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Title: Ehstnische Märchen
Author: Various
Language: German
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Ehstnische Märchen.


Aufgezeichnet

von

Friedrich Kreutzwald.


Aus dem Ehstnischen übersetzt

von

F. Löwe,
ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akad. d. Wissenschaften.


Nebst einem Vorwort von _Anton Schiefner_ und Anmerkungen
von _Reinhold Köhler_ und _Anton Schiefner_.

Halle,
Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses.
1869.



Vorwort.


Im dritten Bande der Kinder- und Hausmärchen hat _Wilhelm Grimm_ auf S.
353 der Ausgabe von 1856 auf die ihm bis zu der Zeit bekannt gewordenen
ehstnischen Märchen hingewiesen, und auf S. 385 namentlich die zuerst
von _Fählmann_ im Jahre 1842 in dem ersten Bande der Verhandlungen der
gelehrten ehstnischen Gesellschaft zu Dorpat veröffentlichte anmuthige
Dichtung Koit und Ämmarik hervorgehoben. In ausführlicherer Fassung ist
die letztere später (1854) von =Dr.= _Friedrich Kreutzwald_ mir mitgetheilt
und von mir im Bulletin der St. Petersburger Akademie =T. XII.= Nr. 3, 4
(auch in den =Mélanges russes= =T. II.= S. 409) in dem Aufsatz »zur
ehstnischen Mythologie« abgedruckt worden. Ebendaselbst habe ich auch
auf die Möglichkeit einer Entlehnung dieser Dichtung von einem
Nachbarvolke aufmerksam gemacht. An solchen Entlehnungen sind die Ehsten
nicht ärmer als andere Völker, und es gewährt ein eigenthümliches
Interesse, mehr oder minder anderswoher bekannte Stoffe in ihrer
ehstnischen Einkleidung zu betrachten. Allein nicht bloß die Freude an
der poetischen Behandlung der einzelnen Märchen ist es, was uns
auffordert, denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knüpfen sich
eine ganze Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die
Betrachtung ihres Inhalts.

Der Uebersetzer hat es für angemessen erachtet, auf so manche Züge
hinzuweisen, welche die einzelnen Märchen mit der von =Dr.= _Kreutzwald_ ins
Leben gerufenen Dichtung »Kalewipoëg« gemein haben. Manches ist
allerdings aus den nicht bloß bei den Ehsten in Umlauf befindlichen
Märchen erst in die Sage und daraus in die epischen Lieder gewandert,
anderes bietet uns aber treulichst erhaltene Spuren altscandinavischer
Mythen dar. Habe ich bereits im Jahre 1860 bei Gelegenheit der
Besprechung des Kalewipoëg (Bulletin B. =II.= S. 273-297 = =Mélanges russes=
B. =II.= S. 126-161) darauf aufmerksam gemacht, wie im Kalewipoëg vielfach
Nachklänge des alten Thor-Cultus vorliegen, so kann man das mit gleichem
Recht von den in vorliegender Sammlung dargebotenen Märchen behaupten.
Man berücksichtige außer dem von Herrn Löwe S. 2 angeführten z. B. S.
113 die dem Donnerer gehörige Gerte aus Ebereschenholz, sowie auch S.
137 das Ruder aus demselben Holze. Vgl. über die auch S. 18 vorkommende
Eberesche als dem Donnerer heilig Mannhardt Germanische Mythen S. 13 f.

Als ich im Jahre 1855 über den Mythengehalt der finnischen Märchen
(=Bullet. hist. philol. T. XII.= Nr. 24) kurz berichtete, waren von den
ehstnischen Märchen nur sehr wenige bekannt, und die ganze reiche
Märchenliteratur der Russen, von der uns die von _Afanasjew_ in den Jahren
1855-1863 erschienene Sammlung in acht Bänden eine Ahnung giebt, war
nur in wenigen Proben zugänglich. Bei einem eingehenden Studium der
ebengenannten Sammlung dürften nicht allein die finnischen Märchen in
einem andern Lichte erscheinen, sondern auch die ehstnischen richtiger
gewürdigt werden können. Sicher ist es wenigstens, daß, wenn wir die
ehstnischen Märchen betrachten, wir es mit den Einflüssen der
verschiedensten Zeiten und Völker zu thun haben.

Manche Züge weisen unverkennbar auf litauische Berührungen hin, andere
zahlreichere und wohl auch jüngere auf russische Elemente; da die
Küstenstriche Ehstlands und namentlich die zunächst liegenden Inseln
schwedische Bevölkerung gehabt und zum Theil auch noch gegenwärtig
haben, ist der letzteren nebst manchem Märchen auch mancher aus der
ältesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste Zeit hat
aus der Kinderstube der deutschen Familien sowohl in der Stadt als auf
dem Lande so manches Märchen in die Bauerhütten verpflanzt. Nicht minder
haben die aus dem Kriegsdienste heimkehrenden Ehsten so manche
Erzählung, die sie früher im schwedischen oder später im russischen
Heere vernommen hatten, den hörlustigen Leuten in der Heimath
zugetragen.

Außer den von _W. Grimm_ a. a. O. namhaft gemachten Sammlungen sind
verschiedene ehstnische Märchen veröffentlicht worden, namentlich in den
Jahrgängen 1846, 1848, 1849, 1852 und 1858 des »Inlands«, im
illustrirten revalschen Almanach 1855 und 1856 und anderswo; eine
ziemlich genaue Aufzählung derselben wird man in =Dr.= _Winkelmanns_ nun im
Druck befindlicher =Bibliotheca Livoniae historica= S. 39 f. finden. Am
beachtenswertesten sind die von den auch sonst um die Literatur der
Ehsten hochverdienten beiden Männern Heinrich _Neus_ in Reval und
Friedrich _Kreutzwald_ in Werro mitgetheilten Märchen. Der letztere der
beiden genannten Herren erhielt auch von der finnischen
Literaturgesellschaft in Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine
umfassende Sammlung von ehstnischen Märchen herauszugeben. Diese
Sammlung, welche auf 368 Seiten 43 größere und 18 kleinere Stücke
umfaßt, erschien im Jahre 1866 zu Helsingfors im Verlage der
Literaturgesellschaft mit Bewilligung der letzteren und des Herrn
_Kreutzwald_ hat Herr _Löwe_, welcher sich während seines Aufenthalts in
Ehstland anerkennenswerthe Kenntnisse der ehstnischen Sprache erworben
hat, vorliegende Uebersetzung unternommen, die sich durch sich selbst so
sehr empfiehlt, daß eine Empfehlung von meiner Seite überflüssig sein
dürfte. Die Leser dieser freundlichen Schöpfungen der Volkspoesie werden
es nicht minder als ich wünschen, daß baldigst eine Fortsetzung der
Uebersetzung erscheine.

Schließlich kann ich die erfreuliche Nachricht mittheilen, daß in kurzer
Zeit die Veröffentlichung mehrerer durch die Herren _Hurt_ und _Jakobson_
aus dem Volksmunde aufgezeichneter ehstnischer Märchen in den Schriften
der gelehrten ehstnischen Gesellschaft in Dorpat zu erwarten ist.

St. Petersburg, den 8. (20.) Februar 1869.

A. Schiefner.



_Inhalt._


                                                       Seite

1. Die Goldspinnerinnen                                 1-24

2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen               25-31

3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge                32-58

4. Der Tontlawald                                      59-76

5. Der Waise Handmühle                                 77-81

6. Die zwölf Töchter                                   82-91

7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand           92-101

8. Schlaukopf                                        102-121

9. Der Donnersohn                                    122-132

10. Pikne's Dudelsack                                133-140

11. Der Zwerge Streit                                141-147

12. Die Galgenmännlein                               148-159

13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen   160-173

14. Der dankbare Königssohn                          174-202

15. Rõugatajas Tochter                               203-211

16. Die Meermaid                                     212-229

17. Die Unterirdischen                               230-240

18. Der Nordlands-Drache                             241-261

19. Das Glücksei                                     262-272

20. Der Frauenmörder                                 273-284

21. Der herzhafte Riegenaufseher                     285-297

22. Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs       298-317

23. Dudelsack-Tiidu                                  318-340

24. Die aus dem Ei entsprossene Königstochter        341-355

    Anmerkungen                                      356-365

Berichtigungen und Zusätze                               366



1. Die Goldspinnerinnen.[1]


Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen,
welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der
Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Befiederten wiederhallten.

Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit
drei frischen Töchtern: ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die
Töchter blühten schönen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf;
besonders war die jüngste Schwester schön und zierlich wie ein
Bohnenschötchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine andern Beschauer
als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne.

    »Brennend heiß mit Jünglingsaugen
    Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz,
    Glänzte auf den bunten Bändern,
    Röthete die bunten Säume.«

Die alte Mutter ließ die Mädchen nicht müßig gehen, noch säumig sein,
sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saßen Tag
für Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen
Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend[2] Abend Muße gegönnt, den
Gabenkasten zu bereichern,[3] und wenn nicht in der Dämmerung oder im
Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde,
so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde
sofort eine neue aufgesetzt, und überdies mußte das Garn eben, drall und
fein sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloß und Riegel
in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen
durften. Von wo der Goldflachs in's Haus gebracht wurde, oder zu was
für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen
nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals
Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise,
man wußte nicht wohin, blieb zuweilen über eine Woche aus und kam immer
bei nächtlicher Weile zurück, so daß die Töchter niemals erfuhren, was
sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, theilte sie jedesmal den
Töchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie auszubleiben gedachte.

Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung
unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mädchen
ausgetheilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschärft:»Kinder
laßt die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit
der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns
verschwinden und mit eurem Glücke würde es auch aus sein!« Die Mädchen
verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter
auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie
alle drei an zu höhnen. »Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt
wird, hätten wir nicht nöthig gehabt,« sagte die jüngste Schwester. »Der
Goldgarnfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.«
Die andere Schwester setzte hinzu: »Eben so wenig ist es möglich, daß
der Goldglanz sich verliere.« Oft schon hat Mädchen-Vorwitz Manches
voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Thränenjammer
erwuchs.

Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter
Vorfall, der den Töchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glück, auf
lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Sproß,[4] eines Königs
Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen, und
hatte sich im Walde so weit verirrt, daß weder das Gebell der Hunde noch
das Blasen der Hörner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen
fand nur sein eigenes Echo,[5] oder fing sich im dichten Gestrüpp.
Ermüdet und verdrießlich stieg der königliche Jüngling endlich vom
Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebüsches auszuruhen,
während das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen
durfte. Als der Königssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne
schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach
dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fußsteig, der ihn
zur Hütte der lahmen Alten brachte. Wohl erschracken die Töchter, als
sie plötzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor
erblickt hatte. Indeß hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in
der Abendkühle mit dem Fremden befreundet, so daß sie gar nicht einmal
zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die älteren Schwestern sich
schlafen gelegt hatten, saß die jüngste noch mit dem Gaste auf der
Thürschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.

Während die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz
öffnen und süße Gespräche führen, wollen wir uns nach den Jägern
umsehen, die ihren Anführer im Walde verloren hatten. Unermüdlich war
der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis
das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Männer
in die Stadt zurückgeschickt, um die traurige Botschaft zu überbringen,
während die Uebrigen unter einer breiten ästigen Fichte ihr Nachtlager
aufschlugen, um am nächsten Morgen wieder weiter zu suchen. Der König
hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und
eins zu Fuß ausrücken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen.
Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage
aus; dann erst wurden in der Frühe Fußstapfen gefunden, die man
verfolgte und dadurch den Fußsteig entdeckte, der zur Hütte führte. Dem
Königssohne war in Gesellschaft der Mädchen die Zeit nicht lang
geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er
schied, gelobte er der Jüngsten heimlich, daß er in kurzer Zeit
wiederkommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich
nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die ältern
Schwestern von dieser Verabredung nichts gehört hatten, so kam die Sache
doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermuthet hätte.

Nicht gering war nämlich der jüngsten Tochter Bestürzung, als sie,
nachdem der Königssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und
fand, daß der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des
Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknüpft und das Rad in rascheren
Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Bräutigam
verlorene Zeit wieder einbrächte. Allein ein unerhörter und
unerklärlicher Umstand machte das Herz des Mädchens beben: das Goldgarn
hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. -- Da half kein Scheuern, kein
Seufzen und kein Benetzen mit Thränen; die Sache war nicht wieder gut zu
machen. Das Unglück springt zur Thür in's Haus, kommt durch's Fenster
herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein
altes weises Wort; so geschah es auch jetzt.

Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die
Stube trat, erkannte sie augenblicklich, daß hier etwas Unrechtes
vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie ließ die Töchter eine
nach der andern vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen
und Ausreden kamen die Mädchen nicht weit, Lügen haben kurze Beine; die
schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rücken
der jüngsten Tochter in's Ohr gekräht hatte. Das alte Weib fing nun an
so gräulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren
Verwünschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jüngling den Hals zu
brechen und sein Fleisch den wilden Thieren zur Speise vorzuwerfen, wenn
er sich gelüsten ließe, noch einmal wieder zu kommen. --Die jüngste
Tochter wurde roth wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine
Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zuthun; immer lag es ihr schwer
auf der Seele, daß der Jüngling, wenn er zurück käme, seinen Tod finden
könnte. Früh am Morgen, als die Mutter und die Töchter noch im
Morgenschlummer lagen, verließ sie heimlich das Haus, um in der
Thaueskühle aufzuathmen. Zum Glück hatte sie als Kind von der Alten die
Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nähe saß
auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder
zurechtzupfte. Das Mädchen rief. »_Lieber Lichtvogel, klügster_ des
Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hülfe kommen?« »Was für Hülfe
begehrst du?« fragte der Rabe. Das Mädchen erwiederte: »Flieg' aus dem
Walde heraus über Land, bis dir eine prächtige Stadt mit einem
Köuigssitz aufstößt. Suche mit dem Königssohn zusammenzukommen und melde
ihm, was für ein Unglück mir widerfahren ist.« Darauf erzählte sie dem
Raben die Geschichte ausführlich, vom Reißen des Fadens an bis zu der
gräßlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, daß der
Jüngling nicht mehr zurückkommen möchte. Der Rabe versprach, den Auftrag
auszurichten, wenn er Jemand fände, der seiner Sprache kundig wäre und
flog sogleich davon.

Die Mutter ließ die jüngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz
nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn abzuwickeln. Diese
Arbeit wäre dem Mädchen leichter gewesen als die frühere, aber das ewige
Fluchen und Zanken der Mutter ließ ihr vom Morgen bis zum Abend keine
Ruhe. Versuchte die Jungfrau, sich zu entschuldigen, so wurde die Sache
noch ärger. Wenn einem Weibe einmal die Galle überläuft, und der Zorn
ihre Kinnladen geöffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu
schließen.

Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das
gequälte Mädchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hören. Der Rabe hatte
glücklicherweise in des Königs Garten eines Windzauberers[6] Sohn
gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der
schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat
ihn, die Sache dem Königssohn mitzutheilen. Als der Gärtnerbursche dem
Königssohn alles erzählt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog
er mit seinen Freunden heimlich Rath über die Befreiung der Jungfrau.
»Sage dem Raben,« so unterwies er dann des Windzauberer's Sohn -- »daß
er eilig zurückfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten
Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Küchlein den Klauen des
Habichts entreißen wird.« Zum Lohn für die Bestellung erhielt der Rabe
ein Stück Fleisch, um seine Flügel zu kräftigen, und dann wurde er
wieder zurück geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel für
seine Besorgung, verbarg aber das Gehörte in ihrem Herzen, damit die
andern nichts davon erführen. Aber je näher der neunte Tag kam, desto
schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, daß ein
unvorhergesehenes Unglück alles zu Schanden machen könnte.

In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur
Ruhe gelegt hatten, schlich die jüngste Schwester auf den Zehen aus dem
Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Bräutigams
zu harren. Hoffnung und Furcht erfüllten zugleich ihr Herz. Schon krähte
der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Geräusch von
Tritten noch ein Rufen zu hören. Zwischen dem zweiten und dritten
Hahnenschrei drang von weitem ein Geräusch wie leises Pferdegetrappel an
ihr Ohr. Sie ließ sich durch dies Geräusch leiten und ging den Kommenden
entgegen, damit deren Annäherung die im Hause Schlafenden nicht wecken
möchte. Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der
Königssohn selbst als Führer ritt, denn er hatte, als er von hier
fortgegangen war, an den Bäumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er
den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er
vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin,
damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwärts. Der
Mond gab zwischen den Bäumen so viel Licht, daß der bezeichnete Pfad
ihnen nicht verloren ging. Das Frühroth hatte überall der Vögel Zungen
gelöst und ihr Gezwitscher geweckt. Hätte die Jungfrau auf sie zu achten
und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schöpfen gewußt, es hätte den
Beiden mehr genügt als die honigsüße Schmeichelrede, welche aus des
Königssohnes Munde floß und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie
hörte und sah nichts Anderes als den Bräutigam, der sie bat, alle eitle
Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als
sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch.

Zum Glück hatte die alte Mutter am Morgen früh der Tochter Flucht nicht
gleich bemerkt; erst etwas später, als sie die Garnwinde nicht
abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jüngste Schwester gegangen sei.
Darauf wußte Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah
jetzt die Mutter, daß die Tochter entflohen war; sofort faßte sie den
tückischen Vorsatz, der flüchtigen die Strafe auf dem Fuße nachzusenden.
Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten
gemischter Hexenkräuter, schüttete Salz, das besprochen war, dazu und
band Alles in ein Läppchen, daß es ein Quast wurde; dann hauchte sie
Flüche und Verwünschungen darauf und ließ nun das Hexenknäuel mit dem
Winde davon ziehen, während sie sang:

    »Wirbelwind! verleihe Flügel!
    Windesmutter! deinen Fittig!
    Treibet dieses Knäulchen vorwärts,
    Daß es windesschnell dahin saust,
    Daß es todverbreitend hinfährt,
    Seuchenbringend weiter fliege!«

Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Königssohn mit der
Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, über welchen eine
schmale Brücke geschlagen war, so daß die Männer nur einzeln herüber
konnten. Der Königssohn ritt eben mitten auf der Brücke, als mit dem
Winde das Hexenknäuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf.
Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich plötzlich hoch auf die
Hinterbeine, und eh' noch jemand zu Hülfe kommen konnte, glitt die
Jungfrau vom Sattel herab jählings in den Fluß. Der Königssohn wollte
ihr nachspringen, aber die Krieger verhinderten ihn daran, indem sie ihn
festhielten; denn der Fluß war grundlos tief und menschliche Hülfe
konnte dem Unglück, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen.

Schrecken und tiefe Betrübnis hatten den Königssohn ganz betäubt; die
Krieger führten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurück, wo er Wochen
lang in stiller Kammer über das Unglück trauerte, so daß er anfangs
nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der König ließ aus allen
Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die
Krankheit erklären, noch wußte einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da
sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Königs Garten
Gärtnerbursch war: »Sendet nur nach Finnland, daß der uralte Zauberer
komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.«

Alsbald sandte der König eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands,
und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflügeln ein. Er sagte
zum König: »Geehrter König! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein
böses Hexen-Knäuel hat des Jünglings bessere Herzenshälfte hingerafft,
und darüber grämt er sich beständig. Schicket ihn oft in den Wind, damit
der Wind die Sorgen in den Wald treibt.«[7]

So kam es auch wirklich; der Königssohn fing an sich zu erholen, Nahrung
zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern
seinen Herzenskummer; der Vater wünschte, daß der Sohn wieder auf die
Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim führen möchte,
aber der Sohn wollte nichts davon wissen.

Schon über ein Jahr war dem Jüngling in Trauer verstrichen, als er eines
Tages zufällig an die Brücke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden
hatte. Als er sich das Unglück in's Gedächtniß zurückrief, traten ihm
bittere Thränen in die Augen. Mit einem Male hörte er einen schönen
Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war.
Die Stimme sang:

    »Durch der Mutter Fluch beschworen
    Nahm das Wasser die Unsel'ge,
    Barg das Wellengrab die Kleine,
    Deckte Ahti's[8] Fluth das Liebchen.«

Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht
Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte,
war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte
zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige
Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch
nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken.
Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die
Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine
Zeitlang blieb Alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger:

    »Durch der Mutter Fluch beschworen
    Nahm das Wasser die Unsel'ge,
    Barg das Wellengrab die Kleine,
    Deckte Ahti's Fluth das Liebchen.«

Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde
zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich
ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die
Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu
Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte
er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er
hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte.
In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen
herauskommen würde. Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle,
um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das
Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was
für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter
war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den
Königssohn in's Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung
angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des
vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß
die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden
liege. Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem
Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen
lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge
reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein
gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter
können doch nicht singen.« Die Töchter muthmaßten sogleich, daß das
Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen
versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester.
Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte
fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tödtete, in
jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermuthung sagten sie
indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rath wußten
zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die
Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie
Zeit sich zu berathen.

Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig
gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus
mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu
essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der
Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte
und die einem jeden derselben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen
seinen Traum den Jungfrauen erzähle, sagte die älteste Schwester: »Zur
guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr
den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden
wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen
buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in
den Stand setzen, Alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter
einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene
Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was
die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist,
so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen
Kerker am Rocken sitzen.«

Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach,
sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld
oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die
Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen
und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie
heim kam, ihnen nichts vorwerfen.

Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie
mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das
Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen.
Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch
unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was
das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht
fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert,
aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich
auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren
Unterhaltung auf ihn gemünzt war.

»Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen
auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben
der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind
schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Noth, aber
Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger
Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der
Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Andern.« Die Elster
erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der
Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Theil
wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt
das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine
Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer
von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht
aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.«

Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt,
ging er mit sich zu Rathe, wo er wohl einen Boten hernähme, den er nach
Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine
Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist
besser nisten als hier!«

»Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem
alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um
Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte
Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben
versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.

Als er an's Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und
blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich
wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts
zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes.
Unmuthig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte
aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.

Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die
Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer
Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg
der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast
in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in
Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße,
und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort
ertheilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte. Um
die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nöthig:
Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch
den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck
bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: »»Aus
dem Mann ein Krebs!«« Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in
die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt
euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von
Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch
dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das
Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem
Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit
beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche
steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt
ihr die Worte ausstoßen: »»Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs
der Mann!«« In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler
geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm
eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte.

Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder
Muth noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen.
Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der
Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen
Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen.
Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtsthränen der
Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Muth; er dachte:
Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter
ist der Tod als unaufhörliches Trauern. Er setzte sich zu Pferde und
ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam,
hörte er den Gesang:

    »Durch der Mutter Fluch beschworen
    Muß ich hier im Schlummer liegen,
    Muß das junge Kind verwelken,
    In der Wellen Schoos hinsiechen.
    Feucht und kalt das tiefe Bette
    Decket jetzt die zarte Jungfrau.«

Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht
zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte
den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck
blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem
Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf,
dann war Alles wieder still wie zuvor.

Das in einen Krebs verwandelte Männlein begann die Wurzeln der Teichrose
aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die
Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben
Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die
Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein
Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf
die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und
Teichrose nur allmählich vorwärts, und wiewohl Bäume und Sträuche genug
am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen
Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit
seinem Laube und den rothen Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand
auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß
das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus
dem Krebse der Mann!« -- Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei
Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie
an's Ufer, aber Beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.

Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine
Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen.« -- Der
Jüngling bat dagegen: »Tretet an's Ufer unter die Eberesche, ich mache
so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume
berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider
ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der
Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider
und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das
Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er
nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers
gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs
Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles
Nöthige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste
Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche
angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen
schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes
Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging über eine Stunde, da kam
die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo
der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam
gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs
zur Stadt und vor die Kirchenthür. Der König und die Königin saßen in
Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den theuren
verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und
Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für
todt beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie
trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und
sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in
Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.

Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch
scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden
der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann
kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den
Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue
Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten
spazieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab
rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine
hülfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen
ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der
Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus
fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient
keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste
Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem
Hexenknäuel verfolgen.«

Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin,
wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rath zu fragen,
dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie
aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Thränen in den
Augen, den Schwestern zu Hülfe zu eilen. Als sie den andern Morgen
erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte
Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen;
jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hülfe zu kommen.«

Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit
ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen
waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit
Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl
gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein
Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt
äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in
der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den
Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der
Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder
vereinigt fanden.

Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit
großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann
in's Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling
hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine
Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache
anzusehen, fand man die Alte todt. In der heimlichen Kammer wurden
funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern
vertheilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den
Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen rothen Kamm
zum Rauchloch[9] heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom
Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der
Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem
Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den
Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer thaten es.

»Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch
wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt
bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze
verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse
Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von
Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des
Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann
zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite
geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen
wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt
war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden
möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in
ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich
nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze
ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die
Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen.

Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester,
Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene
Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern
blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches
Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die
Stelle angeben.

[Fußnote 1: Die Goldspinnerinnen erinnern an die Pflegetöchter der
Hölle, die dort gefangen gehalten werden, arbeiten und auch spinnen
müssen, s. _Kalewipoëg_ (myth. Heldensagen vom Kalew-Sohn) =XIII.= 521 ff.
=XIV.= 470 ff. L.]

[Fußnote 2: Donnerstag und Sonnabend galten den Ehsten in
vorchristlicher Zeit für heilig. Im _Kalewipoëg_, Gesang =XIII=, V. 423
kocht der Höllenkessel am Donnerstag stärkende Zauberspeise. Nach
_Rußwurm_, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1856, S. 20, erhalten
die Unterirdischen (vgl. Märchen 17), was am Sonnabend oder am
Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_,
der Ehsten abergläubische Gebräuche &c. (St. Petersburg 1854) S. 97-104.
Wenn der oberste Gott der Ehsten, Taara, sich sachlich und lautlich an
den germanischen Thor anschließt, so ist aus der jetzigen ehstnischen
Bezeichnung des Thortags, Donnerstags, jede Erinnerung an Taara-Thor
getilgt; der Donnerstag heißt ehstnisch einfach =nelja-päew=, d. i. der
vierte Tag. (Montag der erste, Dienstag der zweite, Mittwoch der dritte
oder auch Mittwoch, Freitag = Reede, corrumpirt aus plattd. Frêdag,
Sonnabend = Badetag, Sonntag = heiliger Tag, Feiertag.) L.]

[Fußnote 3: Der Sinn ist: Sie durften nicht für sich arbeiten, um den
Kasten zu füllen, aus welchem die Braut am Hochzeitstage Geschenke
vertheilt. Vgl. _Boecler_, der Ehsten abergl. Gebräuche, ed. _Kreutzwald_,
=p.= 37. _Neus_, Ehstn. Volkslieder, S. 284. L.]

[Fußnote 4: Nicht zu verwechseln mit dem Kalew-_Sohn_ (=Kalewipoëg=), dem
Herkules des ehstnischen Festlandes. Auf der Insel Oesel heißt dieser
Töll od. Töllus. Vgl. _Rußwurm_, Eibofolke oder die Schweden an den Küsten
Ehstland's und auf Runö. Reval 1855. Th. 2, S. 273. _Neus_ in den
Beiträgen zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands, ed. Ed. Pabst. Reval 1866.
Bd. =I=, Heft =I=, =p.= 111. L.]

[Fußnote 5: wörtlich: fiel in das Ohr das Echo. Das Echo wird bildlich
»Schielauge« genannt. S. Kreutzwald zu Boecler, S. 146.]

[Fußnote 6: Vgl. die folgende Anm. und die Nota S. 25 zu 2. »die im
Mondschein badenden Jungfrauen.« L.]

[Fußnote 7: Die alte Anschauung der Ehsten unterscheidet feindliche und
günstige Winde und schreibt beiden den weitgreifendsten Einfluß zu. Die
unaufhörlichen Windströmungen, welche an dem ehstnischen Küstenstrich
ihr Spiel treiben und von der größten Bedeutung für das Naturleben sind,
erklären dies vollkommen. In unserer Stelle ist die Krankheit nicht »von
Gott, sondern vom Winde gekommen« und soll auch wieder (homöopathisch)
durch den Wind vertrieben werden. Vergl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, ehstn.
Aberglaube, S. 105 ff. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der
Ehsten, S. 13. L.]

[Fußnote 8: Ahti oder Ahto (sprich Achti, Achto) ist in der finnischen
Mythologie der über alles Wasser herrschende Gott: ein alter ehrwürdiger
Mann mit einem Grasbart und einem Schaumgewand. Er wird,
characteristisch genug, als begehrlich nach fremdem Gut geschildert. Im
ehstnischen Epos vom _Kalewi-Poëg_ Ges. =XVI.=, V. 72 ist von Ahti's Sohn
und seinen (Wasser) Gruben die Rede. L.]

[Fußnote 9: Loch am Giebel des Hauses (zum Hinauslassen des Rauches).
L.]



2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen.


Es lebte einmal ein Jüngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich
abmühte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die andern Leuten
unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime
Weisheit genugsam erlernt hatte, hörte er zufällig, daß unter der Decke
der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu
schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche
Heimlichkeiten der Nacht zu ergründen, und mochte sich nicht eher
zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wäre. Wohl
ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum andern, und lag ihnen an,
ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schärfen, aber keiner konnte helfen.
Da kam er durch einen glücklichen Zufall endlich mit einem
Mana-Zauberer[10] aus Finnland zusammen, der über diese verborgenen
Dinge Auskunft zu geben wußte. Als er diesem seinen Wunsch kund gethan
hatte, sagte der Zauberer warnend: »Söhnlein! jage nicht allerlei leerer
Weisheit nach, welche dir kein Glück bringen kann, wohl aber Unglück.
Manches ist den Augen der Menschen verhüllt, weil es dem Frieden des
Herzens ein Ende machen müßte, wenn es erkannt würde. Wer alle geheimen
Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die
Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du später bereuest.
--Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein
Unglück wünschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der
Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mußt mehr als
Mannesmuth haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.«
Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm
die, zum Glück nahe bevorstehende Nacht,[11] wo der Schlangenkönig immer
nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammenkommt, um ein großes
Festgelage zu halten. »Der Schlangenkönig hat ein Goldschüsselchen mit
Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stückchen Brot
in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu
stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles
Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne daß die
Menschen Kunde davon haben. Als einen glücklichen Zufall kannst du es
ansehen, daß des Schlangenkönigs Fest gerade in dieses Jahr fällt, sonst
hättest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten müssen. Sei
aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief.« -- Der
Jüngling dankte für diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz,
derselben nachzukommen, und müßte er auch dabei sein Leben einbüßen. Als
nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein
großes Moor, wo der Schlangenkönig mit seinen Unterthanen zusammenkommen
sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jüngling seine Augen nach
allen Seiten scharf umhergehen ließ, so sah er doch im Mondenschein
nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhügel, die unbeweglich da lagen.
Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein,
als plötzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa
wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhügel schimmerte. In
demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglänzte, fingen sämmtliche
Rasenhügelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben
kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den
Feuerschein zu -- und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die
vermeintlichen Hügelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger
Schlangen gewesen, die hier ihren König erwartet hatten. Als nun
sämmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glänzte,
versammelt und sich dort zu _einem_ Haufen zusammengeknäult hatten, war
dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf
der Spitze desselben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und
Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so groß, daß der Jüngling vor
Furcht keinen Schritt näher zu treten wagte, sondern lange von weitem
stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmählich aber faßte er sich
ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen
vorwärts. Was er da sah, war gräulicher als gräulich, und ging über alle
Begriffe. Tausende von Schlangen, groß und klein, von allen Farben,
waren hier wie in einem Traubenbündel um eine große Schlange gelagert,
deren Körper die Dicke eines tüchtigen Balkens zu haben schien, und die
auf dem Kopfe eine prächtige goldene Krone[12] trug, von welcher jener
Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhäuptern, die aus
dem Haufen hervorragten, züngelten und zischten wie böse Gänse und
machten ein so arges Geräusch, daß es zum Taubwerden war. Der Jüngling
hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo
jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber plötzlich das
Goldschüsselchen, von dem er gehört hatte, vor dem Schlangenkönig
erblickte und an den daran geknüpften Gewinn dachte, durfte er nicht
länger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im
Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn
vorwärts. -- O was für ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem
Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Köpfe sperrten die Mäuler weit
auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glück konnten sie ihre
Leiber nicht so schnell aus dem Knäuel los wickeln. Der Jüngling hatte
mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschüsselchen getunkt,
ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer
hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer,
darum ließ er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war,
als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wären und er stets das
Geräusch derselben zu hören glaubte. Endlich stockte ihm der Athem und
seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewußtsein auf den Rasen und blieb
starr wie ein Todter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber
schreckliche Traumbilder ließen die Gefahr noch viel größer erscheinen.
So träumte ihm, als wäre der Schlangenkönig mit der funkelnden Goldkrone
auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang
er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, daß der Strahl
der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er riß die Augen weit auf, sah
aber nirgends die nächtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so großer
Gefahr gewesen, mußte zum mindesten eine Meile weit entfernt sein.
Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gestählt, daß er so
weit hatte laufen können. Als er dann seine Gliedmaßen prüfte, fand er
sie unversehrt; und nun war seine Freude groß, daß er mit heiler Haut
davon gekommen war.

Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermüdung der
vergangenen Nacht aus, dann beschloß er, noch in dieser Nacht in den
Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm
nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden würden. Im Walde sah er
alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewiß
nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene,
röthlich schimmernde Badebänke, silberne Quäste und silberne Eimer
fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche hätten
baden wollen. Der Vollmond glänzte und gab so viel Licht, daß der Mann
Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch im
Laube, als ob ein Wind sich erhoben hätte, dann kamen von allen Seiten
nackte Jungfrauen, viel schöner und stattlicher anzuschauen, als sie
irgendwo in unsern Dörfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und
der Rasenmutter[13] Töchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem
Gebüsch spähende Jüngling hätte sich diese Nacht hundert Augen
gewünscht, denn seine zwei konnten all' die Schönheit nicht erschauen.
Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende
Badegerüste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wären sie in
Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst
ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag länger als
ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht hereinbrachen, wo er hoffte, der im
Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch
endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand
er nichts mehr, weder Badegerüst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht
müde, Nacht für Nacht hinzugehen, aber jeder Gang war vergeblich. Jetzt
nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm hätte
Freude machen können; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern
verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewiß ist es für den Menschen ein Glück,
wenn er dergleichen Geheimnisse nimmer schaut.

[Fußnote 10: Mana ist in der finnischen Mythologie gleich Hades-Pluto;
er wird als ein alter Mann mit drei Fingern und einem auf die Schulter
herabhängenden Hute geschildert. In einer ehstnischen Gebetsformel aus
dem Heidenthum ist von »Manas wahrem Bekenntnisse« die Rede. S.
_Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 8. Die
Mana-Zauberer kommen auch im _Kalewipoëg_ vor: =XVI=, 284. Der Kalewsohn
nimmt sie mit, als er auf seinem Schiffe Lennok das Weltende aufsuchen
will. -- Der Mana-Zauberer ist der stärkste, und stärker als Spruch- und
Wind-Zauberer -- nur durch den Manazauber gelingt es dem Entführer der
Linda, das Schwert von der Seite des Kalewsohnes hinwegzulocken.
_Kalewipoëg_, =XI=, 334. Mana's Hand hält den nach dem Tode zum
Höllenwächter bestellten, auf weißem Roß sitzenden Kalewsohn fest, so
daß dieser seine im Felsen steckende Rechte nicht losreißen und davon
reiten kann. S. den Schluß des Kalewipoëg. -- Die Mana-Zauberer heißen
ehstnisch =Mana targad=; das Wort =tark=, pl. =targad=, bedeutet eigentlich
den Klugen, Weisen und zugleich den Heil-und Zauberkundigen. L.]

[Fußnote 11: Nach dem estnischen Volksglauben findet immer in der Nacht
des 25. April (des St. Markustages) ein allgemeiner Schlangenconvent
statt: als die Localität wird der =sirtsosoo= (Heimchenmoor) westlich vom
Peipussee genannt. S. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Mythische u. mag. Lieder der
Ehsten, S. 77. L.]

[Fußnote 12: Diese Krone ist von den unterirdischen Zwergen
geschmiedet. S. die Anm. zu Märchen 17. L.]

[Fußnote 13: S. die betreffende Nota zu dem Märchen 8 vom Schlaukopf.
L.]



3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge.


Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirth mit seinem Weibe; es
mangelte ihnen an Nichts, vielmehr hatte Gott sie mit Allem reichlich
gesegnet, so daß sie in den Augen der Menschen als glücklich galten.
Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichthum geben konnte, sie waren
kinderlos, wiewohl ihre Ehe schon über zehn Jahre dauerte.

Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die
Frau allein im Zimmer saß, daß ihr die Zeit lang wurde und Unmuth sie
überfiel. »Da sind doch die Nachbarweiber viel glücklicher als ich,«
dachte die Frau. »Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu
vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch
nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein
nenne, wie ein verdorrter Baumstamm muß ich allein im leeren Gemache
hausen.« Während sie so dachte, traten ihr die Thränen in die Augen, und
ich weiß nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen
hatte, ohne zu bemerken, daß ein unerwarteter Gast in's Zimmer getreten
war. Plötzlich fühlte sie, daß etwas ihre Fußknöchel kitzele und meinte,
es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie
einen zierlichen Zwerg zu ihren Füßen. »Ach!« rief sie erschreckt und
wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hände hielten sie
fest wie mit eisernen Zangen, so daß sie nicht von der Stelle konnte.
»Erschrick nicht, liebes junges Weib!« sagte der Zwerg freundlich --
»daß ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu
stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so träge
hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurück.
Liebes junges Weib.« -- Die Frau unterbrach ihn unwillig: »Spotte nur
nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon über
zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frühere bessere
Zeit.«[14] »Was thut's,« erwiederte der Zwerg, »Wenn die Frau noch
keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie
du, dann ist sie immer noch »junges Weib«, und du hast ja bis jetzt
keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen.« »Ja,«
sagte die Frau, »das ist es eben, was mich oft so bekümmert, daß mein
Mann mich schon längst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie
einen dürren Stamm, der keine Zweige mehr treibt.« Der Zwerg aber sagte
tröstend: »Sorge nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und
ehe du ein Jahr älter geworden bist, werden deinem Stamm, den du für
vertrocknet hältst, drei Zweige entsprießen und den Eltern zur Freude
aufwachsen. Du mußt nun aber Alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen
werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mußt du ihm drei Eier
von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann
schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile
dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette
schlüpfst. Wenn die Zeit da ist, daß meine Worte in Erfüllung gehen, so
komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch Allen ein
Geheimniß. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und:
Mutter! sage.« Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als
wäre er in die Erde gesunken. Das junge Weib -- ihr war der Name
kränkend -- rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit
kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei.
Wonach der Mensch sich sehnt, das hält er meist für wahr, und so war es
auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht
mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott
die Frau drei Eier von einer schwarzen Henne gab sie ihm am Abend zu
essen und that sonst, wie ihr vorgeschrieben war.

Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und
Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten,
binnen welcher sich ihr Verlangen erfüllen sollte. Zur rechten Zeit kam
die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben,
schön und gesund. Als die Wöchnerin schon wieder in der Genesung und der
Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgäste und Gevattern
zusammen zu bitten, kam der glückbringende Zwerg, die Wöchnerin zu
besuchen. »Guten Tag, Goldmutter!« rief der Zwerg in's Zimmer tretend.
»Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfüllt
hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, daß meine
Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter
glauben, was ich dir heute sagen werde. Deine Söhne werden weltberühmte
Männer werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode.
Zeige mir doch deine Bübchen!« Mit diesen Worten war er wie eine Katze
auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knäulchen rothen Garns aus
der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fußknöchel,
dem andern wieder um die Handgelenke und dem dritten über die
Augenlieder um die Schläfen herum. »Diese Fäden,« so lautete des Zwerges
Vorschrift, mußt du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder
zur Taufe geführt werden; dann verbrenne die Fäden, sammle die Asche in
einem kleinen Löffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht
werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser stärkenden
Aschenmilch mußt du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gießen,
ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark
werden, wo der Faden haftete, der eine an den Füßen, der andere an den
Händen und der dritte an den Augen, so daß ihres Gleichen nicht sein
wird auf der Welt. Jeder wird schon mit seiner eigenen Glücksgabe Ehre
und Reichthum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so
können sie Dinge ausrichten, die man nicht für möglich halten würde,
wenn man sie nicht vor Augen sähe. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen,
aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn
deine Knäblein zu Männern herangewachsen sind und dir Freude machen
werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge
Mutter! -- Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal,
plötzlich verschwunden.

Die Wöchnerin that sorgfältig Alles, was ihr in Betreff der Kinder
vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die rothen Fäden zu
Asche, ließ, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden,
Milch aus ihrer Brust auf die Asche fließen und goß von dieser
Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die
Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst
jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge
begegnet waren.

Die Kinder wuchsen alle drei blühend heran und gaben, als sie fest auf
ihren Füßen standen, Proben großer Klugheit. Doch zeigte sich schon von
früh auf, daß bei jedem die durch den Wunderfaden gekräftigten Glieder
am tüchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem andern die Hände
und bei'm dritten die Füße. Deßhalb nannten die Eltern sie später je
nach ihrer Hauptstärke, den ersten _Scharfauge_, den zweiten _Flinkhand_ und
den dritten _Schnellfuß_. Als nach einigen Jahren die Brüder in's
Jünglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit
ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Stärke und
Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte
jeder der Brüder für sich allein den Weg zum Glücke antreten, der eine
gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei
Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurückkommen und
melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei.

_Schnellfuß_ nahm den Weg gen Morgen, von ihm müssen wir nun zuerst
erzählen. Daß er mit seinen mächtigen Schritten viel rascher vorwärts
kam als seine Brüder, das kann Jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen
einem Manne unter den Füßen schwinden, ohne daß diese ermüden, da wird
ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung
machen, daß flinke Beine wohl überall einen Menschen aus einer Gefahr
befreien können, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn
Hände sind aller Orten nöthiger als Füße. _Schnellfuß_ fand erst nach
geraumer Zeit bei einem Könige in Ostland einen festen Dienst. Der König
besaß große Roßherden, unter denen viele stätische Renner waren, die
kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Roß. Aber mit _Schnellfuß_
konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das
Roß. Was früher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten,
das besorgte er ganz allein und ließ nie ein Pferd von der Herde
wegkommen. Darum zahlte ihm der König unweigerlich den Lohn von funfzig
Hirten, und machte ihm außerdem noch Geschenke. Die flüchtigen Schritte
des neuen Roßhirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum
Morgen die ganze Nacht durch oder vom Morgen bis zum Abend den Tag über
gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht müde, sondern konnte
am andern und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah
oft, daß die Rosse, bei heißem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen
Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber
dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen. Da gab einst der
König ein großes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Fürsten
geladen waren. Während des Festes hatte der König seinen Gästen viel von
seinem schnellfüßigen Roßhirten erzählt, so daß alle den Wundermann zu
sehen begehrten. Manche meinten, es dürfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn
die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewöhnten Rosse sich
einfangen ließen; das allerstörrigste Pferd höre auf des Herrn Wort und
komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden
Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die
Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt. Da ließen einige
fremde Herren die bestgefütterten und feurigsten Rosse aus ihren Ställen
herführen und dann ins Freie treiben, auf daß _Schnellfuß_ sie einfange.
Das war dem Hirten mit den beflügelten Füßen eine Kleinigkeit, denn auch
ein gestandennes, wohlgenährtes Pferd kann doch nicht mit Einem um die
Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag
sich zu rühren. Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfüßigkeit
des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Münzen,
versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch'
ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name
_Schnellfuß_ berühmt geworden, und wenn irgend ein König einmal einen
schnellen Boten brauchte, so wurde _Schnellfuß_ gemiethet, der dann
reichen Lohn und außerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein
anderes Mal wieder willig finden ließe. Als er nach drei Jahren sich
aufmachte um in die Heimath zurückzukehren, hatte er soviel Geld und
Schätze gesammelt, daß er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche
ihm der König geschenkt hatte.

Der zweite Bruder, _Flinkhand_, der gen Mittag gezogen war, fand aller
Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein
anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl
er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so
gerieth in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war
Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder
was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden,
dem er nicht zum Gesellen getaugt hätte. Einmal war er bei einem
Schneidermeister auf Stücklohn in Arbeit und nähte in einem Tage zwanzig
Paar Hosen, ein anderes Mal machte er für einen Schuster in eben der
Zeit ebensoviel Paar Stiefel fertig. Dabei war Alles, was er machte, so
vollkommen, daß, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von
derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte.
_Flinkhand_ hätte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden können, wenn
er irgendwo längere Zeit hätte aushalten können, allein er sehnte sich
darnach, die weite Welt zu sehen und streifte deßhalb gewöhnlich von
einem Ort zum andern. So kam er auch einmal in eine Königsstadt, wo er
Alles in großer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind
ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fuß- und
Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich überall Meister und
Gesellen von früh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar
Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen
Zeit nicht soviel anfertigen, wie der König wollte. Zwar wurde nah und
fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war
so viel, daß all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen.

Eines Tages nun trat _Flinkhand_ in des Königs Schloß und wünschte den
König zu sprechen. Dann sagte er: »Geehrter König! ich höre von den
Leuten, daß ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weitgereister
Meister und kann vielleicht die Arbeiten übernehmen, wenn wir Handels
einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein
müssen.« Als der König die Frist genannt hatte, sagte _Flinkhand_: »Lasset
alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem
genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden können, wenn das nicht der
Fall ist, so übernehme ich Alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir
allein zu zahlen.« -- »Das wäre schon recht,« erwiederte der König,
»wenn ihr so viele Gesellen bekommen könntet, aber das ist ja eben, was
unsern städtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter.« --
»Das sei meine Sorge,« erwiederte _Flinkhand_. Den andern Tag wurden alle
Meister der Stadt in das Schloß gerufen und gefragt, wann Jeder mit
seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fünf
Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. »Nun,« sagte _Flinkhand_ zum
Könige, »wenn ihr mir für drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so
will ich allein all' die Arbeit übernehmen, mit der die Andern wohl erst
in einem halben Jahre zu Stande kämen.« Das schien indeß dem Könige so
wunderbar und so unglaublich, daß er besorgte, man wolle ihm einen
Possen spielen und deßhalb fragte: »Was für eine Bürgschaft kannst du
mir geben, daß du deine Versprechungen erfüllen wirst?« _Flinkhand_
erwiederte: »Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten
könnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande
wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht
die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine
Probearbeit bringen.« Das war der König zufrieden. Die Gesellen aber
meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhält, so muß er uns
auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als
der König am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr
zufrieden damit, und obwohl alle übrigen Meister vor Neid bersten
wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich
_Flinkhand_ wie ein Mann an's Werk. War ihm auch früher schon alle Arbeit
von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von früh
bis spät entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit,
um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu
ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf für die
Soldaten fertig und dem Könige abgeliefert. Der König zahlte den für
drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fügte fast eben soviel noch
als Geschenk hinzu. Dann sagte er: »Lieber kluger Meister! ich möchte
mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere
gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen
weiß, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.«
_Flinkhand_ erwiederte: »Vielleicht verhält sich die Sache so, wie ihr,
geehrter König, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich
lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur
unblutige Arbeit gethan. Ueberdieß rückt auch die Zeit heran, wo die
Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht übel, wenn ich eurem
Verlangen diesmal nicht entsprechen kann.« So schied er von der
Königsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er
hatte noch über ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von
einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo länger aufhielt, so
arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein
angesammeltes Vermögen nicht angreifen.

Der dritte Bruder, _Scharfauge_, der seinen Weg gen Abend genommen hatte,
schweifte lange von einem Orte zum andern, ohne einen passenden und
lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schütze konnte er zwar
allenthalben soviel erwerben, um seinen täglichen Unterhalt zu
bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu
bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine große Stadt
gerathen, wo man nur von dem Unglück sprach, das den König schon drei
Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu
verhüten vermochte. Die Sache verhielt sich so. Der König hatte in
seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber
goldene Aepfel trug, von denen manche so groß waren wie ein großes
Knäuel Garn, und viele tausend Rubel werth sein mochten. Es läßt sich
denken, daß ein solches Obst nicht ungezählt blieb, und daß Nacht und
Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhüten. Trotzdem
war schon drei Nächte hintereinander immer einer der größeren Aepfel
gestohlen worden; man schätzte den Werth eines solchen auf sechstausend
Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur
gefunden. _Scharfauge_ dachte sich gleich, daß hier eine ganz besondere
List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen
könnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht körperlos und unsichtbar zum
Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat
deßhalb den König um die Erlaubniß, sich in den Garten begeben zu
dürfen, um ohne Vorwissen der Wächter seine Beobachtungen anzustellen.
Als er die Erlaubniß erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines
hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck
zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, während sein scharfes Auge
überall hin reichte und Alles, was vorging, sehen konnte. -- Brotsack
und Milchfäßchen nahm er mit sich, damit er nicht genöthigt wäre seinen
Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Länge zöge. Den
Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun
unausgesetzt im Auge. Die Wachtsoldaten hatten um den Baum herum drei so
dichte Kreise geschlossen, daß kein Mäuslein unbemerkt hätte
durchschlüpfen können. Wenn der Dieb nicht etwa Flügel hatte, auf dem
Boden konnte er nicht an den Baum gelangen. Den ganzen Tag über bemerkte
Scharfauge nichts, was einem Diebe ähnlich gesehen hätte. Bei
Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den
Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederließ,
an welchem gerade ein sehr schöner Apfel hing. Daß ein kleiner
Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte,
begreift Jeder so gut wie _Scharfauge_, allein da dieser nichts Größeres
gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling.
Die Sonne war längst untergegangen und auch die Abendröthe verschwand
allmählich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten
Laternen gaben so viel Licht, daß man Alles sehen konnte. Der gelbe
Schmetterling saß immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um
Mitternacht sein, als dem Wächter auf dem Baume die Augen ein wenig
zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, als aber
seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, daß der gelbe
Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige saß, -- noch mehr erschrak er,
als er entdeckte, daß auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige
verschwunden war. Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu
zweifeln, allein wenn der geheime Wächter die Sache erzählt hätte, so
würden die Leute ihn für verrückt gehalten haben, denn soviel konnte ein
Kind einsehen, daß ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel
weg zu tragen. Am Morgen gab es wieder großen Lärm, als man fand, daß
ein Apfel fehle, ohne daß einer der Wächter eine Spur vom Diebe gesehen
hätte. Da trat _Scharfauge_ abermals vor den König und sagte: »Ich habe
zwar den Apfeldieb ebensowenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in
der Stadt oder in der Nähe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so
weiset mich zu ihm, mit seiner Hülfe hoffe ich künftige Nacht des Diebes
habhaft zu werden.« Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden
sei, ging er unverzüglich zu ihm. Die Männer rathschlagten dann, wie sie
die Sache wohl am besten anfangen könnten. Nach einiger Zeit rief
_Scharfauge_ »Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem
Spinngewebe solche Festigkeit geben, daß die Fäden auch das stärkste
Geschöpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so daß er uns
nicht wieder entrinnt.« Der Zauberer sagte, das sei möglich; nahm drei
große Kreuzspinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, daß kein
Geschöpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, that sie in ein
Schächtelchen und gab sie dem _Scharfauge_. »Setze diese Spinnen, wohin du
willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen
sollen, so spinnen sie alsbald einen Käfig um den Gefangenen, aus
welchem nur Mana's[15] Weisheit erlösen kann; übrigens eile ich dir zu
Hülfe, wenn es dessen bedarf.«

_Scharfauge_ schlüpfte mit dem Schächtelchen im Busen wieder auf seinen
Baum, um den Verlauf der Sache zu überwachen. Zu derselben Zeit wie
gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben,
aber es dauerte heute viel länger als gestern, ehe sich der
Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein großer Goldapfel
hing. Sofort ließ sich Scharfauge von seinem Baume herunter, näherte
sich dem Goldapfelbaum, ließ eine Leiter anlegen, kletterte sachte
hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine
kleinen Weber je auf drei Zweige. Eine Spinne kam so einige Spannen über
dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner
Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in
die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser saß mit
aufgerichteten Flügeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der
Wächter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner
Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten
ein Gehege machten, aus welchem das Männlein nicht hoffen durfte zu
entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerühmt hatte,
sich bewähren würde. Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor
dem Einschlummern zu hüten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die
Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, aber
ein großer Lärm hatte ihn plötzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er
wahr, daß die Wachtsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum
liefen und tobten; auf dem Baume aber saß ein alter graubärtiger Mann,
einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze. Hurtig stieg
_Scharfauge_ von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum
erreicht hatte, war auch schon der König da, der bei dem Lärm der Wachen
aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich
Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da saß nun der Dieb im Eisenkäfig
und konnte nirgends hin »Geehrter König,« sagte dann _Scharfauge_: »jetzt
könnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen,
der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wäre er auch noch so stark, so kann er
doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Käfigs nicht
zerreißen.« Der König dankte und befahl dem Haupthaufen der
Wachtsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so daß nur noch einige unter
dem Baume auf Wache blieben; _Scharfauge_, der zwei Nächte und zwei Tage
gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen.

Am andern Morgen ging er mit dem Zauberer in des Königs Schloß. Der
Zauberer war froh, als er den Dieb im Käfig fand und wollte ihn auch
nicht eher herauslassen, als bis das Männlein seine wahre Gestalt
gezeigt haben würde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter
dem Kinne ab, ließ Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O
der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkäfig jetzt auszustehen
hatte![16] Er schrie jämmerlich und überschlug sich vor Schmerz, aber
der Zauberer ließ nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb
mürber zu machen. Dann rief er: »Bekenne, wer du bist?« Das Männlein
antwortete: »Ich bin des Hexenmeisters _Piirisilla_ Knecht, den sein Herr
ausgeschickt hat zu stehlen.« Der Zauberer begann wieder die Barthaare
zu sengen. »Au, au!« schrie der Hexenmeister, »laßt mir Zeit, ich will
bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.«
Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: »Ich bin
der Hexenmeister Piirisilla selbst.« »Zeige uns deine natürliche
Gestalt -- oder ich senge wiederum,« befahl der mächtige Zauberer. Da
begann das Männlein im Käfig sich zu strecken und auszudehnen, und war
in wenig Augenblicken zu einem gewöhnlichen Manne angewachsen, der die
Entwendung der Goldäpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er
sammt dem Käfige vom Baume heruntergenommen und gefragt, wo das
Gestohlene versteckt sei? Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber
_Scharfauge_ bat den König, den Dieb ja nicht aus dem Käfig zu lassen,
denn sonst könnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und
ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebslöcher angab, mußte er noch
manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldäpfel
herbeigeschafft waren, wurde der böse Dieb im Käfig verbrannt und seine
Asche in die Luft gestreut.

Als der König seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem _Scharfauge_ einen
sehr großen Lohn, so daß er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine
beiden Brüder. Der König hätte ihn gern in seine Dienste genommen, aber
_Scharfauge_ sagte: »Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern
muß nach Hause, um meine Eltern zu sehen.« Darauf schenkte ihm der König
Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichthümer nach Hause
brachten.

Als nun die Brüder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden
sie sich so reich, daß sie mehr als ein halbes Königreich hätten kaufen
können. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glückbringende Zwerg
das Alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren
Vorfall. Reichthum war jetzt in solchem Maße vorhanden, daß die Söhne
gewiß nicht nöthig gehabt hätten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber
wo fände man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe
zufrieden wäre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte? Als die
Brüder später erfuhren, daß eines überaus reichen Königs Tochter im
Nordlande demjenigen zu Theil werden sollte, der drei besonders
schwierige Dinge ausführen könnte, die bis dahin noch keinem möglich
gewesen waren -- beschlossen sie einmüthig, die Sache zu versuchen. Es
waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu
versuchen, aber Keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lösen,
denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es
ganz unmöglich das Verlangte zu vollbringen. Als die Brüder den
Entschluß gefaßt hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und
damit sie rascher vorwärts kämen, trug _Schnellfuß_ die beiden Andern von
Zeit zu Zeit auf seinem Rücken weiter. Weil nun aber die Arbeit von
_einem_ Manne gethan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei
zugleich vor den König treten. _Schnellfuß_ wurde ausgesandt,
Erkundigungen einzuziehen. Die drei Probestücke, welche der künftige
Schwiegersohn des Königs ausführen sollte, waren folgende: Erstens
sollte er einen Tag mit einer großen Rennthierkuh auf die Weide gehen
und Sorge tragen, daß ihm das windschnelle Thier nicht davon laufe;
Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen.
Zweitens sollte er Abends das Schloßthor verschließen. Das dritte
Probestück erschien als das schwerste. Er sollte nämlich mit seinem
Bogen einen Apfel wegschießen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen
Berge im Munde hielt, ohne daß der Mann Schaden nähme, und so, daß der
Pfeil mitten durch den Apfel ginge. Die beiden ersten Arbeiten schienen
wohl nicht so schwer, doch hatte Niemand sie bisher ausführen können,
und zwar deßhalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die
Rennthierkuh besaß nämlich eine so wunderbare Schnelligkeit, daß sie in
einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt
hätte laufen können. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten? Bei dem
zweiten Probestück war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den
eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter
hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit höllischer Kraft
die Hand des Unglücklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis
die Hexe selber los ließ. Das war aber noch nicht Alles -- in demselben
Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflügel an,
wie vom Winde geschüttelt hin und her zu tanzen. So mußte der an der
Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und
her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr todt als
lebendig. Obendrein lachten der König und die Leute über sein Unglück
und er mußte mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern
so verrenkt, daß sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten. Die dritte
Aufgabe konnte nur einem geschickten Schützen gelingen, dessen Hand und
Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfuß dies Alles erfahren
hatte, ging er nicht gleich zum Könige, sondern suchte erst seine Brüder
wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Männer
berathen hatten, fanden sie, daß sie zu Dreien diese Dinge wohl zu
Stande bringen könnten, das Verdrießliche war nur, daß sie in den Augen
des Königs als Einer erscheinen mußten, wenn sie den versprochenen
Kampflohn erringen wollten. Die schlauen[17] Brüder beschnitten also
ihre Bärte auf gleiche Weise, so daß keinem weder auf der Oberlippe noch
unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem andern; und da sie als
Söhne einer Mutter und als Drillinge an Körperbildnug und Geberde wenig
verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht
herausfinden. Sie ließen sich dann einen gar prächtigen fürstlichen
Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Sammet bestand und mit
Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so daß Alles glänzte und
schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie
sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die
Brüder mit einem Eide, daß nur das Loos entscheiden solle, wer von ihnen
des Königs Schwiegersohn werden sollte. Da nun die starken Brüder auf
diese Weise allen künftigen Mißhelligkeiten vorgebeugt hatten,
schmückten sie eines Tages _Schnellfuß_ mit den prächtigen Kleidern und
schickten ihn zum Könige, damit er die Rennthierkuh auf die Weide führe.
Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste große Stein hinweggewälzt,
der bis jetzt alle dreier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten.

_Schnellfuß_ trat so stolz vor den König hin, als wäre er ein geborener
Königssohn, grüßte mit Anstand und bat um Erlaubniß, das Probestück am
andern Morgen zu versuchen. Der König gab sie, fügte aber hinzu: »Gut
wäre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzöget, denn unsere Rennthierkuh
läuft unbekümmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da könntet ihr
die theuren Kleider verderben.« _Schnellfuß_ erwiederte: »Wer eure Tochter
freien will, was macht sich der aus Kleidern?« und ging dann zur Ruhe,
um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Königs Tochter, die
heimlich durch eine Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht hatte,
sagte seufzend: »Wenn ich doch dem Rennthier Fußfesseln anlegen könnte,
ich thäte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.«

Als den andern Morgen die Sonne aufgegangen war, band _Schnellfuß_ der
Rennthierkuh einen Halfterstrang[18] um den Hals und nahm das andere
Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen könnte.
Als die Stallthür geöffnet wurde, schoß die Kuh wie der Wind davon, der
Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen
Schritt zurück. Der König und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten
über die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch
Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen
können. Wiewohl _Schnellfuß_ sobald keine Ermüdung zu fürchten hatte, so
hielt er es doch für gerathen, die Kuh zu besteigen, sobald er den
Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rücken des Thieres, hielt
sich am Halfter fest und ließ sich weiter tragen. Es war noch früh am
Morgen, als die Rennthierkuh schon merkte, daß von diesem Hirten nicht
loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden.
_Schnellfuß_ sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen,
hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe. Als die
Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den
Schatten und fing an wiederzukäuen. Nach Mittag versuchte das Thier noch
einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen,
aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rücken der Kuh, so daß er
seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr groß war das Erstaunen des
Königs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die
störrige Rennthierkuh gleich dem frömmsten Lamme mit ihrem Hirten heim
kehrte. _Schnellfuß_ führte sie in den Stall, verschloß die Thür und
speiste dann auf Einladung des Königs an dessen Tafel. Nach dem
Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur
Ruhe gehen, um die Ermüdung des Tages los zu werden.

Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brüdern, die
seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte _Flinkhand_ die prächtigen
Kleider anziehen und zum Könige gehen, um das zweite Probestück
auszuführen. Der König, welcher ihn für den Mann von gestern hielt,
lobte seine Hirtenarbeit und wünschte ihm Glück zu seiner heutigen
Aufgabe, nämlich am Abend die Pforte zu verschließen. Des Königs Tochter
hatte wieder durch die Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht
und sagte seufzend: »Wenn ich könnte, ich schaffte die böse Hexe von der
Pforte fort, damit diesem theuren Jünglinge kein Leid geschähe, den ich
mir zum Gemahl wünsche.«

_Flinkhand_, der genau wußte, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt,
ging vom Könige gerades Wegs zum Schmied und ließ sich eine starke
eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe
gegangen war, machte er Feuer an und ließ darin die Eisenhand
rothglühend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn
seine Körperlänge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die
glühende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die
Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie
für eine natürliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fühlte,
fing sie so an zu brüllen, daß alle Wände bebten und viele Schläfer im
Schloß durch den Lärm aufgeweckt wurden. Aber _Flinkhand_ hatte in
demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der
Hexe geschützt hatte, den Riegel vorgeschoben, so daß die Pforte
verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der König am Morgen
aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch
verriegelt. Der König lobte die Geschicklichkeit des Jünglings, der
schon zwei schwierige Arbeiten ausgeführt hatte und lud ihn zu Mittag zu
Gaste. _Flinkhand_ aß sich an des Königs Tafel satt und wußte sich auch
angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubniß bat, nach Hause zu
gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan,
auch noch mancherlei Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen
habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brüder ihn längst erwarteten und
wissen wollten, wie das Probestück abgelaufen wäre. Da nun die starken
Brüder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte,
wen endlich das Glück treffen würde, Schwiegersohn des Königs zu werden,
so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes.

Am folgenden Morgen wurde _Scharfauge_ mit dem prächtigen königlichen
Anzuge bekleidet und ausgeschickt, um das dritte Probestück auszuführen.
Nicht minder stolz und anmuthig wie die beiden andern Brüder trat er vor
den König, und bat um die Erlaubniß, das letzte Probestück zu
unternehmen. Der König sagte: »Ich freue mich sehr, daß es euch möglich
gewesen ist zwei Arbeiten zu vollbringen, welche bis auf den heutigen
Tag noch Keiner ausführen konnte, so viel ihrer auch von allen Seiten
zusammenströmten, um den Versuch zu machen. Dennoch fürchte ich, daß ihr
die dritte Arbeit nicht zu Stande bringen werdet, denn das Ziel, welches
ihr treffen müßt, steht sehr hoch und ist ein kleiner Körper.«
_Scharfauge_ erwiederte: »Wer euer Schwiegersohn werden will, der darf
nichts für schwer achten, denn so großes Glück fällt Niemanden im
Schlafe zu.« Darauf gab der König die Erlaubniß, am folgenden Morgen das
Probestück zu unternehmen. Aber des Königs Tochter, welche wiederum
durch die Thürspalte nach dem Jüngling gespäht hatte, seufzte mit
Thränen in den Augen: »Könnte ich etwas für diesen Jüngling thun, daß er
morgen zum dritten Male Sieger bliebe, ich gäbe Hab' und Gut dafür --um
ihn zum Gemahl zu erhalten.«

War schon das erste und zweite Mal eine große Menge Volks von allen
Seiten herbei gekommen, um die Wunderwerke zu sehen, so waren heute die
Tausende gar nicht mehr zu zählen. Auf dem Gipfel eines Berges stand der
Apfelträger, der in solcher Höhe nicht viel größer aussah als eine
Krähe, und ihm sollte _Scharfauge_ den Apfel vom Munde weg schießen, so
daß der Pfeil ihn in der Mitte spaltete. Niemand hielt die Sache für
möglich. Gleichwohl fürchtete der Mann oben, der den Apfel am Stiele im
Munde zu halten hatte, der Schütze könnte doch vielleicht in's Ziel
treffen, darum beschloß er in seinem mißgünstigen Sinne, dem Schützen
die an sich schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. Er faßte nicht, wie
vorgeschrieben war, den Apfel mit den Zähnen am Stiele, sondern steckte
den halben Apfel in den Mund und dachte: je kleiner ich den Gegenstand
mache, auf den er zielen muß, desto weniger kann er sehen und treffen.
Aber für _Scharfauge_ war der halbe Apfel nicht minder deutlich als der
ganze. Er zielte einige Augenblicke mit seinem durchdringenden Blicke,
schnellte den Pfeil vom Bogen und o Wunder! der Apfel war mitten
durchgespalten, so daß beide Hälften genau gleiche Größe hatten. Der
neidische Apfelhüter hatte zugleich den verdienten Lohn für seine
Bosheit erhalten, denn da _Scharfauge_ gerade auf die Mitte des Apfels
gezielt hatte, der Mann aber dessen größere Hälfte im Munde hielt, so
hatte der Pfeil von beiden Seiten des Mundes ein Stück Fleisch mit
weggerissen. Als der entzwei geschossene Apfel dem Könige zum Beweise
überreicht wurde, brach die Menge in ein Freudengeschrei aus. Ein
solches Wunder hatte sich noch nicht begeben. Des Königs Tochter vergoß
Freudenthränen, da ihres Herzens Wunsch in Erfüllung gegangen war; der
König aber lud _Scharfauge_ ein, zu ihm zu kommen, damit er ihn sofort
seiner Tochter verloben könne. Scharfauge lehnte es ehrfurchtsvoll ab
mit den Worten: »Vergönnt mir, den heutigen Tag mich nach der Arbeit zu
erholen! morgen wollen wir uns der Freude ergeben!« Er wollte sich
nämlich keines Fehls gegen seine Brüder schuldig machen, welche gleich
ihm ihren Theil der Arbeit gethan hätten: das Loos mußte entscheiden,
welchem von ihnen der Lohn zufallen sollte.

Als Scharfauge zu seinen Brüdern kam, erzählte er ihnen den Hergang, und
sie freuten sich erst noch mit einander wie die Kinder, ehe sie das Loos
warfen. Nach Gottes Fügung brachte das Loos dem _Scharfauge_ Glück; er
sollte nun des Königs Schwiegersohn werden. Noch einmal schliefen die
Brüder beisammen, dann schlug die bittere Trennungsstuude, _Scharfauge_
begab sich in die Königsstadt, _Schnellfuß_ und _Flinkhand_ machten sich in
die Heimath zu ihren Eltern auf.

Nach ihrer Rückkehr kauften die beiden reichen Brüder sich viele Güter
und Ländereien, so daß ihr Gebiet bald einem kleinen Königreiche glich.
_Scharfauge_ hatte Alles seinen Eltern und Brüdern geschenkt, da er, als
Schwiegersohn des Königs, seines eigenen Vermögens nicht mehr bedurfte.
Die Eltern freuten sich über das Glück ihrer Kinder, nur war der Mutter
das Herz oft schwer, weil ihr dritter Sohn so weit von ihnen in der
Fremde lebte, daß sie nicht hoffen durfte ihn wieder zu sehen. Als aber
die Eltern später gestorben waren, da hatten _Schnellfuß_ und _Flinkhand_
keine Ruhe mehr in der Heimath, sie verpachteten ihre Besitzungen und
streiften wieder in fremden Landen umher, um neue Reichthümer und
Schätze durch ihre Gaben zu erwerben. Wie weit ihre Wanderung reichte,
was für Thaten sie auf derselben verrichteten und ob sie später wieder
in die Heimath zurückkehrten, darüber kann ich euch nichts weiter
melden. Aber _Scharfauge's_ Geschlecht muß noch heutiges Tages in dem
Lande wohnen, wo der Stammvater einst das Glück hatte, Schwiegersohn des
Königs zu werden.

[Fußnote 14: Die »Haube« steht für die Trägerin derselben verwaist, wie
das lat. =orba=, ohne Kinder gehabt zu haben. Vgl. auch _Neus_, ehstn.
Volkslieder, S. 276. F. Z. 4. L.]

[Fußnote 15: Ueber Mana s. d. Anm. zu S. 25 in dem Märchen von den im
Mondschein badenden Jungfrauen. L.]

[Fußnote 16: Vgl. _Boecler_, der Ehsten Gebräuche ed. Kreutzwald, S. 139.
L.]

[Fußnote 17: Der Text sagt =Rootsi wennaksed= d. h. schwedische Brüder.
Das Colorit des Märchens ist aber ganz ehstnisch; Belege für meine
Uebersetzung finde ich nicht. L.]

[Fußnote 18: Dieser wird gebildet durch Klötzchen, die an einer Schnur
hängen und mit Ringen wechseln. L.]



4. Der Tontlawald.


Zu alten Zeiten stand in Allentacken[19] ein schöner Hain, der
Tontlawald hieß, den aber kein Mensch zu betreten wagte. Dreistere, die
zufällig einmal näher gekommen waren und gespäht hatten, erzählten, sie
hätten unter dichten Bäumen ein verfallenes Haus gesehen und um dasselbe
herum menschenähnliche Wesen, von denen der Rasen wie von einem
Ameisenhaufen wimmelte. Die Geschöpfe hätten rußig und zerlumpt
ausgesehen wie die Zigeuner, und es wären namentlich viel alte Weiber
und halbnackte Kinder darunter gewesen. Als einst ein Bauer, der in
finsterer Nacht von einem Schmause nach Hause ging, etwas tiefer in den
Tontlawald hineingerathen war, hatte er seltsame Dinge gesehen. Um ein
helles Feuer war eine Unzahl Weiber und Kinder versammelt, einige saßen
am Boden, die andern tanzten auf dem Plan. Ein altes Weib hatte einen
breiten eisernen Schöpflöffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu
Zeit die glühende Asche über den Rasen hinstreute, worauf die Kinder mit
Geschrei in die Luft hinauf fuhren und wie Nachteulen um den
aufsteigenden Rauch flatterten, bis sie zuletzt wieder herabkamen. Dann
trat aus dem Walde ein kleiner alter langbärtiger Mann, der auf dem
Rücken einen Sack trug, der länger war als er selbst. Weiber und Kinder
liefen dem Männlein lärmend entgegen, tanzten um ihn herum und suchten
ihm den Sack vom Rücken zu reißen, aber der Alte machte sich von ihnen
los. Jetzt sprang eine schwarze Katze, so groß wie ein Fohlen, die mit
glühenden Augen auf der Thürschwelle gesessen, auf des Alten Sack und
verschwand dann in der Hütte. Weil aber dem Zuschauer schon der Kopf
brannte und es ihm vor den Augen flimmerte, so blieb auch seine
Erzählung unsicher, und man konnte nicht recht dahinter kommen, was
daran wahr und was falsch sei. Auffallend war es, daß von Geschlecht zu
Geschlecht solche Dinge vom Tontlawalde erzählt wurden; aber Niemand
wußte genauere Auskunft zu geben. Der Schwedenkönig hatte mehr als
einmal befohlen, den gefürchteten Wald zu fällen, aber die Leute wagten
es nicht den Befehl zu vollziehen. Einmal hieb ein dreister Mann mit
einer Axt in einige Bäume, da floß sogleich Blut und man hörte
Jammergeschrei wie von gequälten Menschen.[20] Der erschreckte
Holzfäller nahm zitternd und bebend die Flucht; seitdem war kein noch so
strenger Befehl, kein noch so reichlicher Lohn im Stande, wieder einen
Holzfäller in den Tontlawald zu locken. --Sehr wunderbar erschien es
auch, daß weder ein Weg aus dem Walde heraus noch einer hinein führte;
auch sah man das ganze Jahr durch keinen Rauch aufsteigen, der das
Dasein menschlicher Wohnstätten verrathen hätte. Groß war der Wald
nicht, und rings um ihn her war flaches Feld, so daß man freien Ausblick
auf den Wald hatte. Hausten wirklich hier von Alters her lebende Wesen,
so konnten sie doch nicht anders in dem Walde ein- und ausgehen als auf
unterirdischen Schlupfwegen, oder sie mußten auch wie die Hexen bei
nächtlicher Weile, wo Alles ringsum schlief, durch die Luft fahren. Das
Letztere ist, dem Erzählten zufolge, das Wahrscheinlichere. Vielleicht
erhalten wir über diese Wundervögel mehr Auskunft, wenn wir den Wagen
der Erzählung etwas weiterlenken und im nächsten Dorfe ausruhen.

