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Title: Meyers Konversationslexikon Band 15
Author: Various
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Meyers Konversationslexikon Band 15" ***

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Dies ist ein Zwischenstand (Oktober 2003) der Digitalisierung von
"Meyers Konversationslexikon" (4. Aufl., 1888-1890).  Die
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Karl Eichwalder                                         Oktober 2003



S.

Das im laufenden Alphabet nicht Verzeichnete ist im Register des
Schlußbandes aufzusuchen.

Sodbrennen (Magenbrennen, Pyrosis), Symptom des
chronischen Magenkatarrhs, besteht in einem brennenden Gefühl
im Schlund und Rachen; es beruht darauf, daß die sauren und
scharfen Flüssigkeiten und Gase, welche sich infolge des
chronischen Magenkatarrhs und der dabei stattfindenden abnormen
Verdauungsvorgänge im Magen bilden, durch Aufstoßen in
den Schlund, ja selbst bis in den Mund gelangen und auf die
Schleimhaut dieser Teile einen scharfen Reiz ausüben. Das S.
verschwindet mit dem Magenkatarrh. Zur augenblicklichen Milderung
eignet sich am meisten doppeltkohlensaures Natron, welches die
überschüssige Säure neutralisiert.

Soddoma (eigentlich Giovannantonio Bazzi), ital. Maler,
geb. 1477 zu Vercelli in Savoyen, bildete sich seit 1498 nach
Leonardo da Vinci in Mailand und kam 1501 nach Siena, wo er
verschiedene Fresken und Tafelbilder ausführte; 1505 malte er
einen großen Freskencyklus aus dem Leben des heil. Benedikt
für das Kloster Montoliveto und um dieselbe Zeit die
Kreuzabnahme, jetzt im Museum von Siena. 1507-1509 war er in Rom,
wo er im Vatikan malte; dann ging er wieder nach Siena, kehrte aber
1514 nach Rom zurück, wo er in der Villa Farnesina seine
berühmtesten Fresken malte, Alexander vor der Familie des
Dareios und seine Vermählung mit Roxane, ein Bild, das durch
Liebenswürdigkeit der Erfindung und Zartheit des Ausdrucks
bezaubert. Damals erhob ihn Leo X. für ein Bild der
Römerin Lucrezia in den Ritterstand. Im J. 1515 kam er nach
Siena zurück, wo er 1518 vier Fresken aus der Geschichte der
Maria im Oratorium von San Bernardino malte. Zwischen 1518 und 1525
scheint er sich in Oberitalien aufgehalten zu haben, wo er mehr von
der lombardischen Schule beeinflußt wurde. Von 1525 bis 1537
war er wieder in Siena ansässig, wo er seit 1525 die Fresken
aus dem Leben der heil. Katharina in der Kapelle der Heiligen in
der Kirche San Domenico, ein durch Tiefe und Wahrheit der
Empfindung ausgezeichnetes Hauptwerk des Künstlers, und
später mehrere Heiligengestalten, die Auferstehung Christi u.
a. im Stadthaus malte. Im J. 1542 war er zu Pisa thätig. Er
starb 15. Febr. 1549 in Siena. B. war ein Lebemann, dessen
exzentrisches Wesen (daher der Name S.) ihn nicht zu einem
sorgsamen Naturstudium und zu einer fleißigen
Durchführung seiner Bilder kommen ließ. Von seinen
Tafelbildern sind noch die heilige Familie mit Calixtus (im
Stadthaus zu Siena), die Anbetung der Könige (in Sant'
Agostino daselbst) sowie eine Prozessionsfahne mit der Madonna und
dem heil. Sebastian (in den Uffizien zu Florenz) hervorzuheben.
Vgl. Jansen, Leben und Werke des Malers G. Bazzi (Stuttg.
1870).

Soden, 1) Dorf und Badeort im preuß.
Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Höchst, am Fuß des
Taunus und an der Linie Höchst-S. der Preußischen
Staatsbahn, 142 m ü. M., hat schöne Parkanlagen, einen
Kursaal, ein Badehaus, eine neue Trinkhalle und (1885) 1517 meist
evang. Einwohner. Die dortigen Heilquellen, 24 an der Zahl, sind
eisenhaltige Säuerlinge von 11-29,5° C. und werden
namentlich gegen chronisch-entzündliche Krankheiten der
Respirationsorgane, Skrofulose etc., die stärkern gegen
chronische Magenkatarrhe, Dyspepsie, Hämorrhoiden,
Menstruationsstörungen, Rheumatismus, Gicht etc. angewandt.
Besonders wichtig für Badezwecke ist der Solsprudel, dessen
stark gashaltiges Kochsalzwasser (1,5 Proz.) eine natürliche
Wärme von 31° C. besitzt. Die Zahl der Kurgäste
betrug 1885: 2132. S. war früher unmittelbares Reichsdorf.
Vgl. Thilenius, S. am Taunus, mit vergleichender Rücksicht auf
Ems, Kissingen etc. (2. Aufl., Frankf. 1874); Köhler, S. am
Taunus (2. Aufl., das. 1873); Haupt, S. am Taunus (2. Aufl.,
Würzb. 1883). -

2) Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis
Schlüchtern, zwischen Salza und Kinzig, 1 km von Station
Salmünster der Linie Hanau-Bebra-Göttingen der
Preußischen Staatsbahn, hat eine kath. Kirche, ein
Schloß, eine Sägemühle und
Parkettfußbodenfabrik, Schuhmacherei und (1885) 883 fast nur
kath. Einwohner. Die dortigen vier jod- und bromhaltigen Solquellen
von 12,5-13° C. werden vorzugsweise bei Skrofulose,
Unterleibsstockungen, chronischen
Gebärmutterentzündungen, alten Exsudaten etc. benutzt.
1885 ward dort auch ein an Kohlensäure reicher Säuerling
entdeckt und gefaßt. Dabei auf einer Anhöhe die
malerisch gelegenen Ruinen der Burg Stolzenberg. -

3) (Sooden) Flecken im preuß. Regierungsbezirk Kassel,
Kreis Witzenhausen, an der Werra und der Linie
Frankfurt-Bebra-Göttingen der Preußischen Staatsbahn,
der Stadt Allendorf (s. d.) gegenüber, hat eine evang. Kirche,
ein Salzwerk (schon 973 genannt) mit

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

1

2

Soden - Sofala.

Solbad, eine Kinderheilanstalt und (1885) 758 evang. Einw. Vgl.
Sippell, S. an der Werra (Soden 1886).

Soden, Friedrich Julius Heinrich, Graf von,
Schriftsteller, geb. 4. Dez. 1754 zu Ansbach aus freiherrlichem
Geschlecht, wurde fürstlich branden-burgischer Regierungsrat,
später Geheimrat und preußischer Gesandter beim
fränkischen Kreis zu Nürnberg und 1790 in den
Reichsgrafenstand erhoben. Seit 1796 privatisierend, lebte er auf
seinem Gut Sassenfahrt am Main, führte 1804-10 die Leitung des
Bamberg-Würzburger Theaters, zog dann nach Erlangen und starb
13. Juli 1831 in Nürnberg. Als Schriftsteller hat er sich
durch Erzählungen (z. B. "Franz von Sickingen", 1808) und eine
beträchtliche Reihe dramatischer Arbeiten bekannt gemacht, von
welch letztern "Inez de Castro" (1784), "Anna Boley" (1794),
"Doktor Faust, ein Volksschauspiel" (1797), und "Virginia" (1805)
erwähnt seien. S. war auch als Übersetzer (Lope de Vega,
Cervantes) sowie als staatswissenschaftlicher Schriftsteller
thätig.

Söderhamn, Stadt im schwed. Län Gefleborg,
unweit des Bottnischen Meerbusens, an der Eisenbahn
Kilafors-Stugsund, hat lebhaften Handel mit Holz und Eisen und
(1885) 9044 Einw. S. ist Sitz eines deutschen Konsuls.

Söderköping, Stadt im schwed. Län
Ostgotland, am Götakanal, der 5 km davon in die Ostseebucht
Slätbaken mündet, einst ein ansehnlicher Ort, jetzt
unbedeutend, mit (1885) nur 1909 Einw.

Södermanland, Län im mittlern Schweden
(Swearike), zwischen der Ostsee im SO. und dem Mälar- und
Hjelmarsee im N., grenzt im Süden an Ostgotland, im W. an
Örebro, im N. an Westmanland, im NO. an das Län
Stockholm, welchem nur der nordöstliche Teil der alten
Landschaft S. zugeteilt ist, und hat ein Areal von 6841,4 qkm
(124,2 QM.). Es ist größtenteils Flachland, reich an
Seen und Wäldern (37 Proz. des Areals) und eine der
fruchtbarsten Provinzen des mittlern Schweden. Die Bewohner, deren
Zahl 1887: 152,296 betrug, treiben Ackerbau (1886 wurden 888,000 hl
Hafer, 435,000 hl Roggen, 116,000 hl Weizen geerntet), Viehzucht
(1884 zählte man 95,797 Stück Rindvieh) und Industrie in
Eisen, Wolle und Baumwolle. Das Län wird von der Westbahn
durchschnitten, an welche sich bei Flen nach Oxelösund und
Kolbäck führende Zweigbahnen und bei Katrineholm die
Ostbahn anschließt. Hauptstadt ist Nyköping.

Södertelge, Landstadt im schwed. Län Stockholm,
an der Bahn Stockholm-Gotenburg, zwischen dem Mälar und dem
kleinen See Maren, durchschnitten von dem Södertelgekanal,
welcher, 1819 eröffnet, von dem Mälar in den Maren und
von diesem in die Ostsee führt, hat ein Pädagogium, 2
mechanische Werkstätten, Zündhölzerfabrik, eine
Kaltwasserheilanstalt, ein Seebad und (1885) 3926 Einw.

Sodium, s. v. w. Natrium.

Sodom, alte Stadt Palästinas, im Thal Siddim, ging
nach mosaischem Bericht (1. Mos. 19, 24 ff.) mit dem benachbarten
Gomorra (s. d.) zu Abrahams Zeiten unter. Der Name hat sich in dem
des Salzbergs Usdum erhalten. Vgl. Totes Meer.

Sodoma, Maler, s. Soddoma.

Sodomie, s. Unzuchtsverbrechen.

Sodor und Man, engl. Bistum, welches jetzt nur die Insel
Man umfaßt, sich früher aber auch auf die Hebriden (die
Sodoreys der Normannen) erstreckte.

Soerabaya (spr. sura-), Stadt, s. Surabaja.

Soest, 1) (spr. sohst) Kreisstadt im preuß.
Regierungsbezirk Arnsberg, in einer fruchtbaren Ebene (Soester
Börde). Knotenpunkt der Linien S.-Nordhausen, Schwelm-S. und
S.-Münster der Preußischen Staatsbahn, 98 m ü. M.,
hat 6 evang. Kirchen (darunter die gotische, 1314 begonnene, 1846
restaurierte Wiesenkirche), einen kath. Dom, ein Gymnasium,
Schullehrerseminar, ein Taubstummen- und ein Blindeninstitut, ein
Rettungshaus, ein Amtsgericht, ein Puddel- und Walzwerk,
Fabrikation von Zucker, Nieten, Seife, Hüten und Zigarren,
Leinweberei, Gerberei, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, eine
Molkerei, Ziegeleien, Getreide- und Viehhandel, besuchte
Märkte, bedeutenden Acker- und Gartenbau und (1885) mit der
Garnison (eine Abteilung Feldartillerie Nr. 22) 14,846 meist evang.
Einwohner. - Im Mittelalter war S. eine der angesehensten und
reichsten Hansestädte mit reichsstädtischen Rechten und
einer Bevölkerung von 25-30,000 Seelen. Ihr Stadtrecht, Schran
(jus Susatense) genannt und zwischen 1144 und 1165 aufgezeichnet,
diente in vielen andern Städten, Lübeck, Hamburg etc.,
als Norm. Die Stadt galt als Hauptstadt des Landes Engern im
Herzogtum Sachsen. Nach Auflösung des letztern 1180
bemächtigte sich der Erzbischof von Köln derselben und
eignete sich das Schultheißenamt an. Dagegen stand den Grafen
von Arnsberg bis 1278 die Vogtei (Blutbann) in S. zu. Unter dem
Erzbischof Dietrich von Köln entzog sich die Stadt wegen zu
harten Drucks der erzbischöflichen Botmäßigkeit
wieder und begab sich 24. Okt. 1441 unter den Schutz Adolfs,
Herzogs von Kleve und Grafen von der Mark, was 1444 zu einer
langwierigen Belagerung der Stadt (Soester Fehde) führte, bei
welcher die dortigen Frauen sich durch Mut auszeichneten. Der
Streit endete infolge päpstlicher Entscheidung damit,
daß S. mit der Börde 1449 unter die Landeshoheit des
neuen Herzogs von Kleve, Johannes, kam. Vgl. Barthold, S., die
Stadt der Engern (Soest 1855); Schmitz, Denkwürdigkeiten aus
Soests Vorzeit (Leipz. 1873); Hansen, Die Soester Fehde (das.
1888); "Chroniken der deutschen Städte", Bd. 21; S. (das.
1889). -

2) (spr. suhst) Dorf in der niederländ. Provinz Utrecht,
Bezirk Amersfoort, am Eem und der Eisenbahn Utrecht-Kampen, mit
(1887) 3776 Einw. Dabei das Lustschloß Soestdyk, vom Prinzen
von Oranien (nachmals König Wilhelm III. von England) 1674
erbaut.

Soeste (spr. sohste), Fluß im Großherzogtum
Oldenburg, entspringt bei Kloppenburg, durchfließt das
Saterland und mündet links in die Leda.

Soeurs converses (franz., spr. ssör kongwérs,
bekehrte Schwestern), s. v. w. Beaten (s. d.).

Soeurs de la charité (franz., spr. ssör d' la
charité), s. v. w. Barmherzige Schwestern (s. d.).

Sofa, in den türk. Häusern die Vorhalle, von wo
man zu den verschiedenen Zimmern gelangt; dieselbe ist auf drei
Seiten mit Ruhesitzen versehen, woher die europäische
Bedeutung des Wortes stammt.

Sofála (arab., "Niederland"), geographische
Bezeichnung für das Küstenland Ostafrikas zwischen dem
Sambesi und der Delagoabai, bestehend aus einem flachen
Küstenstrich mit der vorliegenden Gruppe der Bazarutoinseln
und einem weiter zurückliegenden gebirgigen Teil. Zahlreiche
Flüsse, darunter Bazi, Sabia und Limpopo, münden hier in
den Ozean und überschwemmen alljährlich das Land. Der
Boden ist längs der Küste sehr fruchtbar und bringt
besonders Reis, Orseille, Indigo, Kautschuk, Zuckerrohr und

3

Soffariden - Sohar.

Kaffee hervor. Im Hinterland findet sich viel Gold, Kupfer,
Eisen, und die Kaffern, die Bewohner des Landes, bringen Elfenbein
an die Küste. Die Portugiesen, welche am Ende des 15. Jahrh.
diese Küste entdeckten, und zu deren Kolonie Mosambik dieselbe
jetzt gehört, trafen hier arabische, vom Sultan von Kilwa
abhängige Niederlassungen. Sie unterwarfen diese sowie die
benachbarten Kaffern und nannten die neue Besitzung Königreich
Algarve. Von ihren hier angelegten Militär- und
Handelsstationen S. und Inhambane unternahmen die Portugiesen
namentlich im 16. Jahrh. Züge nach den goldreichen
Kaffernstaaten Mokaranga und Monomotapa, welche als angeblich
mächtige und zivilisierte "Kaiserreiche" erschienen, in der
That aber nur barbarische Reiche waren. Im Hinterland von S. liegen
auch die Goldgruben von Manica sowie verschiedene 1871 von Karl
Mauch entdeckte Goldgruben und die Ruinen von Zimbabye (s. d.),
weshalb man schon im 16. Jahrh. das Salomonische Ophir hierher
verlegte, eine Ansicht, die mit mehr Kühnheit als
Begründung in neuerer Zeit wiederholt wurde. - Die Stadt S.,
am Kanal von Mosambik, seit 1505 im Besitz der Portugiesen, ist ein
armseliger, verfallener Ort, der kaum 1200 Einw. (darunter wenige
Weiße) zählt, aber doch Hauptort des gleichnamigen
Bezirks und Station für das submarine Kabel von Durban nach
Aden.

Soffariden, pers. Dynastie, s. Saffariden.

Soffionen (ital., "Blasebälge"), Name der
Dampfausströmungen der Borsäure (s. d.) in Toscana.

Soffítte (ital.), in der Baukunst die
ornamentierte Unteransicht eines Bogens, einer Hängeplatte,
einer Balkendecke etc.; eine in Felder geteilte oder mit
Getäfel gezierte Zimmerdecke; im Theaterwesen die über
der Bühne aufgehängten, den Himmel oder eine Decke
darstellenden Dekorationsstücke.

Sofi (arab., Sufi, Ssofi, Ssufi), s. Sûfismus.

Sófia (bulgar. Sredec), Hauptstadt des
Fürstentums Bulgarien, an der Eisenbahn von Konstantinopel
nach Belgrad und an der Bogana (Nebenflüßchen des Isker)
in einer prachtvollen, weiten Ebene, zwischen Balkan und Witosch,
580 m ü. M. gelegen. S., Mittelpunkt eines ansehnlichen
Straßennetzes, hat viele Moscheen (darunter als die
architektonisch bedeutendste die jetzt verfallene Böjük
Dschami), christliche Kirchen und Klöster; das sehenswerteste
Gebäude ist das große Bad bei der Moschee Baschi
Dschamisi, mit warmen Quellen. Doch entstehen gegenwärtig
viele Neubauten, und die alten Straßen werden reguliert und
gepflastert. Neu errichtet sind ein fürstlicher Palast, eine
Nationalbibliothek, eine Druckerei, Apotheken, Agenturen,
Gasthöfe, eine Post, eine Nationalbank mit einem Kapital von 2
Mill. Frank, ein wissenschaftlicher Verein u. a. 1887 zählte
es 30,428 Einw., darunter 5000 Juden, 2000 Türken und 1000
Zigeuner. S. hat starken Export von Häuten nach
Österreich und Frankreich, von Mais und Getreide. Es ist der
Sitz der bulgarischen Regierung, eines griechischen Metropoliten,
eines Kassations- und eines Appellhofs sowie eines deutschen
Berufskonsuls. - S. steht an der Stelle des alten Ulpia Serdica in
Obermösien (berühmt durch ein 344 daselbst gehaltenes
Konzil) und fiel 1382 in die Hände der Türken. Am 3. Jan.
1878 wurde die Stadt von den Russen unter Gurko besetzt.

Sofia-Expedition, 28. Juni bis 20. Okt. 1868, s. Maritime
wissenschaftliche Expeditionen.

Sofiero (Sophiero), königliches Lustschloß am
Öresund in Schweden, 6 km von Helsingborg; Sommersitz der
königlichen Familie.

Sofis (Safis, Sûfis), pers. Dynastie,
gegründet von Ismail, mit dem Beinamen Sofi, herrschte von
1505 bis 1735 über Persien (s. d., S. 873).

Sofismus, s. Sûfismus.

Söflingen, Marktflecken im württemberg.
Donaukreis, Oberamtsbezirk Ulm, an der Blau und der Linie
Ulm-Sigmaringen der Württembergischen Staatsbahn, hat eine
kath. Kirche, ein Forstamt, mechanische Weberei und (1885) 2501
Einw. S. war früher reichsunmittelbare Frauenabtei, kam 1802
an Bayern und 1810 an Württemberg.

Softa (pers.), in der Türkei ein der Wissenschaft
lebender, der Welt abgestorbener Besucher der Hochschulen (s.
Medresse). Die Softas rekrutieren sich jetzt aus den untersten
Volksschichten und haben mehrere Prüfungen zu bestehen, bis
sie den gesetzlichen Titel "Molla" (s. d.) erlangen, um dann als
Geistliche oder als Richter angestellt zu werden. Meist Gegner
aller europäisierenden Maßregeln, haben sie sich in der
Neuzeit auch zu politischen Demonstrationen verleiten lassen.

Sog, s. v. w. Kielwasser (s. d.).

Sogamoso, Stadt im Staat Boyacá der
südamerikan. Republik Kolumbien, am Chicamocha, 2506 m ü.
M., mit Hospital, lebhaftem Handel und (1870) 9553 Einw. Ehemals
war S. die Hauptstadt der theokratischen Regierung des Sugamuxi,
eines Hohenpriesters der Muisca oder Tschibtscha (s. d.).

Sogdiana, ehemals die nördlichste bis zum Jaxartes
reichende Satrapie des Perserreichs, mit der Hauptstadt Marakanda
(jetzt Samarkand).

Sögel, Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Osnabrück, Kreis Lingen, am Hümmling, mit kath. Kirche,
Amtsgericht und (1885) 1100 Einw. Östlich das herzoglich
arenbergische Jagdschloß Klemenswerth.

Soggen, s. Salz, S. 238.

Soghum Kala, Stadt, s. Suchum Kalé.

Soglio (spr. ssolljo), s. Sils 3).

Sognefjord, tief einschneidender Fjord an der
Westküste Norwegens, über 200 km lang, endigt in einem
Seitenfjord, welcher den Namen Lysterfjord führt, ist kaum
irgendwo 7 km breit und fast überall von hohen, steilen
Felswänden umgeben. Die Landschaft, welche den S. umgibt, ist
die gebirgige Vogtei Sogn und gehört zu den wildesten Gegenden
des Landes. Die vom Hauptfjord abgehenden Seitenfjorde zeichnen
sich besonders durch ihre gewaltigen Umgebungen aus. So sind die
südlichen Zweige, der Aurlands- und der Näröfjord,
von Gebirgen umgeben, die sich von der See aus 1600-2000 m
senkrecht erheben. Im N. sendet der S. außer dem Lysterfjord
auch den Sogndalsfjord und den Fjärlandsfjord aus, von denen
der letztere bis zu den Gletschern des Jostedalsbrä
hineindringt, welche hier bis zu 65 m ü. M. herabsteigen.
Diese riesenhafte Schneemasse, die mit ihren Gletschern die
angrenzenden Thäler erfüllt, begrenzt den Fjord im N.,
während ihn im O. große, zu den Jotunfjelden (s. d.)
gehörige Gebirgsmassen von den angrenzenden Gegenden scheiden;
nur im Süden führt ein einziger Paß durch das
großartige Närödal, die Fortsetzung des
Näröfjords.

Sohair (Zuhair), berühmter arab. Dichter der
vormohammedanischen Zeit. Seine "Moallaka" ist einzeln
herausgegeben von Rosenmüller ("Analecta arabica", 2. Teil,
Leipz. 1826), übersetzt von Rückert ("Hamasa" I, Zugabe 1
zu Nr. 149); seine erhaltenen Gedichte s. bei Ahlwardt in den "Six
ancient poets" (Lond. 1870). Vgl. Kaab Ibn Sohair.

Sohar ("Glanz", auch S. hakadosch, der heilige S.,
genannt), das in unkorrektem Aramäisch in Form

1*

4

Sohar - Soiron.

eines Pentateuchkommentars abgefaßte Hauptwerk der Kabbala
(s. d.), das jahrhundertelang fast vergöttert wurde, aber
durch seine verworrene Vermischung von neuplatonischen,
gnostischen, Aristotelischen und jüdisch-allegorischen
Anschauungen die Entwickelung des Judentums sehr geschädigt
hat. Verfasser oder Redakteur des S. ist vermutlich der in der
zweiten Hälfte des 13. Jahrh. in verschiedenen Städten
Spaniens lebende Moses ben Schemtob de Leon und nicht Simon ben
Jochai (Mitte des 2. Jahrh. n. Chr.). Der S., der an einzelnen
Stellen eine Feindseligkeit gegen den Talmud zu erkennen gibt und
hin und wieder mit dem Christentum liebäugelt, besteht aus
drei Hauptteilen: 1) dem eigentlichen S., 2) dem treuen Hirten
(Raja mehemna) und 3) dem geheimen Midrasch (Midrasch neelam). Vgl.
Tholuck, Wichtige Stellen des rabbinischen Buches S. (Berl. 1824);
Joël, Die Religionsphilosophie des S. (Leipz. 1849); Jellinek,
Moses ben Schem-Tob de Leon und sein Verhältnis zum S. (das.
1851).

Sohar, Hafenstadt in der arab. Landschaft Oman, mit guter
Reede, einem festen Schloß, sorgfältig angebauter
Umgebung und ca. 24,000 Einw. (darunter eine Anzahl Juden mit
eigner Synagoge). Gewerbe, Weberei, Metallarbeiten blühen.

Sohl (ungar. Zólyom), ungar. Komitat am linken
Donauufer, grenzt an die Komitate Liptau, Gömör,
Neográd, Hont, Bars und Thúrócz, ist 2730 qkm
(49,7 QM.) groß, ganz von Gebirgen bedeckt, wird vom
Granfluß durchströmt, dessen Thal besonders fruchtbar
ist, und hat zahlreiche Gebirgsweiden. Die Einwohner (1881:
102,500, meist Slowaken) betreiben Rindvieh- und Schafzucht, etwas
Weinbau, lebhaften Bergbau auf Schwefel, Silber, Kupfer, Eisen,
Vitriol und Quecksilber sowie Fabrikation von Eisen- und
Töpferwaren, Tuch, Glas, Papier etc. Sitz des Komitats, das
seinen Namen von der bei Altsohl malerisch gelegenen Ruine S. an
der Mündung der Szlatina in die Gran erhielt, ist Neusohl.

Sohland, Dorf in der sächs. Kreis- und
Amtshauptmannschaft Bautzen, an der Spree und an der Linie
Bischofswerda-Zittau der Sächsischen Staatsbahn, hat eine
evang. Kirche, Hand- und mechan. Weberei, Säge- und
Mahlmühlen und (1885) 5126 Einw.

Sohle (Soole), Fisch, s. Schollen.

Sohlenbau, s. v. w. Strossenbau, s. Bergbau, 724.

Sohlengänger, Säugetiere, die mit der ganzen
Sohle auftreten, wie die Bären (s. Säugetiere, 345).

Sohlennähmaschine, s. Schuh.

Söhlig, im Bergwesen s. v. w. horizontal. Vgl.
Fallen der Schichten.

Sohn, jede Person männlichen Geschlechts im
Verhältnis zu ihren Erzeugern (Vater und Mutter). S.
Verwandtschaft.

Sohn, 1) Karl Ferdinand, Maler, geb. 10. Dez. 1805 zu
Berlin, erhielt von Schadow, dem er 1826 nach Düsseldorf
folgte, den ersten Unterricht in der Kunst und behandelte anfangs
mit Vorliebe antike Stoffe, dann auch Szenen aus neuern Dichtern,
wie Tasso, Goethe etc. Seine Hauptwerke, welche ihm in den 30er und
40er Jahren eine große Popularität einbrachten, sind:
Rinaldo und Armida, die Lautenschlägerin und der Raub des
Hylas (beide in der Nationalgalerie zu Berlin), Diana und
Aktäon, das Urteil des Paris, Romeo und Julie, die beiden
Leonoren, die Schwestern, die vier Jahreszeiten, Lurlei und
Darstellungen von sentimental-romantischen Situationen. S. war
Meister in Behandlung der Karnation und in der Darstellung von
Frauengestalten. Besonders ausgezeichnet war er im weiblichen
Bildnis. Er wurde 1832 Lehrer an der Düsseldorfer Akademie und
starb 25. Nov. 1867 während eines Besuchs in Köln. Als
Lehrer hat er einen großen Einfluß auf die Entwickelung
der Düsseldorfer Schule geübt. - Seine beiden Söhne
Richard S. (geb. 1834) und Karl S. (geb. 1845) haben sich als
Porträt- und Genremaler vorteilhaft bekannt gemacht.

2) Wilhelm, Maler, Neffe des vorigen, geb. 1830 zu Berlin, ging
1847 nach Düsseldorf und erhielt durch Karl S. seine
Ausbildung, die er durch Reisen ergänzte. Anfangs malte er
historische Bilder, wie: Christus auf stürmischer See (1853,
städtische Galerie in Düsseldorf, Christus am Ölberg
(1855, in der Friedenskirche zu Jauer in Schlesien), Genoveva
(1856); bald aber wandte er sich der Genremalerei zu. Seine
Verschiedenen Lebenswege, Gewissensfrage (1864, Galerie zu
Karlsruhe), besonders aber die Konsultation beim Rechtsanwalt
(1866, Museum in Leipzig) sind meisterhaft in der Charakteristik,
in der Zeichnung und der koloristischen Wirkung. Infolge des
Aufsehens, welches diese Gemälde machten, erhielt er den
Auftrag, für die preußische Nationalgalerie ein
großes Bild, die Abendmahlsfeier einer protestantischen
Patrizierfamilie, zu malen, das ihn noch beschäftigt. S. wurde
1874 Lehrer der Malerei an der Düsseldorfer Akademie. Seit
dieser Zeit hat er wenig geschaffen, desto ersprießlicher
aber als Lehrer gewirkt.

Soho, Vorstadt von Birmingham (s. d.), mit
berühmter, von Watt gegründeter Dampfwagenfabrik.

Sohrau, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Oppeln,
Kreis Rybnik, am Ursprung der Ruda und an der Linie Orzesche-S. der
Preußischen Staatsbahn, 283 m ü. M., hat eine
evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein Amtsgericht,
Eisengießerei und Eisenwarenfabrikation, Lein- und
Wollweberei, eine Dampf- und 3 Wassermühlen, Ziegeleien und
(1885) mit der Garnison (1 Eskadron Ulanen Nr. 2) 4450 meist kath.
Einwohner.

Söhre, bewaldete Berglandschaft im preuß.
Regierungsbezirk Kassel, rechts von der Fulda, südöstlich
von Kassel, besteht aus Buntsandstein und erreicht im Stellberg 482
m Höhe.

Soi-disant (franz., spr. ssoa-disang), sogenannt.

Soignies (spr. ssoanjih), Hauptstadt eines
Arrondissements in der belg. Provinz Hennegau, an der Senne und der
Eisenbahn Brüssel-Quiévrain (mit Abzweigung nach
Houdeng-Goegnies), hat mehrere Kirchen (darunter die romanische
Vincentiuskirche aus dem 12. Jahrh.) und Klöster, ein Rathaus
im spanischen Stil, eine höhere Knabenschule, Industrieschule,
ein geistliches Seminar, Zwirnfabrikation und (1887) 8683 Einw.
Hier 10. Juli 1794 siegreiches Gefecht der Franzosen gegen die
Niederländer.

Soirée (franz., spr. ssóareh), Abend;
Abendgesellschaft; S. dansante, Abendgesellschaft mit Tanz.

Soiron (spr. ssoaróng), Alexander von, bad.
Politiker, geb. 2. Aug. 1806 zu Mannheim, studierte in Heidelberg
und Bonn, widmete sich seit 1832 der advokatorischen Praxis erst zu
Heidelberg, dann zu Mannheim und ward 1834 daselbst
Oberhofgerichtsadvokat. Seit 1845 Abgeordneter der badischen
Zweiten Kammer, hielt er zur liberalen Opposition und nahm 1848 an
den Vorbereitungen zur Berufung des Vorparlaments regen Anteil. Er
ward auch in den Fünfzigerausschuß gewählt und
führte den Vorsitz darin. In der Nationalversammlung war er
geraume Zeit erster Vizepräsident und Vorsitzender des
Verfassungsausschusses. Er handhabte seine Ämter mit Energie
und Umsicht und zog sich dadurch den Haß

5

Soissonische Stufe - Soja.

der Linken zu. S. war ein tüchtiger Redner und
fleißiger Arbeiter. Auch am Erfurter Parlament nahm er teil.
Er starb 6. Mai 1855 in Heidelberg.

Soissonische Stufe (spr. ssoa-), s.
Tertiärformation.

Soissons (spr. ssoassóng),
Arrondissementshauptstadt im franz. Departement Aisne, an der Aisne
und der Nordbahn (mit Abzweigung nach Compiègne und Reims),
mit detachierten Forts umgebene Festung zweiten Ranges, hat mehrere
Überreste gallorömischer Architektur und bedeutende
Bauwerke aus dem Mittelalter, wie die schöne Kathedrale
(12.-13. Jahrh.), die Kirche St.-Léger, die Stiftskirche
St.-Pierre, die Reste der 1076 gegründeten Abtei St.-Jean des
Vignes, das Stadthaus u. a. S. hat ein Zivil- und Handelstribunal,
ein Collège, großes und kleines Seminar, eine
Zeichenschule, eine Bibliothek mit 30,000 Bänden, ein
Antikenmuseum, ein Taubstummeninstitut und (1886) 11,850 Einw.,
welche etwas Industrie und starken Handel mit landwirtschaftlichen
Produkten treiben. Es ist Bischofsitz. - Im Altertum hieß die
Stadt Noviodunum, später Augusta Suessionum (wovon der heutige
Name) und war die Hauptstadt der Suessionen im belgischen Gallien.
In S. war ein Palatium der römischen Kaiser, und es war die
letzte Stadt, welche die Römer in Gallien besaßen.
Aetius und Syagrius residierten daselbst, und letzterer wurde 486
von Chlodwig in der Nähe der Stadt geschlagen. In der
Merowingerzeit war es fast immer Residenz eines Teilreichs und war
auch nachher von Bedeutung. Hier fand 744 eine für Neustrien
wichtige Synode und 751 die Erhebung Pippins zum König statt;
hier mußte Ludwig der Fromme 833 Kirchenbuße thun. Seit
dem 9. Jahrh. Sitz eigner Grafen, ging S. durch Kauf und Heirat in
verschiedene Hände über und fiel 1734 an die
französische Krone. Als Knotenpunkt großer
Heerstraßen und Sperrpunkt der Nordbahn spielte S. in den
Kämpfen von 1814 und 1815 sowie 1870 eine große Rolle,
15. Okt. d. J. ward es nach dreitägiger Beschießung vom
Großherzog von Mecklenburg-Schwerin genommen. Die Geschichte
dieser Belagerung beschrieben Gärtner (Berl. 1874) und H.
Müller (das. 1875).

Soissons (spr. ssoassóng), 1) Charles von Bourbon,
Graf von, Sohn des Prinzen Ludwig I. von Condé (s. d.) aus
dessen zweiter Ehe mit Françoise von
Orléans-Longueville, durch welche die Grafschaft S. an das
Haus Bourbon-Condé kam, geb. 1566, stand in den
Hugenottenkriegen bald auf seiten des Hofs, bald auf seiten des
Königs Heinrich von Navarra, schloß sich 1588 an diesen
an, leistete ihm in der Schlacht bei Coutras nützliche Dienste
und starb 1. Nov. 1612.

2) Louis von Bourbon, Graf von, Sohn des vorigen, geb. 11. Mai
1604 zu Paris, folgte seinem Vater als Grand-Maître und
Gouverneur der Dauphiné. Schon im 16. Jahr unterstützte
er die Königin-Mutter Maria von Medici gegen ihren Sohn Ludwig
XIII., während er zugleich, um sich gefürchtet zu machen,
mit den Hugenotten unterhandelte. Als diese ihn mißtrauisch
von sich wiesen, kehrte er zur Partei des Königs zurück
und begleitete diesen im Feldzug von 1622 gegen die Protestanten.
Durch die Entdeckung der Verschwörung gegen Richelieu, an der
er teilgenommen hatte, kompromittiert, floh er nach Italien; Ludwig
XIII. rief ihn jedoch zurück und beauftragte ihn mit der
Belagerung von La Rochelle. 1630 kaufte S. die Grafschaft S. vom
Prinzen von Condé, begleitete den König nochmals nach
Italien und erhielt dann das Gouvernement von Champagne und La
Brie. In dem Feldzug von 1636 befehligte er ein kleines Korps an
der Aisne und Oise, wurde jedoch von den Spaniern zum Rückzug
nach Noyon gezwungen. Ein neuer, abermals vereitelter Anschlag zur
Ermordung Richelieus nötigte S. zur Flucht nach Sedan, wo er
sich mit dem Herzog von Bouillon, dem Herzog von Guise und den
Spaniern zum Kriege gegen den Minister verband. Ein
königliches Heer unter dem Marschall Châtillon wurde 6.
Juli 1641 bei Marfée in der Nähe von Sedan geschlagen,
S. aber im Gefecht erschossen. Mit ihm erlosch die Seitenlinie S.
des Hauses Bourbon-Condé; Besitz und Titel gingen auf den
zweiten Sohn seiner Schwester Maria über, die sich 1625 mit
dem Prinzen Thomas Franz von Savoyen-Carignan vermählt
hatte.

3) Eugène Maurice von Savoyen, Graf von, Sohn des Prinzen
Thomas Franz von Savoyen-Carignan, Neffe des vorigen, geb. 1635 zu
Chambéry, widmete sich in der Jugend dem geistlichen Stand,
nahm jedoch später Kriegsdienste und heiratete 1657 Olympia
Mancini (s. Mancini 1), die Nichte des Ministers Mazarin, der ihn
zum Generalobersten der Schweizer und zum Gouverneur der Champagne
ernannte. 1667 wohnte er dem Feldzug in Flandern bei, und 1672 ward
er von Ludwig XIV. zum Generalleutnant befördert, in welcher
Eigenschaft er sich in Holland und am Rhein auszeichnete. Er starb
7. Juni 1673. Sein jüngerer Sohn war der berühmte Prinz
Eugen (s. d.) von Savoyen; der ältere, Ludwig Thomas, setzte
die Linie Savoyen-S. fort, die mit dessen Enkel 1734 erlosch.

Soja Savi (Sojabohne), Gattung aus der Familie der
Papilionaceen, mit der einzigen Art S. hispida Mönch, einer
einjährigen, in Japan, Südindien und auf den Molukken
heimischen Pflanze. Sie hat einen bis 1 m hohen, aufrechten, etwas
windenden Stengel, langgestielte, dreizählige Blätter,
welche wie Stengel und Zweige dicht rotbraun behaart sind,
kurzgestielte Blütenträubchen mit kleinen, unscheinbaren,
blaßvioletten Blüten und sichelförmige,
trockenhäutige, rötlich behaarte, zwei- bis
fünfsamige, zwischen den Samen schwammig gefächerte
Hülsen. Man kultiviert die Sojabohne in zahlreichen
Varietäten und in sehr weiter Verbreitung in Asien. Sie geht
mit ihrer nördlichen Verbreitungsgrenze noch über den
Mais hinaus, besitzt ein großes Anpassungsvermögen an
Boden- und klimatische Verhältnisse, völlige
Immunität gegen Schmarotzerpilze und nie versagende
Fruchtbarkeit. Die früh reifenden Varietäten geben in
Mitteleuropa nach zahlreichen mehrjährigen Anbauversuchen sehr
befriedigende Resultate. Die Samen sind rundlich, länglich
oder nierenförmig, gelblich, braunrot, grünlich oder
schwarz, niemals gefleckt; sie enthalten neben etwa 7 Proz. Wasser
38 Proteinkörper, 17-20 Fett, 24-28 stickstofffreie
Substanzen, 5 Rohfaser und 4,5 Proz. Asche. Ihr Nährwert ist
mithin gegenüber den übrigen Hülsenfrüchten ein
sehr hoher, und namentlich tritt der bedeutende Fettgehalt hervor.
Auf letzterm beruht zum Teil die vielfache Verwendung der
wohlschmeckenden Samen in Japan, indem der fettige Brei fast allen
Gerichten statt der Butter zugesetzt wird; in China lebt ein
großer Teil der Bevölkerung von Sojagerichten; auch
bereitet man aus Sojabohnen durch einen Gärungsprozeß
eine pikante braune Sauce für Braten und Fische, welche in
Japan, China, Ostindien sehr beliebt ist und in England wie auf dem
Kontinent und in Nordamerika ebenfalls in den Handel kommt. Die
japanische Sojasauce ist die beste, sie besitzt nicht den
süßlichen Geschmack der chinesischen. Gute Sojasauce ist
tiefbraun, sirupartig und bildet

6

Sojaro - Sokrates.

beim Schütteln eine helle, gelbbraune Decke. Bei der
Benutzung darf den Speisen nur sehr wenig zugesetzt werden. In
Österreich hat man die Samen als gutes Kaffeesurrogat benutzt.
Vgl. Haberlandt, Die Sojabohne (Wien 1878); Wein, Die Sojabohne
(Berl. 1881).

Sojaro, Beiname von Bernardino Gatti (s. d.).

Sok, siamesische Elle, = 2 Kup à 12 Niuh oder Nid
à 4 Kabiet = ½ m.

Sokal, Stadt in Ostgalizien, am Bug und an der Eisenbahn
Jaroslau-S., mit Bezirkshauptmannschaft, Bezirksgericht,
Bernhardinerkloster, Wallfahrtskirche und (1880) 6725 Einw. Hier
1519 Niederlage der Polen gegen die Tataren.

Sokol (slaw.), Falke; übertragen s. v. w. Held,
wackerer Mann; in Böhmen und Mähren häufig auch Name
von Turnvereinen.

Sokolka, Kreisstadt im russ. Gouvernement Grodno, an der
Petersburg-Warschauer Eisenbahn, mit (1885) 4125 Einw., von denen
sich die Christen mit Landbau, die Juden mit Kramhandel
beschäftigen; kam bei der dritten Teilung Polens (1795) an
Preußen und 1807 an Rußland.

Sokolow, 1) Stadt in Galizien, Bezirkshauptmannschaft
Kolbuszow, hat ein Bezirksgericht und (1880) 4296 Einw. -

2) Kreisstadt im russisch-poln. Gouvernement Sjedletz, mit
(1885) 7083 Einw.

Sókoto (Soccatu, Sakatu), Reich der Fellata im
westlichen Sudân (Afrika), grenzt nördlich an die
Sahara, östlich an Bornu, westlich an Gando und umfaßt
den größten Teil des Haussalandes mit einem
Flächenraum von ca. 440,000 qkm (8000 QM.). Hauptstadt des
Landes und Residenz des Sultans ist Wurno mit 22,000 Einw. Der
Sultan von S. übt über Gando, Bautschi, Nupe und
Adamáua mehr ein geistliches als ein weltliches Regiment.
Dennoch empfängt er von diesen Staaten mäßigen
Tribut. Das Reich, welches unter den Sultanen Bello (1819 bis 1832)
und Atiku (1832-37) in ziemlicher Blüte stand, ist unter deren
Nachfolgern sehr in Verfall gekommen. Die Stadt S., ehemals
Hauptstadt des Reichs, am gleichnamigen Fluß (Nebenfluß
des Niger), ist mit einer Mauer umgeben, ziemlich
regelmäßig gebaut, hat einen großen
Residenzpalast, mehrere Moscheen, Fabrikation von Leder- u.
Baumwollwaren, Waffen, Werkzeugen etc. Ein aus Brasilien
zurückgekehrter Fulahsklave hat in der Nähe eine
Zuckerplantage und -Raffinerie angelegt. Arabische Kaufleute aus
Ghadames bewohnen ein besonderes Viertel, auch englische
Händler erscheinen jetzt daselbst. Clapperton gelangte 1824
als erster Europäer nach S. und starb 1827 in der Nähe
der Stadt. 1853 wurde es von Barth, 1880 von Flegel und 1885 von I.
Thomson besucht. Letzterer schloß namens der National African
Company mit dem Sultan einen Vertrag ab, wonach jener Gesellschaft
gegen eine jährliche Subsidie das Monopol des Handels und der
Mineralausbeute an den Ufern des Binue eingeräumt wurde. S.
Karte bei Guinea.

Sokotora (Socotra, verderbt aus dem griech. Dioskorides),
Insel im Indischen Ozean, 220 km östlich vom Kap Gardafui, der
Ostspitze Afrikas, 3579 qkm (65 QM.) groß mit 12,000 Einw.,
ist mit Ausnahme eines schmalen Küstenstrichs von hohen, bis
über 1360 m aufsteigenden Gebirgen erfüllt, nur in
einzelnen Thälern unweit der Küste fruchtbar, in welchen
vorzugsweise die nach der Insel benannte Aloe und Dattelpalmen
gedeihen, welche nebst Drachenblut, Schildpatt, Zibetkatzen etc.
ausgeführt werden. Die Bevölkerung ist ein Mischvolk von
Arabern, Somal, Negern und Indern. Ihre Hauptbeschäftigung
bilden Handel, Viehzucht (Kamele, Rinder, Schafe, Ziegen) und etwas
Ackerbau. Der Hauptort ist Tamarida an der Nordküste. - Von
den alten Kulturvölkern Dioskorides genannt und auch im
Periplus erwähnt, wurde die Insel im 15. Jahrh. von
Niccolò Conti und 1503 von Pereira besucht und 1506 von
Tristan da Cunha erobert. Doch stellte 1510 der arabische Scheich
von Keschin seine Autorität wieder her. Damals befand sich
eine im 4. Jahrh. von Arabien aus gegründete christliche
Gemeinde auf der Insel, die später den Arabern weichen
mußte. Von 1835 bis 1839 hielten englische Truppen die Insel
besetzt, 1876 schloß die englische Regierung mit dem Scheich
von Keschin einen Vertrag ab, wodurch sie das Vorkaufsrecht erwarb,
und 30. Okt. 1886 ließ der britische Resident in Aden die
Insel besetzen. Schweinfurth hat dieselbe 1881 erforscht. Vgl.
Robinson, Sokotra (Lond. 1878).

Sokrates, 1) der berühmteste unter den griechischen
Weisen, Sohn des Bildhauers Sophroniskos und der Hebamme
Phänarete, wurde um 469 v. Chr. zu Athen geboren. Er soll die
Kunst seines Vaters erlernt und auch eine Zeitlang ausgeübt
haben; eine Gruppe am Fuß der zur Akropolis führenden
Treppe galt für sein Werk. Zu seiner Lebensaufgabe machte er
den in Gestalt von Unterredungen und im Gegensatz zu den Sophisten
unentgeltlich erteilten Unterricht, zu welchem Zweck er seine
materiellen Bedürfnisse auf das äußerste
beschränkte und den Verkehr mit Jünglingen, deren Geburt
und Talent (wie bei Alkibiades und Kritias) vorhersehen
ließen, daß sie späterhin einen großen
Einfluß auf ihre Mitbürger üben würden, um sie
zu denkenden und charaktervollen Männern zu bilden, jedem
andern vorzog. Seine Tüchtigkeit bekundete sich jedoch nicht
bloß in diesen didaktischen, sondern auch in praktischen, auf
die Erfüllung seiner Bürgerpflichten, auch der
militärischen, gerichteten Bestrebungen. Obgleich dem Krieg
abhold, beteiligte er sich an drei Feldzügen und rettete in
der Schlacht bei Potidäa dem vom Pferd gestürzten
Alkibiades durch mannhafte Verteidigung das Leben. Gerade aber sein
Streben nach unabhängiger Tüchtigkeit im Treiben einer
korrumpierten Umgebung und seine Bemühungen, die Jugend von
den verderblichen Lehren sittlicher Zersetzung abzuziehen und
edlerer Geistesverfassung zuzuführen, zogen ihm Verfolgung zu.
S. wurde bezichtigt, die Jugend zu verderben und andre Götter
als die vom Staat anerkannten zu lehren. Als seine Ankläger
werden genannt: ein mittelmäßiger Dichter, Melitos, ein
Lederhändler und Demagog, Anytos, und ein Rhetor, Lykon. S.
verteidigte sich in mutvoller und seiner würdiger Weise, ohne
eine gewisse Reizung seiner Richter zu vermeiden. Nachdem er mit
ganz geringer Majorität verurteilt war und nun selbst dem
Herkommen gemäß einen Strafantrag zu stellen hatte,
lehnte er letzteres ab, indem er ironisch an Stelle der
vorzuschlagenden Strafe eine Belohnung seiner Verdienste durch
Erhaltung auf öffentliche Kosten im Prytaneion forderte.
Hierdurch erbittert, verurteilten ihn seine Richter mit
größerer Majorität zum Tode. Der religiöse
Gebrauch, dem zufolge niemand bis zur Rückkehr eines gerade um
diese Zeit nach Delos entsendeten heiligen Schiffs hingerichtet
werden durfte, gestattete ihm, noch 30 Tage zu leben. Während
dieser Zeit unterhielt er sich im Gefängnis mit einigen seiner
Anhänger über philosophische Gegenstände und
namentlich über den Tod. Das Anerbieten Kritons, ihm zur
Flucht zu verhelfen, lehnte er ab. Mit der größten
Gemütsruhe nahm er

7

Sokratik - Sol., Soland.

nach Ablauf der Frist den Schierlingstrank und starb so in einem
Alter von etwa 70 Jahren 399. Die große Bedeutung des S. ist
in der Anregung zu suchen, die er durch sein Leben und noch mehr
durch seinen Tod gab. Sein geistreichster und edelster
Schüler, Platon, hat in seinen Dialogen Charakter und
Gedankenkreis seines Meisters, wenn auch in einer freien, mit
dichtender Umbildung versetzten Form, so doch mit jener Wahrheit,
die auch der Dichtung innewohnt, dargestellt. Eine mehr
nüchterne, aber gerade darum wertvolle Auffassung des S.
findet sich in den "Memorabilien" Xenophons, der ebenfalls zu dem
Kreise seiner Vertrauten gehörte. Die Lehre des S. ist, da er
selbst nichts geschrieben hat, nur durch seine Schüler auf uns
gekommen. Als Philosoph kam derselbe mit seinen Zeitgenossen, den
Sophisten, darin überein, daß er, wie diese, den
Schwerpunkt des Unterrichts in die (lehrbare) Methode und den Zweck
desselben nicht, wie deren Vorgänger, die griechischen
Physiker und Naturphilosophen, in die Erkenntnis der Natur, sondern
in jene des dem Menschen Nützlichen als des für diesen
einzig Wissens- und Wünschenswerten legte, unterschied sich
aber von denselben dadurch, daß einerseits seine Methode
nicht, wie die der Sophisten, ein dialektisch-rhetorisches
Kunststück, um Wahres falsch, Falsches wahr scheinen zu
machen, sondern die dialektische Kunst, das Wahre als solches zu
finden und zu erkennen, anderseits sein Zweck nicht, wie bei jenen,
auf die Erkenntnis des Nützlichen als des Guten, sondern
vielmehr auf jene des Guten als des allein wahrhaft, bleibend und
allgemein Nützlichen gerichtet war. Um seiner Abwendung von
der Physik willen ist von ihm gesagt worden, daß er die
Philosophie vom Himmel auf die Erde zurückgeführt habe.
Seine Übereinstimmung mit den Sophisten hinsichtlich des
Wertes methodischen Denkens und praktischer Ziele hat bewirkt,
daß er von Fernstehenden (z. B. von Aristophanes in den
"Wolken") zu den Sophisten gerechnet, ja seiner dialektischen
Schärfe wegen als "Erzsophist" hingestellt worden ist. Die
Reinheit seiner nur auf Erkenntnis der Wahrheit abzielenden sowie
die Uneigennützigkeit seiner nur das Gute als Zweck
menschlichen Handelns zulassenden Denkweise haben gemacht,
daß er von den ihm Nahestehenden (von seinen Schülern,
insbesondere von Platon) als deren diametraler Gegensatz erkannt
und sein Bild als Ideal eines Weisen dem des Sophisten als des
Zerrbildes eines solchen entgegengestellt wurde. Jene Kunst des S.
bestand (nach Aristoteles) darin, einerseits von der Betrachtung
des Besondern zum Allgemeinen aufzusteigen (Induktion), anderseits
durch Ausscheidung des Unwesentlichen und Ungehörigen wie
durch Zusammenfassung des Wesentlichen und Unentbehrlichen zum
Begriff zu gelangen (Definition), welch letzterer, weil er der
Sache selbst entspricht, immer derselbe bleibt, während das
Allgemeine, weil es aus dem Besondern gewonnen worden ist, dieses
letztere sämtlich in sich begreift. Dieselbe wurde von S.,
hierin dem Beispiel der Sophisten folgend, in dialogischer Form,
durch geschicktes Fragen (erotematisch), aber zu dem Zweck, die
Wahrheiten an den Tag zu bringen (daher er sie selbst mit dem
Handwerk seiner Mutter, der mäeutischen oder Hebammenkunst,
verglich), und zugleich indirekt, d. h. in der Weise geübt,
daß der Fragende (obgleich der Wissende) sich unwissend
stellt und von dem Gefragten (als ob dieser wissend wäre)
belehrt zu werden vorgibt, während er diesen belehrt (daher
diese Form des erotematischen Unterrichts als "sokratische Ironie"
bezeichnet wird). Von diesem nur aus didaktischen Gründen
gewählten Schein des Nichtwissens verschieden ist das dem S.
gleichfalls in den Mund gelegte Eingeständnis wirklichen
Nichtwissens, der anspruchsvollen Vielwisserei der Sophisten
gegenüber, um derentwillen derselbe von dem delphischen Orakel
für den weisesten aller Menschen erklärt worden sein
soll. In Bezug auf die Tugend als Verwirklichung des Guten war S.
der Meinung, daß dieselbe lehrbar, d. h. durch richtige
Erkenntnis und Unterweisung zu bewirken sei, denn es sei
unmöglich, das Gute zu wissen, ohne es zu thun. In Bezug auf
den Inhalt des Guten aber liebte es S., sich auf sein von ihm
sogenanntes Dämonion als eine in seinem Innern sich
kundgebende Stimme zu berufen, welche zwar niemals ratend, aber
stets warnend sich vernehmbar mache, wenn er etwas Unrechtes zu
thun im Begriff sei. Unter den Schülern des S. haben die
sogen. Sokratiker einzelne Seiten seines Wesens (Eukleides und
Phädon in der megarischen und elischen Schule die
dialektische, Antisthenes und Aristippos in der cynischen und
kyrenäischen Schule die moralische) einseitig entwickelt,
während Platon allein die empfangenen geistigen und sittlichen
Anregungen zu einem das Ganze der Philosophie umfassenden
Gedankenbau ausbildete. Aus der antiken Litteratur über S.
sind die Platonischen Dialoge (insbesondere Kriton, Phädon und
die "Apologie") hervorzuheben. Vgl. Lasaulx, Des S. Leben, Lehre
und Tod (Münch. 1857); Volkmann, Die Lehre des S. (Prag 1861);
Alberti, Sokrates (Götting. 1869); Fouillée, La
philosophie de Socrate (Par. 1874, 2 Bde.); Grote, Plato and the
other companions of S. (4. Aufl., Lond. 1885, 3 Bde.); Zeller,
Philosophie der Griechen, 2. Teil, 1. Abteil. (4. Aufl., Leipz.
1889).

2) S. Scholasticus, Verfasser einer Kirchengeschichte in sieben
Büchern, der Fortsetzung des Werkes des Eusebios, welche von
306-439 reicht, geboren um 380 zu Konstantinopel war eigentlich
Sachwalter. Sein Werk ist herausgegeben unter andern von Hussey
(Oxf. 1853, 3 Bde.) und Bright (das. 1878).

Sokrátik (Sokratische Methode), die
"erotematische" Kunst (s. Erotema) oder die Kunst, durch geschickt
gestellte Fragen die passende Antwort hervorzulocken, welche
Sokrates selbst, auf den Beruf seiner Mutter anspielend, eine
geistige Hebammenkunst (s. Mäeutik) genannt und seine Schule
mit Rücksicht darauf, daß der Fragende sich unwissend
stellt, aber wissend ist, als sokratische Ironie bezeichnet hat.
Vgl. Sokrates 1) und Katechetik.

Sokratiker, Schüler, Anhänger des Sokrates.

Sokratischer Dämon (Dämonion) nannte Sokrates
selbst (Xenophon und Platon zufolge) das "höhere Wesen", von
dem er meinte, daß es ihm durch ein göttliches Geschenk
von Jugend auf beiwohne und sich ihm, wenn er oder seine Freunde
etwas Unrechtes zu thun im Begriff seien, als abratende, jedoch
niemals als zu etwas zuratende Stimme kundgebe, was zu mancherlei
Mißdeutungen (z. B. durch den Spiritismus) Anlaß
gegeben hat. Vgl. Volquardsen, Das Dämonium des Sokrates (Kiel
1862).

Sol, seit 1862 Rechnungseinheit in Peru, à 100
Centavos = 5 Frank; auch s. v. w. Sou (s. d.).

Sol, in der Musik, s. Solmisation.

Sol, bei den Römern der Sonnengott, s. Helios; in
der Alchimie das Gold.

Sol., Soland., bei naturwissenschaftl. Namen
Abkürzung für Daniel Solander, geb. 1736 in Norrland,
gest. 1782 als Unterbibliothekar des Britischen Museums zu London.
Weichtiere, Korallen.

8

Sola fide - Solario.

Sola fide (lat.), d. h. "allein durch den Glauben" werden
wir nämlich gerechtfertigt. Dieses von Luther in der Stelle
Röm. 3, 28, sinn-, aber nicht textgemäß
eingeschobene Sola wurde das Stichwort der lutherischen
Reformation.

Solamen miseris socios habuisse malorum (lat.), "es ist
ein Trost für die Unglücklichen, Leidensgenossen zu
haben".

Solanaceen, dikotyle Familie aus der Ordnung der
Tubifloren, einjährige und perennierende Kräuter und
Holzpflanzen mit wechselständigen, einfachen, oft in der
Blütenstandregion gepaarten Blättern ohne
Nebenblätter und mit meist vollständigen Blüten,
welche einzeln oder in Wickeln stehen, und deren Stiele häufig
scheinbar außerhalb der Blattachseln oder aus der Seite der
Internodien entspringen. Der Kelch ist verwachsenblätterig,
meist fünfspaltig oder -teilig, selten über der stehen
bleibenden Basis abfallend, meist bleibend und an der Frucht mehr
oder weniger vergrößert. Die regelmäßige
Korolle ist dem Blütenboden inseriert,
verwachsenblätterig, rad-, glocken-, trichter- oder
präsentiertellerförmig, mit meist fünfspaltigem
Saum, dessen Zipfel gefaltet, gedreht oder klappig liegen;
bisweilen ist die Blumenkrone zygomorph. Die fünf
Staubgefäße stehen in der Röhre der Blumenkrone
abwechselnd mit den Saumabschnitten derselben. Der
oberständige Fruchtknoten wird aus zwei schräg zur
Mediane gestellten Karpiden gebildet und ist zweifächerig oder
durch sekundäre Scheidewände unvollständig oder
vollständig vierfächerig und hat eine dicke zentrale, mit
zahlreichen amphitropen Samenknospen besetzte Placenta. Die Frucht
ist eine Beere oder eine Kapsel. Die mehr oder weniger
nierenförmigen Samen haben ein reichliches fleischiges
Endosperm und einen halb oder ganz kreisförmig
gekrümmten, seltener geraden Embryo. Die Familie zählt
über 1200 Arten, die zum größten Teil den Tropen
und demnächst den beiden gemäßigten Zonen
angehören. Mehrere enthalten narkotische Alkaloide und sind
wichtige Arznei- oder gefährliche Giftpflanzen (Hyoscyamus,
Datura, Atropa, Solanum, Nicotiana); andere, wie die Kartoffel
(Solanum tuberosum), sind namentlich wegen ihres Gehalts an
Stärkemehl wichtige Nutzpflanzen. Nur sehr wenige S. sind
fossil in Tertiärschichten gefunden worden (Solanites
Sap.).

Solanin C43H71NO16 findet sich in verschiedenen Arten der
Pflanzengattung Solanum, besonders reichlich in den Keimen,
welche Kartoffeln im Frühjahr im Keller treiben. Extrahiert
man diese mit säurehaltigem Wasser und fällt den Auszug
mit Ammoniak, so entzieht Alkohol dem Niederschlag das S. Dies
bildet farb- und geruchlose Kristalle, schmeckt bitter, etwas
brennend, ist sehr schwer löslich in Wasser und Äther,
leichter in Alkohol, schmilzt bei 235°, reagiert schwach
alkalisch und bildet mit Säuren zwei Reihensalze, von denen
die neutralen nicht kristallisieren, bitter und brennend schmecken,
in Wasser und Alkohol leicht, in Äther kaum löslich sind,
und aus deren Lösung Ammoniak amorphes S. fällt. Beim
Kochen mit verdünnten Säuren wird S. in Zucker und
Solanidin C25H41NO gespalten; letzteres kristallisiert, ist
flüchtig, reagiert stärker alkalisch und bildet
kristallisierbare Salze. S. ist stark giftig.

Solano (span.), ein im südlichen Spanien in der
Mancha und Andalusien, namentlich in Sevilla und Cadiz, meist von
Juni bis September auftretender, dem Scirocco ähnlicher, von
SO. und Süden kommender heißer Wind, welcher
erschlaffend und Schwindel erregend wirkt.

Solanum L. (Nachtschatten), Gattung aus der Familie der
Solanaceen, Kräuter, Sträucher oder kleine Bäume von
sehr verschiedenem Habitus, bisweilen kletternd, oft zottig,
sternfilzig oder drüsig behaart, auch stachlig, mit
abwechselnden, einzeln stehenden oder gepaarten, einfachen,
gelappten oder fiederschnittigen Blättern, gelben,
weißen, violetten oder purpurnen Blüten in achsel- oder
endständigen Trauben oder wickeligen Infloreszenzen und
gewöhnlichen, vom bleibenden Kelche gestützten, meist
kugeligen, vielsamigen Beeren. Etwa 700 Arten, meist in den
tropischen und subtropischen Klimaten, besonders Amerikas. S.
Dulcamara L. (Bittersüß, Alpranke, Mäuseholz,
Hundskraut, Stinkteufel, Teufelszwirn), Halbstrauch mit hin- und
hergebogenem, kletterndem oder windendem Stamm, länglich
eiförmigen, zugespitzten, am Grund oft herzförmigen oder
geöhrt dreilappigen Blättern, diesen
gegenüberstehenden, wickeligen, nickenden Infloreszenzen,
violetten Blüten und roten, länglichen Beeren,
wächst an feuchten Stellen in Europa, Asien, Nordamerika. Die
Stämme riechen beim Zerbrechen sehr widrig narkotisch, sind
nach dem Trocknen geruchlos, schmecken bitterlich, hintennach
süß; sie enthalten Solanin, Dulcamarin und Zucker; seit
dem 17. Jahrh. wurden sie medizinisch benutzt, sind jetzt aber
ziemlich obsolet. Die Beeren erzeugen Erbrechen und Durchfall. S.
esculentum Dun. (S. Melongena L. Eierpflanze, Melanganapfel), in
Ostindien, einjährig, mit krautartigem, bis 60 cm hohem,
stachligem oder wehrlosem Stengel, eirunden, ganzrandige oder
buchtig gezahnten, unbewehrten oder dornigen, unterseits filzigen
Blättern und lilafarbigen, großen Blüten,
trägt ovale, violette, gelbe oder weiße Früchte
(Aubergine, Albergine) von der Größe eines
Hühnereies, die als Zuthat an Saucen, Suppen, Ragouts etc.
oder geröstet gegessen werden. Man kultiviert sie in den
Tropen, in Spanien, Südfrankreich, um Rom, Neapel, in der
Walachei und der Levante. In Deutschland kommt diese Pflanze nur in
Töpfen oder auf warmen Rabatten, besser in Mistbeeten, vor. S.
nigrum L. (Hühnertod, Saukraut, s. Tafel "Giftpflanzen II"),
aus Amerika eingewandert, allenthalben auf bebautem Land, an Wegen,
auf Schutt, unbewehrt, mit eirunden, buchtig-gezahnten
Blättern, weißen, selten ins Violette spielenden
Blüten in kurz doldenartigen Wickeln und erbsengroßen,
schwarzen (auch grünen) Beeren, und das zottig oder dicht
behaarte S. villosum Lam. mit gelben und mennigroten (S. miniatum
Bernh.) Beeren, sind bekannte Giftpflanzen und enthalten Solanin.
S. Quitoense Lam. (Orange von Quito), ein bis 2 m hoher Halbstrauch
in Peru und Quito, trägt genießbare Früchte von der
Größe einer kleinen Orange, wird auch in England
kultiviert. Von S. anthropophagorum Seem., auf den Fidschiinseln,
wurden die Beeren als Würze bei den kannibalischen Mahlzeiten
der Eingebornen benutzt. Viele Arten werden als Blattzierpflanzen
kultiviert. Über S. tuberosum s. Kartoffel.

Solar (solarisch, lat.), auf die Sonne
bezüglich.

Solarchemie, die von Kirchhoff und Bunsen
begründete, auf Beobachtung des Sonnenspektrums beruhende
Untersuchung der chemischen Beschaffenheit der
Sonnenatmosphäre; s. Spektralanalyse.

Solario, Andrea, italien. Maler, geboren um 1460 zu
Mailand, bildete sich seit 1490 in Venedig bei G. Bellini und
später nach Leonardo da Vinci. Von 1507 bis 1509 war er in
Frankreich thätig. Er starb nach 1515. Seine Hauptwerke sind:
der Ecce homo und die Ruhe auf der Flucht (im Museum Poldi-

9

Solarlicht - Soleillet.

Pezzoli zu Mailand), die Madonna mit dem grünen Kissen und
die Schüssel mit dem Haupt Johannes' des Täufers (im
Louvre zu Paris) und die Salome (in der Galerie zu Oldenburg).

Solarlicht, veraltet s. v. w. elektrisches Licht.

Solarmaschine, s. v. w. Sonnenmaschine.

Solaröl, s. Mineralöle.

Solarstearin, aus Schweineschmalz abgeschiedenes festes
Fett, dient zu Kerzen.

Solawechsel, ein nur in einem einzigen Exemplar
ausgestellter Wechsel, im Gegensatz zu einem Wechsel, von welchem
noch ein oder mehrere Duplikate ausgefertigt werden (Prima-,
Sekunda-, Tertiawechsel etc.); auch s. v. w. eigner Wechsel (s.
Wechsel).

Solbad, ein Bad, welches in einem natürlichen, viel
Kochsalz, oft auch Jod und Brom enthaltenden Mineralwasser (s. d.)
oder statt des letztern in einer künstlich bereiteten
Lösung von Seesalz oder Mutterlaugensalz (Kreuznach,
Kösen) genommen wird. Über die Anwendung der
Solbäder und die Bereitung der künstlichen s. Bad, S.
221.

Solbrunnen, s. Salz, S. 237.

Sold, s. v. w. Lohn, Bezahlung für geleistete
Dienste, namentlich Kriegsdienste, abzuleiten vom lat. solidus, der
von Alexander Severus (222-235 n. Chr.) eingeführten
Goldmünze, welche den viermonatlichen Lohn des Kriegers
ausmachte. Daher Söldner, Scharen, welche um Lohn in
Kriegsdienste treten, wie im Altertum die Griechen, im Mittelalter
Deutsche und, bis in die Neuzeit, besonders die Schweizer (s.
Fremdentruppen). Nach dem Verfall des Heerbannes, der Lehnsfolge
und des Rittertums bildeten bis gegen Ende des 18. Jahrh. geworbene
Söldner die Masse der Heere. Geregelte Soldzahlung begann erst
mit dem Aufkommen der stehenden Heere. Bei dem ausgehobenen
Wehrpflichtigen ist S. die zum Unterhalt nötige Löhnung,
die, wie schon zu Gustav Adolfs Zeit, alle zehn Tage ausbezahlt
wird. Ihre Höhe beträgt in Deutschland für den
Gemeinen der Infanterie 35 Pf. auf den Tag, für Leute der
berittenen Waffen 5 Pf. mehr, für Gefreite je 5 Pf. mehr als
für Gemeine derselben Waffe. Bei den Griechen beginnt die
Soldzahlung unter Perikles, bei den Römern schon unter den
Königen, aber aus den Gemeindekassen, aus der Staatskasse erst
seit 406 n. Chr. halbjährlich oder jährlich; der bare S.,
das Salarium (Geld für Salz) eingerechnet, entsprach dem Lohn
der ländlichen Arbeiter. Bei den Deutschen beginnt die
Soldzahlung vereinzelt unter Karl d. Gr. und war durch die Hansa im
13. Jahrh., in England um 1050 vollständig entwickelt.

Soldanella L. (Troddelblume, Alpenglöckchen),
Gattung aus der Familie der Primulaceen, kleine, perennierende
Kräuter mit grundständigen, gestielten,
nierenförmigen Blättern, auf nacktem Schaft einzeln oder
doldig stehenden, nickenden, blauen, violetten oder rosenroten
Blüten und kegelförmig länglicher Kapsel. Vier Arten
auf den südeuropäischen Hochgebirgen. S. alpina L., mit
überhängenden, hellvioletten Blüten auf zwei- bis
vierblütigem Schaft. S. pusilla Baumg., mit großer,
rötlichweißer oder rosenroter, einzeln stehender
Blüte, wird, wie die vorige, gleich andern Alpenpflanzen
kultiviert.

Soldat, jede für Sold dienende Militärperson,
mit Ausnahme der Militärbeamten; insbesondere der Gemeine (s.
Militär). Der Name S. wurde im 16. Jahrh. aus dem
Italienischen (soldato) entlehnt und stammt vom lateinischen
solidus (s. Sold).

Soldatenhandel, das Vermieten von Truppen, namentlich
seitens der Fürsten deutscher Kleinstaaten, an fremde Staaten,
lediglich zum Zweck des Gelderwerbs, gleichgültig, ob zu
gunsten der Kasse des Staats oder des Fürsten. Hierin liegt
der Unterschied zwischen dem S. und den Subsidienverträgen
behufs Truppenstellung oder Lieferung von Subsidiengeldern; diesen
Verträgen liegt eine Staatsidee zu Grunde, die dem S. mangelt.
Der letztere hat seinen Ursprung bei den Handelsstaaten des
Altertums: Syrakus, Tarent, Karthago, und fand gleiche Anwendung in
Venedig, den Niederlanden und England, die alle zur Aufstellung
ihrer Heere der Werbung von Söldnern bedurften und (wie
England) noch bedürfen. Den S. begann Bernhard von Galen,
Bischof von Münster, 1665; ihm folgte Johann Georg III. von
Sachsen, der 1685 für 120,000 Thlr. 3000 Mann an Venedig zum
Krieg in Morea vermietete. Den höchsten Aufschwung nahm der S.
während der Kriege Englands gegen seine amerikanischen
Kolonien; etwa 30,000 Mann sind dazu aus Deutschland gestellt,
wofür dieses gegen 8 Mill. Pfd. Sterl. erhielt. Der Landgraf
Wilhelm VIII. von Hessen vermietete während des
österreichischen Erbfolgekriegs sowohl Truppen an England als
an Karl VII., also an die sich bekriegenden Gegner. Die
Fremdentruppen (s. d.), die Schweizerregimenter, die sich oft in
den feindlichen Parteien gegenüberstanden, gehören zum S.
Vgl. Jähns, Heeresverfassungen und Völkerleben (Berl.
1885); Winter, Über Soldtruppen (8. Beiheft zum
"Militärwochenblatt" 1884).

Soldatéska (ital.), das Soldatentum, mit dem
Nebenbegriff des Übermütigen und Eigenmächtigen.

Soldau (poln. Dzialdowo), Stadt im preuß.
Regierungsbezirk Königsberg, Kreis Neidenburg, am Flusse S.,
Knotenpunkt der Linie Allenstein-S. und der Eisenbahn
Marienburg-Mlawka, 157 m ü. M., hat eine evangelische und eine
kath. Kirche, eine Synagoge, Ruinen eines alten Ordensschlosses,
ein Amtsgericht, Spiritusfabrikation, Getreide- und Schweinehandel
und (1885) mit der Garnison (ein Füsilierbat. Nr. 44) 3122
meist evang. Einwohner. Hier 26. Dez. 1806 heftiges Gefecht
zwischen Franzosen (Ney) und Preußen (Lestocq).

Soldin, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Frankfurt, am Ausfluß der Miezel aus dem Soldinsee und an der
Eisenbahn Stargard i. P.-Küstrin, 76 m ü. M., hat Reste
einer Stadtmauer und einige Thore aus dem Mittelalter, eine
schöne evang. Kirche, ein Amtsgericht, Maschinenfabrikation, 3
Dampfschneidemühlen, eine Molkerei, Fischerei und (1885) 6198
meist evang. Einwohner. S. wird zuerst 1262 erwähnt. Hier
bestand 1298-1538 ein Kollegiat- oder Domstift der
Prämonstratenser.

Söldner, s. Sold.

Soldo (Mehrzahl Soldi), ital. Rechnungs- und
Kupfermünze, von welcher 20 auf die Lira gehen.

Sole (Soole), kochsalzhaltiges Wasser aus
natürlichen Salzquellen oder künstlich erzeugt (s.
Salz).

Solea (Soole), Zungenscholle, s. Schollen.

Solebai, die Reede von Southwold (s. d.).

Soleillet (spr. ssolläjäh), Paul, franz.
Afrikareisender, geb. 29. April 1842 zu Nîmes, bereiste 1865
Algerien, Tunesien und Tripolitanien, durchzog dann 1871 die
algerische Sahara und machte sich bekannt als einer der
Hauptagitatoren der transsaharischen Eisenbahn. 1873 unternahm er
eine Reise nach Tuat auf einer neuen, noch nicht begangenen Route,
durfte aber die Oase selbst nicht betreten und kehrte 1874 nach
Frankreich zurück. 1878 ging er über Senegambien nach
Segu am Niger und versuchte 1879 nach seiner Rückkehr im
Auftrag der französischen Regierung

10

Solenhofen - Solferino.

von St. Louis nach Timbuktu vorzudringen, wurde indessen bei
Schingit, in der Nähe von Adras, ausgeplündert und war
schon im Mai 1880 wieder in Paris. Im Juli d. J. versuchte er von
St. Louis aus abermals, aber wiederum vergeblich, nach Timbuktu zu
gelangen. Im Auftrag einer französischen Handelsgesellschaft
in Obok machte er 1882 einen kurzen Ausflug über Schoa nach
Kaffa und stand im Begriff, sich abermals nach Schoa zu begeben,
als er 10. Sept. 1886 in Aden starb. Er schrieb: "Exploration du
Sahara" (1876); "L'avenir de la France en Afrique" (1876);
"L'Afrique occidentale" (1877); "Les voyages et découvertes
de P. S., etc., racontés par lui-même" (1881); "Voyage
en Éthiopie 1882-1884" (1886); "Obock, le Choa, le Kaffa"
(1886); "Voyage a Ségou 1878-79" (hrsg. von Gravier, 1887).
Vgl. Gros, Paul S. en Afrique (Par. 1888).

Solenhofen, Dorf, s. Solnhofen.

Solenn (lat.), feierlich; Solennität,
Feierlichkeit.

Solenoglypha (Röhrenzähner), Unterordnung der
Schlangen (s. d., S. 501).

Solenoid (griech.), ein schraubenförmig gewundener
Draht, welcher, solange ihn ein galvanischer Strom
durchfließt, sich wie ein Magnet verhält, nämlich,
wenn beweglich aufgehängt, seine Längsachse in den
magnetischen Meridian einstellt, indem dasjenige Ende, an welchem
der Strom in der Richtung des Uhrzeigers kreist, sich nach
Süden wendet und deshalb Südpol des Solenoids genannt
wird, wogegen das andre nach N. weisende Ende Nordpol heißt.
Auch einem Magnet oder einem zweiten S. gegenüber verhält
sich ein S. wie ein Magnet. Vgl. Elektrodynamik und Magnetismus, S.
90.

Solenópsis, s. Ameisen, S. 452.

Solent, Meeresarm, welcher die engl. Insel Wight von
Hampshire trennt. Die westliche Einfahrt verteidigt Hurst
Castle.

Soleras, s. Jereswein.

Solesmes (spr. ssolähm), 1) Stadt im franz.
Departement Nord, Arrondissement Cambrai, an der Selle und der
Nordbahn, hat bedeutende Zuckerfabrikation, Woll- u.
Baumwollwebereien und (1886) 5728 Einw. -

2) Dorf im franz. Departement Sarthe, Arrondissement La
Flèche, mit Benediktinerkloster aus dem 12. Jahrh., einer
Klosterkirche aus dem 13. Jahrh. mit schönen Skulpturen und
795 Einw.

Soleure (spr. -löhr), franz. Name für
Solothurn.

Soleus (lat.), der Schollenmuskel (fälschlich
Sohlenmuskel) in der Wade.

Solfa (ital.), Tonleiter (vgl. Solmisation).

Solfatára (ital., franz. Soufrière,
Schwefelgrube), vulkan. Krater, dessen Schlot sich bei abnehmender
vulkanischer Thätigkeit allmählich verschloß und
nur noch Gase, Wasserdämpfe und Sublimationen von Schwefel aus
Spalten zu Tage treten läßt wodurch die Gesteine der
Kraterwände Zersetzungen erleiden und einen Überzug von
Schwefel erhalten. Die bekanntesten Solfataren sind in Italien.
Hier heißen so insbesondere drei kleine Seen in der Provinz
Rom, an der nach Tivoli führenden Straße, welche durch
einen Kanal mit dem Teverone in Verbindung stehen. Der Boden
exhaliert Schwefeldünste an mehreren eingebrochenen Stellen
ist trübes Schwefelwasser zu sehen. Von dem einen dieser Seen
werden Thermalbäder (Aquae Albulae) gespeist. Die S. von
Pozzuoli ist einer von den 27 Kratern, welche sich auf der schon
bei den Alten als Phlegräische Felder (s. d.) bezeichneten
vulkanischen Hügellandschaft im W. von Neapel befinden. Es ist
ein durch Einsturz des Kraters eines sich dicht über Pozzuoli
erhebenden Vulkans entstandenes fast kreisrundes Becken das rings
von den Kraterwänden umgeben und nur durch eine Bresche an der
Westseite zugänglich ist. An einigen Stellen ist der Boden
warm, an andern brennend heiß; heiße
Schwefeldämpfe strömen namentlich aus der sogen. Bocca
grande hervor. Die aufsteigenden Dünste werden zu Heilzwecken
benutzt, zu welchem Behuf Bretterhütten errichtet sind. Auch
der an den Wänden der Spalten abgelagerte Schwefel und der
durch Verbindung der porösen Kalke mit der Schwefelsäure
gebildete Gips werden industriell verwertet. Andre Solfataren
finden sich in Westindien (St. Vincent, Guadeloupe, Dominica, wo
die sogen. Grande Soufrière am 4. Jan. 1880 einen
großen vulkanischen Ausbruch hatte, etc.) und in Mexiko. Die
vielgenannte S. von Urumtsi in der Nähe der gleichnamigen
Stadt, am Nordhang des Thianschan (Westchina), ist wahrscheinlich
nur ein brennendes Kohlenlager. Vgl. Fumarolen.

Solfeggio (ital., spr. ssolféddscho. franz.
Solfège) Gesangsübung zur Ausbildung des Gehörs
und der Trefffähigkeit, musikalische Leseübung, am
Pariser Konservatorium der vorbereitende Elementarkursus für
alle Schüler, an vielen andern Anstalten leider
vernachlässigt. Die Solfeggien benannten Gesangsübungen
werden in der Regel auf die Tonnamen: ut (do), re, mi, fa, sol, la,
si gesungen und sind daher zugleich Vokalisationsübungen
(Vokalisen) und bei gesteigerter Schwierigkeit Koloratur- und
Vortragsübungen. Als Meister in der Solfeggienkomposition
stehen die Italiener, namentlich Porpora, Mazzoni, Crescentini,
Concone, obenan. Vgl. Gesang.

Solferino, rote Farbe, s. Anilin, S. 591.

Solferino, Marktflecken in der ital. Provinz Mantua,
Distrikt Castiglione, auf einer Anhöhe 3 Stunden westlich vom
Mincio und ebenso weit südlich vom

[siehe Graphik]

Kärtchen zur Schlacht bei Solferino (24. Juni 1859).

Gardasee, mit (1881) 1284 Einw., ehemals Sitz eines
Fürstentums, geschichtlich merkwürdig durch den
entscheidenden Sieg, welchen hier 24. Juni 1859 die
verbündeten Franzosen und Sardinier über die
Öster-

11

Solger - Soliman.

reicher erfochten. Die Österreicher hatten 21. Juni 1859
ihren Rückzug hinter den Mincio beendigt, am 23. aber, nachdem
der Kaiser, dem Heß zur Seite trat, den Oberbefehl
übernommen, mit 170,000 Mann wieder den Vormarsch in die
Lombardei begonnen. Auf diesem trafen sie 24. Juni früh auf
die gleichfalls vormarschierenden Alliierten (150,000 Mann). Es
entspann sich nun auf der ganzen Linie eine Reihe von
Einzelgefechten ohne Entscheidung, bis Napoleon gegen Mittag einen
energischen Angriff auf S., den Mittelpunkt und Schlüssel der
österreichischen Aufstellung, befahl. Verteidigung u. Angriff
leisteten das Äußerste. Um 3 Uhr erstürmten die
Franzosen endlich die österreichischen Stellungen von S. und
San Cassiano. Da ein Angriff Wimpffens auf den französischen
rechten Flügel von Niel zurückgewiesen wurde, traten die
Österreicher 4 Uhr den Rückzug an. Ein starkes Gewitter
mit Wolkenbruch verhüllte von 5 Uhr an diesen. Die Piemontesen
hatten mittlerweile die gefährlichste Aufgabe zu lösen:
sie sollten in der schmalen Ebene zwischen dem Nordabfall des
Hügellandes und dem Südufer des Gardasees östlich
gegen Peschiera vorgehen. General Benedek drängte sie bis
Rivoltella zwischen Desenzano und Sermione zurück und stellte
sich auf dem Plateau von San Martino auf, das gegen N. und W. steil
abfällt. Fünfmal stürmten die piemontesischen
Bataillone; aber so oft sie bis an den obern Rand gelangten, wurden
sie unter großen Verlusten zurückgeworfen. Erst am Abend
trat auch Benedek zögernd den Rückzug an. Die Schlacht
von S. war eine sehr blutige. Der Gesamtverlust der
Österreicher belief sich auf 22,350 Mann; die Franzosen
verloren 11,670, die Piemontesen 5521 Mann. Den Gefallenen ward
hier 1870 ein Denkmal errichtet.

Solger, Karl Wilhelm Ferdinand, Ästhetiker, geb. 28.
Nov. 1780 zu Schwedt in der Ukermark, studierte zu Halle und Jena
die Rechte und unter Schelling Philosophie, schloß sich am
letztern Ort und später in Berlin dem Kreis der Romantiker an,
wurde 1809 Professor der Ästhetik zu Frankfurt a. O., 1811 zu
Berlin, wo er 20. Okt. 1819 starb. Außer seinem in Form der
Platonischen Dialoge abgefaßten mystisch-dunkeln "Erwin. Vier
Gespräche über das Schöne und die Kunst" (Berl.
1815, 2 Bde.), in welchem er die ästhetischen Prinzipien der
romantischen Schule vertrat, der aber auch eindringlich auf Hegels
Ästhetik gewirkt hat, verfaßte er noch: "Philosophische
Gespräche" (das. 1817) und eine geschätzte
Übersetzung des Sophokles (das. 1808, 2 Bde.; 3. Aufl. 1837).
Seine "Nachgelassenen Schriften und Briefwechsel" wurden von Tieck
und Fr. v. Raumer (Leipz. 1826, 2 Bde.), seine "Vorlesungen
über Ästhetik" von Heyse (Berl. 1829) herausgegeben. Vgl.
Reinh. Schmidt, Solgers Philosophie (Berl. 1841).

Solicitor (engl., spr. ssollíssítör),
Anwalt, Sachwalter (s. Attorney); S. general (spr.
dschönnerel), der Obersachwalter der Krone in England.

Solid (lat.), fest, gediegen, zuverlässig;
Solidität, Festigkeit, Zuverlässigkeit.

Solidago L. (Goldrute), Gattung aus der Familie der
Kompositen, ausdauernde Kräuter mit abwechselnden,
ganzrandigen, oft gesägten Blättern, in Trauben oder
Rispen stehenden, kleinen Blütenkörbchen und
cylindrischen, gerippten Achenen mit einreihigem Pappus. Etwa 80
Arten, meist Nordamerikaner. S. canadensis L. (kanadische Goldrute,
Klapperschlangenkraut), in Nordamerika, mit bis 2,5 m hohem,
zottigem Stengel, lanzettförmigen, gesägten, scharfen
Blättern und gelben Blüten in zurückgebogenen,
einseitigen Trauben, welche wieder große Rispen bilden, wird
gegen den Biß der Klapperschlange gebraucht und häufig
als Zierpflanze kultiviert. Von S. Virga aurea L. (heidnisches
Wundkraut), in Europa, in Wäldern und Hainen, besonders an
trockenen Stellen, mit bis 1 m hohem Stengel, untern elliptischen,
gesägten, obern lanzettlichen, fast ganzrandigen Blättern
und gelben, traubigen oder rispig traubigen
Blütenständen, war das adstringierend aromatische Kraut
früher offizinell.

Solidarhaft (Solidarbürgschaft), im
Genossenschaftswesen die Haftpflicht des Einzelmitglieds für
die Verbindlichkeiten der Genossenschaft (s. Genossenschaften, S.
103).

Solidarisch (lat. in solidum), Bezeichnung für
diejenige Gemeinschaftlichkeit von Verbindlichkeiten und Rechten
(Solidarobligation), vermöge deren, wenn mehrere etwas zu
fordern haben, jeder das Ganze fordern kann und, wenn mehrere
verpflichtet sind, jeder das Ganze zu leisten schuldig ist (alle
für einen und einer für alle, samt und sonders, korreal).
Der Entwurf des deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs spricht in
solchen Fällen von einem "Gesamtschuldverhältnis" und von
"Gesamtgläubigern" und "Gesamtschuldnern". Vgl.
Korrealverbindlichkeit.

Solidarität (lat.), völlige
Übereinstimmung, Einheit, z. B. der Interessen.

Solidarpathologie (lat.), s. Cellularpathologie und
Medizin.

Soli Deo gloria! (lat.), Gott allein die Ehre!

Solidieren (lat.), befestigen, sichern.

Solidungula, s. v. w. Einhufer.

Solidus, röm. Goldmünze, welche Kaiser
Konstantin d. Gr. um 312 an Stelle des bis dahin üblichen
Aureus (s. d.) einführte, und die seitdem nicht bloß die
allgemeine Reichsmünze war, sondern bald auch Geltung
über die ganze damals bekannte Welt erlangte. Der Wert betrug
1/72 Pfd = 4,55 g und war bisweilen durch die Zahl LXXII oder durch
die griechischen Zahlzeichen O B (d. h. 72) auf der Münze
ausgedrückt. Das gewöhnlichste Teilstück ist das
Drittel, der Tremissis oder Triens; selten sind Stücke von
1½, 2 und mehr Solidi (sogen. Medaillons). Der Name S.
("Ganzstück") erhielt sich noch lange für verschiedene
Geldwerte; schließlich ging er, da Feinheit und Kurswert der
Münzen immer mehr herabsanken, auf Kupfermünzen, wie den
italienischen Soldo und den französischen Sou, über.

Soligalitsch (Ssoligalitsch), Kreisstadt im russ.
Gouvernement Kostroma, an der Kostroma, mit (188^) 3303 Einw.,
entstand aus einem Kloster (1335 gegründet), in dessen
Nähe Salzquellen entdeckt wurden, und gehörte seit 1450
zum moskauischen Fürstentum. Die Salzgewinnung hat jetzt fast
ganz aufgehört; doch wird ein Brunnen, aus dem klares
bittersalziges Wasser hervorsprudelt, als Heilquelle benutzt.

Solikamsk (Ssolikamsk), Kreisstadt im russ. Gouvernement
Perm, unweit der Kama, hat 7 griechisch-russ. Kirchen, ein Kloster,
eine Stadtbank, wichtige Salinen (jährlich über 1 Mill.
Pud Salz) und (1885) 3901 Einw.

Soliloquium (lat.), Selbstgespräch, Monolog.

Soliman (Suleiman), Name von drei türk. Sultanen: 1)
S. I., Sohn Bajesids I., ließ sich nach der Gefangennehmung
seines Vaters bei Angora 1402 in Adrianopel zum Sultan ausrufen,
mußte aber mit seinem Bruder Musa um den Thron kämpfen,
wurde in Adrianopel eingeschlossen, auf der Flucht gefangen
genommen und seinem Bruder ausgeliefert, welcher ihn 1410
erdrosseln ließ.

12

Solimoes - Solis y Ribadeneira.

2) S. II., el Kanani ("der Große" oder "der
Prächtige"), Sohn Selims I., der berühmteste Sultan der
Osmanen, geb. 1496, war bei des Vaters Tod (22. Sept. 1520)
Statthalter von Magnesia, gab die durch seinen Vater eingezogenen
Güter an die Beraubten zurück und bestrafte mit Strenge
Staatsdiener, welche sich Unordnungen hatten zu schulden kommen
lassen. Die Verweigerung des bei einem Thronwechsel üblichen
Tributs gab ihm den Vorwand zu einem Feldzug gegen Ungarn, der ihm
den Besitz von Schabatz, Semlin und Belgrad verschaffte. Dann
rüstete er sich zur Eroberung der Insel Rhodos, welche nach
einer sechsmonatlichen Verteidigung am 25. Dez. 1522 durch Verrat
fiel. Hierauf zog er im April 1526 mit 100,000 Mann und 300 Kanonen
von neuem gegen Ungarn, und am 29. Aug. erfocht er den Sieg von
Mohács, worauf am 10. Sept. Pest und Ofen dem Sieger die
Thore öffneten. Nach Unterdrückung eines Aufstandes in
Kleinasien unternahm er zu gunsten Johann Zápolyas, Bans von
Siebenbürgen, den eine Partei zum Könige gewählt
hatte, 1529 einen dritten Feldzug nach Ungarn, nahm am 8. Sept.
Ofen und drang am 27. mit 120,000 Mann bis Wien vor, mußte
aber nach einem Verlust von 40,000 Mann am 14. Okt. die Belagerung
der Stadt aufgeben. Nun wandte er seine Waffen nach Osten. Bereits
im Herbst 1533 sandte er ein Heer unter dem Großwesir Ibrahim
nach Asien, wo die Festungen Ardschisch, Achlath und Wan fielen und
Persiens Hauptstadt Tebriz 13. Juli 1534 ihm ihre Thore
öffnete. Auch Bagdad ward noch in demselben Jahr besetzt und
hierauf von da aus das eroberte Land organisiert. Während
dessen hatte Solimans Marine unter Barbarossa den Spaniern 1533
Koron genommen und 1534 Tunis unterworfen, welches aber 1535 durch
Karls V. Expedition bald wieder verloren ging. 1541 unterwarf S.
über die Hälfte Ungarns, und Zápolyas Sohn
mußte sich mit Siebenbürgen begnügen. Endlich wurde
1547 ein fünfjähriger Waffenstillstand geschlossen, nach
welchem S. ein jährlicher Tribut von 50,000 Dukaten bewilligt
ward. Hierauf unternahm er einen zweijährigen Krieg gegen
Persien und erneuerte 1551 den Krieg in Ungarn. Erst 1562 kam mit
Ungarn ein Friede zu stande. Obschon über 70 Jahre alt,
unternahm S. 1566 einen abermaligen Heereszug gegen Ungarn, fand
aber vor Szigeth am 5. Sept. 1566 das Ende seines thatenreichen
Lebens. S. beschließt die Periode der Blüte der
osmanischen Herrschaft. Die Türken verehren in ihm ihren
größten Fürsten. Als Krieger ausgezeichnet und
glücklich, war er auch ein weiser Gesetzgeber und Staatsmann.
Er übte Gerechtigkeit, hielt die Beamten in Pflicht und
Gehorsam, beförderte Ackerbau, Gewerbfleiß und Handel
und war freigebig gegen Gelehrte und Dichter. Doch hielt er sich
nicht frei von Grausamkeit; so ließ er seiner Favoritin
Roxelane, einer gebornen Russin, zu Gefallen alle ihm von andern
Frauen gebornen Kinder umbringen, um ihrem Sohn Selim II. die
Nachfolge zu sichern.

3) S. III., Sohn Ibrahims, Bruder Mohammeds IV., geb. 1647,
folgte, nach dessen Absetzung von den Ulemas aus seiner
langjährigen Haft befreit, 1687, hatte mit Empörungen zu
kämpfen und führte den Krieg in Ungarn unglücklich,
bis er 1689 Mustafa Köprili zum Großwesir ernannte;
starb 1691.

Solimões, s. Amazonenstrom.

Solingen, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Düsseldorf, auf einer Anhöhe unweit der Wupper und an der
Linie Ohligswald-S. der Preußischen Staatsbahn, 216 m ü.
M., hat 2 evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein
Realprogymnasium, ein Kranken-, Armen- und Waisenhaus, ein
Amtsgericht, eine Handelskammer, eine Reichsbanknebenstelle, sehr
bedeutende Fabrikation von Eisen- und Stahlwaren, insbesondere von
trefflichen Säbel- und Degenklingen, Messern, Gabeln, Scheren,
chirurgischen Instrumenten etc., welche in die entferntesten
Länder ausgeführt werden, ferner Eisengießereien
und Fabriken für Patronentaschen, Helme, Zigarren etc. und
(1885) 18,641 meist evang. Einwohner. Die Entstehung der
Eisenindustrie soll unter Adolf IV. von Berg 1147 durch Damaszener
Waffenschmiede, nach andrer Annahme um 1290 durch eingewanderte
Steiermärker begründet worden sein. Erst 1359 wurde der
Herrenhof S. vom Grafen von Berg erworben und erhielt bald darauf
Stadtrecht. 1815 kam S. an Preußen. Vgl. Cronau, Geschichte
der Solinger Klingenindustrie (Stuttg. u. Leipz. 1885).

Solinus, Gajus Julius, röm. Schriftsteller,
wahrscheinlich aus dem 3. Jahrh. n. Chr., veranstaltete aus des
Plinius "Historia naturalis" einen Auszug, meist geographischen
Inhalts, der unter dem Titel: "Polyhistor" auf uns gekommen ist
(beste Bearbeitung von Th. Mommsen, Berl. 1864).

Soliped (lat.), Einhufer.

Solipsen (v. lat. solus, allein, und ipse, selbst, = S.
I.), satir. Name für die Jesuiten, insofern diese nur an sich
selbst zuerst denken. Vgl. Imhofer (Scotti), Monarchia Solipsorum
(Vened. 1645).

Solipsismus, in theoretischer Hinsicht der subjektive
Idealismus (Fichtes), weil das Ich aus sich allein die Welt
schafft, in praktischer Hinsicht der Egoismus, weil der Einzelne
handelt, als ob die Welt sein wäre; Solipsist, ein
Selbstsüchtiger.

Solis, Virgilius, Zeichner und Kupferstecher, geb. 1514
zu Nürnberg, bildete sich nach den Stichen der sogen.
Kleinmeister, verlor sich aber bald in charakterlose Manier, welche
den meisten seiner Kupferstiche (ca. 650) und Federzeichnungen
eigen ist. Er hat seine Motive mit Vorliebe aus der antiken
Mythologie und Geschichte gewählt, aber auch viele Bildnisse
und Szenen aus dem Leben seiner Zeit gezeichnet und gestochen.
Zuletzt schloß er sich ganz den Italienern an. Er starb 1.
Aug. 1562 in Nürnberg.

Solist (lat.), Solosänger.

Solis y Ribadeneira, Antonio de, span. Dichter und
Geschichtschreiber, geb. 28. Okt. 1610 zu Alcalá de Henares,
studierte in Salamanca die Rechte, begleitete später den
Grafen von Oropesa, Vizekönig von Navarra und später von
Valencia, als Sekretär und leistete in dieser Stellung
ausgezeichnete Dienste. Seine Talente erregten die Aufmerksamkeit
Philipps IV., der ihm eine Stelle im Staatssekretariat verlieh und
ihn später zu seinem eignen Sekretär machte. Dasselbe Amt
bekleidete S. auch bei der Königin-Regentin, die ihn
außerdem 1666 zum Chronisten von Indien ernannte. Nicht lange
darauf ließ er sich zum Priester weihen und starb 19. April
1686. Seine "Poesías varias" wurden von I. de Goyeneche
(Madr. 1692) herausgegeben, neuerdings auch in der "Biblioteca de
autores españoles" (Bd. 42) abgedruckt. Viel bedeutender ist
er aber durch seine "Comedias" und er kann als der letzte gute
Dramatiker im Nationalgeschmack betrachtet werden. Seine
Stücke zeichnen sich weniger durch Originalität der
Erfindung, die meistens nicht ihm gehört, als durch geschickte
Behandlung sowie große Reinheit und Eleganz der Sprache und
des Stils aus und wurden zu Madrid 1681 und 1732 gedruckt (eine
Auswahl auch im 47. Bande der genannten "Biblioteca"). Unter
denselben waren die Schauspiele: "El amor al uso" und

13

Solitär - Solmisation.

"El alcazar del segreto" sowie die nach Cervantes' schöner
Novelle bearbeitete "Gitanilla de Madrid" (auch von P. A. Wolff zu
seiner "Pretiosa" benutzt) besonders beliebt. Am berühmtesten
und außerhalb Spaniens am bekanntesten ist S. als
Geschichtschreiber durch seine "Historia de la conquista de Mejico"
(Madr. 1684; am besten, das. 1783-84, 2 Bde., u. öfter; auch
im 28. Bd. der "Biblioteca de autores españoles", 1853;
deutsch von Förster, Quedlinb. 1838), welche, wenn auch kein
kritisches Geschichtswerk im strengen Sinn des Wortes, doch wegen
der kunstreichen Darstellung und der geistvollen Betrachtungsweise
sowie wegen des Reichtums, der Eleganz und Klarheit der Sprache zu
den klassischen Werken der spanischen Litteratur gerechnet wird.
Noch hat man von S. eine Anzahl vortrefflich geschriebener Briefe,
die Mayans y Siscar in seiner Sammlung "Cartas morales etc." (Val.
1773, 5 Bde.) herausgab.

Solitär (franz. solitaire), Einsiedler,
einsiedlerisch lebender Mensch; ein einzeln stehender, funkelnder
Stern; ein einzeln gefaßter Diamant oder Edelstein von
besonderm Wert. Auch ein Geduldspiel für eine einzelne Person,
das sich vielfach in Kinderstuben findet, heißt S. Auf einem
Brett sind 37 Löcher in 7 Reihen so angebracht, daß die
1. und 7. Reihe je 3, die 2. und 6. je 5, die 3., 4. und 5. je 7
Löcher enthalten. In jedem Loch steckt ein leicht ausziehbarer
Stift. Das Spiel besteht darin, daß man einen Stift weglegt,
sodann immer einen Stift in gerader Linie über einen andern
wegsteckt und den übersprungenen herausnimmt. Um das Spiel zu
gewinnen, darf man zuletzt nur noch einen Stift im Brett behalten.
Solitärpflanzen, Pflanzen mit schönen Blättern etc.
zur Einzelstellung auf Rasen.

Solitüde (franz., "Einsamkeit"), öfters Name
von Lustschlössern. Besonders bekannt ist die S. bei
Stuttgart, 1763-67 von Herzog Karl erbaut und 1770-1775 Sitz der
durch Schiller berühmt gewordenen Karlsschule (s. d.).

Solium (lat.), s. v. w. Thron, ein hoher erhabener Sitz
mit Rücken- und Seitenlehnen. Auf einem solchen saß bei
den Römern der Pater familias, wenn er morgens seinen Klienten
Audienz gab.

Soljanka, russ. Gericht aus mit Zwiebeln gedämpftem
Sauerkraut, welches mit gebratenem Fleisch geschichtet, mit
Pfeffergurken, Pilzen, Würstchen bedeckt und im Ofen leicht
gebacken wird.

Soll, in der Buchhaltung (s. d., S. 564) s. v. w. Debet.
Solleinnahmen, Sollausgaben, erwartete, noch nicht erfolgte
Einnahmen und Ausgaben (Sollposten). Demgemäß spricht
man auch von einem Budgetsoll oder Etatsoll, während das
Kassensoll die Summe angibt, welche, entsprechend den Buchungen, in
der Kasse vorhanden sein soll.

Sölle, s. Riesentöpfe.

Sollen unterscheidet sich von Müssen wie das Sitten- vom
Naturgesetz dadurch, daß eine durch das erstere gebotene
Handlung unterlassen werden kann, aber nicht unterlassen werden
darf, ohne mißfällig zu werden, während von dem
durch das letztere vorgeschriebenen Geschehen keine Ausnahme
stattfinden kann.

Söller (v. lat. solarium), s. v. w. Saal oder
Vorplatz im obern Stockwerk eines Hauses; auch ein offener Gang
oder Altan um dasselbe.

Sollicitudo omnium ecclesiarum (lat.), die Bulle vom 7.
Aug. 1814, durch welche Papst Pius VII. den Jesuitenorden
wiederherstellte ; s. Jesuiten, 210.

Solling (Solinger Wald), ein den Weserbergen
angehöriger Bergzug in der preuß. Provinz Hannover und
im Herzogtum Braunschweig, fällt steil von Bodenfelde bis
Holzminden westlich zum Weserthal und östlich bei Einbeck zu
den Thälern der Leine und Elme ab. Der S., welcher im Moosberg
zu 513 m Höhe ansteigt, ist ganz bewaldet und besteht aus
Buntsandstein, der vielfach gebrochen wird (Höxtersandstein).
Mit dem S. schließt das durch die hessischen Länder nach
Süden bis zum Odenwald sich erstreckende Buntsandsteingebirge
im N. ab.

Sollizitieren (lat.), nachsuchen, inständig bitten;
Sollizitant, Bittsteller, Rechtssucher; Sollizitation, Gesuch;
Sollizitator, Anwalt.

Sollm., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für A. Sollmann, Lehrer in Koburg (Pilze).

Sollogub, Wladimir Alexandrowitsch, Graf, russ.
Schriftsteller, geb. 1814 zu St. Petersburg, studierte in Dorpat,
schlug dann die diplomatische Laufbahn ein und erhielt bei der
Gesandtschaft in Wien einen Posten. Später wurde er vom
Ministerium des Innern in den Süden Rußlands
abkommandiert, um statistische Nachrichten über die
südlichen Gouvernements zu sammeln. Nachdem er sich vom
Staatsdienst zurückgezogen, nahm er seinen Wohnsitz in Dorpat
und starb 17. Juni 1882 im Bad Homburg. Sein Hauptwerk ist
"Tarantas" (1845; deutsch, Leipz. 1847), eine mit trefflichem Humor
verfaßte Schilderung der verschiedenen Schichten der
Gesellschaft in der Provinz. Außerdem sind zahlreiche
Novellen und Erzählungen (darunter die rührende
"Geschichte zweier Galoschen" und "Die große Welt")
vorhanden, die von Phantasie und Beobachtungsgabe zeugen, wenn sie
auch der künstlerischen Tiefe ermangeln. Gelegentlich
versuchte sich S. auch als Theaterdichter (z. B. mit dem Lustspiel
"Der Beamte", 1857) und veröffentlichte "Erinnerungen an
Gogol, Puschkin und Lermontow" (deutsch, Dorp. 1883) u. a.

Solmisation, eine eigentümliche, Jahrhunderte
hindurch üblich gewesene Methode, die Kenntnis der Intervalle
und der Tonleitern zu lehren, welche auf Guido von Arezzo (um 1026)
zurückgeführt wird; sicher ist, daß sie um 1100
bereits sehr verbreitet war. Die S. hängt offenbar eng
zusammen mit der damals aufkommenden Musica ficta, d. h. dem
Gebrauch chromatischer, der Grundskala fremder Töne, und
verrät eine Ahnung von dem innersten Wesen der Modulation, d.
h. des Überganges in andre, transponierte Tonarten,
entsprechend unserm G dur, F dur etc., die nichts als Nachbildungen
des C dur auf andrer Stufe sind. Die sechs Töne C D E F G A
(Hexachordum naturale) erhielten nämlich die Namen ut, re, mi,
fa, sol, la (nach den Anfangssilben eines Johanneshymnus: ut queant
laxis resonare fibris mira gestorum famuli tuorum, sole polluti
labii reatum, sancte Ioannes); dieselben Silben konnten nun aber
auch von F oder von G aus anfangend zur Anwendung kommen, so
daß F oder G zum ut wurde, G oder A zum re etc. Da stellte
sich nun heraus, daß, wenn A mi war, der nächste Schritt
(mi-fa) einen andern Ton erreichte als das mi des mit G als ut
beginnenden Hexachords, d. h. die Unterscheidung des B von H (B
rotundum oder molle [b] und B quadratum oder durum [#], vgl.
Versetzungszeichen) wurde damit begreiflich gemacht. Jedes
Überschreiten des Tons A nach der Höhe (sei es nach B
oder H) bedingte nun aber einen Übergang aus dem Hexachordum
naturale entweder in das mit F beginnende (mit B molle [B], daher
Hexachordum molle) oder das mit G beginnende (mit B durum [H],
daher Hexachordum durum); im erstern Fall erschien der
Übergang von G nach A als sol-mi. im andern als sol-re. Vom
erstern stammt der Name S. Jeder

14

Solmona - Solms.

derartige Hexachordwechsel hieß Mutation. Die folgende
Tabelle mag das veranschaulichen:

[siehe Graphik]

Die geklammerten Vertikalreihen hier sind die Hexachorde: die
unterhalb mit # bezeichneten Reihen Hexachorda dura (mit h), die
mit b bezeichneten Hexachorda mollia (mit b), die ohne Abzeichen
naturalia (weder h noch b enthaltend). Die Horizontalreihen ergeben
die zusammengesetzten Solmisationsnamen der Töne (Gamma ut bis
e la). Zur bequemen Demonstration der S. bediente man sich der
sogen. Harmonischen Hand (s. d.). In Deutschland ist die S. nie
sehr beliebt gewesen; dagegen verdrängten in Italien und
Frankreich die Solmisationsnamen gänzlich die Buchstabennamen
der Töne, ja man bediente sich längere Zeit daselbst
sogar der zusammengesetzten Namen C solfaut, G solreut etc., weil
nämlich C im Hexachordum naturale ut, im Hexachordum durum fa
und im Hexachordum molle sol war etc. Der italienische Name Solfa
für Tonleiter sowie solfeggiare, solfeggieren (d. h. die
Tonleiter singen), kommt natürlich auch von der S. her.
Für das moderne System der transponierten Tonarten wurde die
S. unpraktikabel. Als man anfing, die zusammengesetzten
Solmisationsnamen zu schwerfällig und, was wichtiger ist,
nicht ausreichend zu finden (nämlich für die Benennung
der chromatischen Töne), und den einfachen Silben ut, re, mi,
fa, sol, la ein für allemal feststehende Bedeutung anwies, um
sie durch b und # beliebig verändern zu können, bemerkte
man, daß ein Ton (unser H) gar keinen Namen hatte; indem man
nun auch diesem Ton einen Namen gab, versetzte man der S. den
Todesstoß, denn die damit beseitigte Mutation war deren
Wesenskern. Einfacher wäre es freilich gewesen, zur schlichten
Buchstabenbenennung zurückzukehren, wie sie durch die
Schlüsselzeichen [Grafik] ein für allemal in unsrer
Tonschrift implizite enthalten ist. Statt dessen soll um 1550
Hubert Waelrant, ein belgischer Tonsetzer, die sogen. belgische S.
mit den sieben Silben: bo, ce, di, ga, lo, ma, ni (Bocedisation)
vorgeschlagen und eingeführt haben, während um dieselbe
Zeit der bayrische Hofmusikus Anselm von Flandern für H den
Namen si, für B aber bo wählte (beide galten nach alter
Anschauung für Stammtöne). Henri van de Putte (Puteanus,
Dupuy) stellte in seiner "Modulata Pallas" (1599) bi für H
auf, Adriano Banchieri in der "Cartella musicale" (1610) dagegen ba
und Pedro d'Urenna, ein spanischer Mönch um 1620, ni. Ganz
andre Silben wünschte Daniel Hitzler (1628): la, be, ce, de,
me, fe, ge (Bebisation), unserm A, B, C, D, E, F, G entsprechend,
und noch Graun (1750) glaubte mit dem Vorschlag von da, me, ni, po,
tu, la, be etwas Nützliches zu thun (Damenisation). Von allen
diesen Vorschlägen gelangte schließlich nur der zu
allgemeiner Geltung, die Silbe si für H (aber ohne bo für
B) zu setzen, und dies erklärt sich hinreichend daraus,
daß das si wie die übrigen Solmisationssilben dem
erwähnten Johanneshymnus entnommen ist (die Anfangsbuchstaben
der beiden Schlußworte: Sancte Ioannes).

Solmona, Kreishauptstadt in der ital. Provinz Aquila
(Abruzzen), in herrlicher Gebirgsgegend am Fluß Gizzio, an
der Eisenbahn Castellammare Adriatico-Aquila-Terni, ist
Bischofsitz, hat mehrere Kirchen (darunter San Pamfilo mit
schönem Portal), ein schönes Rathaus, eine alte
Wasserleitung, ein Gymnasium, technische Schule, Seminar, Papier-
und Walkmühlen, Fabrikation von Webwaren, Darmsaiten und
Konfitüren, Weinbau und (1881) 14,171 Einw. S. ist das alte
Sulmo, Ovids Geburtsort, wovon sich noch einzelne Baureste erhalten
haben.

Solms, altes gräfliches, zum Teil fürstliches
Geschlecht, dessen Stammschloß seit dem 14. Jahrh. Braunfels
in der Wetterau war, und das Marquard, Grafen von S. im Hessengau,
der 1129 erwähnt wird, zum ersten gewissen Stammvater hat.
1409 teilte sich das Geschlecht in die Linien S.-Braunfels und
S.-Lich. Erstere teilte sich wieder in drei Zweige, wovon nur noch
der Zweig Greiffenstein besteht, der 1693 den Namen Braunfels
annahm und 1742 in den Reichsfürstenstand erhoben ward. Die
zweite Linie teilte sich in zwei Hauptzweige: S.-Hohen-S.-Lich,
1792 in den Reichsfürstenstand erhoben, und S.-Laubach,
gräflich. Letzterer teilte sich wieder in zwei Unterlinien,
S.-Sonnenwalde und S.-Baruth; die letztgenannte wieder in zwei
Äste, S.-Rödelheim und Assenheim, in beiden Hessen
standesherrlich, und S.-Wildenfels mit den Nebenästen
S.-Wildenfels-Laubach und S.-Wildenfels zu Wildenfels. Die
Reichsunmittelbarkeit verloren die fürstlichen und
gräflichen Linien 1806. Den ansehnlichsten
zusammenhängenden Teil der Ländereien des Hauses besitzt
Georg, Fürst von S.-Braunfels (geb. 18. März 1836;
succedierte 7. März 1880 seinem Bruder, dem Fürsten
Ernst), nämlich unter preußischer Landeshoheit die
Ämter Braunfels, Greiffenstein, unter großherzoglich
hessischer die Ämter Hungen, Wölfersheim und Gambach,
unter württembergischer einen Teil von Limpurg-Gaildorf,
zusammen 514 qkm, mit welchen Besitzungen eine Virilstimme beim
Landtag der Rheinprovinz verbunden ist. Residenz ist Braunfels.
Dieser Linie gehörte auch der österreichische
Feldmarschallleutnant Prinz Karl zu S.-Braunfels (geb. 27. Juli
1812, gest. 13. Nov. 1875) an, der Sohn der in zweiter Ehe mit dem
Prinzen Friedrich Wilhelm (gest. 1814) vermählten Prinzessin
Friederike von Mecklenburg-Strelitz, Stiefbruder des Exkönigs
Georg von Hannover, auf den er in österreichischem Interesse
einwirkte; seine Söhne sind katholisch und stehen in
österreichischen Diensten. Der Fürst von
S.-Hohen-S.-Lich, Hermann, geb. 15. April 1838, besitzt unter
preußischer Landeshoheit das Amt Hohen-S. und unter
großherzoglich hessi-

15

Solnhofen - Solombala.

scher die Ämter Lich und Niederweisel, zusammen 220 qkm. Er
residiert zu Lich und ist erbliches Mitglied der
großherzoglich hessischen Ersten Kammer, wie er auch auf dem
Landtag der Rheinprovinz eine Virilstimme hat. Haupt der in
Preußen und Sachsen ansässigen, nicht standesherrlichen
Linie S.-Sonnenwalde ist Graf Theodor, geb. 6. Febr. 1814; sein
jüngerer Bruder, Graf Eberhard, geb. 2. Juli 1825, war 1878-87
deutscher Gesandter in Madrid und ist jetzt Botschafter in Rom.
Standesherr in der Linie S.-Laubach zu Rödelheim und Assenheim
ist Graf Maximilian, geb. 14. April 1826, der auf Grund seiner
Besitzungen im Groß Herzogtum Hessen erbliches Mitglied der
dortigen Ersten Kammer ist. Gleicherweise ist der Standesherr zu
S.-Laubach, Graf Friedrich, geb. 23. Juni 1833, erbliches Mitglied
der Ersten Kammer im Großherzogtum Hessen. Der Standesherr
von S.-Wildenfels zu Wildenfels, Graf Friedrich Magnus, geb. 26.
Juli 1847, der neben der Herrschaft Wildenfels unter königlich
sächsischer Landeshoheit im Großherzogtum Hessen und in
Sachsen-Weimar Besitzungen hat, ist erbliches Mitglied der Ersten
Kammer des Königreichs Sachsen. Das Haupt der Baruther Linie,
Graf Friedrich Hermann Karl Adolf, geb. 29. Mai 1821, erbliches
Mitglied des preußischen Herrenhauses, ward im April 1888 in
den Fürstenstand erhoben. Vgl. Graf zu S.-Laubach, Geschichte
des Grafen- und Fürstenhauses S. (Frankf. a. M. 1865).

Solnhofen (Solenhofen), Dorf im bayr. Regierungsbezirk
Mittelfranken, Bezirksamt Weißenburg, an der Altmühl und
der Linie München-Ingolstadt-Hof der Bayrischen Staatsbahn,
hat eine evang. Kirche, ein ehemaliges Benediktinerkloster von 743
und (1885) 1128 Einw. Berühmt sind die Solnhofener Schiefer,
womit man die obersten schieferigen Jurakalke bezeichnet, die
zwischen S. und Monheim und bis tief nach Schwaben hinein den
Jurakalk und Dolomit bedecken und in ausgedehnten Brüchen, die
bei S. ihren Mittelpunkt haben, für die verschiedensten
Zwecke: als lithographische Steine, zu Tischplatten, für
Kegelbahnen, Fußböden etc., verarbeitet werden. In ihnen
fand man die Überreste des ersten bekannten Vogels (s.
Archaeopteryx).

Solnhofener Schichten, s. Juraformation.

Solo (ital., "allein"), in der Musik Bezeichnung eines
Instrumentalstücks, welches allein, ohne Begleitung eines
andern Instruments, vorgetragen wird. Innerhalb der für
Orchester geschriebenen Werke bedeutet S. soviel wie eine sich
auffallend heraushebende, von einem einzelnen Instrument
ausdrucksvoll vorzutragende Stelle, die indes in der Regel von
andern Instrumenten begleitet wird. Wieder eine andre Nüance
der Bedeutung des Wortes ist die, daß es bei Instrumenten,
welche vielfach besetzt sind, als Gegensatz von Tutti gebraucht
wird; die Anweisung "S." im Parte der Violinen eines
Orchesterwerkes bedeutet, daß nur Ein Violinist (der
Konzertmeister) die Stelle spielen soll; der Wiedereintritt der
übrigen Geiger wird dann durch "Tutti" bezeichnet. In
demselben Sinn ist in Chorwerken S. der Gegensatz von "Chor" (vgl.
Ripieno). Tasto s. (t. s.) bedeutet in der
Generalbaßbezifferung, daß die übrigen Stimmen
pausieren und nur die Baßstimme selbst angegeben werden
soll.

Solo (ital., "allein"), im Kartenspiel entweder (z. B.
beim Skatspiel) ein Spiel, welches mit denjenigen Karten allein
gemacht wird, die man ursprünglich erhalten hat, oder ein
selbständiges Spiel mit deutscher Karte, dem L'hombre
nachgebildet. Zu diesem Spiel gehören vier Personen, welche
zunächst die vier Farben untereinander auslosen. Wer Eicheln
hat, gibt an, und Eicheln ist für die ersten 16 Spiele (eine
Tour) die Kouleur. In der nächsten Tour wird die Farbe des
zweiten Spielers Kouleur etc. Jeder erhält 8 Blätter.
Treffdame oder Eichelnober (Spadille), die Sieben der jedesmaligen
Trumpffarbe (Manille oder Spitze) und Pikdame oder Grünober
(Baste) sind beständige Trümpfe und rangieren in der
genannten Folge; der Wert der übrigen Karten ist der
natürliche. In Treff und Pik (Eicheln und Grün) sind 9,
in Coeur und Karo (Rot und Schellen) aber 10 Trümpfe
vorhanden. Es gibt im S. 4 Spiele: Frage, Groß-Casco
(Forcée partout, Respect), Solo und Klein-Casco
(Forcée simple). Die beiden Cascos sind Zwangsspiele: das
kleine muß, wenn alle 4 Personen gepaßt haben, der
Inhaber der Spadille machen; das große muß der Besitzer
von Spadille und Baste spielen, außer wenn er selbst oder ein
andrer S. hat. Frage und S. werden durch Frage und S. in Kouleur
überboten. Nur im S. spielt einer gegen drei; bei Casco oder
Frage nimmt sich der Meldende durch das sogen. Dausrufen einen
Gehilfen. Spielt jemand Frage, so wählt er eine Farbe zu
Trumpf und nennt zugleich ein Daus von einer andern Farbe. Wer
dieses Daus hat, ist Gehilfe; er darf dies aber nicht entdecken.
Spielt einer Casco, so ruft er ebenfalls ein Daus; den Trumpf macht
aber der aufgerufene Gehilfe. Zum Gewinn sind mindestens 5 Stiche
erforderlich; bei 4 Stichen ist das Spiel einfach verloren und bei
nur 3 Stichen "Codille". Vole, Tout, Wäsche oder Lese ist
gemacht, wenn der oder die Spieler alle 8 Stiche bekommen, eine
Revolte oder Devole, wenn sie gar keine bekommen, Remis, wenn jede
Partei 4 Stiche macht. Es gilt Matadorrechnung, wie im Skat. Das
Solospiel ist in vielfacher Weise erweitert und abgeändert
worden; eine interessante Abart ist das S. unter 5 Personen,
welches nach gleichen Regeln mit einer Karte von 5 Farben (40
Blättern) gespielt wird. Die hinzugefügte Farbe
heißt die blaue. Eine andre ist die mit dem Mediateur, wobei
von einem der Mitspieler ein Daus (As) gegen eine entbehrliche
Karte eingetauscht und dann S. gespielt wird.

Solo, Landschaft, s. Surakarta.

Solofänger, ein Windhund, der einen Hasen allein,
ohne Hilfe andrer Hunde, zu fangen vermag.

Solofra, Stadt in der ital. Provinz Avellino, am
Fuß des Monte Terminio, Station der Eisenbahn von Neapel nach
Avellino, hat bedeutende Fabrikation von Leder und Pergament,
Handel mit Wolle und gesalzenem Schweinefleisch und (1881) 5178
Einw.

Sologne (spr. ssolonnj), franz. Landstrich in den
Departements Cher, Loiret und Loir-et-Cher, 460,000 Hektar
groß und sprichwörtlich wegen seiner Unfruchtbarkeit,
enthält sandige Heiden, zahlreiche Teiche und Sümpfe (zu
deren Entwässerung in neuerer Zeit allerdings viel gethan
worden ist) und etwas Wald, produziert Buchweizen und Wein
(Solognewein), Schafe und eine eigne Rasse Pferde (Solognote).

Sololá, Departement im mittelamerikan. Staat
Guatemala, erstreckt sich an der Küste des Stillen Ozeans bis
auf die Hochebene und hat (1885) 76,342 Einw. In seiner Mitte liegt
der reizende Atitlansee (s. d.) und in dessen Nähe die
Hauptstadt S.

Solombala (Ssolombala), ehemaliger Kriegshafen im russ.
Gouvernement Archangel, am Weißen Meer, von Peter I.
angelegt, mit einer Admiralität, wurde 1862 als solcher
aufgehoben und bildet gegenwärtig eine Vorstadt von Archangel,
von welchem der Ort durch einen Arm der Dwina getrennt ist. S.

16

Solon - Solothurn.

hat 2 Kirchen, ein kath. Bethaus, eine Seemannsschule, eine
Schiffswerfte, einen geräumigen Kauffahrteihafen und gegen
11,000 Einw.

Solon, berühmter Gesetzgeber Athens, unter den
sieben Weisen Griechenlands der bedeutendste, geboren um 640 v.
Chr. zu Athen, Sohn des Exekestides, aus einem alten edlen
Geschlecht, welches Kodros unter seinen Ahnen zählte, widmete
sich dem Handel und ging frühzeitig auf Reisen. Zum erstenmal
trat er 604 öffentlich auf. Die Athener, eines langen
resultatlosen Kampfes mit Megara um Salamis müde, hatten ein
Gesetz gegeben, welches jeden mit dem Tod bedrohte, der eine
Erneuerung des Kampfes beantragen würde. S. erschien hierauf
in der Rolle eines Wahnsinnigen auf dem Markt, sang vom Stein des
Herolds herab eine von ihm verfertigte Elegie: "Salamis", und
entflammte dadurch die Kriegslust der Athener aufs neue in solchem
Grade, daß der Kampf wieder begonnen und mit der Eroberung
der Insel beendigt wurde. Nicht lange nachher (600) wurde auf
Solons Betrieb der erste Heilige Krieg gegen Krissa zum Schutz des
delphischen Heiligtums beschlossen. Athen selbst aber befand sich
um diese Zeit in einer bedenklichen Lage. Die Zerrüttung war
allgemein, und der Zwiespalt der Parteien drohte den Staat zu
untergraben. Da trat S. im entscheidenden Augenblick abermals als
Retter seiner Vaterstadt auf, bewirkte eine allgemeine Sühnung
des Volkes durch Epimenides und stiftete Frieden. Hierauf machte
er, um der wachsenden Not und Verarmung des niedern Volkes zu
steuern, durch die Seisachtheia (s. d.) dem Wucher ein Ende und
ermöglichte die Abwälzung der Schulden. 594 zum ersten
Archon gewählt, gab er dem Staat eine neue Verfassung. Seine
Absicht ging hierbei vornehmlich dahin, die bisher zwischen Adel
und Volk bestandene Kluft auszufüllen, die Anmaßung des
erstern zu brechen, die Entwürdigung der letztern zu
beseitigen, Standesvorrechte und Beamtenwillkür abzuschaffen
und eine nach den Leistungen abgestufte Beteiligung aller
Staatsbürger an der Staatsregierung einzuführen (s.
Athen, S. 1001). Seine Verfassung war also eine Timokratie. Ihren
Charakter und Zweck hat S. selbst am schönsten in den Versen
bezeichnet (nach der Übersetzung von Geibel):

So viel Teil an der Macht, als genug ist, gab ich dem Volke,

Nahm an Berechtigung ihm nichts, noch gewährt' ich zu
viel.

Für die Gewaltigen auch und die reicher Begüterten
sorgt' ich,

Daß man ihr Ansehen nicht schädige wider
Gebühr.

Also stand ich mit mächtigem Schild und schützte sie
beide,

Doch vor beiden zugleich schützt' ich das heilige
Recht.

Außerdem gab er dem Volk eine dessen ganzes Leben und
ganze Thätigkeit umfassende Gesetzgebung, deren segensreiche
Wirkungen seine Verfassung überdauert haben; sie gewöhnte
das Volk zu lebendiger, selbständiger Teilnahme am
öffentlichen Leben, hob die geistige Bildung und erzeugte
bewußte Sittlichkeit und edle Humanität in ihm. Die Sage
erzählt, daß S. die Athener verpflichtet habe,
während eines zehnjährigen Zeitraums an seiner
Gesetzgebung nichts zu ändern, und daß er eine Reise ins
Ausland deshalb gemacht habe, um nicht selbst Hand an die
Abänderung seiner Gesetze legen zu müssen. Er ging
zunächst nach Ägypten, wo er mit den Priestern von
Heliopolis und Sais Umgang hatte, dann nach Cypern und nach Sardes
zu Krösos, mit dem er nach der (historisch unmöglichen)
Sage die bekannte Unterredung über die Nichtigkeit
menschlicher Glückseligkeit hatte. Nach seiner Rückkehr
nach Athen suchte er vergeblich den von neuem ausbrechenden
Zerwürfnissen daselbst zu steuern und mußte noch sehen,
daß sich Peisistratos zum Tyrannen aufwarf. Er starb 559;
seine Gebeine sollen auf sein eignes Verlangen nach Salamis
gebracht und dort verbrannt, die Asche aber auf der ganzen Insel
umhergestreut worden sein. Als Sittenspruch wurde ihm beigelegt:
"Nichts zu viel". Als Dichter war er nicht minder ausgezeichnet wie
als Gesetzgeber. Seine Gedichte sind größtenteils
hervorgegangen aus dem Bedürfnis, seinen Mitbürgern die
Notwendigkeit der von ihm getroffenen Staatseinrichtungen
darzuthun. Die Fragmente derselben sind gesammelt von Bach (Bonn
1825), in Schneidewins "Delectus poesis Graecorum elegiacae"
(Göttingen 1838) und in Bergks "Poetae lyrici graeci". Ins
Deutsche übersetzte sie Weber in den "Elegischen Dichtern der
Hellenen" (Frankf. 1826). Die ihm von Diogenes Laertius beigelegten
Briefe an Peisistratos und einige der sieben Weisen sind
untergeschoben. Solons Leben beschrieb Plutarch. Vgl. Kleine,
Quaestiones de Solonis vita et fragmentis (Kref. 1832); Schelling,
De Solonis legibus (Berl. 1842).

Solothurn (franz. Soleure), ein Kanton der Schweiz, wird
im O. von Basel und Aargau, im Süden und W. von Bern, im N.
von Basel begrenzt und hat einen Flächengehalt von 784 qkm
(14,2 QM.). Abgesehen von den beiden Exklaven Mariastein und
Klein-Lützel, die auf bernischem Gebiet an der Elsässer
Grenze liegen, ist das Land von eigentümlich zerrissenen
Umrißformen und zerfällt zunächst in Anteile der
Schweizer Hochebene und in solche des Jura. Zu jenen gehören
das Aarethal von S., in welches die Thalebene der Großen Emme
ausmündet, und das Aarethal von Olten. Beide Thalstrecken
scheidet ein vorspringendes Stück des bernischen Ober-Aargaues
(Wangen-Wiedlisbach), und eine Jurakette, deren Häupter
Hasenmatt (1449 m), Weißenstein (1284 m) und Röthifluh
(1398 m) sind, schließt sie nach der Seite der jurassischen
Landschaften ab. In der Klus von Önsingen-Balsthal bricht die
Dünnern aus ihrem dem Aarelauf parallelen jurassischen
Hochthal hervor, um bei Olten in die Aare zu münden,
während ebenfalls bei Balsthal das jenem parallele Guldenthal
sich öffnet. Ein zweiter Jurazug, die Kette des Paßwang
(1005 m), führt von Mümliswyl hinüber in das
Birsgebiet (Schwarzbubenland). Das Klima gehört eher zu den
rauhen als milden, so daß das Land ohne Weinbau ist. Die
Volkszahl beläuft sich auf (1888) 85,720 Köpfe. Die
Solothurner, deutschen Stammes und katholischer Konfession (nur
21,898 Protestanten, vorwiegend im Bucheggberger Amt), gelten
für "ein gutmütiges, munteres und rechtschaffenes
Völkchen". Seit durch Referendum vom 4. Okt. 1874 die
Benediktinerabtei Mariastein und die beiden Chorherrenstifter von
Solothurn und Schönenwerd aufgehoben sind, besitzt der Kanton
noch drei Kapuziner- und drei Nonnenklöster. Die Katholiken
des Kantons sind der Diözese Basel zugeteilt, und seit
längerer Zeit ist die Stadt S. Bischofsitz. Einige Gemeinden
haben sich dem 1874 geschaffenen Nationalbistum angeschlossen. S.
ist ein vorzugsweise Ackerbau treibendes Ländchen, einer der
wenigen Schweizer Kantone, welche Getreide über den Bedarf
erzeugen; auch kommen Obst und Kirschwasser sowie (bei guter
Waldwirtschaft) Holz zur Ausfuhr. Rindvieh, meist vom Berner
Schlag, wird viel gehalten. Einige Käse kommen dem Emmenthaler
gleich; um Mümliswyl wird der "Geißkäse" bereitet.
Auch viele Schafe und Ziegen werden gehalten, Pferde weniger als
früher; hingegen besteht noch eine treffliche Schweinezucht.
Der Jura liefert Gips und trefflichen Kalkstein; in der Nähe
der Hauptstadt wird "Marmor"

17

Solothurn (Kanton und Stadt).

gebrochen und weithin versandt. Bohnerzlager finden sich bei
Matzendorf (seit 1877 so gut wie erschöpft). Gerlafingen hat
in neuerer Zeit Baumwollspinnerei (Derendingen) u.
Papierfabrikation eingeführt. Sonst besitzt die Gegend von
Olten-Schönenwerd eine rege Industrie: einen Eisendrahtzug,
eine große Maschinenbauwerkstätte, Strumpffabrikation u.
a. Die Bandweberei des Schwarzbubenlandes ist eine Dependenz von
Basel (s. d., S. 418). Ferner bestehen Glashütten,
Parkettfabriken etc. Wenn auch weder die Stadt S. noch Olten zu den
Handelsplätzen gehört, sind beide doch bedeutsame
Knotenpunkte im Schweizer Bahnnetz geworden. Im Kur- und
Touristenverkehr nimmt S. keine hervorragende Stelle ein; nur der
Weißenstein und Bad Lostorf sind stark besuchte Punkte. Die
heutige Volksschule gliedert sich, wie in den meisten Kantonen, in
eine allgemein verbindliche primäre und eine fakultative
sekundäre Stufe. Von humanitären Anstalten besitzt der
Kanton eine Irrenheilanstalt (Rosegg), die Dischersche
Rettungsanstalt Hofmatt und eine von Schwendimann dotierte
Blindenanstalt. Die öffentlichen Bibliotheken zählen ca.
85,000 Bände (die Stadtbibliothek Solothurns allein
40,000).

Die Verfassung des Kantons, 12. Dez. 1875 vom Volk angenommen,
23. Okt. 1887 revidiert, hat an die Stelle der
Repräsentativdemokratie das Referendum gesetzt.
Demgemäß unterliegen alle Gesetze und
Staatsverträge sowie alle neuen Ausgaben von höherm
Betrag und alle Staatsanleihen von mehr als einer halben Million
dem obligatorischen Referendum. Das Recht der Initiative ist
geregelt; ein Volksentscheid muß stattfinden, wenn eine
Anregung von 2000 Votanten eingereicht ist. Das Volk kann sowohl
Legislative als oberste Exekutive abberufen; eine Abstimmung
entscheidet, sobald die Abberufung von 4000 Votanten verlangt wird.
Der Kantonsrat, als gesetzgebende Behörde, wird vom Volk auf
vier Jahre gewählt. Die Exekutive übt ein Regierungsrat
von fünf Mitgliedern, welche das Volk auf vier Jahre
erwählt. Der Präsident führt den Titel Landammann.
Ein Obergericht, durch den Kantonsrat ebenfalls auf vier Jahre
ernannt, besteht aus sieben Mitgliedern. Im übrigen garantiert
die Verfassung alle in den Schweizer Kantonen üblichen
Grundrechte. Der Kanton ist in fünf Amteien eingeteilt, jede
mit Oberamtmann und Amtsgericht. Die Staatsrechnung für 1887
ergibt an Einnahmen 1,736,746 Frank, davon an Abgaben 611,581 Fr.;
die Ausgaben belaufen sich auf 1,865,956 Fr., wovon 333,558 Fr. auf
das Erziehungswesen entfallen. Zu Ende 1887 betrugen die Aktiva des
Staatsvermögens 13,245,122 Fr., die Passiva 10,079,000 Fr.,
also reines Staatsvermögen 3,166,122 Fr.; dazu die
Spezialfonds, 15 an Zahl, im Betrag von 3,685,089 Fr., zusammen
6,851,211 Fr.

Die gleichnamige Hauptstadt des Kantons, zu beiden Seiten der
Aare, Knotenpunkt der Bahnlinien Herzogenbuchsee-Biel,
Olten-Lyß und S.-Langnau, bietet außer dem
Ursusmünster (1773 von Pisoni vollendet) und dem Zeughaus nur
die eine Sehenswürdigkeit der Verena-Einsiedelei, mit einem
Felskirchlein und einer großen Felsenhöhle. Die Stadt
selbst hat sich in neuerer Zeit erweitert und verschönert und
besitzt eine Kantonsschule (Gymnasium und Industrieschule), eine
Stadtbibliothek mit einer Sammlung von Altertümern und
Münzen, eine Gemäldegalerie, 3 Bankinstitute (darunter
eine Notenbank mit 3 Mill. Fr. Kapital), Uhren-, Eisen-,
Zementfabrikation, Baumwollweberei, Marmorsteinbrüche und
(1888) 8305 Einw. (darunter ca. 2000 Protestanten). Entferntere
Punkte sind Zuchwyl, wo Kosciuszko begraben liegt, und der Kurort
Weißenstein. Vgl. Hartmann, S. und seine Umgebungen (Soloth.
1885).

[Geschichte.] Die Stadt S. (Salodurum) war schon zur
Römerzeit ein Knotenpunkt der großen Heerstraßen
Helvetiens. Im Mittelalter lehnt sich ihre Geschichte an das im 10.
Jahrh. entstandene Chorherrenstift des heil. Ursus an, das
ursprünglich alle Hoheitsrechte mit Ausnahme des Blutbanns
innehatte, von dem sich die Bürgerschaft aber allmählich
emanzipierte. Nach dem Aussterben der Zähringer (1218), welche
die Reichsvogtei besessen, wurde S. reichsunmittelbar; 1295
schloß es mit Bern ein ewiges Bündnis und hatte 1318
eine Belagerung durch Herzog Leopold auszustehen, weil es Friedrich
den Schönen nicht als König anerkannte. Ein Versuch des
verarmten Grafen Rudolf von Kyburg, sich der Stadt durch Verrat zu
bemächtigen, wurde glücklich vereitelt (Solothurner
Mordnacht, vom 10. zum 11. Nov. 1382) u. führte zu dem
Kyburger Krieg, in welchem Bern und S. das Grafenhaus vernichteten.
Als treue Verbündete Berns nahm S. an den Schicksalen der
Eidgenossen schon seit dem 14. Jahrh. Anteil, wurde aber infolge
des Widerstandes der "Länder" erst 22. Dez. 1481 gleichzeitig
mit Freiburg in den Bund aufgenommen, nachdem es sich durch Kauf
den größten Teil des heutigen Kantons als
Unterthanenland erworben. Gegen die Reformation verhielt sich S.
eine Zeitlang schwankend, aber nach der Schlacht von Kappel waren
die Katholiken im Begriff, die reformierte Minderheit mit den
Waffen zu vernichten, als der katholische Schultheiß Wengi
sich vor die Mündung der Kanonen stellte und durch seine
hochherzige Dazwischenkunft den blutigen Zusammenstoß
vermied. Doch blieb S. der Reformation verloren und schloß
sich 1586 dem Borromeischen Bund an. Dagegen hielt es sich fern von
dem Bunde der übrigen katholischen Orte mit Spanien (1587),
vornehmlich aus Ergebenheit gegen Frankreich, dessen Ambassadoren
S. zu ihrer regelmäßigen Residenz erwählt hatten.
Aus ihrem glänzenden Hofhalt und den reichlich
fließenden französischen Gnadengeldern schöpfte die
Stadt einen Wohlstand, den der Adel in höfischen
Festlichkeiten zu entfalten liebte. Auch in S. bildete sich
nämlich ein erbliches Patriziat aus, dessen Regiment erst 1798
mit dem Einrücken der Franzosen ein Ende nahm (1. März).
Die Mediationsakte erhob 1803 S. zu einem der sechs
Direktorialkantone mit einer Repräsentativverfassung. Nach dem
Einrücken der Österreicher bemächtigten sich die
noch lebenden Mitglieder der alten patrizischen Räte in der
Nacht vom 8. zum 9. Jan. 1814 des Rathauses, erklärten sich
für die rechtmäßige Regierung und schlugen eine
Erhebung der Landschaft mit bernischer Hilfe nieder; nur ein
Drittel des Großen Rats wurde dieser zugestanden. 1828 wurde
S. durch ein Konkordat der Kantone Bern, Luzern, Zug, S., Aargau
und Thurgau zum Sitz des neugegründeten Bistums Basel erhoben.
1830 mußte der Große Rat dem stürmischen Verlangen
der Landschaft nachgeben und vereinbarte mit den Ausschüssen
derselben eine neue Verfassung, welche, obwohl sie der Hauptstadt
noch 37 Vertreter auf 109 gewährte, 13. Jan. 1831 mit
großer Mehrheit angenommen wurde. Nach dem "Züricher
Putsch" wurde das Wahlvorrecht der Stadt beseitigt und die
Mitgliederzahl der Regierung vermindert, worauf die neue Verfassung
10. Jan. 1841 angenommen und das liberale Regiment durch
fortschrittliche Wahlen aufs neue befestigt wurde. Daher hielt sich
der Kan-

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

2

18

Solotnik - Soltikow.

ton trotz seiner überwiegend katholischen Bevölkerung
zu den entschiedensten Gegnern des Sonderbundes und nahm die neue
Bundesverfassung 1848 mit großer Mehrheit an. Durch zwei
Verfassungsrevisionen (1851 und 1856) ward das lange festgehaltene
System der indirekten Wahlen und der Allmacht der Regierung auch in
Kommunalangelegenheiten beseitigt. Nachdem 1869 Referendum und
Initiative eingeführt worden waren, wurde 1875 die gesamte
Verfassung revidiert. Inzwischen war der Konflikt der Baseler
Diözesanstände gegen den in S. residierenden Bischof
Lachat ausgebrochen, in welchem S. sich der Mehrheit anschloß
und den Bischof nötigte, nach seiner Entsetzung seine
Amtswohnung zu räumen. Zugleich strengte die Regierung namens
der Stände einen Aufsehen erregenden Prozeß gegen Lachat
wegen stiftungswidriger Verwendung von bedeutenden Legaten an, der
1877 vom Obergericht zu ihren gunsten entschieden wurde. Eine Folge
dieses Konflikts war die Aufhebung einer Anzahl kirchlicher
Stiftungen, deren ca. 4 Mill. betragendes Vermögen zu Schul-
u. Krankenfonds verwendet wurde (18. Sept. 1874). Auch fand das
christkatholische Bistum staatliche Anerkennung in S., doch
vermieden sowohl die Regierung als die römisch-katholische
Geistlichkeit einen offenen Bruch, und die letztere unterwarf sich
auch 1879 der in der Verfassung vorgesehenen periodischen
Wiederwahl durch die Gemeinden. 1885 wurde der Friede mit der Kurie
durch Wiedererrichtung des Bistums Basel und des Domkapitels in S.
hergestellt, wo der neue Bischof Fiala seinen Sitz nahm. Da die
Regierung sich durch Beteiligung mehrerer ihrer Mitglieder an einem
Bankschwindel bloßstellte, trat sie 1887 zurück, und das
Volk beschloß 23. Okt. d. J. eine neue, rein demokratische
Verfassung. Vgl. Strohmeier, Der Kanton S. historisch,
geographisch, statistisch (St. Gallen 1836); Fiala, Geschichtliches
über die Schule von S. (das. 1875-1879, 4 Tle.); Amiet, S. im
Bunde der Eidgenossen (Soloth. 1881).

Solotnik, Gewicht in Rußland, = 1/96 Pfund = 96
Doli = 4,265 g.

Solotonoscha, Kreisstadt im russ. Gouvernement Poltawa,
am Flusse S., der dem Dnjepr zuströmt, mit 9 Kirchen,
Mädchenprogymnasium und (1885) 8417 Einw., die sich meist mit
Landwirtschaft beschäftigen. S. kam 1654 an Rußland.

Solotschow, Stadt im russ. Gouvernement Charkow, an der
Uda, mit (1885) 6584 Einw., die sich mit Garten- und Ackerbau,
Schuhmacherei, Kürschnerei und Viehhandel
beschäftigen.

Solowezk (Ssolowezk), russ. Inselgruppe im Weißen
Meer, im Eingang zum Onegabusen gelegen, zum Teil mit Tundren und
Gestrüppe bedeckt, zum Teil mit Birken und Kiefern bewachsen.
Auf der Hauptinsel liegt das reiche Solowjezkische Kloster, ein
berühmter, jährlich von ca. 8000 Pilgern besuchter
Wallfahrtsort, seit 1429 bestehend und aus Anlaß der
häufigen Überfälle von seiten der Schweden mit
betürmten Granitmauern umgeben. Die Mönche betreiben
Thransiederei und in dem an den Ufern schon sehr tiefen Meer
Herings-, Hausen- und Lachsfanng (vgl. die vortreffliche
Schilderung von Dixon in "New Russia").

Solowjew, 1) Sergei Michailowitsch, russ.
Geschichtschreiber, geb. 5. Mai 1820 zu Moskau, studierte daselbst
und brachte als Hauslehrer bei dem Grafen Stroganow die Jahre
1842-44 im Ausland, meist in Paris, zu. Nachdem er mit einer
Schrift: "Über die Beziehungen Nowgorods zu den
Großfürsten", die Magisterwürde und mit einer
andern: "Die Geschichte der Beziehungen zwischen den Fürsten
des Rurikschen Geschlechts", den Doktorgrad erlangt hatte, hielt er
Vorlesungen über Geschichte an der Moskauer Universität,
ward 1855 Dekan der philosophischen Fakultät und 1871 Rektor
der Universität Moskau. Daneben unterrichtete er die
Großfürsten in Petersburg in der Geschichte und versah
das Amt eines Direktors der Antiquitätensammlung im Kreml. Als
der Unterrichtsminister Tolstoi das freisinnige
Universitätsstatut abschaffen wollte, geriet S. in Streit mit
den Behörden und forderte 1877 seine Entlassung, die er auch
erhielt. Er starb 4. Okt. 1879 in Moskau. Außer zahlreichen
Aufsätzen über Geschichtswissenschaft und russische
Geschichte in periodischen Zeitschriften schrieb S.: "Historische
Briefe" (1858-59); "Schlözer und die antihistorische
Richtung"; "Die Geschichte des Falles von Polen" (1863; deutsch von
Spörer, Gotha 1865); "Kaiser Alexander I., Politik und
Diplomatie" (1877); "Lehrbuch der russischen Geschichte" (7. Aufl.
1879); "Populäre Vorlesungen über russische Geschichte"
(1874); "Kursus der neuen Geschichte" ; "Politisch-diplomatische
Geschichte Alexanders I." (1877) u. a. Sein Hauptwerk ist die
"Russische Geschichte von den ältesten Zeiten" (1851-80, Bd.
1-29, bis 1774 reichend).

2) Alexander Konstantinowitsch, russ. Revolutionär, geb.
1846, ward Lehrer, dann Amtsschreiber, ging 1878 nach Petersburg,
trat hier der nihilistischen Verschwörung bei und unternahm
14. April 1879 ein Attentat auf Kaiser Alexander II., indem er
fünf Revolverschüsse auf ihn abfeuerte, ohne ihn zu
verletzen; S. ward 10. Juni d. J. gehenkt.

Solözismus (griech.), Sprachfehler, besonders ein
auf die Konstruktion des Satzes bezüglicher. Die Alten
leiteten das Wort von dem Namen der athenischen Kolonie Soloi in
Kilikien ab, deren Einwohner ihren Heimatsdialekt rasch vergessen
und sich durch fehlerhafte Sprechweise ausgezeichnet haben
sollen.

Solpuga, Walzenspinne.

Solquellen, s. Salz (S. 237) und Mineralwässer.

Solsalz, aus Salzlösungen gewonnenes Kochsalz im
Gegensatz zum Steinsalz.

Solsona (das alte Setelsis), Bezirksstadt in der span.
Provinz Lerida, hat 2 Kastelle, eine Kathedrale,
Quincailleriefabriken, Baumwoll- und Leinweberei und (1878) 2413
Einw.

Solspindel, s. Gradierwage.

Solstitium (lat., "Sonnenstillstand"), s. Sonnenwenden;
solstitial, die Solstitien betreffend.

Solt, Markt im ungar. Komitat Pest mit (1881) 5692
ungarischen und serbischen Einwohnern.

Solta, österreich. Insel im Adriatischen Meer,
südlich von Spalato, 56 qkm groß, ist fruchtbar, hat
mehrere Häfen, eine Landwirtschaftsgesellschaft und in sechs
Ortschaften (1880) 2556 Einw.

Soltau, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Lüneburg, an der Linie Stendal-Langwedel der Preußischen
Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, ein Amtsgericht, Filz-,
Teppich-, Faßkräne- und bedeutende
Fruchtweinfabrikation, Honig- und Bettfedernhandel und (1885) 2827
Einw. S., schon 937 genannt, ist durch die Schlacht vom 28. Juni
1519 (beim Dorf Langeloh) in der Hildesheimer Stiftsfehde
bekannt.

Soltikow (Ssaltykow), russ. Adelsgeschlecht, welches auf
die Zeiten Alexander Newskijs zurückreicht und unter seinen
Gliedern viele Bojaren zählt. Praskowja Fedorowna S. ward die
Gemahlin des Zaren Iwan Alexejewitsch (gest. 1696) und dadurch
Mutter der Kaiserin Anna. Der General Se-

19

Soltyk - Somal.

men S., Gouverneur von Moskau, ward durch diese 1732 in den
russischen Grafenstand erhoben. Dessen Sohn, Graf Peter
Semenowitsch S., geb. 1700, führte im Siebenjährigen
Krieg seit 1759 den Oberbefehl über die russische Armee, trug
23. Juli 1759 bei Kai einen Sieg über den preußischen
General Wedel davon und gewann 12. Aug., nachdem er sich mit dem
österreichischen General Laudon vereinigt hatte, den
entscheidenden Sieg bei Kunersdorf über den König
Friedrich II. selbst. Dafür mit der Feldmarschallswürde
belohnt, ward er später Generalgouverneur in Moskau und starb
15. Dez. 1772. Nikolai Iwanowitsch S., geb. 24. Okt. 1736, wurde
1783 Erzieher des nachmaligen Kaisers Alexander I. und des
Großfürsten Konstantin, 1796 Feldmarschall und
Präsident des Kriegskollegiums, 1812 Präsident des
Reichsrats und 1813-15 Vorsitzender des Ministerkomitees. 1814 in
den Fürstenstand erhoben, starb er 28. Mai 1816 in Petersburg.
Sein ältester Sohn, Fürst Alexander S., war kurze Zeit
Minister des Äußern und starb 1837. Dessen Neffe,
Fürst Alexei S., machte sich durch seine Reisen in Persien
1838 und Ostindien 1841-46 bekannt, die er in "Voyages dans l'Inde"
(3. Aufl., Par. 1858) und "Voyage en Perse" (das. 1851)
beschrieb.

Soltyk, Roman, poln. General, geb. 1791 zu Warschau, Sohn
des Reichstagsmarschalls Stanislaus S. und der Prinzessin Karoline
Sapieha, besuchte die polytechnische Schule in Paris, trat 1807 als
Leutnant in die Fußartillerie des damaligen
Großherzogtums Warschau und machte 1809 den Feldzug gegen
Österreich mit. 1812 als Adjutant des Generals Sokolnicki in
den Generalstab Napoleons I. berufen, befehligte er in der Schlacht
bei Leipzig die Sachsen und geriet durch deren Übergang in die
Gefangenschaft der Alliierten. Wieder frei, verließ er den
Militärdienst und eröffnete in Warschau ein Eisenmagazin.
Seit 1822 beteiligte er sich an den geheimen politischen
Gesellschaften. Nach dem Ausbruch der Revolution vom 29. Nov. 1830
begab er sich nach Warschau, ward Generalkommandant der vier auf
dem rechten Weichselufer liegenden Woiwodschaften, organisierte
hier 47,000 Mann mobiler Nationalgarden und beantragte auf dem
Reichstag die Absetzung des Kaisers Nikolaus und die Erklärung
der Souveränität des Volkes (21. Jan. 1831). Während
der Belagerung Warschaus durch die Russen Befehlshaber der
Artillerie in der Stadt, widersetzte er sich aufs eifrigste der
Kapitulation Krukowieckis und hielt stand bis zum letzten
Augenblick, ging dann mit der Armee nach Plozk und übernahm
eine Sendung nach England und Frankreich, um dort eine Vermittelung
dieser Mächte für Polen nachzusuchen. Er starb am 22.
Okt. 1843 in St. Germain en Laye. Im Exil schrieb er den
"Précis historique, politique et militaire de la
révolution du 29 novembre" (Par. 1833, 2 Bde.; deutsch
bearbeitet von Elsner, Stuttg. 1834) und "Napoléon en 1812"
(Par. 1836; deutsch, Wesel 1837).

Soluntum (Solus), im Altertum befestigte Stadt auf
Sizilien, östlich von Palermo, phönikischen Ursprungs,
zur Zeit des Dionys (397 v. Chr.) mit den Karthagern verbündet
und im ersten Punischen Krieg erst nach dem Fall von Panormos zu
Rom übergehend, wahrscheinlich durch die Sarazenen
zerstört; jetzt Ruinen Solanto. Seit 1826 (in
größerm Maßstab seit 1863) werden hier, ½
Stunde Gehens von der Station Santa Flavia, Ausgrabungen
vorgenommen, durch welche bereits die meisten Straßen der
Stadt, viele Mosaikböden und mancherlei Skulpturen freigelegt
worden sind.

Solution (lat.), Lösung; solubel, löslich.

Solutivum (neulat.), Auflösungsmittel.

Solutum (lat.), Zahlung.

Solvabel (lat.), auflösbar; solvieren, lösen,
seiner Verbindlichkeit nachkommen; solvent, zahlungsfähig
(daher insolvent, zahlungsunfähig); Solvenz,
Zahlungsfähigkeit, im Gegensatz zu Insolvenz (s. d.).

Solventia (lat.), lösende Mittel, Expektoranzien,
welche eine Lösung des zähen Schleims bewirken, den
Auswurf befördern.

Solway Firth (spr. ssóllwe), Golf des Irischen
Meers, zwischen England und Schottland, schneidet in
nordöstlicher Richtung 56 km tief in das Land ein und
enthält viele Lachse und Heringe. Während der Ebbe kann
der obere Teil des S. fast trocknen Fußes durchkreuzt werden,
die Flut steigt aber rasch und mit großer Heftigkeit. In ihn
münden die Flüsse Cocker, Eden, Esk, Annan und Nith. Sein
oberes Ende überspannt ein Eisenbahnviadukt.

Solwytschegodsk (Ssolwytschegodsk), Kreisstadt im russ.
Gouvernement Wologda, an der Wytschegda, mit (1885) 1313 Einw.

Solzy (Ssolzy), Flecken im russ. Gouvernement Pskow,
Kreis Porchow, am Schelonj, mit (1885) 5903 Einw., welche lebhaften
Flachshandel nach Petersburg treiben.

Soma (griech.), Leib, Körper.

Soma (ital.), in der Lombardei s. v. w. Hektoliter.

