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Title: Weihnachtserzählungen
Author: Schwayer, Adolf
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Weihnachtserzählungen" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Das Inhaltsverzeichnis ist im Original auf der letzten Seite zu finden.
Die Rechtschreibung der Originalausgabe wurde erhalten, lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden in einigen Fällen korrigiert.

Geschachtelte An- und Ausführungszeichen folgen nicht modernen Standards,
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Mit _Unterstrichen_ gekennzeichnete Textstellen sind im Original
gesperrt gedruckt.

       *       *       *       *       *



         Weihnachtserzählungen

                  von

             Adolf Schwayer


Mit Bildschmuck von Prof. Franz Kuna

Sechstes bis sechzehntes Tausend

Linz a. D., 1920

Verlag von R. Pirngruber



Alle Rechte vorbehalten.

Copyright by R. Pirngruber

Linz a. D., 1920

Druck von Franz Kling, Urfahr-Linz



Inhalt.


                                                         Seite
  Im Sturm                                                   3
  Weihnachtszauber                                          23
  Der Weg zurück                                            35
  Wie Herr Schoißengeyer zu einem Christkindl kam           49
  Assistent Frickenberg                                     66
  Ein Egoist der Liebe                                      85
  Frau Bettis Christgeschenk                                97
  Der Wohltäter                                            109
  Am Wege                                                  122
  Das goldene Seil                                         134
  Eine Insel der Seligen                                   148



Im Sturm.


Ihn fror in seinem dünnen Fähnchen, einem grauen fadenscheinigen
Havelock, der im Novembersturme flatterte wie eine altgediente
Kriegsflagge.

»Ist eine Kunst!« knurrte er und meinte damit den Sturm, den ungebärdig
wilden. Um die dürren Blätter von den zitternden Zweigen zu reißen und
die blassen Spätrosen zu erschrecken, die noch irgendwo draußen wehmütig
träumen mochten, bedurfte es dieses unsinnigen Grimmes nicht. Und um das
graue Wolkengesindel dort droben, das Schnee niederregnen ließ, vor sich
herzujagen, brauchte er die Backen auch nicht gar so voll zu nehmen, der
wüste Kraftgeselle, der!

Wildjauchzend fuhr der Verhöhnte um die Straßenecke und lehnte den
blassen jungen Mann, der durchaus kein Schwächling war an die Wand. Und
neben ihm klatschte ein schneefeuchtes Blatt an die triefende Mauer. So
klebten sie, Mann und Blatt, im gewaltsamen Drucke des Sturmes einen
Augenblick lang nebeneinander.

Da mußte er auflachen, ganz grimmig. Dann drohte er mit der Faust gegen
den grauen Himmel und drückte sich das Atemholen des Sturmes benützend,
sachte um die gefährliche Ecke.

Fest, krampfhaft fest, hielt dabei die schier erstarrte Faust das
Guldenstück, das er sich kurz vorher von einem Bundesbruder gepumpt
hatte. Zu den Taschen seiner Hose hatte er kein rechtes Vertrauen mehr
und die Geldbörse lag zu Hause lange gut. Die grinste ihn jedesmal, wenn
er sie hervorzog, gar zu höhnisch an: sie war leer wie das absolute
Nichts.

Auch sein Winterrock hatte es besser als er: der »studierte« einstweilen
auch und war hübsch warm aufgehoben -- wo, ist leicht zu erraten. Viel
weniger »schön« mochte er vielleicht nicht sein als der flatternde
Sommermantel da -- aber warm!

Wärme! Wärme mußte wenigstens seine Mutter haben. Darum hatte er ja den
Gulden gepumpt von dem flotten Farbenbruder, dem guten wohlgemästeten
Ritschmayer. Und der gab bereitwillig und gab lachend. Und das war schön
von ihm. Er wollte kein Mitleid sehen, kein Mitleid fühlen der trotzige
Lebenskünstler im Havelock. Das wußte der dicke gemütliche Ritschmayer;
darum gab er lachend, trotzdem ihm der »stiere« Theobald Volkmar noch
zehn Gulden schuldete, die er gebraucht hatte für die Taxe zum letzten
Rigorosum.

Jetzt jagte ihn der Sturm in eine Seitengasse. Wütend kehrte er um, rang
mit der in wilder Siegesfreude aufheulenden Windsbraut, schwamm geradezu
in Sturm und Schnee und Regen und schnaufte tief auf, als er wieder in
der Hauptstraße trottete.

Nur da nicht hinein! Nur da nicht durch! Dort drinnen in der Gasse stand
das große Zinshaus seines steinreichen Onkels. Das glotzte ihn immer so
höhnisch an mit seinen vielen Fenstern und seiner aufgeklebten protzigen
Zementfassade -- recht wie ein freches Emporkömmlingsgesicht.

Der, ja der hatte Wärme und Geld und alles was er wollte, der Bruder
seines armen toten Vaters, und brauchte für niemand mehr zu sorgen. Aber
er hatte sicherlich auch kein Mitleid, keines in den Zügen zur Schau
getragenes und keines im Herzen.

Was zum Teufel war es denn, was die beiden Brüder trennte?! Haß? Nein:
Stolz, Stolz war es, was den Vater trennte, und Trotz, was den Onkel
fernhielt. Weil der Vater das arme zarte Mädchen genommen hatte anstatt
die reiche derbknochige Schwägerin des Onkels. So fing's an. Dann kam
des Vaters Stolz ins Glühen und Brennen. Er werde schon zeigen, werde
schon beweisen, daß er ohne Mammon durchs Leben komme! Seines Lebens
Sonne sei die Liebe, seines Lebens Wonne die Arbeit!

»Bettelstolz!« hatte der Onkel gehöhnt. Und darauf flog seines Zimmers
Tür dröhnend zu -- zugeworfen von dem erzürnten Vater, dem sie gewiesen
worden war! Und es flog eine zweite Tür zu und eine dritte: die Herzen
der Brüder waren verschlossen für einander und für immer.

So mächtig sind Stolz und Trotz. O Sturm, was bist du für ein
jämmerlicher Kraftprotz gegen diese Giganten im Menschenherzen!

Aber des Vaters Sonne leuchtete und seine Wonne ging nie aus. Und ihr
gesellten sich froher fröhlicher Sinn bei und sonnenheitere Freude,
stille warme Lebensfreude, die über den Seelen von Vater und Mutter
lagen wie ein Sonnenglanz. Und in seinem Herzen, in seinem Hause blühte
und duftete die Wunderblume Zufriedenheit und waltete und webte still
der Zauber unbewußter Poesie: das stille echte Glück war zu Hause bei
Vater und Mutter und sein Sonnenglanz fiel auch auf ihn, den
heranwachsenden Sohn. -- Da mußte wohl eines Tages der Neid
vorbeigegangen sein an dem Hause des Glückes und es dem Bruder Hein
verraten haben. Und der kam und nahm den Vater mit und ließ Frau Sorge
zurück. Und die rief bald, ach! nur zu bald ihre unerbittliche Schwester
herbei -- die Not. Die wehrt den Leibern das tägliche Brot und bringt
der Seelen duftende Blüten langsam zum Verdorren ...

Allmählich verblaßte nach des Vaters Tode aller Glanz. Die Hilfsquellen
versiegten, das hinterlassene Geld ging aus. Gar viel war's ja nicht.
Nur der Stolz blieb dem Sohne als Erbe. Und _dieses_ Erbe konnten nicht
Not und nicht Hunger schmälern. Es mehrte sich noch und verstärkte sich
noch durch den Trotz. Diese beiden Tyrannen seines Herzens stellte er
dem Onkel entgegen, der, durch des Bruders jähen Tod weich gestimmt,
rasche Versöhnung suchte. Der Sohn aber wies ihn kalt ab: er, der dem
Bruder die Tür gewiesen habe, er hätte müssen den Weg zum Bruderherzen
im Leben finden und nicht nach dem Tode. Für dieses nachhinkende
Mitgefühl danke er!

Da hatte der gereizte Onkel ein böses Wort gesagt: auch wenn er einst
-- und das werde kommen! -- in Not und Elend vor ihm auf den Knien liegen
werde, würde er ihn nicht erhören und ihm nicht helfen, dem Starrkopf,
und wenn er zugrunde gehn sollte vor seinen Augen! Damit war's aus mit
den zweien, rundweg aus.

So ging in leuchtenden Bildern und ging mit Schaudern und Grimm die
Vergangenheit an dem jungen Manne vorüber, der mit dem Lebenssturme weit
härter zu ringen hatte, als jetzt mit dem wütigen Herbststurme.

Seine Mienen waren düsterer geworden als droben der graue Himmel. So
trat er in den kleinen Krämerladen in der Nähe seiner Wohnung, bestellte
Holz und Kohle und nahm einen kleinen Imbiß mit -- für die Mutter. Dabei
knurrte ihm der Magen just vor dem grinsenden Krämer boshafterweise so
laut, daß der Mann es hören konnte. Ueberstürzt eilte Theobald davon.

Als er in die Stube trat, die noch manch liebes altes,
erinnerunggeweihtes Möbelstück enthielt, lag auf seinem Angesichte ein
Lächeln, das so heiter scheinen sollte wie eitel Frühlingssonnenschein
und doch nur eines Lächelns herzberührendes Zerrbild war.

Die Mutter sah's und -- lächelte ihn gleichfalls an. Aber es war nicht
das wehmütige Lächeln, das wie sonst dem Sohne verriet, sie habe ihn
durchschaut bis auf seines Herzens dunkelsten Grund: scheu lächelte sie
heute und verlegen, schier schamhaft und doch so lieb, so unendlich
lieb, daß der erregte Sohn sie in seine Arme schloß und aufstöhnte,
aufschluchzte vor Freud und Weh.

Er riß sich rasch los und zog seinen Schatz hervor.

»Mutter -- da! Für dich!«

»Und du?«

»Hab schon gegessen -- im ... im Studentenheim ...«

Sie sah ihn forschend an und glaubte ihm nicht recht. Im Studentenheim
hatte man ihn neulich wie einen Bettler behandelt. Dahin ging er also
wohl nimmer. Und neu war ihr diese Selbstverleugnung an ihrem Sohne auch
nicht, neu war ihr auch nicht, daß er lieber Hunger litt, als sie darben
zu lassen. Er sei jünger -- sie müsse sich zuerst sattessen. Für ihn
tat's auch eine Krumme trockenen Brotes.

Sonst gab es immer gar seltsam lieben Zank nach solcher Opfertat des
Sohnes -- heute nahm sie das Päckchen wortlos hin, legte Wurst und
Schinken fein säuberlich auf einen Teller und sagte dann mit fast
schalkhaftem Lächeln -- wie gut stand das ihrem zarten Gesichtchen!
-- sie wolle schon essen -- o! -- sehr gern; denn sie, sie habe ja
wirklich ... Appetit. »Hunger«, sagte sie nie. Das Wort hatte einen gar
zu bitteren Beigeschmack, seitdem sie es seinem ganzen Grimme nach
kannte. Ja ja, sie werde schon essen, aber der Sohn müsse auch essen --
was viel besseres, viel feineres!

Damit ging sie an dem maßlos erstaunten Theo vorbei in die kleine
saubere Küche hinaus, und kam lächelnd zurück, eingehüllt in eine
duftige Wolke, die von der -- ja wahrhaftig! von der Bratenschüssel
aufstieg!

»Ja was ist denn das?«

»Rostbraten mit Essig gespritzt, mein lieber Theobald. Und geröstete
Kartoffeln dazu. Dein Lieblingsabendmahl!«

»Ja, wer hat denn ...«

»Iß nur und frage nicht! Iß! Glaubst du, ich hab deinen Magen nicht
knurren hören! O der! Der hat eine Aufrichtigkeit! Aber so komm doch!«

»Keinen Bissen nehm ich, bevor ich nicht weiß, woher das kommt!«

»Na, woher soll's denn kommen? Vom Fleischhauer!« scherzte die Mutter
gutlaunig.

»Mutter, du weißt! Sag mir's! Oder ich geh fort! Ist's vom Onkel?«

Wie seine Augen funkelten und seine Brauen sich zusammenzogen! Die
Mutter kannte das. Verlegen, so ganz wundersam verlegen stand sie eine
Weile da, zog an ihrer blühweißen Schürze und hauchte endlich hervor:

»Nein, nicht vom Onkel.«

»Von wem denn? Hast du ...« Er blickte im Zimmer musternd herum. Sie
wußte, was er meinte.

»Nein, auch nicht. Es ist von ... von Fräulein Erna.«

Wie von einem Peitschenhiebe getroffen, zuckte der junge Mann zusammen.
Bis in die Schnurrbartenden zitterte er. Erna war seines Hausherrn
feines und schönes Töchterlein -- und er liebte das schöne feine Kind in
aller Glut und Heimlichkeit.

»Almosen!« knurrte er und sank auf den Stuhl, daß er krachte.

Die Mutter stand betroffen da.

»Ich will keine Almosen!« brauste er auf, sprang empor und wollte nach
dem dampfenden Teller greifen. Er hätte ihn zu Boden geschmettert, wäre
nicht die Mutter blitzschnell dazwischengetreten. Hart war er an sie
herangekommen in seinem Ungestüm. Sie wankte, die zarte zierliche Frau,
und mußte sich an den Tischrand klammern, um nicht zu stürzen.

Da warf sich der Sohn auf den Stuhl zurück, ließ das Haupt auf den Tisch
sinken und schluchzte herzergreifend.

Nun wurde auch das Auge der Mutter feucht. Und sie ahnte nicht einmal,
was alles ihres Sohnes Seele in diesem Augenblick durchstürmte.

Langsam war sie auf ihn zugeschritten, legte ihre schmale weiße Hand auf
Theobalds zuckende Schulter und sagte mit der ganzen lieben Milde, die
sie erfüllte:

»Schau Theo, du sollst nicht so sein. Nicht gar so stolz und so viel
zornjäh.« Und als keine Antwort kam:

»Und das mit Fräulein Erna ist so einfach kommen und ist so schön von
ihr, so lieb. Hör doch nur! Heut kommt sie auf einmal da herein zu mir
in ihrer blonden Lieblichkeit -- wie ein Engel. Dann beginnt sie zu
plaudern und sagt mir, sie habe gestern in einer Familie von unserem
Vater reden hören -- so viel Gutes und so viel Schönes, daß sie sich
fest vorgenommen habe ...«

»Uns Almosen anzubieten!« stöhnte Theobald auf.

»O nein!« erwiderte die Mutter sanft und lächelte. »Daß es uns nicht
glänzend geht, ist ihr ja kein Geheimnis geblieben. Denk doch, wie
schwer wir immer den Zins zusammen bringen und nie zum Termin. Und daß
wir nichts dafür können für unser Kümmernis, das hat sie wohl selbst
geglaubt. Gestern aber, sagt sie, habe sie es bestimmt erfahren. Und da
ist sie gekommen und hat gesagt, sie habe bereits heute bei einigen
Familien angeklopft, damit du dort Stunden kriegst. Hast du doch jetzt
nur eine ... Ach, mein Gott! Fadenscheinige Kleider versperren einem die
Türen zu den Reichen! Und deinen Doktor willst du ja doch machen. Und
denk dir, gleich zwei haben zugesagt! Und wenn ... Ja siehst du, da hat
sie gezeigt, was für ein gutes Herz sie hat -- wenn ich vorläufig, hat
sie gemeint, Geld brauchen sollte -- sie, sie schieße mir gern etwas
vor. Und du -- du könntest es ja dann zurückerstatten, wenn ...«

»Das hat sie gesagt?« Theobald hatte sich aufgerichtet und schaute die
Mutter forschend an.

Sie hielt seine Blicke stilllächelnd aus und umschloß mit den ihren voll
Innigkeit des Sohnes schönen dunkelblonden Lockenkopf und freute sich
-- wie schon so oft! -- seines scharf geschnittenen edellinigen und kühnen
Schnittes. So schön war er und so stolz, so mannesmutig -- ach! so recht
eine wahre Mutterfreude und Muttersorg. Aber das bleich werden sehen und
darben sehen! Gott weiß es, was sie heimlich litt.

»Ja,« nickte sie dann, »das hat sie gesagt -- und getan.«

Er war aufgesprungen und ging einige Male durchs Zimmer, hastig,
unruhevoll, in voller Wucht. Und plötzlich packte er die Mutter, drückte
sie an sein Herz und wirbelte sie darauf urschnell im Zimmer herum. Es
war ein Glückseligkeitssturm, der mit jäher unbezwinglicher Gewalt durch
sein Inneres gebraust kam -- ein Hoffnungssturm sondergleichen.

Aber diesem Glutsturme folgte rasch die lähmende Ernüchterung und dieser
ein herb-süßes Bangen.

Still ließ er sich von der Mutter zum Abendessen führen, das fast
erkaltet war. Als er so dasaß und mit sichtlichem Hunger -- jetzt
schmeckte es ja nicht mehr so bitter, dieses harte Wort! -- und doch
ganz in Gedanken versunken aß, schaute ihn die Mutter lächelnd an. Und
aus ihren Augen leuchtete ein solches Uebermaß von Liebe und
Zärtlichkeit, daß es ihn heiß durchlief, ohne daß er aufgeschaut und den
Blick der Mutter in sich aufgenommen hätte. Er langte nur nach ihrer
Hand und streichelte sie zärtlich.

Da glitt wieder ein schier schalkhaftes Lächeln über das kleine feine
Gesicht der Mutter. Die hatte doch ihr Geheimnischen: sie hatte dem
Fräulein Erna ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Sonst tat sie das
nicht so leicht -- sie war auch ein wenig stolz! -- aber dem lieben
Mädchen gegenüber konnte sie nicht anders. Das verschwieg sie dem Sohne.
Wie würde der aufgefahren sein, wenn er anhören müßte, Erna habe sich
erboten, dem halsstarrigen Onkel ins Haus zu fallen! _Wie_ sie das
anstellen werde, wisse sie vorläufig selbst noch nicht, hatte sie,
schönen Eifers voll, ausgerufen, die Liebe, aber sie werde schon Mittel
und Wege finden! O ja, sie werde sie schon finden! Sie möchte denn doch
sehen, ob Milde und Nächstenliebe und bessere Einsicht nicht über Stolz
und Trotz siegten! Dabei setzte es auch einen kleinen Seitenhieb auf
Theobald ab und der Mutter scharfes Auge merkte gar wohl, wie eine
Glutwelle über des Mädchens Wangen flog -- merkte das trotz der
eingetretenen Dämmerung. Mutteraugen sehen durch Nacht und Finsternis
und sehen durch Berge und Wände.

Iß du nur ruhig weiter, dachte sie still bei sich, und such nur emsig
das letzte, letzte Restchen der seltenen Speise zusammen und tunke mit
dem frischen duftigen Brote nur so lange, bis die Teller dastehn, sauber
und blank, als kämen sie eben aus dem Schranke.

Als er dies stille Werk getan, lehnte er sich behaglich zurück und
blickte sehnsüchtig nach seiner Pfeife, der langen. Leise, ganz leise
seufzte er dabei auf. Er wußte ja, die Schachtel, die dort neben der
Pfeife stand, war leer -- blank leer wie sein Teller ... und seine
Tasche. Wie sollte er auch Tabak kaufen, wenn die Mutter, die liebe,
kaum zu essen hatte!

»Was der Mensch doch gleich genußsüchtig ist, wenn er den Magen voll
hat!« dachte er bei sich.

Die Mutter aber hatte den Sehnsuchtsblick bemerkt. Lächelnd stand sie
auf, holte Pfeife und Schachtel herbei und klappte diese vor dem
erstaunten Sohne auf -- plattvoll war sie mit duftendem Tabak,
plattvoll!

Da gab es wieder einen Sturm, einen Freudensturm.

»Und wie hast du denn gleich die richtige Mischung gefunden, Mutting?«
fragte er und dampfte gar behaglich darauf los.

»Ist's doch Vaters Mischung.«

Ein Hauch von Wehmut zog durch ihre Herzen, aber er trübte nicht: er
vertiefte nur die stille Freude der beiden guten liebevollen Menschen.

Und jetzt fühlte Theobald erst so recht, daß es warm war in dem kleinen
trauten Zimmerchen und sah, wie im Ofen schönfarbig die Glut verglimmte.
Draußen heulte der Sturm sein Siegeslied weiter und peitschte den
wasserschweren Schnee kraftfroh und hohnwild an die Fensterscheiben.

»Heul du nur zu!« dachte Theobald, »deine Musik hat das Schauerliche für
mich verloren -- bis auf weiteres.«

Leise vor sich hinpfeifend, stand er auf, holte ein Buch herbei, setzte
sich neben die Mutter hin und begann ihr vorzulesen, wie sie es liebte.
Sie nahm eine Näharbeit zur Hand und hörte, ganz Freude und ganz
Aufmerksamkeit, dem Sohne zu, der so schön und so eindrucksvoll vorlas.
Das war ein Abend wie schon lange keiner.

Nächsten Tages löste er seinen Winterrock aus und spottete nun der
Kälte, die dem Sturme gefolgt war.

Und Fräulein Erna hatte auch nicht in den Wind geredet: die Anträge auf
Stundenerteilung kamen. Gutbezahlte Stunden. Und taktvolle Leute. Die
Jungens ausgesuchte Dummlinge, aber seelengute Kerle.

Klopfenden Herzens hatte er ihr bei schicklicher Gelegenheit gedankt,
der guten Fee in seiner Not, und war glückselig erschrocken über den
holden Klang ihrer Stimme, die er zum erstenmal zu hören bekam. Und
hatte scharf gespäht und siegeskühn gehofft, ihre Wangen würden jäh
erglühen, süß verräterisch erglühen; aber sie blieben wie sie waren -- um
einen Schatten bleicher wurden sie eher. Da war er still und
nachdenklich von ihr gegangen und blieb still und nachdenklich die
ganzen Wochen hindurch, bis endlich die Zeit seligen Gebens
herangekommen war -- die Weihnachtszeit.

Einiges Geld hatte er sich ja abgezwackt. Klein nur konnte die Gabe für
Mütterchen werden -- aber er wußte: ihre Freude war groß auf alle Fälle.

Unter dem Geläute der Weihnachtsglocken ging er am heiligen Abend heim.
Leicht war sein Gepäck, aber voll sein Herz. Frohgemut blickte er auf zu
den Sternen. Ob wohl auch der Stern seiner Hoffnung aufgehn -- und ob er
Verkünder sein werde der Sonne seines Glückes ... Gott weiß es! Gott füg
es!

Unten sah er noch flüchtig auf seine Uhr, die er nach einigen Semestern
eifrigen »Studierens« wieder ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt
hatte. Es stimmte: sieben Uhr. Früher durfte er nicht kommen, hatte die
Mutter feierlich geboten -- und wieder so eigen gelächelt. Dabei zeigte
sie die Grübchen auf den Wangen, die es einst seinem Vater angetan
hatten.

Als er in den kleinen Vorraum trat, schimmerte durch die Türspalten
Lichterglanz. Er klopfte. Die Mutter öffnete und meldete wichtig und
geheimnisvoll: das Christkind sei gekommen.

Staunend sah er den Baum stehn, der größer war und reicher, als er
hoffen konnte. Weh und wohl wurde ihm dabei ums Herz -- ist's Ernas
Christkind? Kommt sie vielleicht heute selbst herauf und gibt das
Herrlichste, das ihm auf Erden beschieden werden konnte?

Unbemerkt legte er seine Gaben neben die andern, die geheimnisvoll
verdeckt waren, unter den Baum; beklommen sah er die Mutter an, die
offenbar etwas sagen wollte, was ihr leicht vom Herzen, aber schwer über
die Lippen ging. Die leuchtenden Augen kündeten es an, die zuckenden
Finger redeten es schon.

»Was ist's?« fragte er unvermittelt und seine Stimme bebte.

»Fräulein Erna hat uns etwas gebracht,« sagte sie darauf stockend.

»Fräulein Erna?« Wieder war es Freud und Scham, Zorn und Jubel, was ihn
durchstürmte und quälte.

»Ja, Theobald, etwas, was du, was wir alle nicht erwarten konnten, nicht
erhoffen durften: Liebe und Versöhnung ...«

Da trat aus dem verhängten Alkoven -- der Onkel hervor, mehr verlegen
als freudig bewegt.

»Du!! Du hier!?« Freundlich klang das nicht.

»Ja, Theobald, ich. Fräulein Erna ist zu mir gekommen wie ein guter
Engel. Sie hat mich bekriegt und besiegt, gedemütigt und beschämt. Aber
sie hat mich auch emporgehoben und mir Freude gegeben. Und so bin ich
denn da und bitte dich, mir zu glauben, was ich sage. Wie es um euch
steht, hab ich erst durch sie erfahren. Und hätt' ich's gewußt -- wer
weiß! Kurz, sie hat's zustande gebracht. Theobald, laß alles vergessen
und laß uns wieder gut Freund sein. Gegenseitig wollen wir wieder alles
gut machen aneinander. Und dann« -- man sah's ihm an, wie es steinschwer
und widerwillig aus seinem Innern heraufkroch -- »und dann -- ich bitte
dich, verzeih mir, was ich deinem Vater und dir angetan hab!« Da war er
doch weicher geworden, als er hätte zeigen wollen. Aber Erna hat ihn ja
so gründlich zermürbt!

Rasch streckte er Theobald beide Hände hin. Und jäh und herzhaft, wie es
seiner leidenschaftlichen Natur eigen war, griff der Neffe danach. Ein
warmer kräftiger Druck, ein tiefes Versenken der Augenpaare -- und alles
war begraben und vergeben.

»Ich dank dir,« sagte der Onkel sodann ganz bewegt. Dann setzte er im
Tone der Bewunderung hinzu: »So hat sie also doch recht gehabt, die
Fräuln Erna! Sie hat gesagt, du wirst mir ohne viel Wesens zu machen die
Hand reichen, denn du bist nicht nur stolz, hat sie gesagt, sondern auch
gut.«

»Das hat sie gesagt?« Rasch ging er zum Baume, zog die Hüllen weg und
besah sich unter lebhaften überlauten Worten die Geschenke.

Die Mutter hatte den überstürzten Abbruch des gefürchteten
Zwiegespräches wohl bemerkt, sagte aber weiter kein Wort. Sie lächelte
nur still vor sich hin, umspielt und umschwirrt von heiteren sonnigen
Zukunftsgedanken -- einer schöner als der andere.

Theobald musterte die Geschenke und dachte: »Reiche Geschenke, schöne
Geschenke, überaus kostbar, überaus praktisch -- aber alle, alle vom
Onkel, keines von ihr ...« Schnell sah er das Unmögliche einer solchen
Handlungsweise des feinen taktvollen Mädchens ein und tröstete sich mit
dem Gedanken: es käme doch schließlich alles von ihr und durch sie.

Das gab ihm die Seelenruhe wieder. In heiterem Gespräch und mit noch
froheren Gedanken verbrachte er den Abend mit Mutter und Onkel, der ganz
verwandelt schien und nicht einmal eins über den Durst trank, wiewohl er
reichlich vorgesorgt hatte, daß es einen guten Tropfen gab. Diese
Selbstüberwindung war bewunderungswürdig.

Mit dem Entschlusse, nächsten Morgen zur schicklichen Stunde hinabzugehn
zu ihr und ihr zu danken, schlief Theobald ein. Er hätte nicht sagen
können, wann die Gebilde seiner glückbeflügelten Phantasie abgelöst
wurden von den Gebilden des Traumes und welche schöner und
glückverheißender waren.

Als er sich nächsten Morgens mit dem dunklen Anzuge, den der Onkel unter
den Baum gelegt hatte, fein herausputzte, umgaukelten sie ihn wieder,
diese Lichtbilder des Glückes und er wußte nicht mehr, was er gesonnen
im Wachen und was er gesponnen mit des Traumes Hilfe.

Die Mutter war, ganz eingehüllt in neues weiches Pelzwerk, in die Kirche
gegangen.

Eben wollte auch er nach dem Pelze langen, als draußen geläutet wurde.
Gleich darauf hörte er die Wohnungstür öffnen und im Vorraume leise
Schritte. Kam die Mutter schon zurück?

Da ging nach flüchtigem Klopfen die Tür auf und -- Erna stand vor ihm.
Sie schien ihm bleicher als sonst und einigermaßen verlegen. Gleich
darauf aber sagte sie mit der ihr eigenen Sicherheit:

»Guten Morgen, Herr Volkmar.«

Er erwiderte verlegen ihren Gruß und kam sich in dem neuen Anzuge
ungemein gespreizt vor. Stockend sprach er weiter:

»Die Mutter ist nicht daheim und ich -- ich wollte eben ... wollte eben
hinuntergehn zu Ihnen, Fräulein Erna, mich bedanken ...«

»Sie haben mir nichts zu danken, Herr Volkmar. Ich wollte, ich könnt ...«
Sie schwieg. Eine brennende Glut war in ihr bleiches Angesicht gestiegen
und rasch wieder versiegt. Starr und totenblaß war es nun geworden. Mit
ganz veränderter Stimme brachte sie nun mühsam hervor:

»Herr Volkmar, was ich Ihnen jetzt sagen muß, das durften Sie durch
niemand anderen hören als durch mich. Und Sie mußten es zuerst wissen.
Vielleicht sollte ich nicht so handeln, aber ich glaube, es muß so sein.
Darum bin ich gekommen.«

Er sah sie an und durch seinen Körper ging ein jähes seltsames Frösteln.
Sie hatte den Blick gesenkt und sprach das bedeutsame Wort tonlos aus:

»Ich habe mich gestern abend -- verlobt, Herr Volkmar.«

Wie er sich auch zusammennahm: es zuckte durch seinen Körper, als hätte
ihn ein Schlag ins Gesicht getroffen. Und ganz äußerlich fielen die
Worte von seinen Lippen:

»Ich gratuliere, Fräulein Erna.«

Sie sah ihn an, traurig-ernst und tief bewegt.

»Es soll kein Zwang sein zwischen uns, Herr Volkmar, und keine
Verstellung. Wenn ich Ihnen weh getan habe ...«

Da richtete er sich trotzig auf. Und hart und herb stieß er die Worte
hervor:

»Und deshalb haben Sie das alles getan? Aus Mitleid! Aus purem Mitleid!«

»Nein, Herr Volkmar!« entgegnete sie ernst und fest und ihre Stimme
bebte in verhaltener Erregung. »Nicht aus Mitleid! Ich hab's getan, weil
ich Sie hochschätze, weil ich Ihnen gut bin, Herr Volkmar. Ich habs
getan, weil ich Ihre Mutter lieb habe, so lieb haben kann, wie ich die
meine lieb hatte, und ich habs getan, weil ich nicht mitanschauen kann,
wenn gute edle Menschen leiden. Es fiel mir schwer, den ersten Schritt
zu tun -- weil ich sah, daß Sie mir gut sind. Aber ich ließ mich nicht
abschrecken. Das einmal erkannte Gute führ' ich aus, je früher, desto
besser. Das ist das schönste Vermächtnis meiner frühverstorbenen Mutter.
Verzeihen Sie also, wenn ich Ihren Stolz ...«

»Um Gottes willen, nicht weiter, Fräulein Erna! Ich, ich bitte Sie um
Verzeihung! Ich bin ja rauh geworden! Ich bitte Sie um Verzeihung!« Aus
seiner Stimme konnte sie seine gemarterte Seele herausklingen hören.

Unfähig, ein Wort hervorzubringen, reichte sie ihm wie bittend beide
Hände hin. Um ihre Lippen zuckte es.

Da kam es über ihn, er wußte nicht wie. Leidenschaftlich erfaßte er die
dargebotenen Hände, schlang seine Arme um das holdselige Kind, preßte es
an seine Brust und küßte es, küßte es mit der ganzen Gier eines nach
Glück und Liebe dürstenden Herzens.

Bleich und gelähmt von unsagbarem Schreck, lehnte sie eine Weile an
seiner Brust. Dann geschah etwas Unerwartetes: sie schlang plötzlich
ihre Arme um seinen Nacken und küßte ihn nicht minder heiß als er sie
geküßt hatte. Und unter stürzenden Tränen gestand sie ihm:

»Ich liebe dich. Ich liebe dich unaussprechlich!«

Da faßte er sie an der Schulter, schob sie von sich weg, und sah ihr ins
erglühte Angesicht wie ein Wahnsinniger.

»Du liebst mich ... Und doch hast du dich mit einem anderen verlobt!«

»Es war der letzte Wunsch meiner sterbenden Mutter. Sie glaubte fest,
ich werde glücklich sein mit dem ernsten stillen Vetter Alfred. Drei
Jahre schon verschiebe ich die offizielle Verlobung. Ich hab das getan,
weil ich an seiner Seite immer so still wurde, wie er selbst ist. Dem
Vater aber sagte ich immer, ich sei noch zu jung ...«

»Und jetzt, jetzt hast du's doch getan weil du mich ...«

»Weil ich gefürchtet hab, ich könne nicht mehr die Kraft aufbringen ...
O, wüßtest du, was ich gelitten hab die ganze Zeit her!«

»Das darf nicht sein! Das darf nicht geschehen! Du darfst nicht das
Opfer deiner Kindesliebe werden! Liebst du ihn denn, diesen stillen
Herrn Vetter?«

»Ich bin ihm gut, ja. Aber was Liebe ist, weiß ich erst durch dich.«

»Dann seh er sich vor, dieser Herr Vetter Schweigsam! Mein bist du! Mein
durch die Kraft und Heiligkeit unserer Liebe! Darum will ich dich
erkämpfen wenn's sein muß mit dem Einsatz meines Lebens!«

»Das wird nicht nötig sein!« sagte da plötzlich eine fremde
Männerstimme.

Erstaunt und betroffen sahen sich beide um.

»Alfred!« Bleich und starr stand sie da.

»Mein Herr! Mein Name ist Theobald Volkmar.« Mustergültig förmliche
Verbeugung, ein Blick, der alles sagte. Erwiederung weniger steif, aber
»tadellos«:

»Alfred Bründherr. Es braucht kein weiteres, Herr Volkmar. Ich bin
meiner Base unbemerkt nachgegangen. Zuerst aus Neckerei, dann aus
Neugierde. Dann dacht' ich, du könntest ja auch die liebe Frau Volkmar
kennen lernen -- tret ein und höre Ihre Stimme, mein Herr.« Kleine Pause.
Die Blicke aller am Boden.

Alfred Bründherr faßte sich zuerst: »Sie haben ganz recht, Herr Volkmar:
Erna darf nicht das Opfer ihrer Kindesliebe werden. Und ich,« hier wurde
seine feine Stimme schneidend, »ich will keine Frau, die mich nicht
liebt.«

»Hätt' er längst sehen können,« dachte Theobald bei sich und verbiß ein
Lächeln. Erna aber unterdrückte es nicht; mild lächelnd sah sie Alfred
an und fragte: »Sag mir, Alfred, fällt's dir sehr schwer? Aufrichtig!«

»Schwer wird's mir schon; aber sicherlich nicht so schwer, wie es diesem
Herrn da würde, mein' ich. Um es kurz zu machen: Ich gratuliere!«

»Und der Vater?« Die rasche Frage Ernas störte einigermaßen die
gegenseitigen, grausam-eleganten Verneigungen der beiden Herren. Alfred
lächelte verbindlich.

»Den werd ich schon vorbereiten,« meinte er überlegen. »So viel ich ihn
kenne, wird er dem -- wahren Glücke« -- es zuckte bei diesen Worten
seltsam um seine bärtigen Mundwinkel -- »seines Lieblings nicht im Wege
stehn.« Und bitter-ernst fügte er hinzu: »Es ist ja zum Glück das
Schwierigste nicht zu überwinden: unsere Verlobung ist noch nicht
veröffentlicht.«

»Das Schwierigste nennt er das! Und Glück!« blitzte es durch Theobald
und ein scharfes Wort drängte sich gegen seine Zungenspitze, ein Wort,
von dem er wußte, daß er es mit der Degenspitze werde einlösen müssen.
Aber wozu? Der Herr Vetter ist ja so entgegenkommend! Mit einem raschen
Blicke unendlichen Wohlwollens umfaßte er die geschmeidige Gestalt des
feinen glatten Mannes und sagte dann, in Miene und Ton und Gebärde voll
unverschämter Höflichkeit:

»Danke verbindlichst!« Dabei zwirbelte er hastig den blonden
Schnurrbart, so daß er fröhlich-frech und herausfordernd vorstach.

