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Title: Katharina von Bora - Geschichtliches Lebensbild
Author: Thoma, D. Albrecht
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Katharina von Bora - Geschichtliches Lebensbild" ***

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[Illustration: Katharina von Bora

nach dem Gemälde von Lucas Cranach im Museum zu Schwerin

Phot. F. u. O. Breckmann Nachf., Dresden.

Verlag Georg Reimer, Berlin.]



Katharina von Bora


Geschichtliches Lebensbild

von D. Albrecht Thoma


Berlin

Druck und Verlag Georg Reimer.

1900.



Vorwort.


In dem „Leben Luthers“ bietet das Kapitel „Luthers Häuslichkeit“ als
freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kämpfen
und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an
eine „liebe Hausfrau“ sind unter den Tausenden seiner Episteln die
schönsten und originellsten. Dafür liegt der Grund doch nicht allein in
dem reichen Gemüt und dem geistvollen Humor des großen Mannes, sondern
auch in der Persönlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin.
Es muß doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der große Mann als
seine Lebensgefährtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin
des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu
genügen; und ein sympathischer Charakter mußte das sein, an dem er seine
frohe Laune so schön entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schöne
Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt
auch Luthers Käthe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer
Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken.

Es kann nun auffallen, daß eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin
Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, daß fast mehr
schmähsüchtige Feinde, wie vor hundertfünfzig Jahren ein Engelhard, ihre
wenig lauteren Künste an dieser Aufgabe geübt haben; und besonders ist
zu verwundern, daß in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so
hervorragend historischen Zeitalter, — seit den beiden gleichzeitig
erschienenen quellenreichen Skizzen von _Beste_ und _Hofmann_ — keine
Biographie entstand, nicht einmal für dieses Jubiläumsjahr ihres
vierhundertjährigen Geburtstages.

Der Grund dieser eigentümlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal
wird eben in „Luthers Leben“ das Bild Katharinas von Bora stets mit
hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt
ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine
mühsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu
entwerfen, und überraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier
nicht zu machen.

Dennoch verdient Luthers Käthe — so viel das geschehen kann — für sich
besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft für sich neben
demjenigen des großen Doktors gemalt ist. Ist Frau Käthe freilich nichts
ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was wäre Luther ohne
seine Käthe? Dem Lebensbilde des großen Reformators fehlte das
menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden
gemütlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Käthe ihm
geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, daß die Welt ihn so lange, und so
lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat.

So mag es ein Denkmal sein, und — wie es der schlichten deutschen
Hausfrau geziemt — ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem
vierhundertjährigen Gedächtnistage gesetzt ist.



Inhaltsverzeichnis.


1. Katharinas Herkunft und Familie.

Sachsen und Meißen
Bora
Lippendorf
Eltern und Brüder
„Muhme Lene“ und Maria v. Bora
Armut der Familie
Der Eltern Tod


2. Im Kloster

„Ehrsame“ Jungfrauen
Adelige Stifter
Klosterkinder
Nimbschen
Klosterfrauen
Klausur
Würden
Klostergenossinnen
Die Novize
Kloster-Regel
Erziehung
Die Postulantin
Einsegnung
Tagewerk
Reliquien
Ablaß
Kloster-Erlebnisse
Nonnen-Beruf


3. Die Flucht aus dem Kloster

Luthers Schriften über Ablaß, gute Werke, Klostergelübde
Vermittelung der Schriften
Leonhard Koppe
Austrittsgedanken
Die Verwandten
Klagebrief an Luther
Bedenken
Flucht-Plan
Das Entkommen aus dem Kloster
Die Flucht
Offener Brief an Koppe, „daß Jungfrauen Kloster göttlich verlassen mögen“
Der Abt von Pforta
Neue Entweichungen


4. Eingewöhnung ins weltliche Leben

Versorgung der Klosterjungfrauen
Katharina bei Reichenbach
Hier. Baumgärtner
D. Glatz


5. Katharinas Heirat

Luther drängt zur Ehe
Verehelichung von Priestern und Klosterleuten
Luther denkt zu heiraten
Eine Nonne soll's sein
Luthers Werbung
Trauung und Hochzeit
Gäste
Geschenke
Das Fest


6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.

Im „Schwarzen Kloster“
Ausstattung
Angewöhnung
Unterhaltung
Bild
„Die erste Liebe“
Verstimmung der Freunde
Schmähungen der Feinde
Gefahren
Stimmungen


7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.

Johannes
Elisabeth
Magdalena
Martin, Paul
Margareta
Elternfreuden
Muhme Lene
Neffen und Nichten
Zuchtmeister
Gesinde, Gäste
Besuche


8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft.

Das Regiment in Luthers Haus
Haus und Hof
Bauereien
Geräte
Schenkungs-Urkunde
Teurer Markt
Landwirtschaft
Gärten
„Haus Bruno“, Gut Booß
Zulsdorf
Grundbesitz
Arbeitsseligkeit


9. „Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“

Armut
Einkünfte
„Geschenke“
Umsonst
Hausrechnung. „Gieb Geld“
Luthers Mildthätigkeit
Schulden
insidiatrix Ketha
„Rätlichkeit“
„Wunderlicher Segen“
„Lob des tugendsamen Weibes“


10. Häusliche Leiden und Freuden.

Schwerer Haushalt
Krankheitsanfall Luthers (1527)
Die Pest
Hochzeit und Tod
Flüchtlinge und Hochzeiten
Visitationsreisen
Briefe von der Koburg
Die Großeltern
Besuche und Reisen
Ein Kardinal in Wittenberg
Tischgesellen, Famulus, Käthes Brüder
Kinderzucht
Rosine
Käthes Tagelöhner


11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.

„Mühmchen Lene“ und Veit Dietrich
Lenchens Verlobung (1538)
„Des Teufels Fastnacht“ (1535)
In den „hessischen Betten“
Luthers tödliche Krankheit in Schmalkalden (1537)
Muhme Lene †
Pflege der Elisabeth von Brandenburg
Wieder Pest (1539)
Käthes tödliche Krankheit (1539)
Briefe aus Weimar (1540)
Allerlei Sorgen
Hanna Strauß verlobt und Mühmchen Lene verwitwet
Haus in Torgau, Lenchens Krankheit und Tod
Hansens Heimweh


12. Tischreden und Tischgenossen.

Eine akademische Hochzeit
Allerlei Feste
Besuche
_Cordatus_
_Stiefel_
_Kummer, Lauterbach_
_Schlaginhaufen, Weller_
_Hennik; Barnes; de Bai_
_Dietrich_
_Besold_
_Holstein; Schiefer; Matthesius_
_Goldschmidt u.a._
Käthes „Tischburse“
Die „Tischgespräche“


13. Hausfreunde.

Humanisten-Freundschaft
Der Freundeskreis des Lutherischen Hauses
Grüße und Geschenke
_Amsdorf; Agrikola_
_Probst_
_Brisger, Biscampius, Zwilling; Mykonius; Capito_
Die Nürnberger: _Link_ und _Friedrich_; _Baumgärtner_
_Dietrich_; Geschwister _Weller_
_Hausmann_
_Schlaginhaufen_
_Lauterbach_
_Spalatin_
Hans von _Taubenheim_
Amtsgenossen
_Kreuziger_
_Bugenhagen_
_Jonas_
_Melanchthon_
Sabinus und Lemnius
Brief der Freunde an Käthe
Die Tafelrunde
Freundinnen


14. Käthe und Luther.

Die „Erzköchin“
Luthers Enthaltsamkeit und Festfreude
Käthe als Krankenpflegerin
Käthes Humor
Verdächtigungen Käthes
Käthes geistige Interessen
Was Luther von Käthe hielt
„Ihr“ und „Du“
„Herr“ Käthe
„Liebe“ Käthe
Luthers ungünstige Aeußerungen
Lob des Weibes
„Häuslicher Zorn“
Lob des Ehestandes und Käthes
Käthes „Bildung“
Ebenbürtigkeit
Käthes Bild


15. Luthers Tod.

Trübe Zeitlage
Hader im eigenen Lager
Die „garstigen“ Juristen
Abscheiden der Freunde
Luthers zunehmende Krankheiten
Arbeit und Humor
Wegzugsgedanken
„Speckstudenten“ und Kleidermoden
Abreise
Schrecken in Wittenberg
Reisen nach Eisleben
Briefe von Halle und Eisleben
Der letzte Brief
Die Todesnachricht
Zurüstung zur Bestattung
Trostbrief des Kurfürsten
Der Leichenzug
Katharinas Stimmung


16. Luthers Testament.

„Die Welt ist undankbar, die Leute sind grob“
Dr. Brücks Zorn auf Katharina
Fürstliche und freundschaftliche Fürsorge
Das sächsische Erbrecht
Katharinas Leibgeding
Die Erbschaft
Brücks und Katharinas Pläne
Katharinas Bittschrift
Reden der vier Hausfreunde
Brücks Gutachten
Die Entscheidungen des Kurfürsten
Kampf um Wachsdorf und die Kinder
Wolf, Gesinde und Tischburse
Fürsorge für Florian von Bora
Mahnungen an den Dänenkönig


17. Krieg und Flucht.

Beginn des Schmalkaldischen Kriegs, zweierlei Gebete
Anmarsch auf Wittenberg, Flucht
Belagerung Wittenbergs. In Magdeburg
Brief von und an Christian III.
Schreckensgerüchte
Neue Flucht; in Braunschweig
Heimkehr


18. Der Witwenstand.

Wie's daheim aussah
Kriegsschäden und Proceß
Kosttisch; Anlehen
Das Interim. Hans Luther nach Königsberg
Leiden und „gnädige Hilfe“
Hans in Königsberg
Kriegslasten
„Dringende Not“


19. Katharinas Tod

Flucht vor der „Pestilenz“
Der Unfall
Anna von Warbeck
Das Leichenprogramm und die Bestattung
Nachkommen und Reliquien
Denkmäler
Katharinas Gedächtnis


Belege und Bemerkungen.


Register.



1. Kapitel

Katharinas Herkunft und Familie[1].


Zur Zeit der Reformation umfaßte das Land Sachsen etwa das heutige
Königreich, den größten Teil der Provinz Sachsen und die
thüringisch-sächsischen Staaten. Diese sächsischen Lande aber waren seit
dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt
in ein Kurfürstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese
Teilung, aber ganz nach damaligen Verhältnissen: zum Albertinischen
Herzogtum, auch „Meißen“ genannt, gehörte der größte Teil vom heutigen
Königreich mit den Städten Meißen, Dresden, Chemnitz; ferner ein
schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte
sich das Kurfürstentum mit den Hauptstädten Wittenberg, Torgau, Weimar,
Gotha, Eisenach westwärts, und Zwickau und Koburg nach Süden. Die
Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloß
herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: „Die
Meißner sind Gleisner“. Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch
gut[2].

Aus dem Herzogtum Meißen stammte nun Katharina von Bora, Luthers
Hausfrau[3], während er selbst ein geborener Mansfelder, dann ein Bürger
der kursächsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfürsten war.
Er beklagte sich wohl bei seiner Frau über ihren Landesherrn, Herzog
Georg den Bärtigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit
Luther in steter Fehde lag, gehässige Schriften gegen ihn losließ und
die Lutheraner im Lande „Meißen“ verfolgte. Daneben neckte Luther seine
Käthe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Märe von seinem
Tode verbreiteten: „Solches erdichten die Naseweisen, deine
Landsleute“[4].

Im Meißenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwärts von
dem „Schloß und Städtchen“ Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch-
und Deutschenbora[5], eine Viertelstunde von einander zwischen
Tannengehölzen, denn Tanne heißt auf slavisch „Bor“[6]. Hier hatte das
Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in
verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die
Nähe von Bitterfeld und Borna, je fünf Stunden nördlich und südlich von
Leipzig. Sie führten alle im Wappen einen steigenden roten Löwen mit
erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als
Helmzier[7].

Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des
Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiß auszumachen. Mehr
als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer,
streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstätte zu sein: das ist fast
jeder Ort, wo früher oder später Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber
man kann eher noch beweisen, daß sie aus acht dieser Orte nicht stammt,
als daß sie am neunten Ort wirklich geboren sei[8].

Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des
Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der
dörferreichen Hochebene, wo man nördlich nach dem nahen Deutsch-Bora und
dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer
Entfernung von einer Stunde, die burggekrönte Bergnase von Nossen
erblickt.

Wahrscheinlicher aber wurde Käthe zu _Lippendorf_ geboren. Westwärts
nämlich von Borna an der Pleiße zieht sich als meißnisches Gebiet ein
weites Blachfeld, dessen Einförmigkeit nur durch dunkle Gehölze
unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf
Medewitzsch erhebt sich das Häuflein Häuser des kleinen Dörfchens
Lippendorf und etwas abseits gelegen ein größeres Gut, mit einem Teiche
dahinter. Das war zwar kein rittermäßiger Hofsitz, aber doch ein
stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem
wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 saß dort ein Hans von Bora mit
seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner
Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und
Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur
seine zweite Ehefrau.

Hier wäre nun Katharina an dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4
Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem
bauernhofähnlichen Anwesen wäre sie — vielleicht unter einer Stiefmutter
— herangewachsen. An diesem Teich hätte sie als Kind gespielt und
hinübergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem
Schloßpark und kleinen Kirchlein, und weiterhin über die Wiesen und
Gehölze der Mark Nixdorf nach der „Wüstung Zollsdorf“ — wo sie später
als ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend
hausen und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und
Stall, Küche und Keller von der fleißigen Mutter gelernt.[9]

Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort
Katharinas Geburtsstätte sein.

Ja, sicher weiß man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans
konnte der Vater wohl geheißen haben, so hieß damals jeder dritte Mann,
auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht
unglaubwürdigen Nachricht wäre die Mutter eine geborene von Haubitz
gewesen und hätte nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr
beliebten Namen Anna getragen. Dann wäre freilich Lippendorf nicht
Käthes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiß ist nur ihr Geburtstag, der
29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumünze eingegraben,
die heute noch vorhanden ist[10].

Auch ihre nächsten Verwandten sind bekannt.

Katharina hatte wenigstens noch drei Brüder. Der eine, dessen Name nicht
genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb
ziemlich frühzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian,
der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre
alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die
Rechte studieren; damals war „Christina von Bora Witfraw“[11].

Der andere Bruder Katharinas ist _Hans_ von Bora. Er war 1531 in
Diensten des Herzogs Albrecht von Preußen, kehrte aber etwa 1534 von
dort zurück, um für sich und seine Brüder das Gütlein Zulsdorf als
„Erbdächlein“ zu übernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem
Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines „aufrichtigen, feinen
und treuen Menschen“. „Treu und brav ist er, das weiß ich, dazu auch
geschickt und fleißig“, bezeugt ihm Luther[12].

Weniger Löbliches ist von dem dritten Bruder _Klemens_ bekannt. Er kam
mit Bruder Hans nach Königsberg, geriet aber nach dessen Rückkehr in die
Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen
Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst übeln Ruf zuzog und ihn
in Ungnaden bei dem Herzog brachte[13].

Außer den Brüdern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt,
welche später in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein
als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester[14], welche freilich
zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte.

Wenn es wahr ist, daß um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach
Wittenberg verheiratete[15], so müssen auf diesem Vorwerk in den
zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese
aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und nährte
seinen Mann nicht, wie später Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer
Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld
wohnte in dessen Nähe auch in Zweig der Bora hauste[16].

Die Familie Katharinas muß recht arm gewesen sein: es heißt sogar: sie
war in die äußerste Bedrängnis geraten. Florian, der Sohn des ältesten
Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser
wahrscheinlich das Erbgut besaß, doch auf Stipendien angewiesen für
seine Studien. Bruder Hans war am preußischen Hof so ärmlich gestellt,
daß Luther für ihn dem Herzog Albrecht „beschwerlich sein“ und schreiben
mußte: „Nachdem meiner Käthen Bruder Hans von Bora nichts hat und am
Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, daß
ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden würden zugeworfen, damit er auch
Hemd und andere Notdurft bezahlen möchte.[17]“

Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein
Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige
Fräulein mit durchschnittlich 3 Schock[18] jährlich erhielten; und auf
ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, während neue Nonnen
wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte
sie keine Mitgift in die Ehe bringen[19].

So ist also Katharina von Bora — wo es auch sei — in gar engen
Verhältnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Mädchen etwa als
zartes Ritterfräulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als
Jägerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gäbe das ein gar
falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge
Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die
Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als
einziges Töchterlein, auch eine gewisse Selbständigkeit und
Herrschergabe entfaltend, wie sie sich später in der reifen Frau
entwickelt zeigt.

Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen
vermögen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und
Farben. Wir mögen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die
wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina
schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der
Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und
alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen
verwischen und verschwinden, während zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem
Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat
und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, daß sie ein gar
lebendiges und farbenreiches Gemälde geben. Aber man kann sich doch auch
wieder über diesen Mangel leicht trösten.

Denn wie es scheint, sind die Eltern beide früh gestorben. Sobald
Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei
ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden:
die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von
Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch
Luther sonst so großes Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in
Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft
handelt; und auch während der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter
nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall
ist. Vielleicht ist gerade der Eltern früher Tod für Katharina die
Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten.

Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fräuleins
fällt nicht in das Elternhaus. Denn sehr früh kam Katharina von daheim
fort und ihre bewußte Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im
Jungfrauen-Stift.

So fällt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre jünger war, etwa in
dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien
verließ und in das Kloster der Augustiner ging.



2. Kapitel

Im Kloster.


Wenn heutzutage ein armes Mädchen aus besseren Ständen versorgt werden
soll, das nicht auf große Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und
somit dem natürlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben,
voraussichtlich entsagen muß, so kommt es in eine Anstalt und bildet
sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes
Fräulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgüter der Stammhalter und
Schwestern noch mehr geschmälert hätte, zur Versorgung ins Kloster. Die
alten Klöster (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so
Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der
Vorfahren, worin „ehrsame“ (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und für
die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des
jetzigen „geistigen“ Berufs zum Wirken in der Welt für lebendige
Menschen diente damals der „geistliche“ Beruf zur Verehrung Gottes und
der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der
toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch
nicht immer freiwilligen Entschließung zu einem selbstgewählten Beruf,
der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt
es damals die „ewige“ unwiderrufliche „Vergelübdung“ auf Lebenszeit;
statt der „Emanzipation“, welche einer außer dem Familienleben stehenden
Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die
„Klausur“, die Einschließung in die Klostermauern in einem streng
geschlossenen Verband, dem „Orden“, unter dem straffen Bande der
„Regel“, der Klostersatzungen.

Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig
gefragt, und es konnte auch keine Rücksicht darauf genommen werden[22].
Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autorität, namentlich über
Töchter, viel zu groß, und der Familiensinn in solchen adeligen Häusern
war ein zu stark ausgeprägter, als daß sich ein Glied in individueller
Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die
Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt hätte.
Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: „Einen Mönch macht
entweder die elterliche Vergelübdung oder die eigene Einwilligung“[23],
also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben
für eine standesgemäße Versorgung und zugleich für einen „guten seligen
Stand“, wie eine Nonne aus dieser Zeit erklärt[24].

Zudem wurden die Töchter in einem Alter in das Stift gethan, wo von
einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Mädchen
waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr
geschehen; viele kamen auch später hinein, wenn sich die
Familienverhältnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und
dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch früherem Alter wurden
„Kostkinder“ aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden.

„Es ist eine hohe Not und Tyrannei, daß man leider die Kinder,
sonderlich das schwache Weibervolk und junge Mädchen in die Klöster
stößet, reizet und gehen läßt“ — so äußert sich Luther gerade über das
Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entrüstet aus:
„O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den
Ihren so schrecklich und greulich verfahren!“[26]

Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora.
Katharina ward ins Kloster geschickt — gefragt wurde das Kind natürlich
nicht; es geschah „ohne ihren Willen“, wie denn Luther im allgemeinen
von ihr und ihren Mitschwestern von Verstoßung ins Kloster redet und von
Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: „Wie viel
meinst du, daß Nonnen in Klöstern sind, die fröhlich und mit Lust
ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum
eine. Was ist's, daß du solches Kind läßt also sein Leben und alle seine
Werke verlieren?“[27]

Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn
in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf
alle seine Güter allda seiner — vielleicht in diesem Jahr geheirateten
zweiten — Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509)
schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die jüngste, sondern die
zweitjüngste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516)
die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28].

Klöster gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meißnischen
gegen 30 Nonnenklöster gezählt[29]. In welches Kloster Katharina
eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es mußte das adelige
Cisterzienserinnen-Kloster „Marienthron“ oder „Gottesthron“ _Nimbschen_
bei Borna im Kurfürstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme
von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon
lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer
Siechenmeisterin, d.h. Krankenwärterin der Nonnen. Außerdem waren,
scheint es, noch zwei Verwandte aus der mütterlichen Familie der Haubitz
da: eine ältere Margarete und eine jüngere Anna.

Das Kloster Nimbschen hat eine hübsche Lage. Eine Stunde unterhalb,
nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Süden und die Freiberger
von Osten her zusammengeflossen sind zu der großen Mulde, erweitert sich
das enge Flußthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die
Form eines länglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am
Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche
das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter
ansteigende, waldbewachsene Hügelkette den Werder. Ueber der nördlichen
Blattspitze, die scharf durch die zusammenrückenden Felswände
abschließt, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen
von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue,
unmittelbar am Fuße des westlichen Waldhügels, stand das Kloster. Es war
also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Hügelreihen,
nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drüben floß die Mulde
ungesehen tief in ihren Ufern, überragt von der Felswand, hüben erhob
sich der hügelige Klosterwald. Nordwärts davon schimmerte ein ziemlich
großer Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg.

Aus dem Hügel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen
Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebäude
aufgebaut waren; ein Graben an diesem Hügel hin verhinderte noch mehr
den unbefugten Zutritt.

Das Klostergebäude war sehr umfangreich, denn so eine alte
Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt für sich: nach alter Regel mußte
das Kloster alle seine Bedürfnisse selber durch eigene Wirtschaft
befriedigen[31]. Daher gab es neben dem eigentlichen „Gotteshaus“, wie
ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebäude:
Ställe für Pferde, Rinder, Schweine, Geflügel mit den nötigen Knechten
und Mägden, Hirten und Hirtinnen für Füllen, Kühe, Schafe (das Kloster
hatte deren 1800!), Schweine und Gänse; ferner Mäher, Drescher,
Holzhauer, eine „Käsemutter“. Das Kloster selbst zerfiel in zwei
Gebäudekomplexe: „die Propstei“ und die „Klausur“. Die Propstei schloß
sich um den äußeren Klosterhof und umfaßte die Wohnung des Vorstehers
oder Propstes, eines „Halbgeistlichen“, welcher mit „Ehren“ („Ehr“)
angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit)
samt dem Schreiber; ferner das „Predigerhaus“, in welchem die zwei
„Herren an der Pforte“, d.i. Mönche aus dem Kloster Pforta, als
Beichtväter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht über Nimbschen.
Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Mühle, Küche und Keller
waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und
hantierten; auf dem Thorhaus saß der Thorwärter Thalheym. Ein
„Hellenheyszer“ hatte die Oefen zu besorgen.

Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein großes Personal: 40-50
Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora täglich „über den
Hof“ zu speisen; und dazu mußten Löhne gezahlt werden, vom Oberknecht
mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur
Gänsehirtin, welche nur 40 Groschen bekam.

Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu
speisen, brauchte es natürlich großer Einkünfte an Geld, Getreide,
Hühnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdörfern und Höfen, außer den
Klostergütern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden.
Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Düngen,
Dreschen, Mähen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pflücken,
Flachs und Hanf raufen, riffeln und rösten, Schafscheren, Jagdfron
(Treiben bei der Jagd) wofür teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd
auch Geld gereicht wurde.

Die Nonnen selbst wohnten in der „Klausur“, einem zweiten
Gebäudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und
aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium
(Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand.
Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehörte,
war zwischen dieser und dem Propsthofe.

Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Töchter adeliger Häuser aus
verschiedenen Gegenden des kurfürstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu
kamen noch ein halb Dutzend „Konversen“ oder Laienschwestern, die um
Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte
„Kochmeide“, darunter eine Köchin, und die „Frauen-Meid“, d.h. die
Dienerin der Aebtissin. Diese hatte außerdem noch zwei Knaben zu ihrer
Verfügung, die natürlich im äußern Klosterhof wohnten und zu Kleidern
und Schuhen zusammen 1 Schock jährlich erhielten[32].

Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hießen
daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik,
die sich in allen Dingen selbst regierte nach der „Regel“, den
Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren — bloß unter Oberaufsicht
ihres Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der
Regel anordnen und rügen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard,
eine etwas strengere Abart derjenigen der gewöhnlichen alten
Benediktinerinnen[33].

Die Nonnen waren außer der Aebtissin in die _Klausur_ eingeschlossen,
aus welcher sie nur in Klosterangelegenheiten mit besonderer Erlaubnis,
und dies selten und in Begleitung einer Seniorin und des Beichtvaters,
heraustreten durften. Ein Verkehr mit der Außenwelt oder auch nur mit
den Klosterleuten auf der Propstei fand nicht statt; auch in der Kirche
waren sie auf einem besonderen dicht vergitterten Nonnenchor den Blicken
der Weltleute entzogen. Verboten war ausdrücklich das Uebersteigen an
der Orgel und das Herauslehnen über die Umzäunung des Chors. Wenn jemand
von draußen (Geistlicher oder Weltlicher) mit einer Klosterjungfrau zu
reden hatte, etwa die Eltern und Geschwister zu Besuch kamen, so durften
sie nur mit besonderer Erlaubnis der Aebtissin, und nur wenn es die Not
erforderte, in der Redstube durch das vergitterte Redfenster und in
Gegenwart der Aebtissin mit ihr sprechen; es war unmöglich gemacht, daß
jemand die Hand oder ein Ding durch das Fenster steckte. Ebenso war der
Beichtstuhl vermacht, und selbst der Beichtvater durfte nur in
Krankheitsfällen in die Klausur eintreten. Festlichkeiten und
Ergötzungen sollten die Beichtväter nicht mit den Klosterjungfrauen
mitmachen. Der Pförtnerin war bei Strafe verboten, Hunde (?), alte
Weiber und dgl. einzulassen[34]. Die Schwestern durften auch nicht mit
den Klosterkindern[35] zusammen schlafen.

In diesem klösterlichen Verband gab es zur Regierung und Verwaltung der
Gemeinschaft zahlreiche Aemter. Mit ziemlich unumschränkter Gewalt
herrschte die gewählte _Aebtissin_: ihrem Befehl und ihren Strafen war
mit wortlosem, unbedingtem Gehorsam nachzukommen; doch war sie gehalten,
überall den Rat ihrer „Geschworenen und Seniorinnen“ zu hören. Ihr war
nicht nur die äußere Verwaltung der Gemeinschaft übertragen, auch die
„Leitung der Seelen und Gewissen“. Sie sollte sich bestreben, gleich
liebreich gegen alle, Junge und Alte, aufzutreten, für alle, Gesunde
und Kranke, namentlich in ihrer leiblichen Notdurft, besorgt zu sein.

Mit Ehrfurcht nahten die Schwestern der Aebtissin, sie war die Domina
(Herrin), die ehrwürdige Mutter, und die draußen wenigstens nannten sie
„Meine gnädige Frau.“ Im Jahr 1509, also kurz nachdem Katharina von Bora
in Nimbschen eingetreten war, starb die alte Aebtissin Katharina von
Schönberg, und Katharinas Verwandte, Margarete von Haubitz, wurde zur
Aebtissin gewählt und feierlich vom Abt Balthasar aus Pforta in ihr Amt
eingeführt[36].

Nach der Aebtissin kam an Würde die Priorin („Preilin“), einerseits die
Stellvertreterin und Gehülfin derselben, andererseits aber auch die
Vertreterin und Vertrauensperson des Konvents. Auf sie folgte die
„Kellnerin“, die „Bursarin“ (auch „Bursariusin“, Kassiererin) die
Küsterin, die Sangmeisterin („Sängerin“), die Siech- und
Gastmeisterin[37].

Die Schwesternschaft, in welche die junge Katharina eintrat, hatte einen
gleichartigen gesellschaftlichen Rang: sie waren alle aus dem kleinen
Adel und vielfach mit einander verwandt oder gar Schwestern: so die zwei
Haubitz, die zwei Schwestern Zeschau und Margarete und Ave von
Schönfeld, wozu noch eine Metze[38] Schönfeld kam, welche 1508
Siechenmeisterin und später Priorin wurde. Aber die einen waren
wohlhabend mit einem ordentlichen Leibgeding an Geld und Naturalien, die
anderen arm, vielleicht nur bei dem Eintritt und bei der Einsegnung mit
einem kleinen Geschenke von ihren Verwandten abgefunden. Der Wohlstand
scheint nicht ohne Einfluß auf die amtliche Stellung gewesen zu sein;
denn es ist doch wohl nicht Zufall, daß die am reichsten
Verleibgedingte, Margarete von Haubitz, zur Aebtissin gewählt wurde[39].
Auch das Alter war ein gar verschiedenes: da war die 70 jährige Ursula
Osmund, die an hundert Jahre alt wurde, und die zehnjährige Katharina
von Bora und die beiden jungen Schönfeld, welche in ähnlichem Alter
standen. Lange Zeit wurden gar keine neuen Jungfrauen in das Stift
aufgenommen: von 1510 bis 1517 blieben Katharina und Ave die letzten,
vielleicht weil die Zahl 50 (mit den Konversen) überschritten war und
die Einkünfte des Klosters nicht mehr Personen ertrugen. Daß die
Klosterfrauen auch an Wesen, Charakter und Temperament verschieden
waren, ist natürlich; aber alle geistige Individualität (alle
„Eigenschaft“) wurde durch die Klosterregel und Klosterzucht ebenso
ausgelöscht, wie die leibliche Verschiedenheit durch die gleiche Tracht:
Nonnen tragen auch eine geistige Uniform. Dazu sind Freundschaften
verboten. Von irgend einer Eigenheit einer Schwester erfährt man nichts.
Nur die Aebtissin Margarete von Haubitz ist später charakterisiert als:
„ehrliches (vornehmes), frommes, verständiges Weibsbild“[40].

Ob die neue Klosterjungfrau _Katharina von Bora_ an ihr oder den anderen
Verwandten aus dem mütterlichen Geschlechte eine Annehmerin gefunden
habe, ist nicht zu sagen. Doch war nicht von vornherein die
Verwandtschaft mit der Aebtissin ein Grund zu einer freundlichen
Behandlung. Denn eine gleichzeitig mit Katharina in ein andres Kloster
eingetretene junge Nonne beklagt sich, daß ihre Muhme, die Aebtissin,
ganz besonders gewaltthätig und grausam mit ihr verfahren sei.
Vielleicht hat Katharina eine Art mütterliche Freundin an ihrer anderen
Verwandten aus dem väterlichen Geschlecht gefunden, der ehemaligen
Siechenmeisterin Magdalena von Bora, weil diese nachher sich als „Muhme
Lene“ so innig an Katharina und ihre neue Familie anschloß[41].

Zunächst wurde das junge Mädchen eingeführt in die Ordensregel und den
Gottesdienst, wurde gewöhnt an klösterliches Benehmen und an geistliches
Denken und Wesen, auch unterrichtet in einigen Kenntnissen und
Fertigkeiten. In Nimbschen wird keine besondere Novizenmeisterin
genannt; es war nur vom Abt bei der Einführung der neuen Aebtissin 1509
im allgemeinen aufs neue als Ordensregel eingeschärft: „Weil es ein Werk
der Frömmigkeit und Barmherzigkeit ist, die Ungelehrten gelehrter zu
machen, wollen wir, daß diejenigen, welche mehr verstehn unter den
Jungfrauen, die andern zu belehren und unterrichten sich bestreben, in
dem Bewußtsein, daß sie einen großen Lohn für diese Mühe empfangen, und
daß sie durch diese Beschäftigung viel Leichtfertigkeit vermeiden, wozu
die ausgeladene Jugend geneigt ist.“ Natürlich sollten aber alle
Aelteren den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen.

Als „der Schlüssel der Religion“ mußte zunächst überall, wo es die
Ordensregel vorschrieb, unbedingtes _Stillschweigen_ beobachtet werden —
außer dem unbedingten Gehorsam, an den sich die Novizin zu gewöhnen
hatte, der wichtigste und höchste Punkt des klösterlichen Lebens. Denn
es müßte Rechenschaft gegeben werden von jedem unnützen Wort nicht nur
vor Gottes Richterstuhl, sondern auch vor dem Beichtstuhl des Priesters.
Vielmehr sollten die Klosterjungfrauen außerhalb der vorgeschriebenen
Gebetszeiten und der Lektionen in besonderen Gebeten mit dem Bräutigam
Christus reden oder in Beschaulichkeit schweigend hören, was Gott in
ihnen redet. Darum wurde streng darauf gesehen, daß die Kinder und
heranwachsenden Jungfrauen nicht herumliefen und schwatzten, sondern
sich sittsam und schweigsam verhielten.

Es galt sodann in Kleidung und Haltung, in Gebärde und Rede sich das
rechte nonnenhafte Wesen anzueignen. „Am Ort der Buße“, mußte man „die
größte Einfachheit der Kleidung zeigen, sich weder mit weltlichen
Gewändern schmücken, noch auch mit den Fransen der Pharisäer“, sondern
die Kutten bis an die Schultern herausziehen. Das Angesicht mußten die
Novizen lernen stets zu neigen. „Denn die Scham ist die Hüterin der
Jungfrauschaft, der köstlichen Perle, welche die geistlichen Töchter
bewahren sollen. So sollen sie mit Seufzen und Beklagen der verlorenen
Zeit die Ankunft des himmlischen Bräutigams erwarten welcher seine
Verlobten, — die im Glauben und hl. Profeß stets des Herrn harren, — mit
Frohlocken in sein Brautgemach führt.“

„Damit sie sich aber nicht mit dem Laster des Eigentums beflecken,
welches in der Religion das schlimmste und verdammlichste und ein Netz
des Teufels ist, sollen sie bei Strafe der Exkommunikation alle
Geschenke von Freunden und andern draußen nicht als ihr Recht
beanspruchen, sondern der Aebtissin reichen, und demütig von ihr das
Nötige begehren.“

Die Vorgesetzten aßen zwar am besonderen Tisch und hatten bessere
Speisen und Getränke: so bekamen sie echtes Bier, dagegen die
Konventualinnen nur „Kofent“ (Konvent- d.h. Dünn-Bier)[646], aber
gleichmäßige Behandlung aller Klosterjungfrauen in Speisen und Getränken
waren der Aebtissin zur Pflicht gemacht, und die Mahlzeiten ließen nach
herkömmlicher Klostersitte nichts zu wünschen übrig[42]. „Festmahlzeiten
und Ergötzlichkeiten“ waren den Schwestern unter sich von der Aebtissin
erlaubt.

Diese Ordnungen, zu welchen in Nimbschen bei Einführung der neuen
Aebtissin der Abt-Visitator eine Art Hirtenbrief als Erläuterung und
Ergänzung der Ordensregel gegeben hatte, wurden alle Vierteljahre
kapitelweise im Konvent gelesen und durch die Aebtissin oder Priorin
Punkt für Punkt erklärt, damit jede Klosterjungfrau — namentlich aber
die Neulinge — aus sich selbst die klösterliche Lebensweise und
Lebenseinrichtung annähmen.

In solche strenge Klosterzucht wurde nun das junge Mädchen eingeführt.
Wenn auch die Praxis — wie sich bei jeder Visitation zeigte, namentlich
in der Verordnung von unnützen Reden — von der Theorie abwich, so war
doch zu dieser Zeit ein stramme ernstliche Einhaltung der Ordensregel in
Nimbschen durchgeführt. Man hatte nämlich gerade um 1500 auch hier wie
in anderen Klöstern eine „Reformation“ der zerfallenen Klosterordnung
erstrebt[43].

Neben dieser Erziehung zum Klosterleben gab es auch einigen
_Unterricht_, der mit dem Ordensleben zusammen hing. Die Novizen mußten
lesen lernen — was damals bei der krausen Schrift und dem noch krauseren
Stil nicht so ganz leicht war[44]. Sogar ins Lateinische mußten die
Nonnen notdürftig eingeführt werden: denn die Lesungen und Gebete,
besonders aber die Gesänge waren meist in der Kirchensprache geschrieben
— wenn es auch mit dem Verständnis der Fremdsprache nicht gerade weit
her war: singen ja doch auch heute Kirchenchöre in Dorfgemeinden
lateinische Hymnen und Messen. Auch schreiben hat Katharina im Kloster
gelernt, wenn sie auch später — wie alle viel beschäftigten Frauen nicht
gerne und viel schrieb und an Fremde und hochgestellte Personen ihre
Gedanken lieber einem Studenten oder Magister in die Feder sagte. Sonst
konnten nicht alle Klosterfrauen diese Kunst. Eine eigentliche Schule,
worin die Schulmeidlein gelehrt wurden, gab es nicht, doch waren einige
Klosterfrauen fähig, nach ihrem Austritt Mädchenschulmeisterinnen zu
werden, so die Schwester von Staupitz und die Elsa von Kanitz[45].

Der _Gesang_ spielte eine große Rolle im Kloster: waren doch alle
religiösen Uebungen größtenteils gemeinschaftlich und mußten so zum
Chorgesang werden. Es war eine Sängerin oder Sangmeisterin
(Kapellenmeisterin) bestellt, welche die Gesänge einzuüben hatte. Und im
Kloster war ein altes „Sangbuch“, welches 1417 für 2 Schock Groschen
gekauft und vom markgräflichen Vogt zu Grimma bezahlt worden war. Es
waren aber im Kloster fremde Gesänge aufgekommen und es wurde gegen die
Regel des seligen Vaters Bernhard zu schnell und ungleich (d.h.
rhythmisch) gesungen, und kam der Unfug auf, daß unvermittelt bald alle,
bald wenige Stimmen sangen; der Abt von Pforta ordnete daher an, daß
rund, eine Silbe wie die andere gesungen werde, einhellig und mit
gleicher Stimme, nicht zu hoch und zu tief[46].

Im Jahre 1509, als Katharina von Bora zehn Jahre zählte, war sie kein
Kostkind oder Schulmeidlein mehr, sondern wurde schon unter die
Klosterjungfrauen gezählt. Sie war also einstweilen wenigstens
„Postulantin“, Anwärterin für die Pfründe. Da meist das vierzehnte
Lebensjahr das Entscheidungsjahr für die Klostergelübde war, so hätte
sie mit dem dreizehnten ihr Noviziat antreten und ein Jahr darauf Profeß
thun können. Es ist auffällig, daß sich dies bei Katharina zwei Jahre
hinausschob, und sogar die später eingetretene jüngere Ave Schönfeld
_vor_ ihr mit ihrer älteren Schwester Margarete eingesegnet wurde[47].

Mit ihrem 15. Jahre also wurde Katharina von Bora nach dem Herkommen der
Sammlung von der Aebtissin „angegeben“ (vorgeschlagen) und von dem
Konvent angenommen. Unter feierlichen Zeremonien in der Kirche wurden
ihr die Haare abgeschnitten, die mit Weihwedel und Rauchfaß besprengten
und beräucherten heiligen Kleider angethan: die weiße Kutte übergezogen,
der weiße Weiler (das Kopftuch (velum, der sog. Schleier)) ums Haupt
geschlungen; auf diesem wurde der Himmelsbraut der weiße Rosenkranz
aufgesetzt und der Heiland im Kruzifix als Bräutigam in die Arme gelegt,
dann hat sie ihm durch Opferung des Kranzes ewige Reinigkeit verheißen
und geschworen. Darauf fiel die Postulantin der Reihe nach der Aebtissin
und jeder der einzelnen Klosterfrauen demütig zu Füßen, wurde von ihnen
aufgehoben und mit einem Kusse als Schwester in die Gemeinschaft
aufgenommen[48].

Jetzt kam Katharina unter die strenge Zucht einer älteren Klosterfrau
und mußte in dieser Probezeit im Ernst all die vielen Dinge üben in
Haltung und Gang, in Gebärde und Rede, welche eine Nonne auf Schritt und
Tritt zu beobachten hat, wenn sie nicht gegen die Regel sündigen und
dafür Buße erleiden will. So erzählt eine Nonne: „Das Probejahr geschahe
nur, daß wir Ordensweise lernten und uns versuchten, ob wir zum Orden
tüchtig“[49].

Endlich, im Jahre 1515, „Montags nach Francisci Confessoris“, d.h. am 8.
Oktober, war Katharinas „eynseghnug“. Da mußte sie „Profeß thun“, d.h.
das ewig bindende Klostergelübde ablegen. Es wird ihr gegangen sein wie
jener anderen Nonne, die um diese Zeit auch eingesegnet wurde und von
sich erzählt: „Am Abend vor meiner Profession sagte mir die Aebtissin
vor der ganzen Versammlung im Kapitel: man solle mir die Schwierigkeit
der Regel vorlegen und mich fragen, ob ich das gesinnet wäre zu halten?
wäre aber nicht von nöten, denn ich hätte mich in der Einkleidung
genugsam verpflichtet. Und wenn ich gleichwohl gefragt worden wäre,
hätte ich doch nichts sagen dürfen, hätte mir auch nichts geholfen.“ Die
Einsegnung ging vor sich und zwar war Katharina von „Bhor“ als einzige
auf diesen Tag geweiht. Sie spendete dabei dem Kloster von dem wenigen,
was sie vermochte, 30 Groschen[50].

Zwar nicht widerwillig, aber doch wie sie (bezw. Luther) später sagte,
ohne „ihren Willen“ wurde Katharina als Tochter des sel. Vaters Bernhard
verpflichtet. Trotzdem aber hat sie sich in die Klosterregel nicht nur
gefügt, sondern auch „hitzig und emsig und oft gebetet“[51].

Das entspricht ihrer gesamten entschiedenen Natur, wie sie sich später
ausgereift zeigt. Sie war ja gelehrt worden, durch „gute Werke“,
insbesondere durch Klosterwerke, erwerbe man sich himmlische Güter und
geldliches Vermögen und einen hohen seligen Sitz im Jenseits; also
strengte sie alle Kraft und allen Fleiß an, solchen Reichtum zu erwerben
und durch geistliche Uebungen sich einen guten Platz im Himmel zu
verdienen. Was sie später als Frau einmal angriff, das erstrebte sie
auch mit der ganzen Gewalt und Zähigkeit ihres Willens, und so wird sie
es auch im Kloster gehalten haben als Nonne. Zudem pflegen junge
Klosterleute, namentlich weibliche, die eifrigsten zu sein in der Uebung
der Pflichten, auch wenn sie nichts von Schwärmerei an sich haben.

Und was hatte nun die junge Nonne für hohe Werke und heilige Pflichten
zu thun?

Fast das gesamte Leben im Kloster füllten geistliche Uebungen aus, ihr
ganzes Tagewerk war Beten, Singen, Lesen, Hören erbaulicher Dinge, „da“,
wie es in einer Klosterregel heißt, „alle Klausur und geistliche Leute
erdacht und gemacht sind, daß sie unserm Herrn und Gott dienen und für
Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten füllen“. Das waren nun
außer dem Messesingen und den privaten Gebeten noch besonders die
gemeinsamen 7 Gebetszeiten, die Horen: Matutin, Terz, Sext, Non am
Morgen, Vesper und Komplet am Abend mit Psalmen, Martyrologien,
Ordensregeln. Auch nächtliche Gottesdienste wurden begangen: Metten und
Vigilien. Und sogar während des Essens, wo Stillschweigen geboten war,
wurde vorgelesen aus einem Erbauungsbuch. Abwechselnd hatte Katharina
auch selbst diese Vorlesung zu halten und mußte dann nachspeisen[52].

Welchen Eindruck diese Vorschriften auf ein natürlich fühlendes und
religiöses Gemüt machen mußten, hören wir aus einem späteren Bericht:
„Da D. Martinus der Nonnen Statuten las, die gar kalt geschrieben und
gemacht waren, seufzte er sehr und sprach: „Das hat man müssen
hochhalten und hat dieweil Gottes Wort vermisset! Sehet nur, was für
eine Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Papsttum gewest ist, da
man auf die horas canonicas und Menschensatzungen drang, wie Hugo
geschrieben, daß wer nur eine Silbe ausließe und nicht gar ausbetete,
müßte Rechenschaft dafür geben am jüngsten Gericht[53].“

Ob Katharina je ein Amt in dem Konvent bekleidet hat, wissen wir nicht;
jedenfalls konnte dies nur ein niederes, etwa das einer
„Siechenmeisterin“ sein. Wahrscheinlich aber war sie noch zu jung, als
daß bei so vielen Vorgängerinnen an sie die Reihe gekommen wäre[54].

Eigentliche _Arbeit_ gab es im Kloster nicht: die Nonnen durften ja
nicht aus der Klausur, und die Hausarbeit in Küche und Stube schafften
die Laienschwestern und Klostermägde. Freilich so ganz arbeitslos wie
bei manchen adeligen Mönchsorden, wovon der Volkswitz sagt:

  Kleider aus und Kleider an
  Ist alles, was die Deutschherrn than.

— so träge verfloß das Leben der Nonnen nicht. Konnten sie sich doch mit
weiblichen Handarbeiten abgeben wie Spinnen von dem Ertrag der großen
Schafherden für die wollene Bekleidung, namentlich aber mit Stickereien,
wie Altardecken, Meßgewänder, Teppiche, Fahnen u.s.w., in Nimbschen,
wohl auch in Pforta für die Kirche der dortigen Mönche und vielleicht
auch für den Bischof von Meißen, unter dem das Kloster stand[55]. So hat
jedenfalls auch Schwester Katharina manche kunstvolle Stickerei
verfertigt, wenn auch die mancherlei Handarbeiten, welche heutzutage da
und dort von Luthers Käthe gezeigt werden, wohl alle nicht echt sind.

Eine gewisse Unterhaltung gewährte noch die Besichtigung und
Instandhaltung der zahllosen Reliquienstücke, welche in der Nimbscher
Kirche aufgespeichert waren, und welche es galt zu schmücken und in
Ordnung zu halten. Es waren da an den 12 Altären in Kreuzen,
Monstranzen, Kapseln, Tafeln wohl vierhundert hl. Partikeln. So von
Christi Tisch, Kreuz und Krippe, Kleid und Blut und Schweißtuch, vom
Stein und Boden, wo Jesus über Jerusalem weinte, im Todesschweiß betete,
gegeißelt saß, gekreuzigt ward, gen Himmel fuhr; vom Haar, Hemd, Rock,
Grab der hl. Jungfrau; von den Aposteln allerlei Knochen, auch Blut
Pauli, vom Haupt und Kleid Johannes' des Täufers; von vielen Heiligen,
bekannten und unbekannten: den 11000 Jungfrauen, der hl. Elisabeth von
Thüringen, der hl. Genoveva, dem hl. Nonnosus, der hl. Libine Zähne,
Hände, Arme, Knochen, Schleier, Teppiche —, ferner Partikeln von der
Säule Christophs, vom Kreuz des Schächers u.a.[56].

Aber auch hier hatten die Seniorinnen, u.a. auch Magdalena von Bora, die
Obhut über die hl. Kapseln.

Vor allen diesen Reliquien wurden bestimmte Antiphonien gesungen, was
eine gewisse Abwechslung in dem täglichen Gottesdienst gab.

Eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei brachten auch die vielen
Festtage, Bittgänge und Prozessionen im Kreuzgang und auf dem
Kirchhof[57].

Eine große Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von
Pforta — freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern
mußte abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster
verköstigt, auch herkömmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58].
Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Mißstände, ein Verhör
aller einzelnen Schwestern und schließlich einen oft scharfen Bescheid.

Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins
Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfürsten Ablässe,
wenn auch nur 40tägige, erlangt für Besucher und Wohlthäter des
Klosters, für Anhörung von Predigten und Kniebeugen beim Aveläuten[59].

Der Hauptablaß aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich
an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten
des Klosters unter dem Namen „_Ablaß_“ (wie in Bayern „Dult“ = Indulgenz
= Ablaß). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu
Nimbschen jährlich „Ablaß“ war, mußten fronweise aus jedem Klosterdorf
drei Männer kommen und „zur Verhütung von Händeln, bei Tag und Nacht zu
besorgend, Wache halten“. Von all diesem Leben und Treiben freilich
sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer
Klausur aus den Lärm draußen hören konnten[60].

Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die
andre Schwester mit; aber freilich an die jüngern Klosterfrauen kam das
wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Städchen, oder auch
ins ferne Torgau, die kurfürstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das
großartige Schloß Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster
mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und mußte mit eigenem
Geschirr Getreide holen, während die Stadt verschiedene Gebräude Bier
selbst bringen mußte. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in
Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurück gebracht. Eingekauft
wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schöffer Leonhard Koppe, z.B.
Tonnen Heringe, Kiepen (Rückkörbe) voll Stockfische, Hechte, Fässer
Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkäufe zu Martini, wo „Meine
gnädige Frau“, die Aebtissin, mit einer würdigen Jungfrau die Zinsen
einnahm, in der Herberge auch einige Groschen „zu vertrinken“ gab und
bei Koppe einkaufte und die Rechnung persönlich bezahlte[61].

Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In
ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts
besonderes Außerordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod
ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schönfeld die Jüngsten
im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder
herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von
mütterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Poßin, 1
Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den
Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg
und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers
(Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten
sehr zu ihrem Propst, während die Beichtväter verhaßt waren; denn diese,
„die 2 Herren an der Pforte“ betrugen sich anspruchsvoll und anmaßend,
mischten sich — wohl aus Langerweile — in Dinge, die sie nichts
angingen, wollten in die Verwaltung, also in den Geschäftskreis des
Propstes drein reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so daß gar
oft Klagen wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt
wider sie und gegen ihre Schützer, die Aebte von Pforta, anrufen
mußte[63]. Da gab es nun in diesen Jahren eine gar willkommene
Gelegenheit, den Mönchen ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513
kam der Vorsteher vom Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen
Pforzheim im Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein
Privilegium an. Weil seine Anstalt nämlich nicht genug Einkünfte besaß,
hatte er sich vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, daß allen
Wohlthätern des Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde.
Also gab die Domina Aebtissin und ganze löbliche Sammlung des Klosters
eine Beisteuer und erhielten dafür einen gedruckten mit dem Namen
„Niimitsch“ ausgefüllten und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim
ord S. Spirit. unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen für
seine milde Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und
aller guten Werke und Ablässe derselben teilhaftig und ihm insbesondere
erlaubt wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder mönchischen
Beichtvater Absolution von Sünden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar
solchen, welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im
Leben und im Todesfall, so oft es nötig erschien, erteilen zu lassen.
Dieses Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den
folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den
Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthüren geöffnet, durch
welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem
geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit
erlangen konnten.

Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs.
Die Klosterdörfer hatten zwölferlei Fronden. Von diesen trotzten die
Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht
zufrieden, so daß der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen
mußte[65].

Das waren die kleinen und kleinlichen Eindrücke und Ereignisse, die in
das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora
eingreifend, die glatte Oberfläche ihres beschaulichen Daseins leicht
kräuselten. Das waren die einförmigen Beschäftigungen, mit denen sie die
Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre mühsam hinwegtäuschten. Solche
einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis
eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die körperliche Kraft
eines jungen Menschenkindes zurückhielt, so mußte es auch die
aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht
nur das äußere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge
kurzsichtig. Wenn auch die gähnende Langeweile demjenigen nicht zu
Bewußtsein kam, der von nichts anderem wußte, so mußte doch der Geist
nach Eindrücken lechzen, so daß das Sprichwort begreiflich wird, welches
den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt:
„Neugierig wie eine Nonne“. Und die ständige Aufgabe, „das Leben in
sich abzutöten“, konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage
erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich
heißhungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die
eigentümliche Lebenskraft des Weibes, das Gemüt hier unbefriedigt[66].

Gewiß die allermeisten dieser adligen Fräulein hatten es äußerlich
angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxuriöser als daheim im
beschränkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das
Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und
besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewußtsein
hatte, war viel größer als dasjenige, das eine arme Edelfrau draußen in
der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die
Künstlichkeit all dieser Verhältnisse mußte, wenn auch ohne klares
Bewußtsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist drücken.

Nur das eine Gefühl konnte die Nonne über alle Zweifel, alle Entsagung,
alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das
Bewußtsein, ein gottwohlgefälliges Werk zu thun, sich ein besonderes
Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die
ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung
alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschüttert
und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann
mußte das ganze Gebäu zusammenstürzen, dann mußte eine gegen sich
aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein
Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf
erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfüllt hatte.

Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verständiger,
nüchterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter
Schwermut sich unglückselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine
verschlossene Welt.

Es mußte ihr erst die Möglichkeit sich öffnen, den Klostermauern zu
entrinnen, und das pflichtmäßige Recht, es zu dürfen; dann aber erwachte
auch ihre ganze Thatkraft und mit aller Macht des Willens und Verstandes
setzte sie auch durch, was erreichbar und recht war.



3. Kapitel

Die Flucht aus dem Kloster


Kaum ein Jahr hatte Schwester Katharina das Nonnengelübde abgelegt, da
schlug der Augustinermönch Martin Luther in Wittenberg die 95 Sätze
wider den Ablaß an. Nach einem Jahr stellte er sich dem Gesandten des
Papstes in Augsburg zur Verantwortung. Wieder ein Jahr später war die
große Redeschlacht mit Eck zu Leipzig. Am Ende des folgenden Jahres
verbrannte Luther die Bannbulle und im Frühjahr 1521 stand er vor Kaiser
und Reich in Worms.

Diese die Kirche und die ganze christliche Welt aufregenden Ereignisse
drangen auch in die Klöster und erregten auch dort die Geister; dies um
so mehr, weil der Urheber all dieser gewaltigen Kämpfe selbst ein
Klosterbruder war, und zwar ein Augustiner, der dem Orden der alten
Benediktiner (Cisterzienser und Bernhardiner) verwandt war und darum als
Vorkämpfer dieses wider die gegnerischen Genossenschaften der
ketzerrichterischen Dominikaner angesehen und schon darum mit einer
gewissen Sympathie betrachtet wurde.

Aber noch tiefer in das Leben und die Gedankenwelt der Klosterbewohner
schnitten die Schriften ein, welche der Wittenberger Mönch und Doktor in
diesen großen Jahren schrieb. Schon die Disputation von „Kraft und Wert
des Ablasses“ über die 95 Thesen ging die Nonnen in Nimbschen besonders
an; denn auf „Kraft und Wert des Ablasses“ ruhte ja ein sehr großer Teil
ihres geistlichen Vermögens: der Gottesdienst an jedem Festtag, ja das
Kniebeugen beim Aveläuten brachte jedesmal vierzig Tage Ablaß ein. Aber
noch näher sollten ihre Person und ihren besonderen Beruf weitere
Schriften berühren[67].

Es erschien 1518 Luthers „Auslegung des Vaterunsers für die
Einfältigen“. Darin mußte einem Klosterinsassen gar mancherlei
auffallen. Das Vaterunser, heißt's da, ist das edelste und beste Gebet —
beim Rosenkranz aber kommt das Ave Maria 5 mal so oft vor! Ferner: „Je
weniger Worte, je besser Gebet; je mehr Worte, je weniger Gebet. Da
klappert einer mit den Paternosterkörnern und manche geistliche Personen
schlappern ihre Horen überhin und sagen ohne Scham: ‚Ei nun bin ich
froh, ich habe unsern Herrn bezahlt‘, meinen, sie haben Gott genug
gethan. Jetzt setzen wir unsere Zuversicht in viel Geplärr, Geschrei und
Gesang, was Christus doch verboten hat, da er sagt: ‚niemand wird erhört
durch viel Worte machen‘. Er spricht nicht: ihr sollt ohne Unterlaß
beten, Blätter umwenden, Rosenkranz-Ringlein ziehn, viele Worte machen.
Das Wesen des Gebets ist nichts anders als Erhebung des Gemütes oder
Herzens zu Gott, sonst ist's kein Gebet. Den Namen Gottes verunehren die
hoffärtigen Heiligen und Teufels-Martyrer, die nicht sind wie andere
Leute, sondern gleich dem Gleisner im Evangelium. Wir beten nicht: Laß
uns kommen zu deinem Reich, als sollten wir darnach laufen; sondern:
Dein Reich komme zu uns; denn Gottes Gnade und sein Reich muß zu uns
kommen, gleich wie Christus zu uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist
und nicht wir zu ihm von der Erde gestiegen sind in den Himmel. Das
tägliche Brot ist das Wort Gottes, weil die Seele davon gespeist,
gestärkt, groß und fest wird. Es ist ein schweres Wesen zu unser Zeit,
daß das Fürnehmste im Gottesdienst dahinten bleibt.“[68]

Dann kam 1520 der „Sermon von den guten Werken“. Gute Werke waren ja
alles Thun im Kloster: Beten, Fasten, Wachen u.s.w. Was aber nennt nun
Luther wahrhaft gute Werke? „Das erste, höchste und alleredelste Werk
ist der Glauben an Christum. Darin müssen alle Werke geschehen und
dadurch erst gut werden. Beten, Fasten, Stiften ist ohne dies nichts.
Fragst du solche, ob sie das auch als gutes Werk betrachten, wenn sie
ihr Handwerk arbeiten und allerlei Werk thun zu des Leibes Nahrung oder
zum gemeinen Nutzen, so sagen sie nein! und spannen die guten Werke so
enge, daß nur Kirchengehen, Beten, Fasten Almosen bleiben. So verkürzen
und verringern sie Gott seine Dienste. Ein Christenmensch vermisset sich
aller Ding, die zu thun sind, und thut's alles fröhlich und frei; nicht
um viele gute Verdienste und Werke zu sammeln, sondern weil es ihm eine
Lust ist, Gott also wohlzugefallen. Eltern können an ihren eigenen
Kindern die Seligkeit erlangen; so sie die zu Gottes Dienst ziehen,
haben sie fürwahr beide Hände voll guter Werke an ihnen zu thun. O welch
ein selige Ehe und Haus wäre das! Fürwahr, es wäre eine rechte Kirche,
ein auserwählet Kloster, ja ein Paradies!“

Und ähnliche Gedanken konnten die Klosterleute ausgeführt finden in des
Doktors herrlichem Büchlein „Von der Freiheit eines Christenmenschen“
vom selben Jahr 1520. Da heißt es: „Der Mensch lebt nicht für sich
allein, sondern auch für alle Menschen auf Erden; ja vielmehr allein für
andere und nicht für sich. Daher bin ich schmerzlich besorgt, daß
heutzutage wenige oder keine Stifte und Klöster christlich sind. Ich
fürchte nämlich, daß in dem Fasten und Beten allesamt nur das Unsere
gesucht wird, daß damit unsere Sünden gebüßt und unsere Seligkeit
gefunden wird.“

Für die Mönche und Nonnen aber eigens geschrieben waren mehrere
Schriften über das Klosterleben. So das Büchlein über „die
Klostergelübde. Aus der Wüstenung (d.h. Wartburg) anno 1521“. Darin
nimmt sich Luther der gefallenen und geängsteten Gewissen an und thut
aus Gottes Wort dar, daß die Gelübde, die ohne und wider Gottes Gebot
geschehen und an sich unmöglich sind, eines getauften Menschen Herz
nicht bestricken und gefangen halten können. Der Glaube und das
Taufgelübde sei das oberste, ohne welches man nichts geloben kann; denn
die Seelen werden durch die Taufe Verschworene und Verlobte Christi.
Falsch Verlobte wie die Klostersleute befreit der Sohn Gottes und nimmt
den aus Gnaden mit Freuden an, der sich zu ihm kehrt und dem ersten
Gelübde anhängt. „Dies Buch machte viele Bande ledig und befreite viel
gefangener Herzen“, sagt eine Zeitgenosse[69].

Gleichfalls von der Wartburg aus erschien endlich ein deutsches
Predigtbuch („Postilla“) von Luther und zu Michaelis desselben Jahres
(1522) noch ein Wartburgswerk „Das Neue Testament deutsch“. Da konnte
nun jedermann und vor allem die geistlichen Personen im Kloster, welche
die evangelischen Ratschläge befolgen und ein evangelisches Leben führen
wollten, aus der Quelle erfahren, was wahres Christentum sei, wie es
Christus und die Apostel gelehrt, und wie es Luther ausgelegt hatte.

Demzufolge wandte sich die Stadt Grimma, in deren unmittelbarer Nähe
das Kloster Nimbschen gelegen war, dem Evangelium zu, und die Mönche in
mehreren umliegenden Klöstern verließen ihre Gotteshäuser.

Diese Schriften und Nachrichten kamen auch in das Kloster Nimbschen,
denn so ganz verschlossen von der Welt waren auch Nonnenklöster nicht.

Auf welchem Wege und durch wen wurden sie den Klosterfrauen vermittelt?

Zweierlei Wege und Personen zeigen sich da. In _Grimma_ war ein Kloster
von Luthers Kongregation: Augustiner-Eremiten. Dort hatte Luther 1516
schon Visitation gehalten und bei der Rückkehr von der Leipziger
Disputation (1519) blieb er mehrere Tage und predigte wohl auch
daselbst; denn die Mehrzahl der Einwohner Grimmas standen schon längst
auf seiner Seite. Der Prior des Klosters Wolfgang von _Zeschau_ war
Luthers Freund. Er trat 1522 mit der Hälfte der Ordensbrüder aus dem
Kloster und wurde „Hospitalherr“ (Spittelmeister) am St. Georgen-Spital.

Von diesem Zeschau nun aber waren zwei Verwandte (Muhmen) im Kloster
Nimbschen, zwei leibliche Schwestern: Margarete und Veronika von
Zeschau. Gewiß konnte dieser evangelisch gesinnte frühere Mönch
wenigstens vor seinem Austritt mit seinen Muhmen ohne Verdacht verkehren
und ihnen Luthers Schriften zustecken. Auch der eifrig evangelische
Stadtpfarrer in Grimma, Gareysen, war dazu imstande, welcher zu Ostern
1523 das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte.

Außer dem nahen Städtchen Grimma konnte aber auch das ferner gelegene
_Torgau_ der Ort sein, von welchem aus reformatorische Gedanken und
Schriften ins Kloster Nimbschen drangen. In Torgau war sehr früh und
sehr durchgreifend die Reformation eingeführt worden, besonders seit der
frühere Klostergenosse Luthers, der feurige Magister Gabriel _Zwilling_
dort wirkte. Dieser, obwohl einäugig und ein kleines Männlein mit
schwacher Stimme, hat doch durch seine begeisterte, ja stürmische
Predigt, welche in Wittenberg sogar einen Melanchthon mit fortgerissen
hatte, die Bürgerschaft zu einer ziemlich radikalen Abstellung aller
römischen Mißstände und zu begeisterter Aufnahme des Evangeliums
bewogen. Ja ein Torgauer Bürgersohn, Seifensieder seines Handwerks,
entführte zu dieser Zeit — ob vor oder nach 1523 ist ungewiß, — zwei
Nonnen aus dem Kloster Riesa an der Elbe und versteckte sie in einen
hohlen Baum. Dann holte er Pferde und geleitete sie heim und heiratete
die eine der beiden Klosterjungfrauen. Und eine Torgauerin trat 1523 aus
dem Kloster Sitzerode[70].

Ein besonders entschiedener und thatkräftiger Anhänger war der ehemalige
Schösser, der „fürsichtige und weise Ratsherr“ Leonhard Koppe, in dessen
Kaufladen das Kloster seine Waren einzukaufen pflegte, und der wohl mit
seinem Fuhrwerk selber Lieferungen nach Nimbschen brachte. So war dieser
Laie, wenn auch seine evangelische Gesinnung bekannt sein mußte,
vielleicht ein noch geeigneterer Mittelsmann für evangelische Schriften,
als die doch immerhin verdächtigen übergetretenen Geistlichen von
Grimma, vor denen als gefährlichen Wölfen die „zwei Herren an der
Pforte“ ihren geistlichen Schafstall wohl gehütet haben werden. Mit
seinen Waren konnte Koppe leicht lutherische Schriften einschmuggeln und
auch einen Brief aus dem Kloster nach außen besorgen. Keck und schlau
genug war Koppe dazu[71].

Welchen Eindruck das Auftreten und die Schriften Luthers auf die Nonnen
machte, läßt sich ersehen aus einem Bericht, den eine Nonne in gleicher
Lage und Zeit, jene Florentina von Eisleben, durch Luther in Druck gab.
„Als nun die Zeit göttlichen Trostes, in welcher das Evangelium, das so
lange verborgen, an den Tag gekommen, ganzer gemeiner Christenheit
erschienen: sind auch mir als einem verschmachteten hungrigen Schaf, das
lange der Weide gedarbt, die Schriften der rechten Hirten gekommen,
worinnen ich gefunden, daß mein vermeintlich geistlich Leben ein
gestrackter Weg zu der Hölle sei“[72].

In Nimbschen ging es einem großen Teil der Klosterjungfrauen ähnlich.
Ja, eine Anzahl derselben verabredete sich zu dem Plan, aus dem Kloster
auszutreten.

Das war ein schwerer Entschluß, der große Ueberwindung kostete. Eine
ausgesprungene Nonne galt bisher für einen Schandfleck in der Familie.
Der _freie_ Austritt aber war nur durch päpstlichen Dispens mit großen
Kosten und Mühen zu erreichen und eigentlich nur Gliedern fürstlicher
Familien möglich. Freilich waren in dieser neuen, tieferregten Zeit
schon Mönche aus dem Klosterverband ausgetreten und weltlich geworden;
niemand wagte sie jetzt, wenigstens im kurfürstlichen Sachsen,
anzutasten, ja, sie erhielten sogar Aemter und Stellen von Stadt und
Staat. Aber der Austritt von Nonnen war fast noch unerhört, jedenfalls
noch sehr ungewohnt[73]. Und wenn auch das Vorurteil der Welt und der
eigenen Angehörigen überwunden war, so fragte sich doch: was sollten die
ausgetretenen Nonnen draußen in der Welt anfangen, was thun und werden,
womit sich erhalten und durchs Leben bringen?[74]

Wenn darum also auch die meisten, wo nicht alle Nonnen in Nimbschen das
Klosterleben verwarfen, so haben sich doch nur die mutigsten
entschlossen, den Schritt zu thun, den sie für recht und geboten
erachteten, nämlich nur diejenigen, welche vermöge ihrer Bildung
selbständig sich durchs Leben zu bringen im stande waren, wie die
Staupitz und Kanitz, oder die noch jung genug waren, sich in ein neues
Leben zu schicken, wie die beiden Schönfeld und Katharina von Bora. Es
waren in Nimbschen neun Nonnen zum Austritt bereit: Magdalena von
Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika und Margarete von Zeschau,
Loneta von Gohlis, Eva Große, Ave und Margarete von Schönfeld und als
zweitjüngste von ihnen Katharina von Bora[75].

Diese Kloster-„Kinder“ (Nonnen) thaten nun das Naturgemäßeste und
Verständigste: „sie ersuchten und baten ihre Eltern und Freundschaft
(d.i. Verwandte) aufs allerdemütigste um Hülfe, herauszukommen“. Sie
zeigten genugsam an, daß ihnen solch Leben der Seelen Seligkeit halber
nicht länger zu dulden sei, erboten sich auch zu thun und zu leiden, was
fromme (brave) Kinder thun und leiden sollen“[76].

Aber freilich den Eltern und Verwandten war das Gesuch ihrer Töchter und
Basen eine Verlegenheit. Einmal: der Versorgung wegen waren ja diese
Töchter ins Kloster gethan worden — wie wollte man sie nun in den armen
Familien unterhalten? Ihr Erbe war schon in Wirklichkeit oder in
Gedanken verteilt, wer mochte es an diese weltentrückten,
gesellschaftlich toten Familienmitglieder herausgeben?[77] Ferner waren
solche Klosterfrauen der Welt entfremdet und taugten gar wenig ins
Leben. Wenn endlich auch nicht noch religiöse oder kirchliche Bedenken
abschreckten, so war es doch noch eine andere Furcht: die Lehen der
meisten Anverwandten der Klosterfrauen lagen im Lande Herzogs des
Bärtigen, der ein heftiger Feind der Reformation und des Wittenberger
Doktors im besonderen war. Da konnte es wegen Entführung von
gottgeweihten Klosterfrauen empfindliche Strafen geben oder doch
Zurücksetzung bei Hofämtern. Kurzum das Gesuch der klosterflüchtigen
Nonnen wurde abgeschlagen[78].

So standen die Aermsten von jedermann verlassen da, in nicht geringer
Gefahr, daß ihr Vorhaben entdeckt und gehindert, die Beteiligten aber
empfindlich gestraft würden, wie es z.B. der mehrerwähnten Florentina
geschah, als ihr Vorhaben, aus dem Kloster zu treten, entdeckt wurde.
Diese wurde von ihrer eigenen Muhme, der Aebtissin, unbarmherzig vier
Wochen bei großer Kälte härtiglich gefangen gesetzt, dann in Bann und
Buße in ihre Zelle gesperrt, mußte sich beim Kirchgang platt auf die
Erde werfen und die anderen Nonnen über sich hinschreiten lassen, beim
Essen mit einem Strohkränzlein vor der Priorin auf die Erde setzen; dann
wurde sie bei einem neuen Versuch, sich an ihre Verwandten zu wenden,
durchgestäupt und „7 Mittwoch und 7 Freitage von 10 Personen auf einmal
discipliniert“, in Ketten gelegt und für immer in die Zelle gesperrt —
bis sie durch Unachtsamkeit ihrer Schließerin doch entkam.

Solches oder Aehnliches ist im Kloster Nimbschen mit den lutherisch
Gesinnten nicht geschehen; vielleicht schützte sie ihre große Zahl vor
solchen Gewaltmaßregeln. Es war aber wohl auch die Gesinnung der
verständigen Aebtissin, welche eine solche Bestrafung verhinderte:
Margarete von Haubitz ist ja nachher mit dem ganzen übrig gebliebenen
Konvent zur Reformation übergetreten, obwohl sie mit den älteren Frauen
im Kloster blieb und das Leben darin nach evangelischen Grundsätzen
einrichtete. Keineswegs aber konnte und wollte sie als Aebtissin schon
1523 den Klosterflüchtigen Vorschub leisten in ihrem Vorhaben[79].

Da nun die Nonnen an den Ihrigen keinen Anhalt fanden, so hatten sie
gerechte Ursache, anderswo Hülf und Rat zu suchen, wie sie es haben
konnten. Sie fühlten sich ja gedrungen und genötigt, ihre Gewissen und
Seelen zu retten[80]. Wo anders aber sollten sie diese Hülfe suchen, als
bei dem, der sie durch seine evangelischen Schriften und geistkühne
Thaten auf diese Gedanken gebracht hatte? So machten sie's also wohl,
wie nach ihnen noch manche andere, einzelne und ganze Haufen von
Klosterjungfrauen: sie schrieben „an den hochgelehrten Dr. Martinus
Luther zu Wittenberg, einen Klage-Brief und elende Schrift, gaben ihm
ihr Gemüt zu erkennen und begehrten von ihm Trost, Rat und Hülfe“[81].

Und der Ueberbringer dieses Briefes wird jedenfalls niemand anderes
gewesen sein als eben Leonhard Koppe von Torgau. Luther erkannte an, daß
„sie beide hier haben helfen und raten können, und darum seien sie auch
schuldig, aus Pflicht christlicher Liebe die Seelen und Gewissen zu
retten“[82].

„Denn es ist eine hohe Not“, erklärte er weiter, mit Bezug auf die
Nimbscher Nonnen, „daß man leider die Kinder in die Klöster gehen läßt,
wo doch keine tägliche Uebung des göttlichen Wortes ist, ja selten oder
nimmermehr das Evangelium einmal recht gehört wird. Diese Ursach ist
allein genug, daß die Seelen herausgerissen und geraubt werden, wie man
kann, ob auch tausend Eide und Gelübde geschehen wären. Weil aber Gott
kein Dienst gefällt, es gehe denn willig von Herzen, so folgt, daß auch
keine Gelübde weiter gelten, als sofern Lust und Lieb da ist; sonst sind
im Klosterleben furchtbare Gefahren, Versuchungen und Sünden“[83].

„Aber wenn sich nun schwache Seelen an solchem Klosterraub ärgern?“
konnte man einwenden.

Luther erklärte: „Aergernis hin, Aergernis her! Not bricht Eisen und hat
kein Aergernis. Ich werde die schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne
Gefahr meiner Seele geschehen kann; wo nicht, so werde ich meiner Seele
raten, es ärgere sich dann die ganze oder halbe Welt. Nun liegt hier der
Seele Gefahr in allen Stücken. Darum soll niemand von uns begehren, daß
wir ihn nicht ärgern, sondern wir sollen begehren, daß sie unser Ding
billigen und sich nicht ärgern. Das fordert die Liebe!“[84]

So dachte Luther und ihm gleichgesinnt war Leonhard Koppe. An ihn
stellte nun Luther das Ansinnen, die Befreiung zu übernehmen. Und Koppe
war trotz seiner sechzig Jahre ein entschlossener Mann, zu einem kecken
Wagnis bereit, und willigte ein; er nahm keine Rücksicht, ob es ihm im
Geschäfte schaden könnte, noch weniger, ob es ihn beim Hof in Ungunst
bringen oder gar ans Leben gehen könnte; denn auf Nonnenraub stand
eigentlich Todesstrafe, und auch Kurfürst Friedrich, der vorsichtige
Schützer Luthers mißbilligte nicht nur jede öffentliche Gewaltthat,
sondern war auch geneigt, sie zu strafen. Aber trotz all dieser Bedenken
war Leonhard Koppe zu der That entschlossen, und wurde darin von dem
Torgauer Pfarrer D. Zwilling bestärkt; denn dieser war auch in die Sache
eingeweiht[85].

Zwischen Luther und Koppe wurde so der Plan verabredet. Das Unternehmen
sollte von Torgau ausgehen, welches in der Mitte zwischen Nimbschen und
Wittenberg gelegen war. Die Osterzeit wurde zur Ausführung ersehen.

Koppe brauchte aber Gehülfen zur Ausführung seines Unternehmens. Er
wählte dazu seines Bruders Sohn, einen verwegenen jungen Mann, und einen
Bürger Wolfgang Tommitsch (oder Dommitsch), dessen Stieftochter, ein
Fräulein von Seidewitz, kurz vorher aus dem Kloster entkommen war und
bald darauf einen ausgetretenen Augustiner-Propst, Mag. Nikolaus Demuth
heiratete, welcher dann Amtsschöffer in Torgau wurde. Mit den neun
Klosterjungfrauen waren jedenfalls Verabredungen getroffen worden und
sie machten sich fluchtbereit[86].

In der Karwoche brachen nun die Torgauer auf einem oder mehreren mit
einer Blahe bedeckten Wagen, worin sie wohl weltliche Frauenkleider
verborgen hatten, von ihrer Stadt auf. Wenn die beiden Helfer nicht
eigene Wagen leiteten, so waren sie zu Pferde als Bedeckung dabei. Sie
kamen über Grimma am Karsamstag abends den 4. April vor Nimbschen
an[87].

Hier rüsteten sich die Nonnen in gewohnter Weise zu den Ostervigilien,
welche in der Auferstehungsnacht gefeiert wurden. Die außerordentliche
Zeit, wo die Regel und geordneten Beschäftigungen der Klosterfrauen
aufgehoben waren, muß dem Fluchtplan günstig geschienen haben. Während
die beiden Begleiter in dem nahen Gehölz gehalten haben werden, fuhr
Koppe an dem Kloster vor. Er nahm, wie berichtet wird, zum Vorwand,
leere Heringstonnen auf der Heimfahrt nach Torgau mitnehmen zu wollen.
Beim Aufsuchen und Aufladen derselben scheint er den Thorwart Thalheim
beschäftigt und die Aufmerksamkeit der übrigen Bewohner des äußern
Klosterhofs, namentlich der zwei Beichtväter, abgelenkt zu haben. Aus
der Klausur entkamen die neun Verschworenen, indem die Pförtnerin
entweder getäuscht oder gar bei dem Plan beteiligt war (es konnte ganz
gut eine von diesen neun zu dieser Zeit Thürhüterin sein). Ein alter
Berichterstatter erzählt, man hätte eine Lehmwand durchbrochen; ein
anderer, die Jungfrauen hätten sich im Garten versammelt und seien da
über die Mauer gestiegen. Aber auch zur hinteren Thüre konnten sie
entkommen sein; denn an der Bewachung dieser ließ es das Kloster fehlen.
Kurzum, die Neun entflohen, wurden von den beiden Begleitern Koppes
aufgenommen; dieser fuhr wohl mit seinem Wagen Heringstonnen ganz
unschuldig ab und nahm dann draußen die Jungfrauen auf. Die leeren
Tonnen — vorne aufgestellt — konnten ganz gut dazu dienen, den
lebendigen Inhalt des Wagens vor unberufenen Augen zu verbergen[88].

Auf diese oder ähnliche Weise, jedenfalls „mit ausnehmender Ueberlegung
und Schlauheit“, aber auch mit „äußerster Keckheit“ — nicht mit Gewalt
wurden die neun Jungfrauen durch Koppe aus Nimbschen befreit. Luther sah
es fast wie ein Wunder an[89].

Bei Nacht und Nebel fuhren nun die Retter und Geretteten davon, dem
Ostermorgen entgegen: es war eine eigene Ostervigilie in der Luft der
Freiheit durch die frühlingsjunge Gotteswelt[90]. Die Fahrt ging durch
die kurfürstlichen Lande, war also nicht bedroht durch die
Nachstellungen des lutherfeindlichen Herzogs Georg. Eine Verfolgung von
Nimbschen aus war nicht gerade zu befürchten: es waren dort keine
Männer, welche etwa einen Kampf mit den Entführern gewagt hätten. Auch
hat der kluge Koppe gewiß ihre Spuren möglichst verdeckt und die
Verfolger irre geführt. Die weltliche Kleidung, welche die Jungfrauen
mittlerweile mit ihrer geistlichen vertauscht hatten, machte wohl die
Reise unauffällig, und so kam der Zug auch ungehindert am Ostertag in
Torgau an und wurde vom Magister Zwilling freudig empfangen. In Torgau
wurde übernachtet, die weltliche Kleidung der Klosterjungfrauen in der
Eile noch vervollständigt und am anderen Tag ging es Wittenberg zu, weil
es doch nicht geraten schien, die Entflohenen so nahe bei dem Kloster
und auch so nahe beim kurfürstlichen Hof zu lassen[91].

Am Osterdienstag kam der Zug in Wittenberg an; ohne alle Ausstattung, in
ihrer geborgten und eilig zusammengerafften Kleidung, mit den
geschorenen Häuptern ein „arm Völklein“, aber in ihrer großen Armut und
Angst ganz geduldig und fröhlich[92].

Luther empfing sie mit wehmütiger Freude. Den kühnen aber rief er zu:
„Ihr habt ein neu Werk gethan, davon Land und Leute singen und sagen
werden, welches viele für großen Schaden ausschreien: aber die es mit
Gott halten, werden's für großen Frommen preisen. Ihr habt die armen
Seelen aus dem Gefängnis menschlicher Tyrannei geführt eben um die
rechte Zeit: auf Ostern, da Christus auch der Seinen Gefängnis gefangen
nahm“[93]. Als dann die Befreier heimfuhren, empfahl er sie Gott und gab
ihnen Grüße mit an Koppes „liebe Audi“ und „alle Freunde in
Christo“[94].

Drei Tage darauf schrieb Luther zur Verantwortung für sich, für den
„seligen Räuber“ Koppe und die es mit ihm ausgerichtet, sowie für die
befreiten Jungfrauen zum Unterricht an alle, die diesem Exempel wollten
nachfolgen „dem Fürsichtigen und Weisen Leonhard Koppe, Bürger zu
Torgau, meinem besonderen Freunde“ einen offenen Brief. „Auf daß ich
unser aller Wort rede, für mich, der ich's geraten und geboten, und für
Euch und die Euern, die Ihr's ausgericht, und für die Jungfrauen, die
der Erlösung bedurft haben, will ich hiermit in Kürze vor Gott und aller
Welt Rechenschaft und Antwort geben“. In dieser „Ursache und Antwort,
daß Jungfrauen Klöster göttlich verlassen mögen“ berichtet er offen die
That und ihre Gründe und nennt die Namen der Befreier und Befreiten. Er
sagt ihnen:

„Seid gewiß, daß es Gott also verordnet hat und nicht Euer eigen Werk
noch Rat ist, und lasset das Geschrei derjenigen, die es für das
allerärgste Werk tadeln. ‚Pfui, pfui!‘ werden sie sagen, ‚der Narr
Leonhard Koppe hat sich durch den verdammten ketzerischen Mönch fangen
lassen, fährt zu und führt neun Nonnen auf einmal aus dem Kloster, und
hilft ihnen, ihr Gelübde und klösterlich Leben zu verleugnen und zu
verlassen‘. Meint ihr, das ist all heimlich gehalten und verborgen? Ja,
verraten und verkauft, daß auf mich gehetzt werde das ganze Kloster zu
Nimptzschen, weil sie nun hören, daß ich der Räuber gewesen bin! Daß ich
aber solches ausrufe und nicht geheim halte, thue ich aus redlichen
Gründen. Es ist durch mich nicht darum angeregt, daß es heimlich bleiben
sollte, denn was wir thun, thun wir in Gott und scheuen uns des nicht am
Licht. Wollte Gott, ich könnte auf diese oder andere Weise alle
gefangenen Gewissen erretten und alle Klöster ledig (leer) machen. Ich
wollt mich's darnach nicht scheuen, zu bekennen samt allen, die dazu
geholfen hätten, (in) der Zuversicht, Christus, der nun sein Evangelium
an Tag gebracht, und des Endechrists (Antichrists) Reich zerstört, würde
hier Schutzherr sein, ob's auch das Leben kosten müßte. Zum anderen thu
ich's, der armen Kinder und ihrer Freundschaft (Verwandtschaft) Ehren zu
erhalten, daß niemand sagen darf, sie seien durch lose Buben unredlich
ausgeführt und ihrer Ehre sich in Gefahr begeben. Zum dritten, zu warnen
die Herrn vom Adel und alle frommen Biederleute, so Kinder in Klöstern
haben, daß sie selbst dazu thun und sie herausnehmen“[95].

Diese Aufforderung und die gelungene Flucht der neun Nonnen ermutigte,
wie Luther gedacht, noch andere Klosterjungfrauen und deren Eltern zu
gleichem. Noch in derselben Osterwoche entwichen abermals drei Nonnen
aus Nimbschen und kamen zu ihren Angehörigen, und zu Pfingsten wurden
wieder drei von ihren Verwandten selbst aus dem Kloster geholt[96].

Da endlich ermannte sich der Abt von Pforta, der dem offenen Brief
Luthers nicht entgegenzutreten gewagt hatte, — Luther war ein zu
gefürchteter Kämpe. Am 9. Juni schrieb er eine Klage an den — Kurfürsten
über diese Vorgänge, welche zur „Entrottung und Zerstörung des Klosters“
führten, und beschwerte sich, daß die Nonnen von Sr. Kurf. Gn.
Unterthanen dazu geholfen und gefördert worden seien. Der Kurfürst
Friedrich gab in seiner bekannten diplomatischen Weise die ausweichende
Antwort: „Nachdem Wir nit wissen, wie diese Sache bewandt und wie die
Klosterjungfrauen zu solch ihrem Furnehmen verursacht und Wir uns
bisher dieser und dergleichen Sachen nie angenommen, so lassen Wir's
bei ihrer selbst Verantwortung bleiben“[97].

Aber damit war die Klosterflucht in Nimbschen nicht zu Ende. Bis 1526
waren einige zwanzig — auch Magdalena von Bora — ausgetreten, so daß
jetzt nur noch 19 Klosterjungfrauen da waren; und diese samt ihrer
Aebtissin wurden evangelisch, blieben aber im Kloster, bis sich der
Konvent im Jahre 1545 auflöste[98].

Drei Wochen nach der Flucht der neun Nimbscher Nonnen, am 28. April,
wagten sechs Nonnen aus Sornzig die Flucht, trotzdem dies Kloster im
Lande des Reformationsfeindes Herzogs Georg lag, und trotz des
schrecklichen Schicksals, das um diese Zeit den Entführer einer Nonne
betroffen hatte, der zu Dresden geköpft worden war. Und weitere acht
flohen aus Peutwitz[99].

Im selben Jahre der Flucht Katharinas traten noch 16 Nonnen in
Widderstetten auf einmal aus. Zwei Jahre darauf wandten sich wieder
andere „elende Kinder“ an Luther aus dem fürstlichen Kloster Freiberg im
Gebiete seines grimmen Feindes, Herzogs Georg. Und wieder wandte sich
Luther an den bewährten Nonnen-Entführer Leonhard Koppe, den er
scherzweise „Würdiger Pater Prior“ anredet. Luther wußte, daß diese
Zumutung fast zu viel und zu hoch sei — es konnte ja diesmal ernstlich
das Leben kosten — und meinte, Koppe wisse vielleicht jemand anderes,
der dazu helfen könnte. Aber der verwegene Mann ließ sich um ein solches
wagehalsiges Stück schwerlich vergebens bitten und — zu Georgs
allerhöchstem Verdruß — glückte das Wagestück, wie die Entführung aus
Nimbschen[100].



4. Kapitel

Eingewöhnung ins weltliche Leben.


Nachdem die Befreiung Katharinas und ihrer Mitschwestern so gut gelungen
war, fragte es sich nun, was sollte mit ihnen werden?

Die Sorge blieb an Luther hängen. Nochmals wandte er sich an die
Angehörigen der Entflohenen und wird ihnen die Gewissen genugsam geweckt
und ihre Pflicht eingeschärft haben, sich ihrer erbarmungswerten
Töchter, Schwestern und Basen anzunehmen; das geht aus dem offenen Brief
an Koppe und einem anderen an Spalatin hervor, worin es heißt: „O, der
Tyrannen und grausamen Eltern in Deutschland!“[101]

Zugleich aber hatte er den Fall vorgesehen, daß die Verwandten,
wenigstens zum Teil, ablehnten, für die Nonnen zu sorgen. Daher
überdachte er, wie er sie unterbringen könnte. Aber von seinen
„Kapernaiten“ (den Wittenbergern) konnte und wollte er keine
Geldunterstützung oder Anleihe erhalten; dagegen erhielt er von mehreren
Seiten Versprechungen, den Geflüchteten eine Unterkunft zu bieten.
Etliche wollte er auch, wenn er könne, verheiraten. Amsdorf schrieb
scherzend an Spalatin: „Sie sind schön und fein, und alle von Adel, und
keine fünfzigjährige darunter. Die älteste unter ihnen, meines gnädigen
Herrn und Oheims Dr. Staupitz Schwester, hab ich Dir, mein lieber
Bruder, zugerechnet zu einem ehelichen Gemahl, damit Du Dich mögest
eines solchen Schwagers rühmen. Willst Du aber eine jüngere, so sollst
Du die Wahl unter den Schönsten haben“[102].

Bis dahin bat Luther und ebenso Amsdorf den Hofkaplan und
Geheimschreiber des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, „dieser ehrbaren
Meidlein Vorbitter am Hofe zu sein und ein Werk der Liebe zu thun, und
bei den reichen Hofleuten und vielleicht dem Kurfürsten etwas Geld zu
betteln, auch wohl selbst etwas zu geben, damit die Geflüchteten
einstweilen genährt und auf acht bis vierzehn Tage, auch mit Kleidung
versehen werden könnten, denn sie hatten weder Schuhe noch Kleider.“
Luther ging es nämlich damals so schlecht, daß er selbst kaum etwas zu
essen hatte und sein Mitbruder, der Prior Brisger, einen Sack Malz
schuldig bleiben mußte: so sehr blieben die Klostereinkünfte aus, auf
die Luther und der letzte mit ihm lebende Mönch angewiesen war. Er
scherzt mit Beziehung auf seinen Bettelorden: „Der Bettelsack hat ein
Loch, das ist groß“. Freilich der Hof des vorsichtigen Kurfürsten wollte
nicht recht, wenigstens nicht offen mit Unterstützungen herausrücken,
weshalb Luther seinen Freund nochmals mahnen mußte: „Vergeßt auch meiner
Kollekte nicht und ermahnt den Fürsten um meinetwillen auch etwas
beizusteuern. O, ich will's fein heimlich halten und niemanden sagen,
daß er etwas für die abtrünnigen Jungfrauen gegeben — die doch wider
Willen geweihet und nun gerettet sind“[103].

Luthers Appell an die Verwandten verfing nicht. Er mußte klagen: „Sie
sind arm und elend und von ihrer Freundschaft verlassen.“ Luther mußte
also trotz seiner großen Armut die Nonnen mit großem Aufwand
unterstützen. Sonst erfuhr er, „was sie draußen von ihren Verwandten und
Brüdern leiden müßten“ — wenn etwa eine nach Hause käme. Sie wollten
meist auch nicht zu ihrer „Freundschaft“, weil sie in Herzog Jörgs Land
des göttlichen Wortes Mangel haben müßten[104].

Magdalena Staupitz wurde mit der Zeit als „Schulmeisterin“ der Mägdlein
in Grimma gesetzt, und ihr ein Häuslein vom Mönchskloster gegeben. Die
Elsa von Kanitz fand bei einer Verwandten Aufenthalt; Luther wollte sie
1527 als Schulmeisterin der Mägdlein nach Wittenberg berufen. Die Ave
von Schönfeld verheiratete er mit dem Medikus Dr. Basilius Axt[105].

Katharinas Verwandte konnten sich ihrer offenbar nicht annehmen. Die
Eltern waren tot, Bruder Hans mußte selber Dienste suchen im fernen
Preußen, dann Verwalterstellen in Sachsen. Der älteste Bruder war arm
verheiratet, hatte wohl keinen Platz für die Schwester; vom jüngsten,
Clemens, war vollends nichts zu erwarten.

So wurde denn das Fräulein Katharina von Bora nach der Ueberlieferung im
Hause eines Wittenberger Bürgers untergebracht, der in der
Bürgermeistergasse wohnte. Es war der ehrsame gelehrte M. Philipp
Reichenbach, welcher 1525 in Wittenberg Stadtschreiber, 1529 Licentiat
der Rechte, 1530 Bürgermeister und endlich Kurfürstlicher Rat
wurde[106].

In dem Wittenberger Bürgerhause wurde die ehemalige Nonne mehr als eine
Art Pflegetochter gehalten und der Hausherr vertrat Vaterstelle an ihr.
Sie muß dort doch eine angesehene Stellung eingenommen haben. Sie war
bekannt und genannt im Kreise der Universitätsgenossen, und der
Dänenkönig Christiern II., der landesflüchtig im Oktober 1523 nach
Wittenberg kam und bei dem Maler Lukas Kranach Wohnung hatte, beschenkte
Katharina mit einem goldenen Ringe. Die jungen Gelehrten in Wittenberg
sprachen mit Achtung von ihr; sie nannten sie in ihren vertrauten
Briefen, wohl wegen ihrer strengen Zurückhaltung, „die Katharina von
Siena“[107].

Bei dem Stadtschreiber, oder vielmehr bei seiner Frau, sollte nun
Katharina von Bora sich eingewöhnen in das neue oder vielmehr alte
„weltliche“, das bürgerliche Leben.

Das war nicht so gar leicht. Mindestens vierzehn Jahre lang, also fast
ihr ganzes bewußtes Leben, hatte Katharina im Kloster zugebracht. Alle
diese Jahre hatte sie die geistliche Tracht getragen, sich an
nonnenhafte Gebärde und Haltung, an geistliche Sitten und Reden gewöhnt;
den Umgang mit weltlichen Menschen hatte sie verlernt oder eigentlich
nie recht gelernt, und ebenso die Arbeit, das Hantieren in Stube und
Küche; in der That, man begreift, daß der praktische Luther beim Anblick
der neun weltunerfahrenen Nonnen ausrufen konnte: „Ein armes Völklein“!
Wie in die weltliche Kleidung mußte Katharina sich nun an weltliche
Sitte und Rede gewöhnen; wie ihr bleiches Gesicht sich an Luft und Sonne
bräunen, ihre zarten Hände im Angreifen von Töpfen und Besen sich
härten, so mußte auch ihr geistiges Wesen an den rauheren, aber
gesünderen Anforderungen und Zumutungen der Welt sich kräftigen. Aber
wie ihre abgeschnittenen Haare zu langen blonden Zöpfen wuchsen, so nahm
auch Sorgen und Denken an die kleinen weltlichen Pflichten und die
großen weltlichen Interessen zu.

Und das gnädige Fräulein war nicht umsonst bei der Frau Magister. Sie
wurde hier tüchtig vorgeschult für ihren späteren großen
pflichtenreichen Haushalt. Und sie hat sich auch nach dem Zeugnis der
Wittenberger Universität in dem Hause Reichenbach „stille und wohl
verhalten“[108].

Aber auch andere Gedanken und Gefühle erwachten in ihr und wurden ihr
von außen nahe gelegt. Und auch hier machte sie Erfahrungen und erfuhr
sie schmerzliche Enttäuschungen, die sie weltkluger und vorsichtiger
machten.

Katharina war jetzt 24 Jahre alt, eine reife, ja nach den Anschauungen
jener Zeit, welcher das 15. bis 18. Lebensjahr einer Jungfrau für das
richtigste heiratsfähige Alter galt, eine überreife Jungfrau. Daß sie an
Verehelichung dachte, ist begreiflich. Denn sie hatte weder eine
Stellung noch Vermögen. Der Aufenthalt bei ihren Pflegeeltern konnte
doch nur ein vorübergehender und nicht befriedigender sein. Luther, der
die besondere Sorge für diese, wie für andere ausgetretene Klosterleute
übernommen, hatte ohnedies schon von Anfang die ausgesprochene Absicht,
diejenigen, welche in ihren Familien keinen Unterhalt und Aufenthalt
finden konnten, zu verheiraten. Und seine gesamte Anschauung ging dahin
— darin hatte er die echt bäuerliche Ansicht seines Vaters — daß der
Mensch zum Familienleben geboren und gerade das Weib von Gott zur Ehe
bestimmt sei[109].