Soma, in den Hymnen des Weda (s. d.) ursprünglich
der berauschende, mit Milch und Mehl gemischte und einige Zeit der
Gärung überlassene Saft einer Pflanze, der eine
begeisternde und heilende Wirkung auf Menschen und Götter
übt; besonders häufig wird der berauschende Einfluß
des Trankes auf den Gott Indra geschildert. Als die betreffende
Pflanze gilt heute eine Sarcostemma-Art (Asclepias acida), die
indes in südlichern Strecken wächst, als die Wohnsitze
des wedischen Volkes gelegen waren, so daß wahrscheinlich mit
den Sitzen auch die Pflanze gewechselt hat. Die begeisternde Macht
des Trankes führte bereits in indo-iranischer Zeit dazu, den
Saft als Gott S. zu personifizieren und ihm fast alle Thaten andrer
Götter zuzuschreiben. Bei den Ostiraniern steht dem Somakult
der ganz analoge Haomakult zur Seite. Vgl. Windischmann, Über
den Somakultus der Arier (Münch. 1847); Muir, Original
Sanskrit texts (Bd. 2, S. 469 ff., und Bd. 5, S. 258 ff.); Haug,
Essays on the sacred language etc. of the Parsis (2. Ausg., Lond.
1878, S. 282 ff.); Hovelacqe, L'Avesta (Par. 1880, S. 272 ff.).

Somain (spr. ssomäng), Stadt im franz. Departement
Nord, Arrondissement Douai, Knotenpunkt der Eisenbahnlinien
zwischen Douai und Valenciennes, mit bedeutenden Steinkohlengruben
und darauf gegründeter Industrie in Zucker, Leinwand, Glas,
Chemikalien und 1881) 4782 Einw.

Somal (Singular Somali), ein den Hamiten und zwar der
äthiopischen Familie derselben zugerechneter großer
Volksstamm, welcher das ganze östliche Horn Afrikas
östlich von den Galla und südlich von den Danakil
über den Dschubbfluß hinaus bis gegen den Tana bewohnt.
Sie zerfallen in drei voneinander unabhängige Stämme: die
Adschi von Tadschura am Golf von Aden bis Kap Gardafui, die Hawijah
an der Küste des Indischen Ozeans bis zur Stadt Obbia und die
Rahanwin im W. der Hawijah zwischen Dschubb und Webbi (s. Tafel
"Afrikanische Völker", Fig. 29 u. 30). Die ethnographische
Stellung der S. ist noch keine sichere; sie scheinen ein Mischvolk
zu sein, bei dem nach den physischen Eigenschaften

20

Somateria - Somerset.

einmal der nordostafrikanische Typus durchschlägt, dann
aber wieder eine Annäherung an das Semitische sich kundgibt.
Unzweifelhaft sind sie Verwandte der Abessinier und Galla. Als
fanatische Mohammedaner rühmen sie sich ihrer Herkunft aus
Arabien. Bemerkenswert ist die von Revoil bei Somalweibern
häufiger beobachtete Steatopygie (s. d.). Das Haar
läßt man lang wachsen, beizt es mit Kalk rötlich;
im Innern werden Perücken aus Schaffell getragen. Die Zahl der
S. (zu 5 Mill. geschätzt) ist nicht bekannt, da in den
eigentlichen Kern ihres Landes bis jetzt nur der Brite L. James
nebst Genossen eingedrungen ist. Die Sprache der S. gehört zu
dem äthiopischen (südlichen) Zweig des hamitischen
Sprachstammes (dargestellt von Prätorius in der "Zeitschrift
der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft", Bd. 24, 1870;
auch von Hunter: "Somal-Grammatik", Bombay 1880). Eine Schrift
besitzen die S. nicht. Der Charakter des Volkes ist nach der
Lebensweise verschieden. Die beduinischen S. sind leidenschaftlich,
verräterisch und grausam, der Wert eines Mannes wird bei ihnen
nach der Zahl seiner Mordthaten bemessen. Dagegen zeigen die
Bewohner der größern Ortschaften eine
verhältnismäßig nicht unbedeutende Bildung. Alle
aber sind stolz und freiheitliebend u. im allgemeinen Feinde der
Fremden. Sie leben meist in Monogamie, Sklaven sind nicht
häufig. Die Kinder beiderlei Geschlechts werden beschnitten,
die Mädchen bis zur Verheiratung vernäht. Bei der
Verheiratung wählt das Mädchen den Mann, letzterer
muß aber den Schwiegervater für dasselbe bezahlen. Auf
die Frauen fällt die ganze Arbeitslast. Als Kleidung dienten
früher Felle, jetzt ein der abessinischen Schama
ähnliches Baumwollentuch, auch tragen die Frauen Beinkleider,
Sandalen sind häufig in Gebrauch. Als Waffen dienen Lanzen,
runde Schilde, Messer, im Süden auch Schwerter, ferner Bogen
und vergiftete Pfeile. Die Wohnungen werden in den Städten aus
Steinen und Lehmziegeln, sonst aus Fachwerk und Strohmatten
errichtet; die nomadisierenden S. haben leicht abtragbare,
zeltähnliche Hütten. Die Nahrung besteht im Fleisch ihrer
Herden, in Sorghum, Mais, Milch, Butter sowie eingeführten
Datteln und Reis. Spirituosen und Schweinefleisch sind verboten.
Als Haustiere werden Kamele, Rinder (Zebu), Schafe, Ziegen, Pferde,
Esel gehalten. Gelegentlich jagt man Elefanten, Nashorn,
Büffel, Antilopen, Strauße. Den Toten zollt man viel
Verehrung. Die Stämme stehen unter Häuptlingen, die aber
wenig Macht haben. Die Gesellschaft zerfällt in drei Klassen:
die Saladin, die Reichen und Würdenträger; die Barkele
oder Beduinen und die Mödgan, letztere sind die Eisenarbeiter
und werden als Zauberer scheel angesehen. Eine Art Hörige sind
die Tomal, welche als Hirten, Kamelreiter u. a. dienen; eine Art
Zigeuner, verachtet, aber wegen ihrer Zaubereien gefürchtet,
sind die Jibbir. Bei allen hat die Blutrache Geltung. Das Somal-
oder Somaliland besteht aus einem schmalen, sandigen
Küstenstreifen, der an der Nordseite mehrere Häfen
(Zeila, Bulhar, Berbera, Las Gori, sämtlich in englischem
Besitz, ferner am Osthorn Bender Felek, Ras Felek) hat,
während die Ostküste ganz ohne Häfen verläuft
bis zu den im Besitz von Sansibar befindlichen: Warscheich,
Mogduschu, Merka, Barawa, Kismaju. Das Innere ist eine weite, von
einzelnen Höhenrücken unterbrochene Hochfläche, die
zum Teil aus großen wüsten Strichen mit hartem Boden
besteht. Die Wasserläufe, die das Land durchziehen, sind den
größten Teil des Jahrs trocken, nur der Dschubb
führt das ganze Jahr hindurch Wasser und ist auch eine
beträchtliche Strecke aufwärts bis Bardera, wo v. d.
Decken ermordet wurde, schiffbar; der nächstbedeutende Webi
erreicht die See nicht. Auf dem Hochland sind der Tug Dehr und Tug
Faf ihrer fruchtbaren Thalmulden wegen zu bemerken. Die hohe
Temperatur des Küstenstrichs wird durch heftige Seewinde sehr
gemildert; auf dem Hochland bilden 8° C. das Temperaturminimum
und 32° C. das Maximum. Mimosen, Calotropis procera, Euphorbien
und Koloquinten charakterisieren die Vegetation des Tieflandes,
während im Hochland Weihrauchbäume, alle Gummisorten,
Leuchtereuphorbien, im Webigebiet auch der Affenbrotbaum gedeihen.
Die Fauna bietet Wanderheuschrecken, giftige große Ameisen,
viele Bienen, Flußpferde und Krokodile, Strauße, alle
afrikanischen Katzen, große Antilopenherden, das Zebra und
den Wildesel. Vgl. Haggenmacher, Reise im Somaliland (Gotha 1876);
Révoil, La vallée du Darror. Voyage au pays
Çomalis (Par. 1882); Derselbe, Faune et flore des pays
Çomalis (das. 1882); Paulitschke, Beiträge zur
Ethnographie und Anthropologie der S., Galla und Harari (Leipz.
1886); James, The unknown horn of Africa (Lond. 1888).

Somateria, Eiderente.

Somátisch (griech.), körperlich.

Somatologie (griech.), die Lehre vom menschlichen
Körper, also besonders Anatomie.

Sombreréte, Bergstadt im mexikan. Staat Zacatecas,
2369 m ü. M., an der Eisenbahn von Zacatecas nach Durango,
1570 gegründet, hat eine höhere Schule und (1882) 5173
Einw.

Sombrerit, ein jüngst gebildeter, an Korallen
reicher Kalk, der durch überlagernden Guano teilweise
metamorphosiert worden ist und neben kohlensaurem Kalk und Thon
75-90 Proz. phosphorsauren Kalk enthält. Er findet sich auf
der Insel Sombrero. Die Amerikaner beuteten 1856 den S. aus und
brachten ihn als Dungmittel in den Handel, doch scheint das Lager
rasch erschöpft worden zu sein. Vgl. Guano.

Sombrero ("Hutinsel"), eine der Kleinen Antillen, 5 qkm
groß, zwischen den Jungferninseln und Anguilla gelegen, ist
ein Kalksteinfels, der schroff aus dem Meer aufsteigt, einen
Leuchtturm trägt, fast ohne Vegetation ist, aber seiner
Kalkbrüche halber doch einigen Wert besitzt; eine Zeit lang
lieferte die Insel den Sombrerit.

Sombreros (span.), breitrandige, leichte und dauerhafte
Hüte, aus Palmblättern gefertigt (s. Sabal).

Somerset (spr. ssommersset), 1) Grafschaft im
südwestlichen England, grenzt nordwestlich an den
Bristolkanal, wird zu Lande von den Grafschaften Gloucester, Wilts,
Dorset und Devon umschlossen und umfaßt 4248 qkm (77,1 QM.)
mit (1881) 469,109 Einw. Die Küste ist großenteils steil
und unzugänglich, hat aber teilweise auch schöne Buchten
mit niedrigem Landsaum; die bedeutendste derselben ist die
Bridgewaterbai. Im N. und W. ist die Grafschaft gebirgig und von
langen, jäh abfallenden Hügelketten (Mendip, Blackdown
und Quantock Hills) durchschnitten; an der Westgrenze gegen Devon
zu erhebt sich das Bergland Exmoorforest (509 m). Die bedeutendern
Flüsse sind: der Avon, welcher zum Teil die Nordgrenze bildet,
der Ex, Yeo, Axe, Brue und Parret. Der Boden ist teils steinig,
teils Heide, teils Marsch- und Moorland, im allgemeinen aber
fruchtbar, und namentlich ist die Thalebene von Taunton einer der
reichsten Bezirke von England. Das Klima ist gemäßigt.
Von der Oberfläche sind 22,1 Proz. unter dem Pflug, 60,5 Proz.
bestehen aus Weideland; 1888 zählte man 34,701 Ackerpferde,
217,728 Rinder 557,857 Schafe, 123,901 Schweine. Der Bergbau

Die Sonne.

Fig. 1. Die Sonne (photographiert von Rutherford).

Fig. 2. Sonnenflecke, beobachtet vom 10.-22. Mai 1868.

Fig. 4. Protuberanzen, beobachtet von Zöllner 1869.

Fig. 3. Totale Sonnenfinsternis am 18. Juni 1860, nach
Rümker, I-VI sind Koronastrahlen.

Fig. 5. Protuberanzen, beobachtet von Zöllner 1869.

Fig. 6. Protuberanzen, beobachtet von Secchi 1871.

21

Somerset (engl. Adelstitel).

liefert Steinkohlen, Eisen und Blei. Die Industrie erstreckt
sich auf die Herstellung von Tuch, Seide, Spitzen, Handschuhen,
Eisen und Stahl, Maschinen etc. Hauptstadt ist Taunton, die
größte Stadt aber Bath. -

2) Die nördlichste Niederlassung der britisch-austral.
Kolonie Queensland auf der Kap-York-Halbinsel, mit sicherm
Zufluchtshafen. Das früher hier bestehende
Regierungsetablissement wurde nach der Thursdayinsel und die hier
1872 errichtete Hauptstation der Londoner Missionsgesellschaft nach
der Murrayinsel (Neuguinea) verlegt.

Somerset (spr. ssómmersset) , engl. Adelstitel.
1397 erhielt das von den Plantagenets abstammende ältere Haus
Beaufort den Grafentitel und 1443 den Herzogstitel von S. Dies Haus
starb mit Edmund, dem vierten Herzog von S., der nach der Schlacht
bei Tewkesbury auf Eduards IV. Befehl enthauptet wurde, aus. Ein
natürlicher Sohn des dritten Herzogs Henry von S. nahm den
Familiennamen S. an, und dessen Nachkommen sind 1514 Grafen, 1642
Marquis von Worcester, 1682 aber wieder Herzöge von Beaufort
geworden, so daß die jüngern Söhne dieses
Herzogshauses Lords S. heißen. Unter ihnen ist hervorzuheben
Lord Granville Charles Henry S., geb. 27. Dez. 1792, unter
Liverpool Lord des Schatzes, unter Peel Domänenminister und
1841 Kanzler des Herzogtums Lancaster, gest. 23. Febr. 1848. Dessen
Oheim war Fitzroy James Henry S., später Lord Raglan (s. d.).
Den Titel Graf S. führte im 17. Jahrh. Robert Carr, Viscount
von Rochester, Graf von S., geb. 1590. Derselbe stammte aus einer
schottischen Adelsfamilie, kam als Page an den Hof Jakobs I.,
gewann durch seine Schönheit dessen Gunst, ward von ihm 3.
Nov. 1611 zum Viscount von Rochester erhoben und erhielt
großen Einfluß auf die britische Regierung. 1613
vermählte er sich mit Frances Howard, Gräfin von Essex,
deren Ehe mit dem Grafen von Essex zu diesem Zweck getrennt werden
mußte. Einen Gegner dieser Verbindung, Sir Thomas Overbury,
ließ der mächtige Günstling im Tower vergiften,
ward aber später durch George Villiers, nachmaligen Herzog von
Buckingham, aus des Königs Gunst verdrängt und samt
seiner Gemahlin als Mörder Overburys zum Tod verurteilt.
Nachdem beide mehrere Jahre im Gefängnis gesessen, woselbst S.
mit der Enthüllung von Geheimnissen drohte, die den König
kompromittieren würden, erhielten sie die Freiheit und lebten
seitdem in stiller Zurückgezogenheit. S. starb im Juli 1645.
Aus der Ehe seiner einzigen Tochter mit dem Herzog von Bedford
entsprang der unter Karl II. hingerichtete Lord William Russell (s.
d. 1). Schon im 16. Jahrh. war der Herzogstitel von S. an die
Familie Seymour (s. d.) gekommen. Der erste Herzog war Edward
Seymour. Derselbe erhielt bei der Vermählung Heinrichs VIII.
mit seiner Schwester Jane S. 1536 den Titel eines Viscount von
Beauchamp, wurde 1537 zum Grafen von Hertford ernannt, kämpfte
1544 in Schottland, verwüstete Leith und Edinburg und folgte
darauf dem König nach Frankreich, wo er Boulogne erobern half.
1547 ernannte ihn Heinrich VIII. zu einem der Geheimräte, die
während der Minderjährigkeit des jungen Eduard VI.,
seines Neffen, die Regierung führen sollten. Gleich in den
ersten Sitzungen des Geheimen Rats nach Heinrichs Tod ließ
sich aber Hertford zum Protektor des Königreichs und zum
Herzog von S. erheben und zugleich durch ein Patent des jungen
Königs die volle Regierungsgewalt übertragen. S. benutzte
seine Macht zuvörderst, um unter Cranmers Leitung die
Kirchenreformation durchzuführen. Dann unternahm er im August
1547 einen abermaligen Feldzug nach Schottland und brachte den
Schotten 10. Sept. die Niederlage bei Pinkey bei. Nach seiner
Rückkehr ließ er vom Parlament alle blutigen Gesetze
Heinrichs VIII. aufheben. Gleichwohl bildete sich allmählich
eine Partei gegen ihn, an deren Spitze die Grafen Southampton und
John Dudley, Graf von Warwick, später Herzog von
Northumberland, standen. Diesen Gegnern gelang es infolge des
Mißvergnügens über des Protektors kirchliche
Reformen und den Krieg mit Frankreich, in welchen sein schottischer
Feldzug die Nation verwickelte, den Herzog zu stürzen: der
Geheime Rat entschied sich gegen ihn, und S. wurde gefangen
gesetzt. Im November 1549 ward seine Sache vor das Parlament
gebracht, doch verurteilte ihn dieses bloß zu einer
Geldstrafe. Darauf trat S. wieder in den Rat ein; aber seine alte
Macht erlangte er nicht wieder, und seine Zerwürfnisse mit
Warwick dauerten trotz einer zwischen beiden geschlossenen
Familienverbindung fort. Nachdem sich Warwick des Königs
bemächtigt und die Staatsgewalt an sich gerissen, ließ
er S. 16. Okt. 1551 verhaften und beschuldigte denselben, ihm nach
dem Leben getrachtet und verräterische Anschläge auf die
Staatsgewalt gemacht zu haben. Von der Anklage des Verrats
freigesprochen, aber wegen Felonie verurteilt, da er einen Vasallen
des Königs habe ermorden wollen, ward S. 22. Jan. 1552 auf
Tower Hill enthauptet. Der Titel Herzog von S. erlosch darauf;
seine übrigen Titel und Güter hatte S. auf seine Kinder
zweiter Ehe übertragen lassen, nach deren Aussterben erst die
Nachkommenschaft aus erster Ehe folgen sollte. Sein Enkel William
Seymour ging 1610 eine heimliche Ehe mit Lady Arabella Stuart,
einer Verwandten König Jakobs I., ein und mußte deshalb
ins Ausland flüchten, während seine Gattin 1615 im Tower
starb. Gleichwohl bewies er sich nachmals als treuen Anhänger
der königlichen Sache, ward 1640 zum Marquis von Hertford
erhoben und 1660 nach Karls II. Restauration wieder mit dem Titel
eines Herzogs von S. ausgestattet. Er starb 24. Okt. 1660. Charles
Seymour, siebenter Herzog von S., geb. 12. Aug. 1662, spielte unter
Karl II., Wilhelm III., Anna und Georg I. als erster Peer des
Reichs eine hervorragende Rolle, trug durch seine Gemahlin, die
Erbin der Percy, wesentlich zum Sturz Marlboroughs bei, ward
Lord-Oberkammerherr und starb 2. Dez. 1748. Da sein einziger Sohn,
Algernon, achter Herzog von S., 7. Febr. 1750 ohne männliche
Nachkommen starb, trat jene frühere Klausel in Kraft, und die
Titel des Herzogs von S. und Lord Seymour gingen auf Sir Edward
Seymour, einen Nachkommen des Protektors aus erster Ehe, über,
welcher 15. Dez. 1757 starb. Dessen Urenkel Edward Adolphus, 12.
Herzog von S., geb. 20. Dez. 1804, trat 1834 für Totneß
ins Parlament. Als eifriger Whig ward er 1835 zum Lord des
Schatzes, 1839 zum Sekretär des indischen Amtes und 1841 auf
einige Zeit zum Unterstaatssekretär des Innern ernannt. Von
1849 bis Februar 1852 war er Oberkommissar der Wälder und
Forsten, zog sich aber durch Willkürlichkeiten viele Gegner zu
und wurde beim Wiedereintritt der Whigregierung 1855
übergangen, dagegen 1859 in das Whigministerium unter
Palmerston als erster Lord der Admiralität berufen, welches
Amt er bis 1866 verwaltete. Seitdem gehörte S. keiner
Regierung mehr an und starb 28. Nov. 1885 in London. Ihm folgte
sein Bruder Archibald (geb. 30. Dez. 1810) als 13. Herzog von
S.

22

Somersinseln - Somme.

Somersinseln (spr. ssömmers), s. Bermudas.

Somerville (spr. ssömmerwill), Stadt im
nordamerikan. Staat Massachusetts, dicht bei Cambridge und
Charlestown, und Wohnstadt von Boston, hat ein Irrenhaus und (1885)
29,992 Einw.

Somerville (spr. ssömmerwill), 1) William, engl.
Dichter, geb. 1677 (nicht 1692) zu Edston in Warwickshire, kam 1690
auf die Schule zu Winchester, wurde dann Fellow am New College zu
Oxford und lebte später als Friedensrichter auf dem von seinem
Vater ererbten Gut. Er starb am 19. Juli 1742. Sein Hauptwerk ist:
"The chace" (1735, mit kritischem Essay von Aikin 1796; neue Ausg.
1873), ein gefälliges didaktisch-deskriptives Gedicht in
reimlosen Versen, in welchen die Sportsmen besonders die
Sachkenntnis, die sich darin ausspricht, hervorheben. Seine "Works"
erschienen zu London 1742, 1776 u. öfter.

2) Mary, engl. Schriftstellerin im Fach der Physik und
Astronomie, Tochter des Vizeadmirals Sir William Fairfax, geb. 26.
Dez. 1780 zu Jedburg in Roxburghshire, wurde in der Nähe von
Edinburg erzogen und heiratete den Kapitän Samuel Greig, der
sie in den exakten Wissenschaften unterrichtete. Schon 1811 hatte
sie mehrere wissenschaftliche Probleme gelöst, 1826
veröffentlichte sie eine Arbeit über die magnetisierende
Kraft der Sonnenstrahlen; dann folgten unter dem Titel: "Mechanism
of the heavens" (Lond. 1831) eine Einleitung in das Studium der
Astronomie und "On the connexion of the physical sciences" (das.
1851; 10. Aufl., das. 1877), ihr Hauptwerk, welches wegen seiner
Tiefe und Klarheit außerordentlichen Beifall fand. S. wurde
1835 zum Mitglied der königlichen Gesellschaft der
wissenschaften ernannt. Sie vermählte sich nach dem Tod ihres
ersten Gatten mit dem Arzt William S., mit dem sie in London lebte.
1838 siedelte sie mit den Ihrigen nach Italien über, wo sie
1860 von neuem Witwe ward und 29. Nov. 1872 in Neapel starb. Von
ihren Werken sind noch die treffliche "Physical geography" (Lond.
1848, 2 Bde.; 7. Aufl. 1877; deutsch, Leipz. 1852) und "On the
molecular and microscopic science" (l869, 2 Bde.) zu erwähnen.
Vgl. ihre "Personal recollections from early life to old age"
(1873).

Somino (Ssomino), Flußhafen im russ. Gouvernement
Nowgorod, Kreis Ustjuschna, an der Somina, ist ein bedeutender
Stapelplatz, hauptsächlich für Getreide, Glas und
Metalle, wo alljährlich gegen 4000 Flußfahrzeuge
(Barken) ankommen und gegen 5000 abgehen.

Somma, 1) (S. Lombarda) Flecken in der ital. Provinz
Mailand, Kreis Gallarate, an der Simplonstraße und der
Eisenbahn von Mailand nach Arona, mit altem Kastell und (1881) 3422
Einw. Als Sehenswürdigkeit gilt eine uralte Cypresse von 28 m
Höhe.

2) (S. Vesuviana) Flecken in der ital. Provinz Neapel, am
nördlichen Abhang des Vesuvs, hat ein Schloß, Reste von
alten Stadtmauern, Weinbau und (1881) 4533 Einw. Hiernach ist auch
der nördliche Gipfel des Vesuvs "S." benannt.

Somma-Campagna, Dorf bei Custozza (s. d.).

Sommatino, Stadt in der ital. Provinz Caltanissetta, 368
m ü. M. auf einer Hochebene südlich von Caltanissetta
gelegen, mit Olivenkultur, Schwefelbergbau und (1881) 5375
Einw.

Sommation (franz.), die vor dem Zwangseinschreiten
erlassene Aufforderung oder gütliche Mahnung; diplomatisch s.
v. w. Ultimatum.

Somme (spr. ssomm, im Altertum Samara), Fluß im
nördlichen Frankreich, entspringt bei Font-S. unweit
St.-Quentin im Departement Aisne, fließt südwestlich,
wendet sich dann nordwestlich, tritt in das Departement S. ein,
wird bei Bray für kleinere, bei Amiens für
größere Fahrzeuge schiffbar und fällt nach einem
Laufe von 245 km unterhalb St.-Valéry mit breitem
Mündungsbecken in den Kanal (La Manche). Der Sommekanal
begleitet einen großen Teil ihres Laufs; außerdem steht
die S. noch durch den St.-Quentin-Kanal mit der Schelde und durch
den Crozatkanal mit der Oise in Verbindung.

Das Departement Somme, gebildet aus den ehemals zur Picardie
gehörigen Landschaften Santerre, Amiénais, Vimeux,
Ponthieu, Vermandois und Marquenterre, grenzt nördlich an das
Departement Pas de Calais, nordöstlich an das Departement
Nord, östlich an Aisne, südlich an Oise, südwestlich
an Niederseine, westlich an den Kanal (La Manche) und umfaßt
6161 qkm (111,89 QM.). Das Departement gehört zu den
fruchtbarsten des nördlichen Frankreich; es bildet eine weite,
nur gegen die Küste hin sandige Ebene, die sich namentlich um
den Sommebusen allmählich durch Anschwemmungen und
Eindeichungen vergrößert hat und noch
vergrößert; nur im SO. ist das Land von einzelnen
Ausläufern der Ardennen durchzogen. Bewässert wird das
Departement von der Authie, Maye, Somme mit ihren Nebenflüssen
und der Bresle. Das Klima ist kühl und feucht, im allgemeinen
aber gesund. Die Bevölkerung belief sich 1886 auf 548,982
Einw. und hat seit 25 Jahren um 24,000 Seelen abgenommen. Von der
Oberfläche kamen 1882 auf Äcker und Gärten 499,714
Hektar, Wiesen 21,596, Wälder 39,449, Heiden und Weiden 5553
Hektar. Der hoch entwickelte Ackerbau liefert Getreide über
den Bedarf (jährlich 7-8 Mill. hl), besonders: Weizen (2,8
Mill. hl), Hafer (3,4 Mill. hl), Halbfrucht, Gerste und Roggen,
Kartoffeln, viel Hülsenfrüchte, Gemüse, Hanf,
Flachs, Raps, andere Ölpflanzen und Zuckerrüben. Sehr
bedeutend ist ferner die Torfgewinnung (85,500 Ton.). Geringere
Ausdehnung hat die Viehzucht; doch ist die Zahl der Pferde (1882:
77,590), der Schafe (423,948) und namentlich des Geflügels
(1,8 Mill. Stück) immerhin ansehnlich. Einen
größern Holzbestand bildet nur der Wald von Crécy
im NW. Die Industrie ist sehr lebhaft. Ihre vorzüglichsten
Zweige sind die Spinnerei und zwar in Wolle (125,000 Spindeln),
Baumwolle (75,000 Spindeln), Flachs und Hanf (50,600 Spindeln) und
Seide (18,000 Spindeln) nebst der Schafwollkämmerei und
Zwirnerei; außerdem die Weberei (3400 mechanische und 10,500
Handstühle), insbesondere die Erzeugung von sogen. Articles
d'Amiens (Gewebe aus verschiedenen Stoffen), Tuch (besonders zu
Abbeville), Baumwollsamt, Teppichen etc. Neben der Textilindustrie
ist besonders wichtig die Rübenzuckerfabrikation (69
Etablissements mit 6600 Arbeitern, Produktion 970,000 metr. Ztr.);
ferner sind zu nennen die Eisengießerei, die Erzeugung von
Schlosserwaren und Maschinen, Seife, Kerzen, chemischen Produkten,
Papier, Bier und Branntwein. Von geringerer Wichtigkeit dagegen ist
der Handel, namentlich der Seehandel, da es dem Departement an
guten Häfen fehlt; er erstreckt sich auf die einheimischen
Ackerbau- und Industrieprodukte in der Ausfuhr, Wein, Holz, Kohlen
etc. in der Einfuhr. Das Departement wird von der Nordbahn
(Paris-Brüssel) durchschnitten, die hier von Amiens nach
Beauvais, Rouen, Abbeville, St.-Valéry, Tréport,
Boulogne und Doullens sowie nach Laon abzweigt. Es zerfällt in
fünf Arrondissement Abbeville, Amiens, Doullens, Montdidier
und Péronne. Hauptstadt ist Amiens.

23

Sommer - Sommersprossen.

Sommer, die Jahreszeit zwischen Frühling und Herbst,
astronomisch die Zeit vom längsten Tag bis zum darauf
folgenden Äquinoktium. Auf der nördlichen Halbkugel der
Erde beginnt der S., wenn die Sonne den Wendekreis des Krebses und
damit ihre größte nördliche Abweichung vom
Äquator erreicht hat (Sommersonnenwende, 21. oder 22. Juni),
und endet, wenn die Sonne auf ihrem Rückgang wieder den
Äquator erreicht hat (Herbstäquinoktium, 22. oder 23.
Sept.). Der S. der südlichen Hemisphäre dagegen
fällt auf unsern Winter und umfaßt den Zeitraum,
während dessen die Sonne von ihrer größten
südlichen Abweichung vom Äquator, also vom Wendekreis des
Steinbocks (Wintersonnenwende, 21. oder 22. Dez.), wieder zum
Äquator zurückkehrt (Frühlingsäquinoktium, 20.
oder 21. März). Auf der nördlichen Halbkugel ist der S.
um einige Tage länger als auf der südlichen, was davon
herrührt, daß die Erde während unsers
Frühlings und Sommers die von der Sonne entferntere
Hälfte ihrer Bahn durchläuft, in welcher, dem zweiten
Keplerschen Gesetz zufolge, ihre Geschwindigkeit eine geringere
ist. Der höhere Stand der Sonne, der ein mehr senkrechtes
Auftreffen der Strahlen bewirkt, sowie die längere Dauer des
Verweilens der Sonne über dem Horizont bewirken, daß
trotz des größern Abstandes der Sonne unser S.
wärmer ist als unser Winter; der Einfluß der
verschiedenen Entfernung der Sonne ist in Bezug auf die durch sie
bewirkte Erwärmung nicht bedeutend und wird erst merklich bei
Vergleichung der S. beider Hemisphären. Infolge der
stärkern Bestrahlung während des Sommers der
Südhalbkugel ist z. B. in Australien und Neuseeland
während des Sommers der Wechsel, wenn man aus dem Schatten in
die Sonne tritt, fühlbarer als bei uns. Im meteorologischen
Sinn rechnet man den S. bei uns vom 1. Juni bis 1. Sept., auf der
Südhalbkugel vom 1. Dez. bis 1. März. Die
größte Sommerwärme tritt etwa einen Monat nach dem
längsten Tag und zwar erst dann ein, wenn die Erwärmung
durch die Sonnenstrahlen gleich der Abkühlung durch die
Wärmeausstrahlung geworden ist. Daher ist der Juli der
wärmste Monat auf der nördlichen und der Januar auf der
südlichen Halbkugel, und damit dieser wärmste Monat in
die Mitte des Sommers fällt, ist die oben angegebene
Begrenzung desselben erforderlich. Vgl. Jahreszeiten.

Sommer, 1) Anton, thüring. Dialektdichter, geb. 11.
Dez. 1816 zu Rudolstadt, studierte 1835-38 in Jena Theologie,
übernahm 1847 die Leitung einer Töchterschule in seiner
Vaterstadt und daneben das Pfarramt zu Schaala und wurde 1864 zum
Garnisonprediger in Rudolstadt ernannt, wo er, halb erblindet und
seit 1881 Ehrenbürger, 1. Juni 1888 starb. Seine
gemütvollen "Bilder und Klänge aus Rudolstadt in
Volksmundart" (11. Aufl., Rudolst. 1886, 2 Bde.) haben vielen
Beifall gefunden.

2) Otto, Pseudonym, s. Möller 3).

Sommercypresse, s. Chenopodium.

Sömmerda, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Erfurt, Kreis Weißensee, an der Unstrut, Knotenpunkt der
Linie Sangerhausen-Erfurt der Preußischen Staatsbahn u. der
Eisenbahn Großheringen-Straußfurt, 160 m ü. M.,
hat 2 evangelische und eine kath. Kirche, ein Amtsgericht, Gewehr-,
Munitions-, Zündhütchen- und Eisenwarenfabrikation,
Eisengießerei und (1885) 4795 meist evang. Einwohner. S. war
Geburtsort und Wohnsitz von Dreyse (s. d.).

Sommerendivien, s. Lattich.

Sommerfäden, s. v. w. Alterweibersommer.

Sommerfeld, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Frankfurt, Kreis Krossen, an der Lubis, Knotenpunkt der Linien
Berlin-S., S.-Breslau und S.-Liegnitz der Preußischen
Staatsbahn, 82 m ü. M., besteht aus der Stadt, 2
Vorstädten (Schönfeld und Hinkau) und 3 Kolonien (Karras,
Bornstadt und Klinge), hat 2 evang. Kirchen, ein Schloß, ein
Rettungshaus, ein Amtsgericht, eine Reichsbanknebenstelle,
bedeutende Tuchfabrikation, eine Hutfabrik, eine mechanische
Bandweberei, 3 Dampffärbereien, 2 Maschinenbauanstalten, eine
Flachsgarnspinnerei, Appretur- u. Karbonisieranstalten, Ziegeleien,
eine Ofenfabrik, Dampfschneidemühlen, Bierbrauereien u. (1885)
11,362 meist ev. Einw.

Sommerfrischen, die im Sommer zu benutzenden klimatischen
Kurorte (s. d.).

Sommergewächse, einjährige Pflanzen, s.
Einjährig.

Sommerkatarrh (Catarrhus aestivus), s. Heufieber.

Sommerkleid, s. Vögel.

Sommerkönig, Vogel, s. Laubsänger und
Goldhähnchen.

Sommerpappel, s. Lavatera.

Sommerpunkt, s. v. w. Sommersolstitium, s.
Sonnenwenden.

Sömmerring, Samuel Thomas von, Mediziner, geb. 28.
Jan. 1755 zu Thorn, studierte seit 1774 in Göttingen, ward
1778 Professor der Anatomie in Kassel, 1784 in Mainz, praktizierte
seit 1798 in Frankfurt a. M., wurde 1805 königlicher Leibarzt
in München, dann Geheimrat und in den Adelstand erhoben. 1820
kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er 2. März 1830
starb. Seine Untersuchungen über Gehirn- und Nervensystem,
über die Sinnesorgane, über den Embryo und seine
Mißbildungen, über den Bau der Lungen, über die
Brüche etc. stellen ihn in die Reihe der ersten deutschen
Anatomen. Er konstruierte auch 1809 einen elektrischen Telegraphen,
bei welchem die Zeichen durch galvanische Zersetzung von Wasser
gegeben werden sollten, arbeitete über die Veredelung des
Weins, über die Zeichnungen, welche sich bei der Ätzung
des Meteoreisens auf demselben bilden, über die Sonnenflecke
etc. Er schrieb: "Vom Hirn- und Rückenmark" (Mainz 1788, 2.
Aufl. 1792); "Vom Bau des menschlichen Körpers" (Frankf.
1791-96, 6 Bde.; 2. Aufl. 1800; neue Aufl. von Bischoff, Henle u.
a., Leipz. 1839-45, 8 Bde.); "De corporis humani fabrica" (Frankf.
1794-1801, 6 Bde.); "De morbis vasorum absorbentium corporis
humani" (das. 1795); "Tabula sceleti feminini" (das. 1798);
"Abbildungen des menschlichen Auges" (das. 1801), "des menschlichen
Hörorgans" (das.1806), "des menschlichen Organs des Geschmacks
und der Stimme" (das. 1806), "der menschlichen Organe des Geruchs"
(1809). Sömmerrings Briefwechsel mit Georg Forster wurde von
Hettner (Braunschw. 1878) herausgegeben. Vgl. R. Wagner,
Sömmerrings Leben und Verkehr mit Zeitgenossen (Leipz.
1844).

Sommerschlaf s. Winterschlaf.

Sommersolstitium, s. Sonnenwenden.

Sommersporen, s. Pilze, S. 66, und Rostpilze, S. 989.

Sommersprossen (Sommerflecke, Ephelides), kleine,
rundliche, bräunliche Flecke, welche sich namentlich bei
blonden und rothaarigen Menschen, unter der Einwirkung des
Sonnenlichts und der Sonnenwärme, der Feuchtigkeit und des
Windes an den unbedeckten Stellen der Haut bilden. Die S. beruhen
auf der Ablagerung eines bräunlichen Pigments in den
oberflächlichen Hautschichten. Während des Win-

24

Sommerthürchen - Son.

ters blassen sie ab oder verschwinden auch ganz. Durch Mittel,
welche eine Abstoßung der Epidermis mit Einschluß ihrer
tiefern pigmenthaltigen Schichten bewirken, kann man die S.
vertreiben; sie kehren aber nach wenigen Wochen wieder, wenn die
Haut von neuem den erwähnten Schädlichkeiten ausgesetzt
wird. Auf diese Weise wirken die Lilionese und Umschläge mit
einprozentiger Lösung von Sublimat (Quecksilberchlorid,
höchst giftig!). Man läßt diese Umschläge nur
einige Stunden lang wirken und sorgt dafür, daß die mit
der Sublimatlösung befeuchteten Leinwandläppchen keine
Falten schlagen. Zeigt sich die Haut hiernach stärker
entzündet, so bedeckt man sie mit in Öl getränkten
Kompressen.

Sommerthürchen, Pflanze, s. Leucojum.

Sommertuch, s. Halbtuch.

Sommerwal, s. Finnfisch.

Sommerwurz, s. Orobranche.

Sommières (spr. ssommjähr), Stadt im franz.
Departement Gard, Arrondissement Nîmes, am Vidourle und an
der Eisenbahnlinie Lunel-Le Vigan (mit Abzweigung nach Nimes und
Les Mazes), hat ein altes Schloß, eine Brücke mit Turm,
eine reformierte Konsistorialkirche, Fabrikation von Likör,
Essenzen, Decken, Wollenstoffen, Hüten etc. und (1881) 3644
Einw.

Sommitäten (franz.), die Höchsten,
Vornehmsten.

Somnambulismus (lat.), im engern Sinn das "Umherwandeln
im Schlaf", das Schlafwandeln; dann das habituell gewordene, dem
Anschein nach mit Überlegung vor sich gehende, in Wahrheit
aber nur traumbewußte Verrichten von Handlungen während
des Schlafs, das Schlafhandeln; gewöhnlich rechnet man zum S.
auch diejenigen meist auf Selbsttäuschung oder Betrug
beruhenden Fälle, in welchen gewisse Personen Dinge oder
Ereignisse wahrzunehmen glauben oder vorgeben, welche mittels
gesunder Sinne nicht wahrzunehmen sind (das Hellsehen,
clairvoyance); endlich auch die Gesamtheit der noch vielfach
problematischen Erscheinungen des sogen. tierischen Magnetismus (s.
Magnetische Kuren und Hypnotismus). Die beiden ersten Arten des S.,
welche man gewöhnlich als Nachtwandeln bezeichnet,
charakterisieren sich besonders dadurch, daß bei mangelndem
klaren Bewußtsein Handlungen vorgenommen werden, welche den
Schein der Willkürlichkeit und Zweckmäßigkeit an
sich tragen. Das Nachtwandeln nimmt niemals einen tödlichen
Ausgang und stört den Fortgang der Körperentwickelung
nicht auf eine erhebliche Weise. Beim Traum wie beim Nachtwandeln
ist das dämmernde Selbstbewußtsein der Mittelpunkt,
worin sich die dunkeln und verworrenen Empfindungen der Sinne und
des Gemeingefühls, wenn nämlich solche noch zur
Wahrnehmung kommen, sammeln, während Reihen von Vorstellungen
und Willensantrieben auftreten, welche zu den mannigfaltigsten,
ihnen entsprechenden Bewegungen der Glieder sowie zu einem
völlig artikulierten und zusammenhängenden Sprechen
Veranlassung geben. Nur die höchsten Grade dieser
Erscheinungen kommen aber hier in Betracht, insofern bei ihnen die
charakteristischen Bedingungen des Schlafs nicht mehr vorhanden zu
sein scheinen. Dahin ist vor allem zu rechnen, daß die
Nachtwandler ungeachtet der größten Anstrengung beim
Erklettern von Fenstern, Dächern etc. nicht erwachen, was doch
der Fall sein würde, wenn bei ihnen, wie beim
gewöhnlichen Schlaf, die Fähigkeit zur Empfindung und
Bewegung in gleichem Maß ab- und zunähme. Vielmehr geben
sie bei äußerer ordentlicher Bethätigung ihres
ganzen Muskelsystems zuweilen eine so gänzliche
Empfindungslosigkeit kund, daß weder das stärkste Licht,
noch der Schall von lärmenden Instrumenten, noch die
schärfsten Gerüche, noch Verletzungen der Haut den
geringsten Eindruck auf sie machen. Auch haben die Reden des
Nachtwandlers nicht jenen Charakter der Zerfahrenheit und des
Unzusammenhängenden wie die des Träumenden, sondern meist
logischen Zusammenhang und bewegen sich, wie seine Handlungen,
größtenteils im Kreis früherer Erinnerungen. Nach
dem bisherigen Stand unsers Wissens unerklärlich ist der
angebliche, im Volksmund allgemein behauptete Einfluß des
Mondes auf die Nachtwandler, welcher zu der Bezeichnung Mondsucht
(Lunatismus) Veranlassung gegeben hat. Die oft erzählten Sagen
von Mondsüchtigen, welche auf Bäume, Dächer und
Türme gleichsam dem Mond entgegengeklettert seien etc., sind
noch zu wenig beglaubigt, als daß man sie unbedenklich gelten
lassen könnte. Erwähnung verdient noch, daß die
Nachtwandler ihre Bewegungen auch auf gefährlichen Wegen mit
der größten Sicherheit ausführen sollen, wobei das
Freibleiben von Schwindel eine wirksame Unterstützung
gewähren mag. Da das Nachtwandeln gewöhnlich einen
völlig konstitutionellen Zustand darstellt, welcher als
solcher das Individuum Jahrzehnte behaften kann, so läßt
es sich höchstens durch kräftige diätetische
Maßregeln mit einigem Erfolg bekämpfen. Zu letztern
würden vor allem angemessene Körperanstrengungen, um
einen möglichst festen und tiefen Schlaf zu bewirken, und
Vermeidung aller das Nervensystem stärker aufregenden
psychischen und physischen Reize, z. B. allzu reichliche
Abendmahlzeiten, zu rechnen sein. Entschieden abzuraten ist von den
gebräuchlichen Gewaltmitteln, wie z. B. den vor das Bett
gestellten Wassergefäßen, Prügeln u. dgl.
Jedenfalls hat man die Nachtwandler unter eine angemessene Aufsicht
zu stellen, damit sie in ihren Paroxysmen weder sich noch andern
Schaden zufügen können. Vgl. Magnetische Kuren.

Somnium (lat.), Traum.

Somnolénz (lat.), Schläfrigkeit,
schlafsüchtiger Zustand, leichtester Grad von
Betäubtheit.

Somnus (lat.), Gott des Schlafs, s. Hypnos.

Somogy (spr. schómodj, Sümeg), Komitat in
Ungarn, am rechten Donauufer zwischen dem Plattensee und der Drau,
hat 6531 qkm (118,6 QM.) Areal mit (1881) 307,448 meist
ungarischen, kath. Einwohnern. Es wird von zahlreichen kleinen
Flüssen bewässert, ist sehr fruchtbar und im Süden
an der Drau teilweise sumpfig; 1/3 des Gebiets bedeckt Wald. Sitz
des Komitats, das nach dem alten Schlosse Somogyvár benannt
ist und von der Donau-Draubahn, der Linie
Stuhlweißenburg-Kanizsa und der Fünfkirchen-Barcser Bahn
durchschnitten wird, ist Kaposvár.

Somorrostro, kleiner Ort in der span. Provinz Viscaya,
10km nordwestlich von Bilbao, berühmt wegen seiner reichen
Eisenminen.

Somosierra, Dorf in der span. Provinz Madrid, am
Südabhang des gleichnamigen Gebirges (Fortsetzung der Sierra
de Guadarrama), historisch merkwürdig durch das siegreiche
Gefecht Napoleons I. gegen die Spanier 30. Nov. 1808.

Somvix ("Oberdorf", rätoroman. Sumvigel), Ort im
schweizer. Kanton Graubünden, am Vorderrhein, 880 m ü. M.
gelegen, zum Bezirk Vorderrhein gehörig, mit (1880) 1235 Einw.
Gegenüber öffnet sich das alpine, vom Somvixer Rhein
durchströmte Val S. in das Hauptthal; es bildet den Zugang zu
dem (nicht fahrbaren) Paß Greina.

Son (Sona), Fluß in Britisch-Indien, entspringt in
Zentralindien am Gebirgsstock des Amarkantak

25

Sonate.

und fließt in nordöstlicher Richtung dem Ganges zu,
den er oberhalb Patna nach einem Laufe von 748 km erreicht. Im
Unterlauf ist er schiffbar und seit 1871 durch einen bei Dehri
vollendeten Querdamm, wodurch fünf Kanäle gespeist
werden, zur künstlichen Überflutung seiner Ufer
eingerichtet.

Sonate (ital. sonata, suonata), ein in der Regel aus drei
oder vier abgeschlossenen, aber durch innere Verwandtschaft unter
sich verbundenen Sätzen bestehendes Tonwerk von ganz
bestimmter Form, zunächst für ein Soloinstrument,
namentlich Klavier, Cello, Flöte, Violine, Orgel etc.,
bestimmt, jedoch, als Duo, Trio, Quartett etc., auch auf mehrere
Instrumente und, als Symphonie, sogar auf großes Orchester
übertragen. Der erste Satz ist der speziell für die S.
charakteristische und sie von der Suite, Serenade etc.
unterscheidende; seine Form ist die darum speziell so genannte
Sonatenform. Er beginnt entweder mit einer langsamen Einleitung
(Grave, Largo) oder gleich mit dem Hauptthema (Hauptsatz) in
bewegtem Tempo (Allegro), von welchem geschlossene, modulierende
(nicht in allzufern liegende Tonarten ausschweifende) Gänge
zum zweiten Thema (Nebensatz, Seitensatz) überleiten, das zwar
in gleichem Tempo, aber in längern Notenwerten, gesangartiger
gehalten ist. Steht der Hauptsatz in Dur, so pflegt der Seitensatz
auf der Tonart der Dominante zu stehen; steht er in Moll, so kommt
die Parallel-Durtonart oder Durtonart der kleinen Sexte (z. B. bei
A moll: F dur) oder auch eine verwandte Molltonart in Anwendung.
Entweder schließt nun der erste Teil hiermit ab, oder es
folgt noch ein kleiner Schlußsatz, der zum ersten Thema
zurückführt. Die Repetition (Reprise) der den ersten Teil
des Sonatensatzes konstituierenden Themata ist durchaus für
die Form charakteristisch, und Abweichungen sind selten und
bedeuten ein Zerbrechen der Form (Beethoven). Der nun folgende
zweite Teil (Durchführungssatz) besteht ausschließlich
in Verarbeitung des vorausgegangenen thematischen Materials (selten
bringt er noch ein selbständiges Thema) und leitet ohne
Wiederholung durch den sogen. Rückgang zum dritten Teil
über. Dieser bringt wieder das Hauptthema in der Haupttonart,
führt jedoch diesmal (mit oder ohne Gang) den Seitensatz und
etwanigen Schlußsatz gleichfalls in der Haupttonart oder
gleichnamigen Molltonart ein und beschließt entweder hiermit
das Tonstück, oder es folgt ihm noch ein besonderer Anhang
(coda), der hier meistens etwas länger ausgeführt ist als
im ersten Teil. Bildungen wie die der ersten Sätze der sogen.
Mondscheinsonate (Op. 27, Cis moll) oder der As dur-Sonate (Op. 26)
von Beethoven haben mit diesem Schema nichts zu thun. Beiden
Sonaten fehlt der eigentliche erste Satz; sie beginnen mit dem
langsamen, der in der Regel der zweite ist. Charakteristikum des
zweiten Satzes ist die langsame Bewegung (nur ausnahmsweise
vertauschen der langsame Satz und das gleich zu besprechende
Scherzo ihren Platz). Seine Form kann eine sehr verschiedenartige
sein. Ist er wie der erste mit zwei kontrastiernden Themata
ausgestattet, so ist das bewegtere das zweite; die Reprise und
Durchführung fallen weg, dagegen erscheint gern das Hauptthema
dreimal, meist mit immer gesteigerter Figuration. Oft begnügt
sich der Tonsetzer mit der Liedform, d. h. der Themataordnung
I-II-I. Sehr beliebt ist auch die Variationenform für den
zweiten Satz. Die Tonart des zweiten Satzes ist meist die der
Unterdominante. Der dritte Satz bringt Menuett oder Scherzo,
gewöhnlich wieder in der Haupt- oder doch in einer eng
verwandten Tonart. In ältern Sonaten fehlt Menuett oder
Scherzo gänzlich, so daß man gleich vom zweiten zum
letzten Satz, dem Finale, gelangt. Dieser steht bei
durchschnittlich schneller Bewegung immer in der Haupttonart,
verwandelt sie aber nicht selten aus Moll in Dur. Seine Form ist
entweder die Sonatenform, in der Regel ohne Reprise, aber mit
Durchführung, oder eine weit ausgesponnene Rondoform mit mehr
als zwei meist kurzen Themata. In seltenen Fällen läuft
er in eine Fuge aus. Beethoven handhabt die Form sehr frei und
beschränkt sich manchmal auf nur zwei Sätze und zwar
nicht nur in der kleinen S. (Sonatine), bei der das fast die Regel
ist, sondern auch in groß und ernst angelegten Werken (Op.
53, 54, 78, 90, 101, 111).

Geschichte. Sonata ("Klingstück") ist ursprünglich, d.
h. als die Anfänge einer selbständigen Instrumentalmusik
sich entwickelten (gegen Ende des 15. Jahrh.), eine ganz allgemeine
Bezeichnung für Instrumentalstücke und der Gegensatz von
Cantata ("Singstück"). Die ältesten Komponisten, welche
den Namen S. gebrauchten, waren Giovanni Croce (1580) und Andrea
Gabrieli, dessen "S. a 5 istromenti" (1586) leider nicht mehr zu
finden sind. Dagegen sind uns einige Sonaten von seinem Neffen
Giovanni Gabrieli erhalten (I597 und 1615). Diese ältesten
Sonaten sind Stücke für mehrere Instrumente (Violinen,
Violen, Zinken und Posaunen), und ihr Schwerpunkt liegt in der
Entfaltung harmonischer Fülle. Ihre praktische Bestimmung war
die, einem kirchlichen Gesangswerk als Einleitung vorausgeschickt
zu werden, die S. tritt in der Folge (völlig gleichbedeutend
mit Symphonia) als Einleitung der Kantate auf. Gegen Ende des 17.
Jahrh. begann man die Sonata da chiesa (Kirchensonate) von der
Sonata da camera (Kammersonate) zu unterscheiden. Die letztere
schied die Blasinstrumente aus und wurde schließlich die
Prärogative der Violine (Biber, Corelli), ja die alte Art der
für die Kirche bestimmten S. wurde gleichfalls nach Art der
Kammersonate zugestutzt und nur, statt mit Cembalo, mit der Orgel
begleitet. Neben beiden bestand die vielstimmige, besonders mit
Blasinstrumenten besetzte S. fort für Tafelmusik und
ähnliche weltliche Bestimmungen. Diese Sonaten, auch die
Corellischen und Biberschen, haben mit der neuern Sonatenform noch
wenig mehr gemeinsam als die Zusammensetzung aus mehreren Teilen
von verschiedener Bewegungsart, welche bereits I. Gabrieli seinen
letzten Sonaten gegeben hatte. Corelli schrieb sie viersätzig:
Adagio, Allegro, Adagio, Allegro. Die Übertragung des Namens
S. auf Klavierwerke ähnlicher Gestaltung ist das Werk Johann
Kuhnaus (s. d.). Die letzte Vollendung der Form der S., namentlich
ihres charakteristischen ersten Satzes, erfolgte durch Domenico
Scarlatti, J. S. Bach, Philipp Emanuel Bach, Joseph Haydn, Mozart
und Beethoven. Die Umbildung des Stils der S. ist nichts derselben
Eigentümliches, sondern geht parallel mit der Entwickelung der
Instrumentalmusik und insbesondere des Klavierstils überhaupt,
welcher nach J. S. Bach allgemein, aber schon früher in
ziemlich ausgedehntem Maß eine freiere (homophone) Setzweise
erfuhr. Die Form der S. wurde durch Haydn, Mozart und Beethoven auf
die Komposition für verschiedene Ensembles (Violine und
Klavier, Klavier, Violine und Cello, Streichtrio, Streichquartett
etc.) und für Orchester (Symphonie) übertragen. Nach
Beethoven haben die Form der S. mit besonderm Glück Franz
Schubert, Mendelsohn, Rob. Schumann und in neuester Zeit Johannes
Brahms, Joachim Raff, Anton Rubinstein, I. Rhein-

26

Sonatine - Sonett.

berger und Robert Volkmann behandelt. Vgl. Marx,
Kompositionslehre, Tl. 3 (5. Aufl., Leipz. 1868); Faißt,
Beiträge zur Geschichte der Klaviersonate (in der
"Cäcilia", Bd. 25 u. 26, Mainz 1847); Bagge, Geschichtliche
Entwickelung der S. (Leipz. 1880).

Sonatine, s. v. w. kleine Sonate, leichtverständlich
und leicht zu spielen; der erste Satz der S. hat entweder keine
oder nur eine sehr kurze Durchführung, die Zahl der Sätze
ist meist 2 oder 3 (vgl. Sonate).

Soncino (spr. ssontschino), Dorf in der ital. Provinz
Cremona, Kreis Crema, unweit des Oglio, hat ein altes Schloß,
bekannt durch die Gefangenschaft und den Tod (1259) des
Statthalters Ezzelino, Seidenbau und (1881) 3965 Einw.

Sond., bei botan. Namen Abkürzung für W.
Sonder, Apotheker in Hamburg (Algen, Kapflora).

Sonde (Specillum), dünnes, rundes, 12-28 cm langes
Stäbchen, gewöhnlich aus Stahl oder Silber, an der Spitze
abgerundet oder mit einem Knöpfchen oder Öhr versehen,
dient zur Untersuchung von Wunden, Geschwüren etc., zum
Einbringen von Scharpie oder Fäden oder als Leitungswerkzeug
für schneidende Instrumente, in welchem Fall es der Länge
nach gefurcht oder gerinnt ist (Hohlsonde). Im Seewesen ist S. s.
v. w. Senkblei.

Sonderbund, der Bund der sechs ultramontanen Kantone der
Schweiz (1845), der 1847 den Sonderbundskrieg zur Folge hatte. S.
Schweiz, S. 762.

Sonderburg, Kreisstadt in der preuß. Provinz
Schleswig-Holstein, auf der Insel Alsen und am Alsensund, über
welchen eine Schiffbrücke zum Festland führt, hat eine
evang. Kirche, ein Schloß, ein Realprogymnasium, ein
Amtsgericht, Eisengießereien, Dampfmahlmühlen,
Färbereien, ein Seebad, einen guten Hafen und (1885) mit der
Garnison (ein Füsilierbataillon Nr. 86) 5266 fast nur evang.
Einwohner. - S. war schon 1253 vorhanden, brannte 1864 während
der Belagerung der Düppeler Schanzen teilweise nieder und fiel
29. Juni d. J. mit dem Übergang der Preußen nach Alsen
in deren Hände. Die Festungswerke sind neuerdings aufgegeben.
Nach S. wird die apanagierte Linie der Herzöge von S. benannt
(s. Schleswig-Holstein, S. 524).

Sondereigen, gesondertes Privateigentum im Gegensatz zum
gemeinschaftlichen oder Gemeineigen.

Sondergut (Einhands-, Rezeptiziengut), das Vermögen
der Ehefrau, welches sie sich zur freien Verfügung
vorbehält (s. Güterrecht etc., S. 949).

Sonderland, Johann Baptist, Maler und Radierer, geb. 2.
Febr. 1805 zu Düsseldorf und an der Akademie daselbst sowie
auf Studienreisen in Paris, Holland und Frankfurt a. M. gebildet,
zeichnete sich in seinen Genrebildern durch Reichtum der Erfindung,
Lebendigkeit der Darstellung und naiven Humor aus. Unter dem Titel:
"Bilder und Randzeichnungen zu deutschen Dichtern" fertigte er eine
große Anzahl radierter Blätter sowie auch die
Illustrationen zu Reinicks "Malerliedern", zu "Münchhausen"
von Immermann etc. In den letzten Jahren seines Lebens wandte er
sich ausschließlich der Illustration zu und schuf eine
große Zahl von Aquarellkompositionen, Lithographien nach
eignen und fremden Originalen, Randzeichnungen etc. Er starb 21.
Juli 1878. Sein Sohn Friedrich S., geb. 20. Sept. 1836 zu
Düsseldorf ist ebenfalls ein begabter Maler, der besonders im
humoristischen Genre hervorragend ist.

Sonderling, Schmetterling, s. Aprikosenspinner.

Sondernachfolge, s. Rechtsnachfolge.

Sondershausen, Haupt- und Residenzstadt des
Fürstentums Schwarzburg-S., in der sogen. Unterherrschaft, am
Fuß der Hainleite, an der Wipper und der Linie
Nordhausen-Erfurt der Preußischen Staatsbahn, hat 3 Kirchen,
ein ansehnliches Residenzschloß mit Antiquitäten- und
Naturaliensammlung und schönem Garten, ein Gymnasium, eine
Realschule, ein Schullehrerseminar, ein Konservatorium, ein
Theater, ein Zeughaus, ein Landeskrankenhaus, Nadelfabrikation, 2
Dampfziegeleien, eine Dampfschneidemühle und (1885) 6336 meist
evang. Einwohner. S. ist Sitz der obersten Landesbehörden,
eines Landratsamtes und eines Amtsgerichts. Vor der Stadt liegt das
Loh, ein Vergnügungsort, und unweit von S. auf der Hainleite
das Jagdschloß Possen (s. d.).

Sondersieche, s. v. w. Aussätzige, s. Aussatz, S.
127.

Sondieren, mit dem Senkblei (Sonde) die Tiefe
ergründen; ausforschen, prüfen.

Sondrio, ital. Provinz im N. der Lombardei, begreift
großenteils das bis 1797 zu Graubünden gehörige
Veltlin, wird im N. von der Schweiz, im O. von Tirol und der
Provinz Brescia, im Süden von Bergamo und im W. von Como
begrenzt und umfaßt 3268, nach Strelbitsky 3123 qkm (56,7
QM.) mit (1881) 120,534 Einw. Das Land besteht der Hauptsache nach
aus den Thälern der obern Adda und der Mera, welche von
mehreren Gebirgsgruppen der Alpen (Bernina-, Ortler- und
Bergamasker Alpen) flankiert werden. Über das Gebirge
führen im W. der Splügen, im O. das Stilfser Joch; auch
münden hier die Straßen über den Maloja- und
Berninapaß. Der Boden ist großenteils Weide und Wald
(57,538 Hektar); das bebaute Land bringt Wein (1886: 119,200 hl,
doch gute Sorten), etwas Getreide, viel Kartoffeln, Obst etc.
hervor; das Mineralreich liefert Eisen, Blei und andre Metalle und
Mineralien. Neben dem sehr beschränkten Ackerbau, der Vieh-
und Seidenzucht und Holzgewinnung wird etwas Industrie
(Seidenfilanden, Baumwollspinnerei, Metallindustrie) und Handel
betrieben. Durch die Eisenbahnen Colico-Sondrio und
Colico-Chiavenna in Verbindung mit der Dampfschiffahrt am Comersee
ist die Provinz in neuester Zeit dem Weltverkehr näher
gerückt worden. Von Bedeutung sind endlich die ausgezeichneten
Mineralquellen (vor allen die zu Bormio). Doch genügen die
vorhandenen Erwerbsquellen nicht, so daß viele Bewohner
alljährlich auswärts Beschäftigung suchen
müssen. Die gleichnamige Hauptstadt, malerisch an der
Mündung des Mallero in die Adda und an der Bahn Colico-S.
gelegen, hat ein königliches Lyceum und Gymnasium, eine
technische Schule, ein Gewerbeinstitut, eine städtische
Bibliothek, ein Nationalkonvikt, ein großes Krankenhaus, ein
schönes Theater, ein ehemaliges Kloster (jetzt
Traubenkuranstalt), Ruinen eines Schlosses, Seidenindustrie,
Töpferei (aus dem im Val Malenco gebrochenen Lavezstein),
Handel und (1881) 3989 Einw. S. ist Sitz eines Präfekten.

Sonett (ital., Klanggedicht), kleines Gedicht von
bestimmter Form, bestehend aus 14 (in der Regel iambischen) Zeilen,
von denen die ersten 8 und die letzten 6 miteinander reimen und
zwar so, daß die 8 ersten, in zwei Strophen von je 4 Zeilen
zerfallend (Quaternarien oder Quatrains), nur zwei Reime haben,
welche je viermal anklingen und in dem Verhältnis der
Reimumschlingung zu einander stehen

27

Songarei - Sonnborn.

(abba abba), die 6 letzten dagegen, in zwei Strophen von je 3
Zeilen zerfallend (Terzinen), mit zwei oder auch drei
Reimklängen beliebig wechseln können (cdc ded, cde cde,
cde dce etc.). Das S. ist eine ebenso schöne wie kunstvolle,
aber auch schwierige Form für die reflektierende Lyrik, weil
sie nicht nur einen bedeutenden Reichtum an Reimen erfordert,
sondern auch die innere Gedankenordnung sich genau den Abteilungen
anschmiegen soll, nicht bloß so, daß mit der 4., 8. und
11. Zeile eine Sinnpause eintreten muß, sondern die Art des
Gedankenvortrags soll auch mit jeder neuen Strophe eine neue
Wendung nehmen. Unbedingt verpönt ist namentlich das
Herüberziehen des Satzes aus der 8. in die 9. Zeile.
Hervorgegangen aus der provencalischen Poesie, fand das S. in der
Mitte des 13. Jahrh. in die italienische Poesie Aufnahme. Die erste
regelmäßige Gestalt gab ihm Fra Guittone von Arezzo, die
höchste Vollendung Dante und Petrarca; im übrigen ist die
Zahl der italienischen Sonettendichter unendlich. In Frankreich
ward das S. erst im 16. Jahrh. wieder aufgenommen, aber als Bouts
rimés zum leeren Witz- und Reimspiel herabgewürdigt.
Auch in England, wohin es durch Howard Graf Surrey verpflanzt ward,
war es eine Zeitlang Modeform (Shakespeare). In Spanien haben sich
Boscau, Garcilaso de la Vega, Mendoza etc., in Portugal namentlich
Camoens als Meister des Sonetts ausgezeichnet. In der deutschen
Poesie finden sich Anklänge an das S. bereits bei Walther von
der Vogelweide. Eigentlich eingeführt ward es zuerst von
Weckherlin und Opitz (in Alexandrinern) und unter dem Namen
Klanggedicht bald mit Vorliebe (Gryphius, P. Fleming etc.)
bearbeitet. Später geriet es wieder in Vergessenheit, bis es
durch Bürger und dann durch die romantische Schule von neuem
aufgenommen und mit Eifer kultiviert wurde. Treffliche deutsche
Sonette haben Schlegel, Goethe, Rückert, Platen, Chamisso,
Herwegh, Geibel, Strachwitz u. a. geliefert. Sonettenkranz ist eine
Reihe von 15 Sonetten, von denen 14 durch ihre Anfangs- oder
Endzeilen das 15., das sogen. Meistersonett, bilden. Vgl.
Tomlinson, The sonnet, its origin, structure etc. (Lond. 1874);
Welti, Geschichte des Sonetts in der deutschen Dichtung (Leipz.
1884); Lentzner, Über das S. in der englischen Dichtung (Halle
1886).

Songarei, Land, s. Dsungarei.

Songhay, Negerstamm, s. Sonrhai.

Songka (Sangkoi oder Roter Fluß), Hauptfluß
der franz. Kolonie Tongking (Hinterindien), entspringt mit drei
westlichern und einer östlichen Quelle in den
Südabhängen der die chinesische Provinz Jünnan
durchziehenden hohen Gebirgskette. In China heißt er
Hongkiang, bei Laokai tritt er über die Grenze, bleibt wie
zuvor noch 140 km von Bergen eingefaßt und bildet zahlreiche
Stromschnellen. Später wird er ruhiger, nimmt rechts den
Hellen Fluß und links den Klaren Fluß auf und spaltet
sich unterhalb in zahlreiche Arme, von denen die linksseitigen mit
dem Thaibinh oder Bakha durch drei künstliche Kanäle und
andre Wasseradern in Verbindung stehen, so daß hier ein
mächtiges Delta gebildet wird, und ergießt sich in den
Meerbusen von Tongking. An einem Arm des Thaibinh liegt Haiphong,
der Haupthafen des Gebiets. Der S. wurde zuerst 1870 von Dupuis von
der chinesischen Stadt Manghao bis zu seinem Eintritt in die Ebene
und 1872 aufwärts bis Jünnan hinein befahren. Auch der
Klare Fluß ist bis zur chinesischen Grenze, der Schwarze
Fluß eine große Strecke aufwärts für leichte
Fahrzeuge befahrbar. Am rechten Ufer des S., 175 km von der
Mündung, liegt die Hauptstadt Hanoi, die im 8. Jahrh. noch am
Meer gelegen haben soll, ein Beweis für die rasche
Deltabildung des Flusses.

Sonica (franz.), wird in Hasardspielen von einer Karte
gesagt, die beim ersten Aufschlagen über Gewinn und Verlust
entscheidet; im weitern Sinn s. v. w.. sogleich, zu rechter
Zeit.

Soninke, Negerstamm, s. Serechule.

Sonklar, Karl, Edler von Innstädten,
österreich. Militär und Geograph, geb. 2. Dez. 1816 zu
Weißkirchen in der damaligen Militärgrenze, besuchte
1829-32 die mathematische Schule in Karansebes, an welcher er eine
Zeitlang auch Lehrer war, stand 1839-48 als Infanterieoffizier in
Agram, Graz und Innsbruck und benutzte seinen Aufenthalt in Graz
dazu, Studien über Physik und Chemie an der dortigen
Universität zu machen, wogegen er von Innsbruck aus
weitreichende Wanderungen in den Alpen machte. Von 1848 bis 1857
lebte er als Erzieher des Erzherzogs Karl Viktor in
Schönbrunn, wirkte seit 1857 als Lehrer der Geographie an der
Militärakademie in Wiener-Neustadt, aus welcher Stellung er
1872 als Generalmajor in den Ruhestand trat und seinen Aufenthalt
in Innsbruck nahm, wo er 10. Jan. 1885 starb. Seine ersten
Schriften: "Über Führung einer Arrieregarde" (1844),
"Über die Heeresverwaltung der alten Römer im Frieden und
Krieg etc." (Innsbr. 1847), waren rein militärischen
Charakters; später aber wandte er sich der Geographie zu und
hat auf dem Gebiet der Orographie die größten Erfolge
aufzuweisen. Als Anhänger K. Ritters war er bestrebt, die
Ursachen der Erscheinungen, welche unmittelbar zu beobachten er
seit 1857 jährlich Reisen in die Alpen (1870 nach Ungarn, 1875
nach Italien) unternahm, aufzuspüren und darzulegen. Als
Frucht dieser Einzelforschungen veröffentlichte er:
"Reiseskizzen aus den Alpen und Karpathen" (Wien 1857); "Die
Gebirgsgruppe der Hochschwab" (das. 1859); "Die Ötzthaler
Gebirgsgruppe" (Gotha 1860, mit Atlas); "Die Gebirgsgruppe der
Hohen Tauern" (Wien 1866); "Die Zillerthaler Alpen" (Gotha 1877).
Sein in mehrfacher Hinsicht grundlegendes Hauptwerk ist aber die
"Allgemeine Orographie oder Lehre von den Reliefformen der
Erdoberfläche" (Wien 1872). Noch veröffentlichte er
außer verschiedenen Lehrbüchern der Geographie, die
ebenfalls besonderes Gewicht auf die Darstellung des Erdreliefs
legen: "Die Überschwemmungen" (Wien 1883) und bearbeitete
für die vom Deutschen u. Österreichischen Alpenverein
herausgegebene "Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung auf
Reisen" den Teil "Die Orographie u. Topographie, Hydrographie und
Gletscherwesen" (Münch. 1879). In der Kunstlitteratur
versuchte er sich durch eine "Graphische Darstellung der Geschichte
der Malerei" (Wien 1853).

Sonn., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für P. Sonnerat (spr. ssonn'ra), geb. 1749, Reisender, gest.
1814 in Paris (Zoologie, Botanik).

Sonnabend (d. h. der Abend vor dem Sonntag), der siebente
Tag der Woche im christlichen Kalender, der Sabbat im
jüdischen Kalender. An die letztere Bedeutung erinnern die
Namen Samstag im Deutschen, samedi im Französischen u. a.,
wogegen sich die römische Bezeichnung dies Saturni
(Saturnustag), im plattdeutschen Zaturdag, Saterdag sowie im
englischen Saturday erhalten hat.

Sonnblick, Berg, s. Rauriser Thal.

Sonnborn, Landgemeinde im preuß. Regierungsbezirk
Düsseldorf, Kreis Mettmann, an der Wupper

28

Sonne (Entfernung, Parallaxe, Größe,
Oberfläche).

und an den Linien Neuß-Schwelm und Düsseldorf-Schwelm
der Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine
kath. Kirche, mechanische Weberei, eine Tapetenfabrik,
Kalksteinindustrie, Fabrikation landwirtschaftlicher Maschinen und
(1885) 7543 meist evang. Einwohner.

Sonne (hierzu Tafel "Sonne"), der Zentralkörper des
Planetensystems, zu dem die Erde gehört, an Volumen und Masse
weitaus der größte unter den Körpern dieses Systems
und für sie alle Quelle von Licht und Wärme.

[Entfernung von der Erde, Parallaxe.] Da die Erde sich in einer
Ellipse um die im Brennpunkt stehende S. bewegt, so ist die
Entfernung beider Himmelskörper voneinander veränderlich,
wie sich schon aus den zwischen 32' 36'' und 31' 32'' schwankenden
Werten des scheinbaren Halbmessers der S. ergibt. Die mittlere
Größe dieser Entfernung ist eins der wichtigsten
Elemente der Astronomie, denn sie bildet die Einheit, in welcher
man die Entfernungen der Weltkörper zunächst ermittelt.
Man bezeichnet sie gewöhnlich mit den Namen Sonnenweite,
Sonnenferne oder auch Erdweite. Dem dritten Keplerschen Gesetz
zufolge verhalten sich die dritten Potenzen der mittlern
Entfernungen zweier Planeten von der S. wie die Quadrate ihrer
Umlaufszeiten. Sind daher die letztern durch Beobachtung bekannt,
so kann man das Verhältnis zwischen den mittlern Entfernungen
berechnen. Ebenso läßt sich die Entfernung derjenigen
Fixsterne, bei denen die Bestimmung der jährlichen Parallaxe
(s. d.) gelungen ist, in Erdweiten angeben. Um nun die
Größe einer Erdweite in geographischen Meilen oder
Kilometern zu finden, muß die Parallaxe der S. bekannt sein.
Diese kann man aber, ihrer Kleinheit wegen, nicht direkt durch
Beobachtung von Sonnenhöhen an verschiedenen Punkten der Erde
finden; man bestimmt sie vielmehr indirekt, indem man die Parallaxe
und Entfernung der Planeten Mars und Venus in ihrem geringsten
Abstand von der Erde durch Beobachtung ermittelt. Dom. Cassini
leitete zuerst aus den Beobachtungen des Mars zur Zeit seiner
Opposition eine Parallaxe von 25'' ab, und da die Entfernung des
Mars von der Erde zur Zeit der Beobachtung 0,4 von der Entfernung
der Erde von der S. betrug, so ergab sich daraus die
Sonnenparallaxe = 0,4.25'' oder 10'', was eine Entfernung der S.
von 20,700 Erdhalbmessern gibt. Statt des Mars kann man auch die
Venus in ihrer Erdnähe beobachten. Dieselbe kehrt uns dann
ihre dunkle Seite zu und ist nur sichtbar, wenn sie vor der
Sonnenscheibe vorübergeht, wenn ein sogen. "Durchgang der
Venus durch die S." stattfindet. Halley machte zuerst (1677) auf
die Wichtigkeit der Venusdurchgänge für die Bestimmung
der Sonnenparallaxe aufmerksam und schlug eine hierzu geeignete
Beobachtungsmethode vor (1691 u. 1716). Seitdem sind alle
Venusdurchgänge (9. Juni 1761, 2. Juni 1769, 8. Dez. 1874 und
6. Dez. 1882) mit größter Sorgfalt beobachtet worden.
Aus den Beobachtungen von 1761 und 1769 hat Encke den Wert der
Sonnenparallaxe zu 8,57116'' bestimmt, was eine Entfernung der S.
gleich 24,043 Erdhalbmessern oder 20,682,000 geogr. Meilen gibt.
Bis Anfang der 60er Jahre galt dieser Wert als der
zuverlässigste. Eine neue Berechnung von Powalky, bei welcher
genauere Werte für die Längen einiger Beobachtungsorte
benutzt wurden, gab für die Sonnenparallaxe den
größern Wert 8,855''. Ferner berechnete Newcomb aus den
Beobachtungen des Mars zur Zeit seiner Opposition 1862, die nach
einem von Winnecke entworfenen Plan auf zahlreichen Sternwarten
angestellt wurden, den Wert 8,848''. Später hat Galle aus
Oppositionsbeobachtungen des Planeten Flora, der im Oktober und
November 1873 sich der Erde bis auf 0,87 Sonnenweiten näherte,
den Wert 8,873'' berechnet, fast übereinstimmend mit der Zahl
8,879, welche Puiseux aus den französischen Beobachtungen des
Venusdurchganges von 1874 abgeleitet hat. Leverrier hatte
früher aus den Störungen der Venus den Wert 8,95''
berechnet, und ähnliche Werte, sämtlich größer
als der Enckesche, sind von Hansen, Delaunay und Plana aus gewissen
Ungleichheiten der Mondbewegung gefunden worden. Endlich kann man
die Sonnenparallaxe auch finden, wenn man die Lichtgeschwindigkeit
unabhängig von astronomischen Beobachtungen bestimmt und die
sogen. Lichtgleichung, d. h. die Zeit, in welcher das Licht von der
S. zur Erde gelangt, oder auch den Aberrationswinkel (s. Aberration
des Lichts) kennt. Nach den neuesten Versuchen von Newcomb
beträgt aber die Lichtgeschwindigkeit im leeren Raum 299,860
km, und daraus ergibt sich mit Nyréns Wert der
Aberrationskonstanten (s. Aberration) eine Sonnenparallaxe von
8,794'', entsprechend einer Entfernung der S. von 149,61 Mill. km.
Da eine Bearbeitung der sämtlichen Beobachtungen der
Venusdurchgänge von 1874 und 1882 zur Zeit noch nicht
vorliegt, so bedient man sich gewöhnlich des Newcombschen
Wertes 8,85'' für die Sonnenparallaxe. Hiernach beträgt
die mittlere Entfernung der S. 23,307 Erdhalbmesser = 148,670,000
km = 20,036,000 geogr. Meilen. Das Licht braucht 8 Min. 18 Sek. zur
Zurücklegung dieses Wegs. Da die Exzentrizität der
Erdbahn ungefähr 1/60 beträgt, so wird die Entfernung im
Perihel um etwa 1/3 Mill. Meilen verkleinert, im Aphel um
ebensoviel vergrößert.

[Scheinbare und wahre Größe.] In mittlerer Entfernung
erscheint der Sonnenhalbmesser unter einem Winkel von 16' 1,8''
oder 961,8''; daraus berechnet sich der wahre Durchmesser der S. =
(961,8)/(8,85) = 108,556 Erddurchmessern = 1,387,600 km = 187,000
geogr. Meilen, also ungefähr 1 4/5 mal so groß als der
Durchmesser der Mondbahn. Ein Bogen auf der Mitte der S., der uns
unter einem Winkel von 1'' erscheint, hat eine Länge von 720
km, und selbst der feinste Spinnwebenfaden eines Mikrometers
verdeckt noch gegen 200km. Die S. hat 11,800 mal soviel
Oberfläche und 1,279,000 mal soviel Volumen als die Erde, 600
mal soviel als alle Planeten zusammen. Ihre Masse ist das 319,500
fache von der Erdmasse, mehr als das 700 fache aller
Planetenmassen. Die mittlere Dichte aber ist nur 0,253 oder
ungefähr 1/4 von der unsrer Erde, also 1,4 von der des
Wassers. Da die Schwerkraft an der Oberfläche eines
Himmelskörpers, abgesehen von den Wirkungen der
Zentrifugalkraft, proportional ist dem Produkt aus mittlerer Dichte
und Durchmesser, so ist dieselbe auf der S. 108,6.0,253 = 27,5 mal
so groß als bei uns, und während ein Körper auf der
Erde 4,9 m in der ersten Sekunde fällt, beträgt der
Fallraum auf der S. 135 m.

[Oberfläche.] Während bei Anwendung mäßiger
Vergrößerung die leuchtende Oberfläche der S. , die
Photosphäre, glatt und gleichförmig erscheint, erblickt
man sie durch Instrumente von großer Öffnung mit starker
Vergrößerung bei klarer und ruhiger Luft wie bedeckt mit
leuchtenden, in ein weniger helles Netzwerk eingebetteten
Körnern. Schon W. Herschel hat dieselben wahrgenommen und als
"Runzeln" bezeichnet, später hat sie Nasmyth mit
Weidenblättern, Secchi aber mit Reiskörnern verglichen.
Nach

29

Sonne (Flecke und Fackeln, Rotation).

Langley hat die Photosphäre ein wollig-wolkenartiges
Aussehen, aber neben den verwaschen wolkenartigen Gebilden
unterscheidet man noch zahlreiche schwache Fleckchen auf hellem
Grund, und unter günstigen Umständen lösen sich die
wolkenähnlichen Gebilde in eine Menge kleiner intensiv
leuchtender Körner auf, die in einem dunklern Medium
suspendiert erscheinen. Die erwähnten Fleckchen haben jetzt
das Aussehen von Öffnungen oder Poren, entstanden durch
Abwesenheit der weißen Wolkenknoten und Durchscheinen des
dunklern Grundes; der Durchmesser beträgt bei den deutlicher
wahrnehmbaren 2-4 Bogensekunden. Die hellen Knötchen oder
Reiskörner Secchis bestehen nach Langley aus Anhäufungen
kleiner Lichtpunkte von ungefähr 1/3'' Durchmesser. Janssen
hat Photographien der S. bis zu einem Durchmesser von 30cm und mehr
dargestellt, die unter der Lupe sehr deutlich die granulierte
Beschaffenheit der Photosphäre zeigen. An Stellen, wo die
Granulationen am deutlichsten ausgeprägt sind, besitzen die
Elemente alle eine mehr oder minder kugelförmige Gestalt, und
das um so mehr, je geringer ihre Größe ist. Der
Durchmesser dieser Kugeln ist sehr verschieden, von wenigen
Zehnteln der Bogensekunde bis zu 3 und 4''. Die ganze
Oberfläche der Photosphäre erscheint in eine Reihe von
mehr oder minder abgerundeten, oft fast geradlinigen, meist an
Vielecke erinnernden Figuren abgeteilt, deren Größe sehr
verschieden ist, oft einen Durchmesser bis zu 1' und darüber
erreicht. Während nun in den Zwischenräumen dieser
Figuren die einzelnen Körner bestimmt und gut begrenzt, obwohl
von sehr verschiedener Größe sind, erscheinen sie im
Innern wie zur Hälfte ausgelöscht, gestreckt oder
gewunden; ja, am häufigsten sind sie ganz verschwunden, um
Strömen von leuchtender Materie Platz zu machen, die an die
Stelle der Granulationen getreten sind. Janssen hat diese
Gestaltung als photosphärisches Netz bezeichnet.

[Sonnenflecke, Rotation.] Ferner bemerkt man auf der
Sonnenfläche schon bei schwachen Vergrößerungen
bald einzelne, bald in Gruppen zusammenstehende dunklere Stellen,
sogen. Sonnenflecke. Dieselben wurden zuerst 1610 von Fabricius
wahrgenommen, 1611 auch von Galilei und von Scheiner in Ingolstadt
entdeckt. Während ersterer die S. mit ungeschütztem Auge
beobachtete, wenn sie in der Nähe des Horizonts stand, wandte
Scheiner zuerst dunkel gefärbte Blendgläser an.
Gegenwärtig polarisiert man auch das Licht im Fernrohr durch
Reflexion und kann es dann durch abermalige Reflexion beliebig
abschwächen (Helioskop von Merz). Vielfach beobachtet man auch
das objektive Sonnenbild, das durch ein Äquatorial auf einer
weißen Fläche entworfen wird. Auch wendet man jetzt nach
dem Vorgang von Warren de la Rue häufig die Photographie an,
um getreue Abbildungen der Sonnenfläche mit ihren Flecken etc.
zu erhalten. Fig. 1 der Tafel "Sonne" zeigt den Anblick der S. nach
einer Photographie von Rutherfurd in New York 23. Sept. 1870.
Außer den Sonnenflecken zeigt dieselbe auch noch nach dem
Rand hin helle Adern, sogen. Fackeln, in Silberlicht glänzende
Streifen, die schon Galilei beobachtete. Die Sonnenflecke sind von
sehr verschiedener Größe, oft nur als dunkle Punkte
erkennbar, sogen. Poren, und oftmals 1000 Meilen und mehr im
Durchmesser haltend. Schwabe beobachtete im September 1850 einen
Fleck von 30,000 Meilen Durchmesser. Große Flecke von mehr
als 50'' = 4800 Meilen Durchmesser sind auch mit bloßem Auge
sichtbar, wenn man die S. durch dünnes Gewölk oder nahe
am Horizont oder auch ein berußtes Glas beobachtet, und es
sind solche schon vor Erfindung der Fernröhre, namentlich von
den Chinesen, vereinzelt gesehen worden. An den größern
Flecken unterscheidet man meist einen dunkeln Kern, den Kernfleck,
bisweilen mit noch dunklern Stellen, Dawes' Centra. Diese Kerne
sind umgeben mit einem matten, nach der leuchtenden
Sonnenfläche gut abgegrenzten Hof oder Halbschatten
(penumbra), ungefähr von der grauen Färbung der
Mondmeere. Doch sind auch bisweilen rötliche Färbungen
beobachtet worden, namentlich hat Secchi größere Flecke
wiederholt wie durch einen rötlichen Schleier gesehen. Nicht
selten fehlt übrigens die Penumbra, andre Male wieder der
Kernfleck.

Gleich die ersten Beobachter bemerkten, daß die
Sonnenflecke sich vom östlichen Rande der S. nach dem
westlichen bewegen, und erklärten diese Bewegung richtig durch
eine Rotation der S. um eine Achse. Die Bestimmung der Dauer der
Rotation ist aber mit Schwierigkeiten verbunden, einesteils wegen
der Veränderlichkeit, andernteils wegen der eignen Bewegung
der Flecke, die nach Laugier bisweilen über 100m in der
Sekunde beträgt. Verhältnismäßig nicht viele
Flecke behalten ihre Gestalt so lange, daß man sie
während mehrerer Rotationen verfolgen kann; viele ändern
von einem Tag zum andern ihre Gestalt teils durch Zerfallen (s.
Tafel, Fig. 2), teils durch Zusammenfließen mit andern
derart, daß sie nicht wieder zu erkennen sind; andre
verschwinden gänzlich, neue erscheinen. Das Auftreten neuer
Fleckengruppen wird meist vorher angezeigt durch ausgedehnte helle
Fackeln an der gleichen Stelle. Dessen ungeachtet hat man
zahlreiche Flecke durch mehrere Rotationen beobachtet. Man findet
nun, daß ein Fleck ungefähr 27½ Tage nach seinem
ersten Erscheinen sich wieder am Ostrand zeigt, und daraus ergibt
sich, mit Berücksichtigung der Bewegung der Erde, die wahre
Dauer einer Rotation der S. zu ungefähr 25½ Tagen. Die
genauere Bestimmung liefert aber für Flecke, die dem
Sonnenäquator nahe sind, eine kürzere Dauer als für
solche in höhern Breiten. Spörer fand z. B. für
1,5° heliographischer Breite 25,118 Tage, für 24,6°
aber 26,216 Tage. Es deutet dies auf eine Bewegung der Flecke
parallel zum Äquator. Außerdem aber ändern sich
auch die Breiten, es zeigen die meisten Flecke eine Bewegung vom
Äquator nach den Polen hin. Spörer vermutet, daß
diese Bewegungen mit Winden auf der S. zusammenhängen. Nach
seiner Bestimmung beträgt die Rotationszeit der S. 25,234
Tage, der Sonnenäquator ist um 6° 57' geneigt gegen die
Ekliptik, und die Länge seines aufsteigenden Knotens ist
74° 36'; Carrington hat 25,38 Tage, 7° 15' und 73° 57'
gefunden.

Bei der Rotation der S. zeigen die Flecke, den Regeln der
Perspektive entsprechend, gewisse regelmäßige
Formveränderungen: wenn ein Fleck sich vom Ostrand aus nach
der Mitte der S. bewegt, so wird seine Ausdehnung parallel zum
Äquator immer größer; entfernt er sich aber von der
Mitte, so wird sie immer kleiner, während gleichzeitig seine
Ausdehnung senkrecht zum Äquator ungeändert bleibt.
Wilson in Glasgow beobachtete 1769 an einem großen
Sonnenfleck, daß die Penumbra, als derselbe in der Mitte der
S. stand, links und rechts ungefähr gleich groß, vor-
und nachher aber, bei exzentrischer Stellung, allemal auf der dem
Rande der S. zunächst liegenden Seite sich am breitesten
zeigte. Wilson kam dadurch zu der Ansicht, daß die Penumbra
gebildet werde durch die trichterförmig nach unten
abfallenden, nur wenig leuchtenden Seitenwände einer
Öffnung in

30

Sonne (Korona, Protuberanzen etc.).

der Lichthülle der S., durch welche wir deren dunkeln Kern
erblicken. Daß der eigentliche Sonnenkörper dunkel sei,
hatte schon Dom. Cassini (1671) behauptet; Bode (1776) und
später W. Herschel haben der Wilsonschen Hypothese, daß
der dunkle Kern der S. zunächst von einer wenig leuchtenden,
wolkenähnlichen Hülle umgeben sei, über welche sich
die eigentliche Lichthülle ausbreite, allgemein Eingang
verschafft. Erst Kirchhoff (1861) machte darauf aufmerksam,
daß die leuchtende Hülle der S. unmöglich
bloß nach außen Licht und Wärme senden könne,
daß vielmehr auch die unter ihr liegende wolkenartige Schicht
und der Sonnenkörper selbst längst durch Leitung und
Strahlung erwärmt und ins Glühen versetzt worden sein
müßten. Aus diesen Gründen ist die Wilsonsche
Hypothese aufgegeben worden.

Die Sonnenflecke erscheinen nicht an allen Stellen der
Sonnenoberfläche in gleicher Häufigkeit. In der
Hauptsache sind sie beschränkt auf die Zonen zwischen 10 und
30° heliographischer Breite, die sogen. Königszonen. In
der Nähe des Sonnenäquators selbst sind sie nur
spärlich vorhanden, und ebenso finden sie sich selten jenseit
des 35. Breitengrads. Ferner sind die Sonnenflecke nicht zu allen
Zeiten gleich häufig, und es hat zuerst Schwabe 1843 aus
seiner seit 1826 fortgesetzten Beobachtung auf eine etwa
zehnjährige Periode der Häufigkeit geschlossen. Zu
allgemeiner Anerkennung gelangte diese Behauptung namentlich durch
die Diskussion älterer Fleckenbeobachtungen durch Wolf 1852.
Derselbe fand eine mittlere Dauer der Periode von 11 1/9 Jahren mit
Abweichungen von durchschnittlich 1 2/3 Jahren; etwa fünf
solcher Perioden bilden wieder eine größere Periode, die
durch die Höhe der Fleckenmaxima und die Tiefe der Minima
charakterisiert ist. Merkwürdig ist das 1852 von Sabine,
Gautier und Wolf erkannte Zusammentreffen der Sonnenfleckenperiode
mit derjenigen der erdmagnetischen Störungen und Variationen.
Später hat man auch in den Erscheinungen der Nordlichter, des
Regenfalls, der Stürme etc. dieselbe Periode zu erkennen
geglaubt; auch hatte schon W. Herschel einen Zusammenhang zwischen
der Häufigkeit der Sonnenflecke und der Fruchtbarkeit der
einzelnen Jahre zu erkennen geglaubt. Vgl. Hahn, Über die
Beziehungen der Sonnenfleckenperiode zu meteorologischen
Erscheinungen (Leipz. 1877); Fritz, Die Beziehungen der
Sonnenflecke zu den magnetischen und meteorologischen Erscheinungen
der Erde (Haarlem 1878).

[Korona und Protuberanzen.] Bei totalen Sonnenfinsternissen
erscheint der vor der S. stehende Mond rings umgeben mit einem
silberglänzenden, wallenden Lichtschimmer, aus dem einzelne,
oft wunderbar gekrümmte Strahlengruppen hervorschießen.
Es ist dies die sogen. Korona. Außerdem aber hat man auch
noch bei diesen Gelegenheiten eigentümliche rosenrote Gebilde
am Sonnenrand bemerkt, die bald wie Berge oder Flammen an der S.
haften, bald wie Wolken frei schweben, die Protuberanzen (vgl.
Tafel "Sonne", Fig. 3). Solche Protuberanzen sind bereits 1733 von
Vassenius in Gotenburg beobachtet und abgebildet worden; ihr
genaueres Studium beginnt aber erst mit der Sonnenfinsternis vom 8.
Juli 1842, wo Arago, Airy, Schumacher u. a. sie wahrnahmen; 1860
wurden sie bereits photographiert, und 1867 glückte es Rziha,
bei Ragusa eine Protuberanz während einer zehnzölligen
ringförmigen Finsternis zu beobachten. Endlich haben 1868
Lockyer, Janssen, Huggins und Zöllner Methoden angegeben, um
diese Gebilde auch bei vollem Sonnenschein zu beobachten. Als
Mittel hierzu dient das Spektroskop. Das Sonnenspektrum ist ein
kontinuierliches Spektrum, welches von zahlreichen dunkeln
(Fraunhoferschen) Linien unterbrochen wird, die genau dieselbe
Stelle einnehmen wie die hellen Linien in den Spektren
verschiedener Metalldämpfe. Kirchhoff zeigte, daß ein
jedes glühende Gas ausschließlich Strahlen von der
Brechbarkeit derer schwächt, die es selbst aussendet, so
daß die hellen Linien eines glühenden Gases in dunkle
verwandelt werden müssen, wenn durch dasselbe Strahlen einer
Lichtquelle treten, die hinreichend hell ist und an sich ein
kontinuierliches Spektrum gibt. Um also die dunkeln Linien des
Sonnenspektrums zu erklären, muß man annehmen, daß
die Sonnenatmosphäre einen leuchtenden Körper
umhüllt, der für sich allein ein kontinuierliches
Spektrum gibt. Die wahrscheinlichste Annahme scheint Kirchhoff die
zu sein, daß die S. aus einem festen oder
tropfbarflüssigen, in der höchsten Glühhitze
befindlichen Kern besteht, der umgeben ist von einer
Atmosphäre von etwas niedrigerer Temperatur. Durch das
erwähnte Zusammentreffen der Fraunhoferschen mit den hellen
Linien in den Spektren gewisser Metalldämpfe ist zugleich die
Anwesenheit der letztern in der Sonnenatmosphäre nachgewiesen,
und man hat auf diese Weise gefunden, daß Natrium, Calcium,
Baryum, Magnesium, Eisen, Chrom, Nickel, Kupfer, Zink, Strontium,
Kadmium, Kobalt, Wasserstoff, Mangan, Aluminium, Titan in der
Sonnenatmosphäre vorkommen; Wasserstoff und Eisendampf bilden
die Hauptgemengteile. Die Sonnenflecke zeigen nach Huggins und
Secchi dasselbe Spektrum wie die übrige Sonnenfläche, nur
sind die dunkeln Linien breiter; Secchi schließt daraus,
daß in ihnen die metallischen Dämpfe sich im Zustand
größerer Dichte befinden. Die Protuberanzen aber zeigen
ein Linienspektrum mit den hauptsächlichsten Linien des
Wasserstoffs und einigen Eisenlinien. Darauf beruht die
Möglichkeit, diese Gebilde bei hellem Sonnenschein selbst auf
der Sonnenscheibe zu beobachten. Man bringt nämlich im
Spektroskop eine größere Anzahl Prismen an, durch welche
das Spektrum des störenden Sonnenlichts so
vergrößert wird, daß es nicht mehr blendet;
dagegen bleibt die Protuberanz im Licht einer der hellen
Wasserstofflinien sichtbar, wenn man den Spalt weit öffnet
(Lockyer, Zöllner). Man weiß gegenwärtig, daß
die Protuberanzen in der Hauptsache aus glühendem Wasserstoff
bestehen, der in Massen von mannigfachster Form bis zur Höhe
von 1-3', ja in einzelnen Fällen bis über 4' Höhe
(23,000 geogr. Meilen) mit rasender Schnelligkeit (über 20
geogr. Meilen in der Sekunde) aufsteigt. Durch die Neigung der
obern Teile der Protuberanzen gibt sich eine in den höhern
Schichten der Atmosphäre herrschende Strömung nach den
Polen kund. Eine Hülle glühenden Wasserstoffgases umgibt
auch den ganzen Sonnenkörper, in der Fleckenregion fast zu
6000 Meilen, anderwärts nur etwa zu 1000 Meilen aufsteigend,
die sogen. Chromosphäre, welche namentlich in mittlern Breiten
zahlreiche haarförmige Hervorragungen zeigt. Die Korona
endlich gibt ein kontinuierliches Spektrum mit einigen hellen
Linien, darunter einer grünen Eisenlinie, die auch im
Nordlichtspektrum auftritt. Zwischen Protuberanzen und Fackeln
besteht eine enge Beziehung; es treten durchschnittlich die
schönsten Protuberanzen in der Region der Fackeln auf, und
Secchi versichert, noch niemals eine einigermaßen
glänzende Fackel am Sonnenrand selbst angetroffen zu haben,
ohne daselbst zugleich eine Protuberanz oder wenigstens eine
höhere Erhebung und

31

Sonneberg - Sonnenberg.

einen stärkern Glanz der Chromosphäre zu sehen.
Spörer hält die Protuberanzen für Vorläufer
später erscheinender Fleckengruppen. Fig. 4-6 auf Tafel
"Sonne" zeigen eine Anzahl Protuberanzen: Fig. 4 I eine Protuberanz
von 2' (11,500 geograph. Meilen) Höhe 3 Uhr 45 Min., II, III,
IV eine andre von 35 bis 40'' (3400-3800 Meilen) Höhe 6 Uhr 45
Min., 55 Min. und 57 Min.; Fig. 5 I 2. Juli 1869, 11 Uhr 35 Min.,
Höhe 65'' (6300 Meilen), II 4. Juli, 9 Uhr, Höhe 40''
(3800 Meilen), III und IV eine Protuberanz von 50-60'' (4800-5700
Meilen) Höhe 4. Juli, II Uhr 50 Min. und 12 Uhr 50 Min.

[Temperatur.] Über die Temperatur, welche auf der
Oberfläche der S. herrscht, gehen die Ansichten der Forscher
weit auseinander: während Zöllner aus theoretischen
Erwägungen über 27,000° C. findet, hat Secchi aus
aktinometrischen Messungen 5-6 Mill. Grad als untere Grenze
abgeleitet. Aus solchen Messungen haben aber anderseits Pouillet
und neuerdings wieder Vicaire und Violle bloß 1500°
gefunden. Diese verschiedenen Resultate sind Folge verschiedener
Annahmen des Wärmestrahlungsgesetzes, dessen Form uns freilich
nur innerhalb ziemlich enger Temperaturgrenzen sicher bekannt ist.
Licht- und Wärmestrahlung sind infolge der Absorption in der
Sonnenatmosphäre am Rand geringer als in der Mitte der
Sonnenscheibe. Secchi fand die Wärmestrahlung am Rand nur halb
so groß als in der Mitte, auch am Äquator bedeutender
als an den Polen. Langley hat 1874 diese ältern Beobachtungen
bestätigt gefunden. Die Flecke strahlen weniger Wärme aus
als die benachbarte Sonnenfläche (Henry 1845); doch gibt nach
Langley selbst ein Kernfleck noch mehr Wärme als ein gleich
großes, hell leuchtendes Randstück.

[Theorie der Sonne.] Nach Kirchhoffs Ansicht, die auch von
Spörer, Zöllner u. a. in der Hauptsache adoptiert worden
ist, besteht die S. aus einem in der höchsten Glühhitze
befindlichen Kern, der von einer Atmosphäre von niedrigerer
Temperatur umgeben ist. Die Sonnenflecke sind Wolken, die
Kernflecke werden durch tiefer liegende dichtere, die Höfe
durch darübergelagerte dünnere und ausgebreitetere Wolken
gebildet. Zöllner dagegen hält die Kernflecke für
Schlackenmassen, die sich auf der glühend flüssigen
Sonnenoberfläche durch Abkühlung gebildet haben und sich
auch infolge der in der Sonnenatmosphäre erzeugten
Gleichgewichtsstörungen von selbst wieder auflösen.
Diesen Anschauungen gerade entgegengesetzt, denkt sich Faye die
Sonnenmasse als einen gasförmigen, infolge seiner hohen
Temperatur in einem Zustand allgemeiner physischer und chemischer
Dissociation befindlichen Körper, an dessen durch Strahlung
etwas erkalteter Oberfläche sich chemische Verbindungen bilden
können, welche aber sofort wieder untersinken und durch neue
ersetzt werden; die Lichthülle oder Photosphäre ist daher
diese in beständiger Neubildung begriffene Oberfläche.
Wird diese Hülle an einer Stelle durch aufsteigende
Strömungen unterbrochen, oder werden Teile des Innern an die
Oberfläche gebracht, in denen der chemische (Verbrennungs-)
Prozeß nicht thätig ist, so haben wir den Anblick eines
Sonnenflecks. Während nach diesen und andern Theorien die S.
allmählich kälter wird, hat neuerdings William Siemens
("Die Erhaltung der Sonnenenergie", deutsch, Berl. 1885) eine
Theorie aufgestellt, nach welcher die von der S. ausgestrahlte
Energie derselben beständig wieder zugeführt wird. Vgl.
Faye, Sur la constitution physique du soleil (in den
"Comptes-rendus" 1865 ff.); Secchi, Die S. (deutsch von Schellen,
Braunschw. 1872); Young, Die S. (Leipz. 1883); kürzere
Darstellungen von Reis (das. 1869) und Hirsch (Basel 1874).

Sonneberg, Kreisstadt im Herzogtum Sachsen-Meiningen, 3
km lang, eng eingeklemmt zwischen Bergen an der Südseite des
Thüringer Waldes (der neue Stadtteil liegt in der Ebene), an
der Röthen, der Zweigbahn Koburg-S. (Werrabahn) und der
Sekundärbahn S.-Lauscha, hat eine schöne neue Kirche im
gotischen Stil, eine Wasserheilanstalt, blühende Industrie und
(1885) 10,247 Einw. S. ist namentlich berühmt als Mittelpunkt
der vielen umliegenden Fabrikorte, in welchen wie in der Stadt
selbst die sogen. Sonneberger Spielwaren (aus Holz und
Papiermaché), Attrappen, Masken, Glas-, Porzellan- und
Eisenwaren geliefert und von hier aus im Wert von jährlich 7,5
Mill. Mk. nach allen Weltgegenden hin versandt werden.
Außerdem liefert S. Farben, Schiefertafeln, Schieferstifte,
Schleif- und Poliersteine, Lederarbeiten etc. und hat Brauereien,
Masse-, Loh- und Schneidemühlen und Ziegelhütten. S. hat
ein Amtsgericht und eine Realschule und ist Sitz eines
Landratsamtes, eines Forstdepartements und eines Konsulats der
Vereinigten Staaten von Amerika. Vgl. Fleischmann, Gewerbe,
Industrie und Handel des meiningenschen Oberlandes (Hildburgh. 1876
ff.).

Sonnefeld, Flecken in Sachsen-Koburg, hat eine evang.
Kirche, ein Amtsgericht und 1180 Einw.; in der Umgegend
Verfertigung von Korbwaren.

Sonnemann (eigentlich Saul), Leopold, Journalist, geb.
29. Okt. 1831 zu Höchberg in Unterfranken von jüdischen
Eltern, wurde erst Kaufmann, gründete 1856 die in
Handelskreisen einflußreiche "Frankfurter Zeitung" und ist
seit 1867 alleiniger Eigentümer und Herausgeber derselben.
Auch war er Mitbegründer des volkswirtschaftlichen Kongresses
und langjähriger Referent über Bankwesen in demselben.
1871-76 und 1878-84 Mitglied des deutschen Reichstags, trat er, der
Haltung seiner Zeitung entsprechend, als Vertreter der deutschen
Volkspartei meist oppositionell auf, stimmte gegen die Annexion von
Elsaß-Lothringen, unterstützte die Beschwerden der
elsässischen Protestler und der Sozialdemokraten und
beteiligte sich positiv nur an der Beratung über das
Münz- und Bankgesetz sowie über den Zolltarif.

Sonnenbad, Bestrahlung des menschlichen Körpers
durch die Sonne zu Heilzwecken.

Sonnenbahn, s. v. w. Ekliptik (s. d.).

Sonnenbaum, s. Retinospora.

Sonnenberg, Franz Anton Joseph Ignaz Maria, Freiherr von,
Dichter, geb. 5. Sept. 1779 zu Münster, entwarf schon auf dem
Gymnasium in Münster nach Klopstocks "Messiade" den Plan zu
einem Epos: "Das Weltende" (Bd. 1, Wien 1801), das alle Fehler
einer wilden Phantasie, eines regellosen Umrisses und einer
schwülstigen Diktion vereinigt. Er studierte die Rechte, doch
nicht aus Neigung, lebte späterhin zurückgezogen in Jena
und arbeitete hier an einem zweiten Epos: "Donatoa", abermals einem
Gemälde des Weltuntergangs, welches dergestalt seine ganze
Seele erfüllte, daß er Schlaf und Speise, Umgang und
jede Lebensfreude dafür aufopferte. Er endete 22. Nov. 1805
freiwillig in Jena durch einen Sturz aus dem Fenster. Auch in
"Donatoa" (Rudolst. 1806, 2 Bde., mit Biographie von Gruber)
erscheint S. als ein Nacheiferer Klopstocks. Bei allen Fehlern in
Plan und Ausführung zeigen einzelne Stellen eine gewisse Kraft
und Hoheit und eine tiefe Innigkeit des Gemüts. Aus seinem
Nachlaß erschienen auch "Gedichte" (Rudolst. 1808).

32

Sonnenblume - Sonnenfinsternis.

Sonnenblume, s. Helianthus.

Sonnenblumenöl, fettes Öl, durch Pressen aus
den Samen von Helianthus annuus gewonnen (Ausbeute 15 Proz.), ist
hellgelb, schmeckt sehr rein, erstarrt bei -16°, trocknet,
dient als Speiseöl, zur Verfälschung des Baumöls,
zum Malen etc.

Sonnenburg, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Frankfurt, Kreis Oststernberg, an der Lenze und dem Warthebruch,
hat eine evang. Kirche, ein Schloß aus dem 16. Jahrh. (einst
Sitz eines Johanniter-Herrenmeisters, jetzt Sitz des neuen
preußischen Johanniterordens), ein Johanniterkrankenhaus,
eine Strafanstalt, ein Amtsgericht, Seidenweberei, Filzfabrikation,
eine Bilderrahmen-, eine Messingstift- und eine
Blechemballagenfabrik, Ziegelbrennerei, Dampfmühle und (1885)
6226 meist evang. Einwohner.

Sonnendarre, s. Samendarre.

Sonnendistel, s. Carlina.

Sonnenfackeln, s. Sonne, S. 29.

Sonnenfels, Joseph von, Schriftsteller, geb. 1732 zu
Nikolsburg in Mähren, besuchte die dortige Schule der
Piaristen und wollte Mönch werden, wählte aber den
Soldatenstand und diente fünf Jahre im Deutschmeisterregiment
zu Klagenfurt und Wien, wo er seine Entlassung nahm. Hierauf
beschäftigte er sich in Wien mit Rechtsstudien und arbeitete
als Gehilfe bei einem höhern Justizbeamten. Zugleich suchte er
die Wiener mit der neuern deutschen Litteratur, die neben und nach
den Erzeugnissen der Gottschedschen Schule frisch aufgeschossen
war, bekannt zu machen, gründete zu diesem Behuf 1761 eine
Deutsche Gesellschaft in Wien, schrieb Wochenblätter ("Der
Mann ohne Vorurteile", 1773) und eiferte in gleicher Weise gegen
die Versunkenheit der Wiener Bühne, zu deren Reform er durch
seine "Briefe über die wienerische Schaubühne" (Wien
1768, 4 Bde.; Neudruck 1884) wesentlich beitrug, wie gegen die
Tortur, welche infolge seiner Schrift "Über Abschaffung der
Tortur" (Zürich 1775) in ganz Österreich wirklich
beseitigt wurde. S. hatte inzwischen (1763) die Professur der
politischen Wissenschaften an der Wiener Universität erhalten;
später wurde er von der Kaiserin Maria Theresia zum Rat, 1779
zum Wirklichen Hofrat bei der Geheimen böhmischen und
österreichischen Hofkanzlei und zum Beisitzer der Studien- und
Zensurkommission, endlich 1810 zum Präsidenten der k. k.
Akademie der bildenden Künste ernannt. Er starb 25. April
1817. Auch auf dem Gebiet des peinlichen Rechts, der Polizei und
des Finanzwesens hat er sich durch Anregung wesentlicher
Verbesserungen großes Verdienst erworben. Diesem Zweck
dienten namentlich das "Handbuch der innern Staatsverwaltung" (Wien
1798) und besonders die "Grundsätze der Polizei, Handlung und
Finanz" (das. 1804, 3 Tle.). Auf der Elisabethbrücke zu Wien
wurde seine Statue (von Hans Gasser) errichtet. Seine "Gesammelten
Schriften" erschienen Wien 1783-87, 13 Bände. Vgl. W.
Müller, Joseph v. S. (Wien 1882); Kopetzky, Joseph und Franz
v. S. (das. 1882); v. Görner, Der Hanswurststreit in Wien und
Joseph v. S. (das. 1885); Simonson, I. v. S. und seine
"Grundsätze der Polizei" (Leipz. 1885).

Sonnenferne und Sonnennähe, s. Aphelium.

Sonnenfinsternis, Himmelserscheinung, bei welcher die
Sonne für eine gewisse Gegend der Erde ganz oder teilweise
durch den Mond verdeckt wird. Der Name S. ist insofern unrichtig,
als die Sonne nicht verfinstert, wie der Mond bei einer
Mondfinsternis, sondern lediglich durch den Mond für das Auge
des Beobachters verdeckt wird. Während daher eine
Mondfinsternis überall, wo der Mond über dem Horizont
steht, in demselben Augenblick und in gleicher Größe
gesehen wird, wird eine S. an verschiedenen Orten zu verschiedenen
Zeiten und in verschiedener Form beobachtet. Eine S. kann nur zur
Zeit des Neumondes eintreten, und es würde bei jedem Neumond
eine solche stattfinden, wenn die Bahn des Mondes mit der Erdbahn
in einer Ebene läge. Da aber beide Ebenen einen Winkel von
5° 8' einschließen, so kann eine S. nur eintreten, wenn
sich der Mond als Neumond in der Nähe eines Knotens,
höchstens 19° 44' von demselben entfernt, befindet. Die
verschiedene Größe der Finsternis hängt davon ab,
in welchem Teil des Mondschattens sich der Beobachter befindet. Ist
in Fig. 1 S der Mittelpunkt der Sonne, M derjenige des Mondes, so
ist der kegelförmige Raum ABC der Kernschatten des Mondes;
innerhalb desselben ist die Sonne vollständig durch den Mond
verdeckt, die S. ist für einen Beobachter in diesem Raum
total. Damit eine solche S. eintrete, darf der Mond nicht über
13 1/3° vom Knoten entfernt sein; auch muß der Mond sich
nahezu in seiner Erdnähe befinden, denn sonst erreicht die
Spitze des Kernschattens die Erde gar nicht. Der Kernschatten ist
rings umgeben von dem Halbschatten, dessen kegelförmige Grenze
durch die Linien AD und BE angedeutet wird. Ein Beobachter
innerhalb dieses Raums sieht nur einen Teil der Sonne und zwar
einen um so größern, je näher dem Rand er steht.
Ein Beobachter in F, Fig. 2, sieht die Sonne, wie es bei K
angegeben ist; die Finsternis ist für ihn (in diesem
Augenblick) partiell. Befindet sich ferner der Beobachter auf der
Verlängerung der Linie SM, so ist für ihn die Finsternis
zentral, der Mondmittelpunkt geht über den Sonnenmittelpunkt
weg; vgl. Fig. 3 und 4, wo G den Beobachtungspunkt, L die S.
darstellt. In Fig. 3 liegt G im Kernschatten, der Mond
erscheint

33

Sonnenfisch - Sonnenkultus.

größer als die Sonne: die S. ist total. In Fig. 4
aber liegt G jenseit der Spitze des Kernschattens, der Mond
erscheint kleiner als die Sonne, und ein leuchtender Ring der
letztern umgibt ihn: die S. ist ringförmig. Jede totale S.
beginnt und endigt mit einer partiellen. Wenn man eine Finsternis
für einen bestimmten Ort schlechthin als partiell bezeichnet,
so bedeutet dies, daß auch zur Zeit der stärksten
Verdeckung noch ein Teil der Sonne sichtbar ist. Man gibt die
Größe einer S. in der Weise an, daß man den
scheinbaren Sonnendurchmesser in zwölf gleiche Teile, Zolle
genannt, teilt und angibt, wieviel solcher Teile bei der
stärksten Verfinsterung bedeckt werden; die S. K in Fig. 2 ist
also neunzöllig. Eine totale Finsternis ist nur von kurzer
Dauer, denn durch die vereinigte Wirkung der Erdrotation und der
Bewegung des Mondes werden schnell andre als die anfänglich
getroffenen Punkte der Erde in den Kernschatten des Mondes
geführt. Für einen einzelnen Ort und zwar am Äquator
kann sie höchstens 8 Minuten währen, und für die
ganze Erde ist ihre größte mögliche Dauer 4 Stunden
38 Minuten. Die Zone, innerhalb deren eine S. total ist, kann am
Äquator nur eine Breite von etwa 30 Meilen haben (gleich dem
Durchmesser des Kernschattens an dieser Stelle); in polaren
Gegenden der Erde dagegen kann diese Breite gegen 200 Meilen
erreichen. Die Längenausdehnung der Zone der Totalität
beträgt nicht selten Tausende von Meilen. Östlich und
westlich sowie nördlich und südlich von der schmalen Zone
der Totalität liegen diejenigen Gegenden, die von dem
Halbschatten des Mondes getroffen werden, in denen also die
Finsternis nur partiell und zwar um so unbedeutender ist, je mehr
ihr Abstand von jener Zone beträgt. Mit Einschluß der
partiellen Finsternis östlich und westlich von der
Totalitätszone kann eine S. im äußersten Fall eine
Gesamtdauer von etwa 7 Stunden haben. Unmittelbar vor und nach der
totalen Finsternis erscheint die Sonne als schmale Sichel, die aber
weniger als den Halbkreis umfaßt, weil der Mond
größer erscheint als die Sonne. Die Berge und
Thäler am Rande des Mondes sind dann selbst bei
mäßiger Vergrößerung mit einer sonst nie zu
erreichenden Schärfe sichtbar. Während der totalen
Finsternis selbst entsteht eine eigentümliche Dunkelheit, der
Himmel erscheint grünlichblau, einige der hellern Sterne
werden sichtbar; die schwarze Mondscheibe aber ist mit einem
lebhaft glänzenden, in heftiger Wallung begriffenen breiten
Lichtring, der Korona, umgeben, von welchem gelbe Strahlen
ausgehen. Auch gewahrt man am Rande des Mondes die Protuberanzen
(vgl. Sonne und Tafel "Sonne"). Partielle Sonnenfinsternisse sind
in der Regel nicht von besondern Erscheinungen begleitet; nur wenn
mehr als drei Viertel der Sonnenscheibe verfinstert werden, bemerkt
man eine Abnahme der Tageshelle. Die Sonnenfinsternisse sind im
allgemeinen häufiger als die Mondfinsternisse. Innerhalb 18
Jahren (der von den Chaldäern mit dem Namen Saros belegten
Periode von 18 Jahren 11 Tagen = 223 synodischen oder 242
Drachenmonaten) ereignen sich nur etwa 29 Mondfinsternisse, dagegen
40 Sonnenfinsternisse, für einen bestimmten Ort aber nur 9,
und unter diesen ist alle 200 Jahre ungefähr eine totale oder
ringförmige. Die letztern sind ungefähr gleich selten. -
über die Vorausbestimmung der Sonnenfinsternisse durch
Rechnung oder Zeichnung vgl. Drechsler, Die Sonnen- und
Mondfinsternisse (Dresd. 1858); Oppolzer, Kanon der Finsternisse
(hrsg. von der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien
1887).

Sonnenfisch (Zeus Cuv.), Gattung aus der Ordnung der
Stachelflosser und der Familie der Makrelen (Scomberoidei), Fische
mit länglich eirundem, hohem, seitlich stark
zusammengedrücktem Körper, vorstreckbarem Maul,
schwachen, nicht zahlreichen Zähnen, einfacher oder doppelter
Rückenflosse, unter oder vor den kleinen Brustflossen
stehender Bauchflosse und nackter oder mit kleinen Schuppen
bedeckter Haut. Sie bewohnen nur das Meer, besonders in niedern
Breiten. Der Heringskönig (Peters-, Christus-, Martinsfisch,
Z. faber L.), 1-1,25 m lang und 15-20 kg schwer, mit zwei
getrennten Rückenflossen, von denen die erste
verlängerte, in Fäden auslaufende Strahlen besitzt, zwei
getrennten Afterflossen, welche die Bildung der Rückenflosse
bis zu einem gewissen Grad wiederholen, großen Bauch-,
kleinen Brustflossen und gabelförmigen Stacheln auf der
Bauchschneide, ist im Norden graugelb, im Mittelmeer oft
goldfarben, mit einem runden, schwarzen Fleck auf jeder Seite,
bewohnt das Atlantische und das Mittelmeer, kommt nicht selten an
den englischen Küsten vor, bevorzugt die hohe See, lebt
einzeln, folgt aber den Zügen des Pilchards an die Küste,
nährt sich von Fischen, Sepien und Krustern und wird seines
schmackhaften Fleisches halber seit dem Altertum
geschätzt.

Sonnenflecke, s. Sonne, S. 29.

Sonnengeflecht, s. Plexus.

Sonnengläser, Scheiben aus dunkel gefärbtem
(London smoke) oder schwach versilbertem Glas, welche bei
Beobachtung der Sonne zur Dämpfung des Lichts am Okular des
Fernrohrs angebracht werden. Zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis
ohne Fernrohr genügt ein Stück über einer Flamme
gleichmäßig angerußtes Fensterglas.

Sonnengold, Pflanze, s. Helichrysum.

Sonnengott, s. Apollon und Helios.

Sonnenherde, geheiligte Viehherde des Sonnengottes
(Helios). Es gab deren mehrere im Altertum, zu Erytheia, Apollonia
und auf Thrinakia. Am bekanntesten ist die letztere durch die
Odyssee geworden. Es waren sieben Herden Kühe und sieben
Herden Lämmer, jede zu 50 Stück, an denen der Sonnengott
seine Freude hatte; als die Gefährten des Odysseus, von Hunger
getrieben, einige derselben schlachteten, zürnte Helios
unversöhnlich und sendete Unheil. Wahrscheinlich werden durch
die 7*50 Kühe und Lämmer die Tage und Nächte des
Mondjahrs angedeutet. Auch der Stier des Minos auf Kreta
gehörte zu einer S. Der Gigant Alkyoneus hatte die Rinder des
Helios von Erytheia weggetrieben; Herakles erlegte ihn.

Sonnenjahr, die Zeit eines Umlaufs der Erde um die Sonne,
s. Jahr.

Sonnenkälbchen, s. Marienkäfer.

Sonnenkorn, s. Ricinus.

Sonnenkultus (Sonnenanbetung), die Verehrung der Sonne
als einer Licht und Wärme spendenden Gottheit, von deren
Wohlwollen alles Leben auf der Erde abhängt. Bei niedrig
stehenden Völkern äußert sich der S.
hauptsächlich nur in den Zeremonien, die bei
Sonnenfinsternissen zur Verscheuchung des Ungeheuers angewendet
werden, welches nach Ansicht derselben die Sonne zu verschlingen
droht, gewöhnlichen Gestalt eines Wolfs oder Dämons
gedacht, den man ebenso wie den Mondwolf mit Lärm, Geschrei
und Bogenschüssen zu verscheuchen sucht. Auf höherer
Stufe, die in der kulturgeschichtlichen Entwickelung in der Regel
mit der Kupfer- oder Bronzezeit zusammenfällt, fand der mit
Opfern und Zeremonien verknüpfte Kultus gewöhnlich in

Meyers Konv.- Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

3

34

Sonnenlehen - Sonnenmikroskop.

Anlehnung an ein Sonnenepos statt, in welchem das Lichtprinzip
(Surya der Inder, Ormuzd der Perser, Izdubar oder Nimrod der
Assyrer, Osiris der Ägypter, Herakles der Phöniker und
ältern Griechen, Dionysos der spätern Griechen, Balder
der Germanen etc.) im Kampf mit den Mächten der Finsternis
(Ahriman, Typhon, Loki etc.) gedacht wurde, bald in Form einer
Siegesreise durch die zwölf Himmelszeichen (die zwölf
Thaten des Herakles), bald eines Einzelkampfes dargestellt, bei
welchem der Sonnengott zeitweise (im Winter) unterliegt, in Fesseln
geschlagen, gebunden und geschwächt, auch wohl
verstümmelt wird, weil seine Strahlen alsdann keine Kraft
haben, aber allmählich wieder erstarkt und über seine
Gegner siegt. Als die Hauptfeste dieses Kultus wurden die Zeit der
wieder erstarkenden Sonne, das alte Julfest, und das der
Sonnenstärke (Mittsommerfest) der germanischen Stämme
begangen. Einige Völker feierten auch Klagefeste zur Zeit der
verwundeten Sonne oder des absterbenden Naturlebens, die Adonis-,
Osiris- und Thammuzfeste der assyrischen, ägyptischen und
semitischen Völker, die Dionysien und Bacchusfeste der
Griechen und Römer, die sich in Frühlings- und
Herbstfeier schieden. Bei manchen Völkern, wie z. B. den
Persern, Altmexikanern und Peruanern, fand eine Verschmelzung des
Sonnen- und Feuerdienstes (s. d.) statt, und die Sonnenopfer
mußten an den Hauptfesten mit neuem oder Notfeuer (s. d.)
entzündet werden. In spätern Zeiten wurde der Sonnengott
dann auch wohl als Mittler- und Versöhnungsgott gefeiert,
namentlich im indischen Agni, im persischen Mithra und
griechisch-italischen Dionysos. Vielfach scheint dem ausgebildeten
S. ein Mondkultus mit nächtlichen Mysterien und weiblicher
Priesterschaft vorausgegangen zu sein, namentlich bei solchen
Völkern, wo das Mutterrecht (s. d.) galt und Frauen an der
Spitze der Gemeinwesen standen (Amazonenstaaten). Ein solcher
Kultus findet sich noch heute unter ähnlichen
Verhältnissen bei wilden Völkern Afrikas und Amerikas,
und da Ähnliches in der alten Welt stattgefunden, so
erklärt sich, weshalb die Sonnengottheiten zugleich als
Schützer des Vaterrechts und Unterdrücker der Amazonen
galten, namentlich Apollon, Herakles, Perseus und andre
Sonnenkämpfer. Vgl. Dupuis, L'origine de tous les cultes (Par.
1795, 3 Bde.; neue Ausg. 1835-37).

Sonnenlehen, ehedem Bezeichnung für Besitzungen, die
in niemandes Lehen, vielmehr im vollen Eigentum der Besitzer
standen, bei welchen aber die Sonne als Lehnsherrin fingiert
ward.

Sonnenmaschine, eine Kraftmaschine zur Umsetzung der von
der Sonne gespendeten Wärme in mechanische Arbeit. Der
Gedanke, die Sonnenwärme zur Arbeitsleistung heranzuziehen,
ist alt; doch war erst nach der Ausbildung der mechanischen
Wärmetheorie eine Beurteilung der von einer solchen Maschine
zu erwartenden Leistung möglich. Nach Versuchen von Pouillet,
Herschel und Ericsson beträgt die nutzbar zu machende
Wärmemenge der Sonne pro Quadratmeter der Erdoberfläche
zwischen dem Äquator und dem 43. Breitengrad etwa 10 Kalorien
pro Minute (1 Kalorie oder Wärmeeinheit ist die zur
Erwärmung von 1 kg Wasser um 1° C. erforderliche
Wärmemenge), also 1/6 Kalorie pro Sekunde. Da nun 1 Kalorie
einer Arbeitsmenge von 426 Meterkilogramm gleichwertig ist, so
erhält man pro Quadratmeter 1/6*426=71 Meterkilogramm pro
Sekunde oder 71/75 = 0,95 Pferdekräfte. Um die erforderlichen
Temperaturen zu erzielen, muß die Sonnenwärme mittels
großer Reflektoren konzentriert werden, wozu sich nach
Provostaye und Desains Silberspiegel am besten eignen, welche 92
Proz. der auffallenden Wärme zurückstrahlen. Ferner ist
es nötig, den mit der Sonnenwärme zu heizenden
Körpern (Dampfkesseln, Heiztöpfen) eine möglichst
gut wärmeabsorbierende Oberfläche zu geben (nach Melloni
absorbieren mit Lampenruß geschwärzte Metallflächen
unter Glasbedeckung die Wärmestrahlen am besten). Die bisher
zur Verwertung der Sonnenwärme benutzten Maschinen sind
Heißluft- oder Dampfmaschinen. Ericssons S. besteht aus einer
Heißluftmaschine (s. d.), deren Heiztopf in dem Brennpunkt
eines paraboloidisch gestalteten Brennspiegels liegt. Mouchot heizt
einen Dampfkessel mittels Sonnenstrahlen, indem er ihn in Gestalt
von kupfernen, mit Ruß überzogenen und von einer
Glasglocke überdeckten Röhren in den linearen Fokus eines
trichterförmigen, aus versilberten Blechplatten gebildeten
Reflektors stellt. Der ganze Apparat ist auf einem Gelenksystem so
angebracht, daß er mit seiner Achse leicht dem Lauf der Sonne
folgen kann. Dieser Kessel lieferte mit einem Sonnenrezeptor von
3,8 qm Bestrahlungsfläche zur Winterzeit in Algier 5100 Lit.
Dampf von normalem Druck = 3,1 kg Dampf, welcher ca. 2000 Kalorien
enthält, so daß pro Minute und pro Meter
Bestrahlungsfläche 2000/60.3,8 = 8 2/3 Kalorien oder 87 Proz.
der angegebenen 10 pro Quadratmeter Fläche disponibeln
Kalorien durch Dampfbildung nutzbar gemacht wurden, während
der Rest durch unvollständige Reflexion und Absorption
verloren ging. Eine mit dem Kessel betriebene kleine Dampfmaschine
leistete eine Arbeit von 8 Meterkilogramm pro Sekunde oder 8/75 =
ungefähr 1/9 Pferdekraft, während nach obigen Angaben in
der auf 3,8 qm Fläche fallenden Sonnenwärme 3,8.0,95 =
3,6 Pferdekräfte disponibel sind, so daß nur
8.100/75.3,6 = 3 Proz. der Sonnenwärme ausgenutzt werden.
Demnach wären für eine S. von nur 1 Pferdekraft 9.3,8 =
35 qm und für eine S. von 100 Pferdekräften 3500 qm
Bestrahlungsfläche erforderlich. Dieses ungünstige
Resultat rührt jedoch nicht von der Wärmeübertragung
her, die ja 87 Proz. der Wärme nutzbar macht, sondern ist in
der Natur der Dampfmaschine begründet, welche auch in der
besten Ausführung nur etwa 5-6 Proz. der Wärme eines
Brennmaterials in Arbeit verwandeln kann, während alle
übrige Wärme teils durch Strahlung, teils durch den
Schornstein, zum größten Teil jedoch durch den
abziehenden Dampf, bez. das Kondensationswasser verloren geht.
Solange es daher keine Maschine gibt, welche die Wärme
bedeutend besser ausnutzt als die Dampfmaschine, wird die S.
schwerlich, auch nicht in den für sie günstigsten
Tropenländern, eine nennenswerte Verwendung finden
können.

Sonnenmesser, s. v. w. Heliometer (s. d.).

Sonnenmikroskop, Vorrichtung, um vergrößerte
Bilder sehr kleiner Gegenstände auf einem Schirm, für
viele Zuschauer gleichzeitig sichtbar, zu entwerfen. Sein
wesentlichster Teil ist eine in die Röhre e (s. Figur, S. 35)
bei d eingeschraubte Konvexlinse von kurzer Brennweite, welche von
einem kleinen, gewöhnlich zwischen zwei Glasplatten
gefaßten und bei cc etwas außerhalb der Brennweite der
Linse d festgeklemmten Gegenstand auf einem Schirm ein riesiges
Bild entwirft. Da die Lichtmenge, welche von dem kleinen Gegenstand
ausgeht, sich auf die im Verhältnis enorm große
Fläche des Bildes verteilt, so begreift man, daß der
Gegenstand sehr hell erleuchtet sein muß, wenn das Bild nicht
zu lichtschwach

35

Sonnenorden - Sonnenthal.

ausfallen soll. Die starke Beleuchtung des Gegenstandes wird
bewirkt durch eine große Konvexlinse a am Ende des weiten
Rohrs, welches den Hauptkörper des Instruments ausmacht;
dieselbe sammelt unter Beihilfe der kleinern Linse b die zur
Beleuchtung bestimmten Lichtstrahlen aus dem kleinen Gegenstand.
Eine Zahnstange mit Trieb dient dazu, den Objektträger cc in
den Brennpunkt der Beleuchtungslinsen einzustellen, eine andre hat
den Zweck, durch Verschiebung der Fassung de das Bild genau auf den
Schirm zu bringen. Zur Beleuchtung wird entweder Sonnenlicht
benutzt, indem man die Vorrichtung als eigentliches "S." in die
Öffnung eines Fensterladens einsetzt und ihm durch einen
Spiegel (Heliostat, s. d.) die Sonnenstrahlen zuführt; oder
man beleuchtet das Mikroskop mit elektrischen. oder mit
Drummondschem Kalklicht (s. Knallgas), für welche Fälle
man ihm die überflüssigen Namen photoelektrisches
Mikroskop und Hydrooxygenmikroskop (Knallgasmikroskop) beigelegt
hat.

Sonnenorden, 1) Argentinischer S., Stifter und
Stiftungszeit unbekannt; das Ordenszeichen besteht in einer
goldenen Medaille, welche die Sonne, umgeben von einem
Lorbeerkranz, zeigt. - 2) Persischer Sonnen- und Löwenorden,
1808 von Schah Feth Ali gestiftet unter dem Namen
Nishan-i-Schir-u-Khorschid für Zivil- und
Militärverdienst, erhielt seine Organisation nach dem Muster
der französischen Ehrenlegion von Ferukchan und hat fünf
Klassen. Die Großkreuze tragen einen achtstrahligen
silbernen, brillantierten Stern, in der Mitte von einer dreifachen
Perlenreihe umgeben, das Bild des schwerttragenden Löwen,
stehend für Perser, liegend für Ausländer, mit der
aufgehenden Sonne; die zweite Klasse den siebenstrahligen Stern;
die dritte Klasse mit sechs Strahlen um den Hals; die vierte die
Dekoration mit fünf Strahlen und einer Rosette im Knopfloch
und die fünfte die fünfstrahlige Dekoration ohne Rosette.
Blau, Rot oder Weiß ist die Farbe des Bandes für die
Perser, Grün für die Ausländer.

Sonnenparallaxe, s. Parallaxe u. Sonne, S. 28.

Sonnenrauch, s. Herauch.

Sonnenring, s. Hof, S. 604 f.

Sonnenrisse, das Aufreißen der Rinde von
Bäumen im Frühling auf der Südseite, hervorgerufen
durch die starke Erwärmung und Austrocknung durch die Sonne,
wahrscheinlich nach vorangehenden Spätfrösten.

Sonnenröschen, s. Helianthemum.

Sonnenrose, s. Helianthus.

Sonnenscheibe, geflügelte (Tebta), ein in der
ägyptischen Architektur häufig angewandtes Symbol des
Gottes Horos von Apollinopolis magna (Edfu). Es findet sich zumeist
über den Thüren und Thoren der Tempel gleichsam als
Abwehr des Bösen ausgemeißelt. Um die Scheibe winden
sich gewöhnlich zwei Uräusschlangen, die Ober- und
Unterägypten symbolisieren (s. Abbild.). Die spätere Zeit
hat die Bedeutung, welche der geflügelten S. in den
Kämpfen des Horos gegen Seth beigelegt wurde, in einer Sage
weiter ausgebildet.

Sonnenschein, Franz Leopold, Chemiker, geb. 13. Juli 1817
zu Köln, erlernte daselbst die Pharmazie, errichtete in den
30er Jahren in Berlin ein kleines Laboratorium und bereitete in
Gemeinschaft mit einem Arzt andre Apotheker auf das Staatsexamen
vor. Gleichzeitig studierte er Chemie und habilitierte sich 1852
als Privatdozent. Er widmete sich speziell der analytischen Chemie
und entfaltete eine sehr ausgedehnte praktische Thätigkeit,
durch welche er ein Ansehen gewann wie kaum ein Chemiker vor ihm.
Viele technische Unternehmungen verdankten ihm hauptsächlich
ihren Erfolg. Die analytische und die gerichtliche Chemie
förderte er durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen.
Er starb 26. Febr. 1879 als Professor an der Universität in
Berlin. Von seinen Schriften sind hervorzuheben: "Anleitung zur
chemischen Analyse" (Berl. 1852, 3. Aufl. 1858); "Anleitung zur
quantitativen chemischen Analyse" (das. 1864); "Handbuch der
gerichtlichen Chemie" (2. Aufl. von Clafsen, das. 1881) und
"Handbuch der analytischen Chemie" (das. 1870-71, 2 Bde.).

Sonnenscheinautograph, s. Insolation.

Sonnenstein, s. Adular, Bernstein (S. 785), Korund und
Oligoklas.

Sonnenstein, Schloß, s. Pirna.

Sonnensteine, s. Gräber, prähistorische.

Sonnenstich (Insolation, Heliosis), im weitern Sinn alle
Krankheitserscheinungen, welche durch anstrengende Bewegungen bei
hoher Wärme auftreten (s. Hitzschlag); im engern Sinn eine
Reihe von Erregungszuständen, Delirien mit Selbstmordideen,
welche bei marschierenden Soldaten in den Tropen unter Einwirkung
direkter Sonnenstrahlung beobachtet worden sind und als Wirkung der
strahlenden Wärme auf das Gehirn aufgefaßt werden. Vgl.
Jacubasch, S. und Hitzschlag (Berl. 1879).

Sonnensystem, die Gesamtheit der Weltkörper, welche
sich um die Sonne als Zentralkörper bewegen, mit
Einschluß der Sonne selbst. Vgl. Karte "Planetensystem".

Sonnentafeln, astronom. Tafeln, welche den Himmelsort der
Sonne für den Mittag jedes Tags angeben. Große
Verdienste um Herstellung guter S. erwarb sich der italienische
Astronom Carlini, dessen Werk (Mail. 1810) von Bessel durch
Korrektionstafeln noch mannigfach verbessert worden ist (1827).
Ältere Tafeln besitzen wir von Lacaille, Mayer, Zach (1804)
und Delambre (1805); die genaueren sind gegenwärtig die von
Hansen und Olufsen (Kopenh. 1853) und Leverrier (Par. 1858).

Sonnentag, s. Sonnenzeit.

Sonnentau, Pflanzengattung , s. Drosera.

Sonnentaugewächse, s. Droseraceen.

Sonnenthal, Adolf von, Schauspieler, geb. 21. Dez. 1834
zu Pest, mußte infolge plötzlicher Verarmung seiner
Eltern das Schneiderhandwerk ergreifen, wandte sich später,
seiner Neigung folgend und von Dawison ermuntert und
einigermaßen vorbereitet, zur Bühne und debütierte
1851 zu Temesvár als Phöbus im "Glöckner von Notre
Dame". 1852 ging er nach Hermannstadt, von hier 1854 nach Graz und
im Winter 1855-56 nach Königsberg, wo er mit solchem Erfolg
auftrat, daß Laube ihm ein Engagement am Wiener Burgtheater
antrug. Hier trat er im Mai 1856

36

Sonnentierchen - Sonnenzeit.

zum erstenmal (als Mortimer) auf, wurde nach drei Jahren auf
Lebenszeit engagiert und entwickelte sich unter Laubes Leitung zu
einem der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. 1881
gelegentlich seines 25jährigen Dienstjubiläums durch
Verleihung des Ordens der Eisernen Krone in den Adelstand erhoben,
wurde er 1884 zum Oberregisseur ernannt und fungierte seit dem
Abgang des Direktors Wilbrandt (Juni 1887) bis Ende 1888 als
artistischer Leiter der Anstalt. Sonnenthals eigentliche
Stärke liegt im Schauspiel und im Lustspiel; als Darsteller
sogen. Salonrollen nimmt er unbestritten den ersten Platz ein. Aus
seinem vielseitigen Repertoire sind Ahasver, Hamlet, Narciß,
Mortimer, Graf Waldemar, Lord Rochester ("Waise von Lowood"),
Fürst Lübbenau ("Aus der Gesellschaft"), Fox, Bolz,
Ringelstern, Posa, Raoul Gérard ("Aus der komischen Oper"),
Gesandtschaftsattaché, Marcel de Prie ("Wildfeuer"),
König ("Esther"), auch Faust, Tell u. a. hervorzuheben. S. hat
auch einige französische Bühnenstücke, z. B. den
"Marquis von Villemer", gewandt und wirksam übertragen.

Sonnentierchen, s. Rhizopoden (2).

Sonnenuhr, eine Vorrichtung, welche die Zeit angibt
mittels der Lage des Schattens, den ein von der Sonne beschienener,
zur Weltachse paralleler Stab (Gnomon oder Weiser) auf eine in der
Regel ebene Fläche, das Zifferblatt, wirft. Nicht selten
bezeichnet man auch die ganze S. mit dem Namen Gnomon (s. d.). Die
einfachste S. ist die Äquinoktialuhr. Bei ihr ist die Ebene,
auf welche der Schatten fällt, senkrecht zum Stab, also
parallel zur Ebene des Äquators, und da die Sonne bei ihrer
scheinbaren täglichen Bewegung sich parallel zu dieser Ebene
bewegt, so rückt der Schatten um ebensoviel Grade auf der
Ebene weiter als die Sonne am Himmel; es entspricht einer jeden
Stunde ein Winkel von 15°. Man erhält das Zifferblatt,
wenn man um den Punkt, in welchem der Stab besestigt ist, einen
Kreis schlägt, denselben in 24 gleiche Teile teilt und die
Radien nach den Teilungspunkten zieht; dreht man nun noch die Ebene
so, daß der eine Radius in die Ebene des Meridians zu liegen
kommt, so fällt auf ihn der Schatten des Stabes mittags, auf
die beiden benachbarten vormittags 11 und nachmittags 1 Uhr etc.
Bei der Horizontaluhr liegt das Zifferblatt horizontal; die
Stundenlinie 12 Uhr liegt auch hier in der Ebene des Meridians,
aber die Winkel, welche die übrigen Stundenlinien mit dieser
ersten einschließen, sind nicht der Zeit proportional,
sondern wenn t diesen Winkel für die Aquinoktialuhr bedeutet
(also t = 15° für 1 Uhr, 30° für 2 Uhr), so
findet man für die geographische Breite ^|phi| den
entsprechenden Winkel u der Horizontaluhr mittels der Gleichung tan
u = sin ^|phi|. tan t. Man kann diesen Winkel auch einfach
konstruieren (s. Figur). Man mache OA = 1, AM = sin ^|phi| (z. B.
für Berlin = 0,798, weil ^|phi| = 52° 30'), errichte AB
rechtwinkelig auf O M und mache Winkel AMC = t; dann ist Winkel AOC
= u. Die Vertikaluhr hat ihr Zifferblatt in einer vertikalen Ebene,
die im einfachsten Fall von O. nach W. geht; die Stundenlinie 12
Uhr liegt in der Ebene des Meridians, und den Winkel u, den irgend
eine andre Stundenlinie mit der mittägigen einschließt,
berechnet man aus dem entsprechenden Winkel t der
Äquinoktialuhr mittels der Formel tan u = cos ^|phi| . tan t.
Man kann demnach u auch auf die in der Figur erläuterte Art
konstruieren, wenn man AM = cos ^|phi| (für Berlin = 0,609)
macht. Äquinoktial- und Horizontaluhren geben alle Stunden an,
solange die Sonne scheint; bei den erstern fällt der Schatten
im Sommerhalbjahr auf die obere, im Winterhalbjahr auf die untere
Seite des Zifferblatts, weshalb auch der Stab nach beiden Seiten
hin gehen muß. Eine Vertikaluhr der beschriebenen Art gibt
aber nur die Zeit von früh 6 bis abends 6 Uhr an.
Übrigens geben die Sonnenuhren nicht die im bürgerlichen
Leben übliche mittlere Zeit, sondern die wahre Sonnenzeit (s.
d.) an. Bei den neuern hemisphärischen Sonnenuhren zeigt ein
schattenwerfendes Fadenkreuz das ganze Jahr hindurch die Sonnenzeit
auf der in einer halben Hohlkugel angebrachten Teilung an. Vgl.
Littrow, Gnomonik (2. Aufl., Wien 1838); Goring, Die S. (Arnsb.
1864); Vidal, La gnomonique (Par. 1876); Mollet, Gnomonique
graphique (7. Aufl., das. 1884).

Sonnenvogel (Pekingnachtigall, Leiothrix luteus Scop.),
Sperlingsvogel aus der Familie der Lärmdrosseln (Timaliidae
Gray), von der Größe der Kohlmeise, oberseits
olivengraubraun, am Kopf gelblich, Kinn und Kehle orange,
unterseits gelblichweiß, an den Seiten graubräunlich, an
den Flügeln schwarz mit orange und am Schwanz braun und
schwarz, mit braunen Augen, korallenrotem Schnabel und
fleischbraunen Füßen, bewohnt dichte Wälder im
Himalaja zwischen 1500 und 2500 m Höhe und in
Südwestchina, nährt sich von allerlei Kerbtieren,
Früchten und Sämereien, ist sehr munter, hat einen
ansprechenden Gesang, legt 3-4 bläulichweiße, rot
getüpfelte Eier und wird in China und Indien seit langer Zeit,
jetzt auch bei uns vielfach als Stubenvogel gehalten und
gezüchtet. S. Tafel "Stubenvögel".

Sonnenweite, die mittlere Entfernung der Erde von der
Sonne, 148,670,000 km oder 20,036,000 geogr. Meilen; sie bildet die
Einheit, nach der man häufig die Entfernungen im Sonnensystem
mißt.

Sonnenwende, Name einiger Pflanzen, s. Cichorium und
Heliotropium.

Sonnenwenden (Solstitien, Solstitial- oder
Sonnenstillstandspunkte), die zwei um 180° voneinander
entfernten Punkte der Ekliptik, welche am weitesten, nämlich
23° 27½', vom Äquator entfernt sind. Der
nördlich vom Äquator gelegene ist der Anfangspunkt des
Sternzeichens des Krebses und heißt die Sommersonnenwende
oder das Sommersolstitium, weil der Durchgang der Sonne durch
denselben den Anfang des astronomischen Sommers der nördlichen
Erdhalbkugel bezeichnet; der südliche dagegen, der
Anfangspunkt des Steinbocks, wird die Wintersonnenwende, das
Wintersolstitium, genannt, weil dort die Sonne zu Anfang des
astronomischen Winters steht. Mit dem Namen S. (Solstitien)
bezeichnet man auch die Zeitpunkte, in denen die Sonne durch diese
Punkte geht; die durch die letztern gelegten Parallelkreise des
Himmels heißen Wendekreise. Vgl. Ekliptik.

Sonnenwendfeier, s. Johannisfest.

Sonnenzeit, die durch die scheinbare tägliche
Bewegung der Sonne bestimmte Zeit im Gegensatz zur Sternzeit, deren
Grundlage der Sterntag (s. Tag) bildet. Der wahre Sonnentag oder
die Zeit zwi-

37

Sonnenzirkel - Sonntag.

schen zwei aufeinander folgenden Kulminationen der Sonne
muß etwas länger sein als der Sterntag, weil die Sonne
unter den Fixsternen von W. nach O. geht; denn kulminiert heute die
Sonne gleichzeitig mit einem Fixstern, so wird sie morgen, wenn der
letztere wieder kulminiert, noch etwas östlich vom Meridian
stehen und diesen erst später erreichen. Die Bewegung der
Sonne in ihrem Parallelkreis bildet die Grundlage für die
Bestimmung der wahren S. Es ist wahrer Mittag, wenn die Sonne im
Meridian steht; nachmittags 1 Uhr, 2 Uhr etc., wenn die Sonne in
ihrem Parallelkreis 15°, 30° etc. westlich vom Meridian
steht. Diese wahre S. wird von den Sonnenuhren angegeben. Die Dauer
eines wahren Sonnentags ist aber im Lauf eines Jahrs
veränderlich, weil die Sonne nicht alle Tage um dasselbe
Stück am Himmel nach O. rückt; am größten, 24
Stunden 0 Minuten 30 Sekunden, ist sie 23. Dez., am kleinsten, 23
Stund. 59 Min. 39 Sek., Mitte September. Diese
Ungleichförmigkeit hat zwei Ursachen. Einmal bewegt sich die
Erde in ihrer elliptischen Bahn mit veränderlicher
Geschwindigkeit, in der Sonnennähe rascher als in der
Sonnenferne; dem entsprechend ist auch die scheinbare Bewegung der
Sonne in der Ekliptik ungleichförmig. Ferner sind aber auch
die verschiedenen Stücke der scheinbaren Sonnenbahn (Ekliptik)
ungleich geneigt gegen den Äquator. In der Nähe der
Solstitialpunkte liegt sie parallel zum Äquator, in den
Äquinoktien schneidet sie denselben unter 23½°; an
den letztern Punkten wird daher das Vorrücken nach O. (die
Vergrößerung der Rektaszension) nur einen Bruchteil der
scheinbaren Belegung in der Ekliptik betragen, während in den
Solstitien beide Bewegungen gleich sind. So wie die Sonnentage,
sind auch die einzelnen Stunden von ungleicher Länge. Deshalb
eignet sich die wahre S. nicht für die Zwecke des
bürgerlichen Lebens; man kann auch keine mechanischen Uhren
herstellen, welche dieselbe angeben. Andernteils würde es
unzweckmäßig sein, im bürgerlichen Leben nach
Sternzeit zu rechnen, da der Anfang des Sterntags bald auf den Tag,
bald auf die Nacht fällt. Deshalb rechnet man nach mittlerer
Zeit. Die Sonne braucht, um in der Ekliptik vom Frühlingspunkt
bis wieder zu demselben Punkt zu gelangen (tropisches Jahr)
366,2422 Sterntage; sie selbst geht in dieser Zeit einmal weniger
durch den Meridian als ein beliebiger Fixstern, und man teilt daher
diesen Zeitraum in 365,2422 gleich lange Abschnitte, die man
mittlere Tage nennt, und deren jeder wieder in 24 gleich lange
Standen zu 60 Minuten zu 60 Sekunden zerfällt. Da 365,2422
mittlere Tage = 366,2422 Sterntagen sind, so ist 1 mittlerer Tag =
1 Tag 3 Min. 56,55 Sek. Sternzeit und 1 Sterntag = 1 Tag weniger 3
Min. 55,91 Sek. mittlerer Zeit. Viermal im Jahr, nämlich 15.
April, 14. Juni, 31. Aug. und 24. Dez., fällt die wahre S. mit
der mittlern Zeit zusammen; in den Zwischenzeiten ist abwechselnd
die eine oder die andre voraus. Den Unterschied beider nennt man
die Zeitgleichung. Man gibt dieselbe in mittlerer Zeit an und zwar
positiv, wenn man sie zur wahren Zeit addieren muß, um die
mittlere zu finden, negativ, wenn sie zu subtrahieren ist. Gibt
also eine Sonnenuhr nachmittags 4 Uhr 30 Min. an, und ist die
Zeitgleichung +12 Min., so ist es nach mittlerer Zeit um 4 Uhr 42
Min.; wäre aber die Zeitgleichung -12 Min., so hätte man
erst 4 Uhr 18 Min. mittlere Zeit. Die astronomischen
Jahrbücher geben die Zeitgleichung für den wahren Mittag
eines bestimmten Meridians (das Berliner "Astronomische Jahrbuch"
für den Meridian von Berlin) von Tag zu Tag an. Statt dessen
findet man in den meisten Kalendern die mittlere Zeit im wahren
Mittag verzeichnet, die man durch Addition (bez. Subtraktion) der
Zeitgleichung zu 12 Uhr erhält; statt Zeitgleichung +12 Min.
30 Sek. findet man also mittlere Zeit im wahren Mittag 12 Uhr 12
Min. 30 Sek. Weitere Zahlenangaben erscheinen hier unnötig;
nur die größten Werte, welche die Zeitgleichung im Lauf
des Jahrs erreicht, mögen noch erwähnt werden,
nämlich:

+ 14 Min. 34 Sek. - 3 Min. 53 Sek.

am 12. Febr., 14. Mai,

+ 6 Min. 12 Sek. - 16 Min. 18 Sek.

am 26. Juni, 18. Nov.

Mit der Zeitgleichung im Zusammenhang steht noch der Umstand,
daß die Zeiten des Auf- und Unterganges der Sonne, die in
unsern Kalendern verzeichnet sind, nicht gleich weit von mittags 12
Uhr abstehen. So findet man z. B. für Leipzig 1. Juli den
Sonnenaufgang um 3 Uhr 50 Min. früh und den Untergang 8 Uhr 17
Min. abends angegeben; das Mittel aus beiden Zeiten ist 12 Uhr
3½ Min. mittags. Dies ist aber annähernd die Zeit des
wahren Mittags (12 Uhr 3 Min. 33 Sek.). Ganz genau gleich weit vom
wahren Mittag entfernt sind übrigens die Momente des Auf- und
Unterganges nicht wegen der ungleichen Bewegung der Sonne in der
Ekliptik. Vgl. Förster, Ortszeit und Weltzeit (Berl.
1884).

Sonnenzirkel, s. Kalender, S. 383.

Sonnewalde, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Frankfurt, Kreis Luckau, hat eine Dampfbrauerei und (1885) 1152
Einw. Dabei das Schloß S. des Grafen von Solms.

Sonnino, Dorf in der ital. Provinz Rom, Kreis Frosinone,
in den Volsker Bergen gelegen, mit (1881) 3200 Einw., Geburtsort
des Kardinals Antonelli, war früher ein berüchtigtes
Räubernest und wurde deshalb 1819 teilweise zerstört.

Sonntag (Dies Solis), der Tag der Sonne (althochd.
Sunnentac, altnord. Sunnudaga, engl. Sunday, niederländ.
Sondag, schwed. Sondag, dän. Sondag), im Brauch der Kirche der
erste Tag der Woche und als Tag des Herrn (dies dominicus oder
dominica, woraus das franz. dimanche, das ital. domenica, das span.
und portug. domingo gebildet worden ist) zugleich der
wöchentliche Ruhe- und Feiertag der Christen. Wiewohl sich im
Neuen Testament kein bestimmtes Gebot für denselben findet
(doch vgl. 1. Kor. 16, 2; Offenb. 1, 10; Apostelgesch. 20, 7), ward
er schon im nachapostolischen Zeitalter als Auferstehungstag
Christi neben dem jüdischen Sabbat gefeiert, und zwar als
Freudentag. Mit dem Aufgeben der Heilighaltung des Sabbats trug man
viele der auf diesen bezüglichen Anschauungen auf den S.
über; doch datieren förmliche Verbote irdischer, nicht
ganz dringender Geschäfte an Sonntagen von seiten der
weltlichen Obrigkeit erst aus der Zeit Konstantins d. Gr., und
Kaiser Leo III. (717-741) untersagte endlich jegliche Arbeit an
diesem Tag. Die Reformatoren wollten den S., ohne Berufung auf ein
göttliches Gebot, bloß der Zweckmäßigkeit
wegen beobachtet wissen. Dagegen hat schon Beza die Ansicht
vertreten, daß der S. eine göttliche Einsetzung und an
die Stelle des jüdischen Sabbats getreten sei, und so hat sich
auf reformiertem Gebiet, besonders in England, Schottland und
Nordamerika, die strengste Form der Sonntagsfeier bis auf den
heutigen Tag erhalten, selbst wenn die bezüglichen Gesetze
nicht mehr aufrecht erhalten werden. In

38

Sonntagsbuchstabe - Sonometer.

Frankreich dagegen ist seit der großen Revolution der
Unterschied zwischen Sonn- und Wochentagen thatsächlich
aufgehoben worden. Auch in Italien sind alle auf Nichtbeobachtung
der Feiertage gesetzten Strafen gesetzlich beseitigt. Die neuere
Gesetzgebung in Deutschland, namentlich in Preußen, ist von
dem durch die Humanität gebotenen Gesichtspunkt ausgegangen,
daß der Staat alle offiziellen Amtshandlungen am S. zu
untersagen, bei seinen eignen Unternehmungen die Sonntagsarbeit zu
vermeiden und die Tagelöhner, Dienstboten und Fabrikarbeiter
gegen die Forderungen ihrer Herren vor Sonntagsarbeit zu
schützen hat. Die deutsche Gewerbeordnung (§ 136)
verbietet die Beschäftigung von jugendlichen Arbeitern an
Sonn- und Festtagen; auch können die Gewerbtreibenden die
Arbeiter an Sonn- und Festtagen zum Arbeiten nicht verpflichten
(§ 105). Auch die evangelische Kirche hat neuerdings ihre
Aufmerksamkeit wieder auf diesen Punkt gelenkt und ist dabei
vornehmlich dem Mißbrauch des Sonntags zu Vergnügungen
und Ausschweifungen entgegengetreten. Ein "internationaler
Kongreß für Sonntagsruhe" tagte 1877 in Genf, 1879 in
Bern. Die jetzt noch gewöhnlichen Namen der Sonntage kommen
teils von den Festen her, denen sie folgen, teils von den
Anfangsworten der alten lateinischen Kirchengesänge oder
Kollekten, welche meistens aus den Psalmen entlehnt waren. Unsre
Kalendersonntage sind: 1) ein S. nach Neujahr, der jedoch nur in
solchen Jahren eintritt, in welchen Neujahr auf einen der vier
letzten Wochentage fällt; 2) zwei bis sechs Sonntage nach
Epiphania (s. d.); 3) die Sonntage Septuagesimä,
Sexagesimä und Estomihi (Ps. 71, 3); 4) die Fastensonntage
Invokovit (Ps. 91, 15), Reminiscere (Ps. 25, 6), Okuli (Ps. 25,
15), Lätare (Jes. 66, 10), Judika (Ps. 43, 1) und der
Palmsonntag (s. d.); 5) sechs Sonntage nach Ostern: Quasimodogeniti
(1. Petr. 2, 2), Misericordias Domini (Ps. 23, 6, oder 89, 2),
Jubilate (Ps. 66, 1), Kantate (Ps. 96, 1), Rogate (Matth. 7, 7) und
Exaudi (Ps. 27, 7); 6) die Trinitatissonntage, deren Anzahl von dem
frühern oder spätern Eintritt des Osterfestes
abhängt und höchstens 27 beträgt; 7) die vier
Adventsonntage (s. Advent); 8) ein S. nach Weihnachten, welcher nur
dann eintritt, wenn das Weihnachtsfest nicht auf den Sonnabend oder
S. fällt. Vgl. Litteratur bei Kirchenjahr; ferner: Henke,
Beiträge zur Geschichte der Lehre von der Sonntagsfeier
(Stendal 1873); Zahn, Geschichte des Sonntags, vornehmlich in der
alten Kirche (Hannov. 1878); Rauschenbusch, Der Ursprung des
Sonntags (Hamb. 1887); Grimelund, Geschichte des Sonntags
(Gütersl. 1889); Lammers, Sonntagsfeier in Deutschland (Berl.
1882); "Gesetze und Verordnungen, betreffend die Ruhe an Sonn- und
Feiertagen" (das. 1886); über die Sonntagsfeier vom Standpunkt
der Gesundheitslehre die Schriften von Schauenburg (das. 1876) und
Niemeyer (das. 1877).