Der andere, der, wie der wunderschöne Durchzieher an seiner rechten
Wange zeigte, just auch kein Kneifer war, mußte wohl geahnt haben, was
im Geiste und Empfinden seines glücklichen Gegners während dieser
peinlichen Sekunden vorgehn mochte; denn er verneigte sich forsch und
klirrte hervor:

»Bitte sehr!« Dann ging er.

»Ein lieber Kerl!« rief Theobald mit einem Gemisch von Spott und
aufrichtiger Bewunderung, als der Mann draußen war.

»Ja,« sagte Erna ernst darauf, »er war immer streng »korrekt«. Und
leiser fügte sie hinzu. »Fast mehr, als gut ist.«

»Mehr, als gut ist!« wiederholte Theobald. »Um Gottes willen! Ein ganzes
Leben an der Seite dieses Mannes, Erna, ein ganzes Leben!«

»Es wär gewesen wie ein klarer wolkenloser Tag,« erwiderte sie ernst.
»Aber wie ein -- Wintertag. Du hast mir Sonne und Wärme gebracht,
Theobald! Wie werden wir glücklich sein! So glücklich, wie -- deine
Eltern waren ...«

Da nahm er sie, doppelt beseligt, in seine Arme.

Wieder ging die Tür auf. Schnell und erglühend löste sich Erna los und
eilte auf die frohbetroffene Frau zu.

»Mutter!« rief sie leise; aber es klang ein Jubel in ihrer Stimme.
»Mutter! Liebe, liebe Mutter!«

Sie ließ sich vor der kleinen zarten Frau nieder und küßte ihr
glückfeuchten Auges die schmalen Hände.

Abends waren sie alle drunten um den Christbaum versammelt, den Erna
geschmückt hatte.

Alfred Bründherr hatte alles aufs beste eingerenkt. Man feierte abermals
Verlobung. Der Vetter war so überaus »korrekt«, zu diesem Feste _nicht_
zu erscheinen. Aber er hinterließ ein schönes Wort: er beglückwünsche
Theobald, der sich sein Glück im Sturm erobert habe, und beglückwünsche
Erna zu ihrer zweifellos sonnigen Zukunft. Was aber auch kommen möge
-- sie könne ruhig sein: ihr Auserwählter werde aufrecht dastehn und sie
zu schützen und zu schirmen wissen in jedem Lebenssturme.



Weihnachtszauber.


Ungewöhnlich lange dauerte es diesmal. Das ganze schmucke neue Haus
duftete schon von Tannengrün und Wachskerzen und noch immer klang die
Glocke nicht, das liebe silberhelle Glöcklein, das nur einmal des Jahres
erklingt, nur einmal ruft und jubelt: am Christabend.

Wieder und wieder glaubten sie's zu hören. Dann sprangen sie auf,
lauschten und liefen vor die Tür. Enttäuscht kehrten sie zurück in das
trauliche Halbdunkel ihres Zimmers und überließen sich wieder der
drangvoll süßen Ungeduld und froherregenden Erwartungsfreude. Und immer
wieder ging die kindliche Phantasie, durchwärmt von heller Herzenslust
und durchschauert von ehrfürchtigen Empfindungen, ihre krausen Wege.
Tastend jetzt und zaghaft an dunklen verschlossenen Türen vorbei -- jetzt
jäh auffliegend ins Sonnenland des Märchenhaften, einer aufgescheuchten
Schar bunter Vöglein gleich, die im Sonnenglanz verschwinden, als hätt'
sich ihnen überschnell eine unsichtbare Pforte aufgetan und rasch wieder
geschlossen hinter den scheu Entflohenen.

Jetzt schlug die Uhr vom nahen Kirchturm die Stunde. Sie lauschten und
zählten.

»Sechs Uhr schon!« rief Klein-Elli betroffen. »Um die Zeit war das
Christkind immer schon da bei uns.«

»Ja, mein Gott,« meinte altklug der fast achtjährige Otto, der Aelteste,
»jetzt, wo wir da heraußen wohnen, wird's wohl noch später.«

»Ja«, hauchte Elli und ihre Augen wurden groß dabei.

Und Norbert, der jüngste, ließ sein Spielzeug fallen, starrte die beiden
Größeren schier angstvoll an und sagte traurig: »Noch später.«

Alle drei sehnten sich in dieser Stunde zurück in die enge, aber
trauliche Wohnung drinnen in dem großen Stadthause, hoch droben im
letzten Stockwerk. Erst als Otto daran erinnerte, daß der Vater nie so
heiter war wie jetzt, wo sie hier wohnten in den schönen Räumen des
kleinen eigenen Hauses -- erst dann versöhnten sich die kleinen
Zürnenden wieder mit dem neuen Heim, wo noch alles, neu und vornehm, sie
anrief. »Rühr mich nicht an! Streif nicht an mich an! Stoß mich nicht
ab!« Und scheu wichen sie all dem unvertrauten Neuen und Fremden aus und
gingen im Kreise um die Ecken. -- Wie war's doch drinnen in der Stadt
anders inmitten der lieben alten Möbel, die sie alle kannten und die
ihnen allerlei zu erzählen wußten aus der geheimnisvollen
Morgendämmerung ihres Daseins. Freilich, der Vater kam dort oft mit
trüben Mienen heim und ging stumm in sein Kämmerlein. Dann wanderte die
Mutter still von der Küche ins Zimmer und ruhelos wieder zurück. Sie
sah, was die Kleinen nicht sahen, aber in ihren reinen Herzen dunkel
ahnten: daß an ihres Mannes Seite eine graue Gestalt herangeschlichen
war und ihre dürre Hand, ach! so vertraut auf seine Schultern legte
-- die dürre kleine Hand, die so schwer wiegen und so unerbittlich
Lebensglanz und Freudenschimmer verwischen kann wie ein feuchter Schwamm
die Schriftzüge auf einer Tafel: die Hand der Frau Sorge. Und sie wußte
auch, was die Kinder nicht ahnten und ahnen sollten: daß oft an ihrer
bescheidenen Heimstatt Tür der Frau Sorge ungestümere Schwester pochte:
die Not.

Ein Glücksfall brachte mit einem Male Sonnenglanz in das nebelumflorte
Sorgenleben des kleinen kindergesegneten Beamten. Schier betäubt war er
von der Größe und Plötzlichkeit dieses Glücks. All die drückenden
Schulden konnte er bezahlen, seiner stillen Frau kaufen, was sie sich
heimlich oft gewünscht, und seine Kinder kleiden, schmuck und fein und
sauber, wie er es längst ersehnte. Und allen seinen eigenen Wünschen
Erfüllung bieten. Dabei ging er aber oft über das gebotene Maß vornehmen
Schönheitssinnes hinaus und verletzte dadurch das zarte Feinheitsgefühl
seines Weibes. Anfangs mit stillem Lächeln, bald aber mit Befremden und
endlich mit heimlichem Kummer merkte Frau Herma, wie ihr sonst so
bescheidener Mann immer mehr die unleidlichen Manieren eines
Emporkömmlings annahm und ein Wesens machte, das der Wirklichkeit gar
nicht entsprach. Daß sie fortan sorgenlos leben, daß sie sich dieses
Häuschen bauen und sich frohgemut der Stunde hingeben konnten -- das war
alles. Und das war viel, unendlich viel für Hermas seelenheitre Art;
aber es war wenig in den Augen der Welt, die nur aufs Aeußerliche sieht
und nicht ahnen kann, wie unsagbar reich ein armes Menschenherz sein
kann, tief drinnen in der Brust. Und Herma war reich gewesen von jeher
und hielt auch Konrad, ihren bisher so schweigsamen Mann, für innerlich
reich und seelentief. Und nun mußte sie sehen, wie er protzte, wie er
groß tat vor allen Leuten. Das tat ihr weh. Und sogar der Zweifel bekam
allgemach Gewalt über sie. Sie fragte sich, ob ihres Mannes Gemüt
wirklich so schlicht sei und so tief bescheiden, als es ihr bisher
schien und sie es liebte. Sollte es nur die Sorge, die Not kümmerlich
ins Blühen gebracht haben? War das schwere Schweigen nur eine Hülle, die
nichts verhüllte?

Heimlich wünschte sie oft, es wäre geblieben wie früher. Lieber ertragen
und dulden, lieber sich beugen in Sorgen und Kümmernissen -- aber
innerlich froh sein können, vertrauensstolz froh und stark in der
Ueberzeugung, in sich einen Schatz zu tragen, den uns niemand rauben
kann, in sich ein Feuer brennen zu wissen, das durch nichts auf dieser
Welt ganz erlöschen und ganz erkalten kann: die Liebe zueinander und das
große tiefe herzbeglückende Vertrauen, das solcher Liebe entspringt. Und
jetzt, wo alles Gute in ihnen sprießen, alles Edle blühen konnte, wo sie
aus dem Sumpfe kleinlicher gemeiner Alltagssorgen auf festes sicheres
Land gerettet waren -- jetzt sollte sie erkennen müssen, daß ihres
Mannes Gemüt seicht, seine Gesinnung oberflächlich sei? Auf wiederholte
Bemerkungen, die an sein Feingefühl gerichtet waren, hatte er nur ein
Lachen, das in seiner selbstsicheren Unbefangenheit Herma weher tat als
etwa eine schroffe Abweisung. War er wirklich nur und noch immer
glückberauscht oder stand ihr die herbste Enttäuschung ihres Lebens
bevor? Sie wollte abwarten, eh sie zum offenen Kampfe überging oder
-- still verzichtete.

Er aber lebte froh in den Tag hinein und ahnte wohl kaum, was seine Frau
heimlich so tief bedrückte. Erst am Weihnachtsabend, als Herma in voller
tiefer Stimmung in ihr Zimmer ging und erwartungsfroh jene Lade aufzog,
wo sie den lange treu bewahrten Christbaumschmuck verbarg und er, rasch
dazwischentretend, ihr verwehrte, den »alten Tand« nochmals auf den Baum
zu hängen, trübten ihm die ersten herben Tränen den Glanz seines jungen
Glücks. Herma, sein feinfühliges Weib, weinte sie -- jäh und
unbezwingbar. Er sah sie an wie vom Donner gerührt. Sie aber wischte
sich die salzige Flut rasch von den Wangen, schob die Lade zu und ging
von ihm weg -- still, wortlos, ohne ihn anzusehen. Ging hinüber, den
großen hohen Tannenbaum zu schmücken mit den neuen gleißenden Sachen,
die er heimgebracht hatte. Still verrichtete sie diese Arbeit an seiner
Seite, unfroh, mit unlustschweren Händen. Und wenn sich ihre Blicke
begegneten, senkten sie sich rasch oder glitten aneinander vorbei wie an
etwas Unliebem. Auch ihm ging nichts recht aus den Händen und in seine
Seele kam eine seltsame Unruhe, ein beklemmendes Mahnen und
beängstigendes Drängen -- die Vorboten der Reue.

Ueber all dem verging viel Zeit. Und darum währte es heute so
ungewöhnlich lange. Und mit den nun verpönten lieben alten Dingen
beschäftigte sich unterdessen die heißerregte Phantasie der Kinder. Seit
Jahren kehrten sie geheimnisvoll immer wieder, glänzten und strahlten,
glitzerten und funkelten aus dem Tannengrün und verschwanden nach dem
Heiligendreikönigtage ebenso geheimnisvoll wieder.

Wohin? Das Christkind habe sie wieder geholt, sagte die Mutter. Dem
Christkind gehören sie ganz allein und dieses bringe sie immer in
dasselbe Haus und verwechsle sie nie. Und je öfter es dieselben Sachen
den gleichen Kindern bringe, desto lieber habe es diese.

Und desto lieber gewannen sie auch die Kleinen. Mit heiliger Scheu sahen
sie jedesmal zu dem funkelnden Stern empor, der immer hoch oben am
Gipfel des Baumes prangte und sich oft seltsam leise bewegte, als wehe
überirdischer Hauch um ihn her oder aus ihm heraus. Und darunter das
Christkindlein mit dem Goldscheine um das blondgelockte Haupt. Es
lächelte und nickte grüßend herab; auf seinen lieblichen Wangen lag ein
rosiger Schimmer, aus seinen großen Blauaugen kam ein Leuchten
-- unfaßbar geheimnisvoll. Diese zwei Heiligtümer hatten die Kinder nie
in der Nähe geschaut, nie in den Händen gehabt. Und keines hätte es je
gewagt, auch nur den Wunsch zu äußern, sie herunterzuholen. In ein viel
vertraulicheres Verhältnis kamen sie allgemach zu den tiefer in den
Zweigen hängenden Schaustücken. Sie betasteten sie mit scheuer
Neugierde, streichelten sie, nahmen sie wohl öfter behutsam herab und
hingen sie aus eigenem Antriebe, oder bedeutsam von der Mutter gemahnt,
wieder an ihren Platz -- dorthin, wo sie mit zarten Fingern das
Christkindlein selbst gehangen hatte. Und jedes der Kinder nahm geistig
Besitz von einem bestimmten Gegenstande, der ihm besonders lieb war. Des
Sommers oft, wenn trübe Regentage sie in die Stube bannten, sprachen sie
unvermutet von all den geheimnisvollen Sachen. Elli am liebsten von
einer winzig kleinen Puppe, die, in einem zierlichen Körbchen weich
gebettet liegend, sie alljährlich so vertraulich anlächelte, als freute
sie sich des Wiedersehens so sehr wie Elli selbst.

Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen phantasierte sie eben wieder von
ihrem kleinen Liebling und behauptete plötzlich, das liebe Püppchen sei
zweifellos ein Spielzeug, mit dem im Himmel droben Lilli, das
verstorbene Schwesterlein spielen dürfe inmitten einer Schar fröhlicher
Englein. Darum leuchte sie auch immer so himmlisch schön, die Puppe,
meinte sie ernsthaft.

Eine Pause trat ein. Alle drei sahen schaurigstill vor sich hin, als
sähen sie das von überirdischem Schimmer umflossene Schwesterlein vor
sich sitzen und mit den Englein spielen. Plötzlich brach Otto das
klingende singende Schweigen.

»Du Elli,« rief er lebhaft, »weißt du, was ich glaub, wo mein
Paradiesvogel immer ist?«

»Dein Paradiesvogel? Den kleinen meinst, den am Baum?«

»Ja, den. Der dem Christkind gehört und so viele Farben hat, so schöne.«

»Nun, wo soll er denn sein? Doch auch im Himmel droben beim Christkind
-- nicht?«

»O nein! Ich glaub daß der immer ein wirklicher lebendiger Vogel ist,
ein großer. Ja. Ich hab ihn einmal fliegen sehn.«

»Fliegen hast du ihn sehn?« rief Elli und der heilige Schauer des
Wunderbaren durchbebte sie.

»Ja!« sagte Otto, von einem heißen Drange fortgerissen. »Hoch am Himmel
droben ist er geflogen. Hoch über die Sterne hin! Und groß war er
-- groß! Und schön!«

Und das Traumbild einer weißen Glanznacht kühn mit Dichtung mengend,
fuhr er lebhaft fort:

»Und weißt du, wo er war? Auf der Erde herunten war er und hat
nachgeschaut, ob wir brav sind alle. Und wißt ihr, was er macht? Den
Regenbogen macht er! Ja! Mit seinem langen schönen Schweif macht er ihn.
Darum hat er so viele Farben -- weißt du?«

Er hatte sich ganz heiß geredet und fühlte sich unsagbar beglückt, als
er sah, wie Elli sprachlos dastand, des Erstaunens und Verwunderns
übervoll.

»Ja, glaubst du's vielleicht gar nicht«, rief der kleine Dichter endlich
gekränkt, als Elli gar nichts erwiderte und nur immer mit großen Augen
wie traumhaft vor sich hinschaute.

»Aber freilich glaub' ich's!« sagte sie jetzt voll Eifer. »Ich seh's ja!
Wirklich wahr -- ich seh's!«

Und Norbert, der mit glänzenden Blicken nach Otto geschaut, rief jetzt,
angeregt durch die kühne Phantasie Ottos, ganz erhitzt aus: »Ja, und wo
ist denn dann mein schöner Bibihahn immer?«

»O, wer weiß, wie's dem ergangen ist,« sagte Otto großartig kühl. »Du
hast ihm ja den Schnabel abgebrochen.«

»O nein!« verteidigte Elli den Jüngsten, dessen Gesicht sich weinerlich
verzog. »Wie der schöne kleine Hahn zum zweitenmal gekommen ist, hat er
den Schnabel schon gebrochen gehabt. Weißt du's denn nimmer?«

»Ja,« meinte nun Otto. »Wer weiß, wo der herumgerauft hat und mit wem?«

Und immer eifriger umspannen die drei erregten Kinder ihre Lieblinge mit
dem goldigen Gewebe naiver Legende. Auf dem klugen weißen Elefanten
ritten sie durch ferne Wunderländer, jagten auf der langbeinigen Giraffe
durch die schaurige Oede der Wüste und durchschwammen mit dem schwarzen
Walfisch, auf des Ungeheuers Rücken in einem zierlichen Häuschen
geborgen, das unendliche Meer. Immer heißer wurden ihre Wangen, immer
größer ihr Verlangen, wieder das zu sehen, was das Christkindlein nur
für sie bestimmt hatte und immer wieder nur ihnen brachte. Und sie
nahmen sich vor, mit den kleinen Dingelchen, die sie für verzauberte
Lebewesen hielten, recht lieb umzugehn und fragten sich, wo wohl dies
und das heuer hängen werde, erinnerten sich, wo es im vorigen Jahr hing
und früher. Immer wieder kamen sie auf ihre Lieblingsstücklein zurück
und erschraken bis in die Tiefe ihrer kleinen Seelen hinein, als sie
nach einem Ausruf Ottos sich vorstellten, was sie wohl täten, wenn die
kleine süße Puppe, wenn der prächtige Paradiesvogel oder der stolze
kampfmutige Hahn plötzlich in ihren Händen lebendig würden?

Stockenden Atems sahen sie einander an. Da schnarrte plötzlich die
elektrische Klingel, die über der Tür angebracht war und sie mit der
Bonne, die sie neuestens hatten, zu den Mahlzeiten rief.

»Zum Essen ruft der Vater -- und das Christkind?« Enttäuscht standen sie
ratlos da, Tränen stiegen sachte in ihre Augen. Und nochmals schrillte
die Glocke. Zugleich ging die Tür auf und Gisa, die Bonne rief herein:

»Ja, Kinder! Hört ihr denn nicht? Das Christkind läutet!«

Jetzt klang und sang und rief und jubelte aus dem großen schönen Zimmer
auch wirklich das silberhelle Glöcklein. Die Mutter konnt es sich nicht
versagen, es wenigstens in diesem Punkte zu guter Letzt zu halten wie
immer bisher. Das stimmte die Kinder wieder warm und erwartungsvoll
feierlich.

Sie stürmten in das Zimmer, traten ein -- und standen mäuschenstill vor
dem großen Baume, der schön und glänzend war wie keiner vorher. Aber von
des Baumes Wipfel herab schimmerte ein anderer Stern, schöner zwar, als
sie je einen sahen -- aber nicht der gewohnte, der liebe und
verheißungsvolle Stern. Und er hing steif und still und rührte sich
nicht, wie sie auch hinaufschauten. Und ein anderes Christkindlein
blickte nieder, lieblich wohl und überaus schön; aber es lächelte nicht
so vertraut, wie das, das immer von da droben niedergrüßte. Und in dem
Gezweige des Baumes fanden ihre scheu und ängstlich suchenden Blicke die
vielen lieben Dingelchen nicht: Elli nicht ihre Himmelspuppe, Otto
seinen vielfarbigen Vogel nicht und Norbert nicht seinen stolzen Hahn
mit dem abgebrochenen Schnabel.

Staunend, mißmutig fast, sah der Vater den Kindern zu, die hilflos
befangen vor der schönen Wirklichkeit dastanden und sich ihrer nicht
selbstvergessen freuen konnten, weil sie nicht umglänzt und umsponnen
war von der Poesie, in der ihre Seelen unbewußt schwelgten. Mit einem
scheuen Blick auf den Vater tat zwar Otto so, als ob's ihn über alle
Maßen freute; es kam ihm aber nicht recht vom Herzen.

Norbert war der erste, der laut jubelte, als ihm der Vater, ärgerlich
halb und halb verschämt, sagte, das große schöne Hutschpferd gehöre ihm.
Elli aber stand schier erschrocken vor einer Puppe, die fast größer war
als sie selbst und so hochmütig auf die Verschüchterte niederschaute wie
eine große vornehme Dame. Auch sie freute sich ihrer übrigen prächtigen
Geschenke wohl -- aber es war nicht die jubelnde Freude wie sonst, es
wollte nicht der beseligende Rausch der Selbstvergessenheit über sie und
ihre mitenttäuschten Brüderchen kommen.

Endlich fragte sie, ruhelos bedrängt, die Mutter heimlich und leise, so
daß es der Vater nicht hören sollte, aber doch wohl hörte: »Mutter, hat
uns denn das Christkind nimmer lieb?«

Die Mutter verstand, schloß das aufgeregte Töchterlein warm an ihre
Brust und flüsterte ihr zu, das Christkind wollte ganz gewiß nur sehen,
ob es den Kindern auch wirklich leid tue, wenn sie nicht mehr fänden,
was ihnen allein gehöre. Das sagte Elli schnell und insgeheim den
Brüdern. Die brachen in lautes Freudengeschrei aus und Otto wurde zum
Propheten: über eine Nacht, und das Christkind könne wiederbringen, was
sie so liebten -- heute noch vielleicht! Der Mutter Augen begannen zu
leuchten und froh und hell wurde wieder ihre Stimme. Lächelnd rief sie
den staunenden Gatten und die hoffnungsbelebten Kinder zum Abendmahle.

Als nachher die drei kleinen Ruhelosen wieder in das Zimmer traten, wo
der Baum stand, brach ein Jubel los sondergleichen: droben am Baumgipfel
glänzte der alte liebe Stern und wehte und bewegte sich seltsam
geheimnisvoll wie immer. Und unter ihm grüßte das liebe altgewohnte
Christkindlein nieder, fröhlich wie noch nie. Und Elli fand ihre Puppe,
Otto seinen flugkühnen Sonnenvogel und Norbert den stolzen Hahn mit dem
abgebrochenen Schnabel. Der Elefant war da, die langhalsige Giraffe, der
dräuende Wal und alles andere auch, wie immer zuvor. Und nun sank echte
tiefe heilige Weihnachtsstimmung in die Seelen der Kinder und der
Eltern.

Frau Herma aber ging leisen Schrittes und befreiten Herzens auf Konrad,
ihren Gatten zu, der, von den Rauchwolken seiner Zigarre schier
traumhaft umhüllt, in einer halbdunklen Zimmerecke sinnend saß. Wie
hatte er sich, gebefroh, auf diesen Weihnachtsabend gefreut -- den
ersten ohne Gegenwartssorgen und ohne Bangen für die Zukunft! Und jetzt?
Jetzt war ein Mißklang in den Festjubel gekommen, hatte ein kühler Hauch
den Glanz des Abends getrübt. Ein Mißklang? fragte er sich selbst und in
seinem Herzen regte es sich warm und weich; abwehrend aber stellten sich
trotzige Gedanken davor.

Da kam Frau Herma und lächelte ihn an. Wie leichtes Gewölk im
Sonnenbrande verschwanden nun jene glückfeindlichen Gedanken und sein
Herz tat sich auf -- weit und froh und tief. Aber er verhielt sich
still, sah nur das sonnige Lächeln, das er so sehr kannte. Hatte es ihm
doch früher so oft die Kraft gegeben, alles von sich abzuschütteln und
rüstig weiterzuschreiten -- trotzmutig der ungewissen Zukunft entgegen.

Sie erfaßte seine Hand und drückte sie warm. Dabei flüsterte sie: »So
soll es immer bleiben -- nicht wahr?«

»Ja!« antwortete er schnell und setzte hastig hinzu: »Ich schäme mich.
Früher war unser Empfinden bedroht von Sorg' und Kummer, die auf das
Gemüt wirken wie Frost und Reif auf die Blumen und Saaten -- und jetzt,
jetzt hätt' ich bald den Mehltau des platten Philistertums darüber
geschüttet. Verzeih mir! Es waren das die Bocksprünge des
Glückberauschten, der Uebermut des Befreiten. Du und die Kinder -- ihr
habt mich wieder auf den rechten Weg gebracht. Im Weihnachtszauber hab
ich mich wieder selbst gefunden.«

Frau Herma erwiderte nichts. Sie lehnte nur ihr Haupt an seine Brust und
drückte wieder seine Hand. Ihr Auge war feucht geworden und ihr Herz
erglühte in dem frohen Bewußtsein, ihr ungetrübtes Glück in ihrer und
ihres Mannes Brust vertrauensstark gefestigt zu wissen gegen alle Stürme
des Lebens.

Dieses großen stolzen Gefühles voll, gingen sie schweigend zu den
Kindern. Die saßen unter dem Baume und sprachen eifrig und
selbstvergessen von dem Märchenleben ihrer Lieblinge, die nun alle Jahre
getreulich wiederkamen. Und als die Kinder, herangewachsen, endlich
wußten, wer sie eigentlich immer wieder brachte und geheimnisvoll
verbarg, da hatten sie sie lieber als je zuvor.



Der Weg zurück.


Den Weg wieder finden zu ihnen zurück! Von ihnen weg war er
sonnig-golden, war er blumenreich gewesen und schien unfehlbar ins Land
des heißersehnten Glückes zu führen. Jetzt aber führte er quer durch
eine unermeßlich weite totenstille, grauenhaft öde Ebene: durch das Land
der Hoffnungslosigkeit. Und weit draußen am unbestimmbaren Ende stand
ein kleines trautes Haus. Dort lebten die, die sie im Ueberschwange
ihrer Jugend, im heißen trügerischen Sehnsuchtstriebe nach erträumtem
Glück verlassen hatte: lebten Gatte und Kind. Und warteten auf sie.

Warteten? Warteten sie wirklich? Konnte, konnte es denn sein? Leise und
kühn und kühner wagte die todesbange Hoffnung in ihr zu flüstern: ja, es
_kann_ wohl sein. Es _wird_ so sein -- es ist wahrhaftig so! Du hast ihn
ja, schier selbst noch ein Kind, mit seiner Einwilligung verlassen. Und
er, er hat nichts begehrt, als daß Klein-Elli ihm bleibe. Und du -- ja,
du hast das zugegeben ...

Jählings blieb sie auf den verschneiten Wegen des Stadtparkes stehn und
starrte vor sich hin, als blickte sie in einen tiefen Abgrund.

Es ist ein Abgrund! Es ist der Abgrund, der euch trennt. So flüsterte
die mahnende Stimme wieder. Daß du ihn verlassen konntest, daß sich das
junge lebensfrohe Weib von dem unverstandenen, an Jahren weit älteren
Mann wegsehnte -- das begriff er ja, so bitter weh es ihm auch tat. Daß
aber die Mutter von ihrem Kinde so leichten Herzens fortgehn konnte: das
mußte ihn dir entfremden, das mußte ihm sagen: »Sie hat kein Herz, sie
ist ärmer als die Aermsten, denn sie kann nicht lieben. Und nun ist sie
dahingegangen, die arme Törin -- die Liebe zu suchen!«

Ja, so wird er bei sich denken; denn er weiß ja nicht, was du ihm
verborgen hast: daß es dir schier das Herz abdrückte, als er das Kind
zwischen dich und sich stellte und das arme süße Geschöpfchen, das mit
aller Glut seiner zarten Seele an dir hing, gebannt und bezwungen von
seinem machtvollen Blicke, sich auf seine Frage, bei wem es bleiben
wolle, für den Vater entschied -- mehr aus Furcht, denn aus Liebe.

Da hast du etwas getan, was du hättest nicht tun sollen: du hast, im
Innersten getroffen, wie fröhlich aufgelacht und hell gerufen: »So bin
ich doch wieder frei! Ganz frei!« Und dann sprachst du ein so
frohgemutes, ein so leichtherziges Lebewohl, als ginge es auf eine
Lustreise, von der du, wandermüde, frohen Herzens wieder zurückkommen
konntest zu ihm und dem armen mutterberaubten Kinde.

Siehst du, _das_ ist der Abgrund, den du ausfüllen müßtest, wolltest du
zurückkommen können zu ihm. Kommst du nun auch, eine Enttäuschte, rein
an Leib und Seele zurück, könnte er auch dem liebendem _Weibe_
verzeihen, was es auch begangen habe: der herzlosen _Mutter_ wird er die
Tür seines Hauses verschließen und sein Kind bewahren vor dem Anblicke
derer, die ihm hätte die unversiegbare Quelle sein sollen aller Liebe ...

Wieder blieb sie stehn. In der Hand trug sie Rosen, schöne blühende
Rosen. Diese sollten zuerst für sie sprechen, fand sie beim Anblick des
großstaunenden Kindes nicht sogleich Worte. Es liebte die Rosen so sehr.

Damals, ach! so flüsterte es wieder in ihr, damals blühten die Rosen in
seinem kleinen Garten und verbreiteten einen schweren süßen Duft. Und
auf diesen duftigen Fluten schwebte die trügerische Sehnsucht deiner
Jugend in die Ferne, eilte die heiße, in Gluten malende Phantasie in
einen anderen viel größeren Garten, wo die Rosen standen, vereint zu
einem farbenschönen duftwogenden Meere: in den Garten des Schlosses, wo
er wohnte, er, den du zu lieben glaubtest mehr als Kind und Gatten.

Und Sehnsucht und Phantasie wurden so machtvoll, daß du eines Abends
mitten im goldigglühenden Sonnenschein, umjubelt vom Amselschlage und
umwogt vom Dufte der Rosen, vor ihn hintratest und ihm sagtest:

»Ich muß fort von dir! Ich liebe einen andern und darf deshalb nicht
länger unter deinem Dache weilen.«

Erinnerst du dich an seine Züge? Wie sie jäh der tiefe gewaltige
Ueberraschungsschmerz verzerrte und wie mannesstolze Beherrschung den
Sieg über alle die sinneraubenden Gewalten in ihm davontrug ehe auch nur
ein einziges Wort sie dir verraten konnte? Und wie er im Gefühle dieses
Sieges über sich selbst dich so ohne Herbheit frei gab, wie es nur der
Edelsinnige vermag, und sich von dir wandte wie es nur der Starke kann.

Seine _Schwäche_, die du fürchtetest und doch wieder tief drinnen im
dunkelsten deiner Seele erhofftest und herbeisehntest -- seine Schwäche
und Hilflosigkeit, sein zitterndes Geständnis, er könne nicht sein ohne
dich: das alles zusammen hätte dich vielleicht wankend gemacht, dich,
die du _herrschen_ wolltest über ihn, nicht ihm untertänig sein, wie es
die Liebe tut, ohne sich zu erniedrigen. Seine _Stärke_ aber breitete
die Winterkälte des Trotzes in deiner noch unreifen Seele aus -- und du
gingst. Gingst stolz und hoffnungsfroh der erträumten Liebe entgegen.

Und du fandest den Mann deiner Sehnsucht in der Gewalt einer anderen und
fandest ihn kleinmütig, platt, alltäglich. Das reiche farbenbunte und
farbenprächtige Gewand, mit dem ihn deine Tyrannen, die selbstherrliche
Phantasie und die selbstgefällige Romantik, behangen hatten, war ihm
abgenommen worden von jenem schönen kaltberechnenden Weibe, in dessen
Banden er nun, ein jämmerlicher Schwächling, lag. Zu einem König
glaubtest du zu kommen und fandest einen Bettler, der nach Almosen
verlangte, als er, erratend warum du Mann und Kind verlassen hattest,
mit heißem Begehren zu dir kam. Da aber fand er dich stark und stolz,
wie der es gewesen war, dem du entflohen warst -- seiner Stärke willen.

Nun trugst du dein Weh und deine bittere Enttäuschung in der weiten
sommerschönen Welt umher, bis du in den Nebeln des Herbstes endlich
erkanntest: niemand hat dich enttäuscht als -- du dich selbst. Von
schlimmen Führern: von den Gespenstern deiner krankhaften Romantik, die
deine Jugend belebt und beherrscht hatte, wolltest du dich der Sonne
irdischen Glückes zuführen lassen -- und mußtest zu spät erkennen, daß
du diese Sonne hinter dir gelassen hattest, daß sie dir nur geschienen
hatte -- bei ihm.

Und nun erblühte dir allmählich das süßeste und zugleich herbste Wunder
deines Lebens: es wurde dir sonnig offenbar, daß du den und nur den
liebst, dem du so weh getan hattest.

Noch in der Stunde dieser frohen Erkenntnis trieb es dich fort aus dem
herbstumseufzten Heim deiner Jugend -- in die Stadt zurück, wo die
wohnten, die du liebtest. Weißt du noch, wie du, so ganz Sehnsucht, daß
all dein Denken ohnmächtig in dir war, in stiller Dämmerstunde bis an
das Haus deines Mannes flogst? Wie dir dann jäh die Hand erstarrte als
sie sich nach der Klinke streckte? Weißt du noch, wie sie mit einem Male
wieder in dir aufstand, die bittere Wahrheit, und du ihr ins herbe
Antlitz schauen mußtest: als reuiges _Weib_, als das gewesene Weib eines
anderen selbst durftest du's wagen, an diese Tür zu klopfen, durftest
hoffen, daß sie dir aufgetan werde -- als _Mutter_ aber, die herzlos ihr
Kind verließ, durftest du diese Schwelle nie und nimmermehr wieder
überschreiten. Das Paradies ist dir verschlossen. Der gesamten
Menschheit Los ist dein herbes Einzelschicksal.

So hatte die Stimme in ihr gemahnt und erinnert, gewarnt und geboten.
Die Sehnsucht aber hatte sie, ohne daß sie's selber merkte, doch wieder
-- wie so oft in den letzten Wochen -- hinausgeführt durch all die
Straßen und Gassen, hinaus bis an sein stilles kleines Haus. Das stand
tief in einem Garten, weiß von Schnee, voll weicher runder Linien und
seltsam umwoben vom geheimnisvollen Düster tiefer Winterdämmerung.
Einige Fenster schimmerten im milden traulichen Schein, der zu sagen
schien: Komm! Komm, du arme Verirrte. Und glaube: es gibt nichts, was
die Liebe nicht verzeihen und vergelten könnte.

Schon hatte sie die Gartenpforte geöffnet, da sprach eine andere Stimme
in ihr, die Hoffnung wohl war es: Laß es sein heute, komm morgen. Morgen
erglänzen die Fenster ringsum im Lichterglanze des Weihnachtsbaumes. Da
sind die Herzen aller empfänglicher für Versöhnung und Verzeihung; denn
es weht ja vom Himmel hoch hernieder der warme Hauch des Friedens. Da
aber regte sich wieder die erste Stimme in ihr, die wohl das Gewissen
sein mochte. Geh! rief sie, er wird dir nicht glauben, er wird es dir
schlimm anrechnen, daß du die heilige Stimmung dieses Abends benützt und
du just kommst, wenn die Herzen weicher schlagen und die Tore der
sehnenden Seelen weit offen stehn für alles, was Liebe ist und Liebe
-- _scheint_....

Sie wollte sich eben traurig abwenden, als hastig die Tür des Hauses im
Garten geöffnet wurde. Ein Mädchen stürzte daraus hervor. Die Stimme der
Mutter ihres Mannes mahnte ängstlich zur größten Eile.

Was geschehen sei? fragte sie das Mädchen, das ihr fremd war. Sie sei
-- eine Verwandte des Hauses und frage nicht müßig.

Die kleine Elli kränkle schon, seit die Mutter fort sei, entgegnete das
Mädchen vertrauensvoll. Und je näher die Weihnachtsfeiertage kämen,
desto mehr fragte das arme Kind, ob denn die Mutter noch immer nicht
komme? Und als ihr der Vater vor einigen Tagen in ganz ungewohnter und
unbegreiflicher Erregung rauh entgegenrief, die Mutter werde überhaupt
nicht mehr wiederkommen und Elli solle ihn nimmer um die Mutter befragen
-- da sei es totenbleich geworden. Und seit jenen Tagen liege es an
einem Nervenfieber darnieder. Das habe sich heute so sehr verschlimmert,
daß der Arzt sie nach einem zweiten Kollegen sandte. Von diesem weg
sollte sie in das Kloster, um dort eine Schwester zu holen, da der Vater
und die Großmutter in ihrer Aufgeregtheit nicht mehr fähig seien, das
Kind die Nächte hindurch allein zu pflegen.