Nun kam damals im Mai oder Juni 1523 in die Universitätsstadt Hieronymus
_Baumgärtner_, ein Patriziersohn aus Nürnberg, „ein junger Gesell mit
Gelehrsamkeit und Gottseligkeit begabt“. Er hatte früher (1518-21) in
Wittenberg studiert und bei Melanchthon seinen Kosttisch gehabt und
wollte jetzt seine alten Lehrer und Freunde in Wittenberg: Luther und
besonders Melanchthon besuchen, mit dem er später in regem Briefwechsel
stand[110]. Dieser junge Mann erschien Luther als der rechte Gatte für
seine Schutzbefohlene: er war 25 Jahre alt, Käthe 24, beide aus
vornehmem Hause; sie ohne Vermögen, um so mehr paßte in Luthers Augen
der wohlhabende Nürnberger für sie. Und er wird wohl dafür gesorgt
haben, daß Baumgärtner an sie heran kam und an ihr Wohlgefallen fand.
Auch Käthe faßte eine raschaufwallende Neigung für den jungen Mann, war
er ja wohl der erste, der sich der gewesenen Nonne näherte. Vielleicht
haben sich die beiden auch zuerst gefunden, und Luther betrieb es nun in
seiner Art eifrig, die zwei zusammenzubringen. Jedenfalls wurde die
gegenseitige Neigung in dem Freundeskreise bekannt, und man hielt da die
Heirat für sicher.

Aber Baumgärtner zog heim nach Nürnberg und ließ nichts mehr von sich
hören, trotzdem er versprochen hatte, nach ein paar Wochen wieder zu
kommen, um, wie man glaubte, Katharina heimzuführen. Die Freunde,
besonders Blickard Syndringer, erinnerten den Patriziersohn in ihren
Briefen neckend oft genug an die verlassene Geliebte. Sie sei wegen
seines Weggangs in eine Krankheit verfallen und habe sich in Sehnsucht
nach ihm verzehrt. Im Anfang des folgenden Jahres bestellte noch der
Nürnberger Ulrich Pinder von Wittenberg aus an Baumgärtner einen Gruß
von „Katharina von Siena d.i. von Borra“. Endlich schrieb Luther noch
einmal am 12. Oktober 1524 an Baumgärtner: „Wenn Du Deine Käthe von Bora
festhalten willst, so beeile Dich, bevor sie einem andern gegeben wird,
der zur Hand ist. Noch hat sie die Liebe zu Dir nicht verwunden. Und ich
würde mich gar sehr freuen, wenn ihr beide mit einander verbunden
würdet“[111].

Aber den Eltern Baumgärtners war offenbar die entlaufene Nonne anstößig,
und daß sie vermögenslos war, konnte sie erst recht nicht empfehlen.
Daher ging Hieronymus auf dieses Ultimatum des Freiwerbers Luther nicht
ein. Als er im Frühjahr 1525 in Nürnberg Ratsherr geworden war, verlobte
er sich mit einem Mädchen von 14 Jahren, Sibylle Dichtel von Tutzing
„mit sehr reicher Mitgift und was ihm noch erwünschter war, von sehr
angesehenen Eltern“ und hielt mit ihr am 23. Januar 1526 in München die
Hochzeit[112].

Da aber Baumgärtner Katharina endgiltig aufgegeben hatte, so rückte
Luther nun mit dem andern Heiratskandidaten heraus, den er für Käthe an
der Hand hatte. Das war D. Kaspar Glatz, der am 27. August 1524 von der
Universität Wittenberg, deren Rektor er damals war, sich auf ihre
Patronatspfarrei Orlamünde hatte setzen lassen. Luther ging nun damit
um, seine Schutzbefohlene dem D. Glatz zu freien. Aber Käthe, welche
den Mann während seiner Lehrzeit in dem kleinen Wittenberg kennen
gelernt hatte, wollte ihn nicht haben, und sie hatte ein richtigeres
Gefühl als Luther. Glatz war, wie sich später herausstellte, ein
rechthaberischer, eigensinniger Mensch, der Streitigkeiten mit seiner
Gemeinde bekam und deshalb entsetzt werden mußte. Luther aber setzte
Käthe mit der Heirat zu. Da ging sie zu Luthers Amtsgenossen, dem
Professor Amsdorf und beklagte sich, daß Luther sie wider ihren Willen
an D. Glatz verheiraten wolle; nun wisse sie, daß Amsdorf Luthers
vertrauter Freund sei; darum bitte sie, er wolle bei Luther dies
Vorhaben hintertreiben.

Hier scheint nun Amsdorf, der diese Ablehnung für adeligen Hochmut
auslegte, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder
Pfarrherr nicht gut genug sei? denn Katharina wurde zu der Erklärung
gedrängt: Würde Amsdorf oder Luther sie zur Gattin begehren, so wolle
sie sich nicht weigern, D. Glatz aber könne sie nicht haben[113].

Diese Aeußerung, welche wohl ohne viel Absicht gesprochen war, hatte
ihre Folgen; zwar nicht für Amsdorf, der immer ehelos blieb, aber für
Luther. Auch er hatte die Bora „für stolz und hoffärtig“ gehalten,
während sie doch nur etwas Zurückhaltendes hatte und ein gewisses
Selbstbewußtsein zeigte; er hatte sie also nicht recht gemocht. Durch
jene Erklärung an Amsdorf wurde er aber auf andere Gedanken
gebracht[114].



5. Kapitel.

Katharinas Heirat.


So machte Luther bei Käthe von Bora, aber auch bei anderen Nonnen den
Freiwerber; er that es aber auch in seinen Schriften, worin er den
Ehestand so hoch pries und jedermann dazu einlud. Daher scherzte er in
einer Epistel an Spalatin: „Es ist zu verwundern, daß ich, der ich so
oft von der Ehe schreibe und so oft unter Weiber komme, nicht längst
verweibischt oder beweibt bin.“ Und mehr im Ernst: „Ich dränge andere
mit so viel Gründen zur Ehe, daß ich beinahe selbst dazu bewegt
werde“[115].

Wenn Luther so eifrig zur Ehe riet, so hatte er dabei vor allem seine
Amtsgenossen im Auge. Denn bis zur Reformation war es nicht nur Sitte,
sondern sogar Gesetz, daß Universitätslehrer sich nicht verehelichten:
so sehr wurden die Schulen, auch die Hochschulen als kirchliche, ja
geistliche Anstalten angesehen und die „geistigen“ Personen als
„Geistliche“. Nur beschränkte Ausnahmen wurden allmählich mit der
Verehelichung gestattet für Mediziner und Juristen; Rektor konnte lange
Zeit, auch in Wittenberg, nur ein unverehelichter Professor werden. Die
Gelehrten aber betrachteten auch ihrerseits die Ehe als eine
Erniedrigung für ihren hohen Stand. Darum hat Luther nur mit Mühe den
Gelehrten Melanchthon zur Heirat vermocht[116].

Daß aber die eigentlichen Geistlichen, die Priester, heirateten, das war
vor Luther, seit Gregor des Siebenten Zeiten, das heißt seit
sechsthalbhundert Jahren etwas Unerhörtes. Gerade aber _darauf_ hat nun
Luther allmählich in seinen vielen Schriften gedrungen, um zu zeigen daß
im Christentum der geistliche Stand nichts Besonderes sei, daß vielmehr
alle, die aus der Taufe gekrochen, Bischöfe und Pfarrer wären, und
umgekehrt die Geistlichen nichts anders als Christenmenschen. So hat er
all seine geglichen Freunde zur Ehe gedrängt und ihnen dazu mit Eifer
verholfen; auch den Hochmeister von Preußen und den Erzbischof von
Mainz. Er wollte sozusagen für seine Anschauung vom allgemeinen
Priestertum und dem hl. Ehestand, wie der falschen Heiligkeit des
Cölibats den Massenbeweis mit Tatsachen führen. So mahnt er Spalatin
(Ostern 1525): „Warum schreitest Du nicht zur Ehe? Es ist möglich, daß
ich selbst dazu komme, wenn die Feinde nicht aufhören diesen Lebensstand
zu verdammen und die Klüglinge ihn täglich belächeln!“[117]

Der Gedanke, daß auch _Klosterleute_ ehelich werden sollten, war Luther
anfangs befremdend: galt dies doch nach der Anschauung der Zeit so
sakrilegisch, daß die weltlichen Rechte Heiraten von Mönchen und Nonnen
mit dem Tode bestraften[118]. Von der Wartburg schrieb Luther (am 6.
August 1521): „Unsere Wittenberger wollen sogar den Mönchen Weiber
geben? Nun mir sollen sie wenigstens keine Frau aufdringen,“ und mit
Melanchthon scherzt er, ob dieser sich wohl an ihm dafür rächen wolle,
daß er ihm zu einer Frau verholfen habe? er werde sich aber zu hüten
wissen. Doch nach wenigen Monaten hatte er sich überzeugt: „Das ehelose
Leben in Klöstern ist auch der geistlichen Freiheit zuwider. Darum, wo
du nicht frei und mit Lust ehelos bist und mußt es allein um Scham,
Furcht, Nutz oder Ehre willen, da laß nur bald ab und werde ehelich.“ So
versorgte er nun auch Mönche und Nonnen in den Ehestand[119].

Aber wie er selber nur spät, — am spätesten unter den Brüdern — dazu
kam, sein Klosterleben aufzugeben, seine Kutte — als die letzte
zerschlissen war — im Oktober 1524 mit dem Priesterrock und
Professorentalar vertauschte, so erging es ihm auch mit dem Heiraten.
1528 sagte er: „Wenn mir jemand auf dem Wormser Reichstag gesagt hätte,
nach 7 Jahren würde ich Ehemann sein, der Frau und Kinder habe, so hätte
ich ihn ausgelacht“. Gerade wenn ihm seine Freunde und Freundinnen wie
Argula von Grumbach zuredeten oder davon sprachen, er werde doch noch
heiraten, erklärte er das für Geschwätz. Noch am 30. November 1524
meinte er, bei seiner bisherigen und jetzigen Gesinnung werde er keine
Frau nehmen, sein Gemüt passe nicht zum Heiraten, er fühle sich dazu
nicht geschickt. Ja noch Ostern 1525 schreibt er, daß er an keine Ehe
denke[120].

Aber bald nach Ostern wurde er anderen Sinnes.

Es war gerade die böse Zeit der Bauernunruhen, wo radikale Schwärmer die
Sache der Reformation aufs äußerste gefährdeten, die Zeit, wo die Feinde
mit gehässiger Schadenfreude auf ihn wiesen, und die Freunde mit
ängstlicher Sorge nach ihm schauten; es war damals, da er umherzog die
fanatischen Bauernhaufen zu beschwichtigen und dabei zweimal in
Fährlichkeiten des Todes gewesen, als er überhaupt dem Tode entgegen
sah[121]. Da erklärte er: „Münzer und die Bauern haben dem Evangelium
bei uns so sehr geschadet und die Papisten so übermütig gemacht, daß es
fast aussieht, als müsse man das Evangelium wieder ganz von vorn
predigen.“ Deshalb wollte er's nunmehr „nicht mit dem Wort allein,
sondern mit der That bezeugen“. Er wollte mit seinem Beispiel seine
Lehre bekräftigen, weil er so viele kleinmütig finde, und so auch dem
zaghaften Erzbischof von Mainz zum Exempel voran traben. Er war im
Sinne, ehe er aus diesem Leben scheide, sich im gottgeschaffenen
Ehestande finden zu lassen und „nichts von seinem vorigen papistischen
Leben an sich zu behalten“, und sei es auch nur eine verlobte
Josephsehe: auf dem Todbett wollte er sich ein fromm Mägdlein antrauen
lassen und ihr zum Mahlschatz seine zwei silbernen Becher reichen. Als
er gar von Dr. Scharf das Wort hörte: „Wenn dieser Mensch ein Weib
nähme, so würde die ganze Welt und der Teufel selber lachen und er all
seine Sach damit verderben“, da entschloß er sich erst recht: „Kann
ich's schicken, so will ich dem Teufel zum Trotz noch heiraten, und die
Engel sollen sich freuen und der Teufel weinen.“ Endlich drängte ihn
auch sein Vater, mit dem er auf seinen damaligen Reisen zusammentraf,
seinen größten Lieblingswunsch zu erfüllen, und Luther wollte „diesen
letzten Gehorsam seinem geliebenden Vater nicht weigern“[122].

Und gerade eine _Nonne_ sollte die Erwählte sein, „dem Teufel mit seinen
Schuppen, den großen Hansen, Fürsten und Bischöfen zum Trotz, welche
schlechterdings unsinnig werden wollen, daß geistliche Personen freien“.
Und nicht nur den großen Hansen, sondern auch dem großen Haufen zum
Trotz, welcher nach seinem Aberglauben den Sohn eines Mönchs und einer
Nonne für den Antichrist hielt. Also wollte er „mit der That das
Evangelium bezeugen, zum Hohn für alle, welche triumphieren und Ju, ju
schreien, und eine Nonne zum Weibe nehmen“[123]. Diese Nonne aber sollte
_Katharina von Bora_ sein.

Sie war noch immer unversorgt im Reichenbachschen Hause, und er konnte
an ihr ein Werk der Barmherzigkeit thun. Sie hatte erklärt, sie werde
ihn nehmen, wenn er sie wolle. Und er hatte mittlerweile eine bessere
Meinung von ihr gewonnen.

Daß Käthes außerordentliche Schönheit ihn in Feuer gesetzt habe, sagten
ihm seine Gegner in gehässiger Absicht nach. Luther redet nur einmal und
in ziemlich später Zeit in einem Brief an seine Gattin, in ritterlich
schalkhafter Weise davon, daß er „daheim eine schöne Frau“ habe.
Ausdrücklich aber erklärt er, in den ersten Tagen seiner Ehe, daß er
nicht verliebt sei oder voll leidenschaftlichen Feuers, aber er habe
seine Frau gern. Sie war ja auch gar nicht besonders schön. Von
körperlicher Schönheit zitierte Luther den Reim:

  Ist der Apfel rosenrot,
  Ist ein Würmlein drinnen,
  Ist das Maidlein säuberlich,
  So hat's krause Sinnen.

Und da ihm ein heiratslustiger Freund einmal sagte, er möchte eine
Schöne, Fromme, (d.h. Brave) und Reiche, so bemerkte Luther: „Ei, ja,
man soll dir eine malen mit vollen Wangen und weißen Beinen; dieselben
sind auch die frömmsten, aber sie kochen nicht wohl und beten
übel“[124].

So traf er in der Stille und ohne leidenschaftliche Erregung seine Wahl.
Am 16. April scherzt er gegen Spalatin, daß er ein gar arger Liebhaber
sei: „Drei Frauen habe ich zugleich gehabt und sie so wacker geliebt,
daß ich zwei verloren habe, welche andere Verlobte nahmen, und die
dritte halte ich kaum am linken Arme, die mir vielleicht auch bald
weggenommen wird“[125].

Er hatte also doch bestimmte Persönlichkeiten ins Auge gefaßt.

Schon am 4. Mai, nach einem Besuche bei seinen Verwandten in Eisleben
und Mansfeld, redet er in einem vertrauten Briefe an seinen Schwager
Rühel zu Mansfeld von „meiner Käthe“, die er nehmen wolle, so er's
schicken könne. Und wie seinen Schwager, hat er jedenfalls auch seine
Eltern in seine Pläne eingeweiht, und der Vater redete ihm ernstlich
zu[126]. In Wittenberg selbst aber vertraute er es nur wenigen Leuten
an: dem Maler und Ratsherrn Lukas Kranach und seiner Frau. Gerade seinen
Amtsgenossen und übrigen Freunden, vor allem auch Melanchthon, sagte er
nichts davon. Die Klugen wollten für ihn gerade nicht, was Luther
wollte: eine Nonne, und dachten und redeten über eine Mönchs- und
Nonnenheirat „lieblos“. Und ganz besonders war ihnen Katharina von Bora
nicht recht; alle seine besten Freunde schrieen: „Nicht diese, sondern
eine andere!“ Und wohl um es zu verhindern, brachten „böse Mäuler“ sogar
eine boshafte Nachrede auf. Aber gerade das bewog Luther, der Sache
rasch ein Ende zu machen, bevor er die gegen ihn aufgebrachten Mäuler
zu hören genötigt würde, wie es zu geschehen pflegt, und „weil der Satan
gern viel Hindernis und Gewirrs mache durch böse Zungen“[127]. Er
„betete zu unserm Herrn Gott mit Ernst“, wie er berichtet, und handelte
dann ohne Menschen-Rat und -Bedenken, ja wie Melanchthon klagt, ohne
seinen Freunden etwas davon zu sagen[128].

Mit Katharina hatte sich Luther jedenfalls ins Einverständnis gesetzt:
wenn er schon wochenlang schreiben konnte „Meine Käthe“, so mußte sie
doch von seinen Absichten wissen.

Daß Käthe an Martin Luther auch ein rein menschliches Gefallen fand,
begreift sich. Er war wohl schon 42 Jahre alt und 16 älter wie sie
selbst. Aber ein Zeitgenosse bezeugt: „Ein fein klar und tapfer Gesicht
und Falkenaugen hatte er und war von Gliedmaßen eine schöne Person. Er
hatte auch eine helle feine reine Stimme, beides zu singen und zu reden,
war nicht ein großer Schreier“. Auch einem edeln, feineren Geschmack
mußte der ehemalige Mönch und Bauernsohn zusagen: er hielt etwas auf ein
ansprechendes Aeußere und wegen seiner Sorgfalt in der Kleidung nannten
ihn sogar seine Gegner tadelnd einen „feinen Hofmann“, denn er trug
„Hemden mit Bändelein“, hatte einen Fingerring und gelbe Stiefel[129].

Dabei war Luther für alles Schöne in Kunst und Natur eingenommen, ein
guter Sänger und „Lautenist“, heiteren Sinnes und fröhlicher Laune.

Aber noch mehr mußte Luthers Gemütsart einem weiblichen Wesen zusagen:
er war bei aller Heftigkeit doch gutmütig, bei aller Halsstarrigkeit
lenkbar wie ein Kind, bei aller Derbheit doch sinnig und feinfühlig.
Dabei war er „ein frommer (guter) Mann“, der sein Weib herzlich lieb
haben konnte, und in dessen Besitz, wie er selber sagte, eine Frau sich
als Kaiserin dünken dürfte[130].

Freilich auch die äußere Stellung, welche Luthers Gemahlin einnahm,
mußte einen hochstrebenden Sinn reizen. Das Doktorat war in dieser
Humanistenzeit noch höher gewertet als heutzutage die akademische
Professur, es stand mindestens dem Adel gleich. Der einfachste Doktor,
der vom Bauern- und Handwerkerstand sich emporgearbeitet hatte, wurde
von adeligen Jungfrauen als wünschenswerter Ehegenosse begehrt, sodaß
eine große Anzahl Professorenfrauen in Wittenberg von Adel waren. Und
gar Luthers Gattin zu heißen, des gefeiertsten Mannes nicht nur in ganz
Wittenberg, sondern in der ganzen Christenheit, mußte einem Weibe von
Selbstgefühl schmeicheln, wenn es sich auch umgekehrt sagen mußte, daß
mit der Größe des Mannes auch all der Haß und die Beschimpfung mit in
Kauf zu nehmen, welche ihm die Feinde entgegenbrachten. Es war auch ein
gewagtes Unternehmen, einen solchen außerordentlichen Mann zu
befriedigen, des Gewaltigen ebenbürtige Lebensgefährtin zu werden.
Jungfer Käthe hatte den Mut wie das Selbstbewußtsein dazu.

So weigerte sich Käthe der Annäherung Luthers nicht.

Die förmliche Bewerbung Luthers ist wahrscheinlich erst Dienstag den 13.
Juni geschehen, natürlich im Reichenbachschen Hause. Ein späterer
Bericht sagt, daß Käthe überrascht war und anfänglich nicht gewußt, ob
es Luthers Ernst sei, dann aber eingewilligt habe. Gleich abends am
selben Tage war die Trauung oder „das Verlöbnis“, entweder ebenfalls
beim Stadtschreiber oder möglicherweise in Luthers Behausung im Kloster.
Auf die Zeit des Nachtmahls lud der Doktor den Stadtpfarrer Bugenhagen
und den Stiftspropst Jonas, den Juristen Apel und den Ratsherrn und
Stadtkämmerer Meister Lukas Kranach und seine Frau — Melanchthon war
nicht dabei — was Jonas ausdrücklich als auffällig hervorhebt: er war so
ängstlich über diesen Schritt seines großen Freundes, daß er nicht zu
diesem Akt paßte. Auch seinen Freund Dr. Hier. Schurf konnte Luther
nicht zu seinem Rechtsbeistand wählen, weil dieser Lehrer des
bürgerlichen und kirchlichen Rechts allerlei juristische Bedenken hatte
gegen die Priesterehe[131].

Die Trauung geschah nach den herkömmlichen Bräuchen[132]: der
Rechtsgelehrte vollzog die rechtlichen Formalitäten, den schriftlichen
Ehevertrag, er (oder Bugenhagen) fragte im Beisein der Zeugen den
Bräutigam, ob er die Braut zum Weibe nehmen und die Braut, ob sie den
Mann zum ehelichen Gemahl haben wollte. Dann gab der Pfarrer sie beide
mit Gebet und Segen zusammen. Darauf folgte ein kleines Abendessen und
dann das Beilager: Braut und Bräutigam wurden zum Brautbett geführt,
lagerten sich darauf unter einer Decke und damit war die Ehe
gültig[133].

Das war Luthers „Gelöbnis“, wie es in der Wittenberger Redeweise hieß.
Jonas konnte sich beim Anblick der Verlobten auf dem Brautlager nicht
enthalten, Thränen zu vergießen, so sehr war er bewegt. Aber auch die
Gemüter der anderen waren gewiß in großer Bewegung, nicht zum wenigsten
Luther und Käthe[134].

Am folgenden Morgen, Mittwoch, gab Luther den Freunden ein kleines
Mittagsmahl, das damals um 10 Uhr stattfand. Da mittlerweile die
Vermählung in dem kleinen Wittenberg rasch bekannt geworden war, so
sandte der Stadtrat einen Ehrentrunk von einem Stübchen (= 4 Maß)
Malvasier, einem Stübchen Rheinwein und anderthalb Stübchen
Frankenwein[135].

„Das Gelöbnis“ war aber nach damaliger Sitte nicht die „Beilage“ oder
öffentliche Hochzeit; diese folgte erst später mit öffentlichem
Kirchgang und der „Wirtschaft“ (d.i. Hochzeitsschmaus) und feierlicher
Heimführung der „Jungfer Braut“. Vierzehn Tage nach der Trauung,
Dienstag den 27. Juni, folgte nun bei Luther dieses hochzeitliche Mahl
und „Heimfahrt“, denn das junge Ehepaar und seine Freunde wollten nicht
nur die Sitte ehren, sondern gerade recht auffällig in öffentlicher
Feierlichkeit vor der Welt ihren heiligen Ehestand ehrenvoll bezeugen.
Dazu lud der Doktor seine Eltern und seinen Schwager Dr. Rühel in
Mansfeld nebst noch zwei Mansfeldischen Räten, Johann Dürr und Kaspar
Müller, ferner den Hofkaplan M. Spalatin und den Pfarrer Link in
Altenburg, den kühnen Befreier der Nonnen Leonhard Koppe als „würdigen
Vater Prior“, den Kurfürstlichen Hofmarschall Dr. Johann von Dolzig, vor
allem aber den Superintendenten („Bischof“) Amsdorf in Magdeburg
u.a.[136].

Die mit Scherz und Ernst gewürzten Einladungsbriefe an diese Gäste —
außer dem an die Eltern — sind noch vorhanden. Da schreibt Luther an die
drei Mansfeldischen Räte: „Bin willens, eine kleine Freude und Heimfahrt
zu machen. Solches habe ich Euch als guten Herren und Freunden nicht
wollen bergen und bitte, daß Ihr den Segen helft darüber sprechen. Wo
Ihr wolltet und könntet samt meinem lieben Vater und Mutter kommen, mögt
Ihr ermessen, daß mir's eine besondere Freuden wäre“. An Link: „Der Herr
hat mich plötzlich, da ich's nicht dachte, wunderbarer Weise in den
Ehestand versetzt mit der Nonne Käthe von Bora.... Wenn Ihr kommt, will
ich durchaus nicht, daß Ihr einen Becher oder irgend etwas mitbringt“.
An Dolzig: „Es ist ohne Zweifel mein abenteuerlich Geschrei für Euch
kommen, als sollt ich ein Ehemann worden sein. Wiewohl nun dasselbige
fast seltsam ist und ich's selbst kaum glaube, so sind doch die Zeugen
so stark, daß ich's denselben zu Dienst und Ehren glauben muß, und
fürgenommen, auf nächsten Dienstag mit Vater und Mutter samt anderen
guten Freunden in einer Kollation dasselbe zu versiegeln und gewiß zu
machen. Bitte deshalben gar freundlich, wo es nicht beschwerlich ist,
wollet auch treulich beraten mit einem Wildbret und selbst dabei sein
und helfen das Siegel aufdrücken und was dazu gehört“[137].

Das Wildbret fehlte nicht; Wittenberg, welches wußte, was die
Universität und Stadt an Luther besaß — er hat die kleine Stadt und
Universität erst groß und berühmt gemacht — spendete reichliche
Geschenke. Der Stadtrat sandte „Doctori Martino zur Wirtschaft
und Beilage ein Faß Eimbeckisch Bier und zwanzig Gulden in
Schreckenbergern“; und die löbliche Universität verehrte als
Brautgeschenk „H.D. Marthin Luthern und seiner Jungfraw Käthe von Bor“
einen hohen Deckelbecher aus Silber mit schönen vergoldeten
Verzierungen. Johann Pfister, der zu Ostern den Mönch ausgezogen und zu
Pfingsten nach Wittenberg gereist war, um da zu studieren, hat auf D.
Luthers Hochzeit das Amt eines Mundschenken versehen. Vielleicht waren
jetzt auch die Eheringe fertig, welche die Freunde besorgten. Diese
Eheringe soll der Kaiserl. Rat Willibald Pirkheimer in Nürnberg von
Albrecht Dürer haben anfertigen lassen und geschenkt haben; desgleichen
auch eine goldene Denkmünze mit Luthers Bild. Der Trauring Luthers ist
ein zusammenlegbarer Doppelreif mit Diamant und Rubin, den Zeichen von
Liebe und Treue; unter dem hohen Kasten sind die Buchstaben M.L.D. und
C.V.B. und in dem Reif der Spruch: „Was Gott zusammenfüget, soll kein
Mensch scheiden“. Katharinas Ring hat einen Rubin und ist mit Kruzifix
u.a. geziert, mit der Inschrift: „D. Martinus Lutherus, Catharina von
Boren 13. Juni 1525“[138].

Daß dabei Katharina in üblichem Brautschmuck erschien, ist
selbstverständlich, wenn dieser auch nicht so reich war, als das
angebliche Bild Katharinas von Bora im Hochzeitsstaat denken läßt[139].

So wurde mit den guten Freunden eine fröhliche Hochzeit gefeiert.
Freilich werden der unruhigen Zeitläufte wegen nicht alle Eingeladenen
erschienen sein — Luther setzte das schon in seinen Briefen voraus. Auch
Magister Philipp Melanchthon war nicht dabei, der ängstliche Gelehrte,
welcher gegen Luthers Ehe und besonders mit der Nonne war, wäre ein
übler Hochzeitsgast gewesen. Von Katharinas Verwandten scheint niemand
anwesend gewesen zu sein. Vater und Mutter waren wohl schon längst tot,
zwei Brüder im fernen Preußen, der älteste vielleicht auch ferne; den
anderen Verwandten war Käthe doch durch ihr Klosterleben entfremdet, es
hatte sich ja auch bisher niemand von ihnen ihrer angenommen. So mußte
sie ihre Gefreunde und Verwandte in ihren Pflegeeltern und Luthers
Freunden und Eltern sehen. Und wenn ihr's an ihrem Hochzeitsfest recht
wehmütig ums Herz gewesen sein wird, so mußte sie doch die hohe
Verehrung und Freundschaft trösten, welche ihr Gatte bei seinen
Amtsgenossen und Landsleuten gefunden hatte.



6. Kapitel

Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.


Luther führte nach seiner Vermählung die junge Frau in seine Wohnung im
Augustinerkloster. Denn dies hatte ihm der Kurfürst Johann der
Beständige, der seit Mai seinem Bruder Friedrich dem Weisen gefolgt war,
unter der Bedingung des Vorkaufsrechts zur Verfügung gestellt.

Das „schwarze Kloster“ lag oben am Elsterthor, unmittelbar am Wall und
Graben, still und abgewandt von der Welt, von der Straße durch einen
großen Hof geschieden. Das dreistöckige Hauptgebäude gegen die Elbe zu
gelegen war die Behausung der Mönche gewesen und jetzt Luthers
Aufenthalt. In der westlichen Ecke nach Mittag gerichtet und mit
Aussicht auf die gelben Fluten des Stromes war Luthers Zelle, woraus er
„den Papst gestürmt hatte“: sie blieb auch jetzt seine Studierstube.
Dagegen richtete das Ehepaar nach dem Hofe zu, wo die Gemächer des
ehemaligen Priorats lagen, die geräumige Wohnstube ein, worin auch
gespeist und die Besucher empfangen und Gäste bewirtet wurden. Davor lag
ein kleineres Empfangszimmer mit Holzbänken. Die Decken der Gemächer und
bis zur halben Höhe auch die Wände des behaglichen Wohnzimmers waren mit
Holzgetäfel versehen, an den Wänden hin zogen sich Bänke, Pflöcke
darüber dienten zum Aufhängen von Geräten und Kleidern. Zwei große
Fenster mit Butzenscheiben schauten in den Klosterhof. Aber um
deutlicher zu sehen, waren kleine Schiebfenster angebracht, welche
klirrend geöffnet wurden, wenn dahinter etwas beobachtet werden sollte,
ein Besuch kam oder ging oder auf die Dienstboten und das Geziefer des
Hauses geachtet werden sollte. Dort in der Fensternische wurde ein
einfacher hölzerner Sitz aufgestellt mit einer Art Pult, der als
Nähtisch dienen mochte. Ein mächtiger Eichentisch auf Kreuzgestellen
stand in der Mitte und die eine Ecke füllte ein mächtiger Kachelofen.
Darum hieß die Wohnstube auch „das gewöhnliche Winterzimmer“. Es war
wohl noch von der Klosterzeit her bemalt. Wahrscheinlich befand sich
auch hier ein Bild der Maria mit dem schlafenden Jesuskind[140].

Hinter dieser Wohnstube war das Schlafzimmer und eine weitere Kammer,
von dieser wurde später eine Stiege mit einer Fallthüre in das
Erdgeschoß angelegt, auf der man in die Wirtschaftsräume drunten
gelangen und namentlich die Speisen von der Küche innerhalb des Hauses
heraufbringen konnte. Denn Küche, Dienstbotenzimmer und dgl. waren unten
im ehemaligen Refektorium[141].

Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren
Kalk, womit das Klosterhaus innen und außen, wenigstens teilweise,
getünscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der
Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimführung, dieser zu Ehren, als
das Haus viele festliche Besucher aufnehmen mußte[142].

Die erste Ausstattung des Hauses wird dürftig genug gewesen sein, denn
Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit
seinem Gehalt kaum für sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfürst es
bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht
viel Anschaffungen zu machen, namentlich für ein so weitläuftiges
Gebäude. Die 100 fl., die der Kurfürst, und die 20 fl., die der Stadtrat
zur Hochzeit schenkte, gingen darauf für das kostspielige Festmahl. Der
Klosterhausrat, so weit er noch übrig und nicht weggeschleift war durch
allerlei unberufene Hände, war Luther von den Visitatoren geschenkt
worden. Aber es war geringfügig: Schüsseln und Bratspieße, einiger
sonstiger Hausrat und Gartengeräte — zusammen kaum 20 fl. wert. So
werden wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der
Regel aus silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu
beigetragen haben, die öden Räume des Klosters ein bißchen wohnlich zu
gestalten. Verwöhnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals
überhaupt nicht, und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So
schenkte D. Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so
lotter und wurmstichig, daß Frau Käthe kein Leinen mehr darin
aufbewahren konnte vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst
von auswärts allerlei Geschenke, sogar künstliche Uhren. Vom Stadtrat
wurde das junge Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller
freigehalten, brauchte aber nur (trotz vieler Gäste) für 3 Thlr. 4
Groschen 6 Pfennige. Auch schenkte die Stadt „Frau Katharinen Doktor
Martini ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch“
(schwäbisches Tuch)[143].

Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Mönch, der Prior Brisger
verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein
neugebautes Häuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Straße
gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten
Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause,
der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es
nicht hatte fortsetzen und vollenden können, und besser zu einem Diener
taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers
Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr überlebte. Eine Magd
war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte.

In diesem Hause nun gewöhnte sich das junge Paar zunächst einigermaßen
in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: „Ich bin
an meine Käthe gekettet und der Welt abgestorben“[144].

Es war dem 42jährigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Mönch im
ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefühl, wenn er jetzt
selbander bei Tische saß statt allein, oder wenn er morgens erwachend
zwei Zöpfe neben sich liegen sah. Aber auch der jüngeren Ehefrau, der
früheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam dünken, hier im ehemaligen
Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die
Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im
Kampfe lag[145].

Da saß Käthe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner
Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst
gestürmt, sah ihn von Büchern umgeben, den Tisch mit Briefen und
Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach
diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und
theologischer Bildung. So ergötzte es den Gelehrten, als sie einmal
fragte: „Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preußen des Markgrafen
Bruder?“ Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in
theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht über
Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stück des Briefes vor. Da sprach
sie alsbald: „Ist nicht der teure Mann zur Kröte geworden?“ Und sie
freute sich, daß Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther über Erasmus
hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres
Mannes Haus, wo so viele Fäden der Kirchen- und Weltgeschichte
zusammenliefen und so viele bedeutende Männer, Gelehrte, Staatsmänner
und Fürsten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die
theologische Gedankenwelt so ein, daß sie an den Tischreden lebhaften
Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und
ihr natürliches Gefühl mitunter in Verlegenheit brachte[146].

Frau Käthe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so daß Luther sie oftmals
damit neckte und sie einmal einem Engländer als Sprachlehrerin empfahl
oder auch davon redete, daß sie das Amen nicht finden könnte bei ihren
Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: „Weiber reden
vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit
der Stimm und also, daß sie Cicero, den besten Redner, übertreffen; und
was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen können, das erlangen sie
mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind
viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Händeln, denn wir
Männer, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen.
Wenn sie aber außer der Haushaltung reden, so taugen sie nichts.“[147]

Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzäunten
Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde
gegraben und gepflanzt und allerlei Kräuter, Gemüse und Obstbäume, aber
auch zierliche Sträucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im
folgenden Sommer Spalatin einladen: „Ich hab einen Garten gepflanzt,
einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glück. Komm, und Du sollst mit
Lilien und Rosen bekränzt werden.“ Auch zu dem „Lutherbrunnen“ vor dem
Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521
entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem „Lusthaus“ überbauen ließ,
in dem er manch liebes Mal in Muße mit seiner Frau und seinen Freunden
saß. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der
schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespräch vernommen[148].

Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs.
Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales
Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenöffnung erscheint ein bißchen
„geschlitzt“, die Backenknochen, welche in einem anderen Käthe-Typus
sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle
Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewölbt, das wenig
üppige feine Haar hat rötliche oder blonde Farbe und die mattblauen
Augen schauen verständig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes läßt
nüchternen Ernst und eine gewisse zähe Energie erwarten[149].

Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl
„nicht von unmäßiger Liebesglut entflammt“, mit den gleichen Worten wie
unser moderner Dichter: „Die höchste Gnade Gottes ist's, wenn im
Ehestande Eheleute einander herzlich stets für und für lieb haben. Die
erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die
Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen,
alsdann so bleibet in Gottesfürchtigen die rechtschaffene Liebe, die
Gottlosen aber haben den Reuwel.“[150]

Freilich diese Zeit seines jungen Ehestandes ging dem Reformator weder
als müßig tändelnde Flitterwochen, noch als ein ungetrübtes Idyll dahin.
Dafür sorgte der Drang seines gewaltigen Werkes, wie der Haß seiner
Gegner. Und mindestens eben so schwer, wie er, hatte seine junge Gattin
unter den giftigen und schmutzigen Angriffen zu leiden, die sofort die
Heirat des Reformators und ehemaligen Mönchs mit der gewesenen Nonne
beleidigten.

Luthers Heirat mit Katharina war eine zu ungeheuerliche That in den
Augen seiner Zeitgenossen, als daß sie nicht das gewaltigste Aufsehen
erregen und auch zu den abenteuerlichsten Verdächtigungen Anlaß geben
mußten[151].

Schon sofort nach der Trauung hatte Luther um dieses Werkes willen
Schmähungen und Lästerungen zu ertragen. Und nicht nur von den Feinden.
Die Klüglinge „belächelten“ seine Ehe oder verdammten sie auch: „Die
Weltweisen, auch unter den Unserigen, sind heftig darüber erzürnt.“ Das
war nicht nur Dr. Schurf, sondern sogar sein naher Freund Melanchthon;
jener hatte gemeint, die ganze Welt, ja die Teufel würden darüber
lachen, und Luther würde sein ganzes Werk vernichten. Dieser mißbilligte
wohl die That an sich nicht, wohl aber, daß sie nicht opportun sei und
unbedachtsam geschehen, so daß die Feinde darin ihr großes Vergnügen
haben und lästern; er meinte auch, „Luther habe sich durch Nonnenkünste
fangen lassen und sei hereingefallen“[152].

So war es für die Eheleute schon ein Schmerz, daß der Hausfreund nicht
bei der Hochzeit war, ja nicht einmal dazu eingeladen werden konnte. Und
auf Luther mochte dies Verhalten der Freunde wenn auch nur zeitweilig
verstimmend und niederschlagend wirken. Da hatte Käthe wohl eine schwere
Aufgabe, ihn aufzurichten und zu ermuntern. Die anderen Freunde, seine
Gevattersleute Kranach vor allem, halfen dabei. Und schließlich mäßigte
auch Melanchthon seinen Verdruß, ja er tröstete Luther und beeiferte
sich, seine Traurigkeit und üble Laune durch Freundlichkeit und
fröhliche Unterhaltungen zu erheitern[153]. So kehrte Luthers Gemüt
wieder zur alten Lebhaftigkeit zurück. Schon drei Tage nach der Trauung
schreibt er an Spalatin mit bezug auf Schurfs Rede im alten Ton frohen
und getrosten Trutzes: „Ich habe mich durch diese Heirat so
geringschätzig und verächtlich gemacht, daß ich hoffe, es sollen die
_Engel lachen_ und die Teufel weinen. Die Welt mit ihren Klüglingen
kennet dies Werk nicht, daß es göttlich und heilig sei: sie nennen's an
meiner Person gottlos und teufelisch. Derohalben ich auch größeren
Gefallen daran habe, daß ihr Urteil durch meinen Ehestand verdammt wird,
so daß sich daran stoßen und ärgern die, so ohne Erkenntnis Gottes
mutwillig zu bleiben fortfahren“[154].

Viel ärger als die Freunde trieben's natürlich die Widersacher. Emser
verfertigte Spott- und Schmähgedichte, ja Eck gab ein ganzes Büchlein
von solchen Liedern auf Luthers Hochzeit heraus. Der Herzog Georg von
Sachsen, Luthers besonderer Feind, erließ ein Schreiben an Luther, worin
er ihn aufs heftigste schalt, und in einem Instruktionsschreiben zum
Speierer Reichstag (15. Mai 1526) an Otto von Pack beschimpft er ihn mit
der falschen Anschuldigung: „Es erscheint auch klärlich, indem Martinus
verworfen hat den Mönchsstand und so auch die Mönche aus dem Kloster zu
Wittenberg, daß er desto mehr Raum habe mit seiner Käthchen zu wohnen,
davon sich ein ganzer Konvent hat nähren mögen.“ Der theologische König
Heinrich VIII. von England, damals noch Defensor Fidei (Verteidiger des
römischen Glaubens) nachher Ritter Blaubart, fuhr in einem Briefe den
Reformator an: „Was? Du hast ihr nicht nur beigewohnt, sondern, was noch
unendlich fluchwürdiger ist, hast sie sogar öffentlich als Gattin
heimgeführt!“[155]

Diese Schriften — außer der Georgs — waren lateinisch und gingen
zunächst in die Gelehrtenwelt. Unter das Volk aber wurden ehrenrührige
Verleumdungen gegen die beiden Ehegatten gestreut. Der Humanistenkönig
Erasmus machte sich lustig, indem er mit schnödem Witze meint: wenn der
Antichrist ein Mönchs- und Nonnenkind wäre, müßte die Welt voll
Antichristen laufen; aber die Lüge von einem frühgeborenen Kinde hat er
mit boshafter Geflissentlichkeit in seinen Briefen an hohe Herren
verbreitet, bis er sie dann widerrufen mußte. Die Heirat Luthers ist dem
hochmütigen Humanisten aber immerhin eine Posse, mit der der gelehrte
Doktor den Philosophenmantel abgelegt und sich zu einem gewöhnlichen
Menschen erniedrigt hätte[156].

Aber noch näher trat der jungen Frau bald nach ihrer Heirat die
Schmähung. „Ein Bürgersweib Klara, Eberhard Lorenz Jessners eheliche
Hausfrau hat unnütze Worte gehabt und Herrn Dr. Luther und seine ehrbare
Hausfrau geschmäht und gescholten,“ freilich „auch des Pfarrers Eheweib
übel angefahren“ in Magister Joh. Lubecks Wirtschaft zu Wittenberg[157].

Endlich verfaßten zwei Leipziger Magister, Joh. Hasenberg und Joachim
von der Heidten (Miricianus), in Prosa und Poesie lateinische und
deutsche Sendbriefe und ließen sie drucken. Hasenbergs Schmähschrift
richtete sich „an M. Luder und seine uneheliche Gattin Catharina von
Bohra, damit sie entweder mit dem verlorenen Sohn sich bekehren und zur
Buße und Heiligkeit des Klosterlebens zurückkehren oder doch Luther
seine Nonne ihrem Bräutigam Christus und ihrer Mutter Kirche
zurückstelle“ bei Höllenstrafe. Heidten schrieb „Ein Sendbrieff Kethen
von Bhora, Luthers vermeynthem eheweib sampt einem geschenk freundlicher
Weise zuvorfertigt“. Die beiden jungen Menschen hatten die Frechheit,
diese Schriften durch einen eigenen Boten Luther und seiner Frau ins
Haus zu schicken, allerdings in der thörichten Hoffnung, wenigstens
Käthe von ihrem Manne abwendig zu machen und zur Rückkehr ins Kloster zu
bewegen.

Natürlich hatten diese beiden Schriften den entgegengesetzten Erfolg.
Luthers Diener trieben mit denselben ihren Spott, schickten sie den
„jungen Löffeln illuminiert (illustriert) im Hintergemach“ mit dem Boten
zurück und dazu ein viereckiges Täfelein, darauf waren die 6 Buchstaben
_ASINI_ (Esel) so verteilt, daß man sie von der Mitte aus gesehen, an
vierzig mal lesen konnte. Der ritterliche Luther aber nahm sich seines
Weibes an und ließ „Eine neue Fabel Aesopii vom Esel und Löwen“ mit
behaglichem Witze drucken und sandte sie an seinen Freund Link mit den
Worten: „Die Leipziger Esel haben meine Käthe mit albernen Schmähungen
verunglimpft; denen ist geantwortet worden, davon du hier vor Augen
siehst.“[158]

Zu den Beschimpfungen gesellten sich Gefahren. In der Nacht vor
Michaelis 1525 hatte Luther es gewagt, im Gebiete seines heftigsten
Widersachers, des Herzogs Georg von Sachsen-Meißen, dreizehn Jungfrauen
aus dem fürstlichen Kloster Freiberg entführen zu lassen. „Ich habe
diese Beute dem wütenden Tyrannen entrissen“, meldet er triumphierend
seinem Freund Stiefel. Darüber war natürlich Georg wütend, aber auch der
Adel zürnte über Luthers Gewaltthat — mußten doch die Angehörigen der
Nonnen durch ihren Austritt Vermögenseinbuße befürchten: sogar adelige
_Freunde_ der Reformation nahmen es Luther übel. Es wurden Drohungen
gegen ihn laut, und sein Leben stand in Gefahr, wenn er irgendwie einem
Haufen Reisiger oder Bauern in die Hände fiele, denn auch die Bauern
waren ihm ja seit dem Aufstand wenig günstig. Nun war Luther auf den 19.
November zu Spalatins Hochzeit nach Altenburg geladen, wo der ehemalige
Geheimschreiber des verstorbenen Kurfürsten jetzt Stadtpfarrer war.
Luther wollte durchaus zu des Freundes Ehrentag. Aber Käthe hielt ihn
zurück und beschwor ihn sogar mit Thränen vor der gefährlichen Reise.
Also daß ihr Gatte heldenmütig seines reformatorischen Befreieramtes
waltete und anderen armen Jungfrauen that, was ihr geschehen, und „dem
Satan diese Beute Christi abjagte“, das hinderte Frau Käthe nicht, aber
das setzte sie durch, daß er sich nicht ohne Not in Gefahr begab. Solche
Lebensgefahr mußte sie ja immer für ihren Gatten fürchten, auf welchen
wie auf einen Fürsten gar mancherlei Attentate geplant und versucht
wurden[159].

Dagegen ließ sie es Ende Februar des folgenden Jahres zu, daß Luther sie
nach Segrehna bei Kemberg begleitete. In diesem Dorfe hielt sich damals
der ehemalige Schwärmer, Bilderstürmer und Bauernagitator Karlstadt als
Bauersmann und Landkrämer versteckt. So viel Schmerzen und Sorgen ihm
auch Karlstadt gemacht, Luther hatte sich seines alten Amtsgenossen
angenommen und ihm Begnadigung beim Kurfürsten erwirkt. Und jetzt hatte
Karlstadt Luthers Gemahlin zur Gevatterin gebeten. Auch zu diesem
Liebesdienst war sie bereit, machte nicht nur selbst die beschwerliche
Reise, sondern ließ sogar ihren Gemahl mitfahren[160].

Schon in diesem Jahre gemeinsamen Lebens lernte Luther seine Gattin
besser verstehen, tiefer lieben und höher achten. Hatte er sie vor der
Hochzeit für stolz und hoffärtig gehalten, so schreibt er jetzt: „Sie
ist mir gottseidank willfährig, gehorsam und gefällig, mehr als ich
hätte hoffen können, so daß ich meine Armut nicht mit des Crösus
Reichtum vertauschen möchte.“[161]

Melanchthon hatte die Hoffnung ausgesprochen, Luthers Verheiratung werde
ihn gemessener machen, und sein ungestümes, derbes Wesen sänftigen. Das
dachte wohl auch der Erzbischof Albrecht, der durch seinen Kanzler
Rühel, Luthers Schwager, der Frau zwanzig Goldgulden als
Hochzeitsgeschenk reichen ließ, welche Katharina gern annahm, Luther
aber zurückwies. Erasmus glaubte auch bald die Bemerkung gemacht zu
haben, daß Luther milder geworden sei und nicht mehr so viel mit der
Feder wüte. Denn, setzt er in gewohnter spöttischer Weise hinzu: „nichts
ist so wild, daß ein Weib es nicht zähmt“[162].

Das wird ja im allgemeinen nicht abzustreiten sein. Und tatsächlich ließ
sich Luther — aber durch fürstliche Zurede — im versöhnlichen Tone gegen
Herzog Georg und König Heinrich VIII. hören — freilich ohne diese
dadurch versöhnlich zu stimmen: sie beuteten vielmehr seine Schreiben
aus, um ihn verächtlich zu machen. Aber in seinem reformatorischen Beruf
hat Käthe ihren Mann weder hindern können noch wollen[163].

Nicht einmal in den ersten Tagen seiner Heirat. Ja, Frau Käthe plante
wohl selbst mit ihm während der Vorbereitung zu ihrer Heimführung die
Befreiung der Freiberger Nonnen: die Einladung an Koppe zur Hochzeit
enthielt zugleich die Aufforderung zu diesem neuen, noch keckeren
Klosterraub[164]!

Und am Neujahrstag 1526 malte Luther aufs neue in einer Spottschrift
das Papsttum mit seinen Gliedern ab und schrieb dazu: „Es meinen
etliche, man solle nun aufhören, das Papsttum und geistlichen Stand zu
spotten. Mit denen halt ichs nit, sondern muß ihr einschenken, bis
nichts Verächtlicheres auf Erden sei, denn diese blutgierige
Isabel.“[165]



7. Kapitel.

Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.


Ein Jahr nach ihrer Vermählung am 7. Juni 1526, „da der Tag im Kalender
heißt Dat.“ (d.i.: Er giebt) schenkte Käthe ihrem Gatten ein Söhnlein,
das war, wie die Eltern mit Freuden sahen, gesund und ohne Fehl. Um 2
Uhr nachmittags kam es auf die Welt, schon um 4 Uhr wurde es nach
damaliger Sitte von Diakonus M. Rörer getauft. Taufpaten waren der
Superintendent D. Bugenhagen, der Propst Justus Jonas, Luthers Gevatter
L. Kranach, der Vizekanzler Baier und in Abwesenheit der Kanzler Müller
in Mansfeld. Eine der Patinnen war die Frau des Bürgermeisters Hohndorf.
Nach dem Großvater erhielt das Kind den Namen Johannes[166].

Hänschen blieb auch wohlauf, wennschon die Mutter das Stillen nur
langsam fertig brachte und das Kind die Milch schwer vertrug. Der Knabe
wird bald fröhlich und kräftig und ein homo vorax et bibax (starker
Esser und Trinker), lernt auf den Knieen rutschen; zu Neujahr 1527
bekommt er Zähne, lernt stehen und gehen und fängt an zu lallen und mit
lieblichen Beleidigungen alle zu schelten. Zur Belohnung für all diese
Künste schickt Jonas dem kleinen Hans einen „silbernen Johannes“, ein
Geldstück mit dem Bild des Kurfürsten[167].

Bald ist der Zweijährige gar stolz über eine Klapper, die er vom
Pfarrer Hausmann geschenkt erhielt (1528). Dieser Erstgeborene wird
jahrelang in jedem Brief erwähnt und muß immer und überall hin die
Freunde grüßen. Es ist ein herziges Bild, wenn der Vater von seinem
Söhnchen erzählt: „Wenn ich sitze und schreibe oder thue sonst etwas, so
singet er mir ein Liedlein daher, und wenn er's zu laut will machen, so
fahre ich ihn ein wenig an; so singet er gleichwohl fort, aber er
machet's heimlicher und mit etwas Sorgen und Scheu. Also will Gott auch,
daß wir immer fröhlich sein sollen, jedoch mit Furcht und Ehrerbietung
gegen Gott.“ Und wieder saß Hänschen am Tisch und lallete vom Leben im
Himmel, wie eine so große Freude da wäre mit Essen und Tanzen, da wäre
die größte Lust: die Wasser flössen mit eitel Milch und die Semmeln
wüchsen auf den Bäumen. Da freute sich der Doktor über das selige Leben
des Kindes[168].

Anderthalb Jahre blieb Hänschen allein, da folgte am 10. Dezember 1527,
während die Pest in Wittenberg und im Hause Luthers wütete, ein
Schwesterlein, Elisabeth. Jonas gratuliert dem Doktor dazu und scherzt
von seinem kleinen Söhnchen: „Mein Sohn begrüßt deine Tochter als seine
zukünftige Braut.“ Aber am 3. August des folgenden Jahres in der
gefährlichen Zeit des Zahnens starb das zarte Töchterlein und wurde in
großer Trauer auf dem Gottesacker vorm Elsterthore bestattet. Da erhielt
es einen (noch vorhandenen) kleinen Grabstein mit der lateinischen
Inschrift: „Hier schläft Elisabeth, M. Luthers Töchterlein.“ Schwer nur
trösteten sich die trauernden Eltern mit dem Gedanken: „Elisabeth ist
von uns geschieden und zu Christo durch den Tod ins Leben gereist.“[169]

Am 4. Mai des folgenden Jahres wurde ihnen Ersatz für Elisabeth in einem
zweiten Töchterlein: Magdalena. Amsdorf, der Magdeburger Superintendent
(Bischof), und Frau Goritzen, Gattin des Magisters und späteren
Stadtrichters in Leipzig, wurden Paten. Der Gevatterbrief an Amsdorf
lautet:

„Achtbarer, würdiger Herr! Gott der Vater aller Gnaden hat mir und
meiner lieben Käthe gnädiglich eine junge Tochter beschert: so bitte ich
Ew. Würden um Gottes Willen, wollet ein christlich Amt annehmen und
derselbigen armen Heidin christlicher Vater sein und zu der hl.
Christenheit helfen durch das himmlische hochwürdige Sakrament der
Taufe[170].

Der Gevatterinbrief lautet:

„Gnad' und Fried' in Christo! Ehrbare tugendsame Frau, liebe Freundin!
Ich bitt Euch um Gottes willen: Gott hat mir eine junge Heidin
bescheret, Ihr wollet so wohl thun und derselben armen Heidin zur
Christenheit helfen und ihre geistliche Mutter werden, damit sie durch
Euern Dienst und Hülfe auch komme aus der alten Geburt Adams zur neuen
Geburt Christi durch die hl. Taufe. Das will ich wiederum, womit ich
soll, um euch verdienen. Hiemit Gott befohlen. Amen. Ich hab selbst
nicht dürfen ausgehen in die Luft. Martinus Luther.“[171]

Als Magdalena heranwuchs, sah das Mädchen dem älteren Bruder Hänschen
„über die Maßen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen
Gesicht“, und war auch gutmütig und brav wie dieser. Diese zwei ältesten
Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr
während des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte
und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen ließ, um sich
unkenntlich zu machen, da ließ Frau Käthe von dem kleinen Lenichen einen
Abriß in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu
dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstärkung in seine
„Wüste“, wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trüben
Gedanken nachhing, auch sich gar viel ärgern mußte über den Gang der
Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans
Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und
Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Töchterchens zuerst
ansah, konnt' er sie nicht erkennen. „Ei“, sprach er, „die Lene ist ja
schwarz“. Aber bald gefiel sie ihm wohl und dünkte ihm je länger je
mehr, es sei Lenchen. Der Doktor hängte die Kontrefaktur gegen den Tisch
über an die Wand im Fürstenzimmer, wo er aß, und vergaß über die Maßen
viel Gedanken mit dem Bilde.“[172]

Das Mädchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde
mit Ernst gezogen und Luther wollte, daß man ihm nichts lasse gut sein.
Aber mit seinem Töchterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter
naturgemäß den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des
Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173].

Am Vorabend vor Luthers Geburtstag, den 9. November 1531, traf zu
Wittenberg im schwarzen Kloster wieder ein Sohn ein, der deshalb des
Vaters Namen erhielt. Als jetzt der jüngste wurde nunmehr er der
Liebling des Vaters. Denn, sagt dieser, „die Eltern haben die jüngsten
Kinder stets am allerliebsten. Mein Martinchen ist mein liebster Schatz,
denn solche Kinder bedürfen der Eltern Sorge und Liebe wohl, daß ihrer
fleißig gewartet wird. Hänschen und Lenchen können nun reden, bedürfen
solche Sorge so groß nicht.“[174]

Am Namenstag des folgenden Jahres meldet Luther dem Paten Martins, dem
gestrengen und ehrenfesten Joh. von Rindesel Kurf. Kämmerer: „Euer Pate
will ein thätiger Mann werden, er greift zu und will sein Sinnchen
haben.“[175]

Der Knabe war, scheint es, kränklich und ein kleiner Taugenichts, so daß
der Vater fürchtete, er möchte einmal Jurist werden[176]!

Dagegen war Hänschen ein stiller nachdenklicher Bursche, so daß der
Vater meinte: „Er ist ein (geborener) Theologe.“ Der jüngste Sohn Paul
aber, der am 28. Januar 1533 auf die Welt kam, ein kräftiger mutiger
Junge, schien sich zum Türkenkrieger zu eignen. Daran dachte der Vater
schon bei seiner Geburt und wählte ihm vielleicht deshalb einen Ritter,
Hans von Löser, Erbmarschall und Landrentmeister, zum Paten. Aber auch
der Herzog Joh. Ernst von Sachsen, ferner D. Jonas und die Frau des
Kaspar Lindemann standen bei Paul zu Gevatter[177].

In dem Gevatterbrief an Löser, der noch in der Nacht des 28. Januar 1533
geschrieben wurde, damit der Knabe nicht lange ein Heide bleibe und
schon zur Vesper getauft werde, heißt es: „Ew. Gestrengen wollen sich
demütigen Gott zu Ehren für meinen jungen Sohn förderlich und füglich
erscheinen, damit er aus der alten Art Adams zur neuen Geburt Christi
durch das hl. Sakrament der Taufe kommen und ein Glied der Christenheit
werden möchte, ob vielleicht Gott der Herr einen neuen Feind des Papstes
oder des Türken erziehen wolle.“[178]

Als Hans Löser zur Taufe kam, hat ihn Luther also empfangen: „Gott sei
Dank! Ich werde nicht ermangeln, Ew. Gestrengen in andern Sachen zu
dienen. Es ist heut ein junger Papst geboren worden; derohalben helfet
doch dem armen Schelm, daß er getauft werde.“ Das Kind wurde im Schlosse
in einem Becken getauft. Hernach hat Luther seinen Gevatter zu Gaste
geladen, da sie denn viel freundliche Diskurse geführt. Luther sagte:
„Ich habe meinen Sohn lassen Paul heißen, denn der hl. Paulus hat uns
viel große Lehren und Sprüche vorgetragen. Gott gebe ihm die Gnaden und
Gaben Pauli. Ich will, so Gott will, alle meine Söhne von mir thun: der
Lust zum Krieg hat, den will ich zu Hans Löser thun; der Lust zu
studieren hat, zu Jonas und Philipp; der Lust zur Arbeit hat, den will
ich zum Bauern thun“[179].

Als eine Art Nachkömmling wurde das um Weihnachten 1534 geborene jüngste
Kind angesehen, das nach Luthers (1531) verstorbenen Mutter Margareta
genannt wurde. Wenigstens sah der Vater voraus, daß er nicht so alt
werden würde, um sie zu versorgen. Darum schrieb er auch, als sie erst
vier Jahr alt war, ihrem Paten, dem Pfarrer Probst in Bremen: „Es grüßet
Euch meine Frau Käthe und Euer Patchen, mein Töchterlein Margaretchen,
der Ihr nach meinem Tode für einen feinen frommen Mann sorgen sollt. Ihr
habt sie zum Patchen gewählt, Euch befehle ich sie auch.“ Ein anderer,
sehr hoher Pate war der Fürst Joachim von Anhalt, der Luther das
„christliche Amt geistlicher Vaterschaft“ angetragen hatte und auch
übernahm[180].

Frau Käthe mußte die Kinder oft ihrem Vater bringen, auch ins
Studierzimmer, da koste er mit ihnen und machte seine sinnigen
Bemerkungen über Kindesnatur und Kindesleben; das zeige uns, wie's im
Paradies war und wie's im Gottesreich sein sollte. Der Vater schaute
aber auch mit Wohlgefallen zu, wie seine Käthe so freundlich mit ihrem
Martinchen redete und so viel Geduld und Erbarmen mit allen Kindern
hatte. Luther unterhielt sich mit ihnen übers Christkind, sah zu, wie
Martinchen eine Puppe als Braut schmückte und beschützte, freute sich,
wenn die Kinder sich zankten und schnell vertrugen als über ein Sinnbild
der Sündenvergebung der Gotteskinder; er sah, wie die Kinder um den
Tisch saßen und in freudiger Erwartung auf Pfirsiche und Birnen sahen,
die darauf lagen, oder den Ast Kirschen, den ihnen Jonas gebracht, und
sagte: „Wer da sehen will das Bild eines, der sich in Hoffnung freuet,
der hat hier ein rechtes Konterfei. Ach daß wir den jüngsten Tag so
fröhlich in Hoffnung könnten ansehen!“ Sein herziger Märchenbrief an
sein liebes Söhnichen von der Koburg, ist das schönste Zeugnis eines
kinderfreundlichen Gemütes. Von Koburg aus besorgte Luther seinem Haus
ein groß schön Buch von Zucker aus dem schönen (Märchen-)Garten in
Nürnberg. Auch sonst bringt er seinen Kindern von seinen Reisen immer
„Jahrmarkt“ mit. Regelmäßig auch sendet er aus der Ferne Grüße und Küsse
an Hänschen und Lenchen[181].

Die Gespielen der Lutherischen Kleinen waren Melanchthons und Jonas'
Kinder („Lippus“ und „Jost“ im Märchenbrief). Der Spielplatz war der
große Klosterhof; da tummelten sie ihre Steckenpferde und schossen mit
Armbrüsten, lärmten mit Pfeifen und Trommeln, tanzten oder „sprangen der
Kleider und des Baretts“; auch ein Hündlein durften die Kinder halten.
Später richtete der Vater Luther für sie und die andern jungen
Hausgenossen auch einen Kegelplan ein und sah zu, wie sie sich vermaßen,
zwölf Kegel zu treffen, wo doch nur neun auf dem „Boßleich“ standen, und
schließlich froh waren, eine nicht zu fehlen. Ja, er selbst maß sich hie
und da als ein Meister des Spiels mit ihnen, „schub einmal die Kegel
umbwärts, das andere Mal seitwärts oder über Eck“[182].

Aber Luther betete auch täglich den Katechismus mit seinem Sohn Hansen
und seinem Töchterlein Magdalene und die Kinder selbst mußten „bei Tisch
beten und herlesen“; und auch sonst waren sie von Vater und Mutter
angehalten zum Gebet für die Gönner und Schützer der Reformation, für
das Heil der Kirche und des Vaterlands. Martin und Paul hatten des
Vaters musikalische Anlagen geerbt und mußten nach der Mahlzeit — allein
oder mit andern — die liturgischen Gesänge der jeweiligen Kirchenzeit
vortragen. Auch die kleine Margarete lernte mit fünf Jahren schon mit
schöner Stimme singen: „Kommt her zu mir alle“ und anderes[183].

In ihren Kindern sahen die Eltern ihr höchstes Glück und ihren
schönsten Schatz. „Kinder binden, sie sind ein Band der Ehe und Liebe“,
pflegte Luther zu sagen. Er fand in ihnen seinen Trost und seine
Erholung von seinen Welt- und Kirchensorgen. „Ich bin zufrieden; ich
habe drei eheliche Kinder, die kein papistischer Theolog hat, und die
drei Kinder sind drei Königreiche, die habe ich ehrlicher und erblicher
denn Ferdinandus Ungarn, Böhmen und das römische Reich“[184].

Freilich, was für den Vater in seinen Mußestunden und bei Tisch eine
Freude und Erholung war, das brachte der Mutter Arbeit, Sorge und
Schmerzen. Es war doch keine Kleinigkeit für die vielbeschäftigte
Hausfrau in acht Jahren sechs kleine Kinder zu haben, zu pflegen und zu
erziehen — denn auf ihr lag doch das Hauptgeschäft der Erziehung. Und
ihr Gatte sah das ein und bemerkte einmal, daß nur unser Herrgott sich
von seinen Menschenkindern mehr gefallen lassen müsse als eine
Mutter[185].

Da war es denn ein großer Segen, daß Frau Käthe in ihrem Hause eine
Stütze fand an ihrer Tante, _Magdalene von Bora_.

Diese war bald nach ihrer Nichte selber aus Nimbschen entwichen und
wohnte jetzt im schwarzen Kloster in einem besonderen Stüblein. Sie war
als „Muhme Lene“ der gute Hausgeist, die echte und rechte Kindertante in
der Lutherischen Familie. Als Siechenmeisterin hat sie sich ja zum
Warten und Pflegen schon im Kloster ausgebildet. Und so wartete und
hütete sie die kleinen Großneffen und Großnichten, spielte und betete
mit ihnen, verwöhnte sie auch wohl und vertuschte ihre bösen Streiche,
pflegte sie in den Kinderkrankheiten und war auch für Frau Käthe in
ihren Kindbetten und Krankheiten die sorgsame Pflegerin und Lehrerin.
Luther will in dem Märchenbrief von der Koburg an sein Söhnchen Hans die
„Muhme Lene“ auch mitbringen lassen in den schönen Wundergarten und läßt
sie grüßen und ihr einen Kuß „von meinetwegen“ geben; und auch sonst
sendet er Muhme Lene seine Grüße[186].

Zu den eigenen Kindern im Lutherischen Hause kamen bald andere. Zunächst
Verwandte, Neffen und Nichten, dann aber Kinder von Freunden und
Bekannten, und endlich fremde Kostgänger.

Der erste war Cyriak Kaufmann, der Sohn einer Schwester Luthers; er kam
als Studiosus nach Wittenberg und wurde am 22. November 1529
immatrikuliert. Er begleitete 1530 seinen Oheim auf die Koburg und
dieser schickte ihn im August nach Augsburg, daß er sich in der großen
Stadt einmal das Treiben eines Reichstags ansehe; dann mußte er wieder
zu seinen Studien nach Wittenberg; auf der Heimreise brachte er von
Nürnberg den Lebkuchen für seinen kleinen Vetter Hans Luther mit[187].

Luthers Schwager und Schwester Kaufmann starben früh und so kamen
allmählich alle fünf Waisen derselben zu ihrem Oheim nach Wittenberg,
außer dem genannten Cyriak noch seine jungen Geschwister, die Brüder
Fabian und Andreas, welche 1533 am 8. Juni frühzeitig mit dem erst
siebenjährigen Hans Luther zu Wittenberg als akademische Bürger
eingeschrieben wurden, und die Schwestern Lene und Else. Es war keine
Kleinigkeit, fünf elternlosen Kindern Vater und besonders Mutter zu
sein, zumal, da sie nicht alle wohlgeraten waren und namentlich Lene
Sorge machte, so daß Luther einmal erklärte, wenn sie nicht gut thun
wolle, werde er sie einem schwarzen Hüttenknecht (Bergmann) geben, statt
einen frommen und gelehrten Mann mit ihr betrügen. — Schließlich kam zu
den zwei Nichten noch eine kleine Großnichte, Anna Strauß, die Enkelin
einer Schwester Luthers[188].

Mit Cyriak Kaufmann war ein andrer Schwestersohn, Hans Polner, als
Student ins Haus gekommen, der an Peter Weller anbefohlen wurde. Aber
Frau Katharina war aufgetragen zuzusehen, „daß er sich gehorsamlich
halte“, und auch sonst mußte sie für ihn sorgen. Dieser Polner wartete
als Famulus dem Doktor auf, studierte Theologie und predigte einmal in
der Pfarrkirche; die Doktorin meinte, den hätte sie viel besser
verstehen können, als D. Pommer, welcher sonst von dem Thema weit
abweiche und andre Dinge in seine Predigt mit einführe, oder, wie Jonas
sich ausdrückte, unterwegs manchen Landsknecht anspreche[189].

Noch ein Neffe Luthers, seines Lieblings-Bruders Jakob Sohn, Martin,
wurde später zur Erziehung der Doktorsfamilie übergeben und 1539 an der
Universität eingeschrieben; ebenso Florian von Bora, der Sohn von Käthes
ältestem Bruder. Martin und Florian wurden zusammen mit den Kindern
Luthers unterrichtet. Einer der Neffen sollte einmal zu Camerarius auf
die Schule kommen; später kam Florian mit Hans nach Torgau[190].

Schließlich wurden dem Lutherischen Hause noch allerlei Schüler und
angehende Studenten anvertraut, welche in dem Kloster wohnten, aßen und
unterrichtet wurden.

Für die eigenen und fremden Kinder wurden nun, bei der großen
anderweiten Inanspruchnahme Luthers, „allerlei Zuchtmeister und
Präzeptoren“ nötig: ältere Studenten, junge Magister, auch Leute von
gesetztem Alter, welche noch einmal die Universität bezogen, um ihre
Kenntnisse zu erweitern oder die neue evangelische Theologie zu
studieren. Sie waren in Luthers Familie Hausgenossen und Tischgesellen,
unterstützten auch etwa Luther in seinen Arbeiten, ja auch (wie z.B.
Neuheller) Frau Käthe in der Wirtschaft und Aufsicht über das Gesinde.

So waren nach und neben einander im Hause als „Schulmeister“ und Luthers
Gehülfen die Nürnberger Veit Dietrich (1529-34) und Besold (1537-42),
Cordatus (1528-31), die Freiberger Hieronymus und Peter Kelter (1530),
Joh. Schlaginhaufen (1531-32), Jodocus Neuheller (Neobulus) (1537-38)
aus Lauterburg, Jakobus Lauterbach (1536-39), Schiefer (1539-41), ein
Franziskus und zuletzt Rutfeld (1546). Diese Präzeptoren hatten sogar
oft wieder ihre eigenen Zöglinge, welche mit im schwarzen Kloster
wohnten und aßen oder auch nur dort unterrichtet wurden. Der Unterricht
begann oft in sehr frühen Jahren: der junge Hans Luther mußte schon mit
vier Jahren tüchtig „lernen“, hauptsächlich wohl lateinisch sprechen —
wie es heute mit dem Französischen geschieht.

Außer den Magistern hatte Luther noch Famuli, nicht nur seinen
lebenslänglichen Diener Wolf, sondern auch andere, wie der „fromme
Gesell“, welcher „etliche Jahre treulich, fleißig und demütig gedienet
hat und altes gethan und gelitten“ und 1532 wegzog. Der Famulus diente
bei Tisch, schenkte ein, besorgte Gartengeschäfte, machte Ausgänge,
schrieb auch für Frau Käthe Briefe[191].

Sogar eine Lehrerin wurde nach Wittenberg ins schwarze Kloster berufen:
nämlich im Jahre 1527 hat Luther auch eine Mitschwester Frau Käthe's,
die ehemalige Nonne und Flüchtlingin von Nimbschen, die „ehrbare,
tugendsame Jungfrau Else von Kanitz“ eingeladen auf eine Zeitlang nach
Wittenberg zu kommen. „Denn ich gedacht Euer zu brauchen, junge
Mägdelein zu lehren und durch Euch solch Werk andern zum Exempel
anzufahen. Bei mir sollt Ihr sein zu Hause und zu Tische, daß Ihr keine
Fahr noch Sorge haben sollt. So bitte ich nu, daß Ihr mir solchs nicht
wollt abschlagen.“ Die Kanitz kam aber nicht. Dafür erscheint jetzt ein
Fräulein Margarete von Mochau, wahrscheinlich die Schwester von
Karlstadts Frau, im Klosterhause und wird ihre Stelle vertreten
haben[192].

Natürlich fehlte es bei dem großen Haushalt auch an sonstigem Gesinde
nicht und da gab es, wie überall gute und schlechte, dankbare und
undankbare, getreue und ungetreue Dienstboten. Alle aber wurden zur
„Familie“ gerechnet und nahmen an der Hausandacht teil. Und der
abwesende Hausvater verfehlte nicht in seinen Briefen, das „gesamte
Gesinde“ grüßen zu lassen. Aber er ermahnt es auch, daß sie im Haus kein
Aergernis gäben. Oft scherzt er in seinen Briefen über Trägheit und
Bequemlichkeit seiner Dienstleute: so wenn er aus Nürnberg Handwerkszeug
bestellt, welches von selber geht, wenn Wolf schläft oder nachlässig
ist, oder einen Kronleuchter, der sich von selber putzt, damit er nicht
zerbricht oder beschädigt wird von der zornigen oder schläfrigen
Magd[193].

Natürlich auch Gäste aller Art verkehrten im Schwarzen Kloster oder
wohnten darin in kürzerem oder längerem Aufenthalt, oft monate-, ja
jahrelang: vertriebene oder stellenlose Prediger, flüchtige Fremde,
entwichene Mönche und Nonnen, Besuche und Festgenossen, „armseliges
Gesindlein“ und fürstliche Damen.

So beherbergte das Lutherhaus 1525 mehrere adlige Ordensschwestern; 1528
einige Monate lang sogar die Herzogin Ursula von Münsterberg, Herzog
Georgs eigene Base, die mit zwei getreuen Klosterfrauen dem
Nonnenkloster zu Freiberg entflohen war; und zu Pfingsten 1529 wieder
drei Adelige aus demselben Konvent. Außerdem kamen auch allerlei Mönche,
sogar aus Frankreich, ins Lutherhaus nach Wittenberg, als der
allgemeinen Zufluchtsstätte aller religiös Bedrängten. So hat Herzog
Georg in begreiflichem Zorn, wenn auch mit unwahren Behauptungen, Luther
beschuldigt: „Du hast zu Wittenberg ein Asylum eingerichtet, daß alle
Mönche und Nonnen, so uns unsre Klöster berauben mit Nehmen und
Stehlen, die haben bei Dir Zuflucht und Aufenthalt, als wäre Wittenberg,
höflich zu reden, ein Ganerbenhaus aller Abtrünnigen des Landes“[194].

Ja, die Wittenberger Freundinnen des Hauses, Bugenhagens und Dr. A.
Schurfs Frauen, warteten im schwarzen Kloster ihr Wochenbett oder ihre
Krankheit ab[195].

Aber auch fürstliche Gäste suchten das gastliche Haus der Luther'schen
Eheleute auf.

Die Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg hatte sich, besonders durch den
Einfluß ihres evangelisch gesinnten Leibarztes Ratzeberger, der
Reformation zugewandt, während ihr altgläubiger Gemahl Joachim I. streng
darauf sah, daß das Lutherische Gift nicht über die sächsische Grenze
herüberkäme. Da mußte er von seiner 14jährigen Tochter Elisabeth zu
seinem Schrecken erfahren, daß seine eigene Gemahlin im Berliner
Schlosse heimlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt genommen habe.
Er sperrte die Kurfürstin ein; das Gerücht ging, er wolle sie einmauern
lassen. Da entwich sie mit Hilfe ihres königlichen Bruders Christiern,
der damals landflüchtig in Deutschland umherirrte, samt Dr. Ratzeberger
(März 1528) und floh zu ihrem Oheim Kurfürst Johann nach Sachsen. Ihren
Wohnsitz erhielt sie auf Schloß Lichtenberg, hielt sich aber oft in
Wittenberg auf und verkehrte viel im Klosterhause mit Luther und Frau
Käthe; sie stand sogar zu einem der Kinder Gevatter[196].

Auch der Fürst Georg von Anhalt wollte im schwarzen Kloster Aufenthalt
nehmen, um Luthers Umgang und Geist recht zu genießen. Aber sein
Vizekanzler mußte ihm davon abraten, da das Haus zu voll sei.

So wurde „das Haus des Herrn Doktor Luther von einer buntgemischten
Schar studierender Zöglinge, Mädchen, alter Witwen und artiger Kinder
bewohnt. Darum herrschte viel Unruhe darin“[197].

Da begreift es sich, daß, als der junge Hans anfangen sollte ernstlich
zu lernen, er der größeren Muße wegen aus dem Hause gethan wurde —
vielleicht nach Torgau. Zu Neujahr 1537 ist der elfjährige Sohn irgendwo
auf der Schule, wo er durch seine „Studien“ und lateinischen Briefe dem
Vater Freude machte. Dieser erlaubt ihm, namentlich auf Bitten von Muhme
Lene, zu den nächsten Fastnachtsferien nach Hause zu kommen zu Mutter
und Muhme, Schwestern und Brüdern[198].

Zu allen Haus- und Tischgenossen im Kloster kamen nun noch die täglichen
Besuche und Gäste von Bekannten, Freunden, Verwandten, Amtsgenossen und
Mitbürgern: so aus der Ferne die Geistlichen Amsdorf und Spalatin,
Hausmann und Link, die Hofherren und Ritter Taubenheim und Löser, Bruder
Jakob oder Schwager Rühel von Mansfeld, Käthes Bruder Hans, Abgesandte
aus aller Herren Länder, Staatsmänner und Kirchenbeamte aus England und
Frankreich, aus Skandinavien und Böhmen, Ungarn und Venedig; Stadträte
und Bürger von allen sächsischen und deutschen Städten, wandernde
Magister und fahrende Schüler. Aus Wittenberg selbst verkehrten als
liebe und häufige Gäste vor allem Magister Philipp (Melanchthon) und
Frau; die Gärten der beiden Häuser waren nicht weit von einander und —
wie man wenigstens heute erzählt — ein Thürlein zwischen beiden
vermittelte den Verkehr der zwei Familien. Gerngesehene Hausfreunde
waren auch der Propst Jonas und seine Gattin; ferner noch andere
Gevattersleute, der Superintendent Bugenhagen, M. Kreuziger, M. Rörer,
der Buchdrucker Hans Lufft, der Meister Lukas Kranach mit seiner Frau
und der alte Meister Claus Bildenhauer oder „Bildenhain“, wie Sophiele
Jonas ihn zu nennen pflegte, ein wackerer Künstler, der auch manchmal zu
Tische war; von ihm kaufte Luther später einen Garten. Mit ihm, der auch
schon „zu viele Ostereier gegessen“, gedachte Luther gern der guten
alten Zeiten[199].

Da wurde denn droben in der Familienstube um den großen Eichentisch oder
unten im Hof unter dem schattigen Birnbaum oder auch wohl vorm
Elsterthor draußen bei dem murmelnden Lutherbrunnen Gesellschaft und
Mahlzeit gehalten und Frau Käthe mußte die Wirtin machen, ihr
treffliches Hausbräu aufsetzen und auch zu den Kosten der Unterhaltung
ihr Scherflein beitragen.



8. Kapitel

Katharinas Haushalt und Wirtschaft[200].


Für eine so zahlreiche Haus- und Tischgenossenschaft galt es eine Menge
Gemächer zu beschaffen und auszustatten; es mußte Küche und Keller in
großem Maßstabe in stand gesetzt werden; es war nötig, Stall und Garten
zu besorgen; es war erforderlich Markt und Einkauf, Rechnung und
Vermögensverwaltung zu verstehen; und endlich zur Regierung eines so
umfangreichen Hauswesens mit seinen vielen und vielerlei Gliedern,
Tischgängern und Hofmeistern, Kindern und Gesinde galt es eine weise
Umsicht, aber auch ein strammes Herrschaftstalent zu entfalten.

Das alles fiel nun der Hausfrau anheim. Denn es wäre unmöglich gewesen,
daß Luther neben den gewaltigen Arbeiten seines Berufs als Prediger,
Seelsorger, Professor, Ratgeber für einzelne Personen wie ganze Städte
und Länder, als Reformator nicht nur Deutschlands, sondern der halben
Christenheit sich um die Hauswirtschaft kümmern konnte, namentlich eine
so umfangreiche, die allein schon eine ganze Menschenkraft
erforderte[201]. Sodann aber war es des Doktors Anschauung, daß in Haus
und Wirtschaft die Frau zu walten und zu regieren habe: „Das Weib habe
das Regiment im Hause, ohnbeschadet des Mannes Recht und Gerechtigkeit;
dafür ist es geschaffen. Denn das ist wahr, die häuslichen Sachen, was
das Hausregiment betrifft, da sind die Weiber geschickter und beredter
als wir.“ „Ich bin zur Haushaltung sehr ungeschickt und fahrlässig. Ich
kann mich in das Haushalten nicht richten. Ich werde von meinem großen
Hauswesen erdrückt.“ Vor so etwas hatte er sich schon als Junggesell
gefürchtet. 1523 sagte er: „Nimmst Du ein Weib, so ist der erste Stoß:
wie willt Du nun Dich, Dein Weib und Kind ernähren? Und das währet Dein
Lebenlang; beim ersten Kind denken die Eltern daran, ein Haus zu bauen,
Vermögen zu erwerben und die Nachkommenschaft zu versorgen“[202].
Andererseits aber war auch Frau Käthe so veranlagt und gewillt, daß sie
dies Regiment gerne führte und ihrem Gatten alles das fernhalten wollte,
was ihn in seiner Wirksamkeit hindern und stören konnte. Und Luther ließ
sich das gerne gefallen. „Meine Frau kann mich überreden, wie oft sie
will, denn sie hat die ganze Herrschaft allein in ihrer Hand, und ich
gestehe ihr auch gerne die gesamte Hauswirtschaft zu“[203].

So richtete nun Katharina zunächst das Haus her und ein, und der
Kurfürst und die Stadt Wittenberg, die Freunde des Hauses und die Eltern
der Kostgänger stifteten dazu mancherlei Baubedarf und Geräte.

Das schwarze Kloster war 1502 von Staupitz mit Unterstützung des
Kurfürsten gebaut, aber nur zu einem Drittel vollendet worden. Die
Kirche war nur angefangen, die Wirtschaftsgebäude kaum vorhanden.
Eigentlich war nur das sog. Schlafhaus (dormitorium), die früheren
Wohnräume der Mönche fertig, die für 40 Menschen reichten. Aber die
Zellen — meist im dritten Stock — waren zahlreich, dagegen klein, und
daher mußte wohl manche Wand durchgebrochen und manche auch aufgerichtet
werden. Auf der Gartenseite war ein größerer Saal (jetzt die Aula) und
ein kleinerer, welche beide von Luther zu Vorlesungen und Hausandachten
benutzt wurden. Ein Zimmer daneben hatte oder erhielt eine Thüre in
Luthers Studierstube. Im oberen Stock wurden die Gelasse zu Gastzimmern
für die mancherlei Hausgenossen benutzt.

Das Erdgeschoß hatte Frau Käthe zu Wirtschaftsräumen eingerichtet und
zum leichteren Verkehr mit dem Oberstock eine Treppe in das Zimmer neben
das Schlafgemach führen lassen.

Im Jahre 1539 auf 40 erfreute Frau Käthe ihren Gatten mit einem sinnigen
Geschenk: aus Pirna ließ sie — durch den dortigen Pfarrer Lauterbach —
eine schöngearbeitete Pforte aus weißem Sandstein kommen, einen
Spitzbogen mit hübschen Stäben; auf der einen Seite Luthers Brustbild,
auf der anderen sein Wappen, die weiße Rose mit dem roten Herzen und
schwarzen Kreuz darin, vom goldenen Ring der Ewigkeit umfaßt, und die
lateinische Inschrift: „Im Stillesein und Hoffen ruht meine Stärke.“ Auf
beiden Seiten der Thüre waren zwei Sitze angebracht zum Ausruhen am
Feierabend[204].

Der Klosterhof war gegen die Straße mit einem Zaun abgeschlossen;
später kamen an das Thor zwei Buden, wohl für die Bewachung des Anwesens
in der unruhigen und gefährlichen Zeit des Festungsbaues, wo die
Stadtmauern am Elsterthor abgerissen und die Stadt allem Gesindel
geöffnet war[205].

An der Westseite des Hofes wurden nun allerlei Wirtschaftsgebäude
errichtet.

Eine Braustube war schon im Kloster vorhanden; denn der Kurfürst hatte
diesem die Braugerechtigkeit für 12 „Gebräude“ verliehen; diese ging auf
den neuen Besitzer über und wurde von Frau Käthe selbst ausgeübt. Das
war ein großer Vorteil für den starken Haushalt; denn das Bier war in
Wittenberg auffällig teuer: die Kanne kostete drei Pfennige. Aber die
Herstellung des Brauhauses und die Geräte kosteten 150 fl. Eine
Badestube mit Wanne und Ständer baute sie nun auch und D. Lauterbach
mußte ihr das Baumaterial dazu besorgen. Auch allerlei Viehställe ließ
sie errichten und hielt Pferde, Kühe und namentlich Schweine, um
Arbeitskräfte, Milch und Fleisch für den Hausbedarf zu haben: Schon 1527
hatte man einen Stall voll Schweine, mehr als fünf Stück; 1542 waren es
zehn und drei Ferkel, so daß ein eigener Schweinehirt gehalten werden
mußte; ferner hatte Käthe mehrere Pferde, fünf Kühe, neun Kälber und
eine Ziege mit zwei Zicklein. Ein Hühnerhof lieferte die nötigen Eier.
Endlich wurden auch noch einige Keller ausgebessert oder neu angelegt,
so der Weinkeller, der neue Keller und der große Keller. Bei der
Besichtigung des letzteren kam das Ehepaar fast um's Leben, denn das
Gewölbe stürzte hinter ihnen ein, gerade als sie es besichtigt und eben
herausgetreten waren[206].

Im Laufe der Zeiten wurden in dem halbfertigen Hause gar mancherlei
Reparaturen nötig und ebenso allerlei Neubauten. So erhielten Johann
Crafft und M. Plato ihre Stübchen, auch der Sohn Hans, als er
herangewachsen war; Muhme Lene hatte ihr Stüblein mit Kammer und
Schornstein — jedes kostete 5 fl. herzurichten. Die obere Stube und
Kammer kam aber auf 100 fl. zu stehen und die untere auf 40 fl. Außer
dem großen Keller, der (mit dem „Schaden“ beim Einsturz) auf 130 fl.
gekommen war, wurde noch der neue Keller für 50 fl. gebaut und ein
Weinkeller für 10 fl. eingerichtet. Endlich wurde noch ein „new Haus“
gebaut, welches 400 fl. kostete. Die Treppe mußte zweimal hergestellt
werden und das Dach öfters geflickt[207].

Dazu brauchte es manches Tausend Dachsteine (Ziegel) und Backsteine,
auch nicht wenige Tonnen und Wagen Kalk, besonders in den Baujahren
1535-39: 280 Wagen Kalk und 12500 Mauersteine und 1300 Dachsteine und
wieder von beiden Arten zusammen 2600. Freilich, das Tausend
„Dachsteine“ kostete nur 40 Groschen, Mauersteine 57 Groschen und der
Wagen Kalk nur 4-5 Groschen. Das lieferte die Stadt, aus der eigenen
Brennerei. Luther machte sie bezahlt durch seine Dienste (unentgeltliche
Predigt und Seelsorge u.a.) und durch Abtretung von Boden an seinem
Klosterhof. Im Jahre 1542 hatte Luther allein 1155 fl. verbaut[208].

Später erlebte man im Lutherhause schweren Ärger durch den neuen
Festungsbau. Der Zeugmeister Friedrich von der Grüne war den Lutherschen
offenbar nicht grün. Er verschüttete nicht nur — mit Luthers Bewilligung
— das untere Gemach, sondern auch ohne Not und Zustimmung das mittlere,
verderbte das Brauthor, bedrohte die Gartenmauer und die Erdmauer am
hinteren neuen Haus. Und wie der Herr, so machten's die Knechte: die
Deichknechte warfen Fenster ein und trieben sonst noch allerlei
Mutwillen. Luther fürchtete sogar für seine geliebte Studierstube, darin
er so viele schwere Stunden mit Studieren und Anfechtungen erlebt,
„daraus er den Papst gestürmet“ und seine wunderbaren Schriftwerke und
Episteln in die Welt gesandt. Da mußte der Doktor einen gar zornigen
Brief an den Zeugmeister schicken, der wahrscheinlich seinen Eindruck
nicht verfehlte[209].

Im Hof, dem ehemaligen Spitalkirchhof, waren die Fundamente der Kirche
angelegt, aber nur der Erde gleichgebracht. Mitten in diesen Fundamenten
stand eine alte Kapelle „von Holz gebaut und mit Lehm beklebt; diese war
sehr baufällig, war gestützt auf allen Seiten. Es war bei 30 Schuhen
lang und 20 breit, hatte ein klein alt rostig Vorkirchlein, darauf 20
Menschen kaum mit Not stehen konnten. An der Wand gegen Mittag, war ein
Predigtstuhl von alten Brettern, die ungehobelt, ein Predigtstühlchen
gemacht, etwa 1-1/2 Ellen hoch von der Erde, worauf Luther einst
gepredigt hatte. In Summa, es hatte allenthalben das Ansehen, wie die
Maler den Stall malen zu Bethlehem, darinnen Christus geboren worden.“
Erst im Jahre 1542 fiel es der Befestigung zum Opfer; Luther „murrte
ärger darüber als Jona über die verdorrte Kürbisstaude“[210].

Der Hof war mit einem Bretterverschlag gegen die Straße abgeschlossen
und wie der Kirchhof mit Bäumen bepflanzt. Darin liefen Hühner, Gänse,
Enten, Tauben; Singvögel nisteten im Gebüsch, Spatzen flogen zu und
wurden von einem Hündlein gescheucht[211].

Sonst diente er zum Tummelplatz der Kinder, zum Spielplatz und
Kegelschieben.

Zur Ausstattung des großen Haushaltes mußte gar viel angeschafft und
geschenkt werden.

Von der Klosterzeit waren noch einige Sachen da: zinnerne Gefäße und
Küchen- und Gartengeräte als Schüsseln, Bratspieße, Schaufeln, freilich
recht verbraucht und schadhaft, keine 20 fl. wert. Das mußte bald
ergänzt und ersetzt werden. So auch der wurmstichige Kasten Dr.
Zwillings in Torgau. Dieser bot einen andern an; Frau Käthe wundert sich
über den hohen Preis, den er kosten solle: 4 Florin, erkundigt sich, ob
er „reinlich“ sei, mit einem „Sedel“ (Sitzkasten) „für leinen Gerät
darin zu legen, da nicht Eisen durchgeschlagen das Leinen eisenmalich
macht“; sonst wollte sie sich einen in Wittenberg machen lassen. Einen
„Schatzkasten“ hatte das Ehepaar bereits, nur war er „wohl tausendmal zu
weit“ für ihren Schatz; 1532 hatten sie nur einen einzigen Becher. Doch
füllte sich der Schrein allmählich mit silbernen Bechern, Ringen,
Denkmünzen und andern Kleinodien. Auch geerbt hatten sie einen fast zu
köstlichen Pokal, den der Augsburger Bürger Hans Honold dem großen
Doktor vermachte. Von Nürnberg schenkte der evangelische Abt Friedrich
eine kunstreiche Uhr, die das Lutherische Ehepaar gebührend bewunderte;
1529 kam eine zweite (von Link) und 1542 eine dritte dazu. 1536
schickten die Ältesten der Mährischen Brüder ein Dutzend böhmische
Messer[212].

Eine ständige Ausgabe machten die Anschaffungen für Leinwand, Betten,
Federn, Leuchter in die Schlafkammern; für zinnerne Kannen, Schüsseln,
Teller, Becken, Kesseln, Pfannen in die Küche; für Schaufeln,
Grabscheite, Gabeln, „Schupen“, Mulden, Radbarn (Schubkarren) in den
Garten; für Fässer, „Gelten“ (niedere Kübel), Eimer in Keller und
Waschküche; für Geschirr und Wagen zum Fuhrwerk[213].

Das Klosterhaus war bisher zwar im thatsächlichen Besitze Luthers; aber
eine förmliche Verschreibung hatte er nicht, nur durch mündliche
Abmachung war das Gebäude mit seinen Gerechtigkeiten ihm vom Kurfürsten
überlassen. Diesem hatte es Luther, der letzte Mönch des Wittenberger
Augustinerkonvents, als dem jüngsten Erben zur Verfügung gestellt.
Nunmehr aber betätigte der ihm so wohlgewogene Kurfürst Johann vor
seinem Tode der Lutherschen Familie den Besitz des Anwesens
vorbehaltlich des Vorkaufsrechtes für Staat und Stadt in einer
förmlichen Verschreibung. Die Urkunde besagt[214]:

„Von Gottes Gnaden Wir Johann Herzog von Sachsen thun kund männiglich:

Nachdem der ehrwürdig und hochgelahrte unser lieber andächtige Herr M.
Luther D. aus sonderlicher Gnad und Schickung Gottes sich fast vom
Anfang bei unser Universität zu Wittenberg mit Lesen in der heiligen
Schrift, Predigen, Ausbreitung und Verkündung des heiligen Evangelii
u.s.w. bemüht, so haben Wir in Erwägung des alles und aus unser
selbsteigenen Bewegnis unersucht obgen. D.M. Luther, Katharin seinem
ehelichen Weib und ihrer beider Leibeserben die neu Behausung in unserer
Stadt Wittenberg, welche hievor das „Schwarze Kloster“ genannt war,
darinnen D. Martinus seither gewohnt, mit seinem Begriff und Umfang samt
dem Garten und Hof zu einem _rechten freien Erbe_ verschrieben und sie
damit begabt und begnadet als ihr _Eigen_ und _Gut_.... Geben auch
vielgenanntem Doktor und seiner ehelichen Hausfrau aus sonderlichen
Gnaden diese _Freiheiten_, daß sie zu ihrer beider Lebtag aller
bürgerlichen Bürden und Last derselben frei sein, also daß sie keinen
Schoß noch andre Pflicht wie Wachen und dgl. davon sollen thun und mögen
gleichwohl brauen, mälzen, schänken, Vieh halten und andere bürgerliche
Handtirung treiben.

... Zu Urkund ...

Torgau, 4. Febr. 1532.“

„Es war Wittenberg bis daher eine arme, unansehnliche Stadt mit kleinen
alten häßlichen, niedrigen hölzernen Häuslein, einem alten Dorfe
ähnlicher als einer Stadt. Aber um diese Zeit kamen Leute aus aller
Welt, die da sehen, hören und etliche studieren wollten.“ Da wurde nun
freilich gebaut und gebessert. Aber in dem kleinen Städtchen mit seinen
paar tausend Einwohnern und ebensoviel Studenten waren die alltäglichen
Bedürfnisse nicht gar leicht zu bekommen. Melanchthon schon beklagte
sich bei seiner Uebersiedlung nach Wittenberg, daß da nichts Rechtes zu
bekommen sei und Luther schreibt selbst: „Es ist unser Markt ein Dr.
...“ Dazu war es teuer genug. Und so mußte Frau Luther nicht nur einen
Kasten, einen Pelzrock für die kleine Margarete nach angegebenem Maß von
auswärts bestellen, sondern allerlei Bedürfnisse, Sämereien, Stecklinge,
sogar Borsdorfer Aepfel, ja Butter und Käse mußte sie von weither aus
Pirna durch den dortigen Pfarrer Lauterbach oder von Erfurt und Nürnberg
kommen lassen[215].

Als Käthe für Luthers Großnichte die Hochzeit ausrichten sollte (Januar
1542), mußte ihr Gatte an den Hof nach Dessau um Wildbret schreiben.
„Hie ist wenig zu bekommen, denn die Menge (der Einwohner) und viel mehr
die Aemter und Hoflager haben schier alles aufgefressen, daß weder
Hühner, noch ander Fleisch wohl zu bekommen, daß, wo es fehlet (am
Wildbret) ich mit Würsten und Kaldaunen muß nachfüllen.“ Natürlich mußte
sie auch Mehl kaufen, während Landpfarrer solches zu Kauf anboten, und
Frau Käthe konnte es sehr verdrießen, wenn ein solcher ihr, weil sie die
Frau Doktorin war, für den Scheffel neunthalb Groschen forderte, also
mehr als die Bauern. Und ebenso vermerkte sie übel, daß die Wittenberger
drei Pfennig für ein Kandel Bier begehrten[216].

