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Title: Visionen und andere phantastische Erzählungen
Author: Turgenjew, Iwan
Language: German
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  Der Liebhaberbibliothek siebzehnter Band



  [Illustration: IWAN TURGENJEW]



  Iwan Turgenjew

  Visionen und andere
  phantastische Erzählungen


  Deutsch
  von
  Alexander Eliasberg


  Erstes bis fünftes Tausend

  Gustav Kiepenheuer Verlag
  Weimar 1914



  Für Max Mell

                A. E.



Inhaltsverzeichnis


                                               Seite

  Drei Begegnungen (1861)                          7

  Visionen (1863)                                 58

  Der Hund (1866)                                110

  Das Lied der triumphierenden Liebe (1881)      139

  Ein Traum (1876)                               175



Drei Begegnungen


    Passa quei' colli e vieni allegramente,
    Non ti curar di tanta compagnia --
    Vieni, pensando a me segretamente --
    Ch'io t'accompagna per tutta la via.


I.

Vor Jahren jagte ich mit besonderer Vorliebe in der Nähe des Kirchdorfes
Glinnoje, das etwa zwanzig Werst von meinem Gute entfernt liegt. Es ist
wohl das beste Jagdgebiet im ganzen Landkreise. Nachdem ich alle Felder
und Gebüsche nach Wild abgesucht hatte, ging ich noch regelmäßig gegen
abend zum Moorgrunde -- es war der einzige Moorgrund in der ganzen
Gegend -- und begab mich erst von dort zu meinem gastfreundlichen Wirte,
dem Dorfschulzen von Glinnoje, bei dem ich in der Jagdzeit immer
Quartier nahm. Vom Moor hatte ich bis zum Dorfe kaum zwei Werst zu
gehen; der Weg führte durch eine Niederung, und nur auf der halben
Strecke mußte ich über einen nicht sehr hohen Hügel steigen. Auf diesem
Hügel liegt ein kleiner Landsitz, der aus einem unbewohnten
Herrschaftshaus und einem Garten besteht. Ich kam fast immer während des
Sonnenuntergangs vorbei, und das von den Strahlen der Abendsonne
übergossene Haus mit den vernagelten Fensterläden erinnerte mich
jedesmal an einen blinden Greis, der aus seinem Kämmerchen
hervorgekrochen war, um sich in der Sonne zu wärmen. Der arme Greis
sitzt so allein an der Straße; statt des Sonnenlichtes sieht er schon
längst nur ewiges Dunkel; er fühlt aber noch die Sonne auf seinem
Gesicht, das er zu ihr wendet, und auf seinen erwärmten Wangen. Das Haus
sah so aus, als ob darin schon lange niemand gewohnt hätte; doch im
winzigen Hofgebäude wohnte ein freigelassener Leibeigener, ein
hochgewachsener Greis mit silberweißem Haar und ausdrucksvollem, doch
immer unbeweglichem Gesicht. Er saß meistens auf der Bank vor dem
einzigen Fenster seines Häuschens und blickte nachdenklich und bekümmert
in die Ferne; so oft er mich sah, erhob er sich von der Bank und
verbeugte sich vor mir mit jener langsamen Feierlichkeit, die nur den
Leibeigenen der alten Zeit, die zur Generation unserer Großväter und
nicht zu der unserer Väter gehören, eigen ist. Ich versuchte manchmal,
ihn in ein Gespräch zu ziehen, er war aber ungewöhnlich wortkarg: das
einzige, was ich von ihm erfahren konnte, war, daß das Gut, in dem er
wohnte, der Enkelin seines früheren Herrn gehörte, einer Witwe, die noch
eine jüngere Schwester hatte; daß die beiden irgendwo »hinter dem Meere«
wohnten und das Gut niemals aufsuchten; daß er selbst nur den einen
Wunsch hatte, baldmöglichst sein Leben zu beschließen: »Ich kaue und
kaue meinen Bissen Brot, und manchmal ärgert es mich, daß ich so lange
daran kauen muß.« Dieser Greis hieß Lukjanytsch.

Einmal jagte ich länger als gewöhnlich; es gab besonders viel Wild, ich
schoß gut, auch war das Wetter ganz besonders für die Jagd geeignet --
vom frühen Morgen an war der Tag still, trüb, gleichsam vom Abend
durchdrungen. Ich war weit vom Dorfe abgekommen, und als ich den
bekannten Landsitz erreichte, war es nicht nur ganz dunkel geworden,
sondern auch der Mond war schon aufgegangen, und die Nacht beherrschte
den Himmel. Ich mußte am Garten vorbei; ringsumher war eine seltsame
Stille ...

Ich durchquerte die breite Landstraße, bahnte mir vorsichtig den Weg
durch die staubbedeckten Brennesseln hindurch, lehnte mich an die
niedere Hecke und sah in den Garten hinein. Der nicht sehr große Garten
lag vor mir regungslos, ganz vom silbernen Mondlicht überflutet und
gleichsam beruhigt, feucht und duftend; er war nach alter Mode angelegt
und bestand aus einer länglichen Rasenfläche, die von schnurgeraden
Wegen durchschnitten war; die Wege trafen sich in ihrer Mitte bei einem
runden Beet, auf dem Astern wucherten; hohe Lindenbäume umrahmten das
Ganze wie mit gleichmäßigem Band. Dieses Band war nur an einer Stelle
auf der Strecke von etwa zwei Klaftern durchbrochen, und durch diese
Öffnung konnte man ein Stück des niedrigen Herrenhauses sehen; zwei
Fenster des Hauses waren zu meinem größten Erstaunen erleuchtet. Hie und
da standen auf der Rasenfläche junge Apfelbäume, und durch ihre dünnen
Zweige hindurch blaute der milde Nachthimmel und flutete das
einschläfernde Mondlicht; vor jedem der Apfelbäume lag auf dem silbrig
schimmernden Rasen sein Schatten. Auf der einen Seite des Parkes waren
die Linden vom Mondlicht übergossen und standen bleich und grün da; auf
der anderen Seite waren sie schwarz und undurchsichtig; in ihrem dichten
Laub erhob sich ab und zu ein seltsames verhaltenes Geflüster; es war
mir, als ob sie mich in ihren Schatten auf die sich zwischen ihnen
verlierenden Gartenwege locken wollten. Der ganze Himmel war voller
Sterne; ihr blaues, mildes Licht ergoß sich geheimnisvoll über die Erde,
auf die sie still, doch gespannt herabzublicken schienen. Leichte
Wölkchen zogen ab und zu an der Mondscheibe vorbei und verwandelten
ihren ruhigen Glanz in einen verschwommenen doch hellen Nebelfleck ...
Alles schlief. Die durch und durch warme, durch und durch duftende Luft
war regungslos; ab und zu erzitterte sie so leise, wie das von einem
herabgefallenen Zweig erschütterte Wasser ... In allen Dingen lag eine
eigentümliche Sehnsucht, eine Erwartung ... Ich beugte mich über die
Hecke: gerade vor mir erhob sich aus dem verwilderten Gras eine
Mohnblume auf ihrem schlanken Stengel; ein großer runder Tautropfen
glänzte matt auf dem Boden des Blütenkelches. Alles schlief, alles
träumte einen süßen Traum; alles stand regungslos da, blickte nach oben
und wartete ... Worauf wartete diese warme, wache Nacht?

Sie wartete auf einen Laut; diese lauschende Stille wartete auf eine
lebendige Stimme, -- doch alles schlief. Die Nachtigallen hatten schon
lange zu schlagen aufgehört ... und das plötzliche Summen eines
vorbeifliegenden Käfers, das Schnappen der Fische im Setzteiche hinter
den Linden am anderen Ende des Gartens, das Zwitschern eines
verschlafenen Vogels, ein Schrei in weiter Ferne, so weit, daß kein Ohr
unterscheiden konnte, ob es ein Mensch, ein Tier oder ein Vogel war, --
ein kurzes rasches Getrabe auf der Straße: alle diese schwachen Töne
vertieften nur die Stille ... Mein Herz war von einem eigentümlichen
Gefühl erfüllt; es war wie eine Erwartung und zugleich wie die
Erinnerung an ein entschwundenes Glück; ich wagte mich nicht zu rühren,
ich stand unbeweglich vor dem regungslosen, vom Mondlicht und Tau
übergossenen Garten und blickte, ohne selbst zu wissen warum, unverwandt
auf die beiden Fenster, die rötlich durch das weiche Dunkel schimmerten.
Und plötzlich ertönte im Hause ein Akkord, -- er ertönte und rollte wie
eine Woge durch die Stille ... Die unheimlich klingende Luft antwortete
mit einem lauten Echo ... Ich fuhr unwillkürlich zusammen.

Dem Akkord folgte eine weibliche Stimme ... Ich horchte gespannt auf und
... wie soll ich nur mein Erstaunen schildern? -- vor zwei Jahren hatte
ich in Italien, in Sorrent dasselbe Lied und dieselbe Stimme gehört ...
Ja, ja ...

    Vieni pensando a me segretamente ...

Ja, ich habe die Töne erkannt ... Es war damals so gewesen: Nach einem
längeren Spaziergang am Meeresstrande kehrte ich heim. Ich ging mit
schnellen Schritten die Gasse entlang; die Nacht war schon längst
hereingebrochen, -- eine herrliche südliche Nacht, keine stille und
melancholische wie bei uns, sondern eine helle, strahlende und üppige
Nacht, schön wie eine glückliche Frau in der Blüte ihres Alters; das
Mondlicht war ungewöhnlich hell; die großen strahlenden Sterne schienen
sich auf dem dunklen Himmel zu bewegen; die schwarzen Schatten hoben
sich scharf auf der vom Mondlicht fast gelb gefärbten Erde ab. Zu beiden
Seiten der Straße zogen sich Gartenmauern hin; Orangenbäume erhoben
hinter ihnen ihre krummen Äste, mit schweren goldenen Früchten beladen,
die bald aus dem dichten Laube hervorschimmerten und bald unverhüllt, im
vollen Mondlichte, glühten. Auf vielen Bäumen leuchteten zarte weiße
Blüten; die Luft war von einem starken, fast unerträglichen, doch
unbeschreiblich süßen Duft erfüllt. Während ich so nach Hause ging,
waren mir alle diese Wunder, offen gesagt, nicht mehr neu; ich hatte nur
den einen Wunsch, -- möglichst schnell mein Hotel zu erreichen. Und
plötzlich erklang aus einem kleinen Pavillon, der sich über einer
Gartenmauer erhob, eine weibliche Stimme. Sie sang ein Lied, das ich
nicht kannte, doch in den Tönen lag etwas so sehr Lockendes, die Stimme
selbst schien von einer so leidenschaftlichen und glücklichen Erwartung,
die wohl auch in den Worten des Liedes lag, durchdrungen, daß ich
unwillkürlich stehen blieb und den Kopf hob. Im Pavillon waren zwei
Fenster; doch die Jalousien waren herabgelassen, und durch die schmalen
Spalten drang ein ganz schwacher Lichtschein. Die Stimme wiederholte
noch zweimal die Worte »Vieni, vieni« und hielt inne; dann ließ sich
noch ein leises Klirren von Saiten vernehmen, als ob eine Gitarre auf
einen Teppich gefallen wäre, ein Kleid rauschte, ein Dielenbrett knarrte
... Die hellen Lichtstreifen in einem der Fenster erloschen: jemand war
von innen ans Fenster getreten und hatte sich gegen das Fensterkreuz
gelehnt. Ich trat zwei Schritte zurück. Plötzlich knarrte das Fenster,
der Laden wurde aufgeklappt; eine schlanke Frauengestalt, ganz weiß
gekleidet, steckte für einen Augenblick ihren reizenden Kopf heraus und
rief, die Arme gleichsam nach mir ausstreckend: »Sei tu?« Ich war ganz
verwirrt und wußte nicht, was ich sagen sollte, doch die Unbekannte
schrie in diesem Augenblick schwach auf und prallte zurück; der Laden
wurde wieder zugeschlagen, und der Lichtschein wurde auf einmal matter,
als ob man die Lampe in ein anderes Zimmer getragen hätte. Ich blieb
unbeweglich stehen und konnte lange nicht zu mir kommen. Das Gesicht der
Frau, das ich in diesem kurzen Augenblick gesehen hatte, war
unbeschreiblich schön. Es war viel zu schnell meinen Blicken
entschwunden, als daß ich mir jeden einzelnen Zug hätte merken können;
doch der ganze Eindruck war ungemein stark und tief ... Ich hatte schon
damals das Gefühl, daß ich dieses Gesicht nie vergessen werde ... Das
Mondlicht übergoß die Wand des Pavillons und fiel gerade auf jenes
Fenster, in dem ich sie erblickt hatte; mein Gott! -- wie wunderbar
glänzten im Mondlicht ihre großen dunklen Augen! Wie herrlich fielen
ihre halbaufgelösten, schwarzen Flechten auf die runde Schulter herab!
Wie viel verschämte Zärtlichkeit lag in der leichten Neigung ihres
Oberkörpers, wie viel Liebessehnsucht in ihrer Stimme, als sie mich
anrief, -- wie hell klang das rasche Flüstern! Nachdem ich noch recht
lange an dieser Stelle gestanden hatte, trat ich etwas zur Seite, in den
Schatten der gegenüberliegenden Mauer und blickte von dort aus
verständnislos und etwas blöde auf den Pavillon. Ich lauschte ...
lauschte gespannt und aufmerksam ... Ich glaubte hinter dem dunkel
gewordenen Fenster bald ein leises Atmen zu hören, bald ein seltsames
Rascheln und ein leises Lachen. Plötzlich hörte ich in der Ferne
Schritte ... sie kamen immer näher; am Ende der Straße zeigte sich ein
Mann von gleichem Wuchse wie ich; er kam mit schnellen Schritten zu der
Pforte, die in der Mauer dicht neben dem Pavillon angebracht war und die
ich vorher nicht bemerkt hatte, klopfte zweimal, ohne sich umzublicken,
mit dem eisernen Ring, wartete eine Weile, klopfte noch einmal und
stimmte leise an: »Ecco ridente ...« Die Pforte ging auf und er
schlüpfte lautlos hinein. Ich fuhr auf, schüttelte den Kopf, spreizte
die Arme auseinander, drückte mir den Hut in die Stirne und ging
ziemlich mißvergnügt nach Hause. Am nächsten Tage ging ich bei der
gräßlichen Sonnenglut wohl zwei Stunden lang in der Straße am Pavillon
auf und ab, doch ohne jeden Erfolg. Am gleichen Abend verließ ich aber
Sorrent, ohne Tassos Haus besichtigt zu haben.

Mag sich nun der Leser das Erstaunen vorstellen, das mich ergriff, als
ich in der Steppe, in einer der gottvergessensten Gegenden Rußlands die
gleiche Stimme und das gleiche Lied wiedererkannte ... Jetzt wie damals
war es in der Nacht; wie damals erklang die Stimme ganz plötzlich aus
einem erleuchteten unbekannten Zimmer; wie damals war ich ganz allein.
Das Herz klopfte mir und ich fragte mich, ob das Ganze nicht ein Traum
sei. Da erklang das letzte »Vieni« ... Wird denn auch jetzt das Fenster
aufgehen? Wird sich wieder eine Frauengestalt zeigen? Das Fenster ging
auf. In seinem Rahmen erschien eine Frau. Ich erkannte sie sofort,
obwohl ich fünfzig Schritt von ihr entfernt war, obwohl der Mond in
diesem Augenblick von einem leichten Wölkchen verdeckt war. Es war sie,
meine Unbekannte aus Sorrent. Diesmal streckte sie aber nicht wie damals
ihre entblößten Arme vor sich aus, sondern hielt sie auf dem
Fensterbrett gekreuzt und blickte stumm und unbeweglich in den Garten.
Ja, sie war es, es waren ihre unvergeßlichen Züge, ihre
unvergleichlichen Augen. Sie trug wieder ein weites weißes Gewand,
schien aber etwas voller als in Sorrent. Ihr ganzes Wesen atmete
Siegesbewußtsein und Liebe, triumphierende, ruhige, glückliche
Schönheit. Sie blieb ziemlich lange unbeweglich am Fenster stehen,
blickte dann ins Innere des Zimmers zurück, richtete sich plötzlich auf
und rief dreimal mit lauter und heller Stimme: »Addio!« Die herrlichen
Töne ihrer Stimme hallten weit durch die Nacht, zitterten lange nach und
erstarben über den Linden des Gartens, im Felde hinter mir und überall.
Alles um mich her wurde für einige Augenblicke von dieser Frauenstimme
erfüllt, alles widerhallte die Stimme, sie selbst schien in allen Dingen
zu tönen ... Sie schloß das Fenster, und nach einigen Augenblicken
erlosch auch das Licht im Hause.

Als ich wieder zu mir kam -- ich muß gestehen, daß es noch eine ganze
Weile dauerte -- ging ich sofort am Garten entlang zum versperrten Tor
und blickte über den Zaun. Im Hofe konnte ich nichts Außergewöhnliches
wahrnehmen; in einer Ecke stand unter einem Schuppen ein Reisewagen. Der
Vorderteil des Wagens war mit Straßenkot bespritzt und schien im
Mondlichte grellweiß. Die Läden des Hauses waren wie immer geschlossen.
Ich vergaß vorher zu sagen, daß ich vor diesem Tage eine ganze Woche
nicht in Glinnoje gewesen war. Ich ging über eine halbe Stunde ganz
verdutzt vor dem Zaune auf und ab, so daß ich zuletzt die Aufmerksamkeit
des alten Hofhundes auf mich lenkte; er bellte mich aber nicht an,
sondern sah mich ungewöhnlich ironisch mit seinen zusammengekniffenen
halbblinden Augen an. Ich verstand den Wink und zog mich zurück. Ich war
aber noch nicht eine halbe Werst gegangen, als ich plötzlich hinter mir
den Hufschlag eines Pferdes hörte ... Nach einigen Augenblicken sprengte
ein Reiter auf einem Rappen an mir vorbei; für einen kurzen Augenblick
wandte er mir sein Gesicht zu, so daß ich unter der tief in die Stirne
gedrückten Mütze eine Adlernase und einen schönen dichten Schnurrbart
sehen konnte; er schwenkte vom Wege nach rechts ab und verschwand sofort
im Walde. »Das ist er also,« sagte ich mir mit einem eigentümlichen
Gefühl. Ich glaubte ihn erkannt zu haben; seine Figur erinnerte wirklich
an die des Unbekannten, den ich zu Sorrent in die Gartenpforte eintreten
gesehen hatte. Nach einer halben Stunde war ich schon in Glinnoje. Ich
weckte meinen Quartierwirt und begann ihn sofort auszufragen, wer im
Nachbarsgute angekommen sei. Als er endlich begriff, was ich von ihm
wollte, antwortete er mir, daß die Gutsherrinnen eingetroffen seien.

»Was für Gutsherrinnen?« fragte ich ungeduldig.

»Nun, die Herrschaften,« antwortete er sehr träge.

»Ja, was für Herrschaften?«

»Nun, wie Herrschaften eben sind ...«

»Sind sie Russinnen?«

»Was denn sonst? Selbstverständlich Russinnen.«

»Nicht Ausländerinnen?«

»Wie?«

»Sind sie schon lange hier?«

»Nein, erst seit kurzem.«

»Bleiben sie lange hier?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sind sie reich?«

»Auch das weiß ich nicht. Vielleicht sind sie reich.«

»Ist nicht auch ein Herr mit ihnen gekommen?«

»Ein Herr?«

»Ja, ein Herr!«

Der Schulze seufzte auf.

»O Gott!« sagte er gähnend. »N--n--nein, ein Herr ist nicht dabei ...
Ich glaube nicht, daß einer dabei ist. Ich weiß es nicht!« fügte er
plötzlich hinzu.

»Was gibt es hier noch für Nachbarn in der Nähe?«

»Was für Nachbarn? Nun, es sind eben verschiedene da.«

»Verschiedene? Und wie heißen sie?«

»Wer -- die Gutsherrinnen oder die Nachbarn?«

»Die Gutsherrinnen.«

Der Schulze seufzte wieder auf.

»Wie sie heißen?« murmelte er. »Gott weiß, wie sie heißen! Die Ältere
heißt, glaube ich, Anna Fjodorowna, und die Jüngere ... Nein, ich weiß
nicht, wie die Jüngere heißt.«

»Weißt du wenigstens, wie sie mit ihrem Familiennamen heißen?«

»Familiennamen?«

»Ja, mit dem Familiennamen, dem Zunamen.«

»Zunamen ... Ja so. Das weiß ich bei Gott nicht.«

»Sind sie noch jung?«

»Nein, das nicht.«

»Wie alt?«

»Ja, die Jüngere wird so über die Vierzig sein.«

»Es ist alles nicht wahr, was du mir sagst.«

Der Schulze schwieg eine Weile.

»Nun, Sie werden es wohl besser wissen. Ich weiß von nichts.«

»Von dir werde ich wohl doch nichts anderes zu hören bekommen!« rief ich
geärgert aus.

Da ich aus Erfahrung wußte, daß man von einem Russen, wenn er schon
einmal angefangen hat, solche Antworten zu geben, nichts herausbekommen
kann (ich hatte übrigens den Mann aus dem tiefsten Schlafe geweckt, er
war noch ganz verschlafen und fiel bei jeder Antwort, die er mir gab,
ein wenig vorn über, während seine Augen kindliches Erstaunen
ausdrückten und er offenbar große Mühe hatte, die vom Honig des ersten
Schlummers zusammengeklebten Lippen aufzureißen), -- so gab ich alle
weiteren Versuche auf. Ich verzichtete auf das Abendbrot und ging in
meine Scheune schlafen.

Ich konnte lange nicht einschlafen. »Wer ist sie?« fragte ich mich in
einem fort: »Eine Russin? Wenn sie eine Russin ist, warum spricht sie
italienisch?... Der Schulze behauptet, sie sei nicht mehr jung ... Er
lügt ... Und wer ist jener Glückliche?... Ich kann wirklich nichts
begreifen ... Welch ein seltsames Abenteuer! Ist es möglich, so zweimal
hintereinander ... Ich muß aber bestimmt erfahren, wer sie ist und wozu
sie hergekommen ist ...« Unter solchen wirren, abgerissenen Gedanken
schlief ich sehr spät ein und hatte sonderbare Träume ... Bald schien es
mir, ich irre irgendwo in einer Wüste, in der drückendsten Mittagsglut
herum und sehe über den glühend heißen gelben Sand einen großen Schatten
huschen ... Ich hebe den Kopf und sehe meine Schöne in den Lüften
fliegen. Sie ist ganz weiß, hat große weiße Flügel und lockt mich zu
sich. Ich stürze ihr nach, sie schwebt aber leicht und schnell vorbei,
ich kann mich nicht von der Erde erheben und strecke vergeblich meine
gierigen Arme nach ihr aus ... »Addio!« ruft sie mir noch zu und
entschwindet. -- Warum habe ich keine Flügel ... »Addio ...« Und von
allen Seiten klingt es: »Addio!« Jedes Sandkörnchen schreit und piepst:
»Addio ...« Das »i« klingt mir als unerträglicher, schneidender Triller
ins Ohr ... Ich bemühe mich, es wie eine Mücke zu verscheuchen, ich
suche _sie_ mit den Augen ... Sie ist aber schon zu einem Wölkchen
geworden und steigt langsam zur Sonne empor; die Sonne zittert,
schwankt, lacht und streckt ihr lange goldene Fäden entgegen ... Nun ist
sie schon ganz von diesen Fäden umsponnen und löst sich in ihnen auf;
ich schreie aber wie besessen: »Das ist nicht die Sonne, das ist nicht
die Sonne, das ist die italienische Spinne; wer hat sie über die
russische Grenze gelassen? Ich werde sie anzeigen: ich habe mit eigenen
Augen gesehen, wie sie in fremden Gärten Orangen gestohlen hat ...« Bald
träumte mir, ich gehe einen schmalen Bergpfad hinauf ... Ich habe es
sehr eilig: ich muß möglichst schnell irgendein Ziel erreichen, wo mich
ein unerhörtes Glück erwartet; plötzlich erhebt sich vor mir ein
riesengroßer, steiler Felsen. Ich suche einen Durchgang, ich suche
rechts, ich suche links, kann aber keinen Durchgang finden! Und
plötzlich erklingt hinter dem Felsen die Stimme: »Passa, passa quei'
colli ...« Die Stimme ruft und lockt mich; sie wiederholt immer den
gleichen traurigen Ruf. Ich bin von Sehnsucht erfaßt, ich werfe mich
unruhig hin und her, will wenigstens einen schmalen Spalt finden ...
Doch wehe! Von allen Seiten erhebt sich die steile Granitwand ... »Passa
quei' colli«, wiederholt wehmütig die Stimme. Mein Herz vergeht vor
Sehnsucht, ich stürze mich mit der Brust gegen den glatten Stein und
kratze wütend mit den Nägeln an ihm ... Plötzlich öffnet sich vor mir
ein dunkler Gang. Ich kann vor Freude kaum atmen und eile vorwärts ...
»Unsinn!« ruft mir jemand zu, »du kommst nicht durch ...« Vor mir steht
Lukjanytsch; er winkt mir mit den Händen und droht ... Ich durchsuche
eilig die Taschen, will ihn bestechen, kann aber keine einzige Münze
finden ... »Lukjanytsch,« sage ich ihm, »laß mich durch, ich werde dich
später belohnen.« -- »Sie irren, Signore,« antwortet mir Lukjanytsch mit
einem seltsamen Ausdruck: »Ich bin kein Leibeigener; erkennen Sie doch
in mir den berühmten fahrenden Ritter Don Quixote von La Mancha. Mein
ganzes Leben lang habe ich meine Dulcinea gesucht und sie nicht finden
können. Ich werde nicht leiden, daß Sie die Ihrige finden ...« Und
wieder ruft die Stimme beinahe weinend: »Passa quei' colli ...« -- »Aus
dem Weg, Signore!« rufe ich wütend aus und stürze mich auf ihn ... Doch
die lange Lanze des Ritters trifft mich ins Herz ... ich falle tot hin,
ich liege auf dem Rücken ... kann mich nicht rühren ... und da sehe ich:
_sie_ kommt mit einer Lampe in der Hand, sie hebt die Lampe mit einer
schönen Gebärde über den Kopf, blickt sich im Finstern um, schleicht
vorsichtig zu mir heran und beugt sich über mich ... »Da ist er also,
der Narr!« sagt sie verächtlich lächelnd: »Er ist's, der erfahren
wollte, wer ich sei ...« Das heiße Öl der Lampe tropft mir auf mein
verwundetes Herz ... »Psyche!« bringe ich mühsam hervor und erwache ...

Ich hatte sehr schlecht geschlafen und war schon beim ersten
Morgengrauen auf den Beinen. Ich kleidete mich schnell an, nahm mein
Jagdgewehr und begab mich direkt zum Landsitz. Meine Ungeduld war so
groß, daß ich das mir bekannte Tor noch während des Sonnenaufganges
erreichte. Ringsherum sangen die Lerchen, und auf den Birken schrien die
Dohlen, doch im Hause schien noch alles in tiefem Morgenschlaf zu
liegen. Sogar der Hund schnarchte noch am Zaune. Von Erwartung und
Ungeduld gequält und beinahe erbost ging ich im taubedeckten Grase auf
und ab und blickte immerfort auf das niedere unansehnliche Haus, das in
seinen Mauern jenes geheimnisvolle Wesen barg ... Plötzlich knarrte
leise die Gartenpforte und auf der Schwelle erschien Lukjanytsch. Er war
mit einem merkwürdigen gestreiften Halbrock bekleidet, und sein
langgezogenes Gesicht erschien mir mürrischer als je. Er sah mich nicht
ohne Erstaunen an und wollte die Pforte gleich wieder schließen.

»Du, mein Lieber!« rief ich ihm schnell zu.

»Was suchen Sie hier um diese frühe Stunde?« fragte er mich gedehnt und
dumpf.

»Sag mir bitte, man sagt, daß eure Herrin angekommen sei?«

Lukjanytsch schwieg eine Weile.

»Ja, sie ist angekommen ...«

»Allein?«

»Mit der Schwester.«

»Hatten sie nicht gestern abend Besuch?«

»Nein.«

Mit diesen Worten zog er wieder die Pforte an sich.

»Warte, warte, mein Lieber ... einen Augenblick ...«

Lukjanytsch hüstelte und krümmte sich vor Kälte.

»Was wollen Sie denn eigentlich?«

»Sage mir bitte, wie alt ist deine Gnädige?«

Lukjanytsch sah mich mißtrauisch an.

»Wie alt die Gnädige ist? Ich weiß nicht. Sie wird wohl über die Vierzig
sein.«

»Über die Vierzig! Und die Schwester?«

»Etwas jünger als vierzig.«

»Ist's möglich! Ist sie schön?«

»Wer? Die Schwester?«

»Ja, die Schwester.«

Lukjanytsch lächelte.

»Ich weiß nicht, das kommt auf den Geschmack an. Ich finde sie nicht
schön.«

»Wieso?«

»Sie ist schon gar zu unansehnlich. Ein wenig kränklich.«

»So! Und ist außer den beiden niemand hergekommen?«

»Niemand. Wer sollte denn noch herkommen?«

»Es kann ja nicht sein!... Ich ...«

»Ach Herr! Sie werden mit Ihren Fragen wohl nie aufhören,« sagte der
Alte geärgert. »Es ist auch zu kalt! Adieu!«

»Warte noch ... Da hast du was!...« Ich reichte ihm einen Viertelrubel,
den ich für ihn vorbereitet hatte; meine Hand stieß aber an die Pforte,
die er mir vor der Nase zuschlug. Das Silberstück fiel zu Boden und
rollte mir vor die Füße.

-- Du alter Schwindler! -- sagte ich mir. -- »Don Quixote von La Mancha!
Man hat dir wohl befohlen, zu schweigen ... Warte nur, mich wirst du
nicht anführen ...«

Ich gab mir das Wort, die Sache um jeden Preis aufzuklären. Etwa eine
halbe Stunde ging ich noch unschlüssig auf und ab. Endlich beschloß ich,
mich zunächst im Dorfe zu erkundigen, wem eigentlich das Gut gehöre und
wer augenblicklich darin wohne; dann wollte ich wieder zurückkehren und
nicht eher fortgehen, als bis ich die Sache aufgeklärt haben würde. --
Die Unbekannte muß doch früher oder später das Haus verlassen, und da
werde ich sie endlich bei Tageslicht als einen lebendigen Menschen und
nicht als Gespenst sehen. -- Bis zum Dorfe mochte es eine Werst sein,
ich begab mich aber schnell und rüstig dorthin: in meinem Blute siedete
es, ich war ungewöhnlich kühn und entschlossen; die frische Morgenluft
wirkte auf mich nach der unruhigen Nacht stärkend und zugleich
aufregend. Im Dorfe erfuhr ich von zwei Bauern, die gerade an ihre
Feldarbeit gingen, alles, was ich überhaupt erfahren konnte: nämlich,
daß das Gut ebenso wie das Dorf, in dem ich mich befand, Michailowskoje
hieß, daß es der Majorswitwe Anna Fjodorowna Schlykowa gehöre, daß diese
noch eine unverheiratete Schwester Pelageja Fjodorowna Badajewa habe,
daß beide reich seien, auf ihrem Gute fast nie lebten, meistens
herumreisten, daß sie bei sich außer zweien leibeigenen Dienstmädchen
und einem Koch niemand hätten und daß Anna Fjodorowna in diesen Tagen
mit ihrer Schwester aus Moskau angekommen sei; sonst sei aber niemand
mitgekommen ... Dieser letztere Umstand machte mich etwas verdutzt: ich
konnte ja nicht annehmen, daß auch der Bauer den Auftrag hatte, über die
Unbekannte zu schweigen. Ebenso unmöglich war auch die Annahme, daß die
fünfundvierzigjährige Witwe Anna Fjodorowna Schlykowa und jene reizende
junge Frau, die ich gestern gesehen hatte, eine und dieselbe Person
seien. Auch Pelageja Fjodorowna zeichnete sich, wie sie mir geschildert
wurde, keineswegs durch Schönheit aus; beim bloßen Gedanken, daß die
Frau, die ich in Sorrent gesehen hatte, den prosaischen Namen Pelageja
und dazu noch Badajewa tragen sollte, zuckte ich die Achseln und lachte
höhnisch. Und doch, dachte ich, habe ich sie erst gestern abend mit
eigenen Augen in diesem Hause gesehen, ja, mit eigenen Augen! Geärgert,
gereizt, doch in meiner Absicht noch mehr gefestigt, wollte ich sofort
zum Gut zurückkehren; doch ich sah auf die Uhr: es war noch nicht sechs.
Daher beschloß ich zu warten. Im geheimnisvollen Hause schlief wohl noch
alles; wenn ich aber schon jetzt in der Gegend herumirren wollte, konnte
ich leicht unnötigerweise Verdacht erwecken; auch stand ich gerade vor
einem Gebüsch, und hinter diesem war ein Espengehölz zu sehen ... Ich
muß zu meiner Ehre sagen, daß trotz der großen Erregung, in der ich mich
befand, die edle Jagdleidenschaft in mir noch nicht völlig verstummt
war. »Vielleicht stoße ich auf ein Nest,« sagte ich mir, »und so wird
die Zeit schneller verstreichen.« Ich ging ins Gebüsch. Offen gesagt war
ich recht zerstreut und beobachtete wenig die Regeln der Kunst: ich
behielt nicht ständig meinen Hund im Auge, vergaß über manchem Strauch
mit der Zunge zu schnalzen, damit daraus mit großem Lärm ein Auerhahn
herausfliege, und sah jeden Augenblick auf die Uhr, was schon durchaus
unerlaubt ist. Endlich zeigte die Uhr über acht. »Es ist Zeit!« sagte
ich mir laut und wollte schon den Weg nach dem Landsitze einschlagen,
als plötzlich kaum zwei Schritte vor mir im dichten Grase ein
riesengroßer Auerhahn auftauchte; ich schoß auf den herrlichen Vogel und
verwundete ihn am Flügel; er fiel beinahe um, überwand aber den Schmerz,
schlug die Flügel und versuchte sich über die Espenwipfel zu erheben,
doch die Kraft versagte ihm, und er fiel wie ein Stein ins Dickicht. Auf
eine solche Jagdbeute zu verzichten, wäre doch ganz unverzeihlich
gewesen; ich ging also ins Dickicht, gab meiner Hündin ein Zeichen, und
nach einigen Augenblicken hörte ich ein verzweifeltes Flügelschlagen:
der unglückliche Auerhahn war bereits unter den Tatzen meiner Diana. Ich
hob ihn auf, steckte ihn in die Jagdtasche, sah mich um und -- blieb wie
angewurzelt stehen ...

Der Wald, in den ich geraten war, war so dicht, daß ich nur mit großer
Mühe die Stelle erreichte, wo der Vogel hingefallen war; in nicht allzu
großer Entfernung schlängelte sich durch den Wald ein Fahrweg, und auf
diesem kamen gerade Seite an Seite und im Schritt meine Schöne und der
Mann, der mich gestern eingeholt hatte, geritten; ich erkannte den Mann
am Schnurrbart. Sie ritten langsam und schweigend und hielten einander
an den Händen; die Pferde gingen im Schritt, schwankten träge von der
einen Seite auf die andere und reckten die schönen Köpfe. Nachdem ich
mich vom ersten Schreck -- ja, es war ein Schreck: eine andere
Bezeichnung kann ich für das Gefühl, das sich meiner plötzlich
bemächtigte, gar nicht finden ... nachdem ich mich vom ersten Schreck
erholt hatte, heftete ich auf sie meinen trunkenen Blick. Wie schön sie
war! Wie herrlich hob sich ihre schlanke Gestalt vom smaragdgrünen
Hintergrund ab! Weiche Schatten, zarte Lichter huschten leise über ihr
langes graues Reitkleid, über ihren feinen, leichtgebeugten Hals, über
ihr zartes Gesicht, ihre glänzenden schwarzen Haare, die in üppigen
Flechten unter dem niederen Hut hervorquollen. Wie soll ich aber jenen
Ausdruck vollkommener, leidenschaftlicher, stummer Seligkeit schildern,
den alle ihre Züge atmeten! Ihr Köpfchen schien von der Last dieser
Seligkeit gebeugt; aus den dunklen, halbgeschlossenen Augen sprühten
feuchtglänzende goldene Funken; sie blickten nirgends hin, diese seligen
Augen, die feinen Brauen senkten sich über sie. Ein unbestimmtes
kindliches Lächeln, das Lächeln grenzenloser Freude schwebte um ihre
Lippen; der Überfluß von Glück hatte sie gleichsam ermüdet, sie schien
beinahe gebrochen, ebenso wie unter einer allzu üppig aufgegangenen
Blüte oft der Stengel zusammenbricht; ihre beiden Hände ruhten kraftlos:
die eine in der Hand ihres Begleiters, die andere auf dem Schopf des
Pferdes. Ich hatte Zeit gehabt, sie zu beobachten und mir genau einen
jeden ihrer Züge zu merken; aber auch _seine_ Züge prägte ich mir ein
... Er war ein schöner großer Mann mit nicht russischem Gesicht. Er sah
auf sie selbstbewußt, befriedigt und, wie ich in seinen Augen lesen
konnte, nicht ohne einen gewissen geheimen Stolz. Er betrachtete sie mit
Wohlgefallen, der Schurke; er weidete sich an ihrem Anblick, war wohl
sehr mit sich selbst zufrieden, schien aber zugleich eigentümlich
gerührt ... Und in der Tat: welcher Mann verdient wohl die Hingebung
eines so schönen Geschöpfes, welche noch so schöne Seele wäre wert,
einer anderen Seele ein solches Glück zu schenken?... Ich muß gestehen,
daß ich ihn beneidete!... Indessen waren die beiden bis zu mir
herangekommen; mein Hund sprang aus dem Gesträuch und bellte sie an. Die
Unbekannte zuckte zusammen, sah sich rasch um, und als sie mich
erblickte, versetzte sie ihrem Pferd einen heftigen Schlag mit der
Reitpeitsche. Das Pferd schnaubte, bäumte sich, warf beide Vorderbeine
empor und flog im Galopp dahin ... Der Mann gab im gleichen Augenblick
seinem Rappen die Sporen, und, als ich nach einigen Augenblicken den
Waldrand erreicht hatte, ritten die beiden schon in golden schimmernder
Ferne über das Feld, sich anmutig in ihren Sätteln wiegend ... sie
ritten aber nicht in der Richtung zum Landsitze.

Ich blickte ihnen nach ... Die Sonne übergoß sie noch zum letzten Male
mit ihren Strahlen, bevor sie hinter dem Hügel verschwanden. Ich blieb
noch eine Weile stehen, kehrte dann langsam in den Wald zurück, setzte
mich am Wege und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Ich wußte, daß es
nach der Begegnung mit einem Unbekannten genügt, die Augen zu schließen,
um sich sofort sein Bild zu vergegenwärtigen; ein jeder kann die
Richtigkeit dieser Wahrnehmung auf der Straße nachprüfen. Je bekannter
uns ein Gesicht ist, um so schwieriger wird es, es sich auf diese Weise
zu vergegenwärtigen, um so verschwommener zeigt sich uns sein Bild; an
ein bekanntes Gesicht können wir uns wohl erinnern, können es uns aber
nicht vergegenwärtigen ... unser eigenes Gesicht können wir uns aber
ganz unmöglich vorstellen ... Wir kennen wohl jeden einzelnen Zug
unseres Gesichtes, können uns aber daraus kein ganzes Bild aufbauen. Ich
setzte mich also hin und schloß die Augen, -- und sofort sah ich die
Unbekannte vor mir, ihren Begleiter, die Pferde, und alles ... Besonders
deutlich sah ich das lächelnde Gesicht des Mannes. Ich betrachtete es
aufmerksamer ... es verwischte sich und verschwand in einem blauroten
Nebel, und gleich darauf zerrann auch ihr Bild und wollte nicht
wiederkommen. -- Ich erhob mich. »Nun, jetzt habe ich sie wenigstens
gesehen, habe beide deutlich gesehen,« sagte ich mir, »nun bleibt mir
nur noch die Namen zu erfahren.« Ja, die Namen! Welch eine kleinliche,
unnötige Neugier! Ich schwöre aber, es war nicht Neugier, die mich so
bewegte: es erschien mir einfach unsinnig, nach diesen seltsamen
zufälligen Begegnungen nicht wenigstens ihre Namen zu erfahren. Mein
früheres ungeduldiges Erstaunen war übrigens verschwunden: ich hatte nur
ein seltsam trauriges verworrenes Gefühl, dessen ich mich ein wenig
schämte ... Es war Neid ...