Jäh schoß der toderschrockenen Mutter aus tiefster Seele ein Gedanke
auf. Sie wolle und müsse da helfen, sagte sie zu dem Mädchen. Es solle
nur nach dem zweiten Arzte laufen. Sie selbst aber wolle einen Wagen
nehmen und eine barmherzige Schwester schicken. So ginge es viel
schneller. Das Mädchen, froh, einen Gang weniger machen zu müssen, war
einverstanden.

Rasch ging die junge Frau auf die Straße und rief den ersten Wagen an.
Sie nannte ihm als Ziel ein vornehmes Modehaus.

In dem Geschäfte verlangte sie den Chef. Sie müsse um jeden Preis -- ein
Nonnenkostüm haben, das Kleid einer barmherzigen Schwester. Aengstlich
fragend hing ihr Blick an den Zügen des Mannes, der ihr in froher
Faschingszeit schon öfter die phantasievollsten Kostüme zusammenstellen
half. Er nickte. Es dürfte eines vorhanden sein in der Maskenabteilung
meinte er. Und es war so.

Rasch fuhr sie in ihre Wohnung. Dort kleidete sie sich um, entblößte
sich alles Schmuckes, schminkte ihre erglühten Wangen bleich, zog einige
künstliche Falten zwischen die Augenbrauen, drückte den Schleier des
frommen Kleides tief in die Stirn -- und besah sich ängstlich forschend
im Spiegel. Sie war beruhigt: man konnte sie nicht erkennen.

Um sich dem Kutscher nicht zu verraten, nahm sie einen Theaterschal um
den Kopf, umschloß sich mit einem dunklen Mantel und ließ sich in
höchster Eile zurückfahren in das Haus ihres Kindes.

Klopfenden Herzens trat sie ein. Still und ernst, ohne viel Worte, ohne
sie auch nur näher anzusehen, begrüßte man sie und führte sie in das
dämmerige Zimmer, wo sich die Kleine in den Gluten eines verzehrenden
Fiebers unruhig in den Kissen wälzte.

Mit machtvoll erzwungener Ruhe und ängstlich bedachtem Eifer ging sie an
ihr Werk, das ein Rettungswerk werden konnte für drei Menschen. Die
Großmutter sah ihr wohlgefällig zu. Sie pflege das Kind, sagte sie nach
geraumer Weile, nicht wie eine Schwester, sondern wie -- eine Mutter.
Eine Sturmflut von frohem Schreck und herben Tränen drängten ihr diese
Worte aus wehem Herzen herauf. Sie beugte sich rasch über ihr Kind und
küßte dessen brennendheiße Stirn. Die Großmutter ging. Sie war allein
mit dem Kinde, mit dem all ihr Glück leben oder sterben mußte.

Spät in der Nacht kam der Vater wieder ins Zimmer. Stumm und ängstlich
sah er ihr zu. Sie wagte kaum, zu ihm aufzuschauen. Und doch hatte sie
gesehen, daß seine Haare an den Schläfen weiß geworden waren und sein
Gesicht fahl und eingesunken. Sie hatte das entsetzliche Gefühl, hinter
ihm stehe der Tod und der werde mit der einen Hand nach dem kleinen
fieberbrennenden Herzen ihres Kindes langen und mit der anderen nach dem
erstarrenden Herzen dieses qual- und reuedurchwühlten Mannes. Sie hätte
ihn gern gebeten, er möge gehn; aber sie fürchtete, er müsse jetzt, wo
sie allein waren, ihre Stimme erkennen, die sie in diesem Augenblicke
wohl hätte nicht verstellen können. Endlich ging er mit einem tiefen
Aufatmen langsam und gebeugten Hauptes fort.

Als das Kind in seinen Fieberphantasien laut nach der Mutter rief,
beugte sie sich über das arme Würmchen und sagte ihm mit der Stimme der
Liebe und der namenlosen Angst, sie sei ja bei ihr, die Mutter, sie
pflege sie und gehe nimmer, nimmer von ihr fort. Dann nahm sie es an
sich, trug es im Zimmer umher und sang ihm mit leiser Stimme all die
Liedlein ins Ohr, die sie ihm einstens in glücklicheren Stunden gesungen
hatte. Und es schien, als zöge mit diesem Gesange und mit den Küssen der
Mutterliebe endlich Ruhe ein in die phantasiegepeinigte kleine
Kinderseele. Mit einem Male schaute sie, stiller geworden, die Mutter
lange starr und groß an. Dann stand eine Weile ein seltsames Lächeln auf
den fieberverdorrten Lippen und endlich drückte mit weichen Fingern der
Schlaf die großstaunenden Augen zu.

Am nächsten Vormittag führte man die lang widerstrebende Nonne endlich
in ein anderes Zimmer, damit sie ein wenig der Ruhe pflege.

Das Zimmer war das ihre und war ein Heiligtum geworden -- ein kleiner
schöner Tempel der Liebe und Pietät: alles stand und lag, wie sie es
verlassen hatte an jenem sonnigen Abend, und alles, was von ihr stammte,
auch die nichtigste Kleinigkeit, war hier von liebenden Händen
zartsinnig zusammengetragen. -- Sie wußte, von welchen Händen.

Umweht von dem Hauche seiner Liebe, war sie in die Knie gesunken und bat
Gott um die Kraft, das Werk vollenden zu dürfen, das sie so überschnell
begonnen hatte. Sie war so ganz ohne Erinnerung, ob sie es mit
vorgefaßtem Willen gewollt hatte, daß sie sich sagte: es sei das Werk
einer höheren Macht und es werde und müsse darum zu gutem und schönem,
zu beglückendem Ende führen.

In sich gefestigter, wagte sie es, ihre Schritte wieder in das
Krankenzimmer zu wenden. Zu ihrer unsagbaren Freude fand sie das Kind
noch immer schlafend.

Sie habe ein Wunder an der armen Kleinen geübt, sagte ihr die Großmutter
gerührt, ein Wunder, wie es sich der Arzt, der wußte, er habe es hier in
erster Linie mit einer kranken Seele zu tun, nur von der _Mutter_ des
Kindes erhofft hatte.

Wo die Mutter sei, wagte sie jetzt gepreßten Herzens zu fragen, um zu
erforschen, wie man über sie denke.

Die Mutter sei fort, entgegnete die Großmutter nach einigem Zögern, und
verdiene wohl gar nicht, daß man ihrer hier mit so viel Liebe gedenke.
Am meisten leide das zarte empfindsame Kind unter den traurigen
Verhältnissen. Es sehne sich immerwährend nach der Mutter, dürfe aber
vor dem Vater mit keinem Worte von ihr reden. Er selbst aber treibe
heimlich einen förmlichen Kult mit ihrem Andenken.

Die Nonne hatte tief das Haupt gesenkt und entgegnete mit leiser Stimme:
die Entflohene habe vielleicht schon längst bitter bereut und getraue
sich wohl nicht mehr zurück, weil sie als Mutter ihr Kind verlassen
konnte. Sie leide vielleicht nicht weniger als die hier
Zurückgebliebenen.

Erstaunt sah die Großmutter auf die unverhoffte Verteidigerin ihrer
Schwiegertochter herab. Dann entgegnete sie etwas hastig: wenn dem so
wäre, so hätte die Mutter einfach die Pflicht gehabt, den Weg
zurückzufinden, koste es sie, was es wolle.

Vielleicht fürchte sie, daß der Mann wohl dem Weibe, nicht aber auch der
leichtfertigen Mutter verzeihen könne, von der er glaube, sie sei
herzlos.

Wieder stutzte die Großmutter und sagte dann herb: da habe sie, die
Nonne, die ein sehr feines Unterscheidungsvermögen in Frauenliebe zu
besitzen scheine, wohl recht, wenn sie das annehme. Ihr Sohn denke und
fühle in der Tat so.

Da sank das Haupt der Nonne noch tiefer herab. Wenn die entflohene Frau
das wisse, flüsterte sie, dann sei sie wohl nach langem Kampfe dahin
gekommen, sich als Strafe gegen sich selbst -- die Entsagung
aufzuerlegen, wie schwer sie darunter auch leiden möge ... bis an ihr
Ende....

Entsagung? eiferte jetzt die Großmutter. Hier wäre es wohl die
menschlich schönere und größere Aufgabe gewesen, das verlorene Glück
zurückzugewinnen, weil sie damit zugleich die beiden Menschen beglücken
könne, die sie verlassen habe. Wo Entsagung einzig nur Zerstörerin sei,
da sei sie nach ihrer Meinung verwerflich, sei sie ebenso unmenschlich
wie unchristlich. So werde übrigens die junge Frau gar nicht denken;
denn für sie, die nicht lieben könne, bedürfe es ja keiner Entsagung.

Jetzt aber warf sich die vermeintliche Nonne der erschrockenen
Großmutter zu Füßen und rief, sich selbst vergessend, in ihrer
Herzensangst und Pein:

»Ich bin ja gekommen! Ich habe ja gelitten wie er! Wochenlang
umschleiche ich schon das Haus da und wage es nicht, den Fuß über die
Schwelle zu setzen, weil ich mich fürchte vor ihm! Ich bin nicht die
herzlose Mutter, für die er mich hält! Ich bin nur so gewesen damals,
weil ich mich nicht beugen wollte vor seiner Größe und vor seiner
Stärke! Denn _ich_ wollte _ihn_ beherrschen, _bemitleiden_ wollt' ich
ihn können, wie ich zu Hause meine schwachen Eltern beherrschte, und sie
bemitleidete und tröstend wieder aufrichtete, wenn sie sich meinethalben
kränkten. Glaube mir, ich habe gelitten die Zeit über und bereut und war
entschlossen, den Abgrund auszufüllen, den ich selbst aufgetan hatte
zwischen ihm und mir. Aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte,
daß er mir glauben könne, und meinte oft, darüber sterben zu müssen. Da
führte mir der glückliche Zufall das Mädchen entgegen, das um Arzt und
Klosterschwester geschickt wurde. Und mein guter Genius hat mir den
Gedanken eingegeben: sei _du_ die Schwester! Pflege dein Kind und suche
dir den Weg zu seinem Herzen -- dann gewinnst du vielleicht auch _sein_
Vertrauen und damit sein volles Herz wieder. Und wenn du siehst, daß dir
das nicht gelingen könne, dann gehe wieder still und unerkannt von
dannen, trage schweigend dein Los und büße deine Schuld bis ans Ende.«

Tieferschüttert hatte die Großmutter zugehört und hätte doch aufjubeln
mögen über die unverkennbare Echtheit und erschreckende Größe des
Schmerzes und der Reue der jungen Frau. Sie beugte sich liebevoll zu ihr
herab.

»Ja«, sagte sie milde, »diesen Plan hat dir dein guter Genius
eingegeben. Sei guten Mutes und zeige dich deiner armen Elli als
liebende Mutter. Die Sehnsucht nach dir zehrt an ihrem Leben. Sie wäre
wohl zugrunde gegangen an dieser Sehnsucht. Dein Anblick wird ihre
kleine wunde Seele gesunden. Das hoffte auch der Arzt mit voller
Zuversicht. Darum hat Herbert sich auch entschlossen, dich zu rufen. Er
telegraphierte an deine Eltern hinaus. Doch von dort kam die Antwort, du
seiest längst wieder in Wien. Ich suchte dich gestern, während du schon
da an dem Bette deines Kindes knietest, in deiner Wohnung auf. Dort
sagte man mir bestürzt, du seiest fort, man wisse nicht, wohin. Ich war
zu Tode erschrocken und wußte nicht, was ich mir denken sollte. Doch,
jetzt komm! Du findest in deinem Zimmer ein lichtes Hauskleid. Das ziehe
an und setze dich zu deinem Kinde, damit es dich sieht wenn es aufwacht.
Es hat geträumt von dir. Ich hab's belauscht. Während du dich
umkleidest, will ich zu Herbert hinüber und ihm sagen, was sich hier
Wundersames und Beglückendes zugetragen hat. Er wird erschüttert sein
und Gott danken, daß es so kam; denn er trägt ja zum großen Teil mit die
Schuld, daß Elli so krank wurde. Mit seinen Blicken hat er sie damals an
sich gebannt, als er sie zwischen dich und sich stellte und hat dich
nicht gerufen, wie sehr sich auch das Kind nach dir gesehnt hatte. Komm!
Es darf keine Minute versäumt werden. Das arme Kind soll, wenn es
aufwacht, finden, wovon es wohl glückselig geträumt hat.«

Und so fand es auch Klein-Elli, als sie aus ihrem stärkenden Schlaf
aufwachte. Weit riß sie ihre scheuen blauen Augen auf, als sie an ihrem
Bettlein eine junge schöne Frau sitzen sah anstatt der grauen Schwester
und starrte lange wie in seligem Schreck nach ihr.

Die hochbeglückte Mutter aber schloß ihr Kind, das sie nie verloren
hatte und doch erst wieder zurückgewinnen mußte, in ihre Arme, küßte es,
nannte es mit den süßesten Kosenamen und wußte sich nicht zu fassen vor
namenloser Freude.

Klein-Elli lag still in ihren Kissen und lächelte glückselig zu ihr auf.

»Gelt, Mutter, du hast mir vorhin schon was vorgesungen? So wunderschön
hast du gesungen.«

Die Mutter nickte stumm. Und wieder lächelte Elli vor sich hin.
Plötzlich aber kam wieder Schreck und Starrheit in ihre Augen -- sie
hatte den Vater erblickt, der, von der Großmutter geführt, ans Bett
getreten war.

»Vater«, fragte Elli ängstlich, »darf die Mutter jetzt bei uns bleiben
-- immer?«

»Ja«, sagte dieser mit bebender Stimme. »Wir bitten sie darum und lassen
sie nimmer fort.«

Da jubelte die Kleine, legte ihre Aermchen um den Nacken der Mutter und
weinte und lachte. Der Vater aber hatte sich neben der Wiedergefundenen
niedergelassen, ergriff ihre zitternde heiße Hand und führte sie an
seine Lippen. In der Art, wie er das tat, lag sein ganzes Selbst, seine
ganze Seele mit all ihrer Wiedersehensfreude, ihrer Reue und ihrer
stolzen Ergebung.

Und als Frau Hilda sich niederbeugte und froh erschaudernd den Schnee
seiner Haare küßte und ihre Lippen zitternd die seinen suchten, da hatte
sie in ihrer Seele das erhebende Gefühl, einem Manne anzugehören, der
stolz und immer er selbst bleibe, wie er sich auch erniedrigen möge.

Die Großmutter aber war still hinausgegangen und hatte mit dem
Dienstmädchen rasch den Weihnachtsbaum geschmückt, der schon längst im
Hause war. Als sie mit dem schimmernden Baume ins Zimmer trat, da sah
sie, daß die Augen der drei im Glücke Wiedervereinten heller leuchteten,
als alle die Kerzen auf ihrem Baume.



Wie Herr Schoißengeyer zu einem Christkindl kam.


Im Hause Schoißengeyer war kritischer Tag -- ein böser Erinnerungstag
knapp vor Weihnachten. Von früh morgens bis abends war Herr
Schoißengeyer mit verdrossenen Mienen im Geschäfte herumgegangen
-- einsilbig, mürrisch, brummig. Recht machen konnte es ihm heute keiner.
Bei den Mahlzeiten naschte er nur ein wenig -- »grad, daß ma halt was
ißt«. Und nun saß er schon den ganzen Abend schweigend da und rauchte
seine liebe lange Pfeife. Die wenigstens schmeckte ihm -- wenn's nicht
ein großes Kummerrauchen war.

Frau Marie saß an ihrem Tischchen und arbeitete an irgend etwas. Sie
arbeitete überhaupt immer. Von Zeit zu Zeit warf sie einen scheuen
prüfenden Blick nach »dem Herrn«. Dann war's immer, als verbisse sie ein
Lächeln. Es war aber auch wirklich wahr: die Kummermiene stand Herrn
Schoißengeyer geradezu -- komisch. Sie wollte in dieses runde gesunde
Gesicht nicht passen. Die naiv-hochmütig steifen Linien, die das
gewohnte breite selbstbewußte Lächeln unverlöschlich um Mund und
Nasenflügel gezogen hatte, wollten sich durchaus nicht in Kummerfalten
verwandeln. Und doch währte Herrn Schoißengeyers Seelenweh nun schon ein
volles Jahr. Frau Marie sah ihn wieder an.

»Anton!«

»No?«

»Heut is sehr -- sehr kalt draußn«.

»Ja!«

»Und ins Schneim und Stöbern wills halt gar nit aufhörn. Wir wer'n heuer
bald Schneeverwehungen kriegen -- meinst nit?«

»Kann schon sein!«

Nein, so gings nicht. Da hieß es auf einen neuen Gesprächsstoff sinnen.
Es klopfte. Die Tür ging auf und Michl, der Geschäftsdiener, brachte
zwei mit der letzten Post angekommene Briefe. Einen an Herrn, den
anderen an Frau Schoißengeyer. »Der Herr« drehte den seinen bedächtig in
den Händen herum und brummte einmal über das andere Mal! »Die Schrift
söll i kenna.«

»So mach 'hn halt auf!«

»A so! Hm! Ja! Recht hast!« Er öffnete den Brief und meinte mit
Erstaunen in den Mienen, aber mit Gleichmut in der Stimme: »Vom Hannes
is er.« Das war sein älterer Bruder. Der hatte sein Lebtag kein
»schreibendes Geschäft« gehabt und schon mindestens fünfzehn Jahre nicht
mehr an den Bruder geschrieben. Das Lesen der krausen Schrift war recht
mühsam. Dennoch wurde Herrn Schoißengeyers Gesicht trotz zunehmenden
Staunens immer beruhigter. »Na also!« brummte er befriedigt. Frau Marie
achtete nicht darauf. Sie war ganz in _ihren_ Brief vertieft. Und ihr
Gesicht wurde immer trauriger, immer kummervoller.

»Aha!« dachte Schoißengeyer. »Weiß schon!«

Ihm hatte sein Bruder kurz mitgeteilt, daß der Eduard, ihr Neffe, nun
doch zu ihm komme -- zum Herrn Schoißengeyer nämlich. Der hatte vor
langer Zeit den Wunsch geäußert, sein Geschäft wieder einem
Schoißengeyer zu übertragen. Da ihm leider kein Sohn beschieden war,
dachte er an Eduard, seines jüngsten Bruders Rudolf Sohn. Doch der Junge
wollte durchaus studieren, wie sein Vater, der irgendwo Beamter war.
Eduard wies des Herrn Onkels großmütiges Anerbieten damals sehr lieb
zwar, aber ebenso entschieden zurück. Schriftlich natürlich; denn die
beiden Brüder verkehrten schon seit mehr als zwanzig Jahren nicht
miteinander.

Jetzt aber sagte sich Herr Schoißengeyer: »Habs eh gwißt, daß er am End
doh kimmt! Ewi Hunger leidn kann der Mensch ja doh nit!«

Die Beamtenfamilien hungerten nach seiner Ueberzeugung alle. Er allein
von seinen Brüdern hatte es »zu was Ordentlichen gebracht«. »Zu was
Ordentlichem« hieß: Geld, Wohlstand, Reichtum. Er war ein »großer
Weinhändler«, besaß eine umfangreiche Wirtschaft und betrieb nebstbei
Spekulationsgeschäfte, wenn sie sicher waren »und dabei was
herausschaute«.

Wann Eduard komme, sagte des Briefes kurze Nachschrift. »In Eduard
schick i dir gleich, in ein paar Tag ist er dort. Der Obige.«

»Na na!« brummte Herr Schoißengeyer mit behaglichem Lächeln. »Der packts
aber gach an!«

»Hm!«, machte er dann mit einem Blick auf »d' Frau«. _Der_ ihr Gesicht war
just nicht heiter. »Ja ja, der wird halt von der Thildl sein, der
Brief,« dachte er. Und laut brummte er:

»Na -- du? Was? Is halt doh so, wie i allweil gsagt hab' -- han?«

Frau Marie sah unter Tränen auf und nickte nur. Das »wurmte« Herrn
Schoißengeyer.

»Sigst dus!« rief er, »jetzt is's endli amal heraus! Allweil hats
gheißn: »I bitt di, sei doh stad! Sie is ja eh glückli!« Pah! glückli!
Mit so an! Mit so an Hungerleider -- mit so an Maler _kann_ ka Kind aus
an anständigen Haus glückli sein! Hab is nit allweil gsagt? Han? Jetzt
hast du's!« Frau Marie nickte nur wieder.

»Hab i nit recht ghabt? I!« Er war beinahe erfreut darüber, daß er recht
hatte. Und er sollte doch jetzt erst recht traurig sein, da es endlich
erwiesen war, daß Thilde wirklich »kreuzunglücklich« ist, wie er immer
behauptet hatte -- immer! Seine Frau -- du lieber Gott! die hatte
geglaubt, _er_ werde glauben was sie ihm vormache. Sie hatte sogar
geglaubt, er werde am Ende doch nachgeben -- er! Er nachgeben! Das hat
man von einem »richtigen« Schoißengeyer überhaupt noch _nie_ erlebt
-- wirds auch nie erleben! Aufgeregt wiegte er mit ungewohnt großen
Schritten seinen rundlichen Körper durch das Zimmer und schnaufte und
dampfte, daß es Frau Marie endlich doch zu viel wurde. Er wartete nur
auf ihr Losbrechen. Sie aber sagte bloß:

»Aber Toni!« Und es klang so kleinlaut, so lieb, so bittend. Aber das
verfing heute nicht. Je mehr man einem Starrkopf -- »Dickschädl« sagte
Frau Marie -- nachgibt, desto größer wird sein Eigensinn.

»Mm!« machte er nur -- dampfte weiter, stampfte weiter.

»Toni -- du!«

»Mm!«

»Du -- du, hörst -- heimkommen will's.«

»W--a--as?« Jetzt war es aus mit dem Rauchen und Laufen und Trotzen.
Kugelrund wurden seine Augen, kugelrund sein aufgesperrter Mund.
»Heimkommen will's -- ins Vaterhaus? Hawe die Ehre! Gelt, weil's Hunger
leidt, weil's kreuzunglückli is!«

Frau Marie nickte.

»Heut is grad ein Jahr, daß durchgangen is! Durchgangn! Dö Schand! I
wuna mi nur, daß i noh leb! Meina Seel!«

»Na weißt, Toni, durchgangen is eigentli nit!«

»Na sonst was!«

»Sie hat dir's ja vorher gsagt! Und schließlich haben's doch gheirat,
die zwei.«

»Ah so! Deswegn wird die Gschicht aber nit anders! Um ka Haar nit. Aus
is! I will nix mehr wissn von ihr! Sie is dem Windbeutl nachgrennt,
hat'n gheirat ohne Elternsegn, soll's a bei eahm bleibn! In _mein_
Haus ...«

»Aber Toni! I bitt di um allers in der Welt! Schau, jetzt, weil's wirkli
_unglückli_ is! Geh, hast denn gar ka Einseh'n, Mann? Hast denn gar ka
Herz mehr und ka Religion? Geh Toni, sei guat! du bist ja a guata Mann!
Schau, weißt, und es schadt dir, das ewige Aergern, das.«

»Freili schads mir! Freili! Ihr bringts mi noh unter d'Erdn! Du halt's
eh mit ihr -- du!«

Herr Schoißengeyer sah sie wild an. Dann rannte er wieder im Zimmer hin
und her -- dampfte, stampfte, brummte, fuchtelte mit den Händen herum,
schob das »Hausherrnkapperl« ins krause weiße Haar zurück, wieder vor,
kratzte sich hinter dem einen, dann hinter dem anderen Ohr, blieb
endlich stehn und rief, schon wieder rennend:

»Also meinetsweg'n: ja! Soll's in Gottsnam kemma! Gscheita is doh als
bei eahm!«

»O du guata guata Mann!«

Frau Marie war schluchzend aufgestanden, Herrn Schoißengeyer mit
ausgebreiteten Armen nachgerannt -- und an seine Brust gesunken.

»Na so was! Gehst denn nit! Was fallt dir denn ein!«

Sie drehte ihr gutmütiges Gesicht zu ihm auf und lächelte ihn unter
Tränen an.

»Ja Frau! Du lachst ja!« Ganz verblüfft war er.

»Weilst halt so viel guat bist!«

Und ehe er sich »derfangen« konnte, hatte Frau Marie ihre Arme um seinen
feisten Nacken geschlungen und ihm einen kräftigen Schmatz versetzt
-- auf den Mund! »Direkt« auf den Mund! So was! Ganz erschrocken riß er
sich los und wischte sich rasch und kräftig -- den Mund ab. Sprachlos
mit weit aufgerissenen Augen. Da mußte Frau Marie laut auflachen.

»Wie man bei solche Nachrichten lachen kann, versteh i nit!« Er drehte
sich ganz unglaublich schnell um und arbeitete sich brummend zur Tür
hinaus.

Bum! schlug diese polternd zu. So endete der kritische Tag. --

Herrn Schoißengeyers Augen wurden wieder kugelrund vor Erstaunen, als er
seinen Neffen Eduard sah. Der war pünktlich zwei Tage später
eingetroffen. Das war ein Mensch! In dem lebte alles! Und bildsauber war
er: kohlrabenschwarzes Haar, langen schwarzen Bart -- in der Form ein
wahrhaftiger Christusbart -- und Augen! Herrgott, das waren Augen! »Da
spritzt's Feuer nur so aussa!« meinte Herr Schoißengeyer und fügte in
Gedanken stolz dazu: »Ja mir Schoißengeyer -- mir san halt a Raß! Bluat
hab'n ma!«

Ueberhaupt war der ganze Mensch, der Eduard, recht nett und lieb und
überraschend anstellig. Ja selbst vom Geschäft verstand er, wie sich
bald zeigte, etwas ganz vorzüglich: das Weintrinken nämlich. Nicht am
Ende zu viel, das heißt: saufen -- nein! Dazu war er viel zu fein. Er
trank aber den Wein mit der Ruhe und mit den feierlichen Mienen eines
gewiegten Kenners, und gab Urteile ab, die »meistenteils« sogar richtig
waren. Er hatte sogleich heraus, daß der oder der Wein »verschnitten«
war, sprach über »Bukett« und »Kouleur« des Weines wie über ein
gelehrtes Buch, bezeichnete _die_ Sorte ganz richtig als zu »speer«,
_die_ hatte ihm zu viel »Reschn«, _die_ zu wenig »Altl« und alle --
vertrug er vorzüglich. Auch meinte er geheimnisvoll, nun sei er endlich
auf den richtigen Platz gestellt: da könne er seine -- chemischen
Studien praktisch verwerten.

»Du verfluchter Kerl du!« dachte Herr Schoißengeyer, »praktisch
verwerten! Na, ich werd dir geben, dir!«

Sein Geschäft war bisher ein solides. Er half sich höchstens mit
-- Wasser.

Eduards Stube war immer voll mit »Versuchsobjekten«, das heißt feinen
Weinen. Und voll war immer auch sein Kopf -- aber nicht vom Weine,
sondern von allerhand lustigen Schnurren und »Schnacksen«. Die bildeten
eine ständige siegesgewaltige Gefahr für Herrn Schoißengeyers stets
bewährte ernste Würde. Bisher lächelte er nur selbstbewußt: Eduard
lehrte ihn das unbefangene Lachen.

So war eine fröhliche Woche vergangen. Eines Abends aber wurde Herr
Schoißengeyer unbesiegbar ernst. Er schickte Eduard in den »weitesten«
Keller hinaus und wies ihm gewaltig viel Arbeit zu, die heute noch
fertig sein mußte.

An diesem Abend kam stillbescheiden Thilde heim -- die »Durchgebrannte«.
Herr Schoißengeyer »erwartete« die »arme reuige Sünderin« in seinem
Zimmer. Er war innerlich ganz ungeheuer aufgeregt und mächtig gerührt
-- aber zeigen? Nein! Um keinen Preis der Welt! Das gibts nicht! Nach
seiner Ueberzeugung braucht man Kindern nicht zu zeigen, _wie_ gern man
sie hat besonders -- »solchen« nicht. Hm! Auch war es doch gar zu schön
und eine herrlich würdevolle Rolle, so vom hohen moralischen
»Standpunkte« aus einer so armen zerknirschten Sünderin ernste
väterliche Lehren zu geben, ihr huldvollst zu verzeihen und sie dann
emporzuheben in die reine Höhe eigener Sittlichkeit und Moral.

Die Tür tat sich auf und die »reuige zerknirschte Sünderin« kam herein
ge--_gangen_! Wahrhaftig, sie ging ganz aufrecht, so groß sie war, ging,
anstatt demütig hereinzuschleichen oder gleich bei der Tür auf die Knie
niederzusinken. Nur den Kopf senkte sie tief herab zur Brust. Und
stattlich war sie -- Herrgott, war _die_ aber frauenhaft geworden! Herr
Schoißengeyer fühlte mehr Beängstigung als Freude über diesen Anblick.
Denn er wußte: wenn _die_ einmal zu reden anfängt, ist es mit seiner
Würde zu Ende. Die konnte so energisch reden, einem dabei so beharrlich
anschauen, daß einem der Zorn kommen mußte, ob man wollte oder nicht.
Finster drohend sah er sie an. Es begann schon zu »wurln« in ihm -- da
aber kam die Erlösung: Thilde, die Stattliche, die Gefürchtete, die
Streitbare, sie glitt lautlos vor ihm nieder, erfaßte seine Hände und
küßte sie. Dann schlug sie langsam den Blick ihrer großen dunklen Augen
auf und sagte nichts weiter als: »Verzeih mir, Vater«. Alles andere
sagten die Augen.

_Die_ Sprache verschlug dem gestrengen Herrn Vater die Rede. Mit aller
Anstrengung nur rettete er seine Würde und seinen väterlichen Ernst.
Gelassen, feierlich und strenge im Tone, voll Wohlwollen, voll
Herablassung in der Gebärde sprach er: »Steh auf, is alles wieder guat.«

Sie stand auf, ruhig, feierlich, sittsam. Wieder küßte sie stumm des
Vaters gütige Hand. Dem gefiel es im Laufe des Gespräches über die
Maßen, daß Thilde nichts von »ihm« sprach. Er hatte den Menschen nicht
»unters Gesicht« bekommen. Thilde lernte ihn in Wien kennen. Als sie kam
und bat, ob sie ihn dem Vater »bringen dürfe«, schrie dieser, er brauche
ihn nicht zu sehen, er wolle ihn nicht sehen, und wenn er dennoch käme,
dann -- nun ja, dann schmeiße er ihn hinaus. Da zog es der Maler vor,
die Gastfreundschaft des Hauses Schoißengeyer nicht in Anspruch zu
nehmen.

Weniger wollte es dem Vater gefallen, als er bald nach dem feierlichen
»Empfang« in seinem Zimmer Mutter und Tochter in Thildens »Kammerl«
droben fröhlich plaudern hörte -- sogar laut auflachte Thilde.

»Na wart'!« brummte er. »Du wirst jetzt kurz g'halt'n! Du wirst schaun!
Wannst aa a Frau bist -- i bi da Vata!«

Beim Abendessen große Vorstellung zwischen Thilde und Eduard -- große
Augen gegenseitig, großes Schweigen nachher. Selbst Eduard saß heute da,
als hätten auch ihm die dunklen Augen der jungen Frau »d' Red'
verschlagen«.

Der einzige Vergnügte war Herr Schoißengeyer selber.

»Herr Jemine! Das wär was!« dachte er sich. »Wenn am End die zwei ...!«
Ein Schoißengeyer sein Nachfolger -- Thilde dieses Nachfolgers Frau
-- Herrgott, das war was! Ja ja, der Eduard könnt schon derjenige sein,
der den andern aussticht bei der Thildl. Von dem Windbeutel, dem Maler,
brächt er sie dann schon los. In diesem Augenblick verzieh er ihr sogar,
daß sie dem »besseren Anstreicher« zulieb evangelisch geworden war.
Jetzt war das ganz gut. So ging das Losmachen leichter. Aber -- -- aber!
Was wird _er_ zu Thilde sagen, wenn er »das« hört von ihr?! Er war so
solid, der ganze liebe Mensch, und so moralisch -- o!

Aber Kopf hängen lassen, lang simulieren, -- nein! Gleich reden! Ist
besser, besonders bei so etwas. Sonst hinterbringen ihm's die Leut -- und
dann ist's noch schlimmer.

»Du, Eduard -- hm!«

»Was denn Onkel?«

»Waßt was -- gehn ma aufi in dein Zimmer -- da is ma zfad!«

»Bin dabei!«

»Alsdann gehn ma!«

Sie gingen. Draußen platzte der Herr Onkel pustend mit dem verhaltenen
Lachen hervor:

»Hast -- hast's gsehn! _Die_ Gsichter! Die dummen! Und die Augen! Zum
Zerkugeln!«

Eduard lachte aus voller Kehle mit. Herr Schoißengeyer mußte ihn mahnen,
sich zu »derfangen« -- denn beleidigen durfte man »die zwei faden
Frauenzimmer« schließlich doch nicht. Aber warum denn auch er so fad war
heut? fragte er Eduard. Der aber meinte lächelnd:

»Na und du? Warum denn du?«

»Ja i! I hab mein Grund!«

»Welchen, wenn man fragen darf?«

»Ja, das is eben! Kimm nur!«

Droben in Eduards Stube kam er vom Wein aufs Wetter, vom Wetter wieder
auf den Wein, von der Farbe des Weines endlich auf -- die Maler zu
sprechen. Und nun legte er los. So recht nach Herzenslust. Schließlich
verstieg er sich zu der Behauptung, daß »alle diese Maler« miteinander
nicht so viel wert seien als ein einziger von einem ehrlichen Handwerk.
Und überhaupt »alle diese Kinstler und Studierten«.

Eduard schnitt dabei ein Gesicht, als hätte er Essig getrunken. Der
Onkel begütigte rasch: »Nit harb sein, Edi -- bist an Ausnahm!«

»Werd mir's merken!« meinte Eduard darauf und lächelte breit. »Aber
jetzt komm endlich einmal auf deinen Grund!«

Herr Schoißengeyer kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. Und je länger
er redete, desto kleinlauter wurde er, desto bedrückter. Denn Eduard saß
da wie ein Klotz, so unbeweglich und so teilnahmslos. Endlich war er
fertig mit seinen Geständnissen und Enthüllungen. Der heiße Schweiß
stand im auf der Stirn.

Aengstlich schaute er Eduard an. Der drehte sein Glas im Kreise. Eine
Weile rechts herum, eine Weile links herum. Schließlich schlürfte er
bedächtig vom goldigen Weine, hielt das Glas gegen das Licht und meinte
gelassen:

»Guter Jahrgang das! Poysdorfer dreiundneunziger -- nicht wahr?«

Herrn Schoißengeyer lief es kalt über den Rücken. Förmlich stecken
blieben ihm die Augen. Eduard schaute eine Weile ruhig vor sich hin,
zündete sich gemächlich eine frische Zigarre an und sagte dann genau in
demselben Tonfall, wie vorhin:

»Bedauerlich! Armes Mädl -- aber schön!«

»Nit wahr?«

»Sehr schön! Keinen schlechten Gusto der -- Herr Maler, hm!«

»Und du -- du bist ja ... hm! Wie sagst allweil: Du bist frei von allen
Vorurteilen ...«

»Das hat dir aber nie recht gefallen.«

»Mein Gott, i! I bin a alter Mann! Aber ...«

»Nun ja. Ich verurteile sie auch nicht!«

»Brav, Eduard! Bist mein Mann! Bist ein Prachtmensch! Geh kumm, heut
stech ma an Rüdesheimer an!«

Beim Rüdesheimer redeten sie noch lange und -- sehr gescheit.

So endete der erste Tag nach Thildens Heimkehr. --

»Ich verurteile sie auch nicht!« Hm hm! Ja ja! Das war nicht bloß
geredet! Er benahm sich auch ganz danach, der Eduard. Eine Freud war's!
Wie er sie nur oft anschaute! Und sie, sie schaute ihn auch an -- so
eigen. Hm. Und einmal wurde sie ganz rot, als er sie so anschaute und
ließ den Löffel in den Teller fallen vor lauter Verlegenheit. O! Wie wär
Herr Schoißengeyer da früher dreingefahren »in solche Unmoralitäten!«
Aber jetzt! Mein Gott, man wird eben auch nach und nach frei von -- den
Vorurteilen. Der Mensch lernt nie aus. Und dann handelt es sich doch um
die Zukunft seines -- Hauses ... und wenn man's genau nimmt, immerhin
auch um die seines Kindes. Jawohl!