Wie alle Stadtbewohner des Mittelalters, auch die Professoren, Jonas,
Melanchthon u.a.[217], so strebte darum auch Frau Katharina nach
liegenden Gründen; als ehemaliges Edelfräulein und Klosterfrau hatte sie
ohnedies eine besondere Neigung zum Grundbesitz, und auch Luther hatte
seine Freude wenigstens an der Natur und der Landwirtschaft. So hielt
man es auch für die sicherste Anlage und eigentliches Erbe für die
Nachkommen, „Feld und Gut zu hinterlassen“, und auch Frau Käthe „hoffte
zu Gott, er werde ihren Kindern, so sie leben und sich frommlich und
ehrlich halten werden, wohl Erbe bescheren“[218]. Freilich ist der Boden
auf dem rechten Elbufer, wo Wittenberg liegt, wie Luther klagt, drei
Meilen herum, sandige und steinige Heide, so daß bei windigem Wetter
nach dem Witzwort 99 Prozent Landgüter in der Luft herumfliegen. Er
fuhrt den plattdeutschen Spruch im Mund:

  Ländicken, Ländicken
  Du bist ein Sändicken!
  Wenn ik dik arbeite,
  So bist du licht (leicht);
  Wenn ik dik egge,
  So bist du schlicht;
  Wenn ik dik meie (mähe),
  So find ich nicht (nichts).

Ueber diese Wittenberger Gemarkung bemerkte er gegenüber der seiner
Heimat: „In dieser unserer Gegend, welche sandig ist, giebt die Erde in
mittleren Jahren für einen Scheffel 7 bis 8, in Thüringen meist 12 und
mehr“[219]. Dennoch erwarben die Luthers bald mehrere Grundstücke, zwei
Hufen und zwei weitere Gärten.

Schon 1531 kaufte Käthe einen Garten, wie Luther sagte „nicht für mich,
ja gegen mich“. Es ist wohl derselbe, dessen Kauf sie „mit Thränen“
durchsetzte, so daß er seinem Freund und ehemaligen Mitbruder Brisger
sein Häuschen nicht abkaufen, ihm auch kein Geld leihen konnte. Dieser
Garten, an der Zahnischen Straße gelegen, wurde, scheint es, später
veräußert; dafür wurde (um 1536) von Claus Bildenhauer für 900 fl. ein
größerer „Baum-Garten“ mit allerlei Gebäulichkeiten und einem
angestrichenen Zaun erworben. Einer dieser Gärten lag vor der Stadt an
dem „Saumarkt“; deshalb adressiert Luther Briefe an die „Saumärkterin“,
„auf dem Saumarkt zu finden“[220]. Hier floß die „Rische Bach“ und
speiste wohl die „Fischteichlein“, welche Frau Käthe mit allerlei
Fischen, sogar mit edlen Forellen besetzte. Am Hause wurde ferner im
selben Jahre (1536) ein Garten mit Bäumen angelegt, der 400 fl. kostete.
Für den Famulus Wolf wurde um 20 fl. ein Gärtlein gekauft, wo er
wahrscheinlich seinen Vogelherd anlegte, mit dem ihn Luther
verschiedentlich neckt. Ferner wurden einige Hufen gekauft am
„Eichenpfuhl“[221].

Zwei Jahre vor Luthers Tode kam endlich noch zu Frau Käthes Wirtschaft
um 375 fl. ein Hopfengarten hinzu, der „an der Specke“, einem
Eichwäldchen auf der nahen Gemarkung des Dorfes Lopez, gelegen war, wo
die Studenten gerne lustwandelten und auch manchen Unfug trieben. Aus
diesem Garten gewann die Frau Doktorin ihren Hopfenbedarf für ihr
Klosterbräu[222].

So schaltete und waltete Frau Käthe im Haus und in ihren Gärten und
Hufen als „Küchenmeisterin“, „Bäuerin und Gärtnerin“, fuhrwerkte, baute
Aecker, kaufte Vieh, weidete Tiere u.s.f. Besonders verlegte sie sich
mit ihrem Gemahl auf die Obstzucht: Kirschen, Pfirsiche, Nüsse, Apfel,
Birnen erntete die Doktorin. Auch mit Rebbau gab sie sich ab, und ihr
Faktotum Pfarrer Lauterbach mußte ihr aus Pirna dazu die Pfähle, allein
10 Schock d.h. 600 Stück, besorgen; freilich wurde aus den Trauben nicht
Wein bereitet, sondern sie dienten zur Nachkost auf der Tafel. Selbst
mit Feigen- und Maulbeerbäumen versuchte sie sich. Und als Gemüse
pflanzte sie nicht nur die einheimischen: Kraut, Erbsen und Bohnen,
sondern auch Gurken, Kürbisse und Melonen, wozu Link aus Nürnberg die
Samenkerne schickte. Mit Erfurter Riesenrettichen wollte Luther seine
Freunde nicht nur in Erstaunen setzen, sondern sie auch selbst gezogen
haben. Frau Käthe war sehr unglücklich, wenn Ungeziefer ihr das Gemüse
schädigten: „denn Raupen im Kohl und Fliegen in der Suppe — ein sehr
nützlich und lieblich Vieh!“ hieß es da. Aber noch ärger war ihr's, wenn
Studenten, Spatzen und Dohlen ihr in die Gärten einfielen, und ihr
Gemahl hätte gern ein strenges Edikt „gegen die unnützen Sperlinge und
Krähen, Raben und Spechte erlassen, welche alles verderben“[223].

In einem der Gärten waren Bienenstöcke, vor welchen der grübelnde Doktor
das wunderbare Treiben der fleißigen Tierlein belauschte, die praktische
Hausfrau aber den süßen Ertrag berechnete für Met, Süßwein und
Honigkuchen. Im großen Garten draußen vor der Stadt, hatte Frau Käthe
ihre Fischteichlein, worin sie Hechte und Schmerle, Kaulbarsche und
Karpfen, sogar Forellen zog und von denen sie bei guter Gelegenheit
etliche „gesotten auf den Tisch brachte und mit großer Lust und Freude
und Danksagung davon aß“, und sie hatte „größere Freude über den wenigen
Fischen, denn mancher Edelmann, wenn er etliche große Teiche und Weiher
fischet und etliche hundert Schock Fische fähet“[224].

Mit diesen Gärten waren aber die Gütererwerbungen der Lutherischen
Familie noch nicht abgeschlossen. Zunächst kam ein unwillkommener Erwerb
hinzu, den Luther aus Gefälligkeit übernahm. Es war das kleine Haus
„Bruno“, eine „Bude“ ohne Gerechtigkeiten und Zubehör an Garten,
unmittelbar neben dem Kloster, aber vorn an der Kollegiengasse gelegen.
Das hatte Luthers letzter Klosterbruder Brisger für sich bauen lassen,
dann aber bei seinem Wegzug dem Pfarrer Bruno Brauer zur Verwaltung
gegeben und Luther oft angeboten; dieser konnte es aber wegen anderer
Käufe nicht erwerben, auch forderte Brisger, der von seiner katholisch
gebliebenen Mutter enterbt wurde und, scheint es, in Geldbedrängnis war,
einen zu hohen Preis (440 fl.). Endlich kaufte es Luther als Lehen für
seinen Diener Wolf Sieberger bezw. als Leibgedinge für seine Gattin,
mußte aber den Kaufschilling völlig schuldig bleiben. Der Besitz dieses
Hauses war unwillkommen, weil es erst wieder vermietet werden mußte und
mehr Sorgen als Ertrag brachte; es kostete 250 fl. und mußte noch um 70
fl. „geflickt“ werden[225].

Der Sinn von Frau Käthe stand viel mehr auf landwirtschaftliche
Besitztümer, weil diese ihrer nutzbringenden Thätigkeit mehr
entsprachen. So bekam sie nach einem großem Pachtgut Verlangen, um
daraus ihre großen häuslichen Bedürfnisse zu beschaffen; sie wollte
nicht abhängig sein von den teuren Lieferanten und störrischen Bauern,
welche manchmal eine künstliche Teuerung veranlaßten. So hatte sie schon
1536 ihren Gevatter, den Landrentmeister Hans von Taubenheim, um
Ueberlassung eines günstig gelegenen Gutes, Booß, gebeten, hatte es aber
nicht bekommen. Drei Jahre später fing sie aufs neue Verhandlungen mit
Taubenheim an. Ihr Brief lautet in der ursprünglichen Schreibweise so:

„Gnad vnd fride yn Christo zuuor, gestrenger, ernuester, lieber herr
geuatter. Euch ist wol wissentlich, wie ich E.g. vngeferlich fur dreyen
jaren gebeten, daß myr das gut „_Booß_“ myt seynen zugehorungen vmb
eynen gewonlichen zynß zu meyner teglichen hawßhaltung wie eynem andern
mochte gelassen werden, als denn auch meyn lieber herr bey doctor
Brug[226] diselbige zeyt deshalben hat angeregt; ist aber dasselbig mal
vorblieben, daß ichs mecht bekommen, vylleycht daß doselbst nicht loß
ist gewesen von seynem herrn, der es vmb den zynß hat ynnen gehabt. Ich
byn aber unterrichtet, wie der kruger von Brato, welcher es dysse zeyt
ynnengehabt, soll iezund solch gut loßgeschrieben haben, wo solchs also
were, ist meine freuntliche bytte an Euch also mynen lieben gevattern,
wollt myr zw solchem gut fodderlich seyn vmb denselbigen zynß, ßo eyn
ander gybt, wyll ichs von herczen gerne annehmen vnd die zynße deglich
an zwen orth vberychen. Bitte gancz freuntlich, e.g. wolde myr Ewer
gemueth wyder schreyben vnd das beste rathen yn dyssem fall vnd
anzceygen, wo ich etwas hyrin vnbyllichs begert vnd woldet denen nicht
stadgeben myt yrem argkwone, alß ßolde ich solchs gut fur mich odder
meyne kinder erblich begeren, welche gedanken yn meyn hercz nie kommen
synd. Hoffe zu gott, er werde meynen kindern, ßo sie leben vnd sich
fromlich vnd ehrlich halten wurden, wol erbe beschern, bytte alleyne,
das myrs ein jar odder zwey vmb eynen zymlichen geburlichen zynß mochte
gelassen werden, damyt ich meyne haushaltung vnd vyhe deste bek(w)emer
erhalten mochte, weyl man alles alhier vfs tewerst kewfen muß vnd myr
solcher ort, der nahe gelegen, ßer nuezlich seyn mochte. Ich habe meynen
lieben herrn iczt yn dvßer sachen nicht wollen beschweren, an Euch
zuschreyben, der sunst vyl zu schaffen, ist auch on noth, daß E.g.
solchs meyn antragen ferrer an ymandes odder an m. g'sten herrn wolde
gelangen lassen, ßunder ßo Ir solche myne bytte fur byllich erkennet,
daß Irs myt dem schoßzer zw Seyda bestellen wolt, daß myr solch gut vmb
eynen geburlichen zynß wie eynen andern mochte eyngethan werden. Domyt
seyet gott bepholen. Gegeben zu Wyttembergk, Montag nach Jubilate ym
1539. jhare.

Catherina Lutherynu“[227].

Wiederum wurde aus der Pacht nichts. Dagegen kam Frau Käthe im folgenden
Jahre unverhofft zu einem eigenen Hofgut, das sogar ihr persönlich als
Leibgeding gehörte und ihr um so werter sein mußte, als es der letzte
Rest von dem Erbgut der Bora war, welches sonst der Familie anscheinend
vollständig abhanden gekommen war.

Es war das Gütchen Zulsdorf, das ihr Bruder Hans vor sieben Jahren
übernommen hatte, aber trotz der Mitgift der Witwe Apollonia von
Seidewitz, die er geheiratet hatte, nicht halten konnte, oder das zu
gering war, um ihn selbst zu ernähren. Es war freilich weitab von
Wittenberg gelegen, wohl zwei Tagereisen; aber es zog sie doch hin nach
dieser ihrer mutmaßlichen einstigen Heimat und ihrem künftigen
Witwensitz. So wurde Frau Käthe die Nachbarin von Amsdorf, dem Bischof
von Naumburg, dem sie jetzt ihren Gruß entbietet als „gnädigem Nachbar
und Gevatter“. Ihr Gemahl that alles, „um die neue Königin würdig in ihr
Reich einzusetzen“ und titulierte sie seitdem als die „Zulsdorferin“,
„die gnädige Frau von Zulsdorf“, oder „Ihro Gnaden Frau von Bora und
Zulsdorf“[228].

Hier in ihrem, „neuen Königreich“ und Sondereigentum konnte ihr
unternehmender thatkräftiger Geist so recht nach Behagen schalten und
walten und ein Neues pflügen und schaffen. Denn das Gütchen war
verlottert, das Land eine „wüste Mark“, die Gebäulichkeiten baufällig.
Sie riß nieder, baute, besserte, fuhrwerkte und nahm dabei, wie gewohnt,
auch die Hilfe der Freunde ihres Hauses in Anspruch: der Herr von Ende
mußte ihr Hafer und Saatkorn liefern, der von Einsiedel Wagen stellen,
Spalatin ihre Fuhrleute beherbergen. Sie steckte viel Geld hinein, der
Kurfürst gab ihr Eichenbalken und anderes Holz und 600 fl.
„Begnadigung“, aber auch das reichte zum Schmerze Käthes nicht für
Reparatur und Zustandhaltung des heruntergekommenen Anwesens, so daß
Luther im ersten Jahr schreibt: „Sie verschwendet in diesem Jahr dort,
was erzeugt wurde“[229].

Dabei hatte die Doktorin allerlei Aerger und Mißgeschick: die
Eichenstämme, die ihr der Kurfürst aus dem Altenburger Forst angewiesen
und die Luther selbst ausgesucht hatte, ließ sie fällen, um sie in
Bretter schneiden zu lassen für ein Scheunlein. Als sie aber mit ihrem
Fuhrwerk kam, die Bäume abzuholen, waren sie vom Amtmann verkauft oder
unterschlagen. Und es mußte geklagt, von neuem petitioniert und
verhandelt werden, bis wieder Holz angewiesen war und Käthe die Fuhren
besorgen konnte. Weitere Unannehmlichkeiten erlebte die Gutsbesitzerin
mit den Anliegern von Zulsdorf, den Kieritzscher Bauern, welche ihr das
Weiderecht beeinträchtigten. So hatte sie im Jahre 1541 monatelang vorm
Amtmann Heinrich von Einsiedel zu Borna mit denen von Kieritzsch zu
prozessieren. Das Urteil des Kurfürsten fiel günstig für die
Lutherischen aus; sie „hätten in der Güte wohl mehr um Friedens und
guter Nachbarschaft willen eingeräumt“[230].

Trotzdem verleidete der Doktorin der Besitz nicht. Wochenlang,
namentlich wenn Luther verreist war, hielt sich Frau Käthe in ihrem
neuen Besitztum auf, so daß ihr der Gemahl manche Epistel dahin
schreiben mußte. So im Herbst (13. September) 1541, wo sie vielleicht
mit einigen Kindern Obsternte dort hielt. Da schreibt er: „Meiner lieben
Hausfrauen Käthe Ludern von Bora zuhanden.

G.u.F.! Liebe Käthe! Ich lasse hiermit Urban zu Dir laufen, auf daß Du
nicht erschrecken sollst, ob ein Geschrei vom Türken zu Dir kommen
würde. Und mich wundert, daß Du so gar nichts her schreibst oder
entbeutst, so Du wohl weißt, daß wir hie nicht ohne Sorge sind für euch,
weil Mainz, Heinz und viel vom Adel in Meißen uns sehr feind sind.
Verkaufe und bestelle, was Du kannst, und komme heim. Denn als mich's
ansieht, so will's Dreck regnen, und unsre Sünde will Gott heimsuchen
durch seines Zornes Willen. Hiemit Gott befohlen, Amen.

Sonntags nach Lamperti 1541.

M. LutheR“[231].

Ja noch zu Wittenberg war Käthe mit ihren Gedanken oft abwesend auf
ihrem Lieblingssitz, so daß ihr Gemahl adressiert: „Der reichen Frauen
zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katharin Lutherin, zu Wittenberg leiblich
wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen.“ Auch
Luther hielt sich manchmal in dem stillen Oertlein zur Erholung auf und
sendet von hier Briefe und Grüße „von meinem Käthe und Herrn zu
Zulsdorf“[232].

Wohl weil Zulsdorf zu weit abgelegen und zu wenig einträglich war, so
wandte in den letzten Jahren Frau Katharina ihre Augen auf das Gut
Wachsdorf bei Wittenberg, eine Stunde davon, jenseits der Elbe auf
fruchtbarem Boden gelegen, mit Hochwald umgeben; freilich etwas sumpfig.
Es gehörte des † Dr. Sebald Münsterers Kindern und war der Erbteilung
wegen käuflich. Aber es wurde nichts daraus; namentlich hintertrieb der
Kanzler Brück die Erwerbung.

Auch der Doktor war mit dieser großen Ausdehnung der Wirtschaft nicht
mehr recht einverstanden, obwohl er den Hausspruch: „Eigen Wat gut ist
dat“ sehr wohl kannte und anerkannte und sagte, alles Gute im Ehestand
sei eitel Segen Gottes was niemand erkenne, „als der Gott fürchtet und
alles auf dem Markte kaufen muß.“ Er konnte sich in diese Haushaltung
nicht richten; er meinte, daß die Sorge und Geschäftigkeit um den großen
Haushalt sie abziehe, in stiller, gemütlicher, geistiger Weise sich
selbst zu leben und ihm und ihren Kindern. Auch klagte er gelegentlich
über die vielen Dienstboten, welche in dem weitläuftigen Hauswesen nötig
waren; so schon 1527 waren mehrere Mägde da, 1534 ein Kutscher, später
sogar ein Schweinehirt. Er meinte: „Ich habe zu viel Gesinde.“ Mehr
Dienstboten als heutzutage waren ja auch in diesen Zeiten üblich und
möglicherweise ist hierin Frau Käthe etwas weiter gegangen, was wohl mit
der zahlreichen Gesindeschar im Klosterleben zusammenhängen mochte[233].

Aber es ist doch begreiflich, daß die Frau Doktorin darauf bedacht
war, ihre Wirtschaft zu erweitern. Es war nicht allein die
unternehmungslustige Thatkraft der energischen Frau, welche Neues
schaffen und ein großes Bereich beherrschen wollte, es war auch die
Sorge um die Bedürfnisse des großen Haushaltes selbst, es war aber ganz
besonders das Streben, die ökonomische Zukunft der nicht kleinen Familie
für das Alter, namentlich aber für die eigene Witwenschaft und das
Waisentum ihrer fünf Kinder, zu sichern, indem sie das in Luthers Händen
gefährdete flüssige Geld in festes Gut umwandelte.

So bestand am Ende der gesamte Besitz der Lutherischen Familie aus einem
Landgut, dem großen und kleinen Haus, dem Klostergarten, dem
„Baumgarten“ auf dem Saumarkt, dem Hopfengarten an der „Specke“ und zwei
Hufen Landes. Das war ein ziemlich umfangreicher Besitz, der neben der
großen und weitläufigen Haushaltung gar viel Unruhe verursachte und viel
Zeit und Arbeit kostete, so daß man kaum begreift, woher Frau Käthe nur
die Zeit nahm, um das alles zu besorgen und zu übersehen. Und wir
verstehen, daß es ihr manchmal zu viel wurde und sie dem heftigen,
ungeduldigen Mann manchmal nicht rasch genug nachkommen konnte, so daß
er klagt: „Ich bin unter einem unglücklichen Stern geboren, vielleicht
dem Saturn; was man mir thun und machen soll, kann nimmermehr fertig
werden; Schneider, Schuster, Buchbinder, mein Weib ziehen mich aufs
längste hin.“ Aber er muß in derselben Zeit auch die vielgeplagte Frau
noch entschuldigen, wo sie ein Kind an der Brust und eins unter dem
Herzen nährte: „Es ist schwer zwei Gäste zu nähren, einen im Haus und
den andern vor der Thüre.“ Und er erkennt ihre Anstrengungen und Sorgen
auch an: „Mein Wolf hat's besser denn ich und meine Käthe“[234].

Die Frau Doktorin war aber auch ein gar fleißiges Weib. Sie hat in ihrem
Bereich ebenso gewaltig und unermüdlich geschafft und geschaffen, wie
der Doktor in dem seinigen.

Freilich schon morgens um 4 Uhr im Sommer, um 5 Uhr im Winter, oft auch
noch früher, stand sie auf, und darum wohl sagte ihr Gatte und ihre
Mitbürger: „Käthe von Bora ist der Morgenstern von Wittenberg.“ Und so
stand sie an der Arbeit bis abends um 9 Uhr, wo der Doktor unerbittlich
zum Schlafengehen drängte. Freilich hatte sie einen kräftigen,
leistungsfähigen Körper und war, im Gegensatz zu ihrem viel kränklichen
Mann, so gesund, daß fast niemals von einer Erkrankung Meldung
geschieht. Es ist nur einmal die Rede davon, daß sie eines Abends
schwach wurde und ein Fieber bekam, so daß ihr Gatte in Angst geriet und
sagte: „Liebe Käthe, stirb mir ja nicht.“ Ein andermal, da D.M. Luther
mit etlichen über Tische redete, ging sie in die Kammer und fiel in
Ohnmacht. Aber das war alles vorübergehendes Unwohlsein. Nur _eine_
Krankheit machte sie durch infolge einer Frühgeburt; sonst scheint sie
gesund gewesen zu sein bis ins Alter[235].

Doch nicht nur unermüdliche Geschäftigkeit war Käthes Tugend, sondern
sie verstand es auch, das Hausregiment zu führen in Küche und Keller, im
Brauhaus und Backhaus, in Garten und Feld, in der Kinder- und
Gesindestube, als Mutter und Gattin, als Wirtin und Herrin, als
„Predigerin, Bräuerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann“, und mit
Bezug auf sie, die Hausregentin und „Küchenmeisterin“, schrieb Luther an
den Rand seines Hausbuches:

  „Der Frauen Augen kochen wohl
  Mehr denn Magd, Knecht und Feuer und Kohl“[236].

Freilich Luther selbst war nicht weniger arbeitssam, auch mit
körperlicher Beschäftigung; namentlich in den ersten Jahren: er gärtelte
gern und viel, grub, säete, pfropfte; er drechselte auch auf seiner
eigenen Drehbank. Beides sah gewiß Frau Käthe gern, nicht nur, weil es
manchen Tagelohn und Handwerksmann ersparte, sondern weil es auch
Luthers Gesundheit zuträglich war. Weniger Gefallen hatte sie an seiner
aus der Junggesellenzeit herübergenommenen Neigung, seine Kleider selber
zu flicken. Der Doktor that sich auf diese Kunst viel zu gut und dünkte
darin sich geschickter, wie die deutschen Schneider, welche keine
gutsitzenden Hosen fertig brächten. Da fand Frau Käthe eines Tags zu
ihrem nicht geringen Staunen und Verdruß ein Paar Hosen ihres Buben, aus
denen ein Stück herausgeschnitten war: und als sie nachfragte, hatte der
Herr Gemahl den Flicken zum Ausbessern seiner eigenen Hose
verwendet[237]! —

Es war ein arbeitsseliges Haus, die ehemalige Stätte der
Beschaulichkeit. Droben in der Studierstube der große Doktor, der mit
emsiger Gewissenhaftigkeit und dem angestammten Fleiß eines Bauernsohnes
seine Zeit auskaufte für die geistliche Haushaltung der Kirche; und
unten die wirtliche Hausfrau, die in echter deutscher Geschäftigkeit und
Treue sich ihrem Hause widmete, dem Gatten und den Kindern, dem Gesinde
und den Freunden, und deren Stolz und Ruhm es war, alles zu können und
alles zu thun.

So waltete Frau Käthe in ihrer „Wirtschaft“.



9. Kapitel

„Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“


Ein Grundbesitz, wie ihn das Lutherische Ehepaar am Ende aufwies, zeugte
von nicht geringer Vermöglichkeit. Woher und wie war nun dieses Vermögen
zusammengekommen?

Katharina sowohl wie Luther brachten nichts in die Ehe. Sie waren am
Anfang ihres Hausstandes und noch lange fort vollständig vermögenslos;
erst nach seiner Eltern Absterben (1530-31) erbte Luther eine kleine
Barschaft von 250 fl. Im Jahre 1527 war er noch gänzlich ohne Besitz, er
war arm und ein Bettler, konnte weder Haus, Aecker, liegende Gründe,
Geld noch Gut seinem Weib und Kind nach sich lassen, wenn er damals
gestorben wäre. Denn auch das Klosteranwesen war noch nicht sein
ausgesprochenes Eigentum. „Armut ist mein Irrtum und meine Ketzerei“,
sagte er noch 1530; und zwei Jahre darauf hat er nur einen Becher im
Schatzkästlein. Noch 1534 mußte er es ablehnen, für ein paar hundert
Gulden das kleine Haus Bruno zu kaufen: er wollte seine Armut nicht
offenbar werden lassen, weil er's für unmöglich hielt, jemals auch nur
die Hälfte einer solchen Summe zusammenzubringen[238].

In Ermangelung eines eingebrachte Heiratsgutes war das Ehepaar also auf
die Besoldung angewiesen, welche der Hausvater hatte, und auf den
Verdienst, welchen die Hausmutter von der Bebauung des Gutes und ihrem
Kosttisch zog.

Die Beamtenbesoldungen waren zu jener Zeit nicht etwa bloß feste
Gehalte, sondern bestanden auch in allerlei Ehrengeschenken, meist in
Naturalien, welche den Angestellten bei besonderen Gelegenheiten und für
besondere Dienstleistungen, als Reisen, Gutachten, Berichte, Schriften
u.a., von den Fürsten und Stadtobrigkeiten zuflossen.

Seit seiner Verheiratung war Luthers Besoldung von einhundert auf
zweihundert Gulden erhöht worden. Von 1532 ab, unter Kurfürst Johann
Friedrich, kamen noch jährlich 100 Scheffel Korn, 100 Scheffel Malz für
zwei Gebräude Bier, 60 (später 100) Klafter Holz und zwei Fuder Heu
hinzu. Freilich blieben die Lieferungen „aus Unwillen“ der Beamten
manchmal aus. Der kurfürstliche Keller zu Wittenberg stand den
hervorragenden Professoren immer offen. Außerdem kamen ihm vom Hofe
allerlei Viktualien zu: Wein, Most, Essig, Obst, Fische, Wildbret,
Arzneien, auch Kleider und Tuche. So sendet 1543 der Kurfürst „zwei Faß,
eins mit altem Wein, das andre mit heurigem gewachsenen Most, Suptezer,
so gut Uns der allmächtige Gott dies Jahr bescheret hat; den wollet von
Unseretwegen gutwillig annehmen und in Fröhlichkeit genießen“. Auch der
Dänenkönig Christian III. sandte in den letzten Jahren (1543) zuerst
Butter und Heringe; als man aber unterwegs mit dieser „Küchenspeise
unschicklich umgegangen“, wurde die Sendung in ein Geschenk von 50 fl.
verwandelt. Soviel erhielten auch die andern Wittenberger Theologen
Bugenhagen und Jonas: es war ein Ehrensold, den der Fürst für die
Ausbildung seiner Gottesgelehrten an die sächsische Universität
zahlte[239].

Wenn der Kurfürst Johann an Luther bei Aufhebung des Klosters den
Hausrat im Werte von 20 fl. und die Küchengeräte, welche um 50 fl.
verkauft wurden, überließ, so war das eine Entschädigung dafür, daß er
lange Zeit sein Deputat an Viktualien gar nicht oder nur spärlich
erhalten hatte. Für den Hausrat hatte er „der Kirche und Universität mit
Predigen, Lesen, Schreiben u.s.w. die langen Jahre her um Gotteswillen
und umsonst gedient; und für die Küchengeräte hatte er Nonnen und Mönche
(Diebe und Schälke mitunter) gekleidet, gespeiset und versorget mit
solchem Nutzen, daß ich das Meine und 100 fl., so mir m. gn. H. Herzog
Hans zur Haushaltung geschenkt, gar weidlich zugesetzt habe“[240].

Aehnlich waren die Geschenke der Stadt Wittenberg auch nur
Gegenleistungen. So hat der Stadtrat aus seinen Brennereien
Baumaterialien, als Ziegelsteine und Kalk, nicht angerechnet, schenkte
auch sonst eine Jahresgabe oder besondere Erkenntlichkeit, so als
Luther in der Osterzeit jeden Tag gepredigt hatte, einen halben Lachs,
anno 1529 der Frau Doktor in Abwesenheit ihres Mannes 10 Thaler, „weil
man ihm dies Jahr sonst keine Verehrung gethan“. Dafür war Luther ohne
Gehalt bei dreißig Jahre der Stadt Prediger gewesen, hatte auch oftmals
noch Bugenhagen auf kürzere oder längere Zeit, einmal sogar, als jener
auswärts reformierte, zwei Jahre lang (1535-37) vertreten. Auch mußte
Luther auf seine Kosten „zu ihrer Kirche Dienst und Nutz“ Diener halten,
ohne daß der „gemeine Kasten“ etwas für sie beitrug. Ferner trat Luther
einen großen Raum vorm Klosterhof umsonst an die Stadt ab, gestattete
auch, daß sein ganzes Anwesen nach seinem Tode und das Nebengebäude auch
bei seinen Lebzeiten unter das Bürgerrecht gestellt wurde, während es
vorher ganz frei gewesen. Ebenso wollte Luther, als der Kurfürst 1542
eine Türkensteuer ausschrieb, obgleich er grundsteuerfrei war, doch des
Beispiels wegen auch geschatzt sein[241].

Trotz solcher Gegendienste, welche mittelbar oder unmittelbar
„Geschenke“ veranlaßten, nahm doch Luther solche nicht ohne Wahl und Maß
an. Er lehnte nicht nur das Hochzeitsgeschenk des Mainzer Erzbischofs
ab, er wies auch eine Gabe des Kurfürsten zurück, weil er wisse, „daß
der hohe Herr des Gebens viel habe und zu viel den Sack zerreiße“.
„Bitte derhalben Ew. Kurfürstliche Gnaden wollten harren, bis ich selber
klage und bitte, auf daß ich durch solch Zuvorkommen Eurer Kurf. Gnaden
nicht scheu werde für andre zu bitten, die viel würdiger sind solcher
Gaben“[242].

Und ferner: „Ich will Ew. Kurf. Gn. unterthäniglich bitten, nicht zu
glauben denen, die mich angeben, als habe ich Mangel; ich habe leider
mehr, sonderlich von Ew. K. Gn., denn ich im Gewissen vertragen
kann“[243].

Auch seine Freunde schilt er oft, daß sie des Schenkens zu viel
machen[244].

Wenn er Sommers von einem Pfarrherrn oder Schultheißen aufs Dorf zu
Gaste geladen wurde, so kam er gern mit einem Tischgesellen und hielt
eine Predigt. Aber er brachte allewege Speise und Trank für sich und
seine Begleiter mit, die ihm daheim Frau Käthe zubereitet und in den
Wagen gepackt hatte[245].

Einem wegziehenden Famulus würde er gerne zehn Gulden geben, wenn er
sie hätte; aber unter fünf Gulden soll ihm seine Frau nicht geben und
was sie darüber kann geben, bittet der Doktor sie, das solle sie thun —
also bis auf den letzten Gulden mutet er der Hausfrau zu sich zu
entblößen und doch trägt er der Frau gleichzeitig auf, ein Mitbringsel
für die Kinder zu kaufen, weil er selbst in Torgau nichts Sonderliches
fände[246].

Für seine Vorlesungen nahm Luther von den Studenten keine
Kollegiengelder. Ja, auch von seinen Schriften nahm er kein Honorar: 400
fl., die ihm ein Buchdrucker jährlich für den Verlag seiner Schriften
anbot, schlug er aus, auch die 1000 fl., welche Melanchthon ihm für die
Ausarbeitung des deutschen Aesop versprach. Eine Kure im Silberbergwerk
zu Schneeberg, welche ihm der Kurfürst für seine Bibelübersetzung 1529
schenken wollte, wies er ab: er wollte von der Welt seine geistige
Arbeit nicht bezahlt haben und wie Paulus mit dem Gotteswort nicht
Handel treiben[247].

Bei einer solchen Gesinnung und Handlungsweise ist es begreiflich, daß
die praktische Frau Käthe auch einmal über ihren Doktor mit seiner
Geldverachtung seufzte. Als der gleichfalls wenig haushälterische
Meister Philipp Melanchthon einmal bei Luther speiste und im Gespräch
über den Weltlauf von einem Magister sprach, welcher dem Geiz ergeben,
ein sehr gutes Urteil über gute und schlechte Gulden habe, bemerkte die
Doktorin: „Wenn mein Gemahl solchen Sinn hätte, würde er gar reich
sein.“ Melanchthon meinte darauf: „Das kann nicht sein, denn die
Geister, welche für die Allgemeinheit arbeiten, können sich ihren
Privatangelegenheiten nicht hingeben“[248].

Den nicht gerade außerordentlichen Einnahmen Luthers standen nun aber
gewaltige Ausgaben gegenüber. Zunächst einmal für die ausgedehnte
Haushaltung; dann aber auch für andere Zwecke und Anschaffungen. Einen
interessanten Einblick in diese Dinge gewähren die Aufzeichnungen
Luthers in seinem Haushaltungsbuch. Da ist[249] eine

„Wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doc. Martin und Käthe

             1535
        Anno ----
             1536
das waren zwei halbe Jahr.
      90 fl. für Getreide
      90 fl. für die Hufen
      20 fl. für Leinwat (Leinwand)
      30 fl. für Schweine
      28 fl. Muhme Lene gen Borna(u)
      29 fl. für Ochsen
      10 fl. Valt. Mollerstet      bezahlt
      10 fl. Geleitsmann              "
       8 Thaler M. Philipp            "
      40 fl. für Gregor Tischer       "
      26 fl. Universität              "
     -------
Zus. 389 fl. außer andern Viktualien. "

Diese „andern Viktualien“ waren Gemüse, Fleisch, Fisch und Geflügel,
Obst und Kolonialwaren, Getreide und Hopfen, Brot und Semmel, Oel und
Talg, Butter und Honig, Wein und Bier.

Dann hieß es: „Gieb Geld für Hanf und Flachs, Garn und Wachs, Nägel und
Haken, allerlei Geschirr und Geräte in Stube, Küche, Keller, Garten; für
Wagen und Geschirr.“

„Gieb Geld“ forderten auch 29erlei Handwerker, ferner Buchführer
(Buchhändler), Arzt, Apotheker und Präzeptor, Knechte, Mägde, Hirten,
Knaben und Jungfern, Bräute und Gevattern, auch Bettler und —
Diebe[250].

Ausgaben gab es dann für manche Patengeschenke, Hochzeiten und
Gastungen, Geschenke zu Neujahr, Jahrmarkt und S. Niklas. Endlich kamen
die „grobe Stück: Hochzeit machen für Sohn, Tochter, Freundin; dem
Krämer für Seiden, Sammet und Wurze“[251].

Im ganzen waren es 135 Dinge, für welche Frau Käthe stets die Hand
ausstrecken und „Gieb Geld“ sagen mußte.

Unter diesen Ausgaben machen namentlich die Ehrengeschenke und
Wohlthaten einen großen Posten aus; sie gehörten bei Luther zu den
besonders „groben Stücken“. Außer den Gastungen gehören namentlich die
Patengeschenke und Hochzeiten hierher; Luther und Frau Käthe standen
zahllose Male zu Gevatter, denn in Wittenberg waren bei jedem Kinde
viele Paten üblich, und für jeden kostete es einen Silberbecher oder
eine große Münze. Die Hochzeiten und Hochzeitsgeschenke waren eine große
Last. So klagt Luther (1543) am Ende selber: „Die täglichen Hochzeiten
hier erschöpfen mich“[252]. Luthers Mildtätigkeit kannte keine Grenzen.
Er sprach als Grundsatz aus: „Wer gerne giebt, dem wird gegeben; das
erhält das Haus, darum, liebe Käthe, haben wir nicht mehr Geld, so
müssen die Becher daran.“ Und demgemäß handelt er. Wie viele andere
Theologen und sonstige gutmütige Menschen (auch Melanchthon) gab er
Bedürftigen und Bittenden über Gebühr und Vermögen, und gar oft an
Unwürdige, so daß er erst durch „böse Buben witzig gemacht“ wurde. Er
gestand später (1532) selbst seiner Frau: „Denke, wie oftmals wir haben
bösen Buben und undankbaren Schülern gegeben, da es alles verloren
gewesen ist.“ Wie weit er in seiner Gutherzigkeit ging, mögen von vielen
nur zwei Beispiele zeigen: Einem armen Studenten schenkt der Doktor,
weil kein Geld im Haus ist, einen silbernen Ehrenbecher, und als er
merkte, wie Frau Käthe ihm abwinkt, drückt er ihn schnell zusammen und
schickt den jungen Menschen damit zum Goldschmied; was er dafür löse,
solle er behalten, er brauche keinen silbernen Becher. Ja, als seine
Frau im Wochenbett liegt, gerät er gar über das Patengeschenk seines
jüngsten Kindes, um einen bedrängten Bedürftigen nicht mit leerer Hand
gehen zu lassen, und meinte: „Gott ist reich, er wird anderes
bescheren“[253].

Das gesamte, so wenig berechnende Verhalten Luthers erklärt sich
einerseits aus seiner allem Eigennutz abgeneigten Natur und seinem
großartigen Gottvertrauen, andrerseits aber auch aus dem Mangel an
Berechnung, welche dem weltentfremdeten Mönch aus seiner Klosterzeit
noch anhaftete; dies mußte aber bei einem „weltlichen“ Haushalt
naturgemäß dazu führen, daß Einnahme und Ausgabe bald nicht mehr im
richtigen Verhältnis zu einander stand. So hatte das junge Paar im
zweiten Jahre seiner Ehe über hundert Gulden Schulden, so daß Luther
seinem Freunde und ehemaligen Klostergenossen Brisger keine acht Gulden
vorstrecken konnte. „Woher soll ich's nehmen?“ fragt er. „Durch meinen
schweren Haushalt und meine Unvorsichtigkeit ist es so gekommen. Drei
Becher sind für 50 fl. verpfändet. Dazu kommt, daß Lukas (Cranach) und
Christian (Aurifaber, Goldschmied) mich nicht mehr als Bürgen zulassen,
denn sie merken, daß sie so (durch meine Bürgschaft) auch nicht besser
daran sind oder ich ausgebeutelt werde. Ich habe ihnen jetzt auch den
vierten Becher gegeben, welchen sie dem fetten H. geliehen haben.“ Dabei
kommt ihm aber noch nicht in Sinn, wo der Rechnungsfehler stecke. Er
klagt: „Wie kommt's, daß ich allein so ausgesaugt werde? nein, nicht nur
ausgesaugt, sondern sogar in Schulden verstrickt?“ Sogar noch 1543 klagt
er dem allerdings etwas habsüchtigen Jonas gegenüber, der von ihm bei
seiner zweiten Verheiratung wohl ein „fettes Hochzeitsgeschenk“
erwartete: „Du kennst meine Dürftigkeit und meine Schuldenlast“.[254]

Einmal fing er auch an zu rechnen — am Kleinen, ans Große dachte er
nicht. Da brachte er heraus, daß er allein jährlich für Semmeln 31
Groschen 4 Pfennig brauche; dazu noch der Trank mit 4 Pfennig täglich
und das Uebrige — eine Summe, die ihm zu groß war, und er schließt: „Ich
mag nie mehr rechnen, es macht einen gar verdrossen. Ich hätte nicht
gemeint, daß auf einen Menschen so viel gehen sollte“[255].

Dennoch stellte er 1536 eine Generalrechnung an für „grobe Stück“ und
brachte da allein 389 fl. Ausgaben heraus in zwei halben Jahren, ohne
die Viktualien u.a. Er schloß diese Zusammenstellung ab mit dem Seufzer:
„Rat, wo kommt dies Geld her? Sollt das nicht stinken und Schuld
machen[256]?“

Und als Luther im Jahre 1542, wo er sein „Testament“ machte, seine
Ausgaben zusammenstellte und seine Einnahmen dagegen hielt, schließt er:
„Ich habe eine wunderliche Haushaltung, ich verzehre mehr als ich
einnehme; ich muß jedes Jahr 500 Gulden in der Haushaltung in die Küche
haben, zu geschweigen der Kleider, anderer Zierat und Almosens, da doch
meine jährliche Besoldung sich nur auf 200 Gulden belauft.“ Dazu
schreibt er im Haushaltungsbuch neben anderen ernsten und launigen
Reimen den Stoßseufzer:

  „Ich armer Mann! So halt ich Haus;
  Wo ich mein Geld soll geben aus,
  Bedürft ich's wohl an sieben Ort
  Und fehlt mir allweg hier und dort“[257].

Da war es freilich begreiflich, daß manchmal die Fleischer und Fischer
von Wittenberg „grob“ wurden und mit „ungestümen Worten der Frau“
gegenüber ihre Schuld forderten. „Die Doktorin“ half sich dann wohl
damit, bei „Philipp Melanchthon 20 Thaler zur Haushaltung zu leihen“.
Und dann sprang etwa der Kurfürst ein, wenn er's durch den Kanzler Brück
erfuhr[258].

Diese „wunderliche Haushaltung“ Luthers wurde in sehr Natur- und
sachgemäßer Weise geregelt durch die Hausfrau. Die „wunderliche Rechnung
gehalten zwischen Doktor Martin und Käthe“, mit ihrem ständigen Defizit,
wurde in Ordnung gebracht durch diese gute Rechnerin und sparsame und
erwerbsame Haushälterin. Frau Käthe brachte einen Ausgleich zwischen
Soll und Haben: sie verminderte die Ausgaben, vermehrte die Einnahmen,
sie bezahlte die Schulden und erwarb ein Vermögen.

Eines der ersten Ereignisse in dem neuen Haushalt ist eine lustige
Familienszene, welche die gutmütige Verschwendung des Eheherrn und die
listige Sparsamkeit der Gattin zeigte. Es hatte nämlich das Ehepaar ein
hübsches Glasgeschirr mit Zinnverzierung von Hausmann geschenkt
bekommen; das hätte Frau Käthe selbst gerne behalten, Luther aber an den
D. Agrikola, damals noch sein lieber Freund, der auch darnach Gelüste
hatte, verschenkt. Luther hatte es gemerkt, wie sie darauf gelauert, und
wollte es kurz machen. Er hatte schon den Brief dazu geschrieben; als er
aber das Geschenk dazu packen wollte, war es fort: Frau Käthe hatte es
abhanden kommen lassen und die Hausfreunde D. Bugenhagen und D. Röhrer
hatten sich mit ihr verschworen und ihr dabei geholfen. So mußte sich
Luther in einer Nachschrift entschuldigen, daß er das Glas nicht
mitschicken könne; seiner insidiatrix Ketha (der hinterlistigen Käthe)
gegenüber sei er ohnmächtig; er denke aber das Glas später doch noch
einmal zu erwischen. Käthe aber hielt es fest wie ein bissiger
Kettenhund[259]. Sie brachte etwas strengere Ordnung in die Gesellschaft
der jungen Studenten und in ihre Hausrechnung, so daß M. Veit Dietrich
sich über sie beklagte und sein Landsmann und Nachfolger im Haus und am
Tisch Frau Käthes sie als stramm und knauserig beschrieb, „die alles zu
Rat gehalten und bei den Tischgenossen auf nötige Bezahlung
gedrungen“[260]. Auch Kanzler Brück warf ihr in feindseliger Stimmung
Knauserigkeit in der Haushaltung vor. Von Luther und andern hören wir
dagegen hierüber keine Klagen; und daß der Zudrang zu ihrem Kosttisch
von alt und jung ein großer und nicht zu befriedigender war, ist der
beste Beweis für die Uebertriebenheit jener Vorwürfe. Aber ihre löbliche
Sparsamkeit und haushälterisches Zuratehalten weiß ihr Gemahl wohl
anzuerkennen. Er sagt: „Das Weib kann den Mann wohl reich machen, aber
nicht der Mann das Weib. Denn der ersparte Pfennig ist besser denn der
erworbene. Also ist rätlich sein (zu rate halten) das beste
Einkommen“[261]. Und in sein Haushaltungsbuch schrieb Luther den
Sinnspruch:

  Es gehört gar viel in ein Haus.
  Willst Du es aber rechnen aus,
  So muß noch viel mehr gehn heraus.
  Des nimm ein Exempel, mein Haus[262].

So hörte er mit Rechnen auf und überließ das seiner „rätlichen“ und
wirtlichen Hausfrau, und wenn er selbst nicht wußte, woher nehmen, so
schrieb er seiner Käthe: „Sieh, wo Du's kriegst“[263].

Und Käthe sah, wo sie's kriegte. Sie war nicht so heikel, wie Luther,
Verehrungen anzunehmen. Während sie Freund Link von einem
Hochzeitsbecher absolviert, hat sie die von Luther zurückgewiesen 20
Goldgulden des Mainzer Erzbischofs hinter seinem Rücken doch behalten.
Mit besserem Gewissen empfing sie die Fäßlein Käse von der Herzogin
Elisabeth von Braunschweig und ebenso ein Käsegeschenk von Mykonius, dem
Stadtpfarrer in Gotha. In Notfällen wandte sich Frau Käthe auch einmal
an die kurfürstliche Kämmerei, so während Luthers Aufenthalt auf der
Koburg um 12 Scheffel Roggen. Käthe nahm überhaupt das Gehalt ein und
verrechnete es, so daß es nicht mehr hieß wie in Luthers
Junggesellenwirtschaft (1523): „Wir leben von einem Tag zum andern.“ Sie
scheute sich nicht, die säumigen Kostgänger an ihre Schuldigkeit zu
mahnen[264]. Ja es wird erzählt, daß sie in späterer Zeit durch Freunde
und Kostgänger des Hauses Anschaffungen machen ließ, wofür sie die
Bezahlung vergessen habe, weil sie sich wohl für Dienste ihres Mannes
dadurch bezahlt machte. Jedenfalls nahm sie auch die Dienste anderer in
Anspruch für Gefälligkeiten, welche ihr Mann ihnen erwies: hatte Luther
dem Freund Pfarrer Spalatin eine Vorrede zu einem Buche geschrieben, so
muß sich dafür Spalatin in Altenburg ihrer Fuhrleute und Arbeiter
annehmen, die sie nach Zulsdorf schickt; und Lauterbach, der in ihrem
Hause als Kostgänger und Nachschreiber von Luthers Tischreden allerlei
Vorteile und Freundlichkeiten genossen, hat zum Entgelt der Doktorin
allerlei Besorgungen zu machen[265].

Aber das Beste that doch Frau Käthe selber: Sie züchtete und mästete
Tiere, melkte und schlachtete, gewann Butter und Honig, Käse und Eier;
sie pflanzte Obst und Früchte, Gemüse und Würzkräuter; sie baute
Getreide, buk Brot und braute das Bier für den großen Haushalt, so daß
das kleine Söhnchen, als Luther es einmal fragte, wie viel Kostgeld es
eigentlich zahlen müßte, sagen konnte: „Ei Vater, Essen und Trinken
kauft Ihr nicht; allein Aepfel und Birnen“, meinte der Kleine, „gestehen
viel Geld“[266]. Für Obst konnte also Frau Käthe damals nicht aufkommen,
weshalb sie dann auch endlich den Ankauf des Baumgartens von Bildenhauer
betrieb. Ebenso trachtete sie nach den Hufen und dem Hopfengarten, so
daß nach den großen Ankäufen von 1536 die schweren Haushaltsausgaben
geringer wurden und die Posten „Gieb Geld“ immer weniger. Hatte Luther
am Anfang seiner Ehe den Stoßseufzer gethan: „Der Herr, der meine
Unvorsichtigkeit straft, wird mich wieder erlösen“ — von den Schulden,
so kann er am Ende derselben in seinem sogenannten „Testament“ (1542)
schreiben: „Ich habe von meinem Einkommen und Geschenken so viel gebaut,
gekauft, große und schwere Haushaltung geführt, daß ich's muß neben
anderm selbst für einen sonderlichen, wunderlichen Segen erkennen, daß
ich's habe können erschwingen.“ Das „andere“ neben dem göttlichen Segen,
war eben das haushälterische Talent seiner Gattin; sie hatte ihn von
seinen Schulden wieder erlöst, ja das Weib hatte nach seinem Spruch den
Mann „reich“ gemacht. Und so bezeugt er ihr mit „seiner Hand“ im
Haushaltungsbuch: „Was sie jetzt hat, das hat sie selbst gezeuget
(errungen) neben mir“[267].

Ein Vermögen zu erwerben oder gar reich zu werden, daran dachte Luther
nicht, ja er wollte es nicht. „Mir gebühret nicht als einem Prediger,
Ueberfluß zu haben, begehre es auch nicht“, erklärte er. Ihm dünkte,
„daß das lieblichste Leben sei ein mittelmäßiger Hausstand, Leben mit
einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Fried und Einigkeit und
sich mit wenigem lassen begnügen“[268].

Ja nicht einmal für seine Kinder gedachte er ein Vermögen anzulegen. Er
segnete seiner Kindlein eins, das eine Muhme auf dem Arme trug und
sprach: „Gehe hin und bis fromm. Geld will ich Dir nicht lassen, aber
einen reichen Gott will ich Dir lassen. Der mir Dich nicht versäume. Bis
nur fromm! Da helf Dir Gott zu.“ Und als ihn jemand ermahnte, er möchte
wenigstens zum Besten seiner Familie ein kleines Vermögen sammeln, da
gab er zur Antwort: „Das werde ich nicht thun; denn sonst verlassen sie
sich nicht auf Gott und ihre Hände, sondern auf ihr Geld“[269]. Diesen
doch wohl allzu theologischen, ja mönchischen Standpunkt ergänzte der
praktisch nüchterne Sinn Katharinas, welche gerade darauf aus war, ihren
fünf noch unversorgten Kindern ein Erbe zu erwerben; denn sie erkannte
besser als wie Luther, daß nach dessen Tod die Gebefreudigkeit der
Fürsten und Freunde wohl abnehmen werde mit dem Wegfall der großen
Vorteile, welche der lebendige Reformator seinem Land und seiner Stadt
und seinen Freunden verschaffte. So brachte sie es in der That zuwege,
daß den Kindern doch ein ganz ansehnliches Familiengut übrig blieb[270].

„Das Lob eines tugendsamen Weibes“ — nicht nur in der Bibel hat es
Luther übersetzt, sondern auch bei Tisch und sonst oft angeführt und auf
seine Käthe bezogen, so daß es — erweitert mit Zusätzen — unter den
Tischreden steht, wie ein Lob auf seine Hausfrau: „Der Mann verläßt sich
auf sie und vertraut ihr altes. Da wird's an Nahrung nicht mangeln. Sie
arbeitet und schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist wie
ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel War' und Gut bringt.
Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und giebt den Mägden ihr
beschieden Teil. Sie denkt einem Acker nach und kauft ihn und lebt von
der Frucht ihrer Hände. Sie verhütet Schaden und siehet, was Frommen
bringt. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist“[271].



10. Kapitel

Häusliche Leiden und Freuden.


Es war ein schwerer Haushalt, den Frau Käthe zu führen hatte, wenn man
auch nur der wirtschaftlichen Sorgen in Haus und Hof, in Küche
und Keller, im Garten und auf dem Felde gedenkt. Aber noch
bewunderungswürdiger wird ihre Leistungsfähigkeit, wenn man alle die
Menschen in Betracht zieht, die als Kinder und Gesinde, als Tisch- und
Hausgenossen täglich und stündlich Anspruch an ihre Fürsorge machen in
Wohnung und Kleidung, in Speise und Trank, in Erziehung und Zucht — ganz
abgesehen von den Gästen und Freunden, die im Schwarzen Kloster ein und
ausgingen. Eine so überaus große Familie verursachte aber nicht nur viel
Mühe und Arbeit, sondern brachte auch einen mannigfaltigen Wechsel von
Freud und Leid ins Haus. So erlebte Frau Käthe in wenigen Jahrzehnten
Krankheiten und Feste, Hochzeiten und Todesfälle nach einander und oft
neben einander.

Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere
Zeiten durchzumachen[272].

Frau Käthe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls
erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt
hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfälle erfahren. Eine
entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6.
August morgens fühlte er am linken Ohr und Backen ein ungestümes Sausen
und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so gräßlich und
unerträglich, daß er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben
konnte. Es ging gottlob rasch vorüber. Aber er fürchtete, dies sei
vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, tödlichen Anfalls, darum
schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater
Bugenhagen, dieser möge eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins
Kloster, fand aber da den Doktor in „gewöhnlicher Gestalt“ bei seiner
Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? „Um keiner bösen Sache
willen“, erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und
begehrte für den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen.

Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10
Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von
Wallefels, Hans von Löser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn
Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm
gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen
verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau
Käthe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiß'
Gasthof. Dort aß und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gäste
mit angemessener Fröhlichkeit. Um zwölf Uhr stand er auf und ging in D.
Jonas Gärtlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit
dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie
sollten auf den Abend mit ihm essen.

Recht angegriffen kehrte Luther zurück ins Kloster und legte sich ins
Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch
und die Frau Doktorin bat die Gäste, sich die Weile nicht lang sein zu
lassen, und so sich's ein wenig verzöge, es seiner Schwachheit
zuzurechnen.

Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam
mit den andern zu halten. Er klagte wieder über großes unangenehmes
Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde über Tisch heftiger, er
mußte aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine
Schlafkammer zurück; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der
Treppe den Mägden zu befehlen. Da, als Luther gerade über die Schwelle
der Schlafkammer trat, überkam ihn plötzlich eine Ohnmacht: „O Herr
Doktor Jona“, rief der Kranke, „mir wird übel; Wasser her, oder was Ihr
habt, oder ich vergehe.“ Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken
und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goß es dem Ohnmächtigen über
Kopf und Rücken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten.

Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, daß er so
hinfällig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den
Mägden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem
Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider
aus und legten ihn auf den Rücken. Er war sehr matt und völlig kraftlos.
Frau Käthe und Jonas rieben und kühlten ihn, gaben ihm Labsal und
thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam.

Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem
Kranken warme Tücher, Kleider und Kissen, die man immer über dem
Kohlenfeuer wärmte, aufzulegen auf Brust und Füße, ließ auch seinen Leib
reiben, tröstete ihn auch und hieß ihn hoffen, es würde, ob Gott will,
auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die
Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafür beten, daß er
möge leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: „Zwar
für meine Person wäre Sterben mein Gewinn; aber im Fleische länger
leben, wäre nötig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe.“

Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann
sagte er zu seiner Hausfrau: „Meine allerliebste Käthe, ich bitte Dich,
will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, daß Du Dich in
seinen gnädigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafür sollst
Du Dich gewiß halten und gar keinen Zweifel daran haben. Laß die blinde,
gottlose Welt darüber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes
Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen beständigen Trost
wider den Teufel und all seine Lästermäuler.“

Dann fragte er nach seinem Söhnlein: „Wo ist denn mein allerliebstes
Hänsichen?“ Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da
sprach er: „O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine
allerliebste Käthe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen,
treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und
Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernähren und versorgen.“

Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern:
„Die ausgenommen weißt Du, daß wir sonst nichts haben.“ Ueber dieser und
andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betrübt.
Doch ließ sie sich nicht merken, wie groß Leid ihr geschah, daß sie
ihren lieben Herrn dergestalt so jämmerlich da vor Augen liegen sah,
sondern sie stellte sich getrost und sprach: „Mein liebster Herr Doktor!
Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber
denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes
Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch
bedürfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekümmern; ich
befehle Euch seinem göttlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er
werde Euch gnädiglich erhalten.“

Bald fühlte der Kranke Besserung, die Schwäche ließ nach und der Doktor
meinte, wenn der Patient nur schwitzen könnte, so sollte es durch Gottes
Gnade für diesmal keine Not mehr mit ihm haben.

Da gingen die drei Männer, um ihm Ruhe zu gönnen, hinab in den Saal zur
Abendmahlzeit und hießen die Frauen stille sein. Der Patient geriet
wirklich in Schweiß. Der Arzt sah später wieder nach dem Kranken und
erklärte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begrüßten den
Genesenden, wünschten ihm „Selige Nacht“ und gingen nach Hause.

Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte
der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das
körperliche Leiden war so bald gehoben; aber die „geistige Anfechtung“,
wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in „Tod und Hölle“
umher, so daß er zerschlagen an allen Gliedern bebte.

Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel längere
Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch
nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universität
wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurück als Mann, Seelsorger
und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens,
die Angst sei die schlimmste Seuche, die Hälfte der Leute stürben an
Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es für einen „Spuk des
Teufels“, dem er trotzen müsse, während der Böse sich freue, die
Menschen so zu ängstigen und die Universität zu sprengen, die er nicht
umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des
Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des
Bürgermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere
Pestverdächtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht
vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Mädchenlehrerin
werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt
aber wohnte nun Fräulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273].

Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans
Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die
Umgebung angesteckt, so das Haus des nächsten Nachbarn, des D. Schurf
und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein
Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herüber. Die
von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus)
Röhrer, eines von Luther hochgeschätzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.)
daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen flüchtete
deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster.
Zwei Pflegetöchter von Käthe erkrankten und auch der kleine Hans war vom
Zahnen so mitgenommen, daß er mehrere Wochen nichts aß und allein mit
Flüssigkeit ernährt wurde, so daß er nur sehr langsam wieder zu Kräften
kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis
November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem
Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan
angefochten und sehr entkräftet. Schließlich kam die Krankheit noch in
die Ställe und es fielen fünf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt
keine Zufuhr, so daß eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5
Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275].

Nur Käthe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, „tapfer im Glauben und
gesund am Körper“, und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte
Mann und Kind, Nichten und Gäste. Den Diakonus Röhrer mit seinem
Knäblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Käthe auch noch auf,
und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig
besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewöhnlichem Winterzimmer
(Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate
(heizbarem Zimmer), Hänschen im Studierzimmer, der Doktor und die
Lutherin weilten in der vorderen großen Aula. Schließlich wurde der
„Mochau“ die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging
es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute
waren froh, daß der böse Geist der Pest nur in die Säue gefahren war und
sie mit diesem Opfer sich loskauften. Hänschen war wieder frisch und
munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Mühe dem Tode; auch
Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die
Universität allmählich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtätigkeit
wieder beginnen konnte[276].

In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Käthe nach schmerzlichen Wochen
mit ihrem Töchterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer
Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre
Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu
Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala
wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie,
Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die
Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon
wieder diese fröhliche Unmuße durchzumachen[277].

Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glückliches, Luther
und Käthe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine
Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Röhrer und
ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte fröhlich
am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor
die Freude: am 3. August starb „Elslein“ und von dem lieben Töchterlein,
dessen Ankunft die glücklichen Eltern den Freunden in zahlreichen
Briefen angekündet hatten, mußten sie jetzt, gar wehmütig und weich
gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. „Es war ein
großes Herzeleid; denn es starb ein Stück an des Vaters und ein Teil
von der Mutter Leibe“[278].

Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen
Lücken wurden bald reichlich ausgefüllt. Im Mai des folgenden Jahres
erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare
Weise entkam die Herzogin Ursula von Münsterberg, die Base des Herzogs
Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern bürgerlichen
Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermögen im Stiche
ließ, um der Armut Christi zu folgen. Die drei flüchteten nach
Wittenberg in die Freistätte des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten
sie mit, wohl aber den Haß des Herzogs und Verlegenheit für Luthers
Landesherrn[279].

Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Käthe wieder eine
Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut
natürlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt.
Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und
Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umgürten, denn ohne
Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten
den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der
Schwester von Frau D. Schurf[280].

Während dieser Zeit war der Hausherr vielfach abwesend auf der
Visitation des Kurkreises, welche Luther mit dem Stadthauptmann Herrn
Metsch, dem Edlen Hans von Taubenheim und dem Rechtsgelehrten Benedikt
Pauli vorzunehmen hatte. Dazu kam die Reise nach Marburg zum
Religionsgespräch mit Zwingli (1529).

Von Marburg stammt auch der erste Brief des Doktors an seine Ehefrau,
der erhalten geblieben ist. Er lautet[281]:

„Gnad und Fried in Christo!

Lieber Herr Käthe!

Wisset, daß unser freundlich Gespräch zu Marburg ein Ende hat, und seynd
fast in allen Stücken eins worden, ohne daß der Widerteil (Gegenpartei)
wollen eitel Brot und Wein im Abendmal behalten und Christum geistlich
darinnen gegenwärtig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir
könnten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben,
dennoch (als) Brüder und Christi Glieder unter einander uns halten. Da
arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Brüdern und Gliederns
nicht; friedlich und Guts wollen wir wohl....

Sage dem Herrn Pommer, daß die besten Argument seind gewesen des
Zwingli, daß corpus non potest esse sine loco: ergo Christi corpus non
est in pane; des Oecolampadii: dies sacramentum est Signun corporis
Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, daß sie nichts haben
müssen fürbringen.

Ich habe viel zu thun und der Bot eilet. Sage allen gute Nacht und
bittet für uns. Wir seind auch alle frisch und gesund und leben wie die
Fürsten. Küßt mir Lensgen und Hänsgen.

E. williger Diener

Martin Luther.

Ins folgende Jahr (1530), zur Zeit des Augsburger Reichstags, fällt der
lange halbjährige Aufenthalt Luthers auf der Koburg (April bis Oktober).
Er reiste mit dem Kurfürsten Johann und Kanzler Brück und den
Wittenberger Theologen, Melanchthon und Jonas ab und nahm seinen Famulus
Veit Dietrich mit. Käthe konnte ihren Gatten nicht ohne Sorge zum
Reichstag scheiden sehen; denn bei seiner Abreise glaubte man, daß auch
Luther nach Augsburg selbst gehe, also mitten in die Reihe seiner
Feinde. Bald erhielt sie die Nachricht, daß ihr Gatte, eben um seine
Gegner, und namentlich den Kaiser, in dessen Acht er war, nicht zu
reizen, in der südlichsten Stadt des Kurfürstentums bleibe, auf der
Feste Koburg, und zwar einigermaßen in Verborgenheit, ähnlich wie auf
der Wartburg. Er wurde morgens vor Tagesanbruch, samt seinem Famulus
Veit Dietrich, dahin gebracht; er ließ sich da den Bart wachsen und dazu
schickte ihm auch noch ein Freund, Abt Friedrich aus Nürnberg, ein
Schwert. Also mußte Frau Käthe in die „Einöde Gruboc“ allerlei Dinge
schicken, Bücher und Papier für allerlei Schriften, und empfahl ihren
Gemahl der Fürsorge der Kastellanin[282]. Freilich war vortrefflich für
den Einsiedler auf seinem Sinai gesorgt, die erste Frühlingszeit mit
Dohlenschwarm, Kuckuck und Nachtigall stimmte fröhlich; Veit Dietrich
wachte sorgfältig darüber, daß Luther keinen Diätfehler begehe und
veranlaßte ihn gar zum Armbrustschießen auf Fledermäuse. Auch an
Besuchen fehlte es nicht, so daß er schließlich klagte: „Die Wallfahrt
will zu groß werden hierher“[283]. Aber Luther litt bei der ungewohnten
Muße doch wieder an seinem alten Leiden: Fluß am Bein, Kopfweh und
Schwindel, und infolgedessen „Anfechtungen“ des Satans, so daß er sich
schon ein Oertlein für ein Grab aussuchte und meinte, unter dem Kreuz in
der Kapelle werde er wohl liegen. Davon meldete zwar der Doktor an seine
besorgte Ehehälfte kein Wörtlein; er schrieb vielmehr sie neckend: „Sie
wollen (in Augsburg) schlechterdings die Mönche und Nonnen wieder im
Kloster haben“[284]. Aber sie ahnte es doch, oder erfuhr es auf Umwegen
von den Freunden, denen er sein Leiden klagte, oder durch die Boten, die
vorbei kamen. Darum schickte sie ihm nicht nur Lenchens Bild, sondern
auch seinen Neffen Cyriak in Person samt seinem Präzeptor. Boten mit
Briefen und Aufträgen gingen fleißig hin und her: so bestellte Frau
Käthe durch Luther Pomeranzen bei Link in Nürnberg, weil es keine in
Wittenberg gebe, und sie erfuhr zeitig und ausführlich, wie es auf
Koburg und in Augsburg ging, wo der Kaiser sich barsch benahm und
Melanchthon gar ängstlich war. Wenn aber zu Wittenberg Sonntags in der
Kirche für glücklichen Ausgang des Augsburger Reichstages und für die
abwesenden Theologen gebetet wurde, da war Frau Luther wohl von allen
Kirchgängerinnen die andächtigste; und zu Mittags bei Tisch mit ihren
Tischgesellen und Kinderlein und abends im Kämmerlein allein hat sie für
den teuren Mann in der Ferne gefleht, wie er's in jedem Briefe
erbittet[285].

Einige Briefe Luthers von der Koburg an seine Hausfrau sind erhalten; so
kam um Pfingsten einer[286]:

„Gnad und Friede in Christo.

Liebe Käthe! Ich hab, acht ich, Deine Briefe alle empfangen. So ist dies
der vierte Brief, den ich Dir schreibe heut daß Er Johann von hinnen
gegangen ist. Lenchen Konterfeit hab ich mit der Schachtel auch. Ich
kannte das H... zuerst nicht, so schwarz deucht mir's (zu) sein. Ich
halte, wo Du es wilt absetzen von Wöhnen (d.h. entwöhnen), das gut sei
weilinger Weise, also daß Du ihr zuerst eines Tages einmal abbrechest,
darnach des Tages zweimal, bis es also säuberlich abläßt. Also hat mir
Georgen von Grumbachs Mutter, Frau Argula, geraten. Die ist hier bei uns
gewest und hat mit mir gessen. Hans Reinicke von Mansfeld auch und
George Römer, daß wir müssen an einen andern Ort; es will zu gemeiner
Wallfahrt hieher werden.

Sage Meister Christannus[287], daß ich meins Tage schändlichere Brillen
nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe (ist) kommen. Ich konnt
nicht ein Stich dadurch sehen. So ist mir auch der Brief an Kunzen Vater
nicht geworden. Auch bin ich nicht zu Koburg, (d.h. ich will nicht da zu
finden sein); kann ich aber sonst dazu thun, will ich's nicht lassen. Du
sollst aber gleichwohl Deine Briefe dem Kastner, (Schloßverwalter)
[646], lassen zustellen; der wird sie mir wohl schaffen.

Man beginnt zu Nürnberg und Augsburg zu zweifeln, ob etwas aus dem
Reichstag werde. Der Kaiser verzeucht noch immer in Inspruck. Die
Pfaffen haben etwas vor und gehet mit Kräutern zu. Gott gebe, daß sie
der Teufel besch.... Amen.

Laß den Herrn Doctor Pommer den Brief an D. Wencels lesen.

Eilend. Der Bote wollt nicht harren. Grüße, küsse, herze und sei
freundlich allen, jeden nach seinem Stande.

Am Pfingsttag frühe, 1530.

Martin Luther.

Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin zu Wittenberg zu handen.“

Zu Wittenberg machte damals der Festungsbau den Einwohnern, namentlich
auch der Familie Jonas, viel Verdruß und Aufregung; das Kloster blieb
einstweilen noch verschont.

Während Luthers Abwesenheit waren im Klosterhause Hieronymus Weller als
Präzeptor des kleinen Häuschens. Hieronymus war aber ein von Schwermut
geplagter Mann, und es wurde darum dankbar begrüßt, daß auch sein Bruder
Peter ins Haus zog, der Präzeptor von Luthers Neffen, Polner. Auch der
würdige D. Pommer (Bugenhagen) kam ab und zu ins Schwarze Kloster, um
Frau Käthe zu beraten, und Frau Jonas, die allezeit fröhliche, muntere
Gattin des in Augsburg abwesenden Stiftspropstes, welche freilich
damals ihr zweites Söhnlein bald nach der Geburt verlor[288]. Mit hohem
Interesse wurden Luthers Schreiben empfangen und mit vieler Freude im
Kreise der zurückgebliebenen Freunde vorgelesen. Großen Jubel bei den
Tischgesellen erregte ein humorvoller Brief Luthers vom „Reichstag der
Dohlen und Krähen“, dem lustigen Abbild des Augsburger Reichstags. Da
wird gar ergötzlich geschildert das Ab- und Zureiten „der Malztürken“,
ihr Scharwänzen und Turnieren, ihr „Kecken“ und Kriegsrat wider Korn und
Weizen. Und welche Freude erst war's, als goldene Frühäpfel aus Nürnberg
mit dem Boten von Koburg für die Tischgesellschaft ankamen! Wie
leuchteten aber erst die Augen der Kleinen und seiner Gespielen über den
herzigen Märchenbrief Luthers an sein „liebes Söhnichen Johannes“ von
dem schönen Paradiesesgarten. Wie hat sich da die Mutter gefreut und
Muhme Lene und des Jonas Jost und Melanchthons Lips, die auch in den
Garten kommen sollten, und der „Gruß und Putz“ wird der Muhme Lene von
dem kleinen Hans ausgerichtet worden sein. Hänschen war ein braver Bub
und wird von seinem Präzeptor wegen seines Fleißes und Eifers
gelobt[289].

Aber auch ernste Briefe kamen von Koburg an, welche Frau Käthe und die
Theologen interessierten und im Lutherhaus gemeinsam gelesen wurden,
oder auch unter den Freunden umliefen. Allerdings seine schwersten
Sorgen und Schmerzen schrieb Luther nicht darin, aber allerlei Anliegen
wegen der Zöglinge und an seine Buchdrucker Schirlenz, Weiß und Rau. So
kamen vom 14. und 15. August mit einem Boten zwei Episteln an seine
„herzliebe Hausfrau“[290].

„Gnade und Friede in Christo.

Meine liebe Käthe! Dieser Bote lief eilend vorüber, daß ich nichts mehr
schreiben konnte, nur daß ich ihn nicht wollte ohne meine Handschrift
gehen lassen. Du magst Herr Johann Pommern und allen sagen, daß ich bald
mehr schreiben will. Wir haben noch nichts von Augsburg, warten aber
alle Stunden auf Botschaft und Schrift. Aus fliegenden Reden haben wir,
daß unsers Widerparts Antwort soll öffentlich gelesen sein; man habe
aber den Unsern keine Abschrift wollen geben, daß sie darauf antworten
möchten. Weiß nicht, ob's wahr ist. Wo sie das Licht so scheuen, werden
die Unsern nicht lange bleiben. Ich bin seit Lorenzentag recht gesund
gewesen und habe kein Sausen im Kopf gefühlt; das hat mich fein lustig
gemacht zu schreiben, denn bisher hat mich das Sausen wohl zerplaget.

Grüße alle und alles; ein andermal weiter. Gott mit euch. Amen. Und
betet getrost: es ist wohl angelegt, und Gott wird helfen.

Gegeben am Sonntage nach Lorenzentag, Anno 1530.“

Der Brief war kaum geschrieben, so kam weitere Nachricht von Augsburg.
Luther behielt deshalb den Boten bei sich über Nacht und fügte am andern
Tage noch folgendes hinzu:

„Gnad' und Fried in Christo.

Meine liebe Käthe! Als ich den Brief hatte zugemacht, kamen mir diese
Briefe von Augsburg: da ließ ich den Boten aufhalten, daß er sie mit
sich nähme. Daraus werdet ihr wohl vernehmen, wie es zu Augsburg mit
unsrer Sache steht, fast wie ich im andern Brief geschrieben habe. Laß
Dir sie Peter Weilern lesen oder Herrn Johann Pommer[291]. Gott helfe
weiter, wie er gnädiglich angefangen hat, Amen.

Jetzt kann ich nicht mehr schreiben, weil der Bote so wegfertig da sitzt
und harret kaum. Grüße unsern lieben Sack.

Ich habe Deinen Brief an die Kästnerin (die Kastellanin vom Koburger
Schloß) gelesen, und sie dankt Dir sehr. Hans Polner habe ich Peter
Wellern befohlen: siehe zu, daß er sich gehorsamlich halte. Grüße Hansen
Luthern und seinen Schulmeister; dem will ich bald auch schreiben. Grüße
Muhme Lenen und allesamt. Wir essen hier reife Weintrauben, wiewohl es
diesen Monat hieraußen sehr naß gewesen ist. Gott sei mit euch allen,
Amen.

Aus der Wüsten, am Tage Maria Himmelfahrt 1530.

Mart. Luther.

Wie verdreußt mich's, daß unsere Drucker so schändlich verziehen mit den
Exemplaren[292]. Ich schicke solch Exemplar darum hinein, daß sie bald
sollen fertig werden — da machen sie mir ein Lagerobst draus. Wollt' ich
sie so liegen haben, ich hätte sie wohl hier bei mir auch wissen zu
halten. Ich hab' Dir geschrieben, daß Du den Sermon, wo er nicht
angefangen, von Schirlenz nehmen und Georgen Rau geben solltest. Ich
kann doch wohl denken, daß Schirlenz sein groß Exemplar kaum zu verlegen
hat mit Papier. Ist das nicht geschehen, so schaffe, daß es noch bald
geschehe und der Sermon aufs förderlichste gefertigt werde.“

Die Abwesenheit des Doktors zögerte sich gar lange hinaus: es wurde
Sommer und wurde Herbst und der Doktor war noch nicht da. Mit Sehnsucht
wurde er erwartet und voll Sehnsucht schrieb er nach Hause. So um „Maria
Geburt“[293]:

„Gnade und Friede in Christo.

Meine liebe Käthe! Dieser Bote lief eilend vorüber, daß ich nicht viel
schreiben konnte. Hoffe aber, wir wollen schier selbst kommen; denn
dieser Bote bringt uns von Augsburg Briefe, daß die Handlung in unsrer
Sache ein Ende habe und man nur wartet, was der Kaiser schließen und
urteilen wird. Man hält's dafür, daß es werde alles aufgehoben auf ein
künftig Konzilium; denn der Bischof zu Mainz und Augsburg halten noch
fest, so wollen der Pfalzgraf, Trier und Cöln nicht zum Unfrieden oder
Krieg willigen. Die andern wollten gern wüten und versehen sich, daß der
Kaiser mit Ernst gebieten werde. Es geschehe, was Gott will: daß nur des
Reichstags ein Ende werde! Wir haben genug gethan und erboten; die
Papisten wollen nicht ein Haarbreit weichen; damit wird einer kommen,
der sie lehren soll weichen und räumen.

Mich wundert, warum Hans Weiß den Psalm nicht hat genommen. Ich hätt'
nicht gemeint, daß er so ekel wäre, ist's doch ein köstlich Exemplar.
Schicke hier denselbigen vollends ganz mit und gönn' ihn Georgen Rau
wohl. Gefällt das Exemplar Herrn Johann Pommern und Kreuzigern, so laß
immerhin drucken. Es ist doch nichts, daß man den Teufel feiert.

Wer Dir gesagt hat, daß ich krank sei, wundert mich sehr, und Du siehest
ja die Bücher vor Augen, die ich schreibe. So hab' ich ja die Propheten
alle aus, ohne den Ezechiel, darin ich jetzt bin und im Sermon vom
Sakrament, ohne was sonst des Schreibens mit Briefen und anders mehr
ist. Ich konnte jetzt nicht mehr vor Eilen schreiben. Grüßt alle und
alles.

Ich hab' ein groß schön Buch von Zucker für Hansen Luther, das hat
Cyriakus von Nürnberg gebracht aus dem schönen Garten. Hiemit Gott
befohlen und betet.

Mit Polner mach's nach Rat des Pommers und Kellers.

Aus der Wüsten, am 8. September 1530.“

Als aber die Herren endlich wieder heimkehrten, samt Veit Dietrich,
Peter Weller und dem jungen Cyriak, der mit seinem Lehrer das Schauspiel
des Reichstag in Augsburg und die berühmte Stadt Nürnberg hatte besuchen
dürfen, da war ein Erzählen am Eichentisch im Wohnzimmer und unten im
Hof unterm Birnbaum, während der vierjährige Studiosus Hans sich an
seinem Nürnberger Zuckerbuch erlustierte.

Ruhiger gingen die folgenden Jahre hin. Freilich wiederholten sich die
beängstigenden Schwindelanfälle beim Doktor, so daß er im Herbst 1531
eine Erholungsreise zu Gevatter Hans Löser nach Schloß Pretzsch machte,
um durch die Bewegung das Sausen loszuwerden. Da ging er viel spazieren,
fuhr auch zur Jagd[294].

Von Mansfeld waren auch die Großeltern einigemal nach Wittenberg
herübergekommen, obwohl das keine kleine Reise war; da schickte der
Stadtrat „Doktoris Martini Vater“ einen Ehrentrunk. Dann herrschte große
Freude im Kloster und der Doktor konnte eine Vergleichung anstellen
zwischen seiner harten Jugend und der Zärtlichkeit der alten Leute gegen
die Enkel und merken, daß die Großeltern ihre Kindeskinder lieber haben
als ihre eigenen Kinder. Als im Anfang 1530 Bruder Jakob von Mansfeld
schrieb, der Vater wäre „fährlich krank“, wäre Luther aus der Maßen gern
selbst kommen; aber er durfte es dorthin der Bauern und des Adels wegen
nicht wagen. Aber große Freude sollt es ihm sein, schrieb er, wo es
möglich wäre, daß der Vater samt der Mutter sich ließe herbeiführen nach
Wittenberg, was auch „Käthe mit Thränen begehrte“, in der Hoffnung, sie
aufs beste zu warten. Dazu wurde Cyriak in seine Vaterstadt abgefertigt,
zu sehen, ob das möglich wäre. Aber die alten Leute konnten sich
begreiflicherweise nicht zu diesem Umzug entschließen. Und nicht lange
darauf, als Luther auf der Koburg saß, starb der Vater. Im Sommer des
folgenden Jahres erkrankte die Großmutter. Das erregte großes Leid in
der Familie; Luther schrieb inmitten der Kinderschar einen Trostbrief:
darin schildert er gar anschaulich das echt kindliche Benehmen der
beiden eigenen Kinder und der andern Enkel, welche im Klosterhause
lebten: „Es bitten für Euch alle Eure (Enkel-) Kinder und meine Käthe;
etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Großmutter ist sehr krank.“
Am 30. Juni schied auch sie vom Leben[295].

Von den Enkeln hatten freilich die Großeltern höchstens die drei ersten
gesehen: Hans, Elisabeth und Lenchen. Erst nach ihrem Tode kam der
vierte auf die Welt am Vorabend von Luthers Geburtstag und bekam deshalb
den Namen Martin. Es war gerade zur Zeit als die Bauern, wie man ihnen
nachsagte, eine künstliche Teuerung zu stande brachten. Fünfviertel
Jahre später (am 28. Januar 1533) stellte sich Paul ein und endlich am
Ausgang des folgenden Jahres das Jüngste, Margarete. Schon 1533 war der
siebenjährige Erstgeborne — gewiß nur, wie andre Professorensöhne, der
Ehre halber — bei der Universität als akademischer Bürger angenommen
worden, zugleich mit seinen Vettern Fabian und Andreas Kaufmann[296].

In diesem Jahre 1533 war Luther wieder einen ganzen Monat krank an
Kopfleiden[297].

Im Februar 1534 kam seine Schwester zu Besuch nach Wittenberg. Da
tischte Frau Käthe für die Schwägerin köstlich auf und ließ Hechte
kommen aus den kurfürstlichen Teichen[298].

Seitdem Johann Friedrich Kurfürst geworden, war Luther gar oft zu dem
ihm vorher schon sehr befreundeten neuen Landesherrn allein oder mit
andern Theologen nach Torgau geladen, wo er predigte, disputierte und
bei Tisch in ernstem und fröhlichem Gespräch verblieb. Von dort sandte
der Doktor auch einmal an „seinen freundlichen lieben Herrn, Frau
Katharina von Bora, D. Lutherin zu Wittenberg“ einen heiteren
Brief[299]:

„Gnade und Friede in Christo.

Lieber Herr Käthe! Ich weiß Dir nichts zu schreiben, weil Magister
Philipps samt den andern selbst kommen. Ich muß länger hier bleiben, um
des frommen Fürsten willen. Du magst denken, wie lange ich hier bleiben
werde, oder wie Du mich los machst. Ich halt', M. Franciscus wird mich
wieder los machen, wie ich ihn losgemacht habe, doch nicht so balde.

Gestern hatt' ich einen bösen Trunk gefaßt, da mußt' ich singen. Trink'
ich nicht wohl, das ist mir leid und thät's so recht gerne, und hab
gedacht, wie gut Wein und Bier hab' ich daheime, dazu eine schöne Frauen
oder (sollt' ich sagen) Herrn. Und Du thätest wohl, daß Du mir
hinüberschicktest den ganzen Keller voll meines Weines und eine Flaschen
Deines Biers, so oft Du kannst. Sonst komme ich vor dem neuen Bier nicht
wieder. Hiermit Gott befohlen samt unsern Jüngern und altem Gesinde,
Amen.

Mittwoch nach Jakobi, 1534.

Dein Liebchen

Mart. LutheR, D.“

Im Jahre 1535 kam der päpstliche Gesandte Kardinal _Vergerius_ durch
Wittenberg; mit glänzendem Gefolge, zwanzig Pferden und einem Esel zog
er ins Schloß und ließ Luther dahin einladen. Der ließ sich schön
schmücken, hängte eine goldene Kette um und fuhr mit Bugenhagen, als der
deutsche Papst mit Kardinal Pomeranus, ins Schloß, wo er dem Legaten
gegenüber, wie er sich vorgenommen hatte, den rechten Luther spielte. Da
erzählte er auch dem Kirchenfürsten, um ihn zu ärgern, von seiner Frau,
der ehrwürdigen Nonne, und seinen fünf Kindern, von denen der
Erstgeborene hoffentlich ein großer evangelischer Theologe werden würde
[300].

Während dieser Zeit waren mancherlei Verändernden im Kreise der
Lutherschen Hausgenossen eingetreten. Natürlich wechselte von Jahr zu
Jahr die Tafelrunde der jugendlichen Kostgänger durch Abgang oder Zugang
zur Schule. Aber es starb auch einmal ein Schüler. So aus Nürnberg Hans
Zink Ostern 1531. Er war allen ein gar lieber Bube, sonderlich dem
Hausvater, indem er den Discant bei der abendlichen Hausmusik sang; aber
auch weil er fein still und züchtig (sittsam) und im Studium sonderlich
fleißig war, so daß allen gar wehe geschehen ist durch seinen Abscheid.
Frau Käthe sparte zu seiner Pflege nichts an Fleiß, Sorge und Arzenei,
um das fremde liebe Kind wo nur möglich zu retten und zu erhalten. Aber
die Krankheit wurde übermächtig über die Pflege, und der Knabe ist Gott
noch viel lieber gewesen als den Lutherschen, der hat ihn wollen haben.
Das meldete Luther im Trauer- und Trostbrief den betrübten fernen
Eltern. Auch später kamen solche Sterbefälle noch vor; ja es starben
Ostern 1544, als in Wittenberg die Masern grassierten und auch Luthers
Kinder alle daran darniederlagen, auf einmal zwei Zöglinge, ein
wohlgeschickter Knabe aus Lüneburg und ein Straßburger. Das war keine
kleine Verantwortung, welche Luther und besonders Käthe zu tragen hatte.
Das jüngste, Margaretlein, hatte als Nachwehen 10 Wochen ein schweres
hitziges Fieber und kämpfte noch vor Weihnachten um Gesundheit und Leben
[301].

Der Diener Johannes Nischmann, der mehrere Jahre der Familie treulich
und „fleißig gedienet, dem Evangelium gemäß sich demütig gehalten und
alles gethan und gelitten“, zog Lichtmeß 1534 aus dem Schwarzen Kloster
mit 5 fl. Lohn und einem guten Zeugnis. Von einem andern dagegen ging
ein böses Geschrei aus, daß er sich von einem wenig achtbaren Mädchen
hätte verführen lassen[302].

Schmerz und Verdruß bereiteten den Lutherischen Eheleuten in dieser Zeit
aber auch ihre Verwandten.

Zunächst Katharinas Brüder. Da war Hans aus Preußen heimgekehrt, um das
Gut Zulsdorf zu übernehmen, hatte eine Witfrau des von Seidewitz, eine
geborene Marschall, mit einem oder mehrern Kindern geheiratet[303]; er
konnte aber von dem Gütchen nicht recht leben und seinen Dienst am
preußischen Hofe auch nicht mehr erhalten — und seine Ehe soll auch
nicht glücklich gewesen sein. Daher mußte Käthe ihren Gatten um manche
Bittschrift für ihn angehen. Ebenso machte Bruder Clemens Sorge, welcher
gleichfalls in Preußen wegen Beteiligung an einer Schlägerei seine
Stelle bei Hof verlor und, wie es scheint, nicht mehr in „vorigen Stand
kommen“ konnte, trotz der Fürbitte der evangelischen Bischöfe von
Samland und Pomesan an den Herzog, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen,
„damit er D. Martino und seiner geliebten Hausfrau nicht eine Betrübnis,
dazu Schimpf und Spott sei und also im Land hin und wieder und endlich
hinaus ziehet“. Der Herzog „wolle ihn doch mit einem Klepper und
Zehrung und gnädiger Fürschrift an den Kurfürsten von Sachsen
abfertigen“[304].

Näher noch gingen den beiden Ehegatten allerlei Erlebnisse mit den
Kindern im Hause, den eignen und noch mehr den fremden.

Mit der Anzahl der Kinder wuchs auch die Erfahrung der jungen Eheleute
in der Zucht und Erziehung. Zu Anfang, als einmal eines der jungen
Kindlein schrie und weinte, daß es niemand stillen konnte, waren Käthe
sowohl wie Luther eine ganze Stunde traurig und bekümmert. Später
erkannten sie und der Vater sprach es aus: „Wenn junge Kinder recht
schreien, so wachsen sie wohl; denn durch Schreien dehnen sich die
Glieder und Adern auseinander, weil sie sonst keine andere Uebung haben,
sich zu bewegen“[305].

Als die Kinder größer wurden, gab es natürlich allerlei Unarten und
Vergehungen, und zwar sowohl bei den eignen, wie bei den angenommenen
Waisen. Das „Tauschen“ („Fuggern“ nannte man's später nach dem damals
berühmten Augsburger Handelshause) war natürlich auch bei den
Lutherskindern üblich. Ja, auch das „Stehlen“ („Schießen“ nannte man es
auch nach den „Schützen“ d.h. jungen fahrenden Schülern, den tirones
oder Plänklern in Vergleichung mit der römischen Heeresordnung). Das war
nun beides recht verpönt im Luther-Hause, freilich wurde bei Eßwaren,
namentlich Obst, als Kirschen, Aepfeln, Birnen, Nüssen, die Strafe
gelinder bemessen. Aber wenn einmal etwas anderes genommen wurde, dann
gab es böses Wetter im Hause. Ganz besonders aufgebracht werden konnte
der heftige Hausvater wegen Ungehorsams: Gehorsam hielt er mit andern
Pädagogen für die erste Tugend der Kinder. Darum ließ er seinen
Erstgeborenen einmal drei Tage lang nicht vors Angesicht kommen und Frau
Käthe mußte ihre ganze Ueberredungskraft und die Fürsprache von Freunden
anwenden, um den erzürnten Vater umzustimmen[306].

Im Jahre 1536 that Luther seinen Erstgebornen schon aus dem Hause zu
einem tüchtigen Schulmeister. — Die Unruhe war im Kloster gar zu groß.
Später — 1542 — kam er wieder fort zu dem berühmten Präzeptor Crodel in
Torgau[307].

Manchen Aerger hatten Luther und Käthe auch mit den fremden Kindern,
namentlich den Neffen.

Man wird frelich kein großes Aufhebens zu machen haben, wenn Luther
einmal sagt: „Wenn ich meinen Enders (d.i. Andreas Kaufmann) nicht hätte
gestrichen, von seiner Untugend über Tisch gesagt und ihm Zucker und
Mandelkerne gegeben hätte, so hätte ich ihn schlimmer gemacht.“ Aber von
Martin (seines Bruders Sohn) erzählte Luther: „Derselbe hat mich einmal
also erzürnt und getötet, daß ich ganz von meines Leibes Kräften
gekommen bin.“ Als Fabian von Bora mit Hans Luther 1542 nach Torgau kam,
ließ er sich auf der Reise dahin verleiten, dem kleinen Paul Luther ein
Messer zu nehmen und dem Schulmeister Crodel vorzulügen, der Oheim habe
es ihm gegeben, während er vorher dergleichen nie gethan. Darüber
erzürnte Luther mächtig und diktierte dem armen Sünder drei Tage
hintereinander Streiche[308].

Begreiflicherweise vertuschte auch die Mutter und Hausfrau gar manches,
was bei den Kindern und dem Gesinde in dem großen Haushalt vorfiel, vor
dem heftigen Mann, so daß er in hellem Zorn aufflammen konnte: „Wenn sie
sündigen und allerlei Büberei treiben, so erfahre ich's nicht; man zeigt
mir's nicht an, sondern hält's heimlich vor mir“[309].

Es war aber freilich nicht allein die Furcht vor des Doktors Zorn,
sondern doch auch die Rücksicht auf den vielbeschäftigten und viel
geärgerten Mann, was die Gattin bewegen mußte, ihn mit den häuslichen
Widerwärtigkeiten möglichst zu verschonen. Er sollte vor allem an den
Kindern sich erfreuen. Denn diese Freude an den Kindern war Luther
freilich die größte und schönste und er war einigermaßen eifersüchtig
auf „Muhme Lene“, welche sie ihm „vorwegnahm“, da die Kinder so an ihr
hingen und so viel um sie waren[310]. Luther wollte seine Kinder nicht
so hart erzogen haben, wie es ihm ergangen war. Aber für Bosheit und
Schalkheit und Schaden sollten sie gestraft werden und es ihnen nicht
nachgesehen werden. Das war gewiß auch Frau Käthes Meinung und
jedenfalls war sie mit ihres Mannes Anschauung einverstanden: eines
Geistlichen Kinder müßten ganz besonders wohlgezogen sein, auf daß
andere Leute davon erbaut und ein gut Exempel nähmen; ungezogene
Pfarrkinder gäben andern „ein Aergernis und Privilegium zu sündigen“.
Dasselbe galt auch vom Gesinde. Denn, sagt Luther, „der Teufel hat ein
scharpf Aug auf mich, damit er meine Lehre verdächtig mache oder gar
einen Schandfleck anhänge.“ Daher war es ein aufregendes Ereignis, als
ein Mädchen in Luthers Hause sich übel aufführte[311].

Nach Muhme Lene's Abscheiden nämlich (1537) nahm das Luthersche Ehepaar
eine gefährliche Person ins Haus. Sie kam zu Luther, nannte sich Rosine
von Truchses und gab vor, eine arme Nonne aus hohem Geschlecht zu sein.
Da Luther aber scharf in sie drang, so bekannte sie, sie wäre eine
Bürgerstochter aus Minderstadt in Franken; ihr Vater sei im
Bauernaufruhr geköpft worden; sie irre als verwaistes Kind umher und
bitte um Gotteswillen ihr zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Der
gutherzige Mann that es. Das Jüngferlein bezeugte sich gar sittsam und
artig, wußte sich in Gunst zu setzen und das Vertrauen aller im Hause zu
erschleichen, besonders sich bei den Kindern wohl anzumachen. Aber es
war ein schlechtes Weibsbild, das sich in das Haus gedrängt hatte. In
Keller, Küche und Kammer kam allerlei weg; niemand wußte, wer der Dieb
war. Weiter lockte sie allerlei junge Leute an sich, die sie mit ihrer
angeblich hohen Abkunft beschwindelte, und trieb Unzucht mit ihnen.
Endlich entdeckte Frau Käthe die Sache und entfernte, während Luther auf
einer Reise war, die Person in aller Stille aus dem Hause. Luther war
froh, daß er nichts von allem gewußt hatte und daß sie jetzt fort sei.
Aber die Schwindlerin zog umher in allen Pfarrhäusern, berühmte sich
ihrer Bekanntschaft mit dem großen Doktor und seinem Hause, log, trog
und stahl weiter. Immer von neuem tauchte sie auf, zuletzt nach mehreren
Jahren noch in Leipzig, so daß Luther dorthin an den Richter Göritz,
seinen Gevatter, schreiben mußte, um ihrem Unfug ein Ende zu machen.
Luther litt unendlich unter dieser Schmach, die seinem Hause
widerfahren, und meinte, die Papisten hätten ihm diese Teufelsperson auf
den Hals geschickt. Aber auch Frau Käthe mußte es schwer tragen und dazu
noch die Vorwürfe ihres Mannes, welcher zürnte, daß man dieses Weibsbild
hatte entkommen lassen und nicht gleich in der Elbe ertränkt habe. Er
meinte durch diese Erfahrung gewitzigt zu sein, und doch bekam er vor
seinem Ende noch eine „andere Rosine“ ins Haus, die ihm den Aufenthalt
in Wittenberg verleiden half[312].

Ein anderes Vorkommnis setzte Frau Käthe 1538 hart zu. Ein Tagelöhner
arbeitete oft bei ihr, ein fleißiger und braver Mensch, nüchtern sanfter
wie ein Lamm, aber in der Trunkenheit ein Krakehler. An einem Sonntag
lief er in der ganzen Stadt herum und prahlte, er sei Famulus bei
Luther, und in der Aufregung schlug er jemand tot. Dann ward er
nüchtern, nahm mit Thränen Abschied von Frau Luther und wurde flüchtig.
Ein Weib und drei Kinder, die er im größten Elend zurückließ, fiel
natürlich Frau Käthe zur Last[313].



11. Kapitel

Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.


Besondere Geduld und Liebe, Vorsicht und Weisheit mußten die Eheleute
brauchen in der Behandlung der ihnen anvertrauten Kinder.

Die verwaiste Pflegetochter Lenchen Kaufmann, „Mühmchen Lene die
Jüngere“, fing in noch recht jugendlichem Alter eine Liebelei mit
Magister Veit Dietrich an, der mit seinen sechs Scholaren im Schwarzen
Kloster lebte. Nun war Luther zwar der Meinung des Sprichworts: „Früh
aufstehn und jung freien“ und ist öfters für junge ehrbare Leute, die
sich einander gern hatten und zu einander paßten, bei ihren Eltern um
ihre Einwilligung eingetreten und hat sie gegen Eigensinn und
Selbstsucht der Väter und Mütter in Schutz genommen und
zusammengebracht. So hatte er sich auch schon 1523 eines Mädchens aus
Torgau angenommen, welchem der kurfürstliche Barbier die Ehe
versprochen und zum Unterpfand einen Ring gegeben und mit ihr eine Münze
geteilt hatte[314].

