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Title: Robur der Sieger
Author: Verne, Jules, 1828-1905
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Robur der Sieger

von

Julius Verne.



Bibliographische Anstalt Adolph Schumann.
Leipzig

Julius Verne's Reiseromane. Band 51.


[Hinweis: Andere Übersetzungen des Romans "Robur-le-Conquérant"
erschienen unter dem Titel "Robur der Eroberer".]



I.

Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath weiß, wie die
ungelehrte.



Paff! ... Paff!

Zwei Pistolenschüsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben
in der Entfernung von fünfzig Schritten vorüber trabte, bekam eine
Kugel in's Rückgrat ... und sie ging die Sache doch gar nichts an.

Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden.

Wer waren jene beide Herren? Niemand weiß es, und gerade hier wäre ja
Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. Es läßt
sich über sie nichts weiter sagen, als daß der ältere ein Engländer,
der jüngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter läßt sich die
Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkäuer eben sein
letztes Grasbündelchen abgeweidet hatte; diese ist nämlich am rechten
Ufer des Niagara und unweit der Hängebrücke zu suchen, welche drei
Meilen unterhalb der berühmten Fälle das canadische Ufer mit dem
amerikanischen verbindet.

Der Engländer schritt jetzt auf den Amerikaner zu.

"Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, daß es die Melodie »Rule
Britannia« war, sagte er.

-- Nein, der »Yankee Doodle«!" versetzte der Andere.

Der Streit schien auf's Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der
Zeugen -- ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs -- mit den
Worten einmischte:

"Nehmen wir an, es wäre der »Rule Doodle« und der »Yankee Britannia«
gewesen und begeben wir uns nun zum Frühstück."

Dieses Compromiß zwischen den beiden Nationalgesängen Amerikas und
Großbritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Längs
des linken Niagara-Ufers zurückwandelnd, beeilten sich Amerikaner und
Engländer, an der einladenden Tafel des Hôtels auf Goat Island -- einem
neutralen Gebiete zwischen den beiden Fällen -- Platz zu nehmen.
Während ihrer Beschäftigung mit gekochten Eiern und dem landesüblichen
Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast
brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die
weltbekannten Wasserfälle eifersüchtig machen könnten, wollen wir sie
nicht weiter stören, zumal kaum anzunehmen ist, daß von ihnen im Laufe
dieser Erzählung noch ferner die Rede sein wird.

Wer hatte nun Recht -- der Engländer oder der Amerikaner? Es wäre
schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes
Duell den Beweis für die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht
allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar über ein
Ereigniß oder eine unerklärliche Erscheinung, welche seit etwa einem
Monate alle Köpfe verwirrte.

»... Os sublime dedit coelumque tueri«
hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man
seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals
den Himmel so vielfach betrachtet.

Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nämlich eine Trompete aus
der Luft ihre metallenen Töne herabgeschmettert über denjenigen Theil
von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt.
Die Einen hatten daraus den »Yankee Doodle«, die Anderen das »Rule
Britannia« zu hören vermeint, daraus entstand auch obiger
angelsächsische Zweikampf, der mit dem Frühstück auf Goat Island
endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere
Nationalgesang gewesen; nur darüber herrschte bei Niemand ein Zweifel,
daß die betreffenden Töne die Eigenthümlichkeit gehabt hatten, als
schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen.

Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder
ein Erzengel geblasen hätte? ... Waren es nicht vielmehr lustige
Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von
dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem
Ballon, von Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen
Himmelsregionen vollzog sich ein außergewöhnliches Ereigniß, dessen
Natur und Ursprung kein Mensch zu enträthseln vermochte. Heute zeigte
sich dasselbe über Amerika, vierundzwanzig Stunden später über Europa,
acht Tage später in Asien über dem Himmlischen Reiche. Wenn die
Trompete, welche das Vorüberziehen jener Erscheinung ankündigte, nicht
die des Jüngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann?

In allen Landen der Erde, in Königreichen wie in Republiken, entstand
deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mußte. Vernimmt
Einer in seinem Hause eigenthümliche und unerklärliche Geräusche, würde
er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und
wenn das vergeblich wäre, würde er nicht sein Haus verlassen, um ein
anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die
Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit
dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des
Sonnensystems zu vertauschen.

Es galt demnach unbedingt, aufzuklären, was im unendlichen leeren
Raume, doch innerhalb der Erdatmosphäre, vorging. Ohne Luft ist ja ein
Geräusch unmöglich, und da man hier ein solches vernahm -- immer jene
fast sagenhafte Trompete -- mußte die Erscheinung auch in der Lufthülle
stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert
und die sich über unserem Sphäroid nur wenige Meilen hoch verbreitet.

Natürlich bemächtigten sich die Tagesblätter der vorliegenden Frage,
behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder
verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen,
erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Höhe ihrer Auflage
-- und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig
auf. Welch' Wunder! Die Politik hatte den Laufpaß erhalten und die
Geschäfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es
sich überhaupt?

Man befragte alle großen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese
keine Antwort gaben, wozu nützten dann solche Observatorien eigentlich?
Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend
Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen
aufzulösen vermögen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer
kosmischen Erscheinung zu ergründen, die nur wenige Kilometer über
ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen?

Man konnte auch in der That kaum schätzungsweise angeben, wie viel
Teleskope, Brillen, Fernröhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles
während der schönen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch
wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und
Vergrößerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist
nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit
unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zählt. Nein, noch keiner, auf allen
Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterniß hatte
man solche Ehre angethan!

Die Observatorien antworteten, aber unzulänglich. Jedes gab seine
Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so daß sich daraus
während der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein
wirklicher Bürgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte.

Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurückhaltend. Keine
seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung für
mathematische Astronomie hatte man es für unter seiner Würde gehalten,
Beobachtungen anzustellen; in der für die Meridianmessung hatte man
nichts entdeckt; in der für physikalische Beobachtungen hatte man
nichts wahrgenommen; in der für Geodäsie nichts bemerkt; in der für
Meteorologie war Niemand etwas aufgefallen; in der für die Berechnungen
hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Geständniß.
Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis,
wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor
der Wahrheit bewies das Längenbureau. Nun ja, Frankreich heißt ja das
Land, wo man "frank", d. h. offen spricht.

Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeußerung. Etwa in der
Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein
elektrischen Ursprunges gezeigt, der 20 Secunden nicht überdauerte. Am
Pic-Du-Midi war derselbe zwischen 9 und 10 Uhr Abends beobachtet
worden; im meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dôme hatte man ihn
zwischen 1 und 2 Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der
Provence zwischen 2 und 3 Uhr; in Nizza zwischen 3 und 4 Uhr; auf den
Semnoz-Alpen endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im
Augenblicke, als der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob.

Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmöglich in Bausch und Bogen
verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Lichtschein an
verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden,
wahrgenommen worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren
Herden aus, die sich durch die Erdatmosphäre hinbewegten, oder, wenn er
nur einem einzigen solchen angehörte, so mußte dieser sich mit einer
Schnelligkeit fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde
erreichte.

Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der
Luft bemerkt?

Nein, niemals.

Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten?

Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den
leisesten Ton gehört.

Im vereinigten Königreich Großbritannien wußte man nicht mehr aus, noch
ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei Uebereinstimmung.
Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verständigen, obwohl Beide die
Behauptung aufstellten, "an der ganzen Sache sei nichts".

"Eine Gesichtstäuschung! meinte das Eine.

-- Eine Gehörstäuschung!" erwiderte das Andere.

Darüber lagen sie im Streit; auf eine Täuschung lief es jedoch allemal
hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und der zu
Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu führen. Rußland bewies
ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte zu Pulkowa, daß
sie Beide Recht hätten, das hänge nur von den Gesichtspunkten ab, auf
die sie sich bezüglich Bestimmung der Natur jener Erscheinung stellten,
die in der Theorie unmöglich schien und in der Praxis möglich war.

In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Säntis, im Canton Appenzell, auf
dem Rigi, im Gäbris, in den Beobachtungsstationen des St. Gotthard, St.
Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen von Zürich und des
Sonnblick in den Hohen Tauern, befleißigte man sich einer ganz
besonderen Zurückhaltung gegenüber einer Thatsache, die bisher Niemand
zu bekräftigen vermocht hatte -- was gewiß recht vernünftig zu nennen
ist.

In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuvs und
des Aetna, welch' letztere sich in der alten Casa Inghlese befindet,
wie auf dem Monte Cavo, zögerten die Beobachter nicht im geringsten,
die Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des
Umstandes, daß sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen
Dampfwölkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer Sternschnuppe
hatten wahrnehmen können. Ueber die eigentliche Natur derselben wußten
sie freilich ebenfalls nichts.

In der That begann dieses Geheimnis allmählich die Vertreter der
Wissenschaft zu ermüden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr die
Einfältigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen
Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet
haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen
und Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der
Sache zu beschäftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der
Sternwarte zu Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28.
zum 29. auf der des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer
und die Schweden auf der anderen Seite in der Anschauung übereingestimmt
hatten, daß inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein
gewaltiger Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es
auch nicht gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag
es doch keinem Zweifel, daß derselbe kleine Körper ausgeworfen habe,
welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen.

In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von
Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders
merkwürdig erschien freilich, daß die Schweden und die Norweger doch
einmal über einen Punkt einig zu sein schienen.

Man lachte und spottete über die angebliche Entdeckung auf allen
Sternwarten Südamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La Plata,
auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, und
das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend.

Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich
zustimmend bei dieser Frage, trotz der Spötteleien, welche seine
Erklärung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der
Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer
ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche
bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont
umschließt.

"Es könnte ja sein, sagte er, daß der Gegenstand, um den es sich
handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende Maschine
wäre."

Welcher Scherz!

Waren die vielfachen Widersprüche nun schon in der Alten Welt sehr
lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen
Welt gestalten mußten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus
größte Gebiet einnehmen.

Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege -- er wählt gewöhnlich den,
der am schnellsten zum Ziele führt. So zögerten auch die amerikanischen
Bundesstaaten nicht im mindesten, ihre Ansichten gegenseitig
auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht gleich die Objective ihrer
Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur daher, daß sie dieselben
jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht wurden, erst hätten wieder
ersetzen müssen.

In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von
Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna
denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Ann-Arbor in Michigan
feindlich gegenüber. Ihr Streit betraf übrigens nicht die Natur des
beobachteten Körpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, denn
Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur
gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn
des geheimnißvollen Wanderers der Lüfte nur in mäßiger Höhe über dem
Horizont liegen sollte. Von Connecticut bis Michigan, von Duna nach
Columbia ist aber die Entfernung eine so große, daß eine doppelte
Beobachtung zu ein und demselben Zeitpunkt als unmöglich angesehen
werden konnte.

Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die Militärakademie,
gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer Zuschrift, welche die
gerade Aufsteigung und die Declination des bewußten Körpers bestimmte.

Später stellte sich jedoch heraus, daß diese Beobachter einem Irrthume
unterlegen waren und daß der betreffende Körper nur eine Feuerkugel
gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten hinblitzte. Um
diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie könnte auch
eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben?

Was nun die erwähnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren
schmetternden Ton als eine einfache Gehörstäuschung hinzustellen.
Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der Leute
ebenso wenig getäuscht, wie deren Augen. Unzählige Beobachter hatten
vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig gehört. In der sehr
dunklen Nacht -- vom 12. zum 13. Mai -- war es den Beobachtern des
Yale-Collegs an der Hochschule von Sheffield sogar gelungen, einige
Tacte eines musikalischen Satzes in A-dur und im Viervierteltacte in
Noten zu fixiren, welche vollkommen mit einem Theile der Melodie des
bekannten »Chant du départ« -- eines Soldatenliedes beim Auszug zum
Kampfe -- übereinstimmten.

"Sehr schön! riefen dazu die Witzbolde, da hätten wir ja ein
französisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft ertönen
läßt!"

Scherzen heißt aber nicht antworten. Diese Bemerkung machte auch das
von der Atlantic Iron Works Company gegründete Observatorium zu Boston,
dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie für die
gelehrte Welt allmählich schon die Bedeutung von Gesetzen gewannen.

Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im
Jahre 1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von
Cincinnati eine Erklärung ab, jenes Institut, das sich durch seine
mikrometrischen Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt
gemacht hat. Sein Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin
aus, daß den weitverbreiteten Gerüchten unzweifelhaft etwas zu Grunde
liege, daß sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr
verschiedenen Stellen in der Atmosphäre ein in Bewegung befindlicher
Körper zeige, daß über dessen Natur, Größenverhältnisse,
Geschwindigkeit und Flugbahn aber kein Urtheil möglich sei.

Da erhielt ein Journal von allergrößter Verbreitung, der New-York
Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: "Noch dürfte
der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen Jahren herrschte
zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem französischen
Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville und dem deutschen Ingenieur
Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche Beide im südlichen
Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt waren.

"Man kann auch nicht vergessen haben, daß Herr Schulze in der Absicht,
Franceville zu zerstören, ein ungeheures Geschoß, schon mehr eine
Maschine, auf letztere Stadt schleuderte, welche dieselbe mit einem
Schlage vernichten sollte.

"Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, daß dieses
Geschoß, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der Mündung der
Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer sechzehnmal größeren
Geschwindigkeit, als gewöhnliche Geschosse -- nämlich fünfundsiebzig
bis achtzig geographische Meilen in der Stunde -- hinweg getragen
wurde, daß es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem
Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren
Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen muß.

"Warum sollte dieses Riesengeschoß, dessen Vorhandensein nicht
anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Körper sein?"

Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald
... aber die Trompete ...? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte
sich bestimmt keine Trompete befunden.

Alle bisherigen Erklärungen erklärten also nichts, alle Beobachter
beobachteten einfach falsch.

Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey
aufgestellte Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese!

Man darf nicht etwa glauben, daß sich der Bevölkerung der Alten und der
Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdruß bemächtigt hätte. Im
Gegentheil, die Erörterungen dauerten in gleicher Lebhaftigkeit fort,
ohne daß irgendwo eine Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat
einmal eine Art Pause ein. Es vergingen nämlich einige Tage, ohne daß
etwas von dem fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es
sonst war, gemeldet wurde und ohne daß sich der bekannte Trompetenton
aus der Luft hören ließ. War jener Körper also irgendwo auf die Erde
niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden
besonders erschwerte -- etwa gar in's Meer? Lag er jetzt in der
unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen
Oceans? Wer hätte das sagen können?

Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe
von Thatsachen, deren Erklärung durch die Annahme eines rein kosmischen
Phänomens schlechterdings unmöglich war.

Im Laufe jener acht Tage fand man nämlich auf den entlegensten Punkten
eine Fahne gerade an den schwerst zugänglichen Stellen von Kirchen
u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger überrascht durch eine solche
an der Spitze des Thurmes von St. Michael, die Türken auf dem höchsten
Minaret der heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der
Spitze des metallenen Pfeiles ihrer Kathedrale, die Straßburger am
obersten Punkte des Münsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer
Bildsäule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des
Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels
der fünfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk
der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Römer am Kreuze des St.
Peters-Domes, die Engländer am Kreuz der St. Pauls-Kirche in London,
die Egypter an der obersten Spitze der Pyramide von Gizeh, die Wiener
an dem Reichsadler auf der Spitze des St. Stephansthurmes, die Pariser
am Blitzableiter des dreihundert Meter hohen eisernen Thurmes der
Ausstellung von 1889 und noch andere mehr.

Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte
eine goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt.



II.

In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten,
ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen.



"Und der Erste, der das Gegentheil behauptet ...

-- Oho, das wird man behaupten, wenn ein Grund dafür vorliegt!

-- Und auch trotz Ihrer Drohungen! ...

-- Achten Sie auf Ihre Worte, Bat Fyn!

-- Und Sie auf die Ihrigen, Onkel Prudent!

-- Ich bleibe dabei, daß sich die Schraube nur am Hintertheil befinden
darf!

-- Wir auch! Wir auch! erschallten fünfzig Stimmen wie aus einer Kehle.

-- Sie muß am Vordertheil sein! rief Phil Evans.

-- Am Vordertheil! brüllten fünfzig andere Stimmen eben so stark, wie
jene früheren.

-- Wir werden nie zu ein und derselben Ansicht kommen!

-- Niemals! ... Niemals!

-- Nun, warum streiten wir dann überhaupt noch?

-- Das ist kein Streit ... es ist nur eine Erörterung!"

Das hätte freilich kein Mensch geglaubt, der die scharfe Entgegnung,
die Vorwürfe und das Geschrei hörte, welche den Sitzungssaal seit einer
guten Viertelstunde erfüllten.

Gedachter Saal war nämlich der größte des Weldon-Institutes ... und
jenes vor allen berühmten Clubs in der Walnut Street zu Philadelphia,
Pennsylvanien, Vereinigte Staaten von Nordamerika.

In genannter Stadt war es erst am Vortage bei Gelegenheit der Wahl
eines Gaslaternenanzünders zu öffentlichen Kundgebungen, geräuschvollen
Versammlungen und zu reichlich ausgetheilten Schlägen gekommen. Daher
rührte eine noch nicht besänftigte Reizbarkeit und stammte wohl auch
jene außergewöhnliche Erregung, welche die Mitglieder des
Weldon-Instituts eben zeigten. Und hierbei handelte es sich nur um eine
einfache Vereinigung von "Ballonisten", welche über die noch heutigen
Tages brennende Frage der Lenkbarkeit der Ballons verhandelten.

Der Vorgang aber spielte sich in einer Stadt der Vereinigten Staaten
ab, welche an schneller Entwickelung selbst New-York, Chicago,
Cincinnati und San Francisco überholt hat -- einer Stadt, welche weder
ein Hafenplatz, noch der Mittelpunkt von Petroleum- oder
Steinkohlenbergwerken, auch kein Brennpunkt der Industrie, so wenig wie
der Kreuzungspunkt eines vielstrahligen Bahnnetzes ist -- in einer
Stadt, die an Größe schon Manchester, Edinburgh, Liverpool, Wien,
Petersburg und Dublin übertrifft -- einer Stadt, die einen Park
besitzt, in dem die sieben Parks der Hauptstadt von England zusammen
Platz finden -- einer Stadt endlich, welche jetzt nahezu 1,200.000
Einwohner zählt und sich nach London, Paris, New-York und Berlin als
die fünfte Stadt der Welt betrachtet.

Philadelphia ist fast eine Stadt aus Marmor mit seinen vielen
monumentalen Gebäuden und öffentlichen Anstalten, welche ihres Gleichen
nirgends finden. Das bedeutendste aller Collegs der Neuen Welt ist das
Colleg Girard, und das hat seinen Sitz in Philadelphia. Die größte
Eisenbrücke der Erde ist die, welche den Schuylkill überspannt, und
diese befindet sich in Philadelphia. Der schönste Tempel der
Freimaurerei ist der Maurertempel in Philadelphia; endlich besteht der
größte Club von Freunden und Beförderern der Luftschifffahrt ebenfalls
in Philadelphia, und wer Gelegenheit gehabt hätte, diesen am Abend des
12. Juni zu besuchen, der würde sich dabei ausgezeichnet unterhalten
haben.

In erwähntem großen Saale bewegten, drängten sich, gestikulirten,
sprachen, verhandelten und stritten -- Alle den Hut auf dem Kopfe --
wohl hundert Ballonisten unter dem hohen Vorsitz eines Präsidenten, dem
ein Schriftführer und ein Schatzmeister zur Seite standen. Es waren das
keine Ingenieurs von Fach; nein, einfache Liebhaber alles Dessen, was
mit der Aerostatik in Beziehung stand, aber begeisterte Liebhaber, und
vor Allem Feinde Derjenigen, welche den Aerostaten Apparate, "schwerer
als die Luft", fliegende Maschinen, Luftschiffe u. dgl. entgegenzustellen
beabsichtigen. Daß diese wackeren Leute nimmermehr die Lenkbarkeit des
Ballons erfinden würden, war gewiß mehr als wahrscheinlich. Auf jeden
Fall hatte ihr Vorsitzender Noth genug, um sie selbst gehörig zu lenken
und zu leiten.

Dieser in Philadelphia sattsam bekannte Präsident war der Onkel Prudent
-- Prudent seinem Familiennamen nach. Was die weitere Bezeichnung
"Onkel" betrifft, so braucht man sich in Amerika über diese nicht zu
wundern, wo Jeder zum Onkel werden kann, ohne einen Neffen oder eine
Nichte zu haben. Man sagt dort ebenso Onkel, wie anderwärts Vater von
Leuten, welche auf eine Vaterschaft nicht den geringsten Anspruch
haben.

Onkel Prudent war eine gewichtige Persönlichkeit und trotz seines
Namens oft genannt gerade wegen seiner Kühnheit, daneben sehr reich,
was selbst in den Vereinigten Staaten nicht von Nachtheil sein soll.
Wie hätte er das auch nicht sein sollen, da er einen großen Theil der
Niagarafall-Actien sein eigen nannte? Jener Zeit hatte sich nämlich in
Buffalo eine Gesellschaft von Ingenieuren zur Ausbeutung der berühmten
Fälle gegründet. Die 7500 Cubikmeter, welche der Niagara jede Secunde
hinabwälzt, können 7 Millionen Dampfpferdekräfte erzeugen. Diese
ungeheure, in einem Umkreise von 500 Kilometer nach allen Fabriken und
Werkstätten vertheilte Kraftmenge lieferte eine jährliche Ersparniß von
1200 Millionen Mark, von dem ein Theil in die Cassen der Gesellschaft
-- speciell in die Taschen des Onkel Prudent -- zurückfloß. Uebrigens
war er Junggeselle, lebte höchst einfach und hatte als häuslichen
persönlichen Beistand niemand Anderen, als seinen Diener Frycollin, der
eigentlich am allerwenigsten verdiente, im Dienste eines so kühnen,
unternehmenden Herrn zu stehen. Aber es giebt einmal Regelwidrigkeiten.

Daß der Onkel Prudent Freunde hatte, da er so reich war, versteht sich
ja von selbst; aber er hatte auch Feinde, weil er Vorsitzender jenes
Clubs war -- unter Allen alle die, welche selbst nach diesem Amte
strebten; und als der hitzigsten Einer ist hier der Schriftführer des
Weldon-Institutes zu erwähnen.

Es war das der ebenfalls sehr reiche Phil Evans, der Director der
Walton Watch Company, einer gewaltigen Uhrenfabrik, welche tagtäglich
500 Stück Zeitmesser erzeugt und Producte liefert, die sich den besten
der Schweiz an die Seite stellen können. Phil Evans hätte also für
einen der glücklichen Menschen der Welt selbst in den Vereinigten
Staaten gelten können, wenn man von jener Stellung des Onkel Prudent
absah. Wie letzterer, war auch er 45 Jahre alt, von scheinbar
unerschütterlicher Gesundheit, wie jener von unzweifelhafter Kühnheit,
und sorgte er sich wenig darum, die gewissen Vorzüge des
Junggesellenstandes gegen die oft zweifelhaften Vortheile der Ehe zu
vertauschen. Wahrlich, das waren zwei Männer, wie geschaffen, einander
zu verstehen, die sich doch nicht verstanden, und Beide, was wohl zu
bemerken ist, von ungemein stark entwickeltem Charakter, der Eine,
Onkel Prudent, hitzig, der Andere, Phil Evans, eiskalt bis zum
Uebermaße.

Und woher kam es, daß Phil Evans nicht zum Vorsitzenden des Clubs
ernannt worden war? Die Stimmenzahl für Onkel Prudent und für ihn war
die genau gleiche gewesen. Wohl zwanzig Mal wurde die Abstimmung
wiederholt, aber auch zwanzig Mal ergab sich eine Majorität weder für
den Einen, noch für den Anderen. Das war eine peinliche Lage, welche
wahrscheinlich die Lebenszeit der beiden Candidaten hätte überdauern
können.

Da schlug ein Mitglied des Clubs ein Mittel vor, die Stimmengleichheit
aufzuheben. Es war Jem Cip, der Schatzmeister des Weldon-Institutes.
Jem Cip war eingefleischter Vegetarianer, mit anderen Worten,
ausschließlicher Gemüseesser, einer der Leute, die jede Fleischnahrung,
wie alle gegohrenen Getränke verwarfen -- halb Brahmanen und halb
Muselmänner -- der Rival eines Nievmann, Pitmann, Ward und Davie,
welche der Secte dieser unschuldigen Thoren einen gewissen Namen
gemacht haben.

Bei vorliegender Gelegenheit wurde Jem Cip von einem anderen Mitglied
des Clubs unterstützt, von William T. Forbes, dem Director einer großen
Anstalt, in der Glucose durch Behandlung von Lumpen mit Schwefelsäure
hergestellt wurde -- ein Verfahren, nach dem man also Zucker aus alter
Wäsche zu erzeugen vermag. Es war ein gut situirter Mann, dieser
William T. Forbes, und Vater von zwei reizenden, bejahrteren Töchtern,
der Miß Dorothee, genannt Doll, und der Miß Martha, genannt Mat, die in
der besten Gesellschaft von Philadelphia den Ton angaben.

Der von William T. Forbes nebst einigen Anderen unterstützte Vorschlag
Jem Cip's ging nun dahin, den Vorsitzenden des Clubs durch den
Mittelpunkt zu bestimmen.

Wahrlich, dieser Wahlmodus könnte in allen Fällen angewendet werden, wo
es sich darum handelt, den Würdigsten zu erwählen, und sehr viele,
höchst vernünftige Amerikaner dachten auch schon daran, denselben bei
der Ernennung des Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Anwendung zu
bringen.

Auf zwei tadellos weiße Tafeln wurde hierzu je eine schwarze Linie
gezogen. Die Länge beider war mathematisch genau die gleiche, denn man
hatte dieselbe mit ebenso viel Sorgfalt abgemessen, als handelte es
sich dabei um die Grundlinien des ersten Dreiecks einer
Triangulationsarbeit. Hierauf wurden beide Tafeln am nämlichen Tage
inmitten des Sitzungssaales der Gesellschaft aufgestellt; die beiden
Wettbewerber versahen sich Jeder mit einer sehr feinspitzigen Nadel und
gingen wieder gleichzeitig auf die, Jedem durch das Loos zugefallene
Tafel zu. Derjenige der beiden Rivalen aber, welcher seine Nadel am
nächsten dem Mittelpunkte der Linie einstechen würde, sollte damit zum
Vorsitzenden des Weldon-Institutes gewählt sein.

Es versteht sich von selbst, daß hierbei jedes Hilfsmittel, jedes
Umhertappen verboten und nur die Sicherheit des Blicks entscheidend
war. Es galt, nach volksthümlichem Ausdruck, den Zirkel im Auge zu
haben.

Onkel Prudent stach seine Nadel ein und zu gleicher Zeit Phil Evans.
Darauf wurde nachgemessen, welcher der beiden Konkurrenten sich dem
Mittelpunkte am meisten genähert hatte.

Welches Wunder! Die beiden Männer hatten so vortreffliches Augenmaß
entwickelt, daß die Messungen keinen schätzenswerthen Unterschied
ergaben. War von ihnen auch nicht genau der mathematische Mittelpunkt
getroffen worden, so erwies sich der Raum zwischen diesem und den
beiden Nadeln kaum merkbar und schien bei beiden obendrein noch gleich
groß zu sein.

Die Versammlung befand sich nun in neuer Verlegenheit.

Zum Glück bestand eines der Mitglieder, Truk Milnor, darauf, die
Messungen mit Hilfe eines mit Perreaux' mikrometischer Maschine
getheilten Lineals noch einmal vorzunehmen, welche die Möglichkeit
gewährt noch ein Fünfzehnhundertstel eines Millimeters abzulesen. Auf
dem Lineal waren in der That fünfzehnhundert Abtheilungen auf einem
solchen kleinen Raum mittelst Diamant eingeritzt, und bei Abmessung der
Entfernung der Stiche von den betreffenden Mittelpunkten erhielt man
folgendes Resultat:

Onkel Prudent hatte sich dem Mittelpunkt auf weniger als sechs
fünfzehnhundertstel Millimeter genähert, Phil Evans auf nahezu neun
fünfzehnhundertstel.

Daher kam es, daß Phil Evans nur Schriftführer des Weldon-Institutes
wurde, während Onkel Prudent die Würde des Präsidenten desselben
erhielt.

Einer Entfernung von drei fünfzehnhundertstel, mehr hatte es nicht
bedurft, um Phil Evans mit Haß gegen Onkel Prudent zu erfüllen, mit
einem Haß, der, wenn er ihn auch in sich verschloß, doch nicht minder
grimmig war.

Jener Zeit, und zwar seit dem letzten Viertel dieses neunzehnten
Jahrhunderts, hatte die Frage der lenkbaren Ballons immerhin schon
einige Fortschritte zu verzeichnen, die mit Triebschraube ausgerüsteten
Gondeln, welche Henry Giffard 1852 an seinem verlängerten Ballon
anbrachte, ferner Dupuy de Lôme, 1872, die Gebrüder Tissandier 1883 und
die Capitäne Krebs und Renard im Jahre 1884 hatten mindestens einige
Ergebnisse erzielt, denen man Rechnung tragen mußte.

Doch wenn diese Apparate in einem schwereren Medium als sie selbst,
unter dem Drucke einer Schraube manövrirend, eine schräge Richtung
gegen den Wind einhielten, sogar gegen einen widrigen Luftzug aufkamen,
um nach ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren, also wirklich gelenkt
worden waren, so konnte das doch nur unter ganz besonders günstigen
Umständen erreicht werden. In großen, geschlossenen ausgedehnten Hallen
allerdings! In recht ruhiger Atmosphäre -- das ging auch noch recht
gut. Bei einem leichten Winde von fünf bis sechs Meter in der Secunde
war es vielleicht eben noch zu erzwingen -- Alles in Allem hatte man
eigentlich praktisch verwendbare Resultate aber noch nicht erzielt.
Gegen einen Windmühlenwind von acht Metern in der Secunde würden jene
Apparate nahezu stationär geblieben sein; vor einer frischen Brise von
zehn Metern in der Secunde hatten sie in Gefahr geschwebt, zerrissen zu
werden; und bei einer jener Cyclonen, welche hundert Meter in der
Secunde überschreiten, würde man von ihnen kein Stückchen wieder
gefunden haben.

Selbst nach den scheinbar glänzend gelungenen Versuchen der Capitäne
Krebs und Renard dürfte als bewiesen angesehen werden, daß die
Aerostaten, wenn sie an Bewegungsfähigkeit auch ein wenig gewonnen
hatten, mit dieser doch gerade nur gegen eine schwache Brise
aufzukommen vermochten. Es war also nach wie vor als unmöglich zu
betrachten, diese Art der Fortbewegung durch die Luft praktisch zu
verwenden.

Während man sich aber so eifrig mit dem Problem der Lenkbarkeit der
Aerostaten, das heißt mit den Mitteln beschäftigte, diesen eine eigene
Geschwindigkeit zu verleihen, hatte die Frage der Motoren unzweifelhaft
weit schnellere Fortschritte gemacht. An Stelle der Dampfmaschinen und
der Verwendung der bloßen Muskelkraft waren allmählich die elektrischen
Motore getreten. Die Batterien mit doppeltchromsaurem Natron, deren
Elemente auf hohe Spannung angeordnet waren, wie sie die Gebrüder
Tissandier benützten, erzielten eine Schnelligkeit von etwa vier Metern
in der Secunde. Die zwölf Pferdekraft entwickelnden dynamo-elektrischen
Maschinen der Capitäne Krebs und Renard gestatteten, eine
Geschwindigkeit von im Mittel sechs Meter in der Secunde zu erreichen.

Bei ihren Versuchen waren Mechaniker und Elektriker bestrebt gewesen,
sich dem frommen Wunsche zu nähern, eine "Dampfpferdekraft in einem
Taschenuhrgehäuse" zu erzeugen. Die Effecte der Säule, deren
Zusammensetzung die Capitäne Krebs und Renard geheim gehalten hatten,
wurden ebenfalls bald übertroffen, und nach ihnen fanden die Aeronauten
Gelegenheit, Motore zu verwenden, deren Leichtigkeit im gleichen
Verhältniß mit ihrer Kraftwirkung wuchs.

Die Anhänger der Möglichkeit einer Lenkbarkeit der Ballons hatten also
gewiß Ursache, ihren Muth aufrecht zu erhalten, und doch, wie viele
klare Köpfe haben es verworfen, an die Benützung solcher zu glauben. In
der That, wenn der Aerostat einen Angriffspunkt der ihm innewohnenden
Kraft in der Luft findet, so ist er doch mit seiner großen Masse in
diese eingetaucht. Und wie könnte derselbe, da er wieder den Strömungen
der Atmosphäre eine so breite Angriffsfläche bietet, jemals, und wenn
sein Triebwerk noch so mächtig wäre, direct gegen einen widrigen Wind
aufkommen?

Diese Frage lag noch immer vor, man hoffte dieselbe jedoch durch
Anwendung sehr großer Apparate zu lösen.

Es ergab sich übrigens, daß bei diesem Wettstreite der Erfinder in der
Herstellung eines sehr kräftigen und dennoch leichten Motors die
Amerikaner sich dem gewünschten Ziele am meisten genähert hatten. Ein
auf der Anwendung einer neuen Säule beruhender dynamo-elektrischer
Apparat, dessen Construction vorläufig noch Geheimniß blieb, war seinem
Erfinder, einem bisher unbekannten Chemiker in Boston, abgekauft
worden. Mit größter Sorgfalt durchgeführte Berechnungen und mit
äußerster Genauigkeit entworfene Diagramme ergaben, daß dieser Apparat,
wenn er auf eine Schraube von angepaßter Größe wirkte, eine
Fortbewegung von achtzehn bis zwanzig Metern in der Secunde
gewährleisten mußte.

Wahrlich, das wäre großartig gewesen!

"Und das Ding ist nicht theuer!" hatte Onkel Prudent hinzu gesetzt, als
er dem Erfinder gegen regelrecht ausgefüllte Quittung das letzte
Päckchen von hunderttausend Papierdollars einhändigte, mit dem man ihm
seine Erfindung bezahlte.

Unverzüglich ging das Weldon-Institut an's Werk. Handelt es sich um ein
Versuchsunternehmen, das irgend welchen praktischen Nutzen verspricht,
so wird das Geld in amerikanischen Taschen stets leicht locker. Die
nöthigen Mittel strömten zusammen, so daß selbst die Gründung einer
Actiengesellschaft umgangen werden konnte. Dreihunderttausend Dollars
(also 600.000 fl. = 1-1/5 Millionen Mark) füllten gleich nach dem
ersten Aufruf die Cassen des Clubs. Die Arbeiten begannen unter Leitung
des hervorragendsten Luftschiffers der Vereinigten Staaten, Harry W.
Tinder's, der sich unter tausend Anderen vorzüglich durch drei kühne
Fahrten berühmt gemacht hat: die eine, bei der er sich bis 1200 Meter
erhob, d. h. höher aufstieg, als Gay-Lussac, Coxwell, Sivel,
Crocé-Spinelli, Tissandier, Glaisher; die zweite, während der er ganz
Amerika von New-York bis San Francisco überflog und um mehrere hundert
Lieues die längste Reise Nadar's, Godard's und vieler Anderen hinter
sich ließ, ohne John Wise zu rechnen, der von St. Louis bis nach der
Grafschaft Jefferson elfhundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatte; die
dritte endlich, welche mit einem furchtbaren Sturze aus der Höhe von
fünfzehnhundert Fuß endigte, bei dem er sich doch nur den rechten
Daumen verstauchte, während der minder vom Glücke begünstigte Pilâtre
de Rozier bei einem Sturze von nur siebenhundert Fuß augenblicklich den
Tod fand.

Zur Zeit, mit der diese Erzählung beginnt, konnte man schon
beurtheilen, daß das Weldon-Institut die Angelegenheit kräftig
gefördert hatte. In den Turner-Werften zu Philadelphia erhob sich schon
ein ungeheurer Aerostat, dessen Haltbarkeit durch Füllung mit stark
comprimirter Luft geprüft werden sollte. Vor Allem würde dieser den
Namen eines Monstre-Ballons verdienen.

Wie viel faßte der Géant Nadar's? Sechstausend Cubikmeter. Wie viel der
Ballon John Wise's? Zwanzigtausend Cubikmeter. Welchen Fassungsraum
hatte der Ballon Giffard auf der Ausstellung von 1878?
Fünfundzwanzigtausend Cubikmeter bei achtzehn Meter Halbmesser.
Vergleicht man diese drei Aerostaten mit dem des Weldon-Institutes,
dessen Volumen vierzigtausend Cubikmeter betrug, so begreift man
leicht, daß Onkel Prudent und seine Clubgenossen einigermaßen Recht
hatten, sich vor Stolz aufzublähen.

Dieser Ballon, der nicht dazu bestimmt war, die höchsten Schichten der
Atmosphäre zu erreichen, nannte sich nicht "Excelsior", eine
Bezeichnung, welche sonst bei den Amerikanern sehr beliebt ist, nein,
er war einfach »Go a head«, d. h. "Vorwärts" getauft, und es erübrigte
also nur noch, daß er seinen Namen rechtfertigte, indem er der Leitung
seines Capitäns allenthalben entsprach.

Jener Zeit war die dynamo-elektrische Maschine nach dem vom
Weldon-Institute angekauften Patente fast vollendet und man durfte
darauf rechnen, daß der »Go a head« seinen Flug durch das Luftmeer
begonnen haben werde.

Immerhin waren bekanntlich alle mechanischen Schwierigkeiten noch nicht
überwunden.

Sehr viele Sitzungen waren zu diesem Zwecke abgehalten worden, nicht
etwa die Form der Schraube oder deren Größenverhältnisse festzustellen,
sondern um die Frage zu entscheiden, ob dieselbe am Hintertheil des
großen Apparates angebracht werden sollte, wie die Gebrüder Tissandier
wollten, oder am Vordertheile, wie es die Capitäne Krebs und Renard
schon gethan hatten. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Vertreter
dieser beiden Ansichten bei den bezüglichen Verhandlungen darüber fast
handgemein wurden. Die Gruppe der "Vordermänner" glich an Zahl genau
der der "Hintermänner." Onkel Prudent, dessen Stimme bei sonstiger
Stimmengleichheit die entscheidende gewesen wäre, Onkel Prudent, der
unzweifelhaft aus der Schule des Professors Buridan hervorgegangen war,
vermied es klüglich, sich zu äußern.

Bei der Unmöglichkeit, ein Einverständniß herbeizuführen, war es
natürlich auch unmöglich, die Schraube an Ort und Stelle zu setzen. Das
konnte demnach lange dauern, wenn sich nicht etwa die Regierung in's
Mittel legte. In den Vereinigten Staaten liebt es die Regierung aber
bekanntlich nicht, sich in Privatangelegenheiten einzumischen oder um
das zu kümmern, was sie nicht direct angeht. Damit hat sie gewiß ganz
Recht.

So war die Sachlage, und die Sitzung vom 13. Juni schien gar nicht
endigen oder vielmehr nur in einen ungeheuren Tumult auslaufen zu
wollen -- der wie gewöhnlich mit Injurien begann, sich mit
Faustschlägen fortsetzte, dann zu Stockschlägen überging und mit dem
Knallen der Revolver abschloß -- als ein Zwischenfall um acht Uhr
siebenunddreißig Minuten diesen beliebten Verlauf störte.

Kalt und gemessen, wie ein Polizist inmitten der stürmischen Wogen
einer Volksversammlung, hatte sich der Thürsteher des Weldon-Instituts
genähert und dem Vorsitzenden eine Karte eingehändigt. Er erwartete
eben noch die Befehle, welche der Onkel Prudent ihm zu ertheilen haben
könnte.

Onkel Prudent ließ die Dampftrompete ertönen, die ihm als
Präsidentenglocke diente, denn hier hätte, um durchzudringen, nicht
einmal die große Glocke des Kremls hingereicht. Nichtsdestoweniger nahm
der Lärm nur noch zu. Da "entblößte der Präsident den Kopf" und Dank
diesem allerletzten Hilfsmittel entstand wenigstens eine leidliche
Ruhe.

"Eine Mittheilung an den Club! rief Onkel Prudent, nachdem er sich eine
Prise aus der ungeheuren Dose, die ihn niemals verließ, zugelangt.

-- Reden Sie! Reden Sie! antworteten neunundneunzig Stimmen, die
hierüber zufällig einer Meinung waren.

-- Ein Fremdling, geehrte Collegen, wünscht in unseren Sitzungssaal
Eintritt zu erhalten.

-- Nimmermehr! widersetzten sich alle Stimmen.

-- Er wünscht uns, fuhr Onkel Prudent fort, allem Anscheine nach den
Beweis zu liefern, daß es der greulichste Wahnwitz sei, an die
Lenkbarkeit von Ballons zu glauben."

Allgemeines Murren beantwortete diese Erklärung.

"Herein, herein mit ihm!

-- Wie nennt sich denn diese merkwürdige Persönlichkeit? fragte der
Schriftführer Phil Evans.

-- Robur, antwortete Onkel Prudent.

-- Robur! ... Robur! ... Robur!" heulte die ganze Versammlung.

Und wenn bei Nennung dieses eigenthümlichen Namens der Träger desselben
so schnell Zulassung fand, geschah es eigentlich nur, weil das ganze
Weldon-Institut sich Hoffnung machte, auf den Mann den Ueberschuß
seiner Erbitterung abzuschütteln.

Der Sturm hatte sich also einen Augenblick gelegt -- wenigstens
scheinbar. Wie könnte übrigens ein Sturm so schnell vorübergehen bei
einem Volk, welches jeden Monat zwei bis drei solcher nach Europa unter
der Form von Wirbelwinden entsendet?



III.

In dem eine neue Persönlichkeit nicht besonders vorgestellt zu werden
braucht, da sie das selbst besorgt.



"Bürger der Vereinigten Staaten, ich heiße Robur[1] und bin dieses
Namens würdig. Trotz meiner vierzig Jahre sehe ich aus wie dreißig,
habe eine eiserne Constitution, eine unerschütterliche Gesundheit,
hervorragende Muskelkraft und einen Magen, der selbst in der Welt der
Strauße als vorzüglich gelten würde."

  [1] Zu Deutsch: Die Kraft.

Die Versammlung lauschte. Jedes Geräusch hatte vorläufig aufgehört, als
man diese unerwartete Vorrede »pro facie sua« vernahm. War es ein Narr
oder ein Spötter, diese Persönlichkeit? Wie dem auch sein mochte, er
machte Eindruck und wußte sich diesen zu erzwingen. Jetzt ging kein
Lufthauch durch diese Menge, in der doch kurz vorher ein Orkan wüthete.
Die Windstille nach der hohen See.

Ueberdies schien Robur wirklich der Mann zu sein, für den er sich
ausgab. Von mittlerer Größe mit geometrischer Gestalt, ein regelmäßiges
Trapez bildend, deren größte Parallelseite von der Schulterbreite
ausgefüllt wurde; auf dieser Linie saß wieder auf einem kräftigen Halse
ein gewaltiger sphäroidaler Kopf. Welchem Dickkopfe mochte derselbe zu
vergleichen sein? Dem eines Stieres, aber eines Stieres mit
hochintelligentem Gesicht. Darin funkelten ein paar Augen, welche der
geringste Widerspruch sicherlich in volle Gluth versetzte, und über
letzteren waren die Augenbrauenmuskeln -- ein Zeichen entwickelter
Energie -- fortwährend zusammengezogen. Die Haare des Mannes waren
kurz, etwas kraus und von metallischem Glanze, als trüge er ein Toupet
von eisernem Stroh; seine breite Brust hob und senkte sich mit
Bewegungen gleich einem Schmiedeblasebalg. Arme und Hände, Beine und
Füße erwiesen sich des Rumpfes völlig würdig.

Schnurr- und Backenbart sah man bei ihm nicht, nur einen starken
Seemanns-Kinnbart nach amerikanischer Mode, der die Anhaftepunkte der
Kinnlade frei ließ, deren Kaumuskeln eine furchtbare Kraft entwickeln
mußten. Man hat berechnet -- was berechnet man denn nicht? -- daß der
Druck der Kinnlade des Krokodils unter gewöhnlichen Umständen dem von
vierhundert Atmosphären gleich kommt, während der eines Jagdhundes von
mittlerer Größe hundert erreichen soll. Daraus hat man auch folgende
merkwürdige Formel abgeleitet: wenn ein Kilogramm Hund acht Kilogramm
Muskelkraft entwickelt, so entwickelt ein Kilogramm Krokodil deren
zwölf. Nun, ein Kilogramm des genannten Robur hätte deren gewiß zehn
entwickelt. Er hielt also zwischen Hund und Krokodil in dieser
Beziehung die Mitte.

Aus welchem Lande dieses merkwürdige Menschenkind stammte, hätte man
nur schwer errathen können. Jedenfalls drückte sich der Mann ganz
geläufig englisch aus und ohne jenen schleppenden Tonfall, der den
Yankee von Neu-England unterscheidet.

Er fuhr folgendermaßen fort:

"Nun lassen Sie mich auch von meinen anderen Eigenschaften sprechen,
ehrenwerthe Bürger. Sie sehen vor sich einen Ingenieur, dessen geistige
Natur seiner körperlichen nicht nachsteht. Ich fürchte mich vor Nichts
und vor Niemand; besitze eine Willenskraft, die noch nie vor einem
Anderen gewichen ist. Hab' ich mir einmal ein Ziel gesetzt, so würde
ganz Amerika, ja die ganze Welt sich vergeblich verbünden, mich von
Erreichung desselben abzuhalten. Hab' ich einen Gedanken, so erwarte
ich, daß Andere ihn theilen, und vertrage keinen Widerspruch. Ich
betone diese Einzelnheiten, ehrenwerthe Bürger, weil Sie mich gründlich
kennen lernen müssen. Sie finden vielleicht, daß ich zu viel von mir
selbst spreche? Thut nichts! Jetzt aber überlegen Sie sich Alles, ehe
Sie mich unterbrechen, denn ich bin hierhergekommen, Ihnen Dinge zu
sagen, welche Ihnen vielleicht nicht recht gefallen dürften."

Ein Grollen wie das der Brandung lief längs der ersten Bänke des Saales
hin, ein Zeichen, daß das Meer bald wieder hoch aufwogen werde.

"Reden Sie, ehrenwerther Fremdling," begnügte sich Onkel Prudent, der
Mühe hatte, seine Ruhe zu bewahren, auf diese Ansprache zu antworten.

Und Robur sprach wie vorher, ohne sich irgendwie um Beifall oder
Mißfallen seiner Zuhörer zu kümmern.

"Ja wohl, ich weiß Alles! Nach einem Jahrhundert andauernder
Experimente, die zu Nichts geführt, nach Versuchen, die ergebnißlos
verliefen, giebt es noch immer verkehrt beanlagte Geister, welche
hartnäckig an die Lenkbarkeit von Ballons glauben. Sie erdenken irgend
einen Motor, einen elektrischen oder einen anderen, der an ihre
anspruchsvollen, dünnen Hüllen angebracht wurde, welche letztere den
atmosphärischen Strömungen so breite Angriffsflächen darbieten. Sie
bildeten sich ein, Beherrscher eines Aerostaten werden zu können, wie
man etwa ein Schiff auf der Oberfläche des Meeres beherrscht. Weil
einige Erfinder bei ganz oder doch fast ganz stiller Witterung den
Erfolg gehabt haben, entweder schief durch den Wind oder einer ganz
leichten Brise entgegen zu fahren, deshalb sollte die Lenkbarkeit von
Apparaten, welche leichter sind, als die Luft, zu praktischen Erfolgen
führen? O gehen Sie! Sie sind hier an hundert Männer, die an die
Verwirklichung ihrer Träume glauben und viele Tausende von Dollars
nicht in's Wasser, aber in die Luft werfen. Ich sage Ihnen, das heißt
gegen eine Unmöglichkeit kämpfen!"

Wunderbar, die Mitglieder des Weldon-Instituts sagten gegenüber dieser
Behauptung jetzt kein Wort, als wären sie eben so taub wie langmüthig
geworden, oder hielten sie nur an sich, um zu sehen, wie weit dieser
kühne Widersacher zu gehen wagen würde?

Robur fuhr fort:

"Nehmen wir einen Ballon. Um ein Kilogramm an Gewicht zu verlieren, muß
derselbe ein Cubikmeter Gas aufnehmen. Ein Ballon, der den Anspruch
macht, mit Hilfe seines Mechanismus dem Winde zu widerstehen, wenn der
Druck einer steifen Brise auf das Großsegel eines Schiffes der Kraft
von 400 Pferden gleichkommt, wenn man bei dem Unglücksfalle mit der
Taybrücke gesehen hat, daß ein Orkan einen Druck von 444 Kilogramm auf
den Quadratmeter auszuüben im Stande ist! Ein Ballon, wo die Natur doch
niemals ein fliegendes Geschöpf nach diesem System geschaffen hat, ob
dasselbe nun mit Flügeln, wie die Vögel, oder mit Membranen, wie
gewisse Fische und Säugethiere, ausgerüstet wurden ...

-- Säugethiere? rief eines der Mitglieder des Clubs.

-- Gewiß, die Fledermaus, welche ja auch fliegt, wenn ich nicht irre.
Sollte der Herr, welcher mich unterbrach, wirklich nicht wissen, daß
die Fledermaus ein Säugethier ist, oder hat er jemals eine Omelette aus
Fledermauseiern bereiten sehen?"

Darauf hielt der Heimgeschickte seine Unterbrechungen ferner für sich,
Robur dagegen fuhr mit demselben Eifer fort:

"Wäre damit aber gesagt, daß der Mensch darauf verzichten müsse, das
Luftmeer zu beherrschen und durch Nutzbarmachung dieses wunderbaren
Beförderungsmittels die Zustände der alternden Welt umzuwandeln? Gewiß
nicht! So wie er der Herr der Meere geworden durch das Schiff mit
Ruder, Segel, Rad oder Schraube, so wird er auch zum Herrn der Luft
werden durch Apparate, welche schwerer sind als diese, denn unbedingt
müssen jene schwerer sein, um mächtiger sein zu können."

Jetzt war in der Versammlung aber kein Halten mehr. Welche Breitseite
von Zurufen donnerte aus jedem Munde, die alle auf Robur zielten, wie
eben so viele Gewehrläufe oder Kanonenrohre! Sollten sie nicht
antworten auf solch' offenbare, in's Lager der Ballonisten
geschleuderte Kriegserklärung? Wurde hiermit nicht der Kampf zwischen
dem "leichter" und "schwerer als die Luft" ausgesprochener Maßen wieder
aufgenommen?

Robur verzog keine Miene. Die Arme über der Brust gekreuzt wartete er
es regungslos ab, bis wieder Ruhe eingetreten war.

Onkel Prudent befahl durch eine Handbewegung, das Feuer einzustellen.

"Ja, fuhr Robur fort, die Zukunft gehört den Flugmaschinen. Die Luft
bietet den hinreichenden, soliden Stützpunkt. Man verleihe einer Säule
dieses Mediums eine aufsteigende Bewegung von 45 Meter in der Secunde,
und ein Mensch würde sich schon oberhalb derselben erhalten, wenn die
Sohlen seiner Schuhe nur ein Achtel Quadratmeter Oberfläche boten.
Würde die Geschwindigkeit der Luftsäule auf 90 Meter gesteigert, so
könnte er mit bloßen Füßen darauf gehen. Treibt man nun durch die
Flügel einer archimedischen Schraube eine Luftmasse mit derselben
Schnelligkeit fort, so erzielt man dasselbe Resultat."

Was Robur hier sagte, hatten vor ihm alle Anhänger der sogenannten
Aviation ausgesprochen, deren Arbeiten langsam, aber sicher zur Lösung
des vorliegenden Problems zu führen versprechen.

Die Ehre, diese einfachen Gedanken verbreitet zu haben, kommt Ponton
d'Annécourt, La Landelle, Nadar, Luzi, Louvrie, Liais, Bélégnic,
Moreau, den beiden Richard, Babinet, Jobert, Du Temple, Salives,
Penaud, De Villeneuve, Gauchol und Tatin, Michel Loup, Edison,
Planavergue und noch einer Menge anderer Männer zu. Mehrmals aufgegeben
und wieder aufgenommen, mußte denselben doch eines Tages der Sieg zu
Theil werden. Und hatten von dieser Seite die Feinde der Aviation,
welche behaupteten, daß der Vogel nur durch Erwärmung der Luft, mit der
er sich aufbläht, fliege, auf Antwort warten müssen? Hatten die
Erstgenannten nicht vielmehr nachgewiesen, daß ein 5 Kilogramm
wiegender Adler sich hätte mit 50 Cubikmeter jenes erwärmten Fluidums
anfüllen müssen, um sich dadurch allein frei schwebend zu erhalten?