Einige Werst vom Tontlawalde lag ein großes Dorf. Ein verwittweter Bauer
hatte unlängst wieder ein junges Weib genommen und, wie das wohl oft
vorkommt, ein rechtes Schüreisen in's Haus gebracht, so daß Verdruß und
Zank kein Ende nahmen. Das von der ersten Frau nachgebliebene
siebenjährige Mädchen, mit Namen Else, war ein kluges sinniges Geschöpf.
Dieser Armen machte aber die böse Stiefmutter das Leben ärger als die
Hölle, sie puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend und gab
ihm schlechteres Essen als den Hunden. Da die Frau die Hosen anhatte, so
konnte die Tochter sich auf ihren Vater nicht stützen: der Hansdampf
mußte ja selbst nach des Weibes Pfeife tanzen. Länger als zwei Jahre
hatte Else dieses schwere Leben ertragen und hatte viele Thränen
vergossen. Da ging sie eines Sonntags mit andern Dorfkindern aus, um
Beeren zu pflücken. Schlendernd, nach Kinderart, waren sie unvermerkt an
den Rand des Tontlawaldes gekommen, wo sehr schöne Erdbeeren wuchsen, so
daß der Rasen ganz roth davon war. Die Kinder aßen von den süßen Beeren
und pflückten noch soviel in ihre Körbchen, als jedes konnte. Plötzlich
rief ein älterer Knabe, der die gefürchtete Stelle erkannt hatte:
»Fliehet, fliehet! wir sind im Tontlawalde!« Dies Wort war schlimmer als
Donner und Blitz, alle Kinder nahmen Reißaus, als wären ihnen die
Tontla-Unholde schon auf den Fersen. Else, welche etwas weiter gegangen
war als die Andern, und unter den Bäumen sehr schöne Beeren gefunden
hatte, hörte wohl das Rufen des Knaben, mochte sich aber nicht von dem
Beerenfleck trennen. Sie dachte wohl: Die Tontla-Bewohner können doch
nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim. Da kam ein kleiner
schwarzer Hund mit einem silbernen Glöcklein um den Hals bellend auf sie
zu. Auf dies Gebell eilte ein kleines Mädchen in prächtigen seidenen
Kleidern herbei, verwies den Hund zur Ruhe und sagte dann zur Else:
»Sehr gut, daß du nicht mit den andern Kindern davongelaufen bist.
Bleibe mir zur Gesellschaft hier, dann wollen wir gar schöne Spiele
spielen und alle Tage miteinander gehen Beeren zu pflücken; die Mutter
wird es mir gewiß nicht abschlagen, wenn ich sie darum bitte. Komm, laß
uns sogleich zu ihr gehen!« Damit faßte das prächtige fremde Kind Else
bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine
schwarze Hund bellte jetzt vor Vergnügen, sprang an Elsen herauf und
leckte ihr die Hand, als wären sie alte Bekannte.

Ach du liebe Zeit, was für Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor
Else's Augen auf. Sie glaubte sich im Himmel zu befinden. Ein prächtiger
Garten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern angefüllt, stand vor ihnen;
auf den Zweigen der Bäume saßen Vögel, bunter als die schönsten
Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vögel
waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand
nehmen. Mitten im Garten stand das Wohnhaus, aus Glas und Edelsteinen
aufgeführt, so daß Wände und Dach glänzten wie die Sonne. Eine Frau in
prächtigen Kleidern saß vor der Thür auf einer Bank und fragte die
Tochter: »Was bringst du da für einen Gast?« Die Tochter antwortete:
»Ich fand sie allein im Walde und nahm sie mir zur Gesellschaft mit.
Erlaubst du, daß sie hier bleibt?« Die Mutter lächelte, sagte aber kein
Wort, sondern musterte Else mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den
Füßen. Dann hieß sie Else näher treten, streichelte ihre Wangen und
fragte freundlich, wo sie zu Hause sei, ob ihre Eltern noch lebten, und
ob sie den Wunsch habe, hier zu bleiben? Else küßte der Frau die Hand,
fiel vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und erwiederte dann unter
Thränen: »Die Mutter ruht schon lange unter dem Rasen.

    Mutter ward hinweg getragen
    Liebe zog mit ihr von dannen![21]

Der Vater lebt wohl noch, aber was hilft mir das, die Stiefmutter haßt
mich und schlägt mich unbarmherzig alle Tage. Nichts kann ich ihr recht
machen. Bitte, Goldfrauchen, laßt mich hier bleiben! Laßt mich die
Herde hüten, oder gebt mir andere Arbeit, ich will Alles thun und euch
gehorchen, aber schickt mich nur nicht zur Stiefmutter zurück! Sie
schlüge mich halb todt, weil ich nicht mit den anderen Dorfkindern
gekommen bin.« Die Frau lächelte und sagte: »Wir wollen sehen, was mit
dir zu machen ist.« Dann erhob sie sich von der Bank und trat in's Haus.
Die Tochter aber sagte zur Else: »Sei getrost, meine Mutter ist
freundlich! Ich sah an ihrem Blicke, daß sie unsere Bitte gewähren wird,
wenn sie die Sache näher überlegt hat.« Sie ging dann ihrer Mutter nach
und hieß Else warten. Diese bebte zwischen Furcht und Hoffnung, und
ungeduldig harrte sie des Bescheides, den die Tochter bringe würde.

Nach einer Weile kam die Tochter mit einem Schächtelchen in der Hand
zurück und sagte: »Die Mutter will, daß wir heute mit einander spielen,
derweil sie deinetwegen Weiteres beschließen wird. Ich hoffe, du bleibst
uns, ich möchte dich nicht mehr von mir lassen. Bist du schon zur See
gefahren?« Else machte große Augen und fragte dann: »Zur See? was ist
das? davon habe ich noch nie etwas gehört.« »Du sollst es sogleich
sehen,« erwiederte das Fräulein und nahm den Deckel vom Schächtelchen.
Da lagen ein Blatt von Frauenmantel, eine Muschelschale und zwei
Fischgräten; auf dem Blatte schimmerten ein Paar Tropfen, diese
schüttete das Kind auf den Rasen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und
was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden, als hätte die Erde es
verschlungen: und soweit das Auge reichte, war nur Wasser sichtbar, das
in der Ferne mit dem Himmel zusammenzustoßen schien. Nur unter ihren
Füßen war ein kleiner Fleck trocken geblieben. Jetzt setzte das Fräulein
die Muschelschale auf's Wasser und nahm die Fischgräten zur Hand. Die
Muschelschale schwoll an, und dehnte sich zu einem hübschen Nachen aus,
worin ein Duzend Kinder und wohl noch mehr Platz gehabt hätten. Die
Kinder setzten sich nun selbander in den Nachen, Else mit Zagen, das
Fräulein aber lachte; die Gräten, welche sie hielt, wurden zu Rudern.
Von den Wellen wurden die Mädchen fortgeschaukelt, wie in einer Wiege;
nach und nach kamen andere Kähne in ihre Nähe, in jedem saßen Menschen,
welche sangen und fröhlich waren. »Wir müssen ihren Gesang beantworten,«
sagte das Fräulein, aber Else verstand nicht zu singen. Um so schöner
sang das Fräulein. Von dem, was die andern sangen, konnte Else nicht
viel verstehen, nur ein Wort kehrte immer wieder, nämlich »Kiisike.«
Else fragte, was es bedeute, und das Fräulein antwortete: »Das ist mein
Name.« Ich weiß nicht, wie lange sie so spazieren gefahren waren, da
hörten sie rufen: »Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend.« Kiisike
nahm ihr Körbchen aus der Tasche, in welchem das Blatt lag, und tauchte
es in's Wasser, so daß einige Tropfen daran hängen blieben, --
augenblicklich waren sie in der Nähe des prächtigen Hauses, mitten im
Garten; Alles ringsum erschien trocken und fest wie zuvor, Wasser war
nirgends. Die Muschelschale und die Fischgräten wurden sammt dem Blatte
in's Körbchen gelegt, und die Kinder gingen in's Haus.

In einem großen Gemache saßen um einen Eßtisch vier und zwanzig Frauen,
alle in prächtigen Kleidern, als wären sie auf einer Hochzeit. Oben am
Tische saß die Herrin auf einem goldenen Stuhle.

Else wußte nicht, woher die Augen nehmen, um all die Herrlichkeit zu
betrachten, die ihr hier entgegenschimmerte. Auf dem Tische standen
dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schüsseln; ein Gericht
aber blieb unberührt und wurde abgetragen, wie es aufgetragen war, ohne
daß man den Deckel gelüftet hätte. Else aß von den köstlichen Speisen,
die noch besser schmeckten als Kuchen, und es kam ihr wieder vor, als
müßte sie im Himmel sein; auf Erden konnte sie sich dergleichen nicht
denken. Bei Tische wurde leise gesprochen, aber in einer fremden
Sprache, von der Else kein Wort verstand. Die Frau sagte jetzt einige
Worte zu einer Magd, die hinter ihrem Stuhle stand; die Magd eilte
hinaus und kam bald mit einem kleinen alten Manne wieder, dessen Bart
länger war als er selber. Der Alte machte einen Bückling und blieb am
Thürpfosten stehen. Die Frau deutete mit dem Finger auf Else und sagte:
»Betrachte dir dieses Bauermädchen, ich will es als Pflegekind annehmen.
Forme mir ein Abbild von ihr, welches wir morgen statt ihrer in's Dorf
schicken können.« Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maaß
nehmen, verbeugte sich dann wieder vor der Frau und verließ das Gemach.
Nach Tische sagte die Frau freundlich zu Else: »Kiisike hat mich
gebeten, ich möchte dich ihr zur Gesellschaft hier behalten und du
selbst sagtest, du hättest Lust hier zu bleiben. Ist dem nun wirklich
so?« Else fiel auf die Kniee, und küßte der Frau Hände und Füße zum Dank
für die barmherzige Rettung aus den Klauen der bösen Stiefmutter. Die
Frau aber hob sie vom Boden auf, streichelte ihr den Kopf und die
thränenfeuchten Wangen und sagte: »Wenn du immer ein folgsames gutes
Kind bleibst, so wird es dir gut gehen, ich will für dich sorgen und dir
allen nöthigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und dich
selbst fortbringen kannst. Meine Fräulein, welche Kiisike unterrichten,
werden auch dir behilflich sein, alle feinen Handarbeiten zu erlernen
und dir andere Kenntnisse zu erwerben.«

Nach einem Weilchen kam der Alte zurück mit einer langen mit Lehm
gefüllten Mulde auf der Schulter, und einem kleinen Deckelkörbchen in
der linken Hand. Er setzte Mulde und Körbchen an die Erde, nahm ein
Stück Lehm und machte daraus eine Puppe, welche Menschengestalt hatte.
In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene
Strömlinge und ein Stückchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe
ein Loch, nahm aus dem Korbe einen ellenlangen schwarzen Wurm und ließ
ihn durch das Loch hineinkriechen. Die Schlange zischte und wand sich
mit dem Schwanze, als sträubte sie sich, aber sie mußte doch hinein.
Nachdem die Frau die Puppe von allen Seiten betrachtet hatte, sagte der
Alte: »Jetzt brauchen wir nichts weiter als ein Tröpflein von dem Blute
des Bauermädchens.« Else wurde blaß vor Schrecken, als sie das hörte;
sie meinte ihre Seele damit dem Bösen zu verkaufen.[22] Aber die Frau
tröstete sie: »Fürchte nichts! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas
Bösem sondern lediglich zu etwas Gutem und zu deinem künftigen Glücke.«
Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit der Else in den Arm
und gab die Nadel dem Alten, der sie in das Herz der Puppe bohrte.
Darauf legte er diese in den Korb, damit sie darin wachse und versprach,
am nächsten Morgen der Frau zu zeigen, was für ein Werk aus seinen
Händen hervorgegangen sei. Man ging hernach zur Ruhe, und auch Else
wurde von einer Stubenmagd in ihre Schlafkammer gebracht, wo ihr ein
weiches Bett bereitet wurde.

Als sie am andern Morgen in dem seidenen Bette auf weichem Pfühl
erwachte und ihre Augen weit auf machte, fand sie sich mit einem feinen
Hemde bekleidet und sah reiche Gewänder auf einem Stuhle vor dem Bette
liegen. Dann trat ein Mädchen in's Zimmer und hieß Else sich waschen und
kämmen, worauf es sie vom Kopf bis zum Fuß mit den schönen Kleidern
schmückte, als wäre sie das stolzeste deutsche Kind. Nichts machte Elsen
so viel Freude als die Schuhe. Sie war ja bis jetzt fast immer barfuß
gegangen. Nach Else's Meinung konnten auch des Königs Töchter keine
schöneren Schuhe haben. In ihrer Freude über die Schuhe hatte sie nicht
Zeit die übrigen Stücke des Anzugs zu beachten, obschon Alles prachtvoll
war. Die Bauernkleider, welche sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht
fortgenommen worden, weshalb? das sollte sie später erfahren. Ihre
Kleider waren nämlich der Lehmpuppe angelegt worden, welche an ihrer
Statt in's Dorf gehen sollte. Die Puppe war in der Nacht in ihrem
Behälter angeschwollen und am Morgen ein vollständiges Ebenbild der Else
geworden, und ging einher wie ein von Gott geschaffenes Wesen. Else
erschrack, als sie die Puppe erblickte, die ganz so aussah, wie sie
selbst gestern ausgesehen hatte. Als die Frau Else's Erschrecken
bemerkte, sagte sie: »Fürchte dich nicht, Kind! Das Lehmbild kann dir
keinen Schaden zufügen, wir jagen es zu deiner Stiefmutter, damit es ihr
als Prügelklotz diene! Mag sie es schlagen, so viel sie will, das
steinharte Lehmbild fühlt keinen Schmerz. Aber wenn das böse Weib nicht
andern Sinnes wird, so kann dein Ebenbild einmal die verdiente Strafe an
ihr vollziehen.«

Von diesem Tage an lebte Else so glücklich wie ein verwöhntes deutsches
Kind, das in goldener Wiege geschaukelt worden; sie hatte weder Sorge
noch Mühe; das Lernen wurde ihr von Tag zu Tage leichter und das vorige
harte Leben im Dorfe erschien ihr nur noch wie ein böser Traum. Aber je
tiefer sie das Glück dieses Lebens empfand, desto wunderbarer erschien
ihr auch Alles. Auf natürliche Weise konnte es nicht zugehen -- es mußte
eine unbekannte unerklärliche Macht hier walten. Auf dem Hofe stand ein
Granitblock etwa zwanzig Schritt vom Hause. Wenn die Essenszeit
heranrückte, ging der Alte mit dem langen Barte an den Block, zog ein
silbernes Stäbchen aus dem Busen und klopfte damit dreimal an, so daß es
hell wiederklang. Dann sprang ein großer goldener Hahn heraus und setzte
sich auf den Block. So oft er in dieser Stellung mit den Flügeln schlug
und krähte, kam aus dem Block etwas hervor, zuerst ein langer gedeckter
Tisch, auf dem so viel Teller standen als essende Personen waren; der
Tisch ging von selbst in's Haus, als trügen ihn des Windes Flügel. Wenn
der Hahn zum zweiten Male krähte, kamen Stühle dem Tische nachgegangen;
darauf eine Schüssel mit Speise nach der andern -- Alles sprang aus dem
Block heraus und flog wie der Wind zum Eßtisch. Desgleichen
Methflaschen, Aepfel und Beeren; Alles schien beseelt, so daß Niemand zu
heben noch zu tragen brauchte. Wenn Alle sich satt gegessen hatten,
klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstäbchen an den Block,
und dann krähte der goldene Hahn Flaschen, Schüsseln, Teller, Stühle und
Tisch wieder in den Block hinein. Wenn aber die dreizehnte Schüssel kam,
aus welcher niemals gegessen wurde, so lief eine große schwarze Katze
der Schüssel nach, und beide blieben auf dem Block neben dem Hahn, bis
der Alte sie forttrug. Er nahm die Schüssel in die Hand, die Katze in
den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen
unter dem Block. Nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch alle
übrigen Bedürfnisse des Haushalts, selbst Kleider kamen auf das Krähen
des Hahns aus dem Block hervor. -- Obwohl bei Tische wenig und immer in
einer fremden Sprache gesprochen wurde, welche Else nicht verstand, so
wurde dafür desto mehr geredet und gesungen, wenn die Frau mit ihren
Fräulein in Zimmer und Garten weilte. Allmählich lernte Else auch die
Sprache ihrer Gefährtinnen auffassen; sie verstand fast Alles, was
gesagt wurde, aber Jahre verstrichen, ehe ihre eigne Zunge sich den
fremden Lauten gewöhnte. Einst hatte Else die Kiisike gefragt, warum
die dreizehnte Schüssel täglich auf den Tisch komme, da doch Niemand
daraus esse, aber Kiisike konnte es ihr nicht erklären. Sie mußte es
aber ihrer Mutter gesagt haben, denn nach einigen Tagen ließ diese Elsen
zu sich rufen und sprach zu ihr mit ernstem Ausdruck: »Beschwere dein
Herz nicht mit unnützen Grübeleien. Du möchtest wissen, warum wir
niemals aus der dreizehnten Schüssel essen. Sieh, liebes Kind, das ist
die Schüssel _verborgenen_ Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst
würde es mit unserem glücklichen Leben zu Ende sein. Auch mit den
Menschen würde es auf dieser Welt viel besser stehn, wenn sie nicht in
ihrer Habsucht alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen
Segenspender irgend etwas zum Danke zu lassen.[23] Habsucht ist der
Menschen größter Fehler!«

Die Jahre verstrichen Elsen in ihrem Glücke pfeilgeschwind, sie war zur
blühenden Jungfrau herangewachsen und hatte Vieles gelernt, womit sie in
ihrem Dorfe ihr Leben lang nicht bekannt geworden wäre. Kiisike aber war
immer noch dasselbe kleine Kind wie an dem Tage, wo sie das erste Mal
mit Elsen im Walde zusammen getroffen war. Die Fräulein, welche bei der
Frau vom Hause lebten, mußten Kiisike und Else täglich einige Stunden
im Lesen und Schreiben und in allerlei feinen Handarbeiten unterweisen.
Else begriff Alles gut, aber Kiisike hatte mehr Sinn für kindliche
Spiele als für nützliche Beschäftigung. Wenn ihr die Laune kam, so warf
sie die Arbeit weg, nahm ihr Schächtelchen und lief in's Freie, um See
zu spielen, was ihr Niemand übel nahm. Manchmal sagte sie zu Elsen:
»Schade, daß du so groß geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir
spielen.«

Als jetzt neun Jahre in dieser Weise verflossen waren, ließ die Frau
eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darüber,
denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch niemals zu sich kommen
lassen. Das Herz schlug ihr so heftig, daß es zu springen drohte. Als
sie über die Schwelle trat, sah sie, daß die Wangen der Frau geröthet
waren, ihre Augen voll Thränen standen, welche sie rasch trocknete, als
wollte sie dieselben vor Elsen verbergen. »Liebes Pflegkind,« begann die
Frau, »die Zeit ist gekommen, wo wir scheiden müssen.« »_Scheiden_?« rief
Else und warf sich schluchzend der Frau zu Füßen. »Nein, theure Frau,
das kann nimmermehr geschehen, bis uns einst der Tod trennt. Ihr habt
mich einmal huldreich aufgenommen, darum verstoßt mich nicht wieder!«
Die Frau sagte beschwichtigend: »Kind, sei ruhig! Du weißt ja noch gar
nicht, was ich für dein Glück thun will. Du bist herangewachsen und ich
darf dich hier nicht länger in Haft halten. Du mußt wieder unter
Menschen gehen, wo Glückspfade deiner warten.« Else aber bat
flehentlich: »Theure Frau, verstoßet mich nicht. Ich sehne mich nach
keinem anderen Glücke, als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich
zur Stubenmagd oder gebt mir andere Arbeit, nach eurem Belieben, aber
schickt mich nicht fort in die weite Welt. Da wäre es besser gewesen,
ihr hättet mich bei der Stiefmutter im Dorfe gelassen, als daß ihr mich
auf so viele Jahre in den Himmel brachtet, um mich jetzt wieder in die
Hölle zu stoßen.« »Still, liebes Kind!« sagte die Frau -- »du begreifst
nicht, was ich zu deinem Glücke zu thun verpflichtet bin, wie sehr es
mich auch schmerzt. Aber Alles muß so sein, wie ich es mache. Du bist
ein sterbliches Menschenkind, deine Jahre nehmen zu ihrer Zeit ein Ende
und deshalb darfst du nicht länger hier bleiben. Ich und die mich
umgeben haben wohl Menschengestalt, aber wir sind nicht Menschen, wie
ihr, sondern Geschöpfe höherer Art und euch unbegreiflich. Du wirst in
der Ferne einen lieben Gemahl finden, der für dich geschaffen ist, und
wirst glücklich mit ihm sein, bis eure Tage sich zu Ende neigen. Die
Trennung von dir wird mir nicht leicht, aber es muß sein, und deßhalb
mußt du dich ruhig darein fügen.« Dann strich sie mit ihrem goldenen
Kamme durch Elsens Haar und hieß sie zu Bette gehen; aber wo sollte die
arme Else in dieser Nacht den Schlaf hernehmen? Das Leben kam ihr vor
wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel.

Während wir Else ihrem Kummer überlassen, wollen wir uns ins Dorf
begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem väterlichen Hofe gehen, wo
das _Lehmbild_ an ihrer Statt der Prügelklotz ihrer Stiefmutter war. Daß
ein böses Weib im Alter nicht besser wird, ist eine bekannte Sache; man
erfährt wohl, daß aus einem hitzigen Jünglinge im Alter ein frommes Lamm
wird, aber kommt ein Mädchen, das kein gutes Herz hat, unter die Haube,
so wird sie auf die alten Tage wie ein reißender Wolf. Wie ein
Höllenbrand quälte die Stiefmutter das Lehmbild Tag und Nacht, aber dem
starren Geschöpfe, dessen Körper keinen Schmerz empfand, schadete es
nicht. Wollte der Mann einmal dem Kinde zu Hülfe kommen, so setzte es
für ihn gleichfalls Prügel, zum Lohn für seinen Versuch Frieden zu
stiften. Eines Tages hatte die Stiefmutter ihre Lehmtochter wieder
fürchterlich geschlagen und drohte ihr dann, sie umzubringen. Wüthend
packte sie das Lehmbild mit beiden Händen an der Gurgel, um es zu
erwürgen, siehe, da fuhr eine schwarze Schlange zischend aus des Kindes
Munde, und stach der Stiefmutter in die Zunge, so daß sie todt
niederfiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Mann Abends nach
Hause kam, fand er die todte Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen;
die Tochter war nirgends zu finden. Auf sein Geschrei kamen die
Dorfbewohner herbei. Die Nachbarn hatten wohl um Mittag einen großen
Lärm im Hause gehört, aber da so etwas fast täglich dort vorfiel, war
Niemand hingegangen. Nachmittags war Alles still geblieben, aber Niemand
hatte die Tochter erblickt. Der Körper der todten Frau wurde nun
gewaschen und gekleidet, und es wurden für die Todtenwächter zur Nacht
Erbsen in Salz gekocht. Der müde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen,
und dankte sicherlich seinem Glücke, daß er diesen Höllenbrand los war.
Auf dem Tische fand er drei gesalzene Strömlinge und einen Bissen Brot,
verzehrte Beides und legte sich zu Bette. Am andern Morgen wurde er todt
auf dem Platze gefunden, und zwar ebenso aufgeschwollen wie die Frau.
Nach einigen Tagen wurden beide in ein Grab gelegt, wo sie einander
kein Leid mehr anthun konnten. Von der verschwundenen Tochter erfuhren
die Bauern seitdem nichts weiter.

Else hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan, sie weinte und beklagte
die harte Notwendigkeit, so schnell und unerwartet von ihrem Glücke
scheiden zu müssen. Am Morgen steckte ihr die Frau einen goldenen
Siegelring an den Finger und hing ihr eine kleine goldene Schachtel an
einem seidenen Bande um den Hals, rief dann den Alten, zeigte mit der
Hand auf Else, und nahm darauf mit betrübter Miene von ihr Abschied.
Eben wollte Else danken, als der Alte dreimal mit seinem Silberstäbchen
sanft ihren Kopf berührte. Else fühlte alsbald, daß sie zum Vogel
geworden war; aus den Armen wurden Flügel und aus den Beinen Adlerfüße
mit langen Klauen, aus der Nase ein krummer Schnabel, Federn bedeckten
den ganzen Leib. Dann hob sie sich plötzlich in die Luft und schwebte
ganz wie ein aus dem Ei gebrüteter Adler unter den Wolken dahin. So war
sie schon mehrere Tage gen Süden geflogen und hatte wohl zuweilen
gerastet, wenn die Flügel ermatteten, aber Hunger hatte sie nicht
gefühlt. Da geschah es, daß sie eines Tages über einem niedrigen Walde
schwebte, wo Jagdhunde sie anbellten, die freilich dem Vogel nichts
anhaben konnten, weil ihnen Flügel fehlten. Mit einem Male fühlte sie
ihr Gefieder von einem scharfen Pfeile durchbohrt und fiel zu Boden. Vor
Schrecken war sie ohnmächtig geworden.

Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte und die Augen weit öffnete, fand
sie sich in menschlicher Gestalt unter einem Gebüsche. Wie sie dahin
gekommen und was ihr sonst Seltsames begegnet war, lag wie ein Traum
hinter ihr. Da kam ein stolzer junger Königssohn daher geritten, sprang
vom Pferde und bot Elsen freundlich die Hand, indem er sagte: »Zur
glücklichen Stunde bin ich heute Morgen ausgeritten! Von euch, theures
Fräulein, träumte mir ein halbes Jahr lang jede Nacht, daß ich euch hier
im Walde finden würde. Obschon ich den Weg wohl hundert Mal umsonst
gemacht hatte, ließ doch meine Sehnsucht und meine Hoffnung nicht nach.
Heute schoß ich einen großen Adler, der hierher gefallen sein mußte; ich
ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers -- euch.« Dann
half er Elsen auf's Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte König
sie freudig empfing. Einige Tage später ward eine prachtvolle Hochzeit
gefeiert; am Morgen des Hochzeitstages waren funfzig Fuder mit
Kostbarkeiten angekommen, welche die liebe Pflegemutter Elsen geschickt
hatte. Nach des alten Königs Tode wurde Else Königin und hat dann im
Alter die Ereignisse ihrer Jugend selbst erzählt. Aber vom Tontlawald
hat man seitdem Nichts mehr gesehen noch gehört.

[Fußnote 19: Ein Landstrich nördlich vom Peipus-See. L.]

[Fußnote 20: Es haben sich also auch die Ehsten, gleich den Finnen,
ganze Naturgebiete unter dem Schutze bestimmter Gottheiten, und dann
wieder einzelne Naturindividuen von Schutzgeistern oder Elfen (ehstnisch
=hallijas=, finnisch =haltia=) beseelt gedacht. Was hier blutet und jammert,
ist die Dryas, die sich der Ehste jedoch männlich denkt. L.]

[Fußnote 21: Aus der Klage des verwaisten Hirtenknaben im _Kalewipoëg_
(=XII.= 876). Auch bei _Neus_, Volkslieder, =passim.= L.]

[Fußnote 22: Vgl. über den Abscheu der Ehsten vor dem Hingeben ihres
Blutes zu zauberischen Zwecken _Boecler_ u. _Kreutzwald_, der Ehsten
abergläubische Gebräuche =p.= 145 und _Kreutzwald_ und _Neus_, mythische und
magische Lieder der Ehsten =p.= 111. In unserm 9. Märchen betrügt der
Donnersohn den Teufel (den »alten Burschen«), indem er statt des eigenen
Blutes Hahnenblut zur Besiegelung des Vertrages nimmt. L.]

[Fußnote 23: »Heidnische Altäre haben sich unter den Ehsten einzeln bis
in unsere Zeiten erhalten. Von einem solchen bei dem Landgut Kawershof
im Felliner Kreise berichtet _Hupel_, »er stehe unter einem heiligen
Baume, in dessen Höhlung noch oft kleine Opfer gefunden würden; sei aus
einem Granitblock kunstlos gehauen.« _Kreutzwald_ u. _Neus_, mythische u.
magische Lieder der Ehsten S. 17. L.]



5. Der Waise Handmühle.


Ein armes elternloses Mädchen war allein nachgeblieben wie ein Lamm, und
dann als Pflegekind in eine böse Wirthschaft gekommen, wo es keinen
andern Freund hatte als den Hofhund, dem es zuweilen eine Brotrinde gab.
Das Mädchen mußte vom Morgen bis zum Abend für die Wirthin auf der
Handmühle mahlen, und stand einmal die Mühle stille, weil die müde Hand
ausruhen wollte, so war gleich der Stock da, um das arme Kind
anzutreiben. Des Abends waren die Hande der Waise so starr wie die
Klötze. Das Gnadenbrot, welches die Waisen essen, muß fast immer mit
Schweiß und Blut bezahlt werden. Gott im Himmel allein hört die Seufzer
der Waisen und zählt die Thränen, die von ihren Wangen rollen! -- Eines
Tages, als das schwache Mädchen wieder die schwere Mühle drehte und
voller Unmuth war, weil die Wirthin sie den Morgen nüchtern gelassen
hatte, kam ein hinkender einäugiger Bettler in zerlumpten Kleidern
heran. Es war aber kein wirklicher Bettler, sondern ein berühmter
Zauberer aus Finnland, der sich, um nicht erkannt zu werden, in einen
Bettler verwandelt hatte. Der Bettler setzte sich auf die Schwelle, sah
sich die schwere Arbeit des Kindes an, nahm ein Stück Brot aus seinem
Schultersack, steckte es dem Kinde in den Mund und sagte: »Mittag ist
noch weit, iß etwas Brot zur Stärkung.« Die Waise nahm den trockenen
Bissen und er schmeckte ihr besser als Weißbrot, auch fühlte sie gleich
ihre Kräfte wieder zunehmen. Der Bettler sagte dann: »Dir Armen müssen
wohl von dem ewigen Umdrehen der schweren Mühle die Hände recht müde
sein?« Das Mädchen sah den Alten ungewiß an, wie um zu forschen, ob
seine Frage ernsthaft oder spöttisch gemeint sei. Da sie aber fand, daß
sein Antlitz einen liebreichen und ernsthaften Ausdruck hatte, so
erwiederte sie: »Wer kümmert sich um die Hände einer Waise? Das Blut
dringt mir immer unter die Nägel, und der Stock fährt mir über den
Rücken, wenn ich nicht so viel arbeiten kann, als die Wirthin verlangt.«
Der Bettler ließ sich nun ausführlich erzählen, was für ein Leben das
Kind führe. Als die Waise geendigt hatte, nahm der Alte aus seinem Sacke
ein altes Tuch, gab es ihr und sagte: »Wenn du dich heut Abend schlafen
legst, so binde dies Tuch um deinen Kopf und seufze aus der Tiefe des
Herzens: »Süßer Traum, trage mich dahin, wo ich eine Handmühle finde,
welche von selbst mahlt, so daß ich mich nicht mehr abmühen darf!« Die
Waise steckte das Tuch in ihren Busen und dankte dem Alten, der sich
sogleich entfernte. Als sich das Waisenkind Abends schlafen legte, that
es nach Vorschrift des Bettlers, band das Tuch um den Kopf und stieß
unter Seufzern und Thränen seinen Wunsch aus, obgleich es selber nicht
viel Hoffnung darauf setzte. Dennoch schlief es leichteren Herzens ein,
als sonst. Ein wunderbarer Traum führte das Mädchen in weite Fernen und
ließ es auf seiner Wanderung viel seltsame Dinge erleben. Zuletzt kam
es tief unter die Erde, und da mochte wohl die Hölle sein, denn alles
sah schauerlich und fremd aus. Die Hofthore standen weit offen und kein
lebendes Wesen rührte sich. Als das Mädchen weiter ging, ließ sich ein
Geräusch vernehmen, wie wenn eine Handmühle gemahlen würde. Dem Geräusch
folgend ging das Waisenkind schüchternen Schrittes vorwärts, bis es
unter dem Abschauer einer Klete[24] einen großen Kasten fand, aus
welchem das Geräusch einer Mühle an sein Ohr drang. Das Kind war nicht
stark genug den Kasten zu rühren, geschweige denn von der Stelle zu
bringen. Da sah es im Stalle ein weißes Pferd an der Krippe und kam auf
den guten Einfall, das Pferd aus dem Stalle zu ziehen, es mit Stricken
vor den Kasten zu spannen, und ihn so fortzuführen. Gedacht, gethan: die
Waise schirrte das Pferd an, setzte sich auf den Deckel des Kastens,
ergriff eine lange Ruthe und jagte in vollem Galop nach Hause.

Als sie am andern Morgen erwachte, fiel ihr der bedeutsame Traum wieder
ein, und zwar stand er so lebendig vor ihr, als wäre sie wirklich eine
Strecke weit auf dem Deckel gefahren. Als sie die Augen aufriß,
erblickte sie den Kasten an ihrem Lager. Sie sprang auf, nahm ein halbes
Loof (Scheffel) Gerste, das vom Abend nachgeblieben war, schüttete es in
die Oeffnung, die sie im Deckel des Kastens fand und siehe das freudige
Wunder: die Steine fingen augenblicklich an zu lärmen. Es dauerte nicht
lange, so war das fertige Mehl im Sacke.[25] Jetzt hatte die Waise einen
leichten Stand; die Mühle im Kasten mahlte Alles, was man ihr bot, und
das Mädchen hatte weiter keine Mühe, als das Getraide oben
hineinzuschütten und das Mehl unten herauszunehmen. Den Deckel des
Kastens durfte sie aber nicht öffnen, der Bettler hatte es ihr streng
verboten, indem er hinzufügte: das würde dein Tod sein!

Die Wirthin kam bald dahinter, daß der Kasten dem Waisenkinde beim
Mahlen half, sie beschloß daher das Mädchen aus dem Hause zu jagen und
dafür den Mahlkasten zu behalten, der kein Futter verlangen würde.
Zuerst wollte sie sich aber mit dem Dinge näher bekannt machen, um zu
sehen, wo denn der Wundermüller eigentlich stecke. Die Begierde, das
Geheimniß herauszubringen, stachelte das Weib Tag und Nacht. An einem
Sonntag Morgen schickte sie das Waisenkind zur Kirche, und sagte, sie
selbst wolle da bleiben, um das Haus zu hüten. Ein so freundliches
Anerbieten hatte die Waise noch niemals vernommen; vergnügt zog sie ein
reines Hemd und etwas bessere Kleider an, und machte sich eilig auf den
Weg. Die Wirthin lauerte so lange hinter der Thür, bis ihr das Mädchen
aus dem Gesichte war, dann nahm sie aus der Klete ein halb Loof
Getraide und schüttete es auf den Deckel, damit der Kasten es mahle,
aber der Kasten that es nicht. Erst als eine Hand voll in das Loch des
Deckels kam, machten sich die Steine an's Werk; aber nun kostete es dem
Weibe noch viel Mühe und Arbeit, den schweren Kastendeckel los zu
machen. Endlich ging er so weit auf, daß die Alte den Kopf
hineinzustecken wagte, -- aber o weh! eine lichte Lohe schlug aus dem
Kasten heraus und verbrannte die Wirthin, als wär's eine Hedekunkel; es
blieb nichts weiter von ihr übrig als eine Handvoll Asche.

Als der Wittwer späterhin eine andere Frau nehmen wollte, fiel ihm ein,
daß sein Pflegekind, die Waise, vollständig erwachsen war, so daß er
nicht erst anderswo auf die Freite zu gehen brauche. Die Hochzeit wurde
still gefeiert, und als sich die Nachbaren am Abend entfernt hatten,
ging der Mann mit seiner jungen Frau zu Bette. Als diese den andern
Morgen in die Klete ging, war der Kasten mit der Handmühle verschwunden,
ohne daß man die Spuren eines Diebes fand. Obgleich nun überall gesucht
und nah und fern angefragt wurde, ob der vermißte Gegenstand irgend
Jemanden zu Gesicht gekommen sei, so hat man doch bis auf den heutigen
Tag nichts entdeckt. Der wunderbare Handmühlen-Kasten, den einst ein
Traum aus der Tiefe der Erde herausgeholt hatte, mußte wohl in eben so
wunderbarer Weise dahin zurückgekehrt sein.

[Fußnote 24: Baltischer Provinzialismus für Vorratskammer oder
Speicher. L.]

[Fußnote 25: Hier möchte wohl ein schwacher Nachhall von der
Sampo-Mythe anklingen, die in der Kalewala, dem finnischen Epos, eine so
große Rolle spielt. Auch der Wunder wirkende Talisman Sampo wird unter
dem Bilde einer selbstmahlenden Mühle gedacht. Vgl. _Castrén's_
Vorlesungen über finn. Mythol. S. 264 ff. u. _Schiefner_ im =Bulletin hist.
phil.= der Petersb. Akad. d. Wiss. =t. VIII.= Nr. 5. L.]



6. Die zwölf Töchter.


Es war einmal ein armer Käthner, der zwölf Töchter hatte, unter ihnen
zwei Paar Zwillinge. Die hübschen Mädchen waren alle gesund und frisch
und von zierlichem Wesen. Da die Eltern es so knapp hatten, mochte es
manchem unbegreiflich sein, wie sie den vielen Kindern Nahrung und
Kleidung schaffen konnten; die Kinder waren täglich gewaschen und
gekämmt und trugen immer reine Hemden, wie deutsche Kinder. Einige
meinten, der Käthner habe einen heimlichen Schatzträger,[26] Andere
hielten ihn für einen Hexenmeister, wieder Andere für einen
Windzauberer,[27] der im Wirbelwinde einen verborgenen Schatz zusammen
zu raffen wußte. In Wahrheit aber verhielt sich die Sache ganz anders.
Die Frau des Käthners hatte eine heimliche Gegenspenderin, welche die
Kinder nährte, säuberte und kämmte. Als sie nämlich noch als Mädchen
aus einem fremden Bauerhofe diente, sah sie drei Nächte hinter einander
im Traume eine stattliche Frau, welche zu ihr trat und ihr befahl,[28]
in der Johannisnacht zur Quelle des Dorfes zu gehen. Sie hätte nun wohl
auf diesen Traum nicht weiter geachtet, wenn nicht am Johannisabend ein
Stimmchen ihr immerwährend wie eine Mücke in's Ohr gesummt hätte: »Geh
zur Quelle, geh zur Quelle, wo deines Glückes Wasseradern rieseln!«
Obgleich sie den heimlichen Rathschlag nicht ohne Schrecken vernahm,
faßte sie sich doch endlich ein Herz, verließ die andern Mädchen, die
bei der Fiedel um das Feuer herum lärmten und schritt auf die Quelle zu.
Aber je näher sie kam, desto bänger wurde ihr um's Herz; sie wäre
umgekehrt, wenn ihr das Mückenstimmchen Ruhe gelassen hätte;
unwillkürlich ging sie weiter. Als sie hinkam, sah sie eine Frau in
weißen Kleidern, die auf einem Steine an der Quelle saß. Als die Frau
des Mädchens Furcht gewahrte, ging sie demselben einige Schritte
entgegen, bot ihm die Hand zum Gruß und sagte: »Fürchte dich nicht,
liebes Kind, ich thue dir ja nichts zu Leide! Merke auf und behalte
genau, was ich dir sage. Auf den Herbst wird man um dich freien; der
Mann ist so arm wie du, aber mach' dir deshalb keine Sorge, sondern nimm
seinen Branntwein an.[29] Da ihr beide gut seid, will ich euch Glück
bringen und euch forthelfen; aber lasset darum Sorgsamkeit und Arbeit
nicht dahinten, sonst kann kein Glück Dauer haben. Nimm dieses Säckchen
und stecke es in die Tasche, es sind nur einige Steinchen darin.[30]
Nachdem du das erste Kind zur Welt gebracht hast, wirf ein Steinchen in
den Brunnen, damit ich komme dich zu sehen. Wenn das Kind zur Taufe
geführt wird, will ich zu Gevatter stehen. Von unserer nächtlichen
Zusammenkunft laß gegen Niemanden etwas verlauten -- für dieses Mal sage
ich dir Lebe wohl!« Mit diesen Worten war die wunderbare Fremde dem
Mädchen entschwunden, als wäre sie unter die Erde gesunken. Vielleicht
hätte das Mädchen auch diesen Vorfall für einen Traum gehalten, wenn
nicht das Säckchen in ihrer Hand das Gegentheil bezeugt hätte; sie fand
darin zwölf Steinchen.

Die Prophezeiung traf ein, das Mädchen wurde im Herbst verheirathet und
der Mann war ein armer Knecht. Im folgenden Jahre brachte die junge Frau
die erste Tochter zur Welt, besann sich auf das, was ihr in der
Johannisnacht begegnet war, stand heimlich aus dem Bette auf, ging an
den Brunnen und warf ein Steinchen hinein. Plumps fiel es in's Wasser!
Sofort stand die freundliche Frau weiß gekleidet vor ihr und sagte: »Ich
danke dir, daß du mich nicht vergessen hast. Sonntag über vierzehn Tage
laß das Kind zur Taufe bringen, dann komme ich auch in die Kirche und
will beim Kinde Gevatter stehen.« Als an dem bezeichneten Tage das Kind
in die Kirche gebracht wurde, trat eine fremde Dame hinzu, nahm es auf
den Schoos und ließ es taufen. Als dies geschehen war, band sie einen
silbernen Rubel in die Windel des Kindes und sandte es der Mutter
zurück. Ganz ebenso geschah es später bei jeder neuen Taufe, bis das
Dutzend voll war. Bei der Geburt des letzten Kindes hatte die Frau zur
Mutter gesagt: »Von heute an wird dein Auge mich nicht mehr schauen,
obwohl ich ungesehen täglich um dich und deine Kinder sein werde. Das
Wasser des Brunnens wird den Kindern mehr Gedeihen bringen als die beste
Kost. Wenn die Zeit herankommt, daß deine Töchter heirathen, so mußt du
einer Jeden den Rubel mitgeben, den ich zum Pathengeschenk brachte. So
lange sie ledig sind, sollen sie keinen größeren Staat machen, als daß
sie Alltags und Sonntags saubere Hemden und Tücher tragen.«

Die Kinder wuchsen und gediehen, daß es eine Lust war anzusehen; Brot
gab es im Hause zur Genüge, auch zuweilen dünne Zukost, doch am meisten
wurden Eltern und Kinder offenbar durch das Brunnenwasser gestärkt. Die
älteste Tochter wurde dann an einen wohlhabenden Wirthssohn
verheirathet. Wiewohl sie ihm außer der nothdürftigsten Kleidung nichts
zubrachte, so wurde doch ein Brautkasten gemacht und Kleider und
Pathen-Rubel hineingelegt. Als die Männer den Kasten auf den Wagen
hoben, fanden sie ihn so schwer, daß sie glaubten es seien Steine darin,
denn der arme Käthner hatte doch seiner Tochter sonst nichts Werthvolles
mitzugeben. Weit mehr aber war die junge Frau erstaunt, als sie im
Hause des Bräutigam's den Kasten öffnete, und ihn mit Stücken Leinewand
angefüllt und auf dem Grunde einen ledernen Beutel mit hundert
Silberrubeln fand. Dasselbe wiederholte sich nachher bei jeder neuen
Verheirathung; und die Töchter wurden bald alle weggeholt, als es
bekannt geworden war, welch' einen Brautschatz eine jede mitbekam.

Einer der Schwiegersöhne war aber sehr habsüchtig und mochte sich mit
der Mitgift seiner Frau nicht zufrieden geben. Er dachte nämlich: die
Eltern müssen wohl selbst noch vielen Reichthum besitzen, wenn sie schon
jeder Tochter so viel mitgeben konnten. Er ging daher eines Tages zu
seinem Schwiegervater und suchte ihm den Schatz abzuzwacken. Der Käthner
sagte ganz der Wahrheit gemäß: »Ich habe Nichts hinter Leib und Seele,
und auch meinen Töchtern konnte ich nichts weiter mitgeben als den
Kasten. Was jede in ihrem Kasten gefunden hat, das rührt nicht von mir
her, sondern war die Pathengabe der Taufmutter, welche jedem Kinde an
seinem Tauftage einen Rubel schenkte. Diese Liebesgabe hat sich im
Kasten vervielfältigt.« Der habsüchtige Schwiegersohn glaubte indessen
den Worten des Schwiegervaters nicht, sondern drohte vor Gericht die
Anklage zu erheben, daß der Alte ein Hexenmeister und ein Windbeschwörer
sei, der mit Hülfe des Bösen einen großen Schatz zusammengebracht habe.
Da der Käthner ein reines Gewissen hatte, so flößte ihm die Drohung
seines Schwiegersohnes keine Furcht ein. Dieser aber klagte wirklich.
Das Gericht ließ darauf die andern Schwiegersöhne des Käthners
vorfordern und befragte sie, ob jeder von ihnen dieselbe Mitgift
erhalten habe. Die Männer sagten aus, daß Jeder einen Kasten voll
Leinewand und hundert Silberrubel erhalten habe. Das erregte große
Verwunderung, denn die ganze Nachbarschaft wußte recht gut, daß der
Käthner arm war und keinen andern Schatz hatte als zwölf hübsche
Töchter. Daß diese Töchter von klein auf stets reine weiße Hemden
getragen hatten, wußten die Leute wohl, aber Niemand hatte sonst einen
Prunk an ihnen bemerkt, weder Brustspangen noch bunte Halstücher. Die
Richter beschlossen jetzt, die wunderliche Sache näher zu untersuchen,
um herauszubringen, ob der Alte wirklich ein Hexenmeister sei.

Eines Tages verließen die Richter, von einer Häscherschaar begleitet,
die Stadt. Sie wollten das Haus des Käthners mit Wachen umstellen, damit
Niemand heraus und kein Schatz auf die Seite gebracht werden könne. Der
habsüchtige Schwiegersohn machte den Führer. Als sie an den Wald
gekommen waren, in welchem die Hütte des Käthners stand, wurden von
allen Seiten Wachen aufgestellt, die keinen Menschen durchlasse sollten,
bis die Sache aufgeklärt sei. Man ließ hier die Pferde zurück und schlug
den Fußsteig zur Hütte ein. Der Schwiegersohn mahnte zu leisem Auftreten
und zum Schweigen, damit der Hexenmeister nicht aufmerksam werde und
sich auf Windesflügeln davon mache. Schon waren sie nahe bei der Hütte,
als plötzlich ein wunderbarer Glanz sie blendete, der durch die Bäume
drang. Als sie weiter gingen, wurde ein großes schönes Haus sichtbar; es
war ganz von Glas und viele hundert Kerzen brannten darin, obgleich die
Sonne schien und Helligkeit genug gab. Vor der Thür standen zwei Krieger
Wache, die ganz in Erz gehüllt waren und lange bloße Schwerter in der
Hand hielten. Die Gerichtsherrn wußten nicht, was sie denken sollten,
Alles schien ihnen mehr Traum als Wirklichkeit zu sein. Da öffnete sich
die Thür: ein schmucker Jüngling in seidenen Kleidern trat heraus und
sagte: »Unsere Königin hat befohlen, daß der oberste Gerichtsherr vor
ihr erscheine.« Obgleich dieser einige Furcht empfand, folgte er doch
dem Jüngling in's Haus.

Wer beschriebe die Pracht und Herrlichkeit, die sich vor seinen Augen
aufthat. In der prächtigen Halle, welche die Größe einer Kirche hatte,
saß auf einem Throne eine mit Seide, Sammet und Gold geschmückte Frau.
Einige Fuß tiefer saßen auf kleineren goldenen Sesseln zwölf schöne
Fräulein, ebenso prächtig geschmückt wie die Königin, nur daß sie keine
goldene Krone trugen. Zu beiden Seiten standen zahlreiche Diener, alle
in hellen seidenen Kleidern, mit goldenen Ketten um den Hals. Als der
oberste Gerichtsherr unter Verbeugungen näher trat, fragte die Königin:
»Weßhalb seid ihr heute mit einer Schaar von Häschern gekommen, als
hättet ihr Uebelthäter einzufangen?« Der Gerichtsherr wollte antworten,
aber der Schrecken band ihm die Zunge, so daß er kein Wörtchen
vorbringen konnte. »Ich kenne die boshafte und lügnerische Anklage,«
fuhr die Frau fort, »denn meinen Augen bleibt nichts verborgen. Lasset
den falschen Kläger hereinkommen, aber legt ihm zuvor Hände und Füße in
Ketten, dann will ich ihm Recht sprechen. Auch die übrigen Richter und
die Diener sollen eintreten, damit die Sache offenkundig wird und sie
bezeugen können, daß hier Niemanden Unrecht geschieht.« Einer ihrer
Diener eilte hinaus, um den Befehl zu vollziehen. Nach einiger Zeit
wurde der Kläger vorgeführt, an Händen und Füßen gefesselt und von sechs
Geharnischten bewacht. Die anderen Gerichtsherren und deren Diener
folgten. Dann begann die Königin also:

»Bevor ich über das Unrecht die verdiente Strafe verhänge, muß ich euch
kurz erklären, wie die Sache zusammenhängt. Ich bin die oberste
Wasserbeherrscherin,[31] alle Wasseradern, welche aus der Erde quillen,
stehen unter meiner Botmäßigkeit. Des Windkönigs ältester Sohn war mein
Liebster, aber da sein Vater ihm nicht erlaubte eine Frau zu nehmen, so
mußten wir unsere Ehe geheim halten, so lange der Vater lebte. Da ich
nun meine Kinder nicht zu Hause aufziehen konnte, so vertauschte ich
jedesmal, wenn des Käthners Frau niederkam, sein Kind gegen das meinige.
Des Käthners Kinder aber wuchsen als Pfleglinge auf dem Hofe meiner
Tante auf. Kam die Zeit, daß eine von den Töchtern des Käthners
heirathen wollte, so wurde ein abermaliger Tausch vorgenommen. Jedesmal
ließ ich die Nacht vor der Hochzeit meine Tochter wegholen und dafür
des Käthners Kind hinbringen. Der alte Windkönig lag schon lange krank
darnieder, so daß er von unserem Betruge nichts merkte. Am Tauftage
schenkte ich jedem Kinde ein Rubelstück, welches die Mitgift im Kasten
hecken sollte. Die Schwiegersöhne waren denn auch alle mit ihren jungen
Frauen und dem, was sie mitbrachten, zufrieden, nur dieser habgierige
Frevler, den ihr hier in Ketten seht, unterfing sich, falsche Klage
gegen seinen Schwiegervater zu führen, in der Hoffnung sich dadurch zu
bereichern. Vor zwei Wochen ist nun der alte Windkönig gestorben und
mein Gemahl zur Herrschaft gelangt. Jetzt brauchen wir unsere Ehe und
unsere Kinder nicht länger zu verheimlichen. Hier vor euch sitzen meine
zwölf Töchter, deren Pflegeeltern, der Käthner und sein Weib, bis an
ihren Tod bei mir das Gnadenbrot essen werden. Aber du verworfener
Bösewicht, den ich habe fesseln lassen, sollst sogleich den verdienten
Lohn erhalten. In deinen Ketten sollst du in einem Goldberge gefangen
sitzen, damit deine gierigen Augen das Gold beständig sehen, ohne daß
dir ein Körnchen davon zu Theil wird. Siebenhundert Jahre sollst du
diese Qual erdulden, ehe der Tod Macht erhält dich zur Ruhe zu bringen.
Das ist mein Richterspruch.«

Als die Königin bis dahin gesprochen hatte, entstand ein Gekrach wie ein
starker Donnerschlag, so daß die Erde bebte und die Richter sammt ihren
Dienern betäubt niederfielen. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie
sich zwar in dem Walde, zu welchem der Führer sie geleitet hatte, aber
da, wo eben noch das gläserne Haus in aller Pracht gestanden hatte,
sprudelte jetzt aus einer kleinen Quelle klares kaltes Wasser hervor.
-- »Von dem Käthner, seiner Frau und dem habsüchtigen Schwiegersohne ist
später nie mehr etwas vernommen worden; des letzteren Wittwe hatte im
Herbst einen anderen Mann geheirathet, mit dem sie glücklich lebte bis
an ihr Ende.

[Fußnote 26: Hausgeister, welche ihren Herren Schätze zutragen. Sie
werden als feurige Lufterscheinungen, als Drachen gedacht. S. _Kreutzwald_
u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 81.]

[Fußnote 27: Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ =p.= 105. _Kreutzwald_ u. _Neus_,
Lieder, S. 84. 86. Nach ehstnischer Anschauung fahren im Wirbelwinde die
Hexen umher. L.]

[Fußnote 28: Auf die Nacht vom 23. zum 24. Juni fällt der ehstnische
Hexen-Sabbat. L.]

[Fußnote 29: Diesen bietet nach ehstn. Sitte der den Freier begleitende
Brautwerber an. L.]

[Fußnote 30: Ehstnisch =lähkre-kiwid= d. i. Steinchen, die man zur
Reinigung des Milchgefäßes (Milchfäßchens), Legel, schwed. =tynnåla=,
ehstn. =lähker= (sprich lächker) braucht. Man führt ein solches
Milchfäßchen auf Reisen nebst dem Brotsack mit sich. L.]

[Fußnote 31: Identisch mit der Wassermutter, =wete ema=. Weibliche
Personificationen scheinen in der ehstnischen Mythologie, soweit sie
erhalten und bekannt ist, vorzuherrschen. Es giebt eine Erdmutter, die
aber auch Gemahlin des Donnergottes ist, eine Feuermutter, Windesmutter,
Rasenmutter (s. die betr. Anm. zu Märchen 8 vom Schlaukopf) und in
unserem Märchen 17 die Unterirdischen, tritt sogar eine Mutter des
»Stüms,« des Schneegestöbers, auf. -- Eine Wetterjungfrau kennt der
Kalewipoëg =X=, 889 als Tochter des Donnergottes (=Kõu=). Die Finnen haben
eine »Windtochter.« L.]



7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand.


Einmal lebte ein armer Tagelöhner, der sich mit seiner Frau kümmerlich
von einem Tage zum andern durchbrachte. Von drei Kindern war ihnen das
jüngste, ein Sohn, geblieben, der neun Jahr alt war, als man erst den
Vater und dann die Mutter begrub. Dem Knaben blieb nichts übrig, als vor
den Thüren guter Menschen sein Brot zu suchen. Nach Jahresfrist gerieth
er auf den Hof eines wohlhabenden Bauerwirths, wo man gerade einen
Hüterknaben brauchte. Der Wirth war nicht eben böse, aber das Weib hatte
die Hosen an und regierte im Hause wie ein böser Drache (»Schüreisen«).
Wie es dem armen Waisenknaben da erging, läßt sich denken. Die Prügel,
die er alle Tage bekam, wären dreimal mehr als genug gewesen, Brot aber
wurde nie soviel gereicht, daß er satt geworden wäre. Da aber das
Waisenkind nichts Besseres zu hoffen hatte, mußte es sein Elend
ertragen. Zum Unglück verlor sich eines Tages eine Kuh von der Herde;
wohl lief der Knabe bis Sonnenuntergang den Wald entlang, von einer
Stelle zur andern, aber er fand die verlorene Kuh nicht wieder. Obwohl
er wußte, was seinem Rücken zu Hause bevorstand, mußte er doch jetzt
nach Sonnenuntergang die Herde zusammentreiben. Die Sonne war noch
nicht lange unter dem Horizont, da hörte er schon der Wirthin Stimme:
»Fauler Hund! wo bleibst du mit der Herde?« Da half kein Zaudern, nur
rasch nach Hause unter den Stock. Zwar dämmerte es schon, als die Herde
zur Pforte hereinkam, aber das scharfe Auge der Wirthin hatte sogleich
entdeckt, daß eine Kuh fehle. Ohne ein Wort zu sagen, riß sie den
nächsten Staken aus dem Zaun und begann damit den Rücken des Knaben zu
bearbeiten, als wollte sie ihn zu Brei stampfen. In der Wuth hätte sie
ihn auch zu Tode geprügelt oder ihn auf Zeit Lebens zum Krüppel gemacht,
wenn der Wirth, der das Schreien und Schluchzen hörte, dem Armen nicht
mitleidig zu Hülfe gekommen wäre. Da er die Gemüthsart des tückischen
Weibes genau kannte, so wollte er sich nicht geradezu dazwischen legen,
sondern suchte zu vermitteln. Er sagte halb in bittendem Tone: »Brich
ihm lieber die Beine nicht entzwei, damit er doch die verlorene Kuh
suchen kann. Davon werden wir mehr Nutzen haben, als wenn er umkommt.«
»Wahr,« sagte die Wirthin, »das Aas kann auch die theure Kuh nicht
ersetzen,« -- zählte ihm noch ein Paar tüchtige Hiebe auf und schickte
ihn dann fort, die Kuh zu suchen. »Wenn du ohne die Kuh zurückkommst,«
-- setzte sie drohend hinzu, --»so schlage ich dich todt.« Weinend und
stöhnend ging der Knabe zur Pforte hinaus und geradeswegs in den Wald,
wo er Tages mit der Herde gewesen war, suchte die ganze Nacht, fand aber
nirgends eine Spur von der Kuh. Als am andern Morgen die Sonne sich aus
dem Schoße der Morgenröthe erhoben hatte, war des Knaben Entschluß
gefaßt. »Werde aus mir, was da wolle, nach Hause gehe ich nicht
wieder.« Mit diesen Worten nahm er Reißaus und lief in einem Athem
vorwärts, so daß er das Haus bald weit hinter sich hatte. Wie lange und
wie weit er so gelaufen war, wußte er selber nicht, als ihm aber zulegt
die Kraft ausging und er wie todt niederfiel, stand die Sonne fast schon
in Mittagshöhe. Als er aus einem langen schweren Schlafe erwachte, kam
es ihm vor, als ob er etwas Flüssiges im Munde gehabt habe, und er sah
einen kleinen alten Mann mit langem grauen Barte vor sich stehen, der
eben im Begriffe war, den Spund wieder auf den Lägel (Milchfäßchen) zu
setzen. »Gieb mir noch zu trinken!« bat der Knabe. »Für heute hast du
genug,« erwiederte der alte Vater, »wenn mein Weg mich nicht zufällig
hierher geführt hätte, so wäre es sicher dein letzter Schlaf gewesen,
denn als ich dich fand, warst du schon halb todt.« Dann befragte der
Alte den Knaben, wer er wäre und wohin er wollte. Der Knabe erzählte
Alles, was er erlebt hatte so lange er sich erinnern konnte, bis zu den
Schlägen von gestern Abend. Schweigend und nachdenklich hatte der Alte
die Erzählung angehört, und nachdem der Knabe schon eine Weile verstummt
war, sagte jener ernsthaft: »Mein liebes Kind! dir ist es nicht besser
noch schlimmer ergangen als so Manchen, deren liebe Pfleger und Tröster
im Sarge unter der Erde ruhen. Zurückkehren kannst du nicht mehr. Da du
einmal fortgegangen bist, so mußt du dir ein neues Glück in der Welt
suchen. Da ich weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind habe, so kann
ich auch nicht weiter für dich sorgen, aber einen guten Rath will ich
dir umsonst geben. Schlafe diese Nacht hier ruhig aus; wenn morgen die
Sonne aufgeht, so merke dir genau die Stelle, wo sie emporstieg. In
dieser Richtung mußt du wandern, so daß dir die Sonne jeden Morgen in's
Gesicht und jeden Abend in den Nacken scheint. Deine Kraft wird von Tage
zu Tage wachsen. Nach sieben Jahren wird ein mächtiger Berg vor dir
stehen, der so hoch ist, daß sein Gipfel bis an die Wolken reicht. Dort
wird dein künftiges Glück blühen. Nimm meinen Brotsack und mein Fäßchen,
du wirst darin täglich soviel Speise und Trank finden, als du bedarfst.
Aber hüte dich davor, jemals ein Krümchen Brot oder ein Tröpfchen vom
Trank unnütz zu vergeuden, sonst könnte deine Nahrungsquelle leicht
versiegen. Einem hungrigen Vogel und einem durstigen Thiere darfst du
reichlich geben: Gott sieht es gern, wenn ein Geschöpf dem andern Gutes
thut. Auf dem Grunde des Brotsacks wirst du ein zusammengerolltes
Klettenblatt finden; das mußt du sehr sorgfältig in Acht nehmen. Wenn du
auf deinem Wege an einen Fluß oder einen See kommst, so breite das
Klettenblatt auf dem Wasser aus, es wird sich sofort in einen Nachen
verwandeln und dich über die Flut tragen. Dann wickele das Blatt wieder
zusammen und stecke es in deinen Brotsack.« Nach dieser Unterweisung gab
er dem Knaben Sack und Fäßchen und rief: »Gott befohlen!« Im nächsten
Augenblick war er den Augen des Knaben entschwunden.

Der Knabe hätte Alles für einen Traum gehalten, wenn nicht Sack und
Fäßchen in seiner Hand die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt hätten.
Er ging jetzt daran, den Brotsack zu prüfen und fand darin: ein halbes
Brot, ein Schächtelchen voll gesalzener Strömlinge, ein anderes mit
Butter und dazu noch ein hübsches Stückchen Speckschwarte. Als der Knabe
sich satt gegessen hatte, legte er sich schlafen, Sack und Fäßchen unter
dem Kopfe, damit kein Dieb sie wegnehmen könne. Den andern Morgen wachte
er mit der Sonne auf, stärkte seinen Körper durch Speise und Trank und
machte sich dann auf die Wanderung. Wunderbarer Weise fühlte er gar
keine Müdigkeit in seinen Beinen; erst der leere Magen mahnte ihn daran,
daß die Mittagszeit gekommen war. Er sättigte sich mit der guten Kost,
that ein Schläfchen und wanderte weiter. Daß er den rechten Weg
eingeschlagen hatte, sagte ihm die untergehende Sonne, die ihm gerade im
Nacken stand. So war er viele Tage in derselben Richtung vorwärts
gegangen, als er einen kleinen See vor sich erblickte. Hier konnte er
die Kraft seines Klettenblattes prüfen. Wie es der alte Mann
vorausgesagt hatte, so geschah es: ein kleines Boot mit Rudern lag vor
ihm auf dem Wasser. Er stieg ein, und einige tüchtige Ruderschläge
führten ihn an's andere Ufer. Dort verwandelte sich das Boot wieder in
ein Klettenblatt, und dieses ward in den Sack gesteckt.[32]

So war der Knabe schon manches Jahr gewandert, ohne daß die Nahrung im
Brotsack und im Fäßchen abgenommen hätte. Sieben Jahre konnten recht gut
verstrichen sein, denn er war zu einem kräftigen Jüngling
herangewachsen; da sah er eines Tages von weitem einen hohen Berg, der
bis in die Wolken hinein zu ragen schien. Es verging aber noch eine
Woche, ehe er den Berg erreichte. Dann setzte er sich am Fuße des
Berges nieder, um auszuruhen und zu sehen, ob die Prophezeiungen des
alten Mannes in Erfüllung gehen würden. Er hatte noch nicht lange
gesessen, als ein eigentümliches Zischen sein Ohr berührte: gleich
darauf wurde eine große Schlange sichtbar, welche mindestens zwölf
Klafter lang war und sich dicht bei dem jungen Manne vorbeiwand.
Schrecken lähmte seine Glieder, so daß er nicht fliehen konnte; aber im
Nu war auch die Schlange vorüber. Dann blieb ein Weilchen Alles still.
Darauf schien es ihm, als käme aus der Ferne ein schwerer Körper in
einzelnen Sätzen herangehüpft. Es war eine große Kröte, so groß wie ein
zweijähriges Füllen. Auch dieses häßliche Geschöpf zog an dem Jüngling
vorüber, ohne ihn gewahr zu werden. Sodann vernahm er in der Höhe ein
starkes Rauschen, als wenn ein schweres Gewitter sich erhebe. Als er
hinauf sah, flog hoch über seinem Haupte ein großer Adler in derselben
Richtung, welche vorher die Schlange und die Kröte genommen hatten. »Das
sind wunderbare Dinge, die mir Glück bringen sollen!« dachte der
Jüngling. Da sieht er plötzlich einen Mann auf einem schwarzen Pferde
auf sich zu kommen. Das Pferd schien Flügel an den Füßen zu haben, denn
es flog mit Windesschnelle. Als der Mann den Jüngling am Berge sitzen
sah, hielt er sein Pferd an und fragte, »Wer ist hier vorübergekommen?«
Der Jüngling erwiederte: »Erstens eine große Schlange, wohl zwölf
Klafter lang, dann eine große Kröte von der Größe eines zweijährigen
Füllens und endlich ein großer Adler hoch über meinem Kopfe. Wie groß er
war, konnte ich nicht abschätzen, aber sein Flügelschlag rauschte wie
ein Gewitter daher.« -- »Du hast recht gesehen,« sagte der Fremde, »es
sind meine schlimmsten Feinde, und ich jage ihnen jetzt eben nach. Dich
könnte ich in meinem Dienste brauchen, wenn du nichts Besseres vor hast.
Klettere über den Berg, so kommst du gerade in mein Haus. Ich werde dort
mit dir zugleich anlangen, wenn nicht noch früher.« -- Der junge Mann
versprach zu kommen, worauf der Fremde wie der Wind davon ritt.

Es war nicht leicht, den Berg zu erklimmen. Unser Wanderer brauchte drei
Tage, ehe er den Gipfel erreichte, und dann wieder drei Tage, ehe er auf
der andern Seite an den Fuß des Berges gelangte. Der Wirth stand schon
vor seinem Hause und erzählte, daß er Schlange und Kröte glücklich
erschlagen habe, des Adlers aber nicht habhaft geworden sei. Dann fragte
er den jungen Mann, ob er Lust habe, als Knecht bei ihm einzutreten.
»Gutes Essen bekommst du täglich, soviel du willst, und auch mit dem
Lohne will ich nicht geizen, wenn du dein Amt getreulich verwaltest.«
Der Vertrag wurde abgeschlossen und der Wirth führte den neuen Knecht im
Hause umher, und zeigte ihm, was er zu thun habe. Es war dort ein Keller
im Felsen angebracht und durch dreifache Eisenthüren verschlossen. »In
diesem Keller sind meine bösen Hunde angekettet,« sagte der Wirth, »du
mußt dafür sorgen, daß sie sich nicht unterhalb der Thür mit den Pfoten
herausgraben. Denn wisse: wenn auch nur einer dieser Hunde frei würde,
so wäre es nicht mehr möglich, die beiden anderen fest zu halten,
sondern sie würden nacheinander dem Führer folgen und alles Lebendige
auf Erden vertilgen. Wenn endlich der letzte Hund ausbräche, so wäre
das Ende der Welt da, und die Sonne hätte zum letzten Male geschienen.«
Darauf führte er den Knecht an einen Berg, den Gott nicht geschaffen
hatte, sondern der von Menschenhänden aus mächtigen Felsblöcken
aufgethürmt war. »Diese Steine« -- sagte der Wirth -- »sind deßwegen
zusammengetragen, damit immer wieder ein neuer Stein hingewälzt werden
kann, so oft die Hunde ein Loch ausgraben. Die Ochsen, welche den Stein
führen sollen, will ich dir im Stalle zeigen, und dir auch alles Uebrige
mittheilen, was du dabei zu beobachten hast.«

Im Stalle fanden sie an hundert schwarze Ochsen, deren jeder sieben
Hörner hatte; sie waren reichlich zwei Mal so groß wie die größesten
Ukrainer Ochsen. »Sechs Paar Ochsen vor die Steinfuhre gespannt, führen
einen Stein mit Leichtigkeit weg. Ich werde dir eine Brechstange geben,
wenn du den Stein damit berührst, rollt er von selbst auf den Wagen. Du
siehst, deine Arbeit ist so mühsam nicht, desto größer muß deine
Wachsamkeit sein. Drei Mal bei Tage und ein Mal bei Nacht mußt du nach
der Thür sehen, damit kein Unglück geschieht, der Schade könnte sonst
größer sein, als du vor mir verantworten könntest.«

Bald hatte unser Freund Alles begriffen und sein neues Amt war ganz nach
seinem Sinne: alle Tage das beste Essen und Trinken, wie es ein Mensch
nur begehren konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatten die Hunde ein
Loch unter der Thür gekratzt, groß genug, um die Schnauze
durchzustecken, aber sogleich wurde ein Stein davor gestemmt, und die
Hunde mußten ihre Arbeit von neuem beginnen.

So waren viele Jahre verstrichen und unser Knecht hatte sich ein
hübsches Stück Geld gesammelt. Da erwachte in ihm das Verlangen, ein Mal
wieder unter andere Menschen zu kommen; er hatte so lange in kein
anderes Menschenantlitz gesehen, als in das seines Herrn. War der Herr
auch gut, so wurde dem Knecht doch die Zeit entsetzlich lang, zumal wenn
den Herrn die Lust anwandelte, einen langen Schlaf zu halten. Dann
schlief er immer sieben Wochen lang ohne Unterbrechung und ohne sich
sehen zu lassen.

Wieder war einmal eine solche Schlaflaune über den Wirth gekommen, als
eines Tages ein großer Adler sich auf dem Berge niederließ und so zu
sprechen anhub: »Bist du nicht ein großer Thor, daß du dein schönes
Leben für gute Kost hinopferst? Dein zusammengespartes Geld nützt dir
nichts, denn es sind ja keine Menschen hier, die es brauchen. Nimm des
Wirthes windschnelles Roß aus dem Stalle, binde ihm deinen Geldsack um
den Hals, setze dich auf und reite in der Richtung fort, wo die Sonne
untergeht, so kommst du nach wenig Wochen wieder unter Menschen. Du mußt
aber das Pferd an einer eisernen Kette fest binden, damit es nicht davon
laufen kann, sonst kehrt es zu seiner gewohnten Stätte zurück und der
Wirth kann kommen, um dich anzufechten. Wenn er aber das Pferd nicht
hat, so kann er nicht von der Stelle.« »Wer soll denn hier die Hunde
bewachen, wenn ich weggehe, während der Wirth schläft?« fragte der
Knecht. »Ein Thor bist du, und ein Thor bleibst du!« erwiederte der
Adler. »Hast du denn noch nicht begriffen, daß der liebe Gott ihn dazu
geschaffen hat, daß er die Höllenhunde bewache? Es ist reine Faulheit,
daß er sieben Wochen schläft. Wenn er keinen fremden Knecht mehr hat, so
wird er sich aufraffen und seines Amtes selber warten.«

Der Rath gefiel dem Knechte sehr. Er that, wie der Adler gesagt hatte,
nahm das Pferd, band ihm den Geldsack um, setzte sich auf und ritt
davon. Noch war er nicht gar weit vom Berge, als er schon hinter sich
den Wirth rufen hörte: »Halt an! Halt an! Geh' in Gottes Namen mit
deinem Gelde, aber laß mir mein Pferd.« Der Knecht hörte nicht darauf,
sondern ritt immer weiter, bis er nach einigen Wochen wieder zu
sterblichen Menschen kam. Dort baute er sich ein hübsches Haus, freite
ein junges Weib, und lebte glücklich als reicher Mann. Wenn er nicht
gestorben ist, so muß er noch heute leben; aber das windschnelle Roß ist
schon längst verschieden.

[Fußnote 32: Vergleiche das »See spielen« im Märchen 4 vom Tontlawald,
und das Märchen 11, Der Zwerge Streit. L.]



8. Schlaukopf.[33]


In den Tagen des Kalew-Sohnes lebte im Kungla-Lande[34] ein sehr reicher
König, der seinen Unterthanen alle sieben Jahre in der Mitte des Sommers
ein großes Gelage gab, das jedesmal zwei, auch drei Wochen
hintereinander dauerte. Das Jahr eines solchen Festes war wieder
herangekommen und man erwartete den Beginn desselben binnen einigen
Monaten; aber die Leute schienen dies Mal noch unsicher in ihren
Hoffnungen, weil ihnen nämlich schon zwei Mal, vor vierzehn und vor
sieben Jahren, die erwartete Freude zu Wasser geworden war. Von Seiten
des Königs war beide Male hinlänglich für die nöthigen Vorräthe gesorgt
worden, aber keines Menschen Zunge war dazu gekommen, sie zu kosten.
Wohl schien die Sache wunderbar und unglaublich, aber es fanden sich
aller Orten viele Menschen, welche die Wahrheit derselben als
Augenzeugen bekräftigten. Beide Male, -- so wurde erzählt -- als die
Gäste der hergerichteten Speisen und Getränke warteten, war ein
unbekannter fremder Mann zum Oberkoch gekommen und hatte ihn gebeten,
von Speise und Trank ein paar Mundvoll kosten zu dürfen; aber das bloße
Eintunken des Löffels in den Suppenkessel und das Heben der Bierkanne
zum Munde hatte hingereicht, um mit wunderbarer Gewalt alle
Vorrathskammern, Schaffereien und Keller leer zu machen, so daß auch
kein Körnchen und kein Tröpfchen übrig blieb.[35] Köche und Küchenjungen
hatten alle den Vorfall gesehen und beschworen; gleichwohl war des
Volkes Zorn über die zerstörte Festfreude so groß, daß der König, um die
Leute zu besänftigen, vor sieben Jahren den Oberkoch hatte aufhängen
lassen, weil er dem Fremden die verlangte Erlaubnis gegeben hatte. Damit
nun jetzt nicht abermals ein solches Aergerniß entstünde, war von Seiten
des Königs demjenigen, der die Herstellung des Festes übernähme, eine
reiche Belohnung zugesichert worden: und als gleichwohl Niemand die
Verantwortlichkeit auf sich nehmen wollte, versprach der König endlich
dem Uebernehmer seine jüngste Tochter zur Gemahlin; wenn aber die Sache
unglücklich ausfiele, sollte er mit seinem Leben für den Schaden büßen.

