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Title: Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen
Author: Döblin, Alfred, 1878-1957
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen" ***

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Transcriber's Note:
The table of contents has been moved to the front of the book.



Alfred Döblin

Die Ermordung einer Butterblume
und andere Erzählungen



Zweite Auflage

München und Leipzig 1913 bei Georg Müller



Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar



Inhaltsverzeichnis

Die Segelfahrt . . . . . . . . . . . . .   1
Die Tänzerin und der Leib  . . . . . . .  21
Astralia . . . . . . . . . . . . . . . .  31
Mariä Empfängnis . . . . . . . . . . . .  43
Die Verwandlung  . . . . . . . . . . . .  51
Die Helferin . . . . . . . . . . . . . .  71
Die falsche Tür  . . . . . . . . . . . .  87
Die Ermordung einer Butterblume  . . . . 105
Der Ritter Blaubart  . . . . . . . . . . 131
Der Dritte . . . . . . . . . . . . . . . 155
Die Memoiren des Blasierten  . . . . . . 179
Das Stiftsfräulein und der Tod . . . . . 201



Die Segelfahrt


Die Digue von Ostende lag in dem blitzenden Mittagslicht. Die geschmückten
Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten und gingen an einander
vorüber. Unter dem Widerschein des unermeßlichen Wassers funkelten die
Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Das unablässige Brausen des Meeres
rollte von den Steindämmen zurück, schwoll wieder an, schwoll immer wieder
ab.

Der schwere Brasilianer ging mit offenem Munde unter den geschmückten
Menschen. Er ging dicht am Meeresgitter der Promenade. Er hielt den Kopf
gesenkt wie überrieselt vom Badewasser; seine vollen Lippen waren feucht.
Die schwarzen weißdurchzogenen Haarsträhnen fielen über seine Ohren. Er bog
den Kopf mit dem Kalabreser nach rechts und links, um dem Anprall des
scharfen Windes zu begegnen. Er streifte ab und zu mit einem freudigen
Blick das graugrüne Wasser. Sein gelbbraunes schwammiges Gesicht zuckte,
die Augen, die in grauen Höhlen lagen, schimmerten; er spürte den feinen
Luftwirbeln nach, die um seinen bloßen Hals fuhren, das graue Schläfenhaar
anhoben und gegen seine Wange mit feinen Stiletten anschwirrten. Er fror
leise; blickte an seinem weißen Vorhemd entlang, über das weißer
Sonnenschein floß, und einen Augenblick beunruhigte ihn der Gedanke, daß
sein Blick vielleicht Schatten werfe. Er seufzte, drängte sich tiefer
zwischen die Menschen.

Das Schüttern des Eisenbahnzuges schwang noch in ihm nach, der ihn gestern
von Paris an die See getragen hatte.

Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner Jacht
aus der Heimat über den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen Glück;
plötzlich seiner achtundvierzig Jahr gedenk. In Paris hatte er vier Monate
lang die Schwelgereien der Kunst, der glatten Säle, die bestialischen Tänze
ertragen: dann warf ihn eine schwere Lungenentzündung hin; er lag
aufgegeben wochenlang im Hospital. Als er am Sonntag das Haus verließ mit
schwachen Knieen, schlug er den Kragen seines Loden-Capes hoch, bestieg
eine Droschke, fuhr auf die Bahn. Einen Tag schlich er gebeugt durch das
tote Brügge. Dann raffte er sich auf, jagte in der Julihitze nach Ostende.

Er hob den Blick von dem dünnen Sande, der unter seinen Füßen wegzog.

Sie glitt zum zweiten Male an ihm vorüber; rostfarbenes Haar unter
breitrandigem weißen Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen nicht jungen
Gesicht wich vor ihm zurück. Sie war vielleicht Mitte dreißig. Er hörte
noch hinter sich eine hohe gesangvolle Stimme.

Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem Augenblick hörte
der Wind auf mit Messern zu werfen. Sie sprach mit einer alten Dame, die
sie stützte. Der Brasilianer schob den Hut in den Nacken; eben als er über
ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer Überwurf auf dunkelblauer Seide,
verlor er sie. Der weiße Hut wippte über der Menschenmenge, verschwand um
eine Ecke.

Copetta schlenderte in ein Café, löffelte eine Schokolade. Das Meer rollte
unablässig gegen die Steindämme; leises Scharren der Sandkörnchen; der Wind
warf mit dünnen Stiletten.

Nachmittags um die Zeit des Kurkonzertes ging der schwarze Brasilianer in
einem langen grauen Gehrock über die Digue. Leicht und frech wehte die
Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus Schritt um
Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick wieder vor ihm zurück.
Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht war schmal, die Backenknochen
traten scharf hervor; die kleinen Augen unter den dünnen roten Brauen
blickten bestimmt und nüchtern, über der Nasenwurzel hatte sie
Sommersprossen, von den Augenwinkeln zogen sich Fältchen. Ihr Gang
schwebte.

Der Brasilianer strich sich über die Augen, blieb unwillig stehen,
schlenderte weiter.

Gegen Abend saß er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte in
die Hand nahm, fiel ihm ein, daß er heute dreimal eine Frau gesehen hatte,
rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal eine Frau, schwarzer
Überwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick. Still schob er seinen
Stuhl zurück, mit Seufzen, Lächeln und Vorsichhinstarren zog er seine
Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in die Villa, in der er
sie hatte verschwinden sehen, gab sie einem Mädchen ab. Als er wieder die
Meerluft an seinem Hals fühlte, fragte er sich, wozu das eigentlich gewesen
war. Dröhnend schlug er seine Zimmertür hinter sich zu, warf sich im
finstern Zimmer auf einen Schreibsessel, zerriß die Bilder seiner beiden
Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen edelsteinbesetzten Trauring ab,
hing ihn über die Schere, hielt den Ring über die brennende Kerze. Die
Steine verkohlten; die Schere wurde heiß; er ließ sie fallen. Wühlte mit
beiden Armen in zwei großen Eimern mit Meersand, die er sich auf sein
Zimmer hatte bringen lassen, stand ächzend auf, bestreute den Boden und
Teppich blind mit Sand, fluchte leise auf die Hunde, die Hausdiener, die zu
wenig Sand gebracht hatten. Schlief auf seinem Sessel ein.

Wie er am Mittag eben auf der Veranda, in einem Stuhle liegend, tief die
scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schloß, stand vor ihm das
Bild der gehenden Frau, sehr schmales verwelktes Gesicht, ein klarer
bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn bitten
lassen, nicht Mittags sie zu besuchen. Er warf die dünne Decke von seinen
Füßen, stülpte den Hut über das zerwühlte Haar, schritt schwerfällig, die
Arme auf der Brust verschränkt, die Stufen herunter, über die leere sonnige
Promenade, auf ihre Villa zu, ein einstöckiges Haus mit schmalen,
geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen dunklen Korridor, klopfte
leise an die Tür, an der ihr Name auf einer Visitenkarte stand. Nichts
verlautete. Er riß die Türe auf.

Sie lag halb im Bett; hatte, um herauszuspringen, die blaue Decke nach der
Wand zu geworfen. Zwei volle frauenhafte Beine berührten mit feinen Zehen
eben den Boden, ein sehr schmächtiger strenger Körper richtete sich auf in
einfachem, bandlosen Hemd, ein ernstes schmales Gesicht unter dem
aufgelösten Haar.

Erschüttert blieb der schwarze Brasilianer an der Türe stehen. Sie
lächelte, deckte sich zu, bat ihn, in einer Viertelstunde wiederzukommen.
Totenblaß, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen Stock vom Boden auf.
Das alte Mädchen gab ihm die Hand; er sah in kleine nüchterne Augen.

Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer
Segelfahrt für den nächsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen hatte er
auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mächtigen Briefbogen in der
Hand hin und her; halb unwillkürlich nahm sie einen Bleistift, schrieb auf
dasselbe Blatt, er möchte kommen, er möchte recht früh kommen; sie machte
unter ihren Namensbuchstaben L noch einen wunderlichen Schnörkel, den sie
fast eine Minute malte.

Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tür in dünner Bastseide entgegen;
sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zu dem murmelnden Strand
herunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurück und fand, als sie sich nach
ihm umwandte, daß es in seinen Mienen leidenschaftlich zuckte. Ganz weißes
Leinen trug er; er ging mit bloßem Kopf; die linke Hand trug er im Gelenk
verbunden; er sagte, er hätte sich gestern Abend beim Fall über Glas an der
Ader geschnitten. Mit einem Ruck stieß er ein kleines Ruderboot in das
Wasser, hob die Aufschreiende auf den Sitz, sprang nach, ruderte gemächlich
auf ein Segelboot zu, das vor der Holzbrücke am Herrenbad schaukelte. Sie
sprangen in den Segler; Copetta zog schon den Anker; ihre bloßen Arme
hielten sich an der Steuerbank fest, leise klangen die hölzernen Mastringe
an, nach einem Zug blähte sich das Großsegel; das Boot ging in See.

Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrüne Meer hinein. Über die
scharfe Horizontlinie kam ein weißer Schein, der sich von Augenblick zu
Augenblick verstärkte und höher rückte. An dem starken Morgenwinde flogen
sie gleichmäßig hin. Nun hockte der Brasilianer neben dem Großbaum auf den
Planken, legte die Takelung fest. Wild lachend richtete er sich auf,
schwang breitbeinig ein dünnes Tau wie ein Lasso um seinen Kopf und warf es
gegen sie; sie schüttelte sich umschnürt, löste sich mit einem Ruck,
schleuderte das Seil geballt mit einem mädchenhaften Kichern gegen seine
Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden an sich, sich über Bord
gebückt, überschüttete ihr kaltes Gesicht mit Meerwasser, warf, einen Fuß
auf der Ruderbank, bis über die Ärmel triefend, zwei volle Hände gegen ihn.
Er fing das Salzwasser schlürfend mit offenem Munde auf, schluckte. In dem
böig aufblasenden Wind ließen sie das Boot laufen, das anfing wie ein
unruhiges Tier zu zittern. Sie jagten sich über die Planken. Johlend sprang
die Schmächtige auf die Ruderbank und schlug mit den Fäusten gegen die
Takelung. Sie riß sich ihre dünne Jacke ab, pfiff und drehte sich um sich
selbst. Ihr Mund mit den dünnen Lippen öffnete sich oft zu einem kurzen,
kindlichen Lachen.