Ganz dasselbe wies auch hier Robur mit unerbittlicher Logik nach, aber
inmitten eines Heidenlärmes, der sich von allen Seiten erhob. Zum
Schluß warf er den Ballonisten noch folgende Worte in's Gesicht:

"Mit Ihren Aerostaten können Sie nichts ausrichten, werden Sie zu
nichts kommen und niemals etwas wagen dürfen. Der kühnste Ihrer
Aeronauten, John Wise, mußte, obwohl er schon eine Luftreise von 1200
Meilen über das Festland Amerikas zurückgelegt hatte, doch auf die
Absicht, über den atlantischen Ocean zu fahren, verzichten. Und seit
jener Zeit sind Sie um keinen Schritt, um keinen einzigen auf diesem
Wege vorwärts gekommen.

-- Mein Herr, begann da der Vorsitzende, der sich vergeblich bemühte,
ruhig zu bleiben, Sie vergessen offenbar, was unser unsterblicher
Franklin ausgesprochen hat, als die erste Mongolfière aufstieg, also
zur Zeit der Geburt des Ballons. "Jetzt ist das nur ein Kind, aber es
wird wachsen!" lautete seine Prophezeiung. und es ist gewachsen!

-- Nein, Herr Präsident, nein, es ist nicht gewachsen ... es ist nur
größer und dicker geworden, und das ist nicht das Nämliche". [2]

  [2] Wegen des Doppelsinnes des französischen »grandir«, welches sowohl
körperlich wachsen, als auch an Bedeutung und Ansehen zunehmen
ausdrückt, nicht ganz wiederzugebendes Wortspiel. D.Ueb.

Das war ein directer Angriff gegen die Pläne des Weldon-Instituts,
welches die Herstellung eines Monstre-Ballons beschlossen, unterstützt
und betrieben hatte. Sofort kreuzten sich denn auch ziemlich
bedrohliche Ausrufe in dem geräumigen Saale, wie:

"Nieder mit dem Eindringling!

-- Werft ihn von der Tribüne herunter!

-- Um ihm zu beweisen, daß er schwerer ist als die Luft!"

Und Aehnliches mehr.

Man begnügte sich indessen noch mit Worten, ohne zu Thätlichkeiten
überzugehen. Robur konnte also noch einmal seine Stimme erheben und
laut hinausrufen:

"Fortschritte, Bürger Ballonisten, sind nicht mit dem Aerostaten,
sondern nur mit fliegenden Maschinen zu erwarten. Der Vogel fliegt
auch, und der ist kein Ballon, sondern ein Mechanismus! ...

-- Ja er fliegt wohl, schrie der vor Zorn keuchende Bat T. Fyn, aber er
fliegt gegen alle Regeln der Mechanik.

-- Ach so!" erwiderte Robur, die Achseln zuckend.

Dann fuhr er fort:

"Seit man den Flug der größeren und kleineren fliegenden Thiere genau
beobachtet hat, ist folgender sehr einfache Gedanke in den Vordergrund
getreten: Es gilt auch hier die Natur nachzuahmen, denn diese täuscht
sich niemals. Zwischen dem Albatros, der kaum zehn Flügelschläge in der
Minute macht, und dem Pelikan, der siebenzig macht ...

-- Einundsiebenzig! rief eine schnarrende Stimme.

-- Und der Biene, bei der man hundertzweiundneunzig in der Secunde
zählte ...

-- Hundertdreiundneunzig! rief ein Anderer aus Scherz.

-- Und der Stubenfliege, welche dreihundertunddreißig fertig bringt ...

-- Dreihundertdreißigundeinhalb!

-- Und dem Mosquito, der Millionen macht ...

-- Nein ... Milliarden!"

Robur ließ sich durch alle diese Einreden nicht außer Fassung bringen.

"Zwischen diesen verschiedenen Zahlen ... nahm er wieder das Wort.

-- Ist ein großer Unterschied! ließ sich eine Stimme hören.

... Wird man die richtige wählen müssen, um eine praktische Lösung der
Aufgabe zu finden. Schon an dem Tage, wo De Lucy nachweisen konnte, daß
der Hirschkäfer, jenes Insect, welches nur zwei Gramm wiegt, ein
Gewicht von vierhundert Gramm, d. h. zweihundert Mal so viel wie sein
eigenes Gewicht, aufzuheben vermochte, war eigentlich das Problem der
Aviation gelöst. Außerdem wurde nachgewiesen, daß die Flächenausdehnung
der Flügel in gleichem Verhältniß abnimmt, wie die Größe und das
Gewicht des Thieres zunehmen. Seitdem hat man schon mehr als sechzig
verschiedene Apparate erdacht oder auch ausgeführt ...

-- Die noch niemals haben fliegen können! rief der Schriftführer Phil
Evans.

-- Welche geflogen sind oder noch fliegen werden, antwortete Robur,
ohne sich irre machen zu lassen. Ob man sie nun Streophoren,
Helicopteren, Orthoptheren nennt, oder ihrem Namen nach dem
lateinischen »navis« die Silbe »nef« anhängt, meinetwegen auch nach dem
Worte »avis« die Silbe »efs« -- jedenfalls kommt man zu dem Apparate,
dessen endliche Herstellung den Menschen zum Herren des Luftmeeres
machen muß.

-- Aha, die Schraube! warf Phil Evans ein. Der Vogel hat aber keine
Schraube ... so weit man das weiß!

-- Zugegeben, erwiderte Robur, wie Penaud gezeigt hat, arbeitet
eigentlich der Vogel selbst als solche und ist seinem Fluge nach
Helicoptere, darum ist auch die Schraube der Motor der Zukunft ...

... "Vor solchem Uebel,
Heilige Helice[3], behüte uns!" ...

trällerte einer der Zuhörer, der zufällig dieses Motiv aus Hérold's
Zampa im Kopfe behalten hatte.

  [3] Der Name Helice in der Bedeutung Schraube gebraucht. D. Ueb.

Alle wiederholten den Refrain im Chor und mit Intonationen, bei denen
sich der Componist sicher im Grabe herumdrehte.

Dann, als die letzten Töne in einem entsetzlichen Durcheinander
verhallten, glaubte Onkel Prudent unter Benützung eines
augenblicklichen Stillschweigens sagen zu müssen:

"Bürger Fremdling, bis hierher haben wir Sie reden lassen, ohne Sie zu
unterbrechen ..."

Es scheint demnach, als ob der Vorsitzende des Weldon-Instituts die
früheren Einwürfe, die Zwischenrufe, das tolle Durcheinander nicht für
Unterbrechungen, sondern nur für einfachen Meinungsaustausch hielt.

"Jedenfalls, fuhr er fort, muß ich Sie daran erinnern, daß die Theorie
der Aviation schon im Voraus durch die meisten amerikanischen und
fremden Ingenieure verurtheilt und völlig verworfen worden ist. Ein
System, auf dessen Debetseite der Tod Sarasin Volant's in Constantinopel,
der des Mönches Voador in Lissabon, der Letuo's im Jahre 1852 und der
Groof's 1864 steht, ohne die Opfer zu zählen, die ich augenblicklich
vergessen habe, und wäre es nur der mythologische Icarus ...

-- Dieses System, nahm Robur den Satz auf, ist nicht verdammenswerther,
als das, dessen Opferliste die Namen eines Pilâtre de Rozier in Calais,
der Madame Blanchard in Paris, eines Donaldson und Grimwood, welche in
den Michigan-See fielen, eines Swel, Crocé-Spinelli, Eloy und so vieler
Anderer enthält, welche gewiß nicht so leicht der Vergessenheit
anheimfallen."

Das hieß "mit einem Hieb parirt", wie man in der Fechtkunst sagen
würde.

"Mit Ihren Ballons, fuhr Robur fort, werden Sie übrigens, dieselben
mögen noch so vervollkommnet sein, niemals eine praktisch werthvolle
Schnelligkeit erzielen, zehn Jahre brauchen, um eine Reise um die Erde
zu vollenden -- was eine Maschine in etwa acht Tagen abmachen dürfte."

Neue wüthende Proteste und Verneinungen, welche drei ganze Minuten
anhielten, bevor dann Phil Evans das Wort ergreifen konnte.

"Mein Herr Aviator, Sie, der Sie uns so viel von der Herrlichkeit der
Aviation vorreden, sind Sie denn jemals in dieser Weise geflogen?

-- Ja, gewiß!

-- Und Sie hätten also den Kampf mit der Luft siegreich bestanden?

-- Vielleicht, mein Herr.

-- Hurrah, Robur, der Sieger! rief eine Stimme spottend.

-- Nun ja, Robur, der Sieger -- ich nehme diesen Namen an und werde ihn
führen, denn ich habe das Recht dazu.

-- Wir erlauben uns indeß daran zu zweifeln! rief Jem Cip.

-- Meine Herren, erklärte Robur, dessen Augenbrauen sich runzelten,
wenn ich eine ernsthafte Sache ernsthaft behandle, duld' ich es nicht,
daß mir Jemand eine Unzuverlässigkeit meiner Worte vorwirft, und ich
würde gern den Namen des Herrn kennen lernen, der mich in dieser Weise
unterbrach.

-- Ich heiße Jem Cip ... und bin Vegetarianer.

-- Bürger Jem Cip, antwortete Robur, ich weiß, daß die Pflanzenesser
gewöhnlich längere Eingeweide haben, als andere Menschen -- mindestens
um einen Fuß länger. Das ist schon viel ... Nun verleiten Sie mich
nicht, die Ihrigen noch mehr zu verlängern, indem ich bei den Ohren
anfange ...

-- Durch die Thür!

-- Hinaus auf die Straße!

-- Man viertheile ihn!

-- Lynchen, lyncht den Kerl!

-- Verdrehen wir ihn zu einer Schraube! ..."

Die Wuth der Ballonisten hatte ihren Gipfel erreicht. Schon sprangen
sie von den Stühlen auf und umdrängten die Tribüne. Robur verschwand
unter einer Unmasse von Armen, welche sich, wie von einem Sturme
getrieben, auf- und abbewegten. Vergebens ließ die Dampftrompete ihren
heulenden Ton durch die Versammlung brausen. An jenem Abende konnte
Philadelphia wohl glauben, eine Feuersbrunst verzehre eines seiner
Quartiere, und das ganze Wasser des Schuylkill-Stromes werde zum
Löschen desselben nicht hinreichen.

Plötzlich entstand in der lärmenden Masse eine Bewegung nach rückwärts.
Robur hatte eben die Hände wieder aus den Taschen gezogen und streckte
sie gegen die vorderste Reihe der wüthenden Gegner aus.

Seine beiden Hände zeigten jetzt zwei sogenannte amerikanische Fäuste,
welche gleichzeitig Revolver bilden und die schon ein Druck des Daumens
ihre überall verständliche Sprache reden lassen -- zwei kleine
Taschen-Mitrailleusen.

Dann rief er, das Zurückgehen der Angreifer und die vorübergehende
Stille, welche dabei eintrat, schnell benützend:

"Entschieden war es nicht Amerigo Vespucci, der die Neue Welt entdeckt
hat, sondern Sebastian Cabot. Sie sind keine Amerikaner, Bürger
Ballonisten! Sie sind nur Cabo..."

In diesem Augenblicke krachten auch schon vier oder fünf Schüsse in die
Luft, welche Niemand verwundeten. Inmitten des Pulverdampfes verschwand
der Ingenieur, und als jener sich zerstreute, entdeckte man von ihm
keine Spur mehr. Robur der Sieger war davongeflogen, als ob irgend ein
Aviations-Apparat ihn in die Lüfte entführt hätte.



IV.

In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den
Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht.



Sicherlich schon mehr als einmal hatten die Mitglieder des
Weldon-Instituts, wenn sie nach stürmischen Verhandlungen aus den
Sitzungen kamen, Walnut-Street und die Nachbarstraßen noch streitend
und lärmend durchzogen. Wiederholt waren von den Bewohnern dieses
Stadttheiles Klagen eingegangen über die geräuschvollen Ausläufer
solcher Verhandlungen, welche bis in ihre Wohnungen eindrangen, und
mehr als einmal hatten Polizisten einschreiten müssen, um wenigstens
Verkehrsstörungen zu beseitigen, da doch die meisten Leute sehr wenig
oder gar kein Interesse an solchen, die Luftschifffahrt betreffenden
Fragen nehmen. Doch vor diesem heutigen Abend hatte der Tumult noch nie
so große Verhältnisse angenommen, niemals wären jene Klagen mehr
begründet und niemals die Einmischung der Policemen nothwendiger
gewesen.

Immerhin konnte man den Mitgliedern des Weldon-Instituts mildernde
Umbände zubilligen, da sie sich eines Ueberfalles in den eigenen vier
Pfählen, wie sie eben erlitten, gewiß nicht versehen hatten. Den
übereifrigen Verfechtern des Grundgesetzes "leichter, als die Luft"
hatte ein nicht minder energischer Vertreter des "schwerer, als die
Luft" höchst unangenehme Dinge in's Gesicht gesagt; und als ihm dafür
die Behandlung zu Theil werden sollte, die er verdiente, war der Mann
spurlos verschwunden.

Das schrie nach Rache! Um derartige Beleidigungen ungestraft zu lassen,
hätten sie nicht amerikanisches Blut in ihren Adern haben müssen. Die
Nachkommen Amerigo's als solche eines Cabot zu behandeln! War das nicht
eine Beschimpfung, die um so unverzeihlicher schien, weil sie
eigentlich richtig, wenigstens historisch berechtigt war?

Die Mitglieder des Clubs stürzen sich also truppweise erst in die
Walnut-Street, hierauf in die Nachbarstraßen und dann in das ganze
Quartier, wo alle Bewohner aufgescheucht werden.

Sie zwingen dieselben, eine Durchsuchung ihrer Häuser vornehmen zu
lassen, um sich später wegen des gewaltthätigen Angriffs in das
Privatleben ihrer Mitbürger zu entschuldigen, was gerade bei den
Völkern von angelsächsischem Stamme sonst ganz besonders respectirt
wird. Vergebliches Aufgebot von Belästigungen und Nachforschungen.
Robur wurde nirgends gefunden; er hatte nicht die leiseste Spur
hinterlassen. Und wenn er mit dem »Go a head«, dem Ballon des
Weldon-Instituts, davongefahren wäre, hätte er nicht mehr unauffindlich
gewesen sein können. Nach einstündigen Haussuchungen mußten sie darauf
verzichten, und die Collegen trennten sich, aber nicht ohne die
eidliche Zusicherung, ihre Nachforschungen über das ganze Gebiet Nord-
und Südamerikas, das die Neue Welt bildet, auszudehnen.

Gegen elf Uhr war die Ruhe in dem Quartier nahezu wieder hergestellt.
Philadelphia konnte sich wieder in sanften Schlummer versenken, wozu
die Städte, welche weniger Industrie haben, das beneidenswerthe
Privilegium besitzen. Die verschiedenen Mitglieder des Clubs dachten
jetzt an nichts Anderes, als an die Heimkehr an den eigenen häuslichen
Herd. Um nur einige der hervorragendsten zu nennen, so begab sich
William T. Forbes eiligst nach dem Tische, auf dem Miß Doll und Miß Mat
ihm den Abendthee zubereitet und mit der selbstzubereiteten Glucose
versüßt hatten; Truk Milnor schlug den Weg nach seiner Fabrik ein,
deren Ventilator die ganze Nacht hindurch in einer der entfernteren
Vorstädte sauste. Der Schatzmeister Jem Cip, dem öffentlich nachgesagt
worden war, einen um einen Fuß längeren Darmcanal zu haben, als der
Mensch ihn sonst mit sich herumträgt, begab sich nach seinem Eßzimmer,
wo ihn ein vegetabilisches Abendbrot erwartete.

Zwei der bedeutendsten Ballonisten -- aber nur zwei -- schienen nicht
daran zu denken, ihr Heim sogleich aufzusuchen. Sie hatten die
Gelegenheit wahrgenommen, in hitzigster Weise weiter zu plaudern. Es
waren das die beiden Unversöhnlichen, Onkel Prudent und Phil Evans, der
Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts.

An der Thür des Clubhauses erwartete Frycollin, der Diener des Onkel
Prudent, wie gewöhnlich seinen Herrn.

Er folgte diesem auf Schritt und Tritt nach, ohne sich um den
Gegenstand des Gesprächs zu kümmern, der die beiden Collegen schon in
die Hitze gebracht hatte.

Wir gebrauchten auch nur euphemistisch das Zeitwort "plaudern" für die
Thätigkeit, welcher der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs
sich mit gleichem Eifer hingaben. In der That stritten und zankten sie
sich mit einer Energie, deren Ursprung in ihrer alten Rivalität zu
suchen war.

"Nein, und dreimal nein! wiederholte Phil Evans, hätte ich die Ehre
gehabt, dem Weldon-Institut bei der heutigen Sitzung zu präsidiren, es
wäre niemals zu einem solchen Scandal gekommen!

-- Und was würden Sie gethan haben, wenn Sie diese Ehre gehabt hätten?
fragte Onkel Prudent.

-- Ich hätte jenem öffentlichen Beleidiger das Wort abgeschnitten, noch
ehe er den Mund öffnete.

-- Mir scheint, um Jemand das Wort abzuschneiden, müsse man ihm ein
solches wenigstens erst aussprechen lassen.

-- Nicht in Amerika, mein Herr, nicht in Amerika!"

Und während sie sich so mehr bittere als angenehme Redensarten in's
Gesicht warfen, schlenderten die beiden Männer mehrere Straßen dahin,
die sie immer weiter von ihren Wohnungen entfernten; sie durchschritten
Quartiere, deren Lage sie später zu großen Umwegen zwingen mußte.

Frycollin folgte noch immer nach, fühlte sich aber doch etwas
beunruhigt, seinen Herrn sich nach so menschenleeren Oertlichkeiten hin
verirren zu sehen. Er liebte diese Gegenden nicht, vorzüglich nicht so
kurz vor Mitternacht. Dazu herrschte tiefe Dunkelheit, denn der
zunehmende Mond war eben nur dabei, "seine achtundzwanzigtägige
Rundreise" zu beginnen.

Frycollin sah sich scheu nach rechts und links um, ob sie nicht von
verdächtigen Schatten belauscht würden, und wirklich, er glaubte fünf
oder sechs große Teufel zu erkennen, die sie nicht aus den Augen zu
verlieren schienen.

Instinctiv näherte sich Frycollin seinem Herrn, um Alles in der Welt
hätte er jedoch nicht gewagt, ihn inmitten eines Gesprächs zu
unterbrechen, von dem er zuweilen einzelne Brocken aufschnappte.

Der Zufall fügte es, daß der Vorsitzende und der Schriftführer des
Weldon-Instituts sich, ohne darauf zu achten, bis nach dem
Fairmont-Park verirrten. Hier überschritten sie, in lebhaftem
Wortwechsel begriffen, den Schuylkill-Strom auf der berühmten
Eisenbrücke; sie begegneten nur sehr wenig Leuten und befanden sich
endlich mitten in jenen weiten Terrains, die sich auf der einen Seite
als ungeheure Wiesen ausdehnen, auf der anderen von herrlichem
Baumbestand beschattet sind und in ihrer Gesammtheit eine vielleicht in
der ganzen Welt einzig dastehende Anlage bilden.

Hier nahm der Schreck des Dieners Frycollin plötzlich noch mehr zu, und
das mit um so größerer Berechtigung, da fünf bis sechs jener Schatten
ihnen auch über die Strombrücke nachgefolgt waren. Die Pupille seiner
Augen hatte sich dabei so erweitert, daß sie bis an den Rand der Iris
reichte. Und gleichzeitig schrumpfte sein ganzer Körper zusammen und
zog sich zurück, als besäße er jene eigenthümliche Zusammenziehbarkeit,
welche den Mollusken und auch gewissen Wirbelthieren eigen ist.

Der Diener Frycollin war nämlich ein vollständiger Hasenfuß.

Ein richtiger Neger und Südcaroliner, mit vierschrötigem Kopfe auf
einem mageren Rumpfe. Er zählte jetzt gerade 21 Jahre, war also nicht
einmal mehr zur Zeit seiner Geburt Sclave gewesen, taugte deshalb aber
nicht viel mehr, als ein solcher. Ein Grimassenschneider, Leckermaul
und Faulpelz, aber vor Allem ein Prahlhans sondergleichen, stand er
seit drei Jahren bei Onkel Prudent im Dienste. Hundert Mal war er schon
nahe daran gewesen, vor die Thüre gesetzt zu werden, doch hatte man ihn
behalten -- um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Und doch
lief er hier bei einem Herrn, der jeden Augenblick zu den tollkühnsten
Unternehmungen bereit war, so oft Gefahr, in Lagen zu kommen, in denen
sein Hasenherz auf die härtesten Proben gestellt werden mußte. Dafür
fand er auch gewisse Entschuldigungen. Niemand machte ihm besondere
Vorwürfe wegen seiner Leckerhaftigkeit und noch weniger wegen seiner
Trägheit. Ach, armer Frycollin, hättest Du in der Zukunft lesen können!

Warum war Frycollin auch nicht in Boston im Dienste einer gewissen
Familie Sneffel geblieben, die im Begriffe, eine Reise nach der Schweiz
anzutreten, darauf verzichtet hatte, weil daselbst Schneelawinen
vorkamen? War für Frycollin nicht dieses Haus das geeignete, aber nicht
das des Onkel Prudent, wo das kühne Wagen in Permanenz erklärt war?

Nun, er befand sich einmal hier und sein Herr hatte sich mit der Zeit
an seine Fehler gewöhnt, übrigens besaß er doch _eine_ gute
Eigenschaft. Obwohl Neger von Abstammung, sprach er doch nicht, wie
diese gewöhnlich -- und das hat einigen Werth, denn nichts ist so
widerlich, als der abscheuliche Jargon, in dem die Anwendung des
besitzanzeigenden Fürwortes und des Infinitivs bis zum Mißbrauch
getrieben wird.

Es steht also fest, daß der Diener Frycollin ein feiger Prahlhans war,
und zwar nannte man ihn einen "Prahlhans gleich dem Monde".

Es erscheint übrigens nur gerecht, gegen diesen für die blonde Phöbe
beleidigenden Vergleich Einspruch zu erheben; warum sollte man die
sanfte Selene, die keusche Schwester des strahlenden Apollo, der
Prahlerei zeihen, das Gestirn, welches, so lange die Welt steht, stets
der Erde gerade in's Gesicht geblickt hat, ohne ihr jemals den Rücken
zuzuwenden?

Doch wie dem auch sei, zu dieser Stunde -- es war jetzt bald
Mitternacht -- begann die "blasse, verdächtige Scheibe" schon im Westen
hinter den hohen Baumkronen des Parks zu verschwinden. Ihre durch das
Gezweige hereindringenden Strahlen erhellten nur noch da und dort den
Erdboden, so daß es unter den Bäumen noch etwas finsterer war.

Das gestattete Frycollin, einen forschenden Blick umherschweifen zu
lassen.

"Brr, machte er, die Schurken sind wahrlich noch da! Offenbar kommen
sie näher heran."

Da hielt es ihn nicht mehr und er schritt auf seinen Herrn zu.

"Master Onkel!" redete er ihn an.

So nannte er ihn gewöhnlich und so wollte der Vorsitzende des
Weldon-Instituts auch genannt sein.

Eben jetzt war der Streit der beiden Rivalen auf das Hitzigste
entbrannt; und da sie einander spazieren führten, wurde Frycollin sehr
grob angewiesen, diesen Spaziergang mitzumachen, wie es seine Pflicht
und Schuldigkeit sei.

Und während die Beiden ohne Unterbrechung weiterstritten, gerieth Onkel
Prudent immer weiter hinaus nach den verödeten Grasgründen des
Fairmont-Parkes und entfernte sich immer mehr vom Schuylkill und der
Brücke, die sie zur Rückkehr nach der Stadt unbedingt überschreiten
mußten.

Alle Drei befanden sich jetzt inmitten einer Gruppe hoher Bäume, in
deren Gipfeln noch das letzte Licht des Mondes spielte. An den Saum
derselben schloß sich eine größere Lichtung an, ein weiter, ovaler
Wiesenplan, wie geschaffen für Wettrennen. Hier hätte nicht die
kleinste Unebenheit des Bodens den Galopp eines Pferdes gestört und
kein Busch oder Baum die Blicke der Zuschauer bei der Verfolgung der
mehrere englische Meilen langen Bahnlinie gehindert.

Und doch, wären Onkel Prudent und Phil Evans in ihre Streitigkeiten
nicht gar so sehr vertieft gewesen, hätten sie sich nur einigermaßen
aufmerksam umgesehen, so hätte ihnen nicht entgehen können, daß der
weite freie Platz heute einen ganz anderen Anblick darbot. War das ein
Zauberspuk, der hier seit gestern entstanden war? Wahrlich, man hätte
das Ganze mit seinen vielen Windmühlen für ein Zauberwerk erklären
können, wenn man die Mühlenflügel sah, die, jetzt unbeweglich, im
Halbdunkel Grimassen zu machen schienen.

Doch weder der Präsident, noch der Schriftführer des Weldon-Instituts
bemerkte diese auffällige Veränderung der Ansicht des Fairmont-Parks;
Frycollin sah sie ebenso wenig. Es schien ihm, als ob die unheimlichen
Gestalten sich näherten und zusammenduckten, als rüsteten sie sich zu
einem räuberischen Ueberfalle. Er zitterte aus Angst an allen Gliedern
und war doch gleichzeitig wie gelähmt, so hatte ihn die Furcht vor den
nächsten Minuten ergriffen.

Obwohl ihm die Kniee förmlich schlotterten, gewann er doch noch die
Kraft, einmal zu rufen:

"Master Onkel! ... Master Onkel!

-- Nun, was giebt es denn?" antwortete Onkel Prudent.

Vielleicht wären er und Phil Evans nicht böse darüber gewesen, ihren
Zorn dadurch abzukühlen, daß sie dem unglücklichen Diener eine tüchtige
Tracht Prügel ertheilten; dazu fanden sie aber ebenso wenig Zeit, wie
letzterer, ihnen eine weitere Antwort zu geben.

Unter den Bäumen gellte plötzlich ein lauter Pfiff. Gleichzeitig
flammte inmitten der Lichtung ein heller elektrischer Stern auf.

Das war zweifelsohne ein Signal und im vorliegenden Falle die Mahnung,
daß der Augenblick zu irgend einer Gewaltthätigkeit gekommen sei.

Schneller, als man es ausdenken kann, stürzten sich schon sechs Männer
durch das Unterholz, zwei auf Onkel Prudent, zwei auf Phil Evans und
zwei auf den Diener Frycollin. Die beiden Letzten ganz überflüssiger
Weise, denn der Neger wäre ganz unfähig gewesen, sich zu wehren.

Obgleich überrascht durch diesen Ueberfall, wollten der Vorsitzende und
der Schriftführer des Weldon-Instituts doch versuchen, Widerstand zu
leisten, hatten dazu aber weder Zeit, noch Kraft. Binnen wenigen
Secunden waren sie schon stumm gemacht durch einen Knebel im Munde,
blind durch eine Binde über die Augen, und wurden, überwältigt und
gefesselt, schnell durch die Waldlichtung hin fortgeschleppt. Was
konnten sie anders annehmen, als daß sie einer Rotte jener
gewissenlosen Herumlungerer in die Hände gefallen seien, welche Jeden
ausrauben, den sie noch zu später Stunde im Walde antrafen? Und doch
täuschten sie sich. Man durchsuchte nicht einmal ihre Taschen, obwohl
Onkel Prudent stets, seiner Gewohnheit nach und also auch heute,
mehrere Tausend Dollars Papiergeld bei sich führte.

Kurz, eine Minute nach diesem Ueberfalle fühlten Onkel Prudent, Phil
Evans und der Diener Frycollin, daß sie, ohne daß ein Wort zwischen den
Angreifern gewechselt worden wäre, nicht auf den Rasen der Waldblöße,
sondern auf eine Art Fußboden niedergelegt wurden, der unter ihrem
Gewichte knarrte. Hier lehnte man sie dann Einen an den Anderen. Darauf
hörte man das Klirren eines Riegels in seiner Klappe und dies belehrte
die drei Männer, daß sie gefangen seien.

Nachher entstand ein seltsames, anhaltendes Geräusch, wie ein
Schnarren, ein frrr, dessen rrr sich ohne Ende fortsetzten, ohne daß in
der so ruhigen Nacht etwas Anderes hörbar geworden wäre.

      *       *       *       *       *

Welche Unruhe herrschte am folgenden Tage in Philadelphia. Schon in den
Morgenstunden erfuhr die ganze Stadt, was sich in der letzten Sitzung
des Weldon-Instituts zugetragen: Die Erscheinung jenes räthselhaften
Fremdlings, eines Ingenieurs, Namens Robur -- Robur der Sieger! -- die
Streitigkeiten, welche er offenbar absichtlich unter den Ballonisten
erregt, und endlich sein unerklärliches Verschwinden.

Es machte aber doch einen noch ganz anderen Eindruck, als man später
davon hörte, daß auch der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs
in der Nacht vom 12. zum 13. Juni verschwunden seien.

Welche Nachsuchungen wurden da nicht in der Stadt und deren Umgebungen
angestellt! Vergeblich -- alle vergeblich. Die Zeitungen von
Philadelphia, nach ihnen die Journale von Pennsylvanien und endlich die
von ganz Amerika bemächtigten sich eifrig dieses Vorfalls und erklärten
ihn auf hunderterlei Weise, von denen keine die richtige war. Durch
Annoncen und Maueranschläge wurden beträchtliche Preise ausgesetzt --
nicht allein für Den, der die ehrenwerthen Verschwundenen wieder finden
würde, sondern auch für Jeden, der nur auf eine Fährte hinweisen
könnte, auf der man ihren Spuren folgen konnte. Nichts hatte Erfolg.
Und hätte sich die Erde aufgethan gehabt, um sie zu verschlingen, so
konnten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts
nicht vollständiger von der Oberfläche der Erdkugel verschwunden sein.

Die Regierungsblätter traten bei dieser Gelegenheit mit dem Verlangen
hervor, das Personal der Polizei in beträchtlichem Maßstabe zu
vermehren, weil ähnliche Attentate gegen die besten Bürger der
Vereinigten Staaten sich wiederholen könnten -- und sie hatten damit
Recht.

Freilich verlangten die Blätter der Opposition, daß das Personal
vollständig, und zwar als unnütz verabschiedet werde, da derartige
Raubanfälle sich doch wiederholen könnten, ohne daß es möglich würde,
die Urheber derselben zu entdecken -- und vielleicht hatten sie damit
nicht Unrecht.

Alles in Allem, die Polizei blieb, was sie war und immer sein wird in
der besten der Welten, die nicht vollkommen ist und es niemals werden
wird.



V.

In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden
und dem Schriftführer des Weldon-Instituts beschlossen wird.



Eine Binde über den Augen zu tragen, einen Knebel im Munde, einen
Strick um die Handgelenke und einen solchen um die Knöchel zu haben,
d. h. also jeder Möglichkeit zu sehen, zu sprechen und sich zu bewegen,
beraubt zu sein, das war für den Onkel Prudent keine Lage, in der er
sich hätte wohl fühlen können, und ebenso wenig für Phil Evans und den
Diener Frycollin. Obendrein nicht einmal zu wissen, wer die Urheber
dieser Entführung waren, nicht zu wissen, wo man sich befand und
welches Loos man zu erwarten habe -- das mußte gewiß auch das
allergeduldigste Lamm in Wuth bringen, und bekanntlich gehörten die
Mitglieder des Weldon-Instituts, was ihre Geduld betraf, nicht im
geringsten zur Familie der Lämmer. Berücksichtigt man die natürliche
Heftigkeit seines Charakters, so kann man sich leicht vorstellen, in
welcher Gemüthsverfassung Onkel Prudent sich jetzt befinden mochte.

Jedenfalls mußten Phil Evans und er langsam einsehen, daß es für sie
Schwierigkeiten haben werde, am nächsten Abend ihre Plätze im Bureau
des Clubs einzunehmen.

Frycollin war es mit den verbundenen Augen und dem geschlossenen Munde
überhaupt unmöglich, irgend etwas zu denken; er war schon mehr todt,
als lebendig.

Während einer Stunde trat in der Lage der Gefangenen keine Aenderung
ein. Kein Mensch ließ sich erblicken, sie zu besuchen oder ihnen
wenigstens die Freiheit der Bewegung und der Sprache wieder zu geben,
nach der sie doch so sehr verlangten. Jetzt sahen sie sich auf
erstickte Seufzer, auf ein dumpfes, "Ach!" angewiesen, das sich kaum
durch ihre Knebel preßte, und beschränkt auf schwache Bewegungen, wie
sie etwa ein seinem natürlichen Element entrissener absterbender
Karpfen ausführt, und man begreift leicht, welchen stummen Zorn, welch'
verhaltene oder vielmehr eingeschnürte Wuth das in ihnen erzeugen
mußte. Nach wiederholten vergeblichen Befreiungsversuchen verhielten
sie sich eine Zeit lang ganz still. Da ihnen der Gesichtssinn
augenblicklich abging, bemühten sie sich, vielleicht durch den
Gehörsinn einige Aufklärung über diesen beunruhigenden Zustand der
Dinge zu erlangen. Vergeblich aber strengten sie sich an, ein anderes
Geräusch zu hören, als das ununterbrochene und unerklärliche "frrr",
das hier den ganzen Umkreis zu beherrschen schien.

Inzwischen gelang es Phil Evans, der hier mit mehr Ruhe aus Werk ging,
den Strick locker zu machen, der um seine Handgelenke lag. Dann löste
sich allmählig der fesselnde Knoten, er schmiegte die Finger dicht
aneinander, und endlich erlangten seine Hände wieder die gewohnte
Bewegungsfreiheit.

Durch kräftiges Reiben stellte er den in ihnen halb unterbrochenen
Blutumlauf wieder her, und in der nächsten Minute schon hatte Phil
Evans die Binde abgerissen, die ihm die Augen bedeckte, den Knebel aus
seinem Munde gelöst und alle Stücke mit der feinen Klinge seines
"Bowie-Messers" zerschnitten. Ein Amerikaner, der nicht stets sein
Bowie-Messer in der Tasche hätte, wäre eben kein Amerikaner mehr.

Wenn Phil Evans aber hieraus die Möglichkeit, sich zu bewegen und zu
sprechen, wieder erlangte, so war das doch eben Alles. Seine Augen
fanden keine Gelegenheit zu nützlicher Thätigkeit -- wenigstens jetzt
nicht, denn in der Zelle, die sie einschloß, herrschte vollständige
Finsterniß. Ein ganz schwacher Lichtschein drang nur durch eine Art
Schießscharte herein, die in sechs bis sieben Fuß Höhe in der Wand
angebracht war.

Es versteht sich von selbst, daß Phil Evans keinen Augenblick zögerte,
auch seinen Rivalen zu befreien. Einige Züge mit dem Bowie-Messer
genügten zur Durchschneidung der Stricke, welche dessen Füße und Hände
fesselten. In heller Wuth riß sich Onkel Prudent, als er sich kaum auf
den Füßen aufrichten konnte, die Binde herunter und den Knebel heraus
und stammelte mit erstickter Stimme:

"Ich danke Ihnen!

-- Nein! ... Hier ist nichts zu danken, antwortete der Andere.

-- Phil Evans?

-- Onkel Prudent?

-- Hier giebt es keinen Vorsitzenden und keinen Schriftführer des
Weldon-Instituts, ich denke, auch keine Gegner mehr.

-- Sie haben Recht, bestätigte Phil Evans. Hier sind wir nur zwei
Männer, die sich zu rächen haben an einem Dritten, dessen Gewaltstreich
die strengste Wiedervergeltung herausfordert.

-- Und dieser Dritte ...

-- Ist jener Robur! ...

-- Ja, jener Robur!"

Hier fand sich also einmal ein Punkt, bezüglich dessen die beiden
Ex-Concurrenten völlig übereinstimmten, ein Streit über diesen
Gegenstand schien demnach ganz ausgeschlossen.

"Und Ihr Diener? bemerkte da Phil Evans mit einem Fingerzeig auf
Frycollin, der wie ein Seehund schnaufte, wir müssen auch ihn befreien.

-- Noch nicht, erwiderte Onkel Prudent, er würde uns mit seinen
Klageliedern den Kopf warm machen, und wir haben jetzt Anderes zu thun,
als auf sein Jammern zu achten.

-- Und was denn, Onkel Prudent?

-- Uns zu retten, wenn es möglich ist.

-- Und selbst wenn es unmöglich ist!"

Ein Zweifel daran, daß diese Entführung jenem Fremdling, dem Robur,
zuzuschreiben sei, konnte dem Präsidenten und seinem Collegen gar nicht
in den Sinn kommen. In der That hätten ja einfache, ehrsame Räuber sie
unzweifelhaft ihrer Uhren, Edelsteine, Brieftaschen und Portemonnaies
entledigt und sie dann mit einem Schnitt durch den Hals in den
Schuylkill-Strom geworfen, statt sie einschließen in ... Ja, in was? --
Das war eine ernste Frage, welche die schleunigste Lösung verdiente,
ehe sie mit einiger Aussicht auf Erfolg an irgend welche Vorbereitungen
zu ihrer Flucht denken konnten.

"Phil Evans, nahm Onkel Prudent wieder das Wort, wir hätten wahrlich
besser daran gethan, wenn wir beim Weggehen aus der Sitzung, statt
Liebenswürdigkeiten, auf welche wir hier nicht zurückkommen wollen,
auszutauschen, lieber etwas weniger zerstreut gewesen wären. Verließen
wir die Straßen von Philadelphia nicht, so wäre das Alles nicht
geschehen. Offenbar hatte jener Robur schon eine Ahnung davon, was sein
Auftreten im Club bewirken würde, er muthmaßte die Wuthausbrüche,
welche seine Herausforderungen entfesseln mußten, und hatte vor der
Thüre sicherlich einige seiner Banditen, ihm im schlimmsten Falle
beizuspringen. Als wir dann die Walnut-Straße verließen, spürten uns
seine Schergen auf, folgten unseren Spuren und als sie sahen, daß wir
uns unkluger Weise in die Alleen des Fairmont-Parkes verirrten, da
hatten sie ja leichtes Spiel.

-- Einverstanden, antwortete Phil Evans. Ja, wir haben sehr Unrecht
gethan, nicht unmittelbar unsere Wohnungen aufzusuchen.

-- Man hat immer Unrecht, nicht Recht zu haben," versetzte Onkel
Prudent.

Da ertönte ein langgezogener Seufzer aus dem finsteren Winkel der
Zelle.

"Was war das? fragte Phil Evans.

-- O nichts ... Frycollin träumt nur."

Und Onkel Prudent fuhr ungestört fort:

"Zwischen dem Zeitpunkte, wo wir wenige Schritte vom Anfang der
Lichtung ergriffen wurden, und dem, wo man uns in diesen Winkel warf,
sind kaum zwei Minuten verflossen. Es liegt also auf der Hand, daß jene
Leute uns nicht über den Fairmont-Park hinaus verschleppt haben.

-- Denn wenn das geschehen wäre, hätten wir doch von der Fortschaffung
etwas verspüren müssen.

-- Einverstanden, erklärte Onkel Prudent. Es unterliegt also keinem
Zweifel, daß wir in einer Abtheilung irgend eines Wagens eingesperrt
sind, vielleicht in einem jener langen Prairie-Reisewagen oder in dem
Gefährte von Seiltänzern.

-- Ohne Zweifel. Befänden wir uns auf einem auf dem Schuylkill-Strom
vertäuten Schiffe, so müßte sich das durch ein leichtes Schwanken von
Bord zu Bord, veranlaßt durch die Strömung, zu erkennen geben.

-- Einverstanden, stets, stets, wiederholte Onkel Prudent, und ich
meine, es ist, wo wir uns noch in der Parklichtung befinden, jetzt oder
nie der geeignete Moment zur Flucht, um später jenen Robur wieder
aufzuspüren ...

-- Und ihn diesen Angriff auf die Freiheit zweier Bürger der
Vereinigten Staaten von Amerika theuer bezahlen zu lassen!

-- Theuer ... sehr theuer!

-- Doch, wer ist dieser Mann? ... Woher kommt er? ... Ist es ein
Engländer, ein Deutscher, ein Franzose ...

-- Jedenfalls ein elender Wicht, das genügt, antwortete Onkel Prudent.
Und nun an's Werk!"

Mit ausgestreckten Händen und gespreizten Fingern tasteten Beide an der
Wand des kleinen Raumes umher, um einen Riß oder eine Spalte zu
entdecken. Vergeblich. Es fand sich hier ebenso wenig davon, wie an der
Thür. Diese erwies sich fast hermetisch geschlossen, und es wäre
unmöglich gewesen, das Schloß derselben zu sprengen. Man mußte also ein
Loch herzustellen suchen, um durch dasselbe zu entkommen. Dabei trat
nun die Frage hervor, ob die Bowie-Messer die Wand anzugreifen im
Stande seien, ob ihre Klingen sich nicht verbiegen oder bei dem
Vorhaben gar zerbrechen würden.

"Doch woher stammt jenes Zittern, das gar nicht aufhört? fragte Phil
Evans, der sich über das immer fortdauernde frrr nicht beruhigen
konnte.

-- Es ist ohne Zweifel der Wind, meinte Onkel Prudent.

-- Der Wind? ... Bis Mitternacht schien mir, als ob die Luft ganz ruhig
gewesen wäre ...

-- Gewiß, Phil Evans, doch, wenn es der Wind nicht sein soll, was
halten Sie denn für die Ursache?"

Phil Evans versuchte, nachdem er die beste Klinge seines Messers
aufgeklappt, in die Wand nahe der Thür einzuschneiden. Vielleicht
genügte es hier, eine Oeffnung zu machen, um diese von außen zu öffnen.
wenn sie nur durch einen Riegel versperrt oder der Schlüssel im
Schlosse stecken geblieben war.

Wenige Minuten Arbeit reichten hin, die Klinge des Bowie-Messers zu
verderben, die Spitze desselben abzubrechen und es in eine
tausendzähnige Säge zu verwandeln.

"Es greift wohl nicht, Phil Evans?

-- Nein.

-- Sollten wir uns in einer Zelle aus Stahl befinden?

-- Das nicht, Onkel Prudent; diese Wände geben angeschlagen keinen
metallischen Ton.

-- Also vielleicht aus Eisenholz?

-- Nein, weder aus Eisen, noch aus Holz.

-- Aus was bestände sie denn dann?

-- Das ist unmöglich zu entscheiden; unbedingt aber ist es eine
Substanz, welche der Stahl nicht angreift."

Onkel Prudent loderte in hellem Zorn auf, er fluchte, stampfte den
widerhallenden Boden mit den Füßen und seine Hände suchten einen
eingebildeten Robur zu erwürgen.

"Ruhig, Onkel Prudent, ermahnte ihn Phil Evans, ruhig. Versuchen Sie
einmal Ihr Glück."

Onkel Prudent versuchte es, das Bowie-Messer konnte aber nicht in eine
Wand einschneiden, die selbst dessen beste Klingen nicht zu ritzen
vermochten, als ob diese aus Krystall wäre.

Eine Flucht erschien also ganz unausführbar, denn ohne Oeffnung der
Thür war an eine solche doch gar nicht zu denken.

Es galt demnach, für jetzt darauf zu verzichten, was dem
Yankee-Temperament nicht eben leicht zu werden pflegt, und Alles vom
Zufall zu erwarten, was hervorragenden praktischen Geistern allemal
zuwider ist. Natürlich geschah das nicht ohne Verwünschungen,
furchtbare Drohungen und an die Adresse Robur's gerichtete schwere
persönliche Beleidigungen, während er doch gar nicht der Mann dazu
schien, sich deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen, wenn anders er
sich im Privatleben ebenso zeigte, wie bei seinem Auftreten im
Weldon-Institute.

Inzwischen gab Frycollin einige unzweifelhafte Zeichen seiner
unbehaglichen Lage von sich. Ob er nun krampfhaftes Krümmen im Magen
empfand oder die Einschnürung ihm einen Krampf der Glieder zugezogen
hatte, jedenfalls begann er jämmerlich zu lamentiren.

Onkel Prudent glaubte seinen Qualen ein Ende machen zu müssen, indem er
die Stricke, welche den Neger fesselten, durchschnitt.

Fast hätte er Ursache gehabt, diese Regung von Mitleid zu bedauern.
Sofort begann Jener nämlich eine endlose Litanei, in der Ausbrüche des
Entsetzens und -- Klagen über Hunger die Hauptrolle spielten. Frycollin
litt ebenso sehr im Kopfe, wie im Magen, so, es wäre schwierig gewesen,
zu entscheiden, welchem dieser beiden Organe am meisten Schuld an dem
Jammern des Negers beizumessen war.

"Frycollin!" rief Onkel Prudent.

"Master Onkel! Master Onkel!" antwortete der Neger mit kläglichem
Geschrei.

"Es ist möglich, daß wir verdammt sind, in diesem Gefängnisse Hungers
zu sterben. Wir sind aber entschlossen, Alles, was irgend verzehrbar
erscheint, zu verbuchen, um unser Leben zu verlängern.

-- Und mich aufzuzehren? jammerte Frycollin.

-- Wie man es unter solchen Umständen mit einem Neger stets macht!
Sorge also, Frycollin, daß Du Dich uns nicht zu sehr bemerkbar machst ...

-- Oder Du wirst fri--cas--sirt!" setzte Phil Evans hinzu.

Frycollin bekam wirklich Angst, daß sein Leichnam in Anspruch genommen
werden könnte, das Leben zweier Männer zu verlängern, das jedenfalls
werthvoller war, als das seinige. Er begnügte sich also, nur noch im
Stillen zu seufzen.

Inzwischen verstrich die Zeit und alle Versuche, die Thür oder die Wand
gewaltsam zu öffnen, waren erfolglos geblieben. Woraus diese Wand
bestand, ließ sich unmöglich feststellen. Metall war das nicht, Holz
war es nicht und Stein war es auch nicht. Der Fußboden der Zelle schien
übrigens aus demselben Material hergestellt zu sein. Stieß man mit dem
Fuße auf denselben, so gab das einen ganz seltsamen Ton, den unter die
bekannten Geräusche zu classificiren, Onkel Prudent gewiß viele Mühe
gemacht hätte.

Dabei bemerkte man noch, daß der Fußboden entschieden hohl klang, so,
als ob er nicht direct auf dem Boden der Lichtung ruhte; ja, er schien
bei dem unerklärlichen frrr selbst leise zu erzittern. Alles das war
nicht gerade beruhigender Natur.

"Onkel Prudent, begann Phil Evans.

-- Phil Evans? antwortete der Gefragte.

-- Meinen Sie, daß unsere Zelle ihre Lage verändert hat?

-- Keineswegs.

-- Und doch, als wir kaum eingesperrt waren, konnte ich deutlich den
frischen Geruch des Grases und den harzigen Duft der Bäume des Parkes
wahrnehmen. Jetzt kann ich Luft einfangen, so viel ich will, es
erscheint mir, als ob davon nichts zu riechen wäre.

-- Das ist freilich wahr.

-- Doch, wie soll man das erklären?

-- Erklären wir es auf ganz beliebige Weise, Phil Evans, nur nicht
durch die Hypothese, daß unser Gefängniß eine Ortsveränderung erlitten
habe. Ich wiederhole, daß wir es unbedingt hätten fühlen müssen, wenn
wir uns auf einem in Gang befindlichen Wagen oder auf einem
dahingleitenden Schiffe befänden."

Frycollin ließ einen langgedehnten Seufzer hören, den man hätte für
seinen letzten halten können, wenn ihm nicht mehrere andere nachgefolgt
wären.

"Ich gab mich der Hoffnung hin, daß Robur uns bald veranlagen werde,
vor ihn zu treten, fuhr Phil Evans fort.

-- Ich nicht minder, rief Onkel Prudent, aber ich werde ihm in's
Gesicht sagen ...

-- Was?

-- Daß er erst wie ein Unverschämter in unsere Verhandlungen
eingegriffen hat, um schließlich gleich einem Schurken zu handeln!"

Eben jetzt bemerkte Phil Evans, daß der Tag zu grauen begann. Ein noch
schwacher Lichtschein drang durch die enge, am oberen Theile der der
Thür gegenüberliegenden Wand angebrachte Schießscharte herein. Es
mochte also gegen vier Uhr Morgens sein, denn im Juni und unter dieser
Breite färbt sich der Horizont von Philadelphia zu dieser Stunde mit
den ersten Morgenstrahlen.

Und doch, als Onkel Prudent seine Repetiruhr schlagen ließ, ein
Meisterwerk, das aus der Anstalt eines Collegen hervorgegangen war --
meldete diese, daß es erst dreivierteldrei Uhr war, obwohl die Uhr
inzwischen bestimmt nicht gestanden hatte.

"Seltsam! sagte Phil Evans. Um dreivierteldrei Uhr sollte es noch Nacht
sein.

-- Meine Uhr müßte dann bedeutend nachgeblieben sein, bemerkte Onkel
Prudent.

-- Eine Uhr der Waldon Watch Compagnie!" rief Phil Evans beleidigt.

Auf jeden Fall begann es jetzt Tag zu werden. Nach und nach hob sich
die Schießscharte weiß von der tiefen Dunkelheit der Zelle ab. Und
doch, wenn das Morgengrauen frühzeitiger auftrat, als es entsprechend
dem 40. Breitengrade, unter dem Philadelphia liegt, zu erwarten war, so
erschien es doch nicht mit der bekannten Schnelligkeit, wie in den
niedrigen Breiten.

Onkel Prudent machte diese neue Beobachtung und erwähnte der fast
unerklärlichen Erscheinung.

"Wir konnten vielleicht bis nach der Schießscharte hinaufklimmen",
bemerkte Phil Evans, um von da aus Rundschau zu halten, wo wir
überhaupt sind.

-- Das können wir," stimmte Onkel Prudent zu.

Dann wandte er sich an Frycollin:

"Nun munter, Fry, auf die Füße!"

Der Neger erhob sich.

"Lehne Dich mit dem Rücken gegen diese Wand, fuhr Onkel Prudent fort,
und Sie, Phil Evans, steigen gefälligst auf die Schultern dieses
Burschen, während ich Sie von rückwärts halte.

-- Recht gern," antwortete Phil Evans.

Einen Augenblick später kletterte er schon auf Frycollin's Schultern,
so daß er zu der Schießscharte hinaussehen konnte.

Dieselbe war verschlossen, aber nicht durch ein Linsenglas, wie die
Lichtpforte eines Schiffes, sondern durch eine gewöhnliche Planscheibe.
Obwohl sie nicht sehr stark war, verhinderte sie doch den freien
Ausblick Phil Evans', dessen Gesichtskreis dadurch ziemlich beschränkt
wurde.

"So zerbrechen Sie doch die Scheibe, sagte Onkel Prudent, vielleicht
können Sie dann besser sehen."

Phil Evans führte einen heftigen Schlag mit dem Heft seines
Bowie-Messers gegen die Scheibe, welche einen fast silbernen Ton gab,
aber nicht zerbrach.

Ein zweiter, noch kräftigerer Schlag hatte nur dasselbe Resultat.

"Schön, rief Phil Evans, unzerbrechliches Glas!"

Wirklich mußte diese Scheibe aus dem nach der Methode des Erfinders
Siemens gehärteten Glase bestehen, da sie trotz der wiederholten
Schläge ganz blieb.

Uebrigens war es jetzt draußen hell genug, um ziemlich weit sehen zu
können, wenigstens innerhalb des Gesichtsfeldes, das die Einfassung der
Schießscharte frei ließ.

"Was sehen Sie? fragte Onkel Prudent.

-- Nichts.

-- Wie? Keinen Wald?

-- Nein.

-- Nicht einmal die Gipfel der Bäume?

-- Auch diese nicht.

-- Wir befinden uns also nicht mehr inmitten der Lichtung?

-- Weder in der Lichtung, noch überhaupt im Park.

-- Erkennen Sie denn auch nicht die Dächer der Häuser, die Spitzen der
Denkmäler? sagte Onkel Prudent, dessen Enttäuschung schon in einem
Grade zunahm, daß sie nahe an Wuth grenzte.

-- Weder Dächer, noch Spitzen.

-- Was? Auch nicht einen Mast mit Flagge, nicht einen einzigen
Kirchthurm, nicht einmal einen Fabriksschornstein?

-- Nichts -- nichts als die leere Luft."

Eben jetzt öffnete sich die Thür der Zelle, in der ein Mann sichtbar
wurde. Das war Robur.

"Ehrenwerthe Ballonisten, sagte eine ernste Stimme. Sie sind nun frei,
nach Belieben zu gehen, wohin Sie wollen ...

-- Frei! rief Onkel Prudent.

-- Ja ... das heißt innerhalb der Grenzen des "Albatros"!