An der Grenze des Reichs, weit von der Königsstadt, wohnte ein
wohlhabender Bauer mit drei Söhnen, von denen der jüngste schon von
klein auf einen scharfen Verstand zeigte, weil die Rasenmutter[36] ihn
aufgezogen und ihn gar oft heimlich an ihrer Brust gesäugt hatte. Der
Vater nannte diesen Sohn deshalb _Schlaukopf_. Er pflegte zu seinen Söhnen
zu sagen: »Ihr, die beiden älteren Brüder, müsset durch Körperkraft und
Händearbeit euch das tägliche Brod verdienen; du, kleiner Schlaukopf,
kannst durch deinen Verstand in der Welt fortkommen und dich einmal über
deine Brüder emporschwingen.« -- Vor seinem Tode teilte er Aecker und
Wiesen zu gleichen Theilen unter seine beiden älteren Söhne. Dem
jüngsten gab er so viel Reisegeld, daß er in die weite Welt gehen
konnte, um sein Glück zu versuchen. Noch war des Vaters Leiche auf dem
Tische nicht kalt geworden, als auch die älteren Brüder ihrem jüngsten
Alles bis auf den letzten Kopeken wegnahmen, dann warfen sie ihn zur
Thür hinaus und riefen ihm höhnisch nach: »Du schlauer Kopf sollst dich
über uns erheben und blos durch deinen Verstand in der Welt fortkommen,
drum könnte das Geld dir lästig sein!«

Der jüngste Bruder schlug sich die Mißgunst seiner beiden Brüder aus dem
Sinne und machte sich sorglos auf den Weg. »Gott giebt wohl schon
Glück!« den Spruch hatte er sich zum Trost und Begleiter aus dem
Vaterhause mitgenommen; er pfiff die trüben Gedanken fort und ging
leichten Schrittes weiter. Als er anfing Hunger zu verspüren, traf er
zufällig mit zwei reisenden Handwerksgesellen zusammen. Sein angenehmes
Wesen und seine Scherzreden gefielen den Gesellen, sie gaben ihm, als
Rast gehalten wurde, von ihrer Kost ab, und so brachte Schlaukopf den
ersten Tag glücklich zu Ende. Er trennte sich vor Abend von den Gesellen
und ging vergnügt fürbaß, denn das Gefühl der Sättigung ließ keine Sorge
für den nächsten Tag aufkommen. Ein Nachtlager bot sich ihm überall, wo
der grüne Rasen die Diele unter ihm und der blaue Himmel das Dach über
ihm bildete; ein Stein unter dem Haupte diente als weiches Schlafkissen.
Am folgenden Tage kam er Vormittags an ein einsames Gehöft. Vor der Thür
saß eine junge Frau und weinte kläglich. Schlaukopf fragte, was sie so
sehr bekümmere, und erfuhr Folgendes: »Ich habe einen schlimmen Mann,
der mich alle Tage schlägt, wenn ich seine tollen Launen nicht
befriedigen kann. Heute befahl er mir, ihm zur Nacht einen Fisch zu
kochen, der kein Fisch sein dürfe, und der wohl Augen, aber nicht am
Kopfe habe. Wo auf der Welt soll ich ein solches Thier finden?« --
»Weine nicht, junges Weibchen« -- tröstete sie Schlaukopf: »dein Mann
will einen Krebs, der zwar im Wasser lebt, aber kein Fisch ist, und der
auch Augen hat, aber nicht im Kopfe.«[37] Die Frau dankte für die gute
Belehrung, gab ihm zu essen und noch einen Brotsack mit auf die Reise,
von dem er manchen Tag leben konnte. Da ihm nun diese unvermuthete Hülfe
geworden war, beschloß er sogleich in die Königsstadt zu gehen, wo
Klugheit am Meisten werth sein müsse, und wo er sicher sein Glück zu
finden hoffte.

Ueberall, wohin er kam, hörte er von nichts Anderem sprechen, als von
dem Sommerfeste des Königs. Als er erfuhr, was für ein Lohn demjenigen
verheißen war, der das Fest herstellen werde, ging er mit sich zu Rathe,
ob es nicht möglich sei, die Sache zu übernehmen. Gelingt es -- so
sprach er zu sich selbst -- so bin ich mit einem Male auf dem Wege zum
Glücke. Was sollte ich wohl fürchten? Im allerschlimmsten Falle würde
ich mein Leben verlieren, allein sterben müssen wir doch einmal, sei es
früher oder später. Wenn ich's beim rechten Ende anfange, warum sollte
es nicht gehen? Vielleicht habe ich mehr Glück als die Andern. Und gäbe
mir dann auch der König seine Tochter nicht, so muß er mir doch den
versprochenen Lohn an Gelde auszahlen, der mich zum reichen Manne macht.
Unter diesen Gedanken schritt er vorwärts, sang und pfiff wie eine
Lerche, ruhte zuweilen im Schatten eines Busches von des Tages Hitze
aus, schlief die Nacht unter einem Baume oder im Freien, und langte
glücklich an einem Abend in der Königsstadt an, nachdem er am Morgen
seinen Brotsack bis auf den Grund geleert hatte. Am folgenden Tage erbat
er sich Zutritt zum Könige. Dieser sah, daß er es mit einem gescheuten
und unternehmenden Menschen zu thun hatte und so wurde man leicht
Handels einig. Dann fragte der König: »Wie heißt du?« Der Mann von Kopf
erwiederte: »Mein Taufname ist Nikodemus, aber zu Hause wurde ich immer
_Schlaukopf_ genannt, um anzudeuten, daß ich nicht auf den Kopf gefallen
bin.« »Ich will dir diesen Namen lassen,« -- sagte der König, -- »denn
dein Kopf muß mir für allen Schaden einstehen, wenn die Sache schief
geht!«

_Schlaukopf_ bat sich vom Könige siebenhundert Arbeiter aus und machte
sich ungesäumt an die Vorbereitungen zum Feste. Er ließ zwanzig große
Riegen[38] aufführen, die nach Art gutsherrlicher Viehställe im Viereck
zu stehen kamen, so daß ein weiter Hofraum in der Mitte blieb, zu
welchem eine einzige große Pforte hineinführte. In den heizbaren Räumen
ließ er große Kochgrapen und Kessel einmauern, und die Oefen mit
Eisenrosten versehen, um darauf Fleisch, Blutklöße und Würste zu braten.
Andere Riegen wurden mit Kesseln und großen Kufen zum Bierbrauen
versehen, so daß oben die Kessel, unten die Kufen standen. Noch andere
Häuser ohne Feuerstellen wurden aufgeführt, um zu Schaffereien für kalte
Speisen zu dienen, die eine um Schwarzbrot, die andere um Hefenbrot[39],
die dritte um Weißbrot u. s. w. aufzubewahren. Alle nöthigen Vorräthe,
wie Mehl, Grütze, Fleisch, Salz, Fett. Butter u. dgl. wurden auf dem
Hofraum aufgestapelt, und dann wurden funfzig Soldaten als Wache vor die
Pforte gestellt, damit kein Diebesfinger etwas antasten könnte. Der
König besichtigte alle Tage die Zurüstungen und rühmte _Schlaukopfs_
Geschick und Klugheit. Außer dem wurden noch einige Dutzend Backöfen im
Freien erbaut, und vor jedem Ofen eine eigene Abtheilung Wachtsoldaten
aufgestellt. Für das Fest wurden geschlachtet tausend Mastochsen,
zweihundert Kälber, fünfhundert Schweine und Ferkel, zehntausend Schafe
und noch viel anderes Kleinvieh, das herdenweise von allen Seiten
zusammengetrieben wurde. Auf den Flüssen sah man Kähne und Böte, auf den
Landstraßen Frachtwagen unaufhörlich Proviant zuführen, und zwar waren
die Fuhren nun schon seit Wochen in Bewegung. An Bier allein wurden
siebentausend Ahm gebraut. Wiewohl die siebenhundert Gehülfen von früh
bis spät arbeiteten, und ab und zu auch noch Tagelöhner angenommen
wurden, so lastete doch die meiste Sorge und Mühe auf _Schlaukopf_, weil
seine Einsicht die Andern in allen Stücken leiten mußte. Den Köchen,
Bäckern und Brauern hatte er aufs strengste eingeschärft, nicht
zuzulassen, daß ein fremder Mund von den Speisen und Getränken koste;
wer gegen diesen Befehl handle, dem war der Galgen angedroht. Sollte
sich aber irgendwo so ein naschhafter Fremder zeigen, so müsse derselbe
augenblicklich vor den obersten Anordner des Festes gebracht werden.

Am Morgen des ersten Festtages erhielt _Schlaukopf_ Nachricht, daß ein
unbekannter alter Mann in eine Küche gekommen sei und den Koch um
Erlaubniß gebeten habe, aus dem Suppengrapen mit dem Schöpflöffel ein
wenig zu kosten, was ihm der Koch nun also auf eigene Hand nicht
gestatten durfte. _Schlaukopf_ befahl, den Fremden vorzuführen, und bald
erschien ein kleiner alter Mann mit grauen Haaren, welcher demüthig um
Erlaubniß bat, die Festspeisen und das Getränk schmecken zu dürfen.
_Schlaukopf_ hieß ihn in eine der Küchen mitkommen, dort wolle er, wenn es
möglich sei, den ausgesprochenen Wunsch erfüllen. Während sie gingen,
sah er scharf hin, ob an dem Alten nicht irgend etwas Absonderliches zu
entdecken sei. Da erblickte er einen glänzenden goldenen Ring an dem
Ringfinger der linken Hand des Alten. Als sie in die Küche getreten
waren, fragte _Schlaukopf_: »Was für ein Pfand kannst du mir geben, daß
kein Schaden entsteht, wenn ich dich die Speise kosten lasse?« »Gnädiger
Herr,« -- erwiederte der Fremde -- »ich habe dir nichts zum Pfande zu
geben.« _Schlaukopf_ zeigte auf den schönen goldenen Ring und verlangte
ihn zum Pfande.[40] Dagegen sträubte sich der alte Schelm, indem er
versicherte, der Ring sei ein Andenken seiner verstorbenen Frau und er
dürfe ihn einem Gelübde zufolge niemals aus der Hand geben, weil sonst
Unglück kommen könnte. »Dann ist es mir auch nicht möglich, dein
Verlangen zu erfüllen,« sagte _Schlaukopf_ -- »ohne Pfand kann ich
Niemanden weder Festes noch Flüssiges schmecken lassen.« Den Alten
stachelte die Lüsternheit so sehr, daß er endlich seinen Ring zum Pfande
gab. Als er jetzt den Löffel in den Kessel tunken wollte, versetzte ihm
_Schlaukopf_ von hinten mit dem Rücken eines Beiles einen so gewaltigen
Schlag auf den Kopf, daß der stärkste Mastochse davon umgefallen wäre,
aber der alte Schelm sank nicht, sondern taumelte nur ein Bischen.
_Schlaukopf_ packte ihn jetzt mit beiden Händen am Barte und ließ starke
Stricke bringen, mit denen dem Alten Hände und Füße festgebunden wurden,
worauf er bei den Beinen an einem Balken in die Höhe gezogen wurde.
_Schlaukopf_ rief ihm spottend zu: »Da warte nun, bis die Festtage
vorüber sind, dann wollen wir weiter miteinander abrechnen. Der Ring, in
welchem deine Kraft steckt, bleibt mir inzwischen als Pfand.« Der Alte
mußte sich wohl oder übel zufrieden geben; er konnte, gefesselt wie er
war, nicht Hand noch Fuß bewegen.

Jetzt begann das Gelage, zu welchem die Leute zu Tausenden von allen
Seiten herbeigeströmt waren. Obwohl die Gasterei volle drei Wochen
dauerte, so mangelte es doch weder an Speise noch an Trank, vielmehr
blieb von Allem noch ein gut Theil übrig.

Das Volk war voll Dank und Preis für den König und den Hersteller des
Festes. Als der König diesem den bedungenen Lohn ausbezahlen wollte,
sagte _Schlaukopf_: »Ich habe noch mit dem Fremden ein kleines Geschäft
abzumachen, ehe ich meinen Lohn in Empfang nehme.« Dann nahm er sieben
starke Männer mit sich, die er mit tüchtigen Knütteln versorgen ließ,
und führte sie dahin, wo er den Alten vor drei Wochen an einen Balken
aufgehängt hatte. »Ihr Männer! Fasset die Knüttel fest in die Faust und
verarbeitet mir den Alten, daß er dieses Bad und unser Gastgebot in
seinem Leben nicht vergesse!« -- Die Männer begannen nun alle sieben den
Alten greulich durchzugerben, so daß sie ihm fast das Leben genommen
hätten; aber von ihren harten Schlägen riß endlich der Strick. Das
Männlein fiel herunter und verschwand im Nu unter der Erde, hinterließ
aber eine breite Oeffnung. Schlaukopf sagte: »Ich habe ein Pfand, mit
welchem ich ihm folgen muß. Bringet dem Könige viele tausend Grüße und
saget ihm, er möge, wenn ich nicht zurück kommen sollte, meinen Lohn
unter die Armen vertheilen.«

Er kroch nun durch dasselbe Schlupfloch, durch welches der Alte
verschwunden war, in die Tiefe. Anfangs fand er den Weg sehr eng, aber
einige Klafter tiefer wurde er viel breiter, so daß man leicht vorwärts
kommen konnte. Eingehauene Stufen bewahrten den Fuß davor, daß er trotz
der Finsterniß nicht glitt. _Schlaukopf_ war eine Weile gegangen, als er
an eine Thür kam. Er lugte durch eine kleine Oeffnung und sah drei junge
Mädchen sitzen und den ihm wohlbekannten Alten, dessen Kopf dem einen
der Mädchen im Schooße lag. Das Mädchen sagte: »Wenn ich noch ein Paar
Mal die Beule mit der Klinge presse, so vergeht Geschwulst und Schmerz.«
_Schlaukopf_ dachte, das ist gewiß die Stelle, die ich vor drei Wochen mit
dem Rücken des Beils gezeichnet habe. Er nahm sich vor, so lange hinter
der Thür zu warten, bis der Hausherr sich schlafen gelegt habe und das
Feuer ausgelöscht sei. Der Alte bat: »Helft mir in die Kammer, daß ich
mich zu Bette lege, mein Körper ist ganz aus den Gelenken, ich kann
nicht Hand noch Fuß regen.« Darauf wurde er in die Schlafkammer geführt.
Während der Dämmerung, als die Mädchen das Gemach verlassen hatten,
schlich _Schlaukopf_ herein und fand ein Versteck hinter dem
Biertönnchen.[41]

Die Mädchen kamen bald zurück und sprachen leise miteinander, um den
alten Papa nicht aufzuwecken. »Die Kopfbeule hätte nichts zu sagen,«
meinte die eine, -- »und der verrenkte Körper würde sich auch schon
wieder herstellen, aber der verlorene Kraftring ist ein unersetzlicher
Schade, und der quält den Alten wohl mehr als sein körperlicher
Schmerz.« Als man später den Alten schnarchen hörte, trat _Schlaukopf_ aus
seinem Versteck hervor und befreundete sich mit den Mädchen. Anfangs
sahen diese wohl erschrocken drein, aber der verschlagene Jüngling wußte
ihre Furcht zu beschwichtigen, so daß sie ihn zur Nacht da bleiben
ließen. Er hatte von den Mädchen herausgebracht, daß der Alte zwei ganz
besondere Dinge besitze, ein berühmtes Schwert und eine Gerte vom
Ebereschenbaum,[42] und er gedachte beides mit zu nehmen. Die Gerte
schuf auf dem Meere eine Brücke vor ihrem Besitzer her, und mit dem
Schwerte ließ sich das zahlreichste Heer vernichten. Den folgenden Abend
hatte sich _Schlaukopf_ richtig des Schwertes und der Gerte bemächtigt,
und war vor Tagesanbruch mit Hülfe des jüngsten Mädchens entkommen. Aber
vor der Thür fand er das alte Schlupfloch nicht mehr, sondern einen
großen Hofplatz und weiterhin wogte das Meer hinter der Koppel.

Unter den Mädchen hatte sich nach seinem Scheiden ein Wortwechsel
erhoben, der so heftig wurde, daß der Alte von dem Lärm erwachte. Aus
ihrem Zanke wurde ihm klar, daß ein Fremder hier verkehrt hatte, er
stand zornig auf und fand Schwert und Gerte entwendet. »Mein bester
Schatz ist mir geraubt!« brüllte er, vergaß allen Körperschmerz und
stürmte hinaus. _Schlaukopf_ saß noch immer am Meeresufer und sann
darüber, ob er die Kraft der Gerte erproben oder sich einen trockenen
Weg suchen solle. Plötzlich hört er hinter sich ein Sausen wie von einer
Windsbraut. Als er sich umsieht, erblickt er den Alten, der wie toll
gerade auf ihn los rennt. Er springt auf und hat eben noch Zeit, mit der
Gerte auf die Wellen zu schlagen und zu rufen: »Brücke vorn, Wasser
hinten!«[43] Kaum hat er das Wort gesprochen, so befindet er sich auf
einer Brücke im Meere, schon eine Strecke vom Ufer entfernt.

Der Alte kommt ächzend und keuchend an's Ufer und bleibt stehen, als er
den Dieb auf der Brücke über dem Meere sieht. Schnaufend ruft er:[44]
»Nikodemus, Söhnchen! wo willst du hin?« -- »Nach Hause, Papachen!« war
die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! du hast mir mit dem Beil auf den Kopf
geschlagen und mich bei den Beinen am Balken ausgehängt?« -- »Ja,
Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du mich von sieben Mann
durchprügeln lassen und meinen goldenen Ring geraubt?« -- »Ja,
Papachen!« »Nikodemus, Söhnchen! hast du dich mit meinen Töchtern
befreundet?« -- »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du das
Schwert und die Gerte gestohlen?« -- »Ja, Papachen.« »Nikodemus,
Söhnchen! willst du zurück kommen?« -- »Ja, Papachen!« gab _Schlaukopf_
wieder zur Antwort. Inzwischen war er auf der Brücke so weit gekommen,
daß er des Alten Rede nicht mehr hören konnte. Als er über das Meer
hinübergelangt war, erfragte er den nächsten Weg zur Stadt des Königs
und eilte dahin, um seinen Lohn zu fordern.

Aber siehe da! er fand hier Alles ganz anders als er gehofft hatte.
Seine Brüder standen beide im Dienste des Königs, der eine als Kutscher,
der andere als Kammerdiener. Beide lebten gar lustig: sie waren reiche
Leute. Als Schlaukopf sich vom Könige seinen Lohn ausbat, sagte dieser:
»Ich hatte dich ein ganzes Jahr lang erwartet, da aber nichts von dir zu
hören noch zu sehen war, so hielt ich dich für todt, und wollte deinen
Lohn unter die Armen vertheilen lassen nach deinem Geheiß. Da kamen aber
eines Tages deine älteren Brüder, um diesen Lohn zu erben. Ich übergab
die Sache dem Gericht, welches ihnen den Lohn zuerkannte, wie sich's
auch gebührte, weil man glaubte, du seiest nicht mehr am Leben. Später
traten deine Brüder in meinen Dienst, und stehen noch darin.« Als
_Schlaukopf_ diese Rede des Königs hörte, glaubte er zu träumen, denn
seines Bedünkens war er nicht länger als zwei Nächte in der
unterirdischen Behausung des Alten gewesen, und hatte dann einige Tage
gebraucht, um heimzukehren; jetzt zeigte sich's aber, daß jede Nacht
Jahreslänge gehabt hatte. Er wollte seine Brüder nicht verklagen, ließ
ihnen das Geld, dankte Gott, daß er mit dem Leben davon gekommen war und
sah sich nach einem neuen Dienste um. Der königliche Koch nahm ihn als
Küchenjungen an, und er mußte jetzt alle Tage den Braten am Spieße
drehen. Seine Brüder verachteten ihn wegen dieser geringen Handthierung
und mochten nicht mit ihm umgehen, er aber hatte sie doch lieb. So hatte
er ihnen auch eines Abends Manches von dem erzählt, was er in der
Unterwelt gesehen hatte, wo die Gänse und Enten goldenes und silbernes
Gefieder trugen. Die Brüder hinterbrachten das Gehörte dem Könige und
baten ihn, er möge ihren jüngsten Bruder doch hinschicken, damit er die
seltenen Vögel herbringe. Der König ließ den Küchenjungen rufen und
befahl ihm, sich am nächsten Morgen aufzumachen, um die Vögel mit dem
kostbaren Gefieder zu holen.

Mit schwerem Herzen machte sich _Schlaukopf_ auf den Weg, nahm aber Ring,
Gerte und Schwert, die er heimlich bewahrt hatte, mit sich. Nach einigen
Tagen kam er an den Meeresstrand und sah an der Stelle, wo er auf seiner
Flucht an's Land gestiegen war, einen alten Mann an einem Steine sitzen.
Als er näher trat, fragte ihn der Mann, der einen langen grauen Bart
hatte: »Weßhalb bist du so verdrießlich, Freundchen?« _Schlaukopf_
erzählte ihm den schlimmen Handel. Der Alte hieß ihn gutes Muths und
ohne Sorge sein und sagte: »So lange der Kraftring in deiner Hand ist,
kann dir nichts Böses geschehen.« Dann erhielt _Schlaukopf_ eine Muschel
von ihm und wurde bedeutet, mit der Zaubergerte die Brücke bis in die
Mitte des Meeres zu schlagen; alsdann solle er mit dem linken Fuße auf
die Muschel treten, so werde er dadurch in die Unterwelt gelangen, wo
das Gesinde gerade schlafen werde. Weiter hieß er ihn aus
Spinnegewebe[45] einen Sack nähen, um die silber- und goldgefiederten
Schwimmvögel hineinzuthun; dann solle er unverzüglich zurück kommen.
_Schlaukopf_ dankte für die erwünschte Anleitung und eilte fort. Die Sache
ging so, wie vorhergesagt war; aber kaum war er mit seiner Beute bis
an's Meeresufer gelangt, so hörte er den alten Burschen hinterdrein
keuchen und vernahm auch, wie er auf die Brücke trat, wieder dieselben
Fragen als das erste Mal: »Nikodemus, Söhnchen! Du hast mir mit dem
Rücken des Beils auf den Kopf geschlagen und hast mich bei den Beinen am
Balken aufgehängt?« u. s. w. bis zuletzt noch die Frage hinzukam, welche
den an den Schwimmvögeln verübten Diebstahl betraf. _Schlaukopf_
antwortete auf jede Frage »ja« und eilte weiter.

So wie ihm der Freund mit dem grauen Barte vorausgesagt hatte, kam er am
Abend mit seiner kostbaren Vogellast in der Stadt des Königs an; der
Sack aus Spinnegewebe hielt die Thiere so fest, daß keines heraus
konnte. Der König schenkte ihm ein Trinkgeld und befahl ihm, am
folgenden Tage wieder hinzugehen, denn er hatte von den älteren Brüdern
gehört, der Herr der Unterwelt besitze sehr viele goldene und silberne
Hausgeräthe, und diese begehrte der König für sich. _Schlaukopf_ wagte
nicht sich dem Befehle zu widersetzen, aber er ging unmuthig von
dannen, weil er nicht vorher wissen konnte, wie die Sache ablaufen
würde. Am Meeresufer aber kam ihm der Mann mit dem grauen Barte
freundlich entgegen und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrübniß.
Alsdann erhielt _Schlaukopf_ wiederum eine Muschel und noch eine Handvoll
kleiner Steinchen nebst folgender Anweisung: »Wenn du nach Mittag hin
kommst, so liegt der Wirth im Bette, um zu verdauen, die Töchter spinnen
in der Stube, und die Großmutter scheuert in der Küche die goldenen und
silbernen Gefäße blank. Klettere dann behend auf den Schornstein, wirf
die in ein Läppchen eingebundenen Steinchen der Alten an den Hals, folge
selbst schleunigst nach, stecke die kostbaren Geräthe in den Sack von
Spinnegewebe und dann lauf', was die Beine halten wollen.« _Schlaukopf_
dankte und machte es ganz, wie vorgeschrieben war. Als er aber das
Läppchen mit den Steinchen fahren ließ, dehnte es sich zu einem
sechslöfigen mit Kieselsteinen gefüllten Sacke aus, der die Alte zu
Boden schmetterte. Flugs hatte _Schlaukopf_ alle goldenen und silbernen
Gefäße in den Sack von Spinnegewebe gepackt und war davon gejagt.[46]
Der »alte Bursche« meinte, als er das Gepolter des Sackes hörte, der
Schornstein sei eingestürzt und getraute sich nicht gleich nachzusehen.
Als er aber die Großmutter lange vergeblich gerufen hatte, mußte er
endlich selbst gehen. Als er das Unglück entdeckte, eilte er, dem Diebe
nachzusetzen, der noch nicht weit sein konnte. _Schlaukopf_ war schon auf
dem Meere, als der Verfolger ächzend und keuchend an's Ufer kam.
»Nikodemus, Söhnchen!« u. s. w. wiederholte der alte Bursche alle
früheren fragen der Reihe nach. Die letzte Frage war: »Nikodemus,
Söhnchen! hast du mir mein Gold- und Silbergeräth gestohlen?« »Freilich,
Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! versprichst du noch
wiederzukommen?« -- »Nein, Papachen!« antwortete _Schlaukopf_ und lief auf
der Brücke vorwärts. Obwohl der alte Bursche hinter dem Diebe her
schimpfte und fluchte, so konnte er seiner doch nicht habhaft werden,
weil alle Zauberwerkzeuge in den Händen des Diebes waren.

_Schlaukopf_ fand den Alten mit dem grauen Barte wieder am Strande, warf
den schweren Sack mit den Gold- und Silbersachen, den er nur mit Hülfe
des Kraftringes hatte fortbringen können, ab, und setzte sich dann, um
die müden Glieder auszuruhen. Im Gespräch erfuhr er nun von dem alten
Manne Manches, was ihn erschreckte. Der Alte sagte: »Die Brüder hassen
dich und trachten, dir auf alle Weise das Garaus zu machen, -- wenn du
ihrem bösen Anschlag nicht zuvorkommst. Sie werden den König hetzen, dir
solche Arbeit aufzutragen bei der du leicht den Tod finden kannst. Wenn
du nun heute Abend mit der reichen Last vor den König trittst, so wird
er freundlich gegen dich sein, dann erbitte dir als einzigen Gnadenlohn,
daß die Tochter des Königs Abends heimlich hinter die Thür gebracht
werde, um zu hören, was deine Brüder untereinander sprechen.«

Als _Schlaukopf_ darnach mit der reichen Habe, die man wenigstens auf zehn
Pferdelasten schätzen konnte, vor den König trat, fand er diesen sehr
freundlich und gütig. _Schlaukopf_ bat nun um den von dem Alten
angegebenen Gnadenlohn. Der König war froh, daß der Schatzbringer keinen
größeren Lohn verlangte und befahl seiner Tochter, sich Abends heimlich
hinter die Thür zu begeben, um zu hören, was der Kutscher und der
Kammerdiener miteinander sprächen. Durch das Wohlleben übermüthig
geworden, prahlten die Brüder mit ihrem Glücke, und was noch einfältiger
war, sie beschimpften dabei lügenhafter Weise des Königs Tochter. Der
Kutscher sagte: »Sie ist viele Mal des Nachts zu mir gekommen, um bei
mir zu schlafen.« Der Kammerdiener erwiederte lachend: »Das kam daher,
weil ich sie nicht mehr wollte und meine Thür vor ihr zuschloß, sonst
würde sie jede Nacht in meinem Bette sein.« Roth vor Scham und Zorn kam
die Tochter zu ihrem Vater, erzählte weinend, welche eine schamlose Lüge
sie mit ihren eigenen Ohren von den Dienern hatte aussprechen hören, und
bat, die Frevler zu bestrafen. Der König ließ die Beiden alsbald in's
Gefängniß werfen und am andern Tage, nachdem sie vor Gericht ihre Schuld
eingestanden hatten, hinrichten. _Schlaukopf_ wurde zum Rathgeber des
Königs erhoben.

Nach einiger Zeit fiel ein fremder König mit einem großen Heere in's
Land, und _Schlaukopf_ ward gegen den Feind in's Feld geschickt. Da zog er
sein aus der Unterwelt geholtes Schwert[47] zum ersten Mal aus der
Scheide und begann das feindliche Heer niederzumähen, bis nach kurzer
Zeit Alle auf der blutigen Wahlstatt den Tod gefunden hatten. Der König
freute sich über diesen Sieg so sehr, daß er _Schlaukopf_ zum
Schwiegersohn nahm.

[Fußnote 33: Dieses Märchen lehnt sich an die beiden Höllenfahrten des
Kalewsohnes, die im Kalewipoëg Ges. =XIII-XV=. =XVII-XIX= erzählt sind. Die
Züge der Sage sind im Märchen wunderlich gebrochen und verschoben, und
andre Märchenstoffe hineingewoben. L.]

[Fußnote 34: Ein mythisches Wunderland. Im Kalewipoëg bewirbt sich des
Kunglakönigs Sohn um Linda, nachmalige Gattin des Kalew, die ihn
abweist, weil »der Kunglakönig böse Töchter hat, welche die Fremde
hassen würden.« Doch lassen sich dieselben Töchter des Kunglakönigs
durch den Gesang des ältesten Kalewsohnes zu Thränen rühren, Kalewipoëg
=III=, 477. Ebendaselbst =XIX=, 400 werden vier Kunglamädchen genannt,
welche goldene und silberne Gewebe wirken. Vgl. auch über den Reichthum
des Landes Kungla das Märchen 23 vom Dudelsack-Tiidu. L.]

[Fußnote 35: Dieser Streich wird im Kalewipoëg nacheinander dem
Alewsohn, dem Olewsohn und dem Sulewsohn gespielt, welche die Warnung
der am Kessel beschäftigten Alten verachteten, weil sie nicht glaubten,
daß der winzige Knirps, der um Erlaubniß bat zu schmecken, solchen
Schaden anrichten könne. Aber dieser reckt sich auf dem Rande des
Suppenkessels über 70 Klafter hoch und verschwindet im Nebel, während
der Kessel leer geworden. Als aber die Reihe, bei dem Kessel zu wachen,
an den Kalewsohn kommt, verlangt dieser erst von dem als Zwerg
erscheinenden Teufel das Glöcklein zum Pfande, welches er um den Hals
hat und worin seine Kraft steckt. S. Kalewipoëg =XVII=, 327 ff. Da unser
Märchen ein großes Festgelage für alles Volk fingirt, so läßt es auch
übertreibend sämmtliche Vorräthe, Speisen und Getränke verschwinden. L.]

[Fußnote 36: Die Rasenmutter ist es auch, welche im Kalewipoëg (=I.= 340)
aus dem Küchlein die reine (oder Thau-?) Jungfrau Salme umgebildet hat.
Nach _Kreutzwald_ zu der =cit.= Stelle ist die Rasenmutter eine Schutzgöttin
des Hauses, deren Obhut besonders der Hofraum und Garten anvertraut war.
Der ehstnische Mythus hat von ihr die liebliche Vorstellung, daß sie es
ist, die aus dem geschmolzenen Schnee des Winters die weiße Anemone
(=Anemone nemorosa=, ehstnisch Frostblume) bildet. S. _Kreutzwald_ zu
_Boecler_ S. 188. Vgl. unser Märchen 2 von den im Mondschein badenden
Jungfrauen; diese heißen dort des Waldelfen und der Rasenmutter Töchter.
Die Töchter der Rasenmutter sind es auch, welche im Kalewipoëg =XVII=, 777
ff. den nach der großen Schlacht bei Assamalla ruhenden Helden
Traumgesichte weben. L.]

[Fußnote 37: Es ist also von denjenigen Krebsthieren die Rede, deren
Augen auf beweglichen Stielen stehen, nicht unmittelbar auf dem Kopfe.
L.]

[Fußnote 38: Vgl. Anm. zu Märchen 21, der beherzte Riegenaufseher. L.]

[Fußnote 39: =Sepik=, mit Hefen gebackenes nicht gesäuertes Brot, das im
südlichen Ehstland nur aus Weizenmehl gemacht wird. S. _Wiedemann_,
Ehstnisch-Deutsches Wörterb. =s. v.= L.]

[Fußnote 40: Aus dem Glöckchen der Sage, _Kalewipoëg_ =XVII=, 633 ist im
Märchen ein Ring geworden. Im Glöckchen dort, im Ringe hier steckt des
Höllenfürsten Kraft. Vgl. das Märchen 18, vom Nordlands-Drachen, wo der
Ring Salomonis, der im Besitz der Höllenjungfrau ist, Felsen
zertrümmert, wenn er am Daumen der linken Hand steckt. L.]

[Fußnote 41: Ein mit einem Deckel und unten mit einem Zapfen versehenes
Tönnchen Dünnbier (Kofent), das in den Bauerstuben steht und woraus sich
Bier abzapft, wer Durst hat. L.]

[Fußnote 42: Hier fehlt also das Dritte, der Wünschelhut aus
Nägelschnitzeln, den Kalewipoëg bei seinem ersten Höllenabenteuer
benutzt und dann verbrennt. S. darüber die Anm. zum 11ten Märchen, von
der Zwerge Streit. L.]

[Fußnote 43: Kalewipoëg =XV=, 70 ff. Vers 217 heißt die Hexen- oder
Wünschelruthe geradezu der Brückenfertiger (=sillawalmistaja=). L.]

[Fußnote 44: Kalewipoëg =XV=, 108 ff. vgl. mit =XVIII=, 815 ff. In diesen
Stellen thut »der Leere« (=Tühi=) oder wie er im 18. Gesang heißt, der
Gehörnte (=Sarwik=) alle Fragen hintereinander, während unser Märchen sie
auseinander legt und auf die verschiedenen Gänge Schlaukopfs vertheilt.
Die Sage berichtet von einem Zweikampf des Kalewsohnes mit dem
Höllenfürsten; bei dem zweiten Höllengang des Kalewipoëg endet dieser
Zweikampf mit der Ueberwältigung und Fesselung des Gehörnten. Kalewipoëg
=XIX=, 87 ff. L.]

[Fußnote 45: Vgl. oben S. 45, 46. L.]

[Fußnote 46: Auch der Kalewsohn raubt die Schätze der Unterwelt. L.]

[Fußnote 47: Erinnert an »das in verborgener Schmiede von
unterirdischen Meistern« (=Ma-alused=, vgl. Märchen 17) gefertigte
Schwert, welches der Kalewsohn zum Ersatz für sein von dem Finnenschmied
geschmiedetes und von dem Zauberer des Peipus-Strandes entwendetes
Schwert aus der Hölle nimmt. L.]



9. Der Donnersohn.[48]


Der Donnersohn schloß mit dem Teufel einen Vertrag auf sieben Jahre,
laut dessen der Teufel ihm als Knecht dienen und unweigerlich in allen
Stücken des Herrn Willen erfüllen sollte; zum Lohn für treue Dienste
versprach ihm der Donnersohn seine Seele zu geben. Der Teufel that
seine Schuldigkeit gegen seinen Herrn, er scheute nicht die schwerste
Arbeit und murrte nimmer über das Essen, denn er wußte ja, was für einen
Lohn er nach sieben Jahren von Rechtswegen erhalten sollte. Sechs Jahre
waren vorüber, und das siebente hatte begonnen, aber der Donnersohn
hatte durchaus keine Lust, dem bösen Geist seine Seele so wohlfeilen
Kaufes zu überlassen, und hoffte deshalb durch irgend eine List den
Klauen des Feindes zu entrinnen. Schon beim Abschluß des Vertrages hatte
er dem alten Burschen den Streich gespielt, daß er ihm statt des eigenen
Blutes Hahnenblut[49] zur Besiegelung gab, und der kurzsichtige hatte
den Betrug nicht gemerkt. Und doch war eben dadurch das Band, welches
die Seele des Donnersohns unauflöslich verstricken sollte ganz locker
geworden. Obgleich indeß das Ende der Dienstzeit immer näher rückte,
hatte der Donnersohn sich immer noch keinen Kunstgriff ersonnen, der ihn
frei machen konnte. Da traf es sich, daß an einem heißen Tage von Mittag
her eine schwarze Wetterwolke aufstieg, die den Ausbruch eines schweren
Gewitters drohte. Der alte Bursche verkroch sich sogleich in der Tiefe
der Erde, zu welchem Behuf er immer ein Schlupfloch unter einem Steine
bereit hatte. »Komm Brüderchen, und leiste mir Gesellschaft, bis das
Ungewitter vorüber ist!« bat der Teufel seinen Herrn mit honigsüßer
Zunge. »Was versprichst du mir, wenn ich deine Bitte erfülle?« fragte
der Donnersohn. Der Teufel meinte, darüber könne man sich unten einigen,
denn hier oben mochte er die Bedingungen nicht mehr besprechen, da die
Wolke ihm jeden Augenblick über den Hals zu kommen drohte. Der
Donnersohn dachte: heute hat die Furcht den alten Burschen ganz mürbe
gemacht; wer weiß, ob es mir nicht glückt, mich von ihm los zu machen.
So ging er denn mit ihm in die Höhle. Das Gewitter dauerte sehr lange,
Krach folgte auf Krach, daß die Erde zitterte und die Felsen erbebten.
Bei jeder Erschütterung drückte sich der alte Bursche die Fäuste gegen
die Ohren und kniff die Augen fest zu; kalter Schweiß bedeckte seine
zitternden Glieder, und er konnte kein Wort hervorbringen. Gegen Abend,
als das Gewitter vorüber war, sagte er zum Donnersohn: »Wenn der alte
Vater nicht dann und wann so viel Lärm und Getöse[50] machte, so könnte
ich mit ihm schon durchkommen und könnte ruhig leben, da mir seine
Pfeile unter der Erde nicht schaden können. Aber sein gräßliches Getöse
greift mich so an, daß ich gleich die Besinnung verliere und nicht mehr
weiß, was ich thue. Denjenigen, der mich von diesem Drangsal befreite,
würde ich reichlich belohnen.« Der Donnersohn erwiederte: »Da ist kein
besserer Rath, als dem alten Papa das Donnergeräth heimlich
wegzunehmen.« »Ich würde es schon entwenden,« antwortete der Teufel,
»wenn die Sache möglich wäre, aber der alte =Kõu=[51] ist stets wachsam,
er läßt weder Tag noch Nacht das Donnerwerkzeug aus den Augen, wie wäre
da ein Entwenden möglich?« Der Donnersohn blieb aber dabei, daß sich die
Sache wohl machen ließe. »Ja, wenn du mir helfen würdest,« rief der
Teufel, »dann könnte der Anschlag vielleicht gelingen, ich allein komme
damit nicht zu Gange.« Der Donnersohn versprach nun sein Helfershelfer
zu werden, verlangte aber dafür keinen geringeren Lohn, als daß der
Teufel den Seelenkauf rückgängig mache. »Meinethalben nimm drei Seelen,
wenn du mich von dieser gräßlichen Noth und Angst befreist!« rief der
Teufel vergnügt. Nun setzte ihm der Donnersohn auseinander, in welcher
Weise er die Entwendung für möglich halte, wenn sie sich Beide einmüthig
und mit vereinten Kräften an's Werk machten. »Aber,« so schloß er, »wir
müssen so lange warten, bis der alte Papa sich wieder einmal so sehr
ermüdet, daß er in tiefen Schlaf fällt, denn gewöhnlich schläft er ja
wie der Hase mit offenen Augen.«

Einige Zeit nach dieser Berathung brach ein schweres Gewitter aus, das
lange anhielt. Der Teufel saß wieder mit dem Donnersohn in seinem
Schlupfwinkel unter dem Steine. Die Furcht hatte den alten Burschen so
betäubt, daß er kein Wort von dem hörte, was sein Gefährte sprach. Am
Abend aber erstiegen Beide einen hohen Berg, wo der alte Bursche den
Donnersohn auf seine Schultern hob und sich dann selber durch Zauber
immer weiter in die Höhe reckte,[52] wobei er sang:

    »Recke, Brüderchen, dich aufwärts,
    Wachse, Freundchen, in die Höhe!«

bis er zur Wolkengrenze hinaufgewachsen war. Als der Donnersohn über den
Wolkenrand[53] hinüber spähte, sah er den Papa =Kõu= ruhig schlafen, den
Kopf auf zusammengeballte Wolken gestützt, aber die rechte Hand lag
quer über das Donnergeräth ausgestreckt. Man konnte das Instrument nicht
fortnehmen, weil das Berühren der Hand den Schlafenden geweckt haben
würde. Der Donnersohn kroch nun von der Schulter des alten Burschen in
die Wolken hinein, schlich leise wie eine Katze näher und suchte sich
durch List zu helfen. Er holte hinter seinem Ohre eine Laus hervor und
setzte sie dem Papa =Kõu= zum Kitzeln auf die Nase. Der Alte nahm alsbald
die Hand, um seine Nase zu kratzen, in demselben Augenblick aber packte
der Donnersohn das frei gewordene Donnerwerkzeug und sprang vom
Wolkenrand auf den Nacken des Teufels zurück, der mit ihm den Berg
hinunter rannte, als hätte er Feuer hinter sich. Der alte Bursche hielt
auch nicht eher an, als bis er die Hölle erreicht hatte. Hier verschloß
er seinen Raub in eiserner Kammer hinter sieben Schlössern, dankte dem
Donnersohn für die treffliche Hülfe und leistete auf dessen Seele völlig
Verzicht.

Jetzt aber brach über die Welt und die Menschen ein Unglück herein,
welches der Donnersohn nicht hatte vorhersehen können: die Wolken
spendeten keinen Tropfen Feuchtigkeit mehr, und Alles welkte in der
Dürre hin. -- Habe ich leichtsinniger Weise dieses unerwartete Elend
über die Leute gebracht, so muß ich suchen, die Sache, soweit möglich,
wieder gut zu machen, -- dachte der Donnersohn und überlegte, wie der
Noth abzuhelfen sei. Er zog gen Norden an die finnische Grenze, wo ein
berühmter Zauberer wohnte, entdeckte ihm den Raub und gab auch an, wo
das Donnerwerkzeug gegenwärtig versteckt sei. Da sagte der Zauberer:
»Zunächst muß dem alten Vater =Kõu= Kunde werde, wo sein Donnergeräth
festgehalten wird, er findet dann selbst wohl Mittel und Wege, wieder zu
seinem Eigenthume zu gelangen.« Und er schickte dem alten Wolkenvater
Botschaft durch den Adler des Nordens. Gleich am folgenden Morgen kam
=Kõu= zum Zauberer, um ihm dafür zu danken, daß er die Spur des Diebstahls
nachgewiesen hatte. Sodann verwandelte sich der Donnerer in einen
Knaben, suchte einen Fischer auf und verdingte sich bei demselben als
Sommerarbeiter. Er wußte nämlich, daß der Teufel häufig an den See kam,
um Fische zu raffen, und hoffte ihn dort einmal zu treffen. Wiewohl nun
der Knabe =Pikker=[54] Tag und Nacht kein Auge von seinen Netzen
verwandte, so verging doch eine Weile, ehe er des Feindes ansichtig
wurde. Dem Fischer war es längst aufgefallen, daß oftmals die bei Nacht
in den See gelassenen Netze am Morgen leer heraufgezogen wurden, aber er
konnte die Ursache nicht erklären. Sein Knabe wußte freilich recht gut,
wer der Fischdieb sei, aber er wollte nicht früher sprechen, als bis er
seinem Herrn den Dieb auch zeigen könnte.

In einer mondhellen Nacht, als er mit seinem Herrn an den See kam, um
nach den Netzen zu sehen, traf es sich, daß der Dieb gerade bei der
Arbeit war. Als sie über den Rand ihres Kahnes in's Wasser blickten,
sahen sie Beide, wie der alte Bursche aus den Maschen des Netzes Fische
heraus holte und in seinen Schultersack stopfte. Am folgenden Tage ging
der Fischer einen berühmten Zauberer um Hülfe an und bat ihn, den Dieb
durch seine Kunst dermaßen an das Netz zu bannen, daß er ohne Willen
des Besitzers sich nicht los machen könne. Das geschah denn auch ganz
nach des Fischers Wunsch. Als man am folgenden Tage das Netz aus dem See
herauf wand, kam auch der alte Bursche mit an die Oberfläche und wurde
an's Ufer gebracht. Hei! was er da vom Fischer und Fischerknaben
durchgegerbt wurde! Da er ohne Willen des Zauberers vom Netze nicht
loskommen konnte, so mußte er alle Hiebe ruhig hinnehmen. Die Fischer
zerschlugen ihm wohl ein Fuder Prügelstecken auf dem Leibe, ohne
hinzusehen auf welchen Körpertheil die Schläge fielen. Des alten
Burschen Kopf blutete und war dick aufgeschwollen, die Augäpfel traten
aus ihren Höhlen, -- es war ein gräßlicher Anblick -- aber der Fischer
und sein Knabe hatten kein Erbarmen mit dem gemarterten Teufel, sondern
ruhten nur von Zeit zu Zeit aus, um von neuem darauf los zu dreschen.
Als klägliches Bitten nicht half, bot der alte Bursche endlich ein hohes
Lösegeld, ja er versprach dem Fischer die Hälfte seiner Habe und noch
mehr, wenn der Bann gelöst würde. Der erzürnte Fischer ließ sich aber
nicht eher auf den Handel ein, als bis ihm die letzte Kraft ausging, so
daß er keinen Stock mehr rühren konnte. Endlich kam, nachdem ein Vertrag
geschlossen worden, der alte Bursche mit Hülfe des Zauberers vom Netze
los, worauf er den Fischer bat, er möge nebst seinem Knaben mit ihm
kommen, um das Lösegeld abzuholen. Wer weiß, ob er nicht hoffte, sie
noch durch irgend eine List zu betrügen.

Im Höllenhofe wurde den Gästen ein prächtiges Fest bereitet, das über
eine Woche dauerte und bei welchem es an nichts fehlte. Der alte Wirth
zeigte den Gästen seine Schatzkammern und geheimnisvollen Geräthe, und
ließ von seinen Spielleuten dem Fischer zur Erheiterung die schönsten
Weisen aufspielen. Eines Morgens sprach der Knabe =Pikker= heimlich zum
Fischer: »Wenn du heute wieder bewirthet und geehrt wirst, so bitte dir
aus, daß man das Instrument bringe, welche in der Eisenkammer hinter
sieben Schlössern liegt.« Bei Tische, als die Männer schon einen halben
Rausch hatten, bat der Fischer, man möge ihm das Instrument aus der
geheimen Kammer zeigen. Der Teufel zeigte sich willig, holte das
Instrument herbei und fing selbst an darauf zu spielen. Allein obgleich
er aus Leibeskräften hineinblies und die Finger an der Röhre auf und ab
bewegte, so war der Ton, den er herausbrachte, doch nicht besser als das
Geschrei einer Katze, die in den Schwanz gekniffen wird, oder das
Gequieke eines Ferkels, das man auf die Wolfsjagd nimmt.[55] Lachend
sagte der Fischer: »Quälet euch nicht umsonst ab! ich sehe wohl, daß aus
euch doch kein Dudelsackbläser mehr wird. Mein Hüterknabe wurde es
besser machen.« »Oho!« rief der Teufel. -- »Ihr meint vielleicht, das
Blasen auf dem Dudelsack sei ungefähr wie das Flöten auf einem
Weidenrohr, und haltet es für ein Kinderspiel? Komm, Freundchen,
versuch' es erst, und wenn du oder dein Hüterknabe etwas wie einen Ton
auf dem Instrumente hervorbringen könnt, so will ich nicht länger der
Höllenwirth heißen.« »Da versuch's!« rief er und reichte das Instrument
dem Knaben hin. Der Knabe =Pikker= nahm es, als er aber den Mund an die
Röhre setzte und hineinblies, da erbebten die Wände der Hölle, der
Teufel und sein Gesinde fielen ohnmächtig hin und lagen wie todt da.
Plötzlich stand an Stelle des Knaben der alte Vater Donnerer selbst
neben dem Fischer, dankte für geleistete Hülfe und sagte: »Künftig, wenn
mein Instrument wieder aus den Wolken ertönt, soll deinen Netzen reiche
Gabe beschieden sein.« Dann trat er eilig die Heimkehr an.

Unterwegs kam ihm der Donnersohn entgegen, fiel auf die Knie, bereute
seine Schuld und bat demüthig um Verzeihung. Der Vater =Kõu= sagte: »Oft
genug vergeht sich des Menschen Leichtsinn gegen die Weisheit des
Himmels; danke drum deinem Glücke, Söhnchen, daß ich wieder Macht habe,
die Spuren des Elends zu vertilgen, welches deine Thorheit über die
Leute gebracht hat.« Mit diesen Worten setzte er sich auf einen Stein
und blies das Donnerinstrument, bis die Regenpforten sich aufthaten und
die Erde tränkten. Den Donnersohn nahm der alte =Kõu= als Knecht zu sich,
und da muß er noch sein.

[Fußnote 48: Nota zu 9 u. 10. Beide Märchen behandeln einen und
denselben Stoff: die Entwendung des Donnerwerkzeugs durch den dasselbe
über Alles fürchtenden Teufel, welchem es der in einen Fischerknaben
verwandelte Donnergott wieder abnimmt.

Was zunächst den Namen des Donnerwerkzeugs betrifft, so heißt es in
beiden Märchen »=pil=«, womit zwar im Ehstnischen jedes Instrument
bezeichnet wird, hier aber nur ein Blaseinstrument gemeint sein kann.
Und zwar kein anderes als der bei den Ehsten seit uralter Zeit sehr
beliebt gewesene Dudelsack, schwedisch =dromm-pîp=, =drumm-pîpa=. =Drumm= ist
das Trompeten-Ende dieses Instruments, es brummt stets denselben Baßton
und erweckt den Ehsten die Vorstellung des Donners. Im Inlande Jahrg.
1858, Nr. 6 ist eine Version unseres Märchens 10 abgedruckt, welche die
Ueberschrift führt =Müristaja mäng=, was mit Donnertrommel übersetzt ist.
Aber =mäng= bedeutet nicht Trommel, sondern Spiel, Spielzeug, und da es im
»Inland« gegen den Schluß heißt: »er holt den »Himmelsbrummer« hervor
und setzt die fünf Finger an denselben,« so deutet dies offenbar keine
Trommel, sondern ein Blaseinstrument an, den Dudelsack, der speciell
=toru-pil=, Röhreninstrument, heißt, aber auch =pil= schlechtweg, wie in
unserm Märchen 23, =Pilli-Tiidu=, Dudelsack-Tiidu. Von Trommel und Pauke
heißt es im Ehstnischen =trummi löma=, die Trommel oder Pauke schlagen,
und weder an Schamanentrommel noch an ein Tambourin ist bei dem
Ausdrucke =pil= oder =müristaja mäng= zu denken. Nach _Neus_, myth. u. mag.
Lieder der Ehsten S. 12. 13. vgl. mit 41. hängt das ehstnische
=müristamine=, das Donnern, mit einem finnischen Verbum zusammen, welches
vom Brummen des Bären gebraucht wird, und weist auch der ehstnische Name
des Donnergotts, =Kõu=, auf ein finnisches =Nomen= für Bär zurück. Auch der
nordische Donnergott, Thunar-Thor, führte den Beinamen des Bären. Also
nicht der Schall einer Trommel, sondern das Gebrüll eines Thieres oder
eines daran erinnernden Instruments wird dem Donner verglichen. Der
ehstnische Donnergott entlockt dem Dudelsack furchtbare, aber auch
liebliche Töne -- schrecklichen Donner, aber auch sanft rieselnden
Regen. Wenn die Vorstellung von dem Erregen des Gewitters durch ein
Instrument wie die Sackpfeife eigentümlich ehstnisch ist (nach _Rußwurm_,
Sagen, Reval 1861. S. 134, ist der Dudelsack Erfindung =Tara's=, und steht
mit den altheidnischen Volkssitten und Götterdiensten in Zusammenhang,
weßhalb christlicher Eifer das Instrument auf den Teufel zurückführte),
so kennt die ehstnische Sage doch auch den =Äike= oder =Pikker=, der Donner
und Blitz hervorbringt, indem er auf einem Wagen mit erzbeschlagenen
Rädern über Eisenbrücken dahin rasselt, Kalewipoëg =III=, 12 ff. vgl. mit
=XX=. 728 ff. Hier wird man sogleich an Thunar-Thor erinnert.

Was den »Donnersohn« betrifft, so theilt _Kreutzwald_ zu _Boecler_ auf S. 11
mit, er (Kreutzwald) habe in Wierland (dem nordöstlichen Uferdistrict
Ehstlands) den Namen =Pikse-käsepois=, d. h. des Gewitters Befehlsknabe,
gehört, aber nicht erfahren, wer damit gemeint sei. Nach ehstnischer
Tradition ist der Lijonsengel, der in unserm Märchen 9 zum Fischer, und
in 10 zum Fischer Lijon umgestaltet ist, Vermittler zwischen den
Sterblichen und dem =Tara= oder Altvater, und »_der Gott auf der Erde, der
mit dem Gewitter zusammengeht_.« So liegt die Vermuthung nahe, daß der
Lijons-Engel (stamme er nun von dem biblischen »=Legion=« oder von dem
ebenfalls biblischen »Elias«, russisch »=Iljá=«), der oben angeführte
Befehlsknabe des Gewitters, und unser Donnersohn -- eine und dieselbe
Hypostase des Donnergottes selber sind. Nach _Rußwurm_ Sagen, 1861. S. 131
hat auch der ehstnische Teufel einen kleinen Sohn, Thomas, der dem
eigenen Vater zuweilen Possen spielt. Wie in unseren Märchen, so
entweichen auch im Kalewipoëg, vgl. die oben citirten Stellen und =X=,
198, die bösen Geister vor ihrem »Züchtiger« und seinen Pfeilen in die
Flut -- das Wasser macht den Blitzstrahl unschädlich. Daß der Donnergott
sich in einen Fischerknaben verwandelt, erinnert einigermaßen an Thors
Fischfang mit Hymir. _Mannhardt_, Götterwelt, =I=, 218. L.]

[Fußnote 49: S. die Anm. S. 67 zum Märchen vom Tontlawald. L.]

[Fußnote 50: =Castrén= bemerkt in seinen Vorlesungen über finnische
Mythologie, daß man den Donner viel mehr fürchtete als den Blitz, und
daß man noch jetzt hie und da in Finnland beim Donnerwetter nicht wagt
den Namen =Ukko= (Beherrscher des Himmels) zu nennen, oder irgend etwas
Ungebührliches zu reden oder zu thun. L.]

[Fußnote 51: =Kõu= heißt der Donnergott; =Pikne=, Genitiv =Pikse=, war
eigentlich der Blitzstrahl, wird aber auch für den Donnergott gebraucht.
Auch die Formen =Pitkne= und =Pikker= kommen vor. Der Kalewipoëg =X=, 889
kennt eine Wetterjungfrau als =Kõu's= Tochter. L.]

[Fußnote 52: Im Kalewipoëg wird diese Kraft einem aus Nägelschnitzeln
gemachten Hute zugeschrieben, den der Kalewsohn dem Höllenfürsten
entwendet und nach gemachtem Gebrauche verbrennt. Vgl. die betr. Nota zu
11, der Zwerge Streit. L.]

[Fußnote 53: Nach _Rußwurm_, Sagen aus Hapfal, der Wiek, Oesel und Runö,
Reval 1861, =p.= =XVII=, denken sich die Ehsten die Wolken als Gallert, und
findet man nach Gewittern zuweilen Wolkenstücke auf der Erde, was
Rußwurm auf eine Flechtenart (=Tremella Nostoc=) beziehen möchte. L.]

[Fußnote 54: Siehe die Anm. S. 122 ff. u. S. 126. L.]

[Fußnote 55: Man bringt das Ferkel zum Quieken, um dadurch die Wölfe
anzulocken. L.]



10. Pikne's Dudelsack.


In der Urzeit hatte Altvater gar viel zu thun, die Welt in Ordnung zu
bringen, und das nahm ihm vom Morgen bis zum Abend alle seine Zeit, so
daß er Manches nicht beachtete, was hier und da hinter seinem Rücken
vorging. Riesen standen schon von Anbeginn der Welt wider einander, was
gar oft die Ruhe störte. So hatten Pikne und der alte Tühi[56] eine
Zeitlang ihre Kraft aneinander versucht und darum gekämpft, wer von
Beiden die Oberhand gewänne. Obwohl die Männer Tag und Nacht einander
auflauerten und sich schier die Köpfe zerbrachen, ob sie einen
Gewaltstreich verüben oder List anwenden sollten -- so hatten sie doch
noch nicht den passenden Augenblick zur Ausführung ihrer Anschläge
gefunden. Da traf es sich einmal, daß Pikne, von dem beständigen Wachen
müde geworden, eingenickt war und bald wie ein Sack schlief;
unglücklicherweise hatte er vergessen, sich seinen Dudelsack zu Häupten
zu legen, wo das Instrument sonst immer seinen Platz fand. Der tiefe
Schlaf verschloß ihm Augen und Ohren so fest, daß der Mann weder sah
noch hörte, was in seiner Nähe vorging. Der alte Tühi, der dem Feinde
fast immer auf Schritt und Tritt nachspürte, fand den Pikne schlafend,
trat sachte auf den Zehen heran, nahm den Dudelsack von der Seite des
Schlafenden und machte sich mit seinem Raube auf die Socken. Dadurch
hoffte er jetzt des Donnerer's Vater am meisten zu ärgern und die Macht
desselben zu schwächen, daß er das Werkzeug versteckte, welches bis
dahin das schlimmste Züchtigungsmittel für die Bewohner der Hölle
gewesen war. Als nun Pikne, aus dem Schlafe erwachend, die Augen weit
aufsperrte, sah er alsbald, welch einen Verlust ihm, derweil er schlief,
der Feind verursacht hatte. Daß kein Andrer als der alte Tühi den
Dudelsack hatte stehlen können, das war ihm gleich klar; allein wie
sollte er es anfangen, das ihm gestohlene Eigenthum den Klauen des
Diebes wieder zu entreißen? Wohl hätte er Altvater die Sache mit den
Diebstahl klagen und ihn um Hülfe bitten können, aber dadurch hätte er
seine eigene Sorglosigkeit verrathen, und Altvater hätte ihn im Zorn
noch obendrein gezüchtigt. Diese Gedanken machten dem Pikne eine
Zeitlang viel Sorge, und er flüchtete sich meist an einsame Orte, wo
Niemand ihn zu Gesicht bekam. Der alte Tühi nun, der sonst ungeschlacht
wie ein Kalb und in allen Stücken einfältig war, hatte doch seine Haut
immer vor Pikne zu wahren gewußt. Sonst fürchtete er Pikne's Dudelsack
wie die Pest, so daß er schon von weitem davon lief; jetzt aber konnte
er schon etwas mehr wagen. Er kannte manches heimliche Schlupfloch, wo
Pikne's Pfeile ihm nichts anhaben konnten: auf dem Meeresgrunde konnte
er vor Pikne ohne Sorge sein. Pikne dachte gleich, als er des alten
Tühi Tagelang nicht ansichtig wurde, daß er irgendwo unter dem Wasser
versteckt säße, doch fand er immer keinen zweckmäßigen Plan, wie er des
Feindes habhaft werden und ihm den Dudelsack wieder abnehmen könnte. Da
hatte er eines Tages plötzlich einen prächtigen Einfall, mit dessen
Ausführung er auch nicht säumte. Er nahm die Gestalt eines kleinen
Knaben an, ging früh Morgens in ein Dorf am Strande und forschte dort
nach, ob es nicht möglich sei, irgendwo bei einem Fischer in Dienst zu
treten.

Ein wohlhabender Fischer, Namens Lijon, sagte, nachdem er des feinen
Knaben Rede angehört: »Eine Viehherde habe ich nun zwar nicht, wo ich
deinesgleichen brauchen könnte, aber ich will dich auf Probe nehmen, ob
man aus dir nicht mit der Zeit einen Gehülfen beim Fischfang machen
kann. Du siehst mir ganz aus wie ein Geschöpf von klugem Geiste, wenn du
nun auch fleißig und folgsam sein wirst, so können wir leicht Handels
einig werden.« Als er am folgenden Morgen an den See ging, nahm er den
Knaben mit, und lehrte ihn mit Angel und Netzen umzugehen und alle
übrigen Obliegenheiten eines Fischers zu besorgen. Schon nach einigen
Tagen fand er, daß ihm der muntere Lehrling von Nutzen war, der alle
Handgriffe leicht auffaßte und seinem Herrn auf jedem Schritt behülflich
zu sein wußte. Allmälig wurde der Knabe gleichsam seine rechte Hand, so
daß der Fischer gar nicht mehr allein auf den Fischfang ging. Die
anderen Fischer nannten den Knaben spöttisch Lijon's Pudel. Der Knabe
aber nahm den Spitznamen gar nicht übel, sondern freute sich des
unverhofften Glückes, daß er jetzt täglich vom Morgen bis zum Abend auf
dem Wasser fahren konnte, wo der Feind sich doch sicher irgendwo auf
dem Grunde versteckt hielt.

Jetzt traf es sich, daß der alte Tühi seinem Sohne Hochzeit machen und
den Hochzeitsgästen prächtige Feste geben wollte, so daß die Leute noch
lange von seinem Reichthum zu erzählen hätten; -- Eitelkeit ist für den
Teufel der schlimmste Kitzel! Der alte Höllenvater streckte die Pfoten
überall hin, wo er einen Fang zu thun hoffte, am meisten aber trachtete
er, das Getreide von solchen Feldern zu schneiden, auf welchen Andere
gesäet hatten, so daß er keine weitere Mühe hatte, als den Fleiß Anderer
einzusacken. So gerieth er eines Tages auch an den See, dahin, wo der
Fischer in der Nacht seine Netze ausgelegt hatte. Er holte sich eben
gemächlich die Fische aus den Maschen heraus, als der Fischer mit dem
Knaben kam, um die Netze herauszuziehen. Des Knaben Luchsauge hatte mit
Blitzesschnelle schon von weitem den Feind unter dem Wasser erblickt. Er
zog seinen Herrn bei Seite und flüsterte ihm in's Ohr, woran es läge,
daß ihr Fang in den letzten Tagen so schlecht ausgefallen sei. »Eine
Diebshand fuschelt jetzt eben am Netze herum« -- sagte er, indem er mit
ausgestrecktem Finger des Wirths Auge auf den Dieb lenkte, der eben auf
dem Grunde des See's bei der Arbeit war und die Kommenden nicht
bemerkte. Aber Lijon war ein gewiegter Zauberkünstler, der eine
Diebspfote auf frischer That zu bannen wußte, so daß der Dieb nicht
hoffen konnte, ohne ihn wieder loszukommen. Als er alle geheimen Bräuche
der Ordnung nach vollzogen hatte, ging er mit dem Knaben wieder heim und
sagte scherzend: »Mag er bis morgen früh die Fische zahlen, wie viel
ihrer in's Netz gegangen sind!« Als man am andern Morgen an den See kam,
um die Netze herauszuziehen, wurde Altväterchen Tühi in der Schlinge
festgemacht gefunden, und konnte sich nicht losmachen, sondern war
genötigt, dem Fischer unter die Augen zu treten. Als nun sein Kopf mit
dem Netze auf die Oberfläche des Wassers stieg, versetzte ihm der
Fischer mit dem Ruder von Ebereschenholz gleich einige Hiebe zum Gruß,
daß dem Männlein die Ohren sausten. Am Ufer nahmen dann Beide, der
Fischer und sein Knabe, die Knüttel zur Hand und machten sich daran, dem
Diebe seinen Lohn auszuzahlen. Obgleich der Knabe von schmächtigem
Körperbau zu sein schien, so schmeckten doch seine Hiebe so bitter, daß
sie dem alten Tühi durch Mark und Bein gingen und ihm den Athem zu
benehmen drohten. Da begann Tühi zu schreien und zu flehen: »Vergieb mir
diesmal, Brüderchen, und höre nur meine Entschuldigung an. Noth treibt
den Ochsen an den Brunnen, und Noth trieb auch mich Armen jetzt an dein
Netz. Mir steht zu Hause des Sohnes Hochzeit bevor, die, wie du wohl
weißt, sich ohne Fische nicht ausrichten läßt. Und da ich selbst keine
Netze hatte, mußte ich schon einige Fische aus deinen Netzen auf Borg
nehmen. Dies war mein erstes Vergehen gegen dich und soll auch mein
letztes bleiben. Ich will mein Lebtag das Bad nicht vergessen, das ihr
mir heute eingeheizt habt. Dein Knabe hat mich so wacker gequästet, daß
ich meine Knochen nicht fühle und nicht Hand noch Fuß regen kann.« Der
Fischer erwiederte: »Mag denn unser Handel diesmal abgemacht sein. Du
kennst jetzt meine Netze und wirst dich sicherlich ein ander Mal vor
ihnen zu hüten wissen. Nimm den Fischsack auf den Rücken, und dann geh
mir flink aus den Augen, daß ich deine Fersen nicht mehr sehe, oder aber
--!« Bei diesen Worten zeigte er ihm den Stock. Der alte Tühi küßte dem
Fischer die Füße zum Dank dafür, daß er so leichten Kaufes losgekommen
war. Obwohl er aber schon über ein Fuder fremder Fische im Sacke hatte,
so gelüstete es ihn doch, noch einen Fisch zu fangen, den er für das
allerköstlichste Gericht hielt. Mit Honigworten begann er den Fischer zu
bitten, auf seines Sohnes Hochzeit zu Gast zu kommen, denn er hoffte
dort mit Gewalt oder mit List der Seele des Fischers habhaft zu werden.
Der Fischer versprach zu kommen, wenn er auch den Knaben mitbringen
könnte. Der alte Tühi dachte: »Vortrefflich, das Glück scheint mir
günstiger zu sein, als ich mir vorstellte, hier werden mir zwei für
einen geboten.« »Meinethalben bringe den Bengel mit, wenn du allein
nicht kommen willst!« rief er Abschied nehmend und schleppte seine vor
Schmerz steif gewordenen Glieder weiter.

Obwohl der alte Tühi nun gewöhnlich durch und durch ein Filz ist, so
richtete er doch seinem Sohne eine prächtige Hochzeit aus, wo es an
Nichts fehlte, sondern Ueberfluß, Glanz und Jubel auf Schritt und Tritt
sich vor den Augen der Gäste entfalteten. Tühi zeigte ihnen seinen
unermeßlichen Reichthum an Geld und Schätzen, womit in seinen Speichern
Kisten und Kasten bis zum Rande angefüllt waren. Er ließ auch mancherlei
wundersame Instrumente spielen und noch wundersamere Tänze aufführen,
wie es Niemand sonst verstand, als eben nur sein Hausgesinde. »Bitte ihn
doch, daß er den Dudelsack herausnimmt, der hinter sieben Schlössern
liegt, und uns darauf eine Weise vorspielen läßt!« sagte der Knabe
heimlich zu seinem Herrn. Der Fischer kam seinem Wunsche nach und begann
sofort dem Höllenvater anzuliegen, daß er ihnen seinen wunderbaren
Dudelsack zeige und den Hochzeitsgästen zur Lust ein Stücklein darauf
spielen lasse.

Der alte Tühi ging, ohne etwas zu ahnen, zum zweitenmal in die Halle. Er
holte des Himmelsdonnerers Dudelsack hinter sieben Schlössern hervor,
legte seine fünf Finger an den Hals desselben und fing an aus
Leibeskräften zu blasen. Aber sein Spiel gab einen gräulichen Klang.
»Werdet nicht böse und nehmt es nicht übel, wenn ich euch geradeaus
sage, daß aus euch kein Meister auf dem Dudelsack mehr wird; mein
Hirtenknabe könnte es wohl besser machen. Ja ihr könntet bei ihm noch
alle Tage in die Lehre gehen.« Tühi, der keinen Betrug witterte, gab dem
Knaben den Dudelsack in die Hand. Ob man da ein Wunder sah! Statt des
Knaben steht plötzlich der alte Pikne selber da und bläst den Dudelsack
so gewaltig, daß der böse Geist mit sammt seinem Gesinde zu Boden
stürzt. Pikne eilte darauf mit dem Fischer von dannen, sehr erfreut, daß
ihnen die List so vortrefflich gelungen war.

Als sie eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, setzten sie sich Beide
auf den Rand eines breiten Steines, um auszuruhen. Hier begann Pikne zur
Lust den Dudelsack zu blasen, worauf er dann dem Fischer erzählte, was
für Listen er angewandt, um seinen Dudelsack dem alten Tühi wieder
abzunehmen. Während des Gespräches fiel plötzlich Regen, welcher die
ausgetrocknete Erde nach sieben Monden wieder erfrischte. Pikne dankte,
als er schied, seinem gewesenen Brotherrn und versprach, dessen Gebet
immer zu erhören. Von der Zeit an ist Lijon der Mittelsmann zwischen
Göttern und Menschen geworden und bis auf diesen Tag in diesem Ehrenamte
geblieben.

[Fußnote 56: Vgl. S. 114, Anm. 2. L.]



11. Der Zwerge[57] Streit.


Es ging einmal ein Mann durch einen Wald und stieß auf eine kleine
Lichtung, wo drei Zwerge in argem Streite miteinander begriffen waren.
Sie schlugen, stießen, bissen einander, traten sich mit Füßen und
packten sich an den Haaren, daß es gräulich anzusehen war. Der Mann trat
näher und fragte, worüber ihr Zank sich entsponnen. »Sehr gut, Bauer,
daß du gekommen bist,« schrieen die Zwerge -- »du kannst Richter sein
und unsern Zank schlichten!« Der Mann sagte: »Erst erzählt mir die
Ursache eures Streites, damit ich Recht sprechen kann. Aber schreit
nicht Alle zugleich, sondern Einer rede zur Zeit und deutlich, damit ich
aus dem, was ihr vorbringt, klug werde.« -- »Sehr wohl,« erwiederte
Einer der Zwerge. »Ich will dir den Ursprung unserer Streitigkeit
erklären. Sieh! Gestern starb unser Vater und wir drei Brüder wollten
jetzt seine Erbschaft untereinander theilen; und daraus entstand der
Zank.« Der Mann fragte: »Was für eine Erbschaft hinterließ euch denn der
Vater?« -- »Hier ist seine ganze Verlassenschaft,« erwiederte der
wortführende Zwerg, und zeigte dem Manne einen alten Filzhut, ein Paar
Bastschuhe und einen tüchtigen Knüttel.

»Seid doch nicht unvernünftig,« sagte der Mann, »sind denn diese
unnützen Dinge des Zankes werth? Ein Klügerer würde sie alle zusammen
auf einen Misthaufen werfen. Da ihr das aber nicht wollt, so theilt
denn. Ihr seid eurer drei und drei Dinge hat der Vater hinterlassen,
also nehme Einer den Hut, der Andere die Bastschuhe und der Dritte den
Stock, so ist die Sache in Ordnung.« »Das geht nicht!« schrieen die
Zwerge. »Diese Dinge darf Niemand theilen, sonst schwindet die geheime
Kraft daraus; die Dinge müssen ungetrennt bleiben.« Der Mann erkundigte
sich nun weiter, warum man diese unnützen Dinge nicht trennen dürfe, und
Einer der Zwerge gab ihm folgenden Bescheid:

»Der alte unscheinbare verknitterte Hut, den ihr da sehet, ist für den,
der ihn trägt, der größte Schatz.[58] Wenn er den Hut auf hat, so sieht
er Alles, was auf der Welt vorgeht, es sei nah oder fern, sichtbar oder
unsichtbar; -- ja der Besitzer des Hutes erkennt dann sogar die Gedanken
der Menschen. Legt er dann noch die Bastschuhe an und sagt: Ich will
nach Kurland oder Polen, so braucht er nichts weiter zu thun, als den
Fuß aufzuheben: augenblicklich gelangt er an die gewünschte Stätte.
Nimmt der Träger des Hutes und der Bastschuhe dann den Stock in die Hand
und schlägt damit durch die Luft, so muß Alles vor ihm schmelzen, es sei
Freund oder Feind. Ja starre Felsen, Berge und selbst böse Geister
müssen vor diesem Stocke schwinden, denn er ist noch mächtiger als der
Donnerkeil, Pikne's Pfeil. Ihr sehet nun selbst, daß man diese drei
Dinge nicht trennen darf, sondern wir müssen uns ihrer der Reihe nach
bedienen, der Eine heute, der Andere morgen und der Dritte übermorgen.«

»Die Sache scheint spaßhaft genug,« sagte der Mann, dem beim Anhören
dieser Erzählung ein guter Gedanke aufstieg. »Wenn ich aber euren
Erbschaftsstreit schlichten soll, so muß ich erst probiren, ob auch
Alles wahr ist, was ihr sagt.« -- »Das kannst du thun,« riefen die
Zwerge wie aus einem Munde, »aber beeile dich. Heute wird in Kurland
gerade eine prächtige Hochzeit gefeiert, und unsere ganze Freundschaft
und Sippschaft hat sich dort versammelt. Wir möchten auch dahin.« Der
Mann erwiederte: »Das könnt ihr ja leicht machen, wenn die gerühmte
Zauberkraft wirklich in den Dingen steckt.« Darauf nahm er zuerst den
alten verknitterten Hut zur Hand, und sah, daß derselbe nicht aus Filz
gemacht war, sondern vielmehr aus menschlichen Nägelschnitzeln[59]
bestand. Als er den Hut aufsetzte, ward er die prächtige Hochzeit in
Kurland gewahr und Alles, was sonst noch in der weiten Welt geschah.
Drauf sagte er zu den Zwergen: »Legt mir nun die Bastschuhe an und gebt
mir den Stock, dann stellt euch alle drei in eine Reihe, den Rücken zu
mir und das Gesicht gegen Morgen gewendet, aber seht euch nicht eher um,
als bis ich euch den Bescheid ertheile, wie ihr eure Zauberdinge dem
Willen des Vaters gemäß theilen müsset.« -- Die einfältigen Zwerge
erfüllten ohne Widerrede des Richters Geheiß, kehrten das Gesicht nach
Morgen und wandten ihm den Rücken zu. Als der Mann den Hut auf dem Kopfe
und die Bastschuhe an den Füßen hatte, schwang er den Knüttel ein paar
Mal in der Luft um und ließ ihn dann hart auf die Zwerge fallen.
Augenblicklich waren diese wie weggefegt, und es war keine Spur weiter
von ihnen geblieben, als drei Tropfen Wasser auf dem
Frauenmantel-Blatt,[60] auf welchem die Männlein gestanden hatten.

Da ihm das erste Probestück so gut gelungen war, beschloß der Mann sich
nach Kurland zur Hochzeit zu begeben. Mit diesem Wunsche hob er den Fuß
auf und rief: »Zur kurischen Hochzeit!« und war in demselben Augenblicke
auf dem Feste angekommen. Da fand er eine große Menge Menschen
versammelt, Hohe und Niedere, denn der Hochzeitgeber war ein
vielgenannter reicher Wirth. Da der Mann mit dem Zauberhute Verborgenes
eben so gut gewahrte, wie Offenbares, so sah er, als er die Augen zur
Decke emporhob, daß sich an derselben und auf den Dörrstangen[61] ein
Schwarm kleiner Gäste befand, deren Menge viel größer zu sein schien,
als die der eingeladenen Gäste unten. Außer ihm aber konnte niemand das
kleine Volk sehen. Die Kleinen flüsterten: »Seht doch! der alte Ohm ist
auch zur Hochzeit gekommen.« -- »Nein!« riefen andere dagegen, -- »der
fremde Mann hat wohl des Ohms Hut, Bastschuhe und Stock, aber der Ohm
selbst ist nicht hier.« Inzwischen wurden die Schüsseln mit den Speisen
aufgetragen, und zwar lagen Deckel darauf. Da sah der Allsichtige, was
von den Uebrigen niemand bemerkte, daß mit einer wunderbaren
Geschwindigkeit die guten Speisen aus den Schüsseln herausgenommen und
schlechtere dafür hineingethan wurden.[62] Eben so ging es mit den
Kannen und Flaschen. Jetzt fragte der Allsichtige nach dem Hausherrn,
trat mit schicklichem Gruß zu ihm und sagte: »Nehmt es nicht übel, daß
ich als unbekannter Fremder unerwartet zu eurem Feste gekommen bin.«
»Seid willkommen,« entgegnete der Wirth --»Speise und Trank haben wir
genug, so daß uns ein und der andere ungeladene Gast nicht lästig fallen
kann.« Der Allsichtige versetzte: »Ich will es glauben, daß ein Gast
mehr oder weniger hier nicht lästig fällt, wenn aber die Zahl der
ungebetenen Gäste die der gebetenen übersteigt, da kann doch auch der
reichste Wirth zu kurz kommen.« »Ich verstehe eure Rede nicht,« sagte
der Wirth. Der Fremde gab ihm seinen Hut und sagte: »Setzet meinen Hut
auf und hebt die Augen zur Decke hinauf, da werdet ihr schon sehen.« Der
Wirth that es, und als er sah, was für Streiche die kleinen Gäste mit
der Mahlzeit verübten, wurde er todtenbleich und rief mit zitternder
Stimme: »Ei, Freundchen! von diesen Gästen hat meine Seele nichts
gewußt; und da ich euren Hut wieder abnehme, sind sie verschwunden. Wie
könnte ich sie wohl los werden?« Der Eigner des Hutes erwiederte: »Ich
will euch die kleinen Gäste bald vom Halse schaffen, wenn ihr die
geladenen Gäste auf kurze Zeit hinausführen, Thüren und Fenster
sorgfältig verschließen und dafür sorgen wollt, daß nirgends ein Astloch
oder ein Spalt in der Wand unverstopft bleibt.« Obwohl der Festgeber
dem Dinge nicht recht traute, so that er doch was der Fremde gewünscht
hatte, und bat ihn, die kleinen Windbeutel hinauszujagen.

Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gästen
geräumt, Thüren, Fenster und andere Oeffnungen sorgfältig verschlossen,
und der Allsichtige war mit den kleinen Gästen allein. Da begann er
seinen Knüttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, daß
es eine Lust war zu sehen! In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar
der kleinen Gäste vernichtet, und an der Diele lagen so viele
Wassertropfen, als wenn es stark geregnet hätte. Nur ein Bohrloch war
zufällig unverstopft geblieben, dahinaus schlüpfte eins der Zwerglein,
wiewohl der Knüttel den Flüchtling noch gestreift hatte. Dieser stöhnte
auf dem Hofe: »Ai, ai, was für ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich
die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen
diesen Knüttel.«

Als der Wirth mit Hülfe des Wunderhutes sich überzeugt hatte, daß das
Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gäste wieder
einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen
Gedanken der Hochzeitsgäste, und erfuhr Manches, wovon die Andern nichts
ahndeten. Der Bräutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines
Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mädchen
mit dem Junker des Gutes zu thun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann
und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. -- Jammerschade, daß in unsern
Tagen solche Hüte nirgends mehr zu finden sind.

[Fußnote 57: Wörtlich: Ochsenknieleute. L.]

[Fußnote 58: S. die Nota auf der folgenden S. L.]

[Fußnote 59: Dieser Hut stammt aus der Unterwelt. S. Kalewipoëg =XIII=,
831 ff. Er hat zehn Gewalten, unter andern die Kraft, den Körper
auszudehnen und zusammenzuziehen. Der Kalewsohn, der sich des Hutes
bemächtigt hatte, beginnt den Ringkampf mit dem Höllenfürsten
(Gehörnten, =sarwik=) in verschrumpfter gewöhnlicher Mannslänge, als aber
der Kampf ihn schwächt, läßt er sich durch den Hut wieder zum Riesen
machen, hebt den Gehörnten zehn Klafter hoch und stampft ihn in den
Boden. =XIV=, 811 ff. Darauf muß der Hut, der auch Wunschhut heißt, ihn
und die drei in der Hölle gefangen gehaltenen Schwestern sammt den
Höllenschätzen auf die Oberwelt versetzen; im Uebermuthe verbrennt der
Kalewsohn sodann den Schnitzel- oder Wünschelhut. Darüber klagen die
Schwestern:

    »Warum, starker Sohn des Kalew,
    Hast den lieben Hut zerstört du?
    Auf der Erden, in der Hölle
    Flicht man nie mehr einen solchen.
    Todt sind fortan alle Wünsche
    Und vergeblich alles Sehnen« =ibid=. 909. ff.

Noch jetzt herrscht im Werroschen der Gebrauch, daß man nach dem
Beschneiden der Nägel an Fingern und Zehen mit dem Messer ein Kreuz über
die Abschnitzel zieht, ehe man sie wegwirft, sonst soll der Teufel sich
Mützenschirme daraus machen. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S. 139. L.]

[Fußnote 60: Vgl. im Märchen 4. vom Tontlawald S. 64. L.]

[Fußnote 61: Diese ruhen auf Querbalken, ziehen sich unter der
Zimmerdecke hin und haben in der Mitte eine Oeffnung, durch welche das
geschnittene Korn nach beiden Seiten hin zum Dörren geschoben wird. L.]

[Fußnote 62: Vgl. das Märchen 8. vom Schlaukopf, wo der Teufel
sämmtliche Speisen und Getränke durch sein Kosten verschwinden läßt.
L.]



12. Die Galgenmännlein.


Ein Prediger suchte schon seit einiger Zeit einen Knecht, der neben
seinen andern Geschäften auch die Verpflichtung übernehmen sollte,
allmitternächtlich die Kirchenglocke zu läuten. Zwar hatten schon viele
und zum Theil sehr brauchbare Männer den Dienst angenommen, allein
sobald sie sich aufgemacht hatten, um das nächtliche Läuten zu besorgen,
waren sie plötzlich wie in die Erde gesunken; kein Glockenschlag war zu
hören, und kein Glöckner kam zurück. Der Prediger hielt die Sache sehr
geheim, aber das plötzliche Verschwinden so vieler Menschen wurde doch
allmählich ruchbar, und es wollte Niemand mehr bei ihm dienen.

Je bekannter die Sache wurde, desto bedenklicher schüttelten die Leute
den Kopf, und es fehlte auch nicht an bösen Zungen, welche aussprengten,
daß der Prediger selber die Knechte umgebracht habe. Nothgedrungen hatte
er jetzt verdoppelten Lohn nebst guter Kost angeboten. Monate lang hatte
er jeden Sonntag nach der Predigt von der Kanzel herab verkündet: »Ich
brauche einen tüchtigen Knecht, verspreche reichlichen Lohn, gute
Nahrung u. s. w.« -- es war aber immer erfolglos geblieben. Da kommt
eines Tages der schlaue Hans und bietet sich an; er hatte zuletzt bei
einem geizigen Herrn gedient, darum zog ihn das Versprechen guter
Nahrung zu dem Geistlichen, und er wollte den Dienst gleich antreten.
»Ganz wohl, mein Sohn,« sagte der Prediger: »wenn es dir an Muth und
Gottvertrauen nicht fehlt, so kannst du schon diese Nacht dein
Probestück ablegen. Morgen wollen wir dann den Dienstvertrag
abschließen.«

Hans war damit zufrieden, ging in die Gesinde-Stube und machte sich um
seinen neuen Dienst keine Sorge. Der Prediger war ein Geizhals und ward
immer verdrießlich, wenn das Gesinde zu viel aß, deßhalb kam er meist
während der Mahlzeit herein, weil er hoffte, die Leute würden in seiner
Gegenwart weniger dreist zulangen. Er ermahnte das Gesinde, zwischen dem
Essen recht oft zu trinken, denn er meinte, je mehr Flüssiges Einer im
Magen habe, desto weniger Platz werde für Brot und Zukost übrig bleiben.
Hans aber war schlauer als sein Herr, er leerte den Krug auf einen Zug
und sagte: »Das macht noch einmal so viel Platz für die Speise.« Der
Prediger wähnte, daß sich die Sache wirklich so verhalte, und forderte
seitdem seine Leute nicht mehr zum Trinken auf. Hans aber lachte
innerlich, daß ihm das Schelmstück gelungen war.

Etwa eine Stunde vor Mitternacht ging Hans in die Kirche. Er fand sie
inwendig erleuchtet und war ein wenig verwundert, als er beim Eintreten
eine zahlreiche Gesellschaft vorfand, welche nicht die Andacht hier
zusammengeführt hatte. Die Leute saßen um einen langen Tisch und
spielten Karten. Hans empfand keine Furcht, oder, wenn er etwas davon
verspürte, so war er doch klug genug, es sich nicht merken zu lassen. Er
ging dreist an den Tisch und setzte sich zu den Spielern. Einer
derselben bemerkte ihn und fragte: »Freundchen, was hast du hier zu
suchen?« Hans sah ihn eine Weile groß an und sagte dann lachend: »Du
Naseweis solltest dir lieber das Maul stopfen! Wenn Jemand hier ein
Recht hat zu fragen, so meine ich es zu sein. Wenn ich mich meines
Rechtes nicht bediene, so wäre es für euch gewiß das Gescheuteste, euer
vorlautes Maul zu stopfen!«

Darauf nahm Hans Karten zur Hand und spielte mit den unbekannten
Männern, als wären es seine besten Freunde. Er hatte viel Glück, denn
sein Einsatz verdoppelte sich ihm, und dadurch wurden manchem seiner
Mitspieler die Taschen geleert. Da hörte man einen Hahnenschrei,
Mitternacht mußte angebrochen sein, plötzlich erloschen die Lichter und
im Nu waren die Spieler sammt Tisch und Bänken verschwunden. Hans mußte
in der dunklen Kirche eine Zeitlang herumtappen, bis er endlich den
Eingang zur Thurmtreppe fand.

Als er den ersten Absatz hinauf geklettert war, sah er auf der obersten
Stufe ein Männlein sitzen, dem der Kopf fehlte. »Hoho, mein Kleiner, was
hast du hier zu suchen?« fragte Hans, und versetzte ihm, ohne die
Antwort abzuwarten, einen so derben Fußtritt in den Nacken, daß das
Männlein die lange Treppe hinunter rollte. Auf der zweiten, dritten und
vierten Treppe fand er eben solche stumme Wächter, und ließ sie einen
nach dem andern hinunterpurzeln, daß ihnen alle Knochen im Leibe
knackten.

Endlich war Hans ungehindert zur Glocke gelangt. Als er hinauf sah, um
sich zu überzeugen, daß Alles in gehörigem Stande sei, erblickte er noch
ein kopfloses Männlein, das zusammengekauert in der Glocke saß. Es hatte
den Glockenklöppel losgemacht und schien darauf zu warten, daß Hans den
Glockenstrang anzöge, um ihm dann den schweren Klöppel auf den Kopf zu
schmeißen, was dem Glöckner sicher den Tod gebracht hätte.

»Halt, Freundchen!« rief Hans -- »so haben wir nicht gewettet. Du hast
wohl gesehen, wie ich deine kleinen Kameraden, ohne ihre eigenen
Beinchen zu bemühen, die Treppe habe hinunter rollen lassen? Gleich
sollst du hinter ihnen her fliegen. Aber weil du am höchsten sitzest,
sollst du auch die stolzeste Fahrt machen, ich will dich zur Luke
hinauswerfen, daß dir die Lust vergehen soll, wiederzukommen.«

Mit diesen Worten setzte er die Leiter an, um den Kleinen aus der Glocke
heraus zu holen und seine Drohung wahr zu machen. Das Männlein erkannte
die Gefahr, in der es schwebte, und fing an zu bitten: »Brüderchen!
schone mein armes Leben! Dafür will ich dir fest versprechen, daß weder
ich noch meine Kameraden dich je wieder beim nächtlichen Läuten stören
sollen. Wohl bin ich klein und unansehnlich, allein wer weiß, ob es sich
nicht einmal fügt, daß ich dir für deine Wohlthat mehr erstatten kann,
als einen Bettlerdank.«

»Du winziger Knirps!« lachte Hans. »Deine Dankesgabe wird eine Mücke auf
ihrem Schwanze fortbringen können! Aber da ich heute gerade bei guter
Laune bin, so magst du am Leben bleiben. Doch hüte dich, mir wieder in
die Quere zu kommen, ich möchte sonst ein zweites Mal nicht mit dir
spaßen.« Das kopflose Männlein dankte demüthig, kletterte wie ein
Eichhörnchen an dem Glockenstrang herab und lief die Thurmtreppe
herunter, als hätte es Feuer in der Tasche. Hans läutete jetzt nach
Herzenslust.

Als der Pfarrer um Mitternacht die Kirchenglocke hörte, verwunderte er
sich und war froh, daß er doch endlich einen Knecht gefunden, der das
Probestück glücklich zu Stande gebracht hatte. Hans ging nach gethaner
Arbeit auf den Heuboden und legte sich schlafen.

Der Pfarrer pflegte früh am Morgen aufzustehen, um nachzusehen, ob die
Leute bei ihrer Arbeit seien. Alle waren an ihrem Platze, nur der neue
Knecht fehlte, und keiner wollte ihn gesehen haben. Als nun
Mittmorgen[63] vorüber war, und es eilf Uhr wurde und Hans noch immer
nicht erschien, da ward dem Pfarrer bange und er glaubte nicht anders,
als daß der Glöckner sein Ende gefunden habe, wie seine Vorgänger. Als
aber das Gesinde durch das Klopfbrett zum Mittagessen zusammengerufen
wurde, kam auch Hans zum Vorschein. »Wo bist du den ganzen Vormittag
gewesen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe geschlafen,« antwortete Hans
gähnend.

»Geschlafen!« rief der Pfarrer erstaunt. »Du wirst doch nicht meinen,
daß du alle Tage bis Mittag schlafen kannst?«

»Ich meine,« erwiederte Hans, »das ist so klar wie Quellwasser. Niemand
kann zweien Herren dienen. Wer Nachts arbeitet, der muß am Tage
schlafen, so wie für den Tagarbeiter die Nacht zur Ruhe gemacht ist.
Nehmt mir das nächtliche Glockenläuten ab, so bin ich bereit, mit
Sonnenaufgang an die Arbeit zu gehen. Wenn ich aber Nachts die Glocke
läuten soll, so muß ich am Tage schlafen, zum allermindesten bis
Mittag.«

Nachdem sie lange hin und her gestritten hatten, wurden sie endlich über
folgende Bedingungen einig. Hans sollte von dem nächtlichen Läuten
befreit werden, und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, nach
Mittmorgen eine halbe und nach dem Mittagsessen eine ganze Stunde
schlafen; den Sonntag aber ganz frei sein. »Aber,« sagte der Pfarrer,
»bisweilen könnten doch noch Kleinigkeiten vorfallen, besonders im
Winter, wo die Tage kurz sind, und die Arbeit würde dann länger dauern.«
--»Mit nichten,« rief Hans, -- »dafür sind im Sommer die Tage wieder
lang.[64] Ich werde nicht mehr thun, als wozu ich verpflichtet bin,
nämlich an Werkeltagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten.«

Einige Zeit darauf wurde der Pfarrer gebeten, zu einer großen Kindtaufe
zur Stadt zu kommen. Die Stadt war nur einige Stunden weit vom Pfarrhof,
dennoch nahm Hans den Brotsack mit. »Weswegen thust du das?« fragte der
Prediger, »wir werden ja zum Abend in der Stadt sein.« Hans antwortete:
»Wer kann Alles vorher wissen? unterwegs kann so Manches vorfallen, was
unsere Fahrt verzögert, und ihr kennt unsern Contract, nach welchem ich
nur bis Sonnenuntergang verpflichtet bin, euch zu bedienen. Sollte die
Sonne untergehen, ehe wir die Stadt erreichen, so müßtet ihr schon
allein weiter fahren.«

Da der Pfarrer diese Rede für Scherz hielt, gab er ihm keine Antwort,
und sie fuhren ab. Kurz vorher war frischer Schnee gefallen, den der
Wind zusammengeweht hatte, so daß der Weg stellenweise verschüttet war
und schnelles Fahren unmöglich machte. Unweit der Stadt mußten sie durch
einen großen Wald. Als sie ihn erreicht hatten, lag die Sonne schon auf
den Wipfeln der Bäume. Die Pferde schleppten sich langsam Schritt für
Schritt durch den tiefen Schnee, und Hans drehte sich öfter nach der
Sonne um. »Warum siehst du so oft hinter dich?« fragte der Pfarrer.
»Weil ich im Nacken keine Augen habe,« erwiederte Hans. »Laß jetzt deine
Narrenspossen,« sagte der Pfarrer, »und sieh' zu, daß wir in die Stadt
kommen, ehe es ganz finster wird.« Hans fuhr weiter, ohne ein Wort zu
verlieren, unterließ aber nicht, von Zeit zu Zeit die Sonne zu
beobachten.

Sie mochten etwa in der Mitte des Waldes sein, als die Sonne unterging.
Hans hielt die Pferde an, nahm seinen Brotsack und stieg aus dem
Schlitten. »Nun Hans, bist du toll geworden? was machst du?« fragte der
Seelenhirt. Aber Hans gab ruhig zur Antwort: »Ich will mir hier ein
Nachtlager zurecht machen, die Sonne ist untergegangen, und meine
Arbeitszeit ist um.« Sein Brotherr that alles Mögliche, er bat und
drohte abwechselnd, als aber Alles nichts half, versprach er ihm
zuletzt ein gutes Trinkgeld und eine Zulage zum Jahreslohn. »Schämt ihr
euch nicht, Herr Pastor!« sagte Hans --»wollt ihr der Versucher sein und
mich vom rechten Wege abbringen, so daß ich gegen die Abmachung handle?
Alle Schätze der Welt können mich dazu nicht verlocken; man faßt den
Mann beim Wort, wie den Ochsen beim Horn. Wollt ihr noch heut Abend zur
Stadt, so fahret in Gottes Namen allein, ich kann nicht weiter mit euch
kommen, denn meine Dienst-Stunden sind abgelaufen.«

»Mein lieber Hans, Goldjunge!« sagte jetzt der Pfarrer, »ich darf dich
hier nicht allein lassen. Blick' nur um dich, so wirst du sehen, in
welche Gefahr du dich muthwillig begiebst. Dort ist der Richtplatz mit
dem Galgen, es hängen zwei Missethäter daran, deren Seelen in der Hölle
brennen. Du wirst doch nicht in der Nähe solcher Gesellen die Nacht
zubringen wollen?« »Warum denn nicht?« fragte Hans. »Die Galgenvögel
hängen oben in der Luft, ich nehme mein Nachtlager unten auf der Erde,
da können wir uns einander nichts anhaben.« Mit diesen Worten kehrte er
seinem Herrn den Rücken und ging mit seinem Brotsack davon.

Wollte der Pfarrer die Taufgebühren nicht einbüßen, so mußte er allein
zur Stadt fahren. Hier war man nicht wenig erstaunt, ihn ohne Kutscher
ankommen zu sehen; als er aber seine wunderliche Unterhaltung mit Hans
erzählt hatte, wußten die Leute nicht, wen sie für den größten Thoren
halten sollten, ob den Herrn oder den Diener.

Hansen war es gleichgültig, was die Leute von ihm dachten oder sagten.
Mit Hülfe seines Brotsacks hatte er die Forderungen seines Magens
befriedigt, dann zündete er sich seinen Nasenwärmer (Pfeife) an, machte
unter einer breiten ästigen Fichte sein Lager zurecht, wickelte sich in
seinen warmen Pelz und schlief ein. Einige Stunden mochte er geschlafen
haben, als ein plötzlicher Lärm ihn aufweckte. Die Nacht war mondhell.
Dicht neben seinem Lager standen zwei kopflose Männlein unter der Fichte
und führten zornige Reden. Hans richtete sich in die Höhe, um besser zu
sehen, aber in demselben Augenblick riefen die Männlein: »Er ist es, er
ist es!« Der eine trat dann näher an Hansen's Lager und sagte: »Alter
Freund! ein glücklicher Zufall führt uns zusammen. Meine Knochen thun
mir noch weh von der Thurmtreppe her in der Kirche, du hast wohl die
Geschichte nicht vergessen? dafür sollen heute deine Knochen dermaßen
bearbeitet werden, daß du Wochenlang an unser Zusammentreffen denken
sollst. He! Gesellen! Holt aus und macht euch dran!«

Wie ein dichter Mückenschwarm sprangen nun von allen Seiten die
kopflosen Männlein herbei, Alle mit tüchtigen prügeln bewaffnet, die
größer waren als ihre Träger. Die Masse dieser kleinen Feinde drohte
Gefahr, denn ihre Schläge fielen so hart, daß ein starker Mann kaum
bessere hätte führen können. Hans glaubte, sein letztes Stündlein sei
gekommen; einem so zahlreichen Feindeshaufen konnte er keinen Widerstand
leisten. Sein Glück war es, daß gerade, als das Prügeln im besten Gange
war, noch ein Männlein dazu kam. »Haltet ein, haltet ein, Kameraden!«
rief er den Seinigen zu. »Dieser Mann war einst mein Wohlthäter und ich
bin sein Schuldner. Er schenkte mir das Leben, als ich in seiner Gewalt
war. Hat er einige von euch unsanft die Treppe hinunter geworfen, so ist
doch glücklicher Weise keiner lahm geworden. Das warme Bad hat die
zerschlagenen Glieder längst wieder geschmeidigt, darum verzeiht ihm und
geht nach Hause.«

Die kopflosen Männlein ließen sich leicht durch ihren Kameraden
beschwichtigen und gingen still fort. Hans erkannte jetzt in seinem
Retter den nächtlichen Geist in der Kirchenglocke. Dieser setzte sich
nun unter der Fichte neben Hans nieder und sagte: »Damals verlachtest du
mich, als ich dir sagte, vielleicht komme einmal eine Zeit, wo ich dir
nützlich werden könnte. Heute ist ein solcher Augenblick nun
eingetreten, und daraus lerne, daß man auch das kleinste Geschöpf auf
der Welt nicht verachten darf.« »Ich danke dir von Herzen,« sagte Hans
-- »meine Knochen sind von ihren Schlägen wie zermalmt, und ich hätte
das Bad leicht mit dem Leben bezahlen können, wenn du nicht zu rechter
Zeit dazu gekommen wärest.«

Das kopflose Männlein fuhr fort: »Meine Schuld wäre jetzt getilgt; aber
ich will mehr thun und dir für die erhaltenen Schläge noch
Schmerzensgeld zahlen. Du brauchst dich nicht länger als Knecht bei
einem geizigen Pastor zu quälen. Wenn du morgen nach Hause kommst, so
geh' gleich zur nördlichen Kirchenecke, da wirst du einen großen Stein
eingemauert finden, der nicht wie die andern mit Kalk getüncht ist.
Uebermorgen Nacht haben wir Vollmond: dann brich um Mitternacht den
bezeichneten Stein mit der Brechstange aus der Mauer heraus. Unter dem
Steine wirst du einen unermeßlichen Schatz finden, an dem viele
Geschlechter gesammelt haben: goldenes und silbernes Kirchengeräthe und
sehr viel baares Geld wurde hier, als einst eine Kriegsnoth herrschte,
vergraben. Diejenigen, welche den Schatz hier verbargen, sind schon vor
mehr als hundert Jahren alle gestorben, und keine Seele weiß jetzt um
die Sache. Ein Drittel des Geldes mußt du unter die Kirchspiels-Armen
vertheilen, alles Andere ist von Rechtswegen dein Eigenthum, womit du
verfahren kannst, wie es dir beliebt.« In diesem Augenblicke hörte man
aus dem fernen Dorfe den Hahnenschrei und plötzlich war das kopflose
Männlein wie weggefegt. Hans konnte lange vor Schmerz in den Gliedern
nicht einschlafen und dachte viel über den verborgenen Schatz; erst
gegen Morgen verfiel er in Schlummer.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein Brotherr aus der Stadt
zurückkam. »Hans, du warst gestern ein großer Thor, daß du nicht mit mir
fuhrst,« sagte der Pfarrer. »Sieh', ich habe gut gegessen und getrunken
und überdies noch Geld in der Tasche.« Indem er so sprach, klapperte er
mit dem Gelde, um dem Knecht das Herz noch schwerer zu machen. Hans aber
erwiederte ruhig: »Ihr, geehrter Herr Pastor, habt für das Bischen Geld
die Nacht wachen müssen, während ich im Schlafe hundertmal mehr verdient
habe.« »Zeige mir doch, was hast du verdient?« fragte der Prediger. Aber
Hans antwortete: »Die Narren prahlen mit ihren Kopeken, aber die Klugen
verstecken ihre Rubel.«

Zu Hause angelangt, besorgte Hans rasch, was ihm oblag, spannte die
Pferde aus und warf ihnen Futter vor, ging dann um die Kirche herum und
fand an der bezeichneten Stelle den nicht getünchten Mauerstein.

In der ersten Nacht des Vollmonds, als die Andern alle schliefen,
verließ er heimlich mit einer Brechstange das Haus, brach mit vieler
Mühe den Stein heraus und fand in der That die Grube mit dem Gelde, ganz
wie das Männlein gesagt hatte. Am Sonntage vertheilte er den dritten
Theil unter die Armen des Kirchspiels, kündigte dann dem Prediger auf,
und da er für die kurze Zeit keinen Lohn verlangte, so wurde er ohne
Widerrede entlassen. Hans aber zog weit weg, kaufte sich einen schönen
Bauerhof, nahm ein junges Weib und lebte dann noch viele Jahre glücklich
und in Frieden.

Zu der Zeit, als mein Großvater Hüterknabe war, lebten in unserm Dorfe
noch viele alte Leute, welche den Hans gekannt hatten und die Wahrheit
dieser Geschichte bezeugen konnten.

[Fußnote 63: Neun Uhr. L.]

[Fußnote 64: Er denkt dabei an die ehstnische Redewendung: »die Tage
gehen in der Richtung (zum Besten) des Wirths« -- d. h. sie nehmen zu.
Dagegen: »die Tage gehen in der Richtung des Knechts« -- d. h. sie
nehmen ab.]



13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen.


Einmal war eines großen Königs Tochter plötzlich gestorben, und Trauer
und Wehklagen erfüllte das ganze Land. An dem Tage, wo die Todte
eingesargt werden sollte, kam aus fernen Landen ein weiser Mann
(Zauberer) in die trauernde Königsstadt. Er schloß aus der allgemeinen
Bekümmerniß, daß hier etwas Besonderes vorgefallen sein müsse und
fragte, was denn die Bewohner so sehr drücke. Als er Auskunft erhalten
hatte, begab er sich in den königlichen Palast, nannte sich einen weisen
Arzt und bat um Zutritt zum Könige. Schon auf der Schwelle rief er mit
starker Stimme: »Die Jungfrau ist nicht todt, sondern nur müde, laßt sie
eine Zeitlang ruhen.« Als der König diesen Ausspruch gehört hatte,
befahl er dem Fremden, näher zu treten. Der Zauberer aber sagte: »Die
Jungfrau darf nicht zu Grabe gebracht werden. Ich werde einen Glaskasten
machen, darin wollen wir sie betten und ruhig schlafen lassen, bis die
Zeit des Erwachens heran kommt.«

Der König war höchlich erfreut über diese Rede und versprach dem
Zauberer reichen Lohn, wenn seine Verheißung sich erfüllen würde.
Dieser machte darauf einen großen Glaskasten, legte seidene Kissen
hinein, bettete die Königstochter darauf, schloß den Deckel und ließ den
Kasten in ein großes Gemach tragen, jedoch Wachen vor die Thür stellen,
damit Niemand die Schlafende wecke.

Nachdem dies geschehen war, sagte der Zauberer zum Könige: »Sendet jetzt
überall hin und lasset allen Glasvorrath aufkaufen, dann werde ich einen
Ofen bauen, der größer sein wird als eure Königsstadt, und in welchem
wir unser Glas zu einem Berge zusammenschmelzen wollen. Wenn sechs Jahre
verstrichen sind, und der Lerchensang den siebenten Sommer ankündigt,
dann sendet Boten nach allen Richtungen hin, und lasset bekannt machen,
daß es jedem jungen Manne erlaubt sei, sich als Bewerber um eure Tochter
einzufinden. Wer von den Freiern dann, sei es zu Pferde, oder auf seinen
eigenen Füßen, des Glasberges Gipfel erklimmt, der muß euer
Schwiegersohn werden. Wenn nämlich der auserkorene Mann kommt, was
binnen sieben Jahren und sieben Tagen geschehen wird, dann wird eure
Tochter aus dem Schlafe erwachen und dem Jüngling einen goldenen Ring
geben. Wer euch diesen Ring bringt, und wäre es der geringste eurer
Unterthanen, ja auch eines Tagelöhner's Sohn, dem müßt ihr eure Tochter
zur Gemahlin geben, sonst wird sie in ewigen Schlaf versinken.«

Der König versprach, sich in allen Stücken nach dieser Vorschrift zu
richten, und gab sofort Befehl, in allen angränzenden Ländern den
Glasvorrath anzukaufen. Als das sechste Jahr ablief, war so viel Glas
beisammen, daß es eine Fläche von einer Meile sieben Klafter hoch
bedeckte.

Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch
war, daß er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der König
stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfügung, welche das Glas in den
Ofen thaten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, daß Sümpfe,
Flüsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen
Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.

Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in
eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und
wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren
Brüder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jüngste aber etwas
einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fühlte, ließ
er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich
fühle, daß mein Heimgang herannaht, deßhalb will ich euch meinen letzten
Willen kund thun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt
gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide
heirathet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's
Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: »Wo sieben
unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen
zu eng; sie müssen sich zausen.« Tritt aber dieser Fall ein, so sollt
ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jüngster Bruder aber,
der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und
Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch
beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von
Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig
gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.« Die älteren Brüder
versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu
erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins
will ich sagen,« fuhr der Vater fort -- »wenn ich todt bin und ihr mich
begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß
jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder
versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen
zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald
nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer
geschlossen.

Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden
viele Gäste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde.
Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer
Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters
stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war
dem jüngsten Sohne zu Muthe, als wären nun alle Freuden abgestorben und
mit dem Vater begraben.

Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der
jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde.
Die andern sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses,
wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu
thun, also geh du und halte Wache.«

Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo
Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging
er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es
wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:[65]

    »Wessen Schritt ist's, der da schüttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.«

Der Sohn verstand die Frage und antwortete:

    »Das ist ja dein jüngster Knabe,
    Dessen Schritt ist's, der da schüttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur
Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten,
ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können.

Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird
bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in
die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein
Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und
sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _erste_ nächtliche
Wacht.« Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage
deinen Brüdern nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter heim, frühstückte etwas, um sich
zu stärken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen.

Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brüdern an, wer von
ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die Brüder antworteten
spöttisch: »Nun es wird wohl Niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe
zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht
dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder
ins Leben zurückrufen.« Der jüngste Bruder wurde über diese lieblose
Rede noch betrübter und verließ mit Thränen in den Augen das Gemach.

Auf dem Grabe des Vaters war Alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die
Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen
Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hähne hatten
schon zweimal gekräht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich
vernehmen ließ:

    »Wessen Schritt ist's, der da schüttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen?«

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

    »Das ist ja dein jüngster Knabe,
    Dessen Schritt ist's, der da schüttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte weiter, warum keiner der älteren Brüder gekommen sei,
und der jüngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu
ermüdet, um zu wachen.

Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald
wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wünschen
wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur
dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den
Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die
_zweite_ nächtliche Wacht!« Sofort wirst du einen prächtigeren Anzug und
ein schöneres Pferd erhalten, so daß die Leute ihre Augen nicht von dir
wegwenden mögen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden
älteren Brüder noch schlafend, frühstückte etwas, um sich zu stärken,
streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon
etwas über Mittag stand.

Als am Abend die Zeit wieder herannahte, fragte er die Brüder, wer von
ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde? Sie lachten und
antworteten spöttisch: »Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nächte gethan hat,
der kann sie auch die dritte Nacht thun. Der Vater wird aus seinem Grabe
nicht davonlaufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu
stehlen. Wäre er noch bei vollem Verstande gewesen, so hätte er einen
Wunsch dieser Art gar nicht geäußert.« Der jüngste Bruder war sehr
betrübt über ihre lieblose Rede, und ging wieder mit thränenden Augen
davon.

Auf dem Grabe des Vaters war Alles still, wie die beiden Nächte zuvor,
nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe[66] meckerte unter
hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswächter leisen
Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hähne hatten schon
zweimal gekräht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:

    »Wessen Schritt ist's, der da schüttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen?«

Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:

    »Das ist ja dein jüngster Knabe,
    Dessen Schritt ist's, der da schüttet
    Groben Kiessand auf die Augen,
    Schwarze Erde auf die Brauen.«

Die Stimme fragte wieder, weßwegen die älteren Brüder nicht gekommen
seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.

Aber des Vaters Stimme hob wieder an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
werth, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit
kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, daß der Mensch, je mehr er
hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch
nach dem Tode noch Liebe erwies, müssen alle Wünsche erfüllt werden.
Anfangs wollte ich meine verborgenen Schätze unter deine Brüder theilen,
jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prächtigen Kleider und
Pferde, die ich dir für die erste und zweite nächtliche Wacht zum Lohne
versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe
mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber
Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht!« und
augenblicklich wirst du die allerprächtigsten Kleider und die
allerkostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf
dich blicken, deine älteren Brüder werden dich beneiden und ein großer
König wird dich zum Schwiegersohne wählen. Aber sage deinen Brüdern
nichts davon.«

Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter nach Hause und dachte bei sich
selbst: so eine Zeit wird für mich Armen wohl niemals kommen. Als er
dann ein wenig gefrühstückt hatte, um sich zu stärken, streckte er sich
auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in
den Wipfeln des Waldes stand.

Während er schlief, sprachen die älteren Brüder untereinander: »Dieser
Nachtwacher und Tagschläfer wird uns nie zu was nützen, wozu füttern wir
ihn? Wir thäten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu
Weihnacht schlachten können.« Der älteste Bruder setzte hinzu: »Werfen
wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Thüren sein Brod
betteln.« Da meinte aber der andere, das würde doch nicht gut angehen,
und würde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute,
den Bruder betteln gehen ließen. »Lieber wollen wir ihm die Brosamen von
unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch
nicht Hungers sterben.«

Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und
der König hatte überall bekannt machen lassen, daß jeder junge Mann
kommen dürfe, sich um seine Tochter zu bewerben, daß aber nur demjenigen
die Jungfrau ihre Hand reichen würde, der zu Pferde oder auf eigenen
Füßen den Gipfel des Glasberges erklimmen würde.

Der König ließ nun ein großes Gelage anrichten für alle die Gäste, die
sich einfinden würden. Das Gelage sollte drei Tage währen; für jeden Tag
wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und
fünfhundert Fässer Bier gebraut. Die aufgestapelten Würste ragten gleich
Wänden, die Hefenbröte[67] und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die
größten Heuschober.

Die schlafende Königstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel
des Glasberges getragen. Von allen Seiten strömten Fremde herbei, theils
um das Wagestück zu versuchen, theils um das Wunder mit anzusehen. Der
glänzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so daß man ihn schon
viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.

Unsere alten Bekannten, die beiden älteren Brüder, hatten sich
Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jüngste
mußte zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzuge den schmucken
Brüdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die älteren Brüder
auf den Weg gemacht, so ging der jüngste an des Vaters Grab, that, wie
die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um
meinen Lohn für die _erste_ nächtliche Wacht!« -- In dem nämlichen
Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein ehernes Roß
da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schönste glänzende
Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,
als wäre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg,
wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter
drängte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als
wäre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grüßte den König und
verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, daß die
schlafende Königstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann
hinaufritt.

Beide Brüder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren That des
ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzählen. Der jüngste Bruder
hörte ihre Reden schweigend an, ließ sich aber nicht merken, daß er
selber der Mann gewesen war.

Am andern Morgen gingen die Brüder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die
Gasterei nicht zu versäumen. Die Sonne stand in Südost, als der jüngste
Bruder an das Grab des Vaters kam; er that nach der Vorschrift und
sagte: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _zweite_ nächtliche
Wacht!« In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen
kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und
auf dem Sattel lag die prächtigste glänzendste silberne Rüstung,
vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre
es auf seinen Leib gemacht.

Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg,
wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte auf den glatten Berg hinaufzukommen. Der silberne
Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein gut Stück über die Hälfte
den Glasberg hinauf, der für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes
Land zu sein schien, kehrte um, grüßte den König und war gleich darauf
wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, daß die
schlafende Königstochter bei der Annäherung des silbernen Mannes ihren
Kopf bewegt hatte.

Die Brüder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug
Rühmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes
wunderbarer That, meinten aber doch zuletzt, es könne kein wirklicher
Mensch sein, sondern Alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jüngste
Bruder hörte ihren Reden still zu, ließ sich aber nichts davon merken,
daß er selbst der Mann gewesen war.

Am andern Morgen waren beide älteren Brüder mit Tagesanbruch wieder
fortgegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil
heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die
Königstochter aus ihrem langen Schlafe erwachen sollte. Die Sonne stand
schon ziemlich hoch, als der jüngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er
that nach der Vorschrift und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen
Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht.« In demselben Augenblicke, wo
diese Bitte über seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit
goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schönste goldene
Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,
als wäre es auf seinen Leib gemacht.

Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo
Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch
nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne
Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurückgelassen, der
glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drängte sich durch die
Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien für die
Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben
angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die
schlafende Königstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring
von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die
Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter.
Dann legte er sie in des Königs Arme, grüßte anmuthig und war im
nächsten Augenblick verschwunden, als wäre er in die Erde gesunken.

Des Königs Freude könnt ihr euch leicht vorstellen. Am andern Tage hatte
er, dem Rathe des weisen Mannes zufolge, überall bekannt machen lassen,
daß der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurückbringen würde, sein
Schwiegersohn werden sollte. Von den Gästen waren die meisten zur Nacht
dageblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere
alten Freunde, die älteren Brüder, waren darunter und ließen sich die
Bewirthung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als
sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren
verschmähten Bruder erkannten, an den König herantrat. Dieser Bettler
trug in der That den Ring der Königstochter an seiner Hand. Da bereute
der König seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden können.

Aber der Zauberer sagte zum Könige: »Der Jüngling, den ihr seines
schlechten Auszuges wegen für einen Bettler haltet, ist der Sohn eines
mächtigen Königs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage
nach seiner Geburt von einer bösen Frau des Rõugutaja[68] mit einem
Bauernsohne vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monate,
während der gestohlene Königssohn in einer Bauernhütte aufwuchs und
seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.«

Der König war durch diese Auskunft zufriedengestellt, und ließ einen
großen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Später
vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser
nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr
einfältig, sondern seinem Stande gemäß und als kluger Herr. Seine
Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das böse Weib hatte sie ihm
angethan. Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrüstung auf
seinem goldenen Roß. Seine vermeintlichen Brüder waren vor Neid und Wuth
gestorben.

[Fußnote 65: Die Situation und die Verse erinnern an den Besuch, den
Kalews Sohn dem Grabe seines Vaters macht in der Nacht vor dem Tage, der
darüber entscheiden sollte, welcher der drei Brüder einen Felsblock am
weitesten schleudern und dadurch die Herrschaft über das Land erhalten
werde. Kalewipoëg =VII=, 809 ff. L.]

[Fußnote 66: Der Laut, den eine kleine Schnepfenart (Becassine) beim
Fliegen hervorbringt, klingt dem ehstnischen Ohr wie das Meckern einer
Ziege. L.]

[Fußnote 67: S. Anm. zum Märchen vom Schlaukopf S. 108. L.]

[Fußnote 68: S. unten die Anm. zu dem Märchen 15: Rõugutaja's Tochter.
L.]



14. Der dankbare Königssohn.


Einmal hatte sich ein König des Goldlandes[69] im Walde verirrt und
konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht
finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: »Was suchst du,
Brüderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Thiere hausen?« Der
König erwiederte: »Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.«
»Versprecht mir zum Eigenthum, was euch zuerst auf eurem Hofe
entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen,« sagte der
Fremde.

Der König sann eine Weile nach und erwiederte dann: »Warum soll ich wohl
meinen guten Jagdhund einbüßen? Ich finde mich wohl auch noch selbst
nach Hause.« Da ging der fremde Mann fort, der König aber irrte noch
drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrath zu Ende ging; dem
rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum
zweiten Mal zu ihm und sagte: »Versprecht ihr mir zum Eigenthum, was
euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt?« Da der König aber sehr
halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen.
Unmuthig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis
er zuletzt erschöpft unter einem Baume niedersank und seine Todesstunde
gekommen glaubte. Da erschien der Fremde -- es war kein anderer als der
»alte Bursche« selber -- zum dritten Male vor dem Könige und sagte:
»Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen
sein, daß ihr ihn nicht hingeben mögt, um euer Leben zu retten?
Versprecht mir den geforderten Führerlohn, und ihr sollt eurer Noth
ledig werden und am Leben bleiben.« »Mein Leben ist mehr werth, als
tausend Hunde!« entgegnete der König. »Es hängt daran ein ganzes Reich
mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfüllen,
führe mich nach Hause!« Kaum hatte er das Versprechen über die Zunge
gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in
der Ferne sein Schloß sehen. Er eilte hin und das Erste, was ihm an der
Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem königlichen Säugling, der dem
Vater die Arme entgegenstreckte. Der König erschrack, schalt die Amme
und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer
Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn für seine Anhänglichkeit
mit dem Fuße fortgestoßen. So müssen schuldlose Untergebene gar oft
ausbaden, was die oberen in tollem Wahne Verkehrtes gethan haben.

Als des Königs Zorn etwas verraucht war, ließ er sein Kind, einen
schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und
so wuchs der Königssohn am Herde armer Leute auf, während des Bauern
Tochter in der königlichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach
Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und
nahm das kleine Mädchen mit sich, welches er für das echte Kind des
Königs hielt, weil er von der betrügerischen Vertauschung der Kinder
nichts erfahren hatte. Der König aber freute sich seiner gelungenen
List, ließ ein großes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des
geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne
in der Hütte an Nichts fehlen möge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen,
getraute er sich nicht, weil er fürchtete, der Betrug könnte dann heraus
kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten
einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Ueberfluß.

Inzwischen war der Königssohn zum Jüngling herangewachsen, und führte im
Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen
doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es
gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darüber, daß ein
armes unschuldiges Mädchen statt seiner büßen mußte, was seines Vaters
Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder,
wenn irgend möglich, das arme Mädchen frei zu machen, oder mit demselben
umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau König zu werden, war ihm zu
drückend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes
an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo
sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.

Im Walde fing er laut an zu jammern. »O ich Armer, wie bin ich irre
gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit
und breit keine Menschenseele zu treffen!« Bald darauf kam ein fremder
Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Gürtel, wie ein
Tatar, grüßte freundlich und sagte: »Mir ist die Gegend hier bekannt,
und ich kann euch dahin führen, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine
gute Belohnung versprecht.« »Was kann ich armer Schlucker euch wohl
versprechen,« erwiederte der schlaue Königssohn, »ich habe nichts weiter
als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehört meinem
Brotherrn, dem ich für Nahrung und Kleidung dienen muß.« Der Fremde
bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Andern und sagte: »Ohne
alle Habe müßt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der
recht schwer zu sein scheint.« »In dem Sacke sind Erbsen,« war die
Antwort. »Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht
so viel hinterlassen, daß man den Todtenwächtern nach Landesbrauch
gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem
Wirthe um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den
Weg abzukürzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr
seht, irre geführt hat.« »Also bist du, aus deinen Reden zu schließen,
eine Waise,« sagte der Fremde grinsend. »Möchtest du nicht in meinen
Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht für mein kleines
Hauswesen, und du gefällst mir.« »Warum nicht, wenn wir Handels einig
werden,« antwortete der Königssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes
Brot schmeckt überall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei,
welchem Wirth ich gehorchen muß. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?«
»Nun,« sagte der Fremde, »alle Tage frisches Essen, zwei Mal wöchentlich
Fleisch, wenn außer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strömlinge als
Zukost, vollständige Sommer- und Winterkleidung, und außerdem noch zwei
Külimit[70]-Theil Land zu eigener Nutznießung.« »Damit bin ich
zufrieden,« sagte der schlaue Königssohn. »Die Tante können auch Andere
in die Erde bringen, ich gehe mit euch.«

Der alte Bursche schien mit diesem vorteilhaften Handel sehr zufrieden
zu sein, er drehte sich wie ein Kreisel auf einem Fuße herum, und
trällerte so laut, daß der Wald davon wiederhallte. Alsdann machte er
sich mit seinem neuen Knechte auf den Weg, wobei er bemüht war, die Zeit
durch angenehme Plaudereien zu verkürzen, ohne zu bemerken, daß sein
Gefährte je nach zehn und funfzehn Schritten immer eine Erbse aus dem
Sack fallen ließ. Ihr Nachtlager hielten die Wanderer im Walde unter
einer breiten Fichte, und setzten am andern Morgen ihre Reise fort. Als
die Sonne schon hoch stand, gelangten sie an einen großen Stein. Hier
machte der Alte Halt, spähte überall scharf umher, pfiff in den Wald
hinein und stampfte dann mit dem Hacken des linken Fußes dreimal gegen
den Boden. Plötzlich that sich unter dem Stein eine geheime Pforte auf,
und es wurde ein Eingang sichtbar, welcher der Mündung einer Höhle
glich. Jetzt faßte der alte Bursche den Königssohn beim Arm und befahl
in strengem Tone: »Folge mir!«

Dicke Finsterniß umgab sie hier, doch kam es dem Königssohne vor, als ob
ihr Weg immer weiter in die Tiefe führe. Nach einer guten Weile zeigte
sich wieder ein Schimmer, aber das Licht war weder dem der Sonne, noch
dem des Mondes zu vergleichen. Scheu erhob der Königssohn den Blick,
aber er sah weder einen Himmel noch eine Sonne; nur eine leuchtende
Nebelwolke schwebte über ihnen und schien diese neue Welt zu bedecken,
in der Alles ein fremdartiges Gepräge trug. Erde und Wasser, Bäume und
Kräuter, Thiere und Vögel, Alles erschien anders, als er es früher
gesehen hatte. Was ihn aber am meisten befremdete, war die wunderbare
Stille ringsum; nirgends war eine Stimme oder ein Geräusch zu vernehmen.
Alles war still wie im Grabe; nicht einmal seine eigenen Schritte
verursachten ein Geräusch. Man sah wohl hie und da einen Vogel auf dem
Aste sitzen mit lang gerecktem Halse und aufgeblähter Kehle, als ob ein
Laut heraus komme, aber das Ohr vernahm ihn nicht. Die Hunde sperrten
die Mäuler auf, wie zum Bellen, die Ochsen hoben, wie sie pflegen, den
Kopf in die Höhe, als ob sie brüllten, aber weder Gebell noch Gebrüll
wurde hörbar. Das Wasser floß ohne zu rauschen über die Kiesel des
flachen Grundes, der Wind bog die Wipfel des Waldes, ohne daß man ein
Säuseln hörte, Fliege und Käfer flogen ohne zu summen. Der alte Bursche
sprach kein Wort, und wenn sein Gefährte zuweilen zu sprechen
versuchte, so fühlte er gleich, daß ihm die Stimme im Munde erstarb.[71]

So waren sie, wer weiß wie lange, in dieser unheimlichen stillen Welt
dahin gezogen, die Angst schnürte dem Königssohne das Herz zu und
sträubte sein Haar wie Borsten empor, Schauerfrost schüttelte seine
Glieder -- als endlich, o Wonne! das erste Geräusch sein lauschendes Ohr
traf, und dieses Schattenleben zu einem wirklichen zu machen schien. Es
kam ihm vor, als ob eine große Roßherde sich durch Moorgruud
durcharbeitete. Nun that auch der alte Bursche seinen Mund auf und
sagte, indem er sich die Lippen leckte: »Der Breikessel siedet, man
erwartet uns zu Hause!« Wieder waren sie eine Weile weiter gegangen, als
der Königssohn das Dröhnen einer Sägemühle zu hören glaubte, in der
mindestens ein Paar Dutzend Sägen zu arbeiten schienen, der Wirth aber
sagte: »Die alte Großmutter schläft schon, sie schnarcht.«

Sie erreichten dann den Gipfel eines Hügels, und der Königssohn
entdeckte in einiger Entfernung den Hof seines Wirthes; der Gebäude
waren so viele, daß man das Ganze eher für ein Dorf oder eine kleine
Vorstadt hätte halten können, als für die Wohnung _eines_ Besitzers.
Endlich kamen sie an, und fanden an der Pforte ein leeres
Hundehäuschen. »Krieche hinein,« herrschte der Wirth, »und verhalte dich
ruhig, bis ich mit der Großmutter deinetwegen gesprochen habe. Sie ist,
wie die alten Leute fast alle, sehr eigensinnig, und duldet keinen
Fremden im Hause.« Der Königssohn kroch zitternd in's Hundehäuschen und
begann schon seine Ueberkühnheit, die ihn in diese Klemme gebracht
hatte, zu bereuen.

Erst nach einer Weile kam der Wirth wieder, rief ihn aus seinem
Schlupfwinkel heraus und sagte mit verdrießlichem Gesicht: »Merke dir
jetzt genau unsere Hausordnung und hüte dich, dagegen zu verstoßen,
sonst könnte es dir hier recht schlecht gehen:

    »Augen, Ohren halte offen,
    Mundes Pforte stets verriegelt!
    Ohne Weigerung gehorche,
    Hege, wie du willst, Gedanken,
    Rede nimmer, wenn gefragt nicht.«

Als der Königssohn über die Schwelle trat, erblickte er ein junges
Mädchen von großer Schönheit, mit braunen Augen und lockigem Haar. Er
dachte in seinem Sinne: Wenn der Alte solcher Töchter viele hätte, so
möchte ich gern sein Eidam werden! Das Mädchen ist ganz nach meinem
Geschmack.« Die schöne Maid ordnete nun, ohne ein Wort zu sprechen, den
Tisch, trug die Speisen auf und nahm dann bescheiden ihren Sitz am Herde
ein, als ob sie den fremden Mann gar nicht bemerkt hätte. Sie nahm Garn
und Nadeln und fing an, ihren Strumpf zu stricken. Der Wirth setzte sich
allein zu Tisch, und lud weder Knecht noch Magd dazu, auch die alte
Großmutter war nirgends zu sehen. Des alten Burschen Appetit war
grenzenlos; binnen Kurzem machte er reine Bahn mit Allem, was er auf dem
Tische fand, und davon hätten doch wenigstens ein Dutzend Menschen satt
werden können. Nachdem er endlich seinen Kinnladen Ruhe gegönnt hatte,
sagte er zur Jungfrau: »Kehre jetzt aus, was auf dem Boden der Kessel
und Grapen ist, und sättiget euch mit den Resten, die Knochen aber
werfet dem Hunde vor.«[72]

Der Königssohn verzog wohl den Mund über das angekündigte
Kesselbodenkehrichtsmahl, welches er mit dem hübschen Mädchen und dem
Hunde zusammen verzehren sollte. Aber bald erheiterte sich sein Gesicht
wieder, als er fand, daß die Reste ein ganz leckeres Mahl auf den Tisch
lieferten. Während des Essens sah er unverwandt das Mädchen verstohlener
Weise an, und hätte wer weiß wie viel darum gegeben, wenn er einige
Worte mit ihr hätte sprechen dürfen. Aber sobald er nur den Mund zum
Sprechen öffnen wollte, begegnete ihm der flehende Blick des Mädchens,
der zu sagen schien: »Schweige!« So ließ denn der Jüngling seine Augen
reden, und gab dieser stummen Sprache durch seinen guten Appetit
Nachdruck, denn die Jungfrau hatte ja doch die Speisen bereitet, und es
mußte ihr angenehm sein, wenn der Gast brav zulangte und ihre Küche
nicht verschmähte. Der Alte hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt und
machte seinem vollen Magen dermaßen Luft, daß die Wände davon dröhnten.

Nach der Abend-Mahlzeit sagte der Alte zum Königssohn: »Zwei Tage kannst
du von der langen Reise ausruhen, und dich im Hause umsehen. Uebermorgen
Abend aber mußt du zu mir kommen, damit ich dir die Arbeit für den
folgenden Tag anweisen kann; denn mein Gesinde muß immer früher bei der
Arbeit sein, als ich selber aufstehe. Das Mädchen wird dir deine
Schlafstätte zeigen.« Der Königssohn nahm einen Ansatz zum Sprechen,
aber o weh! der alte Bursche fuhr wie ein Donnerwetter auf ihn los und
schrie: »Du Hund von einem Knecht! Wenn du die Hausordnung übertrittst,
so kannst du ohne Weiteres um einen Kopf kürzer gemacht werden. Halt das
Maul und jetzt scher' dich zur Ruhe!«

Das Mädchen winkte ihm, mitzukommen, schloß dann eine Thür auf und
bedeutete ihn, hineinzutreten. Der Königssohn glaubte eine Thräne in dem
Auge des Mädchens quillen zu sehen und wäre gar zu gern noch auf der
Schwelle stehen geblieben, aber er fürchtete den Alten und wagte nicht
länger zu zögern. »Das schöne Mädchen kann doch unmöglich seine Tochter
sein,« dachte der Königssohn, denn sie hat ein gutes Herz. Sie ist am
Ende gar dasselbe arme Mädchen, welches statt meiner hierhergethan
wurde, und um dessen willen ich das tolle Wagstück unternahm.« Es
dauerte lange, ehe er den Schlaf auf seinem Lager fand, und dann ließen
ihm bange Träume keine Ruhe; er träumte von allerlei Gefahr, die ihn
umstrickte, und überall war es die Gestalt der schönen Jungfrau, die ihm
zu Hülfe eilte.

Als er am andern Morgen erwachte, war sein erster Gedanke, daß er Alles
thun wolle, was er der Schönen an den Augen absehen könnte. Er fand das
fleißige Mädchen schon bei der Arbeit, half ihr Wasser aus dem Brunnen
heraufwinden und in's Haus tragen, Holz spalten, das Feuer unter den
Grapen schüren, und ging ihr bei allen andern Arbeiten zur Hand.
Nachmittags trat er hinaus, um seine neue Wohnstätte näher in
Augenschein zu nehmen, und wunderte sich sehr, daß er die alte
Großmutter nirgends zu Gesicht bekam. Im Stalle fand er ein weißes
Pferd,[73] im Pfahlland eine schwarze Kuh mit einem weißköpfigen Kalbe,
in andern verschlossenen Ställen glaubte er Gänse, Enten, Hühner und
anderes Fasel zu hören. Frühstück und Mittagsessen waren eben so
schmackhaft gewesen, als Abends zuvor, und er hätte mit seiner Lage ganz
zufrieden sein können, wenn es ihm nicht so sehr schwer geworden wäre,
dem Mädchen gegenüber seine Zunge im Zaume zu halten. Am Abend des
zweiten Tages ging er zum Wirth, um die Arbeit für den kommenden Tag zu
erfahren.

Der Alte sagte: »Für morgen will ich dir eine leichte Arbeit geben. Nimm
die Sense zur Hand, mähe so viel Gras, als das weiße Pferd zu seinem
Tagesfutter braucht, und miste den Stall aus. Wenn ich hin käme und die
Krippe leer oder auf der Diele Mist fände, so könnte es dir bitterbös
bekommen. Hüte dich davor!«

Der Königssohn war ganz vergnügt, denn er dachte in seinem Sinn: »Mit
dem Bischen Arbeit komme ich schon zu Gange; wenn ich auch bis jetzt
weder Pflug noch Sense geführt habe, so sah ich doch oft, wie leicht die
Landleute mit diesen Werkzeugen umgehen, und Kraft genug habe ich.« Als
er sich eben auf's Lager hinstrecken wollte, kam das Mädchen leise
hereingeschlichen, und fragte ihn mit gedämpfter Stimme: »Was für eine
Arbeit hast du bekommen?« »Morgen« -- erwiederte der Königssohn -- »habe
ich eine leichte Arbeit; ich soll für das weiße Pferd Futtergras mähen
und den Stall säubern, das ist Alles.« »Ach du unglückseliges Geschöpf!«
seufzte das Mädchen: »wie könntest du die Arbeit vollbringen? Das weiße
Pferd, des Wirthes Großmutter, ist ein unersättliches Geschöpf, welchem
zwanzig Mäher kaum das tägliche Futter liefern könnten, und andere
zwanzig hätten vom Morgen bis Abend zu thun, den Mist aus dem Stalle zu
führen. Wie würdest du denn allein mit Beidem zu Stande kommen? Merke
auf meinen Rath und befolge ihn genau. Wenn du dem Pferde einige Schooß
voll Gras in die Krippe geschüttet hast, so mußt du aus Weidenreisern
einen starken Reif flechten, und aus festem Holze einen Keil schnitzen,
und zwar so, daß das Pferd sieht, was du thust. Es wird dich sogleich
fragen, wozu die Dinge dienen sollen, und dann mußt du ihm also
antworten: Mit diesem Reifen binde ich dir das Maul fest, wenn du mehr
fressen wolltest, als ich dir hinschütte, und mit diesem Pflock werde
ich dir den After verkeilen, wenn du mehr solltest fallen lassen, als
ich Lust hätte fortzuschaffen.« Nachdem das Mädchen dies gesprochen,
schlich es auf den Zehen eben so leise wieder hinaus, wie es gekommen
war, ohne dem Jüngling Zeit zum Dank zu lassen. Er prägte sich des
Mädchens Worte ein, wiederholte sich Alles noch einmal, um nichts zu
vergessen, und legte sich dann schlafen.

Früh am andern Morgen machte er sich an die Arbeit. Er ließ die Sense
wacker im Grase tanzen und hatte zu seiner Freude nach kurzer Zeit so
viel gemäht, daß er einige Schooß voll zusammenharken konnte. Als er dem
Pferde den ersten Schooß voll hingeworfen hatte, und gleich darauf mit
dem zweiten Schooß voll in den Stall trat, fand er zu seinem Schrecken
die Krippe schon leer, und über ein halbes Fuder Mist auf der Diele.
Jetzt sah er ein, daß er ohne des Mädchens klugen Rath verloren gewesen
wäre, und beschloß, denselben sogleich zu benutzen. Er begann den Reifen
zu flechten: das Pferd wandte den Kopf nach ihm hin und fragte
verwundert: »Söhnchen, was willst du mit diesem Reifen machen?« »Gar
nichts,« entgegnete der Königssohn,»ich flechte ihn nur, um dir die
Kinnladen damit fest zu klemmen, falls es dir in den Sinn käme, mehr zu
fressen, als ich Lust habe dir aufzuschütten.« Das weiße Pferd seufzte
tief auf und hielt augenblicklich mit Kauen inne.

Der Jüngling reinigte jetzt den Stall, und dann machte er sich daran,
den Keil zu schnitzen. »Was willst du mit diesem Keil machen?« fragte
das Pferd wieder. »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich mache ihn nur
fertig, um ihn im Nothfalle als Spunt für die Ausleerungspforte zu
gebrauchen, damit dir das Futter nicht zu rasch durch die Knochen
schießt.« Das Pferd sah ihn wieder seufzend an, und hatte ihn sicher
verstanden, denn als Mittag längst vorüber war, hatte das weiße Pferd
noch Futter in der Krippe, und die Diele war rein geblieben. Da kam der
Wirth, um nachzusehen, und als er Alles in bester Ordnung fand, fragte
er etwas erstaunt: »Bist du selber so klug, oder hast du kluge
Rathgeber?« Der schlaue Königssohn erwiederte schnell: »Ich habe
Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.«
Der Alte warf unwillig die Lippen auf und verließ brummend den Stall;
der Königssohn aber freute sich, daß Alles gelungen war.

Am Abend sagte der Wirth: »Morgen hast du keine eigentliche Arbeit, da
aber die Magd manches Andere im Hause zu besorgen hat, so mußt du unsere
schwarze Kuh melken. Hüte dich aber, daß keine Milch im Euter
zurückbleibt. Fände ich das, so könnte es dir das Leben kosten.« Der
Königssohn dachte, als er hinausging: »wenn dahinter nicht etwa wieder
eine Tücke steckt, so kann mir die Arbeit nicht schwer werden; ich habe,
Gottlob, starke Finger, und will die Zitzen schon so pressen, daß kein
Tropfen Milch darin bleiben soll.« Als er sich eben zur Ruhe legen
wollte, kam das Mädchen wieder zu ihm und fragte: »Was für eine Arbeit
hast du morgen?« »Morgen habe ich Gesellentag« -- antwortete der
Königssohn. »Ich bin morgen den ganzen Tag frei, und habe nichts weiter
zu thun, als die schwarze Kuh zu melken, so daß kein Tropfen Milch im
Euter zurückbleibt.« »O du unglückseliges Geschöpf! wie wolltest du das
zu Stande bringen,« sagte das Mädchen seufzend. »Du mußt wissen, lieber
unbekannter Jüngling, daß, wenn du auch vom Morgen bis zum Abend
ununterbrochen melken würdest, du doch nimmer das Euter der schwarzen
Kuh leeren könntest; die Milch strömt gleich einer Wasserader
ununterbrochen. Ich sehe wohl, daß der Alte dich verderben will. Aber
sei unbesorgt, so lange ich am Leben bin, soll dir kein Haar gekrümmt
werden. Achte auf meinen Rath und befolge ihn pünktlich, so wirst du der
Gefahr entgehen. Wenn du zum Melken gehst, so nimm einen Topf voll
glühender Kohlen und eine Schmiedezange mit. Im Stalle lege die Zange in
die Kohlen und blase diese zu heller Flamme an. Wenn die schwarze Kuh
dich dann fragt, weßhalb du das thust, so antworte ihr, was im dir jetzt
in's Ohr sagen werde.« Das Mädchen flüsterte ihm einige Worte in's Ohr,
und schlich dann auf den Zehen, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer.
Der Königssohn legte sich schlafen.

Kaum strahlte die Morgenröthe am Himmel, als er sich schon von seinem
Lager erhob, den Melkkübel in die eine und den Kohlentopf in die andere
Hand nahm und in den Stall ging. Er machte Alles so, wie das Mädchen am
Abend zuvor angegeben hatte. Befremdet sah die schwarze Kuh seinem
Treiben eine Weile zu, dann fragte sie: »Was machst du da, Söhnchen?«
»Gar nichts,« war die Antwort. »Ich will die Zange nur rothglühend
machen, weil manche Kuh die niederträchtige Gewohnheit hat, nach dem
Melken noch Milch im Euter zu behalten, und da ist kein besserer Rath,
als ihr die Zitzen mit einer glühenden Zange zusammenzukneifen, damit
sich die Milch nicht unnütz in's Euter ergieße.« Die schwarz Kuh seufzte
tief auf und sah den Melkenden scheu an. Der Königssohn nahm den Kübel,
melkte das Euter aus, und als er es nach einer Weile wieder anzog, fand
er nicht einen Tropfen Milch. Später kam der Wirth in den Stall, zog und
drückte wiederholt an den Zitzen, fand aber keine Milch, und fragte mit
böser Miene: »Bist du selbst so klug, oder hast du kluge Rathgeber?« Der
Königssohn antwortete: »Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und
einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte ging aufgebracht fort.

Als der Königssohn sich am Abend beim Wirth nach seiner Arbeit
erkundigte, sagte dieser: »Ich habe noch ein Schoberchen Heu auf der
Wiese stehen, das ich bei trockener Witterung unter Dach bringen möchte.
Führe mir morgen das Heu ein, aber hüte dich, daß nicht das Mindeste
zurückbleibt, sonst könntest du dein Leben einbüßen.« Der Königssohn
verließ vergnügt das Zimmer und dachte: »Heu führen ist keine große
Arbeit, ich habe weiter keine Mühe, als aufzuladen, das Pferd muß
ziehen. Ich werde die Großmutter dieses Wirths nicht schonen.« Abends
kam das Mädchen wieder zu ihm geschlichen, und fragte ihn nach seiner
Arbeit für morgen. Der Königssohn sagte lachend: »Hier lerne ich alle
Arten von Bauernarbeit, morgen soll ich ein Schoberchen Heu einführen,
und nur darauf achten, daß nicht das Mindeste zurückbleibt; das ist mein
ganzes Tagewerk.« »Ach du unglückseliges Geschöpf,« seufzte das Mädchen:
»wie könntest du das vollbringen? Wolltest du auch mit allen Leuten
eines noch so großen Gebiets eine ganze Woche lang Heu führen, so
würdest du doch dieses Schoberchen nicht fortschaffen. Was von oben her
weggenommen wird, das wächst vom Grunde auf wieder nach. Merke wohl, was
ich dir sage: du mußt morgen vor Tagesanbruch aufstehen, das weiße Pferd
aus dem Stalle ziehen, und einige starke Stricke mitnehmen. Dann geh an
den Heuschober, lege die Stricke herum, und schirre das Pferd an die
Stricke. Wenn du damit fertig bist, so klettere auf den Schober hinauf,
und fang' an zu zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und so
weiter. Das Pferd wird dich sogleich fragen, was du da zählst, dann mußt
du antworten, was ich dir in's Ohr sage.« Das Mädchen flüsterte ihm das
Geheimniß zu, und verließ das Zimmer; der Königssohn wußte nichts
Besseres zu thun, als zu Bette zu gehen.

Als er den andern Morgen erwachte, fiel ihm sogleich des Mädchens guter
Rath von gestern ein; er nahm starke Stricke, eilte in den Stall, führte
das weiße Pferd heraus, schwang sich darauf und ritt zum Heuschober, der
aber mindestens an funfzig Fuder hielt, also kein »Schoberchen« zu
nennen war. Der Königssohn that Alles, was ihm das Mädchen geheißen
hatte, und als er endlich, oben auf dem Heuschober sitzend, bis zwanzig
gezählt hatte, fragte das weiße Pferd verwundert: »Was zählst du da,
Söhnchen?« »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich machte mir nur den Spaß,
die Wolfsherde dort am Walde zu zählen, aber es sind ihrer so viel, daß
ich nicht damit fertig werde.« Kaum hatte er das Wort »Wolfsherde«
heraus, als auch das weiße Pferd wie der Wind davon schoß, so daß es in
einigen Augenblicken mit dem Schober zu Hause war. Des Wirths Erstaunen
war nicht gering, als er nach dem Frühstück hinauskam, und das Tagewerk
des Knechts schon gethan fand. »Bist du selber so klug, oder hast du
kluge Rathgeber?« fragte der Alte, worauf der Königssohn erwiederte:
»Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im
Himmel.« Der Alte ging kopfschüttelnd und fluchend von dannen.

In der Abenddämmerung ging der Königssohn wieder zu ihm, nach seiner
Arbeit zu fragen. Der Wirth sagte: »Morgen mußt du mir das weißköpfige
Kalb auf die Weide führen, doch hüte dich, daß es sich nicht verläuft,
sonst könntest du leicht dein Leben einbüßen.« Der Königssohn dachte bei
sich: »mancher zehnjährige Bauerbursch muß eine ganze Herde hüten, da
kann mir doch die Hut eines einzigen Kalbes nicht schwer werden.« Als er
sich eben schlafen legen wollte, kam das Mädchen wieder in seine Kammer
geschlichen und fragte, was für eine Arbeit er morgen habe. »Morgen habe
ich Faullenzerarbeit,« sagte der Königssohn, »ich soll mit dem
weißköpfigen Kalbe auf die Weide gehen.« »O du unglückseliges Geschöpf,«
seufzte das Mädchen: »damit wirst du wohl nimmer durchkommen. Du mußt
wissen, daß dieses Kalb eine solche Rennwuth hat, daß es an einem Tage
dreimal um die Welt laufen könnte. Merke dir genau, was ich dir jetzt
sagen will. Nimm diesen Seidenfaden, binde das eine Ende an das linke
Vorderbein des Kalbes, und das andere Ende an den kleinen Zeh deines
linken Fußes, dann wird das Kalb keinen Schritt von deiner Seite
weichen, gleichviel ob du gehst, stehst oder liegst.« Darauf ging das
Mädchen fort, und der Königssohn legte sich schlafen, aber es ärgerte
ihn, daß er wieder vergessen hatte, für den guten Rath zu danken.

Den andern Morgen that er pünktlich, was ihm das gute Mädchen
vorgeschrieben hatte, und führte das Kalb an dem seidenen Faden auf die
Weide, wo es, wie ein treues Hündlein, keinen Schritt von seiner Seite
wich. Bei Sonnenuntergang führte er es wieder in den Stall, als ihm der
Wirth auch schon entgegenkam und mit zornfunkelndem Blick fragte: »Bist
du selber so klug, oder hast du kluge Rathgeber?« Der Königssohn
erwiderte: »Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen
mächtigen Gott im Himmel.« Wieder ging der Alte wüthend davon, und der
Königssohn glaubte nun darüber im Reinen zu sein, daß die Nennung des
göttlichen Namens den alten Burschen jedesmal in Harnisch brachte.

Spät Abends ging er wieder zum Wirth, um dessen Befehle für den
folgenden Tag einzuholen. Der Wirth gab ihm ein Säckchen mit Gerste und
sagte: »Morgen hast du einen Feiertag und kannst ausschlafen, aber dafür
mußt du dich heute Nacht brav rühren. Säe mir sogleich diese Gerste aus,
sie wird rasch wachsen und reifen; dann schneidest du sie, drischst sie
und windigest sie, so daß du sie mälzen und mahlen kannst. Aus dem
erhaltenen Malzmehl mußt du mir Bier brauen, und morgen früh, wenn ich
erwache, mir eine Kanne frischen Biers zum Morgentrunk bringen. Hab'
Acht, daß meine Befehle genau befolgt werden, sonst könntest du leicht
das Leben einbüßen.«

Niedergeschlagen, mit sorgenschwerem Herzen verließ der Königssohn das
Gemach, blieb draußen stehen und weinte bitterlich. Er sprach zu sich
selbst: »Die heutige Nacht ist meine letzte, solch' eine Arbeit kann
kein Sterblicher vollbringen, und ebensowenig kann mir des klugen
Mädchens Rath hier helfen. O ich unglückseliges Geschöpf! warum habe ich
leichtsinnig das Königsschloß verlassen und mich in Gefahren verstrickt.
Nicht einmal den Sternen des Himmels kann ich mein bitteres Leid klagen,
denn hier sieht man weder Himmel noch Sterne, doch haben wir einen Gott,
der überall ist.« Als er mit seinem Gerstensäcklein dastand, öffnete
sich die Hausthür und das liebe Mädchen trat zu ihm heraus. Sie fragte,
was ihn so betrübe, und der Jüngling antwortete mit Thränen in den
Augen: »Ach, meine letzte Stunde ist gekommen, wir müssen auf immer
scheiden. Vernimm denn noch Alles, ehe ich scheide: ich bin eines
mächtigen Königs einziger Sohn, dem der Vater einst ein großes Reich
hinterlassen sollte; aber nun ist Alles hin, Glück und Hoffnung.« Dann
erzählte er ihr unter häufigen Thränen, was für eine Arbeit der Wirth
ihm für die Nacht aufgegeben habe, aber es verdroß ihn, zu sehen, daß
das Mädchen sich aus seiner Betrübniß nicht viel machte. Als er endlich
seinen langen Bericht geschlossen hatte, sagte die Jungfrau lachend:
»Heute Nacht kannst du denn, mein lieber Königssohn, ganz ruhig
schlafen, und morgen den ganzen Tag feiern. Merke genau auf meinen Rath
und verschmähe ihn nicht, weil er aus dem Munde einer niedrig geborenen
Magd kommt. Nimm diesen kleinen Schlüssel, er schließt den dritten
Faselstall auf, worin des Alten dienende Geister wohnen. Wirf den
Gerstensack in den Stall und schärfe ihnen Wort für Wort den Befehl ein,
den dir der Wirth für die Nacht gegeben hat; füge aber hinzu: Wenn ihr
ein Haar breit von meiner Vorschrift abweicht, so müßt ihr allesammt
sterben; solltet ihr aber Hülfe brauchen, so wird heut' Nacht die Thür
des siebenten Stalles offen stehen, in welchem des Wirths mächtigste
Geister wohnen.«

Der Königssohn richtete Alles nach Vorschrift aus, und legte sich
schlafen. Als er am folgenden Morgen aufwachte und in der Brauküche
nachsah, fand er die Bierkufen in voller Gährung, so daß der Schaum über
den Rand floß. Er kostete das Bier, füllte dann eine große Kanne mit dem
schäumenden Trank an, und brachte sie dem Wirthe, der sich eben auf
seinem Lager aufrichtete. Aber statt des erwarteten Dankes sagte der
Wirth ungehalten: »Das kommt nicht aus deinem Kopfe! Ich merke, du hast
gute Freunde und Rathgeber gefunden. Schon gut, heut' Abend wollen wir
weiter sprechen.«

Am Abend sagte der Alte: »Morgen habe ich dir keine Arbeit aufzutragen,
du mußt nur, wenn ich erwache, vor mein Bett treten, und mir zum Gruße
die Hand reichen.« Der Königssohn spottete innerlich über des Alten
wunderliche Grille, und lachend setzte er das Mädchen davon in Kenntniß.
Dieses aber wurde sehr ernst und sagte: »Wahre deine Haut! Der Alte will
dich morgen früh auffressen. Nur Eins kann dich retten. Du mußt eine
eiserne Schaufel im Ofen rothglühend machen, und ihm statt deiner Hand
das glühende Eisen zum Morgengruß darbieten.«[74] Damit eilte sie davon,
und der Königssohn ging zu Bette. Am Morgen hatte er die Schaufel schon
rothglühend gemacht, ehe noch der alte Bursche aufwachte. Endlich hörte
er ihn rufen: »Fauler Knecht, wo bleibst du? komm' und grüße!« Als
darauf der Königssohn mit der glühenden Schaufel eintrat, rief der Alte
ihm mit kläglicher Stimme zu: »Ich bin heute sehr krank und kann deine
Hand nicht fassen. Aber komm' heute Abend wieder, damit ich dir meine
Befehle geben kann.«

Der Königssohn schlenderte nun den ganzen Tag umher, und ging dann am
Abend zum Wirth, um sich von ihm die Arbeit für den folgenden Tag
auftragen zu lassen. Der Wirth war sehr freundlich und sagte
schmunzelnd: Ich bin mit dir sehr zufrieden! komm Morgen früh mit dem
Mädchen zu mir, ich weiß, daß ihr euch schon längst lieb habt, und will
euch als Mann und Frau zusammengeben!«

Der Königssohn hätte vor Freude jauchzen und in die Höhe springen mögen,
aber glücklicher Weise fiel ihm noch zu rechter Zeit die strenge
Hausordnung ein, deßhalb blieb er ruhig. Als er vor Schlafengehen der
Geliebten von seinem Glücke erzählte und von ihr eine gleiche Freude
erwartete, sah er zu seinem großen Erstaunen, daß das Mädchen vor
Schrecken bleich wurde wie eine getünchte Wand, und ihr die Zunge wie
gelähmt war. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie. »Der alte
Bursche ist dahinter gekommen, daß ich deine Rathgeberin gewesen bin,
und will uns Beide verderben. Wir müssen noch diese Nacht die Flucht
ergreifen, sonst sind wir verloren. Nimm ein Beil, geh' in den Stall und
schlage dem weißköpfigen Kalbe mit einem kräftigen Hiebe den Kopf ab,
mit einem zweiten Hiebe spalte den Schädel entzwei. Im Hirn des Kalbes
findest du ein glänzend rothes Knäulchen, das bringe mir, Alles was
sonst nöthig ist, werde ich selbst besorgen. Der Königssohn dachte:
»lieber tödte ich ein unschuldiges Kalb, als daß ich mich selbst und das
liebe Mädchen umbringen lasse; gelingt uns die Flucht, so sehe ich meine
Heimath wieder. Die Erbsen, welche ich ausstreute, müssen jetzt
aufgegangen sein, so daß wir den Weg nicht verfehlen werden.«

Darauf ging er in den Stall. Die Kuh lag neben dem Kalbe hingestreckt,
und beide schliefen so fest, daß sie ihn nicht kommen hörten. Als er
aber dem Kalbe den Kopf abhieb, stöhnte die Kuh so schauerlich, als
hätte sie einen schweren Traum. Rasch führte er den zweiten Hieb, der
den Schädel spaltete. Siehe! da wurde der Stall plötzlich hell, wie am
Tage. Das rothe Knäulchen fiel aus dem Gehirn heraus und leuchtete wie
eine kleine Sonne. Der Königssohn wickelte das Knäulchen behutsam in ein
Tuch und steckte es in seinen Busen. Es war ein Glück, daß die Kuh nicht
aufwachte, sonst hätte sie angefangen zu brüllen, und dadurch hätte auch
der Wirth geweckt werden können.