Der breitschultrige Brasilianer saß zusammengesunken auf dem Bordrand;
erschüttert hörte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen, hochgezogener Stirn
hielt er ihren Kopf, als sie sich über seine Kniee legte und ihn neugierig
betrachtete. Seine steinharten Hände stemmten ihre aufstrebenden Schultern
ab; er wiegte den Kopf verneinend hin und her. Die Wellen krochen über
Bord, sie schlüpften wie kleine Hunde sacht an ihnen herunter auf die
Planken. Der Wind nahm an Stärke zu. Das Boot legte sich stark über, das
Kleid des Großsegels fing an zu flattern, sie schossen in den Wind. Die
schwarzen fast glasigen Augen des Brasilianers sahen über ihr triefendes
Haar weg, das alte Mädchen suchte mit rückgebogenem Kopf nach seinem Munde,
seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust hin. Sein schwammiges
zerfaltetes Gesicht war gelöst, als ginge immer ein feierliches
glückerfülltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte steuerlos, Welle auf
Welle rollten an. Copetta saß auf dem Bootsrand. Als eine hohe Wand gegen
das Boot ging, hob er weit die Arme auf, legte sich wie auf ein Kissen mit
dem Rücken gegen die Welle. Das Polster glitt zurück. Sie hörte, wie er
etwas murmelte; sie sah noch den berauschten, verschlossenen Blick, mit dem
er verschwand.

Ein Stoß des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fühlte keinen Schmerz in
ihrem blutigen Arm. Sie schrie nach der Stelle hin gellend Hilfe, lange
Rufe stieß sie aus. Man fand sie bald in dem treibenden Boot liegen. An
Land erwartete man sie. Man wußte alles; Copetta hatte ein Telegramm an die
Behörde geschickt.

Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstöckigen Villa.
Dann sagte man ihr, daß sie mehrmals mittags im Speisezimmer sich auf die
Dielen geworfen habe vor den andern und mit den Händen in die Luft taste.
Daß das Hausmädchen von außen beobachtet hätte, wie sie am hellen Morgen
mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich um sich drehte. Am Nachmittag
des Tages, an dem man ihr dies sagte, packte sie mit dem Hausdiener ihre
Koffer, legte ein schwarzes Kleid an, verließ ihre Mutter, fuhr nach Paris.

Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Straße. Sie trug ihr rotes
Haar aufgetürmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie kam tagelang nicht nach
Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war ihr eine Lust, sich jedem
Rolljungen, Viehtreiber in die Arme zu werfen. Sie machte sich mit
gleichgültigem Lachen und Kopfschütteln zur Beute jeglicher Krankheit, die
auf sie sprang, und trug sie mit Küssen, mit Gähnen und Inbrunst weiter.
Sie schlich nach einigen Monaten in schwarzen Seidenkleidern in die
strahlenden Ballsäle. Ihr Gesicht war voller geworden; die kleinen Augen
glänzten unter dem Atropin. Die jungen Männer nannten sie: die Hyäne. Sie
trug in die Ballsäle eine sonderbare Bewegungsweise. Der Tanz war
ersichtlich aus einer eigentümlichen Ungeschicklichkeit der Tänzerin
entstanden, die sich schon bei ihren ersten Schritten auf dem Parkett
zeigte. Sie stieß jede berührende Hand zurück, wiegte sich in den Hüften
vor ihrem Partner nach rechts und links, nur langsam wie ein Schiffer von
einem Bein taumelnd auf das andere. Dann umging sie mit plumpen Füßen ihren
Partner und jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hüfte an Hüfte gefaßt, aber
er sprang vor ihren aufgehobenen Armen zurück, sie suchte ihn, sank über
ihn hin und schließlich walzte sie nicht, sondern ließ sich von ihrem
Partner halb tragen, wobei ihre Füße kaum über den Boden schleiften und sie
die Augen schloß.

Sie ließ ein Jahr über sich ergehen. Als eines Abends der Postbote zu einem
riesigen Blumenstrauß einen Brief brachte, drehte sie lange den mächtigen
Bogen in ihren gepflegten Händen hin und her. Sie warf die Blumen in den
Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono über die Brust zusammen,
setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit dem stark parfümierten
Bogen. Der Bote stand noch an der Tür, seine Uniformmütze setzte er schon
auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine Depesche zu besorgen. Sie schien
wie erleuchtet; sie nahm ein befehlerisches Wesen an. Sie telegraphierte
nach Ostende: »Herrn Copetta, Ostende Hotel Estrada, erwarten Sie mich
morgen Mittag. Bitte Drahtantwort.« Eine Stunde stand sie zitternd auf der
Treppe, ob die Antwort bald käme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei
Stunden schickte sie um einen Wagen; zog einen dünnen Anzug aus gelber
Bastseide an, fuhr auf die Bahn. Der Zug rannte lange Stunden der Nacht,
rannte über Brüssel, Gent, Brügge; schließlich Ostende frühmorgens. Sie
rasselte durch die engen bekannten Straßen der Stadt. Mit einmal leuchtete
zwischen den Häusern das Meer auf, das graugrüne Meer. Sie stand
aufgerichtet in der rasselnden Droschke, als der böige Wind sie mit einem
Hagel von Stiletten überschüttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor
Heimweh und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm auf und winkte dem graugrünen
Meere zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder, hörte halb, daß ihre Mutter
schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben sei. Ihr Gesicht war
still; aber als die Pensions-Dame sie entsetzt fragte, warum sie hier sitze
und so lache, antwortete sie: »doch vor Glück, liebe Frau, wovor denn als
vor Glück. Was erzählen Sie?«

Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schöne junge Frau bewegte, ihren
weißen Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag in dem blitzenden
Mittagslicht. Unter dem Widerschein des unermeßlichen Wassers funkelten die
Fenster der Strandhäuser zärtlich auf. Unablässig brüllte das Meer, warf
sich gegen die Steindämme und legte sich platt hin. Sie drängte sich
gewandt durch die geschmückte Menge, schlüpfte in das Vestibül des Hotels.
Der Portier gab ihr das Telegramm; er erzählte, der Herr sei vor einem Jahr
etwa verunglückt auf einer Segelpartie. Sie faßte sich an die Brust: »Auf
diesem Meer?« Und dann drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand, warf ein
paar Zeilen auf ein Blatt Papier mit ihrer Adresse, flüsterte ihm ins Ohr,
er möchte doch dies Blatt an sich nehmen; wenn der verunglückte Herr heut
Abend käme, möchte er es ihm sofort geben. Sie ging an dem Verblüfften
lächelnd vorbei auf die Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr folgte,
an, hörte, mit ihm nachmittags an der Kapelle eine Schokolade trinkend, mit
strahlendem Gesicht die freche leichte Musik des Kurkonzerts.

Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohweiß über dem ungeheuren
Wasser.

Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte schon
ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weißen Hut gesetzt. Sie lief
auf den Zehen durch den dunklen Korridor, sah die lange Strandpromenade
herunter, die im blendendweißen Mondlicht lag. Dann lief sie die lange
Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der Sturm abhob, spielte
mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel, tanzte ihm pfeifend auf
offenem Weg etwas vor, machte ihm lange Nasen. Sie lugte nach dem Hotel, ob
sein Fenster noch nicht hell wurde. Um zwölf Uhr schlief sie auf ihrem Bett
sitzend ein; gegen vier fuhr sie entsetzt zusammen; es war schon ganz hell.
»Er ist voraus.« Sie huschte die Tür hinaus, warf draußen johlend die Arme
in die Luft, rief ihren Namen, tutete dazu. Im Nu war sie die schmale
Steintreppe herunter. Sie suchte die Abfahrtstelle, lief zu den
Badehäusern. Da lagen kleine und große Ruderboote. Keine frischen
Männerschritte im Sand! Sie zog die Schuhe und Strümpfe aus, warf ihren Hut
an den Strand, schürzte ihren Rock, zog keuchend an dem Bootsseil. Jetzt
sprang sie ein, zog die Ruder. Nur wenig wurde sie von der Brandung
zurückgeworfen, dann fuhr sie sicher aus.

Scharf blies der Wind über das offene Wasser; dicke Regentropfen fielen;
weit und breit kein Segel, kein Boot. Über die hohen gebogenen Wellenwände
kroch ihr Boot, stürzte metertief, kroch unverdrossen weiter. Sie suchte
nach allen Seiten; die Angst überkam sie. Sie schrie auf den Knieen
kriechend, von jeder Wellenhöhe seinen Namen kreischend über das brodelnde
Wasser, aber jetzt schlüpften nicht zahme Hündchen über den Bord; wie der
Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der Atemlosen, die sich die
Augen wischte. Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin, brach in ein
wütendes Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fäusten gegen die
Brust, als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser
aufrichtete. Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins
Boot. Der Brasilianer saß stumm auf dem Bootsrand und ließ die Beine auf
die Ruderbank hängen. Er war unförmig geschwollen; seinen weißen Anzug trug
er prall auf dem Körper. Die weißgrauen Haare waren dick inkrustiert mit
Salz; schwarzgrüner Tang hing in Büscheln über sein triefendes gelbbraunes
Gesicht, dessen Mund bebte. Dünner weißer Sand und Muscheln rieselten von
seinen breiten Schultern, floß aus seinen Ärmeln. Er blies laut die Luft
von sich, dann atmete er stiller. Langsam hob er den rechten Arm und wehrte
die Frau ab, die sich jubilierend von dem Boden erhob. Seine tiefen
schwarzen Augen sahen sie fragend an, ihr volles frauenhaftes Gesicht, ihre
Lippen, die reif waren, ihre kleinen lebendigen Augen unter den roten
Brauen, die jetzt beseelt und süchtig strahlten. Dann blickte er an ihr
vorbei. Sie stürzten unter peitschendem Regen zwischen Wellenbergen
hinunter; sie hörte ihr eigenes entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und
Flöten des Sturmes. Er senkte seinen Arm, legte sich wie auf ein Kissen mit
dem Rücken gegen die Welle. Das Polster glitt zurück. Sie sah wie er
langsam den Kopf ihr zuwandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick
auf sich gerichtet, sprang ihm nach, und nun umschlangen sie die wulstig
dicken Arme; jetzt lachte sie gurgelnd und drückte ihren Kopf an seinen
gedunsenen. Und wie sie zusammen die nassen Wellen berührten, wurde sein
Gesicht jung; ihr Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Münder ließen
nicht von einander; ihre Augen sahen sich unter verhängten Lidern an. Eine
Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeßliche graugrüne Meer
heran. Die trug sie, mit der Handbewegung eines Riesen an die jagenden
Wolken herauf. Die purpurne Finsternis schlug über sie. Sie wirbelten
hinunter in das tobende Meer.