Ich beeilte mich nicht, zum Landsitze zurückzukehren. Offen gesagt,
schämte ich mich, so hartnäckig einem fremden Geheimnis nachzuspüren.
Auch hatte mich das Erscheinen des Liebespaares bei Tageslicht, so
seltsam es auch war, ich will nicht sagen beruhigt, so doch etwas
abgekühlt ... Ich fand in diesem Erlebnisse nichts Übernatürliches,
nichts Wunderbares mehr ... nichts, was einem unerfüllbarem Traum
ähnlich wäre ...

Ich machte mich wieder an die Jagd, wenn auch mit größerem Eifer als
vorhin, so doch ohne rechte Begeisterung. Ich stieß auch auf eine
Auerhahnfamilie, die für etwa anderthalb Stunden meine Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm ... Die jungen Vögel wollten auf meine Lockpfiffe lange
nicht antworten, wahrscheinlich pfiff ich nicht »objektiv« genug. -- Die
Sonne stand schon ziemlich hoch (die Uhr zeigte auf zwölf), als ich
meine Schritte wieder nach dem Landsitze richtete. Ich ging nicht zu
schnell. Da blickte mich plötzlich vom Hügel aus das kleine Haus an ...
Mein Herz begann wieder zu beben. Ich kam näher ... und sah, nicht ohne
eine heimliche Freude, Lukjanytsch wie gewöhnlich auf der Bank vor
seinem Häuschen sitzen. Das Tor war geschlossen ... die Fensterläden
auch.

»Grüß Gott, Onkel!« rief ich ihm noch aus der Ferne zu. »Willst dich
wohl wieder in der Sonne wärmen?«

Lukjanytsch wandte mir sein hageres Gesicht zu und lüftete stumm die
Mütze.

Ich trat näher.

»Grüß Gott, Onkel,« wiederholte ich so freundlich, wie ich es nur
konnte, um ihn milder zu stimmen. »Hast du ihn denn noch nicht gesehen?«
fügte ich hinzu, als ich meinen neuen Viertelrubel noch immer auf der
Erde liegen sah.

Ich zeigte auf die Silbermünze, die aus dem kurzen Grase halb
hervorlugte.

»Hab ihn schon gesehen.«

»Warum hast du ihn nicht aufgehoben?«

»Das Geld gehört nicht mir, darum hab' ich es nicht aufgehoben.«

»Du bist doch wirklich merkwürdig, mein Lieber!« entgegnete ich etwas
verlegen. Ich hob die Münze auf und reichte sie ihm: »Nimm, es ist ein
Trinkgeld für dich!«

»Vielen Dank,« entgegnete Lukjanytsch mit ruhigem Lächeln. »Ich brauch'
es nicht, kann auch ohne das Geld auskommen. Vielen Dank.«

»Ich will dir gern noch mehr geben!« sagte ich etwas verstimmt.

»Wofür denn? Machen Sie sich keine Mühe, ich danke Ihnen für die
Freundlichkeit, habe auch so an meinem Brot genug zu beißen. Und selbst
mit dem werde ich nicht fertig.«

Mit diesen Worten stand er auf und streckte die Hand nach der Pforte
aus.

»Warte, warte noch, Alter,« sagte ich beinahe verzweifelnd. »Wie
wortkarg du doch heute bist ... Sag mir wenigstens, ist deine Gnädige
schon aufgestanden?«

»Die Gnädige sind aufgestanden.«

»Und ... ist sie jetzt zu Hause?«

»Nein, sie sind nicht zu Hause.«

»Macht sie irgendwo Besuche?«

»Nein, sie sind nach Moskau abgereist.«

»Nach Moskau? Heute früh war sie ja noch hier?«

»Ja, sie waren noch hier.«

»Hat auch hier übernachtet?«

»Ja, sie haben hier übernachtet.«

»Und war erst seit kurzem angekommen?«

»Ja, seit kurzem.«

»Wie ist es nur möglich, mein Lieber?«

»Ja, vor etwa einer Stunde sind die Gnädige wieder nach Moskau
abgereist.«

»Nach Moskau!«

Ich sah ganz verdutzt auf Lukjanytsch: das hatte ich, offen gesagt,
nicht erwartet ...

Auch Lukjanytsch sah mich an ... Ein greisenhaftes verschmitztes Lächeln
lag auf seinen trockenen Lippen und leuchtete schwach in seinen
traurigen Augen.

»Ist sie mit der Schwester abgereist?« fragte ich ihn schließlich.

»Mit der Schwester.«

»Also ist jetzt niemand im Hause?«

»Niemand.«

-- Dieser Alte betrügt mich, -- ging es mir durch den Kopf. -- Nicht
umsonst lächelt er so verschmitzt. --

»Hör' einmal, Lukjanytsch,« sagte ich ihm, »willst du mir einen Gefallen
erweisen?«

»Ja, was wünschen Sie?« sagte er gedehnt; meine Fragen ärgerten ihn
offenbar.

»Du sagst, daß im Hause jetzt niemand ist; kannst du mir das Haus
zeigen? Ich wäre dir dafür sehr dankbar.«

»Sie wollen also die Zimmer sehen?«

»Ja, die Zimmer.«

Lukjanytsch wurde nachdenklich.

»Mit Vergnügen,« sagte er nach einer Pause. »Kommen Sie, bitte, mit ...«

Er beugte sich und trat über die Schwelle der Pforte. Ich folgte ihm.
Wir gingen durch den kleinen Hof und stiegen die baufälligen Stufen zum
Flur hinauf. Der Alte stieß die Tür auf; an der Türe war gar kein
Schloß; eine Schnur mit einem Knoten steckte aus dem Schlüsselloch
hervor ... Wir traten in das Haus. Es bestand aus fünf oder sechs
kleinen Zimmern; soviel ich bei dem spärlichen Lichte, das durch die
Ritzen in den Fensterläden drang, sehen konnte, waren die Möbel in allen
Zimmern sehr einfach und alt. In einem der Zimmer (dessen Fenster in den
Garten gingen) stand ein kleines altmodisches Klavier ... Ich hob den
verbogenen Deckel und schlug die Tasten an: ein unangenehmer, zischender
Ton erklang und erstarb, sich gleichsam über meine Frechheit beklagend.
Nichts wies darauf hin, daß in diesem Hause erst eben Menschen gewohnt
hatten; selbst die Luft in den Zimmern war ungewöhnlich dumpf und tot;
nur einige Papierfetzen, die auf dem Boden lagen und noch ganz frisch
und weiß aussahen, ließen darauf schließen, daß sie erst seit kurzem
hergekommen waren; ich hob einen der Fetzen auf. Es war ein Stück von
einem zerrissenen Briefe; auf der einen Seite stand in einer
temperamentvollen weiblichen Handschrift: »se taire?«, auf der anderen
Seite konnte ich das Wort: »bonheur« entziffern ... Auf einem runden
Tischchen am Fenster stand in einem Wasserglase ein welker Blumenstrauß,
und daneben lag ein zerknittertes grünes Bändchen ... Dieses Bändchen
nahm ich mir als Andenken mit. -- Lukjanytsch öffnete eine enge, mit
Tapeten verklebte Türe und sagte:

»Das hier ist das Schlafzimmer, dahinter die Mädchenkammer; mehr Zimmer
gibt's hier nicht ...«

Wir gingen durch den Korridor zurück.

»Und was ist das da für ein Zimmer?« fragte ich, auf eine breite, weiße
Türe mit einem Vorhängeschloß zeigend.

»Das da?« antwortete Lukjanytsch mit dumpfer Stimme. »Das ist nichts.«

»Wieso nichts?«

»Nichts ... Eine Rumpelkammer ...« Und er ging ins Vorzimmer.

»Eine Rumpelkammer? Kann ich sie sehen?...«

»Ich begreife nicht, was Sie da so interessiert,« entgegnete Lukjanytsch
unzufrieden. »Was wollen Sie sehen? Es sind ja nur Koffer darin und
altes Geschirr ... eine Rumpelkammer und nichts weiter.«

»Ich will sie aber doch sehen, zeig' sie mir bitte, Alter,« sagte ich,
obwohl ich mich innerlich meiner unanständigen Beharrlichkeit schämte.
»Siehst du, ich möchte ... ich möchte, auch bei mir im Dorfe ein solches
Haus ...«

Ich schämte mich noch mehr und konnte den angefangenen Satz nicht zu
Ende bringen.

Lukjanytsch stand, den grauen Kopf gesenkt, und sah mich etwas
eigentümlich mit krauser Stirne an.

»Zeig' sie mir doch,« wiederholte ich.

»Nun, von mir aus,« sagte er endlich. Er holte den Schlüssel aus der
Tasche und machte sehr ungern die Türe auf.

Ich blickte in die Kammer hinein. Es war da wirklich nichts
Bemerkenswertes. An den Wänden hingen alte Bildnisse mit dunklen,
beinahe schwarzen Gesichtern und bösen Augen. Auf dem Boden lag
verschiedenes Gerümpel.

»Nun, haben Sie sich sattgesehen?« fragte mich mürrisch Lukjanytsch.

»Ja, danke!« erwiderte ich eilig.

Er schlug die Türe zu. Ich ging ins Vorzimmer und aus dem Vorzimmer in
den Hof.

Lukjanytsch geleitete mich hinaus, murmelte: »Leben Sie wohl!« und begab
sich in sein Häuschen.

»Und wer war die Dame, die gestern hier zu Besuch war?« rief ich ihm
nach. »Sie ist mir erst heute früh im Gehölz begegnet.«

Ich hoffte, ihn durch diese unerwartete Frage zu verirren und von ihm
eine unüberlegte Antwort zu bekommen. Der Alte lachte aber nur und
schlug die Türe hinter sich zu.

Ich kehrte nach Glinnoje zurück. Ich schämte mich wie ein Junge, den man
ausgescholten hat.

-- Nein, -- sagte ich zu mir: -- ich werde das Rätsel wohl nicht lösen
können. Also geb' ich's auf! Will nicht mehr daran denken. --

Nach einer Stunde war ich schon auf dem Wege nach Hause; ich war erregt
und erbost.

Es verging eine Woche. Wie sehr ich mich auch bemühte, die Erinnerung an
die Unbekannte, an ihren Begleiter und an meine Begegnungen mit ihnen
mir aus dem Kopfe zu schlagen, sie kamen immer wieder und belästigten
mich so hartnäckig und zudringlich wie eine Fliege an einem
Sommernachmittag ... Auch Lukjanytsch, mit seinen geheimnisvollen
Blicken und zurückhaltenden Reden, mit seinem kühlen und traurigen
Lächeln kam mir immer wieder in den Sinn. Sogar das Haus, so oft ich
daran dachte, -- sogar das Haus schien mich durch seine
halbgeschlossenen Fenster schlau und stumpf anzublicken, als wollte es
mich necken und mir sagen: Und doch wirst du nichts erfahren! Ich hielt
es schließlich nicht aus: an einem schönen Tag fuhr ich wieder nach
Glinnoje und begab mich von da zu Fuß ... wohin? Der Leser kann es
leicht erraten.

Ich muß gestehen, als ich mich dem geheimnisvollen Landsitze näherte,
spürte ich eine heftige Erregung. Das Haus schien in seinem Äußeren ganz
unverändert: dieselben geschlossenen Fenster, dasselbe traurige und
einsame Bild; doch auf der Bank vor dem Hofgebäude saß statt des alten
Lukjanytsch ein mir unbekannter Bauernbursche von etwa zwanzig Jahren,
in einem langschößigen Kaftan aus Baumwollzeug und in rotem Hemde. Er
saß auf der Bank, den lockigen Kopf auf die Hand gestützt und
schlummerte; von Zeit zu Zeit fuhr er im Schlafe zusammen.

»Grüß Gott, Bruder!« rief ich laut.

Er sprang sofort auf und sah mich starr mit erschrockenen Augen an.

»Grüß Gott, Bruder,« wiederholte ich, »wo ist der Alte?«

»Was für ein Alter?« fragte mich der Bursche gedehnt.

»Lukjanytsch.«

»Ach so, Lukjanytsch!« Er blickte zur Seite. »Sie wollen also
Lukjanytsch?«

»Ja, Lukjanytsch. Ist er zu Hause?«

»N--ein,« sagte der Bursche nach einer Pause. »Er ist ... wie soll ich
... wie soll ich es Ihnen sagen ...«

»Ist er etwa krank?«

»Nein.«

»Was ist denn mit ihm los?«

»Er ist nicht mehr da.«

»Wo ist er denn?«

»Ja, es ist ihm ... ein Unglück zugestoßen.«

»Ist er gestorben?« fragte ich erstaunt.

»Er hat sich erhängt.«

»Erhängt!« rief ich erschrocken aus und schlug die Hände zusammen.

Wir blickten einander an.

»Ist es lange her?« fragte ich schließlich.

»Heute sind es fünf Tage. Gestern wurde er beerdigt.«

»Warum hat er sich erhängt?«

»Gott weiß warum. Er war ja ein freier Mensch, kein Leibeigener mehr, er
bekam sein Gehalt, er kannte keine Not, die Herrschaft behandelte ihn
wie einen Verwandten. Wir haben ja eine so selten gute Herrschaft, Gott
schenke ihr langes Leben! Man kann gar nicht begreifen, was ihm
geschehen war. Der Böse hat ihn wohl verführt.«

»Wie hat er es denn gemacht?«

»Ganz einfach. Hat sich halt erhängt.«

»Und hat man ihm vorher nichts angemerkt?«

»Wie soll ich es Ihnen sagen ... Etwas Besonderes war an ihm nicht zu
sehen. Er war ja immer finster und mißtrauisch. Oft begann er zu
krächzen und zu stöhnen und zu sagen, daß es ihm so traurig zumute sei.
Nun, er war ja auch nicht mehr jung. In der letzten Zeit schien er
wirklich etwas nachdenklicher als sonst. Manchmal kam er zu uns ins
Dorf; ich bin nämlich sein Neffe. -- ›Komm doch mal zu mir, Wassja,‹
sagte er, ›und übernachte bei mir!‹ -- ›Warum denn, Onkelchen?‹ -- ›Ich
fürchte mich allein zu sein, es ist so langweilig und einsam.‹ -- Ich
ging also ab und zu zu ihm hin. Manchmal ging er in den Hof hinaus, sah
auf das Haus, schüttelte den Kopf und seufzte ... Auch vor jener Nacht,
das heißt bevor er sich erhängte, kam er zu uns und rief mich zu sich.
Ich ging auch wirklich mit. Wie wir ankamen, saßen wir noch eine Weile
auf der Bank vor seinem Häuschen; dann stand er auf und ließ mich
allein. Ich wartete; als er lange nicht kommen wollte, ging ich in den
Hof und rief: -- ›Onkelchen, he Onkelchen!...‹ -- Der Onkel gab keine
Antwort. Da denke ich mir: wo ist er nur hingegangen, vielleicht in das
Herrschaftshaus? Es war aber schon Abend geworden. Ich ging also ins
Haus. Es war schon dunkel geworden. Wie ich an der Rumpelkammer
vorbeikomme, höre ich, daß dort jemand hinter der Türe kratzt; ich mache
die Türe auf; richtig, da sitzt er in der Kammer beim Fenster. ›Was
machen Sie hier, Onkelchen?‹ frage ich ihn. Er dreht sich plötzlich um
und schreit mich wütend an; seine Augen laufen aber nur so hin und her
und leuchten wie bei einem Kater. ›Was willst du? Siehst du denn nicht,
daß ich mich rasiere?‹ Und seine Stimme klingt dabei so heiser. Mir
standen plötzlich die Haare zu Berge, und es wurde mir, ich wußte selbst
nicht warum, so ängstlich zumute ... Damals hatten ihn wohl schon die
Teufel in ihrer Gewalt. ›Im Finstern?‹ frage ich ihn, mir beben aber
dabei die Knie. -- ›Es ist gut,‹ sagt er mir, -- ›geh nur.‹ Ich ging,
auch er kam aus der Kammer heraus und verschloß die Türe. Wir kamen
wieder in sein Häuschen, und meine Angst war auf einmal wie weggeblasen.
›Was haben Sie, Onkelchen,‹ fragte ich ihn, ›in der Kammer gemacht?‹ Er
fuhr zusammen. ›Schweig und kümmere dich nicht um fremde Sachen.‹ Mit
diesen Worten legte er sich auf die Ofenbank. In der Ecke brennt aber
eine Nachtlampe. So liege ich da, bin gerade beim Einschlafen ...
plötzlich höre ich, wie die Türe leise aufgeht ... ganz wenig geht sie
auf. Der Onkel lag aber mit dem Rücken gegen die Tür; Sie werden sich
wohl erinnern, daß er schwerhörig war. Und doch hörte er, wie die Türe
aufging, und sprang plötzlich auf ... ›Wer ruft mich da? Wer? Er will
mich holen!‹ Mit diesen Worten lief er wie er war ohne Mütze in den Hof
... Ich dachte mir noch: ›Was hat er nur?‹ schlief aber sofort wieder
ein. Wie ich am nächsten Morgen erwache, ist Lukjanytsch nicht da. Ich
ging aus dem Hause, rief nach ihm, bekam aber keine Antwort. Ich frage
den Wächter: ›Hast du nicht meinen Onkel gesehen?‹ -- ›Nein,‹ sagt er
mir, ›ich hab' ihn nicht gesehen.‹ -- ›Es ist doch merkwürdig,‹ sage
ich, ›daß er nirgends zu sehen ist!‹ Es wurde uns beiden ganz bange
zumute. ›Komm doch, Fedossejitsch, komm doch,‹ sage ich, ›wollen wir im
Herrschaftshause nachschauen.‹ -- ›Komm, Wassilij Timofejitsch,‹ sagt er
drauf und ist dabei weiß wie Kalk. Wir gingen ins Haus ... und wie ich
an der Kammer vorbeikomme, sehe ich, daß das Vorhängeschloß an der Türe
aufgemacht ist; ich will die Türe aufstoßen, sie ist aber von innen
zugeriegelt ... Fedossejitsch lief sofort von außen herum und sah ins
Fenster. ›Wassilij Timofejitsch!‹ schreit er, ›die Beine hängen, die
Beine ...‹ Ich laufe sofort zum Fenster. Und es sind wirklich seine
Beine, Lukjanytschs Beine. Er hatte sich mitten im Zimmer erhängt ...
Wir schickten gleich nach der Polizei ... Man nahm ihn aus der Schlinge
heraus: zwölf Knoten waren im Strick.«

»Und was sagte die Polizei?«

»Die Polizei? Die sagte nichts. Sie dachten lange nach, was da für eine
Ursache gewesen war. Es gab aber keine Ursache. Man entschied also, daß
er es im Wahnsinne getan hatte, und dabei blieb's. In der letzten Zeit
hatte er auch wirklich oft über Kopfschmerzen geklagt ...«

Ich sprach noch etwa eine halbe Stunde mit dem Burschen und ging
schließlich heim, verstimmt und verwirrt. Ich muß gestehen, daß ich das
alte Haus nicht ohne eine geheime abergläubische Angst ansehen konnte
... Nach einem Monat reiste ich ab, und alle die schrecklichen Eindrücke
und geheimnisvollen Begegnungen gingen mir allmählich aus dem Kopf.


II.

Drei Jahre vergingen. Diese Zeit verbrachte ich zum größten Teil in
Petersburg und im Auslande; und wenn ich auch einige Male mein Landgut
aufgesucht hatte, so war es doch nur für wenige Tage, so daß ich kein
einziges Mal Gelegenheit hatte, nach Glinnoje oder Michailowskoje zu
kommen. Auch meine Schöne sah ich nicht wieder, ebensowenig ihren
Begleiter. Nach drei Jahren kam ich aber ganz zufällig mit Frau
Schlykowa und ihrer Schwester, Fräulein Pelageja Badajewa, derselben
Pelageja, die ich bis dahin, offen gesagt, für eine erdichtete Person
gehalten hatte, in Moskau in einer Abendgesellschaft zusammen. Beide
Damen waren nicht mehr jung, doch von recht angenehmem Äußeren; im
Gespräch zeigten sie Geist und heiteres Temperament; sie hatten große
Reisen gemacht und offenbar mit Nutzen; beide benahmen sich höchst
ungezwungen und schienen lustig. Doch keine von ihnen erinnerte auch im
entferntesten an jene Unbekannte. Ich wurde ihnen vorgestellt. Ich kam
mit Frau Schlykowa ins Gespräch (ihre Schwester unterhielt sich gerade
mit einem zugereisten Geologen). Ich erklärte ihr, daß ich das Vergnügen
hätte, ihr Gutsnachbar im N--schen Kreise zu sein.

»Wirklich? Ich besitze dort tatsächlich ein kleines Gut,« erwiderte sie,
»in der Nähe von Glinnoje.«

»Gewiß, gewiß,« entgegnete ich, »ich kenne Ihr Michailowskoje. Kommen
Sie manchmal hin?«

»Ich? Sehr selten.«

»Waren Sie nicht vor drei Jahren dort?«

»Ich muß mich erst besinnen ... Ich glaube, ja. Richtig, ich war
wirklich da.«

»Allein oder mit Ihrer Fräulein Schwester?«

Sie sah mich an.

»Mit meiner Schwester. Wir blieben acht Tage dort. Wir hatten
geschäftlich zu tun. Sind übrigens mit keinem Menschen zusammengekommen.«

»Hm ... Ich glaube, daß es dort nicht viel Gutsnachbaren gibt, mit denen
man verkehren kann.«

»Nein, nicht viel. Auch macht mir solcher Verkehr wenig Spaß.«

»Sagen Sie doch,« sagte ich, »ich glaube, daß dort im gleichen Jahr ein
Unglück passiert ist. Lukjanytsch ...«

Frau Schlykowa traten Tränen in die Augen.

»Haben Sie ihn gekannt?« fragte sie mich mit großem Interesse. »Dieses
Unglück! Er war ein so schöner, guter Greis ... Und denken Sie sich:
ohne jede Ursache ...«

»Ja, ja,« murmelte ich, »wirklich schrecklich ...«

Die Schwester der Frau Schlykowa trat zu uns heran. Sie war wohl der
gelehrten Erörterungen des Geologen über die Formation der Wolgaufer
überdrüssig geworden.

»Denke dir nur, Pauline,« sagte Frau Schlykowa, »der Herr hat unsern
Lukjanytsch gekannt!«

»Wirklich? Der arme Alte!«

»Ich bin öfters in der Gegend von Michailowskoje zur Jagd gewesen, und
gerade um die Zeit, als Sie dort waren, also vor drei Jahren,« bemerkte
ich wie nebenbei.

»Ich?« entgegnete Pelageja etwas verlegen.

»Nun ja, natürlich!« fiel ihr die Schwester ins Wort. »Weißt du es nicht
mehr?«

Sie blickte ihr scharf in die Augen.

»Ach ja, gewiß!« antwortete plötzlich Pelageja.

-- He he, -- sagte ich mir -- ich glaube kaum, daß du damals in
Michailowskoje gewesen bist, meine Liebe! --

»Wollen Sie uns nicht etwas vorsingen, Pelageja Fjodorowna?« sagte
plötzlich ein schlanker junger Mann mit blondem Lockenkopf und trüben
süßlichen Augen.

»Ich weiß wirklich nicht,« erwiderte Fräulein Badajewa.

»Sie singen?« rief ich lebhaft aus und erhob mich von meinem Platze. »Um
des Himmels Willen ... singen Sie uns etwas vor.«

»Was soll ich denn singen?«

»Kennen Sie vielleicht,« sagte ich, indem ich mir Mühe gab, möglichst
gleichgültig und unbefangen zu erscheinen, »kennen Sie vielleicht ein
italienisches Lied, das mit den Worten beginnt: Passa quei' colli?«

»Ich kenne es,« antwortete Pelageja ganz unschuldig. »Wollen Sie, daß
ich es Ihnen vorsinge? Mit Vergnügen.«

Sie ging ans Klavier. Ich bohrte meinen Blick durchdringend wie Hamlet
in Frau Schlykowa. Es schien mir, daß sie beim ersten Ton des Liedes
etwas zusammenfuhr; sie hörte übrigens das Lied bis zum Ende ruhig an.
Fräulein Badajewa sang recht nett. Als das Lied zu Ende war, erscholl
das übliche Händeklatschen. Man bat sie, sie möchte noch etwas singen;
doch beide Schwestern verständigten sich mit einem stummen Blick und
brachen auf. Als sie das Zimmer verließen, glaubte ich das Wort
»importun« zu hören.

»Ganz recht!« sagte ich mir. Ich bin mit ihnen nie wieder
zusammengekommen.

Es verging noch ein Jahr. Ich war inzwischen nach Petersburg gezogen. Im
Winter begannen die Maskenbälle. Als ich eines Abends gegen elf Uhr das
Haus eines Freundes verließ, überkam mich plötzlich eine ungemein
düstere Stimmung, und ich beschloß, um mich zu zerstreuen, den
Maskenball im Adelsklub aufzusuchen. Lange irrte ich zwischen den Säulen
und den Spiegeln herum, mit jenem bescheidenen und zugleich vielsagenden
Gesichtsausdruck, den, wie ich bemerkt habe, ich weiß nicht warum, bei
ähnlichen Gelegenheiten selbst die anständigsten Menschen annehmen.
Lange irrte ich so herum, fertigte ab und zu mit einem Scherz manchen
zudringlichen Domino in zweifelhaften Spitzen und nicht ganz sauberen
Handschuhen ab, der mich mit kreischender Stimme anrief und sprach noch
seltener selbst einen solchen an; lange ließ ich das Heulen der
Blasinstrumente und das Winseln der Geigen über mich ergehen.
Schließlich hatte ich diese Langeweile satt, ich bekam Kopfschmerzen und
beschloß, nach Hause zu fahren; und doch ... und doch blieb ich noch da.
Mir war eine Frau in schwarzem Domino aufgefallen, die an eine Säule
gelehnt stand. Ich ging sofort auf sie zu, blieb vor ihr stehen und ...
werden es mir meine Leser glauben wollen?... ich erkannte in ihr meine
Unbekannte. Woran ich sie erkannte: ob am Blick, den sie mir zerstreut
durch die länglichen Schlitze in der Maske zuwarf, oder an der
herrlichen Form ihrer Schultern und Arme, an ihrer ganzen ungewöhnlich
majestätischen Erscheinung, oder sagte es mir plötzlich eine innere
Stimme, -- ich weiß es nicht; jedenfalls hatte ich sie erkannt. Ich ging
einige Male mit bebendem Herzen an ihr vorüber. Sie rührte sich nicht.
Ihre ganze Haltung drückte ungewöhnliche, hoffnungslose Trauer aus, und
ich mußte unwillkürlich an die Worte einer spanischen Romanze denken:

    Soy un cuadro de tristeza,
    Arrimado a la pared ...

    Bin ein trauriges Gemälde
    Angelehnt an eine Wand ...

Ich trat hinter die Säule, an der sie lehnte, beugte mich zu ihrem Ohr
und raunte ihr zu:

»Passa quei' colli ...«

Sie erbebte am ganzen Körper und wandte sich rasch nach mir um. Unsere
Augen kamen einander so nahe, daß ich deutlich erkennen konnte, wie sich
ihre Pupillen vor Angst erweiterten. Sie blickte mich ganz bestürzt an,
die eine Hand etwas vorgestreckt.

»Am 6. Mai 184* in Sorrent, um zehn Uhr abends, in der Straße della
Croce,« sagte ich langsam, ohne die Augen von ihr zu wenden, »dann in
Rußland, im N'schen Gouvernement, im Dorfe Michailowskoje, am 22. Juli
184* ...«

Ich sagte das alles französisch. Sie rückte von mir weg, und maß mich
von Kopf bis zu den Füßen mit einem erstaunten Blick. Dann flüsterte sie
mir zu: »venez!...« und ging mit raschen Schritten aus dem Saal; ich
folgte ihr.

Wir gingen schweigend. Ich kann gar nicht wiedergeben, was ich empfand,
als ich so an ihrer Seite ging. Es war mir, als ob ein herrliches
Traumbild plötzlich zur Wirklichkeit geworden wäre, als ob die Statue
der Galathea zum erstaunten Pygmalion als lebende Frau vom Sockel
herabgestiegen wäre. Ich traute meinen Augen nicht und wagte kaum zu
atmen.

Wir gingen durch einige Zimmer ... Schließlich blieb sie in einem der
Räume stehen und setzte sich auf einen kleinen Divan vor ein Fenster.
Ich setzte mich an ihre Seite.

Sie wandte mir langsam ihr Gesicht zu und betrachtete mich eine Weile
mit aufmerksamen Blicken.

»Kommen Sie ... von _ihm_?« fragte sie schließlich.

Ihre Stimme klang schwach und unsicher ...

Diese Frage machte mich etwas verlegen.

»Nein ... nicht von ihm,« antwortete ich stotternd.

»Kennen Sie ihn?«

»Ja, ich kenne ihn,« antwortete ich mit geheimnisvoller und wichtiger
Miene. Ich wollte meine Rolle zu Ende spielen. »Ich kenne ihn.«

Sie sah mich mißtrauisch an, wollte mir wohl etwas sagen, sagte aber
nichts und blickte zu Boden.

»Sie haben ihn in Sorrent erwartet,« fuhr ich fort, »Sie waren mit ihm
in Michailowskoje zusammengekommen, sind dort mit ihm einmal
ausgeritten ...«

»Wie konnten Sie ...« fing sie an.

»Ich weiß alles, alles,« unterbrach ich sie.

»Ihr Gesicht kommt mir etwas bekannt vor,« fuhr sie fort, »doch
nein ...«

»Nein, Sie kennen mich nicht.«

»Was wollen Sie also von mir?«

»Ich weiß alles,« wiederholte ich.

Ich wußte sehr wohl, daß ich den guten Anfang hätte besser ausnützen und
im gleichen Sinne fortfahren sollen, daß meine Wiederholungen »Ich weiß
alles« auf die Dauer lächerlich wirkten; meine Aufregung war aber so
groß, die unerwartete Begegnung hatte mich so verwirrt, daß ich gar
nicht wußte, was ich ihr noch weiter sagen sollte. Außerdem wußte ich
auch in der Tat nichts mehr. Ich fühlte, daß ich vor ihr auf einmal ganz
dumm dastand und daß ich aus dem geheimnisvollen allwissenden Wesen, als
welches ich ursprünglich erscheinen mußte, mich allmählich in einen
blöde lächelnden Idioten verwandelte; konnte aber nichts mehr dagegen
tun.

»Ja, ich weiß alles,« sagte ich noch einmal.

Sie sah mich an, stand schnell auf und wollte fort.

Das war aber zu grausam. Ich ergriff sie bei der Hand.

»Um Gotteswillen,« begann ich, »setzen Sie sich und hören Sie mich
an ...«

Sie dachte eine Weile nach und setzte sich schließlich wieder auf den
Divan.

»Ich habe Ihnen soeben gesagt,« fuhr ich, mich ereifernd, fort, »daß ich
alles weiß; das ist Unsinn. Ich weiß nichts, absolut nichts. Weder wer
Sie sind, noch wer er ist; und wenn Sie sich über die Worte wundern, die
ich Ihnen vorhin bei der Säule zugeraunt habe, so schreiben Sie doch
alles einem Zufall zu, einem merkwürdigen, unbegreiflichen Zufall, der
mich zweimal wie zum Scherz Ihnen in den Weg geführt und zu einem
unfreiwilligen Zeugen von Dingen gemacht hat, die Sie vielleicht geheim
halten wollen ...«

Und ich erzählte ihr, ohne irgend etwas zu verheimlichen, alles: von
meinen Begegnungen mit ihr in Sorrent und in Rußland, von meinen
erfolglosen Nachforschungen in Michailowskoje und selbst von meinem
Gespräch mit Frau Schlykowa und deren Schwester zu Moskau.

»Jetzt wissen Sie alles,« fuhr ich fort, als ich mit dem Bericht fertig
war. »Ich will Ihnen gar nicht sagen, welch einen tiefen und
erschütternden Eindruck Sie auf mich gemacht haben: Sie zu sehen und von
Ihnen nicht bezaubert zu werden, ist ganz unmöglich ... Andererseits
brauche ich gar nicht zu sagen, welcher Art dieser Eindruck war.
Besinnen Sie sich doch nur, unter welchen Verhältnissen ich Sie beide
Male sah ... Glauben Sie mir, ich gebe mich nicht gerne wahnsinnigen
Hoffnungen hin, begreifen Sie aber jene ungewöhnliche Erregung, die sich
meiner heute abend bemächtigt hat, und entschuldigen Sie mir die plumpe
List, die ich anwandte, um Ihre Aufmerksamkeit, wenn auch nur für einen
kurzen Augenblick, auf mich zu lenken ...«

Sie hörte meinen verworrenen Erklärungen mit gesenktem Kopfe zu.

»Was wollen Sie also von mir?« fragte sie schließlich.

»Ich?... Ich will nichts ... Ich bin ohnehin glücklich ... Ich
respektiere fremde Geheimnisse.«

»Wirklich? Bisher hatte ich eigentlich den Eindruck ... Ich will Ihnen,
übrigens, keine Vorwürfe machen. An Ihrer Stelle würde wohl ein jeder so
gehandelt haben. Auch hat uns das Schicksal gar zu beharrlich unter so
ungewöhnlichen Umständen einander zugeführt ... Das gibt Ihnen
vielleicht ein gewisses Anrecht auf meine Offenherzigkeit. Hören Sie
also: ich gehöre nicht zu jenen unverstandenen und unglücklichen Frauen,
die auf Maskenbälle gehen, um mit dem ersten Besten von ihren Leiden zu
reden und nach mitfühlenden Seelen zu suchen ... Ich brauche keines
Menschen Mitgefühl; mein Herz ist längst tot, und ich bin hergekommen,
um es endgültig zu begraben.«

Sie führte ihr Taschentuch an die Lippen.

»Ich hoffe,« fuhr sie mit einiger Überwindung fort, »daß Sie meine Worte
nicht als gewöhnliche Maskenballergüsse auffassen. Sie müssen einsehen,
daß es mir ganz anders zumute ist ...«

Und wirklich glaubte ich in ihrer Stimme, wie angenehm und
einschmeichelnd sie auch klang, etwas Unheimliches zu hören.

»Ich bin Russin,« fuhr sie russisch fort; bisher hatte sie französisch
gesprochen, »obwohl ich in Rußland wenig gelebt habe ... Meinen Namen
brauchen Sie nicht zu wissen ... Anna Fjodorowna ist meine alte
Freundin; ich war wirklich einmal in Michailowskoje unter dem Namen
ihrer Schwester ... Damals durfte ich mit ihm noch nicht öffentlich
zusammenkommen ... Es waren auch ohnehin Gerüchte über uns im Umlauf ...
es gab noch verschiedene Hindernisse, er war noch nicht frei ... Diese
Hindernisse sind nun beseitigt ... Da hat aber er, dessen Namen ich
hätte tragen sollen, mit dem Sie mich gesehen haben, mich verlassen.«

Sie ließ hoffnungslos die Arme sinken und schwieg eine Weile ... Dann
fragte sie mich:

»Kennen Sie ihn wirklich nicht? Ist er Ihnen nie begegnet?«

»Wirklich nie.«

»Er hat sich fast immer im Ausland aufgehalten. Jetzt ist er übrigens
hier ... Das ist meine ganze Geschichte,« setzte sie hinzu. »Wie Sie
sehen, ist an ihr nichts Geheimnisvolles, nichts Außergewöhnliches.«

»Und Sorrent?« wandte ich schüchtern ein.

»Ich hatte ihn in Sorrent kennen gelernt,« antwortete sie langsam und
wurde wieder nachdenklich.

Wir schwiegen beide. Eine seltsame Unruhe bemächtigte sich meiner. Ich
saß an ihrer Seite, an der Seite jener Frau, deren Bild so oft meine
Gedanken beherrscht und mich so schmerzvoll bewegt und erregt hatte, --
ich saß an ihrer Seite, doch mein Herz blieb kühl, beklommen. Ich wußte,
daß dieses Gespräch zu nichts führen würde, daß zwischen mir und ihr ein
unüberbrückbarer Abgrund lag, daß wir uns nach dieser Begegnung nie
wieder sehen würden. Den Kopf etwas vorgebeugt, beide Hände nachlässig
auf die Knie gesenkt, saß sie gleichgültig da. Ich kenne nur zu gut
diese nachlässige Gebärde des unheilbaren Schmerzes, diese
Gleichgültigkeit des nicht wieder gutzumachenden Unglücks! Maskierte
Paare zogen an uns vorbei; die Töne eines »eintönigen und wahnsinnigen«
Walzers klangen bald leise wie aus der Ferne und bald dröhnend in unsere
Ohren; die lustige Ballmusik machte auf mich einen traurigen, schweren
Eindruck. Ist denn diese Frau -- dachte ich -- die gleiche, die mir
einst am Fenster jenes fernen Landhauses im Glanze ihrer sieghaften
Schönheit erschienen war?... -- Und doch schien sie von der Zeit
unberührt. Der untere Teil ihres Gesichts, den die Spitzen der Maske
offen ließen, war zart wie bei einem Kinde; ihr entströmte aber ein
Hauch von Kälte wie einer Statue ... Galathea war auf ihr Postament
zurückgekehrt und durfte es nie wieder verlassen.

Plötzlich richtete sie sich auf, sah ins andere Zimmer und erhob sich.

»Geben Sie mir den Arm,« sagte sie mir, »kommen Sie schnell ...«

Wir kehrten in den Saal zurück. Sie ging so schnell, daß ich ihr nur mit
Mühe folgen konnte. Vor einer Säule blieb sie stehen.

»Warten wir hier eine Weile,« flüsterte sie mir zu.

»Suchen Sie jemand?...«

Sie achtete aber nicht mehr auf mich und richtete ihren starren Blick
mitten in die Menge. Ihre großen schwarzen Augen blickten verträumt und
zugleich drohend durch die Schlitze im schwarzen Samt.

Auch ich blickte in der gleichen Richtung, und sofort wurde mir alles
klar. Im schmalen Gange zwischen den Säulen und der Wand ging er, der
Mann, den ich mit ihr im Walde gesehen hatte. Ich erkannte ihn sofort:
er hatte sich gar nicht verändert. Sein blonder Schnurrbart war noch
ebenso schön, und in seinen braunen Augen leuchtete noch immer die
gleiche selbstbewußte und ruhige Heiterkeit. Er ging nicht schnell,
wiegte sich in den Hüften und erzählte etwas einer Dame im Domino, die
er am Arme führte. Als er an uns vorüberging, hob er plötzlich den Kopf
und blickte zuerst auf mich und dann auf sie, mit der ich stand;
offenbar erkannte er sofort ihre Augen, denn plötzlich zuckten seine
Brauen; er kniff seine Augen zusammen, und über seine Lippen huschte ein
kaum wahrnehmbares, doch ungemein freches Lächeln. Er neigte sich zu
seiner Dame und flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie wandte sich sofort um,
und ihre blauen Augen streiften uns mit einem schnellen Blick; dann
kicherte sie leise und drohte ihrem Begleiter mit ihrem kleinen
Händchen. Er zuckte leicht die Achseln, und sie schmiegte sich kokett an
ihn ...