Sonntagsbuchstabe, s. Kalender, S. 383.

Sonntagsschulen, dem Wortlaut nach jede Schule, in
welcher am Sonntag unterrichtet wird, was vielfach in den
Fortbildungsschulen (s. d.) der Fall ist. Vorzugsweise bezeichnet
man aber mit dem Namen S. solche Anstalten, in welchen die Jugend
des niedern Volkes durch freiwillige Lehrer und Lehrerinnen der
gebildeten Stände im religiösen Interesse unterrichtet
wird. Solche Schulen gründete schon der Erzbischof Karl
Borromeo von Mailand (gest. 1584), und andre hervorragende
Männer der katholischen Kirche, namentlich J. B. de La Salle,
Stifter der christlichen Schulbrüder, folgten ihm darin. Doch
blieben diese Bestrebungen vereinzelt. Dagegen erwachte im letzten
Viertel des vorigen Jahrhunderts in England und Schottland ein
begeisterter Eifer für die Gründung von S., welcher sich
in alle Länder der angelsächsischen Zunge, besonders nach
Nordamerika, verbreitet hat. Nach einigen sollen die ersten
englischen S. von den Töchtern des Geistlichen More zu Hanham
bei Bristol, namentlich von der auch als Schriftstellerin bekannten
Hannah More, gegen 1780 eingerichtet worden sein. Gewöhnlich
wird Robert Raikes, ein reicher Buchdrucker in Gleucester (geb.
1735, gest. 1811), als erster Gründer der S. genannt. Er
gründete 1781 (1784) eine Sunday School in seiner Vaterstadt
und gab die Anregung zu der von William Fox gestifteten London
Sunday School Society (1785), welche in kurzer Zeit
außerordentliche Erfolge aufzuweisen hatte. In Deutschland
entstand 1791 eine Sonntagsschule in München; 1799
gründete Professor Müchler in Berlin eine solche für
Knaben, 1800 der jüdische Menschenfreund Samuel Levi eine
solche für Mädchen. Der Eifer für die S. nahm in
evangelisch-kirchlichen Kreisen seit 1864 noch einmal lebhaften
Aufschwung durch die Bemühungen des Amerikaners Albert
Woodruff aus Brooklyn sowie seiner deutsch-amerikanischen Freunde
Bröckelmann aus Heidelberg und Professor Schaff aus New York,
nachdem schon 1857 die Versammlung der Evangelischen Allianz in
Berlin auf diese bezeichnende Form englischer Kirchlichkeit von
neuem die Aufmerksamkeit gerichtet hatte. Da in Deutschland die
Ergänzung des öffentlichen Schulunterrichts durch private
Wohlthätigkeit im allgemeinen nicht Bedürfnis ist, haben
die S. hier mehr Wesen und Namen der Jugendgottesdienste
angenommen. An S. aller Art waren 1888 in Deutschland nach
glaubhafter Angabe 30,000 Lehrer und Lehrerinnen unter etwa 230.000
Kindern thätig.

Sonometer (Audiometer), ein von Hughes angegebener
Apparat zur Bestimmung der Empfindlichkeit des menschlichen Ohrs,
besteht aus einem Mikrophon (ein vertikal stehendes
Kohlenstäbchen, das mit seinen zugespitzten Enden zwei mit
Klemmschrauben versehene Kohlenstückchen berührt),
welches auf dem Sockel einer Pendeluhr steht und in den
Schließungsbogen einer Batterie aus drei Daniellschen
Elementen eingeschaltet ist; der galvanische Strom
durchfließt ferner zwei etwa 30 cm voneinander entfernte,
miteinander parallele Drahtrollen, deren eine mit einem Draht von
100 m, die andre mit einem Draht von 9 m Länge umwickelt ist.
Zwischen diesen beiden Rollen, auf einem Stab verschiebbar,
befindet sich eine dritte, auf welcher gleichfalls ein Draht von
100 m Länge aufgewunden ist, dessen Enden mit einem Telephon
verbunden sind. Die Drähte der beiden ersten Rollen sind so
gewickelt, daß sie in der mittlern Ströme von
entgegengesetzter Richtung induzieren. Verschiebt man die mittlere
Rolle so lange, bis die in ihr induzierten entgegengesetzten
Ströme gleiche Stärke besitzen, so heben sie sich auf,
und in dem Telephon wird das Ticken der Uhr nicht gehört.
Diese Stellung wird als Nullpunkt bezeichnet und der Abstand
zwischen demselben und der ersten Rolle auf dem Stab in 200 gleiche
Teile (Grade) eingeteilt. Verschiebt man nun die mittlere Rolle
gegen die erste hin, so hört man das Ticken der Uhr im
Telephon zuerst schwach und bei weiterer Verschiebung immer
stärker. Versuche an verschiedenen Personen lehrten, daß
beim ersten Grade das Ticken nur von einem äußerst
empfindlichen Gehörorgan wahrgenommen

39

Sonor - Sontag.

werden kann; die mittlere Empfindlichkeit des menschlichen Ohrs
entspricht den Graden 4-10; Personen, welche bei der Rollenstellung
200 den Schlag der Uhr nicht hören, müssen als absolut
taub angesehen werden.

Sonor (lat.), helltönend, wohlklingend.

Sonora, der nordwestlichste Staat der Republik Mexiko, am
Kalifornischen Meerbusen, umfaßt 197,973 qkm (3595,4 QM.).
Die Küstengegend ist meist flach und im NW. so sandig,
daß selbst die Viehzucht unmöglich wird; das Innere aber
besteht aus Gebirgsland, dicht bewaldet, von fruchtbaren
Thälern durchzogen und reich an Mineralschätzen. Die
wichtigsten Flüsse sind der Yaqui, der Mayo und der S., von
denen die beiden erstern das ganze Jahr durch Wasser haben, der
Sonora aber sich in den sandigen Ebenen von Siete Cerritos
verliert. Das Klima ist auch an der Küste gesund; nur in der
Nähe von den Sümpfen von Santa Cruz kommen Wechselfieber
vor. Von Juni bis zum August bläst gelegentlich der Viento
caliente. Im Innern trifft man alle Extreme der Temperatur, und in
den höher gelegenen Gegenden friert es vom November bis zum
März. Die Bevölkerung betrug 1882: 115,424 Seelen, zum
großen Teil Indianer, den Stämmen der Yaqui, Mayo, Seri,
Papayo, Opata und Apatschen angehörig. Ackerbau ist fast
überall nur bei künstlicher Berieselung möglich,
ergibt dann aber reichen Ertrag an Mais, Weizen, Zuckerrohr,
Bohnen, Baumwolle, Kaffee, Tabak, Indigo etc. Wein und alle Arten
von Obst gedeihen vortrefflich. Auch die Viehzucht ist von
Bedeutung. Die Austern- und Perlenfischerei wird mit Erfolg
getrieben. Der Bergbau beschäftigte 1878: 5600 Menschen und
ergab einen Ertrag von 1,640,272 Pesos, vornehmlich Gold und
Silber. Außerdem findet man aber auch Kupfer, Eisen (im N.),
Graphit (bei San José de la Pimas) und Steinkohlen (Santa
Clara). Die Industrie beschränkt sich auf Baumwollfabrikation
(4 Fabriken), Hut- und Schuhmacherei, Seifensiederei etc.
Hauptartikel der Ausfuhr sind Edelmetalle, Erze, Häute und
Hüte. Hauptstadt ist Hermosillo, wichtigster Hafen Guaymas. S.
Karte "Mexiko". - Die sonorischen Sprachen bilden nach den
Untersuchungen Professor Buschmanns einen weitverzweigten
Sprachstamm, der nicht allein in S., sondern im ganzen
nördlichen Mexiko sowie im südlichen Arizona und
Kalifornien herrscht; auch die Sprache der Schoschonen oder
Schlangenindianer im Felsengebirge, der Juta in Utah u. a.
gehören zu demselben. Vgl. Buschmann, Die Spuren der
aztekischen Sprache im nördlichen Mexiko; Derselbe, Die
Zahlwörter in den sonorischen Sprachen (in den "Abhandlungen
der Akademie der Wissenschaften", Berl. 1859 u. 1867).

Sonrhai (Songhay), Negerstamm im westlichen Sudân,
zu beiden Seiten des mittlern Niger, bildete ehemals ein
großes Reich, welches 1009 den Islam annahm, unter dem Sultan
Askia, einem der größten afrikanischen Eroberer,
mächtig erweitert, zu Ende des 15. Jahrh. das ganze innere
Nordafrika bis östlich zum Tschadsee umfaßte, Garo zur
Hauptstadt hatte und 1592 durch die Marokkaner zerstört wurde.
Zu ihm gehörte auch Timbuktu. Nach Barth besitzen die S.
feinere, edlere Züge von kleinern Umrissen, die Gestalten sind
schlank, die Beine wadenlos. Die Sprache der S. ist neuerdings von
Barth und Lepsius, ausführlicher von Fr. Müller
("Grundriß der Sprachwissenschaft", I, 2, Wien 1877)
dargestellt, der sie für völlig isoliert hält.

Sonsonate, Stadt im zentralamerikan. Staat Salvador, am
Rio Grande, in reizender, aber von Erdbeben oft heimgesuchter
Gegend, hat lebhaften Handel und (1878) 5127 Einw. Eisenbahnen
verbinden die Stadt mit den Häfen Acajutla und Libertad. S.
wurde 1524 von Pedro de Alvarado gegründet.

Sontag, 1) Henriette, Gräfin Rossi,
Opernsängerin, geb. 3. Jan. 1806 zu Koblenz, wo ihre Eltern
als Schauspieler wirkten, erhielt ihre musikalische Ausbildung im
Konservatorium zu Prag, debütierte daselbst in ihrem 15. Jahr
als Prinzessin in "Johann von Paris" mit großem Erfolg, ging
darauf mit ihrer Mutter nach Wien, wo sie an der Deutschen und
Italienischen Oper mitwirkte, ward 1824 am neuen
Königstädter Theater in Berlin engagiert und bald darauf
zur Hof- und Kammersängerin ernannt. Zwei Jahre später
trat sie ihre erste Reise nach Paris an, wo sie einen
unbeschreiblichen Enthusiasmus erregte und 1827 für zwei Jahre
Engagement annahm. Nachdem sie sich 1828 insgeheim mit dem Grafen
Carlo Rossi, damals Geschäftsträger des sardinischen Hofs
im Haag, verheiratet hatte, trat sie nur noch als
Konzertsängerin auf, besuchte als solche Petersburg und Moskau
und kehrte dann über Hamburg nach den Niederlanden
zurück, wo bald darauf die öffentliche Bekanntmachung
ihrer Heirat erfolgte. Bedeutende Vermögensverluste
veranlaßten sie, 1849 zur Bühne zurückzukehren, und
der Zauber ihrer Persönlichkeit, die ungeschmälerte
Frische und Lieblichkeit ihrer Stimme verschafften ihr überall
den frühern Beifall. 1853 unternahm sie eine Kunstreise nach
Amerika und feierte auch hier die glänzendsten Triumphe, starb
aber 17. Juni 1854 in Mexiko an der Cholera. Ihr Leichnam ward im
Kloster Marienthal bei Ostritz in der sächsischen Lausitz
beigesetzt. In ihrer Blütezeit besaß Frau S. neben der
äußersten Reinheit, Klarheit und Biegsamkeit der Stimme
eine unübertreffliche Leichtigkeit, Sauberkeit und Anmut des
Vortrags. Sie erschütterte nicht durch imponierende
Stimmfülle, bezauberte aber durch die Grazie ihres Gesanges,
besonders in Koloraturen, welche sie größtenteils mit
halber Stimme, aber mit der vollkommensten Deutlichkeit vortrug.
Namentlich im Sentimentalen und Scherzhaften war sie
unvergleichlich. Gundling hat ihr Jugendleben zu dem Kunstroman
"Henriette S." (Leipz. 1861, 2 Bde.) benutzt. In der
Selbstbiographie ihres Bruders sind zahlreiche sie betreffende
biographische Einzelheiten enthalten.

2) Karl, Schauspieler, Bruder der vorigen, geb. 7. Jan. 1828 zu
Dresden, begann seine Bühnenlaufbahn 1848 am dortigen
Hoftheater, war 1851-52 am Hofburgtheater in Wien thätig und
folgte dann einem Ruf nach Schwerin, wo er sieben Jahre lang die
ersten Helden- und Bonvivantrollen spielte. Im J. 1859 wurde er in
Dresden, 1862 in Hannover angestellt, wo er sich
ausschließlich dem Lustspiel widmete; seit 1877 gibt er nur
Gastrollen, die ihn wiederholt auch nach Nordamerika führten.
1885 siedelte er nach Dresden über. S. versteht seinen
Lebemännern und sogen. Chargen so drollige Züge zu
verleihen, daß sie eine unwiderstehliche Wirkung
ausüben. Zu seinen bedeutendsten Rollen gehören Doktor
Wespe, Orgon ("Tartüffe"), Petrucchio, Bolingbroke,
Königsleutnant, auch Nathan, Karlos u. a. S. hat sich auch als
Schriftsteller versucht; er veröffentlichte das
Theaterstück "Frauenemanzipation" (Hannov. 1875), das die
Runde über alle Bühnen machte, und ein sehr
rückhaltlos urteilendes autobiographisches Werk unter dem
Titel: "Vom Nachtwächter zum türkischen Kaiser" (3.
Aufl., Hannov. 1876), das Veranlassung zu seiner Entlassung aus dem
Verband des hannoverschen Hoftheaters (1877) wurde.

40

Sonthofen - Sophie.

Sonthofen, Flecken und Bezirksamtshauptort im bayr.
Regierungsbezirk Schwaben, an der Iller und der Linie
Immenstadt-Oberstorf der Bayrischen Staatsbahn, 742 m ü. M.,
hat eine kath. Kirche, ein Schloß, ein Amtsgericht, ein
Hüttenwerk, Baumwollweberei, sehr besuchte Viehmärkte und
(1885) 1819 Einw. Nordöstlich erhebt sich der Grünten (s.
d.).

Sontra, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel,
Kreis Rotenburg, am Flüßchen S. und an der Linie
Frankfurt-Bebra-Göttingen der Preußischen Staatsbahn,
242 m ü.M., hat eine evang. Kirche, ein Schloß, ein
Amtsgericht, Branntweinbrennerei, Preßhefenfabrikation,
Schlauchweberei, Molkerei, Schwerspatmüllerei und (1885) 1945
Einw. Vgl. Collmann, Geschichte der Bergstadt S. (Kassel 1863).

Sontschi, chines. Stadt, s. Kutschun.

Sonus (lat.), Schall, Klang.

Soodbrot, s. Ceratonia.

Soole, s. Sole.

Soonwald, s. Hunsrück.

Soor, s. Schwämmchen.

Soor (Sohr, Sorr), Dorf südwestlich von Trautenau im
nordöstlichen Böhmen, ist durch zwei preußische
Siege berühmt geworden. Friedrich d. Gr. schlug hier 30. Sept.
1745 mit 19,000 Mann die Österreicher und Sachsen, welche,
32,000 Mann stark, vom Prinzen Karl von Lothringen befehligt
wurden; einem beabsichtigten Überfall der letztern auf das
preußische Lager von den Höhen von Burkersdorf aus kam
Friedrich durch einen Angriff auf diese zuvor, erstürmte sie
und sicherte sich dadurch den Rückzug durch das Gebirge nach
Schlesien. Bei dem zweiten Gefecht von Trautenau (s. d.), 28. Juni
1866 gegen Gablenz, ward das Dorf von der 1. preußischen
Gardedivision unter General Hiller v. Gärtringeu
erstürmt. Vgl. Kühne, Das Gefecht bei S. ("Kritische
Wanderungen" Heft 4 u. 5, 2. Aufl., Berl. 1887).

Soorpilz, s. Oidium.

Soovar, Ort, s. Sovar.

Sopha, s. v. w. Sofa.

Sopher (hebr., "Schreiber"), in älterer Zeit
Schriftgelehrter, heutzutage der Gesetzrollen-, Tefillin- und
Mesusotschreiber in größern jüdischen
Gemeinden.

Sophia (griech.), Weisheit.

Sophie (Sophia), weiblicher Name. Unter den
fürstlichen Trägern desselben sind hervorzuheben:

[Hannover.] 1) Kurfürstin von Hannover, geb. 14. Okt. 1630
im Haag als zwölftes Kind des flüchtigen
"Winterkönigs", Friedrichs V. von der Pfalz, und der Elisabeth
Stuart, fühlte sich im Haus ihrer kaltherzigen Mutter
höchst unglücklich, begab sich daher zu ihrem Bruder Karl
Ludwig, nachdem derselbe 1648 die Kurpfalz zurückerhalten
hatte, nach Heidelberg und vermählte sich 1658 mit dem Herzog
Ernst August von Hannover, der 1692 Kurfürst ward.
Hochmütigund hartherzig, verfolgte sie ihre Schwiegertochter
Sophie Dorothea von Celle (s. S. 2) mit unversöhnlichem
Haß und führte deren gerichtliche Scheidung herbei. Seit
23. Okt. 1698 Witwe, ward sie als Enkelin König Jakobs I. 22.
März 1701 zur Erbin von England erklärt, und nach ihrem
Tod (8. Juni 1714) bestieg ihr ältester Sohn, Georg Ludwig,
31. Okt. 1714 den Thron von Großbritannien. Mit ihren
pfälzischen Verwandten führte sie einen sehr lebhaften
Briefwechsel, so mit ihrem Bruder, dem Kurfürsten Karl Ludwig
(hrsg. von Bodemann in den "Publikationen aus den preußischen
Staatsarchiven", Bd. 26, Leipz. 1885), und ihrer Nichte Elisabeth
Charlotte von Orléans (hrsg. von Bodemann, das., Bd. 37,
1888; s. Elisabeth 3). Ihre Memoiren gab Köcher heraus (das.,
Bd. 4, 1879).

2) S. Dorothea, bekannt als Prinzessin von Ahlden, geboren im
Herbst 1666, war die einzige Tochter und Allodialerbin des Herzogs
Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Celle und der Eleonore
d'Olbreuse (s. d.) und wurde 1682 mit dem Erbprinzen Georg Ludwig
von Hannover (später als Georg I. König von England)
vermählt. Vortrefflich gebildet und sehr schön, vermochte
sie doch nicht, ihren Gemahl, der den Haß seiner Mutter, der
Herzogin Sophie, gegen S., die Tochter der d'Olbreuse, geerbt
hatte, zu fesseln. Nachdem sie ihm einen Sohn, den nachmaligen
König Georg II., und eine Tochter, Sophie Dorothea (die
spätere Gemahlin König Friedrich Wilhelms I. von
Preußen, s. unten 5), geboren, sah sie sich nicht nur von ihm
oft rauh behandelt, sondern auch von der Mätresse ihres
Schwiegervaters Ernst August, der Gräfin von Platen, im
geheimen verfolgt. Denn da der Zweck der Heirat, die Vereinigung
Celles mit Hannover, nun gesichert war, legten der Kurfürst
Ernst August und seine Gemahlin Sophie ihrem Haß gegen ihre
Schwiegertochter keine Zügel mehr an. Unvorsichtige
Bevorzugung des Grafen Philipp Christoph von Königsmark (s. d.
2), der am Hof ihres Vaters als Page aufgewachsen war, gab dem
hannöverschen Hof den Vorwand, S. eines anstößigen
Verhältnisses mit Königsmark zu beschuldigen. Als S. den
Vater nicht für eine Lösung ihrer Ehe gewinnen konnte,
verabredete sie für den 2. Juli 1694 mit Königsmark die
Flucht nach Wolfenbüttel zu ihrem Verwandten, dem Herzog Anton
Ulrich. Am Abend des 1. Juli wurde Königsmark, als er aus den
Zimmern der Prinzessin kam, von dazu bestellten Leuten ermordet und
sein Leichnam im Schloß verborgen, die Prinzessin aber
hieraus verhaftet. Da sie jeden Versuch, eine Aussöhnung mit
ihrem Gemahl herbeizuführen, von sich wies, wurde die Ehe 28.
Dez. 1694 gelöst und die Prinzessin auf das Schloß
Ahlden verbannt, wo sie, allerdings unter Beobachtung der ihr
gebührenden Rücksichten, bis zu ihrem 13. Nov. 1726
erfolgenden Tod gefangen gehalten wurde. Daß sie ihrem Gatten
die Treue gebrochen, ist durchaus nicht erwiesen worden und ihr
Briefwechsel mit Königsmark, den Palmblad herausgab,
gefälscht. Vgl. Schaumann, S. Dorothea, Prinzessin von Ahlden,
und Kurfürstin Sophie von Hannover (Hannov. 1879).

[Österreich.] 3) Erzherzogin von Österreich, geb. 27.
Jan. 1805, Tochter des Königs Maximilian I. Joseph von Bayern
und Zwillingsschwester der Königin Maria von Sachsen,
vermählte sich 1824 mit dem Erzherzog Franz Karl von
Österreich und starb 28. Mai 1872. S. war die Mutter des
jetzigen Kaisers von Österreich, Franz Joseph, und
einflußreiche Gönner in der ultramontanen
Bestrebungen.

[Preußen.] 4) S. Charlotte, Königin von
Preußen, "die philosophische Königin", geb. 20. Okt.
1668 auf Schloß Iburg bei Osnabrück, Tochter des
Herzogs, spätern Kurfürsten Ernst August von Hannover und
der Sophie 1), lebte längere Zeit in Paris bei ihrer Tante,
der berühmten Pfalzgräfin Elisabeth Charlotte, wo sie
feine Sitte und Geschmack für Kunst sich aneignete,
während sie im Umgang mit Leibniz, dem Freund ihrer Mutter,
ihren lebhaften Geist auch in religiösen und philosophischen
Problemen übte, wurde 8. Okt. 1684 mit dem Kurprinzen
Friedrich von Brandenburg, spätern König Friedrich I.,
vermählt, dem sie nach seinem Regierungsantritt 1688 seinen
einzigen Sohn (den König Friedrich Wilhelm I.) gebar, lebte am
Hof ihres verschwenderischen und eiteln Gemahls der Pflege der
Künste und Wissenschaften, für welche sie auch Leib-

41

Sophienkirche - Sophokles.

niz nach Berlin zog, und erbaute sich in Lietzow das
Schloß Charlottenburg, wo sie einen eignen Hofhalt hattet
starb 1. Febr. 1705 in Hannover auf einer Reise nach den
Niederlanden. Vgl. Varnhagen v. Ense, Biographische Denkmale, Bd. 4
(3. Aufl., Leipz 1872).

5) S. Dorothea, Königin von Preußen, geb. 16.
März 1687, Tochter von Sophie 2) und des Königs Georg I.
von England und Nichte der vorigen, ward 28. Nov. 1706 mit dem
Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen vermählt, dem
sie 24. Jan. 1712 als dritten Sohn (die zwei ersten starben
früh) Friedrich d. Gr., dann noch mehrere Kinder gebar. Eifrig
bemüht, die Beziehungen zwischen Preußen und
Hannover-England noch fester und inniger zu knüpfen, kam sie
wiederholt mit dem von Österreich beherrschten Gemahl in
Konflikt, namentlich als sie, um die englischen Heiraten des
Kronprinzen und der Prinzessin Wilhelmine zu stande zu bringen,
heimlich mit dem englischen Hofe verhandelte, und hatte von dem
Jähzorn und der rauhen Härte des Königs viel zu
leiden. Nach dessen Tod (31. Mai 1740) lebte sie im Schloß
Monbijou in Berlin und starb 28. Juni 1757.

[Rußland.] 6) S. Alexejewna, russ. Großfürstin,
geb. 27. Sept. 1657, Tochter des Zaren Alexei Michailowitsch aus
dessen erster Ehe mit Maria Miloslawskij und daher Halbschwester
Peters d. Gr., machte sich nach dem Tode des Zaren Feodor III. 1682
durch einen Aufstand der Strelitzen zur Regentin für ihre
Brüder, den blödsinnigen Iwan und den unmündigen
Peter, die gemeinschaftlich den Thron bestiegen. Ihre Regentschaft
währte von 1682 bis 1689. Sie maßte sich gegen das Ende
dieses Zeitraums den Titel einer "Selbstherrscherin" an. Es
mußte zu einem Konflikt zwischen ihr und Peter kommen.
Derselbe ließ sie endlich 1689 in das Jungfrauenkloster zu
Moskau bringen, wo sie 14. Juli 1704 starb.

Sophienkirche, s. Konstantinopel, S. 29.

Sophisma (griech.), Trugschluß, ein Schluß,
den man mittels der Kunst der Sophistik zieht.

Sophisten (griech.), zur Zeit des Perikles und Sokrates
eine Klasse von Philosophen, welche den Unterricht in der
Philosophie nicht als Sache der freien Mitteilung trieben, sondern
denselben, meist von Ort zu Ort reisend, um Geld erteilten. Die
Sophistik, welche Platon und Aristoteles als die Kunst, mit
Hintansetzung ernsten wissenschaftlichen Sinnes den leeren Schein
des Wissens zu erregen, bezeichnen, entwickelte sich zunächst
aus dem Streben, dem Gedanken und der Sprache durch Biegsamkeit und
Gewandtheit für politische Zwecke die möglichste Kraft,
nicht sowohl der Überzeugung als der Überredung, zu
geben. Ihre Bedeutung für die Geschichte der Philosophie
beruht vorzugsweise darauf, daß sie in ihrem übrigens
durch mannigfache Kenntnisse und zum Teil durch glänzende
Talente unterstützten Streben, die Haltbarkeit alles durch
Überlegung zu erreichenden Wissens durch die Überlegung
selbst zu untergraben und die Festigkeit sittlicher
Überzeugung aufzulösen, für Sokrates und seine
Nachfolger die Veranlassung wurden, die Probleme der Wissenschaft
tiefer aufzufassen, als es bisher geschehen war. Die S. waren meist
Lehrer der Rhetorik, erniedrigten aber die Redekunst zu
bloßer Deklamation ebenso für wie wider jeden beliebigen
Gegenstand. Je ausschließlicher sich die Sophistik dieser
Richtung hingab, um so mehr verfiel sie in ein gehaltloses, nur auf
Beifall und Gewinn gerichtetes Wesen und endigte mit frivoler
Ableugnung jeder sittlichen Verbindlichkeit und mit spottender
Ableitung des Guten und Gerechten aus dem gebietenden Belieben der
Mächtigen. Wissenschaftlich knüpften die einen, wie
Gorgias (s. d.), an die eleatische Schule, die andern, wie
Protagoras (s. d.), an die Heraklitische an. Jene gaben den Eleaten
darin recht, daß das Viele nicht, aber darin unrecht,
daß das Eine sei; denn wäre dies, so müßte es
irgendwo sein. Dann aber wäre es nicht das Einzige: also sei
überhaupt Nichts (metaphysischer Nihilismus). Diese stimmten
mit den Herakliteern darin überein, daß alle Dinge
veränderlich seien, gingen aber dadurch über dieselben
hinaus, daß auch das Wissen veränderlich sei: also gebe
es überhaupt kein Wissen (logischer Nihilismus). Die
berühmtesten S. außer Gorgias und Protagoras waren:
Prodikos, Hippias, Thrasymachos, Kritias u. a. Vgl. Wecklein, Die
S. (Würzb. 1866).

Sophistik (Sophisterei, griech.), die Kunst der Sophisten
im schlimmen Sinn des Wortes; dann überhaupt die Kunst, durch
Zweideutigkeiten, trügerische Schlüsse (Sophismen) und
halb wahre Argumente Scheinbeweise herzustellen; s. Sophisten.

Sophokles, der gefeiertste tragische Dichter des griech.
Altertums, geb. 496 v. Chr. im attischen Kolonos, Sohn des
Sophillos, des wohlhabenden Besitzers einer Waffenfabrik, erhielt
eine sorgfältige Bildung in den musischen Künsten und
soll 480 den Siegesreigen nach der Schlacht bei Salamis
angeführt haben. Gleich bei seinem ersten Auftreten als
tragischer Dichter im Alter von 28 Jahren (468) gewann er den Sieg
über den 30 Jahre ältern Äschylos, um fortan den
ersten Rang in der Tragödie bis in sein hohes Alter zu
behaupten. Er hat über 20 mal den ersten, nie aber den dritten
Preis erhalten. Anders als Euripides beteiligte er sich am
politischen Leben und bekleidete mehrere Ämter; so war er 440
mit Perikles Befehlshaber der Flotte gegen Samos. Daß er im
hohen Alter von seinem Sohn Iophon, der gleichfalls als Tragiker
geachtet war, wegen Unfähigkeit, sein Vermögen zu
verwalten, vor Gericht gezogen sei, aber durch Vorlesung seines
"Ödipus auf Kolonos" seine völlige Freisprechung erwirkt
habe, scheint eine unbegründete Sage zu sein, wie sich auch
mancherlei Sagen an seinen 405 erfolgten Tod, der nach dem Zeugnis
eines Zeitgenossen seinem Leben entsprechend ein schöner war,
und sein Begräbnis anknüpften. Auf seinem Grab stand eine
Sirene als Sinnbild des Zaubers der Poesie. Die Athener errichteten
ihm später, wie Äschylos und Euripides, ein ehernes
Standbild im Theater. S. galt schon im Altertum für den
Vollender und Meister der Tragödie. Er erweiterte die
dramatische Handlung durch Einführung eines dritten
Schauspielers und durch die Beschränkung des Chors, dem er
anderseits eine kunstreichere Ausbildung gab, wie er auch sein
Personal auf 15 Mitglieder vermehrte. Indem er die Komposition der
Äschyleischen Tetralogie (s. d.) verließ, gestaltete er
jede Tragödie zu einem einheitlichen Kunstwerk mit einer in
sich abgeschlossenen Handlung, die er im einzelnen aufs
kunstvollste motivierte, namentlich aus dem Charakter der
handelnden Personen. Ganz besonders zeigt sich seine Kunst in der
scharfen, bis ins einzelnste sorgfältig durchgeführten
Charakteristik der Personen, in der er die Mitte hält zwischen
der übermenschlichen Erhabenheit des Äschylos und der
Neigung des Euripides, das gewöhnliche Leben zu kopieren. Mit
dem erstern hat er die tiefe Frömmigkeit gemein, die jedoch
bei ihm auf einer erheblich mildern Anschauung von der Stellung der
Götter zu den Menschen beruht. Die dem Wesen des S.
eigentümliche Anmut zeigt sich auch in der Sprache, deren
Süßigkeit von den Alten allgemein gerühmt

42

Sophonias - Sopran.

wird, und die in ihrer edlen Einfachheiten der Mitte zwischen
dem großartigen Pathos des Äschylos und der Glätte
und dem rhetorischen Schmuck des Euripides steht. S. gehört zu
den fruchtbarsten Dichtern. Außer Päanen, Elegien,
Epigrammen und einer prosaischen Schrift über den Chor hat er
123-130 Dramen verfaßt, von denen uns über 100 durch
Titel und Bruchstücke bekannt, aber nur 7 vollständig
erhalten sind: "Aias", "Antigone", "König Ödipus",
"Ödipus auf Kolonos", "Elektra", "Trachinierinnen" (Tod des
Herakles), "Philoktetes". Dieselben gehörten, mit Ausnahme der
"Trachinierinnen", unter die berühmtesten des S. Von ihnen
wurde "Antigone" 442, "Philoktet" 410, "Ödipus auf Kolonos"
erst nach dem Tode des Dichters von seinem gleichnamigen Enkel 401
auf die Bühne gebracht; die Abfassungszeit der übrigen
ist nicht genau bekannt. Namentlich die "Antigone" und der
"Ödipus auf Kolonos" wurden in neuester Zeit durch deutsche
Übersetzungen und die Musikbegleitung von
Mendelssohn-Bartholdy für die moderne Bühne bearbeitet
und seit 1841 (zuerst in Berlin) mit Beifall aufgeführt.

Gesamtausgaben, außer der Editio princeps, einer Aldina
(Vened. 1502), besorgten namentlich Brunck (Straßb. 1786-89,
4 Bde.), Erfurdt (Leipz. 1802-11, 6 Bde.; Bd. 7 von Heller u.
Döderlein, 1825; kleinere Ausg. von G. Hermann, 3. Aufl., das.
1830-51, 7 Bde.), Schneider (Weim. 1823-30, 10 Bde.), Wunder (4.,
zum Teil 5. Ausg., Leipz. 1847-1879, 2 Bde.), Dindorf (3. Aufl.,
Oxf. 1860, 8 Bde.; auch in dessen "Poetae scenici graeci", 5.
Aufl., Leipz. 1869), Schneidewin u. Nauck (zum Teil schon 9. Aufl.,
Berl. 1880, 7 Bde.), Nauck (das. 1868), Bergk (neue Aufl., Leipz.
1868), Wolff und Bellermann (5 Stücke, zum Teil in 4. Aufl.,
das.). Von Bearbeitungen einzelner Stücke sind hervorzuheben:
"Aias" von Lobeck (3. Aufl., Berl. 1866), M. Seyffert (das. 1866);
"Antigone" von Böckh (mit Übersetzung, neue Ausg., Leipz.
1884), Meineke (Berl. 1861), M. Seyffert (das. 1865), Schmidt (Jena
1880); "König Ödipus" von Elmsley (Cambr. 1811, Leipz.
1821), Herwerden (Utr. 1866); "Ödipus auf Kolonos" von Reisig
(Jena 1820), Elmsley (Oxf. 1823, Leipz. 1824), Mineke (Berl.1864);
"Philoktetes" von Buttmann (das. 1822) und M. Seyffert (das. 1867);
"Elektra" von O. Jahn (3. Aufl. von Michaelis, Bonn 1882);
"Trachinierinnen" von Blaydes (Jena 1872). Die Fragmente der
übrigen Stücke des S. sind gesammelt von Nauck in
"Fragmenta tragicorum graecorum" (2. Aufl., Leipz. 1889). Ausgaben
der Scholien zu sämtlichen Stücken besorgten Elmsley und
Dindorf (3. Aufl., Oxf. 1860) und Papageorg (Leipz. 1888). Ein
treffliches "Lexicon Sophocleum" hat Ellendt (2. Aufl. von Genthe,
Berl. 1872, 2 Bde.) veröffentlicht, ein gleiches auch Dindorf
(Leipz. 1871). Von den Übersetzungen der Sophokleischen Dramen
nennen wir die von Solger (3. Aufl., Berl. 1837, 2 Bde.), Donner
(10. Aufl., Leipz. 1882), Thudichum (3. Aufl., das. 1875), Hartung
(das. 1853), Minckwitz (neue Aufl., Stuttg. 1869), W. Jordan (Berl.
1862, 2 Bde.), Viehoff (Hildburgh. 1866), Scholl (Stuttg. 1869-71),
Bruch (Bresl. 1879), Prell-Erckens (Leipz. 1883), Wendt (Stuttg.
1884, 2 Bde.) und Türkheim (das. 1887, 2 Bde.). Wilbrandt
veröffentlichte "Ausgewählte Dramen des S. und Euripides,
mit Rücksicht auf die Bühne bearbeitet" (Nördlingen
1866). Eine berühmte Statue des Dichters, ein griechisches
Originalwerk von höchstem Kunstwert (in Terracina
aufgefunden), befindet sich im Lateran zu Rom. Vgl. Lessing, Leben
des S. (in dessen Werken); Schöll, S., sein Leben und Wirken
(Frankf. 1842); Patin, Études sur les tragiques grecs, Bd.
2: Sophocle (5. Aufl., Par. 1877).

Sophonias, s. Zephanja.

Sophonisbe (Sophonibe), Tochter des karthag. Feldherrn
Hasdrubal, Sohns des Gisgo, ausgezeichnet durch Schönheit,
Geist und Vaterlandsliebe, ward früh mit Masinissa (s. d.)
verlobt, aber dann mit König Syphax von Numidien
vermählt, um denselben für Karthago zu gewinnen. Nach der
Niederlage und Gefangennahme des Syphax (203 v. Chr.) fiel sie
Masinissa in die Hände, der sich sofort mit ihr
vermählte, um sie der Gewalt der Römer zu entziehen; als
aber Scipio, den Einfluß der unversöhnlichen Feindin
Roms auf Masinissa fürchtend, ihre Auslieferung forderte,
trank sie heldenmütig den ihr von Masinissa gereichten
Giftbecher. Vielfach dramatisch behandelt, so von Lohenstein
(1666), Hersch (1859), Geibel (1873), Roeber (1884) u. a.

Sophora L., Gattung aus der Familie der Papilionaceen,
Bäume und Sträucher, selten Kräuter, in den
tropischen und gemäßigten Gegenden der Alten und Neuen
Welt, mit unpaarig gefiederten Blättern, weißen, gelben,
selten violetten Blüten in endständigen Trauben oder
Rispen und mehr oder weniger gestielten, rosenkranzartigen,
dickschaligen, nicht aufspringenden Hülsen. S. japonica L.;
ein hoher Baum mit fein gefiedertem Laub, 11-13 unterseits
graugrün behaarten Blättchen mit krautartiger Borste,
endständigen Blütenrispen, weißlichen Blüten
und etwas fleischiger Hülse, wächst in China und Japan
und wird bei uns in Gärten kultiviert. Das sehr feste Holz
enthält einen stark riechenden, scharfen Stoff, der bei
Verwundungen mancherlei Übel hervorrufen kann; auch wirken
alle Teile des Baums purgierend. In China kultiviert man ihn in
großem Maßstab, weil die getrockneten Blüten
(Waifa) zum Gelb- und Grünfärben benutzt werden. - S.
tinctoria, s. Baptisia.

Sophron, griech. Mimendichter, aus Syrakus, älterer
Zeitgenosse des Euripides, verfaßte prosaische Dialoge in
dorischem Dialekt, teils ernsthaften, teils spaßhaften
Inhalts, welche Szenen des Volkslebens aufs treueste schilderten.
Trotz der prosaischen Form wurden seine Mimen von den Alten als
Dichtungen betrachtet. Platon, durch den sie in Athen zuerst
bekannt wurden, schätzte sie überaus und benutzte sie zur
dramatischen Einkleidung seiner Dialoge; Theokrit nahm sie in
seinen Idyllen zum Vorbild, und auch die Grammatiker schenkten
ihnen wegen ihrer volkstümlichen Sprachformen besondere
Beachtung. Die Dürftigkeit der erhaltenen Bruchstücke
(zuletzt gesammelt von Botzon, Marienburg 1867) verstattet weder
von Inhalt noch Ausführung eine Anschauung. Vgl. die Schriften
von Grysar (Köln 1838), Heitz (Straßb. 1851) und Botzon
(Lyck 1856).

Sophronisten (griech.), Sittenmeister, bei den Griechen
Beamte, welche das sittliche Verhalten der Jünglinge in den
Gymnasien zu überwachen hatten.

Sophrosyne (griech.), s. v. w. weise Mäßigung,
eine der vier Haupttugenden der Platonischen Ethik und zwar
diejenige, welche sich auf die Begierden der sinnlichen Natur des
Menschen bezieht.

Sopor (lat.), s. Schlafsucht.

Sopran (ital. Soprano, lat. Supremus, Discantus, Cantus,
franz. Dessus. engl. Treble), die höchste aller Gattungen der
Singstimmen, von der Altstimme dadurch verschieden, daß ihr
Schwerpunkt nicht wie bei dieser in dem sogen. Brustregister,
sondern in der Kopfstimme liegt. Der S. ist entweder eine
Frauen-,

43

Sopranschlüssel - Sorben.

Knaben- oder Kastratenstimme; die grausame, naturwidrige
Kastration (s. d.) erzeugte Sopranstimmen von dem Timbre der
Knabenstimme und der mächtigen Lungenkraft des Mannes. In der
päpstlichen Kapelle und auch anderweit wurden statt der
Kastraten, die nur zeitweilig zugelassen wurden, und statt der
Knaben, welche die schwierige Mensuraltheorie nicht schnell genug
zu erlernen vermochten, im 15.-17. Jahrh. sogen. Falsettisten
(Tenorini, Alti naturali) zur Ausführung der Sopranparte
verwendet, die darum verhältnismäßig tief
geschrieben wurden, um die Stimmen nicht allzu schnell zu
ruinieren. Der Normalumfang des Soprans ist vom (eingestrichenen)
c' bis zum (zweigestrichenen) a''; das Brustregister erstreckt sich
auf die Töne von f' oder fis' abwärts, die Kopfstimme
beinahe auf den ganzen Umfang, höchstens versagen c' und d'.
Es sind also dann die Töne d' bis fis' beiden Registern
gemein, d. h. können auf beide Weise hervorgebracht werden.
Bis zum a'' läßt sich so ziemlich jede normale
Sopranstimme ausdehnen, hohe Soprane singen bis c''',
phänomenale bis fis''', g''', ja c'''' (z. B. Lucrezia
Agujari, gest. 1783). Vgl. Mezzosopran.

Sopranschlüssel, s. v. w. Diskantschlüssel.

Sopratara (ital.), s. Tara.

Sora, Kreishauptstadt in der ital. Provinz Caserta, am
Garigliano, Bischofsitz, mit Seminar, Gewerbeschule, Resten von
Mauern des antiken S. und der mittelalterlichen Burg Sorella,
Tuchfabrikation, Papiermühlen und (1881) 5411 Einw.

Sorácte (jetzt Monte Sant' Oreste), berühmter
Berg, 45 km nördlich von Rom, die höchste Spitze eines
sich zwischen der Via Flaminia und dem Tiber hinziehenden
Bergrückens. Auf seinem Gipfel stand im Altertum ein
berühmter Tempel des Apollon (daher dessen Beiname Soranus),
dem daselbst Feste seltsamer Art gefeiert wurden. Am Abhang des
Bergs befanden sich warme Quellen; an seinem Fuß lag ein
Heiligtum der Feronia. Der S. ist 692 m hoch und gewährt
besonders mit Schnee bedeckt einen pittoresken Anblick (candidus
Soractes bei Horaz). Karlmann, der Bruder Pippins, gründete
748 am Ostabhang des S. das Kloster des heil. Silvester.

Sorano, Ortschaft in der ital. Provinz Grosseto, mit
Mineralquellen und (1881) 1217 Einw. Dazu gehört Sovana
(Soana), ein vormals bedeutender, aber schon seit langer Zeit wegen
des ungesunden Klimas verlassener Ort, mit Bistum (Sitz in
Pitigliano) und großer Kathedrale, Geburtsort Papst Gregors
VII. In der Nähe zahlreiche etruskische Gräber und die
Trümmer des alten Saturnia.

Soranus, Beiname des Apollon (s. Soracte).

Sorata, Revado de (Ilampu), nächst dem Aconeagua
höchster Berg des amerikan. Kontinents, erhebt sich als
vulkanischer Kegel auf der östlichen Umwallung (Cordillera
Real) der Hochebene von Bolivia in Südamerika, im O. des
Titicacasees, und überragt das Plateau um 2700 m, indem er bis
6544 m aufsteigt.

Sorau, 1) Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk
Frankfurt, Knotenpunkt der Linien Sommerfeld-Iegnitz, S.-Sagan und
S.-Kottbus der Preußischen Staatsbahn, 160 m ü. M.,
besteht aus dem Schloßbezirk, mit dem alten Schloß (von
1207) und dem daneben erbauten neuen Schloß (von 1716, jetzt
Lokal der Behörden) nebst der Peterskirche (um 1200 erbaut),
und der eigentlichen Stadt. Von hervorragenden Gebäuden sind
zu nennen: die evangelische Hauptkirche (aus dem 14. Jahrh., 1870
restauriert), die Schloß- und Klosterkirche (1728 neugebaut)
und die Gräbigerkirche (seit 1874 den Altlutheranern
eingeräumt), das Rathaus, das Krankenhaus und das
Waldschloß (von 1557). Öffentliche Plätze sind: der
Kaiserplatz mit dem Kriegerdenkmal und der Bismarckplatz. Die
Bevölkerung beträgt (1885) 13,665 Seelen, meist
Evangelische, welche Tuch-, Leinwand- und Damastweberei,
Färberei, Druckerei, Wachslicht-, Ziegel- u.
Drainröhrenfabrikation, Porzellanmalerei, Kunst- und
Handelsgärtnerei betreiben. Für den Handelsverkehr
befinden sich dort eine Handelskammer und eine
Reichsbanknebenstelle. S. hat ein Gymnasium, eine Webschule, ein
Amtsgericht, eine Oberförsterei, eine Irrenanstalt und ein
Waisenhaus. In der Umgegend zahlreiche Braunkohlengruben. - S. ist
wendischen Ursprungs und erhielt 1260 Stadtrecht. Damals
gehörte es den Burggrafen von Dewin, 1355 kam es an die
Burggrafen von Biberstein, welche auch die Umgebung der Stadt, die
Herrschaft S., erwarben. Diese fiel, nachdem sie 1490-1512 zu
Sachsen gehört hatte, nach dem Aussterben der Burggrafen von
Biberstein 1551 an König Ferdinand I. von Böhmen, der sie
1557 nebst der Herrschaft Triebel an den Bischof von Breslau,
Balthasar von Promnitz, verkaufte. Der letzte Sprößling
dieses Hauses überließ beide 1765 gegen eine Leibrente
von 12,000 Thlr. an Kursachsen, von dem sie 1815 an Preußen
kamen. Vgl. Worbs, Geschichte der Herrschaft S. und Triebel (Sor.
1826); Saalborn, Beiträge zur Geschichte von S. (das. 1876,
Heft 1). -

2) Stadt, s. Sohrau.

Sorauer, Paul, Botaniker, geb. 9. Juni 1839 zu Breslau,
erlernte daselbst die Gärtnerei, hörte gleichzeitig
botanische Vorlesungen, ging zu weiterer praktischer Ausbildung
nach Berlin, Brüssel, Paris und London, lebte ein Jahr in
Donaueschingen und studierte dann 1864-68 in Berlin
Naturwissenschaft, besonders Botanik. Er arbeitete als Assistent in
Karstens pflanzenphysiologischem Institut und widmete seine
Untersuchungen von nun an ausschließlich der Phytopathologie.
Er begann Vorlesungen über diese Disziplin am
landwirtschaftlichen Institut in Berlin, ging aber bald als
Assistent zu Hellriegel in Dahme und folgte 1871 einem Ruf an das
pomologische Institut in Proslau. Hier errichtete er die erste dem
Gartenbau speziell gewidmete botanische Versuchsstation und suchte
namentlich die bis dahin fast unbeachtet gebliebenen nicht
parasitären Krankheiten der Pflanzen zu erforschen. Er
schrieb: "Handbuch der Pflanzenkrankheiten" (2. Aufl., Berl. 1887,
2 Bde.; dazu der "Atlas", 1887 ff.); "Die Obstbaumkrankheiten"
(das. 1878); "Untersuchungen über die Ringelkrankheit und den
Rußtau der Hyazinthen" (Leipz. 1878); "Die Schäden der
einheimischen Kulturpflanzen durch Schmarotzer etc." (Berl.
1888).

Sorben (Sorbenwenden), slaw. Volk, welches im 6. Jahrh.
n. Chr. das Gebiet zwischen Saale und Elbe in Besitz nahm. Schon im
7. Jahrh. den Franken unterthan, fielen die S. 631 unter ihrem
Herzog Dervan ab und schlossen sich an Samo von Böhmen an.
Nicht Karl d. Gr., der 782 ein Heer gegen sie aussandte, sondern
erst Heinrich I. gelang um 928 ihre völlige Unterwerfung; auf
ihrem Gebiet entstanden die Marken Zeitz und Merseburg,
während das nördliche Sorbenland zur Mark Lausitz
geschlagen wurde. Unter Otto I. brach sich das Christentum unter
den S. allmählich Bahn, besonders seitdem die Bistümer
Merseburg und Zeitz 968 als Mittelpunkte der Mission gegründet
worden waren. Die S. verschmolzen teils mit den deutschen
Einwanderern, teils zogen sie sich in die jetzigen beiden Lausitzen
zurück, wo sie noch heute die ländliche Bevölkerung
bilden. Über die Sprache der S. s. Wendische Sprache.

44

Sorbett - Sorby.

Die Haupterzeugnisse ihrer Litteratur findet man verzeichnet in
den "Jahrbüchern für slawische Litteratur" (hrsg. von
Jordan, Leipz. 1843-48; fortgesetzt von Schmaler, Bautz.
1852-56).

Sorbett (arab.), s. Scherbett.

Sorbonne, die altberühmte Theologenschule in Paris,
deren Gründung auf Robert von Sorbon (gest. 1274), den
Hofkaplan Ludwigs des Heiligen, zurückgeführt wird; die
Bestätigungsbulle Clemens' IV. datiert von 1268.
Ursprünglich ein Alumnat für arme Studierende der
Theologie, gelangte die S. (welchen Namen die Anstalt erst seit dem
14. Jahrh. erhielt) durch berühmte Lehrer, welche an ihr
wirkten, sowie durch reiche Ausstattung gegenüber andern
ähnlichen Kollegien zu immer größerm Ansehen. In
ihrem Haus fanden regelmäßig die Sitzungen der
theologischen Fakultät der Pariser Universität statt, so
daß es seit dem Ende des 15. Jahrh. üblich wurde, diese
Fakultät selbst mit dem Namen S. zu bezeichnen. An diesen
Namen knüpfen sich daher die wichtigsten Entscheidungen,
welche vom Mittelalter bis zur Neuzeit für Gestaltung des
Katholizismus in Frankreich ausschlaggebend waren. Aber als
Vorkämpferin des Gallikanismus (s. d.) und Feindin des
Jesuitenordens, dessen Einführung in Frankreich (1562) sie
vergeblich zu verhindern suchte, verlor die S. allmählich an
Einfluß und Ansehen in dem selben Maß, als die Macht
der Päpste wuchs. Vollends war es um ihren Ruhm geschehen, als
sie sich im Sinn beschränkter Orthodoxie in einen erbitterten
Kampf mit den freisinnigen Schriftstellern des 18. Jahrh.
einließ (vgl. Voltaires "Tombeau de la S."). Durch die
Dekrete der Nationalversammlung von 1789 und 1790 wurden ihre
ausgedehnten, prächtigen Gebäude (1635-53 vom Kardinal
Richelieu errichtet) als Nationalgut eingezogen, 1808 aber der
neuen kaiserlichen Universität wieder übergeben. Jetzt
bilden sie den Mittelpunkt des Quartier latin und beherbergen die
theologische, die historisch-philologische und die
naturwissenschaftliche Fakultät der Pariser Universität.
Vgl. Duvernet, Histoire de la S. (deutsch, Straßb. 1792, 2
Bde.); Franklin, La S. (2. Aufl., Par. 1875); Méric, La S.
et son fondateur (das. 1888).

Sorbus L. (Eberesche), Gattung aus der Familie der
Rosaceen, Bäume von mittlerer Höhe, häufiger
Sträucher, mit einfachen, gelappten oder gefiederten
Blättern, in einfachen oder zusammengesetzten Trauben- oder
Scheindolden stehenden Blüten und beerenartiger Apfelfrucht
mit dünnhäutigen Fruchtfächern. I.
Apfelbeersträucher (Adenorrhachus Dec.), Sträucher mit
einfachen, auf der Mittelrippe oft mit Drüsen besetzten
Blättern, einfachen Doldentrauben, weißen, an der Basis
nicht bewimperten oder behaarten Blumenblättern, fünf
Griffeln. Rotfrüchtiger Apfelbeerstrauch (S. arbutifolia L.),
in Nordamerika, 1-2 m hoher Strauch mit aufrecht abstehenden
Zweigen, länglich ovalen, unterseits behaarten Blättern
und roten, behaarten Früchten, färbt sich im Herbst
intensiv rot, wird als Zierstrauch angepflanzt. Ein Bastard dieser
Art mit S. Aria ist S. heterophylla Rchb., mit sehr
veränderlichen, ganzen, eingeschnittenen, meist mehr oder
weniger gefiederten, unterseits graufilzigen Blättern,
vielblütigen Doldentrauben und schwarzroten Früchten. II.
Ebereschen (Aucuparia Med.), Sträucher und Bäume mit
gefiederten Blättern, zusammengesetzten, rispenartigen
Doldentrauben, an der Basis mit einigen abfallenden Härchen
besetzten Blumenblättern, zwei oder drei Griffeln und glatten
Früchten. S. aucuparia L. (gemeine Eberesche, Vogelbeerbaum,
Quitzstrauch), ein mittelhoher Baum mit gefiederten, wenigstens auf
der Unterseite lange Zeit wollig behaarten Blättern,
gesägten Blättchen, weißen, unangenehm riechenden
Blüten und roten Früchten, wächst in Europa und
Nordasien bis in die subarktische Zone, im Süden auf dem St.
Gotthard bis zur Grenze der Fichte. Die Eberesche gehört zu
unsern schönsten Gehölzen und eignet sich trefflich zu
Anpflanzungen in Gärten und an Wegen. Das ziemlich harte Holz
wird von Tischlern, Büchsenschäftern und Wagnern benutzt;
die Früchte dienen zum Vogelfang (aucupium, daher der Name),
besonders für Drosseln (Drosselbeere), auch als Futter
für Federvieh und Schafe, zur Darstellung von
Äpfelsäure, Branntwein, Essig etc. III. Mehlbirn (Aria
Host.), Sträucher und Bäume mit einfachen, unten filzigen
Blättern, Blüten in Doldentrauben,
zurückgeschlagenen Blumenblättern, wolligen Griffeln und
Früchten. S. Aria Crtz. (gemeine Mehlbirn, Mehlbaum,
weißer Elsbeerbaum, Alzbeere, Arlesbeere), ein 9-12 m hoher
Baum mit rundlichen oder länglichen, doppelt gesägten
oder eingeschnittenen, unterseits weißfilzigen Blättern,
in verästelten Doldentrauben stehenden, weißen
Blüten und rundlichen, rotorangen, punktierten, süß
säuerlichen Früchten, findet sich in Mittel- und
Südeuropa und im Orient, in der untern Alpenregion bis 1700 m,
nördlich bis zum Harz, liefert Nutzholz; er wird in mehreren
Varietäten in den Gärten kultiviert. Ein Bastard mit S.
torminalis ist S. latifolia Pers., mit länglich
breiteiförmigen, am Rand lappigen, gesägten, unterseits
graufilzigen Blättern, großer, filziger Doldentraube und
ovalrunden, rotorangen, gelb punktierten Früchten. IV.
Elsbeerbäume (Torminaria Ser.), Bäume mit gelappten,
unbehaarten Blättern, Doldentrauben, flachen, etwas
bärtigen Blumenblättern, zwei Griffeln, unbehaarten
Früchten. S. torminalis L. (Elsebeerbaum, Atlasbeerbaum), ein
mittelhoher Baum mit eirunden, tief und ungleich gelappten,
ungleich scharf gesägten, unbehaarten Blättern, filziger
Doldentraube, weißen Blüten und graubraunen, weiß
punktierten Früchten, ist in Mitteleuropa einheimisch, bei uns
nördlich bis zum Harz, liefert genießbare Früchte
u. Nutzholz (Atlasholz). V. Speierling (Cormus Spach), mit
gefiederten Blättern, an der Basis wolligen
Blumenblättern und fünf meist einsamigen, im
Querdurchschnitt spitzen Fruchtfächern. S. domestica L.
(Speierling, Sperber-, Spierlingsvogelbeere), ein großer Baum
mit gefiederten Blättern, gesägten, unterseits meist
weißlich behaarten Blättchen, kleinen Blüten in
endständiger Doldentraube und birn- oder apfelförmigen,
orangegelben Früchten, welche durch Liegen weich und
wohlschmeckend werden, wächst in Italien, Frankreich und dem
westlichen Nordafrika, wird in Süddeutschland in Gärten
kultiviert und findet sich bei uns verwildert bis zum Harz.

Sorby, Henry Clifton, Naturforscher, geb. 10. Mai 1826 zu
Woodbourne bei Sheffield, widmete sich naturwissenschaftlichen
Studien auf seinem Gut Broomfield bei Sheffield und erreichte
bedeutende Erfolge namentlich durch Anwendung mikroskopischer
Forschungen auf physikalische Gegenstände und physikalischer
Methoden aus geologische Probleme. Er wies zuerst auf die
mikroskopische Untersuchung der Kristalle und Gesteine und auf die
Wichtigkeit derselben für theoretische Schlußfolgerungen
hin und veröffentlichte seine ersten darauf bezüglichen
Arbeiten 1858 im "Quarterly Journal of the Geological Society". Er
wandte auch zuerst die Spektralanalyse

45

Sordid - Soria.

bei mikroskopischen Untersuchungen an und konstruierte ein
Spektroskop zur Analyse gefärbter Flüssigkeiten, welches
seitdem weite Verbreitung gefunden hat.

Sordid (lat.), schmutzig, unflätig, geizig;
Sordidität, schmutziges Wesen, Geiz.

Sordino (ital.), s. Dämpfer.

Sordo (ital.), musikal. Bezeichnung: gedämpft.

Sordun, Name eines im 17. Jahrh. gebräuchlichen
Holzblasinstruments und einer veralteten Orgelstimme von
gedämpftem Klang.

Soredien (griech.), s. Flechten, S. 353.

Sorel, Stadt in der britisch-amerikan. Provinz Quebec, am
St. Lorenzstrom, an der Mündung des Richelieu, hat Handel,
Fischerei und (1881) 5791 Einw.

Sorel, 1) (Soreau) Agnes, die Geliebte König Karls
VII. von Frankreich, geboren um 1409 zu Fromenteau in Touraine von
adligen Eltern, kam als Ehrendame der Herzogin von Anjou, Isabella
von Lothringen, 1431 (also erst nach dem Tode der Jungfrau von
Orléans) an den französischen Hof und fesselte durch
ihre Schönheit und Geistesbildung den König so sehr,
daß er sie zur Ehrendame der Königin ernannte und ihr
das Schloß Beauté an der Marne schenkte, daher ihr
Name Dame de Beauté. Obwohl sie ihren Einfluß auf den
König nie mißbrauchte und selbst die Achtung der
Königin genoß, hatte sie doch viel von der Roheit des
Dauphins, nachmaligen Königs Ludwig XI., zu leiden. Nachdem
sie seit 1442 zu Loches in der Zurückgezogenheit gelebt,
ließ sie die Königin wieder an den Hof kommen. Um dem
König stets nahe zu sein, begab sie sich nach dem Schloß
Masmal la Belle, wo sie aber schon 9. Febr. 1450 starb. Sie
hinterließ dem König drei Töchter. Vgl.
Steenackers, Agnes S. et Charles VII (Par. 1868).

2) Albert, franz. Schriftsteller, geb. 13. Aug. 1842 zu Honfleur
(Calvados), war 1866 im Auswärtigen Ministerium angestellt,
begleitete 1870 die Delegation nach Tours und Bordeaux, ward 1872
Professor der diplomatischen Geschichte in Paris und 1876
Generalsekretär des Präsidiums des Senats. Außer
vielen Artikeln in der "Revue des Deux Mondes" und andern
Zeitschriften schrieb er die Romane: "La grande falaise" (1872) und
"Le Docteur Egra" (1873) und die historischen Werke: "Le
traité de Paris du 20 nov. 1815" (1873); "Histoire
diplomatique de la guerre franco-allemande" (1875, 2 Bde.);
"Laquestion d'Orient au XVIII. siècle" (1878); "Essais
d'histoire et de critique" (1882); "L'Europe et la
Révolution française" (1885-87, 2 Bde.);
"Montesquieu" (1887), und in Gemeinschaft mit Funck-Brentano:
"Précis du droit des gens" (2. Aufl. 1887).

Soresina, Stadt in der ital. Provinz Cremona, an der
Eisenbahn von Treviglio nach Cremona, hat Seiden- und Weinkultur,
Bereitung von Senf und Konfitüren, Handel und (1881) 6765
Einw.

Sorex, Spitzmaus.

Sorèze (spr. ssorähs), Flecken im franz.
Departement Tarn, Arrondissement Castres, pittoresk durch Lage und
Bauart und berühmt durch ein Collège der Benediktiner,
mit (1881) 1348 Einw. In der Nähe eine große
Stalaktitengrotte und das Bassin von St.-Ferréol des Canal
du Midi.

Sorgh, Hendrik Martensz, niederländ. Maler, geboren
um 1611 zu Rotterdam, war dort Schüler des Willem Buyteweck
und starb daselbst um 1670. Er hat biblische Darstellungen in
genrehafter Auffassung (z. B. die Anbetung der Hirten, in
Petersburg, die Parabel vom Weinberg des Herrn, in Dresden) und
Genrebilder aus dem Volksleben (Fisch- und Gemüsemärkte,
Interieurs mit Figuren), aber auch Marinen und Flußufer
gemalt, die zum Teil den Einfluß von C. Saftleven zeigen und
sich durch Feinheit der Färbung und Lebendigkeit der
Darstellung auszeichnen.

Sorghum Pers. (Mohrenhirse), Gattung aus der Familie der
Gramineen, in wärmern Ländern heimische große,
breitblätterige Gräser mit markigem Stengel,
reichverzweigten, derbästigen Rispen mit elliptischen bis
kugelig elliptischen Ährchen, lederigen, schwach behaarten, an
der Spitze gezähnelten, selten begrannten Hüllspelzen,
tief ausgerandeten, begrannten oder grannenlosen Deckspelzen und
mehligen Samen. S. vulgare Pers. (Mohren-, Moorhirse, Kafferkorn,
Negerkorn, Durrha, Dari, Dara, Doura [S. tartaricum]),
einjähriges Gewächs mit knotig gegliedertem, bis 5 m
hohem Halm, eirund-ovaler, zusammengezogener, fast
kolbenförmiger Rispe und braunen, braunroten oder schwarzen
Spelzen, stammt vielleicht aus Indien, kam zu Plinius' Zeit nach
Europa, im 13. Jahrh. nach Italien und im 16. Jahrh. als
sarazenische Hirse nach Frankreich. Sie wird jetzt als
Charakterpflanze Afrikas an der West- und Ostküste, in der
Nordhälfte bis Timbuktu, in Abessinien bis 2500 m ü. M.
als Brotkorn gebaut, auch in Polen, Ungarn, Dalmatien, Portugal,
Italien, in Arabien, Ostindien und Turkistan in mehreren
Varietäten kultiviert. In Afrika liefert sie unter allen
Brotfrüchten die reichsten Erträge. Man bereitet aus den
Körnern auch Grütze, ein berauschendes Getränk und
Essig und verarbeitet sie in Belgien, Irland, Schottland in den
Brennereien; außerdem dienen sie, wie auch die Halme mit den
Blättern, als Viehfutter; aus den entkernten Blütenrispen
macht man die sogen. Reisbesen (Besenkraut). S. saccharatum Pers.
(Zuckermoorhirse, Himalajakorn), 3-3,75 m hoch, mit
quirlästiger Rispe mit überhängenden Ästen, aus
Ostindien und Arabien stammend, wird in China, Südafrika und
dem südlichen Nordamerika sehr ausgedehnt kultiviert. 1857
importierte man nach Amerika den ersten Samen, und 1863 waren schon
250,000 Acres mit S. (Imphee) bebaut, aus dessen Stengeln man
Zucker gewann. Als indisches Futter-Sorgho (indisches Korn) wurde
die Pflanze auch bei uns zum Anbau als Grünfutter empfohlen;
sie gibt hohen Ertrag, ist aber unsicherer als Mais und verlangt
heiße Sommer zu ihrem Gedeihen. Vgl. Collier, S., its culture
etc. (Lond. 1884).

Sorgues (spr. ssorgh), Flecken im franz. Departement
Vaucluse, Arrondissement Avignon, am gleichnamigen Fluß,
welcher seinen Ursprung in der wasserreichen Quelle Vaucluse (s.
d.) hat und nach 40 km langem Lauf in den Rhône mündet,
und an der Eisenbahn Lyon-Marseille (Abzweigung nach Carpentras)
gelegen, hat Weinbau, Seidenspinnerei, Fabrikation von chemischen
Produkten und (1881) 2977 Einw.

Soria, span. Provinz in der Landschaft Altkastilien,
grenzt im N. an die Provinz Logroño, im O. an Saragossa, im
Süden an Guadalajara, im W. an Segovia u. Burgos und hat ein
Areal von 10,318 qkm (187,4 QM.). Das Land ist im ganzen ein
Hochplateau, welches im N. von Berggruppen des Iberischen
Gebirgssystems (darunter Pico de Urbion, 2252 m, Sierra del
Moncayo, 2349 m), im südlichen Teil von den Ausläufern
des Kastilischen Scheidegebirges eingeschlossen wird. Das Zentrum
der Provinz bildet das Becken des obern Duero, welcher hier den
Rituerto und Ucero aufnimmt. Einige Wasserläufe im
östlichen Teil, darunter der Jalon, fließen dem Ebro zu.
Im N. finden sich große Kiefernwaldungen, sonst aber herrscht
Mangel an Bäumen, dafür jedoch sehr reicher Graswuchs auf
den öden Hochflächen. Das Klima ist

46

Soria - Sosh.

in den Thälern mild, auf den Gebirgen rauh. Die sehr
spärliche, arme Bevölkerung betrug 1878: 153,652 Seelen,
demnach nur 15 pro QKilometer (1886 auf 162,000 Seelen
geschätzt). Die wichtigsten Produkte sind: Schafe, Pferde,
Maulesel, Getreide, Wein (geringe Qualität), Öl, Flachs
und Hanf; das Mineralreich bietet wohl Erze, welche aber nicht
abgebaut werden, dann Salz und Gips. Hauptbeschäftigung bildet
Vieh-, besonders Schafzucht, daneben kommen höchstens noch
Weberei und Gerberei in Betracht. Die Südostecke der Provinz
wird von der Spanischen Ostbahn (Madrid-Saragossa) durchschnitten.
Die Provinz umfaßt fünf Gerichtsbezirke (darunter Burgo
de Osma und Medinaceli). - Die gleichnamige Hauptstadt, rechts am
Duero, mit zinnengekrönten Mauern umgeben und von einem
hochgetürmten Schloß überragt, hat (1886) 5834
Einw. u. ist Sitz des Gouverneurs.

Soria, Fabrikstadt im mexikan. Staat Guanajuato, bei
Celayo, hat eine Baumwollspinnerei u. -Weberei und eine
Kasimirfabrik.

Soriano, Departement des südamerikan. Staats
Uruguay, 9223 qkm (151,2 QM.) groß mit (1885) 24,988 Einw.,
am Uruguay, ist malerisch gelegen und hat viel Viehzucht (Schafe,
Rinder). Hauptstadt ist Mercedes am Rio Negro, 30 km oberhalb
dessen Mündung in den Paraguay, mit 4000 Einw.; der
älteste Ort aber ist Soriano, an der Mündung des
genannten Flusses, 1624 gegründet, mit 600 Einw.

Soriano nel Cimino (spr. tschi-), Dorf in der ital.
Provinz Rom, Kreis Viterbo, am Fuß des Monte Cimino, hat
Ringmauern und (1881) 4601 Einw.

Soringaöl (Sorinjaöl), s. Behenöl.

Soristan, s. v. w. Syrien.

Sorites (griech., Kettenschluß), ein aus mehreren
Schlüssen zusammengesetzter Schluß, dessen Erfindung
gewöhnlich dem Eubulides zugeschrieben wird. Derselbe
entsteht, indem zwei Schlüsse enthymematisch, d. h. durch
Hinweglassung entweder des Ober- (Aristotelischer S.) oder des
Untersatzes (Goclenianischer S.), abgekürzt und so verbunden
werden, daß sie alle einen gemeinschaftlichen
Schlußsatz erhalten; z. B.: die Gestirne sind Körper;
alle Körper sind beweglich; alles Bewegliche ist
veränderlich; alles Veränderliche ist vergänglich:
also sind die Gestirne vergänglich (Krug).

Sorlingues (spr. ssorlängh), s. Scillyinseln.

Sorö, dän. Amt auf der Insel Seeland, 1475 qkm
(26,8 QM.) mit (1880) 87,509 Einw. Die gleichnamige Hauptstadt in
schöner Lage am Sorösee und an der Eisenbahn von
Kopenhagen nach Korsör, mit berühmter Akademie und (1880)
1464 Einw. Die Akademie (jetzt gelehrte Schule und
Erziehungsanstalt), eine der reichsten Stiftungen des Landes, wurde
1586 aus den Einkünften der 1161 hier gegründeten
Cistercienser-Mönchsabtei gestiftet und 1822 neu organisiert.
Von den großartigen alten Klostergebäuden ist nur noch
die Kirche (mit den Grabmälern mehrerer dänischer
Könige und Ludwig Holbergs) vorhanden.

Sörö, norweg. Insel an der Küste des
Nördlichen Eismeers, unweit der Stadt Hammerfest, 971 qkm
(17,6 QM.) groß.

Sorocaba, Stadt in der brasil. Provinz São Paulo,
am gleichnamigen Nebenfluß des Tieté, in fruchtbarer
Gegend, hat vielbesuchte Maultier-, Pferde- und Rindviehmärkte
und 3000 Einw. 5 km nördlich davon liegen die Eisenhütten
von Ipanema.

Soroki (Ssoroki), Kreisstadt im russ. Gouvernement
Bessarabien, rechts am Dnjestr, hat 2 Kirchen und (1885) 11,876
Einw., welche Handel mit Tabak, Wein und Getreide treiben. An der
Stelle von S. stand einst Olchionia, ein Handelsplatz der Genuesen.
Im Bukarester Traktat 1812 kam S. an Rußland.

Sorr, Dorf in Böhmen, s. Soor.

Sorrénto, Stadt in der ital. Provinz Neapel, Kreis
Castellammare, in reizender Lage auf der Nordseite der Halbinsel
von S., welche den Golf von Neapel von dem von Salerno trennt, an
der landschaftlich schönen Straße von Castellammare nach
Massa, von Orangen- und Olivenhainen, Wein-, Obst- und
Maulbeerpflanzungen umgeben, ist Sitz eines Erzbischofs, hat Reste
von römischen Bauwerken, eine Kathedrale, ein Seminar,
Seebäder, Schiffahrt und Handel (in der Marina von S. sind
1886: 91 Schiffe mit 38,025 Ton. angelaufen), Seidenindustrie,
Fabrikation von Holzmosaikwaren und (1881) 6089 Einw. Die
schöne Lage und das herrliche Klima machen es zum
Lieblingsaufenthalt der Fremden auch im Sommer (zahlreiche Hotels
und Villen). Einen malerischen Anblick gewährt die Küste
ringsumher durch ihre jäh niederstürzenden, 30-60 m hohen
Felswände mit Höhlen und tiefen Einkerbungen. Die
Umgebung der Stadt enthält zahlreiche schöne Punkte (wie
das ehemalige Kloster Deserto, der Arco naturale, die Punta della
Campanella etc.). S., im Altertum Surrentum, war eine uralte,
anfänglich etruskische Stadt Kampaniens, später
römische Kolonie und ist Geburtsort Torquato Tassos, welchem
hier ein Denkmal errichtet worden ist.

Sört (Saird), Hauptort eines Liwa im
asiatisch-türk. Wilajet Bitlis, zwischen dem Bitlis Su und dem
östlichen Tigris (Schatt), ist Sitz eines nestorianischen
Bischofs, hat einige Moscheen und 5000 Einw.

Sorte (franz.), Art, Gattung, besonders von Waren oder
Geld; Sortenzettel, s. Bordereau.

Sortes ("Lose"), bei den Römern Losorakel, von denen
sich besonders die zu Antium, Cäre und Präneste
großen Ansehens erfreuten. Die letztern wurden geleitet durch
den Willen der Fortuna Primigenia (s. d.) und bestanden aus sieben
eichenen, mit alten Schriftzügen versehenen Stäbchen,
welche, nachdem der Befragende sich mit Gebet und Opfer an die
Göttin gewendet hatte, ein Knabe mischte, um sodann eins davon
zu ziehen. Mit Unrecht führen den Namen S. Praenestinae einige
inschriftlich erhaltene Prophezeiungen (vgl. Preller-Jordan,
Römische Mythologie, Bd. 2, S. 190). S. nannte man dann auch
die als Prophezeiungen verwendeten Stellen eines Buches (z. B. der
Bibel), welche durch Aufschlagen ermittelt wurden, oder auch auf
Blätter geschriebene Verse (namentlich des Vergil), die man
zog.

Sortie (franz., spr. ssortih), Ans-, Weggang; Ausfall,
Ausfallthor; s. de bal, leichter Damenumhang.

Sortieren (franz.), nach Sorten ordnen.

Sortiment (franz. assortiment), Sammlung von
Gegenständen derselben Gattung, aber von den verschiedensten
Arten, besonders in gehöriger Abstufung der Güte (vgl.
Assortiment); Sortimentshandel, s. Buchhandel, S. 574.

Sortita (ital.), die Eintrittsarie der Primadonna in der
italienischen Oper früherer Zeit, auf welche die Komponisten
großen Fleiß verwandten, um sie zu einer dankbaren und
brillanten Nummer zu gestalten.

Sorus (lat.), Fruchthäufchen, s. Farne, S. 51.

Sosandra, mutmaßlicher Beiname der Aphrodite, von
welcher Kalamis (s. d.) eine berühmte Statue (auf der
Akropolis zu Athen) gemacht hatte.

Sosh (Ssosh), Nebenfluß des Dnjepr in
Rußland, durchfließt die Gouvernements Smolensk und
Mohilew und ist durch seine Schiffbarkeit für den Handel
wichtig.

47

Sosier - Sottie.

Sosier (Sosii), Name einer Buchhändlerfirma im alten
Rom, zur Zeit des Augustus, welche einen großen, von Horaz
rühmend erwähnten Betrieb hatte; deshalb typischer Name
für angesehene Buchhändler.

Sosiphanes, griech. Tragiker der sogen. Pleias, aus
Syrakus, lebte um 300 v. Chr. und soll 73 Tragödien
geschrieben haben, von denen aber nur geringe Fragmente (bei Nauck:
"Tragicorum graecorum fragmenta", 2. Aufl., Leipz. 1889) erhalten
sind.

Sositheos, griech. Tragiker der sogen. Pleias, aus
Alexandria in Troas, lebte um 280 v. Chr. zu Athen und Alexandria
in Ägypten und gilt als Wiederhersteller des Satyrspiels. Von
seinen Dramen sind nur spärliche Fragmente erhalten (bei
Nauck: "Tragicorum graecorum fragmenta", 2. Aufl., Leipz.
1889).

Sosna (Ssosna), Fluß im russ. Gouvernement Orel,
fließt zwischen waldlosen, steilen Ufern hin und mündet
von rechts in den Don; 220 km lang.

Sosniza (Ssosniza), Kreisstadt im russ. Gonvernement
Tschernigow, unweit der Mündung der Ubeda in die Desna, hat 5
Kirchen, ein Stadtkrankenhaus und (1885) 6774 Einw., welche sich
vornehmlich mit Ackerbau und Tabaksanpflanzung beschäftigen.
Ursprünglich eine Stadt des Tschernigower Fürstentums,
stand S. lange unter polnischer Herrschaft, bis es 1686 die Russen
wieder in Besitz nahmen.

Sóso, afrikan. Stadt, s. Saria.

Sosos, griech. Mosaikkünstler, der wahrscheinlich
zur Zeit der Attaliden zu Pergamon thätig war. Dort befand
sich sein berühmtes Werk mit den vier trinkenden oder sich
sonnenden Tauben auf dem Rand eines Wassergefäßes, aus
natürlichen Steinen zusammengesetzt, wovon sich eine
römische Nachbildung im kapitolinischen Museum zu Rom
befindet.

Sospel (ital. Sospello), Stadt im franz. Departement
Seealpen, Arrondissement Nizza, in einem tiefen Thal an der Bevera
und an der Straße zum Col di Tenda, hat Reste alter
Befestigungen und (1881) 3097 Einw.

Sospirante (ital.), seufzend.

Sospiro (ital., franz. soupir, "Seufzer"), in der
Notenschrift s. v. w. Viertelpause.

Sospita (auch Sispita, Sospes, Sispes, "Erretterin,
Heilbringerin"), Beiname besonders der Juno, als welche sie
namentlich in Lanuvium, aber auch in Rom verehrt wurde, angethan
mit Ziegenfell, welches ihr zugleich als Helm und als Panzer
diente, gebogenen Schnabelschuhen, Schild und Spieß. Eine
vorzügliche Statue derselben enthält das vatikanische
Museum zu Rom.

Sospität (lat.), Wohlsein, Wohlstand.

Sostenuto (ital.), s. v. w. gehalten, eine
Tempobezeichnung, die etwa mit Andante oder Adagio
übereinstimmt, zu welchen beiden es auch als Zusatz
auftritt.

Sotades, griech. Dichter, aus Maroneia in Thrakien, lebte
in Alexandria unter Ptolemäos Philadelphos (um 280 v. Chr.)
und soll auf Geheiß des Königs, dessen Ehe mit seiner
leiblichen Schwester Arsinoe er verspottet hatte, ersäuft
worden sein. Er verfaßte im ionischen Dialekt und einem
eigentümlichen nach ihm benannten Metrum (Sotadeen,
Grundschema: ^^^^^^^^^^^^^^) boshafte Spottgedichte und
mythologische Travestien zum Teil unzüchtigen Inhalts, welche
auf mündlichen Vortrag unter mimischer Tanzbegleitung
berechnet waren. Diese sogen. Sotadische Dichtgattung fand
zahlreiche Nachahmer. Vgl. Sommerbrodt, De phlyacographis Graecorum
(Bresl. 1875).

Soetbeer (spr. söt-), Adolf, deutscher
Nationalökonom, geb. 23. Nov. 1814 zu Hamburg, studierte
Philologie, wurde infolge seiner Schrift "Des Stader Elbzolls
Ursprung, Fortgang und Bestand" 1840 Bibliothekar der
Kommerzbibliothek und 1843 Sekretär und Konsulent der
Kommerzdeputation in Hamburg. Die Universität Kiel ernannte
ihn zum Ehrendoktor der Rechte. 1872 siedelte er nach
Göttingen über, wo er zum Honorarprofessor und Geheimen
Regierungsrat ernannt wurde. S. hat seit vielen Jahren eifrig
für eine deutsche Münzreform auf Grundlage der
Goldwährung gewirkt; auch der Münzgeschichte, der
Statistik der Flußschiffahrt, den Handelsverträgen
widmete er ein reges Interesse. Er übersetzte Mills
"Politische Ökonomie" (4. Ausg., Leipz. 1881, 3 Bde.), schrieb
Kommentare zum deutschen Münzgesetz und dem deutschen
Bankgesetz (Erlang. 1874-76) und veröffentlichte
außerdem: "Edelmetallproduktion und Wertverhältnis
zwischen Gold und Silber seit der Entdeckung Amerikas" (Gotha 1879)
und "Materialien zur Erläuterung und Beurteilung der
wirtschaftlichen Edelmetallverhältnisse und der
Währungsfrage" (2. Ausg., Berl. 1886).

Soteira (griech., "Retterin"), Name der Göttinnen,
welche als Schützerinnen eines Landes galten, z. B. der
Artemis in Korinth, der Athene in Athen.

Soter (griech., "Erhalter, Retter"), Beiname aller Stadt
und Land beschützenden Götter, des Zeus, Helios, Apollon,
Dionysos, Asklepios, Poseidon, Herakles etc.; auch Beiname vieler
Könige und Kaiser.

Soteriologie (griech.), die Lehre von Christus als dem
Erlöser (Soter).

Sothisperiode (Hundssternperiode), s. Periode.

Sotnie (russ.), bei den Kosaken s. v. w. Kompanie oder
Eskadron; Sotnik, der Kommandant einer S.

Soto, 1) (Sotus) Dominico de, gelehrter kathol. Theolog,
geb. 1494, war Dominikaner, beteiligte sich 1545-47 am Konzil von
Trient, war 1547-50 Beichtvater Karls V. und lebte später zu
Salamanca, wo er 1560 starb. Unter seinen Schriften ward namentlich
die "De justitia et jure" (Salam. 1556) dadurch berühmt,
daß sie dem Volk das Recht vindiziert, einen tyrannischen
Fürsten abzusetzen. Auch bekämpfte S. als einer der
ersten den Negerhandel.

2) Hernando de, span. Seefahrer, geboren um 1496 zu Villanueva
in Estremadura, machte erst Entdeckungsreisen auf Cuba, ward
Gouverneur von Santiago de Cuba, erbaute das 1528 von
französischen Seeräubern zerstörte Havana wieder,
begleitete dann 1532 Pizarro auf seiner Unternehmung gegen Peru und
kundschaftete das Land aus, zeigte sich human und mild und suchte
vergeblich Atahualpas Hinrichtung zu hindern, unternahm 1539 die
Eroberung Floridas und kam auf einer seiner Expeditionen 25. Juni
1542 um. Vgl. Garcilaso de la Vega, Historia del adelantado H. de
S. (Madr. 1723).

Sotteville (spr. ssott'wil, S. lès Rouen), Dorf im
franz. Departement Niederseine, links an der Seine, Rouen
gegenüber, an der Eisenbahn Paris-Le Havre, hat
Eisenbahnwerkstätten der Ostbahn, Baumwollspinnerei und
-Weberei, Fabriken für Chemikalien, Seilerwaren, Öl,
Seife etc. und (1886) 13,628 Einw.

Sottíe (franz. sotie, von sot, "Narr"),
Narrenspiel, Name einer Art dramatischer Possen oder Satiren,
welche wie die Moralitäten und Farcen den Anfangszeiten des
französischen Dramas angehörten, und deren Personen
Narren waren. Sie wurden von den Enfants sans souci (s. d.), dann
auch von den Mitgliedern der Bazoche (s. d.) aufgeführt und
zeichneten sich besonders durch die Plumpheit ihrer Rollen und
kühn tadelnde Sprache aus. Seit Gringore (s. d.),

48

Sottise - Söul.

der viele solcher Stücke schrieb, meist mit typischen
Narrenfiguren, wie le prince Sot, la mère Sotte etc., wurden
sie ausgeführter und erhielten eine politisch- oder
kirchlich-satirische Zuspitzung. In der ersten Hälfte des 17.
Jahrh. verschwanden die Sottien allmählich von der Bühne
wie von der Straße. In Deutschland, wohin sich dieselben von
Frankreich aus auch verbreiteten, verschmolzen sie mit den
Fastnachtsspielen (s. d.).

Sottise (franz.), Albernheit; beleidigende Rede.

Sottovoce (ital., spr. ssottowohtsche), mit
gedämpfter Stimme, halblaut.

Sou (franz., spr. ssu. früher Sol), franz.
Kupfermünze, ehedem die Basis der französischen
Münzrechnung, 20 Sous = 1 Livre; jetzt das 1/20-Frank- oder
5-Centimesstück.

Soubise (spr. ssubihs'), Zwiebelpüree; à la
S., mit Zwiebelpüree.

Soubise (spr. ssubihs'), altes franz. Geschlecht, dessen
Güter und Titel 1575 durch die Verheiratung der Erbtochter des
Hauses, Catherine de Parthenay, mit dem Vicomte René II. von
Rohan auf das Geschlecht der Rohans übergingen.
Merkwürdig sind die beiden aus dieser Ehe entsprossenen und
als Kriegshäupter der Hugenotten berühmten Söhne:
der Herzog Henri von Rohan (s. d.) und Benjamin von Rohan, Baron
von Frontenai, als Erbe seiner Mutter Herr von S., geb. 1583. Er
focht schon unter Moritz von Oranien in den niederländischen
Feldzügen und schloß sich 1615 der Partei des Prinzen
Condé an. In den Religionskriegen, die unter Ludwig XIII.
1621 wieder begannen, führte er das Kommando über die
Hugenotten in den Provinzen Poitou, Bretagne und Anjou mit vieler
Umsicht und bewies besondere Tapferkeit bei der Verteidigung von
St.-Jean d'Angely, mußte aber 1622 vor der feindlichen
Übermacht nach La Rochelle zurückweichen. S.
bemächtigte sich darauf der Inseln Ré und Oleron
(Anfang 1625) sowie in dem Hafen Blavet an der bretagnischen
Küste der königlichen, aus 15 großen Schiffen
bestehenden Flotte. Dagegen mißlang seine Expedition nach der
Landschaft Médoc. Am 15. Sept. 1625 schlug ihn der Herzog
von Montmorency auf der Höhe der Insel Ré und vertrieb
ihn aus Oleron. S. unternahm darauf eine zweite Reise nach England,
wo er Karl I. bewog, nacheinander drei ansehnliche Flotten dem
bedrängten La Rochelle zu Hilfe zu schicken; gleichwohl fiel
dies letzte Bollwerk der Hugenotten. Obschon in den Frieden vom 29.
Juni 1629 eingeschlossen, blieb S. dennoch in England, um von hier
aus die Sache der Protestanten zu fördern. Er starb 9. Okt.
1642 in London, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Güter und
Titel des Hauses S. erbte einer seiner Seitenverwandten,
François von Rohan. Ein Nachkomme dieses letztern war
Charles von Rohan, Prinz von S., Pair und Marschall von Frankreich,
geb. 16. Juli 1715; er begleitete Ludwig XV. als dessen Adjutant in
den Feldzügen von 1744 bis 1748 und nötigte 1746 Mecheln
zur Kapitulation, infolgedessen er 1748 zum Maréchal de Camp
und 1751 zum Gouverneur von Flandern und Hennegau ernannt wurde.
Bei Beginn des Siebenjährigen Kriegs mit dem Kommando
über ein Korps von 24,000 Mann betraut, eroberte er Wesel,
besetzte Kleve und Geldern und vereinigte sich mit der deutschen
Reichsarmee, um Sachsen von den Preußen zu säubern. In
Gotha aber im September von Seydlitz beim Diner im Schloß
überfallen, ergriff er eiligst die Flucht, und 5. Nov. erlitt
er bei Roßbach eine schimpfliche Niederlage. Gleichwohl
verlieh ihm Ludwig XV. das Portefeuille des Kriegsministers und
sandte ihn 1758 mit dem Herzog von Broglie wieder auf den
Kriegsschauplatz in Deutschland. Wiewohl zwischen beiden
fortwährende Eifersucht herrschte, errangen sie 10. Okt. 1758
bei Lutternberg doch einen Sieg, infolge dessen Hessen in ihre
Hände fiel. S. erhielt daher den Marschallsstab und behielt
das Kommando bis zum Friedensschluß von 1763. Nach dem Tode
der Pompadour fand er eine ebenso starke Stütze an der
Dubarry. Als Ludwig XV. starb, war er der einzige von den
Hofleuten, welcher den Leichnam bis zu seiner Bestattung nicht
verließ; dieser Zug der Ergebenheit bewog Ludwig XVI., S. die
Stelle im Ministerrat zu lassen. Er starb 4. Juli 1787, und mit ihm
erlosch die Linie von Rohan-S.

Soubrette (franz., spr. ssu-), Rollenfach der
französischen und deutschen Bühne. Eigentlich Zofe,
Kammerjungfer, mit dem Nebenbegriff der List und Verschmitztheit,
bezeichnet S. jetzt eine muntere oder komische jugendliche
Mädchenrolle und ist besonders in der modernen Operette u.
Posse zu Bedeutung gelangt.

Souche (franz., spr. ssuhsch), "Stumpf" am Stammregister
oder Juxtabuch (s. d.).

Souches (spr. ssuhsch), Louis Rattuit, Graf von,
kaiserlicher Feldherr, geb. 1608 zu La Rochelle als Sohn eines
protestantischen Edelmanns, verließ Frankreich nach dem
Hugenottenkrieg 1629 und begab sich erst in schwedische, dann in
kaiserliche Kriegsdienste, zeichnete sich im
Dreißigjährigen Krieg, insbesondere als tapferer
Verteidiger Brünns gegen die Schweden (1645), dann gegen die
Türken aus, eroberte 1664 Neutra, kämpfte bei St.
Gotthardt mit, ward Kammerherr, Hofkriegsrat und
Feldmarschallleutnant, befehligte 1674 die Kaiserlichen in den
Niederlanden, schadete aber den Unternehmungen der Verbündeten
durch sein verdächtiges, aus seinem Starrsinn und seiner
Unbotmäßigkeit erklärliches Zaudern, namentlich in
der Schlacht bei Senesse, so daß er abberufen wurde, und
starb 1682 in Mähren.

Soufflé (franz., Omelette soufflée),
Eierauflauf.

Soufflet (franz., spr. ssufla, Blasebalg), faltige
Seitenwände an Koffern etc., welche die
Vergrößerung des Raums ermöglichen.

Souffleur (franz., spr. ssuflör, "Einblaser"), am
Theater diejenige Person, welche, unter einem in der Mitte des
Proszeniums auf dem Podium angebrachten Kasten sitzend,
während der Vorstellung das Stück aus dem Buch abliest,
um dem Gedächtnis der Schauspieler zu Hilfe zu kommen.
Soufflieren, einem das zu Sagende zuflüstern, den S.
machen.

Soufflot (spr. ssufloh), Jacques Germain, franz.
Architekt, geb. 1713 zu Irancy bei Auxerre, studierte in Rom,
erbaute dann in Lyon das Hospital und ging 1750 zum zweitenmal nach
Italien. Nach seiner Rückkehr begann er sein Hauptwerk, die
Kirche Ste.-Geneviève in Paris (jetzt Panthéon),
deren großartige Kuppel zu den schönsten der Welt
gehört. Er erbaute auch die Sakristei und die Schatzkammer von
Notre Dame in Paris und starb 1781 daselbst.

Souffrance (franz., spr. ssufrangs), Leiden; auch s. v.
w. streitiger Posten (in einer Rechnung).

Souillac (spr. ssnják), Stadt im franz.
Departement Lot, Arrondissement Gourdon, an der Dordogne, mit
Handelsgericht, schöner Kirche (12. Jahrh.), Gewehrfabrik,
Gerberei, Färberei und (1881) 2749 Einw.

Söul, Hauptstadt des Königreichs Korea, am
rechten Ufer des Hanflusses, 45 km (nach dem Stromlauf 120 km) von
dessen Mündung in das Gelbe Meer, unter 37° 31'
nördl. Br. und 127° 19' östl. L. v. Gr., hat 150,000,
mit Einschluß der weithin sich erstreckenden

49

Soulagieren - Soult.

Vorstädte 300,000 Einw. Von Ausländern zählte man
1887: 619 (300 Chinesen, 263 Japaner, 26 Amerikaner, 11 Deutsche, 8
Engländer etc.). Die eigentliche Stadt liegt 5 km vom
Fluß, in einem Becken, das auf drei Seiten von Höhen
eingefaßt wird, an denen die Stadtmauer hinläuft, durch
welche vier den Haupthimmelsrichtungen entsprechende Thore
führen. Im Zentrum der Stadt steht ein hölzerner Turm,
dessen Glocke das Zeichen zum Öffnen und Schließen der
Thore gibt. Die Straßen sind eng und schmutzig, nur drei
können von Wagen benutzt werden; die Häuser sind niedrig
und ärmlich, auch die auf weiten, von Mauern umschlossenen
Plätzen erbauten Wohnungen der Vornehmen kaum besser. Die
weiten Plätze sind öde; einen Garten besitzt nur der
König, dessen Palastgebäude mit großem
Exerzierplatz, Teichen etc. 2,6 qkm bedecken und von einer 12 m
hohen Mauer eingefaßt werden, durch welche drei Thore
führen. S. ist Residenz des Königs und Sitz der Regierung
sowie der diplomatischen Vertreter Deutschlands, Englands, Japans,
Chinas, Rußlands und der Vereinigten Staaten von Nordamerika.
Die Industrie war früher weit bedeutender; nennenswerte
Produkte sind: Seide, Papier, Matten, Fächer, Dachziegel,
Tabak, Bürsten.

Soulagieren (franz., spr. ssulasch-), erleichtern,
helfen, erquicken; Soulagement (spr. ssulaschmáng),
Linderung, Unterstützung, Erleichterung.

Soulary (spr. ssu-), Josephin, eigentlich Joseph Marie,
franz. Dichter, geb. 23. Febr. 1815 zu Lyon, trat schon mit 16
Jahren in das Militär, wo er bis 1836 blieb. Schon von hier
aus schickte er an den "L'Indicateur de Bordeaux" seine poetischen
Versuche mit der Unterschrift "S. grenadier". 1840 erhielt er bei
der Präfektur des Rhônedepartements eine Anstellung.
Seine Dichtungen sind: "A travers champs" (1838); "Le chemin de
fer" (1839); "Les Éphémères" (2 Serien, 1846
und 1857); "Sonnets humoristiques" (Lyon 1857), welche J. Janins
Bewunderung erregten; "Les Figulines" (1862); "Les diables bleus"
(1870); "Pendant l'invasion"(1871); "La chasse aux mouches d'or"
(1876); "Les rimes ironiques" (1877), ein Lustspiel in Versen: "Un
grand homme qu'on attend" (1879) und "Promenade autour d'un tiroir"
(1886). Eine Sammlung seiner "OEuvres poetiques" erschien 1872-83
in 3 Bänden. Vgl. Mariéton, Jos. S. et la
Pléiade lyonnaise (Par. 1884).

Soulié (spr. ssu-), Melchior
Frédéric, franz. Novellist und Bühnendichter,
geb. 23. Dez. 1800 zu Foix, war eine Zeitlang Advokat, sodann
Steuerbeamter, später Dirigent einer Tischlerei und erhielt
endlich eine Stelle als Unterbibliothekar am Arsenal. Mit dem Jahr
1829 warf er sich ganz in die Romantik und lieferte nun eine lange
Reihe von Dramen und Melodramen, von denen aber nur das Shakespeare
nachgeahmte Trauerspiel "Roméo et Juliétte", die
Schauspiele: "Clotilde" und "La closerie des genêts"
bemerkenswert sind. Andre erschienen gesammelt als "Drames inconnus
(1879, 4 Bde.). Von seinen meist auf Erfolg beim großen
Publikum berechneten historischen und sonstigen Romanen sind
hervorzuheben: "Les deux cadavres". "Le magnétiseur", "Le
vicomte de Breziérs", "Le comte de Toulouse",
hauptsächlich aber "Le lion amoureux" und "Les mémoires
du diable", sorgfältige psychologische Studien, welche durch
dramatische Lebendigkeit, phantastische Situationen und
blühenden Feuilletonstil das Publikum fesselten. S. starb 23.
Sept. 1847 in Bièvre bei Paris. Vgl. Champion, Fréd.
S. (Par. 1847).

Soulouque (spr. ssuluhk), Faustin, als Faustin I. Kaiser
von Haïti, geb. 1782 als Negersklave im Distrikt Petit Goyave
auf der Insel Haïti, erhielt 1793 nach Aufhebung der Sklaverei
seine Freiheit, wurde 1804 Bedienter des Generals Lamarre,
später dessen Adjutant, 1810 unter dem Präsidenten
Pétion Leutnant, 1820 unter Boyer Hauptmann. 1843 zum
Obersten befördert und dann zum General und Oberbefehlshaber
der Präsidialgarde ernannt, erhielt er 1846 die Kommandantur
von Port au Prince und ward 1. März 1847 vom Senat zum
Präsidenten der Republik erwählt, wiewohl er weder lesen
noch schreiben konnte. Im höchsten Grad argwöhnisch und
besonders die über seine Unwissenheit und seinen Aberglauben
spottenden Mulatten fürchtend, schürte er den Haß
des schwarzen Pöbels gegen die Mulattenbourgeoisie und
ließ unter dem Vorwand einer Verschwörung derselben vom
16. April 1848 an in Port au Prince ein viertägiges Blutbad
unter denselben anrichten. Darauf votierte die
Repräsentantenkammer 3. Dez. 1848 dem Diktator ihren Dank,
daß er das Vaterland und die Verfassung gerettet habe. Ein
Feldzug gegen die "rebellischen Mulatten" von San Domingo im
März 1849 endete mit einem schmählichen Rückzug.
Gleichwohl veranstaltete man im August 1849 zu Port au Prince eine
Petition an die Kammern, wodurch das haïtische Volk aus
Dankbarkeit S. den Kaisertitel übertrug; der Senat willigte
ein, und zu Weihnachten 1850 ließ er sich als Faustin I.
öffentlich als erblicher Kaiser krönen. Eine nochmalige
feierliche Krönung erfolgte 18. April 1852. Sein Hofstaat
wurde nach französischem Muster kopiert, und auch seine
Staatseinrichtungen waren eine Karikatur der Napoleonischen. Nach
seiner Thronbesteigung stiftete er zwei Orden, nämlich den
Orden des heil. Faustin für Militärpersonen und den
Ehrenlegionsorden für Zivilisten. Seine wiederholten Versuche,
San Domingo zu unterwerfen, scheiterten kläglich. Im Innern
herrschte er verschwenderisch und grausam, so daß die
Erbitterung gegen ihn schließlich allgemein wurde. Als
General Geffrard 22. Dez. 1858 zu Gonaïves die Republik
proklamiert hatte und S. gegen ihn auszog, ging der
größte Teil seiner Truppen zu den Insurgenten über.
Am 15. Jan. 1859 wurde S. in seiner Hauptstadt Port au Prince durch
Verrat gefangen; doch schonte man sein Leben und ließ ihn
nach Jamaica übersiedeln. Nach dem Sturz Geffrards 1867
erhielt er die Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat und starb
4. Aug. d. J. in Petit Goyave.

Soult (spr. ssult), Nicolas Jean de Dieu, Herzog von
Dalmatien, franz. Marschall, geb. 29. März 1769 zu St.-Amans
la Bastide (Tarn) als Sohn eines Landmanns, trat 1785 als Gemeiner
in das Regiment Royal-Infanterie, ward 1791 Offizier, bald darauf
Kapitän und zeichnete sich unter Custine und Hoche aus. 1794
zum Brigadegeneral ernannt, focht er 1796 und 1797 am Main und
Rhein, befehligte 1799 eine Brigade in der Avantgarde unter
Lefebvre bei der Donauarmee und erwarb sich hierauf als Führer
einer Division besonders in der Schlacht von Stockach (25.
März) hohen Ruhm. Dafür zum Divisionsgeneral ernannt und
zu der Armee in der Schweiz unter Masséna versetzt,
unterwarf er die widerspenstigen kleinen Kantone, überfiel,
während Masséna die Russen schlug, die
Österreicher und verfolgte auch die russischen
Heerestrümmer. 1800 übernahm er unter Massénas
Oberkommando den Befehl über den rechten Flügel der
italienischen Armee und wurde, bei einem Ausfall aus Genua schwer
ver-

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

4

50

Soultz - Soust de Borkenfeldt.

wundet, gefangen. Nach der Schlacht von Marengo in Freiheit
gesetzt, erhielt er den Oberbefehl in Piemont, wo er mit kluger
Mäßigung die ausbrechenden Aufstände zu
dämpfen wußte. 1802 wurde er zum Generalobersten der
Konsulargarde ernannt und befehligte von 1803 bis 1805 die Truppen
im Lager von Boulogne. Bei Napoleons I. Thronbesteigung ward er zum
Marschall erhoben. 1805-1807 befehligte er das 4. Armeekorps bei
Austerlitz, Jena und Eylau. Nach dem Tilsiter Frieden zum Herzog
von Dalmatien ernannt, erhielt er 1808 das Kommando der
Zentralarmee in Spanien. Er bestand hier 16. Juni 1809 gegen das
britische Heer den blutigen Kampf bei Coruña,
überschritt Anfang März den Minho und trieb das
britisch-portugiesische Heer bis Porto zurück. An Jourdans
Stelle zum Generalstabschef der Armee in Spanien ernannt, schlug er
12. Nov. 1809 die spanische Armee bei Ocaña, nahm 1810
Sevilla und trieb die Spanier nach Cadiz zurück. Am 11.
März 1811 eroberte er Badajoz und lieferte 16. Mai den
Engländern und Portugiesen die Schlacht bei Albuera. 1813
übernahm er in der Schlacht bei Großgörschen an
Bessières' Stelle das Kommando über die Gardeinfanterie
und befehligte bei Bautzen das Zentrum, ward aber dann wieder nach
Bayonne geschickt, um Wellingtons weiterm Vordringen Schranken zu
setzen. Er drang Ende Juli von neuem in Spanien ein, ward aber bei
Cubiry (27. Juli) mit großem Verlust zurückgeschlagen.
Ein zweiter Versuch des Vordringens (Ende August) endete mit seiner
Niederlage bei Irun und seinem Rückzug nach Bayonne. Obwohl er
27. Febr. 1814 die Schlacht bei Orthez verlor, lieferte er
Wellington noch 10. April mit kaum 20,000 Mann die blutige Schlacht
von Toulouse. Erst am 12. räumte er Toulouse und schloß,
indem er sich zugleich dem König von Frankreich unterwarf, am
19. einen Waffenstillstand. Er wurde von Ludwig XVIII. zum
Gouverneur der 13. Militärdivision, 3. Dez. 1814 aber an
General Duponts Stelle zum Kriegsminister ernannt. Als Napoleon 1.
März bei Fréjus landete, dankte S. ab; er zog sich auf
ein Landgut bei St.-Cloud zurück, erschien erst nach
mehrmaliger Aufforderung bei Napoleon und übernahm 11. Mai die
Stelle eines Generalstabschefs. Er befand sich in den Schlachten
von Ligny und Waterloo an Napoleons Seite, übernahm, als
dieser in Laon die Armee verließ, das Oberkommando derselben
und leitete den Rückzug bis Soissons. Durch die
königliche Ordonnanz vom 12. Jan. 1816 aus Frankreich
verbannt, ging er nach Düsseldorf. 1819 erhielt er die
Erlaubnis zur Rückkehr und ward sei 1821 wieder unter den
Marsch allen aufgeführt und 1827 zum Pair erhoben. Von Ludwig
Philipp 18. Nov. 1830 zum Kriegsminister ernannt, behauptete er
sich beinahe vier Jahre (bis 1834) auf seinem Posten und erhielt
auch im Mai 1832 die Präsidentschaft im Kabinett. Im Mai 1839
übernahm er nach Molés Sturz von neuem das
Präsidium im Kabinett zugleich mit dem Portefeuille des
Auswärtigen, doch scheiterte dieses liberale Ministerium schon
im Januar 1840 an der Dotationsfrage. Nach Thiers' Rücktritt
ließ sich S. 29. Okt. 1840 nochmals zur Übernahme des
Portefeuilles des Kriegs und der Präsidentschaft bewegen,
legte aber 1846 ersteres und 1847 letztere nieder und ward zum
Maréchal général de France ernannt. Er starb
26. Nov. 1851 auf seinem Schloß in St.-Amans. Seine wertvolle
Gemäldesammlung, die er in den spanischen Feldzügen
zusammengeraubt, trug bei der Versteigerung fast 1½ Mill.
Frank ein. S. war ohne höhere Bildung, besaß aber um so
mehr natürlichen Scharfblick, große Bravur und
glühenden Ehrgeiz. Er galt für den besten Taktiker unter
Napoleons Generalen. Die 1816 geschriebenen Memoiren des Marschalls
gab sein Sohn heraus (I. Teil: "Histoire des guerres de la
Révolution", 1854, 3 Bde.). Vgl. Combes, Histoire
anecdotique de Jean de Dieu S. (Par. 1870). - Sein Sohn Hector
Napoléon S., Herzog von Dalmatien, geb. 1801, diente unter
der Restauration im Generalstab und betrat 1830 die diplomatische
Laufbahn. Er war erst französischer Gesandter in den
Niederlanden, dann zu Turin und bekleidete seit 1844 dieselbe
Stelle zu Berlin. Vor der Februarrevolution Mitglied der Zweiten
Kammer, trat er 1850 in die Legislative und verfocht hier die Sache
der Orléans. Nach dem Staatsstreich vom 2. Dez. 1851 trat er
ins Privatleben zurück und starb 31. Dez. 1857. Des Marschalls
Bruder, Pierre Benoît S., geb. 20. Juli 1770 zu St.-Amans,
schwang sich in den Kriegen der Republik und des Kaiserreichs
ebenfalls zu höhern Chargen empor und starb als
Generalleutnant 7. Mai 1843 in Tarbes.

Soultz, Stadt, s. Sulz.

Soumet (spr. ssuma), Alexandre, franz. Dramatiker, geb.
8. Febr. 1788 zu Castelnaudary, folgte frühzeitig seiner
Neigung zur Poesie und begründete seinen Ruhm 1814 durch die
rührende Elegie "La pauvre fille". Er besang nacheinander das
Kaiserreich, die Restauration und die Juliregierung und wurde von
allen belohnt; 1815 erhielt er von der Akademie Preise für die
Gedichte: "La découverte de la vaccine" und "Les derniers
moments de Bayard", trat 1824 in die Akademie und starb 30.
März 1845 als Bibliothekar in Compiègne. Am meisten
berühmt ist er wegen seiner Tragödien und Epen. In der
Mitte stehend zwischen Klassizität und Romantizismus, hat er
eine gewisse Mittelmäßigkeit nie überschritten;
doch wußte er sich durch kluges Eingehen auf die Ideen und
den Geschmack seiner Zeit großen Erfolg zu sichern. Von
seinen Tragödien sind zu nennen: "Clytemnestre" und
"Saül" (1822), Jeanne d'Arc" (1825), "Élisabeth de
France" (1828, eine lächerliche Bearbeitung von Schillers "Don
Karlos"), "Une fête de Néron" (1829) und einige andre,
an denen seine Tochter mitgearbeitet hat. Unter seinen Epen ist
bemerkenswert "La divine épopée" (1840, 2 Bde.; 2.
Aufl. 1841), die ab er weit hinter ihrem Vorbild, der
"Göttlichen Komödie", zurückbleibt. Das Thema ist
die Erlösung der Hölle durch Christus, aber die
Gedankenarmut sucht er durch wilde Phantasien und abgeschmackte
Ungeheuerlichkeiten zu verdecken. Einzelnes Gute findet sich in dem
Epos "Jeanne d'Arc" (1845). Außerdem schrieb er:
"L'incrédulité", Gedicht (1810); "Les scrupules
littéraires de Madame de Staël" (1814) u. a.

Souper (franz., spr. ssupeh), Abend-, Nachtessen;
soupieren, zu Abend essen. S. de Candide, Gastmahl, bei dem die
Gäste betrunken gemacht werden, um dann im Spiel etc.
ausgeplündert zu werden (nach Voltaires "Candide", 2).

Soupir (franz., spr. ssupihr. "Seufzer"), s. Sospiro.

Source (franz., spr. ssurs), Quelle, Ursprung.

Sourdeval (spr. ssurd'wall), Marktflecken im franz.
Departement Manche, Arrondissement Mortain, an der Bahnlinie
Montsecret-S., hat Granitbrüche, Fabrikation von Metallwaren,
Papier etc., Pferdehandel und (1881) 1534 Einw.

Sous bande (franz., spr. ssu bangd), unter Kreuz- oder
Streifband.

Soust de Borkenfeldt, Adolphe van, belg. Dichter und
Kunsthistoriker, geb. 6. Juli 1824 zu Brüssel,

51

Soutache - Southey.

gest. 23. April 1877 als Chef der Abteilung für die
schönen Künste im Ministerium des Innern daselbst. Von
seinen Dichtungen, welche der vlämischen Bewegung in seinem
Vaterland wie der Wiedergeburt des Deutschen Reichs galten, sind zu
nennen: "Rénovation tlamande", "Venise sauvée" und
"L'année sanglante" (Lond. 1871, unter dem Pseudonym Paul
Jane; deutsch von Dannehl, Bresl. 1874); von seinen
kunstgeschichtlichen und kunstkritischen Büchern:
"Études sur l'état présent de l'art en
Belgique" (1858) und "L'école d'Anvers".

Soutache (franz., spr. ssutásch), Litzenbesatz;
soutachieren, mit Litzenbesatz verzieren.

Soutane (franz., spr. ssu-), ein von den katholischen
geistlichen nicht im Amt getragener, langer, eng anliegender Rock
mit engen Ärmeln, von oben bis unten durch dicht gesetzte
Knöpfe verschlossen, bei Kardinälen hochrot, bei
Bischöfen und Hausprälaten des Papstes violett, beim
Papst weiß, bei allen übrigen Geistlichen schwarz; von
derselben Farbe der dazu gehörende Gürtel. Die erst
angehenden Kleriker pflegen die kürzere Soutanelle zu
tragen.

Soutenieren (franz., spr. ssu-), (aufrecht) halten,
stützen, unterstützen; bewähren, behaupten.

Souterrain (franz., spr. ssuterrang), das zum Teil in den
Erdboden versenkte Geschoß eines Hauses, zu Wohnungen,
Geschäfts- und Wirtfchaftsräumen dienend. Im ersten Fall
muß es eine lichte Höhe von mindestens 2,6 m besitzen,
wovon 1,6 m über dem Erdboden sich befinden müssen; auch
soll es nach Süden oder SO. gelegen und zum Schutz gegen
Bodenfeuchtigkeit mit Isolierschichten versehen sein.

Souterraine, La (spr. ssuterrähn), Stadt im franz.
Departement Creuse, Arrondissement Guéret, an der Sedelle
und der Eisenbahn Orléans-Limoges, in einer an
römischen Ruinen und vorhistorischen Denkmälern reichen
Gegend, mit befestigtem Thor, einer Kirche aus dem 12. Jahrh.,
Fabrikation von Holzschuhen und Faßdauben, Tuch,
Bierbrauerei, Handel mit Vieh, Wein und Likör und (1881) 2978
Einw., von denen namentlich viele als Maurer periodisch
auswandern.

Southampton (spr. ssauthammt'n), Stadt in Hampshire
(England), auf einer durch den Zusammenfluß des Itchin und
Test gebildeten Halbinsel, im Hintergrund der Southampton Water
genannten, 16 km tiefen Bucht, an deren Mündung die Insel
Wight liegt. Von den alten Stadtmauern sind noch Reste und ein Thor
(Bargate) übrig, aber die Stadt hat sich bedeutend über
dieselben ausgedehnt. Unter den gottesdienstlichen Gebäuden
ist die normännische St. Michaeliskirche die älteste; ihr
schlanker Turm dient den Seefahrern als Merkmal. Das Spital Domus
Dei, aus der Zeit Heinrichs III., ist eins der ältesten
Englands. S. besitzt im Hartley Institution eine Schule für
Wissenschaft und Kunstgewerbe mit Museum (seit 1872), eine
Seeschule und die Zentralstelle der großbritannischen
Landesaufnahme (Ordnance Survey Office). Im N. liegen zwei Parke,
in deren einem ein Denkmal des geistlichen Liederdichters Watts
steht, der, ebenso wie der Seeliederdichter Dibdin, hier geboren
wurde. Die Bevölkerung der Stadt ist rasch gewachsen; sie
betrug 1831 erst 19,324, 1881 aber 60,051 Seelen. Die Industrie
beschränkt sich fast nur auf Maschinen- und Schiffbau. S. ist
vorwiegend Handelsstadt, und seine trefflichen Docks (25,5 Hektar
Wasserfläche) lassen zu jeder Zeit die größten
Schiffe zu. Es ist Haupthafen für den Postdampferverkehr mit
Ostindien (die Peninsular and Oriental Company hat ihre Werfte
hier), mit Afrika, Südamerika und Westindien, der Iberischen
Halbinsel und durch Vermittelung der Bremer Dampfer auch mit
Nordamerika. Zum Hafen gehörten 1887: 328 Schiffe (100
Dampfer) von 73,970 Ton. Gehalt. Den Wert der Einfuhr schätzte
man im genannten Jahr auf 6,719,110 Pfd. Sterl., den der Ausfuhr
auf 2,640,935 Pfd. Sterl. S. ist Sitz eines deutschen Konsuls. In
der Nähe Southamptons liegt die malerische Ruine von Netley
Abbey (s. d.) und gegenüber der von Wilhelm dem Eroberer
angelegte New Forest. Vgl. Davies, History of S. (1883).

South Bend (spr. ssauth), Stadt an der Nordgrenze des
nordamerikan. Staats Indiana, am schiffbaren St. Josephsfluß,
mit zahlreichen Mühlen, dem katholischen Notre
Dame-Collège und (1880) 13,280 Einw.

Southcott (spr. ssauth-), Johanna, Schwärmerin, die
einige Zeit in London die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich
zog. Geb. 1750, gab sie sich 1801 für das in der Offenbarung
Johannis (12, 1) erwähnte Sonnenweib aus und betrieb nebenbei
einen gewinnreichen Handel mit Siegeln, welche die Kraft haben
sollten, die ewige Seligkeit zu verleihen. Schon über 60 Jahre
alt, behauptete sie 1814, mit dem wahren Messias schwanger zu sein,
und fand mit dieser Behauptung bei Tausenden Glauben, der selbst
dadurch nicht bei allen Anhängern (Neuisraeliten, Sabbatianer)
erschüttert ward, daß sie 27. Dez. starb, ohne
überhaupt schwanger gewesen zu sein. Vgl. Fairburn, The life
of J. S. (Lond. 1814).

Southend (spr. ssauth-), beliebtes Seebad in der engl.
Grafschaft Essex, links an der Mündung der Themse, mit 2 km
langer Landebrücke und (1881) 7979 Einw.

Southey (spr. ssauthí), Robert, engl.
Geschichtschreiber und Dichter, als solcher zur "Seeschule" zu
zählen, geb. 12. Aug. 1774 zu Bristol, Sohn eines
Leinwandhändlers, besuchte die Westminsterschule, die er aber
nach vier Jahren wegen eines Artikels gegen die körperliche
Züchtigung auf englischen Schulen, den er in der von ihm
begründeten Zeitschrift "Flagellant" erscheinen ließ,
verlassen mußte. Er studierte in Oxford Theologie, ohne als
Unitarier Aussicht auf ein Kirchenamt zu haben. Seine exzentrischen
Ansichten führten ihn mit Coleridge zusammen, dessen Plan, in
Amerika einen freien Staat zu gründen, seinen Beifall fand.
Die ihn damals beherrschenden Ideen spiegeln sich in der
Tragödie "Wat Tyler", die ohne seine Zustimmung
veröffentlicht, von ihm selbst später verworfen ward, wie
er überhaupt bald von den Extremen zurückkam. Ein Band
Gedichte (1794) machte keinen Eindruck, mehr das Epos "Joan of
Arc", das von reicher Phantasie, aber auch von jugendlicher
Überspannung zeugt. In Bristol hielt er, um sein Leben zu
fristen, geschichtliche Vorträge, bis ihn sein Oheim im
November 1795 mit sich nach Lissabon nahm. Vor der Abreise
vermählte sich S. heimlich mit Miß Fricker. Nach sechs
Monaten kehrte er zurück und widmete sich in London dem
Rechtsstudium und angestrengter litterarischer Thätigkeit.
1800 finden wir ihn wieder in Portugal, dann aber lebte er in Greta
bei Keswick in Cumberland, nur 1802 als Sekretär des Kanzlers
der Schatzkammer von Irland, Carry, etwa auf Jahresfrist abwesend.
1807 erlangte er eine Staatspension und wurde 1813 poet-laureate.
Seit 1839 infolge einer Lähmung bewußtlos, starb er 21.
März 1843. Seine litterarische Thätigkeit ist
bewunderungswürdig: er schrieb 109 Bände und 52 Artikel
zum "Annual Review", 3 zum "Foreign Quarterly", 94 zum "Quarterly
Revier", und stets machte er umfassende Studien zu seinen Arbeiten.
Das 1801 veröffentlichte epische Gedicht "Thalaba, the
destroyer" ist eins

4*

52

South Paß City - Souvestre.

arabische Erzählung in reimlosen Versen (deutsch zum Teil
von Freiligrath); 1804 folgten: "Metrical tales", 1805 "Madoc",
eine wallisische Sage behandelnd; 1810 "The curse of Kehama", seine
größte Dichtung, eine auf Hindusagen beruhende
phantastische Erzählung; 1814 "Roderick, the last of the
Goths", ein wieder in Blankversen abgefaßtes Gedicht, das die
Zerstörung des Westgotenreichs durch die Araber besingt. Unter
Southeys kleinern Gedichten zeichnen sich die Balladen aus (z. B.
"Mary, the maid of the inn"); als Hofpoet verherrlichte er im
"Carmen triumphale" Wellingtons Siege und dichtete Oden aus den
Prinz-Regenten und die alliierten Monarchen. Die "Vision of
judgment" (1821) ward von Byron, der darin das Haupt der
"satanischen Schule" heißt, schonungslos gegeißelt.
Bedeutend ist S. als Biograph und Geschichtschreiber. Stilistisch
vollendet ist das oft aufgelegte "Life of Nelson" (1813; deutsch,
Stuttg. 1837), dem sich "Lives of the British admirals" (4 Bde.)
und "Life of Vesley" (1820; deutsch, Hamb. 1841) anreihen. Auch
hinterließ er eine "History of Brazil" (1810-19, 3 Bde.) und
eine "History of the Peninsular war" (1823-28, 2 Bde.) sowie
religiöse, soziale und politische Schriften. Hierher
gehören: "The book of the church" (3. Aufl. 1825), "Letters
from England by Don Manuel Espriella" (1807, 3 Bde.), "Colloquies
on the progress and prospects of society" (1829, 2 Bde.); ferner:
"The Doctor", die beste seiner Prosaschriften, voll scharfsinniger
Gedanken und Bemerkungen (1834-37, 5 Bde.; neue Ausg. 1856), und
"Omniana" (1812, 2 Bde.). Die Diktion ist überall klar und
kräftig; Parteilichkeit und starke Subjektivität wirken
indessen oft störend. Endlich gab er die "Select works of
British poets from Chaucer to Jonson" (1836) sowie Umarbeitungen
mittelalterlicher Romane (z. B. "Amadis of Gaul", 1803, 4 Bde.)
heraus. Southeys "Poetical works" erschienen gesammelt in 11
Bänden London 1820, in 10 Bänden 1854, in 1 Band l863.
Vgl. "Life and correspondence of R. S." (hrsg. von seinem Sohn
Charles Cuthbert S., neue Ausg. 1862, 6 Bde.), seinen Briefwechsel
mit Karoline Bowles (1881) und die Biographien Southeys von Browne
(Lond. 1859), Dowden (das. 1880) und Dennis (Boston 1887).

South Paß City (spr. ssauth paß ssitti),
Hauptort des Bergbaubezirks am Sweetwater (Nebenfluß des
Platte) im nordamerikan. Territorium Wyoming, beim 2280 m hohen
South Paß.

Southport (spr. ssauth-), beliebtes Seebad in Lancashire
(England), 25 km nördlich von Liverpool (das "englische
Montpellier"), mit allen Annehmlichkeiten für Badegäste,
als Wintergarten, Aquarium, Landungsbrücke (1 km lang),
großer Markthalle, Konzertsaal etc. und (1881) 32,206 Einw.
Dicht dabei Birkdale mit 8706 Einw.

Southsea (spr. ssauth-ssih), Vorstadt von Portsmouth (s.
d.), der Insel Wight gegenüber, mit Fort, wird als Seebad viel
besucht.

Southwark (spr. ssáthärk), Stadtteil Londons,
der City gegenüber, mit der ihn vier Brücken verbinden,
hat (1881) 99,252 Einw. (als parlamentarischer Wahlbezirk aber
221,946). In ihm liegen die bemerkenswerte St. Saviour's-Kirche,
die Zentralstation der Londoner Feuerwehr, die Hopfen- und
Malzbörse, die Brauerei von Barclay u. Perkins etc.

Southwell (spr. ssauth-), Stadt in Nottinghamshire
(England), mit Kathedrale und (1881) 2866 Einw.

Southwold (spr. ssauth-), Flecken in der engl. Grafschaft
Suffolk, mit (1881) 2107 Einw. Auf der Reede bei S. (der sogen.
Solebai) 7. Juni 1672 Seeschlacht zwischen der englischen Flotte
unter dem Herzog von York (nachmaligem König Jakob II.) und
der holländischen unter de Ruyter.

Soutien (franz., spr. ssutjang), Stütze,
Unterstützung, Rückhalt; im Militärwesen s. v. w.
Unterstützungstrupp, die hinter einer ausgeschwärmten
Schützenlinie geschlossen zurückbleibende
Truppenabteilung, welche nach Erfordernis in das
Schützengefecht einzugreifen hat; s. auch
Sicherheitsdienst.

Soutmann (spr. saut-), Peter, niederländ. Maler und
Kupferstecher, geboren um 1590 zu Haarlem, bildete sich bei Rubens
in Antwerpen, nach dessen Gemälden und Zeichnungen er eine
Anzahl von Radierungen (vier Jagden, der wunderbare Fischzug, das
Abendmahl nach Leonardo da Vinci) fertigte, und welchem er auch bei
der Ausführung seiner Bilder half, und soll von 1624 bis 1628
als Hofmaler des Königs in Polen thätig gewesen sein.
Seit 1628 war er wieder in Haarlem ansässig, wo er eine
Werkstatt von Kupferstechern gründete, die unter seiner
Leitung nach eignen und fremden Zeichnungen, besonders nach Rubens,
stachen. S. selbst schloß sich in Haarlem mehr dem Frans Hals
an, in dessen Art er mehrere Bildnisse und Schützenstücke
malte und dekorative Malereien im Huis ten Bosch im Haag
ausführte. Er starb 16. Aug. 1657.

Souvenir (franz., spr. ssuw'nihr), Andenken, Geschenk zum
Andenken; auch s. v. w. Notizbuch.

Souveraind'or (spr. ssuwerän-), früher für
die österreich. Niederlande geprägte Goldmünze,
22¼ Karat sein, im Wert von 14,224 Mk.

Souverän (franz. souverain, v. mittellat. superanus,
"zuoberst befindlich"), höchst, oberst, oberherrlich,
unabhängig. So spricht man von einem souveränen Urteil,
von welchem es keine Berufung an ein höheres Gericht gibt;
einem souveränen Heilmittel, das unfehlbar gegen ein
bestimmtes Leiden wirkt; von souveräner Verachtung etc.
Namentlich aber wird im Staats- und Völkerleben der Inhaber
der höchsten Gewalt im Staat, welche von keiner andern Macht
abhängig ist, als S. und jene höchste Machtvollkommenheit
(Staatshoheit) selbst als Souveränität bezeichnet; daher
Souveränitätsrechte, s. v. w.. Hoheitsrechte (s. Staat).
Vgl. Suzeränität.

Souvestre (spr. ssuwéstr), Emile, franz. Roman-
und Bühnendichter, geb. 15. April 1806 zu Morlaix
(Finistère), ließ sich 1836 dauernd in Paris nieder,
machte sich zuerst durch Schilderungen der Bretagne: "Le
Finistère en 1836", "La Bretagne pittoresque" (1841),
bekannt und lieferte dann eine große Anzahl Romane, auch
Dramen und Vaudevilles, welche ein reiches Talent für
Beobachtung, aber wenig Erfindungskraft bekunden. In seinen Romanen
tritt die -philosophierende oder moralisierende (d. h. die den
Gegensatz zwischen arm und reich in sozialistischer Schärfe
hervorhebende) Richtung zu stark hervor. Hervorzuheben sind davon:
"Riche et pauvre" (1836); "Les derniers Bretons" (1837); "Pierre et
Jean" (1842) "Les Réprouvés et les Élus"
(1845); "Confessions d'un ouvrier" (1851); die von der Akademie
gekrönten: "Un philosophe sous les toits". "Au coin du feu"
und "Sous latonnelle" (1851); "Le memorial de famille" (1854).
Seine dramatischen Dichtungen, wie "Henri Hamelin", "L'oncle
Baptiste", "La Parisienne", "Le Mousse" etc., bilden den Gegensatz
zu Scribes Stücken, indem sie nicht, wie diese, die reichen,
sondern vorwiegend die besitzlosen Klassen als
Hauptrepräsentanten der Moral darstellen. Noch sind seine
geistvollen "Causeries historiques et lit-

53

Souvigny - Sozialdemokratie.

téraires" (1854, 2 Bde.) zu erwähnen. S. starb 5.
Juli 1854 in Paris. Eine Gesamtausgabe seiner auch teilweise ins
Deutsche übersetzten Werke erschien in der "Collection
Lévy" (60 Bde.).

Souvigny (spr. ssuwinji), Stadt im franz. Departement
Allier, Arrondissement Moulins, an der Eisenbahn
Moulins-Montluçon, mit alter gotischer Kirche (früher
Begräbnisort der Fürsten von Bourbon), Glasfabrikation,
Weinbau und (1881) 1943 Einw.

Souza (spr. ssusa), Adelaïde Marie Emilie,
Gräfin von Flahaut, dann Marquise von S., geborne Filleul,
franz. Schriftstellerin, geb. 14. Mai 1761 zu Paris, heiratete 1784
den Grafen Flahaut, floh, nachdem derselbe 1793 guillotiniert
worden, mit ihrem Sohn (dem nachherigen Adjutanten Napoleons I. und
spätern General Flahaut) nach England und ward dort durch
Mangel zur Schriftstellerei getrieben. So entstanden ihre
"Adèle de Sénanges" (Lond. 1794, 2 Bde.) und der
Roman "Émile et Alphonse" (Hamb. 1799, 3 Bde.). Nach ihrer
Rückkehr nach Paris heiratete sie 1802 den portugiesischen
Gesandten José Maria de S.-Botelho, der sich durch
Herausgabe einer Prachtausgabe der "Lusiaden" (Par. 1817) um die
Litteratur seines Vaterlandes verdient gemacht hatte. Es erschienen
darauf nacheinander: "Charles et Marie" (1802); "Eugène de
Rothelin" 1808, 2 Bde.); "Eugène et Mathilde" (1811, 3
Bde.); "Mademoiselle de Tournon" (1820, 2 Bde.); "La comtesse de
Fargy" (1823, 4 Bde.) u. a. S. starb 16. April 1836 in Paris. Man
rühmt ihren Schriften treffende Schilderung der
Leidenschaften, gute Beobachtung, klaren und geistreichen Stil und
äußerste Delikatesse in Situationen und Worten nach.
Ihre "OEuvres complètes" erschienen 1811-22, 6 Bde.; Auswahl
1840 u. öfter.

Sóvár (Soóvár, Salzburg),
Dorf im ungar. Komitat Sáros, südlich von Eperies, mit
(1881) 1307 slowakischen und deutschen Einwohnern, großem
Salzsiedewerk, Forst- und Bergamt. Der Sóvárer
Gebirgszug der Karpathen erstreckt sich zwischen der Tarcza und
Topla von Bartfeld in südlicher Richtung bis an die Tokayer
Berge (die Hegyalja). Vgl. Gesell, Geologische Verhältnisse
des Steinsalzbergbaugebiets von S. (Pest 1886).

Sovereign (spr. ssowwerin), seit 1816 ausgeprägte
brit. Goldmünze, = 1 Pfund Sterling (s. d.).

Sovrano, frühere lombardisch-venez. Goldmünze
von 40 Lire austriache, = 28,4548 Mk.

Sow., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für James Sowerby (s. d.).

Sowerby (spr. ssauerbi), zwei aneinander stoßende
Städte (S. und S. Bridge), im westlichen Yorkshire (England),
am Calder, südwestlich von Halifax, mit Baum- und
Kammwollspinnerei, chemischen Fabriken, Wachstuchfabrikation und
(1881) 14,903 Einw.

Sowerby (spr. ssauerbi) James, Naturforscher und Maler,
geb. 21. März 1757 zu London, besuchte die königliche
Akademie, widmete sich dann aber den Naturwissenschaften, speziell
der Botanik und Malakozoologie. Er starb 25. Okt. 1822 in Lambeth.
Von seinen Arbeiten sind hervorzuheben: "Coloured figures of
English Fungi" (Lond. 1797-1809, 3 Bde. u. Supplement); "English
botany" (das. 1790-1814, 36 Bde. mit 2592 kolorierten Tafeln;
Supplement 1831 ff.; 3. Aufl. von Syme, 1863-72, 11 Bde.); "Mineral
conchology" (das. 1841, 6 Bde.; deutsch von Desor und Agassiz). Die
letzten beiden großen Werke setzte sein Sohn James de Carle
S., geb. 1787, gest. 1854, fort. Dieser gab auch heraus: "The ferns
of Great Britain" (mit Johnson, Lond. 1855); "The fern-allies"
(das. 1856); "Grasses of Great-Britain" (das. 1857-58, neue Ausg.
1883); "British wild flowers" (mit Johnson, das. 1863; neue Ausg.
1882); "Useful plants of Great Britain" (das. 1862). Sein zweiter
Sohn, George Brettingham S., geb. 1788 zu London, gest. 1854,
schrieb "The genera of recent and fossil shells" (Lond. 1820-24, 2
Bde. mit 264 kolorierten Tafeln); auch beteiligte er sich mit
Vigors und Horsfield an der Herausgabedes "Zoological Journal".
Dessen gleichnamiger Sohn, geb. 1812, gleichfalls ein bedeutender
Konchyliolog, schrieb: "Conchological illustrations" (Lond.
1841-45, 6 Bde.); "Conchological manual" (das. 1839, neue Ausg.
1852); "Thesaurus conchyliorum" (das. 1842-70, 30 Tle.); "Popular
British conchology" (das. 1853); "Illustrated index of British
shells" (das. 1859, 2. Aufl. 1887) etc.

Sowinski, Leonard, poln. Dichter und Litterarhistoriker,
geb. 1831 zu Berezowka in Podolien, studierte zu Kiew, verbrachte
später sechs Jahre in der Verbannung zu Kursk, lebte seit 1868
in Warschau; starb 23. Dez. 1887 auf dem Gut Statkowce in
Wolhynien. In seinen lyrischen Gedichten (Posen 1878, 2 Bde.)
bekundet S. schwungvolle Phantasie. Weniger Anklang fand sein
Trauerspiel "Na Ukrainie" (Wien 1873). Mit seiner großen
"Geschichte der polnischen Litteratur" (Wilna 1874-78, 5 Bde.; die
ersten Bände mit Benutzung der Vorträge von Professor
Zdanowicz) hat sich S. eine der ersten Stellen unter den polnischen
Literarhistorikern erworben.

Soyaux (spr. ssoajoh), Hermann, Botaniker und Reisender,
geb. 4. Jan. 1852 zu Breslau, erlernte die Gärtnerei,
studierte 1872 Botanik in Berlin und war 1873-76 als Mitglied der
Loango-Expedition in Westafrika für die Deutsche Afrikanische
Gesellschaft thätig. 1879 ging er im Auftrag des
Wörmannschen Hauses in Hamburg nach Gabun, um dort
Kaffeeplantagen anzulegen, kehrte 1885 nach Berlin zurück und
trat in den Dienst des Deutschen Kolonialvereins, für den er
1886 nach Südbrasilien ging, um die dortigen Verhältnisse
zu studieren. Er nahm dort den untern Camaquam auf, in dessen
Nähe eine deutsche Kolonie (San Feliciano) gegründet
werden sollte, und kehrte dann nach Deutschland zurück. Er
schrieb: "Aus Westafrika" (Leipz. 1879, 2 Bde.) und "Deutsche
Arbeit in Afrika" (das. 1888).

Soyeuse (spr. ssoajöhs'), vegetabilische Seide, s.
Asclepias.

Soyons amis, Cinna! (franz., spr. ssoajóng-samih,
ssinna!), "Laß uns Freunde sein, Cinna." Citat aus Corneilles
"Cinna", Akt 5, Szene 3.

Sozialaristokratie, s. Aristokratie.

Sozialdemokratie, diejenige sozialistische Richtung und
Partei, welche für die Klasse der Lohnarbeiter die Herrschaft
in einem demokratischen Staat erstrebt, um die sozialistischen
Ideen und Forderungen verwirklichen zu können. Der
Begründer der S. ist der Franzose Louis Blanc (s. d. und
Sozialismus). Die von ihm in den 40er Jahren in Paris
gegründete Arbeiterpartei war die erste sozialdemokratische.
Dieselbe erlangte vorübergehend einen Einfluß auf die
Politik in Frankreich dadurch, daß zwei ihrer Führer, L.
Blanc und Albert, nach der Februarrevolution 1848 Mitglieder der
provisorischen Regierung wurden; sie wurde mit andern radikalen
Parteien in der Junischlacht 1848 besiegt. In Deutschland war der
von F. Lassalle (s. d.) 23. Mai 1863 gegründete Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein die erste Organisation der S. Der einzige
statutarische Zweck dieses Vereins, der sich zu dem sozialistischen
Programm

54

Sozialdemokratie (Entwickelung in Deutschland).

Lassalles bekannte, war die "friedliche und legale" Agitation
für das damals noch nicht in Deutschland bestehende
allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht mit geheimer Abstimmung.
Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, welcher unter der
Präsidentschaft Lassalles nur einige tausend Mitglieder
zählte und nach Lassalles Tod (31. Aug. 1864) unter
unbedeutenden Führern (Bernhard Becker, Försterling,
Mende, Tölcke u. a.) sich in verschiedene, sich gegenseitig
bekämpfende Parteien spaltete, gelangte erst zu
größerer Bedeutung, seit das von Lassalle geforderte
Wahlgesetz 1867 durch Bismarck das Wahlgesetz für den
Reichstag des Norddeutschen Bundes geworden war und der begabte
Litterat J. B. v. Schweitzer 1867 die Leitung übernahm. Als
Führer der Lassalleaner in den Reichstag des Norddeutschen
Bundes gewählt, vertrat v. Schweitzer dort mit andern
Sozialdemokraten die Sache der S. Schon unter seiner
Präsidentschaft wurde das ökonomische und politische
Programm des Vereins erweitert. In dem Verein vertraten Hasenclever
und Hasselmann eine radikalere Richtung, diese siegte, und 1871
wurde v. Schweitzer als ein bezahlter Agent der preußischen
Regierung verdächtigt und aus dem Verein gestoßen. Unter
der Führung jener beiden Männer nahm die Mitgliederzahl,
nachdem inzwischen das Wahlgesetz für den Norddeutschen Bund
auch das für das Deutsche Reich geworden war, in kurzer Zeit
enorm zu (1873 hatte der Verein schon über 60,000 Mitglieder
und in 246 Orten Lokalvereine), wurde aber auch das
ökonomische und politische Parteiprogramm radikaler
(Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechts für alle
Staats- und Gemeindewahlen auf alle Altersklassen vom 20. Jahr ab,
Abschaffung der stehenden Heere, Abschaffung aller indirekten
Steuern und Einführung einer progressiven Einkommensteuer mit
Freilassung der Einkommen unter 500 Thlr. und mit einem
Steuerfuß von 20-60 Proz. für Einkommen über 1000
Thlr., Abschaffung der Gymnasien und höhern Realschulen,
Unentgeltlichkeit des Unterrichts in allen öffentlichen
Lehranstalten etc.). Hauptblatt des Vereins war der Berliner
"Sozialdemokrat". Die Forderungen und ganze Art der Agitation
näherten sich immer mehr dem Programm und der Agitationsweise
einer zweiten sozialdemokratischen Partei, welche unter dem
Einfluß von Karl Marx und der internationalen
Arbeiterassociation im August 1869 Wilhelm Liebknecht und August
Bebel gegründet hatten. In der internationalen
Arbeiterassociation war seit 1866 die erste internationale und
zugleich eine radikale und revolutionäre sozialdemokratische
Partei entstanden (s. über deren Programm, Organisation und
Agitation die Art. Internationale und Sozialismus). Liebknecht und
Bebel, Anhänger der Internationale, setzten, nachdem sie sich
lange vergeblich bemüht hatten, den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein in das Lager der Internationale
hinüberzuführen, auf einem allgemeinen
Arbeiterkongreß in Eisenach im August 1869 die Gründung
einer zweiten Partei, der sozialdemokratischen Arbeiterpartei,
durch, welche sich ausdrücklich als deutscher Zweig der
Internationale konstituierte. Die neue Partei, vortrefflich
organisiert und dirigiert (Hauptorgan der Leipziger "Volksstaat"),
entfaltete namentlich seit Anfang der 70er Jahre eine
außerordentliche Rührigkeit, im Mai 1875 vereinigte sie
sich mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein auf dem
Kongreß in Gotha (22.-27. Mai) zur sozialistischen
Arbeiterpartei Deutschlands. Das Parteiprogramm (s. d. im Art.
Sozialismus), ein radikal-sozialistisches, stimmte in allen
wesentlichen Punkten mit dem frühern Eisenacher Programm von
1869 überein. Der "Volksstaat" (später "Vorwärts")
wurde das Hauptorgan. Die Partei nahm bei der fast vollen Freiheit,
die man ihr gewährte, einen großen Aufschwung. Nach dem
Jahresbericht von 1877 verfügte sie über 41 politische
Preßorgane mit 150,000 Abonnenten, außerdem über
15 Gewerkschaftsblätter mit etwa 40,000 Abonnenten und ein
illustriertes Unterhaltungsblatt, "Die Neue Welt", mit 35,000
Abonnenten. Ein Hauptagitationsorgan waren die besoldeten,
redegewandten Agitatoren (1876: 54 ganz besoldete, 14 zum Teil
besoldete) und die nicht besoldeten "Redner" (1876. 77). Bei den
Reichstagswahlen stimmten für sozialdemokratische Kandidaten
1871: 124,655, 1874: 351,952, 1877: 493,288 (s. unten). Die ganze
Agitation war seit 1870 eine entschieden revolutionäre, mit
diabolischem Geschick wurden in ihrer Presse die radikalen
sozialistischen und politischen Anschauungen der S. erörtert
und in den Arbeiterkreisen der Klassenhaß geschürt und
revolutionäre Stimmung gemacht. Nachdem die Reichsregierung,
um dieser Agitation, welche zu einer ernsten Gefahr für den
sozialen Frieden und das gemeine Wohl geworden war, wirksam
entgegentreten zu können, im Reichstag vergeblich eine
Verschärfung des Strafgesetzbuchs versucht hatte, griff man
nach den Attentaten von Hödel und Nobiling auf Kaiser Wilhelm
(11. Mai und 2. Juni 1878), in denen man eine Folge jener Agitation
erkennen mußte, zu dem Mittel eines Ausnahmegesetzes gegen
die S., und es erging das zunächst nur bis 31. März 1881
gültige Reichsgesetz vom 21. Okt. 1878 "gegen die
gemeingefährlichen Bestrebungen der S." Es wollte verhindern
die gefährliche, das öffentliche Wohl schädigende
sozialdemokratische Agitation, insbesondere Bestrebungen
sozialdemokratischer, sozialistischer oder kommunistischer Art,
welche, auf den Umsturz der bestehendem Rechts- oder
Gesellschaftsordnung gerichtet, diesen direkt bezwecken oder in
einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der
Bevölkerungsklassen, gefährdenden Weise zu Tage treten.
Es verbot bei Strafe daher Vereine, Versammlungen, Druckschriften
dieser Art sowie die Einsammlung von Beiträgen zu diesen
Zwecken; Personen, welche sich die sozialdemokratische Agitation
zum Geschäft machen, können aus bestimmten Landesteilen
oder Orten ausgewiesen, Wirten, Buchhändlern etc. kann aus dem
gleichen Grunde der Betrieb ihres Gewerbes untersagt werden. Auch
kann über Bezirke und Orte, in welchem durch
sozialdemokratische Bestrebungen die öffentliche Sicherheit
bedroht erscheint, der sogen. kleine Belagerungszustand mit
Beschränkung des Versammlungsrechts und Ausweisung
ansässiger Personen verhängt werden. Das Gesetz wurde
1880 bis zum 30. Sept. 1884, dann bis 30. Sept. 1886, hierauf bis
30. Sept. 1888 und darauf nochmals bis 30. Sept. 1890
verlängert. Das Gesetz hat nicht die Partei beseitigt, auch
nicht die Zahl der Stimmen für sozialdemokratische Kandidaten
bei den Reichstagswahlen auf die Dauer verringert (1881: 311,961,
1884: 549,990, 1887: 763,128); aber es hat die in hohem Grad
gefährliche und gemeinschädliche Art der Agitation, wie
sie früher in der sozialdemokratischen Presse betrieben wurde,
verhindert. In der deutschen S. sonderte sich seit 1878 immer
entschiedener unter der Führung von Most und Hasselmann eine
radikale Anarchistenpartei ab, deren Hauptorgan 1879 die von Most
in London herausgegebene "Freiheit" wurde, und deren Mitglieder
auch in Deutschland und Österreich eine Reihe von Attentaten
gegen Beamte und von Raubmorden

55

Soziale Frage - Sozialismus.

ausführten. Das Hauptorgan der deutschen S. und der ihr
verbündeten internationalen S. wurde der seit Oktober 1879 in
Zürich erscheinende "Sozialdemokrat". Zu einer definitiven
Spaltung zwischen den Anarchisten und der sogen.
gemäßigten, aber noch immer radikalen und
revolutionären Bebel-Liebknechtschen Partei kam es auf dem
Kongreß in Wyden (Schweiz) im August 1880, auf dem aber auch
die "gemäßigte" Richtung aus dem Gothaer Programm in dem
Satz, daß die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit
allen gesetzlichen Mitteln ihre Ziele erstreben wolle, das Wort
"gesetzlichen" strich. Das radikale sozialistische Programm, wie es
in den statutarischen Bestimmungen und
Kongreßbeschlüssen der Internationale und in dem Gothaer
Programm von 1875 festgesetzt wurde, ist im wesentlichen das
Programm der Sozialdemokraten in allen Ländern, wo die S.
besteht und organisiert ist, und dies ist außer in
Deutschland heute namentlich in Österreich, Frankreich,
Italien, Spanien, Belgien, Dänemark und in Nordamerika der
Fall. Vgl. Mehring, Die deutsche S. (3. Aufl., Brem. 1879); weitere
Litteratur bei Internationale und Sozialismus.

Soziale Frage, s. Arbeiterfrage.

Soziale Republik, der von den Sozialdemokraten
angestrebte Freistaat mit Beseitigung der kapitalistischen
Produktionsweise und jeglichen Klassenunterschiedes. S.
Sozialdemokratie.

Sozialismus (lat.), nach dem in der Wissenschaft noch
heute üblichsten, auch in der deutschen Gesetzgebung und im
großen Publikum herrschenden Sprachgebrauch die Bezeichnung
für eine bestimmte Richtung, ein bestimmtes System zur
Lösung der Arbeiterfrage (s. d.). Dieser S. unterscheidet sich
scharf von dem Kommunismus (s. d.), obschon er mit demselben manche
Grundanschauungen teilt, namentlich den Glauben an die unbedingte
Lösung dieser Frage, die ausschließliche
Zurückführung der für sie in Betracht kommenden
Übelstände auf verkehrte menschliche Einrichtungen und
die Forderung einer gänzlichen Umgestaltung des
Wirtschaftsorganismus, der Rechtsordnung und des Staatswesens der
Kulturvölker, nach welcher unter Beseitigung der individuellen
wirtschaftlichen Freiheit die Gesamtheit die Verantwortlichkeit und
Sorge für die ökonomische und soziale Lage der Einzelnen
zu übernehmen habe. Die ihm eigentümlichen, von allen
andern sozialpolitischen Richtungen (s. Arbeiterfrage)
verschiedenen Anschauungen und praktischen Forderungen haben sich
erst allmählich in der Geschichte des S. klarer und
schärfer herausgebildet. Dieselben sind heute folgende: der
Kernpunkt der sozialen Frage ist ihm die ungerechte Verteilung der
Güter, und diese führt er vorzugsweise auf die
Einrichtung des privaten Grundeigentums und Erbrechts und auf die
freie individualistische und kapitalistische Produktionsweise mit
der Trennung von Unternehmern und Lohnarbeitern, mit dem Eigentum
der erstern an den Produktionsmitteln und der Herrschaft des
"ehernen Lohngesetzes" über die letztern zurück. Er
vertritt die falsche Ansicht der ältern englischen
Nationalökonomen, daß allein die Arbeit Werte erzeuge,
und behauptet, daß infolge jener Ursachen die bisherige
Vermögensbildung und die heutige Verteilung der neu
produzierten Güter auf einer Ausbeutung der Lohnarbeiter durch
Unternehmer, Grundeigentümer und Kapitalisten, mit andern
Worten der Nichtbesitzenden durch die besitzende Klasse beruhe.
Diese ungerechte Verteilung ist ihm die wesentliche Ursache des
Proletariats und aller andern Übelstände in den untern
Volksklassen. Beseitigung dieser Übelstände erwartet er
nicht wie der Kommunismus von der völligen Gleichheit aller,
aber doch von einer sehr starken Ausgleichung der ökonomischen
und sozialen Unterschiede und von einer gesellschaftlichen
Verfassung, in welcher allein die Arbeit einen Anspruch auf
Einkommen und Vermögen gibt. Das Einkommen soll nur noch
Arbeitsertrag sein. Bekämpft wird deshalb das private
Grundeigentum, das Erbrecht und die Kapitalrente (Kapitalzins und
Kapitalgewinn). Jene beiden Rechtsinstitutionen sollen durch
Gesetz, diese Einkommensart soll durch eine neue Organisation der
Produktion: die sozialistisch-genossenschaftliche
("kollektivistische") Produktionsweise, abgeschafft werden. Das
Wesen dieser besteht darin, daß nur noch in
genossenschaftlichen Kollektivunternehmungen in
planmäßiger Regelung (Beseitigung der Lohnarbeit und
soziale Organisation der Arbeit) produziert wird, in welchen das
Eigentum an den Produktionsmitteln (Grundstücken und
Kapitalien) Kollektiveigentum der Gesellschaft ist und der Ertrag
nur an die Arbeiter und gerecht verteilt wird (Beseitigung des
Einkommens aus Kapital und Grundstücken und des "ehernen
Lohngesetzes"). Diese Umwandlung der bisherigen Produktionsweise in
die sozialistische und die planmäßige Regelung der
letztern soll durch den Staat geschehen.

Die Manchesterschule (s. d.) bezeichnet als S. jede direkte
Mitwirkung des Staats zur Lösung der sozialen Frage,
insbesondere jede staatliche Maßregel, welche zum Schutz der
Arbeiter die persönliche Freiheit in der Gestaltung der
Arbeitsvertragsverhältnisse einschränkt. Daher kam es,
daß, als Anfang der 70er Jahre Professoren der
Nationalökonomie eine solche Mitwirkung des Staats forderten,
Vertreter der Freihandelsschule (H. B. Oppenheim u. a.) ebendiese
Forderungen sozialistische und, weil dieselben von den Inhabern
akademischer Katheder ausgingen, letztere Kathedersozialisten (s.
d.) nannten. Andre nennen noch allgemeiner S. jede Richtung, welche
für die Volkswirtschaft im Gegensatz zu dem Individualismus
(s. d.) das soziale Prinzip betont und für die
Wirtschaftspolitik als Ausgangspunkt und Ziel nicht das Individuum
mit ihm zugeschriebenen Trieben und Rechten (wie es die
naturrechtliche Wirtschaftstheorie oder der Smithianismus thut),
sondern die Gesellschaft nimmt. Im folgenden ist von dem S. im
obigen Sinn die Rede.

Als eine selbständige Wirtschaftstheorie ist dieser S. ein
Produkt des 19. Jahrh.; als sein Begründer gilt mit Recht der
französische Graf Saint-Simon, der auch zuerst die Lösung
der sozialen Frage als die große Aufgabe der modernen
Gesellschaft hinstellte. Die Vertreter des S. stimmen in den oben
erwähnten allgemeinen Grundanschauungen überein, im
einzelnen aber gehen sie in ihren Ansichten wie in ihren
Forderungen wieder weit auseinander, so daß man deshalb
verschiedene sozialistische Systeme oder Theorien (insbesondere die
des Saint-Simonismus, von Ch. Fourier, L. Blanc, F. Lassalle, K.
Marx) unterscheidet. Saint-Simon (s. d. 2) hat seine
sozialistischen Anschauungen nicht zu einem geschlossenen System
entwickelt. Das geschah erst durch seine Schüler (die
Saint-Simonisten), vor allen durch den hervorragendsten derselben,
Bazard (s. d.). Dieselben nannten nach ihrem Lehrer und Meister
dies System den Saint-Simonismus. Die soziale Frage betrachten sie
nicht nur als eine ökonomische, sondern ebensosehr als eine
moralische, religiöse und politische, da es sich in ihr um
eine Reform aller Verhältnisse des Volkslebens

56

Sozialismus (Saint-Simon, Fourier, Louis Blanc).

handle. Von der Ansicht ausgehend, daß die Arbeit die
Quelle aller Werte sei, sehen sie das Hauptunrecht in Staat und
Gesellschaft darin, daß der nützlichste Stand, der der
Arbeiter (industriels), den letzten Rang einnehme, zum weitaus
größten Teil mißachtet, in traurigster Lage und
politisch ohne Einfluß sei. Es sei deshalb eine neue
Organisation der Gesellschaft zu bilden, in welcher die Klasse der
Besitzenden und der "légistes" (Beamten, Gelehrten,
Advokaten) wie die militärische Gewalt dem arbeitenden Teil
der Gesellschaft untergeordnet sei, so daß an die Stelle der
bisherigen feudalen Organisation des Staats eine "industrielle"
trete, die zugleich das ideale Ziel Saint-Simons erreiche, "allen
Menschen die freieste Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu
sichern". Erziehung und Ausbildung sollen auf der Grundlage einer
neuen Religion, eines neuen Christentums der Bruderliebe und
werkthätigen Moral, die wirtschaftliche Thätigkeit durch
eine Änderung der Rechtsordnung umgestaltet werden. Um eine
gerechte volkswirtschaftliche Verteilung herbeizuführen,
müsse die Arbeit zum einzigen Eigentumstitel gemacht und eine
Verteilung nach dem Prinzip organisiert werden: "Jedem nach seiner
Fähigkeit, und jeder Fähigkeit nach ihren Werken". Vor
allem sei das Erbrecht der Blutsverwandtschaft abzuschaffen und
durch ein Erbrecht des Verdienstes zu ersetzen. Die Güter der
Einzelnen sollten nach ihrem Tode der Gesamtheit zufallen, der
Staat als Vertreter derselben der Erbe sein und nun die ihm
anfallenden Güter denjenigen zuweisen, die sie am besten zum
Wohl des Ganzen gebrauchen würden. Außerdem sollten
Staatsbanken zur leichtern Gewährung eines billigen Kredits
gegründet werden. Der Unterricht sollte ein unentgeltlicher,
öffentlicher und zwar der allgemeine theoretische ein gleicher
für alle (mit besonderer Berücksichtigung der moralischen
Ausbildung), der professionelle aber ein den individuellen
Fähigkeiten entsprechender sein. - Die Saint-Simonisten haben
später die Bazardsche Erbrechtsreform auf die Forderung hoher
progressiver Erbschaftssteuern und Aufhebung des Erbrechts in den
weitern Verwandtschaftsgraden beschränkt.

