er.

„Das sind unseres Kaisers Söhne, die uns heute besucht haben, Prinz
Adalbert und Prinz August.“


Der Hornist.

Eine feine List gelang einem württembergischen Hornisten. Sein Regiment
stand im Gefecht mit französischer Infanterie und geriet in bedrängte
Lage durch die Überzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr.
Rasch entschlossen blies er das französische Rückzugssignal. Die
Franzosen ließen sich täuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt.
Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.


Der Lokomotivführer.

Ein österreichischer Lokomotivführer hatte einen Eisenbahnzug mit
Schießvorrat zu befördern. Die russische Artillerie hatte Nachricht
davon bekommen und beschoß den Zug. Obwohl sie weit entfernt war,
schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Nähe des Zuges ein und seine
wertvolle Ladung war äußerst gefährdet. Da kam dem Lokomotivführer ein
guter Gedanke. Als wieder ein Geschoß in nächster Nähe platzte, öffnete
er rasch den Dampfhahn, so daß der Dampf mit Gewalt entwich und der
ganze Zug in einer weißen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne
mußten meinen, ihre Geschosse hätten die Lokomotive in die Luft
gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.


Das Extrablatt.

In einer deutschen Mädchenschule ist der Beschluß gefaßt worden, keine
Fremdwörter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muß fünf Pfennig in die
Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark
gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhält von den Mädchen
dieser Klasse einen Brief des Inhalts: „Es kostet uns unser ganzes
Taschengeld, wenn Sie täglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir müssen
immer fünf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen.“

Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom
nächsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.


Die allgemein verständliche Sprache.

Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben
eingenommenes französisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu
essen gehabt und den stärksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die
sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl
sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn wäre
doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verständigen mit den
französischen Bauern! Doch man weiß sich zu helfen. Ein Soldat geht in
die Küche, wo die Bäuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung,
wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, füllt
ihn mit Wasser, hält ihn der Bäuerin unter die Nase, deutet in den
Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verständnisvoll und bald kocht
ein Huhn im Topf.


Die Gefangenen.

Ein preußischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber
seine Übermüdung ist zu groß. Er fällt um und schläft. Entsetzt fährt er
morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er
schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend
waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen
sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.


Der Generaloberst v. Hindenburg.

Ein Mann von gewaltiger Größe und Stärke, mit einem Angesicht voll Güte
und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter
Ostpreußens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er
bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee
geschlagen und in die Sümpfe gedrängt hat.

Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner
längst erprobten Pläne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v.
Hindenburg die Ansicht, daß, wenn einmal die Russen kämen, sie in die
masurischen Seen gedrängt werden müßten. Andere Offiziere meinten im
Gegenteil, die Russen dürften gar nicht in die Nähe der Seen kommen. Er
gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz
Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee
auftauchte, es gehe nicht an, daß ein so großes Gebiet unfruchtbar
bleibe: die masurischen Seen müßten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer
Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man
wollte _seine_ Seen, _seine_ Sümpfe, die er alle persönlich kannte,
anrühren! Er reiste sofort nach Berlin, erklärte, protestierte,
agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteiführern, zu Kommissionen
und, als alles nichts nützte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange
nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, daß man die Seen in Ruhe
lassen werde.

Alljährlich zu den Manövern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen
geschickt. Dort, wie bei allen Manövern, trug der eine Teil der Armee
ein weißes, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten
waren die Russen, die Weißen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten
Ostpreußen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Übungen erfuhren,
daß sie gegen Hindenburg zu kämpfen hätten, wiederholte sich alljährlich
der anläßlich der Übernahme der roten Bänder fast sprichwörtlich
gewordene Ausruf: „Heuer gehen wir baden!“ Denn sie wußten, daß da alles
vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn
angreifen, oder von rückwärts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das
Ende ist doch immer dasselbe: daß Hindenburg sie in die masurischen Seen
einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee
bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten
Uniformen zu den Hindenburg-Manövern.

Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die
Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Königsberg
eine Kanone und ließ sie von früh bis spät aus einer Lache in die andere
schleppen. Er wußte genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert
werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.

Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manöverübungen gewesen
waren, jetzt wurde es ernst.

Sobald der Kaiser hörte, daß die Russen in Ostpreußen eingebrochen
seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu
zeigen. Unverzüglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach
Osten. Schon während der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und
als er ankam, war alles vorbereitet.

Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden
und Geschützen in die masurischen Seen gejagt wurden.

Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind
ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich
großen Männer bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht für sich
allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee
rühmt er: „Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General
bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind
auch meine Flieger, sie haben schon heldenmütige Aufklärungsdienste
geleistet. Auch unsere Verbündeten, die Österreicher, sind ausdauernd,
tapfer und zäh.“

Wohl uns, daß wir solches hören dürfen! Es bestärkt uns in der stolzen
Zuversicht:

  _Wir werden siegen_!





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Kriegsbüchlein für unsere Kinder" ***

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