Onkel Prudent und Phil Evans stürzten aus der Zelle.

Und was sahen sie da?

Zwölf- bis dreizehnhundert Meter unter ihnen die Oberfläche eines
Landes, das sie vergeblich zu erkennen sich bemühten.



VI.

Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht am besten
überschlagen.



"Wann wird der Mensch einmal aufhören, in der Tiefe umherzukriechen, um
im Azur und im Frieden des Himmels zu leben?"

Die Antwort auf diese Frage Camille Flammarion's ist ziemlich leicht.
Das wird dann geschehen, wenn die Fortschritte der Mechanik das Problem
der Aviation, d. h. der Nachahmung des Vogelfluges, zu lösen gestatten,
und vor Ablauf weniger Jahre -- das sah man ja voraus -- mußte eine
praktische Verwerthung der Elektricität zur Lösung dieses Räthsels
führen.

Schon im Jahre 1773, also ziemlich lange, bevor die Brüder Montgolfier
ihre erste Montgolfière und der Physiker Charles seinen ersten
Wasserstoffballon construirten, hatten einzelne abenteuerliche Köpfe
davon geträumt, mittelst mechanischer Apparate die Luft so zu sagen zu
erobern. Die ersten Erfinder hatten also keineswegs an Apparate
gedacht, welche leichter als die Luft waren, was schon der Standpunkt
der physikalischen Wissenschaft ihrer Zeit nicht erlaubte. Sie gingen
darauf aus, die Fortbewegung durch die Luft durch specifisch schwerere
Apparate, durch Flugmaschinen, welche die Bewegung des Vogels
nachahmten, zu ermöglichen.

Ganz dasselbe hatte schon jener Thor, der Icarus, der Sohn des
Daedalus, gethan, dessen mit Wachs angeheftete Flügel ihm bei der
Annäherung an die Sonne abfielen.

Doch ohne bis auf mythologische Zeiten zurückzugehen, ohne eines
Archytas von Tarent zu erwähnen, begegnet man schon in den Arbeiten
eines Dante von Perousa, eines Leonard de Vinci und Guidotti der Idee
von Maschinen, welche bestimmt waren, sich in der Atmosphäre zu
bewegen. Zweieinhalb Jahrhunderte später traten weit zahlreichere
Erfinder auf. Im Jahre 1742 construirt sich der Marquis de Baqueville
ein System von Flügeln, versucht dasselbe über der Seine und bricht
beim Herabfallen den Arm. 1768 entwirft Paucton den Plan zu einem
Apparat mit zwei Schrauben zum Heben und zur Fortbewegung. 1781 baut
Meerwein, der Architekt des Fürsten von Baden, eine Maschine zur
Nachahmung des Vogelflugs und verwirft den Gedanken der Lenkbarkeit von
Ballons, welche eben erfunden worden waren. 1784 lassen Launoy und
Bienvenu eine Helicoptere aufsteigen, die von Federn bewegt wurde. 1808
Fliegversuch des Oesterreichers Jakob Degen. 1810 erscheint ein
Schriftchen von Deniau aus Nantes, in dem der Grundsatz des "schwerer,
als die Luft" beleuchtet ist. In den Zeitraum von 1811-40 fallen die
Untersuchungn und Versuche von Berblinger, Vigual, Sarti, Dubochet und
Cagniard de Latour. 1842 tritt der Engländer Henson mit seinem System
der geneigten Ebene und durch Dampf bewegter Schraube auf; 1845 Cossus
mit seinem Apparat mit Steigschrauben; 1847 meldet sich Camille Vert
mit seiner Helicoptere aus Federbügeln; 1852 Letur mit seinem lenkbaren
Fallschirm, dessen praktische Prüfung ihm das Leben kostete. In
demselben Jahre tritt Michel Loup hervor mit seinem Vorschlage, bei dem
die gleitende Bewegung in Verbindung mit vier sich drehenden Flügeln
gebracht ist. 1853 Béléguic mit seinem durch Zugschrauben bewegten
Aeroplan; Vaussin-Chardannes mit seinem lenkbaren Drachen; Georges
Cauley mit seinen Fliegmaschinen, die ein Gasmotor treiben sollte.
Zwischen 1854 und 1863 sind zu nennen: Josef Bline, der Patente auf
verschiedene Systeme der Luftschifffahrt besitzt, Bréant, Carlingfort,
Le Bris, Du Temple, Bright, dessen Steigschrauben sich in verkehrter
Richtung bewegen; Smythies, Panafieu, Crosnier u. A. m. Endlich wird im
Jahre 1863 auf Betreiben Nadar's in Paris eine Gesellschaft "Schwerer,
als die Luft" gegründet; hier führen die Erfinder ihre Maschinen vor,
von denen schon verschiedene patentirt wurden, wie die von Ponton
d'Amécourt und seine Dampf-Helicoptere; de la Landelle's System einer
Verbindung von Schrauben mit geneigten Ebenen und Fallschirmen;
Louvrié's Aeroscaph; Esterno's mechanischer Vogel; Groof's Apparat mit
durch Hebel bewegten Flügeln. Jetzt, nachdem der Anstoß gegeben ist,
erfinden die Erfinder, berechnen die Rechner Alles, was die
willkürliche Fortbewegung durch die Luft ihrer praktischen Anwendung
zuzuführen verspricht. Bourcart, Le Bris, Kaufmann, Smyth,
Stringfellow, Prigent, Danjard, Pomès und de la Panze, Moy, Rénaud,
Jobert, Hureau de Villeneuve, Achenbach, Garapon, Duchesne, Danduran,
Parisel, Dieuaide, Melkisff, Forlanini, Brearey, Tatin, Dandrieux,
Edison erdenken, construiren, erbauen und vervollkommnen -- die Einen
unter Anwendung von Flügeln oder Schrauben, die Anderen unter den von
geneigten Ebenen -- Maschinen, welche bereit sein werden, an dem Tage
zu functioniren, wo ihnen ein glücklicher Erfinder einen Motor von
hinreichender Kraft und außerordentlicher Leichtigkeit hinzufügt.

Wir bitten wegen dieses etwas langen Namensverzeichnisses um
freundliche Entschuldigung, doch es schien uns nothwendig, die
Einzelstufen jener Leiter der Luftschifffahrtserfolge, auf deren Gipfel
jetzt Robur der Sieger erscheint, vorzuführen. Ohne die schwachen
Versuche und die kühnen Experimente seiner Vorgänger, hätte der
Ingenieur ja unmöglich einen so vollkommenen Apparat zu construiren
vermocht. Und wenn er nur ein verächtliches Achselzucken für Diejenigen
hatte, welche noch immer starrsinnig dabei verharrten, die Lenkbarkeit
von Ballons erfinden zu wollen, so standen bei ihm die Anhänger des
Grundsatzes "schwerer als die Luft" in hohem Ansehen, ob das nun
Engländer, Amerikaner, Deutsche, Oesterreicher, Italiener oder
Franzosen waren -- vor Allem letztere, deren durch ihn vervollkommnete
Arbeiten ihn in den Stand gesetzt hatten, seine Flugmaschine, den
"Albatros", zu ersinnen und auszuführen, jenes Ungeheuer, das jetzt das
Luftmeer durchmaß.

"Die Taube fliegt! hatte einer der enthusiastischen Anhänger des
"Albatros" gerufen.

-- Man wird noch durch die Luft spazieren fahren, wie jetzt über die
Erde! hatte darauf ein hochbegeisterter Vertheidiger derselben Theorie
hinzugesetzt.

-- Mit der Locomotive, der Aeromotive!" hatte der lustigste von Allen
hinaustrompetet, der sich mit Vorliebe der Presse bediente, um die Alte
und die Neue Welt für die Sache zu interessiren.

In der That steht es ja durch Rechnung und Erfahrung fest, daß die Luft
ein sehr widerstandsfähiger Stützpunkt sein kann. Ein Kreis von einem
Meter Durchmesser vermag als Fallschirm nicht allein das Eindringen in
die Luft zu verlangsamen, sondern den Fall sogar isochronisch zu
machen. Das war schon längst bekannt.

Ebenso wußte man, daß die Einwirkung der Schwerkraft, wenn die
Fortbewegung eines Körpers eine sehr schnelle ist, etwa im umgekehrten
Verhältnisse des Quadrats zur Schnelligkeit abnimmt und zuletzt
ziemlich bedeutungslos werden kann.

Man wußte ferner, daß sich bei zunehmendem eigenen Gewichte eines
fliegenden Thieres die zum Schwebenderhalten desselben nothwendige
Oberfläche der Flügel nicht in gleichem Maße vergrößert, obwohl die
Bewegungen, die es ausführt, etwas langsamer sein müssen.

Ein Aviations-Apparat muß demnach so construirt sein, daß er diesen
Naturgesetzen entspricht und dem Vogel nachgebildet ist, "dem
wunderbaren Typus der Fortbewegung in der Luft", wie Doctor Marey im
französischen Institut sich ausgedrückt hat.

Die Apparate nun, welche allein dieses Problem zu lösen vermögen,
zerfallen in folgende drei Arten:

1. Die Helicopteren oder Spiraliferen, welche nur aus Schrauben mit
verticalen Achsen bestehen.

2. Die Orthopteren, das sind Maschinen, welche ganz den natürlichen
Flug der Vögel nachzuahmen bestimmt sind.

3. Die Aeroplanen, in Wirklichkeit geneigte Ebenen, wie die
Papierdrachen der Knaben, aber von horizontalen Schrauben getrieben
oder gezogen.

Jedes dieser Systeme hatte und hat selbst noch heute entschiedene
Anhänger, welche ihre Ansichten unabänderlich als die richtigen
hinstellen.

Aus mancherlei Gründen hatte Robur jedoch die beiden letzteren
verworfen.

Es unterliegt zwar keinem Zweifel, daß die Orthoptere, der mechanische
Vogel, gewisse Vorzüge aufweist. Die Arbeiten Renaud's haben dafür 1884
den Beweis beigebracht. Doch man darf, wie dem Genannten auch
eingeworfen wurde, die Natur niemals sclavisch nachahmen wollen. Die
Locomotiven sind auch nicht nach dem Vorbilde der Hasen und die
Dampfschiffe nicht nach dem der Fische gebaut. Den ersteren gab man
Räder, welche doch keine Beine sind, dem letzteren Schrauben, welche
gewiß nicht den Flossen entsprechen. Und wir meinen, Beide laufen doch
recht gut. Uebrigens weiß man noch gar nicht genau, wie der Flug der
Vögel, welche sehr complicirte Bewegungen ausführen, eigentlich zu
Stande kommt. Doctor Marey z. B. hat die Vermuthung ausgesprochen, daß
die Federn der Flügel sich beim Aufschlag öffnen, um die Luft
durchzulassen -- ein Vorgang, der durch eine künstliche Maschine
schwerlich herzustellen sein möchte.

Andererseits ist es nicht zweifelhaft, daß auch die Aeroplane einige
gute Erfolge aufzuweisen haben. Setzen die Schrauben den Luftschichten
eine schiefe Ebene entgegen, so müßte daraus eine ansteigende Bewegung
hervorgehen, und kleine Versuchs-Apparate haben bewiesen, daß das
disponible Gewicht, dasjenige, über welches man noch über das
Eigengewicht des Apparates hinaus verfügen könnte, mit dem Quadrate der
Geschwindigkeit zunahm. Hierin liegt offenbar ein großer Vortheil, der
die der Aerostaten, welche aufgetrieben werden sollen, weit übertrifft.

Nichtsdestoweniger glaubte Robur, daß, wenn es etwas noch Besseres
gäbe, das auch noch einfacher sein müsse. Auch die Schrauben -- die ihm
im Weldon-Institut durch ein glückliches Wortspiel direct an den Kopf
geworfen worden waren -- konnten ja wohl allen Ansprüchen an seine
Flugmaschine genügen. Die Einen sollten dieselbe in der Luft schwebend
erhalten, die Anderen sie unter den besten Verhältnissen der
Schnelligkeit und Sicherheit in der Horizontalen fortbewegen.

Theoretisch müßte man ja mittelst einer nur kurzen, aber in der Fläche
großen Schraube, wie Victor Tatin es zuerst ausgesprochen hatte, dahin
gelangen, "wenn man es auf das Aeußerste triebe, in ungeheures Gewicht
durch verschwindend kleine Kraft zu heben".

Wenn die Orthoptere -- durch Flügelschläge gleich einem Vogel -- sich
erhebt, indem sie sich in normaler Weise gegen die Luft stürzt, so
steigt die Helioptere auf, indem sie mit ihren Schraubenflügeln schräg
dagegen wirkt, als ob sie eine geneigte Ebene hinaufklimme. Im Grunde
hat sie ja nur schraubenförmig gewundene, an Stelle der schaufelartigen
Flügel. Die Schraube bewegt sich nothwendig in der Richtung ihrer Achse
fort. Ist diese vertical, so bewegt sie sich vertical; ist sie
horizontal angebracht, so treibt sie in horizontalem Sinne.

Der große Flugapparat des Ingenieur Robur beruhte nur auf diesen beiden
Wirkungen.

Wir geben hier eine genaue Beschreibung desselben, welche füglich in
drei Theile zerfallen kann, betreffend das Verdeck, die Schwebe- und
Treibmaschinen und die äußere Maschinerie.

Verdeck. Das war ein dreißig Meter langes, vier Meter breites Bauwerk,
ein wirkliches Schiffsdeck mit Vordersteven in Form eines Rammsporns.
Darunter wölbte sich der festgefügte Rumpf, der die Apparate zur
Erzeugung der mechanischen Kraft barg, ferner befanden sich da die
Pulverkammer, die Werkzeuge, das allgemeine Magazin für Vorräthe aller
Art, darunter auch die Wassergefäße des Fahrzeugs. Rund herum standen
leichte Pfosten, die, mit Eisendraht unter einander verbunden, die
Reeling bildeten. Darauf aber erhoben sich drei Ruffs,[4] deren
Räumlichkeiten zur Wohnung für das Personal und für die Maschinerie
bestimmt sind. Im mittleren Ruff arbeitet die Maschine, welche das
Schwebewerk in Bewegung setzt; in dem vorderen die Maschine für die
vordere Treibschraube, im hinteren die für die hintere Schraube, so daß
diese drei von einander völlig unabhängig wirken. Nahe dem Vordertheile
befindet sich der Ruff für die Werkstatt die Küche und die
Mannschaftswohnung. Nahe dem Heck, im letzten Ruff, finden sich mehrere
Cabinen, unter anderen die des Ingenieurs, ein Speisezimmer und darüber
ein kleiner verglaster Raum, in dem sich der Steuermann aufhält, der
das Ganze mittelst eines gewaltigen Steuerrades lenkt und leitet. Alle
diese Ruffs werden durch Lichtpforten erhellt, deren Scheiben aus
Hartglas bestehen, das eine zehnfach größere Widerstandsfähigkeit als
gewöhnliches Glas hat. Unterhalb des Rumpfes ist ein System von
biegsamen Federn angebracht, dazu bestimmt, etwaige Stöße zu mildern,
obwohl eine Landung ungemein sanft bewerkstelligt werden konnte, so
sehr war der Ingenieur Herr seines Apparates.

  [4] Ruffs nennt man auf Seeschiffen die auf Deck stehenden kleinen
Holzbauwerke, welche als Wohnung für die Mannschaft dienen.

Auftriebs- und Treibmaschinen. Auf dem Verdeck erhoben sich lothrecht
siebenunddreißig Achsen, von denen je fünfzehn an Back- und Steuerbord
und sieben höhere in der Mitte errichtet waren, so daß das Ganze einem
Schiffe mit siebenunddreißig Masten ähnlich wurde; nur trugen diese
Masten an Stelle der Segel jeder zwei horizontale Schrauben von kurzer
Steigung und geringem Durchmesser, denen aber eine ungeheure
Umdrehungsgeschwindigkeit ertheilt werden konnte. Jede dieser Achsen
empfängt ihre Bewegung unabhängig von der anderen, und außerdem drehen
sich je zwei und zwei in entgegengesetztem Sinne -- eine nothwendige
Maßregel, um den ganzen Apparat nicht in wellenförmige Bewegung kommen
zu lassen. Auf diese Weise aber halten sich alle Schrauben, während sie
eine wie die andere auf verticalen Luftsäulen emporzusteigen streben,
gegenseitig das Gleichgewicht. Der Apparat ist demnach mit
vierundsiebenzig Schwebeschrauben ausgerüstet, deren drei Arme
äußerlich durch einen Metallring zusammengehalten werden, der, als
Schwungrad wirkend, die motorische Kraft besser ausnützen hilft. Am
Vorder- wie am Hintertheile drehen sich, auf horizontalen Achsen
montirt, zwei Treibschrauben mit vier Armen jede, welche der
Fortbewegung des Ganzen vorstehen. Diese Schrauben, welche an
Durchmesser die Auftriebsschrauben übertreffen, können sich ebenfalls
mit der größten Geschwindigkeit drehen.

Alles in Allem schließt sich dieser Apparat an die Systeme an, welche
von Cossus, de la Landelle und de Ponton d'Amécourt aufgestellt und vom
Ingenieur Robur verbessert wurden. Dagegen gebührt ihm bezüglich der
Wahl und der Verwendung der motorischen Kraft unbedingt der Ruhm des
Erfinders.

Maschinerie. Weder vom Dampf des Wassers oder anderer Flüssigkeiten,
weder von der comprimirten Luft oder anderen elastischen Gasen und
endlich ebenso wenig von explosiven Gemischen, welche fähig sind, eine
mechanische Wirkung auszuüben, entlehnte Robur die notwendige Kraft,
seinen Apparat schwebend zu erhalten und fortzubewegen, er nahm dazu
die Elektrizität in Anspruch, jene Naturkraft, welche dereinst die
Seele der industriellen Welt zu werden verspricht. Eine
dynamo-elektrische Maschine verwendete er zur Erzeugung derselben
jedoch nicht, sondern nur Batterien und Accumulatoren; nur war es
Robur's Geheimniß, welche Materialien er zur Zusammenstellung seiner
Elemente und welche Säuren er zur Erregung derselben anwendete;
dasselbe galt für die Accumulatoren. Niemand wußte, woraus deren
positive und negative Platten bestanden. Der Ingenieur hatte sich aus
gewissen Gründen wohl gehütet, darauf ein Patent zu nehmen.
Unbestreitbar aber zeigten seine Batterien eine außerordentliche
Ergiebigkeit, die Säuren eine fast vollständige Widerstandsfähigkeit
gegen Verdunstung und Frieren, seine Accumulatoren eine unverkennbare
Ueberlegenheit über die von Faure, Sellon, Volckmar, und endlich
lieferten seine Ströme Ampères von bisher unerreichter Anzahl. Daraus
aber ergab sich eine so zu sagen unendliche Menge elektrischer
Pferdekräfte zur Bewegung der Schrauben, welche dem Apparate eine
seinen Bedürfnissen weit überlegene Schwebe- und Triebkraft unter allen
Umständen verliehen.

Wir wiederholen jedoch, das war die Sache des Ingenieur Robur und
darüber bewahrte er ein unverbrüchliches Geheimniß, und wenn der
Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts nicht das Glück
haben, dasselbe zu durchdringen, so dürfte es wahrscheinlich auf immer
für die Menschheit verloren sein.

Es versteht sich von selbst, daß dieser Apparat infolge der glücklich
gewählten Lage seines Schwerpunktes hinreichende Stabilität zeigte. Man
brauchte also niemals zu fürchten, daß er mit der horizontalen
bedenkliche Winkel bilden oder gar umschlagen könnte.

Es erübrigt noch mitzutheilen, aus welchem Material der Ingenieur Robur
seinen Aeronef hergestellt hatte, ein Name, der für den "Albatros"
besonders geeignet erscheint. Welches war der so harte Stoff, daß das
Bowie-Messer Phil Evans' ihn nicht zu ritzen und dessen Natur Onkel
Prudent nicht zu erkennen vermochte? Ganz einfach -- Papier!

Schon eine Reihe von Jahren hatte die Fabrikation desselben große
Ausdehnung gewonnen. Ungeleimtes Papier, dessen Blätter mit Dextrin und
Stärkemehl imprägnirt wurden, bildet unter der Wirkung der
hydraulischen Presse ein Material von der Härte des Stahls. Man erzeugt
daraus Rollen, Schienen und Wagenräder, welche haltbarer und
gleichzeitig leichter sind, als solche aus Metall. Diese große
Haltbarkeit bei außerordentlicher Leichtigkeit eben hatte Robur bei der
Erbauung seiner Luftlocomotive zu benützen gesucht. Alles, Rumpf,
Rippen, Ruffs, Cabinen, bestand aus Strohpapier, das unter hohem Drucke
metallähnlich geworden war und das sich -- ein Umstand, bei einem in
großer Höhe dahinschwebenden Apparate gewiß von Werth -- auch als
unverbrennlich erwies.

Für die verschiedenen Theile der Schwebe- und Treibmaschinerie, wie für
die Flügel der Schrauben hatte gelatiniertes Fasergewebe als ebenso
widerstandsfähiges, wie biegsames Material gedient und von diesem auch,
da es sich allen Formen anpaßte, in den meisten Gasen und
Flüssigkeiten, Säuren und Salzen unlöslich war -- ohne von seinen
isolirenden Eigenschaften zu sprechen -- in der elektrischen
Maschinerie des "Albatros" der ausgedehnteste Gebrauch gemacht worden.

Der Ingenieur Robur, sein Obersteuermann Tom Turner, ein Mechaniker
mit zwei Gehilfen, zwei Bootsmänner und ein Koch -- Alles in Allem
acht Personen -- bildeten die ganze Besatzung des "Albatros", welche
für die bei der Fahrt durch die Luft nöthigen Manöver übrig
ausreichte. Jagd- und Kriegswaffen, Fischergeräthe, elektrische Lampen,
Beobachtungsinstrumente, Boussolen und Sextanten zur Erkennung der
Fahrtrichtung, Thermometer zur Messung der Temperatur; verschiedene
Barometer, die einen, um die erreichte Höhe, die anderen, um die
Veränderung des Luftdruckes zu messen, ein "Stormglas" zum Erkennen
drohender Stürme, eine kleine Bibliothek, eine kleine tragbare
Druckerei, ein Geschütz auf Zapfen, in der Mitte des Decks, das, von
rückwärts geladen, ein Geschoß von sechs Centimeter Durchmesser
schleuderte; der nöthige Vorrath an Pulver, Kugeln, Dynamitpatronen;
eine Küche, in der die von Accumulatoren gelieferten Ströme zur
Feuerung dienten, ein Vorrath von Conserven, Fleisch und Gemüse, die in
einer Cambüse ad hoc neben Gefäßen mit Brandy, Whisky und Gin
aufgestapelt waren, endlich Alles, was während einiger Monate gebraucht
werden konnte, ohne landen zu müssen -- das bildete das Material und
die Vorräthe des "Albatros" -- ohne die berühmte Trompete zu rechnen.

Außerdem befand sich ein leichtes, unversenkbares Kautschukboot an
Bord, das acht Mann auf einem Flusse, einem See oder auch auf ruhigem
Meer tragen konnte. Fallschirme in Voraussicht eines eintretenden
Unglücks führte Robur nicht mit sich. Er glaubte nicht an Unfälle
dieser Art. Die Achsen der Schrauben waren alle von einander
unabhängig; der Stillstand der einen blieb auf die übrigen ohne
Einfluß. Selbst wenn nur das halbe Triebwerk in Gang blieb, reichte es
schon aus, den "Albatros" in seinem natürlichen Element zu erhalten.

"Und mit ihm, wie Robur der Sieger Gelegenheit fand gegen seine
Passagiere -- Passagiere wider Willen -- zu äußern, mit ihm bin ich
Herr jenes siebenten Welttheiles, der an Größe Australien und Afrika,
Oceanien, Asien, Amerika und Europa übertrifft, jenes Icariens der
Luft, das eines Tages noch Tausende von Icarussen bevölkern werden!"



VII.

In welchem der Onkel Prudent und Phil Evans sich noch immer nicht
überzeugen lassen wollen.



Der Vorsitzende des Weldon-Instituts war höchst erstaunt, sein Gefährte
geradezu verblüfft. Aber weder der Eine, noch der Andere wollte sich
diese so natürliche Regung anmerken lassen. Der Diener Frycollin
dagegen verheimlichte sein Entsetzen nicht, sich an Bord einer solchen
Maschine in den Luftraum entführt zu sehen, im Gegentheil, er gab das
offen zu erkennen.

Inzwischen drehten sich die Schwebe- oder Auftriebschrauben hastig über
ihren Köpfen. So schnell diese Bewegung auch vor sich ging, hätte sie
doch noch um das Dreifache gesteigert werden können, im Fall der
"Albatros" höhere Zonen erreichen wollte.

Die beiden eigentlichen Propeller, die jetzt einen mittelmäßigen Gang
zeigten, verliehen dem Apparate nur eine Fortbewegung von zwanzig
Kilometern in der Stunde.

Sich über das Verdeck hinausbeugend, konnten die Passagiere des
"Albatros" ein langes, gewundenes, flüssiges Band wahrnehmen, das sich
gleich einem Bächlein durch wellenförmiges Land schlängelte, in dem
auch einzelne kleinere Seen die Strahlen der Sonne glänzend
widerspiegelten. Dieser Bach war übrigens ein Fluß, und zwar einer der
bedeutendsten des betreffenden Gebiets. An seinem linken Ufer erhob
sich eine Bergkette, deren Fortsetzung sich über Gesichtsweite hinaus
verlor.

"Werden Sie uns wohl sagen, wo wir uns befinden? fragte Onkel Prudent
mit einer vor Ingrimm zitternden Stimme.

-- Ich habe dazu gar keine Veranlassung, antwortete Robur.

-- Und werden Sie uns sagen, wohin wir fahren? setzte Phil Evans hinzu.

-- Durch den Luftraum.

-- Und das dauert, wie lange? ...

-- So lange es Zeit erfordert.

-- Wollen Sie etwa eine Reise um die Erde mit uns machen? fragte Phil
Evans ironisch.

-- Noch mehr als das, erwiderte Robur.

-- Und wenn eine solche Reise uns nicht paßt? ... versetzte Onkel
Prudent.

-- So wird sie ihnen eben passen müssen!"

Das gab einen kleinen Vorgeschmack von den Beziehungen, die sich
zwischen dem Herrn des "Albatros" und seinen Gästen, um nicht zu sagen,
seinen Gefangenen, zu entwickeln versprachen. Offenbar wollte Jener
ihnen jedoch erst Zeit gönnen, sich zu sammeln, den außerordentlichen
Apparat zu bewundern, der sie durch die Lüfte trug, und ohne Zweifel
auch, um dem Erfinder ihre Glückwünsche darbringen zu können. Dieser
schlenderte scheinbar ziellos von einem Ende des Verdecks zum anderen;
sie dagegen hatten vollständige Freiheit, die Anordnung der Maschinerie
und die Gesammtausrüstung des "Aeronefs" zu betrachten, oder auch ihre
Aufmerksamkeit ungetheilt der Landschaft zuzuwenden, deren Relief sich
unter ihren Füßen so zu sagen aufrollte.

"Onkel Prudent, begann da Phil Evans, wenn ich mich nicht täusche,
müssen wir über den mittleren Gebietstheilen von Canada hinschweben.
Jener nach Nordwest verlaufende Fluß ist wahrscheinlich der St. Lorenz,
und die Stadt, die wir da hinter uns lassen, ist Quebec."

Es war in der That die alte Stadt Champlain's, deren Weißblechdächer
wie Reflectoren in der Sonne glänzten. Der "Albatros" hatte sich bis
zum sechsundvierzigsten Grade der Breite erhoben -- was den vorzeitigen
Anbruch des Tages und die abnorme Verlängerung des Morgenrothes
hinlänglich erklärte.

"Ja, fuhr Phil Evans fort, da liegt ja die Stadt in der Gestalt eines
Amphitheaters, der Hügel, der ihre Citadelle trägt, dieses Gibraltar
Nordamerikas! Dort erheben sich die englische und die französische
Hauptkirche, und da wieder das Zollamt mit seiner Kuppel und der
englischen Fahne darauf!"

Phil Evans hatte kaum ausgesprochen, als die Hauptstadt Canadas schon
wieder in der Ferne zu verschwinden begann. Der Aeronef trat in eine
Schicht kleinere Wolken ein, welche den Ausblick nach der Erde
allmählich verhinderten.

Als Robur jetzt sah, daß der Vorsitzende und Schriftführer des
Weldon-Instituts ihre Aufmerksamkeit der äußeren Construction des
"Albatros" zuwendeten, trat er auf sie zu und sagte:

"Nun, meine Herren, glauben Sie endlich an die Möglichkeit einer
Fortbewegung durch die Luft mittelst Apparaten, die schwerer sind als
jene?"

Es wäre ja schwierig gewesen, sich dem augenscheinlichen Beweise zu
widersetzen. Onkel Prudent und Phil Evans gaben jedoch keine Antwort.

"Sie schweigen? fuhr der Ingenieur fort. Aha, jedenfalls verhindert Sie
der Hunger am Sprechen ... doch, wenn ich es unternommen habe, Sie
durch die Luft zu transportiren, so glauben Sie nicht, daß ich Sie auch
mit diesem wenig nahrhaften Fluidum ernähren wollte. Ihr erstes
Frühstück erwartet Sie."

Da Onkel Prudent und Phil Evans einen schon recht quälenden Hunger
verspürten, hatten sie hier keine Veranlassung, Umstände zu machen.
Eine Mahlzeit verpflichtet ja noch zu nichts, und wenn Robur sie erst
wieder auf der Erde abgesetzt hätte, rechneten sie nach wie vor darauf,
ihm gegenüber auch ihre ganze Handlungsfreiheit wieder zu erhalten.

Beide wurden nach dem hinteren Ruff geleitet und nach einem kleinen
»dining-room«, in dem sich ein sauber gedeckter Tisch befand, an
welchem sie während der Fahrt speisen sollten. An Gerichten trug
derselbe verschiedene Conserven und unter Anderem eine Art Brot aus
gleichen Theilen Mehl und pulverisirtem Fleisch, untermischt mit ein
wenig Speck, welches, in Wasser gekocht, eine vorzügliche nahrhafte
Suppe liefert; ferner Schnitte von geräuchertem Schinken und als
Getränk Thee.

Auch Frycollin war nicht vergessen worden. Auf dem Vordertheil erhielt
er eine tüchtige Brotsuppe. Wahrlich, er mußte gewaltigen Hunger haben,
um essen zu können, denn seine Kinnladen zitterten eigentlich aus
Furcht und hätten ihm jeden anderen Dienst versagt.

"Wenn das entzwei ginge! Wenn das entzwei ginge!" wiederholte der
unglückliche Neger. Das machte ihm fortwährend Angst. Aber man denke
nur ... ein Sturz von fünfzehnhundert Meter, der ihn in Pulver
verwandelt hätte!

Nach Verlauf einer Stunde erschienen Onkel Prudent und Phil Evans
wieder auf dem Verdeck. Robur war nicht mehr hier. Am Hintertheile
folgte der Steuermann in seinem Glashäuschen, das Auge auf den Compaß
gerichtet, unentwegt dem ihm vom Ingenieur vorgezeichneten Curse.

Die andere Mannschaft mochte wohl auch durch das Frühstück in ihrem
Logis zurückgehalten werden. Nur ein Hilfsmechaniker, dem nun die
Ueberwachung der Maschinen oblag, wanderte von einem Ruff zum anderen
umher.

War die Geschwindigkeit des Apparats jetzt auch eine große, so konnten
die beiden Collegen darüber doch nur unvollkommen urtheilen, obgleich
der "Albatros" aus jener Wolkenschicht wieder hervorgetreten war und
sich der Erdboden fünfzehnhundert Meter unter ihnen deutlich zeigte.

"Man kann eigentlich gar nicht daran glauben! bemerkte Phil Evans.

-- So glauben wir nicht daran," antwortete Onkel Prudent.

Sie begaben sich hiermit nach dem Vorderdeck und ließen die Blicke über
den Horizont im Westen schweifen.

"Ah, eine andere Stadt! rief Phil Evans.

-- Können Sie dieselbe erkennen?

-- Ja, es scheint mir Montreal zu sein.

-- Montreal? ... Aber wir haben doch Quebeck vor kaum zwei Stunden
verlassen!

-- Das beweist, daß diese Maschine sich mit einer Geschwindigkeit von
mindestens fünfundzwanzig Lieues die Stunde bewegt."

Das war in der That die Größe der Geschwindigkeit des "Albatros", und
wenn die Passagiere davon keine Belästigung verspürten, lag das daran,
daß sie mit dem Winde forttrieben. Bei stillem Wetter hätte sie diese
Schnelligkeit schon merkbar genirt, weil sie fast der eines Expreßzuges
gleichkommt. Bei widrigem Winde wäre dieselbe ganz unerträglich
gewesen.

Phil Evans täuschte sich nicht. Unter dem "Albatros" erschien Montreal,
das an seiner Victoria-Brücke, einer Röhrenbrücke über den St. Lorenz
gleich dem Bahnviaduct über die Lagunen von Venedig, leicht kenntlich
war. Bald unterschied man auch seine breiten Straßen, die ungeheuren
Magazine, die Paläste der Banken, die Kathedrale, eine neuerdings nach
dem Vorbilde des St. Peters-Domes in Rom erbaute Basilica und endlich
den Mont-Royal, der die ganze Stadt überragt und zu einem herrlichen
Park umgeschaffen ist.

Es war ein Glück zu nennen, daß Phil Evans die Hauptstadt Canadas schon
früher einmal besucht hatte. Er konnte so Mehreres erkennen, ohne Robur
erst zu fragen. Nach Montreal kamen sie etwa einhalb zwei Uhr
Nachmittags, über Ottawa hinweg, dessen Fälle, von oben gesehen, einem
ungeheuren Siedekessel glichen, der durch sein furchtbares
Ueberschäumen einen großartigen Effect hervorbrachte.

"Da ist der Parlaments-Palast," sagte Phil Evans.

Er wies bei diesen Worten nach einer Art Nürnberger Spielzeug, das auf
einem Hügel verloren war. Dieses Spielzeug mit seiner vielfarbigen
Architektur glich dem Parlamenthaus zu London, wie die Kathedrale von
Montreal der Peters-Kirche zu Rom. Doch nichtsdestoweniger war und
blieb die in Sicht befindliche Stadt eben Ottawa.

Auch diese schien von dem Standpunkte der Beschauer aus schnell dem
Horizonte zuzueilen und bildete bald nur einen etwas helleren Fleck auf
der Erde.

Es mochte gegen zwei Uhr sein, als Robur wieder erschien. Sein
Obersteuermann Tom Turner begleitete ihn. Er sagte zu diesem nur drei
Worte. Letzter übermittelte dieselben den beiden Gehilfen im Vorder-
und im Hinterruff. Auf ein Zeichen veränderte der Steuermann die
Richtung des "Albatros", so daß dieser um zwei Grade nach Südwesten
abwich. Gleichzeitig konnten Onkel Prudent und Phil Evans wahrnehmen,
daß den Treibschrauben des Aeronefs eine größere Schnelligkeit
verliehen wurde.

Diese Schnelligkeit hätte in Wirklichkeit noch verdoppelt werden
können, und man hätte damit eine Maschine erhalten, welche alle
Erdmaschinen weit hinter sich lassen mußte.

Man urtheile selbst: Torpedoboote können zwanzig Knoten oder vierzig
Kilometer in der Stunde zurücklegen. Die schnellsten Eisenbahnzüge
bringen es wohl bis auf hundert; Schlittenboote auf den übereisten Seen
der Vereinigten Staaten bis auf hundertfünfzehn; eine in der Werkstatt
Patterson's erbaute Maschine mit Zahnrädern hat über den Erie-See
hinweg hundertdreißig erreicht und eine andere Locomotive zwischen
Trenton und Jersey gar hundertsiebenunddreißig Kilometer.

Der "Albatros" aber konnte beim Maximum seiner Kraftäußerung mittelst
seiner Treibschrauben sich zweihundert Kilometer in der Stunde, das
heißt fast fünfzig Meter in der Secunde, fortbewegen.

Eine solche Schnelligkeit aber ist die des Orkans, der Bäume
entwurzelt, die jenes Windstoßes, der bei dem Sturm vom 21. September
1881 in Cahors hundertvierundneunzig Kilometer in der Stunde
dahinraste. Es ist die mittlere Geschwindigkeit der Brieftaube, welche
nur noch von der gewöhnlichen Schwalbe (mit siebenundsechzig Metern in
der Secunde) und von der Mauerschwalbe (mit neunundachtzig Metern)
übertroffen wird.

Mit einem Worte, und wie Robur gesagt, der "Albatros" hätte bei
Entwickelung der ganzen Kraft seiner Schrauben die Fahrt um die Erde
binnen zweihundert Stunden, d. h. also in noch nicht acht Tagen
zurücklegen können.

Ob die Erde jener Zeit schon 450.000 Kilometer Eisenstraßen besaß, d. h.
eine Länge, welche elfmal den Aequator umspannt hätte -- so blieb das
doch für diese fliegende Maschine ohne Bedeutung. Stand ihr nicht das
ganze große Luftmeer offen?

Brauchen wir jetzt noch mehr hinzuzufügen? Jenes Phänomen, dessen
Erscheinung die ganze Alte und Neue Welt in Aufruhr versetzt hatte, war
der Aeronef des Ingenieurs. Jene Trompete, welche die schmetternden
Fanfaren in den Lüften ertönen ließ, war die des Obersteuermanns Tom
Turner. Die Flaggen, welche man auf den Hauptbauwerken Europas, Asiens
und Amerikas aufgepflanzt gefunden hatte, war die Flagge Robur's des
Siegers und seines "Albatros".

Und wenn der Ingenieur bisher einige Vorsicht beobachtet hatte, um
nicht erkannt zu werden, wenn er mit Vorliebe nur in der Nacht gefahren
war, die er zuweilen durch jene elektrischen Lichtströme erhellte,
während er den Tag über jenseits der Wolken zu verschwinden trachtete,
so schien er sein Geheimniß doch jetzt nicht mehr bewahren zu wollen.
Denn als er nach Philadelphia gekommen war und sich in dem
Sitzungssaale des Weldon-Instituts vorgestellt hatte, konnte er da
etwas Anderes beabsichtigen, als die Bekanntgebung seiner wunderbaren
Entdeckung, um selbst die Ungläubigsten ipso facto zu überzeugen?

Wir wissen, wie er hier aufgenommen wurde, und werden sehen, welche
Repressalien er gegenüber dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des
bekannten Clubs zu ergreifen gedachte.

Inzwischen hatte sich Robur den beiden Männern genähert. Diese stellten
sich noch immer, als erstaunten sie nicht im geringsten über das, was
sie vor sich sahen: offenbar setzte sich allmählich unter diesen beiden
angelsächsischen Schädeln ein Starrsinn fest, der nur schwierig
auszurotten sein würde.

Robur seinerseits wollte sich auch nicht den Anschein geben, als fiele
ihm das auf, und begann deshalb, als setze er nur ein Gespräch fort,
das doch schon seit zwei Stunden unterbrochen war:

"Sie haben sich ohne Zweifel damit befaßt, meine Herren, ob dieser für
die Bewegung durch die Luft ausgezeichnete Apparat auch eine noch
größere Geschwindigkeit annehmen könne. Er wäre indeß nicht würdig, den
Luftraum sozusagen besiegt zu haben, wenn er sich denselben nicht
gänzlich unterwürfig machen könnte. Ich bin darauf ausgegangen, die
Luft als festen Stütz- und Angriffspunkt zu benützen, und als solcher
dient sie mir. Ich sah längst ein, daß man, um gegen den Wind
anzukämpfen, stärker sein müsse, als dieser, und ich bin stärker. Ich
bedarf keiner Segel, die mich ziehen, keiner Ruder oder Räder, die mich
treiben, keiner Schienen, um schneller und leichter fortzukommen -- nur
Luft ... nichts weiter! Luft, die mich ganz ebenso umgiebt, wie das
Wasser jedes submarine Fahrzeug, und in der meine Propeller sich
drehen, wie die Schrauben eines Dampfers. Das ist das ganze Geheimnis,
wie ich das Problem der Aviation löste; da haben Sie, was weder ein
Ballon, noch irgend ein Apparat, der leichter als die Luft ist, jemals
leisten wird."

Die beiden Collegen schwiegen still wie das Grab, ohne daß sich der
Ingenieur dadurch aus der Fassung bringen ließ. Er begnügte sich,
verstohlen zu lächeln, und fuhr in folgenden Fragesätzen fort:

"Sie fragen vielleicht, ob der "Albatros" mit dieser Kraft, die ihn
horizontal treibt, auch eine gleich wirkungsvolle Kraft verbindet, um
sich in verticaler Richtung zu bewegen, mit einem Worte, ob er, wenn es
sich darum handelte, große Höhen zu erreichen, werde noch mit einem
Aerostaten wetteifern können? Nun, ich würde Ihnen nicht rathen, den
»Go a head« mit ihm um den Preis kämpfen zu lassen."

Die beiden Collegen zuckten einfach mit den Achseln, das war vielleicht
der wunde Punkt, an dem sie den Ingenieur fassen zu können glaubten.

Robur gab ein Zeichen. Die Treibschrauben standen sofort still, und
nachdem der "Albatros" etwa noch eine Meile in gleicher Richtung dahin
geschwebt war, blieb auch er unbeweglich.

Auf ein zweites Zeichen Robur's setzten sich die Auftriebsschrauben in
Bewegung, und zwar mit einer Geschwindigkeit, welche man füglich hätte
mit den zu akustischen Experimenten benützten Sirenen vergleichen
können. Ihr frrr erhob sich in der Tonleiter um fast eine ganze Octave,
während dessen Intensität wegen der jetzt dünneren Luft abnahm, und der
Apparat strebte lothrecht in die Höhe, wie eine Lerche, welche ihre
hellen Töne durch die Lüfte schmettert.

"Herr! Bester Herr! ... rief Frycollin wiederholt, wenn nur nicht Alles
in Stücke geht!"

Ein verächtliches Lächeln war Robur's ganze Antwort. Nach wenigen
Minuten hatte der "Albatros" eine Höhe von zweitausendsiebenhundert
Metern erreicht, was den Gesichtskreis auf siebenzig Meilen ausdehnte
-- dann eine solche von viertausend Metern, was der bis auf
vierhundertachtzig Millimeter herabsinkende Barometer anzeigte.

Nach dieser gelungenen Vorführung sank der "Albatros" wieder herab. Die
Verminderung des Drucks in den hohen Luftschichten bedingt bekanntlich
eine starke Abnahme des Sauerstoffes in derselben und deshalb auch im
Blute. Das ist die Ursache der ernsten Unfälle, welche schon Hunderten
von Luftschiffern zugestoßen sind. Robur aber hielt es für nutzlos,
sich einem solchem auszusetzen.

Der "Albatros" gelangte also nach derjenigen Höhe zurück, die er mit
Vorliebe einzuhalten schien, und seine wieder in Thätigkeit gesetzten
Treibschrauben führten ihn jetzt mit vermehrter Geschwindigkeit nach
Südwesten hin.

"Jetzt, meine Herren, können Sie sich, wenn Sie nur darnach fragten,
selbst Antwort geben."

Hiermit neigte er sich über die Reeling hinaus und blieb so in
Betrachtung versunken stehen.

Als er den Kopf wieder erhob, waren der Vorsitzende und der
Schriftführer des Weldon-Institut vor ihn hingetreten.

"Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, der sich vergebens zu
bemeistern suchte, das, was Sie zu glauben scheinen, haben wir uns
keineswegs gefragt. Doch wollen wir Ihnen eine Frage stellen, auf
welche wir jedenfalls Antwort erwarten.

-- Reden Sie!

-- Mit welchem Rechte haben Sie uns in Philadelphia, im Fairmont-Park
überfallen? Mit welchem Rechte uns in jene Zelle eingeschlossen? Mit
welchem Rechte entführen Sie uns wider Willen an Bord dieser fliegenden
Maschine?

-- Und mit welchem Rechte, meine Herren Ballonisten, entgegnete Robur,
mit welchem Rechte haben Sie mich beleidigt, verspottet; in Ihrem Club
bedroht, und zwar in einer Weise, daß ich mich selbst wundere, lebend
davon gekommen zu sein.

-- Fragen heißt nicht antworten, erwiderte Phil Evans, und ich
wiederhole Ihnen, mit welchem Rechte handelten Sie?

-- Sie wollen das wissen? ...

-- Wenn es Ihnen gefällig ist.

-- Nun wohl, mit dem Rechte des Stärkeren!

-- Das ist cynisch!

-- Aber es ist so.

-- Und wie lange, Bürger Ingenieur, fragte Onkel Prudent, dem nun die
Geduld ausging, wie lange denken Sie, dieses Recht uns gegenüber
auszunützen?

-- Aber, meine Herren, antwortete Robur ironisch, wie können Sie nur
eine solche Frage stellen, da Sie nur den Blick zu senken brauchen, um
ein Schauspiel zu genießen, das in der Welt nicht seines Gleichen
findet?"

Der "Albatros" spiegelte sich eben in der ungeheuren Fläche des
Ontario-Sees, er war eben über das von Cooper so hoch poetisch
besungene Land gekommen, dann folgte er der Südgrenze dieses weiten
Wasserbeckens und wandte sich dem berühmten Flusse zu, der ihm die
Gewässer des Erie-Sees, aber zerstäubt im seinen Katarakten, zuführt.

Einen Augenblick lang drang ein wahrhaft majestätisches Geräusch,
gleich dem Rollen des Sturmes, bis zu ihm hinauf, und als ob sich ein
feuchter Dunst in den Lüften verbreitete, wurde die Temperatur merklich
kühler.

Tief unten donnerten die ungeheuren Wassermassen in Hufeisenbogen
hinunter. Man glaubte wohl einen gewaltigen Strom von Krystall vor sich
zu sehen, den tausend, durch Refraction aus der Zerlegung des
Sonnenlichtes entstandene Regenbogen umglänzten. Es war ein wirklich
erhebender Anblick.

Vor diesen Fällen verband eine, gleich einem Faden ausgespannte schmale
Brücke ein Ufer mit dem anderen. Etwas weiter unten -- etwa drei Meilen
entfernt war eine Hängebrücke darüber geschlagen, über welche sich eben
ein Bahnzug hinschlängelte, der von dem canadischen Ufer nach dem
amerikanischen zu dampfte.

"Die Niagarafälle!" rief Phil Evans.

Und dieser Ausruf entfuhr ihm, während Onkel Prudent sich die
erdenklichste Mühe gab, alle Wunder, die sich vor seinen Augen
entrollten, scheinbar nicht zu beachten.

Eine Minute später hatte der "Albatros" den Strom überschritten, der
die Vereinigten Staaten von der Colonie Canada scheidet, und er
schwebte nun über den unendlich weiten Gebieten des nördlichen Amerika.



VIII.

Worin man sehen wird, daß Robur sich entschließt, auf die ihm
vorgelegte wichtige Frage zu antworten.



In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent
und Phil Evans zwei vorzügliche Lagerstätten, Wäsche, eine hinreichende
Menge Kleidungsstücke zum Wechseln, nebst Mänteln und Reisedecken
vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer hätte ihnen mehr
Bequemlichkeiten bieten können. Wenn sie nicht in einem fort schliefen,
so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie mindestens sehr
beunruhigende Gedanken davon zurück. In welch' unberechenbares
Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und zwar wider ihren
Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie würde die ganze
Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich der Ingenieur
Robur? -- Das war gewiß genug Material, unausgesetzt ihre Gedanken zu
erfüllen.

Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom
"Albatros" zusammenstoßenden Cabine untergebracht worden. Diese
Nachbarschaft mißfiel ihm keineswegs -- er liebte es, sich mit den
großen dieser Erde auf guten Fuß zu stellen. Doch wenn er endlich
einschlief, so träumte der arme Teufel nur vom Herabstürzen durch die
Luft, was seinen Schlummer zum fortwährenden Alpdrücken verunstaltete.

Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben
durch die Atmosphäre, deren Strömung sich am Spätabend ganz gelegt
hatte. Außer dem Schwirren der Schraubenflügel drang kein Geräusch nach
dieser Höhe, höchstens zuweilen der schrille Pfiff einer irdischen
Locomotive, die auf ihrer Eisenstraße dahinrollte, oder kaum
vernehmbare Laute von Hausthieren. -- Ein eigenthümlicher Instinct
schien diesen Erdengeschöpfen zu verrathen, daß die Flugmaschine über
ihnen hinglitt, und das veranlaßte sie, einen Angstschrei von sich zu
geben.

Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil
Evans schon früh fünf Uhr auf dem Verdeck des "Albatros". Eine
Veränderung gegen den Vortag zeigte sich nicht, der Ausguck stand am
vorderen, der Steuermann am hinteren Theile desselben. Wozu diente aber
hier ein Wachtposten? Fürchtete man auch mit der ersten Maschine dieser
Art einen etwaigen Zusammenstoß? Nein, das gewiß nicht. Robur hatte ja
noch keine Nachahmer gefunden. Die Möglichkeit, einem in den Lüften
schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, daß sie
füglich außer Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls wäre der
Aerostat am schlimmsten daran gewesen -- wie bei einem Zusammenstoß des
eisernen Topfes mit dem irdenen. Der "Albatros" hatte von einer solchen
Collision ja so gut wie nichts zu fürchten.

Doch konnte eine solche überhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht
ausgeschlossen, daß der Aeronef unversehens auf eine Küste zusteuerte,
wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln kann, ihm den
Weg versperrte. Ein solcher Berg wäre also eine Klippe in der Luft, und
diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe des Meeres zu
meiden hat.

Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capitän die Fahrtrichtung
angegeben unter Berücksichtigung der nothwendigen Höhe, in der sich der
Apparat halten mußte, um auch die höchsten Berggipfel der betreffenden
Gegenden zu übersegeln. Da der Aeronef sich aber eben im stark
gebirgigem Lande befand, war es gewiß nur ein Gebot der Klugheit,
sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem Grunde vom
richtigen Laufe abwich.

Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel
Prudent und Phil Evans einen großen Binnensee, dessen nach Süden
gelegene Spitze der "Albatros" bald erreichen mußte. Sie schlossen
daraus, daß sie während der Nacht über den Erie-See in seiner ganzen
Länge weggekommen wären. Da der Aeronef nun direct nach Westen
steuerte, so mußten sie später den äußersten Theil des Michigan-Sees
erreichen.

"Hier ist kein Zweifel möglich, sagte Phil Evans, jenes Meer von
Dächern am Horizonte ist Chicago!"

Er täuschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn
Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die Königin des Westens, das ungeheure
Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, Missouri
und überhaupt die aus allen Provinzen zusammenströmen, welche den
westlichen Theil der Union bilden.

Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem
Ruff gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgebäude jener
Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die öffentlichen Bauten,
die zahlreichen Elevatoren, ebenso wie das gewaltige Hôtel Sheeman
zeigen, das einem großen Würfel, wie man solche zum Spielen gebraucht,
glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf jeder
Seite erschienen.

"Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen,
daß wir etwas gar zu weit nach Westen entführt worden sind, als es
wünschenswert wäre, um nach unserem Abfahrtspunkt zurückzukehren."

Der "Albatros" entfernte sich in der That in gerader Linie von der
Hauptstadt Pennsylvaniens.

Hätte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun nach
Osten zurückzuführen, so wäre das jetzt wenigstens unmöglich gewesen.
Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar keine Eile zu haben,
seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit irgend welchen
Arbeiten beschäftigt sein oder vielleicht nur noch schlafen. Die beiden
Collegen mußten also frühstücken, ohne ihn gesehen zu haben.

Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht verändert. Bei
der Richtung des eben wendenden Windes wurde dieselbe nicht lästig, und
da der Thermometer sich nur um einen Grad bei der Erhebung um
hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur eine
erträgliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent und Phil
Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben -- wenn
der Ausdruck erlaubt ist -- welche immerhin eine so schnelle
Drehbewegung einhielten, daß die Strahlen ihrer Flügel zu einer
halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen.

In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise längs seiner
Nordgrenze über den Staat Illinois hinweg, und dabei über den Vater der
Gewässer, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer nicht größer als
gewöhnliche Kähne erschienen. Dann wendete sich der "Albatros" nach
Iova, nachdem Iova-City gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war.