Gleichzeitig mit Saint-Simon, aber völlig unabhängig
von ihm, entwickelte Ch. Fourier (s. d.) ein sozialistisches
System, das durch seine Schüler, besonders durch V.
Considérant (s. d.), um die Mitte der 30er Jahre in
Frankreich allgemeiner bekannt wurde. Im Gegensatz zu Saint-Simon
konstruierte er seine neue sozialistische Gesellschaftsordnung bis
ins einzelne. Er stützt dieselbe auf eine eigentümliche
wissenschaftlich unhaltbare Psychologie und auf eine eingehende
Kritik der ökonomischen Zustände seiner Zeit, die neben
vielem Falschen wertvolle Wahrheiten enthält. Diese
Zustände erscheinen ihm von Grund aus schlecht, weil die
große Masse des Volkes, durch eine kleine Zahl ausgebeutet,
eine elende Existenz führe und keine Freude an der Arbeit und
am Dasein haben könne. Er findet es völlig verkehrt,
daß die Produktion eine individualistische (in
Einzelunternehmungen) mit freier Konkurrenz sei. Durch die Existenz
der vielen kleinen Unternehmungen finde eine ungeheure
Verschwendung in der Benutzung der Arbeitsmittel und -Kräfte
statt; würde nur in großen genossenschaftlichen
Unternehmungen produziert, so könnte mit gleichem Aufwand viel
mehr produziert und bei gerechter Verteilung ein höheres
Genußleben für die Arbeiter herbeigeführt werden.
Sie bewirke weiter eine solche Ausdehnung der Arbeitsteilung,
daß die meisten Menschen keine Abwechselung bei der Arbeit
hätten und diese dadurch, statt zu einer Freude, zu einer Last
und für viele zu einer unerträglichen Last und Qual
werde. Sie veranlasse endlich auch die Existenz einer großen
Zahl an sich völlig überflüssiger Kaufleute und
dadurch eine unnötige Verteurung der Produkte. Fourier findet
ebenso die bestehende Art der Konsumtion in den Einzelwirtschaften
völlig unwirtschaftlich. Er fordert deshalb eine
genossenschaftliche Produktion und Konsumtion in großen
Verbänden, die, etwa 300-400 Familien umfassend,
möglichst alle Genußmittel für die Mitglieder
herstellen, jedenfalls Landwirtschaft und Gewerbe betreiben, in
einem großen Gebäude (Phalanstère) alle ihre
Wohnungen und Arbeitsräume einrichten, in wenigen Küchen
die Speisen für alle bereiten und zugleich für die
Vergnügungen und den Unterricht sorgen. Er entwirft den Plan
dieser sozialen Wirtschaftsorganismen, von ihm Phalangen genannt,
im einzelnen und sucht nachzuweisen, daß sie, richtig
organisiert, eine Garantie dafür bieten, daß jeder durch
seine Arbeit die Mittel erlange, ein behagliches Genußleben
zu führen, dabei an derselben Frende habe und für alle
aus der freien naturgesetzlichen Entfaltung der Triebe die Harmonie
der Triebe sich ergebe, die nach Fouriers Philosophie die
Glückseligkeit der Menschen sei. Die Gründung der
Phalangen soll aber nicht durch staatlichen Zwang, sondern durch
den freien Willen der Einzelnen erfolgen. Fourier trug sich mit der
überspannten Hoffnung, daß, wenn nur erst eine Phalange
gebildet worden, die Phalangen sich allmählich über die
ganze Welt verbreiten würden. Fourier stellte zuerst die
Abschaffung der Lohnarbeit und Gründung großer
Produktiv- und Konsumgenossenschaften als die Panacee für die
soziale Frage auf.

Eine neue Ausbildung erfuhr der S. durch Louis Blanc (s. d.),
zuerst in dessen kleiner Schrift über "Die Organisation der
Arbeit" (1839). Auch er will die Lohnarbeit durch
Produktivgenossenschaften beseitigen. Aber seine
Produktivgenossenschaften sind wesentlich andrer Art als die
Fourierschen Phalangen, und die Gründung derselben fordert er
vom Staat. Wie bei dem bisherigen Wirtschaftssystem der große
Unternehmer den kleinen, das große Kapital das kleine
unterdrücke, so könne der Staat, als der
größte Kapitalist, durch die Gründung von
größern Unternehmungen als die bestehenden in der Form
von Produktivgenossenschaften alle, auch die größten
Unternehmer allmählich konkurrenzunfähig machen und so
ohne Zwang und Gewalt der höchste Ordner und Herr der
Produktion werden. Wenn dies geschehen, habe er es in der Hand,
durch die Regelung der innern Organisation dieser Genossenschaften
und der Art der Ertragsverteilung den arbeitenden Klassen die
genügende materielle Existenz zu sichern. Louis Blanc denkt
sich dann die Entwickelung für die gewerbliche Produktion in
drei Stadien. In dem ersten gründe der Staat die Ateliers
sociaux für die verschiedenen Industriezweige, zunächst
als Staatsunternehmungen; nach einiger Zeit aber wandle er sie um
in reine Produktivgenossenschaften, überlasse die Verwaltung
den Mitgliedern und beschränke sich nur auf die gesetzliche
Regelung der Organisation und der Gewinnverteilung. Diese
Genossenschaften würden sofort die bessern Arbeitskräfte
an sich ziehen und mit geringern Kosten produzieren, zumal wenn sie
gleichzeitig große Konsumgenossenschaften errichten
würden. Die bestehenden Unternehmungen würden gezwungen
werden, entweder den Betrieb einzustellen, oder sich in solche
Genossenschaften umzuwandeln. In dem zweiten Stadium sollen dann,
damit keine Konkurrenz unter den Genossenschaften entstehe, die
Ge-

57

Sozialismus (Lassalle, Karl Marx).

nossenschaften gleichartiger Produktionszweige sich zu
größern Genossenschaften associieren, bis in jedem nur
eine Landesgenossenschaft existiere. Im dritten associieren sich
auch diese, so daß schließlich eine große
Produktivgenossenschaft produziere, deren Organisation und
Gewinnverteilung das Staatsgesetz regele. Eine Reform der Erziehung
(mit obligatorischem und unentgeltlichem Unterricht) würde
diese Entwickelung sichern. Um auch die Landwirtschaft zu
reformieren, soll das Erbrecht der Seitenverwandten fortfallen, an
ihrer Stelle soll die Gemeinde erben und mit dem ihr so anfallenden
Vermögen ähnlich verwaltete landwirtschaftliche
Produktivgenossenschaften gründen. Da von der herrschenden
Gesellschaft mit monarchischer Staatsform eine Lösung dieser
Aufgaben nicht zu erwarten sei, so müsse zunächst der
Staat in eine sozialdemokratische Republik umgewandelt werden, in
welcher die untern Klassen, im Besitz der Herrschaft, dann auf dem
vorgezeichneten Weg vorgehen könnten.

Diese Ideen wurden in den 40er Jahren das Programm der
französischen Sozialisten, an deren Spitze Louis Blanc stand.
Er ist der Gründer der Sozialdemokratie, d. h. derjenigen
Partei, welche für die Klasse der Lohnarbeiter die Herrschaft
in einer demokratischen Republik erstrebt, um im Besitz dieser
Herrschaft das sozialistische Programm zu verwirklichen.
Modifiziert wurde dies Programm durch die Beschlüsse des
Arbeiterparlaments, welches 1848 nach der Februarrevolution, von
der provisorischen Regierung einberufen, im Palais Luxembourg unter
dem Vorsitz von Louis Blanc tagte. Nach denselben sollte ein eignes
Ministerium (ministère du progrès) die sozialistische
Reform herbeiführen: zunächst die Bergwerke und
Eisenbahnen für den Staat ankaufen, das Versicherungswesen in
Staatsanstalten zentralisieren, große Warenhallen und
Vorratshäuser zu entgeltlicher Benutzung errichten, die
französische Bank in eine Staatsbank umwandeln und mit dem
Reinertrag aus diesen Geschäften industrielle und
landwirtschaftliche Genossenschaften nach dem Plan Louis Blancs mit
einigen Abänderungen desselben gründen. Zur Beseitigung
einer verderblichen Konkurrenz sollte für alle Produkte durch
gesetzliche Feststellung des auf die Kosten zu schlagenden Gewinns
ein Normalpreis vorgeschrieben werden.

Eine andre Modifikation gab dem Blancschen S. Ferdinand Lassalle
(s. d.). Er betrachtet die soziale Frage als Einkommensfrage,
hervorgerufen durch die ungerechte Verteilung des Ertrags der
Unternehmungen infolge des "ehernen Lohngesetzes" der freien
Konkurrenz, nach welchem der Lohn stets um einen Punkt oszilliere,
bei welchem er den Arbeitern nur die notdürftig Befriedigung
der Existenzbedürfnisse gestatte. Die Lösung sieht er in
der Beseitigung dieser Lohnregulierung und Abschaffung der
Lohnarbeit durch Produktivassociationen mit Hilfe des Staats. Aber
dieser soll nicht, wie Louis Blanc will, dieselben gründen und
ihre Organisation wie die Art der Gewinnverteilung bestimmen,
sondern der Staat soll nur freiwillig sich bildende mit seinem
Kredit unterstützen, wobei er zur Wahrung seines Interesses
sich die Genehmigung der Statuten und eine Kontrolle der
Geschäftsführung vorbehalten könne. Darin stimmt
Lassalle wieder mit Louis Blanc überein, daß, um diese
Staatsunterstützung zu erreichen, der Arbeiterstand sich zum
herrschenden im Staat machen müsse. Er wähnte, daß
die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten
Wahlrechts mit geheimer Abstimmung demselben in Deutschland zu
dieser Herrschaft verhelfen würde, und forderte deshalb die
deutschen Arbeiter auf, ihre ganze Agitation zunächst nur auf
dieses Ziel zu richten.

Derjenige, der in neuerer Zeit den S. eigentlich allein in
umfassender Weise und wirklich wissenschaftlich zu begründen
versucht, ihm zugleich die radikalste Ausdehnung gegeben hat, ist
Karl Marx (s. d.). In seinem Hauptwerk: "Das Kapital", sucht er
nachzuweisen, daß die Verteilung in der bisherigen
Volkswirtschaft eine durchaus ungerechte sei, denn das Kapital
entstehe und vermehre sich nur dadurch, daß es einen
möglichst großen Teil des Arbeitsprodukts in sich
aufsauge; die Arbeit, nicht das Kapital setze dem Produkt Wert zu,
der Arbeiter leiste stets mehr, als ihm im Lohn vergolten werde,
der ihm nicht bezahlte Mehrwert seiner Leistung aber falle dem
Eigentümer der Produktionsmittel zu und vermehre das Kapital.
Marx folgert daraus die Ungerechtigkeit eines Einkommens aus
Kapital- und Grundbesitz. Weiter sucht er zu erweisen, daß
aus der gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsweise die
sozialistisch-kooperative notwendig entstehen müsse.
Zunächst würden in dem freien Konkurrenzkampf die
Produktionsmittel sich in den Händen einer immer kleinern
Anzahl konzentrieren, dadurch aber der Zustand für die
Arbeiter endlich so unerträglich werden, daß dieselben,
ihre Macht benutzend, die wenigen Expropriateure einfach
expropriieren und, geschult und organisiert durch den bisherigen
kapitalistischen Produktionsprozeß, auf der Grundlage
gemeinsamen Eigentums an den Produktionsmitteln in den schon
bestehenden großen Unternehmungen weiter produzieren, den
Ertrag derselben, entsprechend seiner ökonomischen Natur als
Arbeitsertrag, aber fortan nur nach Maßgabe der
Arbeitsleistungen verteilen würden. Besser indes sei es,
diesen Expropriations- und Produktionsumwandlungsprozeß zu
beschleunigen. Die praktischen Konsequenzen hat dann der Agitator
Marx gezogen und in den Beschlüssen der von ihm
gegründeten und geleiteten internationalen Arbeiterassociation
(vgl. Internationale) sowie in dem Programm der heutigen deutschen
Sozialdemokratie, dessen geistiger Urheber er ist, zum Ausdruck
gebracht. Von diesen Beschlüssen sind für die
sozialistischen Bestrebungen insbesondere charakteristisch die der
Kongresse in Brüssel und Basel. Auf dem Kongreß in
Brüssel (1868) wurde die Abschaffung des Kapitaleinkommens und
der Grundrente, die Gründung von Produktivgenossenschaften mit
Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln und von besondern
Kreditanstalten für dieselben, die Umwandlung aller
Transportanstalten in Staatsanstalten, aller Bergwerke, Wälder
und landwirtschaftlichen Grundstücke in Staatseigentum, mit
Überweisung der letztern an Arbeitergesellschaften zur
Benutzung, in das Programm aufgenommen. Der Kongreß in Basel
(1869) sprach sich für die Abschaffung des privaten
Grundeigentums und für die Bebauung des Bodens durch
solidarisierte Gemeinden sowie für die Abschaffung des
Erbrechts aus. Das sozialistisch-politische Programm der deutschen
Sozialdemokratie (sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands)
lautet nach der Fassung des Gothaer Kongresses von 1875:

"1) Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur,
und da allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft
möglich ist, so gehört der Gesellschaft, d. h. allen
ihren Gliedern, das gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner
Arbeitspflicht, nach gleichem Recht jedem nach seinen
vernunftgemäßen Bedürfnissen. In der heutigen
Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der Kapitalistenklasse;
die hierdurch bedingte Abhängigkeit der Arbeiterklasse ist die
Ursache des Elends und der Knechtschaft in allen Formen. Die
Befreiung der Arbeit erfordert die

58

Sozialismus (Rodbertus; Umsturzbestrebungen in der
Gegenwart).

Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft und
die genossenschaftliche Regelung der Gesamtarbeit mit
gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung des
Arbeitsertrags. Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der
Arbeiterklasse sein, der gegenüber alle andern Klassen nur
eine reaktionäre Masse sind. 2) Von diesen Grundsätzen
ausgehend, erstrebt die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands
(die hier ursprünglich im Programm enthaltenen Worte: 'mit
allen gesetzlichen Mitteln' wurden später gestrichen) den
freien Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung
des ehernen Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der
Lohnarbeit, die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die
Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit. Die
sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst
im nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen
Charakters der Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle
Pflichten, welche derselbe den Arbeitern auferlegt, zu
erfüllen, um die Verbrüderung aller Menschen zur Wahrheit
zu machen. Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert,
um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung
von sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter
der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die
Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in
solchem Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die
sozialistische Organisation der Gesamtheit entsteht. 3) Die
sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert als Grundlagen
des Staats: a) Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht
mit geheimer, obligatorischer Stimmabgabe aller
Staatsangehörigen vom 20. Lebensjahr an für alle Wahlen
und Abstimmungen in Staat und Gemeinde. Der Wahl- oder
Abstimmungstag muß ein Sonntag oder Feiertag sein. d) Direkte
Gesetzgebung durch das Volk; Entscheidung über Krieg und
Frieden durch das Volk. c) Allgemeine Wehrhaftigkeit, Volkswehr an
Stelle der stehenden Heere. d) Abschaffung aller Ausnahmegesetze,
namentlich der Preß-, Vereins- und Versammlungsgesetze,
überhaupt aller Gesetze, welche die freie
Meinungsäußerung, das freie Denken und Forschen
beschränken. e) Rechtsprechung durch das Volk; unentgeltliche
Rechtspflege. f) Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den
Staat; allgemeine Schulpflicht; unentgeltlicher Unterricht in allen
Bildungsanstalten; Erklärung der Religion zur
Privatsache."

Das Programm enthält außerdem noch eine Reihe von
Forderungen, die indes ausdrücklich als Forderungen "innerhalb
der heutigen Gesellschaft" bezeichnet werden und nicht mehr
spezifisch sozialistische sind. Mit diesem Programm stimmt im
wesentlichen überein das Programm des Parti ouvrier socialiste
révolutionnaire français von 1880, welches die Basis
der gegenwärtigen sozialistischen Bewegung in Frankreich ist
und in der Hauptsache auch von den spanischen und italienischen
Sozialisten angenommen wurde, ebenso das Programm der
sozialistischen Arbeiterpartei von Nordamerika von 1877 (weiteres
hierüber bei Zacher, s. Litteratur).

In Deutschland entstand Mitte der 70er Jahre neben der
Sozialdemokratie vorübergehend eine konservative
sozialistische Richtung, der sogen. Staatssozialismus, deren
politischer Grundgedanke ein Bündnis der Monarchie mit dem
vierten Stand war, um die vermeintliche Herrschaft der Bourgeoisie
und des Kapitals zu brechen, die berechtigten Forderungen der
Arbeiterklasse durch eine sozialistische Organisation der
Volkswirtschaft zu befriedigen und damit zugleich die Machtstellung
der Monarchie zu befestigen. Das unklare sozialistische Programm
(s. dasselbe in Nr. 23 des "Staatssozialist" vom 1. Juni 1878)
dieser Richtung, die wenige Anhänger fand, und deren
Hauptvertreter unter andern Pastor R. Todt ("Der radikale deutsche
S. und die christliche Gesellschaft. Aufl., Wittenb. 1878) und der
Schriftsteller Rudolf Meyer waren (Organ: "Der Staatssozialist.
Wochenschrift für Sozialreform", 1877 ff.), stützt sich
auf die sozialistischen Anschauungen von J. K. Rodbertus (s. d.),
der die Berechtigung eines Einkommens aus Besitz, der "Rente"
(Grundrente wie Kapitalrente), bestritt und den Kernpunkt der
sozialen Frage in dem angeblichen "Gesetz" sah, daß, wenn der
Verkehr in Bezug auf die Verteilung der Nationalprodukte sich
selbst überlassen bleibe, bei steigender Produktivität
der gesellschaftlichen Arbeit der Lohn der arbeitenden Klassen ein
immer kleinerer Teil des Nationalprodukts werde, daß der
relative Lohn der Arbeit in dem Verhältnis sinke, als sie
selbst produktiver werde, und daß folglich die Kaufkraft der
Mehrzahl der Gesellschaft immer kleiner werde. Die Lösung der
Frage erblickte Rodbertus darin, daß den Arbeitern ein mit
der steigenden nationalen Produktivität mitsteigender
Arbeitslohn gesichert würde, und er glaubte, dieselbe - ohne
daß man dem Grund- und Kapitaleigentum von seinem heutigen
Grundrenten- und Gewinnbetrag etwas fortnehme, sondern nur
verhindere, daß auch für alle Zukunft, wie bisher, das
Plus einer steigenden nationalen Produktion der Grundrente und dem
Kapitalgewinn zuwachse - durch eine Reihe von Vorschlägen
gefunden zu haben, deren wichtigste sind: der Staat solle
zunächst für jedes "Gewerk" einen normalen Zeitarbeitstag
und einen normalen Werkarbeitstag festsetzen und den Lohnsatz
für den letztern mit periodischen Revisionen bestimmen, bez.
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer unter seiner Autorität
festsetzen lassen. Sodann soll "der normale Werkarbeitstag zu
Werkzeit oder Normalarbeit erhoben und nach solcher Werkzeit oder
Normalarbeit (nach solcher in sich ausgeglichener Arbeit) nicht
bloß der Wert des Produkts jedes Gewerks normiert, sondern
auch der Lohn in jedem Gewerk als Quote dieses nach Normalarbeit
berechneten Produktwerts fixiert und bezahlt werden".

In der Geschichte der sozialistischen Agitation ist die Phase
des friedlichen, doktrinären S. und die des gewaltsamen,
praktischen S. zu unterscheiden. In jener, welcher die
Thätigkeit Saint-Simons und Fouriers und ihrer Schüler
angehört, war die Bewegung eine wesentlich theoretische und
friedliche. Jene Sozialisten erhofften auf friedlichem Weg die
allmähliche Verwirklichung ihrer Ansichten. Sie wandten sich
deshalb nur an die Gebildeten, nicht an diejenigen Klassen, deren
Besserung sie wollten, und wenn auch ihre Äußerungen
nicht frei waren von Anklagen gegen die bestehenden Einrichtungen
und Zustände, so enthielten sie doch nur selten Anklagen gegen
Personen und gegen die besitzenden Klassen. Diesen friedlichen
Charakter verliert aber die sozialistische Agitation seit Louis
Blanc und im Verlauf der Zeit mehr und mehr. Neue sozialistische
Systeme und Forderungen werden aufgestellt nicht mehr als
wissenschaftliche Theorien, sondern als Programme praktischer
Agitationsparteien. Die Vertreter derselben wenden sich nun mit
ihren Lehren direkt an die untern Volksklassen, um sie zum S. zu
bekehren und für dessen Durchführung zu gewinnen; sie
werden Arbeiteragitatoren. Ein Hauptmittel ihrer Agitation wird es,
bei den untern Klassen die Gefühle der Erbitterung und des
Hasses nicht bloß gegen die bestehenden Zustände des
öffentlichen Lebens, sondern auch gegen die Träger der
Staatsgewalt und gegen die besitzenden Klassen zu erzeugen. Das
ökonomische sozialistische Programm wurde hiermit ein
radikaleres, und da es durch den Staat verwirklicht werden sollte,
wurde die Bewegung eine politische. Da man sich sagen mußte,
daß die bestehenden Staaten die sozialistischen Wünsche
nicht erfüllen würden, wurde die Erlangung der Herrschaft
im Staat für die Lohnarbeiterklasse in das Programm
aufgenommen und das praktische Ziel. Die sozialistische

59

Soziallast - Spach.

Partei wurde eine sozialdemokratische. Naturgemäß
gesellten sich nun weitere politische Forderungen (betreffend die
Verfassung des Staats, das Wahlrecht, das Gerichts-, Schul- und
Militärwesen etc.) hinzu, und wie das ökonomische wurde
auch das politische Programm, namentlich seit der Gründung der
Internationalen Arbeiterassociation, immer radikaler. Man machte
auch kein Hehl daraus, daß allein die Revolution der
Sozialdemokratie zum Sieg verhelfen könne, und sprach es offen
aus, daß man nicht zaudern würde, zu diesem Mittel zu
greifen, wenn man nur die Möglichkeit des Gelingens sähe.
Daher entstand nun eine Art der Agitation, die nur die Vorbereitung
zur Revolution war. Und deshalb ist diese Partei auch die Gegnerin
einer starken, mächtigen Staatsgewalt in den bestehenden
Staaten, deshalb bekämpft sie vor allem das stehende Heer,
deshalb ihre ausgesprochene Feindschaft gegen die Religion, nicht
bloß gegen die Kirche. Der ganze Charakter, den die Bewegung
angenommen, zwang und zwingt die Staaten zu einem entschiedenen
Vorgehen gegen dieselbe, wie es das Deutsche Reich in dem Gesetz
vom 21. Okt. 1878 (s. Sozialdemokratie) und andre Staaten in andrer
Weise gethan haben. In neuester Zeit ist in der Sozialdemokratie
eine noch radikalere Richtung in den Anarchisten hervorgetreten,
die, ohne ein neues sozialistisches Programm aufzustellen, den
sofortigen Umsturz alles Bestehenden mit allen nur möglichen
Mitteln will, inzwischen aber die Beseitigung der Gegner durch Mord
empfiehlt (s. Anarchie).

Vgl. außer den im Art. "Kommunismus" (S. 990) angegebenen
Werken von Stein, Sudre, Hildebrand, Marlo, Schäffle, Meyer:
L. Reybaud, Études sur les réformateurs (6. Aufl.,
Par. 1849, 2 Bde.); E. Jäger, Der moderne S. (Berl. 1873);
Derselbe, Geschichte des S. in Frankreich (das. 1876, Bd. 1);
Schuster, Die Sozialdemokratie (2. Aufl., Stuttg. 1876); Mehring,
Die deutsche Sozialdemokratie (3. Aufl., Brem. 1879); v. Scheel,
Unsre sozialpolitischen Parteien (Leipz. 1878); Schäffle,
Quintessenz des S. (8. Aufl. 1885); E. de Laveleye, Le socialisme
contemporaine (4. Aufl., Par. 1889; deutsch, Tübing. 1884);
Zacher, Die rote Internationale (Berl. 1884); Kleinwächter,
Grundlagen und Ziele des sogen. wissenschaftlichen S. (Innsbr.
1885); Adler, Geschichte der ersten sozialpolitischen
Arbeiterbewegung in Deutschland (Bresl. 1885); Zander, Die
sozialpolitischen Gesetze des Deutschen Reichs (Kattowitz 1887);
Dawson, German socialism (Lond. 1888); Semler, Geschichte des S.
und Kommunismus in Nordamerika (Leipz. 1880); "S. und Anarchismus
in England und Nordamerika während der Jahre 1883-86" (Berl.
1887); v. Scheel, S. und Kommunismus, in Schönbergs "Handbuch
der politischen Ökonomie" (2. Aufl., Tübing. 1885, Bd. 1,
S. 107 ff.); Schönberg, Gewerbliche Arbeiterfrage (ebenda, Bd.
2).

Soziallast (Societätslast), Genossenschaftssteuer,
in süddeutschen Gemeinden eine Steuer, welche zur Abwendung
besonderer Nachteile oder zur Erreichung besonderer Vorteile
einzelner Einwohner oder Besitzer oder einzelner Klassen von
solchen bestimmt ist. Vgl. Gemeindehaushalt, S. 68.

Sozialpolitik, der Inbegriff der auf Besserung der
sozialen Verhältnisse, vorzüglich auf Regelung der
Arbeiterfrage, gerichteten Bestrebungen und Maßregeln,
insbesondere derjenigen des Staats. Während der Sozialismus
die gesellschaftliche Verfassung von Grund aus ändern will,
hält die heutige praktische S. an der gegebenen sozialen und
Eigentumsordnung grundsätzlich fest und will auf deren Boden
durch die Arbeiterschutzgesetzgebung (s. Fabrikgesetzgebung), durch
die Arbeiterversicherung (s. d.), durch entsprechende
Steuerverteilung, Verwaltungsmaßnahmen verschiedener Art etc.
die Lage der untern Klassen verbessern und die durch Privateigentum
und freien Wettbewerb sich bildenden Klassengegensätze
mildern. In diesem Sinn wirkt der Verein für S., welcher 1872
zu Eisenach gegründet wurde und bis zur Neuzeit für
Vorbereitung von seither in Gesetzgebung und Verwaltung
eingetretenen Änderungen thätig gewesen ist (vgl.
Kathedersozialisten). Über die verschiedenen sozialpolitischen
Richtungen der Gegenwart s. Arbeiterfrage.

Sozomenos, Salamanes Hermias, Kirchenhistoriker, geboren
um 400 n. Chr. bei Gaza in Palästina, trat als Sachwalter in
Konstantinopel auf und starb nach 443. Er schrieb unter Benutzung
des Sokrates eine Fortsetzung der Kirchengeschichte des Eusebios
(von 323 bis 439), herausgegeben von Valesius (Par. 1668) und
Hussey (Lond. 1860 u. 1874 ff.).

Sozopolis (türk. Sizebolu), Stadt in Ostrumelien, an
der Südseite des Golfs von Burgas, mit guter Reede, auf einem
Vorgebirge, Sitz eines griechischen Erzbischofs, hat ca. 2000
griech. Einwohner, welche Handel (vorzüglich mit Holz)
treiben; hieß im Altertum und bis 430 n. Chr. Apollonia.

Sp., auch Spach, bei botan. Namen für Eduard Spach,
geb. 1801 zu Straßburg, gest. 1879 als Oberaufseher der
Herbarien des Jardin des plantes in Paris.

Spaa (Spa), Flecken in der belg. Provinz Lüttich,
Arrondissement Verviers, in waldiger Gebirgsgegend, an der
Staatsbahnlinie Gouvy-Pepinster, hat Fabrikation von lackierten
Holzwaren (bois de Spa), Wollkratzen und Spindeln, Gerbereien,
Eisenhämmer, Hochöfen, eine höhere Knabenschule und
(1887) 7278 Einw., ist aber namentlich berühmt durch seine
Mineralquellen, von denen die stärkste (Pouhon) in der Stadt,
15 außerhalb derselben liegen. Die wichtigsten der letztern
sind: Géronstère, Sauvenière, die beiden
Tonnelets, Groesbeck, Barisart, Nivesé und Marie-Henriette.
Sie besitzen eine Temperatur von 9-10° C. und gehören zu
den alkalisch-eisenhaltigen Säuerlingen, weshalb sie
namentlich gegen Hypochondrie, Hysterie, Verschleimung,
Magenleiden, Nervenschwäche empfohlen und jährlich von
11-12,000 Kurgästen aus allen Weltgegenden, insbesondere aus
England, besucht werden. S. besitzt daher auch viele prächtige
Gebäude, mit allem Komfort eingerichtete Gasthäuser,
glänzende Etablissements für Vergnügungen und
reizende Spaziergänge. Das Wasser des Pouhon wird unter dem
Namen Spaawasser weithin versendet. Vgl. Scheuer, Traité des
eaux de S. (2. Aufl., Brüssel 1881).

Spaargebirge, Höhenzug auf dem rechten Elbufer bei
Meißen in Sachsen, 199 m hoch. Hier wird der beste
Meißener Wein gebaut.

Spaccaforno, Stadt in der ital. Provinz Syrakus
(Sizilien), Kreis Modica, mit (1881) 8588 Einw. In der Nähe
das sogen. Troglodytenthal (Valle d'Ispica) mit vielen oft in drei
Geschossen übereinander in den Fels gehauenen, teilweise sehr
schwer zugänglichen Höhlen, welche der
ursprünglichen Bevölkerung wahrscheinlich zu Wohnungen
dienten.

Spaccio (ital., spr. spattscho), Absatz, Vertrieb.

Spach (spackig), vor Trockenheit geborsten (Holz).

Spach, Ludwig Adolf, elsäss. Geschichtsforscher,
geb. 27. Sept. 1800 zu Straßburg, studierte daselbst

60

Spachtel - Spalato.

1820-23 die Rechte, ward dann Erzieher in Paris, Rom und der
Schweiz, 1840 Archivar des Departements Niederrhein und daneben
1848-54 Schriftführer des protestantischen Direktoriums und
1872 Honorarprofessor an der Universität. Er starb 16. Okt.
1879 in Straßburg. Er schrieb: "Histoire de la Basse-Alsace"
(1859); "Lettres sur les archives départementales du
Bas-Rhin" (Straßb. 1861); "Inventaire sommaire des archives
départementales du Bas-Rhin" (das. 1863 ff., 3 Bde.). Seine
zahlreichen kleinern Arbeiten (darunter die "Biographies
alsaciennes", 3 Bde.) erschienen gesammelt als "OEuvres choisies"
(Nancy 1869-71, 5 Bde.). In deutscher Sprache veröffentlichte
er: "Moderne Kulturzustände im Elsaß" (Straßb.
1872-74, 3 Bde.); das Drama "Heinr. Waser" (das. 1875); "Zur
Geschichte der modernen französischen Litteratur" (das. 1877);
"Dramatische Bilder aus Straßburgs Vergangenheit" (das. 1876,
2 Bde.). Unter dem Pseudonym Louis Lavater verfaßte er
mehrere Romane: "Henri Farel" (1834), "Le nouveau Candide" (1835),
"Roger de Manesse" (1849). Vgl. Kraus, Ludw. S. (Straßb.
1880).

Spachtel, s. v. w. Spatel.

Spack, s. v. w. Steinsalz, s. Salz, S. 236.

Spada (ital.), Schwert, Degen.

Spada, Palast in Rom, s. Rom, S. 908.

Spadicifloren (Kolbenblütler), Ordnung im
natürlichen Pflanzensystem unter den Monokotyledonen,
charakterisiert durch einen meist kolbenförmigen
Blütenstand, der häufig von einem großen
Hüllblatt umgeben ist und zahlreiche kleine Blüten
trägt, welche gewöhnlich eingeschlechtig, ein- oder
zweihäusig sind und kein oder doch kein blumenkronartig
gefärbtes Perigon besitzen; die Samen enthalten Endosperm,
welches den kleinen, geraden Keimling umgibt. Die Ordnung besteht
aus den Familien: Aroideen, Pandaneen, Cyklantheen, Palmen und
Typhaceen.

Spadille (franz., spr. -dihj), die höchste
Trumpfkarte im L'hombrespiel (Pik-As) und in dem diesem nach
gebildeten Solospiel (Eichel-Ober).

Spadix (lat.), Kolben, s. Blütenstand, S. 80.

Spado (lat.), ein Verschnittener, Eunuch.

Spagat (Spaget, v. ital. spaghetto), in Österreich,
Bayern etc. s. v. w. Kanzleibindfaden.

Spagirisch (ital.), s. v. w. alchimistisch.

Spagniolgeschmack, s. Firnewein.

Spaguolette (ital., spr. spanjo-), spanischer Drehriegel,
Riegelstange am Fenster; auch s. v. w. spanische Zigarrette.

Spaguoletto (spr. spanjo-), Maler, s. Ribera.

Spagnuólo (spr. spanj-), Maler, s. Crespi 3).

Spahi (türk., pers. Sipahi, "Krieger, Heer"), in
Mittelasien der dem Fürsten zur Stellung von Soldaten
verpflichtete Adel, welche Bezeichnung später auf die Soldaten
selbst überging, woraus die englischen Sepoys (s. d.)
entstanden. S. hießen in der Türkei die von den
Lehnsträgern zu stellenden Reiter, später war es die
Bezeichnung der irregulären türkischen Reiterei, welche
gleichzeitig mit den Janitscharen (s. d.) entstand und den Kern der
türkischen Reiterei bildete. S. heißen die 4
französischen Reiterregimenter, von denen 3 zu 6 Eskadrons in
Algerien und 1 zu 3 Eskadrons in Tunis stehen. Sie wurden um 1834
aus Eingebornen gebildet und sind heute organisiert und bewaffnet
wie die übrige französische Kavallerie, aber von
französischen Offizieren befehligt.

Spaichingen, Oberamtsstadt im württemberg.
Schwarzwaldkreis, an der Prim und der Linie Rottweil-Immendingen
der Württembergischen Staatsbahn, 659 m ü. M., hat eine
kath. Kirche, ein Gewerbemuseum, ein Amtsgericht, ein Revieramt,
ein Hauptsteueramt, Zigarren-, Trikot-, Schuh- und Holzwaren- und
Uhrenfabrikation, Klavier- und Orgelbau, Buchdruckerei,
Bierbrauerei und (1885) 2441 meist kath. Einwohner. Nahebei der
Dreifaltigkeitsberg mit Wallfahrtskirche.

Spalatin, Georg Burkhardt, Beförderer der
Reformation, geb. 1484 zu Spalt im Bistum Eichstätt (daher
sein Name), lag seit 1499 in Erfurt, gleichzeitig mit Luther,
humanistisch-philosophischen Studien ob, ward 1502 Magister zu
Wittenberg, studierte dann in Erfurt noch die Rechte und Theologie,
wurde 1509 Erzieher von Johann Friedrich, dem nachherigen
Kurfürsten von Sachsen, 1514 ernannte ihn Friedrich der Weise
zu seinem Hofkaplan, dann zu seinem Geheimschreiber und zum
Bibliothekar an der Universität Wittenberg. S. war seitdem der
vertrauteste Diener des Kurfürsten, den er fast zu allen
Reichstagen begleitete, und dessen Beziehungen zu Luther er fast
ausschließlich vermittelte; seine nicht hoch genug
anzuschlagenden Verdienste um die deutsche Reformation sind bisher
noch viel zu wenig gewürdigt. Johann der Beständige, der
ihn ebenso wie sein Vorgänger zu schätzen wußte,
ernannte ihn 1525 zum Ortspfarrer und Superintendenten von
Altenburg. 1530 begleitete S. den Kurfürsten zum Augsburger
Reichstag. Von 1527 bis 1542 entwickelte er eine bedeutende
Thätigkeit bei der Organisation der evangelischen Kirche der
sächsischen Lande. Er starb 16. Jan. 1545 in Altenburg. S.
schrieb die Biographien von Friedrich dem Weisen (hrsg. von
Neudecker und Preller, Weim. 1851) und Johann dem Beständigen;
"Christliche Religionshändel oder Religionssachen", von
Cyprian irrig "Annales Reformationis" (Leipz. 1718) genannt, und
eine Geschichte der Päpste und Kaiser des
Reformationszeitalters. Seine meist im Archiv zu Weimar liegenden
Briefe sind noch ungedruckt. Vgl. J. Wagner, G. S. und die
Reformation der Kirchen und Schulen in Altenburg (Altenb. 1830);
Seelheim, G. S. als sächsischer Historiograph (Halle 1876);
Burkhardt, Geschichte der sächsischen Kirchen- und
Schulvisitationen von 1524 bis 1545 (Leipz. 1879).

Spálato (slaw. Spljet), Stadt in Dalmatien,
halbmondförmig auf der Südseite einer Halbinsel im Grund
einer Bucht des Adriatischen Meers gelegen, die schönste und
volkreichste Stadt des Landes, teilt sich in die Altstadt, die
Neustadt und vier Vorstädte. Öffentliche Plätze
sind: der Domplatz (Piazza del Tempio) und der Herrenplatz. Die
Stadt ist reich an antiken Baudenkmälern. Den ganzen Raum der
Altstadt nahm der umfangreiche Palast des Kaisers Diokletian ein,
von dessen südlicher Fronte namentlich ein 125 m langes
Peristyl mit Vestibulum erhalten ist (s. Tafel "Baukunst VI", Fig.
12 u. 13), welches gegenwärtig den Domplatz bildet. Die an
demselben gelegene Kathedrale (das ehemalige Diokletianische
Mausoleum), ein wohlerhaltener römischer Gewölbebau,
bildet außen ein mit korinthischen Säulen geziertes
Achteck, innen eine Rotunde mit Kuppel. Beim Eingang steht eine
ägyptische Sphinx, und neben dem Dom erhebt sich ein
imposanter Glockenturm aus dem 15. Jahrh. Der
gegenüberstehende Äskulaptempel dient jetzt als
Taufkapelle und ist gleichfalls sehr gut erhalten. Außerdem
sind die Trümmer der Diokletianischen Wasserleitung
bemerkenswert. Auf der Ostseite der Stadt erhebt sich das Fort
Grippi. S. zählt (1880) mit den Vorstädten 14,513 Einw.
Der Hafen ist etwas versandet und wird

61

Spalding - Spaltbarkeit.

durch einen Damm gegen die Südwinde geschützt. 1886
sind daselbst 1814 beladene Schiffe mit 286,366 Ton. eingelaufen.
Die Stadt treibt Wein-, Öl- und Gemüsebau, Fabrikation
von Likören (Rosoglio und Maraschino), Seiler- und Teigwaren,
Seife, Ziegeln, Kalk und Zement, ferner Schiffbau,
Küstenschiffahrt, lebhaften Handel mit Wein und Vieh sowie
auch Durchfuhrhandel und Niederlagsverkehr nach Bosnien und der
Herzegowina. S. besitzt eine Gasanstalt, eine Filiale der
Österreichisch-Ungarischen Bank, 2 Lokalbanken und ist der
Ausgangspunkt der Dalmatischen Eisenbahn nach Siveric mit
Abzweigung nach Sebenico. Es ist Sitz einer Bezirkshauptmannschaft,
eines Kreis- und Bezirksgerichts, einer Finanzbezirksdirektion,
eines Hauptzoll- und Hauptsteueramtes, eines Hafenkapitanats, einer
Handels- und Gewerbekammer, eines deutschen Konsuls, eines Bischofs
(bis 1807 Erzbischofs) und Kathedralkapitels und hat 8
Klöster, ein Diözesanseminar, ein Obergymnasium, eine
Oberrealschule, Knaben- und Mädchenschule, Lehr- und
Erziehungsanstalt der Barmherzigen Schwestern, Kinderbewahranstalt,
ein Krankenhaus, Findelhaus, Theater, Museum für
Altertümer (insbesondere die Ausgrabungen aus Salonä
enthaltend). Am Fuß des Bergs Marian (170 m, schöner
Überblick) sind zu Bädern benutzte kalte Schwefelquellen.
- In den oben erwähnten Kaiserpalast zog sich Diokletian nach
seiner Abdankung zurück. Als im 6. und 7. Jahrh. das
benachbarte Salonä (s. d.) zerstört worden war, bauten
sich dessen Einwohner innerhalb der Residenz Diokletians an, und so
entstand eine kleine Stadt, welche anfangs Palatium, dann Spalatium
(Salonae Palatium) hieß, woraus dann der Name S. entstand.
Die um die Mitte des 17. Jahrh. errichteten Festungswerke sind bis
auf das Fort Grippi unter der französischen Herrschaft
abgetragen worden. Vgl. Lanza, Dell' antico palazzo di Diocleziano
in S. (Triest 1855); Hauser, S. und die römischen Monumente
Dalmatiens (Wien 1883).

Spalding, Stadt in Lincolnshire (England), am schiffbaren
Welland, Hauptort des "Holland" genannten Distrikts der Fens (s.
d.), hat lebhaften Handel mit Wolle, Vieh und Kohlen und (1881)
9260 Einw.

Spalding, 1) Johann Joachim, protest. Theolog, geb. 1.
Nov. 1714 zu Tribsees in Schwedisch-Pommern, ward 1749 Prediger zu
Lassahn, 1757 erster Prediger zu Barth, 1764 Propst an der
Nikolaikirche in Berlin und später auch Oberkonsistorialrat,
in welcher Stellung er für religiöse Aufklärung
wirkte, bis ihn 1788 das Wöllnersche Religionsedikt (s. d.)
veranlaßte, seine Stelle niederzulegen. Er starb 26.
März 1804 in Berlin. Unter seinen Schriften sind als typisch
für seine Zeit noch heute hervorzuheben: "Gedanken über
den Wert der Gefühle in dem Christentum" (Leipz. 1761, 5.
Aufl. 1785); "Über die Nutzbarkeit des Predigtamts" (1772, 3.
Aufl. 1791). Seine Autobiographie erschien Halle 1804.

2) Georg Ludwig, Philolog, Sohn des vorigen, geb. 8. April 1762
zu Barth, vorgebildet in Berlin, studierte seit 1780 in
Göttingen und Halle, ward 1787 Professor am Grauen Kloster und
Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin und starb 7.
Juni 1811 in Friedrichsfelde bei Berlin. Er schrieb: "Vindiciae
philosophorum megaricorum" (Halle 1792), gab Demosthenes' "In
Midiam" (Berl. 1794; neubearbeitet von Buttmann, das. 1823) heraus
und machte sich namentlich um Quintilian verdient ("Quintiliani
opera", Leipz. 1798-1816, 4 Bde.; Bd. 5 von Zumpt, 1829; Bd. 6:
"Lexicon" von Bonnel, 1834). Vgl. Walch, Memoria Spaldingii (Berl.
1821).

Spalier (franz. espalier, ital. spaliéra,
Baumgeländer), Latten- und Drahtwerk, woran Weinstöcke
und Obstbäume in die Breite gezogen und mit den Ästen und
Zweigen angebunden werden; wird gewöhnlich an sonnigen
Wänden angebracht. Am besten benutzt man hierzu verzinkten
Eisendraht, der durch verzinkte Eisenstützen festgehalten,
durch sogen. Drahtspanner (s. d.) angezogen, bez. (über
Winter) nachgelassen wird.

Spalierbaum, s. Obstgarten, S. 312.

Spallanzani, Lazzaro, Naturforscher, geb. 12. Jan. 1729
zu Scandiano im Herzogtum Modena, studierte zu Bologna
Naturwissenschaft, ward 1756 Professor zu Reggio, später in
Modena und Pavia, bereiste die Schweiz, den Orient und einen Teil
Deutschlands und starb 11. Febr. 1799 in Pavia. Er lieferte 1785 in
seiner Arbeit über die Zeugung den experimentellen Nachweis
der Befruchtung der Eier durch die Samenkörper, machte auch
Untersuchungen über die Reproduktion und die Fortpflanzung der
Frösche, über die Infusionstierchen, über einen
eigentümlichen Sinn der Fledermäuse, über die
Wirkung des Magensafts und den Blutkreislauf und beschrieb die
naturhistorischen Merkwürdigkeiten der von ihm bereisten
Länder. Er schrieb: "Opuscoli di fisica animale e vegetabile"
(Mod. 1780, 2 Bde): "Viaggi alle due Sicilie ed in alcune parti
degli Apennini" (Pavia 1792, 6 Bde.; deutsch, Leipz. 1795, 4 Bde.);
"Expériences pour servir à l'histoire de la
génération des animaux et des plantes" (Genf 1786).
1889 wurde ihm in Scandiano ein Denkmal errichtet.

Spalmadores (Kujun-Adassi, "Schaf-Inseln"), kleine
türk. Inselgruppe in der gleichnamigen Meerenge zwischen der
Insel Chios und der Westküste von Kleinafien (im Altertum
Önussä).

Spalmeggio (spr. -meddscho), ein Nebel, s. Bora.

Spalt, Stadt im bayr. Regierungsbezirk Mittelfranken,
Bezirksamt Schwabach, an der Fränkischen Rezat u. der Linie
Georgensgmünd-S. der Bayrischen Staatsbahn, 362 m ü. M.,
hat 3 Kirchen, Bierbrauerei, starken Hopfenbau und (1885) 2060
meist kath. Einw.

Spaltbarkeit der Mineralien, die Eigenschaft, in
bestimmten Richtungen geringere Grade der Kohärenz zu besitzen
als in den übrigen dazwischenfallenden Richtungen, so
daß selbst bei unbedeutender Größe trennender
Kräfte senkrecht zu diesen Richtungen der Minima der
Kohärenz Spaltbarkeitsflächen
(Blätterdurchgänge) erzeugt werden können. Die
Flächen, welche durch die S. erzeugt werden, stehen im engsten
Zusammenhang mit den morphologischen Eigenschaften der Mineralien
und gehören ausnahmslos einer Figur an, die demselben
Kristallsystem zuzuzählen ist, in welchem die betreffende
Spezies kristallisiert. So ist der tesseral kristallisierende
Bleiglanz in drei aufeinander senkrechten Richtungen, den sechs
Würfelflächen entsprechend, spaltbar, der tesserale
Flußspat in vier (oktaedrischen) Richtungen, der hexagonale
Kalkspat nach den Flächen eines Rhomboeders und zwar derart,
daß diese durch Spaltung erhaltenen Formen, abgesehen von der
Zugehörigkeit zum gleichen System, von der äußern
Begrenzung der Individuen unabhängig ist. So erhält man
durch Zertrümmerung von Kalkspat Rhomboeder, sei der Kristall
selbst ein Rhomboeder oder ein Skalenoeder oder eine hexagonale
Säule. Diesem Zusammenhang zwischen Spaltungsform und
Kristallsystem entsprechend, können zu Blättchen teilbare
Mineralien (monotome) nicht dem tesseralen System angehören,
da in diesem eine der Monotomie entsprechende Kristallform (ein
Flächenpaar)

62

Spaltfrüchte - Spangenberg.

nicht möglich ist. Aus gleichem Grund können
quadratisch oder hexagonal kristallisierende Mineralien nur
senkrecht zur kristallographischen Hauptachse (optischen Achse)
monotom spaltbar sein, während in dem rhombischen und den
klinoedrischen Systemen Monotomie nach mehr denn einer Richtung
möglich ist. Die Leichtigkeit, charakterisierende Formen
selbst bei äußerlich mangelnder
Gesetzmäßigkeit der Begrenzung darstellen zu
können, macht die S. für die Bestimmung der
Mineralspezies sehr wertvoll.

Spaltfrüchte (Schizocarpia), s. Frucht, S. 755.

Spaltfüßer (Entomostraca), s. Krebstiere,
177.

Spalthufer, s. v. w. Wiederkäuer.

Spaltöffnungen (Stomata), s. Epidermis.

Spaltpilze, s. Pilze I., S. 68.

Spaltschnäbler (Fissirostres), nach Cuvier u. a.
Familie aus der Ordnung der Sperlingsvögel, mit kurzem,
dreieckigem, flachem, bis weit hinter die Augen gespaltenem
Schnabel. Hierher gehört die Gattung Schwalbe u. a.

Spaltung (Kirchenspaltung), s. Schisma.

Spampanaten (ital.), Aufschneidereien.

Spanböden, s. v. w. Sparterie, s. Geflechte.

Spandau (Spandow), Stadt (Stadtkreis) und Festung im
preuß. Regierungsbezirk Potsdam, am Einfluß der Spree
in die Havel und an den Linien Berlin-Buchholz und Berlin-Lehrte
der Preußischen Staatsbahn, 32 m ü. M., hat 2
evangelische und eine kath. Kirche (unter jenen die Nikolaikirche
aus dem 14. Jahrh.), ein Gymnasium, ein Amtsgericht, eine
Militärschießschule, ein Krankenhaus, 2 Hospitäler,
ein Militärlazarett, ein Zentralfestungsgefängnis,
Geschützgießerei, Pulver-, Munition- und
Gewehrfabrikation, eine Artilleriewerkstatt, ein
Feuerwerkslaboratorium (sämtlich Staatsanstalten), einen
großen Pferdemarkt und (1885) mit der Garnison (4. Gardereg.
zu Fuß, 3. Gardegrenadierreg., 2 Bat.
Gardefußartillerie und ein Trainbat. Nr. 3) 32,009 meist
evang. Einwohner. Durch zahlreiche Neubauten und die Anlage von
detachierten Forts ist S. zum Schutz von Berlin in eine Festung
ersten Ranges umgewandelt. In der Citadelle steht der Juliusturm
mit dem deutschen Reichskriegsschatz (s. d.). - S., eine der
ältesten Städte der Mittelmark, empfing schon 1232
Stadtrecht und war später mehrfach Residenz der
Kurfürsten von Brandenburg. Nachdem es schon 1319-50 mit einer
Mauer umgeben war, wurden die Festungswerke 1626-48 verstärkt
und 1842 bis 1854 zeitgemäß umgebaut. 1631-34 wurde S.
von Georg Wilhelm den Schweden eingeräumt, 25. Okt. 1806 von
Beneckendorf an die Franzosen übergeben. Am 26. April 1813
ergab es sich nach kurzer Blockade dem preußischen General v.
Thümen. Vgl. Krüger, Chronik der Stadt und Festung S.
(Spand. 1867); Kuntzemüller, Geschichte der Stadt und Festung
S. (das. 1881).

Spandrille, in der Baukunst ein Zwickel zwischen einem
Bogen und dessen rechtwinkeliger Einfassung (s. vorstehende
Abbildung).

Spange, Nadel, Schmucknadel (s. Fibel), ursprünglich
zur Befestigung des Mantels oder Gürtels dienend; dann auch im
weitern Sinn für Brosche, Armband etc. gebraucht. Über
vorhistorische Spangen s. Metallzeit.

Spangenberg, Stadt im preuß. Regierungsbezirk
Kassel, Kreis Melsungen, an der Pfiefe und der Linie
Treysa-Leinefelde der Preußischen Staatsbahn, 264 m ü.
M., hat eine evang. Kirche, ein Amtsgericht, eine
Oberförsterei, Zigarren- und Peitschenfabrikation, Ziegeleien
und (1885) 1676 Einw. Dabei das gleichnamige Bergschloß, das
zur kurhessischen Zeit als Staatsgefängnis benutzt wurde,
jetzt aber leer steht. S., ursprünglich einem Zweig der Herren
v. Treffurt gehörig, wurde 1347 hessisch.

Spangenberg, 1) August Gottlieb, der zweite Stifter der
Evangelischen Brüderunität, geb. 1704 zu Klettenberg in
der Grafschaft Hohenstein, ward auf der Universität Jena
gebildet und 1732 Adjunkt der theologischen Fakultät zu Halle
sowie Inspektor des dortigen Waisenhauses. Nachdem er 1743 aus
Halle auf Befehl des Königs vertrieben war, schloß er
sich der Brüdergemeinde an, machte mehrere Missionsreisen in
Europa und Amerika, wurde 1762 nach Zinzendorfs Tode dessen
Nachfolger als Bischof und starb 18. Sept. 1792 in Berthelsdorf. Er
schrieb das "Leben Zinzendorfs" (Barby 1772, 2 Bde.) und "Idea
fidei fratrum, oder kurzer Begriff der christlichen Lehre in der
Brüdergemeinde" (das. 1779). Vgl. Ledderhose, Leben
Spangenbergs (Heidelb. 1846); Knapp, Beiträge zur
Lebensgeschichte Spangenbergs (1792; hrsg. von Frick, Halle
1884).

2) Ernst Peter Johannes, gelehrter Jurist, geb. 6. Aug. 1784 zu
Göttingen, studierte daselbst die Rechte, habilitierte sich
1806, trat aber dann zur richterlichen Laufbahn über und ward
1811 Generaladvokat bei dem kaiserlichen Gerichtshof zu Hamburg,
1814 Assessor bei der Justizkanzlei in Celle, 1816 Hof- und
Kanzleirat an diesem Gerichtshof, 1824 Oberappellationsgerichtsrat
und 1831 Beisitzer des königlichen Geheimratskollegiums zu
Hannover. Er starb 18. Febr. 1833 in Celle. Während der
westfälischen Herrschaft schrieb er mehrere auf das
französische Recht bezügliche Werke, wie die
"Institutiones juris civilis Napoleonei" (Götting. 1808) und
den "Kommentar über den Code Napoléon" (das. 1810-1811,
3 Bde.). Von seinen übrigen zahlreichen Schriften nennen wir:
"Einleitung in das Römisch-Justinianeische Rechtsbuch"
(Hannov.1817); "Die Minnehöfe des Mittelalters" (Leipz. 1821);
"Beiträge zu den deutschen Rechten des Mittelalters" (Halle
1822); "Jakob Cujas" (Leipz. 1822); "Juris romani tabulae
negotiorum sollemnium" (das. 1822); "Die Lehre von dem
Urkundenbeweise" (Heidelb. 1827, 2 Abtlgn.). Von Strubes
"Rechtlichen Bedenken" besorgte S. eine neue Ausgabe (Hannov.
1827-28, 3 Bde.), wie er auch Hagemanns "Praktische
Erörterungen aus allen Teilen der Rechtsgelehrsamkeit" (Bd.
8-10, 1829-37) fortsetzte. Noch sind von ihm zu erwähnen:
"Sammlung der Verordnungen und Ausschreiben für sämtliche
Provinzen des hannoverschen Staats bis zur Zeit der Usurpation"
(Hannov. 1819-25, Tl. 1-3 und Tl. 4 in 4 Abtlgn.); "Neues
vaterländisches Archiv" (Lüneb. 1822-32, 22 Bde.);
"Kommentar zur Prozeßordnung für die Untergerichte des
Königreichs Hannover" (Hannov. 1829-1830, 2 Abtlgn.); "Das
Oberappellationsgericht in Celle" (Celle 1833).

3) Louis, Maler, geb. 1824 zu Hamburg, war anfangs Architekt und
Eisenbahntechniker und wid-

63

Spangenhelm - Spanien.

mete sich erst nach 1845 der Landschafts- und Architekturmalerei
in München bei E. Kirchner und in Brüssel. Nach
längern Studienreisen durch Frankreich, England, Italien und
Griechenland ließ er sich 1857 in Berlin nieder. Seine
Landschaften, deren Motive teils Norddeutschland, teils
Griechenland und Italien entlehnt sind, zeichnen sich durch
großartige und strenge Auffassung mit Neigung zum Stilisieren
und bei meist ernster Stimmung aus. Die hervorragendsten derselben
sind: Akrokorinth, die Akropolis von Athen, Bauernhof in Oldenburg,
der Regenstein im Harz, norddeutscher Eichenwald, Neptuntempel und
Basilika in Pästum, Theater des Herodes Atticus in Athen,
Motiv aus dem Engadin, Torfmoor in Holstein. In der technischen
Hochschule zu Charlottenburg hat er eine Reihe von
Wandgemälden mit berühmten Baudenkmälern des
Altertums ausgeführt.

4) Gustav, Maler, Bruder des vorigen, geb. 1. Febr. 1828 zu
Hamburg, hatte 1844 den ersten Zeichenunterricht bei H. Kauffmann
in Hamburg, besuchte 1845-48 die Gewerbe- und Zeichenschule in
Hanau unter Th. Plissier, lebte 1849-51 in Antwerpen, wo er die
Akademie jedoch nur kurze Zeit besuchte, und ging 1851 nach Paris,
wo er bei Couture und dem Bildhauer Triqueti arbeitete, sich aber
vorwiegend durch das Studium der Meister der deutschen Renaissance
(Dürer und Holbein) bildete. Nachdem er noch ein Jahr in
Italien zugebracht (1857-1858), ließ er sich in Berlin
nieder, wo er als Professor lebt. Von seinen frühern Bildern
sind zu nennen: das geraubte Kind, der Rattenfänger von
Hameln, St. Johannisabend in Köln, Walpurgisnacht. Seinen Ruf
begründete S. jedoch erst durch seine Historienbilder, die im
Anschluß an die altdeutschen Meister sich durch klare
Komposition, Korrektheit der Zeichnung und fleißige
Durchführung des Einzelnen auszeichnen. Luthers Hausmusik,
Luther als Junker Georg, Luther die Bibel übersetzend (1870,
Berliner Nationalgalerie), Luther und Melanchthon, Luther im Kreise
seiner Familie musizierend und Luthers Einzug in Worms sind die
Hauptbilder dieser Reihe. Den Höhepunkt seines Schaffens
erreichte er in dem tief ergreifenden Zug des Todes (1876, in der
Berliner Nationalgalerie), mit Figuren in der Tracht der
Renaissance, welcher ihm die große goldene Medaille
einbrachte. Hinter diesem Hauptwerk blieben seine spätern
Schöpfungen (am Scheideweg, das Irrlicht, die Frauen am Grab
Christi) an Tiefe der Empfindung und Gedankeninhalt zurück.
Für das Treppenhaus der Universität Halle führte er
einen Cyklus von die vier Fakultäten versinnlichenden
Wandgemälden aus, wofür er 1888 zum Ehrendoktor der
Philosophie promoviert wurde.

5) Paul, Maler, geb. 26. Juli 1843 zu Güstrow
(Mecklenburg), bildete sich an der Akademie zu Berlin, bei
Professor Stesseck daselbst und bei Stever in Düsseldorf, dann
ein Jahr lang in Paris, machte Reisen nach Spanien und Italien und
ließ sich 1876 in Berlin nieder, wo er als Porträtmaler
thätig ist und namentlich in Damenbildnissen durch geschicktes
Arrangement und glänzende koloristische Behandlung des
Stofflichen Hervorragendes leistet.

Spangenhelm, s. Helm, S. 363.

Spangrün, s. Grünspan.

Spanheim, 1) Ezechiel, namhafter Staatsmann und
Rechtsgelehrter, geb. 7. Dez. 1629 zu Genf, wo sein Vater Friedrich
S. (gest. 1648 in Leiden) Professor der Theologie war, studierte
hier und in Leiden, wurde 1651 Professor der Beredsamkeit in seiner
Vaterstadt und Mitglied des Großen Rats, später Erzieher
der Söhne des Kurfürsten von der Pfalz, mit denen er
Italien u. Sizilien bereiste. 1665 wurde er kurpfälzischer und
zugleich brandenburgischer Resident in England, trat dann ganz in
die Dienste des Kurfürsten von Brandenburg, ging 1680 als
außerordentlicher Gesandter nach Paris, wo er neun Jahre
verweilte, und ward dann zum Staatsminister ernannt. Er nahm 1697
teil an den Friedensverhandlungen zu Ryswyk und ging darauf von
neuem als Gesandter nach Paris, 1702 als außerordentlicher
Gesandter nach London, wo er 7. Nov. 1710 starb. S. besaß
eine umfassende Gelehrsamkeit im Gebiet der Staaten- und
Rechtsgeschichte und im Münzwesen des Altertums. Seine
Hauptwerke sind: die "Dissertationes de usu et praestantia
numismatum antiquorum" (beste Ausgabe, Lond. u. Amsterd. 1706-16, 2
Bde.) und die Schrift "Orbis romanus" (Lond. 1704, Halle 1728).
Wegen der sachlichen Erläuterungen sind seine Ausgaben des
Julianus (Leipz. 1696) und Kallimachos (Utr. 1697, 2 Bde.) sowie
die französische Übersetzung der "Imperatores" des
Julianus (beste Ausg., Amsterd. 1728) schätzenswert. Auch
lieferte er Kommentare zu mehreren Komödien des Aristophanes
(Amsterd. 1710). Seine wertvolle Bibliothek wurde von Friedrich I.
angekauft und der königlichen Bibliothek in Berlin
einverleibt.

2) Friedrich, Kirchenhistoriker, Bruder des vorigen, geb. 1632
zu Genf, studierte in Leiden und erhielt nach Vollendung seiner
Studien 1656 eine Professor der Theologie zu Heidelberg, 1670 zu
Leiden, wo er 1701 starb. Er hat sich als Polemiker und Forscher im
Fach der Kirchengeschichte bekannt gemacht. Seine Werke erschienen,
mit Ausnahme der in französischer Sprache geschriebenen, in 3
Bänden (Leid. 1701-1703).

Spani, Prospero, ital. Bildhauer, s. Clementi 1).

Spanien (hierzu die Karte "Spanien und Portugal", bei den
Alten auch Iberien, bei den Griechen Hesperien genannt, span.
España, franz. l'Espagne, lat. Hispania),
westeuropäisches Königreich, erstreckt sich, den bei
weitem größten Teil der Pyrenäischen Halbinsel
einnehmend, zwischen 36-43° 47' nördl. Br. und 9° 22'
westl. - 3° 20' östl. L. v. Gr.

Übersicht des Inhalts.

Seite

Grenzen, Küsten.................63

Bodengestaltung.................64

Gewässer........................65

Klima...........................65

Vegetation, Tierwelt............66

Areal und Bevölkerung...........66

Bildungsanstalten...............67

Land- und Forstwirtschaft.......68

Bergbau und Hüttenwesen.........70

Industrie.......................71

Handel und Verkehr..............72

Wohlthätigkeitsanstalten........73

Staatsverfassung................73

Verwaltung......................74

Rechtspflege....................74

Finanzen........................75

Heer und Flotte.................75

Wappen, Orden...................75

Geograph.-statist. Litteratur...76

Geschichte......................76

S. grenzt gegen N. an Frankreich (durch die Pyrenäen davon
geschieden), an die Republik Andorra und an den Viscayischen
Meerbusen, gegen W. an das Atlantische Meer und an Portugal,
während es im übrigen vom Atlantischen Ozean und vom
Mittelländischen Meer bespült wird. Der nördlichste
Punkt Spaniens ist die Estaca de Vares, der westlichste das Kap
Toriñana, beide in Galicien, der südlichste die Punta
Marroqui bei Tarifa, der östlichste das Kap de Creus. Die
größte Ausdehnung von N. nach Süden beträgt
856 und von O. nach W. 1020 km. Die Grenzentwickelung beläuft
sich auf 3340 km. Die Nordküste verläuft fast geradlinig,
bildet nur zwischen Gijon und Aviles sowie zwischen Rivadeo und La
Coruña bedeutendere Vorsprünge gegen N. und zeichnet
sich vor den übrigen Küsten des Landes durch Schroff-

63a

Karte Spanien und Portugal.

64

Spanien (Bodengestaltung).

heit und Unzugänglichkeit aus, indem hier die Gebirge fast
überall dicht ans Meer heranrücken. Zugänglich ist
sie nur an den Mündungen der Flüsse und der tief in das
Land einschneidenden Meeresarme (rias), welche namentlich an der
Küste von Galicien häufig auftreten. Auch die
Westküste Spaniens trägt im ganzen diesen Charakter; doch
ist sie viel zugänglicher als jene, weil hier die Gebirge nur
in den Kaps bis an das Meer herantreten und sich im Hintergrund der
Rias gewöhnlich Ebenen befinden. Die Süd- und
Ostküste läßt dagegen eine Anzahl weiter, flacher
Meerbusen und dazwischen befindliche, in felsige Vorgebirge endende
Landvorsprünge erkennen, ist also gegliederter als die Nord-
und Westküste und durch sichere Häfen zugänglich.
Die wichtigsten Buchten der Südküste sind von W. nach O.
die Golfe von Cadiz, Malaga und Almeria sowie die Bucht von
Cartagena, an der Ostküste die Bai von Alicante und der Golf
von Valencia.

Bodengestaltung.

Was die Bodengestaltung anlangt, so besteht die Pyrenäische
Halbinsel zum großen Teil aus einem das Zentrum derselben
einnehmenden Plateau oder Tafelland von trapezoidaler Gestalt, das
ein Areal von etwa 231,000 qkm (4200 QM.) bedeckt und ringsum von
Gebirgen umwallt ist, auch mehrere Gebirgsmassen auf seiner
Oberfläche trägt. Dieses zentrale Tafelland gehört
ganz und gar zu S. und besteht aus zwei großen Plateaus,
einem höhern nördlichen und einem etwas niedrigern
südlichen. Ersteres umfaßt die Hochebenen von Leon und
Altkastilien, letzteres die von Neukastilien, Estremadura und die
nördliche Hälfte von Murcia. Beide Plateaus sind durch
einen hohen, von ONO. nach WSW. sich erstreckenden Gebirgszug
(Kastilisches Scheidegebirge) größtenteils voneinander
geschieden. Nach O. ansteigend, senken sie sich nach W., so
daß die Hauptflüsse westlichen Lauf haben, im
nördlichen Plateau der Duero, im südlichen der Tajo und
Guadiana, zwischen welchen beiden Flüssen sich in der
westlichen Hälfte des Plateaus das ziemlich bedeutende
Gebirgssystem von Estremadura erhebt. Die Hochebene von
Altkastilien und Leon hat eine mittlere Höhe von 810, die von
Neukastilien und Estremadura von 784 m. Die vier Abhänge des
zentralen Tafellandes zeigen sehr verschiedene Gestaltung. Der
steil ins Meer abstürzende Nordabhang wird vom Kantabrischen
Gebirge, der westlichen Fortsetzung der Pyrenäen, gebildet und
ist sehr schmal. Weit breiter ist der östliche oder iberische
Abhang, der in mehreren terrassenartigen Absätzen in die
Tiefebene von Aragonien und zum Golf von Valencia abfällt und
bloß stellenweise isolierte Gebirgsmassen aufweist. Eine
ähnliche, wenn auch weniger deutlich ausgeprägte
Terrassenbildung zeigt der südliche oder bätische Abhang,
welcher bloß gegen O. (in den Provinzen Murcia und Alicante)
bis an die Küste des Mittelmeers herantritt, im übrigen
in die Tiefebene Niederandalusiens und zu den Küsten des
Atlantischen Meers absinkt. Derselbe wird ganz von den welligen
Bergen der Sierra Morena eingenommen, welche sich über die
Hochebenen Neukastiliens und Estremaduras nur als niedrige
Gebirgskette erhebt. Der westliche oder lusitanische Abhang, der
breiteste und eigentümlichste, gehört
größtenteils Portugal an. Im ganzen lassen sich sechs
voneinander fast unabhängige Gebirgssysteme unterscheiden,
nämlich: das pyrenäische System, das iberische System
oder das östliche Randgebirge des Tafellandes, das zentrale
System oder das Kastilische Scheidegebirge, das Gebirgssystem von
Estremadura oder das Scheidegebirge zwischen Tajo und Guadiana, das
marianische System oder das südliche Randgebirge des
Tafellandes und das bätische System oder die Bergterrasse von
Granada (mit der Sierra Nevada, der höchsten Erhebung der
Halbinsel). Die eingehendere Beschreibung dieser Gebirgssysteme
findet sich in den Artikeln Pyrenäen, Kantabrisches Gebirge,
Iberisches Gebirge, Sierra Morena, Sierra Nevada etc. Zwischen dem
iberischen und pyrenäischen Gebirgssystem breitet sich das
ausgedehnte Ebrobassin oder das iberische Tiefland aus. Dasselbe
erstreckt sich von NW. nach SO. und mißt gegen 300 km in der
Länge und gegen 150 km in der Breite. Es zerfällt in eine
nordwestliche kleinere und eine südöstliche
größere Abteilung, welche, durch Höhenzüge
voneinander getrennt, bei Tudela ineinander übergehen.
Während das obere Bassin ein eigentliches Plateau bildet,
dessen tiefste Punkte noch eine absolute Höhe von mehr als 300
m haben, trägt das untere Ebrobassin, wenigstens in seiner
letzten Hälfte, wo es sich bedeutend erweitert, mehr den
Charakter eines Tieflandes, dessen tiefste Punkte, z. B. die
Salzseen von Bajaraloz, ungefähr 100 m ü. M. liegen.
Beide Bassins enthalten neben höchst fruchtbaren Strecken auch
weite öde Steppengebiete. Zwischen dem bätischen und
marianischen Gebirgssystem breitet sich das bätische Tiefland
oder das Bassin des Guadalquivir aus, welches sich von ONO. nach
WSW. erstreckt, 330 km lang und bis 90 km breit ist und ebenfalls
in zwei Hauptabteilungen zerfällt: das kleine Becken des obern
Guadalquivir und das fünfmal so große Bassin des
mittlern und untern Guadalquivir. Während jenes ein
entschiedenes Plateau ist, das sich bis 475 m ü. M. erhebt und
nicht tiefer als bis 160 m herabsinkt, bildet das letztere oder
Niederandalusien ein Flachland, welches durch den Jenil in zwei
ungleiche Stücke geteilt wird. Das östliche kleinere
Stück, die Campiña de Cordova bildet eine hügelige
Fläche mit bis über 130 m ansteigenden Punkten; das
restliche größere, die Ebene von Sevilla, ein
eigentliches Tiefland, dessen Boden sich nirgends über 80 m
ü. M. erhebt. Das Bassin des Ebro und das des Guadalquivir
sind alte Meeresgolfe und daher mit brackischen
mitteltertiären Ablagerungen erfüllt. Durch jenes werden
die Pyrenäen (s. d.) mit ihrem Terrassenabfall nach Katalonien
und Aragonien, durch dieses die Gebirge von Granada mit der Sierra
Nevada in der Art vom Hauptkörper des spanischen Hochlandes
getrennt, daß dieselben nur an ihren Enden mit ihm durch
Berg- und Plateaulandschaften in Verbindung stehen.

Was die geognostische Beschaffenheit des Landes betrifft, so
spielen die plutonischen Eruptivgesteine und die ältern oder
primären Sedimentärgesteine eine hervorragende Rolle,
namentlich in der südwestlichen Hälfte der Halbinsel, wo
Granit, Gneis und andre kristallinische Gesteine, Thonschiefer und
Grauwacke fast ausschließlich vorherrschen, während in
der nordöstlichen Hälfte die jüngern Sedimente
vorwiegend sind. Nur in der Pyrenäenkette und längs der
Küste von Katalonien (zwischen dem Golf von Rosas und
Barcelona) treten Gneis und kristallinische Sedimentärgesteine
wieder in bedeutender Mächtigkeit auf. Unter den
sekundären Sedimenten erscheinen die Glieder der Kreide-, der
jurassischen und der Triasperiode am meisten verbreitet. Die
Kreideformation umfaßt namentlich den größten Teil
der Kantabrischen Kette, der Pyrenäischen Terrasse und den
Nordrand des nördlichen Tafellandes und tritt

Spanien (Gewässer, Klima).

65

außerdem am Ost- und Südrand des Plateaus von
Altkastilien und im westlichen Teil des zentralen Gebirgssystems
sowie im nordwestlichen Randgebirge der Terrasse von Granada auf.
Die ältern Sekundärformationen, wie die Gesteine der
Steinkohlenformation, treten nur in geringem Umfang und zerstreut
auf. Gleichwohl besitzt S. so gewaltige Steinkohlenbecken,
daß, wenn dieselben gehörig aufgeschlossen wären,
das Land nicht nur keiner fremden Kohlen mehr bedürfte,
sondern sogar bedeutende Mengen ausführen könnte. Am
meisten ist die Steinkohlenformation in Asturien, Leon und
Altkastilien entwickelt. Eine ungeheure Verbreitung haben dann
wieder die tertiären und diluvialen Ablagerungen, die nicht
nur den bei weitem größten Teil der beiden
Zentralplateaus, sondern auch die Becken des Ebro, des
Guadalquivir, des mittlern Guadiana und des untern Tajo
erfüllen. Diese Ablagerungen enthalten sehr viel Salz.
Vulkane, aber schon seit vorgeschichtlicher Zeit erloschen, finden
sich vereinzelt, z. B. bei Rio Tinto, Ciudad Real in der Mancha,
Gerona etc. Sehr verbreitet, besonders in der südwestlichen
Hälfte (z. B. Estremadura), sind Eruptionen der
verschiedenartigsten Porphyre und Grünsteine, daher auch das
häufige Vorkommen metamorphosierter Gesteine, im SW.
namentlich metamorphischer Schiefer. Über den Reichtum
Spaniens an Erzen und Mineralien s. den Abschnitt "Bergbau und
Hüttenwesen" (S. 70).

Gewässer.

In hydrographischer Hinsicht zerfällt das Land in das
Gebiet des Atlantischen Ozeans und das des Mittelmeers, welch
letzterm sein östliches Dritteil angehört. Die
Wasserscheide zwischen beiden Gebieten beginnt auf den Parameras
von Reinosa am Südrand der Kantabrischen Kette, wo die
Quellbäche des Ebro und des in den Duero sich
ergießenden Pisuerga nicht 10 km weit voneinander entfernt
auf einer vollkommen ebenen Fläche entspringen, und endigt an
der Meerenge von Gibraltar, indem sie über den Kamm des
iberischen Gebirgszugs (Sierra de la Demanda, Pico de Urbion,
Sierra del Moncayo, die Parameras von Molina) bis zur Sierra de
Albarracin läuft, dann das Plateau von Neukastilien schneidet
und über die Sierra de Alcaraz und das Gebirge von Segura auf
die Plateaus der Terrasse von Granada übergeht, deren
östliches Randgebirge ihr letztes Stück bildet. Der
westlichen Abdachung zum Atlantischen Ozean gehören an: der
Duero, Tajo, Guadiana und Guadalquivir, der östlichen zum
Mittelmeer der Ebro. Unter den zahlreichen Küstenflüssen
zeichnen sich die der Nordküste dadurch aus, daß sie
trotz ihrer unbedeutenden Länge in ihrem untersten Lauf
schiffbar sind. Die beträchtlichsten sind von O. nach W.:
Bidassoa, Orio, Deva, Nervion, Besaya, Nalon, Navia, Rivadeo,
Landrone, Mandeo und Allones. Die Flüsse der Westküste
sind zwar länger, doch meist gar nicht schiffbar; die
bedeutenden sind: der Tambre, Ulla und besonders der Minho
(Miño). Die Südküste hat zwar viele Flüsse,
doch nur einen einzigen im untersten Lauf schiffbaren, nämlich
den Guadalete; außerdem verdienen noch der Odiel und Rio
Tinto Erwähnung sowie zwischen der Meerenge von Gibraltar und
dem Kap Palos: der Guadiaro, Guadalhorce, Rio de Almeria,
Almanzora. Auch die lange Ostküste hat nur zwei schiffbare
Küftenflüsse aufzuweisen, den Segura und Llobregat.
Nächstdem sind zu nennen: der Jucar, Turia oder Guadalaviar,
Millares (Mijares), Tordera, Ter und Fluvia. Größere
Seen gibt es nur an der Süd- und Südostküste,
nämlich die Strandseen Albusera und Mar Menor und die Laguna
de la Janda in der Nähe der Meerenge von Gibraltar. Kleinere
Seen sind: die wegen ihrer mephitischen Ausdünstung
berüchtigte Laguna de la Nava bei Palencia, die salzhaltige
Laguna de Zoñar in der bätischen Steppe und die
gleichfalls salzige Laguna de Gallocanta im Süden von Daroca
am Ostabhang des Tafellandes. Sehr zahlreich sind die
Mineralquellen; von 1500, die S. besitzt, sind aber erst etwa 325
untersucht. Die kälteste ist die Schwefelsaline zu Loeches in
Neukastilien (15° C.), die heißeste die Fuente de Leon zu
Mombuy in Katalonien (70° C.).

Klima.

Die eigentümliche Plastik des Landes hat eine große
Verschiedenheit des Klimas zur Folge. Es lassen sich drei
klimatische Zonen unterscheiden: eine mitteleuropäische oder
kältere gemäßigte Zone, zu welcher der
größte Teil der Nordküste, die nördlichen
Gegenden der Hochebene von Leon und Kastilien und das Plateau von
Alava gehören; eine afrikanische oder subtropische, welche
Andalusien bis zur Sierra Morena, Granada, die
südöstliche Hälfte von Murcia und den
südlichsten Teil von Valencia begreift, und eine
südeuropäische oder wärmere gemäßigte
Zone, welche alles übrige Land umfaßt. In der
mitteleuropäischen Zone haben die Litoral- und tiefer
gelegenen Gegenden ein sehr angenehmes Klima, indem die Temperatur
selbst im heißesten Sommer nicht leicht über +33° C.
steigt, an den kältesten Wintertagen kaum unter -3° sinkt
und Frost und Schneefall nur vorübergehend auftreten. Die
Atmosphäre ist meist feucht, Regen besonders im Herbst und
Frühling häufig. Die Thäler der Nordküste
gehören zu den gesündesten Gegenden Europas. Ein ganz
andres Klima herrscht auf den Hochflächen des altkastilischen
Tafellandes; hier sind heftiger Frost und starker Schneefall schon
im Spätherbst keine Seltenheit, und während des Winters
ist durch Schneemassen oft wochenlang alle Kommunikation
unterbrochen. Im Frühling bedecken kalte Nebel oft tagelang
das Land, und im Sommer herrscht glühende Hitze, die selten
durch Regen gemäßigt wird. Dabei sind in jeder
Jahreszeit Stürme häufig. Erst die von Regengüssen
begleiteten Äquinoktialstürme bringen dem Plateauland
angenehme Witterung. Von Ende September bis November ist der Himmel
fast stets unbewölkt, und die Fluren bedecken sich mit
frischem Grün; doch oft schon im Oktober machen
Frühfröste diesem zweiten Frühling ein Ende. Einen
Gegensatz zu diesem der Gesundheit sehr nachteiligen Klima bieten
die innerhalb der südeuropäischen Zone gelegenen
Küstenstriche dar, namentlich die Flußthäler
Südgaliciens, wo ein gleichmäßiges, mildes
Küstenklima herrscht, indem die mittlere Temperatur des
Sommers ungefähr +20°, die des Winters +16°
beträgt und Frost und Schnee selten, Regen und Tau häufig
sind. Die Ebenen und Thäler der Südost- und Ostküste
haben im allgemeinen ein dem des südlichen Frankreich
entsprechendes, nur wärmeres Küstenklima, doch nicht ohne
bedeutende und häufige Temperaturschwankungen. Die
afrikanische Zone der Halbinsel ist dadurch ausgezeichnet,
daß in ihren Tiefebenen, Küstengegenden und tiefen
Thälern Schnee und Frost fast unbekannte Erscheinungen sind,
indem die Temperatur höchst selten bis 3° sinkt. Die
heißesten Gegenden sind die Südostküste bis
Alicante sowie die angrenzenden Ebenen, Hügelgelände und
Plateaus von Murcia und Ostgranada. Weit gemäßigter sind
die Küstengegenden Niederandalusiens. Der glühend
heiße, alle Vegetation versengende Solano (Samum) sucht
am

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

5

66

Spanien (Pflanzen- und Tierwelt, Areal und
Bevölkerung).

häufigsten die südöstlichen Küstenstriche
heim. Im übrigen ist das Klima in den niedern Gegenden der
afrikanischen Zone ein angenehmes Küstenklima mit einer
mittlern Temperatur, die nicht leicht über +24,5° steigt
oder unter +12° C. fällt. Der eigentliche Frühling
beginnt hier Ende Februar und dauert an der Küste bis Mitte
Mai, im Innern bis Anfang Juni. Während des Sommers
vertrocknet auch hier die Vegetation, wie auch die
Äquinoktialregen einen zweiten Frühling hervorzaubern,
welcher aber nicht schnell verfließt, wie im Plateauland,
sondern durch den minder blütenreichen Winter, fast die
angenehmste Jahreszeit jener Gegenden, in den eigentlichen
Frühling übergeht. Die Ebenen und Küstengegenden der
afrikanischen Zone haben folglich acht Monate Frühling und
vier Monate Sommer. Was die eigentlichen Gebirgsgegenden anlangt,
so lassen sich hier fünf Regionen unterscheiden: die untere
oder warme (bis 800 m) mit 27-17° mittlerer Temperatur, die
Bergregion (800-1600 m) mit 16-9°, die subalpine Regton
(1600-2000 m) mit etwa 8-4°, die alpine Region (2000-2500 m)
mit 3°-0, die Schneeregion (2500-3500 m) mit einer mittlern
Jahrestemperatur von wahrscheinlich unter 0. In den Pyrenäen
findet sich ewiger Schnee nur in der Zentral- und östlichen
Kette, wo die Grenze desselben auf der spanischen Seite bei 2780 m
liegt. In der Sierra Nevada, dem höchsten Gebirge Spaniens,
nimmt man die Schneelinie am Nordabhang bei 3350, am Südabhang
bei 3500 m an, weshalb hier bloß die höchsten Gipfel,
und auch diese sparsam, mit ewigem Schnee bedeckt sind.

Pflanzen- und Tierwelt.

Die Verschiedenheit des Klimas und der Bodengestaltung hat eine
große Mannigfaltigkeit der Flora und Fauna zur Folge.
Hinsichtlich des Charakters der Vegetation zerfällt S. in
folgende fünf Vegetationsregionen: 1) die nördliche oder
mitteleuropäische mit mitteleuropäischer Flora (Eichen,
Buchen, edle Kastanien, Erlen, Ulmen, Obst- und
Walnußbäume, Getreide- und Gemüsebau; Weinbau nur
in günstigen Lagen); 2) die peninsulare oder zentrale (Alpen-
und Pyrenäenpflanzen, Heiden mit Cistineen, Thymian und andern
Labiaten, Ginster, Centaureen, Disteln, Artemisien, hier und da
ausgedehnte Nadelwälder sowie Bestände von
immergrünen Eichen und Kastanien); 3) die westliche oder
atlantische, im N. mit vorwiegend mitteleuropäischer, im S.
mit bereits an Afrika erinnernder Vegetation (Ölbaum,
Orangen-, Feigen- und Mandelbaum, Weinbau, Lorbeer, Cypresse,
Agave, indische Feige, Dattel- und Zwergpalme, Johannisbrotbaum,
Cistusheiden mit Myrten, Pistazien und andern immergrünen
Sträuchern; in der Bergregion Eichen, Kastanien, Wacholder,
Obstbau, Alpentristen); 4) die östliche oder mediterrane
(Labiatenheiden und öde Steppen, Gehölze von
immergrünen Eichen und von Kiefern, Ölbaum, Wein-und
Weizenbau, Maulbeer-, Feigen- und Mandelbaum, Pfirsisch- und
Aprikosenbaum, Walnußbaum, Mais, Hanf, Flachs; im Süden
Orangen-, Johannisbrotbaum, Dattel- und Zwergpalme, Artischocken-
und Melonenbau, in den sumpfigen Niederungen Reis); 5) die
südliche oder afrikanische Region bis zur Höhe von ca.
630 m, charakterisiert durch das Vorherrschen solcher Pflanzen,
welche Nordafrika, Sizilien, Ägypten, Syrien, Kleinasien etc.
eigentümlich sind, und durch die Kultur subtropischer und
tropischer Gewächse (Zuckerrohr, Baumwolle, Batate,
Kochenillekaktus etc.). Nicht minder mannigfaltig und ausgezeichnet
ist die Tierwelt, die außer Arten der unter entsprechender
Breite gelegenen Länder Europas und außer einer Menge
der Halbinsel eigentümlicher zahlreiche Vertreter der Fauna
Afrikas, ja selbst des Orients und Innerasiens aufweist. Die
europäische Zone, im allgemeinen der mitteleuropäischen
Vegetationsregion entsprechend, wird charakterisiert durch
mitteleuropäische Tiere (darunter der Wolf,
Siebenschläfer, Schneehase, die Gemse, Wildkatze, der
Pyrenäensteinbock, der Bartgeier, Aasgeier etc.). Die mittlere
oder südeuropäische Zone, die zentrale westliche und
östliche Vegetationsregion umfassend, weist ein buntes Gemisch
europäischer und afrikanischer Tierformen (Pantherluchs,
Genettkatze, Ichneumon, südliche Geier-, Adler- und
Falkenarten, Schrei- und Klettervögel etc., zahlreiche
Schmetterlinge, Skorpione etc.) auf. Die südliche oder
afrikanische Zone zeigt viele echt afrikanische Tierformen
(darunter der nordafrikanische Affe am Gibraltarfelsen, das
Dromedar, afrikanische Vögel, Chamäleon etc.) neben
andern nur im südlichsten Europa vorkommenden oder auch S.
eigentümlichen (spanischer Steinbock auf der Sierra Nevada,
spanischer Hase, Flamingo etc.).

Bevölkerungsverhältnisse.

Das Areal von S. und zwar des europäischen Mutterlandes mit
Einschluß der Balearen und der Kanarischen Inseln sowie der
nordafrikanischen Besitzungen beträgt 504,552 qkm (9163,6
QM.). Die Bevölkerung bezifferte sich nach dem letzten Zensus
vom 31. Dez. 1877 auf 16,634,345 Einw., deren Verteilung auf die
einzelnen Provinzen aus nebenstehender Tabelle ersichtlich ist.

Die Vermehrung der spanischen Bevölkerung ist eine sehr
schwache; sie belief sich gegenüber der im J. 1857
vorgenommenen ersten ordentlichen Volkszählung, welche
15,464,340 Einw. ergab, 1877 nur auf 1,170,005 Seelen oder pro Jahr
kaum auf 0,4 Proz. Der Grund liegt, abgesehen von den vielfachen
Kriegen, welche S. im Innern und in den Kolonien zu bestehen hatte,
in einer beträchtlichen Auswanderung, insbesondere nach
Südamerika und nach Algerien (Provinz Oran). Für Ende
1886 wurde die Bevölkerung mit 17,358,404 Einw. berechnet.
Bemerkenswert in der Verteilung der Bevölkerung ist, daß
die Dichtigkeit derselben vom Zentrum gegen die Peripherie hin
zunimmt. Die schwächste relative Bevölkerung weisen die
Provinzen Ciudad Real und Cuenca auf (13 und 14 Einw. auf das
QKilometer), am dichtesten bevölkert (über 100 Einw. auf
das QKilometer) sind Barcelona und Pontevedra. Nach dem Geschlecht
entfallen auf je 1000 männliche Personen 1044 weibliche. Nach
dem Geburtsland waren von der (1877) anwesenden Bevölkerung
geboren: in S. 16,591,796, in Frankreich 17,657, in Portugal 7941,
in Großbritannien 4771, in Italien 3497, in Deutschland
952.

Die spanische Nation ist ein Gemisch verschiedener
Völkerschaften. Zu den alten Iberern gesellten sich anfangs
Kelten, dann Phöniker und Karthager, hierauf Römer, dann
Goten; später mischten sich Juden, Berber und Araber (diese
insbesondere in Andalusien, Murcia und Valencia), endlich auch
Neger (aus Marokko und weiterher) bei. Die herrschende Sprache ist
die kastilische; daneben wird das Katalonische (ein dem
Provençalischen verwandtes Idiom) in Katalonien, Valencia
und den Balearen, das Baskische (in den baskischen Provinzen und in
Navarra) und das Galicische (welches sich dem Portugiesischen sehr
nähert) gesprochen. Die spanische Sprache ist übrigens
als Weltsprache in Mittel- und Südamerika stark verbreitet und
gewinnt dadurch immer wachsende Bedeutung.

67

Spanien (Volkscharakter, geistige Kultur).

Areal Spaniens.

Einwohner

Provinzen QKilometer QMeilen Ende 1877 Ende 1886 auf 1 qkm

Alava . . 3045 55,3 93538 99034 33

Albacete. . 14863 269,9 219058 221894 15

Alicante . . 5660 102,8 411565 423808 75

Almeria . . 8704 158,1 349076 358486 41

Avila . . 7882 143,2 180436 193565 25

Badajoz. . 21894 397,6 432809 469952 21

Barcelona . 7691 139,7 836887 861212 112

Burgos . . 14196 257,8 332625 351293 25

Caceres . . 19863 360,8 306594 329707 17

Cadiz¹ . . 7342 133,3 429206 433516 59

Castellon . 6465 117,4 283981 298965 46

Ciudad Real 19608 356,1 260358 285341 15

Cordova . . 13727 249,3 385482 406059 30

Coruña . . 7903 143,5 596436 623575 79

Cuenca . . 17193 312,3 236253 245112 14

Gerona . . 5865 106,5 299702 309992 53

Granada . 12768 231,9 479066 480594 38

Guadalajara 12113 220,0 201288 207030 17

Guipuzcoa . 1885 34,2 167207 181673 97

Huelva . . 10138 184,1 210447 227116 22

Huesca . . 15149 275,1 252239 263634 17

Jaen. . . 13480 244,8 423025 436184 32

Leon ... 15377 279,3 350210 378098 25

Lerida . . 12151 220,7 285339 290856 24

Logroño . . 5041 91,6 174425 179897 36

Lugo ... 9881 179,5 410810 429430 43

Madrid . . 7989 145,1 594194 590065 74

Malaga. . 7349 133,5 500322 522376 71

Murcia . . 11537 209,5 451611 462039 40

Navarra. . 10506 190,8 304184 321015 30

Orense . . 6979 126,8 388835 399552 57

Oviedo . . 10895 197,9 576352 596856 55

Palencia . 8434 153,2 180771 190724 23

Pontevedra. 4391 79,8 451946 467289 106

Salamanca 12510 227,2 285695 311428 25

Santander . 5460 99,2 235299 248753 46

Saragossa . 17424 316,5 400587 401386 23

Segovia . . 6827 124,o 150052 160111 23

Sevilla . . 14062 255,4 506812 526864 37

Soria . . 10318 187,2 153652 162555 16

Tarragona . 6490 117,9 330105 345601 53

Teruel . . 14818 269,1 242165 250823 17

Toledo . . 15257 277,1 335038 357886 23

Valencia . 10751 195,3 679046 692245 64

Valladolid . 7569 137,5 247458 261254 35

Viscaya . . 2165 39,3 189954 204043 94

Zamora . . 10615 192,8 249720 274312 26

Zusammen : 492230 8939,9 16061860 16733200 34

Balearen . 5014 91,o 289035 311652 62

Kanarische Inseln 7273 132,1 280974 311030 43

Spanien: 504517 9163,o 6631869 17355882 34

In Nordafrika² 35 0,6 [ 2476 2522 72

Totalsumme: 504552 9163,6 16634345 17358404 34

1 Mit Ceuta. - 2 Ohne Ceuta, welches zu Cadiz gehört.

Die Kolonien oder überseeischen Besitzungen (s. Karte
"Kolonien" mit Tabelle), nur noch ein geringer Überrest von
den unermeßlichen Gebieten, welche S. einst beherrschte,
umfassen zur Zeit

in Amerika: QKilom. QMeilen Einw.

Cuba. ........ 118833 2158,13 1521684

Puerto Rico ...... 9315 169,17 754313

in Asien:

Philippinen ...... 293726 5334,37 5559020

Sulu-Inseln . ..... 2456 44,60 75000

in Ozeanien :

Marianen ....... 1140 20,72 8665

Karolinen ....... 700 12,71 22000

Palau ... 750 13,62 14000

in Afrika (Guinea):

Fernando Po, San Juan etc. 2200 39,95 68656

Zusammen: 429120 7793,27 8023383

Die Spanier sind im allgemeinen ein körperlich
wohlgebildetes Volk, meist mittlerer Statur, hager, mit schwarzem
Haar. Die Frauen zeichnen sich durch feurige Augen und anmutiges
Wesen aus, entwickeln sich sehr frühzeitig, altern aber auch
bald. Der Spanier ist nüchtern, mäßig, mutig, voll
Nationalstolz, aber auch rachgierig, bigott und träge.
Nationalkleid der Männer ist der rund geschnittene, den ganzen
Körper umhüllende spanische Mantel (capa), das der Frauen
die Mantilla, welche mit einem Kamm am Kopf befestigt und über
der Brust gekreuzt wird. Die vorherrschende Farbe der Kleidung ist
die schwarze. Im übrigen wechselt die Tracht in den einzelnen
Provinzen bedeutend. Die höhern Stände haben
gegenwärtig meist die französische Mode angenommen.
Hauptvergnügen sind der Tanz, der mit Gesang oder
Kastagnetten, Tamburin und Guitarre begleitet wird, und die
Stiergefechte. Was die Konfession betrifft, so waren 16,603,959
Katholiken, 6654 Protestanten, 4021 Israeliten, 9645 Rationalisten,
271 Mohammedaner, 209 Buddhisten etc. Nach der Staatsverfassung
gilt die römisch-katholische Religion als Staatskirche; doch
darf niemand wegen seiner Konfession und wegen der Ausübung
seines Kultus, sofern die christliche Moral nicht darunter leidet,
behelligt werden. Für die Leitung der geistlichen
Angelegenheiten der katholischen Kirche gibt es in S. 9
Erzbischöfe (zu Toledo, Primas von S., Burgos, Granada,
Santiago, Saragossa, Sevilla, Tarragona, Valencia und Valladolid)
und 45 Suffraganbischöfe. Bischöfliche Jurisdiktion
übt auch der Patriarch von Indien aus, indem derselbe
Generalvikar des Heers und der Flotte ist. Der unterstehende Klerus
beziffert sich mit ca. 40,000 Weltgeistlichen, 800 Mönchen und
13,000 Nonnen. Eigentliche Mönchsklöster bestehen nicht
mehr, da dieselben bereits 1841 gesetzlich aufgehoben wurden. Es
sind nur 41 Häuser solcher religiöser Orden geblieben,
welche sich der Heranbildung von Missionären, dem
Jugendunterricht oder der Krankenpflege widmen. Protestantische
Gemeinden gibt es 60.

Bildungsanstalten.

In Bezug auf die geistige Kultur steht das spanische Volk trotz
seiner Begabung wegen des mangelhaften Volksunterrichts noch auf
einer tiefen Stufe, was darin seine Erklärung findet,
daß bis 1808 das öffentliche Unterrichtswesen ganz in
den Händen des Klerus war. Für den Elementarunterricht
bestehen (1881) 29,828 Volksschulen. Der Schulbesuch ist
obligatorisch. Während 1797 nur 393,126 Kinder die Volksschule
besuchten, stieg diese Zahl allmählich, namentlich infolge der
gesetzlichen Reformen der Jahre 1838, 1847 und 1857, auf 663,711 im
J. 1848, auf 1,046,558 im J. 1861 und auf 1,769,608 im J. 1881.
Normalschulen bestehen zur Heranbildung von Lehrern 47, für
Lehrerinnen 29. Zu den Sekundärschulen gehören die seit
1845 anstatt der frühern Lateinschulen bestehenden Institute
(institutos de segunda enseñanza), in welchen in einem
sechsjährigen Kursus die humanistischen und Realstudien
betrieben werden. Solcher Institute gibt es 61 mit ca. 35,000
Schülern. Neben ihnen bestehen die Colegios,
Privatvorbereitungsschulen zu den Universitäts- und
Spezialstudien. Universitäten hat S. 10: zu Madrid, Barcelona,
Granada (jede mit 5 Fakultäten, für Philosophie und
Litteratur, exakte Wissenschaften, Pharmazie, Medizin, Rechte), zu
Salamanca, Sevilla, Valencia (jede mit 4 Fakultäten, die
obigen ohne Pharmazie), Santiago und Saragossa (je 3
Fakultäten, erstere für Medizin, Pharmazie und Rechte,
letztere für Philosophie, Medizin und Rechte), Valladolid (2
Fakul-

68

Spanien (Landwirtschaft).

täten, für Medizin und Rechte), Oviedo (eine Fakultut,
für Rechte). Alle Universitäten zählen zusammen 475
Professoren und Dozenten und gegen 16,000 Studierende. Mit 7
Universitäten ist je eine Notariatsschule verbunden.
Höhere technische Lehranstalten sind: eine Architekturschule,
eine Schule für Handel und Industrie und eine Ingenieurschule
für Wege-, Kanal- und Hafenbau in Madrid; ferner eine Schule
für industrielle Technik in Barcelona. Zu den Fachschulen
gehören: die theologischen Seminare in den Bischofsitzen, die
königliche Schule für Diplomatik in Madrid, die neun
nautischen Schulen, die königliche Agrikulturschule in Madrid,
die königliche Forstingenieurschule im Escorial, die
landwirtschaftliche Schule in Cordova, die Lehranstalten für
Tierheilkunde in Madrid, Cordova, Leon und Saragossa, die
königliche Bergwerksingenieurschule in Madrid, die
Steigerschule in Almaden, die königliche Schule der
schönen Künste, die Nationalschule für Musik und
Deklamation (beide in Madrid), die Provinzialschulen für
schöne Künste in Barcelona, Sevilla, Valencia und
Valladolid, die Akademien für den Generalstab in Madrid,
für die Artillerie zu Segovia, für das Ingenieurkorps in
Guadalajara, für die Kavallerie in Valladolid, die allgemeine
Militärakademie in Toledo, die Seeschule in Ferrol. Zu den
Beförderungsmitteln der intellektuellen Bildung gehören
außerdem acht Akademien (davon sieben zu Madrid) und die
öffentlichen Bibliotheken, von denen die Nationalbibliothek zu
Madrid und die des Escorial die hervorragendsten sind. Die
bedeutendsten historischen und Kunstsammlungen sind: die
königliche Rüstkammer, das königliche Münz- und
Antiquitätenkabinett, das königliche Museum für
Gemälde und Skulpturen, das Nationalmuseum für
Gemälde und das naturhistorische Museum, sämtlich zu
Madrid. Botanische Gärten sind zu Madrid und Valencia, ein
astronomisch-meteorologisches Observatorium besitzt Madrid.

Land- und Forstwirtschaft etc.

Unter den Nahrungszweigen der Bevölkerung von S. nimmt der
Betrieb der Landwirtschaft die erste Stelle ein. Dabei steht aber
die Bodenbehandlung noch auf einer sehr unbefriedigenden Stufe. Die
Düngung ist eine ganz primitive, und auch in Bezug auf
landwirtschaftliche Geräte und Betriebsart haben die
Erfahrungen und Verbesserungen der Neuzeit fast gar keinen Eingang
gefunden. Zu Anfang des 19. Jahrh. war noch ein sehr großer
Teil vom Grund und Boden im Besitz der Toten Hand, d. h. des
Klerus, der Gemeinden, der milden Stiftungen und des Staats. Der
Verkauf der Kirchengüter wurde bereits 1820 und 1841
angeordnet sowie durch das Gesetz vom 1. Mai 1855 bestätigt,
welches überhaupt allen Grundbesitz und alle Grundzinsen der
Toten Hand der Veräußerlichkeit unterwirft. Die Bauern
sind persönlich frei und teils Eigentümer ihrer in der
Regel kleinen Grundstücke, teils Erbpachter. Der produktive
Boden umfaßt im ganzen 79,6 Proz. der Gesamtfläche, und
zwar kommen 33,8 Proz. auf Äcker und Gärten, 3.7 auf
Weinland, 1,6 auf Olivenpflanzungen, 19,7 auf natürliche
Wiesen und Weiden und 20,8 Proz. auf Wald. Der Boden bedarf in S.
zur Ertragsfähigkeit in der Regel künstlicher
Bewässerung, zu welchem Behuf großartige Anlagen teils
durch die Regierung, teils durch Vereine, teils durch große
Grundbesitzer und Kommunen hergestellt worden sind; gleichwohl
machen die bewässerten Ländereien nur einen kleinen Teil
der produktiven Bodenfläche aus. Am besten angebaut ist der
Boden in den Provinzen Palencia, Pontevedra, Coruña,
Valladolid und Barcelona, am wenigsten in den Provinzen Oviedo,
Huelva, Almeria und Santander. Die spanischen Staatsökonomen
unterscheiden in S. sieben Kulturregionen, nämlich die Region
des Zuckerrohrs, der Orangen, des Ölbaums, des Weinstocks, der
Cerealien, der Wiesen und Triften, der Heiden. Der Getreidebau ist
zwar fast überall ein wichtiger Zweig der Landwirtschaft, am
bedeutendsten aber auf den Ebenen beider Kastilien, in Leon und im
Guadalquivirbecken. Die jährliche Getreideproduktion
beläuft sich bei einer guten Mittelernte auf nachfolgende
Mengen:

Weizen ..... 61142000 hl

Hafer ...... 4481000 hl

Roggen ..... 11629000 hl

Mais ....... 13173000 hl

Gerste ..... 27792000 hl

Reis ....... 1212000 hl

Am meisten wird Weizen gebaut, Roggen und Gerste besonders in
den nördlichen, Mais in den südlichen Provinzen. In
letztern kommen an verschiedenen Orten, aber vereinzelt, Reisfelder
vor, während sie in der Provinz Valencia eine
Hauptnahrungsquelle bilden. Einen Exportartikel bildet Weizenmehl,
insbesondere für die Provinz Valladolid. Der Anbau von
Kartoffeln ist minder bedeutend (18,3 Mill. hl Ertrag), jener von
Hülsenfrüchten dagegen sehr ausgedehnt, indem Erbsen und
Bohnen eine Lieblingsspeise der Spanier bilden und in großen
Mengen als Feldfrüchte gezogen werden (Ertrag an Kichererbsen
2,354,000hl). Kein Staat in Europa produziert so mannigfache Arten
von Gemüse wie S., wo die gartenmäßige Kultur
insbesondere in der Provinz Valencia betrieben wird. Außer
den gewöhnlichen Küchengewächsen werden kultiviert:
spanischer Pfeffer, der Liebesapfel (Lycopersicum esculentum) im
großen, die Wassermelone, die Schlangengurke, der
Kalebassenkürbis, stellenweise die tropische Batate (Batatas
edulis) und die Erdnuß (Cyperus esculentus). Die
verbreiterten Gartengewächse sind: Kohl, Salat, Zwiebeln,
Knoblauch, Gurken, Artischocken, Erdbeeren. Gemüse und
Gartenfrüchte geben auch einen nicht unbedeutenden
Exportartikel ab. Die Runkelrübe kennt man dagegen nur als
Viehfutter. Die Handelsgewächse des Landes sind: Hanf (am
besten in Granada und Murcia), Flachs, Waid, Safran,
Süßholz, Zuckerrohr, welches an der südlichen und
östlichen Küste, namentlich in der Provinz Malaga, gebaut
wird, und zwar infolge gesetzlichen Schutzes in steigendem
Maß, Raps in den nördlichen Provinzen, Kümmel in
der Mancha; ferner Senf, Mohn, Sesam, Rizinus und andre
Ölpflanzen. Die Baumwollstaude, welche noch vor 30 Jahren
einen Ausfuhrartikel für die Balkarischen Inseln bildete, wird
gegenwärtig fast gar nicht mehr kultiviert. Der Tabaksbau ist
untersagt. Espartogras (s. d.), das im Süden Spaniens unweit
der Seeküste ohne irgend eine Pflege reichlich wächst,
wird zu verschiedenen Flechtwerken, Seilen, Lauftüchern,
Bundschuhen etc. sowie zur Papierfabrikation verwendet und in
großen Mengen exportiert (jährlich ca. 400,000 metr.
Ztr.). Ein wichtiger Zweig der Bodenkultur ist die Fruchtbaumzucht.
Neben den mitteleuropäischen Obstarten, Wal- und
Haselnüssen findet man die schönsten Kastanienwälder
und die verschiedenartigsten Südfrüchte (Orangen,
Zitronen, Granaten, Feigen, Mandeln, Datteln, Johannisbrot,
indische Feigen, Bananen) nicht nur längs der Küste und
in den südlichen Provinzen, sondern auch in den warmen
Flußthälern des Nordens. Die Südfrüchte sowie
die Wal- und Haselnüsse bilden einen ergiebigen
Ausfuhrartikel. 1886 wurden an Orangen 816,666, Zitronen 73,493,
Mandeln 27,730 und Haselnüssen 40,090 metr. Ztr. ex-

69

Spanien (Viehzucht, Jagd, Fischerei, Forstwesen).

portiert. Ausgedehnte Landstriche sind namentlich im Süden
der Olivenkultur eingeräumt, welche einen wichtigen
Exportartikel liefert. Doch steht das spanische Öl wegen
schlechter Behandlung der Frucht in geringem Preis und wird
großenteils erst im Ausland, namentlich in Frankreich,
raffiniert. Die Produktion, welche vornehmlich in Andalusien,
Murcia, Valencia, Aragonien und Katalonien vertreten ist, ergibt in
günstigen Jahren ca. 2,5 Mill. hl Öl; die Ausfuhr
beträgt im Durchschnitt der letzten Jahre 250,000 metr. Ztr.
In den letzten Jahren hat sich der Anbau von Cacahuetes oder Mani,
einer Art Pistazie, aus der ein billiges und brauchbares Öl
bereitet wird, zu einem besondern Zweig der landwirtschaftlichen
Thätigkeit in der Provinz Valencia herausgebildet. Wichtige
Bodenkulturzweige sind noch die in großem Maßstab
betriebene Maulbeerbaum- und die Weinkultur. Durch die
geographische Lage und durch die klimatischen Verhältnisse
begünstigt, bringt das Land die feurigsten Weine in allen
Abarten und in großer Menge hervor. Der durchschnittliche
Ertrag beläuft sich auf mehr als 20 (1887: 28) Mill. hl. Die
berühmtesten Weine sind die andalusischen, insbesondere die
von Jeres de la Frontera, Puerto de Santa Maria und Malaga. Der
Export dieser Weine geht hauptsächlich nach England und
Amerika. Von den katalonischen Weinen sind nur die Sorten von Reus
und Tarragona vorzüglich, von den Valenciaweinen die roten
Benicarloweine geschätzt. Die Alicantiner Weine sind sehr fein
und ziemlich alkoholreich. Die kastilischen Weine, darunter der
ausgezeichnete Manchawein (Valdepeñas), werden meist im
Inland konsumiert. Die Aragonweine sind am dunkelsten, feinsten und
am wenigsten säuerlich. Vorzügliche Weingegenden sind
außerdem: Südnavarra, das untere Duerothal, Viscaya,
Orense, die Gegend von Plasencia und die Serena in Estremadura,
endlich Mallorca (vgl. Spanische Weine). Großen Absatz finden
die spanischen Weine seit den letzten Jahren in Frankreich, wo die
durch die Reblaus und durch die schlechten Ernten verursachten
Ausfälle außer durch italienische auch durch spanische
Weine (meist aus den nordöstlichen Provinzen) gedeckt werden.
Im ganzen werden jährlich über 7 Mill. hl, davon gegen 6
Mill. nach Frankreich, exportiert. Daneben bilden auch frische
Trauben einen Ausfuhrartikel (1886: 192,000 metr. Ztr.). Von
Wichtigkeit ist ferner die Kultur der Rosinen, namentlich werden
Rosinen aus den Provinzen Alicante (Denia) und Malaga ins Ausland,
hauptsächlich nach England und Nordamerika, geführt
(1886: 384,460 metr. Ztr.). Die hervorragendsten Futterkräuter
sind Luzerne und Esparsette. Eigentliche Wiesen gibt es nur in den
nördlichen Provinzen und in den höhern Gebirgsgegenden.
Viel ausgedehnter ist das Weideland in solchen Strecken, welche
auch zum Ackerbau oder zur Forstkultur geeignet wären, jedoch
vorzugsweise zur Zucht von Schafen dienen, wie in Estremadura,
Niederandalusien, Aragonien, Altkastilien und Leon.

Von großer Bedeutung ist die Viehzucht. Man zählte
1878 in S. 460,760 Pferde, 941,653 Maultiere, 890,982 Esel,
2,353,247 Rinder, 16,939,288 Schafe, 3,813,006 Ziegen, 2,348,602
Schweine. Die früher so berühmte, dann in Verfall
geratene Pferdezucht hat einen neuen Aufschwung genommen. Die
besten Pferde sind die andalusischen und unter diesen wieder die
von Cordova. Indessen reicht die Zahl der gezüchteten Pferde
für den Bedarf des Landes nicht aus. Auf die Zucht der
Maultiere und Esel, welche nicht nur die bevorzugtesten Haustiere
sind, sondern auch in Menge ausgeführt werden, wird
große Sorgfalt verwendet. Die Zucht des Rindviehs
zerfällt in die der zahmen Rinder und die der zu den
Stiergefechten erforderlichen wilden Stiere, welche auf einsamen,
hoch gelegenen Triften und in den Gebirgen, namentlich in Navarra,
in der Sierra Guadarrama, Sierra Morena und am Guadalquivir, gehegt
werden. Das zahme Rindvieh ist nicht sehr groß, aber stark
und gut gebaut; das beste wird in den nördlichen Provinzen
gezüchtet, wo auch allein Milch-, Butter- und
Käsewirtschaft getrieben wird. Die spanische Schafzucht, einst
die erste der Welt und Quelle ungeheurer Einkünfte, ist, wenn
auch immer noch ansehnlich, von der andrer Länder
überflügelt worden und in Abnahme begriffen. Die Ursache
hiervon ist besonders darin zu suchen, daß die Regierung
behufs der Hebung der Agrikultur 1858 die lästige Bestimmung
aufhob, daß von den Grundbesitzern, durch deren Gebiet die
Herden (von und nach den Winterquartieren in Estremadura) ziehen,
eine Schaftrift von 90 Schritt Breite zu beiden Seiten der
Straße freigelassen werden mußte. Gegenwärtig
muß, soweit das Wandern mit Schafherden noch besteht,
für die Benutzung der Weiden ein Pachtgeld gezahlt werden. Die
Mehrzahl der Merinoherden gehört nämlich großen
Grundbesitzern von Leon, Altkastilien und Niederandalusien. Der
Wollertrag der spanischen Schafe ist zwar sehr gesunken (auf ca. 20
Mill. kg, und zwar nur zum geringern Teil feine und brauchbare
Wolle); doch bildet Schafwolle noch immer einen Exportartikel
(1886: 92,000 metr. Ztr.). Wichtig ist die Hämmelzucht,
vorzüglich für Niederaragonien, wo sich stets Käufer
aus ganz S. zusammenfinden. Die Ziegenzucht ist besonders in den
Gebirgsgegenden heimisch und Ziegenkäse ein wichtiger
Gegenstand des innern Handels, während die Felle in Menge
exportiert werden. Schweinezucht wird überall, im
größten Maßstab jedoch in Estremadura betrieben.
Treffliche Schinken sowie Würste und Borsten gelangen zur
Ausfuhr. Schweine- und Ziegenhäute werden in S. allgemein zu
Weinschläuchen, welche inwendig ausgepicht werden,
verarbeitet. In den Provinzen Murcia und Cadiz kommen auch Kamele
(1878: 1597 Stück) vor. Beträchtliche Ausfuhr von Vieh
findet nach Portugal und England statt. Von Federvieh werden
vornehmlich Hühner, in Estremadura und Andalusien auch
Truthühner gezüchtet; von geringem Belang ist die
Bienenzucht, von Wichtigkeit dagegen die (früher allerdings
noch bedeutendere) Seidenzucht, die namentlich in Valencia und
Murcia ihren Sitz hat (s. unten). Die Kochenillezucht (1820 in
Südspanien eingeführt) wird jetzt um Malaga und Motril in
größerm Maßstab betrieben.

Jagd und Fischerei sind in S. frei, doch wird erstere nicht
besonders eifrig getrieben; das häufigste Haarwild sind
Kaninchen, das meiste Federwild Rebhühner. Der Fang von
Thunfischen, Sardinen, Sardellen und Salmen und das
Einräuchern derselben beschäftigt an den Küsten von
Viscaya, Galicien, Andalusien, Valencia und Katalonien Tausende von
Menschen und liefert bedeutende Mengen für den Export. Auch
die Korallenfischerei an der Küste von Andalusien hat sich in
neuester Zeit gehoben. Die Waldwirtschaft steht in S. noch auf
einer niedrigen Stufe. Der Holzboden nimmt zwar über 20 Proz.
des gesamten Areals ein; doch sind infolge der
Vernachlässigung der Kultur, der unbeschränkten
Brennholznutzung, der Schädigung der Wälder durch Hirten
und Herden und der planlosen Ausnutzung der Privat- und
Staatsforsten nur etwa 9 Proz. noch wirklich mit Holz
bestanden.

70

Spanien (Bergbau und Hüttenwesen).

Das wichtigste Nadelholz ist die Kiefer, die vorzüglichsten
Laubhölzer sind: die Eiche, Rotbuche, Kastanie, die
Rüster und der Ölbaum, welcher besonders in Andalusien
ganze Wälder bildet. Nach Gesetz vom 19. Febr. 1859 soll von
den Staats-, Kommunal- und Körperschaftsforsten ein Teil
(3½ Mill. Hektar) verkauft, der andre Teil (6½ Mill.
Hektar) aber regelmäßig bewirtschaftet werden. Zu diesem
Zweck ist das Land in zehn Forstdistrikte eingeteilt worden; auch
besteht eine königliche Forstingenieurschule im Escorial. Sehr
gesegnet mit Waldungen ist Katalonien, wo (insbesondere im
Monsenygebirge) die gewinnreichsten Holzgattungen, wie Kastanien
(zu Faßdauben vorzüglich geeignet),
Walnußbäume (zu Holzreifen verwendet) und Korkeichen, am
besten gedeihen, welch letztere wegen des Korks, des als
Gerbmaterial geschätzten Bastes und des sich zu Kohlen
trefflich eignenden Astholzes einen reichlichen Ertrag liesern.
Außer in Katalonien findet man diese Baumgattung in
Estremadura, Andalusien und Valencia. Die jährliche Produktion
an Korkplatten beträgt 520,000 metr. Ztr., der Export von
Pfropfen durchschnittlich 1010 Mill. Stück, an Platten und
Tafeln 25,000 metr. Ztr. Nebenprodukte der Wälder sind:
Sumachrinde (als Gerbmaterial), Ladanbalsam, eßbare Eicheln,
Maronen, Beeren, Arzneikräuter etc.

Bergbau und Hüttenwesen.

S. ist ein an Metallen und Erzen außerordentlich reiches
Land und könnte in seinem Bergbau und Hüttenwesen eine
Quelle großen Nationalreichtums finden, wenn ersterer
rationell betrieben und entsprechend ausgebeutet würde. Das
Bergwesen untersteht dem Ministerium für Volkswirtschaft,
resp. der bei demselben errichteten Junta für dasselbe. Nach
dem Gesetz vom 6. Juli 1859 wurde das Land in 17 Minendistrikte
eingeteilt, von denen jeder unter einem königlichen
Bergingenieur steht, und in Madrid auch ein Oberbergamt
eingerichtet. Laut des genannten Gesetzes hat sich der Staat die
Ausbeutung der meisten Bergwerke, sämtlicher Salzbergwerke und
Salinen (ausgenommen die in den baskischen Provinzen) reserviert.
Durch die finanzielle Notlage wurde indessen die Regierung in
neuerer Zeit genötigt, sich des größten Teils des
Staatseigentums und so auch des Montanbesitzes zu
entäußern, so daß jetzt nur noch die
Quecksilbergruben von Almaden und einige Salinen Staatseigentum
sind. Im ganzen Land gibt es etwa 6000 Minen aller Art, wozu noch
die aus alter Zeit, teilweise von den Römern,
zurückgelassenen Schlackenhaufen als Ausbeutungsobjekte
kommen. Bei der Gewinnung von Erzen u. Metallen sind über
45,000 Arbeiter beschäftigt. Der Bergbau und
Hüttenbetrieb ergaben nach der letzten Erhebung (1883)
folgende Mengen: Silber 540 metr. Ztr., Quecksilber 16,670,
Roheisen 1,422,240, Kupfer 321,560, Blei 993,120, Zink 68,430,
Kohle 10,707,500, Salz 6,750,000, Schwefel 11 1,290 metr. Ztr.
Bemerkenswert ist jedoch, daß das Hüttenwesen mit dem
Bergbau nicht gleichen Schritt hält, und daß ein
großer Teil der gewonnenen Erze nach England und andern
Ländern exportiert wird und häufig in verhütteter
Form wieder ins Land zurückkehrt. So wurden 1886: 49,2 Mill.
metr. Ztr. Erze (davon 41,8 Mill. Eisenerz und 6,7 Mill. Kupfererz)
ausgeführt. Was die einzelnen Produktionszweige betrifft, so
wird Gold gegenwärtig nur in den Arsenikgruben bei Culera
(Katalonien), in kleinern Quantitäten auch aus dem Sande des
Flusses Sil gewonnen. Ebenso ist die Produktion von Silber
herabgegangen, wenngleich mehrere Bergwerke hierfür bestehen,
von welchen jene in den westlichen Abhängen der Sierra
Almagrera (Provinz Almeria), die von Hiende la Encina (Provinz
Guadalajara) und die von Farena (Provinz Tarragona) die
mächtigsten sind. In den Quecksilbergruben von Almaden (12
Minen) sind über 3000 Arbeiter beschäftigt. Der Export
beträgt durchschnittlich 11,000 metr. Ztr. An Eisenerz birgt
S. in vielen Provinzen, besonders in Viscaya (zu Somorrostro),
Guipuzcoa (Irun), Navarra (Lesaca, Vera), Santander, Oviedo und
Granada, reiche Schätze, die aber nicht gehörig
ausgenutzt werden. Die bedeutendsten Hüttenwerke befinden sich
in den Provinzen Viscaya, Navarra, Oviedo, Sevilla, Malaga u. a. An
Kupfer besitzt die Provinz Huelva in den Minen von Rio Tinto,
Tharsis und andern schon von den Karthagern u. Römern
bearbeiteten Bergwerken unerschöpfliche Lager. Die Minen von
Rio Tinto (s. d.) wurden 1873 von der spanischen Regierung (um 96
Mill. Frank) an ein Syndikat von Londoner und Bremer Firmen
verkauft; Tharsis gehört bereits seit längerer Zeit einer
englischen Aktiengesellschaft. Hinsichtlich der Bleiproduktion
überragt S. alle andern Staaten Europas. Die Hauptsitze
für diesen Bergbau und Hüttenbetrieb sind: die Provinzen
Murcia (bei Cartagena 76 Werke mit 150 Hochöfen und 1500
Arbeitern), Almeria (Bleiminen der Sierra Gador, Sierra Almagrera,
Alhamilla etc.; 13 Schmelzwerke bei Garrucha) und Jaen (Linares und
Baylen). Der Export an metallischem Blei betrug 1886: 1,150,000
metr. Ztr. Für den Zinkbergbau sind die Hauptsitze: die
Provinzen Santander, Guipuzcoa, Murcia, Granada, Malaga und
Almeria. Die Verhüttung ist von geringem Umfang; die
gewonnenen Erze werden größtenteils nach Belgien und
andern Ländern exportiert. Die wichtigsten Kohlendistrikte
sind in der Provinz Oviedo, dann in Burgos und Soria, Leon und
Palencia, Teruel und Santander. Die jährliche Produktion ist
von 355,000 metr. Ton. im J. 1861 gegenwärtig auf mehr als 1
Mill. metr. T., größtenteils Steinkohle, gestiegen,
wobei immer noch eine überwiegende Einfuhr englischer Kohle
(1886: 1,4 Mill. metr. T.) stattfindet. An Salz ist S. überaus
reich. Dasselbe ist kein Monopolgegenstand; es gibt zwar staatliche
Etablissements dafür, welche in 20 Haupt- und 12
Unteranstalten zerfallen, aber ebensowohl befassen sich mit der
Salzgewinnung und zwar aus Seewasser u. aus Bergsalinen viele
Private, die aus Anlaß des Betriebs nur der gewöhnlichen
Industrialsteuer unterworfen sind. Steinsalzminen gibt es zu
Cardona (Provinz Barcelona), Pinoso (Provinz Alicante), Gerry y
Villanova (Provinz Gerona), Minglanilla (Provinz Cuenca) u. a. O.
Seesalz wird am meisten in den Lagunen der Bai von Cadiz und an den
Ufern des untern Guadalquivir ausgebeutet, ferner auf der Insel
Iviza, aus den Lagunen von Torrevieja (Provinz Alicante, in der
Regie des Staats) etc. Der gesamte Salzexport beträgt
jährlich 2,5 Mill. metr. Ztr. Manganerz (Braunstein) wird am
meisten in der Provinz Huelva zu Tage gefördert, doch droht es
infolge des Raubbaues bald gänzlich zu versiegen. Alaungruben
finden sich an vielen Orten; Schwefel wird besonders in Murcia und
Ostgranada, Schwefelkies in der Provinz Huelva (namentlich in den
schon erwähnten Gruben von Rio Tinto und Tharsis mit
fortwährend steigendem Export), Asphalt in der Provinz Alava,
Antimon in Saragossa, Ciudad Real und bei Cartagena, außerdem
Graphit, Bergöl, Naphtha und Phosphorit (letzteres für
die Agrikultur äußerst wichtige Material in 9 Minen der
Provinz Caceres mit einer durchschnittlichen Ausbeute von 1,8 Mill.
metr. Ztr.) gewonnen.

71

Spanien (Industrie).

Industrie.

Die spanische Industrie nimmt zwar noch lange nicht den Platz
ein, der ihr in anbetracht der reichen Hilfsquellen und der
günstigen kommerziellen Lage des Landes gebührt; doch hat
dieselbe in neuester Zeit einen bedeutenden Aufschwung genommen.
Die industriellsten Provinzen sind: Barcelona, Gerona, Tarragona,
Guipuzcoa und Viscaya, nächst diesen Valencia, Murcia,
Alicante, Almeria, Granada, Sevilla, Malaga, Galicien, Asturien,
Santander, Madrid und Ciudad Real. Was die einzelnen
Industriezweige betrifft, so wird die Verfertigung von Eisen- und
Stahlwaren am ausgedehntesten in Katalonien, in den baskischen
Landschaften und in den Provinzen Malaga und Sevilla betrieben.
Guten Ruf hat das Land in der Erzeugung von Handwaffen, wofür
Fabriken zu Toledo, Oviedo und Plasencia (Guipuzcoa) bestehen;
berühmt sind insbesondere die Klingen von Toledo. Ein
großes Etablissement ist auch die Nationalfabrik zu Trubio
(Oviedo) für Eisengußwaren und Artilleriematerial. Neben
den Eisenwaren produziert S. viel Kupfer- und Bleiwaren, Messing
namentlich zu San Juan de Alcaraz (Provinz Albacete), Bronzewaren
zu Barcelona, Eibar (Guipuzcoa) und in Navarra, Schmucksachen und
Filigranarbeiten. Der Maschinenbau hat seine Hauptsitze zu
Barcelona (4 große Werkstätten mit ca. 1700 Arbeitern),
Sevilla, Malaga, Madrid und Valladolid, der Schiffbau zu Barcelona,
Cartagena, Cadiz und Santander, die Verfertigung von chirurgischen
und Präzisionsinstrumenten zu Madrid. Musikinstrumente, und
zwar Pianos, werden zu Barcelona, Sevilla, Saragossa und
Valladolid, Guitarren zu Murcia, Streichinstrumente vorzugsweise zu
Palma fabriziert. Für Porzellan bestehen zwei Fabriken,
für Steingut- und Fayenceerzeugung ein ansehnliches
Etablissement zu Sevilla und weitere Unternehmungen in den
Provinzen Valencia, Madrid und Castellon. Die Fabrikation
feuerfester Thonwaren steht zu Barcelona auf einer Höhe,
welche einen nicht unbedeutenden Export nach den Häfen des
Mittelmeers bis nach Konstantinopel zuläßt. Eine
wichtige Industrie ist auch die Erzeugung von Ziegelfliesen,
glasierten Platten und Mosaikfußböden, welche namentlich
als Hausindustrie Tausende von Arbeitskräften, insbesondere in
der Provinz Valencia, beschäftigt und einen wesentlichen
Exportartikel liefert. Hydraulischer Kalk (Zement) wird nur in
Guipuzcoa in einer Menge von jährlich ca. 100,000 metr. Ztr.
erzeugt. S. liefert gutes Glas in ziemlich großer Menge, aber
hauptsächlich nur für den inländischen Bedarf,
während der Export nach den Kolonien ein geringer ist;
geschliffene Glaswaren werden eingeführt. Die Glasindustrie
wird an vielen Orten, insbesondere in Badalona, Murcia, Cadalso
(Madrid) und Gijon, betrieben. Die Verarbeitung des Korks zu
Pfropfen, Platten und Tafeln bildet einen ergiebigen Industriezweig
in der Heimat des Rohstoffs, der Provinz Gerona (Exportwert 1886
über 17 Mill. Pesetas). Tischlerwaren werden zu Madrid und
Barcelona verfertigt, ohne daß jedoch in feinern Artikeln die
ausländische Industrie vom Markt verdrängt wäre.
Bedeutend ist namentlich für die Hausindustrie die Stroh- und
Binsenflechterei. Die Lederindustrie Spaniens stand in
früherer Zeit auf einer viel höhern Stufe als dies
gegenwärtig der Fall ist, obschon das Land noch immer durch
die Erzeugung von Saffian und Korduan hervorragt und gewisse
Quantitäten von Leder ausführt. Die besten Fabrikate
kommen von Cordova, Barcelona, Toledo, Burgos und aus den
baskischen Provinzen. Insbesondere ist S. die Heimat der
kunstvollsten Riemerartikel (Sättel und Reitzeuge). Die
Seidenindustrie, für welche alle klimatischen Bedingungen
vorhanden sind, ist durch die Seidenraupenkrankheit sehr
beeinträchtigt worden und beschränkt sich
gegenwärtig hauptsächlich auf die Provinzen Murcia,
Valencia und Sevilla, in welchen übrigens die Seidenspinnerei
ein vorzügliches Erzeugnis liefert. Die Produktion an
Seidenkokons beträgt etwas über 1 Mill., an Rohseide
durchschnittlich 85,000 kg. Die Seidenweberei war in frühern
Jahrhunderten blühend und wird gegenwärtig noch, ohne den
Bedarf zu decken, fabrikmäßig zu Madrid, Valencia,
Barcelona, Granada, Sevilla und Toledo betrieben. Die
Schafwollweberei macht große Fortschritte, arbeitet jedoch
bloß für den einheimischen Markt, wobei ihr das Ausland
Konkurrenz bietet. Der Hauptsitz ist Katalonien, namentlich
Barcelona, Tarrasa, Sabadell, Manresa u. a. O. Barcelona zeichnet
sich auch in der Fabrikation von Shawls und Möbelstoffen durch
gediegene Leistungen aus. Gute Tuche und Flanelle werden in Alcoy,
Palencia, Bejar (Provinz Salamanca) etc. erzeugt. Valencia und
Murcia liefern Decken aus Streich- und Kammgarn, welche den
Bewohnern zur Bekleidung, zum Schmuck und zum Tragen der Utensilien
unentbehrlich sind. Verhältnismäßig günstig
entwickelt ist die spanische Baumwollindustrie. Während die
Spinnerei 1834 erst 600,000 Feinspindeln zählte, hob sich
diese Ziffer 1881 auf 1,835,000. Der Baumwollkonsum betrug im
Durchschnitt der letzten Jahre 490,000 metr. Ztr. Die
größte Bedeutung hat die Baumwollindustrie für
Katalonien. Barcelona versteht mit gewebten und bedruckten Stoffen
(Indiennes) fast alle spanischen Kolonien. Außerdem ist diese
Industrie noch in den baskischen Provinzen, in Malaga, Santander,
Valladolid und den Balearen vertreten, obgleich immer noch ein
Import (Garne 1886 für 2,1, Gewebe für 11,4 Mill.
Pesetas) notwendig ist. Die Flachsspinnerei macht gute
Fortschritte. Die Leinweberei arbeitet für die
Bedürfnisse des eignen Landes und exportiert nach den Kolonien
und Brasilien, wogegen aber auch ein Import aus
Großbritannien und Irland stattfindet. Die Sitze dieser
Industrie sind: die Landschaften Katalonien, Aragonien, Kastilien,
Galicien u. Navarra. Die Espartoweberei, welche in Murcia, Alicante
u. a. O. betrieben wird, liefert verschiedene Waren, als:
Überzieher für Bergleute, Teppiche, Lauftücher etc.
In Leinen- und Hanfgarn fand in den letzten Jahren ein Import von
durchschnittlich 42,000 metr. Ztr., an Geweben ein solcher von 6300
metr. Ztr. statt. Färberei und Druckerei sind alte und
wichtige Zweige der spanischen Industrie, zumal in Katalonien und
in den baskischen Provinzen. Die Spitzenmanufaktur ist gleichfalls
sehr alt und im Fortschreiten begriffen; ihre Heimat ist
Katalonien. Maschinenspitzen werden zu Barcelona, Mataro u. a. O.
erzeugt. Handschuhe liefern Madrid und Valladolid, Wirkwaren
Barcelona. Die Industrie in Schuhwaren schwingt sich auf den
Balearen sichtlich empor (Export über Barcelona nach den
spanischen Kolonien). Für den Konsum der spanischen
Landbevölkerung werden auch Schuhwaren aus Hanf (Alpargatas)
an vielen Orten gefertigt. Neu aufstrebende Industrien sind die
Fächerfabrikation in Valencia und die Knopffabrikation in
Madrid. In der Papierfabrikation findet der Maschinenbetrieb immer
weitere Verbreitung. Es gibt bereits ca. 40 Papierfabriken (zu
Barcelona, Tolosa etc.), während die Zahl der
Papiermühlen mit Büttenbetrieb immer mehr abnimmt. Ein
Hauptartikel der

72

Spanien (Handel, Schiffahrt).

Papierfabrikation ist das Zigarrettenpapier (namentlich in
Alcoy). Bedeutend ist die Industrie in Nahrungs- u.
Genußmitteln. Es bestehen 18 Raffinerien für
Kolonialzucker (Barcelona, Malaga und Umgebung, Granada und
Almeria; Produktion jährlich ca. 150,000 metr. Ztr.),
zahlreiche Schokoladefabriken, so zu Madrid und Umgebung,
Barcelona, Saragossa, Ciudad Real, Leon, Astorga, Oviedo, Malaga
etc., mehrere Fabriken für konservierte und kandierte
Früchte, einige große Fabriken für Fisch- und
Fleischkonserven (in Guipuzcoa und Coruña) und mehrere
Unternehmungen für Maccaroni- und Teigwarenerzeugung (in
Malaga). Weizenmehl wird von Santander aus nach den spanischen
Kolonien verschifft (in den letzten Jahren durchschnittlich 275,000
metr. Ztr.). Erwähnenswert sind ferner: die Spirituserzeugung
aus Wein und dessen Rückständen, die Fabrikation von
Likören (besonders Anislikör in der Provinz Albacete) und
die Bierbrauerei in den größern Städten. Die
Tabaksfabrikation ist Staatsmonopol, welches aber seit 1887
verpachtet ist, und beschäftigt große Etablissements zu
Madrid, Sevilla, Santander, Gijon, Coruña, Valencia und
Alicante. Die erforderlichen Blätter kommen
größtenteils aus den überseeischen Kolonien (Cuba,
Puerto Rico, Philippinen), teilweise auch aus Deutschland. Doch
werden daneben Massen von fremden Zigarren eingeschmuggelt. Endlich
sind noch die Zinnobererzeugung, die Fabrikation von Seife
(Katalonien und Andalusien, insbesondere Malaga), Kerzen und
verschiedenen Chemikalien, die Buchdruckerei und Lithographie
(Hauptort Madrid) hervorzuheben. In ganz S. besteht schon seit
geraumer Zeit Gewerbefreiheit. Es gibt daher keine Innungen und
Zünfte, sondern bloß Vereinigungen (gremios) von
Handwerkern und Gewerbtreibenden zu irgend einem gemeinsam besser
als einzeln zu erreichenden Zweck. Zur Beförderung der
Industrie und der Gewerbe dienen außer den Handelskammern (s.
unten): der Industrieverein zu Madrid, die Gewerbevereine in
verschiedenen Städten und die technischen
Unterrichtsanstalten.

Handel und Verkehr.

S. hat eine für den Handel, namentlich den Welthandel,
äußerst günstige Lage, und geraume Zeit war der
spanische Handel einer der umfangreichsten der Welt. Wenn er in der
Gegenwart kaum noch an das erinnert, was er einst gewesen, so sind
daran einerseits die äußern und innern Kriege,
anderseits aber die Vernachlässigung der natürlichen
Hilfsquellen des Landes schuld. Das Zentrum des gesamten innern
Handels bildet Madrid. Nächstem sind Valladolid, Palencia,
Burgos, Oviedo, Vitoria, Saragossa und Granada die wichtigsten
Plätze des Binnenhandels. In betreff des äußern
Handels zerfällt S. in mehrere selbständige Zollgebiete,
nämlich: das Festland mit den Balearen, die Kanarischen
Inseln, die Provinzen in Amerika, die Besitzungen in Asien und
Ozeanien, die Insel Fernando Po mit deren Dependenzen, die
nordafrikanischen Besitzungen. Jedes dieser Zollgebiete hat seinen
besondern Tarif; die nordafrikanischen Häfen sind zu
Freihäfen erklärt worden. In dem Zollgebiet des
spanischen Festlandes und der Balearen wurde ein Tarif 5. Okt. 1849
eingeführt, seitdem aber vielfach modifiziert und namentlich
durch die abgeschlossenen Handelsverträge ermäßigt.
So hat S. 1861 mit Marokko, 1862 mit der Türkei, 1864 mit
China, 1865 mit Frankreich, dann seit 1870 mit den meisten andern
europäischen Staaten und mit Siam Handels- und
Schiffahrtsverträge abgeschlossen, darin
Einfuhrzollbegünstigungen für fremde Produkte zugestanden
und sich zugleich verpflichtet, diese Zollsätze in einem
spätern Termin noch weiter herabzusetzen. Die finanzielle Lage
und der Vorgang der übrigen Kontinentalstaaten auf dem Weg des
Schutzzollsystems veranlaßten jedoch auch S., zur
Erhöhung der Einfuhrzollsätze mittels neuer Tarife (1882
und 1886) zu schreiten und in diesem Sinn modifizierte
Handelsverträge mit den übrigen Staaten
abzuschließen. Bemerkenswert für den auswärtigen
Handel Spaniens ist, daß von seiten Portugals und von
Gibraltar aus starker Schleichhandel (von letzterm Punkt namentlich
mit englischen Waren) getrieben wird. Der Gesamtwert der Ein- und
Ausfuhr Spaniens (und zwar des Festlandes mit Einschluß der
Balearen) betrug in den letzten Jahren in Millionen Pesetas (1
Peseta = 80 Pfennig):

Jahr Einfuhr Ausfuhr Jahr Einfuhr Ausfuhr

1882 816,7 765,4 1885 764,8 698,0

1883 893,4 719,5 1886 855,2 727,3

1884 779,6 619,2 1887 811,2 722,2

Der auswärtige Handel von S. bewegt sich hauptsächlich
auf dem Seeweg. Auf den Landhandel kamen nämlich vom gesamten
Warenverkehr des letztgenannten Jahrs nur 16, auf den Seehandel
dagegen 84 Proz. Die Hauptartikel des auswärtigen Handels sind
in der Ausfuhr (mit Angabe des Wertes 1887 in Millionen Pesetas):
Wein (281,7), Erze (86,7), Blei (22,0), Rosinen (22,2), Vieh
(12,4), Kork (16,8), Orangen (15,4), Schafwolle (14,1),
Olivenöl (9,7, 1885: 40,0), Schuhwaren (12,4), Esparto (8,9),
Weintrauben (9,7), Weizenmehl (5,2), Konserven (6,9), Eisen und
Eisenwaren (10,4); in der Einfuhr: Weizen (62,8), Baumwolle (62,5),
Spiritus (45,0), Holz (35,3), Tabak (30,3), Fische (29,8), Zucker
(29,7), Mineralkohle (25,6), Schafwollwaren (24,9), Maschinen
(20,1), Häute und Felle (19,4), andre Cerealien (17,5), Vieh
(17,1), Eisen und Eisenwaren (16,9), Chemikalien (15,8), Kakao
(13,6), Flachs- und Hanfgarn (13,3). Was die einzelnen Länder
betrifft, welche an dem auswärtigen Handel Spaniens
partizipieren, so kommt der Hauptanteil auf Frankreich (234,7 Mill.
Pesetas in der Einfuhr und 308,9 Mill. in der Ausfuhr) und
Großbritannien (114,0, resp. 184,6 Mill. Pesetas). Hieran
reihen sich die Vereinigten Staaten von Nordamerika (99,6 und 21,9
Mill.), Cuba (37,3 und 61,0 Mill.), Deutschland (82,9 und 9,6
Mill.), Belgien, Portugal, Italien, die Philippinen, Puerto Rico,
Argentinien, Niederlande, Norwegen etc.

Die Schiffahrt Spaniens zeigt im letzten Jahrzehnt einen
kräftigen Aufschwung. Die Zahl der Häfen an der
spanischen Küste und auf den Balearen beträgt 116, wovon
56 auf die Küste des Atlantischen Meers, 60 auf die des
Mittelmeers kommen. Die wichtigsten von erstern sind: Bilbao,
Santander, Gijon, Ferrol (Kriegshafen), Coruña, Vigo, Huelva
und Cadiz; von letztern: Malaga, Almeria, Cartagena, Alicante,
Valencia-Grao, Tarragona und Barcelona; auf den Balearen und
Pithyusen: Palma, Mahon und Iviza. In den letzten Jahrzehnten sah
man die Notwendigkeit der Herstellung sicherer und verbesserter
Hafenanlagen ein. Demgemäß wurden auch die Arbeiten,
zunächst in Alicante, Barcelona, Cartagena, Tarragona und
Valencia-Grao, in Angriff genommen und großenteils bereits
durchgeführt. Die Zahl der im Betrieb befindlichen
Leuchttürme beträgt 198. In dem Leuchtturm auf Kap
Machichaco in Viscaya besteht eine Schule für
Leuchtturmwächter. Die Handelsmarine Spaniens zählte
Anfang 1884: 1544 Segelschiffe mit 308,779 Registertonnen und 282
Dampfer

73

Spanien (Eisenbahnen etc., Münzen, Wohlthätigkeits- u.
Strafanstalten, Staatsverfassung).

mit 200,100 Ton., zusammen 1826 Seeschiffe mit 508,879 T. Die
Schiffahrtsbewegung sämtlicher Häfen Spaniens bezifferte
sich 1887 in Registertonnen:

Eingelaufen Ausgelaufen

Spanische Schiffe 4264482 4420130

Fremde Schiffe 6900494 6696443

Zusammen: 11164976 11116573

Hierzu Küstenschiffahrt (1885) 5661952 5237227

Die Binnenschiffahrt ist in S. von geringem Belang. Unter den
Strömen ist ein einziger, welcher bei hohem Wasserstand
streckenweise befahren werden kann, nämlich der Ebro, auf
welchem flache Fahrzeuge dann bis Saragossa, wohl auch bis in die
Provinz Navarra gelangen können. Der Guadalquivir, Guadiana
und Minho sind nur ein Stück von der Mündung an hinauf
für größere Schiffe fahrbar, der erstgenannte
für Seeschiffe bis Sevilla; dieselben kommen daher bei der
Binnenschiffahrt nicht in Betracht. Die übrigen Ströme
sind, soweit sie S. angehören, so voller Sandbänke,
Löcher und Strudel, daß sie sich gar nicht zur
Schiffahrt eignen. Unter den Kanälen steht der unter Karl V.
begonnene Kaiserkanal von Aragonien obenan, 119 km lang, 3,35 m
tief und an der Oberfläche 23,5 m breit, außer zur
Schiffahrt auch zur Bewässerung dienend. Im 18. Jahrh. wurden
drei schiffbare Kanäle hergestellt, worunter der 160 km lange
Kastilische, der bei Alar del Rey aus dem Pisuerga ausgeht und
unweit Simancas an demselben Fluß endigt, der wichtigste ist.
Der Manzanareskanal (von Toledo nach Madrid, 14 km) sowie der
Canale Nuevo, bei Amposta aus dem Ebro ausgehend und in San Carlos
de la Rapita nach 11 km Länge endigend, werden zur Schiffahrt
wenig benutzt. Aus diesem Jahrhundert datieren der Guadarramakanal
(17 km) und der Murciakanal (28 km). Neuerlich hat eine
Aktiengesellschaft auch die Kanalisierung des Ebro bis Saragossa
unternommen. Die Gesamtlänge aller schiffbaren Kanäle und
Flüsse Spaniens beträgt ungefähr 700 km.

Die erste Eisenbahn, von Barcelona nach Mataro (28 km), wurde
28. Okt. 1848 dem Verkehr übergeben. Seitdem entwickelte sich
das Eisenbahnnetz Spaniens in folgender Progression: 1855: 595 km,
1865: 5226 km, 1876: 5796 km, 1886: 9185 km. Die
hauptsächlichsten Linien sind: Die Spanische Nordbahn von
Madrid über Irun an die französische Grenze, mit
Zweiglinien nach Zamora, Salamanca, Segovia und Santander. An die
Nordbahn schließen sich die Nordwestliche oder Galicische
Eisenbahn mit den Linien Palencia-Coruña, Monforte-Vigo und
Leon-Gijon, dann die Eisenbahn Tudela-Bilbao, welche die Nordbahn
bei Miranda kreuzt. Eine wichtige Linie ist im NO. die Eisenbahn
von Saragossa nach Pamplona, welche einen Zweig zur Nordbahn nach
Alsasua entsendet. Von Madrid laufen außer der
ersterwähnten Bahn noch die Eisenbahn über Saragossa nach
Barcelona und die nach Alicante aus, welche beide miteinander durch
die Küstenbahn über Tarragona und Valencia nach Almansa
in Verbindung stehen, und wovon die erstere mehrere Zweiglinien in
Katalonien und die Linie über Portbou nach Frankreich, die
letztere die Zweiglinien nach Toledo und Cartagena entsenden. An
die Eisenbahn Madrid-Alicante schließen sich endlich die
andalusischen Bahnen nach Cadiz, Malaga und Granada sowie die
Eisenbahn über Ciudad Real und Badajoz nach Portugal an. Von
Madrid nach Lissabon führt außerdem die neue direkte
Linie über Talavera. Auch die Insel Mallorca hat ihre
Eisenbahn Palma-Manacor. Die Ausführung der einzelnen
Eisenbahnlinien erfolgte durch Privatgesellschaften, meist mit
englischen Kapitalien. Pferdebahnen bestehen zu Madrid, Barcelona
und Valencia-Grao. Auch auf den arg vernachlässigten
Straßenbau hat man in neuerer Zeit große Summen
verwendet; die Gesamtlänge der fertigen Straßen
beträgt gegenwärtig ca. 19,000 km. Weitere 3000 km sind
teils im Bau, teils projektiert. Am meisten leidet noch das Zentrum
des Landes durch Mangel an Verkehrswegen. Auch auf Vizinalwege wird
wenig Bedacht genommen. Das spanische Staatstelegraphenwesen
umfaßte 1886 ein Netz von 17,840 km Linien mit einem
Betriebspersonal von 3540 Individuen. Der Korrespondenzverkehr
ergab 2,8 Mill. Depeschen. Dem Postwesen standen 1886: 2655
Anstalten mit einem Personal von 7112 Individuen zur
Verfügung. Der Briefpostverkehr umfaßte 111 Mill.
Stück. Seit 1886 sind 15 Handels-, Industrie- und
Schiffahrtskammern errichtet worden. Banken mit dem Rechte der
Notenemission bestanden früher in den meisten
größern Städten. Durch das Gesetz vom 19. März
1874 wurde jedoch die Kreditzirkulation in einer einzigen Bank, der
Bank von S. (Grundkapital 100 Mill. Pesetas) in Madrid,
konzentriert und zu ihren gunsten die Aufhebung aller andern
Zettel- und Diskontobanken angeordnet. Die meisten derselben haben
sich zu Filialen der Bank von S. umgestaltet. Außerdem gibt
es eine größere Anzahl von selbständigen
Kreditinstituten, zahlreiche Sparkassen, Leihhäuser,
Börsen in allen großen Handelsplätzen etc. Die
berühmtesten Messen sind die von Talavera de la Reina in
Neukastilien, Palencia, Valladolid, Medina de Rioseco und Soria in
Altkastilien, Puenta de la Reina, Estrella und Corella in Navarra,
Granollers und Tarrasa in Katalonien, Ronda und Puerto de Santa
Maria in Andalusien; Hauptwollmärkte die von Cuenca in
Neukastilien und Bejar in Leon. Münzeinheit ist seit 1871 die
Peseta à 100 Centimos = 1 Frank = 4 Reales de vellon
(Kupferreal). Die gangbaren Münzsorten sind in Gold: der
Golddoblon = 100 Realen = 21,06 Mk., der Goldthaler (escudo de oro)
= 40 Realen = 8,42 Mk., der halbe Goldthaler (coronilla) = 20
Realen; in Silber: der Duro oder spanische Thaler (peso fuerte, im
Ausland Piaster genannt) = 20 Realen = 4,20 Mk., der halbe Duro
oder Escudo (medioduro, escudo) = 10 Realen, die Peseta = 4 Realen,
die halbe Peseta = 2 Realen, der einfache Real (real de vellon).
Das einzige Papiergeld des Landes sind gegenwärtig die Noten
der Bank von S., deren höchste Abschnitte aber nicht auf mehr
als 1000 Pesetas lauten dürfen. In Bezug auf Maß und
Gewicht ist seit 1855 gesetzlich das metrische System
eingeführt.

Ungemein groß ist die Zahl der
Wohlthätigkeitsanstalten, deren man bereits 1859: 1028
zählte, worin 455,290 Individuen verpflegt wurden. Die Straf-
und Besserungsanstalten zerfallen in Zuchthäuser für
männliche Verbrecher und Korrektionshäuser für
Weiber. Die schwersten Verbrecher werden in den an die Stelle der
ehemaligen Galeeren getretenen Zuchthäusern in Ceuta,
Alhucemas, Melilla und Peñon de Velez untergebracht.

Staatsverfassung und Verwaltung.

Das Grundgesetz der gegenwärtigen Staatsverfassung des
Königreichs S. bildet die Konstitution vom 30. Juni 1876.
Hiernach ist S. eine eingeschränkte Monarchie,
gegenwärtig unter der Dynastie Bourbon. Als Thronfolgeordnung
gilt die kognatische, wonach das weibliche Geschlecht in Bezug auf
die Succession gleiches Recht mit dem männlichen besitzt und
nur die Nähe der Linie darüber entscheidet, wer
nachfol-

74

Spanien (Staatsverwaltung, Rechtspflege).

gen soll, so daß ein näher verwandter weiblicher
Abkömmling einem entfernter verwandten männlichen
vorangeht, in der erbenden Linie aber der jüngere Prinz vor
der ältern Prinzessin den Vorzug hat. Die
Successionsfähigkeit ist von dem römisch-katholischen
Glaubensbekenntnis abhängig. Die Großjährigkeit
tritt mit dem vollendeten 16. Jahr ein. Wenn die Erbfolge einen
noch minderjährigen Succedenten trifft, oder wenn der Monarch
durch längere Zeit verhindert ist, selbst zu regieren, so
tritt im ersten Fall eine Vormundschaft, in beiden Fällen eine
Regentschaft ein, deren Bestellung durch die Volksvertretung
erfolgt. Gegenwärtiger König ist Alfons XIII.,
nachgeborner Sohn Alfons' XII., geb. 17. Mai 1886. Regentin ist
seine Mutter Marie Christine. Der König, bez. Regent übt
die gesetzgebende Gewalt gemeinsam mit den Cortes aus, welche sich
in zwei Kammern gliedern: den Senat und den Kongreß der
Deputierten. Der Senat wird gebildet: von den Senatoren
vermöge eignen Rechts; von den Senatoren, welche von der Krone
auf Lebenszeit ernannt werden; von den Senatoren, welche durch die
Provinzialvertretungen und die Höchstbesteuerten gewählt
werden und sich alle fünf Jahre zur Hälfte erneuern.
Senatoren von Rechts wegen sind: die großjährigen
Söhne des Königs und des Thronfolgers; die Granden von
S., welche eine jährliche Rente von 60,000 Pesetas
genießen; die Generalkapitäne des Heers und die Admirale
der Flotte; die Erzbischöfe; die Präsidenten des
Staatsrats, des obersten Gerichtshofs, des Rechnungshofs, des
obersten Kriegs- und des obersten Marinerats, wenn sie sich zwei
Jahre im Amt befinden. Die vom König ernannten oder von den
Provinzialvertretungen u. den Höchstbesteuerten gewählten
Senatoren müssen bestimmten Klassen des Beamtenstandes, der
Armee, des Klerus angehören oder eine jährliche Rente von
20,000 Pesetas beziehen. Die Zahl der Senatoren kraft eignen Rechts
und der vom König ernannten Senatoren darf zusammen 180 nicht
übersteigen, und dieselbe Zahl entfällt auf die
gewählten Senatoren. Jeder Senator muß Spanier und 35
Jahre alt sein. Der Kongreß der Deputierten setzt sich aus
denjenigen Mitgliedern zusammen, welche von den Wahljunten auf
fünf Jahre, im Verhältnis von einem Deputierten auf
40,000 Einw., gewählt werden. Um zum Deputierten gewählt
zu werden, sind die spanische Staatsbürgerschaft, der
weltliche Stand, die Großjährigkeit und der Genuß
aller bürgerlichen Rechte erforderlich. Das passive Wahlrecht
ist durch keinen Zensus, das aktive Wahlrecht seit der Wahlreform
vom 20. Juli 1877 durch einen solchen von 25 Pesetas
beschränkt. Die Cortes versammeln sich alle Jahre. Der
Präsident und die Vizepräsidenten der Zweiten Kammer
werden von der Kammer gewählt, die der Ersten Kammer vom
König ernannt. Der König und jede der beiden legislativen
Körperschaften besitzen das Recht der Initiative zu den
Gesetzen. Finanzgesetze müssen zuerst dem Kongreß der
Deputierten vorgelegt werden. Der Kongreß besitzt das Recht
der Ministeranklage, wobei der Senat als Gericht fungiert. Die
Abgeordneten erhalten keine Vergütung oder Diäten. Die
Staatsbürgerrechte entsprechen den in den übrigen
repräsentativen Monarchien gewährleisteten Grundrechten.
Die Staatsbürger teilen sich dem Stand nach in Adel,
Geistlichkeit, Bürger und Bauern, welche Stände aber vor
dem Gesetz gleich sind. Der Adel zerfällt in den hohen, der
sich wieder in Grandes und Titulados teilt, und in den niedern der
Hidalgos oder Fidalgos. Die "Grandeza" wird gegenwärtig vom
König teils als persönliche Auszeichnung, teils erblich
erteilt und führt das Prädikat "Exzellenz". Die Titulados
sind Familien, welche von alters her den stets nur auf den
ältesten Sohn übergehenden Titel Herzog, Marquis, Graf,
Visconde oder Baron führen. Der äußerst zahlreiche
niedere Adel zerfällt in Ritter- und Briefadel. Aber weder der
hohe noch der niedere Adel hat irgend welche politische Vorrechte.
Das Prädikat "Don", früher nur dem hohen Adel zustehend,
wird jetzt jedem gebildeten Mann gegeben. Die Gemeindeverfassung
datiert in ihrer jetzigen Form von 1845 und ist, wie auch die
Provinzialverfassung, im wesentlichen der französischen
nachgebildet. In jeder Provinz sind Provinzialdeputationen
eingesetzt, deren Mitglieder von den Gemeindevertretungen
gewählt werden. Jede Gemeinde von mindestens 30 Mitgliedern
hat ihre eigne Gemeindevertretung (ayuntamiento), welche auf zwei
Jahre gewählt wird, und welcher der Alkalde, der zugleich
Friedensrichter ist, präsidiert. Die Alkalden werden von den
Gemeinden alljährlich neu gewählt, aber von der Regierung
bestätigt.

