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Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe
Author: Wassermann, Jakob, 1873-1934
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Olivia oder Die unsichtbare Lampe" ***

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                                Olivia
                                 oder
                        Die unsichtbare Lampe


                               Erzählung
                                  von

                           Jakob Wassermann



Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war
große Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im
besten Fluß, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die
Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Töchterchen des Hauses flüchtig
gesehen hatte, rühmte dessen besondere Schönheit und Lieblichkeit. Frau
Khuenbeck lächelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr
Verlangen kund, das Mädchen zu sehen, den Hinweis auf die späte Stunde
ließen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der,
unschlüssig und wie beschämt, nicht wußte, wie er die Bitte aufnehmen
sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu
widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging
dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der
zweijährige Ferdinand und die sechsjährige Olivia.

Schon saß Olivia auf dem Schoß des Dienstmädchens, die Augen voll
Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr
gekämmt, weiße Strümpfe und weiße Schuhe kamen an die Beinchen, und so
trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Räume hinüber. Die
Gäste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der Überraschung und
Befriedigung tönte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen
in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr
unbegreiflich waren.

Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die
Gruppe. Er dachte, daß der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten
werde; da dies aber nicht geschah, rief er plötzlich mit scharfer, ja
barscher Stimme aus: »Gnädige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm
wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.«

Alle lachten; Frau Khuenbeck errötete und trug das Kind schnell hinaus.

Olivia hatte die Worte gehört und verstanden; sie bewahrte dem, der sie
gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald
wußte sie seinen Namen; er hieß Robert Lamm und war damals noch ein
unbeachteter Beamter im Ministerium.

Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefühl; in Stunden
kindlicher Bedrängnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf.
Er war die Verkörperung einer strengeren Schutzgottheit neben der
sanften des Vaters.

       *       *       *       *       *

Wenn der Professor an seinem Schreibtisch saß, geschah es oft, daß sich
Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Füßen
niederließ und in Büchern und in Heften blätterte, die auf dem Boden
aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er
die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: »Du bist da, Kind?«
und lächelte. Olivia war glücklich, daß es ihr gelungen war, ihn nicht
zu stören.

Manchmal machte er kleine Spaziergänge im Park, dann nahm er Olivia mit
und führte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schöne
Kind. Olivia glaubte jedoch immer, daß sie nach dem Vater sahen, der so
nachdenklich und voll Würde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn.

Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Fräulein im
Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von
Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld
verraten. In der Entrüstung darüber forderte die Mutter, daß sie zur
Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher
Leidenschaft, daß die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der
Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals stürzen, war für
Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich
so krampfhaft an den Vater, daß der erschrockene Mann alle Mühe hatte,
sie zu beruhigen.

Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat
der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine
Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und
schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und
starb eines plötzlichen Todes.

Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt,
viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten
weinten, Olivia begriff es nicht. Für sie war der Vater immer noch
verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod.

Tag für Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte
ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzählte von der Mutter und
von Ferdinand, sprach von ihren Vorsätzen, von ihrem Eifer, zu lernen,
von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber
keine Adresse wußte, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, – so
lange, bis sie endlich begriff.

       *       *       *       *       *

Die großen Einnahmen des Professors waren von dem luxuriösen Haushalt
verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital
übrig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen.

Bei der Ordnung der Vermögensangelegenheiten und des neuen Lebens war es
Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck
hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands
Erziehung übte er einen entscheidenden Einfluß, während er Olivias Tun
und Lassen gleichmütiger zu betrachten schien.

Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn
zurückgelegt, die selbst von Übelwollenden seinen Verdiensten
zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte
beneidete Auszeichnungen erhalten und genoß als juristischer
Schriftsteller den Ruf einer Autorität.

Sein Wesen verkündete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken
ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nämlich
eine Sache, die er für gut und gerecht hielt, durchzusetzen.

Von früh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose
und derbe Persönlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte
immer ein herzliches Wort für sie. Während er mit der Mutter sprach,
stand sie in seiner Nähe; lächelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte
sich an seine Schulter.

Aber als sie zum Fräulein heranwuchs, wurde er förmlicher. Er hörte
plötzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwände. Er verbeugte sich und
sagte, wenn sie es ausdrücklich verlange und die gnädige Frau, er
verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder
duzen, doch dürfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie müsse ihn
dann ebenfalls duzen. »Aber ich habe es ja immer getan!« rief Olivia
erstaunt. – »Gewiß, nur paßt mir der Onkel nicht,« erwiderte er mit
einer Grimasse, »ich hasse die Onkels.«

So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine
Förmlichkeit bei, die den Charakter spöttischer Galanterie annahm, als
ihm manches an Olivias Lebensführung zu mißfallen begann. Sie war so
eifervoll, so lernwütig, so auf Bücher versessen, so atemlos tätig, das
mißfiel ihm; er äußerte sich nicht darüber, er wurde nur immer
spöttischer und galanter.

Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch saß. Er beugte sich über
ihre Schulter, sah noch genauer hin, schüttelte den Kopf, und da ihn
Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, blätterte, schüttelte
abermals den Kopf und fragte endlich: »Wie alt bist du denn jetzt?«

»Siebzehn war ich,« antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im
Lichte der Lampe.

»Siebzehn Jahre, und Plato im Original!« rief der Hofrat aus. Sein
Gesicht war so traurig, daß Olivia lachen mußte.

»Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt«, mischte sich die Mutter ins
Gespräch; »Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und
Klavierspiel und Vorträge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.«

So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick für Olivia,
in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es
dir nützen, Mädchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote
Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken?

Wahrscheinlich wußte er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia
aufwuchs; von ihrem Heißhunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach
Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mußte sich alles ertrotzen,
Arbeit und Genuß, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbübeln des Landes
und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolität und der Trägheit.
Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Maß, so durften sie
doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen
Hüter des Herkömmlichen.

Er wußte nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensfülle und
hoffnungsvolles Werden, sondern Übergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu
Frau Khuenbeck und war enttäuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins
Konzert gegangen. »Es ist das zweite in dieser Woche,« sagte Frau
Khuenbeck; »und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und
am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich weiß nicht,
wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.«

»Und das da auch noch,« sagte der Hofrat, und deutete auf einen
Tennisschläger und ein Paar weiße Schuhe, die auf einem Stuhle lagen.

»Ja, das auch,« antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht
des Hofrats gewahrte, fügte sie rasch hinzu: »Aber es ist nicht
Vergnügungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie
ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so
freudig, daß man es nicht übers Herz bringt, sie zu stören.«

Diese Begründung war für den Hofrat ein Schall. Olivia war schön; das
allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren häßlich;
Bücher machten häßlich, Wissen machte häßlich, sich unter die Menschen
zu drängen, machte häßlich. Auf Sportplätzen die Glieder verrenken, die
Füße durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen
bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein
unerquickliches Schauspiel. Der Schönheit floß alles zu, sie raubte der
Natur nichts, sie ließ sich von ihr beschenken, Schönheit war einsam,
war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen
das Gesetz.

Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener.

       *       *       *       *       *

Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwärmerei für einen
genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer
unter die Gilde der stadtansässigen Musiker gefahren war und das
Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen über ihn erholt
hatte.

Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den
beiden, die in eifrigem Gespräch waren. Der Hofrat grüßte sie und blieb
stehen; er machte sie mit dem vergötterten Manne bekannt. Sie wurde
blaß, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie
hatte seine Stimme gehört, und diese Stimme blieb ihr unvergeßlich. Die
Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttäuschen, aber auch
beglücken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerührt
als irgendeine zuvor.

Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia
wußte die Mutter zu überreden, daß sie dort die Ferien verbrachten. An
vielen Tagen, in Mondnächten wandelte sie andächtig die Pfade, auf denen
er gegangen war. Seine persönliche Nähe suchte sie gar nicht; er war
immer so versponnen, so verwühlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn
sie ihn einmal des Tages von ferne sah.

Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich
unbeobachtet; bei einem Strauß beugte er sich nieder, um zu riechen. Die
Zärtlichkeit der Bewegung hatte für Olivia etwas Außerordentliches. Von
da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es mußten stets Blumen in
ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie begoß sie, pflegte sie,
freute sich, wenn sie blühten, und trauerte, wenn sie welkten.

Als der Musiker eines frühen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie
besaß, für Blumen aus und schmückte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige
und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz für Menschen noch
empfänglicher gemacht.

Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenüber dem lebendigen Auf
und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an
Freunde sich auszuteilen, war Glück. So wurde sie vielfach in die
Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was
im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen
wurde mißbraucht, Offenheit verkannt, Güte zurückgestoßen, Wahrheit in
Lüge verkehrt. Aber auch dies war für Olivia ein Stück des großen
Reichtums, waren angefaulte Früchte von dem Baum, der ein Übermaß der
guten gab.

Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden
Morgen über ihr Erwachen, über den Himmel, die Luft, das Licht, die
Zeit, über alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr
erwarteten, über ein Gespräch, das sie gestern geführt hatte, einen
Spaziergang, den sie heute machen wollte, über ihren eigenen Körper,
über jedes Ding in ihrer Stube.

       *       *       *       *       *

Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim,
ein zartes, hochaufgeschossenes Mädchen von ernstem Wesen. Mariannes
Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und
durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten
einer der reichsten Männer des Landes.

Olivia kam beinahe täglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum
geringsten Dienstboten, bewunderten und verwöhnten sie. Wenn der
Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten über sein
rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte
mit ihr. Olivia hatte Sympathie für ihn; er schien ein gütiger Vater und
ein wohlwollender Mensch zu sein.

Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn
Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu
einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares
Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhängnisvoll geworden war. Eduard,
ohnehin verschlossenen Gemüts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde
durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an
der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, daß
es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierüber war Frau
von Friesheim sehr unglücklich, und als sie bemerkte, daß zwischen
Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhältnis entstand, legte sie
ihr nahe, sie möge alles aufbieten, um ihn dem gefährlichen Einfluß
jener Frau zu entziehen.

Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mußte lachen. Auf der anderen
Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe für sie
hatte. Marianne nämlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefaßt;
Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es
auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,
sich geltend zu machen, besaß er nicht. Er war im Gegenteil voll
Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene
Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Körpers. Wenn
man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander
verbunden denken.

Während nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender
Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglück für seine
Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flüchtige
Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch
Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah
er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller
Mildheit, die Kraft ihres Gefühls. Er schätzte die Künstler gering; die
meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia
solle Marianne dazu bringen, daß sie dem Maler entsage.

Olivia antwortete ihm, hierzu fühle sie sich nicht berechtigt, und als
seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn
zu überzeugen, daß man zwei Menschen, die durch Bestimmung
zusammengeführt worden, nicht voneinander reißen könne, ohne ihren
Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschöpflich in Gründen,
Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe;
schließlich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber
Freude und als vergesse er den ernsthaften Anlaß. Wenn er mit ihr rede,
bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten,
dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch dürfe es nicht sein, um
keinen Preis werde er sich fügen. Olivia schaute ihn an, und als sie
seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen
Urteil über ihn ein wenig irre.

Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie
begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergängen und ermunterte
Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander
zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Gröger, Eduards
Geliebte, und er bat Olivia, sie möge die Frau kennen lernen. Sie ließ
sich zu ihr führen, und er merkte ihr an, daß ihr die Frau nicht gefiel.
Da er sie um Offenheit drängte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr
unheimlich, sagte sie. »Ich fürchte, Anita wird Sie nicht glücklich
machen,« äußerte sie ein anderes Mal zögernd. Eduard war bestürzt und
kam immer wieder darauf zurück. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie
hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen
war, suchte er Olivias Nähe; Anita begann ihr zu mißtrauen und quälte
Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenkünfte zu
zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden
getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards
Herz sich ihr entschiedener zuwandte.

Nun mußte sie abwehren, und sie tat es begütigend. Es war ihr alles ein
Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie
aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verläßlich. Sie spürte,
daß sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und daß die andere dabei
verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie
suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte
seinen Rat haben, doch er war zurückhaltend und hörte mit seinem
reizenden Lächeln zu.