Die Tänzerin und der Leib


Sie wurde mit elf Jahren zur Tänzerin bestimmt. Bei ihrer Neigung zu
Gliederverrenkungen, Grimassen und bei ihrem sonderbaren Temperament schien
sie für diesen Beruf geeignet. Läppisch bis dahin in jedem Schritt, lernte
sie jetzt ihre federnden Bänder, ihre zu glatten Gelenke zwingen, sie
schlich sich behutsam und geduldig in die Zehen, die Knöchel, die Kniee ein
und immer wieder ein, überfiel habgierig die schmalen Schultern und die
Biegung der schlanken Arme, wachte lauernd über dem Spiel des straffen
Leibes. Es gelang ihr, über den üppigsten Tanz Kälte zu sprühen.

Mit achtzehn Jahren hatte sie eine kleine seidenleichte Figur, übergroße
schwarze Augen. Ihr Gesicht fast knabenhaft lang und scharfgeschnitten. Die
Stimme hell, ohne Buhlerei und Musik, abgehackt; ein rascher, ungeduldiger
Gang. Sie war lieblos, sah klar auf die unbefähigten Kolleginnen und
langweilte sich bei ihren Klagen.

Mit neunzehn Jahren befiel sie ein bleiches Siechtum, so daß ihr Gesicht
abenteuerlich fahl vor dem blauschwarzen Haarknoten schimmerte. Ihre
Glieder wurden schwer, aber sie spielte weiter. Wenn sie allein war,
stampfte sie mit dem Fuße, drohte ihrem Leib und mühte sich mit ihm ab.
Keinem sprach sie von ihrer Schwäche. Sie knirschte mit den Zähnen über das
Dumme, Kindische, das sie eben zu besiegen gelernt hatte.

Als Ella sich in Schmerzen auf die Lippen biß, warf sich die Mutter über
das Sofa hin und weinte stundenlang. Nach einer Woche faßte die alte Frau
einen Entschluß und sagte, während sie auf den Boden sah, zu ihrer Tochter,
sie sollte ein Ende machen und ins Krankenhaus gehen. Worauf Ella kein Wort
antwortete, nur einen gehässigen Blick auf das runzlige, hoffnungslose
Gesicht warf.

Sie fuhr schon am nächsten Tage ins Krankenhaus. Im Wagen weinte sie unter
ihrer Decke vor Wut. Ihren leidenden Körper hätte sie anspeien mögen,
bitter höhnte sie ihn; es ekelte sie vor dem schlechten Fleisch, an dessen
Gesellschaft sie gebunden war. In leiser Angst öffnete sie die Augen, als
sie die Glieder betrachtete, die sich ihr entzogen. Wie machtlos sie war, o
wie machtlos sie war. Sie rasselten über das Pflaster des Hofes. Die Tore
des Krankenhauses schlossen sich hinter ihr. Die Tänzerin sah mit Abscheu
Ärzte und Kranke. Die Schwestern hoben sie weich ins Bett.

Nun verlernte die Tänzerin zu sprechen. Das Befehlerische ihrer Stimme
hörte sie nicht mehr. Es geschah alles ohne ihren Willen. Man achtete aber
auf jede Äußerung ihres Leibes, behandelte ihn mit einem maßlosen Ernst.
Täglich, fast stündlich fragten sie die Tänzerin nach seinen Dingen,
schrieben es sorgfältig in Akten auf, so daß sie erst darüber unwillig
wurde, dann sich immer tiefer verwunderte. Sie trieb bald in eine dunkle
Angst und Haltlosigkeit hinein; ein Grauen überkam sie vor diesem Leib. Sie
wagte gar nicht, ihn zu berühren, an ihm zu wischen, starrte auf ihre Arme,
ihre Brüste, erschauerte, als sie sich lange im Spiegel besah. Ihr Mund
schluckte Medizin, die sie ihm zu trinken gab; sie begleitete die bitteren
Tropfen, wie sie hinunterrannen und sann darüber nach, was er daraus
machte, er der Leib, der kindische, o der herrische, der finstere. Klein
wie eine Fliege wurde sie; und nachts stand die Todesangst hinter ihrem
Bett. Ihre Augen, die in Unheimliches sahen, wurden steif. Die Spöttische
mit dem Knabengesicht war nun fromm und betete vor Anbruch der Nacht mit
den Schwestern. Die Mutter erschrak, als sie die Tochter besuchte. So
kleinmütig, hilfsbedürftig war ihr Kind nie gewesen. »Wir stehen alle in
Gottes Hand,« tröstete die Mutter die Verfallene, die sich an ihr
festhielt. »Ja,« flüsterte die Tänzerin, »wir stehen alle in Gottes Hand.«

Das gleichmäßige Treiben um sie beruhigte sie wieder, schnell schwand das
Entsetzen, wie es hereingebrochen war. Der Widerwillen gegen die Kranken im
Saal flackerte auf. Und die Empörung lungerte in den scharfen Zügen, daß
man ihm Ehrfurcht zolle, dem Verderbten, Verderbenden, und über sie
fortsähe, als wäre sie tot. Das beleidigte die Herrische. Sie sperrte den
Leib ein, legte ihn in Ketten. Es war nun ihr Leib, ihr Eigentum, über das
sie zu verfügen hatte. Sie wohnte in diesem Haus; man sollte ihr Haus
zufrieden lassen. Jeden Tag schlugen sie mit Hämmern gegen ihre Brust und
belauschten das Gespräch ihres Herzens. Sie malten ihr Herz auf die Brust,
so daß es alle sehen konnten; rissen an das Licht, das sich drin versteckt
hatte. O man beraubte sie. Mit jeder Frage trugen sie ein Stück von ihr
weg. Man drang mit Giften auf sie ein, die feiner waren als Nadeln und
Sonde; kamen ihr auf alle Schliche, trieben sie ganz in ihren Fuchsbau
zurück. Alles nahmen ihr die Diebe, und so wunderte sie sich nicht, daß sie
täglich schwächer wurde und totblaß dalag. Jetzt wurde sie erbittert und
wehrte sich. Sie belog die Ärzte, beantwortete ihre Fragen nicht, ihren
Schmerz verheimlichte sie. Und als man sie wieder befragen wollte, machte
sie sich im Bette steif, stieß die Schwestern zurück, ja lachte in
plötzlich aufloderndem Hasse den Ärzten, die den Kopf schüttelten, ins
Gesicht und schnitt ihnen eine höhnische Fratze.

Aber so krampfhaft tapfer konnte sie sich nicht lange halten. Täglich
gingen ohne Unterlaß die weißen Mäntel durch die Säle, klopften an den
Kranken, schrieben alles auf. Täglich und stündlich kamen die Schwestern,
brachten ihr Nahrung und Heiltränke: daran erlahmte die Tänzerin. Sie warf
das Spielzeug wieder hin; dumpf verachtend ließ sie mit sich geschehen. Es
ging sie nichts an, was geschah. Ein kindisches Wesen lag da, das sie elend
machte; was sollte sie um ihn kämpfen, was sollte sie ihn um seine Ehre
beneiden? Schlaff ruhte sie in ihrem Bett. Der Leib lag wieder, ein Stück
Aas, unter ihr; um seine Schmerzen kümmerte sie sich nicht. Wenn es sie
nachts stach und quälte, sagte sie zu ihm: »Sei ruhig bis morgen zur
Visite; sag es den Ärzten, deinen Ärzten, laß mich zufrieden.« Sie führten
getrennte Wirtschaft; der Leib konnte sehen, wie er sich mit den Doktoren
abfand. »Es wird schon protokolliert werden.« Damit schnitt sie der
Belästigung das Wort ab.

Oft empfand sie ein lächelndes Mitleid mit diesem dummen kranken Kindchen,
das in ihrem Bette lag. Sie teilte ruhig und gewissenhaft mit, was ihn
drückte. Gleichgültig und leicht ironisch beobachtete sie die Ärzte und
konstatierte ironisch die Erfolglosigkeit ihrer Anstrengungen. Eine
Spannung und Lustigkeit kam wieder über sie und eine wild sich schüttelnde
Schadenfreude über das Mißgeschick der Ärzte und den Verderb des Leibes.
Wie sie unter Gelächter ihren Mund in das Kissen drückte, hatte sie ihren
alten Hohn und ihre Kälte wieder.

Als am Mittag Soldaten mit klingender Marschmusik an dem Krankenhause
vorbeizogen, saß die Tänzerin jach in ihrem Bette auf, mit glühenden Augen,
gepreßten Lippen, ganz über sich gebückt. Nach einer Weile rief eine
scharfe, wenn auch leise Stimme die Schwester an das Bett. Die Tänzerin
wollte sticken und begehrte Seide und Leinewand. Mit einem Bleistift warf
sie rasch auf das weiße Tuch ein sonderbares Bild. Drei Figuren standen da:
ein runder unförmiger Leib auf zwei Beinen, ohne Arm und Kopf, nichts als
eine zweibeinige, dicke Kugel. Neben ihm ragte ein sanftmütiger großer Mann
mit einer Riesenbrille, der den Leib mit einem Thermometer streichelte.
Aber während er sich ernst mit dem Leib beschäftigte, machte ihm auf der
andern Seite ein kleines Mädchen, das auf nackten Füßen hüpfte, eine lange
Nase mit der linken Hand und stieß mit der rechten eine spitze Schere von
unten in den Leib, so daß der Leib wie eine Tonne auslief in dickem Strahl.

Mit roten Fäden stickte die Tänzerin das Bild roh aus und lachte lustig
zwischendurch für sich.

Sie wollte wieder tanzen, tanzen.

Wie einstmals, als sie Kälte über jede Üppigkeit des Tanzens sprühte, als
ihr straffer Leib wie eine Flamme geweht hatte, wollte sie ihren Willen
wieder fühlen. Sie wollte einen Walzer, einen wundersüßen, mit ihm tanzen,
der ihr Herr geworden war, mit dem Leib. Mit einer Bewegung ihres Willens
konnte sie ihn noch einmal bei den Händen fassen, den Leib, das träge Tier,
ihn hinwerfen, herumwerfen, und er war nicht mehr der Herr über sie. Ein
triumphierender Haß wühlte sie von innen auf, nicht er ging zur Rechten und
sie zur Linken, sondern sie, -- sie sprangen mitsamt. Sie wollte ihn auf
den Boden kollern, die Tonne das hinkende Männlein, Hals über Kopf es
hintrudeln, ihm Sand ins Maul stecken.