Ich wandte mich zu meiner Unbekannten. Sie blickte dem sich entfernenden
Paare nach; plötzlich riß sie ihren Arm aus dem meinen los und stürzte
zur Türe. Ich wollte ihr nacheilen, sie drehte sich aber um und warf mir
einen solchen Blick zu, daß ich stehen blieb und mich tief vor ihr
verbeugte. Ich begriff, daß es roh und dumm gewesen wäre, sie weiter zu
verfolgen.

»Sag' mir doch, mein Lieber,« fragte ich nach einer Viertelstunde einen
meiner Bekannten, ein lebendiges Adreßbuch von Petersburg, »wer ist
jener schlanke, hübsche Herr mit dem blonden Schnurrbart?«

»Dieser?... Irgend ein Ausländer, ein ziemlich rätselhaftes Individuum,
das sich sehr selten an unserem Horizont zeigt. Warum interessiert er
dich?«

»Ich habe nur so gefragt ...«

Ich kehrte nach Hause zurück. Seitdem sah ich sie nie wieder. Wenn ich
den Namen des Mannes, den sie geliebt hatte, wüßte, so könnte ich wohl
auch leicht herausbringen, wer sie war; ich wollte es aber nicht tun.
Ich habe vorhin gesagt, daß diese Frau mir wie ein Traumbild erschienen
war; so zog sie auch wie ein Traumbild vorüber und verschwand auf
Nimmerwiedersehn.



Visionen

(Eine Phantasie)


    Und der Zauber ist im Nu zerronnen,
    Und das Wirkliche erfüllt die Seele.

    A. Feth


I.

Ich konnte lange nicht einschlafen und wälzte mich unaufhörlich von der
einen Seite auf die andere. »Hole doch der Teufel das blöde
Tischrücken,« dachte ich, »das greift nur die Nerven an ...« Endlich
begann der Schlummer mich zu überwältigen ...

Plötzlich war es mir, als ob irgendwo im Zimmer schwach und klagend eine
Saite erklänge.

Ich hob den Kopf. Der Mond stand niedrig am Himmel und blickte mir
gerade in die Augen. Sein Licht lag weiß wie Kreide auf dem Fußboden ...
Und wieder ließ sich der seltsame Klang vernehmen ...

Ich stützte mich auf einen Ellenbogen. Eine leise Furcht regte sich in
meinem Herzen. -- Es verging eine Minute, und noch eine ... Irgendwo in
der Ferne krähte ein Hahn; in noch weiterer Ferne antwortete ihm ein
anderer.

Ich ließ den Kopf auf das Kissen sinken. »So weit kann es mit einem
kommen,« sagte ich mir wieder, »daß es in den Ohren zu klingen anfängt.«

Einige Minuten darauf schlief ich ein, oder kam es mir nur so vor, als
ob ich einschliefe?... Ich hatte einen ungewöhnlichen Traum. Mir
träumte, daß ich in meinem Schlafzimmer auf einem Bette läge, nicht
schliefe, nicht einmal die Augen schließen könne. Und nun höre ich
wieder den Klang ... Ich wende mich um ... Der Mondfleck am Boden
richtet sich allmählich auf, rundet sich oben ab ... Vor mir,
durchsichtig wie ein Nebel, steht unbeweglich eine weiße Frau.

»Wer bist du?« frage ich sie mit großer Anstrengung.

Eine Stimme, ähnlich dem Säuseln der Blätter, antwortet mir: »Das bin
ich ... ich ... ich ... Ich bin dich abholen gekommen.«

»Mich abholen? Wer bist du?«

»Komm nachts zur alten Eiche, die an der Ecke des Waldes steht. Dort
werde ich dich erwarten.«

Ich will mir das Antlitz der geheimnisvollen Frau näher ansehen, muß
aber plötzlich zusammenschaudern ... ein kalter Odem weht mich an. Und
ich liege nicht mehr, ich sitze auf meinem Bett, und dort, wo die Vision
erschienen war, liegt ein langer, weißer Mondlichtstreifen auf dem
Boden.


II.

Wie ich den folgenden Tag verbracht habe, weiß ich nicht mehr. Ich
versuchte, glaube ich, etwas zu lesen, zu arbeiten ... nichts wollte mir
gelingen. Die Nacht brach an. Das Herz schlug mir voller Erwartung. Ich
legte mich nieder und kehrte das Gesicht zur Wand.

»Warum bist du nicht gekommen?« ließ sich ein deutliches Flüstern
vernehmen.

Ich wandte mich rasch um.

Es war wieder sie ... wieder die geheimnisvolle Vision; die
unbeweglichen Augen in dem unbeweglichen Gesicht blickten regungslos,
und der Blick war von Trauer erfüllt.

»Komm!« flüsterte sie wieder.

»Ich werde kommen,« antworte ich mit unwillkürlichem Schaudern. Die
Vision schwebte leicht nach vorn und verschwamm und verzog sich wie
Rauch, -- und das weiße Mondlicht lag wieder friedlich auf dem glatten
Boden.


III.

Ich verbrachte den Tag in Aufregung. Beim Nachtmahl trank ich fast eine
ganze Flasche Wein, trat auf den Flur hinaus, kehrte jedoch gleich
zurück und warf mich aufs Bett. Das Blut wogte schwer in meinen Adern.

Und wieder ließ sich der Laut vernehmen ... Ich fuhr zusammen, wandte
mich aber nicht um. Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand von hinten
fest umschlang und mir ins Ohr flüsterte: »Komm, komm, komm ...« Ich
zitterte vor Schreck und stöhnte:

»Ja, ich werde kommen!«

Und mit diesen Worten richtete ich mich auf.

Die Frau stand, über das Kopfende meines Bettes gebeugt. Sie lächelte
mir leise zu und verschwand. Es gelang mir aber noch, ihr Gesicht zu
sehen. Es war mir, als hätte ich es schon früher einmal gesehen; doch wo
und wann? Ich stand spät auf und irrte den ganzen folgenden Tag in den
Feldern und Wiesen umher, kam einige Male zur alten Eiche am Waldsaum
und sah mich aufmerksam um.

Gegen abend saß ich am geöffneten Fenster in meinem Arbeitszimmer. Meine
alte Haushälterin stellte eine Tasse Tee vor mich hin, ich rührte sie
aber nicht an ... Ich war ganz verwirrt und fragte mich sogar: »Ob ich
nicht den Verstand verliere?« Die Sonne war eben untergegangen, und
nicht nur der Himmel glühte -- auch die ganze Luft füllte sich plötzlich
mit einem fast übernatürlichen Purpurglanz; das Laub und die Gräser
schimmerten wie mit frischem Lack überzogen und rührten sich nicht; in
ihrer starren Unbeweglichkeit, in der grellen Deutlichkeit ihrer
Umrisse, in dieser Verbindung hellen Glanzes mit toter Stille lag etwas
Seltsames und Rätselhaftes. Ein ziemlich großer grauer Vogel flog
plötzlich lautlos herbei und setzte sich auf den Rand des Fensterbrettes
... Ich betrachtete ihn, und auch er betrachtete mich von der Seite mit
seinem runden, dunklen Auge. -- »Hat man dich etwa hergeschickt, um mich
zu erinnern?« dachte ich.

Der Vogel schwang sogleich seine weichen Flügel und flog so lautlos
davon, wie er gekommen. Ich saß noch lange am Fenster, fühlte mich aber
nicht mehr so verwirrt: ich war gleichsam in einen Zauberkreis
hineingeraten, und eine sanfte, doch unwiderstehliche Macht zog mich
fort, ebenso wie das Boot noch lange vor dem Wasserfall von der Strömung
fortgezogen wird. Endlich raffte ich mich auf. Der Purpurglanz in der
Luft war längst verschwunden, die Farben waren trüber geworden, und der
Zauber der Stille war gebrochen. Ein leiser Windhauch bewegte die Luft,
der Himmel wurde immer dunkler und der Mond immer heller, und bald
funkelte das Laub der Bäume in seinem kalten Lichte wie Silber und
schwarzes Email. Meine Alte kam zu mir ins Zimmer mit einer Kerze in der
Hand, doch ein Windhauch aus dem Fenster blies die Flamme aus. Ich
konnte es nicht länger aushalten; ich sprang auf, drückte mir die Mütze
in die Stirne und begab mich zur alten Eiche am Waldsaume.


IV.

In diese Eiche hatte einmal vor vielen Jahren der Blitz eingeschlagen;
die Spitze war gebrochen und verdorrt, doch im Baume war noch
Lebenskraft für mehrere Jahrhunderte erhalten. Als ich mich der Eiche
näherte, zog eine leichte Wolke über den Mond, und unter den breiten
Ästen des Baumes lag tiefes Dunkel. Zunächst merkte ich nichts
Besonderes; als ich aber zur Seite trat, erbebte in mir das Herz: neben
einem hohen Strauch, zwischen der Eiche und dem Walde, stand eine weiße
Gestalt. Das Haar sträubte sich mir leicht auf dem Kopfe, ich faßte mir
jedoch ein Herz und ging auf den Wald zu.

Ja, das war sie, mein nächtlicher Gast. Als ich mich ihr näherte,
leuchtete der Mond wieder auf. Sie schien ganz aus einem
halbdurchsichtigen milchweißen Nebel gewebt -- durch ihr Gesicht
hindurch konnte ich einen leise vom Winde bewegten Zweig sehen -- nur
ihr Haar und ihre Augen hoben sich etwas dunkler ab, und an einem Finger
ihrer gefalteten Hände glänzte ein schmaler mattgoldener Reif. Ich blieb
vor ihr stehen und wollte sie ansprechen; doch meine Stimme erstarb mir
in der Kehle, obwohl ich eigentlich keine Furcht mehr hatte. Sie
richtete ihre Augen auf mich: ihr Blick drückte weder Leid noch Freude,
sondern eine eigentümliche leblose Aufmerksamkeit aus. Ich wartete, ob
sie nicht etwas sagen werde, sie stand aber stumm und unbeweglich, den
leblosen Blick unverwandt auf mich gerichtet. Mir wurde es wieder
unheimlich zumute.

»Ich bin gekommen!« brachte ich endlich hervor.

Meine Stimme klang seltsam hohl.

»Ich liebe dich!« flüsterte sie.

»Du liebst mich?« wiederholte ich erstaunt ihre Worte.

»Gib dich mir hin!« flüsterte sie wieder.

»Mich dir hingeben! Du bist ja eine Vision, hast ja auch gar keinen
Körper.« Eine seltsame Erregung bemächtigte sich meiner. »Was bist du
denn, Rauch, Luft, Dunst? Mich dir hingeben? Antworte mir zuerst, wer
bist du? Hast du je auf Erden gelebt? Woher bist du gekommen?«

»Gib dich mir hin. Ich werde dir nichts zuleide tun. Sag' mir bloß die
drei Worte: Nimm mich hin.«

Ich blickte sie an. »Was spricht sie da?« fragte ich mich. »Was soll
dies alles bedeuten? Und wie will sie mich hinnehmen? Oder soll ich es
doch versuchen?«

»Nun, gut,« sagte ich so unerwartet laut, als ob mich jemand von hinten
stieße. »Nimm mich hin!«

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als die geheimnisvolle Gestalt
mit einem inneren Lachen, welches ihr Gesicht für einen Augenblick
erzittern machte, sich leicht vornüber neigte und mir ihre Arme langsam
entgegenstreckte ... Ich wollte zurückprallen, war aber bereits in ihrer
Gewalt. Sie umschlang mich, mein Körper hob sich etwa eine halbe Elle
hoch vom Boden, und schon schwebten wir beide leicht und nicht zu rasch
über das regungslose, taufeuchte Gras dahin.


V.

Anfangs schwindelte mir der Kopf, und ich schloß unwillkürlich die Augen
... Eine Minute später schlug ich sie wieder auf. Wir schwebten noch
immer durch die Luft. Doch der Wald war nicht mehr zu sehen: unter uns
breitete sich eine mit dunklen Flecken besäte Ebene aus. Ich merkte mit
Entsetzen, daß wir uns in einer fürchterlichen Höhe befanden.

-- Ich bin verloren, ich bin in der Gewalt des Satans, -- ging es mir
blitzartig durch den Kopf. Bis dahin war mir der Gedanke an teuflisches
Blendwerk, an die Möglichkeit eines bösen Endes nicht gekommen. Wir
flogen immer weiter und weiter und stiegen, wie es mir schien, immer
höher und höher.

»Wohin trägst du mich?« stöhnte ich endlich.

»Wohin du willst,« antwortete meine Gefährtin. Sie schmiegte sich fest
an mich; ihr Gesicht berührte beinahe das meinige. Ich spürte übrigens
diese Berührung kaum.

»Bringe mich wieder auf die Erde; es schwindelt mir in solcher Höhe.«

»Gut; schließe nur die Augen und atme nicht.«

Ich folgte diesem Rat und fühlte im gleichen Augenblick, daß ich wie ein
Stein fiel ... der Wind pfiff durch meine Haare. Als ich wieder zu mir
kam, schwebten wir fast dicht am Erdboden, so daß wir die Spitzen der
hohen Grashalme streiften.

»Stell mich auf meine Beine,« sagte ich. »Ist denn das Fliegen eine
Lust? Ich bin ja kein Vogel.«

»Ich dachte, es würde dich freuen. Wir tun ja nichts anderes als
fliegen.«

»Ihr? Wer seid ihr denn?«

Sie gab keine Antwort.

»Du darfst es mir nicht sagen?«

Ein klagender Ton, gleich dem, der mich in der ersten Nacht
aufgeschreckt hatte, klang mir in den Ohren. Indessen schwebten wir
unmerklich durch die feuchte Nachtluft dahin.

»Laß mich doch!« sagte ich. Meine Gefährtin schwebte leise zur Seite,
und ich stand wieder auf meinen Beinen. Sie blieb vor mir stehen und
faltete wieder die Hände. Ich beruhigte mich und blickte ihr ins
Gesicht: es drückte wie früher Demut und Trauer aus.

»Wo sind wir jetzt?« fragte ich, denn die Gegend kam mir unbekannt vor.

»Weit von deinem Hause, du kannst aber in einem Augenblick wieder dort
sein.«

»Auf welche Weise? Soll ich mich dir wieder anvertrauen?«

»Ich habe dir ja nichts zuleide getan und werde dir auch nichts zuleide
tun. Wollen wir bis zur Morgenröte fliegen, das ist alles. Ich kann dich
tragen, wohin du willst, in alle Länder der Welt. Gib dich mir hin! Sag
mir wieder: Nimm mich hin!«

»Nun ... nimm mich hin!«

Sie schmiegte sich wieder an mich, meine Füße lösten sich vom Erdboden,
und wir flogen wieder durch die Nacht.


VI.

»Wohin?« fragte sie mich.

»Geradeaus, immer geradeaus.«

»Hier ist aber ein Wald.«

»Hebe dich über den Wald, doch nicht zu schnell.«

Wir schossen in die Höhe wie eine Waldschnepfe, die auf eine Birke
gestoßen ist, -- und flogen wieder in gerader Richtung. Die Gipfel der
Bäume schwebten jetzt unter unseren Füßen wie früher die Spitzen der
Grashalme. Einen seltsamen Anblick gewährte der Wald von oben herab, so
eigentümlich sah sein stachliger Rücken im Mondlicht aus. Er glich einem
ungeheueren, schlafenden Tier und begleitete uns mit ununterbrochenem,
weit gedehnten Rauschen, das sich wie dumpfes Brummen anhörte. Ab und zu
flogen wir über eine kleine Waldwiese, die schön von gezackten Schatten
eingesäumt war. Zuweilen schrie unten ein Hase auf; oben pfiff ebenso
klagend eine Eule; es roch nach Pilzen, Knospen und Sumpfgräsern; das
Mondlicht ergoß sich kalt und hart nach allen Seiten; hoch oben über uns
strahlte der große Wagen. Nun hatten wir schon den Wald hinter uns; über
der Ebene schwebte ein Nebelstreif; das war ein Fluß. Wir flogen längs
einem seiner Ufer, über den Büschen, die von Feuchtigkeit schwer und
regungslos waren. Die Wellen auf dem Flusse schimmerten bald in blauem
Glanz, bald rollten sie dunkel und gleichsam erbost dahin. Stellenweise
bewegte sich über dem Wasser leichter Nebel in seltsamen Formen, -- und
die Kelche der Wasserlilien entfalteten ihre Blumenblätter und strahlten
in ihrem jungfräulichen Weiß, als ob sie wüßten, daß sie niemand
erreichen kann. Es kam mir der Wunsch, eine der Blumen zu brechen -- und
schon war ich dicht über der Wasserfläche ... Die Feuchtigkeit schlug
mir feindselig ins Gesicht, als ich den festen Stengel einer großen
Blume abriß. Wir begannen über dem Flusse zu kreuzen, gleich den
Rohrschnepfen, die wir im Fluge immerwährend aufscheuchten und
verfolgten. Einige Male stießen wir auf kleine Familien von Wildenten,
die im Kreise an einem freien Plätzchen zwischen Binsen ruhten; sie
rührten sich nicht; höchstens zog eine von ihnen hastig den Hals unter
den Flügeln hervor, blickte sich um und beeilte sich dann wieder den
Schnabel in den weichen Flaum zu stecken, während die andere leise
aufschrie und kaum wahrnehmbar am ganzen Körper erzitterte. Einmal
scheuchten wir einen Reiher auf; mit den Beinen baumelnd und etwas
unbeholfen die Flügel schlagend, flog er aus einem Weidenbusche auf.
Nirgends regten sich Fische, -- sie schliefen wohl alle. Ich begann mich
an die Empfindung des Fliegens zu gewöhnen und darin sogar ein gewisses
Vergnügen zu finden: jedermann, der schon im Traume geflogen ist, wird
mich verstehen. Ich betrachtete mit größerer Aufmerksamkeit das
geheimnisvolle Wesen, dem ich die unglaublichen Erlebnisse zu verdanken
hatte.


VII.

Es war eine Frau mit kleinem Kopf und einem nicht russischen Gesicht.
Grauweiß, halbdurchsichtig, mit kaum wahrnehmbaren Schatten erinnerte
sie mich an eine von innen erleuchtete Alabastervase, -- und wieder kam
sie mir so bekannt vor.

»Darf ich mit dir sprechen?« fragte ich.

»Sprich.«

»Ich sehe einen Ring an deinem Finger; du hast also einst auf der Erde
gelebt, -- bist wohl verheiratet gewesen?« Ich stockte ... Sie gab keine
Antwort.

»Sag mir wenigstens wie du heißt, oder wie du gehießen hast?«

»Nenne mich Ellis.«

»Ellis! Das klingt wie ein englischer Name! Bist du Engländerin? Hast du
mich früher gekannt?«

»Nein.«

»Warum bist du denn gerade mir erschienen?«

»Ich liebe dich.«

»Bist du nun zufrieden?«

»Ja. Wir schweben und kreisen beide durch die reine Luft.«

»Ellis!« sagte ich plötzlich. »Bist du vielleicht die verdammte Seele
einer Sünderin?«

Meine Gefährtin neigte den Kopf. »Ich verstehe dich nicht,« flüsterte
sie.

»Ich beschwöre dich bei dem Namen Gottes ...« fing ich wieder an.

»Was sprichst du da?« sagte sie verwundert. »Ich verstehe das nicht.« Es
war mir, als ob der Arm, der wie ein kühler Gürtel meine Hüften
umschlang, leise erzitterte ...

»Fürchte dich nicht,« sagte Ellis. »Fürchte dich nicht, Geliebter!« Sie
wandte sich zu mir und näherte ihr Gesicht dem meinigen ... Ich fühlte
auf meinen Lippen eine eigentümliche Berührung wie von einem feinen und
weichen Stachel ... So berührt einen ein nicht allzu blutdürstiger
Blutegel.


VIII.

Ich sah hinab. Wir hatten uns inzwischen wieder zu einer beträchtlichen
Höhe erhoben. Wir flogen gerade über eine mir unbekannte Provinzstadt,
die am Abhang eines breiten Hügels lag. Aus der dunklen Masse der
Schindeldächer und Obstgärten ragten Kirchtürme empor; eine lange Brücke
dunkelte an einer Biegung des Flusses; alles lag in tiefem Schlummer.
Selbst die Kuppeln und Kreuze schimmerten so eigentümlich stumm und
träge; stumm ragten die hohen Stangen der Ziehbrunnen neben den runden
Kuppen der Weidenbüsche; eine weiße Landstraße schoß wie ein feiner
Pfeil in die Stadt hinein und kam am anderen Ende in der dämmernden
Ferne wieder heraus.

»Was ist das für eine Stadt?« fragte ich.

»Es ist N.«

»N. im N--schen Gouvernement?«

»Ja.«

»So weit bin ich also von meinem Hause?«

»Für uns gibt es keine Entfernung.«

»Wirklich?« Eine plötzliche Kühnheit erwachte in mir. »So bringe mich
nach Südamerika!«

»Nach Amerika kann ich nicht. Dort ist jetzt Tag.«

»Wir sind also Nachtvögel. Nun trage mich irgendwohin, nur recht weit
von hier.«

»Schließe die Augen und atme nicht,« sagte Ellis, und wir flogen dahin
schnell wie der Sturm. Die Luft drang mir mit erschütterndem Rauschen in
die Ohren.

Wir hielten an, das Rauschen hörte aber nicht auf. Im Gegenteil: es
verwandelte sich in ein drohendes Brüllen und Donnergetöse ...

»Jetzt kannst du die Augen öffnen,« sagte Ellis.


IX.

Ich gehorchte ... Mein Gott, wo bin ich?

Über mir hängen schwere graue Wolken; sie drängen sich zusammen und
rennen wie eine Herde böser Ungeheuer ... doch dort, tief unten tobt ein
anderes Ungeheuer: das wütende, wirklich wütende Meer ... Der weiße
Schaum zuckt und blitzt und kocht und häuft sich zu Hügeln, und das Meer
wirft ungeheure Wellen empor, die mit rohem Getöse gegen einen riesigen,
pechschwarzen Felsen schlagen. Im Heulen des Sturmes, im eisigen Hauch
des gähnenden Abgrundes, im schweren Brausen der Brandung, aus welcher
ich bald klagendes Heulen, bald fernen Kanonendonner und bald
Glockenläuten höre, im lauten Knirschen der am Ufer angehäuften
Kieselsteine, im plötzlichen Aufschrei einer unsichtbaren Möwe, im
schwankenden Gerippe eines Schiffes, das sich schwach am grauen Horizont
abhebt, -- in allen Dingen ist der Tod, Tod und Grauen ... Der Kopf
schwindelt mir, und ich schließe wieder bebend die Augen ...

»Was ist das? Wo sind wir?«

»Am Südufer der Insel Wight, vor dem Felsen Blackgany, wo so oft die
Schiffe zerschellen,« sagte Ellis, diesmal besonders laut und deutlich
und, wie mir schien, nicht ohne Schadenfreude ...

»Trage mich fort von hier ... nach Hause! Nach Hause!«

Ich krümmte mich ganz zusammen und preßte mein Gesicht in die Hände ...
Ich fühlte, daß wir noch rascher flogen; der Wind heulte und pfiff nicht
mehr, -- er winselte förmlich in meinem Haar und in meiner Kleidung ...
Mir verging der Atem ...

»Stell dich doch auf die Füße,« rief ihre Stimme.

Ich gab mir Mühe, mich zu beherrschen, meine Besinnung wieder zu
gewinnen ... Ich spürte unter meinen Sohlen die Erde und hörte nichts,
als ob rund umher alles erstorben wäre ... nur in den Schläfen pochte
mir noch das Blut, und in meinem Kopfe sauste es ... mir schwindelte.
Ich richtete mich auf und sah mich um.


X.

Wir befanden uns auf dem Damme meines Teiches. Ich sah gerade vor mir,
durch die spitzigen Blätter der Weidenbüsche hindurch, die breite
Wasserfläche, auf der hie und da noch einzelne flaumige Nebelfetzen
lagen. Rechts lag im matten Glanz das Kornfeld; links erhoben sich die
schlanken, unbeweglichen und noch feuchten Bäume meines Gartens ... Der
Morgen hatte sie bereits mit seinem Atem berührt. Am reinen grauen
Himmel zogen sich gleich Rauchstreifen einige schräge Wölkchen hin; im
ersten schwachen Widerscheine des Morgenrots, der Gott weiß von wo auf
sie fiel, schienen sie gelblich: das Auge konnte am weißen Horizonte
noch nirgends die Stelle entdecken, wo die Sonne aufgehen sollte. Die
Sterne erloschen einer nach dem andern; nichts regte sich noch, obgleich
in der zauberhaften Stille des Morgens alles Leben zu erwachen begann.

»Der Morgen! Es ist der Morgen!« rief mir Ellis dicht ins Ohr. »Lebe
wohl! Bis morgen!«

Ich wandte mich um ... Sie hob sich leicht von der Erde empor, schwebte
an mir vorüber -- und plötzlich hob sie beide Arme über den Kopf. Dieser
Kopf, diese Arme und Schultern nahmen augenblicklich einen warmen
rosigen Ton an; in den dunklen Augen sprühten lebendige Funken; ein
Lächeln geheimer Wonne bewegte die rot gewordenen Lippen ... Vor mir war
plötzlich ein reizendes Weib erstanden ... Doch im gleichen Augenblick
sank sie, wie in Ohnmacht fallend, zurück und zerfloß wie Dunst.

Ich stand regungslos da.

Als ich zur Besinnung kam und um mich blickte, war es mir, als ob der
rosige Ton, in dem soeben das Gesicht meiner Vision erglühte, noch immer
nicht verschwunden sei, sondern die ganze Luft erfülle und mich von
allen Seiten umgebe ... Das war das Morgenrot. Plötzlich fühlte ich mich
ungewöhnlich matt; ich begab mich nach Hause. Als ich am Geflügelhof
vorbeiging, hörte ich das erste Morgengeschnatter der jungen Gänse (sie
werden vor jedem anderen Geflügel wach); längs des Daches saßen viele
Dohlen, die sich geschäftig und stumm putzten; sie hoben sich scharf vom
milchweißen Himmel ab. Zuweilen flogen sie alle zugleich auf und setzten
sich nach kurzem Fluge wieder eine neben der anderen ohne Geschrei auf
das Dach ... Aus dem nahen Wäldchen ließ sich zweimal der erste heisere
Morgenschrei des Auerhahnes vernehmen, der eben in das taufeuchte, von
Beeren durchwachsene Gras herabgeflogen war ... Mit leisem Beben in
allen Gliedern erreichte ich mein Bett und versank sofort in tiefen
Schlaf.


XI.

Als ich mich in der nächsten Nacht der alten Eiche näherte, schwebte mir
Ellis wie einem Bekannten entgegen. Ich fürchtete sie nicht mehr, war
über ihr Erscheinen beinahe erfreut; ich versuchte nicht einmal darüber
nachzudenken, was mit mir vorging; ich hatte nur den einen Wunsch,
irgendwohin, recht weit, nach merkwürdigen Orten, zu fliegen.

Ellis umschlang mich wieder mit ihrem Arm, und wir flogen wieder
dahin ...

»Wollen wir doch nach Italien fliegen,« flüsterte ich ihr ins Ohr.

»Wohin du willst, Geliebter,« antwortete sie feierlich und ruhig; ruhig
und feierlich wandte sie mir ihr Gesicht zu. Es erschien mir etwas
weniger durchsichtig als gestern, frauenhafter und ernster; es erinnerte
mich an jenes herrliche Wesen, das mir beim Morgenrot entschwebt war.

»Diese Nacht ist eine große Nacht,« sagte Ellis. »Sie kommt sehr selten,
nur wenn siebenmal dreizehn ...«

Hier entgingen mir einige Worte.

»In dieser Nacht kann man Dinge sehen, die in den anderen Nächten
verborgen sind.«

»Ellis!« flehte ich sie an, »wer bist du denn? Sage es mir endlich!«

Sie hob schweigend ihren schlanken weißen Arm.

Am dunklen Himmel, dort, wohin ihr Finger wies, strahlte zwischen
kleineren Sternen ein Komet mit rötlichem Schweif.

»Wie soll ich dich verstehen?« begann ich. »Oder ziehst du -- wie dieser
Komet zwischen den Planeten und Sonnen zieht, zwischen den Menschen ...
und _wem_?«

Doch sogleich legte sich Ellis' Hand auf meine Augen ... Es war mir, als
ob mich ein weißer Nebel aus feuchtem Tal umfinge ...

»Nach Italien! Nach Italien!« flüsterte sie. »Diese Nacht ist eine große
Nacht!«


XII.

Der Nebel vor meinen Augen verzog sich, und ich erblickte tief unter mir
eine unendliche Ebene. Schon an der warmen und milden Luft, die meine
Wangen streifte, konnte ich erkennen, daß ich mich nicht in Rußland
befand; auch glich die Ebene gar nicht unseren russischen Ebenen. Es war
eine große dunkle Fläche, so viel ich erkennen konnte, vollkommen nackt
und öde; hie und da glänzten wie kleine Spiegelscherben stehende
Gewässer; in der Ferne konnte ich schwach die Umrisse eines unhörbaren
und unbeweglichen Meeres sehen. Zwischen breiten schöngeformten Wolken
strahlten große Sterne; ein tausendstimmiges, unaufhörliches und dabei
doch nicht lautes Trillern erscholl von allen Richtungen -- wunderbar
war dieses durchdringende und zugleich verschlafene Singen, diese
nächtliche Stimme der Wüste ...

»Die Pontinischen Sümpfe,« sagte Ellis. »Hörst du die Frösche? Spürst du
den Schwefelgeruch?«

»Die Pontinischen Sümpfe ...« wiederholte ich, und sofort war ich im
Banne dieser majestätischen und schwermütigen Stimmung. »Doch warum hast
du mich in dieses traurige verlassene Land gebracht? Bringe mich lieber
nach Rom.«

»Rom ist nahe,« antwortete Ellis, »mache dich bereit!«

Wir ließen uns etwas tiefer herab und flogen die alte Römerstraße
entlang. Ein Büffel erhob langsam seinen großen zottigen Kopf mit den
kurzen Borsten zwischen den zurückgebogenen Hörnern aus dem Morast. Er
schielte mit seinen stumpfsinnig bösen Augen und schnaubte schwer mit
den feuchten Nüstern, als ob er uns witterte.

»Rom ist nahe,« flüsterte Ellis. »Schau vorwärts, vorwärts ...«

Ich erhob die Augen.

Was ist das Schwarze dort am nächtlichen Horizonte? Sind das die hohen
Bogen einer kolossalen Brücke? Über welchen Strom wölbt sie sich? Warum
ist sie stellenweise durchbrochen? Nein, es ist keine Brücke, es ist ein
alter Aquädukt. Rings ist der geheiligte Boden der Campagna, und dort in
der Ferne ragen die Berge von Albano, und ihre Gipfel und der graue
Rücken des alten Aquädukts schimmern schwach in den Strahlen des
aufgehenden Mondes ...

Wir schossen plötzlich in die Höhe und hielten in der Luft über einer
einsamen Ruine. Niemand hätte sagen können, was sie früher einmal
gewesen war: ein Grabmal, ein Palast, ein Turm ... Dunkler Efeu umrankte
sie von allen Seiten mit seiner erstickenden Gewalt, und unten gähnte
wie ein gigantischer Rachen ein halbeingestürztes Gewölbe. Schwerer
Kellergeruch wehte mir aus diesem Haufen kleiner, dicht aneinander
gefügter Steine entgegen, von denen schon längst die Granitbekleidung
abgefallen war.

»Hier,« sagte Ellis und erhob die Hand. »Hier! Sprich laut, dreimal
hintereinander den Namen eines großen Römers aus.«

»Und was wird geschehen?«

»Du wirst es sehen.«

Ich dachte nach. »Divus Cajus Julius Caesar!« rief ich plötzlich. »Divus
Cajus Julius Caesar!« wiederholte ich gedehnt: -- »Caesar!«


XIII.

Der letzte Widerhall meiner Worte war noch nicht verstummt, als ich
plötzlich hörte ...

Es fällt mir schwer zu sagen, was ich hörte. Anfangs war es ein
undeutliches, kaum wahrnehmbares, doch unaufhörlich sich wiederholendes
Trompetengeschmetter und Händeklatschen. Es war, als ob irgendwo in
weiter Ferne, in einem Abgrund eine zahllose Menschenmenge wogte -- sie
war in Aufruhr, sie wuchs an, und ihre Rufe klangen kaum hörbar, wie im
Traume, wie aus tiefem, bedrückendem, tausendjährigem Schlafe. Die Luft
über der Ruine begann sich zu regen und dunkler zu werden ... Ich
glaubte Schatten zu sehen, Myriaden Schatten, Millionen Umrisse, hier
abgerundet wie Helme, dort zugespitzt wie Speere; auf allen diesen
Helmen und Speeren sprühten im Mondlichte blaue Funken, -- und die ganze
Armee, die ganze Masse rückte immer näher und näher heran, immer
anwachsend und wie ein Meer tobend ... Eine unsagbare Spannung, eine
Spannung, stark genug, um die ganze Welt aus den Fugen zu heben, schien
diese Menge vorwärts zu treiben, und keine einzige Gestalt trat einzeln
hervor ... Und plötzlich war es mir, als ob durch die Menge ein Beben
ginge, als ob ungeheuere Wogen zurückprallten und sich zerteilten ...
»Caesar, Caesar venit!« rauschten die Stimmen, gleich den Blättern des
Waldes, in den ein plötzlicher Sturm gefahren ist ... Ein dumpfer
Donnerschlag, -- und ein bleiches, ernstes lorbeerbekränztes Haupt mit
gesenkten Lidern, das Haupt des Imperators kam langsam hinter der Ruine
zum Vorschein ...

In der Sprache des Menschen gibt es keine Worte, mit denen ich mein
Entsetzen ausdrücken könnte. Es war mir, als ob ich auf der Stelle
sterben müßte, wenn dieses Haupt die Augen aufschlüge und die Lippen
öffnete. -- »Ellis!« stöhnte ich, »ich will nicht, ich kann nicht, ich
mag nicht dieses rohe, drohende Rom ... Fort, fort von hier!«

»Kleinmütiger!« flüsterte sie, und wir flogen weg. Ich hörte hinter mir
noch einen ehernen, donnernden Aufschrei der Legionen ... dann wurde
alles dunkel.


XIV.

»Sieh dich um,« sagte Ellis, »und beruhige dich.«

Ich gehorchte. Der erste Eindruck war, wie ich mich noch gut erinnere,
so süß und angenehm, daß ich nur aufseufzen konnte. Etwas
Durchsichtig-Blaues, etwas Silbriges -- es war kein Licht und auch kein
Nebel -- umfloß mich von allen Seiten. Zuerst konnte ich nichts
unterscheiden: mich blendete dieses blaue Glänzen; -- aber allmählich
traten die Umrisse schöner Berge und Wälder hervor; vor mir lag ein See,
in seiner Tiefe zitterten Sterne, lieblich plätscherten seine Wellen.
Ein Strom von Orangenduft schlug mir entgegen, -- und mit ihm zugleich
kamen starke reine Töne einer jugendlichen weiblichen Stimme. Dieser
Duft, diese Töne zogen mich förmlich hinab -- und ich begann mich sinken
zu lassen ... zu einem prunkvollen Marmorpalast hinab, der mir
freundlich aus einem Zypressenhain entgegenschimmerte. Die Töne kamen
aus den weit geöffneten Fenstern; die Wellen des Sees, der mit
Blütenstaub besät war, plätscherten an die Marmormauern -- und gerade
gegenüber erhob sich aus dem Schoße des Wassers eine hohe runde Insel,
ganz bekleidet mit dunklen Pomeranzen und Lorbeeren, ganz übergossen mit
monddurchwebtem leuchtendem Nebel, ganz übersät mit Bildwerken,
schlanken Säulen und Tempelhallen ...

»Isola Bella!« sagte Ellis. »Lago Maggiore ...«

Ich sagte nur »Ah!« und sank weiter hinab. Die weibliche Stimme klang
immer lauter, immer heller; es zog mich unaufhaltsam zu ihr hin ... ich
wollte der Sängerin, die mit solchen Tönen eine solche Nacht erfüllte,
ins Gesicht schauen. Wir hielten vor einem der Fenster.

In einem Zimmer, welches im pompejanischen Geschmack ausgestattet war
und mehr einer antiken Tempelhalle als einem modernen Salon glich,
umgeben von griechischen Bildwerken, etruskischen Vasen, seltenen
Pflanzen, kostbaren Stoffen, übergossen mit dem milden Lichte zweier
Lampen in kristallenen Kugeln, -- saß am Klavier eine junge Frau. Den
Kopf leicht in den Nacken geworfen, die Augen halb geschlossen, sang sie
eine italienische Arie; sie sang und lächelte, und doch drückten ihre
Züge dabei Ernst und sogar Strenge aus ... das Kennzeichen vollkommenen
Genießens! Sie lächelte, -- und der Faun des Praxiteles, ebenso
jugendlich und träge wie sie, ebenso verzärtelt und wollüstig wie sie,
lächelte ihr hinter den Oleandern in der Ecke zu, durch den leichten
Rauch, der sich aus einem bronzenen Räucherbecken auf antikem Dreifuße
erhob. Die Schöne war allein im Zimmer. Von den Tönen, von der
Schönheit, dem Glanze und dem Duft dieser Nacht berauscht, vom Anblick
dieses jungen, hellen, strahlenden Glückes aufs tiefste erschüttert,
vergaß ich gänzlich meine Gefährtin, vergaß, auf welche seltsame Weise
ich Zeuge eines so weit entfernten, eines mir so fremden Lebens geworden
war -- und ich wollte schon an das Fenster treten, wollte sie
anreden ...

Mein ganzer Körper erzitterte von einem heftigen Schlag, -- als ob ich
eine Leidnerflasche berührt hätte. Ich blickte zurück ... Ellis' Gesicht
war -- bei all seiner Durchsichtigkeit -- finster und drohend; in ihren
plötzlich aufgerissenen Augen brannte der Zorn ...

»Fort!« flüsterte sie mir wütend zu, und wieder erfaßten mich Sturm,
Finsternis und Schwindel ... Diesmal blieb mir aber nicht der Aufschrei
der Legionen, sondern die Stimme der Sängerin, die auf einer hohen Note
abgebrochen war, in den Ohren zurück ...

Wir hielten. Die hohe Note, immer die gleiche Note, klang noch immer
fort und wollte nicht verstummen, obwohl ich eine ganz andere Luft
atmete, einen ganz ganz anderen Geruch spürte ... Stärkende Frische, wie
von einem großen Strome kommend, der Geruch von Heu, Rauch, Hanf wehte
mir entgegen. Dem ersten langgedehnten Tone folgte ein zweiter, dann ein
dritter; die ganze Manier war aber so unzweideutig, kam mir so bekannt
und vertraut vor, daß ich mir sofort sagte: »Das ist ein Russe, der ein
russisches Lied singt,« -- und im gleichen Augenblick wurde mir alles
klar.


XV.

Wir befanden uns über einem flachen Ufer. Links zogen sich ohne Ende
gemähte Wiesen hin, mit riesengroßen Heuschobern; rechts breitete sich
ebenso endlos der glatte Spiegel eines mächtigen, wasserreichen Stromes
aus. Nahe am Ufer wiegten sich dunkle verankerte Barken leise hin und
her, und die Spitzen ihrer Maste bewegten sich wie Zeigefinger. Aus
einer dieser Barken schlugen die Töne einer klangvollen Stimme an mein
Ohr; auf der gleichen Barke brannte ein Feuer, und sein langer rötlicher
Widerschein zitterte und schwankte im Wasser. Hie und da, auf dem Wasser
wie auf dem Felde, -- man konnte nicht erkennen, ob nah oder fern, --
flimmerten noch andere kleine Feuer, bald verschwindend, bald als
strahlende große Sterne aufleuchtend; zahllose Grillen zirpten
unaufhörlich, nicht weniger durchdringend als die Frösche in den
Pontinischen Sümpfen; unter dem wolkenlosen, doch dunklen und tief
herunterhängenden Himmel schrien unsichtbare Vögel.