An der Pforte fand der Königssohn das Mädchen schon reisefertig, ein
Bündelchen am Arme. »Wo ist dein Knäulchen?« fragte sie. »Hier!«
antwortete der Jüngling, und gab es ihr. »Wir müssen schnell fliehen!«
sagte sie, und wickelte einen kleinen Theil des Knäulchens aus dem Tuche
heraus, damit der leuchtende Schein gleich einer Laterne das nächtliche
Dunkel ihres Pfades erhelle. Die Erbsen waren, wie der Königssohn
vermuthet hatte, alle aufgegangen, so daß sie sicher waren, den Weg
nicht zu verfehlen. Unterwegs erzählte ihm die Jungfrau, daß sie einmal
ein Gespräch zwischen dem Alten und seiner Großmutter belauscht und
daraus erfahren habe, daß sie eine Königstochter sei, welche der alte
Bursche ihren Eltern mit List abgenommen habe. Der Königssohn wußte
freilich die Sache besser, schwieg aber und war nur von Herzen froh, daß
es ihm gelungen war, das arme Mädchen zu befreien. So mochten die
Wanderer eine gute Strecke zurückgelegt haben, als es begann zu tagen.

Der alte Bursche erwachte erst spät am Morgen und rieb sich lange die
Augen, bis der Schlaf abfiel, dann weidete er sich im Voraus an dem
Gedanken, daß er die Beiden bald verzehren würde. Nachdem er ziemlich
lange auf sie gewartet hatte, sagte er für sich: »Sie sind wohl noch
nicht mit ihrem Hochzeitsstaat fertig!« Als ihm aber das Warten doch zu
lange dauerte, rief er: »Knecht und Magd, he! wo bleibt ihr?« Fluchend
und schreiend wiederholte er den Ruf noch einige Mal, aber weder Knecht
noch Magd ließen sich sehen. Endlich kletterte er zornig aus dem Bette
und ging die Säumigen zu suchen. Aber er fand das Haus menschenleer, und
bemerkte auch, daß diese Nacht die Lagerstätten unberührt geblieben
waren. Jetzt stürzte er in den Stall ... als er hier das Kalb getödtet
und das Zauberknäulchen entwendet fand, begriff er Alles. Er fluchte,
daß Alles schwarz wurde, öffnete rasch den dritten Geisterstall und
schickte seine Gehülfen aus, die Entflohenen zu suchen. »Bringt sie mir,
wie ihr sie findet, ich muß ihrer habhaft werden!« So sprach der alte
Bursche und seine Geister stoben wie der Wind davon.

Die Flüchtlinge befanden sich gerade auf einer großen Fläche, als das
Mädchen den Schritt anhielt und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein
sollte. Das Knäulchen bewegt sich in meiner Hand, gewiß werden wir
verfolgt!« Als sie hinter sich sahen, erblickten sie eine schwarze
Wolke, welche mit großer Geschwindigkeit näher kam. Das Mädchen drehte
das Knäulchen dreimal in der Hand um und sprach:

    »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
    Würde gern alsbald zum Bächlein,
    Mein Gefährte auch zum Fischlein!«

Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen floß als Bächlein
dahin, und der Königssohn schwamm als Fischlein im Wasser. Die Geister
sausten vorüber, kehrten nach einer Weile um, und flogen wieder heim,
aber Bächlein und Fischlein ließen sie unangetastet. Sobald die
Verfolger fort waren, verwandelte sich das Bächlein wieder in ein
Mädchen und machte das Fischlein zum Jüngling, und dann setzten sie in
menschlicher Gestalt ihre Reise fort.

Als die Geister müde und mit leeren Händen zurückkehrten, fragte sie der
alte Bursche, ob ihnen denn beim Suchen nichts Besonderes aufgefallen
wäre? »Gar nichts!« war die Antwort: »nur ein Bächlein floß in der
Ebene, und ein einziges Fischlein schwamm darin.« Wüthend brüllte der
Alte: »Schafsköpfe. Das waren sie ja, das waren sie ja!« Schnell riß er
die Thüren des fünften Stalles auf, ließ die Geister heraus und befahl
ihnen, des Bächleins Wasser auszutrinken und das Fischlein zu fangen.
Die Geister stoben wie der Wind von dannen.

Unsere Wanderer näherten sich eben dem Saum eines Waldes, da blieb das
Mädchen stehen und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein soll. Das
Knäulchen bewegt sich wieder in meiner Hand.« Als sie sich umsahen,
erblicken sie abermals eine Wolke am Himmel, dunkler als die erste und
mit rothen Rändern. »Das sind unsere Verfolger!« rief die Jungfrau und
drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um, indem sie sprach:

    »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
    Wandele uns alle Beide:
    Mich zum wilden Rosenstrauche,
    Ihn zur Blüthe an dem Strauche.«

Augenblicklich waren sie verwandelt. Aus dem Mädchen ward ein wilder
Rosenstrauch, und der Jüngling hing als Rose am Stock. Sausend zogen die
Geister über ihnen hin und kehrten erst nach einer guten Weile wieder
um; da sie weder Bächlein noch Fischlein gefunden hatten, kümmerten sie
sich nicht um den Rosenstrauch. Sobald die Verfolger vorüber waren,
verwandelten sich Strauch und Blume wieder in Mädchen und Jüngling,
welche nach der kurzen Ruhe rasch weiter eilten.

»Habt ihr sie gefunden?« fragte der Alte, als er seine Gesellen keuchend
wiederkehren sah. »Nein,« antwortete der Anführer der Geister. »Wir
fanden weder Bächlein noch Fischlein in der Ebene.« »Habt ihr denn sonst
nichts Besonderes unterwegs gesehen?« fuhr der Alte auf. Der Anführer
antwortete: »Dicht am Saume des Waldes stand ein wilder Rosenstrauch an
dem eine Rose hing.« Schafsköpfe!« schrie der Alte, »das waren sie ja,
das waren sie ja!« Er schloß darauf den siebenten Stall auf und
schickte seine mächtigsten Geister aus, sie zu suchen. »Bringt sie mir,
wie ihr sie findet, todt oder lebendig! ich muß ihrer habhaft werden.
Reißt den verfluchten Rosenstrauch mit den Wurzeln heraus, und nehmt
Alles mit, was euch Befremdliches aufstößt.« Wie der Sturmwind flogen
die Geister davon.

Die Flüchtlinge ruhten eben im Schatten eines Waldes aus, und stärkten
die ermüdeten Glieder durch Speise und Trank. Plötzlich rief das
Mädchen. »Alles ist nicht, wie es sein soll; das Knäulchen will mit
Gewalt aus meinem Busen. Gewiß verfolgt man uns wieder, und die Gefahr
ist nahe, aber der Wald verbirgt uns unsere Feinde noch.« Dann nahm sie
das Knäulchen aus dem Busen, drehte es dreimal in der Hand herum und
sprach:

    »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
    Mache mich alsbald zum Lüftchen,
    Den Gefährten mein zum Mücklein!«

Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen löste sich in Luft
aus, der Königssohn aber schwebte darin als Mücklein. Die mächtige
Geisterschaar brauste wie ein Sturm über sie hin, und kehrte nach
einiger Zeit wieder um, weil sie weder einen Rosenstrauch noch sonst
etwas Befremdliches gefunden hatten. Aber kaum waren die Geister
vorüber, so verwandelte der Lufthauch sich wieder in das Mädchen, und
machte aus der Mücke den Jüngling. »Jetzt müssen wir eilen,« rief das
Holdchen, »bevor der Alte selber kommt zu suchen -- der wird uns in
jeder Verwandlung erkennen.«

Sie liefen nun eine gute Strecke vorwärts, bis sie den dunklen Gang
erreichten, in welchem sie bei dem hellen Schein des Knäulchens
ungehindert emporstiegen. Erschöpft und athemlos kamen sie endlich an
den großen Stein. Hier wurde das Knäulchen wiederum dreimal gedreht,
wobei die kluge Jungfrau sprach:

    »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
    Laß den Stein empor sich heben,
    Eine Pforte sich bereiten!«

Augenblicklich hob sich der Stein weg, und sie waren glücklich wieder
auf der Erde. »Gott sei Dank!« rief das Mädchen aus: »wir sind gerettet.
Hier hat der alte Bursche keine Macht mehr über uns, und vor seiner List
wollen wir uns hüten. Aber jetzt, Freund, müssen wir uns trennen. Du
gehst zu deinen Eltern, und ich will die meinigen aufsuchen.« -- »Mit
nichten,« erwiederte der Königssohn: »ich kann mich nicht mehr von dir
trennen, du mußt mit mir kommen und mein Weib werden. Du hast
Leidenstage mit mir ertragen, darum ist es billig, daß du nun auch
Freudentage mit mir theilst.« Zwar sträubte sich das Mädchen Anfangs,
aber endlich ging sie doch mit dem Jüngling.

Im Walde trafen sie einen Holzhacker, von dem sie erfuhren, daß im
Schlosse, wie im ganzen Lande, große Trauer herrsche über das
unbegreifliche Verschwinden des Königssohnes, von dem seit Jahren jede
Spur verloren sei. Mit Hülfe des Zauberknäulchens schaffte das Mädchen
dem heimkehrenden Sohne seine früheren Kleider wieder, damit er vor
seinem Vater erscheinen könne. Sie selbst aber blieb einstweilen in
einer Bauernhütte zurück, bis der Königssohn Alles mit seinem Vater
besprochen hätte.

Aber der alte König war noch vor dem Eintreffen seines Sohnes dahin
geschieden: der Kummer über den Verlust des einzigen Sohnes hatte sein
Ende beschleunigt. Noch auf seinem Todbette hatte er sein leichtsinniges
Versprechen und seinen Betrug bereut, daß er dem alten Burschen ein
armes unschuldiges Mädchen überlieferte, wofür Gott ihn durch den
Verlust des Sohnes gezüchtigt habe. Der Königssohn beweinte, wie es
einem guten Sohne geziemt, den Tod seines Vaters und ließ ihn mit großen
Ehren bestatten. Dann trauerte er drei Tage, ohne Speise und Trank zu
sich zu nehmen. Am vierten Morgen aber zeigte er sich dem Volke als
neuer Herrscher, versammelte seine Räthe und theilte ihnen mit, was für
wunderbare Dinge er in des alten Burschen Behausung gesehen und ertragen
habe, vergaß auch nicht zu erzählen, wie die kluge Jungfrau seine
Lebensretterin geworden.

Da riefen die Räthe wie aus einem Munde: »Sie muß eure Gemahlin und
unsere Herrscherin werden.«

Als der junge König sich nun aufmachte, um seine Braut einzuholen,
erstaunte er sehr, als ihm die Jungfrau in königlicher Pracht
entgegenkam. Mit Hülfe des Zauberknäulchens hatte sie sich alles Nöthige
verschafft, weßhalb auch das ganze Land glaubte, daß sie die Tochter
eines unermeßlich reichen Königs und aus fernen Landen gekommen sei.
Darauf wurde die Hochzeit ausgerichtet, welche vier Wochen dauerte, und
sie lebten darnach glücklich und zufrieden noch manches liebe Jahr.

[Fußnote 69: Ist wohl identisch mit dem mythischen Kungla-Lande. S. d.
Anm. 2, S. 102, zum Märchen 8, vom Schlaukopf. L.]

[Fußnote 70: Külimit ist ein Getreidemaß von verschiedener Größe. Das
Revalsche Loof von drei Külimit ist etwas weniger als ein viertel
Scheffel Preußisch. L.]

[Fußnote 71: Die Grundzüge dieser phantasievollen Schilderung finden
sich im Kalewipoëg =X=, 378 ff. vgl. mit =XIII=, 491 ff. Auch dort scheinen
auf der Straße zur Wohnung des höllischen Geistes weder Sonne, noch Mond
und Sterne -- nur von den Fackeln zu beiden Seiten des Höllenthors geht
ein trüber Schimmer aus, der die Ankommenden leitet. L.]

[Fußnote 72: Reminiscenz aus dem Kalewipoëg =XIII=, 401 ff., wo dem
Kalewsohn über den in der Eingangshöhle zur Hölle kochenden Kessel
Auskunft ertheilt wird. Erst kostet der Gehörnte, dann die alte Mutter,
dann kommen Hund und Katze dran, in den Rest theilen sich Köche und
Knechte. L.]

[Fußnote 73: Die eine der in der Unterwelt gefangen gehaltenen drei
Schwestern erzählt dem Kalewsohn, daß des Gehörnten Base die
Höllenhündin, seine Großmutter die weiße Mähre sei. Kalewipoëg =XIV=, 428.
-- Auf einem weißen Rosse sitzt der Kalewsohn als Höllenwächter, =ibid.=
=XX=, 1005. Vgl. eine von _Rußwurm_ über Kalews Tod mitgetheilte Sage.
_Rußwurm_, Sagen aus Hapsal u. s. w. Reval 1861. S. 9-10. L.]

[Fußnote 74: Vgl. das Glühendmachen der künstlichen Hand und das
Darreichen derselben an die Hexe im Pfortenriegel, in dem Märchen von
Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge, S. 54. L.]



15. Rõugatajas Tochter.


Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte
Rõugataja[75] mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht
in natürlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemühte
sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um
späterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, daß das
Mägdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, daß
aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Körper deckte.
Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu
bringen, und schickte deßhalb das Mädchen überall hin unter die Leute,
wo nur in den Dörfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der
Tochter schöne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnüre, Halsgeschmeide
von vergoldeten Münzen, große Brustspange und Seidenbänder stachen den
jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht in's
Haus. Die Burschen lachten und spotteten: oben hübsch und glatt,
unterhalb rauh wie Krötenhaut.

Damit nun das Töchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer
verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hülfe und ließ von
ihr einen geheimnißvollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle
unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mädchen
nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten
Hexe ein Bündelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von
ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel für die Burschen bereiten
sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: »Von diesem Naß
sieben Tropfen, in Speise oder Trank geträufelt, bethören jeden
Burschen, der davon kostet.«

Darnach wurde auf dem Hofe des Rõugataja ein großer Gastschmaus
angerichtet, zu welchem von allen Seiten Mengen zusammengebeten wurden,
besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schaar
derselben einen wählen könnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack
wäre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die
Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum
Ehgemahl ersehnte. Die schlaue Mutter that heimlich sieben Tropfen vom
Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf
der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das
Kätzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rõugataja's nachlaufen mußte,
da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte. Bald darauf erschien er als
Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen
später wurde ein prächtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so daß noch
Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was
half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer geführt wurde,
um zu Bette zu gehen, fand der Bräutigam unter der Decke so viel
Unheimliches, daß ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben
Nacht nahm er die Flucht und ließ die junge Frau als Wittwe zurück.
Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, daß der Liebestrank
der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken würde; aber wer nicht
kam, war der entwichene Bräutigam. Als noch eine Woche verstrichen war,
und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in
ihnen. Endlich kam die Nachricht, daß der entwichene Mann eine andere
Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende.

Ein Jahr später hörte die alte Frau des Rõugataja, daß ihres vormaligen
Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein böser
Anschlag ihr Herz, daß sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hülfe der
Hexe des Kindes Mutter in einen Wärwolf verwandelt war. Sodann schaffte
sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wöchnerin in's Bett. Da aber die
Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie
auch das Kind nicht säugen. Wohl goß sie Kuhmilch in die künstlich aus
Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern
schrie Tag und Nacht vor Hunger, daß der Zeter kein Ende nahm. Es wurden
zwar Kindesbaderinnen und Thränenstillerinnen von nah und fern
zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind ließ nicht ab zu
schreien. Eines Tages rief der Vater in zornigem Muthe: »Tragt den
Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein
Geschrei nicht länger aushalten.« Die Wärterin ging mit dem Kinde
hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wölfin
hervor, entriß der Wärterin das Kind mit Gewalt, that aber weder ihr
noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein säuberlich das Kleine sich
an die Brust und säugte es. Als das Kind darauf süß eingeschlummert war,
brachte die Wärterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis
zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wärterin ließ nichts verlauten von
dem Vorfall mit der Wölfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's
Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die
Wärterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater
des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei
mehr im Hause war, wiewohl die Wöchnerin noch immer schwer krank zu
Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fuß rühren zu können. Als nun am
dritten Tage die Wärterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen,
sagte die Wölfin. »Ich darf nicht jeden Tag so öffentlich in's Freie
kommen, das Kind zu säugen. Wenn du es aber alle Morgen an den
Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es säugen; doch mußt du,
so lang' ich es säuge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht
Jemand plötzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind säuge. Und auch
du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich
rufe.« Die Wärterin that, wie geboten war, und die Sache ging über eine
Woche lang vortrefflich; das Kind gedieh zusehends, schlief ruhig ohne
Geschrei, und erwachte aus dem Schlafe mit freundlich lächelndem
Antlitz.

Eines Tages dünkte der Wärterin das Säugen der Wölfin allzulange zu
dauern, und das Verbot übertretend ging sie heimlich zu spähen, was wohl
die Amme mit dem Kinde machen möchte. Ein wunderbares Ding war es denn
freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels saß eine junge nackte Frau,
das Kind auf ihrem Schooße, welches sie zärtlich liebkoste und auf den
Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlüpfte
hinein und rief dann die Wärterin, daß sie käme, das Kind zu nehmen. Als
die Wärterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Säugung des
Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund
halten, sondern that dem Vater Alles kund, was bisher täglich mit dem
Kinde geschehen war, sowohl das Säugen durch die Wölfin, als auch die
Gestalt der Frau, die aus der Wolfshaut herausgeschlüpft war. Der Mann
schloß sofort, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne; er
verbot der Wärterin das Geheimniß irgend Jemand weiter zu sagen, und
eilte selbst zu einem berühmten weisen Manne, um Rath und Hülfe zu
suchen.

Der weise Mann sagte, als er die Erzählung gehört hatte: »Hier scheint
einer bösen Hexe Werk dahinter zu stecken, was ich sofort ganz
aufzuklären nicht im Stande bin; aber wir müssen versuchen, durch List
die Wolfshaut zu erlangen und zu vernichten, dann werden wir schon
sehen, was für ein Betrug hier verübt ist.« Dann befahl er dem Manne, in
der Nacht den Ukkofels glühend heiß zu machen, damit, wenn die Wölfin
die Haut wieder auf den Fels werfen würde, diese versengt und zum
Anziehen untauglich gemacht würde. Der Mann führte den andern Tag, als
des Kindes Säugerin sich in den Wald zurückgezogen hatte, ein Paar Fuder
Holz um den Fels her und auf denselben, und zündete dann in der Nacht
das Holz an, wodurch der Ukkofels gluthroth wurde, wie die Glühsteine
eines Badstubenofens. Als dann die Zeit herannahte, wo des Kindes
Säugerin zu kommen pflegte, räumte er Brände und Asche bei Seite und
schlüpfte selbst hinter das Gebüsch in ein Versteck, wo er Alles sehen
konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Auf des Kindes Geschrei kam die
Wölfin aus dem Walde gerufen, nahm der Wärterin das Kind ab, und legte
es dann so lange in's Gras, bis sie die Wolfshaut abgezogen und auf den
Felsrand geworfen hatte. Dann nahm sie das Kind auf den Schooß und
begann es zu säugen. Je schärfer der Mann die Säugende ansah, desto
bekannter wurden ihm Gesicht und Gestalt der Frau. Ja -- er erkannte in
der Säugerin des Kindes sein Weib und begriff jetzt, weßhalb die
Wöchnerin noch immer zu Hause im dunkeln Zimmer saß. Er sprang nun aus
dem Gebüsch hervor und eilte auf die Frau zu. Diese schrie vor Schrecken
auf, legte das Kind in's Gras und wollte ihre Wolfshaut wieder vom
Felsen nehmen und anziehen, aber das Fell war ganz verbrannt, und nur
ein zusammengeschrumpftes Ende davon nachgeblieben. Auch dieses warf
jetzt der Mann auf die allerheißeste Stelle, wo nun die letzten Fetzen
zu Asche verbrannten. Dann zog er seinen Rock aus, gab ihn der Frau,
sich damit zu bedecken, und bat sie, so lange mit dem Kinde da zu
bleiben, bis er nach Hause ginge, die Badstube zu heizen. Zu Hause ging
er mit freundlicher Ansprache zur Wöchnerin und sagte: »Du mußt heute in
die Badstube gehn, Liebchen, dann wirst du schneller gesund werden.« Die
Frau sträubte sich zwar mit aller Macht dagegen; sie könne den Luftzug
nicht vertragen; wie könne sie so über den Hof in die Badstube gehn.
»Wenn ich so über den Hof ginge, so würde ich draußen ohnmächtig werden
und mir den Tod holen.« Der Mann erwiederte: »Das hat gar nichts zu
sagen, wir wickeln dir Mund und Augen in eine wollene Decke, so daß der
Luftzug deinem zarten Körper nicht schaden kann.« Damit war die Frau
ganz zufrieden, denn sie fürchtete nicht den Luftzug, sondern des Mannes
Auge, der den Betrug gleich erkannt haben würde.

Als die in die Decke gewickelte Wöchnerin mit Hülfe des Mannes in die
Badstube gebracht worden war, machte der Mann die Thür so fest zu, daß
keine lebende Seele herein noch heraus kommen konnte, setzte sich dann
zu Pferde und jagte im Galopp nach Rõugataja's Hof. In die Stube tretend
rief er mit freundlicher Stimme: »Guten Tag, liebe Schwiegermutter. Ich
komme euch zu danken, daß ihr mir ein gutes Weib erzogen und mich von
der Ofengabel von Frau losgemacht habt, die ich in meinem einfältigen
Sinn gefreit hatte. Wir leben glücklich mit einander, und deßhalb
wünscht die Tochter euch zu sehen, damit ihr euch selbst von unserer
Zufriedenheit überzeugen könnt.« Rõugatajas Frau merkte den Betrug
nicht, sondern freute sich, daß die Sache so gut gegangen war. Der
Schwiegersohn spannte an, setzte sich mit der Schwiegermutter auf den
Wagen und fuhr nach Haus. Hier sagte er: »Die junge Frau ist in die
Badstube gegangen, sich zu baden, habt ihr nicht auch Lust
hineinzugehen, um den Staub der Fahrt abzuwaschen?« »Warum nicht!«
erwiederte die Mutter. Der Mann ließ sie in die Badstube treten,
verschloß die Thür und warf dann den rothen Hahn auf's Dach. Da
verbrannte denn die Badstube sammt Rõugataja's Frau und ihrer Tochter.
-- Da jetzt das Haus von der bösen Sippschaft gereinigt war, nahm der
Mann Weib und Kind zu sich, und sie lebten ungestört bis an ihr Ende.

[Fußnote 75: Rõugataja, dessen Frau hier (wie im Märchen 13 S. 173)
eine so häßliche Rolle spielt, erscheint im Kalewipoëg =II=. 501 ff. als
geburtshelfender Gott. Er und der Gott =Ukko=, welcher gleichbedeutend ist
mit dem Fruchtbarkeit verleihenden Obergotte =Tara= treten an das Lager
der kreißenden Wittwe Linda, welche ihre Hülfe angerufen hatte, und
nachdem beide Götter eine Stunde bei ihr geweilt, kommt der Kalewsohn
glücklich zur Welt. Nach _=Castrén=_. Vorl. S. 45, wurde der finnische =Ukko=
nur bei schweren Kindesnöthen in Anspruch genommen. Auch sonst kennt die
ehstnische Ueberlieferung den Rõugataja als Schützer der Wöchnerinnen
und Neugeborenen; auch bei Heirathen wurde ihm geopfert, damit der
mütterliche Schooß nicht unfruchtbar bleibe. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S.
18. 42. 43. Dann tritt Rõugataja mit abgeschwächter Bedeutung nur noch
als Schutzgott der Neugeborenen auf, den die Wärterinnen beim ersten
Bade eines Kindes, so wie beim Baden kranker Kinder anrufen. Ebend. S.
49. 53. 54. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder S. 108. Zuletzt
ist der Gott Rõugataja (etwa wie Knecht Ruprecht) zum Popanz entstellt,
mit welchem man die Kinder erschreckt und beschwichtigt. -- Der Name,
der auch in der Form =Raugutaja= vorkommt, scheint mit dem finnischen
Roggen- oder Saatengott =Ronkoteus= zusammenzuhängen. Daß ein Gott der
Saaten mit dem Gebären des Weibes in Verbindung gesetzt wird, kann nicht
auffallen, auch Thor ist Saatgott und zugleich Gott der Ehe, und der
Mythus von der Persephone weist auf dieselbe Combination. Die
griechische Braut betritt mit gerösteter Gerste das Haus des Bräutigams.
Auffallend ist es, daß die ehstnische Mythologie, die doch sonst an
weiblichen Personificationen reich ist, keine Gestalt wie die
griechische Eileithyia, oder die römische Lucina aufzuweisen hat. L.]



16. Die Meermaid


In der alten glücklichen Zeit gab es auf Erden viel bessere Menschen als
jetzt, darum ließ ihnen der himmlische Vater auch manche Wunder offenbar
werden, welche heut' zu Tage entweder ganz verborgen bleiben, oder nur
selten einmal einem Glückskinde erscheinen. Zwar die Vögel singen nach
alter Weise, und die Thiere tauschen ihre Laute aus, aber leider
verstehen wir ihre Sprache nicht, und was sie sagen, bringt uns weder
Lehre noch Nutzen.

In der _Wiek_ wohnte vor Zeiten am Strande eine schöne Meermaid, die sich
den Leuten oftmals zeigte; noch meines Großvaters Vetter, der in dieser
Gegend aufwuchs, hatte sie zuweilen auf einem Steine sitzen sehen, aber
das Bürschlein hatte nicht gewagt näher zu treten. Die Jungfrau erschien
in mancherlei Gestalten, bald als Füllen oder Färse, bald wieder als ein
anderes Thier; manchen Abend mischte sie sich unter die Kinder, und ließ
es sich gefallen, daß sie mit ihr spielten, daß sich die Knäblein ihr
auf den Rücken setzten -- dann war sie plötzlich wie unter die Erde
gesunken!

Wie die alten Leute jener Zeit erzählten, konnte man die Jungfrau in
früheren Tagen fast jeden schönen Sommerabend am Meeresufer sehen, wo
sie auf einem Steine sitzend ihr langes blondes Haar mit goldenem Kamme
glättete, und so schöne Lieder sang, daß den Hörern das Herz hinschmolz.
Die Annäherung der Menschen aber duldete sie nicht, sondern entschwand
ihren Blicken, oder entwich in's Meer, wo sie als Schwan sich auf den
Wellen schaukelte. Warum sie vor den Menschen floh, und nicht mehr das
frühere Zutrauen zu ihnen hatte, darüber wollen wir jetzt das nähere
melden.

In alten Tagen, lange vor der Schwedenzeit, lebte am Strande der Wiek
ein wohlhabender Bauer mit seiner Frau und vier Söhnen; ihren täglichen
Unterhalt gewannen sie mehr der See als dem Acker ab, weil der Fischfang
zu ihrer Zeit gar reich gesegnet war. Ihr jüngster Sohn zeigte sich von
klein auf in allen Stücken anders als seine Brüder, er mied die
Gesellschaft der Menschen, schlenderte am Meeresufer und im Walde umher,
sprach mit sich selbst, mit den Vögeln oder mit Wind und Wellen, aber
wenn er unter die Leute kam, öffnete er den Mund nicht viel, sondern
stand wie träumend. Wenn im Herbst die Stürme aus dem Meere tobten, die
Wellen sich haushoch thürmten und sich schäumend am Ufer brachen, dann
ließ es dem Knaben zu Hause keine Ruhe mehr, er lief wie besessen, oft
halb nackend, an den Strand. Wind und Wetter scheute sein abgehärteter
Körper nicht. Er sprang in den Kahn, ergriff die Ruder und fuhr, gleich
einer wilden Gans, auf dem Kamme der tobenden Wellen weit in die See
hinaus, ohne daß seine Verwegenheit ihm jemals Gefahr gebracht hätte. Am
Morgen, wenn der Sturm ausgetobt hatte, fand man ihn am Meeresufer in
süßem Schlafe. Schickte man ihn irgend wohin, um ein Geschäft zu
besorgen, z. B. im Sommer das Vieh zu hüten, oder sonst kleine Arbeiten
zu übernehmen, so machte er seinen Eltern nur Verdruß. Er warf sich
irgendwo in den Schatten eines Busches, ohne der Thiere zu achten, die
sich zerstreuten, Wiesen oder Kornfelder betraten, und sich auch
theilweise verliefen, so daß die Brüder Stunden lang zu thun hatten, bis
sie der verlorenen Thiere wieder habhaft wurden. Wohl hatte der Vater
den Knaben die Ruthe bitter genug fühlen lassen, aber das wirkte nicht
mehr, als Wasser auf eine Gans gegossen. Als der Knabe zum Jüngling
herangewachsen war, ging es auch nicht besser, keine Arbeit gedieh unter
seinen lässigen Händen; er zerschlug und zerbrach das Arbeitsgerät,
mattete die Arbeitsthiere ab, und schaffte doch nichts Rechtes.

Der Vater gab ihn nun auf fremde Bauerhöfe in Dienst, weil er hoffte,
daß vielleicht die fremde Peitsche den Lotterer bessern und zum
ordentlichen Menschen machen möchte; aber wer den Burschen eine Woche
lang auf Probe gehabt hatte, schickte ihn auch in der nächsten Woche
wieder zurück. Die Eltern schalten ihn einen Tagedieb, und die Brüder
hießen ihn »_Schlaf-Tönnis_;« binnen kurzem war dieser Spitzname in aller
Munde, wiewohl er auf den Namen _Jürgen_ getauft war. Weil nun der
Schlaf-Tönnis keinem Menschen Nutzen brachte, vielmehr Eltern und
Geschwistern nur zur Last fiel und im Wege war, so hätten sie gern ein
Stück Geld hingegeben, wenn jemand sie von dem Faullenzer befreit hätte.
Als der Schlaf-Tönnis nirgends mehr aushielt, und auch Niemand ihn
behalten wollte, verdingte ihn endlich der Vater bei einem fremden
Schiffer als Knecht, weil er doch auf der See nicht davon laufen konnte,
und weil der Bursche auch das Meer von klein auf geliebt hatte. Trotzdem
war er nach einigen Wochen, ich weiß nicht wie? von dem Schiffe
entkommen, und hatte seine trägen Füße wieder auf den heimischen Boden
gesetzt. Nur schämte er sich, das Haus seiner Eltern zu betreten, wo er
auf keinen freundlichen Empfang hoffen durfte, er trieb sich von einem
Orte zum andern herum, und suchte sein Leben zu fristen, wie es ging,
ohne zu arbeiten. Er war ein hübscher starker Bursche, und konnte ganz
angenehm sprechen, wenn er wollte, obschon er im elterlichen Hause
seinen Mund nie viel zum Reden gebraucht hatte. Jetzt mußten ihn sein
schmuckes Aussehen und seine glatte Rede erhalten, denn er wußte sich
damit bei Frauen und Mädchen einzuschmeicheln.

Da geschah es, als er an einem schönen Sommerabend nach Sonnenuntergang
allein am Strande sich erging, daß der Meermaid holder Gesang an sein
Ohr drang. Schlaf-Tönnis dachte alsbald: »Sie ist auch ein Weib, und
wird mir nichts zu Leide thun!« Er zögerte also nicht, dem Gesange
nachzugehen, um den schönen Vogel in Augenschein zu nehmen. Er bestieg
den höchsten Hügel, und gewahrte von da über einige Felder weg die
Meermaid, die auf einem Steine saß, wo sie mit goldenem Kamme ihr Haar
glättete und ein herrliches Lied sang. Der Jüngling hätte sich mehr
Ohren gewünscht, um den Gesang zu hören, der ihm in's Herz schlug wie
eine Flamme; als er aber näher kam, sah er, daß hier eben so viele Augen
Noth thäten, die Schönheit der Jungfrau zu fassen. Gewiß hatte die
Meermaid den Kommenden bemerkt, aber sie floh nicht vor ihm, was sie
doch sonst immer that, wenn sich Menschen ihr näherten. Schlaf-Tönnis
mochte etwa noch zehn Schritte von ihr sein, als er plötzlich still
stand, unentschlossen, ob er warten oder näher treten solle. Und
wunderbar! Die Meermaid erhob sich vom Steine und kam ihm mit
freundlicher Miene entgegen. Grüßend bot sie dem Jüngling die Hand und
sagte: »Ich habe dich hier schon manchen Tag erwartet, weil ein
bedeutsamer Traum mir deine Ankunft kündete. Du hast unter den Menschen
nirgends Haus noch Heim, wohin du gehen könntest, oder wo Leute deines
Schlages taugten. Warum solltest du auch von Fremden abhängig sein, wenn
die Eltern dir in ihrem Hause keine Stätte bieten? Ich kenne dich von
klein auf und besser, als die Menschen dich kennen, weil ich ungesehen
oft um dich war und dich schützte, wenn dein verwegener Uebermuth dich
hätte verderben können. Ja, meine Hände haben oft dein schwankes Boot
gehütet, daß es nicht in die Tiefe sank! Komm mit mir, du sollst
Herrentage haben, und es soll dir an nichts mangeln, was dein Herz nur
begehrt, sollst du kosten. Ich will dich warten und hüten wie meinen
Augapfel, daß weder Wind noch Regen noch Frost dir etwas anhaben
sollen.« Schlaf-Tönnis stand noch immer im Zweifel, er kratzte sich
hinter den Ohren und überlegte, was er antworten solle; obgleich jedes
Wort der Jungfrau ihm wie ein Feuerpfeil in's Herz gedrungen war.
Endlich fragte er schüchtern, ob ihre Behausung weit von hier sei. »Wir
können mit Windesschnelle dahin kommen, wenn du festes Vertrauen zu mir
hast,« erwiederte die Meermaid. Da fielen dem Schlaf-Tönnis plötzlich
mancherlei Reden ein, die er früher von den Leuten über die Meermaid
gehört hatte, das Herz bangte ihm, und er bat sich drei Tage Bedenkzeit
aus. »Ich will deinen Wunsch erfüllen,« sagte die Meermaid, »aber damit
du nicht wieder unsicher werdest, will ich dir, bevor wir scheiden,
meinen goldenen Ring an deinen Finger stecken, auf daß du das
Wiederkommen nicht vergessest. Wenn wir dann näher mit einander bekannt
werden, so kann vielleicht aus diesem Pfande ein Verlobungsring werden.«
Mit diesen Worten zog sie den Ring ab, steckte ihn dem Jüngling an den
kleinen Finger und verschwand dann, als wäre sie in Luft zerflossen.
Schlaf-Tönnis blieb mit offenen Augen stehen, und hätte das Vorgefallene
für einen Traum gehalten, wenn nicht der glänzende Ring an seinem Finger
das Gegentheil dargethan hätte. -- Aber mit diesem Ringe schien wie ein
fremder Geist in ihn gefahren zu sein, der ihm nirgends mehr Rast noch
Ruhe ließ. Er streifte die ganze Nacht unstet am Strande umher und kam
immer wieder zu dem Steine zurück, auf welchem die Jungfrau gesessen
hatte -- aber der Stein war kalt und leer. Am Morgen legte er sich ein
wenig nieder, aber unruhige Träume störten seinen Schlaf. Als er
erwachte, fühlte er weder Hunger noch Durst, all sein Sinnen stand nur
auf den Abend, da hoffte er die Meermaid wieder zu sehen. Der Tag neigte
sich endlich, es wurde Abend, der Wind legte sich, die Vögel im
Erlenbusch hörten auf zu singen, und steckten die müden Schnäbel unter
die Flügel -- aber die Meermaid sah er an dem Abend nirgends.

Sorge und Leid preßten ihm schwere Thränen aus, in seinem Unmuth hätte
er sich die bitterste Qual anthun mögen -- warum hatte er am gestrigen
Abend das dargebotene Glück verschmäht und sich eine Bedenkzeit
ausbedungen, wo ein klügerer als er das Glück mit beiden Händen bei den
Hörnern gepackt haben würde. Nun half keine Reue noch Klage. Nicht
minder trübselig verstrich ihm die Nacht und der folgende Tag; unter der
Last des Kummers fühlte er nicht einmal den Hunger. Gegen
Sonnenuntergang setzte er sich zerknirschten Herzens auf eben den Stein,
auf welchem die Meermaid vorgestern gesessen hatte, fing an bitterlich
zu weinen und sagte ächzend: »Wenn sie heute nicht kommt, so will ich
nicht länger mehr leben, sondern entweder hier auf dem Steine Hungers
sterben, oder mich jählings in die Wellen stürzen und in der Tiefe des
Meeres mein elendes Leben enden!« -- Ich weiß nicht, wie lange er so in
Gram versunken gesessen hatte, als er eine weiche warme Hand auf seiner
Stirne fühlte. Als er die Augen aufschlug, sah er die Jungfrau vor sich,
die ihn liebreich anredete: »Ich sah deine herbe Qual, hörte dein
sehnsüchtiges Seufzen und mochte nicht länger zögern, obgleich deine
Bedenkzeit erst morgen Abend abläuft.«

»Vergebt mir, vergebt mir, theure Jungfrau!« bat Schlaf-Tönnis
schluchzend. »Vergebt mir! ich war ein sinnloser Thor, daß ich das
unverhoffte Glück nicht festzuhalten wußte. Der Teufel weiß, was für
eine Tollheit mir vorgestern in den Kopf kam. Bringt mich, wohin ihr
wollt, ich widerstrebe nicht, ja ich würde mit Freuden mein Leben für
euch hingeben.«

Die Meermaid erwiederte lachend: »Mich verlangt nicht nach deinem Tode,
sondern ich will dich lebend als lieben Genossen zu mir nehmen.« Dann
nahm sie den Jüngling bei der Hand, führte ihn einige Schritte näher
an's Meer, verband ihm mit einem seidenen Tuche die Augen, und in
demselben Augenblicke fühlte sich Schlaf-Tönnis von zwei starken Armen
umfaßt, welche ihn wie im Fluge emporhoben und dann jählings in die Flut
stürzten. Als die kalte Flut seinen Leib berührte, verlor er das
Bewußtsein, so daß er nicht mehr wußte, was mit ihm und um ihn vorging.
Er konnte also späterhin auch nicht sagen, wie lange seine Ohnmacht
gedauert hatte.

Als er erwachte, sollte er noch Seltsameres erfahren.

Er fand sich auf weichem Kissen in seidenem Bette, das in einem
prächtigen Gemache stand, dessen Wände von Glas und von innen mit rothen
Sammetdecken verhüllt waren, damit das grelle Licht den Schläfer nicht
wecke. Eine Zeit lang wußte er selbst nicht recht, ob er noch lebe oder
sich nach dem Tode an einem unbekannten Orte befinde. Er reckte seine
Glieder hin und her, nahm seine Nasenspitze zwischen die Finger, und
siehe! -- es war Alles, wie es sein mußte. Angethan war er mit einem
feinen weißen Hemde, und schöne Kleider lagen auf einem Stuhl vor seinem
Bette. Nachdem er sich eine Zeit lang im Bette gedehnt und sich
handgreiflich überzeugt hatte, daß er wirklich am Leben sei, stand er
endlich auf und zog sich an. -- Zufällig hustete er, und augenblicklich
traten zwei Mädchen ein, grüßten ehrerbietig und baten, der »_gnädige
Herr_« möge ihnen sagen, was er frühstücken wolle. Während die eine den
Tisch deckte, ging die andere die Speisen zu bereiten. Es dauerte nicht
lange, so standen Schüsseln mit Schweinefleisch, Wurst, Blutklößen und
Scheibenhonig, nebst Bier- und Methkannen auf dem Tische -- gerade als
ob eine prächtige Hochzeit gefeiert würde. Schlaf-Tönnis, der mehrere
Tage ohne Nahrung geblieben war, setzte seine Kinnladen in Bewegung und
aß, was der Magen fassen wollte, dann streckte er sich aufs Bett, um zu
verdauen. Als er wieder aufstand, kamen die Dienerinnen zurück und baten
den »gnädigen Herrn«, im Garten spazieren zu gehen, während die gnädige
Frau sich ankleiden lasse. Es wurden ihm von allen Seiten so viel
»gnädige Herren« an den Hals geworfen, daß er schon anfing, sich für
einen solchen zu halten, und seines früheren Standes vergaß.

Ich Garten fand er auf Schritt und Tritt Schönheit und Zierde; im grünen
Laube glänzten goldene und silberne Aepfel, sogar die Fichten- und
Tannenzapfen waren golden und goldgefiederte Vögel hüpften in den
Wipfeln und auf den Zweigen. Zwei Mädchen traten hinter einem Gebüsche
hervor, sie hatten Auftrag, den »gnädigen Herrn« im Garten herum zu
führen und ihm alle Schönheiten desselben zu zeigen. Weiter gehend
gelangten sie an den Rand eines Teiches, auf welchem silbergefiederte
Gänse und Schwäne schwammen. Ueberall schimmerte Morgenroth, doch
nirgends sah man die Sonne. Die mit Blüthen bedeckten Gebüsche hauchten
süßen Duft aus, und Bienen, groß wie Bremsen, flogen um die Blüthen
herum. Alles, was unser Freund hier von Bäumen und Gewächsen erblickte,
war viel herrlicher, als wir es jemals schauen. Sodann erschienen zwei
prächtig gekleidete Mädchen, um den »gnädigen Herrn« zur gnädigen Frau
einzuladen, welche ihn erwarte. Ehe man ihn zu ihr führte, wurde ihm
noch ein blauseidener Shawl[76] um die Schultern gelegt. Wer hätte in
diesem Aufzuge den früheren Schlaf-Tönnis wieder erkannt?

In einer prächtigen Halle, die so groß wie eine Kirche und auch, wie das
Schlafgemach, aus Glas gegossen war, saßen zwölf scheue Jungfrauen auf
silbernen Stühlen. Hinter ihnen auf einer Erhöhung unweit der Wand
standen zwei goldene Stühle, auf deren einem die hehre Königin saß,
während der andere noch leer war. Als Schlaf-Tönnis über die Schwelle
trat, erhoben sich alle Jungfrauen von ihren Sitzen und grüßten den
Ankömmling ehrerbietig, setzen sich auch nicht eher wieder, als bis es
ihnen geheißen worden. Die Herrin selber blieb auf ihrem Stuhle sitzen,
nickte dem Jünglinge ihren Gruß zu und winkte befehlend mit dem Finger,
worauf die Führerinnen den Schlaf-Tönnis in die Mitte nahmen und zur
Herrin geleiteten. Der Jüngling ging schüchternen Schrittes vorwärts,
und wagte nicht die Augen aufzuschlagen, denn all' die unerwartete
Pracht und Herrlichkeit blendete ihn. Man wies ihm seinen Platz auf dem
goldenen Stuhle neben der Herrin an, und diese sagte: »Dieser Jüngling
ist mein lieber Bräutigam, dem ich mich verlobt und den ich mir zu
meinem Gemahl erkoren habe. Ihr müßt ihm jegliche Ehre erweisen und ihm
eben so gehorchen wie mir. Jedes Mal, daß ich das Haus verlasse, müßt
ihr ihm die Zeit vertreiben und ihn pflegen und hüten wie meinen
Augapfel. Schwere Strafe würde den treffen, der meinen Willen nicht
pünktlich erfüllt.«

Schlaf-Tönnis sah wie verbrüht drein, weil er gar nicht wußte, was er
von der Sache halten solle; die Erlebnisse dieser Nacht schienen
wunderbarer als Wunder. Er mußte sich in Gedanken immer wieder fragen,
ob er wache oder träume. Die Herrin errieth, was in ihm vorging, erhob
sich von ihrem Stuhle, nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus einem
Zimmer in's andere; alle waren menschenleer. So waren sie in das zwölfte
Gemach gelangt, das etwas kleiner aber noch prächtiger war, als die
andern. Hier nahm die Herrin ihre Krone vom Haupte, warf den
goldverbrämten seidenen Mantel ab, und als Schlaf-Tönnis jetzt die Augen
aufzuschlagen wagte, sah er keine fremde Herrin, sondern die Meermaid an
seiner Seite. O du liebe Zeit! jetzt wuchs ihm plötzlich der Muth und
seine Hoffnung erblühte. Freudig rief er: »O theure Meermaid!« -- aber
in demselben Augenblick schloß die Hand der Jungfrau ihm den Mund; sie
sprach in ernstem Tone: »Wenn dir mein und dein eigenes Glück lieb ist,
so nenne nie mehr diesen Namen, den man mir zum Schimpf beigelegt hat.
Ich bin der Wasser-Mutter[77] Tochter, und unserer sind viele
Schwestern, wenn wir auch alle einsam, jede an ihrem Ort, im Meere, in
Seeen und Flüssen wohnen, und uns nur selten einmal durch einen
glücklichen Zufall zu sehen bekommen.« Dann erklärte sie ihm, sie habe
bis jetzt jungfräulich gelebt, müsse aber als verordnete Herrscherin
Namen und Würde einer königlichen Frau aufrecht erhalten. Schlaf-Tönnis
war durch sein unverhofftes Glück wie von Sinnen gekommen, er wußte
nicht, was er in seiner Freude beginnen sollte, aber die Zunge war ihm
wie gebunden, und er brachte nicht viel mehr heraus als _Ja_ oder _Nein_.
Als er sich aber beim Mittagsmahl die leckeren Speisen schmecken ließ,
und als die köstlichen Getränke ihm warm machten, da löste sich auch
seine Zunge, und er wußte sich nicht bloß wie sonst gut zu unterhalten,
sondern auch manchen artigen Scherz anzubringen.

Am folgenden und am dritten Tage ging dieses glückliche Leben eben so
fröhlich weiter; Schlaf-Tönnis glaubte sich bei lebendigem Leibe in den
Himmel versetzt. Vor Schlafengehen sagte die Meermaid zu ihm: »Morgen
haben wir Donnerstag,[78] und allwöchentlich muß ich, einem Gelübde
gemäß an diesem Tage fasten und einsam von allen Andern getrennt leben.
Donnerstags kannst du mich nicht früher sehen, als bis der Hahn Abends
drei Mal gekräht hat. Meine Dienerinnen werden inzwischen für dich
sorgen, daß dir die Zeit nicht lang werde, und es dir an Nichts fehle.«

Am andern Morgen fand Schlaf-Tönnis seine Genossin nirgends -- er
gedachte dessen, was sie ihm am Abend zuvor angekündigt hatte, nämlich,
daß er heute und jeden künftigen Donnerstag ohne seine Gemahlin
zubringen müsse. Die Dienerinnen bemühten sich, ihm auf alle Weise die
Zeit zu vertreiben, sie sangen, spielten und führten heitere Tänze auf;
dann setzten sie ihm wieder Speise und Trank vor, wie ein geborener
Königssohn sie nicht besser haben konnte, und der Tag verging ihm
schneller als er geglaubt hatte. Nach dem Abendessen begab er sich zur
Ruhe, und als der Hahn das dritte Mal gekräht hatte, kam die Schöne
wieder zu ihm. Ebenso ging es an jedem folgenden Donnerstage. Oft zwar
hatte er die Geliebte gebeten, am Donnerstage mit ihr zusammen fasten zu
dürfen, aber vergebens. Als er nun einst wieder an einem Mittwoch seine
Gemahlin mit dieser Bitte quälte und ihr keine Ruhe ließ, sagte die
Meermaid mit thränenden Augen: »Nimm mein Leben, wenn du willst, ich
gebe es gerne hin, aber deinen Wunsch, dich zu meinem Fasttage
mitzunehmen, kann und darf ich nicht erfüllen.«

Ein Jahr oder darüber mochte ihnen so verflossen sein, als sich Zweifel
im Herzen des Schlaf-Tönnis regten, die immer quälender wurden, so daß
er keine Ruhe mehr fand. Das Essen wollte ihm nicht munden, und der
Schlaf erquickte ihn nicht. Er fürchtete nämlich, daß die Meermaid außer
ihm noch einen heimlichen Geliebten habe, in dessen Armen sie jeden
Donnerstag ruhe, während er die Zeit mit ihren Dienerinnen hinbringen
müsse. Die Kammer, in welcher die Meermaid sich Donnerstags verborgen
hielt, kannte er längst, aber was half es? Die Thür war immer
verschlossen und die Fenster waren von innen durch doppelte Vorhänge so
dicht verhüllt, daß nirgends eine Oeffnung wenn auch nur von der Breite
eines Nadelöhrs blieb, durch welche ein Sonnenstrahl, geschweige denn
ein menschliches Auge, hätte eindringen können. Aber je unmöglicher die
Aufhellung dieses Geheimnisses schien, desto heftiger wurde sein
Verlangen, der Sache auf den Grund zu kommen. Wenngleich er von dem, was
ihm auf dem Herzen lastete, der Meermaid kein Wörtchen verrieth, so
merkte sie doch an seinem unsteten Wesen, daß die Sachen nicht mehr
standen wie sie sollten. Wiederholt bat sie ihn mit Thränen in den
Augen, er möge sie und sich selbst doch nicht mit verkehrten Gedanken
plagen. »Ich bin,« sagte sie, »frei von aller Schuld gegen dich, ich
habe keine heimliche Liebe noch irgend eine andere Sünde gegen dich auf
dem Gewissen. Aber dein falscher Argwohn macht uns Beide unglücklich,
und wird unsern Herzensfrieden zerstören. Mit Freuden würde ich jeden
Augenblick mein Leben für dich hingeben, wenn du es wünschen würdest,
aber an meinem Fasttage kann ich dich nicht in meine Nähe lassen. Es
darf nicht sein, und würde unserer Liebe und unserem Glücke für immer
den Untergang bringen. Wir leben ja sechs Tage in der Woche in ruhigem
Glücke mit einander, wie kann uns die Trennung _eines_ Tages so schwer
fallen, daß du sie nicht ertragen solltest.«

Sechs Tage hielt solch' ein verständiger Zuspruch immer wieder vor, aber
wenn der nächste Donnerstag kam, und die Meermaid nicht erschien, dann
verlor er den Kopf und geberdete sich wie ein halb Verrückter. Er hatte
keine Ruhe mehr, zuletzt wollte er am Donnerstage Niemand um sich
haben, die Dienerinnen durften nur die Speisen und Getränke auftragen
und mußten sich dann gleich entfernen, damit er allein hausen könne wie
ein Gespenst.

Diese gänzliche Verwandlung nahm Alle Wunder, und als die Meermaid die
Sache erfuhr, wollte sie sich die Augen aus dem Kopfe weinen; doch
überließ sie sich ihrem Schmerze nur, wenn Niemand dabei war.
Schlaf-Tönnis hoffte, wenn er allein gelassen würde, bessere Gelegenheit
zur Untersuchung der geheimnißvollen Fastenkammer zu finden --
vielleicht entdeckte er doch irgendwo ein Spältchen, durch welches er
spähen und beobachten könnte, was dort vorginge. Je mehr er sich aber
abquälte, desto unmuthiger wurde auch die Meermaid, und wenn sie noch
ein freundliches Antlitz zeigte, so kam ihr doch die Freundlichkeit
nicht mehr von Herzen wie sonst.

So vergingen einige Wochen, und die Sache wurde nicht besser und nicht
schlechter; da fand Schlaf-Tönnis eines Donnerstags neben dem Fenster
eine kleine Stelle, wo die Vorhänge sich zufällig verschoben hatten, so
daß der Blick in die Kammer dringen konnte. Was er da sah, machte sein
Herz ärger als Februarkälte gerinnen. Das geheimnißvolle Gemach hatte
keinen Fußboden, sondern sah aus wie ein großer viereckiger Kübel, der
viele Fuß hoch mit Wasser gefüllt war. Darin schwamm seine geliebte
Meermaid. Vom Kopf bis zum Bauch hatte sie noch die Schönheit des
weiblichen Körpers, aber die untere Hälfte vom Nabel abwärts war ganz
Fisch, mit Schuppen bedeckt und mit Flossen versehen. Mit dem breiten
Fischschwanz plätscherte sie zuweilen im Wasser, daß es hoch
aufspritzte. -- Der Späher wich wie betäubt zurück, und ging betrübt
hinweg. Wie viel hätte er darum gegeben, wenn er diesen Anblick aus
seinem Gedächtnisse hätte auslöschen können! Er dachte hin und her,
wußte aber nicht, was er anfangen sollte.

Der Hahn hatte am Abend wie gewöhnlich drei Mal gekräht, aber die
Meermaid kam nicht zu ihm zurück. Er durchwachte die ganze Nacht, aber
die Schöne erschien immer noch nicht. Erst am Margen kam sie in
schwarzen Trauerkleidern, das Gesicht mit einem dünnen Seidentuch
verhüllt, und sprach mit weinender Stimme: »O, du Unseliger, der du
durch deine Torheit unserem glücklichen Leben ein Ende gemacht hast! Du
siehst mich heute zum letzten Male und mußt nun wieder in deinen
früheren Zustand zurückkehren, was du dir selber zuzuschreiben hast.
Leb' wohl zum letzten Male!«

Ein plötzlicher Krach und ein starkes Getöse, als ob der Boden unter den
Füßen weg rollte, warf den Schlaf-Tönnis nieder, und in seiner Betäubung
hörte und sah er nicht mehr, was mit ihm und um ihn her vorging.

Als er endlich, wer weiß wie lange nachher, aus seiner Ohnmacht
erwachte, fand er sich am Meeresstrande, dicht bei demselben Steine, auf
welchem die schöne Meermaid gesessen hatte, als sie den
Freundschaftsbund mit ihm schloß. Statt der prächtigen Kleider, die er
in der Behausung der Meermaid täglich getragen hatte, fand er seinen
alten Anzug, der aber viel älter und zerlumpter aussah, als es nach
seiner Annahme der Fall sein konnte. Die Glückstage unseres guten
Freundes waren vorüber, und keine noch so bittere Reue konnte sie
zurückbringen.

Als er weiter ging, stieß er auf die ersten Gehöfte seines Dorfs. Sie
standen wohl an der alten Stelle, aber sahen doch anders aus. Was ihm
aber, als er sich umsah, noch viel wunderbarer dünkte, war, daß die
Menschen ihm ganz fremd waren, und nicht ein einziges bekanntes Gesicht
ihm begegnete.

Auch ihn sahen Alle befremdet an, als ob sie ein Wunderthier vor sich
hätten. Schlaf-Tönnis ging nun zum Hofe seiner Eltern; auch hier kamen
ihm fremde Menschen entgegen, die ihn nicht kannten, und die er nicht
kannte. Erstaunt fragte er nach seinem Vater und seinen Brüdern, aber
Niemand konnte ihm Bescheid geben. Endlich kam ein gebrechlicher Alter
auf einen Stock gestützt aus dem Hause und sagte: »Bauer, der Wirth,
nach welchem du dich erkundigst, schläft schon über dreißig Jahre in der
Erde; auch seine Söhne müssen todt sein. Wo kommst du denn her,
Alterchen, um solchen vergessenen Dingen nachzuforschen?« Das Wort
»Alterchen« hatte den Schlaf-Tönnis dermaßen erschreckt, daß er nichts
weiter fragen konnte. Er fühlte seine Glieder zittern, wandte den
fremden Menschen den Rücken, und eilte zur Pforte hinaus. Die Anrede
»Alterchen« ließ ihm keine Ruhe; dies Wort war ihm centnerschwer auf die
Seele gefallen -- die Füße versagten ihm den Dienst.

An der nächsten Quelle besah er seine Gestalt im Wasserspiegel: die
bleichen zusammengeschrumpften Wangen, die eingefallenen Augen, der
lange graue Bart und die grauen Haare bestätigten, was er vernommen
hatte. Diese vergilbte, verwelkte Gestalt hatte keine Aehnlichkeit mehr
mit dem Jüngling, den die Meermaid sich zum Bräutigam erkoren hatte.
Jetzt erst ward der Unglückliche inne, daß die vermeintlichen paar Jahre
ihm den größten Theil seines Lebens hinweggenommen hatten, denn als
blühender Jüngling war er in das Haus der Meermaid eingezogen, und als
gespenstischer Alter war er zurückgekommen. Dort hatte er weder den Fluß
der Zeit noch das Hinschwinden des Körpers gespürt, und er konnte es
sich nicht erklären, wie die Bürde des Alters ihm so plötzlich, gleich
einer Vogelschlinge, über den Hals gekommen war. Was sollte er jetzt
beginnen, da er als Fremder unter Fremde verschneit war? -- Einige Tage
lang streifte er am Strande von einem Bauerhofe zum andern umher, und
gute Menschen gaben ihm aus Barmherzigkeit ein Stück Brot. Da traf er
einst mit einem munteren Burschen zusammen, dem er seinen Lebenslauf
ausführlich erzählte, aber in derselben Nacht war er auch verschwunden.
Nach einigen Tagen wälzten die Wellen seinen Leichnam an's Ufer. Ob er
vorsätzlich oder zufällig im Meere ertrunken war, ist nicht bekannt
geworden.

Von dieser Zeit an hat sich das Wesen der Meermaid den Menschen
gegenüber gänzlich verändert; nur Kindern erscheint sie zuweilen, fast
immer in anderer Gestalt, erwachsene Menschen aber läßt sie nicht an
sich heran kommen, sondern scheut sie wie das Feuer.

[Fußnote 76: Sfoba, »ein Stück des festlichen Anzuges, ein weißes
wollenes Tuch mit bunt ausgenähten Kanten und mit Troddeln an den kurzen
Rändern, auf der Brust mit einer Spange zusammengehalten.« _Wiedemann_,
Wörterb. s. v. L.]

[Fußnote 77: Vgl. Nota zu dem Märchen von den zwölf Töchtern S. 89. L.]

[Fußnote 78: Vgl. Anm. zum Märchen 1, die Goldspinnerinnen S. 2. L.]



17. Die Unterirdischen.[79]


In einer stürmigen Nacht zwischen Weihnacht und Neujahr war ein Mann vom
Wege abgekommen; während er sich durch die tiefen Schneetriften
durchzuarbeiten suchte, erlahmte seine Kraft, so daß er von Glück sagen
konnte, als er unter einem dichten Wachholderbusch Schutz vor dem Winde
fand. Hier wollte er übernachten, in der Hoffnung, am hellen Morgen den
Weg leichter zu finden. Er zog seine Glieder zusammen wie ein Igel,
wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief bald ein. Ich weiß
nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er fühlte, daß Jemand ihn
rüttele. Als er aus dem Schlafe auffuhr, schlug eine fremde Stimme an
sein Ohr: »Bauer, ohe! steh auf! sonst begräbt dich der Schnee, und du
kommst nicht wieder heraus.« Der Schläfer steckte den Kopf aus dem Pelze
hervor und sperrte die noch schlaftrunkenen Augen weit auf. Da sah er
einen Mann von langem schlanken Wuchse vor sich; der Mann trug als Stock
einen jungen Tannenbaum, der doppelt so hoch war wie sein Träger. »Komm
mit mir,« sagte der Mann mit dem Tannenstock -- »für uns ist im Walde
unter Bäumen ein Feuer gemacht, wo sich's besser ruht, als hier auf
freiem Felde.« Ein so freundliches Anerbieten mochte der Mann nicht
ausschlagen, vielmehr stand er sogleich auf, und schritt rüstig mit dem
fremden Manne vorwärts. Der Schneesturm tobte so heftig, daß man auf
drei Schritt nicht sehen konnte, aber wenn der fremde Mann seinen
Tannenstock aufhob und mit strenger Stimme rief: »Hoho!
Stümesmutter![80] mach' Platz!« so bildete sich vor ihnen ein breiter
Pfad, wohin auch kein Schneeflöckchen drang. Zu beiden Seiten und im
Rücken tobte wildes Schneegestöber, aber die Wanderer focht es nicht an.
Es war, als ob auf beiden Seiten eine unsichtbare Wand das Gestüm
abwehrte. Bald kamen die Männer an den Wald, aus dem schon von fern der
Schein eines Feuers ihnen entgegen leuchtete. »Wie heißt du?« fragte der
Mann mit dem Tannenstock, und der Bauer erwiederte: »Des langen Hans
Sohn Hans.«

Am Feuer saßen drei Männer mit weißen leinenen Kleidern angethan, als
wäre es mitten im Sommer. Auch sah man in einem Umkreise von dreißig
oder mehr Schritten nur Sommerschöne: das Moos war trocken, die Pflanzen
grün, und der Rasen wimmelte von Ameisen und Käferchen. Von fern aber
hörte des langen Hans Sohn den Wind sausen und den Schnee brausen. Noch
verwunderlicher war das brennende Feuer, welches hellen Glanz
verbreitete, ohne daß ein Rauchwölkchen aufstieg. »Was meinst du, Sohn
des langen Hans, ist dies nicht ein besserer Ruheplatz für die Nacht,
als da auf freiem Felde unter dem Wachholderbusch?« Hans mußte dies
zugeben, und dem fremden Manne dafür danken, daß er ihn so gut geführt
hatte. Dann warf er seinen Pelz ab, wickelte ihn zu einem Kopfkissen
zusammen, und legte sich im Scheine des Feuers nieder. Der Mann mit dem
Tannenstock nahm sein Fäßchen aus einem Busche und bot Hansen einen
Labetrunk, der schmeckte vortrefflich und erfreute ihm das Herz. Der
Mann mit dem Tannenstock streckte sich nun auch auf den Boden hin und
redete mit seinen Genossen in einer fremden Sprache, von der unser Hans
kein Wörtchen verstand; er schlief darum bald ein.

Als er aufwachte, fand er sich allein an einem fremden Orte, wo weder
Wald noch Feuer mehr war. Er rieb sich die Augen und rief sich das
Erlebniß der Nacht zurück, meinte aber geträumt zu haben; doch konnte er
nicht begreifen, wie er denn hierher an einen ganz fremden Ort gerathen
war. Aus der Ferne drang ein starkes Geräusch an sein Ohr, und er fühlte
den Boden unter seinen Füßen zittern. Hans horchte eine Zeit lang, von
wo der Lärm komme, und beschloß dann, dem Schalle nachzugehen, weil er
hoffte, auf Menschen zu treffen. So kam er an die Mündung einer
Felsengrotte, aus welcher der Lärm erscholl, und ein Feuer hervorschien.
Als er in die Grotte trat, sah er eine ungeheure Schmiede vor sich mit
einer Menge von Blasebälgen und Ambosen; an jedem Ambos standen sieben
Arbeiter. Närrischere Schmiede konnten auf der Welt nicht zu finden
sein. Die einem Manne bis zum Knie reichenden Männlein hatten Köpfe, die
größer waren als ihre winzigen Leiber, und führten Hämmer, die mehr als
doppelt so groß waren, als ihre Träger. Aber sie hämmerten mit ihren
schweren Eisenkeulen so wacker auf den Ambos los, daß die kräftigsten
Männer keine wuchtigeren Schläge hätten führen können. Bekleidet waren
die kleinen Schmiede nur mit Lederschürzen, die vom Halse bis zu den
Füßen reichten; auf der Rückseite waren die Körper nackend, wie Gott sie
geschaffen hatte. Im Hintergrund an der Wand saß der Hansen wohlbekannte
Mann mit dem Tannenstocke auf einem hohen Block, und gab scharf Acht auf
die Arbeit der kleinen Gesellen. Zu seinen Füßen stand eine große Kanne,
aus welcher die Arbeiter ab und zu einen Trunk thaten. Der Herr der
Schmiede hatte nicht mehr die weißen Kleider von gestern an, sondern
trug einen schwarzen rußigen Rock und um die Hüften einen Ledergürtel
mit großer Schnalle; mit seinem Tannenstocke gab er den Gesellen von
Zeit zu Zeit einen Wink, denn das Menschenwort wäre bei dem Getöse
unvernehmlich gewesen. Ob Jemand den Hans bemerkt hatte, blieb diesem
unklar, sintemal Meister und Gesellen ihre Arbeit hurtig förderten, ohne
den fremden Mann zu beachten. Nach einigen Stunden wurde den kleinen
Schmieden eine Rast gegönnt; die Bälge wurden angehalten, und die
schweren Hämmer zu Boden geworfen. Jetzt, da die Arbeiter die Grotte
verließen, erhob sich der Wirth vom Blocke und rief den Hans zu sich:
»Ich habe deine Ankunft wohl bemerkt,« sagte er, »aber da die Arbeit
drängte, konnte ich nicht früher mit dir reden. Heute mußt du mein Gast
sein, um meine Lebensweise und Haushaltung kennen zu lernen. Verweile
hier so lange, bis ich die schwarzen Kleider ablege.« Mit diesen Worten
zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß eine Thür in der
Grottenwand auf, und ließ Hans hineintreten.

O was für Schätze und Reichthümer Hans hier erblickte! Ringsum lagen
Gold- und Silberbarren aufgestapelt und schimmerten und flimmerten ihm
vor den Augen. Hans wollte zum Spaße die Goldbarren eines Haufens
überzählen und war gerade bis fünfhundert und siebzig gekommen, als der
Wirth zurückkehrte und lachend rief: »Laß nur das Zählen, es würde dir
zu viel Zeit kosten. Nimm dir lieber einige Barren vom Haufen, ich will
sie dir zum Andenken verehren.« Natürlich ließ sich Hans so etwas nicht
zweimal sagen; mit beiden Händen erfaßte er einen Goldbarren, konnte ihn
aber nicht einmal von der Stelle rühren, geschweige denn aufheben. Der
Wirth lachte und sagte: »Du winziger Floh vermagst nicht das kleinste
meiner Geschenke fortzubringen, begnüge dich denn mit der Augenweide.«
Mit diesen Worten führte er Hans in eine andere Kammer, von da in eine
dritte, vierte und so fort, bis sie endlich in die siebente
Grottenkammer kamen, die von der Größe einer großen Kirche und gleich
den anderen vom Fußboden bis zur Decke mit Gold- und Silberhaufen
angefüllt war. Hans wunderte sich über die unermeßlichen Schätze, womit
man sämmtliche Königreiche der Welt hätte zu erb und eigen kaufen
können, und die hier nutzlos unter der Erde lagen. Er fragte den Wirth:
»Weßwegen häuft ihr hier einen so ungeheuren Schatz an, wenn doch kein
lebendes Wesen von dem Gold und Silber Vortheil zieht? Käme dieser
Schatz in die Hände der Menschen, so würden sie alle reich werden, und
Niemand brauchte zu arbeiten oder Noth zu leiden.« »Gerade deßhalb,«
erwiederte der Wirth -- »darf ich den Schatz nicht an die Menschen
überliefern; die ganze Welt würde vor Faulheit zu Grunde gehen, wenn
Niemand mehr für das tägliche Brot zu sorgen brauchte. Der Mensch ist
dazu geschaffen, daß er sich durch Arbeit und Sorgfalt erhalten soll.«
Hans wollte das durchaus nicht wahr haben und bestritt nachdrücklich die
Ansicht des Wirths. Endlich bat er, ihm doch zu erklären was es fromme,
daß hier all' das Gold und Silber als Besitzthum eines Mannes lagere und
schimmele, und daß der Herr des Goldes unablässig bemüht sei, seinen
Schatz zu vergrößern, da er schon einen so überschwenglichen Ueberfluß
habe? Der Wirth gab zur Antwort: »Ich bin kein Mensch, wenn ich gleich
Gestalt und Gesicht eines solchen habe, sondern eines jener höheren
Geschöpfe, welche nach der Anordnung des Allvaters geschaffen sind, der
Welt zu walten. Nach seinem Gebot muß ich mit meinen kleinen Gesellen
ohne Unterlaß hier unter der Erde Gold und Silber bereiten, von welchem
alljährlich ein kleiner Theil zum Bedarf der Menschen herausgegeben
wird, nur knapp soviel als sie brauchen, um ihre Angelegenheiten zu
betreiben. Aber Niemand soll sich die Gabe ohne Mühe zueignen. Wir
müssen deßhalb das Gold erst fein stampfen, und dann die Körnlein mit
Erde, Lehm und Sand vermischen; später werden sie, wo das Glück will, in
diesem Grant gefunden, und müssen mühsam herausgesucht werden. Aber,
Freund, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen, denn die Mittagsstunde
naht heran. Hast du Lust, meinen Schatz noch länger zu betrachten, so
bleib hier, erfreue dein Herz an dem Glanze des Goldes, bis ich komme
dich zum Essen zu rufen.« Damit trennte er sich von Hans.

Hans schlenderte nun wieder aus einer Schatzkammer in die andere, und
versuchte hie und da ein kleineres Stück Gold aufzuheben, aber es war
ihm ganz unmöglich. Er hatte zwar schon früher von klugen Leuten sagen
hören, wie schwer Gold sei, aber er hatte es niemals glauben wollen --
jetzt lehrten es ihn seine eigenen Versuche. Nach einer Weile kam der
Wirth zurück, aber so verwandelt, daß Hans ihn im ersten Augenblick
nicht erkannte. Er trug rothe feuerfarbene Seidengewänder, reich
verziert mit goldenen Tressen und goldenen Franzen, ein breiter goldener
Gürtel umschloß seine Hüften und auf seinem Kopfe schimmerte eine
goldene Krone, aus welcher Edelsteine funkelten, wie Sterne in einer
klaren Winternacht. Statt des Tannenstockes hielt er ein kleines aus
feinem Golde gearbeitetes Stäbchen in der Hand, an welchem sich
Verästelungen befanden, so daß das Stäbchen aussah wie ein Sproß des
großen Tannenstockes.

Nachdem der königliche Besitzer des Schatzes die Thüren der
Schatzkammern verschlossen und die Schlüssel in die Tasche gesteckt
hatte, nahm er Hans bei der Hand und führte ihn aus der
Schmiedewerkstatt in ein anderes Gemach, wo für sie das Mittagsmahl
angerichtet war. Tische und Sitze waren von Silber; in der Mitte der
Stube stand ein prächtiger Eßtisch, zu beiden Seiten desselben ein
silberner Stuhl. Eß- und Trinkgeschirr, als da sind Schalen, Schüsseln,
Teller, Kannen und Becher, waren von Gold. Nachdem sich der Wirth mit
seinem Gaste am Tische niedergelassen hatte, wurden zwölf Gerichte nach
einander aufgetragen; die Diener waren ganz wie die Männlein in der
Schmiede, nur daß sie nicht nackt gingen sondern helle reine Kleider
trugen. Sehr wunderbar kam Hansen ihre Behendigkeit und Geschicklichkeit
vor; denn obgleich man keine Flügel an ihnen wahrnahm, so bewegten sie
sich doch so leicht, als wären sie gefedert. Da sie nämlich nicht bis
zur Höhe des Tisches hinanreichten, so mußten sie wie die Flöhe immer
vom Boden auf den Tisch hüpfen. Dabei hielten sie die großen mit Speisen
angefüllten Schalen und Schüsseln in der Hand, und wußten sich doch so
in Acht zu nehmen, daß nicht ein Tropfen verschüttet ward. Während des
Essens gossen die kleinen Diener Meth und köstlichen Wein aus den Kannen
in die Becher und reichten diese den Speisenden. Der Wirth unterhielt
sich freundlich und erläuterte Hansen mancherlei Geheimnisse. So sagte
er, als auf sein nächtliches Zusammentreffen mit Hans die Rede kam:
»Zwischen Weihnacht und Neujahr streife ich oft zum Vergnügen auf der
Erde umher, um das Treiben der Menschen zu beobachten und einige von
ihnen kennen zu lernen. Von dem, was ich bis jetzt gesehen und erfahren
habe, kann ich nicht viel Rühmens machen. Die Mehrzahl der Menschen lebt
einander zum Schaden und zum Verdruß. Jeder klagt mehr oder weniger über
den Andern, Niemand sieht seine eigene Schuld und Verfehlung, sondern
wälzt auf Andere, was er sich selbst zugezogen hat.« Hans suchte nach
Möglichkeit die Wahrheit dieser Worte abzuleugnen, aber der freundliche
Wirth ließ ihm reichlich einschenken, so daß ihm endlich die Zunge so
schwer wurde, daß er kein Wort mehr entgegnen, und auch nicht verstehen
konnte, was der Hausherr sagte. Binnen kurzem schlief er auf seinem
Stuhle ein, und wußte nicht mehr, was mit ihm vorging.