Sie rief mit einer Stimme, die urplötzlich heiser geworden war, nach dem
Doktor. Über sich gebeugt, sah sie ihm von unten ins Gesicht, wie er
erstaunt die Stickerei betrachtete, sagte dann mit ruhiger Stimme zu ihm
auf: »Du, -- Du Affe, -- Du Affe, Du Schlappschwanz.« Und stieß sich, die
Decke abwerfend, die Nähschere in die linke Brust. Ein geller Schrei stand
irgendwo in der Ecke des Saales. Noch im Tode hatte die Tänzerin den kalten
verächtlichen Zug um den Mund.



Astralia


Herr Götting, Adolf Götting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstraße 15,
drei Treppen rechts bei Frau Schülke. Er sitzt in seinem Zimmer auf einem
Sofa und läßt sich von der Lampe wärmen. Ein gedrücktes Männlein mit
verschrumpeltem Gesicht, gelblich, entzündeten Augen und rascher weicher
Stimme. Seine Finger spielen mit den Fransen der braunen Wolldecke, welche
über seinen dünnen Beinen liegt.

Mit kurzen Handbewegungen belehrt das Männlein seine Frau, ein blasses
angenehmes Wesen, welches ihm gegenüber auf einem Stuhl mit gefalteten
Händen sitzt, daß Übung die Grundlage der Kultur sei und daß es wisse, was
es sage. Auch wirke der Most erfreulich auf Magen und jegliche Schleimheit
und werde wahrscheinlich im Darm zu Wein umgewandelt. Die Kraft des Lebens
zur Verwandlung sei unermeßlich. Es wisse, was es sage.

Sanft haucht die verblühte Frau etwas über feuchte Herbstwitterung, über
Aufregungen einer Sitzung, über vieles Trinken.

Indessen hebt das katarrhalische Männlein langsam mit gespreizten Fingern
die Wolldecke von seinen Beinen auf, legt sie neben sich auf das Sofa.
Schlurrend, mit geknickten Beinen geht es an das Fenster, öffnet es mit
Knarren und sieht in den Nachthimmel.

Seine Stimme klingt geduldig und fromm.

»Ich sollte dich nicht anhören, Elfriede. Du weißt nicht, was du sprichst.

Heut ist Neumond. Du verstehst mich.«

Er sagt das: »Heut ist Neumond« ganz einfach, ohne Pathos.

»Das Gemüt, das Gemüt. Wenn wir das Gemüt bereit halten, haben wir alles
getan. Heute ist Neumond. Von innen heraus werde ich alles überwinden. Wie
ich schon manche Bedrängnis überwunden habe. Und der Most« -- mit einmal
schlägt ein Entzücken in seiner Stimme auf und Feierlichkeit --, »siehst du
es nicht? Das Gemüt wird geölt durch ihn; es wird behende gemacht, und dann
kann es frei springen, in die Luft, wo es frei ist. Da kann es hin
springen. Oder auf die Felder oder in die Kartoffeln -- das ist ganz egal.
Und noch anderes, ja Elfriede: es kann zwitschern, das Gemüt, für alle
Ohren zirpen, zwitschern, glaubwürdig singen.«

Das Licht flackert, die Lampe blakt.

Aber als die bekümmerte blasse Frau ins Licht sieht, seufzt das Männlein.

Das sanfte Wesen weht auf das Männlein zu, bindet ihm einen braunen,
schwarzgestopften Strumpf um den Hals.

»Zieh dich warm an, lieber Adolf. Nimm dir auch eine Leibbinde um; sie
liegt auf deinem Bett. Ach, das lange Ausbleiben nachts. Nein.«

Das aufgeschwemmte liebevolle Nichts läßt sich von dem Männlein die Hände
drücken und verschwindet aus dem Zimmer.

Herr Götting, Adolf Götting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstraße 15,
drei Treppen hoch, bei Frau Schülke. Verfasser einer Geschichte der
hauptsächlichen Fehler im menschlichen Handeln seit dem Sündenfall bis zur
Gegenwart, Verlag Schultze & Velhagen, Berlin, neunzehnhundertunddrei,
dreihundertundsiebenzig Quartseiten, gebunden vier Mark, Mitglied mehrerer
frommer Vereine. Gründete die freie Brüderschaft: »Astralia«, arbeitet
augenblicklich über »Das innere Leben und seine körperliche Darstellung«.
Er geht jetzt im dicksten Dunkel, schweren Nebel auf dem Wall der Stadt. Er
geht spazieren, weil er Denker ist. Er weiß, daß er Denker ist: seine Frau
weiß es nicht.

Der gedrückte kleine Herr geht unter den schwarzen Ulmen und preßt sein
Taschentuch gegen Mund und Nase. Er ist kein Spaßdenker, mehr als ein
Denker, ein Verkünder, ein Seher, der seine Zeit abwartet. Er schlendert
behaglich und froh, mit einer gewissen Sehnsucht; er nimmt mit seinen
kleinen Augen Gedanken von den Bäumen herunter wie Äpfel. Die Jahre sind ja
vorbei, wo etwas Bitteres, Schwarzes neben den Ulmen hier kroch, abends,
und die Hände ausstreckte. Man war still, wenn er redete, aber bald
kicherte man und stieß sich an. Und das Gucken und Quietschen und
unterdrückte Gelächter, wenn das Alräunchen eintönig seine Lehre hersang,
seine Bußsalbadereien, mit den langen Armen fuchtelte, plötzlich abbrach
und starr in den Lärm hineinhörte. Zu Hause versteckte es sich dann und
sann über das Gebahren der Leute nach. Das verdüsterte Alräunchen konnte
die Menschen dann hassen, drohte ihnen, aber erschrak bald über seinen
Rachedurst und weinte verzweifelt, weil ihm doch die Kraft nicht gegeben
war.

Eines Tages aber wird ein Wunder geschehen, darum schleicht es jetzt
sehnsüchtig unter den Ulmen in der Sturmwindnacht; da werden sie glauben
und nicht spötteln. An einem angststarren Abend ist ihm das zur Gewißheit
geworden. Von innen heraus wird es ihn ergreifen, berühren, wenn das Gemüt
sich hoch genug gestaut hat; es wird ihn verwandeln, er weiß selbst nicht
wie. Seine Arme werden nicht mehr dünn, lang wie Affenarme sein; seine
Stimme nicht mehr krächzen. Ein Heiligenschein wird über seinem Kopfe
stehen.

»Halloh, der Segen Gottes mit dir und alle guten Geister.« Die kleine
Brüderschaft, ehrbare dicke und dünne Männer, erhebt sich vor ihrem
Vorsitzenden in der niedrigen Schenke am Wall.

Sie trinken Most aus Holzbechern, preisen die unsterbliche Seele. Eins
spricht nach dem andern. Alle Güter müssen geteilt werden, und das Töten
von Tieren ist Mord, und wenn man nicht bald in sich geht, steht der
Weltuntergang bevor.

Sie trinken Most. In den plumpen schmutzigen Händen halten sie
blaugeheftete Gebete, singen »ich weiß, daß mein Erlöser lebt«, und er ist
nahe, mit einer Fußsohle steht er schon auf der Erde.

Sie rauchen aus langen schwarzen Pfeifen mit Totenköpfen, qualmen heftig.

Ein gedrücktes Männlein mit verschrumpeltem gelben Gesicht, entzündeten
Augen und rascher, weicher Stimme steht an einer Ecke des Tisches auf, mit
geröteten Wangen.

Es ruft in das erregte Gläserklirren hinein; daß der Prophet nahe sei, daß
der erwartete die Ungläubigen niederstürzen werde, Völker und Könige und
Brüder. Er müsse kommen bald. Der süße Trank beselige es. Im Stillen habe
das Zukünftige sich vorbereitet, gleichsam wie das Kind in einer
Schwangeren; wer wisse, in welchem Leid. Es versichere die Brüder, es sei
so. Der große Krieg werde ausbrechen, in dem die Menschen sich gegenseitig
vernichten; schon sei die Spannung auf Erden nicht mehr zu steigern, schon
starre die Welt in Rüstung, und nur die Friedfertigen blieben übrig. In den
Wolken stünde schon der Heiland, bereit, sein Werk zu vollenden, in den
Wolken, welches seine eigenen Worte sind.

Sie trinken Most. Sie öffnen der Neumondnacht die kleine Tür der Schenke.

Auf einmal verstummen alle.

Einer steht mit wirren Worten auf.

Sie erschrecken.

Es geschehen heimliche Dinge. --

Am nächsten Morgen schurrt etwas Verhutzeltes mit dünnen Beinen aus der Tür
der Schenke.

Erst taumelt es, und die Hände suchen, greifen nach jedem Festen, Pfahl,
Baum, Gartenzaun. Dann geht es gerade und fest. Den Kopf auf die linke
Schulter gefallen; geblähte Nüstern; wässrige, starre, halboffne Augen. Es
geht halbnackt; in bloßen Hemdärmeln ohne Stiefel und Hut. Es wirft die
Beine bei jedem Schritt weit nach vorn, preßt die Arme vor die Brust
aneinander. Als die Menschen oben auf der Ulmenallee stehen bleiben, ein
kleines Milchmädchen mit ihrer Blechkanne und zwei Straßenkehrer,
verschlafene weiße Gesichter, fährt der Verhutzelte zusammen.

Man sieht es an. Es muß gerade gehen, jawohl, gerade gehen.

Es singt vor sich hin . . . .

Es geht langsam seines Weges fürbaß, so selig, leidvoll, getragen von einer
schweren, dunklen Wolke. In den Wolken steht es, in den Wolken, welches
seine eigenen Worte sind.

Ein heißer Schauer fährt plötzlich über das Männlein. Wenn es geschehen
wäre, das Unglaubliche, die Verwandlung, heut über Nacht!

Die beiden Straßenkehrer hatten es angestarrt. Es reckt sich und hebt den
Kopf, läßt ihn wieder fallen. Es war die heilige Neumondnacht. Und von ihm
ginge etwas aus, eine Scheu, ein Schein, von seiner Stirne, von seinen
Haaren. Besteche, bezwinge die Menschen. Es konnte ja nicht möglich sein.

Summend, mit stillem Singen und Träumen geht es weiter.