»Sind wir in Rußland?« fragte ich Ellis.

»Das ist die Wolga,« antwortete sie.

Wir flogen längs einem der Ufer dahin. -- »Warum hast du mich von jener
herrlichen Gegend losgerissen?« hub ich an. »Bist du etwa neidisch
geworden? Oder ist in dir die Eifersucht erwacht?«

Ellis' Lippen bebten kaum merklich, und in ihren Augen blitzte es wieder
drohend auf ... doch gleich darauf erstarrte ihr Gesicht wieder.

»Ich will nach Hause,« sagte ich.

»Warte noch, warte,« entgegnete Ellis. »Diese Nacht ist eine große
Nacht. Sie kehrt so bald nicht wieder. Du kannst Zeuge sein ... Warte.«

Wir flogen plötzlich schräg über die Wolga, dicht am Wasser, so niedrig
und stoßweise wie die Schwalben vor dem Sturm. Mächtige Wellen rollten
schwer unter uns, scharfer Wind schlug uns mit seinem starken kalten
Flügel ... Bald erhob sich im Halbdunkel das hohe rechte Ufer. Es
zeigten sich steile Berge mit tiefen Klüften. Wir flogen auf sie zu.

»Rufe: Ssaryn na Kitschku!«(1)

  (1) »Marsch aufs Verdeck!« = Kommandoruf der alten Wolgapiraten.

Ich gedachte des Entsetzens, welches ich beim Erscheinen der römischen
Legionen empfunden hatte, ich fühlte eine Müdigkeit und eine seltsame
Wehmut, mir war, als schmelze mir das Herz in der Brust, -- ich wollte
die verhängnisvollen Worte nicht aussprechen, ich wußte vorher, daß als
Antwort auf meinen Ruf ein schreckliches Gesicht, wie in der
Wolfsschlucht des »Freischütz«, erscheinen werde, -- doch meine Lippen
öffneten sich gegen meinen Willen, und ich rief mit schwacher,
gespannter Stimme:

»Ssaryn na Kitschku!«


XVI.

Anfangs blieb alles still, gerade wie damals vor der römischen Ruine;
doch plötzlich erklang dicht an meinem Ohr ein rohes Lachen, -- etwas
fiel mit einem Aufschrei ins Wasser und begann zu glucksen ... Ich
blickte mich um: weit und breit war niemand zu sehen, -- doch vom Ufer
hallte lautes Echo zurück, und zugleich erhob sich von allen Seiten ein
betäubender Lärm. Was es nicht alles in diesem Chaos von Tönen gab! --
Schreien und Winseln, wütendes Fluchen und Lachen, -- das Lachen klang
am lautesten, -- Ruderschläge und Axthiebe, ein Krachen wie von
aufgebrochenen Türen und Truhen, Knarren von Takelwerk und Rädern,
Pferdegetrabe, Sturmläuten und Kettengerassel, das dumpfe Tosen einer
Feuersbrunst, trunkene Lieder und wirre rohe Reden, untröstliches
Weinen, klagendes, verzweifeltes Flehen, -- gebieterische Rufe,
Todesröcheln und keckes Pfeifen, Kreischen und Stampfen von Tanzenden.
»Haut zu! Hängt sie! Ersäuft sie! Schlachtet sie ab! So ist's recht! So
recht! Keinen Pardon!« -- Ich hörte es ganz deutlich, -- ich hörte sogar
das schwere Keuchen atemloser Menschen, -- und doch war ringsum, soweit
das Auge reichte, nichts zu sehen, alles blieb unverändert: der Strom
rollte geheimnisvoll, beinahe mürrisch an uns vorüber; das Ufer selbst
erschien noch öder, noch wilder als zuvor -- das war alles.

Ich wandte mich um zu Ellis, sie legte jedoch den Finger an die
Lippen ...

»Stepan Timofeïtsch!(2) Stepan Timofeïtsch kommt!« tönte es ringsum, »da
kommt unser Väterchen, unser Hauptmann, unser Ernährer!« Ich sah noch
immer nichts, doch plötzlich war es mir, als ob ein mächtiger Körper
sich gerade auf mich zu bewege ... -- »Frolka! Wo bist du, Hund?«
dröhnte eine schreckliche Stimme. -- »Zünde an von allen Seiten -- und
hau' mit der Axt auf sie los, auf die vornehmen Herren!«

  (2) Der berühmte Räuber und Rebell _Stenjka Rasin_, der um die Mitte
  des XVII. Jahrhunderts das ganze Wolgagebiet verwüstete. Held
  zahlreicher Volkslieder.

Die Glut einer nahen Flamme berührte mich beinahe, bitterer Brandgeruch
schlug mir entgegen, und im gleichen Augenblick spritzte mir etwas
Warmes, wie Blut, auf Hände und Gesicht ... Ein wildes Gelächter
erscholl ringsum.

Ich verlor die Besinnung; als ich wieder zu mir kam, schwebten wir,
Ellis und ich, leise den bekannten Saum meines Waldes entlang, gerade
auf die alte Eiche zu ...

»Siehst du den schmalen Weg?« fragte Ellis: »Dort, wo das Mondlicht so
matt leuchtet, wo die beiden jungen Birken ihre Zweige herabhängen
lassen?... Willst du dahin?«

Ich fühlte mich aber entsetzlich zerschlagen und erschöpft und sagte
nur: »Nach Hause ... Nach Hause ...«

»Du bist zu Hause,« antwortete Ellis.

Ich stand auch wirklich vor der Türe meines Hauses, -- allein, Ellis war
verschwunden. Der Hofhund kam auf mich zu, betrachtete mich mißtrauisch,
-- und lief heulend fort.

Mit Mühe schleppte ich mich zu meinem Bett und schlief sofort,
angekleidet wie ich war, ein.


XVII.

Den ganzen folgenden Morgen hatte ich Kopfweh und konnte mich kaum
bewegen; ich achtete aber wenig auf meinen körperlichen Zustand, denn an
mir nagte Reue, ich erstickte vor Ärger.

Ich war mit mir äußerst unzufrieden. -- Kleinmütiger! -- wiederholte ich
unaufhörlich: -- ja, Ellis hatte recht. Warum fürchtete ich mich? Wie
konnte ich mir eine solche Gelegenheit entgehen lassen?... Ich hätte ja
Caesar selbst sehen können, doch ich erstarb vor Schreck, ich kreischte
und scheute zurück, wie ein Kind vor der Rute. Nun, der Räuberhauptmann
Rasin ist allerdings etwas anderes. Als Edelmann und Grundbesitzer mußte
ich ... Aber warum habe ich auch in diesem Falle Furcht bekommen?
Kleinmütiger, Kleinmütiger!... --

-- Habe ich vielleicht doch alles nur im Traume gesehen? -- fragte ich
mich schließlich. Ich rief meine Haushälterin herbei.

»Marfa, um welche Stunde bin ich gestern abend zu Bett gegangen? Kannst
du dich noch daran erinnern?«

»Ja, das mußt du selbst wissen, mein Wohltäter ... Es wird wohl spät
gewesen sein. In der Dämmerung bist du aus dem Hause gegangen und hast
noch spät nach Mitternacht in deinem Schlafzimmer mit den Absätzen
getrampelt. Es wird sogar gegen Morgen gewesen sein, als ich dich habe
herumgehen hören, ja ... Auch vorgestern war dasselbe. Hast wohl einen
Kummer, der dich drückt ...«

-- He, he -- dachte ich. -- Das Fliegen unterliegt also keinem Zweifel.
-- »Nun, und wie sehe ich heute aus?« fügte ich mit lauter Stimme hinzu.

»Wie du aussiehst? Laß dich mal anschauen. Etwas heruntergekommen. Und
auch bleich bist du, mein Wohltäter: kein einziger Blutstropfen im
Gesicht.«

Ich schauderte leicht zusammen ... Ich schickte Marfa fort.

-- Auf diese Weise kann ich mir noch den Tod holen, oder wahnsinnig
werden, -- sagte ich zu mir selbst, am Fenster stehend. -- Ich muß damit
ein Ende machen. Das ist gefährlich. Auch das Herz pocht mir heute so
eigentümlich. Und während ich fliege, habe ich immer das Gefühl, als ob
mir jemand am Herzen sauge, oder als ob aus ihm etwas heraussickere --
ganz so wie im Frühling der Saft aus der Birke sickert, wenn man mit
einer Axt hineinsticht. Und doch ist es schade. Auch Ellis ist so
eigentümlich ... Sie spielt mit mir wie die Katze mit der Maus ...
übrigens wird sie wohl kaum böse Absichten haben. Ich will mich ihr noch
zum letzten Male hingeben, will mich noch einmal satt sehen, -- und dann
... Doch wenn sie mir das Blut aussaugt? Das wäre schrecklich!... Auch
kann eine so rasche Fortbewegung nicht unschädlich sein; man sagt, daß
es in England auf den Eisenbahnen verboten sei, mehr als 120 Werst in
der Stunde zu fahren ... --

So sprach ich mit mir selbst, -- doch gegen zehn Uhr abends stand ich
wieder vor der alten Eiche.


XVIII.

Die Nacht war kalt, trüb und grau; in der Luft roch es nach Regen. Zu
meinem Erstaunen traf ich niemand bei der Eiche; ich ging einige Male um
den Baum herum, kam bis an den Saum des Waldes, kehrte wieder zurück und
blickte gespannt in die Finsternis ... Niemand kam. Ich wartete eine
Weile und rief dann einige Male Ellis, immer lauter und lauter ... sie
kam aber nicht ... Ich empfand Trauer, sogar Schmerz; meine
Befürchtungen von vorhin waren verschwunden: ich konnte mich nicht mit
dem Gedanken vertraut machen, daß meine Gefährtin nie mehr wiederkehren
werde.

»Ellis! Ellis! So komm doch! Wirst du denn nicht kommen?« rief ich zum
letzten Male aus.

Ein Rabe, den meine Stimme aus dem Schlafe geweckt hatte, begann sich im
Wipfel eines nahen Baumes zu rühren; er verwickelte sich in den Zweigen
und schlug die Flügel ... Ellis zeigte sich nicht.

Gesenkten Hauptes begab ich mich nach Hause. Vor mir dunkelten schon die
Weidenbüsche auf dem Damme, und zwischen den Apfelbäumen des Gartens
flimmerte das Licht in meinem Zimmer; bald leuchtete es auf, bald
verschwand es, wie ein mich belauerndes Menschenauge; -- und plötzlich
hörte ich hinter mir ein leises Sausen der rasch durchschnittenen Luft;
etwas umfing mich und hob mich empor: so packt der Falke die Wachtel. Es
war Ellis. Ich fühlte ihre Wange an meiner Wange, den Ring ihres Armes
an meinem Körper, und wie ein scharfer Lufthauch drang mir ins Ohr ihr
Flüstern: »Da bin ich.« Ich war erschreckt und erfreut zugleich ... Wir
schwebten nicht hoch über der Erde.

»Du wolltest heute nicht kommen?« fragte ich.

»Und du, hast du dich nach mir gesehnt? Liebst du mich? Oh, du bist
mein!..«

Die letzten Worte Ellis' machten mich etwas verwirrt ... Ich wußte
nicht, was ich darauf sagen sollte.

»Man hat mich zurückgehalten,« fuhr sie fort, »man hat mich bewacht.«

»Wer hat dich zurückhalten können?«

»Wohin willst du?« fragte Ellis, auf meine Frage wie gewöhnlich nicht
antwortend.

»Trage mich nach Italien, zu jenem See, -- weißt du noch?...«

Ellis neigte sich etwas zur Seite und schüttelte verneinend den Kopf. Da
merkte ich zum ersten Male, daß sie aufgehört hatte, durchsichtig zu
sein. Auch ihr Gesicht hatte eine Färbung angenommen; über das nebelige
Weiß hatte sich ein rosiger Hauch ergossen. Ich blickte ihr in die Augen
... und es wurde mir ganz unheimlich zumute: in diesen Augen regte sich
etwas, so langsam, unaufhaltsam und unheimlich; ich mußte an eine
erstarrte und zusammengerollte Schlange denken, die in den
Sonnenstrahlen wieder aufzuleben beginnt.

»Ellis!« rief ich, »wer bist du? Sag' mir doch, wer du bist!«

Ellis zuckte nur die Achseln.

Ich wurde ärgerlich ... ich wollte mich rächen, -- da kam mir plötzlich
der Gedanke, ihr zu befehlen, mich nach Paris zu tragen. -- Dort wirst
du schon Gelegenheit haben, eifersüchtig zu sein! -- dachte ich.
»Ellis!« sagte ich laut: »Fürchtest du die großen Städte nicht, zum
Beispiel Paris?«

»Nein.«

»Nein? Auch solche Orte nicht, wo es so hell ist wie auf den
Boulevards?«

»Das ist kein Tageslicht.«

»Sehr gut; so trage mich sofort auf den Boulevard des Italiens.«

Ellis warf mir das Ende ihres langen herabhängenden Ärmels über den
Kopf. Mich umfing sofort ein eigentümlicher weißer Nebel mit
einschläferndem Mohngeruch. Sofort war alles verschwunden: jedes Licht,
jeder Ton und beinahe sogar das Bewußtsein. Mir blieb nur die
Empfindung, daß ich noch lebe, und das war gar nicht unangenehm.

Plötzlich verschwand der Nebel; Ellis nahm mir den Ärmel vom Kopf, und
ich sah unter mir einen ungeheuren Haufen dicht aneinander gedrängter
Gebäude, voller Glanz, Bewegung und Lärm ... Ich sah Paris ...


XIX.

Ich war schon früher einige Male in Paris gewesen und erkannte daher
sogleich den Ort, wohin Ellis flog. Es war der Garten der Tuilerien, mit
seinen alten Kastanienbäumen, eisernen Gittern, seinem Festungsgraben
und den tierähnlichen Zuaven als Wachtposten. Wir flogen am Schloß und
an der Kirche St. Roch vorbei, auf deren Stufen der erste Napoleon zum
ersten Male französisches Blut vergoß, und hielten hoch über dem
Boulevard des Italiens, wo der dritte Napoleon dasselbe und mit
demselben Erfolg tat. Zahllose Menschen, junge und alte Gecken,
Blusenmänner, Frauen in prächtigen Kleidern drängten sich auf den
Trottoirs; reich mit Bronze geschmückte Restaurants und Cafés strahlten
in zahllosen Lichtern; Omnibusse, Wagen jeder Art und jeden Aussehens
rollten den Boulevard entlang; wohin der Blick fiel, überall war dichtes
Gedränge und blendendes Licht ... Doch seltsamerweise kam mir gar nicht
der Wunsch, meine dunkle, reine, luftige Höhe zu verlassen und mich
diesem menschlichen Ameisenhaufen zu nähern. Es war mir, als ob eine
heiße, schwere, blutrote Dampfwolke von unten heraufstiege, halb
übelriechend, halb parfümiert: gar zu viele Leben waren dort unten auf
einen Fleck zusammengedrängt. Ich schwankte noch ... Da drang aber
plötzlich, schneidend wie das Klirren von Eisenstangen, die kreischende
Stimme einer Straßenlorette an mein Ohr; wie eine schamlose Zunge
streckte sich mir diese Stimme entgegen, sie stach mich wie der Stachel
eines ekelhaften Reptils. Sogleich stellte ich mir das steinerne,
derbknochige, gierige, flache Gesicht der Pariserin vor, Wucheraugen,
Schminke und Puder, hochfrisiertes Haar und einen Strauß greller
künstlicher Blumen unter dem spitzen Hute, sorgfältig gepflegte Nägel
wie Krallen und eine häßliche Krinoline ... Ich stellte mir auch einen
von meinen Landsleuten, irgend einen Gutsbesitzer aus dem Steppengebiet
vor, wie er in ungeschickten Bocksprüngen der feilen Puppe nachsteigt
... Ich stellte mir vor, wie er, seine Konfusion durch Roheit
maskierend, sich Mühe gibt, das »R« auf französische Manier
auszusprechen und in jeder Weise die Garçons aus dem Restaurant Véfour
zu kopieren, wie er zischelt, schwänzelt und schmeichelt -- und ein
Gefühl des Ekels stieg in mir auf ... -- Nein, -- sagte ich mir, -- hier
wird Ellis wohl keine Gelegenheit finden, eifersüchtig zu sein ...

Inzwischen merkte ich, daß wir allmählich tiefer flogen ... Paris kam
uns mit all seinem Lärm und Qualm entgegen ...

»Halt!« wandte ich mich zu Ellis. »Wird es dir nicht zu schwül, zu
übel?«

»Du hast mich ja selbst gebeten, dich hierher zu tragen.«

»Ja, ich bin schuld, ich nehme mein Wort zurück. Trage mich bitte fort
von hier, Ellis! Richtig: da schlendert ja schon der Fürst Kulmametow
durch den Boulevard, und sein Freund Serge Waraksin, winkt ihm mit der
Hand und ruft: ›Iwan Stepanowitsch, allons souper, schnell, j'ai engagé
Rigolboche in eigener Person!‹ Trage mich fort, Ellis, von diesem
Mabile, diesen Maisons dorées, von den Gandins und Biches, vom
Jockey-Klub und Figaro, von den glattrasierten Soldatenschädeln und den
glattgetünchten Kasernen, von den Sergeants de Ville mit ihren
Knebelbärten, vom trüben Absinth, von den Dominospielern in den
Caféhäusern und den Spielern an der Börse, von den roten Ordensbändern
im Knopfloch der Röcke und im Knopfloch der Paletots, vom Herrn de Foy,
dem Erfinder der ›Spécialité de mariage‹ und von den Gratis-Konsultationen
des Dr. Charles Albert, von den liberalen Vorträgen und
den offiziellen Broschüren, von der Pariser Komödie und
der Pariser Oper, von den Pariser Witzen und der Pariser Unbildung ...
Fort, fort, fort!...«

»Blicke hinab,« entgegnete Ellis, »du bist nicht mehr über Paris.«

Ich senkte den Blick ... Es stimmte. Eine dunkle Ebene, hie und da von
den weißen Linien der Landstraßen durchschnitten, flog rasch unter mir
vorbei, und nur am Horizont hinter uns glänzte noch, wie die Röte einer
mächtigen Feuersbrunst, der Widerschein der zahllosen Lichter der
Welthauptstadt Paris.


XX.

Wieder waren meine Augen verhüllt ... Wieder verlor ich die Besinnung.
Endlich fiel die Hülle.

Was ist das dort unten? Was ist das für ein Park mit den zugestutzten
Lindenalleen, mit einzelnen wie Sonnenschirme zugeschnittenen Tannen,
mit Säulenhallen und Tempeln im Geschmacke Pompadour, mit Statuen von
Satyren und Nymphen aus der Schule Bernini's, mit Rokoko-Tritonen in der
Mitte der Teiche, deren geschwungene Ufer von niedrigem Geländer aus
schwarz gewordenem Marmor eingefaßt sind? Ist es nicht Versailles? Nein,
Versailles ist es nicht. Ein kleines Schloß, gleichfalls im Rokoko-Stil,
blickt hinter den Kuppeln krauser Eichen hervor. Der Mond ist in Nebel
gehüllt und leuchtet trübe. Über die Erde zieht ein feiner Dunst; das
Auge kann nicht unterscheiden, ob es Mondlicht oder Nebel ist. Hier
schläft auf einem der Teiche ein Schwan; sein länglicher Rücken
schimmert weiß wie der gefrorene Schnee der Steppe; und dort flimmern im
bläulichen Schatten der Statuen diamantene Leuchtkäfer.

»Wir sind in der Nähe von Mannheim,« sagte Ellis, »das ist der
Schwetzinger Garten.«

»Wir sind also in Deutschland!« Ich horchte auf. Alles war stumm; nur
irgendwo plätscherte einsam und unsichtbar ein Springbrunnen. Er
wiederholte immer ein und dasselbe Wort: »So, so, so, immer so, so.« Und
plötzlich glaubte ich in einer der Alleen, genau in der Mitte zwischen
den beiden Mauern beschnittenen Laubes ein Paar zu sehen: der Kavalier,
in goldgesticktem Rock, Spitzenmanschetten, mit einem leichten
Stahldegen an der Seite, schritt auf roten Absätzen einher und reichte
geziert den Arm einer Dame mit gepuderter Frisur und buntgeblümtem
Reifrock ... Seltsame bleiche Gesichter ... Ich will sie mir näher
anschauen ... Doch alles ist wieder verschwunden, und nur das Wasser
plätschert wie zuvor ...

»Das sind Träume, die dort umherwandeln,« flüsterte mir Ellis zu;
»gestern konnte man ihrer viel mehr sehen ... Heute fliehen selbst
Träume das menschliche Auge. Vorwärts! Vorwärts!«

Wir stiegen höher und flogen weiter. So gleichmäßig und leicht war unser
Flug, daß ich den Eindruck hatte, als ob nicht wir uns fortbewegten,
sondern alles uns entgegenkäme. Dunkle, wellenförmig geschwungene,
bewaldete Berge stiegen vor unseren Blicken auf und kamen immer näher
... Da schweben sie schon dicht unter uns vorbei, mit allen ihren
Taleinschnitten, Krümmungen, engen Wiesen, mit den Lichtpünktchen
schlummernder Dörfer, die in Talgründen bei schnellen Bächen liegen; und
vor uns tauchen andere Berge auf und auch sie schweben vorbei ... Wir
befinden uns im Herzen des Schwarzwaldes.

Immer Berge und Berge ... und Wald, schöner, alter, kräftiger Wald. Der
Nachthimmel ist hell: ich kann jede Baumgattung unterscheiden; am
schönsten sind die Silbertannen mit ihren schlanken weißen Stämmen. Hie
und da am Waldessaume zeigen sich Rehe; sie stehen schlank und scheu auf
ihren dünnen Beinen und horchen, die Köpfe anmutig zur Seite gewendet,
die großen röhrenförmigen Ohren gespitzt. Die traurige und blinde Ruine
eines Turmes streckt vom Gipfel eines nackten Felsens ihre
halbverfallenen Zinnen aus; über den alten, vergessenen Mauern leuchtet
friedlich ein goldenes Sternchen. Aus einem kleinen, fast schwarzen See
erhebt sich, wie geheimnisvolle Klage, das Stöhnen kleiner Unken.
Zugleich glaube ich andere Töne zu hören, langgezogene wehmütige Töne,
wie die einer Äolsharfe ... Da ist es also, das Land der Sagen! Der
gleiche feine Mondlichtnebel, der mir in Schwetzingen aufgefallen war,
liegt auch hier auf allen Dingen, und je weiter sich die Berge auftun,
desto dichter wird er. Ich zähle fünf, sechs, zehn verschiedene
Abstufungen der Schattenschichten an den Berghängen, und über all diese
stumme Mannigfaltigkeit herrscht der stille Mond. Die Luft strömt sanft
und leicht. Ich selbst fühle mich so leicht, so ruhig und zugleich
traurig.

»Ellis, du liebst gewiß dieses Land?«

»Ich liebe nichts.«

»Wieso? Und mich?«

»Ja ... dich!« antwortet sie gleichgültig.

Mir ist es, als ob ihr Arm mich fester als vorher umschlinge.

»Vorwärts! Vorwärts!« sagt Ellis eigentümlich begeistert und zugleich
kalt.

»Vorwärts!« wiederhole ich.


XXI.

Starke, helle, trillernde Schreie erklangen plötzlich über uns und
wiederholten sich gleich darauf etwas weiter vor uns.

»Es sind verspätete Kraniche, die zu euch nach dem Norden ziehen,« sagte
Ellis, »wollen wir uns ihnen anschließen?«

»Ja, ja! Trage mich zu ihnen hinauf.«

Wir schossen in die Höhe und befanden uns im nächsten Augenblick neben
dem Kranichzuge.

Große, schöne Vögel (dreizehn an der Zahl) zogen in einem Dreieck, stark
und nur selten die gewölbten Flügel schwingend. Kopf und Beine straff
ausgestreckt, die Brust gewölbt, flogen sie unaufhaltsam und so rasch,
daß die Luft rund herum pfiff. Es war so seltsam, in einer solchen Höhe,
in einer solchen Entfernung von jedem anderen Leben dieses starke,
glühende Leben, diesen unbeugsamen Willen zu sehen. Unaufhörlich den
Raum besiegend und zerteilend, wechselten die Kraniche ab und zu kurze
Schreie mit ihrem Gefährten an der Spitze des Zuges, und es lag etwas
Stolzes und Wichtiges, etwas unerschütterlich Selbstbewußtes in diesen
lauten Schreien, in dieser luftigen Unterredung. »Wir werden unser Ziel
erreichen, und wenn es auch nicht so leicht ist,« riefen sie sich,
gleichsam einander aufmunternd, zu. Und da fiel mir ein, daß es in
Rußland -- ach, was sage ich Rußland! --, in der ganzen Welt nur wenige
Menschen gibt, die man mit diesen Vögeln vergleichen könnte.

»Nun fliegen wir nach Rußland,« sagte Ellis. Ich habe schon früher die
Bemerkung gemacht, daß sie fast immer meine Gedanken erriet. »Willst du
umkehren?«

»Umkehren?... oder nein? Ich bin schon in Paris gewesen, nun trage mich
nach Petersburg.«

»Jetzt gleich?«

»Sofort ... Bedecke mir aber den Kopf mit deinem Ärmel, sonst wird mir
übel.«

Ellis hob den Arm ... Doch bevor mich noch der Nebel umfing, spürte ich
auf meinen Lippen die schnelle Berührung jenes weichen, stumpfen
Stachels ...


XXII.

»A--a--achtung!« schallte in meinen Ohren ein gedehnter Ruf.
»A--a--a--achtung!« hallte es wie verzweifelt aus der Ferne zurück.
»A--a--a--achtung!« erstarb es irgendwo am Ende der Welt. Ich sah hinab.
Eine hohe vergoldete Spitze fiel mir in die Augen: ich erkannte die
Peter-Paulsfestung.

Bleiche nordische Nacht! Ist es denn überhaupt eine Nacht? Ist es nicht
eher ein bleicher kranker Tag? Ich habe die Petersburger Nächte niemals
gemocht; diesmal wurde mir sogar ganz unheimlich zumute! Ellis' Gestalt
verschwand vollständig, löste sich auf wie der Morgennebel in der
Julisonne, und ich sah deutlich meinen Körper schwer und einsam in der
Höhe der Alexandersäule in der Luft hängen. Das ist also Petersburg! Ja,
das ist es wirklich. Diese breiten, öden, grauen Straßen, diese
grauweißen, gelbgrauen, lilagrauen getünchten und abgebröckelten Häuser
mit den eingefallenen Fenstern, grellen Ladenschildern, eisernen
Wetterdächern über den Eingangstüren und den elenden Gemüseläden; diese
Giebel, Aufschriften, Schilderhäuschen und Futterkasten; die goldene, an
eine Kutschermütze erinnernde Kuppel der Isaakskirche; die überflüssige
bunte Börse; die Granitmauern der Zitadelle und das aufgebrochene
Holzpflaster; diese Barken mit Heu und Brennholz; dieser Geruch von
Staub, Sauerkohl, Bast und Pferdestall; diese versteinerten Hausknechte
in Schafspelzen vor den Haustoren; diese wie im Todesschlaf
zusammengekrümmten Kutscher auf den schäbigen Droschken, -- ja, das ist
es, unser Nordisches Palmyra. Alles ist hell, alles ist unheimlich klar
und deutlich zu sehen, und alles schläft einen traurigen Schlaf, sich
als seltsamer Haufen in der dämmerigen, durchsichtigen Luft abzeichnend.
Die Abendröte -- eine schwindsüchtige Röte -- ist noch nicht vergangen,
und wird auch vor dem Morgen nicht vom weißen, sternlosen Himmel
weichen; ihr Abglanz liegt auf der seidenschimmernden Fläche der Newa,
die sich kaum bewegt und leise murmelt, ihre kalten, blauen Fluten
vorwärts rollend ...

»Wollen wir doch von hier fortfliegen,« flehte Ellis.

Und ohne meine Antwort abzuwarten, trug sie mich über die Newa, über den
Schloßplatz nach der Litejnaja. Unten erschollen Schritte und Stimmen:
über die Straße kam ein Haufen junger Männer mit abgelebten Gesichtern;
sie unterhielten sich von der Tanzstunde. -- »Leutnant Stolpakow, Nummer
sieben!« rief plötzlich ein verschlafener Soldat, der bei einer kleinen
Pyramide verrosteter Kanonenkugeln Wache stand, und etwas weiter sah ich
am offenen Fenster eines großen Hauses ein Mädchen in zerknittertem
Seidenkleide ohne Ärmel, mit einem Perlennetze auf den Haaren und einer
Zigarette im Munde. Sie las sehr andächtig in einem Buche; es war ein
Band eines unserer modernsten Juvenale.

»Wollen wir von hier fortfliegen?« sagte ich zu Ellis.

Nach einer Minute zogen unter uns schon die faulenden Tannenwäldchen und
Moossümpfe, die Petersburg umgeben, vorbei. Wir flogen gerade nach dem
Süden: der Himmel und die Erde und alles wurde immer dunkler. Die kranke
Nacht, der kranke Tag, die kranke Stadt -- alles blieb hinter uns
zurück.


XXIII.

Wir flogen langsamer als gewöhnlich, und ich konnte mit den Augen
verfolgen, wie sich vor mir nach und nach, wie im Panorama, die
ungeheure, grenzenlose heimatliche Ebene entrollte. Wälder, Sträucher,
Felder, Gräben, Flüsse, -- etwas seltener Dörfer, Kirchen, und dann
wieder Felder und Wälder, Sträucher und Gräben ... Mir wurde es traurig
zumute, und zugleich empfand ich Gleichgültigkeit und Langeweile. Und
dieses Gefühl kam nicht etwa daher, weil es gerade Rußland war, über das
ich flog. Nein! Die Erde selbst, diese flache Ebene, die sich unter mir
ausbreitete; der ganze Erdball mit seiner vergänglichen, siechen, von
Not, Kummer und Krankheiten gedrückten, an die Scholle elenden Staubes
geketteten Bevölkerung; diese zerbrechliche, rauhe Kruste, in die der
winzige Feuerkern unseres Planeten eingeschlossen ist, mit ihrem
Schimmel, den wir hochtrabend Tier- und Pflanzenreich nennen; diese
Menschen, winzig wie Fliegen, doch tausendmal nichtiger als die
wirklichen Fliegen; ihre aus Kot zusammengeklebten Wohnungen, die
verschwindenden Spuren ihres kleinlichen, eintönigen Treibens, ihres
lächerlichen Kampfes gegen das Unabwendbare und Unabänderliche, -- wie
widerte mich das alles plötzlich an! Das Herz drehte sich mir im Leibe
um, und mir verging jede Lust, noch länger auf diese nichtssagenden
Bilder, auf diese abgeschmackte Ausstellung zu gaffen ... Ja, es wurde
mir langweilig zumute, ärger als langweilig. Ich empfand nicht einmal
Mitleid mit meinen Mitmenschen: alle meine Gefühle waren in einem Gefühl
untergegangen, welches ich kaum zu nennen wage: im Ekelgefühl, das ich
am stärksten -- vor mir selbst empfand.

»So hör' doch auf,« flüsterte mir Ellis zu, »hör' doch auf, sonst kann
ich dich nicht tragen. Du wirst zu schwer.«

»Nach Hause,« sagte ich ihr mit derselben Stimme, mit welcher ich meinem
Kutscher zu befehlen pflegte, wenn ich mich gegen vier Uhr morgens von
meinen Moskauer Freunden trennte, mit denen ich seit Mittag über
Rußlands Zukunft und die Bedeutung der Dorfgemeinde disputiert hatte.
»Nach Hause,« wiederholte ich und schloß die Augen.


XXIV.

Ich schlug sie aber bald wieder auf. Ellis schmiegte sich so sonderbar
an mich und stieß mich beinahe. Ich sah sie an, und das Blut erstarrte
in meinen Adern. Wer jemals auf einem fremden Gesichte den plötzlichen
Ausdruck tiefen Grauens, dessen Grund er gar nicht ahnt, wahrgenommen
hat, -- der wird mich begreifen. Die bleichen, beinahe verwischten Züge
Ellis' waren von Grauen, einem qualvollen Grauen verzerrt und entstellt.
Niemals hatte ich Ähnliches selbst auf einem lebenden Menschengesichte
gesehen. Ein lebloses Nebelgebilde, ein Schatten ... und diese
entsetzliche Angst ...

»Ellis, was hast du?« fragte ich endlich.

»Er ... Er ...« brachte sie mit großer Mühe hervor, »Er!«

»Er? Wer ist Er?«

»Nenne ihn nicht, nenne ihn nicht,« stammelte hastig Ellis. »Wir müssen
fliehen, sonst ist alles zu Ende, -- und für immer zu Ende ... Sieh nur
hin, dort!«

Ich wandte den Kopf nach der Seite, wohin mir ihre zitternde Hand wies,
und ich sah etwas ... etwas, was wirklich grauenhaft war.

Dieses Etwas war umso schrecklicher, als es keine bestimmte Gestalt
hatte. Etwas Schwerfälliges, Finsteres, Gelblich-Schwarzes, Geflecktes
wie der Bauch einer Eidechse, weder Wolke noch Rauch, wand sich und
kroch langsam wie eine Schlange über der Erde. In dieser Bewegung war
ein gleichmäßiges, breites Schaukeln von oben nach unten und von unten
nach oben, gleich dem unheildrohenden Flügelschlagen eines Raubvogels,
der nach Beute ausspäht; ab und zu drückte es sich mit unbeschreiblich
widriger Gebärde an die Erde, -- mit ähnlicher Gebärde fällt die Spinne
über die gefangene Fliege her ... Wer bist du, wer bist du, du gräßliche
Masse? Unter ihrem Einfluß wurde, ich fühlte es, alles vernichtet,
verstummte alles ... Der Masse entströmte eine faule, pestilenzialische
Kälte, und von dieser Kälte übelte es mir, es wurde mir finster vor den
Augen, und meine Haare sträubten sich. Es war der Anmarsch einer Kraft;
jener Kraft, gegen die es keinen Widerstand gibt, der alles untertan
ist, welche selbst weder Gesicht, noch Gestalt, noch Sinn hat, doch
alles sieht, alles weiß, sich ihre Opfer wie ein Raubvogel auswählt, wie
eine Schlange sie erdrückt und mit ihrem frostigen Stachel beleckt ...

»Ellis! Ellis!« rief ich wie wahnsinnig. »Es ist der Tod! Der Tod
selbst!«

Ein klagender Ton, den ich schon früher gehört hatte, drang wieder aus
Ellis' Munde, -- diesmal glich er aber eher einem menschlichen,
verzweifelten Aufschrei, -- und wir flogen dahin. Doch unser Flug war
seltsam und grauenhaft ungleich; Ellis überschlug sich in der Luft,
stürzte, flog im Zickzack wie das Rebhuhn, das tödlich verwundet ist
oder den Hund von seinen Jungen abzubringen sucht. Indessen hatten sich
von jener unbeschreiblich grauenhaften Masse lange wellenförmige Glieder
abgelöst, und sie streckten sich uns entgegen wie Arme, wie Krallen ...
Die riesige Gestalt eines verhüllten Reiters auf fahlem Rosse erschien
und schwang sich im gleichen Augenblick hoch in den Himmel hinauf ...
Noch unruhiger, noch verzweifelter warf sich Ellis hin und her. »Er hat
mich gesehen! Alles ist zu Ende! Ich bin verloren!...« ließ sich ihr
hastiges Geflüster vernehmen. »Oh, ich Unglückliche! Ich hätte die
Gelegenheit benützen können, hätte neue Lebenskraft schöpfen können ...
und jetzt ... Jetzt bin ich wieder nichts!«

Es ging über meine Kraft ... Ich verlor die Besinnung.


XXV.

Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Rücken im Grase und fühlte in meinem
ganzen Körper einen dumpfen Schmerz wie nach einem Sturz. Am Himmel
dämmerte der Morgen, und ich konnte deutlich die Dinge unterscheiden:
nicht weit von mir zog sich längs eines Birkengehölzes eine von
Weidenbüschen eingefaßte Straße hin; die Gegend kam mir bekannt vor. Ich
fing an, mich zu erinnern, was mit mir vorgefallen war, und ich zuckte
vor Grauen zusammen, als mir das letzte entsetzliche Gesicht in den Sinn
kam ...

-- Aber warum erschrak Ellis? -- dachte ich. -- Ist denn auch sie
_seiner_ Gewalt untertan? Ist sie nicht unsterblich? Ist sie denn auch
der Vernichtung, der Auflösung preisgegeben? Wie wäre das möglich! --

Ganz nahe ließ sich ein leiser Seufzer vernehmen. Ich wandte den Kopf.
Etwa zwei Schritte vor mir lag auf der Erde, unbeweglich hingestreckt,
eine junge Frau in weißem Kleid, mit aufgelöstem üppigem Haar und
entblößter Schulter. Ein Arm lag hinter dem Kopfe, der andere auf der
Brust. Die Augen waren geschlossen, und auf den zusammengepreßten Lippen
zeigte sich ein leichter hellroter Schaum. Ist denn das Ellis? Ellis war
ja ein Gespenst, eine Vision, und vor mir liegt ein lebendiges Weib. Ich
kroch zu ihr heran und beugte mich über sie ...

»Ellis! Bist du es?« rief ich aus. Plötzlich öffneten sich, leise
erzitternd, ihre breiten Augenlider, dunkle durchdringende Augen bohrten
sich in mich, -- und im gleichen Augenblick saugten sich warme, feuchte,
nach Blut riechende Lippen in die meinen, weiche Arme umschlangen meinen
Hals, eine glühende volle Brust drückte sich an die meine. -- »Lebe
wohl! Lebe wohl auf ewig!« sprach deutlich die ersterbende Stimme, --
und alles war verschwunden.

Ich erhob mich, schwankte wie trunken, fuhr mir einige Male mit der Hand
über das Gesicht und sah mich aufmerksam um. Ich befand mich an der
Landstraße, etwa zwei Werst von meinem Gute entfernt. Die Sonne war
schon aufgegangen, als ich mein Haus erreichte.

                   *       *       *       *       *

Alle folgenden Nächte wartete ich -- und ich muß gestehen, nicht ohne
Furcht -- auf das Erscheinen meiner Vision; sie kam jedoch nicht wieder.
Einmal begab ich mich sogar in der Dämmerung zur alten Eiche, doch auch
dort ereignete sich nichts Ungewöhnliches. Übrigens beklagte ich den
Abbruch dieser wundersamen Beziehungen nicht allzu sehr. Ich habe viel
und lange über diesen unbegreiflichen, ich möchte beinahe sagen, --
albernen Fall nachgedacht und bin zur Überzeugung gekommen, daß er sich
nicht nur wissenschaftlich nicht erklären läßt, sondern daß auch in
Märchen und Sagen nichts Ähnliches vorkommt. Was war in der Tat diese
Ellis? Ein Gespenst, eine umherirrende Seele, ein böser Geist, eine
Sylphide, vielleicht gar ein Vampyr? Zuweilen schien es mir wiederum,
daß Ellis eine Frau sei, welche ich einst gekannt habe, und ich strengte
mich entsetzlich an, um mich zu besinnen, wo ich sie früher gesehen ...
Halt, halt, -- sagte ich mir manchmal, -- da hab ich's, gleich wird's
mir einfallen ... Gefehlt! Alles zerrann wieder wie ein Traum. Ja, ich
überlegte mir viel hin und her und brachte, wie es fast immer der Fall
ist, doch nichts heraus. Andere Leute um Rat oder Meinung zu befragen,
-- konnte ich mich nicht entschließen. Ich fürchtete, daß sie mich für
verrückt halten würden. Schließlich gab ich alle meine Bemühungen auf;
offen gestanden hatte ich ganz andere Dinge im Kopf. Einerseits war die
Abschaffung der Leibeigenschaft mit der Verteilung der Ländereien
dazwischengekommen, und andererseits war auch meine Gesundheit ziemlich
zerrüttet: ich litt an Brustschmerzen, Schlaflosigkeit, Husten. Der
ganze Körper war mir wie ausgetrocknet, mein Gesicht war gelb wie bei
einer Leiche. Der Arzt versichert, daß ich zu wenig Blut habe; er nennt
meine Krankheit mit dem griechischen Namen »Anaemie« und schickt mich
nach Gastein. Der Verwalter schwört aber, er könne ohne mich mit den
Bauern nicht fertig werden ...

