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Title: Arme Leute
Author: Dostojewski, Fjodor M.
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Arme Leute" ***

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  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Der auf der Titelseite und in der Vorbemerkung erwähnte zweite Text,
    »Der Doppelgänger«, ist in diesem e-book nicht enthalten.

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
  ]



  F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

  Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
  herausgegeben von Moeller van den Bruck


  Zweite Abteilung: Vierzehnter Band



  F. M. Dostojewski

  Arme Leute
  Der Doppelgänger

  Zwei Romane


  R. Piper & Co. Verlag, München, 1920



  _Sechstes bis zehntes Tausend_

  Übertragen von _E. K. Rahsin_

  Copyright 1920 by R. Piper & Co., G.m.b.H.,
  Verlag in München



Vorbemerkung


Der Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: den Briefroman der
»Armen Leute« und die Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie
ausdrücklich nannte, vom »Doppelgänger«. Die eine ist in der Reihenfolge
der Werke Dostojewskis mit dem Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846
verbunden.

Die »Armen Leute« waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: sie wirkten, trotz
Gogol, der vorhergegangen war, wie der Einbruch einer neuen
Literaturrichtung, der naturalistischen, die auf die romantische folgte,
und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von ganz Jung-Rußland auf
den neuen Dichter. Heute lesen wir das Werk nicht wegen seines
zeitlichen und literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite kaum
noch verstehen, sondern um des Ewigen und Lyrisch-Mächtigen willen, von
dem es in seiner rührenden Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist.

Der »Doppelgänger«, mit den dunklen, unheimlichen und unberechenbaren
Mächten, die wie ein nächtiges Schattenspiel in dem Dichter lebten,
kündete den späteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker,
der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern Dostojewski den
Fatalisten und Tragiker. Schon in den »Armen Leuten« war die ungemeine
Psychologie in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war eine
Psychologie der Nähe und Innigkeit gewesen. Jetzt, in dem
»Doppelgänger«, wurde eine Psychologie des Abgrundes und der
Erschütterung daraus, und man ahnte bereits, daß sie zu einer ganzen
Weltanschauung und russischen Menschenanschauung auswachsen konnte. --
Das Doppelgängerproblem selbst lag in der Zeit. Poe hatte ihm im William
Wilson den romantischen Helden gegeben, E. Th. A. Hoffmann in den
Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventüre gezogen.
Dostojewski dagegen -- und eben dies kennzeichnete ihn so -- brachte
dasselbe Problem mit der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche,
das Graue, der Alltag besitzen kann, und ließ es in Wahngebilden aus dem
kranken Hirn eines Menschen steigen, der äußerlich zunächst nicht anders
ist wie Tausende um ihn.

M. v. d. B.



Arme Leute


»Nein, ich danke für diese Märchendichter! Anstatt etwas Nützliches,
Angenehmes, Erquickendes zu schreiben, kratzen sie da die kleinsten
Kleinigkeiten aus der Erde hervor und schnüffeln überall herum!... Ich
würde Ihnen einfach verbieten, zu schreiben! Zum Beispiel, was soll das:
man liest ... unwillkürlich denkt man doch nach, -- aber ... aber ... es
kommen einem nur alle möglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein,
wirklich, ich würde ihnen verbieten, zu schreiben, ganz einfach und
unter allen Umständen: schlankweg verbieten!«

Fürst W. F. Odojewskij.

                   *       *       *       *       *

8. April.

Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!

Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, wie man
glücklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch
wenigstens einmal im Leben auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen
acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich mich nach dem
Dienst ein bis zwei Stündchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich
mir meine Kerze -- und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe
und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich ganz unversehens
auf -- da: wirklich, mein Herz begann zu hüpfen! So haben Sie doch
erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war
zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt,
genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es
mir noch, daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig
auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, daß
Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdroß, mein Täubchen,
daß ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!
Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen,
mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es
wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends
noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nächsten
Morgen gleich rot und tränen so, daß man sich vor fremden Leuten fast
schämen muß. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein Kind,
Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ganz
dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal küßte, Warinka --
erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien
mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart?
Das müssen Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir wieder
einmal schreiben.

Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem
Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der
Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf -- immer weiß
ich dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und
auch selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so
heißt das: »Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu
gehen!« Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: »Guten Morgen, Makar
Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer
Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund
und wohlgemut!«

Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar
keine Briefe nötig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung
stammt von mir! Nun was -- bin ich nicht erfinderisch, Warwara
Alexejewna?

Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, daß ich diese Nacht recht
gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn
auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus
Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch
immer nicht alles so, wie es sein muß. Als ich heute aufstand, war es
mir ganz wie -- wie -- nun, wie so einem lichten Falken ums Herz -- froh
und sorgenfrei! Was ist das doch heute für ein schöner Morgen, mein
Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die
Vögel zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und die ganze
Natur lebt auf, -- nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich
gehört, genau wie es sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar
ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich
verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvögelchen, das so recht zur
Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen ist.
Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen
und Aengsten leben, die kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und
unschuldiges Glück beneiden könnten, -- nun und Aehnliches mehr, alles
von der Art, dachte ich. Das heißt, ich machte nur so entfernte
Vergleiche ... Ich habe da ein Büchelchen, Warinka, in dem ist von
solchen Dingen die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. Ich
schreibe das deshalb, weil ich nur sagen will, daß es doch sonst immer
verschiedene Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist
es Frühling, und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so
geistreiche und erfinderische obendrein, und sogar zärtliche Träumereien
kommen einem. Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb
habe ich auch dies alles geschrieben. Uebrigens habe ich es meist dem
Büchelchen entnommen. Dort äußert der Verfasser ganz denselben Wunsch,
nur in Versen:

    »Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!«

Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor,
aber -- nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute
morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst
aufgemacht, da gingen Sie bereits fröhlich über den Hof, hatten schon
wie ein Frühlingsvöglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz
sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grämen Sie sich
doch nicht! Mit Tränen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich
weiß es, weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig
und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. -- Nun, was
macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir
alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie
auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber
Sie müssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist
doch eine gute Seele.

Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa geschrieben -- sie ist
gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab' ich mir doch um unsere
Briefe für Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da kam uns denn
zu unserem Glück diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine
gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft
erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit
Arbeit ganz überhäuft.

Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna!
Das ist mir mal eine Wohnung, das muß ich sagen! Früher lebte ich doch
in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn
einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier aber -- Lärm, Geschrei,
Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich
alles ist. Denken Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen ganz
dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne
Türen; links aber ist Tür an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange
Reihe Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, Nummer
Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen,
je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie nicht
verlangen -- das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube
ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt.
Unter anderen wohnt hier ein Beamter -- ein sehr belesener Mann: er
spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern,
von allem spricht er, -- ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei
ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der
englische Stunden gibt. -- Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum
Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die
Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, und zwar
ganz ausführlich!

Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den
ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft
ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger
gesagt -- Sie müssen sich das so denken: hier neben der Küche ist noch
ein Zimmer (unsere Küche ist, muß ich Ihnen sagen, rein und hell und
sehr anständig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes
Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die
Küche ist groß und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der
Querwand eine Scheidewand angebracht, so daß es sozusagen noch ein
Zimmerchen gibt, eine Nummer »über den Etat«, wie man sagt. Alles ist
geräumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und überhaupt alles,
-- mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also
mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa denken, Kind, daß irgend
etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur
eine Küche ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum,
nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe
hier ganz heimlich und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe
hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Stühle,
jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehängt. Es gibt
gewiß bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist
doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so
am bequemsten habe -- Sie brauchen nicht zu denken, daß ich es aus
irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade
gegenüber, über den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines
Höfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im
Vorübergehen, -- das ist doch immer etwas geselliger für mich Armen, und
auch billiger.

Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Beköstigung
zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. Das ist nichts für meinen
Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die
Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für alles in allem runde
dreißig Rubel zahlte, dafür aber auf vieles verzichten mußte: so konnte
ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug
für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so -- tatsächlich: man
schämt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier
wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben.
Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka,
nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre es
ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Genüsse gibt.

Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht -- denn irgend etwas
hat man doch immer nötig -- nun, sei es ein Paar Stiefel, ein
Kleidungsstück -- wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn mein ganzes
Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Für mich genügt
es. Hat es doch schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es auch
noch Gratifikationen.

Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen
gekauft, zwei Töpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium --
nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu
haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, ja? Uebrigens
müssen Sie da nicht irgendwie etwas argwöhnen, Kind, ich meine -- was
mich betrifft, und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur
die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß es in allem so bequem
war, das verleitete mich. -- Ich habe doch, das muß ich Ihnen noch
sagen, Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt:
oh ja: ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, daß ich so
still und zaghaft bin, daß es aussieht, als könne mich eine Fliege mit
den Flügeln umstoßen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und
habe gerade den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in
der Festigkeit, die uns unsere Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie
wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben
und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. Ich küsse Ihre Fingerchen,
Warinka, und verbleibe

Ihr ergebenster Diener und treuester Freund

Makar Djewuschkin.

P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausführlich,
mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Düte Konfekt, Warinka;
verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen
keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas übel. Und
nun leben Sie wohl, mein Kind.

                   *       *       *       *       *

8. April.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kündigen
müssen? Ich schwöre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir
furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, wieviel sie
kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen
Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst
verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts nötig
habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen Kräften steht, die
Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, zu erwidern. Und wozu diese
Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch
Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlüpfen, wie
zum Beispiel meine Bemerkung über Geranium, da müssen Sie auch schon
sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll
die Blüten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben
Sie nur ein so schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf
auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das
Bänkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen
Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen --
unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und
freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt nötig? Uebrigens: ich erriet
es sogleich aus Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist:
Frühling und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher -- nein, dachte ich,
sollte nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur
noch Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind
zärtlich und die Gedanken rosafarben -- alles, wie es sich gehört! An
den Vorhang habe ich überhaupt nicht gedacht. Der Zipfel muß an einem
Zweige hängen geblieben sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da
haben Sie es!

Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre
Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen,
daß Sie alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie damit doch
nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich des Notwendigsten um
meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein
solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie
doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer wird gewiß eng und unbequem und
ungemütlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber -- was
wird denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt könnten Sie doch
viel besser wohnen. Fedora sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser
gelebt hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so
verbracht, immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein
gutes, liebes Wort zu hören, immer in einem bei fremden Menschen
gemieteten Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So
schonen Sie doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie
erwähnen, daß Ihre Augen angegriffen seien, -- so schreiben Sie doch
nicht bei Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr
Diensteifer wird Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt
sein.

Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden Sie nicht soviel Geld für
mich. Ich weiß, daß Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht
reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war
mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch
mir Arbeit verschafft. Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch
aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die
Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt
aber -- wieder trübe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh.

Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das
Schwerste ist, daß man so nichts, nichts davon weiß, was einem
bevorsteht, daß man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal
erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurückzuschauen, davor
graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, daß das Herz mir
schon bei der bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich
unter Tränen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben.
Diese schrecklichen Menschen!

Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache.
Ich würde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht:
die Arbeit muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß ich mich
beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer angenehm: es ist dann
doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns?
Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe,
und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen
Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat
mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken gab.

Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles
möglichst ausführlichst -- wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht --
alles! -- Was es für Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in
Frieden mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr gern wissen. Also
vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich
unabsichtlich ganz gewiß keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen
Sie früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei
Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und
Trübsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.

Ihre

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

8. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder einmal so ein Tag
sein, wie er einem vom Schicksal öfter beschieden ist! Da haben Sie sich
nun über mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Uebrigens bin
ich selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hieß mich auch, in meinem
Alter, mit meinem spärlichen Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer
ausgehen ... Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch ist
bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er
mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei
schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt
dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns behüte und bewahre! Ich, mein
Kind, ich ärgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt
daran zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und dumm
geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und
stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein
Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, -- so frohgemut
war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an
die Papiere -- und was wurde schließlich daraus? Als ich mich dann
umsah, war wieder alles so wie früher -- grau und nüchtern. Ueberall
dieselben Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch
ich ganz derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, -- was
war da für ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war
denn alles gekommen? Daher, daß die Sonne einmal durch die Wolken
geschaut und der Himmel sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb -- dies
alles? Und was können das für Frühlingsdüfte sein, wenn man auf einen
Hof hinaussieht, auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da muß ich
mir also nur so aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt
doch bisweilen vor, daß ein Mensch sich in seinen eigenen Gefühlen
verwirrt und in die Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von
nichts anderem, als von alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle
spielt. Nach Hause kam ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern
schleppte mich heim: der Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins
zum anderen. Ich muß wohl meinen Rücken erkältet haben. Ich hatte mich,
recht wie ein alter Esel, über den Frühling gefreut und war im leichten
Mantel ausgegangen. Auch das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie
sich getäuscht, meine Liebe! Sie haben meine Aeußerungen in einem ganz
anderen Sinn aufgefaßt. Nur um väterliche Zuneigung handelt es sich,
Warinka, denn ich nehme bei Ihnen, in Ihrer bitteren Verwaistheit, die
Stelle Ihres Vaters ein, das sage ich aus reiner Seele und aus reinem
Herzen. Wie es auch sei: ich bin doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch
nur ein ganz entfernter Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt:
das siebente Wasser in der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe
ich dennoch, und jetzt bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger
Beschützer. Denn dort, wo es am nächsten lag, daß Sie Schutz und
Beistand suchten, dort fanden Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die
Gedichte betrifft, so muß ich Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich für
mich nicht schickt, mich auf meine alten Tage noch im Dichten zu üben.
Gedichte sind Unsinn! Heute werden in den Schulen die Kinder geprügelt,
wenn sie dichten ... da sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.

Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe
und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich
habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen
zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh -- was will man
mehr? Nicht uns steht es zu, Gott weiß was für Sprünge zu machen! -- bin
nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit
seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht
verwöhnt. Uebrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll,
so war ja wirklich in meiner früheren Wohnung alles unvergleichlich
besser. Man war freier, unabhängiger, gewiß, mein Kind. Natürlich ist
auch meine jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar
ihre Vorzüge: es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr
Abwechslung und Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut
mir doch leid um die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das
heißt, wenn wir Menschen schon anfangen, älter zu werden. Die alten
Sachen, an die wir uns gewöhnt haben, sind uns schließlich wie verwandt.
Die Wohnung war, wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein
Zimmerchen für mich. Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden!
-- Die Wände waren wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es
sich, aber die Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas
wehmütig ... Sonderbar -- sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären
sie angenehm, als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück.
Sogar das Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar
das erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert
und ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten
ganz still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige
Alte. Ja, auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen
zurück. Sie war eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen.
Sie strickte immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder
zerschnitt, mit ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein
beschäftigte sie sich. Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb
arbeiteten wir abends an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei
ihr, Mascha, ich erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war --
jetzt wird sie dreizehn sein, schon ein großes Mädchen. Und so unartig
war sie, so ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir
denn zu dreien, saßen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken
unseren Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte
begann oft Märchen zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder
auch, damit sie nicht unartig sei. Und was das für Märchen waren! Da
konnte nicht nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernünftiger
Mensch konnte da zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein
Pfeifchen angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehört und
die ganze Arbeit darüber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang,
wurde ganz nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die Hand,
öffnete seinen kleinen Kindermund und horchte mit großen Augen; und wenn
es ein Märchen zum Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher,
immer angstvoller an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das
Kindchen zu betrachten. Und so saß man oft und bemerkte gar nicht, wie
die Zeit verging, und vergaß ganz, daß draußen der Schneesturm
wütete. --

Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze
zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. -- Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen
werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind
diese Erinnerungen auch nicht so leicht, -- namentlich jetzt in der
Dämmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr -- ich habe
Kopfschmerzen, auch mein Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken
sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute
traurig gestimmt, Warinka!

Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu
Ihnen kommen? Mein Täubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da müßte
ich doch über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann fragen, --
da gäbe es denn ein Gerede und daraus entstünden Klatschgeschichten und
man würde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon
besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird
vernünftiger sein und für uns beide unschädlicher. Seien Sie mir nicht
böse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.
Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos ist. Ich
bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts
zu Ende gelernt, jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn
man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich muß schon gestehen,
mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und weiß, auch ohne fremde
Hinweise und spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas
Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. -- Ich sah Sie
heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie
wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna.

Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund sein will,

Makar Djewuschkin.

P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden mehr Satiren schreiben. Ich
bin zu alt geworden, Kind, um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man
würde dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, wie unser
Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der -- fällt selbst
hinein.

                   *       *       *       *       *

9. April.

Makar Alexejewitsch!

Schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und Wohltäter, sich so etwas in
den Kopf zu setzen! Haben Sie sich denn wirklich beleidigt gefühlt? Ach,
ich bin oft so unvorsichtig in meinen Aeußerungen, aber diesmal hätte
ich doch nicht gedacht, daß Sie meinen harmlos scherzhaften Ton für
Spott halten könnten. Seien Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen
werde, über Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe es nur
-- wie soll ich sagen --: aus Leichtsinn geschrieben, aus
Gedankenlosigkeit, oder vielleicht auch nur deshalb, weil es gerade
furchtbar langweilig war ... was aber tut man mitunter nicht alles aus
Langeweile? Außerdem glaubte ich, daß Sie sich selbst in Ihrem Brief ein
wenig lustig hätten machen wollen. Nun macht es mich sehr traurig, daß
Sie unzufrieden mit mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschützer,
Sie täuschen sich, wenn Sie mich der Gefühllosigkeit und Undankbarkeit
verdächtigen. In meinem Herzen weiß ich alles, was Sie für mich taten,
als sie mich gegen den Haß und die Verfolgungen schändlicher Menschen
verteidigten, nach seinem wahren Wert zu schätzen. Ewig werde ich für
Sie beten, und wenn mein Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich
erhört, dann werden Sie glücklich sein.

Ich fühle mich heute ganz krank. Schüttelfrost und Fieber wechseln
ununterbrochen. Fedora beunruhigt sich sehr. Es ist übrigens ganz
grundlos, was Sie da schreiben -- und weswegen Sie sich fürchten, uns zu
besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit uns bekannt und damit
Basta!

Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben weiß ich nichts mehr,
und ich kann auch nicht: fühle mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie
nochmals, mir nicht zu zürnen und von meiner steten Verehrung und
Anhänglichkeit überzeugt zu sein, womit ich die Ehre habe zu verbleiben

Ihre dankbare und ergebene

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

12. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken
Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, daß Sie sich schonen
sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, daß
Sie in allem vorsichtig sein sollen, -- Sie aber, mein Engelchen, hören
gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Täubchen, Sie sind doch
wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so
ein Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu
wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb müssen Sie sich auch in acht
nehmen, müssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr
auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trübsal zu
bereiten.

Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, über meine
Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu
erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also --
beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der
Sache.

Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmäßig;
die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen:
rein, hell, breit, alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes
Holzgeländer. Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber gar
nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen,
und die Wände sind so fettig, daß die Hand kleben bleibt, wenn man sich
an sie stützen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle
und Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen
aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkübel stehen da mit
allem möglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und
Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht
schön.

Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist -- dagegen
läßt sich nichts sagen -- wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist
auch in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu
sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so -- es ist nur ein
etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrücken darf, in den Zimmern,
irgend so ein süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der erste
Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu
sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das,
und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, so
zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht bald ebenso, --
nun, und da gewöhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei
uns. Der Seemann hat schon den fünften gekauft, aber sie können nun
einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere
Küche ist groß, geräumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas
dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann nach
Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen wird, und auch der Fußboden
ist morgens meist naß, aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der
Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen auf Schnüren, und da
mein Zimmer nicht weit ist, das heißt, fast unmittelbar an die Küche
stößt, so stört mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das
hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger gelebt, wird man
sich auch daran gewöhnen.

Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht
man auf, geht, lärmt, poltert, -- dann stehen nämlich _alle_ auf, die
einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus
eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehören
fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein
jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt
und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, dem wird sogleich,
und zwar tüchtig, der Kopf zurecht gerückt. Das geschah mit mir auch
einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der
Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Näher bekannt wurde
ich zunächst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir
alles gleich erzählt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der
Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von
Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen
Beistand, wenn ich seiner bedürfen sollte, und lud mich gleich zu sich
zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf -- er war in demselben
Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit
Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, daß ich an ihrem
Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig
machen oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten sie
selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Ueberall
Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, daß es einen förmlich in
die Augen biß. Nun, spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten
sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter
niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch
darüber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt
gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine
Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist,
kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her,
dort ist alles bescheiden, harmlos und anständig, -- ein behaglich
tüchtiges Leben.

Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, daß unsere
Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben
doch Theresa gesehen, -- also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch
dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein gerupftes
Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa
und den Faldoni. Ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat
er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so
ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein
Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestülpten Nase: auf die
Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so würde er
sie einfach prügeln. Ueberhaupt muß ich sagen, daß das Leben hier nicht
ganz so ist, daß man es gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum
Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen -- das
kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und
gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, daß man sich
schämt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und
an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete
Leute in einem solchen Sodom leben können. Da ist eine ganze arme
Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit
den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer,
also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hört von ihnen was. Und
sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine
Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein -- vor etwa
sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man weiß nicht, weshalb. Sein
Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Männchen, geht
in alten, abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, ihn
anzusehen -- viel schlechter als ich! So ein armseliges, kränkliches
Kerlchen -- ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee
zittern ihm immer, auch die Hände zittern und der Kopf zittert, von
einer Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schüchtern ist
er, alle fürchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drückt sich ganz
still und leise längs der Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja
mitunter etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich!
Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der älteste
Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen.
Seine Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ...
sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern -- oh, so alten!! Wie ich
hörte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt
sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff selbst
irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er
verabschiedet worden sei, -- war es nun ein Prozeß oder etwas anderes,
vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden,
das weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im
Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort
keine Seele. Nicht einmal die Kinder hört man. Und daß sie mal unartig
wären oder ein Spielchen spielten -- das kommt gar nicht vor, und ein
schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tür
vorüber -- es war gerade ganz ungewöhnlich still bei uns -- da hörte ich
ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder Schluchzen, ganz
als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so
traurig, daß es mir das Herz zerreißen wollte -- und dann wurde ich die
halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so daß ich
lange nicht einschlafen konnte.

Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt
alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen
Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt.
Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, daß Sie kein warmes
Mäntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger
Frühlingswetter, diese Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch
Schnee bringt, -- das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche
Wetterumschläge, daß Gott uns behüte und bewahre! Nehmen Sie mir,
Herzchen, mein Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka,
ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen hätte! Ich
schreibe, was mir gerade einfällt, damit Sie eine kleine Zerstreuung
haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt
hätte, dann wäre es etwas anderes; aber so -- was habe ich denn gelernt?
Meine Erziehung hat wenig gekostet!

Ihr ewiger und treuer Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

25. April.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich! Auch sie wird
zugrunde gehen, die Aermste! Auch habe ich zufällig auf Umwegen
erfahren, daß Anna Fedorowna sich überall nach mir erkundigt und
natürlich alles ausforschen will. Sie wird wohl niemals aufhören, mich
zu verfolgen. Sie soll gesagt haben, daß sie mir alles _verzeihen_
wolle! Sie wolle alles Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt
besuchen. Von Ihnen hat sie gesagt, Sie seien gar nicht mein Verwandter,
nur sie selbst sei meine nächste und einzige Verwandte, und Sie hätten
kein Recht, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine
Schande für mich und ich müsse mich schämen, mich von Ihnen ernähren zu
lassen und auf Ihre Kosten zu leben ... Sie sagt, ich hätte das
Gnadenbrot, das sie uns gegeben, vergessen -- hätte vergessen, daß sie
meine Mutter und mich vor dem Hungertode bewahrt, daß sie uns ernährt
und gepflegt und fast zweieinhalb Jahre lang nur Unkosten durch uns
gehabt, und daß sie uns außerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht
einmal Mama will sie in ihrem Grabe in Ruhe lassen! Wenn meine Mutter
wüßte, was sie mir angetan haben! Gott sieht es!...

Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, daß ich nur aus Dummheit nicht
verstanden habe, mein Glück festzuhalten, daß sie selbst mir das Glück
zugeführt und sonst an nichts schuld sei, ich aber hätte es nur nicht
verstanden -- oder vielleicht auch nicht gewollt -- für meine Ehre
einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn, großer Gott! Sie sagt, Herr
Bükoff sei durchaus im Recht, man könne doch wirklich nicht eine jede
heiraten, die .... doch wozu das alles schreiben!

Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hören zu müssen, Makar
Alexejewitsch!

Ich weiß nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere, ich weine, ich
schluchze. An diesem Brief schreibe ich schon seit zwei Stunden. Und ich
war schon in dem Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld
eingesehen haben, das Unrecht, das sie mir zugefügt hat, -- und da redet
sie so!

Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein Freund, um Gottes
willen nicht, mein einziger guter Freund! Fedora übertreibt ja doch
immer: ich bin gar nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem
Wolkoff-Friedhof ein wenig erkältet, als ich die Seelenmesse für mein
totes Mütterchen hörte. Warum kamen Sie nicht mit mir? -- ich hatte Sie
doch so darum gebeten. Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus dem
Grabe stiegest, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, was sie mit mir getan
haben!...

W. D.

                   *       *       *       *       *

20. Mai.

Mein Täubchen Warinka!

Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut für
Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den
Durst, -- also dann essen Sie mal die Träubchen, Warinka, wenn Sie
durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstöckchen besitzen, Kind,
da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit,
Herzchen? -- Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, daß nun alles
vorüber und überstanden ist, und daß auch unser Unglück bald ein Ende
nehmen wird. Danken wir dafür dem Schöpfer! Was aber nun die Bücher
betrifft, so kann ich vorläufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll
hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hörte ich, eines, das in sehr
hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch,
ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich
habe gebeten, man möge es mir geben, und man wollte es mir auch
verschaffen. Nur -- werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so
wählerisch in solchen Sachen, daß es schwer hält, für Ihren Geschmack
gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Täubchen, ich
weiß schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von
Liebe und Sehnsucht handelt, -- deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte
verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein
ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten.

Ich lebe sehr gut. Sie müssen sich über mich beruhigen, Kind. Was Ihnen
die Fedora wieder erzählt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht
immer lügen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der
Klatschbase!... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft,
ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen
Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehört, wie man davon sprach,
daß man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde,
weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich
nicht beunruhigen. Sie ist argwöhnisch, die Fedora, und mißtrauisch, das
ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut
leben, mein Täubchen! Nur müssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen,
das müssen Sie um Christi willen: das ist doch mein größter Kummer,
damit betrüben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, daß
ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund
und munter und habe sogar so zugenommen, daß ich mich schon selbst zu
schämen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, -- wenn
nur Sie wieder gesund wären! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein
Engelchen; ich küsse alle Ihre Fingerchen und verbleibe

Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund

Makar Djewuschkin.

P. S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Daß Sie
sich doch immer etwas ins Köpfchen setzen müssen! Wie soll ich denn so
oft zu Ihnen kommen, Kind -- das frage ich Sie, -- wie? Etwa im Schutze
der nächtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nächte hernehmen, jetzt gibt es
ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so,
Engelchen, während Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie
bewußtlos im Fieber lagen. Doch eigentlich weiß ich es selbst nicht
mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde.
Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig
und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten
entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glück
nicht schwatzhaft. Aber immerhin müssen Sie es sich doch selbst sagen,
Kind, wie wird denn das sein, wenn alle über uns schwatzen? Was werden
sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beißen Sie mal die
Zähnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund
geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo außerhalb des Hauses
treffen können.

                   *       *       *       *       *

1. Juni.

Bester Makar Alexejewitsch!

Ich möchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um Ihnen meinen Dank für
Ihre Mühen und die Opfer, die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe
ich mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes Heft
hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende. Ich begann diese
Aufzeichnungen noch in der glücklichen Zeit meines Lebens. Sie haben
mich so oft mit Anteil nach meinem früheren Leben gefragt und mich
gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij, von meinem Aufenthalt
bei Anna Fedorowna und schließlich von meinen letzten Erlebnissen zu
erzählen, und Sie äußerten so lebhaft den Wunsch, dieses Heft einmal zu
lesen, in dem ich -- Gott weiß wozu -- einiges aus meinem Leben erzählt
habe, daß ich glaube, Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude
zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich es jetzt
durchlas. Es scheint mir, daß ich seit dem Augenblick, in dem ich die
letzte Zeile dieser Aufzeichnungen schrieb, noch einmal so alt geworden
bin, als ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen
Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Ich habe
jetzt oft schreckliche Langeweile und nachts quält mich meine
Schlaflosigkeit. Ein höchst langweiliges Genesen!

W. D.

I.

Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit
war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier,
sondern fern in der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter
eines großen Gutes, das dem Fürsten P. gehörte. Und dort lebten wir --
still, einsam und glücklich ... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat
ich den ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen,
überall wo ich nur wollte, denn niemand kümmerte sich um mich. Mein
Vater war immer beschäftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft zu
tun. Ich wurde nicht unterrichtet -- und darüber war ich sehr froh. So
lief ich schon frühmorgens zum großen Teich oder in den Wald, oder auf
die Wiese zu den Schnittern -- je nachdem --: was machte es mir aus, daß
die Sonne brannte, daß ich selbst nicht mehr wußte, wo ich war und wie
ich mich zurechtfinden sollte, daß das Gestrüpp mich kratzte und mein
Kleid zerriß: zu Hause würde man schelten, aber was ging das mich an!

Und ich glaube, ich wäre ewig so glücklich geblieben, wenn wir auch das
ganze Leben dort auf dem Lande verbracht hätten. Doch leider mußte ich
schon als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen und mich von
all den trauten Stellen trennen. Ich war erst zwölf Jahre alt, als wir
nach Petersburg übersiedelten. Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie
weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen mußte! Ich
weiß noch, wie krampfhaft ich meinen Vater umarmte und ihn unter Tränen
bat, er möge doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, und
wie mein Vater böse wurde und wie meine Mutter auch weinte. Sie sagte,
es sei notwendig, es seien geschäftliche Angelegenheiten, die es
verlangten. Der alte Fürst P. war nämlich gestorben und seine Erben
hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir nach Petersburg, wo einige
Privatleute lebten, denen mein Vater Geld geliehen hatte -- und da
wollte er denn persönlich seine Geldangelegenheiten regeln. Das erfuhr
ich alles von meiner Mutter. Hier mieteten wir auf der Petersburger
Seite(1) eine Wohnung, in der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben.

  (1) Ein Stadtteil von Petersburg. E. K. R.

Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu gewöhnen! Wir kamen im
Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verließen, war es ein sonnig
heller, klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten Arbeiten
beendet. Auf den Tennen lag schon das Getreide in hohen Haufen, um die
ganze Scharen lebhaft zwitschernder Vögel flatterten. Alles war so hell
und fröhlich!

Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war statt dessen nichts als
Regen, Herbstkälte, Unwetter, Schmutz, und viele fremde Menschen, die
alle unfreundlich, unzufrieden und böse aussahen! Wir richteten uns ein,
so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, bis man den Haushalt
endlich eingerichtet hatte! Mein Vater war fast den ganzen Tag nicht zu
Hause und meine Mutter war immer beschäftigt, -- mich vergaß man ganz.
Es war ein trauriges Aufstehen am nächsten Morgen -- nach der ersten
Nacht in der neuen Wohnung. Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun.
Auf der Straße sah man nichts als Schmutz! Nur wenige Menschen gingen
vorüber, und alle waren so vermummt in Kleider und Tücher, und alle
schienen sie zu frieren.

Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur Kummer und entsetzliche
Langeweile. Verwandte oder nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna
Fedorowna hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr etwas.) Es
kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die mit dem Vater Geschäftliches
zu besprechen hatten. Gewöhnlich wurde dann gestritten, gelärmt und
geschrien. Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa immer so
unzufrieden und böse. Stundenlang ging er dann im Zimmer auf und ab, mit
gerunzelter Stirn, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann
nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem Buch still in
einen Winkel zurück und wagte mich nicht zu rühren.

Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine
Pension gegeben. War das eine traurige Zeit, anfangs, unter den vielen
fremden Menschen! Alles war so trocken, so kurz angebunden, so
unfreundlich und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen schalten und
die Mädchen spotteten, und ich war so verschüchtert -- wie ein Wildling
kam ich mir vor. Diese pedantische Strenge! Alles mußte pünktlich zur
bestimmten Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen Tafel,
die langweiligen Lehrer -- das machte mich anfangs haltlos! Ich konnte
dort nicht einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte Nacht
habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, wenn die anderen alle ihre
Lektionen lernten oder wiederholten, saß ich über meinem Buch oder dem
Vokabelheft und wagte nicht, mich zu rühren, doch mit meinen Gedanken
war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater und die Mutter und an meine
alte gute Kinderfrau und an deren Märchen ... ach, was für ein Heimweh
mich da erfaßte! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause erinnert man
sich, und selbst an den noch denkt man mit einem so eigentümlichen,
wehmütigen Vergnügen. Und so denkt man und denkt man denn, -- wie gut,
wie schön es doch jetzt zu Hause wäre! Da würde ich in unserem kleinen
Eßzimmer am Tisch sitzen, auf dem der Ssamowar summt, und mit am Tisch
säßen die Eltern: wie warm wäre es, wie traut, wie behaglich. Wie würde
ich, denkt man, jetzt Mütterchen umarmen, fest, ganz fest, o, so mit
aller Inbrunst umarmen! -- Und so denkt man weiter, bis man vor Heimweh
leise zu weinen anfängt, und immer wieder die Tränen schluckt -- die
Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. Wieder kann man die Aufgabe
für den nächsten Tag nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im
Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschülerinnen; die ganze
Nacht träumt man, daß man die Aufgaben lerne, am nächsten Tage aber weiß
man natürlich nichts. Da muß man wieder im Winkel knien und erhält nur
eine Speise. Ich war so unlustig, so wortkarg. Die Mädchen lachten über
mich, neckten mich und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die
Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in langer Reihe
paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten sich bei der Lehrerin über
mich. Doch welche Seligkeit, wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute
Wärterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte -- ich wußte mich
kaum zu lassen vor Freude -- mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie
mich an, immer »hübsch warm«, wie sie sagte, wenn sie mir die Tücher um
den Kopf band. Unterwegs aber konnte sie mir nie schnell genug folgen
und ich -- konnte doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze
Zeit erzählte ich und schwatzte ich ohne Unterlaß. Ganz ausgelassen vor
Freude, lief ich ins Haus und warf mich den Eltern um den Hals, als
hätten wir uns seit neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das
Erzählen und Fragen, und ich lachte und lief umher und feierte mit allem
und allem Wiedersehen. Papa begann alsbald ernstere Gespräche: über die
Lehrer, über Mathematik, über die französische Sprache und die Grammatik
von L'Homond, -- und alle waren wir so guter Dinge und zufrieden und
gesprächig. Auch jetzt noch ist mir die bloße Erinnerung an jene Stunden
ein Vergnügen.

Ich gab mir die größte Mühe, gut zu lernen, um meinen Vater damit zu
erfreuen. Ich sah doch, daß er das Letzte für mich ausgab, während ihm
selbst die Sorgen über den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde er
finsterer, unzufriedener, jähzorniger; sein Charakter veränderte sich
sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang ihm, alles schlug fehl und die
Schulden wuchsen ins Ungeheuerliche.

Die Mutter fürchtete sich, zu weinen oder auch nur ein Wort der Klage zu
sagen, da der Vater sich dann nur noch mehr ärgerte. Sie wurde kränklich
und schwächlich und ein böser Husten stellte sich ein. Kam ich aus der
Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: die Mutter wischte sich
heimlich die Tränen aus den Augen und der Vater ärgerte sich. Und dann
kamen wieder Vorwürfe und Klagen: er erlebe an mir keine Freude, ich
brächte ihm auch keinen Trost, und doch gebe er für mich das Letzte hin,
ich aber verstände noch immer nicht, Französisch zu sprechen. Mit einem
Wort, ich war an allem schuld; alles Unglück, alle Mißerfolge, alles
hatten wir zu verantworten, ich und die arme Mama. Wie war es aber nur
möglich, die arme Mama noch mehr zu quälen! Wenn man sie ansah, konnte
einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen
tief in den Höhlen -- wie eine Schwindsüchtige sah sie aus.

Die größten Vorwürfe wurden mir gemacht. Gewöhnlich begann es mit
irgendeiner kleinen Nebensächlichkeit und dann kam oft Gott weiß was
alles zur Sprache, -- oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa sprach.
Was er da nicht alles vorbrachte!... Zuerst die französische Sprache,
daß ich ein großer Dummkopf und unsere Pensionsvorsteherin eine
fahrlässige, dumme Person sei, sie sorge nicht im geringsten für unsere
sittliche Entwickelung; dann -- daß er noch immer keine Anstellung
finden könne und daß die Grammatik von L'Homond nichts tauge, die von
Sapolskij sei bedeutend besser; daß man für mich viel Geld verschwendet
habe, ohne Sinn und Nutzen, daß ich ein gefühlloses, hartherziges
Mädchen sei, -- kurz, ich Arme, die ich mir die größte Mühe gab,
französische Vokabeln und Gespräche auswendig zu lernen, war an allem
schuld und mußte alle Vorwürfe hinnehmen. Aber er tat es ja nicht etwa
deshalb, weil er uns nicht liebte: im Gegenteil, er liebte uns über alle
Maßen! Es war nun einmal sein Charakter ...

Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttäuschungen und Mißerfolge, die
seinen ursprünglich guten Charakter so verändert hatten: er wurde
mißtrauisch, war oft ganz verbittert und der Verzweiflung nahe, begann
seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete sich und -- starb dann
auch nach kurzem Krankenlager, so plötzlich, so unerwartet, daß wir es
noch tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betäubt von diesem
Schlage. Mama war wie erstarrt, ich fürchtete anfänglich für ihren
Verstand. Kaum aber war er gestorben, da kamen schon die Gläubiger in
Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir ihnen hin. Unser
Häuschen auf der Petersburger Seite, das Papa ein halbes Jahr nach
unserer Ankunft in Petersburg gekauft hatte, mußte gleichfalls verkauft
werden. Ich weiß nicht, wie es mit dem Uebrigen wurde, wir blieben
jedenfalls ohne Obdach, ohne Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war
krank -- es war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte --
verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem Verderben preisgegeben.
Ich war erst vierzehn Jahre alt.

Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. Sie gibt sich immer für
eine Gutsbesitzerin aus und versichert, sie sei mit uns nahe verwandt.
Mama aber sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese
Verwandtschaft eine sehr weitläufige. Als Papa noch lebte, war sie nie
zu uns gekommen. Sie erschien mit Tränen in den Augen und beteuerte, daß
sie an unserem Unglück großen Anteil nehme. Sie bemitleidete uns
lebhaft, äußerte sich dann aber dahin, daß Papa an unserem ganzen
Mißgeschick schuld sei: er habe gar zu hoch hinaus gewollt und gar zu
sehr auf seine eigene Kraft gebaut. Ferner äußerte sie als »einzige
Verwandte« den Wunsch, uns näher zu treten, und machte den Vorschlag,
Gewesenes zu vergessen. Als Mama darauf erwiderte, daß sie nie
irgendwelchen Groll gegen sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter
Rührung, führte Mama in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse für
den »toten Liebling«, wie sie den Entschlafenen plötzlich nannte. Darauf
versöhnte sie sich in aller Feierlichkeit mit Mama.

Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen und nachdem sie uns in
grellen Farben unsere ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer
Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte sie uns
auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie sich ausdrückte. Mama dankte
für ihre Freundlichkeit, konnte sich aber lange nicht entschließen, der
Aufforderung Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes übrig blieb,
so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna mitzuteilen,
daß sie ihr Anerbieten dankbar annehmen wolle.

Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, an dem wir von der
Petersburger Seite nach dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff,
übersiedelten! Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. Mama
weinte. Und ich war so traurig: es war mir, als schnüre mir eine
unerklärliche Angst die Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit ...

                   *       *       *       *       *

                   *       *       *       *       *

II.

Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt hatten, empfanden wir
beide, Mama und ich, eine gewisse Bangigkeit in der Wohnung Anna
Fedorownas, wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas nicht ganz
geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte in ihrem eigenen Hause an der
Sechsten Linie(2). Im ganzen Hause waren nur fünf bewohnbare Zimmer. In
dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit meiner Kusine Ssascha, die
als armes Waisenkind von ihr angenommen war und erzogen wurde. Im
vierten Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben dem
unsrigen lag, wohnte ein armer Student, Pokrowskij, der einzige Mieter
im Hause.

  (2) Die Hauptstraßen auf Wassilij-Ostroff werden »Linien« genannt.
  E. K. R.

Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als man es für möglich
gehalten hätte, doch ihre Geldquelle war ebenso rätselhaft wie ihre
Beschäftigung. Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und lief
besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie mehrmals aus. Doch wohin
sie ging, mit was sie sich draußen beschäftigte und was sie zu tun
hatte, das vermochte ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen und
sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen welche zu ihr gefahren und
immer in Geschäften und nur auf ein paar Minuten. Mama führte mich
jedesmal in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darüber ärgerte sich Anna
Fedorowna sehr und machte meiner Mutter beständig den Vorwurf, daß wir
gar zu stolz seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen
Grund, wenn wir wirklich Ursache hätten, stolz zu sein, aber so!... und
stundenlang fuhr sie dann in diesem Tone fort. Damals begriff ich diese
Vorwürfe nicht, und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger,
erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschließen konnte, Anna
Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen.

Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. Ewig quälte sie
uns. Aber eins ist mir auch jetzt noch ein Rätsel: wozu lud sie uns
überhaupt zu sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, dann
aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, als sie sah, daß wir
vollständig hilflos und nur auf ihre Gnade angewiesen waren. Später
wurde sie zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie
sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher hatte ich
ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig machte sie uns Vorwürfe und sprach
zu uns von nichts anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies.
Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen Verwandten vor,
als mittellose, schutzlose Witwe und Waise, die sie nur aus Mitleid und
christlicher Nächstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernähre.
Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir zu nehmen wagten, mit den
Augen, wenn wir aber nichts aßen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch
wieder nicht recht: dann hieß es, ihr Essen sei uns wohl nicht gut
genug, wir mäkelten, sie gebe eben, was sie habe und begnüge sich selbst
damit -- vielleicht könnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das
könne sie ja nicht wissen, usw., usw. Ueber Papa mußte sie jeden
Augenblick etwas Schlechtes sagen, anders ging es nicht. Sie behauptete,
er habe immer nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man nun
davon: Frau und Tochter könnten nun zusehen, wo sie blieben, und wenn
sich nicht unter ihren Verwandten eine christlich liebevolle Seele --
das war sie selbst -- gefunden hätte, so hätten wir gar noch auf der
Straße Hungers sterben können. Und was sie da nicht noch alles
vorbrachte! Es war nicht einmal so bitter, wie es widerlich war, sie
anzuhören.

Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich
mit jedem Tage, sie welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir
vom Morgen bis zum Abend. Wir nähten auf Bestellung, was Anna Fedorowna
sehr mißfiel. Sie sagte, ihr Haus sei kein Putzgeschäft. Wir aber mußten
uns doch Kleider anfertigen und mußten doch etwas verdienen, um auf alle
Fälle wenigstens etwas eigenes Geld zu haben. Und so arbeiteten und
sparten wir denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein Zimmerchen
mieten zu können. Doch die anstrengende Arbeit verschlimmerte den
Zustand der Mutter sehr: mit jedem Tage wurde sie schwächer. Die
Krankheit untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem Grabe
näher. Ich sah es, ich fühlte es und konnte doch nicht helfen!

Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem vorhergegangenen. Wir
lebten still für uns, als wären wir gar nicht in der Stadt. Anna
Fedorowna beruhigte sich mit der Zeit -- beruhigte sich, je mehr sie
ihre unbegrenzte Uebermacht einsah und nichts mehr für sie zu fürchten
brauchte. Uebrigens hatten wir ihr noch nie in irgend etwas
widersprochen. Unser Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte,
durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag nur noch das Zimmer
Pokrowskijs, wie ich schon erwähnte. Er unterrichtete Ssascha, lehrte
sie Französisch und Deutsch, Geschichte und Geographie -- d. h. »alle
Wissenschaften«, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, und dafür brauchte
er für Kost und Logis nichts zu zahlen.

Ssascha war ein sehr begabtes Mädchen, doch entsetzlich unartig und
lebhaft. Sie war damals erst dreizehn Jahre alt. Schließlich sagte Anna
Fedorowna zu Mama, daß es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich mit ihr
zusammen lernen würde, da ich ja in der Pension den Kursus sowieso nicht
beendet hatte. Mama war natürlich sehr froh über diesen Vorschlag, und
so wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von Pokrowskij
unterrichtet.

Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. Seine Gesundheit erlaubte
es ihm nicht, regelmäßig die Universität zu besuchen, und so war er
eigentlich gar kein richtiger »Student«, wie er aus Gewohnheit noch
genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in seinem Zimmer, daß wir im
Nebenzimmer nichts von ihm hörten. Er sah auch recht eigentümlich aus,
bewegte und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, daß ich
ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, ohne über ihn lachen zu müssen.
Ssascha machte immer ihre unartigen Streiche, und das besonders während
des Unterrichts. Er aber war zum Ueberfluß auch noch heftig, ärgerte
sich beständig, jede Kleinigkeit brachte ihn aus der Haut: er schalt
uns, schrie uns an, und sehr oft stand er wütend auf und ging fort, noch
bevor die Stunde zu Ende war, und schloß sich wieder in seinem Zimmer
ein. Dort aber, in seinem Zimmer, saß er tagelang über den Büchern. Er
hatte viele Bücher, und alles so schöne, seltene Exemplare. Er gab noch
an ein paar anderen Stellen Stunden und erhielt dafür Geld, doch kaum
hatte er welches erhalten, so ging er sogleich hin und kaufte sich
wieder Bücher.

Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen. Er war der beste und
ehrenwerteste Mensch, der beste von allen, die mir bis dahin im Leben
begegnet waren. Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er auch
mein treuer Freund und stand mir am nächsten von allen, -- natürlich
nach Mama.

In der ersten Zeit beteiligte ich mich -- obwohl ich doch schon ein
großes Mädchen war -- an allen Streichen, die Ssascha gegen ihn
ausheckte, und bisweilen überlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder
necken und seine Geduld auf eine Probe stellen könnten. Es war furchtbar
spaßig, wenn er sich ärgerte -- und wir wollten unser Vergnügen haben.
(Noch jetzt schäme ich mich, wenn ich daran zurückdenke.) Einmal hatten
wir ihn so gereizt, daß ihm Tränen in die Augen traten, und da hörte ich
deutlich, wie er zwischen den Zähnen halblaut hervorstieß: »Nichts
grausamer als Kinder!« Das verwirrte mich: zum erstenmal regte sich in
mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. Ich errötete bis über die
Ohren und bat ihn fast unter Tränen, sich zu beruhigen und sich durch
unsere dummen Streiche nicht kränken zu lassen, doch er klappte das Buch
zu und ging in sein Zimmer, ohne den Unterricht fortzusetzen.

Den ganzen Tag quälte mich die Reue. Der Gedanke, daß wir Kinder ihn
durch unsere boshaften Dummheiten bis zu Tränen geärgert hatten, war mir
unerträglich. So hatten wir es nur auf seine Tränen abgesehen! So
verlangte es uns, uns an seiner sicher krankhaften Gereiztheit auch noch
zu weiden! So war es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von
Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglücklichen, armen
Menschen, gezwungen, unter seinem grausamen Los noch mehr zu leiden!

Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen -- wie mich die Reue quälte!
Man sagt, Reue erleichtere das Herz. Im Gegenteil! Ich weiß nicht, wie
es kam, daß sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich wollte
nicht, daß er mich für ein Kind halte. Ich war damals bereits fünfzehn
Jahre alt.

Von diesem Tage an lebte ich beständig in Plänen, wie ich Pokrowskij
veranlassen könnte, seine Meinung über mich zu ändern. Doch an der
Ausführung dieser meiner tausend Pläne hinderte mich meine
Schüchternheit: ich konnte mich zu nichts entschließen, und so blieb es
denn bei den Plänen und Träumereien (und was man nicht alles so
zusammenträumt, mein Gott!). Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr
an Ssaschas unartigen Späßen, und auch sie wurde langsam artiger. Das
hatte zur Folge, daß er sich nicht mehr über uns ärgerte. Doch das war
zu wenig für meinen Ehrgeiz.

Nun einige Worte über den seltsamsten und bemitleidenswertesten
Menschen, den ich jemals im Leben kennen gelernt habe. Ich will es
deshalb an dieser Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin
so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage an aufs lebhafteste
in meinen Gedanken zu beschäftigen begann.

Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein schlecht und unsauber
gekleideter, kleiner, grauer Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar
plump und linkisch war und überhaupt sehr eigentümlich aussah. Auf den
ersten Blick konnte man glauben, daß er sich gewissermaßen seiner selbst
schäme, daß er für seine Existenz selbst um Entschuldigung bäte.
Wenigstens duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte wenigstens
immer irgendwie sich zu drücken, sich gleichsam in nichts zu verwandeln,
und diese ängstlichen, verschämten, unsicheren Bewegungen und Gebärden
erweckten in jedem den Verdacht, daß er nicht ganz bei vollem Verstande
sei. Wenn er zu uns kam, blieb er gewöhnlich im Flur hinter der Glastür
stehen und wagte nicht, einzutreten. Ging zufällig jemand von uns -- ich
oder Ssascha -- oder jemand von den Dienstboten, die ihm freundlicher
gesinnt waren -- durch den Korridor und erblickte man ihn dort hinter
der Tür, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu rufen und
verschiedene Zeichen zu machen: nickte man ihm dann zu -- damit erteilte
man ihm die Erlaubnis, und gab ihm zu verstehen, daß keine fremden Leute
im Hause waren -- oder rief man ihn, dann erst wagte er endlich, leise
die Tür zu öffnen und lächelnd einzutreten, worauf er sich froh die
Hände rieb und sogleich auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs
schlich. Dieser Alte war sein Vater.

Später erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. Er war einmal
irgendwo Beamter gewesen, hatte aus Mangel an Fähigkeiten eine ganz
untergeordnete Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die Mutter des
Studenten Pokrowskij) gestorben war, hatte er zum zweitenmal geheiratet,
und zwar eine halbe Bäuerin. Von dem Augenblick an war im Hause kein
Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte das erste Wort geführt und
war mit jedem womöglich handgemein geworden. Ihr Stiefsohn -- der
Student Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjähriger Knabe -- hatte
unter ihrem Haß viel zu leiden gehabt, doch zum Glück war es anders
gekommen. Der Gutsbesitzer Bükoff, der den Vater, den Beamten
Pokrowskij, früher gekannt und ihm einmal so etwas wie eine Wohltat
erwiesen hatte, nahm sich des Jungen an und steckte ihn in irgendeine
Schule. Er interessierte sich für den Knaben nur aus dem Grunde, weil er
seine verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als Mädchen von
Anna Fedorowna »Wohltaten« erfahren und von ihr an den Beamten
Pokrowskij verheiratet worden war. Damals hatte Herr Bükoff, als guter
Bekannter und Freund Anna Fedorownas, der Braut aus Großmut eine Mitgift
von fünftausend Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war -- ist
unbekannt. So erzählte es mir Anna Fedorowna. Der Student Pokrowskij
selbst sprach nie von seinen Familienverhältnissen und liebte es nicht,
wenn man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine Mutter sei sehr
schön gewesen, deshalb wundert es mich, daß sie so unvorteilhaft und
noch dazu einen so unansehnlichen Menschen geheiratet hat. -- Sie ist
schon früh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der Heirat.

Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein Gymnasium und von dort
auf die Universität. Herr Bükoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen
pflegte, ließ ihn auch dort nicht im Stich und unterstützte ihn. Leider
konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen Gesundheit sein Studium
nicht fortsetzen, und da machte ihn Herr Bükoff mit Anna Fedorowna
bekannt, stellte ihn ihr persönlich vor, und so zog denn Pokrowskij zu
ihr, um für Kost und Logis Ssascha in »allen Wissenschaften« zu
unterrichten.

Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer über die rohe Behandlung,
die ihm seine zweite Frau zuteil werden ließ, dem schlimmsten aller
Laster: er begann zu trinken und war fast nie ganz nüchtern. Seine Frau
prügelte ihn, ließ ihn in der Küche schlafen und brachte es mit der Zeit
so weit, daß er sich alles widerspruchslos gefallen ließ und sich auch
an die Schläge gewöhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge
seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits erwähnte,
tatsächlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande.

Der einzige Rest edlerer Gefühle war in diesem Menschen seine
grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. Man sagte mir, der junge Pokrowskij
sei seiner Mutter so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. War es
dann vielleicht die Erinnerung an die erste, gute Frau, die im Herzen
dieses heruntergekommenen Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem
Sohne erweckt hatte? Der Alte sprach überhaupt von nichts anderem, als
von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte er ihn zweimal. Oefter zu
kommen, wagte er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese väterlichen
Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters war gewiß sein
größter Fehler. Uebrigens konnte der Alte mitunter auch mehr als
unerträglich sein. Erstens war er furchtbar neugierig, zweitens störte
er den Sohn durch seine müßigen Gespräche und nichtigen, sinnlosen
Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien er nicht immer ganz
nüchtern. Der Sohn gewöhnte dem Alten mit der Zeit seine schlechten
Angewohnheiten, seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und zu
guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott und wagte ohne seine
Erlaubnis nicht einmal mehr, den Mund aufzutun.

Der arme Alte konnte sich über seinen Petinka(3) -- so nannte er den
Sohn -- nicht genug wundern und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer
bedrückt, besorgt, sogar ängstlich aus -- wahrscheinlich deshalb, weil
er noch nicht wußte, wie der Sohn ihn empfangen werde. Gewöhnlich konnte
er sich lange nicht entschließen, einzutreten, und wenn er mich dann
erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich oft eine ganze
halbe Stunde lang auszufragen, wie es dem Petinka gehe, was er mache, ob
er gesund sei und in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas
Wichtigem beschäftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere wieder ein
philosophisches Werk? Und wenn ich ihn dann genügend beruhigt und
ermutigt hatte, entschloß er sich endlich, ganz, ganz leise und
vorsichtig die Tür zu öffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: sah er,
daß der Sohn nicht böse war, daß er ihm vielleicht sogar zum Gruß
zunickte, dann trat er ganz behutsam ein, nahm den Mantel und den Hut ab
-- letzterer war ewig verbeult und durchlöchert, wenn nicht gar mit
abgerissener Krempe -- und hängte beides an einen Haken. Alles tat er so
vorsichtig und lautlos wie nur möglich. Dann setzte er sich vorsichtig
auf einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von seinem Sohn,
verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden Blick, um nur ja die Stimmung
seines Petinka zu erraten. Sah er, daß der Sohn verstimmt und schlechter
Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem Platz und sagte,
daß er eben »nur so, Petinka, nur auf ein Weilchen« zu ihm gekommen sei.
»Ich bin, sieh mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufällig hier
vorüber, und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um mich etwas
auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen.« Und dann nahm er still und
ergeben seinen alten dünnen Mantel und den alten, abgetragenen Hut,
klinkte vorsichtig wieder die Tür auf und ging -- indem er sich noch zu
einem Lächeln zwang, um das aufwallende Leid im Herzen zu unterdrücken
und den Sohn nichts merken zu lassen.

  (3) Diminutiv von Pjotr. E. K. R.

Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann wußte er sich vor Freude
kaum zu lassen. Sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Hände -- alles
sprach dann von seinem Glück. Und wenn der Sohn mit ihm gar zu sprechen
begann, erhob sich der Alte stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise
und gleichsam untertänig, fast sogar ehrfürchtig, und immer bestrebt,
sich der gewähltesten Ausdrücke zu bedienen, die in diesem Fall
natürlich nur komisch wirkten. Hinzu kam, daß er entschieden nicht zu
sprechen verstand: nach jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz,
wurde verlegen, wußte nicht, wo er die Hände, wo er sich selbst lassen
sollte -- und nachher flüsterte er dann noch mehrmals die Antwort vor
sich hin, wie um das Gesagte zu verbessern. War es ihm aber gelungen,
gut zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, rückte an
der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlägen, und seine Miene nahm
sogar den Ausdruck eines gewissen Selbstbewußtseins an. Bisweilen aber
fühlte er sich dermaßen ermutigt, daß er geradezu kühn wurde: er stand
vom Stuhl auf, ging zum Bücherregal, nahm irgendein Buch und begann zu
lesen, gleichviel was für ein Buch es war. Und alles das tat er mit
einer Miene, die größte Gleichmut und Kaltblütigkeit vortäuschen sollte,
als habe er von jeher das Recht, mit den Büchern des Sohnes nach
Belieben umzugehen, und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts
Ungewohntes. Einmal aber sah ich zufällig, wie der Alte erschrak, als
der Sohn ihn bat, die Bücher nicht anzurühren: er verlor vollständig den
Kopf, beeilte sich, sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch
zwischen die anderen wieder hineinzwängen, verdrehte es aber, schob es
mit dem Kopf nach unten hinein, zog es dann schnell wieder hervor,
drehte es um und dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein,
diesmal mit dem Rücken voran und dem Schnitt nach außen, lächelte dabei
hilflos, wurde rot und wußte entschieden nicht, wie er sein Verbrechen
sühnen sollte.

Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater durch Vorhaltungen und gutes
Zureden von seinen schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der
Alte etwa dreimal nach der Reihe nüchtern erschienen war, gab er ihm das
nächste Mal fünfundzwanzig oder fünfzig Kopeken, oder noch mehr.
Bisweilen kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine Krawatte,
und wenn der Alte dann in seinem neuen Kleidungsstück erschien, war er
stolz wie ein Hahn. Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und
mir Pfefferkuchen oder Aepfel und sprach dann natürlich nur von seinem
Petinka. Er bat uns, während des Unterrichts aufmerksam und fleißig zu
sein, und unserem Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter Sohn,
sei der beste Sohn, den es überhaupt geben könnte, und obendrein, »ein
so gelehrter Sohn«. Wenn er das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit
dem linken Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam an, daß wir uns
gewöhnlich nicht bezwingen konnten und herzlich über ihn lachten. Mama
hatte den Alten sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehaßt, obschon
er vor ihr »niedriger als Gras und stiller als Wasser« war.

Bald hörte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. Pokrowskij
hielt mich nach wie vor nur für ein Kind, für ein unartiges kleines
Mädchen, wie Ssascha. Das kränkte mich sehr, denn ich hatte mich doch
nach Kräften bemüht, mein früheres Benehmen wieder gut zu machen. Aber
vergeblich: ich wurde überhaupt nicht beachtet. Das reizte und kränkte
mich noch mehr. Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, außer während des
Unterrichts, -- ich konnte einfach nicht sprechen. Ich wurde rot und
nachher weinte ich irgendwo in einem Winkel -- vor Aerger über mich
selbst.

Ich weiß nicht, zu was das noch geführt haben würde, wenn uns nicht ein
Zufall einander näher gebracht hätte. Das geschah folgendermaßen:

Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna saß, schlich ich mich heimlich
in Pokrowskijs Zimmer. Ich wußte, daß er nicht zu Hause war, doch vermag
ich wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken kam, in das
Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. Ich tat es zum erstenmal,
obschon wir über ein Jahr Tür an Tür gewohnt hatten. Mein Herz klopfte
so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit einer
eigentümlichen Neugier im Zimmer um: es war ganz einfach, sogar ärmlich
eingerichtet, von Ordnung war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf
den Stühlen lagen Papiere, beschriebene Blätter. Ueberall nichts als
Bücher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke überkam mich plötzlich: es
schien mir, daß meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig für ihn
bedeuten könnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, ich wußte nichts,
las nichts, besaß kein einziges Buch ... Mit einem gewissen Neid blickte
ich nach den langen Bücherregalen, die fast zu brechen drohten unter der
schweren Last. Aerger erfaßte mich, und Groll und Sehnsucht und Wut! --
Ich wollte gleichfalls Bücher lesen, seine Bücher, und alle ausnahmslos,
und das so schnell als möglich! Ich weiß nicht, vielleicht dachte ich,
daß ich, wenn ich alles wüßte, was er wußte, eher seine Freundschaft
erwerben könnte, als so, da ich nichts wußte. Ich ging entschlossen zum
ersten Bücherregal und nahm, ohne zu zögern, ohne auch nur nachzudenken,
den ersten besten Band heraus -- zufällig ein ganz altes, bestaubtes
Buch -- und brachte es, zitternd vor Aufregung und Angst, in unser
Zimmer, um es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein des
Nachtlämpchens zu lesen.

Wie groß aber war mein Verdruß, als ich, in unserem Zimmer glücklich
angelangt, das geraubte Buch aufschlug und sah, daß es ein uraltes,
vergilbtes und von Würmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. Ich
besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein Zimmer zurück. Doch
gerade wie ich im Begriff war, das Buch wieder auf seinen alten Platz
zurückzulegen, hörte ich plötzlich die Glastür zum Korridor öffnen und
schließen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte mich beeilen, doch
das abscheuliche Buch war so eng in der Reihe eingepreßt gewesen, daß
die anderen Bücher, als ich dieses herausgenommen, unter dem
verringerten Druck sogleich wieder dicker geworden waren, weshalb der
frühere Schicksalsgenosse nicht mehr hineinpaßte. Mir fehlte die Kraft,
um das Buch hineinzuzwängen. Die Schritte kamen näher: ich stieß mit
aller Kraft die Bücher zur Seite, und -- der verrostete Nagel, der das
eine Ende des Bücherregals hielt und wohl nur auf diesen Augenblick
gewartet hatte, um zu brechen, -- brach. Das Brett stürzte krachend mit
dem einen Ende zu Boden und die Bücher fielen mit Geräusch herab. Da
ging die Tür auf und Pokrowskij trat ins Zimmer.

Ich muß vorausschicken, daß er es nicht ausstehen konnte, wenn jemand in
seinem Zimmer sich zu tun machte. Wehe dem, der gar seine Bücher
anzurühren wagte! Wie groß war daher mein Entsetzen, als alle die großen
und kleinen Bücher, die dicken und dünnen, eingebundenen und
uneingebundenen herabstürzten, übereinander kollerten und unter dem
Tisch und unter Stühlen und an der Wand in einem ganzen Haufen lagen.
Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spät. »Jetzt ist es aus,«
dachte ich, »für immer aus! Ich bin verloren! Ich bin unartig, wie eine
Zehnjährige, wie ein kleines dummes Mädchen! Ich bin kindisch und
albern!«

Pokrowskij ärgerte sich entsetzlich.

»Das fehlte gerade noch!« rief er zornig. »Schämen Sie sich denn nicht!
Werden Sie denn niemals Vernunft annehmen und die Kindertollheiten
lassen?« Und er machte sich daran, die Bücher aufzuheben.

Ich bückte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch er verbot es mir
barsch:

»Nicht nötig, nicht nötig, lassen Sie das jetzt! Sie täten besser, sich
nicht da einzufinden, wohin man Sie nicht gerufen!«

Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein Schuldbewußtsein
verriet, mochten ihn etwas besänftigen, wenigstens fuhr er in milderem,
ermahnendem Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu mir
gesprochen:

»Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten aufgeben, wann endlich
etwas vernünftiger werden? So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind
doch kein Kind, kein kleines Mädchen mehr, -- Sie sind doch schon
fünfzehn Jahre alt!«

Und da -- wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob ich auch wirklich
nicht mehr ein kleines Mädchen sei -- sah er mich an und plötzlich
errötete er bis über die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errötete:
ich stand vor ihm und sah ihn mit großen Augen verwundert an. Er wußte
nicht, was tun, trat verlegen ein paar Schritte auf mich zu, geriet in
noch größere Verwirrung, murmelte irgend etwas, als wolle er sich
entschuldigen -- vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt bemerkt
hatte, daß ich schon ein so großes Mädchen sei! Endlich begriff ich. Ich
weiß nicht, was dann in mir vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu
Boden, errötete noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht mit den
Händen und lief aus dem Zimmer.

Ich wußte nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich mich vor Scham
verstecken sollte. Schon das allein, daß er mich in seinem Zimmer
vorgefunden hatte! Ganze drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich
errötete bis zu Tränen. Die schrecklichsten und lächerlichsten Gedanken
jagten mir durch den Kopf. Einer der verrücktesten war wohl der, daß ich
zu ihm gehen, ihm alles erklären, alles gestehen und offen alles
erzählen wollte, um ihm dann zu versichern, daß ich nicht wie ein dummes
Mädchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. Ich hatte mich sogar
schon fest dazu entschlossen, doch zum Glück sank mein Mut und ich wagte
es nicht, meinen Vorsatz auszuführen. Ich kann mir denken, was ich damit
angestiftet hätte! Wirklich, ich schäme mich auch jetzt noch, überhaupt
nur daran zu denken.

Einige Tage darauf erkrankte Mama -- ganz plötzlich und sogar sehr
gefährlich. In der dritten Nacht stieg das Fieber und sie phantasierte
heftig. Ich hatte schon eine Nacht nicht geschlafen und saß wieder an
ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten Stunden die vom Doktor
verschriebene Arznei. In der folgenden Nacht versagte meine
Widerstandskraft, ich war vollständig erschöpft. Von Zeit zu Zeit fielen
mir die Augen zu, ich sah grüne Punkte tanzen, im Kopf drehte sich alles
und jeden Augenblick wollte mich die Bewußtlosigkeit überwältigen, doch
dann weckte mich wieder ein leises Stöhnen der Kranken: ich fuhr auf und
erwachte für einen Augenblick, um von neuem, übermannt von der
Mattigkeit, einzuschlummern. Ich quälte mich. Ich kann mich des Traumes,
den ich damals hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war aber irgendein
schrecklicher Spuk, der mich während meines Kampfes gegen die mich immer
wieder überwältigende Müdigkeit mit wirren Traumbildern ängstigte.
Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, das Nachtlicht im
Erlöschen: bald schlug die Flamme flackernd auf und heller Lichtschein
erfüllte das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flämmchen und an
den Wänden zitterten Schatten, um für Augenblicke fast vollständiger
Dunkelheit zu weichen. Ich begann mich zu fürchten, ein seltsames
Entsetzen erfaßte mich: meine Empfindungen und meine Phantasie standen
noch unter dem Eindruck des grauenvollen Traumes und die Angst schnürte
mir das Herz zusammen ... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und schrie leise
auf, unter dem quälenden Druck des unbestimmten Angstgefühls. In
demselben Augenblick ging die Tür auf und Pokrowskij trat zu uns ins
Zimmer.

Ich weiß nur noch, daß ich in seinen Armen aus der Bewußtlosigkeit
erwachte. Behutsam setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir zu trinken
und fragte mich besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich
erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete.

»Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank,« sagte er, indem er meine
Hand erfaßte. »Sie fiebern, Sie setzen Ihre eigene Gesundheit aufs
Spiel, wenn Sie sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie
sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden wecken, beruhigen
Sie sich nur ... Legen Sie sich hin, schlafen Sie ganz ruhig!« redete er
mir zu, ohne mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die
Erschöpfung hatte meine letzten Kräfte besiegt. Die Augen fielen mir vor
Schwäche zu. Ich legte mich hin, um, wie ich mir fest vornahm, nur eine
halbe Stunde zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij weckte
mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei einzugeben.

Als ich mich am nächsten Tage nach einer kurzen Erholung wieder zur
Nachtwache anschickte, entschlossen, diesmal nicht wieder einzuschlafen,
wurde etwa gegen elf Uhr an unsere Tür geklopft: ich öffnete -- es war
Pokrowskij.

»Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu sitzen,« sagte er,
»hier, nehmen Sie dieses Buch, es wird Sie immerhin etwas zerstreuen.«

Ich nahm das Buch -- ich habe vergessen, was für eines es war --, doch
obschon ich die ganze Nacht nicht schlief, sah ich kaum einmal hinein.
Es war eine eigentümliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe ließ: ich
konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal längere Zeit ruhig im
Lehnstuhl sitzen, -- mehrmals stand ich auf, um eine Weile im Zimmer
umherzugehen. Eine gewisse innere Zufriedenheit durchströmte mein ganzes
Wesen. Ich war so froh über die Aufmerksamkeit Pokrowskijs. Ich war
stolz auf seine Sorge, auf seine Bemühungen um mich. Die ganze Nacht
dachte ich nur daran und träumte mit offenen Augen. Er kam nicht wieder
und ich wußte, daß er in dieser Nacht nicht wieder kommen würde, aber
ich malte mir dafür die nächste Begegnung aus.

Am folgenden Abend, als die anderen alle schon zu Bett gegangen waren,
öffnete Pokrowskij seine Tür und begann mit mir eine Unterhaltung, indem
er auf der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne mich
keines Wortes mehr von dem, was wir damals sprachen; ich weiß nur noch,
daß ich schüchtern und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich über
mich ärgerte, und daß ich mit Ungeduld das Ende der Unterhaltung
erwartete, obschon ich mit allen Fibern an ihr hing und den ganzen Tag
an nichts anderes gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten
zurecht gelegt hatte ...

Mit diesem Gespräch begann unsere Freundschaft. Während der ganzen Dauer
von Mamas Krankheit verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen.
Allmählich überwand ich meine Schüchternheit, wenn ich auch nach jedem
Gespräch immer noch Ursache hatte, über mich selbst ungehalten zu sein.
Uebrigens erfüllte es mich mit geheimer Freude und stolzer Genugtuung,
als ich sah, daß er um meinetwillen seine unausstehlichen Bücher vergaß.
Einmal kamen wir zufällig darauf zu sprechen, wie sie damals vom
Bücherbrett gefallen waren -- natürlich im Scherz. Es war ein seltsamer
Augenblick: ich glaube, ich war _gar_ zu aufrichtig und naiv. Eine
seltsame Begeisterung riß mich mit sich fort und ich gestand ihm alles
... gestand ihm, daß ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es mich
geärgert, daß man mich für ein kleines Mädchen gehalten ... Wie gesagt,
ich befand mich in einer sehr sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich
und in meinen Augen standen Tränen, -- ich verheimlichte ihm nichts, ich
sagte ihm alles, alles, erzählte ihm von meiner Freundschaft zu ihm, von
meinem Wunsch, ihn zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu
trösten, zu beruhigen ...

Er sah mich eigentümlich an, er schien verwirrt und erstaunt zugleich zu
sein und sagte kein Wort. Das tat mir plötzlich sehr weh und machte mich
traurig. Ich glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken
vielleicht sogar über mich lustig. Und plötzlich brach ich in Tränen aus
und weinte wie ein Kind: es war mir unmöglich, mich zu beherrschen, wie
ein Krampf hatte es mich erfaßt. Er ergriff meine Hände, küßte sie,
drückte sie an die Brust, redete mir zu, tröstete mich. Es mußte ihm
sehr nahe gegangen sein, denn er war tief gerührt. Ich erinnere mich
nicht mehr, was er zu mir sprach, ich weinte und lachte und errötete und
weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst kein Wort
hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, daß in Pokrowskij eine gewisse
Verwirrung und Gezwungenheit zurückblieb. Offenbar konnte er sich über
meinen Gefühlsausbruch, über eine so plötzliche, glühende Freundschaft
nicht genug wundern. Vielleicht war zu Anfang nur sein Interesse
geweckt, doch späterhin verlor sich seine Zurückhaltung und er erwiderte
meine Anhänglichkeit, meine freundlichen Worte, meine Aufmerksamkeit mit
ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefühlen, wie ich sie ihm
entgegenbrachte, und war so aufmerksam und freundlich zu mir, wie ein
aufrichtiger Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen war es
so warm, so gut ... Ich verheimlichte nichts und verstellte mich nicht:
was ich fühlte, das sah er, und mit jedem Tage trat er mir näher, wurde
seine Freundschaft zu mir größer.

Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir in jenen qualvollen
und doch süßen Stunden unseres nächtlichen Beisammenseins beim
zitternden Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am
Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir sprachen von allem,
was uns einfiel, wovon das Herz voll war -- und wir waren fast glücklich
... Ach, es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. Auch
jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn ich an sie zurückdenke.
Erinnerungen sind immer quälend, gleichviel ob es traurige oder frohe
sind. Wenigstens ist es bei mir so -- freilich liegt in dieser Qual
zugleich auch eine gewisse Süße. Aber wenn es einem schwer wird ums Herz
und weh, und wenn man sich quält und traurig ist, dann sind Erinnerungen
erfrischend und belebend wie nach einem heißen Tage kühler Tau, der am
feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut des Tages welk gewordene
Blume erfrischt und wieder belebt.

Mama war bereits auf dem Wege der Besserung -- trotzdem fuhr ich fort,
die Nächte an ihrem Bett zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bücher:
anfangs las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer und
zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als täte sich eine ganze Welt
neuer, mir bis dahin unbekannter, ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken,
neue Eindrücke stürmten in Ueberfülle auf mich ein. Und je mehr
Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich die Aufnahme dieser neuen
Eindrücke kostete, um so lieber waren sie mir, um so freudvoller
erschütterten sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz plötzlich
drängten sie sich in mein Herz und ließen es keine Ruhe mehr finden. Es
war ein eigentümliches Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann.
Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch nicht vernichten. Ich
war gar zu verschwärmt und träumerisch, und das rettete mich.

Als meine Mutter die Krankheit glücklich überstanden hatte, hörten
unsere abendlichen Zusammenkünfte und langen Gespräche auf. Nur hin und
wieder fanden wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz
gleichgültige Worte mit einander zu wechseln, doch tröstete ich mich
damit, daß ich jedem nichtssagenden Wort eine besondere Bedeutung
verlieh und ihm einen geheimen Sinn unterschob. Mein Leben war voll
Inhalt, ich war glücklich, war still und ruhig glücklich. Und so
vergingen mehrere Wochen ...