Einzelne Hügelketten, die "Bluffs", schlängelten sich von Süden nach
dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre mäßige Höhe machte keine
besondere Aufsteigung des Aeronefs nöthig. Diese Bluffs mußten auch
bald noch niedriger werden, um nachher den weiten Ebenen von Iova Platz
zu machen, welche sich über dessen ganzen nördlichen Theil, wie über
Nebraska ausdehnen -- ungeheure Prairien, welche bis zum Fuß der
Felsengebirge heranreichen. Da und dort glänzten zahlreiche Rios,
Zuflüsse und Nebenflüsse des Missouri. An ihren Ufern lagen Städte und
Dörfer, welche jedoch immer seltener wurden, je nachdem der "Albatros"
schneller nach dem Far-West über sie hinwegglitt.

Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und
Phil Evans blieben sich gänzlich selbst überlassen. Kaum bemerkten sie
einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und die Augen
geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens litt er
nicht etwa an Schwindelzufällen, wie man hätte glauben können. Wegen
Mangels an Vergleichsobjecten hätte sich dieser Schwindel überhaupt
nicht in derselben Weise äußern können, wie etwa auf dem Dache eines
hohen Gebäudes; der Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in
der Gondel eines Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs über ihm
schwebt, oder vielmehr unter dem Aeronauten gähnt gar kein Abgrund,
sondern der Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt
denselben.

Um zwei Uhr glitt der "Albatros" über Omaha an der Grenze von Nebraska
hin, über Omaha-City, den wirklichen Kopf der Pacific-Bahn, jenes
fünfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, der New-York und San
Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man die gelblichen
Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- und
Steinhäusern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem Schloß
eines Gürtels, der Nordamerika in der Taille umspannt.

Zweifellos mußten, während die Passagiere des Aeronefs alle diese
Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den seltsamen
Apparat wahrgenommen haben.

Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lüften hinschweben zu sehen,
konnte gewiß nicht größer sein, als das des Vorsitzenden und des
Schriftführers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben zu
befinden.

Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der
Union besprochen wurde; eben diese lieferte eine Erklärung des
Phänomens, mit dem sich seit einiger Zeit die ganze Welt beschäftigte.

Eine Stunde später war der "Albatros" schon über Omaha hinweg. Der
"Albatros" steuerte jetzt constant nach Westen, indem er sich vom
Platte-River entfernte, dessen Thal die Pacific-Railway durch die
Prairie folgt. Den Onkel Prudent und Phil Evans konnte diese
Wahrnehmung gerade nicht befriedigen.

"Die Sache wird ernsthaft mit diesem sinnlosen Project, uns zu den
Antipoden zu bringen, sagte der Eine.

-- Und noch dazu wider unseren Willen! bemerkte der Andere. O, dieser
Robur soll sich nur in Acht nehmen, ich bin nicht der Mann dazu, mit
mir spielen zu lassen!

-- Ich auch nicht! versicherte Phil Evans. Doch, folgen Sie meinem
Rathe, Onkel Prudent, versuchen Sie sich zu mäßigen ...

-- Mich mäßigen! ...

-- Und bemeistern Sie Ihre Wuth bis zu dem Augenblick, wo es an der
Zeit ist, sie ausbrechen zu lassen."

Gegen fünf Uhr und nach Ueberschreitung der mit Tannen und Cedern
bedeckten schwarzen Berge flog der "Albatros" über jenen Gebieten hin,
die man mit Recht das "schlimme Land" genannt hat -- ein Chaos von
ockerfarbigen Hügeln, gleichsam von Bergstücken, welche der Schöpfer
hatte auf die Erde fallen lassen und die dabei in Trümmer gegangen
waren. Von ferne gesehen, nahmen diese Blöcke die phantastischesten
Formen an. Da und dort inmitten dieser ungeheuren Ansammlung von
Bruchstücken erblickte man Ruinen von mittelalterlichen Städten mit
Forts, Wartthürmen, Laufgräben und Schanzen. Heutzutage bildet dieses
"schlimme oder böse Land" aber nichts als ein gewaltiges Beinhaus, in
dem die Reste von Pachydermen, Chelonien und der Sage nach sogar von
fossilen Menschen bleichen, welche durch eine unbekannte Erdrevolution
in grauer Vorzeit hierher geworfen wurden.

Mit einbrechendem Abend war schon das große Becken des Platte-River
übersegelt. Jetzt dehnte sich vor dem "Albatros" eine weite Ebene bis
zu dem, durch dessen hohen Standpunkt sehr erweiterten Horizonte aus.

Während der Nacht waren es nicht mehr die scharfen Pfiffe der
Locomotive oder die heulenden Töne von Dampfbooten, welche die Ruhe des
gestirnten Firmaments störten. Lang anhaltendes Grunzen und Blöcken
drang manchmal bis zu dem, übrigens jetzt der Erde näheren Aeronef
hinauf. Dasselbe rührte von den Bisonheerden her, welche bei Aufsuchung
von Wasserläufen und Weideland durch die Prairie trotteten. Und wenn
jene schwiegen, dann erzeugte das Rascheln des Grases unter ihren Hufen
ein dumpfes Geräusch, ähnlich dem Rauschen einer Ueberschwemmung, und
sehr verschieden von dem Schwirren und Sausen der Schrauben.

Von Zeit zu Zeit ließ sich wohl auch das Heulen von Wölfen, das Gebell
und Geschrei von Füchsen und Wildkatzen hören oder das scharfe Bellen
von Coyots, jenes »canis latrans«, dessen Name sich schon durch die
gellenden Töne des Thieres rechtfertigt.

Daneben verbreitete sich ein durchdringender Duft von Minze, Salbei und
Absinth, vermischt mit dem kräftigen Harzgeruch von Coniferen, in der
reinen Nachtluft.

Endlich hörte man, um alle vom Erdboden kommenden Geräusche zu
erwähnen, auch eine Art recht unheimlichen Bellens, das aber nicht von
den Coyots herrührte; das war der Schrei einer Rothhaut, welchen kein
Pionnier des fernen Westens mit dem Geschrei eines Raubthieres
verwechseln könnte.

Am 15. Juni verließ Phil Evans gegen fünf Uhr Morgens seine Cabine.
Vielleicht sollte er an diesem Tage den Ingenieur Robur endlich
wiedersehen.

Begierig, zu erfahren, warum Jener sich am vergangenen Tage gar nicht
gezeigt haben möge, wandte er sich an den Obersteuermann Tom Turner.

Tom Turner, von englischer Herkunft und etwa fünfundvierzig Jahre alt,
breit in der Brust, untersetzt von Gestalt und mit Knochen von Eisen,
hatte einen jener charakteristischen Köpfe à la Hogarth, wie sie dieser
Maler der angelsächsischen Häßlichkeiten aus seinem Pinsel
hervorgezaubert hat. Wer die Tafel IV von Harlots Progreß genauer
betrachtet, der wird auf derselben den Kopf Tom Turner's auf den
Schultern des Gefängnißwärters wiederfinden und wird erkennen, daß
dessen Physiognomie nicht eben viel Ermuthigendes hat.

"Werden wir heute den Ingenieur Robur sehen? fragte Phil Evans.

-- Weiß nicht, antwortete Tom Turner.

-- Ich frage Sie nicht, ob er etwa weggegangen ist.

-- Vielleicht.

-- Auch nicht, wann er zurückkehren könnte.

-- Vermutlich, wenn er mit seiner Cursbestimmung fertig ist."

Hiermit verschwand Tom Turner schon wieder in seinem Ruff.

Phil Evans mußte sich wohl oder übel mit dieser Antwort begnügen,
welche umso weniger beruhigend erschien, als eine fortgesetzte
Beobachtung des Compasses ihm lehrte, daß der "Albatros" noch immer
nach Südwesten weiter steuerte. Welcher Unterschied aber zwischen dem
seit der Nacht verlassenen Gebiete des schlimmen Landes und der
Landschaft, die sich jetzt unten auf der Erde entrollte!

Nachdem der Aeronef tausend Kilometer von Omaha aus zurückgelegt,
befand er sich über einer Gegend, welche Phil Evans aus dem Grunde
nicht zu erkennen vermochte, weil er sie vorher noch niemals besucht
hatte. Einige Forts, mit dem Zwecke, die Indianer im Schach zu halten,
bekrönten die Bluffs mit ihren geometrischen Linien, welche mehr aus
Palissaden, als aus Mauerwerk bestanden; Dörfer gab es nur wenige und
ebenso wenig Bewohner in diesem von dem goldführenden, einige Grade
südlicher liegenden Gebiete Colorados so auffallend verschiedenen
Landstriche.

In der Ferne erhob sich, vorläufig nur in verschwindenden Umrissen,
eine Reihe von Bergkämmen, welche die aufsteigende Sonne mit feurig
leuchtendem Kranze schmückte.

Das waren die Felsengebirge.

Zum ersten Male an diesem Morgen beobachteten Onkel Prudent und Phil
Evans eine empfindliche Kälte. Die Erniedrigung der Temperatur war aber
nicht etwa einem Witterungsumschlage zuzuschreiben, denn die Sonne
leuchtete fortwährend in hellem Glanze.

"Das wird von der Erhebung des "Albatros" in der Atmosphäre herkommen,"
meinte Phil Evans.

In der That war der an der äußeren Seite der Thür des mittleren Ruffs
angebrachte Barometer bis auf fünfhundertvierzig Millimeter gesunken --
was einer Erhebung von etwa dreitausend Metern entspricht. Der Aeronef
hielt sich also in einer bedeutenden, übrigens durch die gebirgige
Bodenbeschaffenheit bedingten Höhe.

Eine Stunde vorher hatte er sogar eine Höhe von viertausend Metern
übersteigen müssen, denn hinter ihm erhoben sich viele, mit ewigem
Schnee bedeckte Berghäupter.

Weder Onkel Prudent noch sein Gefährte konnten sich erinnern, welches
Land das wohl wäre. Im Laufe der Nacht hatte der "Albatros" ja einen
anderen Weg nach Norden oder Süden einhalten können, und bei seiner
übermäßigen Schnelligkeit genügte das, sie schon sehr weit zu
verschlagen.

Nachdem sie verschiedene mehr oder weniger annehmbare Hypothesen
besprochen, einigten sie sich darüber, daß das vorliegende, von einem
kreisförmigen Bergwall umrahmte Gebiet dasselbe sein werde, welches
durch Congreßacte vom März 1872 zum Nationalpark der Vereinigten
Staaten erklärt worden war.

Sie hatten hiermit Recht, und jenes Gebiet verdient vollständig den
Namen eines Parks, aber eines solchen mit Bergen statt der Hügel, mit
Seen statt der Teiche, mit Strömen statt der Bäche, mit tiefen Wäldern
statt künstlich angelegter Labyrinthe, und als Springbrunnen schmückten
denselben wirkliche Geyser von erstaunlicher Mächtigkeit.

Nach wenig Minuten glitt der "Albatros", den Stevensonberg rechts
liegen lassend, über den Yellowstone-Fluß hin und gelangte nach dem
großen See, der den Namen jenes Flusses trägt. Welch' reiche
Abwechslung im Zuge der Ufer dieses Wasserbeckens, deren flachere, mit
Obsidianen und kleinen Krystallen besäete Ränder die Sonnenstrahlen in
unzähligen Facetten widerspiegelten! Wie launenhaft liegen die Inseln
über seine Oberfläche zerstreut! Wie wunderbar blau wirft dieser
Riesenspiegel die Farbe des Himmels zurück! Und rings um diesen See --
übrigens einer der höchstgelegenen der ganzen Erde -- schwammen und
flatterten ganze Wolken verschiedener Vögel, wie Pelikane, Schwäne,
Möven, Gänse, Rothgänse und Tauchervögel. Einige der Strecken des
steiler abfallenden Uferlandes trugen ein immergrünes Gewand von
Fichten- und Lärchenbäumen, während am Fuße seiner Böschungen unzählige
weiße Dampfquellen emporwirbelten. Dieser Dampf entsteigt dem Erdboden
wie aus einem ungeheuren Kessel, in dem das Wasser durch das Feuer des
Erdinneren in fortwährendem Sieden erhalten wird.

Für den Koch wäre jetzt oder niemals eine günstige Gelegenheit gewesen,
sich mit reichlichem Vorrathe von Forellen zu versorgen, welche
Fischart die einzige ist, die der Yellow-See, aber auch zu Myriaden,
ernährt. Der "Albatros" hielt sich jedoch stets in einer solchen Höhe,
daß ein Fischzug, der unzweifelhaft von einträglichem Erfolge gewesen
wäre, sich nicht hätte ausführen lassen.

Uebrigens wurde der See schon binnen dreiviertel Stunden und wenig
später das Gebiet der Geyser, die mit den schönsten in Island
wetteifern, überschritten. Ueber das Verdeck hinaus gebeugt,
beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans die flüssigen Säulen, die
hoch aufstiegen, als sollten sie dem Aeronef noch ein neues
Kraftelement zuführen. Es waren das "der Fächer", dessen Dämpfe sich
kreisförmig ausbreiten; "das befestigte Schloß", das sich gleichsam
durch Trombenschüsse zu vertheidigen scheint; "der alte Treue" mit
seiner von Regenbogen begrenzten Flüssigkeitssäule, und "der Riese",
durch den der innere Druck einen lothrechten Strom von fünfundzwanzig
Fuß Umfang auf mehr als zweihundert Fuß Höhe emporschleudert.

Robur schien die Wunder dieses unvergleichlichen Schauspiels, das gewiß
in der Welt einzig dasteht, schon zur Genüge zu kennen, denn er
erschien nicht auf dem Verdeck.

Sollte er den Aeronef nur zum Vergnügen seiner Gäste über dieses
National-Eigenthum hingeführt haben? Wenn diese Voraussetzung auch
vielleicht zutraf, so entzog er sich doch ihren Dankesbezeugungen. Er
ließ sich nicht einmal durch die kühne Fahrt quer durch die
Felsengebirge, welche der "Albatros" gegen sieben Uhr Morgens
erreichte, aus seiner Ruhe stören.

Es ist bekannt, daß dieses orographische System sich gleich einem
gewaltigen Rückgrat von den Lenden Nordamerikas bis zu dessen Halse hin
ausdehnt, indem es eine Fortsetzung der mexikanischen Anden bildet. Das
Ganze erreicht eine Länge von dreitausendfünfhundert Kilometern und hat
seinen höchsten Punkt im Pic-James, der bis fast zwölftausend Fuß hoch
aufragt.

Gewiß hätte der "Albatros" durch Vermehrung seiner Flügelschläge,
gleich einem im Aether dahineilenden Vogel, auch die höchsten Gipfel
dieser Ketten überfliegen können, um dann wie mit Riesenschwingen nach
Oregon und Utah hinabzusteigen. Dieses Manöver war aber nicht einmal
nothwendig, da es hier Pässe giebt, um durch die Bergkette zu gelangen,
ohne deren Kamm zu übersteigen. Man findet verschiedene solcher
"Cañons", eine Art mehr oder weniger enger Schluchten, durch welche man
nur schwer gelangen kann -- die einen, wie der Bridger-Paß, dem auch
die Pacific-Bahn folgt, um in das Mormonengebiet einzudringen, die
anderen etwas weiter im Norden oder im Süden.

In einen dieser Cañons lenkte der "Albatros" ein, nachdem er seine
Geschwindigkeit vermindert hatte, um jedenfalls ein Anstoßen an die
Wände der Schlucht zu vermeiden. Der Steuermann, dessen ungemein
sichere Hand die vorzügliche Wirksamkeit des Steuerruders in besonders
helles Licht setzte, lenkte denselben, wie er es mit einem Boote ersten
Ranges beim Wettfahren des Royal Thames Club gethan hätte. Es war in
der That bewunderungswürdig anzusehen. Und trotz des Widerwillens, den
die beiden Feinde des "Schwerer, als die Luft" noch immer empfanden,
mußten sie doch entzückt sein über die Vollkommenheit dieser sich durch
den Luftraum bewegenden Maschine.

Binnen weniger als zweiundeinerhalben Stunde wurde die gewaltige
Bergkette durchfahren und der "Albatros" nahm seine gewöhnliche
Geschwindigkeit von hundert Kilometer (in der Stunde) wieder an. Er
steuerte jetzt auf's Neue dem Südwesten zu, um nicht gar zu hoch über
dem Erdboden das Gebiet von Utah schräg zu durchschneiden. Dabei war er
bis auf wenige hundert Meter gesunken, als die Töne einer Pfeife die
Aufmerksamkeit des Onkel Prudent und Phil Evans' erregten.

Diese kamen von einem Zuge der Pacific-Bahn her, welcher der Stadt am
großen Salzsee zudampfte.

In diesem Augenblick senkte sich auf geheimen Befehl der "Albatros"
noch weiter, um dem mit voller Dampfkraft dahinfahrenden Zuge zu
folgen. Er wurde sofort bemerkt. Einige Köpfe erschienen an den Thüren
der Waggons. Dann drängten sich bald zahlreiche Passagiere auf den
kleinen Laufbrücken, welche die amerikanischen "Cars" mit einander
verbinden. Einzelne wagten es sogar, die Doppelwagen des Trains zu
erklettern, um die Flugmaschine besser sehen zu können. Laute Hipps und
Hurrahs dröhnten durch die Luft, hatten aber nicht den Erfolg, Robur
erscheinen zu lassen.

Das Spiel seiner Schrauben weiter verlangsamend, stieg der "Albatros"
noch immer tiefer hinunter und verminderte auch seine horizontale
Schnelligkeit, um den Bahnzug, den er bequem hätte überholen können,
nicht hinter sich zu lassen. So flog er über diesen hin, wie ein
ungeheurer Käfer, während er doch hätte einem riesenhaften Raubvogel
gleichen können. Jetzt schwenkte er wie spielend nach rechts und nach
links ab, schoß einmal vorwärts und kehrte auf demselben Wege wieder
zurück, auch hatte er stolz die schwarze Flagge mit der goldenen Sonne
gehißt, worauf der Zugführer als Antwort das Banner mit den
siebenunddreißig Sternen der amerikanischen Union schwenkte.

Vergeblich versuchten die beiden Gefangenen, die sich jetzt darbietende
Gelegenheit zu benützen, um Kunde davon zu geben, was aus ihnen
geworden wäre. Vergebens rief der Vorsitzende des Weldon-Instituts mit
Stentorstimme:

"Ich bin Onkel Prudent aus Philadelphia!"

Und der Schriftführer.

"Ich bin Phil Evans, sein College!"

Ihre Rufe verhallten in den tausend Hurrahs, mit denen die Passagiere
des Zugs die merkwürdige Erscheinung des Luftschiffes begrüßten.

Inzwischen waren drei bis vier Mann vom Aeronef auf dem Verdeck
desselben erschienen und Einer von ihnen ließ -- wie es Seeleute zu
thun pflegen, wenn sie ein langsamer fahrendes Schiff überholen -- nach
dem Zuge ein Stück Tau hinab -- ein ironisches Angebot, ihn in's
Schlepptau zu nehmen.

Dann nahm der "Albatros" sofort seinen gewöhnlichen Gang wieder an und
nach einer halben Stunde hatte er jenen Expreßzug, dessen letzte
Dampfwölkchen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, schon weit
hinter sich gelassen.

Gegen ein Uhr Mittags wurde eine sehr große Scheibe sichtbar, welche
die Sonnenstrahlen gleich einem ungeheuren Reflector zurückwarf.

"Das muß die Hauptstadt der Mormonen, Salt-Lake-City, sein!" sagte
Onkel Prudent.

In der That war es die große Salzsee-Stadt und jene convexe Scheibe war
das Dach des Tabernakels, das bequem zehntausend Heilige aufnehmen
kann. Wie ein erhabener Spiegel zerstreute derselbe die Strahlen der
Sonne nach allen Richtungen hin.

Hier dehnte sich die große Stadt aus am Fuße der Wasatsh-Berge, welche
bis zur halben Höhe mit Cedern und Fichten bedeckt sind, und am Ufer
jenes Jordan, der die Gewässer von Utah in den großen Salzsee ergießt.
Unter dem Aeronef breitete sich das Damenbrett aus, welches die meisten
amerikanischen Städte bilden -- hier ein Damenbrett mit "mehr Damen als
Feldern", da die Polygamie bei den Mormonen in so hoher Blüthe steht.
Die Landschaft im Umkreise zeigte sich jedoch gut bestellt und
cultivirt, auch reich an Spinnfaserpflanzen, während sich Schafheerden
von mehr als tausend Köpfen vielfach umhertummelten.

Aber das Ganze verblaßte wie ein Schatten, und der "Albatros" flog
jetzt nach Südwest mit gesteigerter Geschwindigkeit, welche ziemlich
fühlbar wurde, weil sie die des Windes übertraf.

Bald darauf schwebte der Aeronef über dem Staate Nevada und seinen
silberführenden Gebieten, die nur die Sierra von den goldführenden
Ländereien Kaliforniens trennt.

"Wir können auf jeden Fall erwarten, San Francisco noch vor dem Abend
zu sehen, sagte Phil Evans.

-- Und dann? ..." antwortete Onkel Prudent.

Es war jetzt um sechs Uhr Nachmittags, als die Sierra Nevada durch
denselben Einschnitt von Truckie überschritten wurde, der auch der Bahn
als Bergpaß dient. Von hier aus hatte man nur noch dreihundert
Kilometer zurückzulegen, um, wenn nicht San Francisco, so doch
mindestens Sacramento, die Hauptstadt von Californien, zu erreichen.

Die dem "Albatros" jetzt verliehene Geschwindigkeit war eine so große,
daß noch vor acht Uhr die Kuppel des Capitols am westlichen Horizonte
auftauchte, nur um bald wieder am entgegengesetzten zu verschwinden.

Eben jetzt zeigte sich Robur auf dem Verdeck. Die beiden Collegen
gingen auf ihn zu.

"Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, wir befinden uns nun an den
Grenzen Amerikas. Wir meinen, dieser Scherz könnte nun sein Ende
finden.

-- Ich scherze nie," antwortete Robur.

Er gab ein Zeichen; der "Albatros" senkte sich schnell abwärts, doch
gleichzeitig nahm er eine solche Schnelligkeit an, daß sich Alle in die
Ruffs flüchten mußten.

Kaum hatte sich die Thür der Cabine hinter den beiden Collegen
geschlossen, als Onkel Prudent rief:

"Nur noch etwas mehr und ich erwürge ihn!

-- Wir müssen versuchen, zu entfliehen, rieth Phil Evans.

-- Ja ... es koste, was es wolle!"

Da klang ein langes Gemurmel bis zu ihnen herein.

Das war das Grollen des Meeres, das gegen die Küstenfelsen brandete. Es
war der Pacifische Ocean.



IX.

In dem der "Albatros" fast zehntausend Kilometer zurücklegt und das mit
einem merkwürdigen Sprunge endigt.



Onkel Prudent und Phil Evans waren fest entschlossen, zu fliehen.
Hätten sie es nur zu dreien mit den acht, allerdings sehr kräftigen
Männern zu thun gehabt, welche die Besatzung des Aeronefs bildeten, so
würden sie den Kampf vielleicht gewagt haben. Ein kühner Handstreich
hätte sie zu Herren an Bord gemacht und ihnen die Möglichkeit gegeben,
an einem beliebigen Punkte der Vereinigten Staaten niederzugehen. Zu
Zweien aber -- denn Frycollin konnte ja nur als verschwindende Größe
gezählt werden -- war daran nicht wohl zu denken; da jede
Gewaltanwendung also ausgeschlossen blieb, mußten sie, sobald der
"Albatros" einmal zur Erde hinabging, zur List ihre Zuflucht nehmen.
Das bemühte sich auch Phil Evans seinem wuthschnaubenden Collegen
beizubringen, da er von diesem immer noch eine gewaltthätige
Uebereilung fürchtete, welche ihre Lage nur verschlimmern konnte.

Jedenfalls war jetzt kein günstiger Augenblick. Der Aeronef glitt in
schnellster Gangart eben über den Nordpacifischen Ocean hin. Schon am
nächsten Morgen, dem des 16. Juni, sah man nichts von der Küste, und da
diese von der Insel Vancouver bis zur Gruppe der Alëuten -- das ist der
früheren russischen Besitzung in Amerika, welche 1867 an die Vereinigten
Staaten abgetreten wurde -- in einem großen Bogen verläuft, so hatte es
den Anschein, als ob der "Albatros" letztere an dem vorspringendsten
Bogentheile kreuzen sollte, wenigstens wenn die jetzt eingehaltene
Fahrtrichtung nicht verändert wurde.

Wie lang erschienen die Nächte jetzt den beiden Collegen! Sie beeilten
sich auch jeden Morgen, ihre Cabine zu verlassen. Als sie heute nach
dem Deck kamen, war der Horizont im Osten schon vollständig hell. Man
näherte sich ja der Sommersonnenwende, dem längsten Tage auf der
nördlichen Halbkugel, an dem es unter dem 60. Breitengrade eigentlich
kaum Nacht wird.

Der Ingenieur Robur dagegen schien -- ob aus Gewohnheit oder mit
Absicht -- keine besondere Eile zu haben, seinen Ruff zu verlassen; und
als das heute endlich geschah, begnügte er sich, seine beiden Gäste zu
begrüßen, als er auf dem Hintertheile des Aeronef ihren Weg kreuzte.

Inzwischen hatte sich auch Frycollin mit vor Schlaflosigkeit gerötheten
Augen, glanzlosem Blicke und schlotternden Beinen aus seiner Cabine
gewagt. Er ging dahin wie Einer, dessen Fuß es empfindet, daß dem Boden
darunter nicht recht zu trauen ist. Sein erster Blick richtete sich
nach der Auftriebsmaschinerie, die, ohne sich zu beeilen, mit
beruhigender Regelmäßigkeit arbeitete.

Danach begab sich der immerfort schwankende Neger nach der Reeling und
ergriff diese mit beiden Händen, um sich, mehr Gleichgewicht zu
sichern. Offenbar wünschte er einen Ueberblick über das Land zu
gewinnen, das der "Albatros" jetzt in der Höhe von höchstens
zweihundert Metern überflog.

Frycollin hatte sich tüchtig zusammennehmen müssen, um einen solchen
Versuch zu wagen. Es bedurfte ja, seiner Meinung nach, einer gewissen
Kühnheit, seine werthe Person einer solchen Gefahr auszusetzen.

Vor der Reeling stehend, hielt Frycollin erst den Körper nach rückwärts
geneigt, dann schüttelte er an derselben, um ihre Haltbarkeit zu
prüfen; nachher richtete er sich auf, beugte sich etwas nach vorwärts
und steckte endlich den Kopf ein wenig hinaus. Wir brauchen wohl nicht
zu bemerken, daß er während der Dauer dieses Experimentes beide Augen
fest geschlossen hielt. Endlich öffnete er dieselben.

Hei, wie schrie er da laut, wie flog er eiligst zurück und wie verkroch
sich sein Kopf zwischen den Schultern!

Unter dem Abgrunde hatte er den ungeheuren Ocean erblickt. Wären seine
Haare nicht gar zu krank gewesen, sie hätten sich gewiß über der Stirn
gesträubt.

"Das Meer! Das Meer! ..." schrie er auf.

Frycollin wäre lang auf das Verdeck hingestürzt, wenn der Koch nicht
die Arme ausgebreitet hätte, ihn aufzufangen.

Dieser Koch war ein Franzose, vielleicht ein Gascogner, obwohl er sich
François Tapage nannte. Wenn er nicht Gascogner war, so mußte er
während seiner Kindheit die Brisen der Garonne eingesaugt haben. Wie
dieser François Tapage aber in die Dienste des Ingenieurs gekommen,
durch welche Reihe von Zufälligkeiten er unter die Mannschaft des
"Albatros" gerathen war, das wußte kein Mensch. Jedenfalls sprach
dieser Schlaukopf englisch trotz jedem Yankee.

"Heda, aufrecht, zum Teufel, herauf! rief er, den Neger mit kräftigem
Handgriffe aufrichtend.

-- Master Tapage! ... antwortete der arme Teufel, einen
verzweiflungsvollen Blick nach den Schrauben werfend.

-- Was willst Du denn, Frycollin?

-- Geht das manchmal entzwei?

-- Manchmal nicht, aber es wird einmal entzwei gehen.

-- Warum? ... Warum denn? ...

-- Weil zuletzt Alles einmal zum Kuckuk geht, wie man bei mir zu Hause
sagt.

-- Ja, aber da ist ja das Meer darunter? ...

-- Im Fall eines Sturzes ist das viel besser.

-- Doch da muß man ertrinken!

-- Man ertrinkt freilich, aber man behält seine Knochen", erwiderte
François Tapage zuversichtlich.

Wie eine Schlange dahinkriechend, war Frycollin gleich darauf tief
hinein in seine Cabine geschlichen.

Im Laufe des 16. Juni hielt der Aeronef nur eine mittlere
Geschwindigkeit ein. Er schien an der Oberfläche dieses so ruhigen
Meeres, das im vollen Sonnenschein glänzte, fast hinzustreichen, da er
sich kaum hundert Fuß über demselben hielt. Heute nun waren Onkel
Prudent und sein Gefährte in ihrer Cabine zurückgeblieben, um Robur
nicht zu begegnen, der rauchend, bald allein, bald mit seinem
Obersteuermann Tom Turner, auf dem Deck umherging. Nur die halbe Anzahl
Schrauben war in Thätigkeit, doch genügte schon, den Apparat in den
niedrigeren Zonen der Atmosphäre zu erhalten.

Unter diesen Verhältnissen hätte die Mannschaft außer dem Vergnügen
eines Fischzugs sich noch die Befriedigung bereiten können, in ihren
gewohnten Speisezettel eine Abwechslung zu bringen, wenn das Wasser des
Stillen Oceans fischreich genug wäre. Auf dessen Oberfläche zeigten
sich aber nur einzelne Walfische, von der Art mit gelbem Bauche, welche
gegen fünfundzwanzig Meter in der Länge mißt. Gerade diese kennt man
als die furchtbarsten Cetaceer der nördlichen Meere. Die Fischer von
Beruf hüten sich weislich, dieselben anzugreifen, so gefährlich können
die Thiere werden.

Immerhin konnte man wohl die Harpunirung eines jener Walfische entweder
mit der Flechter'schen Rakete oder mit der Wurfbombe versuchen, und von
beiden hatte man eine Auswahl an Bord.

Wozu aber diese unnütze Schlächterei? Wahrscheinlich wollte Robur nur
den beiden Mitgliedern des Weldon-Instituts zeigen, wozu er seinen
Aeronef Alles verwenden könne, und deshalb sollte auf einen der
gewaltigen Cetaceer Jagd gemacht werden.

Auf den Ruf: "Walfische! Walfische!" eilten Onkel Prudent und Phil
Evans aus ihren Cabinen. Vielleicht war ein Schiff, ein sogenannter
Walfischfahrer, in Sicht. In diesem Falle wären Beide, um ihrem
Gefängnisse zu entfliehen, entschlossen gewesen, sich in's Meer zu
stürzen, auf die schwache Hoffnung hin, von einem Fahrzeug aufgenommen
zu werden.

Schon stand die ganze Mannschaft des "Albatros" geordnet und jedes
Befehls gewärtig auf dem Verdeck und wartete.

"Wir wollen's also versuchen, Master Robur? fragte der Obersteuermann
Tom Turner.

-- Ja, Tom," antwortete der Ingenieur.

In den Ruffs für die Maschinerie standen der Mechaniker und seine
Gehilfen auf Posten, um jedes Manöver auszuführen, das ihnen durch
Zeichen anbefohlen wurde. Der "Albatros" senkte sich sofort nach dem
Meere zu und hielt etwa fünfzig Fuß darüber an.

Wie die beiden Collegen sich überzeugen konnten, war hier kein Schiff
in Sicht, so wenig wie eine Küste, welche sie hätten schwimmend
erreichen können, vorausgesetzt, daß Robur sie nicht wieder ergreifen
ließ.

Mehrere Dunst- und Wasserstrahlen, welche sie durch die Nasenlöcher
austrieben, verkündeten die Anwesenheit von Walfischen, welche, um zu
athmen, einmal auf die Oberfläche kamen.

Tom Turner hatte sich, unterstützt von einem seiner Kameraden, am
Vordertheil aufgestellt. Ihm nahe zur Hand lag eine jener Wurfbomben
californischen Fabrikats, welche mit einer Art Büchse abgeschossen
werden. Jene besteht aus einem Metallcylinder, der mit einer ebenso
geformten Bombe endigt, welche in eine Stange mit widerhakigen Spitzen
ausläuft. Von dem Vordercastell aus, das er eben bestieg, gab Robur mit
der rechten Hand dem Mechaniker und mit der linken Hand dem Steuermann
die nöthigen Zeichen, wie sie manövriren sollten; so beherrschte er den
Aeronef sowohl in wagrechter, wie in senkrechter Richtung.

"Ein Walfisch! ... Ein Walfisch!" rief Tom Turner noch einmal.

Eben tauchte wirklich der Rücken eines solchen Cetaceers etwa vier
Kabellängen vor dem "Albatros" auf.

Der Aeronef stürzte gleichsam auf ihn zu und hielt, als er sich kaum
noch sechzig Fuß über dem Thiere befand, schnell an.

Tom Turner hatte seine, in einer an der Reeling befestigten Gabel
liegende Büchse angeschlagen. Der Schuß krachte und das Geschoß, das
eine lange, mit ihrem Ende am Verdeck angebundene Leine mit sich riß,
schlug in den Körper des Walfisches ein. Die mit leicht entzündlichen
Stoffen gefüllte Bombe explodirte und schleuderte dabei eine Art
kleinere, zweiarmige Harpune, die sich in das Fleisch des Thieres
einkrallte.

"Achtung!" rief Tom Turner. Trotz ihrer herzlich schlechten Laune
betrachteten Onkel Prudent und Phil Evans dieses Schauspiel doch mit
aufrichtigem Interesse.

Der schwer verwundete Walfisch hatte das Meer mit dem Schwanze so
furchtbar gepeitscht, daß das Wasser bis zum Vordertheil des Aeronefs
hinaufspritzte; dann tauchte derselbe bis zu großer Tiefe hinab,
während man die Leine schnell nachgleiten ließ; letztere war übrigens
in einem mit Wasser gefüllten Fasse zusammengelegt, um durch die
Reibung nicht Feuer zu fangen. Als der Walfisch wieder an die
Oberfläche kam, suchte er so schnell als möglich in der Richtung nach
Norden zu entfliehen.

Der Leser kann sich leicht vorstellen, mit welch' rasender
Schnelligkeit der "Albatros" dabei geschleppt wurde, denn die
Triebschrauben waren vorher angehalten worden. Man überließ das Thier
ganz sich selbst und hielt sich nur im gleicher Linie mit ihm. Tom
Turner stand bereit, die Leine zu kappen, wenn ein erneutes Tauchen
dieses Schleppen gefährlich machte.

So wurde der "Albatros" etwa eine halbe Stunde lang und vielleicht eine
Entfernung von sechs Meilen weit hingezerrt; dann merkte man aber, daß
der Cetaceer zu erlahmen anfing.

Jetzt ließen die Hilfsmaschinisten das Triebwerk nach rückwärts
arbeiten und die Triebschrauben setzten dem Walfisch, der sich dem Bord
mehr und mehr näherte einen gewissen Widerstand entgegen.

Bald schwebte der Aeronef nur noch fünfundzwanzig Fuß über demselben;
noch immer peitschte sein Schweif das Wasser mit fast unglaublicher
Gewalt, und wenn er sich vom Bauch auf den Rücken drehte, wühlte das
Thier eine wirkliche Brandung auf.

Plötzlich richtete es sich, so zu sagen, gerade in die Höhe und tauchte
mit solcher Schnelligkeit unter, daß Tom Turner kaum Zeit hatte, ihm
die Leine gehörig nachschießen zu lassen.

Mit einem Male wurde der Aeronef bis zur Wasserfläche herabgezerrt; an
der Stelle, wo das Thier verschwunden war, hatte sich ein vollständiger
Wirbel gebildet, und über die Reeling hinein schlug das Wasser, wie es
über den Bug eines Schiffes geht, gegen Wind und Wellen läuft.

Glücklicher Weise trennte Tom Turner noch rechtzeitig mit einem
Axthiebe die Leine, und der nun befreite "Albatros" stieg unter dem
Drucke seiner Auftriebschrauben zweihundert Meter empor.

Auch während dieses aufregenden Zwischenfalls hatte Robur den Apparat
geleitet, ohne daß ihn seine Kaltblütigkeit nur einen Augenblick
verlassen hätte.

Einige Minuten später kam der Walfisch wieder an die Oberfläche --
diesmal aber todt.

Von allen Seiten flatterten die Seevögel herzu, um sich des Cadavers zu
bemächtigen, und stießen Schreie aus, welche einen sich zankenden
Congreß taub gemacht hätten.

Der "Albatros", der mit der todten Beute doch nichts beginnen konnte,
setzte seinen Weg nach Westen fort.

Am folgenden Tage, am 17. Juni, Morgens um 6 Uhr, erstreckte sich am
Horizonte Land hin. Es war die Halbinsel Alaska und die lange
Klippenreihe der Alëuten.

Der "Albatros" zog über dieser Barrière hin, an der es von Pelzseehunden
wimmelte, welche die Alëutier für Rechnung der russisch-amerikanischen
Gesellschaft jagen. Der Fang dieser sechs bis sieben Fuß langen, fast
rosenrothen und zwei-, drei- bis fünfhundert Pfund wiegenden Amphibien
ist für sie ein sehr gutes Geschäft. Dieselben lagen hier in endloser
Reihe wie in Schlachtordnung und in Abertausenden von Exemplaren.

Wenn sie sich durch das Vorüberkommen des "Albatros" nicht in ihrer
phlegmatischen Ruhe stören ließen, so war das nicht der Fall mit den
Tauchervögeln, Polarenten und Eistauchern, deren heiseres Geschrei die
Luft erfüllte und welche unter dem Wasser verschwanden, als ob ein
entsetzliches Luftungeheuer sie bedrohte.

Die zweitausend Kilometer des Bering-Meeres von den ersten Alëuten bis
zur äußersten Spitze von Kamtschatka wurden während der vierundzwanzig
Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht zurückgelegt. Um ihren
Fluchtplan in's Werk zu setzen, befanden sich Onkel Prudent und Phil
Evans nicht gerade in günstigen Verhältnissen, denn weder an dem öden
Strande des nördlichsten Asiens, noch über dem Ochotskischen Meere
hätten sie mit auch nur einiger Aussicht auf glücklichen Erfolg
entweichen können.

Allem Anscheine nach wandte sich der "Albatros" nach der Gegend von
Japan oder China zu. Wenn es auch nicht sehr weise sein mochte, sich
auf die Unterstützung von Chinesen oder Japanesen zu verlassen, waren
die beiden Collegen doch fest entschlossen, zu fliehen, wenn der
Aeronef an irgend einem Punkte dieser Länder anhalten sollte.

Doch würde er denn Halt machen? Es lag ja bei ihm nicht so, wie bei
einem Vogel, der durch langen Flug endlich ermüdet, oder wie bei einem
Ballon, der wegen Gasmangel genöthigt wird, einmal niederzugehen. Der
Aeronef besaß noch für mehrere Wochen aushaltende Vorräte aller Art,
und seine Organe von wunderbarer Solidität straften jede Erwartung auf
Schwäche oder Trägheit Lügen.

Nach scharfer Fahrt über die Halbinsel Kamtschatka, von der man kaum
die Niederlassung von Petropaulowsk und den Vulcan von Klutschew sah,
und nach der weiteren, über das Ochotskische Meer, nahezu in der Höhe
der Kurilen, welche darin einen von Hunderten von Canälen
unterbrochenen Damm bilden, erreichte der "Albatros" am 19. Juni die La
Pérouse-Straße zwischen der Nordspitze von Japan und der Insel
Sachalien an dem kleinen Einschnitt, in welchen sich der große
sibirische Strom, der Amur, ergießt.

Nachher erhob sich ein dichter Nebel, den der Aeronef unter sich lassen
wollte, wenn er auch nicht gezwungen war, denselben zu meiden, um
weiter zu fahren, denn in der von ihm jetzt eingenommenen Höhe hatte er
kein Hinderniß zu fürchten, weder höhere Bauwerke, an welche er hätte
anstoßen können, noch Berge, an welchen er sich im Fluge zu zertrümmern
Gefahr gelaufen wäre. Das Land war kaum wellenförmiger Natur. Die
Dünste machten sich aber doch zu unangenehm fühlbar, da sie Alles an
Bord durchnäßten.

Es bedurfte ja nichts weiter, als sich über diese Nebelschicht, welche
drei- bis vierhundert Meter stark sein mochte, zu erheben. Die
Schrauben wurden also in schnelle Umdrehung versetzt, und oberhalb des
Nebels fand der "Albatros" wieder den reinen, vom Sonnenlicht gebadeten
Himmel.

Unter diesen Verhältnissen hätten Onkel Prudent und Phil Evans Mühe
gehabt, ihren Fluchtversuch auszuführen, selbst wenn sie den Aeronef
hätten verlassen können.

An diesem Tage blieb Robur, als er einmal an ihnen vorüberkam, wie
zufällig stehen und sagte, ohne äußerlich seinen Worten besondere
Bedeutung beizulegen:

"Meine Herren, ein Segel- oder Dampfschiff, das in einen Nebel gerieth,
dem es nicht entrinnen kann, ist immer sehr genirt, es fährt nur unter
fortwährendem Pfeifen oder unter den Tönen des Nebelhorns weiter. Es
muß seine Fortbewegung verlangsamen und hat trotz aller Vorsicht jeden
Augenblick eine Collision zu befürchten. Der "Albatros" kennt solche
Sorgen nicht. Was kümmern ihn die Nebel, da er sich ihnen entziehen
kann? Ihm gehört das Luftmeer, die ganze weite Atmosphäre!"

Nach diesen Worten ging Robur ruhig weiter, ohne eine Antwort
abzuwarten, die er auch gar nicht verlangte, und die blauen Wölkchen
seiner Pfeife zerflossen im Azur.

"Onkel Prudent, begann da Phil Evans, es scheint, als ob dieser
merkwürdige "Albatros" ganz und gar nichts zu fürchten habe.

-- Das werden wir noch sehen!" antwortete der Vorsitzende des
Weldon-Instituts.

Der Nebel hielt drei Tage lang, den 19., 20. und 21. Juni, mit
beklagenswerther Zähigkeit an. Man hatte hoch steigen müssen, um
die japanesischen Gebirge von Fuji-Yama zu vermeiden. Als dieser
Nebelvorhang aber zerrissen war, gewahrte man eine ungeheure Stadt mit
Palästen, Villen, Thürmchen, Gärten und Parks. Selbst ohne dieselben zu
sehen, hätte Robur sie schon erkannt an dem Gebell der Tausende von
Hunden, an dem Schreien der Raubvögel und vor Allem an dem Leichengeruch,
den die Körper von Hingerichteten in weitem Umkreise verbreiteten.

Die beiden Collegen befanden sich auf dem Deck, als der Ingenieur eben
das Besteck machte, für den Fall, daß er seine Fahrt wieder im Nebel
fortzusetzen gezwungen wäre.

"Meine Herren, begann er, ich habe keinen Grund, Ihnen zu
verheimlichen, daß diese Stadt Yeddo, die Hauptstadt von Japan ist."

Onkel Prudent antwortete nicht. In Gegenwart des Ingenieurs keuchte er
nur, als wenn es seinen seinen Lungen an Luft fehlte.

"Dieser Anblick Yeddos ist wirklich recht merkwürdig.

-- So merkwürdig er auch sein mag ... versetzte Phil Evans.

-- So bleibt er doch hinter dem von Peking zurück, unterbrach ihn der
Ingenieur. Das ist meine Meinung auch, -- und Sie werden binnen Kurzem
selbst darüber urtheilen können."

Unmöglich hätte der Mann liebenswürdiger sein können.

Der "Albatros", der bisher auf Südost zuhielt, veränderte jetzt seine
Richtung um vier Compaßstriche, um im Osten eine neue Route
aufzusuchen.

Während der Nacht zerstreute sich der Nebel, dagegen erschienen
Anzeichen eines nicht weit entfernten Typhons, denn der Barometer fiel
sehr rasch, alle Dunstmassen verschwanden, am fast kupferfarbenen
Grunde des Himmels ballten sich große elliptische Wolken zusammen und
am entgegensetzten Horizont glühten lange, carminrothe Streifen, die
sich vom schieferblauen Hintergrunde abhoben, im Norden aber war ein
Theil des Himmels völlig klar. Das Meer lag zwar still; sein Wasser
nahm jedoch mit Sonnenuntergang eine dunkle Scharlachfarbe an.

Zum Glück entfesselte sich dieser Typhon mehr im Süden und hatte hier
keine weiteren Folgen, als daß er die seit drei Tagen angehäuften
Nebelmassen zertheilte.

Binnen einer Stunde hatte man die zweihundert Kilometer der Meerenge
von Korea und nachher die vorspringendste Spitze dieser Halbinsel
überschritten; während der Typhon an den Südostküsten von China
wüthete, wiegte sich der "Albatros" über dem Gelben Meere, und während
des 22. und 23. über dem Golf von Petscheli; am 24. glitt er das Thal
des Pei-Ho hinauf und gelangte endlich über die Hauptstadt des
Himmlischen Reiches.

Ueber die Reling hinausgebeugt, konnten die beiden Collegen -- wie es
der Ingenieur vorausgesagt -- sehr deutlich die ungeheure Stadt sehen,
die Mauer, welche sie in zwei ungleiche Hälften, die Mandschu- und die
Chinesenstadt, theilt, ebenso wie die zwölf sie umgebenden Vorstädte, die
breiten, nach dem Mittelpunkte zu verlaufenden Alleestraßen, die Tempel,
deren gelbe oder grüne Dächer in der aufgehenden Sonne erglänzten, die
Parks, welche sich um die Paläste der Mandarinen ausdehnen; ferner,
inmitten der Mandschustadt, die sechshundertachtundsechzig Hektar (=
1/8 geogr. Quadratmeile) große Gelbe Stadt mit ihren Pagoden, ihren
kaiserlichen Gärten, künstlichen Seen, dem die ganze Stadt überragenden
Kohlenberge, und endlich unterschieden sie in der Mitte der Gelben
Stadt, gleich einer jener wunderbaren chinesischen in einander
geschachtelten Arbeiten, die Rothe Stadt, d. i. den eigentlichen
Kaiserpalast, mit allen Phantasien seiner fast unglaublichen
Architektur.

Eben jetzt ertönte die Luft unter dem "Albatros" von einer seltsamen
Harmonie; man hätte ein Concert von Aeolsharfen zu hören vermeint. In
der Luft schwankten nämlich gegen hundert verschieden geformte Drachen
aus Palmen- oder Pandanuspapier umher, deren oberen Theil eine Art
leichten hölzernen Bogens bildete, welcher durch ein ganz dünnes
Bambusstäbchen gespannt erhalten wurde. Unter dem schwachen Windhauche
erzeugten alle diese saitenartigen, verschiedene, denen einer Harmonika
ähnliche Töne gebenden Stäbchen ein leises Gesumme von höchst
melancholischer Wirkung. Es machte den Eindruck, als ob man hier in der
Höhe -- musikalischen Sauerstoff einathme.

Da fiel es Robur ein, sich diesem Luftorchester zu nähern, und langsam
tauchte der "Albatros" in die tönenden Wellen herab, welche die Drachen
nach der Atmosphäre entsandten.

Plötzlich entstand in der fast zahllosen Bevölkerung tief unten eine
außerordentliche Aufregung. Tamtamschläge und andere entsetzliche
Instrumente des chinesischen Orchesters erschallten, Flintenschüsse
krachten und hundertfach hämmerten die Leute auf großen Mörsern herum,
Alles in der Absicht, den Aeronef zu verjagen. Wenn die Sternkundigen
des chinesischen Reiches an diesem Tage vielleicht erkannten, daß diese
Flugmaschine die veranlassende Ursache zu so vielen Streitigkeiten der
ganzen gelehrten Welt gewesen sein möchte, so hielten die Millionen
Chinesen vom niedrigsten Manne bis zum vielknöpfigen Mandarin sie
jedenfalls für ein apokalyptisches Ungeheuer, das am Himmel Buddhas
erschien.

In dem unnahbaren "Albatros" kümmerte sich natürlich Niemand um jene
lärmenden Kundgebungen. Die Bindfäden aber, welche die Drachen an
kleinen in den kaiserlichen Gärten eingerahmten Pfählen festhielten,
wurden entweder zerschnitten oder schnell eingezogen. Die leichten
"Spielzeuge", wie wir sagen würden, kamen dadurch, einen nur noch
lauteren Ton gebend, entweder rasch zur Erde, oder sie fielen herab,
gleich flügellahm geschossenen Vögeln, deren Gesang mit dem letzten
Athemzuge verstummt.

Da dröhnte eine gewaltige Fanfare aus der Trompete Tom Turner's über
der Hauptstadt und übertäubte die letzten Klänge jenes Lufttonwerks,
doch das machte dem Gewehrfeuer unten kein Ende. Als aber eine
Sprengkugel nur einige zwanzig Fuß vom Verdeck des "Albatros" platzte,
stieg dieser nach den unerreichbaren Zonen des Himmels empor.

Im Laufe der nächstfolgenden Tage ereignete sich kein Zwischenfall, den
sich die Gefangenen hätten zu nutze machen können. Die Richtung des
Aeronefs blieb unabänderlich eine südwestliche, was darauf hindeutete,
daß er sich Hindostan nähern sollte. Uebrigens bemerkte man, daß der
fortwährend höher aufsteigende Erdboden den "Albatros" nöthigte, sich
nach den Linien seines Profils zu richten. Etwa zehn Stunden nach der
Weiterfahrt von Peking konnten Onkel Prudent und Phil Evans an der
Grenze von Chen-Si einen Theil der Großen Mauer erkennen. Dann kamen
sie, unter Umgehung der Bung-Berge, über und durch das Thal von Wany-Ho
und überschritten die Grenze des chinesischen Kaiserreichs, da, wo
diese mit Tibet zusammenstößt.

Tibet bildet eine vegetationslose Hochebene, da und dort mit
schneebedeckten Gipfeln, trockenen Schluchten oder von Gletschern
genährten Bergströmen, mit Abgründen, aus welchen mächtige Salzlager
heraufschimmern, und mit vielen, von grünenden Forsten eingerahmten
Seebecken.

Das auf 450 Millimeter gesunkene Wetterglas zeigte jetzt eine Höhe von
viertausend Metern über dem Meere an. In dieser Höhe überschritt die
Temperatur, obgleich man sich jetzt in den wärmsten Monaten der
nördlichen Halbkugel befand, nicht den Gefrierpunkt. Diese starke
Abkühlung im Verein mit der Schnelligkeit des "Albatros" machte die
Situation fast unerträglich, und obwohl die beiden Collegen warme
Reisedecken zur Verfügung hatten, zogen sie es doch vor, in ihre Ruffs
zurückzukehren.

Selbstverständlich mußte den Auftriebsschrauben eine außerordentliche
Schnelligkeit ertheilt werden, um den Aeronef in der hier schon recht
verdünnten Luft zu erhalten. Diese arbeiteten jedoch in vorzüglichstem
Zusammenwirken, und es schien, als ob die Insassen des Apparats durch
das Schwirren ihrer Flügel gewiegt würden.

An diesem Tage sah Garlok, eine Stadt des nördlichen Tibet und der
Hauptort der Provinz Gavi-Khorsum, den "Albatros" etwa in der Größe
einer Brieftaube vorüberschweben.

Am 27. Juni bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gewaltigen
Damm mit verschiedenen, in ewigem Schnee verlorenen Spitzen, der den
Horizont begrenzte.

An das Ruff auf dem Vordertheil gelehnt, um dem Luftdruck bei der so
schnellen Fortbewegung widerstehen zu können, sahen Beide die
colossalen Bergmassen, welche dem Aeronef vorauszulaufen schienen.

"Jedenfalls der Himalaya, sagte Phil Evans, wahrscheinlich wird Robur
nur den unteren Theil desselben umkreisen, ohne nach Indien
einzudringen.

-- Desto schlimmer, antwortete Onkel Prudent, auf diesem ungeheuren
Gebiete hätten wir vielleicht Gelegenheit --

-- Wenigstens, wenn er um die Bergkette nicht über Birma im Osten oder
über Nepal im Westen fährt.

-- Ich möchte darauf wetten, daß er über dieselben gehen wird.

-- Jedenfalls!" ließ sich da eine Stimme vernehmen.

Am folgenden Tage, am 28. Juni, befand sich der "Albatros" über der
Provinz Zyang gegenüber jenen gewaltigen Bergmassen. An der anderen
Seite des Himalaya lag das Gebiet von Nepal.