Und so muß ich allein mit allem fertig werden!

Doch was bedeuten jene durchdringend-reinen und schrillen Töne, den
Tönen einer Ziehharmonika ähnlich, die in meinen Ohren erklingen, so oft
in meiner Gegenwart von irgend einem Todesfalle die Rede ist? Sie werden
immer lauter, immer durchdringender ... Und warum muß ich immer beim
bloßen Gedanken an das Nichts, an die Auflösung so qualvoll
zusammenfahren?



Der Hund


»Wenn man die Möglichkeit des Übernatürlichen, die Möglichkeit seines
Hineinspielens in das wirkliche Leben zugeben soll, -- so gestatten Sie
die Frage, welche Rolle soll dann noch der gesunde Menschenverstand
spielen?« verkündete Anton Stepanowitsch und kreuzte seine Hände über
dem Magen.

Anton Stepanowitsch hatte den Rang eines Staatsrates, war an irgendeinem
sonderbaren Departement angestellt, redete langsam, gemessen und im Baß
und erfreute sich allgemeiner Hochachtung. Erst kurz vorher hatte man
ihm, wie seine Neider sagten, den Stanislausorden angehängt.

»Sie haben vollkommen recht,« bemerkte Skworewitsch.

»Darüber wird auch niemand streiten,« fügte Kinarewitsch hinzu.

»Ganz meine Meinung,« bestätigte mit einer Fistelstimme der Gastgeber,
Herr Finoplentow, der in einer Ecke saß.

»Ich kann mich aber, offen gestanden, dieser Meinung nicht anschließen,
denn mir selbst ist einmal etwas durchaus Übernatürliches passiert,«
sagte ein Mann von mittlerem Wuchs und mittleren Jahren, mit einem
ziemlichen Embonpoint und einer Glatze, der bisher schweigend hinter dem
Ofen gesessen hatte ... Alle Anwesenden blickten ihn sofort neugierig
und fragend an, -- und alle schwiegen.

Dieser Mann, ein nicht sehr bemittelter Gutsbesitzer aus dem
Gouvernement Kaluga, war erst vor kurzem nach Petersburg gekommen. Er
hatte einmal bei den Husaren gedient, sein Vermögen verspielt, den
Abschied genommen und sich schließlich auf dem Lande niedergelassen. Die
mit der Abschaffung der Leibeigenschaft zusammenhängenden
wirtschaftlichen Veränderungen hatten seine Einkünfte erheblich gekürzt,
und so war er nach Petersburg gekommen, um sich nach einer Stelle
umzusehen. Er besaß weder irgendwelche Fähigkeiten noch Verbindungen,
baute aber felsenfest auf die Freundschaft eines ehemaligen
Regimentskameraden, der plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, Karriere
gemacht hatte und dem er einst behilflich gewesen war, einen
Falschspieler zu verprügeln. Außerdem baute er auch noch auf sein Glück,
welches ihn auch wirklich nicht im Stiche ließ: einige Tage später bekam
er die Stelle eines Inspektors der Staatsmagazine, eine vorteilhafte und
sogar ehrenvolle Stelle, die keinerlei besondere Talente erforderte: die
Magazine bestanden überhaupt nur im Projekt, und es war sogar noch nicht
bekannt, womit sie einst gefüllt werden sollten; ersonnen waren sie aber
aus Gründen der Staatsökonomie.

Anton Stepanowitsch war der erste, der das allgemeine Schweigen brach.

»Wie, mein sehr verehrter Herr?« begann er: »Sie wollen im Ernste
behaupten, daß Sie etwas Übernatürliches erlebt haben, ich will sagen,
etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht übereinstimmt?«

»Ja, das will ich behaupten,« entgegnete der »sehr verehrte Herr«, der
eigentlich Porfirij Kapitonowitsch hieß.

»Etwas, was mit den Gesetzen der Natur nicht übereinstimmt!« wiederholte
Anton Stepanowitsch, dem diese Phrase offenbar gut gefiel, beinahe
empört.

»Ja, das meine ich eben; gerade so etwas, wie Sie zu sagen geruhten.«

»Das ist höchst merkwürdig! Was meinen Sie, meine Herren?« Anton
Stepanowitsch bemühte sich, seinen Zügen einen ironischen Ausdruck zu
geben; es kam aber nichts dabei heraus, oder richtiger gesagt, der Herr
Staatsrat nahm eine Miene an, als ob er einen üblen Geruch wittere.
»Dürfen wir Sie vielleicht bitten, verehrter Herr,« fuhr er, sich an den
Gutsbesitzer aus Kaluga wendend, fort: »Dürfen wir Sie vielleicht
bitten, uns die Einzelheiten eines so merkwürdigen Erlebnisses
mitzuteilen?«

»Warum nicht? Mit Vergnügen!« erwiderte der Gutsbesitzer. Er rückte
seinen Stuhl ungezwungen in die Mitte des Zimmers vor und begann
folgendermaßen:

»Ich besitze, meine Herren, was Ihnen vielleicht bekannt, vielleicht
auch unbekannt ist, ein kleines Gut im Koselskischen Kreise. Vor Jahren
hat es mir etwas eingebracht, doch heutzutage kann es mir
selbstverständlich nichts als Unannehmlichkeiten bringen. Von Politik
will ich übrigens nicht sprechen! Auf diesem Gute also habe ich einen
kleinen Hof, einen Gemüsegarten, einen Teich mit Karauschen und was
sonst noch dazu gehört, ein paar Wirtschaftsgebäude und schließlich ein
Häuschen für meinen eigenen sündigen Leib ... Darin hauste ich als
Junggeselle. Eines Abends, -- so vor sechs Jahren mag es gewesen sein --
kam ich spät nach Hause: hatte beim Nachbar Karten gespielt, war aber,
was ich Sie wohl zu beachten bitte, vollkommen nüchtern; ich kleidete
mich aus, legte mich zu Bett und löschte das Licht aus. Nun stellen Sie
sich vor, meine Herren, -- kaum habe ich das Licht ausgelöscht, als sich
etwas unter meinem Bette zu rühren anfängt! Ich denke mir: eine Ratte?
Nein, keine Ratte: es kratzt, es rumort, es juckt sich ... Schließlich
klappert es mit den Ohren!

Selbstverständlich ist's ein Hund. Wo soll aber ein Hund herkommen? Ich
halte mir keine Hunde; ist's vielleicht irgendein zugelaufener? Ich rief
meinen Diener; Filjka hieß er. Der Diener kam mit einem Licht. ›Was ist
das‹, sage ich ihm, ›mein lieber Filjka, für eine Unordnung!? Da ist ein
Hund unter mein Bett geraten.‹ -- ›Was für ein Hund?‹ sagt er. -- ›Woher
soll ich es wissen?‹ sage ich. ›Es ist deine Sache darauf zu sehen, daß
dein Herr nicht gestört wird.‹ -- Mein Filjka bückt sich und beginnt mit
der Kerze in der Hand unter dem Bette zu suchen. ›Hier ist ja gar kein
Hund!‹ sagt er schließlich. -- Auch ich bücke mich: wirklich keine Spur
von einem Hund. -- Was für ein Unsinn! Ich schaue auf Filjka, er
lächelt. -- ›Dummkopf,‹ sage ich zu ihm: ›was grinst du? Der Hund ist
wohl, als du die Türe aufgemacht hast, in den Flur geschlüpft. Und du,
Maulaffe, hast es nicht bemerkt, weil du immer schläfst. Vielleicht
denkst du, daß ich betrunken bin?‹ Er wollte etwas entgegnen, ich jagte
ihn aber fort, rollte mich zu einem Kringel zusammen und hörte in jener
Nacht nichts mehr.

Doch in der nächsten Nacht -- denken Sie es sich nur! -- wiederholt sich
die gleiche Geschichte. Wie ich nur die Kerze ausblies, beginnt es
gleich wieder zu kratzen und mit den Ohren zu klappern. Ich rief wieder
Filjka herbei, er sah wieder unters Bett -- wieder nichts! Ich schickte
ihn weg, blies die Kerze aus und -- pfui Teufel! -- der Hund ist schon
wieder da. Es ist auch ganz sicher ein Hund: ich höre ganz genau, wie er
atmet, wie er mit den Zähnen nach Flöhen sucht ... So ungewöhnlich
deutlich höre ich es! -- ›Filjka!‹ rufe ich wieder, ›komm mal her, doch
ohne Licht!‹ Filjka kommt. -- ›Nun, hörst du es?‹ -- ›Ich höre es wohl,‹
sagt er. Ich kann ihn nicht sehen, doch ich fühle, daß er vor Angst am
ganzen Leibe zittert. -- ›Und was sagst du dazu?‹ frage ich ihn. -- ›Was
soll ich dazu sagen, Porfirij Kapitonowitsch? Es ist Teufelsspuk!‹ --
›Du dummer Kerl,‹ sage ich ihm, ›schweig' doch lieber mit deinem
Teufelsspuk ...‹ Doch wir beide piepsen wie die Vögel und zittern wie im
Fieber; finster ist es auch. Ich zünde das Licht an: nichts zu sehen,
nichts zu hören, wir beide stehen da weiß wie Kalk. So ließ ich die
Kerze bis zum Morgen brennen. Nun erkläre ich Ihnen, meine Herren, --
Sie mögen es mir glauben oder nicht -- von dieser Nacht an wiederholte
sich die Geschichte jede Nacht durch volle sechs Wochen. Schließlich
gewöhnte ich mich daran und ließ sogar die Kerze nicht mehr brennen,
denn ich kann bei Licht nicht schlafen. Soll er von mir aus lärmen,
soviel er will! Er wird mir ja nichts zuleide tun!«

»Wie ich sehe, gehören Sie nicht zu den Feigsten,« unterbrach ihn mit
einem halb spöttischen, halb herablassenden Lächeln Anton Stepanowitsch.
»Man sieht gleich den Husaren!«

»Vor Ihnen würde ich auf keinen Fall Furcht haben,« versetzte Porfirij
Kapitonowitsch und sah für einen Augenblick wirklich wie ein Husar aus.
»Hören Sie aber weiter. Da kommt zu mir ein Nachbar zu Besuch, derselbe,
mit dem ich Karten zu spielen pflegte. Er aß bei mir zu Mittag, was es
eben gab, ließ mir so an die fünfzig Rubel für den Besuch zurück und
wollte sich dann nach Hause begeben, denn draußen wurde es dunkel. Ich
habe aber so gewisse Absichten und sage ihm: ›Bleib doch bei mir zu
Nacht, Wassilij Wassilijewitsch; morgen gewinnst du mit Gottes Hilfe
alles zurück.‹ Mein Wassilij Wassilijewitsch überlegt sich hin und her
und bleibt. Ich lasse ihm das Bett in meinem Schlafzimmer richten ...
Wir legen uns hin, rauchen und plaudern noch eine Weile -- hauptsächlich
über das zarte Geschlecht, wie es sich unter Junggesellen gehört, --
scherzen ein bißchen ... Ich sehe: Wassilij Wassilijewitsch löscht seine
Kerze aus, und kehrt mir den Rücken; das heißt: Gute Nacht! Ich warte
noch eine Weile und lösche auch meine Kerze aus. Nun denken Sie sich:
ich habe noch gar nicht nachgedacht, was es nun für eine Karambolage
geben wird, als das liebe Geschöpf auch schon zu lärmen anfängt. Es
begnügt sich nicht mit dem gewöhnlichen Lärm, sondern kriecht unter dem
Bette hervor, geht durchs Zimmer, klopft mit den Pfoten auf die Diele,
klappert mit den Ohren und stößt plötzlich an den Stuhl, der neben
Wassilij Wassilijewitschs Bett steht. -- ›Porfirij Kapitonowitsch,‹ sagt
der, und zwar mit einer ganz gleichgültigen Stimme, -- ›ich wußte gar
nicht, daß du dir einen Hund angeschafft hast. Was ist's für einer? Ein
Hühnerhund oder was?‹ -- ›Ich habe gar keinen Hund,‹ sage ich ihm
darauf, ›und habe auch nie einen gehabt!‹ -- ›Was, du hast keinen Hund?
Und was ist denn das?‹ -- ›Was das ist? Zünde die Kerze an, so wirst du
es selbst sehen.‹ -- ›Ist das kein Hund?‹ -- ›Nein.‹ -- Wassilij
Wassilijewitsch dreht sich im Bette um. -- ›Du scherzest wohl, mein
Lieber?‹ ›Nein, ich scherze nicht.‹ -- Da höre ich, wie er ein
Zündhölzchen an der Schachtel reibt; das Vieh treibt aber noch immer
sein Wesen und juckt sich das Fell. Endlich brennt die Kerze und ...
basta! Keine Spur mehr! Wassilij Wassilijewitsch sieht mich an, -- und
ich sehe ihn an. -- ›Was ist das,‹ fragt er mich, ›für ein Witz?‹ --
›Das ist so ein Witz,‹ sage ich ihm, ›daß, wenn du an die eine Seite
Sokrates in eigener Person und an die andere Friedrich den Großen
hinsetzt, so werden auch die daraus nicht klug werden.‹ -- Und ich
erzähle ihm alles mit sämtlichen Einzelheiten. Wie da mein Wassilij
Wassilijewitsch aufspringt! Wie wenn er sich verbrüht hätte! Kann
unmöglich mit den Füßen in seine Stiefel hineingeraten. -- ›Einspannen!‹
schreit er: ›Einspannen!‹ -- Ich versuche ihn zu besänftigen, er will
aber auf nichts hören! Er seufzt und ächzt. -- ›Ich bleibe keine Minute
länger hier! Du bist nach alledem ein verdammter Mensch! Einspannen!‹
Endlich gelang es mir, ihn zu überreden. Nur mußte ich sein Bett in ein
anderes Zimmer schleppen und in allen Ecken Nachtlichter anzünden
lassen. Am nächsten Morgen beim Tee war er schon einigermaßen ruhiger
und begann, mir Ratschläge zu geben. ›Du solltest versuchen, Porfirij
Kapitonowitsch,‹ sagte er mir, ›für einige Tage das Haus zu verlassen:
vielleicht wirst du dann diesen Teufelsdreck loswerden.‹ -- Ich muß
Ihnen aber sagen, meine Herren, daß dieser Nachbar ein Mann von
ungewöhnlichem Verstande war! Unter anderem hatte er seine eigene
Schwiegermutter so ganz wunderbar herumgekriegt: er hatte sie einen
Wechsel unterschreiben lassen, doch so, daß sie es selbst gar nicht
merkte, eine so gefühlvolle Stunde hatte er sich dazu ausgesucht. Sie
wurde weich wie Butter, gab ihm sogar eine Vollmacht zur Verwaltung des
ganzen Gutes -- was hätte er sich noch wünschen können? Und das ist doch
wirklich nicht leicht, eine Schwiegermutter so herumzukriegen! Was
meinen Sie, meine Herren? Er verließ mich aber ziemlich mißvergnügt: ich
hatte ihm nämlich wieder an die hundert Rubel im Kartenspiel abgeknöpft.
Er schimpfte sogar auf mich und sagte, daß ich undankbar und gefühllos
sei. Was traf mich aber für eine Schuld? Nun, das alles versteht sich
von selbst, -- seinen Rat nahm ich aber zur Kenntnis: noch am gleichen
Tage reiste ich in die Stadt und mietete mich in einem Gasthaus, bei
einem mir bekannten alten Sektierer ein. Dieser war ein höchst
ehrenwerter Greis, wenn auch etwas unwirsch infolge seiner
Zurückgezogenheit: seine ganze Familie war ihm ausgestorben. Nur konnte
er in seinem Hause keinen Tabakrauch leiden, und gegen Hunde hatte er
eine ganz schreckliche Abneigung: ich glaube, er würde es vorziehen,
sich selbst eigenhändig in Stücke zu reißen, als einen Hund zu sich über
die Schwelle zu lassen! Er pflegte zu sagen: ›Hier in meiner Kammer
geruht an der Wand die Himmelskönigin in eigener Person zu wohnen; wie
sähe es aus, wenn ein unflätiger Hund seine unsaubere Schnauze gegen die
gleiche Wand erheben wollte!‹ Man kennt es ja -- Unbildung! Im übrigen
bin ich der Meinung: ein jeder soll sich an die Weisheit halten, die ihm
gegeben ist!«

»Wie ich sehe, sind Sie ein großer Philosoph!« unterbrach ihn schon
wieder Anton Stepanowitsch mit dem gleichen ironischen Lächeln.

Porfirij Kapitonowitsch runzelte diesmal sogar die Stirne.

»Was ich für ein Philosoph bin, das ist noch ungewiß,« versetzte er,
sich nervös den Schnurrbart zupfend. »Aber Sie würde ich gerne in die
Lehre nehmen!«

Wir alle blickten erwartungsvoll auf Anton Stepanowitsch: ein jeder von
uns erwartete eine stolze Antwort oder wenigstens einen strafenden Blick
... Doch der Herr Staatsrat veränderte sein ironisches Lächeln in ein
gleichgültiges, gähnte, schlenkerte etwas mit dem Fuß, -- und das war
alles!

»Bei eben diesem Greis mietete ich mich ein,« fuhr Porfirij
Kapitonowitsch fort. -- »Er gab mir aus Bekanntschaft eine ziemlich
elende Kammer; er selbst hauste dicht daneben, hinter einer dünnen
Bretterwand, doch das paßte mir ausgezeichnet. Diese paar Tage waren für
mich übrigens ein wahres Martyrium! Die Kammer war klein, und dazu die
Hitze, die stickige Luft, die vielen Fliegen, die so eigentümlich
klebrig schienen. In der Ecke stand ein mächtiger Heiligenschrein mit
uralten Bildern; die Beschläge an den Bildern waren trübe, pompös, doch
innen hohl; es roch nach Lampenöl und nach anderen Spezereien. Auf dem
Bette lagen zwei Daunenpfühle, wenn ich aber ein Kissen anrührte, so
lief schon gleich eine Schabe hervor ... Aus lauter Langeweile trank ich
eine Unmenge Tee -- ein wahres Elend! Schließlich legte ich mich hin.
Vom Einschlafen war nicht die Rede, -- denn der Wirt hinter dem
Verschlage wollte gar nicht aufhören zu seufzen, zu stöhnen und Gebete
zu lesen. Schließlich begab er sich doch zur Ruhe. Ich höre: er
schnarcht, aber so ganz leise, ganz bescheiden und altmodisch. Die Kerze
hatte ich schon längst ausgeblasen, vor den Heiligenbildern brennt aber
noch ein Lämpchen ... Also ein Hindernis! Ich stehe leise auf, schleiche
barfuß in die Ecke zum Heiligenschrein und blase das Lämpchen aus ...
Nichts geschieht. -- Aha! -- sage ich mir, -- bei Fremden will es nicht
anbeißen ... Kaum lege ich mich aber ins Bett, als die Geschichte schon
wieder losgeht! Es scharrt und kratzt, und klappert mit den Ohren ...
Mit einem Worte ganz wie es sich gehört! Gut. Ich liege da und warte,
was weiter geschieht. Da höre ich wie der Alte aufwacht. -- ›Herr‹, sagt
er mir, ›Herr!‹ -- ›Was denn?‹ -- ›Hast du die Lampe ausgeblasen?‹ Und
ohne meine Antwort abzuwarten, fängt er auf einmal an zu schimpfen: ›Was
ist das? Was ist das? Ein Hund? Ein Hund! Ach du verdammter Ketzer!‹
›Warte Alter mit dem Schimpfen,‹ sage ich, ›komme lieber zu mir herüber,
hier gehen erstaunliche Dinge vor.‹ Der Alte krächzt noch eine Weile und
kommt dann zu mir ins Zimmer, mit einer ungewöhnlich dünnen Kerze aus
gelbem Wachs in der Hand; er macht einen wirklich merkwürdigen Eindruck!
Er ist ganz struppig, die Ohren sind behaart, die Augen böse wie bei
einem Iltis, auf dem Kopfe hat er eine weiße Kappe aus Filz, der Bart
reicht ihm bis zum Gürtel und ist ebenfalls weiß, über dem Hemde trägt
er eine Weste mit Messingknöpfen und an den Beinen Pelzstiefel; und
obendrein riecht er nach Wacholder. In diesem Aufzuge ging er zu den
Heiligenbildern, bekreuzigte sich dreimal nach dem Ritus der
Altgläubigen mit zwei Fingern, zündete das Lämpchen an, bekreuzigte sich
wieder, wandte sich dann zu mir und fuhr mich an: ›Erkläre!‹ -- Und nun
erzähle ich ihm sofort alles, ohne irgend etwas zu verheimlichen. Der
Alte hört mich aufmerksam an, unterbricht mich mit keinem Wort,
schüttelt nur ununterbrochen den Kopf. Dann setzt er sich zu mir aufs
Bett und schweigt noch immer; kratzt sich die Brust, den Nacken und das
übrige und schweigt. -- ›Nun, Fedul Iwanowitsch,‹ sage ich ihm, ›was
meinst du dazu? Ist das ein höllisches Blendwerk oder was?‹ -- Der Alte
sieht mich an und sagt: ›Was redest du von einem höllischen Blendwerk!
Wenn es noch in deinem Hause wäre, du Ketzer -- aber hier! Bedenke doch
nur, wieviel Heiligkeit hier in meinen Räumen ist! Wie könnte hier
höllisches Blendwerk hereinkommen!‹ -- ›Und wenn es keines ist, was ist
es dann?‹ -- Der Alte schweigt wieder eine Weile, kratzt sich und sagt
schließlich mit dumpfer Stimme, denn der Bart wächst ihm in den Mund
hinein; ›Begib dich in die Stadt Bjelew. Außer einem gewissen Menschen
kann dir niemand helfen. Und dieser Mensch wohnt in Bjelew: er ist einer
von den Unsrigen. Wenn er dir helfen will, ist es dein Glück; will er
aber nicht, so muß es bleiben, wie es ist.‹ -- ›Und wie soll ich diesen
Menschen finden?‹ frage ich ihn. -- ›Das kann ich dir ganz genau sagen,
aber wie kannst du nur von höllischem Blendwerk sprechen? Es ist
entweder eine Erscheinung, oder ein Zeichen; verstehen kannst du es
sowieso nicht, denn dazu reicht dein Verstand nicht aus. Lege dich jetzt
im Namen Christi schlafen, ich werde ein wenig mit Weihrauch räuchern,
und morgen wollen wir sprechen. Denn Morgenstunde hat Gold im Munde.‹

Am anderen Morgen besprachen wir noch einmal die Sache, doch war ich von
seinem Weihrauch beinahe erstickt. Und der Alte gab mir folgende
Anweisung: In Bjelew angekommen, sollte ich mich sofort auf den
Marktplatz begeben und im zweiten Laden rechter Hand nach einem gewissen
Prochorytsch fragen. Und diesem Prochorytsch sollte ich ein
Handschreiben übergeben. Dieses Handschreiben bestand aus einem
Papierfetzen, auf dem folgendes geschrieben war: ›Im Namen des Vaters
und des Sohnes und des heiliges Geistes. Amen. An Ssergej Prochorowitsch
Perwuschin. Traue diesem. Feodul Iwanowitsch.‹ Und unten stand noch:
›Schick mir Kraut, um Christi Willen.‹

Ich dankte dem Alten, ließ sofort meinen Reisewagen anspannen und machte
mich auf die Reise nach Bjelew. Denn ich sagte mir: obwohl mir mein
nächtlicher Besucher eigentlich wenig Kummer zufügt, so ist die Sache
doch etwas unheimlich und auch nicht ganz anständig für einen Adligen
und Offizier -- was meinen Sie?«

»Sind Sie denn wirklich nach Bjelew gereist?« flüsterte Herr
Finoplentow.

»Geradewegs nach Bjelew. Ich ging auf den Marktplatz und fragte im
zweiten Laden rechter Hand nach Prochorytsch: ›Gibt's hier so einen
Menschen?‹ -- ›So einen gibt es schon.‹ -- ›Und wo wohnt er?‹ -- ›An der
Oka, hinter den Gemüsegärten.‹ -- ›In wessen Haus?‹ -- ›In seinem
eigenen.‹ Ich ging also zur Oka und fand sein Haus; es war eigentlich
kein Haus, sondern eine baufällige Hütte. Ich sehe einen Mann in blauem
geflicktem Kittel und zerrissener Mütze; wie ein Kleinbürger sieht er
aus. Er steht mit dem Rücken zu mir und gräbt in seinem Krautgarten. Ich
gehe auf ihn zu. -- ›Sind Sie der und der?‹ -- Er wendet sich zu mir um,
und ich muß Ihnen sagen, daß ich so durchdringende Augen noch nie
gesehen habe. Im übrigen ist das ganze Gesicht so groß wie eine Faust;
hat ein Ziegenbärtchen und eingefallene Lippen, mit einem Worte -- ein
alter Mann. -- ›Ich bin der und der,‹ sagt er mir, ›und was wünschen
Sie?‹ -- ›Das werden Sie gleich erfahren,‹ sage ich und reiche ihm den
Zettel. Er mustert mich sehr aufmerksam und sagt: ›Wollen Sie gefälligst
in die Stube kommen; ohne Brille kann ich nicht lesen.‹ Wir gingen also
zusammen in seine Hütte; es war tatsächlich eine Hütte: arm, kahl und
schief; die Wände hielten sich kaum zusammen. An einer Wand hing ein
uraltes Heiligenbild, schwarz wie Kohle; nur die Augen leuchteten darauf
weiß. Er holte aus der Tischlade eine runde eiserne Brille, setzte sie
sich auf die Nase, las das Sendschreiben und blickte mich noch einmal
über die Brille hinweg an. -- ›Haben Sie ein Anliegen?‹ -- ›Richtig, ich
habe ein Anliegen.‹ -- ›Nun, wenn Sie ein Anliegen haben, so melden Sie
mir alles, und ich werde zuhören.‹ -- Stellen Sie sich vor: er setzt
sich selbst hin, holt aus der Tasche ein kariertes Tuch und breitet es
über seine Knie aus, -- und das Tuch ist voller Löcher. Und sieht mich
dabei so würdevoll an, wie ein Senator oder ein Minister; mich fordert
er aber gar nicht zum Sitzen auf. Und was noch viel merkwürdiger ist:
ich fühle plötzlich, daß ich ganz schüchtern werde; ich ersterbe
förmlich. Er durchbohrt mich mit den Augen. Ich fasse mir jedoch ein
Herz und erzähle ihm meine ganze Geschichte. Er schweigt eine Weile,
rückt hin und her, kaut ein bißchen mit den Lippen und beginnt mich
auszufragen, wieder wie ein Senator, so würdevoll und ohne sich zu
übereilen. Wie ich heiße? Alter? Wer meine Eltern gewesen? Ob ich ledig
sei oder verheiratet? -- Dann kaut er wieder mit den Lippen, runzelt die
Stirne, hebt einen Finger und sagt: -- ›Verbeugen Sie sich zuerst vor
dem Bilde der heiligen Bischöfe von Ssolowezk, Zosima und Sawwatius.‹ --
Ich verbeugte mich bis zur Erde und blieb auf den Knien; ich fühlte in
mir eine solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, daß ich wohl
alles getan hätte, was er mir auch befohlen haben würde!.. Ich sehe,
meine Herren, Sie schmunzeln; mir war aber damals ganz anders zumute,
bei Gott! -- ›Stehen Sie auf, Herr,‹ sagte er schließlich. ›Ihnen kann
geholfen werden. Dies ist Ihnen nicht als Strafe beschert, sondern als
Warnung; es besteht wohl eine himmlische Fürsorge für Sie;
wahrscheinlich betet jemand für Sie. Gehen Sie jetzt auf den Markt und
kaufen Sie sich einen jungen Hund; diesen Hund halten Sie bei sich Tag
und Nacht. Die Erscheinungen werden aufhören, und außerdem wird Ihnen
der Hund nützlich sein.‹

Es war mir, als ob mir ein Licht aufginge; seine Worte machten mir große
Freude! Ich verbeugte mich vor Prochorytsch und wollte gehen, als mir
noch einfiel, daß ich mich ihm doch irgendwie erkenntlich zeigen müsse:
ich zog aus dem Beutel einen Dreirubelschein. Er schob aber meine Hand
von sich fort und sagte: ›Geben Sie das Geld in unsere Kapelle oder an
die Armen, aber mein Dienst ist unentgeltlich.‹ Ich verbeugte mich
wieder vor ihm, fast bis zum Boden, und begab mich sofort auf den Markt.
Und denken Sie sich: kaum komme ich zu den Marktbuden, begegnet mir
schon ein Kerl in einem Friesmantel und trägt unter dem Arm einen jungen
Hühnerhund, zwei Monate alt, braun mit weißer Schnauze und weißen
Vorderpfoten. ›Halt!‹ sage ich dem Mann: ›Was willst du für den Hund?‹
-- ›Zwei Rubel.‹ -- ›Da hast du drei Rubel!‹ Jener wundert sich und
glaubt wohl, daß der Herr verrückt geworden sei; ich drücke ihm aber die
Banknote in die Hand, nehme den Hund und steige sofort in den
Reisewagen. Der Kutscher spannte rasch an, und am gleichen Abend war ich
zu Hause. Der Hund saß auf dem ganzen Wege unter meinem Mantel und gab
keinen Ton von sich; ich sagte ihm immer: ›Tresoruschka, Tresoruschka!‹
Zu Hause gab ich ihm sofort zu fressen und zu trinken, ließ Stroh
bringen, richtete ihm das Lager und ging selbst zu Bett. Nun blies ich
die Kerze aus; es wurde dunkel. ›Nun,‹ sage ich, ›fange an!‹ Es bleibt
still. ›Fang doch an, du Teufelsvieh!‹ Kein Ton, wär's auch nur zum
Scherz gewesen. Ich werde kühn: ›Fang' doch an, du verdammtes
Höllenvieh!‹ Wieder kein Ton -- es ist aus! Ich höre nur, wie mein Hund
schnarcht. -- ›Filjka!‹ schreie ich, ›Filjka! Komm doch her, du dummer
Kerl!‹ Er kommt herein. -- ›Hörst du den Hund?‹ -- ›Nein,‹ sagt er, ›ich
höre nichts, Herr,‹ und lacht selbst dabei. -- ›Und wirst ihn auch nie
wieder hören! Da hast du einen halben Rubel für Schnaps!‹ -- ›Lassen Sie
mich Ihre Hand küssen,‹ sagt der Narr und geht im Finstern auf mich los
... Die Freude war wirklich groß, sage ich Ihnen.«

»Und damit war die Sache zu Ende?« fragte Anton Stepanowitsch, diesmal
ganz ohne Ironie.

»Die Erscheinungen hörten wirklich auf, und ich hatte meine Ruhe; warten
Sie aber: die Sache war damit noch nicht zu Ende. Mein Tresor begann zu
wachsen, wurde so ein großer ungeschlachter Kerl, mit dicker Rute,
langen Ohren, dicker Schnauze, -- ein richtiger ›Pile avance.‹ Außerdem
hing er ungewöhnlich an mir. Die Jagd ist in unserer Gegend schlecht; da
ich aber schon einen Hund hatte, so schaffte ich mir auch ein Gewehr an.
Ich fing an, mich mit meinem Tresor in der Umgegend herumzutreiben:
manchmal erbeuteten wir einen Hasen (wie scharf er auf diese Hasen war,
du lieber Himmel!), manchmal auch eine Wachtel oder eine Wildente. Aber
was die Hauptsache war: Tresor folgte mir auf Schritt und Tritt, wo ich
war, da war auch er; selbst ins Dampfbad nahm ich ihn mit, mein
Ehrenwort! Eine von unseren Damen wollte mich wegen dieses Tresors aus
ihrem Salon hinauswerfen lassen, aber ich machte einen großen Krach und
schlug fast sämtliche Fensterscheiben kaput! Da ereignete es sich einmal
im Sommer ... Ich muß Ihnen sagen, es war ein so heißer und trockner
Sommer, wie es seit Menschengedenken keinen solchen gegeben hat; die
Luft war voll Rauch oder Nebel, es roch wie bei einem Brand, die Sonne
hing im Dunst wie eine glühende Kugel, und vor lauter Staub kam man gar
nicht aus dem Niesen! Die Menschen gingen mit offenen Mäulern wie die
Krähen herum. Es war mir zu langweilig, immer den ganzen lieben Tag
völlig entkleidet hinter verschlossenen Fensterläden zu Hause zu sitzen;
auch nahm die Hitze ein wenig ab ... Ich begab mich also zu einer meiner
Nachbarinnen. Sie wohnte etwa eine Werst von mir und war eine recht
angenehme Dame. Auch war sie noch jung, stand in der Blüte ihrer Jahre
und hatte ein gewinnendes Äußere, nur war sie von höchst unbeständigem
Charakter. Bei weiblichem Geschlecht ist das aber kein Unglück; ist
sogar manchmal recht interessant ... So kam ich zu ihrem Haus, -- der
Weg war aber bei der Hitze ein hartes Stück Arbeit! Nun, denke ich mir,
Nymphodora Ssemjonowna wird mich wohl mit Preiselbeersirup laben, auch
mit anderen süßen Sachen -- und ich habe schon die Türklinke ergriffen,
als sich plötzlich hinter der Gesindestube ein Stampfen, Winseln und
Kindergeschrei erhebt ... Ich blicke mich um. Du lieber Himmel! Gerade
auf mich zu rennt ein riesengroßes rotes Tier, welches ich auf den
ersten Blick gar nicht für einen Hund hielt: mit aufgerissenem Rachen,
blutunterlaufenen Augen, gesträubten Haaren ... Ich hatte noch nicht
Zeit, Atem zu holen, als das Ungeheuer schon auf den Flur stürzt, sich
auf die Hintertatzen stellt und mir an die Brust springt -- denken Sie
sich nur die Situation! Mir steht das Herz still, kann nicht einmal die
Hände rühren, bin völlig erstarrt ... ich sehe nur die furchtbaren
weißen Hauer dicht vor meiner Nase, die rote schaumbedeckte Zunge ...
Doch im gleichen Augenblick erhebt sich vor mir ein anderer dunkler
Körper, er springt in die Höhe wie ein Gummiball; es war mein lieber
Tresor, er kam mir zu Hilfe und biß sich wie ein Blutegel dem anderen,
dem Ungeheuer, in die Kehle fest. Jener röchelte, knirschte mit den
Zähnen und prallte zurück ... Ich reiße in einem Nu die Türe auf und bin
schon im Vorzimmer. So stehe ich fast besinnungslos da, stemme mich mit
meinem ganzen Körper gegen die Türe und höre, wie draußen eine
verzweifelte Schlacht vor sich geht. Ich beginne zu schreien, nach Hilfe
zu rufen; das ganze Haus gerät in Aufruhr. Nymphodora Ssemjonowna kommt
mit aufgelösten Zöpfen herbeigerannt, draußen schreien viele Stimmen
durcheinander, und plötzlich hört man: ›Haltet ihn, haltet ihn, sperrt
das Tor zu!‹ -- Ich öffne ein klein wenig die Türe und sehe: das
Ungeheuer ist nicht mehr auf dem Flur, die Leute rennen auf dem Hofe
umher, fuchteln mit den Armen, heben Holzscheite vom Boden auf -- sind
alle wie besessen -- ›Nach dem Dorf! Nach dem Dorf ist er fortgerannt!‹
kreischt ein Weib in einem Kopfputze von ungewöhnlichen Dimensionen,
sich aus einem Bodenfenster herausreckend. Ich ging wieder in den Hof.
-- ›Wo ist mein Tresor?‹ Und im gleichen Augenblick erblickte ich meinen
Retter. Er kommt vom Tore her, hinkt, ist ganz zerbissen und blutig ...
-- ›Was ist denn eigentlich los?‹ frage ich die Leute; die rennen aber
noch immer wie besessen auf dem Hofe umher. -- ›Ein toller Hund!‹
antwortete man mir schließlich. ›Er gehört dem Grafen ... Seit gestern
treibt er sich hier herum.‹

Wir hatten einen Grafen in der Nachbarschaft, der sich furchtbare
ausländische Hunde hielt. Mir zittern die Knie; ich stürze zu einem
Spiegel, um zu sehen, ob ich nicht gebissen bin. Nein, Gott sei Dank,
nichts zu sehen; nur ist mein Gesicht grün. Indessen liegt Nymphodora
Ssemjonowna auf dem Diwan und gluckst wie eine Henne. Das ist auch wohl
begreiflich: erstens die Nerven und zweitens die Empfindsamkeit. Sie
kommt aber wieder zu sich und fragt mich, mit so matter Stimme, ob ich
noch lebe. Ich sage ihr, daß ich noch lebe und daß Tresor mein Retter
ist. -- ›Ach,‹ sagt sie drauf, ›welch ein Edelmut! Hat ihn also der
tolle Hund erwürgt?‹ -- ›Nein,‹ sage ich, ›er hat ihn nicht erwürgt,
aber stark verletzt.‹ -- ›Ach,‹ sagt sie wieder, ›in diesem Falle muß
man ihn sofort niederschießen!‹ -- ›Nein,‹ sage ich, ›damit bin ich gar
nicht einverstanden; ich will versuchen, ihn zu kurieren ...‹ Indessen
kratzt Tresor von außen an der Türe; ich will ihn hereinlassen. --
›Ach,‹ sagt sie, ›was fällt Ihnen ein? Er wird ja uns alle beißen!‹ --
›Erlauben Sie,‹ erwidere ich, ›das Gift wirkt nicht so schnell.‹ --
›Ach,‹ sagt sie, ›wie kann man nur so was sagen! Sie sind wohl
verrückt!‹ -- ›Nymphotschka,‹ sage ich ihr, ›beruhige dich, sei doch
vernünftig ...‹ Da schreit sie aber auf: ›Hinaus, hinaus, sofort
verlassen Sie das Haus zusammen mit Ihrem ekelhaften Hund!‹ -- ›Gut,‹
sage ich, ›gerne, ich gehe schon.‹ -- ›Sofort, in dieser Sekunde!
Entferne dich,‹ sagt sie, ›du Mörder, und wage nicht, mir je wieder
unter die Augen zu kommen. Du kannst ja selbst toll werden!‹ -- ›Sehr
gut,‹ sage ich, ›lassen Sie mir nur einen Wagen geben, denn ich fürchte
mich jetzt, zu Fuß nach Hause zu gehen.‹ -- Sie starrte mich an. --
›Gebt ihm einen Wagen, eine Kutsche, eine Droschke, was er will, nur daß
ich ihn nicht mehr sehe! Diese Augen! Was er für Augen macht!‹ Mit
diesen Worten rennt sie aus dem Zimmer, gibt einem Dienstmädchen, das
ihr gerade in den Weg kommt, eine Ohrfeige, -- und ich höre, wie sie im
Nebenzimmer einen hysterischen Anfall bekommt. -- Sie mögen es mir
glauben, meine Herren, oder nicht, doch von diesem Tag an brach ich
jeden Verkehr mit Nymphodora Ssemjonowna ab; und bei reiflicher
Überlegung muß ich sagen, daß ich auch für diesen Dienst meinem Freund
Tresor bis an mein Lebensende zum Danke verpflichtet bin.

Ich ließ also einen Wagen anspannen, setzte mich mit Tresor hinein und
fuhr nach Hause. Zu Hause untersuchte ich ihn, wusch seine Wunden aus
und beschloß, ihn am nächsten Morgen zu einer weisen Frau, die im Kreise
Jefremow wohnte, zu bringen. Diese weise Frau war übrigens ein alter
Bauer, ein ganz merkwürdiger Mensch: er flüsterte einige Worte über
Wasser, -- andere sagen, daß er Schlangenspeichel hineintat, -- gab
davon zu trinken, und im Nu war jede Krankheit weg. Bei dieser
Gelegenheit wollte ich mir in Jefremow zur Ader lassen: das ist manchmal
sehr gut gegen Schreck; nur selbstverständlich nicht am Arme, sondern an
der Daumenader.«

»Wo liegt denn die Daumenader?« fragte mit schüchterner Neugier Herr
Finoplentow.