Es machte ihm eine große heimliche Freude, den beiden aufzulauern, sie
möglicherweise zu ertappen, zu belauschen und dann zu tun, als hätt er
gar nichts bemerkt, gar nichts gehört. Freilich die jungen Leute waren
sehr vorsichtig. Herr Schoißengeyer fand dies auch ganz begreiflich und
war »allweil gut aufglegt«.

Als er aber eines Tages Eduard beobachtete, wie er der Thilde so
nachblickte, so -- so ... hm! Den Schnurrbart drehte er dabei, pfiff
leise vor sich hin und lächelte so -- so merkwürdig. Wirklich so
merkwürdig. Sonderbar! Höchst sonderbar! Da packte Herrn Schoißengeyer
der helle Zorn und -- die Angst. Wenn der Eduard am End, weil die Thilde
ja doch ... Das wär denn doch! Dann müßte er aber schon! Aber nein! Nein!
So schlecht ist der Mensch nicht. Der gewiß nicht. Er kennt ihn ja
schon: ein ehrlicher Kerl durch und durch! Nichts zu reden weiter.

So meinte auch »d' Frau«, als sie ihn bald danach fragte, ob er denn gar
nichts merke zwischen den Zweien? Frau Marie sah ihn dabei groß an und
lächelte dazu so -- nun auch so eigen, aber doch so lieb, daß er sie
hätte küssen mögen -- wenn sich dies für einen alten ehrsamen Mann
»überhaupt« geschickt hätte.

Das Hausgesinde war mit dem »alten ehrsamen Mann« jetzt sehr zufrieden.
Er tat gerade so, als ob er blind wäre gegen alle Fehler, ging oft leise
pfeifend durch die Räume, wo er sonst Furcht und Schreck verbreitete,
war sogar manchmal -- freigebig und lachte über die dümmsten Witze. Laut
sogar! Ganz gegen alle Würde. Aus alledem »spannten« die Leute etwas. Er
aber merkte, daß sie etwas spannten und war -- auch zufrieden.

So kam Weihnachten heran, die Zeit seligen Gebens und glückseligen
Nehmens, die stille Zeit des Friedens.

Und Friede sollte nun wohl bald einkehren in sein Haus und in sein Herz:
alles stand so, wie es sich Herr Schoißengeyer nicht besser wünschen
konnte.

Am heiligen Abend kam er etwas verspätet von seinen Einkaufgängen
zurück. In manchen Häusern des stillen Städtchens brannte schon der
Weihnachtsbaum.

Als er im Straßenlichte seines ehrsamen Firmaschildes verblichene
Goldbuchstaben schimmern sah, dachte er schmunzelnd:

»Na, vielleicht heißt es bald: »Anton Schoißengeyer und Neffe«.
Vielleicht schon von Neujahr an!«

Er schlich unbemerkt zu der Tür des Zimmers, wo seit alterszeiten her
der Christbaum für die kleinen Schoißengeyer aufgestellt wurde. Und wie
einstens der Knabe so stand nun der alte Mann und Vater an dieser
geheimnisvollen Tür -- und lauschte. Er hatte Eduards Stimme gehört und
gleich darauf Thildens helles Lachen. Jetzt aber rief sie ängstlich aus:

»Ach, Eduard! Ich kann dir gar nit sagen, wie mir ist! Was wird der
Vater sagen! Ach Gott, wenn nur _das_ schon überstanden wär!«

»Ja und Amen wird _er_ sagen, Thildchen! Mein liebes liebes Thildchen!«

Da hielts den Alten nimmer: vollbepackt, wie er war, stürmte er in das
halbdunkle Zimmer, ließ dort die Schachteln und »Packln« polternd
fallen, eilte auf die verblüfften jungen Leute zu und schloß sie in
_einer_ Umarmung an seine Brust.

»Kinder! Kinder!« Mehr brachte er nicht heraus. Dafür aber küßte er zum
erstenmal in seinem Leben ganz aus eigenem Antriebe seine zitternde
Thilde und auch den wahrhaftig mehr als erstaunt dreinblickenden Neffen.

»Ja und Amen! Meinen Segen, Kinder!« Und dann an der offenen Tür:
»Mutter! Frau, Frau! Schnell kimm! 's Christkindl is da! A Verlobung
hat's bracht! A Verlobung!«

Die Mutter kam jetzt sehr erhitzt herbeigerannt.

»Still sein jetzt!« befahl Schoißengeyer fröhlich. »Erst den Baum
anzünden! Dann _red_ i!«

Man gehorchte. Aber merkwürdig kleinlaut machten sich die drei an die
Arbeit. Und allen dreien zitterten die Hände. »Ja 's Glück! 's Glück!«
dachte Herr Schoißengeyer und stellte sich mit sehr viel
Selbstbewußtsein neben den im vollsten Lichterglanze prangenden Baum.
Jetzt aber kam das Zittern an ihn. Ja das Reden! Es ist halt doch immer
eine eigene Sache das! Er wischte sich die Stirn ab, räusperte sich und
begann endlich:

»Alsdann, daß i's kurz mach: ihr seid's verlobt ...« Er stockte: Wie die
Drei da wieder lächelten! Hm! Wenn die Angst lachen könnt, just so müßt
sie lachen, dachte er. Dann aber rief er beleidigt:

»Na! I red nix mehr! Oes lachts mi ja aus alle miteinander!«

»Aber nein, Vater!« sagte jetzt Thilde mutig. »Wir lachn ja nur, weil
-- weil ... Weißt Vater, weil _du uns_ zwei _verloben_ willst ...«

»_Uns_ zwei! _Uns_ zwei! Was sagst denn das so? Und is das was zum
Lachen?«

»Aber ja! Natürlich, Vater! Wir zwei, wir sind ja nämlich schon längst
-- verheiratet ...«

»Wa--as ...?«

»Ja, Vater! verzeih -- das ist nämlich _mein_ Eduard -- der Eduard
Flemming, der Maler ...«

Herr Schoißengeyer sah Thilde sehr bedenklich an und machte dann, gegen
die Mutter gewendet, eine Handbewegung nach der Stirn, als wollt er
sagen: »Mir scheint!«

Frau Marie aber trat zu ihm hin und sagte sehr lieb und sehr befangen:
»Ja, Toni -- es ist so, wie sie sagt.«

»Macht's kan dummen Spaß mit mir! Hört's! Der Hannes, mein Bruder hat
doch gschriebn!«

»War einverstanden!«

»Und der Rudolf, in Eduard sein Vater?«

»War einverstanden!«

Jetzt kam der kritische Augenblick: Herr Schoißengeyer wollte wild
werden. Da aber sank Thilde wie bei ihrer Heimkehr zu seinen Füßen und
blickte stumm zu ihm auf. Und stumm flehten ihre großen dunklen Augen.
Und Eduard -- tat das gleiche. Und die Mutter -- tat das gleiche.

Da lachte Herr Schoißengeyer laut auf. Das klang zunächst geradezu
fürchterlich: zornig, wild wütend und so recht eigentlich wie ein lautes
heulendes Weinen. Dann aber wurde er milder, und endlich rannen dem
guten alten Selbstling wirklich die Tränen über die erst zornesbleichen,
dann schamrot brennenden Wangen.

»Verzeih uns halt allen,« flehte Frau Marie gerührt. »Wir stehn nit
früher auf.«

»In Gotts Nam. I kann ja nit anders!« -- Nun wurde _er_ in _eine_
Umarmung eingeschlossen von den glücklichen Dreien.

Thilde war die erste, die sich loslöste. In frauenhaft freudiger
Erregung und liebevoller Eile huschte sie ins Nebenzimmer. In
frauenhafter _Ruhe_ und leuchtender Glückseligkeit kehrte sie in wenigen
Augenblicken wieder. In ihren Armen aber trug sie ein süßes Etwas,
eingehüllt in eine duftige Wolke von Spitzen und Schleiern. Mit einem
liebwarmen Blick nach dem Vater sagte sie voll holder Scheu und voll
schlichten Stolzes:

»Vater, da schau her! Da bring ich dir -- 's Christkinderl! Wir habens
erst heut kommen lassen.«

Herr Schoißengeyer beugte sich über die Wolke von Spitzen und Schleiern
-- und sah ein rosiges Kinderangesichtchen.

»Um Gottes willen, was ist denn das?«

»Das ist unser Kinderl, Vater! Toni heißt's wie du -- ist aber ein
Mäderl.«

»Was! A Kind habt's aa schon und i waß nix davon?«

»Ja, weißt Vater -- schau, was hätt's denn auch gnützt? Und dann -- sag's
du, Eduard!«

»Ja, Vater, siehst, das war so. Grad damals hab ich mir dacht: so geht's
nimmer weiter. Da muß was gschehn! Und da ist mir der ganze tolle Plan
eingefallen, dich so im gutem, weißt ...«

»Herumzkriagn! Nit wahr? Den altn Dickschädl den! Wirst dir denkt habn.«

»_Denken_ kann man sich so etwas schon ... und du -- du darfst's auch
sagen!«

»Hm! Du! Na wart nur! Hahaha! Das wird angfeucht! So was! Hohohaa! Aber
schen war das von enk alle nit, daß ...«

»Ja mein Gott, Vater, schau! Wie anders wärn wir denn zum Ziel kommen
auf gute Weis? Thilde tät sich noch immer die Augen ausweinen -- und
jetzt ist sie glücklich! Und wir alle -- du auch! Leugne es nur nicht!«

»In Gotts Nam ja! Ich auch!«

An diesem Abend wurde wieder ausnahmsweise Rüdesheimer »angestochen«
-- aber nicht bloß _eine_ Flasche. Und schließlich war es nicht der
Rüdesheimer allein, der »angestochen« war.



Assistent Frickenberg.


Er hatte soeben ein Telegramm aufgenommen. Ein Privattelegramm. An sich
selbst. Es brachte ihm sein moralisches Todesurteil, riß grausam die
letzte feste Stütze um, auf der seine Daseinsfreude, sein ganzes
Lebensglück noch ruhte: die Hoffnung. Die letzte schwache verzweifelnde
Hoffnung ...

»Nein!«

Nichts sonst enthielt die Henkersdepesche.

Alle Freuden und Sorgen, aller Glücksjubel und all die Seelenqualen von
der Rosendämmerzeit der Kindheit bis herauf zum blühenden frohbewußten
Mannesalter, alles Licht seiner Seele, die Wärme seines Empfindens
-- alles, alles war ausgelöscht, war zerstoben und begraben durch dieses
eine kalte entsetzliche »Nein!«

Die Apparate klapperten unaufhörlich. Die Nadel der Bussole schwankte
und pendelte. Langsam -- schneller; ermattend -- aufflackernd: der
getreue Pulsschlag des regen funkenentsprungenen Lebens in dem
weitgedehnten starren Drahtgespanne.

Mit jenem Blicke, der wohl sieht, aber nichts der Seele, nichts dem
innen quellenden Leben vermittelt, sah er über die Ruhelose hinweg zu
den hohen wunderlich gestalteten vielgezackten Felsenbergen empor. Sie
standen schön und klar in herrlicher Winterpracht -- ein steingewordener
launenhafter Schöpfergedanke. Und hinter den Bergen ein
Winterabendhimmel mit seinen ersten flimmernden Glanzsternen und seinem
blassen kalten Farbenzauber, der vom Sonnentode kündet und zugleich
scheue Träume spinnt von kommenden Frühlingsfreuden ...

Er sah in die Stille des Abendhimmels empor. Und sein Auge blieb
unbeweglich hangen an dem funkelnden Abendstern, der Venus. In ihm aber
blieb es starr wie dort droben all die absonderlichen Zinnen und Zacken
und Grate. Auch in seiner Seele tiefsten Tiefen war es Winter geworden
-- und Nacht. Und keine Frühlingshoffnung durchwärmte sie -- keine
Hoffnung auf den kommenden Tag ...

Sinnentot, hörte er kaum noch das nervenaufregende pochende und
hämmernde ungeduldig-drängende und zornige Klappern der Apparate
-- draußen aber das Lied, das fröhliche jubelnde, ihn unbewußt höhnende
Lied, das klang an sein Ohr, dem lauschte er unwillkürlich. Es war ein
schönes helles Frühlingslied -- jenes von Uhland, mit dem
hoffnungsfrohen Verse: »Nun muß sich alles, alles wenden!« Es schien,
als sänge unsichtbar, hoch vom Himmel hernieder, der Frühling selber der
erstarrten Natur ein Trostliedlein, ein Lied der Hoffnung. Er kannte den
Sänger und wußte: auch _der_ durfte hoffen. Auf ein großes, auf ein
reiches allgesichertes Glück. Der dort draußen, der trägt sein Glück in
sich, so tief, so lebenswarm, so weltendaseinsfroh, wie einst er
selber ... Doch jener konnte sein Lieb heimatfreudig und besitzstolz in
ein gesichertes Heim führen, er stand seelenruhig auf festem Grunde ...
Und sein Lieb, es hatte alles was _sie_ hatte, die erst noch so Blühende
-- sie, die jetzt drüben bleich und fiebernd liegt in dem unheimlich
großen und fast leeren Zimmer mit seinen dunklen flüsternden Ecken
-- alles: Seele, Herz, Gemütstiefe, Schönheit und frohen Sinn. Aber jene
hatte auch reichlich, was die Seine nicht gehabt und auch er nicht:
Geld ...

Sie setzten ihre Lebensfreude und ihre Hoffnungen, ihr ganzes stolzes
Glückesträumen in den scheinbar festen sicheren Grund ihrer jungen
großen Liebe -- und in ihre blühende Gesundheit. Aber dem gabenreifen
fruchtersehnenden Boden fehlte der goldene fördernde und erhaltende
Dünger: das Geld ... Und allmählich wucherten auf ihrem verdorrenden
Lebensacker, dem Unkraute gleich, Sorgen und Kümmernisse. Und sie
wuchsen und wuchsen und drängten die unbefangenen glücksfrohen Freuden
zurück in die verschwiegensten Tiefen ihrer Seelen. Noch so jung, wußten
sie beide schon, daß sie glücklich -- gewesen.

Und _er_, der hätte kommen können, um hilfefreudig alles zum Guten zu
wenden, er, der mit vollen Händen tausendfach hätte geben können, was
ihm fehlte -- er ließ durch den blitzesschnellen Funken sagen: »Nein!«

Durch ihr jungblühendes Liebesparadies war an der Seite der bleichen Not
die Versuchung gezogen -- und hatte gesiegt! Und ihre mächtige
Bundesgenossin war -- die Liebe ... Sie hatten gesiegt über Pflicht und
Ehre ...

Dort hatte sie ihn hingedrängt, die bittere Not, dort zur Kasse. Und die
Versuchung hatte sie geöffnet und gesprochen: »Nimm!« Und die Liebe
flüsterte: »Um deines kranken Weibes willen, das stirbt, kannst Du ihm
nicht bieten, was es haben _muß_!« Und sanft und zuversichtlich sprach
-- es klang so seelenwärmend und zukunftssicher -- die Hoffnung: »_Er_
wird helfen! Er _muß_ helfen! Dem _Menschen_ muß er helfen als Mensch,
will er auch nicht den Neffen retten als erzürnter starrköpfiger Oheim!«

Und der antwortete auf seinen Verzweiflungsbrief: »Nein!«

Er war also nicht bloß ein kleinlicher Starrkopf, der alte Soldat und
reiche Gutsbesitzer, der dem Neffen gram war und ihn enterbte, weil er
den »glänzenden« Waffenrock auszog und das geliebte geldarme, aber
seelenreiche Mädel zu seinem Weibe machte: er war ein herzloser
Geldmensch, ein Unmensch, grausamer als das Unrecht, unerbittlicher als
der Haß ...

Und daß er, der hilflose Assistent, ein Besiegter war jener dunklen
zwingenden Mächte -- es konnte täglich, es konnte stündlich entdeckt
werden ... Und dann ...

»Herr Assistent, Sie werden gerufen ...« Es war der alte Stationsdiener
Püregger, der ihn angesprochen hatte.

Frickenberg stand auf, langsam, unsicher, tastend, wie aus tiefem
Rauschschlafe.

»Von wem?«

Der Alte zeigte schweigend auf den rufenden Apparat. Sprechen _konnte_
er nicht, der Blick seines Vorgesetzten, sein Aussehen -- es war zum
Erbarmen! Einst freilich hatte er ihn nicht recht leiden mögen, den so
leicht erregbaren, im Dienste unerbittlich strengen, kurzangebundenen
jungen Herrn. Als er ihn aber vor einigen Wochen ungesehen beobachten
konnte, wie er gestützten Hauptes dasaß und ein unbezwingliches
Erschaudern, ein Weinkrampf schier seinen kräftigen Körper durchrüttelte
-- da tat er ihm bitter leid. Und seither hatte er ihn auch lieb -- den
Leidensgenossen! Den _jungen_ gebildeten Leidensgenossen, der so viel
mehr und reicher denken konnte als er, der Alte, Ungebildete. Und
_denken_! In Not und Gram und Kummer und Verzweiflung! O, er kannte das!
Da kommen die stürmischen Qualgedanken und rütteln wie die
siegessicheren Feinde an den Pforten der Vernunft oder schleichen sich
wie Schlangen heran und zeigen verlockende Bilder gewaltsamer
gesetzverpönter Selbsthilfe -- oder Bilder verzweifelnder Erlösung ... Es
ist dann gerade, als tät' einer winken: »Komm, mach' schnell! Mach' ein
Ende!« ... Ja, das kannte er, der stille Alte, der knorrige Graubart.
Darum konnt er jetzt nicht sprechen, darum blieb sein tiefgefurchtes
wetterzerrissenes Gesicht starr und unbeweglich.

Frickenberg setzte sich an den Apparat. Eine Flut ungeduldiger Worte des
erregten Kollegen der nächsten größeren Station las er gedankenlos ab,
_hörte_ sie förmlich mit der zornigen Stimme jenes wohlbekannten
Erregten.

»Zug 17 kreuzt mit Zug 268 dort. Zug 3 fährt dem Zug 15 dort vor.«

Gewohnheitsgemäß spielte er auf dieses Diensttelegramm die üblichen
Bestätigungen ab, trug die Depesche gewohnheitsgemäß in das
»Telegraphen-Journal« ein -- dann klapperten die Apparate verdrossen
weiter, die Bussolennadel zitterte, bebte, schwankte und pendelte. In
ihm aber blieb es noch immer still. Seine Seele hörte nicht und empfand
nicht.

Drei grelle Glockenschläge.

»Das Signal vom Achtundsechziger« sagte Püregger, um den in sich
Versunkenen aufzumuntern.

Frickenberg stand auf, setzte die rote Kappe zurecht und schritt zur
Tür.

»Den Mantel, Herr Assistent! Es ist sehr kalt draußen. Sie könnten sich
leicht erkälten.«

»Und wenn ...?« Es zuckte über sein bleiches Gesicht -- es sollte wohl
ein Lächeln sein. Dem Alten tat es im Herzen weh. Und des Beamten
starrer Blick beunruhigte ihn. Er sah drein wie ein Betrunkener, wie
einer, der nicht recht ...

Der Zug kam. Es wurde verschoben. Lange, unwillig. Es war ja so kalt und
Weihnachtsabend. Frickenberg mahnte nicht, trieb nicht an, ließ alles
gehn, wie es ging. Erstaunt sahen ihn die Zugbegleiter an. Was hatte er
denn heute, der »schneidigste Assistent« der Strecke? Einer lächelte dem
anderen verständnisinnig zu und wünschte sich selbst einen recht heißen,
recht starken tiefen Trunk ...

Da kam die Zugmaschine wieder, glutäugig pustend und schnaubend, in
hastiger Ungeduld und eingehüllt in eine wirbelnd wallende, jäh
zerstiebende Dampfwolke. Und ihr voran auf den eisglitzernden Schienen
lief ein glühend roter Schein, schlangenartig, züngelnd, nach ihm
langend. Und er ging den zuckenden schillernden Schlangen entgegen -- es
zog ihn widerwillig hin, unbezwinglich ... Wie im Zorn gellte die
Lokomotive -- er wankte zurück. Drüben das matterleuchtete Fenster
-- nein! _Jetzt_ nicht! Nicht ohne sie! Sie war ja bereit.

»Wenn es nicht anders geht, machen wir ein Ende.«

So sagte sie vergangene Nacht. Und nun war er am Ende ...

»Gehn ma?« fragte der Zugführer, auf die Uhr schauend.

Frickenberg nickte, zog seine Uhr hervor, verglich sie auch mit jener
des Maschinführers und rief Püregger zu, das Signal zu geben.

Langsam kroch der schwere Zug die Steigung hinan. Die Wagenräder
klirrten, rollten, kreischten, klapperten, sangen. Die mächtige
Bergmaschine keuchte schwer und tief und sandte gewaltige Feuerwolken in
die sinkende Dämmerung hinein. Hochauf flogen dicke weiße zitternde
Ringe. Darunter wogte und wallte, quirlte und kreiste es und mengte sich
ineinander blutig rot, gespenstig weiß und abscheulich schwarz
-- vielgestaltig, blitzschnell wechselnd, phantastisch, dämonisch.

Frickenberg starrte auf das oft geschaute Bild hin, als sei es ihm etwas
Neues, Fremdes. Und in ihm kam ein Gefühl auf, als drohte ein Unglück.

Kaum war der Signalwagen über den Ausfahrtswechsel, als zwei
Glockenschläge die kalte dünne Luft durchzitterten, grell, hastig,
drohend, wie schadenfroh jauchzend. Und wieder zwei und wieder -- das
Signal für den Zug 17! Für den Personenzug, der hier in der Station mit
dem eben ausfahrenden Güterzug kreuzen sollte und in der kürzesten
Fahrzeit kam, da er verspätet war.

Die nahe unabsehbare Gefahr machte ihn rasch zum Herrn der
verhängnisvollen Lage.

»Geben Sie »Alle Züge aufhalten!« rief er Püregger zu und entriß ihm
die Laterne.

Dann rannte er schnellbeinig, kraftsicher dem Zuge nach. Er sprang über
Wechsel hinweg, über Schienen und Schotter, über Gräben und
Leitungsdrähte und schwang die Laterne in mächtigem Kreise -- das
rettende Signal, das den Zug zurückrufen sollte, ehe es zu spät, ehe er
das während des Verschiebens auf »Halt« gestellte Distanzsignal
überfahren und in den tiefen, in scharfer Biegung liegenden
Felseinschnitt kam -- dort war der Zusammenstoß unabwendbar. Er sah mit
dem scharfen Auge des Verzweifelten im Dunkel den Stockmann auf seiner
Bremse stehn -- mit dem Rücken gegen ihn. Nahm dieser Mann das Signal
nicht auf, dann ... Er rief, schrie, pfiff, schwang unausgesetzt die
Laterne, stürzte, eilte mit verletztem Knie weiter und weiter.

Die vereisten Schienen erschwerten glücklicherweise die Ausfahrt sehr
und verlangsamten sie -- vielleicht erreicht der Zug nicht früher ...
Nein! das nützte nichts! Dort droben stand das Distanzsignal -- und
zeigte auf »Frei!« Frei für den einfahrenden Personenzug -- frei für den
Siegeszug des Verhängnisses und des Todes ...

Eine Sekunde stand er wie gelähmt. Unversehens streifte seine Hand die
Rocktasche. Ein rascher Griff, ein Blitz und scharfer lauter Knall -- der
Revolver, der sein Erlöser werden sollte, war zum Retter geworden für
all die Ahnungslosen in dem nahenden Zuge: der Stockmann hatte den Schuß
gehört, wandte sich um, sah das hilfeheischende Signal, gab es weiter,
sprang ab, lief vor -- und endlich, endlich schwankten die
bedeutungsvollen Lichter den Zug entlang ... Eines -- zwei -- drei ...
Schrill gelte der erlösende Pfiff der Lokomotive. Es klang wie ein
Schreckensschrei. »Achtung! Bremsen an!«

»Zurück! zurück!«

Frickenberg stand, einen Fuß auf die Birne des Einfahrtswechsels
gestützt, wie angewachsen, wie angefroren, so aufrecht, so starr und so
bleich. Der lange Zug polterte an ihm vorbei auf das schützende
Nebengleis.

»Was gibt's?« rief der Zugführer atemlos und machte große erschreckte
Augen, vorwurfsvolle.

Frickenberg wies stumm nach der Höhe. Dort tauchten die roten Lichter
der Personenzugs-Lokomotive auf. Ein scharfer warnender Pfiff und der
heute ungewöhnlich lange Zug mit seinen zwei schnaubenden dampfenden
Maschinen sauste und donnerte an Frickenberg vorbei in die Station.

Aus all den hellbeleuchteten Wagenfenstern sahen fröhlich lachende und
plaudernde erwartungsungeduldige Menschen -- ahnungslose festfreudige
Menschenkinder ...

Ein Grausen packte Frickenberg. Er sah sie unter rauchenden Trümmern
liegen, die erst so Fröhlichen alle -- wimmernd, stöhnend,
hilfeschreiend ... Und viele still -- tot ...

Püregger kam heran, steif und starr, das tiefgefurchte wetterbraune
Antlitz leichenfahl ... Er war vorhin zum Apparat geeilt. Es fiel ihm das
Signal nicht ein. Er suchte nach dem Buche das es enthielt, und fand es
nicht. In seiner steigenden Angst und Verwirrung tat er den
verhängnisvollen Griff, der das Distanzsignal wieder auf »Frei!«
stellte, gab aufs Geratewohl ein auffallendes Glockenzeichen und wankte
mit dem erdrückenden Bewußtsein, ein falsches gegeben zu haben, wieder
hinaus.

Für Frickenberg war sein Erscheinen die lebendige Mahnung zur Erfüllung
seiner Pflichten. Er kam ihnen nach, so gut es ging, fast wortlos,
gewohnheitsmäßig, ohne Willkür. Er war wie erstarrt und glich noch mehr
einer wandelnden Leiche als der alte Püregger.

Als der Zug voll heiterer Menschen draußen war, und er stumm den Lastzug
mit seinem verdutzten und erschrockenen Personale abgefertigt hatte, kam
der Stationsvorstand erregt auf ihn zu.

Was es gegeben habe?!

Frickenberg glotzte ihn an, ohne eine Miene zu verziehen, unfähig, ein
Wort hervorzubringen.

»Herr, Sie sind besoffen!«

Der andere stand still, regungslos. Er hatte ja getrunken in den
erregten Stunden der Erwartung jener Entscheidung, die schon nachts
hätte kommen können, jede Stunde kommen mußte und immer nicht kam. Es
waren Ewigkeiten des Erwartens und der Seelenmarter. Da trank er viel,
sehr viel. Aber es griff ihn nicht an. Seine seelische Erregung war
stärker als die geistige des Weines. Und jetzt war er wie gelähmt, wie
ausgehöhlt im Innern.

»Ich ziehe Sie vom Dienste ab, Herr Assistent! Gehn Sie! Haben Sie mich
verstanden?«

Er ging, wankte. Den Stationsplatz hinab _mußte_ er. Auch durch die
Einfahrtshalle ... Von dort führte links ein dunkler Gang zu seiner
Wohnung. Er wandte den Kopf zur Seite, schlich vorbei, auf die Straße
hinaus -- den Rock offen, die rote Kappe tief im Genicke. Der Schnee
knisterte und knirschte unter seinen Füßen. Ein leichter feiner Nebel
lag über der Gegend. Und weithin spannen die bleichen Mondesstrahlen
liebliche Träume. Weihnachtsträume, Weihnachtsmärchen. Er ging seinem
Schatten nach, starrte ihn an, wie etwas Fremdes, Ungewöhnliches, bückte
sich danach und schob sich mühsam wieder in die gerade Haltung. Dort
vorn beim Magazine glitzerte und schimmerte etwas farbenmild im
Mondscheine. Liegnitzer Ziegel. Schöne glatte kristallartige
Bausteine ... Die gehörten dem, der heute das Frühlingslied in den
Winterabend hineingesungen -- dem Glücklichen ... dem doppelt Reichen!
Der wird sich im kommenden Frühjahre eine Villa bauen dort droben bei
dem lauschigen Waldhange. Und in das schöne glitzernde Haus wird er sein
trautes, mit Seele und Geld gesegnetes Liebchen einführen als
glückliches geldsorgengefeites Weib. Eine schöne stattliche Villa mit
Türmchen und Erker ...

Dort hinter dem Magazine stand eine Reihe Lastwagen. Er blieb stehn,
lange, an das Gitter gelehnt, und lächelte seltsam. Die Geister des
Weines wurden allgemach Herren über seinen Willen, über seine Sorgen und
seine grausam überspannten Nerven ... Leuchtende Trugbilder stiegen vor
ihm auf, lockende, beglückende ... Er sah in den Wagen dort _seine_
Ziegel und wollte sich ein Schloß erbauen, just über jener Villa, ein
Schloß mit hohem schlankem Turm und einer flatternden Fahne darauf ...
Dort wollte er stehn mit Frida, seinem Weibe, und singen -- so froh und
hell, so jubelnd, wie jene dort unter ihm ... Jenes schöne liebe
Frühlingslied ...

Als er schwankend weiter ging, die Hände auf dem Rücken, den Kopf
gesenkt und ein geistlos-schalkhaftes Lächeln auf den Lippen -- da
summte und tönte, jubelte und schmeichelte das Lied um ihn her,
klangrein und lockend, glücksfroh und unablässig. Und sachte und
eroberungslustig führten es die siegreich gewordenen Weingeister in
seine leere unbehütete Seele. Aber schnell, wie ein Kind aus ödem
finsterem Hause, sprang es über die verzerrten Lippen wieder zurück: in
lauten heiseren Tönen störte es die Stille der heiligen Nacht und
erstarb zitternd im raschen frostklaren Wiederklange ...

So kam er in den Ort. Leute erschienen neugierig an den
christbaumschimmernden Fenstern, traten aber lachend oder geärgert und
empört über die leichtfertige Störung wieder zurück. Manches harte
Schimpfwort folgte ihm nach. Es mochte ihn ja niemand recht leiden im
ganzen Orte. Er war so wortkarg, schloß sich niemand an und galt daher
für stolz -- der Herr von Habenichts! Unaufgehalten kam er singend an
das andere Ende des kleinen Ortes und wieder ins Freie. Ein schriller
kurzer Pfiff machte ihn endlich verstummen. Er sah nach der Station
hinüber. Dort hielt heute ausnahmsweise der Schnellzug.

Bei dem Anblicke der beleuchteten Wagenfenster überkam ihn ein
plötzliches Angstgefühl. Er wurde sich dessen bewußt, wehrte sich
dagegen und schritt steif, trotzig, gewaltsam aufrecht wie ein
Volltrunkener, der flüchtig zum Bewußtsein seines Rausches kommt, die
Straße entlang, leise vor sich hinpfeifend, ängstlich in die Ferne
lauschend.

Wieder ein kurzer Pfiff dort drüben und ein namenloses Erschaudern in
seiner furchtbezwungenen Seele. Fernher hörte er das Schnauben und
Pusten des Zuges. Plötzlich verstummte es. Er wagte nicht, sich
umzuschauen, und pfiff sein Liedchen lauter. Es nützte nichts: er hörte
es kommen über den hartgefrorenen Schnee. Es huschte und sprang, es
pfauchte und hauchte, griff aus mit langen hageren Beinen und langte
nach ihm mit dürren gierigen Armen ... Er ging unbewußt schneller, lief,
stürmte dahin wie ein Verfolgter, querfeldein, die Höhe hinan, dem Walde
zu. Endlich stürzte er und blieb liegen in dem kalten knisternden
Schnee. Der kühlte ihm die heiße schweißtriefende Stirne.

Wie er so dalag, sah er sich im Geiste als kleinen Knaben in fliegender
Angst durch jene lange dunkle Allee jagen, durch die ihn die wilde
Gespensterfurcht einst so oft in solch sinnlose wahnwitzige Flucht
getrieben. Und er sah das liebe einsame düstere Vaterhaus mit seinen
großen tönenden Hallen und seinen unheimlichen Kellerräumen, durch die
nächtlich Geister schlichen. Um diese angsterzeugten Bilder schlossen
sich und sammelten sich nun wieder die verwirrten Gedanken. Er mußte des
Vaters gedenken, des wortkargen finsteren Mannes, und der lieben guten
Mutter, des holden Sonnenscheines in jenem düsteren Hause, der Sonne
seiner verträumten freudenarmen Jugend.

Und den zagenden Gedanken folgten drängend und ringend die lange
erstarrten Gefühle ... Trostlose Vereinsamung durchzog zuerst die wieder
erwachende Seele. Und jählings darauf ein Sehnen, ein heißes brünstiges
Sehnen nach der fernen fremden unerforschten Heimat dort über den
Sternen. Und aus diesem ernsten warmen Fühlen rang sich unvermittelt aus
den Fesseln der Betäubung los seiner Seele großer brennender Schmerz ...
Wild und mächtig faßte er ihn an und wie ein Schrei nach Gerechtigkeit
flohen wieder die ersten _bewußten_ Worte über seine Lippen.

»Du Allbarmherziger! Hab ich das verdient!«

Flehend und drohend zugleich streckte er beide Arme gegen den
mildschimmernden Sternenhimmel.

Da löste es sich von dem Baume neben ihm schwer und lautlos und flog mit
trägen schwarzen Schwingen langsam und geisterhaft dem nahen Walde zu.
Sachte rieselten auf ihn herab die zarten Nebelblüten, die der große
Zauberer des Winters, der Rauhfrost, um Ast und Aestchen spinnenzart
gesponnen.

Betroffen sah er dem großen schwarzen Vogel nach, der wie der Geist des
Bösen von ihm geflohen. Und sinnend sah, _schaute_ er zum ersten Male
wieder in die stille rätselvolle Glanznacht.

Knapp vor ihm stieg ein feiner Hauch aus dem Schnee empor. Dort ruhte
wohl im warmen Neste ein scheues Hasenpaar. Die Wärme zog ihn an und jäh
aufwallende zornige Zerstörungslust. Schon hob er den Fuß, um die armen
Tiere erbarmungslos in die bitterkalte Frostnacht zu jagen ... Plötzlich
aber hielt er ein, senkte Haupt und Arme.

»Wozu? Das Blei ist schon gegossen, das euch den sicheren Tod bringt,
wie oft unser Schicksal schon beschlossen ist, wenn wir ahnungslos noch
in Freuden schwelgen ... Und ich -- ich bin angeschossen vom Schicksale
-- totgetroffen ... und kann mir den Gnadenstoß selbst geben ... Das ist
mein einziger Vorteil vor euch, ihr vielbedrohten Todgeweihten.«

Er wandte sich mit rascher Gebärde von dem dampfenden Neste ab und
schritt langsam den schneeigen Hang hinab. Fernher klangen Glocken.
Weihnachtsglocken. Feierlich, friedvoll betend. Seine Seele aber
fröstelte dabei und seine Gedanken irrten in weiter öder Wirrnis
-- schwere schwarze unchristliche, hilfeheischende Gedanken -- und
nirgends winkende Rettung, nirgends endliche Ruhe ...

Drunten von der Straße herauf klang jetzt eine klare Männerstimme:

»Wo gehst du hin?«

»Heim!« antwortete froh bewegt eine andere.

Heim! Auch er wollte heimgehn. Ja heim! Zu ihr und dann _mit_ ihr ...

Trotzig richtete er sich auf und ging festen sicheren Schrittes die
erreichte Straße entlang -- heimwärts! Aus Not und Elend, aus Kummer und
drohender Schande, aus Menschenverachtung und namenlosem Ekel
heimwärts ...

Doch sein Kind! Das arme liebe rosige Kindlein ... Engelsschön kam es in
diese Welt -- und wurde zum Unheilsboten für die, die es lieben sollten
und lieben mußten. Die Mutter starb beinahe in jener schweren Stunde
-- und seither sind Krankheit, sind Not und Elend daheim die Hausgenossen
und seine unzertrennlichen Begleiter die Verzweiflung und die
Versuchung ...