In seinem schlaftrunkenen Zustande hatte er wunderbare bunte Träume, in
welchen ihm unaufhörlich die Goldbarren vorschwebten. Da er sich im
Traume viel stärker fühlte, nahm er ein paar Goldbarren auf den Rücken
und trug sie mit Leichtigkeit davon. Endlich ging ihm aber doch unter
der schweren Last die Kraft aus, er mußte sich niedersetzen und Athem
schöpfen. Da hörte er schäkernde Stimmen, er hielt es für den Gesang der
kleinen Schmiede; auch das helle Feuer von ihren Blasebälgen traf sein
Auge. Als er blinzelnd aufschaute, sah er um sich her grünen Wald, er
lag auf blumigem Rasen und kein Feuer von Blasebälgen, sondern der
Sonnenstrahl war es, was ihm freundlich in's Gesicht schien. Er riß sich
nun vollends aus den Banden des Schlafes los, aber es dauerte eine Zeit
lang, ehe er sich auf das besinnen konnte, was ihm in der Zwischenzeit
begegnet war.

Als endlich seine Erinnerungen wieder wach wurden, schien ihm Alles so
seltsam und so wunderbar, daß er es mit dem natürlichen Lauf der Dinge
nicht zu reimen wußte. Hans besann sich, wie er im Winter einige Tage
nach Weihnacht in einer stürmigen Nacht vom Wege abgekommen war, und
auch was sich später zugetragen hatte, tauchte wieder in seiner
Erinnerung auf. Er hatte die Nacht mit einem fremden Manne an einem
Feuer geschlafen, war am andern Tage zu diesem Manne, der einen
Tannenstock führte, zu Gast gegangen, hatte dort zu Mittag gegessen und
sehr viel getrunken -- kurz er hatte ein paar Tage in Saus und Braus
verlebt. Aber jetzt war doch rings um ihn her vollständiger Sommer, es
konnte also nur Zauberei im Spiele sein. Als er sich erhob, fand er
ganz in der Nähe eine alte Feuerstelle, welche in der Sonne wunderbar
glänzte. Als er die Stätte schärfer in's Auge faßte, sah er, daß der
vermeintliche Aschenhaufe feiner Silberstaub und die übrig gebliebenen
Brände lichtes Gold waren. O dieses Glück. Woher nun einen Sack nehmen,
um den Schatz nach Hause zu tragen? Die Noth macht erfinderisch. Hans
zog seinen Winterpelz aus, fegte die Silberasche zusammen, daß auch kein
Stäubchen übrig blieb, that die Goldbrände und das Zusammengefegte in
den Pelz und band dann die Zipfel desselben mit seinem Gürtel zusammen,
so daß nichts herausfallen konnte. Obwohl die Bürde nicht groß war, so
wurde sie ihm doch gehörig schwer, so daß er wie ein Mann zu schleppen
hatte, ehe er einen passenden Platz fand, um seinen Schatz zu
verstecken.

Auf diese Weise war Hans durch ein unverhofftes Glück plötzlich zum
reichen Manne geworden, der sich wohl ein Landgut hätte kaufen können.
Als er aber mit sich zu Rathe ging, hielt er es zuletzt für das Beste,
seinen alten Wohnort zu verlassen, und sich weiter weg einen neuen
auszusuchen, wo die Leute ihn nicht kannten. Dort kaufte er sich denn
ein hübsches Grundstück, und es blieb ihm noch ein gut Stück Geld übrig.
Dann nahm er eine Frau und lebte als reicher Mann glücklich bis an sein
Ende. Vor seinem Tode hatte er seinen Kindern das Geheimniß entdeckt,
wie es der Unterirdischen Wirth gewesen, der ihn reich gemacht. Aus dem
Munde der Kinder und Kindeskinder verbreitete sich dann die Geschichte
weiter.

[Fußnote 79: Die Unterirdischen (=ma-alused=) »die geheimen Schmiede
Allvaters« schaffen bei nächtlicher Weile und ruhen am Tage. Legt man
zwischen Weihnacht und Neujahr um Mitternacht das Ohr an die Erde, so
hört man das Schmieden der als Zwerge gedachten Unterirdischen -- ja man
unterscheidet, ob Eisen, Silber oder Gold bearbeitet wird. In der
Neujahrsnacht werden sie sichtbar und treiben mit dem nächtlichen
Wanderer Schabernack. Da die Unterirdischen in der Weihnachts- und
Neujahrsnacht auch in menschlicher Gestalt erscheinen, so ist man
gastfrei gegen jeden Unbekannten; läßt auch den Tisch mit Speisen
besetzt stehen und verschließt die Speisekammer nicht. Nach _Rußwurm_,
Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1846, S. 20, erhalten die
Unterirdischen, was am Sonnabend Abend oder Donnerstag Abend ohne Licht
gearbeitet wird. Die Unterirdischen verlieben sich zuweilen in schöne
Mädchen, woraus beiden Theilen Leid und Unheil erwächst. Die verlassenen
Bräute hören noch Wochenlang das nächtliche Wehklagen der Geister, und
werden von diesen geplagt, wenn sie später Verbindungen mit ihres
Gleichen eingehen.

Die Unterirdischen wollen nicht gestört sein; wer sich (erhitzt!) auf
den feuchten Boden setzt, unter welchem sie gerade hausen, wird mit
einem Hautausschlag bestraft, der Erdhauch (norweg. =alvgust=, Elb-,
Elf-Hauch) oder Erdzorn heißt, und den man heilt, indem man die Urheber
durch ein Opfer von geschabtem Silber besänftigt. (Nach _Kreutzwald_ und
_Neus_.)

Die finnischen =maahiset=, denen diese ehstnischen Unterirdischen
(=ma-alused=) entsprechen, bezeichnen nach =Castrén= (finn. Mythol. S. 169)
eine eigene Art von Naturgeistern, die sich in der Erde, unter Bäumen,
Steinen und Schwellen aufhalten; es sind unsichtbare aber
menschenähnliche Zwerge reizbarer Natur, die mit Hautkrankheit strafen.
Man ehrt und nährt sie. -- Mit den Haus- und Schutzgeistern hängen die
finnischen und ehstnischen Unterirdischen nicht zusammen, wenn auch in
ehstnischen Beschwörungsformeln die Schlange als Unterirdische
bezeichnet wird, und wenn auch der Schlangencultus noch vor nicht gar
langer Zeit geübt wurde. L.]

[Fußnote 80: S. d. Anm. zum Märchen 6, die zwölf Töchter, S. 89. L.]



18. Der Nordlands-Drache


Vormals lebte, der Erzählung alter Leute zufolge, ein gräuliches
Unthier, das aus Nordland gekommen war, schon große Landstriche von
Menschen und Thieren entblößt hatte, und allmählich, wenn Niemand
Abhülfe gebracht hätte, alles Lebendige vom Erdboden vertilgt haben
würde.

Es hatte einen Leib wie ein Ochs und Beine wie ein Frosch, nämlich zwei
kurze vorn und zwei lange hinten, ferner einen schlangenartigen zehn
Klafter langen Schweif; es bewegte sich wie ein Frosch, legte aber mit
jedem Sprunge eine halbe Meile zurück. Zum Glücke blieb es an dem Orte,
wo es sich einmal niedergelassen hatte, mehrere Jahre, und zog nicht
eher weiter, als bis die ganze Umgegend kahl gefressen war. Der Leib war
über und über mit Schuppen bedeckt, welche fester waren als Stein und
Erz, so daß Nichts ihn beschädigen konnte. Die beiden großen Augen
funkelten bei Nacht und bei Tage wie die hellsten Kerzen, und wer einmal
das Unglück hatte, in ihren Glanz hinein zu blicken, der war wie
bezaubert, und mußte von selbst dem Ungeheuer in den Rachen laufen. So
kam es, daß sich ihm Thiere und Menschen selber zum Fraße lieferten,
ohne daß es sich von der Stelle zu rühren brauchte. Die Könige der
Umgegend hatten demjenigen überaus reichen Lohn verheißen, der durch
Zauber oder durch andere Gewalt das Ungeheuer vertilgen könnte, und
Viele hatten schon ihr Heil versucht, aber ihre Unternehmungen waren
alle gescheitert. So wurde einst ein großer Wald, in welchem das
Ungeheuer hauste, in Brand gesteckt; der Wald brannte nieder, aber dem
schädlichen Thiere konnte das Feuer nicht das Mindeste anhaben.
Allerdings sagten Ueberlieferungen, die im Munde alter Leute waren, daß
Niemand auf andere Weise des Ungeheuers Herr werden könne, als durch des
Königs Salomo Siegelring; auf diesem sei eine Geheimschrift eingegraben,
aus welcher man erfahre, wie das Unthier umgebracht werden könne. Allein
Niemand wisse zu melden, wo jetzt der Ring verborgen sei, und eben so
wenig sei ein Zauberer zu finden, der die Schrift deuten könne.

Endlich entschloß sich ein junger Mann, der Herz und Kopf auf dem
rechten Flecke hatte, auf gut Glück den Spuren des Ringes
nachzuforschen. Er schlug den Weg gen Morgen ein, allwo vornehmlich die
Weisheit der Vorzeit zu finden ist. Erst nach einigen Jahren traf er mit
einem berühmten Zauberer des Ostens zusammen und fragte ihn um Rath. Der
Zauberer erwiederte: »Das Bischen Klugheit der Menschen kann dir hier
nichts helfen, aber Gottes Vögel unter dem Himmel werden dir die besten
Führer sein, wenn du ihre Sprache erlernen willst. Ich kann dir dazu
verhelfen, wenn du einige Tage bei mir bleiben willst.« Der Jüngling
nahm das freundliche Anerbieten mit Dank an und sagte: »Für jetzt bin
ich freilich nicht im Stande, dich für deine Wohlthat zu beschenken,
fällt aber mein Unternehmen glücklich aus, so werde ich dir deine Mühe
reichlich vergelten.« Nun kochte der Zauberer aus neunerlei Kräutern,
die er heimlich bei Mondenschein gesammelt hatte, einen kräftigen Trank
und gab davon dem Jünglinge drei Tage hintereinander neun Löffel täglich
zu trinken, was zur Folge hatte, daß ihm die Vogelsprache verständlich
wurde. Beim Abschiede sagte der Zauberer: »Solltest du das Glück haben,
Salomonis Ring zu entdecken und desselben habhaft zu werden, so komm zu
mir zurück, damit ich dir die Schrift auf dem Ringe deute, denn es lebt
jetzt außer mir Keiner, der das vermöchte.«

Schon am nächsten Tage fand der Jüngling die Welt wie verwandelt, er
ging nirgends mehr allein, sondern hatte überall Gesellschaft, weil er
die Vogelsprache verstand, durch welche ihm Vieles offenbar wurde, was
menschliche Einsicht ihn nicht hätte lehren können. Aber geraume Zeit
verfloß, ohne daß er von dem Ringe etwas gehört hätte. Da geschah es
eines Abends, als er vom Gang und der Hitze ermüdet, sich zeitig im
Walde unter einem Baume niedergelassen hatte, um sein Abendbrot zu
verzehren, daß auf hohem Wipfel zwei buntgefiederte fremde Vögel ein
Gespräch mit einander führten, welches ihn betraf. Der erste Vogel
sagte: »Ich kenne den windigen Herumtreiber unter dem Baume da, der
schon so lange wandert, ohne die Spur zu finden. Er sucht den verlorenen
Ring des Königs Salomo.« Der andere Vogel erwiederte: »Ich glaube, er
müßte bei der Höllenjungfrau Hülfe suchen, die wäre gewiß im Stande ihm
auf die Spur zu helfen. Wenn sie den Ring auch nicht selbst hat, so weiß
sie doch ganz genau, wer das Kleinod jetzt besitzt.« Der erste Vogel
versetzte: »Das wäre schon recht, aber wo soll er die Höllenjungfrau
auffinden, die nirgends eine bleibende Stätte hat, sondern heute hier
und morgen dort wohnt: eben so gut könnte er die Luft fest halten!« Der
andere Vogel erwiederte: »Ihren gegenwärtigen Aufenthalt weiß ich zwar
nicht anzugeben, aber heute binnen drei Tagen kommt sie zur Quelle, ihr
Gesicht zu waschen, wie sie jeden Monat in der Nacht des Vollmonds thut,
damit die Jugendschöne nie von ihren Wangen schwinde und die Runzeln des
Alters ihr Antlitz nicht zusammenziehen.« Der erste Vogel sagte: »Nun,
die Quelle ist nicht weit von hier; wollen wir des Spaßes halber ihr
Treiben mit ansehen?« »Meinethalben, wenn du willst,« gab der andere
Vogel zur Antwort. -- Der Jüngling war gleich entschlossen, den Vögeln
zu folgen und die Quelle aufzusuchen, doch machte ihn zweierlei besorgt,
erstens, daß er die Zeit verschlafen könne, wo die Vögel aufbrächen, und
zweitens, daß er keine Flügel hatte, um dicht hinter ihnen zu bleiben.
Er war zu sehr ermüdet, um die ganze Nacht wach zu bleiben, die Augen
fielen ihm zu. Aber die Sorge ließ ihn doch nicht ruhig schlafen, er
wachte öfters auf, um den Aufbruch der Vögel nicht zu verpassen. Darum
freute er sich sehr, als er bei Sonnenaufgang zum Wipfel hinauf blickte
und die buntgefiederten Gesellen noch sah, wie sie unbeweglich saßen,
mit den Schnäbeln unter den Federn. Er verzehrte sein Frühstück und
wartete dann, daß die Vögel aufbrechen sollten. Aber sie schienen
diesen Morgen nirgends hin zu wollen, sie flatterten, wie zur Kurzweil
oder um Nahrung zu suchen, von einem Wipfel zum andern und trieben das
so fort bis zum Abend, wo sie sich an der alten Stelle zur Ruhe begaben.
Eben so ging es noch den folgenden Tag. Erst am Mitmorgen des dritten
Tages sagte der eine Vogel zum andern. »Heute müssen wir zur Quelle, um
zu sehen, wie sich die Höllenjungfrau ihr Antlitz wäscht.« Bis Mittag
blieben sie noch, dann flogen sie davon und nahmen ihren Weg gerade gen
Süden. Dem Jüngling klopfte das Herz vor Furcht, seine Führer aus dem
Gesicht zu verlieren. Aber die Vögel waren nicht weiter geflogen, als
sein Gesichtskreis reichte, und hatten sich dann auf einem Baumwipfel
niedergelassen. Der Jüngling rannte ihnen nach, daß seine Haut dampfte
und ihm der Athem zu stocken drohte. Nach dreimaligem Ausruhen kamen die
Vögel auf eine kleine Fläche, an deren Rande sie sich auf einem hohen
Baumwipfel niederließen. Als der Jüngling nach ihnen dort anlangte,
gewahrte er mitten in der Fläche eine Quelle; er setzte sich nun unter
denselben Baum, auf dessen Wipfel die Vögel sich aufhielten. Dann
spitzte er seine Ohren, um zu vernehmen, was die gefiederten Geschöpfe
miteinander redeten.

»Die Sonne ist noch nicht unter« -- sagte der eine Vogel -- »wir müssen
noch eine Weile warten, bis der Mond aufgeht, und die Jungfrau zur
Quelle kommt. Wollen doch sehen, ob sie den Jüngling unter dem Baume
bemerkt?« Der andere Vogel erwiderte: »Ihrem Auge entgeht wohl Nichts,
was nach einem jungen Manne riecht, Sollte der Jüngling verschlagen
genug sein, um nicht in ihr Garn zu gehen?« Worauf der erste Vogel
sagte: »Wir werden ja sehen, wie sie miteinander fertig werden.«

Der Abend war schon vorgerückt, der Vollmond stand schon hoch über dem
Walde, da hörte der Jüngling ein leises Geräusch: nach einigen
Augenblicken trat aus dem Walde eine Maid hervor, und schritt flüchtigen
Fußes, so daß ihre Sohlen den Boden nicht zu berühren schienen, über den
Rasen zur Quelle. Der Jüngling mußte sich gestehen, daß er in seinem
Leben noch kein schöneres Weib gesehen habe, und mochte kein Auge mehr
von der Jungfrau verwenden.

Diese ging, ohne seiner zu achten, zur Quelle, hob die Augen zum Monde
empor, fiel auf die Knie, tauchte neun Mal ihr Antlitz in die Quelle,
blickte nach jedem Male den Mond an und rief: »Vollwangig und hell, wie
du jetzt bist, möge auch meine Schönheit blühen unvergänglich!« Dann
ging sie neun Mal um die Quelle und sang nach jedem Gange:

    »Nicht der Jungfrau Antlitz welke,
    Nie der Wangen Roth erbleiche,
    Ob der Mond auch wieder schwinde,
    Möge ich doch immer wachsen,
    Mir das Glück stets neu erblühen!«

Darauf trocknete sie sich mit ihren langen Haaren das Gesicht ab, und
wollte von dannen gehen, als ihre Augen plötzlich auf die Stelle fielen,
wo der Jüngling unter dem Baume saß. Sogleich wandte sie ihre Schritte
dahin. Der junge Mann erhob sich und blieb in Erwartung stehen. Die
schöne Maid kam näher und sagte: »Eigentlich müßtest du einer schweren
Strafe verfallen, daß du der Jungfrau heimliches Thun im Mondschein
belauscht hast; aber da du fremd bist und zufällig herkamst, so will ich
dir verzeihen. Doch mußt du mir wahrheitsgetreu bekennen, woher du bist
und wie du hierher kamst, wohin bisher noch kein Sterblicher seinen Fuß
gesetzt hat?« Der Jüngling antwortete mit vielem Anstande: »Vergebet,
theure Jungfrau, wenn ich ohne Wissen und Willen gegen euch gefehlt
habe. Da ich nach langer Wanderung hierher gerieth, fand ich den schönen
Platz unter dem Baume, und wollte da mein Nachtlager nehmen. Eure
Ankunft ließ mich zögern, so blieb ich sitzen, weil ich glaubte, daß
stilles Schauen euch nicht nachtheilig werden könne.« Die Jungfrau
versetzte liebreich: »Komm zur Nacht zu uns! Auf Kissen ruht es sich
besser als hier auf kühlem Moose.« Der Jüngling stand ein Weilchen
zweifelnd, und wußte nicht, was er thun solle, ob das freundliche
Anerbieten annehmen oder zurückweisen. Da sprach auf dem Baumwipfel ein
Vogel zum andern. »Er wäre ein Thor, wenn er sich das Anerbieten nicht
gefallen ließe.« Die Jungfrau, die der Vogelsprache wohl nicht kundig
war, sagte mit freundlicher Mahnung: »Fürchte nichts, mein Freund! ich
lade dich nicht in böser Absicht ein, ich wünsche dir von ganzem Herzen
Gutes.« Die Vögel sagten hinterdrein: »geh', wohin man dich ruft, aber
hüte dich, Blut zu geben, um deine Seele nicht zu verkaufen.«

Nun ging der Jüngling mit ihr. Nicht weit von der Quelle kamen sie in
einen schönen Garten, in welchem ein prächtiges Wohnhaus stand, das im
Mondschein schimmerte, als wären Dach und Wände aus Gold und Silber
gegossen. Als der Jüngling hineintrat, fand er viele prachtvolle
Gemächer, eins immer schöner als das andere; viele hundert Kerzen
brannten auf goldenen Leuchtern und verbreiteten überall eine Helligkeit
wie die des Tages. Darauf gelangten sie in ein Gemach, wo eine mit
köstlichen Speisen besetzte Tafel sich befand; an der Tafel standen zwei
Stühle, der eine von Silber, der andere von Gold; die Jungfrau ließ sich
auf den goldenen Stuhl nieder, und bat den Jüngling, sich auf den
silbernen zu setzen. Weißgekleidete Mädchen trugen die Speisen auf und
räumten sie wieder ab, wobei aber kein Wort gesprochen wurde, auch
traten die Mädchen so leise auf, als gingen sie auf Katzenpfoten. Nach
Tisch, als der Jüngling mit der königlichen Jungfrau allein geblieben
war, wurde ein anmuthiges Gespräch geführt, bis endlich ein Frauenzimmer
in rother Kleidung erschien, um zu erinnern, daß es Zeit sei, sich
schlafen zu legen.

Da führte die Jungfrau den Jüngling in eine andere Kammer, wo ein
seidenes Bett mit Daunenkissen stand; sie wies es ihm und entfernte
sich. Der Jüngling meinte bei lebendigem Leibe im Himmel zu sein, auf
Erden sei solch' ein Leben nicht zu finden. Nur darüber wußte er später
keine Rechenschaft zu geben, ob ihn Träume getäuscht, oder ob er
wirklich Stimmen an seinem Bette vernommen hätte, welche ihm ein Wort
zuriefen, das sein Herz erschreckte: »Gieb kein Blut!«

Am andern Morgen fragte ihn die Jungfrau, ob er nicht Lust habe hier zu
bleiben, wo die ganze Woche aus lauter Feiertagen bestehe. Und als der
Jüngling auf die Frage nicht gleich Antwort gab, setzte sie hinzu: »Ich
bin, wie du selbst siehst, jung und blühend, und ich stehe unter
Niemandes Botmäßigkeit, sondern kann thun, was mir beliebt. Bisher ist
es mir noch nie in den Sinn gekommen zu heiraten, aber von dem
Augenblicke an, wo ich dich erblickte, stiegen mir plötzlich andere
Gedanken auf, denn du gefällst mir. Sollten nun unsere Gedanken
übereinstimmen, so könnte ein Paar aus uns werden. Hab' und Gut besitze
ich unendlich viel, wie du dich selber auf Schritt und Tritt überzeugen
kannst, und so kann ich Tag für Tag königlich leben. Was dein Herz nur
begehrt, kann ich dir gewähren.« Wohl drohte die Schmeichelrede der
schönen Maid des Jünglings Sinn zu verwirren, aber zu seinem Glücke fiel
ihm ein, daß die Vögel sie die Höllenjungfrau genannt und ihn gewarnt
hatten, daß er ihr Blut gebe, und daß er auch in der Nacht, sei es
träumend oder wachend, dieselbe Warnung vernommen habe. Darum erwiederte
er: »Theure Jungfrau, verargt es mir nicht, wenn ich euch ganz
aufrichtig gestehe, daß man das Freien nicht abmachen kann wie einen
Roßkauf, sondern daß es dazu längerer Ueberlegung bedarf. Vergönnt mir
deshalb einige Tage Bedenkzeit, dann wollen wir uns darüber
verständigen.« »Warum nicht,« erwiederte die schöne Maid -- meinethalben
kannst du dich einige Wochen bedenken und mit deinem Herzen zu Rathe
gehen.«

Damit nun dem Jünglinge inzwischen die Zeit nicht lang würde, führte ihn
die Jungfrau von einer Stelle ihres prächtigen Hauses zur andern, und
zeigte ihm all' die reichen Schatzkammern und Truhen, welche sein Herz
erweichen sollten. All' diese Schätze waren aber durch Zauberei
entstanden, denn die Jungfrau konnte mit Hülfe des Salomonischen
Siegelringes alle Tage und an jedem Orte eine solche Wohnung nebst allem
Zubehör hervorbringen, aber das Alles hatte keine Dauer, es war vom
Winde hergeweht, und ging auch wieder in den Wind, ohne eine Spur
zurückzulassen.[81] Da der Jüngling das aber nicht wußte, so hielt er
das Blendwerk für Wirklichkeit. Eines Tages führte ihn die Jungfrau in
eine verborgene Kammer, wo auf einem silbernen Tische ein goldenes
Schächtelchen stand. Auf das Schächtelchen zeigend sagte sie: »Hier
steht mein theuerster Schatz, dessen Gleichen auf der ganzen Welt nicht
zu finden ist, es ist ein kostbarer goldener Ring. Wenn du mich freien
solltest, so würde ich dir diesen Ring zum Mahlschatz geben, und er
würde dich zum glücklichsten aller Menschen machen. Damit aber das Band
unserer Liebe ewige Dauer erhalte, mußt du mir dann für den Ring drei
Tropfen Blut von dem kleinen Finger deiner linken Hand geben.«

Als der Jüngling diese Rede hörte, überlief es ihn kalt; daß sie sich
Blut ausbedang, erinnerte ihn daran, daß er seine Seele aufs Spiel
setze. Er war aber schlau genug, sich nichts merken zu lassen, und auch
keine Einwendung zu machen, vielmehr fragte er, wie beiläufig, was es
für eine Bewandniß mit dem Ringe habe. Die Jungfrau erwiederte: »Kein
Lebendiger ist bis jetzt im Stande gewesen, die Kraft dieses Ringes ganz
zu ergründen, weil keiner die geheimen Zeichen desselben vollständig zu
deuten wußte. Aber schon mit dem halben Verständniß vermag ich Wunder zu
verrichten, welche mir kein anderes Wesen nachmachen kann. Stecke ich
den Ring auf den kleinen Finger meiner linken Hand, so kann ich mich wie
ein Vogel in die Luft schwingen, und hinfliegen wohin ich will. Stecke
ich den Ring auf den Ringfinger meiner linken Hand, so bin ich sogleich
für Alle unsichtbar, mich selbst und Alles, was mich umgiebt, sehe ich,
aber die Andern sehen mich nicht. Stecke ich den Ring an den
Mittelfinger meiner linken Hand, dann kann mir kein scharfes Werkzeug,
noch Wasser und Feuer etwas anhaben. Stecke ich den Ring an den
Zeigefinger meiner linken Hand, dann kann ich mir mit seiner Hülfe alle
Dinge schaffen, die ich begehre; ich kann in einem Augenblicke Häuser
aufbauen und sonstige Gegenstände hervorbringen. So lange endlich der
Ring am Daumen der linken Hand sitzt, ist die Hand so stark, daß sie
Felsen und Mauern brechen kann.[82] Außerdem trägt der Ring noch andere
geheime Zeichen, welche, wie gesagt, bis heute noch Niemand zu deuten
wußte; doch läßt sich denken, daß sie noch viele wichtige Geheimnisse
enthalten. Der Ring war vor Alters Eigenthum des Königs Salomo, des
weisesten der Könige, unter dessen Regierung die weisesten Männer
lebten. Doch ist es bis auf den heutigen Tag nicht kund geworden, ob der
Ring durch göttliche Kraft oder durch Menschenhände entstanden ist; es
wird behauptet, daß ein Engel dem weisen Könige den Ring geschenkt
habe.« Als der Jüngling die Schöne so reden hörte, war sein erster
Gedanke, sich des Ringes durch List zu bemächtigen, er that deshalb, als
ob er das Gehörte durchaus nicht für wahr halten könne. So hoffte er die
Jungfrau zu bewegen, daß sie den Ring aus dem Schächtelchen nehme und
ihm zeige -- wobei er dann vielleicht Gelegenheit fände, sich des
Wunderringes zu bemächtigen. Er wagte aber nicht, die Jungfrau geradezu
darum zu bitten, daß sie ihm den Ring zeige. Er umschmeichelte sie und
geberdete sich zärtlich, aber sein Herz sann nur darauf, in den Besitz
des Ringes zu gelangen. Schon nahm die Jungfrau den Schlüssel zum
Kästchen aus dem Busen, um es aufzuschließen, aber sie steckte ihn
wieder zu sich und sagte: »Dazu haben wir künftig noch Zeit genug.« Ein
Paar Tage darauf kam die Rede wieder auf den Wunderring, und der
Jüngling sagte: »Nach meinem Dafürhalten sind solche Dinge, wie ihr sie
mir von der Kraft eures Ringes erzählt, schlechterdings nicht möglich.«
Da öffnete die Jungfrau das Schächtelchen und nahm den Ring heraus, der
zwischen ihren Fingern blitzte wie der hellste Sonnenstrahl. Dann
steckte sie ihn zum Spaße an den Mittelfinger ihrer linken Hand und
sagte dem Jüngling, er solle ein Messer nehmen und damit auf sie
losstechen wohin er wolle, denn es könne ihr doch nicht schaden. Der
Jüngling sträubte sich gegen dies bedenkliche Beginnen, als aber die
Jungfrau nicht abließ, mußte er sich fügen. Obwohl er nun, anfangs mehr
spielend, dann aber ernsthaft, auf alle Weise die Jungfrau mit dem
Messer zu treffen suchte, so war es doch, als ob eine unsichtbare Wand
von Eisen zwischen Beiden stünde; die Schneide konnte nicht eindringen,
und die Jungfrau stand lachend und unbewegt vor ihm. Darauf steckte sie
den Ring an ihren Ringfinger, und war im Nu den Blicken des Jünglings
entschwunden, so daß dieser durchaus nicht begreifen konnte, wohin sie
gekommen war. Bald stand sie wieder lachend vor ihm auf der alten
Stelle, den Ring zwischen den Fingern haltend. »Laßt doch sehen« -- bat
der Jüngling -- »ob es mir auch möglich ist, so seltsame Dinge mit dem
Ringe zu machen?« Die Jungfrau, welche keinen Betrug ahndete, gab ihm
den Wunderring.

Der Jüngling that, als wisse er noch nicht recht Bescheid, und fragte:
»An welchen Finger muß ich den Ring stecken, damit mir ein scharfes
Werkzeug nicht schaden könne?« -- Worauf die Jungfrau lachend
erwiederte: »An den Mittelfinger der linken Hand!« Sie nahm dann selbst
das Messer und suchte damit zu stoßen, konnte aber dem Jüngling keinen
Schaden thun. Darauf nahm dieser das Messer und versuchte sich selber zu
beschädigen, aber es war auch ihm unmöglich. Darauf bat er die Jungfrau,
ihm zu zeigen, wie er mit dem Ringe Steine und Felsen spalten könne. Sie
führte ihn in den Hof, wo ein klafterhoher Kiesel lag. »Jetzt stecke den
Ring« -- so unterwies ihn die Jungfrau -- »an den Daumen deiner linken
Hand, und schlage dann mit der Faust auf den Stein, und du wirst sehen,
welche Kraft in deiner Hand liegt.« Der Jüngling that es und sah zu
seinem Erstaunen, wie der Stein unter dem Schlage seiner Hand in tausend
Trümmer barst. Da dachte der Jüngling, wer das Glück nicht bei den
Hörnern zu fassen weiß, der ist ein Thor, denn einmal entflohen, kehrt
es nicht zurück. Während er noch über die Zertrümmerung des Steines
scherzte, steckte er wie spielend den Ring an den Ringfinger seiner
linken Hand. Da rief die Jungfrau: »Jetzt bist du für mich so lange
unsichtbar, bis du den Ring abziehst.« Aber das zu thun war der Jüngling
nicht gesonnen, vielmehr ging er rasch einige Schritte weiter, steckte
dann den Ring an den kleinen Finger der linken Hand, und schwang sich in
die Höhe wie ein Vogel. Als die Jungfrau ihn davon fliegen sah, hielt
sie Anfangs auch diesen Versuch für bloßen Scherz, und rief: »Komm
zurück, mein Freund! Jetzt hast du gesehen, daß ich dir die Wahrheit
gesagt habe!« Aber wer nicht zurückkam, war der Jüngling; da merkte die
Jungfrau den Betrug, und brach in bittere Klagen aus über ihr Unglück.

Der Jüngling hielt seinen Flug nicht eher an, als bis er nach einigen
Tagen wieder zu dem berühmten Zauberer gekommen war, bei welchem er die
Vogelsprache gelernt hatte. Der Zauberer war außerordentlich froh, daß
des Mannes Wanderung so guten Erfolg gehabt hatte. Er machte sich
sogleich daran, die geheime Schrift auf dem Ringe zu deuten, er brauchte
aber sieben Wochen ehe er damit zu Stande kam. Darauf gab er dem
Jünglinge folgende Auskunft, wie der Nordlands-Drache zu vertilgen sei:
»Du mußt dir ein eisernes Pferd gießen lassen, das unter jedem Fuße
kleine Räder hat, so daß man es vorwärts und rückwärts schieben kann.
Dann mußt du aufsitzen und dich mit einem eisernen zwei Klafter langen
Speere bewaffnen, den du freilich nur führen kannst, wenn der Wunderring
am Daumen deiner linken Hand steckt. Der Speer muß in der Mitte die
Dicke einer mäßigen Birke haben und seine beiden Enden müssen gleich
scharf sein. In der Mitte des Speeres mußt du zwei starke zehn Klafter
lange Ketten befestigen, die stark genug sind, den Drachen zu halten.
Sobald der Drache sich in den Speer fest gebissen hat, so daß dieser ihm
die Kinnlade durchbohrt, mußt du wie der Wind vom Eisenroß herunter
springen, um dem Unthier nicht in den Rachen zu fallen, und mußt die
Enden der Ketten mit eisernen Pflöcken dergestalt in die Erde rammen,
daß keine Gewalt sie herausziehen kann. Nach drei oder vier Tagen ist
die Kraft des Unthiers so weit erschöpft, daß du dich ihm nähern kannst,
dann stecke Salomos Kraftring an den Daumen deiner linken Hand, und
schlage es vollends todt. Bis du aber herangekommen bist, muß der Ring
am Ringfinger deiner linken Hand stecken, damit das Unthier dich nicht
sehen kann, sonst würde es dich mit seinem langen Schwanze todt
schlagen. Wenn du Alles vollbracht hast, trage Sorge, daß du den Ring
nicht verlierst, und daß dir auch Niemand mit List das Kleinod
entwende.«

Unser Freund dankte dem Zauberer für die Belehrung und versprach, ihn
später für seine Mühe zu belohnen. Aber der Zauberer erwiederte: »Ich
habe aus der Entzifferung der Geheimschrift des Ringes so viel
Zauberweisheit geschöpft, daß ich keines anderen Gutes weiter bedarf.«
So trennten sie sich, und der Jüngling eilte nach Hause, was ihm nicht
mehr schwer wurde, da er wie ein Vogel fliegen konnte wohin er wollte.

Als er nach einigen Wochen in der Heimath anlangte, hörte er von den
Leuten, daß der gräuliche Nordlands-Drache schon in der Nähe sei, so daß
er jeden Tag über die Grenze kommen könne. Der König ließ überall
bekannt machen, daß er demjenigen, der dem Unthier das Garaus machen
würde, nicht nur einen Theil seines Königreiches schenken, sondern auch
seine Tochter zur Frau geben wolle. Nach einigen Tagen trat unser
Jüngling vor den König und erklärte, er hoffe das Unthier zu vernichten,
wenn der König Alles wolle anfertigen lassen, was dazu erforderlich sei.
Der König ging mit Freuden darauf ein. Es wurden nun sämmtliche
geschickte Meister aus der Umgegend zusammenberufen, die mußten erst das
Eisenpferd gießen, dann den großen Speer schmieden, und endlich auch die
eisernen Ketten, deren Ringe zwei Zoll Dicke hatten. Als aber Alles
fertig war, fand es sich, daß das eiserne Pferd so schwer war, daß
hundert Männer es nicht von der Stelle bringen konnten. Da blieb dem
Jüngling nichts übrig, als mit Hülfe seines Kraftringes das Pferd allein
fort zu bewegen.

Der Drache war keine Meile mehr entfernt, so daß er mit ein Paar
Sprüngen über die Grenze setzen konnte. Der Jüngling überlegte nun, wie
er allein mit dem Unthier fertig werden solle, denn da er das schwere
Eisenpferd von hinten her schieben mußte, so konnte er sich nicht
aufsetzen, wie es der Zauberer vorgeschrieben hatte. Da belehrte ihn
unerwartet eines Raben Schnabel: »Setze dich auf das Eisenpferd, und
stemme den Speer gegen den Boden, als wolltest du einen Kahn vom Ufer
abstoßen.« Der Jüngling machte es so und fand, daß er auf diese Weise
vorwärts kommen könne. Das Ungeheuer sperrte schon von Weitem den Rachen
auf, um die erwartete Beute zu vertilgen. Noch einige Klafter, so wären
Mann und Eisenroß im Rachen des Unthiers gewesen. Der Jüngling bebte vor
Entsetzen und das Herz erstarrte ihm zu Eis, allein er ließ sich nicht
verwirren, sondern stieß mit aller Kraft zu, so daß der eiserne Speer,
den er aufrecht in der Hand hielt, den Rachen des Unthiers durchbohrte.
Dann sprang er vom Eisenroß und wandte sich schnell wie der Blitz, als
das Unthier die Kinnladen zusammenklappte. Ein gräßliches Gebrüll, das
viele Meilen weit erscholl, gab den Beweis, daß der Nordlands-Drache
sich festgebissen hatte. Als der Jüngling sich umwandte, sah er eine
Spitze des Speers Fuß lang aus der oberen Kinnlade hervorragen, und
schloß daraus, daß die andere im Boden fest steckte. Das Eisenroß aber
hatte der Drache mit seinen Zähnen zermalmt. Jetzt eilte der Jüngling,
die Ketten am Boden zu befestigen, wozu starke Eisenpflöcke von mehreren
Klaftern Länge in Bereitschaft gesetzt waren.

Der Todeskampf des Ungeheuers dauerte drei Tage und drei Nächte: wenn es
sich bäumte, schlug es so gewaltig mit dem Schwanze gegen den Boden, daß
die Erde auf zehn Meilen weit bebte. Als es endlich den Schwanz nicht
mehr rühren konnte, hob der Jüngling mit Hülfe des Ringes einen Stein
auf, den zwanzig Männer nicht hätten bewegen können, und schlug damit
dem Thiere so lange auf den Kopf, bis es kein Lebenszeichen mehr von
sich gab.

Grenzenlos war überall der Jubel, als die Botschaft kam, daß der
schlimme Feind sein Ende gefunden. --Der Sieger wurde in der Königsstadt
mit großen Ehrenbezeugungen empfangen, als wäre er der mächtigste
König. Der alte König brauchte auch seine Tochter nicht zur Heirath zu
zwingen, sondern diese verlangte selber, sich dem starken Manne zu
vermählen, der allein ausgerichtet hatte, was die Andern auch mit einer
ganzen Armee nicht vermochten. Nach einigen Tagen wurde eine prachtvolle
Hochzeit gefeiert, welche vier Wochen lang dauerte, und zu welcher alle
Könige der Nachbarländer sich versammelt hatten, um dem Manne zu danken,
der die Welt von ihrem schlimmsten Feinde befreit hatte. Allein über dem
Hochzeitsjubel und der allgemeinen Freude hatte man vergessen, daß des
Ungeheuers Leichnam unbegraben liegen geblieben war, und da er jetzt in
Verwesung überging, so verbreitete er einen solchen Gestank, daß Niemand
sich in die Nähe wagte. Es entstanden Seuchen, welche viele Menschen
hinrafften. Deshalb beschloß der Schwiegersohn des Königs, Hülfe bei dem
Zauberer im Osten zu suchen, was ihm mit seinem Ringe nicht schwer fiel,
weil er auf Vogelschwingen hin fliegen konnte.

Aber das Sprichwort sagt, unrecht Gut gedeiht nicht, und wie gewonnen,
so zerronnen. Diese Erfahrung sollte auch des Königs Schwiegersohn mit
dem entwendeten Ringe machen. Der Höllenjungfrau ließ es weder Tag noch
Nacht Ruhe, ihrem Ringe wieder auf die Spur zu kommen. Als sie mit Hülfe
von Zauberkünsten erfahren hatte, daß des Königs Schwiegersohn sich in
Vogelgestalt zu dem Zauberer aufmache, verwandelte sie sich in einen
Adler, und kreiste so lange in den Lüften, bis ihr der Vogel, auf den
sie wartete, zu Gesicht kam -- sie erkannte ihn sogleich an dem Ringe,
der ihm an einem Bande um den Hals hing. Da schoß der Adler auf den
Vogel nieder und in demselben Augenblick, wo seine Klauen ihn packten,
hatte er ihm auch mit dem Schnabel den Ring vom Halse gerissen, ehe noch
der Mann in Vogelgestalt etwas dagegen thun konnte. Jetzt ließ der Adler
sich mit seiner Beute zur Erde nieder, und beide standen in ihrer
früheren Menschengestalt neben einander. »Jetzt bist du in meiner Hand,
Frevler!« rief die Höllenjungfrau. -- »Ich nahm dich als meinen
Geliebten auf, und du übtest Betrug und Diebstahl: ist das mein Lohn? Du
nahmst mir mein kostbarstes Kleinod durch List, und hofftest, als
Schwiegersohn des Königs ein glückliches Leben zu führen, aber jetzt hat
sich das Blatt gewandt. Du bist in meiner Gewalt und sollst mir für
allen Frevel büßen.« »Vergebt, vergebt,« bat des Königs Schwiegersohn,
ich weiß wohl, daß ich mich schwer gegen euch vergangen habe, und bereue
meine Schuld von ganzem Herren.« Die Jungfrau erwiederte: »Deine Bitten
und deine Reue kommen zu spät, und Nichts kann dir mehr helfen. Ich darf
dich nicht schonen, das brächte mir Schande und machte mich zum Gespött
der Leute. Zwiefach hast du dich an mir versündigt, erst hast du meine
Liebe verschmäht, und dann meinen Ring entwendet, dafür mußt du Strafe
leiden.« Mit diesen Worten steckte sie den Ring an den Daumen ihrer
linken Hand, nahm den Mann wie eine Hedekunkel auf den Arm und ging mit
ihm von dannen. Diesmal führte ihr Weg nicht in jene prächtige
Behausung, sondern in eine Felsenhöhle, wo Ketten von der Wand herunter
hingen. Die Jungfrau ergriff die Enden der Ketten, und fesselte damit
dem Manne Hände und Füße, so daß Entkommen unmöglich war; dann sagte
sie mit Zorn: »Hier sollst du bis an dein Ende gefangen bleiben. Ich
werde dir täglich so viel Nahrung bringen lassen, daß du nicht Hungers
sterben kannst, aber auf Befreiung darfst du nimmer hoffen.« Damit
verließ sie ihn.

Der König und seine Tochter verlebten eine schwere Zeit des Kummers, als
Woche auf Woche verging, und der Schwiegersohn weder zurück kam, noch
auch Nachricht von sich gab. Oftmals träumte der Königstochter, daß ihr
Gemahl schwere Pein leiden müsse, sie bat deßhalb ihren Vater, von allen
Seiten her Zauberer zusammenrufen zu lassen, damit sie vielleicht
Auskunft darüber gäben, wo der Verschwundene lebe, und wie er zu
befreien sei. Aber sämmtliche Zauberer konnten nichts weiter berichten,
als daß er noch lebe und schwere Pein leide, keiner wußte den Ort zu
nennen, wo er sich befinde, noch anzugeben, wie man ihn auffinden könne.
Endlich wurde ein berühmter Zauberer aus Finnland vor den König geführt,
der den weiteren Bescheid ertheilen konnte, daß des Königs Schwiegersohn
im Ostlande gefangen gehalten werde, und zwar nicht durch Menschen,
sondern durch ein mächtigeres Wesen. Also schickte der König seine Boten
in der genannten Richtung aus, um den verlorenen Schwiegersohn
aufzusuchen. Glücklicherweise kamen sie zu dem alten Zauberer, der die
Schrift auf Salomonis Siegelring gedeutet und daraus eine Weisheit
geschöpft hatte, die allen Uebrigen verborgen blieb. Dieser Zauberer
fand bald heraus, was er wissen wollte, und sagte: »Den Mann hält man
durch Zaubermacht da und da gefangen, aber ohne meine Hülfe könnt ihr
ihn nicht befreien, ich muß selbst mit euch gehen.«

Sie machten sich also auf und kamen, von Vögeln geführt, nach einigen
Tagen in die Felsenhöhle, wo des Königs Schwiegersohn jetzt schon beinah
sieben Jahre die schwere Kerkerhaft erduldet hatte. Er erkannte den
Zauberer augenblicklich, dieser aber erkannte ihn nicht, weil er sehr
abgemagert war. Der Zauberer löste durch seine Kunst die Ketten, nahm
den Befreiten zu sich, und pflegte und heilte ihn, bis er wieder kräftig
genug war, um die Reise anzutreten. Er langte an demselben Tage an, wo
der alte König gestorben war, und wurde nun zum Könige erhoben. Jetzt
kamen nach langen Leidenstagen die Freudentage, welche bis an sein Ende
währten; den Wunderring aber erhielt er nicht wieder, -- auch hat ihn
nachmals keines Menschen Auge mehr gesehen.

[Fußnote 81: Vgl. Anm. zu Märchen 1, die Goldspinnerinnen, S. 11. L.]

[Fußnote 82: Vgl. Anm. zu S. 110. im Märchen 8. L.]



19. Das Glücksei.


Einmal lebte in einem großen Walde ein armer Mann mit seinem Weibe; Gott
hatte ihnen acht Kinder gegeben, von denen die ältesten schon ihr Brod
bei fremden Leuten verdienten, und so machte es den Eltern gerade nicht
viel Freude, als ihnen im späten Alter noch ein neuntes Söhnlein geboren
wurde. Aber Gott hatte es ihnen einmal geschenkt, und so mußten sie es
nehmen, und ihm nach Christenbrauch die Taufe geben lassen. Nun wollte
aber Niemand zu dem Kinde Gevatter stehen, weil Jeder besorgte: wenn die
Eltern sterben, so fällt mir das Kind zur Last. Da dachte der Vater: ich
nehme das Kind, und trage es am Sonntag in die Kirche, und sage, daß ich
nirgends Gevattern habe finden können, mag dann der Prediger thun, was
er will, mag er das Kind taufen oder nicht, auf meine Seele kann keine
Sünde fallen. Als er sich am Sonntag aufmachte, fand er nicht weit von
seinem Hause einen Bettler am Wege sitzen, der ihn um ein Almosen bat.
Der Mann sagte: »Ich habe dir nichts zu geben, Brüderchen, die wenigen
Kopeken, die ich in der Tasche habe, muß ich für die Kindtaufe
ausgeben; willst du mir aber einen Gefallen thun, so komm und steh bei
meinem Kinde Gevatter, nachher gehen wir nach Hause und nehmen vorlieb
mit dem, was uns die Hausfrau zum Taufschmaus beschert hat.« Der
Bettler, den bis dahin noch niemand zu Gevatter gebeten hatte, erfüllte
mit Freuden die Bitte des Mannes, und ging mit ihm zur Kirche. Als sie
eben dort angekommen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit vier Pferden
vor, und eine junge vornehme Dame stieg aus. Der arme Mann dachte, hier
will ich zum letzten Male mein Glück versuchen, trat mit demüthigem
Gruße vor die Frau oder das Fräulein, was sie nun sein mochte, und
sagte: »Geehrtes Fräulein, oder was ihr sonst sein mögt! würdet ihr euch
nicht der Mühe unterziehen, bei meinem Kinde Gevatter zu stehen?« Das
Fräulein sagte zu.

Als nun nach der Predigt das Kind zur Taufe gebracht wurde, verwunderten
sich Prediger und Gemeinde sehr darüber, daß ein armseliger Bettelmann
und eine stolze vornehme Dame zusammen bei dem Kinde Gevatter standen.
Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Pärtel. Die reiche Pathe
bezahlte das Taufgeld und machte noch ein Pathengeschenk von drei
Rubeln, worüber der Vater des Kindes höchlich erfreut war. Der Bettler
ging dann mit zum Taufschmause. Ehe er am Abend fortging, nahm er ein in
einen kleinen Lappen gewickeltes Schächtelchen aus der Tasche, gab es
der Mutter des Kindes, und sagte: »Mein Pathengeschenk ist zwar
unbedeutend, aber verschmähet es dennoch nicht, vielleicht erwächst
eurem Söhnlein einmal Glück daraus. Ich hatte eine sehr kluge Tante, die
sich auf vielerlei Zauberkünste verstand, die gab mir vor ihrem Tode
das Vogelei in diesem Schächtelchen, indem sie sagte: »Wenn dir einmal
etwas ganz Unerwartetes begegnet, was du niemals ahnden konntest, dann
entäußere dich dieses Eies; wenn es demjenigen zu Theil wird, für den es
bestimmt ist, so kann es ihm großes Glück bringen. Aber hüte das Ei wie
deinen Augapfel, damit es nicht zerbricht, denn die Glücksschale ist
zart.« Nun ist mir bis auf den heutigen Tag, obwohl ich nahe an sechzig
Jahre alt bin, noch nichts so Unerwartetes begegnet, als daß ich heute
morgen zu Gevatter gebeten wurde, und es war gleich mein erster Gedanke:
Du mußt dem Kinde das Ei zum Pathengeschenk geben.«

Der kleine Pärtel gedieh vortrefflich, und wuchs seinen Eltern zur
Freude auf, bis er im Alter von zehn Jahren in ein anderes Dorf zu einem
wohlhabenden Wirthe als Hüterknabe kam. Alle im Hause waren mit dem
Hüterknaben sehr zufrieden, da er ein frommer stiller Bursche war, der
seiner Brotherrschaft niemals Verdruß machte. Die Mutter hatte ihm beim
Abschied das Pathengeschenk in die Tasche gesteckt, und ihm empfohlen,
es sorgsamlich zu hüten, wie seinen Augapfel, was Pärtel auch befolgte.
Auf dem Weideplatz stand ein alter Lindenbaum, und unter diesem lag ein
großer Kieselstein; diesen Ort hatte der Knabe sehr lieb, so daß den
Sommer über kein Tag verging, an dem er nicht unter der Linde auf dem
Steine gesessen hätte. Auf diesem Steine verzehrte er auch gewöhnlich
das Brot, welches ihm alle Morgen mitgegeben wurde, und seinen Durst
stillte eine kleine Quelle in der Nähe des Steines. Mit den anderen
Hirtenknaben, die viel Muthwillen trieben, hielt Pärtel keine
Freundschaft. Wunderbar war es, daß ringsum nirgends so schönes Gras
anzutreffen war, als zwischen dem Stein und der Quelle; obwohl die Herde
jeden Tag hier weidete, so hatte doch am andern Morgen der Rasen mehr
das Ansehen einer geschonten Wiese als das einer Weide.

Wenn Pärtel zuweilen an einem heißen Tage auf dem Steine ein wenig
einschlummerte, so erfreuten ihn jedesmal wunderbare Träume, und noch
beim Erwachen klangen ihm Spiel und Gesang in den Ohren, so daß er mit
offenen Augen weiter träumte. Der Stein war ihm wie ein theurer Freund,
von dem er täglich mit schwerem Herzen schied, und zu dem er den andern
Morgen voll Sehnsucht zurückeilte. So war Pärtel funfzehn Jahre alt
geworden, und sollte nun nicht länger mehr Hüterknabe bleiben. Der Wirth
nahm ihn zum Knecht, ohne ihm jedoch schwerere Arbeit aufzulegen, als er
zu leisten vermochte. Am Sonntage oder an Sommerabenden, wenn die
anderen Bursche mit den Dirnen schäkerten, gesellte sich Pärtel nicht zu
ihnen, sondern ging still sinnend auf den Weideplatz an seinen lieben
Lindenbaum, unter welchem er nicht selten die halbe Nacht zubrachte. So
saß er einmal wieder an einem Sonntag Abend auf dem Steine und schlug
die Maultrommel, da kroch eine milchweiße Schlange unter dem Steine
hervor, hob den Kopf, als wollte sie zuhören, und blickte den Pärtel mit
ihren klaren Augen an, die wie feurige Funken glänzten. Dies wiederholte
sich in der Folge, weßhalb Pärtel, sobald er nur freie Zeit hatte, immer
nach seinem Steine eilte, um die schöne weiße Schlange zu sehen, die
sich zuletzt so an ihn gewöhnt hatte, daß sie sich oftmals um seine
Beine wand.

Pärtel war nun in das Jünglingsalter getreten, seine beide Eltern waren
gestorben, und seine Brüder und Schwestern lebten alle weit entfernt, so
daß sie nicht viel von einander hörten, geschweige denn einander sahen.
Aber lieber als Brüder und Schwestern war ihm die weiße Schlange
geworden; bei Tage waren seine Gedanken auf sie gerichtet, und fast jede
Nacht träumte er von ihr. Deßhalb wurde ihm die Winterzeit sehr lange,
wo tiefer Schnee lag und der Boden gefroren war. Als im Frühling die
Sonnenstrahlen den Schnee geschmolzen und den Boden aufgethaut hatten,
war Pärtels erster Gang wieder zum Steine unter der Linde, obwohl noch
kein Blättchen am Baume zu sehen war. O die Freude! Sobald er seine
Sehnsucht in den Tönen der Maultrommel ausgehaucht hatte, kroch die
weiße Schlange unter dem Stein hervor und spielte zu seinen Füßen, aber
dem Pärtel schien es heute, als wenn die Schlange Thränen vergossen
hätte, und das that seinem Herzen weh. Er ließ nun keinen Abend mehr
hingehen, ohne zum Steine zu kommen, und die Schlange wurde immer
dreister, so daß sie sich schon streicheln ließ, aber wenn Pärtel sie
festhalten wollte, schlüpfte sie ihm durch die Finger und kroch wieder
unter den Stein.

Am Abend des Johannistages, da alle Dorfbewohner, alt und jung, mit
einander zum Johannisfeuer gingen, durfte doch auch Pärtel nicht
zurückbleiben, obwohl sein Herz ihn auf einen andern Weg lockte. Aber
mitten in der Lustbarkeit, als die andern sangen, tanzten und andere
Kurzweil trieben, schlich er sich von ihnen fort zum Lindenbaum, denn
das war der einzige Ort, wo sein Herz Ruhe fand. Als er näher kam,
glänzte ihm vom Steine her ein helles kleines Feuer entgegen, was ihn
sehr in Verwunderung setzte, da, so viel er wußte, Menschen sich um
diese Zeit dort nicht aufhielten. Als er ankam, war das Feuer erloschen,
und hatte weder Asche noch Funken zurückgelassen. Er setzte sich auf den
Stein und fing an, wie gewöhnlich, die Maultrommel zu rühren. Mit einem
Male tauchte das Feuer wieder auf, und es war nichts anderes als das
funkelnde Augenpaar der weißen Schlange. Diese spielte wieder zu seinen
Füßen, ließ sich streicheln, und sah ihn so durchdringend an, als wollte
sie sprechen. Mitternacht konnte nicht weit sein, als die Schlange unter
den Stein in ihr Nest schlüpfte, und auch auf Bartels Spiel nicht wieder
zum Vorschein kam. Als er sein Instrument vom Munde nahm, in die Tasche
steckte, und sich anschickte, nach Hause zu gehen, da säuselte das Laub
der Linde im Hauch des Windes so wunderbar, daß es wie eine
Menschenstimme an sein Ohr schlug, und er mehrmals die Worte zu hören
glaubte:

    »Zarte Schale hat das Glücksei,
    Zähen Kernes ist die Trübsal;[83]
    Zaudre nicht das Glück zu haschen.«

Da fühlte er ein so schmerzliches Verlangen, daß ihm das Herz zu brechen
drohte, und doch wußte er selber nicht, wonach er sich sehnte. Bittre
Thränen rannen ihm von den Wangen, und er klagte: »Was hilft mir
Unglücklichem das Glücksei, da mir auf dieser Welt doch kein Glück
beschieden ist! Von klein auf fühle ich, daß ich für die Menschen nicht
passe, sie verstehen mich nicht, und ich sie nicht: was ihnen Freude
macht, das schafft mir Qual, was mich aber glücklich machen könnte, das
weiß ich selbst nicht, wie sollten es Andere wissen. Der Reichthum und
die Armuth haben beide bei mir zu Gevatter gestanden, darum habe ich
auch zu nichts Rechtem kommen können.« Da wurde es plötzlich so hell um
ihn her, als ob Linde und Stein von der vollen Sonne beschienen würden,
so daß er eine Weile die Augen nicht öffnen konnte, sondern sich erst an
die Helligkeit gewöhnen mußte. Da sah er neben sich auf dem Steine ein
schönes Frauenbild stehen, in schneeweißen Kleidern, wie wenn ein Engel
vom Himmel herunter gestiegen wäre. Aus dem Munde der Jungfrau aber
tönte eine Stimme, die ihm süßer klang, als der Gesang der Nachtigall,
und die Stimme sprach: »Lieber Jüngling, fürchte dich nicht, sondern
erhöre die Bitte eines unglücklichen Mädchens! Ich Arme lebe in einem
trübseligen Kerker, und wenn du dich meiner nicht erbarmst, so habe ich
nimmer Hoffnung auf Erlösung. O, lieber Jüngling, habe Mitleid mit mir,
und weise mich nicht ab. Ich bin eines mächtigen Königs Tochter aus dem
Ostlande, unendlich reich an Gold und Schätzen, aber das kann mir nichts
helfen, weil ein Zauber mich zwang, in Gestalt einer Schlange hier unter
dem Felsen zu leben, wo ich schon viele hundert Jahre weile, ohne je
älter zu werden. Obwohl ich noch nie einem Menschenkinde Böses zugefügt
habe, so fliehen doch Alle vor meiner Gestalt, so wie sie mich
erblicken. Du bist das einzige lebende Wesen, das meine Annäherung nicht
scheute; ja, ich durfte zu deinen Füßen spielen, und deine Hand hat mich
oftmals freundlich gestreichelt. Darum erwachte in meinem Herzen die
Hoffnung, daß du mein Retter werden könntest. Dein Herz ist rein, wie
das eines Kindes, in welchem Lug und Trug noch nicht wohnen. Auch trifft
bei dir Alles zu, was zu meiner Rettung erforderlich ist: eine vornehme
Dame und ein Bettler standen zusammen Gevatter bei dir, und das Glücksei
wurde dein Pathengeschenk. Nur einmal nach je fünf und zwanzig Jahren in
der Johannisnacht ist es mir vergönnt, in Menschengestalt eine Stunde
lang auf der Erde zu wandeln, und wenn dann ein Jüngling reinen Herzens,
der diese besonderen Gaben besitzt, kommen und meine Bitte erhören
würde, so könnte ich aus meiner langen Gefangenschaft erlöst werden.
Rette, o rette mich aus der endlosen Kerkerhaft, ich bitte dich in aller
Engel Namen.« So sprechend fiel sie dem Pärtel zu Füßen, umfaßte seine
Knie und weinte bitterlich.

Dem Pärtel schmolz das Herz bei diesem Anblick und bei dieser Rede, er
bat die Jungfrau aufzustehen und ihm zu sagen, wie die Rettung möglich
sei. »Ich würde ja ohne Zögern durch Feuer und Wasser gehen,« sagte er,
»wenn dadurch deine Rettung möglich würde, und hätte ich zehn Leben zu
verlieren, ich würde sie alle für deine Rettung hingeben! Eine nie
gekannte Sehnsucht läßt mir keine Ruhe mehr, aber wonach ich mich sehne,
weiß ich selbst nicht.«

Die Jungfrau sagte: »Komm morgen Abend gegen Sonnenuntergang wieder
hierher, und wenn ich dir dann als Schlange entgegen komme, und mich wie
einen Gürtel um deinen Leib winde, und dich dreimal küsse, so erschrick
nicht, und bebe nicht zurück, sonst muß ich wieder weiter seufzen unter
dem Fluche der Verzauberung, und wer weiß auf wie viel hundert Jahre.«
Mit diesen Worten war die Jungfrau den Blicken des Jünglings
entschwunden, und wieder säuselte es aus dem Laube der Linde:

    »Zarte Schale hat das Glücksei,
    Zähen Kernes ist die Trübsal;
    Zaudre nicht das Glück zu haschen!«

Pärtel war nach Hause gekommen und hatte sich vor Tages Anbruch schlafen
gelegt, aber wunderbar bunte Träume, theils freundliche, theils
häßliche, scheuchten die Ruhe von seinem Lager. Mit einem Schrei sprang
er auf, weil ein Traum ihm vorgespiegelt hatte, daß die weiße Schlange
sich um seine Brust schlang und ihn erstickte. Zwar achtete er nicht
weiter auf dieses Schreckbild, vielmehr war er fest entschlossen, die
Königstochter aus den Banden der Verzauberung zu erlösen, und wenn er
selber darüber zu Grunde gehen sollte -- aber dennoch wurde ihm das Herz
immer schwerer, je näher die Sonne dem Horizonte kam. Zur festgesetzten
Zeit stand er am Steine unter der Linde, und blickte seufzend zum Himmel
empor, den er um Muth und Kraft anflehte, damit er nicht vor Schwäche
zittere, wenn sich die Schlange um seinen Leib winden und ihn küssen
werde. Da fiel ihm plötzlich das Glücksei ein; er zog das Schächtelchen
aus der Tasche, wickelte es los, und nahm das kleine Ei, das nicht
größer war, als das Ei einer Grasmücke, zwischen die Finger.

In demselben Augenblicke war die schneeweiße Schlange unter dem Steine
hervorgeschlüpft, hatte sich um seinen Leib gewunden, und richtete eben
ihren Kopf empor, um ihn zu küssen, da -- der Mann wußte selbst nicht
wie es geschah -- hatte er der Schlange das Glücksei in den Mund
gesteckt. Er stand, ob auch mit frierendem Herzen, ohne zu beben, bis
die Schlange ihn dreimal geküßt hatte. Jetzt erfolgte ein Krachen und
Leuchten, als hätte der Blitz in den Stein geschlagen, und schwerer
Donner machte die Erde erzittern, so daß Pärtel wie todt zu Boden fiel,
und nicht mehr wußte, was mit ihm oder um ihn her geschah.

Aber in diesem furchtbaren Augenblicke waren die Bande des Zaubers
gebrochen, und die königliche Jungfrau war aus ihrer langen Haft erlöst.
Als Pärtel aus seiner schweren Ohnmacht erwachte, fand er sich auf
weichen Seidenkissen, in einem prächtigen Glasgemach von himmelblauer
Farbe. Das schöne Mädchen kniete vor seinem Bette, streichelte seine
Wangen, und rief, als er die Augen aufschlug: »Dank dem himmlischen
Vater, der mein Gebet erhört hat! und tausend, tausend Dank auch dir,
theurer Jüngling, der du mich aus der langen Verzauberung erlöst hast.
Nimm jetzt zum Lohne mein Reich, dieses prachtvolle Königsschloß mit
allen seinen Schätzen, und wenn du willst, auch mich als Gemahlin mit in
den Kauf. Du sollst fortan hier glücklich leben, wie es dem Herrn des
Glücksei's gebührt. Bis heute war dein Loos wie das deines _Taufvaters_,
jetzt harrt deiner ein besseres Loos, ein solches, wie es deiner
_Taufmutter_ zugefallen war.«

Pärtel's Glück und Freude vermöchte wohl Niemand zu schildern; alle
unbegriffene Sehnsucht seines Herzens, die ihn ruhelos immer wieder
unter die Linde trieb, war jetzt gestillt. Von der Welt geschieden lebte
er mit seiner theuren Gemahlin im Schooße des Glückes bis an sein Ende.
-- In dem Dorfe aber und auf dem Bauerhofe, wo er gedient hatte, und wo
man ihn um seines frommen Wesens willen lieb hatte, erregte sein
Verschwinden große Betrübniß. Darum machten sich Alle auf, ihn zu
suchen, und ihr erster Gang war zur Linde, welche Pärtel so häufig zu
besuchen pflegte, und wohin man ihn auch Abends zuvor noch hatte gehen
sehn. Groß war das Erstaunen der Leute, als sie dort weder den Pärtel,
noch die Linde, noch den Stein mehr vorfanden; auch die kleine Quelle in
der Nähe war vertrocknet, und keines Menschen Auge hat selbige Dinge
jemals wieder erblickt.

[Fußnote 83: Aus Kalewipoëg =XIX=, 140, 141, wo aber der Gehörnte mit
diesen Versen den Kalewsohn vor Uebermuth warnt. L.]



20. Der Frauenmörder.


Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen
Botmäßigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgüter und eine Unzahl von Leuten
standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse,
das hinter Wäldern und Sümpfen versteckt lag wie eine Bärenhöhle, und
rings mit Mauern und Gräben umgeben war, so daß Feinde nicht leicht
eindringen konnten. Man meinte, der große Herr habe den einsamen Ort
deßwegen zu seinem Wohnsitz gewählt, damit seine unermeßliche Habe den
Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da
nämlich große Felsenkeller mit Gold und Silber angefüllt sein, womit der
Besitzer, wenn er gewollt hätte, ganze Königreiche hätte kaufen können.
An Geld und Schätzen hatte er also Ueberfluß, aber mit seinen Frauen
hatte er kein Glück. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach
der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf,
sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon
er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen
auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwölfte zu freien.
Man weiß, daß es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu
kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mädchen zu Dutzenden fangen.
Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwölfte
Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so daß er wie ein geringer
Mann an mancher Thüre anklopfen mußte, ehe er eine Braut unter die Haube
bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den
jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflößt; es konnte doch wohl
nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die jungen blühenden Frauen so
rasch dahin welkten. Ein Geheimniß mußte hier obwalten -- aber es blieb
Allen ein Räthsel.

Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht
hatte, beschloß er endlich, sein Glück auf einem Edelhofe zu versuchen,
wo ein armer Edelmann mit seinen drei blühenden Töchtern lebte. Sie
waren alle drei schön und glichen köstlichen Aepfeln, aber die jüngste
überstrahlte die beiden andern, so daß sie recht gut auch die Gemahlin
eines Königs hätte werden können. Der vornehme Freier hatte sein Auge
alsbald auf das jüngste Fräulein geworfen; zwar schien des Fräuleins
Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke,
seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, übten eine so
erwärmende Wirkung, daß es dem Vater und den beiden Schwestern gelang,
das Mädchen zu überreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne
eine Stütze zu finden, und auch die Töchter erwarteten, daß ihnen der
Schwager nützlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf
seine Kosten prächtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die
Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die älteren nicht im
mindesten neidisch darüber, daß die jüngste zuerst heirathen sollte. Der
Bräutigam hatte seinen künftigen Schwiegervater darum gebeten, die
Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und
alle Kosten selbst zu tragen wünsche.

So weit war es mit der Werbung gut gegangen, und der Bräutigam war schon
wieder abgereist, um sein Haus für die Hochzeit herzurichten, und hatte
auch schon den Tag für die Hochzeit angesetzt. Da ereignete sich ein
Vorfall, der dem alten Herrn Verdruß bereitete, und das Herz der Braut
mit Betrübniß erfüllte. Auf dem Edelhofe lebte ein armer Knabe, den die
Herrschaft nach dem Tode seiner Eltern, als er erst zwei Jahr alt war,
zu sich genommen hatte; man hatte ihn später zum Gänsejungen gebraucht,
seit länger als einem Jahre aber war er Aufwärter. Die Gutsleute nannten
ihn immer noch den Gänse-Tönnis. Er war ein halbes Jahr jünger als das
jüngste Fräulein, und hatte als Kind mit ihr gespielt; dadurch war eine
Freundschaft zwischen ihnen entstanden, und das Fräulein war immer sehr
liebreich gegen den Tönnis gewesen. Tönnis verehrte auf der ganzen Welt
kein lebendes Wesen so sehr, wie sein theures Fräulein. Was er dem
Fräulein nur an den Augen absehen konnte, das that er ungeheißen, und er
wäre ohne Zagen durch Feuer und Wasser gegangen, wenn das Fräulein es
befohlen hätte. Als er hörte, daß das Fräulein sich mit einem Wittwer
vermählen würde, erschrack er so heftig, daß er verzweifeln wollte;
mehrere Tage nahm er keine Nahrung zu sich, noch kam Nachts Schlaf in
sein Auge. Er ging umher wie eine wandelnde Leiche, und Alle glaubten,
daß er schwer krank sei. Als Tönnis den Bräutigam zum erstenmal gesehen
hatte, war ihm dieser Anblick wie ein schneidendes Schwert durchs Herz
gegangen. »Mein theures Fräulein rennt in ihr Verderben,« dachte er. Er
wartete jetzt immer nur auf einen Augenblick, wo er mit dem Fräulein
sprechen könnte. Als sie nun eines Tages in den Gemüsegarten gegangen
war, trat ihr Tönnis demüthig entgegen: »Gnädiges theures Fräulein,
höret auf meine Bitte! Werdet nicht die Gattin eines Mörders, der euch
ebenso umbringen würde, wie die eilf, die ihn vor euch geheirathet
haben.« Das Fräulein erschrack, als sie diese Rede hörte, und fragte,
woher er denn wissen könne, daß die früheren Frauen dieses Herrn einen
gewaltsamen Tod gefunden. Tönnis antwortete: »Mein Herz sagte es mir,
als ich den Bräutigam zum erstenmale erblickte, und mein Herz hat mich
noch niemals betrogen.« Als das Fräulein ihren Schwestern und ihrem
Vater erzählte, was sie vernommen, gerieth der alte Herr in so heftigen
Zorn, daß er drohte, den Tönnis halb todt zu schlagen, und dann mit den
Hunden vom Hofe jagen zu lassen. Wer weiß, ob er die Drohung nicht
ausgeführt hätte, wenn die Fräulein sich nicht mit Bitten dazwischen
gelegt und sich bemüht hätten, seinen Zorn zu besänftigen. Die Fräulein
sagten: »Der Bursche hat es ja doch nicht böse gemeint, vielmehr wünscht
er uns nur Gutes.« Nach einigen Tagen ließ der alte Herr den Tönnis
rufen, schalt ihn wegen seines thörichten Geschwätzes und sagte endlich:
»Wenn du dem Fräulein noch einmal mit solchem leeren Gerede in den
Ohren liegst, so lasse ich dich wie einen tollen Hund niederschießen.«
Um seine Töchter zu beruhigen, sagte ihnen der alte Herr, daß der Tönnis
durch eine Krankheit schwachsinnig geworden sei. Gleichwohl waren im
Herzen des jüngsten Fräuleins Zweifel aufgestiegen, und sie hätte sich
gern von ihrem Bräutigam losgemacht, wenn sich nur irgend eine
Möglichkeit gezeigt hätte. Aber Vater und Schwestern widersetzten sich
diesem Vorhaben einmüthig, indem sie sagten: »Stoße dein Glück nicht
leichtsinnig von dir. Du wirst eines reichen Mannes Frau, wirst dort ein
Leben haben wie im Himmel, und auch uns helfen können.« Je näher der
Hochzeitstag heranrückte, desto schwerer wurde dem Fräulein das Herz,
ihr schmeckte kein Essen mehr und kein Schlaf kam Nachts in ihr Auge.
Endlich ließ sie eines Tages heimlich den Tönnis rufen, und fragte ihn,
was sie thun solle, da der alte Herr von einem Zurücktreten durchaus
nichts wissen wolle. Darauf antwortete Tönnis mit der Bitte, ihn
mitzunehmen: »So lange ich euch nahe bin,« -- sagte er, -- »soll Niemand
es wagen, Hand an euch zu legen.« Darauf bat das Fräulein ihren Vater um
Erlaubniß, den Tönnis mitzunehmen. »Meinethalben,« -- sagte der alte
Herr, -- »wenn dein Bräutigam nichts dagegen einzuwenden hat.« Der
Bräutigam verzog zwar ein wenig das Gesicht, als er den Wunsch seiner
Braut vernahm, aber da er die Braut nicht fahren lassen wollte, so mußte
er ihrem Begehren willfahren.

Der Hochzeitstag wurde im Hause des Bräutigams mit Jubel und großer
Pracht begangen, über eine Woche blieben sämmtliche Hochzeitsgäste, und
jeder mußte, als er heimkehrte, bekennen, daß er in seinem Leben noch
keine schönere Hochzeit gesehen habe. Der Schwiegervater und die
Schwägerinnen blieben noch einige Wochen länger, und führten ein Leben
wie im Himmel. Beim Abschiede hatte ihnen der Schwiegersohn noch viele
kostbare Geschenke mitgegeben, und das junge Paar war allein auf dem
stolzen Edelhofe zurückgeblieben.

Einige Wochen später sagte der Herr zu seiner Gemahlin: »Ich muß nun,
mein Herzchen, auf drei Wochen verreisen, um meine entlegeneren Güter
und Besitzungen zu besichtigen, deßhalb habe ich eine Botschaft nach dem
Hause deines Vaters abgefertigt, um eine deiner Schwestern
herzubescheiden, die dir Gesellschaft leisten soll, bis ich wiederkomme.
Die Schwester kann heute Abend oder morgen Mittag hier eintreffen.
Während meiner Abwesenheit wird hier das Ganze unter deiner Leitung
stehen, sorge dafür, daß Alles so fortgeht, wie ich es angeordnet habe.
Hier sind meine Schlüssel, vertraue sie Niemanden an; du selbst hast
überall Zutritt. Nur in diesem Kästchen hier liegt ein einzelner
goldener Schlüssel; in dasjenige Zimmer, welches er aufschließt, darfst
du deinen Fuß nicht setzen, noch auch die Thür öffnen, um hineinzusehen.
Ich bitte dich, Liebchen, hüte dich vor solchem Vorwitz, denn dein und
mein Glück würde zerstört, sobald du mein Verbot übertrittst. Solltest
du absichtlich oder von ungefähr die verbotene Kammer betreten -- und
mir würde das nicht unbekannt bleiben --, so müßte ich dir mit eigener
Hand das Haupt vom Rumpfe abschlagen.« Die Frau weigerte sich, den
unheimlichen Schlüssel in Verwahrung zu nehmen, aber der Herr ließ
nicht ab, sondern drang so lange in sie, bis sie den goldenen Schlüssel
empfing. Beim Abschiede sprach sie noch zum Schloßherrn: »Meinetwegen
kannst du unbesorgt sein, ich will deine Geheimnisse nicht sehen, wenn
du sie mir nicht selbst zeigen magst.«

Am Tage nach der Abreise des Herrn traf die mittlere Schwester ein, um
der jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Die Schwestern unterhielten
sich, und scherzten mit einander, und manches Mal kam auch die Rede
darauf, daß des Tönnis böse Ahnung ihnen ganz unnütze Angst eingeflößt
habe. Dennoch wurde die junge Frau wieder unruhiger, als ihr eines
Morgens gemeldet wurde, daß Tönnis in der Nacht verschwunden sei, und
Niemand wisse, wo er hingekommen. Den Abend zuvor hatte er zur Frau
gesagt: »Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich euretwegen in schwerer
Sorge bin, es könne euch irgend ein Unglück zustoßen. Jede Nacht träume
ich von euch, wie wenn ein böser Mensch hinter euch steht, der euch das
Garaus machen will. Und des Morgens weckt mich gewöhnlich ein häßlicher
Traum, wo ihr mit blutigem Kopfe vor meinem Bette steht.« Die Frau hatte
sich jeder Besorgniß vor diesen Träumen als einer leeren Furcht zu
erwehren gesucht, aber als sie des Burschen Verschwinden erfuhr, fiel
ihr dessen Rede von gestern Abend doch schwer auf's Herz. Sie schickte
Leute nach allen Richtungen aus, um ihn aufzusuchen; die Leute kehrten
am Abend zurück, aber keiner von ihnen hatte eine Spur des
Verschwundenen gefunden. Der Frau kam es vor, als wäre mit Tönnis ihr
bester Beschützer und ihr treuester Freund von ihr geschieden. Wiewohl
das Fräulein sich auf alle Weise bemühte, den Kummer der Schwester zu
mildern, so fand die arme Frau doch keinen Trost.