Aber er wußte auch, daß es zu früh und ungeschickt sein könnte, das
konnte er an Melanchthons Töchterlein merken, welches auch als kaum
vierzehnjähriges Kind sich in einen begabten, aber leichtsinnigen jungen
Poeten verliebt hatte und, da die Eltern unbedacht nachgaben, einen
unglücklichen Ehestand erlebte. Luther meinte, „es wäre nicht ratsam,
daß junge Leute so bald in der ersten Hitze und plötzlich freiten; denn
wenn sie den Fürwitz gebüßt hätten, so gereuete sie's bald hernach und
könnte keine beständige Ehe bleiben; es käme das Hündlein Reuel, das
viele Leute beißt“. Bestärkt wurde Luther in dieser Anschauung durch
seine Ehefrau, welche dem Veit Dietrich überhaupt nicht ganz hold war.
Das Jüngferlein Lene wollte natürlich die Stimme der Vernunft nicht
hören und zeigte sich ungebärdig, so daß Luther sogar einmal meinte,
„man sollte sie mit einem guten Knüttel züchtigen, daß ihr das
Mannnehmen verginge“[315].

Der Herr Magister Veit zog nun aus dem Hause und warf seinen Zorn vor
allem auf Frau Käthe, der er Herrschsucht und Habsucht vorwarf (1534).

Aber als Bäschen Lene zu ihren vollkommenen Jahren gekommen war (1538)
und der Rechte kam, der auch mit Vorwissen der Pflegeeltern um sie
freite, da gaben diese ihre freudige Einwilligung. Es war M. Ambrosius
Berndt aus Jüterbog, ein gesetzter, „recht frommer (braver) Mann, der
Christum lieb hatte“, seit einem halben Jahr, wo ihm seine junge Frau im
ersten Kindbett samt dem Knäblein gestorben war, kinderloser Witwer,
Professor der Philosophie und Schöffer in Wittenberg, ein Amtsgenosse
und guter Bekannter und Gevattersmann der Lutherschen Familie. Von
dieser Verlobung und Hochzeit ist uns in den Tischreden Eingehendes
berichtet[316].

Martini 1538 beging Luther seinen Geburtstag. Dazu hatte Frau Käthe, wie
gewöhnlich einen festlichen Schmaus gerichtet und viele Freunde, Jonas,
Kreuziger, Melanchthon, auch die fremden Gäste Camerarius und Bucer,
welche damals in Wittenberg waren, eingeladen. Auch der Freier und
Lenchen Kaufmann waren zugeben. Vor dem Essen — es war ein Nachtmahl —
ließ nun der M. Ambrosius bei Luther „öffentlich werben um des Doktors
Muhme Magdalene, daß er ihm dieselbige wollte zur Ehegattin geben, wie
er ihm zuvor zugesagt“. Da nahm D. Martinus die Jungfrau bei der Hand
und sagte: „Lieber Herr Schöffer und Gevatter! Allhie habe ich die
Jungfrau, wie mir sie Gott gegeben und bescheret hat, die überantworte
ich Ihm. Gott gebe seinen Segen und Benedeiung, daß sie wohl und
christlich mit einander leben!“

Die Gäste wünschten Glück; man setzte sich zur Mahlzeit und waren alle
fröhlich und guter Dinge. Luther sprach vom Freien und der Freiheit
eines neuen Bräutigams, vom Kriegsdienst und allen andern Lasten und
Bürden.

Als die Brautleute so eifrig und heimlich mit einander sprachen und die
Gesellschaft um sich her vergaßen, lächelte der Doktor und sagte: „Es
wundert mich, daß doch ein Bräutigam mit der Braut so viel zu reden hat.
Ob sie auch müde werden können? Aber man darf sie nicht vexieren, denn
sie haben Freibriefe über alle Macht und Gewohnheit.“

Die Brautleute bekümmerten sich nun um die Herrichtung der Hochzeit und
das Gästebitten. Da sprach der Doktor: „Seid unbekümmert, solches geht
euch nichts an. Wir wollen bedacht sein auf solch zufällig Ding, das
nicht zum Wesen des Ehestandes gehört.“

So schrieb denn Luther an den Fürsten von Anhalt um den Wild-Festbraten:
„Ich bitte ganz demütig, wo Ew. Fürstl. Gnaden so viel Uebrigs hätten,
wollten mir einen Frischling oder Schweinskopf schenken; denn ich soll
bis Mittwoch mein Waislein, meiner Schwester Tochter versorgen.“ Der
Wildbraten blieb natürlich nicht aus und Frau Käthe bereitete ihn zu,
auch der Stadtrat schickte zum Hochzeitsmahl ein „Stübchen“ Frankenwein
und vier Quart Jüterbogischen Wein — also aus des Bräutigams
Heimat[317].

So richteten nun die Pflegeeltern ihrer Nichte Hochzeit aus und sorgten
dafür, daß es fröhlich zuging und auch die Verwandten aus Mansfeld und
Eisleben eingeladen wurden. Luthers Lieblingsbruder Jakob kam herüber
und sogar zwei Vatersbrüder. Der Schulmeister mit den Sängern wurde
bestellt, und während Frau Käthe buk, briet und kochte, kostete der
Doktor die Weine im Keller. Er meinte: „Man soll den Gästen einen guten
Trunk geben, daß sie fröhlich werden: denn wie die Schrift sagt, das
Brot stärkt des Menschen Herz, der Wein aber macht ihn fröhlich.“ Es
sollte überhaupt in christlicher Fröhlichkeit bei Hochzeit zugehen, nach
dem Grundsatz: „Bei der Hochzeit soll man die Braut schmücken, soll
essen, trinken, schön tanzen und sich darüber kein Gewissen machen, denn
der Glaube und die Liebe läßt sich nicht austanzen noch aussitzen, so du
züchtig und mäßig darinnen bist.“ Beim Hochzeitsschmaus selbst sorgte
Luther für fröhliche Unterhaltung und allerlei Rätselaufgaben. So fragte
er den „schwarzen Engländer“ (wahrscheinlich Robert Barns, der seit 1533
in Wittenberg studierte und zur Hochzeit geladen war): „Wie wollt Ihr
Wein in einen Keller legen nicht eingeschroten und nicht eingefüllt?“
Der Engländer wußte es nicht; Luther aber sagte: „Man bringt Most
hinein, so wird schon Wein daraus; das ist eine natürliche Magie und
Kunststück.“ Weiter fragte er, welches die breiteten Wasser zu Lande
wären? Antwort: „Der Schnee, Regen und Tau“[318].

Dem neuen Ehepaare legte aber Luther einen seinen Spruch der Alten ans
Herz; der Braut: „Liebe Tochter, halte Dich also gegen Deinen Mann, daß
er fröhlich wird, wie er auf dem Heimwege die Spitze des Hauses sieht.“
Und dem Bräutigam: „Es soll der Mann leben mit seinem Weibe, daß sie ihn
nicht gerne siehet wegziehen und fröhlich wird, so er heimkommt“[319].

Diesen fröhlichen Tagen sind schwere Jahre vorausgegangen und gefolgt.

Schon 1535 war die Pest wieder in Wittenberg eingekehrt. Obwohl der
Kurfürst Luther dringend mahnte, der Gefahr aus dem Wege zu gehen,
meinte er doch, es sei nichts Rechtes an der Sache, er glaubte nicht
daran und spottete darüber in seinem Brief an den Kurfürsten: sein
„gewisser Wetterhahn“, der Landvoigt Hans Metzsch, hätte sonst mit
seiner Spürnase schon die Pestilenz gespürt. Luther meinte, die
Studenten hörten das Pestgeschrei gern, sie kriegten die Beule auf dem
Schulsack, die Kolik in den Büchern, den Grind an den Federn, die Gicht
am Papier; vielen sei die Tinte schimmlich geworden, oder sie hätten die
Mutterbriefe gefressen und das Heimweh bekommen: da müßten die Eltern
und die Obrigkeit eine starke Arznei wider solch Landsterben
verschreiben. Der Teufel scheine Fastnacht mit solchem Schrecken zu
halten oder Kirmes in der Hölle zu feiern mit solchen Larven. Die Sache
ging auch bald vorüber[320].

Ernster wurde es aber 1537. Zu Lichtmeß dieses Jahres mußte Luther auf
den Schmalkaldener Konvent. Er fuhr in eigenem Wagen mit Käthes Pferden.
Käthe sah ihren Gatten nicht ohne Sorgen abreisen; denn er war nicht
ganz wohl, das Wetter unwirtlich, die Wege schlecht, fremde Betten und
Mahlzeiten und das ungewohnte Leben waren ihm nicht zuträglich, wie sie
schon von früheren Reisen wußte. Er fühlte sich nirgends so wohl wie
daheim, mit seinem gewohnten Essen und Trinken und Arbeiten. Luther
erkältete sich denn auch zu Schmalkalden in seiner unbequemen Herberge
in den feuchten „hessischen Betten“ und verdarb sich an dem schweren,
festen Hofbrot den Magen. Sein Steinleiden stellte sich mit einer
unerhörten Heftigkeit ein; über vierzehn Tage lang dauerte es und
verursachte die rasendsten Schmerzen, so daß er sich den Tod wünschte
und seine Umgebung seinen Tod voraussah. Die Fürstlichen Leibärzte
wußten ihm nicht zu helfen und sie marterten ihn mit Roßkuren. Daher
wollte Luther lieber daheim sterben und sich von seinem Weibe zu tot
oder gesund pflegen lassen und ließ sich am 26. Februar aus Schmalkalden
in kurfürstlichem Gefährt wegfahren gen Wittenberg[321].

Hier hatte Jonas zu Anfang mehrere Briefe von Luther aus Schmalkalden
empfangen. Im ersten meldete er, daß er gleich nach seiner Ankunft einen
Stein überstanden habe, sonst schrieb er aber vergnügt, und fünf Tage
darauf, daß der Valentinstag ihn valentulum d.h. zum Rekonvaleszenten
gemacht habe. Vier Briefe aber an Käthe waren nicht an sie gelangt:
wahrscheinlich waren sie von den ängstlichen Freunden vorsorglicherweise
zurückgehalten worden. Aber sie hatte doch Gerüchte gehört und nicht
geruht, bis wenigstens Jonas mit der Nichte Luthers dem kranken Mann
entgegenreiste. Frau Käthe erhielt erst später, als es wieder besser
ging, folgenden Brief ihres Mannes aus Gotha[646]:

„Gnade und Friede in Christo!

Du magst dieweil andere Pferde mieten zu Deiner Notdurft, liebe Käthe;
denn mein gnädiger Herr wird Deine Pferde behalten und mit dem Mag.
Philipp heimschicken. Denn ich selber gestern von Schmalkalden
aufgebrochen auf meines gnädigen Herrn eigenem Wagen daher fuhr. Ist die
Ursach, ich bin nicht über drei Tag hier gesund, und ist bis auf diese
Nacht vom ersten Sonntag an kein Tröpflein Wasser von mir gelassen, hab'
nie geruhet noch geschlafen, kein Trinken noch Essen behalten mögen.
Summa, ich bin tot gewesen, und hab' Dich mit den Kindlein Gott befohlen
und meinem guten Herrn, als würde ich euch nimmermehr sehen; hat mich
euer sehr erbarmet, aber ich hatte mich dem Grabe beschieden. Nun hat
man so hart gebeten für mich zu Gott, daß vieler Leute Thränen vermocht
haben, daß mir Gott diese Nacht geholfen hat und mich dünkt, ich sei
wieder von neuem geboren.

Darum danke Gott, und laß die lieben Kindlein mit Muhme Lenen dem
rechten Vater danken; denn ihr hättet diesen Vater gewißlich verloren.
Der fromme Fürst hat lassen laufen, reiten, holen und mit altem Vermögen
sein Höchstes versucht, ob mir möcht' geholfen werden; aber es hat nicht
wollen sein. Deine Kunst hilft nicht mit dem Mist[322]. Gott hat Wunder
an mir gethan diese Nacht und thut's noch durch frommer Leute Fürbitte.

Solches schreib' ich Dir darum, denn ich halte, daß mein gnädigster Herr
habe befohlen dem Landvogt, Dich mir entgegen zu schicken, da ich ja
unterwegen stürbe, daß Du zuvor mit mir reden oder mich sehen möchtest;
welches nun nicht not ist und magst wohl daheim bleiben, weil mir Gott
so reichlich geholfen hat, daß ich mich versehe, fröhlich zu Dir zu
kommen. Heute liegen wir zu Gotha. Ich habe sonst viermal geschrieben,
wundert mich, daß nichts zu euch kommen ist.

Dienstags nach Reminiscere. 1537.

Martinus Luther.“

Wie mag das arme Weib erschrocken sein über diese unglückliche Kunde!
und wie hätte sie erst gebangt, wenn sie gewußt hätte, daß am folgenden
Tag der tödliche Anfall sich wiederholte, bis wieder sechs Steine von
ihm gingen. Käthe fuhr nun ihrem Manne entgegen nach Altenburg, wo
Freund Spalatin als Pfarrer lebte. Bei diesem bereitete sie nun eine
Herberge, bis Jonas und die Muhme Lenchen mit dem Kranken von Weimar her
ankamen. Im gastlichen Altenburger Pfarrhaus pflegte Käthe den
Erschöpften einige Tage und fuhr dann mit ihm Mitte März langsam an
Kloster Nimbschen vorbei, mit einem Aufenthalt in Grimma nach Wittenberg
heim, wo sie am 14. März ankamen[323].

Langsam nur erholte sich Luther; an allen Knochen wie zerschlagen,
konnte er sich kaum auf den Beinen halten, so erschöpft war er. Er
lernte wieder essen und trinken: die Ruhe und Käthes sorgliche Pflege
brachte ihn allmählich wieder zu Kräften. Acht Tage darauf konnte er
wieder die feiernde Feder ergreifen und seinen Dankesbrief an Spalatin
schreiben. Frau Käthe, die in der Bestürzung den Töchtern Spalatins
nichts mitgebracht hatte, wollte ein paar Bücher binden lassen und zum
Andenken schicken. Ueber die Osterzeit hat Luther dann wieder fleißig
gepredigt. Aber als er später wieder in die Hessenstadt zum Konvent
gehen sollte, hielt Käthe ihren Gatten zurück und er selbst warnte die
Freunde vor „den hessischen Betten“[324].

In diesem Jahre ging auch Muhme Lene heim und mit ihr ein guter
Hausgeist, eine Stütze der Hausfrau, eine geliebte Freundin und Hüterin
der Kinder. Der Ersatz, den Frau Käthe für sie suchte und erhielt in
„Muhme Lene“ der jüngeren, ihrer leichtherzigen Nichte, und gar in
fremden Stützen der Hausfrau, war ein sehr zweifelhafter[325].

In diesem Jahre 1537 hatte Frau Käthe noch einen schweren Fall von
Krankenpflege in ihrem Hause: nämlich die Kurfürstin Elisabeth von
Brandenburg.

Die arme Frau war schon 1534 kränklich, bald besser, bald schwerer.
Damals war sie in Wittenberg. Luther mußte aber auch öfter zu ihr nach
Schloß Lichtenberg reisen. Im Todesjahre ihres Gemahls, 1537, aber, als
sich ihr Zustand zu einer Geistesstörung ausgebildet hatte, war sie zur
Verpflegung in Luthers Haus, wohl auf des Kurfürsten von Sachsen
Veranlassung. Nach langem Fiebertraum erwachte sie im September, war
aber so blöde und kindisch, daß sie wenig verstand. Frau Käthe saß bei
ihr auf dem Bette und schweigete sie[326]. Darauf wollte ihre Tochter,
Fürstin Margarete von Anhalt, mit Gefolge zum Besuch der kranken Mutter
kommen, natürlich womöglich auch in Luthers Behausung. Aber diese konnte
man nicht auch noch aufnehmen; war doch das große Haus genug belegt;
auch in der Stadt, die als Festung so eng gebaut war und jetzt so
besucht von Studenten, war jedes Haus bis in den kleinsten Winkel
vollgepropft. So mußte man den Besuch ablehnen, aber versichern, daß
alles angewendet werde, um die Genesung der Kurfürstin zu
beschleunigen[327]. Die andere Tochter der Kurfürstin, Herzogin
Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, welche einst ihre Mutter wegen des
evangelischen Abendmahls an den Vater und eine ungünstige Aeußerung
Luthers über Herzog Georg an diesen verraten hatte, kam öfter zum Besuch
ihrer kranken Mutter in Luthers Haus; und dieser Umgang brachte sie
dazu, daß sie selbst evangelisch wurde und nach dem Tode ihres Gemahls
als Regentin des Landes in Braunschweig die Reformation einführte. Sie
wurde sehr befreundet mit Luther und Käthe, schickte ihr einmal eine
Sendung Käse und bekam dafür Maulbeer- und Feigen-Setzlinge[328].

Aber der Zustand der armen „Markgräfin“ war ein trauriger und noch
monatelang mußte sie Käthe pflegen. Dabei trugen sich allerlei
ärgerliche Zwischenfälle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit
unberufener Leute: so drängte sich eine schmutzige Böhmin ins Haus, ins
Gemach und an die Seite der Fürstin, suchte für sich Gunst und andern
Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber
Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete maßlos an
jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie
zwei Stürzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie
immer Reisepläne und schrieb heimlich überallhin und wollte durchaus
fort aus Wittenberg[329].

Luther und Käthe wären die unruhige Patientin, über die sie nicht
völlige Gewalt hatten, mit der vielen Unmuße gerne losgewesen, mußten
aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet
war[330].

Die greise Kurfürstin wurde nachher wieder gesund und überlebte noch
Luther.

Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein „fährlich schwer Jahr“ gewesen wegen
der mancherlei Krankheiten, spukte im Spätherbst 1539 die Pest wieder im
Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder ließ den
Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war,
wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Käse,
Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mußten die Wittenberger zwei
Plagen für eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden
endlich ihre Sachen draußen vor den Thoren ab und die Städter mußten sie
auflesen[331].

Luther freilich nahm wie gewohnt „das Pestlein“ leicht und hielt es nur
für eine Seuche. Er zürnte und spottete über die Pestfurcht: „Ich halt,
der Teufel hat die Leut besessen mit der _rechten_ Pestilenz, daß sie so
schändlich erschrecken.“ Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel
zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er
ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, daß er, als er heimkam,
sogar mit ungewaschenen Händen sein Töchterlein Margarete unbedacht um
den Mund streichelte — es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin
des Kosmographen Dr. Sebald Münster an der Seuche starb und dieser
selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger
die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott!
was entstand in der ganzen Stadt für ein Geschrei gegen Luther! Er
wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332].

Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmütige Tapferkeit
Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die
größte Mühe und Sorge mit den übernommenen Kindern und war dazu wie vor
zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie mußte es büßen. Sie kam
unglücklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie
fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle stärkenden
Mittel angewendet, die Entkräftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende
Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von
besorgten Händen aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede
Bewegung beobachtet[333].

Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung
auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Käthe wieder lebendig, wie
einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte
Käthes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und
zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den
Händen an Tischen und Bänken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut
auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie völlig wieder
hergestellt[334].

Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des
Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch
ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335].

Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem
Reichstag in Hagenau näher zu sein, ähnlich wie vor zehn Jahren in
Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber
er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem
Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius,
welcher mit nach Hagenau reiste. Sein „Fraulein“ pflegte den
Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswürdigste, so daß Frau
Käthe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschädigte
sich für die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, daß er den
Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nüssen lehrte. Von hier aus schrieb
Luther fleißig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der
vielbeschäftigten Frau Käthe nicht so leicht einen. Dafür mußten die
Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein „Mariischen“
gehörte[336].

Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber
lautet[337]:

„Meiner herzlieben Käthe, Doktorin Kathrin und Frauen auf dem neuen
Saumarkt zu handen.

Gnade und Friede, liebe Jungfrau Käthe, gnädige Frau von Zulsdorf und
wie Ew. Gnaden mehr heißt! Ich füge Euch und Ew. Gnaden unterthäniglich
zu wissen, daß mir's hie wohl gehet: „ich fresse wie ein Böhme und saufe
wie ein Deutscher“[338] — das sei Gott gedankt, Amen. Das kommt daher:
Magister Philipps ist wahrlich tot gewesen und recht wie Lazarus vom Tod
auferstanden. Gott der liebe Vater höret unser Gebet, das sehen und
greifen wir, ohne daß wir's dennoch nicht glauben: da sage niemand Amen
zu unserm schändlichen Unglauben.

Ich hab' dem Doktor Pommer Pfarrherr geschrieben, wie der Graf zu
Schwarzburg (um) einen Pfarrherrn gen Greußen bittet, da magst Du als
eine kluge Frau und Doktorin mit Magister Georg Röhrer und Magister
Ambrosio Berndt helfen raten, welcher unter den dreien sich wollte
bereden lassen, die ich dem Pommer angezeigt: es ist nicht eine
schlechte Pfarre; doch seid ihr klug und macht's besser.

Ich habe der Kinder Briefe, auch des Bacculaurien (Hans) — der kein Kind
ist, Mariische auch nicht — kriegt, aber von Ew. Gnaden hab' ich nichts
kriegt; werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal
antworten mit Ew. gnädigen Hand.

Ich schicke hie mit dem Magister Paul den silbernen Apfel, den mir Ihre
gnädige Hand geschenkt hat, den magst Du, wie ich zuvor geredet habe,
unter die Kinder teilen und fragen, wie viel sie Kirschen und Aepfel
dafür nehmen wollen; die bezahle ihnen bar über und behalt' Du den Stiel
davon.

Sage untern lieben Kostgängern, sonderlich Doktor Severo oder Schiefer,
mein freundlich Herz und guten Willen, und daß sie helfen zusehen in
allen Sachen der Kirchen, Schulen, Haus und wo es not sein will. Auch M.
Georg Major und M. Ambrosio, daß sie Dir zu Hause tröstlich seien.
Will's Gott, so wollen wir bis Sonntag auf sein, von Weimar gen Eisenach
zu ziehen, und Philipps mit. Hiemit Gott befohlen. Sage Lycaoni nostro
(dem Diener Wolfgang), daß er die Maulbeer nicht versäume, er verschlafe
sie denn, das wird er nicht thun — er versehe es denn — und den Wein
soll er auch zur Zeit abziehen. Seid fröhlich alle und betet. Amen.

Weimar, am Tage der Heimsuchung Mariä (2. Juli) 1540.

Martinus Luther,

Dein Herzliebchen.“

Mit dem folgenden Brief an „Frau Katherin Luderin zu Wittenberg, meiner
lieben Hausfrau“ schickt Luther seiner „lieben Jungfer Käthe“ durch den
Fuhrmann Wolf 42 Thaler Sold und 40 fl. Die „magst Du brauchen, bis wir
kommen, und wechseln lassen bei Haus von Taubenheim zu Torgau; denn wir
zu Hofe nicht einen Pfennig Kleinmünze mögen haben. Magister Philipps
kommt wieder zum Leben aus dem Grabe, siehet noch kränklich, aber doch
leberlich aus, scherzt und lacht wieder mit uns, isset und trinket wie
zuvor mit über Tische. Gott sei Lob! Und danket ihr auch dem lieben
Vater im Himmel.... Was aber (zu Hagenau) geschieht, wissen wir nicht,
nur das: man achtet, sie werden uns heißen: Thu das und das, oder wir
wollen euch fressen. Denn sie haben's böse im Sinn. Sage auch Doct.
Schiefer, daß ich nichts mehr von Ferdinando halte; er gehet da hin zu
grunde. Doch hab ich Sorge, wie ich oft geweissagt, der Papst möchte den
Türken über uns führen.... Denn der Papst singet schon bereits: flectere
si nequeo Superos, Acheronta movebo: kann er den Kaiser nicht über uns
treiben, so wird er's mit dem Türken versuchen; er will Christus nicht
nachgeben. So schlage denn Christus drein beides in Türken, Papst und
Teufel und beweise, daß er der rechte Herr sei vom Vater zur Rechten
gesetzt. Amen! — Amsdorf ist auch noch hier bei uns. Hiemit Gott
befohlen. Amen.

Sonnabends nach Kiliani (10. Juli).

Mart. Luther.“[339]

Sechs Tage darauf kam wieder ein Brief[340].

„Gnade und Friede. Meine liebe Jungfer und Frau Käthe! Euer Gnaden
sollen wissen, daß wir hier, Gottlob, frisch und gesund sind; „fressen,
wie die Böhmen“ — doch nicht sehr — „saufen wie die Deutschen“ — doch
nicht viel —, sind aber fröhlich. Denn unser gnädiger Herr von
Magdeburg, Bischof Amsdorf, ist unser Tischgenosse. Mehr neue Zeitung
wissen wir nicht, denn daß Doktor Kaspar Mekum und Menius sind von
Hagenau gen Straßburg spazieren gezogen, Hans von Jenen zu Dienst und
Ehren. M. Philipps ist wiederum fein worden, Gottlob. Sage meinem lieben
D. Schiefer, daß sein König Ferdinand ein Geschrei will kriegen, als
wolle er den Türken zu Gevatter bitten über die evangelischen Fürsten:
hoffe nicht, daß es wahr sei, sonst wäre es zu grob. Schreibe mir auch
einmal, ob Du alles kriegt hast, was ich Dir gesandt, als neulich 90 Fl.
bei Wolf Fuhrmann u.s.w. Hiermit Gott befohlen, Amen. Und laß die Kinder
beten. Es ist allhier solche Hitze und Dürre, daß unsäglich und
unerträglich ist bei Tag und Nacht. Komm, lieber jüngster Tag, Amen.

Freitags nach Margareten, 1540. Der Bischof von Magdeburg läßt Dich
freundlich grüßen.

Dein Liebchen

Martin Luther.“

Und endlich als es wieder auf die Heimreise ging, kündigt Luther Käthe
die Rückkehr an und bestellt einen Willkommtrunk.

„Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katherin Lutherin, zu
Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd,
meinem Liebchen zu handen. — Abwesend dem Doktor Pomeran, Pfarrherr, zu
brechen und zu lesen.

... (Ew. Gnaden) ... wollen schaffen, daß wir einen guten Trunk bei Euch
finden. Denn, ob Gott will, morgen Dienstag wollen wir auf sein gegen
Wittenberg zu. Es ist mit dem Reichstage zu Hagenow ein Dreck, ist Mühe
und Arbeit verloren und Unkost vergeblich. Doch, wo wir nichts mehr aus
gerichtet, so haben wir doch Magister Philippus wieder aus der Hölle
geholet und wieder aus dem Grabe fröhlich heimbringen wollen, ob Gott
will und mit seiner Gnaden, Amen.

Es ist der Teufel hieraußen selber mit neuen bösen Teufeln besessen,
brennt und thut Schaden, das schrecklich ist. Meinem gnädigsten Herrn
ist im Thüringer Wald mehr denn tausend Acker Holz abgebrannt und
brennet noch. Dazu kommt heute Zeitung, daß der Wald bei Werda auch
angegangen sei und viel Orten mehr; hilft kein Löschen. Das will teuer
Holz machen. Betet und lasset beten wider den leidigen Satan, der uns
sucht nicht allein an Seele und Leib, sondern auch an Gut und Ehre aufs
allerheftigste. Christus, unser Herr, wolle vom Himmel kommen und auch
ein Feuerlein dem Teufel und seinen Gesellen aufblasen, daß er nicht
löschen könnte, Amen.

Ich bin nicht gewiß gewesen, ob Dich diese Briefe zu Wittenberg oder zu
Zulsdorf würden finden; sonst wollt' ich geschrieben haben von mehr
Dingen. Hiemit Gott befohlen, Amen. Grüße unsere Kinder, Kostgänger und
alle. Montags nach Jacobi (26. Juli) 1540.

Dein Liebchen

M. Luther, D.[341]

Um diese Zeit begann eine neue Sorge für Käthe. Ihrem Bruder Hans wollte
es auf Zulsdorf gar nicht glücken. Daher kaufte sie ihm Zulsdorf ab.
Aber sie mußte auch ihres Mannes vielfache Beziehungen zu fürstlichen
Höfen angehen, um ihm wieder einen Hofdienst zu verschaffen, sei's in
Preußen, sei's in Sachsen. Luther konnte das mit gutem Gewissen, denn
Hans von Bora war keiner von den großmäuligen „Scharhansen“, wie sie in
dieser Zeit massenhaft aufgekommen waren. Aber vielleicht eben wegen
seiner Frommheit hatte er Unglück. Ein Gegner Luthers verdrängte ihn von
seinem Vorsteheramte am Neuen Kloster in Leipzig, bis er endlich einen
Teil des Klostergutes in Crimmitschau überkam[342].

Im Herbst dieses Jahres (1540) suchte die Stadt Wittenberg ein Fieber
heim, das zwar selten einen tödlichen Ausgang nahm, aber so ziemlich
alle Bewohner ergriff. Bugenhagen war so krank, daß Luther für ihn sein
Pfarramt versehen mußte. Im eignen Hause waren zehn Todkranke und dazu
fühlte sich der Hausherr selber „alt und schwach“. Da konnte wieder
Käthe ihre Sorge und Pflege anwenden[343].

Zu Ostern des folgenden Jahres (1541) wurde die Umgebung Wellenbergs
erschreckt durch Brandstiftungen und allerlei Vergiftungserscheinungen,
indem die Lebensmittel: Wein und Milch mit Gift und Gips gemischt
wurden. Es wurden allerlei Leute verhaftet und gefoltert, auch in
Wittenberg zwei Leute geröstet — ohne die Ursachen und die Urheber zu
entdecken. Luther fühlte sich in diesem Jahr gar nicht wohl, so daß der
Kurfürst ihm sogar einmal zwei Aerzte schickte und er am Dreikönigstag
des folgenden Jahres (1542) sein Testament machte[344].

Noch eine Freude erlebten die Eheleute zu dieser Zeit: die Enkelin von
Luthers Schwerer, _Hanna Strauß_, die in der Familie erzogen war, wurde
mit M. Heinrich von Kölleda im Dezember 1541 verlobt, nachdem die
Pflegeeltern die Verlobung des Dr. Jakob Schenck (später als Luthers
Gegner „der Jäckel“) abgewiesen hatten. Zu dem Verlöbnis kam gerade von
den Anhalter Fürstenbrüdern ein Wildschwein, als Luther eben gebeten
hatte, wenn es möglich und thunlich wäre, ihn zur Hochzeit „etwa mit
einem Wildbret zu begaben, denn ich einer Hausjungfrauen, meiner
Freundin (Verwandten) soll zu Ehren helfen in den hl. Stand der Ehe“. Am
30. Januar 1542 wurde Hochzeit gemacht, die letzte in Luthers Haus.
Amsdorf u.a. schickten Hochzeitsgeschenke, und weiteres Wildbret von
Anhalt wird nicht gefehlt haben[345].

Aber zu gleicher Zeit (1541) starb auch nach nur vierjähriger Ehe D.
Ambros. Berndt, der Gatte der Magdalene Kaufmann, der Muhme Lene der
Jüngeren. Die junge Witwe machte sich nun zum großen Verdrusse der
Lutherischen Verwandten an einen sehr jugendlichen Mediziner, Ernst
Reichet (Reuchlin), der noch studieren mußte und heiratete ihn auch nach
Luthers Tod, so daß sie eine zeitlang in rechte Bedrängnis geriet, bis
ihr Mann eine ehrenvolle Stellung erwarb[346].

Auch Lenes Bruder, Cyriak, bereitete Luther großen Aerger, indem er nach
dem Beispiel von Melanchthons und Dr. Beiers Sohn ein heimliches
Verlöbnis einging, was die Wittenberger Juristen als giltig
anerkannten[347].

Am 26. August 1542 war der älteste Sohn, Hans Luther, jetzt 16jährig und
bereits seit drei Jahren Baccalaureus, nach Torgau geschickt worden zu
Markus Crodel, der dort eine treffliche, von Luther hochgeschätzte
Knabenschule hielt, damit er in Sprachlehre und Musik ausgebildet werde,
auch Sitte und Anstand lerne, wozu in der studentenwimmelnden Kleinstadt
und in Luthers überfülltem Hause nicht der rechte Ort war; Luther war
sich auch bewußt, Theologen bilden zu können, aber keine Grammatiker und
Musiker. Daher wollte er Crodel, wenn er am Leben bliebe, noch später
die zwei jüngeren Söhne schicken. Der Gesellschaft und Aneiferung wegen
wurde auch Käthes Brudersohn, Florian von Bora, mitgeschickt. Hans war
ein guter Junge, während Florian schon einer härteren Zucht bedurfte.
Der Mutter that der Abschied weh, noch mehr aber der ältesten Schwester,
Lenchen, die mit besondrer Zärtlichkeit an ihm hing. Aber Hans gefiel es
gut im Pensionat des Präzeptors, er hatte ihn und seine Frau zu rühmen;
er meinte sogar, es erginge ihm hier besser als daheim[646].

Kaum aber war der Bruder abgereist, so wurde Lenchen sterbenskrank.

Es war ein gar liebes frommes Mädchen, das seine Eltern ihr Lebtag nie
erzürnt hatte. Auf ihrem Sterbebette verlangte sie herzlich und
schmerzlich, ihren Bruder Hans nochmals zusehen; sie meinte, sie würde
dann wieder gesund werden. Käthe mußte ihren Wagen anspannen lassen und
der Kutscher Wolf fuhr mit dem Luther'schen Gefährt nach Torgau. Er
brachte einen Brief vom Vater an den Präzeptor, der lautete:

„Gnade und Friede, mein lieber Markus Krodel. Ich bitt' Euch, sagt
meinem Sohn Hans nicht, was ich Euch schreibe. Mein Töchterlein
Magdalena ist dem Ende nahe und wird bald heimkehren zu ihrem wahren
Vater im Himmel, wenn' s Gott nicht anders gefällig ist. Aber sie sehnt
sich so sehr darnach, den Bruder zu sehen, daß ich den Wagen schicken
mußte: sie lieben eins das andere gar so sehr — vielleicht, daß sein
Kommen ihr neue Kraft geben könnte. Ich thue, was ich kann, damit mich
nicht später mein Gewissen beschwert. So sagt ihm also — doch ohne die
Ursach' — daß er mit diesem Wagen eilends herkomme, um bald wieder
zurückzukehren, wenn Lenchen im Herrn entschlafen oder wieder gesund
worden sein wird. Gott befohlen. Ihr müßt ihm sagen, es warte seiner ein
heimlicher Auftrag. Sonst steht alles wohl. 6. September 1542.“[348]

Hans kam zurück und auch rechtzeitig daheim an. Denn das arme Mädchen
mußte noch vierzehn Tage leiden und mit dem Tode ringen: offenbar hatte
dies Wiedersehen des Bruders ihre Lebensgeister nochmals aufflammen
lassen. Es waren gar traurige Wochen in dem Lutherhaus. Das fromme
Mägdlein zwar wollte gerne sterben: beim irdischen Vater bleiben oder
zum himmlischen heimkehren. „Ja, herzer Vater“, sagte es, „wie Gott
will!“ Aber den Eltern kam der Abschied ihres Lieblings sehr hart an,
namentlich Luther, der hatte sie sehr lieb, denn die Väter hängen mehr
an den Töchtern, während Frau Käthe zu ihrem Hans größere Zuneigung
fühlte.

In der Nacht vor Lenchens Tode hatte die Mutter einen wundersamen Traum:
Es deuchte sie, zwei geschmückte, schöne junge Gesellen kämen und
wollten ihr Lenchen zur Hochzeit führen. Am Morgen kam Melanchthon
herüber ins Kloster und fragte, was Lenchen machte. Da erzählte Frau
Käthe ihren Traum. Magister Philipp, der bei andern im Geruch der
Wahrsagung und Traumdeuterei stand und sich selbst viel darauf zu gut
that, machte ein erschrockenes Gesicht. Und als er zu anderen Leuten
kam, deutete er den Traum: „Die jungen Gesellen sind die lieben Engel,
die werden kommen und diese Jungfrau in das Himmelreich zur rechten
Hochzeit heimführen.“ Melanchthon hatte diesmal recht prophezeit.

Am 26. September um die neunte Stunde ging es zu Ende. Der Vater hielt
das Kind in seinen Armen, die Mutter stand dabei. Der Doktor weinte,
betete und tröstete abwechselnd das Kind, sich selbst und die
Umstehenden: Frau Käthe, Melanchthon und D. Röhrer. Die Mutter war tief
ergriffen; als es zu Ende war, weinte sie ihren Jammer laut hinaus, so
daß Luther sie beruhigen mußte: „Liebe Käthe, bedenke doch, wo sie
hinkommt: sie kommt wohl.“

Die traurigen Ereignisse gingen ihren Gang. Der Sarg kam; aber als das
Mägdlein hineingelegt werden sollte, hatte es der Tod gestreckt und ihr
Bettlein war ihr zu klein geworden. Die Leute kamen und bezeugten den
Eltern nach dem gemeinen Brauch ihr Beileid: „es wäre ihnen ihre
Betrübnis leid“. Der Schülerchor sang das Lied: „Herr, gedenk nicht
unsrer vorigen alten Missethat.“ Sie ward hinausgetragen auf den
Friedhof am Elsterthor, und eingescharrt. „Es ist die Auferstehung des
Fleisches“, sagte Luther, der jedes Wort und jeden Akt mit einem
sinnigen Trostspruch begleitete. Dann ging der traurige Zug heim und der
Doktor sagte zu Käthe: „Nun ist unsere Tochter beschickt, an Leib und
Seel versorgt, wie es Eltern sollen thun, sonderlich mit den armen
Mägdlein.“ Darauf dichtete der Doktor seinem Töchterlein eine
lateinische Grabschrift, die lautet in treuherzigem Deutsch:

  Hie schlaf ich Lenchen, D. Luthers Töchterlein,
  Ruh mit allen Heiligen in mei'm Bettelein[349].

Aber noch monatelang sprach und schrieb Luther von seiner Trauer, zürnte
wider den Tod und milderte seinen Schmerz mit Thränen um die geliebte
Tochter; und Käthe hatte die Augen voll Thränen und schluchzte laut auf
beim Gedanken an das „gute gehorsame Töchterlein“[350].

Begreiflich, daß Frau Käthe den erstgebornen Sohn mit schwerem Herzen
wieder in die Ferne entließ. „Wenn dir's übel gehen sollte, so komm nur
heim“, hatte die Mutter in einer Anwandlung von Weh und Schwäche zu Hans
gesagt. Es ging nun zwar Hans nicht schlecht in Crodels Hause, aber das
Heimweh nach Lenchen und die Sehnsucht nach dem Vaterhause wurde
übermächtig in ihm — es war ja gerade um die Weihnachtszeit. Er schrieb
einen kläglichen Brief und berief sich auf die Rede der Mutter, er solle
heimkehren, wenn's ihm übel ginge. Da schrieb Luther am 2. Christtag an
den Präzeptor und den Sohn zwei Episteln, in denen er Hans zur
männlichen Ueberwindung der weibischen Schwäche ermahnt. Der Brief an
den Sohn lautet:

„Gnade und Friede im Herrn.

Mein lieber Sohn Hans. Ich und Deine Mutter und das ganze Haus sind
gesund. Gieb Dir Mühe, daß Du Deine Thränen männlich besiegst und Deiner
Mutter Schmerz und Sorge nicht noch mehrst, die so geneigt ist zu Sorge
und Angst. Gehorche Gott, der Dir durch uns befohlen hat dort zu
arbeiten, so wirst Du leicht dieser Schwäche vergessen. Die Mutter kann
nicht schreiben und hat es auch nicht nötig geachtet; aber sie sagt,
alles was sie Dir gesagt habe — nämlich Du solltest heimkehren, wenn es
Dir übel ginge — habe sie von Krankheit gemeint; davon solltest Du, wenn
es geschehe, gleich Kunde geben. Sonst will sie, daß Du diese Trauer
lassest und fröhlich und ruhig studierest. Hiemit gehab Dich wohl im
Herrn.

Dein Vater Martin Luther.“[351]

Der letzte Schmerz und Verlust, den Frau Käthe in diesem
schicksalsschweren Jahre noch erlebte, war der Tod ihrer besten
Freundin, der Frau Stiftspropst Katharina Jonas. Sie starb am
Weihnachtstage 1542, eine frohe freundliche Kinderseele; so ging sie
auch am Christfest hinein in den himmlischen Freudensaal zur ewigen
Weihnacht.

Frau Käthe aber war's, als sei ihr ein Stück von ihrer Seele
gestorben[352].



12. Kapitel

Tischgenossen und Tischreden.


„Unsere Herrin Käthe, die _Erzköchin_“, so nennt Luther seine Gattin in
einem scherzhaften Einladungsbrief an Freund Jonas[353].

Und das war sie; sie kochte gern und gut und braute auch die
entsprechenden Getränke dazu. Gelegenheit zu den manchfaltigsten
Gastereien hatte aber kein Weib so sehr als Frau Käthe.

Da gab es vor altem gar mancherlei Hochzeiten von Verwandten und
Freunden, deren Ausrichtung dem Herrn Doktor eine Herzensfreude war, bei
denen aber sein „Herr Käthe“ eine ganz besonders hervorragende und liebe
Rolle spielte.

Und was so eine Hochzeit in Wittenberg auf sich hatte, kann man sich
kaum recht vorstellen. Da mußte der „Haufe“ geladen werden; bei einer
„akademischen“ Hochzeit „die Universität mit Kind und Kegel“ und dazu
andere, die man Luthers halber „nicht wohl konnte auß(en) lassen; so
bleibt's weder bei 9 noch bei 12 Tischen, 120 Gäste ohne die Diener
u.s.w.“ war das Gewöhnliche für eine akademische Hochzeit. „Bei einem
Doktorschmaus machten die Männer allein schon 7 bis 8 Tische voll; was
wurde es erst, wenn die Frauen, Kinder und noch das Gesinde zu speisen
und zu tränken waren?“ Dazu dauerten die Hochzeiten mehrere Tage. Luther
hatte sich bei seiner Hochzeit auch nur „für die gewöhnlichen Gäste“ mit
einem Tage begnügt. Und das alles bei dem schlechten Markt in
Wittenberg! Da war es für die gute Käthe keine geringe Schwierigkeit,
einen solchen Schwarm in anständiger Weise zu speisen, und sie wollte
doch weder auf den Ruhm ihres Mannes, noch der Gefeierten einen Makel
kommen lassen — natürlich auf ihren Ruhm auch nicht. Luther und Käthe
wollten beide keine Unehre einlegen[354].

Aber auch sonst richtete Frau Käthe gern Feste aus: Doktorschmäuse,
Geburtstagsessen und auch sonstige Gesellschaften ohne besondere
Veranlassungen. Da ist Wilhelm Rink, D. Eisleben (Agricola), Alexander
Drachstett und Wolf Heinzen zu Besuch im Schwarzen Kloster; und weil der
Pfarrer Michael Stiefel in Lochau seltener dahin kommt, soll auch er
erscheinen und teilnehmen an den fröhlichen Tagen. Da wird einer der
Freunde oder gar zwei: Röhrer oder Jak. Schenk, Hier. Heller, Nikolaus
Medler, „der Markgräfin Kaplan“ (d.i. der Hofprediger der Kurfürstin
Elisabeth von Brandenburg) zum Doktor promoviert und Herr Käthe brät und
braut für den üblichen Schmaus. Da giebt sie ihrem eignen Doktor am 19.
Oktober ein festliches Abendmahl zum Jahrestage seines Doktorats. Am 10.
Martini wird mit dem Heiligen Martin auch der Geburtstag ihres D.
Martinus und später noch ihres Martinleins festlich begangen[355]. Der
zehnte Jahrestag des Thesenanschlags („der niedergetretenen Ablässe“),
der Allerheiligentag 1527, wird mit einem Fest begangen. Auch um ihn zu
trösten über den Tod des lieben Freundes Hausmann, der Luther ungemein
nahe ging, lud Frau Käthe einen Kreis von Freunden ein: Jonas,
Melanchthon, Camerarius, Cokritz. Die Kindtaufschmäuse für ihre
Neugebornen mußte die Wöchnerin wenigstens einige Zeit vorher
vorbereiten und von ihrem Bette aus überwachen. Doch auch ohne besondere
festliche Veranlassung erschienen zu kleinerem Beisammensein am
geselligen Tisch die guten Freunde und Amtsgenossen: Jonas, Melanchthon,
Bugenhagen, so oft ein Stück Wildbret oder eine Sendung Fische ins Haus
geschickt wird, oder eine Kufe Bier, oder ein Faß Wein — manchmal mit
der ausdrücklichen Bestimmung, „Herr Philipp, D. Pommer und andere gute
Freunde sollten es mit dem Doktor gesund verbrauchen.“ Dann darf Frau
Käthe die Speisen bereiten und auftischen[356]. Manchmal muß sie auch
bei Hof um Wild zum Festbraten bitten lassen, wenn sonst keines zu
bekommen ist; oder sie bestellt bei einem guten Freunde „für einen
Thaler Vögel, Gefieder, Geflügel und was im Reich der Luft fleugt,
ferner was er an Hasen und anderen Leckerbissen kaufen oder umsonst
erjagen kann.“ Oder Frau Käthe mußte ihre eigenen Fischteichlein
ausräumen, wo neben Hechten und Karpfen, Schmerlen und Barsche, ja
sogar Forellen schwammen. Denn nicht immer kamen die Geschenke so
reichlich wie einmal vom Kurfürsten „ein Fuder Supstitzer, ein halb
Fuder Goreberger, vier Eimer Jenischen Weins, dazu ein Schock Karpfen
und ein Zentner Hechte, schöne Fische“ — war auf einmal zu viel, selbst
für eine zahlreiche Gesellschaft[357].

Da sind Durchreisende und Besuche vom Fürsten bis zum fahrenden Schüler,
fremde Gesandte und stellenlose Magister, arme Witwen und vertriebene
Pfarrer, Engländer und Franzosen, Böhmen und Ungarn, sogar einmal ein
„Mohr“: sie sitzen zu Gaste einen Tag, auch eine Woche und ein Jahr an
Käthes großem Tisch. Als Hartmut von Cronbergs verwitwete Schwester von
einem Juden entführt nach Wittenberg kam und heimlich sich da aufhielt,
entschuldigt sich Luther mit seinen bösen Erfahrungen an vornehmen und
geistlichen Schwindlerinnen, daß er sich ihrer nicht an-, d.h. sie nicht
ins Haus genommen; bei ihrem Kinde stand er aber nachher Gevatter[358].

Da kamen Schwester und Bruder, Schwager und „Freunde“ von Mansfeld. Oder
die Straßburger Theologen speisten im Schwarzen Kloster. So machte der
feine Straßburger Capito, der samt Butzer zur „Concordia“ in Wittenberg
verhandelte, einen gar guten Eindruck auf Frau Käthe, und es war ihr ein
großes Unglück, daß der goldene Ring, den er ihr verehrte und den sie
als Sinnbild der Vereinigung der sächsischen und oberländischen Kirche
betrachtete, ihr durch ein Mißgeschick abhanden kam [359].

Sogar dem Kurfürsten mußte Frau Käthe hinter dem Wall eine Collation
auftischen (8.-14. März 1534). Später waren noch allerlei andere Fürsten
wenigstens vorübergehend Tischgenossen Käthes, so der junge sächsische
Johann Ernst und der Herzog Franz von Lüneburg[360].

Ständige Tischgesellen waren die im Schwarzen Kloster wohnenden
Präzeptoren, Famuli und Scholaren.

Einer der ältesten und ersten dieser Tischgenossen im Luther hause ist
Konrad _Cordatus_.

Er war sieben Jahre vor Luther von husitischen Bauern im
österreichischen Weißenkirchen geboren, studierte Theologie in Wien,
lebte einige Jahre in Rom; erhielt 1510 eine sehr gute Anstellung in
Ofen, schloß sich sofort 1517 der Reformation an, wurde abgesetzt, ging
1524 mittellos nach Wittenberg und studierte unter Luther, der sich
seiner annahm, kehrte heim und predigte das Evangelium, wird 38 Wochen
lang gefangen gehalten im tiefen Turm, in Finsternis bei „Nattern und
Schlangen“, entkommt durch einen mitleidigen Wächter und flüchtet zu
seinem kongenialen Lehrer D. Luther. Dort lebte er einige Zeit in dessen
jungem Haushalt 1526, und wieder stellenlos auf Einladung Luthers von
1528-29, nach zweijährigem Pfarramt in Zwickau 1531-32 wieder fast ein
Jahr, bis er Pfarrer in Niemegk nahe bei Wittenberg wurde. Er ist einer
der besten Prediger der Reformationszeit. Er war eine trotzige Natur,
wie Luther; nur noch viel hitziger, schroffer und wenig verträglich. Er
konnte sich auch in Frau Käthes Art nicht sonderlich schicken und machte
Luther Vorwürfe, daß er sich von seiner Gattin bestimmen lasse. Dafür
macht er in seinen Tischreden einigemale eine bissige Bemerkung über die
Doktorin, als wäre sie herrschsüchtig und hoffärtig und berichtet
überhaupt mit einer gewissen Herbigkeit über sie. Als Luther ihn und
seinen Freund Hausmann nicht so mit Geld unterstützen kann, wie er's
möchte, meint Cordatus, Luther hätte seiner Frau nicht erlauben sollen,
einen Garten anzukaufen. Auch vertrug er schwer, daß sie beständig
Luthers „beste Reden unterbrach“, weil er mit großem Eifer alle Worte
Luthers nachschrieb[361].

Am Dreikönigstag 1528 kam desgleichen aus Oesterreich vertrieben Luthers
alter Freund Michael _Stiefel_ an, welcher von 1525 an bei der edeln
Familie Jörger von Tollet Kaplan gewesen, „ein frommer, sittiger und
fleißiger Mensch“. Er kannte Frau Käthe schon vor ihrer Vermählung und
war bei seiner Abreise von Wittenberg am 3. Juni 1525 wahrscheinlich
schon in Luthers Absicht, zu heiraten, eingeweiht. Von Oesterreich aus
hatte er einen gar liebenswürdigen Brief an Frau Katharina geschrieben
und sie erwiderte seine Grüße. Bis zu Michaelis 1528 blieb Stiefel in
Luthers Haus, fühlte sich aber durch diese Inanspruchnahme seiner
Gastfreundschaft bedrückt. Er übernahm darum die Pfarrei und Pfarrwitwe
von Lochau mit zwei Kindern. Das Luthersche Ehepaar besorgte seinen
Umzug. Der Verkehr mit dem Lochauer Pfarrhaus hielt an. Luther schreibt
und erhält viele Briefe und auch Käthe bekommt eine freundliche Epistel
vom Pfarrherrn; die Pfarrerin schickt dem Doktor ein Geschenk. Bald wird
Stiefel eingeladen zu einer guten Gesellschaft im Schwarzen Kloster,
bald sagt sich Luther mit seiner ganzen Knabenschaar zum Kirschenbrechen
in Lochau an. Schließlich verfiel Stiefel zum Verdrusse Luthers aufs
Grübeln nach dem Jüngsten Tag. Die Bevölkerung der ganzen Gegend bis
nach Schlesien hinein strömte dem Propheten zu und erwartete mit ihm am
19. Oktober 1533, 8 Uhr nachmittags, das Ende der Welt. Als dies nicht
eintraf, wurde der falsche Prophet vom Landesherrn verhaftet und so für
den Unrat, den er angerichtet, gestraft, aber auch gegen die aufgeregten
Leute geschützt und nach Wittenberg gebracht, wo er seinen Irrtum
bereute[362].

Gleichfalls ein Oesterreicher, _Kummer_ (Kommer), kam 1529 nach
Wittenberg. Auch er hatte, wegen des Evangeliums verfolgt, in
Weiberkleidern fliehen müssen, und nahm natürlich seine Zuflucht zu
Luther. Dessen Haus- und Tischgenosse scheint er ebenfalls gewesen zu
sein. Kummer war ein Freund und Studiengenosse Lauterbachs[363].

Im selben Jahre 1529 kam dieser Anton _Lauterbach_, geboren 1500 als
Sohn des Bürgermeisters zu Stolpe, nach Wittenberg, wo er Magister wurde
und mindestens schon 1531 Luthers Hausgenosse und Tischgänger war und
Diakonus der Pfarrgemeinde wurde. Ein hochaufgeschossener Mensch, im
Gegensatz zu seinem Genossen Cordatus ein gutmütiger Geselle. Dienstag,
28. Januar 1533, diente er zu Tisch beim Kindtaufschmaus für den kleinen
Paul. Er verheiratete sich in diesem Jahre mit einer Nonne Auguste,
wobei natürlich Frau Käthe wieder die Hochzeit herzurichten hatte. Dann
wurde er Diakonus in Leisnig, 1537-39 kam er wieder als Diakonus in die
Universitätsstadt. Als darauf das Herzogtum Sachsen reformiert werden
sollte, wurde er als Superintendent nach Pirna berufen, wollte aber „das
heilige Wittenberg“ nicht verlassen. Doch gab er den Mahnungen Luthers
und der andern Väter nach, seinem Vaterlande zu dienen und das
beschwerliche Amt zu übernehmen. Am Mittwoch, 25. Juli 1539 erschienen
in Wittenberg die Pirnaer Ratsherren mit zwei Wagen und holten ihren
ersten evangelischen Pfarrherrn ab. Unter Thränen nahm er Abschied von
Luthers Familie. Am folgenden Freitag, Jacobi, kam er, feierlich mit
Willkommtrunk empfangen, in Pirna an, und es wurde mit der Reformation
„der Anfang deutsch und gut lutherisch zu taufen gemacht an Drillingen“.
Aber aus der weiten Ferne blieb Lauterbach in lebhaftem und freundlichem
Verkehr mit Luther und Frau Käthe, der er gar mancherlei Besorgungen
machte[364].

Ohne Amt, aber auf eines wartend, zog im November 1531 der Oberpfälzer
Joh. _Schlaginhaufen_ — der lateinisch Turbicida oder gar griechisch
Ochloplectes genannt wurde — ins Schwarze Kloster nach Wittenberg, wo er
ein Jahrzehnt zuvor studiert hatte. Er war zum Trübsinn geneigt und
quälte sich mit dem Zweifel, ob er auch zur Zahl der Auserwählten
gehöre; und Luther muß den Schwermütigen oft aufheitern, wenn er
trübselig und teilnahmslos unter den Gästen und Tischgenossen dasitzt.
Trotzdem oder gerade deswegen steht er bei Frau Käthe hoch in Gunst, und
als ihr Gatte während der Rektoratswahl am 1. Mai 1532 einen
Ohnmachtsanfall bekommt, schickt sie zuerst nach Schlaginhaufen in die
Festversammlung und dann erst läßt sie Melanchthon und Jonas rufen.
„Meister Hans“ war willig zu jedem Dienst, nahm sich des Gartens und
besonders des Bienenstandes der Frau Käthe an, und wurde später als
Pfarrer im nahen Zahna und dann in Köthen ein tüchtiger
Bienenvater[365].

Seit 1527 war im Schwarzen Kloster als Hausgenosse der gesetzte, ernste
30jährige _Hieronymus Weller_ aus Freiberg. Als Luther auf der Koburg
saß, war er der Hauslehrer des jungen Hans. Sein Bruder Peter, ein
junger Magister und juristischer Student, welcher ebenfalls später
unterrichtete, zog 1530 auch in das Kloster; beide als männliche
„Schirmer“ der von Luther und seinem Famulus Veit Dietrich verwaisten
Familie. Die Brüder waren sehr musikalisch; ein dritter, namens
Matthias, sogar in seiner Vaterstadt am Dom Organist und Tonsetzer.
Peter und Hieronymus erfreuten also die Familie durch ihren hübschen
Gesang. Aber es war gut, daß der heitere Bruder Peter noch ins Kloster
kam, denn der hochbegabte Hieronymus war — wie Matthias — zur Schwermut
geneigt. Und die vielbesorgte Hausfrau wird zugeredet haben, daß der
Trübsinnige lieber eine Stelle in Dresden annehmen solle; aber er blieb
bis 1535 und war so acht Jahre in ihrem Haus. Daher kam es, daß auch die
beiden andern Weller gar oft als Gäste im Kloster weilten. So waren am
24. September 1533 die zwei oder gar drei Weller da und sangen mit
Luther. Ebenso 1534. Im folgenden Jahr wurde Hieronymus Doktor der
Theologie und den Doktorschmaus für acht Tische mußte Frau Käthe
ausrichten Mit dem Juristen Peter biß sich Luther weidlich herum[366].

Um diese Zeit gehörte auch ein adeliger Böhme, _Hennick_, ein Waldenser,
zu den Tischgenossen, der später mit Peter Weller zum heiligen Lande
zog, wo beide gestorben und begraben sind[367].

Als fremdländischer Haus- und Tischgenosse lebte im Lutherhause auch der
„schwarze Engeleser“ Dr. theol. Antonius (Robert _Barns_), dem Luther im
Scherz seine Käthe zum deutschen Sprachmeister geben wollte und der auch
Gast bei den häufigen Hochzeiten im Schwarzen Kloster war. Er war 1529
seines Glaubens wegen aus der Heimat geflohen, dann von Heinrich VIII.
als Unterhändler seiner neuen Ehe und „Religion“ gebraucht, aber dann
doch bei seiner Rückkehr mit zwei Gefährten „von König Heinz wegen
seines evangelischen Glaubens auf das Schmidfeld hinausgeführt und
verbrannt worden“. Von dem Märtyrertum „unseres guten Tischgesellen und
Hausgenossen“ gab Luther dann eine Schrift heraus[368].

Käthes Tischgenosse war ferner der Ungar Matthias v. Vai, ein mutiger
Mann, dem es daheim besser erging als Robert Barns. Denn als er mit
seinen papistischem Amtsgenossen in Streit geriet, verklagte ihn dieser
bei des Woiwoden Bruder, dem Mönch Georg, damals Statthalter in Ofen.
Dieser wollte bald erfahren, wer recht habe, setzte zwei Tonnen Pulver
auf den Markt und sagte: „Wer seine Lehre für göttlich erkennt, setze
sich Drauf — ich zünde es an, wer lebendig bleibt, dess' Lehre ist
recht.“ Da sprang Vai flugs auf die Tonne, der Priester aber folgte
nicht und Georg strafte den Priester mit seinem Anhang um 4000 Gulden,
dem Vai aber erlaubte er, öffentlich zu predigen. Diese rettende,
mutige That erzählte Luther mit Freude seinen Tischgenossen[369].

Lange Zeit (1529-1534) lebte auch M. Veit Dietrich im Lutherhause. Er
war ein Nürnberger (geb. 1506), der nach Wittenberg gekommen war, um
Medizin zu studieren, aber wie manche andere von Luther für die
Theologie gewonnen wurde (1527) und ihm bald als vertrauter Famulus an
die Hand ging. Er begleitete Luther auf die Koburg. Dietrich hatte seine
eignen Zöglinge; von der Koburg sandte er ihnen „Argumente“, die sie
auswendig lernen sollten, während Luther dieselben durch seinen Brief
vom Dohlen-Reichstag erfreute. Als Luther vom Reichstag zurückgekehrt
war, schrieb er dem in Nürnberg zurückgebliebenen Dietrich von dem Stand
der Dinge in Wittenberg, auch Grüße von der ganzen Tischgenossenschaft
und Frau Käthe, welche zugleich auszurichten befahl, „Dietrich solle
nicht glauben, daß sie ihm erzürnt sei“. Dietrich kam nämlich nicht
recht mit Frau Käthe aus. Er meinte von sich selbst, daß er zwar keine
krausen Haare habe, aber einen krausen Sinn. Daher riet ihm Luther, ein
Weib zu nehmen, da werde ihm das schon vergehen. Das wollte Dietrich
auch. Aber bis er dazu kam, rieb er sich einstweilen, wie es scheint, an
Frau Käthe. Als sie ihm gar die Liebschaft mit Muhme Lene untersagte,
zog er im Herbst 1534 mit seinen sechs Scholaren aus dem Hause und
verbreitete die Rede, die Doktorin sei gegen seine Zöglinge hochmütig
und berechnet gewesen. Für die Hauswirtin mit ihren eignen fünf kleinen
Kindern und dem schweren Haushalt war dieser Wegzug wahrlich eine
Erleichterung[370].

Es gab nun natürlich zwischen Dietrich und dem Lutherischen Hause eine
Spannung. Diese aber ging vorüber. Als Dietrich im folgenden Jahre in
seine Vaterstadt Nürnberg berufen wurde und heiratete, schrieb ihm nicht
nur Luther einen freundlichen Brief, sondern auch Käthe sandte ihm Grüße
und Glückwünsche zum Ehestand und Amt. Der Briefwechsel dauerte fort bis
zu beider Männer Tod und auch Käthes Grüße blieben nicht aus[371].

Ein Landsmann von Veit Dietrich, _Hieronymus Besold_, kam einige Jahre
nach dessen Weggang ins Lutherhaus. Er war durch jenen gegen die
Hauswirtin eingenommen, so daß er sich anfangs vor ihr als einer
herrischen und habsüchtigen Frau fürchtete. Aber — er kam doch an ihren
Tisch und blieb da und verlor seine schlechte Meinung von ihr, wenn er
auch von Frau Käthe mit Bestellungen in Nürnberg in Anspruch genommen
wurde und dann einmal nicht wagte, sie an seine Auslagen zu
erinnern[372].

Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) _Holstein_ im
Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der „Schandpoetaster“
Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines
„ehrbaren, frommen Gemüts und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister“.
Er hatte 17 Jahre studiert und war über zehn Jahre lang Magister
(Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und
Hebräischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher
Professor ankommen, so daß sich Luther bei dem Senior der
„Artistenfakultät“, M. Melanchthon, erkundigen wollte, was für ein Groll
und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Käthe nahm sich seiner an und
legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine böse Statt
fand. So mußte sich Holstein weiter mit Knaben ernähren und wurde
schließlich Jurist[373].

1539 lebte bei Luther wieder ein „Oestreicher“ als Kostgänger, Huttens
Freund Wolfgang Angst oder _Schiefer_ (Severus), gebürtig aus dem
österreichischen Elsaß zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor
Hofmeister der Söhne des Königs Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I.,
Bruder Karls V. gewesen, mußte aber seines Luthertums wegen flüchten und
nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch
unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfürsten zum Hofmeister und hoffte,
er solle ihm „sehr wohl gefallen“. Aber es wurde nichts daraus, und so
lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus.
Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgesprächen, ihm soll Frau
Käthe auch von Luther aus Weimar allerlei über „seinen König Ferdinand“
ausrichten[374].

Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach
Wittenberg, _Matthesius_, der 36jährige Schulmeister von Joachimsthal,
der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu
übernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Käthes Kosttisch. Er redet
mit großer Verehrung von ihr[375].

Und endlich kam noch _Goldschmidt_ (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder.
Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen
Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach
Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn.
Gleichzeitig war _Rutfeld_ da als Famulus und Präzeptor für Luthers
Knaben[376].

In dieser letzten Lebenszeit Luthers saß wieder ein Oesterreicher an
Käthes Tisch, Ferdinand _a Mangis_, ferner ein M. _Plato_ und andere
Kostgänger[377].

Das war Luthers oder vielmehr Frau Käthes „Tischburse“, an welcher
teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten für
ein hohes Glück und große Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen
Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thüringen, das
Luther besaß, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378].

Außer diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter
stehenden Kostgängern gehörten zur „Tischburse“ Luthers noch die
zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionäre gegen und ohne Entgelt im
Schwarzen Kloster lebten. Käthe setzte eine bestimmte Zahl von solchen
Kostgängern fest, über die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als
daher der Kanzler Müller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen
Uebernahme eines gewissen Kegel an Käthes Kosttisch, mußte ihm der
Hausherr schreiben: „Den Kegel hätte ich wohl gerne zum Kostgänger haben
mögen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von
Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll
und ich kann die alten Compane nicht also verstoßen. Wo aber eine Stätt
los (ein Platz leer) würde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich
meinen Willen Euch gern darthun, _wo anders Herr Käthe alsdann mir
gnädig_ sein wird.“[379]

Also Frau Käthe bestimmte über den Kosttisch. Und das war auch sonst gut
so. Denn der gutmütige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst
nicht unterkam oder sorgte für ihn durch Stipendien, so daß aus aller
Herren Länder und aus allen Städten, sogar aus „Mohrenland“ Schüler und
Studenten nach Wittenberg strömten „und wir allhie gar sehr überladen
sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst
guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Hülfe“. So
mußte z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann drängen, an die Stadträte
von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, daß sie sich eines ihrer
Stadtkinder annähmen, eines Georg Schnell, der „arm war und nichts
hatte“ als einen guten Kopf und ein frommes Gemüt, und täglicher Haus-
und Tischgenoß im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen
Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nürnberger
Geistlichen aufgehalst war, mußte man nach Nürnberg ins Findlingshaus
(Waisenhaus) abschieben. Luther mußte sich auf Käthes Vorstellungen an
den „ehrbaren und fürsichtigen“ Ratsherrn Hieron. Baumgärtner wenden,
ihrer beiden „lieben Herrn und guten Freund“. „Auf gut Vertrauen, so ich
zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist
schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was für eine Bettelstadt
unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein
warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht
vermöge, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in
Nürnberg guter Fugge sein, daß er ins Fündli-Haus möchte versetzt
werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug
beschwert und über Vermögen beladen. Gott behüte mich, daß ich nicht
mehr so betrogen werde.“[381] Aber auch die andern nicht gerade armen
Kostgänger ließen es an pünktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es
als Härte von Käthe der Hausfrau, wenn sie „auf richtige Bezahlung
drang“, während sie von Luther her anders gewohnt und verwöhnt
waren[382].

Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu beköstigen, sondern auch in
Krankheit zu pflegen, hatte natürlich Frau Käthe auch genug. Ein junger
Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im
Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Käthe
„fleißig gewartet“ nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und
Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten führten auch
zum Tode und das mußte den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Käthe zu
schwerer Sorge werden[383].

Wie Frau Käthe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab
der gesprächige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die
„Tischwürze“.

Luther war von Natur „ein gar fröhlicher Gesell“, ja voll
übersprudelndem Humor, wenn er sich wohl fühlte, aber auch, wenn er
Uebles erfahren hatte: Aerger und Verdruß, dem zum Trotz. In seiner
Beichte vor seinem ersten Krankheitsanfall (1527) sagte er zu
Bugenhagen: „Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem äußern
Wandel fröhlich stelle, ich gehe auf lauter Rosen; aber Gott weiß, wie
es um mich stehet meines Lebens halber. Ich habe mir oft vorgenommen,
ich wollte der Welt zu Dienst mich etwas ernstlicher und heiliger (weiß
nicht, wie ich's nennen soll) stellen; aber Gott hat mir solches zu thun
nicht gegeben.“ Und Bugenhagen bezeugte dabei: „Thut er ihm unterweilen
über Tisch mit Fröhlichsein zu viel, so hat er selbst keinen Gefallen
daran und kann solches keinem gottseligen Menschen übel gefallen, viel
weniger ihn ärgern, denn er ist ein leutseliger Mensch und aller
Gleisnerei und Heuchelei feind.“[384]

Luther redete gut und gern und viel. Er liebte besonders Sprüche,
sinnreiche Reden und hübsche Reime, Sprichwörter und Anekdoten. Deren
wußte er sehr viel und die brachte er am Tisch wie auf der Kanzel vor.
Ueber und nach Tische wurde zwischen den Reden auch gesungen, und wer
eine gute Stimme hatte, auch Gäste, mußten mitthun; Luther, der ein
guter „Lautenist“ war, begleitete den Gesang[385].

So entstanden die berühmten Tischgespräche, die sich um die tiefsten und
höchsten, die größten und kleinsten Dinge, göttliche und menschliche,
himmlische und irdische drehten, bald im erbaulichsten Ernst, bald im
lustigsten Scherz, jetzt sinnig zart, dann in derber Natürlichkeit —
obwohl der erste und Hauptherausgeber der Tischreden, der ehemalige
Feldprediger Aurifaber, später Pfarrer in Erfurt, die derben mit
behaglicher Breite ausmalt, vergröbert und aus dem nicht ganz sauberen
Schatz seiner soldatischen Erinnerungen und Ausdrucksweisen
ergänzt[386].

Diese Tischreden wurden nämlich von Luthers Jüngern auf- und
nachgeschrieben, wie Jesu und Sokrates' Aussprüche und Gespräche; zuerst
nach dem Gedächtnis, später nach gleichzeitigen Aufzeichnungen.

_Cordatus_ war der erste, der es wagte, hinter dem Tisch sitzend oder
davorstehend, die geistvollen Reden des Meisters — auch, wie ihm
Melanchthon warnend bedeutete, manches weniger zur Verewigung geeignete
Wort — in sein Notizbuch einzutragen. Andre Tischgenossen und Gäste wie
_H. Weller_, _Veit Dietrich_, _Lauterbach_, _Besold_, _Schlaginhaufen_,
_Matthesius_, _Ferdinand a Mangis_, _Goldschmidt_ folgten seinem
Beispiel nach. Auch der Diakonus _Röhrer_, der berühmte Schnellschreiber
und Notarius (Protokollführer) der Evangelischen auf den Reichstagen und
Religionsgesprächen, verzeichnete „viel Köstliches“. Und so sind unter
der zahllosen Menge von Lutherreden (3000) auch einzelne authentische
Worte der Doktorin überliefert[387].

Wie es bei diesen Tischgesprächen zuging, das erzählt uns Matthesius.
Bescheiden und sittsam saßen die Leute da und sahen auf „Seine Würden,
den Herrn Doktor“. „Wenn er uns nun Rede abgewinnen wollte, fing er an:
„Was hört man Neues?“ Diese erste Vermahnung ließen wir gehen. Wenn er
aber wieder anhob: „Ihr Prälaten, was Neues?“ da fingen die Alten an zu
reden. D. Wolf Severus, so der Römischen Königlichen Majestät Präzeptor
gewesen, saß oben an, der brachte, wo niemand Fremdes vorhanden, als
gewandter Hofmann was auf die Bahn. Wenn so das Gedöber anging, doch mit
gebürlichem Anstand, so schossen die andern auch ihren Teil dazu“[388].

Alle möglichen Dinge und Vorkommnisse gaben den Anlaß zu kürzeren oder
längeren Reden, bald die Tagesneuigkeiten, bald ein Gast, jetzt die
Kinder mit ihrem Spiele oder Unarten und dann Peter Wellers Hund, der so
andächtig morgens zum Essen war wie kein Beter. Alles mußte zum
Anknüpfungspunkt oder zum Sinnbild für höhere Wahrheiten dienen. Und
nicht selten gab Frau Käthe durch eine Rede oder durch ihre bloße
Anwesenheit die Veranlassung zu sinnigen Bemerkungen[389].

Die Tischreden wurden meist lateinisch gehalten, wie die Briefe Luthers
mit allen „gelehrten“, d.h. akademisch gebildeten, Männern lateinisch
geschrieben wurden. Bei alltäglichen Dingen, wo der deutsche Ausdruck
geläufiger war, ging es vom Latein ins Deutsche bunt durch einander.
Wenn ungelehrte Freunde oder Freundinnen zugegen waren, oder Frau und
Kinder der Unterhaltung folgen sollten, wurde deutsch gesprochen; doch
liefen auch da lateinische Brocken unter. Am treuesten ist dieser
Wechsel vom Latein und Deutsch bewahrt in Lauterbachs Tagebuch.

So viel verstanden aber auch die weiblichen Hausgenossen, teils vom
Kloster her, teils aus dem steten Hören von Lateinisch, daß sie sich
drein mischen konnten, oft sogar selbst vielleicht mit lateinischen
Phrasen. So Muhme Lene, welche auf die Frage, ob sie wieder ins Kloster
wolle, mit Non, Non! antwortete. Besonders aber die Doctorissa, wie sie
bei den jungen Leuten respektvoll genannt und geschrieben wurde[390].

So redete Luther einmal von der elterlichen Liebe: „Lieber Gott, wie
wird sich ein Herzpochen erhoben haben, da Abraham seinen einigen und
allerliebsten Sohn Isaak hat sollen töten! Es wird ihm der Gang auf den
Berg Moria sauer angekommen sein. Er wird der Sarah nichts davon gesagt
haben.“ Da fing seine Hausfrau an und sagte: „Ich kann's in meinen Kopf
nicht bringen, daß Gott so grausam Ding von jemands begehren sollte,
sein Kind selbst zu erwürgen.“ Luther widerlegte diese verständig
natürliche Einwendung mit dem theologischen Hinweis auf Gott selbst, der
ja seinen eigenen Sohn habe kreuzigen lassen. Aber die Doktorin konnte
sich damit nicht ganz überzeugen lassen[391].

Frau Käthe wußte auch Sagen. So erzählte sie von einem Wasserweib, das
in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schönen Stube
gesessen und hätte ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine
Wehemutter von einem „Geist“ geführt worden, um ihr beizustehen[392].

Ein andermal wurde bei Tisch erzählt, daß einer in der Stadt die Ehe
gebrochen. Da entsetzte sich Frau Käthe und fragte den Herrn Doktor:
„Lieber Herr, wie können die Leute nur so böse sein und sich mit solchen
Sünden beflecken?!“ Da antwortete er: „Ja, liebe Käthe, die Leute beten
nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand.“[393]

Einmal fing der Doktor mit seiner Käthe eine Disputation an über ihre
Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tüchtige, in lutherischen
Gedankengängen geübte Theologin, wurde natürlich aber von dem
Sieggewaltigen doch widerlegt und überwunden. Er fragte sie, ob sie
glaube, daß sie heilig wäre? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie:
„Wie kann ich heilig sein, da ich eine so große Sünderin bin! So sehr
hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser
Innerstes so durchsetzt, daß wir auch mit willigem Ohr Christus nicht
als unsern Erlöser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und
wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht
glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Sünde verbannt und
uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig
geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Sünder, aber weil wir
getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum.“

Luther entgegnete: „Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der
Teufel den Sünder wegführt, wo bleibt der Christ? Daher ist die
Unterscheidung meiner Gattin nicht gültig. Denn wer durch festen Glauben
an seiner Taufe hängt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig
nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Sündenvergebung nicht
verstehen, können diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, ärgern
sich nur, wenn sie solches von uns hören.“[394]

Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig
und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber
waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese
interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die
Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen
lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespräche zu
verlängern. Natürlich hatte Frau Käthe viel weniger Freude an diesen
theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas,
mochte langen Erörterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft
die gelehrten Gespräche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz
gewöhnliche Knüppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem
Gatten, der nicht leicht aufhören konnte, wenn er einmal im Zuge
war[395].

Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und
warm der Trank, da brach Frau Käthe mit einer Strafpredigt los über den
Text: „Was ist denn, daß ihr ohne Unterbrechung redet und nicht eßt?“
Ueber diese Störung war der Tischredenschreiber Cordatus entrüstet, er
hatte gerade eine gar schöne Auseinandersetzung Luthers über das
Vaterunser, den „Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael“,
die er „aus vollem glühenden Herzen“ that, heimlich aufgeschrieben. Aber
Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: „Wenn nur ihr Frauen,
bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten könntet (d.h. euch sammeln
und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!“ [396]

Aber auch Frau Käthe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese
weibliche Wohlredenheit wurde sie öfter aufgezogen von Luther. Er fragte
sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte
Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber
dürften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder:
Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermüdet, sie gar nicht zum Predigen
kommen. Einst saß ein gelehrter „Engeleser“ (Engländer) am Tische, der
kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: „Ich will Euch meine
Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar
beredt. Sie kann's so fertig, daß sie mich weit überwindet.“[397]
Freilich setzte er hinzu: „Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an
Frauen; es ziemt sich eher, daß sie bloß lispeln und stammeln. Das steht
ihnen wohl besser an.“ Und vom Unterschied der weiblichen und männlichen
Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespräch: „Die Weiber sind von
Natur beredt und können die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch
die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen. Das aber ist
wahr: in häuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber
geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und
Händeln taugen sie nichts. Dazu sind die Männer geschaffen und geordnet
von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so
fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum
reden sie davon auch läppisch, unordentlich und wüste über die Maßen.
Daraus erscheint, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann
aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und
Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“[398]

So kam Frau Käthe bei den Gesprächen der Männer wohl weniger zum Wort,
als sie verdient hätte; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie
sagte. Es ist schade, daß die „Tischreden“ so wenig von der Doctorissa
berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische
Erörterungen an — darum ist auch die einzige längere Rede von Käthe, die
sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern
wollten sie des Doktors Reden bringen: die Ergüsse seines übergewaltigen
Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt würdig.



13. Kapitel

Hausfreunde.


Die Humanistenzeit hatte ein ausgeprägtes Freundschaftsbedürfnis,
welches nur ein Seitenstück findet in der freundesseligen Stimmung
unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses
rege Freundschaftsgefühl äußert sich einerseits in den zahlreichen
Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so
beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem
heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese
Gelehrten damals mit einander standen. Alle möglichen Dinge teilte man
sich brieflich mit, selbst die intimsten persönlichen Erlebnisse und
Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man
sich auch dieses. „Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, daß ich nichts
zu schreiben habe“, ist kein ungewöhnlicher Briefinhalt dieser Zeit,
sogar bei Luther[399].

Den größtmöglichen Freundeskreis zählte aber begreiflicherweise das
Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Käthe.
Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die
mancherlei Magister, die als Präzeptoren ihrer und anderer Knaben im
Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schüler ihres
Mannes, die zahllosen Gäste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische
erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor
auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau
Käthe. Aus den Schülern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen
Freunde — ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche
Frau Käthe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der
Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch
Grüße, Glückwünsche und Geschenke warm hielten.

Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum
ein Brief, den Luther empfängt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau
Käthe gegrüßt wird oder grüßt, oder Glückwünsche und Beileidsbezeugungen
zu allerlei Familienereignisse und Glückwechsel empfängt und sendet.

Gar oft begnügt sich aber Frau Käthe nicht mit einem bloßen Wortgruß,
sie fügt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine
Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fürs Steinleiden
u. dgl.

Noch viel häufiger aber hat Frau Käthe zu danken für allerhand
Geschenke. Und nicht zum wenigsten nützt die wirtliche Hausfrau die
Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Aufträgen. Dies ging
bei Lauterbach sogar soweit, daß Luther selber einmal bei einer solchen
Bestellung meint, sie hätte den Freund förmlich in Dienst und Beschlag
genommen[400].

Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend
theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die
Verwandten: Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen, einige vornehme
Gevattersleute, wie die Kanzler Müller und Rühel in Mansfeld, die Goritz
in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der
Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Käthe in die Ferne
freundliche und ehrerbietige Grüße, Glückwünsche oder Einladungen
sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief — natürlich einem
Geschäftsbrief — sich aufschwingt. Auch der Straßburger Syndikus Gerbel
läßt Frau Käthe tausendmal grüßen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau
läßt ein Exemplar seiner Postille für die Doktorin binden und schenken
und sendet ein Glas, das „fein ganz“ ankommt. Endlich war noch eine
liebenswürdige Adelsfamilie Jörger von Tollet im Oesterreichischen, eine
Mutter mit mehreren Söhnen, welcher Luther einen evangelischen
Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschläge
gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken:
„ungarische Gulden“, „Kütten-Latwerg“ und andere „treue und teure
Gaben“; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden für arme
Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Später studierte auch
ein Enkel der Jörgerin in Wittenberg. Mit dieser „ehrenreichen, edlen
Frauen Dorothea Jörgerin, als besonders guten Freundin“, wurden gar
zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers
„Hausehre Frau Käthe“ oft zum Gruße kommt[401].

Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus _v. Amsdorf_,
wechselte Frau Käthe ehrerbietige Grüße, namentlich seitdem sie durch
den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnädigen Herrn Bischofs
geworden (1542); sogar mit einem Besuch „droht“ sie auf „künftigen
Sommer“. Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten
Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal für 7 fl.
Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402].

Mit dem kleinen M. Joh. _Agrikola_, dem Pfarrer von _Eisleben_ und
seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in
lebhaftem Verkehr. „Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden.“ Er hatte
schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nürnberger gehört, welche über die
Verlobung Baumgartens mit Käthe sich aussprachen und steht auch jetzt
noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Grüße an Weib
und Kinder, hinüber und herüber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt,
der Frau Käthe nur zu teuer ausfällt, und Elsbeeren oder kleine
Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Käthe eben Gelüste bekommt.
1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom
Augsburger Reichstag über Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung
an Frau Käthe, über den ihm Luther schreibt: „Ich errate leicht, was sie
Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und
sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!“[404] Luther nahm
sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht
mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kündigte und in
Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so öffnete sich ihm
das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther
zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur
„Lehre, Predigtstuhl und Kirche an“, sondern auch „Weib, Kind, Haus und
Heimlichkeit“[405]. Als aber Agrikola ein „Antinomist“ (Bestreiter der
Giltigkeit des Gesetzes für die Christen) wurde, da entbrannte Luthers
Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewährte Erlaubnis, in
Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz
väterlich stand, so daß er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor
einen Fußfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538);
aber Agrikola entzog sich dem Einfluß Luthers, ging nach Berlin und die
Freundschaft mit dem „Meister Grickel“ hörte natürlich auch für Frau
Käthe auf, ohne wieder angeknüpft zu werden. Als später einmal (1545)
Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloß die
beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Töchterlein fanden die
Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406].

Mit dem Pfarrer Jakob _Probst_ in Bremen, einem früheren Klostergenossen
Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in
früher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt;
Käthe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmäßig Grüße an
den fernen Gevatter und danken für Patengulden und andere Geschenke. Ihm
empfehlen die Eltern ihre Jüngste zur Versorgung, da Probst sie sich zum
Patchen auserlesen. Und „Herr Käthe“ befiehlt ihrem Gatten, noch
scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das
Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals
habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so daß man schon durch
die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die
Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn ängstigten, nachdem man
ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter
Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen.
Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Käthe wird ihm den
Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten
fröhlich begrüßt und ihm mit ihrer hübschen Stimme etwas vorgesungen
haben[407].

Weniger im Verkehr war man mit dem früheren Prior des Schwarzen Klosters
Eberhard _Brisger_, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm
Käthe Grüße aus[408].

Der ehemalige Klosterbruder (Stiftsherr der „Brüder vom gemeinsamen
Leben“) Gerhard _Viscampius_ zu Herford war auch ein besonders guter
Freund der Familie Luther und Melanchthon und sie nahmen warmen Anteil
an ihm. 1528 sendet er an das Lutherische Ehepaar Tuch und zwei Lampen,
welche die zwei Gatten jede Nacht ständig gebrauchten. Dafür soll er
auch regelmäßig Luthers Schriften erhalten[409].

Der alte „Stürmer und Schwärmer“ D. Gabriel _Zwilling_, Luthers
Klostergenosse, der ihm auf der Wartburg mit seiner Bilderstürmerei so
zu schaffen machte, war, nachdem er seinen Radikalismus ausgetobt, ein
ruhiger Pfarrherr zu Torgau geworden. Er hatte zur Befreiung der Nonnen
aus Nimbschen mitgewirkt, und kam verschiedentlich nach Wittenberg,
durfte auch einen etwas schweren Auftrag Käthes wegen Beschaffung eines
Leinenkastens besorgen[410].

Der Reformator und Stadtprediger von Gotha, _Mykonius_, der auch zur
Zeit der „Wittenberger Konkordia“ sich im Lutherhause aufhielt, bekam
von Käthe Grüße, Glückwünsche, Danksagung für ein „Käse-Geschenk“, auch
Verhaltungsmaßregeln gegen seine Frau und Teilnahme an seinem
Brustleiden[411].

Ein besonderer Verehrer der Frau Doktorin war der feine Straßburger
_Capito_ (Köpflin), welcher im Jahre 1536 mit Butzer in Wittenberg die
„Konkordia“ der sächsischen und oberländischen Kirche zustande brachte
und dabei im Lutherhause verkehrte. Er läßt die „treffliche Frau
Katharina von Bora, seine Wirtin“, grüßen und sendet nach seiner
Heimkehr ihr einen goldenen Ring als Zeichen seiner Gesinnung gegen sie,
„welche mit Recht so hoch geschätzt wird, weil sie mit hausmütterlicher
Sanftmut und Emsigkeit die Versorgung unsres Lehrers übt“. Und auch Frau
Käthe schätzt den Straßburger Gast. Wiederholt läßt er sie grüßen und
verspricht ihr zur Frankfurter Messe 1537 einen Brief. Capito erbat sich
sogar mit den übrigen Straßburger Freunden Gerbel, Butzer u.s.w. den
Sohn Hans erziehen zu helfen[412].

In _Nürnberg_ hatte Luther und damit auch seine Käthe, allerlei gute
Freunde, besonders seine beiden Ordensbrüder, Wenceslaus _Link_ und Abt
_Friedrich_ (Becker, Pistorius), die ihm manches schöne Geschenk und
Gerät an Uhren, Drechslerwerkzeug, Holz- und Kupferstichen, feines Obst,
Sämereien aus der reichen Freistadt besorgten. Auch sie läßt Käthe
grüßen[413].

In der Reichsstadt lebte aber auch ihre „alte Flamme“, wie Luther
schreibt, der Ratsherr Hieronymus _Baumgärtner_. Die alte Liebe zu ihm
hatte sich zu herzlicher Freundschaft gestaltet, und es ist ein gar
schönes Zeichen eines natürlichen und gesunden Gefühls, daß sowohl
Luther als Frau Käthe in ganz unbefangener offener Weise von dieser
liebenden Verehrung für den ehemaligen Geliebten reden unter sich und
dem gemeinsamen Freund gegenüber: „Es grüßt Euch verehrungsvoll meine
Käthe, Eure alte Flamme, welche Euch ob Eurer Tugenden und Vorzüge mit
neuer Liebe umfaßt und von ganzem Herzen Euch wohl will.“ Von Koburg
schreibt Luther am 1. Oktober 1531 an Baumgärtner: „Ich grüße Dich im
Namen meiner Herrin, Deiner einstigen Flamme; so werde ich ihr erzählen,
wenn ich heim komme. So pflege ich auch sie in Deinem Namen zu necken.“
Als 1543 Luther durch seinen Tischgänger Besold einen Brief erhielt,
rühmte er des Briefschreibers Sittenreinheit, Frömmigkeit und Tugend. Da
fragte Luthers Gattin „nach ihrer Gewohnheit“, wer denn der Schreiber
des Briefes wäre. Luther antwortete: „tuus ignis Amynthas: Dein alter
Buhle (Liebhaber).“[414] Der Ton, diesem Freunde gegenüber, ist ein gar
herzlicher, namentlich in dem Trostbrief Luthers an Baumgärtner und
seine Frau, als der Nürnberger Kaufherr von dem Ritter Albrecht von
Rosenberg (bei Mergentheim) gefangen genommen und lange in Haft gehalten
wurde, so daß Frau Sibylle mit ihren fünf unerzogenen Kindern länger als
ein Jahr um das Leben ihres Ehewirts in Angst schwebte. Die Wittenberger
Freunde beteten in der Kirche öffentlich um die Freilassung und gingen
den Landgrafen von Hessen darum an[415].

Auch Veit _Dietrich_ blieb trotz seines Spanes mit Käthe nicht nur
Luthers Freund nach seinem Wegzug nach Nürnberg, wo er Pfarrer an der
Sebalduskirche wurde, sondern auch mit Frau Käthe stellte sich bald
wieder ein freundliches Verhältnis her. Sie läßt ihn wiederholt
grüßen[416].

Mit den Freiberger „Geschwistern _Weller_“, dem jüngsten Peter, dem
Komponisten Matthias und besonders dem Theologen Hieronymus, aber auch
der Schwester Barbara Lischner standen die Lutherischen Eheleute in
freundschaftlichem Verhältnis. Der eine mußte in seiner Schwermut
aufgerichtet werden, der andere versorgt, die Schwester belehrt über den
heimlichen Empfang des heiligen Abendmahls[417]. Dem Komponisten
Matthias läßt Luther mit Frau Käthe danken, für sein „gutwillig Herz, so
er erzeigt hat mit dem Gesang und den Borsdorfern.“ Das Lied sängen die
Männer unter Tisch, so gut sie's könnten. „Machen wir etliche Säue
(Böcke, Fehler) darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern
unsre Kunst. Wenn's schon alle Komponisten gut machen, so ist unser
Ernst wohl noch weit drüber und können's böse genug singen. Es folgen
uns alle Regiment der ganzen Welt; sie lassen Gott und alte Vernunft
sehr gut Ding komponieren und stellen, aber sie singen auch, daß sie
wert wären einen Markt eitel Würste aus den Säuen oder Klöppel in den
Feldglocken[418]. Darum müßt ihr Komponisten uns auch zugut halten, wenn
wir Säue machen in den Gesängen. Denn wir wollten's lieber treffen denn
fehlen. Solchen Scherz, bittet meine liebe Käthe, wollet ihr für gut
annehmen, und läßt Euch freundlich grüßen. Hiemit Gott befohlen. 1535.
Priska-Tag.“[419]

Dr. Hieronymus Weller heiratete um diese Zeit ein Freiberger Mädchen,
die Tochter G. am Steige. Natürlich sollte ihm Frau Käthe die Hochzeit
in Wittenberg ausrichten. Aber Frau Käthe war damit nicht einverstanden;
kannte sie doch die große Unmuße und Unkosten, welche ein Doktor in
einer Universitätsstadt aufwenden müsse: und hier wäre sowohl der
Hochzeiter, wie der Hochzeitgeber ein Doktor; daher müßten viele Leute
eingeladen werden; Weller solle sich die Liste, die beigelegt sei,
einmal ansehen und werde dann merken, welche Menge geladen werden müßte
(wenn man auch einige streichen könnte), wofern man des Hochzeiters und
seiner Angehörigen Ehre bedenke, zumal man die angesehenen Freunde doch
ehrenvoll bewirten müsse. Das sei sehr schwer. Auch koste es mehr als
100 fl. Die Eheleute rieten Weller daher, die eigentliche Hochzeit
anderswo zu halten und es einzurichten wie M. Kreuziger und Dr. Brück,
nämlich mit geringer Begleitung nach der Universitätsstadt zu kommen, zu
einem Morgen- oder Abendessen mit zwei oder drei Tischen. Hoffentlich
war der Dr. Hieronymus und seine Braut so verständig und gingen darauf
ein. Während der ledige Doktor bei Luthers gewohnt hatte, zog er mit
seiner jungen Frau in ein eigenes Haus in der Nachbarschaft. Nicht lange
darauf wurde Weller Pfarrer in seiner Vaterstadt Freiberg, wo Herzog
Georgs Bruder Heinrich residierte und dem Evangelium beitrat; er blieb
aber in regem Verkehr mit dem Lutherhaus[420].

Nach Freiberg wurde 1538 auch M. Nikolaus _Hausmann_ als Stadtpfarrer
berufen. Er war einer der ältesten und besten Freunde des Lutherischen
Hauses, ein sanfter, liebenswürdiger Mann und Junggeselle. Zuerst in
Zwickau angestellt (bis 1532), wurde er dann Hofprediger bei den drei
Anhalter Fürsten in Dessau (1532-38). Die Bekanntschaft Käthes mit ihm
ging durch ein zierliches und mühsam geflochtenes Körbchen und das
schöne Glasgefäß, welches Hausmann selbst gemalt und als Andenken in den
jungen Haushalt geschickt hatte und das Käthes Wohlgefallen erregte (S.
96)[421]. Von da an sendete Frau Käthe dem Zwickauer Stadtpfarrer stets
angelegentliche Grüße und wird wieder gegrüßt in den zahllosen Briefen,
die fast jede Woche zwischen dem Wittenberger Kloster und dem Zwickauer
Pfarrhaus hin und wieder fliegen. Sie empfiehlt sich in schweren Zeiten
seinem Gebet oder bedankt sich für gesandtes Chemnitzer Leinen, wofür er
eine Last lutherischer Schriften durch den Paketträger erhält[422]. Auch
„lebendige Briefe“ gingen hin und her: allerlei Freunde und Bekannte,
namentlich seitdem auch Cordatus nach Zwickau versetzt war, anfangs
1529.[423] Oefters wird Hausmann eingeladen: seine Stubella (Stüblein)
sei bereitgestellt und alles gerüstet — trotzdem Frau Käthe einen jungen
Erdenbürger erwartet. Einigemale kam auch Hausmann wirklich den weiten
Weg nach Wittenberg[424].

Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich
auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel
regerer Verkehr möglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von
der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses
verspeist wurde. Als er krank wird, bekümmert sich „Herr Käthe“ in gar
„stattlichem stetem Gedanken um den Freund“. Ja, da dieser so oft
kränklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille
und Ruhe genieße. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent
nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner
Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde
und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen
und brachten ihm die Nachricht erst allmählich bei — er aber saß einen
ganzen Tag und weinte, und auch Frau Käthe wird dem Getreuen ihre
Thränen nachgeweint haben[425].

Der frühere Tischgenosse _Schlaginhaufen_ war im Jahre 1532 nach Zahna,
nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit
dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von
Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem ärmlichen und der
Gesundheit des schwachbrüstigen Mannes wenig zuträglichen Orte hielt er
es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Köthen und reformierte
dies Ländchen. Dahin grüßt auch Frau Käthe. Er reiste mit nach
Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurück bis Tambach, lief
dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu
den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit!
Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426].

Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Käthe in regem
Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Grüße an ihre ehemaligen
Tischgenossen M. _Lauterbach_ und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und
Elslein („Lamm“ und „Lämmlein“); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so
Frau Käthe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v.
Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meißen hatte
sich gegen Lauterbach gesträubt, weil er nicht geweiht wäre; da sagte
Lauterbach zu dem bischöflichen Amtmann: „Ich bin genug geweiht durch
mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein
Leib“[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach
vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von
1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch
gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse
Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war öfter da
und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es
war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Käthe, ob sie heilig
wäre; da sagte sie, sie wäre heilig, so viel sie glaubte; wäre aber eine
Sünderin, sofern sie ein Mensch wäre. Von Pirna hat Lauterbach die
Steinmetzarbeit an der Hausthür für Frau Käthe besorgt, weiterhin
Rebpfähle, mehrmals Pelzröcke für die Töchter, auch Butter und Aepfel,
Borsdorfer und andere, „rötliche“, von welchen sich dann Frau Käthe auch
Zweige zur Veredlung bestellt[428].