An der Spitze der gesamten Staatsverwaltung steht der
Ministerrat (consejo de ministros), dem der königliche
Staatsrat (consejo de estado) zur Seite steht. Der Staatsrat
besteht aus 33 Räten, die vom König ernannt werden, und
den Ministern, berät in seinen den Ministerien entsprechenden
Sektionen Regierungsmaßregeln und entscheidet über
Kompetenzkonflikte zwischen Gerichts- und Verwaltungsbehörden.
Königliche Ministerien sind: das Ministerium des
Äußern (zugleich für die Angelegenheiten des
königlichen Hauses), das Ministerium der Gnaden und Justiz
(auch für den Kultus), das Kriegsministerium, das
Marineministerium, das Finanzministerium, das Ministerium des
Innern (ministerio de la gobernacion, auch für das Eisenbahn-,
Post- und Telegraphenwesen), das Ministerium für die
Volkswirtschaft (ministerio de fomento, für Landwirtschaft,
Bergbau, Industrie, Handel, Bauten und Unterrichtswesen) und das
Ministerium der Kolonien (ministerio de ultramar). Selbständig
ist der Rechnungshof. Zur Leitung der Provinzialverwaltung stehen
an der Spitze der 49 Provinzen für die gesamte innere und
Steuerverwaltung die Gouverneure, welchen die
Provinzialdeputationen und deren permanente Kommissionen beigegeben
sind. Ferner bestehen in jeder Provinz eine Sanitätsjunta und
eine Hauptpostverwaltung. Die Polizei wird in den Gemeinden von den
Alkalden, in größern Städten von besondern
Polizeikommissaren, unter Aufsicht des Gouverneurs, gehandhabt.
Für die Militärverwaltung sind 16 Generalkapitanate und
unter diesen Provinzialmilitärgubernien, für die Marine 3
Departements (Generalkapitanate) errichtet. Die Kolonialverwaltung
besteht für jede Kolonie aus einer Regierung mit dem
Generalkapitän, dem obersten Militärkommandanten und
einem Zivilgouverneur, welch letzterer unmittelbar vom König
dependiert. Der Volksvertretung ist keine Beteiligung dabei
eingeräumt.

Die Gerichtsverfassung beruht auf Öffentlichkeit und
Mündlichkeit des Verfahrens und Geschwornengerichten.
Römisches Recht und Landrecht bilden die Grundlage des
Rechtswesens; die in den baskischen Provinzen bisher geltenden
Sonderrechte (fueros) wurden 1876 aufgehoben. Die unterste Instanz
bilden die Alkalden der Gemeinden als Friedensrichter.
Außerdem bestehen noch 500 Untergerichtsbezirke (partidos)
mit je einem Gerichtshof erster Instanz. Diese sind verteilt unter
15 Ober- oder Appellations-

75

Spanien (Finanzen, Heer und Flotte, Wappen, Orden etc.).

gerichtshöfe (audiencias territoriales). Die oberste
Instanz bildet der höchste Gerichtshof zu Madrid. In
Preßprozessen erkennen Geschwornengerichte. Außer
diesen ordentlichen Gerichten bestehen noch: geistliche und
Militärgerichte, das Tribunal de hacienda publica in
Steuersachen, Handelsgerichte, Berggerichte sowie Gerichte für
das Post- und Straßenwesen. Das spanische
Zivilgerichtsverfahren ist jetzt auch in den Kolonien Cuba und
Puerto Rico eingeführt.

Finanzen.

Die Budgetvoranschläge für das Finanzjahr

1888/89 ergaben (in Pesetas):

A. Einnahmen.

Direkte Steuern 310 983 000

Indirekte Steuern 314 294 394

Zölle 172 993 000

Staatsmonopole 21 198 038

Nationalgüter 7 944 000

Staatsschatz 24 255 500

Zusammen 851 667 932

B. Ausgaben.

Zivilliste 9 350 000

Portes 1 940 205

Staatsschuld 279 099 611

Gerichtshöfe 1 361 276

Pensionen 50 593 826

Ministerpräsidium 1 148 959

Auswärtiges 5 300 620

Gnaden und Justiz 59 092 859

Krieg 154 720 262

Marine 26 683 627

Inneres 31 186 581

Öffentliche Arbeiten u. Unterricht 100 385 507

Finanzen 20 826 781

Verwaltung der Steuern 106 967 871

Zusammen: 848 657 985

Die Staatsschuld, welche in den 70er Jahren bereits einen Stand
von 12,000 Mill. Pesetas überschritten hatte, wurde seither
durch eine umfassende Konversion um mehr als die Hälfte
verringert; am 1. Jan. 1887 belief sie sich schon wieder auf ein
Kapital von 6334 Mill. Pesetas; die Jahreszinsen betrugen 238 Mill.
Pesetas.

Meer und Flotte.

Das Kriegswesen Spaniens ist nach der Beendigung des
Bürgerkriegs in den Jahren 1877 und 1878 neu organisiert
worden. Hiernach besteht in S. das System der allgemeinen
Wehrpflicht, jedoch mit Loskauf (für gebildete junge Leute vom
Dienst in der aktiven Armee) und Stellvertretung (unter
Brüdern). Die Militärpflicht beginnt mit dem 20.
Lebensjahr und dauert 12 Jahre (3 Jahre in der aktiven Armee, 3
Jahre in der Reserve derselben und 6 Jahre in der zweiten Reserve).
Die Ergänzung der Kriegsflotte erfolgt nach denselben
Prinzipien aus der seemännischen Bevölkerung. Die
Kolonialtruppen werden teils durch die Bewohner der
überseeischen Besitzungen, teils durch die Ausgehobenen im
Mutterland ergänzt. Die Truppen des Heers sind: a) Infanterie:
61 Linienregimenter zu 2 Bataillonen und 21 Jägerbataillone,
alle diese zu je 4 Feld- und 2 Depotkompanien, 140
Reservebataillone und 140 Depotbataillone zu 6 Kompanien (davon 2
in Kadrestärke), 31 Disziplinarbataillone; b) Kavallerie: 1
Eskadron königlicher Garden, 28 Regimenter (8 Ulanen-, 14
Jäger-, 4 Dragoner- und 2 Husarenregimenter) zu 4 Eskadrons,
28 Reserveregimenter; c) Artillerie: 5 Regimenter zu 4 Batterien
Korpsartillerie, 5 Regimenter zu 6 Batterien Divisionsartillerie, 1
reitende Batterie, 2 Gebirgsartillerieregimenter (zu 6
Bataillonen), 1 Regiment Belagerungsartillerie (mit 4 Batterien), 9
Bataillone Festungsartillerie, 7 Reserveregimenter; die Batterie
zählt im Frieden 4, im Krieg 6 Geschütze; d)
Ingenieurtruppen: 4 Regimenter Sappeure und Mineure (zu 2
Bataillonen), 4 Reserveregimenter, 1 Pontonierregiment, 1
Eisenbahn- und 1 Telegraphenbataillon; e) die Guardia civil
(Gendarmerie), die Karabiniere (Zoll- und Grenzwache) und die
Provinzialmiliz auf den Kanarischen Inseln - letztere mit 7
Bataillonen). Der Friedens- und Kriegsstand betragen:

im Frieden

Infanterie 83 808 Mann

Kavallerie 14 364 -

Artillerie 11 340 -

Ingenieurtruppen 4 279 -

Andre Formationen 2 422 -

Zusammen: 116 213 Mann

im Krieg

Infanterie 734 679 Mann

Kavallerie 21 452 -

Artillerie 30 355 -

Ingenieurtruppen 7 163 -

Andre Formationen 9 538 -

Zusammen: 803 187 Mann

Die Kavallerie verfügt im Frieden über 10,233, im
Krieg über 17,205 Pferde, die Artillerie zählt im Frieden
392, im Krieg 460 Geschütze. Hierzu kommen dann die Guardia
civil mit 15,302 und die Karabiniere mit 10,940 Mann sowie die
selbständigen Kolonialtruppen (39,924 Mann). Die Kriegsflotte
ist verhältnismäßig sehr bedeutend an Zahl der
Schiffe, doch entspricht nur der geringste Teil derselben den
modernen Anforderungen an gefechtstüchtige Schiffe. Es ist
deshalb der Plan einer Reorganisation der Flotte beschlossen und
der Bau einer Anzahl neuer Schlachtschiffe, Kreuzer, Kanonen- und
Torpedoboote teils in Angriff, teils in Aussicht genommen worden.
Ende 1886 umfaßte die Flotte:

4 Panzerschiffe 74 Kanonen 13 300 Pferdekr.

13 Torpedoboote 4 Kanonen 10 444 Pferdekr.

11 Kreuzer u. Korvetten 94 Kanonen 38 135 Pferdekr.

63 andre Dampfer 95 Kanonen 11 775 Pferdekr.

20 Schulschiffe u. Hulks 246 Kanonen 13 000 Pferdekr.

Zusammen:

111 Fahrzeuge 513 Kanonen 86 654 Pferdekr.

Die Bemannung beträgt 14,000 Köpfe; außerdem
bestehen 3 aktive und 3 nicht aktive Regimenter Marineinfanterie
(zu 2 Bataillonen), die aktiven mit 7033 Mann; hierzu kommen 400
Maschinisten, 180 Bootsleute, 1500 Arsenalarbeiter etc.

Wappen, Orden.

Das königliche Wappen (s. Tafel "Wappen") besteht aus einem
in vier Felder abgeteilten Schild mit einem Mittelschild, welcher
durch das Wappen des Hauses Bourbon-Anjou, drei goldene Lilien im
blauen Feld, gebildet wird. Das erste Quartier enthält die
Wappen von Kastilien (drei goldene Türme im roten Feld) und
Leon (ein gekrönter roter Löwe im silbernen Feld) und
zwar doppelt, indem es kreuzweise in Felder abgeteilt ist. Zwischen
seinen beiden untersten Feldern befindet sich das Wappen von
Granada, ein aufgesprungener Granatapfel im roten Felde. Das
zweite, der Quere nach gespaltene Quartier enthält die Wappen
von Aragonien (vier rote Pfähle im goldenen Feld) und des
Königreichs beider Sizilien. Das dritte, ebenfalls geteilte
Quartier zeigt oben das Wappen des Erzhauses Österreich, unten
das der alten Herzöge von Burgund, das vierte Quartier aber
das neuburgundische Wappen, unten das Wappen von Brabant. Der ganze
Wappenschild ist mit der Kette des Goldenen Vlieses umgeben und mit
der königlichen Krone bedeckt; als Schildhalter dienen zwei
aufrechte Löwen. Als gewöhnliches Wappen dient bloß
der Wappenschild von Kastilien und Leon mit dem Wappen von
Bourbon-Anjou im Mittelschild. Die Landesfarben sind Rot und Gelb.
Die Flagge (s. Tafel "Flaggen") ist in drei horizontale Streifen,
zwei rote und einen gelben (in der Mitte), geteilt, die
königliche mit dem Wappen im Mittelstreifen versehen. S. hat
zehn Ritterorden: den Orden des Goldenen Vlieses (toison de oro),
1431 gestiftet, in einer Klasse, nur für Souveräne,
Prinzen und Granden von S.; den Orden Karls III. (s. Tafel
"Orden"), 1773 gestiftet, in drei Klassen; den Damenorden der
Königin Maria Luise, 1792 gestiftet, in einer Klasse; den
amerikanischen Orden Isabellas der Katholischen, 1815 gestiftet, in
drei Klassen; den Militärorden von San Fernando, 1815 ge-

76

Spanien (geographisch-statistische Litteratur; Geschichte).

stiftet, in fünf Klassen; den Militärorden von St.
Hermenegild, gleichfalls 1815 gestiftet, in drei Klassen; den
Militärorden von Santiago, 1175 gestiftet, in vier Klassen;
den Militärorden von Calatrava, 1058 gestiftet, in einer
Klasse; den Militärorden von Alcantara, 1177 gestiftet, in
drei Klassen; den Orden von Montesa, 1319 gestiftet, in einer
Klasse. Außer diesen Orden bestehen noch mehrere Ehrenzeichen
für Militärs. Königliche Residenz ist Madrid. Den
Mai pflegt der Hof nach altem Herkommen in Aranjuez, den Sommer in
San Ildefonso (La Granja), den Herbst im Escorial und in Pardo
zuzubringen.

[Litteratur.] M. Willkomm in Stein-Hörschelmanns "Handbuch
der Geographie" (Leipz. 1862); Derselbe, Die Pyrenäische
Halbinsel (Prag 1884); Carrasco, Geografia general de España
(Madr. 1861 ff.); Coello, Reseña geografica de España
(das. 1859); Mingotey Tarazona, Geografia de España y sus
colonias (das. 1887); "Diccionario geografico-historico de
España por la Real Academia de la historia" (das. 1802-46, 8
Bde.); Madoz, Diccionario geografico-historico-estadistico de
España (das. 1846-50, 16 Bde.); Mariana y Sanz, Diccionario
geografico, estadistico, municipal de España (Valencia
1886); Martinez Alcubilla, Diccionario de la administracion
española (4. Aufl., Madr. 1886 ff.); Cuendias, S. und die
Spanier (Brüssel 1851); v. Minutoli, S. und seine
fortschreitende Entwickelung (Berl. 1852); Leftgarens, La situation
économique et industrielle de l'Espagne en 1860 (Par. 1860);
Garrido, Das heutige S. (deutsch von A. Ruge, Leipz. 1863);
Davillier, L'Espagne (Par. 1873, illustriert von Doré);
Simons, S. in Schilderungen (illustr. von Wagner, Berl. 1880);
Lauser, Aus Spaniens Gegenwart. Kulturskizzen (Leipz. 1872);
Parlow, Kultur und Gesellschaft im heutigen S. (das. 1888); die
Reiseschilderungen von v. Minutoli, Huber, Cook, O'Shea, Th.
Gautier, E. Qninet, Boissier, v. Rochau, Willkomm, v.Quandt,
Ziegler, Roßmäßler, Wachenhusen, Hackländer,
v. Wolzogen, W. Mohr (Köln 1876, 2 Bde.), Lauser (Berl. 1881),
de Amicis (deutsch, Stuttg. 1880), Bark (Berl. 1883), Passarge
(Leipz. 1884), Th. v. Bernhardi (Berl. 1886), Parlow (Wien 1889);
Reisehandbücher von Murray (6. Aufl., Lond. 1882), O'Shea (6.
Aufl., Edinb. 1878), Roswag (Madr. 1879), Germond de Lavigne (3.
Aufl. 1880); die amtlichen Publikationen ("Annuario estadistico de
España", die Handels- und Schiffahrtsausweise, "Guia oficial
de España"); das "Boletin de la Sociedad geografica de
Madrid"; Vizaino, Atlas geografico español (Madr. 1860);
eine topographische Karte wird auf Grund der Landesvermessung unter
Leitung von Ibanez seit 1878 veröffentlicht; bis zu ihrer
Vollendung dient Coello, Atlas de España (1 : 200,000), als
offizielle Karte; geologische Übersichtskarten lieferte F. de
Botella (1:1,000,000, 1875, und 1:2,000,000, 1880).

Geschichte.

[Die Zeit der Römer und Westgoten.]

Die Ureinwohner der Pyrenäischen Halbinsel waren die
Iberer, von denen die ganze Halbinsel Iberien hieß. Mit ihnen
verschmolzen die in vorhistorischer Zeit über die
Pyrenäen aus Gallien eingewanderten Kelten nach langen
Kämpfen zu dem Volk der Keltiberer. Um 1100 v. Chr. siedelten
sich Phöniker an der Südküste an; unter ihren
Kolonien war Cadiz (Gades) die berühmteste. Sie nannten das
Land nach dem im Thal des Bätis (Guadalquivir) wohnenden Volk
der Turdetaner Tarschisch (griech. Tartessos). Später setzten
sich Griechen an der Ostküste fest. Nach dem ersten Punischen
Krieg eroberten die Karthager 237-219 den Süden und Osten der
Halbinsel; Neukarthago (Cartagena) wurde ihre wichtigste
Niederlassung. In dem zweiten Punischen Krieg aber, der zum Teil in
S. geführt wurde, verloren sie diese Besitzungen wieder (206).
Die Römer suchten nun das ganze Land unter ihre
Botmäßigkeit zu bringen, was ihnen jedoch erst nach 200
jährigen blutigen Kämpfen gelang. Namentlich die
Keltiberer und die Lusitanier (unter Viriathus) leisteten
hartnäckigen Widerstand, und die Kantabrer wurden erst 19 v.
Chr. unter Augustus bezwungen, der S. anstatt wie bisher in zwei
Provinzen (Hispania citerior und H. ulterior) in drei, Lusitania,
Baetica und Tarraconensis, einteilte, von welch letztern
größten Provinz unter Hadrianus die neue Provinz
Gallaecia et Asturia abgezweigt wurde. Nur die Basken behaupteten
in ihren Gebirgen ihre Unabhängigkeit. Da die Römer das
Land mit vielen Militärstraßen durchzogen und zahlreiche
Soldatenkolonien anlegten, so wurde S. sehr rasch romanisiert, bald
ein Hauptsitz römischer Kultur und eins der blühendsten
Länder des römischen Weltreichs, dem es mehrere seiner
tüchtigsten Kaiser (Trajan, Hadrianus, Antoninus, Marcus
Aurelius, Theodosius) u. angesehene Schriftsteller (Seneca,
Lucanus, Martialis, Flavius, Quintilian u. a.) gab. Handel und
Verkehr blühten, Gewerbe und Ackerbau standen auf einer hohen
Stufe der Vervollkommnung, und die Bevölkerung war eine
äußerst zahlreiche. Frühzeitig gewann auch das
Christentum hier Anklang und breitete sich trotz blutiger
Verfolgungen mehr und mehr aus, bis es durch Konstantin auch hier
herrschende Religion ward.

Zu Anfang des 5. Jahrh., als der innere Verfall des
römischen Reichs auch seine äußere Macht
erschütterte, drangen die germanischen Völkerschaften der
Alanen, Vandalen und Sueven verwüstend in S. ein und setzten
sich in Lusitanien, Andalusien und Galicien fest, während die
Römer sich noch eine Zeitlang im östlichen Teil der
Halbinsel behaupteten. 415 erschienen die Westgoten (s. Goten, S.
537), anfangs als Bundesgenossen der Römer, in S. und
verdrängten bald die andern germanischen Stämme; ihr
König Eurich entriß den Römern auch den letzten
Rest ihres Gebiets, und Leovigild unterwarf nach gänzlicher
Unterjochung der Sueven 582 die ganze Halbinsel der westgotischen
Herrschaft. Sein Sohn und Nachfolger Reccared I. trat mit seinem
Volk vom arianischen zum katholischen Glauben über (586) und
bahnte dadurch die Verschmelzung der Goten mit den Römern zu
einem romanischen Volk an. Allerdings hatte dieser Schritt noch die
andre Folge, daß die katholische Geistlichkeit
übermäßige Macht erlangte und im Bund mit dem Adel
die sich schon befestigende Erblichkeit der Krone verhinderte, um
bei der Wahl jedes neuen Oberhauptes die königliche Gewalt
möglichst einzuschränken. Als 710 König Witiza von
dem Klerus und dem Adel unter Führung des Grafen Roderich
gestürzt und getötet wurde, riefen seine Söhne die
Araber von Afrika zu Hilfe, welche 711 unter Tarik bei Gibraltar
landeten und dem westgotischen Reich nach fast 300jähriger
Dauer durch den Sieg bei Jeres de la Frontera (19.-25. Juli d. J.)
ein Ende machten. Fast ganz S. wurde in kurzer Zeit von den Arabern
erobert und ein Teil des großen Kalifats der Omejjaden.

Herrschaft der Araber.

Die Araber (Mauren) verfuhren in der ersten Zeit sehr schonend
gegen die alten Einwohner und ließen

77

Spanien (Geschichte bis 1118).

ihr Eigentum, ihre Sprache und Religion unangetastet. Ihre
Herrschaft erleichterte den untern Klassen sowie den zahlreichen
Juden ihre Lage, und der Übertritt zum Islam verschaffte den
hart bedrückten Leibeignen die ersehnte Freiheit. Aber auch
viele Freie und Angesehene traten zum Islam über; denen, die
Christen blieben, wurden bloß Steuern auferlegt. Den
aufreibenden Zwistigkeiten und blutigen Fehden, welche Ehrgeiz und
Herrschsucht der arabischen Häuptlinge in dieser entfernten
Provinz des Kalifats hervorriefen, machte 755 der bei der
Vernichtung durch die Abbassiden einzig übriggebliebene
Sproß der Omejjaden, Abd ur Rahmân, ein Ende, welcher
nach S. flüchtete und hier, vom Volk mit Jubel
begrüßt, ein eignes Reich mit der Hauptstadt Cordova,
das sogen. Kalifat von Cordova, gründete, welches er auch bis
zu seinem Tod (788) behauptete und auf seine Nachkommen vererbte.
Obwohl diese ebenfalls wiederholte Empörungen der Statthalter
und andre durch Thronansprüche und Abgabendruck hervorgerufene
Unruhen zu bekämpfen hatten, so konnten sie doch Künste
und Wissenschaften pflegen und die friedliche Entwickelung von
Gewerbe, Handel und Ackerbau schützen. Wohlstand und Bildung
mehrten sich, und Cordova ward ein glänzender Herrschersitz.
Unter Abd ur Rahmân III. (912-961) erreichten arabische Kunst
und Wissenschaft in S. ihre höchste Blüte. Volkreiche
Städte schmückten das Land; das Gebiet des Guadalquivir
soll allein 12,000 bewohnte Orte gezählt haben. Cordova hatte
113,000 Häuser, 600 Moscheen, darunter die prachtvolle
Hauptmoschee, und herrliche Paläste, darunter den Alkazar; mit
Cordova wetteiferten andre Städte, wie Granada mit der
Alhambra, Sevilla, Toledo u. a. In gleichem Sinn wie Abd ur
Rahmân III. regierte sein als Dichter und Gelehrter
ausgezeichneter Sohn Hakem II. (961-976), wogegen unter dem
schwachen Hischam II. (976-1013) das Kalifat zu sinken begann. Es
gelang den Arabern nicht, mit den altspanischen Einwohnern sich zu
verschmelzen und ein Staatswesen mit feststehenden gesetzlichen
Ordnungen zu begründen. Despotismus und Anarchie wechselten
miteinander ab: bald zerriß der ganze Reichsverband, wenn die
Statthalter und hohen Befehlshaber den Gehorsam verweigerten; bald
lag das Land blutend und demütig zu Füßen des
Herrschers, wenn diesem die Unterdrückung der Empörer
mittels fremder Söldnerscharen gelungen war. Das Volk verfiel
in Genußsucht und Verweichlichung und ließ willenlos
alles über sich ergehen. Der berühmteste unter den
kriegerischen Statthaltern Hischams II. war Mansur, der ebenso
kunstsinnig und klug wie tapfer und gewaltthätig den Staat mit
unumschränkter Macht leitete, Santiago, den heiligen
Apostelsitz Galiciens, zerstörte (994) und die Christen in
vielen blutigen Fehden überwand, bis er endlich an den Wunden,
die er in der heißen Schlacht am Adlerschloß (Kalat
Nosur) unweit der Quellen des Duero in kühnem Handgemenge
empfangen, in den Armen seines Sohns Abd al Malik Modhaffer starb
(1002). Nach dem Tode dieses (1008), der mit gleicher Kraft wie
sein Vater regierte, machten die Statthalter ihr Amt erblich und
gründeten sich unabhängige Herrschaften; um den Thron
wurde mit wilder Erbitterung gekämpft, und der letzte
omejjadische Kalif, Hischam III., wurde 1031 durch einen Aufstand
in Cordova gestürzt. Diesen Zustand benutzend, griffen die
christlichen Spanier die Araber immer erfolgreicher an und
drängten sie allmählich in den südlichen Teil der
Halbinsel zurück.

Das Emporkommen christlicher Königreiche.

Nur in den nördlichen Gebirgen, in Asturien, hatten Scharen
flüchtiger Westgoten ihre Unabhängigkeit behauptet und
sich unter der Herrschaft des tapfern Pelayo (Pelagius) vereinigt,
der, ein Nachkomme des westgotischen Königs Receswinth, 718
(oder 734) ein arabisches Heer besiegt haben und darauf zum
König ausgerufen worden sein soll; er wird deshalb el
restaurador de la libertad de los Españoles genannt. Sein
durch Wahl erhobener zweiter Nachfolger, Alfons I. (739-757), auch
ein Abkömmling jenes Westgotenkönigs und Sohn des Herzogs
Peter von Kantabrien, vereinigte dieses Land mit Asturien. Alfons
II. (791-842) drang auf seinen verheerenden Streifzügen gegen
die Araber bis zum Tajo vor und eroberte das Baskenland im Osten,
Galicien bis zum Minho im Westen. Gleichzeitig wurde im Nordosten
Spaniens von den Franken die Spanische Mark gegründet und die
Herrschaft des Christentums in Katalonien durch zahlreiche
Einwanderer gesichert. In den fast ununterbrochenen Kämpfen
mit den Ungläubigen bildete sich ein christlicher Lehnsadel,
welcher durch ritterliche Tapferkeit zugleich Ruhm, weltlichen
Besitz und das ewige Seelenheil zu erlangen strebte. So bildeten
sich nördlich vom Duero und Ebro allmählich vier
christliche Ländergruppen, welche sich durch feste
Institutionen, Reichstage, Gesetzsammlungen und den Ständen
zugesicherte Rechte (Fueros) zu konsolidieren bemüht waren: 1)
im Nordwesten Asturien, Leon und Galicien, welche nach
vorübergehenden Teilungen im 10. Jahrh. unter Ordoño
II. und Ramiro II. zu dem Königreich Leon vereinigt wurden,
das 1057 nach kurzer Unterwerfung unter Navarra von Sancho Mayors
Sohn Ferdinand mit den neuen Eroberungen im Süden als
Königreich Kastilien verbunden wurde; 2) das Baskenland,
welches mit benachbartem Gebiet von Sancho Garcias zum
Königreich Navarra erhoben wurde, unter Sancho Mayor (1031-35)
das ganze christliche Gebiet Spaniens beherrschte, 1076-1134 mit
Aragonien vereinigt, seitdem aber wieder selbständig war; 3)
das Gebiet am linken Ebro, Aragonien, seit 1035 selbständiges
Königreich; 4) die aus der Spanischen Mark entstandene
erbliche Markgrafschaft Barcelona oder Katalonien.

Trotz dieser Zersplitterung zeigten sich die christlichen Reiche
den Arabern gewachsen. Als nach dem Untergang der Dynastie der
Omejjaden (1031) das Araberreich in mehrere Teile unter besondere
Dynastien in Sevilla, Toledo, Valencia und Saragossa zerfallen war,
gerieten 1085 Toledo, das Haupt von S., dann Talavera, Madrid und
andre Städte in die Gewalt der Christen. Die vom Emir von
Sevilla zu Hilfe gerufenen Almorawiden aus Afrika befestigten zwar
den Islam durch ihre Siege bei Salaca (1086) und bei Ucles (1108)
und rissen die Herrschaft über das arabische S. an sich; aber
der Glaubenseifer und Kampfesmut der Christen erhielt durch die
gleichzeitige Bewegung der Kreuzzüge ebenfalls einen neuen
Aufschwung. Alfons I. von Aragonien, der durch seine
Vermählung mit Urraca, der Erbtochter von Kastilien,
zeitweilig (bis 1127) dies Reich mit Aragonien vereinigte und sich
Kaiser von Hispanien nannte, eroberte 1118 Saragossa und machte es
zu seiner Hauptstadt. Auch nach der Trennung von Kastilien und
Aragonien blieben beide Reiche zum Kampf gegen die Ungläubigen
verbunden, und letzteres Reich ward durch die Vereinigung mit
Katalonien infolge der Heirat der aragonischen

78

Spanien (Geschichte bis 1479).

Erbtochter Petronella mit Raimund Berengar II. von Barcelona
1137 bedeutend vergrößert und gekräftigt. Nun
erlangten die Christen bald völlig die Oberhand über die
Araber. Als die Herrschaft der Almorawiden in Afrika 1147 von den
Almohaden gestürzt wurde, riefen jene, um sich in S. zu
behaupten, die Christen zu Hilfe, welche sich Almerias und Tortosas
bemächtigten. Gegen die Almohaden, welche auch das
südliche S. unter ihre Gewalt brachten, bewährten
besonders die spanischen Ritterorden ihre glaubensmutige Tapferkeit
und machten die Niederlage bei Alarcos (1195) durch den
glänzenden Sieg bei Naves de Tolosa (16. Juli 1212) wieder
gut, welcher den Sturz der Almohadenherrschaft zur Folge hatte. In
Andalusien gründete Aben Hud (Motawakkel) eine Dynastie,
welche sich unter den Schutz der Abbassiden von Bagdad stellte; in
Valencia regierte eine andre arabische Dynastie. Durch die Schlacht
bei Merida (1230) wurde Estremadura den Arabern entrissen; nach dem
Sieg bei Jeres de la Guadiana (1233) eroberte Ferdinand III. von
Kastilien 1236 Cordova, 1248 Sevilla und 1250 Cadiz. Die Moslemin
wanderten zu Tausenden nach Afrika oder nach Granada und Murcia
aus, aber auch diese Reiche mußten die Oberherrschaft
Kastiliens anerkennen. Die unter kastilischer Herrschaft
zurückgebliebenen Mohammedaner nahmen mehr und mehr die
Religion und die Lebensformen der Sieger an, und zahlreiche
vornehme Araber traten nach empfangener Taufe in den spanischen
Adel ein.

Kastilien und Aragonien.

Wie sehr durch die Siege Ferdinands III. die Macht Kastiliens
(s. d.) gestiegen war, so blieb es doch auch nicht von innern
Wirren verschont, welche namentlich unter dem Beschützer der
Künste und Wissenschaften, König Alfons X., dem Weisen
(1252-84), das Reich zerrütteten und die Macht des Adels
vermehrten. Auch unter Sancho IV. (1284-95), Ferdinand IV.
(1295-1312) und Alfons XI. (1312-50) dauerten die Zwistigkeiten in
der Königsfamilie fort. Ordnung und Zucht lösten sich
auf, das königliche Ansehen schwand, die Krongüter wurden
entfremdet, Gemeinden, Korporationen und mächtige Edelleute
griffen zur Selbsthilfe und befreiten sich von jeder Obrigkeit.
Dennoch errangen die Kastilier über die Araber große
Erfolge; sie erfochten 1340 den glänzenden Sieg bei Salado und
schnitten durch Eroberung von Algeziras Granada von der Verbindung
mit Afrika ab, so daß dessen Fall nur eine Frage der Zeit
war. Auch das Reich Aragonien (s. d.) nahm einen mächtigen
Aufschwung. Jakob I. (Jaime), der von 1213 bis 1276 regierte,
unterwarf 1229-33 die Balearen, 1238 Valencia und drang erobernd in
Murcia ein; sein Sohn Pedro III. (1276-85) entriß 1282 den
Anjous die Insel Sizilien; Jakob II. (1291-1327) eroberte Sardinien
und setzte 1319 auf dem Reichstag zu Tarragona die Unteilbarkeit
seines Reichs fest. Freilich mußten die aragonischen
Könige diese Eroberungen mit großen Zugeständnissen
an die Stände (Cortes) erkaufen, besonders durch das
Generalprivilegium von Saragossa (1283), welches Aragonien fast in
eine Republik verwandelte. In beiden Reichen war unter den
Ständen der Klerus der mächtigste: jeder Sieg über
die Ungläubigen vermehrte seine Rechte und seinen Reichtum,
durch prunkvollen Kultus und phantastische Mystik bemächtigte
er sich des Volksgeistes und pflanzte ihm einen
verfolgungssüchtigen Religionsfanatismus ein. Der hohe Adel
maßte sich das Recht an, dem König die Treue aufzusagen;
nicht bloß er, auch die niedern Adligen waren steuerfrei.
Aber auch Städte und Landgemeinden erhielten ihre verbrieften
Sonderrechte (Fueros). In Aragonien waren die Rechte der
Unterthanen dem König gegenüber durch den Gerichtshof der
Justicia geschützt. Die Stände traten in beiden Reichen
zu Reichstagen (Cortes) zusammen, welche über Wohlfahrt und
Sicherheit des Reichs, Gesetzgebung und Besteuerung berieten.
Handel und Gewerbe standen in den volkreichen Städten unter
dem Schutz weiser Gesetze; an den Höfen wurde die Dichtkunst
der Troubadoure gepflegt.

Am besten wurden die Dinge in Aragonien geordnet, von Pedro IV.
(1336-87) nach dem Sieg über die Union von Epila (1348) auch
das Waffenrecht des Adels beseitigt, und daher kam es, daß in
diesem Reich nach dem Erlöschen der alten Dynastie mit Martin
(1395-1410) die kastilische Dynastie, welche mit Ferdinand I.
(1412-16) den Thron bestieg, die Herrschaft auch über die
Nebenlande: Balearen, Sardinien und Sizilien, behauptete und auf
kurze Zeit auch Navarra wieder erwarb. In Kastilien dagegen waren
der hohe Adel und die Ritterorden von Santiago, Calatrava und
Alcantara übermächtig. Mit Hilfe der Städte, welche
eine Verkaufs- und Verbrauchssteuer, die Alcavala, bewilligten,
suchte sich das Königtum eine freiere, unabhängigere
Stellung gegenüber der Feudalaristokratie zu verschaffen. Aber
Peter der Grausame (1350-69) machte den Erfolg dieser
Bemühungen durch seine wilde Leidenschaft und grausame
Tyrannei wieder zu nichte. Er wurde 1366 von seinem Halbbruder
Heinrich von Trastamara mit Hilfe französischer
Söldnerscharen vertrieben und, nachdem ihn der schwarze Prinz
durch einen Zug über die Pyrenäen wieder auf den Thron
erhoben, durch die Niederlage bei Montiel (14. März 1369) von
neuem gestürzt und kurz darauf ermordet. Heinrich II.
(1369-79), welcher Viscaya erwarb, und Johann I. (1379-90)
schwächten das Königtum durch unglückliche Versuche,
Portugal zu erobern, welches 1385 in der Schlacht bei Aljubarrota
seine Unabhängigkeit siegreich verteidigte. Heinrich III.
(1390-1406) stellte die Ordnung wieder her und nahm die Kanarischen
Inseln in Besitz. Von neuem wurde jedoch Kastilien zerrüttet
unter der langen, aber schwachen Regierung Johanns II. (1406-54);
das Unternehmen seines Günstlings de Luna, ein absolutes
Königtum zu errichten, endete mit dessen Sturz (1453). Der
steigenden Verwirrung unter Heinrich IV. (1454-74) wurde endlich
durch die Thronbesteigung seiner Schwester Isabella ein Ende
gemacht. Dieselbe besiegte den König Alfons von Portugal, der
als Gemahl der unechten Tochter Heinrichs IV., Johanna Beltraneja,
auf Kastilien Anspruch machte, 1476 bei Toro und zwang ihn zum
Frieden von Alcantara; darauf unterjochte sie die ihr feindliche
Partei der Großen mit Waffengewalt. Und als König
Ferdinand von Sizilien, mit dem sie sich 1469 vermählt hatte,
durch den Tod seines Vaters Johann II. von Aragonien 1479
König dieses Reichs geworden war, wurde durch Vereinigung der
kastilischen und der aragonischen Krone das Königreich S.
geschaffen.

Spanien als Weltmacht.

Die Thronbesteigung des Königspaars Ferdinand und Isabella
bewirkte aber nicht nur die Vereinigung der zwei Hauptreiche der
Halbinsel, sondern auch ihre staatliche Reorganisation und die
Begründung einer machtvollen Königsgewalt in derselben.
Vor allem in Kastilien war der unbotmäßige Adel ein
Haupthindernis für Aufrechterhaltung von

79

Spanien (Geschichte bis 1570).

Recht und Frieden. Um diese zu sichern, wurde die "heilige
Hermandad", alte Verbrüderungen einzelner Städte zu
gegenseitigem Schutz gegen Gewaltthaten, wieder belebt und zu einem
Verein (Junta) der Städte und Landschaften zur
Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit
umgeschaffen, welcher 2000 berittene Gendarmen und zahlreiches
Fußvolk zur Verfügung hatte, um die 1485 erlassene
Gerichtsordnung durchzuführen. Die Großen wurden
gezwungen, die geraubten Güter herauszugeben und den Fehden zu
entsagen. Der Adel mußte sich den königlichen
Gerichtshöfen beugen und auf alle königlichen Vorrechte,
auch auf die hohen Staatsämter, welche jetzt nur nach
Verdienst verliehen wurden, verzichten. Indem Ferdinand sich zum
Großmeister der drei Ritterorden erwählen ließ,
machte er sie zu Werkzeugen der Krone; die hohe Geistlichkeit wurde
der königlichen Jurisdiktion unterworfen. Die Verwaltung wurde
vorzüglich organisiert, die königlichen Einkünfte
vermehrt, Künste und Wissenschaften gepflegt. Die Inquisition,
welche in dem fanatischen Glaubenseifer des Volkes eine
Hauptstütze fand, wütete nicht nur gegen Juden, Morisken
und ketzerische Christen, sondern war auch ein Schreckmittel in der
Hand der Krone, um Adel und Volk in Furcht und Unterwürfigkeit
zu halten und jede freiheitliche Bewegung zu unterdrücken. Die
zahlreichen Juden (160,000) wurden 1492 aus dem Reich vertrieben
und die alleinige Herrschaft des Kreuzes auf der Iberischen
Halbinsel durch die Eroberung von Granada (2. Jan. 1492) vollendet.
Die gleichzeitige Entdeckung Amerikas eröffnete der spanischen
Nation ein unermeßliches Feld ruhmvoller zivilisatorischer
Thätigkeit und die Aussicht auf einen glänzenden
Aufschwung des Handels und Gewerbes. Die militärische
Tüchtigkeit der spanischen Heere bewährte sich zuerst in
den Kämpfen um Italien, wo 1504 Neapel unter spanische
Herrschaft gebracht wurde.

Erbin Ferdinands und Isabellas wurde die älteste Tochter,
Johanna, welche mit ihrem Gemahl Philipp I., dem Sohn des deutschen
Kaisers Maximilian I., nach Isabellas Tod (1504) zunächst in
Kastilien zur Regierung kam; mit Philipp bestieg das Haus Habsburg
den spanischen Thron. Als Philipp 1506 jung starb und Johanna
wahnsinnig wurde, ward zum Vormund ihres Sohns Karl von den
kastilischen Ständen Ferdinand erklärt, welcher 1509 Oran
eroberte und 1512 Navarra mit seinem Reich vereinigte. Nach
Ferdinands Tod (1516) übernahm Kardinal Jimenez die
Regentschaft bis zur Ankunft des jungen Königs Karl I.,
welcher 1517 selbst die Regierung antrat und den verdienten
Staatsmann sofort entließ. Da Karl 1519 auch zum deutschen
Kaiser (Karl V.) gewählt wurde und deshalb schon 1520 Spanien
wieder verließ, brach der Aufstand der Comuneros aus, welcher
sich die Verteidigung der volkstümlichen Institutionen
Spaniens gegen die absolutistischen Gelüste Karls und seiner
niederländischen Räte zum Ziel setzte. Als die Comuneros
aber einen durchaus demokratischen Charakter annahmen und, seitdem
sie siegreich um sich griffen, eine völlige Umwälzung der
Dinge anstrebten, wurden sie durch den Sieg des Adelsheers bei
Villalar (21. April 1521) und durch die Hinrichtung ihres
Führers Padilla unterdrückt. Karl V. erließ zwar
nach seiner Rückkehr (Juli 1522) eine allgemeine Amnestie,
benutzte aber den durch die Bewegung erregten Schrecken des Adels
und der Städte, um, ohne die Formen und Institute der alten
Volksfreiheit geradezu zu beseitigen, doch sie so eng zu begrenzen,
daß die Cortes zu einem Widerstand gegen den Willen der Krone
unfähig wurden, der Adel in einer übertriebenen
Loyalität seine erste Pflicht sah und auch das Volk dem
Königtum und seinen Weltherrschaftsplänen bereitwillig
folgte. Ohne Zögern bewilligten fortan die Cortes die Gelder
für die Kriege Karls V. gegen Frankreich, für die
Unternehmungen gegen die seeräuberischen Mauren in Afrika,
für die Unterdrückung des Schmalkaldischen Bundes in
Deutschland. Für die Begründung einer habsburgischen
Weltmacht und die Ausbreitung des römisch-katholischen
Glaubens kämpften die spanischen Heere am Po, an der Elbe, in
Mexiko und Peru. Dem Stolz der Spanier schmeichelte es, die
gebietende Macht in Europa zu sein, ihrem Glaubenseifer, für
die Ausrottung der Ketzerei, wie früher des Islam, zu
streiten. Erfüllt von dem Ideal eines Siegs des wahren
Glaubens durch Spaniens Macht, ließ das Volk die Wurzeln
seiner Kraft verdorren. Mit Beifall sah es zu, wie die
unglücklichen Morisken bedrückt und außer Landes
getrieben, Tausende von Landsleuten von der Inquisition auf den
Scheiterhaufen geschleppt, jede freie geistige Regung
unterdrückt, jeder Widerstand gegen die unbeschränkte
Königsgewalt niedergeschlagen ward, wie Gewerbe, Handel und
Ackerbau durch ein willkürliches Steuersystem zu Grunde
gerichtet wurden, um die Kriegskosten aufzubringen. Nicht
bloß der Adel, auch Bürger und Bauern drängten sich
zum Kriegsdienst; wer nicht in den Krieg zog, suchte in einem
Staatsamt, wie gering es auch war, ein bequemes Brot; der
bürgerliche und bäuerliche Erwerb wurde verachtet. Die
Kirche bestärkte das Volk in dieser Sinnesrichtung und beutete
sie zu ihrer Bereicherung aus; immer mehr Grund und Boden fiel an
die Tote Hand und ward Weideland oder blieb öde und unbebaut,
wogegen die Kirchen und Klöster den Bettelstolz durch ihre
Almosen nährten. Der Handel ging an die Fremden über,
welche S. und seine Kolonien für sich ausbeuteten.

Als Karl V. 1556 die Regierung niederlegte, wurden die
österreichischen Besitzungen des Hauses Habsburg und die
Kaiserkrone von S. wieder getrennt, das in Europa nur die
Niederlande, die Franche-Comté, Mailand, Neapel, Sizilien
und Sardinien behielt. Indes das Ziel der spanischen Politik blieb
dasselbe und wurde mit noch mehr Fanatismus und mit noch
rücksichtsloserer Vergeudung der Volkskraft verfolgt. S. wurde
der Mittelpunkt einer mit großartigen Machtmitteln ins Werk
gesetzten katholischen Reaktionspolitik, welche den Sieg des
römischen Papismus zugleich über Türken und Ketzer
erstreiten wollte. Zu diesem Zweck unterdrückte Philipp II.
(1556-98) den Rest der politischen Freiheiten und unterwarf alle
Stände einem unumschränkten Despotismus. Durch das
furchtbare Werkzeug der Inquisition wurde jeder
Unabhängigkeitssinn erstickt. Die drückenden
Maßregeln gegen die Morisken reizten diese 1568 zu einem
gefährlichen Aufstand, der erst 1570 nach den blutigsten
Kämpfen erstickt wurde. 400,000 Morisken wurden aus Granada
nach andern Teilen des Reichs verpflanzt, wo sie zu Grunde gingen.
Die unaufhörlichen Kriege zehrten nicht nur die reichen
Einkünfte der Kolonien auf, sondern zwangen den König,
auf immer neue Mittel zu sinnen, seine Einnahmen zu vermehren;
jedes Eigentum (außer dem der Kirche) und jedes Gewerbe wurde
mit den drückendsten Steuern belegt, Schulden aller Art
aufgenommen, aber nicht bezahlt, die Münze verschlechtert,
Ehren und Ämter verkäuflich gemacht, schließlich
sogen. Donativen, Zwangsanleihen, den

80

Spanien (Geschichte bis 1746).

Einwohnern abgefordert. Dabei hatte die spanische
Reaktionspolitik nicht einmal Erfolge aufzuweisen. Wohl bedeckten
sich die spanischen Regimenter auf allen Schlachtfeldern mit Ruhm
durch ihre Kriegskunst und Tapferkeit, aber sie verfielen auch in
eine schreckliche moralische Verwilderung. Zwar siegte Juan
d'Austria 1571 bei Lepanto über die türkische Seemacht;
aber der Sieg wurde nicht benutzt, sogar Tunis ging wieder
verloren. Albas Schreckensregiment in den Niederlanden rief deren
Verzweiflungskampf hervor, welcher ungeheure Summen verschlang und
Spaniens See- und Kolonialmacht einen tödlichen Schlag
versetzte. Der Versuch, England der katholischen Kirche wieder zu
unterwerfen, scheiterte 1588 mit dem Untergang der großen
Armada. Die Einmischung in die Religionswirren Frankreichs hatte
nur die Einigung und Kräftigung dieses Staats zur Folge. Die
widerrechtliche Besetzung Portugals 1580 schädigte dies Land
außerordentlich, brachte aber S. keinen Nutzen. Als Philipp
II. 1598 starb, war die Bevölkerung auf 8¼ Mill.
zurückgegangen, die eine Steuerlast von 280 Mill. Realen
aufzubringen hatten. Dagegen hatte das Land 750 Bistümer,
gegen 12,000 Klöster und 400,000 Geistliche, ferner 450,000
Beamte; außer diesen und dem verarmten Adel gab es fast nur
noch Bettler, welche sich von den Almosen der Kirche nährten.
Gleichwohl täuschte die glänzende Machtstellung, welche
S. in Europa an der Spitze der katholischen Gegenreformation
einnahm, die Regierung wie das Volk gänzlich über die
wirkliche Lage. Von dem unerschütterten Selbstgefühl und
der Begeisterung der Nation für ein ideales Ziel, die Macht
und Einheit der Kirche, zeugt der außerordentliche
Aufschwung, welchen am Anfang des 17. Jahrh. Dichtkunst, Malerei
und Baukunst in S. nahmen.

Verfall des Reichs unter den letzten Habsburgern.

Unter der Regierung des schwachen Königs Philipp III.
(1598-1621), welcher sich ganz von seinem Günstling Lerma
beherrschen ließ, wurden zwar die auswärtigen Kriege
ohne Thatkraft geführt, 1609 sogar mit den Niederlanden ein
Waffenstillstand geschlossen; aber durch das Gnadenedikt vom 22.
Sept. 1609 wurden 800,000 Morisken vertrieben, und das fruchtbare
Valencia verödete völlig. Philipp IV. (1621-65), welcher
einen prächtigen Hof hielt und die Kunst pflegte und
unterstützte, nahm die kriegerische Politik Philipps II.
wieder auf. Im Bund mit Österreich wollte er die
Alleinherrschaft des Papsttums wiederherstellen und ein
habsburgisches Weltreich errichten. Der Krieg mit den freien
Niederlanden begann von neuem. Im Dreißigjährigen Krieg
kämpften wieder spanische Truppen in Deutschland und Italien,
und der spanische Gesandte in Wien hatte in deutschen
Angelegenheiten die entscheidende Stimme. Aber auf einmal brach das
glänzende Gebäude schmählich zusammen, und es ergab
sich, daß die Weltmacht Spaniens nur trügerischer Schein
gewesen. Die offene Verletzung der provinzialen Sonderrechte durch
den allmächtigen Minister Olivarez rief 1640 einen Aufstand in
Katalonien hervor, dem der Abfall Portugals und Empörungen in
andern Provinzen folgten. Portugal konnte gar nicht, Katalonien
erst nach 13jährigem Kampf bezwungen werden. Das hierdurch
tief getroffene S. war nun dem mächtig emporstrebenden
Frankreich nicht mehr gewachsen. Nach 80jährigem Kampf
mußte es 1648 im Frieden zu Münster die
Unabhängigkeit der Vereinigten Niederlande und in Deutschland
die Gleichberechtigung der Ketzer anerkennen. Im Pyrenäischen
Frieden 1659 verlor es Roussillon und Perpignan sowie einen Teil
der Niederlande an Frankreich, Dünkirchen und Jamaica an
England. Als nach dem Tod Philipps IV. der schwächliche Karl
II. (1665-1700) den Thron bestieg, erhob der französische
König Ludwig XIV. als Gemahl von Philipps Tochter Maria
Theresia Erbansprüche auf die spanischen Niederlande und wurde
im sogen. Devolutionskrieg nur durch das Eingreifen der
Tripelallianz daran verhindert, sich derselben ganz zu
bemächtigen; im Frieden von Aachen 1668 erhielt er zwölf
niederländische Festungen, im Frieden von Nimwegen wiederum
eine Anzahl fester Plätze und die Franche-Comté; mitten
im Frieden bemächtigte er sich 1684 Luxemburgs. S., welches
einst ganz Europa mit seinen Heeren beherrscht hatte, über die
Schätze beider Indien gebot, konnte jetzt seine Grenzen nicht
mehr verteidigen und war auf den Beistand der früher so
erbittert bekämpften Ketzer angewiesen. Die Seemacht war
völlig zu Grunde gegangen, so daß S. seinen eignen
Handel nicht zu beschützen vermochte, die Häfen
verödeten, die Bevölkerung sich von den schutzlosen
Küsten ins Innere zurückzog, Westindien ungestraft von
den Flibustiern geplündert und gebrandschatzt wurde. Am Ende
der Regierung Karls II. war die Bevölkerung auf 5,700,000
Seelen herabgesunken, von zahllosen Ortschaften war die
Bevölkerung verschwunden, ganze Landstriche glichen
Wüsten. Die Staatseinkünfte verminderten sich trotz des
härtesten Steuerdrucks und fast räuberischer
Finanzmaßregeln so, daß der König seine
Dienerschaft nicht mehr bezahlen konnte, oft nicht einmal seine
Tafel. Weder Beamte noch Soldaten wurden besoldet. Aus Geldmangel
kehrte man in vielen Provinzen zum Tauschhandel zurück. Dies
war die Lage Spaniens, als die spanischen Habsburger nach
200jähriger Herrschaft 3. Nov. 1700 mit Karl II. erloschen,
dies das Resultat ihrer selbstmörderischen
katholisch-absolutistischen Politik.

Spanien unter den Bourbonen bis zur französischen
Revolution.

Durch den Streit, der zwischen Österreich und Frankreich
über die Thronfolge in S. entstand, ward S. in einen
verderblichen Krieg verwickelt (s. Spanischer Erbfolgekrieg). Es
verlor in demselben zwar seine europäischen Nebenlande und
Gibraltar, jedoch der Sieg des bourbonischen Prätendenten
über den habsburgischen in S. selbst war für das Land ein
Gewinn, weil er die Möglichkeit einer Regeneration versprach.
Der neue König, Philipp V. (1700-1746), obwohl selbst von
keiner großen Bedeutung, brachte doch aus seiner Heimat ein
ganz andres Regierungssystem und neue Kräfte in das
zerrüttete Staatswesen. Die Fremden, Franzosen und Italiener,
welche Philipp an die Spitze der Behörden und des Heers
stellte, und unter denen Alberoni hervorragte, führten nun,
wenn auch in etwas gewaltsamer Weise und in nur beschränktem
Umfang, die Grundsätze der französischen Staatsverwaltung
durch: alle die einheitliche Staatsgewalt hemmenden
Mißbräuche wurden beseitigt, Handel und Gewerbe,
Wissenschaft und Kunst gefördert, die Privilegien der
Provinzen aufgehoben, eine einheitliche Besteuerung und
Steuererhebung eingerichtet. Die wohlthätigen Folgen einer
zwar unumschränkten, aber thätigen und verständigen
Königsmacht zeigten sich auch überraschend schnell. Aber
als sie auch die Herrschaft der Kirche anfocht und deren
Mißbräuche abschaffen wollte, stieß die Regierung
beim Volk auf allgemeinen energischen Widerstand, dem Philipp V.
unter dem Einfluß seiner zweiten Gemahlin, Elisabeth Farnese,
nachgab; die Hierarchie feierte einen glänzenden Triumph, und
die Kurie und die Inquisition

81

Spanien (Geschichte bis 1808).

herrschten nach wie vor in S. Ebenso verderblich wurde für
das wieder erstarkende Land der Rückfall in die alte
Eroberungspolitik, welche sich besonders auf Erwerbung spanischer
Besitzungen für spanische Infanten richtete. In der That
wurden im polnischen und österreichischen Erbfolgekrieg (1738
und 1748) Neapel und Parma als bourbonische Sekundogenituren
gewonnen. Aber sie waren mit der Zerrüttung der Finanzen und
dem Stocken aller Reformen teuer erkauft. Gleichwohl war die einmal
gegebene Anregung nicht fruchtlos: das Volk war wenigstens aus
seiner Apathie aufgerüttelt und wendete sich wieder der Arbeit
und wirtschaftlichen Unternehmungen zu.

Die Regierung des schwächlichen, hypochondrischen Ferdinand
VI. (1746-59) war segensreich, weil sie sparsam und friedliebend
war. In materieller Beziehung nahm das Land einen bedeutenden
Aufschwung. Die Staatseinnahmen stiegen von 211 auf 352 Mill.,
trotz der erheblichen Steuererleichterungen, und obwohl die
Verwaltung verbessert und reichlicher ausgestattet, eine stattliche
Flotte geschaffen und die Zinsen der Staatsschuld bezahlt wurden,
hatte man fast 100 Mill. jährlichen Überschuß. Wenn
auch die Geistlichkeit noch 180,000 Personen zählte und ein
Einkommen von 359 Mill. besaß, so ward ihre Macht durch das
Konkordat von 1753 doch nicht unerheblich beschränkt,
namentlich aber der finanziellen Ausbeutung des Landes durch die
Kurie ein Ende gemacht. Einen bedeutenden Fortschritt aber in der
Entwickelung zum modernen Staat bezeichnete die Regierung Karls
III. (1759-88), des Stiefbruders Ferdinands VI., der, obwohl
strenggläubig, doch vom damals herrschenden
Staatsbewußtsein erfüllt und S. den andern Staaten
ebenbürtig zu machen bestrebt war. Ihm standen bei seinen
Reformen drei bedeutende Staatsmänner, Aranda, Floridablanca
und Campomanes, zur Seite. Die unglückliche Beteiligung
Spaniens am Krieg Frankreichs gegen England 1761-62 infolge des
nachteiligen bourbonischen Familienvertrags störte anfangs die
Reformthätigkeit. Diese erhielt indessen eine wesentliche
Förderung 1767 durch die Ausweisung der Jesuiten. Nun konnten
eine Menge Mißbräuche und Übergriffe der
Geistlichkeit beseitigt oder beschränkt und ein erfreuliches
Zusammenwirken des Staats und der Kirche hergestellt werden,
welches auf Bildung und Gesittung des Volkes einen höchst
heilsamen Einfluß ausübte. Viele Reformen blieben
freilich auf dem Papier stehen, da es bei der beispiellosen
Versunkenheit Spaniens in Ackerbau, Gewerbe und Unterricht an allen
Voraussetzungen ihrer Durchführbarkeit fehlte. Die
30jährige angestrengteste Thätigkeit der Regierung, die
Verwendung ungeheurer Summen auf Ansiedelungen, Bergwerke,
Fabriken, Straßen etc., die Freigebung des Handels mit
Amerika brachten daher nur zum Teil Früchte. Die
Bevölkerung war 1788 erst auf 10,270,000 Seelen gestiegen, die
Einnahmen auf 400 Mill. Realen. Der zweite unglückliche Krieg
gegen England (1780-83), in den S. durch den Familienvertrag
verwickelt wurde, verschlang solche Summen, daß ein
verzinsliches Papiergeld ausgegeben werden mußte. Die
unleugbaren Fortschritte in Volksbildung und Volkswohlfahrt
hätten aber doch bei dem frischen Geist, bei der zugleich
patriotischen und freiheitlichen Bewegung, von denen die Nation
durchweht war, wohl günstige und dauernde Ergebnisse zur Folge
gehabt, wenn S. eine längere Reformperiode vergönnt
gewesen wäre. Die vielversprechenden Anfänge gingen aber
unter Karls III. Nachfolger Karl IV. (1788-1808) völlig zu
Grunde, und S. wurde durch eine heillose, verbrecherische Politik
dem Untergang nahegebracht.

Spanien während der Revolutionszeit.

Karl IV., ein gutmütiger, aber unfähiger Fürst,
wurde ganz beherrscht von seiner klugen und entschlossenen, jedoch
sittenlosen Gemahlin Marie Luise von Parma, welche durch
Günstlingswirtschaft und Verschwendung die Staatsverwaltung
und die Finanzen in Verwirrung brachte und ihrem Geliebten Godoy,
dem Friedensfürsten, den herrschenden Einfluß, endlich
nach Beseitigung Floridablancas und Arandas im November 1792 auch
die oberste Leitung der Staatsgeschäfte verschaffte. Nachdem
S. dem Sturz der Bourbonen in Frankreich unthätig zugesehen,
ward es 1793 doch durch die Hinrichtung Ludwigs XVI. und die
Insulten des Konvents veranlaßt, Frankreich den Krieg zu
erklären, welcher mit einer so beispiellosen Unfähigkeit
geführt wurde, daß er trotz der Schwäche der
Franzosen und trotz der Opferwilligkeit der Nation mit einer
feindlichen Invasion in Navarra, die baskischen Provinzen und
Aragonien endete. Die Gunst der Umstände verschaffte S. noch
den vorteilhaften Frieden von Basel (22. Juli 1795), der ihm nur
die Abtretung von San Domingo auferlegte. Aber es geriet durch
denselben in völlige Abhängigkeit von Frankreich, welche
der leichtfertige Godoy durch den Vertrag von San Ildefonso (27.
Juni 1796) besiegelte. Derselbe zwang S., das kaum die Kosten des
letzten Kriegs hatte aufbringen können, zum Krieg mit England,
und gleich die erste Schlacht beim Kap St. Vincent (14. Febr. 1797)
zeigte die Unbrauchbarkeit der spanischen Flotte. Dazu unternahm
Godoy 1801 in französischem Interesse noch einen ruhmlosen
Krieg gegen Portugal. Im Frieden von Amiens (23. März 1802)
mußte S. zwar an England bloß Trinidad abtreten; aber
seine Herrschaft in den amerikanischen Kolonien war
erschüttert, seine Finanzen zerrüttet; das Defizit belief
sich trotz Papiergelds und andrer verderblicher Maßregeln
1797 auf 800 Mill., 1799 sogar auf 1200 Mill. Das Kriegsministerium
verbrauchte für ein Heer von 50,000 Mann 935 Mill., da die
Zahl der Oberoffiziere übermäßig war; 1802 wurden
auf einmal 83 Generale ernannt. Der Hof nahm allein 105 Mill. in
Anspruch, während das Volk infolge von Pest und
Mißernten darbte. Die Korruption am Hofe verbreitete sich
bald über das ganze Land; die edelsten Patrioten wurden mit
brutaler Gewaltthätigkeit verfolgt, dagegen war man gegen rohe
Pöbelexzesse schwach und nachgiebig.

Trotz dieser Zustände stürzte Godoy durch einen neuen
ungünstigen Vertrag mit Frankreich (9. Okt. 1803) das
finanziell erschöpfte S. in einen Krieg mit England, in
welchem bei Finisterre (22. Juli) und bei Trafalgar (20. Okt. 1805)
Spaniens letzte Flotte zu Grunde ging. Das Volk ließ dies
alles geduldig über sich ergehen und wankte nicht in seiner
unbedingten Loyalität; die Entrüstung richtete sich nur
gegen den schamlosen Günstling Godoy, der in seiner
Verblendung sich sogar mit der Hoffnung schmeichelte, Regent von S.
zu werden oder sich die Königskrone von Südportugal aufs
Haupt zu setzen. Als er, um dies letztere zu erreichen, sich mit
Frankreich im Vertrag von Fontainebleau (27. Okt. 1807) zu einem
Kriege gegen Portugal verband und Napoleon französische
Truppen über die Pyrenäen in S. einrücken
ließ, kam es 18. März 1808 in Aranjuez zu einer Erhebung
des Volkes gegen Godoy. Derselbe wurde gestürzt, und unter dem
Eindruck der Wut des erbitterten Volkes ließ sich der
König bewegen, 19. März zu gunsten seines Sohns, des
Infanten Ferdinand, abzu-

82

Spanien (Geschichte bis 1812).

danken; derselbe hielt 24. März als Ferdinand VII. seinen
Einzug in Madrid. Karl IV. nahm aber kurz darauf in einem Schreiben
an Napoleon seine Thronentsagung als erzwungen zurück, und der
französische Kaiser entbot nun die spanische
Königsfamilie nach Bayonne, wo Ferdinand nach längerm
Sträuben 5. Mai auf die Krone zu gunsten seines Vaters
verzichtete, dieser aber sofort seine Rechte an Napoleon abtrat.
Nun wurde dessen Bruder Joseph, König von Neapel, 6. Juli im
Beisein einer Junta von spanischen und amerikanischen Abgeordneten
in Bayonne zum König von S. ernannt und hielt, nachdem er und
die Junta 7. Juli die neu entworfene Verfassung beschworen hatten,
20. Juli seinen Einzug in Madrid. Karl IV. ließ sich in
Compiègne, Ferdinand VII. in Valençay nieder.

Wenn Napoleon auch die königliche Familie leicht beseitigt
hatte, so sah er sich doch bald in seiner Erwartung, auch S. rasch
nach französischem Vorbild umgestalten und seinen Interessen
dienstbar machen zu können, getäuscht. Das spanische Volk
war nicht im stande, die wohlthätigen Wirkungen der
französischen Staatsumwälzung zu würdigen; es
füllte dagegen tief die ihm zugefügte Schmach der
Fremdherrschaft. Edle und unedle Gefühle, Nationalstolz und
wilder Fremdenhaß, patriotische Begeisterung und
religiöser Fanatismus, stachelten es zum Widerstand auf; die
beispiellose Erregtheit der Nation ließ die Schwäche der
eignen Mittel und die ungeheure Übermacht des Gegners ganz
vergessen, so daß niemand am Sieg zweifelte. Der geringe
Kulturstand des Landes, der Mangel an Ordnung und Sicherheit im
Staatswesen, welcher bisher geherrscht hatte, machten die
völlige Auflösung aller Verhältnisse weniger
fühlbar und ermöglichten so die mehrjährige Dauer
eines verzweifelten Widerstandes, den ein höher kultiviertes
Land nur wenige Monate hätte aushalten können. Bereits 2.
Mai 1808, bei der Kunde von Ferdinands Entführung nach
Bayonne, war in Madrid ein Volksaufstand ausgebrochen, den die
Franzosen erst nach vielem Blutvergießen zu unterdrücken
vermochten. Nun erhoben sich auch die Provinzen, zuerst Asturien;
Provinzialjunten bildeten sich, die Guerillas bewaffneten sich in
den Gebirgen, und alle Anhänger der Franzosen (Josefinos oder
Afrancesados) wurden für Feinde des Vaterlandes erklärt.
Zwar hatten die Franzosen beim ersten Zusammentreffen mit einer
spanischen Feldarmee 14. Juli bei Rioseco glänzend gesiegt;
aber Monceys Angriff auf Valencia wurde zurückgeschlagen, und
eine Expedition des Generals Dupont endete mit seiner Umzingelung
und der Kapitulation von Baylen (20. Juli 1808). Die tapfere
Verteidigung Saragossas, die Räumung Madrids durch Joseph und
der allgemeine Rückzug der Franzosen vermehrten die
Begeisterung. Zugleich war Wellington mit einem englischen Korps in
Portugal gelandet und hatte die Franzosen zum Abzug gezwungen. Zwar
behaupteten diese, namentlich so oft Napoleon selbst sich an ihre
Spitze stellte, in S. in offenem Felde die Oberhand; sie siegten
bei Burgos (10. Nov.), Espinosa (10. u. 11. Nov.) und Tudela (23.
Nov.) und zogen 4. Dez. wieder in Madrid ein, wo 22. Jan. 1809
Joseph von neuem seine Residenz aufschlug. Die Expedition des
englischen Generals Moore in Galicien scheiterte. Allein nun nahm
der Krieg immer mehr den Charakter des furchtbarsten Volkskampfes
an und wurde durch die im Sept. 1808 in Aranjuez errichtete
Zentraljunta einheitlich geleitet. Diese beging zwar manche Fehler,
griff oft in höchst verkehrter Weise in die Kriegsoperationen
ein und setzte tüchtige Generale ab, gab aber durch den Aufruf
zum Guerillakrieg (28. Dez. 1808) dem Kampf den für die
Franzosen so verderblichen Charakter des kleinen Kriegs. In diesem
kamen die Vorzüge der Spanier, verwegener Mut, unbändige
Leidenschaftlichkeit und große Ausdauer in Strapazen und
Entbehrungen, recht zur Geltung; die fortwährenden kühnen
Unternehmungen der Guerillas rieben die Kräfte der Franzosen
auf und entrissen ihnen die Früchte ihrer Siege im offenen
Felde. Die Franzosen siegten 27. März 1809 bei Ciudad Real,
28. März bei Medellin, und die Zentraljunta mußte nach
Sevilla flüchten. Zwar wurde Soult im Mai 1809 von Wellington
aus Portugal vertrieben und mußte Galicien und Asturien
räumen, worauf Wellington in S. eindrang und die Franzosen 27.
und 28. Juli bei Talavera schlug; doch mußte er sich vor
einem neuen französischen Heer nach Portugal
zurückziehen, und der spanische General Vanegas wurde 11. Aug.
bei Almonacid, der englische General Wilson in den Engpässen
bei Baros geschlagen. Im Januar 1810 waren die Franzosen Herren von
Andalusien, und nach der Einnahme von Ciudad Rodrigo und Almeida
drang Masséna im August mit 80,000 Mann in Portugal ein, um
die Engländer wieder ins Meer zu werfen. Die Sache der Spanier
schien hoffnungslos verloren. Namentlich die höhern,
wohlhabendern Volksklassen schlossen sich immer zahlreicher dem
bonapartistischen König an. Die Zentraljunta, deren
Unfähigkeit das Mißgeschick der spanischen Heere
hauptsächlich verschuldet hatte, wurde 2. Febr. 1810 in Cadiz,
wohin sie von Sevilla geflüchtet war, zur Abdankung und
Einsetzung einer Regentschaft gezwungen, in welcher der
Radikalismus die Oberhand bekam.

Schon 28. Okt. 1809 hatte die Zentraljunta die Cortes
zusammenberufen. Diese, unter den größten
Schwierigkeiten und nur zum Teil gewählt, zum Teil kooptiert,
traten 24. Sept. 1810 in Cadiz zusammen und nahmen unter den
Kanonen der französischen Batterien, welche die Isla de Leon
umringten, bedroht von der in der überfüllten Stadt
wütenden Pest, das große Werk der Reform des verrotteten
Staatswesens in die Hand. Unerfahren, teilweise von den radikalen
Ideen der französischen Revolution beherrscht, zum Teil in den
altspanischen Vorurteilen befangen, schwankten die Cortes unter
leidenschaftlichen, erbitterten Debatten zwischen den
entgegengesetztesten Beschlüssen: man proklamierte die
Volkssouveränität und das allgemeine Stimmrecht und hob
die Grundherrlichkeit auf, wagte aber nicht, die Inquisition oder
die Rechte des Adels und der Kirche anzutasten. Im ganzen aber war
die Verfassung vom 18. März 1812 eine sehr liberale. Trotz des
hitzigen Parteikampfes bewährten die Cortes in der Hauptsache,
im Kampf gegen den verhaßten Feind, eine große
Einmütigkeit und aufopfernde Thätigkeit. Die Illusionen
der verblendeten Nationaleitelkeit wurden zerstört, die
Schäden der Verwaltung aufgedeckt, das korrumpierte Beamtentum
in heilsamen Schrecken versetzt. Die Truppen wurden verstärkt,
geschult und gut verpflegt und ihre nützliche Verwendung
dadurch gesichert, daß die Cortes Wellington, der 1811 in den
Linien von Torres Vedras bei Lissabon sich so lange behauptet
hatte, bis Masséna abziehen mußte, zum
Oberbefehlshaber sämtlicher Streitkräfte in S. ernannten.
Im Jan. 1812 eroberte Wellington Ciudad Rodrigo und 7. April
Badajoz, schlug 22. Juli die Franzosen unter Marmont bei Salamanca
und zog 12. Aug. in Madrid ein. Zwar mußte er sich vor der
Übermacht der bedeutend verstärkten Franzosen aufs

83

Spanien (Geschichte bis 1823).

neue nach der portugiesischen Grenze zurückziehen, und
Madrid wurde zum letztenmal von den Franzosen besetzt; aber die
Katastrophe in Rußland veränderte auch die Lage der
Dinge in S. Soult wurde zu Anfang 1813 abberufen, Suchet
räumte Valencia im Juli; schon 27. Mai hatte König Joseph
Madrid für immer verlassen und sich mit der französischen
Armee auf Vittoria zurückgezogen. Hier wurde dieselbe von
Wellington 21. Juni 1813 gänzlich geschlagen. Die Franzosen
zogen sich über die Pyrenäen zurück, und Wellington
rückte 9. Juli in Frankreich ein. Spaniens Unabhängigkeit
war hiermit hergestellt.

Die Reaktion unter König Ferdinand VII.

Die ordentlichen Cortes, welche im Oktober 1813 in Cadiz
zusammengetreten waren, aber im Januar 1814 ihren Sitz nach Madrid
verlegten, erließen, obwohl die Servilen (Konservativen) die
Mehrheit hatten, 3. Febr. 1814 eine Einladung an Ferdinand VII.,
sich nach Madrid zu begeben und die Verfassung von 1812 zu
beschwören; den Vertrag des Königs mit Napoleon I. (13.
Dez. 1813 in Valençay abgeschlossen), der seine Herrschaft
in S. herstellte, aber den französischen Einfluß
sicherte, erkannten sie nicht an. Ferdinand betrat 24. März
1814 in Gerona den spanischen Boden und nahm 4. Mai von Valencia
aus vom Thron Besitz, weigerte sich aber, die Verfassung
anzuerkennen, nachdem General Elio mit 40,000 Mann sich ihm
angeschlossen, und ließ 11. Mai die Cortes durch Truppen
auseinander jagen. Dennoch begrüßte ihn das Volk mit
Jubel, als er 14. Mai in Madrid einzog; denn er war als Gegner des
verhaßten Godoy noch immer populär. Zwar versprach er in
einem Manifest vom 24. Mai Amnestie und die Verleihung einer
Verfassung; doch wurden diese Versprechungen nicht gehalten. Alle
Offiziere bis zum Kapitän und alle Beamten bis zum
Kriegskommissar herab, welche Joseph gedient hatten, wurden mit
Weib und Kind auf Lebenszeit verbannt. Die Liberalen, wenn sie auch
durch aufopfernde Vaterlandsliebe im Befreiungskampf sich
ausgezeichnet hatten, wurden geächtet oder in den Kerker
geworfen, zwei Generale, Porlier und Lacy, die für die
Verfassung ihre Stimmen erhoben, hingerichtet. Jesuiten,
Klöster und geheime Polizei wurden wiederhergestellt. Dabei
fehlte es der Regierung doch an Stärke und Beständigkeit.
Von 1814 bis 1819 lösten 24 Ministerien einander ab. Der
König, unwissend, charakterlos, von launischer, feiger
Despotenart, ließ sich ganz von einer gewissenlosen Kamarilla
beherrschen, welche jeden durch die Zerrüttung des
Staatswesens gebotenen und von den Großmächten dringend
angeratenen Reformversuch vereitelte. S. war daher nicht im stande,
die abgefallenen Kolonien in Amerika wieder zu unterwerfen, und
verlor seinen ganzen Besitz auf dem Festland von Süd- und
Mittelamerika; Florida in Nordamerika trat es 1819 für 5 Mill.
Dollar freiwillig an die Union ab.

Die Gewaltthätigkeit und der Hochmut der unfähigen
Regierung erstickten die frühere Anhänglichkeit an das
Königtum, und erbitterte Feindschaft gegen dasselbe oder
gleichgültiger Pessimismus traten an ihre Stelle. Besonders in
dem durchaus vernachlässigten Heer wuchs die Unzufriedenheit
und kam unter den für die Überfahrt nach Amerika
bestimmten Truppen zum Ausbruch: 4 Bataillone unter dem
Oberstleutnant Riego proklamierten 1. Jan. 1820 zu San Juan die
Verfassung von 1812 und setzten aus der Isla de Leon eine
Regierungsjunta ein, die einen Aufruf an das spanische Volk
erließ. Mehrere Provinzen schlossen sich der Empörung
an, angesehene Generale, wie O'Donnell und Freire, vereinigten sich
mit Riego, als derselbe auf Madrid marschierte. Als auch in Madrid
das Volk sich erhob, beschwor der König 9. März die
Verfassung von 1812, hob die Inquisition aus und berief die Cortes
zum 9. Juli 1820. Die Liberalen hatten in denselben die Mehrheit,
und einer ihrer Führer, Arguelles, ward Präsident des
Ministeriums. Doch traten sie gemäßigt auf, suchten die
zügellose Freiheit der Zeitungen und Klubs durch ein
Preß- und Vereinsgesetz zu beschränken und
begnügten sich, die Majorate, Fideikommisse und Klöster
(bis auf 14) aufzuheben und die Besteuerung der Geistlichkeit
(148,290 Personen, ohne die Nonnen, darunter bloß 16,481
eigentliche Pfarrer) durchzuführen. Der erbittertste Feind der
neuen Regierung war der König selbst, der im geheimen
Einverständnis mit mehreren reaktionären Schilderhebungen
in der Provinz, so der "apostolischen Junta", war und alle
positiven Maßregeln der Minister und der Liberalen in den
Cortes nach Möglichkeit vereitelte, wodurch der Einfluß
der Exaltados (Radikalen) wuchs; die extremste Partei derselben,
die Descamizados, forderte durch ihre Zügellosigkeit eine
Reaktion heraus. Die Anarchie wurde noch durch die Finanznot
vermehrt, der auch die Einführung einer direkten Steuer und
der Verkauf der Nationalgüter nicht abzuhelfen vermochten; die
Schuldenlast stieg auf 14 Milliarden. Als die Exaltados bei den
Wahlen für die neuen Cortes, die 1. März 1822
eröffnet wurden, die Mehrheit erlangten, wählten sie
Riego zum Präsidenten und überschwemmten das Land mit
einer Masse von Reformgesetzen, die bei der Stimmung der Masse nie
verwirklicht werden konnten.

Nachdem ein vom Hof angestifteter Versuch der Garden, 7. Juli
1822 vom Prado aus Madrid zu überrumpeln, vom Volk vereitelt
worden war, wandte sich der König im geheimen an die Heilige
Allianz um Hilfe gegen die Revolution. Auf dem Kongreß zu
Verona (Herbst 1822) wurde eine bewaffnete Intervention in S.
beschlossen, welche Frankreich auszuführen übernahm. Die
Gesandten von Frankreich, Österreich, Rußland und
Preußen forderten von der spanischen Regierung und den Cortes
die Herstellung der königlichen Souveränität und
verließen, als dies 9. Jan. 1823 abgelehnt wurde, den
spanischen Hof. Im April rückte die französische
Interventionsarmee, 95,000 Mann unter dem Herzog von
Angoulême, über die Grenze. Die schlecht organisierten
Streitkräfte der Spanier leisteten geringen Widerstand. Von
einer Erhebung des Volkes gegen die Franzosen war nichts zu
spüren, da diesmal die Geistlichkeit für sie war und
ihren Vormarsch unterstützte. Schon 11. April flüchteten
die Cortes mit dem König aus Madrid, wo der Herzog von
Angoulême 24. Mai unter dem Jubel des Volkes einzog und eine
Regentschaft unter dem Herzog von Infantado einsetzte, die sofort
das Werk der Restauration mit Verfolgung der Liberalen begann.
Überall erhob sich das Volk, vom Klerus aufgehetzt, für
den absoluten König; die meisten spanischen Generale
kapitulierten mit den Franzosen. Diese schlossen Cadiz, wohin sich
im Juni die Cortes mit dem König zurückgezogen hatten, zu
Wasser und zu Land ein, eroberten das Außenfort Trocadero
(31. Aug.), bombardierten die Stadt (23. Sept.) und bereiteten
alles zum Sturm vor, als die Cortes 28. Sept. dem König die
absolute Gewalt zurückgaben und sich auflösten; die
meisten Mitglieder und Beamten der liberalen Regierung, über
600 Personen, flüchteten ins Ausland, bevor die Franzosen 3.
Okt. Cadiz besetzten. Auch die letzten von den Libe-

6*

84

Spanien (Geschichte bis 1841).

ralen noch behaupteten Städte, Barcelona, Cartagena und
Alicante, ergaben sich im November, und Angoulême kehrte nach
Frankreich zurück; doch blieben 45,000 Mann Franzosen unter
Bourmont bis 1828 im Land zum Schutz der neuen Regierung.

Ferdinands VII. erste Regierungshandlung nach seiner Befreiung
aus der Gewalt der Cortes war eine Proklamation vom 10. Okt. 1823,
welche alle Akte der konstitutionellen Regierung vom 7. März
1820 bis 1. Okt. 1823, "indem er während dieses Zeitraums der
Gewalt beraubt gewesen sei", für null und nichtig
erklärte, dagegen alle Beschlüsse der Madrider
Regentschaft genehmigte. Alle Anhänger der Liberalen wurden
als "Feinde des Königs" der Rache der Glaubensbanden
preisgegeben, welche die abscheulichsten Gewaltthaten
verübten. Die apostolische Junta, an deren Spitze des
Königs Bruder Don Karlos stand, und welche die Hierarchie, vor
allem die Inquisition, herstellen wollte, erlangte eine solche
Macht, daß sie eine Art Nebenregierung bildete und alle
Minister, die sich ihrem Willen nicht fügten, wie Zea-Bermudez
(1824-25), auch den absolutistisch gesinnten Infantado (1825-26)
stürzte. Die apostolische Partei war um so siegesgewisser, als
bei dem Alter des kinderlosen Königs ihr Haupt, Don Karlos,
der mutmaßliche Thronfolger war. Als ihre Anhänger im
August 1827 in Katalonien indes eine bewaffnete Schilderhebung
versuchten, schritt der König mit Strenge gegen sie ein und
vermählte sich nach dem Tod seiner dritten Gemahlin 10. Dez.
1829 mit der Prinzessin Christine von Neapel, die 10. Okt. 1830
eine Tochter, Isabella, gebar. Schon 29. März l830 hatte
Ferdinand VII. eine Pragmatische Sanktion erlassen, welche das 1713
in S. von den Bourbonen eingeführte Salische Gesetz aufhob und
im Einklang mit den altkastilischen Rechten die weibliche
Thronfolge einführte. Eine Verschwörung der bitter
enttäuschen Anhänger des Don Karlos gegen das Leben des
Königspaars wurde entdeckt und vereitelt, ein dem schwer
erkrankten König im September 1832 abgepreßter Widerruf
der Pragmatischen Sanktion von demselben nach seiner Genesung
für ungültig erklärt. Im Oktober 1832 ward Christine
zur Regentin ernannt, berief Zea-Bermudez an die Spitze des
Ministeriums, erließ eine Amnestie und versammelte die
Cortes, welche 20. Juni 1833 Isabella als Thronerbin den Eid der
Treue leisteten. Somit gelangten, als nach dem Tod Ferdinands VII.
(29. Sept. 1833) Isabella II. unter der Vormundschaft ihrer Mutter
Christine den Thron bestieg, die Liberalen wieder zur
Herrschaft.

Der Karlistenkrieg und die Regentschaft.

Don Karlos hatte von Portugal aus, wo er bei Dom Miguel Zuflucht
und Beistand gefunden hatte, schon 29. April 1833 Protest gegen die
neue Thronfolgeordnung erhoben und nach Ferdinands Tod sich als
Karl V. zum König proklamiert. Ihm schlossen sich außer
der apostolischen Partei besonders die baskischen Provinzen und
Navarra an, deren aus uralten Zeiten bestehende Freiheiten
(Fueros), zu denen freilich auch Mißbräuche, wie der
Schmuggel, gehörten, von den Liberalen angefochten worden
waren. Die Erhebung der Karlisten begann im Oktober 1833 mit der
Einsetzung einer Junta und der allgemeinen Volksbewaffnung, welche
Zumala-Carreguy leitete. Derselbe treffliche Feldherr verschaffte
den Karlisten im Gebirgskrieg immer mehr Erfolge und
bemächtigte sich eines Teils von Katalonien. Auch Don Karlos,
nach dem Sturz Dom Miguels aus Portugal vertrieben, erschien in den
aufständischen Provinzen. Der Bürgerkrieg nahm bald einen
grausamen Charakter an, und seitdem Mina die Mutter des
Karlistengenerals Cabrera hatte erschießen lassen, wurden die
Gefangenen auf beiden Seiten nicht mehr geschont. Die Christinos
(Anhänger der Regentin) welche an Machtmitteln den Karlisten
bei weitem überlegen waren, da ihrer Regierung der
größte Teil des Landes, der Armee und der Beamten,
namentlich die Bevölkerung der Städte und die zahlreichen
amnestierten Spanier (50,000 Personen) anhingen, würden den
Karlistenaufstand ohne große Schwierigkeiten haben
unterdrücken können, wenn sie sich nichts durch
Zwistigkeiten geschwächt hätten. Die Progressisten, wie
sich jetzt die vorgeschrittenen Liberalen nannten, waren mit der
nenen Verfassung, welche nach der Entlassung von Zea-Bermudez (15.
Jan. 1834) der neue Minister Martinez de la Rosa gegeben hatte, dem
Estatuto real (mit zwei Kammern, den Proceres und den
Procuradores), nicht zufrieden und verlangten die Herstellung der
Verfassung von 1812. Alle weitern Zugeständnisse der Regentin,
welche auf den Beistand der Liberalen angewiesen war, genügten
nicht; die Progressisten veranstalteten 1836 in zahlreichen
Städten Aufstände, bei denen die Verfassung von 1812
ausgerufen wurde. Schließlich, 12. Aug. 1836, empörte
sich auch eins der in San Ildefonso liegenden Milizregimenter, zog
nach dem Palast La Granja, wo die Königin Christine sich
aufhielt, und zwang sie, die Konstitution von 1812 anzunehmen. Der
Minister Isturiz, ein Moderado, floh, Quesada wurde vom Pöbel
ermordet. Der neue Ministerpräsident Calatrava berief zum 24.
Okt. 1836 die Cortes, welche 1837 die Verfassung von 1812 im
gemäßigten Sinn revidierten.

Der Zwiespalt im liberalen Lager ermutigte die Karlisten zu
kühnen Unternehmungen: nach seinem Sieg bei Huesca (24. Mai
1837) überschritt Don Karlos den Ebro und bedrohte Madrid,
während gleichzeitig in Andalusien ein karlistischer General
Gomez, bedenkliche Fortschritte machte. Dieser wurde von Narvaez
besiegt; im Norden errang Espartero den entscheidenden Sieg von
Huerta del Rey (14. Okt.); und brachte nach und nach die
nördlichen Provinzen in seine Gewalt. Denn auch bei den
Karlisten war Zwietracht zwischen einer Hofkamarilla unter der
Prinzessin von Beira, Don Karlos' zweiter Gemahlin, und dem
Oberbefehlshaber Maroto, der sogar 20. Febr. 1839 mehrere
Häupter der Kamarilla erschießen ließ. Um sich vor
der Rache seiner Gegner zu schützen, schloß Maroto 31.
Aug. 1839 mit Espartero den Vertrag von Vergara, nach welchem er
mit 50 Karlistenchefs die Waffen streckte. Don Karlos trat 15.
Sept. auf französisches Gebiet über; ihm folgte 6. Juli
1840 Cabrera, welcher in Niederaragonien und Katalonien den
Widerstand noch fortgesetzt hatte. Den baskischen Provinzen wurden
die Fueros von den Cortes bestätigt. Im Spätsommer 1840
war ganz S. der Königin Isabella unterworfen und der
Karlistenkrieg beendet.

Durch seine Erfolge im Karlistenkrieg hatte Espartero so
großes Ansehen erlangt, daß die Regentin, welche durch
Bestätigung des von den konservativen Cortes beschlossenen
Ayuntamiento- (Gemeinde-) Gesetzes eine Erhebung der Progressisten
in Madrid hervorgerufen hatte, ihn im September 1840 zum
Ministerpräsidenten ernennen mußte und 12. Okt. abdankte
und sich nach Frankreich einschiffte, als Espartero ihr ein
unannehmbares Regierungsprogramm vorlegte. Dieser war nun 8. Mai
1841 zum Regenten gewählt. Aber trotz seiner Popularität,
und

85

Spanien (Geschichte bis 1868)

obwohl er eifrig und mit Erfolg bemüht war, das materielle
Wohl des Landes zu fördern, hatte er doch unaufhörlich
mit den Ränken seiner Gegner, der Regentin und der Moderados
(Konservativen), der Unbotmäßigkeit seiner eignen
Anhänger, der Progressisten, und Aufständen
(Pronunciamentos) ehrgeiziger Offiziere zu kämpfen. Im Juni
1843 brach eine allgemeine Empörung aus, der sich sogar die
Radikalen anschlossen, und vor der Espartero nach England
flüchten mußte. Nachdem die den Moderados
angehörige Mehrheit der Cortes 8. Nov. 1843 die noch nicht
14jährige Königin Isabella für volljährig
erklärt hatte, übernahm Bravo Murillo, dann (1844)
Esparteros Nebenbuhler Narvaez die Leitung des Ministeriums; die
Königin Christine wurde zurückgerufen und die Verfassung
im Mai 1845 in reaktionärem Sinn geändert; für die
Cortes ward ein hoher Zensus eingeführt, der Senat von der
Krone auf Lebenszeit ernannt, die katholische Religion als
Staatsreligion proklamiert.

Die Regierung der Königin Isabella.

Narvaez veruneinigte sich schon 1846 mit den Cortes und trat
zurück, worauf die Königin Isturiz in das Kabinett
berief. Die Errichtung einer festen, zielbewußten Regierung
wurde durch die Vermählung Isabellas II. erschwert. Der Plan,
dieselbe mit dem Grafen von Montemolin, Don Karlos' Sohn, zu
verheiraten und dadurch die Legitimität der Dynastie
außer Frage zu stellen, wurde durch Ludwig Philipp von
Frankreich vereitelt, der einem seiner Söhne zur Herrschaft in
S. verhelfen wollte. Das Ränkespiel der "spanischen Heiraten"
endete damit, daß Ludwig Philipp, durch ein England gegebenes
Versprechen gebunden, seinen Sohn, den Herzog von Montpensier,
nicht mit Isabella, sondern mit deren Schwester, der Infantin
Luise, vermählte, aber, um indirekt seinen Zweck doch zu
erreichen, durchsetzte, daß Isabella mit ihrem Vetter Franz
d'Assisi, einem körperlich und geistig schwachen Prinzen, eine
Ehe schließen mußte, die jede Hoffnung auf Leibeserben
ausschloß. Indes Isabella, den ihr aufgedrungenen Gemahl
verachtend und über die Schranken der Sitte sich
hinwegsetzend, erwählte sich Günstlinge, von denen sie
zahlreiche Kinder gebar, welche die eigennützigen Berechnungen
der Familie Orléans zu Schanden machten. Diese
Günstlinge, in deren Wahl Isabella allmählich von Serrano
auf Marfori herabsank, beuteten ihre Stellung aufs schamloseste
für Befriedigung ihres Ehrgeizes und ihrer Habsucht aus, und
so wurde in dem sonst so loyalen Volk das moralische Ansehen des
Königtums durch die lasterhafte, heuchlerische Aufführung
des Hofs vernichtet. Die Regierung des unglücklichen Landes
ward zu einem unwürdigen Intrigenspiel in der vertrauten
Umgebung der Monarchin, durch welches trotz mehrjähriger
Aufrechterhaltung der äußern Ruhe die wenigen
Fortschritte in der geistigen und materiellen Entwickelung des
Landes gefährdet und die sittlichen Grundlagen des
Staatswesens untergraben wurden. Die Minister wechselten so oft,
daß S. 1833-58 nicht weniger als 47 Ministerpräsidenten,
61 Auswärtige, 78 Finanz- und 96 Kriegsminister hatte.

Nach der kurzen Regierung der Progressisten unter Serrano stand
1847-51 Narvaez an der Spitze des Ministeriums, der, obwohl
Moderado, doch mit Mäßigung vorging und nicht nur die
Ruhe aufrecht hielt, sondern auch den nationalen Wohlstand
förderte. Sein Nachfolger Bravo Murillo (1851-52) erzeugte
jedoch durch den Plan, die Verfassung in absolutistisch-klerikalem
Sinn umzugestalten, eine Aufregung, welche sich 1854 in
Pronunciamentos zahlreicher Generale äußerte.
Schließlich kam es in Madrid zu einem Aufstand, welchen die
Königin nur durch die Berufung Esparteros zum
Ministerpräsidenten (Juli 1854) beschwichtigen konnte. Nachdem
er das Gesetz über den Verkauf der National- und
Kirchengüter der Königin 1855 abgerungen hatte, wurde
Espartero 14. Juli durch O’Donnell gestürzt, der nach
Unterdrückung eines Aufstandes in Madrid (16. Juli) die
Nationalgarde entwaffnete, die Verfassung vom Mai 1845 herstellte
und den Verkauf der Kirchengüter sistierte. Zwischen
O’Donnell und Narvaez wechselte nun eine Reihe von Jahren die
Herrschaft: ersterer, 1855-56, 1858-63 und 1865-1866 oberster
Minister, früher selbst Progressist, wollte sich auf eine
Mittelpartei, die "liberale Union", stützen, stieß
jedoch bei allen seinen Vorschlägen und Maßregeln auf
das unüberwindliche Mißtrauen seiner ehemaligen
Parteigenossen und suchte sich daher durch Erfolge auf dem Gebiet
der auswärtigen Politik zu befestigen. Diesem Zweck sollte der
Krieg mit Marokko (s. d., S. 277) 1859-60 dienen, in welchem
O’Donnell indes nur kriegerische Lorbeeren, keine
wesentlichen Vorteile gewann. 1861 wurde San Domingo auf Haïti
wieder mit S. vereinigt, und im Bund mit England und Frankreich
schritt S. Ende 1861 gegen Mexiko ein, das für die Verletzung
spanischer Interessen die Genugthuung verweigerte; doch zog sich
der spanische Befehlshaber Prim 1862 vom Unternehmen zurück,
als er die eigennützigen Absichten der Franzosen erkannte (s.
Mexiko, S.566). Ein Konflikt mit Peru und Chile (s. d., S. 1022),
der 1866 zu einer förmlichen Kriegserklärung Perus,
Chiles, Bolivias und Ecuadors an S. (14. Jan.) führte, endete
nach der erfolglosen Beschießung Valparaisos (31. März)
und Callaos (2. Mai) ohne Ergebnis. San Domingo wurde 1865 wieder
aufgegeben. Unter diesen Umständen konnte sich
O’Donnell, obwohl er mehrere Militärrevolten
niederschlug und auch einen Landungsversuch des karlistischen
Prätendenten, des Grafen von Montemolin (1. April 1860),
vereitelte, auf die Dauer nicht behaupten. Wenn O’Donnell
nicht im stande war, die Ruhe aufrecht zu erhalten, so zog die
Königin Isabella Narvaez vor, dessen moderadistische Gesinnung
der ihrigen mehr entsprach. Narvaez, 1856-57, 1864-65 und 1866-68
Ministerpräsident, begünstigte den Klerus,
unterdrückte die Preß- und Vereinsfreiheit und schritt,
besonders in seinem letzten Ministerium, mit rücksichtsloser
Strenge gegen die Häupter der Progressisten und der liberalen
Union ein. Rios Rosas, Serrano u. a. wurden verhaftet, andre, wie
O’Donnell, Prim, flüchteten in das Ausland. Die Cortes,
deren Wahlen in S. die Regierung allerdings stets beherrscht, gaben
zur Aufhebung der konstitutionellen Freiheiten und zur
Verhängung des Belagerungszustandes bereitwilligst ihre
Zustimmung, und Isabella war des Siegs der klerikalen Richtung so
sicher, daß sie sogar ihre Absicht, für die weltliche
Herrschaft des Papstes mit der Macht Spaniens einzutreten, offen
äußerte.

Narvaez starb plötzlich 23. April 1868. Sein Nachfolger
Gonzalez Bravo mußte den Günstling Isabellas, Marfori,
in das Ministerium aufnehmen. Nachdem im Juli eine unionistische
Verschwörung, deren Ziel die Erhebung Montpensiers auf den
Thron war, entdeckt und ihre Häupter, die angesehensten
Generale, wie Serrano, Dulce u. a., nach den Kanarischen Inseln
deportiert worden waren, begab sich die Königin nach San
Sebastian, um von hier aus mit Napoleon die Besetzung Roms durch
spanische Trup-

86

Spanien (Geschichte bis 1874).

pen zu verabreden. Inzwischen aber vereinigten sich die liberale
Union, die Progressisten und die Republikaner zu einer gemeinsamen
Erhebung gegen die Mißregierung Isabellas. Die unionistischen
Generale wurden von den Kanarischen Inseln durch einen Dampfer
abgeholt und nach Cadiz gebracht, wo auch Prim erschien und die
Flotte unter Admiral Topete 18. Sept. 1868 die Absetzung Isabellas
verkündete. Der Aufruhr verbreitete sich rasch über ganz
S. General Pavia sammelte die treu gebliebenen Truppen und
rückte den Aufständischen nach Andalusien entgegen, ward
aber 28. Sept. bei Alcolea in der Nähe von Cordova geschlagen.
Serrano hielt 3. Okt. seinen Einzug in Madrid, während
Isabella 30. Sept. nach Frankreich floh.

Anarchie und Bürgerkrieg.

Die Unionisten und die Progressisten unter Prim bildeten nun
eine provisorische Regierung unter Serranos Vorsitz, welche sofort
den Jesuitenorden aufhob, die Klöster beschränkte und
volle Preß- und Unterrichtsfreiheit einführte; das Volk
schwelgte im Genuß der Freiheit und ergoß sich in
Lobreden auf die Helden der glorreichen Revolution. Die
konstituierenden Cortes, welche nach einem neuen Gesetz
gewählt wurden, traten 11. Febr. 1869 zusammen: die Unionisten
zählten nur 40 Mitglieder, womit ihr Thronkandidat Montpensier
beseitigt war, die Republikaner 70; die Progressisten hatten die
Mehrheit. Auch diese wünschten die Errichtung einer
konstitutionellen Monarchie und brachten 1. Juni 1869 eine
monarchisch-konstitutionelle Monarchie in den Cortes zur Annahme.
Doch lehnte König Ferdinand von Portugal 6. April die ihm
angebotene spanische Krone ab, ebenso der junge Herzog von Genua,
so daß die Cortes die Einsetzung einer Regentschaft
beschlossen und Serrano 18. Juni zum Regenten ernannten. Die
Ungewißheit über die politische Gestaltung des Landes
ermutigte Don Karlos, den Enkel des ältern Don Karlos, im Juli
den spanischen Boden zu betreten und mit Hilfe der Geistlichkeit in
den Nordprovinzen karlistische Aufstände zu erregen,
während in mehreren Städten, namentlich in Barcelona, die
Republikaner sich erhoben. Endlich gelang es dem
Ministerpräsidenten Prim, den Erbprinzen Leopold von
Hohenzollern zur Annahme der Krone zu bewegen, und 4. Juli 1870
beschlossen Regent und Ministerium, dessen Kandidatur den Cortes
vorzuschlagen. Der unerwartete Einspruch Frankreichs vereitelte
dieselbe, da der Erbprinz 12. Juli auf seine Kandidatur
verzichtete, um nicht Ursache eines großen Kriegs zu werden.
Als der deutsch-französische Krieg dennoch ausbrach, verhielt
sich die spanische Regierung, welche sich sofort mit dem Verzicht
des Prinzen einverstanden erklärt hatte, streng neutral. An
Stelle des Hohenzollern gewann Prim in dem Herzog Amadeus von
Aosta, zweitem Sohn des Königs Viktor Emanuel von Italien,
einen neuen Thronkandidaten, der 16. Nov. von den Cortes mit 191
gegen 98 Stimmen zum König gewählt wurde.

An demselben Tag, an welchem König Amadeus in Cartagena
landete, 30. Dez. 1870, starb Marschall Prim, der 27. Dez. in
Madrid von Meuchelmördern tödlich verwundet worden war.
Damit verlor der junge Herrscher seine festeste Stütze.
Dennoch trat er 2. Jan. 1871 die Regierung an und beauftragte
Serrano mit der Bildung eines Kabinetts. Die Granden gaben Amadeus
ihre Geringschätzung in schroffster Weise zu erkennen; eine
Anzahl Offiziere verweigerte den Eid. Die Wahlen für die
Cortes im März ergaben eine knappe Mehrheit für die
Regierung; unter der Opposition befanden sich 60 Republikaner und
65 Karlisten, welche den König aufs heftigste angriffen. Dabei
war unter den Anhängern des Königs keine Einigkeit:
Serrano wurde von dem ränkevollen Zorrilla, einem radikalen
Progressisten, schon im Juli aus dem Ministerium gedrängt, der
sich aber auch nur bis zum Oktober an der Spitze der Regierung
behauptete. Der konservative Progressist Sagasta, seit Ende 1871
Ministerpräsident, erlangte nach der Auflösung der Cortes
bei den Neuwahlen im April 1872 eine Mehrheit und machte im Juni
wieder Serrano Platz, der gegen die Karlisten mit Erfolg
gekämpft, ihnen aber in der Konvention von Amorevieta (24. Mai
1872) Amnestie gewährt hatte, um die Ruhe in S. herzustellen.
Hierfür verlangte er vom König außerordentliche
Vollmachten, die derselbe jedoch auf Anstiften Zorrillas
verweigerte. Dieser trat 16. Juni wieder an die Spitze des
Kabinetts, vermochte aber weder den Parteikämpfen in den neuen
Cortes, in denen die ministerielle Mehrheit immer deutlicher ihre
republikanischen Grundsätze kundgab, noch den Aufständen
im Land ein Ende zu machen. Überzeugt, daß er keine
feste Autorität in dem unterwühlten Land gewinnen
könne, dankte Amadeus 10. Febr. 1873 ab und begab sich
über Lissabon nach Italien zurück.

Die Cortes erklärten sofort mit 256 gegen 32 Stimmen S.
für eine Republik und erwählten Figueras zum
Präsidenten, einen föderalistischen Republikaner, der die
Befugnisse der Zentralregierung und der Cortes auf das Notwendigste
beschränken, den Provinzen, Städten und Gemeinden aber
möglichst ausgedehnte Autonomie gewähren wollte. Der Eid
und die Konskription für die Armee wurden abgeschafft. Nachdem
die Anhänger des Einheitsstaats verjagt worden waren, errangen
die Föderalisten bei den Corteswahlen 10. Mai eine
erdrückende Mehrheit. Figueras erschien dieser nicht extrem
genug, und Pi y Margall trat an seine Stelle, unter dem
völlige Anarchie eintrat. Im Norden breiteten sich die
Karlisten wieder aus; der Prätendent Don Karlos nahm in
Estella sein Hauptquartier. In den großen Städten des
Südens, wie Malaga, Cadiz, Sevilla und Cartagena, suchten die
roten Kommunisten (Intransigenten) durch sofortige Verwirklichung
der Föderativrepublik ihre Herrschaft zu begründen,
proklamiertem die Autonomie Andalusiens, errichteten
Wohlfahrtsausschüsse und bemächtigten sich mehrerer
Kriegsschiffe. Die Cortes sahen nun die Notwendigkeit ein,
Karlisten und Intransigenten energisch zu bekämpfen. Zu diesem
Zweck trat der bisherige Föderalist Castelar 9. Sept. an die
Spitze der Regierung, vertagte die Cortes, nachdem er sich zu
Ausnahmemaßregeln hatte ermächtigen lassen, suspendierte
21. Sept. die konstitutionellen Garantien und verkündete die
Kriegsgesetze in voller Strenge. Sevilla, Malaga und Cadiz wurden
sofort unterworfen, Cartagena mußte aber regelrecht belagert
werden und ergab sich erst 12. Jan. 1874. Im Norden machten die
Karlisten immer größere Fortschritte, und das Gebaren
der Cortes, die nach ihrem Zusammentritt (2. Jan. 1874) Castelar
jeden Dank für seine energische Thätigkeit verweigerten
und ihn zum Rücktritt zwangen, ließ das Schlimmste
befürchten: da ließ Serrano 3. Jan. durch den General
Pavia die Versammlung auseinander sprengen und trat als
Präsident der Exekutivgewalt an die Spitze einer neuen
Regierung, die sich vor allem die Beendigung des Karlistenkriegs
zum Ziel setzte. Der Kampf drehte sich um Bilbao, das die Karlisten
seit dem Dezember 1873 belagerten. Zwar zwang Ser-

87

Spanien (Geschichte bis 1885).

rano sie im Mai, die Belagerung aufzugeben; doch schlugen sie
die Regierungstruppen unter Concha 25. bis 27. Juni bei Estella,
und Don Karlos' Bruder drang wiederholt über den Ebro, im Juli
sogar bis Cuenca vor. Endlich bereitete Serrano für Anfang
1875 einen energischen konzentrischen Angriff auf die Karlisten vor
und verstärkte die Armee auf 80,000 Mann, als auch er
plötzlich gestürzt wurde.

Die Regierung Alfons' XII. Neueste Zeit.

Nachdem die Versuche, einen fremden Fürsten auf den
spanischen Thron zu erheben, gescheitert waren, das Experiment mit
der Republik S. völliger Anarchie überliefert, Don Karlos
aber durch seine enge Verbindung mit dem Ultramontanismus und seine
barbarische Kriegführung sich unmöglich gemacht hatte,
blieb nur der älteste Sohn Isabellas, Alfons, der durch den
Verzicht seiner Mutter vom 25. Juni 1870 Erbe der
Thronansprüche der jüngern bourbonischen Linie geworden
war, als Kandidat der gemäßigt Liberalen für den
Thron übrig. Seine Erhebung erschien besonders den Offizieren
als die einzige Rettung aus dem Chaos, und im Einverständnis
mit den einflußreichsten Generalen proklamierte Martinez
Campos 29. Dez. 1874 in Sagunto Alfons XII. als König von S.
Die Nordarmee und die Garnison von Madrid erklärten sich
für ihn, und Serrano legte sein Amt ohne Widerstandsversuch
nieder. Das Haupt der alfonsistischen Partei, Canovas del Castillo,
wurde an die Spitze eines liberal-konservativen Ministeriums
berufen, welches der König nach seinem Einzug in Madrid (14.
Jan. 1875) bestätigte. Die neue mit Notabeln vereinbarte
Verfassung hob zwar die Geschwornengerichte, die Zivilehe und die
Lehrfreiheit auf und machte dem Klerus noch einige andre
Zugeständnisse, um dem Karlismus den Boden zu entziehen; doch
versprach sie, ehrlich und mit Mäßigung gehandhabt, eine
friedliche und freiheitliche Entwickelung. Der Karlistenkrieg wurde
nun von den Generalen Quesada und Moriones nach einem
systematischen Plan und mit ausreichenden Streitkräften
geführt und durch die Eroberung von Vittoria (8. Juli 1875),
von Seo de Urgel (26. Aug.) und Estella (19. Febr. 1876)
glücklich beendet; Don Karlos trat 28. Febr. im Thal von
Roncesvalles auf französisches Gebiet über. Die Fueros
der baskischen Provinzen wurden aufgehoben. Die 20. Jan. 1876
gewählten neuen Cortes, in denen die Regierung eine starke
Mehrheit hatte, wurden 15. Febr. vom König eröffnet und
genehmigten 24. Mai die neue Verfassung. Der finanziellen
Zerrüttung beschloß der Finanzminister durch Suspension
der Zinszahlung für die Staatsschulden bis 1. Jan. 1877, von
da ab durch nur partielle Zahlung abzuhelfen. Der Aufstand in Cuba
(s. d., S. 358) wurde Anfang 1878 endlich auch beschwichtigt,
allerdings nur durch den Vertrag von Tanjon (10. Febr. 1878), in
welchem General Martinez Campos den Insurgenten Amnestie, Aufhebung
der Sklaverei und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Insel
zugestehen mußte. Da Canovas sich weigerte, dies letztere
Zugeständnis vor den Cortes zu vertreten, trat er im März
1879 zurück und überließ die Leitung des
Ministeriums Martinez Campos, der jedoch die Genehmigung der von
ihm vorgeschlagenen Reformen für Cuba nicht erreichte und
daher schon 7. Dez. 1879 seine Entlassung nahm. Canovas, wieder
Ministerpräsident, brachte 1880 ein Gesetz über die
Aufhebung der Sklaverei in Cuba in den Cortes durch; aus
Rücksicht auf die spanischen Finanzen blieben aber die
Ausfuhrzölle daselbst sowie die Monopole zu gunsten des
spanischen Handels und Gewerbes bestehen.

Da Martinez Campos nach seinem erfolglosen Ministerium zu den
Gegnern Canovas übertrat, so bildete sich in den Cortes aus
den Parteien der Konstitutionellen und Zentralisten eine
einflußreiche liberal-dynastische Opposition unter
Führung Sagastas, der König Alfons XII., um sich die
Liberalen nicht zu entfremden, im Februar 1881 die Führung der
Geschäfte übertrug; Sagasta wurde Ministerpräsident,
Martinez Campos Kriegsminister. Das neue Ministerium löste die
Cortes auf und erlangte bei der Macht der Regierung über die
Wahlen eine bedeutende Majorität in der Kammer wie im Senat.
Der Finanzminister Camacho nahm sofort eine Umwandlung der
teilweise hohe Zinsen tragenden Staatsschulden in eine einheitliche
vierprozentige Staatsschuld vor und sicherte eine Reform des Tarifs
durch einen Handelsvertrag mit Frankreich (1882). Gleichwohl konnte
sich Sagasta nicht lange behaupten, auch nachdem er im Januar 1883
sein Kabinett in liberalem Sinn umgestaltet hatte. Aus der Mitte
der Konstitutionellen selbst wurde, besonders durch Serrano, das
Verlangen nach durchgreifenden Reformen, namentlich aber nach
Wiederherstellung der Verfassung von 1869, laut, das zu
erfüllen Sagasta sich entschieden weigerte; im August 1883
brachen in Badajoz, Barcelona, Seo de Urgel und andern Garnisonen
des Nordens Soldatenaufstände aus, bei welchen die Republik
mit der Verfassung von 1869 ausgerufen wurde. Der König
beschloß, nachdem die Aufstände unterdrückt waren,
die dynastische Linke in die Regierung zu ziehen, und berief im
Oktober 1883 Posada Herrera an die Spitze eines neuen Ministeriums,
das eine Verfassungsrevision mit Einführung der Zivilehe, der
Geschwornengerichte und des allgemeinen Stimmrechts versprach.
Dasselbe scheiterte aber an der Opposition Sagastas, dessen
Adreßentwurf, welcher die Politik der dynastischen Linken
entschieden tadelte, im Januar 1884 von den Cortes angenommen
wurde. Der König übertrug daher wieder den
Liberal-Konservativen unter Canovas das Ministerium.

Alfons XII. erstrebte neben dem Ziel, im Innern die monarchisch
gesinnten Parteien zu versöhnen und auf dem Boden der
konstitutionellen Monarchie zu vereinigen, in der auswärtigen
Politik die Wiederherstellung von Spaniens Ansehen und
Einfluß in Europa. Zu diesem Zweck widmete er sich mit Eifer
der Wiederherstellung und Verbesserung seiner Streitmacht zu Land
und zur See; ferner suchte er eine Anlehnung an die
mitteleuropäischen Mächte und unternahm im Sommer 1883
eine Reise nach Österreich und Deutschland, wo er bei den
Kaisermanövern in Homburg von Kaiser Wilhelm mit besondern
Ehren aufgenommen und zum Chef eines Ulanenregiments ernannt wurde.
Er wurde deswegen auf seiner Rückreise durch Frankreich in
Paris 29. Sept. aufs gröblichste beschimpft, aber durch einen
begeisterten Empfang in Madrid (2. Okt.) dafür
entschädigt. Ein Besuch des deutschen Kronprinzen in S. im
November bekundete die Achtung, die der König in Deutschland
genoß. Mitten in eine Gärung, welche ein schreckliches
Erdbeben in Andalusien, der Ausbruch der Cholera und die
Einführung der drückenden Verbrauchssteuern 1885 im
spanischen Volk erzeugt hatten, fiel wie ein zündender Funke
im September die Nachricht, daß ein deutsches Kriegsschiff
auf den Karolinen (s. d.) die deutsche Flagge geheißt habe:
nicht bloß der Madrider Pöbel ließ sich zu
Wutausbrüchen gegen Deutschland und seine Gesandtschaft in
Madrid hinreißen, sondern auch die Führer der Parteien,
namentlich der von je zu Frankreich hinneigenden Ra-

88

Spanierfeige - Spanische Litteratur.

dikalen, ja selbst die Minister ergingen sich, um ihre
Popularität zu vermehren, in kriegerischen Prahlereien und
Drohungen. Nur der König blieb fest in seinem Widerstand gegen
eine verhängnisvolle Überstürzung und
ermöglichte hierdurch eine ehrenvolle Verständigung mit
Deutschland. Leider starb er schon 25. Nov. 1885.

Alfons XII. hinterließ als Witwe seine zweite Gemahlin,
Maria Christine, eine österreichische Erzherzogin, welche
sofort als Regentin proklamiert wurde und 17.Mai 1886 einen Sohn,
Alfons XIII., gebar. Die Veränderungen auf dem Thron vollzogen
sich, abgesehen von einigen durch Zorrilla angestifteten
republikanischen Militärrevolten in Cartagena und Madrid und
von Ränken Montpensiers, die aber wirkungslos blieben, ohne
Störung. Canovas hielt es für nützlich, die
liberalen Parteien für die Erhaltung der Dynastie zu
interessieren, und empfahl daher der Regentin, an seiner Stelle
Sagasta zum Ministerpräsidenten zu ernennen (27. Nov.).
Derselbe verschaffte sich durch Neuwahlen die Mehrheit in den
Cortes, welche 10. Mai 1886 eröffnet wurden, die
Einführung von Geschwornengerichten genehmigten (7. Mai 1887)
und die Beratung der vom Kriegsminister Cassola vorgelegten
Heeresreform mit allgemeiner Wehrpflicht in Angriff nahmen. Die
Einnahmen wurden durch Verpachtung der Postdampferlinien und des
Tabaksmonopols vermehrt. Die Regentin verstand es, durch ihr
würdiges und kluges Benehmen die Achtung und Liebe des Volkes
in demselben Grad zu gewinnen wie ihr verstorbener Gemahl. Spaniens
Zustände sind indes noch durchaus unfertig. Der alte klerikale
Absolutismus ist zwar durch die Unfähigkeit seiner Vertreter
und das Eindringen liberaler Ideen äußerlich
gestürzt und lebensunfähig, aber im Geiste des Volkes so
wenig überwunden und vertilgt, daß sich auch keine
liberale Regierung auf die Masse des Volkes selbst stützen
kann, sondern die Hilfe der Parteiführer und ehrgeizigen
Generale in Anspruch nehmen muß, die wieder ihren
Schützling ausnutzen, diskreditieren und schließlich ins
Verderben fortreißen. Im Bund mit andern Parteien ist jede
Partei im stande, nach einigen Jahren das herrschende Regiment zu
stürzen.

[Litteratur.] Lembke, Geschichte von S. (Bd. 1, Hamb. 1831; Bd.
2 u. 3 von Schäfer, Gotha 1844-1861; fortgesetzt von
Schirrmacher, das. 1881 ff.); Lafuénte, Historia general de
España (Madr. 1850-66, 30 Bde.; neue Ausg., Barcelona 1888,
22 Bde.); Cavanilles, Historia de España (Madr. 1861-65, 5
Bde.); Rico y Amat, Historia politica e parlamentaria de
España (das. 1860-62, 3 Bde.); Alfaro, Compendio de la
historia d’España (5. Aufl., das. 1869); Rosseeuw
Saint-Hilaire, Histoire d’Espagne (Par. 1836-79, 14 Bde.);
Gebhardt, Historia general de España (Madr. 1864, 7 Bde.);
Havemann, Darstellungen aus der innern Geschichte Spaniens, 15.-17.
Jahrh. (Götting. 1850); Fapia, Historia de la civilisazion
d'España (Madr. 1840, 4 Bde.); Montesa u. Manrique, Historia
de la legislazion etc. de España (das. 1861-64, 7 Bde.);
Aschbach, Geschichte der Omaijiden in S. (2. Aufl., Wien 1860, 2
Bde.); Derselbe, Geschichte Spaniens und Portugals zur Zeit der
Herrschaft der Almorawiden und Almohaden (Frankf.1833-37, 2 Bde.);
Dozy, Histoire des Musulmans de l'Espagne (Leid. 1861, 4 Bde.;
deutsch, Leipz. 1873); Derselbe, Recherches sur l’histoire et
la littérature de l’Espagne pendant le moyen-âge
(3. Aufl., Leid. 1881, 2 Bde.); Prescott, History of Ferdinand and
Isabella (deutsch, Leipz. 1842); Derselbe, History of the reign of
Philipp II. of Spain (deutsch, das. 1856-59, 5 Bde.); Häbler,
Die wirtschaftliche Blüte Spaniens im 16. Jahrhundert (Berl.
1888); "Actas de las cortes de Castilla 1563-1713" (Madr. 1861-85);
Morel-Fatio, L’Espagne au XVI. et au XVII. siècle
(Heilbr. 1878); Baumgarten, Geschichte Spaniens zur Zeit der
französischen Revolution (Berl. 1861); Derselbe, Geschichte
Spaniens vom Ausbruch der französischen Revolution bis auf
unsre Tage (Leipz. 1865-71, 3 Bde.); Arteche y Moro, Guerra de la
independencia 1808-14 (Madr. 1868-83, Bd. 1-5); Hubbard, Histoire
contemporaine de l’Espagne (Par. 1869 bis 1883, 6 Bde.);
Lauser, Geschichte Spaniens vom Sturz Isabellas bis zur
Thronbesteigung Alfonsos (Leipz. 1877, 2 Bde.); Borrego, Historia
de las cortes de España durante el siglo XIX (Madr. 1885);
Cherbuliez, L'Espagne politique 1868-73 (Par. 1874); Leopold,
Spaniens Bürgerkrieg (Hannov. 1875); de Castro, Geschichte der
spanischen Protestanten (deutsch, Frankf. 1866); Wilkens,
Geschichte des spanischen Protestantismus im 16. Jahrhundert
(Gütersl. 1887); Kayserling, Geschichte der Juden in S. (Berl.
1861-67, 2 Bde.); Solvay, L’art espagnol (Par. 1886).

Spanierfeige (indische Feige), s. Opuntia.

Spaniol, feiner span. Schnupftabak, wird aus
Havanablättern bereitet und mit einer roten Erde gefärbt;
auch die Raupe des Frostschmetterlings.

Spaniolgeschmack (Spagnialgeschmack), s. Firnewein.

Spanische Artischocke, s. Cynara.

Spanische Fliege, s. Kantharide.

Spanische Kreide, s. Speckstein.

Spanische Kresse, s. v. w. Tropaeolum.

Spanische Litteratur. Die spanische Nationallitteratur,
hervorgegangen aus dem durch heldenhafte Anstrengung erstarkten
eigentümlichen Selbstgefühl eines Volkes, dessen
Phantasie in den Erinnerungen einer thatenreichen Vergangenheit
schwelgte, und durch Reichtum und Originalität der Produktion
auf allen Gebieten der Dichtkunst gleich ausgezeichnet, reicht in
ihren Anfängen bis in die Zeit zurück, wo sich nach der
Eroberung des Landes durch die Araber die ersten christlichen
Staaten im Norden der Halbinsel gebildet hatten. Von der alten
echten Volksdichtung haben sich jedoch nur wenige Denkmäler
und auch diese nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten
können, da sie Jahrhunderte hindurch nur im Munde des Volkes
und in diesem stets sich verjüngend und verändernd
fortlebte und erst aufgezeichnet wurde, als auch die Kunstpoesie
diese Lieder ihrer Beachtung wert fand, d. h. zu Anfang des 16.
Jahrh. Diese ältesten spanischen Volkslieder, bekannt unter
dem Namen Romanzen, waren epischen oder episch-lyrischen Charakters
und hatten hauptsächlich die Thaten der Helden in dem
großen National- und Glaubenskampf gegen die Araber zum
Inhalt. Unter diesen Romanzen sind diejenigen, welche die Thaten
und Schicksale des Cid el Campeador (gest. 1099) feierten,
vorzugsweise berühmt. Die frühsten auf uns gekommenen
Schriftdenkmäler rühren aus dem 13. Jahrh. her, und mit
dieser Zeit beginnt die erste Periode der spanischen
Litteratur.

Erste Periode.

Die s. L. erscheint in dieser Periode, welche bis zu der
Regierung Johanns II. von Kastilien (1406) reicht, als
volkstümlich-nationale mit vorherrschend epischer und
didaktischer Richtung. Das älteste auf uns

89

Spanische Litteratur (bis zum 15. Jahrhundert).

gekommene Werk derselben ist das "Poema del Cid", ein
größtenteils auf alten Volksdichtungen beruhendes Epos
in Form und Geist der französischen Chansons de geste, welches
in oft sehr malerischer Darstellung und kräftigen Zügen,
wenn auch in noch ziemlich roher Form die Thaten und Abenteuer des
Nationalhelden schildert. Verschieden von ihm ist die
"Crónica rimada del Cid" (s. Cid Campeador). Außerdem
gehören hierher als frühste Erzeugnisse spanischer
Kunstpoesie unter dem Einfluß der kirchlich-ritterlichen
Zeitideen: das "Poema de los Reyes Magos" und die Legende von der
Maria Egipciaca aus dem 13. Jahrh.), die Heiligen- und
Marienlegenden des Geistlichen Gonzalo de Berceo (gestorben um
1270), die Bearbeitung der ritterlichen Irrfahrten Alexanders d.
Gr. ("Poema de Alexandro Magno") von Juan Lorenzo Segura, die
spanische Bearbeitung des Romans "Apollonius von Tyrus" sowie die
"Votos de pavon" (ebenfalls noch aus dem 13. Jahrh.) und ein
chronikenartiges Gedicht, das die Thaten des Grafen Fernan
Gonzalez, des Stifters von Kastiliens Größe, besingt
(aus dem 14. Jahrh.). Diese Gedichte sind teils in einreimigen
Alexandrinerstrophen, teils in den nationalen Grundrhythmen der
Redondilien (s. d.) abgefaßt. Noch in das 14. Jahrh. ist wohl
auch die Abfassung der längern, epenartigen Romanzen von Karl
d. Gr. und seinen Paladinen zu setzen. Neben diesen vorwiegend
epischen Dichtungen begann sich während der Regierung Alfons
des Weisen von Kastilien (1252-84) eine didaktische Richtung der
Litteratur zu entwickeln, deren Hauptrepräsentant König
Alfons selber war. Er ließ die Landesgesetze aus der
lateinischen Sprache in die Landessprache bertragen, und auf seine
Veranlassung geschah die Abfassung einer Weltchronik und der
Geschichte der Kreuzzüge ("La gran conquista de Ultramar"),
abgedruckt in der "Biblioteca de autores españoles", Bd. 44)
sowie einer spanischen Chronik, der berühmten "Crónica
general" (Vallad. 1604), ebenfalls in kastilischer Sprache. So
wurde Alfons der eigentliche Schöpfer der spanischen Prosa.
Von poetischen Werken schreibt man ihm außer dem sogen.
"Libro de las querellas", von dem sich nur einige Bruchstücke
erhalten haben, ein didaktisches Gedicht alchimistischen Inhalts,
das "Libro del tesoro o del candado", zu, das jedoch nach einigen
spätern Ursprungs ist. Am wichtigsten sind seine in
galicischer Sprache verfaßten und provençalischen
Mustern nachgebildeten "Cantigas", Loblieder auf die Jungfrau
Maria, welche zum großen Teil in sechs- bis
zwölfzeiligen Versen bestehen und durch ihre Form die
spätere Kunstlyrik der Spanier vorbereiten. Alfons' Beispiel
wirkte ermunternd auf seine Nachfolger. Sein Sohn Sancho IV.,
genannt der Tapfere (gest. 1295), schrieb ein
moralisierend-philosophisches Werk: "Los castigos e documentos",
das Lebensregeln für seinen Sohn Ferdinand IV. enthielt, und
des letztern Sohn Alfons XI., genannt der Gute (gest. 1350), gilt
für den Verfasser einer Reimchronik in Redondilienstrophen,
wie er auch mehrere Werke in kastilischer Prosa abfassen
ließ, namentlich ein Adelsregister ("Becerro") und ein
Jagdbuch ("Libro de monterias", hrsg. von Navarro 1878) sowie
mehrere Chroniken (Ferdinands des Heiligen, Alfons' des Weisen,
Sanchos des Tapfern etc., abgedruckt in dem Werk "Cronicas de los
Reyes de Castilla etc.", Bd. 1, Madr.1876). Der hervorragendste
unter den fürstlichen Autoren jener Zeit ist der Infant Don
Juan Manuel (gest. 1347), am bekanntesten durch sein Werk "El conde
Lucanor" oder "Libro de Patronio", eine zum Teil aus orientalischen
Quellen geschöpfte Rahmenerzählung, in welcher dem Grafen
Lucanor sein Ratgeber Patronio moralische und politische
Ratschläge in Form von Novellen erteilt (s. Manuel 3). Bei
weitem der genialste Dichter jener Periode war aber der Erzpriester
von Hita, Juan Ruiz (gest. 1351), Verfasser eines
merkwürdigen, allegorisch-satirischen Werkes in
Alexandrinerversen ("Libro de cantares"), worin in der Weise Juan
Manuels Fabeln, Schwänke und Geschichten, fromme und
Liebeslieder etc. aneinander gereiht sind, denen eine gemeinsame
Erzählung zu Grunde liegt, nur daß hier der Schwerpunkt
weniger in der moralischen Tendenz als in der naiv anmutigen und
kunstvollen Darstellung liegt. Ein didaktisches Gedicht mit
eingewebten lyrischen Partien ist auch das wieder zumeist in
Alexandrinern abgefaßte Buch über das Hofleben ("Rimado
de palacio") des alten Chronisten und als Übersetzer des
Livius berühmten Pedro Lopez de Ayala (gest. 1407). Ebenso
macht sich in den Gedichten des Rabbi Don Santo, genannt "der Jude
von Carrion", welcher für den König Peter den Grausamen
von Kastilien Ratschläge und Lebensregeln in Versen
abfaßte, in dem Gedicht vom Totentanz: "Danza general de la
muerte", der ältesten Dichtung dieser Art, in der spanischen
Nachahmung der lateinischen "Rixa animae et corporis" u. a. die
didaktische Richtung geltend. Sämtliche bisher genannte
Gedichte sind in Bd. 57 ("Poetas castellanos, anteriores al siglo
XV") sowie die hauptsächlichsten Prosawerke in Bd. 51
("Escritores en prosa, anteriores al siglo XV") der erwähnten
"Biblioteca de autores españoles enthalten. Die Ausbildung
der damaligen historischen Prosa bekunden die Chroniken Ayalas,
Juan Nuñez de Villaizans, die Prosachronik vom Cid, die
Reisebeschreibung Ruy Gonzalez de Clavijos u.a. Auch die Abfassung
des "Amadis von Gallien" (s. Amadisromane), des Ahnherrn der
zahllosen spanischen Ritterromane, gehört dem Schluß
dieser Periode an.

Zweite Periode.

Mit der Regierung Johanns II. von Kastilien (1406-54) begann die
zweite Periode der spanischen Nationallitteratur, welche bis zur
Regierung Karls V., somit bis zum Schluß des Mittelalters,
reicht. Der Sinn für die alten Volkspoesien war
allmählich erloschen, und es kam eine reflektierte Dichtkunst,
eine höfische Kunstlyrik nach dem Muster der Troubadourpoesie
zur Entwickelung, welch letztere in limousinischer Mundart an den
Höfen der Grafen von Barcelona und der Könige von
Aragonien schon längst blühte. Zu der bereits
vorherrschenden didaktischen Richtung gesellten sich gelehrte,
mythologische und allegorische Elemente, die schlichten Reime der
Vorzeit wurden mit verschlungenen Versmaßen vertauscht, und
spitzfindige Geistesspiele und überflüssiger Schmuck
traten an die Stelle der edlen Einfalt, welche die alten Poesien
auszeichnete. Die Dichter dieser neuen Richtung gehörten fast
alle den Hofkreisen an, und ihre Werke tragen einen gemeinsamen
konventionellen Charakter. Der Horizont ihrer immer wiederkehrenden
poetischen Ideen war ein enger, auf den Kreis höfischer
Galanterie beschränkter und eine gewisse Monotonie daher die
unausbleibliche Folge dieser Armut an Ideen und Anschauungen. Zu
den hervorragendsten und einflußreichsten unter diesen
Hofdichtern gehörten: Don Enrique de Aragon, Marques de
Villena (gest. 1434), Verfasser didaktisch-allegorischer Dichtungen
und einer Abhandlung über die Dichtkunst: "La gaya
cienzia"

90

Spanische Litteratur (15. und 16. Jahrhundert).

und sein Schüler Marques de Santillana (gest. 1458), der
die ersten spanischen Sonette dichtete. Neben diesen sind
hervorzuheben: Juan de Mena (gest. 1456; "El laberinto"), Jorge
Manrique (gest. 1479), Macias, genannt "der Verliebte", der in
galicischer Sprache dichtete, und sein Freund Juan Rodriguez del
Padron, der auch eine Novelle: "El siervo", hinterließ;
ferner: Garci-Sanchez de Badajoz, Alonzo de Cartagena (eigentlich
Alfonso de Santa Maria), Diego de San-Pedro (um 1500), besonders
durch seinen halb metrischen, halb prosaischen Roman "El carcel de
Amor" berühmt, Fernan Perez de Guzman (gest. 1470), Verfasser
geistlicher Lieder, doch mehr noch als Geschichtschreiber
hervorragend, Alvarez Alfonso de Villasandino, Francisco Imperial
u. a. Die Werke dieser und vieler andrer Dichter sind gesammelt in
den sogen. "Cancioneros" (Liederbüchern), namentlich im
"Cancionero general" (zuerst Valenc. 1511), während die Werke
eines andern Dichterkreises, der sich um König Alfons V. von
Aragonien scharte, in dem "Cancionero de Lope de Stuniga" enthalten
sind (s. Cancionero). Sehr bemerkenswert ist die Ausbildung der
spanischen Prosa in diesem Zeitraum. Eine Anzahl wichtiger
Chroniken behandelt die Geschichte nicht nur der verschiedenen
Regenten, sondern auch bedeutender Privatpersonen. Unter diesen
sind das Leben des Feldherrn Pero Niño, Grafen von Buelna,
von Gutierre Diez de Game, die Geschichte des Connétable
Alvaro de Luna, von unbekanntem Verfasser (1546), die spanische
Chronik des Diego de Valera besonders bemerkenswert. Beachtung
verdienen namentlich auch die biographischen Werke des genannten F.
P. de Guzman ("Generaciones y semblanyas", Biographien
berühmter Zeitgenossen) und des Hernando del Pulgar ("Los
claros varones de Castilia", 1500), in denen sich bereits ein
nennenswerter Fortschritt vom Chronikenstil zu pragmatischer
Darstellung zeigt. Von Pulgar, dem hervorragendsten Prosaisten der
Periode, hat sich auch eine Anzahl Briefe erhalten, die, wie der
gleichfalls erhaltene und anziehende, aber wegen seiner Echtheit
angefochtene Briefwechsel des Leibarztes Johanns II., F. Gomez de
Cibdareal, einen nicht geringen Begriff vom Briefstil der damaligen
Zeit geben. Einen schätzenswerten Beitrag zur Sittengeschichte
gab Alfonso Martinez de Toledo, Erzpriester von Talavera, in seinem
"Corbacko" (zuerst 1499), einem Werk über die Sitten der
Weiber von schlechtem Lebenswandel. Endlich fallen in diese Periode
auch die ersten Anfänge des spanischen Dramas, das sich aus
ländlichen Festspielen und den in Kirchen aufgeführten
Mysterien (s. Auto) entwickelte. Hierher gehören die zum Teil
geistlichen Schäferspiele (Eklogen) des Juan del Encina (gest.
1534), die Komödien Gil Vicentes (gest. um 1540), eines
Portugiesen, der aber zum Teil in kastilischer Sprache schrieb,
ferner der so berühmt gewordene dramatische Roman "Celestina"
(in 21 Akten) von Fernando de Rojas (1500), der vielfache
Nachahmungen hervorrief, und die von der Inquisition nachher
verbotenen Schauspiele von Bartolome de Torres Naharro (in
"Propaladia", 1517), die sich durch phantasievolle Erfindung und
gewandten Versbau auszeichnen und in der Entwickelung des
spanischen Theaters einen merklichen Fortschritt bekunden.

Dritte Periode.

Die dritte Periode reicht von der Begründung der spanischen
Universalmonarchie durch Karl V. im Anfang des 16. Jahrh. bis zum
Schluß des 17. Jahrh. und begreift die allseitige
Entwickelung und höchste Blüte der spanischen Litteratur
sowie deren allmählichen Verfall, so gleichen Schritt haltend
mit der Entwickelung der politischen und sozialen Zustände des
Reichs. Alles, was in der vorigen Periode sich vorbereitet hatte,
kam in dieser zur Entwickelung, besonders infolge der politischen
Verbindung Spaniens mit Italien, das seit der Eroberung Neapels
durch Ferdinand de Cordova (1504) fast ein Jahrhundert hindurch
einen sehr bemerkbaren Einfluß äußerte.
Altklassische und italienische Muster, die italienischen
Versmaße, die Formen des Sonetts, der Stanze (ottave rime),
Terzinen, Kanzonen etc. fanden in Spanien Nachahmung, ohne
daß dabei die spanische Poesie, welche nach wie vor eine
durchaus volkstümliche Grundlage hatte, ihres nationalen
Charakters verlustig ging. Überdies stand der italienischen
Schule eine streng an den Nationalformen haltende Partei
gegenüber, bis sich die schroffen Einseitigkeiten beider
Parteien allmählich abgeschliffen hatten und aus der
Verschmelzung beider nun in ihrer Art vollendete Kunstwerke
hervorgingen. Der erste Dichter, welcher sich nach italienischen
und altklassischen Mustern bildete, war Juan Boscan Almogaver aus
Barcelona (gest. 1543); ihm ebenbürtig zur Seite standen sein
Freund Garcilaso de la Vega aus Toledo (gest. 1536), der Petrarca
der kastilischen Poesie genannt, und Diego Hurtado de Mendoza
(gest. 1575), Dichter vortrefflicher Episteln, auch Verfasser des
Schelmenromans "Lazarillo de Tormes" und sonst als Gelehrter und
Staatsmann gleich ausgezeichnet. Von großem Einfluß
wurde der in kastilischer Mundart schreibende Portugiese Jorge de
Montemayor (gest. 1561), der mit seiner "Diana" den (halb aus
Prosa, halb aus Versen bestehenden) Schäferroman
einführte, und mit dem sein Landsmann Sa de Miranda (gest.
1588) sowie Pedro de Padilla in der pastoralen Poesie wetteiferten.
Als Dichter schwungvoller, rhythmisch vollendeter Oden
glänzten daneben Hernando de Herrera (gest. 1597) und Luis
Ponce de Leon (gest. 1591), dem die Verbindung altklassischer
Korrektheit mit tief religiösem Gefühl am
vorzüglichsten gelang. Außerdem sind Hernando de
Acuña (gest. 1580), welcher zwischen dem italienischen und
dem Nationalstil die rechte Mitte zu treffen wußte, und der
Lieder- und Madrigalendichter Gutierre de Cetina (gest. 1560) als
begabte Anhänger der neuen Schule zu erwähnen. An der
Spitze der Gegner des italienischen Stils und der Verteidiger der
altspanischen Naturpoesie stand Cristoval de Castillejo (gest.
1556), dessen Romanzen und erotische Volkslieder echte
Heimatlichkeit atmen, während seine Satiren oft zu sehr
übertreiben. Unter seinen Parteigängern sind Antonio de
Villegas und Gregorio Silvestre namhaft zu machen, die sich durch
zierlichen Versbau auszeichneten, aber Castillejo nicht entfernt
gleichkamen. Endlich sei noch Francisco de Aldana (1578 in der
Schlacht bei Alcazarquivir gefallen) erwähnt, dem die
Zeitgenossen wegen der Hoheit seiner Gesinnung und seiner
bilderreichen und glühenden Sprache den Beinamen des
Göttlichen gaben. Nicht gleichen Schritt mit den lyrischen
Produktionen hielt die epische Poesie der Spanier, deren
Gestaltungskraft auf diesem Gebiet sich in dem Heldengedicht vom
Cid erschöpft zu haben schien. Von den vielen neuern epischen
Versuchen im 16. Jahrh., zu denen der Kriegsruhm Karls V. und die
Entdeckung von Amerika Anlaß gaben, den "Caroleen" und
"Mexikaneen", ist nur eine zu nennen, welche sich durch echt
epischen Geist und epische Unmittelbarkeit auszeichnet: die
"Arau-

91

Spanische Litteratur (16. Jahrhundert).

cana" des Alonso de Ercilla (gest. 1595), in welche der
Verfasser einen Teil seiner eignen Lebensgeschichte verflochten
hat. Mit dem neubelebten Nationalbewußtsein war dabei auch
bei den Kunstdichtern ein historisches oder ästhetisches
Interesse an den alten Volksromanzen erwacht, die neu aufgezeichnet
und gesammelt wurden. Auf diese Weise entstanden von der Mitte des
16. bis zur Mitte des 17. Jahrh. eine Reihe von Romanzensammlungen
("Romanceros"), die allerdings neben den echten alten epischen
Volksromanzen eine Unzahl gemachter chronikenartiger oder rein
lyrischer Produkte, Werke von Gelehrten und Kunstdichtern,
enthalten. Die reichhaltigste dieser Sammlungen ist der 1604
erschienene Romancero general" (s. Romanze).

Befruchtend wirkten die epischen Elemente der alten
Volksromanzen in Verbindung mit der kunstmäßig
ausgebildeten Lyrik auf die Entwickelung der Comedia, des
nationalen Dramas, des eigentlichen sprechenden Ausdrucks des
poetischen Lebens der Nation. Dieses hatte gleich beim Beginn
seiner Entwickelung in den bereits früher erwähnten
Dichtern Naharro und Gil Vicente die Repräsentanten der
Hauptrichtungen gefunden, die später eingeschlagen wurden,
indem der erstgenannte mehr idealisierend zu den phantasiereichen
Schöpfungen der heroischen Verwickelungs- und
Intrigenstücke (comedias de ruido, comedias de capa y espada)
anregte, der letztere aber der Vorläufer jener Dramatiker
wurde, welche in der Darstellung des Volkslebens in seiner
Wirklichkeit ihre Aufgabe suchten. Letztern schlossen sich
zunächst Lope de Rueda (um 1560), Verfasser der Stücke:
"Comedia de las engañas" und "Eufemia", und Alonso de la
Vega sowie die zahlreichen Verfasser der sogen. Vor- und
Zwischenstücke (loas, pasos, farsas, entremeses, sainetes und
comedias de figuron) an. Neben diesen Gattungen bestanden die
geistlichen Schauspiele, aus denen zunächst das spanische
Drama hervorgegangen ist, fort und bildeten sich in der Folge nach
verschiedenen Richtungen, als Autos sacramentales
(Fronleichnamsspiele) und Autos al nacimiento (zur Feier der Geburt
Christi), selbständig aus (s. Auto). Die gelehrten
Klassizisten versuchten zwar um die Mitte des 16. Jahrh. durch
Übersetzung und Nachbildung antiker Stücke auch das
spanische Drama nach den Mustern des klassischen Altertums
umzugestalten, und mehrere Dramatiker, z. B. Geronimo Bermudez, der
unter dem Namen Antonio de Silva Tragödien mit Chören
schrieb, schlossen sich dieser antikisierenden Richtung an; allein
sie vermochten die volle originale Entwickelung des spanischen
Dramas nicht zu hemmen, und die begabtesten Dichter folgten bald
ausschließlich der nationalen Fahne. Zu diesen gehörten
namentlich: Juan de la Cueva (um 1580), Verfasser der Komödie
"El infamador", der in seinem Buch "Exemplar poetico" auch eine
spanische Poetik aufstellte, Rey de Artieda, Dichter der "Amantes
de Teruel", eines Stücks von hoher Schönheit, und
Cristoval de Virues (gest. 1610), dessen Tragödien (besonders
"Semiramis" und "Cassandra") wahres tragisches Pathos und ein
kräftiger, ungezwungener Dialog nachzurühmen sind.

Die Entwickelung der spanischen Prosa blieb im 16. Jahrh. hinter
den poetischen Fortschritten nicht zurück; durch das immer
allgemeiner werdende Studium des Altertums gewann dieselbe an
Klarheit, Kraft und Eleganz. Der erste, welcher sie auch für
didaktische Werke, für die Darstellung philosophischer
Gedanken und Betrachtungen mit Erfolg anwandte, war Fernan Perez de
Oliva (gest. 1534), der Verfasser des gediegenen Werkes "Dialogo de
la dignidad del hombre", zu welchem Francisco Cervantes de Salazar
eine nicht minder treffliche Fortsetzung lieferte, und seinem
Beispiel folgte eine große Anzahl von Schriftstellern, von
denen nur Antonio de Guevara (gest. 1545) mit seinem Hauptwerk:
"Relox de principes, o Marco Aurelio". einer Art didaktischen
Romans, und seinen (zum größern Teil erdichteten)
"Epistolas familiares" erwähnt sei. Auf dem Gebiet der
Geschichtschreibung gab man den alten Chronikenstil jetzt
gänzlich auf und suchte die historische Kunst in pragmatischer
Darstellung und schöner Form den Griechen und Römern
abzulernen. Dieses Bestreben zeigt sich bereits bei den
Historiographen Karls V., Pero Mexia und Juan Ginez de Sepulveda
(gest. 1574), entschiedener aber noch bei den eigentlichen
Vätern der spanischen Geschichtschreibung: Geronimo Zurita aus
Saragossa (gest. 1580), Verfasser der wichtigen "Anales de la
corona de Aragon", welche später in dem Dichter Bartol.
Leonardo Argensola einen Fortsetzer fanden, und Ambrosio de Morales
(gest. 1591), der die von Florian de Ocampo begonnene Geschichte
Kastiliens mit Umsicht und Kritik weiterführte. Als das erste
spanische Geschichtswerk aber von klassischem Wert muß die
Geschichte des Rebellionskriegs von Granada ("Historia de la guerra
de Granada") des oben als Dichter erwähnten Diego de Mendoza
(gest. 1575) genannt werden. Weiter sind zu erwähnen die
Berichterstatter über die Neue Welt: Fernandez de Oviedo, der
eine "Historia general y natural de las Indias" (1535) schrieb, und
der edle Las Casas (gest. 1566), dessen "Historia de las Indias"
1876 zum erstenmal veröffentlicht wurde, namentlich aber der
Jesuit Juan de Mariana (gest. 1623), Verfasser einer "Historia de
España", die bis zur Thronbesteigung Karls V. (1516) reicht
und rhetorische Kraft mit Anschaulichkeit der Charakteristik und
freimütiger Gesinnung verbindet. Eine Stelle in der spanischen
Literaturgeschichte beanspruchen auch die nach seiner Flucht aus
Spanien geschriebenen, in klassischem Stil abgefaßten Briefe
des berühmten Geheimschreibers Philipps II., Antonio Perez
(gest. 1611), denen man die der heil. Teresa de Jesus (gest. 1582),
obschon ihrer Art nach ganz verschieden von jenen, an die Seite
stellen kann; ebenso die asketischen und religiösen
Erbauungsbücher von Fray Luis de Leon (Klostername des
Dichters Ponce de Leon) und dem Kanzelredner Fray Luis de Granada
(gest. 1588), die Schriften ähnlicher Art von San Juan de la
Cruz und Malonde Chaide ("La conversion de Madalena") u. a. Auch
der erste spanische Versuch eines historischen Romans, die
vortreffliche "Historia de las guerras civiles de Granada" von G.
Perez de Hita (um 1600), fällt in diese Zeit. In ihrer
höchsten Vollendung zeigte sich aber die kastilische Sprache
erst in dem größten und tiefsinnigsten Schriftsteller
Spaniens, Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616), der alle
Richtungen der Zeit in sich vereinigte, aber über denselben
stand und nicht nur in seinem unübertroffenen satirisch -
komischen Roman "Don Quijote", der dem herrschenden Unwesen der
Ritterromane den Todesstoß versetzte, und in seinen "Novelas"
Meisterleistungen aufstellte, sondern auch den Schäfer- und
den Liebesroman kultivierte und sogar auf dramatischem Gebiet mit
seiner "Numancia" und den "Entremeses" Werke von nationaler
Bedeutung schuf.

Mit dem 17. Jahrh., in das Cervantes' "Don Qui-

92

Spanische Litteratur (17. Jahrhundert).

jote" (1604) überleitet, tritt das spanische Drama in die
Periode seiner höchsten und glänzendsten Entwickelung,
die bis fast zum Ausgang des Jahrhunderts dauert, und die
übergroße Zahl von Bühnendichtern, welche diese
Zeit aufzuweisen hat, teilt sich in zwei große Gruppen, als
deren Mittelpunkt zwei der größten und fruchtbarsten
dramatischen Genien aller Zeiten: Lope de Vega Carpio (1562-1635)
und Calderon de la Barca (1600-1681) glänzen. Von den
Anhängern des ältern Lope nennen wir als die
bedeutendsten: Perez de Montalvan (gest. 1638), Verfasser des lange
Zeit beliebten Schauspiels "Los amantes de Teruel" (ein Stoff, den
früher bereits Artieda behandelt hatte) sowie geschichtlicher
Dramen, mit trefflicher Charakterschilderung (z. B. "Juan
d'Austria") und höchst eigentümlicher Autos ("Polifema");
Tarrega ("La enemiga favorable"); Guillen de Castro (gest. 1638),
dessen Hauptwerk: "Las mocedades del Cid", das Vorbild von
Corneilles "Cid" war; Gabriel Tellez, als Dichter den Namen Tirso
de Molina führend (gest. 1648), nach Lope, der fruchtbarste
spanische Schriftsteller, Verfasser von "El burlador de Sevilla",
der ersten Dramatisierung der Don Juan Sage; Juan Ruiz de Alarcon
(gest. 1639), ein origineller Dichter voll glühender Phantasie
und plastischer Kraft, dessen "Tejedor de Segovia" und "Ganar
amigos" unter die Meisterstücke der heroisch-romantischen
Gattung gehören (sein Lustspiel "La verdad sospechosa" wurde
das Vorbild von Corneilles "Menteur"); ferner: Luis Velez de
Guevara (gest. 1646), der die Erscheinungen des äußern
Lebens in wirkungsvoller Weise darzustellen weiß und
besonders durch sein Drama "Mas pesa el rey que la sangre", eine
Verherrlichung der Lehnstreue, berühmt ist; Antonio Mira de
Mescua (um 1630), dessen "Esclavo del demonio" Calderon in seiner
"Andacht zum Kreuz" benutzt hat, u. a. Viele vortreffliche
Stücke stammen auch aus der Zeit des Lope, deren Verfasser
unbekannt geblieben sind, und die gewöhnlich unter dem Titel:
"Comedias famosas par un ingenio de esta corte" angezeigt wurden;
am meisten Aufsehen unter denselben erregte "El diablo prediador".
Die genannten Dichter, ausgezeichnet durch reiche Erfindungsgabe
und geniale Konzeption, sind denn die eigentlichen Schöpfer
des spanischen Dramas, und sie schufen dasselbe aus rein nationalen
Elementen, aus volkstümlicher Begeisterung und frischer,
glühender Phantasie. Da bei Calderon zu dieser
Originalität und sprudelnden Fülle noch die
künstlerische Reflexion und die sorgsamere Ausführung im
einzelnen hinzukamen, so erreichte in ihm das spanische Drama den
Gipfel der Vollendung. Die namhaftesten unter seinen Zeitgenossen
und Nachfolgern sind: Agostin Moreto (gest. 1668), der weniger
durch die Originalität und Kühnheit der Erfindung als
durch sorgfältige Entwickelung fein ausgearbeiteter
Entwürfe glänzt (Hauptwerk: "El valiente justiciero");
Francisco de Rojas (um 1650), der sowohl im Intrigenstück als
in der Tragödie Ausgezeichnetes leistete (am populärsten:
"Del rey abajo niguno", eine Schilderung des Konflikts zwischen
Königstreue, Ehre und Liebe); Matos Fragoso, durch
liebenswürdige Wärme der Darstellung und Eleganz des
Stils ausgezeichnet (bestes Drama: "El villana en su rincon", eine
gelungene Bearbeitung des gleichnamigen Stückes von Lope), und
Juan Bautista Diamant e (blühte um 1674), dessen
geschichtliche Dramen (z. B. "El hijo, honrador de su padre", das
die Geschichte des Cid zum Vorwurf hat, und "Judia de Toledo")
historischer Geist und feines Verständnis beleben; Juan de la
Hoz Mota, dessen Lustspiel "El castigo de la miseria" allezeit ein
Stolz der Spanier war; der oben genannte, auch als Dramendichter
ausgezeichnete Historiker Antonio de Solis (gest. 1686), von dessen
heroischen Schauspielen besonders "El alcasar del secreto" und die
"Gitanella de Madrid" zu den Lieblingsstücken damaliger Zeit
gehörten; Antonio Enriquez Gomez (um 1650), Verfasser
zahlreicher Komödien sowie lyrischer Gedichte und satirischer
Charakterbilder in Prosa (s. unten); Agustin de Salazar (gest.
1675), der sich wenigstens in einigen seiner Dramen, wie "Elegir al
enemigo", und in dem feinen Sittengemälde "Segunda Celestina"
als echter Dichter bewährte; Antonio de Leyba, Fernando de
Zarate, Cristoval de Monroy, Geronimo de Cuellar u. v. a. Der
Reichtum der spanischen Bühne jener Zeit ist in der That
unübersehbar, und die ungeheure Wirkung, welche dieselbe
dauernd ausübte, lag darin, daß es der Geist und die
Seele des ganzen Volkes waren, welche in ihren Schöpfungen
pulsierten und sie zum Gemeingut dieses Volkes machten. Gegen den
Ausgang des Jahrhunderts beginnt die dramatische Poesie endlich zu
ermatten, aber selbst die bereits der Verfallzeit angehörenden
Schauspiele von Franc. Bances Cándamo (gest. 1709; "Por su
rey y por su dama", "Esclavo en grillos de oro "), Cañizares
(gest. 1750), der mit sogen. Comedias de figuron (worin irgend eine
lächerliche Figur den Mittelpunkt bildet) seine Haupterfolge
erzielte, und Antonio Zamora (gest. 1730) atmen immer noch echt
spanischen Geist. Mit dem durchaus volkstümlichen Drama konnte
sich die gelehrte Kunstpoesie im 17. Jahrh. weder an vielseitiger
Ausbildung noch an Beliebtheit messen.

Die phantasievolle Weise Lope de Vegas hatte in der Lyrik
Eingang gefunden, wurde jedoch bald von einzelnen Dichtern durch
gezierte und schwülstige Wendungen und Ausdrücke bis zur
Karikatur verzerrt, und an die Stelle der Gedanken und Empfindungen
traten leeres Gepränge hochtönender Worte, abenteuerliche
und gesuchte Bilder und Gleichnisse und geschraubte, in erhabene
Dunkelheit gehüllte Phrasen. Der Hauptträger dieser
geschmacklosen Richtung war Don Luis de Gongora (gest. 1627), der
Erfinder des sogen. Estilo culto und Begründer einer besondern
Dichterschule, der Gongoristen oder Kulturisten, die mit der Zeit
einen verderblichen Einfluß auf den Geschmack der Zeit
ausübte, und als deren ausgezeichnetstes Mitglied der durch
sein tragisches Geschick bekannte Graf von Villamediana (ermordet
1621) zu nennen ist. Von den Gongoristen unterschieden sich die
sogen. Konzeptisten insofern, als sie das Hauptgewicht auf den
gedanklichen Inhalt der Dichtung legten, der sich nicht selten ins
Mystische verlor; an ihrer Spitze standen Felix de Arteaga (gest.
1633) und Alonso de Ledesma (gest. 1623; "El monstruo imaginado").
Die talentvollern Dichter gehörten gleichwohl zu den Gegnern
Gongoras, obschon auch sie der herrschenden Mode
Zugeständnisse machen mußten, so die beiden Brüder
Lupercio Leonardo und Bartolome de Argensola (gest. 1613 und 1631),
zwei Lyriker, die, Horaz und den Italienern nacheifernd, klassische
Korrektheit des Stils mit poetischem Gefühl und
glücklichem Darstellungstalent verbinden; Estevan Manuel de
Villegas (gest. 1669), als der erste unter den erotischen Dichtern
anerkannt; Francisco de Rioja (gest. 1659), Verfasser
vortrefflicher Lieder und Oden; Juan de Arguijo (um 1620), ein
zartsinniger Sonettensän-

93

Spanische Litteratur (17. und 18. Jahrhundert).

ger, besonders bekannt durch sein Gedicht auf seine Leier;
ferner Juan de Jauregui (gest. 1641), der Übersetzer von
Tassos "Aminta" und Verfasser einer Dichtung: "Orfeo", in fünf
Gesängen; Francisco de Borja, Principe de Esquilache (gest.
1658), mehr durch seine Romanzen und kleinern lyrischen Gedichte
als durch seine größern Werke ("Napoles recuperada")
hervorragend; Vicente Espinel (gest. 1634), der teils in
italienischen Silbenmaßen, teils im altspanischen Stil
dichtete, auch eine neue Art eigentümlich gereimter Dezimen
(die sogen. Espinelen) einführte. Vorzugsweise in der
pastoralen und der epischen Dichtung glänzte Bernardo de
Balbuena (gest. 1627), Verfasser des romantischen Heldengedichts
"Bernardo" und des Schäferromans "El seglo de oro",
während die "Selvas danicas" des Grafen Bernardino de
Rebolledo (gest. 1676), eine Art Epos, worin die ganze Geschichte
und Geographie Dänemarks versifiziert vorgetragen wird, und
andre ähnliche Werke desselben Verfassers das Herabsinken der
spanischen Poesie zu nüchternem Formenwesen kennzeichnen. Als
trefflicher Lyriker, namentlich durch burleske Lieder und Romanzen
("Jacaras") glänzte ferner Francisco Gomez de Quevedo (gest.
1645), der auch auf andern Gebieten zu den ersten und geistvollsten
Autoren gehört (s. unten). Von den übrigen Dichtern seien
noch flüchtig erwähnt: der humoristische und schalkhafte
Balthasar de Alcazar (gest. 1606), Martin de la Plaza, der
heldenhafte Gonzalo de Argote y Molina, Sänger patriotischer
Lieder, auch Geschichtschreiber; Francisco de Figueroa, genannt der
"spanische Pindar"; Luis Barahona de Soto, Verfasser der "Lagrimas
de Angelica", einer eleganten und langweiligen Fortsetzung des
"Rasenden Roland", die ungewöhnlichen Beifall fand; Francisco
de Medrano, Luis de Ulloa, der schon als Dramatiker erwähnte
Agustin de Salazar (gest. 1675), der sich durch seine "Cythara de
Apolo" als blinder Anhänger des "Estilo culto" bewies; Agustin
de Tejada, Pedro Soto de Rojas, Lopez de Zarate (gest. 1658),
Verfasser des Epos "La invencion de la cruz"), die Nonne Ines de la
Cruz aus Mexiko u. a. Eine Sammlung lyrischer Gedichte des 16. und
17. Jahrh., deren wesentliche Vorzüge in der hohen metrischen
Ausbildung der Formen und der durchdachten, fein zugespitzten
Konzeption bestehen, enthält Bd. 42 der "Biblioteca de autores
españoles".