Eines Abends saß sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlägerig,
Eduard war für ein paar Tage verreist. Sie sprachen über die beiden,
über die Eltern, über das Leben im Hause; plötzlich sagte Ingbert, der
Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas
Vergebliches und Künstliches, da er doch genau wisse, daß Marianne ihm
niemals angehören würde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine
Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnöten, er beklage sich
ja nicht, er klage auch nicht an; daß Herr von Friesheim gegen ihn
eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn
aufzunehmen; jede äußere Schwierigkeit sei überwindlich. Es liege nicht
an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit
steige oder falle sein Stern.

»Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist,« schloß er leise;
»das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz
läßt sich verführen, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber
spricht sie, und man steht sündig da und will doch nicht noch mehr
sündigen.«

Olivia wußte nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an
Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wäre es nicht dunkel im Zimmer
gewesen, Marianne hätte ihre Blässe und Erregung merken müssen. Ingbert
war auf der Bank geblieben, man hörte ihn eines der alten Lieder singen,
die er liebte und in entzückender Weise vorzutragen wußte. Marianne
preßte Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefühl; sie
wünschte, Ingbert möge sie holen und mit ihr weit fortwandern.

Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht eröffnete, und wartete,
daß sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und
Olivia zürnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich
hoffte, verstand sie seine Unschlüssigkeit. Er hatte etwas so Gütiges an
sich, daß man billigen mußte, was immer er tat, und bald wurde Olivia
gewahr, daß ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden.

Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurück und brachte zwei Freunde
mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es
entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,
Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anlaß
Olivias Nähe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche
Strömung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen
und litt still, und Anita Gröger war der ruhlose Geist, der bisweilen
verdüsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog.

Stiegen auch Schatten empor, für Olivia war alles noch ein Spiel. In der
Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und
Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und übte sich in
jeder Kraft, die das Lebensgefühl erhöhte. Hier eine Getäuschte, dort
ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand
immer in der Mitte und regierte; sie knüpfte Fäden und löste Fäden,
verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz
nach ihrem Gefallen.

       *       *       *       *       *

Gegen Ende des Sommers, als die Gäste schon abgereist waren,
verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem
Ausflug in die Dolomiten.

An einem Augustabend kamen sie müde und staubbedeckt vom Rosengarten her
ins Karerseehotel, und als sie in die für Touristen bestimmte
Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen
Tisch waren mehr als zwanzig junge Mädchen in Abendkleidern gruppiert;
ein Herr, der den Frack ausgezogen und die Ärmel des Frackhemdes über
die Ellbogen gestülpt hatte, bereitete in einer mächtigen Schüssel eine
Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefäße mit
Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine
Arbeit, mischte die Getränke, rührte mit dem Löffel, kostete mit einem
andern Löffel, und immer, wenn ihm eines der Mädchen eine Flasche
reichte, sagte er etwas, worüber alle in fröhliches Gelächter
ausbrachen.

Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in
ihrer Lustigkeit nicht gestört zu sein.

Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekümmert hatte,
schaute dann doch hinüber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe
auseinandertrat, weil die Gläser zum Einschenken gebracht wurden,
erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschüssel den Hofrat Lamm. Sie
errötete vor Freude.

Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war
unverändert. Trotz seiner fünfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch
jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch.

Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier
saßen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner
ironisch galanten Art, ohne besondere Überraschung zu zeigen, als hätte
er sie gestern erst gesehen. Es verdroß Olivia, daß er nicht kam, um sie
zu begrüßen; sie ärgerte sich über die jungen Mädchen, die ihn so
zudringlich umschwärmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er
nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie
kühl.

Eduard fragte spöttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig
Auskunft, mußte aber plötzlich lachen, da sie eine sarkastische
Bemerkung des Hofrats über eines der Mädchen aufgefangen hatte. Die
andern Mädchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Männer hinzu,
und die Gesellschaft wurde sehr lärmend. Der Hofrat hatte seinen Frack
wieder angezogen, und plötzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr
die Hand.

Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er
sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drüben die
beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den
Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn
stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete
sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mädchen riefen ihm nach,
aber er kümmerte sich nicht um sie.

Olivia war bedrückt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen
gehen, nahm ihren Rucksack und ließ sich von der Kellnerin in eine der
Touristenkammern führen. Trotz ihrer Müdigkeit schlief sie schlecht.
Schon um fünf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der
frühen Sonne umglüht, aus dem Wald strömte ein feuchter, kalter,
harziger Duft. Sie ging über einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende
den Kopf zurück.

Da schallte ein Gruß an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den
Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein
reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Städter,
sondern sah ganz urwüchsig aus, sehnig, robust, sonnegebräunt.

Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die
gegen Süden lagen, und erzählte ihr von den Touren, die er gemacht. Er
fragte, ob sie gefrühstückt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine
Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er plötzlich wieder zerstreut.
Dann beschämte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum
Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund
seiner gestrigen jähen Verstimmung.

Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehört, daß
sie fleißig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in
deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des
Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erübrigten
sich alle Erklärungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster.
Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.

Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der
Abgrund steil hinunter. Auf einmal fühlte sich Olivia von den Händen des
Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die
Tiefe gedrängt. Sie schrie erschrocken, ihr bestürztes Gesicht war ihm
zugewendet; da ließ er sie los und lachte grimmig. »Es ist nicht viel
anders, als wenn ich dich da hineinwürfe,« sagte er; »schlimmer noch.
Mit solchen Menschen umgehen, das heißt, allen Anspruch auf Achtung
verwirken und seinen Namen beflecken.«

Mit entsetzten Augen fragte Olivia. »Du hättest dich vorsehen sollen,«
begann der Hofrat wieder; »eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt
zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist.
Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer
unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjäger, ein
Streber und Schleicher von einem Format, daß sogar unsere vielbesungene
Gemütlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden weiß. Dieser Mann ist
imstande, wenn sich zehn fähige Leute zu einem Posten gemeldet haben,
ihn mit dem elften zu besetzen, der gänzlich unfähig ist, und nicht
vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer bloß deshalb, weil der elfte
ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem
Vergnügen an der Unfähigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fähigen.
Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil
sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Kläger erschöpft und
kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde
einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den
Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind,
er ist schlechthin der Feind; ihn unschädlich zu machen, habe ich schon
meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz’ dich wieder an
seinen Tisch und tu, als wüßtest du von nichts.«

Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal.
Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich
einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn
in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte
er.

»Warum lachst du?« flüsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.

»Ich lache, weil es so schön ist,« antwortete er, »weil die Sonne so
freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott
soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzüglich war, und
weil überhaupt alles so famos ist.«

Plötzlich dünkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden.

Sie sagte: »Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewußt, Robert. Ich
habe dich für einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glücklich
ist.«

Abermals ließ er sein kurzes, höhnisches Lachen hören. Dann schwieg er
eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem
Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glücklich wähnte. Von
den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lähmten und diese
ihm mißtrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des
Besseren, nirgends Vernunft, bloß Vorschrift, bloß der Buchstabe, das
halbe Ungefähr, das veraltete Gutdünken, die sinnlose Herrschaft derer
vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwärts auf Fallen stoße,
das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch
unangreifbare Idole und lügenhafte Grundsätze. Wie kein Weg aus diesem
Pfuhl führe, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,
oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder
der Eigennutz, oder der Neid.

Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige
Schadenfreude, als bereite es ihm Spaß, Illusionen zu zerstören.

Und er zerstörte Illusionen, gründlich. Ein eisiger Hauch wehte durch
Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren blaß; es
war, als hätte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles
verwandelt, als stünde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein
Schreckbild. Sie staunte, sie sträubte sich, sie glaubte nicht und
fürchtete doch, zu zweifeln. Alles war plötzlich sonderbar anders.

An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, daß etwas mit ihr
vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber
Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschließen und schützte eine
Unpäßlichkeit vor. Ingbert fühlte sich in dem teuren und eleganten Hotel
nicht behaglich, und da die Geschwister zögerten, die Tour ohne Olivia
fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu
verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem
Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie spürte, daß er ihren Blick
forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich
zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekümmerte Ausdruck in
seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte,
zog sie seinen Kopf herab und küßte ihn. Er errötete wie ein Knabe,
seine Verwirrung erfüllte sie mit noch größerer Liebe, er drückte seine
Lippen auf ihre Hand und verließ sie stumm.

Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich
treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne
war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren
ihr verdunkelt und entrückt. Marianne, die über Ingberts Flucht
unglücklich war und Pläne schmiedete, wie man ihn noch erreichen könnte,
nahm Olivias verändertes Betragen nicht schwer und war offen und
anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein
Verhältnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache
herbeizuführen, er bat sie schließlich, ihm den Grund ihrer rätselhaften
Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter
darauf ein und sagte, daß er mit Anita Gröger gebrochen habe. Sie wußte,
was nun folgen würde, sie hatte Angst davor, und mit einer Kälte, die
ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie
auseinander.

Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause
reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter
sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr
geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefühl einer
Trennung für immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher
an sein verstörtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie hätte
die Erinnerung auslöschen mögen.

Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von
gleichgültigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht
zu überlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der während der
langen Eisenbahnfahrt zuweilen prüfend auf ihr ruhte, und als sie von
Innsbruck ab allein im Coupé waren, brach sie selbst das Schweigen aus
unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide
kannten und von denen sie annahm, daß er sie schätzte. Sie redete sich
in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und
übertrieb ihre Vorzüge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er
hörte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute
in die Landschaft.

Da erschien ihr alles falsch und einfältig, was sie sagte, sie mochte
die schönen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie
fühlte mit Betrübnis, daß sie all dieses Schöne nicht mehr so liebte wie
sie es bisher geliebt. Es war, als hätte Robert Lamm einen Schleier
darüber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme
Gewalttätigkeit, die er an ihr übte, zu wehren. Desungeachtet zwang es
sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer
Rückkehr in die Stadt sehen werde. Sie hätte aufgeatmet, wenn er nein
gesagt oder eine Ausflucht gebraucht hätte. Er antwortete: »Freilich
will ich dich sehen.« Und als sie schwieg, fügte er düster lächelnd
hinzu: »Vielleicht brauch’ ich dich.«

Sie war ängstlich verwundert. »Brauchen? Du – mich?«

»Kommt dir das so unglaublich vor?« Er lachte über ihr hilfloses
Gesicht. Plötzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe
zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte mit jener Eindringlichkeit,
die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: »Ich
kämpfe gegenwärtig einen Kampf, in dem für mich alles auf dem Spiel
steht. Ich kämpfe für die Ehre eines Toten, für die Rettung seines guten
Namens, für sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das
begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste
Niedertracht, die sich denken läßt, nicht verantworten. Das darf nicht
geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl ähnliches schon
tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab’ ich mir in den
Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich
fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir
vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb’ wohl, grüß’ mir die
Mutter.«

Sie stieg aus, aber am liebsten hätte sie jetzt mit ihm weiterfahren
mögen. Schwäche kam über sie, ihr ganzes Denken und Gefühl war dunkler
gefärbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergnügungen, dünkte ihr
plötzlich falsch und einfältig. Drei Tage später fuhr sie mit der Mutter
in die Stadt zurück, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert
Lamm.

       *       *       *       *       *

In Riedach, einem kleinen oberösterreichischen Kurort, hatte der junge
Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner
Zufriedenheit ausgeübt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer
Häuslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,
was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die
Erkrankung zur Anzeige gebracht.

Es entstand sogleich eine große Erregung. Einige Bürger hatten noch in
letzter Stunde den Doktor an der Ausführung seines Entschlusses zu
hindern gesucht. Die Sanitätskommission selbst, deren Vorsitzender der
Bürgermeister war, hatte geltend gemacht, daß die Sommerfrischler und
Kurgäste den Ort verlassen und für lange Zeit in Verruf bringen würden.
Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder
Warnungen, noch Einschüchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete
die Pflicht höher als die gefährdeten Interessen der Gemeinde.

Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, daß eine Militärabteilung,
die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort
befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemächtigte sich
Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von
Beschimpfungen ergoß sich nun über den jungen Arzt, und alt und jung
machte der Erbitterung in den unflätigsten Formen Luft. Die Männer
erwiderten seinen Gruß nicht; sie spuckten auf der Straße vor ihm aus.
Der Metzger, der Bäcker, der Milchhändler weigerten sich, seiner Frau
die Lebensmittel zu verkaufen, die sie für sich, den Mann und das kleine
Kind brauchte. Täglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die
Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in
seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September
wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekündigt.