Eines Tages wollte sie ihrer Schwester alle Räume und Schatzkammern des
Schlosses zeigen, sie gingen von einem Gemach zum andern, musterten
Alles, und befriedigten ihre Schaulust. Zuletzt kamen sie auch vor die
Thür, welche der goldene Schlüssel öffnete, allein das war die Kammer,
welche die Frau nicht betreten durfte --sollte sie doch nicht einmal an
der Schwelle nach den Geheimnissen dieser Kammer spähen. Das Fräulein
hatte große Lust, sich diese geheimnißvolle Kammer anzusehen, und bat
ihre Schwester, die Thür aufzuschließen. Die Frau mochte wohl kein
geringeres Verlangen danach empfinden, allein sie rief sich das Verbot
ihres Gemahls in's Gedächtniß zurück, und sagte, es sei ihr nicht
erlaubt, diese Kammer zu betreten. Die Schwester spottete ihrer Furcht:
»Schlüssel und Schloß« -- meinte sie -- »haben keine Zunge, mit der sie
dem Herrn verrathen könnten, daß sich Jemand ihrer bedient hat. Was kann
hier auch weiter versteckt sein, als allerlei Kostbarkeiten, die er dir,
wer weiß aus welcher Laune, nicht zeigen will. Wenn die Männer aus Laune
vor ihren Frauen etwas verbergen, so dürfen auch die Frauen aus Laune
dem Verbote der Männer zuwider handeln. Wenn du dich fürchtest zu
öffnen, so gieb mir den Schlüssel, ich werde dir die Thür aufschließen.«
Obwohl die Frau sich mit dem Munde noch gegen das Verlangen der
Schwester sträubte, so war sie doch im Herzen schon längst eines Sinnes
mit ihr. Sie nahm den Schlüssel aus dem Kästchen und steckte ihn in's
Schloß. Noch ehe sie Zeit gehabt hatte, den Schlüssel im Schlosse
umzudrehen, sprang die Thür mit großem Geräusch auf, wobei Zauberkünste
im Spiele gewesen sein mußten. Aber wer vermöchte das Entsetzen zu
beschreiben, welches jetzt die Beiden überfiel, als ihr Blick über die
Schwelle in das Innere der geheimnißvollen Kammer drang. In der Mitte
derselben stand ein Eichenblock, und auf diesem lag ein breites Beil;
der ganze Fußboden war mit geronnenem Blute bedeckt! Was aber das
Gräßlichste war, und den letzten Blutstropfen in ihren Herzen erstarren
machte: hinten an der Wand standen in einer Reihe auf einem langen
Tische die blutigen Köpfe der früheren eilf Frauen! Diese unglücklichen
Geschöpfe hatten alle in dieser Mordkammer den Tod gefunden
--wahrscheinlich weil auch sie in ihrem Vorwitze des Mannes Verbot
übertreten hatten.

Derselbe gräßliche Tod drohte auch jetzt der zwölften Frau, denn sie
sagte sich sogleich, daß der teuflische Mann, der die andern umgebracht
habe, ihr auch keine Barmherzigkeit schenken werde. Schon sah sie ihren
Hals auf dem blutigen Blocke, fühlte die Schneide des Beils in ihrem
Nacken, als sie voll Entsetzen über die Schwelle zurückschwankte. Den
Schlüssel hatte sie beim Einstecken auf den Boden fallen lassen; als sie
ihn jetzt aufhob, fand sie blutige Rostflecken daran, die kein Wischen
und kein Scheuern vertilgen konnte. Als sie dann versuchten, die Thür
zuzuschließen, fanden sie es unmöglich; die Thür klaffte eine Hand breit
auseinander, als ob zwischen Thür und Pfosten ein unsichtbarer Keil sich
befände. Jetzt fehlte es nicht an Jammer und Reue, aber was konnte es
fruchten? Zum Glück hatten sie noch eine Woche bis zur Rückkehr des
Herrn, während dieser Frist wollten sie auf Mittel sinnen, die Sache wo
möglich wieder gut zu machen.

Schlaflos verging den Schwestern die Nacht; so oft ihnen die Augen
zufielen, stand gleich der blutige Block mit dem Beile wieder vor ihnen,
und scheuchte allen Schlummer. Am Morgen trat die Kammerjungfer bei der
Frau ein und meldete, der Herr halte schon vor der Pforte. Die Frau
erbebte am ganzen Leibe, und war unfähig, sich von ihrem Sitze zu
erheben. Kaum war der Herr vom Pferde gestiegen, so fragte er nach der
Frau, und ging rasch die Treppe hinauf. Als er in's Zimmer trat,
brannten seine Augen wie zwei Feuer; die vor Angst erbleichende Frau
wollte aufstehen, sank aber wieder auf ihren Stuhl zurück. Der Herr sah
augenblicklich, was hier vorgegangen war, und fragte, wo der goldene
Schlüssel sei. Mit zitternder Hand zog die Frau das Kästchen aus ihrer
Tasche, und überreichte es dem Herrn, der beim Oeffnen sogleich die
Rostflecke am Schlüssel fand. Da schwoll sein Gesicht blauroth an, und
seine Augen rollten wie Feuerräder, so daß die Frau ihn nicht ansehen
konnte. »Ruchloses Geschöpf!« -- schrie er mit fürchterlicher Stimme --
»du mußt ohne Gnade von meiner Hand sterben, weil du mein Gebot
übertreten hast. Gott im Himmel mag dir vergeben, ich kann deinen
Vorwitz nicht ungestraft lassen. Hatte ich dir doch das Regiment und
alle meine Habe anvertraut, und du hast mich betrogen! Mit den
Reichthümern, die ich dir gegeben, konntest du wie eine Königin in Glück
und Freude leben! Warum hast du mein Gebot übertreten?! Bereite dich
zum Tode, denn deine Tage sind zu Ende!«

Die Frau versuchte einige Worte zu ihrer Entschuldigung vorzubringen,
aber der Herr tobte noch ärger: »Bereite dich zum Tode, denn deine
Augenblicke sind gezählt!« Die Schwester der Frau hatte sich gleich, als
der Lärm begann, geflüchtet, und wagte nicht mehr sich zu zeigen, denn
sie war bange, sich ebenfalls den Tod zuzuziehen. Die Frau fiel vor dem
Herrn auf die Knie, betete zu Gott, und versuchte dazwischen wieder
ihres Gatten Herz zu erweichen.

»Des Geschwätzes ist genug!« schrie der Herr. »Lege deinen Kopf auf den
Block!« Als die Frau diesem Befehle nicht gleich Folge leistete,
schleppte er sie bei den Haaren an den Block, drückte mit der linken
Hand den Kopf nieder und ergriff mit der rechten das Beil, um sie zu
tödten.

Aber in demselben Augenblicke, wo er das Beil emporhob, fiel von hinten
ein schwerer Knüttel auf seinen Kopf, so daß ihm das Beil aus der Hand
fiel, und er selbst hinstürzte. In seiner Wuth hatte der Mörder nicht
bemerkt, daß ein Mann mit einem Knüttel hinter ihm her schritt, als er
die Frau in die Mordkammer schleppte. Dieser Mann war Tönnis. Die Frau
war vor Angst und Schrecken in Ohnmacht gefallen, so daß sie nichts mehr
von dem wußte, was um sie her vorging. Tönnis band dem Herrn Hände und
Füße mit starken Stricken, und als derselbe sich wieder von seiner
Betäubung erholte, konnte er sich nicht mehr los machen, und Niemanden
Böses zufügen. Dann eilte Tönnis der ohnmächtigen Frau zu Hülfe, die
erst nach einigen Stunden aus ihrer Ohnmacht erwachte.

Jetzt setzte man das Gericht in Kenntniß, und schickte sogleich eine
Botschaft an den Vater der Frau, daß er her käme. Die Untersuchung
brachte an den Tag, daß der Mörder eilf Frauen umgebracht hatte, und
auch die letzte gemordet haben würde, wenn Tönnis nicht zu Hülfe
gekommen wäre; der Mörder wurde deshalb vor das peinliche Gericht
gestellt, und zum Tode verurtheilt. Da er keine näheren Verwandten
hatte, denen ein Erbrecht zustand, so wurden alle Edelhöfe und
Besitzungen der Wittwe zugesprochen; nur ein Theil des Vermögens wurde
unter die Armen vertheilt.

Bei der reichen Wittwe meldeten sich Freier von allen Seiten, aber sie
heirathete keinen derselben, sondern nahm nach einem Jahre den Tönnis
zum Gemahl, und Beide führten ein glückliches Leben bis an ihr Ende.



21. Der herzhafte Riegenaufseher.[84]


Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele
seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche« selber gerühmt,
ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht
vorgekommen. Der Alte ging deßhalb häufig an den Abenden, wo die
Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter
angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte
Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für
einen einfachen Bauer, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er
sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten
Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal über's Ohr zu hauen. Als der alte
Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er
Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe,
fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite,
Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein
Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und
blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher
rieth ihm, um ältere Mädchen oder Wittwen zu freien, die viel eher kirre
zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden. Nach
einigen Wochen heirathete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes
Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum
Riegenaufseher, ihm seine Noth zu klagen, daß die junge Frau voller
Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht noch bei Tage Ruhe, sondern
quäle ihn ohne Unterlaß. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der
Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal
ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte
Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und
jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher
suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch
einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten
Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das
Joch eines Weibes zu legen.

Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte,
machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher
merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte
aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache
herauskäme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im
Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Wittwe gemacht,
die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals
Freiersgedanken aufstiegen. Er heirathete sie auch, fand aber später,
daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm
gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem
Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte. Der
Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst,
denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.«
Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch
eine Weile über Weiber und Heirathen geplaudert hatten, sagte der alte
Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir
getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu
machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine
Herzhaftigkeit bessern Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen
Weibes. Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge?
dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu
Theil geworden ist, weil eben noch keiner Muth genug hatte, ihn zu
heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts
weiter nöthig ist, als Muth, so habe ich den Schatz schon so gut wie in
der Tasche!« Darauf theilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in
künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um
den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß
nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen,
oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst
du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben
einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten. Wenn du
mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauerhof und laß die
Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört --
Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir
dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte
dich vor aller Furcht.«

Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher
auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so
kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf
Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten
Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirth, was das für alte
Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten,
wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe. Ein alter
Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden
Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher
Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk
gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine
Unterthanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut derselben hatte er
unermeßlichen Reichthum zusammengescharrt, so daß Gold und Silber
fuderweise von allen Seiten her auf's Schloß kam, wo es in tiefen
Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der
reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die
Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem
Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man
vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher,
die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den
Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er
für seine Frevel büßen müsse. -- Als später auf die Nachricht von dem
Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen
Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopek Geld vor.
Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht;
allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch
auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein
Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem
Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und
die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen. Das seltsame
nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich
Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von
den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie
geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte.
Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, -- darum getraute
sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach
und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig
blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile
in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen
zu suchen.« --So sprach der alte Bauer.

Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie
halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht
künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und betheuerten
einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der
Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben.
Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen,
und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne
Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war
entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am
Abend von dem Schenkwirth ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu
bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten
Schloßruinen.

Einer der Bauern, der etwas mehr Muth zu haben schien als die Andern,
ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer
voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem
Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen
ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das
Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an
sein Ohr, konnte aber sein tapferes Herz nicht schrecken. Sobald er im
Stande war, unter dem Schutze des Mauerwerks Feuer zu machen, zündete er
einen Span an, und spähte nach einer Thür oder einer Oeffnung umher,
durch die er unter die Erde hinabsteigen könnte. Nachdem er eine Weile
vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch,
welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine
Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort,
daß er hineinkriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war,
fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er
aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen
brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam
endlich an eine eiserne Thür, die nicht verschlossen war. Er stieß die
schwere Thür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze
Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Thür und zur Treppe
hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des
Geldes erwürgt, stieß die Thür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und
sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an
dessen Wänden überall Thüren angebracht waren; er zählte deren zwölf,
und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist
doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangsthür
bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht
aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Thür
stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Thür sprang auf. Als
der Riegenaufseher hineintrat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe,
welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der andern
Wand einen Ofen und vor demselben einen Herd enthielt; neben dem Herde
lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah
beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl
auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!«
rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrath, Wasser
habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe
kochen.« Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, that Mehl und Wasser
hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte
die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den
Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er
keinen Span anzuzünden brauchte. Der muthige Riegenaufseher setzte sich
nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe
den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die
schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte
nicht begreifen, wie das Thier dahin gekommen sei, da er doch mit
eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt
war. Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Thür gethan, so daß
Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Muth
nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe
hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Thür weit auf, die
schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Thür, wobei
ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon
gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und
mit feuerrothen Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle
im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern,
und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten
Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die
Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem andern zur
Thür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte
an der Thür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte
sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe. Als er satt
war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und
erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher
hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu
erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an,
sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der muthige Riegenaufseher
hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den
Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber
dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und
schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir,
Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und
Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohlthat will
ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht
vergessen sollst. -- Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde
eine derselben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Thür fest zu,
damit die wüthige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen
würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr
Schaden zufügen kann.«

Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite
einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, daß der Stein
den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die
Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der
brennenden Pechfackel auf dem Fuße, bis sie in eine schauerliche tiefe
Höhle gelangten.

In dieser großen kellerartig gewölbten Höhle lag ein gewaltiger
Geldhaufe, so hoch wie der größte Heuschober, halb Silber, halb Gold.
Das alte Männchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll
Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen geräucherten Schinken und ein
Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: »Ich gebe dir drei
Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zählen und zu sondern. Du mußt den
Haufen in zwei Theile theilen, so daß beide ganz gleich werden und kein
Rest bleibt. Während du mit dieser Theilung dich beschäftigst, will ich
mich an der Wand schlafen legen, aber hüte dich, daß du dabei nicht das
geringste Versehen machst, sonst erwürge ich dich.« Der Riegenaufseher
machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder.
Damit kein Versehen vorkommen könne, theilte der Riegenaufseher so, daß
er immer zwei gleichartige Geldstücke nahm, es mochten Thaler oder
Rubel, Gold- oder Silbermünzen sein; das eine Geldstück legte er dann
links und das andere rechts, so daß zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die
Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus
der Flasche, genoß etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neugestärkt
seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf
gönnte, um die Arbeit rasch zu fördern, wurde er schon am Abend des
zweiten Tages mit der Theilung fertig, aber ein kleines Silberstück war
übrig geblieben. Was jetzt thun? Das machte dem braven Riegenaufseher
keine Noth, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf
die Mitte des Geldstücks, und schlug dann mit einem Steine so kräftig
auf des Messers Rücken, daß das Geldstück in zwei Hälften gespalten
wurde. Die eine Hälfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die
andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn
ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen. Als der Alte die beiden
Hälften des übrig gebliebenen Geldstücks je rechts und links erblickte,
fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals,
streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: »Tausend und aber
tausend Dank dir, kühner Jüngling, der du mich aus meiner langen, langen
Gefangenschaft erlöst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen
Schatz hier bewachen müssen, weil sich kein Mensch fand, der Muth oder
Verstand genug hatte, das Geld so zu theilen, daß Nichts übrig blieb.
Ich mußte deshalb, einem eidlichen Gelöbnisse zufolge, Einen nach dem
Andern erwürgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten
zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht
verstreichen ließ, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glückskind!
war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung
schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft fürchten mußte. Dank,
tausend Dank dir für deine Wohlthat! Den einen Geldhaufen bekommst du
jetzt zum Lohn für deine Mühe, den andern aber mußt du unter die Armen
vertheilen, zur Sühne für meine schweren Sünden; denn ich war, als ich
auf Erden lebte und diesen Schatz anhäufte, ein großer Frevler und
Bösewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu
vollbringen. Wenn du wieder hinaufgehst, und die große schwarze Katze
dir auf der Treppe entgegenkommt, dann packe sie und hänge sie auf. Hier
ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder herausziehen soll.«
Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke
eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und
verschwand, als wäre er in den Boden gesunken. Aber in demselben
Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Füßen des
Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her
herrschte tiefe Finsterniß, allein auch dieses unerwartete Ereigniß
machte ihn nicht muthlos. Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die
Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo
er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war längst
ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme
anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten
schlief die große schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am
Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken
eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.

Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemäuer heraus, und nahm den
nächsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirth
sah, daß der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und
sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: »Besorge
mir für gute Bezahlung ein paar Dutzend Säcke von Tonnengehalt und
miethe Pferde, damit ich meinen Schatz wegführen kann.« Daran merkte
der Schenkwirth, daß des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und
erfüllte sogleich des reichen Mannes Verlangen. Als darauf der
Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was für Gebiete vor Alters
unter der Herrschaft des damaligen Schloßbesitzers gestanden hatten,
wies er den dritten Theil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten
zu, übergab die beiden andern Drittel dem Gericht zur Vertheilung und
siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn
Niemand kannte. Dort müssen noch heutigen Tags seine Verwandten als
reiche Leute leben, und die Kühnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen
Schatz errungen hatte.

[Fußnote 84: Riege ist baltischer Provinzialismus für Scheune, Dörr-
und Dresch-Scheune. Die (steinerne) Gutsriege enthält auch Kornkammern,
Flachsspeicher, Branntweinkeller. L.]



22. Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs.


Es war einmal ein König, der seine Unterthanen milde und liebreich
regierte, so daß Niemand im Königreiche war, der ihn nicht gesegnet, und
den himmlischen Vater um die Verlängerung seiner Lebenstage angefleht
hätte.

Der König lebte schon manches Jahr in glücklicher Ehe, aber kein Kind
war den Ehegatten geschenkt worden. Groß war daher seine und sämmtlicher
Unterthanen Freude, als die Königin ein Söhnlein zur Welt brachte, aber
die Mutter sollte dieses Glück nicht lange genießen. Drei Tage nach des
Sohnes Geburt schlossen sich ihre Augen für immer -- der Sohn war Waise,
und der König Wittwer. Schweren Kummer empfand der König über den Tod
seiner theuren Gemahlin, und mit ihm trauerten die Unterthanen; man sah
nirgends mehr ein fröhliches Antlitz. Zwar nahm der König, auf Andringen
seiner Unterthanen, drei Jahre später eine andere Gemahlin, aber bei der
neuen Wahl war ihm das Glück nicht wieder günstig: ein Täubchen hatte er
begraben, und einen Habicht dafür bekommen; es geht leider vielen
Wittwern so. Die junge Frau war ein böses, hartherziges Weib, das weder
dem Könige noch den Unterthanen Gutes erwies. Den Sohn der vorigen
Königin konnte sie nicht vor Augen leiden, da sie besorgen mußte, die
Regierung werde an diesen Stiefsohn fallen, den die Unterthanen um
seiner hingeschiedenen Mutter willen liebten. Die tückische Königin
faßte darum den bösen Vorsatz, das Knäblein heimlich an einen Ort zu
schaffen, wo der König es nicht wiederfinden könne; es umzubringen, dazu
hatte sie nicht den Muth. Ein nichtswürdiges altes Weib half für gute
Bezahlung der Königin die böse That auszuführen. Bei nächtlicher Weile
wurde das Kind dem gottlosen Weibe überliefert, und von diesem auf
Schleichwegen weit weg gebracht, und armen Leuten als Pflegkind
übergeben. Unterwegs zog die Alte dem Kinde seine guten Kleider aus, und
hüllte es in Lumpen, damit Niemand den Betrug merke. Der Königin hatte
sie mit einem schweren Eide gelobt, keinem Menschen den Ort zu nennen,
wohin der Königssohn geschafft worden. Am Tage wagte die Kindesdiebin
nicht zu wandern, weil sie Verfolgung fürchtete; darum dauerte es lange,
bis sie einen verborgenen Ort fand, der sich zum Aufenthalte für das
königliche Kind eignete. In ein einsames Waldgehöft, das fremder
Menschen Fuß selten betreten hatte, wurde der gestohlene Königssohn als
Pflegling gethan, und der Wirth erhielt für das Aufziehen des Kindes die
Summe von hundert Rubeln. Es war ein Glück für den Königssohn, daß er zu
guten Menschen gekommen war, die für ihn sorgten, als wäre er ihr
leibliches Kind. Der muntere Knabe machte ihnen oft Spaß, besonders
wenn er sich einen Königssohn nannte. Sie sahen wohl aus der reichlichen
Bezahlung, die sie erhalten hatten, daß das Knäblein kein rechtmäßiger
Sprößling sei, und vom Vater oder von der Mutter her vornehmer Abkunft
sein mochte, allein so hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht, daß sie
für wahr gehalten hätten, wessen das Kind in seinem einfältigen Sinne
sich rühmte.

Man kann sich leicht vorstellen, wie groß der Schrecken im Hause des
Königs war an dem Morgen, wo man entdeckte, daß das Söhnchen in der
Nacht gestohlen war, und zwar auf so wunderbare Weise, daß Niemand es
gehört hatte, und daß nicht die leiseste Spur des Diebes zurückgeblieben
war. Der König weinte Tage lang bitterlich um den Sohn, den er im
Andenken an dessen Mutter um so zärtlicher liebte, je weniger er mit
seiner neuen Gemahlin glücklich war. Zwar wurden lange Zeit hindurch
aller Orten Nachforschungen angestellt, um dem verschwundenen Kinde auf
die Spur zu kommen, auch wurde Jedem eine große Belohnung verheißen, der
irgend eine Auskunft darüber geben könnte, aber Alles blieb vergeblich,
das Knäblein schien wie weggeblasen. Kein Mensch konnte das Geheimniß
aufklären, und Manche glaubten, das Kind sei durch einen bösen Geist
oder durch Hexerei entführt. In das einsame Waldgehöft, wo der
Königssohn lebte, hatte keiner der Suchenden seine Schritte gelenkt, und
ebensowenig konnten die Bekanntmachungen dahin dringen. -- Während nun
der Königssohn daheim als Todter beweint wurde, wuchs er im stillen
Walde auf und gedieh fröhlich, bis er in das Alter trat, daß er schon
Geschäfte besorgen konnte. Da legte er denn eine wunderbare Klugheit an
den Tag, so daß seine Pflegeeltern sich oft genug gestehen mußten, daß
hier das Ei viel klüger sei als die Henne.

Der Königssohn hatte schon über zehn Jahre in dem Waldgehöfte gelebt,
als er ein Verlangen empfand, unter die Leute zu kommen. Er bat seine
Pflegeeltern um Erlaubniß, sich auf eigene Hand sein Brot zu verdienen,
indem er sagte: »Ich habe Verstand und Kraft genug, um mich ohne eure
Hülfe zu ernähren. Bei dem einsamen Leben hier wird mir die Zeit sehr
lang.« Die Pflegeeltern sträubten sich anfangs sehr dagegen, mußten aber
endlich nachgeben, und den Wunsch des jungen Burschen erfüllen. Der
Wirth ging selbst mit, um ihn zu begleiten, und eine passende Stelle für
ihn ausfindig zu machen. In einem Dorfe fand er einen wohlhabenden
Bauerwirth, der einen Hüterknaben brauchte, und da sich der Pflegesohn
gerade einen solchen Dienst wünschte, so wurde man bald einig. Der
Vertrag lautete auf ein Jahr, allein es wurde ausdrücklich bedungen, daß
es dem Knaben zu jeder Zeit gestattet sein solle, den Dienst zu
verlassen und zu seinen Pflegeeltern zurückzukehren. Ebenso konnte der
Wirth, wenn er mit dem Knaben nicht zufrieden war, ihn noch vor Ablauf
des Jahres entlassen, jedoch nicht ohne Vorwissen der Pflegeeltern. Das
Dorf, wo der Königssohn diesen Dienst gefunden hatte, lag unweit einer
großen Landstraße, auf welcher täglich viele Menschen vorbeikamen, Hohe
wie Niedere. Der königliche Hüterknabe saß häufig dicht an der
Landstraße, und unterhielt sich mit den Vorübergehenden, von denen er
Manches erfuhr, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Da geschah
es eines Tages, daß ein alter Mann mit grauen Haaren und langem weißen
Barte des Weges kam, als der Königssohn auf einem Steine sitzend die
Maultrommel schlug; die Thiere grasten indeß, und wenn eines derselben
sich zu weit von den übrigen entfernen wollte, so trieb des Knaben Hund
es zurück. Der Alte betrachtete ein Weilchen den Knaben und seine Herde,
trat dann einige Schritte näher und sagte: »Du scheinst mir nicht zum
Hüterknaben geboren zu sein.« Der Knabe erwiederte: »Mag sein, ich weiß
nur soviel, daß ich zum Herrscher geboren bin, und hier vorerst das
Geschäft des Herrschens erlerne. Geht es mit den Vierfüßlern gut, so
versuche ich weiterhin mein Glück auch wohl mit den Zweifüßlern.« Der
Alte schüttelte wie verwundert den Kopf und ging seiner Wege. Ein
anderes Mal fuhr eine prächtige Kutsche vorbei, in der ein Frauenzimmer
mit zwei Kindern saß: auf dem Bocke der Kutscher und hinten auf ein
Lakai. Der Königssohn hatte gerade ein Körbchen mit frischgepflückten
Erdbeeren in der Hand, welches der stolzen deutschen Frau in die Augen
fiel, und ihren Appetit reizte. Sie befahl dem Kutscher zu halten, und
rief gebieterisch zum Kutschenfenster hinaus: »Du Rotzlöffel! bring die
Beeren her, ich will dir ein paar Kopeken zu Weißbrot dafür geben!« Der
königliche Hüterknabe that, als ob er nichts hörte, und auch nicht
glaubte, daß ihm der Befehl gelte, so daß die Frau ein zweites und ein
drittes Mal rufen mußte, was aber auch nur in den Wind gesprochen war.
Da rief sie dem Lakaien hinter der Kutsche zu: »Geh und ohrfeige diesen
Rotzlöffel, damit er gehorcht.« Der Lakai stürzte hin, um den
erhaltenen Befehl auszuführen. Noch ehe er ankam, war der Hüterknabe
aufgesprungen, hatte einen tüchtigen Knüppel ergriffen, und schrie dem
Lakai zu: »Wenn dich nicht nach einem blutigen Kopf gelüstet, so thue
keinen Schritt weiter, oder ich zerschlage dir das Gesicht!« Der Lakai
ging zurück, und meldete, was ihm begegnet war. Da rief die Dame zornig:
»Schlingel! willst du dich vor dem Rotzlöffel von Jungen fürchten? Geh
und nimm ihm den Korb mit Gewalt weg, ich will ihm zeigen, wer ich bin,
und werde auch noch seine Eltern bestrafen lassen, die ihn nicht besser
zu erziehen verstanden.« -- »Hoho!« rief der Hüterknabe, der den Befehl
gehört hatte, »so lange noch Leben in meinen Gliedern sich regt, soll
Niemand mir mit Gewalt nehmen, was mein rechtmäßiges Eigenthum ist. Ich
stampfe Jeden zu Brei, der mir meine Erdbeeren rauben will!« So
sprechend spuckte er in die Hand, und schwang den Knüppel um den Kopf,
daß es sauste. Als der Lakai das sah, hatte er nicht die geringste Lust,
die Sache zu probiren; die Frau aber fuhr unter schweren Drohungen
davon, versichernd, daß sie diesen Schimpf nicht ungeahndet lassen
werde. Andere Hüterknaben, welche den Vorfall von Weitem mit angesehen
und angehört hatten, erzählten ihn am Abend ihren Hausgenossen. Da
geriethen Alle in Furcht, daß man auch ihnen zu nahe thun könnte, wenn
die vornehme Frau sich vor Gericht über die thörichte Widerspenstigkeit
des Burschen beklagte, und es zur Untersuchung käme. Den Königssohn
schalt sein Wirth und sagte: »Ich werde nicht für dich sprechen; was du
dir eingebrockt hast, kannst du auch ausessen.« Der Königssohn
erwiederte: »Damit will ich schon zurecht kommen, das ist meine Sache.
Gott hat mir selber einen Mund in den Kopf, und eine Zunge in den Mund
gesetzt, ich kann selber für mich sprechen, wenn es noth thut, und werde
euch nicht bitten, mein Fürsprecher zu sein. Hätte die Frau auf
geziemende Weise die Erdbeeren verlangt, ich hätte sie ihr gegeben, aber
wie durfte sie mich Rotzlöffel schimpfen? Meine Nase ist noch immer eben
so rein von Rotz gewesen wie die ihrige.«

Die Frau war in die Stadt des Königs gefahren, wo sie nichts Eiligeres
zu thun hatte, als sich bei Gericht über das unverschämte Benehmen des
Hüterknaben zu beschweren. Man schritt auch ungesäumt zur Untersuchung,
und es wurde Befehl gegeben, das Bürschlein sammt seinem Wirthe vor's
Gericht zu bringen. Als die Gerichtsdiener in's Dorf kamen, um den
Befehl auszuführen, sagte der Königssohn: »Mein Wirth hat mit dieser
Sache nichts zu schaffen; was ich gethan habe, das muß ich auch
verantworten.« Jetzt wollte man ihm die Hände auf den Rücken binden, und
ihn als Gefangenen vor Gericht führen, aber er zog ein scharfes Messer
aus der Tasche, trat rasch einige Schritte zurück, richtete die Spitze
des Messers auf sein Herz, und rief aus: »Lebend soll mich Niemand
binden! Ehe eure Hand mich bindet, stoße ich mir das Messer in's Herz!
Meinen Leichnam mögt ihr dann binden, und damit machen, was ihr wollt;
so lange ich noch Athem habe, soll kein Mensch mir einen Strick oder
eine Fessel anlegen! Vor Gericht will ich gern erscheinen, und Auskunft
geben, als Gefangenen lasse ich mich nicht fortführen.« Seine Kühnheit
setzte die Gerichtsdiener dermaßen in Schrecken, daß sie nicht wagten,
ihm nahe zu kommen; sie fürchteten, es möchte ihnen zur Last fallen,
wenn der Knabe in seinem Trotze sich umbrächte. Und da er ihnen
gutwillig folgen wollte, so mußten sie sich zufrieden geben. Unterwegs
wunderten sich die Gerichtsdiener täglich mehr über den Verstand und die
Klugheit ihres Gefangenen, denn dieser wußte in allen Dingen besser
Bescheid als sie selber. Noch viel größer war die Verwunderung der
Richter, als sie den Hergang der Sache aus dem Munde des Knaben
vernahmen; er sprach so klar und bündig, daß man ihm Recht geben und ihn
von aller Schuld frei sprechen mußte. Auch der König, an den sich die
vornehme Frau jetzt wandte, und der sich auf ihre Bitten die ganze Sache
auseinander setzen ließ, mußte den Richtern beistimmen, und den Burschen
straflos lassen. Jetzt wollte die vornehme Frau bersten vor Zorn, sie
geberdete sich wie eine Katze, die wüthend auf einen Hund schnaubt, so
ein Rotzlöffel von Bauerjungen sollte ihr gegenüber Recht behalten! Sie
klagte ihre Noth der Königin, von der sie wußte, daß sie ungleich härter
war als der König. »Mein Gemahl,« sagte die Königin, »ist eine alte
Nachtmütze, und seine Richter sind all' zusammen Schafsköpfe! Schade,
daß ihr eure Sache vor Gericht brachtet, und nicht lieber gleich zu mir
kamt; ich hätte euren Handel anders geschlichtet und euch Recht gegeben.
Jetzt, da die Sache durchs Gericht entschieden und vom Könige bestätigt
ist, bin ich nicht mehr im Stande, der Sache öffentlich eine bessere
Wendung zu geben, aber wir müssen sehen, wie wir ohne Aufsehen über den
Burschen eine Züchtigung verhängen können.« Da fiel es der Frau zur
rechten Zeit ein, daß auf ihrem Gebiete eine sehr böse Bauerwirthin
angesessen war, bei der kein Knecht mehr bleiben wollte; auch gab der
Wirth selber zu, daß es bei ihnen ärger hergehe als in der Hölle. Wenn
man das naseweise Bürschlein auf diesen Hof als Hüterknaben geben
könnte, so würde ihm das gewiß eine schwerere Züchtigung sein, als
irgend ein Richterspruch ihm zuerkennen könnte. »Ich will die Sache
gleich so einrichten, wie ihr wünscht,« sagte die Königin, ließ einen
zuverlässigen Diener rufen, und gab ihm an, was er zu thun habe. Hätte
ihre Seele geahndet, daß der Hüterknabe der von ihr verstoßene
Königssohn sei, so hätte sie ihn ohne weiteres tödten lassen, ohne sich
um König oder Richterspruch zu kümmern.

Der Bauerwirth hatte kaum den Befehl der Königin erhalten, als er auch
den Hüterknaben seines Dienstes entließ. Er dankte seinem Glücke, daß er
noch so leichten Kaufes davon gekommen war. Der Königin Diener führte
nun den Burschen selber auf den Bauerhof, auf welchen sie ihn wider
seinen Willen verdungen hatte. Die tückische Wirthin jauchzte auf vor
Freude, daß die Königin ihr einen Hüterknaben geschafft, und ihr
zugleich frei gestellt hatte, mit ihm zu machen was sie wollte, weil das
Bürschlein sehr halsstarrig und in Gutem nicht zu lenken sei. Sie kannte
des neuen Mühlsteins Härte noch nicht, und hoffte, in ihrer alten Weise
mit ihm zu mahlen. Bald aber sollte das höllische Weib inne werden, daß
ihr dieser Zaun denn doch zu hoch war, um hinüber zu kommen, sintemal
das Bürschlein einen gar zähen Sinn hatte, und kein Haar breit von
seinem Rechte vergab. Wenn ihm die Wirthin ohne Grund ein böses Wort
gab, so erhielt sie deren gleich ein Dutzend zurück; wenn sie die Hand
gegen den Knaben aufhob, so raffte dieser einen Stein oder ein
Holzscheit, oder was ihm gerade zur Hand war, auf und rief: »Wage es
nicht, einen Schritt näher zu kommen, oder ich schlage dir das Gesicht
entzwei, und stampfe deinen Leib zu Brei!« Solche Reden hatte die
Hausfrau in ihrem Leben noch von Niemanden, am wenigsten aber von ihren
Knechten gehört; der Wirth aber freute sich im Stillen, wenn er ihren
Hader mit anhörte, und stand auch seiner Frau nicht bei, da der Knabe
seine Pflicht nicht versäumte. Die Wirthin suchte nun den Hüterknaben
durch Hunger zu zähmen, und weigerte ihm die Nahrung, aber der Knabe
nahm das Laib mit Gewalt, wo er es fand, und melkte sich dazu Milch von
der Kuh, so daß sein Magen kein Nagen des Hungers verspürte. Je weniger
die Wirthin mit dem Hüterknaben fertig werden konnte, desto mehr suchte
sie ihr Müthchen am Manne und dem Gesinde zu kühlen. Als der Königssohn
sich dieses heillose Leben, das einen Tag wie den andern war, einige
Wochen lang mit angesehen hatte, beschloß er, der Wirthin alle ihre
Schlechtigkeit heimzuzahlen, und zwar in der Weise, daß die Welt den
Drachen gänzlich los würde. Um seinen Vorsatz auszuführen, fing er ein
Dutzend Wölfe ein, und sperrte sie in eine Höhle, wo er ihnen alle Tage
ein Thier von seiner Herde vorwarf, damit sie nicht verhungerten. Wer
vermöchte der Wirthin Wuth zu beschreiben, als sie ihr Eigenthum dahin
schwinden sah, denn der Knabe brachte alle Abende ein Stück Vieh weniger
nach Hause, als er am Morgen auf die Weide getrieben hatte, und
antwortete auf alle Fragen nichts weiter als: »Die Wölfe haben's
zerrissen!« Die Wirthin schrie wie eine Rasende, und drohte, das
Bürschlein den wilden Thieren zum Fraß vorzuwerfen, aber der Knabe
entgegnete lachend: »Da wird ihnen dein wüthiges Fleisch besser munden!«
Darauf ließ er seine Wölfe in der Höhle drei Tage lang ohne Futter,
trieb dann in der Nacht, als Alles schlief, die Herde aus dem Stalle und
statt derselben die zwölf Wölfe hinein, worauf er die Thür fest
verschloß, so daß die wilden Bestien nicht heraus konnten. Als die Sache
soweit in Ordnung war, machte er sich auf die Socken, da ihm der
Hirtendienst schon längst zuwider geworden war, und er jetzt auch Kraft
genug in sich fühlte, um größere Arbeiten zu unternehmen.

O du liebe Zeit! was begab sich da am Morgen, als die Wirthin in den
Stall ging, um die Thiere herauszulassen und die Kühe zu melken. Die vom
Hunger wüthend gewordenen Wölfe sprangen auf sie los, rissen sie nieder
und verschlangen sie sammt ihren Kleidern mit Haut und Haar, so daß
nichts weiter von ihr übrig blieb, als Zunge und Herz, diese beiden
taugten nicht einmal den wilden Bestien, weil sie zu giftig waren. Weder
Wirth noch Gesinde betrübten sich über dieses Unglück, vielmehr war
Jeder dem Geschicke dankbar, das ihn von dem Höllenweibe befreit hatte.

Der Königssohn hatte einige Jahre die Welt durchstreift, und bald dies
bald jenes Gewerbe versucht, er hielt aber an keinem Orte lange aus,
weil ihn die Erinnerungen seiner Kindheit, die ihm wie lebhafte Träume
vorschwebten, stets daran mahnten, daß er durch seine Geburt einem
höheren Stande angehöre. Von Zeit zu Zeit traf er wieder mit dem alten
Manne zusammen, der ihn schon damals in's Auge gefaßt hatte, als er noch
Hüterknabe war. Als der Königssohn achtzehn Jahr alt war, trat er bei
einem Gärtner in Dienst, um die Gärtnerei zu erlernen. Gerade zu der
Zeit ereignete sich etwas, was seinem Leben eine andere Wendung geben
sollte. Die ruchlose Alte, welche ihn auf Befehl der Königin geraubt und
als Pflegkind in das Waldgehöft gebracht hatte, beichtete auf ihrem
Todbette dem Geistlichen den von ihr verübten Frevel, denn ihre unter
der Last der Sünde seufzende Seele fand nicht eher Ruhe, als bis sie die
böse That aufgedeckt hatte. Sie nannte auch den Bauerhof, auf welchen
sie das Kind gebracht hatte, konnte aber nichts weiter darüber sagen, ob
das Kind am Leben geblieben oder gestorben sei. Der Geistliche machte
sich eilig auf, dem Könige die Freudenbotschaft zu bringen, daß eine
Spur seines verschwundenen Sohnes gefunden sei. Der König verrieth
Niemanden, was er erfahren, ließ augenblicklich ein Pferd satteln und
machte sich mit drei treuen Dienern auf den Weg. Nach einigen Tagen
erreichten sie das Waldgehöft; Wirth und Wirthin bekannten der Wahrheit
gemäß, daß ihnen vor so und so langer Zeit ein Kind männlichen
Geschlechts als Pflegling übergeben worden, und daß sie gleichzeitig
hundert Rubel für das Aufziehen desselben erhalten hatten. Daraus hatten
sie freilich gleich geschlossen, daß das Kind von vornehmer Geburt sein
könne, aber das sei ihnen niemals in den Sinn gekommen, daß das Kind von
königlichem Geblüte sei, vielmehr hätten sie immer nur ihren Spaß daran
gehabt, wenn das Kind sich selbst einen Königssohn genannt hätte. Darauf
führte der Wirth selbst den König in das Dorf, wohin er den Knaben als
Hirtenjungen gebracht hatte, wiewohl nicht aus eigenem Antriebe, sondern
auf Verlangen des Knaben, der an dem einsamen Orte nicht länger hatte
leben mögen. Wie erschrack der Wirth, und noch mehr der König, als sich
in dem Dorfe der Knabe, der zum Jüngling herangewachsen sein mußte,
nicht fand, und man auch keine nähere Auskunft über ihn erhalten konnte.
Die Leute wußten nur soviel zu sagen, daß der Knabe auf die Klage einer
vornehmen Dame vor Gericht gestellt, von diesem aber freigesprochen und
losgelassen worden sei. Später aber sei ein Diener der Königin
erschienen, der den Knaben fortgeführt und in einem andern Gebiete in
Dienst gegeben habe. Der König eilte dahin, und fand auch das Gesinde,
in welchem sein Sohn eine kurze Zeit gewesen war, darnach aber war er
entflohen, und man hatte nichts weiter von ihm gehört. Wie sollte man
jetzt aufs Geratewohl weiter suchen, und wer war im Stande, den rechten
Weg zu weisen?

Während der König noch voller Kümmerniß war, daß sich hier alle Spuren
verloren, trat ein alter Mann vor ihn hin -- derselbe, der schon mehrere
Mal mit dem Königssohne zusammen getroffen war -- und sagte, er sei
einem jungen Manne, wie man ihn suche, dann und wann begegnet, und habe
ihn anfangs als Hirten und später in mancherlei anderen Handthierungen
gesehen; und er hoffe, die Spur des Verschwundenen zu finden. Der König
sicherte dem Alten reiche Belohnung, wenn er ihn auf die Spur des Sohnes
bringen könne, befahl einem der Diener, vom Pferde zu steigen, und hieß
den Alten aufsitzen, damit sie rascher vorwärts kamen. Dieser aber
sagte lächelnd: »So viel wie eure Pferde laufen können, leisten meine
Beine auch noch; sie haben ein größeres Stück Welt durchwandert, als
irgend ein Pferd.« Nach einer Woche kamen sie wirklich dem Königssohne
auf die Spur, und fanden ihn auf einem stattlichen Herrenhofe, wo er,
wie oben erzählt, die Gärtnerei erlernte. Grenzenlos war des Königs
Freude, als er seinen Sohn wieder fand, den er schon so manches Jahr als
todt beweint hatte. Freudenthränen rannen von seinen Wangen, als er den
Sohn umarmte, ihn an seine Brust drückte und küßte. Doch sollte er aus
des Sohnes Munde eine Nachricht vernehmen, welche ihm die Freude des
Wiederfindens schmälerte und ihn in neue Betrübniß versetzte. Der
Gärtner hatte eine junge blühende Tochter, welche scheuer war als alle
Blumen in dem prachtvollen Garten, und so fromm und schuldlos wie ein
Engel. Diesem Mädchen hatte der Königssohn sein Herz geschenkt, und er
gestand seinem Vater ganz offen, daß er nie eine Dame von edlerer
Herkunft freien, sondern die Gärtnerstochter zu seiner Gemahlin machen
wolle, sollte er auch sein Königreich aufgeben müssen. »Komm nur erst
nach Hause,« sagte der König, »dann wollen wir die Sache schon in
Ordnung bringen.« Da bat sich der Sohn von seinem Vater einen kostbaren
goldenen Ring aus, steckte ihn vor Aller Augen der Jungfrau an den
Finger und sagte: »Mit diesem Ringe verlobe ich mich dir, und über kurz
oder lang komme ich wieder, um als Bräutigam dich heim zu führen.« Der
König aber sagte: »Nein, nicht so --auf andere Weise soll die Sache vor
sich gehen!« -- zog den Ring wieder vom Finger des Mädchens und hieb
ihn mit seinem Schwerte in zwei Stücke. Die eine Hälfte gab er seinem
Sohne, die andere der Gärtnerstochter, und sagte: »Hat Gott euch für
einander geschaffen, so werden die beiden Hälften des Ringes zu rechter
Zeit von selbst ineinander schmelzen, so daß kein Auge die Stellen wird
entdecken können, wo der Ring durchgehauen war. Jetzt bewahre Jeder von
euch seine Hälfte, bis die Zeit erfüllt sein wird.«

Die Königin wollte vor Wuth bersten, als ihr Stiefsohn, den sie für
immer verschollen glaubte, plötzlich zurück kehrte, und zwar als
rechtmäßiger Thronerbe, da dem Könige aus seiner zweiten Ehe nur zwei
Töchter geboren waren. Als nach einigen Jahren des Königs Augen sich
geschlossen hatten, wurde sein Sohn zum König erhoben. Wiewohl ihm die
Stiefmutter schweres Unrecht zugefügt hatte, wollte er doch nicht Böses
mit Bösem vergelten, sondern überließ die Strafe dem Gerichte Gottes. Da
nun die Stiefmutter keine Hoffnung mehr hatte, eine ihrer Töchter
vermittelst eines Schwiegersohnes auf den Thron zu bringen, so wollte
sie wenigstens eine fürstliche Jungfrau aus ihrer eigenen Sippschaft dem
Könige vermählen, aber dieser entgegnete kurz: »Ich will nicht! ich habe
meine Braut längst gewählt.« Als die verwittwete Königin dann erfuhr,
daß der junge König ein Mädchen von niederer Herkunft zu freien gedenke,
stachelte sie die höchsten Räthe des Reichs auf, sich einmüthig dagegen
zu stemmen. Aber der König blieb fest und gab nicht nach. Nachdem man
lange hin und her gestritten hatte, gab der König schließlich den
Bescheid: »Wir wollen ein großes Fest geben und dazu alle Königstöchter
und die andern vornehmen Jungfrauen einladen, so viel ihrer sind, und
wenn ich eine unter ihnen finde, welche meine erwählte Braut an
Schönheit und Züchten übertrifft, so will ich sie freien. Ist das aber
nicht der Fall, so wird meine erwählte auch meine Gemahlin.«

Jetzt wurde im Königsschloß ein prächtiges Freudenfest hergerichtet,
welches zwei Wochen dauern sollte, damit der König Zeit hätte, die
Jungfrauen zu mustern, ob eine derselben den Vorzug vor der
Gärtnerstochter verdiene. Alle fürstlichen Frauen der Umgegend waren mit
ihren Töchtern zum Feste gebeten, und da der Zweck der Einladung
allgemein bekannt war, hoffte jedes Mädchen, daß ihr das Glücksloos
zufallen werde. Schon näherte sich das Fest seinem Ende, aber noch immer
hatte der junge König Keine gefunden, die nach seinem Sinne war. Am
letzten Tage des Festes erschienen in der Frühe die höchsten Räthe des
Reichs wieder vor dem Könige und sagten --auf Eingebung der
Königin-Wittwe -- wenn der König nicht bis zum Abend eine Wahl getroffen
habe, so könne ein Aufstand ausbrechen, weil alle Unterthanen wünschten,
daß der König sich vermähle. Der König erwiederte: »Ich werde dem
Wunsche meiner Unterthanen nachkommen und mich heute Abend erklären.«
Dann schickte er ohne Vorwissen der Andern einen zuverlässigen Diener
zur Gärtnerstochter, mit dem Auftrage, sie heimlich herzubringen, und
hier bis zum Abend versteckt zu halten. Als nun am Abend des Königs
Schloß von Lichtern strahlte, und alle fürstlichen Jungfrauen in ihrem
Feststaat den Augenblick erwarteten, der ihnen Glück oder Unglück
bringen sollte, trat der König mit einer jungen Dame in den Saal, deren
Antlitz so verhüllt war, daß kaum die Nasenspitze heraus sah. Was Allen
aber gleich auffiel, war der schlichte Anzug der Fremden: sie war in
weißes feines Leinen gekleidet, und weder Seide, noch Sammet, noch Gold
war an ihr zu finden, während alle Andern von Kopf bis zu Fuß in Sammet
und Seide gehüllt waren. Einige verzogen spöttisch den Mund, andere
rümpften unwillig die Nase, der König aber that, als bemerkte er es
nicht, löste die Kopfhülle der Jungfrau, trat dann mit ihr vor die
verwittwete Königin und sagte: »Hier ist meine erwählte Braut, die ich
zur Gemahlin nehmen will, und ich lade euch und Alle, die hier
versammelt sind, zu meiner Hochzeit ein.« Die verwittwete Königin rief
zornig aus: »Was kann man auch Besseres erwarten von einem Manne, der
bei der Herde aufgewachsen ist! Wenn ihr da wieder hin wollt, dann nehmt
die Magd nur mit, die wohl verstehen mag, Schweine zu füttern, sich aber
nicht zur Gemahlin eines Königs eignet -- eine solche Bauerdirne kann
den Thron eines Königs nur verunehren!« Diese Worte weckten des Königs
Zorn, und streng entgegnete er: »Ich bin König und kann thun, was ich
will; aber wehe euch, daß ihr mir jetzt meinen früheren Hirtenstand in's
Gedächtniß zurückriefet; damit habt ihr mich zugleich daran erinnert,
wer mich in diesen Stand verstoßen. Indeß, da kein vernünftiger Mensch
die Katze im Sacke kauft, will ich noch vor meiner Trauung Allen
deutlich machen, daß ich nirgends eine bessere Gemahlin hätte finden
können, als gerade dieses Mädchen, das fromm und rein ist wie ein Engel
vom Himmel.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und kam bald
darauf mit eben dem Alten zurück, den er von seinem Hirtenstande her
kannte, und der den König später auf die Spur seines Sohnes gebracht
hatte. Dieser Alte war ein berühmter Zauberer Finnlands, der sich auf
viele geheime Künste verstand. Der König sprach zu ihm: »Liebster
Zauberer! offenbaret uns durch eure Kunst das innere Wesen der hier
anwesenden Jungfrauen, damit wir erkennen, welche unter ihnen die
würdigste ist, meine Gemahlin zu werden.« Der Zauberer nahm eine Flasche
mit Wein, besprach ihn, bat die Jungfrauen, in der Mitte des Saales
zusammenzutreten, und besprengte dann den Kopf einer Jeden mit ein paar
Tropfen des Zauberweins, worauf sie Alle stehenden Fußes einschliefen. O
über das Wunder, welches sich jetzt aufthat! Nach kurzer Zeit sah man
sie sämmtlich verwandelt, so daß keine mehr ihre menschliche Gestalt
hatte, sondern statt ihrer allerlei wilde und gezähmte Thiere
erschienen, einige waren in Schlangen, Wölfe, Baren, Kröten, Schweine,
Katzen, andere wieder in Habichte und sonstige Raubvögel verwandelt.
Mitten unter allen diesen Thiergestalten aber war ein herrlicher
Rosenstock gewachsen, der mit Blüthen bedeckt war, und auf dessen
Zweigen zwei Tauben saßen. Das war die vom Könige zur Gemahlin erwählte
Gärtnerstochter. Darauf sagte der König: »Jetzt haben wir einer
Jeglichen Kern gesehen, und ich lasse mich nicht durch die glänzende
Schale blenden!« Die Königin-Wittwe wollte vor Zorn bersten, aber was
konnte es ihr helfen, da die Sache so klar da lag. Darauf räucherte der
Zauberer mit Zauberkräutern, bis alle Jungfrauen aus dem Schlafe
erwachten, und wieder Menschengestalt erhielten. Der König erfaßte die
aus dem Rosenstrauche hervorgegangene Geliebte, und fragte nach ihrem
halben Ringe, und als die Jungfrau ihn aus dem Busen nahm, zog auch er
seinen halben Ring hervor, und legte beide Hälften auf seine Handfläche;
augenblicklich verschmolzen sie mit einander, so daß kein Auge einen Riß
oder irgend ein Merkmal der Stellen entdeckte, wo die Schneide des
Schwertes den Ring einst getrennt hatte. »Jetzt ist auch meines
heimgegangenen Vaters Wille in Erfüllung gegangen!« sagte der junge
König, und ließ sich noch an demselben Abend mit der Gärtnerstochter
trauen. Dann lud er alle Anwesende zum Hochzeitsschmaus, aber die
fürstlichen Jungfrauen hatten erfahren, welches Wunder sich während
ihres Schlafes mit ihnen begeben, und gingen voller Scham nach Hause. Um
so größer war der Unterthanen Freude, daß ihre Königin von Innen und von
Außen ein untadelhaftes Menschenbild war.

Als das Hochzeitsfest zu Ende war, ließ der junge König eines Tages
sämmtliche Oberrichter des Reiches versammeln und fragte sie, welche
Strafe ein Frevler verdiene, der einen Königssohn heimlich habe
wegstehlen, und in einem Bauerhofe als Hüterknaben aufziehen lassen, und
der außerdem noch den Jüngling schnöde gelästert habe, nachdem ihn das
Glück seinem früheren Stande zurückgegeben. Sämmtliche Richter
erwiederten wie aus einem Munde: »Ein solcher Frevler muß den Tod am
Galgen erleiden.« Darauf sagte der König: »Nun wohl! Rufet die
verwittwete Königin vor Gericht!« Die Königin-Wittwe wurde gerufen und
das gefällte Urtheil ihr verkündet. Als sie es hörte, wurde sie bleich
wie eine getünchte Wand, warf sich vor dem jungen Könige auf die Knie
und bat um Gnade. Der König sagte: »Ich schenke euch das Leben, und
hätte euch niemals vor Gericht gestellt, wenn es euch nicht eingefallen
wäre, mich noch hinterher mit eben dem Leiden zu schmähen, welches ich
durch euren Frevel habe erdulden müssen; in meinem Königreiche aber ist
eures Bleibens nicht mehr. Packet noch heute eure Sachen zusammen, um
vor Sonnenuntergang meine Stadt zu verlassen. Diener werden euch bis
über die Grenze begleiten. Hütet euch, jemals wieder den Fuß auf mein
Gebiet zu setzen, da es Jedermann, auch dem Geringsten, frei steht, euch
wie einen tollen Hund todt zu schlagen. Eure Töchter, die auch meines
heimgegangenen Vaters Töchter sind, dürfen hier bleiben, weil ihre Seele
rein ist von dem Frevel, den ihr an mir verübt habt.«

Als die verwittwete Königin fortgebracht war, ließ der junge König in
der Nähe seiner Stadt zwei hübsche Wohnhäuser aufbauen, von denen das
eine den Eltern seiner Frau, und das andere dem Wirthe des Bauerhofs
geschenkt wurde, der den hülflosen Königssohn liebevoll aufgezogen
hatte. Der als Hüterknabe aufgewachsene Königssohn und seine aus
niederem Geschlecht entsprossene Gemahlin lebten dann glücklich bis an
ihr Ende, und regierten ihre Unterthanen so liebevoll wie Eltern ihre
Kinder.



23. Dudelsack-Tiidu.


Es lebte einmal ein armer Käthner, den Gott mit Kindern reichlicher
gesegnet hatte, als mit Brot. Töchter und Söhne wuchsen den Eltern zur
Freude auf, und verdienten sich meist schon ihr Stück Brot bei Fremden
--nur aus einem Sohne wollte nichts Rechtes werden. Ob der Bursche von
Natur einfältig war, oder ob sonst ein Gebreste ihn drückte, oder ob er
träges Blut unter den Nägeln hatte, das konnte Niemand mit Sicherheit
sagen. Aber daß er faul und lotterig war und zu keinerlei Geschäft
taugte, das mußten seine Eltern sowohl wie das ganze Dorf eingestehen.
Es halfen auch weder gute Worte noch Ruthenstreiche, vielmehr wuchs die
Faulheit des Burschen, je älter er wurde. Im Winter hinter dem Ofen
liegen und im Sommer unter einem Busche schlafen, war sein
Haupt-Tagewerk, dazwischen pfiff er oder blies die Weidenflöte, daß es
eine Lust war anzuhören. So saß er eines Tages wieder hinter einem
Busche und blies mit den Vögeln um die Wette, als ein fremder alter Mann
des Weges daher kam. Er fragte mit freundlicher Stimme: »Sage mir,
Söhnchen! was für ein Gewerbe möchtest du denn einst treiben?« Der
Bursche erwiderte: »Das Gewerbe wäre meine geringste Sorge, könnte ich
nur ein reicher Mann werden, daß ich nicht nöthig hätte zu arbeiten, und
unter anderer Leute Zuchtruthe zu stehen.« Der alte Mann lachte und
sagte: »Der Plan wäre gar nicht übel, aber ich sehe nicht ein, woher dir
Reichthum kommen soll, wenn du gar nicht arbeiten willst? Läuft doch die
Maus einer schlafenden Katze nicht in den Rachen. Wer Geld und Gut
erwerben will, der muß seine Glieder rühren, arbeiten und sich Mühe
geben, sonst« -- Der Bursche fiel ihm in die Rede und bat: »Lassen wir
diese Reden! das habe ich schon viele hundert Mal gehört, und es kommt
mir vor, wie wenn man Wasser auf die Gans gießen wollte, denn aus mir
kann doch nimmer ein Arbeiter werden.« Der alte Mann erwiederte milde:
»Der Schöpfer hat dir eine Gabe verliehen, mit welcher du leicht das
tägliche Brot und noch ein Stück Geld dazu verdienen könntest, wenn du
dich auf's Dudelsackpfeifen legen würdest. Verschaffe dir einen guten
Dudelsack, blase ihn eben so geschickt wie jetzt die Weidenflöte, und du
findest Brot und Geld überall, wo fröhliche Menschen wohnen.« »Aber
woher soll ich den Dudelsack nehmen?« fragte der junge Bursche. Der Alte
erwiederte: »Verdiene dir Geld und kaufe dir dann einen Dudelsack. Für
den Anfang kannst du die Weidenflöte blasen und auf dem Blatte pfeifen,
auf beiden bist du schon ein kleiner Meister! Ich hoffe auch künftig
noch mit dir zusammen zu treffen, dann wollen wir sehen, ob du meinen
Rath benutzt hast, und welcher Gewinn dir aus meiner Belehrung erwachsen
ist.« Damit trennte er sich von dem Burschen und ging seines Weges.
_Tiidu_ -- so hieß der Bursche -- begann über des alten Mannes Rede
nachzudenken, und je länger er sann, desto mehr mußte er dem Alten Recht
geben. Er entschloß sich, den von dem Alten angegebenen Weg zum Glücke
einzuschlagen; allein er verrieth Niemanden ein Wort von seinem
Vorhaben, sondern ging eines Morgens vom Hause und -- kam nicht wieder.
Den Eltern machte sein Scheiden keinen Kummer, der Vater dankte noch
seinem Geschicke, daß er den faulen Sohn los geworden war, und hoffte,
daß die Welt mit der Zeit dem Tiidu die faule Haut abstreifen und die
Noth ihn zum ordentlichen Menschen erziehen würde.

Tiidu strich einige Wochen von Dorf zu Dorf und von Gut zu Gut umher;
überall nahmen die Leute ihn freundlich auf, und hörten gern zu, wenn er
seine Weidenflöte blies, gaben ihm zu essen, und schenkten ihm auch
manchmal einige Kopeken. Diese Kopeken sammelte der Bursche sorgfältig,
bis er endlich soviel beisammen hatte, um sich einen guten Dudelsack
kaufen zu können. Jetzt fing sein Glück an zu blühen, denn weit und
breit war kein Dudelsackpfeifer zu finden, der so kunstgerecht und so
taktmäßig zu blasen verstand. Tiidu's Dudelsack setzte alle Beine in
Bewegung. Wo nur eine Hochzeit, ein Ernteschmaus, oder eine andere
Lustbarkeit begangen wurde, da durfte der _Dudelsack-Tiidu_ nicht mehr
fehlen. Nach einigen Jahren war er ein so berühmter Dudelsackpfeifer
geworden, daß man ihn wie einen Zauberkundigen von einem Orte zum
andern, oft viele Meilen weit, kommen ließ. So blies er einst auf einem
Gute beim Ernteschmaus, wozu auch viele Gutsherren aus der Umgegend
gekommen waren, um die Belustigung des Volkes mit anzusehen. Alle
mußten einmüthig bekennen, daß ihnen in ihrem Leben noch kein
geschickterer Dudelsackpfeifer vorgekommen war. Ein Gutsherr nach dem
andern lud den Dudelsack-Tiidu zu sich, dann mußte er die Herrschaft
durch sein Spiel ergötzen und erhielt dafür gute Kost und gutes Getränk,
dazu noch Geld und mancherlei Geschenke. Einer der reichen Herren ließ
ihn von Kopf zu Fuß neu kleiden, ein anderer schenkte ihm einen schönen
Dudelsack mit messingener Röhre. Die Fräulein banden ihm seidene Bänder
an den Hut, und die Frauen strickten ihm bunte Handschuhe. Jeder Andere
wäre an Tiidu's Stelle mit diesem Glücke sehr zufrieden gewesen, aber
seine Sehnsucht nach Reichthum ließ ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn
wie mit einer Feuergeißel immer weiter. Je mehr er einsah, daß der
Dudelsack allein ihn nicht zum reichen Manne machen könne, desto stärker
wurde seine Geldgier. Erzählungen, die im Munde des Volkes lebten,
wußten viel zu berichten von dem Reichthume des Landes Kungla,[85] und
Tiidu konnte das Tag und Nacht nicht aus dem Kopfe bringen. Wenn ich nur
hinkommen könnte, dachte er, so würde ich schon den Weg zum Reichthum
finden. Er wanderte nun am Strande hin, um vielleicht durch einen
glücklichen Zufall ein Schiff oder ein Segelboot zu finden, das ihn über
die See brächte. Endlich kam er in die Stadt Narwa, wo gerade viele
fremde Kauffahrer im Hafen lagen. Einer derselben sollte nach einigen
Tagen nach Land Kungla absegeln, und Tiidu suchte den Schiffer auf.
Dieser wollte ihn mitnehmen, aber der geforderte Preis war dem kargen
Dudelsackpfeifer zu hoch. Er suchte sich nun durch seinen Dudelsack bei
dem Schiffsvolke einzuschmeicheln, und hoffte dadurch die Kosten der
Fahrt zu verringern. Das Glück wollte, daß er einen jungen Matrosen
fand, der ihm versprach, ihn heimlich hinter dem Rücken des Schiffers
auf's Schiff zu bringen. In der letzten Nacht vor dem Abgange des
Schiffes brachte der Matrose wirklich den Tiidu auf's Schiff und
versteckte ihn in einem dunkeln Winkel zwischen Fässern, brachte ihm
auch, ohne daß die Andern es merkten, Speise und Trank dahin, damit er
in seinem Schlupfwinkel nicht Hunger leide. In der folgenden Nacht, als
das Schiff schon auf hoher See war, und Tiidu's Freund auf dem Verdeck
allein Wache hielt, holte er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor, band
ihm ein Tau um den Leib, befestigte das andere Ende des Taues am Schiffe
und sagte: »Ich werde dich jetzt an dem Taue in's Meer lassen, und wenn
man dir zu Hülfe eilt, so mußt du das Tau von deinem Leibe losschneiden
und ihnen weiß machen, du seiest vom Hafen her dem Schiffe
nachgeschwommen.« Obwohl dem Tiidu ein wenig bange wurde, hoffte er doch
mit Hülfe des Taues sich eine Zeit lang über Wasser zu halten, da er ein
guter Schwimmer war. Sobald er in's Wasser gelassen worden, weckte sein
Freund die anderen Matrosen und zeigte ihnen die menschliche Gestalt,
die schwimmend dem Schiffe folgte. Die Leute sperrten Mund und Augen
auf, als sie das seltsame Abenteuer erblickten, und weckten auch den
Schiffer, damit er sich die Sache ansehe. Dieser schlug dreimal das
Kreuz und fragte dann den Schwimmer: »Bekenne wahrhaft, wer du bist,
ein Geist oder ein sterblicher Mensch?« Der Schwimmer antwortete: »Ein
armer sterblicher Mensch, dessen Kraft bald erschöpft sein wird, wenn
ihr euch seiner nicht erbarmt.« Der Schiffer ließ nun ein Tau in's Meer
werfen, um den Schwimmenden daran heraufzuziehen. Als Tiidu das Ende des
Taues gefaßt hatte, schnitt er erst mit einem Messer das um seinen Leib
geschlungene Tau entzwei und bat sodann, man möge ihn heraufziehen. Als
es geschehen war, fragte ihn der Schiffer: »Sage, woher du kommst und
wie du bis hierher gelangtest.« Dudelsack-Tiidu erwiederte: »Ich schwamm
eurem Schiffe nach, als ihr aus dem Hafen abfuhrt, und hielt mich von
Zeit zu Zeit, wenn die Kraft mir auszugehen drohte, am Steuer fest. So
hoffte ich nach Land Kungla zu kommen, weil ich nicht so viel Geld
hatte, als ihr für die Ueberfahrt verlangtet.« Des Jünglings wunderbare
Kühnheit rührte des Schiffer's Herz, und freundlich sagte er: »Danke dem
himmlischen Vater, der dein Leben so wunderbar beschützt hat! Ich will
dich unentgeltlich nach Kungla bringen.« Dann befahl er, dem Tiidu
trockene Kleider anzuziehen, und ihn in der Schiffskajüte zu betten,
damit er sich von der Anstrengung der langen Schwimmfahrt erhole. Tiidu
aber und sein Freund waren froh, daß ihre List so glücklich abgelaufen
war.

Am andern Morgen sah das Schiffsvolk auf den Tiidu wie auf ein Wunder,
da er eine Strecke geschwommen war, wie es Keiner für möglich gehalten.
Weiterhin machte ihnen sein schönes Dudelsackspiel große Freude, und
der Schiffer gestand mehr als einmal, daß er noch nie einen so
herrlichen Dudelsack gehört habe. Als das Schiff nach einigen Tagen in
Land Kungla vor Anker gegangen war, verbreitete sich durch der
Schiffsleute Mund mit Windesschnelle die Kunde von dem melodischen
Fisch, den sie im Meere gefangen, und der Nacht und Tag dem Schiffe
nachgeschwommen wäre. Natürlich durften Tiidu und sein Freund dieser
Erzählung nicht widersprechen, da sie sich sonst selber in Gefahr
gebracht hätten. Die wunderbare Mär verschaffte dem Tiidu an der fremden
Küste viele Freunde, weil Jeder die wunderbare Schwimmfahrt aus seinem
eigenen Munde hören wollte. Da mußte denn der Bursche aus der Noth eine
Tugend machen, und den Leuten vorlügen, daß es puffte. Es wurde ihm mehr
als ein Dienst angeboten, allein er lehnte alle ab, weil er fürchtete,
als Lügner dazustehen, sobald sein Herr eine Probe seiner Schwimmkunst
zu sehen wünschte. Lieber wollte er gerades Wegs in die Königsstadt
gehen, wo weder er noch seine Schwimmkraft bekannt war, dort hoffte er
am leichtesten einen Dienst zu finden, der ihn zum reichen Manne machte.
Als er nach einigen Tagen ankam, schwindelte ihm der Kopf bei dem
Anblicke der Pracht und Herrlichkeit, die überall verbreitet waren. Für
zwei Augen war es schlechterdings unmöglich, das Alles ordentlich zu
betrachten, dazu hätte er einiger Dutzend Augen bedurft. Je mehr er sich
in die Anschauung dieses Glanzes und Reichthums vertiefte, desto
kläglicher kam ihm seine eigene Armuth vor. Noch unerträglicher war es
ihm, daß keiner von den stolzen Leuten seiner achtete, sondern daß man
ihn wie einen Lump aus dem Wege stieß, als hätte er gar nicht das
Recht, sich in den Strahlen von Gottes Sonne zu wärmen. -- Seinen
Dudelsack wagte er gar nicht sehen zu lassen, denn er dachte mit Zagen:
wer von diesen stolzen Leuten wird auf meinen armen Dudelsack hören! --
So irrte er viele Tage in den Straßen der Stadt umher und trachtete nach
einem Dienste, fand aber keinen, bei dem er hoffen konnte, in kurzer
Zeit reich zu werden. Endlich, als er schon die Flügel hängen ließ, fand
er einen Dienst im Hause eines reichen Kaufmannes, dessen Koch gerade
einen Küchenjungen brauchte. Hier konnte nun Tiidu den Reichthum von
Land Kungla gründlich kennen lernen, der in der That größer war, als man
sich vorstellen konnte. Alle Geräthe für's tägliche Leben, die bei uns
zu Lande aus Eisen, Kupfer, Zinn, Holz oder Lehm verfertigt werden,
waren hier von reinem Silber oder Gold; in silbernen Grapen wurden die
Speisen gekocht, in silbernen Pfannen wurden die Kuchen gebacken, und in
goldenen Schalen und goldenen Schüsseln wurde aufgetragen. Selbst die
Schweine fraßen nicht aus Trögen, sondern aus silbernen Kübeln. Man kann
sich hiernach leicht denken, daß es dem Tiidu an nichts gebrach, er
führte als Küchenjunge ein Herrenleben; aber sein habsüchtiges Gemüth
hatte doch keine Ruhe. Unaufhörlich quälte ihn der eine Gedanke: was
hilft mir all' der Reichthum, den ich vor Augen habe, wenn die Schätze
nicht mein sind; mein Dienst als Küchenjunge kann mich doch niemals zum
reichen Manne machen. Und doch betrug sein Monatslohn mehr als bei uns
ein Jahreslohn, so daß er durch Ansammlung desselben nach Jahren, wenn
nicht reich, doch wohlhabend geworden wäre.

Er hatte schon ein Paar Jahre als Küchenjunge im Dienst gestanden, und
ein gut Stück Geld zurückgelegt, aber das hatte seine Geldgier nur noch
erhöht. Er war zugleich ein solcher Filz geworden, daß er sich keinen
neuen Anzug besorgen mochte, doch mußte er es thun auf Geheiß des Herrn,
der schlechte Kleider in seinem Hause nicht duldete. Als der Kaufherr
dann einen großen Kindtaufschmaus gab, ließ er allen seinen Dienern auf
seine Kosten schöne Anzüge machen. Den ersten Sonntag nach dieser
Kindtaufe legte Tiidu seinen neuen stattlichen Anzug an, und ging zur
Stadt hinaus in einen Lustgarten, in welchem sich an Sonntagen die
Einwohner der Stadt zu ergehen pflegten. Als er eine Zeit lang unter den
fremden Leuten gewandelt war, von denen er Niemand kannte, und Niemand
ihn, traf sein Blick zufällig auf eine Gestalt, die ihm wie bekannt
vorkam, obwohl er sich nicht darauf besinnen konnte, wo er den Mann
früher gesehen habe. Während er sein Gedächtniß noch anstrengte, verlor
sich der vermeintliche Bekannte in dem Gewühl. Tiidu strich hin und her,
und spähte nach ihm aus, aber alles Suchen war umsonst. Erst gegen Abend
sah er seinen Mann unter einer mächtigen Linde allein auf einer
Rasenbank sitzen. Tiidu war im Zweifel, ob er hinzu treten oder warten
sollte, bis der fremde Mann ihn erblicken und sich merken lassen würde,
ob er ihn, den Tiidu, kenne oder nicht? Ein paar Mal hustete Tiidu, aber
der fremde Mann beachtete es nicht, sondern heftete wie in tiefen
Gedanken die Augen auf den Boden. Ich trete näher --dachte Tiidu -- und
wecke ihn aus seinen Gedanken, dann wird es sich schon zeigen, ob wir
einander kennen oder nicht. Sachte vorwärts gehend, hielt er den Blick
scharf auf den fremden Mann gerichtet. Jetzt schlug dieser die Augen auf
und es war klar, daß er ihn sogleich erkannte, denn er stand auf, ging
auf Tiidu zu und reichte ihm zum Gruße die Hand, dann fragte er: »Wo
hast du deinen Dudelsack gelassen?« Da erst überzeugte sich Tiidu, daß
der Fragende derselbe alte Mann war, der ihm früher empfohlen hatte,
Dudelsackpfeifer zu werden. Er ging nun mit dem Alten aus der Volksmenge
heraus an einen abgelegenen Ort, und erzählte ihm seine bisherigen
Erlebnisse. Der Alte runzelte die Stirn, schüttelte wiederholt den Kopf
und sagte, als Tiidu seinen Bericht beendigt hatte: »Ein Thor bist du
und ein Thor bleibst du! Was war das für ein verrückter Einfall, daß du
den Dudelsack aufgabst und Küchenjunge wurdest? Mit dem Dudelsack
hättest du hier in einem Tage mehr verdienen können, als durch deinen
Dienst in einem halben Jahre. Eile nach Hause, hole deinen Dudelsack her
und blase, so wirst du mit eigenen Augen sehen, daß ich die Wahrheit
gesagt habe.« Tiidu sträubte sich freilich, weil er das Gespötte der
stolzen Leute fürchtete, auch meinte er, er habe in der langen Zeit das
Spielen verlernt. Aber der Alte ließ nicht ab, sondern setzte dem Tiidu
so lange zu, bis er nach Hause ging und seinen Dudelsack herbrachte. Der
Alte hatte so lange unter der Linde gesessen und gewartet; als Tiidu mit
dem Dudelsack wieder kam, sagte er: »Setze dich neben mich auf die
Rasenbank und fang' an zu blasen, dann wirst du schon sehen, wie sich
die Leute um uns her versammeln werden.« Tiidu that es, wenn auch mit
Widerstreben -- aber als er anfing zu spielen, kam es ihm vor, als wäre
heute ein neuer Geist in den Dudelsack gefahren, denn noch niemals hatte
er dem Instrumente einen so schönen Ton entlocken können. Bald sammelte
sich eine dichte Menge um die Linde, angezogen von dem schönen Spiele.
Je zahlreicher die Menge wurde, desto lieblicher ertönten die Weisen des
Dudelsacks. Als die Leute eine Zeitlang zugehört hatten, nahm der Alte
seinen Hut ab und trat unter sie, um die Gaben für den Spieler
einzusammeln. Da wurden von allen Seiten Thaler, halbe Thaler und kleine
Silbermünzen hineingeworfen, dann und wann fiel auch ein blinkendes
Goldstück in den Hut. Tiidu spielte dann noch zum Danke manche schöne
Weise auf, ehe er sich anschickte, nach Hause zu gehen. Als er durch den
dichten Haufen schritt, hörte er vielfach sagen: »Kunstreicher Meister!
komm nächsten Sonntag wieder, uns zu erfreuen!« --Als sie an's Thor
gekommen waren, sagte der Alte: »Nun, was meinst du, ist die heutige
Arbeit von ein paar Stunden nicht angenehmer, als die Handthierung eines
Küchenjungen? -- Zum zweitenmale habe ich dir den Weg gezeigt, packe
nun, wie ein vernünftiger Mann, den Ochsen bei beiden Hörnern, damit das
Glück dir nicht wieder entschlüpfe! Meine Zeit erlaubt mir nicht, hier
länger dein Führer zu sein, drum merke dir, was ich sage, und handle
darnach. Jeden Sonntag Nachmittag setze dich mit deinem Dudelsack unter
die Linde und blase, daß die Leute sich ergötzen. Kaufe dir aber einen
Filzhut mit tiefem Boden, und stelle ihn zu deinen Füßen hin, damit die
Hörer ihre Spenden hineinlegen können. Ruft man dich zu einem Feste, um
den Dudelsack zu spielen, so bedinge niemals einen Preis, sondern
versprich mit dem zufrieden zu sein, was man dir freiwillig geben werde.
Du wirst so von den reichen Bürgern mehr erhalten, als du selbst gewagt
hättest zu verlangen, und kommt es auch zuweilen vor, daß irgend ein
Filz dir zu wenig giebt, so wird es dir durch die reichere Gabe der
Uebrigen zehnfach ersetzt, und du hast noch den Vortheil, daß Niemand
dich geldgierig nennen darf. Vor allen Dingen hüte dich vor dem Geiz! --
Vielleicht treffen wir künftig noch einmal wieder zusammen, dann werde
ich ja hören, wie du meiner Weisung nachgekommen bist. Für dies Mal Gott
befohlen!« So schieden sie von einander.