Auf dem Gebiete der Prosa traten nach den glänzenden Werken
des Cervantes nur Leistungen von geringerm Belang hervor. Der
Ritterroman war, besonders in den zahllosen Nachahmungen des
"Amadis", zur Karikatur herabgesunken; auch der Schäferroman,
obwohl noch von zahlreichen Schriftstellern, darunter von Lope de
Vega ("Arcadia"), Luis Galvez de Montalvo ("Filida") u. a.,
kultiviert, verlor mehr und mehr in der Meinung des Publikums. Bei
weitem größern Beifall fanden die Schilderungen der
Sitten und gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart,
denen sich die vorzüglichsten Autoren jetzt mit Vorliebe
zuwandten und zwar teils in Form kleinerer Novellen, in welcher
Gattung Cervantes den Ton angegeben hatte, dem Geronimo Salas
Barbadillo (gest. 1630), die Dramatiker Tirso de Molina
("Cigarrales de Toledo") und Perez de Montalvan ("Para todos")
nebst einer ganzen Reihe anderer, wie Francisco Santos Vargas,
Ribera, Prado etc., darunter auch zwei Frauen: Mariana de Carbajal
(um 1633) und Maria de Zayas (um 1650), mit mehr oder minder
Glück nacheiferten; teils in jenen berühmten
Schelmenromanen nach dem Muster des "Lazarillo de Tormes" von
Mendoza (s. oben), so in der witzigen "Historia del gran
Tacaño" von Quevedo, in "Marcos de Obregon" von Vicente
Espinel, in "Vida y hechos del picaro Gusman del Alfarache" von
Mateo Aleman, in der "Picara Justina" von Franc. Lopez de Ubeda
(Andres Perez), in der "Vida de Don Gregorio Guadaña" von
Ant. Enriquez Gomez; in der berüchtigten Selbstbiographie von
Estevanillo Gonzalez (1646) u. a. Eine dritte Reihe von
Darstellungen des spanischen Lebens bilden die Erzählungen in
jenem burlesk-phantastischen Stil, der zuerst von Quevedo in seinen
fein, aber bitter satirischen "Sueños" und den witzigen
"Cartas del caballero de la tentenaza" aufgebracht, dann von Velez
de Guevaraz in seinem "Diablo cojuelo" u. a. weiter ausgebildet
wurde. Mit der Zeit litt indessen auch die Prosa durch den
Einfluß der Gongoristen und sank zu den Bizarrerien des
Estilo culto herab; unter den Schriftstellern dieser Schule ist der
bekannteste der Jesuit Baltazar Gracian (gest. 1658), von dessen
Schriften besonders der "Criticon", eine Allegorie auf das
menschliche Leben in Novellenform, und der einst vielbewunderte
"Oraculo manual", eine Zusammenstellung von Regeln der
Weltklugheit, zu erwähnen sind. Die Geschichtschreibung, deren
Ausbildung durch religiösen und politischen Druck in jeder
Weise behindert war, hat nach Mariana nur noch zwei Schriftsteller
von Bedeutung aufzuweisen: Francisco Manuel de Melo (gest. 1665),
der die Geschichte des Kriegs in Katalonien schrieb, und den schon
als Dramatiker erwähnten Antonio de Solis, Verfasser einer
Geschichte der Eroberung von Mexiko, die wie ein Heldengedicht in
Prosa gemahnt, aber an Befangenheit des Urteils und Mangel an
Objektivität leidet.

Vierte Periode.

Die vierte Periode, welche von der Thronbesteigung der Bourbonen
(1701) bis auf unsre Zeit reicht, ist charakterisiert durch die
Herrschaft des französischen Kunstgeschmacks und die
schließliche Wiedergeburt der spanischen Litteratur, die sich
durch Verschmelzung der nationalen Elemente mit der
modern-europäischen Bildung allmählich vollzog. Nachdem
die Litteratur lange Zeit in derselben Art von Marasmus gelegen, in
welchen die ganze Nation seit dem Tode des letzten und
unfähigsten Habsburgers, Karls II., unter dessen Regierung der
letzte Schimmer von Spaniens ehemaliger Größe
verschwand, versunken war, kam gegen die Mitte des 18. Jahrh. durch
die bourbonische Dynastie ein neuer Geist, der französische,
über die Pyrenäen, der bei der Verwilderung und
Erschöpfung des alten Nationalgeschmacks als ein
Regenerationsmittel bald Einfluß gewinnen mußte.
Eingang verschaffte ihm namentlich Ignacio de Luzan (gest. 1754),
der in seiner Schrift "La Poetica" (1737) die
französisch-klassische Kunstlehre erörterte und damit
sofort begeisterte Anhänger fand. Unter ihnen haben namentlich
die Gelehrten L. J. Velasquez (gest. 1772) in seinen "Origenes de
la poesia castellana" (1754) und Gregorio de Mayans (gest. 1782) in
"Retorica" (1757) die Theorie Luzans weiter entwickelt.
Gleichzeitig wirkte der Benediktinermönch Benito Geronimo
Feyjoo (gest. 1764) durch seine "Cartas eruditas y curiosas"
für Aufklärung des verdummten Volkes und Reform der
Wissenschaften, während etwas später unter der
aufgeklärten Regierung Karls III. José Franc. de Isla
(gest. 1781) in dem satirischen Roman "Fra Gerundio de Campazas"
sogar gegen die Mißbräuche der Kirche zu Felde zog.
Inzwischen war auch eine Reaktion des alten Nationalgeistes
gegen

94

Spanische Litteratur (18. und 19. Jahrhundert).

die Bestrebungen der Neuerer, der Gallizisten, eingetreten, und
als Hauptverfechter desselben trat jetzt, wenn auch mehr
theoretisch als durch eigne Schöpfungen, der patriotische,
aber blind eifernde Garcia de la Huerta (gest. 1787) auf.
Gleichzeitig wußten Lopez de Sedano durch seinen "Parnas
español", eine Sammlung der bemerkenswertesten Dichtungen
des 16. und 17. Jahrh., und Tomas Antonio Sanchez durch eine
Auswahl der ältesten spanischen Dichtungen sowie Sarmiento
durch seine "Historia de la poesia español" die absolute
Herrschaft der Gallizisten zu verhindern und das Interesse für
heimische Poesie wieder anzuregen. Als der erste bedeutendere
Schriftsteller der französischen Richtung ist Nicolas Fernando
Moratin (gest. 1780) zu nennen, der als Epiker wie namentlich als
dramatischer Dichter thätig war; aus der großen Menge
von Dramatikern der nationalen Richtung ragt indessen nur der
fruchtbare Ramon de la Cruz (gest. 1795), besonders durch seine von
genialem Humor erfüllten Sainetes (Zwischenspiele),
glänzend hervor. Bald bildete sich wieder eine Dichterschule,
nach ihrem Hauptsitz die "Schule von Salamanca" genannt, die eine
vermittelnde Stellung einnahm, insofern ihre Mitglieder gegen die
Anforderungen des Zeitgeistes nicht blind, aber doch patriotisch
genug waren, um neben den modernen fremden auch die einheimischen
Muster der guten Zeit zu berücksichtigen. Das eigentliche
Haupt dieser Schule war Juan Melendez Valdes (gest. 1817), der die
Nation wieder zu enthusiasmieren wußte und auch das
philosophische Element in die spanische Dichtung aufnahm; zu ihren
Anhängern gehörten: Nicasio Alvarez Cienfuegos (gest.
1809), ein Dichter zarter und anmutiger Liebeslieder; José
Iglesias de la Casa (gest. 1791), besonders im Epigramm und in
kleinen satirischen Gedichten ausgezeichnet; Tomas de Iriarte
(gest. 1791), der die Fabel in die spanische Dichtkunst
einführte und darin in Felix Maria de Samaniego (gest. 1801)
einen glücklichen Nachfolger fand; ferner die schon
ältern José de Cadalso (gest. 1782), Verfasser der
Satire "Los eruditos á la violeta" und der "Cartas
Marruecas", und der Staatsmann und Patriot Gaspar Melchior de
Jodellanos (gest. 1811), ein hochbegabter Schriftsteller und reiner
Charakter, der auf die Wiedergeburt der spanischen Litteratur von
großem Einfluß war. Auch Pablo Forner (gest. 1797), der
Pater Diego de Gonzales (gest. 1794), Leon de Arroyal, Graf
Noroña u. a., die zum Teil auch die Italiener nachahmten,
dürfen der Dichterschule von Salamanca beigezählt werden.
Strenger am französischen System hielt der talentvolle Leandro
Fernandez de Moratin (der jüngere, 1760-1828), besonders in
seinen Lustspielen ("El si de las niñas"), die sich, wie
auch seine übrigen Werke (Oden, Sonette, Epigramme, das Idyll
"La ausencia" etc.) durch Anmut der Schreibart und Feinheit des
Geschmacks auszeichen und mit verdientem Beifall aufgenommen
wurden.

Die verhängnisvollen Ereignisse des 19. Jahrh., der
Unabhängigkeitskrieg gegen die Besitzergreifung Spaniens durch
Napoleon und die diesem folgenden Aufstände, übten
einerseits einen nachteiligen Einfluß auf die Litteratur, da
sie die Muße zu litterarischen Arbeiten nahmen und die
politischen Kämpfe und Debatten einen großen Teil der
vorhandenen Talente verzehrten; anderseits wirkte aber der durch
den Unabhängigkeitskrieg errungene Sieg über die
französische Usurpation wie in politischer, so auch in
litterarischer Hinsicht belebend, und der politische Anteil an der
Regierung, den die Nation durch die innern Umwälzungen errang,
trug zu ihrer allseitigern Geistesentwickelung bei und gab der
Litteratur wieder eine mehr patriotische und selbständige
Haltung. Von den Schriftstellern und Gelehrten, welche sich an den
politischen Kämpfen beteiligten, sei hier nur an Antonio de
Capmany (gest. 1813), der staatsrechtliche Schriften sowie eine
"Filosofia de elocuencia" und den "Tesoro de prosadores
españoles" herausgab, den Nationalökonomen Florez
Estrada und die Publizisten Donoso Cortes, Conde de Toreno und
José de Lara (gest. 1837), erinnert, welch letzterer, einer
der vorzüglichsten Schriftsteller Spaniens (auch unter dem
Namen Figaro bekannt), seine Zeit mit all ihren Erscheinungen auf
dem Gebiet des politischen wie des sozialen Lebens einer strengen
Kritik im Gewand originellen Humors und treffender Satire unterzog,
aber auch als Dichter sich auf dem Felde des Romans und des Dramas
("Macias", "No mas mostrador") berühmt machte. In der
poetischen Litteratur traten jetzt hauptsächlich zwei Parteien
einander gegenüber: die Klassiker, d. h. diejenigen, welche
sich noch immer der französisch-klassischen Regel unterwarfen,
andernteils aber auch solche, welche von dem Zurückgehen zur
alten spanischen Nationalpoesie das Heil der Dichtkunst erwarteten,
und die Romantiker, welche entweder fessellos den Antrieben ihres
Genius folgten, oder sich der neu französischen Richtung
anschlossen. Als Dichter der klassischen Richtung sind zu nennen:
Manuel José Quintana (gest. 1857), Verfasser des
Trauerspiels "Pelayo" (1805) und trefflicher Oden (aber auch als
Historiker geschätzt); die Lyriker Juan Bautista de Arriaza
(gest. 1837) und José Somoza; Juan Maria Maury, Verfasser
anmutig-einfacher Romanzen wie auch größerer epischer
Gedichte; Felix José Reinoso (gest. 1842), der sich durch
das Epos "La inocencia perdida" und kleinere Poesien einen Namen
erwarb; José Joaquin Mora, durch seine satirischen Fabeln
und Romanzen ausgezeichnet; Serafin Calderon (gest. 1867), ein
leidenschaftlicher Anhänger der alten Nationalpoesie ("Poesias
di un solitario"); Lopez Pelegrin; Tom. José Gonzalez
Carvajal (gest. 1834; "Libros poeticos de Santa Biblia") u. a.
Viele der neuern Dichter schwankten auch zwischen der klassischen
und romantischen Richtung, so: Alberto Lista (gest. 1848), gleich
ausgezeichnet als Dichter und Mathematiker ("Poesias sagradas",
"Poesias filosoficas", Romanzen etc.); der gefeierte Staatsmann
Angelo de Saavedra, Herzog von Rivas (gest. 1865), der von der
klassischen Schule zu den Romantikern überging, Verfasser der
Ode "El desterrado", der Dichtung "Florinda" sowie des
Romanzencyklus "El moro exposito", und Francisco Martinez de la
Rosa (gest. 1862), in der lyrischen und didaktischen Dichtung wie
im beschreibenden Epos ("Saragosa") und gleich Saavedra auch im
Drama (s. unten) hervorragend; ferner Nicasio Gallego (gest. 1853),
berühmt durch seine ergreifenden Oden und Elegien; der
Fabeldichter Pablo de Jerica, der Lyriker José Maria Roldan
(gest. 1828), Manuel de Arjona, Verfasser trefflicher Fabeln,
Epigramme und scherzhafter Erzählungen, Francisco de Castro u.
a. An der Spitze der Romantiker steht José Zorrilla (geb.
1818), der populärste Dichter des modernen Spanien, der sich
von der Poesie der Zerrissenheit und des Schmerzes zu einer heitern
Auffassung des Lebens durchgearbeitet und auf fast allen Gebieten
der Dichtkunst (wir erinnern nur an seine "Cantos del trovador" und
sein Drama "Don Juan Tenorio") Vortreffliches geleistet

95

Spanische Litteratur (19. Jahrhundert).

hat. Neben ihm sind zu nennen: der exzentrische José de
Espronceda (gest. 1842), ein Dichter der Verzweiflung ("El
condenado á la muerte", "El mendiande", "El estudiante" u.
a.); der schwermütige Nicomedes Pastor Diaz, dem die
süßesten und erhebensten Töne zu Gebote stehen;
José Bermudez de Castro, in dessen Dichtungen ("El dia de
difuntos") sich wieder alle Schauer der Romantik finden; der
phantastisch-fromme Jacinto Salas y Quiroja; der Staatsmann
Patricio de la Escosura (gest. 1878), ein schwungvoller Lyriker des
Weltschmerzes ("El bulto vestido de negro capuz"), dessen Talent
sich aber noch glänzender in seinen historischen Romanen zeigt
(s. unten); der sinnige Lieder- und Romanzendichter Francisco
Pacheco u. a. Von den Dichtern der neuesten Zeit errangen vor
andern Ramon de Campoamor (geb. 1817), der Verfasser der tief
poetischen Gedichtsammlung "Doloras". aber auch dramatischer
Arbeiten, eines Epos: "Colon", und reizender "Novellen in Versen",
und der "Poeta del pueblo", Antonio de Trueba (gest. 1889), mit
seinem "Libro de los cantares" verdienten Beifall. Neben ihnen
teilen sich Villergas, Campo-Arano, Enrique Gil, Gaspar Bueno
Serrano und besonders Ventura Ruiz Aguilera (gest. 1881), Dichter
berühmter "Elegias" und der "Legenda de Noche-Buena", sowie
Gaspar Nuñez de Arce (geb. 1834), Verfasser des Gedichts "El
vertigo" und der "Vision de Fray Martin", in die Gunst des
Publikums. Auch José Selgas, Manuel del Palacio, Adolfo
Becquer und Curros Enriquez ("Aires da minha terra") müssen
als Lyriker genannt werden. Als Satiriker fand José Gonzalez
de Tejada, als Fabeldichter Miguel Augustin Principe und F.
Baëza Anerkennung. Auch ein moderner "Romancero
español" von verschiedenen Verfassern ist erschienen (1873).
Eine gediegene Blütenlese aus den Werken der Dichter des 19.
Jahrh. bietet der "Tesoro de la poesia castellana", Bd. 3 (Madr.
1876).

Was das Drama betrifft, so war seit den 30er Jahren die
Herrschaft des klassischen Geschmacks, der durch Moratin den
jüngern für einige Zeit zur allgemeinen Geltung gelangt
war, im Sinken begriffen, und das spanische Theater trat in ein
Stadium, welches ein Gemisch der extremsten Gegensätze bot.
Namentlich ließ man sich von dem Taumel der sogen.
romantischen Schule in Frankreich mit fortreißen, deren
Mißgebilde man in Übersetzungen oder in noch krassern
Nachbildungen mit Vorliebe auf die heimische Bühne brachte.
Erst allmählich klärte sich das Chaos, die Besonnenern
kehrten zu den altklassischen Formen zurück, die sie mit den
Anforderungen der modernen Zeit zu vereinen suchten, und wenn sich
auch die spanische Bühne bis auf den heutigen Tag noch nicht
völlig zur Selbständigkeit in einer bestimmten Richtung
hervorgearbeitet hat, so gewinnen doch würdige, aus edlem
Streben hervorgegangene Originalproduktionen immer mehr die
Oberhand. Unter den Klassikern ragt vor allen Manuel Breton de los
Herreros (1800-1873) hervor, der fruchtbarste Bühnendichter
des modernen Spanien, unter dessen den verschiedensten dramatischen
Gattungen angehörenden Arbeiten die Charakterkomödien, in
welchen er das Leben der Mittelklassen Spaniens schildert, den
obersten Rang einnehmen. Unter seinen zahlreichen Nachahmern ist
Tomas Rodriguez Rubi (geb. 1817) der begabteste. Zu den
Anhängern der klassischen Schule gehörten auch die
Lustspieldichter Francisco de Burgos (gest. 1845) und Manuel
Eduardo Gorostiza (geb. 1790); ferner Juan Eugenio Hartzenbusch
(1806-80), einer der bedeutendsten Tragiker der Neuzeit, Verfasser
des Dramas "Los amantes de Teruel", dem sich seine spätern
Arbeiten würdig anreihen. Von großer
Bühnengewandtheit zeugen die Stücke von Antonio Garcia
Gutierrez (gest. 1884), den besonders die Tragödie "El
Trovador" berühmt machte. Eine zwischen der klassischen und
romantischen Richtung hin- und herschwankende Stellung nimmt der
oben als Lyriker genannte Martinez de la Rosa ein, der Verfasser
reizender und belieber Lustspiele ("La niña en casa y la
madre en la máscara" und "Los zelos infundados"), dessen
dramatische Begabung sich aber noch glänzender in seinen
historischen Tragödien ("La conjurazion de Venecia") zeigt.
Unter den vorzugsweise tragischen Dichtern ist der bedeutendste
Antonio Gil y Zarate (1793-1861), der, seinen Prinzipien nach
Anhänger des Klassizismus, in der Praxis später zu den
Romantikern überging, und unter dessen Stücken besonders
"Carlos II el hechizado", "Rosmunda" und "Guzman el bueno"
hervorzuheben sind. Entschieden romantische Richtung verfolgen in
ihren dramatischen Arbeiten der schon genannte A. de Saavedra,
Herzog von Rivas, Verfasser des Lustspiels "Solaces de un
prisionero" und des Dramas "Don Alvaro", und José Zorrilla,
der Lieblingsdramatiker der Nation, von welchem wir hier nur "El
zapatero y el rey" und die Bearbeitung der Don Juan-Sage: "Don Juan
Tenorio", erwähnen wollen. Von den übrigen Dramatikern,
besonders der neuesten Zeit, seien hier noch angeführt:
Ventura de la Vega (gest. 1865), Gertrudis de Avellaneda (gest.
1873; "Leoncia", "El principe de Viana"), der schon als Lyriker
erwähnte Campoamor ("Dies irae", "Cuerdos y locos", "El
honor"), Adelardo Lopez de Ayala (gest. 1879; "El hombre de
estado", "El tanto por ciento", "Consuelo"), Luis Martinez de
Eguilaz (geb. 1833; "La cruz del matrimonio"), José
Echegaray (geb. 1832; "La esposa del vengador", "En el seno de la
muerte", "El gran galeoto"), Nuñez de Arce ("Dendras de
honra", "El haz de leña"), Francisco Camprodon (gest. 1870;
"Flor de un dia") und Tamayo y Baus ("La rica hembra"),
vorzugsweise Dichter, welche das moderne Leben bald in
realistischer, bald in idealistischer Auffassung zur Darstellung
brachten. Sehr beliebt sind in der Neuzeit die echt spanischen, dem
Volksleben abgesehenen Possen (Sainetes), wie "La banda del rey"
von Emilio Alvarez u. a. Eine gediegene Auswahl moderner Dramen
erschien unter dem Titel: Joyas del teatro español del siglo
XIX" (Madr. 1880-82).

Im Vergleich mit der dramatischen Litteratur blieb das Gebiet
des Romans lange Zeit vernachlässigt; erst in der letzten Zeit
begann man dasselbe wieder eifriger anzubauen. Zunächst
folgten Übersetzungen und Nachahmungen französischer und
englischer Werke, dann aber auch spanische Originalromane und zwar
in solcher Fülle, daß gegenwärtig auch bei den
Spaniern der Roman, als das "Epos unsrer Zeit", nebst der Novelle
zur Lieblingsform litterarischer Produktion geworden und in
verschiedenen Formen ausgebildet ist. Besondere Pflege erfuhr der
historische und Sittenroman, als deren Hauptrepräsentanten
unter den bereits angeführten Autoren genannt werden
müssen: Larra ("El doncel de Don Enrique el Doliente"),
Escosura ("El conde de Candespina" und "Ni rey, ni roque"),
José de Espronceda ("Don Sancho Salaña"), Serafin
Calderon ("Christianos y Moriscos"), Martinez de la Rosa ("Isa-

96

Spanische Litteratur (Philosophie, Theologie, Rechts- u.
Staatswissenschaft).

bel de Solis") und Gertrudis de Avellaneda ("Dos mugeres").
Ungemeinen Erfolg hatten auf diesem Gebiet außerdem Fernan
Caballero (Cäcilia de Arrom, gest. 1877), die Begründerin
des realistischen Romans in Spanien, und Antonio de Trueba (gest.
1889) mit seinen zahlreichen Erzählungen ("Cuentos
campesinos", "Cuentos populares" etc.); ebenso Vicente Perez
Escrich ("Cura de la Aldea", "La muger adultera", "Los angeles de
la tierra" etc.), Manuel Fernandez y Gonzales (gest. 1888; "Los
Mondes de las Alpujarras", "La virgen de la Palma" etc.) und Pedro
Antonio de Alarcon (geb. 1833; "Sombrero de tres picos" und "El
escandalo"), denen wir aus neuester Zeit noch als die namhastesten
Erzähler anreihen: Juan Valera ("Pepita Jimenez", "Doña
Luz"), José Selgas ("La manzana de oro", "Dos rivales"),
Cespedes, Perez Galdos, der den historischen Roman kultiviert,
Castro y Serrano, Escamilla, die Schriftstellerinnen: Maria del
Pilar Sinués, Angela Grassi und Faustina Saez de Melgar
("Inés"). Als interessanter Sittenschilderer bewährte
sich Ramon de Mesonero (gest. 1882) in den Werken: "Manual de
Madrid", "Escenas matritenses" u. a. Im übrigen wurde die
spanische Prosa durch eine Reihe ausgezeichneter Historiker (s.
unten) und berühmter Redner und Publizisten (wie Jovellanos,
Augustin Arguelles, Alcalá-Galiano, Donoso Cortes, Martinez
de la Rosa, Emilio Castelar u. a.) wie durch die kritischen
Arbeiten eines Gallardo, Salva, Lista, Hermosilla, Marchena etc. in
ihrer Ausbildung wesentlich gefördert. Groß ist auch die
Zahl der Zeitschriften und Revuen, die, teils
politisch-belletristischen, teils wissenschaftlichen Inhalts, in
den letzten Jahrzehnten in Spanien aufgetaucht sind, und von denen
hier als die reichhaltigsten und gediegensten nur die "Revista de
España", "Revista Contemporanea" und "Revista Europea"
genannt seien.

Wissenschaftliche Litteratur.

Die wissenschaftlichen Leistungen vermochten sich in Spanien
nicht so glänzend zu gestalten wie die Nationallitteratur.
Insbesondere konnte sich in den philosophischen Wissenschaften ein
freier, selbständiger Geist nie entwickeln, weil geistiger und
weltlicher Despotismus höchstens ein scholastisches Wissen im
Dienste der positiven Theologie und Jurisprudenz duldete. Die
Philosophie ist fast bis auf die neuesten Zeiten auf der
niedrigsten Stufe, der scholastisch-empirischen, stehen geblieben;
nur Dialektik, Logik und mittelalterlicher Aristotelismus wurden
etwas kultiviert, da diese Disziplinen den Theologen als Waffe zur
Verteidigung ihrer dogmatischen Subtilitäten dienen
mußten. Erst im 19. Jahrh. hat auch Spanien einen wirklichen
Philosophen hervorgebracht, Jayme Balmes (gest. 1848), der
schöne Darstellungsgabe mit metaphysischem Tiefsinn verband,
im wesentlichen aber ebenfalls noch auf scholastischem Boden stand.
Eine rege Thätigkeit entfaltete Spanien in den letzten
Jahrzehnten in der Aneignung philosophischer Meisterwerke des
Auslandes durch Übertragung und Bearbeitung; so
übersetzte M. de la Ravilla den Cartesius und Kant, Patricio
de Azcarate den Leibniz, und Sans del Rio verpflanzte die
Krausesche Philosophie nach Spanien, die daselbst zahlreiche
Anhänger fand. Auch Hegel ist viel bearbeitet worden, seitdem
Castelar für ihn in Spanien Boden geschaffen. Von
philosophischen Schriftstellern der Neuzeit sind sonst zu nennen:
Lopez Muños, der Lehrbücher über Psychologie,
Moralphilosophie und Logik schrieb; Mariano Perez Olmedo, Eduardo
A. de Bessón ("La lógica en cuadros sinopticos"),
Giner de los Rios u. a. - Die wissenschaftliche Theologie blieb
infolge der Unbekanntschaft mit philosophischer Spekulation starrer
Dogmatismus im theoretischen, Kasuistik und Askese im praktischen
Teil. Das ganze Mittelalter hindurch galt in der Theologie die
scholastische Weisheit des Isidorus Hispalensis als erste
einheimische Autorität. Im 15. und 16. Jahrh. machten zwar die
Kardinäle Torquemada, der Großinquisitor, und Jimenez,
der Regent, Miene, das Bibelstudium zu fördern, und sogar
Philipp II. unterstützte die von einem Spanier, Arias
Montanus, in Angriff genommene Antwerpener Polyglotte. Aber im
grellen Kontrast zu dieser wenn auch vornehmlich des litterarischen
Ruhms wegen entwickelten, doch immerhin verdienstlichen
Thätigkeit steht es, wenn der Versuch, die Bibel dem Volk
selbst zugänglich zu machen, sogar an einem so
strenggläubigen Priester wie Luis de Leon durch die
Inquisition mit Kerker bestraft ward. Nur in der mystischen Askese
und in der Homiletik hat die gläubige Begeisterung der Spanier
Ausgezeichnetes geleistet. Hierher gehören unter andern die
homiletischen Schriften des Antonio Guevara (gest. 1545) und Luis
de Granada (gest. 1588) sowie die mystisch-asketischen des
Karmelitermönchs Juan de la Cruz (gest. 1591) und der heil.
Teresa de Jesus (gest. 1582). Erst in den neuern Zeiten durften die
trefflichen Bibelübersetzungen von Torres Amat, von Felipe
Scio de San Miguel und Gonzalez Carvajal an die Öffentlichkeit
treten und in einzelnen kirchenhistorischen und kirchenrechtlichen
Abhandlungen tolerantere Ansichten verbreitet werden, wie in den
Schriften von I. L. Villenueva, Blanco White (Leucado Doblado), I.
Romo u. a. Sogar eine "Historia de los protestantes etc." (Cad.
1851; deutsch, Frankf. 1866), von Adolfo de Castro verfaßt,
wagte sich ans Licht, der sich neuerdings eine "Historia de los
heterodoxos españoles" von Menendez Pelayo (1880 ff.)
anschloß. Dagegen veröffentlichte Orti y Lara eine
Verherrlichung der Inquisition ("La inquisicion"). Auf
theologisch-philosophischem Gebiet erlangten neuerdings der Bischof
von Cordova, Ceferino Gonzalez, und der Erzbischof von Valencia, A.
Monescillo, bedeutenden Ruf.

Auch im Fach der Rechts- und Staatswissenschaften ermangelte es
an einer philosophischen Grundlage und an Freiheit der Diskussion.
An Gesetzsammlungen und gesetzgeberischer Thätigkeit war in
Spanien nie Mangel. Die ältesten Rechtsbücher, wie das
"Fuero Juzgo" (Madr. 1815), reichen bis in die Zeit der
Gotenherrschaft zurück; dann sind besonders des Königs
Alfons X., des Weisen, legislatorische Arbeiten zu nennen: die
"Leyes de las siete partidas" und das "Fuero real" (hrsg. Von der
Akademie der Geschichte, das. 1847; neuerdings kommentiert von
Jimenez Torres, das. 1877). Eine Sammlung aller spanischen
Gesetzbücher mit den Kommentaren der berühmtesten
Rechtsgelehrten erschien unter dem Titel: "Los codigos
españoles concordados y anotados" (Madr. 1847, 12 Bde.); die
"Fueros" (Munizipalgesetze) begann Munoz zu sammeln (das. 1847).
Wertvolle Arbeiten über die spanische Rechtsgeschichte
lieferten Montesa und Manrique, auch Benvenido Oliver, der speziell
das katalonische Recht behandelte, während Soler und Rico y
Amat ihre Aufmerksamkeit der Geschichte des öffentlichen
Lebens zuwendeten. Selbst die Rechtsphilosophie fand Bearbeiter in
Donoso Cortes und Alcalá-Galiano sowie neuerdings in
Clemente Fernandez

97

Spanische Litteratur (Geschichte, Geographie).

Elias und F. Giner, die freiern Ansichten Bahn brachen. Eine
Philosophie des Familienrechts und Geschichte der Familie schrieb
Manuel Alonso Martinez. In ironischem Gegensatz zu dem von jeher in
Spanien herrschenden schlechten Staatshaushalt steht die seit der
Mitte des 18. Jahrh. mit Vorliebe betriebene theoretische
Bearbeitung der Nationalökonomie; bereits zu Anfang des 19.
Jahrh. konnte Semper die Herausgabe einer "Biblioteca
española economico-politica" unternehmen. Außer den im
18. und zu Anfang des 19. Jahrh. berühmt gewordenen
Schriftstellern Campomanes, Jovellanos, Cabarrus, wovon die beiden
letztern klassisches Ansehen erhalten haben, haben sich später
aus diesem Gebiet besonders Canga-Arguelles (gest. 1843) und Florez
Estrada (gest. 1853; "Curso de economia politica") ausgezeichnet.
Als hervorragende Arbeiten über Fragen des öffentlichen
Wohls werden die einer Frau, Arenal de Garcia Carrasco (in den
"Publicaciones" der königlichen Akademie), gerühmt.

Besonders fleißig ist von den Spaniern das Gebiet der
Geschichte bearbeitet worden. Von den alten Chroniken, zu denen man
sich seit Alfons X. der Landessprache bediente, und den
übrigen Geschichtswerken der frühern Zeit, in welchen
sich mit der stilistischen Vervollkommnung allmählich auch der
Sinn für pragmatische Auffassung entwickelte, wurden die
wichtigsten schon oben bei der Nationallitteratur erwähnt. Im
18. Jahrh. zeichneten sich der Marques de San Felipe (gest. 1726),
der eine Geschichte des spanischen Erbfolgekriegs schrieb, Henrique
Florez (gest. 1773; "España sagrada"), Juan Bautista
Muñoz (gest. 1799) durch seine Geschichte der Entdeckung und
Eroberung Amerikas ("Historia de nuovo mundo") und Juan Franc.
Masdeu (gest. 1817; "Historia critica de España") aus. Im
19. Jahrh. glänzten zunächst Juan Antonio Conde (gest.
1820), Verfasser der berühmten "Historia de la dominacion de
los Arabes en España", und Manuel José Quintana
(gest. 1857) durch seine "Vidas de Españoles celebres",
während der vielverfolgte Verfasser der Geschichte der
spanischen Inquisition, Llorente (gest. 1823), sein Werk im Ausland
und in französischer Sprache schreiben mußte. Besonderes
Lob verdient die Thätigkeit der königlichen Akademie der
Geschichte, die außer ihren "Memorias" zahlreiche
Quellenschriften herausgab, an die sich dann andre
Urkundensammlungen, namentlich die von Navarrete, Salva und
Barranda begonnene, von Fuensanta del Valle, J. Sancho Rayon und
Fr. de Zabalburu fortgeführte "Coleccion de documentos
ineditos para la historia de España" (bis 1888: 91 Bde.),
reihten. Am meisten wurde auch später die vaterländische
Geschichte bearbeitet, so namentlich von Modesto Lafuente (gest.
1866), dessen "Historia general de España" alle frühern
derartigen Werke übertrifft, von Zamorro y Caballero, Alf.
Espinosa, Alfaro, Rico y Amat, Antonio Cavanilles (gest. 1864),
dessen vortreffliche "Historia de España" leider unvollendet
blieb, u.a. An diese Werke schließen sich die Arbeiten
über die spanische Kulturgeschichte von Tapia ("Historia de la
civilisacion de España"), Fernan Gonzalo Moron, Ramon de
Mesonero Romanos, Ad. de Castro (über die Kultur Spaniens im
17. Jahrh.) u. a. sowie zahlreiche, zum Teil vorzügliche
Provinzial- und Lokalgeschichten, z. B. die "Historia de
Cataluña" von Balaguer, die "Historia de la villa de Madrid"
von Sanguineti etc. Auch die Geschichte der ehemals spanischen
Kolonien hat neuerdings Bearbeiter gefunden, z. B. an Torrente ("La
revolucion moderna hispano-americana"), Mora ("Mexico y sus
revoluciones"), Pedro de Angelis u. a., wie denn auch eine
Urkundensammlung über die Entdeckung und Eroberung derselben
veröffentlicht wird. Von den zahlreichen sonstigen
Spezialwerken seien nur erwähnt: Maldonados klassische
"Historia de la guerra de independencia de España" (1833),
des Grafen von Toreno "Historia del levantamiento etc. de
España" (1835), Carvajals "La España de los Borbones"
(1843), San Miguels "Historia de Felipe II" (1844), Gomez Arteches
"Historia de la guerra civil" (1868 ff.), Barrantes "Guerras
piraticas de Filipinas", Amador de los Rios' "Historia de los
Judios de España", Castelars "La civilisacion en los cinco
primeros siglos del cristianismo" und "Historia del movimiento
republicano en Europa" u. a. Auf dem Gebiet der Literaturgeschichte
behauptet Amador de los Rios (gest. 1878) mit seiner
(unvollendeten) "Historia critica de la literatura española"
(1860 ff.) die erste Stelle, wenn sie auch den wissenschaftlichen
Anforderungen der Neuzeit nicht voll gerecht wird. Andre
Übersichtswerke sowie Einzelstudien, zum Teil sehr
verdienstlicher Art, liegen aus neuerer Zeit vor von J. Moratin
("Origenes de teatro español"), Lista y Aragon ("Ensayos
literarios criticos"), Gil y Zarate ("Manual de literatura"),
Martinez de la Rosa ("La poesia didactica, la tragedia y la comedia
española"), Fernandez Guerra y Orbe ("Juan Ruiz de
Alarcon"); von Abelino de Orihuela ("Poetas españoles y
americanos del siglo XIX"), Mila y Fontanals ("De la poesia heroico
popular castellana"), Balaguer ("Historia de los trovadores"),
Valera ("Historia de la literatura española"), Canalejas,
Revilla ("Principios de la literatura española"), Perojo,
Espino ("Ensayo critico-historico del teatro español"),
Villaamil y Castro, Valdes y Alas, Menendez Pelayo ("Historia de
las ideas esteticas en España") u. a. In Bezug auf
Kunstgeschichte und Archäologie sind in erster Linie die
Arbeiten von Cean-Bermudez und P. Madrazo hervorzuheben; daneben
verdienen Contreras, Manjarres, Hurtado Villaamil etc., nicht
minder die Veröffentlichungen der königlichen Akademie
der schönen Künste, das von Rada y Delgado herausgegebene
"Museo español de antiguedades", welches die
interessantesten Kunst- und archäologischen Gegenstände
der Halbinsel reproduziert, und die "Monumentos arquitectonicos de
España" ehrende Erwähnung. - Neben der Geschichte fand
auch die Geographie bei den Spaniern sorgfältige Pflege, wozu
sie beizeiten durch ihre Eroberungen in fremden Weltteilen und ihre
Entdeckungsreisen veranlaßt wurden. Aus früherer Zeit
ist vor allem die vortrefflich geschriebene "Historia de los
descubrimientos y viajes de los Españoles" von Navarrete
anzuführen; aus der neuern seien die Schriften von
Miñano, Fuster und die lexikalischen Arbeiten von Pascal
Madoz und Mariana y Sanz sowie die "Geografia de España" von
Mingote y Tarazona erwähnt. Anthropologische Schriften gab
neuerdings Fr. Maria Tubino heraus.

Eine umfassende Sammlung spanischer Schriftsteller von den
ältesten Zeiten bis auf unsre Tage ist die von Rivadeneyra
herausgegebene "Biblioteca de autores españoles" (Madr.
1846-80, 70 Bde.); eine Sammlung meist neuerer belletristischer
Werke enthält die "Coleccion de autores españoles" (bis
jetzt 48 Bde., Leipz. 1860-86). Für die Herausgabe alter und
seltener Werke sorgten vorzugsweise die "Coleccion de bibliofilos
españoles" (bis 1879: 19 Bde.) und die "Coleccion de libros
españoles

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

7

98

Spanische Mark - Spanischer Erbfolgekrieg.

raros y curiosos" (bis jetzt 16 Bde., Madr. 1871-1884). Auf dem
Gebiet der Bibliographie sind, von ältern Werken abgesehen,
besonders Ferrer del Rios' "Galeria de la literatura
española" (Madr. 1845), Ovilo y Oteros' "Manual de biografia
y de bibliografia de los escritores del siglo XIX" (Par. 1859, 2
Bde.) und Gallardos (von Zarco del Valle und Rayon vermehrter)
"Ensavo de una biblioteca española de lihros raros" (Madr.
1863-66, 2 Bde.) sowie das "Diccionario bibliografico historico"
von Muñoz y Romero (das. 1865), das "Diccionario general de
bibliografia española" von D. Hidalgo (1864-79, 6 Bde.) und
das "Boletin de la libreria" (Madr., seit 1874) namhaft zu
machen.

Vgl. Bouterwek, Geschichte der spanischen Poesie und
Beredsamkeit (Götting. 1804; span. Ausgabe, Madr. 1828, 3
Bde.), fortgesetzt von Brinckmeier: "Die Nationallitteratur der
Spanier seit Anfang des 19. Jahrhunderts" (Götting. 1850);
Brinckmeier, Abriß einer dokumentierten Geschichte der
spanischen Nationallitteratur bis zu Anfang des 17. Jahrhunderts
(Leipz. 1844); Clarus, Darstellung der spanischen Litteratur im
Mittelalter (Mainz 1846, 2 Bde ); Ticknor, Geschichte der
schönen Litteratur in Spanien (3. Aufl., New York 1872, 3
Bde.; deutsch von Julius, Leipz. 1852, 2 Bde.; Supplementband von
Wolf, das. 1867); v. Schack, Geschichte der dramatischen Litteratur
und Kunst in Spanien (2. Ausg., Frankf. 1854, 3 Bde.;
Nachträge, das. 1855); Lemcke, Handbuch der spanischen
Litteratur (das. 1855-56, 3 Bde.); Wolf, Studien zur Geschichte der
spanischen und portugiesischen Nationallitteratur (Berl. 1859);
Dohm, Die spanische Nationallitteratur (das. 1867); Hubbard,
Histoire de la littérature contemporaine en Espagne (Par.
1875).

Spanische Mark, Land zwischen Frankreich und Spanien, das
jetzige Katalonien, Navarra und einen Teil von Aragonien, etwa bis
zum Ebro, umfassend, ward 778 von Karl d. Gr. erobert, 781 von den
Arabern wieder besetzt, 801-811 von Ludwig dem Frommen von neuem
erobert und dann durch Grafen verwaltet. Die Hauptstadt war
Barcelona.

Spanische Ohren, s. Hörmaschinen.

Spanische Leiter (friesische Reiter), etwa 4 m lange, 25
cm starke Balken (Leib), durch welche kreuzweise an beiden Seiten
zugespitzte Latten (Federn) gesteckt sind, die so nahe aneinander
stehen, daß niemand zwischen ihnen durchkriechen kann. Sie
wurden früher zum Sperren von Eingängen und Brücken
in Festungen verwendet.

Spanischer Erbfolgekrieg 1701-1714. Da mit dem Tode des
kinderlosen Königs Karl II. von Spanien das Erlöschen
des habsburgischen Stammes in diesem Land in Aussicht stand, so war
die spanische Thronfolge ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit
für die europäische Diplomatie bereits seit der Mitte des
17. Jahrh. Von drei Seiten wurden Ansprüche auf die Nachfolge
erhoben. Ludwig XIV. von Frankreich, welcher bereits 1667 die
spanischen Niederlande als Erbe seiner Gemahlin in seinen Besitz zu
bringen versucht hatte, verlangte den Thron für seinen Enkel
Philipp von Anjou, den zweiten Sohn des Dauphin, weil er (Ludwig
XIV.) ein Sohn der spanischen Infantin Anna von Österreich,
Tochter Philipps III. von Spanien, und seine Gemahlin die
älteste Tochter des spanischen Königs Philipp IV. war;
Kaiser Leopold I., ebenfalls Enkel Philipps III. und Gemahl der
jüngern Tochter Philipps IV. Margareta-Theresia stützte
seine Ansprüche für seinen zweiten Sohn, Karl, teils auf
diese verwandtschaftlichen Beziehungen, welche denen Ludwigs XIV.
vorangingen, weil dessen Gemahlin ihren Erbansprüchen bei
ihrer Vermählung entsagt hatte, teils auf die
Erbansprüche des Hauses Habsburg auf die spanische Monarchie.
Außerdem wurden auch für den Kurprinzen Joseph Ferdinand
von Bayern, dessen Mutter Maria Antonia eine Tochter Leopolds I.
und seiner spanischen Gemahlin war, Ansprüche auf den
spanischen Thron erhoben, welche namentlich von den
Seemächten, an deren Spitze Wilhelm III. von Oranien stand,
begünstigt wurden, da diese die spanische Monarchie weder an
Frankreich noch an Österreich fallen, höchstens die
italienischen Nebenlande an sie verteilen wollten, wie auch ein
Teilungsvertrag vom 11. Okt. 1698 festsetzte. König Karl II.
ernannte den bayrischen Prinzen testamentarisch zu seinem
Nachfolger in allen damals spanischen Landen. Als letzterer 6.
Febr. 1699 plötzlich starb, schlossen Wilhelm III. und Ludwig
XIV. (2. März 1700) einen neuen Teilungsvertrag, wonach der
Erzherzog Karl die spanische Krone, Philipp von Anjou Neapel,
Sizilien, Guipuzcoa und Mailand erhalten sollte. Da aber Leopold I.
diesem Vertrag seine Zustimmung verweigerte, so hielt sich auch
Ludwig XIV. nicht an ihn gebunden. Am Hof zu Madrid wirkte der
kaiserliche Gesandte Graf Harrach für den Erzherzog Karl, der
französische Gesandte Marquis v. Harcourt für Philipp von
Anjou. Letzterer trug endlich den Sieg davon, denn Karl II. setzte
durch Testament vom 2. Okt. 1700 Philipp von Anjou zum Erben der
gesamten spanischen Monarchie ein. Nach Karls II. Tod (1. Nov.
1700) ergriff Philipp V. sofort Besitz von dem spanischen Thron und
zog schon 18. Febr. 1701 in Madrid ein. Anfangs erhob nur Kaiser
Leopold Protest hiergegen und traf Anstalt zum Beginn des Kriegs in
Italien. Erst als Ludwig XIV. deutlich seine Absicht kundgab, die
Erwerbung der spanischen Monarchie zur Erhöhung von
Frankreichs Machtstellung zu verwerten und den Schiffen der
Seemächte die Häfen Südamerikas und Westindiens zu
verschließen, als französische Truppen die
holländischen Besatzungstruppen aus den Festungen der
spanischen Niederlande vertrieben und der französische
König nach Jakobs II. Tode dessen Sohn als König Jakob
III. von Großbritannien anerkannte, kam 7. Sept. 1701
zwischen dem Kaiser und den Seemächten eine Tripelallianz zu
stande, welcher dann auch das Deutsche Reich und Portugal
beitraten. Zwar starb König Wilhelm III. 19. März 1702,
indes blieben sowohl England unter Königin Anna, welche von
Marlborough und seiner Gemahlin beeinflußt wurde, als die von
dem Ratspensionär Heinsius geleiteten Niederlande seiner
Politik getreu. Frankreich hatte nur die Kurfürsten von Bayern
und Köln sowie den Herzog Viktor Amadeus II. von Savoyen zu
Verbündeten.

Der Krieg wurde 1701 durch den kaiserlichen Feldherrn Prinz
Eugen von Savoyen in Italien eröffnet. Eugen schlug Catinat 9.
Juli bei Carpi, den an Catinats Stelle getretenen unfähigen
Villeroi 1. Sept. bei Chiari und nahm 1. Febr. 1702 den letztern
durch einen Überfall in Cremona gefangen. Dem neuen
französischen Feldherrn Vendôme gelang es indes, die
Fortschritte der Kaiserlichen in Italien zu hemmen, auch nachdem
1703 der Herzog von Savoyen auf die Seite des Kaisers
übergetreten war. Am Niederrhein behauptete inzwischen der
große englische Feldherr Marlborough die Oberhand gegen die
Franzosen: er eroberte die Festungen an der Maas und das ganze
Kurfürstentum Köln. Am obern Rhein hatte der Prinz Ludwig
von Baden, dem der Marschall Villars gegenüberstand, 9. Sept.
1702 Landau er-

99

Spanischer Erbfolgekrieg.

obert und Villars, der bei Hüningen über den Rhein
ging, zum Rückzug genötigt; aber 1703 eroberten die
Franzosen Breisach (7. Sept.) und Landau (17.Nov.); ferner
vereinigte sich 12. Mai 1703 der Kurfürst von Bayern bei
Tuttlingen mit Villars, und beide drangen in Tirol ein. Zwar wurden
sie durch die Erhebung der Tiroler unter großem Verlust
wieder zurückgetrieben; aber da der ungeschickte
österreichische General Styrum sich 20. Sept. bei
Höchstädt schlagen ließ und 13. Dez. Augsburg sich
ergeben mußte, so endete der Feldzug für die
Verbündeten im ganzen nicht günstig. Landau und Breisach
gingen wieder an die Franzosen verloren. Auch fiel Anfang 1704
Nassau in die Hände des Kurfürsten, und der Kaiser, der
gleichzeitig einen Aufstand in Ungarn zu bekämpfen hatte, sah
sich schon in seinen Erblanden bedroht.

Da trat 1704 die entscheidende Wendung ein. Prinz Eugen, den der
Kaiser an die Spitze des Hofkriegsrats gestellt hatte, faßte
den Plan, durch einen kombinierten Angriff der beiden
verbündeten Heere die bayrisch-französische Macht zu
vernichten. Marlborough ging bereitwilligst auf diesen Plan ein und
zog in Eilmärschen vom Niederrhein nach Schwaben. Markgraf
Ludwig und er vereinigten ihre Truppen bei Ulm, nötigten durch
Wegnahme der Verschanzungen auf dem Schellenberg bei
Donauwörth (2. Juli) den Kurfürsten und den
französischen General Marsin zum Rückzug nach Augsburg,
und nachdem einerseits Tallard sich mit letzterm, anderseits Eugen
sich mit Marlborough vereinigt hatte (während der Markgraf von
Baden Ingolstadt belagerte), erlitt 13. Aug. 1704 das
französisch-bayrische Heer bei Höchstädt (Blenheim)
eine entscheidende Niederlage und verlor gegen 30,000 Mann an Toten
und Verwundeten; Tallard selbst und 15,000 Mann wurden gefangen.
Der Kurfürst mußte flüchten. Als Leopold I. 5. Mai
1705 starb, setzte sein Sohn Joseph I. den Kampf mit Energie fort.
Er beschwichtigte den ungarischen Aufstand, erwirkte die
Achtserklärung gegen die beiden wittelsbachischen
Kurfürsten und bemächtigte sich nach blutiger
Unterdrückung einer Volkserhebung der bayrischen Lande. Am 23.
Mai 1706 erfocht Marlborough bei Ramillies einen glänzenden
Sieg über die Franzosen unter Villeroi, besetzte Löwen,
Mecheln, Brüssel, Gent und Brügge und ließ
überall Karl III. als König ausrufen. Als infolge dieser
Niederlage Vendôme aus Italien nach den Niederlanden berufen
wurde, erhielt dadurch Eugen die Möglichkeit, von Verona aus
dem von den Franzosen belagerten Turin zu Hilfe zu eilen und nach
seiner Vereinigung mit dem Herzog von Savoyen den vereinigten
französischen Generalen Marsin, Herzog von Orléans und
La Feuillade 7. Sept. vor Turin eine gänzliche Niederlage
beizubringen, infolge deren die Franzosen gemäß der
sogen. Generalkapitulation vom 13. März 1707 ganz Italien
räumen mußten. Nur am Oberrhein gelang es Villars, nach
dem Tode des Markgrafen Ludwig (Januar 1707) die von den
Reichstruppen besetzten Stollhofener Linien zu durchbrechen und das
südwestliche Deutschland brandschatzend zu durchziehen. Selbst
in Spanien, wo die überwiegende Mehrheit der Nation dem
bourbonischen König Philipp V. anhing, gelang es dem
habsburgischen Prätendenten, vorübergehende Erfolge zu
erringen. Gleich im Anfang des Kriegs wurde von den Engländern
und Holländern eine im Hafen von Vigo liegende spanische
Flotte zerstört; 1703 trat König Dom Pedro II. von
Portugal dem großen Bündnis bei, und 1704 erschien
Erzherzog Karl in Spanien, während die Engländer (3. Aug.
1704) Gibraltar eroberten. Wirklich gelang es Karl, 1705 sich zum
Herrn von Valencia, Katalonien und Aragonien zu machen; 2. Juli
1706 wurde sogar Madrid von einem vereinigten
englisch-portugiesischen Heer unter Galloway und Las Minas besetzt;
allein da den Operationen der Verbündeten der Zusammenhang
fehlte, so waren diese Erfolge nicht von Dauer, Madrid ging bald
wieder verloren, und nach dem Sieg des Marschalls Berwick über
das englisch-portugiesische Heer bei Almanza (25. April 1707)
fielen auch die südlichen Provinzen in die Hände Philipps
V.

Obwohl die Verbündeten auch auf den übrigen
Kriegsschauplätzen 1707 keine großen Erfolge errangen,
machte sich in Frankreich die Erschöpfung der Hilssmittel
schon so sehr geltend, daß Ludwig XIV. den Seemächten
den Verzicht auf Spanien anbot und nur die italienischen Lande
für seinen Enkel beanspruchte. Indes noch war Marlboroughs
Einfluß in England maßgebend, überdies hofften die
Engländer, Spanien unter Karl III. zu ihrem
ausschließlichen Nutzen merkantil ausbeuten zu können.
Die Seemächte waren mit Österreich darüber
einverstanden, daß man nicht bloß aus dem Erwerb der
ganzen spanischen Monarchie für Österreich bestehen,
sondern auch die Lage benutzen müsse, um Frankreichs
Vorherrschaft für immer zu brechen. Der Erfolg schien dies
Vorhaben zu begünstigen. Ein Versuch, den ein starkes
französisches Heer unter dem Herzog von Burgund und
Vendôme 1708 unternahm, um die spanischen Niederlande
wiederzuerobern, wurde durch den Sieg Eugens und Marlboroughs bei
Oudenaarde (11. Juli) vereitelt und ganz Flandern und Brabant von
neuem unterworfen. Ludwig XIV. war jetzt sogar bereit, aus
Grundlage des völligen Verzichts auf Spanien über einen
Frieden zu verhandeln. Auch als die Verbündeten die
Rückgabe des Elsaß mit Straßburg, der
Freigrafschaft, der lothringischen Bistümer forderten, war der
französische Gesandte im Haag, Torcy, noch zu Unterhandlungen
bereit. Erst die Zumutung, seinen Enkel selbst durch
französische Truppen aus Spanien vertreiben zu helfen, wies
Ludwig XIV. mit Entschiedenheit zurück. Der Krieg in den
Niederlanden wurde wieder aufgenommen; die blutige Schlacht bei
Malplaquet (11. Sept. 1709) blieb zwar unentschieden, die
furchtbaren Verluste der Franzosen in derselben erschöpften
aber ihre Kräfte. Gleichzeitig siegte in Spanien der
österreichische General Starhemberg bei Almenara 27. Juli und
Saragossa 20. Aug., und Karl zog 28. Sept. in Madrid ein.

Da, als Frankreichs Niederlage unabwendbar schien, als der
Übermut der Verbündeten keine Grenzen mehr kannte, traten
unerwartete Ereignisse ein, welche einen Umschwung zu gunsten
Ludwigs XIV. zur Folge hatten. Am 10. Dez. 1710 errang
Vendôme einen glänzenden Sieg über Starhemberg bei
Villa Viciosa. Wichtiger war noch, daß in England das
Whigministerium durch ein Toryministerium verdrängt wurde,
welches den Frieden möglichst rasch herzustellen
wünschte, und daß 17. April 1711 Kaiser Joseph I. starb.
Da nun dessen Bruder, der Prätendent für Spanien, als
Karl VI. Kaiser wurde, so fürchteten die andern Mächte,
das Haus Habsburg möchte durch die Vereinigung
Österreichs mit Spanien zu mächtig werden. Zunächst
knüpften die Engländer mit Ludwig XIV. geheime
Unterhandlungen an. Am 8. Okt. 1711 wurden die Präliminarien
zu London unterzeichnet und trotz aller Gegenbemühungen des
Kaisers 29. Jan. 1712 der Friedenskongreß zu Utrecht
eröffnet. Marlborough wurde durch den Grafen Ormond, einen
eifrigen Jakobiten, ersetzt, und dieser gewährte dem
Prinzen

100

Spanischer Hopfen - Spanische Sprache.

Eugen nicht die nötige Unterstützung, so daß der
Marschall Villars bei Denain 27. Juli 1712 wieder einige Erfolge
über Eugen und die Holländer davontrug. Als Philipp V. 5.
Nov. 1712 auf die Erbfolge in Frankreich für sich und seine
Nachkommen feierlichst verzichtete und diese Urkunde von Ludwig
XIV. bestätigt, also eine Union Spaniens mit Frankreich
für die Zukunft verhindert wurde, schlossen England und bald
auch die Niederlande mit Frankreich Waffenstillstand, dem am 11.
April 1713 der förmliche Abschluß des Friedens zu
Utrecht folgte, dem auch Portugal, Savoyen und Preußen
beitraten; Kaiser und Reich weigerten sich, ihn anzuerkennen. Die
Bedingungen dieses Friedens waren folgende: Philipp V. erhält
Spanien mit den außereuropäischen Besitzungen, welches
aber nie mit Frankreich vereinigt werden darf; Frankreich erkennt
die Thronfolge in England an und tritt an dieses die
Hudsonbailänder, Neufundland und Neuschottland ab; von Spanien
erhält England Gibraltar und Menorca sowie beträchtliche
Handelsvorteile im spanischen Amerika, Preußen bekommt das
Oberquartier von Geldern und Neuchâtel mit Valengin, Savoyen
eine Anzahl Grenzfestungen und die Insel Sizilien, Holland die
sogen. Barrierefestungen (s. Barrieretraktat) und einen
günstigen Handelsvertrag. So von den Verbündeten
verlassen, konnten der Kaiser und Prinz Eugen nichts mehr
ausrichten, zumal die Reichsfürsten sich sehr saumselig und
unzuverlässig zeigten. Der Marschall Villars nahm 20. Aug.
1713 Landau, brandschatzte die Pfalz und Baden und eroberte 16.
Nov. Freiburg i. Br., worauf er Eugen Friedensunterhandlungen
anbot, welche auch 26. Nov. 1713 zu Rastatt eröffnet wurden.
Am 7. März 1714 wurde der Friede zwischen Frankreich und dem
Kaiser zu Rastatt abgeschlossen. Um auch das Deutsche Reich in den
Frieden aufzunehmen, fand ein Kongreß zu Baden im Aargau
statt, wo der Rastatter Friede mit wenigen Änderungen 7. Sept.
d. J. angenommen wurde. Hiernach bekam der Kaiser die spanischen
Niederlande, Neapel, Mailand, Mantua und Sardinien; Frankreich
behielt von seinen Eroberungen nur Landau; die Kurfürsten von
Bayern und Köln wurden in ihre Länder und Würden
wieder eingesetzt. Vergeblich verwendete sich der Kaiser für
die treuen Katalonier, welche sich Philipp V. nicht unterwerfen
wollten; seine Bemühungen waren fruchtlos, Barcelona wurde 11.
Sept. 1714 von dem Marschall von Berwick erobert, und die
Katalonier verloren ihre alten Vorrechte und ständischen
Freiheiten. Vgl. v. Noorden, Europäische Geschichte im 18.
Jahrhundert, 1. Teil: Der spanische Erbfolgekrieg (Düsseld.
1870-82, 3 Bde.); Lord Mahon, History of the war of the succession
in Spain (Lond. 1832); de Reynald, Louis XIV et Guillaume III.
Histoire des deux traités de partage et du testament de
Charles II. (das. 1883, 2 Bde.); Courcy, La coalition de 1701
contre la France (Par. 1886, 2 Bde.); Parnell. The war of
succession in Spain 1702-1711 (Lond. 1888); Arneth, Prinz Eugen von
Savoyen (Wien 1858, 3 Bde.); die Memoiren des Herzogs von
Marlborough (s. d. 1).

Spanischer Hopfen, s. Origanum.

Spanischer Kragen, s. Paraphimose.

Spanischer Pfeffer, s. Capsicum.

Spanischer Tritt, Reitkunst, s. Passage.

Spanische Spitzen, Spitzen aus Gold- und Silberdraht, mit
Perlen und bunter Seide untermischt.

Spanische Sprache. Die s. S. gehört zu den romanischen
Sprachen und ist demnach eine Tochtersprache des Lateinischen,
die aber von den verschiedenen Völkern, die im Lauf der
Jahrhunderte die Pyrenäische Halbinsel beherrschten, viele
Elemente in sich aufgenommen hat. Die Ureinwohner Spaniens, im
Norden die Kantabrer, im Süden die Iberer, vermischten sich
frühzeitig mit keltischen Stämmen, daher der Name
Keltiberer. Ihre nationale Eigentümlichkeit und Sprache gingen
in den römisch-germanischen Eroberungen und Einwanderungen
fast gänzlich unter, und nur an den Pyrenäen bewahrten
einige kantabrische Stämme ihre Sitte und Sprache vor
Vermischung mit fremden Elementen. Diese in den baskischen
Provinzen fortlebenden Überreste der alten spanischen
Volkssprache sind unter dem Namen der baskischen Sprache, von den
Einheimischen Escuara genannt, bekannt (s. Basken). In den
übrigen Teilen Spaniens bildete sich, wie in den andern
romanisierten Ländern, aus der Lingua latina rustica, der
römischen Volkssprache, die zugleich mit der römischen
Herrschaft in die Pyrenäische Halbinsel eindrang, eine
nationale Umgangs- und Volkssprache mit eigentümlichen
Provinzialismen, welche, als mit dem Verfall des römischen
Reichs und nach dem Einfall der germanischen Völker auch die
politische und litterarische Verbindung mit Rom sich lockerte, nach
und nach die allein übliche und allgemein verstandene wurde.
Die den Römern in der Herrschaft folgenden Westgoten nahmen
mit der römischen Sitte auch diese Sprache an und machten sie
so sehr zu ihrer eignen, daß sie nur die zur Bezeichnung der
ihnen eigentümlichen Staats- und Kriegsinstitutionen, Waffen
etc. nötigen Wörter aus ihrer Muttersprache beibehielten.
Diese also ganz aus römischen Elementen hervorgegangene und
nur mit einem germanischen Wörtervorrat bereicherte spanische
Volkssprache erhielt einen neuen Zusatz durch die Araber, mit denen
die spanischen Goten fast 800 Jahre um den Besitz des Landes
kämpften. Aber auch die Araber trugen nur zur Bereicherung des
Sprachstoffs, besonders in Bezug auf Industrie, Wissenschaften,
Handel etc., bei und modifizierten höchstens
einigermaßen die Aussprache, ohne den
organisch-etymologischen Bau der Sprache wesentlich zu
verändern. Die ältesten Spuren des Spanischen finden sich
in Isidorus' "Origines"; die ältesten Denkmäler aber
gehören der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. an. Unter den
spanischen Dialekten ward der kastilische am frühsten zur
Schriftsprache ausgebildet, und wie die Kastilier den Kern der
Nation ausmachten, ihre Litteratur die volkstümlichste
Entwickelung nahm, so wurde auch ihre Mundart die herrschende und
endlich die fast ausschließliche Schriftsprache in Spanien,
so daß sie die eigentliche s. S. geworden ist. Dieselbe wird
gegenwärtig, außer in Spanien und den zugehörigen
Inseln, noch in den ehemals spanischen Ländern
Südamerikas, in Zentralamerika und Mexiko sowie zum Teil in
den spanischen Kolonien (Cuba, Manila etc.) gesprochen. Ihr
Alphabet ist das lateinische. Die Vokale lauten ganz wie im
Deutschen. Von den Konsonanten werden folgende eigentümlich
ausgesprochen: c (ß gelispelt), ch (tsch), g vor e und i (ch
rauh wie in Sprache), j (immer wie ch rauh), ll (lj), ñ
(nj), z (immer wie ß gelispelt). Wie die Italiener die zu
starke Aussprache der Römer milderten, so machten sie die
Spanier noch rauher. Sie vervielfältigten noch die
Aspirationen auf x, j, g, h und f. Der schon ziemlich stark
aspirierte Laut im Lateinischen verwandelt sich im Spanischen in
den noch stärker aspirierten Laut h (lat. facere, span. hacer,
machen); an die Stelle des mouillierten l tritt das

101

Spanisches Rohr - Spanishtown.

stark aspirierte j (lat. Filius, span. hijo, Sohn), pl ward
durch das mouillierte ll ersetzt (lat. planus, span. llano, eben),
und für ct wird immer ch genommen (lat. factus, dictus, span.
hecho, dicho, gemacht, gesagt). J ist, seitdem x nach der neuern
Orthographie (von 1815) seinen Kehllaut verloren hat, der
Hauptkehlkonsonant der spanischen Sprache geworden; man schreibt
jetzt allgemein Don Quijote, Mejico statt Don Quixote, Mexico.
Gesetzgeber für die s. S. ward die Grammatik der spanischen
Akademie (zuerst 1771). Neuere Hilfsmittel zur Erlernung derselben
sind für Deutsche die Grammatiken von Franceson (4. Aufl.,
Berl. 1855), Fuchs (das. 1837), Kotzenberg (2. Aufl., Brem. 1862),
Brasch (Hamb. 1860), Pajeken (2. Aufl., Brem. 1868), Lespada (2.
Aufl., Halle 1873), Montana (2. Aufl., Stuttg. 1875), Funck (8.
Aufl., Frankf. 1885), Schilling (2. Aufl., Leipz. 1884), Wiggers
(2. Aufl., das. 1884). Die vorzüglichsten
Wörterbücher lieferten: die spanische Akademie (Madr.
1726-39, 6 Bde.; hrsg. von V. Salvá, 12. Aufl., Par. 1885)
und Dominguez (6. Ausg., Madr. 1856, 2 Bde.); ein neues begann R.
Cuervo (das. 1887 ff., 6 Bde.). Für Deutsche sind zu
empfehlen: Franceson (12. Aufl., Leipz. 1885), Kotzenberg (Brem.
1875), Booch-Arkossy (6. Aufl., Leipz. 1887, 2 Bde.), Tollhausen
(das. 1886). Den Versuch eines etymologischen Wörterbuchs
machten Covarrubias (Madr. 1674), Cabrera (das. 1837), Monlau (2.
Aufl., das. 1882), R. Barcia (das. 1883, 5 Bde.) und L. Eguilaz
(Granada 1880). Wichtige Beiträge zur Etymologie enthält
Diez' "Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen" (4.
Aufl., Bonn 1878). Die historische Grammatik der spanischen Sprache
behandelt Diez' "Grammatik der romanischen Sprachen" (5. Aufl.,
Bonn 1882) und P. Försters "Spanische Sprachlehre" (Berl.
1880). Die Orthographie wurde von der Akademie in einem besondern
"Tratado" (zuletzt Madr. 1876) festgestellt.

Spanisches Rohr (Stuhlrohr, Rotang, Rattans), die
schlanken Stämme und Triebe mehrerer Arten der Palmengattung
Calamus (s. d.), werden in allen Wäldern des Indischen
Archipels, besonders auf Borneo, Sumatra und der Malaiischen
Halbinsel, gewonnen und, nachdem sie durch eine Kerbe in einem Baum
gezogen und dadurch von Oberhaut, Blättern und Stacheln
befreit worden, in Bündeln von 100 Stück in den Handel
gebracht. Die größte Verwendung findet das Spanische
Rohr in China und Japan, wo man es zu unzähligen
Gebrauchsgegenständen verarbeitet, auch als Tauwerk auf
Schiffen benutzt. Man unterscheidet wohl helleres, dünnes Rohr
als weibliches (Bindrotting) von dem stärkern, dunklern mit
enger stehenden Knoten als männlichem (Handrotting); letzteres
wird auch zu Spazierstöcken benutzt. Das sogen. gereinigte
Spanische Rohr ist durch Schaben oder durch Schleifen auf besondern
Maschinen von den Knoten befreit. In den europäischen
Hafenstädten verarbeitet man es durch Zerschneiden, Spalten,
Hobeln und Ziehen zu Stuhl- und Korsettrohr, Rieten für
Webstühle etc. Die dünnsten, schnurenförmigen
Streifen heißen Schnur- oder Putzrohr und werden in der
Putzmacherei benutzt. Stuhlrohr wird oft durch Schwefeln gebleicht.
Sehr viel Rohr wird für die Korbmacherei gefärbt,
lackiert und vergoldet. Abfälle dienen als Polster- und
Scheuermaterial. Durch besondere Bearbeitung gewinnt man aus
Spanischem Rohr ein Fischbeinsurrogat, das Wallosin, zu
Schirmstäben.

Spanische Wand, eine bewegliche Schutzwand, welche aus
einem hölzernen oder metallenen Gestell besteht, über
welches Zeug, Tapeten, Leder u. dgl. gespannt ist; findet als
Bettschirm, zur Scheidung von Räumen, als Schutzwand gegen
Wind u. dgl. Verwendung. Das Holz wird bisweilen mit Lack
überzogen und bunt bemalt oder vergoldet.

Spanische Weide, s. v. w. Ligustrum.

Spanische Weine, zum Teil vorzügliche Weine, welche
dem Burgunder, Roussillon und Languedoc vergleichbar sind und diese
selbst in mancher Hinsicht übertreffen; seit dem Altertum
berühmt, behaupteten sie im ganzen Mittelalter ihr
Übergewicht und besitzen es heute noch in verschiedenen
Ländern, wie in England und Nordamerika. Alle spanischen
Provinzen treiben Weinbau, doch sind die Produkte der
nördlichen kaum über ihre Grenzen hinaus bekannt. Im
allgemeinen leidet der spanische Weinbau durch die Indolenz und
Nachlässigkeit der Produzenten, und die gewöhnlichen
spanischen Weine stehen sehr tief unter der Erwartung, zu welcher
Klima und Lage berechtigen. Die südspanischen Weine
müssen für den Export, namentlich über See, mit
Spiritus versetzt werden, den man vielfach ebenfalls aus Most
bereitet. Die vorzüglichsten spanischen Weine sind
Likörweine, und unter diesen ist der berühmteste der
weiße Jereswein (Sherry), demselben schließen sich an:
die ebenbürtigen, sehr süßen Pajareteweine (von
denen der beste auch Malvasier heißt); der Malagawein (s.
d.), der berühmte Likörwein Tinto di Rota (Tintillo),
stark, mit vieler Wärme, sehr dunkel, süß und
tonisch wirkend; die Manzanillaweine mit starkem Geruch und
Geschmack nach Kamillen, von den Barros und Arenas zwischen Jeres
und San Lucar, der Montilla (der dem Amontillado-Sherry den Namen
gegeben hat), der Rancio von Peralta in Navarra, der Alicante (vino
generoso) aus Valencia, ein renommierter Magenwein, mit sehr
ausgesprochenem aromatischen Boukett, der bei uns als "echter
Malaga" meist arzneilich benutzt wird, der Pedro Ximenez von
Vittoria in Viscaya, der dunkel granatfarbige Grenacho vom Campo di
Carinena in Aragonien, der Muskat von San Lucar in Andalusien, der
Moscatel von Fuencaral in Neukastilien, der Malvasia von Pollentia
auf Mallorca, die Muskatweine von Borja in Aragonien und von Sitges
in Katalonien. Gewöhnliche markige Rotweine nach Art der
französischen liefert Spanien nur wenige von hervorragendem
Werte. Der beste ist der von Olivanza in Estremadura, der
Valdepeñas in Kastilien, der Manzanores aus der Mancha,
einer der leichtesten und angenehmsten spanischen Weine etc. Aus
dem nordöstlichen Spanien wird Ebro-Port vielfach für
echten Portwein verkauft; er ist aber rauher, minder
körperreich und geistig.

Spanische Wicke, Pflanze, s. Lathyrus.

Spanischfliegenpflaster, s. Kantharidenpflaster.

Spanischfliegensalbe, s. Kantharidensalbe.

Spanischgelb, s. v. w. Auripigment.

Spanischweiß, s. v. w. Wismutweiß.

Spanish stripes (spr. spännisch streips),
hellfarbige leichte Tuche aus Zephyrwolle, die in Deutschland
für den Export nach Asien fabriziert werden.

Spanishtown (spr. spännischtaun, Santiago de la
Vega), Hauptstadt der britisch-westind. Insel Jamaica in
fruchtbarer Alluvialebene, am Cobre und 8 km vom Hafen von Kingston
gelegen, mit (1880) 8000 Einw. Um den King's Square, in dessen
Mitte eine Statue Lord Rodneys steht, liegen das Ständehaus,
der Palast des Gouverneurs und die Regierungsgebäude, alle in
altkastilischem Stil. S. wurde 1534 von Diego Kolumbus
gegründet.

102

Spanner - Sparbutter.

Spanner (Geometridae, Phalaenidae), Familie aus der
Ordnung der Schmetterlinge, Insekten von mittlerer oder geringerer
Größe, mit schmächtigem, zartem Körper,
großen, breiten, meist matt und trübe gefärbten, in
der Ruhe flach ausgebreiteten Flügeln, borstenförmigen,
häufig gekämmten Fühlern, schwach entwickelter
Rollzunge und meist wenig hervortretenden Tastern, ruhen am Tag an
versteckten Orten und fliegen des Nachts. Die Raupen zeichnen sich
durch den eigentümlichen spannenmessenden Gang aus, wie ihn
der Mangel der vordern Bauchfußpaare bedingt. Sie bilden beim
Gehen eine Schleife nach oben und ruhen auch oft in dieser
Stellung, oder indem sie sich nur mit den Afterfüßen an
einem Zweig festhalten und ihren dünnen, glatten Körper
frei in die Luft erheben. Sie verpuppen sich in einem lockern
Gespinst über oder in der Erde, auch wie die Tagfalter oder
ohne Gespinst in der Erde. Man kennt gegen 1800 Arten aus allen
Weltteilen, von denen viele bei massenhaftem Auftreten
schädlich werden. Der große Frostspanner
(Blatträuber, Waldlindenspanner, Hibernia defoliaria L., s.
Tafel "Schmetterlinge II"), 4-4,5 cm breit, auf den
weißgelben Vorderflügeln mit zwei sattbraunen Binden und
rotgelben Flecken, zuweilen ganz rotgelb, auf den
Hinterflügeln weißlich, schwärzlich bestäubt,
fliegt im Oktober und November, vorherrschend im mittlern und
südöstlichen Deutschland. Das ungeflügelte,
ockergelbe, schwarz gefleckte Weibchen steigt am Stamm empor, wird
hier befruchtet und legt 400 Eier einzeln oder in kleinen Gruppen
an Knospen von Obstbäumen, Buchen, Eichen, Birken, welche die
lichtgelbe Raupe mit rotbraunem Rückenstreif und Kopf
während ihrer Entfaltung ausfrißt. Sie verpuppt sich im
Juli in einer mit wenigen Seidenfäden ausgekleideten
Erdhöhle. Eine zweite gelbe Art (H. aurantiaria L., s. Tafel
"Schmetterlinge II") fliegt gleichzeitig. Der kleine Frostspanner
(Blütenwickler, Obst-, Winterspanner, Reifmotte, Larentia
[Cheimatobia, Acidalia] brumata L., s. Tafel "Schmetterlinge II"),
2-2,4 cm breit, auf den Vorderflügeln licht graugelb, fein
gewässert und mit dunklern Wellenlinien gezeichnet, auf den
Hinterflügeln weißlichgelb mit schwarzen
Randpünktchen, fliegt im November und Dezember. Das graue
Weibchen, das zum Fliegen untaugliche Stümpfe mit dunkler
Querbinde besitzt, legt seine Eier an die Knospen von
Obstbäumen, Eichen, Buchen und andern Laubbäumen, auch an
Rosen; die gelblichgrüne Raupe, mit zwei weißen
Rückenlinien und hellbraunem Kopf, erscheint im ersten
Frühjahr, bespinnt die Knospen, welche sie ausfrißt, und
ist der gefährlichste Feind für unsre Obstbäume. Sie
verpuppt sich im Juni in einem losen Kokon flach unter der
Erdoberfläche. Als Gegenmittel benutzt man fußtiefes
Umgraben des Bodens um die Baumstämme, Anlegen von
Papierringen um den Stamm, welche mit Teer oder besser mit dem
sogen. Brumataleim bestrichen sind, gut anschließen und von
Oktober bis Dezember klebrig erhalten werden müssen, um das am
Stamm aufsteigende Weibchen zu fangen. Der Kiefernspanner
(Föhrenspanner, Spanner, Fidonia piniaria L., s. Tafel
"Schmetterlinge II"), 3,5 cm breit, mit schwarzbraunen
Flügeln, die beim Männchen ein hellgelbes oder
weißliches, beim Weibchen ein hoch rotgelbes Mittelfeld
besitzen, fliegt im Mai und Juni im Kiefernwald und legt seine Eier
besonders im Stangenholz an die Nadeln. Die gelblichgrüne
Raupe, mit weißem Mittelstrich, dunkeln Seitenstreifen und
gelben Streifen über den Füßen, erscheint im Juli,
frißt den Stumpf der zur Hälfte abgebissennen Nadeln und
verpuppt sich im Oktober unter Moos und Streu am Fuß des
Baums. Als Gegenmittel ist nur das Aufsuchen der Puppen
erfolgreich. Der Stachelbeerspanner (Harlekin, Zerene grossulariata
L.), 4 cm breit, mit goldgelbem, schwarzfleckigem Leib,
weißen, schwarz gefleckten Flügeln, von denen die
vordern an der Wurzel gelb sind und zwischen zwei Punktreihen eine
goldgelbe Mittelbinde besitzen; er fliegt im Juli und August, das
Weibchen legt die Eier in kleinen Gruppen an die Blätter von
Stachel- und Johannisbeersträuchern, Pflaumen,
Aprikosenbäumen, Weiden, Kreuzdorn. Die oberseits weiße,
schwarz gefleckte, unterseits dottergelbe Raupe erscheint im
September, überwintert unter Laub, frißt im
nächsten Jahr bis Juni und verpuppt sich unter einigen
Fäden an einem Blatt oder Zweig. Der Birkenspanner (Amphidasys
betularia L., s. Tafel "Schmetterlinge II"), 5 cm breit,
milchweiß, schwarz gesprenkelt, findet sich überall in
Europa, seine einem dürren Zweig ähnliche Raupe lebt auf
Birken, Ebereschen und andern Laubhölzern, zieht aber die
Eiche vor und verpuppt sich im September oder Oktober in der Erde.
Der Schmetterling fliegt im Mai und Juni. Vgl. Guenée,
Species général des Lépidoptères, Bd. 9
u. 10 (Par. 1857).

Spannkraft, s. Dampf und Gase.

Spanntag, die Leistung eines Gespanns Zugtiere in einem
Arbeitstag; z. B. 1 Hektar wurde gepflügt in zwei Spanntagen
und zwei Knechtstagen heißt: die Fertigung der Arbeit
erforderte die Thätigkeit zweier Gespanne und zweier
Knechte.

Spannung, der Zustand eines elastischen Körpers, in
welchem seine Teilchen durch eine von außen wirkende Kraft
aus ihrer ursprünglichen Lage gebracht sind und in dieselbe
zurückkehren, sobald die Kraft aufhört zu wirken (s.
Elastizität), daher das Kraftmaß, mit welchem eiserne
Konstruktionsteile auf Druck oder Zug in Anspruch genommen werden.
Elektrische S., s. Elektrizität; S. der Gase und Dämpfe
ist das Streben derselben nach Ausdehnung, wodurch sie auf die sie
umgebenden Körper einen Druck ausüben (s. Gase und
Dampf).

Spannnngsenergie, s. Kraft, S. 133.

Spannungsgesetz, Voltasches, s. Galvanismus, S. 877.

Spannungsirresein, s. Katatonie.

Spannungskoeffizient, s. Ausdehnung, S. 111.

Spannungsreihe, s. Elektrische S.

Spannweite (Spannung, Sprengung), die Entfernung der
Widerlager eines Gewölbes von einander, auch die Tragweite der
Balkendecken oder die lichte Tiefe eines Raums (Zimmertiefe).

Spanten, die Rippen eines Schiffs (s. d., S. 455).

Sparadrap (franz., spr. -drá), s.
Bleipflaster.

Sparagmit, s. Grauwacke.

Sparassis Fr. (Strunkschwamm), Pilzgattung aus der
Unterordnung der Hymenomyceten, mit fleischigem, vertikal
aufrechtem, strauchartig ästigem Fruchtkörper, dessen
Äste blattförmig zusammengedrückt und auf ihrer
ganzen glatten Oberfläche mit dem Hymenium überzogen
sind. S. crispa Fr. (echter Ziegenbart) besitzt einen in der Erde
verborgenen, dicken, fleischigen Stamm, welcher oben in zahlreiche
gelappte, gekräuselte Äste übergeht und daher einen
rundlich kopfförmigen Rasen bildet, wächst auf Sandboden
in Nadelwäldern im mittlern und nördlichen Europa und ist
sehr wohlschmeckend.

Sparbanken, s. Sparkassen.

Sparbutter, s. v. w. Kunstbutter, s. Butter, S. 697.

103

Spargel - Sparkassen

Spargel (Asparagus L.), Gattung aus der Familie der
Asparageen (Smilaceen), ausdauernde Kräuter od.
Halbsträucher mit sehr verzweigten, oft windenden Stengeln,
sehr kleinen, schuppenförmigen, fleischigen bis häutigen
Blättern u. in den Achseln derselben mit Büscheln
kleiner, meist nadelartiger, steriler, blattartiger Zweige,
kleinen, zwitterigen oder diözischen Blüten auf
gegliedertem Stiel und kugeliger, häufig nur einsamiger Beere.
Etwa 100 Arten in den warmen und gemäßigten Regionen,
die meisten am Kap. Der gemeine S. (A. officinalis L.) treibt aus
dem Rhizom fleischige, saftige, mit fleischigen Niederblättern
spiralig besetzte, weißliche oder blaßrötliche
Sprosse, die sich über der Erde in dem verzweigten,
grünen, 0,6-1,5 m hohen, glatten Stengel verlängern. Die
blattartigen Zweige sind nadelförmig, glatt, die Beeren
scharlachrot. Der S. wächst in Süd- und Mitteleuropa,
Algerien und Nordwestasien, besonders an Flußufern, und wird
in mehreren Varietäten als Gemüsepflanze kultiviert. Er
verlangt eine warme Lage und einen lockern, sandigen Boden, der
nötigen Falls drainiert werden muß, da auch nur im
Winter bleibende Nässe verderblich wirkt. Zur Anlage der
Spargelbeete hebt man vor Eintritt des Winters die Erde 1,9 m breit
und einen Spatenstich tief aus, gräbt dann Rinder- oder
Hofmist und zwar doppelt soviel wie zu einer gewöhnlichen
starken Düngung unter und steckt in Entfernungen von 0,6-0,9 m
Pfähle, an welchen man von der ausgegrabenen oder von andrer
guter Erde Hügel macht, deren Spitze den obern Rand des Beets
erreichen kann. Auf diesen Hügeln breitet man die ein- bis
zweijährigen Spargelpflanzen (Klauen) sorgfältig aus und
bedeckt sie mit Erde. Vorteilhaft ist eine weitere Mistbedeckung
des ganzen Beets, welche nur die Köpfe der Hügel
freiläßt, worauf man dann das Ganze so weit mit Erde
bedeckt, daß die Köpfe der Pflanzen etwa 3 cm tief zu
liegen kommen. Im Herbst schneidet man die Stengel 16 cm hoch ab,
lockert das Beet und bedeckt es 8-10 cm hoch mit altem Mist. Im
Frühjahr wird das Gröbere fortgenommen und der Rest mit
Erde mehrere Zentimeter hoch bedeckt. Im dritten Jahr erhöht
man die Beete mit fetter, sandiger Erde so stark, daß die
Pflanzen 16 cm tief liegen. Man kann jetzt anfangen, S. zu stechen;
doch ist es besser, nur einzelne Stengel und nur bis Anfang Juni
fortzunehmen. Die Beete geben dann 25 Jahre lang guten Ertrag; man
braucht sie nur im Frühjahr zu lockern und im Herbst stark mit
Mist, im Sommer mit Jauche, im Frühjahr mit Asche und Kali zu
düngen. Der S. enthält 2,26 Proz. eiweißartige
Körper, 0,31 Fett, 0,47 Zucker, 2,80 sonstige stickstofffreie
Substanzen, 1,54 Cellulose, 0,57 Asche, 92,04 Proz. Wasser; er
wirkt harntreibend, in größern Mengen genossen als
Aphrodisiakum und erzeugt wohl auch Blutharnen. Früher war die
Wurzel offizinell; die Samen hat man als Kaffeesurrogat verwertet.
Columella gedenkt in seinem Buch "De re rustica" auch des Spargels.
Andre Spargelarten hat man als Zierpflanzen benutzt; interessant
ist der blätterlose, dornige Asparagus horridus, in Spanien
und Griechenland. Vgl. Göschke, Die rationelle Spargelzucht
(3. Aufl., Berl. 1889); Burmester u. Bültemann, Spargelbau
(Braunschw. 1880); auch die Schriften von Brinckmeier (Ilmenau
1884) und Kremer (Stuttg. 1887).

Spargelerbse, s. Tetragonolobus.

Spargelfliege, s. Bohrfliege.

Spargelklee, s. v. w. Luzerne, s. Medicago; auch s. v. w.
Tetragonolobus.

Spargelkohl (Broccoli), s. Kohl.

Spargelstein, spargelgrüner Apatit (s. d.).

Spargilium (lat.), Spreng-, Weihwedel.

Spargiment (ital.), ausgestreutes Gerücht;
Umständlichkeit, sich sperrendes Zieren.

Sparherd, s. Kochherde, S. 906.

Spark, s. Spergula.

Sparkalk, s. Gips, S. 355.

Sparkarten, s. Sparkassen, S. 104.

Sparkassen (Sparbanken, engl. Saving banks, spr. ssehwing
bänks) sind Kreditanstalten, welche den Zweck haben, weniger
bemittelten Leuten die sichere Ansammlung und zinstragende Anlegung
kleiner erübrigter Geldsummen zu ermöglichen und
hierdurch den Spartrieb in weitern Kreisen des Volkes zu pflegen
und zu fördern. Dadurch, daß diese Kassen ihren Inhabern
grundsätzlich oder gesetzlich keinen Gewinn abwerfen sollen,
unterscheiden sich dieselben von andern ähnlich eingerichteten
Kreditanstalten. Solche Kassen sind (und zwar vorzugsweise von
Gemeinden als Gemeindeanstalten oder in der Art, daß die
Gemeinde die Bürgschaft für die Kasse übernahm und
die Verwaltung derselben unter die Aufsicht der
Gemeindebehörden stellte, später auch von
Privatgesellschaften und Fabrikanten) seit dem vorigen Jahrhundert
in großer Zahl ins Leben gerufen worden. Die erste wurde 1765
zu Leipzig als "Herzogliche Leihkasse" errichtet. Hierauf folgte
1778 eine von einer Privatgesellschaft in Hamburg gegründete
Anstalt, welcher zuerst der Name Sparkasse beigelegt wurde; ferner
die in Oldenburg 1786, Kiel 1796 sowie in Bern und Basel. Die erste
englische Sparkasse wurde 1798 in London von einer
Privatgesellschaft als Wohlthätigkeitsanstalt errichtet; in
Frankreich folgte Paris 1818, in Preußen Berlin in demselben
Jahr, in Österreich Wien 1819, in Schweden Stockholm 1821, in
Italien Venetien und die Lombardei 1822 und 1823, von welcher Zeit
ab die S. sich rasch in den europäischen Kulturländern
verbreiteten. Damit diese Anstalten ihren Zweck möglichst
vollständig erfüllen, und um zu verhüten, daß
dieselben nicht zu sehr von bemittelten Klassen benutzt werden, ist
eine obere Grenze für die jeweilig erfolgende einzelne
Einlage, dann auch eine solche für das Gesamtguthaben
festgesetzt, welche nicht überschritten werden darf. Der
geringste Betrag der Einlagen ist in Deutschland meist auf 1 Mk.
bemessen. Jeweilig nach Ablauf eines Jahrs werden die inzwischen
aufgewachsenen und nicht erhobenen Zinsen dem Kapital zugeschlagen.
Jeder Einleger erhält ein Sparkassenbuch, in welchem die
Einlagen fortlaufend vermerkt und erfolgende Rückzahlungen
abgeschrieben werden. Kleinere Summen werden sofort
zurückgezahlt, für größere dagegen ist eine
verschieden bemessene Kündigungsfrist angesetzt. Das
Gesamtguthaben wird gegen Rückgabe des Sparkassenbuchs
zurückgezahlt. Da S. viel dazu benutzt werden, um für
bestimmte Zwecke Summen anzusparen, so hat man auch Vorsorge
getroffen, daß Rückzahlungen nur zu bestimmten Zeiten
erfolgen, so bei den Mietsparbüchern am ortsüblichen
Mietzahlungstag. Kuntze (Plauen) empfiehlt zu dem Zweck die
Einführung von "gesperrten Sparkassenbüchern" mit festen
Rückzahlungsfristen. Um die Benutzung der S. auch für
solche zu erleichtern, welche nach andern Orten verziehen, wurde
die Bildung von Kommunalverbänden derart befürwortet,
daß jede Kasse die Einlagebücher andrer übernehmen
und weiterführen soll, indem die Einlagen Abziehender an die
Sparkasse des neuen Aufenthaltsortes überwiesen werden. Da
nach den meisten Statuten Aus-

104

Sparkassen.

zahlungen ohne Prüfung der Berechtigung des Inhabers
stattfinden, so ist zum Schutz gegen Verluste durch Diebstahl eine
sorgfältige Aufbewahrung der Sparkassenbücher geboten.
Als S. pflegt man auch solche Kassen zu bezeichnen, welche in
Wirklichkeit nur Einzahlungs- oder Markenverkaufsstellen sind.
Letztere dienen dem Zwecke, ganz kleine Summen anzusammeln, um
dieselben, wenn sie eine gewisse Höhe erreicht haben, an andre
Kreditanstalten oder sogen. Hauptsparkassen abzuführen, welche
werbende Anlegung und Verwaltung besorgen. Diese Verwaltung ist in
verschiedenen Ländern gesetzlich geregelt, so in Frankreich
l822 und 1835; in Preußen durch ein Regulativ von 1838,
welches dem Gedanken der Selbstverwaltung in weitem Maß
Rechnung trägt, jedoch mit der Maßgabe, daß ebenso
wie in Bayern, Baden, Sachsen etc. die Statuten der
öffentlichen, unter Staatsaufsicht zu stellenden S. der
staatlichen Genehmigung bedürfen; in England seit 1817, wo man
den Charakter der S. gesetzlich dadurch gewahrt hat, daß den
Leitern derselben (trustees) der Bezug einer Entschädigung
oder eines Gewinns untersagt wurde. Die deutschen S. legen die
ihnen anvertrauten Summen teils gegen Hypotheken auf
Grundstücke und Gebäude an, die Gemeindesparkassen
insbesondere gegen im Gemeindebezirk oder in dessen näherer
Umgebung bestellte Hypotheken, teils kaufen sie sichere
Wertpapiere, dann geben sie auch Darlehen gegen Wechsel und
Faustpfand, endlich auch bis zu einer bestimmten Summe gegen
Handschein und höhern Zins unter Gestellung eines Bürgen.
Die englischen S. kaufen meist Staatspapiere an. Die
französischen S. sind gesetzlich gehalten, die Einlagen bei
der staatlichen Caisse des dépôts et consignations im
Kontokorrentverhältnis zu hinterlegen; ihre Forderungen bilden
daher, soweit sie nicht in Bezugsrechte auf ewige Renten
umgewandelt werden, einen Teil der schwebenden Schuld des Staats.
Durch diese Zentralisierung des Sparkassenwesens ist zwar letzteres
außerordentlich vereinfacht; die einzelnen S. tragen mehr den
Charakter einfacher Zahlungs- und Rechnungsstellen. Dagegen
können durch die enge Beziehung zu den schwebenden Schulden,
den S., wie dies schon in Frankreich der Fall gewesen,
Verlegenheiten erwachsen. Überhaupt bedürfen die S.,
sobald sie nur gut verwaltet werden, weniger einen Rückhalt
durch wechselseitige Verbindung oder durch Gründung einer Art
Zentralsparkasse, weil bei denselben nicht wie bei Banken in
schlechten Zeiten die Rückforderungen anzuschwellen pflegen.
Die in einzelnen Ländern vorkommende Verbindung von S. mit
Pfandhäusern ist nicht zweckmäßig, weil in guten
Zeiten mehr Geld den S. zuströmt und die Pfandhäuser
keine Gelegenheit haben, dasselbe unterzubringen, während in
schlechten Zeiten der Geldbedarf der Pfandhäuser durch die S.
nicht gedeckt werden kann. Ihre Verwaltungskosten decken die S.
dadurch, daß sie einen niedrigern Zins geben, als sie
erhalten. Überschüsse werden zunächst zur Bildung
eines Reservefonds, dann für gemeinnützige Zwecke
(Altersprämien für treue Dienstboten etc.) verwandt. Bei
Gemeindesparkassen ist vielfach (so in Preußen, Baden) zu
derartigen Verwendungen staatliche Genehmigung erforderlich.

Schon 1798 tauchte in England der Gedanke auf, S. mit Schulen zu
verbinden; derselbe wurde 1834 an der Stadtschule zu Le Mans
verwirklicht. Dann bestanden schon Anfang dieses Jahrhunderts
eigentliche Schulsparkassen in Thüringen (Apolda) und am Harz
(Goslar). Seit 1866 wirkte Professor F. Laurent (s. d.) zu Gent in
unermüdlicher Weise für Einführung solcher Schul-
oder Jugendsparkassen. Den Erfolgen, welche er erzielte, ist es zu
verdanken, daß diese Kassen in Belgien, Frankreich, England
u. Italien, wo ihnen durch das Gesetz vom 27. Mai 1875 große
Vergünstigungen zugestanden wurden, dann in Österreich
und in einigen Teilen von Deutschland (besonders im Königreich
Sachsen, dann in Schleswig-Holstein) große Verbreitung
gefunden haben. Bei diesen Kassen sammelt der Lehrer die
Beiträge der Kinder, bis dieselben einen Betrag von der
Höhe erreicht haben, daß die Einlage in eine
öffentliche Sparkasse erfolgen kann. Nun kann, während
die Ersparnisse der einzelnen Kinder hierfür noch nicht
genügen, doch die Gesamtsumme zureichen und einstweilen
verzinslich angelegt werden. Der auf diesem Weg erzielte Gewinn
kann zur Deckung kleiner Verwaltungskosten, für
Prämiierung von Schülern oder auch zur Verteilung nach
Maßgabe der Einlagen verwandt werden. Durch die
Schulsparkassen soll der Trieb zum Sparen und zur
Selbstbeherrschung schon in der frühen Jugend gerade in den
Kreisen geweckt und genährt werden, für deren Lage diese
Tugenden von der höchsten Bedeutung sind. Dagegen sind die
Schulsparkassen besonders in deutschen Lehrerkreisen einem
großen Widerstand begegnet. Man machte gegen dieselben
geltend, daß gerade bei den untern Klassen den Kindern gar
keine Möglichkeit zum Sparen geboten sei, und daß diese
Anstalten die schlimmern Leidenschaften der Habsucht und des Neides
bereits bei den Kindern entflammten und großzögen.

Nach einer Mitteilung des Vereins für Jugendsparkassen gab
es in Deutschland 1881: 842 Kassen in 157 Städten und 548
Dörfern. Es waren an denselben beteiligt: 1250 Lehrer und
61,940 Schüler mit 640,000 Mk. Einlagen. Man zählte
in

Frankreich Kassen Bücher Einlagen

1877 8033 176040 2,98 Mill. Frank

1881 14372 302841 6,40 " "

1885 23222 488624 11,29 " "

Italien Lehrer Schüler Bücher Einlagen

1876 522 11935 7289 32049 Lire

1880 3240 40956 19056 174597 "

1885 3451 65062 376345 "

Ungarn Schulen Lehrer Schüler Einlagen

1880 141 222 7333 54647 Guld.

1882 354 565 19273 114734 "

1886 581 926 28256 113264 "

Vgl. Laurent, Conférence sur l'épargne (1866);
Wilhelmi, Die Schulsparkassen (Leipz. 1877); A. de Malarce, Die
Schulsparkasse (Berl. 1879); Elwenspöck, Die Jugendsparkasse
(Memel 1879); Senckel, Jugend- und Schulsparkassen (Frankf. a. O.
1882); Derselbe, Zur Sparkassenreform (1884).

Um in weitern Kreisen der Bevölkerung die Ansammlung von
ganz kleinen Beträgen zu ermöglichen, werden in
Deutschland seit 1880, damals angeregt durch Kaufmann Schwab in
Darmstadt, Pfennigsparkassen nach dem Vorbild der englischen Penny
saving banks gegründet. Es sind dies einfache Sammelstellen
für Beträge von 10 Pfennig und weniger, für welche,
wenn eine Summe von 1 Mk. erreicht ist, ein Sparkassenbuch von der
Hauptsparkasse ausgestellt wird. Die Ansammlung erfolgt unter
Verwendung von Sparmarken und Sparkarten oder Sparbüchern. Die
Marken, meist in gleicher Höhe, oft auch in verschiedenen
Wertstufen, werden gewöhnlich durch Vermittelung von
Ladengeschäften verkauft und auf den vorbezeichneten Stellen
der Sparkarten aufgeklebt. Sobald letztere ausgefüllt sind,
werden dieselben an bestimmten Stellen oder

105

Sparkassenversicherung - Sparrenkopf.

auch nur bei der Hauptsparkasse gegen Quittung eingeliefert. Den
Zwecken besonderer Kreise dienen die Fabriksparkassen (s. d.);
dagegen sind für die allgemeinste Verbreitung bestimmt die
seit 1861 in mehreren Ländern eingeführten Postsparkassen
(s. d.). Es wurden gezählt an S. (ohne Postsparkassen):

Einleger Einlagen Auf ein Buch

Mill. Mk. Mark

Großbritannien und Irland (1885) .... - 927 -

Italien (1885) .... 1189167 764 642

Österreich (1886) ... 2018695 1792 887

Frankreich (1885) ... 4926391 1770 359

Schweiz (1886) .... 745335 411 495

Es war in

die Zahl das Guthaben durchschnittlich

der Einleger der Einleger auf ein Buch

(Konten) Mark Mark

Preußen 1874 2061199 987237180 478

" 1885 4209453 2260933912 537

Bayern 1874 299277 70253440 235

" 1885 464545 130859355 282

Sachsen 1874 686733 232203831 338

" 1884 1199556 4076210 0 340

Baden 1874 141781 83297384 588

" 1884 215646 175727111 815

Hessen 1874 84491 40225356 476

" 1884 160745 90588725 564

Meiningen 1885 33525 18200000 543

Ein Einleger (Sparkassenbuch) kam in

Bayern (1885) auf 11,6 Einw. = auf 100 Einw. 8,6 Sparer

Baden (1884) " 7,1 " = " 100 " 13,5 "

Preußen (1886) " 6,4 " = " 100 " 14,8 "

Hessen (1884) " 5,9 " = " 100 " 16,8 "

Sachsen (1884) " 2,7 " = " 100 " 37,7 "

Auf den Kopf der Bevölkerung entfiel ein Einlagebetrag:
1885 in Bayern von 24,7 Mk., in Preußen von 79,8 Mk.,
1884 in Hessen von 94,7 Mk., in Baden von 109,7 Mk., in Sachsen von
128,0 Mk. Während im Königreich Sachsen auf 84 qkm eine
Sparkasse entfällt, gehören in Preußen 289, in
Bayern 273, in England 493, in Österreich 914 und in Italien
951 qkm dazu. Vgl. Hermann, Über S. (Münch. 1835); Vidal,
Des caisses d'épargne (Par. 1844); Konst. Schmidt und
Brämer, Das Sparkassenwesen in Deutschland (Berl. 1864);
Lewins, History of banks for savings in Great Britain and Ireland
(Lond.1866); "Verhandlungen des 14. volkswirtschaftlichen
Kongresses in Wien 1873"; Engel, Ein Reformprinzip für S. (in
der "Zeitschrift des Preußischen Statistischen Büreaus"
1868); "Statistique internationale des caisses d'épargne"
(bearbeitet von Bodio, Rom 1876); die Verhandlungen des Pariser
Kongresses für Wohlfahrtseinrichtungen (1878); "Beiträge
zur Statistik der S. im preußischen Staat" (Berl. 1876);
Selle, Die preußischen S. (Lüdenscheid 1879); Spittel,
Die deutschen S. (Gotha 1880); Kuntze, S. und Gemeindefinanzen
(Berl. 1882); Bahrt, Die Kontrolle und Hilfseinrichtungen bei S.
(2. Aufl., Leipz. 1882); Seedorff, Die Sparkassenbuchführung
(Hannov. 1887); Thiele, Die städtische Sparkasse zu Berlin in
ihrer Einrichtung (Berl. 1887). Seit 1876 erscheint in Wien als
Organ für internationales Sparkassenwesen die von C. Menzel
geleitete "Österreichisch-Ungarische Sparkassenzeitung".

Sparkassenversicherung, Bezeichnung der Geschäfte
einer als Nebenbranche von einigen
Lebensversicherungsgesellschaften eingeführten Art Sparkasse
(s. d.), welche gegen Leistung einer bestimmten Reihe von
Jahreseinzahlungen nach Ablauf festgesetzter Zeit ein bestimmtes
Kapital zu gewähren hat, und welcher alle Merkmale der
Versicherung fehlen, wenn nicht, wie das ausnahmsweise bei der
Einrichtung der Lebensversicherungsgesellschaft Friedrich Wilhelm
der Fall ist, ausbedungen wird, daß zwar das Kapital erst
nach Ablauf bestimmter Jahre ausgezahlt werde, die
Jahreseinzahlungen aber aufhören sollen, wenn der Versicherte
etwa vorher sterben würde. In diesem Falle liegt eine
Verbindung von Sparkasse mit der Versicherung vor (vgl.
Versicherung).

Sparks, Jared, nordamerikan. Geschichtschreiber, geb. 10.
Mai 1789 zu Willington im Staat Connecticut, war eine Zeitlang
Prediger einer Unitariergemeinde zu Boston, redigierte von 1823 bis
1830 die Vierteljahrsschrift "North American Review", ward 1839
Professor der Geschichte an der Harvard-Universität zu
Cambridge im Staat Massachusetts und war 1849-52 deren
Präsident; starb 14. März 1866 daselbst. Unter seinen
zahlreichen Schriften sind hervorzuheben: "Life of John Ledyard"
(Cambr. 1828; deutsch, Leipz. 1829); "Diplomatic correspondence of
the American revolution" (Boston 1829-31, 12 Bde.); "Life of
Governeur Morris" (das. 1832, 3 Bde.); "Life of Washington, with
diaries" (1839, 2 Bde.; deutsch von Raumer, Leipz. 1839); "Library
of American biography" (New York 1834-47, 25 Bde.) und
"Correspondence on the American revolution" (das. 1853, 4 Bde.).
Auch gab er die Werke G. Washingtons (New York 1834-38, 12 Bde.,
mit Biographie) und Benj. Franklins (1836-40, 10 Bde.) heraus und
führte dessen Selbstbiographie bis zu dessen Tod fort
(Sonderausg. 1844). Vgl. Mayer, Memoir of Jared S. (Baltimore
1867); Ellis, Memoir of J. S. (Cambr. 1869).

Sparmarken, s. Sparkassen, S.104, und Postsparkassen.

Sparmotor, s. Feuerluftmaschinen.

Sparnacum, früherer Name von Epernay (s. d.).

Sparprämie, s. Arbeitslohn, S. 759.

Sparr, altes märk. Adelsgeschlecht, das noch jetzt
in einem gräflichen Zweig in Pommern blüht; besonders im
17. Jahrh. war es zahlreich, und viele Offiziere in den Heeren
verschiedener Monarchen gingen aus ihm hervor. Bemerkenswert: Otto
Christoph, Freiherr von S., brandenburg. Generalfeldmarschall, geb.
1605 zu Prenden bei Bernau, trat 1626 in das kaiserliche Heer unter
Wallenstein, kämpfte von 1638 bis 1648 als Oberst eines
Regiments meist am Rhein, ward 1648 kurkölnischer
Generalfeldwachtmeister und nahm Lüttich ein. Er trat 1649 in
die Dienste des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg,
dessen Heer, namentlich die Artillerie, er organisierte, entschied
30. Juli 1656 durch seinen Angriff auf die polnische Reiterei den
Sieg bei Warschau, ward 1657 Generalfeldmarschall, befehligte die
brandenburgischen Hilfstruppen in der Schlacht bei St. Gotthardt;
starb 9. Mai 1668. Er errichtete in der Marienkirche zu Berlin das
schöne Denkmal am Erbbegräbnis seiner Familie mit seinem
eignen knieenden Standbild. Im J. 1889 ward das 16.
preußische Infanterieregiment nach ihm benannt. Vgl. v.
Mörner, Märkische Kriegsobersten des 17. Jahrh. (Berl.
1861).

Sparren, s. Dachstuhl; in der Heraldik s.
Heroldsfiguren.

Sparrenkopf, das freie, meist profilierte Ende eines
Sparrens, s. Dachstuhl; in der antiken Baukunst die unter der
Hängeplatte des Gebälks befindlichen Kragsteine oder
Konsölchen.

106

Sparrm. - Sparta.

Sparrm., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung
für A. Sparrmann, geb. 1747, Begleiter Cooks, gest. 1787 als
Professor in Upsala (Zoolog).

Sparta, im Altertum Hauptstadt der peloponnes. Landschaft
Lakonien, lag auf den letzten Ausläufern des Taygetos und
dicht am rechten Ufer des Eurotas, mit dem sich hier die
Flüßchen Önos und an der Südseite der Stadt
Knakion und Tiasa vereinigten, und bestand aus verschiedenen
weitläufigen, gartenreichen Quartieren, welche zusammen einen
Umfang von etwa 9 km hatten. Die Einwohnerzahl mag sich zur Zeit
der Blüte auf 40-50,000 belaufen haben. Früher hatte die
Stadt gar keine Mauern, da die Bürger ihr als solche dienen
sollten; erst der Tyrann Nabis legte eine Mauer an, die zwar bald
darauf von den Achäern zerstört, aber auf Befehl der
Römer wiederhergestellt und noch in byzantinischer Zeit
erneuert wurde. S. hatte auch keine eigentliche Akropolis, sondern
diesen Namen führte nur einer der Hügel der Stadt, auf
dessen Spitze neben andern der Tempel der Athene Chalkioikos stand.
Von den einzelnen Quartieren (Komen) wird Pitana im NO. als das
schönste genannt. Hier war die Agora mit den
Versammlungsgebäuden der Gerusia und der Ephoren, der von der
persischen Beute erbauten persischen Halle und dem großen,
mit weißem Marmor überkleideten Theater, von welchem
sich noch einige Überreste erhalten haben. Andre Plätze
im W. der Stadt, an der Straße nach Messene, waren der Dromos
mit 2 Gymnasien und der mit Platanen bepflanzte Platanistas, wo die
Jünglinge zu ringen pflegten. Die Stadt hatte außer den
angeführten noch zahlreiche andre Tempel und Monumente, welche
Pausanias nennt, deren Lage sich aber heute nicht mehr nachweisen
läßt. Überreste alter Bäder finden sich
nordwestlich und südöstlich vom Theater, Reste einer
alten Brücke über den Eurotas an der heutigen
Straße nach Argos und Tegea. Erst die Anlage der Stadt
Misthra (s. d.), westlich von S., veranlaßte ihre
Verödung. Die jetzige Stadt S. (s. Sparti), erst 1836
gegründet, nimmt den südlichen Teil des alten S. ein.

[Geschichte.] Als älteste Einwohner werden die Pelasger
genannt; frühzeitig gründeten die Phöniker
Niederlassungen an der Küste Lakoniens, um die dort
häufigen Purpurschnecken zu sammeln. Diesen folgten
kleinasiatische Griechen, Leleger genannt, und Einwanderer von
Norden her. Die durch die Einwanderungen vermehrte und
veränderte Bevölkerung wird in der ältesten
Überlieferung unter dem Namen "Achäer"
zusammengefaßt. Ihr sagenhaftes Herrschergeschlecht waren die
Tyndariden, dann die Atriden (der Atride Menelaos). Infolge der
Dorischen Wanderung (1104 v. Chr.) kam S. an die Dorier (s. d.).
Nach der gewöhnlichen Sage fiel Lakonien den beiden
Söhnen des Aristodemos, Eurysthenes und Prokles, zu. In
Wirklichkeit war die erste dorische Eroberung eine
unvollständige. Die Achäer behaupteten sich in einem
großen Teil Lakoniens; die Dorier setzten sich zunächst
bloß am rechten Ufer des Eurotas fest, wo sie als feste
Niederlassung S. gründeten. Von hier aus breiteten sie sich
allmählich über die übrigen Gemeinden aus und
vermischten sich mit den Achäern, deren ursprüngliche
Ebenbürtigkeit auch daraus sich ergibt, daß eins der
spartanischen Königsgeschlechter, die Agiaden, achäisch
war. Diese unfertigen Zustände stürzten den Staat in eine
Verwirrung, aus der ihn erst die Gesetzgebung des Lykurgos (s. d.),
welche freilich so, wie sie bestand, nicht auf einmal angeordnet,
sondern allmählich entstanden ist, herausriß. Dieser
stellte den innern Frieden her und begründete danach eine neue
Staatsordnung auf der Vorherrschaft und strengen Organisation der
dorischen Bevölkerung, der Spartiaten. Diese wurden in der
Mitte des Landes vereinigt und 4500 (später 9000) gleiche
Ackerlose unter sie verteilt, über welche sie weder durch Kauf
oder Verkauf, noch durch Schenkung oder Testament frei
verfügen durften. Sie waren in die drei Phylen der Hylleer,
Pamphyler und Dymanen, diese wieder in zehn Oben geteilt und an
Rang und Rechten einander gleich. Außer den Spartiaten gab es
noch zwei untergeordnete Klassen der Bevölkerung,
Periöken und Heloten. Die Periöken (Lakedämonier)
waren persönlich frei, aber ohne Anteil am Stimmrecht in der
Volksversammlung und an den Ehrenrechten, leisteten Zins an den
Staat und wurden mit den Spartiaten zur Verteidigung des
Vaterlandes aufgeboten. Die Heloten waren Leibeigne des Staats und
wurden hauptsächlich dazu verwandt, die Ländereien der
Spartiaten zu bebauen und letztere im Krieg als Leichtbewaffnete zu
begleiten. Zur Zeit der Blüte Spartas zählte man an
Einwohnern ungefähr 40,000 Spartiaten, 120,000 Periöken
und 200,000 Heloten. Die Verfassung war eine aristokratische. An
der Spitze des Staats standen die zwei Könige. Ihnen zur Seite
stand der Rat der Alten, die Gerusia, mit Einschluß der
beiden Könige, die aber nur je eine Stimme hatten, aus 30
Mitgliedern, den Ältesten der Oben, bestehend. Die
Volksversammlung (Agora) hatte nur die Anträge des Rats der
Alten (später auch der Ephoren) entweder anzunehmen oder zu
verwerfen, nicht aber selbst Anträge zu stellen. Die
Könige gelangten nach Erbrecht und Erstgeburt zur Regierung.
Durch Wohnung, Ländereien, ihnen zukommende Lieferungen von
Opfervieh und Beute etc. vor allen andern Bürgern
ausgezeichnet, waren sie Oberpriester, Feldherren und Richter. Aber
ihre Macht, in älterer Zeit nicht genau begrenzt, war
späterhin, namentlich nach dem Aufkommen der Ephoren (s. d.)
seit den Messenischen Kriegen, sehr beschränkt.
Möglichste Gleichheit der Bürger, kriegerische
Tüchtigkeit und ausschließliches Interesse derselben
für des Staats Macht und Ruhm hervorzubringen, war der Zweck
der Lykurgischen Gesetzgebung. Der Spartiate gehörte nicht
sich, sondern dem Staat an; daher war das Leben ein fast durchaus
öffentliches: Jagden, Leibesübungen, Teilnahme an den
Volksversammlungen, an Opfern und feierlichen Chören,
Zuschauen bei den gymnastischen Spielen der Jugend u. dgl.
füllten, wenn nicht Krieg war, die Zeit des Tags aus. Gewerbe
und Künste, Schiffahrt und Handel zu treiben, galt eines
Spartiaten für unwürdig. Bereicherung durch Handel war
durch das Gesetz, bloß eiserner Münzen sich zu bedienen,
ausgeschlossen. Auch die Erziehung war durchaus Sache des Staats,
öffentlich und gemeinschaftlich und bildete ein künstlich
gegliedertes System; ihr vorherrschender Zweck war körperliche
Kräftigung und Abhärtung, selbst bei der weiblichen
Jugend, und Gewöhnung an streng militärischen Gehorsam.
Durch Übung in der Kürze des Ausdrucks (Lakonismus)
gewann der junge Spartiate jene Intensität und Sammlung des
Geistes, jene gedrungene und kernige Persönlichkeit, die ihn
auszeichnete; durch Erlernung dorischer Nationallieder wurde
Begeisterung für das Vaterland geweckt. Damit nicht von
außen Gefährliches sich einschleiche, durfte kein
Spartaner ohne ausdrückliche Erlaubnis ins Ausland reisen;
Fremde wurden nur eingelassen, wenn sie mit den Behörden zu
verhandeln hatten, und durften nicht länger als nötig
verweilen. Der

107

Sparta (Geschichte).

Staat wachte über Einfachheit in dem Bau und der
Einrichtung der Häuser, über die Kleidung, über die
Zucht der Frauen, selbst über die Musik. Die Männer
(immer je 15) mußten sich, um jeden Luxus im Essen zu
verhindern, zu gemeinsamen einfachen Mahlzeiten (Pheiditien oder
Syssitien) vereinigen. Die Ehe war geboten, und es fand
öffentliche Anklage statt gegen die, welche gar nicht,
spät oder unpassend sich verehelichten. Eine kinderlose Ehe
wurde gar nicht als solche angesehen, sondern ihre Auflösung
vom Staat verlangt. Mißgestaltete und schwächliche
Kinder wurden, nachdem sie den Ältesten des Geschlechts
vorgezeigt worden waren, in den Schluchten des Taygetos ausgesetzt,
d. h. als Periökenkinder erzogen, während Kinder von
Periöken und Heloten, wenn sie spartiatische Erziehung
genossen und von einem Spartiaten adoptiert waren, mit Erlaubnis
der Könige in die Doriergemeinde aufgenommen werden konnten;
dieselben hießen Mothaken. Durch das Übergewicht der
dorischen Spartiaten wurde Lakonien erst zu einem dorischen Staat
gemacht. Das gesteigerte Stammesgefühl traf zusammen mit der
nur auf kriegerische Tüchtigkeit und Thatkraft gerichteten
Lebensordnung, um den Eroberungsgeist in den Spartanern zu erwecken
und zu nähren.

Der erneuerte Kampf mit den alten Einwohnern hatte die
völlige Unterwerfung derselben zur Folge. Durch
Grenzstreitigkeiten entstanden die Kriege mit Messenien (s. d.),
die mit der Unterjochung dieses Landes endigten. Langwierige Kriege
hatte S. mit Arkadien zu führen. Erst um 600 v. Chr. gewannen
die Spartaner die Oberhand und zwangen Tegea zur Anerkennung ihrer
Hegemonie, die sich damals bereits über den größten
Teil des Peloponnesos erstreckte. Die Olympischen Spiele waren das
gemeinschaftliche Fest der unter Spartas Oberhoheit vereinigten
Staaten. Mit Klugheit und Umsicht waren die Spartaner darauf
bedacht, durch Erhaltung der alten staatlichen Ordnungen in den
Nachbarländern, namentlich durch Bekämpfung der Tyrannis,
ihren politischen Einfluß zu befestigen, und wurden hierbei
von der delphischen Priesterschaft unterstützt. Beim Beginn
der Perserkriege scharte sich ganz Griechenland um die Spartaner,
welche den Oberbefehl führten, aber sich in denselben wenig
Ruhm erwarben; aus Eifersucht auf Athen nahm S. am Kampf bei
Marathon nicht teil, und nur gezwungen schlug es die Schlacht bei
Salamis; sein Glanzpunkt war die Aufopferung des Leonidas und
seiner Dreihundert bei den Thermopylen. Die Fortführung des
Kampfes in größerm Maßstab und die Gründung
eines großen hellenischen Gemeinwesens unter spartanischer
Hegemonie vertrug sich nicht mit der auf strenge Abgeschlossenheit
berechneten Verfassung Spartas. So überließ es, wenn
auch von Neid erfüllt, die Führung der Griechen im
Seekrieg den kühnern thatkräftigern Athenern, zumal es
von innern Erschütterungen heimgesucht wurde. Einen Aufstand
der Arkadier und der mit diesen verbündeten Argiver
dämpfte S. zwar glücklich; aber ein Aufstand der
Messenier (464-455) lähmte des Staats Kraft im Innern und
zwang ihn sogar, bei Athen Hilfe zu suchen. Als S. ein Hilfskorps,
welches Kimon von Athen 461 zuführte, schimpflich
zurückschickte, entstand offener Bruch zwischen beiden
Staaten. Um den Athenern im Norden ein Gegengewicht zu beschaffen,
stellte S. durch den Sieg bei Tanagra 457 Thebens Hegemonie in
Böotien her. Die Schlacht bei Önophyta vernichtete aber
diese wieder, und 450 ward unter dem Einfluß friedfertig
gesinnter Staatsmänner ein fünfjähriger
Waffenstillstand und 445 ein 30jähriger Friede zwischen Athen
und S. geschlossen, in welchem beide Staaten sich den Besitz ihrer
Hegemonie garantierten. Der tiefer liegende Gegensatz jedoch
zwischen dem ionischen und dem dorischen, dem demokratischen und
aristokratischen Element sowie der Neid der auf Athens Macht und
Blüte eifersüchtigen Verbündeten Spartas, namentlich
Korinths und Thebens, ließen es zu keiner dauernden
Versöhnung kommen, und im Peloponnesischen Krieg (431-404)
fand der schroffe Gegensatz seinen Ausdruck. S. ging aus demselben
als Sieger und scheinbar mächtiger hervor, als es je zuvor
gewesen war. Alle frühern Bundesgenossen Athens waren ihm
zugefallen; aber im Innern geschwächt und durch Beseitigung
weiser Gesetze der Grundlagen seiner Verfassung beraubt, verstand
es nicht, den gewonnenen Besitz mit Mäßigung und
Klugheit zu behaupten. Gewalt und Treulosigkeit waren die
Grundsätze der Politik eines Lysandros und Agesilaos.
Überall wurden unter Spartas bewaffnetem Schutz oligarchische
Verfassungen eingerichtet, die feindlichen Parteien mit blutiger
Gewalt unterdrückt. Ein Hauptziel der spartanischen Politik
war die Wiedergewinnung der kleinasiatischen Küste, welche im
Peloponnesischen Krieg den Persern preisgegeben worden war. Deshalb
unterstützten die Spartaner den jüngern Kyros gegen
Artaxerxes und sandten 399 Thimbron, dann Derkyllidas und zuletzt
Agesilaos mit Heeresmacht nach Kleinasien. Aber die glänzenden
Erfolge des letztern vermochten nicht, die Stellung Spartas im
Mutterland zu sichern. Auf Anstiften der Perser verbündeten
sich Athen, Theben, Korinth, Argos u. a. gegen S., und es entstand
395 der sogen. Korinthische Krieg (s. d.), den S. durch den mit
Persien vereinbarten Antalkidischen Frieden (387) beendete. Es gab
die kleinasiatischen Griechen den Barbaren preis und hoffte, durch
das Verbot aller Bünde zwischen griechischen Staaten seine
Herrschaft dauernd zu begründen. Es zwang Theben, seine
Städte freizugeben, Argos, seine Besatzung aus Korinth
zurückzuziehen, und schaltete im Peloponnes als
unumschränkter Herr. Die Besetzung der Kadmeia in Theben (382)
führte jedoch den Sturz von Spartas unwürdiger
Gewaltherrschaft herbei. Theben erkämpfte sich 379 seine
Freiheit und die Hegemonie über Böotien wieder. In dem
Kampf, den S. nunmehr gegen Athen und Theben unternahm, verlor es
an ersteres seine Herrschaft zur See, und die Schlacht bei Leuktra
(371) erschütterte auch seine Macht zu Lande für immer.
Epameinondas verwüstete 369 Lakonien, vernichtete seine
Hegemonie über den Peloponnes, machte Messenien
selbständig und brachte so S. an den Rand des Verderbens, aus
dem es auch der Tod des Epameinondas nicht erretten konnte.

Die von Lykurg gegebene Verfassung war im Lauf der Zeit
untergraben worden, und der Verkehr mit dem üppigen Persien
und dem asiatischen Griechenland hatte verderbend auf die
einheimische Sitte eingewirkt. S. wurde eine der reichsten
Städte Griechenlands. Infolge der immerwährenden Kriege
sank aber die Zahl der männlichen Bevölkerung, und zur
Zeit des Aristoteles stellte es nicht viel über 1000 Hopliten.
Wenn dieser Stand der Bevölkerung von selbst die
Vermögensgleichheit aufheben mußte, so wurde diese
Störung noch mehr gefördert durch das Gesetz des Ephoren
Epitadeus, welches durch Schenkung oder Testament frei über
das Ackerlos zu verfügen gestattete. Die Verfassung ging
allmählich in eine engherzige, selbstsüchtige Oligarchie
über. Im Innern krank und seiner Bundesgenossen beraubt,

108

Sparta, Herzog von - Spartieren.

konnte sich S. seit der Schlacht bei Leuktra nie wieder zu
seinem frühern Einfluß erheben. Alexander d. Gr.
versagten sie zwar die Heeresfolge, aber König Agis II. machte
330 einen fruchtlosen Versuch, die makedonische Herrschaft zu
stürzen. Die Spartaner mußten sogar, um sich gegen neue
Angriffe des Demetrios (296) und des Pyrrhos (272) zu
schützen, ihre Stadt stark befestigen. Die Spartiaten
würdigten sich zu Mietlingen des Auslandes herab. Zur Zeit des
Königs Agis III. war ihre Zahl auf 700 geschmolzen. Die
schwindende Volkszahl und die überhandnehmende Sitte der
Mitgiften machten das Mißverhältnis im Besitz immer
größer. Agis' III. (244-240) Versuch, die Lykurgische
Verfassung wiederherzustellen, scheiterte. Kleomenes III. begann
nach seinem ruhmreichen Kriege gegen die Achäer 226 seine
Reformen mit dem Sturz der Ephoren und der Verbannung der
oligarchischen Gegner. Ohne weiteres Hindernis wurden die Schulden
getilgt, die Bürgerschaft durch Aufnahme von Periöken auf
4000 gebracht, die Ländereien unter sie neu verteilt und die
Lykurgische Zucht wieder eingeführt. Auch die Hegemonie im
Peloponnes und in Griechenland wollte Kleomenes seinem Vaterland
wieder erkämpfen, und schon war er nach der Eroberung von
Argos nahe daran, an die Spitze des Achäischen Bundes zu
treten, als Antigonos Doson, von Aratos herbeigerufen, 221 in der
Schlacht bei Sellasia die Macht des kaum verjüngten Staats
brach. S. mußte sich an Antigonos ergeben, der sofort die
Reformen wieder aufhob und das Ephorat wiederherstellte. Der Staat
trat dem Achäischen Bund bei, behielt aber im übrigen
seine Unabhängigkeit. In dem Usurpator Machanidas (211-207)
erhielt S. seinen ersten Tyrannen; er hob das Ephorat auf, trat als
unumschränkter Herr auf und machte sich an der Spitze seiner
Söldnerscharen im Peloponnes furchtbar, doch fiel er schon 207
gegen Philopömen bei Mantineia. Die Regierung seines
Nachfolgers Nabis (206-192) war eine fast ununterbrochene Reihe von
Kriegen und ein Gewebe von verräterischer Politik. Nach der
Ermordung des Nabis durch die Ätolier (192) gewann
Philopömen S. wieder für den Achäischen Bund, aber
der alte Haß der Spartaner gegen die Achäer blieb. Als
S. 188 vom Bund abfiel und sich unter römischen Schutz
stellte, rückte Philopömen vor S., ließ die
Häupter der Empörung hinrichten, die Mauern
niederreißen und die fremden Söldner sowie die von den
Tyrannen unter die Bürger aufgenommenen Heloten entfernen. S.
mußte nun achäische Einrichtungen annehmen. Rom sah zu,
wie sich die Achäer und Spartaner gegenseitig durch ihre
Streitigkeiten entkräfteten, bis der geeignete Zeitpunkt zum
Eingreifen gekommen war. Nach der Vernichtung des Achäischen
Bundes und der Unterwerfung von ganz Griechenland (146) teilte S.
das ziemlich leidliche Los der übrigen griechischen Staaten;
ja, es soll den Spartanern von den Römern besondere Ehre zu
teil geworden sein: sie blieben frei und leisteten keine andern als
Freundschaftsdienste. Unter den Kaisern nach Augustus blieb den
Lakedämoniern kaum noch ein Schatten von Freiheit. Die
Lykurgischen Einrichtungen bestanden noch bis ins 5. Jahrh. fort;
erst das Christentum verdrängte die letzten Reste derselben.
Vgl. Manso, Sparta (Leipz. 1800-1805, 3 Tle.); O. Müller, Die
Dorier (2. Aufl., Bresl. 1844, 2 Bde.); Lachmann, Die spartanische
Staatsverfassung in ihrer Entwickelung und ihrem Verfall (das.
1836); Trieber, Forschungen zur spartanischen Verfassungsgeschichte
(Berl. 1871); Gilbert, Studien zur altspartanischen Geschichte
(Götting. 1872); Busolt, Die Lakedämonier und ihre
Bundesgenossen (Leipz. 1878, Bd. 1); E. v. Stern, Geschichte der
spartanischen und thebanischen Hegemonie (Dorp. 1884);
Fleischanderl, Die spartanische Verfassung bei Xenophon (Leipz.
1888).

Sparta, Herzog von, Titel des griech. Kronprinzen
Konstantin (geb. 2. Aug. 1868), des ältesten Sohns des
Königs Georg von Hellas.

Spartacus, Anstifter des Sklavenkriegs und Führer in
demselben, 73-71 v. Chr., Thraker von Geburt, früher ein
freier Mann, ward römischer Sklave und kam in die
Gladiatorenschule zu Capua. Er entfloh 73 aus dieser mit etwa 70
Genossen, brachte am Vesuv einem Legaten des Prätors P.
Varinius eine völlige Niederlage bei, schlug noch zwei andre
Legaten und dann auch den Prätor selbst, worauf durch den
allgemeinen Zulauf von Sklaven sich bald ein Heer von mehr als
100,000 Mann um ihn sammelte. Mit diesen trat er 72 den Marsch nach
Norden an, um sie über die Alpen nach ihrer Heimat, Gallien
und Thrakien, zurückzuführen. Ein Teil des Heers, der
sich unter Führung des Crixus von ihm trennte, wurde am Berge
Garganus in Apulien geschlagen; er selbst aber brachte den beiden
Konsuln des Jahrs, Gnäus Lentulus und L. Gellius, die ihm den
Weg verlegen wollten, schwere Niederlagen bei und schlug auch den
Prokonsul Gajus Cassius bei Mutina. Nun wurde er aber von seinem
Heer, in dem die Beutelust von neuem erwachte, genötigt,
wieder nach Süden umzuwenden. In Rom aber beauftragte man 71
den Prätor M. Licinius Crassus mit Führung des Kriegs.
Diesem gelang es, S. in der Südwestspitze von Italien
einzuschließen; er bahnte sich zwar durch seine Tapferkeit
den Weg durch die feindlichen Linien, aber nun wurde ein Teil des
Heers, der sich wiederum von ihm getrennt hatte, geschlagen und
völlig aufgerieben, und er selbst ward von seinen Leuten wider
seinen Willen zur Schlacht gezwungen, in der er unterlag und tapfer
kämpfend fiel; 60,000 Sklaven sollen darin getötet und
6000 Gefangene auf der Straße zwischen Capua und Rom
gekreuzigt worden sein. Pompejus, von Spanien zurückkehrend,
vertilgte den letzten Rest der Sklaven.

Spartel, Kap (Cabo Espartel, Râs Ischberdil),
Vorgebirge an der Küste Marokkos, am Westeingang der
Straße von Gibraltar, 314 m hoch, bildet die Nordwestspitze
von Afrika. Es ist das Cotes promontorium der Alten.

Sparten ("die Gesäeten"), im griech. Mythus die aus
den von Kadmos gesäeten Drachenzähnen entsprossenen
geharnischten Männer und ihre Nachkommen (s. Kadmos); auch
dichterischer Name für die gesamten Thebaner.

Sparterie (franz.), Flechtwerk, s. Geflechte.

Sparti (Neu-Sparta), Hauptstadt des griech. Nomos
Lakonia, 1836 auf der Stelle von Alt-Sparta durch
Übersiedelung der Bewohner von Misthra (s. d.) gegründet,
Sitz eines Erzbischofs, mit einem Gymnasium, kleinem
Altertümermuseum, regelmäßigen Straßen und
gleichförmigen, dem Klima wenig angemessenen, meist
zerstreuten Häusern, schön, aber ungesund gelegen. S.
hatte 1879 mit dem Nachbardorf Psychiko zusammen 3595 Einw.

Spartianus, Älius, einer der Scriptores historiae
Augustae (s. d.), lebte gegen Ende des 3. Jahrh. n. Chr. unter
Diokletian, Verfasser der Biographien der Kaiser Hadrian, Verus,
Julian, Septimius Severus, Pescennius Niger, Caracalla und
Geta.

Spartiaten, die dorischen Vollbürger in Sparta.

Spartieren (ital.), das Umschreiben der in Stim-

109

Spartium - Spateisenstein.

men gedruckten oder geschriebenen ältern Kompositionen in
moderne Partitur (spartito).

Spartium L. (Besenginster, Pfriemen), Gattung aus der
Familie der Papilionaceen, Sträucher mit langen,
rutenförmigen, eckig gefurchten Ästen, wenig zahlreichen
gedreiten, am obern Teil auch einfachen Blättern und
gestielten Blüten in Trauben oder Ähren. S. scoparium L.
(Sarothamnus vulgaris Wimm., Besenpfriemen, Besenkraut), ein 3 m
hoher Strauch, bisweilen mit echtem Stamm, ziemlich gerade
aufsteigenden, grünen Ästen, kleinen, rundlichen,
behaarten Blättchen, goldgelben Blüten in Trauben und
schwärzlichen Hülsen, in Mitteleuropa, liefert in den
Ästen Material zu Besen; auch hat man die Blüten zum
Färben und die Knospen als Kapernsurrogat benutzt. Er gedeiht
vortrefflich auf sandigem, schlechtem Boden und wird auf solchem
bisweilen als Futterpflanze, zu forstlichen Zwecken und als Hecke
angepflanzt; anderseits wird er im Forstbetrieb auch ein
lästiges Unkraut. Mehrere Varietäten kultiviert man als
Ziersträucher. Ein in der Pflanze enthaltenes Alkaloid,
Spartein, wird bei Herzschwäche und organischen Herzfehlern
wie Digitalis benutzt. S. junceum L. (Sparthiantus junceus Lk.,
wohlriechende Pfriemen, Binsenpfriemen, spanischer Ginster), ein
hoher Strauch mit wenigen einfachen, sehr schmalen Blättern,
gelben, wohlriechenden Blüten in schlaffer Ähre und
langen, schmalen Hülsen, in den Mittelmeerländern,
liefert in den zähen, biegsamen Ästen Material zu
Flechtwerk, außerdem Bastfasern zu Geweben. Als Zierstrauch
hält er bei uns nur schwierig aus. Schon im Altertum wurde
diese Pflanze zu Schiffsseilen, Decken, Schuhen benutzt, auch die
Faser zu Geweben verarbeitet.

Spartivénto, Kap (im Altertum Herculis
promontorium), die Südspitze des italienischen Festlandes im
Ionischen Meer; zwischen hier und Melito landete Garibaldi 25. Aug.
1862.

Sparto, s. Esparto.

Spasimo di Sicilia (ital.), die nach dem Kloster Santa
Maria dello Spasimo in Palermo benannte, jetzt im Museum zu Madrid
befindliche Kreuztragung Christi von Raffael (s. d., S. 551).

Spask, 1) Kreisstadt im russ. Gouvernement Rjäsan,
am Spaskischen See im Thal der Oka, ein armer Ort mit (1885) 4383
Einw. -

2) Kreisstadt im russ. Gouvernement Kasan, an der Besdna
(Nebenfluß der Wolga), mit Getreidehandel und (1885) 3227
Einw. -

3) Kreisstadt im russ. Gouvernement Tambow, am Stadenez, hat
einige Fabrikthätigkeit, Handel mit Getreide, Hanf, Flachs,
Leinsaat, Pottasche, Borsten, Wolle und Leder (nach Moskau, Rybinsk
und Rostow) und (1885) 5484 Einw.

Spasmus (griech.), Krampf; daher spasmodisch, spastisch,
s. v. w. krampfhaft.

Spasowicz (spr. -witsch), Wladimir, poln.
Litterarhistoriker, geb. 16. Jan. 1829 zu Rzeczyca (Gouvernement
Minsk), studierte in Petersburg die Rechte, war bis 1862 Professor
des Strafrechts an der dortigen Universität, dann Dozent an
der Rechtsschule daselbst. Infolge seines "Lehrbuchs des
Kriminalrechts" (Petersb. 1863, russ.) verlor er jedoch diese
Stelle und wirkt seit 1866 als namhafter Advokat in Petersburg,
besonders bekannt durch sein Auftreten als Verteidiger in den
Hochverrats- und Nihilistenprozessen. S. ist seit 1876 Herausgeber
der in Warschau erscheinenden Monatsschrift "Ateneum",
verfaßte in der "Geschichte der slawischen Litteraturen" von
Pipin den die polnische Litteratur betreffenden Teil (deutsch,
Leipz. 1883) und schrieb zahlreiche Monographien über dieses
Fach. S. gilt als das Haupt einer Partei, welche eine
polnisch-russische Verständigung auf liberaler Grundlage
anstrebt; dafür wirbt er namentlich, allerdings mit geringem
Erfolg, in der 1883 von ihm begründeten polnischen
Wochenschrift "Kraj", die in Petersburg erscheint.

Spat, alte bergmännische Bezeichnung für
Mineralien mit deutlicher Spaltbarkeit.

Spat (Spath), chronische Gelenkentzündung mit
Knochenauflagerung (Exostose, Spaterhöhung) an der innern
Seite des Sprunggelenks und zwar an den beiden untern
Artikulationen desselben. Bei vielen Pferden entsteht der S. als
eine unbedeutende Abnormität, welche den Gebrauch nicht
beeinträchtigt. Oft aber bedingt derselbe eine Lahmheit, wobei
der leidende Schenkel schneller und etwas zuckend gehoben, weniger
weit nach vorn und nicht so fest aufgesetzt wird. Dieser abnorme
Gang wird bei fortgesetzter Bewegung weniger merklich, tritt aber,
nachdem das Pferd einige Zeit ruhig gestanden, sofort wieder
hervor. Nach und nach steigert sich das Lahmgehen, das Tier tritt
bei beginnender Bewegung nur mit der Spitze des Hufs auf und hinkt
oft die ersten Schritte auf drei Beinen. Manchmal läßt
dieses Lahmgehen nach Jahresfrist von selbst nach und hört
wohl auch ganz auf, doch nicht, ohne eine gewisse Steifigkeit im
Sprunggelenk zu hinterlassen. Der Knochenauswuchs entwickelt sich
zuweilen erst einige Wochen nach Beginn des Lahmgehens. An der
innern Sprunggelenkfläche, nahe dem Schienbein, als kleine,
kaum bemerkbare Erhöhung sitzend, nimmt er nach und nach an
Umfang und Höhe zu, und zwar fühlt er sich, als mit dem
Knochen in Verbindung stehend, hart an. Bei einigen Pferden beginnt
der S. mit einer intensiven Entzündung der Gelenkkapsel, so
daß die Tiere eine Zeitlang noch keine Spaterhöhung,
wohl aber die Symptome der Spatlahmheit bekunden (unsichtbarer S.).
Bei längerer Dauer des Lahmgehens tritt oben am Schenkel in
der Regel Schwund ein. Der S. entwickelt sich vorzugsweise bei
jungen Tieren zwischen dem 3. und 6. Jahr, selten später, und
zwar besonders infolge von übermäßigen
Anstrengungen. Schwäche der Sprunggelenke disponiert dazu.
Vollständige Heilung ist insofern nicht möglich, als sich
die zerstörte Gelenkfläche nicht wiederherstellen und die
vorhandene Knochenauflagerung nicht beseitigen läßt. Nur
dem Lahmgehen kann abgeholfen werden und zwar durch Anwendung eines
scharfen Pflasters oder des Brenneisens, vorzugsweise aber durch
die Operation des Spatschnitts; nach jeder Behandlung muß dem
Tier ununterbrochene mehrwöchentliche Ruhe gegönnt
werden. Vgl. Dieckerhoff, Pathologie und Therapie des S. (Berl.
1875).

Spataugenkalk, s. Kreideformation, S. 183.

Spateisenstein (Eisenspat, Siderit, vulgär:
Stahlstein, Flinz), Mineral aus der Ordnung der Carbonate,
kristallisiert rhomboedrisch, oft mit sattelförmig oder
linsenartig gekrümmten Flächen (s. Tafel "Mineralien und
Gesteine", Fig. 3), findet sich häufig derb in klein- und
großkörnigen Aggregaten, selten in kleintraubigen und
nierenförmigen Gestalten (Sphärosiderit), häufig in
dichten und feinkörnigen, thonhaltigen Varietäten, welche
teils in runden oder ellipsoidischen Nieren, teils in stetig
fortsetzenden Lagen und zuweilen rogensteinähnlich ausgebildet
sind (thoniger Sphärosiderit). Er ist durchscheinend,
gelblichgrau bis erbsengelb, mit Glas- bis Perlmutterglanz,
während die Zersetzung, namentlich die sehr gewöhnliche
Umwandlung in Brauneisenstein, dunklere Farbennüancen und
Undurchsichtigkeit erzeugt

110

Spatel - Specht.

(Blau-, Braunerz). Härte 3,5-4,5, spez. Gew. 3,7-3,9. S.
ist wesentlich kohlensaures Eisenoxydul FeCO3 mit 48,3 Proz. Eisen,
enthält aber ganz gewöhnlich Mangan, Magnesium, Calcium
und Zink nicht sowohl als Verunreinigungen wie als isomorphe
Beimischungen, durch welche Übergänge zu den mit S.
isomorphen Mineralspezies Manganspat, Magnesit, Kalkspat und
Zinkspat gebildet werden. Solche Mittelspezies sind: Oligonspat
(mit bis 20 Proz. Mangan), Sideroplesit (mit 6-7 Proz. Magnesium),
Pistomesit (mit 12 Proz. Magnesium), Zinkeisenspat (mit 14-20 Proz.
Zink). Kommt im thonigen Sphärosiderit außer Thon noch
Kohle hinzu (Kohleneisenstein, Blackband der Engländer), so
entstehen schwarze, glanzlose, gewöhnlich dickschieferige
Massen mit 35-78 Proz. Eisencarbonat. Der Verwitterung zu
Eisenhydroxyd ist der S. so leicht ausgesetzt, daß
gewiß viele Brauneisensteine auf diesem Weg entstanden sind,
wie denn sehr häufig das Ausgehende von
Spateisensteingängen als den Atmosphärilien
zugänglich in Brauneisenstein umgewandelt ist. S. bildet
Gänge, Nester und Lager in verschiedenen Formationen; der
(echte) Sphärosiderit tritt als Zersetzungsprodukt in
Hohlräumen basaltischer Gesteine, der thonige S. in
Flözen, meist der Steinkohlenformation, dem Rotliegenden oder
der Braunkohlenformation angehörig, auf. Hauptfundorte
für kristallisierten und derben S. sind: Lobenstein im
Reußischen, Freiberg in Sachsen, Klausthal am Harz,
Müsen bei Siegen, Eisenerz in Steiermark, Hüttenberg in
Kärnten; des Sphärosiderits: Steinheim bei Hanau und
Dransberg bei Göttingen; des thonigen Spateisensteins und des
Kohleneisensteins: Westfalen, Banat, England und Schottland. Alle
Varietäten des Spateisensteins (mit Ausnahme des nur in
kleinen Mengen vorkommenden echten Sphärosiderits) sind
höchst wichtige Eisenerze; sie sind das Haupterz in
Steiermark, bei Müsen etc.; thonige Sphärosiderite und
namentlich Kohleneisensteine, für welche die enge
Verknüpfung mit dem zur metallurgischen Verwendung notwendigen
Brennmaterial besonders günstig ins Gewicht fällt, werden
in Westfalen, Belgien, England, Schottland verhüttet.

Spatel (Spachtel, franz. Amassette), ein kleiner Spaten;
ein messerklingenartiges, vorn abgestumpftes Werkzeug zum
Umrühren von Flüssigkeiten, zum Streichen von Pflastern,
zum Verkitten von Fugen etc.; auch Malerinstrument, womit die
Farben auf dem Mahlstein oder auf der Palette zusammengescharrt und
gemischt, auch bisweilen zur Erzielung einer pastosen Wirkung
direkt auf die Leinwand aufgetragen werden.

Spatenkultur, die Bearbeitung des Bodens mit dem Spaten,
der Grabgabel oder Haue, besonders gebräuchlich im Garten,
aber auch auf dem Acker (Feldgärtnerei), wo sie höhern
Ertrag gewährt als die Bearbeitung mit dem Pflug, aber auch
mehr Zeit und Kraft in Anspruch nimmt und daher nur da vorteilhaft
ist, wo der Bauer mit seiner Familie die Feldarbeit allein zu
bewältigen vermag, bei großer Ertragsfähigkeit des
Bodens oder bei hohem Preis der Bodenprodukte. In
größern Wirtschaften wird S. nur ausnahmsweise, z. B.
beim Möhrenbau, angewandt.

Spatenrecht (Spaderecht, Spatelandsrecht, Jus
ligonarium), s. Deich, S. 622.

Spätgang, der Gang des Wildes gegen Morgen über
den gefallenen Tau.

Spätgeburt, eine Geburt, resp. ein Kind, welches
nach dem Ablauf der gewöhnlichen Schwangerschaftsdauer, d. h.
nach 280 Tagen, vom Tag der Befruchtung an gerechnet, geboren wird.
Nach den vorliegenden Beobachtungen kann die S. bis vier Wochen
nach dem normalen Termin erfolgen, ist jedoch ziemlich selten. Die
S. gilt im Todesfall des Erzeugers unter Umständen nach
römischem Recht nicht als ehelich; doch ist diese Regel nur
eine Praesumtio juris und läßt Gegenbeweis zu, der durch
ärztliches Gutachten zu begründen sein wird.

Spatha (griech.), s. v. w. Blütenscheide, s.
Blütenstand, S. 79.

Spatha (lat.), eine Art Schwert (s. d.).

Spatium (lat.), Raum, Zwischenraum; auch s. v. w. Frist,
z. B. S. deliberandi, Bedenkzeit. In der Buchdruckerei heißen
Spatien die feinsten Ausschließungen (s. Buchdruckerkunst, S.
558); in der Musik der Raum zwischen den einzelnen Linien des
Notenliniensystems.

Spatula, s. Enten, S.671.

Spatz, s. Sperling.

Spavénta, Bertrando, ital. Philosoph, geb. 1817 in
einem Dorf der Provinz Chieti, widmete sich mit Eifer dem Studium
der deutschen Sprache und Philosophie, wurde 1859 zum Professor der
Philosophie an der Universität zu Modena, 1860 an der zu
Bologna ernannt und trat zuerst hervor mit der Schrift "La
filosofia di Kant e la sua relazione colla filosofia italiana"
(Turin 1860), in welcher er den Nachweis zu führen suchte,
daß Rosmini trotz seiner polemischen Stellung zu Kant doch im
Wesen seiner Spekulation und in deren Ergebnissen mit dem
Kritizismus des deutschen Philosophen zusammenhänge. Nachdem
er noch "Carattere e sviluppo della filosofia italiana" (Mod. 1860)
veröffentlicht, erhielt er 1861 eine Professur der Philosophie
zu Neapel, die er noch heute bekleidet. Sein energisches Eintreten
für die deutsche Philosophie und die Kritik, die er an den
philosophischen Systemen seiner eignen Nation übte, hatten ihm
namentlich in orthodoxen Kreisen zahlreiche Gegner erweckt. Er
antwortete diesen in einer Einleitung, die er seinen
öffentlichen Vorträgen in Neapel vorausschickte und die
er dann auch 1862 im Druck veröffentlichte. Bald danach
erschien sein Hauptwerk: "La filosofia di Gioberti" (Neap. 1863).
Hierauf folgten die kleinern Abhandlungen: "Le prime categorie
della logica di Hegel" (Neap. 1864); "Spazio e tempo nella prima
forma del sistema di Gioberti" (das. 1865); "Il concetto dell'
opposizione e lo Spinozismo" (das. 1867); "La scolastica e
Cartesio" (das. 1867); "Saggi di critica filosofia, politica e
religiosa" (Studien über Giordano Bruno, Campanella, Mamiani
etc., das. 1867). Spaventas eignes System ("Principj di filosofia",
Neap. 1867) steht im wesentlichen auf dem Standpunkt Hegels, dessen
entschiedenster Vorkämpfer in Italien er mit Augusto Vera bis
heute geblieben ist. Er veröffentlichte noch: "Paolottismo,
positivismo, razionalismo" (Bolog. 1868); "Studî sull' etica
di Hegel" (Neap. 1869); "Idealismo o realismo" (das. 1874); "La
legge del più forte" (das. 1874). Viermal wurde S. ins
italienische Parlament gewählt. Vgl. Siciliani, Gli Hegeliani
in Italia (Bolog. 1868). -

Sein Bruder Silvio, eine Zeitlang Minister der öffentlichen
Arbeiten des Königreichs Italien, beschäftigte sich
ebenfalls mit deutscher Philosophie.

Speaker (engl., spr. spih-), Sprecher, im englischen
Parlament Vorsitzender des Unterhauses.

Specht, Friedrich August Karl von,
Militärschriftsteller, geb. 23. Sept. 1802 zu Brandenburg,
trat nach sehr ungenügender Erziehung mit 14 Jahren in den
kurhessischen Militärdienst, wurde 1822 Leutnant, kam 1847 als
Hauptmann in den General-

111

Spechte - Spechter.

stab, machte 1849 den Feldzug gegen Dänemark mit und wurde
nach Beendigung desselben zum Oberstleutnant, 1854 zum Generalmajor
befördert. Infolge einer Duellaffaire mit dem General v.
Haynau 1863 wurde S. als Kommandant nach Fulda versetzt. 1866 zur
Disposition gestellt, lebte er bis 1872 in Marburg und Eisenach, wo
er 12. Juli 1879 starb. Er galt als Hauptvertreter der liberalen
Partei in Hessen, gehörte auch 1850 zu den verfassungstreuen
Offizieren und forderte damals seinen Abschied. Er schrieb: "Das
Königreich Westfalen und seine Armee im Jahr 1813 sowie die
Auflösung desselben durch den russischen General Czernicheff"
(Kass. 1848); "Geschichte der Waffen" (Berl. 1868-77, 3 Bde.; Bd. 4
u. 5 noch unvollendet); "Das Festland Asien-Europa und seine
Völkerstämme, deren Verbreitung, der Gang ihrer
Kulturentwickelung mit besonderer Berücksichtigung der
religiösen Ideen" (das. 1879).

Spechte (Picidae), Familie aus der Ordnung der
Klettervögel, gestreckt gebaute Vögel mit starkem,
geradem, meißelförmig zugeschärftem, auf dem
Rücken scharfkantigem Schnabel, welcher meist so lang oder
länger als der Kopf ist, dünner, langer, platter,
horniger, weit vorstreckbarer Zunge mit kurzen Widerhaken am Ende,
mittellangen, etwas abgerundeten Flügeln, unter deren
Schwingen die dritte und vierte am längsten sind,
keilförmigem Schwanz, dessen Steuerfedern steife, spitze
Schaftenden besitzen, kurzen, starken Füßen mit langen,
paarig gestellten Zehen und großen, starken, scharfen,
halbmondförmigen Nägeln. S. sind mit Ausnahme Neuhollands
über alle Erdteile verbreitet. Sie leben ungesellig in
Wäldern, Baumpflanzungen und Gärten, scharen sich nur
ausnahmsweise, besonders in der Strich- und Wanderzeit, zu starken
Gesellschaften, vereinigen sich aber bisweilen mit kleinen
Strichvögeln, denen sie zu Führern werden. Sie bewegen
sich fast nur kletternd, hüpfen auf dem Boden ungeschickt und
fliegen ungern weit. Sie suchen ihre Nahrung, die
hauptsächlich aus Kerbtieren besteht, hinter Baumrinde, welche
sie, an den Bäumen aufwärts kletternd, mit dem Schnabel
abmeißeln. Einige fressen auch Beeren und Sämereien und
legen selbst Vorratskammern an. Die Stimme ist ein kurzer,
wohllautender Ruf; mit dem Schnabel bringen sie außerdem ein
im Wald weithin schallendes Knarren hervor, vielleicht um Kerbtiere
aufzuscheuchen und hervorzulocken, vielleicht als Herausforderung
zu Kampf und Streit. Sie nisten stets in selbstgezimmerten, nur mit
einigen Spänen ausgekleideten Baumhöhlen und legen 3-8
weiße Eier, welche von beiden Geschlechtern ausgebrütet
werden. Die S. gehören durch Vertilgung schädlicher
Insekten, und indem sie in morschen Bäumen Höhlungen als
Niststätten für Höhlenbrüter erzeugen, zu den
nützlichsten Waldvögeln. Sie wählen zur Herstellung
des Brutraums regelmäßig nur Bäume mit morschem
Kern, fressen freilich Waldsämereien, Ameisen, auch wohl
Bienen und berauben bisweilen junge Stämmchen ringsum der
Rinde; doch kommt dies gegenüber dem großen Nutzen,
welchen sie gewähren, kaum oder nur unter besondern
Verhältnissen in Betracht.

Der Schwarzspecht (Luderspecht, Holz-, Hohlkrähe,
Tannenroller, Dryocopus martius Boie), 50 cm lang, 75 cm breit,
mattschwarz, am Oberkopf (Männchen) oder Hinterkopf (Weibchen)
rot, mit gelben Augen, hellgrauem Schnabel und grauen
Füßen, findet sich in Mittel- und Nordeuropa und in ganz
Asien südlich bis zum Himalaja in großen Waldungen,
weniger in gut geordneten Forsten, als Standvogel, ist bei uns
selten geworden und meidet die Nähe menschlicher Wohnungen. Er
ist sehr munter und gewandt, fliegt besser als die andern Arten,
nährt sich besonders von Roßameisen und ihren Puppen
sowie von allen Larven, die im Nadelholz leben, und meißelt,
um diese zu erlangen, oft große Stücke aus den
Bäumen und Stöcken heraus. Die Bruthöhle wird meist
in Buchen und Kiefern angelegt und ist etwa 40 cm tief bei 15 cm
Durchmesser; im April legt das Weibchen 3-5 porzellanweiße
Eier, s. Tafel "Eier I".

Der Buntspecht (Rot-, Schildspecht, Dendrocopus major Koch, s.
Tafel "Klettervögel"), 25 cm lang, 48 cm breit, ist oberseits
schwarz, unterseits gelbgrau, mit gelblichem Stirnband,
weißen Wangen, Halsstreifen, Schulterflecken und
Flügelbändern, schwarzen Streifen an der Halsseite, am
Hinterkopf und Unterbauch rot; die Augen sind braunrot, Schnabel
und Füße grau. Er findet sich in Europa und Nordasien,
besonders in Kiefernwäldern, erscheint im Herbst und Winter in
den Gärten und streift dann auch mit Meisen und andern
Vögeln umher; er nährt sich von allerlei Kerbtieren,
besonders von den unter der Rinde der Nadelhölzer lebenden
Käfern, von Nüssen und Beeren, namentlich auch von
Fichten- und Kiefernsamen, zu dessen Gewinnung er oft in einen Ast
ein Loch hackt, um den Zapfen darin festzuklemmen. Zur Anlegung
seiner Bruthöhle bevorzugt er weiche Holzarten, doch beginnt
er viele Höhlungen auszuarbeiten, bevor er eine einzige
vollendet. Er legt 4-6 weiße Eier. In der Gefangenschaft ist
er sehr unterhaltend und gewöhnt sich bald an ein
Ersatzfutter.