Da trat einmal, wie zufällig, der alte Pokrowskij zu uns ins Zimmer. Er
schwatzte wieder alles mögliche, war bei auffallend guter Laune,
scherzte und war sogar witzig, so in seiner Art witzig, -- bis er
endlich mit der großen Neuigkeit, die zugleich die Lösung des Rätsels
seiner guten Laune war, herauskam, und uns mitteilte, daß genau eine
Woche später Petinkas Geburtstag sei und daß er an jenem Tage unbedingt
zu seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue Weste anlegen, und
seine Frau, sagte er, habe versprochen, ihm neue Stiefel zu kaufen.
Kurz, der Alte war mehr als glücklich und schwatzte unermüdlich.

Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag ließ mir Tag und Nacht keine
Ruhe. Ich beschloß sogleich, ihm zum Beweis meiner Freundschaft
unbedingt etwas zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter
Gedanke: ich wollte ihm Bücher schenken. Ich wußte, daß er gern die
neueste Gesamtausgabe der Werke Puschkins besessen hätte und so beschloß
ich, ihm dieselbe zu kaufen. Ich besaß an eigenem Gelde etwa dreißig
Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. Dieses Geld war
eigentlich für ein neues Kleid bestimmt, das ich mir anschaffen sollte.
Doch ich schickte sogleich unsere Küchenmagd, die alte Matrjona, zum
nächsten Buchhändler, um sich zu erkundigen, wieviel die neueste Ausgabe
der Werke Puschkins koste. O, das Unglück! Der Preis aller elf Bände
war, wenn man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig Rubel.
Woher das Geld nehmen? Ich sann und grübelte und wußte nicht, was tun.
Mama um Geld bitten, das wollte ich nicht. Sie würde es mir natürlich
sofort gegeben haben, doch dann hätten alle erfahren, daß wir ihm ein
Geschenk machten. Und außerdem wäre es dann kein Geschenk mehr gewesen,
sondern gewissermaßen eine Entschädigung für seine Mühe, die er das
ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber wollte ihm die Bücher ganz allein,
ganz heimlich schenken. Für die Mühe aber, die er beim Unterricht mit
mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet sein, ohne ein
anderes Entgelt dafür, als meine Freundschaft. Endlich verfiel ich auf
einen Ausweg.

Ich wußte, daß man bei den Antiquaren im Gostinnyj Dworr(4) die neuesten
Bücher für den halben Preis erstehen konnte, wenn man nur zu handeln
verstand. Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast ganz neue
Bücher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit nach
dem Gostinnyj Dworr zu gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am
folgenden Tage: Mama hatte irgend etwas nötig, das aus einer Handlung
besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna gleichfalls, doch Mama fühlte
sich nicht ganz wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glück gerade keine
Lust zum Ausgehen. So kam es, daß ich mit Matrjona alles besorgen mußte.

  (4) Größte Kaufhalle in Petersburg. E. K. R.

Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und zwar in einem hübschen
und gut erhaltenen Einbande. Ich fragte nach dem Preise. Zuerst
verlangte der Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung kostete,
doch nach und nach brachte ich ihn so weit -- was übrigens gar nicht so
leicht war -- daß er, nachdem ich mehrmals fortgegangen und so getan
hatte, als wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach vom
Preise abließ und seine Forderung schließlich auf fünfunddreißig Rubel
festsetzte. Welch ein Vergnügen es mir war, zu handeln! Die arme
Matrjona konnte gar nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu
in aller Welt ich soviel Bücher kaufen wollte. Doch wer beschreibt
schließlich meinen Aerger: ich besaß im ganzen nur meine dreißig Rubel,
und der Kaufmann wollte mir die Bücher unter keinen Umständen billiger
abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so lange, bis er sich
zu guter Letzt doch erweichen ließ: er ließ noch etwas ab, aber nur
zweieinhalb Rubel, mehr, sagte er, könne er bei allen Heiligen nicht
ablassen, und er schwor und beteuerte immer wieder, daß er es nur für
mich tue, weil ich ein so nettes Fräulein sei, und daß er einem anderen
Käufer nie und nimmer so viel abgelassen hätte. Zweieinhalb Rubel
fehlten mir! Ich war nahe daran, vor Verdruß in Tränen auszubrechen.
Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes.

Nicht weit von mir erblickte ich plötzlich den alten Pokrowskij, der an
einem der anderen Büchertische stand. Vier oder fünf der Antiquare
umringten ihn und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen bereits
ganz eingeschüchtert zu haben. Ein jeder bot ihm einige seiner Bücher
an, die verschiedensten, die man sich nur denken kann: mein Gott, was er
nicht alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- und ratlos und
wußte nicht, für welches der vielen Bücher, die ihm von allen Seiten
empfohlen wurden, er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat
auf ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte war sehr froh
über mein Erscheinen; er liebte mich sehr, vielleicht gar nicht so viel
weniger als seinen Petinka.

»Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Büchelchen, Warwara Alexejewna,«
antwortete er, »für Petinka kaufe ich ein paar Büchelchen. Sein
Geburtstag ist bald und er liebt doch am meisten Bücher, und da kaufe
ich sie denn eben für ihn ...«

Der Alte drückte sich immer sehr sonderbar aus, diesmal aber war er noch
dazu völlig verwirrt. Was er auch kaufen wollte, immer kostete es über
einen Rubel, zwei oder gar drei Rubel. An die großen Bände wagte er sich
schon gar nicht heran, blickte nur so von der Seite mit verlangendem
Lächeln nach ihnen hin, blätterte etwas in ihnen -- ganz zaghaft und
ehrfurchtsvoll langsam -- besah wohl auch das eine oder andere Buch von
allen Seiten, drehte es in der Hand und stellte es wieder an seinen
Platz zurück.

»Nein, nein, das ist zu teuer,« sagte er dann halblaut, »aber von hier
vielleicht etwas ...« Und er begann, unter den dünnen Broschüren und
Heftchen, unter Liederbüchern und alten Kalendern zu suchen: die waren
natürlich billig.

»Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen,« fragte ich ihn, »diese
Heftchen sind doch nichts wert!«

»Ach nein,« versetzte er, »nein, sehen Sie nur, was für hübsche
Büchelchen hier unter diesen sind, sehen Sie, wie hübsch!« -- Die
letzten Worte sprach er so wehmütig und gleichsam zögernd in stockendem
Tone, daß ich schon befürchtete, er werde sogleich zu weinen anfangen --
vor lauter Kummer darüber, daß die hübschen Bücher so teuer waren -- und
daß sogleich ein Tränlein über seine bleiche Wange an der roten Nase
vorüberrollen werde.

Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe.

»Da, hier,« -- damit zog der Arme sein ganzes Vermögen hervor, das in
ein schmutziges Stückchen Zeitungspapier eingewickelt war -- »hier,
sehen Sie, ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstück, hier Kupfer,
auch so zwanzig Kopeken ...«

Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar.

»Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bände, die alle zusammen zweiunddreißig
Rubel und fünfzig Kopeken kosten. Ich habe dreißig, legen Sie jetzt
zweieinhalb hinzu und wir kaufen alle diese elf Bücher und schenken sie
ihm gemeinsam!«

Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schüttelte mit zitternden
Händen all sein Geld aus der Tasche, worauf ihm dann der Antiquar unsere
ganze neuerstandene Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte die Bücher
in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme und Hände, und trug sie dann
alle zu sich nach Haus, nachdem er mir sein Wort gegeben, daß er sie am
nächsten Tage ganz heimlich zu uns bringen werde.

Richtig, am nächsten Tage kam er zu dem Sohn, saß wie gewöhnlich ein
Stündchen bei ihm, kam dann zu uns und setzte sich mit einer unsagbar
komischen und geheimnisvollen Miene zu mir. Lächelnd und die Hände
reibend, stolz im Bewußtsein, daß er ein Geheimnis besaß, teilte er mir
heimlich mit, daß er die Bücher alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und
in der Küche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas Schutz bis zum
Geburtstage unbemerkt verbleiben konnten.

Dann kam das Gespräch natürlich auf das bevorstehende große »Fest«. Der
Alte begann sehr weitschweifig darüber zu reden, wie die Ueberreichung
des Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in dieses
Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er darüber sprach, um so
deutlicher merkte ich, daß er etwas auf dem Herzen hatte, was er nicht
sagen wollte oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht
recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. Seine geheime Freude und
seine groteske Vergnügtheit, die sich anfangs in seinen Gebärden, in
seinem ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem gewissen
Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, waren allmählich
verschwunden. Er war sichtlich von innerer Unruhe geplagt und schaute
immer bekümmerter drein. Endlich hielt er es nicht länger aus und begann
zaghaft:

»Hören Sie, wie wäre es, sehen Sie mal, Warwara Alexejewna ... wissen
Sie was, Warwara Alexejewna?...« Der Alte war ganz konfus. »Ja, sehen
Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen Sie zehn Bücher
und schenken ihm diese selbst, das heißt also von sich aus, von Ihrer
Seite sozusagen ... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und ihn
ganz allein von mir aus überreichen, also sozusagen ausdrücklich von
meiner Seite. Sehen Sie, dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich
habe etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen beide etwas zu
schenken haben ...«

Hier geriet der Alte ins Stocken und wußte nicht, wie er fortfahren
sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: er saß ganz still und erwartete
schüchtern, was ich wohl dazu sagen werde.

»Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam mit mir schenken, Sachar
Petrowitsch?« fragte ich.

»Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, wie gesagt ... -- ich
meine ja nur eben sozusagen ...«

Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrücken, blieb wieder stecken
und kam nicht weiter.

»Sehen Sie,« hub er dann nach kurzem Schweigen von neuem an, »ich habe
nämlich, müssen Sie wissen, den Fehler, daß ich mitunter nicht ganz so
bin, wie man sein muß ... das heißt, ich will Ihnen gestehen, Warwara
Alexejewna, daß ich eigentlich immer dumme Streiche mache ... das ist
nun schon einmal so mit mir ... und ist gewiß sehr schlecht von mir ...
Das kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist draußen mitunter
so eine Kälte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, oder man ist eben
einmal wehmütig gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht
Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und schlage eben über
die Schnur und trinke ein überflüssiges Gläschen. Dem Petruscha aber ist
das sehr unangenehm. Denn er, sehen Sie, er ärgert sich darüber und
schilt mich und erklärt mir, was Moral ist. Also deshalb, sehen Sie,
würde ich ihm jetzt gern mit meinem Geschenk beweisen, daß ich anfange,
mich gut aufzuführen, seine Lehren zu beherzigen und überhaupt mich zu
bessern. Daß ich also, mit anderen Worten, gespart habe, um das Buch zu
kaufen, lange gespart, denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen
Sie, es sei denn, daß Petinka mir hin und wieder welches gibt. Das weiß
er. Also wird er dann sehen, wozu ich sein Geld benutzt habe: daß ich
alles nur für ihn tue.«

Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange nach. Der Alte sah
mich in erwartungsvoller Unruhe an.

»Hören Sie, Sachar Petrowitsch,« sagte ich, »schenken Sie sie ihm alle.«

»Wie alle? Alle Bände?«

»Nun ja, alle Bände.«

»Und das von mir, von meiner Seite?«

»Ja, von Ihrer Seite.«

»Ganz allein von mir? Das heißt, in meinem Namen?«

»Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.«

Ich glaube, daß ich mich deutlich genug ausdrückte, doch es dauerte eine
Zeitlang, bis der Alte mich begriff.

»Na ja,« sagte er schließlich nachdenklich, »ja! -- das würde sehr gut
sein, wirklich sehr gut, aber wie bleibt es dann mit Ihnen, Warwara
Alexejewna?«

»Ich werde dann einfach nichts schenken.«

»Wie!« rief der Alte fast erschrocken, »Sie werden Petinka nichts
schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk machen?«

Ich bin überzeugt, daß der Alte in diesem Augenblick im Begriff war, das
Angebot zurückzuweisen, nur damit auch ich seinem Sohne etwas schenken
könne. Er war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte!

Ich versicherte ihm zugleich, daß ich ja sehr gern schenken würde, nur
wolle ich ihm die Freude nicht schmälern.

»Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden sein wird,« fuhr ich fort,
»und Sie sich freuen werden, dann werde auch ich mich freuen.«

Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er blieb noch ganze zwei
Stunden bei uns, vermochte aber in dieser Zeit keine Minute lang ruhig
zu sitzen: er erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit
Ssascha umher, küßte heimlich meine Hand, und schnitt Gesichter hinter
Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn endlich nach Hause schickte. Kurz,
der Alte war rein aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis
dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war.

Am Morgen des feierlichen Tages erschien er pünktlich um elf Uhr, gleich
von der Frühmesse aus, erschien in anständigem, ausgebessertem Rock und
tatsächlich in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder Hand trug er
ein Bündel Bücher -- Matrjona hatte ihm dazu zwei Servietten geliehen.
Wir saßen gerade alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war ein
Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, daß Puschkin ein sehr
guter Dichter gewesen sei; davon ging er, übrigens nicht ohne gewisse
Unsicherheit und Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch
ziemlich plötzlich, auf ein anderes Thema über, nämlich darauf, daß man
sich gut aufführen müsse: wenn der Mensch das nicht tue, so sei das ein
Zeichen, daß er »dumme Streiche mache«. Schlechte Neigungen hätten eben
von jeher den Menschen herabgezogen und verdorben. Ja, er zählte sogar
mehrere abschreckende Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schloß
damit, daß er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert habe
und sich jetzt musterhaft aufführe. Er habe auch früher schon die
Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt und sie schon lange
innerlich beherzigt, jetzt aber habe er begonnen, sich auch in der Tat
aller schlechten Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner
Erkenntnis gemäß für richtig halte. Zum Beweis aber schenke er hiermit
die Bücher, für die er sich im Laufe einer langen Zeit das nötige Geld
zusammengespart habe.

Ich hatte Mühe, mir die Tränen und das Lachen zu verbeißen, während der
arme Alte redete. So hatte er es doch verstanden, zu lügen, sobald es
nötig war!

Die Bücher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs Zimmer gebracht und
auf dem Bücherbrett aufgestellt. Pokrowskij selbst hatte natürlich
sofort die Wahrheit erraten.

Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu bleiben. Wir waren an
diesem Tage alle recht lustig. Nach dem Essen spielten wir ein
Pfänderspiel und dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen wie
nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij war sehr aufmerksam
gegen mich und suchte immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier
Augen zu sprechen, doch ließ ich mich nicht einfangen. Das war der
schönste Tag in diesen vier Jahren meines Lebens!

Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, schwere Erinnerungen, jetzt
beginnt die Geschichte meiner dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir
scheinen, als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, müde
zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen mit dem Erzählen.
Deshalb habe ich wohl auch so ausführlich und mit so viel Liebe alle
Einzelheiten meiner Erlebnisse in jenen glücklichen Tagen meines Lebens
beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. So bald wurden sie von
Kummer, von schwerem Kummer verdrängt, und nur Gott allein mag wissen,
wann der einmal ein Ende nehmen wird.

Mein Unglück begann mit der Krankheit und dem Tode Pokrowskijs.

Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage vergangen, als er
erkrankte. In diesen zwei Monaten hatte er sich unermüdlich um eine
Anstellung, die ihm eine Existenzmöglichkeit gewährt hätte, bemüht, denn
bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle Schwindsüchtigen, gab auch
er die Hoffnung, noch lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht
auf. Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, doch hatte
er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf. In den
Staatsdienst zu treten, verbot ihm seine angegriffene Gesundheit.
Außerdem hätte er dort lange auf das erste etatsmäßige Gehalt warten
müssen. Kurz, Pokrowskij sah überall nichts als Mißerfolge. Das war
natürlich von schlechtem Einfluß auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte
seine Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst kam. Jeden
Tag ging er in seinem leichten Mantel aus, um wieder irgendwo um eine
Anstellung zu bitten, -- was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er dann
immer müde, hungrig, vom Regen durchnäßt und mit nassen Füßen nach Haus,
bis er endlich so weit war, daß er sich zu Bett legen mußte -- um nicht
wieder aufzustehen ... Er starb im Spätherbst, Ende Oktober.

Ich pflegte ihn. Während der ganzen Dauer seiner Krankheit verließ ich
nur selten sein Zimmer. Oft schlief ich ganze Nächte nicht. Meist lag er
bewußtlos im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott weiß wovon,
zuweilen auch von der Anstellung, die er in Aussicht hatte, von seinen
Büchern, von mir, vom Vater ... und da erst hörte ich vieles von seinen
Verhältnissen, was ich noch gar nicht gewußt und nicht einmal geahnt
hatte.

In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner Pflege sahen mich alle im
Hause etwas sonderbar an, und Anna Fedorowna schüttelte den Kopf. Doch
ich blickte allen offen in die Augen, und da hörte man denn auf, meine
Teilnahme für den Kranken zu verurteilen -- wenigstens Mama tat es nicht
mehr.

Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah das
verhältnismäßig selten. Er war fast die ganze Zeit nicht bei Besinnung.
Bisweilen sprach er lange, lange, oft ganze Nächte lang in unklaren,
dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere Stimme klang in dem
engen Zimmer so dumpf wie in einem Sarge. Dann fürchtete ich mich.
Namentlich in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich
und quälte sich, und sein Stöhnen zerriß mir das Herz. Alle im Hause
waren erschüttert. Anna Fedorowna betete die ganze Zeit, Gott möge ihn
schneller erlösen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, daß der Kranke wohl
nur noch bis zum nächsten Morgen leben werde.

Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im Korridor, dicht an der
Tür zum Zimmer seines Sohnes: dort hatte man ihm ein Lager zurecht
gemacht, irgendeine Matte als Unterlage auf den Fußboden gelegt. Jeden
Augenblick kam er ins Zimmer, -- es war schrecklich, ihn anzusehen. Der
Schmerz hatte ihn so gebrochen, daß er fast vollkommen teilnahmslos,
ganz gefühllos und gedankenlos erschien. Sein Kopf zitterte. Sein ganzer
Körper zitterte und sein Mund flüsterte mechanisch irgend etwas vor sich
hin. Es schien mir, daß er vor Schmerz den Verstand verlieren werde.

Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte im Korridor endlich in
Schlaf. Gegen acht Uhr begann der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater.
Pokrowskij war bei vollem Bewußtsein und nahm von uns allen Abschied.
Seltsam! Ich konnte nicht weinen, aber ich glaubte es körperlich zu
fühlen, wie mein Herz in Stücke zerriß.

Doch das Qualvollste waren für mich seine letzten Augenblicke. Er bat
lange, lange um irgend etwas, doch konnte ich seine Worte nicht mehr
verstehen, da seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich
zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und immer wieder bat er um
irgend etwas, bemühte er sich, mit seiner bereits steif gewordenen Hand
ein Zeichen zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer
Stimme um etwas zu bitten -- doch die Worte waren nur zusammenhanglose
Laute, und wieder konnte ich nichts verstehen. Ich führte alle einzeln
an sein Bett, reichte ihm zu trinken, er aber schüttelte immer nur
langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich erriet ich, was er
wollte: er bat, den Fenstervorhang aufzuziehen und die Läden zu öffnen.
Er wollte wohl noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne.

Ich zog den Vorhang fort und stieß die Läden auf, doch der anbrechende
Tag war trübe und traurig, wie das erlöschende arme Leben des
Sterbenden. Von der Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhüllten den
Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, düster und
schwermütig war es. Ein feiner Regen schlug leise an die Fensterscheiben
und rann in klaren, kalten Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trüb
und dunkel. Das bleiche Tageslicht drang nur spärlich ins Zimmer, wo es
das zitternde Licht des Lämpchens vor dem Heiligenbilde kaum merklich
verdrängte. Der Sterbende sah mich traurig, so traurig an und bewegte
dann leise, wie zu einem müden Schütteln, den Kopf. Nach einer Minute
starb er.

Für die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es wurde ein ganz, ganz
einfacher Sarg gekauft und ein Lastwagen gemietet. Zur Deckung der
Unkosten aber wurden alle Bücher und Sachen des Verstorbenen von Anna
Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr die Hinterlassenschaft
seines Sohnes nicht abtreten, stritt mit ihr, lärmte, nahm ihr die
Bücher fort, stopfte sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie
nur unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich herum und
trennte sich auch dann nicht von ihnen, als wir zur Kirche gehen mußten.
Alle diese Tage war er ganz wie ein Geistesgestörter. Mit einer
seltsamen Geschäftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu schaffen:
bald zupfte er ein wenig die grünen Blätter zurecht, bald zündete er die
Kerzen an, um sie wieder auszulöschen und dann wieder anzuzünden. Man
sah es, daß seine Gedanken nicht länger als einen Augenblick bei etwas
Bestimmtem verweilen konnten.

Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama noch Anna Fedorowna bei.
Mama war krank, Anna Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte,
geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, ärgerte sich und blieb
zu Haus. So waren nur ich und der Alte in der Kirche. Während des
Gottesdienstes ergriff mich plötzlich eine unsagbare Angst -- wie eine
dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte mich kaum auf den
Füßen halten.

Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen gehoben und
fortgeführt. Ich begleitete ihn nur bis zum Ende der Straße. Dann fuhr
der Fuhrmann im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und weinte
laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, da das Laufen ihn
erschütterte. Der Arme verlor seinen Hut, blieb aber nicht stehen, um
ihn aufzuheben, sondern lief weiter. Sein Kopf wurde naß vom Regen. Ein
scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins Gesicht. Doch der Alte
schien nichts davon zu spüren und lief weinend weiter, bald an der
einen, bald an der anderen Seite des Wagens. Die langen Schöße seines
fadenscheinigen alten Ueberrocks flatterten wie Flügel im Winde. Aus
allen Taschen sahen Bücher hervor und im Arm trug er irgendein großes
schweres Buch, das er krampfhaft umklammerte und an die Brust drückte.
Die Vorübergehenden nahmen die Mützen ab und bekreuzten sich. Einige
blieben stehen und schauten verwundert dem armen Alten nach. Alle
Augenblicke fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straßenschmutz.
Dann rief man ihn an, hielt ihn zurück und machte ihn auf seinen Verlust
aufmerksam. Und er hob das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge
nach. Kurz vor der Straßenecke schloß sich ihm eine alte Bettlerin an
und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog der Wagen um die
Straßenecke und verschwand.

Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich mich meiner Mutter an die
Brust. Ich umschlang sie fest mit meinen Armen und küßte sie und
plötzlich brach ich in Tränen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll an
die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben war, als
hätte ich sie für immer festhalten wollen, damit der Tod mir nicht auch
sie noch entreiße ...

Doch der Tod schwebte damals schon über meiner armen Mutter ...

                   *       *       *       *       *

                   *       *       *       *       *

11. Juni.

Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch, für den gestrigen
Spaziergang nach den Inseln! Wie schön es dort war, wie wundervoll grün,
und die Luft wie köstlich! -- Ich hatte so lange keinen Rasen und keine
Bäume gesehen, -- als ich krank war, dachte ich doch, daß ich sterben
müsse, daß ich bestimmt sterben werde -- nun können Sie sich denken, was
ich gestern fühlen mußte, und was empfinden!

Seien Sie mir nicht böse, daß ich so traurig war. Ich fühlte mich sehr
wohl und leicht, aber gerade in meinen besten Stunden werde ich aus
irgendeinem Grunde traurig; so geht es mir immer. Und daß ich weinte,
das hatte auch nichts auf sich, ich weiß selbst nicht, weshalb ich immer
weinen muß. Ich bin, das fühle ich, krankhaft überreizt, alle Eindrücke,
die ich empfange, sind krankhaft -- krankhaft heftig. Der wolkenlose
blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die Abendstille -- alles das -- ich
weiß wirklich nicht, -- ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle
Eindrücke schwer und qualvoll zu nehmen, so daß das Herz bald übervoll
war und die Seele nach Tränen verlangte. Doch wozu schreibe ich Ihnen
das alles? Das Herz wird sich nur so schwer über alles dies klar, um wie
viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben! Aber vielleicht
verstehen Sie mich doch.

Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar Alexejewitsch! Gestern
blickten Sie mir so in die Augen, als wollten Sie in ihnen lesen, was
ich empfand, und Sie waren glücklich über meine Freude. War es ein
Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen -- immer standen Sie da vor
mir und fühlten sich ganz stolz und schauten mir immer wieder in die
Augen, als wäre alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen. Das
beweist, daß Sie ein gutes Herz haben, Makar Alexejewitsch. Deshalb
liebe ich Sie ja auch.

Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank: gestern bekam ich nasse
Füße und habe mich infolgedessen erkältet. Fedora ist noch nicht ganz
gesund -- ich weiß nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide krank.
Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie öfter zu uns.

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

12. Juni.

Mein Täubchen Warwara Alexejewna!

Ich dachte, mein Kind, Sie würden mir den gestrigen Ausflug in lauter
Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges
kleines Blättchen! Doch will ich damit nicht tadeln, daß Sie mir nur
wenig geschrieben haben: dafür haben Sie alles ungewöhnlich gut und
schön beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen,
was Sie selber empfanden -- das haben Sie mit einem Worte kurz, aber
ganz wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent,
irgend etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es
kommt dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das
weiß ich selbst nur zu genau.

Sie schreiben mir, meine Liebe, daß ich ein guter Mensch sei,
sanftmütig, voll Wohlwollen für alle, unfähig, dem Nächsten etwas Böses
zuzufügen, und daß ich die Güte des himmlischen Schöpfers, wie sie in
der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch
mit verschiedenen anderen Lobsprüchen. -- Das ist gewiß alles wahr, mein
Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie
sagen, ich weiß das selbst: und es freut einen auch, wenn man von
anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben
haben: es wird einem unwillkürlich froh und leicht zumut -- aber
schließlich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun
hören Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas
erzählen.

Ich beginne damit, daß ich auf die Zeit zurückgreife, als ich erst
siebzehn Lenze zählte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald
runde dreißig Jahre sein, daß ich als Beamter tätig bin! Ich habe in der
Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformröcke abgetragen, bin darüber
Mann geworden, auch vernünftiger und klüger, habe Menschen gesehen und
kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht -- ich kann schon
sagen, daß ich gelebt habe --, und einmal wollte man mich sogar zur
Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nämlich für meine Dienste ein
Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,
aber es war wirklich so, ich lüge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei
heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und überall
schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine
Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein
dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlägt, ist genau so, wie das
Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein böser Mensch
mir antat? Man schämt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er
es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden
bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem
Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe
geschoben. Anfangs hieß es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:

»Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das!« -- Daraus wurde mit der
Zeit:

»Ach, natürlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!«

Jetzt aber heißt es ganz einfach:

»Na, selbstverständlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!«

Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar
Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als »Makar
Alexejewitsch« sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.
Und noch nicht genug damit, daß sie in dieser Weise aus mir ein
geflügeltes Wort, fast sogar einen geflügelten Tadel, wenn nicht gar ein
Schmähwort machten -- nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,
meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war,
etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mußte anders
gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen
Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich mich an alles
gewöhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch
bin. Aber, fragt man sich schließlich, womit habe ich denn das alles
verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem
den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwärzt, um
dafür belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden
angestiftet? Sie würden sündigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur
denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas überhaupt fertig
brächte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann
sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fähigkeit zu Intrigen und zum
Strebertum habe? Also wofür treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch
vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich für einen ehrenwerten Menschen,
Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl
Warinka!

Was ist die größte bürgerliche Tugend? Ueber diese Frage äußerte sich
noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgespräch.
Er sagte: Die größte bürgerliche Tugend sei -- Geld zu schaffen. Er
sagte es natürlich im Scherz (ich weiß, daß er es nur im Scherz sagte),
was aber in dem Worte für eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne
hatte), das war, daß man mit seiner Person niemandem zur Last fallen
solle. Ich aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stück
Brot. Es ist ja wohl nur ein einfaches Stück Brot, mitunter sogar altes,
trockenes Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch
_meine_ Arbeit rechtlich und redlich erworben!

Nun ja, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst, daß ich nichts
sonderlich Großes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und
Schriftstücke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite
doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hände Arbeit. Nun, und was
ist denn dabei, daß ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Sünde?
»Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber!« -- Aber was ist denn dabei
Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich,
jeder Buchstabe wie gestochen, daß es eine Freude ist, so einen ganzen
Bogen zu sehen, und -- Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich muß die
wichtigsten Papiere für Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe
keinen Stil! Das weiß ich selbst, daß ich ihn nicht habe, den
verwünschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich weiß es, und
deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,
mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst
und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strömt ... Das weiß
ich selbst ganz genau: aber schließlich: wenn alle nur Selbstverfaßtes
schreiben wollten, wer würde dann -- abschreiben?

Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir,
meine Liebe.

So sehe ich denn jetzt selbst ein, daß man mich braucht, daß ich
notwendig, daß ich unentbehrlich bin, und daß kein Grund vorliegt, sich
durch müßiges Geschwätz irre machen zu lassen. Nun schön, meinetwegen
bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Aehnlichkeit mit ihr
herausfinden zu können. Aber diese Ratte ist nützlich, ohne diese Ratte
käme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man
rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation
zusprechen, -- da sehen Sie, was das für eine Ratte ist!

Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar
nicht davon sprechen, aber nun -- es kam mal so zur Sprache, und da
hat's mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu
Zeit sich selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Leben Sie wohl, mein Täubchen, meine gute kleine Trösterin! Ich werde
schon kommen, gewiß werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen,
um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grämen Sie sich bis
dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben
Sie wohl bis dahin, Warinka.

Wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!

Ihr

Makar Djewuschkin.

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20. Juni.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr wenig Zeit, -- muß eine
Arbeit zu einem bestimmten Termin beenden.

Hören Sie, um was es sich handelt: es bietet sich ein guter
Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter von ihr habe einen fast
neuen Uniformrock, sowie Beinkleider, Weste und Mütze zu verkaufen, und
alles, wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen wollten!
Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr in Verlegenheit, -- Sie
sagten mir ja selbst, daß Sie Geld haben. Also seien Sie vernünftig und
schaffen Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so nötig. Sehen Sie
sich doch nur selbst an, in was für alten Kleidern Sie umhergehen. Eine
wahre Schande! Alles ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das
weiß ich, obschon Sie versichern, Sie hätten sie. Gott weiß, was Sie mit
Ihrem neuen Anzug angefangen haben. So hören Sie doch diesmal auf mich
und kaufen Sie die Kleider, bitte, tun Sie's! Tun Sie es für mich, wenn
Sie mich lieb haben!

Sie haben mir Wäsche geschenkt. Hören Sie, Makar Alexejewitsch, das geht
wirklich nicht so weiter! Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch
kein Spaß, was Sie schon für mich ausgegeben haben, -- entsetzlich,
wieviel Geld! Wie Sie verschwenden können! Ich habe ja nichts nötig, das
war ja alles ganz, ganz überflüssig! Ich weiß, glauben Sie mir, ich
weiß, daß Sie mich lieben, deshalb ist es ganz überflüssig von Ihnen,
mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe vergewissern zu
wollen. Wenn Sie wüßten, wie schwer es mir fällt, sie anzunehmen! Ich
weiß doch, was sie Sie kosten. Deshalb ein für allemal: Lassen Sie es
gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hören Sie? Ich bitte Sie, ich
flehe Sie an!

Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner Aufzeichnungen zuzusenden,
Sie wollen, daß ich sie beende. Gott, ich weiß selbst nicht, wie ich das
fertig gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben ist!
Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner Vergangenheit zu
sprechen. Ich will an sie nicht einmal zurückdenken. Ich fürchte mich
vor diesen Erinnerungen. Und gar von meiner armen Mutter zu sprechen,
deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen Ungeheuern preisgegeben war:
das wäre mir ganz unmöglich! Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken auch
nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die Wunden sind noch zu
frisch! Ich habe noch keine Ruhe, um zu denken, habe mich selbst noch
lange nicht beruhigen können, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen
ist. Doch Sie wissen das ja alles!

Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten mitgeteilt. Sie
wirft mir Undankbarkeit vor und leugnet es, mit Herrn Bükoff im
Einverständnis gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr
zurückzukehren. Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf einen
schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurückkehren würde, so wolle sie
es übernehmen, die ganze Geschichte mit Herrn Bükoff beizulegen und ihn
zu veranlassen, seine Schuld mir gegenüber wieder gutzumachen. Sie hat
sogar gesagt, daß Herr Bükoff mir eine Aussteuer geben wolle. Gott mit
ihnen! Ich habe es auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner
guten Fedora, die mich mit ihrer Anhänglichkeit an meine alte selige
Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar nur ein entfernter Verwandter
von mir, trotzdem beschützen Sie mich und treten mit Ihrem Namen und Ruf
für mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich werde sie vergessen! --
wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt,
das sei alles nur Klatsch und sie würden mich zu guter Letzt doch in
Ruhe lassen. Gott gebe es!

W. D.

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21. Juni.

Mein Täubchen, mein Liebling!

Ich will Ihnen schreiben, weiß aber nicht -- womit beginnen?

Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so miteinander leben!
Ich sage das nur deshalb, müssen Sie wissen, weil ich meine Tage noch
nie so froh verbracht habe. Ganz als hätte mich Gott der Herr mit einem
Häuschen und einer Familie gesegnet! Mein Kindchen sind Sie, mein
kleines reizendes!

Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich Ihnen geschickt habe!
Sie hatten sie doch nötig -- Fedora sagte es mir. Und mich, liebes Kind,
mich macht es doch glücklich, für Sie sorgen zu können: das ist nun
einmal mein größtes Vergnügen -- also lassen Sie mich nur gewähren,
Kind, und widersprechen Sie mir nicht! Noch niemals habe ich so etwas
erlebt, Herzchen. Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens
gewissermaßen zu zweien, wenn man so sagen darf, denn Sie leben doch
jetzt in meiner nächsten Nähe, was mir ein großer Trost und eine große
Freude ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar, Ratasäjeff
-- jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische Abende stattfinden --,
also der hat mich heute zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nämlich
wieder so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches vorgelesen
werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt leben, Kindchen -- was?!

Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur so geschrieben, ohne
besonderen Zweck, nur um Sie von meinem Wohlbefinden zu unterrichten.
Sie haben mir durch Theresa sagen lassen, daß Sie farbige Nähseide zur
Stickerei benötigen: ich werde sie kaufen, Kindchen, ich werde sie Ihnen
besorgen, gleich morgen werde ich sie Ihnen besorgen. Ich weiß auch
schon, wo ich sie am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich

Ihr aufrichtiger Freund

Makar Djewuschkin.

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22. Juni.

Liebe Warwara Alexejewna!

Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, daß bei uns im Hause etwas
sehr Trauriges geschehen ist, etwas, das jedes Menschen Mitleid erwecken
muß. Heute um fünf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner Sohn. Ich weiß
nicht recht, woran, -- an den Masern oder, Gott weiß, vielleicht war es
auch Scharlach. Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach,
Liebe, was das für eine Armut bei ihnen ist! Und was für eine Unordnung!
Aber das ist ja schließlich kein Wunder: die ganze Familie lebt doch nur
in diesem einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen
Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben.

Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, -- ein ganz einfacher,
billiger, aber er sieht doch ganz nett aus, sie haben ihn gleich fertig
gekauft. Der Knabe war neun Jahre alt und soll, wie man hört, zu schönen
Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, sie anzusehen,
Warinka. Die Mutter weint nicht, aber sie ist so traurig, die Arme. Es
ist für sie ja vielleicht eine Erleichterung, daß ihnen ein Kindchen
abgenommen ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu ernähren haben:
ein Brustkind und ein kleines Töchterchen so von etwa sechs Jahren, viel
älter kann das zarte Ding noch nicht sein.

Wie muß einem doch zumute sein, wenn man sieht, wie ein Kindchen leidet,
und noch dazu das eigene, leibliche Kindchen, und man hat nichts, womit
man ihm helfen könnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, schmutzigen
und fadenscheinigen Rock auf einem halb zerbrochenen Stuhl. Die Tränen
laufen ihm über die Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern
nur so, aus Gewohnheit -- die Augen tränen eben. Er ist so ein
Sonderling! Immer wird er rot, wenn man mit ihm spricht, und niemals
weiß er, was er antworten soll. Das kleine Mädchen stand dort an den
Sarg gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. Ich
liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen nachdenklich ist: es
beunruhigt einen. Eine Puppe aus alten Zeugstücken lag auf dem Fußboden,
-- sie spielte aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so stand sie,
-- stand und rührte sich nicht. Die Wirtin gab ihr ein Bonbonchen: sie
nahm es, aß es aber nicht. Traurig das alles -- nicht wahr, Warinka?

Ihr

Makar Djewuschkin.

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25. Juni.

Bester Makar Alexejewitsch!

Ich sende Ihnen Ihr Buch zurück. Das ist ja ein ganz elendes Ding! --
man kann es überhaupt nicht in die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese
Kostbarkeit aufgetrieben? Scherz beiseite -- gefallen Ihnen denn
wirklich solche Bücher, Makar Alexejewitsch? Sie versprachen mir doch
vor ein paar Tagen, mir etwas zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch
mit Ihnen teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schluß und auf
Wiedersehen! Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu schreiben.

W. D.

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26. Juni.

Liebe Warinka!

Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein selbst gar nicht
gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, daß es irgendein
Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu
unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und
vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es
Ihnen.

Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas wirklich
Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute
Bücher erhalten, mein Kind. Ratasäjeff -- der versteht sich darauf! Er
schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und
einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach großartig! In jedem Wort ist
ein Etwas -- sogar im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem
einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder
Theresa etwas sage, -- selbst da versteht er noch, sich stilvoll
auszudrücken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmäßig
bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden in
einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach
Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen -- auf jeder
Seite so viel Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! Und im
Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. Was bin ich im Vergleich
mit ihm, nun was? -- Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von
Ruf -- was aber bin ich? -- Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm
überhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich
habe für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie
deshalb nicht, Warinka, daß das irgend etwas auf sich habe, ich meine,
daß er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören
Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht,
beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien
Stücken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir sein
Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stücken, tut's, um
mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu
verstehen: man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter birgt.
Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und außerdem ein ganz
unvergleichlicher Schriftsteller.

Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schöne,
das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe
Sache! Sie stärkt und festigt und belehrt die Menschen -- und noch
verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet
steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur -- das ist ein
Bild, das heißt in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein
Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist
Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein großes menschliches
Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren
Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so
unter ihnen sitzt und zuhört -- und man raucht dabei sein Pfeifchen,
ganz wie sie -- und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen
und über die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich denn
einfach wie im Kartenspiel sagen: -- ich passe. Denn wenn die erst mal
loslegen, Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen
wir beide passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf
und schäme mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend
die größte Mühe gibt, irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine
Gespräch mit einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fähig. Man
kann und kann dieses halbe Wörtchen nicht finden! Man verfällt aber auch
auf rein gar nichts -- man mag's anstellen wie man will! Das ist wie
verhext, Warinka, und man tut sich schließlich selber leid, daß man so
ist, wie man nun einmal ist, und daß man das Sprichwort auf sich
anwenden kann: dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.

Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? -- Schlafe, schlafe wie
ein alter Esel. An Stelle dieses unnützen Schlafens aber könnte man sich
doch auch mit etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so zum
Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von
sich aus, -- was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum
Vergnügen. Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen
bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasäjeff,
was der Mann einnimmt! Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben?
An manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, und dabei erhält
er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel für jeden Bogen! Da hat er
irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein
Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute -- fünfhundert, gib oder gib
nicht, aber darunter kriegst du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn
du willst. Willst du nicht -- nun gut, dann gibt ein anderer tausend!
Was sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?

Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen
Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen -- paar Zeilen nur, ganz kurz,
-- siebentausend, Kind, siebentausend will er dafür haben, denken Sie
sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein ganzes Besitztum, das sind
ja die Prozente eines Hauses von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er,
biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und
vernünftig auf ihn eingesprochen, -- nehmen Sie doch, Bester, die
fünftausend, nehmen Sie sie nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken
kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend -- das ist doch
Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte.
Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich!

Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine
Stelle aus den »Italienischen Leidenschaften« abschreiben. So heißt
nämlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen
Sie selbst:

-- ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm
auf und sein Blut geriet in Wallung ...

»Gräfin,« rief er, »Gräfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese
Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne
täuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe
rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde nicht ausreichen,
die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen
Hindernisse sind unfähig, das allesvernichtende, höllische Feuer, das in
meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O
Sinaida, Sinaida!...«

»Wladimir!« ... flüsterte die Gräfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt
an seine Schulter.

»Sinaida!« rief Ssmelskij berauscht.

Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug
die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der
Liebenden.

»Wladimir!« flüsterte die Gräfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen
röteten sich, ihre Augen glühten ...

Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!

                   *       *       *       *       *

Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau.

»Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für unseren teuren Gast den
Samowar aufstellen lassen?« fragte er, seiner Frau die Wange
tätschelnd. --

Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, -- es ist ein
wenig frei, das läßt sich nicht leugnen, aber dafür doch schwungvoll und
gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen doch
noch ein Stückchen aus der Novelle »Jermak und Suleika« abschreiben.

Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, der tollkühne Eroberer
Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum,
die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in
der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte -- wie Sie sehen. Hier
schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch zwischen Jermak und Suleika ab:

-- »Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es!...«

»Ich liebe dich, Jermak!« flüsterte Suleika.

»Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! Ihr habt mir alles
gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jünglingsjahren
strebte! Also hierher hast du mich geführt, mein Leitstern, über den
steinernen Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika
zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen,
mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer
zärtlichen Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer Träne meiner
Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wüßten! O, laß mich mit
Küssen diese Träne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du
himmlisches Wesen!«

»Jermak,« sagte Suleika, »die Welt ist böse, die Menschen sind
ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was
soll das arme Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens
in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen,
seelenlosen, eigennützigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht
verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!«

»Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!« rief Jermak, wild die
Augen rollend. --

Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfährt, daß
seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im
Schutz der nächtlichen Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks in
dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an
Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rächen.

»Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!« rief Jermak in wilder
Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. »Ich muß Blut
sehen, Blut! Rächen, rächen, rächen muß ich sie!!!«

Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht überleben, er
wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu
Ende.

Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun
kommt, und nur so zum Lachen geschrieben:

-- »Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist
doch derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan
Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein selten
tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt außerordentlich
Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war
... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die
ihren Rock immer mit dem Futter nach außen anzieht, um das Oberzeug zu
schonen.« --

Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wälzten uns vor Lachen,
als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!
Uebrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im
Grunde doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und
ohne alle liberalen Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß
Ratasäjeff vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt
hier mit ein Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist,
und mehr als das, was die anderen sind.

Aber wie wär's -- in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den
Kopf -- wie wär's, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann
wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß
plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf
dem Deckel stände: »_Gedichte von Makar Djewuschkin._« Was?! Ja, was
würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie würde Ihnen das
vorkommen, was würden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen
freilich sagen, mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen
wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wäre
denn das, wenn ein jeder sagen könnte: »Sieh, dort geht der Dichter
Djewuschkin!« und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!?

Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen Stiefeln machen? Die
sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und
auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit
vom wünschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wäre denn das, wenn alle
wüßten, daß der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn
das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, was würde sie
dazu sagen, mein Seelchen? Selbst würde sie es ja vielleicht nicht
bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit
Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schließlich bleiben ja
Stiefel immer Stiefel), -- nur würde man ihr alles erzählen, meine
eigenen Freunde würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel wäre
der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der Gräfin B., besucht
sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade
paßt. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch
gebildete Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf!

Doch übrigens -- genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein
Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl,
mein Täubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das
eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin.
Wir speisten nämlich heute alle bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch
Schlingel, mein Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen
Likör hervor ... na -- was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur
sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir
denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen
schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur
werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein
Kind ... Nein, nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts für
Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen anständigen
Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung hervorgerufen habe.

Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt -- habe es speziell für Sie
gekauft. Und hören Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie
an mich. Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! Lutschen Sie
sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die Zähnchen nachher wehtun. Aber
vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!

Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein
Täubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor

Ihr treuester Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

27. Juni.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern
helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in
einem Hause verschaffen würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich
darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen -- und
die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits -- der Gedanke ist doch
etwas beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. Es soll
eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie über mich Erkundigungen
einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und
überdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten
lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal
gemütlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt
hat, -- und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch
besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, und Gott weiß, was sie alles
von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder
warten! Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei
Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir,
Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder
soll ich nicht?

Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so
selten! Außer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast überhaupt
nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber
wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr,
Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein weiß, oft sehr
traurig. Zuweilen, namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz
mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu
besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt -- man erinnert sich
an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie
ein Nebel an einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen
Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst
nur im Traum etwas sieht), -- doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und
was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine Gesundheit untergraben
ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir übel,
und zum Ueberfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fühle,
ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer
wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern?... Und da müßte
ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei fremden
Menschen sterben!... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben, Makar
Alexejewitsch!

Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife
wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund,
sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat
einen Käufer gefunden für den Teppich, den ich genäht habe. Man will für
ihn fünfzehn Rubel geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man
würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und für mich werde
ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren
und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich eine Weste machen, ein
schöne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen.

Fedora hat mir ein Buch verschafft -- Bjelkins Erzählungen --, das ich
Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie
es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es ist ein
Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama -- da hat es denn
in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten
Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, --
aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasäjeff erhalten haben.
Er wird gewiß eines seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon
etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen nur seine Romane
gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten!...

Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt habe! Wenn ich mich
bedrückt fühle, dann bin ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die
beste Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich
alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe.

Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

28. Juni.

Warwara Alexejewna, meine Liebe!

Nun ist's genug mit dem Grämen! Schämen Sie sich denn nicht? So machen
Sie doch ein Ende, mein Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen
Gedanken abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, ganz und
gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben Sie mir: nur ein wenig
bleich sind Sie noch, aber trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das
für Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen Sie sich,
mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es ist! Kümmern Sie sich nicht
weiter um diese dummen Träume -- so etwas schüttelt man ab. Ganz
einfach! Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt mir denn
nichts? Sehen Sie mich einmal an, mein Kind. Lebe froh und zufrieden,
schlafe ruhig, bin gesund -- mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man
hat seine wahre Freude daran, es zu sein! Also hören Sie auf, mein
Seelchen, schämen Sie sich und bessern Sie sich. Ich kenne doch Ihr
Köpfchen, Kind: kaum hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an
mit dem Grübeln und Grämen, und Sie machen sich von neuem allerlei
Gedanken. Schon allein mir zuliebe sollten Sie doch wirklich einmal
damit aufhören, Warinka!

Bei fremden Menschen dienen? -- Niemals! Nein und nein und nochmals
nein! Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie überhaupt auf solche Gedanken
kommen? Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen Sie mich schlecht:
das lasse ich nie und nimmermehr zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit
allen Kräften. Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe
verkaufen -- wenn mir nur noch das Hemd bleiben würde, aber Not leiden,
das sollen und werden Sie bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich
kenne Sie ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was aber wahr
ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein die Schuld trägt -- nur
sie, dies dumme Frauenzimmer, hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf
gesetzt. Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was sie sagt.
Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, mein Seelchen?... Wissen
nicht, daß sie eine dumme, schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist,
die auch ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich sauer gemacht
hat. Ueberlegen Sie sich: hat sie Sie nicht geärgert, irgendwie
gekränkt?

Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da schrieben, wird nichts!
Und was sollte denn aus mir werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka,
mein Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen. Was fehlt
Ihnen denn bei uns? Wir können uns nicht genug über Sie freuen und auch
Sie haben uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich
weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen Sie auch nicht -- ganz wie
Sie wollen, nur bleiben Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst:
wie würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher verschaffen -- und
dann können wir ja auch wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur
müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt wirklich ein Ende
machen und vernünftig werden und sich nicht grundlos um alles
Alltägliche sorgen und grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr
bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades und offenes
Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen, Herzchen, gar nicht schön!

Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich weiß es selbst, daß ich
nichts gelernt habe, daß ich kaum unterrichtet worden bin, aber darum
handelt es sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen
wollte -- doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da machen Sie, was Sie
wollen! Er ist mein Freund, deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt
gut, schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann Ihnen unter
keinen Umständen beistimmen. Er schreibt farbenreich und gewählt, es
sind auch Gedanken darin, kurz, es ist sehr schön! Sie haben es
vielleicht ohne Anteil gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade
nicht bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade über
Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder es ist vielleicht sonst
irgendwie ein Unglückstag für Sie gewesen.

Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen und aufmerksam, wenn Sie
froh und zufrieden und bei guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie
gerade ein Konfektchen im Munde haben -- dann lesen Sie es noch einmal.
Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), daß es nicht noch
bessere Schriftsteller gibt, als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt
bessere, aber deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht schlecht
zu sein: sie sind eben alle gut; er schreibt gut und die anderen
schreiben meinetwegen auch gut. Außerdem schreibt er, vergessen wir das
nicht, nur für sich -- tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden
-- und das merkt man ihm dann an, daß er es tut, und zwar zu seinem
Vorteil!

Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde ich heute nicht mehr: ich
habe da noch etwas abzuschreiben und muß mich beeilen. Also sehen Sie
zu, mein Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge Gott der
Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe

Ihr treuer Freund

Makar Djewuschkin.

P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen wir Puschkin. Heute
aber komme ich gegen Abend ganz bestimmt zu Ihnen.

                   *       *       *       *       *

Mein teurer Makar Alexejewitsch!

Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich noch länger hier lebe.
Ich habe nachgedacht und eingesehen, daß es sehr falsch von mir ist,
eine so vorteilhafte Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich mir
doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen. Ich werde mir Mühe
geben, ich werde versuchen, mir die Neigung der fremden Menschen zu
erwerben, und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter zu
ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei fremden Menschen zu
leben, sich ihnen in allem anzupassen, sich selbst zu verleugnen und von
ihnen abhängig zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man kann doch
nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! Und ich habe ja auch früher
schon Aehnliches erlebt. Zum Beispiel als ich noch in der Pension war.
Den ganzen Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter Wildfang
umher, und wenn Mama bisweilen auch schalt -- was tat das, ich war doch
froh, und im Herzen war es so hell und warm. Kam aber dann der Abend, da
fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich: um neun Uhr hieß es
-- nach der Pension zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng,
die Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und ich fühlte mich so
bedrückt, so elend, daß die Tränen sich nicht mehr zurückdrängen ließen.
Da schlich ich denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter
Einsamkeit und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich sei faul und
wolle nicht lernen. Und doch war das gar nicht der Grund, weshalb ich
weinte.

Dann aber -- womit endete es? Ich gewöhnte mich schließlich an alles,
und als ich die Pension verlassen mußte, weinte ich gar beim Abschied
von den Freundinnen.

Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora hier zur Last bin. Der
Gedanke ist mir eine Qual. Ich sage Ihnen alles ganz offen, weil ich
gewohnt bin, Ihnen nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora
jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und sich ans Waschen macht,
und dann bis in die späte Nacht hinein arbeitet? -- Alte Knochen aber
bedürfen der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für mich
opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, um Ihr ganzes
Geld nur für mich auszugeben? Ich weiß doch, daß das über Ihre
Verhältnisse geht, mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das
Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden ließen. Ich glaube
es Ihnen, mein Freund, ich weiß, daß Sie ein gutes Herz haben, -- doch
das sagen Sie jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld,
haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. Aber dann? Sie wissen
doch -- ich bin immer krank. Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie,
obschon ich froh wäre, wenn ich's könnte, und überdies habe ich auch
nicht immer Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen und quälen, indem ich
Sie und Fedora für mich sorgen lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie
könnte ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, wie Ihnen auch
nur im geringsten nützlich sein? Inwiefern bin ich Ihnen denn so
unentbehrlich, mein Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin
Ihnen nur von ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie aufrichtig und von
ganzem Herzen, doch das ist auch alles, was ich tun kann. So ist es nun
einmal mein bitteres Geschick! Zu lieben verstehe ich -- aber Gutes tun,
Ihre Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann ich nicht. Also
halten Sie mich nicht mehr zurück, überlegen Sie sich meinen Plan
nochmals gründlich und sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung.

In Erwartung derselben verbleibe ich

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

1. Juli.

Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, reiner Unsinn!
Wollte man Sie so sich selbst überlassen, was würden Sie sich da nicht
alles ins Köpfchen setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes!
Ich sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt Ihnen denn bei
uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben Sie und Sie lieben uns, wir sind
alle zufrieden und glücklich, -- was will man denn noch mehr? Was aber
wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? Sie wissen noch nicht,
was das heißt: fremde Menschen!... Nein, da müssen Sie mich fragen, denn
ich -- ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen sagen, wie er ist.
Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur zu gut. Ich habe sein Brot gegessen.
Bös ist er, Warinka, sehr böse, so böse, daß das kleine Herz, das man
hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, einen mit Vorwürfen
und Zurechtweisungen und unzufriedenen Blicken zu martern. -- Bei uns
haben Sie es wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen haben Sie
sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun mit einem Male so etwas
antun wollen? Was werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten mir
nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn nicht nützlich?
Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas nach und dann urteilen Sie,
inwiefern Sie mir nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar
sehr nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen wohltuenden
Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt zum Beispiel an Sie und bin ohne
weiteres froh gestimmt ... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen
Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte darauf eine
ausführliche Antwort von Ihnen. Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für
Sie gekauft, manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für mich, na,
und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige ... Nein, wie sollten Sie
denn nicht nützlich sein? Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in
meinen Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie haben
vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka, aber denken Sie mal
wirklich darüber nach und fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen
könnte ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka. Und was käme
denn dabei heraus, was wäre das Ende vom Liede? -- Ich würde in die Newa
gehen und damit wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka,
was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun übrig?!

Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man's, Sie wollen wohl, daß mich ein
Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof führt, daß irgendeine alte
Herumtreiberin meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der Gruft mit
Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich allein zurückläßt. Das ist
sündhaft von Ihnen, sündhaft, mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott,
sündhaft!

Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine Freundin, und wenn
Sie, Warinka, meine Meinung über dasselbe wissen wollen, so kann ich
Ihnen nur sagen, daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes Buch zu
lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt selbst, mein Kind, wie ich
denn bisher so habe leben können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir!
Was habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem Walde komme ich
eigentlich? Ich weiß ja doch nichts, mein Kind, rein gar nichts! Ich
gestehe es Ihnen ganz offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich
habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. »Das Bild des
Menschen« -- ein sehr kluges Buch, das habe ich gelesen, dann noch ein
anderes: »Vom Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt«, und
dann »Die Kraniche des Ibykus«. Das ist alles, weiter habe ich nichts
gelesen. Jetzt aber habe ich hier, in Ihrem Büchlein, den
»Stationsaufseher« gelesen, und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind,
es kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß da neben einem
ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben dargestellt ist, wie an den
Fingern hergezählt, und noch mancherlei, worauf man früher selbst gar
nicht verfallen ist. Das findet man nun hier, wenn man solch ein
Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem denn nach und nach vieles
ein, und allmählich begreift man so manches und wird sich über die Dinge
klar. Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch lieb gewonnen
habe: manches Werk, was für eines es auch immer sein mag, das liest man
und liest -- aber lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das
Verstehen, daran fehlt's leider! Es ist eben so vertrackt geschrieben
und mit soviel Klugheit, daß man es nicht recht begreifen kann. Ich zum
Beispiel, -- ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so
geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke lesen. Dies aber --
ja dies liest man und es ist einem fast, als hätte man es selber
geschrieben, ganz als stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so
mag es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und vor allen
Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen, und dann ausführlich
beschrieben -- sehen Sie, so ist es! Und dabei ist es doch so einfach,
mein Gott! Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich,
warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe und genau so, wie es in
diesem Büchelchen steht! Habe ich mich doch auch mitunter in ganz
derselben Lage befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin,
dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins gibt es nicht unter
uns, ganz genau so arme, herzensgute Menschen! Und wie richtig alles
beschrieben ist! Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich das
las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank, als das Unglück ihn
heimgesucht hatte, und wie er dann den ganzen Tag unter seinem
Schafspelz schlief und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte
und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit dem schmierigen
Pelzaufschlag die Tränen von den Wangen wischte, wenn er an sein
verirrtes Lämmlein dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha!

Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, dann werden Sie sehen: das
ist so wahr wie das Leben selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren,
-- das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da finden wir
gleich die Theresa -- wozu so weit suchen! -- da ist auch unser armer
Beamter, -- denn der ist doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson
Wyrin, nur daß er einen anderen Namen hat und eben zufällig Gorschkoff
heißt. Das ist etwas, was ein jeder von uns erleben kann, ich ebenso gut
wie Sie, mein Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder am Newakai
wohnt, selbst der kann dasselbe erleben, nur daß er sich äußerlich
anders verhalten wird -- denn dort bei ihm ist nun einmal äußerlich
alles anders, aber auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie mir.

Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben. Sie aber wollen noch
wegreisen und uns im Stich lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir
damit antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich und mich damit
zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, so treiben Sie doch um Gottes
willen diese wilden Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie mich
nicht unnütz! Und wie überhaupt -- sagen Sie doch selbst, Sie mein
kleines, schwaches Vögelchen, das noch nicht einmal flügge geworden
ist --: wie könnten Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem
Verderben bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht verteidigen!
Nein, lassen Sie es jetzt gut und genug sein, Warinka, und bessern Sie
sich! Hören Sie nicht auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen
Sie Ihr Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen Nutzen bringen.

Ich habe auch mit Ratasäjeff über den »Stationsaufseher« gesprochen. Der
sagte, das sei alles altes Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit
Bildern und solche mit Beschreibungen -- oder was er da sagte, ich habe
es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich meinte. Er schloß aber
doch damit, daß Puschkin gut sei und daß er das heilige Rußland besungen
habe, und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn. Ja, es ist
gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch einmal aufmerksam, folgen Sie
meinem Rat und machen Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam
glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen, meine Gute, wird Sie
bestimmt belohnen!

Ihr treuer Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den Teppich gebracht. Wie
froh sie war, die Arme, als ich ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen
in größter Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten, -- der
Stoff ist entzückend -- gelb, mit Blümchen.

Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene Geschichten, von
denen ich einige schon gelesen habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem
Titel »Der Mantel«.(5)

  (5) Eine der Meistererzählungen Gogols. E. K. R.

Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. Wird es aber nicht zu
teuer sein? Vielleicht auf die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon
lange nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich fürchte immer nur
eines: wird uns der Spaß nicht zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf
und meint, daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben. Das sehe
auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein schon für mich ausgegeben!
Nehmen Sie sich in acht, mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora
hat mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit Ihrer Wirtin
in Streit geraten seien, weil Sie irgend etwas nicht bezahlt hätten. Ich
sorge mich sehr um Sie.

Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: ich garniere nämlich
meinen Hut mit Band.

P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, werde ich meinen neuen Hut
aufsetzen und die schwarze Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so
gefallen?

                   *       *       *       *       *

7. Juli.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch zurück. -- Ja, mein Kind,
auch wir haben seinerzeit dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich
einstmals wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt,
sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch nichts gewesen, das
Wunderliche aber war dabei, daß ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen
und auch im Theater nur ein einziges Mal gewesen war -- dennoch
verliebte ich mich in sie.

Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige Leute, alle Wand an Wand und
Tür an Tür. Ich geriet in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein,
obschon ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt hatte. Dann
aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, ging ich auf alles
ein. Und was sie mir nicht von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden
Abend, so oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei -- für
Notwendiges hatten sie nie einen Heller -- schob die ganze Kumpanei ins
Theater auf die Galerie und klatschte und klatschte und rief immer nur
diese eine Schauspielerin hervor -- einfach wie die Besessenen
gebärdeten sie sich! Und dann ließen sie einen natürlich nicht
einschlafen: die ganze Nacht wurde nur von ihr gesprochen, ein jeder
nannte sie seine Glascha(6), alle waren sie in sie verliebt, alle hatten
sie nur den einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da regten sie denn
schließlich auch mich auf. Ich war ja damals noch ganz jung!

  (6) Abkürzung von Glafira. E. K. R.

Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit ihnen im Theater
saß, oben auf der Galerie. Sehen konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang,
dafür aber hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen --
hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten uns die Hände rot und
blau, schrien, schrien -- mit einem Wort, man hätte uns beinahe am
Kragen genommen, ja, einer wurde wirklich hinausgeführt.

Ich kam nach Hause, -- wie im Nebel ging ich! In der Tasche hatte ich
nur noch einen Rubel, bis zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage.
Ja, und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf dem Wege zum
Dienst, trat ich in einen Parfümerieladen ein und kaufte für mein ganzes
Kapital Parfüm und wohlriechende Seifen -- ich vermag selbst nicht mehr
zu sagen, wozu ich dies alles damals kaufte. Und dann speiste ich nicht
einmal zu Mittag, sondern ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte
am Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, saß ein Weilchen,
erholte mich, und dann ging ich wieder auf den Newskij, um ihr von neuem
Fensterpromenaden zu machen.

So trieb ich's anderthalb Monate; jeden Augenblick nahm ich Droschken,
immer Lichatschi(7), und fuhr hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich
brachte all mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis ich dann
schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben, und das Ganze mir
langweilig wurde.

  (7) (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in den
  größeren Städten. E. K. R.

Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem ordentlichen Menschen zu
machen imstande ist! Doch ich war damals wirklich noch jung, Warinka,
noch ganz, ganz jung!...

M. D.

                   *       *       *       *       *

8. Juli.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ihr Büchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich
mich, Ihnen zurückzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit
Ihnen in diesem Briefe zu verständigen. Es ist nicht gut, mein Kind,
wirklich nicht gut, daß Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht
haben.

Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Höchsten
zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem
anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen -- jenem, zu befehlen,
diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal
so, ist genau nach den menschlichen Fähigkeiten so eingerichtet: der
eine hat die Fähigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fähigkeiten
selbst aber, die stammen von Gott.

Ich bin schon an die dreißig Jahre im Dienst. Ich erfülle meine Pflicht
mit Peinlichkeit, pflege stets nüchtern zu sein, und habe mir noch nie
etwas zuschulden kommen lassen. Als Bürger und Mensch halte ich mich
nach eigener Erkenntnis für einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie
auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst
Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden -- wenn sie mir bisher auch noch
keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so weiß ich doch auch
so, daß sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefällig,
nicht allzu groß, aber auch nicht allzu klein, läßt sich am besten mit
Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann
allerhöchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heißt,
auch der nur annähernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau
geworden. Eine große Sünde wüßte ich nicht begangen zu haben. Natürlich,
wer sündigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sündigt, und sogar Sie
sündigen, mein Kind! Doch ein großes Vergehen oder auch nur eine bewußte
Unbotmäßigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen -- etwa daß ich die
öffentliche Ruhe gestört hätte oder so etwas -- nein, so etwas habe ich
mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar
ein Kreuzchen habe ich erhalten -- doch was soll man davon reden! Das
müßten Sie ja alles wissen, und auch er hätte es wissen müssen, denn
wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann hätte er sich
eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das hätte ich nicht von
Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka!(8)

  (8) Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung »Der Mantel«, die
  Warwara Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch ausdrücklich
  aufmerksam gemacht hatte. Der Held der Erzählung -- gleichfalls ein
  kleiner Beamter -- gleicht Makar Alexejewitsch so auffallend, daß
  dieser glaubt, Gogol habe ihn, Makar Alexejewitsch, geschildert und
  damit bloßgestellt. -- Fedor Fedorowitsch ist der Name eines der
  Vorgesetzten jenes kleinen Helden der Erzählung. E. K. R.

Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben --
gleichviel wie und wo es auch sein möge -- ganz still für sich, ohne ein
Wässerchen zu trüben, ohne jemanden anzurühren, gottesfürchtig und
zurückgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrühren, ihre Nasen
nicht in deine Hütte stecken und alles durchschnüffeln: wie sieht es
denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du
auch alles Nötige an Leibwäsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie
besohlt, was ißt du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn
dabei, mein Kind, daß ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf
den Fußspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum muß man gleich von
einem anderen geschwätzig schreiben, daß er mitunter in Geldverlegenheit
sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee
trinken müßten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen,
was für ein Stück der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon
so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem
nichts Böses getan haben?

Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen
Sie, was das heißt: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine
Pflicht erfüllen -- ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man
da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), -- und da setzt
sich nun plötzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne
alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmähschrift über
dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche
steht!

Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut
man sich darüber, schläft womöglich vor lauter Freude nicht, wie sonst:
hat man zum Beispiel neue Stiefel -- mit welch einer Wonne zieht man sie
an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist
angenehm, seinen Fuß in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz
richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, daß Fedor
Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht für sich selbst
eingetreten ist.

Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz
gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht dürfen?
Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem
anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des
Tones willen, -- nun, aber auch das ist nötig. Man muß die Zügel stramm
halten, muß Strenge zeigen, denn sonst -- unter uns gesagt, Warinka --
ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur
seine Stelle haben, um sagen zu können: »Ich diene dort und dort,« doch
um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrücken.
Da es aber verschiedene Ränge gibt und jeder Rang den verdienten Rüffel
in einer seiner Höhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt
das naturgemäß verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle
durchnimmt, -- das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht
doch die Welt, mein Kind, daß immer einer den anderen beherrscht und im
Zaum hält, -- ohne diese Vorsichtsmaßregel könnte ja die Welt gar nicht
bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich
wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat
durchlassen können!

Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das nötig? Wird denn jemand von
den Lesern auch nur einen Mantel dafür kaufen? Oder ein neues Paar
Stiefel? -- Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch
obendrein eine Fortsetzung!

Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich,
man fürchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor
zittert, bespöttelt zu werden, weil man weiß, daß alles, was es in der
Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht
dein ganzes bürgerliches wie häusliches Leben durch die Literatur, alles
ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht
einmal mehr auf der Straße zeigen! Hier ist doch nun alles so genau
beschrieben, daß man allein schon am Gange erkannt werden muß! Wenn er
sich doch wenigstens zum Schluß geändert und, sagen wir, irgend etwas
wieder gemildert hätte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der
man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt hätte,
daß er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Bürger gewesen und
eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient hätte, daß er
den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfüllt (hier
hätte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten können), daß er
niemandem Böses gewünscht, daß er an Gott geglaubt und, als er gestorben
(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen
beweint worden sei.

Am besten aber wäre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht hätte
sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht hätte, daß sein Mantel
wieder aufgefunden worden wäre, und daß Fedor Fedorowitsch -- nein, was
sage ich! -- daß jener hohe Vorgesetzte Näheres über seine Tugenden
erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen höheren
Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen
gegeben hätte, so daß es dann, sehen Sie, so herausgekommen wäre, daß
das Böse bestraft wird und die Tugend triumphiert -- die anderen
Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, hätten dann alle das Nachsehen
gehabt!

Ja, ich zum Beispiel hätte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben
hat -- was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schönes? Das ist ja
doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltäglichen niedrigen
Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschließen können, mir ein solches
Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein böswilliges, ein
vorsätzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht
wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, daß es einen
solchen Beamten irgendwo geben könnte! Nein, ich werde mich beklagen,
Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrücklich beklagen!

Ihr gehorsamster Diener

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

27. Juli.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich recht erschreckt, und
zwar um so mehr, als ich mir anfangs nichts zu erklären wußte -- bis
Fedora mir dann alles erzählte. Aber weshalb mußten Sie denn gleich so
verzweifeln und in einen solchen Abgrund stürzen, Makar Alexejewitsch?
Ihre Erklärungen haben mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt,
daß ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte Stelle
anzunehmen? Ueberdies ängstigt mich mein letztes Abenteuer sehr.

Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlaßt, mir manches zu
verheimlichen. Ich habe es ja schon damals gewußt, wie sehr ich Ihnen zu
Dank verpflichtet war, als Sie mir noch versicherten, daß Sie für mich
nur Ihr erspartes Geld ausgäben, welches Sie, wie Sie sagten, auf der
Kasse liegen hätten. Jetzt aber, nachdem ich erfahren habe, daß Sie
überhaupt kein erspartes Geld besitzen, daß Sie, als Sie zufällig von
meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen, Ihr Gehalt,
das Sie sich noch dazu vorauszahlen ließen, für mich auszugeben, und daß
Sie während meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft haben -- jetzt
sehe ich mich in eine so qualvolle Lage versetzt, daß ich gar nicht
weiß, wie ich alles das auffassen und was ich überhaupt denken soll!

Ach, Makar Alexejewitsch! Sie hätten es bei der notwendigsten Hilfe, die
Sie mir aus Mitleid und verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden
lassen und nicht unausgesetzt soviel Geld für ganz Unnötiges
verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen, Makar Alexejewitsch,
Sie haben mein Vertrauen mißbraucht, und jetzt, wo ich hören muß, daß
Sie Ihr letztes Geld für meine Kleider, für Konfekt, Ausflüge,
Theaterbesuch und Bücher hingegeben haben -- jetzt bezahle ich das teuer
mit Selbstvorwürfen und der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen
Leichtsinns, denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen, ohne nach
Ihrem Auskommen zu fragen. Auf diese Weise verwandelt sich jetzt alles,
womit Sie mir einst Freude machen wollten, in eine drückende Last, und
alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern verdrängt.

Es ist mir in der letzten Zeit natürlich nicht entgangen, daß Sie
bedrückt waren, aber obschon ich selbst ahnungsvoll irgendein Unheil
erwartete, konnte ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht
fassen. Wie! So haben Sie schon in einem solchen Maße den Mut verlieren
können, Makar Alexejewitsch! Was werden jetzt diejenigen, die Sie
kennen, von Ihnen sagen? Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer
Herzensgüte, Anspruchslosigkeit und Anständigkeit geachtet habe, Sie
haben sich plötzlich einem so widerlichen Laster ergeben können, dem Sie
doch, soviel mir scheint, früher noch nie gefrönt haben.

Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora mir erzählte, daß
man Sie in berauschtem Zustande auf der Straße gefunden und die Polizei
Sie nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, -- obschon ich mich auf
etwas Außergewöhnliches gefaßt gemacht hatte, da Sie ja doch schon seit
ganzen vier Tagen verschwunden waren. Haben Sie denn nicht daran
gedacht, Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten dazu sagen werden,
wenn sie die wirkliche Ursache Ihres Ausbleibens vernehmen? Sie sagen,
daß alle über Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben, und
daß Ihre Nachbarn in ihren Spottreden auch meiner Erwähnung tun.
Beachten Sie das nicht, Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um
Gottes willen!

Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte mit jenen Offizieren,
-- ich habe nichts Genaueres erfahren können, nur so ein Gerücht.
Erklären Sie mir, bitte, was für eine Bewandtnis es damit hat.

Sie schreiben, daß Sie sich gefürchtet, mir die Wahrheit mitzuteilen,
weil Sie dann vielleicht meine Freundschaft verloren haben würden, daß
Sie während meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb alles
verkauft hätten, um die Kosten bestreiten und somit verhindern zu
können, daß man mich ins Hospital brachte, daß Sie soviel Schulden
gemacht, wie es Ihnen gerade noch möglich war, und Ihre Wirtin Ihnen
jetzt täglich unangenehme Szenen bereite, -- aber indem Sie mir alles
dies verheimlichten, wählten Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch
alles erfahren! Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, daß ich die
Ursache Ihrer unglücklichen Lage war, haben mir aber nun durch Ihre
Aufführung doppelten Kummer bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen,
Makar Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglück ist eine ansteckende
Krankheit. Arme und Unglückliche müßten sich fernhalten voneinander, um
sich gegenseitig nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen
solches Unglück gebracht, wie Sie es früher in Ihrem bescheidenen
stillen Leben gewiß noch nie erfahren haben. Das quält mich entsetzlich
und nimmt mir jede Kraft.

Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort mit Ihnen geschehen
ist und wie Sie sich so weit haben vergessen können. Beruhigen Sie mich,
wenn es Ihnen möglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus, sondern nur
aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen, die nichts aus meinem Herzen tilgen
könnte.

Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. Sie haben
schlecht von mir gedacht, Makar Alexejewitsch.

Ihre Sie von Herzen liebende

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

28. Juli.

Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!

Ja: jetzt, wo alles schon vorüber und überstanden ist und alles
allmählich wieder ins alte Geleise kommt, kann ich ja zu Ihnen ganz
aufrichtig sein, mein Kind. Also: es beunruhigt Sie, was man von mir
denken und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich mich, Ihnen
mitzuteilen, daß mein Ansehen im Amte mir höher steht, als alles andere.
Und da kann ich Ihnen denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen
Unglücksfällen und Mißgeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen, daß
von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas erfahren hat, so daß sie mich
alle nach wie vor achten werden. Nur eines fürchte ich: nämlich
Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin, aber nachdem ich ihr
jetzt mittels Ihrer zehn Rubel einen Teil meiner Schuld bezahlt habe,
brummt sie nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht so
schlimm: man muß sie nur nicht um Geld bitten, dann sind sie ganz gut.
Zum Schluß aber dieser meiner Erklärungen sage ich Ihnen noch, mein
Kind, daß Ihre Achtung mir über alles geht, über alles und jedes in der
Welt, und damit, daß ich diese nicht eingebüßt habe, tröste ich mich nun
in der Zeit meiner Bedrängnis. Gott sei Dank, daß der erste Schlag und
die ersten Unannehmlichkeiten vorüber sind, und daß Sie es so milde
auffassen, daß Sie mich deshalb nicht für einen treulosen Freund und
selbstsüchtigen Menschen halten, weil ich Sie hier bei uns zurückhielt
und Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte, mich von
Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe mich mit Eifer von neuem an meine
Arbeit gemacht und bin bemüht, durch treue Pflichterfüllung im Dienst
mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij Iwanowitsch sagte kein
Wort, als ich gestern an ihm vorüberging.

Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein Kind, daß meine Schulden
und der schlechte Zustand meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber
darauf kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie nur inständig,
sich wegen dieser Nebensachen keine Sorgen zu machen. Sie senden mir
noch ein halbes Rubelchen. Warinka, dieses halbe Rubelchen hat mir mein
Herz durchbohrt. Also so steht es jetzt, so hat sich das Blatt gewandt!
Nicht ich, der alte Dummkopf, helfe Ihnen, mein Engelchen, sondern Sie,
mein armes Waisenkindchen, helfen noch mir! Das war sehr gut von Fedora,
daß sie Geld verschafft hat. Ich habe vorläufig gar keine Aussichten,
irgendwo welches auftreiben zu können, mein Kind, doch sobald sich
irgendeine Aussicht auf eine Möglichkeit einstellen sollte, werde ich
Ihnen darüber ausführlich näheres schreiben. Nur der Klatsch, der
Klatsch beunruhigt mich!

Leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich küsse Ihr Händchen und bitte Sie
flehentlich, nur ja wieder gesund zu werden. Ich schreibe deshalb so
kurz, weil ich zum Dienst eilen muß, denn durch Eifer und Fleiß will ich
alle meine Versäumnisse nachholen und so mein Gewissen langsam
beruhigen. Die ausführlichere Wiedergabe meiner Erlebnisse sowie jener
Geschichte mit den Offizieren verschiebe ich auf den Abend. Dann habe
ich mehr Zeit.

Ihr Sie hoch verehrender und herzlich liebender

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

28. Juli.

Warinka, mein Liebes!

Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld auf Ihrer Seite und
wird auf Ihrem Gewissen lasten bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich
um den Rest von Ueberlegungskraft gebracht, den ich noch besaß, und mich
ganz und gar vor den Kopf gestoßen: erst jetzt, nachdem ich in Muße
nachgedacht und mir bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich
und weiß ich wieder, daß ich doch im Recht war, vollkommen im Recht. Ich
rede jetzt nicht von meinen drei wüsten Tagen (lassen wir das gut sein,
Kind, reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer wieder, daß
ich Sie liebe und daß es keineswegs unvernünftig von mir war, Sie zu
lieben, nein, durchaus nicht unvernünftig! Sie, mein Kind, wissen ja
doch noch nichts: aber wenn Sie wüßten, wie das alles kam, warum ich Sie
lieben muß, so würden Sie ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur
so, und ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Herzen ganz anders denken.

Mein Kind, ich weiß es ja selbst nicht mehr ganz genau, was ich mit
jenen Offizieren eigentlich hatte. Ich muß Ihnen nämlich gestehen, mein
Engelchen, daß ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand.
Stellen Sie sich vor, mein Kind, daß ich mich schon einen ganzen Monat
sozusagen nur noch an einem Fädchen hielt. Meine Bedrängnis war so groß,
daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich mich lassen sollte. Vor Ihnen
versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte ich mich gleichfalls,
aber meine Wirtin schrie trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich
hätte mir nicht viel daraus gemacht, ich hätte sie ja schreien lassen,
die schändliche Person, so viel sie wollte, aber erstens war es doch
eine Schande, und zweitens kam hinzu, daß sie Gott weiß woher von
unserer Freundschaft erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen
Hause solche Sachen über uns aus, daß mir Hören und Sehen verging und
ich mir die Ohren zuhielt. Die anderen aber hielten sich ihre Ohren
nicht zu, sondern rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. Auch
jetzt noch weiß ich nicht, mein Kind, wo ich mich vor ihnen verbergen
soll ...

Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm von Unglück in allen
seinen Arten war ich eben nicht gewachsen. Und da hörte ich nun
plötzlich von Fedora, daß ein Nichtswürdiger zu Ihnen gekommen sei und
Sie mit unverschämten Anträgen beleidigt habe. Daß er Sie tief und
grausam beleidigt haben mußte, das konnte ich schon nach mir selbst
beurteilen, mein Kind, denn auch ich fühlte mich dadurch tief beleidigt.
Ja -- und da, mein Engelchen, da verlor ich eben den Verstand, verlor
den Kopf und verlor mich selbst vollständig dazu. Ich lief in einer
solchen Wut fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden.
Ich wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verführer, dem nichts mehr heilig
war! Doch ich weiß selbst nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls,
mein Engelchen, daß man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig war es! Regen
und Schmutz draußen und Weh und Kummer im Herzen!... Ich gedachte schon
zurückzukehren ... Aber da kam das Verhängnis, mein Kind. Ich begegnete
dem Jemeljä, dem Jemeljan Iljitsch, -- er ist ein Beamter, d. h. er war
Beamter, jetzt aber ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem
Grunde davongejagt. -- Ich weiß eigentlich nicht, womit er sich jetzt
beschäftigt -- irgendwie wird er sich wohl schon durchzuschlagen wissen
und so gingen wir denn beide. Gingen. -- Und dann, -- ja, was soll man
da reden, Warinka, es ist für Sie doch keine Freude, von den Verirrungen
und Prüfungen Ihres Freundes zu lesen -- und den Bericht von all dem
Unglück mit anzuhören, das er gehabt hat. Am dritten Tage, gegen Abend
-- der Jemeljä, Gott verzeih ihm, hatte mich aufgehetzt -- ging ich
schließlich hin zu dem Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem
Hausknecht erfahren. Ich hatte ja doch -- da nun einmal die Rede davon
ist -- schon lange diesen jungen Helden ins Auge gefaßt, hatte ihn schon
lange beobachtet, als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt sehe ich ja
ein, daß ich mich nicht richtig benommen habe, denn ich war nicht in
einem klaren Zustande, als ich mich bei ihm melden ließ, Warinka. Und
dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon weiß ich nichts mehr, was
dann noch geschah. Ich erinnere mich nur noch, daß sehr viele Offiziere
bei ihm waren, oder vielleicht auch, Gott weiß es, sahen meine Augen
alles doppelt. Auch weiß ich nicht mehr, was ich dort eigentlich tat,
ich weiß nur, daß ich viel sprach, und zwar in ehrlicher Entrüstung. Nun
und da wurde ich denn schließlich hinausbefördert und die Treppe
hinabgeworfen, d. h. nicht gerade, daß sie mich wortwörtlich
hinabgeworfen hätten, aber immerhin: ich wurde hinausbefördert. Wie ich
wieder nach Hause kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles,
Warinka. Ich habe mir natürlich viel vergeben und meine Ehre hat
darunter gelitten, aber von dem ganzen weiß ja doch niemand, von fremden
Menschen niemand, außer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch ebenso
gut, als wäre überhaupt nichts gewesen. Ja, vielleicht ist es auch
wirklich so, Warinka, was meinen Sie? Was ich nämlich ganz genau weiß,
das ist, daß im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns ganz
ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er tat es nicht öffentlich,
tat es unter vier Augen. Er ließ ihn in die Wachtstube bitten, ich aber
sah alles zufällig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, wie er es
für richtig befand, jedoch unter voller Wahrung von Ehre und Haltung:
denn wie gesagt, es sah niemand etwas davon -- außer mir. Ich aber --
nun, ich bin doch nichts, d. h. ich will damit nur sagen, daß ich nichts
davon habe verlauten lassen, es ist also ganz so, als hätte auch ich
nichts gewußt. Nun und nachher haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij
Ossipowitsch immer so zueinander gestanden, als wäre nie etwas zwischen
ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen Sie, solch ein
Ehrgeiziger, daher hat er denn auch niemand etwas gesagt, und jetzt
grüßen sie sich, als ob nichts vorgefallen wäre, und reichen sich sogar
die Hand.

Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja gar nicht, Ihnen zu
widersprechen, ich sehe es selbst ein, daß ich tief gesunken bin und ich
habe sogar, was am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr
viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon von Geburt an so
bestimmt gewesen sein: das war eben mein Schicksal, -- dem Schicksal
aber entgeht man nicht, wie Sie wissen.

So, das wäre jetzt die ausführliche Erzählung alles dessen, was mich in
meiner Not und meinem Elend noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie
sehen, ist es von der Art, daß es besser wäre, gar nicht daran zu
denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir alle bessern Gefühle
abhanden gekommen. Ich schließe, indem ich Sie, verehrte Warwara
Alexejewna, meiner Anhänglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, und
verbleibe

Ihr ergebenster Diener

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

29. Juni.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ich habe Ihre beiden Briefe gelesen und die Hände zusammengeschlagen!
Mein Gott, mein Gott! Hören Sie, mein Freund, entweder verheimlichen Sie
mir etwas oder Sie haben mir überhaupt nur einen Teil Ihrer
Unannehmlichkeiten geschrieben, oder ... wirklich, Makar Alexejewitsch,
aus Ihren Briefen lese ich noch immer eine gewisse Verstörtheit heraus
... Kommen Sie heute zu mir, um Gottes willen kommen Sie! Und hören Sie:
kommen Sie einfach zum Mittagessen zu uns. Ich weiß nicht, wie Sie dort
leben und wie Sie jetzt mit Ihrer Wirtin stehen. Sie schreiben davon
nichts, und zwar scheinbar absichtlich, als wollten Sie wieder etwas
verschweigen.

Also auf Wiedersehen, mein Freund, kommen Sie unbedingt heute zu uns.
Ueberhaupt wäre es besser, wenn Sie immer bei uns essen würden. Fedora
kocht sehr gut. Leben Sie wohl.

Ihre

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

1. August.

Warwara Alexejewna, meine Liebe!

Sie freuen sich, mein Kind, daß Gott der Herr Ihnen jetzt Gelegenheit
gegeben hat, Gutes mit Gutem zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu
beweisen. Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die Engelsgüte Ihres
Herzchens, und will Ihnen keinen Vorwurf machen, nur müssen auch Sie mir
nicht wie damals vorwerfen, daß ich auf meine alten Tage ein
Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal gesündigt, was ist da
zu machen! -- wenn Sie durchaus wollen, daß es eine Sünde sei. Nur sehen
Sie, Warinka, gerade von Ihnen das zu hören, das tut weh!

Aber seien Sie mir deshalb nicht böse, daß ich Ihnen das sage. In meinem
Herzen ist alles krank, mein Kind. Arme sind eigensinnig: -- das ist von
der Natur selbst so eingerichtet. Ich habe es auch früher schon
beobachtet und selbst gefühlt. Der arme Mensch ist empfindlich: Gottes
Welt sieht er anders an, auf jeden Vorübergehenden sieht er mißtrauisch
von der Seite, und schaut sich überall argwöhnisch und verwirrt um, und
horcht auf jedes Wort -- ob da nicht etwa von ihm gesprochen wird? Ob
man sich nicht gerade zuflüstert, wie unansehnlich und abgerissen er
ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in diesem Augenblick
wohl empfinde? Vielleicht auch, wie er denn eigentlich von dieser, und
wie er wohl von jener Seite sich ausnehme? Das weiß doch ein jeder,
Warinka, daß ein armer Mensch schlechter als ein alter Lappen ist und
keinerlei Achtung von anderen Menschen verlangen kann, was man da auch
immer schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen da schreiben: es bleibt
am armen Menschen doch alles so, wie es war. Und weshalb bleibt es so,
wie es war? Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen mit der
linken Seite nach außen sein muß, er darf da nichts tiefinnerlich
Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz beispielsweise oder sonst sowas,
das duldet man einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemeljä, daß
man einmal irgendwo eine Kollekte für ihn gemacht habe, und daß er dabei
für jeden Heller gewissermaßen einer Besichtigung unterzogen worden sei.
Die Menschen waren der Meinung, daß sie ihm ihre Almosen nicht umsonst
geben müßten -- oh nein: sie zahlten dafür, daß man ihnen einen armen
Menschen zeigte. Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz
eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, daß sie immer so erwiesen
worden sind, wer kann das wissen! Entweder verstehen es die Leute nicht
oder sie sind schon gar zu große Meister darin -- eins von beiden.

Sie haben das vielleicht noch nicht gewußt? Dann merken Sie es sich!
Glauben Sie mir, Warinka, wenn ich auch über manches nicht mitreden kann
-- hierüber weiß ich besser Bescheid, als so mancher andere! Woher aber
weiß ein armer Mensch alles dies? Und warum denkt er überhaupt so etwas?
Ja, woher weiß er es? -- Nun, eben so -- aus Erfahrung! Ebensogut wie er
weiß, daß dort der feine Herr, der neben ihm geht und sogleich in ein
Restaurant treten wird, bei sich selbst denkt: »Was wird wohl dieser
arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde mir jedenfalls _sauté
aux papillotes_ bestellen, er aber wird vielleicht einen Brei ohne
Butter essen!« -- Aber was geht es denn ihn an, daß ich Brei ohne Butter
essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, Warinka, es gibt
wirklich solche Menschen, die nur an so etwas denken. Und die gehen dann
noch umher, diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnüffeln überall
und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fuß auftritt, oder nur mit der
Fußspitze, und notieren es sich noch, daß der und der Beamte in dem und
dem Ressort Stiefel trägt, aus denen die nackten Zehen hervorgucken, daß
die Aermel seiner Uniform an den Ellenbogen durchgescheuert sind und
Löcher aufweisen -- und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und
obendrein wird's gedruckt ... Was geht das dich an, daß meine Ellenbogen
zerrissen sind? Ja, wenn Sie mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so
sage ich Ihnen, daß ein armer Mensch in dieser Beziehung ganz dieselbe
Scham empfindet, wie Sie beispielsweise Ihre Mädchenscham empfinden. Sie
werden sich doch auch nicht vor allen Leuten -- verzeihen Sie mir das
grobe Beispiel -- auskleiden. Nun, und sehen Sie, genau so ungern sieht
es der arme Mensch, daß man in seine Hundehütte hineinblickt, etwa um zu
sehen, wie denn da seine Familienverhältnisse sind. Was lag aber für ein
Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit meinen Feinden, die es auf die
Ehre und den guten Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu
beleidigen?

Nun, und heute saß ich in meinem Bureau ganz mäuschenstill und geduckt,
und kam mir selbst wie ein gerupfter Sperling vor, so daß ich vor Scham
fast vergehen wollte. Ich schämte mich, Warinka! Man verliert ja
unwillkürlich den Mut, wenn man weiß, daß durch das durchgescheuerte
Aermelzeug die Ellenbogen schimmern und die Knöpfe nur noch an einem
Fädchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, alles
buchstäblich wie behext, und in der größten Verwahrlosung! Da verliert
man denn ganz unwillkürlich seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst
Stepan Karlowitsch sagte, als er heute über Dienstliches mit mir zu
sprechen begann: er sprach nämlich und sprach, und dann plötzlich
entfuhr es ihm ganz unversehens: »Ach ja, Makar Alexejewitsch!« sprach
aber das andere nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich es
durch alle seine Gedanken hindurch und errötete so, daß sogar meine
Glatze rot wurde. Es hat ja im Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist
doch immer irgendwie beunruhigend und bringt einen auf ganz schwermütige
Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon etwas erfahren haben? Gott
behüte, wenn Sie nun doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich,
aufrichtig gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark im Verdacht.
Diesen Räubern macht es doch nichts aus! Die verraten einen ohne
weiteres! Sie sind fähig, dein ganzes Privatleben für nichts und wieder
nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig!

Ich weiß jetzt, wessen Streich das ist: Ratasäjeff hat's getan! Er muß
mit jemandem aus unserem Ressort bekannt sein, und da hat er dem
Betreffenden so gesprächsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine
Erzählung ganz besonders ausgeschmückt. Oder er hat's vielleicht in
seinem Bureau erzählt, und von dort ist es dann hinausgetragen worden
und auch zu uns gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau
unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem Fenster. Ich weiß
schon, daß sie's tun. Und als ich gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging,
steckten sie aus allen Fenstern die Köpfe hinaus, und die Wirtin sagte,
da habe nun der Teufel mit einem Säugling einen Bund geschlossen, und
dann drückte sie sich außerdem noch unanständig über Sie aus.

Aber alles dies ist noch nichts gegen die schändliche Absicht
Ratasäjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen und uns in
einer pikanten Satire zu schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir
deuteten es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt an nichts
mehr denken, mein Kind, und weiß nicht einmal, wozu ich mich
entschließen muß. Ja, -- soll man da noch länger seine Sünde in Abrede
stellen, wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzürnt, mein
Engelchen!

Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, damit ich mich nicht
langweile. Lassen Sie es gut sein, Liebling, was mach ich damit! Und was
ist denn solch ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und auch
Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um des Unsinns willen
geschrieben, nur so, damit müßige Leute etwas zu lesen haben. Glauben
Sie mir, mein Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjährigen
Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von Shakespeare anfangen -- in der
Literatur, siehst du, gibt es einen Shakespeare! -- so ist ja doch auch
ihr ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, und nichts
weiter als ein Spott- und Schmähgeschreibe und nur zu solchem Zweck von
diesem Pasquillanten verfaßt!

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

2. August.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ich bitte Sie, beunruhigen Sie sich jetzt nicht mehr! Gott wird uns
schon helfen und alles wird wieder gut werden. Fedora hat für sich und
mich eine Menge Arbeit verschafft und wir haben uns sehr vergnügt
sogleich daran gemacht. Vielleicht werden wir dadurch alles wieder
gutmachen können. Fedora sagte mir, sie glaube, daß Anna Fedorowna über
alle meine Unannehmlichkeiten in der letzten Zeit genau unterrichtet
sei, doch mir ist jetzt alles gleichgültig. Ich bin heute ganz besonders
froh gestimmt.

Sie wollen Geld borgen -- Gott bewahre Sie davor! Damit würden Sie sich
noch mehr Unglück auf den Hals laden, denn Sie müssen es zurückzahlen,
und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben Sie jetzt lieber
noch etwas sparsamer, kommen Sie öfter zu uns und achten Sie nicht
darauf, was Ihre Wirtin da schreit. Was aber Ihre übrigen Feinde und
alle Ihnen mißgünstig Gesinnten betrifft, so bin ich überzeugt, daß Sie
sich mit ganz grundlosen Befürchtungen quälen, Makar Alexejewitsch!

Sie könnten auch etwas mehr auf Ihren Stil achten, ich habe Ihnen schon
das vorige Mal gesagt, daß Sie sehr unausgeglichen schreiben. Nun, also
leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Ich erwarte Sie unter allen
Umständen.

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

3. August.

Mein Engelchen Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen, daß ich jetzt doch
wieder eine kleine Aussicht habe und damit auch wieder Hoffnung. Aber
zunächst erlauben Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle
keine Anleihe machen? Mein Täubchen, es geht nicht ohne sie. Mir geht es
schon schlecht, aber wie wird das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen
doch plötzlich etwas zustoßen! Sie sind doch solch ein schwächliches
Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn auch, daß man sich
unbedingt Geld verschaffen muß. Und nun hören Sie weiter.

Also zunächst muß ich vorausschicken, daß ich im Bureau neben Jemeljan
Iwanowitsch sitze. Das ist nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon
erzählt habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber. Wir
beide sind so ziemlich die Aeltesten im ganzen Departement, die
Alteingesessenen, wie man uns zu nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch,
ein uneigennütziger Mensch, aber nicht gerade sehr gesprächig, wissen
Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein richtiger Brummbär aus.
Dafür arbeitet er gut, hat eine sogenannte englische Handschrift, und
wenn man die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als ich.
Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch! Sehr intim sind wir beide
nie gewesen, nur so auf »Guten Tag!« und »Leben Sie wohl!« haben wir
gestanden, doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein Federmesser nötig
hatte, nun, dann sagte ich eben: »Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr
Messerchen, auf einen Augenblick!« Also eine richtige Unterhaltung gab's
zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen, was man sich so
gelegentlich zu sagen hat, wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen
Sie, da sagte dieser Mensch heute ganz plötzlich zu mir: »Makar
Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so nachdenklich?«

Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir -- und da vertraute ich mich
ihm denn an. So und so, sagte ich, Jemeljan Iwanowitsch, d. h. alles
erzählte ich ihm nicht -- und natürlich, Gott behüte, werde ich das auch
nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka, aber so dies und jenes
habe ich ihm doch anvertraut, mit anderen Worten: ich gestand ihm, daß
ich »etwas in Geldverlegenheit« sei, nun, und so weiter.

»Aber Sie könnten doch, Väterchen,« sagte darauf Jemeljan Iwanowitsch,
»könnten sich doch von jemandem Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von
Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe auch von ihm
geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar so hohe Prozente, wirklich,
nicht gar so hohe.«

Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders vor lauter Freude --
es hüpfte nur so! Ich dachte und dachte hin und her und setzte mein
Vertrauen auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch
vielleicht doch eingibt, daß er mir Geld leiht. Und ich begann schon,
alles auszurechnen: wie ich dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen
und auch mir selbst ein einigermaßen menschliches Aussehen verleihen
würde -- denn so ist es doch eine wahre Schande, man schämt sich
ordentlich, auf seinem Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, daß die
Jungen ewig über einen lachen -- nun, Gott verzeih' ihnen! Aber auch
Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem Tisch vorüber: nun, sagen wir,
wenn sie einmal -- wovor Gott uns behüte und bewahre! -- wenn sie einmal
im Vorübergehen einen Blick auf mich zu werfen geruhten und bemerken
sollten, daß ich, sagen wir, ungehörig gekleidet bin! Bei Seiner
Exzellenz aber sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie würden ja
wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka, ich würde auf der Stelle
sterben vor Scham, -- sehen Sie, so würde es sein. Daher nahm ich denn
all meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut es ging, und begab
mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits voll Hoffnung und andererseits
weder tot noch lebendig vor Erwartung -- beides zugleich.

Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es endete mit -- nichts. Er
war da sehr beschäftigt und sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich
trat von der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am Aermel:
bedeutete ihm, daß ich mit ihm sprechen wolle, mit Pjotr Petrowitsch. Er
sah sich nach mir um -- und da begann ich denn und sagte ungefähr: »So
und so, Pjotr Petrowitsch, wenn möglich, sagen wir etwa dreißig Rubel
usw.« -- Er schien mich zuerst nicht ganz zu verstehen, als ich ihm aber
dann nochmals alles erklärt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber
nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er aber fragte
plötzlich: »Haben Sie ein Pfand?« -- selbst jedoch vertiefte er sich
wieder ganz in seine Papiere und schrieb weiter, ohne sich nach mir
umzusehen. Das machte mich ein wenig befangen.

»Nein,« sagte ich, »ein Pfand habe ich nicht, Pjotr Petrowitsch« -- und
ich erklärte ihm: »So und so, ich werde Ihnen das Geld zurückzahlen,
sobald ich meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun, werde es
für meine erste Pflicht erachten.« In diesem Augenblick rief ihn jemand
und er ging fort, ich blieb aber und erwartete ihn. Er kam denn auch
bald wieder zurück, setzte sich, spitzte seine Feder -- mich aber
bemerkte er gleichsam überhaupt nicht. Ich kam jedoch wieder darauf zu
sprechen, »also so und so, Pjotr Petrowitsch, ginge es denn nicht doch
irgendwie?«

Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu hören, ich aber stand,
stand. -- Nun, dachte ich, ich will es doch noch einmal, zum letztenmal,
versuchen, und zupfte ihn wieder ein wenig am Aermel. Er sagte aber
keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Härchen von seiner Federspitze
und schrieb weiter. Da ging ich denn.

Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht sehr ehrenwerte
Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz, -- nichts für unsereinen! Wo
reichen wir an diese hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe
ich Ihnen auch alles das geschrieben.

Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen und schüttelte den
Kopf, aber er machte mir doch wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan
Iwanowitsch ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich einem
gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann, Warinka, der auf der
Wiborger Seite(9) wohnt, leiht gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan
Iwanowitsch sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt. Ich
werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen werde ich zu ihm gehen. Was
meinen Sie dazu? Es geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon,
mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen geben. Und meine
Stiefel sind schrecklich schlecht, mein Kind, und Knöpfe fehlen mir
überall, und was mir nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der
Vorgesetzten eine Bemerkung darüber macht? Es ist ein Unglück, Warinka,
wirklich ein Unglück!

Makar Djewuschkin.

  (9) Ein Stadtteil von St. Petersburg. E. K. R.

                   *       *       *       *       *

4. August.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen Sie so bald als
möglich Geld! Ich würde Sie unter den jetzigen Umständen natürlich für
keinen Preis um Hilfe bitten, aber wenn Sie wüßten, in welcher Lage ich
mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser Wohnung bleiben, ich muß
fort! Ich habe die schrecklichsten Unannehmlichkeiten gehabt, Sie können
es sich nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin!

Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen erscheint bei uns
plötzlich ein fremder Herr, ein schon bejahrter Mann, nahezu ein Greis,
mit Orden auf der Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er von
uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um noch etwas zu kaufen. Er
begann mich auszufragen: wie ich lebe, womit ich mich beschäftige, und
darauf erklärte er mir -- ohne meine Antwort abzuwarten, -- er sei der
Onkel jenes Offiziers und habe sich über das flegelhafte Betragen seines
Neffen sehr geärgert: er sei sehr aufgebracht darüber, daß jener mich in
einen schlechten Ruf gebracht habe -- sein Neffe sei ein leichtsinniger
Bengel, der zu nichts tauge, er aber fühle sich als Onkel verpflichtet,
die Schuld seines Neffen zu sühnen und mich unter seinen Schutz zu
nehmen. Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen Leute zu hören, er
dagegen habe wie ein Vater Mitleid mit mir, empfinde überhaupt
väterliche Liebe für mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu
helfen.

Ich errötete, wußte aber noch immer nicht, was ich denken sollte,
weshalb ich ihm natürlich auch nicht dankte. Er nahm meine Hand und
hielt sie fest, obschon ich sie ihm zu entziehen suchte, tätschelte
meine Wange, sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders
gefalle es ihm, daß ich in den Wangen Grübchen habe. -- Gott weiß, was
er da noch sprach! -- und zu guter Letzt wollte er mich auch noch
küssen: er sei ja schon ein Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! --
Da trat Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen und begann wieder
damit, daß er mich wegen meiner Bescheidenheit und Wohlerzogenheit
überaus achte: er würde es sehr gern sehen, daß ich meine Scheu vor ihm
verlöre. Dann rief er Fedora beiseite und wollte ihr unter einem
seltsamen Vorwand Geld in die Hand drücken. Doch Fedora nahm es
natürlich nicht an. Da brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals
alle seine Beteuerungen, versprach, mich nächstens wieder zu besuchen
und mir dann Ohrringe mitzubringen (ich glaube, er war zum Schluß selbst
etwas verlegen). Er riet mir außerdem, in eine andere Wohnung
überzusiedeln, und empfahl mir sogar eine, die sehr schön sei und mich
nichts kosten würde. Er sagte, daß er mich namentlich deshalb sehr
liebgewonnen habe, weil ich ein ehrenwertes und vernünftiges Mädchen
sei. Darauf riet er mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend in acht
zu nehmen, und zum Schluß erklärte er, daß er mit Anna Fedorowna bekannt
sei und sie ihn beauftragt habe, mir zu sagen, daß sie mich besuchen
werde. Da begriff ich denn alles! Ich weiß nicht mehr, was mit mir
geschah -- ich habe das zum erstenmal gefühlt und mich zum erstenmal in
einer solchen Lage befunden: ich war außer mir! Ich beschämte ihn
tüchtig -- und Fedora stand mir bei und jagte ihn förmlich aus dem
Zimmer. Das ist natürlich Anna Fedorownas Machwerk -- woher hätte er
sonst etwas von uns erfahren können?

Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch, und flehe Sie an, mir
beizustehen. Helfen Sie mir, um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt
nicht im Stich! Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur
ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten eines Umzuges
bestreiten könnten, hierbleiben aber können wir unter keinen Umständen,
das ist ganz ausgeschlossen. Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen
wenigstens fünfundzwanzig Rubel. Ich werde Ihnen dieses Geld
zurückgeben, ich werde es mir schon verdienen! Fedora wird mir in den
nächsten Tagen noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht
durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf, gehen Sie auf
jede Bedingung ein! Ich werde Ihnen alles zurückzahlen, nur verlassen
Sie mich jetzt nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen unter
den jetzigen Umständen mit einer solchen Bitte zu kommen, aber Sie sind
doch meine einzige Stütze, meine einzige Hoffnung!

Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie an mich, und Gott gebe
Ihnen Erfolg!

W. D.

                   *       *       *       *       *

4. August.

Mein Täubchen Warwara Alexejewna!

Sehen Sie, gerade alle diese unerwarteten Schläge sind es, die mich
erschüttern! Gerade diese schrecklichen Heimsuchungen schlagen mich zu
Boden! Dieses Lumpenpack von faden Schmarotzern und nichtswürdigen
Greisen will nicht nur Sie, mein Engelchen, auf das Krankenlager
bringen, durch alle die Aufregungen, die sie Ihnen bereiten, sondern
auch mir wollen sie, diese Schurken, den Garaus machen. Und das werden
sie, ich schwöre es, das werden sie! Ich wäre doch jetzt eher zu sterben
bereit, als Ihnen nicht zu helfen! Und wenn ich Ihnen nicht helfen
könnte, so wäre das mein Tod, Warinka, wirklich mein Tod. Helfe ich
Ihnen aber, so fliegen Sie mir schließlich wie ein Vöglein fort, und
dann werden Sie von diesen Nachteulen, diesen Raubvögeln, die Sie jetzt
aus dem Nestchen locken wollen, einfach umgebracht. Das jedoch ist es,
was mich am meisten quält, mein Kind. Aber auch Ihnen, Warinka, trage
ich eines nach: warum müssen Sie denn gleich so grausam sein? Wie können
Sie nur! Sie werden gequält, Sie werden beleidigt, Sie, mein Vögelchen,
mein kleines, armes Herzchen, haben nur zu leiden, und da -- da machen
Sie sich noch deshalb Sorgen, daß Sie mich beunruhigen müssen, und
versprechen, das Geld zurückzuzahlen, und es zu erarbeiten: das aber
heißt doch in Wirklichkeit, daß Sie sich bei Ihrer schwachen Gesundheit
zuschanden arbeiten wollen, um für mich zum richtigen Termin das Geld zu
beschaffen! So bedenken Sie doch bloß, Warinka, was Sie da sprechen!
Wozu sollen Sie denn nähen und arbeiten und Ihr armes Köpfchen mit
Sorgen quälen und Ihre Gesundheit untergraben? Ach, Warinka, Warinka!

Sehen Sie, mein Täubchen, ich tauge zu nichts, zu gar nichts, und ich
weiß es selbst, daß ich zu nichts tauge, aber ich werde dafür sorgen,
daß ich doch noch zu etwas tauge! Ich werde alles überwinden, ich werde
mir noch Privatarbeit verschaffen, ich werde für unsere Schriftsteller
Abschriften machen, ich werde zu ihnen gehen, werde selbst zu ihnen
gehen und mir Arbeit von ihnen ausbitten, denn sie suchen doch gute
Abschreiber, ich weiß es, daß sie sie suchen! Sie aber sollen sich nicht
krank arbeiten: nie und nimmer lasse ich das zu!

Ich werde, mein Engelchen, ich werde unbedingt Geld auftreiben, ich
sterbe eher, als daß ich es nicht tue. Sie schreiben, mein Täubchen, ich
solle vor hohen Prozenten nicht zurückschrecken: -- das werde ich gewiß
nicht, mein Kind, ich werde bestimmt nicht zurückschrecken, jetzt vor
nichts mehr! Ich werde vierzig Rubel erbitten, mein Kind. Das ist doch
nicht zu viel, Warinka, was meinen Sie? Kann man mir vierzig Rubel auf
mein Wort ohne weiteres anvertrauen? Das heißt, ich will nur wissen, ob
Sie mich für fähig halten, jemandem auf den ersten Blick hin Zutrauen
einzuflößen? So nach dem Gesichtsausdruck, meine ich, und überhaupt --
kann man mich da auf den ersten Blick hin günstig beurteilen? Denken Sie
zurück, mein Engelchen, denken Sie nach, kann ich wohl einen guten
Eindruck auf jemanden machen, der mich zum erstenmal sieht? Bin ich wohl
der Mann dazu? Was meinen Sie? Wissen Sie, man fühlt doch solch eine
Angst -- krankhaft geradezu, wirklich krankhaft!

Von den vierzig Rubeln gebe ich fünfundzwanzig Ihnen, Warinka, zwei der
Wirtin und den Rest behalte ich für mich, für meine Ausgaben.

Zwar sehen Sie: der Wirtin müßte ich eigentlich mehr geben, sogar
unbedingt mehr, aber überlegen Sie es sich reiflich, mein Kind, rechnen
Sie mal zusammen, was ich nur fürs Allernotwendigste brauche: Sie werden
einsehen, daß ich ihr unter keinen Umständen mehr geben kann -- folglich
lohnt es sich gar nicht, noch weiter darüber zu reden, und man kann die
Frage einfach ausschalten. Für fünf Rubel kaufe ich mir ein Paar
Stiefel. Ich weiß wirklich nicht, ob ich morgen noch mit den alten in
den Dienst gehen kann. Eine Halsbinde wäre wohl auch sehr nötig, da die
jetzige schon bald ein Jahr alt ist, doch da Sie mir aus einem alten
Schürzchen nicht nur ein Vorhemdchen, sondern auch eine Halsbinde zu
verfertigen versprachen, so will ich daran nicht weiter denken. Somit
hätten wir Stiefel und Halsbinde. Jetzt noch Knöpfe, mein Liebes! Sie
werden doch zugeben, Kindchen, daß ich ohne Knöpfe nicht auskommen kann,
von meinem Uniformrock ist aber die Hälfte der Garnitur schon
abgefallen. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß Seine Exzellenz eine
solche Nachlässigkeit bemerken und sagen könnten -- ja, was!? Das würde
ich ja doch nicht mehr hören, denn ich würde dort sterben, auf der
Stelle sterben, tot hinfallen, einfach vor Schande bei dem bloßen
Gedanken den Geist aufgeben! Ach ja, mein Kind, das würde ich! -- Ja,
und dann blieben mir noch nach allen Anschaffungen drei Rubel, die
blieben mir dann zum Leben und für ein halbes Pfündchen Tabak, denn
sehen Sie, mein Engelchen, ich kann ohne Tabak nicht leben, heute aber
ist es schon der neunte Tag, daß ich mein Pfeifchen nicht mehr angerührt
habe. Ich hätte ja, offen gestanden, auch so Tabak gekauft, ohne es
Ihnen vorher zu sagen, aber man schämt sich vor seinem Gewissen. Sie
dort sind unglücklich, Sie entbehren alles, ich aber sollte mir hier gar
Vergnügungen leisten? Also deshalb sage ich es Ihnen, daß ich mich nicht
mit Gewissensbissen zu quälen brauche. Ich gestehe Ihnen ganz offen,
Warinka, daß ich mich jetzt in einer äußerst verzweifelten Lage befinde,
das heißt, bisher habe ich in meinem Leben noch nichts Aehnliches
durchgemacht. Die Wirtin verachtet mich: von Achtung oder Schätzung --
davon kann keine Rede sein. Ueberall Mangel, überall Schulden, im Dienst
aber, wo mich die Kollegen auch früher schon nicht auf Rosen gebettet
haben, im Dienst -- nun, schweigen wir lieber davon. Ich verberge alles,
ich suche es vor allen sorgfältig zu verbergen, und auch mich selbst
verberge ich: wenn ich in den Dienst gehe, drücke ich mich nach
Möglichkeit unbemerkt und seitlich an allen vorüber. Ich habe gerade nur
noch so viel Mut, daß ich Ihnen dies offen eingestehen kann ...

Aber wie, wenn er nichts gibt?

Nein, es ist besser, Warinka, man denkt gar nicht daran und quält sich
nicht unnütz mit solchen Vorstellungen, die einem schon im voraus jeden
Mut rauben. Ich schreibe das nur deshalb, um Sie zu warnen und davor zu
bewahren, daß Sie nicht im voraus daran denken und sich mit bösen
Gedanken quälen. Tun Sie es nicht! Aber, mein Gott, was würde aus Ihnen
werden! Freilich würden Sie dann die Wohnung nicht wechseln, vielmehr
hier in meiner Nähe bleiben -- aber nein, ich käme dann überhaupt nicht
mehr zurück, ich würde einfach untergehen, verschwinden, verderben!

Da habe ich Ihnen nun wieder eine lange Epistel geschrieben, und hätte
mich doch statt dessen rasieren können, denn rasiert sieht man stets
etwas sauberer und anständiger aus, das aber hat viel zu sagen und hilft
einem immer, wenn man etwas sucht. Nun, Gott gebe es! Ich werde beten
und dann -- mich auf den Weg machen!

M. Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

5. August.

Liebster Makar Alexejewitsch!

Wenn Sie doch wenigstens nicht verzweifeln würden! Es gibt ohnehin schon
Sorgen genug! -- Ich sende Ihnen dreißig Kopeken, mehr kann ich nicht.
Kaufen Sie sich dafür, was Sie da gerade am notwendigsten brauchen, um
sich wenigstens noch bis morgen irgendwie durchzuschlagen. Wir haben
selbst fast nichts mehr, was morgen aus uns werden wird -- ich weiß es
nicht. Es ist traurig, Makar Alexejewitsch! Uebrigens sollen Sie deshalb
den Kopf nicht hängen lassen: nun, er hat Ihnen nichts gegeben, was ist
denn schließlich dabei! Fedora sagt, noch sei es nicht so schlimm, wir
könnten noch ganz gut eine Weile hierbleiben -- und selbst wenn wir in
eine andere Wohnung übergesiedelt wären, hätten wir damit doch nur wenig
gewonnen, denn wer es wolle, der könne uns überall finden. Freilich ist
es deshalb noch immer nicht schön, jetzt hierzubleiben. Wenn nicht alles
so traurig wäre, würde ich Ihnen noch mancherlei schreiben.