Georg _Spalatin_ war bald nach Luthers Vermählung aus dem Hofdienst
getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger
Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit
ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen
amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll
Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen,
nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13
Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so häufiger aber sandten sich
die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die häuslichen
Vorkommnisse mit und Frau Käthe drängt dabei ihren Mann zum Schreiben.
„Meine Rippe“ oder „mein Herr Käthe“ senden an Spalatin und „seine
Rippe“ oder „Kette“ (sie hieß auch Katharina), seine „Hindin“ und ihre
Kleinen Grüße und Glückwünsche, wünscht ihm auch ein kleines
„Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich rühmt von ihrem Hänslein
gelernt zu haben, nämlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren
der Papst mit seiner Welt nicht wert ist“[429]. Den in Schmalkalden
schwer erkrankten Luther ließ Frau Käthe ins Altenburger Pfarrhaus
bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung
ist sie für die „freundliche Liebenswürdigkeit und liebenswürdige
Freundlichkeit“, die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes
erfahren. Sie ist unglücklich, daß sie in der Aufregung den Töchtern
Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schön gebundene Büchlein,
ihr gewöhnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswürdigkeit
des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf
ausführt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so
giebt sie ihm allerlei Aufträge mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit
weg und näher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden
Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige
Hofmann, bei dem Schöffer dafür sorgen, daß sie Eichenstämme und dicke
Prügel für Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre
Fuhrleute und Handwerker der Fürsorge Spalatins. Und dieser interessiert
sich für ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, daß ihm Luther
ausführlich über all die Mißgeschicke schreiben muß, welche seine Frau
mit den sächsischen „Harpyen“ hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen.
Dafür schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine
Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt
hatten.[431]

Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter _Hans von
Taubenheim_. An ihn wendet Käthe sich vertraulich mit wirtschaftlichen
Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539,
scheint's, in Ungnade fiel. Luther muß ihm schreiben: „Meine Käthe läßt
Euch herzlich grüßen und weinet bitterlich über Euren Unfall und sagt:
wenn Euch Gott nicht so lieb hätte, oder wäret ein Papist, so würd er
Euch solch Unglück nicht geschehen lassen.“[432]

Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswärts und waren nur
besuchsweise oder doch vorübergehend in Wittenberg. Die befreundeten
Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die
Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen
und Röhrer, weniger bedeutend der andere Schloßprediger D. Georg Major,
der Professor des Hebräischen Matthäus Aurogallus (Goldhahn),
Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein
Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib
Hanna von Frau Käthe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt
wurde. Sie alle waren vielfach Gäste in Luthers Haus, namentlich bei der
Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise ließ sich Luther mehr gehen, als an
der Tafelrunde der Tischgenossen, mit „fröhlicher Laune und witzigem
Scherzwort“[433].

_Kreuziger_, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und
„Fürbund“, den er (seit 1528) zu seinem „Elisa“, seinem Nachfolger in
der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben
hat, war — ausnahmsweise — ein wohlhabender Theologe[434]. Für ihn
besorgte Frau Käthe Aufträge und seine Frau Elisabeth, eine gewesene
Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Meßgeschenk, wofür Luther an
Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war
die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen ließ.
Es beginnt:

  Herr Christ, der Einige Gottes
  Vaters in Ewigkeit,
  Aus seinem Herz entsprossen
  Gleichwie geschrieben steit.
  Er ist der Morgenstern,
  Sein' Glanz streckt er so fern
  Vor andern Sternen dar[435].

Elisabeth starb früh, so daß Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530);
mit der Hochzeit wollte er aber Frau Käthe nicht beschweren und hielt
sie auf Schloß Eilenburg ab, das ihm der Kurfürst auf Luthers Bitte
dafür zur Verfügung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers
Geburtstagsschmaus[436].

_Bugenhagen_ oder D. Pommer, der stattliche und würdige Propst,
Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent
(1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes
Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt
er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines würdevollen
Wesens war er doch „im gemeinen Wandel eines liberalischen, fröhlichen
und fertigen Gemüts“. Er stellte sich von Anfang auf Frau Käthes Seite.
Er half ihr — nebst dem Kapellan Röhrer — das schöne Glas vor Luthers
Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte
sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe grüßen gar oft
in einem Atem: Dr. Pommer und meine Käthe oder meine Käthe und Dr.
Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief
an Spalatin, worin „Dominus mea“ („meine Herr“ Käthe) grüßte. Einen
Brief Luthers an Frau Käthe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D.
Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Käthe auch allerlei
an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen
Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches
von Augsburg. „Sage D. Pommer“, heißt es dann in Luthers Briefen an
seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergötzte die Freunde gar sehr mit
seinen Sprüchen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn
der „schwäbische“ Pfälzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen
wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die
Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher
Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knäblein, Frau Käthe mit ihrem
Töchterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Söhne[441]. 1528 wird
zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers „Eva“ im Kloster ein
Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg „geliehen“, dann
nach Lübeck, Pommern und Dänemark, und erzählte dann daheim, nach der
Landesart gefragt, zum Ergötzen der „Tafelrunde“, dort tränken die Leute
„Oel“ und äßen „Schmeer“ (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also
viel weg von Wittenberg, zur großen Sorge Luthers, der seine
Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu übernehmen mußte.
So hatte auch Frau Käthe gar oft nach dem „Pommerischen Rom“ mit seinen
kleinen Weltbürgern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442].

Justus _Jonas_, „der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus“ nachher
(1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes,
nahm im Lutherhause eine ähnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur
hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer.
Er war vielmehr kränklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher,
„unser Demosthenes“, der lieber redete als schrieb; denn er „drohte“ nur
Briefe zu schreiben, führte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die
Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg.
Während der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in
seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den
Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel
abwesend von Wittenberg, so daß Luther viele und häufige Briefe an ihn
zu schreiben hatte, in denen Frau Käthe mit Grüßen, Aufträgen und
Mahnungen und dgl. sich hören läßt. Umgekehrt grüßt auch Jonas die Frau
Doktorin, Muhme Lene, Hänschen, Lenchen — und sendet seinem Paten einen
silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis
des Kurfürsten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit
Katharina von Falk. Sie hatte eine große Kinderschar (1530 schon 5
Söhne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph,
„Sophiela“, „Elisabethula“, auch eine Großmutter lebte im Haus und
erhielt von Luther Grüße[444]. Frau Käthe Jonas war eine muntere,
heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger
Stadtschreiber Baldunai: „Ich hab' Melanchthon mit der Pröpstin tanzen
sehen! Es ist mir wunderlich gewesen.“ Auch Luther richtet an sie
gelegentlich einen scherzhaften Brief als der „Ehrbaren, Tugendsamen
Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner
günstigen Freundin und lieben Gevatterin“ und schließt: „meine Käthe und
Herr zu Zulsdorf grüßet Euch alle freundlich.“[445]

Mit der „Jonischen“ Familie war die Lutherische eng befreundet,
namentlich die beiden Käthen waren aufs innigste mit einander verbunden,
sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkräftige
Lutherin war offenbar recht angezogen von der fröhlichen Natur der
Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin
gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn
Martinus ein Billet („Zedula“), worin sie von der Geburt eines Jonischen
fünften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie während der Pest
mit der Universität auch in Jena weilt, bestellt die „Erzköchin“ bei
Jonas für einen Thaler allerhand Geflügel und Wildbret zu einem
Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und
heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von
der „Güte des Weins“ bei Spalatin berücken zu lassen, wodurch der Leib
so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfässer, wenn sie
ausgetrunken sind. Mit dem Bier wußte Frau Jonas nicht so wohl Bescheid
wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war
verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten
und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle
sandte[447]. Als Frau Käthe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte,
da schrieb Jonas manchen betrübten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und
Sorge. „Wenn mein Brief so trübselig ist, so ist die Trauer schuld um
die hochgeschätzte Frau, weil sie so krank darniederliegt.“ Und er freut
sich „dann, als ἡ γυνή des Herrn D.M. Luther durch göttliche Wunderkraft
wieder gesundet.“ Im Frühjahr 1541 zog Jonas nach Halle, um dort trotz
des Bischofs „mit Volk und Rat“ die Reformation durchzuführen[448]. Da
sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein bekam, lange hinausziehen
sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin ihrem Manne nach, während der
Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden sollte. Sie verabschiedete sich
so eifrig und eilig, daß sie sogar vergaß, Briefe von Luther mitzunehmen
und dieser samt seiner Frau sie neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider
sollten sie die Freundin nicht mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben
Töchterchens Lenchen Tod verlor Frau Käthe auch ihre beste Freundin. Sie
starb in Halle um Weihnachten 1542, indem sie „mit gar frommen und
heiligen Worten ihren Glauben bezeugte.“ Frau Käthe war ganz weg bei
der Trauerkunde[449].

Etwas weniger herzlich scheint das Verhältnis zur Familie Melanchthon
gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die
Männer, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren
Gärten und Häusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit
einander, wie aus dem Märchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther
schreibt dem ängstlichen Magister während seiner Abwesenheit genau alle
Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffällig ist doch, daß in
all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen
ausdrücklich niemals erwähnt ist. Frau Käthe Melanchthon war der
temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die
Frau Käthe Jonas. Sie fühlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen
des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers überall
zurückgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die
Doktorin. Die wohlhabende Bürgermeisterstochter und das arme
Edelfräulein standen sich wohl von Anfang an gegenüber, nochmehr aber,
als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt,
ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklärung der Stimmung von Frau
Melanchthon muß wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen
werden, welche derjenigen von 1572 ähnlich gewesen sein wird. Die
Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfütterte Haube tragen,
und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebräm
verlängern — die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war bloße
Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloß 6 Tische bei
Hochzeiten haben; letztern waren auch Röcke, Barett oder Schläpplin aus
Sammet und Seide verboten[451].

Es traten sogar einmal Mißstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein,
welche sich natürlich auch auf die beiderseitigen Frauen übertrugen.

Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers
alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Mäcen
aufspielte, als seinen Gönner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit
Melanchthons Töchterlein (1536) war der erzbischöfliche Kanzler Türk zu
Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit
machten auch andere römische Kirchenfürsten den Versuch, Melanchthon auf
ihre Seite zu bringen. Luther zürnte über die „Erasmischen Vermittler“,
wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus
werden. Die Anhänger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schärfer
gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner ängstlichen Art
vor einer offenen Aussprache mit Luther. Käthe hätte gerne eine
freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewünscht;
die „Doktorin“ beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch
gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine
Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber dem widersetzte sich die
„Weibertyrannei“ der Frau Melanchthon[452].

Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon
Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und
Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie
dieser. Für diesen Schöngeist verwendete sich Melanchthon um ein
Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg
erzogen war und diese löbliche Stadt für sein Vaterland hielt. Er bekam
auch wirklich eine Unterstützung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach
Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453].

Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der „ehrlose Bube etliche Epigrammata
ausgehen und sogar an den Kirchthüren verkaufen lassen, ein recht
Erzschund-, Schmach- und Lügenbuch, wider viel ehrliche Manns- und
Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt.“ Natürlich machte
das Büchlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte
häßliche Geschwätze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur über
litterarische Erscheinungen von Universitätsangehörigen zu üben. Daher
erhob sich gegen ihn der Verdacht, daß er mit Absicht die böse Schrift
habe drucken lassen. Aber Luther überzeugte sich bald, daß es „hinter
Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen“, ausgegangen
war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der
„Poetaster und Leuteschänder“ Lemnius flüchtete und wurde relegiert,
rächte sich aber durch ein unflätiges Schmähgedicht auf Luthers und
Käthes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das
gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau
Käthe läßt nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig
Grüße zusenden und dieser versäumt nicht nach wie vor „Luthers
hochverehrte Gemahlin und süße Kinder zu grüßen“. Ja das Verhältnis zu
ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie
läßt dem Magister besonders nachdrücklich danken, daß er ihren Doktor
nicht mit nach Schmalkalden — schlimmen Angedenkens — mitgenommen hat.
Sie versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als
Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte tödlich erschrocken
darniederlag, heißt sie ihn tapfer und „fröhlich“ sein und versichert
ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und
kräftig für ihn zu beten. Nach Worms läßt sie ihm melden, sie siede eben
für ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu
empfangen. Und M. Philipp läßt sich auch sorglich über ihr Wohlergehen
berichten und wäre sehr beunruhigt, wenn er hören müßte, es ginge der
Frau Doktorin übel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag
nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456].

Eine gewiß noch rascher vorübergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge
eines Vorwurfs, den Frau Käthe Melanchthon machte und den der
empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte nämlich, man
glaube, er bevorzuge seine schwäbischen Landsleute vor den Sachsen. Das
konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in
einem Brief an Freund Jonas die δεσποινα (Herrscherin) darüber
verklagt[457].

Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Käthe kennzeichnet ein Brief,
den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben;
es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von
Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschäftstüchtig Frau
Käthe war, daß Melanchthon sogar ökonomische Aufträge ihr gab, statt
seiner eigenen Gattin, die er wohl auch für weniger schreibfertig halten
mußte, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]:

„Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner
besonders günstigen Freundin.

Gottes Gnad' und alles Gute!

Ehrbare, tugendsame Frau Doktorin!

Ich füge Euch zu wissen, daß wir nun, Gott gebe Gnad, bis gen Augsburg
kommen sind und haben den Herrn Doctor zu Coburg gelassen, wie er ohn
Zweifel Euch geschrieben hat. Ich hoff aber, in kurz bei ihm zu sein.
Bitt Euch, Ihr wollet mir schreiben, wie es Euch geht und wie sich der
Hauptmann Korns halber erzeiget hat. Womit ich Euch dienen kann, will
ich mit allem Fleiß, wie ich mich schuldig erkenne, solches thun und
ausrichten.

Beide Kanzler[459] grüßen Euch und wünschen altes Gute. Gott bewahre
Euch!

Datum Augsburg, Mittwoch nach Walpurgis. Philippus.

Herzog Georg von Sachsen soll morgen kommen. Der Kaiser ist noch ferne,
kommt aber.

Liebe Gevatter! Auch ich wünsche Euch, Hänschen Luther und Magdalenchen
und Muhme Lene viel selige Zeit. Pusset mir in meinem Namen meine
liebsten Jungen.

J. Jonas.

Ich, Johann Agricola Eißleben, mein es auch gut, meine liebe Frau
Doktorin.“

Wie hier im Brief, so maßen sich an Käthes Tisch die Freunde an der
theologischen Tafelrunde im Redewettkampf um den Preis des kürzesten
Tischgebets. Da zeigt sich nun Luthers Sinnigkeit, Bugenhagens
hausbackenes Behagen und Melanchthons zierliche Feinheit in den Sprüchen
Luthers: Dominus Jesus sit potus et esus (der Herr Jesu sei Speis' und
Trank); Pommer: „Dit und dat, träg und natt, gesegen uns Gad“; und
Melanchthons: Benedictus benedicat (der Gesegnete segne)[460].

Außer den beiden Frauen der Kollegen Jonas und Melanchthon wird
Katharina wohl vorzüglich mit Frau Barbara Kranach verkehrt haben und
Frau Bürgermeister Reichenbach, ihrer Pflegemutter, beide ältere
Matronen, und ebenso mit der Familie des Buchdruckers Hans Lufft.
Selbstverständlich gehörte die Gemahlin des Doktors zu den vornehmen
Kreisen, ja sie war bei weitem die angesehenste Frau Wittenbergs und es
entspricht ihrer Stellung, wenn Meister Lukas sie auf dem Altarbilde der
Stadtkirche mit ihrem Kinde in der vordersten Reihe malt. Sie trug auch
das feine goldschimmernde Pelzwerk um die Schultern oder in Streifen am
Kleid, das die Patrizierin auszeichnet. Ein gewisses Selbstgefühl läßt
sie auch verschiedentlich durchblicken. So läßt sie einen Freund ihres
Mannes „warnen, beileibe keinen Bauernkloppel zur Ehe zu nehmen; denn
sie sind grob und stolz, können die Männer nicht für gut haben, können
auch weder kochen noch keltern“. Daneben freilich ging sie mit andern
Frauen (in der Weise unserer heutigen Frauenvereine) kranken Weibern und
Wöchnerinnen mit Rat und That an die Hand[461].

Aber man versteht es auch, daß eine Frau von der Anlage und dem
Temperament und Bildung Katharinas mehr auf den Umgang mit Männern
hielt, und daß dieser Umgang, zu dem sie so viel Veranlassung und
Gelegenheit hatte, sie wenig geneigt machte, sich viel in weiblicher
Gesellschaft zu bewegen.

Freunde um sich zu haben, war Luther ein Bedürfnis. Er haßte die
Einsamkeit aus Furcht vor „Anfechtungen“ — mußte er doch in den
Nachtstunden dem Teufel genug Rede stehen. „Ehe gehe ich zu meinem
Schweinehirten Johannes und zun Schweinen, denn daß ich allein bliebe“,
sagt er zum Exempel für einen Angefochtenen. So war er auch stets in
Gesellschaft, wenn er spazieren fuhr[462].

Bei der Bibelübersetzung (1525-34) und der Bibelrevision (1539-42) kamen
die Gehilfen Luthers, Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Kreuziger,
Aurogallus und der Schnellschreiber und Korrektor Röhrer zum
evangelischen „Sanhedrin“ zusammen, und nachher blieben sie oft zu
Tische da, disputierten weiter, oder erholten sich auch an heiterem
Gespräch und Gesang.

So war der Gasttisch in Käthes Haus nimmer leer — dafür sorgte Luther.

Aber auch ihm persönlich und besonders widmete sie als echte deutsche
Frau ihr Leben.



14. Kapitel.

Käthe und Luther.


„Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein
lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und
Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden
und Einigkeit leben. Die höchste Gnade Gottes ist, ein fromm,
freundlich, gottesfürchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest,
der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben
anvertrauen.“ So preist Luther die Ehe, und _seine_ Ehe und seine
Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen führte
und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schönes Heim, einen glücklichen
Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm „wie eine
Ehefrau, ja wie eine Magd“[463].

Käthe sorgte vor allem für ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in
gesunden und kranken Tagen[464].

Die „Erzköchin“ verstand den leiblichen Bedürfnissen ihres Mannes
gerecht zu werden; sie wußte, was seinem Geschmack entsprach und was
seiner Gesundheit zuträglich war. Luther wußte auch, was das heißt, und
daß „das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in
der Küche: es ist das erste Unglück, woraus viele Uebel folgen.“ Aber
auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch
schreibt: „Der Frauen Augen kochen wohl.“[465]

Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit
gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm
Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise:
Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine
Gattin erkannte bald, daß dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise,
bei seiner angestrengten geistigen Thätigkeit und namentlich, weil er in
den Tagen seines unnatürlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine
Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstörungen an schweren
Schwindelanfällen litt, — daß diese derbe Kost ihm wenig zuträglich sei
und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen
müsse, und überhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So
hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur
Erbsen und Hirsen, Grütze, Graupen und Reis vorrätig, da gab es auch
Kraut, Kohl, Mohren, Rüben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte
Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schätzte er
besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster
nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gänse und Enten,
Hühner, Tauben und Krammetsvögel, frische und dürre Fische und Krebse
kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten;
Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu „melancholisch“.
Zwar hielt Käthe selber Rinder und Hühner, pflanzte allerlei Frucht und
Gemüse, zog Obst, buk das tägliche Brot und sott Bier; aber vieles mußte
noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich
sorgte der Hof für Wildbret und die Freunde für schönes Obst:
Borsdorfer, Gold- und Blutäpfel. Frau Käthe aber würzte die Speisen mit
Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, „Zippel“ (Cipola, Zwiebel),
Petersilien, Kümmel und Karbey, schmälzte mit Butter und süßte mit Honig
und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche
und Nüsse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast über der
Tafel[468].

Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen
und Getränke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem
wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepreßten Käse, welche Lauterbach
fern aus Pirna herschickt, sind ihm „unsre Käse von einfachem Stoff und
einfacher Form“. Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht,
während er jenem das Bier von seiner Käthe anpreist als ein erprobtes
Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die „Königin
aller Biere“. Bei Hof gedenkt er an seinen „freundlichen lieben Herrn“
Käthe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort müsse er einen bösen
Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht
bekomme[469].

Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise
und fremder Herberge nach seinem gemütlichen Heim und dem behaglichen
warmen Bett!

Käthe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen
Ehefrauen einschärfte: „Halt dich also gegen deinen Mann, daß er
fröhlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen
sieht.“[470]

Freilich hatte Frau Käthe auch in Beziehung auf die Verköstigung ihres
Gatten mit dessen Eigensinn zu kämpfen, denn der Doktor genoß oft
mehrere Tage lang gar nichts, oder er aß nur einen Bratfisch und ein
Stück Brot; wenn er ganz ungestört studieren wollte, nahm er einen
Bissen Brot und zog sich in sein Studierstüblein, seine alte
Mönchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und — zum Schlafen. So
schloß er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklären, mit Brot und Salz
ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Käthe doch
ängstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thür. Keine Antwort. Sie
ließ nun den Schlosser kommen und die Thüre aufbrechen. Da rief er
unwillig: „Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich
vorhabe? Weißt Du nicht, daß ich muß wirken, so lang es Tag ist; denn es
kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ Ein andermal (1541) hatte sie
ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner
„Anfechtung“ vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und
nichts trinken wollte[471].

Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen
Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte:
„Darf unser Herrgott große Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich
sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal
aus Herzensgrund dich freuest oder lachest.“ Da wußte nun Frau Käthe
ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich
zu schmücken. „Das Königreich“ wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert,
„da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete,
wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf mußte das Hausgesinde
antworten.“ An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch
das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die
Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Käthe aber
sorgte dafür, daß allerlei Gutes und Schönes ins Zimmer und auf den
Tisch kam[472].

Ganz vorzüglich bewährte sich aber Frau Käthe als Krankenpflegerin. Da
zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es
alles für Krankheiten in einer so großen Familie gab, läßt sich denken.
Da waren nicht bloß die Kinder und Schüler, welche allerlei
Kinderkrankheiten, zum Teil tödliche, durchmachten; da schleppte Luther
noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so daß
es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein „Spital“ war[473].

Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor
selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue
Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche
Hautausschläge und Geschwüre, Rheuma, Hüftenweh und Brustbeschwerden. Er
hatte insbesondere einen bösen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie
„Faustschläge des Satans“ plagte; sodann verursachten ihm seine
Verdauungsstörungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh,
Ohrensausen und Schwindel, Krämpfe und Ohnmachten: Anfälle, vor denen er
als „Anfechtungen des Teufels“ sich heftig fürchtete und die ihn oft mit
tiefer Schwermut erfüllten[475]. Da galt es, eine geduldige und
fröhliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Käthe verstand ihren Patienten
zu behandeln, besser als die großen Doktoren, die Herren Aerzte; sie
wußte, wie man den Kranken behandeln mußte mit Nahrung und
Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes
Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkräftiger Salbe und Aquavitä ein und
erwärmte ihm den Leib mit heißen Tüchern: sie erquickte ihn mit
Kraftküchlein und allerlei Säften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen
den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem
alten Rosenkranz und löste ihm die weißen Bernsteinstückchen auf, welche
der Herzog von Preußen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach
dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen berühmten Arztes Paul Luther,
war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu
seiner Professur in Jena: „Meine Mutter hat nicht allein in
Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch
Männer oft von Seitenschmerzen befreit.“[477] Ihr vertraute sich daher
Luther auch lieber an, als „unsers Herrgotts Flickern“, den Aerzten und
den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden tödlich erkrankte und die
Aerzte ihm Arzneien gaben, „als ob er ein großer Ochs wäre“, und der
schwäbische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: „Ei, lieber Herr
Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch
zuzusetzen; Ihr müßt, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift“ — da
dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und
begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477].

Luther hatte den Grundsatz: „Ich esse, was mir schmeckt und leide
darnach, was ich muß. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir
mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer
machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt.“ So
berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth von
Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von
Mansfeld und zuletzt des Kurfürsten von Sachsen Leibarzt — auch zu
Zeiten Luthers eigener Arzt[478]:

„Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der
Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus
der Apotheke. Zudem hatte er große körperliche Schmerzen und gar keine
Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm
seine Hausfrau aufs beste und fleißigste zugerichtet, von sich schob,
bittet sie ihn aufs fleißigste, er wolle doch selbst eine Speise
erwählen, dazu er möchte Lust haben. „Wohlan“, spricht er, „so richte
mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja
willst, daß ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir
vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht.“ Die Frau
thuet, wiewohl mit großen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das
Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun
mit großer Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte — seine Medici
waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend — ihrer Gewohnheit nach
und wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen
sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schädlich und
ungesund achteten. „Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor“, sagte Lic.
Fend, „daß Ihr Euch wollet selber noch kränker machen!“ D. Luther
schwieg ganz stille und aß immer fort und hatte ein Mitleiden ob der
Medikorum Traurigkeit, die so hart für ihn sorgten. Bald nachdem sie
Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er würde gar eine
tödliche Krankheit erwecken, kommt ein großer Stein von ihm, dessen sie
vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des
andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu
finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstüblein über den Büchern
sitzen, dessen sie sich hoch verwundern.“

Aber Frau Käthe wußte ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu
erquicken, sondern auch aufzurichten und zu trösten.

Wenn er verstimmt war oder gar seine „Anfechtungen“ hatte, so lud die
kluge, verständige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, daß dieser ihn
mit frohen Gesprächen aufheiterte; sie wußte nämlich, daß ihn niemand
durch Gespräch besser aufzumuntern verstand; oder sie ließ Bugenhagen
gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft
entgegensah, dazu[479].

Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau
Käthe ein Fuhrwerk, sie ließ auch oft ihre Pferde anspannen und ihren
Gatten mit seinen Freunden spazieren führen, in ein „Holz“ und auf die
Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann fröhlich wurde und sogar
Lieder sang; oder er fuhr über Land in die Dörfer, wobei er die Armen
beschenkte[480].

Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem großen Reformator Leben und
Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche,
erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten
an Luther: „Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren
ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto länger der
unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christgläubigen zum Heile dienen
kannst.“[481]

Doch nicht bloß als treffliche Köchin und ausgezeichnete
Krankenpflegerin stand Frau Käthe ihrem Gatten bei, wie er es von dem
Eheweib verlangt, „daß sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglück
tragen zu helfen, schuldig sei“; sie war ihm auch „ein freundlicher,
holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens“; in diesem Sinn nennt er
sie „Hausehre“, daß sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde wäre[482].

Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der
Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. „Das
ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der
Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermaßen scherzen wollte, das
würde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehört sich, daß man sie heiße,
was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn
man sie tröstet. Aber mit der, die mir Gott zugefüget hat, will ich
scherzen, spielen und freundlich reden, auf daß ich mit Vernunft und
Bescheidenheit bei ihr leben möge.“[483]

So wußte auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen
Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn
auszuhalten. Und auch den Freunden und Gästen weiß sie so zu begegnen.
Den Bremer Pfarrer Probst läßt sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet
sei, daß es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt
durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: „Ein großer
Bischof hat mir ein großes Faß geschickt.“ „Und zwar durch einen großen
Mann, unsern Charon“, setzte Luther hinzu. „Ja, heut ist alles groß!“
meinte sie darauf[484].

In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wußte
sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung
von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er
heimkehrte, trat ihm Frau Käthe entgegen im schwarzen Trauergewand und
den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: „Um Gotteswillen,
Käthe, was ist geschehen?“ „O, Herr Doktor, ein großes Unglück“,
erwiderte sie; „denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin
ich so traurig.“ Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: „Ja,
liebe Käthe, that ich doch, als wär' kein Gott im Himmel mehr!“ Und so
gewann er neuen Mut, daß er die Traurigkeit überwand[485].

Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wußte Frau Käthe
aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller
Gutmütigkeit eigensinnigen und starrköpfigen Mannes zu brechen,
namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und
Erholung zu bewegen. „Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt“, schreibt
er einmal an Melanchthon, „aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil
mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt.“
Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Geständnis, ihn zu
überreden, so oft sie wollte[486].

Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, daß er sich in
theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse.
Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluß
zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit
Dietrich, der Frau Käthe an sich nicht hold war: „Du weißt, daß er
(Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat.“
Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger
die persönliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persönlichkeiten
dahinter zu wittern[487].

In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der
Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so
grundlos er auch sein möchte. Wir haben darüber eine sehr lebhafte und
anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24.
Februar) 1544 war bei Luther ein „Königreich“ mit dem üblichen Schmause.
Außer Bugenhagen, Melanchthon, Röhrer, Major u.a. war auch der
Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner großen Freude und Genugthuung
eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlaßt, brachte
das Gespräch auf das „verleumderische Gerücht“, daß der Doktor „aus
Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige“. Mit großer Ernsthaftigkeit
und Wärme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: „Solcherlei
Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen)
vorbringe, fallen — ohne daß ich dem heiligen Geist eine Regel
vorgeschrieben haben will — keinem Weiberkopf ein. Ich laß mich von
meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in
Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer
und Doktor an, als den heiligen Geist.“ Ein wenig darauf, nach einer
heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so großer
Heftigkeit verhandelt werde. Er schloß mit den Worten zu Crodel: „Sage
den Rechtsgelehrten, daß ich in dieser Sache nicht von meiner Frau
geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines
Gegenstandes ab ohne Rücksicht auf eine Person.“ Crodel war dieses
Gespräch so wichtig, daß er's wörtlich seinem Freunde Ratzeberger
schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man mußte
Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken
wollte[488].

Es kommt auch jetzt noch vor, daß Luther seiner Käthe Briefe vorlas,
auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und daß sie ihm Aufträge dabei
gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er
säumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den
ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der späteren Zeit des
großen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller
häuslichen Sorge und Thätigkeit in Garten und Feld ging Frau Käthe doch
nicht völlig in ihrer wirtschaftlichen Thätigkeit auf. Sie war ihrem
Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das möglich und nötig war, doch
die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, daß sie ihm die
Sorgen abnahm für Familie und Vermögen, sondern sie nimmt teil an seinem
Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489].

„Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?“ schreibt der Doktor
von Eisleben an seine „sorgfältige“ Hausfrau. Damit ist doch wohl
ausgesprochen, daß Frau Käthe — mindestens in Abwesenheit des Doktors —
mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit diesem
Lehrbüchlein allen christlichen Eltern zumutete[490].

Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Aufträge wegen des Druckes seiner
Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er
drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er über das
Religionsgespräch mit Zwingli, über das Abendmahl sogar mit lateinischen
Schlagwörtern[491].

Für diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den
großen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem
Zeugnis, die er während seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von
Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere
der letzte vom 24. September, „zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu
Wittenberg.“

Gnade und Friede in Christo!

Meine liebe Käthe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in
gnädigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die
Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade
giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich
achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch
nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man
werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott
und wäre eine große Gnade. So bedürfen wir's alle wohl, weil der Türke
so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hören. Hiemit seid
Gott alle befohlen.

Sonnabends nach Matthäi, 1530. Martinus LutheR.“[492]

Zehn Jahre nachher, als der Reichstag und Konvent in Hagenau stattfand,
schreibt Luther am 10. Juli 1540 von Eisenach seiner „lieben Hausfrauen,
Frauen Kathrin Luderin zu Wittenberg“ u.a.: „... Bittet mit Fleiß, wie
ihr schuldig seid, für unsern Herrn Christum, d.i. für uns alle, die an
ihn glauben, wider den Schwarm der Teufel, so jetzt zu Hagenau toben
wider den Herrn und seinen Gesalbten (Ps. 2).“ (S.o.S. 130 f.)[493].

So redete Luther auch in den letzten Jahren mit seiner Hausfrau über die
politische Lage, namentlich die hinterlistige Politik des Herzogs Moriz.
„Liebe Käthe“, erklärte er da, „deine Landsleute haben mit meines
gnädigsten Herrn Räten eine Hundskette gemacht und werden nicht eher
nachlassen, sie haben ihn denn verraten.“[494]

Es ist naturgemäß und begreiflich, daß wir von Frau Katharinas Wesen,
Wirken und Bedeutung so wenig direkte Zeugnisse besitzen. Denn sie
selbst hat nicht gerade viel geschrieben und ihre Briefe sind fast alle
verloren gegangen, während sie selbst ihres Doktors Briefe sorgfältig
aufbewahrt hat; ferner interessierten sich die Hausgenossen und
Zeitgenossen selbstverständlich fast nur für den großen Mann, der die
Welt bewegt hatte. Seine Gestalt überstrahlte die Hausfrau völlig. Nur
im Reflex von Luthers Briefen und Tischgesprächen, selten in Bemerkungen
seiner Bewunderer, finden wir Züge, die ihr Charakterbild darstellen.

Daß aber demnach Frau Katharina neben dem Reformator eine selbständige
Stellung und Geltung behauptete, beweist der Umstand, daß die Freunde
und Luther selbst sie nicht nur respektvoll die „Domina“ und Doktorin,
mit lateinischen und griechischen Worten nannten, sondern auch von der
verheirateten Frau noch den Namen „Katharina von Bora“ gebrauchten.

Was hielt nun Luther von seiner Frau?

Da giebt es drei wichtige Zeugnisse, die Luther seiner Gattin ausstellt,
am Anfang, in der Mitte und am Ende seiner Ehe, nicht etwa bloß
gelegentliche Aeußerungen guter oder schlechter Laune, sondern überlegte
und feierliche Anerkennung ihrer Vortrefflichkeit als Hausfrau und
Ehefrau.

Im zweiten Jahre seines Ehestands (1526) schreibt er an Stiefel: „Sie
ist mir willfährig und in allen Dingen gehorsam und gefällig, viel mehr,
als ich zu hoffen gewagt hatte (Gott sei Dank!), so daß ich meine Armut
nicht mit den Schätzen des Krösus tauschen möchte.“[495]

Elf Jahre darauf, bei seinem tödlichen Krankheitsanfall auf der Reise
von Schmalkalden, diktierte Luther in Gotha sein Testament, worin es
heißt: „Tröstet meine Käthe, daß sie dies trage dafür, daß sie zwölf
Jahre mit mir froh gelebt hat. Sie selbst hat mir gedient nicht allein
wie eine Gattin, sondern auch wie eine Magd. Gott vergelt es ihr! Ihr
aber sollt für sie sorgen und ihre Kinder, wie sich's geziemt“ Und dann
sagte er: „Ich habe meine Käthe lieb, ja ich hab sie lieber denn mich
selber, das ist gewißlich wahr; ich wollt lieber sterben, denn daß sie
und die Kinderlein sterben sollten.“[496]

Endlich schreibt Luther in seinem letzten und endgiltigen Testament i.J.
1542. „Ich M.D.L. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, daß ich
meiner lieben und treuen Hausfrauen gegeben habe zum Leibgeding Gut,
Haus und Kleinode. Das thue ich darum, daß sie mich als ein fromm
(brav), treu ehelich Gemahl allezeit lieb, wert und schön gehalten
hat.“[497]

Und was so Luther in feierlichen Stunden bezeugte, das hat er wiederholt
sonst vor seinen Tischgenossen und Freunden bekannt. Sein langjähriger
Hausgenosse Hieronymus Weller schreibt in seinen Erinnerungen: „Ich
erinnere mich, wie der hochw. Mann oft sagte: er preise sich von Herzen
glücklich, daß ihm Gott eine so folgsame, bescheidene und kluge Gemahlin
geschenkt, welche so ausgezeichnet für seine Gesundheit sorge und
eintreten könne und sich so geschickt seinem Wesen anzupassen und seine
Fehler und Unannehmlichkeiten mit so stillem Gemüte zu tragen wisse.
Denn er könne bei seinen vielen Arbeiten, Beschäftigungen und
Anfechtungen nicht immer seinem Wohlbefinden Rechnung tragen.“[498]

Das Verhältnis zwischen Käthe und Luther war das der achtungsvollen
Verehrung; das entsprach einmal der Anschauung des Mittelalters von der
Herrschaftsstellung des Mannes zum Weibe; anderseits rührte es davon
her, daß die fünfzehn Jahre jüngere Frau zu dem älteren, durch
Gelehrsamkeit und hohes Ansehen ehrwürdigen Mann mit einer gewissen
Pietät hinaufschaute. Daher redet er sie zwar immer mit „Du“ an, _sie_
aber spricht zu _ihm_ immer mit „Ihr“ und nennt ihn „Herr Doktor“. Das
fand auch Luther selbstverständlich. Als einmal von einem Manne die Rede
war, welcher an eine reiche Frau seine Freiheit verkauft hatte, sagte
er: „Ich hab's auch gern, wenn mir meine Käthe übers Maul fährt — nur
daß ich sie nicht viel dran lasse gewinnen als ein Maulschellium.“[499]
Und ein andermal: „Sie hat allein die ganze Herrschaft in ihrer Hand.
Ich gestehe ihr auch gerne das ganze Hausregiment zu; aber mein Recht
wollte ich mir unversehrt erhalten und Weiberregiment hat nie nichts
Gutes ausgerichtet.“ Luther war seinem ganzen Wesen, aber auch seiner
Anschauung und seinen biblischen Grundsätzen nach nicht der Mann, seine
eheherrlichen Rechte sich verkürzen zu lassen: einen Freund, der ihm die
Tyrannei seines Weibes klagt, verweist er tadelnd darauf, daß man das
Ansehen des Mannes nicht dürfe mit Füßen treten lassen. So führte er
auch auf Hans Luffts Tochter Hochzeit die Braut zum Lager und sprach zum
Bräutigam (dem Arzt M. Andreas Aurifaber): „Er soll's bei dem gemeinen
Lauf bleiben lassen und Herr im Hause sein (wenn die Frau nicht daheim
ist, setzte er scherzend hinzu). Und zum Zeichen zog er ihm einen Schuh
aus und legte ihn aufs Himmelbett, daß er die Herrschaft und das
Regiment behielte[500].

Aber freilich Käthes resolutes Wesen, die Herrschaft, die sie im Haus
führte und die der Hausherr ihr auch völlig einräumte, führte ihn dazu,
daß er sie auch scherzend seinen „Herrn“ nannte. So schreibt er ihr vom
Hoflager in Torgau: „Gestern hab ich gedacht, wie ich daheim eine schöne
Frauen habe, oder sollt ich sagen Herren?“[501]

Und gerade mit dieser resoluten Art ihres Wesens neckt er sie genugsam.
Und wie gerade recht willensstarke wenn auch gutmütige Eheherren,
gefällt er sich seinen Freunden gegenüber in der humoristischen Rolle
des gehorsamen, unterdrückten Ehemanns. So sagte er einmal zu einem
Gast: „Nehmt fürlieb mit einem frommen (braven) Wirt, denn er ist der
Frauen gehorsam.“ Ihr selbst gegenüber spricht Luther in immer neuen
Wendungen von dieser angeblichen Eheherrschaft und charakterisiert jenes
gebieterische Wesen der Frau Käthe. „Meine Herrin“ nennt er sie schon in
der ersten Woche ihrer Ehe. „Mein Käthe“ (Meus Ketha) ist später ihre
regelmäßige Bezeichnung in seinen vertrauten Briefen und in ebenso
drolliger Verbindung „Meine Herr Käthe“, oder sprachlich richtiger „Mein
Herr Kätha“, „Dr. Kethus“, auch einmal „mein Herr und mein Moses“ und
„meine Gebieterin“ oder „Kaiserin“[502].

Aber sonst nennt er sie in zärtlichem Wortspiel gar häufig „meine
Kette“, auch meine „Weinrebe“, oder in Briefen an entfernter Stehende
respektvoll „meine Hausfrau“, „meine Hausehre“[503].

Auch seiner Frau selber gegenüber schlägt Luther gewöhnlich jenen
neckischen Ton an, woraus einerseits zärtliche Neigung, andererseits
doch auch achtungsvolle Anerkennung blickt.

Schon in seinem ersten erhaltenen Brief und dann fast regelmäßig redet
er sie an „Lieber Herr Käth“. Dann adressiert er — nach Sitte der
damaligen Zeit — „Meinem lieben Herrn, Frau Kathrin Lutherin zu
Wittenberg zu handen“, oder „Meinem freundlichen lieben Herrn, Frau
Katherin von Bora, D. Lutherin, zu Wittenberg“ oder noch umständlicher
humoristisch pathetisch: „Meinem freundlichen lieben Herren Katherina
Lutherin, Doctorin, Predigerin zu Wittenbergh“. Oder: „Meiner gnädigen
Jungfer Katherin Lutherin von Bora und Zulsdorf gen Wittenberg, meinem
Liebchen“. „Meiner herzlieben Hausfrauen Katherin Lutherin Doctorin
Zulsdorferin, Saumärkterin und was sie mehr sein kann.“ „Meiner
freundlichen lieben Hausfrau Katherinen Luther von Bora, Predigerin,
Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann.“ Dann aber heißt es auch
innig und herzlich auf der Adresse „Meiner lieben“ oder „herzlieben
Hausfrauen“ oder „Meiner freundlichen lieben Käthe Lutherin“ und in der
Anrede: „Liebe Jungfer Käthe“ und zum Schluß „Dein altes Liebchen“ oder
auch „Dein lieber Herr“. Sogar in seinem täglichen Hausgebet bittet er
für „mein liebes Weib“[504].

So dient dem Doktor seine Hausfrau manchmal auch zur Exemplifikation
seiner theologischen oder erfahrungsgemäßen Ansicht über die Weiber, oft
in scherzhafter oder wohl auch einmal ernsthafter Uebertreibung. Da
spricht er ihnen Weisheit und Herrschaftstalent ab und macht sich lustig
über ihre Redseligkeit, indem er verschiedentlich bemerkte, die Weiber
im allgemeinen und seine Käthe im besonderen vergäßen das Vaterunser,
wenn sie anfingen, zu predigen[505].

So „lachte der Doktor einmal seiner Käthe, als sie klug sein wollte; er
meinte, Gott habe dem Manne eine breite Brust als Sitz der Weisheit
gegeben, dem Weibe aber breite Hüften und starke Schenkel, daß sie
sollen daheim bleiben, im Hause still sitzen, haushalten, Kinder tragen
und ziehen. Weiberregiment im Haus und Staat taugt nichts. Der Mann hat
im Hause das Regiment. Das Gesetz nimmt den Weibern Weisheit und
Regiment.“ Er meinte überhaupt: „Es ist kein Rock noch Kleid, das einer
Frauen oder Jungfrauen übeler ansteht, als wenn sie klug will sein.“
Luther erklärte sogar einmal in einer Tischrede: „Den Weibern mangelt's
an Stärke, Kräften des Leibes und am Verstand. Den Mangel an
Leibeskräften soll man dulden, denn die Männer sollen sie ernähren. Den
Mangel an Verstand sollen wir ihnen wünschen, doch ihre Sitten und Weise
mit Vernunft tragen, regieren und etwas zu Gute halten.“[506]

Daneben aber erkennt er die Vorzüge und die Bestimmung des weiblichen
Geschlechts rühmend an: „Ein Weib ist ein freundlicher, holdseliger und
kurzweiliger Gesell des Lebens. Weiber tragen Kinder und ziehen sie auf,
regieren das Haus und teilen ordentlich aus, was ein Mann hineinschaffet
und erwirbt, daß es zu Rate gehalten und nicht unnütze verthan werde,
sondern daß einem jeglichen gegeben werde, was ihm gebührt. Daher sie
vom heiligen Geiste Hausehren genannt werden, daß sie des Hauses
Schmuck, Ehre und Zierde sein sollen. Sie sind geneigt zur
Barmherzigkeit, denn sie sind von Gott auch fürnehmlich dazu geschaffen,
daß sie sollen Kinder haben, der Männer Lust und Freude und barmherzig
seien.“ „Es ist ein arm Ding ein Weib. Die größte Ehre, die es hat, ist,
daß wir allzumal durch die Weiber geboren werden und auf die Welt
kommen. Ein Weib wird in der heiligen Schrift genannt „ein Lust und
Freude deiner Augen“ (Sirach 26, 2). Ein fromm Weib soll darum geehret
und geliebet werden, erstlich, daß sie Gottes Gabe und Geschenk ist; zum
andern, daß Gott einem Weibe herrliche große Tugenden verliehen, welche
andere Mängel und Gebrechen weit übertreffen, sonderlich wo sie Zucht,
Treue und Glauben halten.“ „Wenn die Weiber die Lehre des Evangeliums
annehmen, so sind sie viel stärker und inbrünstiger im Glauben, halten
viel stärker und steifer darüber, als die Männer, wie man siehet an der
lieben Anastasia und andern Märtyrern; auch Magdalena war herzenhaftiger
denn Petrus.“[507]

Einmal klagt er wohl auch: „Wenn ich noch eine freien sollte, so wollte
ich mir ein gehorsam Weib aus einem Steine hauen; so sehr hab ich
verzweifelt an aller Weiber Gehorsam.“ Aber so gar ernst war's ihm doch
nicht damit. Er wußte wohl: „Es ist keine größere Plage noch Kreuz auf
Erden, denn ein bös, wunderlich, zänkisch Weib.“ Bei ihm war's nicht so,
sonst liefe er davon, sagt er. Dagegen weiß er seines Weibes
Willfährigkeit und Dienstfertigkeit an vielen Orten und in mancherlei
Weise zu rühmen. So zitierte er auch gerne das Wort seiner Wirtin zu
Eisenach: „Es ist kein lieber Ding auf Erden als Frauenlieb, wem sie
kann werden.“ Und aus seiner eignen Erfahrung erklärt er: „Ein fromm
Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost.“ [508]

Kleine eheliche Fehden nahm Luther als selbstverständliche Dinge
leichten Herzens in den Kauf. Als er einmal einen kleinen Zwist mit
seiner Frau gehabt hatte, sagte er erklärend zu Veit Dietrich: „Er stehe
auch von ihr einen Zorn aus, er könne ja noch mehr ertragen.“ Er meint
von Eheleuten: „Ob sie gleich zuweilen schnurren und murren, das muß
nicht schaden; es gehet in der Ehe nicht allzeit schnurgleich zu, ist
ein zufällig Ding, des muß man sich ergeben. Adam und Eva werden sich
auch gar weidlich die neunhundert Jahre zerscholten haben und Eva zum
Adam gesagt: „Du hast den Apfel gessen.“ Herwiederum wird Adam
geantwortet haben: „Warum hast Du mir ihn gegeben?“ Das Wesen der Ehe
wird durch solche Plänkeleien nicht geschädigt. „Denn wiewohl die
Weibsen gemeiniglich alle die Kunst kennen, daß sie mit Weinen, Lügen,
Einreden einen Mann gefangen nehmen, können's fein verdrehen und die
besten Worte geben; wenn nur diese drei Stücke im Ehestand bleiben,
nämlich Treu und Glauben, Kinder und Leibesfrüchte und Sakrament, daß
man's nämlich für ein heilig Ding und göttlichen Stand hält, so ist's
gar ein seliger Stand, und das ein seliger Mann, der eine gute Ehefrau
hat.“[509]

Einmal klagt er wohl: „Ich muß Geduld haben mit dem Papste, ich muß
Patienz haben mit den Schwärmern, ich muß Geduld haben mit den
Scharhaufen, ich muß Patienz haben mit dem Gesinde, ich muß Patienz
haben mit Käthen von Bora, und der Patienz ist so viel, daß mein Leben
nichts sein will als Patienz. Der Prophet Jesaias (30, 15) spricht: „In
Schweigen und Hoffen steht eure Stärke.“ — Wie wenig aber Käthe dies
übel nahm, beweist, daß sie auf die steinerne Hausthüre, welche sie in
Pirna für Luther bestellte, grade diesen Prophetenspruch eingraben ließ.
Luther bekennt aber auch: „Wer ein fromm (brav) Weib bekommt, der
bekommt eine gute Mitgift. Und da gleich ein Weib etwas bitter ist, doch
soll man mit ihr Geduld haben. Denn sie gehört ins Haus und das Gesinde
bedarf's bisweilen auch sehr wohl, daß man ihnen hart sei und weidlich
zuspreche.“ „Der häusliche Zorn als Vater und Mutter, Herrn und Frau im
Hause, thut nicht großen Schaden. Häuslicher Zorn ist, als wenn die
Kinder mit den Puppen spielen.“[510]

Die Hochschätzung des Familienlebens, das Lob, das Luther in allen
Tonarten dem Ehestand anstimmt, ist doch auch ein Beweis für die
glückliche Ehe, in der Luther mit seiner Käthe lebte. Das Kapitel über
den Ehestand ist in seinen Tischreden das größte. So fing er bei der
Verlobung seiner Nichte (1538) an und konnte gar nicht aufhören, den
Ehestand zu loben, daß er Gottes Ordnung und der allerbeste und
heiligste Stand sei. „Darum sollte man ihn mit den herrlichsten
Zeremonien (Feierlichkeiten) anfangen. Gott hat ein Kreuz (nämlich: des
Segens) über den Ehestand gemacht und hält's auch darüber.“[511]

In der Ehe soll eitel Liebe und Lust sein, freilich „muß es ein frommer
Mann und ein fromm Weib sein, welche Gemahl und Kinder von ganzem Herzen
lieben. Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes
Trost, wie geschrieben steht (Sprw. 31, 11): Des Mannes Herz verläßt
sich auf sie. Das Weib hat das Lob der Gefälligkeit und erfreuenden
Anmut.“ Das lieblichste Leben dünkte ihm: „leben mit einem frommen,
willigen, gehorsamen Weibe in Frieden und Einigkeit.“[512]

Luther selber hatte nun in seiner Hausfrau und seinem Hausstand
gefunden, was er in dem rechten Ehestand suchte und von dem rechten
Eheweib erwartet. Er bezeugt: „Mir ist, gottlob! wohl geraten, denn ich
habe ein fromm (brav), getreu Weib, auf welche sich des Mannes Seele
verlassen darf, wie Salomon sagt (Sprw. 31, 11): Sie verderbet mir's
nicht.“[513]

„Martinus redete von seiner Hausfrau und sagte: er achtete sie teurer
denn das Königreich Frankreich und der Venediger Herrschaft. Denn ihm
wäre ein fromm (brav) Weib von Gott geschenkt und gegeben. Zum andern,
er höre, daß viel größer Gebrechen und Fehler allenthalben unter
Eheleuten seien, denn an ihr erfunden wäre. Zum dritten: das wäre
überflüssige Ursach genug, sie lieb und wert zu halten, daß sie Glauben
und sich ehrlich hielte, wie es einem frommen, züchtigen Weib gebühret.
Welches alles, da es ein Mann ansehe, so würde er leichtlich überwinden,
was sich möchte zutragen, und triumphieren wider Zank und Uneinigkeit,
so der Satan pflegt unter Eheleuten anzurichten.“ „Die Ehe ist nicht ein
natürlich Ding, sondern Gottes Gabe, das allersüßeste, lieblichste und
keuscheste Leben. Ach, wie herzlich sehnte ich mich nach den Meinen, da
ich zu Schmalkalden todkrank lag! Ich meinte, ich würde Weib und Kinder
hie nicht mehr sehen; wie weh that mir solche Scheidung und Trennung.
Nun glaub ich wohl, daß in sterbenden Menschen solche natürliche Neigung
und Liebe, so ein Ehemann zu seinem Eheweib habe, am größten sei. Weil
ich aber nun gesund bin worden durch Gottes Gnade, so hab ich mein Weib
und Kinderlein desto lieber. Keiner ist so geistlich, der solche
angeborene Neigung und Liebe nicht fühlet. Denn es ist ein groß Ding um
das Bündnis und die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib.“[514]

Luther wußte aber auch, daß er keine zweite Frau in der Welt finden
könnte, die so gut für ihn paßte, als Katharina von Bora. Er warnte den
Pfarrer von Sitten vor einer zweiten Heirat und fügt bei der Umschau auf
seinen Bekanntenkreis hinzu: „Ich, wenn ich jung wäre und die Bosheit
der Welt so kennete, ich würde, wenn mir auch eine Königin angeboten
würde nach meiner Käthe, lieber sterben, als noch einmal heiraten.“ Und
doch schätzte er den Ehestand so hoch, daß er ihn für die schönste
Ordnung nach der Religion, für den fürnehmsten Stand auf Erden
hielt[515].

Luther kannte nichts Lieberes als seine Käthe. Er beteuert, er habe sie
lieber als sich selber. Ja er klagte darüber als menschliche Schwäche,
daß er seine Käthe lieber habe als unsern Herrgott. Seine
Lieblingsepistel, den Galaterbrief, nannte er „seine Käthe im neuen
Testament“. „Der Brief an die Galater ist meine liebe Epistel, der ich
mich vertrauet habe: sie ist meine Käthe von Bora.“ Und sein höchster
Trumpf war: „Ich setze meine Käthe zum Pfand!“[516]

Käthe war nicht eine geistreiche Frau, hoher Schwung der Gedanken,
glänzende Geistesgaben gingen ihr ab: sie ist eine nüchterne und doch
nicht hausbackene, tüchtige deutsche Frau.

Es ist eine unzeitgemäße Sache, die Frage aufzuwerfen, ob denn Frau
Käthe „gebildet“ war. Eine gelehrte Frau wie Argula von Grumbach war sie
glücklicherweise nicht; von einer solchen war Luther, wie seine
Aeußerungen zeigen, wenig erbaut und jedenfalls wäre dann seine Wahl
nicht auf Katharina gefallen. (S. 185 f.) Eine geistvolle Frau wie die
Kirchenmutter Katharina Schützin in Straßburg, welche Sendschreiben an
die christlichen Frauen ergehen ließ, brauchte sie neben Luther nicht zu
sein. Aber so gebildet wie irgend eine Frau ihres Standes war sie doch.

Frau Käthe, wird bezeugt, las gerne und eifrig in der Bibel und gewiß
nicht bloß wegen der von Luther versprochenen 50 fl. Einmal ermahnte der
Doktor sein Weib, daß sie fleißig Gottes Wort lesen und hören solle, und
sonderlich den Psalter fleißig lesen. Sie aber sprach, daß sie es genug
thäte und täglich viel lese, und könne auch viel davon reden; wollte
Gott, sie thäte auch darnach. Der Doktor meinte zwar, solch' Rühmen
müsse der Vortrab des künftigen Ueberdrusses sein. Aber freilich, die
vielbeschäftigte Frau konnte doch auch nicht ständig mit geistlichen
Dingen sich beschäftigen, wie ihr theologischer Gemahl. Und ein andermal
fiel ihr selbst auf, daß sie im Evangelium nicht mehr so hitzig und
emsig bete wie im Papsttum. Geistlich gesinnet sein konnte sie aber
deswegen doch. Von seinen Predigten über Joh. 14-16 sagte Luther zu
seiner Gattin: „Das ist das beste unter allen Büchern, die ich je
geschrieben habe; darum liebe Käthe, laß Dir's befohlen sein und halt es
für mein Testament.“[517]

Und von Eisleben aus schrieb er: „Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und
den kleinen Katechismum, davon Du zu dem Male sagtest: „Es ist doch
alles in dem Buch von mir gesagt.“ Sie las also nicht nur in Schrift und
Glaubensbüchlein, sondern wandte es auch auf sich an[518].

Es ist doch ein Zeugnis für so eifriges Forschen in der Schrift, wenn
ihr von ihren Kindern auf ihrem Grabstein ein offenes Buch in die Hände
gegeben wird.

Käthe konnte auch schreiben, und ihre Briefe, soweit sie diktiert und
nicht etwa von andern stilisiert sind, beweisen eine klare, bestimmte
und verständige Denk- und Ausdrucksweise. Und wenn Luther seine Frau
auch einmal damit aufzieht, daß sie „Kattegissimum“ schrieb statt
Katechismum, so kann dies damals viel weniger wie heute als
orthographische Unbildung gelten zu einer Zeit, wo nicht nur Laien,
sondern auch Gelehrte höchstens das Lateinische einigermaßen
orthographisch schrieben, das Deutsche aber in der krausesten Form, wie
es ihnen in die Feder kam mit allen Fehlern der undeutlichen,
verdorbenen mundartlichen Aussprache[519].

Ebenso wenig sachgemäß ist die Frage, ob Frau Katharina ihrem Gemahle
ebenbürtig war. An eine Vergleichung mit seinem geistigen Wesen, mit
Luthers Genialität und Charakter, Wirksamkeit und weltgeschichtlicher
Bedeutung ist ja naturgemäß nicht zu denken. Aber daß sie als Gattin,
als Hausfrau und Mutter seiner Kinder ihm das war, was er an ihr
brauchte und wollte, daß sie Luthers rechte und somit ebenbürtige Gattin
war, das hat er immer wieder ausgesprochen und anerkannt.

Aber auch daran muß erinnert werden, daß Frau Katharina doch ein
lebhaftes Interesse für das Werk ihres Gatten, für die Kirche und die
Reformation bezeugte. Frau Käthe hörte und las viele von den Briefen,
die ab- und eingingen. Sie drängte ihren Gatten zum Schreiben. Sie
sprach ein Wort darein, wenn er eine Schrift ausgehen ließ. Sie durfte
als eine Doktorin auch ihren Rat bei Besetzung von Pfarrstellen geben
und bemühte sich für junge Magister um Anstellung. Sie verstand die
Bedeutung ihres Gatten für die Christenheit, sie wußte seine
Persönlichkeit und sein Werk zu würdigen. Sie betete und sorgte für das
Heil der Christenheit und den Erfolg des Evangeliums noch auf ihrem
Totenbette. Und Luther mutete ihr solches Interesse auch zu.

Und wenn wir die Rolle in Betracht ziehen, welche Katharina gegenüber
den anderen Professoren- und Reformatorenfrauen in dem mündlichen und
schriftlichen Gedankenaustausch der Zeitgenossen spielte, so z.B.
Melanchthons Frau, wenn wir sehen, wie sie allerseits geehrt, gegrüßt
und beachtet, in ihrer Krankheit um sie gebangt war, nicht bloß um ihres
Gatten willen, dann ist außer Zweifel: seine Käthe ist des großen
Doktors wert und würdig gewesen, und es ist doch bemerkenswert, daß die
Freunde die Gattin Luthers mit dem Weibe der Offenbarung, dem Sinnbild
der christlichen Kirche verglichen[520].

Aus den späteren Jahren giebt es von Frau Katharina ein Kranachsches
Bild[521]. Das Gesicht ist etwas gebräunt, die Augen blicken trübe, fast
schmerzlich und müde, wie Luther in dieser Zeit sie schildert, als
„geneigt zu Mißtrauen und Sorgen“[522]; wieder zeigt die starke
Unterlippe das kräftige Selbstbewußtsein, die zusammengelegten Hände
deuten ruhige Gelassenheit an. Aber es ist das Bild einer geistig nicht
unbedeutenden Frau. Der ernste, ja strenge Ausdruck des Gesichts
verkündet ein schweres Geschick, das ihr bevorsteht, oder das sie schon
erlebt hat.



15. Kapitel.

Luthers Tod.


Die letzten Jahre der Ehe waren gar schwer und trübe. Das lag einerseits
in den Verhältnissen, die sich fast nach allen Seiten recht widerwärtig
gestalteten; andererseits aber in Luthers Zustand, der immer
krankhafter, immer hinfälliger und damit trübseliger und verstimmter
wurde. Was Käthe bei dem zur Schwermut geneigten Temperament und der
zornmütigen Gereiztheit ihres Gatten unter all' diesen Verhältnissen zu
leiden hatte, ist leicht zu denken[523].

Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem
Auge verfolgte, war eine seltsame und für Luthers Empfinden geradezu
erschreckliche. Das stete Vordringen der Türken, das seinem
christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher
Mächte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des
Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende
Vorzeichen des Jüngsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines
Bruders, des Königs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die
Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem
Brocken Zugeständnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand hätte,
mit Gewalt, wie Luther fürchtete — verbunden mit Papst und Teufel, Türke
und Hölle, über sie herzufallen. Das alles erfüllte ihn mit bangen
Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: „Bei meinem
Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in
Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten
hoch vonnöten sein. Unsere Kinder werden noch müssen den Spieß in die
Hand nehmen; denn es wird übel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu
Trient ist sehr zornig und meinet es sehr böse mit uns. Darum betet zu
Gott mit Fleiß.“[524]

Noch verdrießlicher aber und sorgenerregender waren für Luther mit Recht
die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darüber sagte er seinen
Freunden beim letzten Geburtstagsfest: „Ich fürchte mich nicht vor den
Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brüder
werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber
nicht von uns sind.“ Da standen sich Kurfürst und Herzog von Sachsen
wegen Landbesitz feindlich gegenüber im sogenannten „Fladenkrieg“ (weil
um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verräterei zutraute,
entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren — bis
auf den „geistlichen Türken“, den Mainzer Erzbischof — die alten Feinde
Luthers: Herzog Georg und Kurfürst Joachim I. gestorben und das
Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus übergetreten
und sogar das Erzbistum Köln dazu bereit; aber in Berlin traten der
„Grickel und der Jäckel“ (Agricola und Schenk) auf mit ihren
gesetzesstürmerischen Lehren; in Köln wollte man die Luther so
unsympathische schweizerische „Sakramentiererei“ einführen und der große
Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Kölner
Reformation übernommen hatten, wurden Luther höchst verdächtig und das
ganze Werk ärgerlich — es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des
Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der
Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit
epigonenhafter Uebertreibung die Gegensätze schärfte oder allerlei
Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien,
Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbräuchen und
andere „Geislein“ „herfürgucken“ ließen, die sie führen wollten, um sich
wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte
wieder auf[525].

Ja, auf Melanchthon selbst, seinen alten Freund und Mitarbeiter, wurde
Luther mißtrauisch gemacht wegen allerlei Abweichungen vom „echten“
Luthertum und es entstand eine gefährliche Spannung zwischen den beiden
Männern und ihren Familien, bis die Mißstimmung endlich durch Luther
selbst beigelegt wurde, so daß der Reformator doch bis ans Ende seines
Lebens mit ihm als dem treuesten Freunde verkehrte[526]. Mit seinen
Kollegen von der juristischen Fakultät, namentlich seinem alten Freunde
Hier. Schurf, bekam Luther einen bösen Span wegen der heimlichen
Verlöbnisse, welche die „garstigen Juristen“ mit einem Rückfall ins
kanonische Recht für giltig erklärten, Luther aber verwarf[527]: er
hatte die Gefährlichkeit der Sache an Melanchthons Sohn er fahren, der
sich — noch unmündig — von einem Mädchen hatte fangen und ohne Wissen
und Willen seiner Eltern ihr ein Eheversprechen gegeben hatte, worüber
M. Philipp und sein Weib „schier verschmachtet“ wären, wenn Luther es
nicht abgewendet hätte. Und er selber mußte es erfahren in seiner
eigenen Familie, indem seiner Schwester Sohn sich ungehorsamerweise ohne
der Freundschaft Rat verlobte. Er hatte infolgedessen zu klagen, daß das
„Meidevolk in Wittenberg gar kühn“ geworden sei und die Eltern ihre
Söhne von der Universität zurückforderten, weil man ihnen da Weiber an
den Hals hänge[528].

Die alten Hausgenossen und Freunde waren in alle Welt zerstreut; aber in
ihren Anfechtungen, Verdrießlichkeiten, Bedenken wandten sie sich an
ihren „heiligen Vater Luther“. So hatte er zu schlichten, zu raten und
zu trösten — und das richtete ihn selber auf. Aber er hatte auch manchen
Aerger und manchen Schmerz[529]. Da plagte ihn M. Stiefel mit seinen
Grillen über den Jüngsten Tag, oder der Stadthauptmann Metzsch mit
seinem übeln Wandel und seiner rücksichtslosen Niederlegung von vielen
Wohnhäusern zum Festungsbau, wodurch die kleine, volkreiche Stadt noch
enger wurde und die armen Studenten noch elender wohnen mußten. Einer
nach dem andern von den Zeitgenossen ging aus dem Leben. So schon 1538
der treue Hausmann. Dann Luthers letzter Klostergenosse Brisger, endlich
auch Spalatin (1545). Schon vorher (1542) war seine und Käthes
liebenswürdige, heitere Freundin, Käthe Jonas, verschieden, deren
Erscheinung ihm immer erfreulich und tröstlich gewesen[530]; vor allem
aber der Sonnenschein des Hauses, das gute Magdalenchen. Der Sohn und
ein Neffe waren eine zeitlang fort in Torgau. In dieser Zeit starb auch
der Gatte seiner Nichte Lene, geb. Kaufmann; und diese machte ihm dann
schweren Verdruß durch ihre zweite Heirat mit dem jugendlichen Mediziner
Ernst Reuchlin (Ende 1545).

Das Jahr 1544 war wieder ein Krankheitsjahr in Wittenberg und im
Lutherhaus. Um Ostern lagen alle Kinder an den Masern und die kleine
Margarete bekam davon ein schweres Fieber, an dem sie zehn Wochen
lebensgefährlich darniederlag und von dem sie sich bis in den Dezember
hinein gar nicht erholen wollte. Was gab es da für Käthe an Sorgen und
Mühen[531]!

Aber auch der Hausvater selbst war jetzt immer krank: bald fehlte ihm
dies, bald jenes; alle seine Leiden stellten sich mit Macht ein in dem
abgearbeiteten Körper und der erschöpfte Lebensgeist war nicht mehr
recht widerstandsfähig gegen die mancherlei Angriffe auf die
verschiedenen Organe. Die Hausärzte und die kurfürstlichen Leibärzte
doktorten an ihm herum; der Hof schickte Arzneien; die Gräfin von
Mansfeld wollte ihn in die Kur nehmen. Es war ein alter (noch jetzt
bestehender) Glaube, daß großer Fürsten und Herren Arznei, die sie
selbst gäben und applizierten, kräftig und heilsam seien, sonst nichts
wirkten, wenn's ein Medikus gäbe[532]. Das meiste und beste that
freilich Frau Käthe.

Im Jahre 1541 war Luther lange Zeit so schwach, daß er nicht eine Stunde
angestrengt lesen und sprechen konnte; er mußte daheim bleiben und da
seine Hausgottesdienste halten. Einmal schrieb er auch an die
arzneikundige verwitwete Gräfin Dorothea von Mansfeld, welche auch gern
dem „lieben togktor“ geholfen hätte. Denn die Schmerzen waren
entsetzlich, so daß er jammerte: „Sterben will ich, aber diese Qualen
sind gräßlich.“[533] Im folgenden Jahre machte er sein Testament, „satt
dieses Lebens, oder daß ich's richtiger sage, dieses herben Todes“. „Ich
habe mich ausgearbeitet und ausgelebt. Der Kopf ist kein nutz mehr. Ich
bin müde erschöpft, bin nichts mehr.“[534] Im April 1543 klagt er: „Wie
oft bin ich in diesem Jahre schon gestorben! Und doch lebe ich noch,
eine unnütze Last der Erde.“ Am 13. und 14. Juli 1543 wurde er
wiederholt so ohnmächtig, daß er zu sterben meinte und seinen Hans von
Torgau holen lassen wollte. Aber Frau Käthe hatte gelernt, ihn zu
ermutigen und redete ihm die Todesgedanken aus. Anfangs 1515 hatte er
einen Krankheitsanfall mit ähnlichen Erscheinungen, wie sie ein Jahr
später seinen Tod herbeiführten, Leichenkälte und die beängstigenden
Beklemmungen auf der Brust. Er konnte lange keine Predigt und keine
Vorlesung halten und mußte selbst in einem Wägelchen sich zur Kirche
fahren lassen, um die Predigt zu hören[535]. „Ich glaube, meine
wirkliche Krankheit ist das Alter, dann meine Arbeiten und heftigen
Gedanken, besonders aber die Schläge Satans.“ „Daß ich am Haupte
untüchtig bin, ist nicht Wunder; das Alter ist da; der Krug geht solange
zu Wasser, bis er einmal zerbricht.“ „Ich bin träg, müde, kalt, das
heißt alt und unnütz; ich habe meinen Lauf vollendet und es bleibt
nichts übrig, als daß der Herr mich zu meinen Vätern versammle.“ Bei
seinen gräßlichen Qualen wünscht er, wenn nicht sanft, so doch tapfer zu
sterben[536].

Und bei all' diesen Leiden und Qualen sollte der alte Mann noch für drei
arbeiten, so war er geplagt von Fürsten und Stadträten, von Freunden und
Amtsgenossen und Beichtkindern mit Briefschreiben, Bücherschreiben,
Vorlesungen, Predigten und Beratungen, „Bedenken“, Trostschreiben; so
daß er klagt: „Da sitze ich alter, abgelebter, fauler, müder, frostiger
und noch dazu einäugiger Mann und schreibe. Hoffte ich doch, man sollte
mir Abgestorbenen nun die Ruhe gönnen, die ich mir, denkt mich, verdient
habe. Aber als hätte ich niemals etwas gethan, geschrieben, geredet und
ausgeführt, muß ich so viel reden, thun und ausführen, daß ich mir
keinen Rat weiß. Ich bin so beschäftigt, daß ich gar selten Muße habe,
zu lesen oder für mich zu beten, was mir beschwerlich ist.[537]

Freilich brach oft der angeborene Humor bei Luther durch, und das frohe
Gottvertrauen blieb wohl die Grundstimmung seines Wesens. Aber bei
seinem zur Schwermut neigenden Temperament und Gesundheitszustand
pflegte der alternde Mann doch vorwiegend die Schattenseiten aller
Erscheinungen zu sehen und nur selten konnte er sich sagen: „Ich lasse
das Antlitz unsrer Gemeinden nicht trauervoll zurück, sondern blühend,
durch reine und heilige Lehre mit vielen vortrefflichen und lauteren
Geistlichen, von Tag zu Tage wachsend.[538]

So war ihm Zeit und Welt widerwärtig geworden. „Welt ist Welt, war Welt
und wird Welt sein.“ Und er wünschte sich weg daraus. Er hoffte und
wünschte, daß das Weltende nahe sei oder doch sein Lebensende. „Komm',
lieber jüngster Tag!“ seufzt er am Schluß eines Briefes an Käthe, und an
Frau Jörger schließt er (1544) ein Schreiben: „Es sollt ja nunmehr die
Zeit da sein meiner Heimfahrt und Ruhe; bittet für mich um ein seliges
Stündlein.“[539]

Da er aber nicht aus der Welt gehen und die Feiertagsruhe des Jüngsten
Tages nicht selbst herbeiführen konnte, so wollte er wenigstens aus
_seiner_ Welt scheiden und von seinem Beruf. Denn so ist ja Stimmung und
Wunsch bei alten und kranken Leuten: da sie nicht aus dem Leben gehen
können, so suchen sie ihren Wohnort zu verändern und wünschen sich
daraus weg, mit so viel Beschwerden auch ein Wechsel und eine Reise
verbunden sein mag. So sagte Luther das ganze letzte Jahr zu seiner
Umgebung, „er begehre an einen anderen Ort zu ziehen“. Und die Freunde
fanden es auch merkwürdig, daß er in diesem Jahr vor seinem Tode öfter
ausgezogen, denn in vielen Jahren; und sie sahen es als „Prophezeiung
an, daß er die selige Reise werde thun in ein besser Leben“[540].

So ging es nun auch schon 1544, wo er mit einem Wegzug aus Wittenberg
gedroht und von den Freunden und Beamten Wittenbergs davon abgebracht
war. Im folgenden Jahr (1545) nachdem er am Johannistag von seinem
„Peiniger“, dem Stein, fast umgebracht worden und dadurch in eine
gereizte Stimmung versetzt war, führte er diesen Entschluß wirklich
aus[541].

Es war gerade kein besonderer Anlaß zu diesem Schritte da. Aber
mancherlei hatte ihm den Aufenthalt in Wittenberg in der letzten Zeit
verleidet. Der Streit mit den Juristen, die ärgerliche Geschichte im
Haus mit „einer andern Rosina und Schwindlerin“, vor allem aber das
Leben und Treiben von Bürgern und Studenten in Wittenberg, hatten ihn
hoch aufgebracht. Der ungeheure Studentenandrang nach Wittenberg brachte
begreiflicherweise nicht lauter gute, fromme und sittige Elemente dahin
und bei den 2000 Studierenden gab es natürlich viel mehr zu rügen und zu
strafen, als bei den früheren 200. Und unter diesen Tausenden waren
Leute aus allerlei Volk; nicht nur alle deutschen Stämme, sondern auch
Ausländer: „Reußen und Preußen, Holländer und Engellender, Dänemarker
und Schweden, Böhmen, Polen, Hungern, Wenden und Winden, Walen und
Franzosen, Spanier und Gräken.“ Die Bürger beuteten die Studierenden
aus. Weibliches Gesindel zog herbei, wie Luther meinte, von den
Widersachern geschickt, und es gab manche „Speckstudenten“, die sich
lieber in dem Lustwäldchen „Specke“ umhertrieben, statt in der Schule
Gottes Wort, Tugend und Zucht zu lernen. Gegen solche Unordentlichkeit
trat nun Luther als alter treuer Prediger mit väterlicher Vermahnung
auf. Er bittet seinen „Bruder Studium, sich still, züchtig und ehrlich
zu halten, des warten, warum sie hergesandt und mit schweren Kosten von
den Ihren erhalten werden, daß sie Kunst und Tugend lernen, weil die
Zeit da ist und solche feine Präzeptoren da sind.“ Er ermahnte den Rat,
die Laster zu strafen, und die Bürger, dem „Geiz“ zu steuern. Aber die
Bürger der kleinen Universitätsstadt hielten zumeist auf ihren Vorteil,
der Rat war lässig und ängstlich, wie Luther oftmals klagt gegenüber der
schönen Ordnung in einer Reichsstadt wie Nürnberg, und die Studenten
wies er vergeblich auf seinen grauen Kopf; sie überhörten seine
schmerzlichen und herzlichen Mahnungen: „Ach, mein Bruder Studium,
schone mein und laß es nicht dahin kommen, daß ich müsse schreien wie
St. Polykarpus: Ach Gott, warum hast Du mich das erleben lassen? Ich
hab's ja nicht verdient, sondern da sind vorhanden meine und euer
Präzeptoren treue Arbeit, die euch zum besten dienen in diesem und jenem
Leben.“[542]

Neben und mit diesem unordentlichen Wesen nahm die Ueppigkeit in der
Stadt bei Doktorschmäusen und besonders bei Hochzeiten und Kindtaufen so
überhand, daß mancher Mann (z.B. Georg Major durch sein Doktorat und
neun Kindtaufen) in Schulden geriet. Ja, es riß die neue Kleidertracht
ein, „die Jungfrauen zu blößen, hinten und vorn“, und niemand war da,
„der da strafe oder wehre“; es schien, wie Luther fürchtet, sich
anzulassen, „daß Wittenberg mit seinem Regiment nicht den S. Veitstanz
noch S. Johannistanz, sondern den Bettlertanz und Beelzebubtanz kriege“.
Daher meinte Luther: „Nur weg aus dieser Sodoma!“[646]

Damit schien er nun Ernst zu machen. Im Juli 1545 unternahm er auf Frau
Käthes Fuhrwerk mit seinem ältesten Sohne Hans, D. Kreuziger und einem
Tischgenossen Ferdinand von Maugen eine Erholungsreise nach Leipzig und
Zeitz zu Freund Amsdorf, dem Bischof. Unterwegs hörte er, daß die
Zustände in Wittenberg viel mehr im Munde der Leute wären, als er
dachte. Da wollte er gar nicht mehr in die „unordige“ Stadt zurück. Er
schrieb am 28. Juli von Zeitz aus an seine Frau folgenden Brief[543]:

„G(nade) und F(riede)!

Liebe Käthe! Wie unsre Reise ist gangen, wird Dir Hans wohl alles sagen
— wiewohl ich auch nicht gewiß bin, ob er bei mir bleiben solle —, dann
werden's doch D. Kaspar Kreuziger und Ferdinandus wohl sagen. Ernst von
Schönfeld hat uns zu Lobnitz schön gehalten[544]. Noch viel schöner
Heinz Scherle zu Leipzig.

Ich wollt's gerne so machen, daß ich nicht müßte wieder gen Wittenberg
kommen. Mein Herz ist erkaltet, daß ich nicht gern da bin; wollt auch,
daß Du verkauftest Garten und Hufe, Haus und Hof. So wollt ich (auch)
M(einem) G(nädigen) H(errn) das große Haus[545] wieder schenken. Und
wäre Dein Bestes, daß Du Dich gen Zulsdorf setzest, weil (während) ich
noch lebe. Und (ich) könnte Dir mit dem Solde wohl helfen das Gütlein
bessern, denn ich hoffe, M.G.H. soll mir den Sold (aus)folgen lassen,
zum wenigsten ein Jahr meines letzten Lebens. Nach meinem Tode werden
Dich die vier Elemente[546] zu Wittenberg doch nicht wohl leiden; darum
wäre es besser bei meinem Leben gethan, was dann zu thun sein will.

Ich habe auf dem Lande mehr gehört, denn ich zu Wittenberg erfahre,
darum ich der Stadt müde bin und nicht wieder kommen will, da mir Gott
zu helfe.

Uebermorgen werde ich gen Merseburg fahren, denn Fürst George hat mich
sehr darum lassen bitten[547].

Will also umherschweifen und eher das Bettelbrot essen, ehe ich meine
arm alte letzte Tage mit dem unordigen Wesen zu Wittenberg martern und
beunruhigen will mit Verlust meiner sauern und teuern Arbeit. Magst
solches, wo Du willst, D. Pommer und M. Philipps wissen lassen, und ob
D. Pommer wollt' hiemit Wittenberg von meinenwegen gesegnen[548]. Denn
ich kann des Zorns und Unlust nicht länger leiden.

Hiemit Gott befohlen, Amen.

Martinus Luther.“

Frau Käthe zeigte natürlich diesen drohenden Brief den beiden Freunden;
Melanchthon wiederum, welcher auf den Mittag zu Dr. Brück kam und mit
ihm aß, erzählte dem Kanzler Luthers Vorhaben. Das that seine Wirkung.
Denn was war Wittenberg ohne Luther? Auch Melanchthon erklärte, daß er
dann nicht mehr bleiben könnte und sich vor dem Aergernis irgend wohin
verkriechen müsse.

Da fuhr der Schrecken den Wittenbergern, Universität, Rat und
Bürgerschaft durch die Glieder. Der Senat und der Magistrat kamen
zusammen und berieten über Maßregeln, Luther zu halten. An den
Kurfürsten wurde mit einer Abschrift von Luthers Brief eine Botschaft
geschickt, damit er auch seinerseits auf den erzürnten Mann einwirke,
„daß er sein Gemüt ändere“. Eine Abordnung von Universität und Stadtrat:
Melanchthon, Bugenhagen, Major, der Bürgermeister und der Stadtrichter
Hans Lufft, wurden zu Luther gesandt und auch vom Hof kam ein
beschwichtigender Brief und der liebenswürdige Leibarzt Ratzeberger, den
Luther gar gut leiden mochte, nach Merseburg. Der Doktor ließ sich hart
genug gegen die Wittenberger Abgesandten aus über „die Lockerung der
Zucht“. Stadt und Regierung versprachen nun ernstliches Einschreiten
gegen das „verthunliche“ Wesen bei Hochzeiten und Kindtaufen, gegen
leichtfertiges Treiben bei Tanzvergnügungen, gegen das ungebührliche
Geschrei auf den Straßen u.s.w.[549]

So ließ sich Luther besänftigen; er kehrte noch bei Hof an, um seinen
Forderungen Nachdruck zu geben; dann fuhr er langsam nach Hause. Die
Ausspannung und der Aufenthalt in freier Luft hatte ihm doch gut gethan,
und die Behaglichkeit in seinem schönen Heim, die Fürsorge seiner treuen
Hausfrau ließen ihn die Gedanken an einen Auszug vergessen, bis die
endgiltige Wanderung in die jenseitige Welt ihn aller Unlust und
Widerwärtigkeiten, aller Leiden und Folterqualen der Krankheit
enthob[550].

Er sollte die verwickelten Streithändel seiner Landesherrn, der
Mansfelder Grafen, wegen der Bergwerksrechte beilegen und machte dazu im
folgenden Winter drei Reisen in seine Heimat. Der Kurfürst hätte lieber
gesehen, wenn Luther „als ein alter abgelebter Mann mit diesen Sachen
verschont bliebe“; und das war Frau Käthes Meinung auch, welche es
betrieb, daß Melanchthon, der doch viel jünger und gesunder war, nicht
nach Regensburg mußte. Aber Luther selbst meinte: „Es muß, wiewohl ich
viel zu thun habe, um ein acht Tage nicht not haben, die ich daran wagen
will, damit ich mit Freuden mich in meinen Sarg legen möge, wo ich zuvor
meine lieben Landesherren vertragen und freundliches, einmütiges Herzens
gesehen habe.“ Nebenbei war es ihm eine Genugthuung, zu zeigen, was in
Streithändeln ein guter Christ fertig brächte, gegenüber „den silbernen
und guldenen Juristen, welche die Sache oftmals als Vorteil und Geiz
wider alle Billigkeit erweitern und auf(hinaus)ziehen.“[551]

Freilich Frau Käthe nahm diese Reisen viel schwerer, namentlich die
letzte in der schlimmsten Jahreszeit. Es war Ende Januar und ein gar
„unartiges“, kaltes Wetter. Sie wußte aus reicher Erfahrung, was eine
Erkältung für den durch und durch kranken Mann bedeute. Sie hatte ja
auch gehört, daß Luther im November (1545) seine Vorlesung über die
Genesis mit den Abschiedsworten geschlossen hatte: „Ich kann nicht mehr;
ich bin schwach; bittet Gott für mich, daß er mir ein gutes, seliges
Ende beschere.“ Endlich hatte ein Vorfall das ganze Haus mit banger
Ahnung erfüllt. Kurz vorher hatten die studentischen Tisch- und
Hausgenossen im Schlafhaus, wo sie wohnten, eine Schlaguhr erneuern
lassen. Da begab sich's einstmals um Mitternacht, daß bei dieser Uhr ein
sehr großer harter Fall gehört wurde, als ob das ganze Gehäuse mit samt
den Gewichten heruntergefallen wäre. Am andern Morgen war alles
unversehrt. Da dies Luther gesagt war, sprach er zu den Tischgenossen:
„Ihr lieben Quiriten, erschreckt nicht davor. Denn dieser Fall bedeutet
mich, daß ich bald sterben werde. Wenn ich von Eisleben komme, will ich
mich in Sarg legen. So bin ich der Welt müde, und scheide gerne wie ein
reifer Gast aus einer gemeinen Herberge.“ Dennoch wollte Frau Katharina
ihren Gatten an dem Friedenswerk in Mansfeld nicht hindern und nachdem
er zweimal die Reise glücklich überwunden, hoffte sie wohl auch auf
einen glücklichen Ausgang einer dritten und letzten. Sie gab ihm aber
nicht nur seinen Famulus Ambrosius Rutfeld mit, sondern auch ihre drei
Söhne und in Halle sollte Herr D. Jonas einsteigen. Im Kloster blieben
als Tischgenossen Besold, Plato u.a. zurück[552].

Die Reisenden fuhren am Samstag, den 23. Januar, in Wittenberg ab. Es
trat nach scharfem Frost während der Nacht auf Sonntag Tauwetter ein,
mit Eisgang und Ueberschwemmung, so daß die Reisegesellschaft, als sie
Sonntag vormittag in Halle anlangte, nicht über die Saale kommen und
drei Tage in der Stadt verziehen mußte; Freund Jonas, der seit vier
Jahren in Halle Pfarrer war, hieß aber die Wittenberger Gäste in seinem
Hause willkommen. Von Halle empfing nun Frau Käthe einen launigen Brief
ihres Eheherrn, der dessen gute Stimmung meldete. Er war adressiert
„Meiner freundlichen lieben Käthen Luthrin zu Wittenberg zu
Handen“[553].

„Gnad und Friede im Herrn!

Liebe Käthe!

Wir sind heute um acht Uhr zu Halle ankommen, aber nach Eisleben nicht
gefahren. Denn es begegnete uns eine große Wiedertäuferin mit
Wasserwogen und großen Eisschollen, die das Land bedeckte; die dräuete
uns mit der Wiedertaufe. So konnten wir auch nicht wieder zurückkommen,
von wegen der Mulda; mußten also zu Halle zwischen den (beiden) Wassern
stille liegen. Nicht daß uns durstete zu trinken, sondern nahmen gut
Torgisch Bier und guten rheinischen Wein; damit labeten und trösteten
wir uns dieweil, ob die Saale wollt wieder auszürnen. Denn weil die
Leute und Fuhrmeister, auch wir selbst zaghaftig waren, haben wir uns
nicht wollen in das Wasser begeben und Gott versuchen; denn der Teufel
wohnet im Wasser und ist uns gram; und ist besser verwahret denn
beklaget; und ist ohne Not, daß wir dem Papst samt seinen Schuppen eine
Narrenfreude machen sollten. Ich hätte nicht gemeint, daß die Saale eine
solche Sod machen könnte, daß sie über Steinwege und alles rumpeln
sollte.

Jetzo nicht mehr, denn: betet für uns und seid fromm. Ich halte, wärest
Du hier gewesen, so hättest Du uns auch also zu thun geraten; so hätten
wir Deinem Rat auch einmal gefolget.

Hiemit Gott befohlen! Amen.

Zu Halle am St. Paulus Bekehrungstage (25. Januar) Anno 1546.

Martinus Luther D.“

Das lautete gar fröhlich und vergnügt, als man im Kloster diesen
lustigen Brief las, und Frau Käthe konnte einstweilen beruhigt sein.
Aber es dauerte acht Tage, bis wieder ein Brief kam. Das mußte die
besorgte Frau schon nicht wenig aufregen und sie sandte Briefe über
Briefe ab, was sonst bei der vielbeschäftigten Frau nicht gerade
Gewohnheit war. Endlich nach Lichtmeß langte ein zweiter Brief Luthers
an. Der war freilich auch in demselben scherzhaften Ton geschrieben, wie
der vorige und die meisten Episteln des Doktors an seine Frau. Aber es
war doch eine Stelle darin, die bedenklich machen konnte.

„Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin, Doktorin, Zulsdorferin,
Saumärkterin und was sie sonst noch sein kann.

Gnade und Friede in Christo und meine alte, arme und, wie ich weiß,
unkräftige Liebe zuvor.

Liebe Käthe! Ich bin schwach gewesen auf dem Wege hart vor Eisleben, das
war meine Schuld. Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt,
es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen. Denn wir mußten
durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viele Juden inne wohnten;
vielleicht haben sie mich so scharf angeblasen. So sind hier in der
Stadt Eisleben jetzt diese Stunde über fünfzig Juden wohnhaftig (in
einem Hause). Und wahr ist's, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein
solch kalter Wind hinten im Wagen ein auf meinen Kopf durchs Barett, als
wollte mir's das Hirn zu Eise machen. Solches mag nun zum Schwindel
etwas haben geholfen; aber jetzt bin ich gottlob! wohl geschickt,
ausgenommen, daß die schönen Frauen mich so hart anfechten.

Ich trinke Naumburgisch Bier, fast des Geschmacks, den Du von Mansfeld
mir etwa hast gelobet. Es gefällt mir wohl.

Deine Söhnchen sind nach Mansfeld gefahren ehegestern, weil sie Hans von
Jene[554] so demütiglich gebeten hatte; weiß nicht, was sie da machen.
Wenn's kalt wäre, so möchten sie helfen frieren. Nun es warm ist,
könnten sie wohl was anders thun oder leiden, wie es ihnen gefällt.

Hiermit Gott befohlen sammt allem Hause, und grüße alle Tischgesellen.
Vigilia Purificationis, 1546.

M.L., Dein altes Liebchen.“[555]

Also der Doktor hatte sich richtig erkältet und zwar durch eigene
Schuld; er war eine Zeitlang vom Wagen abgestiegen, hatte sich in
Schweiß gelaufen bei dem auffallend warmen Winterwetter, war dann im
letzten Dorfe Nißdorf, hart vor Eisleben, unvorsichtigerweise wieder auf
den Wagen gesessen und hatte sich in dem scharfen Luftzug des Fuhrwerks
erkältet. Frau Käthe wußte, was das zu bedeuten hatte und war gar
ängstlich trotz des fröhlichen Briefes. Sie hatte, scheint es, die Sache
schon vor Luthers eigener Meldung sonsther gehört, auch daß die sonst
immer offen gehaltene Wunde am Bein, welche, eine Art Fontanelle, den
kranken Säften einen Abfluß gewährte, bedenklicherweise zugeheilt war.
So schrieb sie nun einen Brief um den andern, an einem Tag (Freitag, 5.
Februar) sogar mehrere. Auch sandte sie von Wittenberg ihre gewöhnlichen
Hausmittel: „Stärkküchlein“, allerlei Stärkwasser, Rosenessig und
Aquavitä, und hieß Jonas, den Famulus und ihre Söhne in dem Gemach des
Doktors schlafen[556]. Er zwar schreibt wieder ganz sorglos, nur
bedenklich wegen der heikeln Streitigkeiten, die er zu schlichten hatte,
am 6. Februar[557]:

„Der tiefgelehrten Frauen Katharin Lutherin, meiner gnädigen Hausfrauen
zu Wittenberg.

Gnade und Friede.

Liebe Käthe! Wir sitzen hier und lassen uns martern und wären wohl gern
davon; aber es kann noch nicht sein, als mich dünkt, in acht Tagen. Mag.
Philippus magst Du sagen, daß er seine Postille korrigiere; denn er hat
nicht verstanden, warum der Herr im Evangelio die Reichtümer Dornen
nennt. Hier ist die Schule, da man solches verstehen lernet. Aber mir
grauet, daß allewege in der heiligen Schrift den Dornen das Feuer
gedroht wird; darum ich desto größere Geduld habe, ob ich mit Gottes
Hilfe möchte etwas Gutes ausrichten. Deine Söhnchen sind noch zu
Mansfeld. Sonst haben wir zu essen und trinken genug und hätten gute
Tage, wenn's der verdrießliche Handel thät. Mich dünkt, der Teufel
spotte unser; Gott woll' ihn wieder spotten, Amen.

Bittet für uns. Der Bote eilte sehr.

Am Sankt Dorotheentage, 1546.“

Trotz dieser Briefe war aber Frau Käthe so voller Sorge um den fernen
Gatten, daß sie nicht schlafen konnte, und schrieb gar ängstliche
Episteln nach Eisleben, so daß ihr der fromme Doktor eine lange Predigt
hielt über Gottvertrauen in zwei aufeinanderfolgenden Briefen, am 7. und
10. Februar[558]:

„Meiner lieben Hausfrauen Katherin Lutherin, Doktorin, Selbstmartyrin zu
Wittenberg, meiner gnädigen Frauen zu Händen und Füßen.

Gnade und Friede im Herrn.

Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und den kleinen Katechismus, davon Du
einmal sagtest: es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt. Denn Du
willst sorgen für Deinen Gott, gerade als wäre er nicht allmächtig, der
da könnte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der einige alte ersöffe in
der Saale oder im Ofenloch oder auf Wolfs Vogelherd. Laß mich in Frieden
mit Deiner Sorge: ich hab' einen bessern Sorger, denn Du und alle Engel
sind. Der liegt in der Krippe und hänget an einer Jungfrauen Brust; aber
sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes des allmächtigen Vaters. Darum
sei in Frieden, Amen.

Betet, betet, betet und helft uns, daß wir's gut machen. Denn ich heute
in Willen hatte, den Wagen zu schmieren in meinem Zorn; aber Jammer, so
mir einfiel, meines Vaterlandes hat mich gehalten. Ich bin nun auch ein
Jurist worden. Aber es wird ihnen nicht gedeihen. Es wäre besser, sie
ließen mich einen Theologen bleiben. Komme ich unter sie, so ich leben
soll, ich möcht' ein Poltergeist werden, der ihren Stolz durch Gottes
Gnade hemmen möchte. Sie stellen sich, als wären sie Gott, davon möchten
sie wohl und billig bei Zeit abtreten, ehe denn ihre Gottheit zur
Teufelheit würde, wie Luzifer geschah, der auch im Himmel vor Hoffart
nicht bleiben konnte. Wohlan, Gottes Wille geschehe.

Du sollst Mag. Philippus diesen Brief lesen lassen: denn ich nicht Zeit
hatte, ihm zu schreiben, damit Du Dich trösten kannst, daß ich Dich gern
lieb hätte, wenn ich könnte, wie Du weißt, und er gegen seine Frauen
vielleicht auch weiß und alles wohl verstehet.

Wir leben hier wohl, und der Rat schenkt mir zu jeglicher Mahlzeit ein
halb Stübchen Rheinfall, der ist sehr gut. Zuweilen trink ich's mit
meinen Gesellen. So ist der Landwein hier gut, und Naumburgisch Bier
sehr gut, ohne daß mich dünkt, es macht mir die Brust voll phlegmate
(Schleim) mit seinem Pech. Der Teufel hat uns das Bier in aller Welt mit
Pech verdorben und bei euch den Wein mit Schwefel. Aber hier ist der
Wein rein, ohne was des Landes Art giebt.

Und wisse, daß alle Briefe, die Du geschrieben hast, sind anher kommen
und heute sind die kommen, die Du am nächsten Freitag geschrieben hast
mit Mag. Philippus Briefen, damit Du nicht zürnest.

Am Sonntag nach Dorotheens Tag (7. Febr.) 1546.

       *       *       *       *       *

Dein lieber Herr M. Luther.“

„Der heiligen sorgfältigen Frauen, Katherin Lutherin, Doktor
Zulsdorferin zu Wittenberg, meiner gnädigen, lieben Hausfrauen.

Gnade und Friede in Christo.

Allerheiligste Frau Doktorin! Wir bedanken uns gar freundlich für Eure
große Sorge, davor Ihr nicht schlafen könnt; denn seit der Zeit Ihr für
uns gesorget habt, wollt' uns das Feuer verzehret haben in unsrer
Herberg hart vor meiner Stubenthür; und gestern, ohne Zweifel aus Kraft
Eurer Sorge, hat uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen und
zerquetscht, wie in einer Mausfallen. Der hatte im Sinn, Eurer heiligen
Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel nicht gehütet hätten. Ich
sorge, wo Du nicht aufhörst zu sorgen, es möchte uns zuletzt die Erde
verschlingen und alle Elemente verfolgen. Lehrest Du also den
Katechismum und den Glauben? Bete Du und laß Gott sorgen, es heißt:
„Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget für dich (1. Petr. 5, 7).“

Wir sind, Gott Lob, frisch und gesund, ohne daß uns die Sachen Unlust
machen, und Doktor Jonas wollt' gern einen bösen Schenkel haben, daß er
sich an eine Lade ohngefähr gestoßen: so groß ist der Neid in den
Leuten, daß er mir nicht wollt' gönnen allein einen bösen Schenkel zu
haben.

Hiemit Gott befohlen. Wir wollten nun fort gerne los sein und
heimfahren, wenn's Gott wollt', Amen, Amen, Amen.

Euer Heiligen williger Diener Martinus Luther.