In den Laubwaldungen der Ebene gesellt sich zu ihm der etwas
kleinere Mittelspecht (Dendrocopus medius Koch), welcher fast
ausschließlich von Kerbtieren lebt, und ebendaselbst findet
sich auch der Kleinspecht (Grasspecht, Sperlingsspecht, Piculus
minor Koch) von nur 16 cm Länge, welcher wohl
ausschließlich Kerbtiere frißt und am liebsten in
Weiden brütet. In der Gefangenschaft ist auch er sehr
unterhaltend.

Der Grünspecht (Grasspecht, Picus viridis L.), 31 cm lang,
52 cm breit, ist auf der Oberseite hochgrün, auf der
Unterseite hell graugrün, im Gesicht schwarz mit rotem
(Männchen) Wangenfleck, am Oberkopf und Nacken rot, am
Bürzel gelb, Ohrgegend, Kinn und Kehle weißlich, die
Schwingen sind braunschwarz, gelblich oder bräunlichweiß
gefleckt, die Steuerfedern grüngrau, schwärzlich
gebändert; die Augen sind bläulichweiß, Schnabel
und Füße bleigrau. Er bewohnt Europa und Vorderasien,
bevorzugt Gegenden, in denen Baumpflanzungen mit freien Strecken
wechseln, schweift im Winter weit umher, erscheint auch oft in
Gärten, bewegt sich mehr und geschickter als die andern S. am
Boden, hämmert weniger an Bäumen als die andern S., sucht
viele Würmer und Larven auf dem Boden, bevorzugt die rote
Ameise, plündert Bienenstöcke, frißt auch zuweilen
Vogelbeeren. Er legt 6-8 weiße Eier (s. Abbildung auf Tafel
"Eier I", Fig. 3 u. 4). In der Gefangenschaft ist er
stürmisch, unbändig und schwer zu erhalten. Vgl.
Malherbe, Monographie des Picides (Par. 1859, 4 Bde.); Sundevall,
Conspectus avium Picinarum (Stockh. 1866); Altum, Unsre S. und ihre
forstliche Bedeutung (Berl. 1878); Homeyer, Die S. und ihr Wert in
forstlicher Beziehung (2. Aufl., Frankf. 1879).

Spechter, altdeutsches Trinkgefäß von hoher,
cylindrischer Form aus grünem Glas, mit und ohne Fuß.
Ursprünglich glatt und mit farbiger Emailmalerei verziert,
wurden die S. auch in eiserne Modelle geblasen, wodurch sie mit
parallelen oder spiralförmigen Streifen gerieft wurden oder
auch vier-

112

Spechthausen - Speckstein.

eckige, in Reihen angeordnete Erhöhungen erhielten (s.
Abbildung). Erst später wurden Buckel und Knöpfe
angeschmelzt.

[Spechter.]

Spechthausen, Fabrikort im preuß. Regierungsbezirk
Potsdam, Kreis Oberbarnim, südwestlich von Eberswalde, hat
eine Papierfabrik, in welcher der größte Teil der
deutschen Staatspapiere angefertigt wird, u. (1885) 275 Einw.

Spechtmeise, s. Kleiber.

Spechtwurzel, s. Dictamnus.

Special, Species (lat.), s. Spezial, Spezies.

Species facti (lat., Thatbericht), Erzählung des
Thatbestandes bei einem Rechtsfall, namentlich der bei einer
militärgerichtlichen Untersuchung von dem mit Strafgewalt
ausgestatteten Vorgesetzten des Angeschuldigten an den
Gerichtsherrn erstattete Bericht, welcher die dabei in Betracht
kommenden Thatumstände darlegt.

Specifica (lat.), s. Spezifische Arzneimittel.

Specimen (lat.), Probe, Probearbeit.

Speck (Lardum), das feste und derbe Fett, welches sich
zwischen der Haut und dem Fleisch mancher Tiere, namentlich der
Schweine (im geräucherten Zustand wichtiger Handelsartikel),
dann auch der Robben und Walfische (dient zur Darstellung von
Thran) ansetzt.

Speckbacher, einer der Anführer des Tiroler
Aufstandes von 1809, geb. 13. Juli 1767 auf dem Hof Gnadenwald,
zwischen Innsbruck und Hall, verbrachte seine Jugend teils als
Wildschütz, teils als Landwirt und kämpfte schon 1797,
1800 und 1805 gegen die Franzosen; vom Gut seiner Frau hieß
er der "Mann vom Rinn". Einer der Vertrauten des Sandwirts Hofer,
überfiel er 12. April 1809, am Tag des Ausbruchs der
Insurrektion, die bayrische Garnison zu Hall, nahm mit dem dortigen
Kronenwirt Joseph Straub die von Innsbruck entkommene bayrische
Kavallerie gefangen, focht hierauf in den Treffen vom 25. und 29.
Mai, welche Tirol zum zweitenmal befreiten, bei der Blockade von
Kufstein in den Treffen vom 4., 6. und 7. Aug., einen
zehnjährigen Sohn an der Seite, und in der Schlacht am Isel
13. Aug., nach welcher der Marschall Lefebvre Tirol räumen
mußte. Nachdem sich auch das Salzburger Gebirgsland erhoben,
errang S. im September bei Lofer und Luftenstein bedeutende
Vorteile, ward aber l6. Okt. bei Melleck geschlagen, wobei sein
Sohn in Gefangenschaft fiel. S. floh darauf von Alp zu Alp, verbarg
sich eine Zeitlang unter Schnee und Eis in einer Höhle und war
dann sieben Wochen lang in seinem eignen Stall verborgen, bis er
endlich im Mai 1810 über die Gebirge nach Wien gelangte. Hier
erhielt er die Pension eines Obersten und den Auftrag, die für
die Tiroler im Temesvárer Banat neugestiftete Kolonie
Königsgnad einzurichten, die aber bald bei der Ungunst der
Verhältnisse ein klägliches Ende nahm. Nach dem Ausbruch
des Kriegs von 1813 wagte er sich wieder nach Tirol und leistete
hier, obwohl es zu keiner entscheidenden Waffenthat kam, treffliche
Dienste. Dafür zum Major ernannt, starb er 28. März 1820
in Hall und ward 1858 in der Innsbrucker Hofkirche neben Hofer und
Haspinger beigesetzt. Vgl. Mayr, Der Mann vom Rinn und die
Kriegsereignisse in Tirol (Innsbr. 1851); Knauth, Jos. S., der
Jugend erzählt (Langensalza 1868).

Speckentartung, s. Amyloidentartung.

Speckkäfer (Dermestini Latr.), Käferfamilie aus
der Gruppe der Pentameren, kleine Käfer von länglich oder
kurz ovalem Körper mit kurzen, zurückziehbaren, gekeulten
Fühlern, gesenktem, mehr oder weniger einziehbarem Kopf, meist
einem einzelnen Stirnauge und kurzen, einziehbaren Beinen, leben
auf Blüten oder in morschen Bäumen, die meisten aber an
toten Tierstoffen, welche von den Larven benagt werden. Man trifft
sie daher besonders in naturhistorischen Sammlungen und Pelzlagern,
wo sie oft großen Schaden anrichten. Beim Angreifen stellen
sie sich durch Anziehen der Beine und Fühler tot. Die Larven
sind langgestreckt, cylindrisch oder breit gedrückt, an der
Oberfläche mit langen, aufgerichteten, nach hinten
gewöhnlich zu dichten Büscheln vereinigten Haaren
besetzt, mit kurzen Fühlern, meist sechs Nebenaugen und kurzen
Beinen, nähren sich von abgestorbenen tierischen Stoffen; bei
der Verpuppung platzt ihre Haut nur auf dem Rücken und bleibt
als Puppenhülse bestehen. Der S. (Dermestes lardarius L.), 7,6
mm lang, schwarz, auf den Flügeldecken mit breiter,
hellbrauner, schwarz gepunkteter Querbinde, überall in
Häusern, auf Taubenschlägen, in Sammlungen und im Freien
an Aas. Ebendaselbst findet sich seine unterseits weiße,
oberseits braune Larve. Der Pelzkäfer (Attagenus pellio L.),
4-5 mm lang, schwarz oder pechbraun, oberhalb schwarz behaart, mit
je einem weißhaarigen Punkt auf den Flügeldecken, findet
sich in Blüten des Weißdorns, der Doldenpflanzen etc.,
auch in Häusern, wo die Larve besonders Pelz- und
Polsterwaren, wollene Teppiche etc. zerstört. In Sammlungen
hausen am schlimmsten die Larven des Kabinettkäfers (Anthrenus
museorum L), 2,5 mm lang, dunkelbraun, mit drei undeutlichen,
graugelben Flügelbinden, und des A. varius Fab., gelb, mit
drei weißlichen Wellenbinden. Der Himbeerkäfer (Byturus
tomentosus L.), 4 mm lang, durch dicht anliegende Behaarung
gelbgrau, an Fühlern und Beinen rotgelb, legt seine Eier an
unreife Himbeeren, in welchen sich die dunkelgelbe, auf dem
Rücken braungelbe, am Hinterleibsende in zwei nach oben
gekrümmte, braunrote Dornspitzchen auslaufende Larve
(Himbeermade) entwickelt. Sie verpuppt sich in Holzritzen in einer
elliptischen Hülle, und die Puppe überwintert.

Speckkrankheit, s. v. w. Amyloidentartung.

Speckleber, s. Leberkrankheiten, S. 599.

Speckmaus, s. v. w. gemeine Ohrenfledermaus.

Speckmelde, s. Mercurialis.

Speckmilz, s. Milzkrankheiten.

Specköl, s. v. w. Schmalzöl, s. Schmalz.

Speckstein (Steatit, Schmeerstein), Mineral aus der
Ordnung der Silikate (Talkgruppe), bildet die
kryptokristallinischen Varietäten des Talks (s. d.). Was als
sogen. Specksteinkristalle beschrieben worden ist, sind
Afterkristalle nach Quarz, Dolomit, Spinell etc. Der S. findet sich
derb, eingesprengt, die nierenförmigen oder knolligen Massen
sind weiß mit rötlichen, grünlichen und gelblichen
Nüancen, matt, nur im Striche glänzend, an den Kanten
durchscheinend. Er fühlt sich fettig an, hängt aber nicht
an der Zunge. Die geringe Härte (1,5) des ungeglühten
Materials steigert sich nach dem Glühen bis zu der
Fähigkeit, Glas zu ritzen. Spez. Gew. 2,6-2,8. S. ist ein
Magnesiumsilikat H2Mg3Si4O12. Er bildet bei Göpfersgrün
unweit Wunsiedel im Fichtelgebirge ein Lager zwischen
Glimmerschiefer und Granit, welche Gesteine sich an der Grenze
gegen den S. in einer eigentümlichen halben Umwandlung zu S.
befinden, die theoretisch ebenso schwierig zu erklären ist wie
die

113

Speckter - Spee.

Entstehung der meisten der oben erwähnten Pseudomorphosen.
Außerdem findet sich S. bei Lowell in Massachusetts und bei
Briançon. S. ist schneidbar und wird auf der Drehbank zu
Pfeifenköpfen, säurefesten Stöpseln etc.
verarbeitet. Er dient auch zum Zeichnen auf Tuch, Seide und Glas
(spanische, Briançoner, venezianische, Schneiderkreide), zum
Entfetten von Zeugen, zur Darstellung von Schminke, als
Poliermaterial für Spiegel, als Einstreupulver in Stiefel und
Handschuhe, als Schmiermittel von Maschinenteilen, als Zusatz zur
Porzellanmasse und Seife, gebrannter S. zu Lavagasbrennern und zu
Wasserleitungsröhren. Abfall von der Verarbeitung wird zu
Gabbromasse benutzt. Chinesischer S., s. Agalmatolith.

Speckter, 1) Erwin, Maler, geb. 18. Juli 1806 zu Hamburg,
bildete sich in München unter Cornelius und widmete sich seit
1824 in Italien vorzugsweise der religiösen Malerei. Doch
malte er auch Landschaften mit Staffage und Architekturen und
hinterließ eine bedeutende Anzahl von Zeichnungen. Er starb
23. Nov. 1835. Aus seinem Nachlaß erschienen die "Briefe
eines deutschen Künstlers aus Italien" (Leipz. 1846, 2
Bde.).

2) Otto, Zeichner und Radierer, Bruder des vorigen, geb. 9. Nov.
1807 zu Hamburg, machte sich zuerst durch Lithographien (unter
andern den Einzug Christi von Overbeck) bekannt und widmete sich
dann der Illustration von Büchern durch Arabesken, Vignetten
und Figurenbilder. So illustrierte er: Luthers "Kleinen
Katechismus"; Böttigers "Pilgerfahrt der Blumengeister"; Kl.
Groths "Quickborn"; Eberhards "Hannchen und die Küchlein";
Reuters "Hanne Nüte"; den "Gestiefelten Kater" u. a. Die
größte Verbreitung fanden seine Bilder zu Heys "50
Fabeln für Kinder". Er starb 29. April 1871 in Hamburg.

Spectator (lat., auch engl., spr. specktéhter,
"Zuschauer"), Titel einer berühmten von Addison (s. d.)
herausgegebenen Wochenschrift.

Speculum (lat.), Spiegel; in der Chirurgie meist
röhrenförmiges, vorn oder seitlich offenes Instrument,
welches in Körperhöhlen eingeführt wird, um tiefere
Teile der Besichtigung und Behandlung zugänglich zu machen, z.
B. der Mutterspiegel, Ohren-, Kehlkopfspiegel etc.

Spedition (ital. Spedizione. franz. Expedition),
Beförderung von Waren, die nicht direkt an ihren
Bestimmungsort verladen werden; dann überhaupt die
Übernahme und Ausführung von Aufträgen zur Besorgung
der Versendung von Gütern; Speditionshandel, der
gewerbsmäßige Betrieb solcher Geschäfte. Ein
derartiger Gewerbebetrieb heißt Speditionsgeschäft; doch
wird der letztere Ausdruck auch für den einzelnen Vertrag
gebraucht, welchen jemand gewerbsmäßig abschließt,
um im eignen Namen für fremde Rechnung Güterversendung
durch Frachtführer (Eisenbahnen, Fuhrleute, Lastboten,
Flußschiffer, Fährenbesitzer etc.) oder Schiffer, d. h.
Seeschiffsführer, ausführen zu lassen. Wer
Speditionsgeschäfte gewerbsmäßig ausführt,
heißt Spediteur (franz. expéditeur, entrepreneur,
commissionnaire pour le transport). Derselbe haftet für jeden
Schaden, welcher aus der Vernachlässigung der Sorgfalt eines
ordentlichen Kaufmanns bei der Empfangnahme und Aufbewahrung des
Gutes, bei der Wahl der Frachtführer, Schiffer oder
Zwischenspediteure und überhaupt bei der Ausführung der
von ihm übernommenen Versendung der Güter entsteht. Er
hat nötigen Falls die Anwendung dieser Sorgfalt zu beweisen.
Das französische Recht läßt ihn sogar unbedingt bis
an die Grenze der "höhern Gewalt" (s. d.) haften. Dagegen hat
er eine Provision (Speditionsprovision, Speditionsgebühren,
Spesen) sowie die Erstattung dessen zu fordern, was er an Auslagen
und Kosten oder überhaupt zum Zweck der Versendung als
notwendig oder nützlich aufgewendet hat. Wegen dieser
Forderungen sowie wegen der dem Versender auf das Gut geleisteten
Vorschusse hat er ein Pfandrecht an dem Gut, sofern er dasselbe
noch in seinem Gewahrsam hat oder in der Lage ist, darüber zu
verfügen. Geht das Speditionsgut durch die Hände mehrerer
Spediteure (Zwischenspediteure), um an den
auftragsmäßigen Bestimmungsort zu gelangen, so hat der
nachfolgende Spediteur das Pfandrecht nicht bloß für die
bei ihm erwachsenen, sondern auch für die bei dem
vorausgehenden Spediteur bereits entstandenen Kosten geltend zu
machen. Dem letzten Spediteur (Abrollspediteur) liegt daher die
Geltendmachung des Pfandrechts im Interesse aller Kosten ob, die
bei sämtlichen Spediteuren entstanden, welche mit dem
Speditionsgut befaßt worden sind. Der Spediteur kann
übrigens den Transport des Gutes auch selbst übernehmen,
selbst ausführen oder durch seine Angestellten ausführen
lassen, wofern ihm dies vertragsmäßig nicht
ausdrücklich untersagt ist. Das Speditionsgeschäft,
welches sonst mit dem Kommissionsgeschäft (s. d.) verwandt
ist, geht alsdann in das Frachtgeschäft über, und der
Spediteur kann neben den Speditionskosten auch die Fracht in Ansatz
bringen. Vgl. Deutsches Handelsgesetzbuch, Art. 379 bis 389; Code
de commerce, Art. 96-102.

Spee, Friedrich von, Dichter, aus dem adligen Geschlecht
der S. von Langenfeld, geb. 22. Febr. 1591 zu Kaiserswerth am
Rhein, wurde im Jesuitengymnasium zu Köln erzogen, trat 1610
selbst in den Jesuitenorden und lehrte dann mehrere Jahre hindurch
in Köln schöne Wissenschaften, Philosophie und
Moraltheologie. Im Auftrag seines Ordens ging er 1627 nach Franken,
wo er die Obliegenheit hatte, die zum Tod verurteilten
vermeintlichen Hexen und Zauberer auf dem letzten Gang zu
begleiten. Aus den tief erschütternden Erkenntnissen dieses
Berufs, die sein Haar ergrauen machten, erwuchs seine Schrift
"Cautio criminalis s. Liber de processu contra sagas" (Rinteln 1631
u. öfter, auch ins Holländische und Französische
übersetzt), worin er zuerst den Hexenwahn im katholischen
Deutschland mutvoll und nachdrücklich bekämpfte.
Später wurde S. nach Westfalen gesendet, um hier die
Gegenreformation durchzuführen. Sein Wirken war erfolgreich,
aber für ihn selbst unheilvoll: es wurde ein Mordanfall auf
ihn gemacht, der ihn elf Wochen in Hildesheim ans Krankenbett
fesselte. 1631 nach Köln zurückberufen, war er wieder als
Professor der Moraltheologie thätig und kam zuletzt nach
Trier, wo er an einem Fieber, das er sich im Lazarett bei der
Pflege der Kranken zugezogen, 7. Aug. 1635 starb. Seine erst nach
seinem Tod erschienene Sammlung geistlicher Lieder:
"Trutz-Nachtigall" (Köln 1649; neue Ausgabe von Brentano,
Berl. 1817; von Balke, Leipz. 1879; von Simrock, Heilbr. 1875)
gehört trotz mannigfaltiger Nachahmung der manieristischen
Italiener, die der Zeit eigentümlich war, nach Inhalt und Form
zu den besten Leistungen der deutschen Litteratur des 17. Jahrh.
und atmet die milde, schlichte Frömmigkeit und Innigkeit des
Dichters. Weniger bedeutend ist sein in Prosa geschriebenes, aber
mit schönen Liedern durchwebtes "Güldenes Tugendbuch"
(Köln 1647; neue Ausg., Freiburg 1887). Vgl. Diel, F. v. S.
(Freiburg 1872).

114

Speech - Speichern.

Speech (engl., spr. spihtsch), Sprache, Rede.

Speed (engl., spr. spihd'), Geschwindigkeit, z. B. eines
Eisenbahnzugs, eines Pferdes etc.

Speer, Urwaffe der Germanen, symbolisch das Zeichen der
Macht, aus welchem das Zepter hervorging. Der S. diente zum
Stoß, vorzugsweise zum Wurf (Wurfspeer) und bestand aus einer
Holzstange mit 30-40 cm langer, breiter, zweischneidiger
Eisenspitze. Um 600 n. Chr. wurde der S. Ger genannt und war auch
Waffe der Reiter. Die langobardischen Reiter waren berühmte
Gerwerfer; das 841 bei Fontenay veranstaltete Speerrennen war der
Ursprung der Hastiludien. Später entstanden aus dem S. der
Spieß und die Pike (s. d.).

Speer, Berg, s. Appenzeller Alpen.

Speerfeier (Speerfreitag), s. Lanzenfest.

Speerkies, s. Markasit.

Speerreiter, s. Lanciers.

Speetonclay (spr. spiht'n-kleh). s. Kreideformation, S.
183.

Speiche, Teil eines Rades, s. Rad; in der Anatomie einer
der Unterarmknochen, s. Arm.

Speichel (Saliva), das Sekret der Speicheldrüsen (s.
d.). Der S. reagiert alkalisch und enthält durchschnittlich
0,5 Proz. feste Bestandteile. Unter den letztern sind
hervorzuheben: Mucin, Eiweißstoffe und ein diastatisches
Ferment, das Ptyalin (Speichelstoff), welches Stärkemehl in
Zucker überführt. Er ist in den Speicheldrüsen oder
deren Ausführungsgängen nicht frei enthalten, sondern
entsteht erst aus einer von den Speicheldrüsen gelieferten
Muttersubstanz bei Zutritt der Luft. Die Speichelabsonderung
erfolgt nur, wenn die an die Speicheldrüsen tretenden Fasern
des sympathischen Nervs und des Angesichtsnervs direkt oder
reflektorisch gereizt werden. Je nach den Drüsen, welche den
S. liefern, unterscheidet man Parotidenspeichel,
Submaxillarspeichel und Sublingualspeichel. In der Mundhöhle
findet sich ein Gemisch dieser verschiedenen Speichelarten mit
Mundschleim vor; es wird als gemischter S. bezeichnet. Mit der
Speichelbildung gehen morphologische Veränderungen der
Drüsenzellen Hand in Hand; weiter ist mit ihr eine so
bedeutende Wärmebildung verknüpft, daß das mit
großer Heftigkeit der Drüse entströmende
venöse Blut nicht selten um 1-1,5°C. wärmer ist als
das Karotidenblut. Die in 24 Stunden abgesonderte Menge des
Speichels bei erwachsenen Menschen wird auf 1,5 kg geschätzt.
Eine zeitweise verstärkte Sekretion wird meist auf
reflektorischem Weg durch besondere Einflüsse hervorgerufen,
zunächst als Folge von Reizungen der Geschmacksnerven durch in
die Mundhöhle eingeführte Geschmacksstoffe, ferner als
Folge von Reizungen der Tastnerven der Mundhöhle, der
Geruchsnerven und Magennerven. Auch beim Kauen und Sprechen sowie
durch die dem Brechakt vorausgehenden heftigen Bewegungen der Mund-
und Schlundmuskeln wird die Speichelabsonderung vermehrt. Endlich
geschieht dies auch durch die Vorstellung von Speisen, besonders
bei Hungernden, sowie krankhafterweise durch gewisse Arzneimittel
etc. (s. Speichelfluß). Der S. löst die löslichen
Substanzen der Nahrungsmittel auf, mischt sich mit den trocknen
Speisen zu einem feuchten Brei und macht diese zum Abschlucken wie
für die Magenverdauung geeignet; endlich wirkt er durch seinen
Gehalt an Ptyalin verdauend auf die Kohlehydrate (s.
Verdauung).

Speichelbefördernde Mittel (Ptyalagoga, Salivantia),
Arzneimittel, welche eine vermehrte Speichelabsonderung bewirken.
Hierher gehören die Quecksilberpräparate, Gold, Jod,
Blei, Spießglanz, Kupfer, Arsenik, Chlormittel,
Königswasser und vor allem das Pilokarpin (s. Pilocarpus).

Speicheldrüsen (Glandulae salivales), die
drüsigen Organe zur Absonderung des Speichels (s. d.), also
sowohl Bauch- als Mundspeicheldrüsen, im engern Sinn
gewöhnlich nur die letztern. Diese liegen durchaus nicht immer
im oder am Mund, sondern bei niedern Tieren zuweilen weit nach
hinten in der Brust, ergießen jedoch ihre Absonderung stets
in den Mund oder wenigstens in den Anfang der Speiseröhre.
Manchmal sind sie zu mehreren Paaren vorhanden und haben dann auch
wohl zum Teil die Bestimmung als Giftdrüsen. Bei den
Vögeln und Säugetieren kann man, abgesehen von der
Bauchspeicheldrüse (s. d.), fast allgemein drei Gruppen von S.
unterscheiden: die Unterzungen-, Unterkiefer- und
Ohrspeicheldrüsen (s. d.). Doch fehlen sie den Walen
gänzlich, den Robben nahezu, sind dagegen bei Pflanzenfressern
am stärksten entwickelt. S. auch Tafel "Mundhöhle etc.",
Fig. 1.

Speicheldrüsenentzündung, s.
Ohrspeicheldrüsenentzündung.

Speichelfluß (Salivatio, Ptyalismus), krankhaft
vermehrte Absonderung des Speichels, kommt bei allen
Entzündungszuständen der Mundschleimhaut in mehr oder
minder hohem Grad vor, ferner bei Vorhandensein von
Geschwüren, namentlich Krebsen der Zunge und Wange, ganz
besonders aber nach übermäßiger Einführung von
Quecksilber in den Organismus. Am häufigsten werden solche
Menschen vom S. ergriffen, welche viel mit
Quecksilberpräparaten umzugehen haben und in einer mit
Quecksilberdämpfen geschwängerten Atmosphäre atmen
(z. B. die Bergleute in Quecksilberminen, die Arbeiter in
Spiegelfabriken). Auch die unvorsichtige und
übermäßige Anwendung von Quecksilberpräparaten
zu medizinischen Zwecken kann S. hervorrufen. S. wird ferner
erzeugt durch den Genuß einer Abkochung von
Jaborandiblättern oder des in denselben enthaltenen Alkaloids
Pilokarpin. S. wird herabgesetzt bei Entzündungs- und
Verschwärungszuständen durch fleißige
Ausspülung des Mundes mit desinfizierenden Wässern:
Lösung von chlorsaurem und übermangansaurem Kali u.
dgl.

Speichelstoff, s. Speichel.

Speichern (Spicheren), Pfarrdorf im deutschen Bezirk
Lothringen, Kreis Forbach, hat 880 Einw. Hier fand 6. Aug. 1870
eine Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen statt. Nach dem
unbedeutenden Gefecht bei Saarbrücken 2. Aug. hatte das 2.
französische Korps (Frossard) auf den Höhen von S.,
südlich von Saarbrücken, ein Lager aufgeschlagen und die
natürliche Verteidigungsfähigkeit seiner Stellung noch
durch Schützengräben und Batterieeinschnitte
künstlich erhöht; namentlich der festungsartige Rote Berg
und das massive Dorf Stieringen-Wendel waren vortreffliche, kaum
angreifbare Stützpunkte der Stellung. Dennoch griffen die
Vortruppen der ersten und zweiten deutschen Armee, als sie 6. Aug.
die Saar überschritten, diese Stellung an, zuerst die Brigade
François von der 14. Division (Kameke), dann die 5., 13. und
16. Division; General v. François erstürmte den Roten
Berg mit dem 39. und 74. Regiment, fand dabei aber selbst den Tod.
Die brandenburgischen Regimenter der 5. Division eroberten die
waldigen Hänge rechts und links am Roten Berg, während
gleichzeitig Stieringen-Wendel den Franzosen entrissen wurde.
Hierauf trat Frossard, der vergeblich auf Hilfe, namentlich vom 3.
Korps (Bazaine), gewartet, den Rückzug nach Saargemünd
an.

115

Speidel - Speier.

Sein Verlust belief sich auf 320 Tote, 1660 Verwundete und 2100
Gefangene, zahlreiches Lagergerät und Armeevorräte. Die
Preußen verloren 850 Tote und 4000 Verwundete.

Speidel, Wilhelm, Klavierspieler und Komponist, geb. 3.
Sept. 1826 zu Ulm, erhielt seine Ausbildung am Münchener
Konservatorium, bereiste darauf als Virtuose alle
größern Städte Deutschlands, ward 1854
Musikdirektor in seiner Vaterstadt und drei Jahre später
Lehrer an dem von ihm mitbegründeten Konservatorium in
Stuttgart, in welcher Stellung er bis 1874 thätig war. Im
genannten Jahr begründete er ein eignes Musikinstitut, nahm
aber 1884 seine Thätigkeit am Konservatorium wieder auf.
Zugleich ist er seit 1857 Dirigent des Stuttgarter Liederkranzes.
Als Komponist hat sich S. durch zahlreiche Klavierwerke (Trios,
Sonaten, Charakterstücke), Lieder, Männer- und gemischte
Chöre sowie Orchestersachen vorteilhaft bekannt gemacht. -

Sein Bruder Ludwig, geb. 11. April 1830 zu Ulm, ist namhafter
Feuilletonist und Theaterkritiker an der "Neuen Freien Presse" in
Wien.

Speier (Speyer), ehemals reichsunmittelbares Bistum im
oberrheinischen Kreis, umfaßte 1542 qkm (28 QM.) mit 55,000
Einw. Der Bischof hatte ein Einkommen von 300,000 Gulden und im
Reichsfürstenrat auf der geistlichen Bank zwischen den
Bischöfen von Eichstätt und Straßburg seinen Sitz,
auf den oberrheinischen Kreistagen die zweite Stelle. Er war
Suffragan des Erzbistums Mainz. Der fränkische König
Dagobert I. soll zu Anfang des 7. Jahrh. das Bistum S. neu
errichtet haben, doch ist erst Bischof Principius zwischen 650 und
659 urkundlich beglaubigt. Durch den Revolutionskrieg kamen 661 qkm
(12 QM.) am linken Rheinufer an Frankreich, später an Bayern,
der Rest am rechten Ufer, mit der ehemaligen bischöflichen
Residenz Bruchsal, 1803 an Baden. Durch das Konkordat von 1817
wurde das Bistum wiederhergestellt und der Erzdiözese Bamberg
überwiesen; sein Sprengel erstreckt sich über die
bayrische Rheinpfalz. Vgl. Remling, Geschichte der Bischöfe zu
S. (Mainz 1852-54, 2 Bde. und 2 Bände "Urkundenbuch");
Derselbe, Neuere Geschichte der Bischöfe zu S. (Speier
1867).

Speier (Speyer), Hauptstadt des bayr. Regierungsbezirks
Pfalz und ehemalige freie Reichsstadt, an der Mündung des
Speierbachs in den Rhein, Knotenpunkt der Linien
Schifferstadt-Germersheim und S.-Heidelberg der Bayrischen
Staatsbahn, 105 m ü. M., hat breite, aber
unregelmäßige Hauptstraßen und trotz ihres hohen
Alters doch im allgemeinen nur wenige altertümliche
Gebäude. Das merkwürdigste unter denselben ist der Dom,
dessen Bau von Konrad II., dem Salier, 1030 begonnen und 1061 unter
Heinrich IV., der 1064 noch die Afrakapelle hinzufügte,
vollendet ward. Er ist im Rundbogenstil von roten Sandsteinquadern
aufgeführt, hat eine Länge von 147 m, eine Breite im
Querschiff von 60 m und 4 Türme. Das 12 Stufen über das
Schiff sich erhebende Königschor enthält die
Grabmäler von acht deutschen Kaisern (Konrad II., Heinrich
III., Heinrich IV. u. Heinrich V., Philipp von Schwaben, Rudolf von
Habsburg, Adolf von Nassau und Albrecht I.) und das der Bertha, der
Gemahlin Heinrichs IV., das der Beatrix, der zweiten Gemahlin
Friedrichs I., sowie ihrer Tochter Agnes. Das Innere schmücken
prachtvolle Fresken (32 große Kompositionen, 1845-54 von
Schraudolph ausgeführt). In der Vorhalle (Kaiserhalle) sind
seit 1858 die acht großen Standbilder der hier begrabenen
Kaiser aufgestellt (größtenteils von Fernkorn
ausgeführt). Die untere Kirche (Krypte) stützen massive
niedrige Säulen. In den Anlagen um den Dom sind der Domnapf,
welcher früher vor dem Dom stand und den bischöflichen
Immunitätsbezirk begrenzte, die Antikenhalle, ehemals eine
Sammlung römischer Altertümer bergend, der Ölberg
(eine mit eingemeißelten bildlichen Darstellungen der Leiden
Christi, Blätterwerk und anderm Zierat geschmückte
Steinmasse), das Heidentürmchen, dessen Unterbau
wahrscheinlich aus der Römerzeit stammt, die
Kolossalbüste des Professors Schwerd und die des frühern
Regierungspräsidenten v. Stengel hervorzuheben. Nachdem der
Dom schon 1159 und 1289 durch Feuersbrünste gelitten, wurde er
6. Mai 1540 von einem bedeutenden Brand heimgesucht, aber binnen 18
Monaten wiederhergestellt. Die ärgste Zerstörung
richteten indessen die Franzosen 31. Mai 1689 an: eine Feuersbrunst
zerstörte die drei westlichen Türme und das Gebäude
selbst bis auf die Umfassungsmauern, sogar die alten
Kaisergräber wurden aufgerissen und die Gebeine umhergestreut.
Erst in den Jahren 1772-84 ward der Dom wieder aufgebaut, aber
schon 1794 von den Franzosen abermals demoliert und in ein
Heumagazin verwandelt. Nachdem durch den König Maximilian I.
seine Herstellung erfolgt war, konnte er 19. Mai 1822 wieder
eingeweiht werden. Später wurden auch die westlichen
Türme mit dem Umbau und Neubau der Fassade wieder ersetzt und
der alte Kaiserdom wieder eingeweiht. Außer dem katholischen
Dom hat S. noch 2 evangelische und 2 kathol. Kirchen. Aus alter
Zeit stammen noch: das Altpörtel (Alta porta), bereits 1246
erwähnt, jetzt Stadtturm mit Uhr, und die Überreste eines
alten Judenbades sowie des Retschers, eines alten, wohl
bischöflichen Palastes, der 1689 mit der sogen. Neuen Kirche,
dem Gymnasium etc. zerstört wurde. Gegenwärtig wird der
Bau einer neuen Kirche (Retscher- oder Protestationskirche)
vorbereitet. Das alte Kaufhaus, ein prächtiger Bau und
früher das Haus der Münzer, ist im alten Stil
wiederhergestellt und um ein Stockwerk erhöht und enthält
jetzt das Oberpostamt. Die Einwohnerzahl betrug 1885 mit der
Garnison (3 Pionierkompanien Nr. 2) 16,064 (darunter ca. 8100
Katholiken, 7400 Evangelische und 532 Juden). Die Industrie
beschränkt sich auf Buntpapier-, Tabaks-, Zigarren-, Leim-,
Zucker-, Bleizucker- und Essigfabrikation, Bierbrauerei, Gerberei,
Ziegelsteinbrennerei, Wein- und Tabaksbau, Schiffahrt etc. Der
lebhafte Handel wird unterstützt durch eine
Reichsbanknebenstelle, eine Filiale der Bayrischen Notenbank und
andre Geldinstitute. S. ist Sitz einer Kreisregierung, eines
Bezirksamtes, Amtsgerichts, Oberpostamtes, Forstamtes, eines
Bischofs, eines evangelischen Konsistoriums etc., hat ein
Gymnasium, eine Realschule, ein Lehrerseminar, eine
Präparandenschule, ein bischöfliches Klerikal- und ein
Knabenseminar, ein Waisenhaus, eine Erziehungsanstalt für
verwahrloste Kinder, eine Diakonissenanstalt etc. Ferner befinden
sich dort ein städtisches Museum, eine Bildergalerie, eine
Bibliothek und ein botanischer Garten mit Baumschule. - S. ist das
römische Noviomagus, die Stadt der Nemeter, und hieß
seit dem 7. Jahrh. Spira. Um 30 v. Chr. wurde die Stadt

[Abb.: Wappen von Speier.]

116

Speierbach - Speiseröhre.

von den Römern erobert und befestigt. Von den Alemannen zu
Ende des 3. und Anfang des 4. Jahrh. mehrmals zerstört, wurde
sie von den Kaisern Konstantin und Julian wiederhergestellt, hatte
aber im 5. Jahrh. von den Einfällen der Vandalen und Hunnen
wieder viel zu leiden. Im 6. Jahrh. ging die Stadt an die Franken,
843 an das ostfränkische Reich über. Neben dem
bischöflichen Schultheißen, dem die niedere
Gerichtsbarkeit zustand, hatte hier bis 1146 ein königlicher
Burggraf seinen Sitz. Damals ging auch dies Amt auf den Bischof
über, bis es zu Anfang des 13. Jahrh. wieder von der Stadt
erworben wurde, was dann zu langwierigen Streitigkeiten mit dem
Bischof führte. Nachdem schon Heinrich V. eine Ratsverfassung
gegeben hatte, welche Philipp von Schwaben 1198 bestätigte,
schwang sich S. im 13. Jahrh. zur freien Reichsstadt empor, erwarb
jedoch kein Gebiet und zählte im 14. Jahrh. kaum 30,000 Einw.
Als Sitz des Reichskammergerichts, das 1513 nach S. kam und, nur
zeitweilig verlegt, bis 1689 hier seinen Sitz hatte, erhielt die
Stadt großen Ruf. Als Reichsstadt hatte sie unter den
Reichsstädten der rheinischen Bank den fünften Platz,
auch Sitz und Stimme auf den oberrheinischen Kreistagen. Unter den
Reichstagen, welche zu S. (meist in einem Gebäude des
Ratshofs) gehalten wurden, sind besonders die von 1526 (vgl.
Friedensburg, Der Reichstag zu S. 1526, Berl. 1887) und von 1529
wichtig, von denen der erste die Ausführung des Wormser Edikts
vertagte, der zweite die Einigung der Evangelischen zu einer
Protestationsschrift (daher "Protestanten") veranlaßte.
Städtetage haben 1346 und 1381 stattgefunden. Der Friede zu S.
1544 enthielt den Verzicht des Hauses Habsburg auf die Krone von
Dänemark-Norwegen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde
die Stadt 1632-35 abwechselnd von den Schweden, den Kaiserlichen
und den Franzosen erobert. Durch Kapitulation wurde sie 1688
wiederum an die Franzosen übergeben, die sie aber 1689 (im
Mai) beim Anrücken der Alliierten wieder räumten, nachdem
sie die Festungswerke geschleift und die Stadt zum Teil
niedergebrannt hatten. Anfang Oktober 1792 wurde die Stadt von den
Franzosen unter Custine eingenommen und gebrandschatzt. Von 1801
bis 1814 war S. die Hauptstadt des franz. Depart. Donnersberg,
wurde aber 1815 bayrisch. Vgl. Geissel, Der Kaiserdom zu S. (Mainz
1826-28, 3 Bde.); Zeuß, Die freie Reichsstadt S. vor ihrer
Zerstörung (Speier 1843); Remling, Der Speierer Dom (Mainz
1861); Derselbe, Der Retscher in S. (das. 1858); Weiß,
Geschichte der Stadt S. (Speier 1877); Hilgard, Urkunden zur
Geschichte der Stadt S. (Straßb. 1885).

Speierbach, Flüßchen im bayr. Regierungsbezirk
Pfalz, entspringt auf dem Oselkopf unweit Kaiserslautern und
fällt bei Speier in den Rhein. Hier im spanischen
Erbfolgekrieg Sieg der Franzosen unter Tallard über das zum
Entsatz von Landau ausgesandte niederländische Hilfskorps
unter dem Grafen von Nassau-Weilburg und dem Erbprinzen von Hessen
(15. Nov. 1703). Die Redensart: "Revanche für S." wird auf
letztern zurückgeführt, der damit Tallard
begrüßt haben soll, als dieser später nach der
Schlacht bei Höchstädt gefangen vor ihn geführt
wurde.

Speierling, s. Sorbus.

Speigatten, Löcher in der Schiffswand, durch welche
das Wasser vom Deck nach der See abfließen kann; auch die
Öffnungen in den Verbandteilen eines Schiffs, durch welche das
Leckwasser nach den Pumpen geleitet wird.

Speik, blauer, s. Primula.

Speischlange, s. Brillenschlange.

Speise, ein auf Hüttenwerken bei Schmelzprozessen
entstehendes, aus Arsen- und Antimonmetallen bestehendes Produkt
von weißer Farbe und größerer Dichtigkeit als
diejenige der Leche (s. Lech), unter welchen sich die S. bei
gleichzeitiger Entstehung beider Produkte absetzt. Zur
Speisebildung, d.h. zur Verbindung mit Arsen und Antimon, sind
besonders Nickel, Kobalt und Eisen geneigt; doch finden sich in den
Speisen auch Gold, Silber und Kupfer. Dieselben werden entweder
absichtlich erzeugt (Nickel- und Kobaltspeisen), oder sie fallen
als Nebenprodukte (Kupfer- und Bleispeise), die man ungern sieht,
weil sich aus denselben die nutzbaren Metalle meist nur mit
größeren Verlusten darstellen lassen. Glockenspeise
nennt man die zur Glockengießerei angewendete Legierung (s.
Glocken). S. auch s. v. w. Mauerspeise, s. Mörtel.

Speiseapparate, s. Dampfkesselspeiseapparate.

Speisebrei, s. Chymus.

Speisegesetze, die vom mosaischen und talmudischen Gesetz
gegebenen, die Reinheit und durch diese die Heiligkeit der
Israeliten bezweckenden religiösen Vorschriften hinsichtlich
der Nahrungsmittel. Der Pentateuch gibt 3. Mos. 11 und 5. Mos. 14
als reine, zum Genuß erlaubte Tiere an: 1) von den
Vierfüßern die, welche gespaltene Klauen haben und
wiederkäuen, 2) von den Wassertieren nur die Fische, welche
Schuppen und Floßfedern haben, verbietet dagegen die
Raubvögel und Kriechtiere. Von Insekten ward die Heuschrecke
gegessen. Verboten war und ist ferner der Blutgenuß, der
Gebrauch des für den Altar bestimmten Opferfettes, die
Vermischung von Fleisch mit Milch oder Butter (gegründet auf
die Bibelstelle: "Du sollst das Lämmlein nicht in der Mutter
Milch kochen"), das Genießen eines Gliedes eines noch
lebenden Tiers. Die Schenkel der Vierfüßer dürfen
erst gebraucht werden, nachdem die Spannader daraus entfernt ist
(1. Mos. 32, 32). Säugetiere und Vögel müssen nach
besonderm Ritus (s. Schächten) geschlachtet, ihr Fleisch
muß vor dem Gebrauch zur Entfernung des Bluts entadert
(geporscht, getriebert), in Wasser gelegt und gesalzen (koscher
gemacht) werden. Von neugeerntetem Getreide durfte vor Ablauf des
Tags, an welchem ein Omer (Mäßchen) Gerste von derselben
Ernte im Tempel geweiht worden, nichts genossen werden. Verboten
war auch der Genuß von Trauben und andern Fruchtgattungen,
welche vermischt gepflanzt worden waren, von allen Früchten,
welche ein Baum in den ersten drei Jahren trug, von Wein, der den
Götzenbildern als Opfer dargebracht worden war, und vom
gesäuerten Brot während des Passahfestes. Alle diese S.
waren bei den Talmudisten Gegenstand einer sehr komplizierten
Kasuistik.

Speisepumpe, s. Dampfkesselspeiseapparate.

Speiseröhre (Schlund, Oesophagus), derjenige Teil
des Vorderdarms, welcher die Verbindung zwischen Mund und Magen
herstellt und die Speisen in letztern zu befördern hat. Bei
den Fischen ist sie sehr weit und geht allmählich in den Magen
über; ähnliches gilt von manchen Amphibien und Reptilien;
bei den Vögeln ist gewöhnlich ein Teil von ihr zur
Bildung eines Kropfes (s. d.) erweitert; dagegen findet bei
Säugetieren eine scharfe Trennung derselben vom Magen statt.
Beim Menschen (s. Tafel "Eingeweide II", Fig. 1 und 3, und
"Mundhöhle", Fig. 2) speziell ist sie ein häutiger, etwa
fingerdicker, aber stark ausdehnbarer Kanal, dessen Wände
platt aufeinander liegen, wenn nicht gerade ein Bissen durch ihn
hindurchgeht. Zwischen der Luftröhre und der

117

Speisesaft - Spektralanalyse.

Wirbelsäule tritt die S. in den Brustraum ein, läuft
neben der rechten Seite der absteigenden Brustaorta bis zum
Zwerchfell und gelangt durch einen Spalt des letztern in der
Höhe des neunten Brustwirbels in die Bauchhöhle, wos ie
sich zum Magen erweitert. Die S. besteht aus einer Schleimhaut und
einer umgebenden Muskelhaut. Krankheiten der S. sind selten, meist
mit Schlingbeschwerden und Schmerzen im Rücken verbunden.
Leichtere Entzündungen kommen vor als Fortsetzungen eines
Rachenkatarrhs oder entzündlicher Mundkrankheiten, z. B. der
Schwämmchen. Schwere Entzündungen der Schleimhaut treten
ein bei Vergiftungen mit ätzenden und scharfen Substanzen
(Ätzkali, Schwefelsäure etc.) und beim Genuß sehr
heißer Speisen. Die wichtigste Krankheit der S. ist der
Krebs, welcher in der S. stets primär unter der Form des
sogen. Kankroids auftritt und zwar am häufigsten am Eingang
vom Schlund zur S., am Eingang der S. zum Magen und zwischen diesen
beiden Orten an der Engigkeit im mittlern Dritteil, wo der linke
Bronchus die S. kreuzt (s. Tafel "Halskrankheiten", Fig. 4). Der
Krebs ist selten eine umfängliche Geschwulst, welche die S.
bis zum Verschluß verengert, meist ist er als fressendes
Geschwür vorhanden, welches zwar gleichfalls Verengerungen
bedingt, außerdem aber noch dadurch gefährlich wird,
daß die Wand der immerhin nicht sehr dicken Röhre
durchbrochen werden kann. Hierbei kommt es leicht vor, daß
eine freie Verbindung mit einem Brustfellsack hergestellt wird, so
daß die verschluckten Speisen in diesen gelangen und
tödliche Brustfellentzündung veranlassen; ferner sind
Fälle beobachtet worden, in denen die Luftröhre oder ein
Bronchus geschwürig zerstört und die Speisen direkt in
die Lungen geschluckt wurden, in noch andern bewirkte eine krebsige
Durchwachsung der Aorta plötzlichen Tod durch Blutsturz. Eine
Heilung des Krebses der S. kommt nicht vor. In den Fällen,
deren Hauptsymptom die Striktur (Verengerung) ist, muß, wie
bei Narbenschrumpfung nach Ätzung, die Behandlung in
vorsichtiger Erweiterung der Striktur durch Bougies und in
Ernährung durch die Schlundsonde bestehen. Fremde Körper
in der S. bilden nicht selten Gelegenheit zu operativem
Einschreiten. Man muß versuchen, diese mit geeigneten
Instrumenten, "Münzenfänger" etc., herauszuholen, oder
sie in den Magen hinabstoßen. Nur in verzweifelten
Fällen schreitet man zur Eröffnung der S. durch den
Speiseröhrenschnitt (griech. Ösophagotomie), indem man
von außen durch die Haut und Muskeln des Halses die
Speiseröhre eröffnet. Diese Operation ist schwierig und
nicht gefahrlos; sie wird auch ausgeführt, wenn nach
Schwefelsäure- oder Laugevergiftungen oder im Gefolge
krebsiger Zerstörungen solche Verengerungen der
Speiseröhre entstanden sind, daß nicht einmal
flüssige Nahrung in den Magen gelangt und der Tod durch
Verhungern droht.

Speisesaft, s. Chylus.

Speiseventil etc., s. Dampfkesselspeiseapparate.

Speisewalzen, an Maschinen die das Material
zuführenden Walzenpaare.

Speisewasser, das zur Versorgung eines Dampfkessels
dienende Wasser.

Speiskobalt (Smaltin, Smaltit), Mineral aus der Ordnung
der einfachen Sulfuride, kristallisiert regulär, findet sich
auch derb, eingesprengt und in mannigfaltig gruppierten Aggregaten,
ist zinnweiß bis grau, mitunter bunt angelaufen oder durch
beginnende Zersetzung zu Kobaltblüte an der Oberfläche
rot gefärbt. Härte 5,5, spez. Gew. 6,4-7,3, besteht aus
Kobaltarsen CoAs2 mit 28,2 Proz. Kobalt, enthält aber meist
auch Eisen, Nickel und Schwefel. In bestimmten Varietäten wird
der Gehalt an Nickel so bedeutend, daß dieselben eher dem
Chloanthit (s. d.) zuzuzählen sein würden, während
man die eisenreichen als graue Speiskobalte (Eisenkobaltkiese) von
den weißen als den wesentlich nur Kobalt führenden
trennt. Ein bis zu 4 Proz. Wismut enthaltendes Mineral wird als
Wismutkobaltkies unterschieden. S. kommt meist auf Gängen,
seltener auf Lagern der kristallinischen Schiefer und der
Kupferschieferformation vor und ist das wichtigste Erz zur
Blaufarbenbereitung, wobei Nickel und weißer Arsenik als
Nebenprodukte gewonnen werden. Hauptfundorte sind: Schneeberg,
Annaberg und andre Orte im sächsisch-böhmischen
Erzgebirge, Richelsdorf und Bieber in Hessen, Dobschau in Ungarn,
Allemont in Frankreich, Cornwall und Missouri.

Speiteufel, Pilz, s. Agaricus III.

Speke (spr. spihk), John Hanning, engl. Reisender, geb.
14. Mai 1827 zu Jordans bei Ilchester in Somerset, stellte sich die
Aufgabe, die Nilquellen aufzufinden, und unternahm 1854 mit Burton
die Bereisung des Somallandes, wobei er von den Eingebornen schwer
verwundet wurde. Im folgenden Jahr beteiligte er sich an dem
Krimkrieg; später (1857-59) treffen wir ihn mit Burton wieder
in Afrika, wo er Ende Juli 1858 den Ukerewe oder Victoria Nyanza
entdeckte. Mit J. A. Grant unternahm er 1860 von Sansibar aus eine
neue Reise, von der er 1863 wieder zu Gondokoro am obern Nil
eintraf, und die ihm die Überzeugung brachte, daß der
Weiße Nil den Ausfluß jenes Sees bilde. S. ist somit
als der Entdecker der Nilquellen anzusehen. Er starb 15. Sept. 1864
durch einen unglücklichen Schuß auf der Jagd bei Bath in
England. Die Resultate seiner Reisen sind niedergelegt im "Journal
of the discovery of the source of the Nile" (Lond. 1863, 2 Bde.;
deutsch, Leipz. 1864, 2 Bde.).

Spektabilität (v. lat. spectabilis, "ansehnlich"),
auf einigen Universitäten Titel der Dekane der philosophischen
Fakultät.

Spektakelstück (Ausstattungs- oder
Sonntagsstück), jedes mit Zügen, Tänzen, Gefechten
etc. ausgestattete Schauspiel, dessen Wirkung vorzüglich auf
die große Masse des Publikums berechnet ist.

Spektral (lat.), auf das Spektrum (s. d.)
bezüglich.

Spektralanalyse (hierzu Tafel "Spektralanalyse"),
Untersuchung des Spektrums des von einem Körper ausgesendeten
oder von ihm durchgelassenen Lichts in der Absicht, die stoffliche
Beschaffenheit des Körpers zu ergründen. Zur Beobachtung
des Spektrums dienen die verschiedenen Arten der Spektroskope. Im
Bunsenschen Spektroskop (Fig. 1, S. 118) steht ein Flintglasprisma
P, dessen brechender Winkel 60° beträgt, mit vertikaler
brechender Kante und in der Stellung der kleinsten Ablenkung auf
einem gußeisernen Stativ. Gegen das Prisma sind drei
horizontale Röhren A, B und C gerichtet. Die erste (A), das
Spaltrohr oder der Kollimator, trägt an ihrem dem Prisma
zugekehrten Ende eine Linse a (Fig. 2), in deren Brennpunkt sich
ein vertikaler Spalt l befindet, der vermittelst einer in Fig. 1
sichtbaren Schraube enger oder weiter gestellt werden kann; die von
einem Punkte des erleuchteten Spalts ausgehenden Lichtstrahlen
werden durch die Linse a, weil sie aus deren Brennpunkt kommen, mit
der Achse des Rohrs A parallel gemacht, treffen, nachdem sie durch
das Prisma abgelenkt worden, ebenfalls unter sich parallel auf die
Objektivlinse b des Fernrohrs B und werden durch diese in ihrer
Brennebene rv in dem Punkt r ver-

117a

Spektralanalyse

Spektren der Fixsterne und Nebelflecke, verglichen mit dem
Sonnenspektrum und den Spektren einiger Nichtmetalle.

Spektren der Alkali- und Erdalkali-Metalle. Nach Bunsen und
Kirchhoff.

118

Spektralanalyse (Apparatbeschreibung).

einigt. Sind die durch den Spalt einfallenden Strahlen homogen
rot, so entsteht bei r ein schmales rotes Bild des vertikalen
Spalts; gehen aber auch violette Strahlen von dem Spalt aus, so
werden diese durch das Prisma stärker abgelenkt und erzeugen
ein violettes Spaltbild bei v. Dringt weißes Licht, das sich
bekanntlich (s. Farbenzerstreuung) aus unzählig vielen
verschiedenfarbigen und verschieden brechbaren Strahlenarten
zusammensetzt, durch den Spalt ein, so legen sich die unzählig
vielen entsprechenden Spaltbilder in ununterbrochener Reihenfolge
nebeneinander und bilden in der Brennebene des Objektivs ein
vollständiges Spektrum r v, welches nun durch das Okular o wie
mit einer Lupe betrachtet wird. Im Spektrum des Sonnenlichts oder
Tageslichts (s. die Tafel) gewahrt man mit großer
Schärfe die Fraunhoferschen Linien (s. Farbenzerstreuung). Um
das Spektrum mit einer Skala vergleichen zu können, trägt
ein drittes Rohr C (das Skalenrohr) an seinem äußern
Ende bei s eine kleine photographierte Skala mit durchsichtigen
Teilstrichen, an seinem innern Ende dagegen eine Linse c, welche um
ihre Brennweite von der Skala entfernt ist. Durch eine Lampenflamme
wird die Skala erleuchtet. Die von einem Punkte der Skala
ausgehenden Strahlen, durch die Linse c parallel gemacht, werden an
der Oberfläche des Prismas auf die Objektivlinse o des
Fernrohrs reflektiert und von dieser in dem entsprechenden Punkt
ihrer Brennebene vereinigt. Durch das Okular schauend, erblickt man
daher gleichzeitig mit dem Spektrum ein scharfes Bild der Skala,
das sich an jenes wie ein Maßstab anlegt. Die Skala ist
willkürlich festgestellt. Eine von Willkür freie Skala
müßte nach den Wellenlängen der verschiedenfarbigen
Strahlen eingeteilt sein. Da aber die Wellenlängen für
die Fraunhoferschen Linien bekannt sind, so kann man für jedes
Spektroskop mit willkürlicher Skala leicht eine Tabelle oder
eine Zeichnung entwerfen, aus welcher für jeden Teilstrich die
zugehörige Wellenlänge abgelesen werden kann.

Die unmittelbare Vergleichung zweier Spektren verschiedener
Lichtquellen wird durch das Vergleichsprisma (Fig. 3)
ermöglicht, ein kleines gleichseitiges Prisma a b, welches,
indem es die untere Hälfte des Spalts m n verdeckt, in diese
kein Licht der vor dem Spalt aufgestellten Lichtquelle F (Fig. 1),
wohl aber durch totale Reflexion auf dem Weg L r t (Fig. 4) das
Licht der seitlich aufgestellten Lichtquelle L (f, Fig. 1)
eindringen läßt. Man erblickt alsdann im Gesichtsfeld
unmittelbar übereinander die Spektren beider Lichtquellen.
Läßt man Tageslicht auf das Vergleichsprisma fallen, so
können die Fraunhoferschen Linien seines Spektrums gleichsam
als Teilstriche einer Skala dienen. Wegen der Ablenkung, die das
Prisma hervorbringt, bilden Spaltrohr u. Fernrohr des Bunsenschen
Spektroskops einen dieser Ablenkung entsprechenden Winkel
miteinander, u. die Visierlinie des Instruments ist geknickt. Durch
passende Zusammensetzung von Flint- und Crownglasprismen kann man
aber sogen. geradsichtige Prismenkombinationen (à vision
directe) herstellen, durch welche die Ablenkung der Strahlen, nicht
aber die Farbenzerstreuung aufgehoben wird, und mit ihrer Hilfe
geradsichtige Spektroskope konstruieren, welche die Lichtquelle
direkt anzuvisieren erlauben. Ein solches ist das in Fig. 5 in
natürlicher Größe dargestellte Browningsche
Taschenspektroskop; s ist der Spalt, C die Kollimatorlinse, p der
aus 3 Flint- und 4 Crownglasprismen, die mittels Ka-

[Fig. 1.]

Fig. 1 u. 2. Bunsens Spektroskop.

119

Spektralanalyse (Ergebnisse und praktische Verwendung).

nadabalsams aneinander gekittet sind, zusammengesetzte
Prismenkörper und O die Öffnung fürs Auge.

Eine vollständigere Ausbreitung des Farbenbildes, als durch
ein solches einfaches Spektroskop möglich ist, wird erzielt
durch eine Reihe hintereinander gestellter Prismen. Schon Kirchhoff
bediente sich eines zusammengesetzten Spektroskops mit vier
Flintglasprismen. Littrow zeigte, daß man die Wirkung eines
jeden Prismas verdoppeln kann, indem man die Strahlen mittels
Spiegelung durch dieselbe Prismenreihe wieder zurücksendet;
dabei werden die Prismen unter sich u. mit dem Beobachtungsfernrohr
durch einen Mechanismus derart verbunden, daß sie sich, wenn
das Fernrohr auf irgend eine Stelle des Spektrums gerichtet wird,
von selbst (automatisch) auf die kleinste Ablenkung für die
betreffende Farbe einstellen. Vorteilhaft wendet man statt
einfacher Prismen Prismensätze an, welche bei
größerer Dispersion kleinere Ablenkung und geringern
Lichtverlust geben. Zur Beobachtung der Protuberanzen, der Flecke,
der Chromosphäre, der Korona etc. der Sonne hat man besondere
Spektroskope, welche statt des Okulars an das astronomische
Fernrohr angeschraubt werden, so daß das von dem Objektiv
desselben entworfene Sonnenbild auf die Spaltfläche des
Spektroskops fällt und der Spalt auf beliebige Teile dieses
Sonnenbildes eingestellt werden kann. Da das Bild eines Fixsterns
im Fernrohr nur als ein Lichtpunkt erscheint, so würde sein
Spektrum einen sehr schmalen Streifen bilden, in welchem, weil die
Ausdehnung in die Breite fehlt, dunkle Linien nicht wahrgenommen
werden könnten; dieselben werden jedoch wahrnehmbar bei
Anwendung einer geeigneten Cylinderlinse, welche das schmale
Spektrum in die Breite dehnt. Das Prisma der Spektroskope kann auch
durch ein Gitter (s. Beugung) ersetzt werden (Gitterspektroskope).
Das Taschenspektroskop von Ladd unterscheidet sich von dem
Browningschen bloß dadurch, daß es statt des
Prismensatzes ein photographiertes Gitter enthält.

Weißglühende feste Körper sowie die hell
leuchtenden Flammen der Kerzen, Lampen und des Leuchtgases, in
welchen feste Kohlenteilchen in weißglühendem Zustand
schweben, geben kontinuierliche Spektren, in welchen alle Farben
vom Rot bis zum Violett vertreten sind. Die Spektren glühender
Gase und Dämpfe dagegen bestehen aus einzelnen hellen Linien
auf dunklem oder schwach leuchtendem Grunde, deren Lage und
Gruppierung für die chemische Beschaffenheit des
gasförmigen Körpers charakteristisch ist. Bringt man z.
B. in die schwach leuchtende Flamme eines Bunsenschen Brenners eine
in das Öhr eines Platindrahts (Fig. 1) eingeschmolzene Probe
eines Natriumsalzes (etwa Soda oder Kochsalz), so färbt sich
die Flamme gelb, und im Spektroskop erblickt man eine schmale gelbe
Linie am Teilstrich 50 der Skala. Diese Linie ist für das
Natrium charakteristisch und verrät die geringsten Spuren
dieses Elements; noch der dreimillionste Teil eines Milligramms
Natriumsalz kann auf diesem Weg nachgewiesen werden. Von
ähnlicher Empfindlichkeit ist die Reaktion des Lithiums,
dessen Spektrum durch eine schwache orangegelbe und eine intensiv
rote Linie sich kennzeichnet. Kalisalze geben ein schwaches
kontinuierliches Spektrum mit einer Linie im äußersten
Rot und einer andern im Violett. Bunsen, welchem mit Kirchhoff das
Verdienst gebührt, die S. zu einer chemischen
Untersuchungsmethode ausgebildet zu haben, fand auf
spekralanalytischem Weg die bis dahin unbekannten Metalle Rubidium
und Cäsium auf, und andre Forscher entdeckten mittels
derselben Methode das Thallium, Indium und Gallium. Die Temperatur
der Bunsenschen Flamme, in welcher die Salze der Alkali- und
Erdalkalimetalle leicht verdampfen, reicht zur Verflüchtigung
andrer Körper, namentlich der meisten schweren Metalle, nicht
aus. In diesem Fall bedient man sich des Ruhmkorffschen
Funkeninduktors, dessen Funken man zwischen Elektroden, welche aus
dem zu untersuchenden Metall verfertigt oder mit einer Verbindung
desselben überzogen sind, überschlagen läßt.
Auch die Spektren der schweren Metalle sind durch
charakteristische, oft sehr zahlreiche helle Linien ausgezeichnet;
im Spektrum des Eisens z. B. zählt man deren mehr als 450. Um
Salze, die in Flüssigkeiten gelöst sind, im
Induktionsfunken zu glühendem Dampf zu verflüchtigen,
bringt man ein wenig von der Flüssigkeit auf den Boden eines
Glasröhrchens, in welchen ein von einer Glashülle
umgebener Platindraht eingeschmolzen ist, der mit seiner Spitze nur
wenig über die Oberfläche der Flüssigkeit
hervorragt; der Induktionsfunke, welcher zwischen diesem und einem
zweiten von oben in das Röhrchen eingeführten Platindraht
überschlägt, reißt alsdann geringe Mengen der
Lösung mit sich und bringt sie zum Verdampfen. Um ein Gas
glühend zu machen, läßt man die Entladung des
Induktionsapparats mittels der eingeschmolzenen Drähte a und b
durch eine sogen. Geißlersche Spektralröhre (Fig. 6)
gehen, welche das Gas in verdünntem Zustand enthält.
Befindet sich z. B. Wasserstoffgas in der Röhre, so leuchtet
ihr mittlerer enger Teil mit schön purpurrotem Lichte, dessen
Spektrum aus drei hellen Linien besteht, einer roten, welche mit
der Fraunhoferschen Linie C, einer grünblauen, die mit F, und
einer violetten, die nahezu mit G zusammenfällt. Viel
komplizierter ist das Spektrum des Stickstoffs, welches aus sehr
zahlreichen hellen Linien und Bändern besteht.

Eine wichtige technische Anwendung hat die S. bei der
Gußstahlbereitung durch den Bessemer-Prozeß gefunden.
Die aus der Mündung des birnförmigen Gefäßes,
in welchem dem geschmolzenen Gußeisen durch einen
hindurchgetriebenen Luftstrom ein Teil seines Kohlenstoffs entzogen
wird, hervorbrechende glänzende Flamme zeigt im Spektroskop
ein aus hellen farbigen Linien bestehendes Spektrum, welches im
Lauf des Prozesses sich ändert, und an dem gesteigerten Glanz
gewisser grüner Linien den Augenblick erkennen
läßt, in welchem die Oxydation des Kohlenstoffs den
gewünschten Grad erreicht hat und der Gebläsewind
abgestellt werden muß. Auch die dunkeln Absorptionsstreifen
auf hellem Grund,

120

Spektralanalyse (Bedeutung für die Astronomie etc.).

welche farbige Körper im Spektrum des durchgelassenen
Tages- oder Lampenlichts hervorbringen, sind für die chemische
Beschaffenheit dieser Körper charakteristisch und gestatten,
dieselben spektralanalytisch zu erkennen. Das Spektroskop kann
daher in vielen Fällen dazu dienen, die Echtheit oder
Verfälschung von Nahrungsmitteln, Droguen etc. nachzuweisen.
Das Mikrospektroskop, ein mit einem Prismensatz ausgerüstetes
Mikroskop, gestattet, diese Untersuchungsmethode auf die kleinsten
Mengen anzuwenden. Auch in die gerichtliche Medizin hat die S.
Eingang gefunden, weil sie die geringsten Mengen Blut nachzuweisen
vermag.

Die spektroskopische Untersuchung der Absorptionsspektren kann
sogar dazu dienen, die Menge der in einer Lösung enthaltenen
färbenden Substanz zu ermitteln (quantitative S.). Zu diesem
Zweck besteht der Spalt (nach Vierordt) aus einer obern und untern
Hälfte, deren jede unabhängig von der andern enger und
weiter gemacht werden kann. Tritt nun z. B. durch die obere
Hälfte des Spalts das ungeschwächte Licht, durch die
untere das durch die absorbierende Substanz gegangene Licht ein, so
erblickt man im Gesichtsfeld unmittelbar übereinander zwei
Spektren und bewirkt nun durch Verengerung der obern
Spalthälfte, daß irgend eine Farbe in beiden Spektren
die gleiche Helligkeit zeigt. Die Lichtstärken dieser Farben
in den beiden Strahlenbündeln verhalten sich dann umgekehrt
wie die durch Mikrometerschrauben zu messenden Spaltbreiten. Die
absorbierende Wirkung einer und derselben gelösten Substanz
steigt aber mit der Konzentration; man kann daher aus der durch ein
solches Spektrophotometer bewirkten Messung der Lichtstärken
unter Berücksichtigung des bekannten Absorptionsgesetzes auf
die Menge der Substanz schließen. Bei andern
Spektrophotometern (Glan) wird die Schwächung des einen
Strahlenbündels durch Polarisation bewirkt.

Schon Fraunhofer hatte beobachtet, daß die helle gelbe
Linie des Natriumlichts dieselbe Stelle im Spektrum einnimmt wie
die dunkle Linie D des Sonnenlichts. Kirchhoff zeigte nun,
daß ein gas- oder dampfförmiger Körper genau
diejenigen Strahlengattungen absorbiert, welche er im
glühenden Zustand selbst aussendet, während er alle
andern Strahlenarten ungeschwächt durchläßt. Bringt
man z. B. eine Spiritusflamme, deren Docht mit Kochsalz eingerieben
ist, zwischen das Auge und ein Taschenspektroskop und blickt durch
letzteres nach einer Lampenflamme, so sieht man das umgekehrte
Spektrum des Natriums, d. h. die Natriumlinie erscheint dunkel auf
hellem Grund, weil die Natriumflamme für Strahlen von der
Brechbarkeit derer, welche sie selbst aussendet, undurchsichtig,
für alle andern Strahlen aber durchsichtig ist. Bei genauer
Vergleichung der Fraunhoferschen dunkeln Linien mit den hellen
Linien irdischer Stoffe stellte sich nun heraus, daß eine
sehr große Anzahl jener mit diesen genau übereinstimmt;
so hat z. B. jede der mehr als 450 hellen Linien des Eisens ihr
dunkles Ebenbild im Sonnenspektrum. Es erscheint demnach Kirchhoffs
Schluß berechtigt, daß die Sonne ein glühender
Körper ist, dessen Oberfläche, die Photosphäre,
weißes Licht ausstrahlt, welches an und für sich ein
kontinuierliches Spektrum geben würde, und daß die
Photosphäre rings von einer aus glühenden Gasen und
Dämpfen bestehenden Hülle von niedrigerer Temperatur (der
Chromosphäre) umgeben ist, durch deren absorbierende Wirkung
die Fraunhoferschen Linien hervorgebracht werden. Die S. des
Sonnenlichts gibt uns demnach Aufschluß über die
chemische Zusammensetzung der Sonnenatmosphäre. Die
vergleichenden Untersuchungen über die Spektren der Sonne und
irdischer Stoffe sind in ausgedehnten sorgfältigen Zeichnungen
niedergelegt; diejenige Kirchhoffs stellt das prismatische Spektrum
dar und ist auf eine willkürliche Skala bezogen. Später
hat Angström unter Mitwirkung von Thalen ein 3,5 m langes Bild
des Gitterspektrums entworfen, in welches die Linien nach ihren
Wellenlängen eingetragen sind. Für die brechbaren Teile
des Spektrums vom Grün an und insbesondere auch für die
ultravioletten Strahlen erhält man das Spektralbild statt
durch mühsame Zeichnung leicht auf dem Weg der Photographie.
Besonders schön und ausgedehnt ist die von Rowland mit Hilfe
eines Reflexionsgitters hergestellte Photographie des Spektrums.
Den ultraroten Teil des Spektrums hat Becquerel unter Zuhilfenahme
von Phosphoreszenz gezeichnet, und Abney ist es gelungen, auch die
roten und ultraroten Strahlen zu photographieren. - Außer den
unzweifelhaft der Sonne angehörigen Spektrallinien gewahrt man
im Sonnenspektrum noch andre dunkle Linien, welche erst durch die
absorbierende Wirkung der Erdatmosphäre entstanden sind und
deshalb atmosphärische Linien heißen. Die
Fraunhoferschen Linien A und B erscheinen um so dunkler, je tiefer
die Sonne steht, und verraten dadurch ihren irdischen Ursprung;
nach Angström rühren sie wahrscheinlich von der
Kohlensäure unsrer Atmosphäre her. Andre dunkle Linien
und Bänder zwischen A und D, namentlich ein Band unmittelbar
vor D, sind dem Wasserdampf der Atmosphäre zuzuschreiben. Man
nennt sie Regenbänder, weil sie durch ihr Dunklerwerden
bevorstehende Niederschläge ankündigen. - Der Mond und
die Planeten, welche mit erborgtem Sonnenlicht leuchten,
müssen natürlich ebenfalls die Fraunhoferschen Linien
zeigen. Das Spektrum des Mondes stimmt mit demjenigen der Sonne
vollkommen überein, ein neuer Beweis dafür, daß der
Mond keine Atmosphäre hat. Venus, Mars, Jupiter und Saturn
dagegen lassen in ihren Spektren deutlich den Einfluß ihrer
Atmosphären erkennen, welche unzweifelhaft Wasserdampf
enthalten. Die Spektren der Fixsterne zeigen, ähnlich
demjenigen unsrer Sonne, dunkle Linien, welche jedoch unter sich
und von denen im Sonnenspektrum zum Teil verschieden sind. Im
Aldebaran z. B. vermochte Huggins Natrium, Magnesium, Calcium,
Eisen, Wismut, Tellur, Antimon, Quecksilber und Wasserstoff
nachzuweisen, wovon weder Wismut noch Tellur auf unsrer Sonne
vorkommen; Beteigeuze enthält dieselben Elemente wie
Aldebaran, mit Ausnahme von Quecksilber und Wasserstoff. Auch die
Farben der Sterne erklären sich aus der Beschaffenheit ihres
Spektrums. Von den beiden Sternen z. B., welche den Doppelstern
ß [beta] im Schwan bilden, erscheint der eine gelbrot, weil
dunkle Linien hauptsächlich im Blau und Rot seines Spektrums
auftreten, der andre blau, weil das Rot und Orange seines Spektrums
mit dicht gedrängten dunkeln Linien erfüllt ist.
Über die Einteilung der Fixsterne nach ihrem spektralen
Verhalten s. Fixsterne, S. 325. Als im Mai 1866 der bisher nur
teleskopisch sichtbare Stern T im Sternbild der Nördlichen
Krone fast plötzlich bis zur zweiten Größe
aufleuchtete, zeigte sein Spektrum auf kontinuierlichem, mit
dunkeln Linien durchzogenem Grund mehrere helle Linien, von denen
zwei (C und F) dem Wasserstoff angehörten, und welche nach
zwölf Tagen, nachdem der Stern von der zweiten bis zur achten
Größe herabgesunken war, wieder verschwunden waren. Das
Aufleuchten des Sterns erklärt sich demnach

121

Spektralapparate - Spekulation.

durch einen vorübergehenden Ausbruch glühenden
Wasserstoffs. Über die Spektren der Kometen und Nebelflecke s.
d.

Wenn eine Lichtquelle mit großer Geschwindigkeit, welche
mit derjenigen des Lichts vergleichbar ist, sich uns nähert
oder von uns entfernt, so müssen von jeder homogenen
Lichtsorte, welche sie aussendet, im ersten Fall mehr, im letzten
Fall weniger Schwingungen pro Sekunde auf das Auge oder das Prisma
treffen, als wenn die Lichtquelle stillstände. Da aber die
Farbe und die Brechbarkeit eines homogenen Lichtstrahls durch die
Anzahl seiner Schwingungen bedingt sind, so muß jene im
erstern Fall etwas erhöht, im letztern Fall etwas erniedrigt
sein, d. h. die Spektrallinie, welche dieser Strahlenart
entspricht, wird nach dem violetten Ende des Spektrums verschoben
erscheinen, wenn die Lichtquelle sich nähert, dagegen nachdem
roten Ende, wenn die Lichtquelle sich entfernt. Man nennt diesen
Satz, welcher für jede Wellenbewegung gilt und für
Schallschwingungen direkt nachgewiesen ist, das Dopplersche
Prinzip. Als Huggins die Linie F des Siriusspektrums mit der
gleichnamigen Wasserstofflinie einer Geißlerschen Röhre
verglich, konstatierte er eine meßbare Verschiebung der
erstern gegen die letztere nach dem roten Ende hin und berechnete
daraus, daß sich der Sirius mit einer Geschwindigkeit von 48
km pro Sekunde von der Erde entfernt. In dieser Weise können
mittels des Spektroskops Bewegungen wahrgenommen und gemessen
werden, welche in der Gesichtslinie selbst auf uns zu oder von uns
weg gerichtet sind, während ein Fernrohr nur solche Bewegungen
wahrzunehmen gestattet, welche senkrecht zur Gesichtslinie
erfolgen. So hat Lockyer aus den eigentümlichen Verschiebungen
und Verzerrungen, welche die dunkle Linie F des Sonnenspektrums und
die helle Linie F der Chromosphäre bisweilen zeigen, den
Schluß ziehen können, daß in der
Sonnenatmosphäre Wirbelstürme wüten, deren
Geschwindigkeit gewöhnlich 50-60, ja manchmal 190 km
beträgt, während die heftigsten Orkane unsrer
Erdatmosphäre höchstens eine Geschwindigkeit von 45 m in
der Sekunde erreichen. Vgl. Schellen, Die S. (3. Aufl., Braunschw.
1883); Roscoe, Die S. (deutsch von Schorlemmer, 2. Aufl., das.
1873); Zech, das Spektrum und die S. (Münch. l875); Vogel,
Praktische S. irdischer Stoffe (2.Aufl., Nördling. 1888);
Lockyer, Das Spektroskop (deutsch, Braunschw. 1874); Derselbe,
Studien zur S. (deutsch, Leipz. 1878); Vierordt, Quantitative S.
(Tübing. 1875); Klinkerfues, Die Prinzipien der S. und ihre
Anwendung in der Astronomie (Berl. 1878); Kayser, Lehrbuch der S.
(das. 1883).

Spektralapparate (lat.), optische Apparate zur Erzeugung
und Beobachtung des Spektrums: Spektrometer und Spektroskop.

Spektralfarben, die Farben des Spektrums (s. d.).

Spektrometer (lat.-griech.), Apparat zur genauen Messung
der Ablenkung der verschiedenen homogenen farbigen Strahlen eines
durch ein Prisma oder Gitter entworfenen Spektrums. Das
Meyersteinsche S. (s. Figur) ist ähnlich eingerichtet wie das
Bunsensche Spektroskop (s. Spektralanalyse), und die Wirkungsweise
der entsprechenden Teile ist die nämliche. Das Spaltrohr und
das Fernrohr sind nach der Mitte des Tischchens gerichtet, auf
welchem das Prisma (oder das Gitter etc.) aufgestellt wird. Zwei
geteilte Kreise, ein kleinerer und ein größerer, sind
unabhängig voneinander um ihre vertikalen Achsen drehbar; der
letztere dreht sich mit dem Fernrohr und gestattet, an den
feststehenden Nonien die jeweilige Ablenkung der am Fadenkreuz des
Fernrohrs erscheinenden Spektrallinie abzulesen, während der
erstere. das Prisma tragende durch eine Klemme festgehalten wird.
Läßt man dagegen den größern Kreis
feststehen, während man durch das ebenfalls feststehende
Fernrohr das an einer Prismenfläche gespiegelte Spaltbild
anvisiert, und dreht nun den kleinern Kreis samt dem von ihm
getragenen Prisma, bis das an der zweiten Prismenfläche
gespiegelte Spaltbild am Fadenkreuz erscheint, so erfährt man
aus der Drehung, welche man am Nonius des kleinern Kreises abliest,
den brechenden Winkel des Prismas; das S. spielt in diesem letztern
Fall die Rolle eines Reflexionsgoniometers (s. Goniometer). Das
Instrument liefert demnach bequem und sicher die beiden Daten, den
brechenden Winkel und die kleinste Ablenkung, welche zur Berechnung
der Brechungsverhältnisse (s. Brechung des Lichts)
erforderlich sind. Vgl. Meyerstein, Das S. (2. Aufl., Götting.
1870).

[Abb: Meyersteins Spektrometer.]

Spektrophon (lat.-griech.), s. Radiophonie.

Spektroskop (lat.-griech.), s. Spektralanalyse.

Spektrum (lat., "Gespenst"), das Farbenbild, in welches
zusammengesetztes Licht durch Dispersion mittels eines Prismas oder
durch Beugung ausgebreitet wird; s. Farbenzerstreuung,
Spektralanalyse.

Spekulation (lat.) hat in den verschiedenen
philosophischen Schulen eine verschiedene Bedeutung, indem man
darunter bald ein streng begriffmäßiges
(wissenschaftliches) Denken und Erkennen, bald ein von
vernünftigem Reflektieren absehendes visionäres Schauen
versteht. In letzterer Bedeutung nahmen die S. zuerst die
Neuplatoniker und neuerlich die Schulen des transcendentalen und
absoluten Idealismus auf. Die Hegelsche Schule versteht unter S.
dasjenige Denken, welches streng methodisch alle Gegensätze
und Widersprüche in den Begriffen in höhere Einheiten
aufzulösen sucht. Herbart stellt der spekulativen Philosophie
die Aufgabe, die in der Erfahrung enthaltenen Widersprüche
darzulegen und mittels logischer Bearbeitung der Begriffe zu
beseitigen. - Im gewöhnlichen Leben, insbesondere im Handel,
nennt man S. jede auf die Durchführung sol-

122

Spekulationsverein - Spencer.

cher Unternehmungen gerichtete Erwägung, bei welchen der
erwartete Gewinn durch Eintritt oder Ausbleiben von Ereignissen
bedingt ist, die von dem Willen des Unternehmers (Spekulanten)
selber unabhängig sind. Eine jede Unternehmung beruht mehr
oder weniger auf spekulativer Grundlage, und die S. ist als eine
Berücksichtigung zukünftiger Möglichkeiten an und
für sich eine unerläßliche Bedingung geordneter
Bedarfsdeckung und eines geregelten Wirtschaftslebens. Zu
unterscheiden von der soliden S. ist das Spekulationsmanöver,
welches unter Benutzung monopolistischer Stellung durch Aufkauf und
"Erwürgen" (Vorschreibung harter Bedingungen für
bedrängte Schuldner) oder auch durch betrügerische
Anpreisung, unzulässige Verteilung zu hoher Dividenden etc.
die Preise künstlich zu verändern sucht.
Spekulationspapiere sind solche Wertpapiere, welche starken
Kursschwankungen unterworfen und daher zur Gewinnerzielung aus Kauf
und Verkauf sehr geeignet sind. Über Spekulationskauf vgl.
Börse, S. 235.

Spekulationsverein (franz. Association en participation),
s. Gelegenheitsgesellschaft.

Spekulativ (lat.), auf Spekulation gerichtet,
bezüglich, begründet; spekulieren, sich mit Spekulationen
beschäftigen.

Spello, Stadt in der ital. Provinz Perugia, Kreis
Foligno, an der Eisenbahn Florenz-Foligno-Rom, mit 2 alten Kirchen
(mit Gemälden von Pinturicchio und Perugino), einem
Konviktkollegium und (1881) 2419 Einw.; das alte Hispellum, wovon
noch ansehnliche Reste vorhanden sind.

Spelt, s. Spelz.

Spelter, s. v. w. Zink.

Spelunke (lat.), Höhle; höhlenartige, dunkle,
versteckte Räumlichkeit.

Spelz (Spelt, Dinkel, Dinkelweizen, Triticum Spelta L.),
Pflanzenart aus der Gattung Weizen, mit vierseitiger, wenig
zusammengedrückter, lockerer Ähre, meist
vierblütigen Ährchen und breit eiförmigen,
abgeschnittenen, zweizähnigen Deckspelzen, gibt beim Dreschen
nicht Körner, sondern nur die von der Spindel abgesprungenen
Ährchen (Vesen). Der Dinkel, aus Mesopotamien und Persien
stammend, wurde schon von den alten Griechen kultiviert und ist die
Zea der Römer, wird auch seit alter Zeit in Schwaben und der
Schweiz als Brotfrucht gebaut (der Lech scheidet ziemlich scharf
das Roggen- vom Spelzland). Er ist dem Weizen in mancher Hinsicht
vorzuziehen, hat aber trotzdem wenig Verbreitung gefunden, weil die
Vesen besondere Mahleinrichtungen fordern und das Dinkelbrot schon
am dritten Tag Risse bekommt. Der S. enthält im Mittel 11,02
Proz. eiweißartige Körper, 2,77 Fett, 66,44
Stärkemehl und Dextrin, 5,47 Holzfaser, 2,21 Asche und 12,09
Proz. Wasser. Das Amelkorn (Gerstendinkel, Reisdinkel, Zweikorn,
Emmer, Ammer, Sommerspelz, T. amyleum Ser., T. dicoccum Schrk.),
mit zusammengedrückter, dichter Ähre, zweizeilig
stehenden, meist vierblütigen Ährchen mit zwei
Körnern und zwei Grannen und schief abgeschnittenen, an der
Spitze mit einem eingebogenen Zahn, auf dem Rücken mit
hervortretendem Kiel versehenen Deckspelzen, wird im Dinkelgebiet
und in Südeuropa seit alters her hauptsächlich als
Sommerfrucht gebaut und liefert vortreffliche Graupen und
vorzügliches Pferdefutter, aber rissiges Gebäck. Das
Einkorn (Peterskorn, Blicken, Pferdedinkel, in Thüringen
Dinkel, T. monococcum L.), mit zusammengedrückter Ähre,
meist dreiblütigen, reif nur einkörnigen, eingrannigen
Ährchen und an der Spitze mit einem geraden, zahnförmigen
Ende des Kiels und zwei seitlichen geraden Zähnen versehenen
Deckspelzen, wird im Gebirge auf magerm Boden gebaut, gibt dort nur
das dritte Korn und wird als treffliches Pferdefutter verwertet.
Einkorn ist das in der Bibel vorkommende Kussemeth, aus welchem
Syrer und Araber ihr Brot machten. Es hat wenig Verbreitung
gefunden.

Spelzblütige, s. Glumifloren.

Spelzen, die Deckblätter der Ährchen (s. d.),
besonders bei den Gräsern.

Spencemetall (Eisenthiat), ein von Spence angegebenes
zusammengeschmolzenes Gemisch von Schwefeleisen, Schwefelzink,
Schwefelblei mit Schwefel, ist metallähnlich, dunkelgrau, fast
schwarz, vom spez. Gew. 3,5-3,7; es ist sehr zäh, etwas
elastisch, die Zugfestigkeit beträgt 45 kg pro 1 qcm, es
leitet die Wärme schlecht und schmilzt bei 156-170°. Auf
der Bruchfläche ist es dem Gußeisen ähnlich, und
der Ausdehnungskoeffizient scheint sehr klein zu sein. Beim
Erstarren dehnt es sich wie Wismut und Letternmetall aus, liefert
sehr scharfe Abgüsse und eignet sich zur Verbindung von Gas-
und Wasserröhren. Im Vergleich mit andern metallischen
Substanzen widersteht das S. den Säuren und Alkalien sehr gut,
auch nimmt es hohe Politur an und verliert diese nicht unter dem
Einfluß der Witterung. Es läßt sich auch sehr gut
bearbeiten, und bei seinem niedrigen Preis und dem geringen
spezifischen Gewicht stellt sich die Benutzung ungemein billig. Da
es von Wasser nicht angegriffen wird, eignet es sich
vorzüglich zur Herstellung von Wasserzisternen, wegen des
schlechten Wärmeleitungsvermögens zur Bekleidung von
Wasserröhren, die es auch vor Rost schützt. In chemischen
Fabriken dürfte das S. vielfach als Surrogat des Bleies
verwendbar sein; auch eignet es sich als Verbindungsmittel für
Eisen mit Stein oder Holz, zum hermetischen Verschluß von
Flaschen und Büchsen, zum Einhüllen von Früchten und
Lebensmitteln, zu Zeugdruckwalzen, Zapfenlagern, Gußformen,
als Unterlage von Klischees etc. S. bildet auch ein gutes Material
für Kunstguß und Klischees, es gibt die feinsten Details
außerordentlich scharf wieder, und durch geeignete Behandlung
kann man den Gegenständen eine dunkelblaue Farbe oder eine
Gold- oder Silber- oder eine der grünen Bronzepatina
ähnliche Farbe geben. Die Gußformen können aus
Metall, Gips, selbst aus Gelatine bestehen, da das S. schnell genug
erstarrt, um einen scharfen Abguß zu liefern, bevor noch die
Form zerstört wird.

Spencer, 1) Georg John, Graf, engl. Bibliophile, geb. 1.
Sept. 1758 als Sohn des Lords S., der 1761 zum Viscount Althorp und
1765 zum Grafen S. erhoben wurde, machte seine Studien auf der
Universität zu Cambridge, bereiste dann Europa und wurde nach
seiner Rückkehr in das Parlament gewählt. Nach dem Tod
seines Vaters trat er 1783 in das Oberhaus ein, wurde 1794 zum
ersten Lord der Admiralität ernannt, zog sich dann 1801 mit
Pitt zurück, übernahm aber in Fox' und Grenvilles
Ministerium auf kurze Zeit von neuem das Staatssekretariat des
Innern und lebte seitdem in Zurückgezogenheit, bis er 10. Nov.
1834 starb. Durch Ankauf der Büchersammlung des Grafen von
Rewiczki 1789 hatte er den Grund zu einer Bibliothek gelegt, die er
in der Folge durch umfassende und kostspielige Neuerwerbungen zur
größten und glänzendsten Privatbüchersammlung
von ganz Europa erhob. Sie zählt über 45,000 Bände
und befindet sich zum größ-

123

Spencer-Churchill - Spener.

ten Teil auf dem Stammsitz der Familie zu Althorp in
Northamptonshire, der Rest in London. Über den Reichtum
derselben an ältesten Buchdruckereierzeugnissen und ersten
Klassikerausgaben vgl. Dibdin, Bibliotheca Spenceriana (Lond. 1814,
4 Bde.). Auch eine reichhaltige Gemäldesammlung hatte S.
angelegt, welche Dibdin in Bd. 1 seines Werkes "Aedes Althorpianae"
(Lond. 1822) beschreibt, während er in Bd. 2 als Nachtrag zu
der "Bibliotheca Spenceriana" eine Beschreibung der kostbarsten,
1815-1822 noch angeschafften alten Drucke gibt.

2) John Charles, Graf von, brit. Staatsmann, bekannter unter dem
Namen Lord Althorp, geb. 30. Mai 1782, trat nach Vollendung seiner
Studien zu Cambridge 1803 ins Unterhaus und war unter Fox und
Grenville Lord des Schatzes. Er stand auf seiten der Whigs. Im
Ministerium Grey (1830) wurde er Kanzler der Schatzkammer und galt
in allen finanziellen und staatswirtschaftlichen Fragen als
Autorität. Er legte auch 2. Febr. 1833 dem Unterhaus die
irische Kirchenreformbill vor, welche der Appropriationsklausel
wegen im Kabinett selbst eine Spaltung hervorrief. Als er 1834
durch den Tod seines Vaters Mitglied des Oberhauses ward,
mußte er sein Schatzkanzleramt niederlegen und widmete sich
fortan landwirtschaftlicher Beschäftigung. Später trat er
zu der Anticornlawleague. Er starb 1. Okt. 1845. Vgl. Le Marchant,
Memoirs of John Charles Viscount Althorp, third Earl of S. (Lond.
1876).

3) Frederick, vierter Graf von, Bruder des vorigen, geb. 14.
April 1798, trat in den Marinedienst, zeichnete sich in der
Schlacht von Navarino aus, erbte 1845 Titel und Güter seines
Bruders, war vom Juli 1846 bis September 1848 Lord-Oberkammerherr,
avancierte 1852 zum Konteradmiral und übernahm Anfang 1854 als
Nachfolger des Herzogs von Norfolk das Amt eines Lord-Steward; er
starb 27. Dez. 1857.

4) John Poynty, fünfter Graf von, brit. Staatsmann, Sohn
des vorigen, geb. 27. Okt. 1835, erzogen zu Harrow und Cambridge,
war bis zum Tod seines Vaters (27. Dez. 1857) für Northampton
Mitglied des Unterhauses, wo er sich der liberalen Partei
anschloß, und trat dann in das Oberhaus ein. Von 1859 bis
1861 war er Oberkammerherr (groom of the stole) des Prinzen Albert
und bekleidete dann von 1862 bis 1867 das gleiche Amt in der
Hofhaltung des Prinzen von Wales. Als im Dezember 1868 Gladstone
ein neues Ministerium bildete, wurde S. zum Vizekönig von
Irland ernannt, nahm aber im Februar 1874 beim Sturz der liberalen
Partei seine Entlassung. Im neuen Gladstoneschen Kabinett (1880-85)
erhielt er erst das Amt eines Präsidenten des Geheimen Rats,
dann 1882 das des Vizekönigs von Irland und übernahm 1886
auf kurze Zeit wieder das Präsidium des Geheimen Rats.

5) Herbert, engl. Philosoph, geb. 1820 zu Derby, wurde von
seinem Vater, einem Lehrer der Mathematik, und seinem Oheim Thomas
S., einem liberalen Geistlichen, erzogen, zuerst Zivilingenieur,
sodann Journalist und (von 1848 bis 1859) Mitarbeiter an dem von J.
Wilson herausgegebenen "Economist", an der "Westminster" und
"Edinburgh Review" und andern Zeitschriften, endlich
philosophischer Schriftsteller und Begründer eines eignen
Systems, das er als Evolutions- oder Entwickelungsphilosophie
bezeichnete. Seine erste bedeutende Schrift war eine Statistik der
Gesellschaft unter dem Titel: "Social statics" (1851, 1868) nebst
einem Auszug daraus: "State education self defeating" (1851),
welcher die "Principles of psychology" (1855) folgten; 1860 begann
er nach dem Vorbild von Comtes "Cours de philosophie positive" eine
zusammenhängende Folge von philosophischen Werken ("System of
synthetic philosophy"), in welchen "nach ihrer natürlichen
Ordnung" die Prinzipien der Biologie, Psychologie, Sociologie und
Moral entwickelt werden sollen. Die bisher erschienenen Bände
derselben umfassen: "First principles" (1862, 5. Aufl. 1884;
deutsch von Vetter, Stuttg. 1876-77), "Principles of biology"
(1865, 2 Bde.), eine Umarbeitung der "Principles of psychology"
(1870; 3. Aufl. 1881, 2 Bde.), "Principles of sociology" (1876-79,
2 Bde.; deutsch von Vetter, Stuttg. 1877 ff.), "Ceremonial
institutions" (1879), "Political institutions" (1882),
"Ecclesiastical institutions" (1885) und "The data of ethics"
(1879). Außerdem veröffentlichte S.: "Education:
intellectual, moral and physical" (1861, 16. Aufl.1885; deutsch von
Schultze, 3. Aufl., Jena 1889); "Essays, scientific, political and
speculative" (1858 bis 1863, 2 Bde.; 4. Aufl. 1885, 3 Bde.);
"Classification of the sciences" (1864, 3. Aufl. 1871); "Recent
discussions in science, philosophy and morals" (1871); "Study of
sociology" (1873, 14. Aufl. 1889; deutsch von Marquardsen, Leipz.
1875, 2 Bde.); "Descriptive sociology" (mit Callier, Scheppig und
Duncan, 1873 ff, 6 Bde.); "The rights of children and the true
principles of family government" (1879) u. a. Vgl. Fischer,
Über das Gesetz der Entwickelung auf physisch-ethischem Gebiet
mit Rücksicht auf Herbert S. (Würzb. l875); Guthrie, On
Spencer's unification of knowledge (Lond. 1882); Michelet, Spencers
System der Philosophie (Halle 1882).

Spencer-Churchill, s. Marlborough 3-6).

Spencer-Gewehr, s. Handfeuerwaffen, S. 107.

Spencergolf, großer, tief in das Land eindringender
Golf der Kolonie Südaustralien, zwischen der Eyria- und der
Yorkehalbinsel. Seine Küsten enthalten eine Reihe
mittelmäßiger Häfen, der bedeutendste an seiner
Nordspitze ist Port Augusta, nächstdem Port Pirie, Port
Broughton und Wallaroo. An seinem Südwestende bildet Port
Lincoln einen der vortrefflichsten Häfen der Welt, leider
bietet aber das Land in seiner Umgebung dem Ansiedler sehr
wenig.

Spendieren (ital.), freigebig sein, zum besten geben,
schenken; spendabel, freigebig.

Spener, Philipp Jakob, der Stifter des Pietismus, geb.
13. Jan. 1635 zu Rappoltsweiler im Oberelsaß, widmete sich zu
Straßburg theologischen Studien, war 1654-56 Informator
zweier Prinzen aus dem Haus Pfalz-Birkenfeld und besuchte seit 1659
noch die Universitäten Basel, Genf und Tübingen. Der
Aufenthalt in Genf war insofern für seine spätere
Entwickelung von Bedeutung, als er hier zu Labadie (s. d.) und
damit zum reformierten Pietismus in Beziehung trat. Aber sein
Interesse galt damals mehr der Heraldik; Früchte seiner darauf
bezüglichen Studien waren: "Historia insignium" (1680) und
"Insignium theoria" (1690), welche Werke in Deutschland die
wissenschaftliche Behandlung der Heraldik begründeten. 1663
ward S. Freiprediger zu Straßburg, 1664 daselbst Doktor der
Theologie, 1666 Senior der Geistlichkeit in Frankfurt a. M. In
dieser Stellung begann er, durchdrungen von dem Gefühl,
daß man in Gefahr stehe, das christliche Leben über dem
Buchstabenglauben zu verlieren, seit 1670 in seinem Haus mit
einzelnen aus der Gemeinde Versammlungen zum Zweck der Erbauung
(collegia pietatis) zu halten, welche 1682 in die Kirche verlegt
wurden. Seine reformatorischen Ansichten vom Kirchentum sprach er
aus in seinen "Pia desideria, oder herz-

124

Spengel - Spenser.

liches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren
evangelischen Kirche" (Frankf. 1675; neue Ausg., Leipz. 1846) und
in seiner "Allgemeinen Gottesgelahrtheit" (Frankf. 1680), wozu
später noch seine "Theologischen Bedenken" (Halle 1700-1702, 4
Bde.; in Auswahl das. 1838) kamen. Der große Streit über
den Pietismus (s. d.) war schon entbrannt, als S. 1686
Oberhofprediger in Dresden wurde. Bald ward er in denselben
persönlich verwickelt, als er gegenüber dem Hamburger
Prediger Mayer und dessen Genossen seine Freunde in Schutz nahm.
1695 entbrannte der Kampf zwischen S. und dem Pastor Schelwig in
Danzig, der jenem nicht weniger als 150 Häresien vorwarf.
Unterdessen aber war S. mit der theologischen Fakultät in
Leipzig und später auch mit dem Kurfürsten Johann Georg
III., dem er als Beichtvater in einem Briefe Vorstellungen wegen
seines Lebenswandels gemacht, zerfallen und hatte 1691 einen Ruf
als Propst und Inspektor der Kirche zu St. Nikolai und Assessor des
Konsistoriums nach Berlin angenommen, wo er seine Wirksamkeit unter
fortdauernden Angriffen seitens der orthodoxen Lutheraner
fortsetzte. Leider fehlte es ihm an Energie, um sich scharf gegen
die Ausschreitungen seiner Gesinnungsgenossen, insbesondere gegen
die Visionen und Offenbarungen des pietistischen Frauenkreises in
Halberstadt, auszusprechen. Während die 1694 gestiftete
Universität Halle ganz unter seinem Einfluß stand,
ließ die theologische Fakultät zu Wittenberg 1695 durch
den Professor Deutschmann 264 Abweichungen Speners von der
Kirchenlehre zusammenstellen, und letzterm gelang es nicht, durch
seine "Aufrichtige Übereinstimmung mit der Augsburger
Konfession" die Gegner zu beschwichtigen. Selbst nach seinem Tod
(5. Febr. 1705) wurde der Streit bis gegen die Mitte des
Jahrhunderts fortgeführt. Behauptete doch der Rostocker
Professor der Theologie, Fecht, daß man S. wegen seiner
"unmäßigen und unersättlichen Neuerungslust" nicht
als einen "Seligen" bezeichnen dürfe. Vgl. Hoßbach,
Phil. Jak. S. und seine Zeit (3. Aufl., Berl. 1861); Thilo, S. als
Katechet (das. 1840); Ritschl, Geschichte des Pietismus, Bd. 2
(Bonn 1881).

Spengel, Leonhard, Philolog, geb. 24. Sept. 1803 zu
München, gebildet daselbst, studierte, nachdem er die
Prüfung für das Lehramt am Gymnasium glänzend
bestanden, seit 1823 in Leipzig und Berlin, wurde 1826 Lektor, 1830
Professor an dem alten Gymnasium seiner Vaterstadt und war daneben
seit 1827 Privatdozent an der Universität und zweiter Vorstand
des philologischen Seminars. 1842 ging er als ordentlicher
Professor nach Heidelberg, kehrte 1847 als solcher nach
München zurück und starb dort hochgeehrt 9. Nov. 1880. Er
war seit 1835 Mitglied der bayrischen, seit 1842 auch der
preußischen Akademie der Wissenschaften. Seine litterarische
Thätigkeit erstreckte sich besonders auf die griechische
Rhetorik und Aristoteles. Von den Arbeiten der erstern Art nennen
wir: "Συναγωγη
τεχνων s. artium scriptores ab initiis
usque ad editos Aristotelis de rhetorica libros" (Stuttg. 1828),
"Anaximenis ars rhetorica" (Zürich u. Winterthur 1844),
"Rhetores graeci" (Leipz. 1853-56, 3 Bde.); von denen der letztern:
"Aristotelische Studien" (Münch. 1864-68, 4 Tle.),
"Aristotelis Ars rhetorica" (Leipz. 1867, 2 Bde.) sowie "Alexandri
Aphrodisiensis quaestionum naturalium et moralium ad Aristotelis
philosophiam illustrandam libri IV" (Münch. 1842), "Incerti
auctoris paraphrasis Aristotelis elenchorum sophisticorum" (das.
1842), "Δεξιππου
φιλοσοφου
Πλατωνικου
εις τας
'Αριστοτελους
κατηγοριας
αποριαι τε
και
λυσεις" (das. 1859),
"Themistii Paraphrases Aristotelis librorum" (Leipz. 1866, 2 Bde.),
"Eudemi Rhodii Peripatetici fragmenta quae supersunt" (Berl. 1866,
2. Ausg. 1870). In seinen vielseitigen Aufsätzen, die meist in
den "Abhandlungen der bayrischen Akademie" erschienen sind, hat er
sich auch um die herculaneischen Rollen sowie um die richtige
Beurteilung einzelner Autoren gegenüber einer
übertriebenen Lobpreisung große Verdienste erworben. Von
anderweitigen Ausgaben sind hervorzuheben: "M. Terentii Varronis de
lingua latina libri" (Berl. 1826; neu hrsg. von seinem Sohn Andreas
S., das. 1885); "C. Caecilii Statii deperditarum fabularum
fragmenta" (Münch. 1829). Vgl. Christ, Gedächtnisrede auf
Leonh. v. S. (Münch. 1881).

Spengler (Spängler), s. v. w. Klempner.

Spengler, Lazarus, geistlicher Liederdichter, geb. 1479
zu Nürnberg, ward nach beendeten Rechtsstudien 1507
Ratsschreiber daselbst, that viel für Durchführung des
Reformationswerks in seiner Vaterstadt und ward von derselben zum
Reichstag nach Worms sowie zu dem nach Augsburg gesandt; starb 7.
Sept. 1534. Von ihm sind die Lieder: "Durch Adams Fall ist ganz
verderbt" und "Vergebens ist all Müh' und Kost". Sein Leben
beschrieben Engelhardt (Bielef. 1855) und Pressel (Elbers.
1862).

Spennymoor (spr. -muhr), Stadt in der engl. Grafschaft
Durham, südlich von Durham, mit Kohlengruben, Eisenhütten
und (1881) 5917 Einw.

Spenser, Edmund, engl. Dichter, geb. 1553 zu London,
vielleicht aus vornehmer, sicher unbemittelter Familie, studierte
bis 1576 im Pembroke College zu Cambridge, lebte dann in einer der
herrlichen Grafschaften des Nordens und kam 1578 nach London, wo er
mit Sir Philip Sidney und durch diesen mit dem Grafen von Leicester
bekannt wurde. Er scheint sich um ein Hofamt beworben, auch, wie
eine Stelle in seinem "Mother Hubbard's tale" zeigt, die
Enttäuschungen des Hoflebens gekostet zu haben. 1580
begleitete er den Statthalter von Irland, Lord Grey, als
Sekretär nach Dublin. Sie blieben nur zwei Jahre, doch erhielt
S. 1586 in der Grafschaft Cork Landgebiet und lebte fortan, wenige
Besuche in London abgerechnet, ausschließlich dort auf
Kilcolman Castle, meist als Beamter der Regierung, zuletzt als
Clerk des Rats von Munster thätig. Mit den Verhältnissen
der Insel vertraut, schrieb er 1596 für die Regierung das
dialogische "A view of the present state of Ireland". Dem bald
darauf ausbrechenden Aufstand fiel er zum Opfer: sein Haus wurde
verbrannt, er selbst gezwungen, mit seiner Familie nach London zu
fliehen. Hier starb er 13. Jan. 1599 und ward in der
Westminsterabtei begraben, wo ihm die Gräfin Dorset 1620 ein
Denkmal setzte. Seinen Ruhm dankt S. zwei größern
Dichtungen. "The shepherd's calendar", Ph. Sidney gewidmet,
umfaßt zwölf Hirtengedichte, jedes einem Monat
entsprechend; die Schäfer klagen ihren Liebesschmerz,
erörtern religiöse Fragen, preisen die Königin. "The
Faery Queen" ist ein romantisch-allegorisches Epos nach dem Muster
Ariosts und Tassos. Die 3 ersten Bücher erschienen 1590 und
wurden der Königin gewidmet, welche die vielen Schmeicheleien
des Dichters mit einer jährlichen Pension von 50 Pfd. Sterl.
erwiderte. Die nächsten 3 Bücher wurden 1596
veröffentlicht. Es sollten noch 6 andre folgen, doch blieb zu
ihrer Abfassung dem Dichter weder Ruhe noch Zeit; nur Fragmente
sind erhalten. Jedes Buch beschreibt ein Abenteuer, das ein Ritter
am Hof der Feenkönigin besteht, und feiert gleichzeitig die
Thaten irrender Ritterschaft

125

Spenzer - Spergula.

und den Triumph einer Tugend. Aber die Allegorie geht noch
weiter: unter der Maske der Feen und Ritter verbirgt der Dichter
Personen seiner Zeit. Das Metrum ist die sogen. Spenserstanze (s.
Stanze), die Sprache schwungvoll, doch nicht frei von Archaismen.
Außer diesen Werken schrieb S. Elegien, Sonette und Hymnen.
Die beste Ausgabe seiner Werke lieferte Collier (Lond. 1861, 5
Bde.). Vgl. Craik, S. and his poetry (Lond. 1871, 3 Bde.); Dean
Church, E. S. (2. Aufl., das. 1887).

Spenzer (Spencer, Spenser), nach seinem Erfinder, Lord
Spencer (unter Georg III.), benanntes eng anschließendes
Ärmeljäckchen.

Speranskij, Michael, Graf, russ. Staatsmann und
Publizist, geb. 1. Jan. 1772 zu Tscherkutino im Gouvernement
Wladimir, besuchte die geistliche Akademie zu Petersburg, war
1792-97 an derselben Professor der Mathematik und Physik und ward
1801 vom Kaiser Alexander I. zum Staatssekretär beim Reichsrat
ernannt. In dieser Stellung verfaßte er die wichtigsten
Staatsschriften jener Periode, organisierte 1802 das Ministerium
des Innern, sodann auch den Reichsrat neu und trat 1808 an die
Spitze der Gesetzkommission, welche ihm einen festern
Geschäftsgang verdankt. 1808 ward er Kollege des
Justizministers und Staatsrat und 1809 zum Wirklichen Geheimen Rat
ernannt, 1812 aber auf Verdächtigungen hin zuerst nach Nishnij
Nowgorod, dann nach Perm in die Verbannung geschickt. Schon 1814
ward er aber in den Staatsdienst zurückberufen und erhielt das
Gouvernement der Provinz Pensa und 1819 das Generalgouvernement von
Sibirien. Hier wirkte er besonders segensreich für das
Schicksal der Verbannten und Angesiedelten, bis er im März
1821 zum Mitglied des Reichsrats ernannt wurde. Kaiser Nikolaus
beauftragte ihn mit der Sammlung des russischen Gesetzbuchs. Dies
veranlaßte ihn zu dem gediegenen "Précis de notions
historiques sur la réformation du corps de lois russes,
etc." (Petersb. 1833). Zuletzt in den Grafenstand erhoben, starb er
23. Febr. 1839 in Petersburg. Vgl. M. Korff, Leben des Grafen S.
(St. Petersb. 1861, 2 Bde.; russisch).

Seine Tochter Elisabeth von Bagrejew-S., geb. 17. Dez. 1799 zu
Petersburg, hat sich als Schriftstellerin bekannt gemacht. Sie
folgte 1812 ihrem Vater in die Verbannung nach Nishnij Nowgorod
sowie 1819 nach Sibirien und verheiratete sich dort mit Herrn v.
Bagrejew, mit dem sie nach Petersburg zurückkehrte. Zur
Ehrendame der Kaiserin Elisabeth ernannt, wurde sie der Mittelpunkt
eines auserlesenen Kreises von Gelehrten, Künstlern und
Staatsmännern, zog sich aber nach dem Tod ihres Vaters (1839)
auf ihre Güter in der Ukraine zurück. Der Tod ihres
einzigen Sohns veranlaßte sie zu einer Pilgerfahrt nach
Jerusalem, die sie in dem Werk "Les pelerins russes" (Brüssel
1854, 2 Bde.) beschrieb. Sie starb 4. April 1857 in Wien. Sie
schrieb noch: "Méditations chrétiennes"; "La vie de
château en Ukraine"; Briefe über Kiew, kleine
Erzählungen u. a. Vgl. Duret, Un portrait russe (Leipz.
1867).

Speránza (ital.), Hoffnung (als Zuruf
üblich).

Speratus, Paul, Beförderer der Reformation und
geistlicher Liederdichter, geb. 13. Dez. 1484, aus dem
schwäbischen Geschlecht der von Spretten, studierte zu Paris
und in Italien Theologie und wirkte für Verbreitung der
Reformation in Augsburg, Würzburg, Salzburg und seit 1521 in
Wien, von wo er sich, infolge einer Predigt über die
Mönchsgelübde nicht mehr vor dem Ketzergericht sicher,
zuerst nach Ofen, dann nach Iglau begab. Hier wie dort vertrieben,
kam er 1524 nach Wittenberg, wo er Luther in seiner Sammlung
deutscher geistlicher Lieder unterstützte. 1525 ward er
Hofprediger beim Herzog Albrecht von Preußen in
Königsberg und 1529 Bischof von Pomesanien, als welcher er
sich um die Organisation des evangelischen Kirchenwesens in
Preußen verdient machte. Er starb 17. Dez. 1551 in
Marienwerder. Von ihm stammt unter andern das Lied "Es ist das Heil
uns kommen her etc." Sein Leben beschrieben Cosack (Braunschw.
1861), Pressel (Elberf. 1862), Trautenberger ("S. und die
evangelische Kirche in Iglau", Brünn 1868).

Sperber (Nisus Cuv.), Gattung aus der Ordnung der
Raubvögel, der Familie der Falken (Falconidae) und der
Unterfamilie der Habichte (Accipitrinae), Vögel mit
gestrecktem Leib, kleinem Kopf, zierlichem, scharfhakigem,
undeutlich gezahntem Schnabel, bis zur Schwanzmitte reichenden
Flügeln, in denen die vierte und fünfte Schwinge die
längsten sind, langem, stumpf gerundetem Schwanz und hohen,
schwachen Läufen mit äußerst scharf bekrallten
Zehen. Beide Geschlechter sind gleich gefärbt. Der S.
(Finkenhabicht, Schwalben-, Sperlings-, Stockstößer,
Sprinz, Schmirn, N. communis Cuv., s. Tafel "Raubvögel"),
(Weibchen) 41 cm lang, 79 cm breit, oberseits schwärzlich
aschgrau, unterseits weiß mit rostroten Wellenlinien und
Strichen, fünf- bis sechsmal schwarz gebändertem und an
der Spitze weiß gesäumtem Schwanz, blauem Schnabel mit
gelber Wachshaut, goldgelbem Auge und blaßgelben
Füßen, findet sich in Europa und Mittelasien, streicht
im Winter umher und geht bis Nordafrika und Indien. Er bewohnt
besonders Feldgehölze, oft in der Nähe von Ortschaften,
kommt auch in die Städte, hält sich meist verborgen, geht
hüpfend und ungeschickt, fliegt aber schnell und gewandt; er
ist ungemein mutig und dreist und verfolgt alle kleinen Vögel,
welche ihn als ihren furchtbarsten Feind fliehen, wagt sich aber
auch an Tauben und Rebhühner. Er nistet in Dickichten nicht
sehr hoch über dem Boden, am liebsten auf Nadelhölzern
und legt im Mai oder Juni 3-5 weiße, graue oder
grünliche, rot und blau gefleckte Eier (s. Tafel "Eier I"),
welche das Weibchen allein ausbrütet. Der S. ist ein sehr
schädlicher Raubvogel und verdient keine Schonung. In der
Gefangenschaft wird er durch seine Scheu, Wildheit und
Gefräßigkeit abstoßend; im südlichen Ural, in
Persien und Indien aber ist er ein hochgeachteter Beizvogel.

Sperberfalke, s. v. w. Habicht.

Sperberkraut, s. Sanguisorba.

Sperbervogelbeere, s. Sorbus.

Spercheios, Fluß, s. Hellada.

Sperenberg, Dorf im preuß. Regierungsbezirk
Potsdam, Kreis Teltow, am Ursprung der Notte, 42 km südlich
von Berlin, durch eine Militäreisenbahn mit der Bahnlinie
Berlin-Dresden verbunden, hat eine evang. Kirche, bedeutende
Gipssteinbrüche, Gipsmühlen und (1885) 971 Einw. 1867
ward hier unter dem Gips ein Steinsalzlager in einer Tiefe von 89 m
erbohrt; die Bohrungen setzte man bis zu einer Tiefe von 1334 m
fort, ohne das untere Ende des Lagers zu erreichen.
Wärmemessungen, welche man im Bohrloch anstellte, ergaben bei
fast stetiger Zunahme in der Tiefe 51° C. Eine Ausbeutung des
Steinsalzlagers ist für die nächste Zeit nicht in
Aussicht gestellt. 4 km südlich von S., durch Eisenbahn
verbunden, ein großer Artillerieschießplatz.

Spergula L. (Spergel, Spörgel, Spark,
Knöterich), Gattung aus der Familie der Karyo-

26

Sperling - Sperlingsvögel.

phyllaceen, ein- oder zweijährige, zweigabelig oder
wirtelig ästige Kräuter mit scheinbar
quirlständigen, fädigen Blättern, endständigen,
ausgespreizten Doldentrauben und fünfklappiger Kapsel mit
runden, geflügelten Samen. Der gemeine Spergel (Ackerspergel,
Mariengras, S. arvensis L.), bisweilen 60-90 cm hoch, mit
unterseits längsfurchigen Blättern, weißen
Blüten und schwarzen, warzigen, schmal berandeten Samen,
wächst bei uns auf sandigen Feldern im Getreide, erreicht
zumal auf Leinfeldern eine bedeutende Größe und wird
besonders in dieser Varietät (S. maxima) am Niederrhein und im
Münsterland seit mehreren Jahrhunderten gebaut. Er gedeiht in
gutem Sandboden bei hinreichender Feuchtigkeit vortrefflich und
eignet sich auch auf geringem Boden noch zur Weide. Er nimmt den
Boden nicht in Anspruch, verbessert ihn vielmehr, bleibt als
Brachfrucht für Futter nicht über zwei Monate im Acker,
gibt vorzügliches Futter für Kühe, als Heu auch
für Schafe und wird von Pferden in jeder Beschaffenheit gern
gefressen. Das Spergelheu ist dem besten Wiesenheu gleich zu
achten, auch die Spergelsamen haben nicht unbedeutenden
Nährwert. Die Aussaat pro Hektar beträgt 19-20 kg, der
Ertrag 8-12 hl Samen oder 1500-2000 kg Kraut; ein Hektoliter wiegt
58-62 kg; die Keimfähigkeit der Samen dauert drei Jahre.

Sperling (Spatz, Passer L.. Pyrgita C.), Gattung aus der
Ordnung der Sperlingsvögel, der Familie der Finken
(Fringillidae) und der Unterfamilie der eigentlichen Finken
(Fringillinae), meist gedrungen gebaute, sehr einfach gefärbte
Vögel mit starkem, dickem, kolbigem Schnabel, welcher an
beiden Kinnladen etwas gewölbt ist, kurzen, stämmigen
Füßen mit schwachen Nägeln und mittellangen Zehen,
kurzen, stumpfen Flügeln, unter deren Schwingen die zweite bis
vierte die Spitze bilden, und kurzem oder mittellangem, am Ende
wenig oder nicht ausgeschnittenem Schwanz. Der Haussperling (P.
domesticus L.), 15-16 cm lang, 24-26 cm breit, ist auf dem Scheitel
graublau, auf dem Mantel braun mit schwarzen Längsstrichen,
auf den Flügeln mit gelblichweißer Querbinde, an den
Wangen grauweiß, an der Kehle schwarz, am Unterkörper
hellgrau. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, im Winter
hellgrau, der Fuß gelbbräunlich. Beim Weibchen ist Kopf
und Kehle grau, und über dem Auge verläuft ein blaß
graugelber Streifen. Der S. bewohnt den ganzen Norden der Alten
Welt südlich bis Nordafrika und Südasien, ist in
Nordamerika, Australien, Neuseeland und auf Java akklimatisiert,
hält sich überall zu den Menschen und nistet auch stets
in unmittelbarer Nähe der Ortschaften, bez. in den
Häusern selbst, soweit ihm dadurch Gelegenheit zu sorgenloser
Ernährung geboten wird, und entfernt sich kaum jemals weit von
der Ortschaft, in welcher er geboren wurde. Er ist einer der
klügsten Vögel und durch den Verkehr in der Nähe des
Menschen nur noch listiger, verschlagener geworden. Seine
Bewegungen sind ziemlich plump, auch sein Flug weder geschickt noch
ausdauernd. Höchst gesellig, trennt er sich nur in der
Brutzeit in Paare, und oft steht ein Nest dicht neben dem andern.
Er brütet mindestens dreimal im Jahr, das erste Mal schon im
März, baut ein kunstloses Nest in Höhlungen in
Gebäuden, Baumlöchern, Starkasten, Schwalbennestern, im
Unterbau der Storchnester, im Gebüsch und auf Bäumen und
legt 5-8 bläulich- oder rötlichweiße, braun und
aschgrau gezeichnete Eier, welche Männchen und Weibchen 13 bis
14 Tage bebrüten. Die Jungen schlagen sich sofort nach dem
Ausfliegen mit andern in Trupps zusammen, welche bald zu
Flügen anwachsen, denen sich nach der Brütezeit auch die
Alten zugesellen. Der S. nährt sich vorzugsweise von
Sämereien, besonders Getreide, beißt die Knospen der
Obstbäume ab, benascht auch das Obst und kann bei massenhaftem
Auftreten in Kornfeldern, Getreidespeichern und Gärten und
auch dadurch recht schädlich werden, daß er Stare,
Meisen und andre nützliche Vögel verdrängt. Hier und
da, besonders in Italien, wird er gern gegessen. Der Feldsperling
(Holz-, Wald-, Rohr-, Bergsperling, P. montanus L.), etwas kleiner
als der vorige, am Oberkopf rotbraun, an der Kehle schwarz, auch
mit schwarzem Zügel und Wangenfleck, sonst am Kopf weiß,
auf der Unterseite hellgrau, auf den Flügeln mit zwei
weißen Querbinden, bewohnt Mittel- und Nordeuropa,
Mittelasien und Nordafrika, dringt bis über den Polarkreis
vor, ersetzt in Indien, China, Japan den Haussperling und ist in
Australien und auf Neuseeland akklimatisiert worden. Er bevorzugt
das freie Feld und den Wald und kommt nur im Winter auf die
Gehöfte. Er nistet zwei- bis dreimal im Jahr in
Baumlöchern, legt 5-7 Eier, welche denen des Haussperlings
ähnlich sind, und erzeugt mit dem letztern angeblich
fruchtbare Junge.

Sperlingskauz, s. Eulen, S. 906.

Sperlingsstößer, s. Sperber.

Sperlingsvögel (Passeres, hierzu Tafeln
"Sperlingsvögel I u. II"), die artenreichste Ordnung der
Vögel, Nesthocker von gewöhnlich kleinem Körper, mit
Schnabel ohne Wachshaut und mit Wandel-, Schreit- oder
Klammerfüßen. Sie leben meist in Gesträuch und auf
Bäumen, fliegen vortrefflich und bewegen sich auf dem Boden
hüpfend, seltener schreitend. Ihre Nester sind meist kunstvoll
gebaut; gebrütet wird ein- bis dreimal im Jahr und zwar von
beiden Geschlechtern. Viele S. sind an dem untern Kehlkopf der
Luftröhre (s. Vögel) mit einem besondern Singapparat
versehen, welcher aus zwei Paar Stimmbändern und einer Anzahl
zu ihrer Regulierung dienender Muskeln besteht und in verschiedenem
Maß ausgebildet ist. Man teilt nach diesem Charakter die S.
wohl in Singvögel (Oscines) und Schreivögel (Clamatores)
ein. Sehr verschieden ist der Schnabel geformt, bald breit, flach
und tief gespalten, bald kegelförmig, bald dünn und
pfriemenförmig etc. - Die Anzahl der lebenden Arten
beträgt gegen 5700, die in 870 Gattungen und 51 Familien
gestellt werden; fossile S. sind nur aus den jüngsten
Schichten (Diluvium) bekannt. Ganz oder nahezu kosmopolitisch sind
nur wenige Familien (Schwalben, Raben, Bachstelzen, Drosseln); in
Südamerika findet sich fast ein Drittel aller Arten vor. Die
Gruppierung der Familien ist bei den Autoren mehr oder weniger
willkürlich, da die natürlichen
Verwandtschaftsbeziehungen noch nicht bekannt sind; es genügt
daher hier eine Aufzählung der wichtigsten.

1) Drosseln (Turdidae), Körper kräftig, Kopf
groß, Hals kurz, Schnabel gerade, mit seichter Kerbe vor der
Spitze, Flügel mittellang. Etwa 25 Gattungen mit 230 Arten;
fehlen in Neuseeland. Man zerfällt sie in mehrere
Unterabteilungen: Wasserstare, Drosseln und Spottdrosseln.

2) Sänger (Sylviidae), Schnabel dünn,
pfriemenförmig, Flügel mittellang, Gefieder weich,
Außenzehe meist lang. Über 70 Gattungen mit etwa 650
Arten; fehlen in Amerika südlich von Brasilien. Von den 7
Unterfamilien sind bemerkenswert die Flüevögel,
Sänger (Laubsänger, Gartensänger, Goldhähnchen
und Grasmücke), Schilfsänger, Nachtigallen (Nachtigall,
Rotkehlchen, Blaukehlchen und Rotschwanz) und Steinschmätzer
(Steinschmätzer, Steindrossel und Wiesenschmätzer).
Letztere beiden Gruppen werden vielfach zu den Drosseln
gerechnet.

126a

Sperlingsvögel I.

126b

Sperlingsvögel II.

127

Sperma - Sperrgetriebe.

3) Zaunkönige oder Schlüpfer (Troglodytidae), Schnabel
schlank, pfriemenförmig, Flügel kurz, gerundet, Lauf
lang. Etwa 20 Gattungen mit über 90 Arten; hauptsächlich
in Amerika verbreitet.

4) Baumläufer (Certhiidae), Schnabel schlank und lang,
Hinterzehe lang und scharf bekrallt, Schwanz zuweilen mit
Stemmfedern, die beim Klettern an den Bäumen Verwendung
finden. 5 Gattungen mit 17 Arten; hauptsächlich in Europa und
Asien.

5) Spechtmeisen (Sittidae), ähnlich den vorigen, doch
Schwanz stets weich. 6 Gattungen mit über 30 Arten; fehlen in
Mittel- und Südamerika sowie im tropischen Afrika
(Kleiber).

6) Meisen (Paridae), Schnabel kurz, fast kegelförmig,
Flügel und Schwanz mittellang. 14 Gattungen mit über 90
Arten; zahlreich in der Alten Welt und in Nordamerika.

7) Pirole (Oriolidae), Schnabel lang, kegelförmig,
Flügel lang, Schwanz mittellang. 5 Gattungen mit 40 Arten; in
der Alten Welt.

8) Fliegenfänger (Muscicapidae), Schnabel kurz, hakig,
Flügel lang. Über 40 Gattungen mit gegen 280 Arten;
fehlen in Amerika gänzlich.

9) Würger (Laniidae), Körper kräftig, Schnabel
hakig, stark gezahnt, Schwanz meist lang. Räuberische
Vögel; etwa 20 Gattungen mit 150 Arten, fehlen nur in
Süd- und Mittelamerika sowie auf Neuseeland; am zahlreichsten
in Afrika.

10) Raben oder Krähen (Corvidae), Körper sehr
kräftig, Schnabel stark und groß, am Grund mit
Bartborsten, Flügel mittellang, Füße groß. 30
Gattungen mit etwa 200 Arten; fast kosmopolitisch (fehlen nur auf
Neuseeland). Von den 5 Unterfamilien sind bemerkenswert die
Häher und Raben (Tannenhäher, Elster und Rabe).

11) Paradiesvögel (Paradiseidae), Schnabel lang, schlank,
Flügel und Schwanz mittellang, jedoch einzelne Flügel-
oder Schwanzfedern oft enorm verlängert, Füße
kräftig, Zehen groß. Etwa 20 Gattungen mit über 30
Arten; nur in Australien und auf den benachbarten Inseln
(Paradiesvögel und Kragenvogel).

12) Honigsauger (Meliphagidae), Schnabel meist lang und spitz,
Flügel mittellang, Schwanz lang und breit, Füße
kurz, Zunge vorstreckbar, an der Spitze pinselförmig. Holen
aus den Blumen Insekten und Nektar hervor. Über 20 Gattungen
mit 140 Arten; nur in Australien und den benachbarten Inseln sowie
Polynesien.

13) Sonnenvögel (Nectariniidae), Schnabel lang, spitz,
Flügel kurz, Füße ziemlich lang, Zunge
vorstreckbar, röhrenförmig. Lebensweise wie bei der
vorigen Familie. 11 Gattungen mit über 120 Arten; in den
heißen Gegenden der Alten Welt.

14) Seidenschwänze (Ampelidae), Schnabel kurz, Flügel
ziemlich lang. 4 Gattungen mit 8 Arten; Europa, Nordasien, Nord-
und Mittelamerika.

15) Schwalben (Hirundinidae), Schnabel ziemlich kurz, mit sehr
weiter Spalte, Flügel lang, Schwanz gabelig, Zehen meist lang.
9 Gattungen mit über 90 Arten; kosmopolitisch, sogar im hohen
Norden.

16) Stärlinge oder Trupiale (Icteridae), Schnabel lang,
kegelförmig, Flügel spitz, Schwanz lang, abgerundet,
Füße stark, mit langer Hinterzehe, Gefieder meist
schwarz mit gelb oder orange. 24 Gattungen mit 110 Arten; nur in
Amerika (Trupial, Kuhvogel).

17) Tanagriden oder Tangaren (Tanagridae), Schnabel mit Zahn,
Flügel mittellang, Beine kurz, Hinterzehe lang. Fruchtfresser.
Über 40 Gattungen mit gegen 300 Arten; in ganz Süd- sowie
dem östlichen Teil von Nordamerika.

18) Finken (Fringillidae), Schnabel meist kegelförmig,
stets am Grund mit einem Wulst, Flügel und Schwanz mittellang,
Beine meist kurz. Über 80 Gattungen mit gegen 500 Arten, die
in eine Anzahl Unterfamilien verteilt werden; fehlen nur in
Australien, den benachbarten Inseln und Polynesien. Bemerkenswert
sind die Ammern, Kreuzschnäbel, Gimpel (Girlitz und
Kanarienvogel), Finken (Kernbeißer, Sperling, Fink, Leinfink,
Hänfling, Stieglitz, Zeisig und Grünfink) und
Papageifinken (Kardinal).

19) Webervögel oder Weberfinken (Ploceidae), Schnabel
stark, kegelförmig, Flügel meist mittellang, Schwanz
meist kurz, bauen vielfach beutelförmige Nester. Etwa 30
Gattungen mit 250 Arten; in den Tropen Asiens und Afrikas sowie in
Australien und Polynesien, aber nicht auf Neuseeland.

20) Stare (Sturnidae), Schnabel ziemlich, lang, stark,
Flügel lang, spitz, Schwanz meist lang, Beine kräftig,
Hinterzehe lang. Etwa 30 Gattungen mit 130 Arten; in der Alten
Welt, mit Ausnahme jedoch des australischen Festlandes (Star,
Madenhacker und Hirtenstar).

21) Lerchen (Alaudidae), Schnabel mittellang, gerade,
Flügel lang und breit, Schwanz kurz, Hinterzehe mit langer,
gerader Kralle. 15 Gattungen mit 110 Arten; fast nur in der Alten
Welt mit Ausnahme Australiens, besonders in Südafrika.

22) Bachstelzen (Motacillidae), Schnabel schlank, ziemlich lang,
Flügel und Schwanz lang. 9 Gattungen mit 80 Arten; mit
Ausnahme Polynesiens überall verbreitet.

23) Königswürger (Tyrannidae), Schnabel stark, lang
und breit, Flügel lang, spitz, Beine stark. Über 70
Gattungen mit gegen 330 Arten; nur in Amerika.

23) Schwätzer oder Schmuckvögel (Cotingidae), Schnabel
ziemlich groß, Spitze hakig, Flügel lang, spitz, Beine
kurz. Etwa 30 Gattungen mit über 90 Arten; in den Tropen
Amerikas, hauptsächlich in den Wäldern des
Amazonenstroms.

24) Leierschwänze (Menuridae), Schnabel mittellang,
Flügel kurz, Beine lang, Schwanz mit sehr langen Federn, von
denen die äußern leierartig geschwungen sind. Nur die
Gattung Menura mit 2 Arten; im südlichen und östlichen
Australien.

Sperma (griech.), Same; S. ceti, Walrat.

Spermatien, bei Rostpilzen, Kernpilzen und Flechten in
besondern Behältern, den Spermagonien, entstehende sehr
kleine, häufig stabförmige oder ovale Zellen, welche in
der Regel nicht keimfähig sind und bisweilen, z. B. bei den
Flechten, die Rolle männlicher Befruchtungselemente spielen.
Auch bei den Florideen unter den Algen kommen S. vor, sie entstehen
hier als kugelige oder birnförmige, unbewegliche Körper
in den Antheridien und haften bei der Befruchtung dem weiblichen
Organ an (vgl. Algen und Pilze).

Spermatitis (griech.), Samenstrangsentzündung.

Spermatophoren (griech., Samenpatronen), Portionen von
Samenfäden, in besonderer, oft sehr komplizierter
Umhüllung, welche bei manchen Tieren, wie
Kopffüßern, Grillen etc., vom Männchen gebildet
werden und bei der Begattung in die Weibchen gelangen, in deren
Geschlechtsorganen die Umhüllung platzt oder sich
auflöst, so daß die Samenfäden frei werden.

Spermatorrhöe (griech.), s. v. w.
Samenfluß.

Spermatozoiden (Spermatozoen, Antherozoiden, griech.,
Samentierchen, Samenfäden), die geformten Elemente des
männlichen Befruchtungsstoffs bei den Tieren; s. Same. - In
der Botanik bewegliche, in den männlichen Geschlechtsorganen
bei vielen Thallophyten, allen Muscineen und den
Gesäßkryptogamen entstehende Formelemente von
verschiedener Gestalt, welche aus besondern Mutterzellen austreten,
sich mittels Wimpern im Wasser frei bewegen und zuletzt in die
Eizelle der weiblichen Geschlechtsorgane eindringen, um dieselbe zu
befruchten (s. Algen, Moose und Gefäßkryptogamen).

Spermestes, Amadine; Spermestinae, s. v. w.
Prachtfinken.

Spermogonium (lat.), bei Rostpilzen, Kernpilzen und
Flechten Behälter, die in ihrer Höhlung an besondern
Fäden kleine, häufig stabförmige oder ovale Zellen,
die Spermatien (s. d.), abschnüren.

Spermöl, s. v. w. Walratöl.

Spermophilus, Zieselmaus.

Sperrfort, s. Festung, S. 186.

Sperrgesetz, Zollgesetz, welches dann erlassen wird, wenn
eine Zollerhöhung in Aussicht steht, zur Verhütung einer
größern Einfuhr von Waren, welche durch das
bevorstehende Gesetz mit einem Zoll oder mit einem höhern Zoll
belegt werden sollen; auch Bezeichnung für das sogen.
Brotkorbgesetz (s. d.).

Sperrgetriebe (Schaltwerk), ein Mechanismus zur
Hervorbringung einer ruck- oder absatzweise erfolgenden Bewegung
derart, daß zwischen zwei Bewegungsperioden eine
unbeabsichtigte Bewegung entweder nur nach einer bestimmten
Richtung oder

128

Sperrgut - Spessart.

[Fig. 1. Laufendes Sperrgetriebe.]

nach jeder Richtung hin ausgeschlossen ist (einseitige,
bez. vollständige Sperrung). S., bei welchen nur eine
einseitige Sperrung stattfindet, heißen laufende S., solche
mit vollständiger Sperrung dagegen ruhende S. Ein laufendes S.
in seiner einfachsten Form zeigt Fig. 1. Dasselbe besteht aus einem
Sperrrad S, in dessen Zähne die um einen festen Punkt drehbare
Sperrklinke K (Sperrhebel, Sperrkegel, Sperrzahn) unter der
Einwirkung einer Feder so eingreift, daß das Rad zwar in der
Pfeilrichtung herumgedreht werden kann (wobei die Sperrklinke
über die schrägen Flächen der Zähne
hinweggleitet), an einer Drehung nach der andern Seite jedoch durch
die einfallende und sich gegen die geraden Zahnflächen
stemmende Sperrklinke gehindert wird. Um die Achse des Rades S ist
noch ein Hebel drehbar, der mit einer Sperrklinke K1 versehen ist.
Wird der Hebel an seinem Griff H hin u. her bewegt, so gleitet bei
der dem Pfeil entgegengesetzten Bewegung die Klinke K1 über
die Zähne des nach derselben Richtung hin durch die Klinke K
gesperrten Rades S hinweg. Bei einer darauf folgenden Drehung des
Hebels H in der Richtung des Pfeils fällt jedoch seine Klinke
K1 in das Sperrrad ein u. nimmt dasselbe mit herum. Derartige
laufende S. haben eine außerordentlich große
Verbreitung, ganz besonders als Vorrichtungen zum Vorrücken
des Werkzeugs gegen das Arbeitsstück oder umgekehrt, ferner
bei Zählwerken, Hubzählern, Rechenstiften, als
Aufziehvorrichtung, bei Musikwerken, als Hebewerkzeug bei
Wagenwinden etc.

Als ein ruhendes S. zeigt sich das sogen. Einzahnrad (Fig. 2).
Hierbei ist S ein Sperrrad, welches zur Sperrung mit
kreisförmigen Ausschnitten k versehen ist, während
zwischen je zwei derselben eine Zahnlücke l zur Fortbewegung
angebracht ist. In die Ausschnitte k legt sich eine genau
hineinpassende Scheibe E, die im allgemeinen am Rand glatt
bearbeitet ist und nur an einer Stelle einen Zahn mit zwei
benachbarten Lücken hat (daher der Name Einzahnrad). Das
Sperrrad wird so lange an jeder Bewegung nach rechts oder links
verhindert werden, als sich der kreisförmige Teil von E in
einem der Ausschnitte k befindet. Sobald man jedoch die Scheibe E
so dreht, daß der Zahn z mit der benachbarten (linken oder
rechten) Lücke des Rades S in Eingriff kommt, so bewegt sich S
nach rechts oder links um einen Ausschnitt herum, wird jedoch im
nächsten Augenblick durch die in den Ausschnitt eintretende
Peripherie von E wieder festgehalten. Dieses Einzahnrad findet
unter anderm Verwendung an den Federgehäusen der Federuhren
als Schutzvorrichtung gegen das übermäßige
Aufziehen, wobei zwischen zwei der Lücken l die Radperipherie
voll kreisförmig stehen gelassen ist, so daß das Rad
nach rechts und links immer nur bis zu dieser Stelle gedreht werden
kann. In etwas abgeänderter Form erscheint das Einzahnrad als
sogen. Johanniterkreuz. Hierbei wird der Zahn z durch einen zur
Ebene des Rades E senkrecht stehenden Stift ersetzt, welcher in
entsprechende Schlitze des Rades S greift.

[Fig. 2. Ruhendes Sperrgetriebe.]

Sind vier solche Schlitze vorhanden, so erhält Rad S das
Aussehen eines Johanniterkreuzes. Statt des einen Zahns z
können auch mehrere nebeneinander liegende Zähne
angebracht sein, für welche dann im Rad S eine entsprechende
Anzahl nebeneinander liegender Lücken l vorhanden sein
muß. Auf dem Prinzip des Einzahnrades beruhen die sogen.
französischen Schlösser, nur wird hier zur Sperrung nicht
die ungezahnte Peripherie von E, sondern ein besonderer Sperrzahn
(die sogen. Zuhaltung) benutzt, welcher jedesmal von dem den Zahn z
ersetzenden Schlüssel erst ausgehoben sein muß, bevor
die Bewegung von S (welches bei Schlössern in der Regel durch
einen geradlinig geführten Riegel ersetzt ist) erfolgen
kann.

Sperrgut, s. Maßgüter und Gut, S. 946.

Sperrsystem, das staatswirtschaftliche System, welches
durch Verbote, hohe Zölle etc. das Inland gegen fremde
Länder absperrt.

Sperrventil, in der Orgel eine Klappe im Hauptkanal,
welche den Zugang des Windes zum Windkasten völlig absperrt
und durch einen besondern Registergriff regiert wird.

Sperrvögel (Hiantes Brehm), Ordnung der Vögel:
Schwalben, Segler, Nachtschwalben, Schwalme.

Sperrzeug, s. Jagdzeug.

Spervogel, Dichter des 12. Jahrh., wahrscheinlich
bürgerlichen Standes und aus Oberdeutschland gebürtig.
Die Handschriften unterscheiden einen ältern und einen
jüngern S., ohne jedoch ihre Gedichte zu trennen. Letztere
bestehen in Liedern (Weihnachts- und Osterlieder), lehrhaften
Sprüchen, Fabeln etc. (hrsg. von Gradl, Prag 1869). Vgl.
Henrici, Zur Geschichte der mittelhochdeutschen Lyrik (Berl.
1876).

Spes, bei den Römern Personifikation der "Hoffnung",
besonders auf Ernte- und Kindersegen; ward dargestellt als ein
schlankes Mädchen, auf den Zehen leicht hinschwebend, in der
Rechten eine Blume, im Typus den altertümlichen Bildern der
voll gekleideten Aphrodite gleichend, zur Seite die Krähe, das
Symbol der langen Dauer. Eine inschriftlich gesicherte Statue der
S. besitzt die Villa Ludovisi in Rom.

Spesen (ital.), Auslagen, Unkosten; im engern Sinn
allerlei Nebenkosten, wie diejenigen an Abgaben, Sensarie,
Provision, Verpackung etc. Im weitern Sinn überhaupt alle
Ausgaben, welche einem Handelsgeschäft erwachsen, wie
Handlungsspesen (Ausgaben an Lohn, Miete etc.), Reisespesen; so
insbesondere auch die Auslagen und Gebühren, welche für
die Besorgung fremder Geschäfte berechnet werden, wie
namentlich die S. des Spediteurs (s. Spedition), dessen
darüber ausgestellte spezifizierte Rechnung Spesennota genannt
wird, und die sogen. Inkassospesen, welche für das
Einkassieren einer fremden Forderung in Ansatz kommen. Von
Spesennachnahme spricht man, wenn Spesen des Spediteurs nach
Herkommen oder Verabredung vom Frachtführer, der den
Weitertransport besorgt, erhoben und von diesem dann bei
Ablieferung des Gutes eingezogen werden.

Spessart (Speßhart, im Nibelungenlied Spechteshart,
"Spechtswald"), Waldgebirge im westlichen Deutschland, liegt
innerhalb des Bogens, welchen der Main von der Mündung der
Fränkischen Saale und der Sinn bei Gemünden bis zur
Mündung der Kinzig bei Hanau macht, und wird im N. durch die
Kinzig vom Vogelsberg und im NO. durch die Sinn von der Rhön
geschieden. Seine äußersten Verzweigungen erstrecken
sich bis gegen Salmünster, Schlüchtern und Brückenau
hin. Er gehört größtenteils zum bayrischen
Regierungsbezirk Unterfranken, zum Teil auch

129

Spessartin - Spezia.

zum preußischen Regierungsbezirk Kassel und erscheint als
waldiges Massengebirge mit abgerundeten, wenig über die
Gesamthöhe sich erhebenden Kuppen. Der Hauptrücken zieht
sich von Süden, Miltenberg gegenüber, 75 km lang nach N.
bis zur Quelle der Aschaff in der Gegend von Schlüchtern und
steigt zu einer Höhe von 450-600 m an. Hier sind der
Engelsberg bei Großheubach (mit Kapuzinerkloster) und der 615
m hohe Geiersberg, die höchste Erhebung des ganzen Gebirges,
nördlich vom Rohrbrunner Paß, durch welchen die
Straße von Aschaffenburg nach Würzburg führt,
während die Eisenbahn das Gebirge weiter nördlich von
Aschaffenburg ostwärts nach Gemünden durchschneidet. Die
Hauptmasse des Spessarts besteht aus Granit, Gneis und
Glimmerschiefer mit aufgelagertem roten und gefleckten Sandstein.
An den untern Abhängen bebaut, ist der S. auf den Höhen
mit prachtvollem Eichen- und Buchenwald bedeckt. Der
äußere Saum längs des Mains, namentlich im W., wird
als Vorspessart, das innere, aus dicht zusammenschließenden
Bergen bestehende Waldgebirge, welches keine breite Bergebene
aufweist, als Hochspessart, die plateauartige Absenkung gegen die
Kinzig und Kahl hin, welche auch das sogen. Orber Reisig (s. d.),
mehrere mit Eichengebüsch bedeckte Anhöhen, bis zur Stadt
Orb umfaßt, als Hinterspessart bezeichnet. Die Bewohner
beschäftigen sich viel mit Verarbeitung des Holzes, namentlich
zu Faßdauben. Der Bergbau ist nicht bedeutend. Eine Saline
ist zu Orb in Betrieb; auch gibt es mehrere Glashütten. Auf
der Scheide der nach W. und O. dem S. entfließenden
Gewässer zieht sich vom Engelsberg über den Geiersberg
bis zum Orber Reisig der uralte Eselspfad (ähnlich dem
Rennstieg im Thüringer Wald). Unter den zahlreichen
Bächen des Spessarts sind die Sinn, Lohr, Hafenlohr, Elsawa,
Aschaff, Bieber und Kahl die ansehnlichsten. Erst neuerdings ist es
dem Spessartklub gelungen, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf die
Schönheiten dieses bisher wenig besuchten Gebirges
hinzulenken. Vgl. Behlen, Der S. (Leipz. 1823-27, 3 Bde.); Schober,
Führer durch den S. etc. (Aschaffenb. 1888); Herrlein, Sagen
des S. (2. Aufl., das. 1885): Welzbacher, Spezialkarte vom S.,
1:100,000 (5. Aufl., Frankf. 1885).

Spessartin, s. Granat.

Spetsä (Spezzia, Petsa, im Altertum Pityussa), eine
zum griech. Nomos Argolis und Korinth gehörige Insel,
östlich am Eingang des Golfs von Nauplia, 17 qkm (0,30 QM.)
groß, mit steinigem, wenig fruchtbarem Boden und (1879) 6899
Einw. Auf der Nordostküste liegt der gleichnamige Hauptort,
mit guter Reede, einer Marineschule und (1879) 6495 Einw.
Südlich von S. die unbewohnte Insel Spetsopulon (2 qkm), wo
die Venezianer 1263 über die Griechen siegten.

Speusippos, griech. Philosoph, Schwestersohn des Platon,
geboren zwischen 395 und 393 v. Chr., trat nach Platens Tod (347)
an dessen Stelle in der Akademie, zog sich aber nach acht Jahren
wieder zurück und machte seinem Leben freiwillig ein Ende
(jedenfalls vor 334). In seiner Lehre sich im ganzen eng an Platon
anschließend, soll er nur darin von ihm abgewichen sein,
daß er zwei Kriterien der Wahrheit, eins für das
Denkbare und eins für das sinnlich Wahrnehmbare, aufstellte.
Seine zahlreichen Schriften sind sämtlich verloren gegangen.
Vgl. Fischer, De Speusippi Atheniensis vita (Rastatt 1845);
Ravaisson, Speusippi placita (Par. 1838).

Spey (spr. speh), Fluß in Schottland, entspringt
auf dem Grampiangebirge in der Landschaft Badenoch, fließt
durch ein wildromantisches Thal und mündet bei Garmouth in die
Nordsee. Er ist 154 km lang, wird aber erst kurz vor seiner
Mündung schiffbar.

Speyer, Stadt, s. Speier.

Spezereien (ital. spezierie, franz. épiceries),
Gewürzwaren, würzige, wohlriechende Pflanzenstoffe.

Spezia, Kreishauptstadt in der ital. Provinz Genua, im
Hintergrund des tiefen Golfs von S., Station der Eisenbahn
Genua-Pisa, ist der seit 1861 im Bau begriffene große
Kriegshafen Italiens an herrlicher Bucht, welche die ganze
italienische Flotte aufnehmen kann, und deren Höhen nebst der
am Eingang liegenden Insel Palmaria mit starken Forts besetzt sind.
Der Hafen umfaßt 4 große Docks, 2 innere Hafenbassins,
Schiffswerften und ein Arsenal. Auch befinden sich hier eine
große Eisengießerei, Kabelfabrik,
Maschinenbauwerkstätte, Bleiweiß-, Leder- und
Segeltuchfabriken u. a. Der Handelshafen ist gleichfalls
vortrefflich (1887 liefen 2585 Schiffe von 362,627 Ton. ein) und
bedarf zu seiner Belebung nur der Vollendung der in Angriff
genommenen Eisenbahn über die Apenninen nach Parma. Die Stadt
hat (1881) 19,864 Einw. Sie ist Sitz eines
Marinedepartementkommandos, eines Hafenkapitanats, mehrerer
Konsulate (darunter auch eines deutschen) und hat eine Schule
für Nautik und Schiffbau, ein Lyceum und Gymnasium und eine
technische Schule. Wegen seines milden Klimas, seiner Seebäder
und seiner herrlichen Umgebung ist S. von Fremden (auch im Winter)
viel besucht. Am Hafen befinden sich schöne Promenaden. Hier
(im Fort Varignano) wurde Garibaldi 1862 nach seiner Verwundung am
Aspromonte und 1867 nach der verunglückten Unternehmung wider
Rom eine Zeitlang gefangen gehalten. Die Umgegend liefert
treffliches Olivenöl; westlich von S., bei Vernazzo,
wächst der berühmte Wein Cinque-Terre. Östlich von
S. liegen die Ruinen der alten Stadt Luna, nach welcher der Golf im
Altertum Portus Lunae hieß.

[Situationsplan von Spezia.]

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

130

Spezial - Spezifisches Gewicht.

Spezial (lat.), das Einzelne, Besondere betreffend, meist
in Zusammensetzungen gebraucht, z. B. Spezialkarte (im Gegensatz zu
General-); als Hauptwort s. v. w. Vertrauter, Busenfreund, auch
Spezereihändler. Spezialien, Einzelheiten, besondere
Umstände.

Spezialakten, s. Generalien.

Spezialetat, s. Etat.

Spezialhandel, s. Handelsstatistik, S. 99.

Spezialinquisition, s. Strafprozeß.

Spezialisation (lat.), in der Morphologie die Ausbildung
der Organe für einen besondern, beschränktern
Wirkungskreis, um die dafür passende Arbeit in höherer
Vollkommenheit zu liefern. Im Gegensatz hierzu steht eine
allgemeinere, noch den verschiedensten Zwecken dienstbare,
ursprüngliche Organisation. Die S. prägt sich am meisten
in den Sinnesorganen, dem Gebiß und in der Bildung der
Endgliedmaßen aus. So sind die fünfgliederigen
Füße der Vierfüßer, solange Finger und Zehen
frei sind, in der Regel zu den verschiedensten Thätigkeiten
als Greif-, Schreit-, Kletterfüße etc. brauchbar; sind
dagegen die Zehen durch Flug- oder Schwimmhaut (z. B. bei
Fledermäusen und Robben) verbunden oder vermindert sich die
Zehenzahl (bei den Huftieren) auf zwei oder ein Glied, so haben wir
spezialisierte Organe, die nur noch als Flug-, Schwimm- und
Lauffüße brauchbar sind, aber diese Arbeit dafür in
höchster Vollkommenheit leisten. Vgl. Arbeitsteilung.

Spezialisieren (franz.), im einzelnen und besondern
anführen, bestimmen.

Spezialist (franz.), einer, der einem besondern Fach der
Wissenschaft sich ausschließlich widmet, z. B. ein
Spezialarzt für Halsleiden etc.

Spezialität (lat.), Einzelheit, Besonderheit;
Spezialfach eines Wissens oder einer Thätigkeit. Im Pfandrecht
versteht man unter dem Prinzip der S. den Grundsatz, wonach nur an
bestimmten einzelnen Vermögensgegenständen und nicht an
dem ganzen Vermögen einer Person ein Pfandrecht bestellt
werden kann (s. Hypothek).

Spezialmandat (Spezialvollmacht), s. Mandat.

Spezialtarife, s. Eisenbahntarife.

Spezialwaffen (Spezialtruppen), ein nicht feststehender
Begriff, durch den meist die Waffen außer Infanterie und
Kavallerie bezeichnet werden.

Speziell (lat.), s. v. w. spezial (s. d.), besonders,
einzeln, im Gegensatz zu generell und universell.

Spezies (lat. species), Erscheinungsform, Gestalt, Bild,
Schein (z. B. sub specie, unter dem Schein; sub utraque specie,
unter beiderlei Gestalt); in der Naturwissenschaft s. v. w. Art; in
der Technik und Pharmazie Bezeichnung für Waren, Gewürze,
Spezereien, besonders Mischungen aus zerschnittenen vegetabilischen
Substanzen, wie Species aromaticae, aromatische Kräuter (s.
d.), S. ad decoctum lignorum, Holztrank (s. d.), S. laxantes
St.-Germain, St.-Germainthee (s. Sennesblätter), S.
pectorales, Brustthee (s. d.); in der Arithmetik (vier S.)
Bezeichnung der vier Grundrechnungsarten: Addition, Subtraktion,
Multiplikation u. Division; auch s. v. w. Speziesthaler.

Spezieskauf, Kauf genau bestimmter einzelner
Gegenstände; s. Gattungskauf.

Speziesthaler (Spezies, harter Thaler), in mehreren
Staaten, zuletzt noch in Österreich, ausgeprägte
Silbermünze. Der österreichische S. war bis zur
Münzkonvention von 1857 die Einheit der österreichischen
Münze, = 2 Konventionsgulden = 4,20 Mark; 10
österreichische S. = 1 kölnische Mark fein Silber. Der
dänische S. = 4,551 Mark. In Norwegen ist der S. derselbe wie
in Dänemark, er wird seit 1. Jan. 1874 zu 4 Kronen à 30
Skillinge oder à 100 Öre = 400 Öre gerechnet.

Spezifikation (lat.), Aufzählung von Einzelheiten,
die ein Ganzes bilden; in der Rechtssprache die Verfertigung einer
neuen Sache aus einem vorhandenen Stoff und zwar so, daß sich
der letztere nicht wiederherstellen läßt.

Spezifisch (lat.), in der Physik Bezeichnung einer
Eigenschaft, welche einem bestimmten Stoff seiner Natur nach
zukommt, eigen ist, z. B. spezifisches Gewicht, spezifische
Wärme, spezifisches Volumen.

Spezifische Arzneimittel (Specifica), besonders wirksame
Mittel, von denen man früher annahm, daß sie die als
Einheit gedachte Krankheit bekämpften und nur auf die
erkrankten Organe wirkten, während man jetzt weiß,
daß auch diese Arzneien auf alle Gewebe Einfluß
üben und nur einzelne derselben besonders stark betreffen. Als
s. A. gelten Quecksilber gegen Syphilis, Chinin gegen Wechselfieber
etc.

Spezifische Energie, s. Sinne, S. 993.