Er wandte sich an den Reichsverband der Ärzte, und dieser rief die
Behörden um Unterstützung an. Der Appell war nicht vergebens,
Gemeinderat und Sanitätskommission wurden vom Statthalter aufgelöst, der
Bürgermeister seines Amtes entsetzt, die Kündigung für ungültig erklärt,
und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt
schützen sollte.

Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor
körperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm
nicht zurückgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten,
die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war
ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig
Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse
wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er
mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist
getrübt, seine Gesundheit erschüttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein
Greis aus.

Daß seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war
aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu
beschließen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen,
wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie
sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in
die Ferne verfolgen würden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn
bedeckt, die Besudelung, die Kränkung vergessen? Ein neues Leben
anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der
ihn aufrichtete, die Tröstungen seines Weibes beugten ihn nur noch
tiefer, denn er spürte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er
zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte
eine Gehirnentzündung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit
hatten ihn der Kummer und der Lebensekel getötet.

Der Reichsverband der Ärzte stellte nun den Anspruch an den Staat, für
die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben
waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausmaß, daß die
Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Männern, die sich
dafür eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig
hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen
Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg
führen konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein
hielt man für unabhängig genug, daß er es als hoher Staatsbeamter wagen
durfte, für den begangenen Frevel eine Sühne zu verlangen, die freilich
verspätet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhöhte.

Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehört; die
Zeitungen hatten alle Berichte unterdrückt, die sonstige Kunde, die im
Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzählung der
Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag
hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen
Höflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, daß ihm die Angelegenheit
näher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er ließ sich
alle einschlägigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,
und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zähnen. Dann
zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht
nur mit genügenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des
in Ausübung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann
zu unterstützen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle
schuldigen Bürger und behördlichen Organe von Riedach zu einer scharfen
Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine öffentliche und
feierliche Erklärung die geschändete Ehre und den verunglimpften Namen
des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein
solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, für das
Vaterland, für die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank
verdient.

Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflüchten. Er drängte
auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, daß man den Fall noch einmal
gründlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war
offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige
Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum
Minister; der erklärte sich als mangelhaft unterrichtet, schützte
wichtigere Geschäfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim.
Hier täuschte Gleichgültigkeit durch gefälligen Eifer; auch mit dieser
Taktik war der Hofrat vertraut. Er ließ den Herren keine Ruhe, er
bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hörte ihn an,
man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder
beteuerte machtlos zu sein. Überall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit,
dieselbe Lauheit. Robert Lamm fürchtete, alles zu verderben, wenn er
seinen Zorn nicht bändigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er,
vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh
er, so oft ihm des Ärgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch
jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor
der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu
treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betäuben konnte. Zwei Tage
nach dem Gespräch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors
Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche
Entschädigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt
der Familie bewilligt, alle übrigen Ansprüche müsse man aber aus
wohlerwogenen Gründen zurückweisen.

»Die Gründe will ich wissen,« knirschte der Hofrat. Er packte seine
Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die
Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach
seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.

An Gründen war man nicht arm. Wozu einen verjährten Streitfall
aufwärmen, einen glücklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor
die Öffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Bürger wegen immerhin
zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schädigen oder gar um
ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schön geglättet und
vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu böses Blut machen? Wozu
endlich die Komödie einer Ehrenerklärung, die dem Toten nicht mehr
nützen und die Lebenden nur verdrießen würde?

»Ein glücklich begrabener Skandal ist euch das!« rief Robert Lamm mit
funkelnden Augen. »Schön geglättet und vergessen findet ihr alles? Nun,
wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.«

Er drohte Lärm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der
Störenfried begann höchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts
anhaben, zu viele stützten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im
stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen
Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, daß man ihn
würde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewußtsein von seiner
Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied
wurde gewährt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den
Hof berührt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel
oder Einwand von oben nicht zu fürchten.

Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder
gesammelt hatte. Die Zustände waren also noch viel heilloser, viel
giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelähmt. Er ließ die
Sache, für die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen
aus, wurde scheu und wunderlich. Er verließ seine Stadtwohnung und zog
sich ganz in seine Villa zurück.

Diese Villa lag am Ende der Südwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hügeln
und inmitten eines großen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch
eine hohe, steinerne Mauer geschützt war. Die zahlreichen Räume
enthielten Schätze von Gemälden, Statuen, Büchern, Porzellan und alten
Möbeln. Der Hofrat ließ aber die Zimmer versperrt und nistete sich in
einer Giebelkammer ein. Die Haushälterin kochte für ihn, und der Diener
Gerold, eine Art Faktotum, sorgte für seine übrigen Bedürfnisse.

       *       *       *       *       *

Anfangs hatte ihn Olivia beinahe täglich gesehen. Entweder kam er zu
ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf,
ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie
sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.

Von dem, was ihn in dieser Zeit erfüllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es
von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es genügte, daß
sie Robert Lamm anschaute, dann rückte sich alles zurecht. Sie war stolz
auf ihn, nichtsdestoweniger drückte sein Wesen sie nieder, ohne daß sie
wußte, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien
es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Daß sie ihm nicht
näher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine
Nähe.

Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner
Laufbahn riß. Am Tag, bevor er in die Villa übersiedelte, gab er ihr in
unfreundlichem Ton zu verstehen, daß er bis auf weiteres von keinem
Menschen behelligt werden wolle. Sie ließ sich’s gesagt sein und ging
verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hörte sie, was
sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie
zurückgestoßen hatte, blieb sie ihm fern.

Sie wollte ihr Leben wieder wie früher führen. Allein die Heiterkeit und
Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin,
das süße Träumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf
das, was die Leute zu ihr sagten, und mißtraute den Worten. Zu einigen
Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die
rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines
Großindustriellen. Sie war um zehn Jahre älter als Olivia, hatte schon
eine fünfzehnjährige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen
ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl verspürte Olivia
noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau
erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zügen eine
Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das
Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.

In der Trauer hierüber nahm sie zu Büchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken
hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfüllt.
Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen
Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mußte sie sich erst
mühsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie
waren plötzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus
mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer
genommen; aus überseeischen Häfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen
Enttäuschung, Resignation und schüchtern glimmende Hoffnung enthalten
waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine
Zuversicht nicht heben.

Eines Tages kam Marianne zu ihr, saß eine Weile schweigend da und begann
auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wußte sie wenig,
Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute
erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zürnte ihr
vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, kühl und befremdet, zum
zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch
heftiger. Seltsam, die Tränen rührten Olivia nicht, ruhig forschte sie
Marianne aus und erfuhr, daß Ingbert schon seit Wochen in die Stadt
zurückgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. »Ja,
hast du ihn denn nicht besucht?« fragte Olivia mit großen Augen. »Wie
soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen?« erwiderte Marianne, und
um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hände und sagte
langsam: »Aber was willst du dann? Warum weinst du?« Marianne senkte den
Kopf. »Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab’ dich ungerecht
beschuldigt,« hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun
ganz kalt und zugeschlossen.

Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwärterin
abgewiesen. Es dürfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber.
Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle
keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, daß er ihn besuche, und
dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte
sie hin und war froh, zu bemerken, daß er an Ingbert Gefallen fand. Als
sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein
blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick überflammt von Freude; ihre
offensichtliche Bestürzung über die Armseligkeit seiner Behausung
entlockte ihm ein wehmütiges Lächeln.

Sie kam fast täglich. Er besaß ein altes Spinett, darauf spielte er ihr
vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts
verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und
besonderer Anschauung der Natur. Er wählte einige Stücke aus und nannte
Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte
stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm,
wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm,
von dem sie wußte, daß er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage
später teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich
aber nicht entschließen können, eines der Bilder zu erwerben. Es lag
etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schöpfte Argwohn und ging
zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. »Dein Maler ist ein Narr,« sagte
Robert Lamm; »ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir,
gerade von denen könne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein
anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich über
ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe
er einem Freund versprochen. Du tätest gut daran, mich künftig mit
solchen Aufträgen zu verschonen.«

Er ging im Zimmer auf und ab. »Was soll’s? Was soll’s überhaupt?« fuhr
er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. »Was soll’s mit der ganzen
Kunst? Was fördert sie? Wen fördert sie? Wen tröstet sie? Wen macht sie
besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkür? Es ist
alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen,
werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den
andern, die sich dafür begeistern, dient es als Ausrede für ihr
schlechtes Gewissen.«

Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein
unnützes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er
riß sie fort, er riß sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken
spürte sie, daß sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor
seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem
verhängnisvollen Einfluß zu entziehen. Was an Zärtlichkeit in ihrem
Gemüt war, strömte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes
Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie
durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie
aufgerichtet hatte.

Er durfte sie küssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er vergaß nicht,
daß er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die bloß
zufällig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blüte
ihrer Schönheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um;
ihre kühn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nördliche Blond der
Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Körpers und seine
vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergeßlich.
Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: »Jetzt sehen Sie erst,
was für ein Stümper ich bin;« doch sie lächelte ihm zu und war froh über
diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr
ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dünkte ihr nun
Ingbert allein. Und doch war ihr Gefühl verwirrt, tief und schmerzlich
verdunkelt.

Sie ließ sich selbst nicht ruhen, und endlich wähnte sie Klarheit zu
gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld,
die von Jahr zu Jahr sich gehäuft hatte und noch immer, Stunde um
Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, saß der
Richter, zu dem mußte sie gehen, nur er konnte ihr helfen, – zu den
Menschen, von den Menschen.

Menschen! Das war das Rätsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen
vorher nicht gespürt, sie bloß hingenommen und nicht geprüft? Mit ihnen
gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit
ihnen verbunden hatte, angenehme Lüge? Waren alle diese Bündnisse
nichtig, dies Mit- und Füreinandersein, war es wertlos, das Entzücken an
den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei?

Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mißtrauen? Was hatte die
Flügelkraft gelähmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die
Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch
hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines
Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trägen
Genuß verwüstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und
vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstörtes, erbittertes,
richtendes Gesicht.

Sie mußte auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr
Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich stützen konnte; einen Weg,
der in die Sonne zurückführte. Sie ertrug es nicht, sich in Haß gegen
die Welt zu verlieren.

       *       *       *       *       *

Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer
Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft
Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich
entschloß, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching;
Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen
Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur
Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.

Robert Lamm saß mit Frau Khuenbeck am Tisch und überlas einige Urkunden,
da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lärm
und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als
Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck
erhob sich, heiter überrascht, Olivia stand lächelnd auf der Schwelle.
Robert Lamms Miene drückte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar
Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten
begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene
abenteuerliche und ungewöhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es
bedürfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Würze zu verleihen,
meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem
hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,
Tänzerinnen durch geistreiche Einfälle von sich reden gemacht hätten. Er
gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glänzendes
Erzählertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgeräumt, so
unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhüllt stets
in seinen Worten lag, so gewinnend, daß alle an seinem Munde hingen und
ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, plötzlich wieder
trocken und hölzern höflich, empfahl.

Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkäufe in der Stadt
machen wollte. Sie schloß sich dem Hofrat an, und er schien sich darüber
zu freuen. Seine unerwartete Gesprächigkeit hatte erlösend auf sie
gewirkt; sie schöpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr
zu enthalten.

Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren
unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraßen ab in die stilleren, aber
auch dort sprach er nicht. Anfangs dünkte Olivia dies Schweigen
natürlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, daß seine Miene
finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die
Verwandlung nicht erklären; sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, wollte
fragen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Immer wuchtender, immer
lähmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und
geheimnisvoll dadurch. Sie hätte sich von ihm verabschieden können,
doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszuführen. Die Richtung, in
die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen?

Sie spürte, wie sie allmählich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen
sie beschlich.

Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Gürtel, und
statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte
beide Hände auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und
fragte: »Warum kommst du nicht zu mir?«

Stumm schaute sie zu Boden.

»Komm morgen,« sagte er befehlend.

Ein Automobil fuhr die Straße herauf. Er rief den Lenker an, fragte
Olivia, wohin sie zu fahren wünsche, half ihr in den Wagen, gab dem
Manne Geld, lüpfte den Hut und eilte hinweg.

       *       *       *       *       *

Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener
Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die
Alleen und über die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er
harkte. In seiner Nähe gruben der Gärtner und sein Gehilfe die Erde um.

Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er
zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der
junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter über
ihn gesprochen, und sie seien überein gekommen, daß es am besten wäre,
wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker böten
sich dort günstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Betätigung
als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Fleiß dem
flüchtigen Genuß zum Opfer falle.

Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag
gebracht hatte, war der einer Wohnungsveränderung. Die Wohnung in dem
eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte
sie schon vor einigen Wochen gekündigt. Sie hatte aber noch kein
passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine
Nähe, aufs Land zu ziehen. Zufällig hatte er davon gehört, daß in einem
Haus in Pötzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten
sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in
wünschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In
vierzehn Tagen könnten sie übersiedeln, Olivia möge es zu Hause
ausrichten.

»Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir,« schloß er, »kannst
kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du’s
wünschest, richt’ ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und
träumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es
ganz in Blüten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu träumen,
besser ist’s, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.«

Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie
seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem
ungewünschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen
hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen
abgeschnitten. Sie unterdrückte ihr Gefühl, um das dumpfere der Mutter
nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herüber kam, merkte die
Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab
es schon Blumen die Fülle in seinem Garten, und er schickte einmal eine
ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den
Balkon schmückte, bis das Dürftige und ärmlich Frische der Zimmer
verhüllt war.

Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer größeren Bestimmung entgegen.
Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und
Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht
zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverständlich
gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswürdige Ungebundenheit
zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plänen, die der Hofrat in
bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt;
die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefügtes Unrecht, und
sie faßte einen Groll gegen Robert Lamm.

Hiervon war häufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er äußerte sich
bitter über die Undankbarkeit der Mutter und spottete über ihre
wehleidige Schwäche. »Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschäft
wünschen sie sich alle,« sagte er verächtlich; »andere für sich schuften
lassen und im übrigen lustig sein, fröhlich sein, heirassassa.«

»Hätte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht
wie die Kümmerlinge zu leben,« sagte er ein andres Mal; »er hat in
manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und
wenn er bloß die Hälfte zurückgelegt hätte, so hättet ihr heute ein
ansehnliches Vermögen. Statt dessen wurde alles für Küche und Keller
vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgänger, die sich den
Bauch mästeten und wenn sie den Rücken gedreht hatten, sich das Maul
zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schöntuer und
Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,
Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das
Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche
Lebenshaltung galt für vornehm, keiner machte es anders, man war ein
Kavalier, man ließ sich nichts abgehen, man überzahlte jeden Genuß, und
jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu
katzbuckeln wußte. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine
Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die
ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.«

Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmäht wissen und
verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Güte und seine großmütige
Sinnesart. Das sei eine schlechte Güte, die das eigene Fleisch und Blut
der Sorge überliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks stärker sei
als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Großmut, die jedem
Lumpen zu willen sei und die Früchte mühevoller Arbeit einem
Parasitenhaufen an den Kopf werfe. »Du sprichst ja, als hättest du
meinen Vater gehaßt,« kam es empört von Olivias Mund. Robert Lamm
richtete sich steif empor. »Gehaßt? Er war mein Freund.« – »Nun, also!«
– »Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er,
bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild
unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste,
ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine
Abnormität dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.
Ja, ich war sein Freund; ich weiß, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie
selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner
Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines
Allesiebengradeseinlassens.«

Und er kam auf gewisse Zustände an der Klinik, die damals schon von sich
reden gemacht hätten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck
habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er
sei niemals fähig gewesen, Ränke zu spinnen, aber er habe auch den
Gedanken nicht ertragen können, daß andere gegen ihn Ränke spannen.
Deshalb sei er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich zu demütigen,
wenn es einen Widersacher zu versöhnen galt, und oft sei es geschehen,
daß er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Kälte
gegrüßt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines
Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der
klaffende Riß, der Gut von Böse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei
mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und
zum Schluß habe man sich freundschaftlich die Hände geschüttelt, womit
alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe.

»Am Ende seines Lebens ist er dann müde und traurig geworden und sah
wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte,« sagte Robert Lamm.
»Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht
heimgekehrt ist, erzählte er mir die Geschichte eines seiner Schüler.
Der höchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er
war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er
nirgends Unterstützung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium
wurden abschlägig beschieden. In der Verzweiflung darüber, daß er die
zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung
erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die
Eselei, Banknoten zu fälschen. Die Sache kam natürlich ans Licht, er
wurde zu langjährigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz
vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von
den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehört; er wußte, was für
Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf
die bei uns jeder stößt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als
er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spät gewesen.
Freilich war er durchaus nicht sicher, daß sein Dazwischentreten die
Katastrophe abgewendet hätte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz
niedergeschlagen, und in seiner müden Art klagte er das Regime an,
machte das Regime verantwortlich für alle Übel. Nun, dieses Lied war mir
bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Märchen, der die Jungfrau zum
Fraß verlangt; allgemeines Heulen und Zähneklappern, Schimpfen und
Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden
ausgeliefert. Im Märchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und
macht dem Untier den Garaus; ich möcht es nicht erleben, wie so ein
Schneiderlein bei uns traktiert würde; die Schikanen und Kniffe und
Bedenklichkeiten würden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn’s
überhaupt dazu käme, und statt die Hand der Prinzessin gäbe man ihm zur
Belohnung einen Fußtritt.«

›Die Stimme, die Stimme,‹ mußte Olivia in einem fort denken; qualvoll
war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten,
Raunzen, Geifern und Höhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die
Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich
einer Schraube. Sie hätte ihn oft bitten mögen, leise zu sprechen, aber
sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin
bei jeder Gelegenheit ihre Verzärtlichung und Versüßlichung vor und
spottete über das Rührmichnichtan, das in ihrer Miene lag.

Er entriß ihr Stück um Stück ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem
Wort berührte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich
auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit
ihrer Gründe entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele
nie verlegen, vor den Tatsachen mußte sie sich beugen.

Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu können. Sie
wies auf die großen Werke hin, die großen Schöpfer, die großen Gedanken
der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen
redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; über dem Strich feiere
die Korruption Orgien, unter dem Strich würden Schönheit und Moral
gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten stürze. Sie
erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so
viele entflammt; er lachte geringschätzig und fragte, ob sie denn nicht
wisse, daß man gerade den mit giftigem Haß verfolgt und förmlich in den
Tod gejagt habe.

Sie wußte nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzählte, wie der
wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um
sich und seine Kunst zu retten, keine andere Möglichkeit gesehen habe,
als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende
Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften
Bahn ein Ziel gesetzt.

Da tönte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich
Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun
und verloren; sie schauderte und ließ die Schwärze wehrlos um sich
niedersinken.

       *       *       *       *       *

Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam
er selbst. Er war der Stärkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine
finstere Sphäre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie
mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmächtigen
Verbitterung. Als sie wahrnahm, daß sie nur noch mit seinen Augen sah,
erschlaffte jeder Nerv an ihr.

Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners
war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete
Tänzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem
ersten Walzer erfaßte sie ein Grauen vor der Umschlingung eines
wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen
verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die
Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners
Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh.
Jeanette, Ninas Tochter, ein Mädchen von sprühendem Temperament, sorglos
wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext
von der schönen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lächelte
still und bat Olivia, sie möge doch wieder zu ihr kommen wie früher.
Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein
seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas
schwermütigen Zügen wich, machte sie stutzig und argwöhnisch, und in
einer Sekunde visionären Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser
Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten.

In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage später einen russischen
Sänger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er
dann, von Männern und Frauen bestürmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde
ihr Herz im Innersten aufgewühlt. Trunken ging sie nach Hause und
wünschte nichts anderes, als den Sänger noch einmal zu hören. Sie
erfuhr, daß er an einem bestimmten Abend wieder dort sein würde, und
versäumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in
welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei
ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrüßt; sie zeigte weder
Überraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen,
dennoch herrschte eine geheime Verständigung zwischen ihr und ihm.
Während er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein
Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzücken der Hörer äußerte
sich in lärmendem Händeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert
in die Richtung, wo er stand. Da drängte sich Ingbert durch eine
aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien
Anmut der Gebärde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht
und schmeichelnd über Olivias entblößten Unterarm und flüsterte, so daß
nur sie es vernehmen konnte: »Olivia, Sie sind verliebt.«

Ein entsagendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie
lächelte gleichfalls, matt und schuldbewußt. Verliebt, das war kein Wort
mehr für sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.

In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein
Kommen bemerkt zu haben, aber daß er da war, schien doch allen
selbstverständlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt,
trotzdem benahm er sich, als wären ihm die Räume und die Menschen
wohlbekannt. Er war von einer komödiantisch übertriebenen
Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas
Geziertes und zugleich Hämisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia
erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das
Beängstigende aber war, daß ihn seinerseits die andern, in deren Mitte
er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer
Hypnotisierten, näherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam,
stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares
Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht!
hätte sie rufen mögen. Das Blut pochte wider ihre Schläfenwand, mit
einem dumpfen Schrei brach sie zusammen.

Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fühlte sich in den Armen
Robert Lamms. Sie fühlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und für
alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner
Hand, vor seinem Hauch; sie sträubte sich leidenschaftlich, aber alle
Bemühungen waren vollkommen vergebens.

Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer
Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saßen – es waren
Ingbert und ein junges Mädchen –, sie möchten die Mutter nicht
beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort
waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zügen die Nachtluft ein,
bevor sie am Tor läutete.

Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war
in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich
gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich
durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzählige Lichter
brannten, nicht nur an den Wänden, in Hunderten von Kandelabern,
sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts
am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtfülle
nicht gefaßt gewesen war, begann sich eine quälende Scham ihrer zu
bemächtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein
drittes, zwanzig, dreißig, fünfzig, in regelmäßigen Pausen. Dies wurde
anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange
strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und
immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten
sich gegen die Wände hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der
drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe
brannte, stand Olivia allein in einem öden Raum. Der Schleier, der sie
einhüllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und
die kostbaren Gewänder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das
Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rührte
sich.

Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der
Hofrat war trotz der frühen Stunde schon in den Treibhäusern. Sie
wanderte durch das Haus, durch alle die schönen Räume, betrachtete die
schönen Gegenstände. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so
weltfern und ohne Freude.

›Er allein in dem großen Haus,‹ mußte sie denken, ›so nutzlos und ohne
Freude! Und soviel Haß in der Brust!‹

Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blühen. In
zauberhafter Pracht standen die Rosen; Säulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und
Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien
vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen,
Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien,
Clematis und Winden drängten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen,
Portulak und Dahlien. Und die üppigen Hecken, die kleinen Kanäle voller
Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und
Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest
der Natur.

Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Küche und
suchte das Mittel zur Züchtung einer schwarzen Rose.

Während Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verließ,
hatte sie das Gefühl, als riefe sie jemand, aber als dürfe sie um keinen
Preis dem Rufe folgen und zurückkehren.

Sie kehrte nicht zurück.

       *       *       *       *       *

Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gespräch, und am gleichen
Abend reiste sie nach München. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach
Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte kärglich,
gönnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem
Menschen.

In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe,
wenn auch ohne Enthusiasmus.

Die spärlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer
Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berühmte Meister, dessen
Unterricht sie genoß, äußerte sich über Olivias Charakter mit
Bewunderung, über ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, daß
ihr Entschluß zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm
vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.

Ein paar Tage später sagte Olivia zu ihrer Mutter: »Eine Frau kann es in
der Kunst zu nichts Großem bringen. Wir können die Welt nicht anschauen,
wir können die Welt nicht fassen. Heute hab’ ich meine Tonfigur
zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.«

Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und
sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In
Zürich wurde Olivia bettlägerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht
ergründet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war,
bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig,
Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das
Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, daß sie drohte, sich aus dem
Fenster zu stürzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nähe komme.

Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm,
wenn man sie anredete; jedes Gesicht quälte sie, bei jedem Geräusch
zitterte sie, vor Büchern empfand sie Widerwillen, die Natur ließ sie
kalt.

Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die
Betroffenheit ihrer Schwester, welche Veränderung mit Olivia geschehen
war. Sie war überschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebüßt,
ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien
gebleicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten fremd und
matt.

Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen
alles Zureden taub. Das Beste, was man für sie tun könne, sei, sie sich
selbst zu überlassen, erklärte sie. Den Frauen dünkte dies Verlangen
sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein
Sanatorium am Bodensee.

Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war,
sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle
ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen
Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom
November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke
und fühle sie nicht, als sei ihre Seele gelähmt.

Sie war von einer mörderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand
erfüllt. Die einzigen Gefährten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit
waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergängen auf den Alpenwiesen
pflückte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen verspürte sie keine Freude
über die Blumen. Sie sammelte täglich einen Strauß und trug ihn in ihre
Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.

Ihre Hände waren jetzt ganz schmal und gelb.

       *       *       *       *       *

Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte:
»Es ist Krieg ausgebrochen, ich muß mein Haus schließen.«

Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends
aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war,
traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, daß
dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie
kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.

In allen Bahnhöfen drängten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und
Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, daß Olivia kein
Plätzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im
Korridor stehen mußte. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen
kreischten, Kinder weinten, Männer suchten ihre Gepäckstücke, Hunde
bellten, unaufhörlich liefen Gerüchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied
wurde gesungen.

Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor
Ekel bei den fortwährenden Berührungen, denen sie ausgesetzt war.

Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine
Bäuerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden
geredet wurde, konnte sie nicht hören, aber wie sie voreinander standen,
Hand in Hand, Blick in Blick, das rüttelte sie auf einmal aus ihrer
selbstischen Pein.

›Wohin bin ich geraten?‹ dachte sie schuldbewußt; ›wer hat mir die
Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?‹ Auf einmal
hatte der Lärm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere,
von dem die Menschen erfaßt wurden, begriff sie nicht, doch spürte sie
seine Gewalt.

Niemand holte sie ab. Sie mußte lange warten, bis sie einen Wagen bekam.
Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrücken mußte,
war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrüßte sie froh, aber im
übrigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl.
Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann
sie Sicherheit und fühlte sich minder einsam, als wenn man ihre
Einsamkeit zu stören versucht hätte.

Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und
Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie
vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein
Etwas, von dem Olivia elektrisch berührt wurde.

Später kamen noch einige der früheren Freunde und Bekannten, die
vernommen hatten, daß sie wieder zu Hause war und sich von ihr
verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, daß Olivia ihrer
längst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgeräumt, daß sie
sich über jeden einzelnen wundern mußte. Oft war sie nah daran, zu
fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr
wirklich so?

Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah
aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wäre. Er sprach nicht viel.
Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie möge
sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm.
Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens stützte Olivia den Kopf in
die Hand und weinte. Es waren gute Tränen.

Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige
schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mützen steckten
Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den
Augen, das wie ein Funke herübersprang.

Sie ging in die Stadt. Unzählbare Scharen von Menschen zogen über den
Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die
vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine
einheitliche Kraft.

In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein;
sie war in der Luft zu spüren, ehe sie verkündet wurde. Es schien, als
seufzten die Pflastersteine.

Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen
Glauben an sich. Aber aus dem verbrüderten Reich strömten, wie aus einem
unerschöpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie
waren Städte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die
Ferne einander so gefühlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehäuse, das ihm
zum Kerker geworden war.

       *       *       *       *       *

Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie
ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelöst hatte,
konnte aber, als schäme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr
war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.

So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre
Söhne betäuben und machte sich an vielen Orten nützlich. Sie forderte
Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo
zahlreiche Damen beim Labedienst beschäftigt waren. In einer Halle waren
mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da,
mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbänden.

Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier?
Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als
müsse es so sein. Von der Welt fiel eine Hülle ab, die ihre Gestalt
verborgen hatte, und plötzlich trat diese Gestalt in schrecklicher
Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu
Frau von Scheyern und fragte tonlos: »Warum liegen denn die Leute hier?«

»Wir haben zu wenig Platz,« war die Antwort.

Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grübelei. Fremde Leute drängten
sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie
trat auf die Straße. ›Zu wenig Platz,‹ grübelte sie und starrte auf die
Häuser, die vielen Fenster, ›wieso denn zu wenig Platz?‹ Wie konnten
alle die Männer und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn für jene
Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen,
ihre Geschäfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!

Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie
wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern
an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen
Militärarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war
dieselbe. Unwillkürlich preßte sie die Hände zusammen, dann floh sie wie
von einem Ort der Sünde.

Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. ›Was tust du?
Wozu bist du da?‹ rief sie sich zu. Beständig zitterten ihre Lippen. Sie
wußte kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie würde von
neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot
ihr beide Hände dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht,
es war ihr unangenehm, zu denken, daß ihre Person Gegenstand auch nur
eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach
Mitteilung und Aufklärung, sprudelte sie in raschen Sätzen hervor, was
sie bedrückte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne tätig; dort
seien die Zustände beängstigend, sagte er; die Leute lägen in den
Gängen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. »Und Sie,
Eduard, und Sie?« kam es gequält und empört von Olivias Lippen.

Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und
Erlebnis lag in seinen Zügen, aber sie gewahrte es nicht.

Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein
Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen
unbewohnten Zimmern.

»Ich gehe demnächst zur Front,« sagte Eduard Friesheim, und sein auf
Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.

Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedürfnis nach Eile
gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie ließ sich zu Robert Lamms
Villa fahren.

Gerold, der auf ihr Läuten das Tor öffnete, sagte: »Ich weiß nicht, ob
der Herr Hofrat empfängt.« Olivia schob ihn beiseite, flog durch den
Flur, über zwei Treppen hinauf und pochte an der Tür des Giebelzimmers.

       *       *       *       *       *

Robert Lamm saß lesend am Fenster. Bei dem stürmischen Eintreten des
jungen Mädchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden,
schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: »Du bist es?«

Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der
schüttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch
elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen
erschütterte Olivia, ein Schauder überlief sie: der Mann war ihr so nah
und so fern dadurch, in ihr war plötzlich alles Heißglut des Erlebens,
in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dünkte, als vergehe sie sich an
ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann.
Es war ein Gefühl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die
Wucht von Erfrorenem.

Eine Gebärde Lamms fragte. Die Gebärde war beredt: die Menschen meiden
mich, ich habe aufgehört, etwas von ihnen zu erwarten. Was für ein
selbstsüchtiger Anlaß führt dich her?

Olivia schöpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte
sie: »Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagerstätte
haben, kein Dach über dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen
können.«

»Ja, ich weiß, es ist Krieg,« entgegnete Robert Lamm sachlich. »Du hast
offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die
notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab’ ich damit zu schaffen?«

Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Um
Gottes willen, was redest du,« rief sie leise. »Die Unglücklichen gehn
zugrunde, und es sind so viele Häuser da mit leeren Stuben! Robert, dein
Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer können zehn Betten sein. Man hat
zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz für Menschen, die sich geopfert
haben. Hier bei dir ist Platz in Hüll’ und Fülle. Gib mir dein Haus,
Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so
doch zum Sterben.«

Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.

»Wie sie still halten,« flüsterte Olivia und preßte die Hände
gegeneinander, »wie fromm sie daliegen, wie verstümmelte Tiere. Geh mit
mir und schau’ sie an.«

Robert Lamm schüttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte
nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: »Sie haben sich nicht
geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlägt es
nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug übrig.
Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das
überlass’ ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben
an ihre Wichtigkeit haben.«

Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am
ganzen Leib zu beben. »Und wenn du dort lägst, hilflos dort lägst,«
stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rührte
sich nicht. »Und wenn’s dein Bruder wäre, irgendein Mensch, den du
liebst,« fuhr sie flehend, beschwörend, außer sich fort. Robert Lamm zog
mit eigentümlich bösartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte
finster über Olivia hinweg. »Und wenn ich’s selbst wäre, Robert, ich
selbst!« brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen
schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief
suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand
haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den
Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In
leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, riß das Messer an sich,
öffnete mit zitternden Fingern die oberen Knöpfe ihrer Bluse und
richtete die Spitze des Stahls gegen die weiße Haut ihrer Brust. »Wenn
ich es wäre!« wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte
sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblößten großen engen
Zähne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand,
drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz
und in der Furcht vor der Enttäuschung gleichsam spielend, hatte bei
allem Unerwarteten und Beängstigenden etwas so Rührendes, ja Kindliches,
daß in Robert Lamms Zügen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar
wurde.

Er griff hin, packte sie beim Gelenk und löste das Messer mit sanfter
Gewalt aus ihrer Hand. »Keine dramatischen Übungen, mein Kind,« sagte er
tadelnd; »ruhig Blut, laß uns ruhig verhandeln.«

Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das
Zimmer. »Dein Gefühl macht dir Ehre,« begann er wieder; »ich sehe nur
nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand
läßt sich gern auf einen Posten drängen, der weder seinem Charakter,
noch seiner Auffassung der Dinge gemäß ist –«

»Die Übel, unter denen du am ärgsten gelitten, und die du immer als
unsern Fluch bezeichnet hast, Trägheit und Unverantwortlichkeit, daß mir
die gerade dein Bild verunstalten sollten, könnt’ ich nicht ertragen,«
warf Olivia ein.

Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten
überraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kämpfen. »Mit dem Haus
allein ist’s nicht getan,« sagte er zögernd, »wer wird es einrichten?«

»Das laß meine Sorge sein.«

»Du vergißt, daß dazu viel Geld gehört.«

»Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch
andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel
entbehren willst. Am Gelde sollt’ es scheitern? Geld beschmutzt den, der
jetzt nicht hilft.«

Robert Lamm lachte; es klang halb überlegen, halb beengt. Er setzte sich
an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. »Nun gut,« sagte er nach
einer Weile, »nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden.
Tue, wozu es dich drängt. Ich werde Auftrag geben, daß man dich nach
deinem Belieben hier schalten läßt. Ich werde dir ein ausreichendes
Konto bei der Bank eröffnen. Ich nehme an, daß deine praktische Eignung
mit der Begeisterung gleichen Schritt hält; daß du Leute ausfindig
machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist
wohl selbstverständlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf
meine Person allerdings darfst du nicht weiter zählen. Ich bin nicht da,
für dich nicht, für keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versäum’ die
Zeit nicht.«

Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und
drückte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug
hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.

       *       *       *       *       *

Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.

Jedesmal, wenn er in das Tal kam, ließ er den Wagen beim Brandwirt
halten, und ein Bauernmädchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in
das Blockhaus. Dieses Mädchen, Romana hieß sie, war ihm seit vielen
Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein
durfte.

Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trüben Gedanken
sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.

Das Wort tönte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die
Majestät und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.

Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frühe auf den Höhen
ringsum und füllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch
unsichtbaren Sonne zu glänzen, sich zu zerteilen, und der strahlend
blaue Himmel trat hervor.

In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmäßig auf die Jagd. Aber er
merkte, daß ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem
Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schuß zu bringen.
Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bäumen; er
legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, daß er die
Flinte absetzen mußte. Das Tier hatte ein Geräusch gehört und enteilte,
nicht in großen Sätzen, sondern beinahe bedächtig und als wisse es, daß
es nicht mehr bedroht sei. Ärgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die
Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.

Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine
Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.

Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das
Gebirge.

Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich
abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die
Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern,
die im Feuer glühen.

Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die
Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften
Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er
aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes
Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich
eine herzlose, fanatische Schadenfreude.

Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der
Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene
hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege
hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte
der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«

Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt
kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er
den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken
anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es
ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er
mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus,
viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm
zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen
Pranken hielt.

Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins
Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd
und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin
zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit
dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den
Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die
Finsternis.

Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren
und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und
verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper
und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach
der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein
Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die
geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er
wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und
Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute
mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten
etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch
erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen
des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der
Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein
Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die
Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr
ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen.
Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem
Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die
Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen.
Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen
vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob
sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht
für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die
Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen.
Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter
geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er
des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie
schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand,
und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die
Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.

In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich
ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie
lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen,
den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie
darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges
in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein
wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war
eine andere, unheilvoll verwandelt.

»Olivia,« murmelte er vor sich hin.

Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin
und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem
Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und
schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er
herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur
verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf
einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei
ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden
und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag’ ihm, er soll sich
packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht
hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf
den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er
ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein
Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken
war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus
der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin
er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von
Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen
hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die
schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser
fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu
unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder
sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch
und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze,
ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.

Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es
Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber
bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen
mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend
abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten
sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den
ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.

Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm
gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während
sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er
die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam
unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und
könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.

Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr
er in die Stadt.

Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem
Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen.
Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte.
Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den
Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.

Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war,
schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter
Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und
verlor den Zusammenhang.

Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die
Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit
gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag
eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises
nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er
trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets
aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine
Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein
Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend
gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.

Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des
Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie.
Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt,
ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen
fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das
Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden
war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen,
sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man
immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.

Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa
sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als
öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein
Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen
Ort.

Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit
Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu,
der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf
und ließ den Verdutzten stehen.

In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in
einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er
eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten
ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder
aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein
müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen.
Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das
Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle
Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich
nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand,
erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten,
erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die
Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte
Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die
sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten
Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig
blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die
Faust und lächelte düster.

Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während
seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu
spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte
mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er
in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung
steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.

Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und
Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen
brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt,
die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben
stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und
einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine
eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein
Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging,
stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,
daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend
aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen
Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den
warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und
an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die
letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der
Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben;
er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein
Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht
eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit
dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht
über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie
sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer
Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er
zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg
versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach
eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem
dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem
Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die
Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er
sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte
wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher,
wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug,
ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa
anlangte.

Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und
aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster
waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es
war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein
Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der
Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm
entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden
gelehrt hatte!

Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen
Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die
Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte
noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von
Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war
Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und
Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des
Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt,
die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht
habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung
entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten
für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und
erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit,
das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen
verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen
seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber
nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde
des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß
Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst
täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen.
Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere
Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei
ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem
Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er
hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem
Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue
Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei
Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.

Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.

Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park
gebaut werden.«

Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab’ ich noch was
dreinzureden, dünkt mich!«

»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.

Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert
Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt.
»Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich
zusammengeschaudert.

Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem
Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der
Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb
beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug
Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um.
Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht
verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war
schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte
ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den
Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen
Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen
Schrei.

»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann’s hier nicht aushalten, man
kann nicht mehr leben in dem Haus.«

Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das
Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt
trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert
Lamm erkannte, war Olivia.

Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf
den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das
Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine
Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen.
Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird
sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit
hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.

Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert
Lamm den Kopf.

Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem
bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt
worden war.

       *       *       *       *       *

Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es
herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des
Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht
hatte.

In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein
Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen
wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit
ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer
Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er
dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren
Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der
Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er
öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds
Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig
erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen.
Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck
sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold
zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde
später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum,
wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.

Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die
Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu
schmettern,« sagte er furchtsam.

Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.

Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es
weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer
durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich
steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu
begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen
träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer
gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen
Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er
wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr
erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr
Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er
schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen
sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.

»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst
dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu
wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir
vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in
einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das
eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so
verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll.
Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«

Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie
ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter
Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du
denn eigentlich von mir?«

Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt
mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.

»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz.

»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu
machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht
hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr
über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?«

Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es
umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht
und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte,
seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung
nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.

»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für
eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und
dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.«

»Baracken? In meinem Park?«

»Ja, an der Südseite des Hauses.«

Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt
werden! Hundertjährige Bäume!«

»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer
Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!«

Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal
um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus
unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn
du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden.
Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der
Treppe liegen. Versuch’ es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor
Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.«

Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte,
rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte
einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick
in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie
selbst, und nicht eine Doppelgängerin.

       *       *       *       *       *

Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.

Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als
sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in
später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der
Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten.

In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las
aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich
düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem
beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und
Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden
Krater eines Vulkans.

Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem
Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das
Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und
wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach
Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts.
Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte
sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm
endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf
hinaus.

Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte
die Lider nicht schließen, die Finsternis brannte ihm förmlich auf der
Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,
geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der
Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt
wie Gift.

Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht
verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit
Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war.
Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des
Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender
Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge
ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit
rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm
richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft
hinein: »Ruhe!«

Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört.
Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete
ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen
bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: ›Wir sind in deinen Frieden
eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles
geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine
Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume
lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele,
um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der
Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher
warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte,
auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken
Menschen!‹

Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch
er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie
ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über
ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu
eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.

Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein
altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich
entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine
Blütezeit vorüber sei.

       *       *       *       *       *

Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf.

Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche
Einwilligung zum Bau der Baracken.

Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität
verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.

Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig.
Es war für sie ein Fall unter vielen.

Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem
Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur
Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und
nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.

»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia.
Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige
Weg, für dich der Irrweg.«

»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir
entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie
mir gezeigt hast,« antwortete sie.

»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die
Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu
urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«

»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die
Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«

»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich
plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt
empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines
Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu
verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er
die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der
Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange
gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind.
Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen
und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch
verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker,
Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt
mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon
verzeihen, Olivia.«

Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten
Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der
geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich
nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß
ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann’s
nicht sein.«

»Ach, bleib’ bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine
Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß
du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht
ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist,
indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der
Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen
ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht
hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines
einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer
geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder
er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da
sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja
verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von
Grausamkeit, das mir Mut einflößt.«

»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen
strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den
Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von
der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die
ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber
gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch
ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum
also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor
dem, was nun einmal ist?«

Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er
warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete
Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer
Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und
trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und
in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte
immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem
zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem
Geist Rechtfertigungen ab.

Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war,
als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen
Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie
die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge,
was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter
einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not
geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu
viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den
Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz
geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper,
sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der
in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die
Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich
Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre
vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die
Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn
Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein
Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.

Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin
auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie.

»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil
er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm
selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war.

»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er
Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest,
bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate
ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines
Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht,
was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das
einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod
nach ihm langt –? Du weißt nicht, was Leben heißt!«

»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des
Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich
solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der
Taifun rast, so tu’ ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,«
antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu.
»Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede
Form zerstört!«

»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht
zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein
auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte,
mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere,
Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!«

Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick
und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide
Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist
fürchterlich! Fürchterlich!«

Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.

Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über
ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet
soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.«

Schnell verließ sie das Zimmer.

       *       *       *       *       *

Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne
Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien
gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen
und keinerlei Auskunft über sich geben.

Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in
der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß,
vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn
und Wangen von Haaren frei waren.

Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das
war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im
Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte.
Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen
und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebärde.
Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.

Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem
inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz
bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet,
und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen
sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs
fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf
Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen
mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer
Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn
festzuhalten.

Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb
stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den
wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In
jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein
Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren
Geheimnisses näher ist als bisher.

Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte,
die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne
leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,
wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich
ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie
tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen
Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl
von Gott.

Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.

       *       *       *       *       *

Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte
berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine
Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler,
mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen
Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.

Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch
konnte er beim Gehen besser denken.

Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,
daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der
neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach,
die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.

Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis
drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer
waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause,
jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine
Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung.
Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten!

Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten.
Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er,
daß sich niemand um ihn kümmerte.

Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich
vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es
stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch
wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an
jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl
gerechtfertigt hätte.

Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren
hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen
einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia.

Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte
ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte,
die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und
schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte.

Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um
einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemüts- und
Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die
dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete
sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn
heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit
Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er
ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der
Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht;
er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von
sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen
getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und
Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich
nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus.

Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln:
alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe,
Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm
beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn
lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu
begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend
Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner
Belehrung zusammengebrochen war – er nannte es Belehrung, obwohl ihm
sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug – als sie sich der
Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die
Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben;
mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne,
rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt
hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am
günstigsten war.

Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände,
die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen
können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte
ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei
natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben
und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte.
Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in
vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf
jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er
sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er
wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein
männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der
Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte
ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines
Lebensgartens gepflanzt hatte.

Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen
gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum
Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch,
weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen
etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte
sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören,
sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein,
nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden
müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.

Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in
einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den
Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich
beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn;
es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem
körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden
kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und
beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die
Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und
zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.

       *       *       *       *       *

Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und
ging zu Frau Khuenbeck.

Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie
gekümmert, das trug sie ihm nach.

Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia
geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte,
erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei
ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine
Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich
bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts
gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig
zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt
wurde.

»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den
Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh’ ich ein
Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich
muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten
Dingen zu?«

Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt
es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.

»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck.
»Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit
darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.
Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie
genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den
betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich
sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«

»Märchen,« warf Robert Lamm hin.

»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein
Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte
meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es
sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung
geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«

»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine
sind,« bemerkte Lamm trocken.

Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt
einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet
mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie
warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden,
frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,
doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut!
Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind
eine schreckliche Sünde.«

Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist
außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut
und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«

»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom
Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt
ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je
wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«

Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen,
Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt
unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben
nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe
Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im
Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste
Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch,
das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«

       *       *       *       *       *

Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren
in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit
außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas
aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und
Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten
Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher
Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des
Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue
sich, dies öffentlich verkündigen zu können.

Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus
irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.

Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten.
Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«

Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von
Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die
Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem
zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem
Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte
einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn
der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst,
so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹«

Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,«
antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen
Mänteln versehen.«

Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor
Strygowski, wenn ich nicht irre –?«

»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen
habe –«

Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den
Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender
Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem
Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn
Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an
Sie zu richten.«

Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit
erlaube.

»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur
heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.

Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten
Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf.
Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die
Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger
Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,
verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie
grübelten.

Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben
Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte,
nickte sie ihm ohne Lächeln zu.

       *       *       *       *       *

Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat.
Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen
Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl.

»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne
Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer
ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch
immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit
ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias
zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?«

Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete
der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer
Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«

»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie
beharrlich blieb?«

»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.

»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die
sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und
aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu
versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung.
Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt,
muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an
eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich
ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«

»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei
Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr
Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige
und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig
Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue
Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz,
der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne
Grenze ist.«

»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit
erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und
umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.

Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir
haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit
der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu
erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie
unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die
Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom
gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur
Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und
sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst
heißt das, nur von sich selbst.«

Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich
mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es
nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch
aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen,
auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier
oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein
hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem
Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt;
sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein
Wagnis.«

Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und
unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor
einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige
Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren
Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne
einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der
angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die
Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen
riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester
Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als
wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist
mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹«

»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit
erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,«
fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die
Logik im Stich.«

»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,«
sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin
Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache
wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung
in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben
und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich
schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem
stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das
ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die
gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort,
einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es
scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die
Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären,
irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im
stillen nenne ich es die Metempsyche.«

Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr
Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das
harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des
Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die
von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und
Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer
treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte,
einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit
der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat
sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«

»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat
nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so
etwas nicht zum zweitenmal.«

»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder,
»ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine
verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der
ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten
mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu
sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu
Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich
sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so
manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst
Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres
Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«

Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß
man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der
Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und
zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der
Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den
krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen
Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen
hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie
sich dazu?«

»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und
verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski.
Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein
Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so
zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein
Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte.
Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr
unbeirrbar gerichteter Weg.«

»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf
fall’ ich Ihnen nicht herein!«

Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich
habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er
leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich
gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert
habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle,
nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg führt, den sie geht.«

Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.

»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie
wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.

»Ich verstehe nicht –«

»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es
zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime
Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein
egoistisches Ziel.«

»Hierauf habe ich keine Antwort.«

»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte
mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an
Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann
sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten
gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?«

»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte
Strygowski, der blaß geworden war.

»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Sie sind mir
fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort.
»Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie
sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein
Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern
bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken?
Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir
leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein,
auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger
ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme.
Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus
erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann,
auch wenn sie Olivia heißt?«

»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie
sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst
bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor
der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.«

»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist,
der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie
dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.«

Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche,
überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte
dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite
Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt
werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie
dabei sehen.«

»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann
ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«

»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne
dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden.

In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren,
ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür
und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen
Vorraum und die Treppe hinunter.

Doktor Strygowski folgte ihm.

       *       *       *       *       *

Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als
er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie
ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper
schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an.

»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,«
flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie
geschwollen.

»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm.

Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber
nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er.

Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube
zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so
sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen
Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große
Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren
ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein
grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte
man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige
Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten
die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie.

Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß
gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben
ist eingenickt.«

Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die
Türe. Es war Olivia.

Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu
weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas
Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die
schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter.
Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die Bestürzung in ihrem Gesicht
verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den
Kopf und ging weiter.

Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr
zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen,
wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rührend und unheimlich. Olivia
schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft
an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.

Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte.
Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze
Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie
alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen.

Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine
ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu
Ende.«

»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia.

       *       *       *       *       *

Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige
Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des
Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia
bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu
lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.

Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren
Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.

Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der
Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in
sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp.

Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und
lauschte dem Herzschlag.

War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im
Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des
Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten
Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet,
ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie
wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein
Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen
den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden
und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des
Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.

Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang
es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und
dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt;
in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte
sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen:
Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis
befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus
unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er
riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und
hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung,
als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu
ziehen.

Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des
Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und
Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den
blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der
deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht
gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher
Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin.

Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher
Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in
der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.

       *       *       *       *       *

Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am
Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede
Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo
ist Trost?

Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame
Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie
zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen
sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken
zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes
Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum
Tag.

Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden,
vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte
oder Geduld einflößte.

Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie
fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr
hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter
Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn
sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß.

Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie
wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach,
völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte
sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war.
Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern
leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers,
erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung,
die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was
dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den
Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der
von überallher tönenden Klage.

Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte
Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst
die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«

»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt
zurück.

Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den
Bruder beklagte.

Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den
Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines
Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers
bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe.
Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder
Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen
erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine
Wüstenei verwandelte.

Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter
traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia,
wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die
dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder
schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.

»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich
verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer
stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute
gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in
ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt
und den Verstand geraubt hatte.

Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war.
Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe,
wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die
Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und
Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann
darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben
können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den
Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das
alles nun vorbei war.

Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr
gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und
niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch
die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging
das zu?

Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute,
die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und
darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl
gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag,
erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm
vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er
unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines
bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages
war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig
ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre
Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen,
sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er
Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es
ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern
begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar
tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie
langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß
sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte.
Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich
ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte
fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor
sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.«

Woher kam ihm dieser Heroismus?

Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er
schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen?
Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste
Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der
Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor
sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem
Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«
Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand
hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir
dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand,
und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es
den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen
Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn
Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier,
Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem
Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe,
was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch
der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.

Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte.
Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis
Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh,
doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden,
alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen
gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu
erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße
und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die
Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon
nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus
betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod
bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im
Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre
auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu
Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten
sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit
der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas
Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam
immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer
wieder beschreiben.

Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei
die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war.
Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?«

In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn
zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis
ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es,
der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich
gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich
hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins
getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß
sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.

Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes?
Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden
lassen?

Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen
und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander
zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere
zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber
noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der
unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er
sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die
Sprache verloren.

Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die
Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die
andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und
nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den
Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu
fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und
wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre
Säuglinge verschmachteten.

Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel
glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater
mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen,
Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen,
die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander
zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und
Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn
die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das
körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung
flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für
den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und
nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.

Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker
zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt,
ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den
Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in
den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in
den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und
Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute
und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche
und Unglückliche.

Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und
alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst
auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den
Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer
Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder
Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes
und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich
berauschen wollten.

Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer
Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte.

    Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,
    zu begraben, zu begraben die Soldaten.

    Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,
    dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.

    Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!
    die Gemeinen unten, Korporale oben.

    An den Seiten viere, in der Mitten viere,
    überquer die Herren, Herren Offiziere.

    Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,
    dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.

    Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,
    zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.

    Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,
    morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.

Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen
Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und
verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.

Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie
suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den
Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des
Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den
unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht
sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen;
Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles
Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn.

       *       *       *       *       *

Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein
zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete.
Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.

Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie
waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und
tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und
verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende
der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie
ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen,
und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.

Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt
auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.

Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine
Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt,
und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe
von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und
tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.

Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob
sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die
Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend
und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war
die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und
hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in
die Hände.

Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war
es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen
Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich
begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer
solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und
sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde
zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu
befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still
gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln
begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte
einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah
es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid.

Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten
einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust
unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit
geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib
sie mir wieder!

In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf
einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere,
ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter
Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der
jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter
wieder!

Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich:
Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern!

Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich
um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und
bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser
Land, gib uns unsere Wälder!

Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du
Mörder, unsre Söhne!

Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr
Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war
als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge
erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte
er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und
schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes
Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies
und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne?
Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?

Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere
Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!

Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob
sie im Theater säße.

       *       *       *       *       *

Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo
kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch
Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?

Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die
Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter
Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und
innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur
gebunden!

Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und
beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein
letztes Asyl.

Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im
Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause
vor der versteinerten Mutter.

Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.

»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche
Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«

Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum
werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken
auf ein Bett binden.«

Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich
nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«

»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du
glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten
ihre Toten beklagen zu helfen.«

»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und
ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das
schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in
unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
kein Ruhm damit zu holen.«

Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich
dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ,
beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese
wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde
verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr
lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«

Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,«
sagte sie.

»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt
von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von
mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im
Wege, auch mir selbst.«

»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war
plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.

»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«

»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor
ihn hin und sagte: »_Deine_ Einsamkeit ist Todsünde.«

»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich,
vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel.
Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?«
brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit
kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie
Einsamkeit.«

Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen
könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich
seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht
zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne
Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes
Wesen umnachtet und im Krampf.

Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht
wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich
alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das,
wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.

       *       *       *       *       *

Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er
sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel
kann ich Absolution erwerben.

Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach
Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu
schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren
Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit
ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die
Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler
und Dunkelmänner aller Kategorien. Er wußte sie so einzuspinnen, daß
sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß
er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und
Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um
die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und
Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern
und klatschte den falschen Propheten Beifall.

Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im
Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der
Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit
der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit
dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des
Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung.

Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm
eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während
ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer
Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen
Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er
den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung,
fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte
sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen
Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn
die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast
schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn
verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den
Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der
Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie
verlassen hatte.

Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen
Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der
Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser
Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine
Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen
und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die
Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst.

Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!

Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer
sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm
jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und
schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der
Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein
Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die
Türe und Olivia trat herein.

Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte.

Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war
nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer
empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie
nicht erwartet.

So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem
Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch
einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn
gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester
geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht
gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.

Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der
erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in
den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die
Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in
geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr
entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war
noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch.
Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden,
so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.

›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du
mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl
alles, was sie um sich her gebaut hatte.

Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr
entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der
Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das
ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man
einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein
hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen
Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine
wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig
Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen
lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden
mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen
Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und
die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie
hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert,
die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren.
Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine
Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.

Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man
erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf
zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert:
»Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«

Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.

Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer
Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu
rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach
einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder
in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie
widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch
außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte
sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter
verstanden.

       *       *       *       *       *

An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine
Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war.
Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und
hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den
Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu
ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner
erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in
diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen
zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.

Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias
Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.

Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort
auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte
verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem
Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand
Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze,
herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges
Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.

Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie
ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit
ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte;
hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu
überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie
kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit,
von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in
eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen
erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.

Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und
der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit,
und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen,
einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel
Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt
des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit
Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ
er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge
befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen
Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das
strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu
besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.

Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich
mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem
bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte
zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu
jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der
Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger
vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn
in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief;
da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie
als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu
sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte
sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus
und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und
reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche
Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer
verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die
zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz
unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele
unter sich begrub.

Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und
nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar
kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als
habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt
und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon
ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs,
als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten,
als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch
Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr
nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses
Herz.

Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt;
hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende
hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der
Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben
gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte
dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es,
die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie
Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen
einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte
ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber
etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die
ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie
hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der
Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem
Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.

Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann
kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen
Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit
Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man
sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von
der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina,
in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war
doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung
öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft
und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte
Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen
Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der
sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.

Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge
anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer
eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens
gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie,
worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts
von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.

Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er
vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei.
Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und
erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte
sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte,
von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert
und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch
niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll
Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er
achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei
einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in
ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr
Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte;
sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle
Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem
Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut
sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von
vielen.

Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr
entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann
der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran,
den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem
Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette.
Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund:
»Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina
erkrankte.

Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie
konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte,
wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf,
und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die
sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum
nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude
hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich
seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn
erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer
und war totenbleich.

Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft
durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer
Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land
gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst
in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott,
bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war
anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre
Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte
den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt.
Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus;
war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.

Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des
Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das
Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die
Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins.
Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein
Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem
Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.

Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und
suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach
sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines
Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein
Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den
Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem
Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern
und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind
zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von
Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein
Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob
beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus
und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde
mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat
alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den
Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die
Ahnung der Gefahr.

Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da
wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der
Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig:
»Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief
Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres
Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in
die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend
verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die
hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte
Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein
neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu
verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade,
für die Helligkeit und für die Kraft.

Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen
Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu
mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«

Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief,
dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe.
Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren.
Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine
Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das
sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie
blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert,
voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun
zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei
Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.

Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.

       *       *       *       *       *

In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ
aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia
war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf
einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.

Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war
wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte,
zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach,
dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der
ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.

Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne
gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung
menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in
ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um
sein Recht zu fordern.

Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben
hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu
einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf
dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen.
Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir
war.

Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam
eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von
ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es
ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen
Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das
Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es
auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee
davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas
Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche
Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich
so gewesen sein?‹ fragte sie sich.

Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt
haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter;
unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und
sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
fragen.

Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im
Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier,
der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde
kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich,
ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und
fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt,
Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu
versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«

»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.

»Er liegt in Zawadow bei Strji.«

»Verwundet?«

»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen
muß.«

Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich
danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«

Ihr Entschluß war gefaßt.

       *       *       *       *       *

Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier.
»Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei
mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«

»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er.

Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend
in einem Feldspital.«

Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich
werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir
lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise
einen Schutz.«

Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er
starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht
das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes
mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in
seine.

Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu
spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer
Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber
ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes
Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.«

Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter.

»Es ist möglich gewesen, das genügt mir,« fuhr er fort. »Die
Verwirklichung wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form
geschaffen, die für meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit
gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht hätt’ ich mich
sonst vollends zerfleischt. Jetzt überseh’ ich den Weg; dich begleiten,
das kann ich; dich für mich behalten darf ich nicht.«

Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; ich will es sein.«

Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn.
»Was hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« fragte er. »Warum diese
Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir,
– die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im
November?«

»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte Olivia, »ich _muß_ es eben
tun.«

»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte Lamm; »du willst dich mit diesem
Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das
du auslösen möchtest. Wenn du zu mir gehst, schlägst du das Tor der
Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, daß einer, ob es auch
bloß ein Schatten ist, draußen steht und nach dir ruft.«

Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen und schwieg.

»Wir können aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus,« begann
Lamm wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. Gräber der Liebe machen
neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du,
Olivia, hast tausendfache Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal hast
du Georg Ingbert schon begraben.«

»Und doch muß ich zu ihm –«

»Ich glaub’ es selbst,« antwortete Lamm. »Eine Fahrt über lauter Gräber.
Zwischen dir und ihm – Gräber; zwischen dir und mir – Gräber. Millionen
von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.«

»Man möchte auf einen andern Stern fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen
göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.«

»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die
wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind,
ist nicht zu erforschen. Zu fühlen ist es, glauben muß man; kann man das
nicht, dann ist es freilich zum Verrücktwerden.«

»_Was_ fühlen? _Was_ glauben?« brach Olivia leidenschaftlich aus.

»Die höhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
ich sag’ es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren,
der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts
andres übrig. Gott will, und wir tun. Gott düngt, und wir wachsen. Gott
pflügt, und wir werden als Unkraut ausgejätet oder als Samen in die
Furchen gestreut. Was ist dein Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? In
ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren
Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen
Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. Und hilfst
du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.«

»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: »Du? Das alles ginge mir stärker
ans Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.«

Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er
antwortete: »Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen
herabgedrückten Zustand des Lebens finden muß, wäre es wünschenswert,
wenn jedermann eine Prüfung seiner inneren Bestände vornehmen wollte.
Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach
deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß ich nicht.
Ich will’s versuchen.«

»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. »Doch warum zögerst
du?«

»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er
wandte sich ab und sagte gepreßt: »Könnt’ ich nur in Worte fassen, was
du mir bist.«

»Robert!«

Jäh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft
und verließ ihn.

       *       *       *       *       *

Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein
einer Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. In den Baracken waren
schon die Lichter ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser saß ein Soldat
und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so viele,
daß sie den Schritt dämpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles
sprach von Auferstehung und Erneuerung.

Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging
sinnend weiter. ›Warum hast du das getan?‹ fragte sie sich plötzlich und
betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weißen Blüten grinste ihr der
Tod entgegen.

Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt,
fremd wie der Tod.

       *       *       *       *       *

Erst am dritten Tage konnten sie reisen.

Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgeräumt,
erzählte viel und war stets um Olivia bemüht. Junge Offiziere saßen im
Wagen, die dem schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine
teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhöfen gab es lange
Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes Treiben.
Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flüchtlinge jeden
Alters und Standes drängten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte;
Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszüge versperrten die
Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit
noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der
Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und
besonnenen Kraft regiert.