Er schritt gedankenversunken vorwärts, dem Orte zu, die stillen Straßen
zum Bahnhofe hinaus.

Vor diesem hielt er ein. Droben im ersten Stock schimmerten die Lichter
des Weihnachtsbaumes. Er hörte den Jubel der Kinder und sah das
Schattenbild seines Vorstandes im Fenster. Der dort droben -- der könnte
_auch_ helfen! Er hatte Geld. Er ließ sich kaufen mit dem Gelde seines
seelenarmen Weibes -- vielleicht rührt ihn, den innerlich Glücklosen,
des verzweifelten Kollegen Unglück -- vielleicht _hilft_ er in dieser
Stunde des Friedens und selbstlosen Gebens ... Vielleicht ...

»Der!« Er lachte auf. Hatte ihm doch der wirklich Beglückte, der heute
jenes Frühlingslied gesungen, nicht geholfen! Und andere mehr, auf die
er baute -- Freunde, Jugendfreunde, Dankesverpflichtete ...

»Da ist mein einziger Retter und Helfer! Mein einziger Erbarmer!« Er
schlug bei diesem Gedanken an die Tasche, die den Revolver enthielt.

Aber das Kind! Das liebe süße unschuldige Kind! Doch seine Zukunft? War
es nicht besser ...

Er ging zaghaft und klopfenden Herzens und am ganzen Körper zitternd bis
an die Ecke des Gebäudes und langsam, innerlich erschaudernd, darum
herum. Dort hinter den matterleuchteten Fenstern -- dort _wohnte_ einst
all sein Glück ... Und _jetzt_ ... Und er soll hineingehn und sollte,
mußte ihr sagen: »Frida, sei bereit! Wir müssen ein Ende machen ...«

Da drinnen! Was um Gottes willen war da drinnen! War sie wahnsinnig
geworden und zündete Lichter an in ihrer Verzweiflung und Vereinsamung?
Und er heraußen, er mußte sich sagen: »Wohl ihr, wenn ihre Seele schon
drüben weilt ... Es ist wohl besser so ...«

Drinnen glitzerte es heller und heller. Er trat einen Schritt vorwärts
-- den ersten Schritt, schien es ihm, in die Ewigkeit, einen zweiten,
zögernd und schaudernd einen dritten -- zitternd griffen die
froststeifen Finger nach dem Gesimse. Und als er nahe vor dem Fenster
stand, schlossen ihm aufstürmende Angst und Entsetzen die Augen....
Gewaltsam bezwang er sich und blickte durch die Spalten der Fensterladen
in das lichterglänzende Zimmer ... Dann sank er mit einem heiseren
unbeschreiblichen Schrei ohnmächtig in den Schnee ...

Als er wieder erwachte, lag er in seinem traulich durchwärmten Zimmer
auf dem weichen Ruhebette, und über ihn beugte sich ein liebes bleiches
Gesicht in liebevoller Sorge -- und zugleich voll unfaßbaren Friedens.
Er richtete sich verwirrt auf und sah sie groß und staunend an. Ehe er
noch ein Wort finden konnte, sprach sie mit warmer freudedurchzitterter
Stimme:

»Gott sei Dank, daß du wieder zu dir kommst! Wir waren schon in großer
Sorge um dich. Ich habe dich durch Püregger überall suchen lassen.«

»Ja aber sag mir um Gottes willen, wie kommt es denn, daß du auf bist,
daß du dort ... Wer brachte denn diesen Baum ...?«

»Ich, Oswald!«

Jählings sprang er auf.

»Onkel Ludwig!« Aufrecht stand er da, wie zum Angriffe bereit. Seine
Augen sahen finster drohend, feindlich nach dem peinlich überraschten
Manne.

»Ja, Oswald«, sprach der Onkel beklommen und stotternd weiter. »Ich
-- ich wollte euch -- weil gerade Weihnachten war ... über
-- überraschen ...«

»Ueberraschen! Und draußen könnten jetzt Hunderte von Menschen liegen,
Tote, Zerschmetterte, Verletzte, Schreiende -- Wahnsinnige! Und hier
herinnen -- Mensch! wenn du wüßtest, wie grausam du mich gemartert hast!
Ich könnte dich ...!«

Er sank aufstöhnend auf das Ruhebett zurück, preßte beide Hände an die
Stirn und rief unter ergreifendem Lachen:

»Ueberraschen wollte er mich! Erst schlägst du mir alle Hoffnungen tot,
bringst mich moralisch um und dann ...!«

»Oswald! O, ich ahne, was hätte geschehen können! Jetzt begreife ich
erst Püreggers sonderbares Wesen und seine Verstörtheit -- o, mein armer
armer Oswald!«

Frida, sein erbleichtes Weib, hatte die Arme fest um ihn geschlungen und
weinte, weinte unbezwinglich und mit solcher Heftigkeit, daß ihr zarter
Körper wie im Froste bebte.

Er zog sie eng an sich, und sagte tief bewegt:

»Laß es nun gehn, Frida! Es ist ja alles wieder gut!«

Der Onkel ging erregt auf und ab. Er hatte bei seiner Ankunft flüchtig
gehört, daß es beinahe ein großes Eisenbahnunglück gegeben hätte -- nun
ahnte er den Zusammenhang und war erschüttert.

Rasch trat er auf den Neffen zu, streckte ihm beide Hände entgegen und
brachte nur mühsam die Worte hervor:

»Verzeih mir!«

Mehr als sein Mund sprachen seine Augen.

Oswald sprang auf und zog den tiefbewegten Mann an seine Brust. Und
plötzlich kam es über ihn mit unbezwinglicher Gewalt. Er mußte weinen
-- und weinte all den großen stummen Schmerz seiner gemarterten Seele aus
und weinte die Freuden der Erlösung und der Rettung.

Und als es sich im Bettlein daneben regte -- da riß er sich los und
beugte sich über das kleine rosige Gesicht. Lange kniete er so da. Als
er sich wieder erhob, lag auf seinem Angesicht der ergreifende Ausdruck
ernsten Friedens.

»Zündet den Baum wieder an«, sprach er dann, »es ist ein doppeltes Fest
heute für uns: Weihnacht und Ostern. Friede ist eingekehrt in unsere
Seelen und auferstanden sind in uns all die toten Freuden und
Hoffnungen! Onkel, ich werde nie vergessen, was ich in diesen Stunden
gelitten! Es wird mir seelisch gehn wie dem Krieger, der in siegreicher
Schlacht Arm oder Bein verloren -- du verstehst mich wohl!«

Stumm reichte ihm der Onkel die Hand und führte ihn schweigend zu dem
Baume. Oswald stand aufrecht und unbeweglich und sah ernst und fremd in
den so oft bejubelten Lichterglanz. Erst als er freudig merkte, daß
seines Weibes Augen heller und wärmer glänzten als all die Lichtlein,
denen erst der Mensch durch die Sinnbildlichkeit Seele verleiht, wandte
er sich langsam zu Frida hin und fragte, sie leicht umfangend:

»Glaubst du, daß wir jemals wieder _unbefangen_ glücklich sein können?«

Sie lehnte sich an seine Brust und sah mit stillem Lächeln zu ihm empor.

»Ja, Oswald, das glaube ich, denn wir haben eines, was uns niemand geben
und niemand nehmen konnte -- auch die Not nicht: unsere Liebe ... Und wir
haben ja unser herziges Mädi!«

Er neigte sich zu ihr herab und küßte den zuckenden lächelnden Mund.

Der Onkel aber legte die Hand auf seine Schulter und sprach mit warmer
bewegter Stimme:

»Und ich -- ich hab dir ein Geständnis zu machen ... Hm! Das mit dem
Ueberraschen war eigentlich ... Ich hab wirklich im blinden Zorn
telegraphiert, ohne Bedenken -- _pumpen_ will er halt, dacht ich mir.«

»Na, Onkel -- Seelenkenner bist du offenbar keiner!«

»Kann schon sein. Es ließ mir keine Ruhe, sag ich dir, bis ich abfuhr.
Schau dir die Sache halt mal an, dacht ich mir. Und dann kannte ich ja
auch Frida noch gar nicht. Vielleicht tust ihr unrecht! Hm! Weihnachten
war auch und ich -- hm, ja! ich fühlte mich so vereinsamt. Hm! Und
jetzt, sag ich dir, bin ich erschüttert und beschämt. Wenn jenes Unglück
wirklich geschehen wäre -- nicht du, Oswald: ich hätte die Schuld!
Verzeihe mir nochmals! Ich bin nicht hart, sag ich dir, ich war nur
verhärtet. Ein Starrkopf war ich! Hm, Dickschädel sind wir eben alle,
wir Frickenbergs. Ja ja! Jetzt aber will ich gut machen, was ich
verschuldet, ja verschuldet! Es ist meine Pflicht, meine heiligste
Pflicht, euch ein väterlicher Freund zu sein. Hab ja nur euch auf dieser
Welt! Es war schändlich von mir! Schändlich, sag ich dir! Na aber jetzt
sollt ihr fort von hier! So bald wie möglich. Und auf mein steirisches
Gut sollt ihr. Weißt du, das hat dir immer am besten gefallen. Es gehört
von heute an dir, Oswald! Laß nur, laß nur! Mich freut es, sag ich dir,
daß ich euch etwas geben kann von meinem überflüssigen Reichtum. Den
größten Reichtum hast du freilich hier.«

Er wies auf Frida.

»Nein, hier!« sagte diese lächelnd und schmiegte sich an des Gatten
Herz.



Ein Egoist der Liebe.


Als er schon, auf seinen derben Knotenstock gestützt, langsam und
schwerfällig den Weg in das stille Städtchen hinabging, klangen ihr erst
des alten Vaters Worte, die ihr zuvor nur in den Ohren geklungen, in der
Seele seltsam wieder.

»Ich werd' halt im Vorbeigehn hineinschaun auf die Post, ob das
Christkindl nit doch was g'schickt hat für uns.« So hatte er gesagt.

Und seine Stimme klang so eigenartig bewegt dabei, so ungewöhnlich weich
und schier schalkhaft. Sie hatte aus diesem Klange nur wehmutsvoll
heitere Selbstbespöttelung herausgehört und antwortete deshalb fast
herb:

»Was soll es denn _uns_ bringen!«

Wie er sie dabei ansah! Wie ihr seine Worte erst jetzt in ihrem Inneren
lebendig wurden, sah sie seine Mienen und seinen sonderbar unruhigen
Blick erst jetzt mit dem Auge der Seele.

Was war da für ein lichter Schimmer ausgegossen gewesen über die
geliebten abgehärmten Züge und wie seltsam zuckte es durch die starren
Falten seines Gesichtes -- fast wie innerliche Freude! Und nach ihren
Worten -- wie schwand da alles jäh hinweg! Sein Gesicht wurde wieder
regungslos, sah aus wie sonst: wie in Stein gehauen, so grau und so
hart. Und in seinen hellblauen Augen losch das Leuchten aus wie ein
müdes Kerzenlicht im Windhauche. Und nach ihr blickte nichts als die
langgewohnte Düsterheit und jener starre herbe Mannestrotz, der sich
wohl nimmermehr wandeln wird in stille Ergebenheit und ruhiges Sichfügen
in das Unabänderliche.

Sie sah ihm durch das Fenster sinnend nach.

Wie er dahinschritt heute! Aufrechter, sicherer, fester als sonst, fast
stramm. Und wie er um sich blickte, als wollt' er sagen:

Schaut mich nur an! Ich bin der alte Stormer, auf den die
Schicksalsschläge nur so niedersausten. Neun blühende Kinder hab' ich
verloren, durch Krankheit und Unglück, durch Krieg und ... Ja, einer,
einer ist mißraten. Aber als er erkannte, wie groß die Schande sei, die
er ausschütte über sich und seinen Namen, über seine Eltern und
Geschwister -- da riß er die dunkle Pforte selber auf, die uns trennt
von der Ewigkeit.... Und das war gerade an dem Abende, an dem tiefster
Friede ausgegossen ist, weit, weit über die Lande der Christenheit ...
Und zuletzt starb ihm die, an die er sich noch klammern, an der er sich
noch aufrecht halten konnte: sein treues wackeres und seelenstarkes
Weib ...

Jetzt war er einsam. Nur das jüngste seiner Kinder war ihm geblieben
-- Berta. Und nichts von seinem großen Besitze war ihm geblieben als
dieses kleine Haus da heroben auf dem Berge -- seines Vaters Haus, seine
Heimat. Alles andere: seine großen industriellen Unternehmungen, die er
mit ungewöhnlicher Kraft und Tüchtigkeit schuf, seine Erfindungen, die
ihm Reichtum einbrachten -- alles, alles ging zugrunde durch das Unglück
und die Schuld anderer oder notgedrungen in andere Hände über. Und
fremde Menschen ernteten nun die Früchte seines erfinderischen Geistes.

Und dieser hart heimgesuchte Mann schritt nun, ein trotziger Greis,
unter den Blicken seines einzigen Kindes aufrecht den Berg hinab, um
nachzusehen, ob das Christkind ...

Berta seufzte tief auf bei diesem Gedanken.

Jetzt war er ihren Blicken entschwunden. Und ihre Gefühle, jäh und warm
dem Herzen entsprungen, eilten ihm nach: tröste dich Vater, du sollst
mich nicht verlieren, mich soll nichts mehr von Dir trennen. Sind wir
doch zusammengekettet mit den schweren Banden des Schmerzes und
bittersten Leides. Die halten fest ...

Ihr gestütztes Haupt hob sich unwillkürlich ein wenig und ihre Blicke
glitten langsam über das Städtchen drunten hinweg, an den
leichtbeschneiten Waldhügeln vorbei und blieben drüben an dem
Eichenwalde sinnend hangen.

Als läge es längst hinter ihr, jahrzehntelang, so erinnerungsklar und
erinnerungsverklärt blickte sie nun alles an, was sie an jenen kurzen
Tagen dort drüben in dem verschwiegenen Eichenwalde erlebte.

Es war im Spätsommer. Der Vater lag im Bette, an einem alten Fußleiden
erkrankt. Auf ihren täglichen kurzen Spaziergängen führte ihr nun dort
drüben das Schicksal den Mann entgegen, der ihrer dämmernden Seele Licht
und Glück bringen sollte. Täglich begegneten sie sich die kurzen drei
Wochen drüben im Walde. Sie sprachen nach und nach viel miteinander:
über sein Geschäft, über die Natur, über Kunst und Musik und manches
andere. Aber nicht, was sie sprachen, sondern wie sie's sprachen, war
für sie von Reiz und immer reicherer Beseligung. Sie lauschten nur dem
Klange ihrer Stimmen, sahen nur den Schimmer ihres Lächelns und ihrer
Blicke -- und das Glück, das sie damit einsogen, das leuchtete dann,
ihnen selber noch unbewußt, aus ihren Augen so tief und rein, so warm
und offenkundig, daß jeder unbefangene Dritte sofort erkannt hätte: das
sind zwei, die zusammengehören fürs Leben. Der vollen Größe und Tiefe
ihrer Empfindungen wurden sie sich erst beim Abschiede bewußt. Das war
für sie eine Stunde, reich an Seelenschätzen fürs ganze Dasein.

Er wollte sogleich zu ihrem Vater. Sie hielt ihn zurück. Der Vater, der
an ihr, seinem Letzten, mit der ganzen angstvollen Liebe eines alten
schicksalsverfolgten und liebebedürftigen Mannes hing, müsse
stillallmählich vorbereitet werden. Zudem sei er, wenn auch schon außer
Bette, noch krank.

Sie bat ihn, ihr zu schreiben. Sie wollte dann den Vater unvermerkt in
ihr junges Glück einweihen und ihn schließlich die Briefe lesen lassen.
Damit war er einverstanden und schied. Er mußte fort. Er war
Geschäftsführer einer großen Fabrik, hatte jüngst ein beträchtliches
Erbe angetreten und hoffte als Teilnehmer seine Arbeitskraft dem
umfangreichen Unternehmen widmen zu können. Er war über die erste Blüte
der Jugend hinaus, ein ernster hochgebildeter Mann, der auf seinen
weiten Reisen viel und vieles gesehen und erlebt hatte -- nur die Liebe
noch nicht. Die war ihm erst in diesem stillen Erdenwinkel erblüht, den
er, vom Zufalle oder wohl von seinem gütigen Geschicke geführt,
aufsuchte, um Erholung nach langen Strapazen zu finden und Kräfte für
neue Arbeit zu sammeln. An Leib und Seele gesund, erfüllt von einem
ganzen Frühling neuen inneren Lebens, schied er, ein Beglückender und
Beglückter zugleich.

So schien es ihr. Doch der versprochene Brief kam nicht. Nur solche
kamen damals, die sie wenig freuten: von ihren schon verheirateten
Freundinnen aus der Töchterschule, von einer Base, die nur schrieb, wenn
sie etwas brauchte. Sie wartete. In ihrer Angst und Seelenqual fürchtete
sie, er sei erkrankt.

Sie schrieb ihm. An demselben Tage aber stand in der Zeitung die
Nachricht, daß er, der neue Firmachef, an einem großen Feste teilnahm,
das zu Ehren des greisen Gründers des alten Hauses veranstaltet worden
war. Sie ließ den Brief nicht abgehn.

Noch hoffte sie. Die Tage schwanden und wurden kürzer und trüber, kälter
und stiller. Mit den Blättern der Bäume sanken auch ihre Hoffnungen
dahin. Endlich gab sie das Hoffen gänzlich auf. In einer stürmischen
Spätherbstnacht weinte sie erschüttert ihren Schmerz aus und ihre
Verzweiflung. Nun war auch ihr Sehnen tot.

Still und ernst, festgefügt in ihrem Innern und mit dem toten Glücke in
der Seele, trat sie am nächsten Morgen ans Fenster ihres Zimmers.
Draußen war es still und trüb und weithin kahl und öde. Und langsam
begann es zu schneien. --

Während die Tochter droben einsam saß und aus ihren Erinnerungen heraus
der untergehenden Sonne nachschaute, hastete Stormer unruhevoll den Berg
hinab. Kaum wußte er sich den Blicken Bertas entrückt, knickte er in
sich zusammen.

»Herr, mein Gott, wend' es zum Besten! Ich kann sonst nicht mehr zurück.
Ich kann's nimmer mitanschaun!«

»Recht guten Abend!« grüßte jetzt einer ausnehmend freundlich. Das war
der alte Jakob, der Briefträger, der zur Post ging. Stormer schrak
zusammen und wandte sich mit zorniger Gebärde ab.

Wenn ihm der damals den Brief nicht gegeben hätte, wär' alles anders
gekommen. Aber bequem sind sie halt alle diese Leute, bequem und so viel
übereifrig. Wo sie nur einen Schritt ersparen können ...

Drei, vier Tage lang trug er den Brief mit sich herum. Was ihm denn nur
eingefallen war, ihn zu öffnen! Nie in seinem Leben hatte er so etwas
getan. Die Männerschrift auf der Adresse, ja ja, die fremde kräftige
Männerschrift war's, die ihn verleitete. Aber die heimliche Freude, die
er empfand, als ihm der Brief in die Hände fiel -- woher kam die? Damals
fragte er nicht viel. Er wußte nur, daß sie diesen Brief nicht lesen
dürfe -- niemals! Na und das mit dem fremden Menschen, mit diesem Erwin
Uller -- mein Gott, das konnte doch so tief nicht gegangen sein. Das
wird sie schon überwinden. Hatte schon weit mehr und weit Schlimmeres
überwinden müssen. Und er auch -- noch viel, viel mehr und viel
Schmerzlicheres. Das hielt sie ja so innig zusammen, die zwei Letzten
einer großen, einst glücklichen Familie, darum hatte er sie ja so lieb
und hing an ihr mit der ganzen zitternden Angst und Zärtlichkeit, mit
der ganzen Selbstsucht und dem ganzen Liebeshunger eines hartgetroffenen
Vaterherzens.

Und nun kam da ein wildfremder Mensch und wollte ihm sein Alles und
Letztes nehmen. Fortziehen wollte er mit ihr und er, er sollte dort
droben allein hausen mit allen seinen Leidgedanken und umspukt von
qualvollen Erinnerungen, sollte sich allein überlassen bleiben mit
seiner ganzen bitterschweren Vergangenheit.

Daß er einfach mitziehen könnte, wie Uller schrieb, daran dachte er gar
nicht weiter. Drängte sich ihm der Gedanke aber doch auf, dann wehrte er
ihn schier zornig ab. Er will gar nicht mit, will nicht unter fremde
Leute, will nichts mehr wissen von der Welt. Aber sie? Sie war noch jung
und hatte noch etwas zu erwarten von der Welt. So mahnte ihn sein
Gewissen. Er aber sagte sich darauf: Was soll sie erwarten? Auf die
Stormers wartet kein Glück da draußen. Das Schicksal beschenkte sie
immer nur so reich, um sie desto ärmer zu machen. Er täte nur Gutes, es
wäre seine Pflicht geradezu, seine heilige Vaterpflicht, sie vor neuen
Enttäuschungen, vor neuem Leide und Weh zu bewahren. Die Einsamkeit wäre
ihr Hort. Und ihr Schutz gegen alle weitere Pein und Seelennot: nichts
wünschen und nichts verlangen, nichts ersehnen und -- nichts hoffen ... So
beruhigte er grausam sein Gewissen. Wäre die Sorge nicht gewesen, daß
etwa ein zweiter Brief kommen und Berta in die Hände fallen könnte -- er
wäre ganz ruhig und schier zufrieden gewesen.

Diese Sorge aber trieb ihn, kaum genesen, und trotz seinem immer noch
leidenden Beine bei jedem Wetter, bei Sturm und dichtestem Nebel von
seiner Höhe hinab ins Städtlein. Und niemand war darüber erfreuter als
der alte Jakob. Der brauchte nun nicht mehr den Berg hinaufzukeuchen,
just wegen des einen Hauses dort droben, und bekam überdies von dem
alten Herrn noch Trinkgeld. So viel spaßig sind halt zuweilen die Leute,
meinte Jakob, so viel spaßig. Ihm wars recht so.

Und der zweite Brief kam. Nach etwa vierzehn Tagen. Eingeschrieben. Der
gute alte Jakob begnügte sich selbstverständlich mit des alten Herrn
Unterschrift und dem Trinkgelde, das diesmal reicher ausfiel als sonst.
Dafür dankte aber Jakob auch über alle Maßen freundlich.

Der Brief brannte Stormer noch mehr auf die Seele als der erste. Das
schien ja wirklich tief gegangen zu sein, sehr tief sogar. Wenigstens
bei dem verdammten Herrn Erwin Uller dort drinnen in der Wiener Stadt.
Und was für ein Geist sprach aus diesen Zeilen -- was für ein Herz!

Nun begann er Berta schärfer zu beobachten. Sie ließ sich nicht viel
anmerken. Das tun sie alle nicht, die Stormer. Er wußte das. Es drückte
ihn schwer auf die Seele. Wenn es nun doch auch bei ihr tief ... Aber er
sagte sich immer wieder: Sie überwindets schon.

»Wir Stormer überwinden alles. Wir sind stärker als die Tücke des
Schicksals. Und dann -- nein, so leicht setzt man uns auch nicht in
Flammen. Um unser Herz ist ein Panzer von Mißtrauen gegürtet. Bis der
auftaut ...«

Aber geschehen mußte nun etwas -- geschrieben mußte dem Manne werden.
Kurz und bündig, klar und scharf, so daß ihm für alle Zeiten gründlich
die Lust verging, nochmals zu kommen. Mit dem Schreiben ging's ihm schon
schwer. Die rechte Hand war fast gelähmt und so angeschwollen, daß sie
kaum die Feder halten konnte. Aber es mußte sein. Und wenn etwas sein
mußte, brachtens die Stormer immer zusammen. Auch der Brief kam
zustande.

Nachdem er ihn fortgesandt hatte, stampfte er noch eine Zeitlang täglich
den Berg hinab zur Post und keuchend wieder hinan. Und wenn das oft
recht schwer und mühselig ging, konnte er fast böse sein auf Berta. Als
hätte sie ihm das alles angetan. Und wenn er allein in seiner Stube saß,
konnte er mit geballter Faust ins Finstere hinein drohen und mit den
feindlichen Mächten hadern, daß sie ihm auch das noch auferlegten und er
kämpfen müsse um das Letzte, was ihm noch Liebes verblieben sei auf
dieser Welt. Gegen Berta war er liebevoller und zärtlicher denn je. Oft
übermannte ihn bei ihrem Anblicke die Rührung so mächtig, daß er schnell
von ihr wegeilen mußte, um nicht in Tränen auszubrechen. Und gelang ihm
dies nicht mehr, dann machte er einen »gewaltigen« Spaß und brach
darüber selbst in lautes erzwungenes Lachen aus. Dann konnten sie ja so
mitlaufen, die dummen Tränen. Es sah dann aus, als hätte sie ihm das
Lachen erpreßt. Das kommt ja vor.

Eines Tages sah er sie in ihrem Zimmer schreiben. So vertieft war sie,
daß sie nicht hörte, wie er die Tür öffnete. Geräuschlos schloß er sie
wieder. Und bleicher als sie, schlich er wieder davon. Sie schrieb an
ihn -- er fühlte es. Sein Gewissen rief es ihm zu und seine Angst trieb
ihn von einem Zimmer ins andere. Der Brief durfte nicht fort. Unter
keinen Umständen und wenn er ihn selbst ...

Aber wird sie ihm den Brief anvertrauen, ihm, der nach ihrer Meinung
noch nichts ahnte von all dem, was sie heimlich quälte?

Aufgeregt war er im Hause herumgegeistert; endlich griff er verzweifelt
nach der Zeitung. Und die brachte ihm die unverhoffte Befreiung aus
seiner Pein: jene Notiz wars über das Fest, bei dem Uller anwesend war.
Und eine schöne lange Rede hielt.

Wie er es gewohnt war, las er ihr auch damals dies und das aus der
Zeitung vor und ließ unauffällig jene Notiz mithineinlaufen. Bei Ullers
Namen zuckte sie zusammen. Und als sie alles wußte, erbleichte sie.

Ohne ein Wort zu reden, stand sie bald nachher auf und ging. Er rief ihr
nach, er gehe hinab in die Stadt -- ob sie was habe oder brauche? Einen
Brief zur Post oder sonst etwas?

Nein, sie habe nichts und brauche nichts. Wie ihre Stimme dabei klang
und wie sie ging! In jeder ihrer Bewegungen drückte sich ihr
Seelenzustand aus. Ganz starr wurde ihm dabei und ein schier
körperlicher Schmerz durchlief ihn eisigkalt.

Nachts konnte er nicht schlafen. Es war jene stürmische Spätherbstnacht,
in der Berta ihr Weh und Leid ausweinte und als kostbaren Schatz stark
und stolz in ihrer Brust verschloß.

Es duldete ihn nicht im Bette. Aus dem Finstern sprangen ihn
Schreckbilder an und wie mit kalten Händen griffs nach ihm aus allen
Winkeln. An den Fenstern rüttelte der Sturm. Manchmal wars, als schlüge
einer mit der Faust daran. Dann heulte es draußen auf und durch das Haus
ging es wie leises Wimmern und Weinen und Stöhnen.

Er zündete Licht an. Was flog da vom Fenster weg? Im langen weißen
Kleide ... Der jähe Schreckgedanke, sie habe sich ein Leid angetan, jagte
ihn aus dem Zimmer. Erst rannte er dahin, so schnell er konnte, dann
schritt er zaghaft vorwärts und endlich schlich er sich lautlos an die
Tür ihrer Schlafkammer. Nun hörte er sie stöhnen und weinen. Einzutreten
wagte er nicht, so sehr es ihn auch drängte. Er fühlte, daß er unfähig
war, jetzt vor sie hinzutreten -- ihr jetzt alles zu gestehn. Es hätte
ihr Tod sein können oder der Tod ihrer Liebe -- zu ihm ... dem Vater. Bis
zum grauenden Morgen hockte er auf ihrer Türschwelle. Als es drinnen
endlich still geworden war, schlich er frostdurchschüttelt in sein
Zimmer zurück.

Scheu und beklommen schaute er nächsten Tages Berta ins Gesicht. Sie war
ernst und gefaßt. Bleich waren ihre Wangen, kalt und ruhig ihre Augen
-- ihr Mund aber lächelte. Dieses tote Lächeln kannte er. Es tat weher
als Tränen und Vorwürfe. Sie hat es überwunden, sagte er sich. Aber _er_
wurde nicht froh darüber.

Seit jenem Tage vollzog sich in der Brust des alten Mannes ein schwerer
zäher Kampf und allmählich eine tiefe Wandlung. Und das Gute und Edle
siegte endlich in ihm: er hatte sich schwer und widerstrebend zur
opfermutigen und entsagungsstarken Liebe durchgerungen und erkannt, daß
es keine reinere und schönere Tat der Liebe gebe als die, andere
selbstlos zu beglücken. Mit Schaudern dachte er nun an das, was er in
seiner verblendeten Selbstsucht zerstört hatte: das Lebensglück seines
einzigen Kindes.

Als er so weit war, entschloß er sich, alles wieder gutzumachen, wenn es
noch ginge. Er setzte sich dann in einer stillen weißen Nacht hin und
begann an Uller zu schreiben. Schwer, bitter schwer löste sich
Geständnis auf Geständnis von seiner Seele. Noch schwerer schrieb er sie
nieder. Er hatte noch keine Uebung im rückhaltslosen Selbstbekennen. Er
hatte bisher nur _um_ sich und wohl noch niemals tief und furchtlos _in_
sich geblickt. Drei Nächte plagte er sich ab. Endlich war der lange
schicksalsbedeutende Brief fertig.

Am nächsten Morgen trug er ihn zur Post hinab. Vier Tage fehlten noch
auf Weihnachten. Bis zum heiligen Abend konnte Antwort da sein von ihm
oder -- er selbst. Aber es kam kein Brief. Nicht am zweiten Tage, nicht
am dritten und nicht am vierten, letzten. Jakob kam mit leeren Händen
früh und nachmittags ...

Und nun war es am letzten Tage Abend geworden, die heilige Nacht war
gekommen und er sollte nun in dieser glückseligen Friedenszeit dort
droben mit der bleichen Tochter allein sitzen -- im ängstlichen
Schweigen und mit dem schweren Schuldbewußtsein in der Brust ...

Die Hoffnung, Uller könne noch mit dem Abendzuge selbst kommen, trieb
ihn dem Bahnhofe zu. Der Zug fuhr ein. Uller stieg nicht aus. Ueberhaupt
kein Fremder. Nur Einheimische, Studenten, Urlauber und sonst noch junge
Leute. Lauter fröhliche Feiertagsgesichter.

Gebeugt, als hätte er eine Riesenlast zu schleppen, wankte er in das
Städtchen zurück -- auf die Post. Vielleicht war doch ein Brief gekommen
jetzt mit dem Zuge. Es waren heute so viele Sachen eingelaufen. Endlich
war alles durchgesucht, gesichtet, verteilt. Für ihn war nichts da. Fast
wäre er zusammengebrochen in der engen Poststube. Wie ein Betrunkener
taumelte er hinaus auf die Straße. Wohin jetzt?

»Aus der Welt!« flüsterte es in ihm. »Aus der Welt!« wiederholten seine
Lippen lautlos.

Da hörte er Jakobs freundliche Stimme. Es sei doch etwas da für ihn
-- aber nur ein Brief. Stormer haschte begierig danach. Er war von Uller.

Bei der nächsten Laterne las er ihn. Als er fertig war, lehnte er sein
greises Haupt an die kalte Wand und weinte unter heftigem Schluchzen die
ersten Freudentränen seit seiner Kindheit. Sein Brief hatte Uller in
eine Stadt Nordböhmens nachgesandt werden müssen, wohin er gereist war,
um die Feiertage bei seiner Mutter zuzubringen. Morgen komme er selbst,
schrieb er.

Noch niemals war Stormer den Berg so rasch und so froh hinangestiegen.
Droben gab es eine erschütternde Aussprache. Und dann eine stille
herzliche Feier.

Einsam saßen sie dort droben in trautem Lampenscheine und mildem
Kerzenschimmer -- und doch hatten sie einen Gast bei sich, einen lieben
und in diesem Unglückshause gar wundersamen Gast: das Glück.



Frau Bettis Christgeschenk.


Hastig hatte sie den Brief versteckt und die Tränen verwischt, als sie
unvermutet Christine eintreten sah.

Diese war die Tochter ihres ehemaligen Brotherrn. Sie hatte die früh
verstorbene Mutter Christinens mit selbstloser Aufopferung gepflegt, war
dann in dieselbe ansteckende Krankheit verfallen und rang lange mit dem
Tode. Seither hing Christine an der Hüterin ihrer Kindheit mit einer
Liebe, die sich immer mehr verschönte und klärte, je mehr sich
Christinens herbe Jungfräulichkeit entfaltete und je mehr sich ihre
ausgeprägte Eigenart und frühzeitige Selbstständigkeit entwickelten und
ausreiften.

Harmlos lächelnd war Frau Betti ihrem Liebling entgegengetreten.
Christine aber hatte bemerkt, was die alte Frau verbarg und verbergen
wollte.

»War der Brief von Rudolf?« Ein dunkles Rot stieg bei Nennung dieses
Namens in ihre frostfrischen Wangen.

»Der -- der Brief? A mein! Der ist ja nur vom Gärtner-Loisl! Ja! Wegen
dem Blumensamen schreibt er, weißt ...«

»Ueber einen Brief vom Gärtner-Loisl weint man nicht, Betti!«

Das klang wieder in jenem bestimmten festen Tone, dem gegenüber Mutter
Betti keinen Widerspruch kannte.

Schier zornig sah das alte Mutterl nach Christinen; unter Tränen aber
gab sie ihr den Brief hin. Er war zerknüllt von den angstzitternden
dürren Fingern und feucht von den sorggeweinten Tränen. In atemloser
Spannung sah sie nach Christinen, die trotzig aufgerichtet am Fenster
stand und las. Aus ihren Mienen konnten Bettis Augen keine Antwort
lesen. Schweigend sah Christine, als sie den Brief gelesen hatte, in das
verglimmende Abendrot. Und Betti schien es, als sei auch das frische
Wangenrot des jungen stolzen Mädchens verblichen ...

Plötzlich faßte sie eine große innere Angst.

»Christine!« rief sie zitternd. »Um Gottes willn! Glaubst am End auch
du, daß er _schlecht_ wordn is, der Rudolf?«

»Nein!« Fest klang dieses Wort, aber hart, herb.

Mit großen Augen sah Betti nach ihr und wagte keine Frage mehr.

»Wie viel Geld hast du ihm schon geschickt, Betti?«

»Ach, mein Gott, laß mir die Sorg allein, Christine.«

»Nein! Ich will alles wissen! Alles! Verstehst du?«

Betroffen und forschend schaute das gequälte Mutterl in das trotzige
Angesicht ihres Lieblings. So herb und starr hatte sie die lieben
stolzen Züge noch nie gesehen. Langsam, als sei ihr jede Sekunde
Verzögerung Gewinn, schlürfte sie zu ihrer Schublade und brachte nach
längerem Herumkramen ein vergriffenes Notizbuch hervor.

»Da!« Ein Blick, der strafte und zugleich flehte, begleitete dieses
Wort.

Rasch flogen Christinens suchende Blicke über die ungefügen Ziffern.
Dann richteten sich die großen blauen Augen kalt und fragend -- drohend
fast nach dem erschrockenen Weiblein.

»Wo hast du das viele Geld her -- nach alledem?«

»Vom -- vom Ferdl, vom Prinz Ferdl.«

»Auf Wechsel?«

»Ich -- ich glaub.«

»Wann ist der erste fällig?«

»Zu Neujahr -- glaub ich.«

»Kannst du zahlen?«

»Nein!«

Strenger konnte sie am jüngsten Tage Gott der Herr nicht fragen -- und
gewissenhafter könnte sie ihm nicht antworten.