Was Sie doch für einen sonderbaren Charakter haben, Makar Alexejewitsch!
Sie nehmen sich alles viel zu sehr zu Herzen: deshalb werden Sie auch
immer der unglücklichste Mensch sein. Ich lese Ihre Briefe sehr
aufmerksam und sehe, daß Sie sich in einem jeden dermaßen um mich sorgen
und quälen, wie Sie sich um sich selbst noch nie gesorgt und gequält
haben. Man wird natürlich sagen, daß Sie ein gutes Herz haben. Ich aber
sage, daß Ihr Herz viel zu gut ist. Ich möchte Ihnen einen
freundschaftlichen Rat geben, Makar Alexejewitsch. Ich bin Ihnen
dankbar, sehr dankbar für alles, was Sie für mich getan haben, ich
empfinde es tief, glauben Sie mir. Also urteilen Sie jetzt selbst, wie
mir zumute ist, wenn ich sehen muß, daß Sie nach all Ihrem Unglück und
Ihren Sorgen, deren unfreiwillige Ursache ich gewesen bin, -- daß Sie
auch jetzt noch nur für mich leben, gewissermaßen sogar nur um
meinetwillen leben: meine Freuden sind Ihre Freuden, mein Leid ist Ihr
Leid, und meine Gefühle sind Ihnen wichtiger, als Ihre eigenen! Wenn man
sich aber den Kummer Fremder so zu Herzen nimmt und mit allen so viel
Mitleid empfindet, dann hat man allerdings Ursache, der unglücklichste
Mensch zu sein. Als Sie heute nach dem Dienst bei uns eintraten,
erschrak ich förmlich bei Ihrem Anblick. Sie sahen so bleich, so
abgehärmt und mitgenommen, so zerstört und verzweifelt aus: Sie waren
kaum wiederzuerkennen, -- und das alles nur deshalb, weil Sie sich
fürchteten, mir Ihren Mißerfolg mitzuteilen, mich zu betrüben und zu
erschrecken. Als Sie aber sahen, daß ich ob dieses kleinen Unglücks zu
lachen begann, da atmeten Sie geradezu befreit auf. Makar Alexejewitsch!
So grämen Sie sich doch nicht so, verzweifeln Sie doch nicht, seien Sie
doch vernünftig! Ich bitte Sie darum, ich beschwöre Sie! Sie werden
sehen, es wird alles gut werden, alles wird sich zum Besseren wenden.
Sie machen sich das Leben ganz unnötigerweise schwer, indem Sie sich
ewig um andere grämen und sorgen.

Leben Sie wohl, mein Freund! Ich bitte Sie nochmals, sorgen Sie sich
nicht um mich!

W. D.

                   *       *       *       *       *

Mein Täubchen Warinka!

Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu der Ueberzeugung gelangt,
daß es noch kein Unglück ist, daß ich das Geld nicht erhalten habe. Nun
gut, ich bin also beruhigt und glücklich. Ich bin sogar froh, weil Sie
mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung bleiben. Ja und
wenn man schon alles sagen soll, so muß ich gestehen, daß mein Herz voll
Freude war, als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schön über mich
schrieben und sich über meine Gefühle so lobend äußerten. Ich sage das
nicht aus Stolz, sondern weil ich sehe, daß Sie mich gern haben müssen,
wenn Sie sich gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch was soll man
jetzt noch viel von meinem Herzen reden! Das Herz ist eine Sache für
sich, -- aber Sie sagen da, Kindchen, daß ich nicht kleinmütig sein
soll. Ja, mein Engelchen, Sie haben recht, daß es überflüssig ist, daß
man ihn wirklich nicht braucht -- den Kleinmut, meine ich. Aber, bei
alledem: sagen Sie mir jetzt bloß, mein Liebling, in welchen Stiefeln
ich mich morgen in den Dienst begeben soll? -- Da sehen Sie, mein Kind,
wo der Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch einen Menschen zugrunde
richten, kann ihn einfach vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist
freilich, daß ich mich nicht um meinetwillen so sorge, daß ich nicht um
meinetwillen darunter leide. Mir persönlich ist das doch ganz gleich,
und müßte ich auch in der größten Kälte ohne Mantel und Stiefel gehen:
ich würde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus, ich bin doch
ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber was werden die Leute dazu
sagen? -- was werden meine Feinde sagen, und alle diese boshaften
Zungen, wenn ich ohne Mantel komme? Man trägt ihn ja doch nur um der
Leute willen, und auch die Stiefel trägt man nur ihretwegen. Die Stiefel
sind in diesem Falle, mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur
Aufrechterhaltung der Ehre und des guten Rufes nötig. In zerrissenen
Stiefeln aber geht die eine wie der andere verloren -- glauben Sie mir,
was ich Ihnen sage, mein Kind, verlassen Sie sich auf meine langjährige
Erfahrung, hören Sie auf mich Alten, der die Menschen kennt, und nicht
auf irgend solche Sudler.

Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausführlich erzählt, Kind, wie das
heute alles in Wirklichkeit war. Ich habe an diesem einen Morgen so viel
ausgestanden, so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch einer
vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun hören Sie, wie es war:

Ich ging ganz, ganz früh von Hause fort, um ihn anzutreffen und dann
selbst noch rechtzeitig in den Dienst kommen zu können. Es war solch ein
Regenwetter heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in meinen
Mantel, mein Herzchen, und ging und ging, und dabei dachte ich die ganze
Zeit: Lieber Gott! Vergib mir alle meine Uebertretungen deiner Gebote
und laß meinen Wunsch in Erfüllung gehen! Wie ich an der --schen Kirche
vorüberging, bekreuzte ich mich, bereute alle meine Sünden, besann mich
aber darauf, daß es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu
unterhandeln. Da versenkte ich mich denn in meine eigenen Gedanken und
wollte nichts mehr ansehen. Und so ging ich denn, ohne auf den Weg zu
achten, immer weiter. Die Straßen waren leer, und die Menschen, denen
man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt und gehetzt aus --
freilich war das auch kein Wunder: wer wird denn um diese Zeit und bei
diesem Wetter spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam mir
entgegen: die stießen mich roh zur Seite, die Kerle. Da überfiel mich
wieder Schüchternheit, mir wurde bange, und an das Geld, um die Wahrheit
zu sagen, wollte ich überhaupt nicht mehr denken -- geht man auf gut
Glück, nun, dann eben auf gut Glück!

Gerade bei der Wosnessenskij-Brücke blieb eine meiner Stiefelsohlen
liegen, so daß ich selbst nicht mehr weiß, auf was ich eigentlich
weiterging. Und gerade dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff
entgegen, stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als wolle
er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja, Bruderherz, dachte ich,
ein Trinkgeld, was ist ein Trinkgeld!

Ich war furchtbar müde, blieb stehen, erholte mich ein bißchen, und dann
schleppte ich mich wieder weiter. Jetzt sah ich absichtlich überall hin,
um irgendwo was zu entdecken, an das ich die Gedanken hätte heften
können, so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern, aber
ich fand nichts: kein einziger Gedanke wollte haften bleiben, und zum
Ueberfluß war ich auch noch so schmutzig geworden, daß ich mich vor mir
selber schämte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes hölzernes
Haus mit einem Giebelausbau, eine Art Villa: nun, da ist es, dachte ich
gleich, so hat es mir auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben -- das Haus
Markoffs. (Markoff heißt er nämlich, der Mann, der Geld auf Prozente
leiht.) Nun, und da gingen mir denn die Gedanken alle ganz
durcheinander: ich wußte, daß es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem
den Schutzmann im Wächterhäuschen, wessen Haus denn dies dort eigentlich
sei, das heißt also, wer darin wohne. Der Schutzmann aber, solch ein
Grobian, antwortete mißmutig, ganz als ärgere er sich über mich, und
brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehöre einem gewissen Markoff.
Diese Polizeibeamten sind alle so gefühllose Menschen -- doch was gehen
sie mich schließlich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer
Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum andern. In allem findet man
etwas, was gerade der eigenen Lage entspricht oder was man als
gewissermaßen zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer so.
-- An dem Hause ging ich dreimal vorüber, aber je mehr ich ging, um so
schlimmer wurde es: nein, denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir
bestimmt kein Geld geben, ganz gewiß nicht! Ich bin doch ein fremder,
ihm völlig unbekannter Mensch, es ist eine heikle Sache, und auch mein
Aeußeres ist nicht gerade einnehmend. Nun, denke ich, wie es das
Schicksal will, dann bereue ich es nachher wenigstens nicht, daß ich es
überhaupt nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja auch nicht
gleich den Kopf kosten! Und so öffnete ich denn leise das Hofpförtchen.
Aber nun kam schon das andere Unglück: kaum war ich eingetreten, da
stürzte solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger Hackenbeißer,
auf mich los und kläffte und kläffte, daß einem die Ohren klangen. Und
sehen Sie, immer sind es gerade derartige nichtswürdige kleine
Zwischenfälle, mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen und
von neuem schüchtern machen, und die ganze Entschlossenheit, zu der man
sich schon zusammengerafft hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot
halb lebendig ins Haus -- dort aber stieß ich gleich auf ein neues
Unglück: ich sah nicht, wohin ich trat und was im halbdunklen Flur neben
der Schwelle stand -- plötzlich stolperte ich über irgendein hockendes
Weib, das gerade Milch aus dem Melkgefäß in Kannen goß, und da
verschüttete sie denn die ganze Milch. Das dumme Weib schrie natürlich
und keifte sogleich und zeterte: »Siehst du denn nicht, wohin du rennst,
mach doch die Augen auf, was suchst du hier?« und so ging es weiter ohne
Unterlaß. Ich schreibe Ihnen das alles, mein Kind, schreibe es nur
deshalb, weil mir in solchen Fällen regelmäßig etwas zustößt: das muß
mir wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate ich mit etwas
anderem, ganz Nebensächlichem zusammen und durcheinander.

Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein, eine
Finnländerin. Ich wandte mich sogleich an sie: ob hier Herr Markoff
wohne? Nein, sagte sie zunächst barsch, blieb dann aber stehen und
musterte mich eingehend.

»Was wollen Sie denn von ihm?« fragte sie.

Nun, ich erklärte ihr alles: »So und so, Jemeljan Iwanowitsch ...« --
erzählte auch alles übrige -- kurz: ich käme in Geschäften! Darauf rief
die Alte ihre Tochter herbei -- die kam: ein erwachsenes Mädchen, und
barfuß.

»Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern. Bitte, treten Sie näher.«

Ich trat ein. Das Zimmer war -- nun, wie so gewöhnlich diese Zimmer
sind: an den Wänden Bilder, größtenteils Porträts von Generälen, ein
Sofa, ein runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentöpfen -- ich
denke und denke: soll ich mich nicht lieber drücken, solange es noch
Zeit ist? Und bei Gott, mein Kind, ich war wirklich schon im Begriff,
fortzulaufen! Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nächstens,
dann wird auch das Wetter besser sein, ich werde noch bis dahin warten!
Heute aber ist sowieso die Milch verschüttet, die Generale sehen mich
alle so böse an ... Und ich wandte mich, ich gesteh's wirklich, schon
zur Tür, Warinka, da kam auch schon Er: -- so, nichts Besonderes, ein
kleines, graues Kerlchen, mit solchen, wissen Sie, etwas heimtückischen
Aeuglein, dabei in einem schmierigen Schlafrock, mit einer Schnur um den
Leib.

Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und womit er mir dienen
könne, worauf ich ihm sagte: »So und so, Jemeljan Iwanowitsch -- etwa
vierzig Rubel,« sagte ich, »die habe ich nötig --.« Aber ich sprach
nicht zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, daß ich verspielt hatte.

»Nein,« sagte er, »tut mir leid, ich habe kein Geld. Oder haben Sie ein
Pfand?«

Ich begann, ihm zu erklären, daß ich ein Pfand zwar nicht habe,
»Jemeljan Iwanowitsch aber -- und so weiter,« mit einem Wort, ich
erklärte ihm alles, was da zu erklären war. Er hörte mich ruhig an.

»Ja, was,« sagte er, »Jemeljan Iwanowitsch kann mir nichts helfen, ich
habe kein Geld.«

Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das wußte ich, das habe
ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka, es wäre besser gewesen, die Erde
hätte sich unter mir aufgetan, meine Füße wurden kalt, Frösteln lief mir
über den Rücken. Ich sah ihn an und er sah mich an, fast als wolle er
sagen: »Nun, geh mal jetzt, mein Bester, du hast hier nichts mehr zu
suchen,« -- so daß ich mich unter anderen Umständen zu Tode geschämt
hätte.

»Wozu brauchen Sie denn das Geld?« -- (das hat er mich wirklich gefragt,
mein Kind!).

Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so müßig dazustehen, aber er
wollte mich gar nicht mehr anhören.

»Nein,« sagte er, »ich habe kein Geld, sonst,« sagte er, »sonst würde
ich mit dem größten Vergnügen ...«

Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen, sagte ihm, daß ich
ja nicht viel brauche, daß ich ihm alles wieder zurückgeben würde, genau
zum Termin, ja sogar noch vor dem Termin, daß er so hohe Prozente nehmen
könne, wie er nur wolle, und daß ich ihm, noch einmal, bei Gott alles
zurückzahlen werde. Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein Kind, an Ihr
Unglück und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr Fünfzigkopekenstückchen.

»Nein,« sagte er, »wer redet hier von Prozenten, aber wenn Sie ein Pfand
hätten ... Ich habe im Augenblick kein Geld, bei Gott, ich habe keines,
sonst natürlich mit dem größten Vergnügen ...«

Ja, er schwor noch bei Gott, der Räuber!

Nun und da, meine Liebe, -- ich weiß selbst nicht mehr, wie ich das Haus
verließ und wieder auf die Wosnessenskij-Brücke kam. Ich war nur
furchtbar müde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren und kam
erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte meine Kleider etwas
abbürsten, vom Schmutz reinigen, aber der Amtsdiener sagte, das gehe
nicht an, ich würde die Bürste verderben, die Bürste sei aber
Kronseigentum. Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt von diesen
Leuten angesehen werde: als wäre ich noch nicht einmal eine alte Matte,
an der man die Füße abwischen kann. Was ist es denn, Warinka, was mich
so niederdrückt? -- Doch nicht das Geld, das ich nicht habe, sondern
alle diese Aufregungen, und daß man mit Menschen in Berührung kommt: all
dieses Geflüster, dieses Lächeln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz
kann sich doch auch einmal zufällig an mich wenden oder über mein
Aeußeres eine Bemerkung machen! Ach, Kind, meine goldenen Zeiten sind
jetzt vorüber! Heute habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen,
-- traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Täubchen, Gott schütze Sie!

M. Djewuschkin.

P. S. Ich wollte Ihnen, Warinka, mein Unglück halb scherzhaft
beschreiben, Warinka, aber man sieht, daß es mir nicht mehr gelingen
will, das Scherzen nämlich. Ich wollte Sie etwas zerstreuen. Ich werde
zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen.

                   *       *       *       *       *

11. August.

Warwara Alexejewna! Mein Täubchen! Verloren bin ich, beide sind wir
verloren, unrettbar verloren! Mein Ruf, meine Ehre -- alles ist
verloren! Und ich bin es, der Sie ins Verderben gebracht hat! Ich werde
geschmäht, mein Kind, verachtet, verspottet, und die Wirtin beschimpft
mich schon laut und vor allen Menschen. Heute hat sie wieder geschrien,
geschrien und mich mit Vorwürfen überhäuft, als wäre ich ein Nichts und
ein Dreck! Und am Abend begann dann jemand von ihnen bei Ratasäjeff
einen meiner Briefe an Sie laut vorzulesen: einen Brief, den ich nicht
beendet und in die Tasche gesteckt hatte, und den ich dann irgendwie aus
der Tasche verloren haben muß. Mein liebes, liebes Kind, wie haben sie
da gelacht! Wie sie uns betitelt haben und wie sie höhnten, wie sie
höhnten, die Verräter! Ich hielt es nicht aus und ging zu ihnen und
beschuldigte Ratasäjeff des Treubruchs und sagte ihm, daß er ein
Falscher sei! Ratasäjeff aber erwiderte mir darauf, ich sei selbst ein
Falscher und beschäftige mich nur mit Eroberungen. Ich hätte sie alle
getäuscht, sagte er, im Grunde aber sei ich ja sozusagen ein Lovelace!
Und jetzt, mein Kind, werde ich nun von allen hier nur noch Lovelace
genannt, einen anderen Namen habe ich überhaupt nicht mehr! Hören Sie,
mein Engelchen, hören Sie -- die wissen doch jetzt alles von uns, sind
von allem unterrichtet, und auch von Ihnen, meine Gute, wissen sie
alles, alles ist ihnen bekannt, alles, was Sie, mein Engelchen,
betrifft! Und auch der Faldoni ist jetzt mit ihnen im Bunde. Ich wollte
ihn heute hier in den kleinen Laden schicken, damit er mir ein Stückchen
Wurst kaufe, aber nein, er geht nicht, er habe zu tun, sagt er. -- Du
mußt doch, es ist doch deine Pflicht, sage ich.

»Auch was Gutes -- meine Pflicht!« höhnte er, »Sie zahlen doch meiner
Herrin kein Geld, folglich gibt's da nichts von Pflicht.«

Das ertrug ich nicht, Kind, von diesem ungebildeten, frechen Menschen
eine solche Beleidigung, und so schalt ich ihn denn einen »Dummkopf!«,
er aber sagte mir darauf bloß kurz: »Das sagt mir nun so einer!« -- Ich
dachte erst, daß er betrunken sei, hielt es ihm denn auch vor: »Hör
mal,« sagte ich, »du bist wohl betrunken?« -- Er aber grobte mich an:

»Haben Sie mir denn was zu trinken gegeben? Sie haben doch nicht einmal
so viel, daß Sie sich selber betrinken könnten!« und dann brummte er
noch: »Das soll nun ein Herr sein!«

Da sehen Sie jetzt, wie weit es mit uns gekommen ist, mein Kind! Man
schämt sich, zu leben, Warinka! Ganz wie ein Verrufener kommt man sich
vor, schlimmer noch als irgendein Landstreicher. Schwer ist es, Warinka!
Verloren bin ich, einfach verloren! Unrettbar verloren!

M. D.

                   *       *       *       *       *

13. August.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Uns sucht jetzt ein Unglück nach dem anderen heim, auch ich weiß nicht
mehr, was man noch tun soll! Was wird nun aus Ihnen werden, auf meine
Arbeit können wir uns auch nicht mehr verlassen. Ich habe mir heute mit
dem Bügeleisen die linke Hand verbrannt: ich ließ es versehentlich
fallen und beschädigte und verbrannte mich, gleich beides zusammen.
Arbeiten kann ich nun nicht, und Fedora ist auch schon den dritten Tag
krank. Oh, diese Sorge und Angst!

Hier sende ich Ihnen dreißig Kopeken: das ist fast das Letzte, was wir
haben, Gott weiß, wie gern ich Ihnen jetzt in Ihrer Not helfen würde. Es
ist zum Weinen!

Leben Sie wohl, mein Freund! Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie
heute zu uns kämen.

W. D.

                   *       *       *       *       *

14. August.

Makar Alexejewitsch!

Was ist das mit Ihnen? Sie fürchten wohl Gott nicht mehr? Und mich
bringen Sie um meinen Verstand. Schämen Sie sich denn nicht!? Sie
richten sich zugrunde. So denken Sie doch an Ihren Ruf! Sie sind ein
ehrlicher, ehrenwerter, strebsamer Mensch -- was werden die Menschen
sagen, wenn sie das erfahren? Und Sie selbst, Makar Alexejewitsch, Sie
werden doch vergehen vor Scham! Oder tut es Ihnen nicht mehr leid um
Ihre grauen Haare? So fürchten Sie doch wenigstens Gott!

Fedora sagt, daß sie Ihnen jetzt nicht mehr helfen werde, und auch ich
kann Ihnen unter diesen Umständen kein Geld mehr schicken. Was haben Sie
aus mir gemacht, Makar Alexejewitsch! Sie denken wohl, es sei mir ganz
gleichgültig, daß Sie sich so schlecht aufführen. Sie wissen noch nicht,
was ich Ihretwegen auszustehen habe! Ich kann mich gar nicht mehr auf
unserer Treppe zeigen: alle sehen mir nach, alle weisen mit dem Finger
auf mich und sagen solche Schändlichkeiten, -- ja, sie sagen geradezu,
daß ich mit einem _Trunkenbold ein Verhältnis habe_. Wie glauben Sie,
daß mir zumute ist, wenn ich so etwas hören muß! Und wenn man Sie nach
Hause bringt, sagt alles mit Verachtung von Ihnen: »Da wird der Beamte
wieder gebracht.« Ich aber -- ich schäme mich zu Tode für Sie. Ich
schwöre Ihnen, daß ich diese Wohnung hier verlassen werde. Und sollte
ich auch Stubenmagd oder Wäscherin werden -- hier bleibe ich auf keinen
Fall!

Ich schrieb Ihnen, daß ich Sie erwarte, Sie sind aber nicht gekommen.
Meine Tränen und Bitten sind Ihnen also schon gleichgültig, Makar
Alexejewitsch? Aber sagen Sie doch, wo haben Sie denn nur das Geld dazu
aufgetrieben? Um Gottes willen, nehmen Sie sich in acht! Sie werden doch
sonst verkommen, ganz sicher verkommen! Und diese Schande, diese
Schmach! Gestern hat die Wirtin Sie nicht mehr hineingelassen, da haben
Sie auf der Treppe die Nacht verbracht -- ich weiß alles. Wenn Sie
wüßten, wie weh es mir tat, als ich das von Ihnen hören mußte!

Kommen Sie zu uns, hier wird es Ihnen leichter werden: wir können
zusammen lesen, können von früheren Zeiten reden. Fedora kann uns von
ihren Erlebnissen erzählen. Makar Alexejewitsch, tun Sie es mir nicht
an, daß Sie sich zugrunde richten, Sie richten damit auch mich zugrunde,
glauben Sie es mir! Ich lebe doch nur noch für Sie allein, nur
Ihretwegen bleibe ich hier. Und Sie sind jetzt so! Seien Sie doch ein
anständiger Mensch, seien Sie doch charakterfest und standhaft, auch im
Unglück. Sie wissen doch: Armut ist keine Schande. Und weshalb denn
verzweifeln? Das ist doch alles nur vorübergehend. Gott wird uns schon
helfen und alles wird wieder gut werden, wenn Sie sich nur jetzt noch
etwas zusammennehmen!

Ich sende Ihnen zwanzig Kopeken, kaufen Sie sich dafür Tabak, oder was
Sie da wollen, nur geben Sie sie um Gottes willen nicht für Schlechtes
aus. Kommen Sie zu uns, kommen Sie unbedingt zu uns! Sie werden sich
vielleicht wieder schämen, wie neulich -- aber lassen Sie das, das wäre
ja bloß falsche Scham. Wenn Sie nur aufrichtig bereuen wollten!
Vertrauen Sie auf Gott. Er wird alles zum besten wenden.

W. D.

                   *       *       *       *       *

19. August.

Warwara Alexejewna, mein Kindchen!

Ich schäme mich, mein Sternchen, ich schäme mich. Doch übrigens,
Liebling, was ist denn dabei so Besonderes? Warum soll man nicht sein
Herz etwas erleichtern? Sieh: ich denke dann nicht mehr an meine
Stiefelsohlen -- eine Sohle ist doch nichts und bleibt ewig nur eine
einfache, gemeine, schmutzige Stiefelsohle. Und auch Stiefel sind
nichts! Sind doch die griechischen Weisen ohne Stiefel gegangen, wozu
also soll sich unsereiner mit einem so nichtswürdigen Gegenstande
abgeben? Warum mich deshalb gleich beleidigen und verachten? Ach, Kind,
mein Kind, da haben Sie nun etwas gefunden, das Sie mir schreiben
können! -- Der Fedora aber sagen Sie, daß sie ein närrisches,
unzurechnungsfähiges Weib ist, mit allerlei Schrullen im Kopf, und zum
Ueberfluß auch noch dumm, unsagbar dumm! Was aber meine grauen Haare
betrifft, so täuschen Sie sich auch darin, meine Gute, denn ich bin noch
lange nicht so ein Alter, wie Sie denken.

Jemeljä läßt Sie grüßen. Sie schreiben, Sie hätten sich gegrämt und
hätten geweint, und ich schreibe Ihnen, daß auch ich mich gegrämt habe
und weine. Zum Schluß aber wünsche ich Ihnen Gesundheit und Wohlergehen,
und was mich betrifft, so bin ich gleichfalls gesund und wohl und
verbleibe mit besten Grüßen, mein Engelchen, Ihr Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

21. August.

Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara Alexejewna!

Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß Sie mir viel zu
verzeihen haben, aber meiner Meinung nach ist damit nichts gewonnen,
Kind, daß ich alles dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem
Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im vollen Bewußtsein
meiner Schuld.

Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse. Um aber Ihr
Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu können, müßte man gar ein
blutdürstiger Tiger sein. Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen
bekannt sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger
Raubtierwildheit. Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht eigentlich
schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein Herz und meine Gedanken nicht
schuldig sind. Das ist nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was
oder wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so eine dunkle
Sache mit uns, mein Kind!

Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann noch zwanzig Kopeken:
mein Herz weinte, als ich Ihre Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben
sich das Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie hungern
müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir noch Tabak kaufen. Nun
sagen Sie selbst: was sollte ich denn tun? Einfach und ohne alle
Gewissensbisse, recht wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu
berauben anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, das heißt,
zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu nichts tauge und daß ich
selbst höchstens nur um ein Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle.
Ja, ich hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas von
Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu halten, sondern fing an,
in mir etwas Unwürdiges und bis zu einem gewissen Grade geradezu
Gemeines und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte
Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung der eigenen guten
Eigenschaften und der Verleugnung meiner Menschenwürde überließ, da war
denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte kommen, der Sturz,
der unvermeidliche! Das war mir offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich
aber bin nicht schuld daran.

Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. Doch da kam
gleich eins zum anderen: auch die Natur war so regnerisch, verweint und
kalt. Und dann kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte
bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß, und schon seit
zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn mehr im Munde gehabt, so daß er
bereits solche Sachen versetzen wollte, die man überhaupt nicht
versetzen kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt.

Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und zwar mehr aus Mitleid mit
der Menschheit als aus eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein
Kind! Wir weinten beide, Warinka! -- sprachen auch von Ihnen! Er ist ein
sehr guter, ein herzensguter Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch.
Das fühlte ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so
gekommen, eben weil ich das alles fühlte.

Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen schuldig bin! Als ich
Sie kennen lernte, begann ich, auch mich selbst besser kennen zu lernen
und Sie zu lieben. Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer einsam
gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben verdämmert und gar nicht
wirklich auf der Erde gelebt, wie die anderen! Die bösen Menschen, die
da ewig sagten, daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich
schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß auch ich mich
schließlich ruppig fand und mich meiner selbst zu schämen begann. Sie
sagten, ich sei stumpfsinnig, und ich dachte auch wirklich, daß ich
stumpfsinnig sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, haben
Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem Herzen wie in meiner Seele
licht geworden ist. Ich lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen
und erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen. Daß ich dabei
bin, wie ich bin, daß ich durch nichts glänze, keinen Schliff besitze,
keine Umgangsformen: das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch
ein Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein ganzer Mensch!
Nun, und dann, als ich fühlte, daß das Schicksal mich verfolgte, als
ich, durch das Schicksal erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde
selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen
zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: und das war das
Unglück!

Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich Sie unter Tränen,
mich nie mehr über diesen Zwischenfall auszufragen oder auch nur davon
zu reden, denn mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben wird
mir schwer und bitter.

Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung und verbleibe Ihr
treuer

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

3. September.

Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar Alexejewitsch, es
fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen habe ich Augenblicke, wo es
mich freut, allein zu sein, allein meinem Kummer nachhängen zu können,
allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche Stimmungen
überfallen mich jetzt immer häufiger. In meinen Erinnerungen liegt etwas
mir Unerklärliches, das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar in
einem solchen Maße, daß ich oft stundenlang für alles mich Umgebende
vollständig unempfindlich bin und die Gegenwart, alles Gegenwärtige,
vergesse. Ja, es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck,
gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Aehnliches aus meinem
früheren Leben erinnerte, am häufigsten an meine Kindheit, meine goldene
Kindheit! Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsäglich schwer
zumute. Ich fühle mich ganz entkräftet, meine Schwärmerei erschöpft mich
und meine Gesundheit wird sowieso schon immer schwächer.

Doch dieser frische, helle, glänzende Herbstmorgen, wie wir ihn jetzt
selten haben, hat mich heute neu belebt und mit Freude erfüllt. So haben
wir schon Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande! Ich war ja
damals noch ein Kind, aber doch fühlte und empfand ich schon alles in
gesteigertem Maße. Den Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als
den Morgen. Ich erinnere mich noch -- nur ein paar Schritte weit von
unserem Hause, am Berge, lag der See. Dieser See -- es ist mir, als sehe
ich ihn jetzt wirklich vor mir -- so hell und rein, wie Kristall! War
der Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See. Kein Blatt rührte
sich in den Bäumen am Ufer, der See lag blank und regungslos wie ein
großer Spiegel. Frisch und kühl! Im Grase blinkt der Tau. In einer Hütte
fern am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die Herden werden heimgetrieben
-- da schleiche ich denn heimlich aus dem Hause zum See und schaue und
schaue und vergesse ganz, daß ich bin. Ein Bündel Reisig brennt bei den
Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein fließt in einem langen
Streifen auf dem Wasserspiegel zu mir hin. Der Himmel ist blaßblau und
kalt und im Westen über dem Horizont ziehen sich rote feurige Streifen,
die nach und nach bleicher werden und schließlich ganz blaß vergehen.
Der Mond geht auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still -- bald
fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter einem Windhauch
-- alles, selbst das leiseste Geräusch ist deutlich zu hören. Ueber dem
blauen Wasser erhebt sich langsam weißer Nebel, so leicht und
durchsichtig. In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles
im Nebel, in der Nähe aber ist alles so scharf umrissen -- das Boot, das
Ufer, die Insel -- eine alte Tonne, die im Schilf vergessen ist,
schaukelt kaum-kaum merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit
vertrockneten Blättern liegt nicht weit von ihr im Schilf. Eine
verspätete Möve fliegt auf, taucht ins Wasser, fliegt wieder auf und
verschwindet im Nebel, -- und ich schaute und horchte, -- wundervoll, so
wundervoll war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind ...!

Ich liebte den Herbst, namentlich den Spätherbst, wenn das Korn schon
eingeerntet ist, die Feldarbeiten beendet sind, man des Abends in den
Hütten zusammenkommt und alle sich auf den Winter vorbereiten. Dann
werden die Tage dunkler, der Himmel bewölkt sich, die Wälder werden
gelb, das Laub fällt von den Bäumen und die Bäume stehen kahl und
schwarz, -- namentlich abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt,
dann erscheinen sie wie dunkle, unförmige Riesen, wie schreckliche
Gespenster. Und wenn man sich auf dem Spaziergang etwas verspätet und
hinter den anderen zurückbleibt -- wie eilt man ihnen dann nach, und wie
groß wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt, auf einmal --
hinter jenem Baumstamm -- hat sich dort nicht etwas Schreckliches
versteckt, das gleich hervorlugen wird? Und da fährt der Wind durch den
Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen Stimmen zu heulen
und zu klagen, und Blätter fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde,
und plötzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze Wolke
Zugvögel vorüber. Die Angst wächst ins Riesenhafte, und da ist es -- als
hörte man jemand, eine fremde Stimme raunen: »Laufe, laufe, Kind,
verspäte dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein, laufe,
Kind!« -- und Entsetzen erfaßt das Herz und man läuft und läuft, bis man
außer Atem zu Hause anlangt. Im Hause aber ist Leben und Fröhlichkeit:
uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhülsen oder
Mohnkörnchen aus den Kapseln zu schütteln. Im Ofen prasselt das Feuer,
Mama beaufsichtigt lächelnd unsere fröhliche Arbeit und die alte
Kinderfrau Uljana erzählt uns schreckliche Märchen von Zauberern und
Räubern. Und wir Kinder rücken ängstlich einander näher, aber das
Lächeln will doch nicht von den Lippen weichen. Und plötzlich ist alles
still ... Hu! da, ein Surren und Klopfen -- pocht jemand an der Tür? --
Nein, es ist nur das Spinnrad der alten Frolowna! Und wie wir lachen!
Dann aber kommt die Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen,
Schreckbilder und Träume verscheuchen die Müdigkeit. Und wacht man auf,
so wagt man nicht sich zu rühren und liegt zitternd bis zum Morgengrauen
unter der Decke. Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint, steht
man doch wieder frisch und munter auf und schaut neugierig durch das
Fenster: auf dem Stoppelfelde liegt silbriger Herbstreif und alle Bäume
und Büsche sind bereift. Wie eine dünne Glasscheibe hat sich Eis auf dem
See gebildet, und die Vögel zwitschern lustig. Und Sonne, überall Sonne,
wie Glas bricht das dünne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es,
so klar, so ... so wonnig!

Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns an den Tisch, auf dem
schon der Samowar summt, und durch das Fenster sieht unser schwarzer
Hofhund Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz. Ein Bäuerlein
fährt am Hause vorüber, in den Wald, nach Holz. Alle sind so zufrieden,
so frohgemut!... In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehäuft,
in der Sonne glänzt goldgelb die Strohdeckung der großen, großen
Heuschober -- es ist eine wahre Lust, das alles anzusehen! Und alle sind
ruhig, alle sind froh: alle fühlen den Segen Gottes, der ihnen in der
Ernte zuteil wurde, alle wissen, daß sie im Winter nicht darben werden,
und der Bauer weiß, daß er seinen Kindern Brot zu geben hat und sie satt
sein werden. Deshalb hört man abends die Lieder der Mädchen, die
fröhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht man sie alle am Feiertage
ihr Dankgebet im Gotteshause sprechen ... Ach wie wundervoll, wie
wundervoll war meine Kindheit!...

Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran sind natürlich nur diese
Erinnerungen schuld. Ich habe so lebhaft, so deutlich alles vor mir
gesehen, die ganze Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint
mir jetzt doppelt trüb und dunkel!... Wie wird das enden, was wird aus
uns werden? Wissen Sie, ich habe das seltsame Vorgefühl oder sogar die
Ueberzeugung, daß ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fühle mich
sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod, aber eigentlich möchte
ich doch nicht so sterben -- würde nicht in dieser Erde ruhen wollen ...
Vielleicht werde ich wieder krank, wie im Frühling, denn ich habe mich
von jener Krankheit noch nicht erholt.

Fedora ist heute für den ganzen Tag ausgegangen und ich bin allein. Seit
einiger Zeit fürchte ich mich, wenn ich allein bin: es scheint mir dann
immer, daß noch jemand mit mir im Zimmer ist, daß jemand zu mir spricht,
und zwar besonders dann, wenn ich aus meinen Träumereien, die mich mit
ihren Erinnerungen ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen
lassen, plötzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir dann, als habe
sich etwas Unheimliches im Zimmer versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich
Ihnen auch einen so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht
es wieder -- Leben Sie wohl. Ich schließe meinen Brief, ich habe weder
Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben. Von dem Gelde für meine
verkauften Kleider und den Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben
Ihrer Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie hoffentlich
eine Weile schweigen. -- Versuchen Sie doch, Ihre Kleider irgendwie ein
wenig auszubessern. Leben Sie wohl, ich bin so müde. Ich begreife nicht,
wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschäftigung ermüdet
mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit verschafft -- wie soll ich dann
arbeiten? Das ist es, was mir den Mut raubt.

W. D.

                   *       *       *       *       *

5. September.

Mein Täubchen Warinka!

Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke empfangen. Mein Kopf tat
mir den ganzen Tag über weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging
ich schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens etwas
frische Luft schöpfen. Der Abend war düster und feucht. Jetzt dunkelt es
doch schon um sechs! Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch
unangenehmer zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am Himmel zogen
die Wolken in langen, breiten Streifen dahin. Viel Volk ging auf dem
Kai. Es waren lauter schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie
sie einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene Kerle,
stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln und mit strähnigem
Haar, Handwerker und Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel:
irgendein Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, so ein
ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, rußglänzendem Gesicht,
ein Schloß in der Hand, oder irgendein ausgedienter Soldat von
Riesengröße, der Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet --
das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde gewesen sein, in der
sich ein anderes dort gar nicht zeigt!

Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar Schiffe können ihn
passieren. Frachtkähne lagen da, in einer solchen Menge, daß man gar
nicht begriff, wie ihrer nur so viele Platz hatten -- denn die Fontanka
ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß. Auf den Brücken saßen
Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen und verfaulten Aepfeln, so
schmutzige, garstige Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren zu
gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser: unten die Füße im
Nebel, über dem Kopf gleichfalls Nebel ... So ein trauriger, so ein
dunkler, lichtloser Abend war es heute.

Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja, einbog, war es schon
ganz dunkel geworden. Man zündete gerade das Gas an. Ich war lange nicht
mehr auf der Gorochowaja gewesen -- es hatte sich nicht so gemacht. Eine
belebte, großartige Straße! Was für Läden, was für Schaufenster! --
alles glänzt nur so und leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen
unter Glas ... und was für Hüte mit Bändern und Schleifen! Man denkt,
das sei alles nur so zur Verschönerung der Straße ausgestellt, aber
nein: es gibt doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren Frauen
schenken! Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche Bäcker haben dort ihre
Läden -- das müssen auch wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen
fahren alle Augenblicke vorüber -- wie das Pflaster das nur aushält! Und
alles so feine Kutschen, die Fenster wie Spiegel, inwendig alles nur
Samt und Seide, und die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und
Schnüren und Degen an der Seite! Ich blickte in alle Wagen hinein und
sah dort immer Damen sitzen, alle so geputzt und großartig. Vielleicht
waren es lauter Fürstinnen und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit,
in der sie auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers. Es muß doch sehr
eigen sein, eine Fürstin oder überhaupt eine vornehme Dame einmal in der
Nähe zu sehen. Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals eine
in der Nähe gesehen: höchstens so in einer Kutsche und im Vorüberfahren.
Da mußte ich denn heute immer an Sie denken. -- Ach, mein Täubchen,
meine Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke, da will mir mein Herz
brechen! Warum müssen Sie denn so unglücklich sein, Warinka? Mein
Engelchen! Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind schön,
sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches Los beschieden? Warum
ist es so eingerichtet, daß ein guter Mensch in Armut und Elend leben
muß, während einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt? Ich
weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht gut, so zu denken: das ist
Freidenkerei! Aber offen und aufrichtig, wenn man so über die
Gerechtigkeit der Dinge nachdenkt -- weshalb, ja, weshalb wird nur dem
einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück fürs ganze Leben bereitet,
während der andere aus dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt?
Und es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem Närrchen
Iwanuschka zufällt.

»Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust in den Goldsäcken deiner
Väter, iß, trink, freue dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die
Lippen, mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für einer
bist!«

Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft, so zu denken,
aber wenn man nachdenkt, dann drängt sich einem nun einmal ganz
unwillkürlich die Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in so
einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! Hohe Generäle und
Staatsbeamte würden nach einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen
-- und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem alten
Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide und mit funkelnden
Edelsteinen geschmückt. Sie würden auch nicht so mager und kränklich
sein, wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und
gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein, wenn ich
wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten Fenstern
hinaufschauen und vielleicht einmal Ihren Schatten erblicken könnte.
Allein schon der Gedanke, daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein
Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich gleichfalls
fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt!... Nicht genug, daß böse
Menschen Sie ins Unglück gebracht haben, nun muß auch noch ein Wüstling
Sie beleidigen! Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie durch
eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der Schamlose, bloß deshalb
ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb muß man seine schamlosen Reden noch
untertänig anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb darf
man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, weil Sie schutzlos sind,
weil Sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen
Schutz und Schirm gewähren könnte!

Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für Menschen, denen es
nichts ausmacht, eine schutzlose Waise zu beleidigen? -- Das sind eben
nicht Menschen, das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, das
bloß als Summe zählt, als Begriff, ein trübes Etwas, das es in
Wirklichkeit und als Einzelwesen überhaupt nicht gibt -- davon bin ich
überzeugt. Sehen Sie, _das_ sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht
nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem ich heute auf der
Gorochowaja begegnet bin, viel eher die Achtung der Menschen, als diese.
Er schleppt sich zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen
Kopeken, um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist er sein
eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will nicht umsonst um Almosen
bitten, er dreht zur Freude der Menschen seine Orgel, dreht und dreht
wie eine aufgezogene Maschine -- also mit anderen Worten: womit er eben
kann, damit bringt er Nutzen, auch er! Er ist arm, ist bettelarm, das
ist wahr, und er bleibt arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist
müde und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich doch, und
wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist, wie die der anderen, er müht
sich trotzdem. Und von der Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein
Kind, solche, die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig
verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen brauchen, die keinen
untertänig grüßen müssen und niemand um Gnadenbrot bitten. Und so einer,
wie dieser Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich etwas
ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und zwar in einem ehrenwerten
Sinne, bin ich ganz so wie er, denn auch ich leiste das, was in meinen
Kräften steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als gar
nichts.

Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen gekommen, mein
Kind, weil ich durch die Begegnung mit ihm heute meine Armut doppelt
empfand. Ich war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen.
Es waren mir gerade so besondere Gedanken durch den Kopf gegangen -- da
blieb ich denn stehen und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken
abzulenken. Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher standen da,
auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen, und noch ein anderes, ein
ganz kleines Mädchen, das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte
sich dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich einen
kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es wäre ein netter Junge
gewesen, wenn er nicht so kränklich, so mager und verhungert ausgesehen
hätte. Er hatte nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes
Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte mit offenem Mäulchen
der Musik zu -- Kinder sind eben Kinder! -- Augenscheinlich vergaß er
sich ganz in kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem
Leierkasten tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren schon blau
vor Kälte und dabei zitterte er am ganzen Körper und kaute an einem
Aermelzipfelchen, das er zwischen den Zähnen hielt -- in der anderen
Hand hatte er ein Papier. Ein Herr ging vorüber und warf dem Leiermann
eine kleine Münze zu, die gerade auf das Brett fiel, auf dem die Puppen
tanzten. Kaum hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er
plötzlich aus seiner Versonnenheit auf, sah sich schüchtern um und
glaubte wohl, daß ich das Geld geworfen habe. Und er kam zu mir
gelaufen, das ganze Kerlchen zitterte, das Stimmchen zitterte, und er
streckte mir das Papier entgegen und sagte: »Bitte, Herr!«

Ich nahm das Papier, entfaltete es und las -- nun, man kennt das ja
schon: Wohltäter ... und so weiter, drei Kinder hungern, die Mutter
liegt im Sterben, habt Erbarmen mit uns! »Wenn ich vor dem Throne Gottes
stehen werde, will ich in meiner Fürbitte diejenigen nicht vergessen,
die hienieden meinen armen Kindern geholfen haben.«

Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar und oft genug
erlebt. Was aber -- ja, was sollte ich ihm wohl geben? Nun, so gab ich
ihm denn nichts. Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe,
ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus, und er log doch
nicht, bei Gott, er log nicht! -- ich weiß, wie das ist! Schlecht ist
nur, daß diese Mütter ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und
bei dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht so ein
dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine Pflicht wäre, vielleicht
kümmert sich niemand um sie und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut
nichts! Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin
könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein wenden, oder sich bei
der Polizei melden, wie es sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach
eine Betrügerin, die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße
hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das Kindchen
schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt? Und was lernt denn der
Knabe bei diesem Betteln? Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom
Morgen bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen gehen an ihm
vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn. Ihre Herzen sind hart, ihre
Worte grausam.

»Fort! Pack dich! Straßenjunge!« -- das ist alles, was er an Worten zu
hören bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und
vergeblich zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. Seine
Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, und da -- er hustet ja schon
-- kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in
die Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod
über ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten,
schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe -- das aber ist
dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft -- ein Menschenleben!
Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein »um Christi willen« zu hören und
vorübergehen zu müssen, ohne etwas geben zu können, und dem Hungrigen
sagen zu müssen: »Gott wird dir geben.«

Gewiß, manch ein »um Christi willen« braucht einen nicht zu berühren.
(Es gibt ja doch verschiedene »um Christi willen«, mein Kind.) Manch
eines ist gewohnheitsmäßig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen,
eingeleiert, gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne Gabe
vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler
von Beruf, der wird es verwinden, der weiß schon, wie man es verwindet.
Aber manch ein »um Christi willen«, das von einer ungeübten, gequälten,
heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das geht einem wie etwas
Unheimliches durch Mark und Bein, -- so wie heute, gerade als ich von
dem kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort
am Zaun stand -- er wandte sich nicht an jeden --: »Ein Almosen, Herr,
um Christi willen!« -- sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme,
daß ich unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer
schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte
nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, daß die
Armen über ihr schweres Los klagen -- sie seien »ein öffentliches
Aergernis«, sagen sie, »sie seien lästig«! nichts als »lästig«: -- Das
Gestöhn der Hungrigen läßt diese Satten wohl nicht schlafen?!

Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil
deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil
aber auch deshalb, und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe meines
guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt
haben, mein Kind, daß mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert
hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in
einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich anfange, selbst
von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefühl zu empfinden, obschon ich
sehr wohl weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts erreicht
... aber man läßt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise
Gerechtigkeit widerfahren!

Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz
grundlos, hält sich nicht einmal für eine Kopeke wert, schätzt sich für
weniger als ein Holzspähnchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen,
vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und verängstigt ist,
ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat.

Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem
Gleichnis, sozusagen. Also hören Sie mich an.

Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh am Morgen auf dem Wege
zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da
erwacht und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln,
zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man sich vor diesem Schauspiel
schließlich ganz klein und gering vorkommt, als hätte man auf seine
neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen -- und da
schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt überhaupt
nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen
schwarzen, verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen Sie, sich das
einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war,
sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschätzen und sich so
unwürdigerweise einschüchtern zu lassen. -- Vergessen Sie nicht,
Warinka, daß ich bloß bildlich spreche, nur so im Gleichnis.

Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Häusern
vorgeht.

Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not
zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker
aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit über nur von
einem Paar Stiefel geträumt, das er gestern versehentlich falsch
zugeschnitten -- ganz als müsse einem Menschen gerade nur von solchen
Nichtigkeiten träumen! Nun, -- er ist ja Handwerker, ist ein Schuster:
bei ihm ist es also noch erklärlich. Er hat kleine Kinder und eine
hungrige Frau. Uebrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf,
meine Liebe. Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht,
sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei
bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, höher
gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in
derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben
Stiefeln geträumt, das heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer
Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln
... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schließlich alle ein
wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts auf
sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen neben jenem
Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flüstern könnte: »Laß das
doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein
armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht über
Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas
Edleres und Höheres für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!«

Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen
wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er
kommt einem mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in einem
heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, daß
man sich ganz grundlos so gering eingeschätzt, da einen doch nur das
Geräusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß Sie, mein
Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige Verdrehung sei, was
ich Ihnen hier erzähle, oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus
einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht,
beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und
schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe
ich das erst recht nicht -- damit Sie's wissen!

Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch,
machte mir etwas heißes Wasser und schickte mich dann an, ein Gläschen
Tee zu trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins
Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen
aufgefallen, daß er im Korridor immer an den anderen Zimmertüren
vorüberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei
bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als
meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und
Kinder zu ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, -- ja, ich
weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! Also, mein Gorschkoff
kommt zu mir herein, grüßt -- hat wie gewöhnlich ein Tränchen im
Auge --, macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort
hervorbringen. Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen
zerbrochenen, denn einen anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee
an. Er entschuldigte sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm
er doch das Glas. Dann wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er
entschuldigte sich wieder und wieder, als ich ihm versicherte, daß er im
Gegenteil unbedingt Zucker dazu nehmen müsse -- lange weigerte er sich
so, dankte, entschuldigte sich von neuem -- schließlich legte er das
kleinste Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei
ungewöhnlich süß. Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den
Menschen zu bringen vermag!

»Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?« fragte ich ihn.

Ja, so und so, und so weiter, -- »seien Sie mein Wohltäter, Makar
Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine
Kinder und meine Frau -- wir haben nichts zu essen ... ich aber, als
Vater -- was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde ...«

Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich:

»Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heißt, nicht gerade,
daß ich sie fürchte, aber so, wissen Sie, man schämt sich, sie sind alle
so stolz und hochmütig. Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht
belästigen,« sagte er, »ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten
gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel geben können, aber
vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas -- leihen? Ich wage es
nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich
weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie selbst arm sind -- da
wird Ihr Herz eher mitfühlen.« Und zum Schluß bat er mich noch
ausdrücklich, ihm seine »Dreistigkeit und Unverschämtheit« zu verzeihen.

Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern helfen würde, daß ich
aber selbst nichts hätte, oder doch so gut wie nichts.

»Väterchen, Makar Alexejewitsch,« sagte er, »ich will Sie ja nicht um
viel bitten,« -- dabei errötete er bis über die Stirn -- »aber meine
Frau ... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar
Alexejewitsch!«

Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um
»nur zehn Kopeken« hörte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu
ihm! In Wirklichkeit besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen
ich für die nächsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum
Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich könne
wirklich nicht ... und ich erklärte ihm die Sache.

»Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern doch, Makar
Alexejewitsch ...«

Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen und gab ihm meine letzten
zwanzig Kopeken, mein Kind, -- es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die
Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen
uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in
solche Armut geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in einem
Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf Silberrubel zahlen müsse.

Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem
halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate im voraus bezahlt.
Dann aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, daß er die
weitere Miete schuldig bleiben mußte und auch nicht die Mittel zu einem
Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines
Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist
nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit
angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines
gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen
hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen,
worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese
Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen
Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm höchstens den Vorwurf machen, daß er
nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer Acht
gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so
hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit,
so daß auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, -- »der
Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft,« sagt Gorschkoff, »des Betruges
und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten!« Das
ändert jedoch nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem Dienst
entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches
Verschulden nicht hat nachweisen können. Auch hat er eine nicht
unbedeutende Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann nun vor
Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Prozeß herausbekommen
können, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte,
noch seine Rechtfertigung zusammenhängt.

Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es
ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, daß man sie selbst in hundert
Jahren nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklärt, da
bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ändert die
Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs
Mißgeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. Ein Mensch
ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf
der Unzuverlässigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie
aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen -- sie aber müssen
doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so ungelegener Zeit ein
Kindchen zur Welt -- das verursachte natürlich erst recht Ausgaben. Dann
erkrankte der Sohn -- wieder Ausgaben. Und der Sohn starb -- und das hat
neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an
irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist
schwer, sehr schwer! Uebrigens, sagte er, die Sache werde sich in
einigen Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher günstig für ihn,
daran könne man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr
leid, mein Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er
ist ja doch ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener Mensch, er
hat Bedürfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Güte und
Wohlwollen. Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.

Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie
gesund. Mein Täubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege
sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge,
so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust.

Ihr aufrichtiger Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

9. September.

Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!

Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall
bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem
Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie sich
ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen
das nun erzählen! Das haben wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder
doch -- ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt!
Mein Herz hat das schon vorher gewußt, hat gefühlt, wie es kam ... Und
wirklich, ich habe neulich etwas Aehnliches im Traume gesehen!

Nun hören Sie, was geschehen ist! -- Ich werde Ihnen alles erzählen,
ohne diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott
es mir eingibt.

Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in den Dienst. Komme hin,
setze mich, schreibe weiter. Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß
ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam
Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: »Hier ist ein wichtiges Dokument,
das schnell abgeschrieben werden muß. Also machen Sie sich sogleich
daran -- sauber und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch
unterschreiben.« Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, daß ich gestern
gar nicht so war, wie man eigentlich sein muß -- will sagen, daß ich
eigentlich überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrückten
mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber
waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn
daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur -- ich weiß
wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklären soll, ob mich der
leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche
geheimen Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht
anders kommen mußte: -- nur ließ ich beim Abschreiben eine ganze Zeile
aus! So daß denn Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich
überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spät fertig und
erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt.

Nun und heute morgen -- ich komme wie gewöhnlich hin, und nehme meinen
Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine
Liebe, daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte und noch
mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich
überhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen
Stuhl rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war
alles ebenso: ich duckte mich und saß ganz still, wie ein Igel, so daß
Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes
Erdboden gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es
hörten:

»Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U--u--u?«
-- und dabei schnitt er eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen,
sich die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich allein
lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es denn los! -- Ich klappte
meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue
ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe.
Plötzlich höre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen.
Ich höre -- täuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen
Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich weiß selbst nicht,
wie es kam, daß mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie
zuvor in meinem Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, -- ich
rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief
man schon wieder, immer näher kam es, schon in nächster Nähe:
»Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!« -- Ich schlage die Augen
auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch -- und ich höre noch, wie er
sagt:

»Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer
Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!« Das war alles, was er sagte,
aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon
genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand überhaupt nichts
mehr, ich ging -- das heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot
noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, durch noch eines und
noch ein drittes -- ins Kabinett -- jedenfalls sah ich dann, daß ich
dort stand. Rechenschaft darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen
nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie
herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine
Verbeugung gemacht: ich vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine
Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden,
mein Kind! Erstens schämte ich mich, und dann, als ich noch zufällig
nach rechts in einen Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in
die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu
verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden, so daß es
kaum anzunehmen war, daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten.
Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, daß dort im vierten
Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren
Exzellenz nie zu ihm getreten.

Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:

»Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie
Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt
werden muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben
Sie sich dabei eigentlich gedacht, --« und zugleich wandten sich seine
Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte wie aus
dem Jenseits: »Unachtsamkeit! Nachlässigkeit!... nur Unannehmlichkeiten
zu bereiten ...«

Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich
entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht.
Fortlaufen -- daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah
plötzlich noch etwas -- geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt
noch kaum die Feder halten kann vor Scham! -- Mein Knopf nämlich -- nun,
hol' ihn der Teufel! -- mein Knopf, der nur noch an einem Fädchen
gebaumelt hatte, fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt
haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte -- und rollte
ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in
dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze
Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner
Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz
wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich
dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte -- das sagt wohl alles
-- und plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, um den
Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand
verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und
rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und
kriege und kriege ihn nicht -- so daß ich mich also auch noch in bezug
auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich
die letzten Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das ganze
Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch
noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als
hörte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie
ich sie immer in der Küche schimpfen höre. Endlich hatte ich den Knopf,
erhob mich, richtete mich auf -- doch anstatt nun die Dummheit
einigermaßen gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an der Hosennaht --
statt dessen drücke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er
früher angenäht war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, ganz
als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lächelte ich noch, ja,
bei Gott, ich lächelte noch!

Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie mich wieder an -- ich
hörte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen:

»Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht!... In welchem
Zustande!... Was ist das mit ihm?«

Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet,
wie man's besser nicht machen kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch
antwortet ihm:

»... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher
musterhaft aufgeführt ... gut angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...«

»Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,« sagte Seine Exzellenz, »geben Sie
ihm Vorschuß ...«

»Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, schon für
soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhältnisse im Augenblick
derart ... seine Aufführung ist sonst, wie gesagt, musterhaft,
tadellos ...«

Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem höllischen Feuer umgeben,
das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich -- ich gab
einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.

»Nun,« sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, »das muß also nochmals
abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben
Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...« hier
wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und erteilten verschiedene
Aufträge, so daß sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber
war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche
hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. --

»Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie -- lassen Sie's gut sein ...« und
damit drückten sie mir den Schein in die Hand.

Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich
weiß nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um
sie zu küssen, er aber errötete, mein Täubchen, und -- ich weiche hier
nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind -- und er nahm
diese meine unwürdige Hand und schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und
schüttelte sie, ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig
Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er
selbst einer ist.

»Nun, gehen Sie,« sagte er, »womit ich helfen kann ... Schreiben Sie das
nochmals ab, aber machen Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man
zerreißen ...«

Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora
bitte ich, und wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie
zu Gott beten sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen
Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich und bis an ihr
Lebensende beten sollten! Und ich will Ihnen noch etwas sagen, und das
sage ich feierlichst -- also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es,
daß ich -- so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch unter
unserem Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn ich an Ihre Not und Ihr
Ungemach dachte und desgleichen an meine Erniedrigung und Unfähigkeit --
also ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß diese hundert Rubel
mir nicht soviel wert sind, wie diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz
selbst und leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter den
Geringen, die Hand, diese meine unwürdige Hand zu drücken geruhten!
Damit haben sie mich mir selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen
Geist von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt, und ich
bin fest überzeugt, daß -- so sündig ich auch vor dem Allerhöchsten sein
mag -- mein Gebet für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch
bis zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört werden wird! --

Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung, wie ich
sie noch nie erlebt habe. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle
mich so erschöpft, als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen.

Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe ich der Wirtin und den
Rest von 35 behalte ich für mich: davon will ich mir für 20
Kleidungsstücke anschaffen, und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben
mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert, daß ich mich ganz
schwach fühle. Ich werde mich etwas hinlegen. Ich bin jetzt übrigens
ganz ruhig, vollständig ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem
Herzen und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie meine Seele bebt
und zittert.

Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt von all diesen
Empfindungen ... Gott sieht alles, mein Kind, alles!

Ihr würdiger Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

10. September.

Mein bester Makar Alexejewitsch!

Ich freue mich unendlich über Ihr Glück und weiß die Hilfe Ihres
Vorgesetzten in ihrer ganzen Güte zu würdigen. So können Sie jetzt
endlich aufatmen und sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines
bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen nicht wieder für
unnütze Sachen aus! Leben Sie ruhig und still, leben Sie möglichst
sparsam, und bitte, fangen Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite
zu legen, damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um uns brauchen Sie
sich wirklich nicht mehr zu sorgen. Werden uns schon durchschlagen. Wozu
haben Sie uns soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen
es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem, was wir uns verdienen.
Es ist wahr, wir werden bald zum Umzuge Geld nötig haben, aber Fedora
hofft, daß man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird. Ich
behalte also für alle Fälle zwanzig Rubel, den Rest sende ich Ihnen
zurück. Geben Sie das Geld nur nicht für Unnötiges aus, Makar
Alexejewitsch!

Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden Sie gesund und
fröhlich. Ich würde Ihnen mehr schreiben, fühle mich aber schrecklich
müde. Gestern lag ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, daß Sie mich
besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar
Alexejewitsch. Ich erwarte Sie.

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich jetzt nicht, jetzt, wo
ich vollkommen glücklich und mit allem zufrieden bin! Mein Täubchen!
Hören Sie nicht auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was Sie
nur wollen. Ich werde mich gut aufführen, allein schon aus Hochachtung
für Seine Exzellenz werde ich mich ehrenhaft und anständig aufführen.
Wir werden einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns
gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere Freuden und Sorgen --
wenn es wieder einmal Sorgen geben sollte -- miteinander teilen: und so
werden wir denn wieder einträchtig und glücklich miteinander leben. Wir
werden uns mit der Literatur beschäftigen ... Mein Engelchen! In meinem
Leben hat sich doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin läßt
wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klüger geworden und sogar
Faldoni wird diensteifrig. Mit Ratasäjeff habe ich mich ausgesöhnt. Ich
ging in meiner Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl,
mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt hat, beruht auf Unsinn
und Irrtum: jetzt habe ich erfahren, daß alles nur eine häßliche
Verleumdung gewesen ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire auf
uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las mir sein neuestes
Werk vor. Und was das betrifft, daß er mich damals Lovelace benannt hat:
nun -- so ist das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanständige
Bezeichnung. Er hat mir nämlich jetzt die Bedeutung erklärt. Lovelace
ist ein Fremdwort und bedeutet ungefähr »ein gewandter Bursche«, oder
wenn man es hübscher, sozusagen literarischer ausdrücken will: »ein
schneidiger Kavalier«. Sehen Sie, das bedeutet es, nicht aber irgend so
etwas -- anderes! Es war also ein ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein
Engelchen. Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich für eine
Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich denn auch deswegen heute
bei ihm entschuldigt ...

Das Wetter ist heute so schön, Warinka. Am Morgen hatten wir zwar
leichten Frost, aber das tut nichts: dafür ist die Luft jetzt etwas
frischer. Ich ging und kaufte mir ein Paar Stiefel -- es sind wirklich
tadellos schöne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich noch etwas
auf dem Newskij spazieren. Habe dann die Zeitung gelesen. Ja, richtig!
und das Wichtigste habe ich vergessen, Ihnen zu erzählen!

Also hören Sie jetzt, wie es war:

Heute morgen knüpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch und mit Akssentij
Michailowitsch ein Gespräch an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja,
Warinka, Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gütig gewesen. Sie
haben schon vielen Gutes erwiesen und die Herzensgüte Seiner Exzellenz
ist aller Welt bekannt. Viele, viele Menschen rühmen diese Güte und
vergießen Tränen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen Hilfe
gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme Waise bei sich im
Hause erzogen, und die ist dann verheiratet worden, an einen angesehenen
Beamten, der zu den nächsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehört, und
Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer mitgegeben. Ferner
haben Exzellenz auch noch den Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei
untergebracht, und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den Menschen
erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht, mein Kind, auch mein
Scherflein beizusteuern und erzählte allen laut, was Exzellenz an mir
getan: ich erzählte ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine
Verlegenheit steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit, was
Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt! Ganz laut erzählte ich es, so
daß alle es hören konnten, ja, ganz laut, um die edelmütigen Taten
Seiner Exzellenz allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung
und errötete nicht: im Gegenteil, ich war stolz, daß ich so etwas
erzählen konnte. Und ich erzählte alles (nur von Ihnen, mein Kind,
erzählte ich zum Glück nichts, über Sie ging ich vernünftigerweise mit
Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und Faldoni, und von
Ratasäjeff und Markoff und von meinen Stiefeln -- alles das erzählte ich
rückhaltlos. Manche spotteten wohl ein bißchen, oder eigentlich
spotteten alle -- alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich haben sie an
meiner Erscheinung etwas Lächerliches gefunden. Vielleicht haben sie
auch nur über meine Stiefel gelacht -- ja, ganz sicher nur über meine
Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben sie gewiß nicht
gelacht, das hätten sie nie und nimmer tun können. Es kam eben nur so,
es war ihre Jugend -- oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer
schlechten, einer häßlichen Absicht jedenfalls -- da hätten sie mich und
meine Worte bestimmt nicht verspottet. Das heißt, ich meine: etwa über
Seine Exzellenz lachen -- das hätten sie unter keinen Umständen getan.
Hab' ich nicht recht, Warinka?

Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung kommen, mein
Kind. Alle diese Geschehnisse haben mich so verwirrt! Haben Sie auch
Holz zum Heizen? Sehen Sie nur zu, daß Sie sich nicht erkälten, Warinka,
wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott, mein Kind, er möge Sie
behüten und beschützen. Haben Sie zum Beispiel wollene Strümpfchen oder
was da sonst von warmen Kleidungsstücken für den Winter nötig ist? Seien
Sie nur vorsichtig, mein Täubchen. Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas
fehlen sollte, dann kränken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie sich
sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten vorüber und vor
uns liegt das Leben so hell und so schön!

Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka! Nun ja, was soll man da
noch reden, jetzt, da sie überstanden ist! Wenn erst Jahre darüber
vergangen sein werden, dann werden wir auch an diese Zeit lächelnd
zurückdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an seine Jugendjahre
zurückdenkt! Was man da nicht alles durchgemacht hat! Wie oft hatte man
nicht einen einzigen Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war
man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man über den Newskij,
begegnete einem netten Gesichtchen -- und da wurde man denn für den
ganzen Tag glücklich. Eine schöne, eine wunderschöne Zeit war es doch,
mein Kind! Es ist schön, in der Welt zu leben, Warinka! Namentlich in
Petersburg. Ich habe gestern mit Tränen in den Augen vor Gott dem Herrn
meine Sünden bereut, damit er mir alle meine Sünden, die ich in dieser
traurigen Zeit begangen habe, verzeihen möge, als da sind: Freidenkerei,
Leichtsinn und Spiel. Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit
Rührung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben mich getröstet und
gestärkt, haben mir guten Rat erteilt und mir mit Ihrem Beistand über
alles Schwere hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen niemals
vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle einzeln abgeküßt, mein
Täubchen, mein Engelchen! Nun, und jetzt -- leben Sie wohl!

Ich habe gehört, daß hier in der Nähe jemand eine Uniform zu verkaufen
hat. Nun werde ich mich auch äußerlich wieder etwas instand setzen.
Leben Sie wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen!

Ihr Ihnen innig zugetaner

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

15. September.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hören Sie, was geschehen ist. Ich
ahne etwas Verhängnisvolles. Urteilen Sie selbst, mein bester Freund:
Herr Bükoff ist in Petersburg!

Fedora ist ihm begegnet. Er ist in einem Wagen an ihr vorübergefahren,
hat sie erkannt, hat sogleich befohlen, anzuhalten, ist dann selbst auf
sie zugegangen und hat sie gefragt, wo ich wohne. Sie hat es natürlich
nicht gesagt. Darauf hat er lachend die Bemerkung hingeworfen -- na, er
wisse ja schon, wer bei ihr sei. (Offenbar hat ihm Anna Fedorowna alles
erzählt.) Da ist Fedora zornig geworden und hat ihm gleich dort auf der
Straße Vorwürfe gemacht, ihm gesagt, daß er ein sittenloser Mensch sei
und ganz allein die Schuld an meinem Unglück trage. Darauf hat er
erwidert, wenn man keinen Kopeken habe, müsse man allerdings unglücklich
sein!

Fedora sagt, sie habe ihm darauf erklärt, daß ich mich sehr wohl mit
meiner Hände Arbeit ernähren, daß ich heiraten oder schlimmstenfalls
eine Stelle hätte annehmen können, jetzt aber sei mein Glück für immer
vernichtet: ich sei außerdem krank und werde wohl bald sterben.

Darauf hat er erwidert, ich sei noch gar zu jung, in meinem Kopfe gäre
es noch, und er hat hinzugefügt, unsere Tugenden seien wohl ein bißchen
trüb geworden (das sind genau seine Worte).

Wir dachten schon, Fedora und ich, daß er nicht wisse, wo wir wohnen,
doch plötzlich, gestern -- kaum war ich ausgegangen, um im Gostinnyj
Dworr einige Zutaten zu kaufen -- da taucht er ganz unerwartet hier auf!
Wahrscheinlich hat er mich nicht zu Hause antreffen wollen. Zunächst hat
er Fedora lange über unser Leben ausgefragt und alles bei uns genau
betrachtet, auch meine Handarbeit. Und dann hat er plötzlich gefragt:

»Was ist denn das für ein Beamter, der mit euch bekannt ist?«

In diesem Augenblick sind Sie gerade über den Hof gegangen und da hat
Fedora auf Sie hingewiesen: er hat lebhaft zum Fenster hinausgesehen und
dann gelacht. Auf Fedoras Bitte, fortzugehen, da ich von all dem Kummer
ohnehin schon krank sei und es mir sehr unangenehm wäre, ihn hier zu
sehen, hat er nichts geantwortet und eine Weile geschwiegen: dann hat er
gesagt, daß er »nur so« gekommen sei, er habe gerade nichts zu tun
gehabt, und schließlich hat er Fedora 25 Rubel geben wollen, die sie
natürlich nicht angenommen hat.

Was könnte das alles zu bedeuten haben? Weshalb, wozu ist er zu uns
gekommen? Ich begreife nicht, woher er alles über uns erfahren haben
kann? Ich verliere mich in allen möglichen Mutmaßungen. Fedora sagt,
Axinja, ihre Schwägerin, die bisweilen zu uns kommt, sei gut bekannt mit
der Wäscherin Nastassja, ein Vetter von dieser Nastassja aber sei
Amtsdiener in dem Bureau, in dem einer der besten Freunde des Neffen von
Anna Fedorowna angestellt ist. Sollte der Klatsch nicht auf diesem
Umwege zu ihm gedrungen sein? Wir wissen selbst nicht, was wir denken
sollen. Könnte er wirklich noch einmal zu uns kommen? Der bloße Gedanke
daran entsetzt mich! Als Fedora mir gestern das alles erzählte, erschrak
ich so, daß ich fast ohnmächtig wurde -- vor Angst. Was wollen diese
Menschen von mir? Ich will nichts mehr von ihnen wissen! Was gehe ich
sie an? Ach, wenn Sie wüßten, in welcher Angst ich jetzt lebe: jeden
Augenblick fürchte ich, Bükoff werde sogleich ins Zimmer treten. Was
wird aus mir werden! Was erwartet mich? Um Christi willen, kommen Sie
sogleich zu mir, Makar Alexejewitsch! Ich flehe Sie an, kommen Sie!

                   *       *       *       *       *

18. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges, Unerklärliches und
ganz Unerwartetes geschehen. Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge
nach erzählen.

Also das Erste war, daß unser armer Gorschkoff freigesprochen wurde. Das
Urteil war wohl schon lange eine beschlossene Sache, aber erst für heute
hatte man die Verkündung des Endspruches festgesetzt. Die Sache endete
für ihn sehr günstig. All der Dinge, deren man ihn beschuldigt hatte --
der Unachtsamkeit, Nachlässigkeit usw. -- wurde er freigesprochen. Das
Gericht stellte in vollem Umfange seine Ehre wieder her und verurteilte
den Kaufmann zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme an Gorschkoff,
so daß sich jetzt auch seine äußere Lage mit einem Schlage gebessert
hat, da das Geld ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem Wege
eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber war natürlich, daß der
Schandfleck entfernt wurde, der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag.
Mit einem Wort, alle seine Wünsche gingen in Erfüllung.

Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum wiederzuerkennen. Sein
Gesicht war bleich wie Kreide. Die Lippen zitterten, und dabei lächelte
er in einem fort -- so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir gingen
alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglückwünschen. Ich glaube,
unsere Handlungsweise rührte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und
drückte einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar, als ob er
ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er sich weit strammer, als
sonst, und auch die Augen tränten nicht mehr, sondern glänzten förmlich.
Er war so erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es auf ein und
derselben Stelle aus: alles nahm er in die Hand, um es sogleich wieder
zurückzulegen, bald faßte er die Stuhllehnen an, lächelte, dankte, dann
setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem
und sprach Gott weiß was alles zusammen. Einmal sagte er: »Meine Ehre,
ja, meine Ehre -- ein guter Name, der bleibt jetzt meinen Kindern ...«
und Sie hätten hören müssen, wie er das sagte! Die Augen standen ihm
voll Tränen, und auch wir waren den Tränen nahe. Ratasäjeff wollte wohl
ablenken und sagte deshalb:

»I, was, Väterchen, was macht man mit der Ehre, wenn man nichts zu essen
hat! Geld, Väterchen, Geld ist die Hauptsache. Für das Geld, ja dafür
können Sie Gott danken!« -- und dabei klopfte er ihm auf die Schulter.

Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie gekränkt fühlte.
Nicht gerade, daß er den Beleidigten gespielt hätte, aber er sah doch
den Ratasäjeff so eigentümlich an und nahm zur Antwort dessen Hand von
seiner Schulter. Früher jedenfalls wäre das nicht geschehen, mein Kind.
Uebrigens sind die Charaktere verschieden. Ich zum Beispiel hätte in der
Freude ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht man doch,
meine Liebe, macht man doch oft genug einen ganz unnötigen Bückling,
macht ihn aus keinem anderen Grunde, als einzig aus überflüssiger
Weichheit oder in einer Anwandlung gar zu großer Gutherzigkeit ... Doch
handelt es sich hier nicht um mich --

»Ja,« sagte Gorschkoff nach einer Weile, »auch das Geld ist gut. Gott
sei Dank ... Gott sei Dank ...«

Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich hin: »Gott sei Dank ...
Gott sei Dank ...«

Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und besseres Mittagessen.
Unsere Wirtin kochte es selbst. Unsere Wirtin ist nämlich im Grunde eine
gute Frau.

Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick stillsitzen. Er ging
zu allen in die Zimmer, gleichviel, ob man ihn aufgefordert hatte oder
nicht. Er trat ganz einfach ein, lächelte in seiner Weise, setzte sich
auf einen Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts -- und dann
ging er wieder. Bei unserem Seemann, bei dem man gerade spielte, nahm er
sogar Karten in die Hand und man ließ ihn auch als vierten mitspielen.
Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins Spiel und warf die
Karten nach drei oder vier Runden wieder hin.

»Nein, ich habe ja nur so ...« soll er gesagt haben, »ich habe ja nur
so ...« und damit ist er wieder aus dem Zimmer gegangen.

Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden Hände und sah mir
lange in die Augen, aber mit einem ganz eigentümlichen Blick. Dann
drückte er meine Hände und ging fort, immer mit einem Lächeln auf den
Lippen, einem gleichfalls ganz eigentümlichen Lächeln, das so
unbeweglich, so bedrückend war, wie das Lächeln eines Toten. Seine Frau
weinte vor Freude. Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das
Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen, hat er plötzlich zu
seiner Frau gesagt:

»Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen,« -- und damit hatte er sich
auch schon auf dem Bett ausgestreckt.

Gleich darauf rief er sein Töchterchen zu sich, legte die Hand auf das
Kinderköpfchen und streichelte es immer wieder. Dann wandte er sich von
neuem an seine Frau:

»Wo ist denn Petinka? Unser Petjä,« fragte er, »unser Petinka?...«

Die Frau bekreuzte sich und sagte, daß Petinka doch tot sei.

»Ja, ja, ich weiß, ich weiß schon, Petinka ist jetzt im Himmelreich.«

Die Frau merkte, daß er gar nicht so wie sonst war, daß die Erlebnisse
an diesem Tage ihn ganz erschüttert hatten, und sagte deshalb, er solle
doch versuchen, einzuschlafen und auszuruhen.

»Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein wenig ...« und damit
drehte er sich auf die Seite, lag ein Weilchen, dann wandte er sich
wieder zurück und wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn noch
gefragt: »Was ist, mein Freund?« -- aber er antwortete schon nicht mehr.
»Nun, er wird wohl eingeschlafen sein,« sagte sie sich und ging aus dem
Zimmer, um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen. Nach etwa einer
Stunde kam sie zurück -- der Mann, sah sie, war noch nicht aufgewacht,
er schlief noch ganz ruhig, ohne sich zu rühren. Sie dachte: mag er nur
schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit.