Am Tage Scholasticä (10. Febr.) 1546.“

Aber was Frau Käthe zu wenig an Gottvertrauen zeigte, das bewies der
Herr Doktor zu viel. Sie wußte und hörte, daß er, trotzdem er sich jeden
Abend mit warmen Tüchern behandeln lassen mußte, seinen alten
Predigteifer auch in der fremden Stadt in der kalten Kirche bethätigte;
zwei Geistliche ordinierte er und viermal predigte er, zuletzt am
Sonntag den 14. Februar. Abends schrieb er noch einen Brief an seine
Hausfrau, erwähnte aber nichts davon, daß er heute morgen seine Predigt
hatte abbrechen müssen aus Schwachheit; er bat aber seine Frau um
Arzneien[559].

Der Brief schlägt wieder fröhliche und hoffnungsvolle Töne an; die
Aussicht auf Rückkehr nach der lieben Heimat vergoldete die trübe
Stimmung[560]:

„Meiner freundlichen, lieben Hausfrauen, Katherin Lutherin von Bora zu
Wittenberg zu Händen.

Gnade und Friede im Herrn.

Liebe Käthe! Wir hoffen diese Woche wieder heim zu kommen, ob Gott will.
Gott hat große Gnade hier erzeigt; denn die Herren durch ihre Räte fast
altes verglichen haben, bis auf zwei Artikel oder drei, unter welchen
ist, daß die zwei Brüder Graf Gebhardt und Graf Albrecht wiederum Brüder
werden, welches ich heute soll vornehmen und will sie zu mir zu Gaste
bitten, daß sie auch mit einander reden; denn sie bis daher stumm
gewesen und mit Schriften sich hart verbittert haben. Sonst sind die
jungen Herren (die Söhne der feindlichen Grafen) fröhlich, fahren
zusammen mit den Narrenglöcklein auf Schlitten und die Fräulein auch und
bringen einander Mummenschanz, und sind guter Dinge, auch Graf Gebhardts
Sohn. Also muß man greifen, daß Gott Gebete erhört.

Ich schicke Dir Forellen, so mir die Gräfin Albrecht geschenkt hat: die
ist von Herzen froh der Einigkeit. Deine Söhnchen sind noch zu Mansfeld.
Jakob Luther will sie wohl versorgen. Wir haben hier zu essen und zu
trinken als die Herrn, und man wartet unser gar schön, nur allzu schön,
daß wir Euer wohl vergessen möchten zu Wittenberg. So ficht mich der
Stein auch nicht an. Aber Doktor Jonas Bein wäre schier gnad worden, so
hat's Löcher gewonnen auf dem Schienbein; aber Gott wird auch helfen.

Solches alles magst Du Mag. Philippus anzeigen, Doktor Pommer und Doktor
Kruziger. Hier ist das Gerücht herkommen, daß Doktor Martinus sei
weggeführt, wie man zu Leipzig und Magdeburg redet. Solches erdichten
die Naseweisen, Deine Landsleute. Etliche sagen, der Kaiser sei dreißig
Meilen Wegs von hinnen bei Soest in Westphalen; etliche, daß der
Franzose Knechte annehme, der Landgraf auch. Aber laß sagen und singen:
wir wollen warten, was Gott thun wird. Hiemit Gott befohlen.

Zu Eisleben am Sonntag Valentini 1546.

M. Luther, Doktor.“

Es war der letzte Brief an seine Ehefrau, der letzte, den Luther
überhaupt schrieb. Die heitere Epistel kam am Donnerstag in Käthes Hände
und erregte bei den Klosterbewohnern großes Vergnügen: in Eisleben aber
lag der Schreiber schon auf dem Totenbette. Der Gewaltige war am selben
Tage früh um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde, Dr. Jonas, M. Aurifaber,
des Arztes, des Stadtpfarrers von Eisleben, des Grafen und der Gräfin
Albrecht, sanft und selig entschlafen. In Wittenberg freilich dachte man
nicht daran. Melanchthon, dem Luther mit gleichem Boten geschrieben
hatte (u.a. daß Papst Paul gestorben wäre), verfaßte noch einen Brief an
den Freund und Frau Käthe schickte noch eine Salbe mit, zur
Wiederherstellung der Fontanelle am linken Schenkel. Aber am Freitag
früh 6 Uhr kam aus Torgau ein reitender kurfürstlicher Bote vor des
Kanzlers Brück Haus; dieser ließ sogleich D. Bugenhagen, Kreuziger und
M. Philipp zu sich kommen; sie wußten aber bereits, was das
kurfürstliche Schreiben meldete, ehe er es ihnen zu lesen gab, denn vor
einer Viertelstunde war auch ein Bote mit einem Brief aus Eisleben von
Jonas an sie gelangt. Auf Brücks Bitten verfügten sich die drei Herren
mit des Kurfürsten und Jonas' Brief unsäumig hinauf zu der Doktorin und
berichteten sie mit der besten Vorsicht von ihres Herrn Abgang. „Da ist
das arme Weib, wie leichtlich zu achten, hart erschrocken und in großer
Betrübnis gewesen.“ Aber wiederum nicht an sich dachte sie zumeist,
sondern an ihre Kinder, besonders, wie ihre drei Söhne in der Ferne sich
über des Vaters Tod halten möchten[561].

Katharinas bange Ahnung hatte sich also erfüllt; ihre Sorge um den
kränklichen fernen Gatten war nicht ohne Grund gewesen. Das Trauervolle
war geschehen: der teure Mann, der gewaltige Reformator, der geistvolle
Lehrer und Prediger, der liebreiche Vater, der treue Gatte war nicht
mehr! Wenn auch nicht unerwartet, so doch zu früh für die Welt und für
die Familie war er dahin geschieden, wohin er sich so oft gesehnt; von
der Welt, über die er so viel gescholten und die er doch mit so viel
Verständnis und Freude erfaßt; von dem Amte, in dem er sich so müde
gearbeitet, und in dem er doch noch so Großes leistete; von der Familie,
die ihm zwar Sorgen, aber noch viel mehr Glück und Freude gebracht und
die er mit so viel Glauben und Liebe umfaßte; von der Gattin, die er so
oft geneckt und manchmal getadelt, die er aber über alle Frauen
geschätzt und geliebt hatte.

„Es war eine harte Wunde, die sie durch den Tod ihres Ehegemahls
empfing. Und dazu mußte sie noch klagen, daß derselbe in einem anderen
Orte gestorben war, wo sie nicht bei dem Kranken Treue und die letzten
Liebesdienste hatte erweisen können.“[562]

Ja, in der Fremde war er gestorben, zum großen Schmerze Katharinas, die
mit ihm zwanzig Jahre „in Friede und Freude“ gelebt, die ihn in gesunden
und kranken Tagen so hingebungsvoll gepflegt und jetzt die letzten
Stunden seines Lebens nicht um ihn sein durfte, ihm in das liebe
Angesicht schauen und die treuen Augen zudrücken durfte. Es war kaum
ein Trost, daß er im Kreise der Freunde verschieden war, daß der Graf
Albrecht ihm selbst Einhorn geschabt und seine Gemahlin ihm den Puls mit
dem Stärkwasser strich, welches die Doktorin geschickt, und daß er in
ihres Sohnes Paul Armen ausgeatmet und ihm sein treuer Aurifaber die
Augen zugedrückt hatte[563].

Und jetzt konnte sie nicht einmal den Trost genießen, durch die Fürsorge
für die Bestattung des geliebten Toten ihren Geist abzulenken von dem
Gedanken des schmerzlichen Verlustes.

Das kurfürstliche Schreiben enthielt nämlich die Bestimmung, daß der
Leib Luthers in der Schloßkirche zu Wittenberg bestattet werden sollte,
bei Fürsten und Fürstinnen, deren zwanzig dort bestattet waren. Aber so
war wenigstens ihr lieber Herr bei ihr in ihrer Stadt und sie konnte mit
den anderen Freunden „ihren Heiligen daselbst nach seinem Tode
besuchen“, wie Bugenhagen sich ausdrückte. Denn die Grafen von Mansfeld
hätten „die Leiche des hochteuern, von Gott mit unaussprechlichen Gaben
begnadeten Mannes gern selbst in der Herrschaft behalten“, folgten sie
aber „aus unterthänigem Gehorsam“ dem Kurfürsten auf dessen Bitte
dienstwillig aus. So rüstete sich nun die Doktorin, ihr Töchterlein und
das ganze Kloster für das Leichenbegängnis nur mit Trauergewändern[564].

Aber auch die ganze Stadt und Universität machte sich bereit, ihren
größten Bürger mit feierlichem Leichengepränge zu empfangen. Melanchthon
hatte sofort nach der Ankunft der Todeskunde am Freitag früh die
Studenten in einem Anschlag benachrichtigt, daß der christliche Elias
von seinen Jüngern genommen sei. Der Rektor der Akademie, Dr. Aug.
Schurf, befahl am Sonntag Morgen in einem Programme „allen Studenten am
Nachmittag, sobald das Zeichen mit der kleinen Glocke gegeben werde,
sich auf dem Markte zu versammeln und daselbst den ehrwürdigen
Pfarrherrn (D. Pommer) an der Kirche zu erwarten, ihm sofort zu folgen
und mit ihm die Leiche zu empfangen, welche gewesen ist und sein wird
eine Hütte des heiligen Geistes.“ Von Wittenberg ritten dem Trauerzuge
entgegen, um ihn in Bitterfeld, an der Mansfeldischen Grenze zu
empfangen und ehrenvoll zu geleiten, die „Verordneten des Kurfürsten“:
Erasmus Spiegel, der Hauptmann von Wittenberg, Gangolf von Heilingen zu
Düben und Dietrich von Taubenheim zu Brehne mit Gefolge[565].

Aber die Leiche kam am Sonntag noch nicht: in jeder Stadt wollte man sie
einholen, zurückhalten, begleiten; und so verzögerte sich die Ankunft
des Zuges, der zuletzt in Kemberg gerastet hatte. Und Melanchthon mußte
am Schwarzen Brett, auf dem Programm des Rektors verkündigen, daß die
Ankunft der Leiche und ihre Bestattung erst am andern Morgen, etwa um 9
Uhr, stattfinde[566].

Im Laufe des Sonntags kam ein Beileid-Schreiben des Kurfürsten[567]:

„An Catharina, Doctoris Martini seliger Gedächtnis verlassene Witwe zu
Wittenberg.

Herzog Johanns Friedrich, Kurfürst.

Liebe Besondere!

Wir zweifeln nicht, Ihr werdet nunmehr erfahren haben, daß der
Ehrwürdige und Hochgelehrte, unser Lieber Andächtiger Doctor Martin
Luther seliges Gedächtnis, Euer Hauswirt, sein Leben in diesem
Jammerthal zu Eisleben am nächsten Dornstag frühe zwischen 2 und 3 Uhren
christlich und wohl mit göttlichen der hl. Schrift Sprüchen beschlossen
hat und von hinnen geschieden ist, welches Wir aber mit betrübtem und
bekümmertem Gemüt vernommen. Der allmächtige Gott wolle seiner Seelen,
wie Wir denn gar nicht zweifeln, gnädig und barmherzig sein! Und wiewohl
Wir wohl ermessen mögen, daß Euch solcher Euers Herrn tödlicher Abgang
schmerzlich und bekümmerlich sein wird, so kann doch in dem Gottes
gnädigen Willen, des Allmächtigkeit es also mit ihm gnädiglich und
christlich geschafft hat, nicht widerstrebt werden, sondern es will
solches Gott zu befehlen sein. Darum Ihr auch soviel destoweniger
bekümmern und seines christlichen Abscheidens Euch trösten wollet. Denn
Wir seind gnädiglich geneigt, Euch und Eure Kinder um Eures Herren sel.
willen, dem Wir in sonderen Gnaden und Guten geneigt gewest, in gnädigem
Befehl zu haben und nicht zu verlassen. Das wollen Wir Euch gnädiger
Meinung nicht verhalten.

Datum Torgau, Sonnabends nach Valentini 1546.“

Am Montag früh versammelten sich am Elsterthor Rektor, Magistri und
Doktores und die ganze löbliche Universität, auch ein ehrbarer Rat samt
ganzer Gemeinde und Bürgerschaft, dann die Geistlichen und Schulen. Auch
Frau Käthe machte sich auf mit ihrem Töchterlein Margarete und einigen
Frauen und stellten sich weinend an den Weg, dem toten Gatten entgegen
harrend.

Endlich um 9 Uhr, langte der Zug mit der teuren Leiche an: geleitet von
den kurfürstlichen Abgeordneten und den beiden jungen Mansfelder Grafen
Hans und Hoyer und einer großen Reiterschar. Auch die Mansfelder
Verwandten kamen mit, Luthers Lieblingsbruder Jakob, und seine
Schwestersöhne Jörg und Cyriak Kaufmann und andere von der
„Freundschaft“. Vor allem aber die drei Söhne Hans, Martin und Paul. Es
war ein schmerzliches Wiedersehen, das hier Frau Katharina erlebte. Die
Söhne freilich konnte sie schluchzend in die Arme schließen, aber das
Antlitz des teuren geliebten Gatten durfte sie nicht mehr sehen; da lag
er eingeschlossen im Sarg von Zinn, aufgebahrt auf dem Wagen, mit
schwarzem samtenem Tuch umhangen[568].

Darauf ordnete sich der Zug: voraus die Geistlichkeit und die Schulen
mit den herkömmlichen Gesängen und Zeremonien, darauf die „Berittenen“
auf ungefähr 65 Pferden. Gleich hinter dem vierspännigen Leichenwagen
fuhr die „Frau Doktorin Katharina Lutherin“ mit den Matronen, nach
herkömmlicher Sitte auf einem niederen Wägelein. Ihr folgten die drei
Söhne, der Bruder, die Neffen und andere Verwandten. Dann in vollem
Ornat „der Rektor Magnificus der löblichen Universität mit etlichen
jungen Fürsten, Grafen und Freiherrn, so in der Universität Wittenberg
Studii halber sich (auf)enthalten.“ Darnach kam als weiteres
Leichengefolge: Kanzler Brück, Melanchthon, Jonas, Bugenhagen,
Kreuziger, Hieronymus Schurf und andere älteste Doktoren; dann die
übrigen Doktoren, Magister, der ehrbare Rat, Bürgermeister Cranach samt
den Ratspersonen, darnach der ganze große Haufen und herrliche Menge der
Studenten; darauf die Bürgerschaft, desgleichen viele Bürgerinnen,
Matronen, Frauen, Jungfrauen, viel „ehrliche“ Kinder, jung und alt;
alles mit Weinen und Wehklagen. „In allen Gassen, auch auf dem Markt ist
das Gedränge so groß und solche Menge des Volkes gewesen, daß sich's
billig in der Eil zu verwunden und viele bekannt haben, daß sie
dergleichen zu Wittenberg nicht gesehen.“

So ging es unter Gesang und dem Geläute aller Glocken in unabsehbarem
Zuge vom Elsterthor die ganze Länge der Stadt hin am Kloster vorbei, das
jetzt verwaist von seinem Vater und Herrn dalag, die Kollegienstraße
hinab zur Schloßkirche. Dort wurde der Sarg am Predigtstuhl
niedergesetzt. Trauerlieder erschollen, bis Bugenhagen die Kanzel
bestieg und vor den ungezählten Hörern, die in und vor der Kirche
standen, eine „gar festliche und tröstliche Predigt“ that. Darauf hat
Melanchthon „aus sonderlichem Mitleiden, um die Kirche zu trösten“, eine
lateinische Gedächtnisrede gehalten, die vor dem allgemeinen Weinen und
Schluchzen kaum gehört wurde. Seine Klage: „Wir sind wie arme Waisen,
die einen vortrefflichen Mann zum Vater gehabt und ihn verloren haben“,
die den Grundton aller Rede bildeten, sie waren ganz besonders
denjenigen aus dem Herzen gesprochen, die dem teuren Toten am nächsten
standen, und am nächsten an seinem Sarg klagten: der trauernden Gattin,
den weinenden Kindern[569].

„Nach den Leichenreden trugen etliche Magister den Sarg nach der Gruft
und legten so das teure Werkzeug des heiligen Geistes, den Leib des
ehrwürdigen D. Martini zur Ruhe, nicht fern von dem Predigtstuhl, da er
im Leben manche gewaltige Predigt gethan.“ Der Kurfürst aber hatte schon
am Tag vorher verordnet, daß eine Tafel aus Messing aufs Grab
niedergelegt wurde, dergestalt wie noch heutzutage zu sehen ist[570].

Wohl konnte das außerordentliche, wahrhaft fürstliche Leichengepränge
zeigen, welch ein Mann, ja, wie der Rektor ankündigte, welch ein „Fürst
Gottes“ der Dahingegangene gewesen, welche Liebe und Verehrung er bei
hoch und nieder genossen und die Teilnahme aller bewies, was die Welt an
ihm verlor und betrauern mußte, und das ist ja für die Hinterbliebenen
immer ein Trost in ihrem Schmerz. Aber diese Leichenfeier zeigte auch,
was die Angehörigen selber an ihm gehabt und beweinen mußten.

Was Katharinas Stimmung und Gedanken in diesen schmerzlichen Tagen war,
das giebt sie kund in einem Briefe, den sie an ihre Schwägerin
Christina, die verwitwete Gemahlin eines ihrer Brüder und Mutter des
Florian, welcher in Wittenberg ihr Hausgenosse war, richtete[571]. Da
schreibt sie:

„Der ehrbaren und tugendsamen Frauen Christina von Bora, meiner lieben
Schwester zuhand.

Gnad und Fried von Gott dem Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi!

Freundliche liebe Schwester!

Daß Ihr ein herzlich Mitleiden mit mir und meinen armen Kindern tragt,
gläub' ich leichtlich. Denn wer wollt' nicht billig betrübt und
bekümmert sein um einen solchen teuern Mann, als mein lieber Herr
gewesen ist, der nicht allein einer Stadt oder einem einigen Land,
sondern der ganzen Welt viel gedienet hat. Derhalben ich wahrlich so
sehr betrübt bin, daß ich mein großes Herzeleid keinem Menschen sagen
kann, und weiß nicht, wie mir zu Sinn und zu Mut ist. Ich kann weder
essen noch trinken, auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich hätt' ein
Fürstentum und Kaisertum gehabt, sollt' mir so leid nimmer geschehen
sein, so ich's verloren hätt', als nun unser lieber Herrgott mir, und
nicht allein mir, sondern der ganzen Welt, diesen lieben und teuern Mann
genommen hat. Wenn ich daran gedenk', so kann ich vor Leid und Weinen —
das Gott wohl weiß — weder reden noch schreiben.

  Katharina,
  des Herrn Doctor Martinus Luther
  gelassene Witfrau.“



16. Kapitel.

Luthers Testament.


„Ich denke noch oft“, erzählt der treue Hieronymus Weller nach Luthers
Tod, „an den Mann Gottes, Doktor Martin Luther, daß er sein Gemahl ließ
den 31. Psalm auswendig lernen, da sie noch jung und frisch und fröhlich
war und sie noch nicht wissen konnte, wie dieser Psalm so lieblich und
tröstlich war. Aber ihr Mann that das nicht ohne Ursache. Denn er wußte
wohl, daß sie nach seinem Tode ein betrübtes, elendes Weib sein und
dieses Trostes, so der 31. Psalm in sich hat, sehr nötig werde
bedürfen.“ Und ähnlich hat sich der Doktor auch in seinem Testament
ausgesprochen, wie in seinem Brief auf seiner Trutz-Fahrt[572].

Luther kannte eben die Welt und seine und seiner Familie Lage: er kannte
der Leute Undank[573], der Fürsten Unzuverlässigkeit und ihrer Beamten
Untreue, der Amtsgenossen kleinliche Gesinnung, der Feinde Haß, der sich
schon bei Lebzeiten auch gegen sein Gemahl in unerhörter Beschimpfung
richtete und sich noch ungehemmter zeigen mußte, wenn erst der
gefürchtete Kämpe den Schild nicht mehr über sie deckte. Er wußte, daß
er ein kranker Mann war, daß er sterben werde, ehe seine Kinder erzogen
und versorgt wären; er kannte die traurige Lage einer Witwe zu seiner
Zeit, die ohne Ansprüche auf Witwengehalt, ja nach dem herkömmlichen
Recht ohne Ansprüche auf die Hinterlassenschaft war. Deshalb war er in
Sorge für seine treue Gattin; deshalb hat er aber auch, so viel an ihm
lag, Fürsorge für sie getroffen, um sie vor dem Schwersten zu bewahren.

Diese Gedanken hat Luther in seinem „zweiten“ und „letzten“ „Testament“
niedergelegt, welches vier Jahre vor seinem Tode, am 6. Januar 1542
niedergeschrieben ist. Darin setzt er seiner „lieben und treuen
Hausfrau“ ein Leibgeding aus und will sie schützen gegen „etlich
unnütze, böse und neidische Mäuler“, welche seine „liebe Käthe“
beschweren oder verunglimpfen möchten oder die Kinder aufhetzen. „Denn
der Teufel, so er mir nicht konnte nahe kommen, sollt er wohl meine
Käthe (auf) allerlei Weise (heim)suchen, (schon) allein (aus) der
Ursache, daß sie des D.M. ehrliche Hausfrau gewesen und Gottlob noch
ist.“[574]

So mußte Frau Katharina auch bald spüren, welcher Unterschied es sei,
die Gattin des großen Doktors zu sein, der nach dem Anspruch eines
großen Fürsten neben dem Kaiser die Welt regierte, dessen Ansehen und
Ehre auch auf die „Hauswirtin“ überging, und Luthers verlassene Witwe,
in deren Vermögens-und Familienverhältnisse, Hauswirtschaft und
Kindererziehung hineinzureden und hineinzuregieren sich jetzt viele
berufen fühlten, zum Teil aus gutem Willen und Verehrung für den
dahingegangenen Freund und Reformator, während bisher Frau Katharina
selbst, höchstens mit Rat und Zustimmung ihres Eheherrn, in diesen
Dingen vollständig selbstherrlich geschaltet hatte. Daß sie, die
energische Frau, welche sich ihrer Tüchtigkeit in der Leitung eines
großen Hauswesens wohl bewußt war, und welcher Luther so bereitwillig
das Hausregiment überlassen hatte, dies Dreinreden und Dreinbefehlen
schwer empfand, ist begreiflich. Nicht wenig mußte es sie auch schmerzen
und ihr Selbstgefühl verletzen, daß sie bisher die erste Frau der Stadt,
ja der evangelischen Welt, nun bescheiden zurücktreten mußte. Schwer
auch kam sie's gewiß an, daß sie das in so großem Stil geführte
Hauswesen mit seiner unerhörten Gastlichkeit beschränken mußte.

Zwar das trat nicht ein, was Luther gefürchtet hatte, daß „die vier
Elemente (d.h. doch wohl die vier Fakultäten der Universität) sie nicht
wohl leiden“ würden. Auch davon hört man nichts, was Luther in seinem
Testamente aussprach: „Ich bitt alle meine guten Freunde, sie wollten
meiner lieben Käthe Zeugen sein und sie entschuldigen helfen, wo etliche
unnütze Mäuler sie beschweren und verunglimpfen wollten, als sollte sie
etwa eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern
entwenden oder unterschlagen würde. Ich bin des Zeuge, daß da keine
Barschaft ist, ohne die Becher und Kleinod droben im Wipgeding erzählt
(aufgezählt), vielmehr 450 fl. Schulden oder mehr.“[575]

Aber Luther hatte noch ein weiteres vorausgesehen, was seiner Frau
vorgeworfen werden könnte: eine üble Wirtschaft. Es heißt weiter im
Testament: „Es kann solches bei jedermann die Rechnung öffentlich geben,
weil man weiß, wie viel ich Einkommens gehabt von meinen gestrengen
Herrn, ohn was Geschenk ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden,
zumteil auch noch in der Schuld steckt und zu finden ist. Und ich doch
von solchem Einkommen und Geschenk so viel gebaut, gekauft und große und
schwere Haushaltung geführt, daß ich's muß neben anderem selbst für
einen sonderlichen, wunderliche Segen erkennen, daß ich's hab können
erschwingen, und nicht Wunder ist, daß keine Barschaft, sondern daß
nicht mehr Schuld da ist.“[576]

Am meisten unzufrieden mit der gesamten Wirtschaft Katharinas war der
Kanzler Brück, Luthers Gevattersmann. Brück hatte schon 1536, als
Katharina das Gut Booß pachten wollte, ihr das nicht zukommen lassen,
aus Argwohn, sie wolle dies herrschaftliche Gut so unter der Hand
erblich an sich und ihre Kinder bringen, „welche Gedanken doch nie in
ihr Herz gekommen sind“. Deshalb hatte sie auch den Landrentmeister
Taubenheim später (1539), als das Gut wieder pachtfrei war, angegangen,
solchen ihren Antrag an niemand sonst, auch nicht an den Kurfürsten
(welchen dann Brück um Gutachten gefragt hätte) gelangen zu lassen,
sondern ihr's unter der Hand zukommen zu lassen, was dann auch geschah.
Brück äußerte sich auch sehr abschätzig über Käthes Unternehmungen auf
ihrem Lieblingssitz Zulsdorf und hielt diese kostspieligen
Verbesserungen für arge Verschwendungen. Er widersetzte sich endlich dem
Erwerb von Wachsdorf. Daher ist es begreiflich, daß auch Katharina auf
ihn übel zu sprechen war, und überhaupt auf die fürstlichen Amtleute,
welche scheel zu den Begnadigungen sahen, die sie vom Hofe erhielten,
und sogar sie darin verkürzten. Als Luther ein Jahr vor seinem Tode von
Wittenberg wegziehen wollte, und seine Frau beauftragte, seine
Besitzungen in der Stadt zu veräußern, da ließ Melanchthon gegen Brück
merken, daß eigentlich Katharina das „treibe“ und daß es nicht das sei,
was Luther vorwende. Das berichtete der Kanzler dem Kurfürsten und fügte
mit einer gewissen Schadenfreude hinzu: es gebe Gottlob keine Käufer für
so kostbare Häuser und Güter[577].

Als dann die kurfürstliche Verordnung wegen „der Hochzeiten und
Kindtaufen“ an Luther geschickt wurde, kamen Melanchthon und Bugenhagen
zu Brück und zeigten an, Luther wolle sie weder sehen noch hören; zu Hof
hätte man nur sein Gespött damit. Daraus schloß Brück, daß der Doktor
durch seine Frau aufgewiegelt werde.

Es war also ein Zerwürfnis zwischen dem Schwarzen Kloster und dem Hof,
das heißt zwischen Dr. Luther und Kanzler Brück, der den „Hof“ vertrat,
so daß Brück gar nicht mehr persönlich und direkt mit Luther
verhandelte, sondern die beiden Theologen sandte oder auch einen
Dritten[578]. Dieses Zerwürfnis hatte dann noch seine weitere
Geschichte.

Im Dezember 1545 schickte Brück einen Zwischenhändler ins Schwarze
Kloster „hinauf zu Sr. Ehrwürden“, um Luther zu bewegen, er solle aus
einer vom Hof bestellten Schrift eine politisch bedenkliche Stelle
auslassen. „Da war Frau Käthe auch dabei und hat ihr Wort dazu gelegt
dergestalt: „Ei lieber Herr, sie lesen zu Hof nichts; das macht's,
wissen sie doch Euere Weise wohl u.s.w.“ Und Luther wurde über diese
Zumutung des Kanzlers zornig und wunderlich und sagte, er wolle es
kurzum nicht thun. Diese Rede Käthes wurde natürlich dem Kanzler
hinterbracht und er berichtete sie sofort samt den vorhergehenden
Beobachtungen dem Kurfürsten mit dem Zusatz: „Ich sorg, weil sich Doktor
Martinus in mehr denn einem Weg wider den Hof bewegt vermerken läßt, es
muß nochmals das Gütlein Wachsdorf dahinter stecken, und der gute,
fromme Herr durch die „Rippe“ bewegt wird.“[579]

Das alles spielte kurz vor Luthers Tode; begreiflich, daß die
Verstimmung bei Brück jetzt noch frisch und kräftig nachwirkte. Auch
Melanchthon und Bugenhagen scheinen gegen die Doktorin eingenommen, wenn
man den Berichten von Brück glauben soll. Es muß aber doch ausfallen,
daß außer den Brückschen Berichten keine Belege für Melanchthons und
Bugenhagens Feindseligkeit gegen Frau Käthe bekannt sind; ja die
Fürsorge beider, namentlich Melanchthons und das Zutrauen Katharinas zu
diesem beweist eher das Gegenteil. Dennoch wäre nach Brücks Eingabe eine
vorübergehende Erregung der beiden alten Freunde gegen sie vorhanden
gewesen.

Zunächst freilich wirkte die Liebe und Verehrung, die der gewaltige und
gemütreiche Mann genossen, auch noch auf seine Familie, insbesondere die
trauernde Gattin.

Der Kurfürst hatte einst vor neun Jahren in Schmalkalden an Luthers
vermeintlichem Sterbebett diesem versprochen: „Euer Weib soll mein Weib
sein und Euere Kinder sollen meine Kinder sein“. Dessen gedachte er auch
jetzt nach des Doktors wirklichem Abscheiden und sandte an „die
Doktorin, Luthers liebe Hausfrau“, jenes gnädige Trostschreiben, worin
er sie und ihre Kinder seiner gnädigen Fürsorge versichert[580]. Diesem
Versprechen kam nun auch der Fürst getreulich nach, so lange er in
Freiheit war und es vermochte.

Der Kanzler Brück hatte in einer Nachschrift zu seinem Briefe an den
Kurfürsten vom 19. bemerkt: „Philippus hat mir gesagt, er habe der
Doktorin bereits vor 14 Tagen 20 Thaler zur Haushaltung leihen müssen.
E. Kf. Gn. wollen 14 Thaler verordnen zur Haushaltung und anderem, das
dieses Falles Notdurft wohl erfordern will. Der Allmächtige wird es E.
Kf. Gn. reichlich vergelten!“ Darauf sandte der Kurfürst sofort am
folgenden Tag hundert Gulden mit einem Schreiben an Melanchthon; darin
heißt es: „Dieweil Wir auch vermerken, als solle gemeldten Doctor
Martini seligen Hausfrau und Witwe am Gelde Mangel haben, wie ihr denn
von Euch vor seinem Tode Fürsehung (Vorschuß) geschehen sein solle: als
schicken Wir Euch bei diesem Boten hundert Gulden. Davon wollet Euch des
Geldes, was Ihr geliehen habt, zuvor bezahlen und der Witwe die Übermaß
(den Überschuß) von Unserntwegen zustellen.“[581]

Und vielleicht nochmals zwei Tage nach der Beisetzung hat der Kurfürst
die Witwe Luthers seiner besonderen Gnade und Fürsorge versichert. Auch
erbot er sich, ihren ältesten Sohn an den Hof und in die kurfürstliche
Kanzlei zu nehmen[582].

Auch die Freunde des Hauses nahmen sich der Witwe noch an. Melanchthon
erwies ihr eine kleine Aufmerksamkeit. Als er am 11. März einen Hasen
und einen Pelz von Jonas erhielt, dachte er an das Mosesgesetz, daß den
Priestern, welche die Bürde der Kirchenregierung auf ihren Schultern
trugen, auch die Haut des Opfertieres gehören sollte, und damit an
Luther, der so lange Jahre auf seinen Schultern eine solche Last
Geschäfte getragen, und er schickte den Pelz und Hasen an Luthers
Witwe[583].

Jonas berichtet am 15. April an König Christian III. von Dänemark über
Luthers Tod und fügte die Bitte bei: „Bitt' unterthänigst E.K.Maj. wolle
der Witwe Domini D. Martini seiner drei Söhne Martini, Pauli, Johannis
und eines Töchterlein Margret gnädigster Herr sein.“[584]

Sogar der Herzog von Preußen schrieb an den Kurfürsten von Sachsen für
D. Martini seligen Witwe eine „Vorbitt“, deren der Kurfürst freundlich
eingedenk zu sein verheißt: „Dieweil Wir dem Doktor bei seinem Leben in
allem Guten geneigt gewesen, so achten Wir Uns auch schuldig, seine
nachgelassenen Kinder, seinen getreuen, fleißigen und christlichen
Dienst genießen zu lassen, wie Wir sie auch samt der Witwe in gutem
Befehl habend.“[585]

Die Grafen von Mansfeld hatten Luther und seiner Familie für seine
Vermittlung 2000 fl. zugesagt und haben diese dann auch am 8. Mai 1546
„Doktor Luthers nachgelassener Wittfrau und Kindern“ verschrieben, zu
„Dankbarkeit solch christlichen Liebe und Erzeigung bemeldts D.M.
Luthers, daß er sich gutwillig gen Eisleben gefügt und treumeinende
Handlung vorgenommen und also daselbst mit Friede sein Ende christlich
und seliglich beschlossen.“[586]

Endlich bestand noch ein Vermächtnis des Kurfürsten Johann Friedrich von
1000 fl., welche Luthers Kindern ausgesetzt waren, und wovon einstweilen
die Renten ausbezahlt wurden, als eine Art Gnadengehalt für die
Waisen[587].

Der Witwe war in diesen Verschreibungen nicht gedacht. Dagegen hatte
Luther für seine Gattin schon vier Jahre vor seinem Tode ein Leibgeding
ausgesetzt.

Luther hatte nun in bekannter Mißachtung der Juristen und des
juristischen Formen-Krams dies Dokument absichtlich selbst aufgesetzt
und nur von seinen theologischen Freunden Melanchthon, Kreuziger und
Bugenhagen unterschreiben lassen, in der Meinung, da ihn so „viele in
der Welt für einen Lehrer der Wahrheit halten“ trotz Papstes Bann und
des Kaisers, Könige, Fürsten, Pfaffen, ja aller Teufel Zorn, so sollte
man ihm und seiner Handschrift auch in diesen geringen Sachen glauben.“
Er schreibt darin: „Zuletzt bitt' ich jedermann, weil ich in dieser
Begabung oder Wibgeding nicht gebrauche der juristischen Formen und
Wörter (wozu ich Ursachen gehabt), man wolle mich lassen sein die
Person, die ich in Wahrheit bin, nämlich öffentlich im Himmel, auf Erden
und in der Hölle bekannt, der man trauen und glauben mag, mehr denn
keinem Notario.“[588]

Daraus ergiebt sich eine Mißstimmung gerade gegen Brück, der ja in
diesem Falle besonders hätte gehört werden müssen. Aber die
Rechtsgelehrten konnten dies Testament auch anfechten und scheinen dies
gethan zu haben eben darum, weil Luther in so geflissentlicher Weise die
verhaßten Juristen übergangen hatte. Waren doch die Juristen immer noch
bedenklich über die Rechtsgültigkeit der Priesterehe und gar der Ehe von
Mönchen und Nonnen, also daß Luther fürchten mußte, daß sie seine „Ehre
und Bettelstücke seinen Kindern nicht gedenken zuzusprechen“. Da konnte
nur eine besondere Entscheidung der Staatshoheit der Witwe zu ihrem
Rechte verhelfen, wie auch Luther selbst in dem Testament vorgesehen
hatte: „Und bitt auch hiemit unterthäniglich, S.K.G. wollten solche
Begabung oder Wibgeding schützen und handhaben.“[589]

Dies sog. „Testament“ Luthers war eigentlich ein Leibgeding für seine
Hausfrau, ein „Weibgedinge“, wie es herkömmlich von Ehemännern früher
oder später ausgestellt zu werden pflegte. Es hatte um so größere
Bedeutung, als es für Beamten-, wie Professorenfrauen kein Witwengehalt
gab und das sächsische Erbrecht für Frauen so ungünstig war.

Alle evangelischen Pfarrer der Reformationszeit, deren Besoldung sehr
unsicher, oft nur ein Gnadengehalt war, strebten deshalb danach, ihren
Frauen, wie Luther sich ausdrückt, ein „Erbdächlein und Herdlin“, d.h.
Grundbesitz, zu verschaffen; und jeder Ehemann in Sachsen pflegte der
Ehefrau ein Leibgedinge zu verschreiben. „Wie wenige findet man,“ sagt
Luthers langjähriger Hausgenosse Hieronymus Weller, als er Pfarrer in
Freiberg war und Weib und Kind hatte, „wie wenige findet man, die sich
kümmern um Witwen und Waisen von verstorbenen Dienern der Kirche! Darum
folge ich Luthers Beispiele und kaufe ein Haus zur Zuflucht für die
Meinen in der Zukunft.“ So dachte auch Luther. Er äußerte sich sehr
unzufrieden über das sächsische Recht wegen seiner Behandlung der
weiblichen Ansprüche. „Sachsenrecht“, sagte er, „ist allzustreng und
hart, als das da anordnet, daß man einem Weibe nach ihres Mannes Tode
geben soll nur einen Stuhl und Rocken“. Dies legte aber Luther so aus:
„_Stuhl_, das ist Haus und Hof; _Rocken_, das ist Nahrung, dabei sie
sich in ihrem Alter auch könne erhalten; muß man doch Dienstboten
besolden und jährlich ihnen ihren Lohn geben, ja man giebt doch einem
Bettler mehr.“[590]

Demgemäß handelte nun auch Luther und schrieb — schon am Dreikönigstag
1542 — sein „Testament“, d.h. das „Weibgeding“ für seine Gattin[591].

„Ich, M.L.D. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, daß ich
meiner lieben u. treuen Hausfrauen Katherin gegeben habe zum Wipgeding
(oder wie man es nennen kann) auf ihr Lebenlang, damit sie ihres
Gefallens u. zu ihrem Besten gebaren muge, und gebe ihr das in Kraft
dieses Briefs, gegenwartiges und heutigen Tages:

Nämlich das Guttlein Zeilsdorff, wie ichs bis daher gehabt habe.

Zum andern das Haus Bruno zur Wohnung, so ich unter meines Wolfs Namen
gekauft habe.

Zum dritten die Becher und Kleinod, als Ringe, Ketten, Schenkgroschen,
gulden und silbern, welche ungefährlich sollten bey 1000 Fl. werth seyn.

Das thue ich darumb,

Erstlich, daß sie mich als ein frum, treu ehelich Gemahel allezeit lieb,
werth u. schön gehalten, und mir durch reichen Gottes-Segen fünf
lebendige Kinder (die noch furhanden, Gott geb lange) geboren und
erzogen hat.

Zum andern, daß sie die Schuld, so ich noch schuldig bin (wo ich sie nit
bey Leben ablege), auf sich nehmen und bezahlen soll, welcher mag seyn
ungefähr, mir bewußt, 450 fl. mugen sich vielleicht wohl mehr finden.

Zum dritten, und allermeist darumb, daß ich will, sie müsse nicht den
Kindern, sonder die Kinder ihr in die Hände sehen, sie in Ehren halten,
und unterworfen seyn, wie Gott geboten hat. Denn ich wohl gesehen und
erfahren, wie der Teufel wider dieß Gebot die Kinder hetzet und reizet,
wenn sie gleich frum sind, durch böse und neidische Mäuler, sonderlich
wenn die Mütter Witwen sind, und die Söhne Ehefrauen, und die Töchter
Ehemänner kriegen, und wiederumb socrus nurum, nurus socrum. Denn ich
halte, daß die Mutter werde ihrer eigenen Kinder der beste Vormund seyn,
und sölch Guttlein und Wipgeding nicht zu der Kinder Schaden oder
Nachtheil, sondern zu Nutz und Besserung brauchen, als die ihr Fleisch
und Blut sind und sie unter ihrem Herzen getragen hat.

Und ob sie nach meinem Tode genöthiget oder sonst vorursachet wurde
(denn ich Gott in seinen Werken und Willen kein Ziel setzen kann) sich
zu vorändern: so traue ich doch, und will hiemit sölches Vertrauen
haben, sie werde sich mutterlich gegen unser beyder Kinder halten, und
alles treulich, es sey Wipgeding oder anders, wie recht ist, mit ihnen
theilen.

Auch bitt ich alle meine gutten Freunde, sie wollten meiner lieben
Käthen Zeugen seyn und sie entschuldigen helfen, wo etzliche unnutze
Mäuler sie beschweren oder verunglimpfen wollten, als sollt sie etwa
eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern entwenden
oder unterschlagen würde. Ich bin deß Zeuge, daß da keine Barschaft ist,
ohn die Becher und Kleinod, droben im Wipgeding erzählet.

Und zwar sollts bey iedermann die Rechnung offentlich geben, weil man
weiß, wie viel ich Einkummens gehabt vom M. gestr. Herr, und sonst nicht
ein Heller noch Körnlein von iemand einzukummen gehabt, ohn was Geschenk
ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, zum Theil auch noch in
der Schuld steckt, und zu finden ist. Dieß bitte ich darumb: denn der
Teufel, so er mir nicht kunnt näher kummen, sollt er wohl meine Käthe,
allein der Ursachen, allerley Weise suchen, daß sie des Mannes D.M.
eheliche Hausfrau gewesen, und (Gott Lob) noch ist.“ —

Außer diesem Witwengut bestand das Lutherische Vermögen aus folgendem:
dem Klosterhaus, hernach zu 3700 fl. verkauft, den beiden Gärten zu 500
fl., Hausrat und Bibliothek zu 1000 fl. zusammen 5200 fl. Das Leibgeding
der Mutter betrug im Verkaufswert 2300 fl., nämlich das Gut Zulsdorf 956
fl., das Haus „Bruno“ zu 343 fl., bisher „um einen liederlichen Zins“
vermietet, dazu noch die 1000 fl. Silbergeschirre; davon gingen
allerdings die genannten 450 fl. Schulden ab, wenn sie bei Luthers Tod
noch standen; diese Schulden machten ihr viel Sorgen; eine „Barschaft“
war — auch nach D. Brücks Zeugnis „nicht da“. Freilich Luther selber
hatte diesen Besitz viel höher angeschlagen; in der Schätzung 1542
berechnet er ihn auf 9000 fl. Das Einkommen aber aus allem schätzt er
auf kaum 100 fl. Dazu kamen noch seit einiger Zeit 50 fl. jährliche
Rente, aus dem verschriebenen kurfürstlichen Legate von 1000 fl. und
endlich noch 2000 fl. des Grafen von Mansfeld[592].

Das war wohl ein großer, weitläufiger Besitz; aber er war wenig
einträglich; alles in allem warf er 250 fl. ab. Ob davon eine größere
Familie ohne gar zu große Einschränkung leben konnte? Die Kinder waren
noch alle unversorgt und unmündig. Der älteste Sohn Hans war 20 Jahre
alt, das jüngste Töchterlein Margarete erst 11, Martin 14 und Paul 15.
Und die drei Söhne sollten nach Luthers Wunsch alle studieren: Hans nach
der Mutter Meinung die Rechte, Martin wollte Theologe werden, Paul hatte
sich schon mit des Vaters Beifall für die Medizin entschlossen. Zudem
war noch der alte lahme Famulus Wolf da, der als gewohntes Erbstück mit
versorgt werden mußte; er hatte zwar auf Luthers Ansuchen vom Kurfürsten
ein Stipendium von 40 fl. bekommen, dies aber ging in Luthers Haushalt
mit auf[593]. Man konnte Luthers Witwe, die einen so großen und
gastfreien Haushalt gewohnt war, doch nicht zumuten, das alte liebe Haus
zu verlassen und sich in ärmlichster Weise, etwa in die „Bude“ Bruno
oder auf Zulsdorf zurückzuziehen und die Kinder unter fremde Leute zu
geben. Brück war freilich dieser Meinung. Frau Katharina dagegen wollte
alle Kinder bei sich behalten, was ja wohl auch das billigste war; sie
wollte ferner im Klosterhaus bleiben und Kostgänger nehmen in noch
ausgedehnterem Maße wie bisher; sie wollte endlich nicht nur „die Böse“
(das Gut Booß), die sie etliche Jahre her zur Miete und um einen
„liederlichen Zins“ innegehabt, ferner auch also behalten, sondern noch
ein weiteres landwirtschaftliches Anwesen erwerben, um ihre Einnahmen zu
vermehren[594]. Dies alles aus Fürsorge für sich und ihre Kinder; aber
auch, wie der Kanzler Dr. Brück gewiß richtig versteht, „damit sie zu
thun, zu schaffen und zu gebieten genug hab, und ihr demnach an der
vorigen Reputation nichts abgehe“. Namentlich war ihr das neue Landgut
angelegen: hatte sie ja für die Landwirtschaft besondere Neigung aus
wirtschaftlichem Interesse, aber wohl auch aus ihrem adeligen Bewußtsein
heraus. Schon vor mehreren Jahren nämlich war ihrem Gatten das große Gut
Wachsdorf zum Kaufe angetragen worden, welches eine Stunde von
Wittenberg, jenseits der Elbe, also viel günstiger als das ferne
Zulsdorf gelegen, auch fruchtbarer und einträglicher, freilich auch
teurer war als dies. Das wurde ihr nun aufs neue angeboten[595].

Die Witwe fragte nun Melanchthon um Rat. Der sah für gut an, man sollte
den Kauf von Wachsdorf anlangend des Kurfürsten Rat und, wo dieser es
riete, seine gnädige Hilfe erbitten. Sie aber wollte das schlechterdings
nicht haben — gewiß nur deshalb, weil sie von vorn herein wußte, daß der
kurfürstliche Rat — der Rat Dr. Brücks sei, dem die Sache zur
Begutachtung übergeben würde und der dem Vorhaben Katharinas durchaus
entgegen war. Sie entwarf nun eine Eingabe an den Kurfürsten
dahingehend: Weil sie gedenke, das Gut Wachsdorf zu kaufen, so wolle
S.K.Gn. ihr dazu gnädige Hilfe thun, und sie mit Vormündern bedenken,
damit ihre Kinder und sie zu ihrer Unterhaltung bedacht werden möchten,
dieweil kein Geld, Gesinde oder Vorrat vorhanden, denn das Gut wäre
nicht angerichtet (eingerichtet).

Diese Bittschrift gab Frau Katharina Melanchthon zur Begutachtung.
Dieser brachte sie nun am Dienstag, 9. März, abends in die Sitzung mit,
welche er, Bugenhagen und Kreuziger mit Brück wegen des Regensburger
Religionsgespräches bei dem Kanzler hielten, und gab sie — Brück. Und
der Kanzler las sie nun „öffentlich“ vor.

Als Bugenhagen den Plan Katharinas wegen Wachsdorf vernahm, rief er: „Da
hört man wohl, wer alleweg nach dem Gut Wachsdorf getrachtet. Vorher hat
man's auf den Doktor geworfen, der wolle es schlechterdings haben; aber
jetzt merkt man wohl, wessen Getrieb es gewest.“

Darnach fielen allerlei Reden zwischen den vier Männern und meinten
dieselben „fast insgemein“: „Kriegte sie das Gut, so würde sie ein
solches Bauen darauf anfangen, zu ihrem und der Kinder großem Schaden,
wie sie mit dem Gut Zulsdorf auch gethan, welches sie über 1600(!)
Gulden zu stehen kam und wollt ihr nicht gern 600 Gulden gelten[596].
Weiter wurde bedacht: Wenn sie draußen (in Wachsdorf) bauen und wohnen
wollte, so würde sie die Söhne zu sich hinaus vom Studium abziehen, daß
sie junkern lernten und Vögel fangen[597]. Ferner überschwemme die Elbe
sofort und bedecke das Gut mehrern Teils mit Wasser; man könne keinen
Keller bauen, es sei überhaupt „ein wüstes Gütlein“.

Aber Melanchthon, der das Ungehörige seines Schrittes wohl einsah, bat,
man solle nicht über die Bittschrift verhandeln, sondern sie, wie sie
wäre, an den Kurfürsten abgehen lassen; „die Frau ließe sich doch nit
raten, sondern ihr Gutdünken und Meinung müsse alleweg für rücken“.

Brück sagte: „Will sie um Vormünder bitten, so wird sie ja mit derselben
Rate handeln und vorgehen müssen. Und ich dächte, daß Kreuziger und M.
Melanchthon neben andern die besten Vormünder wären; denn sie wissen ja
um des Herrn sel. Gelegenheit; die Kinder müssen ihnen auch des Studiums
halber vor anderen folgen.“

Aber die beiden schlugen die Vormundschaft „alsbald glatt ab“, aus
Ursachen, daß „die Frau nicht folge und sie oft beschwerliche Reden von
ihr würden einnehmen müssen“.

Ferner ließ sich Melanchthon vernehmen, daß sie der Kinder keins wolle
von sich thun, sondern dieselben sollten bei ihr in Wittenberg
unterhalten werden. Und wiewohl der ältere Sohn Hans nicht ungeneigt
gewesen wäre, auf des Kurfürst gnädiges Erbieten gen Hof und in die
kurf. Kanzlei zu ziehen, so hätte sie ihn doch (ab)wendig gemacht.
Man[598] habe von andern auch dergleichen gehört, daß sie vorgäbe: es
wäre ein alberner Gesell, man würde ihn in der Kanzlei nur äffen und zum
Narren machen. Zum Studium tauge er nach Melanchthons Meinung gar nicht,
denn er wäre zu groß und es fehlten ihm die Grundlagen. Endlich war der
Kanzler der Meinung, man sollte die Behausung des Klosters, diese
weitläufige Wohnung, verkaufen oder verlassen. Aber Melanchthon
erklärte, daß „ihr Gemüt (Sinn) nicht wäre“, das zu thun, sondern sie
gedächt es zu behalten, ingleichen auch das Gut Zulsdorf, selbst wenn
Wachsdorf dazu käme.

So war — nach Brücks Bericht — die Unterredung der vier Freunde und
Gevattern Luthers über seine Witwe.

Melanchthon hatte also gegen den Willen der Frau Doktorin ihr Anliegen
dem Kanzler vorgetragen, dessen Dreinreden sie gerade — und mit gutem
Grund — vermeiden wollte; und er hatte auch noch allerlei mündliche
Mitteilungen gemacht, welche nicht dazu dienen konnten, die Stimmung der
Freunde gegen die Doktorin zu verbessern.

Ohne von dieser Behandlung ihrer vertraulichen Mitteilung etwas zu
wissen, ließ nun Frau Katharina ihre Eingabe durch den Hausfreund
Ratzeberger, den kurfürstlichen Leibarzt, bei Hofe im Torgauer Schloß
einreichen. Es geschah am Mittwoch, und schon Donnerstag, 11. März,
fordert der Kurfürst den Kanzler Brück in Wittenberg um ein Gutachten
über die Bittschrift Katharinas auf, die er seinem Schreiben beilegte.

Das Gutachten des Kanzlers ist nun ein eigentümlich gehässiges
Schreiben. Brück berichtet darin an den Kurfürsten zuerst die
vertrauliche Beratung der drei Theologen mit allen für Katharina
ungünstigen Bemerkungen derselben, und zwar, wie es scheint, verschärft.
Hätte das Melanchthon gewußt, so hätte er's wohl unterlassen, Brück „von
der Frauen wegen um sein Bedenken“ zu bitten. Ferner erwähnt der Kanzler
in dem Schriftstück allerlei gehässiges und sogar verlogenes Geschwätz
„von andern“. „Viel Leut wollen's dafür halten, es werde endlich
schwerlich unterbleiben, daß sie sich wieder verändern wird“ — so wagt
Brück drei Wochen nach ihres Gatten Tod von einer 47jährigen Frau zu
schreiben! und dies, obwohl er sich bewußt ist und ausdrücklich erklärt,
es sollte vermieden werden, daß „man mit der Frauen disputiere, ob sie
sich verändern wird oder nit“. Ferner berichtet er an den Kurfürsten:
„Man sagt mir, es hab ein jeder Knab einen eigenen Präceptor und
Famulum“ — hinterher stellt sich aber heraus, daß es bloß ein einziger
ist, Rutfeld, und ein gelehrter und treuer Geselle. Ebenso wird es
Uebertreibung sein, wenn er als „öffentlich“ hinstellt, was „des andern
Gesindes vorhanden ist“ — wie sie nämlich „mit vielem Volk“ (Gesinde)
überladen sei. Endlich giebt der Kanzler seiner Abneigung gegen die
Doctorin noch verschiedentlich klaren Ausdruck. Er nennt ihre Bitte
„stumpf und kurz“; er rechnet dem Kurfürsten _wiederholt_ vor, daß er
600 fl. Gnadengeld zur Erbauung des Gutes Zulsdorf gegeben und noch dazu
für 100 fl. Holz; er spricht die Verdächtigung aus, welche doch auch Dr.
Luther träfe: „Der arme lahme Wolf ist auch noch da; wollt sie ihn bei
sich behalten und er bei ihr bleiben, so hätt sie die vierzig Gulden
auch mit einzubrocken, wie denn bisher geschehen, daß der arme Mensch
derselben wenig genossen hat, — besorg ich“, setzt er doch etwas
bedenklich hinzu. Das Gut Wachsdorf macht Brück so schlecht wie möglich
und meint, es „erobere“ keine hundert Gulden Reinertrag, also nicht
einmal die Kapitalzinsen. Er verdächtigt die Doctorin weiter, „es sei
ihren Kindern nichts nutz“ und es sei ihr nur darum zu thun, teil zu
haben an dem Gut. Und sein ganzes Bestreben geht dahin, nur den Kindern
und immer den Kindern alles zugut kommen zu lassen und die Witwe vom
Besitz und Genuß auszuschließen. Und weiterhin ist Brücks Rat und
Absicht, „ihr die stattliche — ein andermal heißts: „große und
verthunliche“ — Haushaltung zu brechen“. Endlich geht er mit aller Macht
darauf aus, der Mutter die Kinder zu entziehen. Während Luther in seinem
Testament zu seiner Gattin das gute Zutrauen hatte, „die Mutter werde
ihren eigenen Kindern der beste Vormund sein“, erklärte Brück, wie es
scheint mit direkter Beziehung auf diese Meinung Luthers: „Nach
sächsischem Recht kann sie nit Vormund sein, dieweil sie bei ihrem
Witwenstand selbst Vormünder bedürftig; so wär es auch sorglich, da
(wenn) sich die Frau anderweit würde verehelichen.“ Am ärgsten wohl
tritt er der Witwe zu nahe, wenn er ausführt, die Knaben würden bei ihr
junkern und spazieren gehen und vom Studio abgezogen, sie müßten daher
„zu gelehrten Leuten gethan werden, vor denen sie Furcht und Scheu
hätten, bei welchen sie auch einen bequemen Tisch hätten“ — als ob die
Kinder bei ihr — der „Erzköchin“ — sogar in ihrer leiblichen Pflege
versäumt würden! Die einzige gegründete Veranlassung zu dem Mißtrauen in
Katharinas Erziehungskunst konnten doch nur die geringen Fortschritte
geben, die der wenig begabte Erstgeborne im Studium bisher gemacht.

Fast eher wie böses Gewissen sieht es aus, als wie Scheu vor Frau
Katharinas starkem Willen, wenn der Kanzler an den Kurfürsten schreibt:
„Nun wär ich in Unterthänigkeit willig gewest, mit der Frauen selbst
oder dem Philippo von den Sachen auf E. Kurf. Gn. Befehl zu reden; so
hat mich doch dies abgescheuet, daß ich dazumal vom Philippo verstanden,
daß ihr Gemüt nit wäre das Haus allhie zu verkaufen oder zu verlassen,
sondern gedächt es zu behalten, ingleichen Zulsdorf und Wachsdorf; darum
des Verkaufens des Hauses gegen ihr nit zu gedenken sein wollte.“

Sachlich macht der Kanzler dem Kurfürsten nun folgende Vorschläge:

1. Damit die Domina nicht Ursache habe S.K.Gn. zu Unglimpf zu gedenken,
möge der Kurfürst zu den bisherig verschriebenen 1000 fl. noch 1000 fl.
— aber nur für die Kinder — hinzuthun und beides zusammen mit 100 fl.
verzinsen, das auf das Mädchen (Margarete) fallende Viertel aber (500
fl.) bis zu ihrer Verheiratung verpensionieren.

2. Der Kurfürst solle der Mutter und den Kindern besondere Vormünder
geben. Diese beiderseitigen Vormünder sollten dann das Eigentum der
Witwe und das der Waisen reinlich scheiden.

3. „Darnach müssen die Vormünder beiderseits davon reden, wie, wovon und
welcher Gestalt die Kinder sollen unterhalten werden. Da wird sich denn
das Gebeiß zwischen der Frau und den beiderseitigen Vormündern ergeben.
Denn der Kinder Vormünder werden sagen: es sei kein bessers, denn Hansen
den ältern Sohn thue man gen Hof in E.K.G. Kanzlei; so möchte es sich
mit der Zeit also schicken, daß er zu etwas käme, so ihm sonst fehlen
möchte. Denn wenn ihm E.K.G. ein Stipendium verordnet und es wollt mit
dem Studium nicht fort, so wird es schimpflich, es ihm zu kündigen.
Ferner werden sie sagen, daß mit den andern Knaben auch kein besser
wäre, denn daß man sie von einander thät und daß sie nit bei der Mutter
wären.“ Dazu könne ihnen der Kurfürst noch ein weiteres Stipendium
geben.

4. Das Töchterlein könne man bei der Mutter lassen, und von den 500 fl.
30 fl. Rente geben, und wenn es nicht reiche: 40 fl. Davon könnte es die
Mutter mit einem kleinen Meidlein, das ihm aufwartet, wohl erhalten und
es von dem Mansfeldischen Geld- oder Zinsanteil mit Kleidung versehen.

5. Auf diesem Weg würde der Frau ihre große und verthunliche Haushaltung
gebrochen werden und dem vorgebeugt, daß aus den Kindern „Junker und
Lappen“ werden.

6. „Würde die Frau unsern Vormündern dann sagen: „Wovon solle sie denn
erhalten werden?“, so könnten die Vormünder der Kinder erwidern: Sie
brauche mit ihrer Tochter nicht große Haushaltung, nicht viel Gesinde,
hätte die Wohnung umsonst, könne Kostgänger halten, die Anwesen zum Teil
vermieten, brauen, den Genuß vom Garten, Hufen und Zulsdorf haben und
Anteil an den Mansfeldschen Kapitalzinsen. Auch könne der Kurfürst ihr
und der Tochter jährlich 2 Wispel Korn geben und vielleicht etliche
Klafter Holz.

7. „Wenn sie (die Domina) vermerkte, daß E.K.G. den _Kindern_ bewilligen
wollte, Wachsdorf zu kaufen und dazu die 2000 fl. ausfolgen lassen, so
wird sie des Gutes bald vergessen und sich der Mühe und des Bauens nicht
wollen beladen, so sie nicht zum wenigsten die Hälfte daran
mitberechtigt wird.“ Es gebe auch jährlich kaum 100 fl. Reinertrag, und
habe dazu auch die Last eines halben Lehnspferdes. Darüber aber solle
der Hauptmann zu Wittenberg Asmus Spiegel befinden, ob das Gut mehr
eintrage als das Kapital.

Der Kurfürst war rücksichtsvoller als sein Kanzler. Er schien dessen
Abneigung zu merken und ordnete in einem Schreiben an Brück und
Melanchthon an, daß Vormünder für die Witwe und für die Waisen bestellt
würden, und verschrieb den Kindern noch 1000 fl.; über den Kauf von
Wachsdorf sollten die Vormünder befinden[599].

Zwar erbot sich Brück, „hinauf zu fahren (zur Doktorin) und die
Anzeigung mit zu thun; Philippus aber meinte, es wäre ohne Not, er wollt
es von unser beider wegen wohl ausrichten.“ Also ging Melanchthon am
Freitag früh mit dem kurfürstlichen Schreiben zu der Doktorin[600].

Sie bedankte sich bei ihm und dem Kurfürsten für die Begnadigungs-Zulage
zu gunsten ihrer Kinder und erklärte dann folgendes:

1. Sie wünsche für sich zu Vormündern den jeweiligen Stadthauptmann von
Wittenberg und ihren Bruder Hans von Bora; für die Kinder des Doktors
sel. Bruder Jakob, den jetzigen Bürgermeister Reuter von Wittenberg und
Melanchthon, Dr. G. Major lehnte sie ab; auch Kreuziger scheint sie
abgelehnt zu haben, welcher im vertrauten Briefwechsel mit Veit Dietrich
Käthe eine „Hausfackel“ genannt hatte. Sie erklärte sich aber mit der
Vormundschaft des Kurfürstl. Leibarztes Dr. Ratzeberger einverstanden,
der „seines Weibes halber selber der Freundschaft (= Verwandtschaft)
war.“[601]

2. Sie war einverstanden, daß die 1500 fl. vom Kurfürsten für ihre
_Söhne_ auf Wachsdorf angelegt würden. Der Kanzler hatte ihr also auch
darin Unrecht gethan, daß er meinte, die Domina wolle Wachsdorf nur oder
hauptsächlich für sich haben und bewirtschaften, statt für ihre Söhne.

Der Kanzler schlug nun dem Kurfürsten vor, Melanchthon „nicht mit der
Vormundschaft zu beladen, denn er ist fromm und wenig (gutherzig und
schwach), dienet nit dazu, da man der Frau wird sollen Oppositum
(Opposition) halten.“ Man solle die beiden Theologen Melanchthon und
Kreuzinger nur zu Mitvormündern in Bezug auf die Erziehung der Kinder
machen, daß die Söhne zu „Gottesfurcht, Lehre, Zucht und Tugend möchten
gezogen werden“.[602]

So wurde es dann auch vom Kurfürsten angenommen und die Vormünder
bestellt, für die Kinder auch Kreuziger in Stellvertretung für
Ratzeberger, welcher nur bei den wichtigsten Verhandlungen abkommen
könnte[603].

Auch das Testament Luthers wurde, „nachdem Uns Unsre Liebe Besondere
Katharina, des Ehrwürdigen und Hochgelehrten Unsers Lieben Andächtigen
Ehr Martin Luthers, der hl. Schrift Doctors seligen nachgelassene Witwe
ihres Herrn Testament und Verordnung vortragen und bitten lassen“ — zu
Judica vom Kurfürsten „gnädiglich bestätiget und konfirmiret, ob es
gleich an Zierlichkeiten und Solemnitäten, so die Rechte erfordern,
mangelhaft wäre.“[604]

Nun gab es noch lange mühsame Verhandlungen zwischen dem Kanzler und
Kurfürsten einerseits und zwischen den Vormündern und der Doctorin
anderseits wegen der Erwerbung des Gutes Wachsdorf und der Erziehung der
Kinder[605].

Der Kanzler riet energisch von dem Kauf des Gutes ab, aber noch
hartnäckiger „arbeitete“ Frau Katharina darauf, und erbot sich, ihren
Kindern zu gut sich mit dieser Sache zu „beladen“; denn sie verhoffte
daraus große Nutznießung zu ziehen und versprach auch „keine
sonderlichen Gebäude allda vorzunehmen“. Darum haben die Vormünder „es
auch nit härter bestreiten wollen und durch ihr Widerfechten das Ansehen
bei ihr haben, als wollten sie ihre Wohlfahrt hindern und des Herrn
(Luthers) Wohlthaten vergessen“. „Also hat es die tugendsame Frau
Doctorin und die Vormünder neben ihr angenommen.“[606] Das Gut kostete
aber 2200 fl. Weil das Mansfeldische Kapital erst in zwei Jahren flüssig
wurde, so gaben die Vormünder dem Kurfürsten zu bedenken, „daß um des
löblichen Herrn Doctors willen der Witfrauen auch etwas zu willfahren
ist, und daß sie wahrlich zwischen Thür und Angel stecken.“ Darum gab
der Kurfürst die 2000 fl. her, darunter auch die 500 fl. der Margarete,
welche aber bis zu ihrer Verehelichung als Hypothek auf Wachsdorf
gestellt und mit 30 fl. verzinst werden mußten. Von den fehlenden 200
fl. gab Melanchthon und ein Freund die Hälfte, um die andere ging er den
wohlhabenden Amsdorf an. Am Pfingstmontag (14. Juni 1546) zahlte der
Kanzler Brück die 2000 fl. an die Vormünder Ratzeberger, Reuter und
Jacob Luther aus, und Frau Käthe, die so „fleißig angehalten, daß
gemeldte Gabe in liegende Güter umgewandelt werde“, erbot sich, „daß sie
solche Güter den vier Kindern zu Gute treulich und fleißig warten
wollte“. Zur Verwaltung des Gutes hätte sie freilich gerne noch einen
Teil des Mansfeldschen Kapitals gehabt und begab sich dieserhalb zu dem
Grafen, und wie es scheint, mit teilweisem Erfolg[607].

In ähnlicher Weise ging es auch mit der Erziehung der Kinder. Der
Kanzler drang zwar darauf, daß Johann in die kurfürstl. Kanzlei käme und
die beiden andern, Paul und Martin, mit der Mutter Verwilligung weg zu
einem Magister in Wohnung, Kost und Unterricht, also zu fremden Leuten
gethan würden. Und so billigte es auch der Kurfürst[608].

Damit mußte auch die Witwe zufrieden sein und „ihr solches gefallen
lassen und sich mit den Vormündern darüber vergleichen.“ So berichtete
wenigstens Brück an den Kurfürsten. Nun ordnete der Kurfürst auf den
Bericht des Kanzlers an, daß die Vormünder den ältesten Sohn vor sich
forderten und an ihm vernähmen, ob er im Studio fortzufahren geneigt und
wenn er jetzo dermaßen geschickt, daß seines Studieren halber Hoffnungen
sei, so solle man es noch ein halb Jahr mit ihm versuchen; sollte er
aber dazu weder geschickt noch geneigt sein, so wolle der Kurfürst ihn
auf seine Kanzlei nehmen. Die zwei jungen Söhne aber sollten „von der
Mutter zu einem tauglichen Magister oder Präceptor gethan werden, bei
denen sie wesentlich sein und ihre um ein gleich (billiges) Geld Kost
haben oder irgendwo mit ihm zu Tisch gehen, bei denen sie auch eine
Scheu und Furcht haben und also in der Lehr und Zucht zum besten
aufgezogen werden und darinnen verharren.“ Mit dieser Entfernung der
Kinder aus dem Hause sollte nun auch zugleich die Haushaltung der Witwe
aufgelöst werden[609].

Daß diese Zumutungen bei Katharina einen großen Kampf kosteten, läßt
sich denken. Wenn sie auch wohl zuerst bei dem gemeinsamen Ansturm aller
Freunde und Gönner diesen Plänen nachgegeben hatte, jetzt, als sie zur
wirklichen Ausführung kommen sollten, wehrte sich die Mutter mit aller
Macht dagegen. Vier Wochen dauerte der Kampf und — Katharina blieb
siegreich[610].

Die Vormünder Kreuziger, Melanchthon und Reuter nahmen auf des
Kurfürsten Befehl zuerst den ältesten, Johann, vor. Sie stellten ihm
vor, daß S.K.Gn. geneigt wäre, ihn in seine Kanzlei zu nehmen. „Dieweil
er denn in einem solchen Alter wäre, daß er billig bedenken solle, was
er endlich vornehmen wolle: ob er bei dem Studio wollte bleiben oder
nicht, und die Vormünder ihn zur Kanzlei tüchtiger erachteten, so
wollten sie ihm gern dazu raten; zudem daß es an sich ein löblicher und
nützlicher Stand sei, darin er zu Gottes Lob und zu gemeiner Wohlfahrt
dienen und seiner lieben Mutter, Schwester und Brüdern tröstlich sein
könne; er sollte daher dankbar das kurfürstliche Anerbieten annehmen und
diesen Stand nicht ausschlagen.“

Darauf folgte eine lange Hin- und Widerrede und eine schriftliche
Antwort von Hans des Inhalts: „Ehrwürdige, liebe Herren! Des Durchl.
Kurf. Befehl meine Person anlangend habe ich in Untertänigkeit und
dankend angehört. Nun versteh ich wohl, daß der Stand in der Kanzlei ein
sehr ehrlicher (ehrenvoller) Dienst ist, ich weiß aber, daß mein lieber
Vater vor dieser Zeit nicht hat willigen wollen, daß ich außer der Schul
ziehen soll. So wollt ich gern länger studieren. Ich will mich auch
durch Gottes Gnade in allem Gehorsam und Unterthänigkeit gegen Gott, S.
Kurf. Gn. und meiner lieben Mutter allezeit halten. Und bitte, S. Kurf.
Gn. wollen mir gnädiglich zulassen, noch ein Jahr in artibus („in den
freien Künsten“) zu studiren, mich in lateinischer Schrift besser zu
üben. Und so ich alsdann zu einer Fakultät tüchtig, wollt ich lieber
procediren (fortfahren) im Studio; so mich aber S.K.Gn. alsdann
gnädiglich gebrauchen wollten, stelle ich dasselbe auch zu S.K.Gn. in
Unterthänigkeit. Johannes Lutherus.“

Weiterhin forderten die Vormünder den jetzigen Präzeptor der zwei jungen
Knaben, Ambros Rutfeld, vor und erkundigten sich nach den Knaben. Des
einen, Martin, Schrift sahen sie an und befanden ihn wohl studiert; Paul
war etliche Wochen krank gewesen, erwies sich zur Musik geschickt, der
Grammatik aber nicht so fähig.

Dann zeigten die Vormünder der Mutter Sr. Kurf. Gn. „gnädiges Gemüt an,
daß sie zum Studio treulich und fleißig angehalten und mit Lehr und
Wohnung bei einem Magister in der Stadt bestellet würden.“

Die Mutter gab folgende Antwort: „Sie zweifle nicht, S. Kurf. Gn. meine
dieses gnädiglich, und sie danke unterthänig. Aber sie bitte zu
bedenken, weil der jüngste oft schwach (krank) sei, daß er an andern
Oertern nicht besser sein könne, denn bei der Mutter. Zudem so seien
allhie die Magistri also beladen (übersetzt) in ihren eigenen Wohnungen,
daß die Kinder ohne Fährlichkeit ihrer Gesundheit nicht wohl bei ihnen
zu bestellen seien. Auch möchten sie unter dem fremden ungleichen jungen
Volk eher in böse Gesellschaft geraten, denn bei ihr, dieweil sie doch
aus dem Haus ohne ihre Erlaubnis nicht gehen dürften.“

Diese Gründe erkannten die Vormünder an; und weil nun die Söhne nicht
von der Mutter kommen, sondern weiter bei ihr bleiben sollten, so
erheischte auch der Kinder und der Witwe Notdurft nicht mehr, daß die
Haushaltung eingezogen und vergebliche Kosten abgeschnitten wurden. Die
Vormünder brachten darum auch den weiteren kurfürstlichen Auftrag gar
nicht zur Verhandlung, „daß das unnötige Gesinde hinweg gethan wurde und
von dem jährlichen Einkommen die Witwe und Kinder ihre Haushaltung
bequemlich haben, auch darüber nicht in Schulden gedeihen möchten.“ Die
Vormünder erklärten vielmehr dem Kurfürsten, die Knaben seien jetzund
mit einem gelehrten treuen Gesellen bestellet, sie wollten auch selber
ein Aufsehen auf Martini Studio haben, hätten auch bereits das Nötige
angeordnet. Und sie trugen darum auch um so lieber auf den Ankauf des
Gutes Wachsdorf an. Demgemäß entschied nun der Kurfürst mit Ratzebergers
Zustimmung: er wolle es bei dem Entschlusse Hansens bewenden lassen; sei
auch einverstanden, daß er und seine Brüder nun bei der Mutter blieben,
versehe sich aber nun, daß des Doktors sel. Söhne alle drei unter dem
Hauslehrer und der Vormünder Aufsicht zu Zucht, Tugend und Lehre mit
Fleiß angehalten würden, ihnen auch nicht viel versäumliches Spazierens
verstattet werde. „Denn Wir wissen, daß des Doktors Gemüt mit höchster
Begierde dahin gerichtet gewest, daß seine Söhne studieren sollten.“ Von
einer Einschränkung oder Auslösung der Haushaltung war nicht mehr die
Rede.

So hatte Frau Katharina schließlich doch ihr „Gemüt“ durchgesetzt: das
alte, liebgewordene, durch so viele große Erinnerungen geheiligte
Klosterhaus blieb ihr Besitz und ihr Wohnsitz, die Kinder durfte sie
alle um sich haben und Wachsdorf wurde den Söhnen zu teil als ein
rittermäßiges Mannlehen; und damit hatte sie die Genugthuung, daß ihre
Kinder wieder ein edelmännisches Erbgut besaßen, nachdem der adelige
Besitz ihrer eigenen Familie völlig zerstoben war.

Die Familie blieb also im Klosterhause beisammen. Hans besuchte die
Kollegien und die beiden Knaben lernten bei ihrem Präzeptor Rutfeld. Das
Töchterlein wurde von der Mutter erzogen.

In der ersten Trauerzeit hatte die Frau Doktorin unmöglich ihren großen
Haushalt und Kosttisch mit den vielen fremden Tischgenossen weiter
führen können. So waren manche ausgezogen. M. Besold z.B. bat
Melanchthon, ihn aufzunehmen. Frau Katharina kam auch wohl wegen der
ungewissen Zukunft ihrer Lage nicht so bald dazu, den Kosttisch wieder
im alten Umfang anzufangen.

Der lahme alte Wolf, der Famulus des Doctors, war auch noch da. Die
Vormünder mußten hören, ob er noch länger bei der Frau bleiben, auch ob
sie ihn behalten wollte oder nicht. Wahrscheinlich ist er, der so sehr
mit dem Klosterhause verwachsen war, doch geblieben, obwohl er einmal
auf eine frühere gleiche Anfrage Luthers, ob er bei seiner Frau bleiben
wolle, ausweichend geantwortet hatte, wenn Luther sterbe, möchte er am
liebsten auch selber gleich begraben werden, und Frau Katharina wird ihn
auch behalten haben; abgesehen von den 40 Gulden Pension, die sie, wie
Kanzler Bruck meinte, „mit einbrocken“ konnte, war er doch zu sehr
eingeweiht in alle Verhältnisse des Hauses, und Frau Käthe behielt ihn,
wenn er auch nicht nur lahm, sondern nach Luthers Zeugnis auch
nachlässig, bequem und gedankenlos war und am liebsten am Vogelherd saß.

Das übrige Gesinde wird wohl beschränkt worden sein, wie der Kanzler und
der Kurfürst verschiedentlich betont hatten. Denn auch die
Gastfreundschaft war in dem Klosterhause nicht mehr in dem alten Umfang
nötig: die Besuche, Feste, Tischgesellschaften der zahlreichen Freunde
und Bekannten, der flüchtigen und Bittsteller, der Gesandtschaften und
Studierenden ließen nach oder hörten ganz auf. Aber freilich neue Mühe
und Arbeit erwuchs der Doktorin in dem neuen Landgut, zumal da jetzt die
Heu- und Fruchternte bevorstand. Doch solche Arbeit war der
thatkräftigen Domina eine Lust und Freude. Neben der Landwirtschaft
betrieb Frau Käthe jetzt ihre „Tischburse“ weiter. Es starb ihr aber
leider gar bald am 30. Mai ein junger Tischgeselle Weidhofer aus
Oesterreich hinweg[611].

Die eben Witwe gewordene hatte auch selber zu sorgen für eine andere
Waise, ihren Neffen Florian. Die Mutter desselben hatte sie angegangen,
dem jungen Studenten namentlich mit Büchern nachzuhelfen; sie meinte
wohl — irrigerweise —, das könnte aus der Bibliothek Luthers geschehen
oder durch Bücher von einem abgehenden oder verdorbenen andern
Tischgenossen, wie das ja vorkam. Frau Käthe schreibt da ihrer
Schwägerin:

„Was Euern Sohn, meinen lieben Ohmen antrifft, will ich gerne thun, so
viel ich kann, wenn es allein sollt an ihm angelegt sein. Wie ich mich
denn gänzlich versehe, er werde dem Studieren mit allem Fleiß folgen und
seine köstliche, edle Jugend nicht unnützlich und vergeblich zubringen.
Wenn er aber in seinem Studieren ein wenig besser zunehmen und nun
andere und mehr Bücher bedarf, sonderlich so er die Rechte studieren
sollte, könnt Ihr, liebe Schwester, selbst gedenken, daß ich ihm solche
Bücher, die er dazu bedarf, nicht werde geben können. Und (er) wird ein
wenig einen größern Nachdruck müssen haben, damit er sich das Ding
alles, was dazu gehört, schicken kann. Wär' derhalben sehr vonnöten,
daß, wie Ihr mir schreibet, Euren Sohn, meinem lieben Ohmen, ein
jährlich Geld zum Stipendio gegeben würde. Also könnte er desto besser
beim Studieren bleiben und seinem Ding leichtlicher nachkommen. — Von
dem allem aber, das ich bei ihm thun kann, will ich Euch bei (durch)
meinem Bruder Hans von Bora, alsbald er hieher zu mir kommen wird,
weiterm Bericht und Bescheid geben.“[612]

Dies Stipendium erhielt auch Florian mit Hilfe Katharinas[613].

Zu Ostern kam also Bruder Hans von Krimmitschau, wo ihm vom Kurfürsten
die Karlhause als Rittergut um mäßigen Kaufpreis überlassen worden war,
zu Besuch bei der verwitweten Schwester. Freilich helfen konnte Hans von
Bora auch nicht eigentlich, am wenigsten mit handgreiflicher
Unterstützung; denn er hatte selbst mit Sorgen der Nahrung und des
Lebens zu kämpfen.

Dagegen wandten sich die Freunde der Lutherschen Familie, besonders
Bugenhagen, der Reformator des Nordens, wiederholt an den alten Gönner
D. Luthers, den König Christian III. von Dänemark. Nachdem zu Pfingsten
auf Jonas' allgemeines Schreiben noch keine Antwort eingetroffen war,
schrieb der Dr. Pommer am 5. Juni bestimmt und deutlich: „Der Herr
Philippus und ich bitten, E.M. wolle unsern Sold (100 Thlr.) und 50
Thaler, die noch gehören in diesem Jahr unserm lieben Vater Doctori
Martino (welchen Christus herrlich hat aus diesem Jammerthal zu sich
genommen vor einem Vierteljahr) geben diesem Herrn Christophero, Ritter,
an uns zu bringen. Die fünfzig Thaler wollen wir Doctor Martini Weib und
Kindern verantworten.“[614]


Bald darauf kam die königliche Antwort auf D. Jonas' Brief: „Wir wollen
auch Uns des seligen und teuern Mann Gottes nachgelassene Witwe und
Kinder gnädigst befohlen sein lassen.“ Aber der fällige Sold kam nicht,
so daß Bugenhagen im Herbst (am 15. Nov.) nochmals eine deutliche
Mahnung an den König abgehen ließ: „Ich habe Ew. Königl. Majestät
fleißig geschrieben um Pfingsten bei Ehr Christoffer, Ritter aus
Schweden, von unserm Solde, welchen Ehr Christoffer wollt uns hieher
bringen, auch gebeten für D. Martini nachgelassene Witwe daß sie diesmal
noch die fünfzig Thaler möchte kriegen aus Gnaden E.K.M. Aber Ehr
Christoffer ist nicht wieder kommen, hat mir auch gar nicht
geschrieben.“[615]

So harrte Frau Katharina vergeblich auf diese Beisteuer und sie hätte
sie doch so nötig gehabt. Denn mittlerweile war aufs neue großes Unheil
über Wittenberg und das Klosterhaus hereingebrochen.



17. Kapitel.

Krieg und Flucht.


Die Witwe konnte sich kaum in ihren neuen Stand einleben, da nahte schon
das Unglück, das Luther vorausgesehen und vorausgesagt: es kam der
Schmalkaldische Krieg und mit ihm Verwüstung, Plünderung, Flucht, Elend
über Frau Katharina.

Die Ereignisse folgten sich rasch im Frühling und Sommer: die
Protestanten verwerfen das Tridentinische Konzil; der Regensburger
Konvent verläuft ohne Ergebnis; der evangelische Erzbischof Hermann von
Köln kommt in Bann. Herzog Moriz verbündet sich mit dem Kaiser; das
protestantische Oberdeutschland greift zu den Waffen, dann auch
Kursachsen und Hessen; die beiden Fürsten werden geächtet, der Krieg
erklärt und der Papst ordnet Gebete an für Ausrottung der Ketzer. Schon
zehn Tage vorher am dritten Sonntag nach Pfingsten hörte Frau Katharina
in der Kirche zu Wittenberg das evangelische Kriegsgebet und flehte mit
besonderer Inbrunst um Hilfe in dem Gewaltkampf, der gegen ihres seligen
Mannes Werk entbrennen sollte: „Dieweil Du siehst die große Not unserer
Herrschaft, unser aller: Mann, Weib und Kinder, und daß unsre Feinde
fürnehmlich suchen Vertilgung rechter Lehre und Aufrichtung und
Bestätigung ihrer schändlichen Abgötterei: so bitten wir Dich, Du
wollest um Deiner Ehre willen unsre Herrschaft, unsere Kirchen, uns,
unsere Kinder und Häuslein gnädiglich schützen und bewahren, wie Du Dein
Volk Israel im Roten Meer erhalten und geschützet hast, und wollest der
Feinde Macht zerstören und die mörderische fremde Nation ihre Unzucht
und Grausamkeit nicht an unsern Weibern und Kindern üben lassen.“ Und
Melanchthon gab die „Warnung D. Martini Luther an seine lieben
Deutschen“ in Kriegsgefahr aufs neue heraus[616].

Sorge und Schrecken verbreitete sich in Wittenberg als der Hauptfestung
Kursachsens und dem geistigen Hauptbollwerk des Protestantismus, und
ganz besonders im Schwarzen Kloster, von dem aus der Sturm gegen das
Papsttum begonnen war.

Im Sommer kamen unter Hauptmann von Mila viele gute Kriegsknechte in die
Stadt, auch viel Proviant, Büchsen und Pulver. Die einen waren
ordentlich und fromm, andere lebten roh und praßten. Die Bürger zogen
mit den Kriegsknechten auf die Wache, ergriffen Spieße, Hellebarden und
Arkebusen und bezogen die Schanzen, Hans Lufft, der Drucker mit seinen
Gesellen, den großen Berg, wo die „Singerin“, ein großes Geschütz,
aufgestellt war. Eine spätere Nachricht erzählt, daß auch Hans Luther
als Fähnrich in den „kaiserischen Elbkrieg“ gezogen sei[617].

Alles war in Aufregung, namentlich als Herzog Moriz von Sachsen, dem
schon Luther Verrat an der evangelischen Sache zugetraut hatte, sich auf
die Seite des Kaisers schlug und in Kursachsen einfiel, von den Welschen
und „Hussern“ des Königs Ferdinand begleitet[618].

Die Universität begann sich zu zerstreuen aus Furcht vor Belagerung. Der
Krieg näherte sich. Am 6. November wird Zwickau umzingelt, daher die
Hochschule aufgelöst. Am 9. kommt die Kunde, Zwickau sei an Moriz
übergeben und das feindliche Kriegsvolk ziehe auf Wittenberg heran.
Jetzt flüchtete alles, was konnte, aus der festen Stadt: Greise, Weiber,
Kinder, nach allen Richtungen in zahllosen Wagen, während der fallende
Winterschnee Menschen, Tiere und Gefährte bedeckte. Nur Pfarrer und
Schulmeister blieben zurück von den Beamten[619].

Frau Käthe hatte schon vor vierzehn Tagen ihren Wagen einspannen und
außer ihren Kindern das Wertvollste und Notwendigste an Hab und Gut
aufladen lassen. Auch der Neffe Fabian Kaufmann und wohl noch andere
Verwandte und Tischgenossen waren bei dem traurigen Zug; der Famulus
Wolf aber blieb zur Hut des Hauses zurück. Die Flucht ging über Dessau
und Zerbst nach dem festen Magdeburg, wohin sich die meisten Professoren
begaben; nur Melanchthon blieb mit seiner Familie in Zerbst, wo er einen
kleinen Schülerkreis sammelte, kam aber öfters nach Magdeburg herüber.
Fabian wurde später nach Wittenberg zurückgeschickt, wo neben Kreuziger
und Bugenhagen auch Paul Eber verblieben war, der sich des jungen
Menschen annehmen konnte; wahrscheinlich sollte Fabian in der Stadt mit
Wolf Sieberger auf das Schwarze Kloster und den Lutherischen Besitz
achtgeben.

Bald kam die betrübende Kunde von Wittenberg: „Man hat (am 16. November)
die Vorstädte samt allen Gärten und Lusthäusern weggebrannt, die Aecker
verwüstet und ist den armen Leuten wohl eine Tonne Goldes Schaden
geschehen und ein großer Jammer.“ Dann kam Moriz mit seinen Meißnern und
mit König Ferdinands „Hussern“, und sie streiften bis an die Mauern der
Stadt und schrieen hinein. Herzog Moriz, des „Teufels Ritter und
Soldat“, berannte die Stadt am 18. November. Da hieß es nach dem Liede:

  Zu Wittenberg auf dem hohen Wall
  Hört man die Büchsen krachen.

Der Sturm wurde abgeschlagen, aber die „Hussern“ plünderten und
schändeten in der Umgegend[620].

Indessen diesmal ging die Belagerung Wittenbergs rasch vorüber; denn
Moriz wurde um Weihnachten von dem aus Süddeutschland herbeigeeilten
Kurfürsten zurückgetrieben. Jedoch der Krieg in Sachsen dauerte fort und
an eine Heimkehr nach Wittenberg war nicht zu denken; nur Melanchthon
war einmal Mitte Januar 1547 dort[621].

Der Aufenthalt in Magdeburg war nichts weniger als behaglich, Unterkunft
war gar schwer zu finden; dem Stadtrat war die Masse der Schüler
unbequem. Die Nachbarschaft, besonders die Halloren, waren gegen sie
aufgebracht und bedrohten sie. Daher suchten die Professoren andere
Stellungen, namentlich Major mit seiner zahlreichen Familie[622].

In dieser Zeit der Not kam eine Hülfe, die fast nicht mehr erwartet war.
Die 50 Thaler, um welche Bugenhagen den dänischen König für Luthers
Witwe schon zu Pfingsten und dann nochmals nach der Flucht der Witwe
geschrieben hatte, waren bis jetzt nicht gekommen. Nun aber am 10.
Januar 1547 wurden die gewährten 150 „Joachimer“ durch Vermittelung des
Hamburgers Müller an Professor Veit Winsheimer, welcher bei dem ehrbaren
Herrn Emeran Tucher zu Magdeburg wohnte, geschickt, und Frau Katharina
empfing erfreut ihren Anteil[623]. Und nicht lange darauf kam wieder ein
Bote mit 50 Thalern und einem gnädigen Schreiben an „Doktor Luthers
Witwe“:

„Unsern gnädigsten Gruß zuvor.

Ehrbare und viel Tugendsame, Liebe, Besondre!

Nachdem Wir berichtet, daß Ihr in jetzigen gefährlichen Zeiten neben
anderen aus Wittenberg nach Magdeburg gewichen, haben Wir nicht
unterlassen wollen an Euch zu schreiben, Euch Unsern gnädigsten Willen
und Neigung zu vermelden. Und als Ihr dermaßen Eure Haushaltung und Euch
an fremden Orten unterhalten müßt, worüber wir ein besonders Mitleid
haben, schicken Wir Euch bei gegenwärtigem Boten, dem alten Schlesier,
zu Eurer Haushaltung fünfzig Thaler; die wollet zu Gefallen annehmen und
Unsere gnädigste Neigung daraus vermerken. Wir wollen auch jederzeit
Euer gnädiger Herr sein und Uns gegen Euch zu erzeigen wissen. Wollten
Euch solches gnädigst nicht vorenthalten und sind Euch mit Gnaden und
allem Guten geneigt.“[624]

Frau Katharina schrieb dafür ihren Dankesbrief:

„Gnad und Friede von Gott dem Vater durch seinen eingeborenen Sohn
Christum Jesum.

Durchlauchtigster, großmächtigster König, gnädigster Herr!

E.K.M. sei mein andächtig Gebet gegen Gott dem Herrn vor (für) E.K.M.
und aller der Ihren Wohlfahrt und glückselig Regiment allzeit mit hohem
Fleiß zuvoran bereitet. Gnädigster Herr! Nachdem ich in diesem Jahre
viel große und schwere Bekümmernis und Herzeleids gehabt, als da
erstlich mein und meiner Kinder Elend mit Absterben (jedoch seliger und
fröhlicher Heimfahrt zu unserm Heiland Christo Jesu) meines lieben
Herrn, welches Jahrzeit jetzt den 18. Februarii sich nahet, angangen;
darnach auch diese fährliche Kriege und die Verwüstung dieser Länder
unsers lieben Vaterlandes gefolget und noch kein Ende dieses Jammers und
Elends zu sehen: ist mir in solchem Bekümmernis ein großer und hoher
Trost gewesen, daß E.K.M. beides, mit gnädigster Schrift und
Uebersendung der funfzig Thaler zu bequemer Unterhaltung meiner und
meiner Kinder, auch ferner E.K.M. gnädigster Erbietung, Ihre gnädigste
Neigung gegen mir armen verlassenen Witfrau und meiner armen Waisen
vermeldet; welches auch vieler andern zuvor gnädigst erzeigten Wohltaten
halber gegen E.K.M. ich mich unterthänigst bedanke; verhoffend, Gott der
Herr, welcher sich einen Vater der Witwen und Waisen nennet, wie ich
denn täglich zu ihm bitte, werde solches E.K.M. reichlich belohnen; in
welches gnädigen Schutz und Schirm E.K.M. und Ihr Gemahl, meine
gnädigste Frau Königin, und die ganze junge Herrschaft samt Ihren Landen
und Leuten hiemit und allezeit fleißig thue befehlen.

Geben zu Magdeburg, den 9. Februarii A.D. XLVII.

  E.K.M.

  gehorsame
  Katharina Lutherin,
  seliger Gedächtnis Doctoris
  Martini Luthers
  verlassne Witfrau.“[625]

Die so Beglückte dachte aber auch an andere Hilfsbedürftige, an den
Amtsgenossen ihres Gatten, D.G. Major, der mit seiner großen
Kinderschaar in dieser schlimmen Zeit sich vergeblich nach einer
Stellung umsah. Frau Katharina legte in diese Danksagung als Beilage
noch eine Fürbitte ein:

„Gnädigster Herr! Nachdem ich erfahren, was vor gnädigste und
christliche Neigung E.K.M. gegen den (die) Theologen der Universität zu
Wittenberg tragen und mein lieber Herr seliger Gedächtnis Doctor Georgen
Major stets nun über zwanzig Jahre als seinen Sohn gehalten und lieb
gehabt, welcher zu dieser Zeit allhie bei mir im Elend samt zehen
lebendigen Kindern: will E.K.M. gedachten Doctor ich mich unterthänigst
befohlen haben bittend, E.K.M. wollen ob solchem kein ungnädigst
Gefallen haben. Denn Theologi je mit Weib und Kindern sonderlichen zu
diesen jämmerlichen Zeiten, betteln müssen, wie ich schier selbst
erfahren, da sie nicht von Fürsten und Herren ihre Errettung und
Unterhaltung haben werden.“

Zu Ostern erhielt nun auch D. Major „auf der tugendsamen Frauen
Katharina, des seligen und löblichen Gedächtnis Doctoris Martini Luthers
verlassenen Witfrauen Vorschrift und Vorbitte 50 Thaler bei dem
Schlesiger gnädiglich überschickt“[626].

Da es mit der Einnahme Wittenbergs durch Moriz nichts geworden, so war
mittlerweile die tapfere Frau Katharina wieder nach Wittenberg
zurückgekehrt, aber ihres Bleibens war nicht lange dort. Denn der Kaiser
Karl und sein Bruder Ferdinand kamen aus Süddeutschland und Böhmen mit
ihren Spaniern und Italienern, Böhmen und Ungarn ihrem Verbündeten Moriz
zu Hilfe und es stand eine neue Belagerung Wittenbergs bevor, die
diesmal ernstlich und gefährlich werden sollte. Und jetzt mußte Frau
Katharina erst recht flüchten, denn überall hin verbreitete sich die
Kunde von den unerhörten Greuelthaten und Grausamkeiten der fremden
Völker, sogar gegen unschuldige Kinder: „sie raubten, mordeten,
plünderten, schändeten Frauen und Jungfrauen und warfen Kinder auf der
Gasse über die Zäune“. Namentlich aber wüteten Spanier und Italiener
gegen die evangelischen Geistlichen und ihre Familien. Dem Pfarrer in
Altenburg entführten sie zwei Töchter, den von Kemberg bei Wittenberg
ermordeten sie[627]. Da hieß es: „Die ungarischen Räuber, gemeiniglich
Hussirer genannt, sind ein räuberisch und unbarmherzig Volk; bei Eger
hieben sie den Kindern die Hände und Füße ab und steckten sie als
Federbüsche auf die Hüte“. So erzählte man, und Melanchthon schrieb:
„Ihr Führer Lodran (Lateranus) sagte, er werde nach Eroberung unserer
Stadt Luthers Leib ausgraben und den Hunden vorwerfen lassen; und redete
namentlich davon, mich in Stücke zu hauen.“ Oder gar: „Man werde Luthers
Gebeine ausgraben und verbrennen, die Stätte, wo er geruht, zerstören
und die Stadt schleifen, Melanchthon erwürgen und D. Pommer zerhacken,
daß man sich mit den Stücken werfen möchte.“ Deshalb setzte Melanchthon,
welcher zu Anfang 1547 wieder in Wittenberg weilte, für die dortigen
Pfarrfrauen eine Bittschrift an den Kaiser auf[628].

Frau Katharina hielt in Wittenberg aus, so lange als möglich. Da aber
kam am Ostertag morgens in aller Frühe die schreckliche Kunde, daß am
Karsamstag 24. April der Kurfürst Johann Friedrich von der kaiserlichen
Uebermacht auf der Lochauer Heide geschlagen und gefangen worden sei und
das feindliche Heer sich gegen Wittenberg heranwälze. Hals über Kopf
mußte nun Luthers Witwe aufs neue ins Elend“ ziehen[629].