»Und warum hast du mir davon nichts gesagt?«

Darauf hatte Frau Betti nur Tränen. Christine verstand sie. Milder und
leiser fragte sie:

»Und was willst du ihm jetzt schreiben -- deinem Sohn?«

»Mein Gott, was soll i denn tun? Krank is er, schreibt er -- und
Ehrenschulden solln 's sein. Da wird wohl schier nix anders übrig
bleiben, als daß i dem Prinz Ferdl die Kuh ...«

»Und zu Neujahr nimmt er dir dein Häusl weg und wirft dich auf die
Straße hinaus!«

Das waren Worte, die schwerer trafen als Steine. Ihr ganzer
Ueberraschungsschmerz, ihr ganzes namenloses Staunen und Herzleid
blickte Betti aus den starrenden Augen -- sprechen konnte sie kein Wort.
Und er fand den Weg zu dem herbverschlossenen Herzen Christinens, dieser
angststarre flehende zürnende Mutterblick. Aber sie gab dieser warmen
Regung nicht nach und sagte in festem Tone:

»Die Kuh, Betti, kaufe _ich_! Die 300 Kronen, die er wieder haben will,
bring ich ihm selbst! Ich fahre morgen nach Wien, die Weihnachtseinkäufe
zu besorgen.«

»Du -- _du_ willst ...?!«

»Ja! _Dich_ will er doch gar nicht haben in Wien! Du hast 's ja doch
gelesen!«

Rasch war sie aus dem Zimmer gegangen, schwer und ächzend war die Tür
zugefallen.

Sie, die bisher nur Liebe und Güte war gegen Frau Betti, ließ nun das
verzweifelte alte Mütterchen in Bestürzung zurück und in bitteren
Tränen.

Bettis einfältiger Geist konnte die Lösung dieses Rätsels nicht finden,
ihr schlichtes Gemüt sie nicht ahnen.

       *       *       *       *       *

Christine ging rasch über den knisternden Schnee. Lüge und Heuchelei
hatte aus dem Briefe gesprochen -- aus dem Briefe des Sohnes an die
Mutter, einer Mutter, die an ihren Sohn glaubt wie an Gottes Wort. Aus
dem Briefe des Mannes, dem sich ihre Seele längst heimlich in einer
Liebe erschlossen hatte, gegen die sie ankämpfte mit all ihrem Stolze
und ihrem ganzen beharrlichen Trotze -- und der ihr Herz doch immer
wieder unterlag, wie sehr sich ihr trotziger Geist auch aufbäumte und
ihr Stolz sich wehrte.

Sie wußte es längst, daß er in leichtfertige Gesellschaft geraten war,
sie hatte ihn verteidigt gegen den erzürnten Vater, der ihm reiche
Stipendien für seine Studien verschafft hatte und nun schon zwei Jahre
vergeblich auf den Chemiker wartete, den er für seine Fabrik so
notwendig brauchte. Sie hatte ihn verteidigt gegen die Anschuldigungen,
die die »lieben Nachbarn« der Mutter hinterbrachten, sie hatte die gute
Betti in ihrem Glauben an den Sohn bestärkt -- weil sie selbst an ihn
glaubte. Und dieser schöne beseligende Glauben war jetzt jäh und
unvermutet in ihr zusammengebrochen.

Durfte sie den vorschnell gefaßten Entschluß, ihn aufzusuchen, um ihn
wenigstens _für die Mutter_ zu retten, auch wirklich ausführen? Es
konnte _gut_ sein für ihn und für das arme alte Mutterl. »Das erkannte
Gute aber soll man ausführen, je eher, desto besser.« Das war einer der
letzten Aussprüche ihrer sterbenden seelengroßen Mutter. Danach hatte
sie immer gehandelt -- und wollte es auch jetzt tun.

Und diesem starken Zuge ihres Wesens folgte sie auch unbedenklich, als
sie, an der Gartentür des alten Prinz vorübergehend, von einem
plötzlichen Gedanken erfaßt wurde. Rasch war sie an der Tür des
Geldmaklers und klopfte entschlossen an. Prinz, ein hagerer langer Mann
mit ausgesprochenem Habichtgesichte, war allein und seine Neugierde, was
denn des reichen Fabrikanten und Bürgermeisters stolze Tochter bei ihm,
dem »armen Bauer«, wolle, bald erfüllt. Nach vielen Ausflüchten und
Beschwörungen legte er Christinen endlich die vier Wechsel Bettis vor.
Christine rechnete zusammen. Dann schaute sie großstaunend und zornig
nach dem gekrümmt dastehenden Prinz.

»Das sind ja _zweitausend_ Kronen, Herr Prinz!«

»Zu dienen, gnädigstes Fräulein, netto tausend Gulden.«

»Sie haben aber der alten Frau nur fünfhundert gegeben!«

Prinz begann nun zungengeläufig zu erzählen, was er der guten Betti noch
alles gegeben haben wollte. Christine legte anstatt aller Antwort die
vier Wechsel aufeinander, zerriß sie in zorniger Hast, schritt zum Ofen
und warf die zerknüllten Fetzen in das flackernde Feuer.

»Um Gottes willn, was haben Sie getan?«

»Sie vor der Anzeige wegen Wucherei gerettet!« entgegnete Christine
scharf. »Morgen fahre ich nach Wien und verkaufe meine Obligationen
-- und übermorgen haben Sie Ihr Geld. Bereiten Sie eine Quittung über
1100 Kronen vor!«

Damit ging sie. Während sie raschen Schrittes auf ihr Vaterhaus zueilte,
stand der »arme Bauer« noch immer händeringend vor dem gierig
flackernden Feuer. Gerade auf sie hatte er bei Einlösung seiner
geliebten »Papierln« gerechnet. Und nun ...

       *       *       *       *       *

Klopfenden Herzens, aber mit schweren, seltsam müden Füßen stieg
Christine nächsten Tages die drei Treppen zu Rudolfs Wohnung hinan. Zwei
Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, ihn, der der Gespiele ihrer Jugend
und die Sehnsucht ihres Herzens -- gewesen war. In diesem Augenblicke
empfand sie nichts als Zorn und Verachtung gegen ihn. Ein Mann -- und
schwach! Zweimal hatte er mit Hilfe der reichlichen Stipendien in den
Ferien Studienreisen ins Ausland gemacht und sich nicht gekümmert um
Heimat und Mutter -- und sie, die ihn so sehnlich erwartete, wohl längst
vergessen.

Entschlossen trat sie in das halbdunkle Vorzimmer. Lautes Stimmengewirre
und übermütiges Lachen aus jungen Kehlen klang hinter einer der Türen.
Jetzt hörte sie einen sagen, einen mit einer kreischenden Stimme:

»Na, was ist's denn mit 'm Geld, Rudolf? Rührt sich deine Alte noch
allweil nit?«

»Weiß der Kuckuck!« darauf Rudolfs tiefe klangvolle Stimme. »Ihr Bankier
scheints, ist auf einmal knauserig wordn!«

Unter dem »Bankier« verstand er offenbar ihren Vater oder gar -- sie!
Ein schneidendes Weh ging für einen Augenblick durch ihre junge Seele.
Dann aber erstarrte alles in ihr im zornigen Trotze. In diesem Gefühle
trat sie entschlossen ein -- hochaufgerichtet, starr. Die ganze
Gesellschaft schien zum Ausgehn fertig und empfing sie mit mehr
verlegenen als staunenden Blicken und einem kaum unterdrückten »Ah!«

Rudolf stand einige Augenblicke verblüfft und verwirrt da. Dann griff er
nach der zierlichen Studentenmütze und stotterte:

»Fräulein Christine -- was verschafft mir ...«

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Herr Frühbach, und zwar allein!« Das
klang so bestimmt, mit so viel verhaltenem Zorne in der Stimme, daß die
vier fünf Herrchen nach einigen unbeholfenen Worten verdutzt abzogen.

Erst draußen im Vorzimmer fielen in taktlos lauter Art einige anzügliche
Bemerkungen, die Christinen das Blut in die zornbleichen Wangen trieben.

Rudolf hatte rasch aber mit unverhohlenem Widerwillen seinen Ueberrock
abgelegt und lud die ungebetene Gastin mit einer gezwungenen
Handbewegung zum Sitzen ein. Sie lehnte ab.

»Ich komme von Ihrer Mutter. Sie haben von ihr Geld entlehnt und fordern
für die Weihnachten neuerdings Geld und zwar unter dem Vorwande, krank
zu sein und Ehrenschulden ...«

»Entschuldigen Sie, Fräulein -- kommen Sie im Auftrage meiner Mutter
oder ...«

»Einerlei! Ich frage nicht und habe auch kein Recht, Sie zu fragen, zu
was Sie das Geld brauchen. Aber ich sage Ihnen, daß Sie Ihre Mutter in
die Hände des alten Prinz getrieben haben, daß die Arme eben daran war,
ihr Letztes, ihre Kuh ...«

»Ja, aber hat Ihnen denn meine Mutter nicht ...«

»Was?«

Er sah sie forschend und unsicher an.

»Sie meinen wohl, ob sie nicht das Geld von meinem Vater oder von mir
entliehen habe?«

»Ja, aber sie hat mir doch ...«

»Sie irren, Herr Frühbach! Ihre Mutter hat mehr Schamgefühl, als Sie ihr
zutrauen!«

»So lassen Sie mich doch ...«

»Und mehr Charakterstärke, scheints, als Sie! Schämen Sie sich, Herr
Frühbach!«

»Was gibt Ihnen ein Recht, mich abzukanzeln wie einen Schuljungen?«

»Meine Liebe zu Ihrer Mutter und mein Erbarmen mit dem Schmerz, den Sie
ihr bereiten!«

Er senkte die zornfunkelnden Augen.

»Daß Sie es wissen: ich selbst bin hinter all das gekommen -- gegen den
Willen Ihrer Mutter. Und _ich_ habe sie aus den Händen des alten
Wucherers befreit. Und hier sind die geforderten 300 Kronen. So. Jetzt
sind Sie _mir_ 1400 Kronen schuldig, Herr Frühbach! Und ich will hoffen,
daß _diese Ehren_schuld den Vorzug vor allen anderen haben wird!«

Im Innern zitternd wie im heftigsten Frostgefühle, hatte sie das Geld
auf den Tisch gelegt und wollte nun rasch zur Tür hinaus, unfähig zu
ermessen, daß sie den eigentlichen Zweck ihres Wagnisses nicht erreicht
-- ja kaum angestrebt hatte.

Er vertrat ihr, bebend vor Aufregung, den Weg.

»Was wollen Sie noch von mir?!«

»Ich muß Ihnen doch -- danken, Fräulein ...«

»Wollen Sie mich verspotten? Was ich tue, geschieht für Ihre _Mutter_!
Und wenn Sie noch einen Funken Ehrgefühl und Kindesliebe ...«

»Sprechen Sie das nicht aus! _Schlecht_ bin ich nicht -- noch bin ich es
nicht!«

»Sie haben gelogen und geheuchelt -- der Mutter gegenüber!«

»Ja!« Er senkte den Kopf. »Aber es geschah nur im Leichtsinn, im
grenzenlosen dummen Leichtsinn der Jugend ...«

»Das nennen Sie bloß Leichtsinn?«

»Ja! Sie haben recht -- es war _schlecht_ von mir! Ich fühle das erst
jetzt durch Sie ... Bedenken Sie, ich bin aus engen ärmlichen
Verhältnissen plötzlich in die Freiheit geraten -- in _diese_ Freiheit
und in diesen Sumpf ... Aber ich will mich aufraffen -- bei Gott, ich
will mich aufraffen ...«

»Und wenn _die_ wieder kommen -- Ihre »Freunde«?«

»Die sollen keine Macht mehr haben über mich!«

»Glauben Sie?«

»Zweifeln Sie an mir?«

»Ja!«

»Ich werde es Ihnen beweisen!«

»Durch Taten, Herr Frühbach!«

»Ja durch Taten. Ich werde das Geld, das ich Ihnen jetzt schulde, selbst
verdienen, ich werde arbeiten und meine letzten Prüfungen machen. Und
ich will Ihnen als anständiger, als ganzer Mann wieder entgegentreten
oder nimmermehr in meinem Leben!«

»Das wäre ein Sieg über sich selbst, Herr Frühbach! Dazu gehört viel
Stärke!«

»Trauen Sie mir diese Kraft, trauen Sie mir diese Willensstärke nicht
zu, Fräulein Christine?«

Er hatte sich aufgerichtet. Seine Augen sprühten und drückten doch
zugleich eine große Seelenpein aus: sie fühlte ahnungstief, daß sie mit
ihrer Antwort über ein Schicksal entscheide. Langsam richtete sie ihr
Auge voll auf ihn und sagte fest:

»Ja!«

»Ich danke Ihnen!« Er war vor ihr niedergesunken und küßte stürmisch
ihre Hände. »Sie sind wie ein guter Engel in dieses Zimmer gekommen
-- zur rechten Stunde! Eben wollte ich fort und hätte wohl die größte
Torheit meines Lebens begangen -- Sie haben mich gerettet!«

Er schwieg erschüttert. Sie stand betroffen da und wagte keine Regung,
fand kein Wort.

»Sie haben mich verletzt, Fräulein Christine -- und ich danke Ihnen
dafür! Sie haben mich beschämt und gedemütigt ...« Er erhob sich langsam
und sprach in tiefster Seelenregung: »Ich habe mich benommen wie ein
toller Junge, wie ein Knabe habe ich mich benommen -- können Sie mir
verzeihen ...«

»Sie müssen erst die Tat ...«

»Ja, Sie haben recht. Ich bin nicht wert, zu Ihnen aufzuschauen ... Sie
sind so rein und so innerlich stark -- so jung noch und schon so tief
und fest in sich gefügt ... Ich aber ...«

In Christinens Auge war wieder Wärme gekommen und eine unendliche Milde
in ihre zitternde Stimme.

»Ich werde Ihrer Mutter sagen, daß Sie krank gewesen sind, schwer krank.
Doch jetzt -- jetzt seien Sie auf dem Wege der Genesung ... Und werden
genesen ... In kurzer Zeit ganz genesen ...«

»Christine!«

Er war mit ausgebreiteten Armen auf sie zugestürzt. Sie aber hatte rasch
das Zimmer verlassen und floh über die Treppe hinab in nieempfundener
Aufregung. In ihrem Gesichte waren die strengen herben Linien, die Trotz
und gewaltsame Beherrschung gezogen hatten, noch nicht verschwunden
-- aus ihren Augen aber strahlte und leuchtete schon das ganze tiefe
neuerwachte Glück in ihrer Seele ...

Er aber warf sich auf das Sofa und stöhnte:

»O, was war ich für ein Narr! Ich hab sie von mir gestoßen -- die Reine!
Wie meine Kindheit ist sie zu mir gekommen, wie mein besseres Selbst ...«

Als er sich nach langem Sinnen und Ergründen seiner selbst endlich
erhob, stand in seiner Seele die Erkenntnis fest: sie zu erringen, sei
der Weg zu seiner Rettung -- und zu seinem Glücke ...

       *       *       *       *       *

Am Weihnachtsabend des nächsten Jahres erhielt Christine einen großen
Brief von Rudolf. Er enthielt die selbstverdienten 1400 Kronen und die
Mitteilung, daß er seinen Chemiedoktor gemacht habe. Sonst, außer warmen
Dankesworten -- nichts weiter.

Mit seltsam erregten Gefühlen ging sie am Abend zu ihrer guten alten
Betti hinüber. Die stand im vollen Lichterglanz des Weihnachtsbaumes und
neben ihr stand, jugendkräftig und vollbärtig -- Rudolf, ihr Sohn.

Verwirrt blieb Christine auf der Schwelle stehn. Frau Betti aber eilte
ihr entgegen, so schnell es ihre alten Beine vermochten, sank vor ihr
nieder und weinte Tränen auf die Hände der wonnevoll Ueberraschten.

Verwirrt und errötend zog Christine das ganz fassungslose Mutterl empor.

»Er hat mir alles gesagt!« rief Betti schluchzend aus. »Ich schäm mich
so sehr und bin so glücklich -- Gott verzeih mirs! Ich bin so sündhaft
glücklich!«

Jetzt kam zögernd auch Rudolf herbei. Tiefgesenkten Hauptes blieb er vor
Christine stehn.

»Herr Doktor ...«

Er schaute auf und schaute froherschrocken in ihr strahlendes
feuchtschimmerndes Auge.

»Herr Doktor -- Sie haben Ihren Beweis erbracht!«

Langsam ging sie, unfähig, den Blick von ihm zu wenden, auf Rudolf zu.
Mädchenhaft zögernd reichte sie ihm die Hand zum Gruße.

Er beugte sich langsam und schier ehrerbietig über die kleine tapfere
Hand und küßte sie fast feierlich-ernst. Wirr und mit unbezwinglichem
Befremden hob sie ihren Blick zu ihm auf. Und tief drinnen in diesem
scheuen Blick konnte er selig erschauernd eine bange heiße zitternde
Frage lesen.

Im jähen Jubelsturm seiner Gefühle preßte er ihre Hand an sein pochendes
Herz. Und willenlos sank sie tief errötend an seine Brust ...

Als sie dann später die Geschenke besahen, sagte Rudolf beglückt zu dem
ganz wonneseligen alten Mutterl:

»Das schönste Geschenk hast doch du bekommen, Mutter: Christine hat mich
dir als guten Menschen wiedergegeben!«

Frau Betti aber sah leuchtenden Auges zu ihm und zu Christinen auf und
meinte mit stillem Lächeln:

»_Die_ Mutter möcht ich kennen, die heut glücklicher ist als ich!« --



Der Wohltäter.


»Einen Armen!« rief Dr. Fritz von Fritzburg zur Tür seines »Salons«
hinaus. »Frau Schwammerl, wissen Sie mir keinen Armen? Einen verschämten
würdigen, recht braven Armen?«

»Wa--as?«

»Einen Armen sag ich! Ich will heut Wohltäter spielen!«

»Wohltäter spielen?«

»Bitt Sie um Gottes willen, Frau Schwammerl, schaun S' nicht so rührend
verständnislos drein! Ich will heut am Weihnachtsabend einen würdigen
Armen beschenken -- verstehn Sie?«

»Versteh schon! Aber warum denn?«

»Ja, so verstehn Sie immer alles!«

»Bitt schön, Herr Doktor.«

»Na na!«

»Sie haben aber doch gesagt, daß Sie zur Tante Hildegard gehn wern.«

»Und dort mit der süßen alten Jungfrau Whist spielen! Brr! Lieber soll
sie mich enterben! Hab auch so zu leben -- Gott sei dank!«

»Ja, aber zur »Pfeife«!«

»Sie wollen also durchaus jede edle Neigung in meiner Brust ertöten?«

»Aber, Herr Doktor! Ich bitt Sie!«

»Na also, dann ...«

»Ja, aber Ihr lieber Freund Brugger wird gwiß bei der »Pfeifn« auf Sie
warten!«

»Mein lieber Freund Brugger wird eben nicht bei der »Pfeife« auf mich
warten. Und die, die heute bei der »Pfeife« auf mich warten, auf die
pfeif ich.«

»Ja aber, wo ist denn der Herr Brugger heut?«

»Eingesponnen hat sich der Unglücksmensch.«

»Wa--as?«

»Eingesponnen hat er sich!«

»Bitt schön, was ist denn das, »eingesponnen«?«

»Wie sich eine Raupe einspinnt, das wissen Sie wohl?«

»Zu dienen, Herr Doktor!«

»Na sehn Sie, bei uns Junggesellen ist das umgekehrt: der flotte freie
Falter »Hagestolz« spinnt sich ganz unvermerkt ein und kriecht eines
Tages als abscheuliche Raupe »Ehemann« vor uns andern herum.«

»Is aber das grauslich!«

»Nicht wahr?«

»Warten Sie nur, warten Sie nur, bald spinnen Sie sich auch ein!«

»Ach lassen Sie jetzt das Variieren klassischer Zitate und verschaffen
Sie mir lieber einen recht netten Armen -- eine ganze Familie
meinethalben! Ich hab keine Zeit mehr zu versäumen -- es ist ja schon
halb sechs!«

Er verschwand wieder in seinem »Salon«. Mit gehobenen Gefühlen sperrte
er seinen Schrank auf, um daraus das nötige Geld zu entnehmen. Dabei
pfiff er leise. Ja ja, er war ein Mann, der im Bewußtsein seines vollen
Schrankes auf alles pfeifen konnte: auf seine Stellung als
Ministerial-Vizesekretär, auf die ganze Welt. Er »diente« nur »um etwas
zu sein«. Die Arbeit war ihm ganz Nebensache. Und solche Herren
Ministerialbeamte brauchten auch gar nicht zu arbeiten. Es genügte, wenn
sie alle Monate ihren Gehalt behoben, täglich dem Amte einen kurzen
Besuch abstatteten, die anderen, die Arbeitsbienen, in ihrem Fleiße
aufhielten und sich im übrigen der »Gesellschaft« widmeten -- und dem
Vergnügen! So einer war der Doktor von Fritzburg. Und es war schade um
ihn. In seinem Innern war er immerhin ein besserer Mensch, als all die
»feinen« seichten Kerle, mit denen er in Verkehr stand -- als all die
koketten seelenleeren und nichts weniger als spröden Damen, denen er den
Hof machte -- wenn's ihn just freute! Ja! Einem echten Weibe war er eben
noch nicht begegnet, der eitle Fant.

Als er gedankenvertieft -- ein ganz ungewöhnlicher Zustand bei ihm!
-- durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich der Müller ein. Der war
etwas Einzigartiges von einem Menschen gewesen in seines Vaters
vornehmem Hause. Eine Art »Mädchen für alles«. Er klopfte Teppiche,
machte alle Gänge, schleppte unglaublich große Lasten und war immer voll
Humor -- »an echta Weana.« Dieser prächtige Kauz wurde aber ganz
plötzlich von der Köchin des Hauses eingefangen und von der Stelle weg
geheiratet. »Aus dem Menschen will ich schon was machen!« hatte die
Agnes damals mit unglaublicher Zuversicht gesagt.

»Na, was wird sie wohl aus ihm gemacht haben?« dachte Doktor Fritz
spöttisch lächelnd, als er dieser Erzählung seiner verstorbenen Eltern
gedachte. Er hatte sie, solange Mama lebte, zu Weihnachten stets
aufgesucht, die arme kinderreiche Familie. Seit Mutters Tode aber ... Na,
du lieber Gott! Ein junger lebenslustiger Mann hat eben anderes zu tun!
Heute aber, heute will er wieder erscheinen bei den armen Teufeln -- als
Engel des Wohltuns! Als großmütiger Geber, ein Spender, ders tun kann!

Wie sie da schauen werden die beiden Alten und der Rudi, der Pepi, der
Poldl, der Gustl, der Franzl und ... noch einer -- na! Ist gleich! Und
die kleine Mizzi! Ja, das war wirklich ein herziger Schneck gewesen,
das!

Schon stand er in einem »Basar«, Abteilung »Kinderspielsachen«. Puppen,
Schaukelpferd, Trommel, Hampelmännlein, Wurstel und der lieben lustigen
Dinge mehr, waren bald gewählt.

»Aushalten!« rief da Doktor Fritz plötzlich. »Aushalten!«

Verblüffte staunende fragende Blicke der dienenden »Feen«.

»Ich kann das alles nicht brauchen. Bitte etwas für -- Erwachsene!«

Er hatte in seinem schönen Eifer nämlich vergessen, daß die »armen
Kleinen« mittlerweile ja auch groß geworden sein mußten -- »Rudi« und
»Pepi« mußten sogar älter sein als er! Vielleicht auch der »Poldl«.

»O bitte sehr!« sagten die »Feen« und wiesen nach einer Glastür. Er trat
ein und stand in der Abteilung für »Erwachsene«.

»Das geht ja wie im Märchen«, dachte sich Fritzburg. Rasch, nervös, ohne
viel Bedenken wählte er.

»Aber Zigarren!«

»O bitte sehr!« sagte nun die »Königin« der »Feen« -- sie gefiel ihm!
-- »Johann, holen Sie dem Herrn Zigarren von drüben!«

»Der Herr« unterhielt sich einstweilen in seiner eroberungslustigen und
siegessicheren Weise mit der »Feenkönigin«.

»Jetzt aber einen Wagen!«

»O bitte sehr! Johann, besorgen Sie dem Herrn einen Wagen!«

»Fiaker? Komfortabla?«

»Alles eins!«

Der Doktor machte der »Feenkönigin« das Kompliment, daß sie nicht nur
zaubern, sondern auch bezaubern könne. Und ehe der grinsende Johann mit
dem Wagen erschien, hatte er ein Stelldichein erwirkt. Ja, er war eben
»ein verfluchter Kerl!« Ihm konnte _keine_ widerstehn! Keine? Hm! Nun
ja! Vor kurzem hatte ihn eine gründlich ablaufen lassen im Abenddämmer
drüben im Stadtpark. Dumme Gans! Auch _die_ wird nachgeben müssen! Er
hatte es sich in den Kopf gesetzt! Sie konnte ihm nicht auskommen -- er
kannte ihren täglichen Weg.

Der Einspänner, den Johann »brachte«, trat ein und fragte:

»Is weit, gnä Herr? I bin um siemi bstöllt.«

»Weit? Himmel Herrgott! Wo wohnen denn diese Leut nur gschwind!«

»Ja i waß nit!« sagte der Rosselenker »feanzerisch«. Die Feen lächelten.

»No wirds?« fragte der Kutscher jetzt schon ungeduldig. Als dem
verzweifelten Doktor noch immer keine Adresse einfiel, schnalzte der
Fahrgewaltige laut mit der Zunge und sagte lakonisch: »Dann suachn S'
Ihna an andarn! Wüha Bräunl!«

»Halt! Also fahrn ma halt!«

»Nach Nußdorf naus?«

»Na, ins nächste Kaffeehaus! Dort werd ich im »Lehmann« nachschaun.«

»Den »Lehmann!« Wohnungsadressen!« rief Doktor Fritzburg dem
händereibenden Kellner im »nächsten Kaffeehause« zu.

»Schackerl, den »Lehmann!« Was belieben sonst?«

»Was Sie wollen!«

Der »Lehmann« kam.

»Ma -- Me -- Mi -- Mo -- Mü -- -- Müller!«

So! Zwei -- drei Spalten voll »Müller!«

Wie hieß jener Müller nur? Richtig, Josef! Zehn -- fünfzehn -- zwanzig
»Josef Müller«!

»Daß der Unglücksmensch aber auch Müller heißen muß!« rief der
gepeinigte »Wohltäter« halblaut vor sich hin und schlug mit der Faust
auf die unglaublich vielen »Müller« ein.

»Was manan S' denn für an Müller, Herr Nachbar?«, fragte jetzt ein
behäbiger Herr vom Nebentische sehr freundlich.

An der Tür erschien aber schon das unheimlich große runde blaurote
Gesicht des ungeduldigen Einspänners.

»Gnä Herr, Zeit is! I vasam sunst mei bstöllte Fuahr!«

»Gleich! Gleich! Welchen Müller, fragen Sie? Ja, mein Gott! Sie kennen
ihn ja doch nit!«

»No, sagn können Sies ja doh! Dös kost ja nix! I kenn nämli an Josef
Müller.«

»Der, den ich meine, hat eine Menge Kinder: Rudi, Pepi, Poldl, Gustl,
Franzl und ein Mäderl, Mizzi heißts.«

»Und a Frau, geltn S', a recht a riegelsame resche Frau, die nach jedn
zehntn Wurt sagt: »No wia-r-i halt sag!«

»Ja, die is! Die ists!«

»Na, alsdann! Warum sagn S' denn dös nit glei?«

»Bitte, wo wohnt denn der Mann?«

»In Margaretn drentn, wo er schon seit dreißg Jahr wohnt. In der
Gartengass'n Numaro 5.«

»A, richtig ja!«

»No also! An andersmal mirkn S' Ihna die Adreß von Ihnari Kundschaften
besser!«

»Der Kerl schaut mich gar für einen Ladenschwengel an!« dachte der gute
Doktor erheitert und doch ein wenig gekränkt. Seine Intelligenz war
beleidigt worden.

»Fahr ma, gnä Herr?«

»Ja, fahr ma!«

»Nit amal bedankn kann si der Lackl!« rief ihm der gefällige
Auskunftgeber laut und zornig nach.

Nun mußte der durch den Einspänner rasch hinausgedrängte »Wohltäter«
hell auflachen. Mit Aufwand aller Beredsamkeit und Anpreisung eines
»aber schon _sehr_ feinen Trinkgeldes« konnte er den brummigen Kutscher
bewegen, noch vor einer Delikatessenhandlung stehn zu bleiben. Als sie
endlich in der stillen Gartengasse anlangten, schneite es lustig.

Der Hausmeister erschien dienstbeflissen und half die schwere Menge
»Packln« hinauftragen. _Hinauf?_ Ja, die Müllers wohnten jetzt im ersten
Stock! »Na freilich, in so einem Haus kann man sich das schon leisten!«
dachte Fritzburg etwas hochmütig. Als aber der durch das Trinkgeld
geradezu liebenswürdig gemachte Hausmeister in das dunkle Vorzimmer
hineinrief: »Gnä Frau! Gnä Frau! Es is wer kumma!«, war ihm das denn
doch zu viel. Die ehemalige Köchin -- »gnä Frau!« Er hätte beinahe laut
aufgelacht, hatte aber dazu keine Zeit finden können: durch die rasch
aufgerissene Tür stürmte eine ziemlich groß gewachsene Frau auf ihn zu
und drückte ihm mit dem hellfreudigen Rufe: »Grüaß di Gott, Gustl!«
einige kräftige Küsse auf die Lippen, daß es nur so schmatzte.

»Aber Frau Müller! Was tun S' denn?«

»Jessas Maria! Wer is eppa denn?«

»Ich bins! Wissn S', der Fritzburg, der kleine Fritzerl aus der
Maximilianstraße.«

»Was? Der klane Fritzl? Den i auf'n Händn tragn hab, und der allweil in
Lutschl nöt mögn hat und allweil »Mima« statt »Mama« gsagt hat? Na
wia-r-i halt sag!«

»Ja, der!«

»No, is aber dös liab von Ihna! Da muß i Ihna ja glei noh a Bußl gebn!«

»Halt! Sie zerbrechen mir ja alles! Da schaun S' her!«

Nun ging ein Fragen los, ein Bewundern und Verwundern, ein Lachen und
Freudengeplapper, ein Gerührtsein und verzücktes Schluchzen. Das
besorgte alles Frau Müller -- der gute Doktor brauchte bloß zu staunen,
rang nach Atem und wünschte in Gottes Namen lieber bei der etwas weniger
lebhaften Tante Hildegard zu sein oder wenigstens bei der »Pfeife«. Wie
da loskommen?! Und wenn die andern auch so, so -- »lebhaft« wären! Du
lieber Gott!

Um den Sturzbach ihrer Rede wenigstens abzulenken, fragte er nach den
»Kindern«.

Da erfuhr er denn zu seinem sprachlosen Erstaunen, daß der »Rudi« nicht
etwa ein armer Taglöhner oder Dienstmann, sondern -- Professor sei. Der
habe ein recht liebes Frauerl, »das kan Stolz net kennt.« Der »Pepi«
aber -- der Medizin-Doktor war, habe eine, die so »gar net zu uns paßt«.
»Liawi Kinderln« aber hätten sie beide. Nur seien jene des Professors
»so viel brav«, während die vom »Pepi« »grad tun, als warns die reinen
Grafn«. Der käme auch seltener zu ihnen, der »Pepi«. Er tät schon mögn
-- aber ... »Ja, mein Gott, a Doktor braucht a reichi Frau! No, wia-r-i
halt sag!«

»Na und der Poldl -- der Leopold, wollt ich sagen?«

»Ja, der Poldl!« Die Mutteraugen leuchteten. Der sei Elektrotechniker,
gut angestellt und so tüchtig, »daß 's a wahre Freud is.« Der Gustl
hingegen sei Bahnbeamter -- und den habe sie eben jetzt erwartet. Er
müsse jeden Augenblick kommen.

»Und der Franz?« fragte Fritzburg immer gespannter.

Der Franz war »Wasser-Inschenir« beim Magistrat -- »aa a ganz tüchtiger
Kampl.«

»Und der -- wie heißt der kleine Jüngste?«

»Den Edi meinen S'?«

»Ja, den Edi! Richtig, Edi!«

»Ach der! Der macht uns wohl a kleins bißl Sorgen.«

»Ist er leicht gar mißraten?«

»A beilei! Aber a wengerl flott is er halt! Er is noh Student, wissn S'
auf der Universität.«

»Na, das macht nix -- Ihre Kinder können gar nit schlecht sein!«

»Das is schon richti,« sagte Frau Müller einfach und seufzte leise auf.
»Aber a Schlankl is der Edi doch -- wissn S', er tut dichten!«

»Aha! Deshalb!«

»Ja, die Dichter sein halt alle a weng »Lumpn« -- und dös fürcht i halt!«

»Aber Frau Müller! Und was ist es denn mit der Mizzi, der
Ganz-Jüngsten?«

»Ja, die Mizzi! Ja, die Mizzi!«

Dem Herrn Ministerial-Vizesekretär wurde es förmlich warm ums Herz, als
er das glückliche Mutterantlitz betrachtete, das lächelnde, das
freudestrahlende Mutterangesicht. Wie lange, lange ists her, daß er
nicht mehr in das liebe sanfte Angesicht seiner Mutter schaute? Ach ja!

»Was ist denn die?« fragte er warmfühlig.

»Die? Die ist Bürgerschullehrerin! Sie, Herr Doktor, die müssn S' sehn!
Da wern S' schaun!«

»Ist sie so hübsch?«

»Ach was, »hübsch«! Pah -- »hübsch«! Eine Schönheit is 's! Marand Josef!
I versünd mi ja grad! No wia-r-i halt sag!«

»Das is ka Sünd, Frau Müller. Und wissn S' -- schöne Mädls, die seh ich
auch gern -- ja-a!«

»Glaubs schon. Aber das sag ich Ihnen glei: spassn laßt die Meine nit!
Die waß, wers is!«

»I bin wirkli schon neugierig! Na, und was is 's denn eigentlich mitn
»Herrn« Müller?«

Der sei jetzt »Pensionist«, wie der Professor immer lachend sage. Alle
Kinder helfen zusammen, um den Eltern, die sich früher um sie gerackert
und geplackt hätten, das Dasein so angenehm wie möglich zu machen. Die
Schwiegertochter Anna, »in Professor sei liabs Frauerl« vergöttere ihre
Schwiegermutter geradezu ... Jawohl!

Endlich kam der gute behäbige Müller nach Hause und endlich auch
-- Mizzi. Als der Doktor die erblickte, gab es ihm einen »damischen Riß«
-- das war ja jene eine Einzige, die ihn ablaufen ließ, als er ihr
»nachstieg«, ihr »zusetzte« und endlich -- frech war mit ihr! Wie eine
beleidigte Königin hatte sie sich damals vor ihm aufrichtet und ihn mit
einer Gebärde und mit einem Blick abgewiesen, dem er gehorchen _mußte_.

Mizzi hatte draußen erfahren, welcher »Wohltäter« drinnen im Zimmer sei.
Freudig trat sie über die Schwelle -- wie erstarrt stand sie vor dem
rasch erkannten »galanten Herrn«.

Mit feinem Takte, den er bewundern mußte, verwischte aber das schöne
stattliche Mädchen rasch das Peinliche der Lage und benahm sich den
ganzen Abend wie eine »vollendete Dame«.

Es kam Gustl, der Eisenbahner, Edi, der Dichter, Poldl, der
Elektrotechniker, und später auch der »Herr Professor«, ein fideles
fesches Haus, wie alle andern. Mizzi spielte in wahrhaft künstlerischer
Weise Klavier, Edi königlich die Geige und die anderen Brüder sangen,
beinahe wie die Opernsänger. Lustig wars und so gemütlich, so
anheimelnd, so ungezwungen harmlos, daß sich Fritz, als er spät nachts
durch die stillen Straßen auf dem weißen weichen mondscheinbeglänzten
Schneeteppich heimwärts duselte, mit Wehmut und Freude sagen mußte, so
unbefangen frohe Stunden habe er schon lange nicht mehr erlebt -- so
warm gemütliche aber wohl noch nie! Er kam sich innerlich so arm vor
gegen diese heiteren prächtigen natürlichen Menschen. Und neben dem
stolzen schönen Mädchen -- so klein, so unwichtig und ganz und gar
unsicher.

Nächsten Tages aber war er auf Mizzi wütend. Es kam ihm zum Bewußtsein,
wie herablassend milde sie ihn behandelte, wie vornehm nachsichtig -- ihn
»den Wohltäter aus Laune und Langweile«. Als sie ihm dieses böse Wort
sagte, lächelte ihr rosiger Mund, ihr großes leuchtendes Blauauge aber
blickte ernst dabei, abweisend -- schier mitleidig!