Wenn man von Norden kommt, schneiden nacheinander drei Gebirgsketten
den Weg nach Indien. Die beiden nördlichen, zwischen denen der
"Albatros" wie ein Schiff zwischen ungeheuren Klippen dahinglitt, sind
die ersten Stufen des Grenzwalles im Süden von Central-Asien. Der
Kuen-Lün, und nach diesem der Karakorum bezeichnen zuerst dieses
längliche und mit dem Himalaya parallel verlaufende Thal, ungefähr in
jener Höhenlage, in welcher sich die Stromgebiete des Indus im Westen
und des Brahmaputra im Osten abgabeln.

Welch' wunderbares orographisches System! Hier ragen über zweihundert
schon gemessene Gipfel auf, von denen siebzehn fünfundzwanzigtausend
Fuß übersteigen! Vor dem "Albatros" erhob sich der Mount Everest auf
achttausendachthundertvierzig Meter Höhe; ihm zur Rechten der
Dawalaghiri, achttausendzweihundert Meter hoch; zur Linken der
Kinahanjunga, achttausendfünfhundertzweiundneunzig Meter, der also seit
den letzten genaueren Messungen des Mount Everest nur noch die zweite
Stelle einnimmt.

Offenbar hatte Robur nicht die Absicht, über jene Gipfel hinwegzugehen,
sondern er kannte zweifelsohne schon die verschiedenen Pässe des
Himalaya, unter Anderen den Ibi-Yamin-Paß, den die Gebrüder
Schlagintweit 1856 in einer Höhe von sechstausendachthundert Metern
überschritten haben; wenigstens hielt er entschlossen auf diesen zu.

Jetzt kamen einige ängstliche, selbst sehr beschwerliche Stunden, und
wenn die Verdünnung der Luft auch nicht einen solchen Grad erreichte,
daß man zu eigens dafür construirten Apparaten hätte greifen müssen,
den Sauerstoff in den Cabinen zu erneuern, so wurde die Kälte doch
höchst beschwerlich.

Auf dem Vordertheile stehend und die kräftige Gestalt in einen Mantel
gehüllt, leitete Robur alle Manöver. Tom Turner hielt die Barre des
Steuerruders fest in der Hand. Der Maschinist überwachte aufmerksam
seine Batterien, von deren Säuren glücklicher Weise ein Einfrieren
nicht zu fürchten war. Die zur allergrößten Umdrehungsgeschwindigkeit
angetriebenen Schrauben gaben einen immer schärfer werdenden Ton, der
trotz der höchst dünnen Luft laut vernehmbar blieb. Der Barometer fiel
auf zweihundertneunzig Millimeter, was eine Höhe von siebentausend
Metern anzeigte.

Wie prachtvoll lag dieses Chaos von Bergriesen hier vor dem erstaunten
Blicke ausgebreitet! Ueberall weißglänzende Gipfel, keine Seen, aber
gewaltige schimmernde Gletscher, die bis auf zehntausend Fuß Höhe
hinabreichen. Kein Gras, außer einigen dürftigen Kryptogamen an der
Grenze des vegetabilischen Lebens, nichts von jenen wunderschönen
Fichten und Cedern, die sich an den unteren Abhängen der Kette in
herrlichen Wäldern vorfinden; nichts von gigantischen Farren und
endlosen Schmarotzerpflanzen, die sich, wie im Unterholz der
Dschungeln, von Baum zu Baum hinziehen. Kein Thier, weder wilde Pferde,
noch Yaks oder tibetanische Rinder; dann und wann nur eine Gazelle, die
sich bis nach diesen Oeden hinein verirrt hatte; keine Vögel, außer
einzelnen jener Pärchen Raben, welche sich bis zu den letzten Schichten
der athembaren Luft erheben.

Nachdem er diesen Paß durchschritten, begann der "Albatros" wieder
hinabzusteigen. Als sie dessen Ausgang passirten, hatten die Reisenden,
jenseits der Region der Bergwaldung, eine grenzenlose Landschaft vor
sich, die sich in weitem Umkreise vor ihnen ausdehnte.

Jetzt trat Robur an seine Gäste heran und sagte mit liebenswürdigem
Tone:

"Da haben Sie Indien, meine Herren!"



X.

Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's
Schlepptau genommen wurde.



Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat über die
wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzuführen. Jedenfalls wollte er
nur den Himalaya übersteigen, um zu beweisen, über welch'
außerordentliche Fortbewegungsmaschine er verfügte, und um davon selbst
Diejenigen zu überzeugen, welche nicht überzeugt sein wollten.
Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, daß der "Albatros"
vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist?
Das wird sich später zeigen.

Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich
anzuerkennen, daß die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz
außerordentliche war, so ließen sie sich davon wenigstens nichts
merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie
bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren
Augen bot, als der "Albatros" den reizenden Landschaften des Pendjab
folgte.

Wohl giebt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem
gesundheitsschädliche Dünste aufsteigen, jenes Terrain, in dem
Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den "Albatros" ja
nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner Insassen nicht gefährden,
er erhob sich ohne große Eile nach dem Winkel zu, den Hindostan in
seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan und China bildet. Am 29. Juni
öffnete sich vor ihm schon in den ersten Morgenstunden das herrliche
Thal von Kaschmir.

Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya
zwischen sich frei läßt! Gefurcht von Hunderten von Einzelvorsprüngen,
welche die ungeheure Kette bis zum Becken des Hydaspis entsendet, wird
dieselbe bewässert von den launischen Windungen des Flusses, der die
Heersäulen Porus' und Alexanders, d. h. Indien und Griechenland, in
Central-Asien zum Kampfe zusammenstoßen sah. Er füllt noch immer sein
Bett, dieser Hydaspis, während die von dem Macedonier zur Erinnerung an
seinen Sieg gegründeten beiden Städte so vollständig verschwunden sind,
daß man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben wieder zu
finden.

Während dieses Vormittags schwebte der "Albatros" über Srinagar -- mehr
bekannt unter dem Namen Kaschmir -- hin.

Onkel Prudent und sein Gefährte sahen eine sehr schöne, an beiden
Flußufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brücken gleich ausgespannten
Fäden, den Sennhütten mit ihren geschnitzten Balkons, ihren von hohen
Pappeln beschatteten Gebäuden mit berasten Dächern, welche fast das
Aussehen großer Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Canälen mit
Barken gleich Nußschalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit
ihren Palästen, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange
der Vorstädte -- das Ganze auch noch verdoppelt durch die
Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata,
die auf einem Hügel angelegt ist, wie das stärkste Fort von Paris auf
dem Mont-Valérien.

"Das wäre Venedig, wenn wir uns in Europa befänden," sagte Phil Evans.

-- Und wenn wir in Europa wären, würden wir den Rückweg nach Amerika
schon zu finden wissen," antwortete Onkel Prudent.

Der "Albatros" verweilte nicht über dem See, den der Fluß durchfließt,
sondern setzte seinen Flug durch das Thal des Hydaspis fort.

Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter über dem Flusse
hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. Während dessen
versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines
Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe
aufgesaugt wurde, welche die Ströme der Accumulatoren in Bewegung
setzten.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll
angesehen, da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden
sich nur wenige Meter über der Oberfläche des Hydaspis und nahe dem
Ufer desselben. Beide waren geübte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen
jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stück unter dem
Wasser fortschwammen, wie hätte Robur sie wieder ergreifen lassen
können? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, mußte er
sie ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter über dem Seebecken
halten.

In einem Augenblicke hatten sie alle günstigen und ungünstigen Umstände
eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon waren sie im
Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes hinabzustürzen, als sich
mehrere Hände fest auf ihre Schultern legten.

Sie wurden beobachtet und erkannten die Unmöglichkeit, zu entfliehen.

Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemühten
sich, die, welche sie hielten, zurückzustoßen -- aber es waren
handfeste Burschen, diese Leute des "Albatros"!

"Meine Herren, begnügte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man das
Vergnügen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, wie Sie
ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines wunderbaren
"Albatros", so verläßt man diesen nicht so ... französisch. Ja, ich
sage Ihnen, Sie verlassen denselben überhaupt nicht wieder!"

Phil Evans zerrte seinen Gefährten, der sich schon zu einem Gewaltacte
hinreißen lassen wollte, noch zurück. Beide begaben sich nach ihrem
Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es ihnen, gleichviel
wo, auch das Leben kosten sollte.

Der "Albatros" hatte wieder seinen Curs nach Westen eingeschlagen.
Während dieses Tages überschritt er bei mittlerer Geschwindigkeit das
Gebiet von Kabulistan, die Grenze des Königreichs Herat.

In diesen noch immer so bestrittenen Ländern und auf diesem Wege, der
den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht,
erschienen große Haufen von Menschen, Colonnen, Gepäckwagen, mit einem
Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem Marsche
befindlichen Armee bildet. Man hörte wohl auch Kanonendonner und das
Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in die
Angelegenheiten Anderer, so lange diese für ihn nicht eine Frage des
Ehrgeizes oder der Humanität bildeten. War Herat, wie man sagt,
wirklich der Schlüssel Central-Asiens, so kümmerte es ihn doch gar
nicht, ob dieser Schlüssel in eine englische oder eine moskowitische
Tasche kam. Irdische Interessen berührten den furchtlosen Mann nicht,
der das Luftmeer zu seinem ausschließlichen Gebiete erkoren hatte.

Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von
Sand, wie er in diesen Gegenden so häufig vorkommt. Dieser Sturmwind,
der hier "Tebbad" genannt wird, trägt manche Fieberkeime mit dem
unwägbar feinen Sand oft sehr weit mit fort, und manche Caravane ist
schon in seinen wüthenden Wirbeln zu Grunde gegangen.

Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner
Zahngetriebe hätte gefährden können, erhob sich der "Albatros" um
zweitausend Meter nach einer reineren Zone.

Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen
weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr
gemäßigte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu fürchten war. Wenn eine
Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigte, so steigen diese doch
nur zu mittlerer Höhe an. Bei der Annäherung an die Hauptstadt freilich
galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast sechstausendsechshundert
Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an deren Fuß Teheran erbaut
ist.

Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem
Sand-Samum auf.

Der "Albatros" steuerte so, um über die Stadt hinwegzugehen, welche der
Wind durch eine Wolke feinen Staubes verhüllte.

Gegen zehn Uhr Morgens konnte man indeß die breiten Gräben erkennen,
welche die Umwallung einschließen, und in der Mitte den Palast des
Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und dessen
Wasserbecken aus ungeheuren Türkisen von leuchtendem Blau geschnitten
scheinen.

Das schöne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der
"Albatros" nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich genau
nach Norden. Einige Stunden später befanden sie sich über einer kleinen
Stadt im nördlichen Winkel der persischen Grenze und am Strande einer
ausgedehnten Wasserfläche, deren Ende weder nach Norden, noch nach
Osten zu erkennbar war.

Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die südlichste Station Rußlands;
die Wasserfläche aber fast ein Meer, nämlich der Kaspi-See.

Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach
europäischer Art gebauter Häuser, welche, mit einem sie überragenden
Glockenthurm, längs eines Vorgebirges lagen.

Der "Albatros" senkte sich über dieses Meer, dessen Gewässer
dreihundert Fuß unter dem Niveau des Mittelmeeres liegen. Gegen Abend
glitt er längs der früher turkestanischen, jetzt aber russischen Küste
hin, die nach dem Golf des Beckens zu aufsteigt, und am nächsten Tage,
dem 3. Juli, schwebte er etwa hundert Meter über dem Kaspi-See.

Weder an der asiatischen, noch an der europäischen Seite war hier Land
in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher Brise
geschwellte Segel, an deren Form man erkannte, daß es Fahrzeuge von
Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind Piratenschiffe
mit nur einem Maste, und Teimils, einfache, zur Küstenfahrt oder zum
Fischfang benützte Boote waren. Dann und wann wirbelten wohl auch die
Ausläufer von Rauchsäulen bis zum "Albatros" empor, welche aus den
Schornsteinen der Dampfer von Aschuarda quollen, die Rußland zu
Polizeizwecken auf den turkomanischen Gewässern unterhält.

An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch
François Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort:

"Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden über dem Kaspi-See
verweilen.

-- Schön, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal Gelegenheit, zu
fischen?

-- Ganz gewiß."

Da über vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die
sechshundertfünfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei
zweihundert (englischen) Meilen Breite mißt, mußte die Geschwindigkeit
des "Albatros" natürlich stark gemäßigt und letzterer während eines
vorzunehmenden Fischfanges ganz still gehalten werden.

Jene Antwort Tom Turner's wurde auch von Phil Evans gehört, der sich
grade auf dem Vordertheil befand.

Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufhörlichen Klagen und bat
ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, daß er ihn "auf der
Erde absetzen" lasse.

Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans
nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte
er unter größter Vorsicht, von Niemand gehört zu werden, die wenigen
zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit.

"Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch keine
Illusionen über die letzten Absichten dieses Elenden?

-- Gewiß nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die Freiheit nur
wiedergeben, wenn ihm das paßt -- und wenn er sie uns überhaupt wieder
giebt.

-- In diesem Falle müssen wir Alles wagen, um den "Albatros" zu
verlassen.

-- Ein wundervoller Apparat, das muß man wohl zugestehen!

-- Das ist wohl möglich, rief Onkel Prudent, aber es ist der Apparat
eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier zurückhält.
Uebrigens bildet dieser Apparat für uns und die Unsrigen eine
unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, denselben zu
vernichten ...

-- Beginnen wir damit, uns zu retten! ... antwortete Phil Evans, wir
werden ja später sehen.

-- Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und benützen wir jede sich
bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach fährt der "Albatros" über
den Kaspi-See, um sich dann im Norden oder im Süden von Rußland nach
Europa zu begeben. Nun, wohin wir auch den Fuß setzen mögen, bis zum
Atlantischen Ocean hin wäre unsere Rettung gesichert. Wir müssen uns
also jede Stunde bereit halten.

-- Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen können?

-- Hören Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt zuweilen vor,
daß der "Albatros" während der Nacht nur wenige hundert Fuß über dem
Erdboden hinschwebt. An Bord befinden sich verschiedene Kabel von
dieser Länge, und mit einiger Kühnheit könnte man sich wohl
hinabgleiten lassen ...

-- Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle würde ich nicht
zaudern ...

-- Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich füge noch hinzu, daß
während der Nacht außer dem Steuermann auf dem Hintertheile Niemand
wach ist. Eines jener Kabel liegt nun gewöhnlich auf dem Verdeck, und
ohne gesehen und gehört zu werden, dürfte es möglich sein, dasselbe
aufzurollen ...

-- Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans; ich sehe mit Vergnügen, Onkel
Prudent, daß Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, wenn man
handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem
Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der "Albatros" wird
noch tiefer hinabgehen und während des Fischzuges anhalten ... Könnten
wir daraus keinen Vortheil ziehen? ...

-- Ah, man überwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, überwacht zu
sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben's ja gesehen, als wir
versuchten, uns in den Hydaspis zu stürzen.

-- Und wer sagt, daß wir nicht auch in der Nacht beobachtet sind?
erwiderte Phil Evans.

-- Einerlei, wir müssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, ein Ende
machen mit diesem "Albatros" und seinem Besitzer!"

Man sieht, daß die beiden Collegen -- und vorzüglich Onkel Prudent --
unter der Aufregung des Zornes leicht dazu verführt werden konnten, die
waghalsigsten und für ihre eigene Sicherheit vielleicht gefährlichsten
Handlungen zu begehen.

Das Gefühl ihrer Ohnmacht, der verächtliche Spott, mit dem Robur sie
behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, Alles trug
dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erhöhen, deren Druck jeden Tag
deutlicher hervortrat.

An jenem Tage hätte übrigens ein neuer Auftritt bald einen höchst
bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden Collegen
herbeigeführt, und Frycollin ahnte wohl kaum, daß er dazu die
Veranlassung geben sollte.

Als er sich einmal über diesem Meere ohne Grenzen sah, bemächtigte sich
des Hasenfußes wieder ein furchtbarer Schrecken. Wie ein Kind -- und
wie ein Neger, der er ja war -- fing er an zu jammern zu klagen und zu
protestiren und machte die tollsten Verrenkungen und Grimassen.

"Ich will fort! ... Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein Vogel!
... Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! ... Ich will, daß ich auf der
Erde abgesetzt werde, und das sogleich!"

Selbstverständlich bemühte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn zu
beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch
die Ungeduld Robur's.

Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten,
befahl der Ingenieur, um sich Frycollins zu entledigen, diesen in sein
Ruff einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte
an die Wand und heulte aus Leibeskräften.

Es war jetzt Mittag. Der "Albatros" schwebte eben nur fünf oder sechs
Meter über der Oberfläche des Meeres. Einige bei seiner Annäherung
erschreckte Boote waren eiligst davongefahren. Dieser Theil des
Kaspi-Sees mußte also bald ganz verlassen sein.

Man begreift leicht, daß die beiden Collegen unter diesen Verhältnissen,
wo sie gelegentlich nur hätten mit dem Kopfe zu nicken brauchen, der
Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit sein mußten und wirklich waren.

Doch selbst angenommen, daß sie sich über Bord gestürzt hätten, so wäre
es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des Kautschukbootes des
"Albatros" wieder einzufangen. Während dieses Fischzuges war also
nichts zu thun, und Phil Evans betheiligte sich lieber selbst thätig
dabei, während Onkel Prudent im Zustand fortwährend kochender Wuth sich
in seine Cabine zurückzog.

Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine beträchtliche Bodendepression
wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergießen sich
die Gewässer sehr großer Ströme, wie der Wolga, des Ural, des Kur, der
Kuma, Jemba u.A. Ohne die starke Verdunstung, welche dem Wasserbecken
den Wasserüberfluß wieder entführt, hätte dieses siebzehntausend
Quadratmeilen große Loch von fünf- bis sechshundert Fuß mittlerer Tiefe
schon längst die niedrigen und sumpfigen Küsten im Norden und Osten
überfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem Schwarzen, noch mit
dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit höher liegt, so
ernährt es doch eine große Menge Fische -- wohl zu bemerken aber nur
solche, welche die stark hervortretende Bitterkeit seines Wassers, eine
Folge der Naphthaquellen am Südende desselben, vertragen.

Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem
gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des
"Albatros" die Befriedigung, welche er derselben gewährte, deutlich
genug zu erkennen.

"Achtung!" rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich
bedeutender Größe und ähnlich einem Haifisch harpunirt hatte.

Es war das ein prächtiger, gegen sieben Fuß langer Stör, von der Art,
welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und Weißwein
zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind die in den
Flüssen gefangenen Störe noch schmackhafter als die aus dem Meere. Doch
wurden letztere an Bord des "Albatros" mit großem Jubel begrüßt.

Noch weit ergiebiger gestaltete sich dieser Fischzug aber durch
Anwendung von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen
und Seehechten, vorzüglich von jenen mittelgroßen Sterlets wimmelte,
welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau und
Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten -- ohne alle
Transportkosten -- unmittelbar aus ihrem natürlichen Element in die
Siedekessel der Mannschaftsküche.

Die Leute Robur's zogen mit großem Vergnügen die Leine ein, nachdem der
"Albatros" sie mehrere Stunden lang langsam dahingeführt hatte. Der
Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: Lärmen, Getöse) machte
durch sein Jubelgeschrei seinem Namen alle Ehre. Eine Stunde genügte,
alle Behälter des "Albatros" mit jenem Nahrungsmaterial zu füllen, und
dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter.

Während dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgehört, zu
schreien, an die Wand seiner Cabine zu hämmern, mit einem Worte, einen
unausstehlichen Lärm zu machen.

"Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte
Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging.

-- Mir scheint, Herr Robur, daß er völlig Recht hat, sich zu beklagen,
bemerkte Phil Evans.

-- Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu
ersparen, erwiderte Robur.

-- Ingenieur Robur! ... ließ sich da der eben auf dem Verdeck
erscheinende Onkel Prudent vernehmen.

-- Herr Präsident des Weldon-Instituts?" ...

Beide waren auf einander zugetreten und sahen sich eine Zeit lang in
die Augen.

Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln.

"An das Ende des Taues!" sagte er.

Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine
geholt.

Aber wie jämmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer von
dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an dem
sie sorgsam das Ende eines Taues festknüpften.

Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten
Zwecke benützen wollte.

Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden ... Nein, er
sollte nur aufgehängt werden.

Das Tau wurde nämlich außen in der Länge von etwa hundert Fuß abgerollt
und Frycollin schwebte damit frei in der Luft.

Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der
Schrecken schnürte ihm jedoch den Kehlkopf zu -- er blieb stumm.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren
widersetzen wollen -- sie wurden einfach zurückgestoßen.

"Das ist abscheulich! ... Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der
darüber ganz außer sich war.

-- Freilich! antwortete Robur.

-- Das ist ein Mißbrauch der Gewalt, gegen den ich noch anders als
durch Worte allein Einspruch erheben werde!

-- Immer zu!

-- Ich werde mich rächen, Ingenieur Robur!

-- Rächen Sie sich getrost, Präsident des Weldon-Instituts.

-- An Ihnen und Ihren Leuten!"

Die Mannschaft des "Albatros" hatte sich in nicht besonders
wohlwollender Haltung genähert. Robur gab den Leuten ein Zeichen, sich
zu entfernen.

"Ja, an Ihnen und Ihren Leuten ... wiederholte Onkel Prudent, den sein
College vergebens zu beruhigen suchte.

-- Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur.

-- Und ohne Rücksicht auf die Mittel!

-- Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es giebt noch
mehr Taue an Bord! Schweigen Sie ... oder ... der Herr ganz wie der
Diener."

Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine
wahre Erstickung beklemmte, so daß Phil Evans ihn in seine Cabine
führen mußte.

Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar verändert und es
traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mißdeutung zuließen -- ein
Unwetter war im Anzug. Die elektrische Sättigung der Atmosphäre hatte
einen so hohen Grad erreicht, daß Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge
einer bisher von ihm nie beobachteten Erscheinung wurde.

Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast
leuchtende Dünste auf -- was jedenfalls von der verschiedenen und
wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrührte.

Der Reflex von diesen Ansammlungen ließ Myriaden von Lichtern auf der
Oberfläche des Meeres hintanzen, deren Intensität um so lebhafter
wurde, je mehr der Himmel sich verfinsterte.

Der "Albatros" und jenes Meteor mußten bald zusammentreffen, da sie
sich auf einander zu bewegten.

Und Frycollin? -- Nun Frycollin folgte noch immer im Schlepptau -- ja,
das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit offenen
Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern
hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich zurückblieb.

Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen können,
als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner mit
gewaltiger Macht durch die Himmelsräume rollte. Das ganze Personal
bemühte sich angesichts dieses Unwetters so zu manövriren, daß sie
entweder höher als dasselbe hinaufkamen oder in den unteren
Luftschichten bald jenes im Rücken ließen.

Der "Albatros" befand sich eben ungefähr in mittlerer Höhe -- etwa
tausend Meter -- als ein Donnerschlag von ungeheurer Heftigkeit über
ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer Windstoß folgte. Binnen wenigen
Sekunden stürzten sich die feurigen Wolken auf den Aeronef.

Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollins ein gutes
Wort einzulegen und zu erklären, daß dieser wieder an Bord herangezogen
würde.

Robur hatte eine solche Vermittlung aber gar nicht erst abgewartet und
schon den nöthigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits mit
dem Einziehen des Taues beschäftigt, als sich eine plötzliche
Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben bemerkbar machte.

Robur sprang nach dem mittleren Ruff.

"Kraft! ... Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir müssen
schnell höher, als das Unwetter steht, emporsteigen.

-- Es ist unmöglich, Herr Ingenieur.

-- Warum?

-- Die Ströme sind gestört ... Es treten Unterbrechungen ein."

In der That senkte sich der "Albatros" schon recht merkbar.

Ganz wie das bei Gewittern mit den Strömen in den Telegraphendrähten
vorkommt, so versagten jetzt auch die Accumulatoren des Apparats den
regelmäßigen Dienst; was aber nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es
sich um Absendung von Depeschen handelt, wurde hier zur furchtbarsten
Gefahr, das mußte damit enden, daß der Aeronef, ohne daß man seiner
ferner Herr war, in's Meer hinabstürzte.

"Lass' ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen Zone
herauskommen. Vorwärts, Jungen, bewahrt Euer kaltes Blut!"

Der Ingenieur hatte seine Commandobrücke bestiegen. Die Mannschaft war
an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn
eiligst nachzukommen.

Obwohl der "Albatros" sich nur einige hundert Fuß gesenkt hatte,
schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht inmitten von
Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man mußte
jeden Augenblick fürchten, daß ihn ein Blitzstrahl treffe. Die Bewegung
der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was bisher ein etwas
Schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein gefährlicher Sturz zu
werden.

Zuletzt lag es auf der Hand, daß er in weniger als einer Minute auf der
Meeresfläche angelangt sein mußte, und einmal in's Wasser getaucht,
hätte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht.

Plötzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht über ihnen. Der
"Albatros" war jetzt nicht mehr als sechzig Fuß vom Kamm der Wellen
entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das Verdeck zu
überfluthen.

Da benützte Robur noch den letzten Moment, stürzte nach dem mittleren
Ruff hin und packte hier die Hebel für die Vorwärtsbewegung, wodurch
die von den Batterien kommenden Ströme geschlossen wurden, auf welche
die elektrische Spannung der umgebenden Atmosphäre keinen Einfluß
äußerte ... in einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale
Schnelligkeit wieder gegeben, den Sturz aufgehalten, und der "Albatros"
hielt sich in geringer Höhe, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem
Unwetter, das er bald hinter sich zurückließ.

Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, daß Frycollin, wenn auch nur
für wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als er an
Bord zurückkam, war er durchnäßt, als hätte er die Tiefe des Meeres
gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie nicht mehr.

Am nächsten Tage, am 4. Juli, hatte der "Albatros" die Nordgrenze des
Kaspi-Sees überschritten.



XI.

In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der Geschwindigkeit
zunimmt.



Wenn Onkel Prudent und Phil Evans je auf die Hoffnung, entfliehen zu
können, verzichten mußten, so war das während der nun folgenden fünfzig
Stunden der Fall. Befürchtete Robur, daß die Ueberwachung seiner
Gefangenen bei der Fahrt über Europa weniger leicht sein möchte?
Vielleicht. Er wußte ja übrigens, daß sie zu Allem entschlossen waren,
um zu entweichen.

Doch, wie dem auch sein mochte, jeder Versuch wäre jetzt einem
Selbstmorde gleichgekommen. Wenn Einer von einem Expreßzuge, der mit
der Geschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde dahinfliegt,
herabspringt, so setzt er vielleicht sein Leben in Gefahr; wer das aber
von einem zweihundert Kilometer in der Stunde dahinrasenden Blitzzuge
versuchte, der kann nur den Tod wollen.

Eben diese Geschwindigkeit, die größte, die er anzunehmen im Stande
war, war jetzt dem "Albatros" ertheilt worden. Er überholte noch den
Flug der Schwalbe, die hundertachtzig Kilometer in der Stunde
zurücklegen kann.

Hier mag auch bemerkt sein, daß bisher nordöstliche Winde in einer der
Fortbewegung des "Albatros" sehr günstigen Ausdauer anhielten, da
dieser in derselben Richtung, d. h. im Allgemeinen nach Westen zu flog.
Dieser Wind begann aber allmählich abzuflauen, so daß es nachgerade
unmöglich wurde, sich auf dem Verdeck zu halten, ohne die Athmung durch
die Schnelligkeit der Bewegung fast aufgehoben zu sehen. Die beiden
Collegen wären auch beinahe über Bord geschleudert worden, wenn sie
nicht der Luftdruck an ihrem Ruff so zu sagen festgenagelt hätte.

Zum Glück bemerkte sie der Steuermann durch die Lichtpforten seiner
Hütte, und eine elektrische Klingel setzte die auf dem Verdeck
eingeschlossenen Mannschaften von ihrer Nothlage in Kenntniß.

Ueber das Verdeck hinkriechend, glitten vier Mann davon nach dem
Hintertheil zu.

Diejenigen, welche sich in einem Sturm auf einem vor dem Winde
liegenden Schiffe befunden haben, werden verstehen, welchen Druck der
Wind dabei auszuüben vermag. Hier war es jedoch der "Albatros" selbst,
der diesen durch seine maßlose Geschwindigkeit hervorrief.

Man mußte wirklich seinen Gang verlangsamen, was Onkel Prudent und Phil
Evans gestattete, ihre Cabine wieder zu erreichen.

Im Inneren seiner Ruffs führte der "Albatros", ganz wie der Ingenieur
das versichert hatte, eine vollkommen athembare Atmosphäre mit sich.

Welche erstaunliche Festigkeit besaß aber dieser Apparat, um einer so
schnellen Fortbewegung den nöthigen Widerstand leisten zu können. Die
Triebschrauben am Bug und am Heck sah man gar nicht mehr sich drehen;
sie pfiffen nur mit scharfem, durchdringendem Ton durch die Luft.

Die letzte, vom Bord aus gesehene Stadt war Astrachan gewesen, das
ziemlich am nördlichsten Ende des Kaspi-Sees lag.

Der Stern der Wüste -- jedenfalls hat ein russischer Dichter es so
genannt -- ist jetzt von der ersten Größe zur fünften oder sechsten
zurückgegangen. Dieser sehr einfache Hauptort des Gouvernements hatte
einen Augenblick seine alten, mit unnützen Zinnen gekrönten Mauern
gezeigt, ebenso wie seine alten Thürme in der Mitte der Stadt, seine an
Kirchen in modernem Stil angrenzenden Moscheen, seine Kathedrale mit
fünf vergoldeten und mit blauen Sternen übersäeten Kuppeln, die einem
ausgeschnittenen Stück Firmament glichen -- das Ganze fast im Niveau
der hier zwei Kilometer breiten Wolgamündung.

Von diesem Punkt aus war der Flug des "Albatros" schon mehr eine Art
Ritt durch die Höhen des Himmels, als würde er von fabelhaften
Hippogryphen fortgetragen, welche eine Meile mit jedem Flügelschlage
zurücklegen.

Es war gegen zehn Uhr Morgens am 4. Juli, als der Aeronef, etwa dem
Thale der Wolga folgend, nach Nordwesten weiter steuerte. An beiden
Stromesufern hin dehnten sich die Steppen des Don und des Ural. Wäre es
möglich gewesen, einen Blick auf diese ungeheuren Gebiete zu werfen, so
hätte man die Städte und Dörfer darin kaum zählen können. Am Abend
endlich zog der Aeronef über Moskau weg, ohne die auf dem Kreml
flatternde Flagge zu salutiren. Binnen zehn Stunden hatte er die
zweitausend Kilometer, welche Astrachan von der Hauptstadt aller Russen
trennen, zurückgelegt.

Von Moskau nach Petersburg ist die Eisenbahnlinie nicht länger als
zwölfhundert Kilometer, konnte also mehr Zeit als einen halben Tag
nicht beanspruchen. So erreichte denn auch der "Albatros" mit der
Pünktlichkeit eines Expreßzuges Petersburg und die Ufer der Newa gegen
zwei Uhr Morgens. Die Helligkeit der Nacht, in der in so hoher Breite
die Sonne nicht tief unter den Horizont nieder taucht, gestattete einen
Augenblick, das Gesammtbild dieser großen Stadt zu überschauen.

Nachher folgte der finnische Meerbusen, das Inselgewirr von Abo, die
Ostsee, Schweden in der Breite von Stockholm, Norwegen in der von
Christiania -- zweitausend Kilometer in nur zehn Stunden! Wahrlich, man
hätte glauben können, daß keine menschliche Macht fernerhin im Stande
wäre, die Geschwindigkeit des "Albatros" zu hemmen, als ob die
Resultante seiner Treibkraft und der Anziehung der Erde ihn in
unveränderlichem Kreislaufe um die Erde gefesselt hielte.

Danach unterbrach er seinen Lauf, und zwar genau über dem berühmten
Wasserfall des Rjukanfos in Norwegen. Der Gusta, dessen Gipfel diesen
herrlichen Theil von Telemarken beherrscht, erschien gleich einem
riesenhaften Grenzwall, den er nach Westen nicht überschreiten durfte.

Von hier aus näherte sich der "Albatros" auch, ohne Verminderung seiner
Geschwindigkeit, wieder mehr dem Erdboden.

Und was begann wohl Frycollin während dieser Fahrt ohne Gleichen?

Frycollin blieb stumm in seiner Cabine und schlief, mit Ausnahme der
Zeit, wo gegessen wurde, so gut er konnte.

François Tapage leistete ihm dann Gesellschaft und ergötzte sich
weidlich an seiner ewigen Angst.

"He, he, mein Junge, sagte er, Du heulst ja gar nicht mehr? Brauchst
Dich gar nicht zu geniren! ... Mit zwei Stunden aufgehängt sein ist
Alles quitt gemacht! ... He, bei der Schnelligkeit, mit der wir jetzt
fahren, müßte das ein vortreffliches Luftbad gegen den Rheumatismus
abgeben!

-- Mir kommt es vor, als ob Alles in kurze und kleine Stücke ginge,
antwortete Frycollin.

-- Das ist wohl möglich, mein wackerer Frycollin; aber wir fliegen so
schnell dahin, daß wir gar nicht mehr fallen könnten. Das ist doch auch
eine Beruhigung.

-- Glauben Sie?

-- Bei meiner Gascogner-Ehre!"

Um die Wahrheit zu sagen und nicht zu übertreiben, wie François Tapage,
so lag die Sache so, daß die Arbeit der Auftriebsschrauben infolge
jener ungeheuren Geschwindigkeit jetzt ein wenig vermindert war, der
Aeronef glitt auf den Luftschichten etwa hin, wie eine Congrève'sche
Rakete.

"Und das wird noch lange so fortdauern? sagte Frycollin.

-- Lange? ... O nein! antwortete der Koch, nur das ganze Leben lang.

-- Ach! seufzte der Neger, wieder mit seinen Klagen beginnend.

-- Nimm Dich in Acht, Frycollin, nimm Dich in Acht! rief da François
Tapage, denn, wie man bei mir zu Hause sagt, der Herr könnte Dich auf
die Schaukel hinaussetzen."

Und mit den Bissen, die er gleich doppelt in den Mund steckte, würgte
Frycollin auch seine Seufzer hinunter.

Während dessen entwarfen Onkel Prudent und Phil Evans, welche nicht
dazu angethan waren, sich unnütz zu beklagen, einen wohl durchdachten
Plan. An Ausführung eines Fluchtversuches war ja unmöglich zu denken.
Doch wenn sie den Fuß auch nicht auf die Erde setzen konnten, war es
nicht denkbar, den Erdenbewohnern mitzutheilen, was nach ihrem
Verschwinden aus dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des
Weldon-Instituts geworden war, wer sie geraubt hatte, auf welcher
fliegenden Maschine sie sich befanden, um vielleicht -- aber, lieber
Gott, auf welche Weise? -- einen kühnen Versuch ihrer Freunde, sie den
Händen Robur's zu entreißen, herbeiführen zu können?

Doch wie sollten sie von sich Nachricht geben? Hätte es dazu
hingereicht, die Methode der Seeleute nachzuahmen, welche ein
Schriftstück mit Bezeichnung der Stelle des Schiffbruchs in eine
Flasche stecken und diese in's Meer werfen?

Hier vertrat die Stelle des Meeres aber die Atmosphäre. Die Flasche
konnte darauf natürlich nicht schwimmen. Fiel dieselbe nicht gerade auf
einen zufällig Vorübergehenden, dem sie recht gut den Schädel
zerschmettern konnte, so lag die Vermuthung nahe, daß sie niemals
aufgefunden wurde.

Die beiden Collegen hatten leider kein anderes Mittel zur Verfügung und
sie standen schon im Begriff, eine Flasche des Luftfahrzeuges zu
opfern, als dem Onkel Prudent noch ein anderer Gedanke kam. Er
schnupfte, wie wir wissen, und diese kleine Untugend darf man einem
Amerikaner, der weit schlimmere Unsitten hätte an sich haben können,
wohl nachsehen. Als Schnupfer besaß er natürlich auch eine Dose, die
jetzt schon längst leer war. Diese Dose war aus Aluminium gearbeitet.
Warf er dieselbe hinaus, so durfte man hoffen, daß jeder ehrbare
Bürger, der sie fand, sie auch aufheben werde. Hob er sie auf, so
lieferte er sie auch bei der Polizei ab, und hier würde man Kenntniß
nehmen von dem Document, welches dazu dienen sollte, die Lage der
beiden Opfer Robur des Siegers kund zu geben.

Das wurde denn auch ausgeführt. Das kurze einzuschließende Schriftstück
sagte Alles und trug daneben die Adresse des Weldon-Instituts mit der
Bitte, dasselbe dahin zu befördern.

Nachdem Onkel Prudent das Papier eingelegt, umwickelte er die Dose
sorgsam mit einem dicken wollenen Band, um zu verhüten, daß dieselbe
sich während des Falles schon öffne und durch das Aufschlagen nicht in
Stücke gehe. Jetzt galt es nur noch eine günstige Gelegenheit
abzuwarten.

Das Schwerste bei der ganzen Sache war es aber während dieser
merkwürdigen Fahrt über Europa, das Ruff zu verlassen, über das Verdeck
zu kriechen, auf die Gefahr hin, fortgerissen zu werden, und das ganz
heimlich durchzuführen. Andererseits kam es darauf an, daß die Dose
nicht in ein Meer, einen Golf, See oder einen anderen Wasserlauf fiel,
denn damit -- wäre sie ja verloren gewesen.

Jedenfalls schien es aber nicht unmöglich, daß die beiden Collegen sich
durch dieses Mittel mit der bewohnten Welt in's Einvernehmen setzen
konnten.

Eben jetzt wurde es jedoch Tag und es schien rathsamer, die Nacht
abzuwarten und entweder eine Verminderung der Geschwindigkeit oder
einen Halt zu benützen, um das Ruff zu verlassen. Vielleicht konnten
sie dann die Reeling erreichen und die kostbare Dose genau über einer
Stadt herunterfallen lassen.

Doch selbst bei dem Zusammentreffen aller günstigen Umstände hätte das
Vorhaben nicht gleich zur Ausführung gebracht werden können --
wenigstens nicht am heutigen Tage.

Nachdem der Aeronef nämlich Norwegen in der Höhe des Gusta verlassen,
hatte er sich nach dem Süden zu gewendet und folgte jetzt genau dem
französischen Meridian Null, der bekanntlich über Paris verläuft. Er
schwebte also über die Nordsee hinweg, nicht ohne an Bord der Tausende
von Küstenfahrern, welche zwischen dem Festlande und England verkehren,
das größte Aufsehen zu erregen. Fiel die Dose hier nicht gerade auf das
Deck eines solchen Schiffes, so hatte sie die gegründete Aussicht, auf
Nimmerwiedersehen in der Tiefe zu versinken.

Onkel Prudent und Phil Evans sahen sich also genöthigt, einen
günstigeren Augenblick abzuwarten. Da sollte sich ihnen, wie wir sehen
werden, bald eine besonders geeignete Gelegenheit darbieten.

Gegen zehn Uhr Abends erreichte der "Albatros" die Küste Frankreichs,
nahezu in der Höhe von Dunkerque. Die Nacht war ziemlich dunkel. Einen
Augenblick konnte man den Leuchtthurm von Gris-Nez seine elektrischen
Lichtstrahlen mit denen von Dover kreuzen sehen, die also den Canal in
seiner ganzen Breite erhellten. Dann steuerte der "Albatros" über
Frankreich hin und hielt sich dabei in einer mittleren Höhe von etwa
tausend Metern.

Seine Geschwindigkeit hatte sich freilich nicht geändert. Wie eine
Bombe flog er über Städte, Schlösser und Dörfer hinweg, die so
zahlreich in den fruchtbaren Provinzen des nördlichen Frankreichs
zerstreut liegen. Es waren das unter dem Meridiane von Paris nach
Dunkerque, Doullons, Amiens, Creil, St. Denis ... Immer hielt jener
dabei eine gerade Linie ein. So gelangte er gegen Mitternacht über die
"Stadt des Lichts", welche diesen Namen wenigstens verdient, wenn ihre
Einwohner schlafen oder doch schlafen sollten.

Welch' sonderbare Laune veranlaßte nun den Ingenieur gerade über der
Stadt Paris einmal anzuhalten? Niemand weiß es. Jedenfalls aber senkte
sich hier der "Albatros" so weit, daß er nur wenige hundert Fuß über
derselben schwebte. Robur trat aus seiner Cabine hervor und auch die
ganze Mannschaft erschien, um lustwandelnd einmal frische Luft zu
schöpfen, auf dem Verdeck.

Onkel Prudent und Phil Evans achteten wohl darauf, die sich jetzt
bietende ausgezeichnete Gelegenheit nicht vorüber gehen zu lassen.
Beide suchten sich, sobald sie aus ihrem Ruff getreten waren, von den
Anderen entfernt zu halten, um den rechten Augenblick zur Ausführung
ihres Vorhabens auswählen zu können. Auf keinen Fall sollten die
Anderen etwas davon merken.

Einem gigantischen Käfer ähnlich zog der "Albatros" so langsam über die
Stadt hin. Er überschritt die Linie der Boulevards, welche durch
Edison'sche Lampen in hellem Tageslichte lagen. Das Geräusch der Wagen,
welche noch durch die Straßen jagten, und das Rollen der Züge auf den
vielen, in Paris zusammentreffenden Bahnlinien drang bis zu ihm hinauf.

Dann glitt er in der Höhe der höchsten Bauwerke hin, als hätte er die
Kugel vom Pantheon oder das Kreuz vom Invalidendom abstreifen wollen.
Er steuerte zwischen den beiden Minarets des Trocadero hindurch nach
dem eisernen Thurm des Marsfeldes, dessen ungeheurer Reflector die
ganze Hauptstadt mit elektrischem Lichte überströmte.

Diese Luftpromenade, dieses Flaniren in der Nacht, währte etwa eine
Stunde. Es glich einer Station in den Lüften vor Fortsetzung der
endlosen Reise.

Der Ingenieur Robur wollte dabei den Parisern offenbar den Anblick
eines Meteors bereiten, das ihre Astronomen noch niemals gesehen oder
nur geahnt hatten. Die Signallichter des "Albatros" wurden in Function
gesetzt. Zwei glänzende Strahlenbündel ergossen sich über die Plätze,
die Häuservierecke, Gärten und die sechzigtausend Häuser der Stadt,
indem sie ungeheure Lichtmassen von einem Horizont zum anderen
schweifen ließen.

Gewiß -- diesmal war der "Albatros" gesehen worden, und nicht allein
gesehen, sondern auch gehört worden, denn Tom Turner hatte die Trompete
hervorgeholt und eine schmetternde Fanfare über die Stadt hin ertönen
lassen. In diesem Augenblick beugte sich Onkel Prudent ein wenig über
die Reeling, öffnete die Hand und ließ die Dose fallen.

Fast gleichzeitig erhob sich der "Albatros" wieder sehr schnell.

Da schallte durch die Höhe des Pariser Himmels ein vieltausendfältiges
Hurrah aus der Menge, das sich über die Boulevards fortpflanzte -- ein
Hurrah der Verwunderung über das unvorhergesehene, phantastische
Meteor.

Plötzlich erloschen die Lichtquellen des Aeronefs und rund um ihn wurde
es wieder dunkel und still; darauf nahm er seine Fahrt mit der
Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern in der Stunde wieder auf.

Das war Alles gewesen, was seine Insassen von der Hauptstadt
Frankreichs hatten sehen sollen.

Um vier Uhr Morgens hatte der "Albatros" das ganze Land schon
überflogen. Um keine Zeit mit der Ueberschreitung der Pyrenäen oder der
Alpen zu verlieren, glitt er jetzt an der Oberfläche der Provence bis
zur Spitze des Cap d'Antibes hin.

Um neun Uhr blieben die auf der Terrasse des St. Peters-Domes
versammelten Römer verblüfft stehen, als sie ihn über die Ewige Stadt
hinwegschweben sahen. Zwei Stunden später schwankte er hoch über dem
Golf von Neapel, einen Augenblick in der Rauchsäule des Vesuvs. Nachdem
er dann das Mittelmeer in schräger Richtung überschritten, wurde er in
der ersten Nachmittagsstunde von den Wachtposten in La Golette an der
tunesischen Küste beobachtet.

Von Amerika über Asien! Von Asien über Europa! Mehr als dreißigtausend
Kilometer hatte der wunderbare Apparat in weniger als dreiundzwanzig
Tagen zurückgelegt.

Und jetzt zog er majestätisch über die bekannten und unbekannten
Landmassen Afrikas dahin!

      *       *       *       *       *

Vielleicht wünscht der Leser zu erfahren, was nach dem Herabfallen aus
der berühmten Schnupftabaksdose geworden war?

Die Dose war in der Rivoli-Straße vor dem Hause Nummer 210 zu einer
Zeit niedergefallen, wo diese Straße gerade ziemlich leer war. Am
folgenden Morgen wurde sie von einer ehrlichen Straßenkehrerin
aufgefunden, welche sich beeilte, dieselbe auf der Polizei-Präfectur
abzuliefern.

Hier hielt man sie zuerst für einen explodirenden Körper und wickelte
sie mit derselben allergrößten Vorsicht auf, wie sie zuletzt geöffnet
wurde.

Da trat wirklich eine Art Explosion ein ... Ein furchtbares Niesen,
dessen sich der Sicherheitschef nicht zu erwehren vermochte.

Dann zog man das Schriftstück aus der Dose und las zum allgemeinen
Erstaunen wie folgt:

"Onkel Prudent und Phil Evans, Vorsitzender und Schriftführer des
Weldon-Instituts zu Philadelphia, entführt durch den Aeronef des
Ingenieur Robur.

Freunden und Bekannten davon Nachricht zu geben.

  Onkel Prudent und Phil Evans."

Hiermit war die unerklärliche Erscheinung den Bewohnern beider Welten
endlich erklärt, und die vielen Gelehrten an den Observatorien, welche
es auf der Erde giebt, gewannen die längst verlorene Ruhe endlich
wieder.



XII.

In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der
Monthyon-Preise bewerben wollte.



Bei dieser Erdumkreisung des "Albatros" drängen sich wohl von selbst
ganz verschiedene Fragen auf; zum Beispiel:

Wer ist überhaupt dieser Robur, von dem bisher nichts als der Name
bekannt ist? Verbringt er sein Leben ganz in der Luft? Ruht sein
Aeronef niemals aus? Hat er nicht vielleicht eine Zuflucht an
unzugänglichem Orte, an dem er selbst wenn er der Ruhe nicht bedürfte,
sich wenigstens mit neuen Vorräthen versorgt? Es wäre doch merkwürdig,
wenn das nicht so sein sollte. Auch die mächtigsten Segler der Lüfte
haben ja irgendwo einen Horst oder ein Nest.

Und weiter: Was gedenkt der Ingenieur mit den beiden, ihn doch nur
belästigenden Gefangenen zu beginnen? Beabsichtigt er sie in seiner
Gewalt zu behalten und für ewig zu verdammen, mit ihm umherzufliegen?
Oder wird er ihnen, nachdem er sie über Afrika, Südamerika,
Austral-Asien, den Indischen, den Atlantischen und den Stillen Ocean
hinweggeführt, um sie wider Willen zu seinen Anschauungen zu
überzeugen, die Freiheit wieder schenken, etwa mit den Worten:

"Jetzt, meine Herren, hoffe ich, werden Sie sich bezüglich des
Grundsatzes: "Schwerer, als die Luft", nicht mehr so ungläubig,
zeigen!--?"

Auf diese Fragen läßt sich vorläufig noch keine Antwort geben; dies ist
ein Geheimniß der Zukunft; vielleicht wird dasselbe eines Tages
entschleiert werden.

Auf keinen Fall schickte der Vogel Robur sich aber an, jenes
angedeutete Nest an der Nordküste Afrikas aufzusuchen. Im Laufe des
Tages strich er noch, je nach Laune, bald dahinrasend, bald langsamer
schwebend, vom Cap Bon bis zum Cap Carthago über die Regentschaft Tunis
hin. Darauf wandte er sich mehr dem Landesinneren zu und schlug den Weg
durch das wundervolle Thal der Medjerda ein, indem er dem gelblichen,
unter Cactus und Rosenbüschen verborgenen Wasserlauf derselben folgte.
Zu vielen Hunderten flogen Vögel auf, die in langen Reihen auf den
Telegraphendrähten saßen, als wollten sie die Depeschen beim Durchgang
abfangen und auf ihren Flügeln weiter tragen.

Mit Einbruch der Nacht schwebte der "Albatros" über den Grenzen von
Krumirien, und wenn noch ein Krumir wach war, so unterließ er es gewiß
nicht, das Gesicht auf die Erde niederzuwerfen und Allah bei der
Erscheinung dieses riesenhaften Adlers um Schutz und Hilfe anzuflehen.

Am folgenden Morgen waren Bona und die schönen Hügel seiner Umgebung in
Sicht, später Philippeville, jetzt ein kleines Algier, mit seinen
bogenförmigen Quais, seinen herrlichen Weingärten, deren grünende Reben
der ganzen Landschaft ihren Charakter verleihen, einer Landschaft,
welche aus Bordelais und den gesegneten Gebieten von Burgund
herausgeschnitten zu sein scheint.

Diese Spazierfahrt von fünfhundert Kilometern über Groß- und
Klein-Kabylien hinweg endigte gegen Mittag in der Höhe der Kasbah von
Algier. Welch' schönes Bild bot sich da den Passagieren des Aeronefs!
Die offene Rhede zwischen Cap Matifu und der Pescade-Spitze, das mit
Palästen, Maravuts und Landhäusern besäete Uferland; die launenhaft
gewundenen Thäler mit ihrem Mantel von Weinstocken; das tiefblaue
Mittelmeer, das die hier kleinen Booten gleichenden transatlantischen
Dampfer durchfurchen. So ging es weiter bis zu dem malerischen Oran,
dessen in den Gartenanlagen der Citadelle versammelte Bewohner den
"Albatros" mit den ersten aufleuchtenden Sternen verschmelzen sahen.

Wenn Onkel Prudent und Phil Evans sich fragten, welcher Laune der
Ingenieur Robur nachgebe, als er ihr fliegendes Gefängniß über Algerien
-- die Fortsetzung Frankreichs an der Südküste des Mittelmeeres --
hinführte, so mußten sie die Ueberzeugung gewinnen, daß diese Laune
zwei Stunden nach Sonnenuntergang befriedigt sei. Eine Wendung des
Steuerruders lenkte den "Albatros" nach Südosten ab, und dieser sah am
folgenden Tage, nachdem er die bergige Gegend des Tell überstiegen, die
Sonne über dem Wüstensande der Sahara aufgehen.

Am 8. Juli wurde nun folgende Reiseroute zurückgelegt: Zuerst erblickte
man den kleinen Flecken Géryville, der, wie Laghuat, an der Grenze der
Wüste gegründet wurde, um die endliche Eroberung von Kabylien zu
erleichtern; nachher passirte man den Kamm von Stillen, und zwar bei
dem herrschenden heftigen Gegenwinde nicht ohne Schwierigkeit. Weiter
ging es über die Wüste hin, bald langsam oberhalb der grünenden Oasen
oder Ksars, bald mit wilder Schnelligkeit, welche den Flug der
Lämmergeier überholte. Manchmal mußte sogar auf diese gewaltigen
Raubvögel Feuer gegeben werden, die sich, zu zwölf und fünfzehn
vereinigt, selbst nicht scheuten, zum größten Schrecken Frycollins sich
auf den Aeronef zu stürzen.

Wenn diese Lämmergeier nur durch furchtbares Geschrei, durch
Schnabelhiebe und Krallenschläge zu antworten vermochten, so
verschonten die nicht minder wilden Eingeborenen ihn nicht mit
Flintenschüssen, vorzüglich als er über die Berge von Sel gekommen war,
deren grüne und violette Grundmasse da und dort durch den weißen Mantel
blickte. Jetzt schwebte das Luftschiff schon über der großen Sahara, wo
an verschiedenen Stellen noch Reste der Lagerstätten Abd-el-Kader's zu
bemerken waren. Hier -- und vorzüglich unter den Verbündeten Beni-Myal
-- bietet das Land für den europäischen Reisenden noch immer ernste
Gefahren.

Jetzt mußte der "Albatros" wieder in höhere Zonen flüchten, um einem
daherrasenden Samum zu entgehen, der eine gewaltige Welle röthlichen
Sandes auf der Erde vor sich hintrieb, wie die steigende Fluth die
Brandungswelle im Ocean. Weiterhin entluden die öden Hochplateaus der
Chebka ihre schwärzlichen Lavamassen bis herunter zu dem frischen,
grünen Thale des Ain-Massin. Schwerlich vermöchte sich Jemand größere
Mannigfaltigkeit der Landschaften vorzustellen, welche der Blick hier
in weitem Umfange umfaßte. Auf baum- und buschbedeckte Hügel folgten da
lange graue Bodenwellen, gleich den Falten eines arabischen Burnus. In
der Ferne erschienen "Oueds" mit brausenden Bergströmen, Wälder von
Palmen, kleine Ansammlungen von Hütten, welche entweder einen Hügel
krönten oder eine Moschee umrahmten, unter anderen Metliti, wo ein
religiöser Häuptling, der große Marabut Sidi Scheik, seinen Sitz hat.