In den engen Straßen unten stoßen sich die Barbiere, die Rolljungen, die
Bäcker an; sie treten zusammen und zischeln. Ein offenes gemeines Lachen
hört Herr Götting plötzlich, wie er es nie gehört. Und nun entsetzt er sich
tief und in glücklichem Graus: es ist geschehen, das Wunder hat sich
vollzogen, der Herr hat es vollzogen. Laß, laß sie fluchen und speien! Und
fester Boden liegt unter seinen Füßen, er träumt nicht, atmet die kühle
Morgenluft. Mit beiden Sohlen steht er auf der Erde.

Während er in die Hauptstraße einbiegt, in der eben die Geschäfte geöffnet
werden, laufen ihm die Schuljungen in Rotten nach, stoßen sich an, gröhlen
laut, springen ängstlich beiseite.

Das Leid aller Jahre ist vergessen; oh, Dankbarkeit dem, der alles lenkt.
Hosianah Dir, Herr!

Das Männlein steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf, Albrechtstraße
15. Im Hausflur verstummen die Menschen wie mit einem Schlage, als sein
Blick sie trifft. Dann hebt ein langes Geraune hinter seinem Rücken an und
tönt noch, als die Glocke gezogen wird. Mit Lächeln geht das Männlein über
die Schwelle. Das seltsame sieht dem schwermütigen dicken Geschöpf in die
Augen, das in das Zimmer huscht, wo das Verhutzelte steht, den Kopf auf die
linke Schulter gefallen, die Arme gegen die Brust gepreßt, und Liebe um den
Mund und die wässrigen, verkniffenen Augen. Seine beiden Hände strecken
sich nach ihr aus. Überströmt von Süße und Ernst sagt es mit weicher
Stimme:

»Siehst du -- siehst du; oh, ich wußte es, Elfriede. Nun bin ich wieder
gekommen.«

Sie hält sich am Fensterbrett fest, sieht auf das Männlein, schreit auf:
»Adolf!«

»Ja, Elfriede. Ich habe mich in allen Nöten für ihn bereit gehalten, ich
habe so lange geharrt. So bitteres drum erduldet. Aber freut euch, die mit
mir gewartet haben!«

»Bist du so gegangen, Adolf? Den ganzen Weg, sag, Adolf, bist du so
gegangen? Du hast ja gar keine Jacke an und gar keine Stiefel und gar
keinen Hut.«

Die Augen ihr gegenüber halten still; ein Gesicht erkaltet, eine Stimme
antwortet ihr, die sich jäh zu Erz erhärtet hat:

»Du, ich sagte es schon, bist auch du von der Rotte Korah? Heb dich von
mir, auf daß ich nicht unrein an dir werde.«

Das gelle unflätige Gelächter aus dem Hausflur und von der Treppe schallt
ins Zimmer.

»Adolf, was ist geschehen? Wo hast du deine Sachen gelassen?«

Das Männlein sieht starr auf seine Füße, die Hände flackern auf der Brust,
der Kopf fällt langsam nach vorn über.

»Die Stiefel. Die Rotte Korah. Ja, was meint das Weib damit? Was will das
Weib in diesem Zimmer damit gesagt haben?«

Und dann brüllt es mit eherner Stimme, hervorquellenden Augen gegen die
Tür:

»Nicht lachen, nicht lachen! Hier gibt es nichts zu lachen!«

Und glüht mit einmal auf, läuft an das Bett, versteckt den Kopf unter die
Decke, stammelt: »Oh, nicht lachen . . . Bitte, bitte, nicht lachen. Oh,
ich bitte euch, ich flehe, ich fle--he--«

Da hat sie nur das zitternde halbnackte Männlein zu halten.



Mariä Empfängnis


Maria ging bleich und stilläugig durch die feuchten niedrigen Gräser.

Hing das Laub hoch und dicht, so schaute Maria nach einem breitästigen
Baume aus, der allein hinter einem maschigverwachsenen Gebüsch stand, in
einem Walde stand, den die Männer mieden. Das Grün der Blätter verschmolz
mit den seidenen Dämmerfarben der Luft; dann blühten bronzedunkle,
rosenzarte, gelbgetönte oder auch schneeige Mädchenleiber unter ihm, die
sich liebten. Das Laub hing dicht und fiel tief hernieder.

Wenn wilder Regen strömte, saß Maria unter den Gespielinnen am Fenster
ihrer Halle, mit ihrem weißen, ins Bläuliche schattenden Gewande, einen
Mandelzweig im Haar; sangen aller Lippen zum Regengotte ein
Beschwörungslied. Aber sie schrie auf vor Glück, wenn sie ein Kindchen sah.
Mit langsamen Schritten ging sie auf das Kindchen zu, hob es auf und hielt
es, sich setzend, leicht mit den Knieen wiegend, im Schoß. Manchmal hielt
sie im Wiegen inne, blickte lange auf die weißen Sonnenstäubchen und den
schwerblauen Himmel, schauerte plötzlich zusammen mit den fröstelnden
Schultern und wiegte weiter.

Ein treuer Freund warb um sie; aber die jungfräuliche konnte den leise
Flehenden nicht erhören.

Als die Mädchen einmal in sanftem Glück unter jenem breitästigen Baum ihre
Jugend mit Küssen und Umarmen genossen, sahen sie durch eine Blätterlücke
am Himmel eine schwarze, unermeßlich breit und riesig greifende Wolkenhand,
unentrinnbar Willens gleichsam wie eine Gotteshand. Sie sangen unruhig auf,
sänftigten sich, flohen schließlich durch das Laub geduckt auseinander, die
weißen und buntgewandigen, als ein graublaues Licht ganz hinten am Hügel
äugte und immer heller und heller und häufiger von der Himmelsschwärze
herblickte. Zwischen schwarzen und steifen Baumreihen, die sich zu krümmen
und winden begannen, flatterten die Gewande vor dem Wind. Dem Freunde, der
Maria entgegengelaufen war, nachdem er lange wartend um ihr einsames Haus
gestreift hatte, klammerte sich die Ängstliche, Zerzauste an und ließ
seinen Arm nicht. Immer klagten und zitterten ihre blassen, verwirrten
Blicke zu den weitgespannten Wolkenfingern und dem grellen Licht hin. Sie
fiel ihm, als die Erde zu beben begann und eine Donnerstimme mit lohendem
Purpur und Schwefelgelb aufbrüllte, totbleichen Gesichts in die Arme. In
dem dichten Dunkel fuhren Hände ihr über Gesicht und Haare, sie hörte nach
dem herrisch befehlenden Donnerschlage heiße Flüsterworte. Er nahm sie hin,
die wie ein leichter Ast an seiner Schulter hing, mit ganz entspannten
Gliedern und Zittern.

Die Gespielinnen fanden sie am Morgen nach dem Gewitter starr mit offenen
Lippen auf dem Lager. Ihre schimmernden Augen suchten, als die Füße der
Mädchen auf der Diele klangen, irr etwas in ihrem Zimmer und auf den
Gesichtern der Freundinnen; sie wollte sprechen, aber mit einem rauhen Laut
stopfte sie sich ihr Tuch in den Mund und biß hart darauf. Oder sie schrie
auf und stöhnte langgezogen, regelmäßig und warf sich hin und her. Niemand
wußte, was in der Nacht geschehen war, aber man riet bald, daß der
Schrecken des Gewitters ihre Seele verstört hatte.

Und sie pflegten sie, bis sie still wurde, und auch den Freund, der immer
wieder eindringen wollte, ließen sie nicht zu der Kranken. Als sich die
Zerwühlte langsam gesammelt hatte und ruhig lag, sagte sie endlich
heimlich, indem sie den Kopf noch tiefer in das Kissen drückte, wie um sich
zu besinnen, mit einem unsicher fragenden Ton in der Stimme: es sei etwas
über ihrem Haus bei Nacht gewesen. Und sann dann wieder angestrengt in den
Kissen nach, sah auffahrend auf die Gefährtinnen und die stummen
Gegenstände im Zimmer.

Nach einiger Zeit ging sie nun wie eh mit den Freundinnen durch die
feuchten niedrigen Gräser. Aber wenn schon sonst ein weicher Ernst über ihr
lag, so verlangsamten sich jetzt ihre Bewegungen immer mehr, fast
feierlich. Ihr Gesicht klärte sich morgenlich, täuschungslos auf. Als sie
dem Freier zuerst begegnete und die Freundinnen auf ihren erstaunten Blick
ihr sagten, wer er sei, sah sie ihm noch lange in das flehende Gesicht und
wandte sich dann ruhig von ihm ab, anscheinend im Grün der hängenden
Blätter und am glatten Himmel etwas suchend.

Öfter blieb Maria jetzt vor ihrer Halle sitzen in der blauen Luft. Ihre
Augen wurden gütiger, versonnener, und wenn der treue Freund neben ihr
stand, so streichelte sie seine Hand, die neben ihrem Kopf herabhing, und
ihre Lippen nannten ihn wie früher leise: Freund.

Sie gedieh und wandelte sich allmählich in eine reife Blüte. Als sie mit
dem schwachen Kindchen auf den wiegenden Knieen wieder vor der Halle saß,
sah Josef sprachlos auf sie, deren Augen von innen erleuchtet schienen.

Maria hob ihr zartes Gesicht lächelnd zum tiefblauen Himmel auf, von dem
die düstere Gotteshand nach der jungfräulichen herabgegriffen hatte,
öffnete leicht die Lippen gegen das Licht zum Kuß, blieb lange so.