»Das wissen Sie nicht? Das ist eben die Stelle auf der Faust neben dem
Daumen, wohin man Schnupftabak schüttet, bevor man eine Prise nimmt --
hier ist sie! Für den Aderlaß ist es die geeignetste Stelle; denn
urteilen Sie selbst: aus dem Arme kommt frisches Aderblut, aber da kann
nur verbrauchtes Blut herauskommen. Die Ärzte wissen es nicht und
verstehen es nicht; wie sollten sie es auch, diese Deutschen! Bei uns
befassen sich hauptsächlich Schmiede damit. Und was es für geschickte
Leute unter ihnen gibt! So ein Schmied setzt den Meißel an, haut mit dem
Hammer darauf -- und fertig!.. Während ich auf diese Weise überlegte,
war es draußen ganz finster geworden, also höchste Zeit, schlafen zu
gehen. Ich legte mich zu Bett, und Tresor blieb selbstverständlich bei
mir im Schlafzimmer. Ich weiß nicht, war es noch der Schreck, oder kam
es von der stickigen Luft, von den Flöhen, oder weil ich zu viel
Gedanken im Kopfe hatte, -- aber ich konnte nicht einschlafen, wie sehr
ich mir auch Mühe gab! Ich hatte ein so eigentümliches, beklemmendes
Gefühl, daß ich es gar nicht beschreiben kann; ich versuchte alles
Mögliche: trank Wasser, öffnete das Fenster, spielte auf der Gitarre die
Kamarinskaja mit italienischen Variationen ... es nützte alles nicht! Es
trieb mich aus dem Zimmer ... schließlich nahm ich mein Kissen, die
Bettdecke, ein Laken und begab mich durch den Garten in den Heuschuppen
und richtete mich da ein. Es war so angenehm, meine Herren: die Nacht
ist still, ungewöhnlich still, nur ab und zu streicht mir ein Windhauch,
zart wie eine Frauenhand, über das Gesicht; das Heu duftet wie Tee, auf
den Apfelbäumen zirpen die Grillen; mitunter schlägt eine Wachtel, und
man fühlt, daß es auch ihr, der Kanaille, so wohlig zumute ist, während
sie mit dem Weibchen im Tau sitzt ... Und am Himmel eine strahlende
Pracht: die Sternchen flimmern, und zuweilen schwebt ein Wölkchen
vorbei, weiß wie Watte, und bewegt sich kaum ...«

An dieser Stelle mußte Skworewitsch niesen; auch Kinarewitsch, der nie
hinter seinem Freunde zurückblieb, nieste. Anton Stepanowitsch sah die
beiden beifällig an.

»Nun,« fuhr Porfirij Kapitonowitsch fort, »so liege ich da und kann noch
immer nicht einschlafen. Ich muß in einemfort denken und zwar
hauptsächlich über die menschliche Weisheit: wie wunderbar hat mir doch
Prochorytsch das warnende Zeichen gedeutet, und warum solche Wunder
gerade mit mir geschehen?.. Ich wundere mich, weil ich nichts begreife;
Tresor liegt indessen zusammengerollt auf dem Heu und winselt leise;
seine Wunden schmerzen ihn. Ich will Ihnen auch sagen, was mich am
Schlafen hinderte, Sie werden es wohl kaum glauben: der Mond! Er steht
so rund, groß, gelb und flach gerade vor mir, und starrt mich an, bei
Gott! So frech und zudringlich starrt er mich an ... Schließlich zeigte
ich ihm sogar die Zunge. Was bist du so neugierig? -- denke ich mir.
Wenn ich mich von ihm abwende, kriecht er mir ins Ohr, bestrahlt mir den
Nacken, übergießt mich wie ein Regen; und wenn ich die Augen öffne, ist
es noch ärger: jedes Hälmchen, jedes unnütze Ästchen im Heu, jedes noch
so unbedeutende Spinngewebe beleuchtet er so grell, so unverschämt: sieh
dir nur alles recht genau an! Es ist nichts zu machen; ich stütze mich
auf einen Ellenbogen und fange an zu sehen. Ich kann auch nicht anders:
meine Augen sind plötzlich wie die eines Hasen, sie sind so weit
aufgerissen, wollen beinahe aus dem Kopfe herausspringen; sie sind so
unheimlich wach, als ob sie gar nicht wüßten, was Schlaf heißt. Ich
glaube, ich hätte mit den Augen alles verschlingen können. Das Tor steht
weit offen, an die fünf Werst weit kann ich im Felde alles sehen: so
unheimlich deutlich und zugleich undeutlich, wie es immer in einer
Mondscheinnacht ist. So sehe ich, und sehe, und blinzle nicht mal mit
den Augen ... Und plötzlich kommt es mir vor, als ob sich in weiter
Ferne etwas regte. Es vergeht einige Zeit, wieder huscht ein Schatten
vorbei, diesmal etwas näher; und dann noch einmal und wieder näher. Was
kann das sein? Vielleicht ein Hase? Nein, es scheint größer als ein Hase
zu sein, auch springt ein Hase ganz anders. Ich sehe: der Schatten zeigt
sich wieder und huscht schon als dunkler Fleck über die Viehweide -- die
Viehweide liegt aber im Mondlichte ganz weiß da. Es ist ja klar: ein
Tier, ein Fuchs oder ein Wolf. Das Herz steht mir still ... doch was
soll ich mich fürchten? Es treibt sich doch immer allerlei Getier nachts
im Feld umher. Die Neugierde ist aber größer als die Furcht; ich stehe
auf, starre hinaus, und auf einmal überläuft es mich ganz kalt; ich
erstarre, als ob man mich bis über die Ohren in Eis gesteckt hätte; doch
warum? Das weiß Gott allein! Und ich sehe: der Schatten wird immer
größer und wächst und rückt gerade auf meinen Schuppen los ... Und ich
sehe ganz genau, daß es ein großes Tier mit dickem Kopf ist ... Es saust
daher wie ein Wirbelwind, wie eine Flintenkugel ... Du lieber Himmel!
Was mag das sein? Das Tier bleibt auf einmal stehen, als ob es etwas
witterte ... Das ist ja ... der tolle Hund von heute früh! Er ist es, er
ist es! Gott! Und ich kann mich weder rühren, noch schreien ... Der Hund
springt in den Schuppen, seine Augen funkeln, und er stürzt heulend
gerade auf mich los!

Aber da kommt schon aus dem Heu mein Tresor wie ein Löwe heraus; ja das
tut er! Rachen an Rachen beißen sich die beiden ineinander fest und
stürzen wie ein Knäuel zu Boden! Was weiter geschah, weiß ich nicht,
denn ich sprang, wie ich war, über sie weg, und aus dem Schuppen heraus,
und in den Garten, und nach Hause in mein Schlafzimmer!.. Ich muß
gestehen, daß ich mich beinahe unters Bett verkroch. Aber was für Sätze,
was für Pas führte ich im Garten aus! Ich glaube, die erste Tänzerin,
die vor Kaiser Napoleon an seinem Namenstage tanzt, auch die hätte es
nicht besser machen können. Als ich jedoch einigermaßen zur Besinnung
gekommen war, brachte ich gleich das ganze Haus auf die Beine; ich
befahl allen, sich zu bewaffnen und nahm selbst einen Säbel und einen
Revolver. (Ich hatte mir diesen Revolver, offen gestanden, gleich nach
der Aufhebung der Leibeigenschaft gekauft; wissen Sie, für jeden Fall;
nur hatte ich ein ganz miserables Ding erwischt: von drei Schüssen
versagten mindestens zwei.) Ich nahm also das alles und begab mich mit
einer ganzen Schar, mit Knüppeln und Laternen bewaffnet zum Schuppen.
Wir kommen an, rufen, -- nichts zu hören; schließlich gehen wir in den
Schuppen. Und was sehen wir? Mein armer Tresor liegt tot mit
durchbissener Kehle -- und der andere, der Verdammte, ist längst
verschwunden!

Da brüllte ich, meine Herren, wie ein Kalb und ich schäme mich nicht zu
bekennen: ich fiel über meinen sozusagen zweifachen Retter und liebkoste
lange seinen Kopf. Und ich blieb in dieser Stellung so lange, bis mich
meine alte Haushälterin Praskowja wieder zur Besinnung brachte (sie war
mit den andern auf den Lärm herbeigeeilt). -- ›Wie können Sie sich nur,
Profirij Kapitonowitsch,‹ sagte sie, ›wegen eines Hundes so grämen? Sie
werden sich noch erkälten, Gott bewahre! (Ich war auch in der Tat sehr
leicht gekleidet). Und wenn dieser Hund, als er Sie rettete, sein
eigenes Leben ließ, so ist das für ihn eine große Gnade und Ehre!‹

Obwohl ich Praskowja nicht beistimmen konnte, begab ich mich doch nach
Hause. Der tolle Hund wurde aber am nächsten Tage von einem Soldaten
erschossen ... So ein Ende war ihm wohl vorausbestimmt: der Soldat hatte
zum ersten Male in seinem Leben aus einem Gewehre geschossen, obwohl er
eine Medaille für das Jahr 1812 besaß. Also so eine übernatürliche
Begebenheit hat sich mit mir zugetragen.«

Der Erzähler schwieg und begann sich eine Pfeife zu stopfen. Wir sahen
aber einander ganz verdutzt an. -- »Vielleicht führen Sie ein besonders
gottgefälliges Leben,« begann Herr Finoplentow, »und zur Belohnung ...«
Doch bei diesem Worte blieb er stecken, denn er sah, daß Porfirij
Kapitonowitsch seine Backen aufblies, rot wurde und mit den Augen
zwinkerte, wie einer, der sofort in schallendes Gelächter ausbrechen
wird ...

»Wenn man aber die Möglichkeit des Übernatürlichen, die Möglichkeit
seines Hineinspielens in das sogenannte wirkliche Leben zugeben soll,«
begann wieder Anton Stepanowitsch, »welche Rolle soll dann noch der
gesunde Menschenverstand spielen?«

Niemand von uns wußte darauf etwas zu erwidern, und wir verblieben im
Zustande völliger Ratlosigkeit.



Das Lied der triumphierenden Liebe


    MDXLII.

    Dem Andenken Gustave Flauberts.

    Wage du zu irren und zu träumen.

    Schiller.

Folgendes las ich in einer alten italienischen Handschrift:


I.

Um die Mitte des XVI. Jahrhunderts lebten in Ferrara -- (das damals
unter dem Szepter seiner prachtliebenden Herzöge, der Beschützer der
Künste und der Poesie, in hoher Blüte stand) -- zwei junge Männer, mit
Namen Fabius und Mutius. Gleich an Alter, nahe miteinander verwandt,
waren sie fast immer unzertrennlich; eine innige Freundschaft verband
sie seit frühester Jugend ... Dieses Band war auch durch die Ähnlichkeit
ihrer Lebensschicksale gefestigt. Beide gehörten alten Geschlechtern an;
beide waren reich, unabhängig und ohne Familie; auch hatten sie gleichen
Geschmack und verwandte Neigungen. Mutius beschäftigte sich mit Musik,
und Fabius mit Malerei. Ganz Ferrara war stolz auf sie, als auf den
schönsten Schmuck des Hofes, der Gesellschaft und der Stadt. In ihrem
Äußeren waren sie aber unähnlich, obwohl sie sich beide durch schlanke,
jugendliche Schönheit auszeichneten: Fabius war etwas größer von Gestalt
und hatte ein zartes, weißes Gesicht, blonde Haare und blaue Augen;
Mutius dagegen hatte ein braunes Gesicht, schwarze Haare, und in seinen
dunkelbraunen Augen lag nicht jener heitere Glanz, und auf seinen Lippen
nicht jenes freundliche Lächeln wie bei Fabius; seine dichten Brauen
hingen beinahe auf die schmalen Lider herab, während Fabius' goldblonde
Brauen in feinen Halbkreisen auf der reinen, glatten Stirne lagen. Auch
war Mutius im Gespräch weniger lebhaft; trotz alledem hatten beide
Freunde bei Damen den gleichen Erfolg, denn nicht umsonst waren sie
Muster ritterlicher Dienstfertigkeit und Freigebigkeit.

Um die gleiche Zeit lebte zu Ferrara eine Edeljungfrau, mit Namen
Valeria. Sie galt als eine der ersten Schönheiten der Stadt, obgleich
man sie nur selten zu Gesicht bekam: sie lebte sehr zurückgezogen und
verließ das Haus nur um in die Kirche, und höchstens noch an großen
Feiertagen auf die Promenade zu gehen. Sie lebte mit ihrer Mutter, einer
adeligen, doch wenig bemittelten Witwe, deren einziges Kind sie war.
Valeria flößte einem jedem, der ihr begegnete, das Gefühl
unwillkürlicher Bewunderung und einer ebenso unwillkürlichen, zarten
Achtung ein: so bescheiden gab sie sich, so wenig schien sie sich selbst
der Macht ihrer Reize bewußt zu sein. Manche fanden sie freilich etwas
blaß; der Blick ihrer Augen, die sie fast immer gesenkt hielt, drückte
eine gewisse Schüchternheit und sogar Furchtsamkeit aus; ihre Lippen
lächelten selten und dann auch nur kaum wahrnehmbar; ihre Stimme hatte
selten jemand gehört. Aber es ging das Gerücht, daß diese Stimme sehr
schön sei, und daß sie manchmal in ihrer verschlossenen Kammer, früh
morgens, wo noch die ganze Stadt schlief, alte Lieder sänge und sich
selbst auf der Laute begleite. Trotz ihres blassen Aussehens erfreute
sich Valeria einer blühenden Gesundheit, und selbst alte Leute, welche
sie sahen, sagten sich unwillkürlich: »O wie glücklich wird der Jüngling
sein, für den sich diese unberührte jungfräuliche Knospe dereinst zur
Blüte entfalten wird!«


II.

Fabius und Mutius erblickten Valeria zum ersten Male bei einem
prächtigen Volksfeste, das auf Befehl des Herzogs Ercole von Ferrara,
eines Sohnes der berühmten Lucretia Borgia, zu Ehren der Würdenträger
gegeben wurde, die aus Paris auf Einladung der Herzogin, einer Tochter
des Königs Ludwig XII. von Frankreich, eingetroffen waren. Valeria saß
neben ihrer Mutter in der Mitte einer schönen Tribüne, die nach dem
Entwurf Palladios auf dem Hauptplatze von Ferrara für die vornehmsten
Damen der Stadt errichtet war. Beide Jünglinge, Fabius und Mutius,
verliebten sich am gleichen Tage leidenschaftlich in das Mädchen; und da
sie vor einander nichts zu verheimlichen pflegten, erfuhr ein jeder von
ihnen sehr bald, was das Herz des andern erfüllte. Sie einigten sich,
daß ein jeder von ihnen versuchen werde, sich Valeria zu nähern, und
wenn sie einem von ihnen den Vorzug geben sollte, werde sich der andere
widerspruchslos ihrer Entscheidung unterwerfen müssen. Nach einigen
Wochen gelang es den beiden, dank dem guten Rufe, den sie mit Recht
genossen, Einlaß in das sonst schwer zugängliche Haus der Witwe zu
erlangen; sie erlaubte ihnen, sie zu besuchen. Nun hatten sie fast
täglich Gelegenheit, Valeria zu sehen und mit ihr zu sprechen; und mit
jedem Tage loderte das in den Herzen der beiden Jünglinge entzündete
Feuer heftiger empor; Valeria schien indessen keinem von ihnen den
Vorzug zu geben, obgleich sie an diesen Besuchen offenbar Gefallen
hatte. Mit Mutius trieb sie Musik, unterhielt sich aber lieber mit
Fabius, in dessen Gesellschaft sie viel unbefangener war. Endlich
sandten die Jünglinge, um sich Gewißheit über ihr Los zu verschaffen,
Valeria einen Brief mit der Bitte, sie möchte sich ihnen selbst erklären
und sagen, wem sie ihre Hand geben wolle. Valeria zeigte diesen Brief
der Mutter und erklärte ihr, daß sie bereit sei, Jungfrau zu bleiben;
wenn aber die Mutter meine, daß es für sie Zeit sei, in die Ehe zu
treten, so wolle sie den heiraten, den ihr die Mutter bestimmen würde.
Die ehrsame Witwe vergoß einige Tränen bei dem Gedanken an die Trennung
von dem geliebten Kinde; sie hatte jedoch keinen Grund, die Freier
abzuweisen: einen jeden von ihnen hielt sie für gleich wert, die Hand
ihrer Tochter zu erlangen. Doch da sie in der Tiefe ihrer Seele Fabius
vorzog und ahnte, daß er auch Valeria mehr zusagte, wies sie auf ihn.
Fabius erfuhr schon am nächsten Tage von seinem Glück; und Mutius blieb
nichts anderes übrig, als sein Wort zu halten und sich zu fügen.

Das tat er auch; aber Zeuge des Triumphes seines Freundes und Rivalen zu
sein, -- ging über seine Kraft. Er verkaufte sofort den größeren Teil
seines Besitzes und begab sich mit den paar tausend Dukaten, die er
dafür bekam, auf eine weite Reise nach dem Morgenlande. Beim Abschied
versprach er Fabius, nicht eher zurückzukommen, als bis er fühlen werde,
daß die letzten Spuren der Leidenschaft in ihm erloschen wären. Es fiel
Fabius schwer, sich von dem Freunde seiner Kindheit und seiner Jugend zu
trennen ... doch die freudige Erwartung einer nahen Seligkeit ließ alle
anderen Gefühle verstummen, und er überließ sich ganz den Wonnen seiner
vom Erfolg gekrönten Liebe.

Bald darauf ging er die Ehe mit Valeria ein und erst da erkannte er den
ganzen Wert des Schatzes, den er gewonnen hatte. Er besaß eine schöne
Villa, in einem schattigen Garten gelegen, in nicht allzugroßer
Entfernung von Ferrara; in diese Villa zog er mit seiner Gattin und
ihrer Mutter. Eine selige Zeit brach für die beiden an. Valeria zeigte
in der Ehe alle ihre Vorzüge und Reize in einem neuen, bezaubernden
Lichte; Fabius entwickelte sich aber zu einem bedeutenden Maler: er war
nicht mehr einfacher Dilettant, sondern ein Meister. Die Mutter Valerias
weidete sich am Glück des jungen Paares und dankte Gott. Vier Jahre
zogen dahin so schnell und unbemerkt wie ein seliger Traum. Nur eins
fehlte den jungen Gatten, sie hatten nur den einen Kummer: der Himmel
gab ihnen keine Kinder ... aber die Hoffnung verließ sie nicht. Am Ende
des vierten Jahres erfuhren sie ein großes, diesmal wirkliches Unglück:
nach kurzer Krankheit starb die Mutter Valerias.

Valeria vergoß viele Tränen und konnte sich lange nicht in den Verlust
finden. Aber es verging noch ein Jahr, das Leben trat wieder in seine
Rechte, und alles kam in das frühere Geleise. Und da, an einem schönen
Sommerabend, kehrte nach Ferrara, ohne jemand benachrichtigt zu haben,
Mutius zurück.


III.

In den ganzen fünf Jahren, die er abwesend war, hatte niemand etwas von
ihm gehört; alle Gerüchte über ihn waren verstummt, als ob er ganz vom
Erdboden verschwunden wäre. Als Fabius seinem Freund in einer der
Straßen von Ferrara begegnete, schrie er beinahe laut auf, -- zuerst vor
Erstaunen und dann vor Freude. Er lud ihn sogleich nach seiner Villa
ein. In seinem Garten hatte er einen abgesonderten, geräumigen Pavillon,
und er schlug dem Freunde vor, in diesen Pavillon zu ziehen. Mutius ging
gern darauf ein und siedelte noch am gleichen Tage in Begleitung seines
stummen, malaiischen Dieners dahin über. Der Malaie war stumm doch nicht
taub und sogar, nach der Lebendigkeit seines Blickes zu schließen, sehr
aufgeweckt und verständig ... Man hatte ihm einst die Zunge
herausgeschnitten. Mutius brachte zahlreiche Koffer mit, angefüllt mit
den verschiedenartigsten Kostbarkeiten, die er auf seinen langen Reisen
gesammelt hatte. Auch Valeria freute sich über die Rückkehr des Mutius;
er begrüßte sie freundschaftlich heiter, doch ruhig, und man konnte nach
seinem ganzen Gebaren schließen, daß er seinem Freund Fabius das Wort
gehalten hatte. Im Laufe des ersten Tages richtete er sich in seinem
Pavillon ein und packte mit Hilfe des Malaien die mitgebrachten Schätze
aus: Teppiche, seidene Stoffe, Gewänder aus Samt und Brokat, Waffen,
Schalen, Schüsseln und Becher, verziert mit Email, Gegenstände aus Gold
und Silber, geschmückt mit Perlen und Türkisen, geschnitzte Kästchen aus
Bernstein und Elfenbein, geschliffene Flaschen, Gewürze und Räucherwerk,
Tierfelle, Federn unbekannter Vögel und eine Menge anderer Sachen, deren
Gebrauch sogar geheimnisvoll und unbegreiflich erschien. Unter allen
diesen Kostbarkeiten war auch ein reiches Perlenhalsband, das Mutius vom
persischen Schah für einen gewissen großen und geheimen Dienst erhalten
hatte; er bat Valeria um Erlaubnis, ihr dieses Perlenhalsband
eigenhändig um den Hals legen zu dürfen: es erschien ihr ungewöhnlich
schwer und mit einer seltsamen Wärme behaftet ... es schmiegte sich auch
sofort fest an ihre Haut. Am Abend nach der Mahlzeit saßen sie alle auf
der Terrasse der Villa im Schatten der Oleander und Lorbeeren, und
Mutius begann seine Erlebnisse zu schildern. Er erzählte von den fernen
Ländern, die er besucht, von Bergen, die über die Wolken hinaufragen,
von Flüssen, groß und mächtig wie Meere; er sprach von riesenhaften
Gebäuden und Tempeln, von tausendjährigen Bäumen, von in allen Farben
des Regenbogens schillernden Blumen und Vögeln, er nannte die Namen der
Städte und Völker, die er besucht hatte ... schon diese Namen klangen
wie Märchen. Mutius kannte den ganzen Orient: er hatte Persien
durchreist und Arabien, wo die Pferde schöner und edler sind als alle
anderen Geschöpfe; war in die Tiefe Indiens eingedrungen, wo die
Menschen herrlichen Gewächsen gleichen; hatte die Grenzen Chinas und
Tibets erreicht, wo ein Gott, namens Dalai-Lama in Gestalt eines
schweigsamen Mannes mit Schlitzaugen leibhaftig auf Erden wohnt.
Wunderbar waren seine Erzählungen! Fabius und Valeria hörten ihm wie
bezaubert zu. Mutius hatte sich äußerlich wenig verändert: sein von
Kindheit an braunes Gesicht war nur noch etwas dunkler geworden,
versengt von den Strahlen einer heißeren Sonne, und die Augen schienen
etwas tiefer als früher; das war auch alles. Sein Gesichtsausdruck war
aber ein anderer geworden: er schien in sich gekehrt, ernst, und belebte
sich auch dann nicht, wenn er von den Gefahren sprach, die er bestanden,
nachts in Wäldern, wo Tiger heulten, oder am Tage, auf einsamen Wegen,
wo Fanatiker auf die Reisenden lauerten, um sie zu Ehren einer eisernen
Göttin, die nach Menschenopfern verlangt, zu erdrosseln. Auch die Stimme
Mutius' war dumpfer und eintöniger geworden; die Bewegungen seiner Arme
und des ganzen Körpers hatten jene Freiheit und Ungezwungenheit
verloren, die sonst den Italienern eigen ist. Mit Hilfe seines Dieners,
des unterwürfigen und flinken Malaien, zeigte er seinen Freunden einige
Kunststücke, die er von den indischen Brahminen gelernt hatte. So
versteckte er sich z. B. hinter einem Vorhange und erschien plötzlich
mit untergeschlagenen Beinen frei in der Luft schwebend, wobei er sich
nur leicht mit den Fingerspitzen auf ein senkrecht aufgestelltes
Bambusrohr stützte, was Fabius in großes Erstaunen setzte und Valeria
sogar erschreckte ... -- »Ist er wohl gar mit bösen Mächten im Bunde?«
dachte sie. -- Als er aber mit den Tönen einer kleinen Flöte aus einem
geschlossenen Korbe zahme Schlangen hervorzulocken begann und als die
Schlangen, ihre Stacheln bewegend, die dunklen, platten Köpfe unter der
bunten Decke hervorsteckten, geriet Valeria in Entsetzen und bat Mutius,
diese ekelhaften Geschöpfe so schnell wie möglich zu verstecken. Beim
Nachtmahl traktierte Mutius seine Freunde mit Schiras-Wein aus einer
langhalsigen bauchigen Flasche; der ungewöhnlich aromatische und dicke
Wein war von goldener Farbe und schillerte grünlich und geheimnisvoll in
den kleinen Schalen aus Jaspis, in die er ihn einschenkte. Sein
Geschmack war von dem der europäischen Weine verschieden: er war sehr
süß und würzig, und wirkte, wenn man ihn langsam in kleinen Zügen trank,
angenehm einschläfernd auf alle Glieder. Mutius nötigte Fabius und
Valeria davon zu trinken und trank auch selbst. Er beugte sich über
Valerias Schale und flüsterte etwas, wobei er die Finger eigentümlich
bewegte. Valeria bemerkte es; da ihr aber die Manieren Mutius' und sein
ganzes Auftreten auch ohnehin fremd und sonderbar vorkamen, dachte sie
nur: »Hat er vielleicht in Indien irgend einen fremden Glauben
angenommen? Oder herrschen dort solche Gebräuche?« -- Nach kurzem
Schweigen fragte sie ihn, ob er auch während seiner Reise Musik
getrieben habe. Als Antwort ließ er sich von seinem Malaien seine
indische Geige bringen. Sie glich den hiesigen, nur hatte sie statt der
vier Saiten drei; sie war mit bläulicher Schlangenhaut überzogen, und
der dünne Bogen aus Rohr war zu einem Halbkreis geschwungen und trug an
seinem Ende einen spitzgeschliffenen funkelnden Diamanten.

Mutius spielte zunächst einige traurige, wie er behauptete,
volkstümliche Lieder, die für ein italienisches Ohr seltsam und sogar
wild klangen; die metallenen Saiten tönten klagend und schwach. Als aber
Mutius ein neues Lied anstimmte, wurde der Ton plötzlich stark und
klangvoll; der Bogen, den er sehr breit führte, zauberte eine
leidenschaftliche Melodie hervor, sie glitt anmutig dahin, wie jene
Schlange, deren Haut die Geige bedeckte; und die Melodie leuchtete und
glühte in solchem Feuer, in solchem triumphierenden Jubel, daß es Fabius
und Valeria ganz unheimlich zumute wurde, und ihnen Tränen in die Augen
traten ... während Mutius, mit gebeugtem, an die Geige gedrücktem Kopf,
mit blassen Wangen und zu einem Strich zusammengezogenen Brauen noch
ernster, noch mehr in sich gekehrt erschien, und der Diamant an der
Spitze des Bogens im Hin- und Hergehen blendende Funken um sich warf,
gleichsam vom Feuer des wunderbaren Liedes entzündet. Als Mutius geendet
hatte, hielt er die Geige noch immer zwischen Kinn und Schultern
gedrückt, ließ aber die Hand mit dem Bogen sinken. -- »Was ist das? Was
hast du uns gespielt?« rief Fabius. -- Valeria sprach kein Wort, schien
aber mit ihrem ganzen Wesen die Frage ihres Mannes zu wiederholen.
Mutius legte die Geige auf den Tisch, schüttelte leicht das Haar und
sagte höflich lächelnd: »Das? Diese Weise ... dieses Lied hörte ich
einmal auf der Insel Ceylon. Es heißt dort im Volke das Lied der
glücklichen, befriedigten Liebe.« -- »Spiele es noch einmal,« flüsterte
Fabius. -- »Nein; ich darf es nicht wiederholen,« entgegnete Mutius.
»Auch ist es zu spät. Signora Valeria bedarf der Ruhe und auch ich muß
gehen ... ich bin so müde.« Im Laufe dieses ganzen Tages hatte sich
Mutius im Verkehr mit Valeria höflich und einfach, wie ein alter Freund
benommen; beim Abschied drückte er ihr aber auffallend fest die Hand,
wobei er seine Finger auf ihre Handfläche preßte, und blickte ihr so
unverwandt ins Gesicht, daß sie, obwohl sie die Augenlider gesenkt
hatte, diesen Blick auf ihren plötzlich erglühenden Wangen spürte. Sie
sagte nichts zu Mutius, riß aber ihre Hand aus der seinigen los, und als
er gegangen war, warf sie noch einen Blick auf die Türe, durch die er
sich entfernt hatte. Es fiel ihr ein, daß sie auch in den früheren
Jahren vor ihm eine gewisse Furcht gehabt hatte ... nun war sie ganz
verwirrt. Mutius begab sich nach seinem Pavillon, und die Gatten zogen
sich in ihr Schlafgemach zurück.


IV.

Valeria konnte lange nicht einschlafen; ihr Blut wogte langsam und matt,
und in ihrem Kopfe sang es ganz leise ... Es kam vom seltsamen Wein,
meinte sie, vielleicht auch von den Erzählungen des Mutius, oder von
seinem Geigenspiel ... Erst beim Morgengrauen schlief sie ein und hatte
einen wunderbaren Traum.

Es war ihr, als träte sie in ein geräumiges Zimmer mit niedriger
gewölbter Decke ... Ein solches Zimmer hatte sie noch nie im Leben
gesehen. Alle Wände waren mit kleinen blauen, mit goldenem Blumenmuster
verzierten Kacheln bekleidet; schlanke Säulen von geschnitztem Alabaster
stützten die Marmordecke; die Decke und die Säulen waren wie
durchsichtig ... bleiches rosiges Licht drang von allen Seiten in den
Raum und übergoß geheimnisvoll und gleichmäßig alle Gegenstände; in der
Mitte des spiegelglatten Fußbodens lagen auf einem schmalen Teppich
Kissen aus Brokat. In den Ecken rauchten kaum wahrnehmbar große
Räucherbecken in Form von Märchenungeheuern; es gab hier keine Fenster;
in einer Wandnische dunkelte stumm eine mit einem Samtvorhang verhängte
Tür. Und plötzlich gleitet dieser Vorhang langsam zur Seite ... und an
der Schwelle erscheint Mutius. Er verbeugt sich vor ihr, öffnet die
Arme, lacht ... Seine harten Arme umschlingen roh Valerias Oberkörper,
seine trockenen Lippen versengen sie am ganzen Leibe ... Sie sinkt
zurück auf die Polster ...

                   *       *       *       *       *

Valeria stöhnt vor Schreck auf, macht verzweifelte Anstrengungen und
erwacht. Ohne noch zu begreifen, wo sie ist und was mit ihr geschehen,
richtet sie sich im Bette auf und blickt sich ganz bestürzt um ... Sie
bebt am ganzen Körper ... Fabius liegt an ihrer Seite. Er schläft; doch
sein Gesicht scheint im Lichte des runden und hellen Vollmondes, der
durchs Fenster hereinblickt, bleich wie bei einem Toten ... es ist
trauriger als das Gesicht eines Toten. Valeria weckt ihren Mann, und als
er sie erblickt, ruft er aus: »Was hast du?« -- »Ich hatte ... ich hatte
einen schrecklichen Traum,« flüstert sie, noch immer am ganzen Leibe
bebend ...

Aber in diesem Augenblick erklangen vom Pavillon her laute seltsame
Töne, und beide, Fabius wie Valeria, erkannten die Melodie, die ihnen
Mutius vorgespielt und die er das Lied der befriedigten, triumphierenden
Liebe genannt hatte. -- Fabius blickte verlegen auf Valeria ... sie
schloß die Augen, wandte sich ab, -- und beide lauschten mit verhaltenem
Atem dem Liede bis zu Ende. Als der letzte Ton erstorben war, versteckte
sich der Mond hinter einer Wolke, und im Zimmer wurde es plötzlich
dunkel ... Beide Gatten ließen ihre Köpfe auf die Polster sinken, ohne
ein Wort zu wechseln -- und keiner von den beiden merkte, wann der
andere einschlief.


V.

Am nächsten Morgen kam Mutius zum Frühstück; er schien zufrieden und
begrüßte Valeria sehr heiter. Sie erwiderte den Gruß ganz verwirrt, sie
blickte ihn flüchtig an und erschrak vor seinem zufriedenen, heiteren
Gesicht, vor seinen durchdringenden, fragenden Augen. Mutius begann
wieder etwas zu erzählen, Fabius unterbrach ihn aber beim ersten Wort.

»Du hast wohl am neuen Orte nicht einschlafen können? Wir beide hörten,
wie du das gestrige Lied spieltest.«

»Ja? Habt ihr es gehört?« sagte Mutius. »Ich habe es wirklich gespielt;
vorher hatte ich aber geschlafen und sogar einen wunderbaren Traum
gehabt.«

Valeria horchte auf. »Was für einen Traum?« fragte Fabius.

»Es war mir,« antwortete Mutius, indem er unverwandt auf Valeria
blickte, »es war mir, als ob ich in ein geräumiges Zimmer träte; es
hatte eine gewölbte Decke und war in orientalischem Geschmack
ausgestattet. Geschnitzte Säulen trugen die Decke, die Wände waren mit
Kacheln bekleidet, und obwohl es weder Fenster noch Kerzen gab, war das
ganze Zimmer von einem rosigen Lichtschein erfüllt, als ob seine Wände
aus durchsichtigen Steinen zusammengefügt wären. In den Ecken standen
chinesische Räucherbecken, auf dem Boden lagen auf einem schmalen
Teppich Brokatkissen. Ich betrat den Raum durch eine verhängte Türe und
aus einer anderen Türe, gegenüber, erschien eine Frau, die ich einst
geliebt hatte. Und sie erschien mir so schön, daß ich wieder in Liebe zu
ihr entbrannte wie früher ...«

Mutius schwieg bedeutungsvoll. Valeria saß unbeweglich, wurde immer
bleicher und atmete immer tiefer.

»Da erwachte ich,« fuhr Mutius fort, »und spielte jenes Lied.«

»Wer war sie?« fragte Fabius.

»Wer sie war? Die Frau eines Indiers. Ich hatte sie in der Stadt Delhi
kennen gelernt ... Sie ist nicht mehr am Leben ... sie ist gestorben.«

»Und der Gatte?« fragte Fabius, ohne selbst zu wissen, warum.

»Auch der Gatte soll tot sein. Ich habe die beiden bald aus dem Gesicht
verloren.«

»Seltsam!« bemerkte Fabius. »Auch meine Frau will diese Nacht einen
sonderbaren Traum gehabt haben (Mutius blickte unverwandt auf Valeria),
den sie mir nicht erzählt hat,« fügte Fabius hinzu.

In diesem Augenblick stand aber Valeria auf und verließ das Zimmer. --
Auch Mutius ging gleich nach dem Frühstück fort und erklärte, daß er in
Geschäften nach Ferrara müsse und vor Abend nicht zurückkehren werde.


VI.

Einige Wochen vor der Rückkehr des Mutius hatte Fabius das Bildnis
seiner Frau begonnen; es stellte sie mit den Attributen der heiligen
Cäcilie dar. -- Er hatte in seiner Kunst große Fortschritte gemacht; der
berühmte Luini, ein Schüler Leonardo da Vincis, hatte ihn in Ferrara
besucht und ihm neben eigenen Ratschlägen auch einige Lehren seines
großen Meisters mitgeteilt. Das Bildnis war fast fertig; Fabius hatte
nur noch mit wenigen Strichen das Gesicht zu vollenden; er durfte auf
sein Werk mit Recht stolz sein. -- Nachdem er Mutius nach Ferrara hatte
ziehen lassen, begab er sich in seine Werkstatt, wo ihn Valeria zu
erwarten pflegte; diesmal fand er sie aber nicht vor; er rief sie, und
sie antwortete nicht. Fabius fühlte sich von einer geheimen Unruhe
erfaßt und begann sie zu suchen. Im Hause war sie nicht; Fabius lief in
den Garten und fand schließlich Valeria in einer der entlegensten
Alleen. Den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände auf den Knien
gekreuzt, so saß sie auf einer Bank, und hinter ihr hob sich vom dunklen
Grün einer Zypresse ein marmorner Satyr ab, der schadenfroh grinste und
an den gespitzten Lippen eine Flöte hielt. Valeria freute sich sichtlich
über das Erscheinen des Gatten und antwortete auf seine unruhigen
Fragen, daß sie etwas Kopfweh habe, daß dies aber nichts weiter bedeute
und daß sie bereit sei, ihm zu sitzen. Fabius geleitete sie in die
Werkstatt, setzte sie auf den gewohnten Platz und ergriff den Pinsel;
doch zu seinem großen Verdruß wollte ihm das Gesicht nicht gelingen, so
wie er es gewollt hatte. Und nicht etwa, weil es blaß und ermattet
erschien ... nein; aber jenen reinen, heiligen Ausdruck, der ihm an ihr
so gut gefiel und der ihn auf den Gedanken gebracht hatte, seine Gattin
als die heilige Cäcilie darzustellen, -- diesen Ausdruck fand er heute
nicht. Schließlich warf er den Pinsel fort, sagte Valeria, daß er heute
nicht in der Stimmung sei und daß es auch ihr guttun würde, sich
hinzulegen, da sie nicht ganz wohl zu sein scheine, und stellte die
Staffelei mit dem Bilde zur Wand. Valeria stimmte ihm zu, daß sie
ausruhen müsse, klagte noch einmal über Kopfweh und zog sich in ihr
Schlafgemach zurück. Fabius blieb in der Werkstatt. Er fühlte eine
sonderbare Erregung, die er gar nicht begreifen konnte. Die Anwesenheit
Mutius' unter seinem Dache, die er selbst heraufbeschworen hatte, war
ihm auf einmal lästig. Es war nicht Eifersucht ... wie hätte er auch auf
Valeria eifersüchtig sein können! -- er erkannte aber in Mutius nicht
mehr den früheren Freund. All das Fremde, Unbekannte, Neue, was Mutius
aus den fernen Ländern mitgebracht hatte und was ihm in Fleisch und Blut
übergegangen zu sein schien -- alle diese magischen Kunstgriffe, Lieder,
seltsamen Getränke, dieser stumme Malaie, und selbst der scharfe würzige
Duft, den die Kleider Mutius', sein Haar und sein Atem ausströmten, --
all das flößte Fabius ein Gefühl ein, welches dem Mißtrauen, vielleicht
sogar der Furcht ähnlich war. Warum starrte dieser Malaie, wenn er bei
Tisch bediente, ihn, Fabius so unangenehm und unverwandt an? Man konnte
wirklich meinen, er verstände italienisch. Mutius behauptete von ihm,
daß er, indem er sich die Zunge herausschneiden ließ, ein großes Opfer
gebracht habe, wofür er aber jetzt über eine große geheime Kraft
verfüge. -- Was war das für eine Kraft? Und wie hat er sie um den Preis
seiner Zunge erlangen können? Das alles war ja so seltsam, so
unbegreiflich! -- Fabius ging zu seiner Frau ins Schlafzimmer. Sie lag
angekleidet auf dem Bett, schlief aber nicht. Als sie seine Schritte
hörte, fuhr sie zusammen, war aber dann über sein Kommen ebenso erfreut
wie vorhin im Garten. Fabius setzte sich zu ihr ans Bett, ergriff
Valerias Hand und fragte sie nach kurzem Schweigen, welch einen
ungewöhnlichen Traum sie heute Nacht gehabt und warum er sie so
erschreckt habe. Ob er in der Art jenes Traumes gewesen sei, von dem
Mutius erzählt habe? -- Valeria errötete und erwiderte: »O nein, nein!
Ich sah ... ein Ungeheuer, das mich zerreißen wollte.« -- »Ein
Ungeheuer? In Menschengestalt?« fragte Fabius. -- »Nein, in Gestalt
eines Tieres ... eines Tieres!« -- Und Valeria wandte sich ab und
verbarg ihr glühendes Gesicht in den Kissen. Fabius hielt noch eine
Weile die Hand seiner Frau in der seinigen fest, führte sie dann
schweigend an seine Lippen und verließ das Schlafgemach.