So kam sie plötzlich wieder nach Magdeburg und bat die Freunde,
besonders Melanchthon als Vormund ihrer Kinder unter Thränen, ihnen ein
Nest zu suchen. Am liebsten wäre sie nach Dänemark gegangen, zu dem
einzigen Fürsten, der sich ihrer anzunehmen versprochen hatte, nachdem
von dem unglücklichen Kurfürsten nichts mehr zu erwarten stand. Sie bat
zunächst, sie nach Braunschweig führen zu lassen. Die Theologen
schienen, als sie die Trümmer des geschlagenen kursächsischen Heeres
durch Magdeburg ziehen sahen, sich auch nicht mehr in Magdeburg sicher
zu fühlen, und Melanchthon und Major mit ihren Familien zogen samt der
Lutherischen über Helmstädt nach Braunschweig. In Helmstädt wurden sie
vom Stadtrat freigebig bewirtet. In Braunschweig brachte Melanchthon die
beiden anderen Familien bei dem evangelischen Abt unter, während er für
sich selbst recht lange sich nach einer kleinen Wohnung umthun mußte. Er
wurde als begehrter Professor von den verschiedensten Fürsten
eingeladen; aber um Luthers Witwe kümmerte sich niemand: sie konnte in
dieser Zeit der katholischen Reaktion höchstens eine Verlegenheit sein.
Deshalb drängte sie darauf, nach Dänemark zu kommen. Aber als die
Flüchtlinge kaum einige Meilen von Braunschweig nördlich nach Gifhorn
gekommen waren, zeigten sich alle Wege im Herzogtum Lüneburg voll
Soldaten und Herzog Franz machte Schwierigkeiten; so kehrte man wieder
nach Braunschweig zurück. Dort blieb nun Katharina mit ihren Kindern,
während Melanchthon zu Himmelfahrt nach Nordhausen zog, wohin ihn sein
Freund, der Bürgermeister Meienburg, eingeladen halte; und Major folgte,
willens sich nach seiner Vaterstadt Nürnberg zu begeben[630].

Am 23. Mai, Montag vor Pfingsten, wurde Wittenberg vom kaiserlichen Heer
besetzt; am Mittwoch ritt der Kaiser und der König Ferdinand in die
Stadt ein vor die Schloßkirche und ließ sich vom Studiosus Johann Burges
aus Quedlinburg „die Begräbnis“ Luthers zeigen, die zu entweihen er aber
nicht zuließ, so feind die Spanier sonst D. Luthern waren[631]. Am 6.
Juni mußte Wittenberg dem neuen Kurfürsten Moriz huldigen, der den
Kurhut und das Kurland als Preis für seinen Verrat an der evangelischen
Sache erhalten hatte. Zwei Tage darauf lud der Rektor die Universität
zur Rückkehr nach Wittenberg ein. Auch Käthe wurde Ende Juni von D.
Pommer und Bürgermeister Reuter zur Rückkehr aufgefordert: es sei alles
sicher und Haus und Hof unverheert. So kehrte sie, wenn auch erst Ende
Juli, aus Braunschweig heim ins liebe Wittenberg[632].



18. Kapitel.

Der Witwenstand.


Es war eine traurige Heimkehr, als Frau Katharina mit ihren Kindern und
dem Rest der geretteten Habe auf ihrem Fuhrwerk durch das Coswiger Thor,
die Schloßstraße und die Kollegiengasse herauf fuhr und vor dem
Klosterhause hielt. Leichter waren Koffer und Kasten geworden — es waren
vergoldete und silberne Kredenzbecher im Werte von 600 fl. versetzt
worden — und das Herz voll schwerer Sorge. Und doch war's ein Gefühl der
Ruhe und Sicherheit, wieder daheim zu sein nach der langen Flucht
draußen im „Elend“. Und tapfer griff Frau Käthe es an, das Leben neu zu
gestalten.

Das Haus war noch im alten Stande und vom Hausrat nichts versehrt. Die
Stadt hatte zwar eine Belagerung und einen Sturm durch Moriz
ausgehalten, aber friedlich war sie nach der Mühlberger Schlacht an den
neuen Regenten übergeben worden und keine Spanier hatten darin hausen
dürfen; nur deutsche Völker waren zugelassen. Das Klosterhaus war
während der Flucht in der Hut des alten treuen Wolf gestanden. Der aber
war nicht mehr, als die Doctorin mit den Kindern heimkehrte: einige
Wochen zuvor, am 14. Juni, war er dahin gegangen, als man seiner nicht
mehr zu bedürfen schien[633].

Wenn aber auch Haus und Hof unangetastet dastand, um so schlimmer stand
es mit den Gütern draußen. Die Vorstädte waren bei Beginn der ersten
Belagerung niedergebrannt worden und so waren auch die Gebäulichkeiten
in den Gärten ein Opfer der Flammen geworden. Dann hatten die „Hussern“
die Nachbarschaft von Wittenberg geplündert. Auch sonst, bei Grimma,
unweit Nimbschen und Zulsdorf, hatte (schon 1546) der Nachtrab übel
gehaust: Hühner, Gänse und Schafe geraubt, auch ungedroschenes Getreide
zur Streu für die Pferde verwendet. Noch schlimmer hatten im folgenden
Jahr die Spanier mit Morden und Brennen, Plündern und Verjagen
geschaltet; wo nichts zu plündern war, verbrannten sie draußen im Lande
alles Gewächs bis auf die Stoppeln[634].

So hatte Luthers Witwe großen Schaden erlitten im Krieg. Wenn Jonas den
seinigen bei den zwei Fluchten auf 400 fl. schätzt, so muß derjenige
Katharinas bei ihrem ausgedehnten Grundbesitz weit mehr betragen haben.
Ihre Gärten und Güter: das Baumstück mit seinen Gebäulichkeiten, das Gut
Wachsdorf und das Vorwerk Zulsdorf waren verwüstet, so daß sie auf Jahre
hinaus sie „schwer zu versorgen“ wußte, wie Bugenhagen in Briefen an den
dänischen König klagt[635].

Und wenn man die vielgeplagte Witwe nur in Frieden gelassen hätte, daß
sie ruhig sich ihrer verwüsteten Güter hätte annehmen können. Aber da
wurde sie noch von bösen Nachbarn geplagt und von harten Beamten. Ein
zänkischer Mensch fing Streit mit ihr an wegen eines Servituts
(vielleicht der Nachbar von Zulsdorf auf Kieritzsch). Melanchthon war zu
einem Vergleich bereit, aber der Mann forderte eine maßlose Summe und
auch Bruder Hans riet vom Vergleich ab. So kam es zum Prozeß, wobei Dr.
Stromberg in Leipzig und auch Camerarius, die Freunde Melanchthons, sich
der armen Frau annahmen (1548). Dieser Prozeß dauerte aber jahrelang und
noch 1550 mußte Frau Katharina mit Melanchthon vor dem Stadthauptmann in
Leipzig zur Tagfahrt erscheinen[636].

Da galt es nicht verzagen, sondern mit neuem Mut das Werk angreifen, um
sich und ihre Kinder in Ehren durchzubringen. Der Kosttisch wurde wieder
eingerichtet, wenn es auch schwer hielt, in diesen wirren Zeiten, wo die
Universität zersprengt war und nur mit Mühe sich wieder sammelte, zumal
das neue Kursachsen jetzt zwei Hochschulen hatte: Leipzig und
Wittenberg, und die Söhne des gefangenen Kurfürsten sich bestrebten, in
Jena eine eigene zu errichten und dahin die echten Lutheraner unter den
Professoren und Studenten von Wittenberg zu ziehen; erst im August wurde
das Wittenberger Kollegienhaus vom Schmutz der Einquartierung gereinigt
und neu getüncht[637]. Ferner konnte von großem Verdienst keine Rede
sein, wenn bei dem Rektor Crodel in Torgau zwei Schüler in der Woche für
Wohnung und Kost, dazu mittags und abends zwei Kannen Bier, nur 14
Groschen zahlten, und Matthesius in Wittenberg, ehe er zu Frau Luther
kam, bei Wolf Jan von Rochlitz „einen sehr guten trocknen Tisch um 5
Silbergroschen“ hatte „neben alten gelehrten, ehrlichen (ehrbaren),
guten Tafelbrüdern“. Als solcher Tischgenosse wird genannt: Johann
Stromer, der fünf Jahre bei der Witwe wohnte und aß. Vielleicht war
damals unter den Tischgenossen Käthes auch der Preuße Georg von Kunheim,
der am 15. August 1550 in Wittenberg Student wurde und so mit der
Lutherischen Familie bekannt und später verwandt wurde[638].

Außer den Stuben wurden auch noch die Säle zu Vorlesungen an Docenten
vermietet, und so las im Sommer 1551 in Luthers Aula, wo der große
Doktor sonst über biblische Bücher vorgetragen hatte, Bartholomäus Lasan
über Herodot[639].

Trotz alledem mußte Frau Katharina außer der Verpfändung der Becher noch
auf ihr Gütlein Zulsdorf ein Anlehen von 400 fl. aufnehmen bei Dr. Franz
Kram und außerdem mußte sie sich entschließen, selbst an den König von
Dänemark zu schreiben, als den „einzigen König auf Erden, zu dem wir
armen Christen Zuflucht haben mögen und von dem allein erwartet werden
konnte, daß den armen christlichen Prädikanten und ihren armen Witwen
und Waisen Wohlthaten erzeiget würden.“ Zu diesem Brief war sie
gezwungen, nachdem die Schreiben der Freunde Bugenhagen und Melanchthon
ohne Erfolg gewesen. So bittet nun am 6. Oktober 1550 „D.M. Luthers
nachgelassene Witfrau, nachdem sie und ihre Kinder jetzund weniger Hilfe
haben und die Unruhe dieser Zeit viele Beschwerungen bringet“, S.K.M.
wolle ihr solche Hilfe gnädiglich auch hinfüro verordnen. Sie will
treulich und ernstlich bitten, Gott möge Sr.K.M. Wohlthaten, die er den
armen evangelischen Pfarrherren und ihren Familien erzeigt, vergelten
und dafür besondere Gaben und Segen verleihen. „Der allmächtige Gott
wolle E.K.M. und E.K.M. Königin und junge Herrschaft gnädiglich
bewahren.“

Auch dies eigene Schreiben der Witwe war, scheint es, ohne Erfolg,
trotzdem sie den König an ihres „lieben Herrn große Last und Arbeit“
mahnen konnte, die S.K. Maj. ohne Zweifel nicht vergessen habe[640].

Die Zeitläufe waren sehr traurig. Kreuziger starb 1548, und seine Frau
wollte fast vergehen; auch Veit Dietrich in Nürnberg schied bald darauf.
Andere Freunde waren verzogen oder auch gestorben. Dazu kam die Not der
Kirche, welche der Witwe Luthers nahe genug ging: „das Interim“ mit dem
„Schalk hinter ihm“ erregte die Evangelischen aufs ärgste. Der neue
Landesherr Moriz, bei dessen Anblick sogar die Spanier und Italiener
„Schelm! Schelm!“ riefen und den die Protestanten als „Judas“
bezeichneten, hatte kein warmes Herz, weder für die protestantische
Sache, noch für die hauptsächlichsten Vertreter derselben, die
Universität zu Wittenberg und deren Angehörige. Da gab es trübe Tage in
der alten Elbstadt[641].

Die vier Kinder Katharinas waren bei ihr; und wohl auch einige junge
Verwandte. Den Neffen Luthers, Fabian Kaufmann, jetzt mit dem
lateinischen Gelehrtennamen Mercator, empfahl Jonas 1548 zu einer
Hofstelle an die Fürsten von Anhalt[642].

Johannes studierte in Wittenberg weiter als Rechtsbeflissener.
Möglicherweise hat er, ehe nach den Unruhen des Krieges die Muße und
Gelegenheit zum Studium wieder eintrat, „auf den väterlichen Gütern ein
ländliches Leben geführt“, d.h. der Mutter bei der Landwirtschaft
beigestanden, wie einmal berichtet wird[643]. Nach Ostern 1549 kam nun
Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, Rektor der Königsberger Hochschule,
nach Wittenberg. Dieser erzählte viel von des Preußenherzogs Wohlwollen
gegen Luthers Familie. Da riet Melanchthon, den jungen Mann nach
Königsberg zu schicken, damit er dort durch die Gunst des Königs seine
Studien vollende. So schrieb nun Frau Käthe an Herzog Albrecht einen
Brief.

„Gnade und Frieden in Christo samt meinem armen Gebet zu Gott für
E.F.Gn. zuvoran.

Durchlauchtigster und hochgeborner Fürst und Herr!

Da sich E.F.Gn. gegen meinen lieben Herrn gottseligen, Doctorem Martinum
mit sonderlichen Gnaden allezeit erzeigt, so hab ich in keinen Zweifel
gestellt, E.F.Gn. würden auch mir aus sonderlichen Gnaden, so unser
lieber Gott E.F.Gn. zu seinem göttlichen Wort, das zu lieben, zu
schützen und zu handhaben verliehen, auch um meines lieben Herrn seliger
willen als eines wahren Propheten dieser letzten gefährlichen und
unruhigen Zeiten mich und meine lieben Kinder als nachgelassene Witwe
und Waisen in gnädigen Schutz nehmen und Ihnen befohlen sein lassen.

Als ohne Not, E.F.Gn. zu erinnern, in wie schwere Not meiner Haushaltung
ich nach jetzt ergangener Kriegsführung gediehen, auch wie kümmerlich
ich bisher von meinen armen verwüsteten und verheerten Gütern mich samt
meinen Kindern ernähren und erhalten müssen — hab ich aus Rat des Herrn
Philippi und Anzeigen des Herrn Dr. Sabini, wie geneigt E.F.Gn. meinen
Kindern sei, meinen ältesten Sohn Hans an E.F.Gn. abgefertigt, und
nachdem dann E.F.Gn. ihn noch eine Zeitlang bei den Studien zu erhalten
sich gnädigst erboten, will gegen E.F.Gn. ich mich derselbigen gnädigen
Förderung und Mitsorge für meine nachgelassenen armen Kinder aufs
demütigste bedankt haben.

Dieweil aber dies meines Sohnes erstes Abreise ist, und ich auch
derhalben ihn zumeist abgefertigt, (damit er) neben seinen Studien gegen
die Leute lerne wissen sich zu (ver)halten, so ist an E.F.Gn. dies meine
demütige Bitte, dieselben wollten diesen meinen Sohn um meines lieben
Herrn gottseliger willen in Gnade und Schutz aufnehmen und da er sich
sonst in der erste in allem gegen E.F.Gn. nicht zu erzeigen wüßte,
solches noch seiner Unwissenheit und ersten Ausfahrt gnädiglich zu gute
halten und Geduld mit ihm tragen. Als zweifel ich nicht, er wird sich
gegen E.F.Gn. zu unterthänigem und seinen Präceptoribus zu schuldigem
Gehorsam wohl zu verhalten wissen, seinen Studiis und demjenigen, so ihm
oblieget, fleißig nachgehen und gegen E.F.Gn. ehrbar und denkbarlich in
aller Untertänigkeit sich zu erzeigen wissen.

Dies dann E.F.Gn. gnädige Beförderung unser lieber Gott auch reichlich
wiederum belohnen wird und bin für E.F.Gn. gegen Gott um langwährende
Regierung und Wohlfahrt fürzubitten allezeit demütiglich beflissen.

Datum Wittenberg, den 29. Mai anno 49.

E.F.G.

  demütige und unterthenige
  Catharina, D. Martin Luthers
  seligers nachgelassene Witwe.“

Melanchthon schrieb einen Empfehlungsbrief an den Herzog für den jungen
Mann, worin er ihn lobt als „tugendhaft im Wesen, unbescholten,
bescheiden, aufrichtig, rein, von guter Anlage und Beredsamkeit; sein
Körper sei gewandt und leistungsfähig und wenn er sich am Hofe übe, so
könne sein Eifer dem Staat zu großem Nutzen gedeihen.“ Auch Jonas
empfahl in einem Schreiben dem Herzog seinen „lieben Freund, den Sohn
des göttlichen Propheten, empfehlenswert schon durch seinen Vater“ und
entbot „Sr. Hoheit das Gebet der hochverehrten Frau und Witwe des hochw.
D. Luther“. Zu mehreren Empfehlung legte Jonas eine Erzählung von dem
Krieg bei und ein handschriftliches Schreiben Luthers, „des Propheten
Deutschlands“, worin er diesen Krieg prophezeit habe[644].

So reiste denn Johannes Ende Mai mit Dr. Sabinus ab, der auch sein von
Melanchthon erzogenes Töchterlein zu des Großvaters tiefem Schmerz
mitnahm. Auch Jonas' Sohn, Dr. Christoph und Johann Camerar, der Sohn
von Melanchthons Busenfreund, sind wahrscheinlich mit Hans Luther nach
Königsberg gezogen[645].

Es kam nun auch ein Brief von Hans an Melanchthon, worin er einen Teil
der Reise beschrieb. Den andern Teil scheint er schuldig geblieben zu
sein. Auch muß ihm Melanchthon schreiben, Mutter, Schwester und Brüder
warteten mit Sehnsucht auf einen Brief, worin er von all seinen Sachen
berichten möchte; zur Leipziger Weihnachtsmesse gebe es schon genug
Gelegenheit zur Briefbeförderung[646].

Lange hörte man nichts mehr von Hans Luther. Daheim aber dauerten die
bösen Zeiten fort; denn die Unruhen und Aufregungen wegen des Interims,
das der Kaiser den Lutheranern aufgezwungen hatte, ließen nicht nach;
die Erbitterungen zwischen dem ehemaligen und jetzigen kurfürstlichen
Hause waren eher im Wachsen, zumal der gefangene Kurfürst noch immer
nicht freigegeben, sondern vom Kaiser in unwürdiger Weise
umhergeschleppt wurde. Die Belagerung Magdeburgs, das wegen Nichtannahme
des Interims geächtet und durch Moriz angegriffen war, brachte allerlei
landschädigende Truppenbewegungen, und die Universität konnte also nicht
so leicht zur Muße und Blüte kommen. Auch die Anfechtungen durch „die
bösen Nachbarn“ dauerten bei Katharina fort. Die Einkünfte in diesen
unruhigen Zeiten wollten nur schwer reichen für den Haushalt und die
Erziehung der Kinder; Frau Katharina „litt an Armut“, so daß die 15
Rosenobel (50 Thaler) Gnadengehalt von dem dänischen König Christian
III., um welche die Freunde regelmäßig einkamen und Katharina selbst
schrieb, für „die arme Frau, unseres lieben Vaters Doctoris Martini
Witwe mit ihren Kindern“ eine gar erwünschte „gnädige Hilfe“ waren. Die
„Begnadigungen“, welche sonst die Lutherische Familie von ihren
Landesherren gewohnt war, blieben aus, da der alte Kurfürst gefangen saß
und der neue bei seinen großen Plänen und steten Kriegen nichts übrig
hatte für sie. Daher konnte Frau Katharina klagen, „daß wenig Leut sind,
die für die großen Wohlthaten meines lieben Herrn seinen armen Waisen
Hilfe zu thun gedächten“[647].

Die vielerlei Schicksalsschläge trafen die arme Witwe so schwer, daß
sie, die stets gesunde, jetzt kränklich wurde und über „Schwachheit“ zu
klagen hatte.

In dieser schweren Zeit, „da es ihr Vermögen nicht war, ihren und ihres
lieben Herrn Kindern nach Notdurft zu helfen“, war es für Frau Katharina
ein Trost, daß der preußische Herzog „nun selber Vater sein“ solle. In
dieser Zuversicht wandte sie sich zu Georgi (23. April) 1551 an S.F.Gn.
unter Verdankung für die gnädige Aufnahme und Unterhaltung ihres Sohnes
mit der Bitte, ihm ferner zur Vollendung seines angefangenen Studii in
Frankreich oder Italien Unterhaltung zu verordnen, damit er dem Herzog
nützlicher dienen könne. Zuvor aber möge der Herzog ihren Sohn eine
kurze Zeit zu ihr kommen lassen, damit sie in ihrer Schwachheit etliche
nützliche Sachen mit ihm reden könne, daran ihm und seinen Brüdern und
seiner Schwester merklich gelegen; dann möge er wieder nach Königsberg
oder nach Italien und Frankreich gehen, wie S.F.Gn. bestimmen würde.
Wahrscheinlich hatte Hans der Mutter diesen Plan an die Hand gegeben.

Welchen Schmerz aber mußte die Mutter über ihren Lieblingssohn erleben,
als darauf vom Herzog Albrecht folgende Antwort eintraf:

„Wir befinden, daß Unser gnädiger Wille bei ihm nicht dermaßen, wie Wir
wohl gehofft, angewendet. Denn wie Wir berichtet (sind), soll er seiner
Studien zur Gebühr nit abwarten. So wissen Wir auch gewiß, daß er sich
etlicher guter Händel, deren er wohl müßig gehen konnte, teilhaftig
macht. Derwegen zu bedenken, daß Uns wahrlich etwas beschwerlich (fällt,
daß) Unsere gnädige Gewogenheit so wenig bei ihm bedacht wird.“ Daher
schlage es der Herzog ab, Hans reisen zu lassen; wolle er aber in
Königsberg vor gut annehmen, so sei der Herzog geneigt, um seines Vaters
willen ihn mit Unterhalt zu versorgen[648].

Das war ein Schlag für Katharinas Mutterherz! Also weder fleißig noch
ordentlich war ihr Liebling und beides wäre er doch nicht nur dem
Herzog, sondern auch seinem Vater und seiner Mutter schuldig gewesen.
Und wenn sie sich auch sagen mochte, der Herzog sei strenge gegen seine
Schützlinge: wie einst gegen ihren Bruder Clemens, so jetzt gegen ihren
Sohn Hans und wenn sie auch wohl mit ebenso viel Recht geltend machen
konnte, der junge, sonst gut geartete und willige Mensch sei durch böse
Gesellschaften verführt worden, so blieb doch die Thatsache stehen, daß
sie dem Sohn zu viel und zu Gutes zugetraut, und daß die Vormünder doch
recht gehabt mit der Behauptung, Hans habe nicht das Zeug zum Studium —
war er doch auch jetzt schon 25 Jahre alt! Daran konnte auch das gute
Zeugnis nichts abbrechen, das die Universität Königsberg dem Sohne
Luthers wohl allzu günstig ausstellte[649].

Und als nun Hans vollends das Stipendium und Studium in Königsberg
aufgab und auf weitem Weg langsam heimkehrte, so war der Beweis
geliefert, daß er zu nichts Besserem tauge als auf die herzogliche
Kanzlei. Dahin kam er denn auch in Weimar.

Um so besser gediehen die Söhne Martin und Paul, von denen der eine
Theologie, der andere Medizin studierte; Margarete wuchs zur blühenden
Jungfrau heran.

Der Schmalkaldische Krieg war wohl sonst zu Ende, nur nicht in Sachsen;
es entstand allerlei Unruhe und Kriegsgerücht, neue Sorge und Angst.
Sachsen wimmelte von Soldaten, Wittenberg hatte starke Einquartierung.
Und obwohl es Freundesvölker waren, so geschahen doch von der rohen
Soldateska allerlei Gewaltthaten. In der festen Stadt waren die Bürger
vor ihren eigenen Quartiergästen nicht sicher, vor die Mauern
hinauszugehen wagte niemand, denn draußen in den Städtlein gab es Mord
und Totschlag; übermütig forderten die Kriegsknechte das
Unmögliche[650].

Und wie sah es nun wieder draußen auf den Höfen und in den Gärten aus,
wo eben mit Mühe die Schäden des Schmalkaldischen Krieges wieder
hergestellt waren! Da waren Verwüstungen und Kontribution auf ihren
Höfen vorgekommen. „Es ist am Tage“, klagt Bugenhagen, „daß sie in ihren
Gütern dies Jahr (1551) großen Schaden gelitten.“ „Derwegen mußte sie zu
Recht gehen vor des Kurfürsten Gericht wider Jan Löser.“ Jan Löser — des
alten Hans Löser († 1541), ihres Gevatters Sohn und Luthers Paten —
mußte Frau Katharina verklagen. Das war fürwahr ein bittrer Gang[651].

Und ob sie ihr Recht bekommen?

Der Kurfürst Moriz rüstete sich eben zum Schlage gegen den alten Kaiser.
Da hatte er wohl keine Zeit und Lust, eine klagende Witwe anzuhören.

So mußte Frau Katharina nochmals den sauren Schritt thun und sich an den
dänischen König wenden, an den sie am 8. Januar 1552 u.a. schreibt:

„E.K.M. wissen sich gnädiglich zu entsinnen, wie daß E.K.M. meinem
lieben Herrn seligen samt dem Herrn Philippo und D. Pomerano jährlich
ein Gnadengeld geschenkt, welches sie zu Unterhalt ihrer Haushaltung und
Kinderlein haben sollten, welches denn bishero gemeldeten Herrn von
E.K.M. überreichet (worden). Dieweil aber mein seliger lieber Herr
E.K.M. allzeit geliebet und für den christlichsten König gehalten, auch
E.K.M. sich in solchen Gnaden gegen seligen meinen Herrn verhalten: so
werde ich _durch dringende Not bewogen, E.K.M. in meinem Elend_
unterthäniglich zu ersuchen, des Verhoffens, E.K.M. werden mir armen und
itzt von jedermann verlassenen Witwen solch mein unwürdig Schreiben
gnädiglich zu gut halten und mir aus Gnaden solch Geld folgen lassen.
Denn E.K.M. sonder Zweifel bewußt, wie es nu nach dem Abgang meines sel.
Mannes gestanden, _wie man die Elenden gedrückt_, Witwen und Waisen
gemacht, also daß (es) zu erbarmen; ja (auch) _mir mehr durch Freunde
als durch Feinde Schaden zugefügt_; welches alles E.K.M. zu erzählen zu
lang wäre. Aus diesen und anderen Ursachen werde ich _gedränget_, E.K.M.
unterthänig zu ersuchen, nachdem sich ein jeder so fremd gegen mir
stellt und sich meiner niemand erbarmen will.“

Bugenhagen unterstützte in einer Beilage diese Bitte der Witwe „Patris
Lutheri“, welche „fast (sehr) klaget“. Und mit Erfolg: am 22. März kam
das Geld in seine Hand und er schreibt, daß S.M. „sehr wohl gethan“, die
Witwe zu trösten[646].

Im Februar 1552, als die Kriegsknechte am rohesten hausten, wurden die
Gemüter in Wittenberg noch erschreckt mitten im Winter durch heftige
Gewitter mit Blitz und Donnerschlägen. Aber bald darauf zogen die
Kriegsvölker ab.

Es kam nun Kunde, daß Moriz mit seinen Sachsen, den Brandenburgern und
Hessen den Kaiser in die Flucht gejagt und beinahe gefangen hätte (Mai
1552). Die gefangenen Fürsten (Kurfürst Johann Friedrich und Landgraf
Philipp von Hessen) wurden freigegeben, und freigegeben auch die
Religion im „Passauer Vertrag“ (August 1552).

Mittlerweile war es Frühling geworden und Sommer. Frau Käthe konnte säen
und ernten und sich des Friedens freuen, der endlich nach sechs Jahren
Krieg, Flucht, Verwüstung eingetreten war, auch des Friedens in Sachen
des evangelischen Glaubens, um deswillen ihr „lieber Herr“ ein Feuer
angezündet hatte im deutschen Lande, dessen Flamme auch sie, und sie am
schwersten, fühlen mußte.

Jetzt hätte die arme Witwe aufatmen können vom langen Leid: da traf sie
der letzte, tödliche Streich.



19. Kapitel.

Katharinas Tod.


Die Kriegsvölker waren aus Wittenberg abgezogen, aber sie hatten ein
böses Andenken hinterlassen: eine ansteckende Seuche, die „Pestilenz“,
die in der sumpfumgebenen engen Festung wieder rasch um sich griff und
mit der Sommerhitze wuchs. Am 1. Juni wurde über Verlegung der
Universität beraten, am 10. bot Torgau ihr Herberge an. Aber bis 6. Juli
hielt sie noch in Wittenberg aus. Dann zog auch die Hochschule in die
Nachbarstadt und wurde in den engen winkeligen Räumen des
Barfüßerklosters untergebracht, welches seinerzeit Leonhard Koppe zu
Fastnacht gestürmt hatte und das jetzt leer stand.

Frau Katharina blieb aber in Wittenberg, wohl wegen der Güter, die sie
besorgen mußte; wahrscheinlich hatten die studierenden Söhne und
Tischgesellen dennoch von dem einen und andern Magister, der im
Schwarzen Kloster wohnte, Vorlesungen. In dem großen, gesund gelegenen
Hause war es ja auch einstweilen noch auszuhalten. Aber im Herbst wurde
auch das Klosterhaus von der Seuche angesteckt. Und um ihre Kinder aus
der Gefahr zu reißen, unterzog sich die besorgte Mutter wiederum den
Beschwerlichkeiten der Auswanderung. So ließ sie denn einspannen, lud
das Nötigste auf den Wagen und fuhr mit ihren Kindern, die noch bei ihr
waren: Paul und Margarete, während Martin scheint's schon vorher der
Universität nachgezogen war und Hans in Weimar auf der Kanzlei
arbeitete, das Elsterthor hinaus, Torgau zu[652].

Da geschah das Unglück: die Pferde wurden scheu und gingen mit dem Wagen
durch über Stock und Stein. Die erschrockene Frau suchte das Leben ihrer
Kinder zu retten, und um die wilden Pferde aufzuhalten, sprang sie vom
Wagen, fiel aber so unglücklich, daß sie mit dem Leib heftig auf den
Boden anprallte und dann in einen Graben mit kaltem Wasser stürzte. Die
Aufregung, der Fall, die Erkältung und wohl auch eine innere Verletzung
führten eine schwere Krankheit herbei[653].

So kam die Familie Luther nach Torgau. Hier wohnte sie vom Kloster aus
in der „nächsten Straße, die nach dem Schloß führt“, in einem Eckhause
bei der Klosterkirche zur Herberge. Hier lag nun Frau Katharina in
großen Schmerzen langsam dahinsiechend, gepflegt von ihrer Wirtin und
ihrer Tochter Margarete, welche jetzt 18 Jahre zählte[646].

Noch einen Lichtblick erlebte die Witwe Luthers in diesen Leidenstagen.
Ihr jüngster Sohn Paul, der sich zu einem tüchtigen Mediziner
heranbildete, verlobte sich in dieser Zeit mit Anna von Warbeck, der
Tochter des weiland Herrn Veit von Warbeck, gewesenen Domherrn von
Altenburg und Kurfürstl. Hofrat und Vizekanzler zu Torgau, eines Edeln
aus Schwaben. Ihre Mutter, Anna von Hack — auch eine geborne
Schwäbin — lebte noch und hatte ein eigenes Haus zu Torgau in der
Fischergasse[646].

Fräulein Anna war ein resolutes Frauenzimmer. Sie hatte einen Damastrock
mit Samtschleppe getragen und war deshalb vom Stadtrat mit Berufung auf
eine kurfürstliche Kleiderordnung in Strafe gezogen worden. Dagegen
wehrte sie sich und appellierte an den Kurfürsten, so daß ein ehrbarer
Stadtrat einen Boten mit Bericht über Anna Warbeckin Supplicien gen
Dresden schicken mußte für Lohn und Trinkgeld. S. Kurf. Gn. sandte nun
in diesem Betreff an den ehrbaren Rat zu Torgau folgenden Erlaß:

„Lieben Getreuen! Wir sind von der ehrbaren und lieben besondern
Jungfrau Anne von Warbeck demütiglichen Klag berichtet worden, wie daß
Ihr ihr den damastenen Rock mit samtenem Schweif zu tragen zu enthalten
und noch dazu etliche Gulden zur Strafe entrichten sollt auferlegt
haben. Wiewohl Wir Uns zu erinnern wissen, was Wir der Kleidung halber
in der Polizei-Ordnung haben ausgehen lassen, so vermerken Wir doch, daß
der gedachten Jungfrauen Vater einer von Adel und fürstl. Rat gewesen,
auch die Damasten, davon der Rock gemacht, fürstliches Geschenk und die
Röcke _vor_ obenerwähnt ausgegangener Ordnung gemacht. Derwegen Wir denn
geschehen lassen, daß sie solche Röcke zu Ehren tragen möge. Und
begehren demnach, Ihr wollet ihr solches verstatten und sie mit
geforderter Strafe verschonen, Euch auch sonst gegen sie dermaßen
verhalten und erzeigen, daß sie sich keiner Beschwerung zu beklagen hab.
Daran geschieht Unsere gänzlich zuverlässige Meinung. Datum Dresden, 30.
Jan. Anno LII“[654].

Dieses adelige Fräulein wurde also die Schwiegertochter Frau Katharinas
und diese wird an dem entschlossenen Wesen ihrer künftigen Sohnsfrau ihr
Gefallen gehabt haben. Aber die Freude der Hochzeit erlebte Frau
Katharina nicht mehr.

Drei Monate lang dauerte das Siechtum der Kranken. Mit christlicher
Geduld ertrug sie die Leiden und die Sorge für die Kinder. „In der
ganzen Zeit ihrer Krankheit tröstete sie sich selbst und hielt sich
aufrecht mit Gottes Wort. In heißen Gebeten erflehte sie sich ein
friedliches Hinscheiden aus diesem mühseligen Leben. Oftmals auch befahl
sie Gott die Kirche und ihre Kinder und betete, daß die Reinheit der
Lehre, welche Gott durch ihres Gatten Werk dieser Zeit wiedergebracht,
unverfälscht den Nachkommen überliefert werden könne.“ Sie selbst aber
wollte „an Christus kleben, wie die Klette am Kleid“, ein Wort, das ihr
nachher fromme Sänger im Liede nachsprachen[655].

Am 20. Dezember 1552 hauchte sie ihre Seele aus.

Der Vice-Rektor der Universität, Paul Eber, gab dies den Studenten durch
ein von Melanchthon verfaßtes lateinisches „Leichenprogramm“ kund, worin
ihr Leben und Leiden kurz geschildert war. Namentlich die Erinnerung an
die sechs letzten Leidensjahre schwebten dem treuen Freunde des Hauses
vor Augen und fast scheint es auch, das Unrecht, das sie von Kanzler
Brück u.a. erlitten. „Mit ihren verwaisten Kindern mußte die als Witwe
schon schwer Belastete unter den größten Gefahren umherirren wie eine
Geächtete; großen Undank hat sie von vielen erfahren, und von denen sie
wegen der ungeheuren Verdienste ihres Mannes um die Kirche Wohlthaten
hoffen durfte, ist sie oft schmählich getäuscht worden.“ Statt des
derben deutschen Spruches, mit welchem Luther in seinem Hausbuch seinen
Befürchtungen über die Behandlung seiner Witwe Luft gemacht hatte: „Die
Leute sind grob; die Welt ist undankbar“, wählte der gelehrte Freund für
das Leichenprogramm als Motto einen griechischen Spruch des Euripides
(Orist. 1-3), der allerdings auf die schwere Leidenszeit der Witwe
Luthers paßt: „Es giebt kein Unheil, kein Geschick, kein Leid, das Gott
verhängt und das die Sprache nennt, nichts Schreckliches, das nicht der
Mensch erlebet.“

Dieser Erfahrung des heidnischen Dichters gegenüber weist das „Programm“
auf den Trost und die Hoffnung des Christentums, dessen sich auch die
Selige getröstet habe bei der herben Wunde durch den Tod ihres
Ehegemahls, ihrer Flucht mit den verwaisten Kindern in der Kriegszeit,
den manchfachen Trübsalen des Witwenstandes und dem Undank vieler Leute
gegen die Witwe des ehrwürdigen und heiligen Mannes D. Luther. Die
Universität lade nun alle ihre Hörer zum Leichenbegängnis ein, „um der
verehrten Frau die letzte Pflicht zu erweisen und so zu bezeugen, daß
sie die Frömmigkeit der Witwe, welche so herrlich an ihr leuchtete, ihr
ganzes Leben lang hochhielten; daß sie der Waisen tiefe Trauer zu Herzen
nähmen; und daß sie nicht vergäßen die Verdienste ihres Vaters, die so
groß sind, daß sie keine Rede genug preisen kann; daß sie endlich
zusammen Gott im Gebete anflehen, das Licht des Evangeliums rein zu
halten und seine Lehrer und Verkündiger zu schützen und zu regieren, die
Staaten zu behüten und den Kirchen und Schulen geziemende
Zufluchtsstätten zu gewähren“[656].

Am folgenden Tag, nachmittags drei Uhr, war der Leichenzug der „edlen
Gemahlin des heiligen Mannes D. Luther“. Von ihrer Gastwohnung die
Schloßgasse hinab an der neuerbauten großartigen kurfürstlichen Residenz
Hartenfels vorbei bewegte sich der gewaltige Zug von Bürgern,
Professoren und Studenten durch die Wintergrüne nach der Stadtkirche
St. Marien. Hier unter dem Knabenchor mit seiner schönen Inschrift:
„Laudate dominum pueri!“ wurde die müde Pilgerin unter den üblichen
Feierlichkeiten bestattet und die Knaben werden ihr auch von droben ein
Abschiedslied gesungen haben[657].

Am Grabe der Mutter trauerten ihre Tochter und drei Söhne.

_Hans_ war herzoglich sächsischer Kanzleirat; er heiratete im folgenden
Jahre Elisabeth, die Tochter des Professors und Propstes an der
Schloßkirche in Wittenberg D. Kreuziger, den sich sein Vater selbst zum
Nachfolger erkoren hatte, der aber schon bald nach dem großen Doktor
gestorben war. Später kam Hans Luther zu seinem alten Gönner, dem Herzog
Albrecht von Preußen, in Dienst und starb nicht lange nach diesem 1575.

_Martin_, von dem sein Vater gefürchtet hatte, er werde einmal ein
Jurist, studierte Theologie; er mußte aber anhaltender Kränklichkeit
wegen als Privatgelehrter leben und starb jung im vierunddreißigsten
Jahr, nachdem er mit Bürgermeister Heilingers Tochter in Wittenberg
einige Zeit in kinderloser Ehe gelebt hatte.

_Paul_, der jüngste, wurde ein angesehener Arzt, Dr. und Professor zu
Jena und herzoglicher Leibarzt, dann Rat und Leibarzt des
brandenburgischen und später des sächsischen Kurfürsten. Er vermählte
sich bald nach der Mutter Tod mit seiner Verlobten Jungfrau Anna von
Warbeck, und Nachkommen von ihm in weiblicher Linie leben noch heute.

_Margarete_ vermählte sich 1555 „im Beisein vieler Grafen und Herren“
mit Georg von Kunheim, Erbherrn auf Knauten bei Königsberg, der in
Wittenberg studiert und vielleicht bei Frau Katharina gewohnt und
gespeist hatte. Sie lebte mit ihrem Gemahl, dem herzoglich preußischen
Landrichter zu Tapiau, in glücklichster Ehe und starb als Mutter von
neun Kindern im Jahre 1570[646].

Von dem zahlreichen Geschlecht Luthers und der Ahnmutter Katharina sind
heutzutage noch wenige Nachkommen übrig. Vom Kloster Nimbschen, wo
Jungfrau Katharina 15 Jahre lebte, stehen jetzt nur noch drei
altersgraue Mauern, von wilden Reben umrankt. Ueber Zulsdorf geht seit
1801 der Pflug und nur ein Denkmal bezeichnet die Stätte, wo sie so
gern gewaltet hat. Ihre Gärten in Wittenberg, in denen sie arbeitete und
erntete, sind zum Teil mit neuen Häuserreihen überbaut. Nur das
Klosterhaus steht noch, wo sie zwanzig Jahre mit dem großen Doktor
gehaust, wenn auch nur die Wohnstube einigermaßen im alten Zustand ist.

In der Stadtkirche zu Torgau aber wurde Frau Katharinen — wohl von ihren
Kindern — ein Grabdenkmal errichtet in grauem Sandstein, allerdings kein
sonderliches Kunstwerk, nach dem Modell des Gipsreliefs, das von einem
realistischen Künstler verfertigt in Zulsdorf hing und heute noch in der
Kirche zu Kieritzsch zu sehen ist. Auf ihrem Grabmal ist Frau Katharina
in halberhabener Arbeit ausgehauen als Matrone im langen Mantel und
weißen Kopftuch. Mit heiterem Angesicht schaut sie vor sich hin, wie
eine Mutter am Sonntag auf ein wohl verbrachtes Tagewerk; in den Händen
hält sie ein offenes Buch zum Zeichen ihrer Frömmigkeit und ihres Eifers
im Bibellesen; also als andächtige Maria ist die fleißige Martha
dargestellt. Ihr zu Häupten sind die Wappen von Luther und von Bora. Um
den Rand steht die Inschrift: „Anno 1552 den 20. December Ist in Gott
Selig entscha | ffen alhier in Torgau Herrn | D. Martini Luthers seligen
Hinderlassene wittbe Katharina | von Borau.“[658]

Ein künstlerisches Idealbild neben den mancherlei realistischen
Konterfeien Katharinas hat Meister Lukas Kranach geschaffen auf dem
Altarblatt in Wittenberg. Da sitzt Frau Katharina als andächtige
Zuhörerin ihres predigenden Gatten mit ihrem Kindlein in vorderster
Reihe vor der Gemeinde — also ebenfalls als sinnige Maria.

Ein dichterisches Denkmal hat der Hausfrau Luthers beim ersten
Reformations-Jubiläum 1617 der gekrönte Dichter Balthasar Mencius, Poëta
Laureatus, gewidmet, in schlichten, treuherzigen Knittelversen[659]:

  Cathrin von Bora bin ich gnant
  geboren in dem Meissner Landt
  aus einem alten Edlen Stamm
  wie solchs mein Anherrn zeigen an
  die Gott und dem Römischen Reich
  mit Ehr und Ruhm gedienet gleich.
  Als ich erwuchs, zu Jahren kam,
  der Tugendt mich thät nehmen an
  und jedermann bethöret war
  vom Pabst und seiner Münche Lahr,
  und hoch erhaben der Nonnen-Stand,
  ward ich ins Kloster Nimetzsch gesand;
  mein Ehr und Amt hatt ich in acht
  rief zu Gott, bethet Tag und Nacht
  für die Wohlfarth der Christenheit.
  Gott mich erhört und auch erfreut;
  Doctor Luther den kühnen Held
  mir zu einm Ehmann außerwehlt,
  dem ich im keuschen Ehstandt mein
  gebahr drei Söhn und Töchterlein.
  Im Witwenstand lebt sieben Jahr
  nachdem mein Herr gestorben war.
  Zu Torgau in der schönen Stadt
  man meinen Leib begraben hat;
  biß Gottes Posaun thut ergehn
  und alle Menschen heißt aufstehn;
  alsdann will ich mit meinem Herrn
  Gott ewig lobn, rühmen, ehrn
  und mit der Außerwählten Schaar
  in Freuden leben immerdar.

Weniger freundliche Denkmäler haben der Gattin Luthers katholische
Schriftsteller gesetzt, welche die Ehe des Mönches und der Nonne als ein
Sakrileg und Skandal auffaßten und in ihrer Weise ausbeuteten, wie
Luther selbst schon vor seinem Tode vorausgesehen und in seinem
Testament vorausgesagt hatte. Von protestantischer Seite sind fast nur
Verteidigungsschriften wider diese Verleumdungen ergangen, oder auch
gelehrte Stoffsammlungen und kleine Volksschriften[646].

Und doch lebt Katharina im Andenken des deutschen evangelischen Volkes
in deutlicher und freundlicher Erinnerung als die Gattin des gewaltigen
Doktors und deutsche Pfarrfrau, welche mit ihrem Manne das
gemütansprechende Vorbild eines evangelischen Pfarrhauses geschaffen
hat.

Und mit Recht. Sie war eine tüchtige und brave Frau, wie man's zu ihrer
Zeit ausdrückte: ein „frommes Weib“, eine echte deutsche Hausfrau. Sie
hatte den Mut, Martinus Luther, „den kühnen Held“, zu ihrem Ehegemahl zu
erwählen, sie hat es gewagt, mit dem Geistesgewaltigen, dem
kaiserbürtigen Regenten der Kirche[646] zu leben, ihm zu genügen, ihn zu
befriedigen. Und sie hat geleistet, was sie unternommen. Der große
Doktor hat sie geachtet, hat sie geliebt und gelobt. „Das aber ist das
wahre Lob, gelobt zu werden von gelobten Männern.“

[Illustration: Katharinas Handschrift und Siegel.][660]



Belege und Bemerkungen


Abkürzungen


_Anton_, D.M.L. Zeitverkürzungen. L. 1804.

_W. Beste_, Die Geschichte Katharinas von Bora, nach den Quellen bearb.
Halle 1843.

_Br. s.u._

_G. Buchwald_, Zur Wittenb. Stadt- u. Univers.-Gesch. L. 1893.

_C.A.H. Burkhardt_, Dr. M.L. Briefwechsel. L. 1866.

Consilia Theol. Witteb. Fr. 1664.

_Cordatus_, Tagebuch über Luther. 1553. Von H. Wrampelmeyer, Halle 1883.

_C.R._ = Corpus Reformatorum. Bretschneider, Halle 1834 ff.

_Grulich_, Denkwürdigkeiten von Torgau. 2. Aufl. Torgau 1855.

_A. Hausrath_, Kleine Schriften religionsgesch. Inhalts. Leipz. 1883. S.
237-298.

_M.Fr.G. Hofmann_, Kath. v. Bora oder Dr. M. Luther als Gatte u. Vater.
Leipz. 1845.

_Juncker_, Ehrengedächtnis Lutheri. Frankf. 1706.

_Kaweran_, Briefwechsel v. J. Jonas. 2 Bde.

_Kolde_, Analecta Lutherana. Gotha 1883.

_Köstlin_, M. Luther. 2 Bde. 2. Aufl. Elberfeld 1883.

_M.A. Lauterbachs_ Tagebuch. 1538. Von I.K. Seidemann, Dresden 1862.

_Lingke_, D.M.L. Reisegeschichte. L. 1769.

_G. Lösche_, Analecta Lutherana et Melanth. Gotha 1892.

_L.W._ = _Walch_, Luthers Deutsche Werke, Halle 1739-50.

_Mayeri_, Vita Catharinae Boriae. Hamburg 1698. Deutsch: Unsterbl.
Ehrengedächtnis Frauen Katharinen Lutherin. Frankf. u. L. 1724.

_Mathesius_, Predigten über Dr. M.L. Nürnberg 1576.

_Ratzebergers_ Handschr. Gesch. über L.u.s. Zeit von Chr. G. Neudecker.
1850.

_Richter_, Geneal. Lutherorum. Berlin u. L. 1723.

_J. Schlaginhaufen_, Tischreden L. 1531/2. Von W. Preger, L. 1888.

_Seckendorf_, De Lurtheranismo Comment. Leipz. 1692.

_Seidemann_, Luthers _Grundbesitz_, in Zeitschr. für histor. Theol.
1866.

_Seidemann_, _Erläuterungen_ zur Ref.-Gesch. Dr. 1844.

_Seidemann_, Beiträge zur Ref.-Gesch. Dr. 1846-48.

_Stier_, Denkwürdigkeiten Wittenbergs. Dessau u. L.

T.-R. = _Förstemann-Bindseil_, D.M.L. Tischreden. 4 Bde. Berlin 1844-48.

Urkb. = Urkundenbuch von Grimma und Nimbschen. Herausgegeben von L.
Schmidt in Cod. dipl. Sax. reg. II. 15. Bd. L. 1898.

W. = _Walch_, Wahrh. Gesch. der sel. Frau Katharina v.B. Halle 1752.

NB. _Ohne Namen u. Titel_ oder mit _Br._ citiert sind _De Wette_ und
_Seidemann_, Dr. M. Luthers Briefe. 6 Bde. 1825-56.

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1. Katharinas Herkunft und Familie.

[1] Die Herkunft und Heimat Katharinas ist noch lange streitig und wird
sich nicht so leicht feststellen lassen, selbst wenn neue Urkunden
aufgefunden werden; hauptsächlich ist die weite Verzweigung der Familie
und die Unsicherheit der Elternnamen Katharinas daran schuld. Der
Stammbaum Katharinas von Bora ist am eingehendsten verfolgt worden von
dem jetzt verstorbenen _Georg von Hirschfeld_: „Beziehungen Luthers und
seiner Gemahlin zur Familie Hirschfeld“ in Beiträge zur Sächs. K.-Gesch.
II, 86-141 (bezw. 309). Dies geschah auf Grund einer älteren Chronik
(vgl. Hofmann 63) von Philipp von Hirschfeld († 1748). Sodann von _Ernst
Wezel_ († 1898) zuerst in der „Wissensch. Beilage der Leipz. Leitung“
1883 Nr. 71, dann in der Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des K.
Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin. „Das Adelsgeschlecht derer von
Bora“, A.W. Hagens Erben 1897, mit Auszügen aus zahlreichen Urkunden
(vgl. Br. VI, 647 f. 705), eine Schrift, welche noch vervollständigt
herausgegeben werden soll.

Nach G. von Hirschfelds Stammbaum wäre Katharina von Bora eine Tochter
des Hans von (Bora zu) Hirschfeld-A. (vgl. Br. VI, 648, 28) und der Anna
von Haugwitz: Hans veräußerte aber (zwischen 1525-30) Hirschfeld-A. an
Hans von Mergenthal und Reinsberg, zog nach Löben, übergab dies seinem
Erstgebornen und zog dann nach Moderwitz, welches der Familie Hayr
gehörte. —

Diese Aufstellung ist nicht mehr kontrollierbar, denn das Hirschfeldsche
Archiv ist verschwunden. Und dazu beruht dies Ergebnis noch auf den
Annahmen: 1. daß es zwei Güter Hirschfeld gegeben habe (S. 119); 2. daß
eine Linie Bora sich Mergenthal genannt und ihr Wappen (vom roten Löwen
in eine Lilie) verändert habe (97); 3. daß Phil. v.H. verschiedene
Personen (z.B. zwei Katharinen) verwechselte (116). (Eine lutherisch
gesinnte Katharina von Mergenthal war im Kloster zu Freiberg; sie war
einmal zu Besuch bei ihrem Bruder in Hirschfeld bei Bora. N. Archiv f.
Sächs. Gesch. IV, 298. Sie entwich anfangs Juni 1529 aus dem Kloster und
kam zu Luther. A.a.O. 318. Br. III, 469. Die Verwechslung dieser
Katharina von Mergenthal aus Hirschfeld bei Deutschen-Bora findet sich
schon Sächs. Kirchen-Gal. I, 110. Seidemann, Erl. zur Ref.-Gesch.
Dresden 1844. S. 110, 120, 122, 469); 4. daß Irrtümer in dem sächs.
Teilungsvertrag von 1485 vorkamen; 5. daß die wunderliche und nicht mehr
auffindbare Notiz, wonach Luther „seinem Schwähervater, dem edeln und
festen Herrn Hans von Bora zu Moderwitz ein Büchlein (Joel) oder gar
eine Bibel verehret“ (Br. VI. 684), richtig sei.

Gegen diese Aufstellung sprechen aber außer den künstlichen Umstellungen
der Umstand, daß Katharinas Eltern bei ihrer Flucht aus dem Kloster und
bei ihrer Verheiratung höchst wahrscheinlich nicht mehr lebten. Ferner
sollte man meinen, daß die Luthersche Familie mit dem Staatsmann
Bernhard von Hirschfeld (1490-1551; Br. II, 55, 245, 448; C.R. IV, 349)
in vertrauterem Verkehr gestanden haben müßte, wenn sie mit ihm so nahe
verwandt gewesen wäre. Das war aber gerade nach 1525 nicht der Fall.

Für _Lippendorf_ als Geburtsstätte von Katharina spricht folgendes: 1.
Zu Lippendorf verschreibt ums Jahr 1482 Hans von Bore seiner Ehefrau
Katharina als Leibgeding das Dorf Sale; ebenso 1505 Jan von Bore alle
seine Güter zu Lippendorf seiner Hausfrau Margarete (E. Wezel, Wiss.
Beil. der Leipz. Z. 1883, Nr. 71, S. 422 f.). Solche Verschreibungen
wurden nicht etwa (wie G. v. Hirschfeld meint) auf dem Todbette, sondern
gerade am Vermählungstag gemacht (wie auch die in beiden Urkunden
vorkommende Formel beweist: „nach ihres ehelichen Mannes Tode, ob sie
den erlebet, u. nicht eher“). Es wäre nun sehr erklärlich, daß Katharina
wegen und bei der Schließung der zweiten Ehe ihres Vaters ins Kloster
gebracht wurde. 2. Wegen dem eine halbe Stunde davon gelegenen „Gütlein“
Zulsdorf hat Katharinas Bruder Hans sich aus Preußen hier einfinden und
„lange heraußen aufhalten, auch müssen selbes beziehen u. sich
verehelichen, bis er's an sich bracht“ und hat das „aus Not, (um) sein
u. seiner Brüder Gütlein zu bekräftigen, müssen thun u. für sein
Kindlein das Gütlein u. armes Erbdächlein beschicken“. (Br. V, 106, f.)
3. Als Bruder Hans Zulsdorf nicht mehr halten konnte (1540), so kaufte
es seine Schwester, obwohl es wenig einträglich und zwei Tagereisen weit
von Wittenberg entfernt lag, und hat sich mit Vorliebe hier aufgehalten.
(S.S. 84 f.)

Allerdings gehörte wenigstens seit 1504 Zulsdorf zu Kieritzsch und nicht
zu Lippendorf und wurde 1515 von Denen zu Kieritzsch an einen Jan von
Lenau verkauft (Br. VI, 705; Lpz. Z. 1883 Nr. 70 S. 413); aber um 1525
heiratete eine Marie von Bora zu Zulsdorf einen Siegm. Wolf von Niemeck
zu Wittenberg (Schumann, Lexikon von Sachsen XIII, S. 671), und nach
Katharinas Tod (1553) brachte ein Christoph von Niemeck, also wohl ein
Sohn des vorigen, das Gut Zulsdorf wieder an sich. (Lexikon von Sachsen
XIII, S. 671; vgl. Seidemann, Grundbes. S. 529; über die Niemeck vgl.
Wittenb. Urbar V.H., Schmalbecker Hufen). _Also scheint Zulsdorf in der
That ein „Erbdächlein“ Derer von Bora gewesen zu sein._ (Die
Wittenberger Familie Zulsdorfer, die Stifter der „Zulsdorfer Kapelle“,
stammt aus Zulsdorf bei Lochau. Vgl. Wittenb. Urbar III, 296 c. XI; 299
c. XII.)

Im Amte Weißenfels, wozu Lippendorf und Zulsdorf gehörten, gab es um
1510 noch Bora; da wurde ein Siegmund von Bora in einer Streitsache vor
Amt geladen (Staatsarchiv zu Dresden), und zwar, wie es scheint, der
Bruder einer verehelichten „Haugwitz“.

Gegen die Abstammung Katharinas von Hans oder Jan zu Lippendorf kann man
geltend machen: 1. Die erste Gemahlin hieß Katharina und war vielleicht
eine geborne von Miltitz, die zweite, Margarete, eine geborne von Ende,
wenn nämlich der erste in den Urkunden genannte Zeuge oder Vormund, wie
gewöhnlich, der Bruder der Frau ist. Dagegen soll Katharina von Boras
Mutter eine geborene Haubitz gewesen sein. Wenigstens berichten die
(freilich erst 1664 veröffentlichten) Consilia Theolog. Wittenb. IV p.
17 (ebenso Keil histor. Nachr. 15 und Luthers merkw. Lebensweise IV 320)
daß Katharinas Mutter eine von Haubitz gewesen. Haubitz heißt ein
Vorwerk östlich von Grimma, also bei Nimbschen (Urkundenb. 409), ein
anderes liegt eine Stunde von Lippendorf (Wezel 423). _Seckendorf_ (III
92), dessen Schwester 1580 einen Georg von Haubitz heiratete (Engelhard
Lucifer Wittemb. I 13, meint, er sei dadurch ein Verwandter der
Katharina v. B. geworden) und nach ihm _Mayer_ p. 4 nennt sie eine
_Haugwitz_, darum sagt Richter 295 (vgl. 675): „von Haubitz _oder_
Haugwitz“. (Walch 12, 5 und nach ihm Hofmann 62 irren, wenn sie
berichten, in den Consil. W. stehe Haugwitz.) Uebrigens ist Siegmund von
Bora 1510 Vormund für eine von Haugwitz, welche also seine Schwester
gewesen sein wird (Dresdner Landesarchiv s.o.) Freilich die beiden Namen
werden oft verwechselt bzw. gleichgesetzt, z.B. im Kloster Nimbschen
(Urkundenbuch 322, 326, 328, 331, 332 vgl. 409 unter „Haubitz“). Diese
Verwechslung beruht auf der mundartlichen Aussprache, indem das b in
Haubitz wie w und das g in Haugwitz sehr weich gesprochen wurde, so daß
es verschwand. Die späteren Biographen behalten Haugwitz bei und
behaupten (freilich ohne Quellenangabe), der Vorname von Katharinas
Mutter sei _Anna_ gewesen. Soll das ein Mißverständnis aus Una de
Haugwitz sein? (Wezel 423) oder eine Verwechslung mit Anna von Haubitz
aus Flößberg (bei Grimma), welche gleichzeitig mit Katharina im Kloster
Nimbschen war und kurz nach ihr daraus entfloh? Ob die Mutter
Katharinas aber wirklich eine geborene von Haugwitz war? Dagegen
spricht, daß ein Kanonikus Christoph von Haugwitz 1536 eine Schrift mit
einer Vorrede Bugenhagens veröffentlichte, worin keine Rede ist von der
Verwandtschaft Katharinas mit der Familie Haugwitz. (_Seckendorf_ ad
Indicem I histor. XXXIII, Wezel 423). Gegen _Haubitz_, wenn Katharinas
Mutter aus dem Geschlechte der Nimbscher Nonnen war, spricht der
Umstand, daß der Vater Annas v. H. ein _kursächsischer_ Unterthan war
(Hirschfeld 97 f.), weshalb sie auch zu Pfingsten 1523 aus Nimbschen
austreten und zu ihrer Familie heimkehren konnte. Dagegen die drei
Linien Haugwitz waren herzogliche Vasallen (A. Fr. _Glasey_, Kern der
hohen kur- und fürstl. H. zu Sachsen, 4. Aufl. Nürnberg 1753, S. 795.
Hirschfeld 127). — Doch war unter den kursächsischen Visitatoren von
Thüringen auch ein Erasmus von Haugwitz (Seckendorf II S. 101). Der
Bruder der Nimbscher Abtissin Margarethe von Haubitz, Asmus, war 1526-35
Vorsteher des evangelisch gewordenen Klosters Nimbschen (Großmann,
Visitationsakten der Diöces Grimma L. 1873, S. 78). Oder sind beide
(Asmus = Erasmus) dieselbe Person?

2. Ferner spricht gegen Lippendorf, daß Jan von Bora 1505 alle seine
Güter zu Lippendorf seiner Hausfrauen zu einem Leibgeding bekennt. —
Lippendorf als damaliger Sitz dieser Linie wäre doch naturgemäß nicht
als Leibgeding an die Ehefrau, sondern als Erblehen an die Kinder
übergegangen (dieser Grund bestimmt G. v. Hirschfeld S. 110 f., gegen
Lippendorf als Geburtsort Katharinas zu stimmen, und ihm folgt jetzt
1897 aus demselben Grunde auch Wezel, nachdem er 1883 Leipz. 8. Wiss.
Beil. 71 dafür gewesen war). Indes war auch Sale ein „Sitz“ und wurde
dennoch von Hans von Bora zu Lippendorf an seine Ehefrau Katharina
verleibgedingt. Es kann ja ganz gut außer Lippendorf noch ein weiterer
„Sitz“ für den Aeltesten vorhanden gewesen sein. Aeltere Männer pflegen
in zweiter Ehe die Frauen zu Ungunsten der Kinder zu bevorzugen. Dies
ist doppelt begreiflich in diesem Falle, wo aus erster Ehe, wie es
scheint, nur ein Mädchen, Katharina, vorhanden war, höchstens noch ein
Bruder, der mit einem geringen Gütchen abgefunden wurde (s.u. zu S. 4).

Schon Seidemann meint, L. scheine K.s Geburtsort zu sein (Br. VI, 647)
und neuerdings (1899) hat ein aus Medewitzsch gebürtiger Lehrer Dr.
Krebs in Lippendorf am Hofgut als der Geburtsstätte Katharinas eine
Tafel anbringen lassen.

Lippendorf gehörte zum Amte Weißenfels und dieses mit seinen
Zugehörungen nach dem Teilungsvertrag 1485 zum Herzogtum Sachsen (A. Fr.
_Glasen_, Kern der Gesch. der hohen kur- u. fürstl. H. zu Sachsen. 4.
Aufl. Nürnberg, 1753, S. 792.)

[2] Vielleicht wirkte auch die stärkere Mischung mit slavischem Blut bei
den Meißnern auf diese Mißachtung.

[3] Katharinas Leichenprogramm C.R. VII. 1155. Nata ex nobili familia
equestris ardinis in Misnia.

[4] Br. V. 792.

[5] 1733 bei _M.D. Richter_, Geneal Lutherorum, S. 750, „Alt- und
Neu-Boren, Wendisch- und Deutschen-Boren“. Nossen liegt genau in der
Mitte des heutigen K.-R. Sachen.

[6] _Grimm_, D. Mythologie, Göttingen 1835. S. 478. „Bor“ eigentlich
Föhre, vgl. Fohre. — Der Name Bora wird sehr verschieden geschrieben:
Bhor, Bohra, Bhora, Bor(a)ra, Bor, Bora, Borau, Boren, Born, Borna,
Borna, Pora, lat. Boria, Bornia, Borana, Borenia, Borensis, griech. ἡ
Βορεἰα. So steht sogar in ein und derselben Urkunde (27. Nov. 1534,
Dresden, Copialb 82, Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 70, S. 413 u. 414) oben
„Hansen vonn Bora“ und unten „dem von Borau“. Auch auf dem Grabstein
Katharinas in Torgau stand früher unten Borau, aber das Wort war schon
vor 100 Jahren ganz von Salpeter zerfressen und ist jetzt gänzlich
verschwunden. _Keil_, hist. Nachr. v. Geschl. L., S. 6.9. So wechselt
auch durch die mundartliche Aussprache Torga und Torgau, sogar in
derselben Urkunde, drei Zeilen von einander. _Kolde_, An. L. 200.

[7] _Beste_, 9. — Das Wappen ist auch auf K.'s Grabstein ausgehauen. Die
Farben dazu wurden bei einer Renovation i.J. 1617 aus Eilenburg von
einer an den dortigen Pfarrer Böhm verheirateten Enkelin Luthers geholt.
Torgau. Kämmerei-Rechnung.

[8] Schon Hofmann 63 f. weist eine Anzahl Bora-Stätten ab. Ebenso G. v.
Kirchfeld. a.a.o. S. 87-110, 113, 116-118. Aus _Dohna_ stammt K. nicht,
denn das dortige Bora-Haus am Markt kam erst 1573 in die Hände des
Großneffen Katharinas: Clemens. Aus _Moderwitz_ (s.o. S. 267) bei
Neustadt an der Orla nicht, denn das dortige Gut war kursächsisch und
gehörte der Familie Hayn, _Motterwitz_ bei Leisnig aber denen von
Bressen und das andere Motterwitz dem Geschlecht Staupitz, aus dem
Luthers geistlicher Vater stammt. (Schmidt, Urkundenbuch S. 312: Günther
von Staupitz auf Motterwitz, 1501.) Aus _Schlesien_ stammt Katharina
auch nicht, woher einmal ein alter Edelmann (Bernhard) von Bora,
wahrscheinlich der Hauptmann von Oels, zu Luther nach Wittenberg kam und
sich bei ihm über den Schwärmer Schwenkfeld Rats erholte. Denn dies
schlesische Geschlecht heißt eigentlich Borau-Kessel und hat ein ganz
anderes Wappen: im silbernen Feld nebeneinander drei rote Rosen und
gelbe Butten. Br. VI, 647. Noch weniger stammt K. aus _Ungarn_, wie auch
einmal behauptet wurde (Hofmann 64). Diese Meinung rührt wohl daher, daß
der ehemalige Wittenberger Bürgermeister Christoph von Niemeck, dessen
Mutter wohl eine Maria von Bora aus Zulsdorf war (s.o. S. 270 f.) in
Ungarn Fundgrüberei trieb und dort (1564?) starb. (Seidemann, Ztschr. f.
hist. Th. 1860, S. 529.) — Aus _Simselwitz_ bei Döbeln kann K. auch
nicht herstammen, weil die dortige Bora-Linie schon 1490, d.h. vor ihrer
Geburt ausstarb (G. v. Hirschfeld a.a.o.).

Bisher hatte die Ueberlieferung sehr allgemein und zu verächtlich
behauptet. Katharina von Bora sei in Steinlausig an der Mulde (setzt
„Muldenstein“), ein paar Stunden nördlich von Bitterfeld auf die Welt
gekommen, weil 1525 nach dem Tode Friedrichs des Weisen ein dort
begüterter Ritter, Hans von Bora, nach Wittenberg gekommen ist und dem
neuen Kurfürsten Johann Erbhuldigung gethan und dort eine Luther-Linde
steht(!). Ja, es wurde sogar erzählt, daß Katharina in das dortige
Kloster eingetreten sei. Diese Ansicht wurde festgehalten auf Grund der
Nachricht von Mayer (S. 7): „welches wir in der Weimarischen Bibel
(1641!) aufgezeichnet gefunden“, wo es heißt. „Geborene auß dem
Adelichen Geschlechte derer von Bora, so in der Chur oder (!)
Herzogthumb Sachsen zu Stein-Lausig (!) seßhaft gewest, wie auß der
Ritterschaft im Chur-Kreiß Erbhuldung zu Wittenberg (!) 1525 zu
vernehmen.“ Aber um 1500 war Stein-Lausig („Lussigk“, eine wüste Mark),
wie die ganze Gegend _kur_fürstlich, und dieser Hans von Bora
_kur_fürstlicher Vasall (daher er eben dem _Kur_fürsten huldigt) —
während doch Katharina aus Meißen stammte und Unterthanin des Herzogs
Georg war. Dieser Hans v.B. auf Steinlausig starb auch ohne Söhne, so
daß sein Leben an Luthers Gevatter, Hans von Taubenheim, kam.
Steinlausig endlich war ein _Männerkloster_! (Emil Obst, „Muldenstein
und Steinlausig“, Bitterfeld, Selbstverlag, 1895, S. 30-35). Vgl. Wezel,
S. 421. — Bemerkenswert ist, daß um 1520 in Nimbschen eine Katharina von
Lausigk Bursarin war (Urkundenb. 166). Vielleicht suchte man Katharinas
Geburtsort auch darum in Stein-Lausig, weil die Gemahlin von Katharinas
Bruder Hans, Apollonia geb. von Marschall, verwitwete Seidewitz, aus
Jeßnitz stammte. So hießen fünf Orte, darunter der bedeutendste: die
Stadt Jeßnitz, nicht weit nördlich von Steinlausig. Thatsächlich ist
aber das Dorf Jeßnitz bei Döbeln ihre Heimat. Br. VI. 705.

[9] _Zulsdorf_. (Zülsdorf, Zöllsdorf, Zölldorf, Zeilsdorf u.s.w.) „das
wüste Dorf oder die Wüstung Czollsstorff“ (a. 1105: Zulänestorff),
burggräflich-leisnigsches Lehen, gehörte zur Pfarrei Kieritzsch.
_Nixdorf_: „Holzmark zw. Z. u. Kieritzsch“. Archiv f. Sächs. Gesch.
1864, S. 209. 97. Vgl. Br. VI, 705. Wezel 413.
[Transkriptions-Anmerkung: Die genaue Position des Verweises im Text
nicht markiert.]

[10] Beste 12.

[11] Br. VI, 649 f. V, 492. _Walch_, K.v.B. 23. 65. k.

[12] IV, 291. V, 106. 201. 411. 516. _Burkh._ Br. 303. 401. 423.

[13] _Seidemann_, Ztschr. f. histor. Th. 1860. S. 265-69.

[14] Urkundenbuch 318 ff. Sie war 1509 die 14. unter 43 Klosterfrauen,
gehörte also schon unter die Seniorinnen. Muhme bedeutet freilich nicht
bloß Tante, sondern im allgemeinen soviel wie das süddeutsche Base
(sogar = Nichte); ebenso „Ohm“ = „Vetter“ (auch = Neffe). So nennt
Luther seine Nichte (Lene) „Muhme“ (T.R. IV, 54) und Katharina ihren
Neffen (Florian) „Ohm“. S.o.S. 239.

[15] _Schumanns_ Lexikon von Sachsen. Bd. 13, S. 671.

[16] Br. V, 64.

[17] _Richter_. 674, nobilis sed tum fere ad incitas redacta prosapia.
Br. VI, 649 f. IV, 291.

[18] _Lorenz_, Sachsengrün, 1861, 1, S. 82; Z.B. die 2 Schönfeld 3 Sch.
20 Gr., Ilse Kitschers 40 Gr., die 2 Zeschau je 4 fl. rh., Magd. v.
Staupitz 2 fl. Hirschfeld a.a.O. 127.

[19] Wiss. Beil. zur Leipz. Z. 1899, S. 35a Erasmus Epist. ed. Cler.
Tom. III pag. 790 indotata (ohne Aussteuer). — Vgl. Luthers Rede und
Gebet bei seiner Krankheit 1527. L.W XIX, S. 160 ff. — Das sog. Bild
Katharinas von Bora, das sie angeblich im reichen Brautstaat mit dicken
silbernen und goldenen Ketten zeigt (bei Fr. G. Hofmann, Katharina v.B.,
Leipzig 1845) stellt sie gar nicht vor, wie schon die gestickte Schrift
C A B an der Haube beweist, denn das heißt nicht etwa C. a Bora.
_Seidemann_, Beitr. I, 92. Vgl. übrigens das Siegel 266.


2. Im Kloster

Hierher bes. „Urkundenbuch“. Ferner: „Sachsengrün“ Kulturhist. Ztschr. I
S. 82; Bräß, Wissensch. Beil. der Leipz. Zeitung 1899, Nr. 9. Vgl. A.
_Thoma_, Gesch. des Klosters Frauenalb, Freiburg 1899.

[20] _Vierordt_, Gesch. der ev. Kirche im Großherz. Baden, Karlsruhe
1847, I. Bd. S. 30 ff. Frauenalb S. 18. Th. Murner, Schelmenzunft
(1512). „Kloster und Stifte sind überall gemeiner Edellüt Spital“.

[21] Frauenalb S. 31: „Da alle Klausur und geistlichen Leute erdacht und
gemacht sind, daß sie unserm Herrn und Gott dienen und für Tote und
Lebende und alle Gebresthafte Bitten füllen“.

[22] Vgl. „Wie Gott einer Klosterjungfrau ausgeholfen“, Walch, L.W. XIX
2095 ff. Diese Nonne Florentina von Oberweimar. „Da ich 24 Jahre alt
wurde, begann ich mein Gemüt und meine Geschicklichkeit zu fühlen und
erkennen“.

[23] Monachum aut paterna devotio aut propria professio facit. Decret II
part. c. 3. C. XX qu. 1. Vgl. Köstlin I 592, Frauenalb 19.

[24] Florentina a.a.O.: „Von meinen Eltern, welche geistlichen Stand
für gut und selig angesehen, durch Bitt und Anregung meiner Muhme, der
Domina (Aebtissin) zu Eisleben, wurde ich in das Jungfrauenkloster
daselbst gegeben.“

[25] Frauenalb 19. — Ave Grossin wurde in Nimbschen als Kind angenommen
— (Sachsengrün 81). Florentina, welche mit dem 6. Jahr ins Kloster kam,
erzählt. „Da ich 11 Jahre, bin ich durch Angeben der Domina (Aebtissin)
ohne alles Befragen (und wenn ich gleich wohl befragt, hätte ich keinen
Verstand gehabt) also unwissend eingesegnet“.

[26] Br. II, 323. 319.

[27] Br. II, 331 (lies invito dicatis). 324.

[28] Urkundenbuch 319 ff. Die Nonnen pflegten nicht nach dem
Lebensalter, sondern nach dem Eintrittsjahr aufgezählt zu werden.
(Frauenalb 42 f.)

[29] _Seckendorf I_, 274. _Engelhard_, Lucifer Wittenbergensis v.d.
Morgenstern v.W., d.i. vollständ. Lebenslauff der Cath. v.B., des
vermeynten Ehe-Weibs D.M.L. Landsperg, 1747. I, 27.

[30] _Nimbschen_. Der Name lautet: Nimetzsch, Nimtsch(en), Nympschen,
Nimptschen. Bräß a.a.O. — „Gestiftet zur Ehre und zum Dienste Gottes und
seiner geheiligten jungfräulichen Mutter“. — Das Amt und Kloster fiel
bei der Teilung 1485 an das Kurfürstentum. Sachsengrün, I, 82.

[31] Zu S. 8 ff. Vgl. Thoma, Frauenalb 77 ff. Zu S. 9-12 s. Urkundenbuch
319 ff. Bräß, 35a.

[32] Urkundenbuch 337. Zum damaligen Geldwert: l Schock = 60 Groschen.
20 Gr. = 1 fl. 14 gute Schock = 40 fl. — Damals kostete 1 Huhn 1/2 Gr.;
1 Schock (60) Eier 1 Gr.; 1 Scheffel Weizen 7 Gr.; ein Scheffel Hafer 3
Gr. Urkb. S. 376.

[33] Amsdorfs Brief an Spalatin vom 11. April 1523. „Ordinis B.
Bernardi“.

[34] Im Freiberger Kloster gingen durch das Fenster am Chor Sachen (bes.
Schriften) aus und ein. (Seidemann 128). — canes (statt canas?) vetulas.

[35] cum pueris heißt es. Sollten die Knaben der Aebtissin (S. 11)
gemeint sein?

[36] Ueber die Feierlichkeiten s. Frauenalb S. 23-25.

[37] Urkundenbuch S. 166. Frauenalb 22.

[38] Metze = Magda(lena).

[39] Margarete hatte (1497) von ihrem Vater Hans v. Haubitz samt ihrer
Tante als Leibgeding 64 Groschen Geld, 9 Hühner, 30 Eier und ein
Hofichen Butter vom Vorwerk Haubitz verschrieben. (Urkb. zu 1497).

[40] Als das Stift evangelisch geworden war. _Großmann_, Die
Visitations-Akten der Diöces Grimma I.H. Leipzig 1873, S. 181.

[41] S. _Seidemann_, Kollektaneen auf der Dresdener Hofbibliothek II
unter „Bora“. Zu S. 13-15 Urkundenb. 319 f.

[42] _Cordatus_ Nr. 954.

[43] Urkb. 303: 1504 nahm das Kloster „zur Anhebung der hl. Reformation“
Geld auf. 324: „Obgleich noch viel zur Reformation gehört.“

[44] Die ständige Eingangsformel eines Antwortschreibens lautet: Euern
Brief habe ich erhalten und verstanden.

[45] In der Zeit, da das Kloster evangelisch geworden war, wurde den
Schreibverständigen unter den Klosterfrauen aufgegeben, die jungen
wenigstens, die es noch nicht konnten, schreiben zu lehren. _Dr.
Großmann a.a.O._ S. 80.

[46] Sachsengrün, 81, Urkb. 319, 323. Altes Gesangbuch 290.

[47] _Seidemann_, Kollekt. Pars II unter „Bora“.

[48] Florentina bei Walch XIX 2095 ff.

[49] Florentina. Walch a.a.O.

[50] Bräß a.a.O. Anderwärts waren die Spenden bei der Einsegnung
tarifmäßig festgesetzt und sehr beträchtlich; z.B. im Kloster Hausdorf
erhielt der Propst allein 32 Gr. und 1 Fingerlin (Ring), die Priorin und
Kellnerin je einen Schleier, 15 Gr., 4 Stück Fleisch, 1-1/2 Stübchen
Bier und ein St. Wein, und alle Beamte und Bedienstete bis zum
Blasbalgtreter, Läuter und Fensterknecht, sowie jegliche Jungfer, ihren
ganzen oder halben Solidus. _Mitzschke_, N. Archiv für Sächs Gesch. XIX,
347.

[51] T.-R. II 233. „Wider Willen geweiht“: Br. II 330, lies: invito
dic(a)tis „Hitzig“, T.-R. II, 233, vgl. Urkb. 324: „in Gottesliebe
hitzig“.

[52] Frauenalb. 31. Urkb. 324.

[53] T.-R. III 230, II 124. 235 sagt Luther: „Es war eine lautere
Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Beten. Da war nur ein
Geplapper und Gewäsch von vielen Worten; kein Gebet, sondern nur ein
Werk des Gehorsams.“

[54] Daß Katharina, wie seltsamerweise die katholischen Schriftsteller
bis auf Evers hartnäckig behaupten (vgl. S. 262, Z. 27), Aebtissin
gewesen sei, wird schon durch die Thatsache widerlegt, daß Margarete von
Haubitz von 1509 bis zur Aufhebung des Klosters Vorsteherin war.

[55] Von den Nonnenklöstern stammen die zahllosen Paramentstücke der
mittelalterlichen Gotteshäuser. So hatte die Wittenberger Stiftskirche
32 Teppiche, 18 Fahnen, 12 Samtdecken, 138 seidene Vorhänge und 221
Meßgewänder! _G. Stier_, Denkwürdigkeiten Wittenbergs, S. 10.

[56] Urkb. 316-319.

[57] Ebenda. — Vgl. _Myconius_, Summarium der Ref.-Geschichte 4:
„Vielfeiern: Tag und Nacht singen, plärren, murmeln“.

[58] Sachsengrün, I, S. 82. — Der Bischof von Merseburg (Adolf, Fürst
von Anhalt) kam am 28. April 1524 zur Visitation nach Grimma mit 40
Pferden und sechs Geistlichen. _Förstemann_, Neues Urkundenbuch, Hamburg
1842, S. 97.

[59] 1. Jan. 1291. 7. Okt. 1296; s. Urkb. 226.

[60] 23. Aug. 1311. Urkb. S. 221. 337.

[61] Weimarer Archiv, Rechnungen von 1517, 1519, 1530. _Seidemann_,
Kollekt. II. Vgl. _Grulich_, Denkw., S. 27. Urkb. 315.

[62] Urkb. 322 ff.

[63] Urkb. 334. Sachsengrün I, 82. Urkb. 303, 307. 313: Beschwerden über
die Mönche: „Alle Diener (Beamte), die vom Fürsten dahingesetzt, worüber
die Aebtissin und Sammlung hält, werden von den Mönchen verfolgt. Sie
wollen auch die neue Abtissin entsetzen wie die alte, aus Neid.“

[64] Urkb. 328. Der Vorsteher hieß Matthias Heuthlin.

[65] Urkb. 329. 337 f.

[66] Urkb. 344. „Mutter Kühnen wartet auf die kranken Jungfrauen.“ So
beklagten sich die Nonnen in Freiberg, daß ihnen keine Liebesdienste,
wie Krankenpflege und dgl. verstattet sei. Urkundenb. 325: Die Aebtissin
ermahnt die Nonnen, den Statuten nachzufolgen, „daß ihr also durch
dieselben geistlich lebet, auf daß ihr aufs letzte das Verdienst der
guten Werke („Uebungen“) und Vergeltung eurer Arbeit mit dem ewigen
Leben möget erlangen.“


3. Die Flucht aus dem Kloster.

[67] L.W. XIX, S. 1797-2155.

[68] T.-R. II 124, S. oben S. 18, 2. [Transkriptions-Anmerkung: Die
genaue Position des Verweises im Text nicht markiert.]

[69] _Matthesius_ 31, wonach auch der Inhalt des Büchleins angegeben
ist. Vgl. _Seidemann_, Erläuterungen zur Ref.-Gesch. 113.

[70] _Grulich_, Denkw. v.T., S. 28. S. unten S. 32.

[71] S.o.S. 21. _Walch_, Leben der sel. Kath. v. Bora 64 f.

[72] Florentina a.a.O.

[73] Vgl. Ztschr. f.d. Gesch. d. Oberrheins, 1899, H. 1. S.o.S. 28 und
S. 32.

[74] Br. III 321, 322. — 1534, als Luther allerlei Erfahrungen in dieser
Hinsicht gemacht hatte, mußte er die austrittlustigen Nonnen auf diese
Schwierigkeiten aufmerksam machen. Br. II, 322, IV, 580, 583.

[75] Br. II, 322. 327.

[76] Br. II, 323. — „Kinder“ = freigeborne Söhne und Töchter (liberi);
vgl. Frauenalb 18. Damit sind Seidemanns (Erläuterungen zur Ref.-Gesch.,
Dresden 1844, S. 109) Bedenken über die „Sammlung (Konvent) von Kindern“
in Freiberg erledigt.

[77] Br. II, 320. Luthers Auslegung von I. Cor., 7. _Walch_ XII, 287 f.
— So enthielt der Ave Schönfeld ihr Bruder nach ihrem Austritt ihr Erbe
vor, indem er sich auf das päpstliche (kanonische) Recht berief. Br.
III, 289 f.

[78] _E. Wezel_, Kath. v.B. Geburtsort, Wiss. Beil. z. Leipz. Z., 1883,
Nr. 71, S. 423 f. — Br. II, 323.

[79] Vergleichen kann man mit den Nimbschener Zuständen diejenigen im
Kloster Freiberg. Hier vermittelte die Herzogin Heinrich (Enkelin des
Böhmenkönigs Georg Podiebrad) die Schriften Luthers. Die Schriften kamen
auch durch den Klosterprediger, den Balbierer Meister Philipp ins
Kloster, wurden abgeschrieben u.s.w. Bei einer Visitation vergrub die
Herzogin Ursula einen ganzen Sack voll lutherischer Büchlein ins Korn.
Beim Salva Regina sangen die Lutherischen andere Wörter. — Viele,
darunter Katharina von Mergenthal, die Herzogin von Münsterberg „waren
rege und wollten springen; die Heerführerin drohte immer mit Auslaufen“
(Seidemann, 120). Unter den 77 Freiberger Nonnen waren ein gut Drittel
(besonders die jungen) lutherisch, ein anderes Drittel altgläubig, das
dritte Drittel „wie der Wind geht“. Die einen hielten die andern für
„bännisch“. Die Priorin war lutherisch und half zur Flucht. N. Archiv f.
Sächs. Gesch. III, 290-320, _Seidemann_, Erl. zur Ref.-Gesch., Dr. 1844,
S. 109 ff.

[80] Br. II 323.

[81] III, 9.

[82] II, 323.

[83] II, 323.

[84] II, 327.

[85] Br. II, 321, 322 f. — Auch Luther dachte an Todesgefahr: „ob's auch
das Leben kosten müßte“. Um diese Zeit, vor oder nach Ostern 1523 wurde
Heinrich Kelner, welcher eine Nonne aus Kloster Sornzig entführt hatte,
durch Herzog Georg zu Dresden geköpft, gespießt und an den Galgen
gesteckt. S. 36. Und als um Fastnacht (4. März 1524(?)) zu Torgau 16
Bürger das Barfüßerkloster stürmten, erregte das den größten Unwillen
des Kurfürsten Friedrich, zumal damals gerade kaiserliche Gesandte sich
in Torgau aufhielten, um über die Religions-Angelegenheiten zu
verhandeln. Der Kurfürst wollte den 16 an das Leben, so daß sie Frau
und Kinder in Stich lassen mußten und flüchtig wurden; ein Glück, daß
Kurfürst Friedrich bald starb und sein Bruder Johann milder gegen die
Verjagten gestimmt war.

[86] _Hofmann_, S. 8 f., Torgauische Denkwürdigkeiten 1749, S. 38;
_Grulich_, Denkwürdigkeiten Torgaus, Torgau 1855, 2. Aufl. S. 24 f. M.
Sam. _Schneider_, Neue Beiträge 1758. „Im Jahre später stürmte Koppe mit
anderm Pöbelvolk das Mönchskloster.“ — Der Klosterstürmer war aber
wahrscheinlich der gleichnamige Neffe des alten Koppe; auf den Neffen
paßt das Herumtreiben mit jungen Edelleuten während der Flucht. Der
junge Koppe konnte auch verwandt mit Kunz von Kaufungen sein. — Der
Klostersturm war auch wahrscheinlich 1525 nicht 1524, sonst würde sich
nicht reimen, daß der Kurfürst bald starb. Auch ist 1525 das Jahr der
Bauernunruhen, wo sich eine solche aufgeregte That eher erklärt. Noch
weniger kann es 1523 sein; denn sonst hätte Koppe, sei's der ältere oder
jüngere, nicht nach Torgau sich wagen dürfen.

[87] Hofmann, S. 9 f.

[88] Die verschiedenen Berichte über die Flucht s. bei _Walch_ 64,
_Hofmann_ 11, _Seidemann_, Ztschr. f. histor. Th. 1860, S. 475.
Lutherbr. 14. _Bräß_ 36. Von Heringstonnen berichtet _Arnold_,
Kirchen-und Ketzerhistorie II, 513. Vgl. _Beste_ 17 f. Die oft erwähnte
Florentina entkam ohne weiteres, als ihre Hüterin ihre Zelle zu
schließen versäumte und die andern Nonnen im Schlafhaus waren. Die
Herzogin Ursula von Münsterberg entwich durch die schlecht verwahrte
Hintertür im Garten (N. Archiv für Sächs. Gesch. III, 304, Seidemann 118
f.); auch in Nimbschen war die hintere Pforte schlecht verwahrt.
(Urkundenbuch 324). Die mündliche Sage in der Umgegend erzählt, es
hätten sich alle neun Nonnen durch das Fenster in der Zelle Katharinas
herabgelassen; auch habe diese bei der Flucht ihren Pantoffel verloren.
Das Fenster wird an den heutigen Ruinen (des Refektoriums?) noch gezeigt
und lange Zeit sangen die Zöglinge der Landesschule zu Grimma, an welche
das Kloster mit seinen Einkünften übergegangen ist, dort bei Ausflügen
lateinische und deutsche Hymnen. Das Fenster aber hat schwerlich zu
einer Zelle gehört. Ebenso wird noch in Nimbschen der Pantoffel
gewiesen, der aber ist ein Machwerk des vorigen Jahrhunderts.

[89] _Menken_ Annal. a. 1523. Script. rer. Sax. 571: singulari consilio
et calliditate. Facinus plane audacissimum. Asus est ex monasterio clam
abducere. Br. II, 319; satis mirabile evaserunt.

[90] Br. II, 318; vom 8. April ex captivitate accepi heri ex Nimpschen 9
moriales.

[91] _Grulich_. Denkwürdigkeiten S. 29. „Auch Zwilling war bei der Hand
und führte den Zug der Nonnen an“.

[92] Br. II, 319. vulgus miserabile. Kolde Ann. Luth. 443.

[93] Anspielung auf 1. Petri 3, 19 und Ephes. 4, 8, wonach Christus am
Karsamstag zu den Geistern ins Gefängnis hinabstieg und die armen Seelen
befreite, wie das auf mittelalterlichen Bildern mit so großer Vorliebe
dargestellt wird.

[94] Br. II, 321. „Euer Audi“ läßt Luther auch in der Einladung zur
Hochzeit grüßen III, 9.

[95] Der offene Brief an Koppe Br. II, 321-7.

[96] _Burkhardt_, 56. 109. _Lorenz_: die Stadt Grimma, 1112 f.
_Lauterbach_ 163 f.

[97] Dr. _Bräß_ 36. _Lauterbach_ 163 f. _Seckendorf_ I 272: Elcetor
dissimulavit factum. Die Aebtissin schrieb schon vorher an den
Kurfürsten.

[98] _Seidemann_, Beitr. zur Ref.-Gesch. I, Dresden 1846, S. 60.
_Lorenz_ 1108 f. Urkundenbuch 340. _Großmann_, Visitationsakten der
Diöces Grimma I, L. 1873 S. 78 ff. 181.

[99] _Hofmann_ 14. _Seidemann_, Beitr. I, 92.

[100] Br. II, 354. III, 9. 32. 33.


4. Eingewöhnung ins weltliche Leben.

[101] II, 323. 319.

[102] II, 319 f. _Kolde_, Ann. L. 443.

[103] Br. II, 334. 433. 473. 584. 330.

[104] Br. IV, 580.

[105] Br. III, 170. 229 f. 236. Schönfeld, T.-R. IV, 50. Burkh. 193.

[106] Reichenbach stammte aus Zwickau und studierte in Wittenberg
1510-11. 1525 nahm er sein Haus in Lehen, 1530 wird er Bürgermeister,
1541 heiratete seine Tochter, 1543 starb er. (_Buchwald_ 74 f. 173).
_Consil. Theol. Witt._ IV, 19. _Hofmann_ 13 f. Reichenbachs Haus ist
übrigens nur in dem hundert Jahre später erschienenen Werk der _Consil.
Theol. Witteb._ als Katharinas Zufluchtsort genannt. Bei allen
gleichzeitigen Quellen kommt es nicht vor; auch in allen Berichten über
die Trauung und Hochzeit wird das Ehepaar nicht erwähnt und von irgend
welcher Beziehung des Lutherschen Hauses mir der Familie Reichenbach
findet sich keine Spur. Er gehörte allerdings in den Freundeskreis
Dietrichs und Baumgartners. Dietrich meldet diesem am 29. Jan. 1535 die
Vermählung von Reichenbachs Schwester mit dem Nürnberger Strauch.
(Ztschr. f. hist. Th. 1874 S. 546 f.) Dagegen weisen andere Anzeichen
darauf hin, daß Käthe vielmehr in dem _Kranach_schen Hause gelebt habe;
der König Christian, welcher im Oktober 1523 dort wohnte, verehrte der
Jungfrau Käthe einen Ring: das kann doch nur für Dienste geschehen sein,
die sie im Kranachschen Hause that. Ferner ist bei der Trauung Luthers
als einzige Frau die Kranachin zugeben. Endlich steht Luther, wie Käthe,
mit den beiden Eheleuten, seinen Gevattern, auch in späteren Jahren noch
in reger Beziehung, während nirgendswo von einem Verkehr mit dem
Reichenbachschen Ehepaar im Leben Katharinas geredet wird. Ich möchte
daher vermuten, daß Käthe nur kurze Zeit im Reichenbachschen Hause
untergebracht wurde, dagegen im übrigen in dem sehr umfangreichen und
wohlhabenden Hause der Kranach als Stütze der Hausfrau Verwendung
gefunden. Bei Kranach konnte auch Ave von Schönfeld untergebracht sein,
weil ihr späterer Gatte Lic. Basilius Axt in Kranachs Apotheke
beschäftigt war. In dem Brief, worin Luther den Medicus Basilius Axt
empfiehlt, wird von diesem gesagt, er sei Apotheker bei Kranach gewesen
und seine Gattin (Ave von Schönfeld) eine Mitschwester von Luthers Frau.
(B. III, 292 vgl. 291).

[107] _Beste_ 20. _Hofmann_ 13, 26.

[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen
Verweis im Text.]

_Seidemann_, Ztschr. f. hist. Th. 1874. S. 533 ff.

[108] Consil Witt. IV, p. 19.

[109] Br. II, 325.

[110] Br. II, 553. W.L.W. XXI, 916. Beste 22, 2.

[111] Ztschr. f. hist. Th. 1874. S. 544-58. Br. II, 553.

[112] Corp. Ref. I, 1114. Br. III, 532, wo Luther und Melanchthon an Abt
Friedrich für eine Wittenbergerin fürsprechen, welche ein junger
Nürnberger heiraten will.

[113] _Abr. Scultetus_ Ann. ad. ev. renov. ad a. 1525. p. 80.
_Seckendorf_ II, 17. _Walch_ 92-96. _Beste_ 23 f.

[114] „Meine Käthe hatte ich damals nicht lieb, denn ich hielt sie
verdächtig, als wäre sie stolz und hoffärtig.“ T.-R. IV, 50.


5. Katharinas Heirat.

[115] Ostern 1525. Br. II, 643. 646. — Vgl. T.-R. IV, 132.

[116] _Schadow_, Wittenberger Denkwürdigkeiten, W. 1825, S. 61.

[117] Hochmeister: Br. II, 673 f. 678. Spalatin: II, 643. _Seckendorf_
II, 274.

[118] T.-R. IV, 145: „Die kaiserlichen Rechte sagen: Wer eine Nonne
nimmt, der habe das Leben verloren und das Schwert verdient“.

[119] Br.: II, 35. 40. 49. 102 f. 583. 637.

[120] _Cordatus_ 1509. Argula. Br. II, 570. 646. W. XXI, 931.

[121] _Lingke_, D.M.L. Reisegeschichte, L. 1769, S. 157. Luther war vom
16. April bis 6. Mai auf der Reise. Br. II, 643. — Anfangs März bat
Luther Amsdorf, zu ihm zu kommen, um ihm in seinen Anfechtungen ein
Trost zu sein. Br. II, 634.

[122] W. XX, 1685. X, 861. _Seckendorf_ II, 17, I, 274. _Scultetus_ p.
80. 274. Br. II, 643. 655. 678, III, 1. 3. 13. 21. 32. Consil. Theol.
Witteb. IV, 19. _Lingke_ 151-3. — „Es ist der Welt Gott der Teufel (der
ja selbst ein Hagestolz ist), der Verspötter jeder Gott gefälligen
Gattenliebe und jedes ehrsamen Familienlebens, der den Ehestand so
verleumdet und schmählich gemacht hat“ (W. X, 806). „Wer dem Ehestand
zuwider ist und redet übel davon, der ist gewiß vom Teufel.“ (Matthes.
138.) Erasmus spöttelte, Luther erlaube andern, was er selber nicht
wage. _Schlegel_, Vita Spalatini, 211. 214. — T.-R. IV, 36.

[123] W. X, 962. Erasmi Opera ed Cler. III, 1 ep. 80. Br. III, 21. So
schreibt L. 1526 bei der Taufe seines Erstgebornen. „Ich scheu des
Prangens, als wollt ich mich mit einem Mönchs- und Nonnen-Kinde
herfürthun“ (III, 113). — Nonne trotz kaiserl. Rechte: T.-R. IV, 145.

[124] Die Schönheit Katharinas behauptet u.a. Erasmus III, 1 ep. 730.
„Ein Mägdlein von feiner Gestalt“. „Eine schöne Frau“: IV, 553. „Nicht
in Leidenschaft entbrannt“: III, 9. Reim: Seidemann in Schnorrs Archiv
IX, S. 3. Ueber schöne Frauen, T.-R. IV, 40.

[125] II, 646. Diese 2 Frauen waren wohl 1. die Ave von Schönfeld, von
welcher L. 1536 sagt: „Wenn ich vor 13 Jahren hätte freien wollen, so
hätte ich Eva Schönfeldin genommen, die jetzt der D. Basilius, der
Medicus, in Preußen hat“ (T.-R. IV, 50); und 2. „jene Alemannin, meine
Verlobte“, von welcher im Januar 1526 das Gerücht ging, Amsdorf habe sie
geheiratet. Br. III, 77. Salus (=Ave) Allemanna, vgl. die vier Brüder
Alemann III, 418. Man deutet aber diese Aeußerung L. drei „Frauen“ auch
allegorisch auf die drei Mönchsgelübde (_Beste_ 31) u.a.