Spezifisches Gewicht (Dichte, Dichtigkeit) eines
Körpers ist die Zahl, welche angibt, wie vielmal der
Körper schwerer ist als ein gleiches Volumen Wasser von 4°
C. Man findet demnach das spezifische Gewicht eines Körpers,
wenn man sein absolutes Gewicht durch das Gewicht eines gleichen
Volumens Wasser dividiert. Bezeichnet man mit s das spezifische
Gewicht des Körpers, mit p sein absolutes Gewicht und mit v
das absolute Gewicht eines gleich großen Raumteils Wasser, so
ist s = p/v, folglich auch v = p/s und p = v s. Wenn, wie bei dem
metrischen Maßsystem, das Gewicht der Volumeinheit Wasser zur
Gewichtseinheit gewählt ist (1 g = dem Gewicht von 1 ccm
Wasser bei 4° C.), so drückt die Zahl v, welche das
Gewicht des gleichen Wasservolumens (in Grammen) angibt, zugleich
das Volumen des Körpers (in Kubikzentimetern) aus. Wir
können daher obige Beziehungen auch wie folgt aussprechen: man
findet das spezifische Gewicht eines Körpers, wenn man sein
absolutes Gewicht durch sein Volumen dividiert; man findet sein
Volumen, indem man das absolute durch das spezifische Gewicht
dividiert; das absolute Gewicht eines Körpers ergibt sich,
wenn man sein Volumen mit seinem spezifischen Gewicht
multipliziert. Das spezifische Gewicht eines Körpers kann
demnach auch bezeichnet werden als das Gewicht der Volumeneinheit.
Um das spezifische Gewicht eines Körpers zu bestimmen, braucht
man nur nebst seinem absoluten Gewicht noch sein Volumen oder, was
dasselbe ist, das Gewicht eines gleich großen Volumens Wasser
zu ermitteln. Bei Flüssigkeiten geschieht dies mit Hilfe des
Pyknometers (Tausendgranfläschchens, Dichtigkeitsmessers),
eines 8-20 ccm fassenden Glasfläschchens (Fig.1), dessen
eingeriebener Stöpsel aus einem Stück
Thermometerröhre verfertigt ist, damit bei etwaniger
Erwärmung ein Teil der Flüssigkeit durch die feine
Öffnung austreten könne, ohne den Stöpsel zu heben
oder das Gefäß zu gefährden. Wägt man das
tarierte Fläschchen zuerst mit der Flüssigkeit, deren s.
G. bestimmt werden soll, sodann mit Wasser gefüllt, so
erfährt man das spezifische Gewicht durch Division des ersten
Gewichts durch das zweite. Auch zur Bestimmung des spezifischen
Gewichts fester Körper kann das Pyknometer gebraucht werden.
Man wägt zuerst das Fläschchen mit Wasser gefüllt,
legt den in

131

Spezifisches Gewicht.

Stückchen von Schrotgröße zerkleinerten
Körper auf die nämliche Wagschale und bestimmt sein
absolutes Gewicht. Wirft man nun die Stückchen in das
Fläschchen, so muß notwendig so viel Wasser
ausfließen, als von den hineingeworfenen Stückchen
verdrängt wird, und man erfährt nun durch eine abermalige
Wägung, wieviel ein dem Volumen der Körperstückchen
gleiches Volumen Wasser wiegt. Eine andre gleichfalls
vorzügliche Methode der Bestimmung des spezifischen Gewichts
gründet sich auf das sogen. Archimedische Prinzip, wonach
jeder in eine Flüssigkeit getauchte Körper so viel von
seinem Gewicht verliert, wie die verdrängte
Flüssigkeitsmenge wiegt. Man bedient sich hierzu der sogen.
hydrostatischen Wage (s. Hydrostatik, S.842), deren eine Wagschale
kürzer aufgehängt und unten mit einem Häkchen
versehen ist, woran man mittels eines möglichst dünnen
Drahts den zu untersuchenden Körper aufhängt, um ihn
zuerst wie gewöhnlich in der Luft und dann, nachdem er in ein
untergestelltes Gefäß mit Wasser eingetaucht ist,
nochmals im Wasser zu wägen. Die Gewichte, welche man im
letztern Fall von der ersten Wagschale wegnehmen oder auf die
kürzer aufgehängte Wagschale zulegen muß, um das
gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen, geben das Gewicht
der verdrängten Wassermenge an, mit welchem man nur in das
absolute Gewicht des Körpers zu dividieren braucht, um sein s.
G. zu erfahren. Ist der Körper in Wasser löslich, so
taucht man ihn in eine andre Flüssigkeit, in welcher er sich
nicht löst, und bestimmt seinen Gewichtsverlust; ist das
spezifische Gewicht derselben bekannt, so findet man durch eine
einfache Rechnung den Gewichtsverlust, welchen er im Wasser
erlitten haben würde. Einen Körper, welcher spezifisch
leichter ist als Wasser und daher in demselben nicht untertaucht,
verbindet man mit einem schwerern Körper, dessen
Gewichtsverlust bereits bestimmt ist. Auch das spezifische Gewicht
von Flüssigkeiten läßt sich mittels der
hydrostatischen Wage leicht finden. Man bringt nämlich einen
unter der kürzern Wagschale aufgehängten beliebigen
Körper, z. B. ein Glasstück, in der Luft durch eine auf
die andre Wagschale gelegte Tara ins Gleichgewicht und bestimmt nun
seinen Gewichtsverlust zuerst in der zu untersuchenden
Flüssigkeit und dann in Wasser; jener Verlust, durch diesen
dividiert, gibt das gesuchte spezifische Gewicht. Der
Gewichtsverlust, welchen ein und derselbe Körper in
verschiedenen Flüssigkeiten erleidet, ist dem spezifischen
Gewicht offenbar proportional. Auf diesen Satz gründet sich
die Mohrsche Wage (Fig. 2), welche das spezifische Gewicht von
Flüssigkeiten sehr rasch und bequem zu bestimmen erlaubt. An
dem einen Arm des Wagebalkens hängt mittels eines feinen
Platindrahts das Senkgläschen A, ein zugeschmolzenes, zum Teil
mit Quecksilber gefülltes oder ein kleines Thermometer
enthaltendes Glasröhrchen, welches durch die Wagschale B
gerade im Gleichgewicht gehalten wird. Die Gewichte bestehen aus
hakenförmig gebogenen Messingdrähten P, von denen zwei
jedes genau so viel wiegen, wie der Gewichtsverlust des
Senkgläschens im Wasser ausmacht, während ein drittes
1/10 P, ein viertes 1/100 P wiegt. Der Wagebalken, an welchem das
Senkgläschen hängt, ist in 10 gleiche Teile geteilt. Will
man nun das spezifische Gewicht einer Flüssigkeit bestimmen,
so bringt man dieselbe in das Standgefäß CC und taucht
das Senkgläschen in sie ein. Ist die Flüssigkeit z. B.
konzentrierte Schwefelsäure, so muß man, um das
Gleichgewicht herzustellen, das eine Gewicht P an das Ende h des
Wagebalkens, das andre Gewicht P bei 8, das Gewicht 1/10 P bei 4
und das Gewicht 1/100 P wieder bei 8 anhängen und hat hiermit
das spezifische Gewicht der Schwefelsäure = 1,848 gefunden.
Über die Bestimmung des spezifischen Gewichts durch
Aräometer, welche sich ebenfalls auf das Archimedische Prinzip
gründen, s. d. In einer zweischenkeligen Röhre
(kommunizierende Röhren) b e d (Fig.3) halten sich zwei
Flüssigkeiten das Gleichgewicht, wenn ihre von der
Trennungsschicht a c aus gerechneten Höhen a b und c d sich
umgekehrt verhalten wie ihre spezifischen Gewichte; alsdann
üben sie nämlich auf die im gleichen Niveau gelegenen
Querschnitte a und c, unterhalb welcher die Flüssigkeitsmenge
a e c für sich schon im Gleichgewicht ist, gleichen Druck aus.
Befindet sich z. B. in dem einen Schenkel und in der Biegung
Quecksilber, im andern Schenkel Wasser, so ist im Fall des
Gleichgewichts die Höhe c d der Quecksilbersäule 13,6mal
geringer als diejenige der Wassersäule a b, woraus sich die
Zahl 13,6 als s. G. des Quecksilbers ergibt. Darauf gründet
sich Musschenbroeks Aräometer (Hygroklimax), welches in der
Form, die Ham ihm gegeben hat, in Fig. 4 dargestellt ist. Zwei
Glasröhren sind oben durch eine Metallröhre, an die ein
mit einem Hahn verschließbares, nach oben gerichtetes
Röhrchen angesetzt ist, verbunden und tauchen mit ihren
offenen Enden in zwei Gläser, deren eins Wasser, das andre die
zu untersuchende Flüssigkeit enthält. Verdünnt man
durch Saugen an dem Röhrchen die innere Luft und
schließt den Hahn, so werden die Flüssigkeiten durch den
äußern Luftdruck in die Röhren gehoben, und man
kann ihre Höhen, nachdem mittels Schrauben die
Flüssigkeitsoberflächen in den Gläsern auf das
gleiche Niveau gebracht sind, an der Skala ablesen; die Höhe
der Wassersäule, durch die Höhe der andern
Flüssigkeit-

[Fig. 2. Mohrsche Wage.]

[Fig. 3. Kommunizierende Röhren.]

[Fig. 4. Musschenbroeks Aräometer.]

132

Spezifisches Gewicht - Spezifische Wärme.

säule dividiert, gibt das spezifische Gewicht der letztern.
Über die Bestimmung des spezifischen Gewichts
pulverförmiger Körper s. Stereometer.

Um das spezifische Gewicht eines Gases zu bestimmen, wird ein
Glasballon von 8-10 Lit. Inhalt, dessen Hals mittels einer
Messingfassung, die durch einen Hahn verschließbar ist, auf
die Luftpumpe geschraubt werden kann, möglichst luftleer
gepumpt und nun gewogen. Alsdann füllt man ihn bei 0° mit
dem trocknen Gas und wägt ihn nochmals. Der Unterschied der
beiden Gewichte ist das Gewicht des Gases bei 0° und dem gerade
herrschenden Barometerstand und braucht nur durch das zuvor genau
ermittelte Volumen des Ballons dividiert zu werden, um das
spezifische Gewicht des Gases für diesen Druck zu liefern. Mit
Hilfe des Mariotteschen Gesetzes kann daraus leicht das spezifische
Gewicht bei dem Normalbarometerstand von 760 mm gefunden werden.
Überhaupt müssen bei der Bestimmung des spezifischen
Gewichts der Gase Temperatur, Druck und andre Umstände
sorgfältige Berücksichtigung finden. Um die Korrektion
wegen des Gewichtsverlustes, welchen der Ballon durch die umgebende
atmosphärische Luft erleidet, zu umgehen, hing Regnault an den
andern Wagebalken einen ganz gleichen Glasballon, dessen
äußeres Volumen dem des ersten vollkommen gleich gemacht
war. Da die spezifischen Gewichte der Gase, auf Wasser bezogen,
durch sehr kleine Zahlen ausgedrückt sind, so nimmt man
für sie gewöhnlich die Luft als Einheit. Ein sehr
sinnreiches Verfahren zur Bestimmung der spezifischen Gewichte der
Gase wurde von Bunsen auf den Satz gegründet, daß die
Ausströmungsgeschwindigkeit der Gase den Quadratwurzeln aus
ihren spezifischen Gewichten umgekehrt proportional sind, oder, was
dasselbe ist, daß ihre spezifischen Gewichte sich verhalten
wie die Quadrate der Ausströmungszeiten gleicher Volumina. Das
Gas befindet sich in der Glasröhre A A (Fig. 5), die sich oben
in ein Röhrchen B verengert, in welches bei v ein dünnes
Platinplättchen mit einer feinen Öffnung eingeschmolzen
ist, aus der nach Wegnahme des Stöpsels s das Gas
ausströmt. Die Röhre A A wird, während der
Stöpsel aufgesetzt ist, so tief in das Quecksilber des
Standgefäßes C C hinabgedrückt, daß die
Spitze r des gläsernen Schwimmers D D genau im Niveau des
Quecksilbers erscheint. Wird nun der Stöpsel weggenommen, so
beginnt das Gas auszuströmen, und man braucht nun nur die Zeit
zu beobachten, welche von der Wegnahme des Stöpsels an
vergeht, bis die am Schwimmer angebrachte Marke t das
Quecksilberniveau erreicht hat. Hat man z. B. auf diese Weise
gefunden, daß gleiche Raumteile von atmosphärischer Luft
und von Knallgas bez. 117,6 und 75,6 Sekunden zum Ausströmen
gebrauchen, so ist das spezifische Gewicht des Knallgases, auf Luft
bezogen, = 75,6² : 117,6² = 0,413.

Über die Bestimmung des spezifischen Gewichts der
Dämpfe s. Dampfdichte.

[Fig. 5. Bunsens Apparat zur Bestimmung des spezifischen
Gewichts der Gase.]

Spezifische Wärme (Wärmekapazität), die
Wärmemenge, welche 1 kg eines Körpers bedarf, um sich um
1° C. zu erwärmen. Gleiche Massen verschiedener Stoffe
erfordern für die gleiche Temperaturerhöhung einen sehr
ungleichen Aufwand von Wärme. Will man z. B. 1 kg Wasser und 1
kg Quecksilber von 0° auf 100° erwärmen, so bemerkt
man leicht, daß bei gleicher Wärmezufuhr das Quecksilber
viel rascher die gewünschte Temperatur erreicht als das
Wasser. Ja sogar, wenn man von beiden Flüssigkeiten je 1 Lit.
nimmt, also dem Gewicht nach 13,6mal soviel Quecksilber als Wasser,
wird man bei jenem mit einer Heizflamme das Ziel schneller
erreichen als bei diesem mit zwei ebensolchen Flammen. Erkaltet ein
warmer Körper wieder auf seine ursprüngliche Temperatur,
so gibt er die Wärmemenge, welche er vorher zu seiner
Erwärmung verbraucht hatte, an seine Umgebung wieder ab; man
wird daher, indem man diese Wärmeabgabe beobachtet, zugleich
den zur Erwärmung nötigen Wärmebedarf kennen lernen;
alle Verfahrungsarten zur Ermittelung der "spezifischen Wärme"
der Körper beruhen in der That aus der Bestimmung der beim
Erkalten abgegebenen Wärmemenge. Erwärmen wir drei gleich
schwere Kugeln von Kupfer, Zinn und Blei in siedendem Wasser auf
100° u. bringen sie rasch auf eine Wachsscheibe, so fällt
die Kupferkugel sehr bald durch das Loch, das sie aufgeschmolzen
hat, die Zinnkugel dringt tief in die Scheibe ein, während die
Bleikugel nur ganz wenig einsinkt. Es ist hierdurch
augenfällig, daß das Kupfer die größte
Wärmemenge abgegeben hat und demnach unter diesen Metallen die
größte s. W. besitzt, das Zinn eine mittlere, das Blei
die kleinste. Genaueres über das Verhältnis der
spezifischen Wärmen dieser Körper erfahren wir jedoch
durch diesen Versuch nicht; hierzu wäre es notwendig, die
abgegebenen Wärmemengen wirklich zu messen, d. h. in
"Wärmeeinheiten "auszudrücken. Als Einheit der
Wärmemenge oder Wärmeeinheit hat man diejenige
Wärmemenge festgesetzt, welche erforderlich ist, um 1 kg
Wasser um 1° C. zu erwärmen, oder, was dasselbe ist, man
hat die s. W. des Wasser = 1 angenommen. Vorrichtungen zur Messung
von Wärmemengen nennt man Kalorimeter. Um die s. W. eines
Körpers nach dem Schmelzverfahren zu bestimmen, kann das
Eiskalorimeter von Lavoisier und Laplace (Fig. 1) dienen. Dasselbe
besteht aus drei sich der Reihe nach umhüllenden
Blechgefäßen, von denen das innerste c siebartig
durchlöchert ist oder auch nur aus einem Drahtkorb besteht.
Der Zwischenraum a a zwischen dem äußersten und mittlern
Gefäß sowie der hohle Deckel des letztern

[Fig. 1 Eiskalorimeter von Lavoisier und Laplace.]

133

Spezifische Wärme.

werden mit Eisstücken gefüllt, die dazu dienen, die
Wärme der äußern Umgebung von dem Raum b b zwischen
dem mittlern und innersten Gefäß, der ebenfalls mit
Eisstücken gefüllt ist, abzuhalten; das in dem Raum a a
durch die äußere Wärme erzeugte Schmelzwasser
fließt durch den Hahn d ab. Bringt man nun einen Körper
von bekanntem Gewicht und bekannter Temperatur (z. B. eine in den
Dämpfen siedenden Wassers auf 100° erhitzte eiserne Kugel)
in das innerste Gefäß, so wird derselbe, indem er von
dieser Temperatur auf 0° erkaltet, eine gewisse Menge Eis
schmelzen, welche man durch Wägung des durch den Hahn e
abgelaufenen Schmelzwassers ermittelt. Da man nun weiß,
daß zur Schmelzung von 1 kg Eis 80 Wärmeeinheiten
erfordert werden (s. Schmelzen), so kann man leicht die
Wärmemenge berechnen, welche jener Körper bei seinem
Erkalten abgegeben hat, und erfährt sonach auch die
Wärmemenge, welche derselbe für 1 kg und für 1°
C. enthielt, d. h. seine s. W. Das weit genauere Eiskalorimeter von
Bunsen gründet sich auf die Thatsache, daß beim
Schmelzen des Eises eine Zusammenziehung stattfindet, indem das
entstandene Schmelzwasser einen kleinern Raum einnimmt als das Eis
(s. Ausdehnung). In das weitere Glasgefäß W (Fig. 2),
welches sich unten in das umgebogene und wieder aufsteigende
Glasrohr Q Q fortsetzt, ist das Probierröhrchen w
eingeschmolzen; das Gefäß W wird mit luftfreiem Wasser
gefüllt, welches durch das im untern Teil von W und in der
Röhre befindliche Quecksilber Q Q abgesperrt ist. Indem man
tief erkalteten Weingeist durch das Proberöhrchen strömen
läßt, umkleidet sich dasselbe mit einer Eishülle E.
Wirft man nun einen auf bekannte Temperatur erwärmten
Körper in das Proberöhrchen, welches etwas Wasser von
0° enthält, so wird etwas Eis geschmolzen, infolge der
eintretenden Raumverminderung tritt mehr Quecksilber in das
Gefäß W, und in dem engen Glasröhrchen q, welches
mittels eines Korks in das Rohr Q eingesetzt ist, zieht sich der
Quecksilberfaden zurück; aus der Größe seiner
Verschiebung ergibt sich die Menge des entstandenen Schmelzwassers
und demnach auch die von dem Körper an das Eis abgegebene
Wärmemenge.

Vermischt man 1 kg Wasser von 10° mit 1 kg Wasser von
50°, so zeigt die Mischung, wenn alle Wärmeverluste
vermieden wurden, die mittlere Temperatur von 30°. Das eine
Kilogramm Wasser gab nämlich, indem es von 50° auf 30°
erkaltete, die 20 Wärmeeinheiten ab, welche notwendig waren,
um das andre Kilogramm Wasser von 10° auf 30° zu
erwärmen. Mischt man dagegen 1 kg Wasser von 10° mit 1 kg
Terpentinöl von 60°, so zeigt das Gemisch nur etwa
24°. Um die 14 Wärmeeinheiten zu liefern, welche zur
Erwärmung des einen Kilogramms Wasser von 10° auf 24°
erforderlich waren, mußte also das Kilogramm Terpentinöl
um 36° erkalten; umgekehrt werden diese 14 Wärmeeinheiten
auch wieder hinreichen, um 1 kg Terpentinöl um 36° zu
erwärmen. Zur Erwärmung von 1 kg Terpentinöl um
1° sind daher 14/36 oder 0,4 Wärmeeinheiten erforderlich,
oder 0,4 ist die s. W. des Terpentinöls. Um dieses
Mischungsverfahren mit der erforderlichen Genauigkeit
auszuführen, bediente sich Regnault der in Fig. 3 gebildeten
Vorrichtung. Der obere Teil wird von drei einander umhüllenden
Blechcylindern gebildet, deren innerster A oben durch einen Kork,
in welchem ein Thermometer steckt, unten durch einen leicht
abnehmbaren Blechdeckel verschlossen ist. In der Mitte von A
hängt an einem durch den Kork gehenden Faden ein
ringförmiges Drahtkörbchen, welches den zu untersuchenden
Körper, entweder in Stücken oder in dünnwandige
Glasröhrchen eingeschmolzen, aufnimmt und in seiner innern
Höhlung das Gefäß des Thermometers
einschließt. In den Raum B wird aus einem seitlich
aufgestellten Dampfkessel durch die Röhre a Wasserdampf
eingeleitet, welcher den Körper auf 100° erwärmt und
durch die Röhre c wieder abströmt. Ist diese Temperatur
erreicht, so wird nach Wegnahme des untern Deckels das
Drahtkörbchen in das mit einer gewogenen Wassermenge
gefüllte Wasserkalorimeter D herabgelassen und die
Mischungstemperatur beobachtet, woraus sich die von dem Körper
an das Wasser abgegebene Wärmemenge und sonach auch seine s.
W. leicht ableiten läßt. Durch einen mit kaltem Wasser d
d angefüllten Blechmantel ist das Kalorimeter D vor
Erwärmung von dem Dampfkessel oder dem Dampfraum B B her
geschützt.

Ein drittes Verfahren zur Bestimmung der spezifischen
Wärme, das besonders von Dulong und Petit angewendete
Abkühlungsverfahren, gründet sich auf den Satz, daß
ein erwärmter Körper im luftleeren Raum, wo er nur durch
Wärmestrahlung sich abkühlen kann, unter sonst gleichen
äußern Umständen um so langsamer erkaltet, eine je
größere Wärmemenge er enthält; bei gleicher
Temperaturerniedrigung verhalten sich hiernach die von
verschie-

[Fig 2. Eiskalorimeter von Bunsen.]

[Fig. 3. Wasserkalorimeter von Regnault.]

134

Spezifizieren - Sphaerococcus.

denen Körpern abgegebenen Wärmemengen wie die
Abkühlungszeiten.

Die spezifischen Wärmen der Körper nehmen mit
höherer Temperatur zu, indem sie sich einem festen Endwert
nähern; zwischen 0° und 100° ist indessen die
Änderung so gering, daß man die s. W. innerhalb dieser
Grenzen als unveränderlich betrachten kann.

Die spezifischen Wärmen einiger Grundstoffe sind:

Aluminium 0,214

Schwefel 0,203

Eisen 0,114

Kupfer 0,095

Zink 0,095

Silber 0,057

Zinn 0,056

Jod 0,054

Antimon 0,051

Quecksilber 0,033

Platin 0,032

Blei 0,031

und diejenigen einiger Flüssigkeiten:

Alkohol 0,566

Glycerin 0,555

Benzin 0,392

Chloroform 0,233

Die s. W. des Eises ist 0,505.

Dulong und Petit entdeckten das wichtige Gesetz, daß die
spezifischen Wärmen der festen chemischen Elemente
(Grundstoffe) sich umgekehrt verhalten wie ihre Atomgewichte, so
daß das Produkt aus Atomgewicht und spezifischer Wärme
für alle diese Körper unveränderlich das
nämliche und zwar nahezu gleich 6 ist. Das Dulong-Petitsche
Gesetz läßt sich sonach auch folgendermaßen
aussprechen: die durch die Atomgewichte ausgedrückten Mengen
der festen Elemente bedürfen zu gleicher
Temperaturerhöhung gleich großer Wärmemengen, oder:
die Atomwärmen der Grundstoffe sind gleich. Neumann wies
ferner nach, daß auch die spezifischen Wärmen chemischer
Verbindungen von ähnlicher Zusammensetzung im umgekehrten
Verhältnis der Atomgewichte stehen, und Kopp stellte den Satz
auf, daß die Molekularwärme einer chemischen Verbindung
gleich der Summe der Atomwärmen ihrer Elemente sei (vgl.
Wärme).

Die luftförmigen Körper bedürfen zur
Erwärmung gleicher Raumteile auch gleicher Wärmemengen;
und da nach dem Gesetz von Avogadro alle Gase bei gleichem Druck
und gleicher Temperatur in gleichen Raumteilen gleich viele
Moleküle enthalten, so folgt, daß alle Gase gleiche
Molekularwärme haben. Eine gegebene Gewichtsmenge eines Gases
verbraucht bei gleicher Temperaturerhöhung eine
größere Wärmemenge, wenn sie bei gleichbleibendem
Druck sich ausdehnt, als wenn sie unter Steigerung des Drucks ihren
Rauminhalt unverändert beibehält, d. h. die s. W. bei
konstantem (unverändertem) Druck ist größer als
diejenige bei konstantem Volumen; für atmosphärische Luft
beträgt jene 0,2377, diese 0,1686. Für alle Gase ist das
Verhältnis der spezifischen Wärme bei konstantem Druck zu
derjenigen bei konstantem Volumen das gleiche, nämlich = 1,41
(vgl. Wärme).

Spezifizieren (lat.), im einzelnen angeben.

Speziös (lat.), in die Augen fallend, von
schöner Erscheinung; auch s. v. w. durch den Schein
täuschend, scheinbar.

Spezzia, Insel, s. Spetsä.

Sphacelarieen, Familie der Algen aus der Ordnung der
Fukoideen; s. Algen (11), S. 345.

Sphacelia, s. Mutterkorn.

Sphacelus, feuchter Brand, s. Brand, S. 313.

Sphagnaceen, Ordnung der Moose (s. d., S. 791).

Sphagnum Ehrh. (Torfmoos), Moosgattung aus der Ordnung
der Sphagnaceen, charakterisiert durch aufrechte, cylindrische,
beblätterte Stengel mit zweierlei Zweigen: gerade abwärts
gerichteten, dem Stengel dicht anliegenden und schief abstehenden
oder aufrechten, an der Spitze des Stengels schopfartig
gehäuften. Die weiblichen Blüten stehen endständig
auf aufrechten Zweigen, die männlichen
kätzchenförmig an den Spitzen schiefer Zweige. Mit den
auch sonst ähnlichen Laubmoosen stimmt die Gattung in der mit
einem Deckel aufgehenden Büchse überein, unterscheidet
sich aber durch den Mangel der Borste und durch die an der Spitze
zerreißende, daher die Büchse anfangs scheidenartig
umgebende Haube. Die Blätter bestehen aus großen,
leeren, lufthaltigen, mit Verdickungsfasern versehenen, durch weite
Poren nach außen geöffneten Zellen, zwischen denen sehr
enge, chlorophyllhaltige Zellen liegen, daher diese Moose von
bleicher Farbe sind und vermittelst der porösen Zellen, wie
ein Schwamm, Wasser einsaugen. Es sind ansehnliche,
weißliche, bräunliche oder rötliche, in hohen,
elastisch schwammigen Polstern wachsende Moose, welche in einigen
20 Arten über die Erde verbreitet sind und zu den wichtigsten
Torfpflanzen gehören, indem sie von der Ebene bis in die
alpinen Gebirgshöhen, auf Torfsümpfen, in morastigen
Wäldern und auf feuchten Felsen gesellig in ausgedehnten
Beständen wachsen und wesentliche Erzeuger des Torfs sind. Sie
erhalten in Wäldern und Gebirgen die Feuchtigkeit des Bodens.
Die häufigsten der zwölf deutschen Arten sind das
kahnblätterige Torfmoos (S. cymbifolium Ehrh.), mit
kahnförmigen, an der Spitze kappenförmigen
Zweigblättern, und das spitzblätterige Torfmoos (S.
acutifolium Ehrh.), mit lang zugespitzten, an der Spitze gestutzten
und gezahnten, länglich-eiförmigen Blättern. Vgl.
Warnstorff, Die europäischen Torfmoose (Berl. 1881).

Sphakioten, Volksstamm, s. Kreta.

Sphakteria (jetzt Sphagia), griech. Insel im Ionischen
Meer, an der Westküste von Messenien (Bai von Pylos), 5 km
lang, schmal und felsig. Während des Peloponnesischen Kriegs
wurde S. 425 v. Chr. von 420 Spartanern besetzt, aber nach
72tägiger Verteidigung den Athenern unter Kleon
übergeben, wobei 292 Spartaner in deren Gewalt fielen.

Sphalerit, s. Zinkblende.

Sphäre (griech.), Kugel; in der Geometrie die
Kugeloberfläche (daher Sphärik, die Lehre von den Figuren
auf der Kugel); in der Astronomie s. v. w. Himmelskugel,
Weltkörper, dann Kreis, Kreisbahn (der Planeten); bildlich s.
v. w. Bereich, Geschäfts-, Wirkungskreis, Erkenntniskreis;
Lebensstellung.

Sphärenmusik, s. Harmonie der Sphären.

Sphärisch, auf der Kugel, eine Figur auf der
Oberfläche einer Kugel gelegen.

Sphärischer Exzeß, s. Kugel.

Sphärístik (griech.), Kunst des Ballspiels
(s. d.).

Sphaerococcus Grev. (Knopftang), Algengattung aus der
Familie der Florideen, mit meist dichotom verzweigtem, rundem oder
zusammengedrückt linealischem, knorpeligem oder heutigem
Thallus und eingesenkten, aber knopf- oder warzenförmig
hervorragenden Früchten (Cystokarpien), ist gegenwärtig
nach dem innern Bau der letztern in eine Anzahl Gattungen zerteilt
worden. Chondrus crispus Lyngb. (S. crispus Ag., gemeiner
Knorpeltang, Gallertmoos, Carragaheenmoos, irländisches
Perlmoos), 7-32 cm lang, 0,2-2,7 cm breit, zusammengedrückt
linealisch oder keilförmig, an den Spitzen wiederholt dichotom
geteilt und kraus, knorpelig, rot oder violett, wächst an
Steinen in den europäischen Meeren, wird vorzüglich an
den Küsten der nördlichen Länder gesammelt und
getrocknet als Carragaheen (s. d.) in den Handel gebracht. Aus
Gracilaria lichenoides Ag. (S. lichenoides Ag., Ceylonmoos), mit
7-11 cm langem, zwirnfadendickem, dichotom ästigem,
gallertigem Thallus, im Indischen Meer, auf Ceylon und Java,
bereiten die Japaner eins ihrer gewöhnlichsten
Nahrungsmittel

135

Sphäroid - Sphinx.

(Dschin-Dschen). Dasselbe gilt von den ähnlichen Arten:
Euchema spinosum Ag. (S. spinosus Ag.), E. gelatinae Ag. (S.
gelatinus Ag.) und E. speciosum Ag., in den Meeren Indiens und
Australiens, welche auch nach Europa (s. Agar-Agar) in den Handel
kommen. Auch Gracilaria lichenoides, im Indischen Meer und im
Stillen Ozean, wird gegessen.

Sphäroid (griech., "kugelähnlich"), bei den
alten Geometern der Körper, welcher durch Umdrehung einer
Ellipsenfläche um eine der beiden Achsen erzeugt wird. Ist a
die halbe Rotationsachse, b die andre Halbachse (vgl. Ellipse), so
ist das Volumen des Körpers = 3/4 a² b ^π (^π =
3,1416, vgl. Kreis), gleichgültig, ob a größer oder
kleiner als b ist. Schon Archimedes hat dies bewiesen.
Gegenwärtig nennt man den Körper (und ebenso die ihn
begrenzende Fläche) ein Rotationsellipsoid (vgl.
Ellipsoid).

Sphäroidaler Zustand, s. Leidenfrostscher
Tropfen.

Sphärolithe, die kugeligen Aggregate, welche in
vielen Gesteinen eine besondere kugelige oder sphärolithische
Struktur hervorrufen, und die man, je nachdem sie selbst
strukturlos sind oder eine radialfaserige Zusammensetzung erkennen
lassen, und je nach der Natur der gruppierten Elemente mit
verschiedenen Namen (Kumulite, Globosphärite,
Belonosphärite, Felsosphärite, Granosphärite)
belegt. Tafel "Mineralien und Gesteine" zeigt in Fig. 16 und 17
sphärolithische Struktur in körnigem und in glasigem
Gestein. Speziell nennt man S. die kugeligen, aber schon deutlich
kristallinischen Ausscheidungen in gewissen Perlsteinen (s. d.),
von den aus bloßer Glasmasse bestehenden kugeligen
Körnern der meisten Perlsteine zu unterscheiden. Gesteine,
welche fast nur aus solchen Sphärolithen zusammengesetzt sind
und beinahe gar keine glasige Zwischenmasse erkennen lassen,
heißen Sphärolithfels. Lokal und genetisch sind
dieselben mit den Pechsteinen oder den Perlsteinen eng
verknüpft.

Sphärolithischer Aphanit, s. Blatterstein.

Sphärologie (griech.), Kugellehre, Lehre von der
Kugelgestalt der Weltkörper.

Sphärometer (griech., "Kugelmesser"), Instrument zur
Bestimmung der Gestalt der Linsengläser und zur Messung der
Dicke dünner Blättchen, welche die bekannten farbigen
Erscheinungen im polarisierten Licht zeigen, besteht nach der ihm
von Cauchoix gegebenen Einrichtung im wesentlichen aus einer mit
einem Dreifuß verbundenen Mikrometerschraube, deren
kreisförmiger Kopf eine Teilung besitzt.

Sphärometrie (griech.), Kugelmessung.

Sphäropleen, Ordnung der Algen (s. d., S. 343).

Sphärosiderit, s. Spateisenstein.

Sphen, s. Titanit.

Sphendone (griech.), Schleuder; auch eine in der Mitte
breite Haarbinde der griechischen Frauen, die dergestalt um den
Kopf gebunden wurde, daß das Haar ringsum in Ringeln
herabfiel.

Sphenoide, vierflächige Kristallgestalten, Hemieder
der quadratischen oder rhombischen Pyramide; vgl. Kristall, S.
232.

Sphenophyllum, s. Lykopodiaceen, S. 6.

Sphingidae (Schwärmer), Familie aus der Ordnung der
Schmetterlinge (s. d.).

Sphinkter (griech.), Schließmuskel (s. d.).

Sphinx, Schmetterlingsgattung aus der Familie der
Schwärmer (Sphingidae oder Crepuscularia), zu welcher der
Windig, Liguster-, Kiefernschwärmer u. a. gehören.

Sphinx, Name oft kolossaler Steinbilder, gewöhnlich
aus Granit oder Porphyr, auch Kalkstein, von Löwengestalt mit
Menschenkopf, liegend auf Postament, die Vorderbeine vorwärts
gestreckt, die Hinterbeine untergeschlagen. Diese phantastischen
Gebilde stammen aus dem Orient: aus Assyrien (Palast zu Nimrud und
Portal von Chorsabad) und insbesondere aus Ägypten. Hier
standen sie meist am Eingang des Tempels, doch auch einzeln. Die
ägyptischen Sphinxbilder sind immer männlichen
Geschlechts und dienen meist zur Darstellung eines Königs,
weshalb sie die Uräusschlange vor der Stirn tragen. Die
kolossalste ist die S. bei den Pyramiden von Gizeh, aus dem Felsen
gehauen, 55 m lang, an 20 m hoch, aus der ältesten Zeit der
ägyptischen Geschichte vor Cheops stammend (s. Tafel "Baukunst
III", Fig. 1). Diese merkwürdige Bildung entsprach demselben
Hang zum Mystizismus, der auch die Götterbilder mit
Tierköpfen versah. Auch bei den Sphinxen beschränkte man
sich nicht auf Mischung der Löwengestalt mit der menschlichen,
sondern setzte auch wohl Widder- (Kriosphinxe, s. Tafel
"Bildhauerkunst I", Fig. 2) und Sperberköpfe auf. Im
allgemeinen betrachtete man die Sphinxe als die mystischen
Hüter und Schutzgeister der Tempel und Totenwohnungen. Ganze
Alleen von riesigen Sphinxen führten oft zum Eingang des
Tempels. Mannigfaltiger nach Gestalt und Bedeutung erscheinen die
Sphinxe in Griechenland, wo sie immer als weibliche Gestalten
aufgefaßt werden. Ursprünglich ein geflügelter
Löwenkörper mit Kopf und Brust einer Jungfrau (s.
Abbildung), wurden sie später von Dichtern und Künstlern
in den abenteuerlichsten Gestalten dargestellt, z. B. als Jungfrau
mit Brust, Füßen und Krallen eines Löwen, mit
Schlangenschweif, Vogelflügeln, oder vorn Löwe, hinten
Mensch, mit Geierkrallen und Adlerflügeln, und zwar nicht
immer liegend, sondern auch in andern Stellungen. Berühmt ist
die thebaische S. im böotischen Mythus, Tochter des Typhon und
der Schlange Echidna, welche jedem, der ihr nahte, das Rätsel
aufgab: Welches Geschöpf geht am Morgen auf vier
Füßen, am Mittag auf zweien, am Abend auf dreien? Wer es
nicht lösen konnte, mußte sich vom Felsen in den Abgrund
stürzen. Ödipus deutete es richtig auf den Menschen,
worauf sich die S. vom Berg herabstürzte. Von der griechischen
Kunst aus der ägyptischen und orientalischen frühzeitig
übernommen und eigentümlich (immer weiblich) umgebildet,
galt hier die S. als Sinnbild des unerbittlichen Todesgeschicks und
ward daher auf Gräbern oft dargestellt (vgl. Bachofen,
Gräbersymbolik der Alten, Bas. 1859). Auch an altchristlichen
Kirchen kommen die Sphinxe manchmal vor. Wieder angewendet wurden
sie von der Spätrenaissance, insbesondere häufig aber von
der Barockkunst, die mit denselben Eingänge zu Palästen,
Gärten u. dgl. verzierte.

[Sphinx (Berliner Museum).]

136

Sphragid - Spiegel.

Sphragid, s. Bolus.

Sphragistik (griech.), Siegelkunde, s. Siegel.

Sphragmit, s. Grauwacke.

Sphygmograph (griech., "Pulsschreiber"), Instrument, mit
Hilfe dessen sich die Pulsbewegung bleibend in Gestalt einer Kurve
darstellen läßt, an welcher man alle
Eigentümlichkeiten der Pulsbewegung genau studieren kann. Bei
allen Sphygmographen setzt die abwechselnd sich ausdehnende und
kontrahierende Arterie ein kleines Plättchen in Bewegung,
welches wiederum aus einen langen Hebelarm wirkt. Dieser Hebelarm
schreibt die Bewegung der Arterienwand in vergrößertem
Maßstab auf einen Streifen Papier, welcher durch ein Uhrwerk
in gleichmäßige Bewegung versetzt und vor der Spitze des
Hebelarms vorbeigeführt wird. Auf dem Papier bilden sich die
Pulsbewegungen in Gestalt einer je nach der Art des untersuchten
Pulses mannigfach modifizierten Wellenlinie ab. Kennt man die
Geschwindigkeit, mit welcher das Papier an der Hebelspitze
vorübergeht, so kann man die Dauer einer Pulswelle berechnen;
außerdem kann man an der Kurve das allmähliche An- und
Absteigen der Pulswellen, ihre Aufeinanderfolge etc. genau
verfolgen. Für physiologische Forschungen ist der S. ein ganz
unentbehrliches Hilfsmittel. Vgl. Dudgeon, The s., its history and
use (Lond. 1882).

Sphygmophon (griech.), ein mit galvanischer Batterie und
Telephon verbundener federnder Stromunterbrecher welcher, auf die
Arterie gesetzt, den Pulsschlag u. seine Modifikationen laut
hörbar macht.

Sphyrna, Hammerfisch.

Spiauter (Spialter, holländ.), s. v. w. Zink.

Spica (lat.), Ähre, eine Form des Blütenstandes
(s. d.); spicatus, in eine Ähre zusammengestellt.

Spiccato (ital.), deutlich gesondert (musikal.
Vortragsbezeichnung).

Spicheren, s. Speichern.

Spicilegium (lat.), Ährenlese.

Spicknadel, eine Nadel mit zweimal gespaltenem Kopf,
dient zum Einziehen von Speckstreifen in Braten (Spicken).

Spicknarden, s. Valeriana.

Spicula (lat.), s. Ährchen.

Spiegel, Körper mit glatter Oberfläche, welche
zur Erzeugung von Spiegelbildern benutzt werden. Man unterscheidet
Planspiegel mit vollkommen ebener und Konvex- und Konkavspiegel mit
gekrümmter Spiegelfläche, wendet aber im
gewöhnlichen Leben meist Planspiegel an. Als solche benutzte
man im Altertum, zum Teil schon in vorgeschichtlicher Zeit, runde,
polierte, gestielte Metallscheiben aus Kupfer (Ägypter,
Juden), Bronze (Römer, besonders brundusische S.), Silber,
Gold (seit Pompejus, Gold auch schon bei Homer). Manche Legierungen
geben eine besonders stark spiegelnde Oberfläche und werden
deshalb als Spiegelmetall (s. d.) zusammengefaßt. Auch
Glasspiegel kamen früh in Gebrauch; man benutzte dazu
obsidianartige, dunkle, undurchsichtige Massen mit glatter,
polierter Oberfläche, welche in die Wand eingelassen wurden.
Vielleicht aber kannte man schon zur Zeit des Aristoteles
Glasspiegel, deren Rückseite mit Blei und Zinn belegt war.
Sichere Nachrichten über diese S. hat man indes erst aus dem
13. Jahrh. Man schnitt sie in Deutschland aus Glaskugeln, die
inwendig mit geschmolzener Bleiantimonlegierung überzogen
worden waren. Im 14. Jahrh. kamen die mit Blei-, dann mit
Zinnamalgam belegten ebenen S., wie wir sie jetzt benutzen, in
Gebrauch. Zur Darstellung derselben breitet man auf einer
horizontalen, ebenen Steinplatte ein Blatt kupferhaltige Zinnfolie
(Stanniol) aus, dessen Größe die des Spiegels etwas
übertrifft, übergießt es 2-3 mm hoch mit
Quecksilber, welches mit dem Zinn ein Amalgam bildet, schiebt die
polierte und sorgfältig gereinigte Glasplatte so über die
Zinnfolie, daß ihr Rand stets in das Quecksilber taucht,
beschwert sie dann mit Gewichten, gibt der Steinplatte eine ganz
geringe Neigung, damit das überschüssige Quecksilber
abfließt, und legt den S. nach 24 Stunden mit der
Amalgamseite nach oben auf ein Gerüst, welches man
allmählich mehr und mehr neigt, bis der S. schließlich
senkrecht steht. Nach 8-20 Tagen ist er verwendbar. 50 qdcm
erfordern 2-2,5 g Amalgam, welches aus etwa 78 Zinn und 22
Quecksilber besteht. In neuerer Zeit benutzt man vielfach
Silberspiegel, d. h. auf der Rückseite versilbertes
Spiegelglas, wie es zuerst von Drayton 1843 vorgeschlagen wurde.
Zur Versilberung sind viele Vorschriften gegeben worden; doch
beruhen alle darauf, daß man eine Silberlösung mit einem
reduzierend wirkenden Körper vermischt und mit der zu
versilbernden Glasfläche in Berührung bringt. Das Silber
schlägt sich dann auf das Glas nieder und wird zum Schutz mit
einem Anstrich aus Leinölfirnis und Mennige überzogen,
auch wohl zunächst galvanisch verkupfert. Bei Herstellung
größerer S. gießt man die
Versilberungsflüssigkeit auf die Glasplatte, welche auf einem
gußeisernen Kasten liegt, der mit Wasser gefüllt ist und
eine Dampfschlange enthält, um die Platte erwärmen zu
können. Kleinere Platten stellt man je zwei mit dem
Rücken aneinander reihenweise in die
Versilberungsflüssigkeit. Auf 1 qm Glas kann man 29-30 g
Silber ablagern. Diese Silberspiegel, deren Fabrikation erst seit
1855 durch Petitjean und Liebig, welche zweckmäßige
Versilberungsflüssigkeiten angaben, praktische Bedeutung
gewann, sind billiger als die belegten; größere aber
sind schwer herzustellen, und über die längere
Haltbarkeit fehlen noch Erfahrungen. Man hat auch Platinspiegel
hergestellt, für welche man nur auf einer Seite geschliffenen
Glases bedarf. Man trägt die Mischung von Platinchlorid mit
Lavendelöl, Bleiglätte und borsaurem Bleioxyd auf das
Glas auf und brennt das ausgeschiedene Metall ein. Da das Platin an
der Luft nicht anläuft, so halten sich diese S. sehr gut, und
der Metallüberzug ist so dünn, daß das Glas
durchsichtig bleibt. Über Herstellung etc. des Spiegelglases
s. Glas, S.322. Vgl. Benrath, Glasfabrikation (Braunschw. 1875);
Cremer, Fabrikation der Silber- und Quecksilberspiegel (Wien 1887).
- Die für die Toilette der Frauen bestimmten Handspiegel des
Altertums wurden am Griff und auf der Rückseite der Scheibe
künstlerisch verziert, auf letzterer bei den Griechen,
Römern etc. meist mit eingravierten mythologischen u.
genrehaften Darstellungen geschmückt (Fig. 1-3). Antike S.
sind

[Fig. 1-3. Römische Handspiegel.]

137

Spiegel - Spiegelinstrumente.

zahlreich in den verschütteten Vesuvstädten und in den
Gräbern gefunden worden. Eine Spezialität bilden die
etruskischen S., welche ebenfalls mit Darstellungen aus dem
etruskischen Götterkreis und mit Inschriften versehen sind
(Fig. 4). Sie wurden von E. Gerhard ("Die etruskischen S.", Berl.
1843-68, 4 Bde.; fortgesetzt von Klügmann und Körte 1884
ff.)beschrieben. Die antike Grundform des Handspiegels erhielt sich
das ganze Mittelalter und die Folgezeit hindurch bis jetzt. Nur
wurde die Spiegelfläche nicht bloß oval, sondern auch
rund, viereckig und vielseitig gestaltet, von einem mehr oder
minder reichverzierten Rahmen eingefaßt und in der
Rückseite mit Schnitzwerk, Reliefarbeit etc. geschmückt.
Die Einfassung des Handspiegels, dessen Spiegelfläche anfangs
noch meist aus Metall, dann aus Glas bestand, wurde in Holz,
Elfenbein, Metall und andern Materialien ausgeführt. Zur
Renaissancezeit trugen die Damen Handspiegel am Gürtel. Im
Mittelalter kamen auch Taschenspiegel und S. zum Aufhängen an
Wänden auf, die seit dem 16. Jahrh. immer größer
wurden und sich nach der Erfindung des Spiegelglases (1688) zu den
von der Decke bis zum Fußboden reichenden Trümeaus
entwickelten. Im Mittelalter waren Venedig und Murano die
Hauptsitze der Spiegelfabrikation, welche die ganze kultivierte
Welt mit venezianischen Spiegeln versorgten. Die Einrahmung der
Wandspiegel, welche anfangs durch gekehlte Leisten, später
durch reich ornamentiertes Schnitzwerk erfolgte, wurde ein
besonderer Zweig der Möbeltischlerei. Doch wurden früher
und werden gegenwärtig noch in Venedig und Murano Wandspiegel
mit Rahmen aus geschliffenem und geblasenem Glas angefertigt.
Solche Rahmen werden häufig aus naturalistischen farbigen
Blumen (Rosen u. dgl.) und Rankenwerk gebildet.

In übertragenem Sinn bezeichnet S. überhaupt jede
glatte, glänzende Fläche (z. B. Eis-, Wasserspiegel);
sodann in der Weidmannssprache den hellen Fleck um das Weidloch der
Hirsche und Rehe, auch den weißen oder metallglänzenden
Fleck auf den Flügeln der Enten sowie den weißen
Schulterfleck des Auer- und Birkwildes; ferner einen Teil der
Hinterseite des Schiffs (s. Heck); in der Struktur des Holzes die
Markstrahlen (s. Holz, S. 669) etc. Da endlich der S. als Symbol
der Selbstprüfung und des Gewissens, als Emblem der Wahrheit
dient, so ist das Wort auch häufig als Titel für
belehrende Schriften, besonders moralischen, pädagogischen und
politischen Inhalts, worin Musterbilder zur Nacheiferung
aufgestellt werden, verwendet worden, z. B. Fürstenspiegel,
Jugendspiegel, Ritterspiegel, Laienspiegel, die Gesetzsammlungen
Sachsenspiegel und Schwabenspiegel etc.

[Fig.4. Etruskischer (sogen. Semele-) Spiegel]

Spiegel, medizinisches Instrument, s. Speculum.

Spiegel, Friedrich (von), namhafter Orientalist, der
bedeutendste Kenner des Zendavesta, geb. 11. Juli 1820 zu
Kitzingen, widmete sich in Erlangen, Leipzig und Bonn
orientalischen Sprachstudien, durchforschte 1842-47 die
Bibliotheken zu Kopenhagen, London und Oxford und ist seit 1849
Professor der orientalischen Sprachen an der Universität
Erlangen. Nachdem er durch seine Ausgaben des "Kammavâkya"
(Bonn 1841) und der "Anecdota palica" (Leipz. 1845) dem Studium der
damals noch wenig bekannten Pâlisprache und des
südlichen Buddhismus einen wesentlichen Dienst geleistet
hatte, konzentrierte er seine Forschungen auf die iranischen
Sprachen und die Zoroastrische Religion und lieferte namentlich
eine kritische Ausgabe der wichtigsten Teile des Zendavesta samt
der alten Pehlewiübersetzung derselben und eine
vollständige Verdeutschung, die erste wissenschaftliche
Übertragung dieses wichtigen Religionsbuchs (Leipz. 1852-63, 3
Bde.), der er einen "Kommentar über das Avesta" (das. 1865-69,
2 Bde.) und eine "Grammatik der altbaltrischen Sprache" (das. 1867)
folgen ließ. Außerdem veröffentlichte er eine
"Chrestomathia persica" (Leipz. 1845), die erste "Grammatik der
Pârsisprache" (das. 1851), eine "Einleitung in die
traditionellen Schriften der Parsen" (das. 1856-60, 2 Bde.), "Die
altpersischen Keilinschriften im Grundtext, mit Übersetzung,
Grammatik und Glossar" (das. 1862, 2. Aufl. 1881), "Erân, das
Land zwischen dem Indus und Tigris" (Berl. 1863), "Arische Studien"
(Leipz. 1873). Gewissermaßen das Fazit all seiner Forschungen
zieht er in seiner "Erânischen Altertumskunde" (Leipz.
1871-78, 3 Bde.), welcher die "Vergleichende Grammatik der
alterânischen Sprachen" (das. 1882) und das Werk "Die arische
Periode und ihre Zustände" (das. 1887) folgten. Zahlreiche
kleinere Arbeiten, z. B. über die iranische Stammverfassung,
über das Leben Zoroasters u. a., veröffentlichte er in
den Abhandlungen der königl. bayrischen Akademie, in den
"Beiträgen zur vergleichenden Sprachforschung", in der
"Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" und
andern Zeitschriften.

Spiegelberg, Otto, Mediziner, geb. 9. Jan. 1830 zu Peine
in Hannover, studierte am Collegium Carolinum zu Braunschweig, dann
in Göttingen, habilitierte sich 1853 daselbst als Privatdozent
und ging dann auf eine längere Studienreise nach England. 1861
folgte er einem Ruf als Professor der Geburtshilfe und
Gynäkologie nach Freiburg, 1864 nach Königsberg und 1865
nach Breslau, wo er 10. Aug. 1881 starb. Er begründete mit
Credé das "Archiv für Gynäkologie" und schrieb ein
großes "Lehrbuch der Geburtshilfe" (2. Aufl., Lahr 1880).
Spiegelbergs Verdienste bestehen in der Einführung der
Errungenschaften der neuern Gynäkologie in die Praxis, in der
sichern Diagnostik, in der präzisen Indikationenstellung und
der Anbahnung radikaler operativer Heilung von bis dahin für
schwer oder nicht heilbar erachteten Krankheiten, wodurch er die
Gynäkologie zur erfolgreichen Nebenbuhlerin der Chirurgie
erhob.

Spiegelfasern, s.v.w. Markstrahlen, s. Holz, S. 669.

Spiegelgranaten, kleinere Granaten, welche in
größerer Zahl mit Einem Wurf aus großen
Mörsern geworfen wurden.

Spiegelinstrumente, Vorrichtungen zum Messen von Winkeln
mit gewöhnlich zwei Spiegeln, von denen der eine nur halbhoch
(zum Durchsehen, Okularspiegel), der andre in ganzer Fläche
(Objektivspiegel) mit Amalgam belegt ist. Entweder stehen beide
fest einander schräg gegenüber auf der hohen Kante, oder
der eine ist drehbar. Der vom Beobach-

138

Spiegelkreis - Spiegelung.

tungsobjekt B ausgehende Strahl trifft den Objektivspiegel, wird
von ihm in den Okularspiegel und von diesem in das dem
Okularspiegel gegenübergestellte Beobachterauge O gelenkt. Bei
parallelen Spiegelflächen sind Eingangsstrahl (in den
Objektivspiegel) und Ausgangsstrahl (aus dem Okularspiegel ins
Auge) ebenfalls parallel, der Winkel beider Strahlen gleich Null,
d. h. man sieht durch den Glasteil des Okularspiegels das Objekt B
im Original und darunter im Spiegelteil desselben Spiegels dasselbe
Objekt im Bild. Sind die Spiegelflächen divergierend gestellt,
so bilden Ein- und Ausgangsstrahl einen doppelt so großen
Winkel als die beiden Spiegel. Man kann, auf diesem Satz
fußend, also den Winkel AOB messen, welchen die Sehstrahlen
des Auges O direkt über den Okularspiegel nach einem Objekt A
mit dem eingespiegelten Objekt B bilden (wobei das Instrument
selbst im Vergleich zu der Länge der Absehlinien im Feld als
unendlich klein, gleich einem Punkt O gedacht werden kann, d. h.
die Parallaxe des Instruments fällt weg). Es kommt also darauf
an, den Divergenzwinkel beider Spiegel oder, wenn einer davon
feststeht, den Achsendrehungswinkel des andern zu kennen; dies
geschieht mittels eines an der Achse befestigten Radius (Alhidade),
der an einem Gradbogen der Grundfläche des Instruments entlang
geführt wird.

1) Unvollkommene S. Beide Spiegel stehen in Kapsel fest, so
daß ∠ AOB nur = 1 Rechten ist, so haben wir den a)
einfachen Winkelspiegel oder Spiegelwinkel; zum Absehen und
Abstecken rechter Winkel (z. B. Ordinatenabsteckung von einer
Grundlinie aus); b) Spiegelrichtmaß (équerre à
miroir): Mehrere Spiegel sind so vereinigt, daß man 15°,
30, 45, 60, 90° absehen kann. Das Instrument muß dicht
ans Auge gehalten werden, ohne es zu drehen, und ist zu beobachten,
ob die Objektpunkte A und B genau im Okularspiegel senkrecht
untereinander erscheinen A (Original)/B (im Spiegelbild). [A
über B]

2) Vollkommene S. a) Ist der auf dem "Körper" angebrachte
Gradbogen ein Sechstelkreis, so haben wir den Spiegelsextanten (s.
d.), analog den Spiegelquadranten, -Oktanten, und bei Vollkreisen
den Spiegelkreis. b) Ist mit der die Objektivspiegeldrehung
anzeigenden Alhidade mittels mechanischer Konstruktion ein Lineal
so verbunden, daß man im stande ist, unmittelbar nach der
Messung mit dem so geöffneten Instrument den gemessenen Winkel
auch graphisch aufzutragen, so haben wir den Reflektor;
verschiedene Konstruktionen sind: der Douglassche, besser der
Hornersche Reflektor, doch beide nur zum Krokieren geeignet. c) Ist
nur für graphische Auftragung gesorgt, während der
Gradbogen zum Ablesen wegfällt, so erscheint der graphische
Spiegelwinkel. Sollen mit diesen Instrumenten nicht nur
Horizontalwinkel, sondern auch Vertikalwinkel gemessen werden, so
muß die eine Absehlinie entweder in eine natürliche
Horizontfläche (Wasserspiegel) gelegt, oder ein
künstlicher Horizont (Quecksilber) zur Kontrolle des
wagerechten Winkelschenkels geschafft werden (z. B. bei den
Polhöhemessungen, zur Ermittelung der geographischen Breite,
oder bei Höhenmessungen). Vielfache Mängel der Spiegel
haben dazu geführt, auch gut geschliffene Glasprismen, welche
eine totale Reflexion hervorbringen, statt der Spiegel zu verwenden
(Prismeninstrumente). Dazu gehören: der Prismenkreis von
Pistor, der jetzt viel statt des Sextanten verwendet wird, das
Winkelprisma von Ertel, das Prismenkreuz von Bauernfeind.

Spiegelkreis, s. Prismenkreis und Spiegelinstrumente.

Spiegelmetall, Kupferzinnlegierungen (Bronze), welche
sich durch weiße Farbe, Härte und höchste
Politurfähigkeit auszeichnen. Ein altrömisches S.
enthielt 71-72 Kupfer, 18-19 Zinn, 4-4,5 Antimon und Blei, ein
chinesischer Metallspiegel 80,8 Kupfer, 9,1 Blei, 8,4 Antimon. Ein
S. von unübertrefflich weißer Farbe erhält man aus
gleichen Teilen Platin und Stahl, ein andres platinhaltiges S.
besteht aus 350 Kupfer, 165 Zinn, 20 Zink, 10 Arsen, 60 Platin.
Vgl. Bronze, S. 460.

Spiegelrichtmaß, s. Spiegelinstrumente.

Spiegelrinde, Eichenrinde, die noch nicht mit Borke
bedeckt ist.

Spiegelsextant, Instrument zu Höhen- und
Distanzmessungen, besteht aus einem Kreissektor von etwas über
60°, um dessen Mittelpunkt sich eine Alhidade dreht. Diese
trägt an dem einen Ende über dem Mittelpunkt des
Kreissektors einen Spiegel, welcher senkrecht auf der Ebene des
Sektors steht. Ein andrer, kleinerer Spiegel steht gleichfalls
senkrecht auf der Ebene des Sektors und ist zugleich so an dem
Sextanten befestigt, daß er mit dem großen Spiegel
parallel steht, wenn die Alhidade auf den Nullpunkt der Teilung
weist. Die obere Hälfte des letztern Spiegels ist nicht mit
Amalgam belegt, so daß ein Lichtstrahl von einem entfernten
Objekt durch den Spiegel unmittelbar in das Auge des Beobachters
oder in das gewöhnlich dabei angebrachte kleine Fernrohr,
statt dessen für nahe Gegenstände eine bloße
Röhre ohne Gläser gebraucht wird, gelangt. Will man den
Winkelabstand zweier Objekte messen, so visiert man mit dem
Fernrohr durch den zweiten Spiegel nach dem einen Objekt und bringt
durch Drehung der Alhidade das Spiegelbild des andern Objekts in
dem ersten Spiegel auf den zweiten, bis beide Objekte in derselben
Richtung stehen. Sobald sie sich im Fernrohr decken, ist der
Winkel, welchen beide Spiegel miteinander machen, oder der Bogen,
welchen die Alhidade durchlaufen hat, gleich der Hälfte des
gesuchten Winkels, den beide Gegenstände im Auge des
Beobachters machen. Der Bequemlichkeit halber ist aber der Umfang
des Spiegelsextanten in halbe Grade geteilt, welche für ganze
Grade gerechnet werden. Die erste Idee zu diesem dem Seefahrer
unentbehrlichen Instrument verdankt man Newton; Hadley aber brachte
den ersten Spiegelsextanten wirklich zu stande, daher er auch als
dessen Erfinder gilt. Praktisch ist der durch Breithaupt
verbesserte englische Dosensextant. Eine Verbesserung des
Spiegelsextanten ist der Reflexionskreis, welcher statt des
Kreissektors einen ganzen Kreis von 15-25 cm Durchmesser und statt
des zweiten Spiegels ein Prisma enthält. Bei Steinheils
Prismenkreis sind beide Spiegel durch Prismen ersetzt. Auf
demselben Prinzip beruhen der veraltende katoptrische Zirkel und
die Reflektoren (s. Spiegelinstrumente).

Spiegelteleskop, s. v. w. katoptrisches Fernrohr. s.
Fernrohr, S. 151.

Spiegelung, regelmäßige Zurückwerfung
(Reflexion) des Lichts. Fällt ein Lichtstrahl fn (Fig. 1) auf
einen Spiegel s s' (so nennt man jede glatte Fläche), so wird
ein Teil desselben in ganz bestimmter Richtung n d von der
Fläche in den vor ihr befindlichen Raum zurückgeworfen.
Um die Richtungen des einfallenden (fn) und des
zurückgeworfenen Strahls (nd) bequem zu bezeichnen, denkt man
sich auf der spiegelnden Fläche in dem Punkt n, wo der
einfallende Strahl dieselbe trifft, eine Senkrechte, das
Einfallslot, errichtet. Die durch den einfallenden Strahl und das
Einfallslot gelegte Ebene (die Ebene der

139

Spiegelung.

Zeichnung), welche senkrecht steht auf der spiegelnden
Fläche, heißt die Einfallsebene; sie wird, weil sie
stets auch den zurückgeworfenen Strahl enthält, auch
Zurückwerfungs- oder Reflexionsebene genannt. Die Richtungen
des einfallenden und des zurückgeworfenen Strahles werden
bestimmt durch den Einfallswinkel (Inzidenzwinkel) i und den
Zurückwerfungswinkel (Reflexionswinkel) r, welche jeder dieser
Strahlen mit dem Einfallslot bildet. Der Zurückwerfungswinkel
ist stets dem Einfallswinkel gleich. Ein auf einen Spiegel
senkrecht auffallender Strahl (p n) wird in sich selbst (nach n p)
zurückgeworfen.

Aus diesem Gesetz folgt unmittelbar, daß alle Strahlen
(lr, lr'... Fig. 2), welche, von einem hellen Punkt l ausgehend,
auf einen ebenen Spiegel (Planspiegel) treffen, von demselben so
zurückgeworfen werden (rs, r's'...), als kämen sie von
einem Punkt l', welcher auf der von dem Lichtpunkt aus auf den
Spiegel gezogenen Senkrechten lpl' ebenso weit hinter der
spiegelnden Ebene liegt, wie der Lichtpunkt l vor derselben. Ein
Auge, das sich vor dem Spiegel (z. B. in s'') befindet,
empfängt daher die zurückgeworfenen Strahlen gerade so,
als ob der Punkt l', von dem sie auszugehen scheinen, selbst ein
heller Punkt wäre; es sieht in (d. h. hinter) dem Spiegel in
der Richtung s''l' den Punkt l' als Bild des vor dem Spiegel
befindlichen Punktes l. Jedem Punkt eines leuchtenden oder
beleuchteten Gegenstandes entspricht in derselben Weise ein
Bildpunkt hinter dem Spiegel, und aus der Gesamtheit aller
Bildpunkte entsteht das Spiegelbild des Gegenstandes, welches
diesen mit einer Treue nachahmt, die sprichwörtlich geworden
ist. Um dieses Bild im Geist (oder in einer Zeichnung) zu
entwerfen, denke man sich von jedem Punkte des Gegenstandes eine
Senkrechte auf die Spiegelebene gezogen und hinter derselben um
ebensoviel verlängert, als jener Punkt vor ihr liegt. Wir
sehen daher, wenn wir in einen Spiegel blicken, unser eignes Bild,
getreu in Größe, Gestalt und Farbe, ebenso weit hinter
dem Spiegel, als wir selbst vor demselben stehen; aber völlig
gleich ist das Spiegelbild seinem Original doch nicht; denn
könnten wir die Person, welche aus dem Spiegel herausschaut,
hinter demselben hervortreten lassen, so würden wir bemerken,
daß sie unsre rechte Hand an ihrer linken Seite hat, und
daß überhaupt unsre rechte Seite ihre linke Seite ist,
und umgekehrt. Ebenso werden die Buchstaben in dem Spiegelbild
eines Buches von rechts nach links gehen und nicht von links nach
rechts wie in dem Buch selbst.

Da die zurückgeworfenen Strahlen von dem Bild hinter einem
Spiegel gerade so ausgehen wie von einem wirklich dort befindlichen
Gegenstand, so kann jedes Spiegelbild einem zweiten Spiegel
gegenüber wieder die Rolle eines Gegenstandes spielen; bei
Anwendung zweier Spiegel, deren spiegelnde Flächen einander
zugewendet sind, entstehen daher außer den beiden
unmittelbaren Spiegelbildern (erster Ordnung) noch solche zweiter,
dritter und höherer Ordnung, welche aber wegen der
Lichtverluste bei den wiederholten Zurückwerfungen immer
lichtschwächer werden. Bringt man z. B. eine brennende Kerze
zwischen zwei einander parallel gegenüberhängende
Spiegel, so erblickt man in jedem eine unabsehbare Reihe von
Kerzenflammen, welche sich in unendlicher Ferne zu verlieren
scheint. Die Zahl der Bilder wird eine begrenzte, wenn die beiden
Spiegel einen Winkel miteinander bilden (Winkelspiegel, Fig. 3).
Die Spiegel MO und RN liefern von dem zwischen ihnen befindlichen
Gegenstand A die Bilder erster Ordnung B und B1. Indem das Bild B
hinter dem ersten Spiegel seine Strahlen dem zweiten Spiegel
zusendet, entwirft dieser ein Bild zweiter Ordnung C1 und ebenso
der erste Spiegel ein Bild C des Bildes B1. Damit ist aber für
den in der Zeichnung angenommenen Winkel von 72° die Anzahl der
Bilder erschöpft. Ein zwischen die Spiegel blickendes Auge O
sieht die Bilder nebst dem Gegenstand auf einem um den
Kreuzungspunkt der beiden Spiegel beschriebenen Kreis
regelmäßig angeordnet, und zwar trifft auf jeden
Winkelraum, welcher dem Winkel der beiden Spiegel gleich ist, je
ein Bild. Das Auge O sieht daher den Gegenstand so vielmal, als
dieser Winkel in dem ganzen Umfang enthalten ist. Auf die
regelmäßige Anordnung der Bilder der Winkelspiegel
gründet sich die anmutige Wirkung des Kaleidoskops (s.
d.).

Eine kugelförmig gekrümmte Schale, welche auf ihrer
Innenseite glatt poliert ist, bildet einen Hohlspiegel
(Konkavspiegel). Der Mittelpunkt der Hohlkugel, von welcher die
Schale ein Abschnitt ist, heißt der Krümmungsmittelpunkt
oder geometrische Mittelpunkt und jede durch ihn gezogene gerade
Linie eine Achse desselben; unter ihnen wird diejenige, welche die
Schale in ihrem mittelsten tiefsten Punkte (dem optischen
Mittelpunkt des Spiegels) trifft, als Hauptachse bezeichnet. Jeder
längs einer Achse sich fortpflanzende Strahl (Achsenstrahl)
trifft senkrecht auf den Spiegel und wird daher in sich selbst
zurückgeworfen. Läßt man ein Bündel paralleler
Sonnenstrahlen (Fig. 4) auf einen Hohlspiegel fallen, so werden
dieselben in Form eines Lichtkegels zurück-

[Fig. 1. Zurückwerfung des Lichts.]

[Fig. 2. Entstehung des Bildpunktes bei einem ebenen
Spiegel.]

[Fig. 3. Winkelspiegel.]

140

Spiegelung.

geworfen, dessen Spitze F vor dem Spiegel auf der mit den
einfallenden Strahlen parallelen Achse liegt. Dieser Punkt F, durch
welchen sämtliche auf den Spiegel parallel mit der Achse
treffende Strahlen hindurchgehen, heißt der zu dieser Achse
gehörige Brennpunkt. Auf einem Papierblättchen, welches
man an seine Stelle bringt, erscheint er als weißer Fleck von
blendender Helligkeit, bis das Papier unter der kräftigen
Wärmewirknng der vereinigten Strahlen Feuer fängt und
dadurch zeigt, daß der Name "Brennpunkt" ein wohlverdienter
ist. Wegen dieser Wirkung nennt man den Hohlspiegel auch
Brennspiegel. Der Brennpunkt liegt auf jeder Achse gerade in der
Mitte zwischen dem Spiegel und dessen Krümmungsmittelpunkt,
oder die Brennweite ist die Hälfte des Kugelhalbmessers.

Jeder Strahl, welcher nicht durch den Kugelmittelpunkt (C, Fig.
4) geht, trifft schräg auf die Spiegelfläche und wird so
zurückgeworfen, daß er mit dem an seinem Einfallspunkt
auf der Spiegelfläche errichteten Einfallslot beiderseits
gleiche Winkel bildet. Das Einfallslot ist aber jedesmal der vom
Krümmungsmittelpunkt zum Einfallspunkt gezogene
Kugelhalbmesser. Man bemerkt nun leicht, daß die
Kugelhalbmesser, d. h. die Einfallslote, in demselben Maße
stärker zur Achse geneigt sind, als die Punkte des Spiegels,
zu denen sie gehören, weiter von der Achse abstehen. Deshalb
muß auch jeder mit der Achse parallele Strahl in dem
Maße stärker gegen die Achse zu aus seiner
ursprünglichen Richtung abgelenkt werden, als er weiter
entfernt von der Achse auf den Spiegel trifft. Aus diesem
Verhalten, welches die Fig. 4 deutlich wahrnehmen läßt,
erklärt es sich, warum sämtliche auf den Hohlspiegel
parallel zur Achse treffende Strahlen nach der Zurückwerfung
durch einen und denselben Punkt gehen müssen. Befindet sich im
Brennpunkt F eine Lichtquelle, so werden ihre auf den Spiegel
treffenden Strahlen, indem sie dieselben Wege in entgegengesetzter
Richtung einschlagen, parallel zu der Achse zurückgeworfen.
Fällt von einem Lichtpunkt a (Fig. 5), der zwischem dem
Brennpunkt F und dem Kugelmittelpunkt C liegt, ein
Strahlenbüschel auf den Spiegel, so treffen die einzelnen
Strahlen jetzt minder schräg auf den Spiegel, als wenn sie aus
dem Brennpunkt kämen, und werden daher auch weniger stark von
der Achse weggelenkt; sie laufen daher nach der Zurückwerfung
nicht mit der Achse parallel, sondern schneiden sie jenseit des
Mittelpunktes C und zwar, da ihre Ablenkung um so größer
ist, je weiter der getroffene Spiegelpunkt von der Achse absteht,
in einem einzigen Punkt A, welchen man das Bild des Punktes a
nennt. Bringt man nach A einen Lichtpunkt, so müssen seine
Strahlen, indem sie sich auf denselben Bahnen in entgegengesetzter
Richtung bewegen, im Punkt a zusammentreffen. Die Punkte a und A
gehören also in der Weise zusammen, daß jeder das Bild
des andern ist, und heißen deshalb zusammengehörige oder
konjugierte Punkte. Ist ein Lichtpunkt (A, Fig. 6) um weniger als
die Brennweite F vom Spiegel entfernt, so vermag dieser die zu
stark auseinander fahrenden Strahlen nicht mehr in einem vor dem
Spiegel gelegenen Punkt zu vereinigen, sondern die
zurückgeworfenen Strahlen gehen jetzt auseinander, jedoch so,
als ob sie von einem hinter dem Spiegel gelegenen Punkt a
ausgingen. Da umgekehrt Strahlen, welche nach dem hinter dem
Spiegel gelegenen Punkt a hinzielen, im Punkt A vor dem Spiegel
vereinigt werden, so sind auch in diesem Fall die Punkte A und a
als zusammengehörige (konjugierte) zu betrachten.

Da jedem Punkt eines leuchtenden oder beleuchteten Gegenstandes,
der sich vor einem Hohlspiegel befindet, ein auf der
zugehörigen Achse gelegener Bildpunkt entspricht, so entsteht
aus der Gruppierung sämtlicher Bildpunkte ein Bild des
Gegenstandes. Befindet sich z. B. ein Gegenstand A B (Fig. 7)
zwischen dem Brennpunkt F und dem Krümmungsmittelpunkt C, so
liegt das Bild des Punktes B auf der Achse B C in b, dasjenige des
Punktes A auf der Achse A C in a u.s.f. Es entsteht daher jenseit C
ein umgekehrtes vergrößertes Bild a b. Wäre a b ein
Gegenstand, welcher um mehr als die doppelte Brennweite vom Spiegel
entfernt ist, so würde derselbe ein umgekehrtes verkleinertes
Bild in A B zwischen dem Brennpunkt F u. dem Kugelmittelpunkt C
liefern. Man erkennt aus der Zeichnung, daß Bild u.
Gegenstand einander ähnlich sind, u. daß ihre
Größen sich zu einander verhalten wie ihre Abstände
vom Spiegel. Je weiter sich der Gegenstand vom Spiegel entfernt,
desto näher rückt sein Bild dem Brennpunkt. Das Bild
eines unermeßlich weit entfernten Gegenstandes, z. B. eines
Gestirns, entsteht im Brennpunkt selbst. Der helle Fleck im
Brennpunkt eines Hohlspiegels, auf den man die Sonnenstrahlen
fallen läßt (s. oben), ist eigentlich nichts andres als
ein kleines Bild der Sonne.

Diese Bilder unterscheiden sich nun sehr wesentlich von den
Bildern, welche die ebenen Spiegel liefern. Sie entstehen
nämlich dadurch, daß die von einem jeden Punkte des
Gegenstandes ausgehenden Strahlen in einem Punkt vor dem Spiegel
wirklich vereinigt oder gesammelt werden; ein solches Bild kann
daher auf einem Schirm aufgefangen werden und erscheint auf
demselben, nach allen Seiten hin sichtbar, wie ein in den zartesten
Farben ausgeführtes Gemälde. Bilder dieser Art nennt man
deswegen

[Fig. 4. Brennpunkt eines Hohlspiegels.]

[Fig. 5. Reeller Bildpunkt.]

[Fig. 6. Virtueller Bildpunkt.]

[Fig. 7. Entstehung eines reellen Bildes bei einem
Hohlspiegel.]

141

Spiegelversicherung - Spiel.

wirkliche (reelle) oder Sammelbilder. Die Bilder der ebenen
Spiegel dagegen entstehen durch Strahlen, welche vor dem Spiegel
auseinander gehen und sich zerstreuen, indem sie von hinter der
Spiegelfläche liegenden Punkten auszugehen scheinen, und
werden nur gesehen, wenn diese Strahlen unmittelbar in das Auge
dringen. Sie werden daher scheinbare (virtuelle) oder
Zerstreuungsbilder genannt. Auch die reellen Bilder der
Sammelspiegel (so nennt man häufig die Hohlspiegel)
können ohne Auffangsschirm unmittelbar wahrgenommen werden,
wenn man das Auge in den Weg der Strahlen bringt, welche nach der
Vereinigung von den Punkten des Bildes aus wieder auseinander
gehen. Das Bild scheint alsdann vor dem Spiegel in der Lust zu
schweben.

Sammelbilder liefert ein Hohlspiegel nur von Gegenständen,
welche um mehr als die Brennweite von ihm abstehen. Von einem dem
Spiegel nähern Gegenstand (A B, Fig. 8) kann derselbe, weil
die von jedem Punkt kommenden Lichtstrahlen nach der
Zurückwerfung auseinander gehen, nur noch ein scheinbares Bild
(a b) entwerfen, welches einem in den Spiegel blickenden Auge
aufrecht hinter der Spiegelfläche und größer als
der Gegenstand erscheint. Die Figur zeigt den Gang der
Lichtstrahlen im gegenwärtigen Fall. Wegen dieser
vergrößernden Wirkung werden die Hohlspiegel auch
Vergrößerungsspiegel genannt und zu Zwecken der Toilette
(als Rasierspiegel) verwendet.

Jede auf der äußern gewölbten Seite polierte
Kugelfläche bildet einen Konvexspiegel oder
Zerstreuungsspiegel. Da ein solcher die von einem Punkt (B, Fig. 9)
ausgehenden Strahlen stets so zurückwirft, daß sie von
einem hinter dem Spiegel liegenden Punkt b noch stärker als
vorher auseinander gehen, so kann derselbe von einem Gegenstand A B
nur ein scheinbares oder Zerstreuungsbild a b liefern, welches
hinter dem Spiegel in aufrechter Stellung gesehen wird. Da das Bild
stets kleiner ist als der Gegenstand, so nennt man die
Konvexspiegel auch Verkleinerungsspiegel und verwendet sie ihrer
niedlichen Bilder wegen als Taschentoilettenspiegel. - Bezeichnet a
die Entfernung des Lichtpunktes, b diejenige des Bildpunktes von
einem Konkav- oder Konvexspiegel und f seine Brennweite, so gilt
die Gleichung: 1/a + 1/b = 1/f. Hieraus ergibt sich, wenn der
Bildpunkt virtuell ist, die Größe b negativ; für
Konvexspiegel ist die Brennweite f negativ zu nehmen, für
Hohlspiegel positiv. Alles von den kugelförmig gekrümmten
oder sphärischen Spiegeln bisher Gesagte gilt jedoch nur, wenn
ihre Öffnung klein ist. Bei Hohlspiegeln von
größerer Öffnung werden z. B. die parallel zur
Achse in der Nähe des Randes auffallenden Strahlen nach einem
Punkte der Achse gelenkt, welcher dem Spiegel näher liegt als
der für die näher der Mitte auffallenden Strahlen
gültige Brennpunkt, ein Fehler, der dadurch vermieden werden
kann, daß man dem Spiegel eine parabolische Gestalt gibt. Man
nennt daher diesen Fehler die "Abweichung wegen der Kugelgestalt"
oder die sphärische Aberration. Die Lehre von der S.
(Reflexion oder regelmäßigen Zurückwerfung) des
Lichts wird Katoptrik genannt. Über Brennlinie s. d. Über
die Erklärung der S. aus der Wellenbewegung s. d.

[Fig. 8. Entstehung eines virtuellen Bildes bei einem
Hohlspiegel.]

[Fig. 9. Konvexspiegel.]

Spiegelversicheruug, s. Glasversicherung.

Spiegelversuch, s. Fresnels Spiegelversuch.

Spiegelwinkel, s. Spiegelinstrumente.

Spiek, Pflanze, s. Spik.

Spiekeroog, Insel in der Nordsee, an der Küste von
Ostfriesland, zum preuß. Regierungsbezirk Aurich, Kreis
Wittmund gehörig, 14 qkm groß, hat hohe Dünen,
Viehzucht, Seehundsfang, Fischerei, ein aufblühendes Seebad
und (1885) 243 evang. Einwohner. Vgl. Nellner, Die Nordseeinsel S.
(Emden 1884).

Spiel, eine Beschäftigung, die um der in ihr selbst
liegenden Zerstreuung, Erheiterung oder Anregung willen, meist mit
andern in Gemeinschaft, vorgenommen wird. Man teilt die Spiele am
besten ein in Bewegungsspiele, zu denen unter andern die Ball-,
Kugel-, Kegel- und Fangspiele gehören, und in Ruhespiele, die
solche zur Schärfung der Beobachtung und der Aufmerksamkeit,
zur Betätigung von Witz und Geistesgegenwart, also die meisten
unsrer sogen. Gesellschaftsspiele, dazu Karten-, Brettspiele, das
Schach u. a., umfassen. Glücksspiele (s. d.), um Gewinn
betrieben, fallen nicht unter diesen Begriff des Spiels. Wenngleich
manche Spiele über viele Völker der Erde verbreitet sind,
so ist doch im ganzen die Art der Spiele eines Volkes bezeichnend
für seinen Charakter wie für seine Bildungsstufe. Das S.
beruht daher meist auf volkstümlicher oder örtlicher
Sitte; es kann aber auch pädagogisch und planmäßig
zur Förderung leiblicher oder geistiger Kräfte benutzt
werden. Der Wert des Spiels in letzterer Hinsicht, den schon
Gesetzgeber und Philosophen des Altertums erkannt hatten, ist
besonders durch die von Rousseau, den Philanthropisten, Pestalozzi
und Fröbel (s. Kindergärten) ausgehenden erzieherischen
Bestrebungen zur Geltung gekommen. Die Bewegungsspiele hat auch die
Turnkunst, insbesondere das Schulturnen, in ihren Bereich gezogen.
Großer Wert wird diesen Spielen in England beigelegt, wo an
allen Unterrichts- und Erziehungsanstalten bis zu den
Universitäten hinauf Wettspiele im Schwange sind. In
Deutschland hat der preußische Kultusminister von
Goßler der Sache der Jugendspiele durch seinen Erlaß
vom 27. Okt. 1882 erfreulichen Aufschwung gegeben. Vgl. Schaller,
Das S. und die Spiele (Weim. 1851); Lazarus, Über die Reize
des Spiels (Berl. 1883); insbesondere die Spielsammlung von Guts
Muths (7. Aufl., hrsg. von Schettler, Hof 1885); Jakob,
Deutschlands spielende Jugend (3. Aufl., Leipz. 1883); Kohlrausch
und Marten, Turnspiele, Wettkämpfe, Turnfahrten (3. Aufl.,
Hannov. 1884); Kupfermann, Turnunterricht und Jugendspiele (Bresl.
1884); Georgens, Das S. und die Spiele der Jugend (Leipz. 1884);
Köhler, Die Bewegungsspiele des

142

Spiel - Spielhagen.

Kindergartens (8. Aufl., Weim. 1888); Wagner,
Illustriertes Spielbuch für Knaben (10. Aufl., Leipz. 1888);
Gayette-Georgens, Neues Spielbuch für Mädchen (Berl.
1887); Wolter, Das S. im Hause (Leipz. 1888). Über
Gesellschafts- u. Unterhaltungspiele im allgemeinen vgl.
Alvensleben, Handbuch der Gesellschaftsspiele (8. Aufl., Weim.
1889); "Encyklopädie der Spiele" (3. Aufl., Leipz.1878);
Georgens, Illustriertes Familien-Spielbuch (das. 1882). - Bei den
Alten nahmen die großen öffentlichen Kampfspiele (s. d.)
die oberste Stelle ein, aber auch gesellige Spiele hatten sie in
nicht geringer Zahl, namentlich die Griechen, so bei Gelagen den
Weinklatsch (s. Kottabos), das bei Griechen und Römern sehr
beliebte Ballspiel (s. d.) und Würfelspiel (s. Würfel),
das Richterspiel der Kinder etc. Ein Brettspiel (petteia), nach der
Sage eine Erfindung des Palamedes, erscheint bereits bei Homer als
Unterhaltung der Freier in Ithaka ("Odyssee", I, 107); doch fehlt
uns nähere Kunde über die Art der griechischen
Brettspiele. Unserm Schach- oder Damenspiel scheint das sogen.
Städtespiel ähnlich gewesen zu sein. Von den
verschiedenen Gattungen der römischen Brettspiele sind
einigermaßen bekannt der ludus latrunculorum
(Räuberspiel), eine Art Belagerungsspiel, wobei die Steine in
Bauern und Offiziere geteilt waren und es galt, die feindlichen
Steine zu schlagen oder festzusetzen, und der ludus duodecim
scriptorum, das S. der 12 Linien, bei welchem auf einem in zweimal
12 Felder geteilten Wurfbrett das Vorrücken der 15 je
weißen und schwarzen Steine durch die Höhe des jedem Zug
vorangehenden Würfelwurfs bestimmt wurde. Sehr beliebt war im
Altertum das Fingerraten, noch heute in Italien verbreitet als
Moraspiel (s. Mora). Vgl. Grasberger, Erziehung und Unterricht im
klassischen Altertum (Würzb. 1864-81, 3 Tle.); Becq de
Fouqiers, Les jeux des anciens (2. Aufl., Par. 1873); Ohlert,
Rätsel und Gesellschaftsspiele der alten Griechen (Berl.
1886); Richter, Die Spiele der Griechen und Römer (Leipz.
1887). - Aus der deutschen Vorzeit wird als vornehmstes Volksspiel
der Schwerttanz erwähnt, neben welchem Steinstoßen,
Speerwerfen, Wettlaufen beliebt waren. Auch das Kegeln und das
stets mit Leidenschaft betriebene Würfelspiel sind uralt.
Während das Landvolk an diesen Spielen festhielt, wandten sich
die höfischen Kreise der Ritterzeit vorwiegend den
Kampfspielen zu, aus denen sich unter fremdem Einfluß die
eigentlichen Ritterspiele (Tjost, Buhurt, Turnier) entwickelten.
Daneben wurde das Ballspiel (von der weiblichen Jugend) und als
beliebteste Verstandesspiele das Brettspiel und das Schachspiel
(seit dem 11. Jahrh.) eifrig betrieben. In der spätern Zeit
des Mittelalters trat, namentlich in den Städten, das Spielen
um Geld in den Vordergrund. Vgl. Schultz, Das höfische Leben
im Mittelalter, Bd. 1 (2. Aufl., Leipz. 1889); Kriegk, Deutsches
Bürgertum im Mittelalter (Frankf. 1868 u. 1871); Weinhold, Die
deutschen Frauen im Mittelalter (2. Aufl., Wien 1882).

Spiel (Stoß), in der Jägersprache der Schwanz
des Fasans sowie des Auer- und Birkwildes.

Spielart, s. Art.

Spielbanken, s. Glücksspiele.

Spielbein, s. Standbein.

Spielberg, 1) ehemalige Festung, s. Brünn. -

2) Berg im Frankenjura, s. Hahnenkamm.

Spielhagen, Friedrich, hervorragender
Romanschriftsteller, geb. 24. Febr. 1829 zu Magdeburg als Sohn
eines preußischen Regierungsrats, verbrachte seine Jugend in
Stralsund und ward an diesem Teil der Ostseeküste und auf der
Insel Rügen im eigentlichsten Wortsinn heimisch, so daß
diese Landschaften den Hintergrund für beinahe alle seine
spätern poetischen Schöpfungen abgeben. Nachdem er das
Gymnasium zu Stralsund absolviert, studierte er von 1847 an, die
ursprünglich geplanten medizinischen Studien bald aufgebend,
Philologie und Philosophie zu Bonn, Berlin und Greifswald, war
einige Zeit Hauslehrer in einer aristokratischen Familie und ging
1854 nach Leipzig, um sich als Dozent an der Universität zu
habilitieren. Seine litterarischen Studien und Beschäftigungen
führten ihn inzwischen um so ausschließlicher auch dem
litterarischen Beruf zu, als er die Unvereinbarkeit einer
philologischen Dozentenkarriere und poetischer Bestrebungen
erkannte. Neben kritischen Essays trat er mit vorzüglichen
Übertragungen, z. B. von Emersons "Englischen
Charakterzügen" (Hannov. 1858), Roscoes "Lorenzo von Medici"
(Leipz. 1859), Michelets Werken: "Die Liebe" (das. 1859), "Die
Frau" (das. 1860) und "Das Meer" (das. 1861) sowie mit der Sammlung
"Amerikanische Gedichte" (das. 1859, 3. Aufl. 1871), hervor. Die
Hauptsache aber blieb die eigne Produktion. Die Novelle "Klara
Vere" (Hannov. 1857) und das graziöse Idyll "Auf der
Düne" (Hannov. 1858) wurden nur von kleinen Kreisen als Proben
eines ungewöhnlichen Talents beachtet. Eine um so
glänzendere Aufnahme fand der erste größere Roman
des Autors: "Problematische Naturen" (Berl. 1860, 4 Bde.; 12.
Aufl., Leipz. 1887), mit seiner abschließenden Fortsetzung:
"Durch Nacht zum Licht" (Berl. 1861, 4 Bde.; 10. Aufl. 1885).
Dieser Roman gehörte durch Originalität der Erfindung,
durch psychologische Feinheit der Charakteristik, höchste
Lebendigkeit des Kolorits und eine in den meisten Partien
künstlerisch vollendete Darstellung zu den besten deutschen
Romanproduktionen der Neuzeit und lenkte die Aufmerksamkeit der
gebildeten Lesewelt dauernd auf den Autor. S. war inzwischen 1859
von Leipzig nach Hannover übergesiedelt, hatte dort die
Redaktion des Feuilletons der "Zeitung für Norddeutschland"
übernommen und sich verheiratet. Ende 1862 nahm er seinen
dauernden Wohnsitz in Berlin, von wo aus er größere
Reisen (nach der Schweiz, Italien, England, Paris etc.) unternahm,
redigierte hier kurze Zeit die "Deutsche Wochenschrift" und das
Dunckersche "Sonntagsblatt", trat mehrfach mit öffentlichen
Vorträgen auf, konzentrierte sich aber zuletzt immer
ausschließlicher auf die Produktion. Auch von der Herausgabe
von Westermanns "Illustrierten deutschen Monatsheften", die er 1878
übernommen, trat er 1884 wieder zurück. Sein zweiter
großer Roman: "Die von Hohenstein" (Berl. 1863, 4 Bde.; 6.
Aufl. 1885), der die revolutionäre Bewegung des Jahrs 1848 zum
Hintergrund hatte, eröffnete eine Reihe von Romanen, welche
die Bewegungen der Zeit und zwar ebensowohl die zufälligen und
äußerlichen wie die wirklich tief eingreifenden und
echte Menschennaturen wahrhaft bewegenden zu spiegeln unternahmen.
War hierdurch ein gewisses Übergewicht des tendenziösen
Elements gegenüber dem poetischen unvermeidlich, und standen
die Romane: "In Reih und Glied" (Berl. 1866, 5 Bde.; 5. Aufl. 1880,
2 Bde.) und "Allzeit voran!" (das. 1872, 3 Bde.; 6. Aufl. 1880) wie
die Novelle "Ultimo" (Leipz. 1873) allzu stark unter der Herrschaft
momentan in der preußischen Hauptstadt herrschender
Interessen, Erscheinungen und Stimmungen, welche der Dichter mit
all seiner Kunst nicht zur Poesie zu erheben vermochte, so erwiesen
andre freiere Schöpfungen den Gehalt, die

143

Spielhonorar - Spielkarten.

Lebensfülle und die künstlerische Reife des
Spielhagenschen Talents. Neben der Novelle "In der zwölften
Stunde" (Berl. 1862), den unbedeutendern: "Röschen vom Hof"
(Leipz. 1864), "Unter den Tannen" (Berl. 1867), "Die Dorfkokette"
(Schwer. 1868), "Deutsche Pioniere" (Berl. 1870), "Das Skelett im
Hause" (Leipz. 1878) u. den Reiseskizzen: "Von Neapel bis Syrakus"
(das. 1878) schuf S., unabhängig von den momentanen
Tagesereignissen oder sie nur in ihren großen, allgemein
empfundenen Wirkungen auf das deutsche Leben darstellend, die
Romane: "Hammer und Amboß" (Schwerin 1868, 5 Bde.; 8. Aufl.
1881), "Was die Schwalbe sang" (Leipz. 1872, 2 Bde.; 6. Aufl. 1885)
und "Sturmflut" (das. 1876, 3 Bde.; 5. Aufl. 1883), ein Werk, worin
der Dichter, besonders im ersten und letzten Teil, auf der vollen
Höhe seiner Darstellungskraft und Darstellungskunst steht; den
Roman "Platt Land" (das. 1878); die feine, in Motiven und
Detaillierung etwas allzusehr zugespitzte Novelle "Quisisana" (das.
1879) sowie die neuesten Romane: "Angela" (das. 1881, 2 Bde.),
"Uhlenhans" (das. 1884, 2 Bde.), "Was will das werden" (das. 1886,
3 Bde.), "Noblesse oblige" (das. 1888), "Ein neuer Pharao" (1889)
u. a. Nur in den kleinern Werken: "Deutsche Pioniere" und "Noblesse
oblige", streifte S. vorübergehend das Gebiet des historischen
Romans, sonst schöpfte er Handlungen und Gestalten aus der
jüngsten Vergangenheit und unmittelbaren Gegenwart. Mit dem
nach einer eignen Novelle (7. Aufl., Leipz. 1881) bearbeiteten und
an mehreren Theatern erfolgreich aufgeführten Schauspiel "Hans
und Grete" (Berl. 1876) wendete sich der Dichter auch der
Bühne zu. Größern Erfolg hatte das Schauspiel
"Liebe für Liebe" (Leipz. 1875), in dem die Kritik neben
novellistischen Episoden einen wahrhaft dramatischen Kern
anerkannte. Neuerdings brachte er die Schauspiele: "Gerettet"
(Leipz. 1884) und "Die Philosophin" (das. 1887). Von S. erschienen
außerdem: "Vermischte Schriften" (Berl. 1863-l868, 2 Bde.),
"Aus meinem Skizzenbuch" (Leipz. 1874), "Skizzen, Geschichten und
Gedichte" (das. 1881), und "Beiträge zur Theorie und Technik
des Romans" (das. 1883). Von seinen "Sämtlichen Werken", die
auch die bis dahin zerstreuten innigen und formschönen
Gedichte des Autors enthalten, erschienen bisher 18 Bände
(Leipz. 1875-87). Vgl. Karpeles, Friedr. S. (Leipz. 1889).

Spielhonorar, am Theater die dem Darsteller für sein
jedesmaliges Auftreten festgesetzte, in der Gage nicht mit
inbegriffene Summe. Der Brauch stammt aus Frankreich und war
bereits im 18. Jahrh. in Deutschland eingeführt.

Spielhuhn, s. v. w. Birkhuhn.

Spielkarten, länglich-viereckige Blätter von
steifem Papier, welche auf einer Seite mit Figuren und Zeichen von
besonderer Bedeutung bemalt sind, und die in bestimmt
zusammengesetzter Anzahl "ein Spiel Karten" bilden, mittels dessen
man eine große Menge von Hasard- und Unterhaltungsspielen
ausführt. Absehend von der früh und selbständig
entstandenen chinesischen Karte (bemalte Holz- oder
Elfenbeintäfelchen), unterscheidet man zwei Hauptgattungen:
die Tarock- und die Vierfarbenkarte. Alle Formen der Tarockkarte,
ältere wie neuere, bieten 21 besondere Bilder (Tarocks), deren
Rang durch aufsteigende Ziffern bezeichnet ist, ferner einen
Harlekin von der Größe des ganzen Blattes (den
Sküs) und 4 Reiterbilder (Kavalls). Von Vierfarbenkarten gibt
es drei Arten, als deren gemeinschaftliches Merkmal gilt, daß
dieselben Wertzeichen viermal in einem Spiel unter verschiedener
Auszeichnung (Farben) vorhanden sind. Die Trappola- oder
Trappelierkarte, die älteste der in Deutschland
eingeführten Karten, kam wahrscheinlich aus Italien. Sie
besteht aus viermal 13 Blättern: Re, Cavallo, Fante, Zehn,
Neun, Acht, Sieben, Sechs, Fünf, Vier, Drei, Zwei und Asso mit
den Emblemen Spade (Schwerter), Coppe (Kelche), Denari (Pfennige)
und Bastoni (Stöcke). Meist braucht man von diesen Karten 40
(Zehn, Neun, Acht werden abgelegt). In der schlesischen
Trappelierkarte fehlen Sechs, Fünf, Vier, Drei; sie hat also
36 Blätter. Die deutsche Karte zählt 32 Blätter, von
denen je acht Daus (As), König, Ober, Unter, Zehn, Neun, Acht
und Sieben darstellen und durch die Farben Eicheln (Eckern),
Grün, Rot (Herzen) und Schellen unterschieden sind. Die
früher noch vorhandenen Sechsen sind jetzt fast in allen
Gegenden aus der deutschen Karte geschwunden. Die jetzt wohl am
meisten verbreitete französische Karte (Whistkarte) von 52
Blättern hat Treff (schwarze Kleeblätter), Pik (schwarze
Lanzenspitzen), Coeur (rote Herzen) und Karo (rote Vierecke) zu
Unterscheidungszeichen und besteht aus König, Dame, Bube und
der Zahlenfolge Eins bis Zehn (52). In Süddeutschland, wo man
vielfach französische Karten benutzt, heißen die vier
Farben Kreuz (Treff), Schippen (Pik), Herz (Coeur) und Eckstein
(Karo). Der Ursprung der S. bedarf noch sehr der Aufhellung. Zwar
nicht eigentliche S., aber doch ähnlichen Zwecken dienende
elfenbeinerne und hölzerne, mit Figuren bemalte Täfelchen
hatten die Chinesen und Japaner schon längst, ehe die Karten
bei uns bekannt waren. Wer sie in Europa eingeführt hat,
darüber wissen wir nichts Sicheres. Die erste sicher
beglaubigte Erwähnung der S. datiert aus dem Jahr 1392, wo der
Schatzmeister Karls VI. von Frankreich in seinem Ausgabebuch eine
Zahlung für drei Spiele Karten in Gold und Farben an den Maler
Jacquemin Gringonneur verzeichnet hat. Die S. können also
nicht erst, wie behauptet worden, zur Unterhaltung für den
geisteskranken König Karl erfunden worden sein. Wahrscheinlich
ist es, daß die Sarazenen die S. in Europa eingeführt
haben. Die ältesten S. wurden gemalt, oft mit Aufwand
großer Kunstfertigkeit. Besonders waren die deutschen
Kartenmacher, welche um 1300 bereits Innungen gebildet zu haben
scheinen, berühmt. Nachdem die Erfindung der Holzschneidekunst
und des Kupferstichs schrankenlose Vervielfältigung
ermöglicht hatte, stieg der Export billiger Karten aus
Deutschland außerordentlich, besonders entwickelten Ulm,
Augsburg und Nürnberg eine gewinnreiche Kartenindustrie. Wegen
ihrer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte der Typographie,
wegen der Trachtenbilder, welche auf ihnen erhalten sind, nach
welcher Richtung hin spätere Abarten der französischen
Karte besonders interessantes Material liefern, sind die S.
früherer Zeiten von besonderm kulturgeschichtlichen Interesse
und werden darum gesammelt (Sammlung von Weigel in Leipzig, hrsg.
das. 1865; "Die ältesten deutschen S. des königlichen
Kupferstichkabinetts zu Dresden", hrsg. von Lehrs, Dresd. 1885, u.
a.). Bei der großen Beliebtheit, deren sich das Kartenspiel
bei den gebildeten Nationen erfreut, ist auch heute die
Kartenfabrikation ein wichtiger Industriezweig, besonders in
Frankreich und Deutschland (Stralsund, Hamburg, Kassel, Naumburg a.
S., Frankfurt a. M, München, Stuttgart, Ravensburg, Ulm, Mainz
etc.). In den meisten Ländern unterliegen die S. einer
Stempelsteuer (s. unten). Die Kartenspiele, deren Zahl sich ins
Unübersehbare vermehrt

144

Spielkartenstempel - Spiera.

hat, sind teils Glücksspiele (s. d.), teils sogen. Kammer-
oder Kommerzspiele, bei welch letztern nicht bloß das
Glück, sondern auch die Geschicklichkeit und die
Verstandeskräfte der Spielenden ausschlaggebend sind. Die
beliebtesten Kartenspiele sind das englische Whist, ferner Skat,
Solo, Boston, Mariage etc. Die S. dienen ferner zu
Kartenkunststücken, wovon die interessantesten auf gewissen
Kunstgriffen (Volteschlagen), einige auf Berechnung arithmetischer
Verhältnisse, alle auf Geschwindigkeit und Geschicklichkeit in
der Handhabung beruhen. Endlich ist das Kartenschlagen oder
Kartenlegen, die Kunst der Kartomantie, welche arabischen Ursprungs
sein soll, noch gegenwärtig eins der beliebtesten Mittel,
vorzüglich bei den Frauen aus den niedern Volksschichten, um
den Schleier der Zukunft zu lüften, und ist besonders bei den
Zigeunern zu einem Haupterwerbsmittel ausgebildet worden. Die
berühmteste Kartenschlägerin der Neuzeit war die
Lenormand (s. d.). Theoretisch behandelten die Kunst Francesco
Marcolini in seinen "Sorti" (Vened. 1540) und der Pariser
Kupferstichhändler Aliette unter dem Anagramm Etteila im
"Cours théorétique et pratique du livre de Thott"
(Par. 1790). Die wichtigsten Werke über die Geschichte der S.
sind: J. B. Thiers, Traité des jeux (Par. 1686); Breitkopf,
Versuch, den Ursprung der S. etc. zu erforschen (Leipz. 1784);
Leber, Jeux des tarots et des cartes numérales (Par. 1844,
mit 100 Kupfern); Singer, Researches into the history of playing
cards (Lond. 1848); Chatto, Origin and history of playing cards
(das. 1848); Taylor, History of playing cards (das. 1865); Merlin,
Origine des cartes à jouer (Par. 1869). Anweisung zur
Erlernung sämtlicher Kartenspiele geben die "Encyklopädie
der Spiele" (3. Aufl., Leipz. 1879) und Opel (Erf. 1880). Vgl. auch
Schröter, Spielkarte und Kartenspiel (Jena 1885); Signor
Domino, Das Spiel, die Spielerwelt und die Geheimnisse der
Falschspieler (Bresl. 1886).

Spielkartenstempel, eine unter Anwendung der Abstempelung
von Spielkarten erhobene Aufwandsteuer. Ein solcher wurde mit der
für Sicherung des Eingangs erforderlichen Beaufsichtigung und
Kontrollierung der Fabrikation und des Handels 1838 in
Preußen eingeführt, nachdem bis dahin der Staat den
Alleinhandel mit Spielkarten sich vorbehalten hatte. Eine solche
Steuer bestand auch in den meisten andern deutschen Ländern,
seit 1878 ist an deren Stelle der S. als Reichsabgabe getreten (30
u. 50 Pf. vom Spiel). Ertrag 1888/89: 1,066 Mill. Mk. Ein solcher
Stempel besteht auch in Österreich (30 und 15 Kr. vom Spiel)
und in England (seit 1828: 1 Schilling, seit 1862: 3 Pence vom
Spiel). Frankreich sichert sich die richtige Erhebung der
Spielkartensteuer (50 u. 57 Cent.) dadurch, daß der Staat den
nur am Sitz von Steuerdirektionen gestatteten Fabriken das für
die Hauptseiten der Karten erforderliche Papier liefert. Die
Einfuhr ausländischer Karten ist verboten; wo sie auf Grund
von Verträgen zugelassen ist, wird von solchen Karten neben
dem Stempel noch ein Zoll erhoben. England erhebt eine
jährliche Lizenzgebühr vom Verkäufer von
Spielkarten, daneben besteht ein S. In Griechenland hat der Staat
seit 1884 das Monopol der Erzeugung und des Verkaufs.

Spielleute (Spilman), im Mittelalter Bezeichnung für
die fahrenden Sänger, Musikanten, Gaukler etc., welche um Geld
ihre Künste vorführten (s. Fahrende Leute). Jetzt
heißen S. (Signalisten) die Tamboure und Hornisten der
Infanterie im deutschen Heer, deren je zwei bei der Kompanie sind,
und die für ihre Ausbildung unter dem Bataillonstambour (beim
ersten Bataillon jedes Regiments Regimentstambour genannt) stehen.
Reservespielleute sind je zwei Mann pro Kompanie, welche im
Gebrauch der Instrumente ausgebildet werden, aber sonst Dienst mit
der Waffe thun.

Spielmarke, s. Jeton.

Spieloper, eine Oper mit lustspielartiger Handlung und
leichter, gefälliger Musik, im Gegensatz zur ernsten
dramatischen Musik der großen Oper.

Spielpapiere, s. v. w. Spekulationspapiere (s.
Spekulation).

Spieluhr, ein Uhrwerk, welches zu bestimmten Zeiten, etwa
nach Ablauf einer Stunde, ein oder mehrere musikalische Stücke
spielt. Bei den Glockenspieluhren, welche früher nicht selten
mit Turmuhren verbunden wurden, schlagen kleine, durch eine Stift-
oder Daumenwalze gehobene Hämmer in bestimmter Abwechselung
taktmäßig an abgestimmte Glocken. In ähnlicher
Weise wurden auch Flötenwerke und Harfensaiten mit Uhrwerken
in Verbindung gebracht. Gegenwärtig sind die sogen.
Stahlspielwerke (Carillons) am gebräuchlichsten, welche sich
in einem kleinen Raum (in Taschenuhren, Dosen, Albums etc.)
unterbringen lassen. Sie bestehen aus abgestimmten Stahlfedern,
welche durch die Stifte einer mittels des Uhrwerks in Umdrehung
versetzten Walze geschnellt werden. Befindet sich ein solches
Spielwerk in einer Uhr, so ist dasselbe von dem Gang- und
Schlagwerk derselben ganz unabhängig, indem es
selbständig durch ein Gewicht oder eine Feder getrieben wird,
und es findet eine Verbindung zwischen beiden nur in der Weise
statt, daß das Uhrwerk in bestimmten Zeiten das Spielwerk
auslöst, d. h. seine Triebkraft frei macht, worauf letzteres
sofort zu spielen beginnt und damit fortfährt, bis es durch
die Arretierung wieder zum Stillstehen gebracht wird. Die
Stahlspielwerke werden hauptsächlich in der Schweiz
angefertigt.

Spielwaren, Arbeiten aus verschiedenen Stoffen (Metall,
Elfenbein, Knochen, Holz, Pappe, Papiermaché, Leder, Wachs,
Kautschuk etc.) zur Unterhaltung und Beschäftigung der Kinder,
gegenwärtig Gegenstand eines bedeutenden Industriezweigs, der
für die ganz ordinären bis mittelfeinen Artikel seinen
Hauptsitz im sächsischen Erzgebirge (Seiffen,
Grünhainichen etc.), in Oberammergau und in der Rauhen Alb in
Württemberg, für mittelfeine bis feinere Waren in
Sonneberg und Umgegend in Thüringen, für noch bessere und
beste Qualität in Nürnberg, Stuttgart und Berlin hat.
Nürnberg und Stuttgart konkurrieren in hochfeiner Ware
erfolgreich mit Paris. Die Gesamtproduktion Deutschlands
schätzt man auf 400,000 Ztr. im Wert von 30-36 Mill. Mk. Die
Herstellung von S. reicht zurück bis in die
prähistorische Zeit. In den bronzezeitlichen Pfahlbauten der
Westschweiz wurden bronzene und irdene Gegenstände
ausgegraben, die den heutigen Kinderrappeln ähneln und
offenbar demselben Zweck wie diese gedient haben. Ähnliche
Objekte wurden auch in Schlesien, der Mark Brandenburg etc.,
Spielwürfel aus Knochen oder Bronze zu La Tène (s.
Metallzeit, S. 528), unweit Este und zu Sackrau (bei Breslau)
ausgegraben. Die in alten Gräbern aufgefundenen Sprungbeine
(astragali) von Schafen, Ziegen und Kälbern haben nach Bolle
zum Knöchelspiel gedient.

Spiera, Francesco, "der Apostat", geboren um 1498, war
als Rechtsgelehrter zu Citadella bei Padua 1542 evangelisch
geworden, schwor aber, von der Inquisition bedroht, 1547 die
gewonnene Überzeugung

145

Spieren - Spill.

ab, um sofort ein Opfer rasender Verzweiflung zu werden. Sein
1548 erfolgtes trauriges Ende war entscheidend für den
Übertritt des P. P. Vergerio (s. d.). Sein Leben beschrieben
Comba (ital., Flor. 1872) und Rönneke (Hamb. 1874).

Spieren, die Rundhölzer des Schiffs, besonders
diejenigen zum Ausspannen der Leesegel an ihrem untern Liek;
unbearbeitete Hölzer, welche Schiffe zum Ersatz zerbrechender
Raaen und Stengen mitnehmen.

Spierlingsvogelbeere, s. Sorbus.

Spierstaude (Spierstrauch), s. Spiraea.

Spieß, Stoßwaffe mit langem Schaft und
dünner Eisenspitze, s. v. w. Pike (s. d.).

Spieß, 1) Christian Heinrich, Schriftsteller auf
dem Gebiet des niedern Romans, geb. 1755 zu Freiberg i. S., war
längere Zeit Mitglied einer wandernden
Schauspielergesellschaft und wurde darauf als Wirtschaftsbeamter
auf dem Schloß Betzdiekau in Böhmen angestellt, wo er
17. Aug. 1799 starb. Anfangs schrieb er Schauspiele; später
lieferte er besonders Romane, jede Messe einige Bände (z. B.
"Der alte Überall und Nirgends", Geistergeschichte, 1792; "Das
Petermännchen", 1793; "Der Löwenritter", 1794; "Die
zwölf schlafenden Jungfrauen", 1795, etc.), die wohl noch
jetzt in den untern Schichten der Gesellschaft Leser finden und
sich insgemein durch wüste Erfindung und platte
Ausführung charakterisieren. Vgl. Appell, Die Ritter-,
Räuber- und Schauerromantik (Leipz. 1859).

2) Adolf, Begründer einer neuen Richtung des Schulturnens,
geb. 3. Febr. 1810 zu Lauterbach am Vogelsberg, wuchs in Offenbach
auf und widmete sich mehr und mehr der Pflege und Förderung
der Leibesübungen, nachdem er das anfänglich ergriffene
Studium der Theologie aufgegeben hatte. 1833-44 an den Schulen von
Burgdorf im Kanton Bern, dann 1844-48 in Basel angestellt,
entfaltete er hier eine erfolgreiche, eigenartige Thätigkeit
als Turnlehrer und Schriftsteller. 1848 zur Leitung des hessischen
Schulturnens nach Darmstadt berufen, wirkte er in dieser Stellung
mit weit über die Grenzen dieses Landes hinausgehendem Erfolg,
bis ihn 1855 ein von früh an in ihm keimendes Lungenleiden,
dem er 9. Mai 1858 erlag, von seiner Thätigkeit
zurückzutreten zwang. S.' Verdienst ist es, die Gebiete der
Freiübungen (s. d.) und Ordnungsübungen (s. d.) für
die Turnkunst erschlossen und systematisch erschöpft sowie die
Betriebsform der Gemeinübungen auch für andre Turngebiete
eingeführt zu haben. Auch hat er dem Mädchenturnen zuerst
entscheidend Bahn gebrochen und überhaupt ein eigentliches
Schulturnen erst ins Leben gerufen. Sein Hauptwerk ist die
systematische "Lehre der Turnkunst" (Basel 1840-46, 4 Tle.; 2.
Aufl. 1867-85). Zur Anleitung für den Schulturnunterricht ist
bestimmt sein "Turnbuch für Schulen" (Basel 1847-51, 2 Tle.;
2. Aufl. von Lion, 1880-89). S.' "Gedanken über die Einordnung
des Turnwesens in das Ganze der Volkserziehung" (Basel 1842) sind
mit anderm zusammengefaßt nebst Beiträgen zu seiner
Lebensgeschichte in seinen "Kleinen Schriften über Turnen"
(hrsg. von Lion, Hof 1872). Vgl. Waßmannsdorff, Zur
Würdigung der Spießschen Turnlehre (Basel 1845).

Spießbock, s. Antilopen, S. 640.

Spießbock, Käfer, s. Bockkäfer.

Spießbürger, ursprünglich arme, nur mit
Spießen bewaffnete Bürger als Fußsoldaten; jetzt
verächtliche Bezeichnung für engherzige, beschränkte
Kleinbürger.

Spieße, s. Geweih.

Spießer, in der Jägersprache der
einjährige Hirsch; Spießbock, das einjährige
männliche Reh, solange es Spieße trägt, was auch
bisweilen noch bei ältern Stücken der Fall ist (s.
Geweih).

Spießglanz, s. v. w. Antimon;
Spießglanzbleierz, s. v. w. Bournonit;
Spießglanzbutter, s. v. w. Antimonchlorid;
Spießglanzkönig, s. v. w. Antimon.

Spießglas, s. v. w. Antimon.

Spießglassilber, s. Antimonsilber.

Spießlein (Wurf), in Nürnberg s. v. w.
fünf Stück.

Spießlerche, s. Pieper.

Spießrecht (Recht der langen Spieße), das
Recht der Landsknechtsregimenter, schwere Verbrechen selbst
abzuurteilen, sowie der Rechtsgang dabei.

Spießrutenlaufen (Gassenlaufen), militär.
Leibesstrafe, welche früher wegen schwerer Vergehen durch
Kriegs- oder Standgericht über gemeine Soldaten verhängt
wurde, und bei deren Ausführung, unter Aufsicht von
Offizieren, ein oder mehrere hundert Mann mit vorgestelltem Gewehr
eine etwa 2 m breite Gasse bildeten, welche der bis zum Gürtel
entblößte Verurteilte mit auf der Brust
zusammengebundenen Händen und eine Bleikugel zwischen den
Zähnen haltend, um "sich den Schmerz zu verbeißen",
mehrmals langsam bei Trommelschlag durchschreiten mußte.
Hierbei erhielt er von jedem Soldaten mit einer Hasel- oder
Weidenrute (Spieß- oder Spitzrute) einen Schlag auf den
Rücken. Bei der Kavallerie wurden, in Preußen bis 1752,
statt der Ruten Steigbügelriemen (daher Steigriemenlaufen)
verwendet. Um den Verurteilten am schnellen Gehen zu hindern,
schritt ein Unteroffizier mit ihm vor die Brust gehaltener
Säbelspitze voran. Ein sechsmaliges S. durch 300 Mann an 3
Tagen mit Überschlagen je eines Tags wurde der Todesstrafe
gleich geachtet, hatte aber auch gewöhnlich den Tod zur Folge.
Konnte der Verurteilte nicht mehr gehen, so wurde er auf Stroh
gelegt und erhielt dann die festgesetzte Anzahl von Streichen.
Diese barbarische Strafe wurde in Preußen 1806, in
Württemberg 1818, in Österreich 1855, in Rußland
erst 1863 abgeschafft. Ähnliche Strafen waren auch bei den
Römern im Gebrauch, s. Fustuarium. Bei den Landsknechten (s.
d.) war es das "Recht der langen Spieße", aus dem das S.
hervorging.

Spießtanne, s. Cunninghamia.

Spik, s. v. w. Lavandula Spica; s. auch Valeriana.

Spiköl (Spicköl), s. Lavendelöl.

Spilanthes Jacq. (Fleckblume), Gattung aus der Familie
der Kompositen, meist behaarte, einjährige Kräuter mit
einfachen, gegenständigen Blättern und einzeln stehenden,
gelben Blütenköpfen. Von den mehr als 40 Arten in den
Tropen der Alten und Neuen Welt wird S. oleracea Jacq., die
Parakresse, in den Tropen als Salat- und Gemüsepflanze, bei
uns als Zierpflanze kultiviert. In Südeuropa benutzt man sie
gegen Skorbut und bei uns eine aus dem Kraut bereitete Tinktur
(Paraguay-Roux) gegen Zahnschwerz.

Spilimbergo, Distriktshauptstadt in der ital. Provinz
Udine, am Tagliamento, hat ein altes Schloß, eine Kirche mit
Gemälden von Pordenone u. a., Seidenfilanden, Handel und
(1881) 1732 Einw.

Spill, Vorrichtung zum Einwinden der Ankerkette, zum
Einholen von Trossen, wenn ein Schiff verholt werden soll, oder zum
Heben schwerer Lasten. Ein S. besteht aus einer eisernen, bei
Gangspillen vertikal, bei Bratspillen horizontal gelagerten Welle
(mit einer Armatur aus Gußeisen zur Aufnahme der Ankerkette
und aus Holz zum Umlegen von Trossen) und dem Spillkopf, welcher
mit Öff-

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

10

146

Spillage - Spindler.

nungen zum Einstecken der Spillspaken versehen ist, mit deren
Hilfe man den Apparat in Rotation versetzt. Palldaumen oder
Sperrklinken verhindern, daß das S. sich rückwärts
dreht. Auf Dampfschiffen wird das S. gewöhnlich durch eine
kleine Dampfmaschine in Bewegung gesetzt. In neuerer Zeit werden
die Spille vielfach ganz aus Eisen gebaut.

Spillage (spr. -ahsche), Verlust an auf Schiffen
beförderten Waren infolge mangelhafter Verpackung.

Spillbaum, s. Evonymus.

Spille, im Altdeutschen s. v. w. Spindel oder Kunkel,
daher die deutschrechtlichen Ausdrücke: Spillgelder,
Spilllehen, Spillmage, Spillseite u. dgl.

Spillgelder, s. Nadelgeld.

Spilling, s. Pflaumenbaum.

Spilllehen (Kunkellehen), ein Lehen, welches auch auf
Frauen vererblich war.

Spillseite (Spindelseite, Spillmagen), im altdeutschen
Recht die Verwandten mütterlicherseits im Gegensatz zu der
Schwertseite oder den Schwertmagen (s. d.), den Verwandten von der
Seite des Schwerts, dem Mannesstamm. Vgl. Mage.

Spilographa, s. Bohrfliege.

Spin., Abkürzung für Max von Spinola, Graf von
Tassarolo, geb. 1780 zu Toulouse, gest. 1857 auf Tassarolo bei
Genua (Entomolog).

Spina (lat.), Dorn, Stachel, Gräte; auch
Rückgrat (S. dorsi); in der altrömischen Rennbahn die
niedrige Mauer, an deren Enden die zu umkreisenden Ziele standen
(s. Circus). S. bifida, Rückgratsspalte (s.d.).

Spinacia Tourn. (Spinat), Gattung aus der Familie der
Chenopodiaceen, einjährige, aufrechte, kahle Kräuter mit
abwechselnden, gestielten, dreieckig ei- oder
spießförmigen, ganzrandigen oder buchtig gezahnten
Blättern, diözischen Blüten in geknäuelten
Wickeln, die der weiblichen Pflanze meist unmittelbar in den
Blattachseln, die der männlichen zu unverbrochenen, terminalen
und achselständigen Scheinähren geordnet. Vier
orientalische Arten. S. oleracea L. (gemeiner Spinat), 30-90 cm
hoch, soll durch die Araber zuerst nach Spanien gebracht und von
dort weiter verbreitet worden sein. Man kultiviert ihn jetzt als
Gemüsepflanze in zwei Varietäten, als Sommerspinat
(großer, holländischer Spinat, S. oleracea inermis
Mönch), mit länglich-eirunden oder stumpf dreieckigen
Blättern und glattem Fruchtperigon, und als Winterspinat (S.
oleracea spinosa Mönch), mit spießförmig
zweizähnigen Blättern und stachligem Fruchtperigon. Diese
Varietät säet man im Herbst und schneidet sie im
Frühjahr; den Sommerspinat bevorzugt man als
Sommergewächs, weil er weniger leicht in Samen schießt.
Die Blätter liefern ein zartes Gemüse, welches mild
abführend wirkt. Es enthält 2,189 eiweißartige
Körper, 0,292 Fett, 0,058 Zucker, 2,378 sonstige
stickstofffreie Substanzen, 0,551 Cellulose, 1,152 Asche, 93,380
Wasser. In Griechenland füllt man Gebäck mit Spinat und
einigen Gewürzkräutern als Fastenspeise; in Frankreich
verbäckt man den Samen zu Brot.

Spinalis (lat.), was auf das Rückgrat Bezug hat,
daher Medulla s., das Rückenmark; Spinalkrankheiten, die
Krankheiten des Rückenmarks.

Spinalmeningitis, Entzündung der
Rückenmarkshäute.

Spinalnerven, s. Rückenmark.

Spinalneuralgie (Spinalirritation), die im Verlauf der
Rückenmarksnerven auftretenden Schmerzen, sind entweder
bedingt durch anatomisch nachweisbare Erkrankungen 1) der
Wirbelkörper, z. B. bei Frakturen der Wirbelknochen, durch
Verrenkungen oder Quetschungen der Bandscheiben, durch
eingedrungene Geschosse oder knöcherne Auswüchse, welche
auf das Rückenmark oder die aus diesem entspringenden
Empfindungsnerven einen Druck ausüben; 2) durch
Entzündungen oder Geschwulstbildungen in den
Rückenmarkshäuten, welche sich z. B. bei den
häufigen syphilitischen Erkrankungen auch auf die Scheide der
Nerven fortsetzen; 3) durch Entzündungen, Geschwülste,
Entartungen des Rückenmarks selbst; S. ist daher ein
regelmäßiges Symptom der Rückenmarksschwindsucht.
Diese große Gruppe von Fällen bietet der ärztlichen
Diagnose gewöhnlich keine besondere Schwierigkeit, da die S.
als solche nur Teilerscheinung ist neben Lähmungen,
Krampfzuständen und andern schweren, oft tödlichen
Komplikationen, so daß demnach die S. bei der Behandlung nur
als Symptom berücksichtigt wird. Als reine Neurose kommt die
S. vor bei Personen, welche durch voraufgegangene schwere
Gemütsbewegungen, körperliche oder geistige
Überanstrengungen, Exzesse aller Art in ihrer Gesundheit tief
erschüttert sind. Neben dem Gefühl von Kriebeln, Taubsein
oder Kälte in der Haut des Rückens und der
Extremitäten klagen die Kranken über
Rückenschmerzen, welche besonders bei Druck auf die
Dornfortsätze lebhaft werden (Irritatio spinalis),
während Lähmungen meistens fehlen oder nur in
untergeordnetem Grad auftreten. In diesen Fällen ist die S.
eine bloße Funktionsstörung des spinalen Nervensystems,
welche gewöhnlich Teilerscheinung einer allgemeinen
Nervenschwäche ist, kein bedrohliches Symptom darstellt,
sondern bei geeigneter Behandlung verschwindet (s.
Nervenschwäche).

Spinalsystem (Vertebralsystem), das Rückenmark mit
den von ihm ausgehenden Nerven.

Spinat, Pflanzengattung, s. Spinacia; englischer oder
ewiger S., s. v. w. Rumex Patientia: neuseeländischer S., s.
v. w. Tetragonia expansa; wilder S., s. Atriplex.

Spina ventosa (lat.), s. Winddorn.

Spinazzola, Stadt in der ital. Provinz Bari, Kreis
Barletta, mit 6 Kirchen und (1881) 10,353 Einw.; Geburtsort des
Papstes Innocenz XII.

Spindel, in der Technik ein langer, dünner, an einem
oder an beiden Enden zugespitzter Körper, wie er seit alters
beim Spinnen benutzt wird; dann jede dünne stehende Welle
(Bohrspindel, Schraubenspindel etc.), auch die Welle der Unruhe in
den Spindeluhren. In der Botanik heißt S. (Rhachis) die
Hauptachse der Ähre (s. Blütenstand, S. 80).

Spindelbaum, Pflanzengattung, s. Evonymus.

Spindelsträucher, s. Celastrineen.

Spindeluhr, s. Uhr.

Spindler, Karl, Romanschriftsteller, geb. 16. Okt. 1796
zu Breslau, ward in Straßburg erzogen. Das juristische
Studium gab er auf, nachdem er sich dem französischen
Kriegsdienst durch Flucht entzogen, und wurde Schauspieler, bis er
in der Pflege seines außerordentlichen Erzählertalents
seinen eigentlichen Beruf erkannte. Er lebte nacheinander in Hanau,
Stuttgart, München, zuletzt in Baden-Baden und starb 12. Juli
1855 in Bad Freiersbach. Unter seinen zahlreichen Romanen (neue
Ausg., Stuttg. 1854 bis 1856, 95 Bde.; Auswahl 1875-77, 14 Bde.)
sind die bedeutendsten: "Der Bastard" (Zürich 1826, 3 Bde.;
aus der Zeit Kaiser Rudolfs II.), "Der Jude" (Stuttg. 1827, 4 Bde.;
eine Sittenschilderung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrh.),
"Der Jesuit" (das. 1829, 3 Bde.), "Der Invalide" (das. 1831, 5
Bde.) und "Der König von Zion" (das. 1837, 3 Bde.),

147

Spinell - Spinnen.

deren Vorzüge ihm einen der ersten Plätze unter den
deutschen Erzählern anweisen. 1829 erschien unter seiner
Redaktion die "Damenzeitung", 1830-49 das Taschenbuch
"Vergißmeinnicht".

Spinell, Mineral aus der Ordnung der Anhydride, findet
sich in gewöhnlich kleinen, regulären Kristallen, einzeln
ein- oder aufgewachsen, sehr häufig, namentlich auf
sekundärer Lagerstätte, in Kristallfragmenten u.
Körnern. S. ist meist rot, auch braun, blau, grün und
schwarz. Der rote wird beim Erhitzen vorübergehend grün,
dann farblos, nach dem Erkalten aber wieder rot. Die licht
gefärbten Spinelle sind durchsichtig, die dunklern
durchscheinend bis undurchsichtig, alle glasglänzend.
Härte 8, spez. Gew. 3,5-4,1. Der rote, durchsichtige (edle) S.
ist ein Magnesiumaluminat MgAl2O4, wahrscheinlich durch etwas Chrom
gefärbt. Eine blaue Abart enthält bis 2,5 Proz. Eisen,
der grasgrüne Chlorospinell 6-10 Proz. Eisen und etwas
Kupferoxyd als färbendes Prinzip, während der schwarze S.
(Pleonast, Ceylanit) nach der Formel (Mg,Fe),(Al,Fe)2O4
zusammengesetzt ist. Edler S. (s. Tafel "Edelsteine", Fig. 14)
findet sich fast nur auf sekundärer Lagerstätte, in
Ceylon, Ostindien und Australien, der blaue zu Aker in
Södermanland. Chlorospinell entstammt einem Chloritschiefer
von Slatoust; Pleonast tritt in Silikatgesteinen und Kalken oder
auch lose auf, so besonders am Monzoniberg in Südtirol, am
Vesuv, auf Ceylon, zu Warwick und Amity in New York. S. ist ein
geschätzter Edelstein und besitzt in seinen gesättigt
ponceauroten Varietäten etwa den halben Wert eines
gleichgroßen Diamanten. Tiefroter S. kommt auch als
Rubinspinell, licht rosenroter als Rubinbalais (Balasrubin),
violetter als Almandinspinell und gelbroter als Rubicell (Rubicill)
in den Handel. Die zuletzt genannten drei Sorten stehen den edlen
Spinellen an Wert bedeutend nach. Kochenille- und blutroter S.
kursiert wohl auch als Goutte de Sang ("Blutstropfen"). Pleonaste
dienen als Trauerschmuck. Eine Anzahl von Mineralspezies, deren
einzelne Glieder als isomorphe Körper untereinander eng
verknüpft sind, faßt man als Spinellgruppe zusammen. Sie
kristallisieren sämtlich im regulären System, am
häufigsten in Oktaedern und oktaedrischen Zwillingen, nach dem
sogen. Spinalgesetz und sind übereinstimmend nach der
allgemeinen Formel RII(RIV2)O4 [s. Bildansicht] zusammengesetzt.
Die folgende Tabelle gibt die wichtigsten Spezies der Gruppe und
die Elemente, welche sich an der Zusammensetzung beteiligen, in der
Reihenfolge ihres Vorwaltens in der betreffenden Verbindung :

Arten | RII | (R2)VI

Edler Spinell . . . . | Mg, vielleicht Cr | Al

Blauer Spinell . . . . | Mg | Al, Fe

Chlorospinell . . . . . | Mg, etwas Cu | Al, Fe

Pleonast . . . . . . | Mg, Fe | Al, Fe

Pikotit . . . . . . . | Fe, Mg | Al, viel Cr

Chrompikotit . . . . . | Fe, Mg | Cr, zurücktret. Al

Hercynit . . . . . . | Fe, wenig Mg | Al

Automolit (Gahnit, Zinkspinell) | Zn | A1

Kreittonit . . . . . . | Zn, Fe, Mg | Al, Fe

Dysluit . . . . . . | Zn, Fe, Mn | Al, Fe

Franklinit. . . . . . | Zn, Fe, Mn | Fe, Mn

Chromit (Chromeisenerz) | Fe, Mg, Cr | Cr, Al, Fe

Magneteisen (Magnetit) . | Fe | Fe

Talkeisenstein. . . . . | Fe, Mg | Fe

Jacobsit . . . . . . | Mn, Mg | Fe, Mn

Magnoferrit (Magnesioferrit) | Mg | Fe

Uranpecherz . . . . . | U | U

Spinellan, s. Nosean.

Spinelltiegel, s. Schmelztiegel.

Spinett (franz. Epinette), veraltetes Tasteninstrument,
kleines Klavicimbal (s. Klavier, S. 816).

Spingole, s. Espingole.

Spinndrüsen, bei Insekten, Spinnen und einigen
andern Tiergruppen diejenigen Organe, welche einen zu feinen
Fäden ausziehbaren, rasch erhärtenden Saft absondern und
so den Stoff für die bekannten Spinnweben, Kokons und andre
derartige Gebilde liefern. Die Larven (Raupen) von Insekten haben
zwei sehr lange S., die im Hinterleib liegen und ihren Inhalt dicht
am Mund ergießen; bei den Spinnen hingegen münden die S.
am Hinterende des Körpers aus. Auch die Byssusdrüse der
Muscheln (s. d.) wird wohl als Spinndrüse bezeichnet.

Spinnen, s. Spinnentiere.

Spinnen (hierzu Doppeltafel "Spinnmaschinen"), aus kurzen
Fasern durch Zusammendrehen beliebig lange Fäden (Gespinst,
Garn, s. d.) erzeugen. Damit das Garn die größte
Gleichmäßigkeit und Festigkeit bekommt, müssen die
Fasern nicht nur vor allen etwanigen Verunreinigungen sowie kurzen
Härchen befreit, sondern auch gleichmäßig verteilt
und in eine parallele Lage gebracht, demnach also gewissen
Vorbereitungsarbeiten unterworfen werden, bevor das eigentliche S.
stattfinden kann. Je nachdem die verschiedenen Operationen von der
Hand mit einfachen Werkzeugen oder von mechanischen Vorrichtungen
ausgeführt werden, unterscheidet man Hand- und
Maschinenspinnerei.

1) Die Handspinnerei,

durch die Maschinen fast verdrängt, wird nur noch von den
Landbewohnern zum S. des Flachses und der Wolle benutzt, zeigt aber
bereits deutlich die der Spinnerei zu Grunde liegenden
Hauptoperationen. Der gehechelte Flachs oder die gewaschene und
gekratzte Wolle werden um einen hölzernen Stock (Rocken) a
(Textfig. 1) gewunden, den die Spinnerin neben sich aufstellt oder
in den Gürtel steckt. Das Ordnen der Fasern bewirkt sie durch
Ausziehen derselben mit der einen Hand, während sie mit der
andern die Spindel am obern Ende dreht, an welchem der Faden mit
einer Schlinge in einem Häkchen oder einem
schraubenförmigen Einschnitt so befestigt ist, daß die
Drehung auf ihn übertragen wird. Die Spindel b besteht aus
einem hölzernen (selten eisernen) Stäbchen von 20-30 cm
Länge, das etwa 8 cm vom untern Ende seine größte
Stärke, 0,8-1,5 cm, hat u. sich von da aus nach beiden Enden
zuspitzt. Etwas unter der stärksten Stelle befindet sich eine
kleine Schwungmasse c (Wirtel) aus Zinn oder Horn, in den
ältesten Zeiten aus einem durchbohrten Stein bestehend, durch
welche die Drehung der Spindel länger erhalten wird, nachdem
sie losgelassen und, an dem sich bildenden Faden hängend,
allmählich zur Erde sinkt. Ist dies geschehen, so wird der
Faden

148

Spinnen (Hand-, Maschinenspinnerei).

vom obern Ende der Spindel abgelöst, aufgewickelt und von
neuem festgehakt, die Spindel gedreht etc. Viel nutzbringender ist
das S. mit dem Spinnrad (Handrad oder Trittrad), durch welches die
beiden Operationen des Drehens und Aufwickelns der Hand abgenommen
werden, während nur das Ordnen der Fasern (Ausziehen)
derselben überlassen bleibt. Bei dem Handrad (Textfig. 2) wird
die frei schwebende Spindel a durch das von der rechten Hand an der
Kurbel b gedrehte Rad c mittels Schnur ohne Ende in Umdrehung
versetzt, während man in der linken das Spinnmaterial (meist
Wolle) hält und in geeigneter Menge durch die Finger gleiten
läßt. Zunächst wird der Faden gedreht, indem man
ihn in der Richtung 1, d. h. unter stumpfem Winkel, gegen die
Spindel hält und sich allmählich mit der linken Hand von
der Spindel entfernt; hierauf bringt man ihn in die Richtung 2,
wodurch er aufgewickelt wird. Bei dem Trittrad (Textfig. 3) ist
eine Spindel x y vorhanden, die an beiden Enden gelagert und bei y
mit einem sogen. Kopfe versehen ist, welcher der Länge nach
eine Durchbohrung mit einem Seitenloch sowie zwei Flügel a a
besitzt. Auf der Spindel befindet sich eine hölzerne Spule b
zum Aufwickeln des Garns i i. Die Spindel x y erhält nun durch
die Schnurrolle r (Wirtel) und die Schnur s, die Spule b durch die
Schnurrolle u und die Schnur t, beide von dem durch den
Fußtritt f, Schubstange e und Kurbel d in Umdrehung
versetzten Schwungrad c aus eine Drehbewegung. Der bei y durch den
Kopf gehende, von dem Spinnrocken kommende Faden i wird
zunächst durch diese Bewegung gedreht, dann aber über
kleine Häkchen des Flügels auf die Spule b geleitet. Da
nun letztere entweder einen kleinern oder größern Wirtel
u hat als die Spindel, also mehr oder weniger Umdrehungen als diese
macht, so muß dadurch das Garn aufgewickelt werden. Um
hierbei ein regelmäßiges Bewickeln der Spule zu
bewirken, wird der Faden der Reihe nach über andre
Häkchen geleitet.

2) Die Maschinenspinnerei, welche jetzt die Regel bildet,
erzeugt das Garn in der Weise, daß das Fasermaterial
zunächst zum Zweck der Reinigung und Anordnung eine Reihe von
Maschinen durchläuft, die dasselbe als ein
zusammenhängendes Band abliefern, welches Vorgarn genannt und
durch allmähliche Verfeinerung und Drehung in Garn (Feingarn)
verwandelt wird.

A. Baumwollspinnerei. Die zum Verspinnen bestimmte Baumwolle (s.
d.) kommt in sehr stark zusammengepreßten Ballen in die
Spinnereien und muß zur Abscheidung der Schmutzteile
geöffnet werden. Dies erfolgt in dem Wolf (Öffner,
Willow), der sehr verschieden konstruiert, aber in neuester Zeit
hauptsächlich in der durch Fig. 4 dargestellten Einrichtung
des vertikalen, konischen Willows angewendet wird. Auf der
vertikalen Achse a a befinden sich 6-8 runde Blechscheiben 1-6, mit
einer Anzahl von Stäben c versehen, welche mit der Achse a a
sich mit großer Geschwindigkeit (1000- 1200 Umdrehungen in
der Minute) drehen. Die durch den Kanal A zugeführte Baumwolle
wird von diesen Schlägern gefaßt und gewaltsam gegen den
konischen Korb o p geschleudert, welcher siebartig durchbrochen ist
und daher den groben Staub durchläßt, der sich in der
Kammer K K ansammelt und zeitweilig entfernt wird. Der feinere
Staub dahingegen wird durch eine Trommel E abgesondert, deren
Inneres mit dem Ventilator G in Verbindung steht, der dasselbe
aussaugt. Obige Trommel G ist nun mit einem Drahtgewebe
überspannt, gegen welches durch den Luftzug die aufgelockerte
Baumwolle fliegt, um sich von dem Staub zu trennen, der in das
Siebinnere und zum Staubturm H gejagt wird. Infolge einer langsamen
Drehung der Siebtrommel gelangt die Baumwolle durch D auf das Tuch
ohne Ende F, welches sie, im hohen Grad gelockert, aus der Maschine
auswirft. Unmittelbar auf dieses Öffnen folgt eine noch weiter
gehende Auflockerung und Reinigung in der gewöhnlich doppelten
Schlag- oder Flackmaschine (Batteur), deren Einrichtung Fig. 5 im
Längsschnitt zeigt. Das Wichtigste an dieser Maschine sind die
Schlagvorrichtungen, welche sich in den Kasten c und e befinden und
aus einer Welle bestehen, an der mittels Arme zwei Lineale
(Schläger) t t befestigt sind, die sich mit einer
Geschwindigkeit von etwa 1500 Umdrehungen in der Minute drehen. Die
Baumwolle wird nun auf das Tuch ohne Ende a gelegt und von diesem
einem Walzenpaar (Speisewalzen) b übergeben, an dem die
Schläger sehr nahe vorbeifliegen, und das sich so langsam
dreht, daß auf etwa 1 mm des vorgeschobenen Materials 1
Schlag kommt. Der bei diesem Schlagen frei werdende Staub fliegt
zum Teil durch die Roste r d, zum Teil durch die Siebtrommel d mit
Ventilator k, während die Baumwolle erst auf der Siebtrommel d
gesammelt und dann von dieser den Speisewalzen e1 zugeschoben wird,
um in e noch einmal geschlagen, durch Rost s, Siebtrommel f f mit
Ventilator m gereinigt zu werden. Aus f f gelangt sie zu den
Preßwalzen g und endlich auf eine durch i i gedrehte Walze h
zum Aufwickeln zu einem Wickel. Da die Baumwolle mindestens zwei-,
oft mehrere Male auf der Schlagmaschine bearbeitet werden
muß, so findet man gewöhnlich solche doppelte
Schlagmaschinen und benutzt zwei derselben hintereinander. Dabei
legt man mehrere Wickel (1, 2, 3) der ersten Schlagmaschine auf das
Speisetuch a der zweiten sogen. Wattenmaschine, wodurch eine
Mischung und die

148a

Spinnmaschinen.

Fig. 23 Wollkämme

Fig. 10. Häkchenstellung der Walzenkarde

Fig. 4 Konischer Wolf

Fig. 9. Deckelkratze

Fig. 11. Walzenkarde (Seitenansicht).

Fig. 5. Schlagmaschine.

Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl.

Bibliogr. Institut in Leipzig.

Zum Artikel »Spinnen«.

148b

Spinnmaschinen.

Fig. 15. Mulemaschine

Fig. 13. Vorspinnmaschine (Flyer).

Fig. 19. Waterspinnmaschine für Flachs.

Fig. 16. Selbstspinner (Self-actor)

148c

Spinnmaschinen.

Fig. 21. Reißwolf.

Fig. 20. Schlagwolf.

Fig. 17. Ringspindel

Fig. 24. Igelstrecke.

Fig. 18. Anlegemaschine.

Fig. 22. Florteiler.

Fig. 12. Streckwerk.

Fig. 14. Waterspinnmaschine für Baumwolle.

149

Spinnen (Baumwollspinnerei).

Bildung einer regelmäßigen Watte erzielt wird
(Duplieren). Der Abschluß der Reinigung und Auflockerung
erfolgt sodann durch das Kratzen oder Krempeln auf der
Kratzmaschine (Krempel, Karde), deren wesentlichster Teil der
Auflockerungsapparat ist, welcher der ausgiebigen Wirkung wegen aus
zwei Systemen von hakenartigen Zähnchen besteht, die aus
hartem Draht, knieförmig gebogen, durch Lederstreifen gesteckt
sind, so daß sie in großer Zahl dicht nebeneinander
stehen und den Kratzenbeschlag (Textfig. 6) bilden. Zur
Verdeutlichung des Vorganges dienen die untenstehenden Fig. 7 u. 8,
welche Stücke eines Kratzenbeschlags in den zwei verschiedenen
Stellungen zeigen. Denkt man sich in b b (Textfig. 7) Fasern und a
a nach links bewegt, so erfolgt gar keine Wirkung oder ein
Aufrollen des Materials zwischen den Kratzflächen; bewegt sich
aber a a nach rechts, so findet ein Vorgang wie beim Kämmen,
d. h. ein Kratzen, statt, welches in seiner Wirkung noch vermehrt
wird wenn sich zugleich b b nach links bewegt. Geht in Textfig. 8 b
b nach links, so spießt es die Wolle von a a auf,
während bei der umgekehrten Bewegung, oder wenn a a sich nach
links begibt, die Fasern in a a hängen bleiben. Bei dieser
Häkchenstellung kann man also, je nach der Wahl der relativen
Bewegungsrichtung, die Fasern beliebig von einem Beschlag in den
andern überführen (Abnehmen, Wenden). Zur
Bethätigung dieser Werkzeuge ist nun ein System stets auf
einer großen cylindrischen Trommel (Tambour) von etwa 1 m
Durchmesser angebracht, während das zweite System entweder auf
Latten sitzt, welche die Trommel konzentrisch umgeben und die
Deckel (Deckelkarde) bilden, oder auf passend gelagerten kleinern
Walzen (Igel) angebracht ist (Walzenkarde). Die Einrichtung der
Deckelkratze zeigt Fig. 9. Die von der zweiten Schlagmaschine
kommende Watte wird bei a eingelegt, durch die drehende Walze b
allmählich wieder abgewickelt und über die Platte c den
Speisewalzen e übergeben, aus welchen sie von der sogen.
Vorwalze f herausgezogen und an die große Trommel T
abgeliefert wird. Diese dreht sich nun mit großer
Geschwindigkeit (100- bis 160mal in der Minute) und kratzt das
Material mit Hilfe der Deckel d d, dasselbe zugleich in ein
äußerst zartes Vlies verwandelnd, welches vermittelst
der mit Kratzenbeschlag garnierten Trommel K von der Trommel T
abgenommen wird (Abnehmer, Kammtrommel). Zur Entfernung des Vlieses
aus dieser Trommel K dient ein Kamm k (Hacker), welcher, durch eine
schnell umlaufende Kurbel m auf und ab bewegt, das Vlies aushackt.
Da letzteres sehr zart ist, so zieht man es bei n seitwärts
zusammen und leitet es durch einen Trichter t, in dem es die
Gestalt eines Bandes erhält, welches, zwischen den Walzen q
noch zusammengepreßt, durch den Kopf u in den Topf p geleitet
wird, in dem es sich in Spiralen ablagert, welche durch einen in u
angebrachten Drehapparat gebildet werden. Statt der Deckelkratzen
verwendet man ihrer größern Leistung wegen jetzt ebenso
vielfach die Walzenkarden (Igelkrempel), deren Häkchenstellung
neben der Haupttrommel a Fig. 10 zeigt, wo b Arbeiter und c Wender
heißen, und deren Konstruktion aus Fig. 11 hervorgeht. Um die
große Trommel T liegen die Arbeiter a und dazwischen die
kleinern Wendern, welche fortwährend die in a sitzen bleibende
Baumwolle von a auf T übertragen (wenden), um die Wirkung zu
erhöhen. Die Wickel werden wie bei der Deckelkarde durch die
Walze z abgewickelt, von dem Zufuhrapparat b c auf die Vorwalze d
und von dieser auf die Trommel T gebracht, sodann durch die Walzen
1, 2, 3 gleichmäßiger verteilt, zwischen T und a
gekratzt, um endlich auf die Kammwalze K mit Hacker k und auf die
Wickelwalze q zu gelangen, oder durch einen Trichter die Bandform
zu gewinnen. Die Drehung der Arbeiter erfolgt durch eine endlose,
durch das Gewicht g gespannte Kette s von der Scheibe 7, die
Drehung der Wender w, n sowie der Walzen d, 1, 2 und 3 durch Riemen
r, t, u und Riemenscheiben 5 auf der Achse 4 und 12 auf der Achse B
von der großen Trommelwelle A aus. Von 7 wird zugleich die
Bewegung durch Kegelräder 8, 9, 10 auf c und weiter auf z
übertragen. In der Regel wird die Baumwolle zweimal gekratzt:
auf der Vorkarde und nach Behandlung auf der Lappingmaschine auf
der Feinkarde, in welchem Fall mehrere Bänder der Vorkarde
zusammengewickelt und als Bandwickel auf die Feinkarde gebracht
werden. Um im Band eine vollständig gleiche, gestreckte,
parallele Lage und gleiche Verteilung der Fasern zu bekommen,
passieren sie eine Reihe von Walzen in der Weise, daß immer
so viel Bänder vereinigt werden (Duplieren), als jedes Band
verlängert (gestreckt) wird. Dazu dient ein Streckwerk
(Laminirstuhl, Strecke), dessen Einrichtung (Fig. 12) folgende ist.
In einem passenden Bock liegen vier Walzenpaare 1, 2, 3, 4, die die
Bänder A dadurch verlängern, daß sie der Reihe nach
von 4 nach 1 größere Umdrehgeschwindigkeiten, z. B. auf
das Sechsfache gesteigert, erhalten. Die Oberwalzen sind mit Leder
überzogen und durch Gewichte q q auf die geriffelten
Unterwalzen gepreßt. Die (z. B. 6) gestreckten und
vereinigten Bänder laufen als ein Band A durch eine Platte h,
Walzen c und den drehenden Kopf T in die Kanne D D, welche sich
durch eine Schnecke s mit Schneckenrad r um die Achse dreht, um dem
Bande die Spirallage zu geben (Drehkanne). Wegen der
Gleichmäßigkeit des Bandes muß die Strecke sofort
stillstehen, wenn ein Band reißt. Dazu dienen der Hebel z y x
und die Platte h (Bandwächter), die

150

Spinnen (Baumwollspinnerei).

von dem Band gehalten werden und sofort mit x oder p gegen die
Zähne des Rades a fallen, wenn das Band bei b oder h
reißt. Durch die Arretierung von a wird dann sofort die
Strecke abgestellt. In dem gestreckten und duplierten Band sind die
Fasern so verteilt und gelagert, daß dasselbe durch weitere
Streckung und Drehung in Garn überführt werden kann. Der
großen Lockerheit halber muß diese Operation aber in
gewissen Abstufungen so erfolgen, daß die Zusammendrehung
zunächst dem Band nur eine Festigkeit erteilt, welche das
Weiterstrecken nicht hindert; dadurch entsteht das Vorgarn
(Vorgespinst). Zur Erzeugung desselben dient der Flyer oder die
Spindelbank, welche die früher üblichen Vorspinnmaschinen
(Röhrchen-, Eklipsmaschine, Jackmaschine etc.) fast
vollständig verdrängt hat. Der Flyer, welcher in mehreren
Größenabstufungen (Grob-, Mittel-, Fein-, Feinfein- und
Doppelfeinflyer) nacheinander in Verwendung kommt, erhält
zuerst das Band aus den Kannen der Streckmaschinen, wickelt aber
das Vorgarn auf Spulen, so daß vom Grobflyer abwärts das
Garn auf Spulen gewickelt in die Maschine gelangt. Das Wesen eines
Flyers zeigt Fig. 13 der Tafel. Von den Spulen a a läuft das
Vorgarn in das Streckwerk b, von hier zu den Spindeln c c, mit den
Flügeln d, welche durch die am Fuß angebrachten
Kegelräder k in Umdrehung versetzt werden und dadurch dem Garn
Draht geben. Indem das Garn zugleich durch den hohlen
Flügelarm d und den Finger f auf die Spule e geleitet und
letztere um die Spindel vermittelst schiefer Kegelräder i
gedreht wird, wickelt es sich auf die Spule, welche aus einem
hölzernen Rohr besteht und behufs regelmäßiger
Bewickelung mit der sogen. Spulenbank (Wagen) g innerhalb der
Flügel auf und ab steigt, bis sie gefüllt ist, um nach
Abheben des Flügels von der Spindel abgezogen u. der
nächstfolgenden Maschine übergeben zu werden. Ein sehr
sinnreicher, aber komplizierter Mechanismus mit
Differenzialräderwerk (Differenzialflyer) regelt die
Aufwickelbewegung, welche sich nach jeder Garnschicht ändern
muß. - Nachdem das Vorgarn den letzten (Fein-) Flyer etwa in
der Dicke eines gewöhnlichen Bindfadens verlassen hat,
empfängt dasselbe die endgültige Streckung und Drehung
zur Verwandlung in Garn auf den Feinspinnmaschinen, die entweder
nach dem Prinzip des Spinnrades oder des Handrades (s. S. 148)
konstruiert sind und danach Watermaschinen oder Mule heißen.
Die Watermaschine (Fig. 14) wird immer doppelt gebaut, d. h. es ist
an derselben ein Träger (Aufsteckrahmen) für zwei Reihen
mit Vorgarn gefüllter Spulen a a, zwei Reihen Streckwerke b b
und Spindeln mit Flügeln und Spulen vorhanden. Das Garn geht
von a nach b, sodann gestreckt durch ein Führungsauge n nach
dem Flügel c und von diesem gedreht auf die Spule zwischen dem
Flügel zum Aufwickeln. Die 120 Spindeln n o werden von den mit
den Wellen g g sich drehenden Trommeln x x vermittelst Schnüre
s und Wirtel t 3600-4500mal in der Minute gedreht, während die
Spulenbank t mit den Stangen f f auf und nieder geht. Zu dem Zweck
werden die letztern in den Büchsen z und y geführt und
von den Schienen m m getragen, welche an Ketten k k hängen,
die über die Rollen r r laufen und an den Winkeln e e
befestigt sind, welche sich mit Rollen gegen eine Herzscheibe d
legen, die eine solche Form hat, daß sie bei ihrer
gleichmäßigen Drehung die Hebel und dadurch die Stangen
f f abwechselnd auf und ab bewegt. Die Aufwickelung des Garns
erfolgt durch ein Zurückbleiben der Spulen infolge einer
starken Reibung auf der Bank t. Sämtliche Bewegungen gehen von
einer der Wellen g aus, die direkt angetrieben wird, durch
Zahnräder die Bewegung dem Streckwerk und durch das Zahnrad 2,
Schnecke 3, Schneckenrad 4, Welle h und Schneckengetriebe 5 u. 6
der Herzscheibe d mitteilt. Während bei der Watermaschine
Streckung, Drehung und Aufwickelung gleichzeitig und ununterbrochen
vor sich gehen, sind bei der Mulemaschine diese Operationen
getrennt. Sie besteht nämlich (Fig. 15 der Tafel) aus einem
festen Gestell A mit Aufsteckrahmen für die mit Vorgarn
gefüllten Spulen a a sowie Streckwerk b und einem Wagen B mit
den Spindeln c, mit denen das Garn h verbunden ist. In der ersten
Periode fährt der Wagen etwa 2 m vom Gestell weg aus,
während sich sowohl die Streckwalzen b als die Spindeln c
drehen, um das Garn zu spinnen. In der nun folgenden zweiten
Periode fährt der Wagen dem Gestell zu ein, während das
Streckwerk stillsteht, um das gesponnene Garn aufzuwickeln, zu
welchem Zweck ein Draht gesenkt wird, der in Bügeln g
über sämtlichen Fäden der Maschine liegt und deshalb
auch durch Bewegung der Bügel g sämtliche (600-700)
Fäden in die zum Aufwickeln erforderliche Lage zu den Spindeln
bringt (Aufwindedraht). Bei den ersten Mulemaschinen führte
ein Arbeiter sämtliche beim Einfahren stattfindende Bewegungen
aus, weshalb die Zahl der gleichzeitig gesponnenen Fäden 300
nicht überschritt. Die jetzigen Mulemaschinen arbeiten
dahingegen mit wenig Ausnahmen selbstthätig (Selbstspinner,
Selfactor), indem nicht nur die Bewegungen, sondern namentlich die
so wichtige und äußerst schwierige Regulierung von einer
Stelle aus erfolgt; daher ist es möglich, sie mit 800-1100
Spindeln auszustatten. Einen Überblick über den
höchst komplizierten Mechanismus eines Selfaktors gewährt
Fig. 16 der Tafel. Die Transmissionsriemenscheibe I sitzt fest auf
der Welle A und dreht einerseits durch Kegelräder die Strecken
b, anderseits die große Schnurrolle R. Von b aus setzt sich
die Drehung fort durch die Räder 1, 2, 3, 4 auf die Scheibe M,
welche vermittelst der am Wagen B befestigten, durch M1 gespannten
Wagenschnur W den Wagen ausfährt. Gleichzeitig dreht die um R
und R1 gelegte, um Führungsrollen h und die Trommel f laufende
Schnur s s die Trommel f und somit durch Schnüre e e die
Spindeln c. Das Einfahren des Wagens erfolgt von der um A drehbaren
Riemenscheibe I I aus durch Stirn- und Kegelräder i k, Welle l
und Schnecke m vermittelst der zweiten um m1 gespannten Wagenschnur
w1, die sich auf die Schnecke aufwickelt, um abwechselnd die
Geschwindigkeit zu vergrößern und zu verkleinern, weil
der Wagen anfangs beschleunigt und dann verzögert wird. Zur
Bildung des Garnkörpers (Kötzer) senkt sich der Aufwinder
g, während ein zweiter, unten hinlaufender Draht g1
(Gegenwinder) die Fäden gespannt hält, damit sie keine
Knoten bekommen. Der Winder g wird dadurch bewegt, daß die
Stange o mit einer Nase unter die Zahnstange z schnappt und sich
dadurch hebt und senkt, daß ihre Rolle p auf einer an- und
absteigenden Schiene q q q (Formplatte) rollt; z