Sie erzählt, daß sie wohl über eine halbe Stunde so gesessen habe, doch
könne sie nicht mehr sagen, an was sie eigentlich gedacht, obschon sie
in Nachdenken versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz
vergessen. Plötzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen, und zwar habe
ein gewisses beunruhigendes Gefühl sie aus ihrer Traumverlorenheit
aufgeschreckt, und da sei ihr zunächst nur die Grabesstille im Zimmer
aufgefallen.

Sie blickte auf das Bett und sah, daß ihr Mann immer noch so lag, wie
vor anderthalb Stunden. Da trat sie denn zu ihm und berührte ihn -- er
aber war schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot, war ganz
plötzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen. Woran er aber gestorben
ist, das mag Gott wissen!

Das ist's, was mich so erschüttert hat, Warinka, daß ich noch immer
nicht recht zur Besinnung kommen kann. Ich kann es nicht glauben, daß
ein Mensch so einfach -- stirbt! Dieser arme, unglückliche Mensch! Warum
mußte er denn gerade jetzt an seinem ersten Freudentage sterben! Ja, das
Schicksal, das Schicksal! Die Frau ist ganz aufgelöst in Tränen, noch
ganz verstört von dem furchtbaren Schreck. Das kleine Mädchen aber hat
sich verschüchtert in einen Winkel verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur
ein einziges Kommen und Gehen. Es soll noch eine ärztliche Untersuchung
stattfinden ... so heißt es, genau weiß ich das nicht. Leid tut es mir,
ach, so leid! Es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß man wirklich
weder Tag noch Stunde weiß ... Man stirbt so einfach mir nichts dir
nichts weg und aus ist es ...

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

19. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Kind, daß Ratasäjeff mir Arbeit
verschafft hat, Arbeit für einen Schriftsteller. -- Heute kam einer zu
ihm und brachte so ein dickes Manuskript -- Gott sei Dank, viel Arbeit.
Nur ist es alles so unleserlich geschrieben, daß ich gar nicht weiß, wie
ich das entziffern soll, dabei wird die Arbeit so schnell verlangt.
Außerdem handelt es von so schweren Dingen, daß man es gar nicht mal
recht verstehen kann. Ueber den Preis sind wir auch schon einig
geworden: 40 Kopeken pro Bogen. Ich schreibe Ihnen das alles nur
deshalb, meine Liebe, um Sie schneller wissen zu lassen, daß ich jetzt
noch obendrein einen Nebenverdienst haben werde. Und nun leben Sie wohl,
Kind. Ich will mich gleich an die Arbeit machen.

Ihr treuer

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

23. September.

Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch!

Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, mein Freund, und doch
war es eine Zeit großer Sorge und Aufregung für mich.

Vor drei Tagen war Bükoff bei mir. Ich war allein, Fedora war
ausgegangen. Ich öffnete die Tür und erschrak dermaßen, als ich ihn
erblickte, daß ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Ich fühlte,
wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit lautem Lachen
ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen Stuhl und setzte sich. Es dauerte
eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich
wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hörte übrigens bald auf, zu
lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen doch überrascht. Ich habe
ja in der letzten Zeit so abgenommen, meine Wangen und Augen sind
eingefallen, und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es muß
allerdings schwer sein für die, die mich vor einem Jahre gekannt haben,
mich jetzt wiederzusehen.

Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich heiterte sich seine
Miene wieder auf. Er machte irgendeine Bemerkung -- ich weiß nicht mehr,
was ich antwortete -- und lachte wieder. Eine ganze Stunde saß er so bei
mir, fragte mich nach diesem und jenem und unterhielt sich mit mir ganz
ungezwungen. Endlich, bevor er aufbrach, erfaßte er meine Hand und sagte
(ich schreibe es Ihnen wortwörtlich):

»Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna Fedorowna, Ihre Verwandte
und meine alte Bekannte und Freundin, ist ein höchst gemeines Weib.« (Er
benannte sie außerdem noch mit einem ganz unanständigen Wort.) »Sie hat
jetzt auch Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie
dem Verderben zuführen wollen. Na, aber auch ich habe mich in diesem
Falle recht als Schuft gezeigt: doch schließlich, was soll man darüber
viel Worte verlieren, das ist so eine alltägliche Geschichte, wie das
Leben sie eben mit sich bringt.« Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte
er, daß er kein glänzender Redner sei, daß er das Wichtigste, was er zu
sagen hatte, ja, was zu verschweigen ihm seine Anständigkeit einfach
verboten hätte, bereits gesagt habe, und daß er daher das Uebrige in
kurzen Worten zu erklären gedenke. Und so tat er es auch: er erklärte
mir, daß er um meine Hand anhalte, daß er es für seine Pflicht erachte,
mir meine Ehre wiederzugeben, daß er reich sei und mich nach der
Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. Dort gedenke er
Hasen zu jagen, nach Petersburg aber wolle er nie mehr zurückkehren,
denn das Großstadtleben sei ihm widerwärtig. Außerdem habe er hier einen
Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie er ihn nannte, und er habe
sich geschworen, diesen um die erwartete Erbschaft zu bringen.
Hauptsächlich deshalb habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heißt,
er wolle rechtmäßige Erben hinterlassen. Darauf äußerte er sich noch
über unsere Wohnung, meinte, es wäre schließlich kein Wunder, daß ich
krank geworden sei, wenn ich in einer so jämmerlichen Hintertreppenstube
wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn ich noch lange
hierbliebe. In Petersburg seien die Wohnungen überhaupt elend, sagte er,
und dann fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe.

Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, daß ich plötzlich -- ich weiß
selbst nicht, weshalb -- in Tränen ausbrach. Er hielt sie natürlich für
Tränen der Dankbarkeit und sagte, er sei von jeher überzeugt gewesen,
daß ich ein gutes, gefühlvolles und gebildetes Mädchen sei, doch habe er
sich nicht früher zu seinem Antrag entschlossen, als nachdem er alles
Nähere über mich und meine Lebensführung erfahren. Hierauf erkundigte er
sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, Sie seien ein
anständiger Mensch, und er wolle nicht in Ihrer Schuld stehen -- ob
Ihnen 500 Rubel genug wären für alles, was Sie für mich getan haben? Als
ich ihm darauf antwortete, daß Sie für mich das getan, was man mit Geld
nicht zu bezahlen vermöge, sagte er, das sei Unsinn; so etwas käme wohl
in Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben nach Büchern:
Romane aber setzten jungen Mädchen bloß verschrobene Ideen in den Kopf,
und überhaupt möchte er von Büchern ohne weiteres behaupten, daß sie nur
die Sitten verdürben, weshalb er Bücher nicht leiden könne. Er riet mir,
erst sein Alter zu erreichen, dann könne ich von Menschen reden, »dann
erst,« sagte er, »werden Sie die Menschen kennen gelernt haben.«

Darauf riet er mir, über seinen Antrag nachzudenken und mir alles
reiflich zu überlegen, denn es wäre ihm sehr unangenehm, wenn ich einen
so wichtigen Schritt unüberlegt tun würde, und er fügte noch hinzu, daß
Unbedachtsamkeit und stürmische Entschlüsse die unerfahrene Jugend stets
ins Verderben zu führen pflegten, doch sei es sein größter Wunsch, eine
zusagende Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde er sich
gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter zu heiraten, da er, wie
gesagt, nun einmal geschworen habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die
Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte fünfhundert Rubel
auf meinen Stickrahmen, für Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich
fast mit Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schluß sagte er noch,
daß ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, dick, rosig und
gesund werden würde, ich könne dort essen, soviel ich nur wolle.
Augenblicklich habe er hier entsetzlich viel zu tun, die Geschäfte
hätten ihn schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er sei auch nur
auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit ging er ...

Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrübelt und mich recht
gequält, mein Freund, und endlich habe ich mich entschlossen. Ja: ich
werde ihn heiraten, ich muß seinen Antrag annehmen. Wenn mich jemand von
meiner Schande erlösen, mir meine Ehre wiedergeben und mich in Zukunft
vor Armut und Entbehrungen und Unglück bewahren kann, so ist er ganz
allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst von der Zukunft
erwarten, was noch vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, daß man sein
Glück nicht verscherzen dürfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend,
was man denn in diesem Falle Glück nennen solle. Ich jedenfalls finde
keinen anderen Ausweg für mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit
der Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit untergraben.
Ununterbrochen arbeiten -- das kann ich nicht. Bei fremden Menschen
dienen? -- Ich käme um vor Leid, und überdies würde ich niemanden
zufriedenstellen. Ich bin von Natur kränklich, deshalb würde ich Fremden
immer nur zur Last fallen. Natürlich gehe ich ja auch jetzt nicht in ein
Paradies, aber was soll ich denn tun, mein Freund, was soll ich denn
tun? Was soll ich denn vorziehen?

Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte ganz allein alles
überlegen. Mein Entschluß, den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht
fest und ich werde ihn sogleich auch Bükoff mitteilen, da er schon
sowieso und mit Ungeduld meine endgültige Entscheidung erwartet. Er
sagte mir, daß seine Geschäfte keinen Aufschub dulden, er müsse
abreisen, und »wegen dieser Nichtigkeiten« könne er die Abreise doch
nicht aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen
Macht über mein Schicksal weiß, ob ich glücklich sein werde, aber mein
Entschluß ist gefaßt. Man sagt, Bükoff sei ein guter Mensch: er wird
mich achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. Was aber
sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe erwarten?

Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, denn ich weiß, daß Sie
meinen ganzen Jammer verstehen werden. Versuchen Sie nicht, mich von
meinem Vorhaben abzubringen. Ihre Bemühungen wären zwecklos. Erwägen Sie
lieber in Ihrem eigenen Herzen alle Gründe, die mich zu diesem Schritt
veranlaßt haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin ich
ruhiger. Was mich erwartet -- ich weiß es nicht. Was geschehen wird, das
wird geschehen, wie Gott es schickt!...

Bükoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. Ich wollte Ihnen
noch vieles sagen. Bükoff ist schon hier.

                   *       *       *       *       *

23. September.

Kind, Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, Kind, Ihnen zu antworten. Ich, Kind, ich beeile mich,
Ihnen zu erklären, daß ich -- daß ich erstaunt bin. Alles das ist doch
ganz sicher irgendwie nicht so ... Gestern haben wir Gorschkoff
beerdigt. Ja, das ist so, Warinka, das ist so; Bükoff hat ehrenhaft
gehandelt; nur eines, sehen Sie, meine Liebe, Sie haben ihm also
wirklich zugesagt? Natürlich wirkt in allem Gottes Wille. Das ist so,
das muß unbedingt so sein, das heißt, hier -- auch hier muß unbedingt
Gottes Wille wirken. Die Vorsehung des himmlischen Schöpfers hat
natürlich, obschon uns unerforschlich, immer nur das Wohl der Menschen
im Sinn, und das Schicksal ganz ebenso, ganz ebenso wie Gott.

Fedora nimmt auch Anteil an Ihnen. Natürlich, Sie werden jetzt glücklich
sein, Kind, Sie werden in Reichtum und Ueberfluß leben, mein Täubchen,
mein Sternchen, ich kann mich ja nicht sattsehen an Ihnen, mein
Engelchen, -- nur eins, sehen Sie, Warinka, wie denn das, warum so
schnell?... Ja, die Geschäfte -- Herr Bükoff hat Geschäfte vor ...
natürlich -- wer hat denn nicht Geschäfte, auch er kann sie haben. Ich
habe ihn gesehen, als er von Ihnen fortging. Ein imponierender Mann,
sogar ein sehr imponierender Mann, das heißt eine imposante Erscheinung,
eine sogar sehr imposante Erscheinung. Nur ist das alles ... nein, es
ist ja gar nicht das, um was es sich eigentlich handelt. Ich, sehen Sie,
ich bin schon jetzt gar nicht mehr ich selbst. Wie werden wir denn
künftig einander Briefe schreiben? Und ich, ja und ich -- wie bleibe ich
denn hier so allein zurück? Ich, sehen Sie, mein Engelchen, ich erwäge,
wie Sie mir das da geschrieben haben, in meinem Herzen erwäge ich alles,
alle diese Gründe, meine ich, und so weiter. Ich hatte schon fast den
zwanzigsten Bogen abgeschrieben, da kam dann plötzlich dieses Ereignis!
Kind, Kind, wenn Sie jetzt wegreisen wollen, so müssen Sie doch noch
verschiedene Einkäufe machen, verschiedene Stiefelchen und Kleidchen,
und da, meine ich, kommt es denn sehr gelegen, daß ich gerade ein gutes
Magazin kenne, an der Gorochowaja -- erinnern Sie sich noch, wie ich es
Ihnen einmal beschrieb? -- Aber nein! Was rede ich, was fällt Ihnen ein,
mein Kind, was denken Sie! Sie dürfen doch nicht, es ist ganz unmöglich:
Sie können jetzt einfach nicht so ohne weiteres fortfahren! Sie müssen
doch große Einkäufe machen, Sie müssen einen Wagen mieten. Ueberdies ist
auch das Wetter jetzt so schlecht, sehen Sie doch nur, es regnet wie aus
Eimern, unaufhörlich regnet es, und überdies ... es wird doch noch kalt
werden, mein Engelchen, Ihr Herzchen wird es kalt haben, Sie werden
erfrieren! Und Sie fürchten doch jeden fremden Menschen: und nun wollen
Sie mit diesem da fortfahren! Wie soll ich denn hier so allein
zurückbleiben? Ja! Die Fedora sagt, daß ein großes Glück Sie erwarte ...
aber die Fedora ist doch eine harte Person und will mir mein Letztes
nehmen. Werden Sie heute zur Abendmesse in die Kirche gehen, mein Kind?
Ich würde dann auch hingehen, um Sie ein Weilchen zu sehen.

Es ist wahr, Kind, es ist richtig, daß Sie ein gebildetes, gutes,
gefühlvolles Mädchen sind, nur wissen Sie, -- mag er doch lieber eine
Kaufmannstochter heiraten! Was meinen Sie, Kind? Mag er doch lieber eine
Kaufmannstochter heiraten! -- Ich werde zu Ihnen kommen, Warinka, sobald
es dunkelt, werde ich auf ein Stündchen hinüberkommen. Jetzt wird es
doch schon früh dunkel, also dann komme ich. Ganz bestimmt auf ein
Stündchen! Jetzt erwarten Sie Bükoff, das weiß ich, aber wenn er
fortgegangen ist, dann ... Also warten Sie, Kindchen, ich komme
unbedingt ...

Ihr

Makar Djewuschkin.

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27. September.

Mein Freund Makar Alexejewitsch!

Herr Bükoff sagt, ich müsse mindestens drei Dutzend Hemden von
holländischer Leinewand haben. Daher müssen wir so schnell wie möglich
Weißnäherinnen für zwei Dutzend suchen, denn wir haben entsetzlich wenig
Zeit. Herr Bükoff ärgert sich, weil er nicht geahnt hat, wie er sagt,
daß diese Lappen soviel Schererei verursachen können.

Unsere Hochzeit wird in fünf Tagen stattfinden, und am Tage darauf
reisen wir ab. Herr Bükoff hat Eile und sagt, für diese Dummheiten
brauche man nicht soviel Zeit zu vergeuden. Ich bin von all den
Scherereien schon so müde, daß ich mich kaum noch auf den Füßen halten
kann. Es gibt noch ganze Berge Arbeit, und doch, weiß Gott, wäre es
besser, wenn nichts von all diesen Sachen nötig wäre. Ja, und noch
etwas: wir kommen mit den Spitzen nicht aus, wir müssen noch welche
zukaufen, denn Herr Bükoff sagt, er wünsche nicht, daß seine Frau wie
eine Küchenmagd gekleidet gehe, ich müsse »alle Gutsbesitzersfrauen in
den Schatten stellen« -- das sind seine Worte.

Also bitte, lieber Makar Alexejewitsch, gehen Sie zu Madame Chiffon
(Gorochowaja, Sie wissen schon) und bitten Sie sie, uns schnell einige
Nähterinnen zu schicken, dies erstens, und zweitens, daß sie sich selbst
herbemühen möge: sie soll eine Droschke nehmen. Ich bin heute krank.
Hier in unserer neuen Wohnung ist es so kalt und alles ist in
schrecklicher Unordnung. Herrn Bükoffs Tante kann kaum noch atmen vor
Altersschwäche. Ich fürchte, daß sie vielleicht noch vor unserer Abreise
sterben könnte, doch Herr Bükoff sagt, das habe nichts auf sich, sie
würde sich schon wieder erholen.

Im Hause bei uns steht so ziemlich alles auf dem Kopf. Da Herr Bükoff
nicht hier wohnt, laufen die Leute nach allen Seiten fort und tun, was
sie gerade wollen. Oft ist Fedora die einzige, die wir zu unserer
Bedienung haben. Herrn Bükoffs Kammerdiener, der hier nach dem Rechten
sehen soll, ist schon seit drei Tagen verschwunden. Herr Bükoff kommt
jeden Morgen angefahren und ärgert sich, gestern aber hat er den
Hausknecht geprügelt, weshalb er dann mit der Polizei Unannehmlichkeiten
bekam ... Ich habe hier im Augenblick keinen Menschen, mit dem ich Ihnen
den Brief zusenden könnte. Ich schreibe Ihnen durch die Stadtpost. Ach,
natürlich, das Wichtigste hätte ich fast vergessen! Sagen Sie Madame
Chiffon, daß sie die Spitzen umtauschen und neue, zu dem gestern
gewählten Muster passende, aussuchen, und daß sie dann selbst zu mir
kommen soll, um mir die neue Auswahl zu zeigen. Und dann sagen Sie ihr
noch, daß ich mich in bezug auf die Garnitur anders bedacht habe: sie
muß gleichfalls gestickt werden. Ja und noch etwas: Die Buchstaben in
den Taschentüchern soll sie in Tamburinstickerei nähen, verstehen Sie?
-- in Tamburinstickerei und nicht blank. Also vergessen Sie es nicht:
Tamburinstickerei! So, und da hätte ich doch noch etwas vergessen! Sagen
Sie ihr, um Gottes willen, daß die Blättchen auf der Pelerine erhaben
ausgenäht werden müssen, die Ranken in Kordonstich, oben aber, an den
Kragen muß sie dann noch eine Spitze nähen, oder eine breite Falbel.
Bitte, sagen Sie ihr das, Makar Alexejewitsch.

Ihre

W. D.

P. S. Ich schäme mich so, daß ich Sie wieder mit meinen Aufträgen
belästige. Vorgestern sind Sie ja schon den ganzen Nachmittag gelaufen.
Doch was soll ich tun! Bei uns im Hause gibt es überhaupt keine Ordnung
und ich selbst bin krank. Also ärgern Sie sich nicht gar zu sehr über
mich, Makar Alexejewitsch. Es ist ja solch ein Jammer! Ach, was wird das
noch werden, mein Freund, mein lieber, mein guter Makar Alexejewitsch!
Ich fürchte mich, an die Zukunft auch nur zu denken. Es ist mir, als
hätte ich tausend schlimme Vorahnungen und mein Kopf ist wie
eingenommen.

P. S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen Sie nur nichts von dem,
was Sie Madame Chiffon zu sagen haben. Ich fürchte, Sie verwechseln mir
alles. Also merken Sie es sich nochmals: Tamburinstickerei und _nicht_
blank!

W. D.

                   *       *       *       *       *

27. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ihre Aufträge habe ich alle gewissenhaft ausgeführt. Madame Chiffon
sagte, daß sie auch schon an Tamburinstickerei gedacht habe: das sei
vornehmer, sagte sie, oder was sie da sagte -- ich habe es nicht ganz
begriffen, aber es war so etwas. Ja und dann, Sie hatten dort etwas von
einer Falbel geschrieben, da sprach sie denn auch von dieser Falbel. Nur
habe ich, mein Kind, leider vergessen, was sie mir von der Falbel sagte.
Ich weiß nur noch, daß sie sehr viel über diese Falbel zu sagen hatte.
Solch ein schändliches Weib! Was war es doch? Nun, sie wird es Ihnen
heute noch alles selbst sagen. Ich bin nämlich, mein Kind, ich bin
nämlich ganz wirr im Kopfe. Heute bin ich auch nicht in den Dienst
gegangen. Nur ängstigen Sie sich, meine Liebe, ganz unnötigerweise. Für
Ihre Ruhe und Zufriedenheit bin ich bereit, in alle Läden Petersburgs zu
laufen. Sie schreiben, daß Sie sich fürchten, in die Zukunft zu blicken,
oder an sie auch nur zu denken. Aber heute um sieben werden Sie doch
alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen kommen. -- Also
verzweifeln Sie deshalb nicht. Hoffen Sie, Kind, vielleicht wird sich
doch noch alles zum besten wenden. Nun ja, aber da ist nun wieder diese
verwünschte Falbel, die kommt mir nicht aus dem Sinn, das geht nur so --
Falbel, Falbel, Falbel!...

Ich würde auf ein Augenblickchen zu Ihnen kommen, mein Engelchen, würde
unbedingt auf ein Weilchen vorsprechen, ich habe mich auch schon zweimal
Ihrer Tür genähert, aber Bükoff, das heißt, ich wollte sagen, Herr
Bükoff ist immer so böse, und da ist es wohl nicht gerade angebracht ...
Nicht wahr?...

Ihr

Makar Djewuschkin.

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28. September.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Um Gottes willen, eilen Sie sogleich zum Juwelier! Sagen Sie ihm, daß er
die Ohrgehänge mit Perlen und Smaragden nicht arbeiten soll. Herr Bükoff
sagt, die seien zu teuer, das risse ein Loch in seinen Beutel. Er ärgert
sich. Er sagt, daß es ihm ohnehin schon ein Heidengeld koste und daß wir
ihn plündern. Und gestern sagte er, wenn er diese Ausgaben vorausgesehen
hätte, würde er sich die Sache noch sehr überlegt haben. Er sagt, daß
wir sogleich nach der Trauung abreisen werden, ich solle mir also keine
Illusionen machen: es kämen weder Gäste, noch werde nachher getanzt
werden, die Feste seien noch weit im Felde, ich solle mir nur nicht
einbilden, gleich tanzen zu können. So spricht er jetzt! Und Gott weiß
doch, ob ich das alles nötig habe, oder nicht! Herr Bükoff hat doch
selbst alles bestellt. Ich wage nicht, ihm zu widersprechen: er ist so
heftig. Was wird nur aus mir werden?!

W. D.

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28. September.

Mein Täubchen, meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich, das heißt der Juwelier sagt -- gut. Von mir aber wollte ich nur
sagen, daß ich erkrankt bin und nicht aufstehen kann. Gerade jetzt, wo
so viel zu besorgen ist, wo Sie meiner Hilfe bedürfen, jetzt müssen die
Erkältungen kommen, ist das nicht ganz verkehrt! Auch habe ich Ihnen
noch mitzuteilen, daß zur Vollendung meines Unglücks Seine Exzellenz
heute geruht haben, sehr böse zu sein: sie haben sich über Jemeljan
Iwanowitsch geärgert, haben sehr gescholten und sahen zu guter Letzt
ganz erschöpft aus, so daß sie mir über alle Maßen leid getan haben. Sie
sehen, ich teile Ihnen alles mit.

Ich wollte Ihnen eigentlich noch einiges schreiben, aber ich fürchte,
Ihnen damit nur unnütz Zeit zu rauben. Ich bin ja doch, mein Kind, ein
dummer Mensch, bin ungebildet und unwissend, schreibe, wie es gerade
kommt und was mir einfällt, so daß Sie vielleicht dort irgendwie so
etwas ... ich kann ja nicht wissen was ... Ach, nun, was soll man da
reden!

Ihr

Makar Djewuschkin.

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28. September.

Warwara Alexejewna, mein Herzchen!

Heute habe ich Fedora gesehen und gesprochen, mein Täubchen. Sie sagt,
Sie werden schon morgen getraut und übermorgen reisen Sie ab! Herr
Bükoff habe schon die Pferde bestellt.

Ueber Seine Exzellenz habe ich Ihnen bereits geschrieben, mein Kind. Ja
und dann: die Rechnungen der Madame Chiffon habe ich durchgesehen: es
stimmt alles, nur daß es sehr teuer ist. Aber warum ärgert sich denn
Herr Bükoff über Sie? Nun, so seien Sie glücklich, Kind! Ich freue mich.
Ja, ich werde mich immer freuen, wenn Sie glücklich sind, Kind! Ich
würde morgen in die Kirche kommen, Kind, aber ich kann nicht, mein Kreuz
schmerzt.

Doch wie wird es denn nun mit den Briefen -- ich komme wieder darauf
zurück --, wie werden wir uns denn jetzt schreiben, wer wird sie uns
zustellen, Kind?

Ja, was ich noch sagen wollte: Sie haben Fedora so sehr beschenkt, meine
Gute! Damit haben Sie ein gutes Werk getan, das war schön von Ihnen. Für
jede gute Tat wird der Herr Sie segnen. Nichts bleibt unbelohnt und der
Tugend ist immer Gottes Lohn gewiß.

Kind, mein Kind! Ich würde Ihnen vieles schreiben, ich würde Ihnen jede
Stunde, jede Minute schreiben, immer nur schreiben! Ich habe hier noch
ein Büchlein von Ihnen, »Bjelkins Erzählungen«, das ist noch bei mir
geblieben. Aber wissen Sie, Kind, lassen Sie das bei mir, nehmen Sie mir
das nicht fort, schenken Sie es mir ganz, mein Täubchen! Nicht deshalb,
weil ich diese Geschichten etwa gar so gern nochmals lesen möchte. Aber
Sie wissen doch selbst, Kind, der Winter kommt, die Abende werden lang:
da wird man denn traurig -- und da ist es dann gut, wenn man etwas zum
Lesen hat. Ich, mein Kind, ich werde aus meiner Wohnung in Ihre alte
Wohnung ziehen und werde als Mieter bei Fedora leben. Von dieser
ehrenwerten alten Frau werde ich mich jetzt für keinen Preis mehr
trennen. Zudem ist sie auch so arbeitsam. Gestern habe ich mir in Ihrer
verlassenen Wohnung alles genau angesehen. Dort ist noch Ihr kleiner
Stickrahmen mit der angefangenen Arbeit: es ist ja alles geblieben,
unangerührt, wie es war. Ich habe auch Ihre Stickerei betrachtet. Dann
sind da noch verschiedene kleine Flickchen geblieben. Auf ein Stückchen
von einem meiner Briefe haben Sie angefangen, Garn aufzuwickeln. In
Ihrem Tischchen fand ich noch einen Bogen Postpapier, auf dem Sie
geschrieben haben: »Mein lieber Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich« --
und nichts weiter. Offenbar hat Sie da jemand gleich zu Anfang
unterbrochen. In der Ecke hinter dem Schirm steht Ihr schmales Bettchen
... Mein Täubchen Sie!!!

Nun, schon gut, schon gut, leben Sie wohl. Antworten Sie mir nur um
Gottes willen etwas auf meinen Brief, und recht bald!

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

30. September.

Mein Freund, mein lieber Makar Alexejewitsch!

Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden. Ich weiß nicht, was
die Zukunft mir bringen wird, aber ich füge mich in den Willen des
Herrn. Morgen reisen wir.

Zum letztenmal nehme ich jetzt Abschied von Ihnen, mein einziger, mein
treuer, lieber, guter Freund! Sind Sie doch mein einziger Verwandter,
der in der Not treu zu mir gehalten hat!

Grämen Sie sich nicht um mich, leben Sie glücklich, denken Sie zuweilen
an mich und möge Gott Sie segnen. Ich werde Ihrer oft gedenken und Sie
in meinem Gebet nicht vergessen. So ist denn jetzt auch diese Zeit
vorüber! Es sind wenig frohe Erinnerungen, die ich aus der Vergangenheit
ins neue Leben mitnehme, um so wertvoller und lieber wird mir daher Ihr
Andenken, um so teurer werden Sie selbst meinem Herzen sein. Sie sind
mein einziger Freund, nur Sie allein haben mich hier geliebt. Ich bin
doch nicht blind gewesen, ich habe es doch gesehen und gewußt, wie Sie
mich liebten! Mein Lächeln genügte, um Sie glücklich zu machen, eine
Zeile von mir söhnte Sie mit allem aus. Jetzt müssen Sie sich daran
gewöhnen, ohne mich auszukommen. Wie werden Sie nur so allein hier
weiterleben? Wer wird hier bei Ihnen sein, mein guter, unschätzbarer,
einziger Freund!

Ich überlasse Ihnen das Buch, den Stickrahmen, den angefangenen Brief.
Wenn Sie diese angefangenen Zeilen sehen, so lesen Sie in Gedanken
weiter: lesen Sie in Gedanken weiter, lesen Sie alles, was Sie von mir
gern gehört oder gelesen hätten, alles, was ich Ihnen hätte schreiben
können -- was aber würde ich Ihnen jetzt nicht alles schreiben!
Vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka, die Sie aufrichtig und von ganzem
Herzen geliebt hat. Ihre Briefe sind alle bei Fedora in der Kommode
geblieben, in der obersten Schublade.

Sie schreiben, daß Sie krank seien. Ich würde Sie besuchen, aber Herr
Bükoff läßt mich heute nicht fort. Ich werde Ihnen schreiben, mein
Freund, das verspreche ich Ihnen, aber nur Gott allein weiß, was alles
geschehen kann. Deshalb lassen Sie uns jetzt für immer Abschied
voneinander nehmen, mein Freund, mein Täubchen, wie Sie mich nennen,
mein Liebster! Auf immer!... Ach, wie ich Sie jetzt umarmen würde, Sie!
Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie recht, recht, recht wohl! Seien
Sie glücklich! Bleiben Sie gesund. Nie werde ich vergessen, für Sie zu
beten. O! wenn Sie wüßten, wie schwer mir zumut ist, wie qualvoll
bedrückt meine Seele ist!

Herr Bükoff ruft mich.

Ihre Sie ewig liebende

W.

P. S. Meine Seele ist so voll, so voll von Tränen ... Sie drohen, mich
zu ersticken, zu zerreißen! Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Gott!
wie ist es traurig!

Vergessen Sie mich nicht, vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka.

W.

                   *       *       *       *       *

Kind, Warinka, mein Täubchen, mein Liebling! Man bringt Sie fort, Sie
fahren. Ja, jetzt wäre es doch besser, man risse mir das Herz aus der
Brust, als daß man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das nur
möglich! Wie können Sie nur? Sie weinen, und doch fahren Sie?! Da habe
ich soeben Ihren Brief erhalten, der stellenweise noch feucht ist von
Tränen. So wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren?
Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es tut Ihnen leid um
mich? Ja, aber -- dann lieben Sie mich doch! Wie ist denn das? Was soll
jetzt geschehen? Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist dort
öde, häßlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr Herzchen krank machen, die
Trauer wird es zerreißen. Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in
die feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein, der Sie beweint!
Herr Bükoff wird immer Hasen jagen ... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie
sich da entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun? Was haben
Sie getan, was haben Sie getan, was haben Sie sich selbst angetan! Man
wird Sie doch dort ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach
umbringen, mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein Federchen, so
zart und schwach! Und wo war ich denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn
hier mit offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, daß ein Kindskopf
sich etwas Unmögliches vornahm, wußte ich denn nicht, daß dem Kinde
einfach nur das Köpfchen versagte! Da hätte ich doch ganz einfach --
aber nein! Ich stehe da wie ein richtiger Tölpel, denke weder, noch sehe
ich etwas, als sei das gerade das Richtige, als ginge die ganze Sache
mich gar nichts an, und laufe sogar noch nach Falbeln!... Nein, Warinka,
ich werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon soweit sein,
dann stehe ich einfach auf! Und dann, dann werde ich mich einfach unter
die Räder werfen. Ich lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn
das eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht geschieht das
denn alles? Ich werde mit Ihnen fahren! Ich werde Ihrem Wagen
nachlaufen, wenn Sie mich nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde
laufen, solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis ich meinen
Geist aufgebe!

Wissen Sie denn überhaupt, was dort ist, was Sie erwartet, dort, wohin
Sie fahren, Kind? Wenn Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich,
ich weiß es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe, nichts als
flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie meine Hand, so nackt! Dort
leben nur stumpfe, gefühllose Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle.
Jetzt ist dort auch schon das Laub von den Bäumen gefallen, dort regnet
es, dort ist es kalt -- und dorthin fahren Sie!

Nun, Herr Bükoff hat eine Beschäftigung: er wird da seine Hasen jagen.
Aber was werden Sie dort anfangen? Sie wollen Gutsherrin sein, mein
Kind? Aber, mein Engelchen! -- so sehen Sie sich doch nur an, sehen Sie
denn nach einer Gutsherrin aus?

Wie ist das nur alles möglich, Warinka? An wen werde ich denn jetzt noch
Briefe schreiben, Kind? Ja! so bedenken Sie und fragen Sie sich doch
bloß dies eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben können?
Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind, mein liebes Kind nennen, wem
gebe ich diesen zärtlichen Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo
soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich werde sterben,
Warinka, ich werde bestimmt sterben. Nein, solchem Unglück ist mein Herz
nicht gewachsen!

Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie mein leibliches
Töchterchen liebte ich Sie, ich liebte alles an Ihnen, mein Liebling!
Nur für Sie allein lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und
geschrieben, bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen in
meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie, mein Kind, hier in meiner
Nähe lebten. Sie haben das vielleicht nicht gewußt, aber es war wirklich
so, es war wirklich so!

Doch hören Sie, Kind, so bedenken Sie und überlegen Sie doch, mein
Täubchen, wie ist denn das nur möglich, daß Sie uns verlassen? -- Nein,
meine Liebe, das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist völlig
ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so kränklich -- Sie werden
sich bestimmt erkälten. Ihre Reisekutsche wird durchnäßt werden, ein
Wagen ist kein Haus -- sie wird bestimmt durchnäßt werden! Und kaum
werden Sie aus der Stadt hinausgefahren sein, da wird ein Rad brechen,
oder der ganze Wagen bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen
schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese Wagenbauer: denen
ist es nur um die Fasson zu tun, um irgend so ein Spielzeug
herzustellen, aber von Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich
schwöre es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle nichts!

Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bükoff auf die Knie niederwerfen und ihm
alles sagen, alles! Und auch Sie, Kind, werden ihn zu überzeugen suchen!
Sie werden ihm alles vernünftig auseinandersetzen und ihn so überzeugen!
Sagen Sie ihm einfach, daß Sie hierbleiben, daß Sie nicht mit ihm fahren
können!... Ach, warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter
geheiratet? Hätte er sich doch dort eine Kaufmannstochter ausgesucht!
Das wäre für alle besser gewesen, die würde viel besser zu ihm passen,
ich weiß schon, warum! Ich aber würde Sie dann hier behalten. Was ist er
Ihnen denn, Kind, dieser Bükoff? Wodurch ist er Ihnen denn plötzlich so
lieb und wert geworden? Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden,
weil er Ihnen Falbeln kauft und alles dieses -- deshalb etwa? Wozu sind
denn diese Falbeln? Wozu hat man die nötig? Es ist doch, Kind, nur ein
Stück Zeug, solch ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein
Menschenleben, Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach nur Lappen,
wirklich -- nichts anderes, als nichtsnutzige Lappen! Ich aber, ich kann
Ihnen doch gleichfalls solche Falbeln kaufen, ich muß nur auf mein
nächstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen diese Falbeln, mein
Kind, und ich weiß schon, wo, ich kenne dort einen kleinen Laden, nur
müssen Sie noch etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt
bekomme, mein Engelchen, Warinka!

Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit Herrn Bükoff fort in die
Steppe, auf immer fort! Ach, Kind!... Nein, Sie müssen mir noch
schreiben, noch ein Briefchen schreiben Sie mir über alles, und wenn Sie
schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von dort einen Brief. Denn
sonst, mein Engelchen, wäre dies der letzte Brief, das aber kann doch
nicht sein, daß dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte
das, so plötzlich -- der letzte, wirklich der letzte Brief sein? Aber
nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie müssen mir schreiben ...
Fängt doch gerade jetzt mein Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind,
aber was heißt Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst zu
wissen, was ich schreibe, ich weiß nichts, gar nichts weiß ich und will
auch nichts durchlesen, nichts verbessern, nichts, nichts. Ich schreibe
nur, um zu schreiben, immer noch mehr zu schreiben ... Mein Täubchen,
mein Liebling, mein Kind Sie!



  [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
    steht.

  wenn ich es nur vermag?! Was wollen Sie denn noch von mir? Fedora sagt,
  wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt,

  wohl geschehen? Nun, sagen wird zum Beispiel, und nehmen wir an, daß
  wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß

  Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?) daß es nicht noch
  Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), daß es nicht noch

  (8) Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung »Der Mantel« die
  (8) Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung »Der Mantel«, die

  daß Sie sich noch dazu vorauszahlen ließen, für mich auszugeben, und daß
  das Sie sich noch dazu vorauszahlen ließen, für mich auszugeben, und daß

  und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist, Leben Sie jetzt lieber
  und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben Sie jetzt lieber

  weil sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen
  weil Sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen

  Auge --,macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort
  Auge --, macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort

  besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald. Makar
  besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar

  setzte er sich stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem
  setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem

  ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Arme Leute" ***

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