[126] II, 655. Luther war am 19., 28., 29. April in Eisleben.

[127] Die üble Nachrede (III, 2 infamantibus me cum Catharina Borana)
war vielleicht die Lüge von einem frühzeitigen unerlaubten Umgang der
beiden Brautleute, welche auch Melanchthon in seinem bekannten
vertrauten Brief an Camerarius zurückweist. S. 58. Luther war wegen der
an sich selbst erfahrenen und auch sonst wahrnehmbaren Verleumdung
Verlobter gegen lange Verlobungszeit. T.-R. IV, 41, Br. III, 1-3, 9-12.

[128] T.-R. IV, 73. Cord. 1511.

[129] Luthers Augen beschreibt Melanchthon (Ztschr. f. K.-G. IV, 326)
als braun mit einem gelben Ring darum: der Ausdruck habe den
kampflustigen Blick des Löwen. — Ueber Luthers Aeußere vgl.
Küchenmeister, L.'s Krankheitsgeschichte, 42. 116. Bei dem Besuch bei
Kardinal Bergerins (s.o.S. 115) trug, wie dieser bemerkte und
aufschrieb, Luther ein Wams aus dunklem Kamelot, die Aermel mit Atlas
eingefaßt, darüber einen kurzen Rock von Sersche mit Fuchspelz
gefüttert, an den Fingern mehrere Ringe, um den Hals eine schwere
goldene Kette. Luther wollte damals dem Kardinal imponieren und recht
jung aussehen, um ihn zu ärgern; er meinte, so müsse man mit Füchsen und
Schlangen handeln.

[130] T.-R. IV, 38.

[131] _Kawerau_, der Briefwechsel des J. Jonas, Halle 1884/5, I, S. 94.

[132] „Herkömml. Bräuche“: im Briefe Mel. an Camer. (ed. _W. Meyer_,
München, Akadem. Buchdr., 1876, S. 6 f. Vgl. _Köstlin_ I, 768 f., 817 f.
— T.-R. IV, 72: L. führt nach dem Nachtessen die Braut zum Bette. S.u.S.
121 f.

[133] Die Trauform in Luthers Traubüchlein (1529), welche sich wohl dem
herkömmlichen Gebrauch anlehnt, ist folgende: Vor der Kirche geschieht
die Trauung durch einen Weltlichen oder Geistlichen. Da wird „Hans und
Grete“ gefragt: Willst Du den oder die zum ehelichen Gemahl haben? Auf
das Ja! wechseln sie Trauringe; der Trauende fügt die Hände zusammen und
spricht: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“
Und: „Weil denn Hans N. und Grete N. einander zur Ehe begehren und
solches hier öffentlich vor Gott und der Welt bekennen, daraufhin sich
die Hände und Trauringe gegeben haben, so spreche ich sie ehelich
zusammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“
Darauf folgt in der Kirche Gebet und Segen. Später wurde in Wittenberg
die Trauung in der Kirche üblich. Köstlin II, 642, 63. Vgl. T.-R. IV,
53. „Da verlachet D. Philipp höhnisch, wenn wir Braut und Bräutigam in
der Kirche öffentlich zusammengeben, gleich als dürfte man nicht beten
zu solchen Sachen.“

[134] _Kawerau_, Jonas' Briefw. a.a.O. — „Gelöbnis“ Wittenb.
Stadtrechnung. Vgl. V, 196: sponsalia confimare.

[135] _Hofmann_ 47.

[136] W. X, 855 f. 967 f. III 2, 567 f. 2565. Bugenhagen an Spalatin.
Luther fordert im „Traubüchlein“, die Ehe als öffentlicher Stand solle
auch öffentlich vor der Gemeinde vollzogen werden, vor oder in der
Kirche, wie es die Brautleute begehren. — Auch _Matthes._ redet von
einem öffentlichen Kirchgang Luthers, desgl. Consil. Theol. Witteb. —
Bezeichnungen für die Hochzeit bei _Schild_, Denkwürdigkeiten
Wittenbergs, W. 1892, S. 25. Luther hielt — gegenüber Melanchthon — sehr
auf die herkömmlichen kirchlichen Bräuche bei der Hochzeit. T.-R. IV.
72. Als Wittenberger Brauch der Heimführung wird (_Buchwald_, Zur
Wittenberger Stadt- und Universitäts-Gesch. 35) erzählt: „Röhrer führte
seine Braut nach der Hochzeit im Hause Dr. Beiers in unser Haus mit
feierlichem Geleite der Frauen.“ Vgl. M.H. Gottl. _Kreußler_, Denkmäler
der Ref., L. 1817, S. 29. „Die kleine Gesellschaft brachte das Brautpaar
heim.“

[137] Hochzeitsbriefe III, 1. 3. 9. 11-14.

[138] Hochzeitsgeschenke, Hofmann, 52 f.

[139] Siehe bei _Hofmann_ das Titelbild. _Seidemann_, Beitr. zur
Ref.-Gesch. I, 92.


6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand.


Br. II, 582, III, 32.

[140] „Schwarzes Kloster“ d.h. Kloster der schwarzgekleideten Augustiner
im Gegensatz zu dem unteren „grauen Kloster“, dem Sitz der grauen
„Minderbrüder“. — Studierstube, Br. II, 543, T.-R. IV, 476. Ausrüstung,
Br. III, 472 f. Winterzimmer, III, 221. Bilder: Der Karlstadtianer
Ickelsamer („Klag etlicher Brüder“) rügt, „Luther wolle bei sich gemalte
götzische Bilder haben.“ T.-R. I, 137: „Gemälde an der Wand. Das
Kindlein Jesus schläft in seiner Mutter Arm“. S. 311. „Da D.M. das
Kindlein Jesus gemalt im Schoße der reinen Jungfrauen ansahe“. —
_Seidemann_, Grundbesitz 496. Die gesamte jetzige Einrichtung des
Lutherzimmers ist nicht echt, namentlich Tisch und Ofen aus späterer
Zeit. Ueber das Lutherhaus s. H. Stein, Geschichte des Lutherhauses,
Wittenberg 1883. Das Lutherstüblein war aber nicht im Turm, sondern ist
das vorhandene. — S. Seite 74 f. und Anmerkung dazu. S. 285.

[141] In dem Krankheitsbericht des Jonas von 1527 speist die Familie,
scheint es, im untern Stock und Luther geht von da in das Schlafzimmer
hinauf.

[142] _Seidemann_, Grundbes. 484. S. 8. Kapitel und [239].

[143] _Förstemann_, N. Mitteilungen a.d. Gebiete hist.-antiq.
Forschungen III, S. 113: „1 Schwäbisch, Frau katharin Doctoris Martinj
Ehelichen Weyb zeum Newen Jhare geschenckt.“ — Consil. Theol. Witteb.,
Frankf. 1664, S. 19: „1 Sch. 8 Gr. 3 Heller vor ein Schwebisch _Haub_
Frau Katharinen, Doctoris Martini Ehelichem Weibe zum Neuen Jahre
geschenckt.“ Hofmann 52 meint: Ein Stück oder Schock schwäbische
Leinwand. Kasten V, 162. Geräte VI, 325 f.

[144] III, 18. „Ich bin an Kethen gebunden und gefangen und liege auf
der Bore (Bahre) scilicet mortuus mundo. Salutat tuam Catenam mea
Catena. III, 9: „Ich bin meiner Metzen (Meid = Jungfrau) in die Zöpfe
geflochten“. S. oben [38].

[145] T.-R. IV, 41.

[146] Im Studierstüblein Bücher auf Bänken und Fenstern, 111, 472. —
Hochmeister Cord. 1510. Vielleicht aber meinte Käthe den Markgrafen
Georg von Ansbach. — Brief über Erasmus 111, 212.

[147] Cord. 38. T.-R. II, 208, IV, 121, vgl. 78: „Die Weiber sind von
Natur beredt und können die Rhetorikam, die Redekunst wohl, welche doch
die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen.“

[148] Garten und Brunnen III, 117. _Schild_ a.a.O. Birnbaum, T.-R. II,
369.

[149] Das als Titelbild diesem Buch vorgesetzte Bild weicht bedeutend
von dem im Text geschilderten ab.

[150] T.-R. IV, 114.

[151] Luther nennt es selbst „meine abenteuerlich Geschrei“.

[152] Br. III, 10. Camerarius. Narratio de Vita Mel., L. 1723, p. 103,
CXXX.

[153] C.R. I, 754, Melanchthon. Camerarius p. 103 f. Vgl. _Hausrath_,
Kleine Schriften, L. 1883, S. 253 f.

[154] III, 3.

[155] Quellensammlung fränk. Gesch., Bamberg 1853, IV p. LXII. Beste
103-6.

[156] Erasmi Opp. ed. Clerie. III 1. ep. 781. 790. 900.

[157] _Seidemann_ 555.

[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen
Verweis im Text.]

Schmähschriften. _Hofmann_ 190 ff.

[158] W. XIV, 1335 f. Br. III, 299. 365.

[159] S.o.S. 36. Br. III, 9. 32. 49. _Hofmann_ 77. _Ratzeberger_ 69 ff.

[160] III, 94 f.

[161] III, 125: Mihi morigera et in omnibus obsequens est et commoda
plus quam sperarem.

[162] Mel. griech. Brief an Camerar. Vgl. _Hausrath_ 254. T.-R. IV, 304.

[163] Br. III, 55. 58. 32. 49. _Seckendorf_ II, 81.

[164] III, 9.

[165] L.W. „Das Pabstum mit seinen Gliedern gemalet“.

7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen.

[166] Der Gevatterbrief an Kanzler Müller lautet. „Gerne thät ich's, daß
ich m. gn. Herrn (d.i. wohl der Graf von Mansfeld) zu Gevatter bäte:
aber ich scheu des Prangens, das man mir würde zumessen, als der ich
mich mit einem München- und Nonnenkinde wollt herfürthun und große
Herren zu Gevatter bitten. Darum will ich hieneiden bleiben und bitte
Euch, sich des Kindes annehmen und geistlicher Vater mit sein, daß es
zum Christen möchte geboren werden.“ Br. III 113. T.-R. III 144. Br. III
115 f. 125. 128.

[167] III, 173. 213. 264. Kolde, An. L. 97. Natürlich säugte Katharina
ihre Kinder selber. T.-R. II, 165.

[168] III, 364. T.-R. I, 44. 199. Cord. 639.

[169] _Kawerau_, Briefw. des J. Jonas, Halle 1884, I, 116. Beste 74. Br.
III, 246. 364 f. 376. 390.

[170] III, 448. — Es war am Himmelfahrtsabend.

[171] III, 447 f. T.-R. II, 274.

[172] Mayer p. 40. Veit Dietrich 19. Juni an Käthe.

[173] T.-R. I, 205 f.

[174] Beste 77 f. Br. IV, 313. 320. 414. T.-R. I, 118. 200. IV, 131.

[175] Br. IV, 419.

[176] _Hofmann_ 156 f. Vgl. T.-R. IV, 515. 525.

[177] Br. IV, 436. Hofmann 156-88.

[178] IV, 436 f.

[179] _Mayer_ § 22. _Cord._ 1235.

[180] IV, 574. 623. V, 129. 163. VI, 153.

[181] T.-R. I, 118. 178. 181. 198 ff. 211. Br. III, 123. IV, 343.

[182] T.-R. I, 26. 213. Ratzeberger 60. Rietschel L. und sein Haus.
Halle 1888. S. 45. („Der Kleider und des Baretts springen“ — Sack- oder
Hosenlaufen und Barlauf?) Jost Br. IV, 7. Jost und Lippus; 41.

[183] T.-R. I, 13. _Matthesius_ 145a. Br. IV, 41 f. 343. V, 163.
_Ratzeberger_ 59.

[184] T.-R. I, 294. 212. 185. 178. Cord. 732. _Weißlinger_ in seiner
Schmähschrift „Friß Vogel oder stirb“ (Straßburg, 1726, S. 78) hat ein
Familienbild: D. Luther, die Frau Käth und liebe Jugendt; darauf stehen
in einer Gruppe das Ehepaar, an den Vater angeschmiegt „Hänßchen“, dann
dem Alter nach „Lisel“, als erwachsenes Mädchen (obwohl sie mit einem
halben Jahr gestorben ist.), „Lenchen, Martin, Paulus, Gretel“; in der
Thür steht ein älterer Knabe mit der Schrift. „Ich heiß Andräsel“. —
Dies Bild hat mit Weglassung von Elisabeth ein Straßburger Maler etwas
veredelt nachgebildet und diese Nachbildung ist in der „Niederlage
Christlicher Schriften“ in Straßburg als Photographie erschienen und in
G. Buchwalds D.M.L. deutsche Briefe (L. Bernh. Richter 1899)
reproduziert. — Vielleicht ist das Weißlingersche Bild unter
schmähsüchtigem Hinzuthun des „Andräsel“ einem älteren Original
nachgebildet; die Tracht der Kinder weist zum Teil auf die Wende des 16.
Jahrhunderts. Bei Luther, Käthe und Lenchen hatte der Zeichner offenbar
die bekannten Originale vor Augen.

[185] Muhme Lene. Magdalena von Bora fehlt in dem Nimbschener
Personenverzeichnis von 1525/6. Von 1520-25 fehlt ein solches. IV, 44 f.
Vgl. T.-R. I, 200.

[186] T.-R. III, 153. Br. IV, 42. 132. 343.

[187] _Lauterbach_ 2. 141 f. 164 f. Cyriak Br. III, 550. IV, 8. 15. 121.
139. VI, 123.

[188] Lies. gleichzeitig, statt „frühzeitig“. Von dem Adoptivsohn
_Andreas_ schreiben sich die katholischen Verleumdungen des Lutherschen
Ehepaares her, daß er als „Sohn“ bald nach der Hochzeit geboren sei.
(Vgl. oben S. 58). Ueber diese Verleumdung vgl. Lauterbach V und 141
Anm. desgl. _Lutherophilus_, „Das 6. Gebot und Luthers Leben.“ Halle,
1893.

Fabian hatte in der „Specke“ ein Abenteuer mit einigen Schlangen, das er
daheim natürlich gehörig übertrieben erzählte: als er dahin spazierte
und sich darin schlafen legen wollte, trat er auf ein Nest voll
Schlangen, die über einen Haufen lagen; die Tiere zischten ihm entgegen,
der junge Siegfried aber zog sein Schwert, hieb unter sie, der einen den
Kopf, der andern den Schwanz ab, bis das ganze Nest zerstört war. T.-R.
I, 233.

[189] Hans Polner Br. IV, 131. VI, 123. 151. Cord. 444 N. lies: Hans
statt Andreas Polner.

[190] V, 492. VI, 649 f. _Kolde_, Anm. Luth. 428. Ztschr. f.
Kirchengesch. 1878, S. 145. Neobulos, eigentlich Neobolos.

[191] IV, 342 f. T.-R. I, 350.

[192] III, 217 ff. VI, 683 unter „Mocha“.

[193] III, 178. V, 189.

[194] Ganerben = Gesamterben. Wie falsch diese Beschuldigung des
Stehlens war, geht daraus hervor, daß die Herzogin mittellos zu L. kam
und ihre Begleiterin ein großes Vermögen im Stich gelassen hatte. (Br.
III, 290). Katharina von Mergenthal, (IV, 469) Anna und Christina Korb
hatten nichts mitgebracht, als ihr Pelzlein und Ziechen vom Bettgewand.
(N. Archiv f. sächs. Gesch. III, S. 319).

[195] S. 104. Br. III, 219. — Die Matronen Luther, Melanchthon u.a.
pflegten in der Stadt schwangere Frauen zu besuchen und zu beraten.
_Seidemann_, Beitr. S. 496. Kollekt. unter „Bora“.

[196] _Köstlin_ II, 115. Nach _Seckendorf_ II, 122 war die Kurfürstin
drei Monate im Lutherhaus.

[197] _Kolde_, An. Luth. 378.

[198] V, 46 f.

[199] „Bildenhauer“ († 1539) T.-R. I, 206. 248. Br. V, 201. VI, 328.


8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft.

[200] _Seidemann_, Luthers Grundbesitz. Ztschr. f. histor. Th., 1860,
475-570. _Stein_, die Geschichte des Lutherhauses. Wittenberg, 1883.
Vgl. _J. v. Dorneth_. M. Luther, Berlin 1886. II, c. 12. III, c. 10. 24.

[201] Luther wußte, was ihm alles auferlegt wurde: „Luther hat einen
dicken Rücken, er wird auch diese Last tragen.“ IV, 294.

[202] _Cord._ 1057. T.-R. IV, 78. 114. Br. III, 417. C. Ref. IV, 890.
Vgl. _Hofmann_ 93. — Zu I Cor. 7. W. II, 2830.

[203] Cord. 1079.

[204] V, 228. CR. VI, 625. VII, 144.

[205] _H. Stein_, Geschichte des Lutherhauses. Wittenb. 1883.

[206] T.-R. IV, 272 (Kellereinsturz). Vieh: _Burkh._ 409. 1 Kuh war
damals wert 3 fl.; 1 großes Kalb 2 fl.; 1 Ziege mit 2 Jungen 2 fl.; 1
Schwein 1 fl.; 1 Ferkel 1/3 fl. — Hühner T.-R. II, 81. IV, 24.
Schweinehirt Johannes T.R. III, 128.

[207] Reparaturen. VI, 327. V, 424.

[208] Grundbes. 484 f. Br. VI 324-326.

[209] 1541. _Burkh._ 403 f.

[210] _Stein a.a.O._

[211] T.-R. I, 102. 123. 183. 213. IV, 291.

[212] Geräte VI, 325. Kasten V, 162. Becher IV, 342. Vermächtnis: Burkh.
362. Uhren III, 168. 449. Messer: Burkh. 270.

[213] Br. VI, 331.

[214] Urkunde: _Burkh._ 202 f.

[215] Myconii Summarium der Ref.-Gesch. Cyprian IV, 27. (2. Aufl.) W.
XI, 67. Br. V, 11. 127. 493. 668. 629. 319. 602. III, 156. Ueber das
teure Leben in Wittenberg beklagte sich auch ein Student 1532.
_Buchwald_ 103. Sonst 1 Kandel Wein 3 ₰. T.-R. I, 268.

[Illustration: Grundriß des Lutherhauses (um 1540).

(Nach H. Stein, Gesch. des Lutherhauses, Wittenberg 1883.)

  a   Kollegienstraße.
  b   Häuser darin.
  c   „Haus Bruno“.
  d   „Des Rymers Häuslein an Thor“.
  e   Eingang.
  f   Hof.
  g   früherer Kirchhof.
  h   altes Kirchlein.
  i   Ställe.
  k   Brauhaus.
  l   Brauthor.
  m   Thordurchgang (Turm?).
  n   Garten.
  o   Thür in der Mauer.
  p   „Das hindere neue Haus“.
  q   Lutherhaus (Schwarzes Kloster) 1. Stock.
  r   Haupteingang.
  s   Turm mit Wendeltreppe.
  t   Flur im 1. Stock.
  u   Vorzimmer
  v   _Wohnzimmer_.
  w   Schlafkammer.
  x   Feuerungsraum.
  y   Zimmer mit Fallthür und Treppe.
  z   _Studierstube_.
  ab  Aula.
  A   Vorlesungssaal.
  B   Stadtmauer.
  C   Stadtmauer.
  D   Wall.
  E   Nebeneingang mit Wendeltreppe.

[216] VI, 297. T.-R. I, 258. 274 f.

[217] Jonas hatte einen Weinberg, Melanchthon (wohl durch seine Frau,
eine Wittenberger Bürgermeisterstochter) verschiedene Grundstücke.

[218] _Burkh._ 319.

[219] T.-R. I, 141. 142. 146. IV, 667. C.R. XXIV, 392.

[220] Br. VI, 328. Garten: Burkh. 409. — Der Platz „Am Saumarkt“, später
„Viehmarkt“, wo der kurfürstliche Karpfenteich war, („Saumärkterin“ V,
783, „auf dem neuen Saumarkt“, _Burkh._ 356 f.) ist heute die
Lutherstraße. (Wittenberger Urbar VIa. 1625, Lagerplan.) — Richter,
Geneal. 398 ff. Beste 127. Fischteichlein T.-R. I, 179. — In der
Hausrechnung (VI, 2) 1536 ist nur vom Bildenhauerschen Garten geredet,
in dem Steuerschlag 1542 (_Burkh._ 409) vom Garten an der Zahnischen
Straße, im Teil-Receß 1553 (_Beste_ 127) vom „Baumgarten am Sewmargkt“,
der samt dem Hopfengarten an der Specke für 500 fl. angeschlagen wird —
also scheint er an Gelände oder Gebäude (durch den Krieg?) verloren zu
haben. Oder sollte der Garten an der „Zahnischen Straße“ = am Saumarkt
sein? Nach weiteren Erhebungen ist wahrscheinlich, daß die Zahnische
Straße den Anfang der heutigen Dr. Friedrichstraße bildete. Dann wäre
thatsächlich der Saumarkt da, wo die Zahnische Straße und die Faule Bach
sich schneiden.

Die Lage wäre so.

[Illustration: a-b Zahnische Straße. c-d Faule Bach. e-f Rische Bach.]

Der Bildenhauersche Garten (für 900 fl.) lag nach dem Steueranschlag
nicht „unter dem Rat“ wie der an der Zahnischen Straße. (_Burkh._ 409)

[221] Br. IV, 575. VI, 328 f. Wolfs Vogelherd: 154 f. V 787. Vgl.
_Burkh._ 409.

[222] _Burkh._ 403. _Hofmann_ 98. — Der „Lutherbrunnen“ gehörte der
Stadt.

[223] Br. VI, 547. Grundbes. 520. Pfähle Br. V, 637. Hauspostille 1.
September 1532. Rebenstock II, 124b. Stehlen: Grundbes. 530.

[224] Bienenstock. _Rebenst._ II, 109. Fische T.-R. II, 80.

[225] a. 1542 schätzt L. Braunen Haus auf 420 fl. IV, 575. Grundbesitz
502. Br. VI, 328: Die 250 fl. scheinen übrigens eine Abschlagszahlung
gewesen zu sein, denn das Haus kam höher zu stehen. Der Kaufbrief (v.
1541) bei _Richter_ Geneal. Luth. lautet: Bruno Brauer Pfarrer zu Dobin
verkauft erblich eine Bude im Elsterviertel zwischen D. Luthers
Behausung und Bruno Brauer an Luther und seine Erben mit allen
Gerechtigkeiten und mit Gehöft und Raum von der vordern Säule bis auf
die erste Ecke des Brunnens und von der hintern Ecke des Brunnens bis
auf die alte Badestube, zusamt derselben Badestube für 430 fl. zu 20
Groschen jeden.

[226] „Mein lieber Herr“ ist = mein Gemahl.

[227] Burkh. 319. Nach dem Bericht von Kanzler Brück an den Kurfürsten
vom 13. März 1546 hat Frau Käthe dennoch „die Böse (das ist doch wohl
das Gut Boos) zur Miet und um einen liederlichen Zins etliche Jahr her
inne gehabt“. _Förstemann_, D.M.L. Testamente. Nordhausen 1846, S. 31.

[228] S.o.S. 3. T.-R. II, 233. Br. V, 358. 298. 318. 431. 434. 753. VI,
304. _Burkh._ 357.

[229] V, 312 f. 358. 495. 605. 609. 323. Ueber Käthes Walten in Zulsdorf
vgl. _Anton_ 193 ff.

[230] VI, 318. V, 313. 427. 448 f. 482. 507. 528. _Burkhardt_, Th. Stud.
und Krit. 1896, S. 161. Der Scheunenbau spielt zwei Jahre lang. C.-R.
VII, 125.

[231] Zulsdorf wird in 21 Briefen und T.-R. II, 233 erwähnt. (S. Br. VI,
705). V, 300. 318. 323. 394. 400. Den Mainzer Erzbischof und den Herzog
Heinrich von Braunschweig nennt Lauterbach in dieser Zeit „die wahren
Türken“. V, 401.

[232] V, 299. 659. VI, 304. — An der Decke war einer der bekannten
Tintenflecke und am Balken ein Spruch, angeblich von Luthers (?) Hand.
„Willt du Trost haben, so gehe nach Droßdorf“ (1/4 Stunde davon
gelegen). Daß das Gütlein nicht ganz ohne Schmuck war, zeigen die noch
vorhandenen Reliefbilder von Luther und Käthe, zwei Medaillons, das eine
in Stein, das andre in Gips; beide, besonders das letztere, kraß
realistisch; sie sind später auf das Hofgut Kieritzsch und dann in die
dortige Kirche gekommen. Eine Nachbildung des Reliefbildes von Katharina
ist in der Leipziger Illustr. Zeitung vom 2. Febr. 1899. Vgl. oben S.
263.

[233] L.W. II, 279. T.-R. IV, 59. L.W. XXI, 169*. Br. IV, 643. T.-R.
III, 128. IV, 62.

[234] _Cord._ 1471. 1597. 589. _Schlaginhaufen_ 419. T.-R. IV, 199.

[235] T.-R. IV, 306 (Cord. 980). L. führte diese Bezeichnung Käthes als
„Morgenstern“ als Beispiel für die zahlreichen „Metaphern“ oder
„verblümte Wort“ der deutschen Sprache an, neben Redensarten wie „groß
Geschrei — wenig Wolle“; „er hängt den Mantel nach dem Winde“. —
Bekanntlich hat _Engelhard_ diese Methapher im gehässigen Sinn als
Lucifer Wittenbergensis zum Titel seiner Schmähschrift gemacht: „Lucifer
Wittenbergensis oder der Morgenstern von Wittenb., d.i. Vollständiger
Lebenslauff C. von Bore, des vermerkten Ehe-Weibs D.M. Lutheri, in
welchem alle ihre Scheintugenden, erdichtete Großthaten, falsche
Erscheinungen weitläuffig erzehlet werden v. R.D. Euseb. Engelhard.“
Landsperg 1747. — Käthes Krankheiten: Cord. 965. T.-R. IV, 24. II, 230.
233. III, 37. 122. 131. IV, 259. Br. IV, 530. V, 271.

[236] VI, 547. 332.

[237] _Lauterb._ 111. T.-R. IV, 593. Rietschl 43 f. L.W. XXI, 163*.


9. „Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“

[238] Br. VI, 151. V, 403. IV, 342. Widerruf vom Fegefeuer. Cord. 105 f.
Br. IV, 575.

[239] L. Grundbes. 518. (_Burkhardt_) Stud. und Krit. 1896, S. 158 ff.
1894 S. 769. _Burkh._ 432. _Kolde_, An. L. 396. 409.

[240] VI, 325 f. II, 524, 618.

[241] Diener III, 342. 449. VI, 324 f. _Kolde_, An. L. 195. _Seidemann_,
Grundbes. 484 f.

[242] Br. III, 104. T.-R. III, 308. Br. III, 496.

[243] III, 495.

[244] V, 189.

[245] _Ratzeberger_ 59 f.

[246] IV. 342.

[247] _Mathes._ 144b. 377. Vgl. Kolde, An. Luth. 254. Hoffmann 99 f.

[248] _Lauterbach_ S. 5.

[249] VI, 328 ff.

[250] Eine Schneiderrechnung: „1 Rock, Hosen und Wams Doktori Martino zu
machen bei Schneider Cunz Krug 18 Gr.“

[251] Würze und Zucker durfte allein der Apotheker (Lukas Kranach)
verkaufen. — 1 Loth Seide kostete 1 Gr. 6 ₰; 5 Ellen Barchent 21 Gr. 8
₰. — „10 Ellen schwarz puritanisch Tuch vor 3 Schock 20 Gr. hat der Rat
(1524) D.M.L. zum Rock geschenkt und Hier. Krapp (Melanchthons Schwager
war ein Gewandschneider) bezahlt.“ _Schild_, Denkw. Wittenb. S. 27.

[252] Die Paten waren in Wittenberg sehr zahlreich, wie man schon bei
Luthers Kindern sieht. Am 20. Jan. 1536 wurden neun Kinder auf einmal
getauft; da war natürlich auch D. Martinus, ferner D. Pommer, M. Philipp
und viele andere treffliche ehrsame Leute Gevattern. T.-R. IV, 146.
Luther stand zahllose Male zu Gevatter. Er hatte es so oft versprochen,
daß er einmal gar nicht mehr wußte, wem, und es seinem Famulus auftrug,
es auszukundschaften. IV, 559. (Das erinnert an den vergebenen Traum
Nebukadnezars, Daniel 2). Hochzeiten V, 570.

[253] Br. IV. 342. _Mathes._ 144b: In der Teuerung zur Pestzeit borgte
L. beim Schösser etliche Scheffel Frucht und „wagte sie an die armen
Leute“. T.-R. II, 212. Bezeichnend ist ein Zettel des Doktors (an den
Stadtrat?) vom März 1539: „Lieben Herrn! Es muß dieser arme Gesell auch
Hungers wegen davon. Nu hat er keine Zehrung wie die andern und muß fern
reisen; weil er aber ein fromm gelehrt Mann ist, so muß man ihm helfen.
So wisset Ihr, daß meines Gebens ohn das viel und täglich ist, daß ich's
nicht kann alles erschwingen. Bitt derhalben, wollet ihm 30 Gr. geben;
wo nicht so viel da ist, so gebet 20, so will ich 10 geben; wo nicht, so
gebet die Hälfte. 15, so will ich die andere Hälfte geben. Gott wird's
wohl wiedergeben. Martinus Luther.“ VI, 226.

[254] III, 157. V, 570.

[255] _Cord._ 1601.

[256] VI, 329.

[257] _Cordatus_ Nr. 1057 hat nur 50 fl. Im Jahre 1537 aber bei der
zahlreichen Familie und den vielen Kostgängern kann das lange nicht
gereicht haben, wenn er auch nur die Barauslagen rechnet. Sonst wäre ja
auch die Haushaltung nicht „wunderlich“. — VI, 331.

[258] _Fürstemann_, Denkmale D.M.L. errichtet. Nordh. 1846. S. 27.

[259] III, 111. 115.

[260] Potentem et avarum. Strobel, Beitr. II, 481. C.R. V, 314. „Die
_richtige_ Bezahlung“. _Förstemann_, Luthers Testamente. Nordhausen
1846, S. 3.

[261] T.-R. IV, 62.

[262] VI, 329.

[263] IV, 342.

[264] An Link: III, 10. 104 an Rühel. „L. Hr. Dr. und Schwager! Das ihr
meine Käthe hie zu W. geben habt, bin ich lang hernach inne worden;
meinte nicht anders, Ihr hättet's hinweg, wie ich bat.“ — Käse: IV, 556
und 599 u.a. Kolde, Ann. L. 423. Kolde, M. Luther II, 519.

[265] Br. V, 605. S.o.S. 155 ff.

[266] _Cord._ 662.

[267] III, 157. V, 424. VI, 326.

[268] T.-R. I, 274. Br. III, 495.

[269] T.-R. IV, 130.

[270] Uebrigens war Käthe im Grundsatz mit Luther einigermaßen
einverstanden, vgl. den Brief an Löser S. 83.

[271] T.-R. IV, 70 f. Spr. Sal. 31, 10-31.


10. Häusliche Leiden und Freuden.

[272] Das Folg. in D.T. Pommerani und I. Jonä Historie von L. geistl.
und leibl. Anfechtungen. a. 1527. L.W. XXI, 158* ff. Br. III, 187-190.

[273] Br. III, 191. 205. Vgl. 200. 213. 170. — Ueber die Fortschritte
der Pest. Vgl. auch G. _Buchwald_, zur Wittenb. Stadt- und
Universitätsgeschichte, L. 1893, S. 3-17. — Mocha(u): VI, 683.

[274] _Buchwald_ S. 7. Auf dem Pestkirchhof wurden die Kleider der
Pestkranken verbrannt; daher wohl verbrannte dort Luther auch die
Bannbulle.

[275] Br. III, 217 f. 221. _Buchwald_ 9. 12. 15. Br. III, 188. 193 ff.
212. 215. 217-19. 221. Teuerung. _Vogt_, Bugenhagens Briefw. Stettin
1888. S. 106.

[276] III, 218. 221. 225. 240. 241. 243. 247. 253.

[277] III, 222. 246. 248 f.

[278] III, 314. 364 f. 376. 390. VI, 96.

[279] III, 390. 404. 423.

[280] III, 432. 469.

[281] III, 512.

[282] IV, 1 f. 34. 132. 179. V, 186 — „Gruboc“ umgekehrt von Coburg.

[283] Luth. Ztsch. 1880, 50. C.-R. II, 40 f. Br. IV, 115. 132. 2. 10.
12. 32. V, 186.

[284] IV, 132. 10. 19. 32. 43. 120. T.-R. IV, 244. „Oertlein“ 270.

[285] IV, 121. 51. 10 174.

[286] _F. Eysenhardt_ und _A. v. Dommer_. Mitteil. a.d. Stadtbibl. zu
Hamburg II, 1885, S. 96. — H ... „Hürlein“. Es ist bekannt, daß für
Kinder als Kosenamen oft die häßlichen Wörter gewählt werden z.B. „Du
Spitzbub. Du Schelm!“ So hörte ich einmal eine alte Kindsmagd im
Ueberschwang ihrer Gefühle sagen. „Du liebes Schindluderle“. — Luther
gebrauchte also, wie sonstige Gelehrte, zum _Lesen_ schon früh (1525)
eine Brille. II,624. — Ueber den Goldschmied Christian Döring s. Br. VI,
657.

[287] IV, 7.

[288] IV. 39. 41. 7. 9. 16-18 (vgl. III, 219).

[289] IV, 4. 7 f. 13 f. 51 f. 41 f. 39.

[290] IV, 131 ff.

[291] Die Briefe waren lateinisch.

[292] Exemplar = Manuskript.

[293] VI, 121 f.

[294] Br. IV, 230. 322.

[295] Großeltern. T.-R. I, 201. Brief an den kranken Vater III 550 f.,
an die Mutter IV, 256 ff.

[296] Martin IV, 313. 320. 414. T.-R. 201. Paul IV, 411. 431. 436.
Margarethe IV, 574, vgl. 555. Hans immatrikuliert, _Lauterbach_ 141.

[297] _Kolde_, An L. 184. Br. VI, 144.

[298] Burkh., St. und Krit., a.a.O., 158.

[299] IV, 553.

[300] _Köstlin_ IV, 380 f.

[301] IV, 362. V, 560. 643. 703 f., vgl. 524: „Euer Sohn hat jetzt die
Masern gehabt; haben sein mit Fleiß gewartet nach Dr. Augustin (Schurf)
Rat; ist nun wieder gesund.“

[302] IV, 342. T.-R. IV, 93, lies: Rischmann.

[303] Wenigstens wird Jakobs von Seidewitz sel. Sohn, Kammerjunker
Martin von Seidewitz erwähnt. Ztschr. f. hist. Theol., 1860, S. 570.

[304] V, 106. 201. 411. 516. Ztschr. f. hist. Th., 1860, 565-69.

[305] T.-R. IV, 451 f. 244.

[306] T.-R. I. 201 f. 204. 205.

[307] V, 46 f. 492 f. Daß Luther seinen Sohn Hans schon (1533) im 7.
Jahr ein lateinisches Urteil über Erasmus und im 11. Jahr (1537) einen
lateinischen Brief schreibt (Br. IV, 497, V, 46), ist nicht zu
verwundern; schrieb doch der 11jährige Herzog Wilhelm von Sachsen an
Hans Luther auch eine, wohl mit Hilfe seines Lehrers, verfaßte
lateinische Epistel 1541, _Mayer_ § 17. (D. D. _Richter_, Geneal.
Luther. 379).

[308] _Lauterbach_ 141. Martin. T.-R. I, 205. _Köstlin_ II, 491.
Florian, Ztschr. f. K.-Gesch. II, 145 f.: L. diktiert dem Buben zum
Willkomm drei Tage hintereinander je des Tages einen guten fetten
Schilling. — Zeile 10 lies: Florian (st. Fabian).

[309] T.-R. I, 202.

[310] T.-R. IV, 76. 64.

[311] T.-R. IV, 129. _Matthes._ 145.

[312] Muhme Lehnes Tod. T.-R. III, 153. — Rosine, Br. V, 625. 396. 506.
753.

[313] V, 101.

11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.

[314] T.-R. IV, 41. 84. 104. Br. V, 186 f. 198. II, 317.

[315] T.-R. IV, 53, 75. 51.

[316] VI, 189 f. 196. T.-R. III, 147. IV, 54-56.

[317] Br. VI, 217.

[318] T.-R. IV, 58. I, 184. — Wein und Brot. T.R. I. 106. Wenn Luther
das Tanzen empfiehlt, so vgl. [445].

[319] T.-R. IV, 59.

[320] IV, 610 f. 618. 625. 627. _Burkh._ 237 f.

[321] V, 49 ff. 57 f. („hessische Betten“). _Ratzeberger_ 105 f. (nasse
Bettücher), _Seckendorf_ III, § 60. _Burkh._ 276.

[322] Mist: In Schmalkalden gab man Luther ein Getränk? von Pferdemist
und Knoblauch ein. Man hielt viel auf solche Mistkuren: T.-R. I 120:
„Pferdemist dienet für Pleurosie“.

[323] V, 59 f.

[324] V, 59. 270. 58.

[325] Muhme Lene † T.-R. III, 153.

[326] IV, 524. V, 188. _Burkh._ 259. _Schmidt_, Ztschr. f. Gesch. II,
256. VI, 187 f.

[327] VI, 188.

[328] V, 579. 259 f. VI, 291. _Seckendorf_ III, 182. V, 127.

[329] VI, 444 ff. schrofa (d.i. scropha) ista Boemica „jene böhmische
Sau“, _Burkh._ 285 f. 289-95.

[330] Burkh. 365. 467.

[331] T.-R. I, 225. II, 212.

[332] T.-R. II, 441 f. IV, 257. Br. V, 218 f. 225. Auch Dr. Sebald und
seine Frau hatte er besucht, angegriffen und betastet. Und da er ihre
Kinder ins Haus genommen, gaben ihm etliche einen Stich, als wollte er
Gott versuchen, T.-R. IV, 251.

[333] Jonas' Briefw. I, 381 f. Diese Krankheit muß es gewesen sein, von
der Luther T.-R. IV, 259 redet. Als nämlich von den Schrecken des Todes
die Rede war, sagte er. „Da fraget meine Käthe drum, ob sie des etwas
gefühlet hat, denn sie war recht gestorben.“ Sie aber antwortete. „Herr
Doktor, ich habe gar nichts gefühlet.“

[334] V, 269-271. 273. 277. 218. _Ratzeberger_, 104. T.-R. II, 230. 233.

[335] Jonas' Briefw. I, 383.

[336] V, 300.

[337] _Burkh._ 356 ff.

[338] Sprichwörtlich, vgl. S. 131. Seltsamerweise kehrt die alte
Schreibart des Namens wieder, vielleicht bei einem Abschreiber, obwohl
man auch damals wußte, daß L. seinen Namen von Lothar („vom Kaiser
Luther“) habe, wie der Stadtpfarrer M. Cölius zu Eisleben in seiner
Leichenrede erklärt. _Förstemann_, Denkm., Nordh. 1846, S. 55.

[339] _Burkh._ 131, I. VI, 269 f.

[340] V, 298.

[341] V, 299 f.

[342] V, 107. 201. 411. 516. _Faber_, Briefw. 14. _Burkh._ 401. 423.

[343] V, 306.

[344] V, 336. 346. 348-52.

[345] V, 416, 431. VI, 297.

[346] V, 744. 763.

[347] Vgl. S. 196. Cyriak: andere nehmen seinen Bruder Fabian als den
heimlich Verlobten an; er war gleichzeitig mit seinem Bruder Andreas und
seinem Vetter Hans Luther an Trinitatis 1533 immatrikuliert — also
jünger wie Cyriak, welcher schon 1529 Student war. Daher wird auf diesen
die Verlobung eher passen. — T.-R. IV, 96. 84 ff. 491 ff. 500 ff. Beier:
Br. V, 619. 676. Burkh. 453 f. C.R. V, 313, 286 ff. Mel. d. J.
Verlöbnis. Kreuzigers Klagebrief über die Wittenb. Händel. Br. V, 620:
L. hat Melanchthon übermocht, daß er seinem Sohn nicht nachgebe. 616:
Phil. und sein Weib vergehen fast an ihrem Sohn.

[348] V, 497. — Das folgende steht in T.-R. 258-265.

[349] Die folgenden Verse, in deutscher Uebersetzung, lauten:

  „Die ich in Sünden war geborn
  Hätt ewig müssen sein verlorn,
  Aber ich leb nun und hab's gut,
  Herr Christe erlöst mit deinen Blut.“

Sie sind vielleicht vom Berichterstatter. _Mayer_ § 20. — _M. Richter_,
Geneal. Luther. 352.

[350] V, 502 f. 506.

[351] V, 520.

[352] V, 519.


12. Tischgenossen und Tischreden.

Vgl. _Anton_, Zeitverk. 145 ff.

[353] IV, 629.

[354] _Schadow_, Wittberg Denkw. 60 f. Br. III, 14. V, 11. 15. 19.
Verlöbnis 196.

[355] IV, 476. 629. C.R. XXIV, 397. Burkh. 237 f. Br. IV, 641. 414.

[356] III, 217. VI, 286. _Lauterb._ 158. V, 767. _Kolde_ 377.

[357] _Burkh._ 238. Br. IV, 413. 629. T.-R. I, 179. V, 767.

[358] V, 619. 624 f. 630.

[359] Besuch von Mansfeld, z.B. 30. November 1538, T.-R. III, 358. —
Capito V, 70.

[360] _Burkhardt_, Th. St. u. Krit. 1896, S. 192. 161.

[361] Cordatus, S. 13. 20. 22. T.-R. I, 414.

[362] II, 153. 46. 677. III, 9. 31. 59. 130. 149 f. 210. 394. 401 f.
476. IV, 272. 370. 388 f. T.-R. IV, 297. _Burkh._ 216 ff. _Kolde_, An.
Luth. 197.

[363] Lauterb. IX.

[364] T.-R. IV, 667. _Seidemann_, M.A. Lauterbachs Tagebuch, Dresden
1872, V-VII, _Waltz_, Ztschr. f. K.-Gesch. 1878, S. 629 f., vgl. Beitr.
zur Sächs. K.-G., 1893, S. 74 ff. 79.

[365] _M. Preger_, Tischreden L.s nach den Aufz. von Schlaginhaufen, L.
1888, S. VI-X. T.-R. III, 118 f.

[366] _H. Nobbe_. Dr. H. Weller, Ztschr. f. hist. Th. 1870, S. 153 ff.
Br. IV, 38 f. 131. 477. 586. Beide Weller des jungen Musikus Joh. Jöppel
gute Freunde! 535. Ruf nach Dresden 161. Schwermut 556 f. Cord. 601, 6.
783. Br. V, 11. T.-R. 538. Cord. 1774: „Lieber Weller, lügt Euch nicht
zu Tode; Ihr könnt noch wohl ein Jurist werden.“

[367] T.-R. II, 46. Mayer, p. 56 f.

[368] T.-R. II, 210. L.-W. XXI. 186* ff.

[369] T.-R. I, 57 f.

[370] _Hirsch_ und _Würfel_, Lebensbeschr. aller Hh. Geistlichen in
Nürnberg. Nürnb., 1756. III, 4-6. — Br. IV, 363. 192. 199. Krause Sinne:
T.-R. III, 184. Cord. 920. _Hausrath_ 278. Vgl. oben S. 121.

[371] Briefe aus Wittenberg an H. Baumgarten. Ztschr. f. hist. Th.,
1874, S. 546 f. — Br. IV, 665. V, 564.

[372] C. Ref. V, 314^4. S.o.S. 963. Stud. und Krit. 1887, S. 354.
_Köstlin_ II, 496. — Die Klagen Besolds über Frau Käthe werfen nicht
gerade ein schlechtes Licht auf ihren Charakter. Ihre „Habsucht“ belegt
er damit, daß sie „alles zu Rate gehalten und bei den Tischgenossen auf
richtige Bezahlung gedrungen“; ihre „Herrsucht“ damit, daß sie
„diejenigen Theologos nicht leiden können, welche Weiber von schlechten
Stande geheiratet.“ Beides ist nur ein Beweis für ihre gesunde
praktische Lebensansicht.

[373] Lemnius: „ein Poetaster und Leuteschänder“ Matthes. 126. Br. V,
105. 381 f. 385-7. — T.-R. II, 223. III, 317. IV, 95. 259. 705. M.
Holstein, „der neue Jurist“: T.-R. III, 317. — Th. St. und Krit. 1887,
S. 354. Ztschr. f. hist. Th. 1874, S. 570 ff.

[374] Br. VI, 234. 270. V, 29. T.-R. III, 293. 381. IV, 285. — Vgl. o.S.
131.

[375] Matthes. 68. T.-R. IV, 444.

[376] T.-R. IV, p. XX, s.u. 204. 206. 229. 236.

[377] T.-R. IV, p. XVIIIf. Br. VI, 328. Matthes. 131. Nach M.D.
_Richter_, Geneal. Luth. 369, war auch der Jurist Joh. Schneidewin 10
Jahre Käthes Haus- und Tischgenosse und wurde nachher Zeuge für
Margarete L. beim Teilreceß 1554.

[378] Matth. 68. 209a. 211.

[379] IV, 667 f.

[380] V, 115. IV, 435 f.

[381] V, 402.

[382] C.-R. V, 314^4.

[383] IV, 524. S.o.S. 116.

[384] L.-W. XXI* 166. 165.

[385] _Matthes._ 141. 143. 209.

[386] _Waltz_, Ztschr. f. K.-Geschichte, 1878. S. 629. _Hausrath_ 266
bis 273.

[387] Cord. 133. _Matthes._ 151.

[388] _Matthes._ 133. 211.

[389] T.-R. II, 247.

[390] _Cord._ 731. _Lauterb._ 5. 38.

[391] T.-R. IV, 131 f. Vgl. _Schlaginhaufen_ Nr. 147. „Luther: Der Satan
hat Gottes Sohn erwürget. Respondit uxor D.: Ei mein lieber Herr Doktor
von Credo.“

[392] T.-R. III, 90 f.

[393] T.-R. IV, 134.

[394] Cord. 1205. Der große Zwischensatz sieht allerdings aus, wie eine
Einwendung Luthers; aber der Berichterstatter, der doch sonst Katharina
nicht sonderlich wohl will, schreibt die _ganze_ Rede ihr zu.

[395] Cord. 120.

[396] Cord. 110 f.

[397] _Lauterb._ 156. — Der gelehrte „Engeleser“ war wohl „der schwarze
Engeleser“ Dr. Antonius Robert Barns (Barnes) S. 144.

[398] T.-R. IV, 78. 121 f. Vgl. o.S. 55. 73. Schlaginhaufen Nr. 187. Als
die Rede auf den Türken kam, sagte die Doktorin: „Ei behüt uns Gott vor
dem Türken!“ Der Doktor: „Ei, er muß einmal den Pelz laufen.“ 216: Die
Doktorin stach was in die Seite; da schreit sie laut auf: „Ave Maria!“
Sagt der Doktor. „Warum hast Du nicht billig am Ende den angerufen, der
am Anfang? Wäre nicht Jesus Christus auch ein tröstlich Anrufen?“ 228:
Der Doktor neckte einmal seine Frau, es werde noch dahin kommen, daß
ein Mann mehr als ein Weib nehme. Da sagte die Doktorin: „Das glaub der
Teufel!“ Und als Luther auf Gründe der Natur wies, da berief sich Käthe
auf Paulus; als aber der Doktor auch dies widerlegte, sagte sie: „Bevor
ich das zugäbe, würde ich lieber wieder ins Kloster gehen und Euch und
alle Kinder verlassen.“

[399] Br. III, 35.


13. Hausfreunde

Vgl. _Anton_ D.M.L. Zeitverkürzungen. L. 1804, S. 94 ff.

[400] V, 668. Vgl. Matthesius zu 1529: Luthers „Discipel“ fangen an zu
lesen.

[401] Br. IV, 503. 565. 636. _Burkh._ 319. _Kolde_, An. L. 82.
_Buchwald_ 48. 52. Br. II, 677. III, 150 u.a. IV, 344. VI, 138. 411.
„Kütten-Latwerg“ d.i. Quitten-Latwerge.

[402] IV, 500. V, 434. 503. III, 77.

[403] Fr. S. Keil, Dr. M.L. Merkw. Lebensumst., S. 699. Ztschr. f. hist.
Th., 1874, S. 551. —

[404] III, 35. 128. IV,36. V, 96. 426. VI, 450. T.-R. III.

[405] _Kawerau_, Ztschr. f. K.-Gesch., IV, 301. T.-R. III, 375.

[406] „Grickel und Jäckel“. T.-R. III, 358-82. — _Anton_, L.s
Zeitverkürzungen 145. Vgl. das Katechismusglas T.-R. II, 174. Köstlin
II, 465. 469. — Das überlaute Schreien Agrikolas charakterisiert
Creuziger in einem Brief an Veit Dietrich: er lehre in der Schule nach
Gewohnheit grandibus buccis (mit vollen Backen).

[407] III, 253 u.a. V, 162 f. 450. 703. T.-R. I, 272. 328.

[408] III, 226.

[409] III, 199 f. 389 f.

[410] T.-R. III, 358. 370. 376. Br. IV, 161. S.o.S. 53. S. 77. — L.
kommt zur Taufe nach Torgau. _Lingke_, L. Reisegesch. 159.

[411] III, 523. IV, 556. V, 67. 74. 326.

[412] _Kolde_, An. L. 234. 241. 239. 307. Br. V, 70.

[413] III, 17. IV, 198.

[414] IV, 176. VI, 129. 367. V, 402. C.-R. V, 214^4. _Seidemann_,
Ztschr. f. hist. Th., 1874. S. 555 ff.

[415] V, 672. Th. Studien und Krit., 1887. S. 353 ff. Oeffentliche
Gebete in W. für B. — Reden und Jammern bei Tisch. Vgl. Melanchthon an
B. am 25. März 1546: (C.-R. VI, 93): „Von Dir hat Luther immer mit Liebe
und Verehrung gesprochen.“ Ueber die Gefangenschaft Baumgartens vom 31.
Mai 1544 bis anfangs August 1545. _S. Seidemann_, Kollektaneen. Anz. f.
d. K. der d. Vorzeit. R.F. 1854. 1855.

[416] Vgl. oben S. 1. 4. 5. Br. IV. 665. V, 564.

[417] IV, 556. 607 f. 247. VI, 736. IV, 611. 596.

[418] „Feldglocken“ = Galgen, also Galgenschwengel.

[419] IV, 586.

[420] V, 11. 15. 19. 22. 274.

[421] T.-R. I, 414. III, 96. 115.

[422] III, 219. IV, 31. 499.

[423] III, 447. 492. IV, 183. 215. III, 434.

[424] IV, 261. 312. 317. 490. III, 490. IV. 343.

[425] IV, 414, 476. V, 22. 139. Vgl. _Kolde_, An. Luth. 332 — T.-R. IV,
256 f.

[426]. IV, 494. VI, 266. V, 57. Matthes. 319

[427] V, 38. 271. 285. 401 u.f.f. Vgl. Br. VI, 533-35. 674. IV, 583 f.
T.-R. IV, 47.

[428] Tischgespräch: II, 265. Besorgungen: Br. V, 228. 493. 668. 602.
628. 637.

[429] III, 53. 119. 154. 254. 372. V, 330. 148.

[430] V, 59. S.o.S. 126.

[431] V, 312 f. VI, 318. V, 507. 605. 609. 627.

[432] Ztschr. f. K.-G., 1878, S. 304.

[433] _Anton_, L. Zeitverf. S. 116 f.

[434] _F.W. Löhe_, Ztschr. f. hist. Th. 1840, S. 175-247. _Piper_,
Zeugen der Wahrheit L. 1874, Bd. IV, S. 375-82. Elisa, Br. IV, 654.
Testament, Br. V, 425. T.-R. II, 397. Kreuziger war der Protokollführer
der Evangelischen und Nachschreiber von Luthers Predigten. Myconii
Historia Reform. 1517-42 v. E.S. Cyprian, L. 1718. S. 47.

[435] Aufträge IV, 10, Meßgeschenk 422. Frau Elis. Kreuziger: Ztschr. f.
hist. Th., 1874, S. 554. _Lauterb._ 183.

[436] IV, 684. V, 11. IV, 414.

[437] _Piper_, Bd. IV, 356-368.

[438] III, 230. 111. 219.

[439] IV, 375. III, 304. 245. 252 f. 264. 281. V, 299. u.s.w.

[440] III, 512. IV, 131.

[441] III, 244. 253. 314.

[442] III, 314. 375. _Zitzlaff_, Bugenhagen, Wittenb. 1885, S. 106.
„Pomerisches Rom“, Br. V, 48. Mit „Oel“ = Bier; vgl. das englische ale.

[443] _Piper_ IV, 368-75. — VI, 304. Jonas' Briefwechsel I, 115. 153.
160. 174. II, 77.

[444] Br. IV, 10. 16 f. 18 f. V, 414. 557. 109. 114. 201.

[445] _Buchwald_ 62. V, 7. VI. 303.

[446] V, 519. IV, 9.

[447] IV, 629 f. V, 3 f. 100. 394 f. 470.

[448] Briefw. I, 380-3. (_Kolde_, An. L. 134, Br. IV, 629). ἡ γυνή vgl.
Offenb. Joh. 12, 1.

[449] Jonas in Halle, V, 346. Neckerei 396. Seine Frau [Symbol:
gestorben] 519.

[450] Ueber Luthers Verhältnis zu Melanchthon vgl. _Anton_ 31-33. V,
336. 171. 344. 270.

[451] Zur Charakteristik von Frau Melanchthon, C.R. III. 390. 396. 398.
Kolde, M.L. II, 463. 471. 603. Kleiderordnung, Schadow, Wittenb. Denkw.,
S. 60 f.

[452] C.R. III, 398. T.-R. III, 390. Vgl. Köstlin II, 462.

[453] Kolde, An. L., 311. 318. Br. V, 105. T.-R III, 275 ff.

[454] VI, 199. T.-R. III, 275 ff. IV, 126, vgl. Matthes. 126. Kolde, 321
f. 326 f. Hofmann 193.

[455] C.R. V, 641. 123 f. IV, 143. 154. 169. 303. V, 113. VI, 20 f.

[456] V, 273. 277. Fröhlich sein: 294. 323. C.R. VI. 53 f.

[457] C.-R. V, 410. — Käthe oder Melanchthon meint dabei wohl den
„Schwaben“ Simon Lemnius und den Sachsen (Joh. Sachse aus) Holstein
(s.o.S. 146). Sie stellte übrigens dem Melanchthon dies nicht als _ihre_
Meinung, sondern als Klage des Holstein dar.

[458] C.-R., V, 410.

[459] Die beiden Kanzler sind Brück und Beier.

[460] _Zitzlaff_, Bugenhagen S. 107.

[461] _Kreußler_, Denkmäler der Reformation L. 1817. S. 29. Abneigung
gegen Theologen-Weiber aus niederem Stande. Br. VI, 419. C.-R. V, 314^4.
S.o.S. 146^1. _Seidem._, Beitr. z. Ref.-Gesch. 496. Auch mit dem alten
Bildenhauer verkehrte L. viel. Vgl. T.-R. I, 24 ff. — Die
Krankenpflegerinnen des Mittelalters waren die „Beguinen oder
Seelweiber“, _Matthes._ 159b.

[462] T.-R. III, 127. II, 210.


14. Käthe und Luther.

Vgl. _Anton_ 117 ff.

[463] T.-R. IV, 124. 38. (77).

[464] _Küchenmeister_: L. Krankheitsgeschichte. S. 54.

[465] T.-R. IV, 53. Br. VI, 332.

[466] _Lauterbach_ 2. _Küchenmeister_ 111.

[467] _Lauterbach_ 2. _Küchenmeister_ 111. Br. V, 51.

[468] Br. 330. T.-R. I, 134. 212. 213. IV, 129.

[469] Käse V, 319. Bier von Jonas V, 100. Königin der Biere V, 470.
Sehnsucht vom Hof nach Haus: IV, 553. Hofbrot V, 51.

[470] T.-R. IV, 69: „Wenn ich bei mir selbs (daheim?) bin, dank ich
unserm Herrgott für das Erkenntnis der Ehe“ T.-R. IV, 59. S.o.S. 123, 2.

[471] _Melanchthon_, Vita Lutheri p. 8. _Mayer_ §27. _Hofmann_ 148. Das
Katechismusglas, T.-R. II, 144. III, 170.

[472] T.-R. IV, 300 f. Vgl. I, 103. Br. VI, 330.

[473] S.o.S. 71. 104 f. 126-128.

[474] Dr. Fr. _Küchenmeister_, L.s Krankengeschichte. L. 1881.

[475] II, 616. III, 254. V. 330. VI, 115. 130. 144.

[476] T.-R. I, 208. _Walch_ XXI, 275*. _Küchenmeister_ 52 f.

[477] Die Antrittsrede (_Hofmann_ 110) ist übrigens nach damaliger Sitte
von Melanchthon verfaßt. — Zum folg. vgl. S. 124.

[478] T.-R. IV, 271. — _Ratzeberger_ S. 61 f.

[479] Br. III, 219. 244.

[480] T.-R. II, 210. III, 51.

[481] _Kolde_, An. Luth. 234.

[482] _Mayer_ §27. Keil II, 199. T.-R. I, 212. 210.

[483] _Anton_, L. Zeitverk. S. 117 ff.

[484] V, 163. IV, 599.

[485] Diese Anekdote, welche u.a. Albert _Richter_, Deutsche Frauen, L.,
Brandstätter 1896, S. 162 erzählt, habe ich aus den Quellen nicht
belegen können.

[486] T.-R. III, 131. Br. IV, 123. Vgl. T.-R. II, 215. Da sagt L. von
seinen cholerischen Temperament: „Ich habe kein besser Werk denn Zorn
und Eifer; denn wenn ich wohl dichten, schreiben, beten und predigen
will, so muß ich zornig sein: da erfrischt sich mein Geblüte, mein
Verstand wird geschärft und alle unlustigen Gedanken und Anfechtungen
weichen.“

[487] _Strobel_, Beitr. II, 481 (C.-R. V, 314). (14. Febr. 1544). Scis
illum habere ad multa quae cum inflammant facem domesticam. Als 1533 der
Stadtschreiber _Roth_ von Zwickau mit seiner Frau und den dortigen
Geistlichen in Hader lebte und infolgedessen auch Luther gegen ihn
aufgebracht war, berichtete ein Student, Peter von Neumark, an Roth von
Dorothea, einer Verwandten von Roth, die an einen „seinen und züchtigen
Schustergesellen“ verheiratet war. „Sie (Dorothea Kersten) hat mir auch
darneben geklagt, wi das die Doktor Martinus Lutherin wiliche doch Hader
und Zank stillen solde ja vil mher hätte angericht.“ _Buchwald_ 37. 104.
— Das ist aber nach den Verhältnissen eine recht unlautere Quelle.

[488] _Buchwald_ 176. Vgl. Köstlin II, 492. 608 f.

[489] _Mayer_ §27. Keil II, 199.

[490] Br. V, 790.

[491] S.o.S. 112. 106 f.

[492] IV, 174. Riedtesel: Kurf. Direktor.

[493] IV, 553. VI, 270.

[494] _Ratzeberger_ 122.

[495] III, 125. Vgl. IV, 49. Cord. 22.

[496] VI, 185. L. Test. S. 6.

[497] V, 422.

[498] Hier. _Weller_ Opp. I, 871. Test. 7.

[499] Cord. 1005. 1079. 55. T.-R. IV, 48. Der Sinn ist in beiden
Redensarten: Maulschellen geben = über den Mund fahren; bildlich: auf
eine scharfe Redensart mit einer scharfen (oder schärferen) erwidern. —
Daß Luther es nicht wörtlich meinte (wie Wrampelmeyer a.a.O. anzunehmen
scheint), geht aus T.-R. IV, 38 hervor, wo Luther von Eheleuten, die
einander „raufen und schlagen“, sagt: „das sind nicht Menschen.“
Uebrigens steht T.-R. IV. 48 die Rede in einem bestimmten Zusammenhang.
Da ist von einem Magister die Rede, der seine Freiheit an eine reiche
Frau verkauft hatte und dem diese übers Maul fuhr: „Du hättest müssen
ein Bettler sein, wenn ich Dich nicht genommen.“ Da sagt Luther: „Ich
_hätt_ auch gerne, daß“ ...; da konnte man meinen, L. wolle sagen: „Ich
hätte auch gerne, wenn mir meine Frau so übers Maul fahre“ — freilich
u.s.w.

[500] T.-R. IV, 72.

[501] IV, 553. Cordatus bemerkt in seiner bissigen Weise dazu: Das ist
sicherlich wahr (Nr. 1837). So ist auch in der Rede, worin Luther von
ihrem „Stolz“ spricht, dessen er sie vor seiner Verheiratung für
verdächtig hielt, die Einschaltung — vom Herausgeber der Reden oder als
neckende Bemerkung von Luther? — gemacht: ut est (wie es auch ist).
Lauterbach 162*.

[502] III, 10. IV, 649. V, 19. 59. 110. 304. 431. IV, 221. 524. VI, 304.
III, 512. 145. IV, 221. Auch Jonas' Frau nennt L. tuum dictative. III,
213.

[503] III, 15. IV, 632. V, 10.

[504] Br. III, 512. IV, 552. 132. 553. VI, 545. V, 296. 783. (786). VI,
269. 547. III, 341. V, 122. 127. 780. 784. 788. T.-R. IV, 119.

[505] T.-R. IV, 78. Vgl. 126.

[506] T.-R. IV, 78. I, 209. 208. 211 f. IV, 212.

[507] T.-R. I, 210. IV, 44. 125. I, 208. Sehr scharf spricht sich L. aus
über Schmähungen von „Frauen und Jungfrauen“. „Ob sie gleich Mangel und
Fehl haben.“ T.-R. IV, 126.

[508] T.-R. IV, 120. 77. III, 75. IV, 78. Cord. 48. Uebereinstimmend mit
dem Spruch der Frau Cotta schreibt L. in einem Beileidbrief (1536, Br.
IV, 687). „Es ist der höchste Schatz auf Erden eine liebe Hausfrau.“

[509] T.-R. IV, 52. _Cord._ 22. T.-R. IV, 50. 53.

[510] _Cord._ 249. 1780. T.-R. IV, 40.

[511] T.-R. 43 f. 54 ff. Reden über den Ehestand. IV, 34-156. Vgl.
_Froböse_, D.M.L. ernste kräftige Worte über Ehe und ehel. Verhältnisse.
Hannover, 1823.

[512] T.-R. IV, 34. 38. 77. 73. 49. Cord. 1379.

[513] T.-R. IV, 50. 204.

[514] _Cord._ 22. T.-R. IV, 72. 50 f.

[515] Br. V, 126. T.-R. 58. 37 f.

[516] T.-R. I, 116. Com in ep. ad. Gal. — Seckendorf I, § 63.
_Lauterbach_ 2. 37.

[517] Br. IV, 645. 649. (Das Lesen Br. IV, 649 wird wohl vom Flachslesen
gemeint sein.) T.-R. I, 20. — Vgl. Was Luther von den Juden sagt: „Sie
schreien wohl sehr und beten heftig, mit großem Ernst und Eifer; mich
wundert's, daß Gott sie nicht erhört.“ T.-R. I, 109. — _Köstlin_ II,
437.

[518] V, 787. — Link in Nürnberg schickt sogar seinen Annotationes in
Genesim an Käthe. V, 713, vgl. _Buchw._ 48.

[519] Die Schreibkunst hochstehender Frauen veranschaulicht ein Brief
der Gräfin von Mansfeld an Luther (vom 14. Sept. 1545), welcher so
anfängt: „Lieber togktor ich besyntt auß eurem berichtt, das es kein
Floß (Fluß, Rheuma) ist noch wirtt“ u.s.f. _Kolde_, An. L. 391.

[520] So erkundigt sich die Herzogin Sibylle schriftlich bei Luther nach
seinem lieben Weibe. So entbietet Herzog Albrechts liebe Gemahel Luthers
und Melanchthons Häusern und tugendsamen Frau Dienst und Gruß. _Burkh._
162. Br. V, 638. _Kolde_, An. L. 189. Vgl. die Besuche von Fürsten und
Fürstinnen. — Käthe heißt auch bei den Freunden respektvoll die Domina,
Doctorissa, δεσποινα διδασχαλη (vgl. S. 171)

[521] Im Museum zu Leipzig.

[522] V, 520.


15. Luthers Tod.

Hierzu besonders _Förstemann_, Denkmale dem D.M.L. von s. Zeitgenossen
errichtet. Nordhausen 1846.

[523] S.o.S. 181, 2.

[524] V, 522. 544. 628 f. 642. T.-R. II, 261. Bündnis mit den Türken:
T.-R. IV, 661.

[525] Fladenkrieg. T.-R. IV, 444-47. _Ratzeberger_ 112. Mainz: Br. 522.
602. „Grickel und Jäckel“: V, 383. 629. 734. T.-R. II, 470. Kölner
Reform V, 584. 708. Epigonen: V, 527. 529. 539. 550. 553. 572. 586. 659.
663. V, 537. 571. 708 f. 727.

[526] V, 616. 708. _Ratzeb._ 123 f.

[527] Vgl. zu S. 134, 2. T.-R. IV, 98 f. 104. 500 ff. Ueberhaupt über
„die garstigen Juristen“, (495): 478-541. 523: „Es ist ein ewiger Hader
und Kampf zwischen den Juristen und Theologen, wie zwischen Gesetz und
Gnade.“ _Beste_ 77 f. _Hofmann_. 156 f.

[528] Heimliche Verlöbnisse. V, 616 ff. 627. 715. 747. 744. 763. T.-R.
IV, 99. 491 f. _Köstlin_, II, 580.

[529] V, 527. 586. 604. 679. 683. 688. 700. 704. 711. 726.

[530] V, 518.

[531] V, 643. 703.

[532] T.-R. III, 15 f.

[533] V, 359. _Kolde_, An. L. 391.

[534] V, 529. 743.

[535] V, 571. 534. Denkmale 31. 26. _Ratzeb._ 137.

[536] V, 600. 555. 638. 703. 743.

[537] V, 541. 571. 778.

[538] T.-R. III, 131. Br. V, 571.

[539] VI, 590. 628 ff. 570. 600. 642. 299. 674. Nach dem jüngsten Tag
seufzt Luther auch sonst: Als L. einmal ein Paternoster (einen
Rosenkranz) von weißen Agatsteinen in der Hand hatte, sprach er: „O
wollte Gott, daß der Tag nur balde komme! Ich wollte das Paternoster
jetzt essen, daß er morgen käme.“ T.-R. I, 63.

[540] So Bugenhagen in seiner Leichenrede für Luther. Denkm. 92.

[541] V, 747.

[542] V, 753. 561. 710. VI, 302. Lob Nürnbergs: T.-R. IV, 665. _Burkh._
463. _Kolde_, An. L. 423. Br. V, 753. — „Kleiderordnungen“ von 1562 und
1576; vgl. _Schadow_, Denkw. 60. 92.

[543] Br. V, 752 f.

[544] Ernst von Schönfeld ist ein Bruder der Ave aus Nimbschen, welche
den Basilius Axt geheiratet hatte. Ueber ihn hatte sich L. 1540 beklagt,
daß er seiner Schwester ihre tochterliche oder fräuliche Gebühr
vor(ent)hielt. L. nimmt sich der Ave, (für die er sich einst
interessiert hatte, s.S. 46, 2, T.-R. IV, 50), in einem Briefe an den
Kurfürsten an, auch nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Kinder (1541).
V, 289. 403. S.o.S. 16. 29.

[545] Das Schwarze Kloster.

[546] Die vier Fakultäten?

[547] Georg von Anhalt, Bischof von Merseburg.

[548] „gesegnen von meinenwegen“ = in meinem Namen Lebewohl sagen.

[549] _Burkh._ 475 ff. 483. _Kolde_, An. L. 416. 423.

[550] _Lingke_, L. Reisegeschichte, 284 f.

[551] Denkm. 1. 2. Br. V, 779. 771. _Ratzeb._ 134 ff. 129. Denkm. 22.

[552] „Unartiges“ Wetter, _Ratzeb._ 134. — Reisegenossen, Jonas' Briefw.
II, 182 ff. — Vorbedeutung: _Ratzeb._ 130 f.

[553] V, 780 f.

[554] „Hans von Jena hat sie gebeten“ = die Langeweile hat sie geplagt.

[555] V, 783 f., vgl. Jonas' Briefw. II, 182.

[556] C.R. VI, 60. Jonas' Briefw. II, 183. C.R. VI, 56. Denkm. 10. 64.

[557] V, 786.

[558] V, 787 f. 789 f.

[559] Hier und zum Folgenden L. Krankheits- und Sterbegeschichte von
Jonas, L.W. XXI, 274-393 und K. Ed. _Förstemann_, Denkmale dem Dr. M.L.
errichtet, Nordhausen 1846.

[560] V, 791.

[561] Denkm. 23. C.R. VI, 54. — Man wollte bei dreien Nächten einen
Kometen gesehen haben; sonderlich behauptete das der Bote von Jonas an
Melanchthon, der sich für so etwas ganz besonders interessierte. Denkm.
21. 23. 25 ff. Jonas' Briefw. II, 282 f.

[562] Aus dem „Leichenprogramm“ beim Tode Katharinas. Hofmann 136.

[563] Denkm. 10. 11.

[564] C.R. VI, 274. Denkm. 26. 53.

[565] Denkm. 78 f.

[566] Denkm. 81.

[567] Denkm. 76 f.

[568] Jonas Briefw. II, 183. Hofmann 112.

[569] „10 Gr. denen Pulsanten gegeben an Tag Cathedra Petri von allen
Glocken zu läuten, do man den Ehrwürdigen Herr Doctorem Martinum zu
Grabe getragen“. Wittenb., Kämmerei-Rechnung, Dm. 82. 142.

[570] Das eherne Bild, das mit den Zügen des Doktors in die Wand
eingelassen werden sollte, kam des Krieges wegen erst später zustande
und in die Kirche zu Jena, weil Wittenberg dem Kurhause verloren ging.
Denkm. 78 f.

[571] Br. VI, 650. Der Brief ist faksimiliert in der Illustr. Zeitung
1899, S. 149 f.; ist aber nicht von Katharinas Hand, sondern diktiert.
S. Seidemann, a.a.O.


16. Luthers Testament

Hierzu vgl. K. Ed. _Förstemann_, D.M.L. Testamente. Nordhausen 1846.
Seidemann, Ztschr. f. histor. Th. 1860. S. 475 bis 564.

[572] _Rade_ (P. Martin) D.M.L., Neusalza 1887, III, 699. S.o.S. 201.

[573] „Die Welt ist undankbar“ setzte L. an die Spitze seines
Hausbuches, in welchem er für die Seinigen eine Art testamentarische
Aufzeichnung machte, wegen ihrer Zukunft. VI, 324.

[574] V, 424.

[575] S.o.S. 201. V, 424.

[576] V, 424. VI, 324. 326.

[577] S.o.S. 83. _Kolde_, An. L. 416. _Burkh._ 482 f.

[578] T.-R. IV, 522 heißt es zwar: „Nur _ein_ Jurist ist fromm (brav)
und weise. Dr. Gregorius _Brück_.“ Dagegen 525. „Etliche sind fromm wie
Dr. _Sebald_; etliche aber sind eitel Teufel.“

[579] _Burkh._ 482. _Kolde_, An. L. 421-23. _Buchwald_ 180: L. zieht weg
propter pessimos mores.

[580] Grundbes. 531. Br. V, 304. Denkm. 76 f.

[581] Denkm. 27. 79. L.W. XXI, 299*. — Hierbei hatte Brück von den
„groben Fleischern und Fischern“ geredet: „Man soll (wird) der Frauen
wohl bald mit ungestümen Worten, wenn man schuldig ist, zu Halse laufen“
(S. 95 f.). Auch Luther hatte in Beziehung auf die Wittenberger Bürger
an die Spitze seines Tagebuchs geschrieben: „Die Leute sind grob“. (VI,
324.)

[582] _Seckendorf_ III, 647. am 24. Febr., wenn hier keine Verwechslung
mit dem Schreiben vom 20. vorliegt.

[583] C.R. VI, 81.

[584] Denkm. 163.

[585] Denkm. 167 f.

[586] Denkm. 169.

[587] Th. St. und Krit. 1896, S. 161.

[588] V, 25 f. 424.

[589] T.-R. IV, 521: „L. klagte über die Armut und Elend der Theologen,
wie sie allenthalben gedrückt würden und dazu helfet ihr Juristen
redlich und drückt uns weidlich.“ — IV, 145: „Wir arme Mönche und Nonnen
müssen herhalten. Dr. Pommer sollte nach weltlichem Rechte entsetzt
werden. Weil aber solche Rechte noch nicht exequieret und vollzogen
sind, so ist die Frage, ob seine Kinder auch seiner Güter Erben sein
können.“

[590] V, 403, vgl. 307. Grundbes. 511 ff. _Nobbe_ Ztschr. f. hist. Th.,
1870, S. 173.

[591] Br. V, 422 ff. Sachsenrecht. T.-R. IV, 51.

[592] Sorge: _Rebenstock_ I, 229. — Barschaft Testam. 48, vgl. 28. Br.
VI, 324 f. — Schatzung Br. VI, 304. V, 499. Verschreibung des
Kurfürsten, _Burkh._ 402 f. Der Grafen, Denkm. 169.

[593] Wolfs „Gnadenbrief“. _Richter_ 379. _Seidemann_, N. Mitt. VIII,
37. 21. 26. Grundbes. 508.

[594] S.o.S. 82 f. und Anmerkg. — Test. 31.

[595] S.o.S. 85. Grundbes. 530 f. zu S. 227 ff. Brücks Gutachten, Test.
29-41.

[596] Ob die 100 fl. Bauholz für ein Scheunlein nicht zu hoch gegriffen
sind? — Wenn das Gütlein Zulsdorf Käthen auf 1600 fl. zu stehen gekommen
wäre, so müßte sie in dasselbe, welches nur 610 fl. kostete, 1000 fl.
verbaut haben. Uebrigens wurde das Gut 1553 trotz der Kriegsverwüstung
um 956 fl. verkauft.

[597] „Vögel fangen“, wohl auf Wolfs Vogelherd, s. „Klageschrift der
Vögel an Lutherum über seinen Diener Wolfgang Siebergern.“ Br. VI, 164.
Vgl. oben S. 207.

[598] „Man“: Der Text läßt nicht erkennen, ob Melanchthon oder Brück
darunter gemeint ist.

[599] Test. 41-44.

[600] Test. 44 f.

[601] Br. V, 754 an Ratzeberger: uxori tuae commatri, affini et
Landsmanninae Meae.

[602] Test. 44-46.

[603] Test. 46 f. 48. Vormünder: 50-52.

[604] Test. 52 f. Richter 375. — Am 21. März hatte Melanchthon an M.
Grodel in Torgau geschrieben, er möchte dafür besorgt sein, daß ihre
Eingabe an den Kurfürsten durch Dr. Ratzeberger richtig übergeben werde;
diese Eingabe ist wohl Katharinas Bitte um Bestätigung des
„Testamentes“. Diese Betätigung zögerte sich übrigens 3 Wochen, bis zum
11. April hinaus.

[605] Test. 47-66.

[606] Test. 47-50. 59 f. 62-64.

[607] Test. 64. (C.R. VI, 149). Grundbes. 548. Quittung für 2000 fl.
Test. 65 f.

[608] Test. 35-37. 46. 49.

[609] Test. 44. 51. 54-57.

[610] S. 235-237. Test. 57-62. Grundbes. 530-564.

[611] Grundbes. 494.

[612] Br. V, 650.

[613] Br. V, 649.

[614] C.R. VI, 81.

[615] Hofmann 122, 84.


17. Krieg und Flucht.

[616] C.R. VI, An. IX. 185. 190.

[617] Zitzlaff 119. C.R. VI, 249. Arnold in seiner Kirchen- und
Ketzerhistorie meldet, nicht in freundlicher Absicht, Hans, der
Erstgeborene und Katharinas Lieblingssohn, sei mit dem Kurfürsten in
den Krieg gezogen als Fähnrich. Das entspräche freilich ganz dem Willen
des Vaters, der seine Söhne wenigstens gegen den Türken schicken wollte,
ja selber wider ihn ziehe, wenn er noch hätte können. Br. V, 450 sagt
Luther: „Wo ich nicht zu alt und zu schwach, möchte ich persönlich unter
den Haufen sein“ (gegen die Türken 1542). Vgl. Cord 834. — Robsten,
Beitr. zur Geneal. des Luth. Geschlechtes, Jena 1754, p. 7.

[618] Vgl. hier und zum Folgenden: Voigt, Ztschr. f. K.-G. 1877, S. 158
ff.

[619] C.R. VI, 268.

[620] C.R. VI, 290. _Liliencron_, Histor. Volkslieder IV, Nr. 546.

[621] Grundbes. 521. _Zitzlaff_ 121.

[622] C.R. VI, 296-299. 301. _Waltz_, Ztschr. f. K.-G. 1878, S. 167.

[623] C.R. 345. 355. 535.

[624] _Kolde_, An. L. 433 f.

[625] _Hofmann_ 123 f.

[626] _Hofmann_ 124.

[627] Grundbes. 537 f. C.R. VI, 513. 515. 537.

[628] _Zastrow_, Mohnike I, 260. C.R. VI, 355. 428. 431. 520-31.

[629] _Zitzlaff_ 122. Bugenhagen: „Mein Weib kommt sehr frühe gelaufen
ans Bett und ruft: „Ach, mein lieber Herr, unser lieber Landesfürst ist
gefangen.“ Ich sagt: „Das ist, will's Gott, nicht wahr.“ — Er habe diese
Stadt und Kirche, welche Luther ihm als Braut anvertraut, mit zerissenem
Haar und Kleid gesehen.

[630] C.R. VI, 534-38. 621. 625. 640. 541. 549.

[631] C.R. VI, p. XII. _Ratzeberger_ 170 f. „Er war überredet worden,
daß man über Luthers Begräbnis Nacht und Tag brennende Lampen hänge und
Wachskerzen stehen hätte, und davor betete, als in den papistischen
Kirchen vor der Heiligen Reliquien geschehen.“ _Zastrow_ (Mohnike) II,
22.

[632] C.R. VI, 563. 586.


18. Der Witwenstand.

[633] Vgl. Teil-Receß. _Beste_ 129. C.R. VI. 585. _Zitzlaff_,
„Bugenhagen“ 122. Daß nur Deutsche in die Stadt durften, hatten sich die
Wittenberger ausbedungen. Als nun aber die Spanier mit dem Kaiser am
Schloßthor eindringen wollten, warfen die Wittenberger sie in den
Graben, „daß sie naß wurden wie die Katzen“.

[634] Briefw. des Jonas II, 281. _Zitzlaff_ 121 f. Die Hussern waren
nicht so schlimm, wie die Spanier.

[635] Briefw. Jonas II, 281. Grundbes. 558.

[636] C.R. VII, 125. 536.

[637] _Richter_ 390 f. C.R. VI, 669-693. 714.

[638] _Grulich_, Torgau 112. _Matthes._ 68 (7. Pred.) _Richter_ 390.
396.

[639] Grundbes. 494.

[640] _Hofmann_ 129.

[641] Waltz 181.

[642] Jonas' Briefw. 259.

[643] _Robsten_, Beiträge zur Geneal. des Luther. Geschl., Jena 1754.
_Keil_, Leben Hanß L., p. 89: „Joh. L. miles redux vitam egit
domesticam.“

[Transkriptions-Anmerkung: Zu den folgenden beiden Bemerkungen gibt es
keine Verweise im Text.]

C.R. VII, 409 ff. Grundbes. 558. Jonas' Briefw. 280 ff. 295.

C.R. VII, 408 f. 430.

[644] C.R. VII, 502.

[645] _Kolde_, An. L. 433. Grundbes. 558 f.

[646] [Transkriptions-Anmerkung: Keine Bemerkung zum Verweis vorhanden.]

[647] Grundbes. 559. C.R. VII, 411.

[648] _Richter_, 325 f. C.R. VII, 611. 637.

[649] C.R. VII, 945.

[Transkriptions-Anmerkung: Zur folgenden Bemerkung gibt es keinen
Verweis im Text.]

Grundbes. 559.

[650] _Hofmann_ 141 f.

[651] [Transkriptions-Anmerkung: Keine Bemerkung zum Verweis vorhanden.]


19. Katharinas Tod.

[Transkriptions-Anmerkung: Zu den folgenden 4 Bemerkungen gibt es keine
Verweise im Text.]

_Grulich_, Denkw. Torgaus S. 86.

_Mayer_ 62. 122. _J.T. Lingke_, Hrn. D.M.L. Geschäfte und Andenken zu
Torgau, 1764. S. 69-75.

Nach _Grulich_ wohnte K. beim Stadtrichter M. Reichenbach im
Grünwaldschen Hause. Das Haus „Auf dem Scharfenberg“ (heute
„Lutherhaus“) in dem „Karniergäßchen“ (heute „Luthergasse“) war nicht
Katharinens hospitium; es hatte nur nach Wittenberg Zins zu zahlen.
_Grulich_ S. 70 f. 86. _Grulich_, Annales th. eccl., 1734. S. 176.
_Lingke_ a.a.O. S. 70. — Sollte M. Reichenbach in Torgau eine
Verwechslung sein mit M. Reichenbach in Wittenberg, bei dem K. 1523
wohnte (S. 39)? Die Familie Reichenbach, auch der Pflegevater Katharinas
stammt aus Zwickau. _T. Schmidt_, Chronik der Stadt Zwickau, 472.
_Buchwald_ 108.

_Juncker_ 250.

[652] _Richter_ 493 f. Vgl. die Kleiderordnung für Wittenberg 1576. S.
169.

[653] Diese Rede Katharinas wurde von zwei Dichtern in Kirchenliedern
verwendet. In dem Liede eines unbekannten Verfassers (Anna von Stolberg
1600?, nicht Simon Graf, geb. 1609): „Christus, der ist mein Leben,“
heißt die letzte (7.) Strophe. „_Und laß mich an dir kleben, wie eine
Klett am Kleid_, und ewig bei dir leben in Himmelswonn und Freud.“
Ebenso heißt es in Chr. Reimanns (1607-1662) Lied: „Meinen Jesus laß ich
nicht, weil er sich für mich gegeben, so erfordert meine Pflicht,
klettenweis an ihm zu kleben.“ _E.E. Koch_, Gesch. der Kirchenlieder IV,
667, behauptet zwar, der Ausdruck schreibe sich von Herzogin Katharina
von Sachsen, geb. von Mecklenburg († 1561) her, welche bei ihrem Ende
gesagt habe, „sie wolle an ihrem Herrn Jesus mit Glauben kleben bleiben,
wie die Klette am Kleid.“ — Jedenfalls hat Katharina die Priorität.

[654] C.R. VII, 1155 f.

[655] _Lingke_ 71. _Grulich_ 87.

[656] Der Leichenstein wurde zum Reformations-Jubelfest 1617 von „Daniel
Fritschen dem Mahler“ für 9 Groschen übermalt. Dazu wurde ein Bote (für
2-1/2 Gr.) nach Eilenburg geschickt, zu Prediger M. Behem, mit welchem
Luthers Enkelin Katharina, die Tochter von Hans Luther, verheiratet war.
_Lingke_ 73.

[657] _Juncker_, Ehrenged. L. (deutsch.) 243 f.

[658] Br. V, 424. — Vgl. die ältere Litteratur bei _Hofmann_ 183-203. —
_Böhringer_, K.v.B., Barmen. _Meurer, K.v.B.L._ 1876. _Rietschel_, L.
und sein Haus. Halle 1888. Romanhaft gehalten. _Armin Stein_ (H.
Nietschmann), K.v.B., Luthers Ehegemahl, ein Lebensbild. 4. A. Halle
1897.

[659] Bugenhagen schreibt an König Christian als „Wort eines großen
Fürsten“: „Wir haben hier zwei Regenten gehabt über weltliches und
geistliches Regiment, den Kaiser und Luther.“ _Zitzlaff_ 106.

[660] Das Faksimile ist von einem Brief Katharinas an den dänischen
König, original in Kopenhagen. 3/4 n. Gr. Vgl. folg. Brief:

„Von den drei im hiesigen Archiv aufbewahrten Briefen von Katharina von
Bora an den König Christian III. von Dänemark sind die zwei entschieden
nicht eigenhändig. Der dritte ist auch von einer Schreiberhand
herrührend; von dessen Unterschrift sind aber, wie aus dem beifolgenden
Faksimile hervorgeht, die Buchstaben: „E.K.M. vnterthenige“ von einer
andern Hand als der Brief selbst geschrieben, und die eigentliche
Unterschrift wieder von einer dritten. Die Originalurkunde giebt den
Eindruck, daß Katharina selbst die Unterschrift angefangen, dieselbe
aber aus irgend einer Ursache aufgegeben habe und daß also nur die oben
zitierten Buchstaben von ihr eigenhändig sind.“

_Thiset_, Archivar.

Dieser Einsatz wird um so mehr von Katharina herrühren, als auch eine
Einfügung in dem ersten Brief Katharinas an den Herzog Albrecht („ge“
S. 252, Z. 19, original in Königsberg) Aehnlichkeit mit dieser
Handschrift im Kopenhagener Brief zeigt.

Da sämtliche vorhandene Briefe Katharinas Kanzleischrift haben, so sind
diese drei Buchstaben „E.K.M.“ und das Wort „vnterthenige“ wohl das
einzige, was von Katharinas Hand erhalten ist.

Das _Siegel_ Katharinas ist von den Briefen an Herzog Albrecht, wohl ein
Siegelring; es zeigt den Löwen Derer „v. Bora“.

_Bilder_ Katharinas sind (unvollständig) verzeichnet bei Hofmann S. 168
f. Hier sei nur bemerkt, daß das S. 55 beschriebene Bild im Lutherhaus
in Wittenberg hängt; das auf S. 193 erwähnte im Museum zu Leipzig. Das
Nürnberger, früher in der Morizkapelle, jetzt im German. Museum, ist
weder von Kranach, noch stellt es Katharina vor.



Register.


Ablaß
Aebtissin
Agnes (Nisa) Lauterbach
Agricola, Joh. = M. Eisleben
Agricola, Frau Elisabeth
Alemann, Ave
Altenburg
Amsdorf, Nicolaus von
Anhalt, Fürsten
Apel
Audi Koppe
Augsburg
Aurifaber = Goldschmidt
Aurogallus, Matth.
Axt, Lic. Basilius

Bader, Kastner (Kastellan) auf Koburg und Frau
Barnes, D. Robert
Baumgärtner, Hieron.
Bayer (Baier, Beier), Vizekanzler
Berndt, Ambros
Besold
Bildenhain, Bildenhauer
Booß (Böse) Gut
Bora
Bora, Christina
Bora, Clemens
Bora, Florian, (lies Florian statt Fabian)
Bora, Hans
Bora, Katharina
Bora, Maria
Bora, Magdalene (s. „Muhme Lene“)
Borna
Brandenburg, Herzog Albrecht
Brandenburg, Elisabeth von
Brandenburg, Georg Markgraf
Brandenburg, Joachim Kurfürst I.
Braunschweig
Braunschweig, Herzogin Elisabeth
Briefe Luthers an Käthe:
  Von Marburg
  von Wittenberg
  von Koburg
  von Torgau
  von Schmalkalden
  von Eisenach
  von Zeitz
  von Halle
  von Eisleben
  Brief der Hausfreunde an Käthe
Briefe Käthes
Brisger, Eberhard
Brück, Dr. Gregorius
Bruno (Brauer, Haus Bruno)
Bugenhagen, Joh. = D. Pommer
Bugenhagen, Frau
Butzer (Bucer)

Camerarius, Joachim
Canitz, Elisabetha (Else) von
Capito, Wolfg.
Cario, Joh.
Carlstadt
Coburg
Cordatus
Crafft
Cranach
Crodel, Marcus, Schulmeister in Torgau
Cronberg, Hartmut von

Dänemark, Christian II. von, 39. 71.
Dänemark, Christian III.
Dene, Thilo
Dessau
Dietrich, Veit
Doctores
  Doktorschmaus
Dolzig, Hofmarschall
Domina
  = Aebtissin
  = Frau D. Luther
Döring, Christian (Aurifaber)
Dürr, Kanzler
Dürer, Albrecht

Eber, Paul
Eck
Einsiedel, Heinrich von
Eisenach
Eisleben, Stadt
Eisleben, D.
Emser
England, Heinrich VIII., König
Engländer („Engeleser“) s. Barnes
Erasmus
Erfurt

Ferdinand, König
Feste
Fladenkrieg
Florentina, eine Nonne
Freiberg
Friedrich Becker (Pistorius), Abt in Nürnberg
Fündli-Haus zu Nürnberg

Gabriel = Zwilling
Gerbel, Lic.
Glatz, D.
Goldschmidt s. Aurifaber.
Goritz
Gotha
Grimma
Groß Ave
Grumbach, Argula von,
Grüne, Friedr. von, Feldzeugmeister

Hagenau, Reichstag
Halle
Hasenberg
Haubitz, Anna von
Haubitz, Margarete von
Haugwitz
Hausfreunde
Hausmann
Heinrich VIII., von England
Heidten
Hennick
Heuthlin
Hirsfeld (Hirschfeld), Bernhard von
Hohndorf, Bürgermeister
Holstein
Honold, Hans, Bürger von Augsburg
Horen
Humanisten

Jäckel s. Jakob Schenk
Jena
  „Hans von Jena“
Johannes, der Schweinehirt,
Jonas, Justus
Jonas, Christoph
Jonas, Elisabeth
Jonas, Justus d.J.
Jonas, Katharina
Jonas, Sofia
Jörger, Christoph und Dorothea von Tollet
Juristen

K siehe C.
Kanitz s. Canitz.
Karl V.
Karlstadt s. Carlstadt
Kaufmann, Andreas
Kaufmann, Cyriac
Kaufmann, Jörg
Kaufmann, Fabian
Kaufmann, Lehne (s. Muhmchen Lene)
Kaufmann, Else
Kegel
Kieritzsch
Klausur
Klosterkinder
Kloster-Regel
Koburg s. Coburg.
Königsberg
Koppe, Leonhard.
Kreuziger (Cruciger) Kasper
  (Frauen)
Kummer
Kunheim, von

Lauterbach
Lauterbach, Frau
Leipzig
Lemle (Leminus)
Lene (von Bora), Muhme, d. Aeltere
Lene, (Kaufmann) Muhme, d. Jüngere
Lichtenberg
Lindemann, Kaspar
Link, Wenzel
Lippendorf
Lischnerin, Barbara
Löser, Hans, zu Pretsch, Erbmarschall
Löser, Hans, der Sohn
Lufft, Hans, Buchdrucker
Lüneburg, Herzog
D.M. Luther
  Tischreden
  Geselligkeit
  Krankheiten
Luthers Eltern
Luthers Kinder
  Hans, d.J.
  Elisabeth
  Magdalene
  Martin
  Paul
  Margareta
Luthers Bruder: Jacob
Luthers Neffe: Martin
Luthers Schwester: Dorothea
Lutherbrunnen

Magdeburg
Magister
Mainz, Kurfürst Erzbischof Albrecht
Mährische Brüder
Major Georg
Mansfeld, Stadt
Mansfeld, Grafen
  Graf Albrecht
  Gräfin
  Söhne
Marburg
Matthesius, Joh.
Maugen (a Maugis)
Medler
Melanchthon, M. Philipp
Melanchthon, Lippus
Melanchthons Frau, Katharina
Menius
Meißen
Mergenthal, Hans von
Mergenthal, Kath. von
Metsch, Hans
Mohr (Aetiops)
Mochau, Margr. v.
Mönche
Morgenstern v. Wittenberg
Müller, Kaspar Kanzler
Motterwitz
Münster, Dr. Sebald
Münsterberg, Ursula, Herzogin
Myconius (Mekum) Fr.

Naumburg
Neobolus (Neuheller)
Niemeck
Nimbschen
Nonnen im Kloster
  entflohen
Nonnen-Ehe
  Nonnen-Kind
Novizen
Nordhausen
Nürnberg

Pfister
Pforta
Pforzheim
Pirkheimer
Pirna
Plato
Polner, Hans
Pommer = Bugenhagen
Preußen, Albrecht, Herzog von
Probst
Professoren

Ratzeberger, Dr. Matthias
Reichenbach, M. Phil.
Reliquien
Reuchlin = Reichel
Reuter, Bürgermeister
Riedtesel
Rischmann
Röhrer (Rorer, Rorarius) Gg.
Rosina
Roth
Rothenburg
Rühel
Rutfeld

Sabinus, Melanchthons Schwiegersohn
Sachsen, Land
Sachsen: Georg, Herzog
  Heinrich
  Moriz
  Kurfürst Friedrich
  Johann
  Joh. Friedrich
  Johann Ernst
Sala, Hanna von
Saumarkt
Schenck, Jakob
Sibylle, Herzogin
Schiefer
Schla(g)inhausen
Schmalkalden
Schnell, Georg
Schönfeld, Ave (Eva)
  Ernst
Schurf, Augustin, Arzt
  Hieron., Jurist
  Hanna, geb. Muschwitz
Severus = Schiefer.
Sieberger, Wolfgang
Spalatin
Specke
Speckstudenten
Speratus
Spiegel, Erasmus, Stadthauptmann von Wittenberg
Staupitz, Joh. von
Staupitz, Magdalena
Stiefel, Michael
Strauß, Anna (Hanna)
Studenten, „Bruder Studium“

Taglöhner Käthes
Taubenheim, Hans von
Taubenheim, Dietrich
Tischreden
Tollet s. Jörger
Tommitzsch, Wolf
Torgau

Ursula s. Münsterberg

de Vay
Vergerius, Kardinal
Viscamp

Wachsdorf
Warbeck
Weimar
Weller, Hieron.
Weller, Mathias
Weller, Peter
  S. Lischner.
Wittenberg, Stadt und Rat
Wolf(gang) s. Sieberger

Zeschan
Zell, Katharina (Schützin)
Zink, Hans
Zulsdorf
Zwilling





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