Das verdroß ihn. Aber in seinem Innern wurde ein Sehnen wach. Und es
wuchs mit jedem Tage und trieb ihn hinaus in die stille schmale Gasse,
in der die alten kleinen Häuser neben modernen Zinskasernen so
bescheiden traulich stehn -- steinerne Erinnerungen an das alte
gemütliche Wien. Er log sich selbst vor, daß er ja nur Edi, den Dichter,
besuchen wolle, »der wirklich ganz nette Sachen mache und die Geige
spiele, wie nicht bald einer«. Tief verletzt durch des stolzen Mädchens
vornehm abweisendes Wesen, ging er jedesmal mit dem festen Vorsatze
davon, _niemals_ wieder zu kommen.

Alle Qualen der Eifersucht, all die bittere Pein des Verschmähten mußte
er durchleiden. Edi, der Dichter, sah das lange mit an. Endlich -- es
war an einem lauen Frühlingsabend -- sagte er zu dem älteren Freunde
ernst:

»Ich sehe, du leidest durch sie. Aber glaub mir, du bist ihr nicht so
gleichgültig, als sie tut. Ich kenne sie genau. Sie kann nur nicht die
Ueberzeugung gewinnen, daß du _wirklich_ gut bist, daß du wohltätig sein
könntest aus dir selbst heraus, kurz, sie hält dich für einen etwas
seichten Menschen -- und die mag sie nicht. Ich rate dir: sei fest,
mannhaft trotzig, zeig es ihr nicht, daß du leidest durch sie und gib
dich ganz, wie du bist -- das heißt, streife alles Gemachte und Gezierte
ab und schau in dich hinein, ob du wirklich ein ganzer Kerl bist -- ein
ganzer _Mann_. Und lerne _arbeiten_! Dann kanns nicht fehlen!«

Diese Rede erfüllte ihn anfänglich mit geheimem Ingrimm. Der »junge
Bursche«, der »grüne Junge«, wagte es, so zu ihm zu sprechen -- zu ihm,
dem Ministerial-Vizesekretär! Er glaubte _herabgestiegen_ zu sein zu all
diesen »Vorstadtsleuten« und fühlte mit jedem Tage mehr, daß sie _alle_
über ihm standen, daß selbst die beiden wackeren Alten trefflichere
Menschen waren, als so manche aus der »feinen Gesellschaft«, in der er
verkehrte.

Endlich gestand er sich das alles ehrlich ein. Und allgemach vollzog
sich nun in ihm eine schöne tiefe Wandlung: er erlebte die
Auferstehungsfreuden seines inneren Menschen. Und daraus erwuchs ihm die
Kraft, um das prächtige warmherzige Mädchen ernstlich und mannesstolz zu
ringen. Es war ein harter, für ihn oft verzweifelter Kampf, ein Kampf,
der ihm die Seele, die darbende verarmte Seele, im tiefsten Grunde
aufwühlte und läuterte. Endlich errang er sie. Es war am
Weihnachtsabend, ein volles Jahr nach seinem ersten Besuche, als sie ihm
als köstliches Weihnachtsgeschenk das Geständnis machte:

»_Seelisch_ gehöre ich dir längst an. Ich wäre aber _nie_ die Deine
geworden, hätte ich gefunden, daß wir nicht zusammenpassen. Lieber hätt
ich mit mir gerungen, lieber wär ich allein geblieben! Glaube mir, ich
habe mit dir gelitten. Aber ich konnte dir die Qual nicht ersparen. Sie
war notwendig!«

Ja, sie _war_ notwendig! Er hat dies nicht nur ihr zugestanden, sondern
auch -- mir.



Am Wege.


Wie ist das gewesen? Wie ist das nur gewesen ... Weit, weit zurück
wanderten seine Gedanken. Bis in die Tage der Jugend, in die sonnigen
stillen, ach so schönen, schönen Tage der Jugend ...

Seine Hand glitt von dem liebreizenden Blondköpfchen des
Wirtstöchterleins langsam herab. Und die Kleine, die ihm diese
Erinnerungen in der Seele wachrief, so daß sie aufstanden wie aus langem
Schlaf, die liebe Kleine sah scheu und großäugig zu ihm auf. Sah, wie
sein Blick weltfremd in unfaßbare Fernen ging, und der lange angegraute
Bart über seiner Brust seltsam zitterte. Da er sich nicht regen wollte,
schlich sie langsam zur Tür. Dort schaute ihre scheue Hoffnung nochmals
und wieder und wieder zurück. Endlich huschte sie hinaus. Und hatte sein
vergessen.

Der Mann aber dort in der dunklen Ecke lauschte der Erinnerung. Und die
sprach: So wars: die Lichter brannten noch auf dem kleinen Tannenbaum,
da war sie herübergekommen aus dem großen Hause, das sie das Schloß
nannten. War gekommen, so hold, so still und so scheu, wie vorhin da das
blonde Wirtstöchterlein. Und vorher, wie oft, wie so oft war sie da
gekommen zu ihm, dem großen Knaben, und hatte sich von ihm erzählen
lassen von all den wundersamen Dingen, die seine dämmernde Kinderseele
schaute und schuf. An jenem Weihnachtsabend aber war das ganz seltsam.
Da kam sie so still und so feierlich. Und hatte ihn flüsternd gefragt:
Weißt du, wo das Glück wohnt?

Er sah in die Ferne und sah bunte Märchenwelten aufsteigen. Dort, dort
wohl wohnte das Glück. Wo denn wohl sonst? Sie aber sprach wieder leise:
»Das Glück wohnt bei euch.« Da fielen die Märchenwelten in seiner Seele
jäh in Nacht und Finsternis. Und er sah nach der kleinen blonden
Freundin -- schier böse. »Wer, wer sagt dir das, Elsa? Wer sagt Dir
das?«

Und von ihren Lippen kam es zaghaft: »Die Mutter.«

Wie sie das sagte damals! Ihre Seele weinte dabei. Und langsam, langsam
stiegen aus den bangen Kinderherzen die Tränen in die großen scheuen
Augen.

So war das damals. Und sie hatte geweint dabei. Hatte geweint, weil in
ihrem großen schönen Hause das Glück nicht wohnte. Dort wohnte der
Unfrieden. Auf leisen Sohlen schlich das Leid dort durch die vielen
schönen Zimmer, wo so viel, o so unausdenkbar viel Glück und Freud'
hätten wohnen können. So dachte er damals und war dem stolzen herrischen
Manne gram, durch den die stille blasse Frau, der kleinen Freundin
Mutter, so viel hatte erdulden müssen.

Und die, die hatte gesagt, bei ihnen, in ihrem kleinen Häuschen wohne
das Glück. Der Knabe konnte das nicht fassen. Der Jüngling begriff's.
Ja, das Glück wohnte bei ihnen, wohnte so lange ungetrübt bei ihnen, als
der Vater lebte, und hatte ihm so lange ungetrübt geblüht, bis der Vater
von drüben, der herrische Mann, zwischen ihn und Elsa getreten war.
Stolz gab er ihm zu wissen: für so armer Leute Sohn sei ihm seine
Tochter zu gut. Er solle lassen von ihr, wolle er nicht haben, daß er
rauher käme als dies erste Mal -- es wäre denn, so fügte er spöttisch
hinzu, er käme als reicher Mann wieder. Da rief der Trotz aus dem
Jüngling: ja, das werde er! Er werde erst wiederkommen zu ihm, wenn er
ihm ebenbürtig sei in den Stücken, die ihm, dem Geldstolzen, so über
alles gingen. Er werde erst wiederkommen, bis er so reich, reicher sei
als er selber.

Und so war er den Weg gegangen, den harten Weg, den der Bettelstudent
gehn muß durch all die Lehrschulen, bis sie ihn reif erklärten für die
Schule des Lebens. Das bescheinigten sie ihm mit dem Diplom eines
Ingenieurs. Der Staat bot ihm eine bescheidene Stelle. Er schlug sie
aus. Er mußte ja den Weg gehn, der zum Reichtum führt. Und der ist lang
und hart und mühselig, ist ein Weg in die Irre, wenn nur immer die
eigene Tüchtigkeit die Führerin ist und nicht auch das blinde Glück. Und
so wanderte er. Und mit ihm wanderten treu und unverdrossen Sorge und
Enttäuschung. Vor ihm her aber zogen immer Sehnsucht und Hoffnung. Und
lockten und lockten. Immer wieder, immer und immer wieder.

Und zu Hause warteten sie. Mutter und Braut. Die stille blasse Frau im
Schlosse drüben war zu müde geworden. Sie hatte nur auf den Tod
gewartet. Den Erlöser. Weit, weit weg war er damals von der Heimat -- und
viel, o viel weiter noch von seinem Ziele. Da endlich, endlich lächelte
ihm das Glück. Weit draußen war's, in den Niederlanden. Und endlich,
endlich gelang das Große, das Ersehnte: er konnte seiner Gesellschaft
eine Erfindung zur Verfügung stellen, die einen Geldstrom in ihre Kassen
lenkte und ihn selbst zum reichen Manne machte. Noch ließen sie ihn
nicht frei. Noch mußte er an der Spitze des ins Riesenhafte gewachsenen
Unternehmens bleiben. Erst wenn alles in den festen Bahnen strammer
Ordnung und sicherer Gewöhnung sei, könne er frei werden. Kaum, daß sie
ihn über die Weihnachtsfeiertage ziehen ließen. Seiner Sehnsucht nach ...

Verwundert blickte er um sich. Und traulich nicht -- schier fremd grüßte
ihn die kleine dürftige Wirtsstube, die einstens den armen
Bettelstudenten so froh gegrüßt hatte. Ein Fremder in der Heimat.
Niemand kannte ihn. Und niemand sollt' ihn erkennen! Freude rief's in
ihm und Trotz. Sie, sie sollten ihn zuerst begrüßen -- seine Berge! Und
dann Mutter und Braut.

Da hörte er draußen in der großen Gaststube die Männer durcheinander
sprechen. Dies und das. Nicht was sie sprachen, wollt' er erlauschen
-- nur erfreuen wollt' er sich an der solange, lange entbehrten
heimatlichen Mundart. Eben wollt' ihn diese Freude hinausziehen zu den
Männern. Da hörte er einen sagen: »Also hat sie's halt auch dermacht,
die alt' Brunnerin.« -- »Ja ja,« sagte drauf bedächtig ein anderer,
»hab's schon g'hört. Gestern is verstorben. A recht a traurig's
Weihnachten das.«

Da war der Mann drinnen bleich geworden. Sein Herz stand schier still.
Er ging zu den Männern hinaus.

»Meint ihr die Frau Brunner drüben, die in Almau?«

»Dieselbige, wuhl.« Sie sahen erstaunt nach ihm.

Er aber warf den Pelz um seine Schultern und ging hastig zur Tür hinaus.
Die Männer, die am Postschlitten arbeiteten, um die gebrochene Kufe
wieder brauchbar zu machen, schauten ihm staunend nach. »Wird ihm halt
doch die Zeit lang worden sein und er geht ein Stückerl voraus.« So
meinten sie.

Die lange Verzögerung, die durch den kleinen Unfall eingetreten war,
hatte ihn sehr verdrossen. Jetzt war es ihm gleich. Die Mutter wartete
ja nimmer. Und Elsa wußte noch gar nicht, daß er kam. Er hatte bloß der
Mutter geschrieben. Elsa sollte erst gerufen werden, wenn die Lichter
brannten am Baum. Wenn die Lichter brannten ... Nun brannten wohl nur
zwei Kerzen im ganzen Hause. Sie brannten zu Häupten der Mutter. Sie
hatte ihn nicht mehr erwarten können ...

Müde trug er das junge schwere Leid über den Schnee in den wallenden
Nebel hinein. Da rief die Stimme der Wirtin hinter ihm her: »Herr
Brunner! Herr Brunner!« Sie hatte ihn also nachträglich doch erkannt.
Wohl an seinem jähen Erschrecken und Erbleichen.

Er schlug rasch einen Nebenweg ein. Der Schlitten sollte ihn nicht
einholen. Er wollte nicht, daß das unbeholfene Mitleid dieser guten
Leute zu ihm spreche.

»Herr Brunner! Herr Brunner!« rief die Wirtin wieder. Und »Herr Brunner!
Herr Brunner!« rief eine tiefe männliche Stimme langgedehnt seinen
Namen. Und die Stimmen klangen ihm durch den Nebel wie aus weiter
unermeßlicher Ferne und klangen ihm nicht wie Menschenstimmen. Hinter
ihm tastete das Mitleid, vor ihm schritten Leid und Weh und in ihm war
alle Freude erstorben. Die Mutter konnte den Sohn nimmer erwarten ...

Da stand plötzlich ein ungeheurer Zorn in ihm auf wider den Mann, der
ihn einst vom blumigen Weg hinweggedrängt hatte auf die steinige
staubige Straße, auf der die Menschen nach Geld und Gut und Reichtum
jagen.

Wohl: er hatte es erjagt, dieses »Glück« -- aber _wie_ kam er heim! Ein
armer, jammervoll armer Reicher! In den fünfzehn Jahren des Kämpfens und
Ringens, des Hoffens und Verzweifelns war seine Seele flügellahm
geworden. Und schlecht, schlecht war er geworden da draußen im wüsten
Kampfe, im gierigen Losstürmen auf das eine, eine niedere und ach so
schwer erreichbare Ziel: das _Mitfreuen_ hatte er schier verlernt -- das
Mitfreuen an dem ehrlichen Erfolg anderer. Und mehr als einmal war er
dem gierigsten und schadenfreudigsten Sieger über den Edelsinn erlegen:
dem Neid. Wie ein Almosen warf ihm das Leben endlich Gold hin, nachdem
es ihm vorher den Reichtum der Seele geraubt hatte. Frühen Altersschnee
in Haar und Bart -- ein Irrwanderer, kehrte er heim. Und daran war nur
er schuld, er, der hartherzige geldstolze Mann ... Niemand als der?
Niemand sonst als dieser Mann?

Da schritt die Reue neben ihm und flüsterte ihm zu: »Denk daran! Ist sie
nicht gekommen? Ist sie nicht zu dir gekommen in die Fremde mit einem
gar warmen, gar lieben Brief? »Liebster,« so hat sie zu dir gesprochen,
»ich bin nun mündig, der väterlichen Gewalt entwachsen. Das kleine
Vermögen der Mutter ist mein. Es schützt uns vor Not und Armut -- komm,
o komm! Laß den freudentötenden Kampf nach Geld und Gut und komm! Such
dir in der Heimat eine bescheidene Stelle und laß uns unser Heim
errichten. Drinnen wird das Glück wohnen, das leuchtende
seelenerwärmende Glück, wie es einst gewohnt hat bei deinen Eltern.« Und
du, du hast gejubelt. Da aber bäumte sich dein Stolz auf und dein Trotz.
Du wolltest dich nicht demütigen, wolltest nicht als Besiegter hintreten
vor den Mann, der nur Spott und Hohn für dich gehabt hätte. Und du
gingst den steinigen ausgedorrten Weg weiter. _Durftest_ du das?
Durftest du _ihr_ und durftest du der Mutter all die lichten Stunden
nehmen, die ihnen geworden wären, hättest du der Stimme der Liebe und
nicht der Stimme des Trotzes gefolgt? Durftest du das? Wogen dir Spott
und Hohn dieses Mannes mehr, stand dir dein Ehrgeiz höher als all die
Freuden, die du erleben und geben hättest können? Die stillen sonnigen
Freuden, die die Tausende, die dem gleichen Ziele zuwanderten und
zuwandern, nie und nimmer erleben und geben können?«

So sprach die Reue. Und ihm war, als schritten ungesehen im Nebel neben
ihm all die ungezählten Hunderttausende, die vor ihm und mit ihm
denselben steinigen Weg gewandert sind -- und am Wege liegen blieben.
Ein Grausen überkam ihn. Wie oft war er selber daran gewesen, umzusinken
und zu verschmachten. Er wagte nicht aufzuschauen. Furcht hatte die Reue
abgelöst. Sie lauerte nur darauf, ihm im Nebel die bleichen starren
Gesichter aller derer zu zeigen, die mit verdorrten Seelen durchs Leben
gingen und am Wege erlagen. Er sah nicht auf und sah nicht links und sah
nicht rechts. Neben ihm aber hallten die gespensterhaften Schritte, die
das Ohr nicht, die nur die Seele schaudernd vernimmt. Sie hallten,
verwehten und erstarben. Und endlich fühlte er nur _eine_ neben sich:
die Mutter. Die aber sah mit hellen Augen nach ihm und lächelte ihn an
mit jenem lieben stillen Lächeln, das sie immer so tapfer vor Leid und
Weh zu stellen wußte. Da tastete mit sanften seidenweichen Fingern die
Hoffnung wieder leise an seine Seele. Ein Drängen kam in ihn
-- unerklärlich froh. Und um ihn her war ein Flüstern, wie es oft an
stillen Sommertagen geheimnisvoll über Wald und Fluren zittert und
haucht. Schneller schritt er aus und fiel fast hin. So glatt war mit
einem Male der Weg unter dem Schnee. Da rief eine Stimme warnend hinter
ihm her:

»Sie, Herr! Sie! Nit da! Nit da!«

Er hörte kaum darauf. Da klangs lauter, ängstlicher, drängender:

»Herr, Sie brechen ja durch!«

Da krachte und klirrte und kreischte es auch schon unter seinen Füßen
und stöhnte und seufzte so seltsam, als käm es herauf aus unendlichen
Tiefen. Mit Schrecken hatte er erkannt, daß er im Nebel auf den
flachuferigen kleinen See geraten war. Rasch kehrte er um. Da stand ein
armes kleines Mutterl vor ihm, dicht in ein altes Wolltuch gehüllt.

»Da hats aber graten!« meinte sie halb ernst, halb schalkhaft. »Is ja
noch gar dünn, das Eis! Mitten drin is er 'leicht gar noch offen, der
See. Ah wuhl.«

Mit neugierigen Augen guckte sie nach dem stattlichen Manne, dem der
Rauhfrost Haar und Bart und Pelz so dicht umsponnen hatte, daß er
aussah, wie der König Winter selbst. Oder war der weiße Zauber erstanden
aus frosterstarrten Reugedanken all der Tausende, die da an ihm
vorübergeisterten?

Er dankte dem Mutterl warm, gab ihm Geld und ging. Sorge und Sehnsucht
trieben ihn fort. Das Frauerl aber, das arme, rief ihm erschreckt nach:

»He! Sie, Herr! Sie müassn Eahna girrt haben! Das ist ja zviel! Das is
ja um Gotts Willen viel zviel!«

Er schritt aus. Plötzlich wandte er sich um. Er wollte doch dem guten
Weiblein nicht ein Almosen hingeworfen haben -- seiner Lebensretterin!
Und _wie_ ers gab, wars ein Almosen. Also fragte er:

»Hat's Mutterl wohl Kinder?«

»I freil wuhl -- ihra zwölfi!«

»Nun, dann machen Sie den Kindern heut eine rechte Freud, bitte.« Und er
gab ihr ein zweites Goldstück. »Von einem, dem heut eine große Freude
gestorben ist.«

Sie starrte sprachlos auf die Goldstücke in ihrer Hand, den
Freudenschreck im Gesicht.

»Is wohl schiar aso, wia d'Mutter gsagt hat. Muaß schiar aso sein.« So
brummelte sie vor sich hin.

Er wollte gehn. Dennoch blieb er und fragte, was denn die Mutter gesagt
habe?

»Ja, sehn S' Herr, uns ist just gestern aa a Freud gstorben, wia Eahna.
Freili d'Mutter, sie is schon recht alt, recht alt is schon gwesen. So
an etla neunzg Jahr. Ja. Aber daß just an _dem_ Tag hat gehn müass'n,
das is ihr so viel unliab gwesen. Schau, hats gsagt, i kann nix dafür.
Der Mensch kann si halt sei Sterbstund nit aussuachn. Ewi nit. I aber
habs tröst. Und drauf hats gsagt: schauts Kinder, es is halt in Herrgott
sein Willn, daß i just an dem Tag zu eahm auffikimm. Da kann i eahm ja
glei sagn: Herr, lieber Gott-Vater, der du so viele Engerln hast
-- schau, i hab drunt auf der Erdn aa so a hübschi Schoar Engerln, hoaßt
das halt -- Enkelkinder. Und da just heunt der Geburtstag is von dein
allerheiligsten Herrn Sohn, so mach denen drunt, dene arme Hascher, halt
amal a rechte Freud! Und dabei hats soviel liab gwackelt und deut mit
ihrn müadn Kopf. Ihre Augen aber san helliacht wordn und san nur so
ganga von oan zum ondan, wia zwoa lustige Schelma. Alli zwölfi sans
nämli dagstandn, die Kinder, und habns angschaut und habn si nit zrührn
traut. Nur aus d'Augn hat eahna so gwiß a liabigs Valanga gschaut. Da
hat das guati alte Häuterle glacht und hat gsagt: »I kenn engs schon an,
was eng jetztn da denkts, alle miteinander! Laßts eng nur nit d' Freud
verderben wegen meina! Laßts eng nur nöt d' Freud verderben!« Das is 's
letzte gwesen, was gredt hat. Und sie hat Wort ghaltn. Sie hat bitt für
ihre Enkelkinder.«

Dabei sah sie wieder die Goldstücke an. Dann erfaßte sie jäh die Hand
des gütigen Mannes und küßte sie unter tausend »Vergelts Gott!«

»Liabs Mutterl«, sagte er gerührt und fand zwanglos Klänge der
langentwöhnten heimatlichen Mundart wieder, »liabs Mutterl, das freut
mich, daß mich die Großmutter zu Ihnen gschickt hat. Aber sehn S', da
hätt ich beinah vergessen -- sie hat mir ja gesagt, drei, drei soll ich
Ihnen geben. Weil halt aller guten Dinge drei sind.« Er legte ihr noch
ein Goldstück auf die Hand und schritt schnell davon. Rasch hatte ihn
der Nebel aufgenommen.

Plötzlich überkam ihn eine treibende Angst: wenn Elsa den Brief geöffnet
hätte! Wenn sie ihn erwartete! Nach so langem, langem Warten jetzt noch
stundenlang warten müssen -- das nähme die letzten Kräfte, löschte der
sehnsuchtsdurstigen Seele alles Glühen aus ... Und wenn sie gar erfahren
hätte, er sei drunten in der Bahnstation gesehen worden und nicht mit
der Post gekommen -- was müßte sie denken, was erleiden!

Rasch klomm er die scharfansteigende Straße hinan. Sein Heimatsort lag
hoch. Und plötzlich trat er aus dem dichten Nebel ins Helle. In stiller
Winterpracht, übergossen von dem rosigen Lichte der scheidenden Sonne,
lagen seine Berge vor ihm, grüßten ihn und kannten ihn! Wie er auch,
verwirrt von der Majestät der Berge und der Majestät des Schweigens,
starr dastand: sein _innerer_ Mensch kniete vor all der göttlichen
Herrlichkeit und weinte und lachte, jubelte und betete und dankte Gott
für die erlösende Stunde dieses Wiedersehens und -- der Auferstehung.

Wie lange er so stillversunken und weltvergessen gestanden hatte -- er
hätts nicht sagen können. Als er aber weiter ging, wußte er: die Schätze
seiner Seele lagen nur verschüttet in ihm. Die Heimat gab sie ihm
wieder.

Als er endlich vor seinem schmucken bescheidenen Vaterhause stand,
funkelten droben die Sterne. Dunkel wars im großen Zimmer und daneben in
der kleinen trauten Kammer brannte ein spärliches Licht. Er wußte, was
für ein Licht, und wußte, wem es brannte ...

Zögernd drückte seine Hand die Klinke, auf der jene liebe Hand da
drinnen, ach, wie so oft, so oft geruht hatte. Und zögernd trat er ein.
Leise. Sein Herz pochte durch die Stille. In dem kleinen dunklen Vorraum
legte er Pelz und Mütze ab und strich sich die Eiskristalle aus Bart und
Haar. Behutsam, behutsam öffnete er endlich die Tür in die große Stube
-- da, wo einstens das Glück wohnte und aus stillen Augen lachte. Und
behutsam, behutsam schloß er sie wieder. Die Klinke aber gab, ins Schloß
zurückschnellend, einen gar seltsamen lauten, lange nachklirrenden
Klang. Schier wie ein fröhlicher Schrei hatte es geklungen: Da ist er!

Die Tür in der Wand gegenüber ging auf. Sein Herz erstarrte: dort auf
der Schwelle, umflossen vom milden gelblichen Lichte stand sie -- Elsa,
die Braut. Stand in der schneeweißen Schönheit des jähen Schrecks.

Langsam tat er einen Schritt und schwer, schwer und heiser rang es sich
aus seinem Munde: »Ich weiß es schon.«

Da tauchte hinter Elsa, in weiße Linnen gehüllt, eine Gestalt auf und
sah mit großen verwunderten Augen nach ihm -- seine Mutter.

Er taumelte erschüttert einige Schritte vor. Ein Stuhl stand im Weg und
im Dunkel. Er stürzte darüber.

Tief erschrocken eilten die Frauen herbei. Elsa kam mit dem Lichte.
Langsam hatte der Mann sich aufgerichtet und blickte totenbleich nach
der Mutter wie nach einer Erscheinung.

»Mutter -- bist du 's wirklich? Sie sagten -- sie sagten -- -- du seist
gestorben ...«

Die Frauen sahen sich sprachlos an.

»Die alt Brunnerin, sagten sie, sei gestern verschieden. Die von Almau
hier.«

Die Mutter faßte sich zuerst.

»Bibi ist gestorben, Franz, die alte Bibi.«

»Die -- alte -- Bibi ...« So hieß die alte Bibiana Brunner schon in den
Tagen seiner Jugend. Ein Lächeln trat in seine Züge. »Und hat ihre
Tochter nicht eine Menge Kinder?«

»Freilich hat die Bachlehnerin eine helle Schar davon. Ich mein, wohl
ein Dutzend.«

»So war ich also der lieben alten Bibi ein unbewußter Himmelsbote. Und
du, Mutter, du wolltest wohl eben, des Wartens müde und erstarrt von der
Enttäuschung, zu Bette gehn?«

Die Mutter nickte. Da schloß er sie in seine Arme. Nun war der seltsame
Bann gelöst, der auf ihren freudendrängenden Seelen gelegen war wie Reif
auf jungblühenden Blumen. Und es war, als wäre ein unsichtbarer Vierter
zögernd und unhörbar davongeschlichen.

Als die Dreie dann, froh vereint, unterm Baume saßen, erzählte der
glückselige Mann von seinem Wege hieher und sagte ihnen, er sei da
seinen harten schweren Lebensweg noch einmal gewandert mit all seinem
Leid und seinen wenigen, ach so armen Freuden. Nun aber sei er am Ziele
-- ein wandermüder Mann. Und nun wolle er endlich, endlich -- _leben_!
Wahrhaftig lebe der Mensch ja nur in Glück und Freude. Und wahre Freude
schaffe: _Liebe geben_. Je reicher wir Liebe geben, Menschenliebe geben,
desto reicher werde unsere Seele, desto tiefer und reiner unsere Freude,
desto schöner, desto gottähnlicher unser Leben ...

In dieses Gespräch hinein sangen draußen die Weihnachtsglocken feierlich
ihr weihevolles Hohelied.

Da standen die drei glücklichen Menschen auf und gingen durch die
funkelnde frostklirrende Sternennacht in die dämmerernste Kirche an die
Krippe des Gottmenschen, den sie ans Kreuz geschlagen hatten, weil er
Liebe, Liebe, Liebe gab in unausdenklicher Fülle.



Das goldene Seil.


Immer wieder mußte Mutter Bertram den Kopf schütteln und sich immer
wieder allerlei unruhsame Gedanken machen, so oft sie ihren Einzigen
heute anschaute. Der war so viel ein nachdenklicher Bub, ein
versonnener.

Was er denn heut wieder gar so sei, fragte sie endlich. Es sei nichts,
gar nichts weiter. So wars immer. Nie sagte er ihr, an was er eigentlich
denke, wenn er so dasitze und vor sich hinschaue. Nur ein einziges Mal
hatte er ihr einiges verraten, ganz schüchtern und verschämt. Und das
war so schön, so unerhört für das einfache Frauerl, daß es ganz stolz
wurde und sich nun immer damit tröstete: es wird wieder so was Schöns
sein -- laß ihn gehn in Gottes Namen.

Heute aber konnte sie sich mit diesem Troste nicht bescheiden. Es war
Christtag heut und der arme Bub wird wohl darüber nachdenken, wie so
wunderschön es wäre, wenn auch zu ihm das Christkind käme -- so in
rechter Weis nämlich: in Glanz und Schimmer und in Pracht und
Herrlichkeit. Ach Gott ja, das wollte sie ja selber gern; aber sie war
eine arme kränkliche Frau, die sich kümmerlich mit ihrer Strickmaschine
fortbringen und froh sein mußte, wenn sich zu ihrer stillen
Hausgenossin, der Frau Sorge, nicht noch ein gar rebellischer Herr
gesellte -- der Hunger.

Einstens ja, da wars besser, damals, als ihr Mann noch lebte. Damals war
ihr Gesicht noch nicht so blaß, nicht so spitz und nicht so voller
Linien und Furchen. Diese waren allgemach durch die herben Liebkosungen
ihrer stillen Hausgenossen entstanden und sie wirkten auf das zarte
Empfinden Ottis schier schmerzlich. Ganz besonders wenn die Mutter
lachte. Was sie noch immer gern tat. Dann kam ein Zug in ihr Gesicht,
daß man meinte, sie lache nicht, sondern weine.

Das empfand er gestern abend besonders herb. Da sprach die Mutter -- sie
konnte manchmal sein wie ein Kind, trotz aller Sorg und Müh -- vom
Weihnachtsabend. Wie schön es halt wär, wenn sie wieder einmal einen
gebackenen Fisch essen könnte und eine Wollhaube hätte, so eine recht
warme. Es friere sie immer so viel in den Ohren, wenn sie zur Kirche
gehe. Das malte sie so schön aus, plauderte darüber so harmlos und so
viel, daß sie ganz übersah, daß Otti sie immer trübseliger anschaute.
Mein Gott, einen Lieblingswunsch hat jeder Mensch. Und der von Mutter
Bertram war doch gewiß kein unbescheidener.

An das gestrige Gespräch dachte nun Otti. Er wollte der Mutter schon
längst einmal eine recht große Freude bereiten. Sein kühnster Wunsch
war, sie von der abscheulichen Strickmaschine zu befreien. Die werde sie
noch ganz krank machen, sagte er einmal erregt. Und die kleine
zierliche, naiv harmlose Frau sah in solchen Augenblicken zu ihrem
kräftigen Jungen auf -- schier verschüchtert wie einst zu ihrem Manne.
Und sie empfand dann in ihrer geistigen Abhängigkeit eine gar köstliche
Befangenheit. Geradezu beschämt fühlte sie sich oft ihrem Buben
gegenüber, der mit seinen zwölf Jahren so ernst war, während sie am
liebsten immer gelacht und gesungen hätte, wenn sich das für eine Frau
in ihrer Lage schickte. Sie nahm auch jetzt seine nachdenklichen Blicke
als stumme Vorwürfe und fragte deshalb ablenkend und nach Frauenart ganz
unvermittelt:

»Du denkst jetzt gewiß an das goldene Seil, Otti, gelt?«

»Ach Gott nein«, sagte Otti in seiner singenden Art und erhob sich. Es
war ihm ein Gedanke gekommen. »Du, Mutter, ich geh zum Frohner Toni in
die Stadt hinein. Bei der Rechenaufgab soll ich ihm helfen.«

»Hätt das nicht auch nach den Feiertagen Zeit?«

»Mich freuts grad heut.« Er hatte das ganz still gesagt, grüßte scheu
und rasch und ging zur Tür hinaus -- viel behender als es sonst seine
Art war. Die Mutter rief ihn nicht zurück. Wenigstens kommt er auf
andere Gedanken, dachte sie und arbeitete weiter.

Otti stampfte langsam durch den Schnee. Es fiel ihm gar nicht ein, zum
Frohner Toni zu gehn. Aber der ersehnte Fisch und die warme Wollhaube
zogen ihn nach der Stadt. _Sehen_ wollt er wenigstens diese beiden Dinge
in den Schaufenstern der Kaufleute und auf dem großen Fischmarkte. Und
ganz leise und ganz tief in ihm regte sich Hoffnung: vielleicht
geschieht ein Wunder. Er dachte das nicht, aber es war in ihm und trieb
ihn an.

So kam er an dem Teich vorbei. Der war hart und dick gefroren. Hie und
da lagen Eisschollen auf der glatten Fläche. Und Otti wußte: dort waren
die Luftlöcher für die Fische. Er griff unwillkürlich in die Tasche,
drinnen er seine Angelschnur wußte. Als er sie hervorzog, schien sie
schwer wie hartgefrorenes Schifftau. Langsam steckte er sie wieder ein
und dachte während er unlustig und schwerfällig weiterging an das
goldene Seil, das ja heute Nacht vom Himmel niederhängen wird und von
jedem erfaßt werden kann, der in Sinn und Herz keine Sünde trägt. Und
wer es in die Hände bekomme, das herrliche goldene Seil, der dürfe
getrost daran ziehen. Dann wird hoch droben im Himmel ein Glöcklein
ertönen und einen Engel herbeirufen. Der fragt dann mit lieber Stimme,
was der da drunten sich Gutes wünsche und Schönes? Und er darf es
ungescheut sagen, was es auch sei. Der Engel bringe die Wünsche ohne
weiteres dem lieben Gott selbst vor und der gewährt sie in seiner
unendlichen Güte gern und immer. So erzählte ihm die Großmutter. Und in
der weihevollen Christnacht und in der geheimnisvollen Nacht der
Sommersonnenwende hänge es hernieder vom dämmernden Sternenhimmel, das
wundersame goldene Seil.

In der letzten Sommersonnenwendnacht war er auf der Suche nach ihm. Aber
er fand es nicht, obwohl er es damals so notwendig gebraucht hätte. Die
Mutter war recht krank und er hatte viele Tage nichts Warmes zu essen
gehabt. Ob wohl alle, denen es so viel besser ging als seiner Mutter und
ihm, einmal an diesem Wunderseile gezogen hatten? Aber wie könnte das
sein? Der Frohner Toni zum Beispiel, der alles haben konnte, was er
wollte, war gerade keiner von den Bravsten und sein Vater, hat er sagen
hören, habe seinen Reichtum auch nicht auf die gottgefälligste Weise
erworben. Wie so etwas nur möglich sei und wie der liebe Gott das
zulassen könne? Und der feine Knabe damals aus der Stadt, der ins Eis
einbrach? Ob dem sein Vater auch auf die Art reichgeworden ist, wie dem
Toni der seine? Wenn er das gewiß gewußt hätte ... Nein! Er hätt immer
getan, was er dort auf dem Teiche getan hat vor etwa vierzehn Tagen. Er
hatte dem feinen Knaben gesagt, du, gib acht, das Eis ist noch nicht
stark, fahr nicht zu weit hinaus! Der aber hat ihn nur stolz und
hochmütig angeschaut und ist dahingesaust. Schön konnte er laufen und
sehr feine Schlittschuhe hatte er. Wenn er solche auch haben könnte,
dachte er heimlich. Da brach der Knabe durch das Eis. Otti hielt gerade
eine lange Stange in der Hand, mit der er vorhin prüfend auf das Eis
geschlagen hatte. Er lief hinaus, reichte dem Knaben die Stange hin. Der
aber schlug ganz verzweifelt um sich und geriet immer mehr in das noch
dünne Eis. Otti schrie ihm zu, er möge doch umkehren, da, wo er
hineinfiel und Otti jetzt stehe, sei das Eis fest. Als der Knabe aber
nicht hörte, sprang er selbst ins Wasser. Wie er mit ihm wieder
herauskam, wußte er selbst nicht mehr recht. Er war ganz von Sinnen, als
er wieder droben auf dem festen Eise lag. Und da ihn schließlich sehr
fror, lief er, so schnell er konnte, heim, ohne sich weiter um den
Knaben zu kümmern. War auch nicht mehr notwendig, da ohnehin schon Leute
da waren. Zwei Tage lag er im Schüttelfrost. Dann war wieder alles gut.