Dudelsack-Tiidu war sehr erfreut, als er zu Hause sein Geld zählte und
fand, daß ihm das Spiel von einigen Stunden mehr eingebracht hatte, als
sein Dienst in einem halben Jahre. Da dauerte ihn die falsch angewandte
Zeit; doch konnte er seinen Dienst nicht sogleich verlassen, weil er
erst einen Stellvertreter schaffen mußte. Nach einigen Tagen fand er
einen solchen und wurde entlassen. Dann ließ er sich schöne farbige
Kleider machen, band einen Gürtel mit silberner Schnalle um die Hüften,
und ging den nächsten Sonntag Nachmittag unter die Linde, um den
Dudelsack zu blasen. Es hatten sich noch viel mehr Leute eingefunden,
als das erste Mal, denn das Gerücht von dem geschickten Dudelsackpfeifer
hatte sich in der Stadt verbreitet, und Jedermann wünschte ihn zu hören.
Als er am Abend sein Geld zählte, fand er fast doppelt so viel als am
ersten Sonntage. Ebenso günstig war ihm das Glück fast jeden Sonntag, so
daß er sich im Herbst eine Wohnung in einem stattlichen Gasthof miethen
konnte. An den Abenden, wo die Bürger den Gasthof besuchten, wurde der
geschickte Meister oft gebeten, die Gäste durch seinen Dudelsack zu
ergötzen, wofür er dann doppelte Bezahlung erhielt, einmal vom Wirth,
und sodann noch von den Gästen. Als der Wirth später sah, wie der
Künstler jeden Abend immer mehr Gäste in's Haus zog, gab er ihm Kost und
Wohnung frei. Gegen den Frühling ließ Tiidu an seinen Dudelsack silberne
Röhren machen, die von innen und von außen vergoldet waren, so daß sie
in der Sonne und am Feuer funkelten. Als es wieder Sommer wurde, kamen
auch die Städter wieder zu ihrer Erholung in's Freie, und Sonntag für
Sonntag spielte Tiidu und sah seinen Reichthum anwachsen. Da kam
einstmals auch der König, um die Lustbarkeit des Volkes mit anzusehen,
und hörte schon von fern das schöne Dudelsackspiel. Der König ließ den
Spielenden zu sich rufen, und schenkte ihm einen Beutel voll Gold. Als
die andern Großen das sahen, ließen sie einer nach dem andern den
Dudelsackpfeifer in ihre Häuser kommen, wo er ihnen vorspielen mußte.
Tiidu beobachtete pünktlich die Vorschrift des Alten, indem er sich nie
einen Lohn ausbedang, sondern Jedem überließ, nach Gutbefinden zu geben,
und es fand sich, daß er fast immer viel mehr erhielt, als er selber zu
fordern gewagt hätte.

Nach einigen Jahren war Dudelsack-Tiidu im Lande Kungla zum reichen
Manne geworden, und beschloß nun, in seine Heimath zurückzukehren, um
sich dort ein Gut zu kaufen, und das Blasen aufzugeben. Die Geschenke
des Königs und der anderen hohen Herren hatten sein Vermögen
beträchtlich vergrößert, und des alten Mannes Prophezeiung wahr
gemacht. Er brauchte jetzt nicht mehr heimlich in einen Schiffswinkel zu
kriechen, sondern war reich genug, um für sich allein ein Schiff zu
miethen, das ihn mit allen seinen Schätzen in's Vaterland führen sollte.
Er hatte sich, wie das im Lande Kungla üblich war, viele goldene und
silberne Geräthe gekauft, welche jetzt in Kisten gepackt und an Bord
gebracht wurden; wieder andere Kisten waren mit baarem Gelde angefüllt.
Zuletzt bestieg der Herr dieser Schätze selbst das Schiff, und dieses
segelte ab. Ein günstiger frischer Wind trieb sie bald auf die hohe See,
wo nur Himmel und Wasser zu sehen waren. Zur Nacht aber drehte sich der
Wind und trieb das Schiff gegen Süden. Von Stunde zu Stunde wuchs die
Gewalt des Sturms, und der Schiffer konnte keinen festen Curs mehr
halten, weil Wind und Wellen jetzt die einzigen Herren des Schiffes
waren, nach deren Willen es sich bewegen mußte. Als das Schiff einen Tag
und zwei Nächte auf diese Weise hin und hergeschleudert worden, krachte
der Kiel gegen einen Felsen, und das Schiff begann zu sinken. Die Böte
wurden in's Meer gelassen, damit die Menschen dem Tode entrinnen möchten
-- allein was konnte gegen die tobenden Wellen Stand halten? Bald warf
eine hohe Welle das kleine Boot um, in welchem Tiidu mit drei Matrosen
saß, und das feuchte Bett umschloß die Männer. Zum Glück schwamm nicht
weit von Tiidu eine Ruderbank; es gelang ihm, sie zu ergreifen und sich
mit Hülfe derselben auf der Oberfläche zu halten. Als darauf der Wind
sich legte und das Wetter sich aufklärte, sah er das Ufer, das gar nicht
weit zu sein schien. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und suchte das
Ufer zu erreichen, fand aber, daß es viel weiter entfernt war, als es
den Anschein gehabt hatte. Auch hätte ihn die eigene Kraft nicht mehr
an's Ziel gebracht, nur mit Hülfe der Brandung, die ihn vorwärts
schleuderte, erreichte er endlich die Küste. Ganz erschöpft, mehr todt
als lebendig, sank er auf das felsige Ufer und schlief ein. Wie lange
sein Schlaf gedauert hatte, darüber konnte er sich keine Rechenschaft
geben, er hatte aber die traumhafte Erinnerung, als habe jener alte Mann
ihn besucht und ihm aus seinem Schlauche zu trinken gegeben, was ihn
wunderbar gestärkt und ihm gleichsam neue Lebensgeister eingeflößt habe.
Als er nach dem langen Schlafe vollends munter wurde, fand er sich
allein auf dem bemoosten Felsen, und sah nun wohl, daß die Ankunft des
Alten nur ein Traum gewesen war. Doch hatte der Schlaf ihn wieder so
weit gestärkt, daß er sich ohne Mühe erheben und eine Wanderung antreten
konnte, auf welcher er Menschen zu finden hoffte. Er ging eine Weile am
Ufer entlang, und spähte nach einem Fußsteige oder sonst einer Spur, die
zu Menschen leiten könnte. Aber soweit sein Auge reichte, war von
Fußstapfen nichts zu entdecken. Moos, Sand und Rasen hatten ein so
friedliches Ansehen, als ob noch niemals die Füße von Menschen oder
Thieren darüber hin geschritten wären. Was jetzt beginnen? Er mochte
überlegen, soviel er wollte, er wußte nichts Besseres, als der Nase nach
weiter zu gehen, in der Hoffnung, daß ein glücklicher Zufall ihn einen
Weg finden lasse, der zu Menschen führe. Eine halbe Meile weiter fand er
schöne üppige Laubwälder, aber die Bäume hatten alle ein fremdartiges
Ansehen, und nicht ein einziger war ihm bekannt. Im Walde fand er weder
Fußtritte von Herden noch von Menschen, sondern je weiter er vordrang,
desto dichter wurde der Wald, und das Weiterkommen wurde immer
schwieriger. Er setzte sich nieder, um seinen müden Beinen Ruhe zu
gönnen. Da wurde ihm plötzlich das Herz schwer, Wehmuth überfiel ihn und
bittre Reue; zum ersten Male kam ihm der Gedanke, er habe unrecht gethan
ohne Wissen und Willen der Eltern von zu Hause fortzulaufen, die
Seinigen zu verlassen, und wie ein Landstreicher umher zu schweifen.
»Wenn ich hier unter wilden Thieren umkomme,« -- schluchzte er -- »so
wird mir der gebührende Lohn für meinen Leichtsinn. Meinen Schatz, der
in's Meer sank, würde ich nicht bedauern -- wie gewonnen, so zerronnen!
wenn mir nur der Dudelsack geblieben wäre, womit ich mein trauerndes
Herz beschwichtigen und meine Sorgenlast erleichtern könnte!« Als er
weiter schritt, erblickte er einen Apfelbaum mit seinem wohlbekannten
Laube, und durch das Laub schimmerten große rothe Aepfel, welche seine
Eßlust reizten. Er eilte hin und -- welch' ein Glück! noch nie hatte er
schmackhafteres Obst gekostet. Er aß sich satt und legte sich dann unter
den Apfelbaum zur Ruhe, indem er dachte: wenn es hier viele solche
Apfelbäume giebt, so ist mir vor Hunger nicht bange. Als er erwachte,
verzehrte er noch einige Aepfel, stopfte sich dann Taschen und Rockbusen
voll und wanderte weiter. Das dunkle Waldesdickicht zwang ihn langsam zu
gehen, und machte an vielen Stellen das Durchkommen schwierig, so daß
die Nacht hereinbrach, ohne daß freies Feld oder Menschenspuren
sichtbar wurden. Tiidu streckte sich auf das weiche Moos und schlief,
als ob er auf den schönsten Kissen läge. Am andern Morgen frühstückte er
einige Aepfel, und suchte dann mit frischer Kraft weiter vorzudringen,
bis er nach einiger Zeit an eine Lichtung kam, die wie eine kleine Insel
mitten im Walde lag. Ein kleiner Bach, der aus einer nahen Quelle
entsprang, ergoß sein klares frisches Wasser über die Lichtung. Als
Tiidu an den Rand des Baches kam, erblickte er zufällig im Wasser sein
Bild, was ihn dermaßen erschreckte, daß er einige Schritte zurücksprang
und an allen Gliedern zitterte wie Espenlaub. Aber auch Beherztere als
er wären hier wohl erschrocken. Sein Bild im Wasserspiegel zeigte ihm
nämlich, daß seine Nasenspitze wie der Fleischzapfen eines Puters aussah
und bis zum Nabel reichte. Die tastende Hand bestätigte, was das Auge
gesehen. Was jetzt beginnen? So konnte er schlechterdings nicht unter
die Leute gehen, die ihn wohl gar wie ein wildes Thier todt geschlagen
hätten. War es nun das Gefühl der Angst, was die Nase zusehends wachsen
ließ, oder reckte sie sich wirklich immer weiter aus -- genug es war dem
Eigenthümer der Nase so gräulich zu Muthe, als ob sie immer länger und
länger würde, so daß er keinen Schritt thun konnte, ohne zu fürchten,
seine Nase würde an die Beine stoßen. Er setzte sich nieder und beklagte
sein Unglück bitterlich: »O wenn nur jetzt Niemand käme, und mich so
fände! Lieber will ich im Walde verhungern, als mich mit einer so
abscheulichen Nase zeigen.« Hätte er jetzt schon gewußt, was er später
erfuhr, daß diese Waldinsel unbewohnt war, so hätte er sich darüber
trösten können. Je mehr ihn aber jetzt sein Unglück verdroß, desto
dicker schwoll seine Nase an, und desto bläulicher wurde sie, wie bei
einem zornigen Puterhahn. Da sieht er nahebei an einem Strauche sehr
schöne Nüsse, und es gelüstet ihn, sich damit zu laben; er pflückt eine
Handvoll, beißt eine Nuß auf und findet einen süßen Kern in der Schale.
Er verschluckt noch einige Kerne und bemerkt zu seinem Erstaunen, daß
die scheußliche Länge seiner Nase sichtlich abnimmt. Nach kurzer Zeit
erblickt er im Wasser seine Nasenspitze wieder an ihrer natürlichen
Stelle, ja noch etwas höher über dem Munde, als sie vorher stand. Jetzt
löste sich sein Kummer in Frohlocken auf, und er verfiel darauf, den
wunderbaren Vorfall näher zu ergründen, um zu erfahren, was denn
eigentlich seine Nase erst lang und dann wieder kurz gemacht habe.
Sollten es die schönen Aepfel gewesen sein -- fragte er sich in
Gedanken, nahm einen Apfel aus der Tasche, und begann davon zu essen.
Sowie er ein Stück gekaut und verschluckt hat, nimmt er im Wasser
deutlich wahr, wie die Nasenspitze sich zusehends in die Länge dehnt.
Spaßes halber ißt er den Apfel ganz auf, und findet jetzt die Nase
spannenlang; dann nimmt er einige Nußkerne, zerkaut und verschluckt sie,
und sieh', o Wunder! die lange Nase schrumpft zusammen, bis sie auf ihr
natürliches Maaß zurückgegangen ist. Jetzt wußte der Mann, woran er war.
Er denkt: was ich für ein großes Unglück hielt, kann mir vielleicht noch
Glück bringen, wenn ich wieder unter Menschen kommen sollte; pflückt
eine Tasche voll Nüsse und eilt, in seine eigenen Fußstapfen tretend,
zurück, um den Baum mit den nasenvergrößernden Aepfeln aufzusuchen. Da
hier nun keine anderen Spuren liefen, als die, welche er selbst
zurückgelassen hatte, fand er den Apfelbaum ohne Mühe wieder. Er schälte
nun erst einige junge Bäume ab und machte sich aus der Rinde einen Korb,
den er dann mit Aepfeln füllte. Da aber die Nacht schon hereinbrach,
wollte er heute nicht weiter gehen, sondern hier sein Nachtlager halten.
Wiederum hatte er das seltsame Traumgesicht, daß der wohlbekannte Alte
ihm aus seinem Fäßchen zu trinken gab und ihm den Rath ertheilte, auf
demselben Wege, den er gekommen, an den Strand zurückzugehen, wo er
gewiß Hülfe finden würde. Zuletzt hatte der Alte gesagt: »Weil du deinen
in's Meer gesunkenen Schatz nicht bedauert hast, sondern nur deinen
Dudelsack, so will ich dir einen neuen zum Andenken verehren.« Am Morgen
erinnerte er sich seines Traumes; aber wer vermöchte seine Freude und
sein Glück zu beschreiben, als er den im Traum ihm verheißenen Dudelsack
neben dem Korbe am Boden liegen sah. Tiidu nahm den Dudelsack und begann
nach Herzenslust zu blasen, daß der Wald davon wiederhallte. Nachdem er
sich satt gespielt hatte, nahm er den Weg unter die Füße und schlug die
Richtung nach der See ein.

Es war schon etwas über Mittag, als er die Küste erreichte, in deren
Nähe er ein Schiff liegen sah, an welchem das Schiffsvolk eben
Ausbesserungen vornahm. Die Leute wunderten sich, auf dieser Insel, die
sie für unbewohnt gehalten, einen Menschen zu erblicken. Der Schiffer
ließ ein Boot herunter, und schickte mit demselben zwei Männer an's
Ufer. Tiidu erzählte ihnen sein Unglück, wie das Schiff untergegangen
sei, und Gottes Gnade ihn wunderbarer Weise aus Todesgefahr errettet
habe. Der Schiffer versprach ihn unentgeltlich mitzunehmen und nach Land
Kungla zurückzubringen, wohin das Schiff bestimmt war. Unterwegs
erfreute Tiidu den Schiffer und das Schifssvolk durch sein schönes
Spiel; nach einigen Tagen hatten sie die Küste von Land Kungla erreicht.
Mit nassen Augen dankte Tiidu dem Schiffer, der ihn erlöst hatte, und
versprach, das Ueberfahrtsgeld redlich nachzuzahlen, sobald es ihm
wieder gut gehe. Als er nach einigen Tagen wieder in des Königs Stadt
angekommen war, spielte er gleich den ersten Abend öffentlich, und nahm
dafür so viel Geld ein, daß er sich neue Kleider nach ausländischem
Schnitt machen lassen konnte. Darauf that er einige rothe Aepfel in ein
Körbchen und ging mit seiner Waare an das Thor des Königshauses, wo er
sie am leichtesten los zu werden hoffte. Es dauerte auch nicht gar
lange, so kam ein königlicher Diener, kaufte die schönen Aepfel,
bezahlte mehr als gefordert war, und hieß den Verkäufer am nächsten Tage
wiederkommen. Tiidu aber machte sich eilig davon, als ob er Feuer in der
Tasche hätte, und dachte nicht daran, mit seiner Waare wiederzukommen,
denn er wußte ja recht gut, daß der Genuß der Aepfel ein Wachsen der
Nasen hervorbringen würde. Er ließ sich dann noch an demselben Tage
einen andern Anzug machen, und kaufte sich einen langen schwarzen Bart,
den er sich an's Kinn klebte; dadurch veränderte er sein Aussehen
dermaßen, daß selbst seine nächsten Bekannten ihn nicht wieder erkannt
hätten. Daraus nahm er in einem Wirthshause in einer entlegenen Vorstadt
seine Wohnung und nannte sich einen ausländischen Zauberkünstler, der
alle Gebrechen zu heilen wisse.

Am andern Tage war die ganze Stadt voll Bestürzung über das Unglück,
welches sich im Hause des Königs zugetragen hatte. Der König, seine
Gemahlin und seine Kinder hatten gestern Aepfel genossen, die man von
einem Fremden gekauft hatte, und waren darnach Alle erkrankt. Worin ihre
Krankheit bestand, das wurde nicht verrathen. Alle Doctoren, Aerzte und
Zauberkünstler der Stadt wurden zusammen gerufen, aber keiner konnte
helfen, weil sie eine solche Krankheit noch niemals bei Menschen gesehen
hatten. Später verlautete über die Krankheit, es sei ein Nasenübel. Als
eines Tages alle Aerzte und Zauberkünstler zur Berathung versammelt
waren, hielten einige es für nothwendig, die überflüssige Verlängerung
der Nasen wegzuschneiden; aber der König und seine Familie wollten sich
einer so schmerzhaften Kur nicht unterziehen. Da wurde gemeldet, daß bei
einem Gastwirth in der Vorstadt ein ausländischer Zauberkünstler sich
aufhalte, der alle Gebrechen heilen könne. Der König schickte sogleich
seine mit vier Pferden bespannte Kutsche hin, und ließ den
Zauberkünstler zu sich bescheiden. Tiidu hatte über die halbe Nacht
daran gearbeitet, sich ganz unkenntlich zu machen, und es war ihm so gut
gelungen, daß weder von dem Dudelsackpfeifer noch von dem
Aepfelverkäufer eine Spur nachgeblieben war. Auch seine Ausdrucksweise
war so gebrochen, daß er Manches erst mit den Fingern andeuten mußte,
ehe die Andern daraus klug wurden. Als er zum Könige kam, besah er das
seltsame Gebrechen, nannte es die Puterseuche, und versprach, es ohne
Schneiden zu curiren. Dem Könige und seiner Gemahlin waren die Nasen
schon über eine Elle lang gewachsen, und dehnten sich noch immer weiter.
Dudelsack-Tiidu hatte feines Pulver von seinen Nüssen in eine kleine
Dose gethan, gab jedem Kranken eine Messerspitze voll ein, und ordnete
an, daß die Kranken sich in ein finsteres Gemach verfügten, wo sie sich
zu Bette legen und in Kissen hüllen mußten, damit starker Schweiß
erfolge, und den Krankheitsstoff zum Körper heraustreibe. Als sie nach
einigen Stunden wieder an's Licht traten, hatten alle ihre vorigen Nasen
wieder.

Der König hätte in seiner Freude gern die Hälfte seines Königreiches für
diese Cur hingegeben, die ihn und die Seinigen von der greulichen
Nasenkrankheit befreit hatte. Allein durch die Noth, welche
Dudelsack-Tiidu beim Schiffbruch erlebt hatte, war seine Geldgier
schwächer geworden, und er verlangte nicht mehr, als hinreichte um sich
ein Gut zu kaufen, auf welchem er seine Lebenstage friedlich zu
beendigen wünschte. Der König ließ ihm jedoch eine dreimal größere Summe
auszahlen, mit welcher Tiidu zum Hafen eilte und ein Schiff bestieg, das
ihn in seine Heimath zurückbringen sollte. Vor seiner Abfahrt hatte er
seinen falschen Bart abgenommen, und die fremdartigen Kleider mit
anderen vertauscht. Dem Schiffer, der ihn von der wüsten Insel gerettet
hatte, erstattete er das Geld, welches er ihm für die Ueberfahrt
schuldete. Nachdem er an seiner heimischen Küste gelandet war, begab er
sich nach seinem Geburtsorte, und fand seinen Vater, zwei Brüder und
drei Schwestern noch am Leben; die Mutter und drei Brüder waren
gestorben. Tiidu gab sich den Seinigen nicht eher zu erkennen, als bis
er das Gut gekauft hatte. Dann ließ er ein prächtiges Gastmahl
anrichten, und seine ganze Familie dazu einladen. Bei Tische gab er sich
zu erkennen und sagte: »Ich bin _Tiidu_, euer fauler Sohn und Bruder, der
zu Nichts zu gebrauchen war, seinen Eltern Kummer machte, und endlich
heimlich davon lief. Mein Glück war mir holder als ich selbst, und darum
komme ich jetzt als reicher Mann zurück. Jetzt müsset ihr Alle kommen
und auf meiner Besitzung wohnen, und der Vater muß bis an seinen Tod in
meinem Hause bleiben.« -- Später freite er ein tugendsames Mädchen, das
nichts weiter besaß, als ein hübsches Gesicht und ein gutes Herz. Als er
am Abend des Hochzeitstages mit seiner jungen Frau das Schlafgemach
betrat, fand er große Kisten und Kasten vor demselben, welche alle seine
in's Meer gesunkenen Schätze enthielten. In einem der Kasten lag ein
Blatt, worauf die Worte geschrieben waren: »Einem guten Sohne, der für
Eltern und Verwandte sorgt, giebt auch die Meerestiefe den geraubten
Schatz heraus.« Wer aber der zauberkräftige Alte gewesen, der ihn auf
den Weg des Glückes geführt, ihn aus der Seegefahr gerettet und Gier und
Geiz aus seinem Herzen getilgt hatte: das hat er niemals erfahren.

Ob gegenwärtig noch von Dudelsack-Tiidu's Nachkommen Jemand lebt, ist
mir nicht bekannt, sollte man aber einige von ihnen ausfindig machen,
dann sind es gewiß so feine Herrschaften, daß bei ihnen weder
bäuerlicher Rauchgeruch noch Riegenstaub mehr anzutreffen ist.

[Fußnote 85: S. die Anm. 2. zu 8, »Schlaukopf«, S. 102. L]



24. Die aus dem Ei entsprossene Königstochter.


Einmal lebte ein König, dessen Gemahlin keine Kinder hatte, was Beide
sehr bekümmerte, besonders wenn sie sahen, wie niedriger stehende
Menschen in dieser Hinsicht viel reicher waren als sie selber. Trauriger
als gewöhnlich war die Königin immer, wenn der König einmal nicht zu
Hause war; dann saß sie fast immer im Garten unter einer breiten Linde,
senkte den Kopf und hatte die Augen voll Thränen. Da saß sie auch wieder
eines Tages, als der König auf einige Wochen verreist war, um die
Kriegsmacht zu besichtigen, welche an der Grenze des Reiches stand,
einen drohenden feindlichen Einbruch abzuwehren. Der Königin war das
Herz so beklommen, als stehe ihr ein unerwartetes Unglück bevor, und
ihre Augen füllten sich mit bitteren Thränen. Als sie das Antlitz
emporhob, sah sie ein altes Mütterchen, welches auf Krücken einher
hinkte, sich an der Quelle bückte, um zu trinken, und nachdem sie ihren
Durst gestillt hatte, gerade auf die Linde zu humpelte, wo die Königin
weilte. Das Mütterchen neigte ihr Haupt und sagte: »Nehmt es nicht übel,
geehrtes hohes Frauchen, daß ich es wage, vor euch zu erscheinen, und
fürchtet euch nicht vor mir, denn es wäre leicht möglich, daß ich zur
guten Stunde gekommen bin und euch Glück bringe.« Die Königin
betrachtete sie zweifelhaft und antwortete: »Du selber scheinst mir an
Glück keinen Ueberfluß zu haben, was kannst du Andern davon gewähren?«
Die Alte ließ sich aber nicht irre machen, sondern sagte: »Unter rauher
Schale steckt oft glattes Holz und süßer Kern. Zeiget mir eure Hand,
damit ich erfahre, wie es mit euch werden wird.« Die Königin streckte
ihr die Hand hin, damit die Alte darin lesen könne. Als diese die Linien
und Striche eine Weile genau betrachtet hatte, ließ sie sich
folgendermaßen vernehmen: »Euer Herz ist jetzt mit zwei Sorgen beladen,
einer alten und einer neuen. Die neue Sorge, die euch quält, ist die um
euren Gemahl, der jetzt weit von euch ist; --aber glaubet meinem Worte,
er ist gesund und munter und wird binnen zwei Wochen zurück kommen und
euch frohe Zeitung bringen. Eure alte Sorge aber, welche eurer Hand
tiefere Striche eingedrückt hat, rührt daher, daß Gott euch keine
Leibesfrucht geschenkt hat!« Die Königin erröthete und wollte ihre Hand
aus der Hand der Alten losmachen, aber die Alte bat: »Habt noch ein
wenig Geduld, so bringen wir Alles auf einmal in's Reine.« Die Königin
fragte: »Sage mir, Mütterchen, wer du bist, daß du mir aus der
Handfläche meine Herzensgedanken kund thun kannst?« Die Alte erwiederte:
»Um meinen Namen ist es hier nicht zu thun, und ebenso wenig darum,
welche Kraft mir eures Herzens geheime Wünsche kund macht; ich freue
mich nur, daß es mir vergönnt ist, euch auf die rechte Bahn zu bringen,
und eures Herzens Kummer zu mindern. Durch Zaubermacht ist euer Leib
verschlossen, so daß ihr nicht eher Kinder zur Welt bringen könnt, bis
die Bänder des Verschlusses gelöst sind, und die natürliche
Beschaffenheit wieder hergestellt ist. Ich kann dies bewirken, jedoch
nur dann, wenn ihr Alles befolgt, was ich euch sagen werde.« »Alles will
ich ja gern thun, und dich auch für deine Mühe königlich belohnen, wenn
du deine Versprechungen wahr machst,« sagte die Königin. -- Die Alte
stand eine Zeitlang in Gedanken und fuhr dann fort: »Heute über's Jahr
sollt ihr sehen, daß meine Prophezeiungen eintreffen.« Mit diesen Worten
zog sie ein in viele Lappen gewickeltes Bündel aus dem Busen, und als
die Lappen abgenommen waren, kam ein kleines Körbchen von Birkenrinde
zum Vorschein; sie gab es der Königin und sagte: »In dem Körbchen findet
ihr ein Vogelei;[86] dieses brütet drei Monate in eurem Schooße aus, bis
ein lebendiges Püppchen herauskommt, das einem menschlichen Kinde
gleicht. Das Püppchen legt in einen Wollkorb, und lasset es so lange
wachsen, bis es die Größe eines neugeborenen Kindes hat; Speise oder
Trank braucht es nicht, das Körbchen aber muß immer an einem warmen Orte
stehen. Neun Monate nach der Geburt des Püppchens werdet ihr einen Sohn
zur Welt bringen. An demselben Tage hat auch das Püppchen die Größe
eines neugeborenen Kindes erreicht, nehmet es dann heraus, leget es
neben den neugeborenen Sohn in's Bette und lasset dem Könige melden,
daß Gott euch Zwillinge geschenkt habe, einen Sohn und eine Tochter. Den
Sohn säuget an eurer Brust, für die Tochter aber müßt ihr eine Amme
nehmen. An dem Tage, wo beide Kinder zur Taufe gebracht werden, bittet
mich, bei der Tochter Pathenstelle zu vertreten. Das macht ihr so: Auf
dem Boden des Körbchens findet ihr unter der Wolle einen Flederwisch,
den blaset zum Fenster hinaus, dann erhalte ich augenblicklich die
Botschaft und komme, bei eurem Töchterchen Gevatter zu stehen. Von dem,
was euch jetzt begegnet ist, dürft ihr Niemanden etwas sagen.« Ehe noch
die Königin ein Wort erwiedern konnte, eilte die hinkende Alte davon,
und nachdem sie zehn Schritte gemacht hatte, war von einer Alten keine
Spur mehr, sondern statt derselben schritt ein junges Weib in aufrechter
Haltung so rasch dahin, daß sie mehr zu fliegen als zu gehen schien. Die
Königin aber konnte sich von ihrer Verwunderung noch nicht erholen, und
würde Alles für einen Traum gehalten haben, wenn nicht das Körbchen in
ihrer Hand bezeugt hätte, daß die Sache wirklich vorgefallen war. Sie
fühlte ihr Herz mit einem Male wunderbar erleichtert. Sie trat in ihr
Gemach, wickelte das Körbchen, in welchem ein kleines Ei in feiner Wolle
lag, in seidene Tücher und steckte es in ihren Busen, wie das Mütterchen
vorgeschrieben hatte. Auch alles Uebrige gelobte sie sich zu erfüllen
und das Geheimniß zu bewahren.

Gerade als der letzte Tag der zweiten Woche nach dem Besuche der Alten
zu Ende ging, kehrte der König zurück und rief schon von fern der Frau
die frohe Nachricht zu: »Mein Heer hat einen vollständigen Sieg davon
getragen und den Feind mit blutigen Köpfen heimgeschickt, so daß unsere
Unterthanen für's erste Ruhe haben werden.« So war die erste
Prophezeiung der Alten vollständig eingetroffen, und dadurch befestigte
sich im Herzen der Königin die Hoffnung, daß auch die übrigen
Prophezeiungen in Erfüllung gehen würden. Sie hütete das Körbchen mit
dem Ei in ihrem Busen wie ein Kleinod, und ließ ein goldenes Kästchen
machen, in welches sie das Körbchen legte, damit das Eichen nicht etwa
beschädigt würde. Nach drei Monaten schlüpfte aus dem Ei ein lebendiges
Püppchen von halber Fingerlänge, welches der Vorschrift gemäß in den
Wollkorb gelegt wurde, um zu wachsen. So war auch die zweite
Prophezeiung wahr geworden, und die Königin harrte nun mit Spannung der
Zeit, wo ihr Herz zum ersten Male Mutterfreuden schmecken sollte. Und in
der That brachte sie nach Jahresfrist ein Söhnlein zur Welt, wie das
alte Mütterchen vorhergesagt hatte. Da nahm sie das Mägdlein aus dem
Wollkasten, legte es neben den Sohn in die Wiege, und ließ dem Könige
sagen, daß sie Zwillinge geboren habe, einen Sohn und eine Tochter. Die
Freude des Königs und seiner Unterthanen kannte keine Grenzen. -- Alle
glaubten fest daran, daß die Königin mit Zwillingen niedergekommen sei.
An dem Tage, wo die Kinder getauft werden sollten, öffnete die Königin
ein wenig das Fenster und ließ den Flederwisch fliegen, um die
Taufmutter für die Tochter herbeizuschaffen, denn sie war überzeugt, die
Gevatterin würde zur rechten Zeit da sein. Als die eingeladenen
Taufgäste schon alle beisammen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit
sechs dotterfarbigen Rossen vor, und aus der Kutsche stieg eine junge
Frau in rosenrothen goldgestickten seidenen Gewändern, die einen Glanz
verbreiteten, der mit dem Glanze der Sonne wetteiferte; das Antlitz
hatte sie mit einem feinen Schleier verhüllt. Als sie eintrat, nahm sie
den Schleier ab, und Alle mußten staunend bekennen, daß sie in ihrem
Leben noch keine schönere Jungfrau gesehen hätten. Die schöne Jungfrau
nahm nun das Töchterchen auf ihre Arme und trug es zur Taufe, in welcher
dem Kinde der Name _Dotterine_ beigelegt wurde, was freilich Niemanden
verständlich war, als der Königin, da ja das Kind wie ein Vogeljunges
aus einem Eidotter geboren war. Taufvater des Sohnes war ein vornehmer
Herr, und das Knäblein erhielt den Namen _Willem_. Nach vollzogener Taufe
ließ sich die Taufmutter von der Königin das Körbchen mit den
Eierschalen geben, legte das Kind in die Wiege und sagte heimlich zur
Königin: »So lange die Kleine in der Wiege schläft, muß das Körbchen
neben ihr liegen, damit ihr nichts Uebles zustoßen kann, denn in dem
Körbchen ruht ihr Glück. Darum hütet diesen Schatz wie euren Augapfel,
und schärfet auch eurem Töchterchen, wenn es anfängt zu begreifen, ein,
daß es dieses unscheinbare Ding sorgfältig in Acht nehmen muß.« Sie
sprach dann noch Manches mit der Mutter über die Erziehung ihrer Pathe,
küßte diese drei Mal, nahm Abschied, stieg in die Kutsche und fuhr
davon. Niemand wußte, woher sie gekommen war und wohin sie ging; auch
die Königin gab auf Befragen keinen weiteren Bescheid als: es ist eine
mir bekannte Königstochter aus fernem Lande.

Die Kinder gediehen fröhlich, Willem bei der Muttermilch und Dotterine
an der Brust der Amme. Diese liebte das Mägdlein so zärtlich, als wäre
es ihr leibliches Kind gewesen, und die Königin behielt sie deßhalb nach
der Entwöhnung als Kinderwärterin. Die kleine Dotterine wurde von Tage
zu Tage hübscher, so daß die älteren Leute meinten, sie würde einmal
ihrer Taufmutter ähnlich werden. Die Amme hatte zuweilen bemerkt, daß in
der Nacht, wenn Alles schlief, eine fremde schöne Frau erschien, um den
Säugling zu betrachten; als sie dies der Königin entdeckte, schärfte ihr
diese ein, gegen Niemanden von dem nächtlichen Gaste etwas verlauten zu
lassen. Als die Zwillinge zwei Jahr alt waren, wurde die Königin
plötzlich schwer krank; zwar wurden Aerzte von nah und fern
herbeigerufen, aber sie konnten nicht helfen, denn für den Tod ist kein
Kraut gewachsen. Die Königin fühlte selbst, daß sie von Stunde zu Stunde
dem Grabe immer näher kam, und ließ deßhalb die Wärterin und vormalige
Amme der Dotterine rufen. Ihr, als der treuesten ihrer Dienerinnen,
übergab sie das Glückskörbchen mit den Eierschalen und schärfte ihr ein,
das verwunderliche Ding sorgfältig in Acht zu nehmen. »Wenn mein
Töchterchen,« so sagte die Königin, »zehn Jahr alt ist, dann händige ihr
das Kleinod ein, und ermahne sie, es zu hüten, weil es das Glück ihrer
Zukunft birgt. Um meinen Sohn sorge ich nicht, ihn, als des Reiches
Erben, wird der König unter seine Obhut nehmen.« Die Wärterin mußte ihr
dann eidlich versprechen, das Geheimniß vor jedermann zu bewahren.
Darauf ließ sie den König an ihr Bett rufen und bat ihn, er möge die
gewesene Amme Dotterinen's ihr als Wärterin und Dienerin lassen, so
lange als Dotterine es wünschen würde. Der König versprach es; noch
denselben Abend gab seine Gemahlin ihren Geist auf.

Nach einigen Jahren freite der verwittwete König wieder, und brachte
eine junge Frau in's Haus, die sich aus dem gealterten Gemahl nichts
machte, sondern ihn nur aus Ehrgeiz genommen hatte. Die Kinder der
ersten Frau konnte sie nicht vor Augen sehen, weßhalb der König sie an
einem abgesonderten Orte aufziehen ließ, wo Dotterinen's frühere Amme
mütterlich für sie sorgte. Kamen die Kinder einmal zufällig der
Stiefmutter zu Gesicht, so stieß sie dieselben wie junge Hunde mit dem
Fuße fort, so daß die Kinder sie scheuten wie das Feuer. Als Dotterine
das Alter von zehn Jahren erreicht hatte, händigte ihr die Amme das
Pathengeschenk ein, und ermahnte sie, dasselbe wohl in Acht zu nehmen.
Da das Geschenk aber dem Kinde so gar unansehnlich vorkam, so gab es
nicht viel darauf, legte es zu den übrigen von der Mutter geerbten
Sachen in den Kasten, und dachte nicht weiter daran. Darüber waren
wieder ein Paar Jahre hingegangen, als eines Tages, da der König sich
entfernt hatte, die Stiefmutter Dotterine im Garten unter einer Linde
sitzen fand: wie ein Habicht fuhr sie auf das Kind los, riß es an den
Ohren und schlug es, daß Blut aus Mund und Nase floß. Weinend lief das
Mädchen in ihr Gemach, und als sie die Amme dort nicht fand, fiel ihr
mit einem Male das Pathengeschenk ein. Sie nahm es aus dem Kasten und
wollte nun zu ihrer Zerstreuung sehen, was denn wohl darin wäre. Aber
sie fand im Körbchen keinen größeren Schatz als eine Handvoll feine
Schafwolle und ein paar leere Eierschalen. Unter der Wolle auf dem
Grunde des Körbchens lag ein Flederwisch. Als nun das Mädchen am
geöffneten Fenster die wertlosen Sachen betrachtete, verursachte es
einen Luftzug, der den Flederwisch fort blies. Augenblicklich stand eine
fremde schöne Frau neben Dotterinen, streichelte ihr Kopf und Wangen und
sagte freundlich: »Fürchte dich nicht, liebes Kind, ich bin deine
Taufmutter, und bin hergekommen, dich zu sehen. Deine vom Weinen
angeschwollenen Augen sagen mir, daß du traurig bist. Ich weiß, daß das
Leben, welches du unter dem Joche deiner Stiefmutter führst, nicht
leicht ist, allein halte aus und bleibe brav in allen Anfechtungen, dann
werden einst bessere Tage für dich anbrechen. Wenn du erwachsen bist,
hat deine Stiefmutter keine Gewalt mehr über dich, und eben so wenig
können andere böse Menschen dir schaden, wenn du dein Körbchen nicht
verloren gehen lässest; auch die Eierschalen darfst du nicht abhanden
kommen lassen, zu rechter Zeit werden sie sich wieder zu einem Eichen
zusammenfügen, und dann wird dein Glück erblühen. Nähe dir ein seidenes
Säckchen, stecke das Körbchen hinein und verwahre es Tag und Nacht im
Busen, so können dir weder deine Stiefmutter noch andere Menschen etwas
Böses anhaben. Sollte dir aber irgend etwas zustoßen, wobei du ohne
meinen Rath nicht durchkommen zu können glaubst, so nimm den Flederwisch
aus dem Körbchen und blase ihn in's Freie; dann werde ich augenblicklich
da sein, dir zu helfen. Komm jetzt in den Garten, da können wir uns
unter der Linde weiter unterhalten, ohne daß ein Anderer es hört.« Unter
der Linde setzten sie sich auf eine Rasenbank und die Taufmutter wußte
der Kleinen durch anmuthiges Gespräch die Zeit so gut zu verkürzen, daß
sie nicht merkte, wie die Sonne schon längst untergegangen war und die
Nacht hereinbrach. Da sagte die Taufmutter: »Reiche mir das Körbchen,
ich will etwas Abendbrot besorgen, damit du nicht mit leerem Magen
schlafen zu gehen brauchst.« Sie sprach dann heimliche Worte über das
Körbchen, worauf ein Tisch mit wohlschmeckenden Speisen aus dem Boden
stieg. Beide aßen sich satt, dann begleitete die Taufmutter Dotterinen
wieder zum Hause des Königs, und lehrte ihr während dieses Ganges die
geheimen Worte, welche sie dem Körbchen zuflüstern müsse, wenn sie etwas
zu begehren hätte. Seltsam war es, daß von da an die Stiefmutter ihrer
Stieftochter kein böses Wort mehr gab, sondern fast immer freundlich
gegen sie war.

Nach einigen Jahren war Dotterine zur reifen Jungfrau herangewachsen,
und ihre Schönheit und Wohlgestalt war so blendend, daß man glaubte, es
gebe ihres Gleichen nicht auf der Welt. Da brach ein schwerer Krieg aus,
der von Tag zu Tage schlimmer wurde, bis zuletzt der Feind vor die
Königsstadt zog und sie mit Heeresmacht einschloß, so daß keine Seele
heraus noch herein kommen konnte. Der Hunger begann die Einwohner zu
quälen, und auch in des Königs Hause drohte binnen wenigen Tagen der
Mundvorrath auszugehen. -- Da ließ Dotterine eines Tages ihren
Flederwisch fliegen, und siehe da! augenblicklich war die Taufmutter bei
ihr. Als die Königstochter ihr die Noth und das Elend geklagt hatte,
sagte die Taufmutter: »Dich, liebes Kind, kann ich wohl aus dieser
Gefahr erretten, für die andern aber reicht meine Hülfe nicht aus, sie
müssen selber sehen, wie sie durchkommen.« Darauf nahm sie Dotterinen
bei der Hand und führte sie aus der Stadt mitten durch das Heer der
Feinde, deren Augen sie so verblendet hatte, daß Niemand die Flüchtlinge
sehen konnte. Am folgenden Tage fiel die Stadt in die Hand der Feinde,
und der König mit seinem ganzen Hause wurde gefangen genommen, sein Sohn
Willem aber war glücklich entronnen. Die Königin hatte durch einen
feindlichen Speer den Tod gefunden. Für Dotterine hatte die Taufmutter
Bauernkleider besorgt, und ihr Antlitz so verändert, daß Niemand sie
erkennen konnte. »Wenn einst wieder eine bessere Zeit kommt,« sagte die
Taufmutter, »und du dich sehnst, in deiner früheren Gestalt vor die
Leute zu treten, dann flüstere dem Körbchen die geheimen Worte zu und
gebiete ihm, dich in deine eigene Gestalt zurück zu verwandeln; und es
wird so geschehen. Jetzt ertrage eine Zeitlang geduldig schwere Tage,
bis die Lage sich bessert.« Scheidend ermahnte sie noch das Mädchen, das
Körbchen gut in Acht zu nehmen, und entfernte sich dann. Dotterine
wanderte mehrere Tage von einem Orte zum andern umher, da aber der Feind
die ganze Umgegend verwüstet hatte, so fand sie anfangs weder Obdach
noch Dienst. Zwar bot ihr das Körbchen ihre tägliche Nahrung, aber sie
wollte doch nicht so auf eigene Hand weiter leben, und nahm deßhalb mit
Freuden einen Dienst als Magd in einem Bauerhofe an, wo sie so lange zu
bleiben gedachte, bis die Dinge sich wenden würden. Anfangs wurde die
ungewohnte grobe Arbeit Dotterinen sehr schwer, weil sie sich eben noch
niemals damit abgegeben hatte. Aber war es nun, daß ihre Gliedmaßen
sich wirklich so schnell abhärteten, oder daß das Wunderkörbchen ihr
heimlich half -- nach drei Tagen ging ihr Alles so gut von der Hand, als
wäre sie von Kindesbeinen an dabei aufgewachsen. An ihr wurde das alte
Wort zu Schanden, welches sagt: »Man kann wohl aus einem Bauern eine
Herrschaft, aber aus einer Herrschaft keinen Bauern machen.« Da traf es
sich, daß eines Tages eine Edelfrau durchs Dorf fuhr, als Dotterine
gerade auf dem Hofe Holzgefäße scheuerte. Des Mädchens flinkes Thun und
anmuthiges Wesen fesselte die Frau; sie ließ halten, rief das Mädchen
heran und fragte: »Hast du nicht Lust bei mir auf dem Gute in Dienst zu
treten?« »Gern,« antwortete die Königstochter, »wenn meine jetzige
Brotherrschaft mir Erlaubniß giebt.« Die Frau versprach die Sache mit
dem Wirthe in Ordnung zu bringen, ließ das Mädchen den Sitz hinter der
Kutsche einnehmen und fuhr mit ihr auf's Gut. Hier hatte es Dotterine
wieder leichter, denn ihre ganze Arbeit bestand darin, die Zimmer
aufzuräumen und der Frau und den Fräulein beim Ankleiden behülflich zu
sein. Nach einem halben Jahre kam die fröhliche Kunde, daß des alten
Königs Sohn, der den Feinden glücklich entkommen war, in der Fremde ein
Heer gesammelt, mit welchem er sein Königreich dem Feinde wieder
abgenommen habe, und daß er nun selber zum Könige erhoben worden sei.
Die Freudenbotschaft war aber zugleich von einer Todesbotschaft
begleitet: der alte König war im Gefängniß gestorben. Da nun Dotterine
Anderen ihren Kummer nicht zeigen durfte, so weinte sie heimlich bittere
Thränen über ihres Vaters Tod, denn ein anderer als ihr Vater konnte ja
doch der verstorbene König nicht sein.

Nach Ablauf des Trauerjahres ließ der junge König verkünden, daß er
entschlossen sei, sich zu vermählen. Es wurden deswegen von nah und fern
alle Jungfrauen vornehmer Herkunft zu einem Feste in das Haus des Königs
geladen, damit derselbe sich aus ihrer Mitte eine junge Frau wählen
könne, wie Auge und Herz sie begehrten. Auch die Töchter der Dame, bei
welcher Dotterine diente, und die alle drei jung und blühend waren,
rüsteten sich zum Feste. Dotterine hatte jetzt einige Wochen vom Morgen
bis zum Abend vollauf mit dem Putze der Fräulein zu thun. In dieser Zeit
träumte ihr jede Nacht, ihre Taufmutter käme an ihr Bett und sagte:
»Schmücke erst deine Fräulein zum Feste, und dann folge selber nach.
Keine kann dort so schmuck und so schön sein wie du!« Je näher der Tag
des Festes heranrückte, desto unruhiger wurde Dotterinen zu Muthe, und
als die Frau mit ihren Töchtern davon gefahren war, warf sie sich mit
dem Gesicht auf's Bett und vergoß bittere Thränen. Da war's, als ob ihr
eine Stimme zurief: »Nimm dein Körbchen zur Hand, dann wirst du Alles
finden, was du brauchst.« Dotterine sprang auf, nahm das Körbchen aus
dem Busen, sprach darüber die geheimen Worte, welche sie gelernt hatte,
und siehe das Wunder! augenblicklich lagen prachtvolle goldgewirkte
Gewänder auf dem Bette. Als sie sich dann das Gesicht wusch, erhielt sie
ihr früheres Ansehen wieder, und als sie die prächtigen Kleider angelegt
hatte, und dann vor den Spiegel trat, erschrack sie selber über ihre
Schönheit. Als sie die Treppe hinunter kam, fand sie vor der Thür eine
stattliche Kutsche mit vier dotterfarbigen Pferden bespannt. Sie setzte
sich ein und fuhr mit Windesschnelle fort, so daß sie in weniger als
einer Stunde vor der Pforte des Königshauses angelangt war. Als sie eben
aussteigen wollte, fand sie zu ihrem Schrecken, daß sie beim raschen
Ankleiden das Glückskörbchen zu Hause vergessen hatte. Was jetzt
beginnen? Schon entschloß sie sich zurückzufahren, als eine kleine
Schwalbe mit dem Körbchen im Schnabel an's Kutschfenster geflogen kam.
Erfreut nahm ihr Dotterine das Körbchen aus dem Schnabel, steckte es in
den Busen und hüpfte leicht wie ein Eichhörnchen die Treppe hinauf.

Im Festgemach funkelte Alles von Pracht und Schönheit, die vornehmen
Fräulein hatten ihren kostbarsten Schmuck angelegt, jede in der
Hoffnung, daß des jungen Königs Auge auf sie fallen würde. Als aber
plötzlich die Thür sich öffnete und Dotterine eintrat, da erbleichte der
Andern Glanz wie der der Sterne beim Aufgang der Sonne, so daß der
Königssohn nur noch diese Jungfrau sah. Einige ältere Personen, die sich
noch dessen erinnerten, was vorgefallen war, als der König mit seiner
später verschwundenen Schwester die Taufe erhielt, sprachen zu einander:
»Diese Jungfrau kann gar wohl die Tochter jener unbekannten Dame sein,
welche bei unseres alten Königs Tochter Gevatter stand.« Der König kam
Dotterinen nicht mehr von der Seite, und kümmerte sich nicht um die
übrigen Gäste. Um Mitternacht geschah etwas Wunderbares: das Gemach war
plötzlich wie in Wolken gehüllt, so daß man weder den Glanz der Lichter
noch die Menschen sah. Nach einer kleinen Weile entwickelte sich aus
dem Nebel wieder Helligkeit und es erschien eine Frau, die keine andere
war, als Dotterinens Taufmutter. Sie sprach zum jungen Könige: »Das
Mädchen, welches neben dir steht, ist deine vermeintliche Schwester,
welche mit dir zusammen getauft wurde, und an dem Tage verschwand, wo
die Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Jungfrau ist aber nicht
deine Schwester, sondern eines weit entfernten Königs Tochter, welche
ich aus der Verzauberung erlöste, und deiner verstorbenen Mutter zur
Pflege übergab.« Dann krachte es, daß die Wände zitterten, und in
demselben Augenblick war die Taufmutter verschwunden, ohne daß jemand
sah, wo sie hingekommen war. Der junge König ließ sich am folgenden Tage
mit Dotterinen trauen, worauf eine prächtige Hochzeitsfeier folgte. Der
König lebte mit seiner Gemahlin sehr glücklich bis an sein Ende, aber
Niemand hat je gehört, wohin das Glückskörbchen gekommen ist. Man meint,
die Taufmutter habe es heimlich mitgenommen, als sie ihre Pathe das
letzte Mal gesehen.

[Fußnote 86: Aus dem von einem Hühnchen ausgebrüteten Ei eines
Birkhuhns ist Linda, die Gattin des Kalew und die Mutter des
Kalewsohnes, hervorgegangen. S. den Anfang des _Kalewipoëg_. L.]



Anmerkungen

von

Reinhold Köhler und Anton Schiefner.


1. Die Goldspinnerinnen.

Wie S. 10 eine Handvoll aus _neunerlei_ Arten gemischter Hexenkräuter zur
Verfertigung des Hexenknäuels gebraucht wird, so kömmt S. 243 ein Trank
aus _neunerlei_ Kräutern vor, wovon ein Jüngling drei Tage hinter einander
_neun_ Löffel täglich erhält. S. 246 wäscht sich die Höllenjungfrau _neun_
mal ihr Gesicht in der Quelle und umwandelt sie _neun_ mal. S. 262 _neun_
Kinder. Die Heiligkeit und die häufige Anwendung der Neunzahl ist
bekanntlich uralt und weit verbreitet, namentlich auch bei den
finnisch-tatarischen Völkern. Vgl. Ph. J. v. Strahlenberg Das Nord- und
Ostliche Theil von Europa und Asia, Stockholm 1730, S. 75-82, und
Schiefner Die Heldensagen der Minussinschen Tataren S. =XXIX=. Auch in den
in neuster Zeit von W. Radloff gesammelten Proben der Volksliteratur der
türkischen Stämme Süd-Sibiriens begegnet die Neunzahl sehr oft. Was
insbesondere die _neunerlei Kräuter_ betrifft, so erwähnt Strahlenberg S.
78, daß die Bauern in Liefland »gemeiniglich neunerlei Kräuter zu ihren
Arzenei-Getränken gebrauchen.« Auch im deutschen Aberglauben spielen die
neunerlei Kräuter eine wichtige Rolle (A. Wuttke Der deutsche
Volksaberglaube der Gegenwart, 2. völlig neue Bearbeitung, Berlin 1869,
§. 120, vgl. auch §§. 74, 85, 92, 253, 495, 528, 683). K.


3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge.

Märchen von Menschen mit derartigen wunderbaren Eigenschaften sind
zahlreich. Viele derselben hat Benfey in seinem Aufsatz »Das Märchen von
den Menschen mit den wunderbaren Eigenschaften« im Ausland 1858, Nr.
41-45 zusammengestellt. Vgl. auch noch Jahrbuch für romanische und
englische Literatur =VII=, 32. Das ehstnische Märchen ist eine durchaus
eigenthümliche Gestaltung des Stoffes. K.

S. 34, Z. 1 und 18 lese man »_drei Eier eines schwarzen Huhns_.« Wie hier
ein _schwarzes_ Huhn, so S. 62 ein _schwarzer_ Hund, S. 70 u. 289 eine
_schwarze_ Katze, S. 97 ein _schwarzes_ Pferd, S. 99 _schwarze_ Ochsen. Sch.

Der S. 42 vorkommende _Goldapfelbaum_, von dem Goldäpfel entwendet werden
und bei dem nachts gewacht wird, bis der Dieb entdeckt wird, ist einem
vielverbreiteten Märchen entnommen, welches man »das Märchen von dem
Goldapfelbaum und von den drei Königssöhnen« betiteln kann. Es findet
sich bei Grimm Nr. 57, v. Hahn Griechische und albanesische Märchen Nr.
70, Schott Walachische M. Nr. 26, J. W. Wolf Zeitschrift für deutsche
Mythologie =II=, 389 (aus der Bukowina), Wuk Serbische Volksmärchen Nr. 4,
Waldau Böhmisches Märchenbuch S. 131, Glinski =Bajarz polski I=, 1, Vogl
Die ältesten Volksmärchen der Russen Nr. 2 und nach Schiefners
Mittheilung bei Afanasjew =VII=, 121 und Salmelainen =IV=, 45. In allen
diesen Märchen sind es wunderbare Vögel, welche die Aepfel entwenden.
Das masurische Märchen bei Töppen Aberglauben aus Masuren, 2. Aufl., S.
139, gehört nur dem Anfang nach her, verläuft aber dann in ein ganz
andres Märchen. K.

S. 47 wäre statt »der Hexenmeister _Piirisilla_« genauer zu übersetzen
»der Hexenmeister von _Piirisild_« d. h. Gränzbrücke (Genitiv _Piirisilla_).
Vielleicht steckt in dem Piirisild eine Erinnerung an den Zauberer
Virgilius. Letzterer ist sogar noch in einem polnischen Kinderspiel
bekannt, das dem englischen »Simon sagts« (s. Wagner Illustrirtes
Spielbuch für Knaben, Leipzig O. Spamer, 2. Aufl., Nr. 714) zunächst
kommt. Sch.

S. 51, Z. 4 ist mit dem ehstnischen Texte übereinstimmend zu lesen
»_schwedische_ Brüder«. Es zogen diese ja zu dem Könige im _Nordlande_, wie
wir aus S. 49 Zeile 6 ersehen. Wir haben zugleich einen Fingerzeig über
die Quelle des Märchens. So finden wir auch S. 60 den _Schwedenkönig_
genannt. Sch.


4. Der Tontlawald.

In dem russischen Märchen »die schöne Wasilissa« (Afanasjew =IV=, 44) wird
die Stieftochter in den Wald geschickt, um von der dort wohnenden Hexe
(=Jagá babá=) Feuer zu holen. Auf den Rath der ihr von der Mutter auf dem
Sterbebett übergebenen Puppe, mit der sie ihre Nahrung theilt, begiebt
sie sich in den Wald und besteht dort alle Gefahren. Die Hexe giebt ihr
einen Todtenkopf mit funkelnden Augen mit, welcher ihre Stiefschwestern
zu Asche verbrennt.

Gute Kenner der ehstnischen Gebräuche bestätigen mir die S. 74 und 177
vorkommende Sitte, für die Todtenwächter zur Nacht Erbsen in Salz zu
kochen. Sch.


5. Der Waise Handmühle.

Außer dem von Herrn Löwe in der Anmerkung auf S. 80 Angeführten verweise
ich auf den Aufsatz »Ueber das Wort Sampo im finnischen Epos« im
Bulletin der Petersburger Akademie =III=, 497-506 = =Mélanges russes IV=,
195-209, in welchem ich verschiedene auf Wundermühlen bezügliche
russische Märchen vorführe. Sch.


7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand.

Dieses Märchen ist früher von Herrn Kreutzwald mir mitgeteilt und von
mir im Bulletin =XVI=, 448-56 und 562-63 (= =Mélanges russes IV=, 7-18) in
dem Aufsatz »Zum Mythus vom Weltuntergange« veröffentlicht worden, wo
auch das in finnischen Märchen Vorkommende verwandten Inhalts berührt
ist. Sch.

Wie sich in diesem Märchen (S. 95 f.) ein ins Wasser geworfenes
Klettenblatt in einen Nachen verwandelt, so verwandeln sich in Ariostos
Rasendem Roland (=XXXIX=, 26-28) die von Astolf ins Meer geworfenen
verschiedenen Blätter in Schiffe. K.


8. Schlaukopf.

Dieses Märchen erinnert einigermaßen an die, welche ich im Jahrbuch für
roman. und engl. Literatur =VII=, 137 f. zusammengestellt habe. Nach
Schiefners Mittheilung gehört dazu noch ein finnisches (Salmelainen =IV=,
126), wo Helli dem Bergkobold (=Wuoren peikko=) Pferd, Geld und goldene
Decke stiehlt. K.


11. Der Zwerge Streit.

Der Streit der Erben (Geister, Teufel, Riesen, Zwerge, Menschen) um
Wunschdinge, welche dann der von den Streitenden erwählte Schiedsrichter
sich aneignet, kömmt oft in den Märchen des Morgen- und Abendlandes vor.
Näher darauf einzugehen ist hier nicht der Ort, nur folgendes sei
bemerkt. Die Zahl der Wunschdinge ist häufig drei, und darunter befinden
sich sehr oft ein Paar Schuhe oder Stiefeln und ein Hut oder eine Mütze.
Erstere bringen den Besitzer entweder, wie hier, sofort an einen
gewünschten Ort, oder er kann wenigstens in ihnen mit jedem Schritt
Meilen (7-1000) zurücklegen. Der Hut oder die Mütze hat meistens die
Eigenschaft unsichtbar zu machen: daß der Träger des Hutes aber alles,
auch das fernste und den gewöhnlichen Menschen sonst unsichtbare, sehen
kann, ist dem ehstnischen Märchen eigen, ebenso wie der Alles
schmelzende Stock. Zwar kömmt unter den Wunschdingen in mehreren Märchen
ein Stock oder eine Keule vor, aber nicht mit dieser Eigenschaft.

Was den Umstand betrifft, daß der Hut aus Nägelschnitzeln gemacht ist,
so ist außer dem S. 143, Anm. 1 Bemerkten noch auf Schiefners
Mittheilung im Bulletin =II=, 293 zu verweisen, daß die Lithauer in
Samogitien ihre Nägelschnitzel nicht wegwerfen, sondern an ihrem Leibe
verwahren, aus Furcht, der Teufel könne dieselben auflesen und sich
einen Hut daraus machen. Schiefner erinnert auch an das aus
Nägelschnitzeln Todter gebildete Todtenschiff Naglfari in der Edda.

Daß Zwerge bei Hochzeiten unsichtbar mitessen, kömmt öfters in deutschen
Sagen vor, z. B. in Büschings Wöchentlichen Nachrichten =I=, 73,
Müllenhoff Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig u. s. w. S. 280, Nr.
380, Kuhn und Schwartz Norddeutsche Sagen Nr. 189, 4; 270, 2; 291. K.


13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen.

Man vgl. das finnische Märchen aus Salmelainens Sammlung in Ermans
Archiv für wissenschaftliche Kunde von Rußland =XIII=, 483, das masurische
bei Töppen Aberglauben aus Masuren S. 148, das von Chavannes in der
Sammelschrift »Die Wissenschaften im 19. Jahrhundert« =IX=, 100
mitgetheilte russische, das polnische bei Glinski =Bajarz polski I=, 38,
das tiroler bei Zingerle Tirols Volksdichtungen und Volksgebräuche =II=,
395. Alle diese Märchen gehen gleich dem ehstnischen davon aus, daß ein
sterbender Vater seine drei Söhne auffordert, nach seinem Tode der Reihe
nach je eine Nacht auf seinem Grabe zuzubringen, welcher Aufforderung
jedoch die beiden ältesten nicht nachkommen, während der jüngste, der
als Dümmling gilt, alle drei Nächte auf dem väterlichen Grabe wacht. Die
Hand der Königstochter soll im finnischen Märchen der erhalten, welcher
sein Pferd bis ans dritte Stockwerk der Hofburg springen lassen und der
da sitzenden Prinzessin einen Kuß geben kann; im masurischen, wer zu
Pferde zweimal in das vierte Stockwerk des Schlosses zur Prinzessin
gelangen kann; im russischen, wer zu Pferde der im dritten Stockwerk
sitzenden Prinzessin einen Kuß geben, oder nach Varianten: wer über
zwölf Glastafeln oder über so und so viel Balken zu ihr oder ihrem Bild
zu Pferd gelangen kann; im tiroler, wer einen steilen Felsen empor
reiten kann; im polnischen, wer in Ritterspielen siegt. In einigen der
zahlreichen, sonst ähnlichen Märchen, in denen jedoch die Nachtwachen
auf dem Grabe des Vaters fehlen, muß, wie im ehstnischen, der Bewerber
um die Hand der Königstochter einen Glasberg hinaufreiten (Sommer Sagen,
Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen =I=, 96, Asbjörnsen und
Moë Norske Folkeeventyr Nr. 52, Grundtvig Gamle danske Minder i
Folkemunde =I=, 211, Müllenhoff Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig u.
s. w. S. 437, Anmerk. zu Nr. =XIII=). In fast allen hierher gehörigen
Märchen macht der Dümmling von seinem Siege zunächst keinen Gebrauch,
begibt sich vielmehr unerkannt nach Hause und wird erst nach einiger
Zeit, meist ohne sein Zuthun, als der gesuchte Sieger erkannt. In diesem
Punkte ist das ehstnische Märchen entstellt. Durchaus eigentümlich dem
ehstnischen Märchen sind der siebenjährige Schlaf der Königstochter und
der Umstand, daß der Bauernsohn ein vertauschter Prinz ist. K.

Daß der Glaskasten, in dem die Königstochter ruht, und der Glasberg
Nachklänge der altnordischen Brynhildr-Mythe sind, bemerke ich, indem
ich kurz auf Mannhardt Germanische Mythen S. 333 verweise, woselbst man
auch das hierher gehörige dänische Volkslied citiert findet, demzufolge
Sigfrid den Glasberg hinaufreitet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der
in der russischen Heldensage räthselhaft dastehende Swjatogor (ob nicht
entstellt aus Sigurd?), der sein Weib in einem Krystall-Schrein auf den
Schultern trägt (Rybnikow =I=, 37), hierher zu ziehen ist. Wie sehr
Verunstaltungen im Laufe der Zeit entstehen können, erkennt man leicht,
wenn man bedenkt, wie die dem Swjatogor vom Schicksal bestimmte Braut im
Land am Meeresstrand dreißig Jahre auf einem Misthaufen ruht und ihr
Leib wie Tannenrinde aussieht; vgl. meinen Aufsatz »Zur russischen
Heldensage« im Bulletin =IV=, 273-85 = =Mélanges russes IV=, 230-48. In dem
Märchen »der Krystallberg« bei Afanasjew =VII=, 209, kriecht der
Königssohn Iwan in Gestalt einer Ameise in den Krystallberg, in welchen
der zwölfköpfige Drache die Königstochter entführt hatte; er tödtet den
Drachen und findet in dessen rechter Seite einen Kasten, in dem Kasten
einen Hasen, in dem Hasen eine Ente, in der Ente ein Ei, in dem Ei ein
Samenkorn; dieses zündet er an und bringt es zum Krystallberg, der
alsbald zerschmilzt. Sch.


14. Der dankbare Königssohn.

Man vgl. die von mir in Benfeys Orient und Occident =II=, 103-114
zusammengestellten Märchen, denen man noch Haltrich Volksmärchen aus dem
Sachsenlande in Siebenbürgen Nr. 26, v. Hahn Griechische und
albanesische Märchen Nr. 54, Glinski =Bajarz polski I=, 109, Kletke
Märchensaal =II=, 71, Schneller Märchen aus Wälschtirol Nr. 27 beifüge. In
allen diesen Märchen geräth ein Jüngling -- meistens in Folge eines
erzwungenen oder erlisteten Versprechens seines Vaters -- in die Gewalt
eines feindlichen Wesens (Teufel, Dämon, Geist, Riese, Meerfrau,
Zauberer, Hexe) und trifft da eine Jungfrau -- in den meisten Märchen
die Tochter jenes Wesens --, durch deren Hilfe er die ihm aufgegebenen
schweren Arbeiten verrichtet und die dann mit ihm entflieht. Die meisten
Märchen schließen aber nicht hiermit, sondern sie erzählen noch, wie der
Jüngling seine Retterin in Folge der Uebertretung einer ihm von ihr
gegebenen Vorschrift eine Zeitlang vergißt. -- Wie im ehstnischen
Märchen der verirrte König dem Teufel das versprechen muß, was ihm auf
seinem Hof zuerst entgegen kömmt, so müssen in dem entsprechenden
Märchen bei Müllenhoff Nr. 6 die verirrten Eltern dasselbe versprechen,
und in dem parallelen schwedischen Märchen bei Cavallius Nr. =XIV=, =A=, muß
der König in seinem Schiff dem Meerweib das versprechen, was ihm am
Strande zuerst begegne. In andern der hierher gehörigen Märchen wird das
verlangt und versprochen, was man zu Hause habe, ohne es zu wissen
(Glinski, Kletke), oder was die Königin unter dem Gürtel trägt
(Cavallius Nr. =XIV=, =B=), oder der Sohn wird geradezu verlangt (Campbell,
v. Hahn); bei Haltrich endlich wird »en noa Sil« verlangt, was ein
neues Seil und eine neue Seele bedeutet.[87] -- Dem ehstnischen Märchen
ganz eigentümlich ist die Vertauschung des Königssohn mit der
Bauerntochter. Auch die Aufgaben, die im ehstnischen Märchen der Teufel
gibt, sind andere als in den übrigen Märchen. -- Daß die Jungfrau sich
und ihren Schützling auf der Flucht verwandelt, kömmt in mehreren der
parallelen Märchen vor, insbesondere die Verwandlung in Rosenstrauch und
Rose bei Grimm Nr. 113 und Müllenhoff Nr. 6, auch in den theilweis
hierher gehörigen Märchen bei Wolf deutsche Hausmärchen S. 292 und
Waldau Böhmisches Märchenbuch S. 268, die in Wasser und Fisch bei Grimm
Nr. 113. K.

Wie S. 194 der Königssohn statt seiner Hand eine glühende Schaufel
reicht, so in einem russischen Heldenlied Ilja von Murom dem blinden
Vater Swjatogors ein Stück erhitztes Eisen (Rybnikow =III=, 6). Sch.

[Fußnote 87: Nicht diese letztere Form des Versprechens, aber die
übrigen kommen auch in anderen, sonst nicht unmittelbar in diesen Kreis
gehörigen Märchen vor, z. B. bei Grimm Nr. 92, Schott Walachische
Märchen Nr. 2 (das zuerst Begegnende); Asbjörnsen Nr. 9 (das unterm
Gürtel); Wolf S. 199, Waldau S. 26, v. Saal Märchen der Magyaren S. 129
(das nicht Gewußte zu Hause).]


15. Rõugatajas Tochter.

In dem finnischen Märchen »die wunderliche Birke (Salmelainen =I=, 76) hat
die böse Syöjätär die vom Königssohne geheirathete Tuhkimus
(Aschenbrödel) in eine Rennthierkuh verwandelt; in dieser Gestalt stillt
sie ihr Kind; die Rennthierhaut wird vom Königssohn verbrannt; Syöjätär
und ihre Tochter kommen in der Badstube um. Sch.

Insofern in beiden Märchen die abgelegte Thierhaut verbrannt wird,
berühren sie sich mit den zahlreichen, übrigens anders verlaufenden
Märchen von der verbrannten Thierhülle. Vgl. Benfey Pantschatantra =I=,
254 und meine Zusammenstellung im Jahrbuch für roman. und englische
Literatur =VII=, 254 ff., die sich noch vermehren läßt. K.


16. Die Meermaid.

Die ehstnische Ueberschrift »_Näkineitsi_« d. i. buchstäblich
»Näk-Mädchen« (Nixe) weist auf schwedischen Ursprung des Märchens hin.
Sch.

Man vergleiche die bekannte französische, fast in ganz Europa, auch in
_Schweden_ zum Volksbuch gewordene Dichtung von der Melusine, die alle
Sonnabende[88] vom Nabel abwärts zur Schlange wurde und welcher Graf
Raimund vor seiner Vermählung mit ihr versprechen mußte, sie nie
Sonnabends sehen zu wollen.

Wenn Schlaf-Tönnis aus dem Reich der Meermaid als Greis auf die Erde
zurückkehrt, so beruht dies auf dem Glauben, daß Sterblichen im Elfen-
oder Feen-Lande die Zeit, ihnen unbewußt, mit reißender Geschwindigkeit
verfließt. So glaubt Thomas der Reimer bei der Elfenkönigin drei Tage
gewesen zu sein, während doch drei Jahre verflossen sind. (W. Scott
=Border Minstrelsy=, =Edinburgh 1861=, =IV=, 127). Ein schwedischer Ritter ist
40 Jahre im Elfenland gewesen und glaubt nur eine Stunde da verbracht zu
haben (Afzelius Volkssagen und Volkslieder aus Schwedens älterer und
neuerer Zeit, übersetzt von Ungewitter =II=, 297). Vgl. auch das Märchen
aus Wales bei Rodenberg Ein Herbst in Wales S. 128 und die
Kiffhäuser-Sagen bei A. Witzschel Sagen aus Thüringen Nr. 277 und 278.
Legenden erzählen Gleiches von Menschen, die im Paradies gewesen sind.
Vgl. Liebrechts Anmerkung zu Dunlop a. a. O. S. 543 und W. Menzel
Christliche Symbolik =II=, 194 ff. K.

[Fußnote 88: Die Fee Manto in Ariosts Rasendem Roland (=XLIII=, 98) und
die Sibylle im Roman »Guerino Meschino« (Dunlop Geschichte der
Prosadichtungen, übersetzt von F. Liebrecht, S. 315) werden ebenfalls
alle Sonnabende -- aber nicht bloß vom Nabel an, sondern ganz -- zu
Schlangen.]


18. Der Nordlands-Drache.

Ueber den _Ring Salomonis_ vgl. Eisenmenger Entdecktes Judenthum S. 351
ff., J. v. Hammer Rosenöl =I=, 171 ff., G. Weil Biblische Legenden der
Muselmänner S. 231 und 271 ff., F. Liebrecht Des Gervasius von Tilbury
=Otia imperialia= S. 77. In einem Märchen der 1001 Nacht (Der Tausend und
Einen Nacht noch nicht übersetzte Mährchen u. s. w. in's Französische
übersetzt von J. v. Hammer und aus dem Französischen in's Deutsche von
A. E. Zinserling, =I=, 311) wird, wie im ehstnischen Märchen, der Ring
Salomos, der mit diesem Ring am Finger in einer Insel der sieben Meere
begraben liegt, gesucht. K.


19. Das Glücksei.

Daß in Schlangen, Kröten oder dergl. verwandelte Jungfrauen nur erlöst
werden können, wenn ein Jüngling sie dreimal küßt oder sich küssen läßt,
kömmt in deutschen Sagen öfters vor. S. Grimm Deutsche Mythologie S.
921, W. Menzel Die deutsche Dichtung I, 192, Curtze Volksüberlieferungen
aus Waldeck S. 198. K.


20. Der Frauenmörder.

Eine Variante des bekannten Blaubart-Märchens. S. die Anmerkung zu Grimm
Nr. 46 und Jahrbuch für romanische und englische Literatur =VII=, 151 f.
K.


23. Dudelsack-Tiidu.

In Bezug auf die Aepfel, welche ein Wachsen der Nasen verursachen, und
die Nüsse, durch welche die Nasen wieder klein werden, vergleiche man
die Geschichte des Fortunatus und seiner Söhne (s. Zachers Artikel
»Fortunatus« in der Encyklopädie von Ersch und Gruber) und Grimm Nr.
122, Zingerle Tirols Volksdichtungen =II=, 73, Curtze Volksüberlieferungen
aus Waldeck S. 34, Campbell =Popular tales of the West Highlands= Nr. 10,
das finnische Märchen aus Salmelainens Sammlung (=I=, 4.) bei Asbjörnsen
und Gräße Nord und Süd S. 145, das rumänische im Ausland 1856, S. 716,
Nr. 8. K.



Berichtigungen und Zusätze.


S. 34 Z. 1 u. 18 v. o. l. drei Eier von einer schwarzen Henne
      st. drei schwarze Hühnereier (die es ja nicht giebt!)

S. 117 Z. 2 v. o. l. alsdann st. aldann.

S. 127 Anm. 2 l. Oesel st. Desel.

S. 174 Die in den Verhandlungen der gelehrten ehstn. Gesellschaft
       zu Dorpat abgedruckte Kreutzwaldsche Uebersetzung
       des Märchens vom dankbaren Königssohn ist verglichen
       worden; der ehstnische Text hat in der helsingforser
       Sammlung verschiedene Zusätze erhalten. Uebersetzungen
       anderer ehstnischer Märchen haben mir nicht vorgelegen.

S. 174 Z. 2 v. u. fehlt »zu« vor: ihm.

S. 184 Nota. In Beziehung auf das weiße Pferd bemerkt Neus
       zu der Sage von =Issi teggi= (Selbst gethan) im illustrirten
       Revalschen Almanach für 1856, daß das weiße
       Pferd in heidnischer Zeit, wie bei andern Völkern, so
       auch wohl bei den Ehsten, für besonders heilig galt und
       daher seit Einführung des Christentums für besonders
       teuflisch.

S. 188 Z. 15 v. o. l. Im st. Ich.

S. 229 Z. 3 v. u. l. fast immer st. meist.

S. 354 Z. 8 v. u. l. einander st. eiander.





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