»Und das alles für eine Einbildung von Feindschaft,« sagte Lamm leise zu
Olivia; »wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der
da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich
bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat –? Wo
ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist
mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Völker?
Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen,
die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht
einmal träumen können, und doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie
wollen es, sie erzwingen sich’s. Die Einsicht können sie uns nicht
geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehören. Zeugung
aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Züge von Mordlust und
Grausamkeit und stößt die Seele ins Chaos zurück, von wo sie stammt.«

»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; »ich mag’s nicht, wenn Gedanken
so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es
endlich, daß du dich getäuscht hast, wenn du mir immer unser Land als
reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet
wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, daß wir
nicht zuschanden geworden sind vor dir und daß du das Henkerbeil umsonst
gewetzt hast. Schau’ in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein werkfreudiges Gefühl, und
sogar die Widerstrebenden können sich nicht entziehen. Sag’s ihnen doch,
daß sie deiner nicht so ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne bist du
ihnen schuldig.« Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errötete.

In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa
fünfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen auf
einem mächtigen Schädel und sah einem Negerhäuptling in europäischen
Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrüßten einander. Es war
Exzellenz Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu großen
Leistungen befähigt, hatte er sich doch wider die Ränke seiner Gegner
nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren
Theoretiker und römisch angehauchten Frondeur über Bord des
Staatsschiffes gespült. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung
erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und
wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets
erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten
in den Tumult der Weltbühne gerufen. Er war auf dem Weg ins
Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden
Verwaltungsbehörde pflegen sollte.

So erzählte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er
hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein
Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zärtlich und
strafend: »Sie, lieber Hofrat, sähe ich nicht ungern unter meinen
Helfern. Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie nichts. Mit den
Prätorianern haben wir aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh ins
Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
Filzschuhen darf man nicht aus unseren Ämtern schleichen. Wenn schon
Skandal, dann mit großem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht,
denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich für
einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann an
die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden
Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. Kommen
Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende
Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flügel dehnen. Mit den alten
unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und
geben Sie neuen Kredit.«

Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt;
das Anerbieten war zu überraschend, und sein Mißtrauen gegen die
Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten
lassen. Da er bemerkte, daß Olivia begierig zuhörte und Lamms Erwiderung
mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhältnis zwischen
den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem
Punkte recht, auch darin, daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
dürfe. In die Enge getrieben, erklärte Lamm, daß er nicht gewohnt sei,
wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu fassen, auch könne er nicht
zugeben, daß Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die
Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Häfner
sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San
führen und dem Fräulein sicherlich einen Platz im Wagen gewähren würden.
Ohnehin mußte man in Tarnow übernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis
zum nächsten Morgen aus.

Er saß mit Olivia in einem trübseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war
fortgegangen, um die Offiziere aufzuspüren, die Olivia mitnehmen
sollten. Unablässig polterten Fuhrwerke über das holprige Pflaster
draußen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten
erfüllte die Nacht. An den Nebentischen saßen Juden, die sich in ihrem
unverständlichen Jargon leise unterhielten.

»Wüßt’ ich dich zu Hause, so gäb’s kein Schwanken für mich,« sagte Lamm.
»Ich weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen
nicht. Ich hab’ dir’s ja auch gelobt.«

»Es wär’ ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um
die Füße legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, Angst um einen
Menschen! Ich kenn’ dich nicht mehr!«

»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dünkt, es ist ein Ende. Ich
spür’s in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten,
die den Blitz fühlen, bevor er gezündet hat. Hör’ doch, wie die Welt
braust und brüllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar.
Dessen bleib eingedenk, daß ich um dich gedient habe, länger als Jakob
um Rahel, viel länger. Nur dacht’ ich, ich müßte dich unterwerfen,
derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab’ nicht begreifen
wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht
bloß über mich, über uns alle, auch über die Sieger, und dich für meine
Person zu beanspruchen, wäre so lächerlich, als wollt’ ich den Mond in
mein Zimmer hängen, daß er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab’ eine
Erscheinung gehabt, weiter nichts.«

»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man
sie pries. »Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles ist, was man tut,
im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?«

»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt im Geiste. Der Geist kann
heilig werden, trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich habe an den Heiligen
Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh’ ich wieder am Anfang.«

Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres groß
aufgeschlagenen Auges.

       *       *       *       *       *

Exzellenz Häfner kam etwas verlegen zurück. Er habe die beiden Herren
gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, daß sie noch in der
Nacht fahren müßten. Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, die
anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht
gewagt zu entscheiden.

Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, wenn sie rasch ans Ziel
komme. Lamm widersprach nicht.

Sie nahmen hastig einen Imbiß auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia
auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer
Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze
erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach
ihrer Art, zurückgebogen, die Arme lässig im Fall. Ihr Gesicht hatte
einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst
ruhend gesehen.

Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia lächelte; als sie ihn wieder küßte,
waren ihre Augen feucht.

Er ergriff das Täschchen, und sie verließen den Raum. Unten wartete die
Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu führen. Schweigend
gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer
Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt,
Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; »leb’ wohl, Robert,«
rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon.

»Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,«
sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms.

Für Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verließ die zugige Kammer
wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse.

Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Häuser, an denen er
vorüberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen
aus. Er schritt an einem Zaun hin und spähte bisweilen in die Ebene oder
in den Himmel. Die Zaunpfähle neben ihm, in endloser Folge, das brachte
ein eigentümliches Gefühl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und
vielleicht war dies die Ursache, daß seine Gedanken immer bewegter,
immer stürmischer wurden.

Der Marschschritt einer Kolonne wurde hörbar und kam näher. Es waren
deutsche Soldaten, eine große Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende
nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch
die Entschlossenheit und der unabänderliche Gleichklang ihres Schrittes
machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorüber waren, blieb er
stehen und schaute ihnen nach. ›Da gehen sie nun,‹ dachte er und zog die
Stirn in Falten, ›da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in
ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rückkehr. Ob nicht
ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch.
Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den
Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Müller und am
Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und
Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern und Staatsdienern, die
dort draußen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es
wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte
und Familienväter geben. Was brächten sie vor sich, wenn ihnen dies
Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt
es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.‹

Er ging ein Stück, in der Richtung gegen die Stadt zurück, und nach
einer Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« redete er nun laut vor
sich hin, »doch ist der Mensch etwas Köstliches; man muß ihn bloß
anschauen und begreifen können. Viele können es nicht. Diese Gestalt,
das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spüren nicht den
Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich habe so
hingelebt, das ist alles; habe mich geärgert, habe gezankt, gefeilscht,
geredet, aber den Menschen gespürt, nein, das hab’ ich nicht.« Und im
Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: »Nein, das hab’
ich nicht.«

Da kam er an ein Haus, das ohne Türen und ohne Fenster war. Auch das
Dach war zum Teil weggerissen, so daß der Himmel in die öden Räume
starrte. Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier über die Ruine
schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches
Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang wie
das Weinen eines kleinen Kindes.

Nun trat er in das Haus, zündete seine elektrische Taschenlampe an und
ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Säugling auf
schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm
rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehörige in der Nähe. Aber
niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Säugling war völlig
verlassen, fror und hatte Hunger.

Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch
einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter.
Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle
hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still.

Er hüllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die
Körperwärme spürte, kam etwas Freudiges über ihn, und das lebendige, an
ihn geschmiegte Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer Weise teuer.
›Ich will es behalten,‹ sagte er sich, ›ich will es wie ein Geschenk von
Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den
Menschen gehe und für sie schaffe.‹

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, durch viele Hindernisse
verzögerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mußte
Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemühung des einen
Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu
verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den
Tag über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft
konnte der Wagen kaum vorwärts, so schwierig war es, den begegnenden
Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen
schleppten sich Verwundete die Straßen heran; fern am Horizont umsäumte
den düstern Himmel eine dunkle Glut. Überall waren Notbrücken, überall
rauchten Trümmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Löchern
zerrissen.

Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich der schüttelnde Wagen in der
Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstraße hielt. Ein
freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem
Bauernhaus, in dessen Flur sie über die Leiber schlafender Soldaten
steigen mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager.
Von den Bretterwänden troff das Wasser, die Luft war wie in einem
Keller, Pferde stampften in der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte
erschöpft hin, ohne schlafen zu können. Mit dem Morgengrauen erhob sie
sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert
zu finden hoffte.

Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein
jüngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, daß Leutnant
Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia faßte die
Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es
schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.

Zu Hunderten kamen blutende Männer vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden geführt. Der Kampf um Strji
war mörderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden
wilder und frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte nahmen einen um den
andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder um
Schreien und Stöhnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf
dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen
von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie
beständig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie
konnte nichts anrühren. »Na, werden Sie uns nur nicht krank,« sagte
einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. Sein Leinwandkittel war
von oben bis unten mit Blut bespritzt.

›Du mußt zu seinem Grab,‹ gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh
sie aus dem Raum, drängte sich durch die Verwundeten und fragte einen
Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lägen. Der Offizier zog die
Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefährdet,
antwortete er. Sie sagte gepreßt, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der Offizier, »ein lieber
Kamerad. Schade um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen Blick auf Olivia
und erklärte sich bereit, sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm zu
danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich.

Sie gingen über einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf,
als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie schießen,« bemerkte der
Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zündete sich eine
Zigarette an.

Auf einer Wölbung des Geländes sah man unzählige kleine Holzkreuze. Der
Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei
einem stehen und sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er und entfernte
sich.

›Hier liegt er,‹ dachte Olivia. ›Und warum eigentlich? Und warum die
andern, Unzähligen, warum?‹ Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit
des Freundes, seiner Wärme und schweigsamen Liebe, und dachte: ›Warum
nur, warum?‹

Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel
Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich
feurige Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen weit drüben in der Luft,
bisweilen ertönte ein Krachen, als wolle der Weltkörper zerreißen. Zur
Rechten wich mannshohes Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt
gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit
drüben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wägelchen ein, das von
einem müden, klapperdürren Gaul gezogen und von einer alten Bäuerin
gefahren wurde. Fünf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte
Bäuerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und
als es des Brandes ansichtig wurde, stieß es einen gellenden Schrei aus.

Plötzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt
ebenfalls ein Gebäude auf. Man sah nun, daß dort ein Dorf lag. Die
Dächer der übrigen Hütten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer.
Olivia blieb stehen.

Männer und Weiber stürzten ins Freie; die vergrämten Gesichter waren
grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber löste sich eine
auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein
Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich über Vierzig, trug
keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um
Stirn und Schläfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen,
und man sah an seinem Gang, daß er blind war.

Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern
entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten
um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber
durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald
in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner
Nähe gefeit wären.

Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot,
und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh,
winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als
käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und
je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte
kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr?
Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein
rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes
Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß
nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei,
daß er nichts mehr von ihr sah.

Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung
wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war.

Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht
und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine
Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu
einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen
Gebäudes.

Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus,
kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein
schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos.

Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen
und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein
unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel
gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen.
Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der
Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben,
zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch;
die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung,
verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne
darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß.

Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie
dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige
Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall
zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel
lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das
Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und
zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier
mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie
die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in
einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen.
In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag
ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf
seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte
tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen
waren traurig und voll Angst.

Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie
polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber
hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die
linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an
und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden
unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört
werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das
dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer
Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in
einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige
Flucht hin.

Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom
Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in
die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann
rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und
freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen.

Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein.
Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke,
deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre
Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn
mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß
entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und
preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
Mund.

Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem
bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel
eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf
hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich
Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und
immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte,
glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den
er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach
einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und
warf sie auf das Bett.

Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das
Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und
viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie
von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem
Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und
brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden,
als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die
Augen geschlossen hatte.

Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht
erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber
die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und
tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein
Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten.
Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus
verwandelter Welt.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen
& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3,
September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser
Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 002: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
S. 003: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, -> hatte.
S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
S. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
S. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
S. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
S. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]



[Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first
publication of the story, printed in “Velhagen & Klasings Monatshefte”,
XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The
page numbers jump according to the distribution of the story onto the
three issues of the monthly periodical. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p. 002: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
p. 003: [corrected period] über ihn erholt hatte, -> hatte.
p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
p. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
p. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
p. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
p. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Olivia oder Die unsichtbare Lampe" ***

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