Ein Schulkamerad der damals am Teich mit dabei war, erzählte ihm
nachher, daß der feine Knabe von seinem Begleiter, der sein Lehrer
gewesen sein müsse, rasch in warme Decken und Pelze gehüllt wurde und
daß sie dann schnell mit ihm in die Stadt fuhren. In dem schönsten
Schlitten, den er je gesehen habe. Den Schulkameraden habe der Herr mit
der schönen Pelzmütze noch gefragt, wer der kleine Lebensretter sei und
er habe ihm zugerufen, das sei doch der Bertram Otti.

»Der hat gmeint, mich müssen alle Leut kennen«, dachte er jetzt, immer
dahingehend, lächelnd bei sich und dachte an den schönen Schlitten und
an den feinen Knaben, der ihm nicht einmal »Dank schön« gesagt und sich
die ganze Zeit her nicht um ihn gekümmert hatte. Um des Dankes willen
hast dus nicht getan, sagte ihm verweisend die Mutter, als er ähnliche
Gedanken äußerte, und vielleicht -- ja vielleicht ist der Knabe am
Fieber gestorben, das ihn wohl auch gepackt hatte, so wie ihn.

Bei dieser Vorstellung versiegten ihm jählings alle Gedanken, die ihm
bisher ungerufen gekommen waren wie im Traume. Und als er verwundert
aufsah, kam ihm alles ganz anders vor. Er wußte nicht wie, aber so schön
sah's ihn nicht mehr an wie vorhin. Und war doch genau dieselbe Gegend.

Da er mittlerweile in die äußeren Straßen der Stadt gekommen war, hieß
es nun auf den Weg achten. Je tiefer er in die Stadt kam, desto
lebhafter wurde das Weihnachtstreiben. Ueberall geschäftige Menschen mit
fröhlichen Gesichtern und mit wohlverhüllten Gaben in der Hand. Und wer
noch nichts hatte, der ging so dahin, daß man es ihm ansah, es gehe die
drängende Freude mit ihm auf den Christkindlmarkt.

Da dachte er wieder an seinen Fisch und an die warme wollene Haube für
die Mutter. Und kam just an ein Schaufenster, wo solche Hauben neben
anderen Sachen ausgehängt waren. Schöne begehrenswerte Sachen! Da gerade
ein Geschäftsfräulein herauskam, um einen Gegenstand aus dem
Schaufenster zu holen, nahm er sich ein Herz und fragte, was so eine
Haube wohl koste? »Drei Kronen fünfzig«, sagte das Fräulein und schaute
ihn an, als wollte sie sagen: »Sonderbar, daß so ein Bub nach nichts
anderem fragt als nach einer Wollhaube für Frauen.«

Der Bub aber war über den hohen Preis so erschrocken, daß er sich
wortlos davonschlich. Er irrte eine gute Weile unfroh durch die Gassen,
kam aber, ohne es recht zu wollen, wieder zu dem Schaufenster, wo die
Wollhaube hing. Sie war schön grau, hatte roten Putz, war innen hübsch
gefüttert und mußte sehr warm sein. Sehr warm, dachte er und ging wieder
weiter. Das Geschäftsfräulein hatte ihn von drinnen gesehen und ihm
flüchtig zugelächelt. Das kam ihm aber erst zum Bewußtsein, als er schon
weit von dem Laden weg war. Wenn die schon so freundlich ist, so schaust
nochmals hin, sagte er zu sich selbst und drängte und schob sich wieder
an das Schaufenster. Und schaute mit großen Augen hinein. Aber nicht
mehr nach der Wollhaube, sondern nach einem Paar blinkender
Schlittschuhe. Die werden wohl mehr kosten als die Wollhaube, meinte er.
Da tupfte ihn jemand auf die Schulter.

»Du, möchtest du dir nit ein paar Heller verdienen?« Es war das
Geschäftsfräulein.

»O gern.«

»Dann komm herein.«

Mit ein paar großen ungelenken Schritten war er im Laden und folgte dem
raschschreitenden Fräulein in einen halbdunklen Nebenraum. Der war
schier übervoll gestopft mit Paketen -- groß und klein, rund und eckig.

»Kennst du dich aus in der Stadt?«

»Freilich.«

»Dann kannst du da einiges austragen. Weißt, unsere Laufburschen wissen
heut nit, wo ein und aus und die Dienstmänner laufen auch weiß Gott wo
rum. Und fort müssen die bestellten Sachen -- nit?«

»Natürlich!« jubelte Otti.

»Alsdann paß auf. Ich geb dir nur kleinere Sachen da auf die
Buckelkraxe. Aber achtgeben, damit nichts hin wird!«

»Ach! Gschieht nichts!«

Sie belud ihm die »Kraxe« sehr behutsam und gab ihm eine Anzahl Zettel,
die man leicht in zwei Teile trennen konnte. Einen Teil soll er der
Kunde geben, den andern aber von dieser unterschreiben lassen und wieder
bringen. Die Adressen stünden überall darauf und lesen könne er ja wohl.

»Wenns deutlich gschrieben ist,« meinte Otti sehr wichtig, sah, daß es
ging, ordnete die Zettel nach Gassen und ging frohgemut ins
Straßengewühl hinaus. Jetzt paßte er ja hinein in dieses Bild als
richtige vollwertige Figur. Er mußte aber eilen, wollte er die paar
Zwanzighellerstücke sparen, die ihm das Fräulein für die »Elektrische«
gab, damit er zu den weiter entfernten Kunden fahren könne. Es ging
alles ganz gut und glatt. Ueberall hatte man ihn freudig empfangen und
ihm beinahe überall ein kleines Trinkgeld gegeben.

Sehr vergnügt kehrte er in den Laden zurück und das Fräulein belud ihm
die »Kraxe« abermals, lobte ihn und sagte verheißungsvoll, er werde das
nicht zu bereuen haben. Als er draußen die Wollhaube im Fenster sah,
meinte er frohlockend: »Werden dich schon kriegen! Und wenns amend nicht
langt -- ich glaub, das Fräulein läßt handeln!«

Diesmal mußte er am Fischmarkt vorbei. Er ging am Fußsteig herüben, als
von drüben der laute verlockende Ruf tönte: »Ausverkauf! Staunend
billig! Weils die letzten sind!« Das zog ihn hinüber wie mit Stricken.
Mit einem Satze war er in der Mitte der Straße. Er sah nur den rufenden
Fischhändler. Plötzlich hörte er ein zorniges Brummen, schier ein
Brüllen, als stürze wütend ein wildes Tier auf ihn los. Dann ein
vielstimmiger Aufschrei -- und er lag halbbesinnungslos am Rande des
jenseitigen Straßensteiges: ein Wagen der »Elektrischen« hatte ihn
gestreift und zur Seite geschleudert.

Zwei, drei halfen ihm, richteten ihn auf. Er war kreidebleich und
zitterte am ganzen Körper. Seine erste Frage galt der »Kraxe«. Wenn da
etwas gebrochen war! Dann ade Fisch und Haube und Weihnachtsfreude! Eine
flüchtige Besichtigung und Betastung der zumeist aus festen Schachteln
bestehenden Pakete ließ gute Hoffnung zu. Er stammelte seinen Dank und
schlich davon. Dem rufenden Fischhändler wagte er keinen Blick mehr
zuzuwerfen.

Nach echter Bubenart wollte er bei der ersten Partei rasch sein Paket
abgeben und davonlaufen. Als ihm die Dame aber ein Geldstück gab, bat er
doch, nachzusehen, ob nicht etwas gebrochen sei, und erzählte sein
Unglück. Die Dame sah nach. Es war alles heil. Daraufhin gab sie ihm
noch ein Geldstück -- »weil er so ehrlich war«.

Nun wagte er diese »Ehrlichkeit« bei jeder Partei gleich von vornherein.
Und kam überall gut an und weg. Nur bei zweien haperte es. Ein kleiner
Schade. Bei einem alten Herrn bekam er Schelte und war froh, daß es noch
so glimpflich ablief. Bei einem jungen hübschen Frauchen aber setzte es
schließlich doch ein kleines Geldgeschenk ab -- weil er »halt gar so sehr
in Gefahr war«. Und weil »weil heut schon heiliger Abend sei«.

Keckfröhlich übergab er schließlich dem Fräulein die bestätigten Scheine
und fragte, ob noch was zu tun sei? Nein, es gab nichts mehr zum
Austragen. Woher er die Kleider so beschmutzt habe? Er erzählte wieder.
Jetzt mit jenen heißatmigen Uebertreibungen, die dem romantischen Hange
der Jugend entspringen. Das Fräulein war sehr bestürzt, fragte aber vor
allem nach den Paketen. Sie war eben ein Geschäftsfräulein. Da er ihr
beruhigende Auskunft geben konnte, fand sie, es wäre wirklich ein großes
Glück, daß er so gut darausgekommen sei und bemaß großmütig den
ausgesetzten Lohn um ein Zwanzighellerstück höher. Geschäftsleute sind
eben sparsam und lassen ihre Gefühle in Geschäftssachen grundsätzlich
nicht mitreden. Auch nicht um die Weihnachtszeit.

Stolz ging Otti nun in den Laden und verlangte die Haube. Drei Kronen
fünfzig. Er zählte sein »Vermögen«. Es waren vier Kronen zwanzig.
Blieben also nur noch siebzig Heller für den Fisch. Er dachte, das lange
schon noch, jetzt, wo sie im Ausverkauf so »staunend billig« seien.

Einen Fisch wolle er haben, sagte er zum Händler im Tone eines Menschen,
der weiß, daß er bezahlen kann, was er begehrt. Der Fischer sah den
Jungen etwas mißtrauisch an und langte ihm ein armselig Weißfischlein
heraus. Das aber warf Otti verächtlich zurück ins Wasser und meinte,
einen solchen könne er alle Tage haben. Es müsse schon ein Karpf sein
heut und zwar ein Spiegelkarpf. Sei auch noch da, sagte der Fischer in
jenem Gemütstone, der sich immer so hübsch nach der Wertschätzung der
jeweiligen Kunden richtet. Eine Krone achtzig das Kilo.

»Das Kilo?« fragte Otti geradezu entrüstet.

Jawohl, das Kilo. Er werde doch nicht meinen, ein ganzer Karpf?

Da war's vorbei mit Mut und Zuversicht und Keckheit. Sein Geld reichte
ja kaum für ein halbes Kilo. So viel Geld habe er »augenblicklich« nicht
bei sich, wollte er keck sagen. Fiel aber sehr kläglich aus. Der Fischer
warf den schönen Karpfen ins Wasser zurück und wandte dem betrübten
Knaben mit stummer Verachtung den Rücken. Er schimpfte wohl nur deshalb
nicht, weil eine neue Kunde am, die auf weit solideres Geschäft hoffen
ließ.

Ein Herr hatte den kleinen Auftritt mit angesehen und sich daran
köstlich geweidet. Als er aber das bitterenttäuschte Gesicht des armen
Jungen sah und sah, wie es um seine Mundwinkel zuckte und wie er mit
unbeschreiblich bestürzter Miene dem Fisch nachschaute, da überkam den
guten Mann, der offenbar ein Junggeselle und daher ein Kinderfreund war,
die Geberlaune. Die lag ja heute schon so in der Luft.

Er fragte Otti, für wen er denn den Fisch brauche, und als er hörte, der
Junge wolle damit seine Mutter überraschen, die gar so gern einmal einen
gebackenen Fisch äße, da kaufte er ihm mit selbstgefälliger
Freundlichkeit einen halben Karpfen und entzog sich mit derb-humorvollen
Worten und so überaus schnell den überstürzten Danksagungen Ottis, daß
es den Eindruck machte, als reue ihn der ganze Fischhandel schon. Er
lief gewissermaßen vor sich selbst davon.

Otti aber war überglücklich. Hatte er doch nun nicht nur Haube und
Fisch, sondern auch noch siebzig Heller bar! Für diese Riesensumme
kaufte er für sich, was ihm am liebsten war: Zuckerln, und zwar feine.

Im Hochgefühle eines Gebers und zugleich froh Beschenkten ging er die
schneeigen Fluren heimwärts. Es war mittlerweile völlig Nacht geworden.
Doch droben glänzten in seltener Pracht und still die Sterne und in ihm
war so viel leuchtende Freude, daß er sich nicht gefürchtet hätte, wenn
es auch ganz finster gewesen wäre.

Als er am Teiche vorbeikam, blieb er stehn und sagte zu sich selbst:
»Nun hab ich meinen Karpfen auf rechtschaffene Weise. Keinen ganzen
zwar, aber es tut's so auch. Und wenn heut Nacht das goldene Seil in
dieser Gegend irgendwo vom Himmel niederhängen sollt, so kann ich mit
gutem Gewissen danach greifen.«

»Wenn die Angelschnur nicht wär!« sagte da eine Stimme in ihm. Er
schritt rasch aus. Aber die Füße wurden ihm schwer und die Stimme rief
immer und immer: »Wenn die Angelschnur nicht wär! Wenn die Angelschnur
nicht wär!« Da kehrte er um, band an die Schnur eine große Eisscholle
und warf sie durch ein Fischloch ins Wasser. Nun war sein Gewissen
still: denn seit der letzten Beichte hatte er nicht geangelt. Leid war
ihm um die Angelschnur sehr -- doch da man dafür vielleicht das goldene
Seil eintauschen könnte, so kam er zu dem Schluß: dumm wars gewiß nicht.
Und war getröstet.

Vorsichtig schlich er ins Haus. Die Mutter sollt ihn nicht sehen. Doch
die hatte ihn schon gesehen. Sie ging ihm aber nicht entgegen, sondern
guckte schalkhaft um eine Ecke im Hausflur und lachte leise. Otti
wunderte sich darüber sehr. Die Mutter schalt ihn gar nicht, daß er so
spät komme! Sie lachte sogar -- und wie! So hatte er sie noch gar nie
lachen hören. Als er merkte, daß sie in die »schöne« Stube ging, schlich
er in die Küche und warf dort den Fisch ins Wasserschaff. Dann ging er
in seine kleine Kammer und zog seine »besten« Kleider an, damit die
Mutter die Kotflecke nicht sehe und nicht gleich frage, warum und woher.
Dann wärs ja vorbei mit aller Ueberraschung. Und er freute sich schon so
sehr auf ihr freudestrahlendes Gesicht.

Sorgfältig glättete er die Haube und barg sie unter seinem Rock. Dann
wollte er ins Zimmer. Die Tür war abgesperrt. Das war noch nie da. Er
klopfte. Die Mutter antwortete, er müsse schon noch ein bisserl warten.
Er hörte sie drinnen geheimnisvoll herumrauschen und leise -- singen. Da
blitzte ihm ein Gedanke auf: vielleicht hat _sie_ ... Ja, sie war gewiß
in Sinn und Herz viel braver als er. Und so könnt es schon sein, daß der
liebe Gott _ihr_ das goldene Seil in die Hände gespielt hatte, auf das
er seine schönsten Hoffnungen setzte. Nun, wenns schon so war -- so
bleibts doch wenigstens in der Familie.

Plötzlich tat sich die Tür weit auf. Und nun war die Ueberraschung, die
er bereiten wollte, wirklich auf seiner Seite: auf dem Tische stand ein
kleiner Christbaum und darunter lag ein Reichtum, wie ihn diese Stube
noch nie gesehen hatte: ein schöner Bubenanzug, feine Schlittschuhe,
eine ganz echte Pelzhaube, gefütterte Handschuhe, Bücher in prächtigen
Einbänden und -- das tat ihm schier weh -- auch Frauensachen mancherlei
Art. Er stand nur und schaute und staunte.

»Das da gehört alles dir«, sagte die Mutter und sagte es so großartig
einfach und selbstverständlich, als wär das alle Jahre so gewesen um
diese Zeit.

»Ja, aber Mutter ... Nicht wahr, das goldene Seil ...«

Da lachte die Mutter gar schalkhaft und sagte im Märchenton:

»Es war einmal ein Junge, ein feiner, der brach draußen im Teich ins Eis
ein ...«

»Von dem also!« rief Otti schier enttäuscht.

»Vielmehr von seinem Vater. Weil die Weihnachtszeit so nahe war, hat er
sich den Dank für heut aufgespart.«

Und noch mehr wußte die Mutter dem freudebetäubten Jungen zu sagen: sie
habe dem reichen Manne, weil er darum gefragt habe, auch gesagt, daß ihr
Otti halt gar so viel gern studieren tät. Da hat der gute Herr gemeint,
das sei sehr einfach: er lasse den wackeren Lebensretter seines Sohnes
mit größtem Vergnügen auf seine Kosten studieren. Da wurde Otti sehr
schwül zumute. Er fürchtete sich nämlich vor dem Studieren so sehr, als
er sich freute. Die Freude lag in ihm -- die Furcht kam von der Schule.

Da ihm bei alldem heiß geworden war, öffnete er seinen Rock. Da fiel
denn die Wollhaube heraus, von der er geglaubt hatte, sie werde heute
von seiner Mutter bewundert und angestaunt werden, wie ein eitel
Wunderding. Und nun lag sie in ihrer grauen Schlichtheit am kahlen
Boden. Neben all den Herrlichkeiten -- unsagbar armselig! Er schämte
sich ihrer fast.

Die Mutter aber hob staunend die arme Haube auf. Und als sie erfuhr, wie
und unter welchen Umständen Otti dieses ersehnte Geschenk für sie
erworben hatte, da standen ihr die hellen Mutterfreudentränen in den
Augen. Sie umarmte und küßte ihren Sohn und sagte ihm, von all den
schönen Sachen, die sie heute so unverhofft bekommen habe, sei ihr die
schlichte Wollhaube das kostbarste und liebste Stück. Und wenn sie so
reich wäre wie der Mann, der heute bei ihr war -- die Haube würde sie
doch und just zu den größten Feiertagen tragen. Und sie werde sie auch
tragen -- so stolz wie eine richtige Königin ihre Krone. Und werde den
Leuten sagen: seht, die hat mir mein Sohn geschenkt von seinem ersten
Geld, das er sich verdient hat mit Gefahr seines Lebens.

Nun war Otti wieder froh und glücklich und konnte sich seiner schönen
Geschenke von ganzem Herzen freuen.

Als sie dann gar fröhlich beim Fischmahle saßen und von dem Weine
tranken, der unterm Baume lag, meinte die Mutter:

»Du, Otti, heut warst du aber fest dran am goldenen Seil! Mit beiden
Händen hast dus gehabt!«

Otti sah seine Mutter verwundert an. Er werde ihre Worte schon verstehn,
später, wenn er einmal ein studierter Mann sein werde, sagte sie und
freute sich sehr, daß sie so weise und überlegen sprechen konnte.

Und Zeit und tiefere Erkenntnis kamen. Und als nun Otto, ein Mann
geworden, mir die Geschichte dieses ihm unvergeßlichen Weihnachtsabends
erzählte, meinte er, er glaube fest daran, daß für _jeden_ Menschen so
ein goldenes Seil vom Himmel niederhänge. Um zu ihm zu gelangen, gehörte
aber etwas, was er jedem vom Herzen gern wünsche: _ein starker Wille zum
Guten_.



Eine Insel der Seligen.


Immer noch konnte sie es nicht fassen, saß noch immer in ihrem alten
Lehnstuhl und hielt den Brief in den Händen, der ihr die letzte Hoffnung
nahm und alle Freude ihres Lebens.

Zwei Jahre fast waren es nun her, daß sie von ihrem Helmi nichts mehr
hörte. Er war unter die Lebendigtoten geraten, unter die
Kriegsvermißten. Und just heute, am Tage, wo Friede und Freude sein oder
doch einkehren sollte in aller Herzen, just heute kam auf ihr
unermüdliches Nachforschen ein Brief, der ihr gewissermaßen amtlich
beglaubigte, ihr Wilhelm sei schon lange nicht mehr unter den Lebenden.

»Erlöst«, hauchte sie endlich, nachdem sie in weher Mutterliebe das
ganze helle Leben durchdacht und durchträumt hatte, das ihr Liebling,
ihr einziges Kind, durchwandert hatte bis zu dem Tage, da auch er hinein
mußte in den wilden grausamen Krieg. Und der Stunde gedachte sie, da die
Nachricht kam, er sei vermißt. Die bangen, immer wiederkehrenden Fragen
aber: Wo wird er jetzt sein? Wie wird es ihm ergehn? Was wird er
erleiden, was erdulden müssen in der wahrscheinlichen Gefangenschaft
weit hinten in der sibirischen Einöde? -- alle diese marternden Fragen
kamen nun zur Ruhe, kamen zur Ruhe auf so bittere Art ...

»Erlöst«, wiederholte sie, wischte sich über die Augen, stärkte ihre
tränenschwere Seele mit einem Gebet und nahm sich vor, für heute zu
schweigen vor dem Bräutlein des Toten, vor der lieblichen Adelheid. Erst
nach den Feiertagen soll sie erfahren, was unabänderlich ist und daher
ertragen werden muß ...

Dies denkend, hörte sie vom Flur des Hauses den hellen freudigen Ruf:
»Mutter!« Eilige Schrittchen nahten sich der Tür. Rasch verbarg Frau
Burga den verhängnisvollen Brief, glättete die ergrauten Scheitel und
mühte sich, unbefangen zu erscheinen, damit Adelheid, die unverzagt
Hoffende, nichts merkte.

Die war unterdessen aufgeregt ins Stübchen getreten und erfüllte es mit
ihrer hellen Lebendigkeit und blonden Lieblichkeit wie mit einem
Leuchten und Schimmern.

»Mutterl!« rief sie wieder und ihre Stimme lachte und weinte Freude.
»Denk' dir, der Steinbauer Franzl hat einen Brief geschrieben. Geflohen
ist er, im deutschen Lager ist er angekommen nach langer gefahrvoller
Flucht durch Rußland. Und Helmi sei schon vor ihm entflohen, müsse schon
in Deutschland sein oder droben in Schweden. Mutter! Mutter! Er lebt! Er
lebt! Hab ichs nicht immer gesagt ... Ja, was hast du denn? Du freust
dich ja gar nit? Du weinst ja ...«

»Schau Adi, weil das halt gar so überraschend kommen ist.«

Das blonde Mädchen warf sich ungestüm zu Füßen der alten Frau, legte ihr
Köpfchen mit der schweren goldigen Haarkrone in ihren Schoß und weinte,
erschüttert von Freude und Glück.

Frau Burga streichelte sanft über den widerspenstigen Haarflaum der
Aufgeregten hin. Da schaute Adi zu ihr auf. In ihrem nicht auffallend
schönen, aber berückend liebreizenden Gesichtlein strahlte unter Tränen
ein so glückseliges Lächeln, daß Frau Burga nicht wußte, wie ihr geschah
vor Weh und vor Freud über die Treue und über das Glück des guten
Kindes. Sie ist ja so selten geworden, die lautere Treue -- schier etwas
Verächtliches ...

»Ein neues Leben ist auferstanden«, dachte sie schmerzlich, »ein neuer
eisigkalter Glaube; Throne sind gestürzt, Reiche zerfallen, Heiliges
zertrümmert worden, und weit, weit im Land geht die Selbstsucht um,
schier allmächtig herrscht die Habgier und frißt an den Seelen ... Ein
Reich ist aufgerichtet worden des kalten Verstandes, der Gleichheit, die
mir eine Gleichheit scheint des Bösen nur, da sie haßt, was nicht ist
wie sie ... Und ich alte Frau bin allein in dieser kalten rücksichtslosen
Welt: nach dem Vater ist nun auch der Sohn hinübergegangen ... und die
da, die jetzt vor mir kniet und unter Tränen glückselig lächelnd zu mir
aufschaut, die mir Trost und Halt, mir Stütze ist im Glauben an das
Bessere im Menschen -- die muß ich nun auch hingeben, muß ihr, der
Treuen, noch zureden ...«

»Gelt, Mutterl«, sagte Adi, als hätte sie die peinigenden Gedanken der
geliebten Frau erraten, »gelt, jetzt wirst du mir keine so garstigen
Andeutungen mehr machen, ich soll halt doch den Krohner Sepp nehmen,
weils die Mutter will, die der Reichtum blendet? Jetzt kann ichs dir ja
sagen: eh ich den genommen hätt, so reich er auch ist, wär ich ledig
geblieben. Ich leb ja nur in mir und nur für Helmi, hab meinen Beruf,
kann mich ausgeben an die Kinder und von ihnen empfangen unendlich viel
Liebe und Freude. Das hätt mein Leben schon ausgefüllt ... kämen dazu ja
noch die Erinnerungen an das Schöne und Helle und Liebe ... ach, Mutter,
du verstehst mich ja!«

»Ja, ich versteh dich. Du bist treu und lauter und darum eine Lehrerin
und Jugendbildnerin mit goldener Seele. Eine, der die Kinder aus Liebe
folgen, ohne daß sie strenge zu sein braucht mit ihnen.«

»O, das kann ich schon auch, wenn es sein muß!«

»Ja, das kannst du -- wundersamerweise kannst du das, du blumenzartes
Dingelchen.« Sie lächelte und war seltsam berührt von dem selbstsicheren
Ernste, der wie ein Schatten über Adis sonniges Gesichtlein gekommen
war.

»Heut aber, Mutter gelt, heut darf ich ...« Sie nickte der verstehenden
Frau bedeutsam zu, ging zum Harmonium und öffnete es. Das Mutterherz
zuckte schmerzlich zusammen; doch sie vermochte es nicht, die
überströmende Glückseligkeit ihres »Kindls« zu zerstören. Es war ja eine
Weihefeier für den lieben Toten. Und so lauschte sie denn
tieferschüttert der feierlichen Musik, die der geschaffen hatte, den sie
als Abgeschiedenen beweinte, während sie dort, die Glückselige, ihn als
Wiederkehrenden begrüßte mit seines Wesens ureigenster Sprache: mit
seiner Musik.

O, wie viele schöne und stolze Hoffnungen waren mit ihm
dahingeschwunden! Sein Vater war ein Musikbeflissener, ein Regenschori
wie selten einer, doch kein Schaffender, kein Schöpfer. In ihrem Wilhelm
aber floß der göttliche Born. Seine erste Messe hatten sie in der Kirche
drüben aufgeführt, ehe er in den Krieg mußte, und selbst drinnen in der
Landeshauptstadt durchbrauste sie die Hallen des neuen Domes, erfüllte
die Herzen der Gläubigen mit Andacht und jene der Kenner mit Freude und
Zuversicht. Und jetzt durchbrausten die feierlichen Klänge des Te Deum
laudamus die Stube und erschütterten das wunde Mutterherz; sie aber, die
ahnungslose Braut, zerfloß in Glückseligkeit ...

Als die Musik verklungen war, herrschte eine Weile feierliche Stille in
dem schon dämmerigen Raume; dann stand Adelheid auf, legte den
Zeigefinger an den rosigen Kindermund und flehte mit den Augen: Kein
Wort jetzt! Keinen Laut! Mit leisen Schrittlein schwebte, huschte sie
hinaus, ließ die Mutter allein mit dem inneren Verklingen und Verwehen
der Musik, die dem erstanden war, dessen Seele sie jetzt um sich zu
fühlen glaubte.

Ueberwältigt von den glückseligsten und erhebendsten Gefühlen, war das
frohmutige Kind hinweggegangen -- und sie, die nichts mehr wollte auf
dieser Welt als dieses Glück: sie mußte es ihr nehmen. Wie wird sie das
ertragen? Wohl ist sie innerlich stark; aber sie ist so blumenzart, so
ganz Liebe für den Liebsten, daß sie auch zusammenbrechen konnte, sie,
die keinen Augenblick die Hoffnung auf seine Wiederkehr aufgegeben
hatte.

»Furchtbar wär für mich dieser Schlag -- für sie aber ... wärs für sie
nicht Erlösung, Errettung vor den Schrecken der Gegenwartswelt ...«

Welch bittrer Trost! Welche Welt, in der es besser war, zu sterben, als
zu leben. Sie war aufgestanden, ordnete gedankenverloren dies und das
und sagte endlich zur alten Lina, ihrer Magd, sie wolle noch ein wenig
hinübergehn zu ihrem Mann -- auf den Friedhof. Es war ihr liebe
Gewohnheit, auch jetzt noch alles ihrem Manne zu sagen, der all sein
Lebtag ein großes Kind geblieben war und sich ohne seine Frau wohl nicht
zurechtgefunden hätte in den Wirrnissen des Lebens.

Als sie vor die Tür ihres Häuschens trat, sank eben die Wintersonne
hinunter, feierlich schön. O, dieser weite Blick hinunter ins Land,
hinüber nach den Bergen! Dies Häuschen zu besitzen, hier heroben den
Lebensabend zu verträumen, war ihres Mannes heißester Herzenswunsch
gewesen. Eine kleine Erbschaft ermöglichte ihm die Erfüllung. Er konnte
noch die Freude erleben, seinen Sohn als hoffnungsvollen Tondichter
gefeiert zu sehen, und war eines Abends inmitten seiner Musik und seiner
Träume und Pläne mit seinen Lieblingen, den Bienen, hinübergegangen in
das Reich, wo es keine Enttäuschungen mehr, dafür aber ein Herrliches
gibt, das zugleich ein Furchtbares ist für sterbliche Menschen,
unerträglich ihrem Sinne: unerbittliche Gerechtigkeit, uneingeschränkte
Wahrheit.

Es war schon dunkel als sie vom Friedhofe heimkam. Sie fühlte sich so
müde; schwer waren ihr die Glieder, die Augen, die keine Tränen mehr
hatten, fielen ihr zu, und bedrückend und doch trostvoll war in ihr das
Fühlen und Denken: die Toten haben es besser als die Lebenden ...

Ehe Adelheid zum Abendessen kam, nach dem der kleine Baum angezündet
werden sollte, konnte sie sich noch ein Weilchen ausruhen in ihrem
lieben alten Sorgenstuhl.

Wie sie so dasaß, müde an Leib und Seele, trat der Schlummer an sie
heran und brachte ihr einen wundersamen leuchtenden Traum: Christus
stand dort in der Erkernische und schaute nach ihr. Seine Augen
leuchteten wie zwei milde Sonnen und unbeschreiblich aus ihnen sprach
die Gottesseele. Und sie verstand ihre Sprache: »Hoffe, du Gute, du
Trostmutige, hoffe: dein Glück ist nahe! Was in Liebe so schön geblüht,
in Treue sich so stark bewährt -- es soll nicht umsonst geblüht, gehofft
und gelitten, nicht umsonst vertraut haben auf Gottes Hilfe.«

An ihr vorbei schritt darauf der Herr und sein Leuchten ging mit ihm
durch das dunkle Zimmer. Lautlos schritt er zur Tür hin, öffnete sie und
winkte hinaus, ruhevoll wie es nur ein Gott vermag. Und einer trat
herein, ein bleicher junger Mann, den sollte sie kennen -- war es nicht
Wilhelm, ihr Sohn? So über alle Maßen feierlich sah er aus, so erhaben
fremd, daß ihr bange wurde in all der Freude stillallmählichen sichern
Erkennens: er ist's! Er ist es ja!

Der Herr nimmt ihn bei der Hand, führt ihn der Mutter zu. Er läßt sich
vor ihr nieder, sein Körper zuckt im heftigen Schluchzen der
Wiedersehensfreude. Und sie, sie möchte sich auch freuen, will die Hand
ausstrecken nach ihrem Kinde, dem endlich wiedergefundenen -- wagt es
aber nicht: der Herr steht ja leuchtend hinter ihm und es ist ja die
Seele, nicht der Leib ihres Sohnes, was da vor ihr kniet. Wer sollte
wagen, danach auszustrecken die irdische Hand? Und heiß war in ihr,
übermächtig das Wünschen, das schier sündhafte: o, wär es doch sein
Leib! Dürft ich ihn nochmals an mein Herz drücken und an dem seinen
weinen Tränen der Freude und des Mutterglückes. O, wie durfte sie mit
solchen Wünschen aufschauen zum Herrn, der ihr die Gnade erwies, im
Traume zu schauen, was sterbliche Augen nie erreichen können: ihres
Kindes Seele! Die schlackenlose leuchtende Seele ...

Jetzt stand das Ueberirdische ihres Kindes auf und schaute sie an -- o
Herr im Himmel, mit Augen, die so voll waren irdischen Glückes und
menschlicher Freude, daß sie froherschrocken glaubte, er stehe vor ihr
leibhaftig und nicht als seliger Geist. Der Herr aber an seiner Seite
nickte ihr zu und sie las in seinem göttlichen Herzen die Worte: Freue
dich, er ist es wahrhaftig und bleibt bei dir, bis ich ihn rufe. Und
wieder nickte er ihr zu, gottvoll gütig, breitete segnend die Hände und
schritt durch den Erker feierlich hinaus in die Sternennacht.

Der Sohn aber, der leuchtende, schritt schier ebenso feierlich zum
Harmonium und alsbald klang es leise wie aus unermeßlichen Fernen, wurde
lauter, wuchs an, jubelte, jauchzte, weinte, lachte, brauste wie ein
Freudensturm. So gewaltig war das Brausen, schreckhaft schön und
glückselig froh, daß Frau Burga aufwachte oder doch aufzuwachen meinte;
denn als sie mit offenen Augen in die Stube sah, glaubte sie, den Sohn
im Sternenschimmer sitzen zu sehen; nur sein Leuchten war wundersam
versponnen mit dem Sternenglanz. In der brausenden Musik aber erkannte
sie das Te Deum laudamus dessen, der dort saß, Gott mag wissen, als was.

Sie lauschte und lauschte und fragte sich wirr und wundergläubig: ist
das noch Traum? Ist es schon Wachen? _Darf_ ich mich rühren? _Darf_ ich
ihn anrufen? Nein ... es könnte zerfließen, das Wunder der Christnacht.

»Schweigen muß ich«, dachte sie, »stillehalten. Du aber, o Herr, komm,
komm und hauche mich an, auf daß meine Seele sich löse von der irdischen
Hülle und mit der meines Kindes aufsteigen kann zu Dir, dem Licht und
der Seele der Welt ...«

Und ohne daß sie es wußte, wurde ihr Beten laut: »Herr, Herr, hauche
mich an! Erlöse mich! Führ mich hinweg aus der Welt, vor der mir graut!«

Da brach die Musik jäh ab. Und der dort, der sie hervorgebracht hatte,
erhob sich. Sie hörte das jähe Rücken des Stuhles, hörte seines Fußes
festen Tritt; doch, starr befangen zwischen Wunder und Wirklichkeit,
vermochte sie sich nicht zu rühren, getraute sich kaum zu atmen und
hatte das Empfinden: es ist ja doch nur ein Traum, sonst müßt ich ja
aufstehn und ihm um den Hals fallen ...

»Mutter ...« Hatte es da nicht leise geklungen: »Mutter?« Und wieder kam
es, lauter, inniger: »Mutter! Mutter!« Und der dort im Sternenschimmer
breitete die Arme -- o mein Gott! Nur jetzt nicht sterben vor Glück und
Freude!

Und während sie mit ihrem Fühlen zu ihm eilte, willenlahm aber sitzen
blieb, tat der dort, Mensch von Fleisch und Blut oder Traumgesicht,
einen Schritt, zagend einen zweiten -- und plötzlich lag er zu ihren
Füßen. Sie fühlte seines Hauptes Schwere, die Wärme seines Atems, das
Zucken seines Leibes ...

»Mutter! Mutter! Liebe liebe Mutter!«

Da ließ sie die in wirrem Empfinden zaghaft ausgestreckte Hand auf sein
Haupt niedergleiten -- und er, er umschlang sie, und küßte, küßte sie
warm und innig auf den zuckenden Mund. O, so küßt das Leben! Küßt die
Liebe!

Und draußen im Flur rief und jubelte eine liebe helle Stimme: »Ist es
denn wahr? Ist es denn wirklich wahr?«

Aufflog die Tür -- und die schlichte Stube war ein Himmelreich auf
Erden.

Und das kleine einsame Häuschen eine Insel der Seligen inmitten des
brausenden Meeres von Habgier und Selbstsucht, selbstherrischen
Begehrens und sich selbst aufzehrender Triebe, Lavaströmen gleich
hervorbrechend aus viel Millionen verblendeter Menschen, die da glauben
an ein Menschheitsglück ohne Liebe und ohne Ideale.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Weihnachtserzählungen" ***

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