Und so senkte sie dann den friedensstillen Kopf und die Brust halb über das
unschuldige Kindchen, das von ihren duftenden Händen gehalten auf ihrem
Schoße lag, auf ihrem weiten, weißen Gewande, dessen Falten mattblau
schatteten:

»Ich liebe dich, ich liebe dich, du Gottespfand.«



Die Verwandlung


Erna Reiß gewidmet

Die ersten Jahre der Ehe dieser beiden, der Königin und des Prinzgemahls,
waren friedlos verlaufen. Als aber das Kind, der Thronerbe, in dem alten
Schlosse schrie, öffneten sich die eisernen Torflügel des Seitenportals;
auf den Steinen des Schloßhofes stand die schlanke, blasse Königin, sie
schwang sich in den Sattel, jagte, von einer kleinen Kavalkade gefolgt, auf
dem Schimmel durch die winkligen Straßen, zwischen den gebückten Häusern,
über den Marktplatz, auf die gelben Wälder. Nun sprengte die wilde Königin
wieder durch die verschlungenen Waldungen; auf den Nachbardörfern fanden
Picknicks statt, Maskerade und Mummenscherz in Dorfsälen, bei denen stets
ein reserviertes Nebenzimmer voll war von den glühenden Wangen ihrer
königlichen Majestät, von dem Zittern ihres frechen Leibes wie der
prustenden Laune ihres Mundes, von der verhüllten Süße ihrer abgehackten
Stimme, prunkvolle Feste, bei denen ein leiser kranker Kavalier ihr Flieder
reichte, das Gesicht in ihre Brust vergrub und an ihrem Hals weinte, vor
Glück, Angst und Selbstverachtung. Auch der Prinzgemahl zog wieder einsam
seines Wegs wie ein Mönch. Mit traurig gekräuselten Lippen sah man die
dicke Gestalt durch die Säle schlendern, ihn, bald zutunlich wie ein
Kätzchen, bald träge und faul, fließend von Ironien und Selbstspötteleien.
Er war wortkarg; man hörte aufbrausende Worte aus seinem Munde. Abends
schlich er ohne Diener in den Damenflügel, legte seinen wunden Kopf in den
Schoß eines schmächtigen, schwarzen Hoffräuleins mit strahlenden Augen.
Jetzt sah man nicht mehr die Röcke der Königin schief sitzen; keine
Haarnadeln, die sie verloren hatte, lagen auf den Korridoren; die Treppen
fühlten nicht mehr ihre müden verzagten Füße; lachend gingen diese beiden,
Königin und Prinzgemahl, durch die dunklen Säle nebeneinander. Sie trug
eine blaue Schleife aus Seide über dem rechten Ohr; aus dem Haar hing sie
herab; ihr Geliebter hatte sie gebunden. Im Knopfloche des Prinzen steckte
die Purpurnelke, daran flatterten offen zwei schwarze Frauenhaare.

Es war eines Mittags, daß nach fröhlichem Plaudern erst die Königin, dann
der Prinz verstummte, daß die Königin langsam aufstand, durch die Reihe der
Lakaien wortlos hindurch aus dem Speisesaal ging, daß der Prinz mit einem
versunkenen Blick auf seine linke Hand sitzen blieb, die neben ihrer
rechten gelegen hatte, sein Besteck zusammenschob, wortlos auf sein Zimmer
ging. Die Adjutanten und Damen des Gefolges speisten rasch ab. Die Gemächer
der Königin waren geschlossen; die Königin, hieß es, stände seit ihrer
Rückkehr am Fenster, sei garnicht erregt; sie würde ihr Zimmer bald öffnen.
Der rote Hofrat, ein massiver riesenstarker Jurist, mit strohblondem
Vollbart, gütigen Augen, brummte, es werde doch einmal zu einem offenen
Eklat kommen. Das gelbe Knochengesicht neben ihm mit pechschwarzen Augen
und Haaren, vorgeschobener Unterlippe, ein Männlein mit einer Hakennase,
der Hofarzt, zerknautschte sich zu einem hoffnungsvollen Lächeln.

An der Abendtafel saßen sie ernst beieinander. Es war ihnen nichts
abzumerken; nicht bei den Gesellschaften des nächsten Tages. Sie berührten
sich nicht, sie rückten mit den Stühlen voneinander ab, sie sprachen
freundlich mit abgewandtem Gesicht zu ihrer Umgebung; kaum ein Wort
wechselten sie miteinander. Beider Stimmen klangen höher, und es schien,
als ob einer zu dem andern hinüberlauschte.

Es war ein furchtbarer Moment, als sie sich am dritten Tage auf dem Gang zu
den Gemächern der Königin trafen, stehenblieben und sich die Hände gaben,
eines Morgens, eines grauen Morgens. Der Prinz hielt sie an der Schulter;
minutenlang sahen sie sich und sahen immer wieder zur Seite. Jedes
zitterte; das taten sie sonst nur bei geschlossenen Augen. »Geh, geh,«
bettelte sie, huschte den schmalen Korridor zurück.

Er saß auf seinem Zimmer. Der dicke Prinz nahm einen Schemel und setzte
sich vor seinen Kostümschrank. Als er seufzte und sich reckte, stieß er
einen Blumenständer mit einer ungeheuren Vase um. Das Wasser spritzte an
seine Stiefel; er rückte weg, schüttelte gedankenlos den Kopf, setzte sich
dicht an den geöffneten Schrank, wühlte in den Sachen.

»Geh, geh«; das klang wie »komm, komm«. Eine blonde Perücke hielt er in den
Händen und drehte sie. Sie ist gut, dachte er, recht gut; eine gute
Perücke. Sie störte ihn gar nicht, das wunderte ihn, machte ihn
eigentümlich ruhig. Er setzte sie sich auf. Er ließ sein Gefühl ganz
strömen in die Kopfhaut, an die Perücke, um sie wohlig auszukosten. Was
noch? Mokka trinken. Kein Mokka, nichts trinken, nichts. Er lief auf den
Zehenspitzen zur Tür, schloß auf, versperrte den ganzen Korridor, stellte
die Klingel ab, hielt den Pendel der hohen Wanduhr an. Sah sich dann wieder
in seinem Zimmer um, summte durch die Zähne. Er saß tiefsinnig auf dem
Taburett. Stück um Stück der Gewänder zog er zu sich heran, tastete sie ab.
Ein Wams gefiel ihm, das legte er sich über das Gesicht; es roch nach
Flieder. Er legte es sich an, band sich einen dünnen Kavalierdegen um,
strich vor dem Spiegel an seinen Kleidern herunter. »Komm, komm«. Er
schauerte zusammen, schloß leise die Tür auf und schlich, immer durch die
Zähne summend, den Korridor entlang. In der Mitte blieb er plötzlich
stehen, lief auf sein Zimmer zurück, suchte am Boden einen Büschel roter
Purpurnelken aus den Scherben auf, legte ihn behutsam über den linken Arm.
Er ging über die Schwelle; als sich eine Klinke am Ende des Ganges rührte.
Die Tür schloß leise auf; ein helles Tageslicht fiel schräg aus dem Gemach
der Königin auf den engen Gang; leichte rauschende Schritte näherten sich,
das schmale, herrische Gesicht der Königin. Sie trug eine schwarze
Perrücke, deren störrische Locken ihr über die totblassen Wangen fielen;
eng lag ihr ein höfisches schwarzes Seidenkleid an. Sie gingen Arm in Arm,
sie gingen spazieren durch die leeren Gemächer, sie gingen stumm die
spiegelglatten Empfangssäle, die Speisesäle; sie gingen durch die dunklen
Bildersäle. Wie frei er sie führte, wie gut ihre Schritte Takt hielten. Sie
hatte das Gesicht von ihm abgewandt, die wilde Königin. Nur als sich ihre
Arme an der Türe der Königin lösten, wurden ihre Wangen glühend, ihr Atem
flog. Er legte behutsam auf ihre Schwelle den Nelkenbusch nieder; die wilde
Königin nahm seine warme Hand, führte ihn über die roten Blumen hinweg in
ihr Zimmer; vor einem Haufen von Briefen, Blättern und Bändern standen sie
mit gesenkten Köpfen, hielten sie sich an den Schultern, berührten sich
ihre Stirnen.

Die Tür schloß sich hinter ihm; er saß auf dem Taburett vor seinem Spiegel,
strich an seinen Kleidern herunter. Er wollte sie ablegen; es widerstrebte
ihm irgend etwas; die Ärmel schienen festzukleben. Er erschrak vor seinem
kurzgeschorenen blonden Haar; als er seine eigene Uniform angelegt hatte,
fuhr er liebkosend über die fremden Gewande, die er auf dem Teppich
ausgebreitet hatte. Heimlich stieß er von hinten mit dem Hacken in den
Spiegel, schlug Nägel in das bloße Holz, hing das fremde Kostüm offen auf.

Sie saßen bei der Mittagstafel beisammen; jetzt lenkten sie ihre Blicke
zusammen. Er fuhr manchmal mit der Hand über sein Gesicht, seinen Kopf, riß
an seinem hohen Uniformkragen, suchte die Arme unter den Tisch zu
verstecken; kam sich maskiert vor. Die herrische Königin spöttelte mit ihm;
mit einmal legte sie ihr Besteck hin; die Tränen stürzten ihr aus den
Augen; sie knirschte mit den Zähnen. Man lief ihr nach, als sie sich jede
Frage verbat. Sie lag nach einer Stunde ruhig lesend im Bett und bemerkte
nur, daß sie das Geschrei ihres Kindes störe; man solle das Kind in einem
andern Teil des Schlosses unterbringen. Sie würde morgen den Hofarzt
fragen, ob nicht vielleicht der Meeresaufenthalt für das schwächliche Kind
besser sei als die Schloßluft. Die alte Hofdame, die auf einem Stuhle
bekümmert neben ihr saß, wollte erschreckt etwas erwidern, aber die Königin
wiederholte, sehr bestimmt sie anblickend, ihre Frage, ob sie nicht auch
die Meeresluft für das Kind besser halte als das Gebirge. Worauf die alte
Dame auf ihrem Stuhle rückte, an ihrer langen Goldkette nestelte und mit
beherrschter Stimme beipflichtete.