Beide Gatten hatten an diesem Tage wenig Freude. Etwas Finsteres schien
über ihnen zu lasten ... aber was es war, wußten sie nicht zu sagen. Sie
hatten das Bedürfnis, beieinander zu sein, als ob ihnen eine Gefahr
drohte; -- sie wußten aber nicht, was sie einander sagen könnten. Fabius
versuchte wieder am Bilde zu arbeiten; dann nahm er wieder Ariost vor,
dessen Gedicht erst vor kurzem in Ferrara erschienen und schon in ganz
Italien berühmt war; es wollte ihm aber nichts gelingen ... Spät am
Abend, gerade zum Nachtmahl, kehrte Mutius zurück.


VII.

Er schien ruhig und zufrieden, erzählte aber sehr wenig; umsomehr Fragen
richtete er an Fabius: über die früheren gemeinsamen Bekannten, den
deutschen Feldzug, über Kaiser Karl; er sprach auch von seinem Wunsch,
nach Rom zu gehen, um den neuen Papst zu sehen. Er bot Valeria wieder
den Schiras-Wein an; und als sie ablehnte, murmelte er wie vor sich hin:
»Jetzt ist es nicht mehr nötig.« -- Die Gatten begaben sich nach dem
Nachtmahl in ihr Schlafgemach, und Fabius schlief rasch ein ... Als er
aber nach einer Stunde erwachte, sah er, daß niemand sein Lager teilte:
Valeria lag nicht an seiner Seite. Er stand rasch auf und sah im
gleichen Augenblick, wie seine Frau im Nachtgewande aus dem Garten ins
Zimmer zurückkehrte. -- Obwohl es kurz vorher geregnet hatte, schien der
Mond hell am heiteren Himmel. Valeria näherte sich mit geschlossenen
Augen und dem Ausdrucke geheimen Grauens auf dem unbeweglichen Gesicht
dem Bette, betastete es mit vorgestreckten Armen und legte sich rasch
und stumm nieder. Fabius wandte sich an sie mit einer Frage, sie gab ihm
aber keine Antwort und schien zu schlafen. Er berührte sie und fühlte an
ihrer Kleidung und an ihrem Haar Regentropfen und an den Sohlen ihrer
bloßen Füße -- Sandkörner. Da sprang er auf und lief durch die
halbgeöffnete Türe in den Garten hinaus. Das ungemein grelle Mondlicht
lag auf allen Dingen. Fabius blickte sich um und entdeckte auf dem Sande
des Weges die Spuren von zwei Paar Füßen, von denen das eine barfuß war;
die Spuren führten zu einer Jasminlaube, die etwas abseits zwischen dem
Hause und dem Pavillon stand. Er blieb ganz verwirrt stehen -- und
plötzlich erklangen wieder die Töne des Liedes, das er in der
vergangenen Nacht gehört hatte! Fabius zuckte zusammen und eilte in den
Pavillon ... Mutius stand mitten im Zimmer und spielte auf der Geige.
Fabius stürzte auf ihn zu.

»Du warst im Garten, du warst im Freien, deine Kleider sind vom Regen
naß!«

»Nein ... ich weiß nicht ... ich glaube ... ich war nicht draußen ...«
antwortete Mutius mit sichtbarer Anstrengung, gleichsam verwundert über
das plötzliche Erscheinen Fabius' und dessen Erregung.

Fabius ergreift seine Hand. »Und warum spielst du wieder diese Weise?
Hast du wieder geträumt?«

Mutius blickt Fabius noch immer erstaunt an und schweigt.

»Antworte doch!«

    »Kupfern steht des Mondes Schild,
    Schlangengleich das Bächlein quillt,
    Und der Habicht packt das Wild,
    Und des Freundes Stimme schrillt:

    Hilf!..«

murmelt Mutius singend, wie im Schlafe.

Fabius taumelte einige Schritte zurück, starrte Mutius an, blieb noch
eine Weile unschlüssig stehen, ... und kehrte nach Hause und in sein
Schlafgemach zurück.

Das Haupt auf die Schulter gebeugt und die Arme kraftlos zur Seite
geworfen, schlief Valeria einen schweren Schlaf. Es dauerte einige Zeit,
bis es ihm gelang, sie zu wecken ... Als sie ihn erkannte, warf sie sich
an seinen Hals und umarmte ihn krampfhaft; sie bebte am ganzen Körper.
-- »Was hast du, meine Liebe, was hast du?« wiederholte Fabius, indem er
sich Mühe gab, sie zu beruhigen. Sie lag aber, noch immer am ganzen
Leibe bebend, an seiner Brust. -- »Ach, welch furchtbare Träume habe
ich!« flüsterte sie, sich mit dem Gesicht an ihn schmiegend. Fabius
wollte sie ausfragen, aber sie begann bei seinem ersten Worte noch mehr
zu zittern ...

Die Fensterscheiben röteten sich im ersten Frühlicht, als sie endlich in
seinen Armen einschlummerte.


VIII.

Am nächsten Tage war Mutius schon am frühen Morgen verschwunden, und
Valeria erklärte dem Gatten, daß sie ein nahes Kloster aufsuchen wolle,
wo ihr Beichtvater, ein alter ehrwürdiger Mönch, zu dem sie grenzenloses
Vertrauen habe, wohnte. Auf die Fragen Fabius' antwortete sie, daß sie
ihr Herz, auf dem die ungewöhnlichen Eindrücke der letzten Tage so
schwer lasteten, durch die Beichte erleichtern möchte. Als Fabius sah,
wie abgemagert ihr Gesicht war, als er hörte, wie dumpf und müde ihre
Stimme klang, billigte er ihren Entschluß: der ehrwürdige Pater Lorenzo
könnte ihr mit gutem Rat beistehen und ihre Zweifel zerstreuen ...
Valeria begab sich unter dem Schutze von vier Begleitern ins Kloster,
während Fabius zu Hause blieb. In Erwartung der Rückkehr seiner Frau
irrte er im Garten umher und suchte sich, gepeinigt von beständiger
Furcht und Zorn und unbestimmtem Verdacht, zu erklären, was mit ihr
vorging ... Er ging einige Male in den Pavillon, Mutius war aber noch
nicht zurückgekehrt, und der Malaie blickte ihn an wie ein Götze, den
Kopf ehrfurchtsvoll geneigt, mit einem rätselhaften und, wie es Fabius
schien, bedeutungsvollen und unheimlichen Lächeln auf dem bronzenen
Gesicht. Valeria erzählte indessen in der Beichte ihrem Seelsorger,
weniger von Scham als von Furcht gequält, alles, was sie in den letzten
Tagen erlebt hatte. Der Seelsorger hörte ihr aufmerksam zu, gab ihr
seinen Segen, erteilte ihr ob der unfreiwilligen Sünde Absolution,
dachte aber bei sich selber: »Zauberei, Blendwerk des Teufels ... das
darf ich nicht so bleiben lassen ...« Unter dem Vorwande, sie völlig
beruhigen und trösten zu wollen, begab er sich mit Valeria nach ihrer
Villa. -- Als Fabius den Beichtvater sah, wurde er von neuer Unruhe
ergriffen; doch der vielerfahrene Greis hatte sich noch vorher überlegt,
was er tun müsse. Als er mit Fabius allein blieb, verriet er ihm zwar
das Beichtgeheimnis nicht, gab ihm aber den Rat, den Gast, den er selbst
eingeladen hatte und der durch seine Erzählungen, Lieder und sein ganzes
Gebaren die Phantasie Valerias verwirrte, wenn es nur irgendmöglich sei,
aus seinem Hause zu entfernen. Außerdem, meinte der Greis, sei Mutius
auch früher, soviel er sich erinnern könne, nicht sonderlich fest im
Glauben gewesen; nachdem er sich aber so lange in fremden Ländern, die
noch nicht vom Lichte des Christentums erleuchtet seien, aufgehalten
habe, hätte er sich dort leicht mit der Pest der Irrlehren und sogar mit
den Geheimnissen der Magier angesteckt haben können. Wenn ihm auch die
alte Freundschaft gewisse Rechte gebe, so gebiete ihm doch die kluge
Vorsicht, sich von Mutius zu trennen. Fabius stimmte völlig der Ansicht
des ehrwürdigen Mönches zu, und sogar Valeria wurde wieder heiter, als
der Gatte ihr den Rat des Beichtvaters mitteilte; von den Segenswünschen
der beiden begleitet, mit reichen Geschenken für das Kloster und für die
Armen beladen, kehrte Pater Lorenzo in sein Kloster zurück.

Fabius wollte gleich nach dem Nachtmahl mit Mutius sprechen, doch der
unheimliche Gast war auch zum Nachtmahl noch nicht zurückgekehrt. Daher
beschloß Fabius, die Aussprache mit Mutius auf den nächsten Morgen zu
verschieben, und beide Gatten begaben sich in ihr Schlafgemach.


IX.

Valeria schlief bald ein, aber Fabius konnte lange keine Ruhe finden. In
der Stille der Nacht trat ihm alles, was er gesehen und empfunden hatte,
noch lebendiger vor Augen; er stellte sich noch hartnäckiger die Fragen,
auf die er noch immer keine Antwort finden konnte ... Ob Mutius
tatsächlich mit den bösen Mächten im Bunde stehe und ob er Valeria nicht
vergiftet habe? -- Sie war krank, doch was war ihre Krankheit? --
Während er, den Kopf in die Hand gestützt und den heißen Atem anhaltend,
sich den bangen Zweifeln überließ, ging am wolkenlosen Himmel wieder der
Mond auf; und zugleich mit seinen Strahlen drang durch die
halbdurchsichtigen Fensterscheiben, von der Seite des Pavillons her, --
oder kam es Fabius nur so vor? -- drang ein leichter duftender Hauch ins
Zimmer ... da hörte er ein zudringliches, leidenschaftliches Geflüster
... und im gleichen Augenblick sah er, wie Valeria sich auf ihrem Lager
leise rührte. Er fährt zusammen und sieht: sie erhebt sich, steckt erst
das eine, dann das andere Bein aus dem Bett und geht wie eine
Mondsüchtige, die trüben Augen leblos geradeaus gerichtet, die Arme
vorgestreckt zur Gartentüre! Fabius stürzt im gleichen Augenblick durch
eine andere Türe aus dem Schlafgemach, läuft, so schnell er kann, um die
Ecke des Hauses herum und drückt die Türe, die nach dem Garten führt,
von außen zu. Kaum hat er aber die Klinke erfaßt, als er merkt, daß
jemand die Türe von innen öffnen will, sich gegen sie stemmt, -- wieder
und wieder -- dann hört er ein schmerzvolles Aufstöhnen ...

»Aber Mutius ist ja noch nicht zurückgekehrt,« geht es Fabius durch den
Kopf, -- und er stürzt zum Pavillon.

Und was sieht er?

Ihm entgegen kommt auf dem vom Mondlicht übergossenen Wege gleichfalls
wie ein Mondsüchtiger, gleichfalls die Arme vorgestreckt und die Augen
leblos und starr aufgerissen, Mutius ... Fabius eilt ihm entgegen, aber
jener sieht ihn nicht, schreitet langsam und gemessen, und sein
unbewegliches Gesicht zeigt im Mondlichte das gleiche Lächeln, wie es
Fabius beim Malaien wahrgenommen hat. Fabius will ihn beim Namen rufen
... doch im gleichen Augenblicke hört er: hinten im Hause wird ein
Fenster geöffnet ... Er blickt zurück ...

Und in der Tat: das Fenster im Schlafzimmer ist ganz heruntergeklappt,
und im Fenster steht Valeria, einen Fuß über das Fensterbrett erhoben
... ihre Arme scheinen Mutius zu suchen ... sie strebt mit ihrem ganzen
Leibe zu ihm hin ...

Unbeschreibliche Wut erfüllte plötzlich Fabius. -- »Verfluchter
Zauberer!« schrie er rasend auf, packte Mutius mit der einen Hand an der
Kehle, zog mit der anderen den Dolch aus dem Gürtel und stieß ihn bis an
den Griff in Mutius' Hüfte.

Mutius schrie durchdringend auf, drückte sich die Hand auf die Wunde und
lief stolpernd in seinen Pavillon zurück ... doch im gleichen
Augenblick, als Fabius ihn traf, schrie auch Valeria ebenso
durchdringend auf und fiel wie vom Blitze getroffen zu Boden.

Fabius eilte zu ihr hin, hob sie auf, trug sie ins Bett und sprach auf
sie ein ...

Sie lag lange regungslos; endlich öffnete sie die Augen, holte tief Atem
so freudig und tief, wie ein Mensch, der soeben einem unvermeidlichen
Tode entronnen ist, erkannte den Gatten, umschlang seinen Hals mit den
Armen und schmiegte ihr Haupt an seine Brust. -- »Du, du, das bist du!«
lallte sie. Allmählich lösten sich ihre Arme, der Kopf fiel zurück, sie
flüsterte mit seligem Lächeln: »Gott sei Dank, alles ist vorbei ... Aber
ich bin so müde!« und sank in einen festen, doch nicht schweren Schlaf.


X.

Fabius ließ sich an ihrem Lager nieder, blickte unverwandt auf ihr
bleiches, abgemagertes, doch schon beruhigtes Antlitz und begann über
das Geschehene nachzudenken ... und auch darüber, was er jetzt
unternehmen sollte? Was sollte er tun? Wenn er Mutius wirklich getötet
hatte, -- und wenn er sich erinnerte, wie tief die Klinge des Dolches
eingedrungen war, durfte er nicht daran zweifeln, -- dann ließe es sich
ja doch unmöglich verheimlichen! Er sollte es eigentlich selbst dem
Herzog und dem Gericht melden ... doch wie es erklären, wie eine so
unbegreifliche Sache erzählen? Er, Fabius, hatte in seinem Hause seinen
Verwandten, seinen besten Freund, ermordet! Gleich wird man ihn fragen:
Wofür? Aus welchem Grunde?.. Und wenn Mutius doch nicht tot ist? --
Fabius konnte diesen Zustand nicht länger ertragen, er mußte sich
Gewißheit verschaffen; er überzeugte sich, daß Valeria schlief, erhob
sich vorsichtig vom Sessel, verließ das Haus und ging zum Pavillon. Im
Pavillon war alles still; nur in einem Fenster war noch Licht. Mit
bebendem Herzen öffnete er die äußere Türe (er sah auf ihr noch die
Abdrücke blutiger Finger, und auch auf dem Sande des Weges waren dunkle
Blutspuren zu sehen), -- er durchschritt das erste dunkle Zimmer ... und
blieb erstaunt und bestürzt auf der Schwelle stehen.

In der Mitte des Zimmers lag auf einem persischen Teppich, ein
Brokatkissen unter dem Kopfe, mit einem breiten roten, schwarzgemusterten
Schal bedeckt, alle Glieder gerade ausgestreckt, Mutius;
sein Gesicht, gelb wie Wachs, mit geschlossenen Augen und blau
angelaufenen Lidern, war nach oben gerichtet. Zu seinen Füßen kniete,
gleichfalls in einen roten Schal gehüllt, der Malaie. Er hielt in der
linken Hand einen Zweig von einer unbekannten Pflanze, dem Farnkraut
ähnlich, und blickte, leicht vornübergebeugt, unverwandt auf seinen
Herrn. Eine kleine Fackel, in den Boden gesteckt, brannte mit grünlichem
Feuer und beleuchtete allein das Zimmer. Die Flamme schwankte nicht und
rauchte nicht. Als Fabius eintrat, rührte sich der Malaie nicht, er warf
ihm nur einen raschen Blick zu und richtete dann die Augen wieder auf
Mutius. Ab und zu senkte er den Zweig, schüttelte ihn in der Luft, und
seine stummen Lippen bewegten sich langsam, gleichsam tonlose Worte
sprechend. Zwischen dem Malaien und Mutius lag auf dem Boden der Dolch,
mit dem Fabius seinen Freund getroffen hatte: der Malaie schlug einmal
mit dem Zweige auf die blutige Klinge. So verging eine Minute, -- eine
zweite. Fabius näherte sich dem Malaien, beugte sich zu ihm und fragte
leise: »Ist er tot?« Der Malaie nickte mit dem Kopf, zog die rechte Hand
aus dem Schal hervor und wies befehlend auf die Türe. Fabius wollte die
Frage wiederholen, doch die befehlende Hand wiederholte die Gebärde, --
und Fabius verließ das Haus, empört und erstaunt, aber sich fügend.

Er fand Valeria noch immer schlafend, und ihr Gesicht schien noch
beruhigter. Er kleidete sich nicht aus, setzte sich ans Fenster, stützte
den Kopf in die Hand und versank wieder in Nachdenken. Als die Sonne
aufging, fand sie ihn noch auf demselben Platze. Valeria war nicht
erwacht.


XI.

Fabius wollte abwarten, daß sie erwache, und dann nach Ferrara gehen, --
als plötzlich jemand leise an die Schlafzimmertüre klopfte. Fabius ging
hinaus und sah seinen alten Haushofmeister Antonio vor sich. »Signor,«
begann der Alte, »der Malaie hat uns soeben erklärt, daß Signor Mutius
erkrankt ist und mit allen seinen Sachen in die Stadt übersiedeln will;
daher läßt er Euch bitten, ihm Leute zu geben, die beim Einpacken der
Sachen helfen sollen, und gegen Mittag Saum- und Reitpferde, sowie
einige Begleiter zur Verfügung zu stellen. Wollt Ihr es genehmigen?« --
»Der Malaie hat dir das gesagt?« fragte Fabius. »Wieso? Er ist doch
stumm.« -- »Hier ist der Zettel, auf dem er alles in unserer Sprache
aufgeschrieben hat, und sogar sehr richtig.« -- »Und du sagst, daß
Mutius krank ist?« -- »Ja, er ist schwer krank, und man darf nicht zu
ihm hinein.« »Hat man denn nicht nach einem Arzte geschickt?« -- »Nein,
der Malaie wollte es nicht haben.« -- »Und das hat er dir
aufgeschrieben?« -- »Ja, er.« -- Fabius schwieg. -- »Nun, ordne es an,«
sagte er schließlich. Antonio entfernte sich.

Fabius blickte etwas bestürzt seinem Diener nach. »Er ist also gar nicht
tot?« sagte er sich ... und er wußte noch nicht, ob er sich darüber
freuen oder es beklagen sollte. »Ist er krank? Ich habe ja erst vor
einigen Stunden seine Leiche gesehen!«

Fabius kehrte zu Valeria zurück. Sie erwachte und hob den Kopf. Die
Gatten wechselten einen langen, vielsagenden Blick. -- »Er ist nicht
mehr?« fragte plötzlich Valeria. -- Fabius fuhr zusammen. -- »Wie meinst
du ... er ist nicht mehr?« -- »Hast du denn ... ist er abgereist?« fuhr
sie fort. Fabius fühlte sich sofort erleichtert. »Nein, noch nicht; er
reist aber noch heute ab.« -- »Und ich werde ihn nie, nie wiedersehen?«
-- »Nie.« -- Valeria atmete wieder freudig auf; auf ihren Lippen
erschien wieder ein seliges Lächeln. Sie streckte dem Gatten beide Hände
entgegen. -- »Und wir wollen nie wieder von ihm sprechen, hörst du, mein
Geliebter, nie wieder! Und ich werde das Zimmer nicht verlassen, solange
er nicht abgereist ist. Schicke mir jetzt meine Dienerinnen her ...
warte noch: nimm dieses Ding weg!« Sie wies auf Mutius' Geschenk, das
Perlenhalsband, das auf dem Nachttische lag. Fabius nahm das Halsband,
-- die Perlen schienen ihm trübe angelaufen -- und erfüllte den Wunsch
seiner Frau. Dann begann er wieder im Garten herumzuirren und blickte ab
und zu von weitem nach dem Pavillon, bei welchem sich seine Leute
bereits zu schaffen machten, Koffer heraustrugen und Pferde beluden ...
der Malaie war aber nicht dabei. Ein unwiderstehliches Gefühl zog Fabius
noch einmal zum Pavillon, um nachzusehen, was sich jetzt dort abspielte.
Es fiel ihm ein, daß sich auf der Rückseite des Pavillons eine
Geheimtüre befand, durch die er ins Innere des Zimmers gelangen konnte,
wo Mutius am Morgen gelegen hatte. -- Er schlich sich zu dieser Türe,
fand sie unversperrt, schob den schweren Vorhang auseinander und blickte
unentschlossen hinein.


XII.

Mutius lag nicht mehr auf dem Teppich. Er saß in Reisekleidern in einem
Sessel, sah aber aus wie eine Leiche, wie beim ersten Besuch Fabius'.
Der gleichsam zu Stein gewordene, erstarrte Kopf lag auf der
Sessellehne, die gelben, leblos ausgestreckten Hände ruhten auf den
Knien. Die Brust hob sich nicht. Auf dem mit getrockneten Kräutern
bedeckten Boden, vor dem Sessel, standen einige flache Schalen mit einer
dunklen Flüssigkeit, der ein starker, beinahe erstickender Geruch von
Moschus entströmte. Um jede Schale ringelte sich, ab und zu mit den
goldenen Augen funkelnd, eine kleine kupferrote Schlange; und gerade vor
Mutius, zwei Schritte vor ihm, ragte die lange Gestalt des Malaien,
bekleidet mit einem bunten Brokatgewand, umgürtet mit einem Tigerschwanz
und mit einem hohen Hute, einer Art gehörnter Tiara auf dem Kopfe.
Diesmal war er aber nicht unbeweglich: bald machte er andächtige
Verbeugungen und schien zu beten, bald richtete er sich in seiner ganzen
Größe auf und stellte sich sogar auf die Zehen; bald breitete er
gemessen die Arme aus, bald bewegte er sie gebieterisch oder drohend in
der Richtung nach Mutius hin, zog die Brauen zusammen und stampfte mit
den Füßen. Alle diese Bewegungen machten ihm offenbar große Mühe,
verursachten ihm sogar Schmerz, denn er atmete schwer, und der Schweiß
lief ihm vom Gesicht herab. Plötzlich erstarrte er mit angehaltenem Atem
auf einem Flecke, runzelte die Stirne, spannte alle Muskeln seiner
geballten Hände an, als ob er die Zügel hielte ... und zu
unbeschreiblichem Entsetzen des Fabius hob sich Mutius' Kopf, wie von
den Händen des Malaien angezogen, langsam von der Sessellehne ... Der
Malaie ließ die Hände sinken, -- und Mutius' Kopf fiel sofort schwer
zurück; er hob wieder die Arme, -- und der Kopf folgte gehorsam seinen
Bewegungen. Die dunkle Flüssigkeit in den Schalen begann zu kochen, die
Schalen selbst begannen leise zu klirren, und die kupferroten Schlangen
rollten sich wellenförmig um jede Schale. Nun machte der Malaie einen
Schritt vorwärts, zog die Brauen in die Höhe, riß die Augen ungeheuer
weit auf und nickte mit dem Kopfe gegen Mutius ... und die Lider des
Toten begannen zu beben, klebten sich ungleichmäßig auseinander, und
unter ihnen zeigten sich die Pupillen, trübe wie Blei. Das Gesicht des
Malaien erstrahlte in stolzem Triumph und in fast gehässiger Freude; er
öffnete weit seine Lippen, und aus der Tiefe seiner Kehle drang ein
langgedehnter, heulender Ton ... Auch die Lippen Mutius' öffneten sich,
und ein schwaches Stöhnen erzitterte auf ihnen als Antwort auf jenen
unmenschlichen Schrei ...

Nun hielt es Fabius nicht länger aus: es war ihm, als ob er irgend
welchen teuflischen Beschwörungen beiwohnte! Er schrie gleichfalls auf
und stürzte, ohne sich umzusehen, Gebete vor sich murmelnd und sich
bekreuzigend, schnell nach Hause.


XIII.

Nach etwa drei Stunden meldete ihm Antonio, daß alles zur Abreise bereit
sei und daß Signor Mutius aufbrechen wolle. Fabius erwiderte darauf kein
Wort und trat auf die Terrasse, von wo der Pavillon zu sehen war. Einige
Saumpferde standen fertig beladen, und vor dem Eingang zum Pavillon
wartete ein kräftiger, rabenschwarzer Hengst mit einem breiten Sattel,
welcher für zwei Reiter eingerichtet war. Da standen auch schon Diener
mit unbedecktem Kopfe und bewaffnete Begleiter. Die Türe des Pavillons
ging auf, und, gestützt vom Malaien, der wieder sein gewöhnliches Kleid
trug, erschien Mutius. Sein Gesicht war leichenblaß, seine Hände hingen
herab wie bei einem Toten, -- aber er schritt vorwärts ... ja! er
bewegte die Beine, und als ihn der Malaie aufs Pferd gehoben hatte,
hielt er sich gerade und fand tastend die Zügel. Der Malaie half ihm in
die Bügel, sprang von rückwärts in den Sattel, umfaßte seinen Herrn mit
den Armen, -- und der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Die Pferde
gingen im Schritt, und als sie am Hause einbogen, glaubte Fabius zu
sehen, wie sich auf dem dunklen Antlitze Mutius' zwei weiße Fleckchen
bewegten ... Hatte er vielleicht auf ihn seine Pupillen gerichtet? --
Nur der Malaie grüßte ihn ... höhnisch wie immer.

Ob auch Valeria diese Szene sah? Die Vorhänge an ihren Fenstern waren
herabgelassen ... vielleicht stand sie aber hinter den Vorhängen.


XIV.

Zu Mittag kam sie ins Speisezimmer und war sehr milde und freundlich;
sie klagte aber noch immer über Mattigkeit. Doch ihre Unruhe, ihr
ständiges Erstaunen und die heimliche Angst von früher hatten sich
verflüchtigt; und als Fabius am nächsten Tage von neuem an ihr Bildnis
ging, fand er in ihren Zügen jenen reinen Ausdruck wieder, dessen
vorübergehendes Verschwinden ihn so sehr beunruhigt hatte ... Und sein
Pinsel flog leicht und sicher über die Leinwand.

Das Leben der Gatten kam ins frühere Geleis. Mutius war für sie
verschwunden, als ob er überhaupt nie existiert hätte. Wie nach einer
stummen Übereinkunft vermieden es Fabius wie Valeria, über ihn zu
sprechen und sich sogar nach seinen ferneren Schicksalen zu erkundigen.
Mutius war tatsächlich verschwunden, wie in die Erde versunken. Fabius
hielt es einmal für seine Pflicht, Valeria zu erzählen, was in jener
entscheidenden Nacht vorgefallen ... Doch sie erriet wahrscheinlich
seine Absicht; sie hielt den Atem an und schloß die Augen, als ob sie
einen Schlag erwartete ... Und Fabius verstand sie und verschonte sie.

An einem schönen Herbsttage beendigte Fabius sein Cäcilienbild; Valeria
saß vor der Orgel, und ihre Finger irrten über die Tasten ... Plötzlich
ertönte gegen ihren Willen unter ihren Fingern jenes Lied der
triumphierenden Liebe, welches einst Mutius gespielt hatte, und im
gleichen Augenblick fühlte sie in sich zum ersten Male seit ihrer
Verehelichung das Beben eines neuen, keimenden Lebens ... Valeria
erbebte und hielt an ...

Was bedeutete das? Hatte etwa ...

                   *       *       *       *       *

Bei diesem Worte endigte die Handschrift.



Ein Traum


I.

Ich lebte um jene Zeit mit meinem Mütterchen in einer kleinen Seestadt.
Ich war eben 17 Jahre alt geworden, meine Mutter war aber noch nicht 35;
sie hatte sehr jung geheiratet. Mein Vater starb, als ich gerade 6 Jahre
alt war, aber ich konnte mich seiner noch genau erinnern. Mütterchen war
eine kleine blonde Frau mit einem schönen, doch ewig traurigen Gesicht,
mit einer stillen, matten Stimme und schüchternen Bewegungen. In ihrer
Jugend war sie als eine Schönheit berühmt und sie blieb bis an ihr Ende
anziehend und anmutig. Ich habe nie tiefere, zartere und traurigere
Augen, weichere und feinere Haare, nie vornehmere Hände gesehen. Ich
vergötterte sie, und sie liebte mich ... Doch unser Leben ging freudlos
dahin: es war, als ob ein geheimer, unheilbarer und unverdienter Kummer
beständig an den Wurzeln ihres Lebens nagte. Diesen Kummer konnte ich
nicht nur mit der Trauer um meinen Vater erklären, so groß diese Trauer
auch war, so heiß sie meinen Vater auch geliebt hatte, so heilig sie
auch sein Andenken hielt ... Nein, hier war noch etwas verborgen, was
ich nicht wußte, was ich aber unbestimmt doch stark fühlte, so oft ich
in ihre stillen unbeweglichen Augen oder auf ihre schönen gleichfalls
unbeweglichen Lippen, die nicht in Verbitterung zusammengepreßt, aber
gleichsam für ewig erstarrt waren, blickte.

Ich sagte eben, daß meine Mutter mich liebte; es gab aber auch
Augenblicke, wo sie mich von sich stieß, wo ihr meine Gegenwart lästig
und unerträglich war. Sie schien dann einen unwillkürlichen Ekel vor mir
zu empfinden, -- nachher erschrak sie selbst darüber, bat mich unter
Tränen um Verzeihung und drückte mich an ihr Herz. Ich schrieb diese
Ausbrüche von Haß ihrer zerrütteten Gesundheit und ihrem Unglück zu ...
Diese feindseligen Gefühle wären allerdings auch mit den seltsamen, mir
selbst unbegreiflichen, bösen und verbrecherischen Regungen zu erklären
gewesen, die sich manchmal in mir regten ... Doch solche Anwandlungen
fielen nicht mit den Augenblicken ihres Hasses zusammen. -- Mütterchen
kleidete sich immer in Schwarz. Wir lebten auf ziemlich großem Fuße,
obwohl wir fast keine Bekannten hatten.


II.

Mütterchen hatte alle ihre Gedanken und Sorgen ständig auf mich
gerichtet. Ihr Leben floß mit dem meinigen zusammen. Solche Beziehungen
zwischen Eltern und Kindern sind für die Kinder nicht immer nützlich ...
eher sind sie schädlich. Außerdem war ich das einzige Kind meiner
Mutter, und einzige Kinder entwickeln sich meistens höchst
ungleichmäßig. Bei ihrer Erziehung sind die Eltern gewöhnlich ebensosehr
um sich selbst, als um die Kinder besorgt ... Und das kann unmöglich gut
sein. Ich war weder verzogen noch verbittert (beides kommt bei einzigen
Kindern vor), doch meine Nerven waren schon im frühen Alter zerrüttet;
auch war ich von schwacher Gesundheit, wie die Mutter, der ich auch
sonst nachgeraten war. Ich mied die Gesellschaft meiner Altersgenossen
und war überhaupt menschenscheu; selbst mit meinem Mütterchen sprach ich
sehr wenig. Am meisten liebte ich es, zu lesen, allein spazieren zu
gehen und zu träumen, zu träumen! Was der Inhalt meiner Träume war, kann
ich kaum sagen: ich hatte manchmal wirklich das Gefühl, als ob ich vor
einer halbverschlossenen Türe, hinter der ein Geheimnis verborgen wäre,
stände, und wartete, und die Schwelle nicht zu überschreiten wagte, und
immer grübelte, was sich hinter der Türe befände -- und ich wartete und
wartete -- oder schlief ein. Wenn in mir eine poetische Ader wäre, so
hätte ich gewiß angefangen, Verse zu machen; wenn ich eine Neigung zur
Religiosität verspürte, so wäre ich vielleicht Mönch geworden; aber
weder das eine, noch das andere war bei mir der Fall, -- und so fuhr ich
fort, zu träumen -- und zu warten.


III.

Ich erwähnte soeben, daß ich zuweilen unter Einwirkung von verworrenen
Gedanken und Träumereien einschlief. Ich schlief überhaupt viel, und
Träume spielten in meinem Leben eine große Rolle; fast jede Nacht hatte
ich Träume. Ich vergaß sie nie, ich maß ihnen große Bedeutung zu, ich
hielt sie für Vorbedeutungen und suchte sie mir auszulegen; einige
Träume kehrten von Zeit zu Zeit wieder, was mir immer wunderbar und
seltsam erschien. Besonders beunruhigte mich ein Traum: Mir träumte, ich
ginge durch die schmale, schlechtgepflasterte Gasse einer alten Stadt,
zwischen vielstöckigen Häusern mit spitzen Dächern. Ich suchte meinen
Vater, der gar nicht gestorben war, sondern sich aus irgendeinem Grunde
vor uns verborgen hielt und in einem dieser Häuser wohnte. Und ich trete
in ein dunkles niedriges Tor, durchschreite einen langen, mit Brettern
und Balken angefüllten Hof und gelange schließlich in ein kleines Zimmer
mit zwei runden Fenstern. Mitten in diesem Zimmer steht mein Vater in
einem Schlafrocke und raucht eine Pfeife. Er sieht ganz anders als mein
wirklicher Vater aus: er ist schlank, hager, schwarzhaarig, hat eine
Hakennase, mürrische, durchdringende Augen; er mag etwa vierzigjährig
sein. Er ist sehr unzufrieden, daß ich ihn aufgefunden habe; auch ich
freue mich gar nicht über diese Begegnung und stehe unentschlossen da.
Er wendet sich etwas ab, beginnt etwas zu brummen und mit kleinen
Schritten auf und ab zu gehen ... Dann entfernt er sich allmählich von
mir, immer noch brummend, und blickt immerfort über die Achsel nach mir
zurück; das Zimmer erweitert sich und verschwindet im Nebel ...
Plötzlich wird mir ängstlich beim Gedanken, daß ich meinen Vater wieder
verliere, ich stürze ihm nach, -- sehe ihn aber nicht mehr -- und höre
nur noch sein böses Brummen ... Mein Herz steht still -- ich erwache und
kann lange nicht wieder einschlafen ... Den ganzen folgenden Tag denke
ich an diesen Traum und kann ihn mir selbstverständlich nicht erklären.


IV.

Im Juni belebte sich das Städtchen, in dem ich mit meiner Mutter wohnte,
ganz außerordentlich. Zahllose Schiffe liefen im Hafen ein, zahllose
neue Gesichter tauchten auf den Straßen auf. Ich liebte es, um diese
Zeit auf den Quais, vor den Kaffeehäusern und Gasthöfen herumzuirren,
die verschiedenen Matrosen und andere Menschen zu beobachten, die unter
leinenen Sonnendächern vor kleinen, weißen Tischen saßen und aus
Zinnkrügen Bier tranken.

Als ich so einmal an einem Kaffeehause vorüberging, erblickte ich einen
Mann, der sofort meine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Mit einem langen,
schwarzen Kittel bekleidet, den Strohhut tief ins Gesicht gedrückt, saß
er ganz unbeweglich mit gekreuzten Armen. Dünne, schwarze Locken hingen
ihm fast bis an die Nase herab, die schmalen Lippen hielten das
Mundstück einer kurzen Pfeife umpreßt. Dieser Mann kam mir so bekannt
vor, jeder Zug seines gelben Gesichtes und seine ganze Erscheinung war
dermaßen in meinem Gedächtnisse eingeprägt, daß ich nicht umhin konnte,
vor ihm stehen zu bleiben und mir die Frage vorzulegen: wer ist er, wo
habe ich ihn schon gesehen? Da er wohl meinen unverwandten Blick auf
sich ruhen fühlte, richtete er seine schwarzen, stechenden Augen auf
mich ... Ich schrie unwillkürlich auf ...

Dieser Mann war jener Vater, den ich suchte, den ich im Traume gesehen
hatte!

Ein Irrtum war ganz ausgeschlossen, -- die Ähnlichkeit war zu
auffallend. Selbst der langschößige, schwarze Kittel, der seine hageren
Glieder umhüllte, erinnerte in seiner Farbe und Form an den Schlafrock,
in dem mir mein Vater erschienen war.

»Schlafe ich denn nicht?« fragte ich mich ... Nein ... Jetzt ist ja Tag,
ringsum lärmt die Menge, am blauen Himmel strahlt die Sonne, und vor mir
ist kein Gespenst, sondern ein lebendiger Mensch.

Ich trat an ein unbesetztes Tischchen, ließ mir einen Krug Bier und eine
Zeitung geben und setzte mich in die Nähe dieses rätselhaften Wesens.


V.

Indem ich die Zeitung in der Höhe meines Gesichtes hielt, fuhr ich fort,
den Unbekannten mit den Augen zu verschlingen. -- Er saß fast
bewegungslos da und hob nur selten seinen gesenkten Kopf. Offenbar
erwartete er jemand. Ich sah und sah ... Zuweilen schien es mir, das
Ganze sei Einbildung, von Ähnlichkeit sei eigentlich keine Spur, ich
hätte mich nur von meiner Einbildungskraft täuschen lassen ... So oft
aber jener eine Bewegung machte, auf dem Stuhle ein wenig hin und
herrückte, oder leicht die Hände hob, schrie ich beinahe wieder auf,
denn ich erkannte in ihm wieder meinen »nächtlichen« Vater! -- Er
bemerkte schließlich meine zudringliche Aufmerksamkeit, blickte zuerst
erstaunt, dann ärgerlich zu mir herüber und wollte aufstehen, wobei er
seinen kleinen Rohrstock, den er an den Tisch gelehnt hatte, fallen
ließ. Ich sprang sofort auf, hob ihn auf und reichte ihn ihm. Ich hatte
heftiges Herzklopfen.

Er lächelte gezwungen, bedankte sich, näherte sein Gesicht dem meinigen,
und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen und halboffenem Munde an; ich
hatte auf ihn offenbar einen Eindruck gemacht.

»Sie sind sehr höflich, junger Mann,« sagte er mit trockener, scharfer
und näselnder Stimme. »Heutzutage ist das eine Seltenheit. Gestatten Sie
mir, Ihnen zu der guten Erziehung, die Sie genossen, zu gratulieren.«

Ich weiß nicht mehr, was ich ihm darauf antwortete; aber bald entspann
sich zwischen uns ein Gespräch. Ich erfuhr, daß er ein Landsmann von mir
und soeben aus Amerika zurückgekehrt sei, wo er viele Jahre gelebt habe
und daß er bald wieder dorthin zurückzukehren gedenke. Er nannte sich
Baron ... den Namen konnte ich nicht verstehen. Wie mein »nächtlicher
Vater,« so schloß auch er jeden Satz mit einem undeutlichen innerlichen
Brummen. Er wünschte, meinen Namen zu erfahren ... Als er ihn hörte,
schien er sehr verwundert; dann fragte er mich, wie lange ich hier in
der Stadt wohne und mit wem. Ich sagte, ich wohne bei meiner Mutter.

»Und Ihr Vater?« -- »Mein Vater ist lange tot.« Er erkundigte sich nach
dem Vornamen meiner Mutter und lachte dabei gezwungen auf; dann
entschuldigte er sich und sagte, es sei eine üble amerikanische
Angewohnheit, wie er auch sonst ein großer Sonderling sei. Schließlich
fragte er mich nach unserer Adresse. Ich gab sie ihm.


VI.