Während der Nacht wurden mehrere hundert Kilometer über ein ziemlich
ebenes, nur von Dünen unterbrochenes Gebiet zurückgelegt. Hätte der
"Albatros" hier Halt machen wollen, so würde er in der Niederung der,
unter einem ungeheuren Palmenwald versteckten Oase Uargla die Erde
erreicht haben. Sehr deutlich zeigte sich die Stadt mit ihren drei
bestimmt unterschiedenen Quartieren, mit dem alten Palast des Sultans,
einer Art befestigter Kasbah, ihren Häusern aus Backsteinen, welche
erst die glühende Sonne hart brennt, und mit ihren im Thale erbohrten
artesischen Brunnen, an denen der Aeronef seinen Wasservorrath hätte
erneuern können. Dank seiner außerordentlichen Schnelligkeit aber
füllte das im Thale von Kaschmir aus dem Hydaspis geschöpfte Wasser
noch immer die Vorrathstonnen, selbst in den Wüsten von Afrika, an.

Der "Albatros" wurde von den Arabern, den Mozabiten und den Negern,
welche sich in die Oasen von Uargla theilen, unzweifelhaft bemerkt,
denn es begrüßten ihn von hier aus Hunderte von Gewehrschüssen, ohne
daß die Kugeln ihn hätten erreichen können.

Dann kam die Nacht, die grabesstille Wüstennacht, deren Geheimnisse
Felicien David so hochpoetisch geschildert hat.

Während der folgenden Stunden kehrte man wieder nach Südwesten zurück
und kreuzte die Straßen von El Golea, deren eine im Jahre 1859 durch
den unerschrockenen Duveyrier entdeckt worden war.

Rings herrschte tiefe Finsterniß. Nichts war zu sehen von der nach den
Plänen Duponchel's zu erbauenden Sahara-Bahn, dem langen Eisenbande,
das Algier mit Timbuctu über Leghuat und Gardaia verknüpfen und später
bis zum Golf von Guinea fortgesetzt werden soll.

Der "Albatros" gelangte nun in die äquatorialen Gebiete jenseits des
Wendekreises des Krebses. Tausend Kilometer von der Nordgrenze der
Sahara überschritt er die Straße, wo der Major Loiny 1846 den Tod fand;
er kreuzte den Weg der Caravane von Marokko nach dem Sudan, und über
dem Theile der Wüste, in dem die Tuarys hausen, hörte er, was man den
"Gesang des Sandes" zu nennen pflegt, ein sanftes, klagendes Murmeln,
das dem Erdboden zu entsteigen scheint.

Nur ein einziger Zwischenfall ereignete sich hier; eine Wolke von
Heuschrecken zog in großer Höhe daher und aus derselben fiel nun eine
so große Menge an Bord, daß das Luftschiff davon unterzugehen drohte.
Die Mannschaft beeilte sich jedoch, die unerwünschte Last wieder
abzuwerfen, bis auf mehrere hundert Stück, welche François Tapage für
sich in Anspruch nahm. Er richtete dieselben auf so ausgezeichnet
schmackhafte Weise zu, daß Frycollin darüber sogar einmal seine eigene
Angst vergaß.

"Das schmeckt so gut, wie die besten Krabben!" sagte er.

Man befand sich jetzt tausendachthundert Kilometer von der Oase Uargla
entfernt, fast auf der Nordgrenze des ungeheuren Königreichs Sudan.

Gegen zwei Uhr Nachmittags wurde auch am Knie eines großen Stromes eine
Stadt sichtbar. Dieser Strom war der Niger -- die Stadt war Timbuctu.

Wenn dieses afrikanische Mekka bisher nur von kühnen Reisenden der
Alten Welt, von einem Batouta, Khazan, Imbert, Mungo-Park, Adams,
Loiny, Laillé, Barth, Lenz und Anderen besucht worden war, so konnten
von heute ab, und zwar Dank den Zufälligkeiten eines Abenteuers ohne
Gleichen, auch zwei Amerikaner »de visu«, »de auditu« und obendrein »de
olfactu« davon bei ihrer Heimkehr nach Amerika reden -- wenn sie
überhaupt einmal dahin zurückgelangten.

»De visu«, weil sie alle Ecken des fünf bis sechs Kilometer großen
Dreiecks, das die Stadt bildet, übersehen konnten; -- »de auditu«, weil
an diesem Tage großer Markt abgehalten wurde, bei dem es ohne einen
Heidenlärmen nicht abgeht; -- »de olfactu«, weil der Geruchsnerv sehr
unangenehm erregt werden mußte durch die Dünste des Yubu-Kamo-Platzes,
auf dem sich dicht neben dem alten Palaste der Könige die
Fleischverkaufshalle erhebt.

Jedenfalls glaubte der Ingenieur den Vorsitzenden und den Schriftführer
des Weldon-Instituts darauf aufmerksam machen zu sollen, daß es die
höchste Zeit sei, sich die Königin des Sudans zu betrachten, die sich
jetzt in den Händen der Touaregs von Laganet befindet.

"Timbuctu, meine Herren!" sagte er zu ihnen in demselben Tone, in dem
er zwölf Tage früher zu ihnen "Indien, meine Herren!" gesagt hatte.

Dann fuhr er fort:

"Timbuctu, unter 18 Grad nördlicher Breite und 5 Grad 56 Minuten
westlicher Länge von Paris, zweihundertfünfundvierzig Meter über dem
mittleren Niveau des Meeres gelegen. Eine bedeutende Stadt von zwölf-
bis dreizehntausend Einwohnern, die sich ehedem durch Kunst und
Wissenschaft auszeichnete. -- Vielleicht hatten Sie den Wunsch, hier
einige Tage Halt zu machen?"

Ein solches Angebot des Ingenieurs konnte nur ironisch gemeint sein.

"Indeß, fuhr er fort, es möchte für Fremde einigermaßen gefährlich
werden, inmitten von Negern, Berbern, Fullahs und Arabern, welche hier
wohnen, vorzüglich wenn wir bedenken, daß die Ankunft des Aeronefs ihr
Mißfallen erregt haben dürfte.

-- Mein Herr, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart, für das
Vergnügen, Sie verlassen zu können, würden wir gern die Gefahr auf uns
nehmen, von den Eingeborenen hier übel empfangen zu werden. Ein Kerker
ist so gut wie der andere, aber Timbuctu immer noch besser, als der
"Albatros".

-- Das sind Geschmackssachen, versetzte der Ingenieur. Auf keinen Fall
möchte ich das Abenteuer wagen, denn ich bin verantwortlich für die
Sicherheit der Gäste, welche mir die Ehre anthun, mit mir zu reisen ...

-- Sie begnügen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur, platzte jetzt
Onkel Prudent, dem die Galle überlief, heraus, mit der Rolle unseres
Kerkermeisters -- nein, Sie müssen uns auch noch beleidigen?

-- O, das war höchstens eine erlaubte Ironie!

-- Giebt es denn keine Waffen an Bord?

-- Gewiß, ein ganzes Arsenal.

-- Zwei Revolver würden genügen, wenn ich den einen nehme und Sie, mein
Herr, den anderen.

-- Ein Duell, rief Robur, ein Duell, das Einem von uns das Leben kosten
könnte!

-- Nein, ihm gewiß kosten würde!

-- Nein, nein, mein Herr Präsident des Weldon-Instituts, ich ziehe es
vor, Sie am Leben zu erhalten.

-- Um sicherer zu sein, daß Sie selbst leben bleiben. Das ist sehr
klug.

-- Klug oder nicht, mir paßt es eben. Es steht Ihnen völlig frei,
darüber anders zu denken und Klage zu erheben, wenn Sie es können.

-- Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur!

-- Wirklich?

-- War es denn bei unserer Fahrt über die bewohnten Gegenden Europas so
schwierig, ein Schriftstück hinunterfallen zu lassen ...

-- Das hätten Sie gethan? unterbrach ihn Robur, in dem der Zorn hell
aufloderte.

-- Und wenn wir es gethan hätten?

-- Wenn Sie es gethan hätten, verdienten Sie ...

-- Was denn, mein Herr Ingenieur?

-- Daß man Sie Ihrem Schreiben über Bord nachfliegen ließe!

-- So werfen Sie uns über Bord ... Wir haben es gethan!" rief Onkel
Prudent.

Robur trat auf die beiden Collegen zu. Auf ein Zeichen von ihm waren
Tom Turner und einige seiner Kameraden herzugelaufen. Ja, der Ingenieur
hatte verzweifelte Lust, seine Drohung zur Ausführung zu bringen, und
ohne Zweifel zog er sich nur aus Besorgniß, ihr nicht widerstehen zu
können, plötzlich in seine Cabine zurück.

"Sehr schön! sagte Phil Evans.

-- Und was er zu thun nicht wagte, erklärte Onkel Prudent, das werde
ich wagen, ich, ja, ich werde es thun!"

In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Timbuctu auf den Plätzen
und Straßen der Stadt zusammen und sammelten sich auf den Terrassen der
amphitheatralisch erbauten Häuser.

In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie in den elenden
kugelförmigen Hütten des Quartiers Raguidi donnerten die Priester von
den Spitzen der Minarets die schlimmsten Flüche und Verwünschungen
gegen das Ungeheuer in der Luft. Das war indeß unschädlicher, als
Flintenkugeln.

Und auch bis zum Hafen von Kabara an der scharfen Biegung des Niger war
Alles, was sich auf Schiffen und Booten befand, in lebhafterer
Bewegung. Wenn der "Albatros" hier zur Erde niedergegangen wäre, die
Leute hätten ihn in Stücke gerissen.

Während einiger Stunden folgten ihm schreiend und an Schnelligkeit
wetteifernd lärmende Schaaren von Störchen, Haselhühnern und Ibissen;
sein rascher Flug hatte dieselben aber bald hinter sich zurückgelassen.

Gegen Abend ertönte ein dumpfes Grollen und Murren von zahlreichen
Elephanten und Büffelheerden, welche in diesen, durch ganz besondere
Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten umherirrten.

Während vierundzwanzig Stunden entrollte sich die ganze zwischen dem
Meridian 0 und dem 2. Grade der Länge zwischen dem Knie des Stromes
gelegene Gegend unter dem "Albatros" gleich einem Wandelpanorama.

Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfügung gehabt hätte,
wie leicht wäre es ihm dann nicht gewesen, eine topographische Aufnahme
des Landes auszuführen, die höchsten Punkte zu messen, den Lauf der
Ströme und ihrer Nebenflüsse zu bestimmen und die Lage der Städte und
Dörfer festzusetzen. Dann gäbe es in den Karten von Inner-Afrika nicht
mehr so viel leere Stellen, so viel nur mit blassen Farben markirte
Länder -- und keine punktirte Linien und unsichere Abgrenzungen mehr,
welche die Kartographen zur Verzweiflung bringen.

Am Morgen des 11. überschritt der "Albatros" die Berge des nördlichen
Guinea zwischen dem Sudan und dem Golf, der dessen Namen trägt. Am
Horizont erhoben sich schon in undeutlicher Linie die Kong-Berge des
Königreichs Dahomey.

Seit der Abfahrt von Timbuctu hatten Onkel Prudent und Phil Evans
beobachten können, daß sie stets die Richtung von Norden nach Süden
eingehalten hatten. Sie schlossen daraus, daß sie, wenn hierin keine
Aenderung eintrat, sechs Grade weiter die Aequinoctiallinie erreichen
mußten. Sollte der "Albatros" sich wirklich vom Festland ganz wegwenden
und hinaus, nicht auf das Behring-Meer, den Caspis-See, die Nordsee und
das Mittelmeer, sondern auf den Atlantischen Ocean wagen wollen?

Diese Aussicht war für die beiden Collegen, welche damit jede
Gelegenheit, zu entfliehen, verloren, freilich keine besonders
angenehme.

Der "Albatros" bewegte sich jetzt jedoch nur langsam vorwärts, als
zögere er noch, das afrikanische Gebiet zu verlassen. Der Ingenieur
dachte indeß keineswegs an eine Umkehr, nur fesselte das Land, über
welches sie kamen, seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade.

Es ist allgemein und war ihm nicht minder bekannt, daß das Königreich
Dahomey an der Westküste Afrikas eines der mächtigsten ist. Stark
genug, um sich mit dem benachbarten Reiche der Aschantis im Kampfe
messen zu können, sind seine Grenzen doch sehr beschränkt, denn es mißt
nur fünfundzwanzig (englische) Meilen von Nord nach Süd und gegen
sechzig Meilen von Ost nach West; seine Einwohnerzahl beläuft sich
jedoch auf 7-800.000 Seelen, seitdem es die bisher unabhängigen Gebiete
von Ardrah und Wydoch annectirt hat.

Wenn dieses Königreich Dahomey also auch nicht groß ist, so hat es doch
recht oft von sich reden gemacht. Es wurde zeitig berühmt durch die
entsetzlichen Grausamkeiten, welche daselbst beim Jahreswechsel
begangen werden, durch die Menschenopfer, die furchtbaren Hekatomben,
welche gewöhnlich dem verstorbenen und dem seine Stelle ersetzenden
Könige dargebracht werden. Ja, es gehört so zu sagen zum guten Ton, daß
der König von Dahomey, wenn er den Besuch einer hohen Person oder etwa
eines Gesandten erhält, diesem zu Ehren einem Dutzend Gefangenen die
Köpfe abschlagen läßt -- abschlagen durch seinen Minister der Justiz,
den "Minghan", der sich seiner Aufgabe als Henker vortrefflich
entledigt.

Zur Zeit, als der "Albatros" die Grenze von Dahomey überschritt, war
eben der König Lahadu verstorben und die ganze Bevölkerung schritt zur
Feier der Thronbesteigung seines Nachfolgers. Daher herrschte im ganzen
Lande eine große Aufregung und Bewegung, welche Robur nicht hatte
entgehen können.

Lange Züge von Landbewohnern Dahomeys drängten sich nach Abomey, der
Hauptstadt des Reiches, hin. Ueberall zeigte das Land wohlunterhaltene
Straßen, welche durch weite, mit sehr hohem Grase bewachsene Ebenen
verlaufen. Ungeheure Maniocfelder, Wälder voll herrlicher Palmen,
Cocosnußbäume, Mimosen, Orangen- und Mangobäume, deren Düfte bis zum
"Albatros" hinaufstiegen, während Tausende von Papageien und Cardinälen
aus dem dunklen Grün aufflatterten.

Ueber die Reeling gebeugt und in Gedanken versunken, wechselte der
Ingenieur nur wenige Worte mit Tom Turner.

Es schien übrigens nicht, als ob der "Albatros" von vornherein die
Aufmerksamkeit der sich fortbewegenden Menschenmasse erweckte, welche
auch selbst unter den dichten Baumkronen meist nicht sichtbar war.
Hauptsächlich kam das jedoch wohl daher, daß er sich in großer Höhe und
zwischen leichten Wolken hielt.

Gegen elf Uhr Vormittags erschien die Stadt mit ihrem Mauergürtel, den
noch ein zwölf Meilen im Umfang messender Graben vertheidigt, mit ihren
breiten, regelmäßigen, sehr eben verlaufenden Straßen und dem großen
Platz, den der Palast des Königs einnimmt. Alle die vielen
Baulichkeiten überragt noch eine Terrasse, nicht weit vom gewöhnlichen
Opferplatz. Während der größten Feste werden dem Volke von der Höhe
derselben aus die in Weidenkörben angebundenen Gefangenen zugeworfen,
und man kann sich schwer eine Vorstellung von der Wuth machen, mit
welcher diese Unglücklichen in Stücke gerissen werden.

In einem Theile der Höfe, welche den Palast des Herrschers umschließen,
sind viertausend Krieger einquartirt, eine der Abtheilungen der
königlichen Armee, und natürlich nicht die schlechteste.

Wenn es auch zweifelhaft ist, daß es jemals Amazonen auf dem Strome
dieses Namens gegeben habe, so liegt das in Dahomey anders. Die Einen
tragen hier ein blaues Hemd, roth und blaue Schärpe, weiße,
blaugestreifte Beinkleider, weiße kurze Beinkleider darüber und die
Patronentasche im Gürtel; die Anderen, die Elephanten-Jägerinnen, sind
bewaffnet mit einer plumpen Flinte, einem Dolch mit kurzer Klinge, und
auf dem Kopfe tragen sie zwei mit einem Eisenringe befestigte
Antilopenhörner; die Artilleristen haben einen halb rothen und halb
blauen Ueberwurf und als Waffe die Donnerbüchse mit alten gußeisernen
Rohren, noch Andere endlich, ein Bataillon jener Mädchen, trägt eine
Art blauer Mäntel mit kurzem weißen Beinkleid; das sind wirkliche
Vestalinnen, keusch wie Diana und wie diese mit Pfeilen und Bogen
ausgerüstet.

Rechnet man zu diesen Amazonen noch fünf- bis sechstausend Mann in
Baumwollhemden und mit einem Gürtel um die Taille, so hat man die ganze
Armee von Dahomey Revue passiren lassen.

Abomey selbst war an diesem Tage völlig menschenleer, der König, das
ganze Personal, die männliche wie die weibliche Armee, sowie die
Einwohner, Alle hatten die Hauptstadt verlassen, um einige Meilen
entfernt auf einem großen, von prächtigem Baumschlag eingerahmten
Platze zusammenzuströmen.

Es war das die Ebene, auf der die Huldigung des neuen Königs
stattfinden sollte, und hier harrten Tausende, bei Gelegenheit der
letzten Razzias eingebrachte Gefangene zur Ehre desselben ihres letzten
Augenblicks.

Gegen zwei Uhr Nachmittags begann der jetzt über derselben Ebene
schwebende "Albatros" aus einer leichten Dunstschicht, die ihn bisher
den Augen der Bevölkerung von Dahomey verhüllt hatte, etwas mehr
niederzusinken.

Hier befanden sich jetzt wohl gegen sechzigtausend Menschen, die aus
allen Gegenden des Reiches, aus Midah, Karapay, Ardrah, Tombory und aus
allen Städten und Dörfern gekommen waren.

Der neue König -- ein kräftiger Kerl, Namens Bu-Stadi und
fünfundzwanzig Jahre alt -- thronte auf einer kleinen Anhöhe, welche
eine Gruppe von Bäumen mit langen Aesten beschattete. Vor ihm drängte
sich der neue Hofstaat, seine männliche Armee, seine Amazonen und das
ganze Volk hin und her.

Am Fuße dieses Erdhügels spielten etwa fünfzig Musiker auf ihren
barbarischen Instrumenten, bliesen auf Elephantenzähnen, die einen
rauhen Ton gaben, wirbelten auf großen, mit einer Hirschkuhhaut
bespannten Trommeln, oder hatten Flaschenkürbisse, Guitarren, Glocken,
die mit einem Eisenstabe angeschlagen wurden, und Flöten aus
Bambusrohr, deren scharfer Klang das ganze Orchester übertönte. Jeden
Augenblick krachten die Flinten, Donnerbüchsen und zuweilen die alten
Kanonen, deren Lafetten dabei zurücksprangen, daß die Artilleristen in
Lebensgefahr kamen; dazu herrschte ein solcher Heidenlärm und so wüstes
Geschrei, daß man kaum einen Donnerschlag hätte hören können.

In einer Ecke der freien Ebene standen, von Soldaten überwacht, die
Gefangenen, welche dem verstorbenen Könige das Geleit in die andere
Welt geben sollten, denn durch sein Ableben darf ein solcher noch keine
Einbuße an seiner hohen Würde erleiden. Bei der Leichenfeier Ghozo's,
des Vaters Bahadu's, hatte dessen Sohn ihm dreitausend Diener
mitgegeben. Bu-Stadi konnte seinem Vorgänger hierin doch nicht
nachstehen. Der Todte brauchte ja eine Menge Sendboten, nicht allein,
um die Geister seiner Ahnen herbeizurufen, sondern auch, um alle
Bewohner des Himmels zu versammeln, welche das Gefolge des verewigten
Königs bilden sollten.

Eine Stunde verging mit Gesprächen, Vorträgen und Ansprachen,
unterbrochen von Tänzen, welche nicht allein die eigentlichen Bajaderen
aufführten, sondern auch die Amazonen, die dabei viel kriegerische
Grazie entwickelten.

Inzwischen kam die Zeit zur Hinrichtung heran. Robur, der die blutigen
Gewohnheiten von Dahomey schon kannte, verlor die gefangenen Männer,
Frauen und Kinder, welche abgeschlachtet werden sollten, niemals aus
dem Auge.

Der Minghan verweilte am Fuße des Erdhügels. Er schwang das
Richtschwert mit gebogener Klinge, auf der auch noch ein metallener
Vogel saß, dessen Gewicht ihm noch mehr Schwung verlieh. Dieses Mal war
er nicht allein; er wäre mit der Arbeit auch nicht fertig geworden. In
seiner Umgebung befanden sich noch hundert Scharfrichter, die alle
eingeübt waren, einen Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpfe zu lösen.

Inzwischen näherte sich der "Albatros" allmählich in schräger Richtung
und ließ seine Auftriebs- und Treibschrauben mit verminderter
Geschwindigkeit spielen. Bald trat er aus der Wolkenschicht hervor, die
ihn bis wenigstens hundert Meter von der Erde verhüllt hatte, und wurde
jetzt zum ersten Male sichtbar.

Ganz entgegen den gewöhnlichen Erfahrungen sahen die wilden
Eingeborenen in ihm nur ein himmlisches Wesen, das ganz allein zu dem
Zwecke herabgestiegen sei, dem Könige Bahadu zu huldigen.

Das gab einen Enthusiasmus ohne Gleichen, unendliche Zurufe, lautes
Jubeln und allgemeine Gebete, gerichtet an diesen übernatürlichen
Hippogryph, der ohne Zweifel jetzt kam, um den Körper des verstorbenen
Königs in die Höhe des Dahomey'schen Himmels zu tragen.

Eben da fiel der erste Kopf unter dem Schwerte des Minghan; dann wurden
hundert andere Gefangene ihren schrecklichen Henkern zugeführt.

Plötzlich krachte vom "Albatros" ein Schuß. Der Justizminister stürzte
getroffen zur Erde.

"Gut gezielt, Tom! sagte Robur.

-- Bah! ... Es war ein Schuß mitten in den Haufen!" antwortete
bescheiden der Obersteuermann.

Seine ebenfalls bewaffneten Kameraden standen bereit, auf das erste
Zeichen des Ingenieurs Feuer zu geben.

Die Volksmenge hatte durch diesen Vorfall aber ihre Anschauungen
schnell gewechselt; dieses geflügelte Ungeheuer war kein guter, sondern
ein dem guten Volk von Dahomey feindlicher Geist. Nachdem der Minghan
gefallen, erhob sich ein wildes Geheul. Gleichzeitig knatterten viele
Gewehre, die nach dem "Albatros" gerichtet waren.

Diese Drohungen hinderten letzteren jedoch nicht, bis auf etwa
hundertfünfzig Fuß über der Erde niederzusinken. Trotz ihrer dem
Ingenieur Robur gewiß ungünstigen Stimmung konnten sich Onkel Prudent
und Phil Evans doch nicht versagen, an diesem menschenfreundlichen
Werke theilzunehmen.

"Ja, laßt uns die Gefangenen befreien! riefen sie.

-- Das ist meine Absicht!" antwortete der Ingenieur.

Schon begannen die Repetirgewehre des "Albatros" in den Händen der
beiden Collegen, wie in denen der Mannschaft, ein Schnellfeuer, von dem
doch keine Kugel inmitten der großen Menschenmasse verloren ging. Und
selbst das kleine Geschütz an Bord, das so tief als möglich
herabgerichtet wurde, sandte einige Kartätschenladungen hinunter,
welche wahre Wunder wirkten.

Sofort sprengten die Gefangenen, ohne etwas von der ihnen aus der Höhe
gekommenen Hilfe zu begreifen, ihre Fesseln, während die Soldaten auf
den Aeronef Feuer gaben. Die vordere Schraube wurde von einer Kugel
durchlöchert, während einige andere an den Rumpf des Fahrzeuges
schlugen. Frycollin, der sich im Hintergrunde seiner Cabine verkrochen
hatte, wäre fast noch durch die Wand des Ruffs getroffen worden.

"Aha, sie haben Appetit auf etwas mehr!" rief Tom Turner.

Er begab sich nach der Munitionskammer und kehrte von dort mit einem
Dutzend Dynamitpatronen zurück, die er an die Kameraden vertheilte. Auf
ein Zeichen Robur's wurden dieselben über den Hügel hinabgeworfen und
durch das Aufschlagen auf den Erdboden zersprangen sie wie kleine
Bomben.

Das gab aber eine wilde Flucht! Der König, der Hof, die Armee und das
ganze Volk stürzte, von gewiß nicht ungerechtfertigter Furcht
ergriffen, auf und davon! Alle suchten unter den Bäumen Schutz, während
die Gefangenen entflohen und Niemand daran dachte, sie zu verfolgen.

So wurden die Festlichkeiten zu Ehren des neuen Königs von Dahomey
unterbrochen. Auch Onkel Prudent und Phil Evans mußten zugestehen, über
wie große Machtmittel dieser Apparat verfügte, und welchen hohen Nutzen
er der Menschheit hätte gewähren können.

Der "Albatros" erhob sich darauf zu mittlerer Höhe; er glitt über Mydah
hinweg und hatte bald diese ungastliche Küste, welche die Westwinde mit
unnahbarer Brandung peitschten, aus dem Gesichte verloren.

Er schwebte nun über dem Atlantischen Weltmeere.



XIII.

In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren,
ohne die Seekrankheit zu bekommen.



Ja, das Atlantische Meer! Die Befürchtungen der beiden Collegen hatten
sich bewahrheitet. Es schien übrigens nicht, als ob Robur hier über dem
unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfände. Das kümmerte ihn so
wenig wie seine Leute, welche an derartigen Fahrten gewöhnt sein
mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt.
Kein Alpdrücken sollte ihren Schlummer stören.

Wohin steuerte nun der "Albatros"? Sollte er wirklich noch mehr als
eine Reise um die Erde ausführen? Auf jeden Fall mußte diese Fahrt doch
irgendwo ein Ende nehmen. Daß Robur sein ganzes Leben in den Lüften, an
Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu
gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie hätte er seine Vorräthe
an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das für die
Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwähnen? Unbedingt
mußte er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und
wahrscheinlich auf einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der
Erde, wo der "Albatros" sich mit allen Bedürfnissen frisch versehen
konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen
haben, mit der Erde als solcher aber gewiß nicht.

Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der
Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwählen? Erwartete ihn eine kleine
Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften
erhalten? Und zunächst, wie war er überhaupt dazu gekommen, seine, aus
den verschiedensten Ländern stammenden Leute an sein Schicksal zu
binden? Ueber welche Mittel verfügte er ferner, um einen so
kostspieligen Apparat erbauen zu können, dessen ganze Construction so
geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht
besonders viel zu beanspruchen. An Bord führte man fast ein gemeinsames
Leben, wie in einer Familie oder wie glückliche Leute, die kein
Geheimniß vor einander haben. Doch, wer war eigentlich jener Robur?
Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso
viele unlösbare Räthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, würde gewiß
der Letzte sein, eine Erklärung darüber abzugeben.

Es ist gewiß nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller
unenthüllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich
so in's Unbekannte hinaus entführt und den endlichen Ausgang eines
solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu
zweifeln, daß dasselbe überhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen
Umherfliegen verurtheilt zu sein -- mußte das den Vorsitzenden und den
Schriftführer des Weldon-Instituts nicht auf's Aeußerste treiben?

Inzwischen schwebte der "Albatros" am Abend des elften Juli über den
Atlantischen Ocean hin. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erhob
sie sich über die kreisförmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen
zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war
doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollständig hinter dem
nördlichen Horizont verschwunden.

Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer
unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt.
Unter sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wäre besser
zu sagen, "um sich", denn für einen auf sehr hohem Punkte befindlichen
Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten
umgäbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurück, ohne daß man je
seine Grenzen erreichen könnte.

Physikalisch erklärte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich
nicht, aber er fühlte sie moralisch. Das genügte aber schon, um in ihm
die "Angst vor der Leere" zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz
muthige Naturen nicht entziehen können.

Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten
Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine
zurück, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen.

Von den 373,895.343 Quadratkilometern[5], welche die Oberfläche der
Meere einnehmen, fällt über ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es
schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe,
wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller
Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens hätte dieser auch die
Fahrtschnelligkeit wie über Europa hin nicht erreichen können. In den
Gegenden, in denen der Südwestwind vorherrscht, lief er diesem fast
entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der
Apparat ihm doch eine große Angriffsfläche.

  [5] Die Oberfläche des festen Landes beträgt 136,055,371
Quadratkilometer.

Die neuesten und auf eine große Anzahl von Beobachtungen gestützten
meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate,
entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen
lassen. Außerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen
und strömen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen
nach der Neuen Welt zu -- wenigstens während der wärmeren Jahreszeit.

Der "Albatros" versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind
mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukämpfen. Er begnügte
sich mit einer gemäßigten Gangart, welche übrigens die der
transatlantischen Dampfer immer noch überholte.

Am 13. Juli überschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen
Mannschaft besonders angemeldet wurde.

Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, daß sie nun die
nördliche Halbkugel verlassen hatten und nach der südlichen gekommen
waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen
Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen
gebräuchlich sind.

Nur François Tapage ließ es sich nicht nehmen, Frycollin eine große
Pinte Wasser über den Kopf zu gießen, da dieser Taufe aber einige
Gläser Gin nachfolgten, erklärte der Neger sich bereit, die Linie so
oft passiren zu wollen, wie man wünschte, vorausgesetzt, daß das nicht
auf dem Rücken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm
nun einmal kein Vertrauen einflößte.

Am Morgen des 15. schwebte der "Albatros" über den Inseln Ascension und
St. Helena, aber näher der letzteren hin, deren höhere Theile sich
einige Stunden lang am Horizonte zeigten.

Hätte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Engländer befand,
ein Apparat, ähnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewiß würde
Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaßregeln
seinen berühmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lüfte haben
entweichen sehen.

Während der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme
des Tageslichtes höchst eigenthümliche Dämmerungserscheinungen. Unter
höherer Breite hätte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken
können. Die Sonne warf nämlich bei ihrem Niedergang über den Himmel
vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grün erschienen.

War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorüber zog
und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige
Beobachter haben solche Dämmerungserscheinungen in dieser Weise
allerdings erklärt; sie wären aber gewiß zu anderer Anschauung
gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden hätten.

Eine aufmerksame Prüfung ergab nämlich, daß in der Luft feine
Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kügelchen, nämlich zarte
Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche
feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, daß
diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrührte, deren
krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten --
eine Wolke, welche die Luftströmungen auch noch über dem Atlantischen
Ocean schwebend erhielten.

Während dieses Theiles der Reise wurden übrigens auch noch andere
Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem
Himmel eine weißgraue Färbung von eigenthümlichem Aussehen; gelangte
man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen
Oberfläche ganz übersäet von glänzend weißen Körperchen, zwischen denen
einzelne größere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser
Breite durch nichts Anderes, als durch eine Hagelbildung erklären ließ.

In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grünlichgelber
Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde
und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst überging, ehe er
das Meer erreichte. Vielleicht ließ sich aus diesen verschiedenen
Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag
schließen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der
afrikanischen Küste stets aus Südwesten wehte, sich in der Nähe des
Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast
unerträgliche Hitze. Robur suchte daher Kühlung in höheren
Luftschichten, und doch mußte man sich auch noch hier vor den directen
Sonnenstrahlen schützen, welche Niemand hätte aushalten können.

Dieser Wechsel in den Luftströmungen ließ schon ahnen, daß jenseits des
Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhältnisse herrschen
würden; es darf hierbei auch nicht vergessen werden, daß der Monat Juli
der südlichen Halbkugel der Januar der nördlichen ist, also dem
tiefsten Winter entspricht. Wenn der "Albatros" noch weiter nach Süden
vordrang, mußte er die Folgen davon bald spüren.

Das Meer aber "empfand das", wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte
sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phänomen,
welches gewiß jeden Schiffer erschreckt hätte.

Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schätzenden
Geschwindigkeit zog über das Meer weg eine merkwürdige Reihe von
leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fuß
folgten und lang schimmernde Streifen zurückließen. Mit einbrechender
Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum "Albatros" hinauf,
so daß dieser jetzt wirklich hätte für einen glühenden kleinen
Himmelskörper angesehen werden können. Noch nie war es Robur
vorgekommen, über ein Meer in Flammen hinwegzusteuern -- über Flammen
ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nöthig hatte.

Die Elektricität mußte offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein,
denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschöpfen
gebildeten Zuge, welche zuweilen die Fläche des Meeres bedecken, konnte
man dieselbe nicht zuschreiben.

Das ließ vermuthen, daß die elektrische Spannung der Luft jetzt eine
sehr hohe sein müsse.

Am folgenden Tage, am 19. Juli wäre ein Schiff auf diesem Meere wohl
dem Untergang geweiht gewesen. Der "Albatros" dagegen spielte mit Wind
und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm
nicht beliebte, wie ein Sturmvogel über der Meeresfläche hinzugleiten,
so konnte er wie der Adler in höheren Schichten Ruhe und Sonnenschein
aufsuchen.

Man hatte jetzt den 47. Grad südlicher Breite überschritten. Der Tag
dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mußte mit der
Annäherung an die antarktischen Gegenden noch immer kürzer werden.

Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der "Albatros", um eine günstige
Luftströmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte höchstens noch
hundert Fuß über der Oberfläche des Meeres.

Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke,
dunkle Wolken mit ausgezackten Rändern auf, welche oben eine genau
horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene
Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das
darunter in Form eines flüssigen Straußes aufbrodelte.

Plötzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor.

In einem Augenblick wurde der "Albatros" in den Wirbel einer riesigen
Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwärze das
Geleite gaben. Zum Glück vollzog sich die Drehung dieser Trombe
entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst hätten diese ihre Wirkung
ganz eingebüßt und der Aeronef wäre in's Meer gefallen; jetzt wurde er
nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht.

Immerhin war die Gefahr groß und schien unmöglich abwendbar, da der
Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren Anziehung
ihn trotz der Treibschrauben zurückhielt. Durch die Centrifugalkraft
wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und
mußte sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht über Bord zu
fallen.

"Ruhig Blut!" rief Robur.

Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein.

Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden
nach dem Hintertheil getrieben und hatten die größte Mühe, sich noch
fest zu klammern.

Und während sich der "Albatros" in dieser Weise um sich selbst drehte,
folgte er auch der Lageveränderung der Tromben, die mit einer
Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben hätten eifersüchtig
werden können, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen,
wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stücke
zerrissen zu werden.

"Einen Kanonenschuß!" rief der Ingenieur.

Der Obersteuermann Tom Turner verstand völlig diesen an ihn gerichteten
Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschütz mittschiffs, wo die
Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben
können, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geöffnet und führte in
diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem
an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schuß krachte und
sofort sanken einige Tromben zusammen.

Die Lufterschütterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreißen und
die ungeheure Dunstmasse löste sich in einen Sturzregen auf, der den
Himmel mit dicken Wasserstreifen überzog, die Meer und Himmel
verbanden.

Endlich befreit, beeilte sich der "Albatros", um einige hundert Meter
aufzusteigen.

"Nichts zerbrochen an Bord?" fragte der Ingenieur.

-- Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu
tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wünschen möchten."

In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der "Albatros" in größter
Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart dürfte er dem Wirbeln der
Tromben schwerlich widerstanden haben.

Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt über den Ocean, wenn
nichts die Eintönigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer
mehr ab und die Kälte wurde allmählich fühlbar. Onkel Prudent und Phil
Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine eingeschlossen,
beschäftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, auf seinen Karten
die zurückgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend
anging, Gewißheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die
Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle
Zwischenfälle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen.

Sorgsam verhüllt, bemühten sich die beiden Collegen unablässig, im
Süden Land zu entdecken.

Frycollin seinerseits versuchte, gemäß einem besonderen Auftrage des
Onkel Prudent, den Koch bezüglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie
hätte aber Jemand aus dem, was der Gascogner François Tapage zur
Antwort gab, klug werden können? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger
Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralität, ein
abgetretener Präsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegeld
gesetzter spanischer General, oder auch ein Vicekönig von Indien, der
in den Lüften eine noch höhere Stellung gesucht hatte. Bald besaß er,
Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgeführten Razzias, Millionen und
war er allgemein in die Acht erklärt; bald hatte er sich wieder durch
die Herstellung dieses Apparats ruinirt und gezwungen gesehen,
öffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage
nach einem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, außer
der, daß er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben,
wenn er eine ihm passende Oertlichkeit anträfe.

"He, Fry ... mein Kamerad! ... Nicht wahr, es würde Dir Vergnügen
machen, zu sehen, wie es da oben zugeht?

-- Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! ... erwiderte der Schwachkopf,
der alle diese Faseleien für Ernst nahm.

-- Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer
hübschen, jungen Mondbewohnerin ... Du wirst da der Stammvater der
Neger!"

Als Frycollin das, was er gehört, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte
dieser wohl, daß über Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte
also nur noch daran, sich zu rächen.

"Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der
Hand, daß eine Flucht für uns unmöglich ist.

-- Unmöglich, Onkel Prudent!

-- Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es
sein muß, indem er sein Leben opfert ...

-- Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als
möglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so kühles
Temperament nun doch die Grenze des Erträglichen erreicht hatte. Ja, es
ist Zeit, ein Ende zu machen! ... Wohin geht der "Albatros"? ... Jetzt
fliegt er schräg über den Atlantischen Ocean, und wenn er diese
Richtung beibehält, muß er nach den Küsten von Patagonien, dann nach
denen des Feuerlandes kommen ... Aber nachher? ... Wird er auch noch
über den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem
Südpolarlande? ... Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! ... Dann wären
wir verloren! ... Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter
Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen müssen ...

-- So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne daß wir uns
gerächt, ohne daß wir diesen Apparat mit Allen, die er trägt, zerstört
haben!"

Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmächtige Zorn, die in ihnen
aufgehäufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht
anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem
Geheimniß zu vernichten. Nur wenige Monate hätte dann dieser wunderbare
Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezüglich der
Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen.

Diese Vorstellung hatte in ihren Köpfen so fest Wurzel geschlagen, daß
sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke
gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen
Explosionsmaschinen bemächtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend
Stücke zu zersprengen; freilich mußten sie dazu erst Gelegenheit
finden, in die Munitionskammer einzudringen.

Glücklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem
Gedanken, daß der "Albatros" in die Luft gesprengt werden sollte, würde
er sich nicht entblödet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen.

Am 23. Juli war es, wo in Südwesten wieder Land sichtbar wurde, und
zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Straße.
Jenseits des 54. Breitengrades währte die Nacht in dieser Jahreszeit
fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb
fortwährend unter 0 Grad zurück.

Statt jetzt noch weiter nach Süden vorzudringen, folgte der "Albatros"
zunächst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean
zutriebe. Nachdem er über die Bai von Lomas hinweggekommen, den
Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich
gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen
Dörfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengeläute erklang, und
einige Stunden später in die Nähe der alten Niederlassung im
sogenannten Hungerhafen.

Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah,
wirklich eine das mittlere Menschenmaß übertreffende Körpergröße haben,
so konnten doch die Passagiere des Aeronefs darüber nicht urtheilen, da
sie ihnen, von dieser Höhe gesehen, als Zwerge erschienen.

Doch welch' Schauspiel bot sich hier während der kurzen Stunden des
südlichen Tages! Steile, zerklüftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte
Spitzen, deren Seiten mit dichten Wäldern bedeckt waren; Binnenseen,
Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben
Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canäle und Furthen, unzählige
Caps und Halbinseln -- all' dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt
durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am
Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten
Ausläufer der Neuen Welt!

Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der "Albatros" wieder
eine völlig südliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel
Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in
gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick
übereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Straße in
einer Höhe von zweitausend Metern beherrscht.

Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Pescheräs oder
Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln.

Wie herrlich und fruchtbar hätten sich diese Gebiete -- vorzüglich
deren mittlerer Theil -- im Sommer gezeigt, wo die Tage fünfzehn bis
sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nämlich Thäler und
Weideplätze, welche Abertausende von Thieren ernähren könnten, nebst
jungfräulichen Wäldern mit riesenhaften Bäumen, mit Weiden, Buchen,
Eschen, Cypressen und blühenden Farrenkräutern; dann wieder Ebenen,
welche große Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und Straußen
bewohnen. Als der "Albatros" seine elektrischen Lichter erglühen ließ,
flatterten auch Papageientaucher, Enten und Gänse -- hundertmal mehr,
als François Tapage's Speisekammer fassen konnte, an Bord.

Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten
verstand, daß es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt
dadurch plötzlich weit mehr Arbeit, als gewöhnlich; mehr Arbeit machte
das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem
interessanten Geflügel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu
rupfen.

Am nämlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte,
auch noch ein ziemlich großer, von prächtigen Waldungen eingerahmter
See. Jetzt lagerte über dem See eine feste Eisdecke und einige
Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell über
dessen Oberfläche hin.

Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nämlich nach
allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie
sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein.

Der "Albatros" steuerte noch immer nach Süden über dem Beagle-Canal
hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name
unter den gewöhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken
etwas auffällig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich
schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von
Dahomeys Küste aus über siebentausendfünfhundert Kilometer
zurückgelegt, schwebte er über die letzten Inseln des
Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Süden über das
schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhörliche wilde Brandung
donnert.



XIV.

In dem der "Albatros" etwas ausführt, was man vielleicht niemals dürfte
ausführen können.



Der nächstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der südlichen
Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der nördlichen
Hemisphäre; außerdem war jetzt auch schon der 56. Breitegrad
überschritten, der im Norden Europas Schottland in der Höhe von
Edinburgh und Südschweden in der von Helsingborg durchschneidet.

Der Thermometer hielt sich auch fortwährend unter 0 Grad, so daß es
sich nöthig machte, die Ruffs durch künstliche Wärme etwas wohnlicher
zu machen.

Es versteht sich von selbst, daß der Tag, wenn er seit dem 21. Juni des
südlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich kürzer
wurde, da der "Albatros" einen Curs nach den Polarregionen einhielt.

Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit über jenem Theile des
Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte also
nur wenig Aussicht und während der Nacht recht empfindliche Kälte. Um
ihr zu widerstehen, mußte man sich nach Art der Eskimos und Fuegier
kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern nicht fehlte,
konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem Verdeck
ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten und
eine dazu günstige Gelegenheit zu erspähen suchten. Uebrigens sahen sie
Robur setzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel mit beiderseitigen
Drohungen, der über Timbuctu stattfand, sprachen der Ingenieur und sie
nicht mit einander.

Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Küche François Tapage's heraus,
der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewährte -- unter der
Bedingung, daß er sich als Hilfskoch nützlich machte. Da das nicht ohne
Vortheil für ihn abging, hatte der Neger sich mit Erlaubniß seines
Herrn gern dazu verpflichtet. So eingeschlossen, sah er ja auch nicht,
was draußen vorging, und konnte sich gegen jede Gefahr geschützt
glauben. Glich er nicht völlig dem thörichten Strauße, nicht allein
physisch durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch
seine kindische Beschränktheit?

Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der "Albatros" sich nun
wenden? Konnte man wohl annehmen, daß er sich im tiefen Winter über
diese südlichen Meere oder über das Festland des Pols hinauswage?
Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die furchtbare
Kälte erstarrten, drohte in dieser eisigen Atmosphäre doch Allen der
Tod -- der schreckliche Tod des Erfrierens. Daß Robur es unternommen
hätte, in der warmen Jahreszeit über den Pol zu fahren, möchte wohl
angehen; inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien
dies dagegen wie der Streich eines Tollhäuslers.

Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftführer des
Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem äußersten Ende der Neuen
Welt entführt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu Amerika, aber
freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehören.

Ja, was hatte dieser unergründliche Robur noch Alles vor? War jetzt
nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstörung des fliegenden
Apparats zu beendigen?

Fiel hierüber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen
fest, daß der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem
Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner
und er selbst den Barometer, diesmal aber nicht zur Abschätzung der
Höhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden Wetterumschlags
zu erkennen.

Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, daß Robur in Erfahrung zu
bringen suchte, wie viel er noch an Vorräthen aller Art, ebenso
derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des
Aeronefs, wie derjenigen für die menschlichen Maschinen besaß, da es
darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu
erhalten.

Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten.

"Umkehr? ... sagte Phil Evans, aber wohin?

-- Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete Onkel
Prudent.

-- Das müßte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel sein, mit
einer, ihres Chefs ganz würdigen Colonie von Verbrechern.

-- Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er wird
nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, über die er
verfügt, dürfte er sein Ziel bald genug erreicht haben.

-- Wir würden jedoch unseren Plan nicht mehr zur Ausführung bringen
können ... wenn er daselbst ankommt ...

-- Er wird nicht ankommen, Phil Evans!"

Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des
Ingenieurs wenigstens zum Theil errathen. Im Laufe des Tages noch
schwand jeder Zweifel, daß der "Albatros", nachdem er die Grenzen des
südlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder rückwärts steuerte.

Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, mußten
sich die südlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz mit Eisfeldern
und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen
undurchdringlichen Wall für die festesten Schiffe, wie für die
tollkühnsten Reisenden.

Gewiß hätte der "Albatros", wenn er seinen Flügelschlag beschleunigte,
diese über den Ocean aufgethürmten Eisberge ebenso überfliegen können,
wie die auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge -- wenn
es überhaupt ein Festland ist, was das Südende der Erdachse überdeckt.
Doch entschieden würde er nicht gewagt haben, inmitten der finsteren
Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, welche sich zuweilen
bis 60 Grad unter Null abkühlen kann.

Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Süden vorgedrungen, wandte
sich der "Albatros" nach Westen, so, als ob er die Richtung nach einer
unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans einschlüge.

Unter ihm breitete sich die flüssige Ebene aus, welche zwischen die
Ländermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die Fluthen
derselben jene eigenthümliche Färbung angenommen, die zum Theil dem
Ocean den Namen des "Milchmeeres" erworben haben. In dem Halbdunkel,
welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen,
erschien die ganze Oberfläche des Stillen Weltmeeres wirklich milchig
weiß. Man hätte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen
Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Höhe nicht zu erkennen wären.
Wäre auch dieser ganze Meerestheil durch die Kälte zu einem einzigen
Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben hätte kaum ein anderer
sein können.

Jetzt weiß man, daß es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende
Körperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwürdig blieb
nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen außerhalb des indischen
Oceans zu begegnen.

Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich
hoch gehalten hatte, fiel er plötzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das
für jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wäre, während der
Aeronef es außer Acht lassen konnte. Jedenfalls ließ dasselbe aber
erkennen, daß in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewässer des
Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte.

Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat.

"Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont?
... Dort, gerade im Norden vor uns ... ein Felsen kann das nicht sein?

-- Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land.

-- Dann muß es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug."

Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner
bezeichneten Punkt hinaus.

Robur ließ sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den
fraglichen Gegenstand.

"Es ist ein Boot, sagte er, und ich möchte behaupten, daß sich Menschen
in demselben befinden.

-- Schiffbrüchige? rief Tom.

-- Ja, Schiffbrüchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff
zu verlassen, erklärte Robur; Unglückliche, welche nicht wissen, wo sie
Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen.
Wohlan, es soll Niemand sagen können, der "Albatros" hätte nicht den
Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!"

Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und
der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Höhe hielt
er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden.

Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing
und das wegen Mangels an Wind nicht vorwärts kommen konnte. Die an Bord
befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu
handhaben.

Auf dem Boden desselben lagen fünf Menschen, die eingeschlafen oder vor
Entkräftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon
ereilt hatte.

Ueber ihnen angekommen, ging der "Albatros" langsam nach unten. Am Heck
des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es
gehört hatte; es war die "Jeannette" von Nantes gewesen, ein
französisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben müssen.

"Aoh!" rief Tom Turner.

Die Leute mußten ihn wohl hören, denn sie befanden sich kaum achtzig
Fuß unter ihm.

Keine Antwort.

"Schießt ein Gewehr ab!" sagte Robur.

Der Befehl wurde ausgeführt und der Knall des Schusses verbreitete sich
weithin über die Oberfläche des Wassers.

Da sah man einen der Schiffbrüchigen sich mühsam aufrichten, seine
Augen lagen tief in ihren Höhlen, so daß das Gesicht mehr dem eines
Skelets ähnelte.

Als er den "Albatros" bemerkte, malte sich in seinen Zügen erst der
helle Schrecken.

"Fürchtet nichts! rief Robur ihm französisch zu. Wir kommen Euch zu
retten. Wer seid Ihr?"

-- Matrosen von der "Jeannette", einer Dreimastbark, deren zweiter
Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen ...
mußten wir dieselbe verlassen ... weil sie schon im Sinken war ...
Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr! ..."

Die vier übrigen Schiffbrüchigen hatten sich nach und nach etwas
erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die
Hände nach dem Aeronef empor.

"Achtung!" rief Robur.

Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Süßwasser
wurde zu dem Boote hinabgesendet.

Die Unglücklichen stürzten darüber her und tranken mit einer Hast,
welche fast widerlich mit anzusehen war.

"Brot! ... Brot!" ... riefen sie.

Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven,
einem Fläschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter.
Der zweite Officier hatte alle Mühe, die Leute bei der Stillung ihres
Hungers nur einigermaßen im Zaum zu halten.

"Wo sind wir denn? fragte er dann.

-- Fünfzig Meilen von der Küste von Chili und dem Chonas-Archipel,
antwortete Robur.

-- Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und ...

-- Wir werden Sie in's Schlepptau nehmen.

-- Wer sind Sie?

-- Leute, die sich glücklich schätzen, daß sie im Stande waren, Euch
Hilfe zu bringen," erwiderte einfach Robur.

Der Mann begriff, daß er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch
war es wirklich möglich, daß diese Maschine Kraft genug besaß, sie zu
schleppen?

Ja; durch Vermittlung eines hundert Fuß langen Kabels wurde das Boot
von dem mächtigen Apparat nach Osten hingezogen.

Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die
Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur
rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel für die Schiffbrüchigen
der "Jeannette", und sie hatten gewiß einiges Recht, ihre Rettung für
ein Wunder zu halten.

Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstraße zwischen den Chonas-Inseln
gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schießen zu lassen,
was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der "Albatros"
steuerte wieder auf die offene See hinaus.

Entschieden besaß er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf
diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten
konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wäre im Stande gewesen,
es ihm nachzuthun? Unter sich mußten auch Onkel Prudent und Phil Evans
das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des
ganzen Zwischenfalls zu leugnen.

Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende
Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und
wann brausten sehr heftige Böen daher, welche in den helikopterischen
Maschinen des "Albatros" ein lautes Pfeifen verursachten und diesen
merkbar aufhielten. Unter solchen Umständen hätte ein Segelschiff schon
die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen müssen. Alles
deutete darauf, daß der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr
des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trüben. Um ein Uhr
Morgens erlangte der Wind eine ungewöhnliche Heftigkeit. Obgleich der
Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn
doch noch forttreiben, so daß er etwa vier bis fünf Meilen in der
Stunde zurücklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen.

Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen
Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im
Atlantischen, Typhon im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und
Tornado an der Westküste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der große
Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren für jedes Fahrzeug, das von
seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin
zunimmt und nur eine Stelle ruhig läßt, den innersten Mittelpunkt
dieses Maelstromes der Lüfte.

Robur wußte das. Er wußte auch, daß es rathsam war, einem Cyclon zu
entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach höheren
Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war
keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren.

In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kämmen
zerrissenen Wellen trugen einen weißlichen Staub über die Meeresfläche
hin. Es war auch zu erkennen, daß der Cyclon beim Fortschreiten mit
rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nähern mußte.

"Hinauf! befahl Robur.

-- Hinauf!" wiederholte Tom Turner.

Dem Aeronef wurde die äußerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob
sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, die
sich nach Südwesten hin senkte.

Da fiel der Barometer noch weiter -- die Quecksilbersäule sank schnell
um acht, dann um zwölf Millimeter. Plötzlich hörte die aufsteigende
Bewegung des "Albatros" vollständig auf.

Was veranlaßte diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft infolge
einer sehr starken Strömung, die von oben nach unten zu stattfand und
den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte.

Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfährt, erzeugt seine Schraube
eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strömende Wasser
zwischen ihren Flügeln hindurchfließt. Dann bleibt er zurück und das
kann so weit gehen, daß er mit der Strömung zurückgeht. In dieser Lage
befand sich jetzt der "Albatros".

Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit
erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die
schnellstmögliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem
Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Während kurzer
Stillen stieg er wieder etwas in die Höhe. Dann zog ihn der schwerere
Luftdruck auf's Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im
Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere
nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des "Albatros"
nur in geringem Umfange unterbrachen?

Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der "Albatros" gewiß
bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen
wurde, welche Bäume entwurzeln, Dächer abdecken und oft ganze Mauern
umwerfen.

Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verständlich machen.
An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans,
ob das schauerliche Meteor nicht für sie eintreten und den Aeronef mit
seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimniß der Erfindung
vernichten würde.

Da es nun dem "Albatros" nicht gelang, sich in lothrechter Richtung
diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den
verhältnißmäßig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr
Herr seiner Manöver war. Gewiß; doch um zu jenem vorzudringen, mußte er
die Kreisströme überwinden, die ihn an ihren Peripherien mit
fortzerrten. Besaß er wirklich genug mechanische Kräfte, sich diesen zu
entreißen?

Plötzlich barsten jetzt die Wolken über ihm; die Dünste verdichteten
sich zu einem furchtbaren Platzregen.

Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwölf Millimeter auf- und
abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die
Höhe, welche der Aeronef über dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen
ist.

Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon außerhalb der Zonen, die er
sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade nördlicher und
dem 27. Grade südlicher Breite. Vielleicht erklärt sich hierdurch,
warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewöhnlichen, ziemlich
geradlinig verlaufenden überging. Doch welcher Orkan wüthete dafür! Der
Windstoß von Connecticut am 22. März 1882 hätte ihm etwa verglichen
werden können, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der
Secunde, d. h. über hundert Meilen in der Stunde, erreichte.

Es blieb jetzt also nichts übrig, als nach rückwärts zu entfliehen, wie
ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strömung mit
forttragen zu lassen, die der "Albatros" nicht überwinden und aus der
er sich nicht befreien konnte. Doch wenn er dieser ihm aufgezwungenen
Straße folgte, floh er nach dem Süden hin und wurde nach den
Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da
er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mußte er ja hingehen, wohin
der Orkan ihn trug.

Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte
aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen
geschleudert zu werden.

Mit den ersten Stunden des Tages -- wenn man den schwachen Schein, der
den Horizont färbte, so nennen konnte -- hatte der "Albatros" vom Cap
Horn her fünfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. über
vierhundert Meilen, und er überschritt nun den Polarkreis.

Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die
kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um
fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlängert sich
diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete
darauf hin, daß sich der "Albatros" wie in einen Abgrund in dieselbe
stürzen müsse.

An diesem Tage hätte eine Beobachtung, wenn eine solche möglich gewesen
wäre, die südliche Breite von 66 Grad 40 Minuten ergeben. Der Aeronaut
befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom antarktischen Pol.

Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel
hingezogen, "verzehrte" seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze
Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol hier eine
noch größere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl
gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure,
daß Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren
beschloß, um diese vor ernsten Beschädigungen zu schützen und doch ein
wenig bei der geringsten möglichen eigenen Geschwindigkeit durch das
Steuerruder wirken zu können.

Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit
größter Kaltblütigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die
Seele des Chefs auch in ihr lebte.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie übrigens ohne
alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen.
Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef
befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit
dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt.

Das südliche Polargebiet umfaßt der gewöhnlichen Angabe nach eine
Fläche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch weiß
man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer
enthält, dessen Eis selbst während der langen Sommerszeit nicht zum
Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, daß der Südpol noch kälter ist,
als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in
ihrer Bahn während des Winters der antarktischen Region abgeleitet
wird.

Während des Tages trat kein Anzeichen ein, daß der Sturm abnehmen
werde. Der "Albatros" gelangte unter den 75. Grad westlicher Länge nach
dem Polargebiete. Wer hätte wissen können, unter welchem Meridian er
wieder aus demselben heraustreten sollte?

Je mehr er nach Süden hinabkam, desto mehr verminderte sich die
Tageslänge. Binnen Kurzem mußte er sich in der fortwährenden Nacht
befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der
Südlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefährten
Robur's liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren
Geheimniß der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat.

Höchst wahrscheinlich kam der "Albatros" nahe dem Polarkreise über
einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen über das
Graham-Land, welches Biscoë 1832 entdeckt hat, und über das Louis
Philipp-Land, das Dumont d'Urville als äußersten Ausläufer des
unbekannten Festlandes 1838 entdeckte.

An Bord litt man zwar nicht besonders von der Kälte, welche nicht so
arg war, als man eigentlich fürchten mußte. Der Orkan schien eine Art
Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wärme mit sich
führte.

Wie bedauerlich war es, daß diese ganze Gegend in Finsterniß lag!
Hierzu kommt noch, daß selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung
sehr beschränkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure
Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberfläche des
Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen "Blink" der
Eismassen, den weißlichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte
nicht widerspiegeln kann. Wie hätte Jemand unter diesen Umständen die
Gestalt von Ländern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von
Inseln zu erkennen vermocht? Wie hätte man sich über das
hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen
orographische Anordnung aufnehmen können, da jetzt alle Hügel, alle
Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse
verschmolzen?

Kurz vor Mitternacht erhellte ein Südpolarlicht einmal die tiefe
Finsterniß. Mit seinen silbernen Ausläufern, seinen weit
hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines
ungeheuren Fächers, der etwa die Hälfte des Himmels einnahm. Die
letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am südlichen
Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von
wirklich unvergleichlicher Großartigkeit und ihre Helligkeit reichte
hin, einen Ueberblick über diese in grenzenloses Weiß verhüllte Gegend
zu gewähren.

Es versteht sich von selbst, daß der Compaß in diesen, dem magnetischen
Südpol so nahe gelegenen Gebieten gänzlich gestört erschien und über
die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklärung geben konnte. Die
Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, daß
Robur annehmen mußte, über diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau
im achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein.

Und später, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des
Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut:

"Jetzt ist der Südpol unter unseren Füßen!"

Wohl sah man eine ganz weiße Fläche, aber nichts verrieth, was sie
unter ihrem Eispanzer bergen mochte.

Das Südpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem
sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken.

Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle,
die er trug, in der geheimnißvollsten Einöde zu begraben, so war jetzt
die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es
daran, daß ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte.

Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, daß der
"Albatros", wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen hätte, daran
unbedingt ebenso zerschellt wäre, wie ein Schiff, das auf eine felsige
Küste geworfen wird.

Augenblicklich vermochte er sich nämlich ebenso wenig horizontal
fortzubewegen, wie er Herr über sein Auf- und Absteigen war.

Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen
Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammenstoß möglich, der die
Vernichtung des ganzen Apparates hätte herbeiführen müssen.

Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu fürchten, als der Wind,
der nach dem Meridian 0 mehr zurückging, weiter nach Osten umschlug.
Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom "Albatros"
entfernt, zwei leuchtende Punkte.

Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der
Roß-, Erebus- und Terrorberge gehören.

Sollte der "Albatros" in den Flammen gleich einem riesigen
Schmetterling verbrennen?

Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der
Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des
Vulcans nicht befreien konnte, loszustürzen ... Sein Flammenbüschel
wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin
erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein
halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen
Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der
dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhüllen würde.

Der Orkan aber, der den "Albatros" mit sich fortriß, rettete ihn auch
vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm
niedergedrückten Flammen des Erebus gaben ihm den gefährlichen Weg
frei, und inmitten eines Hagels von Lavastücken, welche durch die
centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glücklicher Weise
weggeschleudert wurden, kam er glücklich über diesen in voller Eruption
begriffenen Krater hinweg.

Eine Stunde später verdeckte schon der Horizont die beiden colossalen
Flammen, welche das Ende der Welt während der langen Polarnacht
erleuchten.

Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der
Küste der Entdeckung vorüber, ohne diese jedoch erkennen zu können, da
auch sie mit den Polarländern durch festes Eis verkettet war.

Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der "Albatros" unter dem
fünfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der Orkan über
die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich
hundertmal zu zertrümmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand
seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja
der beste Pilot.

Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem,
unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105
Grad bildet.

Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu
erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der "Albatros" wurde
wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine große
Erleichterung gewährte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel,
und um acht Uhr Morgens brach der Tag an.

Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glücklich
entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan überstanden. Sie
waren über das ganze Südpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn
Stunden gegen siebentausend Kilometer zurückgelegt, wieder nach dem
Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine
Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so groß
gewesen, als sie der "Albatros" unter gewöhnlichen Umständen hätte
entwickeln können.

Infolge der Störung des Magnetismus seiner Compaßnadel im Polargebiete,
wußte Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mußte also
warten, bis die Sonne unter hinreichend günstigen Verhältnissen schien,
um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglücklicher Weise bedeckten
dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde überhaupt
nicht sichtbar.

Das war für Alle desto betrübender, weil die beiden Treibschrauben
während des Sturmes einige Beschädigungen erlitten hatten.

Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur während des ganzen
Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er
über den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der
Stunde zurück, denn er mußte sich wohl hüten, die Beschädigungen zu
verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz
vollständig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs über dem
ungeheuren Stillen Ocean eine sehr mißliche. Der Ingenieur fragte sich
auch schon, ob er die nöthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und
Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern.

Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet.

Man erkannte bald, daß das eine Insel war; doch welche von den
Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger
beschloß Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu
gehen. Seiner Ansicht nach mußte ein Tag hinreichen, die Havarien
auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren
zu können.

Der Wind hatte sich -- ein günstiger Umstand zur Ausführung jenes
Vorhabens -- fast vollständig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte
der "Albatros" wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen
werden.

Man ließ also ein mit einem Anker versehenes hundertfünfzig Fuß langes
Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der
Insel kam, faßte der Anker an den ersten Klippen desselben und legte
sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter
der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der "Albatros" blieb
unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde.

Es war das erste Mal, daß er seit der Abfahrt aus Philadelphia
überhaupt mit der Erde in Berührung kam.



XV.

Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewiß der Mühe lohnt.



Als der "Albatros" noch in genügend hoher Luftschicht schwebte, konnte
man erkennen, daß diese Insel von mittlerer Größe war. Doch welcher
Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war
man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens
(Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange
unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun
nicht im Stande gewesen war, Compaßangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er
doch Ursache, zu glauben, daß er sich über dem Stillen Ocean befinde.
Sobald nur die Sonne erschien, mußten die Umstände zu einer genauen
Beobachtung höchst günstige sein.

Von dieser Höhe -- von etwa fünfhundert Fuß -- aus zeigte sich die,
gegen fünfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der
Form eines dreispitzigen Seesterns.

Vor deren Südspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein
Felsengewirr anschloß. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth
zurückgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur's bezüglich seiner
augenblicklichen Lage zu bestärken schien, da die Gezeiten im Stillen
Ocean fast gleich Null sind.

An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelförmiger Berg, dessen Höhe
auf zwölfhundert Fuß zu schätzen war.

Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch
am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie
diesen überhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlaßt, sich zu
verbergen oder zu entfliehen.

Der "Albatros" hatte die Südostspitze der Insel berührt. Unfern
derselben schlängelte sich in beschränkter Bucht ein Flüßchen durch die
Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Thäler mit verschiedenen
Baumarten und zahlreichem wilden Geflügel, vorzüglich Rebhühner und
Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also
mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft hätte Robur hier an's Land gehen
können, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, daß der
sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des
Aeronefs zu bieten schien.

Vor dem Wiederaufsteigen ließ der Ingenieur die nothwendigsten
Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen
hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben
hatten selbst gegenüber der größten Heftigkeit des Orkans vortrefflich
functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben
sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die Hälfte des
Auftriebsmechanismus in Thätigkeit, doch hinreichend viel, um das
lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten.

Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar
mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens mußten deren Schaufeln
wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die
Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden.

Die Mannschaft beschäftigte sich unter der Leitung Robur's und Tom
Turner's mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter für
den Fall, daß der "Albatros" aus irgend welchem Grunde genöthigt sein
könnte, vor völliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und
man schon mit diesem Propeller allein nöthigenfalls eine genügende
Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte.

Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf
der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen.

Frycollin zeigte sich jetzt merkwürdig beruhigt. Welcher Unterschied,
nur noch hundertfünfzig Fuß über dem Erdboden zu schweben!

Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne über
dem Horizonte zunächst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit
ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete.

Als Resultat der mit größter Sorgfalt ausgeführten Beobachtung ergab
sich da eine

  Länge von 176° 17' westlich von Greenwich,
  Breite von 43° 37' südlich vom Aequator.

Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande
Viff, welche Gruppe gewöhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln
bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fünfzehn Grade östlich von
Tawai-Pomanu, der südlich gelegenen Inselhälfte Neuseelands im Süden
des Stillen Oceans.

"Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung überein, sagte Robur zu Tom
Turner.

-- Und wir befinden uns demnach ...?

-- Sechsundvierzig Grade südlich der Insel X, das heißt gegen
zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt.

-- Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen,
antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin könnten wir leicht
widrige Winde antreffen, und mit Rücksicht auf unsere jetzt nur
geringen Proviantvorräthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so
schnell als möglich wieder anzulaufen.

-- Gewiß, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder
aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube,
während die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht würde.

-- Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren
Diener ...?

-- Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, hätten sie darüber sich zu
beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?"

Was war denn eigentlich diese Insel X? -- Eine in dem grenzenlosen
Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis
des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu
ihrem Namen erwählt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem
weiten Meere der Marquisen außerhalb aller Wege des interoceanischen
Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begründet, da rastete der
"Albatros", wenn er von seinem Fluge ermüdet war, und da versah er sich
auch mit allem Nothwendigen für seine fast unaufhörlichen Reisen. Auf
dieser Insel X hatte Robur, der über reichliche Hilfsmittel verfügte,
eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen können. Hier konnte er
denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine
strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorräthen aller Art,
welche hier mit Unterstützung der gegen fünfzig Köpfe zählenden
Einwohnerschaft aufgehäuft wurden.

Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht
gewesen, sich schräg über den Stillen Ocean nach der Insel X zu
begeben. Da hatte aber die Cyklone den "Albatros" in ihren Wirbel
gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach südlicheren Zonen
verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprüngliche
Fahrtrichtung gedrängt worden, und abgesehen von den Beschädigungen
seiner Triebschrauben, wäre dieser Verzögerung keine besondere
Bedeutung beizumessen gewesen.

Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurückbegeben, doch war,
wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein
recht weiter, und höchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen
widrige Winde anzukämpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller
mechanischen Kraft des "Albatros", um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu
erreichen. Bei einigermaßen guter Witterung und bei der gewöhnlichen
Fahrtgeschwindigkeit hätte das sonst nur drei bis vier Tage
beansprucht.

Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam
entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter
günstigeren Verhältnissen wieder ausbessern konnte. Er fürchtete dann
nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob,
nach Süden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden zu fahren
wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf
also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den
Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen,
einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu
beginnen.

Es liegt auf der Hand, daß das die einfachste Methode war und
entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn
auch sogleich verfolgt.

Im Bewußtsein, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die
Mannschaft des "Albatros" entschlossen an diese Arbeit.

Und während die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschäftigt waren,
führten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen
von ganz außerordentlicher Bedeutung sein sollten.

"Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das
Leben zum Opfer zu bringen?

-- Ja, gleich Ihnen!

-- Und noch einmal, es liegt auf der Hand, daß wir von diesem Robur
nichts zu hoffen haben.

-- Nichts!

-- Nun wohl, Phil Evans, mein Entschluß ist gefaßt. Da der "Albatros"
noch heute spät Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen,
ohne daß unser Werk vollbracht wäre. Wir werden dem Vogel des Ingenieur
Robur die Flügel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft
zersprengt!

-- Haben Sie auch alles dazu Nöthige in Bereitschaft?

-- Gewiß. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um
die Rettung des Aeronefs bemühten, gelang es mir, in die
Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen.

-- So lassen Sie uns unverzüglich an's Werk gehen, Onkel Prudent ...

-- Nein, erst heute am Spätabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen
wir uns nach unserer Wohnung zurück und Sie übernehmen die Wache, daß
mich bei den Vorbereitungen Niemand überrascht."

Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise.
Zwei Stunden später hatten sie sich nach ihrer Cabine zurückgezogen,
als wollten sie sich für die letzte schlaflose Nacht schadlos halten.

Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten
ahnen, welche Katastrophe den "Albatros" bedrohte.

Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausführung zu
schreiten:

Wie schon erwähnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer
einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des
Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers
und einer Patrone bemächtigt, die ganz mit denen übereinstimmte, deren
sich der Ingenieur früher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine
zurückgekehrt, hatte er die Patrone sorgfältig versteckt, mit der der
"Albatros", wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lüfte wieder
begonnen, gesprengt werden sollte.

Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten
Explosionskörper.

Dieser bestand aus einer längeren Hülse, deren metallene Wand etwa ein
Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine
hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reißen und sein
vielfältiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstören. Vernichtete ihn die
Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mußte der Sturz in die Tiefe
das Zerstörungswerk vollenden. Die Form und Größe der Patrone
begünstigten es übrigens außerordentlich, diese in einer Ecke der
Cabine so anzubringen, daß sie die Plattform unbedingt durchschlug und
ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion
konnte nun aber nur durch das Zündhütchen, mit dem die Patrone
ausgerüstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil
des ganzen Vorhabens, denn dieses Zündhütchen sollte nur nach
vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden.

Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaßen gedacht: Gleich
nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte
der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber
geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Robur mit seinen
Leuten nach dem Hinterdeck kommen würde, um auch die hintere
Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der
gesammten Mannschaft an der Nähe der Cabine aber konnte Onkel Prudent
leicht bei seiner Thätigkeit stören. Deshalb hatte er sich zur
Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die
Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen.

Er sprach sich darüber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus:

"Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver
mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren
Länge mit ihrer gewünschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen
sein wird und deren Ende ich in dem Zündhütchen zu befestigen gedenke.
Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuzünden und
die Explosion zwischen drei und vier Uhr früh erfolgen zu lassen.

-- Gut ausgedacht!" antwortete Phil Evans.

Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin
gelangt, mit größter Kaltblütigkeit das schreckliche Vernichtungswerk
zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen
eben eine solche Summe von Haß gegen Robur und seine Leute in sich, daß
ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu groß erschien,
nur um den "Albatros" und Alle, die er mit durch die Lüfte führte, mit
einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, daß diese That ein sinnloses,
ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fünf Wochen eines nie zum
Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besänftigten stillen Wuth ließen
sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten.

"Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne
ihn zu fragen, auch über sein Leben zu verfügen?

-- Wir opfern ja auch das unsrige," entgegnete Onkel Prudent.

Es dürfte zweifelhaft sein, daß Frycollin das als stichhaltigen Grund
angesehen hätte.

Onkel Prudent ging also sofort an's Werk, während Phil Evans vor dem
Ruff Wache hielt.

Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil beschäftigt und eine
Ueberraschung vorläufig also kaum zu fürchten.

Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu
verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, füllte er es, um
eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten
Schlauch. Durch eine vorläufige Probe überzeugte er sich, daß diese
binnen zehn Minuten fünf Centimeter weit verglimmte, bei der Länge von
einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mußte. Er löschte
die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und führte das
Ende derselben in das Zündhütchen ein.

Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn
Uhr Abends vollendet.

Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine.

Während derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Triebschraube
eifrig gefördert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen müssen,
um die jetzt falsch gebogenen Flügel abheben zu können.

Weder Batterien, noch Accumulatoren, überhaupt nichts, was zur
Erzeugung der mechanischen Kraft des "Albatros" gehörte, hatte durch
die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war noch für vier
bis fünf Tage hinreichender Kraftvorrath vorhanden.

Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit
unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger
Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistündigen
Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach
kurzer Rücksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafür,
seinen von der gehabten Anstrengung erschöpften Leuten einige Erholung
zu gönnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun
übrig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt
erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, während die Positionslaternen
dazu nur ungenügendes Licht hätten liefern können.

Hiervon wußten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach
den ihnen zu Ohren gekommenen Aeußerungen Robur's mußten sie
voraussetzen, daß die vordere Triebschraube vor Einbruch der Nacht
schon wieder völlig in Stand gesetzt sei und der "Albatros" seine Fahrt
nach Norden unverzüglich angetreten habe. Sie hielten diesen also für
losgelöst von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt.
Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar
nicht geahnte Wendung geben.

Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterniß schwere Wolken
nur noch tiefer machten. Von Südwesten her wehte dann und wann ein
leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den "Albatros" nicht von der
Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen
senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte.

In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein
College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der
Auftriebsschrauben, das jedes andere Geräusch an Bord übertönte, und
erwarteten nun den Augenblick zum Handeln.

Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent:

"Es ist nun Zeit!"

Unter den Lagerstätten der Cabine befand sich ein schubladenartiger
Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone
gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch
auffälligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent
zündete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter
das Bett zurück.

"Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten."

Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann
nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen.

Da bog sich Phil Evans über das Deck hinaus.

"Der "Albatros" schwebt noch am nämlichen Orte, sagte er leise. Die
Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren können."

Ueber Onkel Prudent's Gesicht lief ein Zug der Enttäuschung.

"So müssen wir die Lunte löschen, sagte er.

-- Nein ... aber uns retten! erwiderte Phil Evans.

-- Uns retten?

-- Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfünfzig
Fuß hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten.

-- Nichts, bestätigte Onkel Prudent, und wir wären reine Thoren, eine
so unerwartet günstige Gelegenheit unbenützt zu lassen."

Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurück und
versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines kürzeren oder
längeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedürfen zu können.
Nachdem sie die Thür wieder geschlossen, schlichen sie möglichst
geräuschlos nach dem Vorderdeck.

Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht
mit ihnen veranlagen.

Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenströmung von Südwesten wurde
etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker,
indem er, so weit es das gespannte Kabel zuließ, leicht in verticaler
Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten
zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei Männer abzuschrecken,
die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu
wegzuwerfen.

Beide schlichen also über das Deck hin und standen zuweilen, geschützt
durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Geräusch
vernehmbar werde. Nein ... Alles still. Kein Schein zitterte durch die
Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war
vielmehr in Schlaf versunken.

Onkel Prudent und sein Begleiter näherten sich schon der Cabine
Frycollin's, als Phil Evans plötzlich stehen blieb.

"Der Wachtposten!" sagte er.

Wirklich lag ein Mann in der Nähe eines der Ruffs. Offenbar konnte
derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser
Lärm schlug, mußte die Flucht unmöglich werden.

Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstücke und Werg, was Alles
bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war.

Eine Minute später war der Mann geknebelt, über und über eingewickelt
und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so daß er weder einen
Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte.

Alles das vollzog sich fast ohne jedes Geräusch.

Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt ... Selbst im Inneren
der Ruffs ließ sich kein Laut hören. Was an Bord war, lag in festem
Schlafe.

Die beiden Flüchtlinge -- denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben
-- kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. François Tapage
ließ ein höchst beruhigendes Schnarchen vernehmen.

Zur größten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thür Frycollin's
nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen
Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurück.

"Da ist Niemand d'rin, flüsterte er.

-- Niemand ... Wo könnte er sein?" murmelte Phil Evans.

Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin
möchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein.

Auch hier fand sich Niemand.

"Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? ... fragte Onkel
Prudent.

-- Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir können
unbedingt nicht länger warten. Vorwärts!"

Ohne Zögern packten die Flüchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit
den Händen und hielten sich auch mit den Füßen daran fest, dann glitten
sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder.

Welches Entzücken für sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange
gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein
Spielball der Luft zu sein!

Sie suchten eben, längs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem
Inneren der Insel zu gelangen, als sich plötzlich vor ihnen ein
Schatten erhob.

Das war Frycollin.

Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn
gekommen war, und sogar die Kühnheit, denselben ohne jede Meldung
vorher zur Ausführung zu bringen.

Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel
Prudent drängte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren
Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb.

"Hören Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt außer dem
Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem
schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, daß er ihn verdient hat.
Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwören wollte, von jedem Versuche,
uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen ...

-- Die Ehre eines solchen Mannes ..."

Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des "Albatros"
entstand eine auffällige Bewegung.

Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt
worden.

"Hierher, hierher," rief eine Stimme.

Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhüllung doch hatte
abstreifen können. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre
elektrischen Strahlen über einen weiten Umkreis.

"Da sind sie! Da unten!" rief Tom Turner.

Die Flüchtlinge waren erkannt worden.

Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur's hin die
Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des
Ankertaues begann der "Albatros" sich der Erde zu nähern.

In diesem Augenblick ließ sich deutlich die Stimme Phil Evans'
vernehmen:

"Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf
dieser Insel frei zu lassen?

-- Niemals!" entgegnen Robur bestimmt.

Diese Antwort begleitete überdies der Knall eines Gewehres, dessen
Geschoß die Schulter Phil Evans' streifte.

"Ah, diese Schurken!" rief Onkel Prudent.

Sein Messer in der Hand, stürzte er damit schon nach dem Felsen,
zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich
nur noch fünfzig Fuß über der Erde.

Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen
merklich aufgefrischte Brise, die den "Albatros" in schiefer Richtung
traf, führte diesen nach Nordosten über das Meer hinaus.



XVI.

Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewißheit läßt.



Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Noch fünf bis sechs
Flintenschüsse krachten von dem Aeronef herunter. Phil Evans
unterstützend, hatten sich Onkel Prudent und Frycollin unter den Schutz
der Felsen geflüchtet, ohne von einer Kugel verletzt zu werden. Für den
Augenblick hatten sie nichts mehr zu fürchten.

Zunächst wurde der "Albatros", während er sich gleichzeitig von der
Insel Chatam entfernte, zu einer Höhe von neunhundert Metern
emporgetrieben. Er hatte seine Aufstiegsschnelligkeit vergrößern
müssen, um nicht in's Meer zu fallen.

In dem Augenblick, als der von seiner Emballage befreite Wachtposten
den ersten Ausruf ausgestoßen hatte, waren Robur und Tom Turner auf ihn
zugeeilt und hatten ihn vollends von der den Kopf umschließenden
Leinwandhülle befreit und seine Fesseln gelöst. Darauf stürzte der
Obersteuermann gleich nach der Cabine des Onkel Prudent und Phil Evans,
fand diese aber leer.

François Tapage hatte inzwischen die Cabine Frycollin's durchsucht;
auch in dieser war Niemand mehr.

Als Robur die Ueberzeugung gewann, daß seine Gefangenen ihm entronnen
waren, ergriff ihn der heftigste Zorn. Mit dem Entweichen des Onkel
Prudent und Phil Evans' war sein Geheimniß und seine Persönlichkeit
aller Welt offenbart. Wegen jenes bei der Fahrt über Europa
herabgeworfenen Schriftstückes hatte er sich deshalb weit weniger Sorge
gemacht, weil er annehmen durfte, daß dasselbe beim Niederfallen
überhaupt verloren gegangen sei ... Jetzt lag die Sache aber ganz
anders.

Dann suchte er sich wieder zu beruhigen.

"Sie sind vorläufig zwar entflohen, sagte er sich; da sie von der Insel
Chatam aber vor Ablauf einiger Tage nicht wegkommen können, so werde
ich dahin zurückkehren. Ich werde sie suchen ... sie wieder einfangen
... und dann ..."

In der That konnten sich die drei Flüchtlinge noch keineswegs als
gerettet betrachten. Erlangte der "Albatros" erst seine
Manövrirfähigkeit wieder, so erschien er sicherlich wieder bei der
Insel Chatam, von der Jene schwerlich zeitig genug zu entkommen
vermochten. Schon vor Verlauf von zwölf Stunden konnten sie ungünstigen
Falles dem Ingenieur wieder in die Hände gerathen sein.

Vor Verlauf von zwölf Stunden? Aber binnen zwei Stunden sollte der
"Albatros" ja vernichtet sein! Glich jene Dynamitpatrone nicht einem an
seiner Wand befestigten Torpedo, der das Zerstörungswerk mitten in der
Luft vollführen sollte?

Inzwischen wurde der Aeronef von der noch mehr sich versteifenden Brise
weiter nach Nordost hin getrieben und mußte mit Sonnenaufgang die Insel
Chatam unbedingt aus dem Gesichte verloren haben.

Um gegen den Wind aufkommen zu können, hätten seine Triebschrauben,
mindestens die eine am Vordertheil, zu functioniren im Stande sein
müssen.

"Tom, rief der Ingenieur, laßt die Signallaternen so hell als möglich
leuchten.

-- Sogleich, Master Robur.

-- Und dann Alle an die Arbeit!

-- Alle!" wiederholte der Obersteuermann.

Jetzt konnte nicht mehr davon die Rede sein, die Vollendung der
nöthigen Reparaturen bis zum anderen Morgen aufzuschieben. Auf dem
"Albatros" gab es keinen Mann, der nicht den Eifer seines Chefs
getheilt, keinen einzigen, der nicht das Verlangen gehabt hätte, die
Flüchtlinge wieder zu ergreifen. Sobald die vordere Triebschraube
richtig eingesetzt war, wollte man nach Chatam umkehren, sich daselbst
vor Anker legen und die Spur der Entflohenen verfolgen. Erst nachher
sollte die Ausbesserung der hinteren Schraube vorgenommen werden, damit
der Aeronef dann mit aller Sicherheit seine Reise über den Stillen
Ocean und nach der Insel X ausführen könne.

Jedenfalls erschien es von Bedeutung, daß der "Albatros" nicht allzu
weit nach Nordost verschlagen würde. Leider wurde der Wind aber immer
stärker und er konnte gegen denselben jetzt nicht aufkommen, ja, sich
nicht einmal an ein und derselben Stelle erhalten. Seiner
Triebschrauben beraubt, war er eben zum unlenkbaren Aerostaten
geworden. Die noch an der Küste weilenden Flüchtlinge konnten sich noch
überzeugen, daß er vollständig außer Sicht gekommen war, ehe die
vorbereitete Explosion ihn in Stücke riß.

Der jetzige Zustand der Dinge flößte Robur doch einige Beunruhigung
ein, da er nur mit ziemlich bedeutender Verzögerung nach der Insel
Chatam zurückzukehren hoffen durfte. Er entschloß sich deshalb, während
alle Hände mit der so nothwendigen Ausbesserung beschäftigt waren, sich
tiefer niederzulassen, in der Erwartung, damit eine schwächere
Luftströmung anzutreffen. Vielleicht konnte sich der "Albatros" in
diesen Schichten wenigstens an der Stelle erhalten, bis er wieder
eigene Kraft genug zu äußern vermochte, um gegen die Brise mit Erfolg
anzukämpfen.

Dieses Manöver wurde auch sogleich ausgeführt. Wenn jetzt ein Schiff in
der Nähe gewesen wäre, wie würde dessen Mannschaft erschrocken sein
beim Anblick der Evolutionen dieses gewaltigen Apparates?

Als der "Albatros" nur noch wenige hundert Fuß über der Meeresfläche
schwebte, wurde sein Niedergang aufgehalten.

Leider mußte sich Robur überzeugen, daß der Wind in diesen niederen
Zonen nur noch heftiger wehte und der Aeronef also mit noch größerer
Schnelligkeit dahin getrieben wurde. Er lief hiermit natürlich Gefahr,
sehr weit nach Nordost verschlagen zu werden, was die Rückkehr nach der
Insel Chatam noch mehr verzögern mußte.

Nach diesen vergeblichen Versuchen wurde daher wieder beschlossen, sich
mehr in den oberen Lagen der Atmosphäre zu erhalten, wo das Luftmeer in
besserem Gleichgewicht und deshalb weniger bewegt war. Der "Albatros"
stieg also wieder zu einer mittleren Höhe von dreitausend Meter empor.
Blieb er hier auch nicht stationär, so trieb er doch wenigstens nur
langsam weiter. Der Ingenieur konnte also hoffen, daß er bei
Tagesanbruch und von dieser Höhe aus die Insel, deren geographische
Lage er übrigens mit vollkommener Sicherheit aufgenommen hatte, noch
werde sehen können.

Darum, ob die Flüchtlinge Seitens der Eingeborenen -- im Fall die Insel
bewohnt war -- einen freundlichen Empfang gefunden hatten, oder nicht,
machte Robur sich keine weitere Sorge. Ob ihnen die Inselbewohner
hilfreich beistanden, war für ihn ziemlich belanglos. Durch die
Angriffswaffen, über die der "Albatros" verfügte, würden sie sicherlich
erschreckt und schnell zerstreut werden. Die Wiedererlangung der
Gefangenen war also eine leichte Aufgabe, und einmal ergriffen ...

"Nun, von der Insel X entflieht Niemand!" sagte Robur.

Eine Stunde nach Mitternacht war die vordere Triebschraube wieder in
Stand gesetzt. Es erübrigte nun bloß noch die Montirung derselben, d.
h. die gehörige Anbringung derselben an der Welle, was eine weitere
Stunde Arbeit erforderte. Nachher sollte der "Albatros", den Bug nach
Südwest gerichtet, sogleich abfahren und die Reparatur der hinteren
Triebschraube in Angriff genommen werden.

Aber die Lunte, welche in der verlassenen Cabine glimmte, diese Lunte,
von der schon der dritte Theil aufgezehrt war! ... Und jener Funken,
der sich mehr und mehr der Dynamitpatrone näherte! ...

Wäre die Mannschaft des Aeronefs nicht gar so dringlich beschäftigt
gewesen, so hätte doch vielleicht Einer das schwache Knistern
wahrgenommen, welches jetzt dann und wann in dem Ruff entstand;
vielleicht hätte er auch den Geruch verbrannten Pulvers bemerkt. Das
hätte ihn sicherlich so beunruhigt, daß er dem Ingenieur davon
Mittheilung machte. Bei genauer Nachforschung konnte dann der Kasten,
in dem der explodirende Körper verborgen war, nicht unentdeckt bleiben.
Es wäre also noch Zeit gewesen, den wunderbaren "Albatros" und Alle,
die er trug, zu retten.

Die Leute arbeiteten aber auf dem Vorderdeck und wenigstens zwanzig
Meter entfernt von dem Ruff der Entflohenen. Noch rief sie nichts nach
diesem Theile des Decks, sowie nichts sie von einer Beschäftigung
ablenken konnte, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Robur legte als geschickter Mechaniker persönlich Hand mit an. Er
betrieb die Arbeit, ohne doch irgendwie zu vernachlässigen, daß Alles
mit größter Sorgfalt ausgeführt wurde, da es ihm ja darauf ankam,
seines Apparates vollständig Herr zu werden. Gelang es ihm nicht, die
Gefangenen bald wieder in seine Gewalt zu bringen, so fanden diese
voraussichtlich Gelegenheit, in ihr Vaterland zurückzukehren. Dann
wurden jedenfalls Nachforschungen angestellt und die Insel X konnte
dabei möglicher Weise aufgefunden werden; damit aber wäre das Ende der
Existenz gekommen, welche sich die Leute, die der "Albatros" trug,
geschaffen hatten -- das Ende dieser übermenschlichen, so zu sagen
hocherhabenen Lebensweise.

Eben jetzt trat Tom Turner an den Ingenieur heran. Es war ein Viertel
nach ein Uhr.

"Master Robur, begann er, mir scheint, die Brise hat Neigung abzuflauen
und mehr nach Westen umzuschlagen.

-- Und was zeigt der Barometer? fragte Robur, nachdem er den Himmel
flüchtig betrachtet.

-- Er hält sich ziemlich genau auf demselben Punkte, antwortete der
Obersteuermann. Außerdem kommt es mir vor, als ob die Wolkenlagen unter
dem "Albatros" sich senkten.

-- Ganz recht, Tom Turner, und in diesem Falle wäre es nicht
unwahrscheinlich, daß über dem Meere jetzt Regen fiele. Bleiben wir
jedoch über der Regenzone schweben, so kümmert uns das ja nicht, und
wir werden an der Vollendung unserer Arbeiten dadurch nicht gestört
werden.

-- Wenn jetzt Regen fällt, meinte Tom Turner, so kann es nur ein ganz
feiner sein -- die Form der Wolken läßt das wenigstens muthmaßen -- und
höchst wahrscheinlich legt sich tiefer unten der Wind bald gänzlich.

-- Ohne Zweifel, Tom, antwortete Robur. Immerhin scheint es mir
zweckmäßiger, noch nicht hinunter zu gehen. Beeilen wir uns erst, alle
erlittenen Beschädigungen auszubessern, dann können wir ja nach
Belieben manövriren, und das ist die Hauptsache."

Wenige Minuten nach zwei Uhr war der erste Theil der Arbeit vollendet.
Nach Wiedereinsetzung der vorderen Triebschraube wurden die jene
treibenden Batterien in Thätigkeit gesetzt. Nach und nach beschleunigte
sich die Bewegung des "Albatros", und, den Bug nach Südwest gerichtet,
kehrte er mit mittlerer Geschwindigkeit in der Richtung nach der Insel
Chatam zurück.

"Tom, sagte Robur, es mögen etwa zweieinhalb Stunden verflossen sein,
seit wir nach Nordost hin getrieben wurden. Die Windrichtung hat sich,
wie mir Compaßbeobachtungen lehrten, seitdem nicht geändert. Ich
schätze also, daß wir binnen höchstens einer Stunde die Gestade der
Insel wieder gefunden haben können.

-- Ich glaub' es auch, Master Robur, antwortete der Obersteuermann,
denn wir bewegen uns jetzt mit einer Schnelligkeit von zwölf Meter in
der Secunde vorwärts. Zwischen drei und vier Uhr Morgens müßte der
"Albatros" seinen Ausgangspunkt demnach wieder erreichen.

-- Das wäre desto besser, Tom, erwiderte der Ingenieur. Wir haben ein
Interesse daran, noch während der Nacht einzutreffen und ungesehen an's
Land zu kommen. Die Flüchtlinge halten uns für weit nach Norden
verschlagen und sind jetzt gewiß nicht auf ihrer Hut. Wenn der
"Albatros" ganz nahe der Erde hingleitet, werden wir versuchen, uns
hinter einigen hohen Felsen der Insel zu verbergen. Müßten wir dann
selbst mehrere Tage bei Chatam verweilen ...

-- So bleiben wir eben da, Master Robur, und hätten wir auch gegen eine
ganze Armee von Eingeborenen zu kämpfen ...

-- So kämpfen wir, Tom, kämpfen wir für unseren "Albatros"!"

Der Ingenieur wandte sich zu seinen neue Anordnungen erwartenden Leuten
zurück.

"Liebe Freunde, sagte er, noch ist die Stunde der Ruhe nicht gekommen,
wir müssen bis zum Anbruch des Tages thätig sein."

Alle erklärten sich bereit.

Jetzt galt es, an der hinteren Triebschraube dieselben Reparaturen
vorzunehmen, welche an der vorderen schon ausgeführt waren. Es handelte
sich dabei um die gleichen Beschädigungen, die auch die nämliche
Ursache, jener Orkan bei der Fahrt über den antarktischen Continent,
veranlaßt hatte.

Um diese Schraube hereinzuholen, erschien es rathsam, die Fahrt des
Aeronefs während einiger Minuten zu unterbrechen oder ihm selbst eine
Rückwärtsbewegung zu ertheilen. Auf ein Zeichen Robur's legte der
Hilfsmechaniker die Maschine um, indem er die vordere Schraube sich in
entgegengesetztem Sinne drehen ließ, so daß der Aeronef -- um den
seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen -- "über Steuer zu gehen" anfing.

Schon wollten sich Alle nach dem Hinterdeck begeben, als Tom Turner ein
eigenthümlicher Geruch auffiel.

Es waren die in dem Kasten jetzt angehäuften Gase der Lunte, welche aus
der Cabine der Flüchtlinge hervordrangen.

"Hm ...? machte der Obersteuermann.

-- Was giebt es? fragte Robur.

-- Riechen Sie nichts? Man könnte sagen, es müsse Pulver brennen.

-- Ihr habt Recht, Tom!

-- Und dieser Geruch dringt aus dem letzten Ruff.

-- Ja ... sogar aus derselben Cabine ...

-- Sollten die Elenden auch noch Feuer angelegt haben?

-- Und wenn es nicht nur Feuer wäre? ... rief Robur. Stoßt die Thür
ein, Tom, stoßt sie ein!"

Der Obersteuermann ging aber kaum daran, diesem Befehle nachzukommen,
als eine furchtbare Explosion den "Albatros" erschütterte. Die Ruffs
flogen in Stücke. Die elektrischen Lampen verlöschten, da ihnen der
Strom plötzlich fehlte, und es ward vollständig finster. Doch wenn auch
gleichzeitig die meisten Auftriebsschrauben verbogen oder theilweise
zertrümmert und dadurch wirkungslos geworden waren, so drehten sich
wenigstens noch mehrere nahe dem Bug ungestört weiter.

Pötzlich öffnete sich auch der Aeronef ein wenig hinter dem ersten
Ruff, dessen Accumulatoren noch immer die vordere Triebschraube in
Thätigkeit erhielten, und der hintere Theil des Decks senkte sich
ebenso schnell nach abwärts. Fast gleichzeitig standen die hinteren
Auftriebsschrauben still und der "Albatros" stürzte in die Tiefe hinab.

Das bedeutete für die acht Männer, welche sich gleich Schiffbrüchigen
an dieses Wrack klammerten, einen Sturz von dreitausend Metern.

Derselbe mußte obendrein noch um so schneller erfolgen, als die vordere
Triebschraube, deren Achse jetzt senkrecht stand, noch immer arbeitete.

Da ließ sich Robur, der in dieser verzweifelten Lage eine ganz
außerordentliche Kaltblütigkeit an den Tag legte, bis zu dem halb
weggesprengten Ruff gleiten, ergriff den Steuerungshebel und veränderte
sofort die Drehungsrichtung der Schraube, welche nun statt vorwärts
nach aufwärts trieb.

Der Absturz wurde dadurch zwar nicht aufgehalten, aber doch wenigstens
verlangsamt; das Wrack fiel nicht mehr mit der zunehmenden
Geschwindigkeit nieder, welche alle nur der Wirkung der Schwerkraft
unterworfenen Körper zeigen. Und wenn auch allen lebenden Wesen auf dem
"Albatros" noch immer der Tod drohte, weil sie rettungslos in's Meer
stürzen mußten, so war es doch nicht mehr der Tod durch Erstickung
inmitten der wegen rasender Schnelligkeit des Falles unathembar
werdenden Luft.

Vierundzwanzig Secunden nach der Explosion war, was vom "Albatros" noch
übrig war, in den Fluthen versunken.



XVI.

Worin der Leser um zwei Monate rückwärts und auch um neun Monate
vorwärtsgeführt wird.



Einige Wochen früher, am 13. Juni, d. h. am Tage nach der denkwürdigen
Sitzung, während der es im Weldon-Institut zu so stürmischen
Verhandlungen gekommen war, herrschte unter allen Classen der Bewohner
von Philadelphia, unter den Negern wie den Weißen, eine leichter zu
constatirende, als zu beschreibende Aufregung.

Schon in den ersten Morgenstunden unterhielt man sich überall von den
unerwarteten, lärmenden Zwischenfällen der Sitzung des letzten Abends.
Ein Eindringling, der Ingenieur zu sein angab, ein Ingenieur, der den
an sich unwahrscheinlichen Namen Robur -- Robur der Sieger! -- führen
wollte, eine Persönlichkeit von unbekannter Herkunft und namenloser
Nationalität hatte sich unerwartet im Sitzungssaale vorgestellt, die
Ballonisten mit gröblichen Reden beleidigt, Diejenigen, welche der
Lenkbarkeit von Aerostaten huldigten, verspottet, und hatte dagegen die
Vorzüge von specifisch schwereren Apparaten gepriesen, ein
verächtliches Hohnlachen unter dem wildesten Getöse ausgeschlagen und
zu Drohungen geradezu herausgefordert, um diese seinen Gegnern wieder
als Antwort in's Gesicht zu schleudern. Endlich war er, nachdem er den
Rednerstuhl unter dem Knattern von Revolvern geräumt, verschwunden, und
trotz aller Nachforschungen hatte man keine weiteren Spuren von ihm
entdeckt.

Natürlich waren solche Vorfälle dazu angetan, alle Zungen zu wetzen und
der Phantasie ein weites Feld zu eröffnen. Daran sollte es denn auch
weder in Philadelphia, noch in den sechsunddreißig anderen Staaten der
Union fehlen, ja eigentlich wurde sogar die Alte Welt dadurch nicht
minder erregt, wie die Neue Welt.

Wie mußte sich diese allgemeine Aufregung aber noch steigern, als es am
Abend des 13. Juni stadtkundig wurde, daß weder der Vorsitzende, noch
der Schriftführer des Weldon-Instituts bis dahin in ihre Wohnungen
zurückgekehrt waren, und hierbei handelte es sich um zwei geachtete,
gelehrte Männer von verhältnißmäßig hoher Stellung. Am Vorabend noch
hatten sie den Sitzungssaal verlassen als Bürger, welche ruhig nach
ihrem Heim zurückzukehren denken, als Hagestolze, deren Nachhausekunft
kein mürrisch gerunzeltes Gesicht verbittert hätte. Sollten Sie
vielleicht gar absichtlich verschwunden sein? Nein: mindestens hatten
sie nichts geäußert, was zu diesem Glauben hätte verführen können; ja,
es war sogar besprochen worden, daß sie schon am nächsten Tage wieder
nach dem Bureau des Clubs kommen und die gewohnten Plätze des
Vorsitzenden und Schriftführers bei einer außerordentlichen Sitzung
einnehmen sollten. Welche man zur weiteren Besprechung der Vorfälle des
letzten Abends bestimmt hatte.

Doch nicht nur jene beiden weitbekannten Persönlichkeiten des Staates
Pennsylvanien waren spurlos verschwunden, auch von dem Diener Frycollin
kam keinerlei Nachricht, auch er war ebenso wenig zu finden, wie sein
Herr. Wahrlich, seit Toussaint Louverture, Faustin Soulouque und
Dessaline hatte noch kein Neger so viel von sich reden gemacht. Er
stand im Begriff, einen hervorragenden Platz sowohl unter seinen
dienenden Collegen in Philadelphia, wie unter allen jenen Originalen
einzunehmen, welche irgend eine Exentricität in dem schönen Amerika
schon in helleres Licht zu setzen hinreicht.

Auch am folgenden Tage nichts Neues. Weder die beiden Collegen, noch
Frycollin erschienen wieder. Ernste Beunruhigung. Beginnende Aufregung.
Vor den »Post and Telegraph offices« starke Ansammlung von Neugierigen,
um etwaige Nachricht noch ganz warm zu erhalten.

Vergebliche Liebesmühe.

Und doch hatten so Viele deutlich genug gesehen, wie Beide in lebhaftem
Gespräch aus dem Weldon-Institut weggingen, den sie erwartenden
Frycollin mitnahmen und nachher die Walnut-Straße hinabwanderten, um
sich dem Fairmont-Park zuzuwenden.

Jem Cip, der Vegetarianer, hatte dem Präsidenten noch die rechte Hand
gedrückt und sich verabschiedet mit den Worten:

"Auf morgen also!"

Und William T. Forbes, der Fabrikant von Zucker aus Leinwand, rühmte
sich eines vertraulichen Handschlags von Phil Evans, der ihm zweimal
"Auf Wiedersehen!" zugerufen hatte.

Miß Doll und Miß Mat Forbes, welche ein Band reinster Freundschaft an
Onkel Prudent fesselte, konnten sich über sein Verschwinden gar nicht
beruhigen und schwatzten, nur um von ihm immer etwas zu hören, eher
noch mehr, als gewöhnlich.

So verstrichen drei, vier, fünf, sechs Tage, eine Woche, eine zweite
Woche ... Weder irgendwer, noch irgendwas leitete auf die Fährte der
drei Verschwundenen.

Und doch hatte man die sorgsamsten Nachsuchungen im ganzen Stadtviertel
vorgenommen ... vergeblich; in allen nach dem Hafen zu führenden
Straßen ... nutzlos; weiter im Park selbst, unter den Gruppen größerer
Bäume und dichterer Gebüsche ... erfolglos! ... Ueberall nichts!

Auf der großen Waldblöße erkannte man jedoch, daß da und dort das Gras
ganz neuerdings niedergedrückt schien. Diese Wahrnehmung erregte ihrer
Unerklärlichkeit wegen einigen Verdacht. Ebenso wurden am Saume des
dieselbe umschließenden Waldes Spuren eines stattgefundenen Kampfes
entdeckt. Hatte nun eine Bande von Landstreichern vielleicht die beiden
Collegen zu vorgerückter Nachtzeit hier in dem menschenleeren Parke
getroffen und überfallen?

Das war ja möglich. Die Polizei nahm auch eine diesbezügliche
regelrechte und mit gesetzlicher Langsamkeit betriebene Untersuchung in
die Hand. Man führte Schleppnetze durch den Schuylkill hin, schlämmte
seinen Grund und befreite die Ufer von dem Gewirr angehäuften
Unkrautes. Wenn auch das vergeblich blieb, so war es doch nicht
nutzlos, denn der Schuylkill bedurfte einer gründlichen Säuberung
gerade recht nöthig. O, es sind praktische Leute, die Aedilen von
Philadelphia!

Später wandte man sich an die verbreitetsten Zeitungen. Anzeigen,
Reclamationen, wenn nicht gar Reclamen, wurden an alle demokratischen
und republikanischen Blätter der Union -- ohne Rücksicht auf deren
Farbe -- versendet. Der »Daily Negro« das specielle Organ der schwarzen
Rasse, brachte Frycollin's Bildniß nach dessen letzter Photographie.
Man bot Belohnungen und versprach Preise Jedem, der von den drei
Abwesenden Nachricht geben könnte, ja sogar allen Denen, die nur irgend
welches Anzeichen entdeckten, das auf deren Fährte zu leiten versprach.

"Fünftausend Dollars! Fünftausend Dollars jedem Bürger, der ..."

Vergeblich; die fünftausend Dollars verblieben in der Casse des
Weldon-Instituts.

"Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden!!! Onkel
Prudent und Phil Evans aus Philadelphia!"

Es versteht sich von selbst, daß der Club durch dieses unerklärliche
Verschwinden seines Vorsitzenden und seines Schriftführers in heillose
Unordnung gerieth und von vornherein sah derselbe sich durch diese
Nothlage zu dem Beschlusse gezwungen, die früher so eifrig betriebenen
und schon ziemlich fortgeschrittenen Arbeiten betreffs Construction des
»Go a head« auf unbestimmte Zeit einzustellen. Wie hätten die anderen
Mitglieder auch in Abwesenheit der beiden Begründer und Förderer dieses
Unternehmens, dem dieselben -- an Zeit und Geld -- einen Theil ihres
Vermögens geopfert hatten, sich entschließen können, ein Werk zu Ende
zu führen, wenn Jene fehlten, um es gleichsam zu krönen?

Sie mußten sich also in Geduld fassen.

Gerade zu dieser Zeit ging auf's Neue die Rede von der wunderbaren,
merkwürdigen Erscheinung, welche mehrere Wochen vorher alle Geister so
lebhaft erregt hatte.

In der That war jener geheimnißvolle Gegenstand wieder und wiederholt
wiedergesehen worden, wie er durch die höheren Schichten der Atmosphäre
schwebte. Freilich dachte kein Mensch an einen Zusammenhang dieser
auffallenden Erscheinung mit dem nicht weniger unerklärlichen
Verschwinden der beiden Mitglieder des Weldon-Instituts. Es hätte auch
einer außergewöhnlichen Dosis von Einbildungskraft bedurft, diese
beiden Thatsachen mit einander in Verbindung zu bringen.

Auf jeden Fall war das Asteroid, die erkaltete Feuerkugel oder das
Luftungeheuer, wie man die Erscheinung nennen wollte, nun unter
Bedingungen gesehen worden, welche seine Größe und Gestalt besser
abzuschätzen erlaubten. Zuerst in Canada über den Gebietstheilen, die
sich von Ottawa bis Quebec erstrecken, und zwar schon am nächsten Tage
nach dem Verschwinden der beiden Collegen; dann später über den Ebenen
des Fernen Westens, als der "Albatros" sich an Schnelligkeit mit einem
Zuge der großen Pacific-Bahn maß.

Von diesem Tage ab herrschte unter der gelehrten Welt keine Ungewißheit
mehr; dieser Körper war kein Erzeugniß der Natur, sondern ein
Flieg-Apparat mit praktischer Anwendung der Theorie des "Schwerer, als
die Luft". Und wenn der Schöpfer und Führer dieses Aeronefs auch für
seine Person das bisherige Incognito noch aufrecht erhalten wollte,
jedenfalls sah er davon, so weit es seine Maschine betraf, jetzt ab,
weil er dieselbe so dicht über den Gebieten des Fernen Westens sehen
ließ. Die von ihm gewählte mechanische Kraftquelle, wie die Natur der
Maschinen, welche dem Apparate seine Bewegung ertheilten, blieb
vorläufig freilich noch unbekannt. Mindestens war jedoch außer Zweifel
gestellt, daß diesem Aeronef eine ganz außergewöhnliche
Fortbewegungsfähigkeit innewohnte, denn nur wenige Tage später meldete
man schon sein Erscheinen im Himmlischen Reiche, dann aus den
nördlichen Theilen von Hindostan und kurz darauf wieder aus den Steppen
Rußlands.