Entsetzt aber stand sie am Abend auf, -- es mochte bald zehn Uhr sein, --
als die junge Königin, die sich an den Flügel gesetzt hatte, sich nach
einigen klimpernden Tönen von ihrem Sessel erhob und sagte, man möchte den
Grafen Hagen, den Dichter, auf der Stelle zu ihr befehlen. Sofort und ohne
Verzug wolle sie ihn auf ihrem Zimmer empfangen, und zwar allein, ohne
Zeugen. Die junge Majestät schrie, indem sie krachend den Flügeldeckel
herunterwarf, sie werde die alte Hofdame ohrfeigen, wenn sie überhaupt noch
einmal den ledernen Mund aufzumachen wage, und sie auf den Gänsehof jagen,
auf den sie gehöre. Sie werde allein den Kavalier empfangen, auf ihrem
dunklen Zimmer, nachdem sie sich zu Bett gelegt habe, und sie könne den
Ministerrat und alle Gichtiker des Landes davon benachrichtigen, sofort,
telephonisch, heute, morgen, übermorgen, wann sie wolle. Sie blieben
schweigend in dem hellerleuchteten Musikzimmer sitzen; die Königin hob den
schwarzen Flügeldeckel auf, spielte eine hastige Mazurka, die alte Hofdame
hielt sich das Spitzentuch vor die Augen. Um halb zwölf Uhr meldete man den
Grafen Hagen. Die Königin hatte ihn schon einmal in diesem Zimmer
empfangen, zwei Tage vor ihrer Hochzeit war es, in einer späten Nacht. Der
bleiche Kavalier war gebeugt in das finstere Zimmer getreten, in dem nur
eine matte Flügelkerze brannte; die Königin lag versunken in ihrem weichen
Lehnstuhl. Auf dem Teppich standen viele Hochzeitsgeschenke herum, Vasen,
Bilder, Truhen. Er sah nichts als die Königin; kein Wort schenkte er ihr,
die seinen heißen Kopf im Schoß hielt, als: »Mich ekelt's vor dir, mich
ekelt's vor dir.« Dabei schauerte er immer und konnte den Blick nicht von
ihren tiefliegenden Augen reißen. Auch sie schaute auf nichts als auf den
Dichter; und was sie ihm sagte, unter Küssen auf Hände, Finger, Mund,
Wange, Haar, unter Liebkosen und Wiegen, war eines: »Lebewohl«. Jetzt
schlug der Graf die Portiere zurück; die erschrockene alte Dame wollte, als
er sich tief verneigte, mit einem verzweifelten Händeringen ins Nebenzimmer
gehen; die Königin aber fixierte sie starr, sagte nach einer Weile: dies
sei nicht nötig. Sie ließ den blonden Kavalier unter dem blitzenden
Kronleuchter stehen, fragte ihn nach den Ergebnissen der letzten Jagd, die
sie zusammen gemacht hatten, ob er sich schon wegen seines Avancements im
Regiment umgesehen hätte. Dann erhob sie sich, dankte für seinen Besuch,
wünschte ihm gute Nacht. Fragte die alte Dame lachend, die Hände in die
Hüften gestemmt, wie lange sie hier noch sitzen wolle, wann sie denn die
Depeschen abzuschicken gedenke. Die schüttelte den Kopf.

In dem alten Schloß blieb es stille, bis zu dem Morgen, an dem der Graf
trotz des Verbots der Königin in ihr Zimmer drang; er weinte vor ihr am
Boden liegend, sie schlug ihn mit der Gerte ins Gesicht. Mit Aufglühen und
Erbleichen, knirschenden Zähnen und Zittern hörte sie ihn an in ihrem
Lehnstuhle, als er sie bei aller verflossenen Süße und Zärtlichkeit
beschwor; er taumelte mit einer blutigen Strieme im Gesicht aus dem Zimmer;
reiste am Mittag ab. Schon über eine Woche sah man den Graf nicht; da
meldete der Hofmarschall der Königin sein Verschwinden; sie lachte
höhnisch; die Dienstboten müßte man noch öfter wechseln. Ob er noch lebe;
als der Marschall bejahte, brach sie in ein ganz wildes Gelächter aus: »Sie
sehen, Marschall, wie richtig Schiller singt: Oh Königin, das Leben ist
doch schön.«

Das schmächtige schwarze Hoffräulein verließ ihr Zimmer nicht mehr. Der
gelbe Hofarzt behandelte sie wegen einer plötzlichen Geistesverwirrtheit
und ließ sie bewachen. Sie hatte einen Brand auf ihrem Zimmer verursacht,
als sie in einer Nacht ihre gesamten schwarzen Kleider mitten auf dem Boden
aufhäufte und mit Briefen anzündete. Der Qualm war bis in die Gemächer der
Königin gedrungen. Nach einigen Wochen wurde sie klarer, war zum Skelett
abgemagert, trug der Königin einen Wunsch auf Heimatsurlaub vor. Zwei Tage
später fand man sie ertränkt in dem Teiche ihres väterlichen Gutes.

Aber die wilde Königin und der dicke Prinz gingen stundenlang in dem weiten
Park hinter dem Schloß spazieren; der Diener, der ihnen folgte, berichtete
nur, daß sie selten miteinander Worte wechselten. Sie nahm jeden Ruf und
jede Hoffnung von seinen müden Augen, seinen Mienen ab, sie prägte sich
selbst ihm ein mit unverwandten Blicken, senkte ihn vor sich hin zu
demütiger Zärtlichkeit. Kein Gebüsch war so still, daß die Wandelnden das
Rauschen nicht störte, wenn sie zueinander hinüberlauschten. Als sie eines
Abends vom Garten hinauf in das Musikzimmer gingen, schleppte ein langes
Geraune über die Korridore vor ihnen her. Wie in Decken gehüllt glitten sie
über die Gänge. Vor einem kleinen Kreis drin öffneten sich die Flügeltüren,
und herein traten über das spiegelnde Parkett Königin und Prinzgemahl, ohne
Masken, wie Gespenster, ähnelnd den entschwundenen beiden, Grafen und
Komteß. Aus den Augen der strengen Königin leuchtete die schwarze Wildheit
der Toten, über der schwermütigen Ruhe des Prinzen lag ein gebeugtes
Leiden. Der glattrasierte Hofprediger seufzte: die beiden trügen offenbar
schwer an ihrer Vergangenheit; spitz formte der mongolische Mischling, der
Hofarzt, den Mund, legte das Kinn auf das weiße Vorhemd, indem er die
beiden fixierte; ihn chokiere weniger die merkwürdige Art, wie das
Vergangene an ihnen arbeite, als wie sie die Gegenwart, die augenblickliche
Gegenwart vergäßen. Dies chokiere ihn ernstlich des Lebens dieser beiden
willen.

Die beiden hatten unablässig nebeneinander zu sitzen, unablässig
miteinander zu flüstern. Die Königin zog sich von den notwendigen
Regierungsgeschäften zurück; sie übertrug wichtige Funktionen den alten
Männern ihres Staatsrates; sie sagte die öffentlichen Empfänge ab, sie
erschien nicht bei den Hoftafeln. Eines Morgens stürzte sie in schneeigem
Kleid den engen Gang zu seinem Zimmer hin; die schwarze Glut in ihren Augen
war verblichen, sie riß mit fahrigen Händen die Türen seines
Kostümschrankes auf, wühlte, wühlte am Boden liegend, während er sie
tröstete, in den Sachen. Mörderische Griffe ihrer Finger zerfetzten die
blonde Perücke, zerknäulten, zerlumpten das fliederduftige Wams. Auf ihrem
linken Oberarm hatte sie eine alte tiefe Bißwunde. Sie stand auf, nahm
einen blanken Perserdolch von seinem Tisch, schnitt die Narbe aus ihrem
Fleisch heraus, stieß das Leinen zurück, mit dem er das spritzende Blut
stillen wollte. Sie warf sich in Krämpfen auf den Boden hin, schlug mit den
Fäusten gegen ihren Mund, gegen ihre Brust, bettelte: »Du mußt hingehen; du
mußt das Kind umbringen. Es ist nicht meines, es ist eine lebendige Lüge.
Wenn du es gut mit mir meinst, mußt du das Kind umbringen. Ich kann es
nicht.« Dann fuhren sie verzweifelt auf, suchten in den Mienen, tasteten
die Gesichter ab. Sein Kopf hing über ihre Schulter, sie weinte ein
trostloses: »Du, du.«

In langen Tagen flossen ihre Tränen ab. Als sie wieder den weiten Park
hinter dem Schloß gingen, war unvermerkt der bunte Herbst gekommen. Über
die Gesichter dieser beiden, der wilden Königin und des schwermütigen
Prinzen, hatte sich ein dichter Schleier gelegt. Eine tiefe unnahbare Ruhe
schritt wie ein gepanzerter Wächter um sie herum. Sie zogen auf die Jagd,
sie schossen die klagenden Rebhühner auf den struppigen Feldern; in Lachen
und Glut ritten sie nebeneinander zurück. Aber wer sie im Dunkeln
heimreiten sah, erkannte, daß die gleiche Verschlossenheit über ihren
Gesichtern hing, wie das glitzernde, spinnwebdünne Gewand, das über die
Meerfrauen fließt und mit Anbruch der Nacht phosphoresziert. Zum Erstaunen
des Hofes trennten sich die beiden eines Tages. Der Prinzgemahl verschwand,
ohne daß jemand wußte wohin. Als er nach drei Tagen zurückkehrte, erklärte
er gelassen, daß er eine geheime Sendung der Königin ausgeführt hatte; in
den internen Kreisen war man über die Maßen bestürzt und beunruhigt. Ein
Gerede erhob sich im Lande.

Bis eines Tages beide völlig des Landes verschwunden waren. Indessen in der
Hauptstadt das Militär in den Kasernen blieb, die Polizei fieberhaft
arbeitete, der Ministerrat zusammentrat, stieß von der Küste ein Dampfer
ab, der seit einer Woche dort geankert hatte. Nur eine kleine Mannschaft
grüßte ehrfurchtsvoll die fremde Königin und den Prinzen, die in weiße
Mäntel gehüllt, sich auf dem Deck ergingen. Das Schiff fuhr über den Ozean
fünf Tage; dann ankerte es vor einer kleinen Insel; ein Boot setzte die
fremde Königin und den Prinzen an Land.

Es war eine Insel, an dessen Strand nur arme Fischer wohnten; meilenweit
entfernt an der anderen Küste lag ein kleines Dorf. Was sich damals
zwischen der jungen Königin und dem schwermütigen Prinzen begab, bei den
Fischersleuten auf der kleinen Insel im blauen Ozean, ist schwer mit Worten
zu erzählen; daß sie am Fuß der weißen Kalkfelsen saßen, oder weiter zurück
unter den hohen Palmbäumen, daß sie sich kaum minutenlang aus den Augen
verloren; daß die Königin, blasser und blasser, nur selten schluchzend den
Kopf auf ihre Brust fallen ließ, und der Prinz die Hand vor seine Stirn
hielt. Die Blicke der Frau wanderten hin und her zwischen dem Meer und
seinem Angesicht; wenn er das blaue Wasser nicht sah, wußte er nicht, ob er
in ihre Augen oder in sich schaute. So fest sie sich umschlangen, so tief
sie sich küßten, die Schwermut der beiden, ihre Angst zueinander, kannte
kein Ende.

Die Abendröte lohte über dem glatten Meer. Sie saßen tagelang in ihren
weißen Mänteln unter den Felsen. Nur die Hände streichelten sie sich
manchmal. Ihre Blicke hingen an dem glitzernden grenzenlosen Wasser. Ihre
stillen Gesichter hellten sich auf. Eine unermeßliche Ruhe atmete das Meer,
die dehnte sich über die Ufer, nahm den Strand, die Kiesel, Muscheln,
Felsen in sich hinein, rührte an die Stirne der beiden.