Die Erregung, die sich meiner im Anfange unseres Gespräches bemächtigt
hatte, legte sich allmählich; ich fand diese so rasch geschlossene
Bekanntschaft etwas eigentümlich, und das war alles. Mir mißfiel das
Lächeln, mit dem der Herr Baron seine Fragen stellte; mir mißfiel auch
der Ausdruck seiner Augen, wenn er mich mit ihnen gleichsam durchbohrte
... In diesen Augen lag etwas Raubgieriges und zugleich Herablassendes
... etwas Unheimliches. Diese Augen hatte ich in meinen Träumen nicht
gesehen. Seltsam war das Gesicht des Barons! Welk, müde, abgespannt und
zugleich jugendlich, unangenehm jugendlich; Auch hatte mein »nächtlicher
Vater« nicht jene tiefe Schramme, die bei meinem neuen Bekannten über
die Stirne lief und die ich erst dann bemerkte, als ich mich ihm mehr
genähert hatte.

Kaum hatte ich dem Baron den Namen der Straße und die Hausnummer unserer
Wohnung mitgeteilt, als ein hochgewachsener Mohr, bis an die Augen in
einen Mantel gehüllt, von hinten an ihn herantrat und ihm leise auf die
Schulter klopfte. Der Baron wandte sich um und sagte: »Aha! Endlich!«
Dann nickte er mir mit dem Kopfe zu und begab sich mit dem Mohren ins
Innere des Kaffeehauses. Ich blieb allein draußen sitzen; ich wollte das
Fortgehen des Barons abwarten, nicht, um ihn wieder anzusprechen, --
(ich wußte eigentlich nicht, worüber ich noch mit ihm hätte sprechen
können) -- sondern um meine ersten Eindrücke nachzuprüfen. -- Es verging
aber eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, -- der Baron zeigte sich
nicht wieder. -- Ich ging ins Kaffeehaus, lief durch alle Räume, fand
aber nirgends weder den Baron, noch den Mohren ... Die beiden waren wohl
durch eine Hintertüre fortgegangen.

Mir schmerzte ein wenig der Kopf; um mich zu erholen, machte ich einen
kleinen Spaziergang am Meeresstrande entlang bis zu dem großen Parke,
der vor etwa zweihundert Jahren angelegt worden war. Nachdem ich gegen
zwei Stunden im Schatten der riesengroßen Eichen und Platanen
herumgewandert war, kehrte ich nach Hause zurück.


VII.

Sobald ich in unser Vorzimmer trat, stürzte mir unser Dienstmädchen ganz
außer sich entgegen. Ich erriet sofort aus ihrem Gesichtsausdrucke, daß
zu Hause während meiner Abwesenheit etwas Schlimmes vorgefallen war. Ich
erfuhr auch wirklich, daß vor einer Stunde aus dem Schlafzimmer meiner
Mutter ein gellender Schrei erklungen war; das herbeigeeilte
Dienstmädchen hatte sie in tiefer Ohnmacht auf dem Boden liegen
gefunden. Als meine Mutter zu sich kam, sah sie ganz erschrocken und
verstört aus und mußte sich zu Bette legen; sie sprach kein Wort,
beantwortete keine Frage, sah sich immer erregt um und zitterte. Das
Mädchen schickte den Gärtner nach einem Arzt. Der Arzt kam und
verschrieb ihr ein Beruhigungsmittel, doch wollte meine Mutter auch ihm
nichts sagen. Der Gärtner behauptete, er hätte einige Augenblicke nach
dem Aufschreien meiner Mutter einen unbekannten Mann gesehen, der über
die Gartenbeete zum Tor gelaufen sei. (Wir bewohnten ein einstöckiges
Haus, dessen Fenster nach einem ziemlich großen Garten gingen). Das
Gesicht des Fremden hatte der Gärtner nicht sehen können; er sei aber
hager und mit einem niederen Strohhut und einem langschößigen Rock
bekleidet gewesen ... »Die Kleidung des Barons!« ging es mir sofort
durch den Kopf. Der Gärtner konnte ihn nicht einholen, man hatte ihn
auch gleich ins Haus gerufen und nach dem Arzte geschickt. Ich ging zu
meiner Mutter hinein. Sie lag auf dem Bette, blasser als das Kissen, auf
dem ihr Kopf ruhte. Als sie mich erkannt hatte, lächelte sie matt und
streckte mir ihre Hand entgegen. Ich setzte mich zu ihr und begann sie
auszufragen; anfangs wich sie meinen Fragen aus, zuletzt gestand sie
aber, daß sie etwas gesehen hätte, wovor sie so erschrocken wäre. --
»Ist hier jemand gewesen?« fragte ich sie. -- »Nein,« sagte sie hastig,
»es war niemand hier, aber es schien mir ... es kam mir vor ...« Sie
schwieg und bedeckte die Augen mit der Hand. Ich wollte ihr schon sagen,
was ich vom Gärtner erfahren hatte, auch über meine Begegnung mit dem
Baron wollte ich ihr berichten, aber die Worte erstarben mir, ich weiß
nicht warum, auf den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Mutter zu
bemerken, daß Gespenster am hellen Tage nicht zu erscheinen pflegen ...
»Laß mich,« flüsterte sie, »laß mich, bitte, quäle mich jetzt nicht. Du
wirst es schon einmal erfahren ...« Sie schwieg wieder. Ihre Hände waren
kalt, der Puls ging schnell und ungleichmäßig. Ich gab ihr die Arznei
ein und trat ein wenig zur Seite, um sie nicht zu beunruhigen. Sie blieb
den ganzen Tag im Bette. Sie lag still und unbeweglich da, seufzte nur
zuweilen tief und öffnete erschrocken die Augen. Wir alle waren ganz
ratlos.


VIII.

Gegen Abend bekam meine Mutter ein leichtes Fieber und schickte mich
fort. Ich ging aber nicht in mein Zimmer, sondern legte mich im
Nebenzimmer auf den Divan und trat jede Viertelstunde auf den Fußspitzen
an ihre Türe, um zu horchen ... Alles blieb still; ich glaube aber kaum,
daß meine Mutter in dieser Nacht ein Auge zugedrückt hat. Als ich am
frühen Morgen zu ihr hineinging, schien ihr Gesicht erhitzt und ihre
Augen hatten einen unnatürlichen Glanz. Im Laufe des Tages fühlte sie
sich etwas besser, doch gegen Abend bekam sie wieder Fieber. Bis dahin
hatte sie hartnäckig geschwiegen, nun begann sie mit hastiger,
ungleichmäßiger Stimme zu erzählen. Sie phantasierte nicht, ihre Worte
hatten einen Sinn, aber keinen Zusammenhang. Kurz vor Mitternacht
richtete sie sich mit einem krampfhaften Ruck im Bette auf (ich saß
neben ihr) und begann mit hastiger Stimme zu erzählen, wobei sie
unaufhörlich schluckweise Wasser trank, matte Bewegungen mit den Händen
machte, mich aber kein einzigesmal ansah. Sie machte Pausen, gab sich
dann wieder einen Ruck und fuhr von neuem fort ... Dies alles war so
sonderbar, als ob sie es im Schlafe täte, als ob sie selbst dabei nicht
zugegen wäre, als ob ein anderer aus ihrem Munde spräche oder sie zu
sprechen zwänge.


IX.

»Höre, was ich dir erzählen werde,« begann sie. »Du bist ja kein Kind
mehr und mußt alles wissen. Ich hatte einst eine gute Freundin ... Sie
heiratete einen Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, und sie war mit
ihm sehr glücklich. Noch im ersten Jahre ihrer Ehe reisten sie in die
Hauptstadt, um dort einige Wochen zu verleben und sich zu amüsieren. Sie
stiegen in einem guten Gasthofe ab und gingen viel ins Theater und in
Gesellschaft. Meine Freundin war schön und fiel allen auf; die jungen
Leute machten ihr den Hof; unter ihnen war aber einer, ein Offizier. Er
verfolgte sie auf Schritt und Tritt und wo sie auch war, -- überall sah
sie seine schwarzen, bösen Augen. Er ließ sich ihr nicht vorstellen und
sprach niemals mit ihr, -- er sah sie aber immer so sonderbar frech an.
Alle Vergnügungen der Hauptstadt waren für sie durch seine Gegenwart
vergällt; sie bat ihren Mann, so bald als möglich abzureisen, -- und sie
machten sich reisefertig. Eines Abends begab sich ihr Mann in einen
Klub; einige Offiziere vom gleichen Regiment wie jener hatten ihn zum
Kartenspiel eingeladen ... Sie blieb zum ersten Male allein. Der Mann
blieb lange aus; sie entließ ihr Mädchen und begab sich zu Bett ... Da
überkam sie plötzlich ein beklemmendes Gefühl, so daß sie ganz kalt
wurde und schauderte. Es war ihr, als ob sie ein leises Geräusch hinter
der Wand -- wie das Scharren eines Hundes -- hörte, und sie richtete
ihren Blick auf die Wand. In der Ecke brannte ein Lämpchen; das ganze
Zimmer war mit Stofftapeten ausgeschlagen ... Plötzlich bewegte sich
etwas, der Wandbehang hob sich ... Und aus der Wand heraus trat schwarz
und lang jener unheimliche Mensch mit den bösen Augen! Sie wollte
aufschreien und konnte es nicht. Sie war ganz gelähmt vor Angst. Er ging
schnell wie ein Raubtier auf sie zu, warf ihr etwas über den Kopf, etwas
Schwüles, Schweres, Weißes ... Was weiter geschah, weiß ich nicht ...
weiß ich nicht! Es war wie der Tod, wie ein Mord ... Als sich dieser
schreckliche Nebel endlich verzog, als ich ... als meine Freundin zu
sich kam, war niemand im Zimmer. Sie konnte noch lange nicht schreien,
und als sie endlich aufschrie, verlor sie gleich wieder die
Besinnung ...

Später sah sie ihren Mann neben sich, den man bis zwei Uhr nachts im
Klub aufgehalten hatte ... Er war ganz blaß vor Schreck. Er begann sie
auszufragen, aber sie sagte nichts ... Dann wurde sie krank ... Doch ich
erinnere mich: als sie einmal allein im Zimmer war, untersuchte sie jene
Stelle an der Wand ... Unter der Stofftapete fand sie eine Geheimtüre.
Sie hatte ihren Trauring verloren. Dieser Ring war von ungewöhnlicher
Form: Sieben goldene Sterne wechselten auf ihm mit sieben silbernen
Sternen ab; es war ein alter Familienschmuck. Der Mann fragte sie, was
mit dem Ring geschehen sei, sie konnte ihm aber keine Antwort geben. Der
Mann glaubte, sie hätte ihn irgendwo fallen lassen und suchte überall,
fand ihn aber nicht. Auch ihn ergriff Unruhe; er beschloß, so schnell
als möglich nach Hause zu reisen, und sobald der Arzt es erlaubte,
verließen sie die Hauptstadt ... Aber denke dir nur! Am Tage ihrer
Abreise stießen sie auf der Straße auf eine Tragbahre ... Und auf dieser
Bahre lag ein eben ermordeter Mann mit gespaltenem Schädel -- denke dir
nur! -- es war jener nächtliche Gast mit den bösen Augen ... Man hatte
ihn beim Kartenspiel erschlagen!

Dann reiste meine Freundin aufs Land ... sie wurde zum erstenmal Mutter
... und lebte noch einige Jahre mit ihrem Mann. Er erfuhr niemals etwas;
was hätte sie ihm auch erzählen können? Sie wußte ja selbst nichts.

Doch das frühere Glück war verschwunden. Das Leben der Ehegatten wurde
finster, und diese Finsternis hellte sich nie wieder auf ... Weitere
Kinder bekamen sie nicht, und dieser Sohn ...«

Mütterchen erbebte am ganzen Körper und bedeckte das Gesicht mit den
Händen ...

»Aber sag mir jetzt,« fuhr sie mit verdoppelter Kraft fort, »hat meine
Freundin etwas verbrochen? Was kann sie sich vorwerfen? Sie war hart
gestraft; hatte sie aber nicht das Recht, vor Gott selbst zu erklären,
daß die Strafe, die sie getroffen, ungerecht und unverdient war? Warum
wird sie nun wie eine Verbrecherin von Gewissensbissen gepeinigt, warum
erscheint ihr das Vergangene noch jetzt, nach vielen Jahren, so
grauenvoll? Macbeth hat Banko ermordet, und es ist ganz natürlich, daß
er ihn immer vor sich sieht ... aber ich ...«

Hier wurde die Rede meiner Mutter so verworren, daß ich sie nicht mehr
verstand ... Ich zweifelte nicht mehr daran, daß sie phantasierte.


X.

Jeder wird leicht begreifen, welchen erschütternden Eindruck die
Erzählung meiner Mutter auf mich machte! Ich hatte gleich beim ersten
Wort begriffen, daß sie von sich selbst und nicht von einer Freundin
sprach; sie hatte sich ja auch einmal versprochen, und dies bestätigte
nur meine Vermutung. Also war dieser Mann, den ich im Traume gesucht und
jetzt auch im Wachen gesehen hatte, wirklich mein Vater. Er war nicht
ermordet, wie meine Mutter glaubte, sondern nur verwundet ... Er hatte
sie wohl besucht und war, durch ihren Schreck erschreckt, davongelaufen.
Plötzlich wurde mir alles klar; das Gefühl der unwillkürlichen
Abneigung, welches meine Mutter zuweilen gegen mich empfand, ihr ewiger
Gram und unsere Zurückgezogenheit ... Ich entsinne mich noch, daß mich
ein Schwindel erfaßte, daß ich mit beiden Händen nach meinem Kopfe
griff, als ob ich ihn festhalten wollte. Aber ein Gedanke setzte sich in
meinem Kopfe fest; ich wollte unbedingt, koste es was es wolle, jenen
Mann wieder aufsuchen! Warum? Welchen Zweck sollte das haben? Darüber
legte ich mir keine Rechenschaft ab, aber ich mußte ihn aufsuchen, das
war mir eine Lebensfrage! Am nächsten Morgen beruhigte sich meine Mutter
endlich, das Fieber wich ... sie schlief ein. Ich überließ sie der
Fürsorge der Hausleute und der Dienerschaft und machte mich auf die
Suche.


XI.

Vor allen Dingen begab ich mich selbstverständlich ins Kaffeehaus, wo
ich den Baron zuerst gesehen hatte; aber dort kannte ihn niemand,
niemand hatte den zufälligen Gast auch nur bemerkt. Auf den Mohren
konnten sich die Wirtsleute wohl besinnen, denn dieser fiel zu sehr in
die Augen, aber wer er war und wo er wohnte, wußte niemand. Ich ließ für
alle Fälle im Kaffeehaus meine Adresse zurück und begann dann alle
Straßen in der Nähe des Hafens, alle Quais und Boulevards der Stadt
abzusuchen, sah in alle öffentlichen Lokale hinein, fand aber nichts,
was dem Baron oder seinem Begleiter ähnlich sähe!... Da ich den Namen
des Barons nicht verstanden hatte, war es mir auch nicht möglich, bei
der Polizei Erkundigungen einzuziehen; ich gab aber einigen
Polizeidienern (die mich allerdings erstaunt und mißtrauisch ansahen)
unter der Hand zu verstehen, daß sie von mir eine anständige Belohnung
bekommen würden, wenn es ihnen gelänge, die Spuren jener zwei Personen,
deren Äußeres ich ihnen so genau wie möglich beschrieb, aufzufinden.
Nachdem ich auf diese Weise den ganzen Vormittag umhergelaufen war,
kehrte ich erschöpft nach Hause zurück. Meine Mutter hatte das Bett
verlassen, doch hatte sich zu ihrer gewöhnlichen Trauer etwas Neues
hinzugesellt, eine wehmütige Ratlosigkeit, die mir wie ein Messer in das
Herz schnitt. Den Abend blieb ich an ihrer Seite. Wir sprachen fast
nichts: sie legte Patiencen, und ich sah schweigend in ihre Karten. Sie
kam mit keinem Wort auf ihre Erzählung und auf die gestrigen Vorgänge
zurück. Es war, als ob wir eine stillschweigende Verabredung getroffen
hätten, alle die unheimlichen und seltsamen Vorgänge nicht zu berühren
... Sie bereute anscheinend schon, daß sie sich zu dieser Erzählung
hatte hinreißen lassen; vielleicht erinnerte sie sich auch nicht mehr
genau, was sie mir alles in ihrem Fieberzustand erzählt hatte, und
hoffte, daß ich sie verschonen werde ... Ich schonte sie auch wirklich,
und sie fühlte es; sie wich wie gestern meinen Blicken aus. Ich konnte
die ganze Nacht nicht einschlafen. -- Draußen erhob sich plötzlich ein
furchtbarer Sturm. Der Wind heulte wie toll, die Fensterscheiben
dröhnten und klirrten, die ganze Luft war von verzweifeltem Winseln und
Schreien erfüllt, als ob sich dort oben etwas zerrisse und mit tollem
Weinen über die erschütterten Häuser dahinflöge. Vor Sonnenaufgang
schlummerte ich etwas ein ... plötzlich schien es mir, jemand sei ins
Zimmer getreten und hätte mich mit leiser doch eindringlicher Stimme
beim Namen gerufen. Ich hob den Kopf und sah niemand; doch seltsam! ich
erschrak nicht nur nicht, ich war eher froh: ich hatte plötzlich die
Überzeugung, daß ich jetzt bestimmt mein Ziel erreichen würde. Ich
kleidete mich schnell an und ging aus dem Hause.


XII.

Der Sturm hatte sich gelegt ... doch bebte noch ein leiser Nachhall in
der Luft. Es war noch sehr früh und auf den Straßen war noch kein Mensch
zu sehen; an vielen Stellen lagen Trümmer von Schornsteinen, Dachziegel,
Bretter von zerstörten Zäunen, abgebrochene Baumäste umher ... »Wie mag
es nachts auf dem Meere zugegangen sein?« -- diese Frage kam mir
unwillkürlich in den Sinn beim Anblick der Spuren, die der Sturm
zurückgelassen hatte. Ich wollte schon nach dem Hafen gehen, aber meine
Füße trugen mich, gleichsam einem fremden Willen gehorchend, nach einer
anderen Seite. Nach kaum zehn Minuten sah ich mich in einem Stadtteil,
in dem ich noch niemals gewesen war. Ich ging nicht schnell, blieb aber
auch nie stehen; ich hatte ein ganz eigentümliches Gefühl im Herzen; ich
erwartete etwas Ungewöhnliches, Unmögliches und war zugleich überzeugt,
daß dieses Ungewöhnliche eintreten werde.


XIII.

Und nun trat dieses Ungewöhnliche, dieses Unerwartete wirklich ein! Etwa
zwanzig Schritte vor mir erblickte ich plötzlich jenen Mohren, der im
Kaffeehause vor meinen Augen den Baron angesprochen hatte! In den
gleichen Mantel gehüllt, den ich mir schon damals gemerkt hatte, war er
wie aus der Erde geschossen und ging nun, mir den Rücken wendend, mit
raschen Schritten auf dem schmalen Trottoir einer krummen Gasse hinab!
Ich stürzte ihm sofort nach, aber er verdoppelte die Schritte und bog
plötzlich, ohne sich nach mir umzublicken, um die Ecke eines
vorspringenden Hauses. Ich erreichte diese Ecke und bog ebenso schnell
um sie herum, wie der Mohr ... Welch ein Wunder! Vor mir lag eine lange,
schmale, ganz leere Straße; sie war ganz in trüben, bleiernen
Morgennebel getaucht, -- aber mein Blick konnte bis an ihr Ende dringen,
konnte alle ihre Häuser zählen ... kein lebendes Wesen war zu sehen! Der
lange Mohr im Mantel war ebenso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht
war! Ich wunderte mich ... aber nur für einen Augenblick. Denn gleich
überkam mich ein anderes Gefühl; diese schweigende und gleichsam
ausgestorbene Straße, die sich vor meinen Augen hinzog, -- ich hatte sie
erkannt! Es war die Straße meines Traumes. Ich erbebte, ich zuckte
zusammen -- die Morgenluft war so frisch -- und ging sofort, ohne zu
schwanken, mit einer gewissen ängstlichen Zuversicht weiter!

Ich fange an, mit den Augen zu suchen ... Da ist es ja: rechts, mit
einer Ecke vorspringend, steht das Haus meines Traumes; da ist auch das
altertümliche Tor mit den steinernen Schnörkeln zu beiden Seiten ... Die
Fenster sind allerdings viereckig und nicht rund, aber das ist nicht
wichtig ... Ich klopfe an das Tor zweimal, dreimal, immer lauter und
lauter ... Das Tor geht langsam, mit schwerem Knarren, gleichsam gähnend
auf. Vor mir steht ein junges Dienstmädchen mit zerzaustem Haar und
verschlafenen Augen. Sie ist offenbar eben erst aufgewacht. »Wohnt hier
der Baron?« frage ich, und meine Blicke durchfliegen den tiefen, engen
Hof ... Es stimmt: da sind auch die Bretter und Balken, die ich im
Traume gesehen hatte.

»Nein,« antwortet mir das Mädchen, »der Baron wohnt hier nicht.«

»Unmöglich!«

»Er ist jetzt nicht hier. Er ist gestern abgereist.«

»Wohin?«

»Nach Amerika.«

»Nach Amerika!« wiederholte ich unwillkürlich. »Er kommt doch noch
zurück?«

Das Dienstmädchen sah mich mißtrauisch an.

»Das wissen wir nicht. Vielleicht kommt er auch gar nicht zurück.«

»Hat er lange hier gewohnt?«

»Nein, nur eine Woche. Jetzt ist er ganz fort.«

»Und wie war der Familienname dieses Barons?«

Das Mädchen sah mich erstaunt an.

»Wie, Sie kennen seinen Namen nicht? Wir nannten ihn einfach Baron. He,
Peter!« rief sie, als sie sah, daß ich vorwärts dringen wollte. »Komm
mal her: ein Fremder ist hier, der alles wissen will.«

Aus dem Hause kam die plumpe Gestalt eines kräftigen Knechtes hervor.

»Was ist los? Was wünschen Sie?« fragte er mich mit heiserer Stimme. Er
hörte mich verdrießlich an und wiederholte alles, was schon das Mädchen
gesagt hatte.

»Wer wohnt denn hier?« fragte ich.

»Unser Herr.«

»Und wer ist er?«

»Ein Schreiner. In dieser Straße wohnen lauter Schreiner.«

»Kann ich ihn sprechen?«

»Nein, jetzt nicht; jetzt schläft er.«

»Darf ich ins Haus hinein?«

»Nein, gehen Sie.«

»Kann ich den Herrn vielleicht später sprechen?«

»Warum nicht? Gewiß. Den können Sie immer sprechen ... Dazu ist er ja
Geschäftsmann. Aber jetzt gehen Sie. Es ist zu früh!«

»Nun, und der Mohr?« fragte ich ihn unvermittelt.

Der Knecht sah erst mich und dann das Dienstmädchen ganz verständnislos
an.

»Was für ein Mohr?« fragte er schließlich. »Gehen Sie, Herr. Sie können
später wiederkommen und mit dem Herrn sprechen.«

Ich trat auf die Straße. Das Tor wurde hinter mir schnell und schwer
zugeschlagen, diesmal ganz ohne Knarren.

Ich merkte mir genau die Straße und das Haus und ging, aber nicht nach
Hause. -- Ich empfand etwas wie Enttäuschung. Alles, was ich erlebt
hatte, war so seltsam, so ungewöhnlich und hatte doch ein so dummes Ende
genommen! Ich war überzeugt, ich war ganz sicher, daß ich in diesem
Hause das mir bekannte Zimmer sehen würde, und mitten im Zimmer meinen
Vater, den Baron, im Schlafrock und mit einer Pfeife ... Und statt
dessen war der Besitzer des Hauses ein Schreiner, den man nach Belieben
aufsuchen durfte, bei dem man vielleicht auch Möbel bestellen konnte ...

Und mein Vater ist nach Amerika abgereist! Was bleibt mir nun zu tun
übrig?.. Soll ich alles der Mutter erzählen, oder die Erinnerung an
diese Begegnung begraben? Ich konnte mich unmöglich mit dem Gedanken
abfinden, daß sich an einen solchen übernatürlichen, geheimnisvollen
Anfang ein solches sinnloses und gewöhnliches Ende schließen könne!

Ich wollte nicht nach Hause zurückkehren und ging ziellos aus der Stadt
ins Freie.


XIV.

Ich ging gesenkten Hauptes, ohne Gedanken, fast ohne Empfindungen, doch
ganz in mich gekehrt. -- Ein gleichmäßiges, dumpfes und wildes Getöse
brachte mich aus dieser Erstarrung. Ich hob den Kopf: die See brauste
etwa fünfzig Schritte von mir entfernt. Ich sah, daß ich über den Sand
einer Düne ging. Die vom nächtlichen Sturme aufgeregte See war bis zum
Horizonte mit weißen Wellenkämmen bedeckt, und die steilen, langen Wogen
rollten eine nach der anderen langsam heran und zerschellten am flachen
Ufer. Ich trat näher und ging längs der Grenzlinie, welche die Brandung
auf dem gelben, gestreiften, mit Fetzen von Seealgen, Muschelscherben,
schlangenförmigen Bändern des Riedgrases bedeckten Sand zurückgelassen
hatte. Möwen mit spitzen Flügeln kamen mit dem Winde aus ferner,
luftiger Ferne kläglich schreiend herbeigeflogen, stiegen schneeweiß zum
grauen Wolkenhimmel empor, fielen steil herab, sprangen gleichsam von
Welle zu Welle und verschwanden, silbernen Funken ähnlich, in den
Streifen des wirbelnden Schaumes. Ich bemerkte, daß einzelne Möwen
hartnäckig einen großen Stein umkreisten, der einsam inmitten der
gleichförmigen Sandfläche lag. Rauhes Riedgras wuchs in unregelmäßigen
Büscheln an der einen Seite des Steins, und, wo die verworrenen Stengel
aus dem gelben Salzgrund emporstiegen, lag etwas Schwarzes, Längliches,
Rundliches, nicht sehr Großes ... Ich sah genauer hin ... Irgendein
dunkler Gegenstand lag unbeweglich neben dem Steine ... Er wurde immer
deutlicher und bestimmter, je näher ich herankam ...

Ich war nur noch etwa dreißig Schritte vom Steine entfernt ...

Es sind ja die Umrisse eines menschlichen Körpers! Es ist ein Leichnam;
es ist ein Ertrunkener, den die Brandung herausgeworfen hat! Ich ging an
den Stein heran.

Es war der Leichnam des Barons, meines Vaters! Ich blieb wie angewurzelt
stehen. Jetzt erst begriff ich, daß mich seit dem frühen Morgen
unbekannte Mächte getrieben hatten, daß ich ganz in ihrer Gewalt war, --
und einige Augenblicke lang war in meiner Seele nichts als das
eintönige, unaufhörliche Brausen der See und die stumme Angst vor dem
Schicksal, das mich ergriffen hatte ...


XV.

Er lag auf dem Rücken, etwas zur Seite gekehrt, die linke Hand unter dem
Kopfe ... die rechte unter dem gekrümmten Körper. Die Spitzen der mit
hohen Matrosenstiefeln bekleideten Füße waren im zähen Schlamm
eingesunken; die kurze blaue Joppe war ganz mit Salzwasser durchtränkt
und noch zugeknöpft; ein rotes Tuch umschlang straff seinen Hals. Das
dunkle Gesicht war zum Himmel gekehrt und schien zu lächeln; unter der
emporgezogenen Oberlippe sahen die dichten, kleinen Zähne hervor; die
trüben Pupillen der halbgeschlossenen Augen stachen nur wenig von dem
dunkel gewordenen Weißen ab; die mit Schaumblasen bedeckten und mit Sand
beschmutzten Haare fielen zur Erde und ließen die glatte Stirne mit der
bläulichen Schramme frei; die schmale Nase stand scharf zwischen den
eingefallenen Wangen. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte das Seinige
besorgt! Er hat sein Amerika nicht wiedergesehen! Der Mensch, der meine
Mutter beschimpft und ihr Leben verstümmelt hatte, mein Vater, -- ja!
mein Vater -- ich durfte nicht daran zweifeln -- er lag jetzt hilflos
ausgestreckt im Schmutze zu meinen Füßen. Ich hatte das Gefühl
befriedigter Rachsucht, empfand auch Mitleid, Ekel und Grauen ...
doppeltes Grauen: vor dem, was ich sah und vor dem, was vor Jahren
geschehen war. All das Böse, Verbrecherische, von dem ich schon sprach,
regte sich wieder in mir ... es drohte mich zu ersticken ... Aha! dachte
ich mir: jetzt weiß ich, warum ich so bin, jetzt weiß ich, von wem ich
das Blut habe! Ich stand neben der Leiche, und sah, und wartete:
vielleicht zuckten noch die toten Pupillen, vielleicht öffneten sich
noch diese erstarrten Lippen ... -- Nein! Alles blieb regungslos, selbst
das Riedgras schien da, wo ihn die Brandung herausgespült hatte, zu
ersterben; auch die Möwen waren fortgeflogen, kein einziges
Trümmerstück, kein Brett, kein Stück Takelwerk war zu sehen. Alles war
leer ... nur er -- und ich -- und die fernhin brausende See. Ich blickte
mich um: auch hinter mir dieselbe Öde; bis zum Horizont zog sich eine
Kette lebloser Hügel ... das war alles! Es war mir peinlich, den
Unglücklichen in dieser Einsamkeit, im Uferschlamm als Speise für die
Fische und Vögel zurückzulassen; eine innere Stimme sagte mir, daß ich
Menschen suchen und holen müsse, wenn auch nicht zur Hilfe, so doch um
ihn unter ein schützendes Dach zu bringen. Aber eine unsägliche Angst
ergriff mich plötzlich. Es war mir, als ob dieser tote Mensch wisse, daß
ich hergekommen sei, als ob er selbst diese letzte Begegnung veranlaßt
habe -- ich glaubte sogar jenes unheimliche mir bekannte Brummen zu
hören ... Ich lief zur Seite ... und blickte mich noch einmal um ...
Etwas Glänzendes fiel mir in die Augen und hielt mich zurück. Es war ein
goldener Reif an der zurückgeworfenen Hand des Ertrunkenen ... Ich
erkannte den Trauring meiner Mutter. Ich kann mich noch erinnern, wie
ich mich bezwang, umzukehren, an ihn heranzutreten, mich über ihn zu
beugen ... wie klebrig seine kalten Finger waren, wie ich schwer
keuchte, die Augen schloß, und mit den Zähnen knirschte, während ich den
hartnäckigen Ring vom Finger abzog ...

Schließlich habe ich ihn abgezogen, und ich renne, renne davon, Hals
über Kopf -- und irgend etwas jagt mir nach, holt mich ein, packt
mich ...


XVI.

Alles, was ich durchgemacht und erlebt hatte, war wohl auf meinem
Gesichte zu lesen, als ich nach Hause zurückkehrte. Als ich ins Zimmer
der Mutter trat, richtete sie sich plötzlich auf und sah mich so
hartnäckig-fragend an, daß ich, nachdem ich ohne Erfolg versucht hatte,
irgendeine harmlose Erklärung vorzubringen, ihr schließlich schweigend
den Ring überreichte. Sie wurde entsetzlich blaß, ihre Augen öffneten
sich ungewöhnlich weit und wurden ebenso leblos wie bei ihm. Sie schrie
schwach auf, taumelte, ergriff den Ring, fiel mir halb ohnmächtig an die
Brust und bohrte ihre wahnsinnigen, weit geöffneten Augen in mich. Ich
umfaßte sie mit beiden Armen und erzählte ihr stehend, ohne mich zu
rühren und ohne Überstürzung mit ruhiger Stimme alles, was ich wußte:
von meinem Traum, von der Begegnung und von allem. Sie hörte mich bis zu
Ende an, ohne mich auch nur mit einem Worte zu unterbrechen, ihr Atem
ging immer schneller, und plötzlich wurden ihre Augen wieder lebhaft und
senkten sich zu Boden. Dann steckte sie sich den Ring auf den
Goldfinger, trat etwas zur Seite und holte Mantel und Hut. Ich fragte
sie, wohin sie gehen wolle. Sie sah mich verwundert an, wollte
antworten, aber die Stimme versagte ihr. Sie zuckte einige Male
zusammen, rieb sich die Hände, als ob sie sich erwärmen wollte und sagte
schließlich: »Wir wollen gleich hingehen.«

»Wohin denn, Mütterchen?«

»Wo er liegt ... ich will sehen ... ich will ihn erkennen ... ich werde
ihn erkennen ...«

Ich versuchte es ihr auszureden, aber sie hätte beinahe einen
Nervenanfall bekommen. Ich begriff, daß es unmöglich war, sich ihrem
Wunsche zu widersetzen, und wir machten uns auf den Weg.


XVII.

Nun gehe ich wieder über den Dünensand, aber nicht allein. Ich führe
meine Mutter am Arme. Die See ist zurückgetreten und ruhiger geworden,
aber auch das schwächere Brausen klingt noch drohend und
unheilverkündend. Da ist endlich der einsame Stein, da ist auch das
Riedgras. -- Ich schaue gespannt hin, ich bemühe mich, jenen rundlichen,
auf der Erde liegenden Gegenstand zu erspähen, -- doch ich sehe nichts.
Wir kommen näher heran; ich verlangsame unwillkürlich die Schritte. Wo
ist denn jenes Schwarze, Unbewegliche? Nur die dunklen Stengel des
Riedgrases ragen aus dem schon trockenen Sande ... Wir treten ganz nahe
an den Stein heran ... Die Leiche ist fort, und nur auf jener Stelle, wo
sie gelegen hatte, ist im Schlamm noch eine Vertiefung zu sehen, und man
kann unterscheiden, wo die Arme und Beine waren ... Das Gras ist etwas
zerdrückt, da sind auch die Fußspuren eines Menschen zu erkennen; sie
laufen quer über die Düne und verlieren sich auf dem Kieselboden.

Mütterchen und ich sehen uns einander an und erschrecken vor dem, was
wir in unseren Augen lesen ...

Er war doch nicht selbst aufgestanden und fortgegangen?

»Hast du ihn tot gesehen?« fragte die Mutter ganz leise.

Ich nickte nur. Es waren noch nicht drei Stunden vergangen, seit ich die
Leiche des Barons gesehen hatte ... Jemand hatte sie wohl entdeckt und
weggetragen. -- Ich sollte eigentlich feststellen, wer es getan hatte
und was aus ihr geworden war.

Aber zuerst mußte ich für meine Mutter sorgen.


XVIII.

Solange wir auf dem Wege zum verhängnisvollen Orte waren, schüttelte sie
zwar ein Fieberfrost, aber sie beherrschte sich noch. Das Verschwinden
der Leiche traf sie wie ein schweres Unglück. Sie verfiel in einen
Starrkrampf. Ich fürchtete um ihren Verstand. Mit großer Mühe führte ich
sie nach Hause. Ich brachte sie wieder ins Bett und ließ den Arzt
kommen; sobald aber die Mutter etwas zur Besinnung kam, verlangte sie
von mir, daß ich mich unverzüglich auf die Suche nach »jenem Menschen«
begäbe. Ich gehorchte. Aber trotz aller Bemühungen entdeckte ich nichts.
Ich ging einige Male auf die Polizei, besuchte alle in der Nähe
liegenden Dörfer, erließ einige Annoncen in den Zeitungen, zog überall
Erkundigungen ein, -- alles war vergebens! Allerdings wurde mir einmal
gemeldet, daß in ein Stranddorf ein Ertrunkener gebracht worden sei ...
Ich eilte sofort hin, die Leiche war aber inzwischen beerdigt worden;
übrigens glich sie nach dem Signalement gar nicht dem Baron. Ich stellte
fest, auf welchem Schiffe er nach Amerika abgefahren war; zuerst waren
alle überzeugt, daß das Schiff während eines Sturmes untergegangen sei;
doch einige Monate später ging das Gerücht, daß man es im Hafen von
New-York gesehen habe. Ich wußte nicht, was ich noch weiter unternehmen
sollte, und begann den Mohren, mit dem ich ihn gesehen hatte, zu suchen;
ich bot ihm durch die Zeitungen eine nicht unbedeutende Geldsumme an,
wenn er sich bei uns melden würde. Einmal kam in meiner Abwesenheit zu
uns wirklich ein langer Mohr in einem Mantel ... Nachdem er aber das
Dienstmädchen ausgefragt hatte, ging er eilig fort und kam nicht wieder.

So verlor ich die letzte Spur meines ... Vaters; so versank er für immer
in stummes Dunkel. -- Ich sprach mit der Mutter nie wieder von ihm; nur
einmal, wie ich mich entsinne, kam sie auf meinen Traum zurück und
wunderte sich, warum ich früher niemals seiner erwähnt hatte; sie fügte
dann hinzu: »Also war er wirklich ...« sprach aber ihren Gedanken nicht
zu Ende. Mütterchen war lange Zeit krank, und unser inniges Verhältnis
erneuerte sich nach ihrer Genesung nicht wieder. Sie genierte sich vor
mir ... bis an ihr Ende ... Sie genierte sich buchstäblich. Aber dem war
nicht abzuhelfen. Alles gleicht sich aus, selbst Erinnerungen an die
traurigsten Familienereignisse verlieren ihre Kraft und ihre Schärfe;
wenn aber zwischen zwei einander nahestehenden Personen Befangenheit
auftritt, so ist dem nicht abzuhelfen! -- Den Traum, der mich so sehr
beunruhigt hatte, sah ich nie wieder. Ich »suche« meinen Vater nicht
mehr; doch manchmal kommt es mir im Schlafe vor, -- als hörte ich ein
fernes Schluchzen, ein unstillbares, jämmerliches Klagen; es tönt
irgendwo hinter einer Mauer, die ich nicht übersteigen kann; es
schneidet mir das Herz entzwei, ich weine mit geschlossenen Augen, und
kann unmöglich begreifen, was das ist: ob das Stöhnen eines lebenden
Menschen, oder das gedehnte wilde Heulen der bewegten See? Die Töne
gehen wieder in ein tierisches Brummen über, -- und mit tiefem Weh und
Grauen im Herzen wache ich auf.


  HOF-BUCH- U. -STEINDRUCKEREI DIETSCH & BRÜCKNER, WEIMAR.



  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Die mehrmals wiederholte Phrase »Passa quei' colli ...« wurde wie
    im Original beibehalten.

    Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
    steht.

  von ihnen ans Fenster getreten und hatte sich gegen das Fensterkreuz
  von innen ans Fenster getreten und hatte sich gegen das Fensterkreuz

  wollte, wer ich sei ... Das heiße Öl der Lampe tropft mir auf mein
  wollte, wer ich sei ...« Das heiße Öl der Lampe tropft mir auf mein

  es, ich war ungegewöhnlich kühn und entschlossen; die frische Morgenluft
  es, ich war ungewöhnlich kühn und entschlossen; die frische Morgenluft

  Soy un cadro de tristeza,
  Soy un cuadro de tristeza,

  »Und was wird geschen?«
  »Und was wird geschehen?«

  sich selbst hin, holt aus der Tasche ein karriertes Tuch und breitet es
  sich selbst hin, holt aus der Tasche ein kariertes Tuch und breitet es

  mir ein solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, daß ich wohl
  mir eine solche Furcht vor dem Manne und eine solche Demut, daß ich wohl

  auf die er noch immer keine Antwort finden konnte .. Ob Mutius
  auf die er noch immer keine Antwort finden konnte ... Ob Mutius

  nicht warum, auf den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Muter zu
  nicht warum, auf den Lippen. Ich erlaubte mir jedoch, der Mutter zu

  deren Äußeres ich ihnen so genau wie möglich bebeschrieb, aufzufinden.
  deren Äußeres ich ihnen so genau wie möglich beschrieb, aufzufinden.

  luftiger Ferne kläglich schreiend herbeigeflogen, stiegen schweeweiß zum
  luftiger Ferne kläglich schreiend herbeigeflogen, stiegen schneeweiß zum

  »Wohin denn, Mütterchen?
  »Wohin denn, Mütterchen?«

  Mütterchen und ich sehen uns einander an und erschrecken vor dem, war
  Mütterchen und ich sehen uns einander an und erschrecken vor dem, was

  ]





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