Wer mochte nun jener kühne Mechaniker sein, der über so große bewegende
Kräfte gebot, für den weder Länder, noch Meere eine Grenze hatten, der
in der Erdatmosphäre wie in einem ihm allein zugehörigen Gebiete
schaltete und waltete? Sollte man glauben, es könne das jener Robur
sein, der dem Weldon-Institut seine Theorien so rücksichtslos in's
Gesicht geschleudert hatte, als er an dem bewußten Abend erschien, um
in die Utopien betreffs der lenkbaren Ballons eine klaffende Bresche zu
legen?

Vielleicht kam einigen weiter blickenden Köpfen dieser Gedanke. Und --
wunderbarer Weise -- dennoch erhob sich Niemand zu der Annahme, daß
besagter Robur mit dem Verschwinden des Vorsitzenden und des
Schriftführers vom Weldon-Institut in irgend welchem Zusammenhange
stehen könnte.

Das blieb also noch weiter Geheimniß, bis eine Depesche von Frankreich
durch das transatlantische Kabel am 6. Juli um elf Uhr siebenundreißig
Minuten in New-York eintraf.

Und was meldete diese Depesche? Sie übermittelte den Text jenes in
Paris in einer Schnupftabaksdose gefundenen Documents -- des
Schriftstückes, welches endlich enthüllte, was aus den beiden Männern
geworden war, um welche die Union eben Trauer anlegen wollte.

Der Urheber der Entführung war also doch Robur, der Ingenieur, der
ausschließlich zu dem Zwecke nach Philadelphia kam, die Theorie der
Ballonisten gleichsam im Ei zu ersticken. Er war es, der auf dem
Aeronef "Albatros" umherfuhr; er, der zur Wiedervergeltung erfahrener
Unbill Onkel Prudent nebst Phil Evans und Frycollin obendrein in die
Lüfte entführt hatte! Und diese Personen konnte man als für immer
verloren ansehen, wenn nicht durch irgend welche Hilfsmittel eine
Maschine construirt wurde, welche im Stande war, jenen mächtigen
Apparat zu bekämpfen, und wenn die irdischen Freunde Jener ihnen damit
nicht zu Hilfe kamen.

Welche Erregung! Welches Staunen! Das Pariser Telegramm war an das
Bureau des Weldon-Instituts adressirt gewesen. Die Mitglieder des Clubs
erhielten davon unverzüglich Kenntniß. Nach zehn Minuten hatte ganz
Philadelphia durch seine Telephons die große Neuigkeit erfahren, binnen
einer Stunde ganz Amerika, denn sie hatte sich elektrisch auf den
zahllosen Drähten der Neuen Welt verbreitet. Man wollte noch nicht
recht daran glauben und hielt es wohl für die Mystification eines
schlechten Witzbolds -- sagten die Einen -- für ein "Einräuchern"
schlimmster Art -- meinten die Andern. Wie wäre es möglich gewesen,
diesen Raub in Philadelphia so im Geheimen auszuführen? Wie hätte der
"Albatros" im Fairmont-Park zur Erde hernieder gehen können, ohne am
Horizont des Staates Pennsylvanien bemerkt zu werden?

Recht schön -- so lauteten die gewöhnlichen Argumente. -- Die
Ungläubigen behielten zwar noch das Recht zu zweifeln, sollten es aber
sieben Tage nach dem Eintreffen des Telegramms schon verlieren. Am 13.
Juli ging das französische Packetboot "Normandie" im Hudson vor Anker
und -- brachte die berühmte Schnupftabaksdose mit. Die Eisenbahn
beförderte dieselbe in größter Eile von New-York nach Philadelphia.

Ja, das war sie, die Dose des Vorsitzenden vom Weldon-Institut. Jem Cip
hätte an diesem Tage gut gethan, eine etwas substantiellere Nahrung zu
sich zu nehmen, denn er war, als er sie erkannte, nahe daran,
ohnmächtig umzusinken. Wie oft hatte er sich daraus ein
Freundschaftsprieschen zugelangt! Miß Doll und Miß Mat erkannten sie
ebenfalls, diese Dose, welche sie so oft mit dem heimlichen Wunsche
betrachtet, eines Tages auch ihre dürren Altjungfernfinger hinein zu
senken. Und da waren ihr Vater, William T. Forbes, Truk Milnor, Bat T.
Fyn und viele Andere aus dem Weldon-Institut -- hundertmal hatten sie
dieselbe in den Händen ihres verehrten Vorsitzenden sich öffnen und
schließen sehen. Endlich hatte sie das Zeugniß aller Freunde für sich,
die Onkel Prudent in der guten Stadt Philadelphia besaß, deren Name --
wie man nicht oft genug wiederholen kann -- darauf hinweist, daß ihre
Bewohner sich wie Brüder lieben.

Jetzt war also nach dieser Seite kein Schatten eines Zweifels mehr
aufrecht zu erhalten. Nicht allein die Dose des Vorsitzenden, sondern
besonders auch die von ihm herrührenden Schriftzüge des Documents
erlaubten es auch den Ungläubigsten nicht mehr mit den Achseln zu
zucken. Da begannen nun die Wehklagen und verzweifelte Hände erhoben
sich gen Himmel. Onkel Prudent und sein College in einer Flugmaschine
entführt, ohne daß man ein Mittel entdecken konnte, sie zu befreien!

Die Gesellschaft der Niagara-Fälle, deren stärkster Actionär Onkel
Prudent war, hätte beinahe ihre Geschäfte eingestellt und die
Wasserfälle geschlossen. Die »Walton Watch Company« dachte schon daran,
ihre Uhrenfabrik zu liquidiren, da diese ihren Director Phil Evans
eingebüßt hatte.

Ja, es herrschte allgemeine Trauer, und das Wort Trauer ist hier gar
nicht übertrieben, denn manche hirnverbrannte Köpfe, wie man deren auch
in den Vereinigten Staaten antrifft, bildeten sich steif und fest ein,
die beiden ehrenwerthen Bürger niemals wiederzusehen.

Nachdem er über Paris hingefahren war, hörte man von dem "Albatros"
zunächst nicht weiter reden. Einige Stunden später war er über Rom
schwebend gesehen worden -- das war Alles. Bei der bekannten
Geschwindigkeit des Aeronefs, mit der er über Europa von Nord nach Süd
und über das Mittelmeer von West nach Ost gefahren war, darf das ja
nicht Wunder nehmen. Und Dank eben dieser Schnelligkeit konnte ihn auch
kein Fernrohr an irgend einem Punkte seiner Fahrtlinie genauer
beobachten. Und hätten die Sternwarten ihr gesammtes Personal Tag und
Nacht auf Vorposten gestellt, die Flugmaschine Robur des Siegers hätte
sich so weit und so hoch entfernt -- in "Ikarien", wie er zu sagen
pflegte -- daß Alle verzweifelt wären, deren Spur je wieder
aufzufinden.

Hier sei hinzugefügt, daß wenn seine Geschwindigkeit über dem Ufer
Afrikas auch vermindert wurde, sich doch, weil jenes Document noch
nicht bekannt war, Niemand versah, den Aeronef in den Höhen des
algerischen Himmels zu suchen. Auf jeden Fall wurde er über Timbuctu
wahrgenommen; das Observatorium dieser berühmten Stadt -- wenn sie
überhaupt ein solches besitzt -- hatte aber noch nicht Zeit gefunden,
das Resultat seiner Beobachtungen nach Europa mitzutheilen. Was den
König von Dahomey betrifft, so hätte dieser gewiß eher zehntausend
Unterthanen, und seine Minister inbegriffen, um einen Kopf kürzer
machen lassen, ehe er zugestand, im Kampfe mit einer in der Luft
schwebenden Maschine unterlegen zu sein. Jeder fröhnt eben seiner
kleinen Eigenliebe.

Weiterhin steuerte der Ingenieur Robur dann über den Atlantischen
Ocean, wobei er zuerst nach dem Feuerlande und dann nach dem Cap Horn
kam. Ferner irrte er, etwas gegen seinen Willen, über die südlichsten
Landvesten und über das ausgedehnte Polargebiet hinweg. Von diesen
antarktischen Gegenden aus war natürlich keine Nachricht zu erwarten.

Der Juli verrann, und kein menschliches Auge konnte sich rühmen, den
Aeronef nur flüchtig wieder erblickt zu haben.

Der August ging zu Ende, ohne daß sich an der Ungewißheit über das Loos
der beiden Gefangenen Robur's etwas änderte. Man fing allmählich an,
sich zu fragen, ob der Ingenieur, nach dem Beispiele des Ikarus, dieses
ältesten Mechanikers, dessen die Sagengeschichte erwähnt, nicht ein
Opfer seiner Kühnheit geworden sein möge.

Endlich vergingen auch die ersten siebenundzwanzig Tage des Septembers
ohne jede Aenderung der Sachlage.

Bekanntlich gewöhnt man sich ja in der Welt an Alles. Es liegt in der
menschlichen Natur, mit der Zeit den Stachel des Schmerzes weniger zu
empfinden; man vergißt, weil es nothwendig ist, einmal zu vergessen. In
diesem Falle mußte man dagegen den Bewohnern dieses Erdenthals zu ihrer
Ehre nachsagen, daß sie von der allgemeinen Regel abwichen; noch immer
ermattete nicht die warme Theilnahme an dem Loose zweier Weißen und
eines Schwarzen, die wie durch den Propheten Elias entführt schienen,
denen aber keine Rückkehr durch die Bibel geweissagt war.

In Philadelphia trat das natürlich noch deutlicher zu Tage, als an
jedem anderen Orte; hier kamen dabei ja nähere persönliche Beziehungen
in's Spiel. Robur hatte den Onkel Prudent und Phil Evans aus Rache
ihrer Heimat entfremdet, hatte, wenn auch ohne jedes Recht, eine
grausame Wiedervergeltung geübt. Doch war seine Rache damit gekühlt?
Würde er dieselbe nicht auch noch anderen Collegen des Vorsitzenden und
des Schriftführers vom Weldon-Institut fühlen lassen? Und wer konnte
sich gesichert wähnen gegen etwaige Angriffe jenes allmächtigen
Beherrschers des Luftmeeres?

Da durchlief am 28. September eine Neuigkeit die ganze Stadt: Onkel
Prudent und Phil Evans sollten danach am Nachmittage in der
Privatwohnung des Vorsitzenden vom Weldon-Institut wieder aufgetaucht
sein.

Das Merkwürdigste an dieser Botschaft war, daß sie sich bestätigte,
obgleich die Meisten nicht daran glauben wollten.

Dennoch mußte man sich der Thatsache fügen. Das waren die beiden
Verschwundenen in Person -- nicht ihre Schatten -- und auch Frycollin
war mit ihnen zurückgekehrt.

Die Mitglieder des Clubs, darauf deren Freunde und endlich eine
ungeheure Volksmenge strömten vor Onkel Prudent's Hause zusammen. Alle
begrüßten mit Jubelruf die beiden Collegen, welche unter Hurrahs und
Hipps von Hand zu Hand getragen wurden.

Hier befand sich Jem Cip, der sein Frühstück -- geröstete
Brotschnittchen mit gekochtem Lattig -- verlassen hatte, und auch
William T. Forbes nebst seinen beiden Töchtern Miß Doll und Miß Mat.
Wäre Onkel Prudent Mormone gewesen, heute hätte er sie alle Beide zu
Frauen bekommen; doch das war er nicht und hatte auch nicht die
geringste Absicht, es je zu werden. Hier waren ferner Truk Milnor, Bat
T. Fyn und endlich die übrigen Mitglieder des Clubs. Es ist noch bis
heutigen Tages ein Räthsel geblieben, wie Onkel Prudent und Phil Evans
hatten lebend aus den Tausenden von Armen hervorgehen können, welche
sie bei ihrem ersten Gange durch die Stadt ebenso viele Male zu
erdrücken drohten.

An eben jenem Abende sollte das Weldon-Institut seine gewohnte
wöchentliche Sitzung abhalten. Man rechnete darauf, die beiden Collegen
ihre früheren Plätze wieder einnehmen zu sehen. Da sie übrigens von
ihren Abenteuern bisher noch nichts erzählt hatten -- vielleicht hatte
der Zudrang der Leute ihnen gar nicht die nöthige Zeit gewährt -- so
hoffte man auch, daß sie nun von den gehabten Eindrücken während jener
unfreiwilligen Reise berichten würden.

In der That hatten sich Beide aus irgend welchem Grunde bisher ganz
stumm verhalten, und stumm blieb auch der Diener Frycollin, den seine
Stammesgenossen vor toller Erregung fast geviertheilt hätten.

Was die beiden Collegen noch nicht gesagt und vielleicht hatten sagen
wollen, war Folgendes:

Wir brauchen wohl kaum auf die dem Leser bekannten Vorgänge in der
Nacht vom 27. zum 28. Juli zurück zu kommen; auf die kühn ausgeführte
Flucht des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut, auf
ihre lebhafte Erregung bei Durchwanderung der felsigen Insel Chatam,
den auf Phil Evans abgefeuerten Gewehrschuß, auf das durchschnittene
Ankertau und den "Albatros", der damals, seiner Triebschrauben
entbehrend, durch den Südwestwind weit fortgetrieben und gleichzeitig
zu großer Höhe gewissermaßen emporgeschnellt wurde. Darauf war derselbe
bald aus ihrem Gesichtskreis entschwunden.

Die Flüchtlinge hatten nun nichts mehr zu fürchten. Wie hätte Robur
nach der Insel zurückkehren können, da seine Schrauben noch drei bis
vier Stunden außer Stande waren, zu functioniren?

Nach Ablauf dieser Zeit aber mußte der durch die Explosion zerstörte,
"Albatros" zum elenden, auf dem Meere treibenden Wrack geworden sein,
und Diejenigen, welche er trug, waren jedenfalls nur noch in Stücke
gerissene Leichen, die auch der Ocean nicht wieder herausgeben konnte.

Der entsetzliche Racheact mußte dann vollkommen gelungen sein. Da Onkel
Prudent und Phil Evans sich als im Stande der Nothwehr betrachteten,
litten sie wegen dieser That an keinen Gewissensbissen.

Phil Evans war durch die vom "Albatros" aus entsendete Kugel nur leicht
verletzt worden. Alle Drei wanderten also am Ufer hinauf, in der
Hoffnung, Eingeborene anzutreffen.

Diese Hoffnung sollte nicht getäuscht werden. Etwa fünfzig halbwilde,
vom Fischfange lebende Einwohner siedelten an der Westküste Chatams.
Sie hatten den Aeronef nach der Insel herabkommen sehen und bereiteten
den Flüchtlingen einen Empfang, wie sie ihn als übernatürliche Wesen
verdienten. Man betete sie an, mindestens fehlte daran nicht viel, und
brachte sie in der größten und schönsten Hütte unter. Frycollin fand
gewiß niemals wieder eine solche Gelegenheit, die Rolle als Gott der
Schwarzen spielen zu können.

Wie sie vorausgesetzt, sahen Onkel Prudent und Phil Evans den Aeronef
nicht wieder zurückkehren, und mußten daraus schließen, daß die
schreckliche Katastrophe in großer Höhe eingetreten sein werde. Nun
würde Niemand wieder von dem Ingenieur Robur reden hören, so wenig wie
von seiner wunderbaren Maschine, die seine Leute mit ihm dahingetragen
hatte.

Jetzt galt es nur noch, eine Gelegenheit zur Rückkehr nach Amerika
abzuwarten, denn die Insel Chatam wird von Seefahrern wenig besucht. So
verstrich der ganze Monat August und die Flüchtlinge legten sich schon
die Frage vor, ob sie am Ende nicht bloß ein Gefängniß gegen ein
anderes eingetauscht hätten, mit dem übrigens Frycollin sich weit
besser, als mit dem "Kerker in der Luft", abzufinden schien.

Endlich am 3. September erschien ein Schiff, um an der Insel Chatam
Wasser einzunehmen. Der Leser hat jedenfalls nicht vergessen, daß Onkel
Prudent zur Zeit der Entführung aus Philadelphia mehrere tausend
Dollars Papiergeld bei sich führte, d. h. mehr als nothwendig war, um
nach Amerika zurückkehren zu können. Nachdem sie ihren Verehrern,
welche ihnen stets den allergrößten Respect bewiesen hatten, herzlich
gedankt, schifften sich Onkel Prudent, Phil Evans und Frycollin nach
Aukland ein. Von ihren Schicksalen erzählten sie nichts, und nach zwei
Tagen schon langten sie in der Hauptstadt Neu-Seelands an.

Hier nahm sie ein Packetboot des Stillen Oceans als Passagiere auf, und
am 20. September landeten die Ueberlebenden vom "Albatros" nach höchst
glücklicher Ueberfahrt in San Francisco. Sie hatten weder
ausgesprochen, wer sie waren, noch woher sie kamen: doch da sie einen
recht anständigen Preis für ihre Plätze entrichteten, so wäre es keinem
amerikanischen Capitän jemals eingefallen, weitere Fragen an die Leute
zu richten.

In San Francisco benützten Onkel Prudent, sein College und der Diener
Frycollin den ersten Zug der großen Pacific-Bahn und trafen am 27.
wohlbehalten in Philadelphia ein.

Das ist der gedrängte Bericht über Alles, was seit dem Entweichen der
Flüchtlinge und ihrer Abfahrt von der Insel Chatam vorgefallen war; und
somit konnten an jenem Abende der Vorsitzende und der Schriftführer,
inmitten eines ungeheuren Zudrangs, ihre Plätze im Weldon-Institut
wieder einnehmen.

Niemals aber hatte weder der Eine, noch der Andere eine so auffallende
Ruhe zur Schau getragen. Ihr Anblick allein hätte niemals ahnen lassen,
daß seit jener denkwürdigen Sitzung vom 12. Juni irgend etwas
Besonderes vorgefallen sei. Diese dreiundeinhalb Monate schienen in
ihrem Leben gar nicht mit zu zählen.

Nach den ersten Begrüßungssalven, welche Beide ohne das Zucken nur
eines Gesichtsmuskels hinnahmen, bedeckte Onkel Prudent das Haupt und
ergriff er zuerst das Wort.

"Ehrenwerthe Bürger, sagte er, die Sitzung ist eröffnet."

Wahnsinniger und gewiß wohlberechtigter Beifall, denn wenn es auch als
etwas Außergewöhnliches nicht gelten konnte, daß eine solche
Wochenversammlung eröffnet wurde, so erhielt der Umstand doch ein
außergewöhnliches Gewicht, daß das durch Onkel Prudent unter Assistenz
von Phil Evans geschah.

Der Vorsitzende ließ den in Zurufen und Händeklatschen kundgegebenen
Enthusiasmus sich ruhig austoben. Dann fuhr er fort:

"In unserer letzten Sitzung, meine Herrn, kam es zu recht lebhaftem
Meinungsaustausch (Hört! Hört!) zwischen den Vertretern der Vorder- und
der Rückenschraube für unseren Ballon, den »Go a head«. (Zeichen von
Verwunderung.) Wir haben inzwischen ein Auskunftsmittel erfunden, um
die Vorder- und Hintersteuerer unter einen Hut zu bringen, und das
besteht einfach darin: Wir versehen eben beide Enden des Nachens mit je
einer Triebschraube." (Stillschweigen vor allgemeinem Erstaunen.)

Das war Alles!

Ja, Alles, von der Entführung des Vorsitzenden und des Schriftführers
des Weldon-Instituts fiel kein Sterbenswörtchen; kein Wort über den
Ingenieur Robur und den "Albatros"; kein Wort über die Art und Weise,
wie die Gefangenen hatten entkommen können, und endlich kein Wort über
das Schicksal des Aeronefs, ob er noch durch das Luftmeer schwebe und
ob noch weitere Angriffe gegen Mitglieder des Clubs zu befürchten
wären.

Gewiß fehlte es den Ballonisten nicht an Lust, Onkel Prudent und Phil
Evans auszufragen; sie sahen dieselben aber so ernst, so zugeknöpft,
daß es angezeigt schien, ihre Zurückhaltung zu respectiren. Wenn sie
die Zeit zum Sprechen gekommen meinten, würden sie schon allein
sprechen und Alle würden sich geehrt genug fühlen, ihnen zuzuhören.

Uebrigens konnte unter diesem Stillschweigen ja noch ein Geheimniß
verborgen liegen, das heute noch nicht enthüllt werden durfte.

Da nahm Onkel Prudent unter einem, bisher bei den Sitzungen des
Weldon-Instituts unerhörten Stillschweigen wieder das Wort.

"Meine Herren, sagte er, es erübrigt uns nun bloß noch, den Aerostaten
»Go a head«, der bestimmt ist, sich das Luftmeer zu erobern,
schleunigst der Vollendung entgegen zu führen. -- Die Sitzung ist
geschlossen."



XVIII.

Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende führt, ohne sie zu
beendigen.



Am 29. April des folgenden Jahres, sieben Monate nach der so
unerwarteten Rückkehr des Onkel Prudent und Phil Evans, war ganz
Philadelphia in reger Bewegung. Um politische Fragen handelte es sich
dabei nicht, ebenso wenig um Wahlen oder Volksversammlungen. Der auf
Betreiben des Weldon-Instituts nun vollendete Aerostat »Go a head«
sollte endlich seinem natürlichen Element übergeben werden.

Als Aeronaut für denselben war der berühmte Harry W. Tinder, dessen wir
schon zu Anfang dieser Erzählung erwähnten, bestimmt worden, und ihm
hatte man noch einen erfahrenen Gehilfen beigegeben.

Die Passagiere bildeten der Vorsitzende und der Schriftführer des
Weldon-Instituts, denen diese Ehre gewiß vor allen Anderen zukam, da es
für sie so zu sagen eine Lebensaufgabe geworden war, persönlich gegen
jeden Apparat, der auf dem Principe "Schwerer, als die Luft" beruhte,
Einspruch zu erheben.

Doch auch jetzt, nach sieben Monaten, sollten sie immer noch erst
anfangen, über ihre Abenteuer zu berichten. Selbst Frycollin hatte, wie
sehr es ihn auch dazu drängte, noch nicht vom Ingenieur Robur und von
dessen wunderbarer Maschine gesprochen. Offenbar wollten Onkel Prudent
und Phil Evans als eingefleischte und unverbesserliche Ballonisten
überhaupt nicht, daß von dem Aeronef oder einer anderen Flugmaschine
jemals die Rede sei. Auch wenn ihr Ballon, der »Go a head«, noch nicht
die erste Stelle unter den zur Fortbewegung durch die Luft bestimmten
Apparaten einnehmen sollte, so wollten sie doch keine, von
irgendwelchem Anhänger der Aviation herrührende Erfindung dabei
anwenden lassen. Sie glaubten noch immer und wollten auch später nur
glauben, daß das einzig wahre atmosphärische Vehikel der Aerostat sei,
und daß ihm allein die Zukunft gehöre.

Uebrigens existirte ja Derjenige, an dem sie eine so furchtbare, ihrer
Ansicht nach aber nur gerechte Rache genommen hatten, jetzt schon
längst nicht mehr. Keiner von Denen, die er trug, hatte seinen
Untergang überleben können. Das Geheimniß des "Albatros" lag jetzt in
den unergründlichen Tiefen des Stillen Oceans begraben.

Die Annahme, daß der Ingenieur Robur einen Zufluchtsort, eine rettende
Insel im ungeheuren, verlassenen Ocean gefunden habe, erschien nur als
eine sehr gewagte Hypothese. Die beiden Collegen behielten sich für
später die Entscheidung darüber vor, ob es angezeigt erscheine, nach
dieser Richtung besondere Nachforschungen zu veranlassen.

Man schritt also endlich zu dem großen Experimente, welches das
Weldon-Institut so lange Zeit und mit so großer Sorgfalt vorbereitet
hatte. Der »Go a head« war der vollendetste Typus dessen, was im
Bereiche der Aerostatik bisher erfunden war -- dasselbe wie der
»Inflexible» und der »Formidable« (zwei neuere französische
Panzerschlachtschiffe) in der Schiffsbaukunst.

Der »Go a head« besaß alle für einen Aerostaten nur wünschenswerthen
Eigenschaften. Sein Volumen gestattete ihm, bis zu den allergrößten
Höhen, die ein Ballon nur erreichen kann, aufzusteigen; seine
Undurchlässigkeit für Gas, sich unbegrenzt lange in der Luft zu
erhalten; seine Festigkeit, jeder Ausdehnung der Gase ebenso zu
widerstehen, wie dem heftigsten Platzregen und stärksten Sturmwinde;
sein Fassungsvermögen, eine genügende Auftriebskraft zu entfalten, um
außer dem sonst nöthigen Zubehör eine elektrische Maschine mitzunehmen,
die seinen Propellern eine, jeder bisher erreichten überlegene
Treibkraft verleihen konnte. Der »Go a head« hatte eine längliche
Gestalt, um die horizontale Fortbewegung zu erleichtern. Seine Gondel,
eine derjenigen des Ballons der Capitäne Krebs und Renard ähnliche
Plattform, enthielt alles für Luftschiffer nothwendige Geräth und
Werkzeug, physikalische Instrumente, Taue, Anker, Rollen u. s. w.,
außerdem die Apparate, Batterien und Accumulatoren, welche seine
mechanische Kraft lieferten. Diese Gondel trug vorne eine Schraube und
hinten neben einer gleichen Schraube ein Steuerruder. Aller
Wahrscheinlichkeit nach mußte jedoch die Arbeitsleistung der Maschinen
des »Go a head« weit hinter der der Apparate des "Albatros"
zurückbleiben.

Der »Go a head« war nach vollendeter Füllung nach der Waldblöße im
Fairmont-Park übergeführt worden, d. h. genau nach derselben Stelle, an
welcher früher der Aeronef einige Stunden gelegen hatte.

Wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß ihm die Auftriebskraft durch
das leichteste aller Gase verliehen worden war. Das gewöhnliche
Leuchtgas entwickelt per Cubikmeter nur eine solche Hebekraft gleich
700 Gramm -- was gegen die umgebende Luft nur einen unbeträchtlichen
Gewichtsunterschied darstellt. Das Wasserstoffgas dagegen besitzt bei
gleichem Volumen eine auf etwa 1100 Gramm zu schätzende Steigekraft.
Solches, nach dem Verfahren und in den Special-Apparaten des berühmten
Henry Giffard dargestellte reine Wasserstoffgas erfüllte den ungeheuren
Ballon. Da der »Go a head« nun einen Fassungsraum von 40.000
Cubikmetern besaß, so entsprach die Steigkraft seines Gases einem
Gewichte von 40.000mal 1100 Gramm oder 44.000 Kilogramm.

Am Morgen des 20. April war Alles bereit. Um elf Uhr schon schwankte
der riesige Aerostat wenige Fuß über dem Boden und fertig, sich in die
Luft zu erheben, majestätisch hin und her.

Es herrschte ein prächtiges und wie für diesen Versuch eigens gemachtes
Wetter. Vielleicht wäre eine etwas größere Windstärke wünschenswerther
gewesen, da sie die Probe mehr beweisend gestaltet hätte. Man hat ja
niemals bezweifelt, daß ein Ballon in ganz ruhiger Luft nach Belieben
gelenkt werden könne, in bewegter Atmosphäre ist das aber ein anderes
Ding und nur unter solchen Verhältnissen sollten derartige Proben
ausgeführt werden.

Genug, jetzt war weder Wind zu verspüren, noch deutete etwas darauf
hin, daß solcher auftreten würde. An jenem Tage sendete Nordamerika aus
seinem unerschöpflichen Vorrathe ausnahmsweise keinen Sturm nach dem
westlichen Europa, und niemals hätte ein Tag günstiger als dieser zur
Vornahme eines solchen aeronautischen Experimentes gewählt werden
können.

Kaum brauchen wir der ungeheuren, im Fairmont-Park aufgestauten
Menschenmenge, ebenso wenig der zahlreichen Bahnzüge zu erwähnen,
welche Ströme von Neugierigen aus allen Nachbarstaaten über
Philadelphia ergossen hatten; auch nicht der Unterbrechung jeder
industriellen und commerciellen Thätigkeit, welche es Allen -- Chefs,
Beamten, Handwerkern, Männern und Frauen, Greisen und Kindern,
Congreßmitgliedern, Vertretern der bewaffneten Macht, Magistratspersonen,
Reportern, weißen und schwarzen Eingeborenen, die auf der Waldblöße
zusammengelaufen waren -- gestattete, diesem Schauspiele beizuwohnen.
Oder sollten wir das geräuschvolle Durcheinanderwogen dieser
Volksmengen schildern, die unerwarteten Bewegungen, das plötzliche
Drängen und das Jauchzen und Rufen des Mobs? Sollen wir die Hipp! Hipp!
Hipp! nachzählen, welche von allen Seiten gleich dem Krachen von
Feuerwerkskörpern laut wurden, als Onkel Prudent und Phil Evans auf der
mit dem amerikanischen Sternenbanner geschmückten Plattform erschienen?
Oder müßten wir es erst besonders aussprechen, daß der größte Theil
dieser Neugierigen vielleicht nicht gekommen war, um den »Go a head« zu
sehen, sondern um sich die zwei außerordentlichen Männer zu betrachten,
um welche die Alte Welt die Neue beneidete?

Warum aber nur Zwei und nicht Drei? Warum nicht auch Frycollin? -- Das
kam daher, daß Frycollin die Reise mit dem "Albatros" für seine
Berühmtheit als genügend erachtete und er die Ehre, seinen Herrn zu
begleiten, bescheiden abgelehnt hatte. Er bekam also keinen Theil von
den tollen Jubelrufen, welche den Vorsitzenden und den Schriftführer
des Weldon-Instituts empfingen. Es versteht sich von selbst, daß von
allen Mitgliedern der berühmten Gesellschaft keiner auf dem für diese
reservirten Platze innerhalb der Pfähle und Leinen fehlte, welche einen
Theil der Lichtung abgrenzten. Hier waren Truk Milnor, Bat T. Fyn,
William T. Forbes, der seine beiden Töchter Miß Doll und Miß Mat an den
Armen führte. Alle waren erschienen, um durch ihre Anwesenheit zu
bekräftigen, daß nichts jemals im Stande sei, die Anhänger des
"Leichter, als die Luft" zu trennen.

Gegen elf Uhr zwanzig Minuten verkündigte ein Kanonenschuß die
Beendigung der letzten Vorbereitungen.

Der »Go a head« erwartete nur noch das Signal zum Aufsteigen.

Ein zweiter Kanonenschuß donnerte um elf Uhr fünfundzwanzig.

Der nur noch durch seine Leitseile gehaltene »Go a head« erhob sich
gegen fünfzehn Meter über die Lichtung. Am anderen Ende der Plattform
stehend, legten Onkel Prudent und Phil Evans die linke Hand auf die
Brust, was bedeuten sollte, daß sie mit dem Zuschauerkreise eines
Herzens wären. Dann streckten sie die rechte Hand nach dem Zenith aus,
um anzudeuten, daß der größte, bis jetzt bekannte Ballon endlich in
Begriff stehe, von seinem überirdischen Reiche Besitz zu ergreifen.

Da legten sich hunderttausend Hände auf hunderttausend Brüste; und
hunderttausend andere erhoben sich zum Himmel.

Um elf Uhr dreißig krachte ein dritter Kanonenschuß.

"Alles los!" rief Onkel Prudent, die hergebrachte Redensart benützend.

Und der »Go a head« erhob sich "majestätisch" -- das immer gebrauchte
Beiwort in der Beschreibung von beginnenden Luftfahrten.

In der That, es war ein prächtiges Schauspiel! Man hätte ein Seeschiff
zu sehen gemeint, das eben vom Stapel lief. Und war das hier nicht auch
ein Schiff, das in's Luftmeer abgelassen wurde?

Der »Go a head« stieg genau lothrecht in die Höhe -- ein Beweis für die
vollkommene Ruhe der Atmosphäre -- und hielt etwa zweihundertfünfzig
Meter über der Erde still.

Hier begann nun die Vorführung der Fahrt in wagrechter Richtung.

Der von seinen zwei Schrauben getriebene »Go a head« zog mit der
Geschwindigkeit von zehn Metern in der Secunde der Sonne entgegen. Das
ist die Geschwindigkeit des Walfisches im freien Wasser. Es ist auch
gar nicht falsch, jenen mit dem genannten Riesen der nördlichen Meere
zu vergleichen, zumal da er auch die Gestalt jenes Cetaceers hatte.

Eine neue Salve von Hurrahs drang zu den geschickten Aeronauten empor.

Hierauf führte der »Go a head« unter der Wirkung seines Steuers
allerlei kreisförmige, schiefe und geradlinige Bewegungen aus, welche
ihm die Hand seines Steuermannes aufnöthigte. Er wendete in engem
Kreise, ging nach vorwärts, nach rückwärts, um selbst die zähesten
Widersacher der Lenkbarkeit von Ballons eines Besseren zu belehren ...
wenn es solche Widersacher hier gab! Und wenn es dergleichen gegeben
hätte, hätte man sie in die Pfanne gehauen!

Warum fehlte aber der Wind diesem herrlichen Experimente? Das war
bedauerlich. Unzweifelhaft hätte der »Go a head« alle Bewegungen ohne
Zögern ausgeführt, indem er entweder eine schräge Richtung einhielt,
wie ein Schiff, das dicht beim Winde segelte, oder der Luftströmung
gleich einem Dampfer gerade entgegentrieb.

In diesem Augenblicke stieg der Aerostat um einige hundert Meter höher
hinauf.

Man begreift wohl die Absicht. Onkel Prudent und seine Begleiter
suchten in den höheren Luftschichten eine Strömung zu finden, um die
Probe zu vervollständigen. Ein System von inneren Ballons, entsprechend
der Schwimmblase der Fische, in welche man mittelst Pumpen eine gewisse
Menge Gas hineindrücken konnte, gestattete ihm nämlich, auf- und
niederzusteigen. Ohne je Ballast auszuwerfen, um höher, oder Gas zu
verlieren, um tiefer zu gehen, war er im Stande, sich nach Belieben des
Luftschiffers in der Atmosphäre zu heben oder zu senken. Außerdem war
er jedoch am oberen Scheitel mit einem Ventil versehen, für den Fall,
daß er einmal sehr schnell herabzugehen gezwungen wäre. Hier waren
demnach nur bereits bekannte Mittel vorgesehen, diese aber bis zum
höchsten Grade der Vollkommenheit entwickelt.

Der »Go a head« erhob sich also in lothrechter Linie. Durch optische
Wirkung verringerten sich seine Dimensionen allmählich den Blicken.
Gewöhnlich erscheint das ziemlich merkwürdig für die Zuschauer, die
sich, um gerade hinauf zu sehen, fast die Halswirbel brechen. Der
ungeheure Walfisch wurde so nach und nach zum Meerschwein, um endlich
bis zur Größe des gewöhnlichen Gründlings herabzusinken.

Da die aufsteigende Bewegung nicht unterbrochen wurde, erreichte der
»Go a head« eine Höhe von viertausend Metern, blieb aber bei dem
reinen, keine Spur von Dunst enthaltenden Himmel vollkommen klar
sichtbar.

Indeß hielt er sich fortwährend über der Lichtung, als würde er daselbst
von divergirenden Leinen festgehalten. Und wenn eine riesenhafte Glocke
über die Umgegend gestürzt gewesen wäre, hätte die Luft darunter nicht
ruhiger sein können. Weder in jener, noch in irgend einer anderen Höhe
regte sich der leiseste Hauch. Stark verkleinert durch die Entfernung,
als ob man ihn durch ein verkehrt gehaltenes Fernrohr betrachtet hätte,
manövrirte der Aerostat, ohne den geringsten Widerstand zu finden.

Plötzlich drang ein Aufschrei aus der Menge, ein Schrei, dem sofort
hunderttausend andere folgten. Alle Arme richteten sich nach einem
Punkte am Horizont, und zwar nach Nordwesten hin.

Dort im tiefen Azur ist ein sich bewegender Körper erschienen, der
näher herankommt und größer wird. Ist es ein Vogel, der mit mächtigem
Flügelschlage durch die höchsten Luftschichten schwebt? Ist's eine
Feuerkugel, deren Bahn die Atmosphäre in schiefer Richtung
durchschneidet? Jedenfalls ist der räthselhaften Erscheinung eine
bedeutende Schnelligkeit eigen und sie muß bald über die erstaunte
Volksmenge hinwegrauschen.

Ein Verdacht, der sich gleichsam elektrisch allen Gehirnen mittheilt,
verbreitet sich über die ganze Lichtung.

Es scheint jedoch, als ob auch der »Go a head« den fremdartigen
Gegenstand bemerkt hätte. Offenbar hat er das Gefühl einer drohenden
Gefahr empfunden, denn plötzlich steigert sich seine Geschwindigkeit
und er flieht nach Osten hin.

Ja, die Menge hat Alles begriffen. Ein von einem der Mitglieder des
Weldon-Instituts ausgerufener Name wird von zweihunderttausend Lippen
wiederholt: "Der 'Albatros'! ... Der 'Albatros'!"

In der That, es ist der "Albatros". Robur ist es, der in den Höhen des
Himmels wieder erscheint! Er ist's, der gleich einem gigantischen
Raubvogel auf den »Go a head« losstürzt!

Und neun Monate vorher war der durch die Explosion zersprengte Aeronef,
die Schrauben zerbrochen und das Verdeck in zwei Stücke zerrissen, doch
vernichtet worden. Ohne die wunderbare Besonnenheit des Ingenieurs, der
die Drehbewegung des vorderen Propellers veränderte, und diesen als
Auftriebsschraube wirken ließ, wäre die ganze Besatzung des "Albatros"
schon durch die Schnelligkeit des Sturzes erstickt worden. Doch wenn
sie auch dieser Gefahr glücklich entronnen, wie kam es, daß sie nicht
in den Fluthen des Pacifischen Oceans ertrunken war?

Das kam daher, daß die Trümmer des Verdecks, die Flügel der
Triebschrauben, die Wände der Ruffs und was sonst noch vom "Albatros"
übrig war, ihn zur schwimmenden Seetrift verwandelt hatten. Der
verwundete Vogel war in's Wasser gefallen, seine Flügel aber hielten
ihn noch auf den Wellen. Einige Stunden lang blieben Robur und seine
Leute noch auf diesem Wrack, dann flüchteten sie in das auf dem Ocean
wieder gefundene Kautschukboot.

Die Vorsehung, für Diejenigen, welche an einen göttlichen Eingriff in
irdische Dinge glauben -- der Zufall, für Diejenigen, welche die
Schwäche haben, an keine Vorsehung zu glauben -- kam den
Schiffbrüchigen zu Hilfe.

Wenige Stunden nach Sonnenaufgang wurden sie von einem Schiffe bemerkt,
das nicht allein Robur und seine Leute, sondern auch die umher
schwimmenden Trümmer des Aeronefs aufnahm. Der Ingenieur begnügte sich
mit der Angabe, sein Fahrzeug sei durch eine Collision zerstört worden,
und sein Incognito blieb auch bei dieser Gelegenheit gewahrt.

Jenes Schiff war ein englischer Dreimaster, der »Two Friends« von
Liverpool. Es segelte nach Melbourne, wo es nach wenigen Tagen eintraf.

Nun war man zwar in Australien, aber sehr fern von der Insel X, nach
der man doch baldigst zurückkehren mußte.

Unter den Trümmern des hinteren Ruffs hatte der Ingenieur noch eine
beträchtliche Geldsumme gefunden, die ihm, ohne einen Anderen
anzusprechen, alle Bedürfnisse seiner Leute zu bestreiten gestattete.
Kurz nach der Ankunft in Melbourne erwarb er eine kleine Goelette von
hundert Tonnen und auf dieser begab sich Robur, der auch ein tüchtiger
Seemann war, nach der Insel X zurück.

Jetzt erfüllte ihn nur noch eine einzige fixe Idee -- sich zu rächen.
Doch um das zu können, mußte ein zweiter "Albatros" gebaut werden, was
für den, der den ersten construirt hatte, ja eine leichte Aufgabe war.
Man verwendete dabei, was noch vom alten Aeronef brauchbar erschien,
unter anderen Maschinentheilen auch dessen Propeller, die mit allen
Trümmern auf der Goelette verladen gewesen waren. Der Mechanismus wurde
mittelst neuer Batterien und Accumulatoren wieder in Stand gesetzt.
Kurz, binnen weniger als acht Monaten war die ganze Arbeit beendigt und
ein neuer "Albatros", ganz gleich dem durch die Explosion zerstörten
und eben so mächtig wie dieser, stand bereit, durch die Luft
abzusegeln.

Selbstverständlich trug er auch dieselbe Mannschaft und ebenso
selbstverständlich schäumte diese Mannhaft vor Wuth auf Onkel Prudent
und Phil Evans im Besonderen, wie auf das ganze Weldon-Institut im
Allgemeinen.

Mit den ersten Tagen des April verließ der "Albatros" die Insel X.
Während dieser Luftfahrt sollte sein Vorüberkommen von keinem Punkt der
Erde aus gemeldet werden können. So schwebte er also immer zwischen den
Wolken hin. Ueber Nordamerika an einer Einöde des Far-West angelangt
ging er zur Erde. Das tiefste Incognito bewahrend, erfuhr der Ingenieur
hier, was ihm das größte Vergnügen gewähren mußte: daß das
Weldon-Institut nun so weit sei, mit seinen Probefahrten zu beginnen,
und daß der »Go a head« mit Onkel Prudent und Phil Evans am 29. April
von Philadelphia aus aufsteigen sollte.

Welch' herrliche Gelegenheit zur Kühlung jener Rache, die das Herz
Robur's und aller seiner Leute erfüllte! Eine schreckliche Rache,
welcher der »Go a head« nicht entrinnen sollte! Eine öffentliche Rache,
welche gleichzeitig die Ueberlegenheit des Aeronefs über die Aerostaten
und alle Apparate dieser Art beweisen mußte!

Aus diesem Grunde also erschien an jenem Tage gleich dem Geier, der aus
schwindelnder Höhe niederschießt, der Aeronef über dem Fairmont-Park.

Ja, das war der "Albatros", leicht erkannt selbst von Denen, die ihn
früher nie gesehen hatten.

Der »Go a head« floh noch immer. Er begriff jedoch, daß er durch eine
Flucht in horizontaler Richtung niemals zu entkommen vermöge. Er suchte
sein Heil also in verticaler Flucht, aber nicht durch Annäherung an die
Erde, denn da hätte der Aeronef ihm den Weg verlegen können, sondern
indem er sich in die Luft erhob, nach einer Zone, in der er vielleicht
nicht angegriffen werden konnte. Das war sehr kühn, doch gleichzeitig
recht logisch gehandelt.

Inzwischen erhob sich aber auch der "Albatros" mit ihm. Weit kleiner
als der »Go a head« glich er dem Schwertfisch bei Verfolgung des Wals,
den er mit seinem Stachel durchbohrt, oder dem auf das Panzerschiff
zufliegenden Torpedo, der jenes mit einem Schlage in die Luft zu
sprengen trachtet.

Die Zuschauer bemerkten das mit beklemmender Angst. Binnen wenigen
Augenblicken hatte der Aerostat eine Höhe von fünftausend Metern
erreicht. Der "Albatros" war ihm bei seiner aufsteigenden Bewegung
nachgefolgt. Er tänzelte jetzt gleichsam um seine Seiten und umkreiste
ihn in stetig vermindertem Umfange. Mit einem Sprung konnte er ihn
vernichten, indem er seine dünne Hülle zerriß. Onkel Prudent und dessen
Begleiter wären durch einen furchtbaren Absturz rein zerschmettert
worden.

Die vor Schreck verstummten und nach Athem ringenden Zuschauer waren
von jener Art Entsetzen gepackt, das die Brust einschnürt und die Füße
lähmt, wenn man Einen aus großer Höhe herabstürzen sieht. Jetzt drohte
ein Luftkampf, ein Kampf, der nicht einmal die geringen Aussichten für
Rettung wie ein Wasserkampf darbot -- der erste dieser Art, aber gewiß
nicht der letzte, denn der Fortschritt gehört zu den ehernen Gesetzen
dieser Welt. Und wenn der »Go a head« an seiner Seite das amerikanische
Sternenbanner trug, so hatte der "Albatros" auch seine Flagge, das
schwarze Fahnentuch mit der goldenen Sonne Robur des Siegers,
entfaltet.

Der »Go a head« wollte aus dem Bereiche seines Gegners zu kommen
suchen, indem er sich noch weiter erhob. Er warf den als Reserve
mitgeführten Ballast aus. Noch einmal machte er einen Satz von tausend
Metern und erschien jetzt nur noch als ein Punkt im Luftraum. Der
"Albatros", der ihm mit der größten Drehgeschwindigkeit seiner
Schrauben nacheilte, war schon völlig unsichtbar geworden.

Plötzlich erhob sich von der Erde ein Schreckensschrei.

Der »Go a head« nahm sichtlich an Größe wieder zu, während auch der
sich mit ihm senkende Aeronef auf's Neue erschien. Jetzt war der Sturz
da! Das in der furchtbaren Höhe zu stark ausgedehnte Gas hatte die
Hülle des Ballons gesprengt, und nur noch halb aufgeblasen fiel dieser
rasch herunter.

Der Aeronef dagegen, der nur die Bewegung seiner Auftriebsschrauben
gemäßigt hatte, sank mit abgemessener Geschwindigkeit herab. Er fuhr an
den »Go a head« heran, als dieser nur noch zwölfhundert Meter von der
Erde entfernt war, und näherte sich ihm Bord an Bord.

Wollte Robur ihm den Gnadenstoß geben? -- Nein, er wollte helfen,
wollte die Insassen retten!

Seine Manövrirgeschicklichkeit war eine so erstaunliche, daß der
Aeronaut und sein Genosse auf das Verdeck des Aeronefs gelangen
konnten.

Sollten Onkel Prudent und Phil Evans etwa die Unterstützung Robur's
ablehnen, es verweigern, sich von ihm retten zu lassen? Sie wären es
wahrlich im Stande gewesen! Die Leute des Ingenieurs bemächtigten sich
jedoch derselben und schafften sie mit Gewalt vom »Go a head« nach dem
"Albatros".

Da machte sich der Aeronef von jenem klar und blieb an derselben
Stelle, während der jetzt völlig gasleere Ballon auf die Bäume neben
der Lichtung niederfiel, wo er gleich einem riesigen Fetzen hängen
blieb.

Unten herrschte das Schweigen des Todes; es schien wirklich, als wenn
alles Leben aus den Herzen der Menge entflohen wäre. Sehr Viele hatten
gleich die Augen geschlossen, um das Ende der Katastrophe nicht mit
anzusehen.

Onkel Prudent und Phil Evans waren also wiederum die Gefangenen des
Ingenieurs Robur geworden. Sollte er, nun er sie wieder erlangt, mit
ihnen noch einmal in's Luftmeer hinausfliegen, wohin ihm Keiner folgen
konnte?

Das war vielleicht zu vermuthen.

Indessen senkte sich der "Albatros", statt höher zu steigen, langsam
zur Erde nieder. Man glaubte, er wolle bis auf's Land gehen, und die
Menge drängte sich, um ihm Platz zu machen, auseinander.

Die Erregung der Leute hatte jetzt den höchsten Grad erreicht.

Zwei Meter über der Erde hielt der "Albatros" an, und unter tiefstem
Stillschweigen ließ sich die Stimme des Ingenieurs vernehmen:

"Bürger der Vereinigten Staaten, sagte er, der Vorsitzende und der
Schriftführer des Weldon-Instituts sind wiederum in meiner Gewalt.
Hielte ich sie zurück, so würde ich nur von meinem Rechte der
Wiedervergeltung Gebrauch machen. Bei der in ihrer Seele durch die
Erfolge des "Albatros" entfachten Leidenschaft aber sehe ich ein, daß
ihr geistiger Zustand doch nicht derart ist, um die Umwälzungen, welche
die Beherrschung des Luftmeeres einst nach sich ziehen muß, vollständig
zu begreifen. Onkel Prudent und Phil Evans, Sie sind frei!"

Der Vorsitzende, der Schriftführer des Weldon-Instituts, der Aeronaut
und sein Gehilfe hatten nur einen Sprung zu thun, um auf die Erde zu
gelangen.

Der "Albatros" erhob sich dann sofort um etwa zehn Meter über die Menge
und Robur fuhr fort:

"Bürger der Vereinigten Staaten, mein Versuch ist glücklich
durchgeführt, doch meine Ansicht geht dahin, nichts zu übereilen, auch
nicht einmal den Fortschritt. Die Wissenschaft darf den Landessitten
und Gewohnheiten nicht zu sehr vorauseilen. Die Menschheit soll nur
schrittweise, nicht durch gewaltsame Umänderungen vorwärts kommen. Ich
selbst würde heute noch zu zeitig auftreten, um alle widerstrebenden
und getheilten Interessen zu vereinigen. Die Nationen sind zum
wirklichen Bunde noch nicht reif.

"Ich ziehe also weiter und nehme mein Geheimniß mit mir. Für die
Menschheit wird es deshalb nicht verloren sein, sondern ihr dereinst
gehören, wenn sie unterrichtet genug sein wird, daraus Vortheil zu
ziehen, und weise genug, um es nicht zu mißbrauchen. Heil Euch, Bürger
der Vereinigten Staaten, Heil Euch, jetzt und immerdar!"

Die Luft mit seinen vierundsiebenzig Schrauben peitschend und von den
beiden mit größter Kraft arbeitenden Propellern davongetragen,
verschwand der "Albatros" im Osten inmitten eines Sturmes von Hurrahs,
die jetzt der allgemeinen Bewunderung Ausdruck gaben.

Die beiden, jetzt wie das ganze Weldon-Institut tief gedemüthigten
Collegen thaten das Einzige, was sie thun konnten -- sie schlichen nach
ihren Behausungen zurück, während die Menge infolge einer plötzlichen
Sinnesänderung nicht übel Lust zeigte, sie mit jetzt ganz angebrachtem
beißenden Spotte zu begrüßen.

      *       *       *       *       *

Nun bleibt noch immer die Frage bestehen: "Wer ist jener Robur? Wird
man das jemals erfahren?"

Man weiß es schon heute. Robur ist das Wissen und Können der Zukunft,
vielleicht schon des nächsten Tages -- er ist der sichere Schatz im
Schooße kommender Zeiten.

Daß der "Albatros" noch immer durch die Erdatmosphäre hinschwebe,
inmitten seines Reiches, das ihm Niemand streitig machen kann, ist
nicht zu bezweifeln; auch Robur der Sieger wird seinem Versprechen
gemäß eines Tages wiederkehren und das Geheimniß einer Erfindung
offenbaren, welche die socialen und politischen Verhältnis der Erde
gänzlich umgestalten dürfte.

Was die Zukunft der Luftschifffahrt angeht, so gehört diese den
Aeronefs, nicht dem Aerostaten.

Den "Albatrossen" ist es noch vorbehalten, sich das Reich der Luft
endgiltig zu erobern.



Inhalt.


I. Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath weiß, wie die
  ungelehrte                                                             1

II. In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander
  streiten, ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen                  11

III. In dem eine neue Persönlichkeit nicht besonders vorgestellt zu
  werden braucht, da sie das selbst besorgt                             23

IV. In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners
  Frycollin den Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht                41

V. In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden
  und dem Schriftführer des Weldon-Instituts beschlossen wird           52

VI. Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht
  am besten überschlagen                                                65

VII. In welchem Onkel Prudent und Phil Evans sich noch nicht
  überzeugen lassen wollen                                              78

VIII. Worin man sehen wird, daß Robur sich entschließt, auf die ihm
  vorgelegte wichtige Frage zu antworten                                91

IX. In dem der "Albatros" fast zehntausend Kilometer zurücklegt und
  das mit einem merkwürdigen Sprunge endigt                            108

X. Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's
  Schlepptau genommen wurde                                            127

XI. In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der
  Geschwindigkeit zunimmt                                              144

XII. In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen
  der Monthyon-Preise bewerben wollte                                  156

XIII. In den Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean
  durchfahren, ohne die Seekrankheit zu bekommen                       174

XIV.  In dem der "Albatros" etwas ausführt, was man vielleicht
  niemals hätte ausführen können                                       189

XV.   Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewiß der Mühe
  lohnt                                                                209

XVI. Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen
  Ungewißheit läßt                                                     225

XVII. Worin der Leser um zwei Monate rückwärts und auch um neun
  Monate vorwärts geführt wird                                         235

XVIII.Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende führt, ohne sie zu
  beendigen                                                            252





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Robur der Sieger" ***

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