Bis morgens die gelbe Sonne über den kleinen Strand schien. Da raschelten
die Kiesel, klangen die feinen Steinchen. Über den Sand schleppte der
Purpurmantel der wilden Königin. Die ging einsam, in voller Pracht, langsam
nach dem blauen Meere zu. Auf dem blonden Haar trug sie die goldene Krone.
Von den strengen Schultern fiel der Purpurmantel mit breitem Brokat. Ihr
schmales Gesicht war glatt und süß. So ging die junge Königin allein über
den dünnen Sand in der flimmernden Luft nach dem blauen Meere zu. Zwei
graue Seemöven watschelten im Sand hinter ihr; sie folgten der Königin auf
Schritt und Tritt.

Von einer weißen Klippe stieg der schwermutige Prinz herab, mit bloßem
Haupt, in einem blauen Samtmantel; seine schwarzen Kniehosen waren aus
blankem Atlas, silberweiß waren die Schnallen seiner Schuhe. Er trug einen
runden hohen Stab in der rechten Hand.

Kaum eine Welle warf der blitzende Ozean, als von der Insel heranschritten
die blasse junge Königin und der stille Prinz. Die Wellen schaukelten; mit
flachem Handteller strich der Wind über das glückliche Meer. Dicht schossen
die Möven über die kühl hauchende Fläche.

Oben auf dem flinkernden Wasser schwammen nebeneinander ein runder Stab und
eine goldene Königskrone.



Die Helferin


In New York erregte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Prozeß des
Fabrikanten Grasso ungeheures Aufsehen. Man sprach monatelang von der
rätselhaften Angelegenheit und ihren furchtbaren Begleitumständen. Der
Krieg mit den Südstaaten brach aus, ehe man sich beruhigt hatte. Als nach
einundeinhalb Jahren der Friede geschlossen wurde, war die Erinnerung an
den Vorgang ausgelöscht; und jetzt lassen sich die Einzelheiten nur noch
stückweise zusammenfinden. Sie sind überwuchert von mythischen Bildungen;
sie lassen staunen, wie Unglaubliches dem Menschen begegnen kann, mit wie
lächelnder Lippe er daran vorübergeht und alles weiterzieht wie früher.

Gegen Ende der fünfziger Jahre florierte an der Peripherie der Stadt --
jetzt gehört die Gegend völlig zur City -- ein Beerdigungsinstitut. Der
Besitzer Grasso war mit seiner Frau vor fünf Jahren aus Italien
eingewandert. Er hatte sich vergeblich als Hotelier versucht, war dann
Schreiner geworden und hatte dabei soviel erworben, daß er ein älteres
Sargmagazin übernehmen konnte. Es gab damals kaum 200 000 Menschen in der
Stadt. In nicht langer Zeit hatte der Italiener es fertig gebracht, daß das
Beerdigungswesen völlig in seine Hände überging, daß nur noch einzelne,
mehr behördliche Aufträge an andere Firmen gelangten, von Krankenhäusern,
Militärlazaretten. Die Konkurrenzgeschäfte gingen rapid zurück. Nicht die
kapitalkräftigsten, die sich verzweifelt wehrten, konnten sich neben Grasso
behaupten, dem, ohne daß er Lärm machte, alles mühelos zufiel.

Erst später, bei der Untersuchung des Falles, stellte sich heraus, daß
Grasso ganz unbeteiligt an diesem Aufschwung seines Geschäftes war. Die
Blütezeit des Hauses fiel nämlich ziemlich genau zusammen mit dem Eintritt
eines jungen Angestellten namens Mike Bondi. Dessen Herkunft war völlig
unbekannt; nur bemerkte man, daß er sich italienisch mit seinem Herrn
unterhielt. Man sagte, er sei schon bei seiner Anstellung etwa zwanzig
Jahre alt gewesen. Aber jeder überzeugte sich, daß er in den fünfzehn
Jahren seiner Tätigkeit um keine Spur älter geworden war. Und
Photographien, die man später bei ihm fand, die ihn Arm in Arm mit Herrn
Grasso zeigten, bewiesen überraschend, daß dieser Mensch anscheinend
unbeweglich in der Zeit stand. Keine Linie seines knabenhaft zarten
Gesichtes hatte sich vertieft, seine tiefschwarzen Haarsträhnen fielen noch
immer in eine niedrige, weiße Stirn. Ja, auch seinen Kleidern -- es ist
etwas lächerlich, dies zu berichten -- schien die Zeit nichts anzuhaben;
denn niemand hatte gesehen, daß er sich neue kaufte; er trug immer einen
schwarzen Anzug, eine lockere, blusenähnliche Jacke mit blanken Knöpfen,
von einem altertümlichen Schnitt, wie man sie vor Jahrzehnten vielleicht
getragen hatte. Es wußte bei den Prozeßvernehmungen auch niemand, wo der
Mensch sich nachts aufhielt; manchmal soll er in dem Geschäft übernachtet
haben, meist aber fuhr er abends auf einem Wägelchen, das ihm gehörte, nach
St. Floridan zu, auf der alten Landstraße, und verschwand dann für viele
Stunden völlig. Aber all dies ist unsicher und gehört in das Gebiet jener
Sagenbildung, von der ich vorhin sprach. Mike war von kleiner Gestalt; er
ging stets in einem weichen Filzhut, mit einem dünnen Stöckchen. Sein Gang
war weich und schleichend. Über seine Augen läßt sich nichts sagen; denn
die hatte niemand gesehen. Immer hielt er die Lider gesenkt; und wenn einer
mit ihm sprach, so drehten sich die Augäpfel hinter der zarten Lidhaut.
Nicht selten zogen sich seine sehr schmalen Lippen zu einem schönen,
demütigen Lächeln zusammen. Die Sanftheit und Musik seiner Stimme war
unsäglich; sie erklärt vielleicht zum Teil den außerordentlichen Einfluß
Mikes. Denn, was er sagte, war einfach und ganz sachlich; er redete sehr
wenig und neben seinen geschäftlichen Dingen nur von Bäumen, Wurzeln,
Feldern und Tieren, für die sich die Städter sonst sehr wenig
interessieren. Ihn begleitete das Glück. Es bildete sich heraus, daß
täglich Mike Bondi durch die Straßen New Yorks wanderte, gefolgt von einem
hohen russischen Windspiel, einem weißen, ungeheuren Tier, das auf seinen
Beinen so lautlos wie er schritt, und das mit leeren Augen um sich blickte.
Mike Bondi ging in die Wohnungen der Kranken hinauf und sprach mit ihnen.
Niemand wehrte ihm; die Kranken ließen ihn zu sich rufen, eher noch als
einen Priester oder Arzt, und waren ihm dankbar für die Minuten, die er mit
kargen Worten ausgefüllt hatte. Sie wurden ruhiger und schmerzfreier, die
er verließ, aber sie starben alle, wie sich bei den Erhebungen des
Prozesses ergab, starben nach nicht einer Woche in großem Frieden, ohne daß
ihnen einer helfen konnte. Die ihn einmal gesehen hatten, faßten ein kaum
erklärliches Zutrauen zu ihm, und ließen ihn, wenn sie schwer erkrankten,
wie in einer unentrinnbaren Sucht zu sich kommen. Er trat nicht an sie
heran, er gab ihnen nichts, er berührte sie nicht. Dies stellte sich alles
bei den Erhebungen des Prozesses heraus.

Mike Bondi war nicht befreundet mit der Frau seines Herrn. Frau Grasso
liebte feurige Männer; aber eifersüchtig, wie untreue Weiber sind, freute
sie sich, daß ihr Mann, Mädchen abhold, sich an Bondi anschloß. Wenn sie
spät abends nach Hause kam, noch hochatmend von einer zarten Begegnung,
warf sie sich ihrem Mann an den Hals, der Arm in Arm mit dem stillen
Sonderling auf dunkeln Straßen spazierte.

Am Ausgang des Frühlings starb plötzlich die junge Frau eines
Rechtskonsulenten Martin in ihrer Wohnung neben Grassos Magazin. Der
Witwer, dem sie zwei kleine Kinder hinterließ, konnte sich nicht trennen
von dem toten Weibe; und in der angstvollen Nacht nach ihrem Abscheiden kam
ihm die Idee, die Leiche von dem Sterbelager zu entfernen, sie so schön, so
kostbar auf einem Sarkophage aufzubahren, wie seine Hände es vermochten. Er
wurde unter dieser Vorstellung lebendig, stieg noch gegen 11 Uhr von seinem
Lager, kleidete sich an und ging zu Grasso herunter, mit dem er alte
Freundschaft hielt. Die Türen des Magazins waren geschlossen; durch die
Ritzen der Jalousien zitterte ein trübrotes Licht, lag in feinen Linien auf
dem Straßenpflaster. Herr Martin öffnete den breiten Torweg, stolperte über
den stockfinsteren Hof, kam durch eine angelehnte Seitentür auf den langen
Korridor, der unmittelbar in das Magazin führte. Der Vorhang zum Magazin
rauschte leise. Mit Mühe fanden sich seine Augen zurecht. An den Wänden, in
den Gängen, unter niedrigen Wölbungen lagerten die Särge. Sie standen
geöffnet. Sie standen da, nicht erwartungsvoll, nicht mit Gier, -- mit
geheimnisvoller Leere, versunken in sich, und nur einige seufzend und
schmachtend. Und in dem trübroten Flackern einer Lampe sah Herr Martin eine
Bewegung in der Nische hinten, hörte flüstern. Herr Grasso kniete dort vor
einem Sarge; aus dem hoben sich zwei weiße Arme; Spitzenärmel fielen von
ihnen zurück. Herr Grasso beugte seinen Kopf tiefer, drückte sein Gesicht
in die niedrigen Brüste eines Weibes. Er murmelte: »Bessie« und vieles, was
sehr leise war; sie antwortete: »Ernesto«, lachte und weinte durcheinander;
sie hatte eine sehr süße Stimme.

Herrn Martin schlug das Herz bis in den Hals hinauf; er ging aufs tiefste
erschrocken rückwärts hinaus, vergaß seine Bestellung. Er lag, ehe er es
wußte, in seinem Bett, kleidete sich mit dem Morgengrauen an und lief zu
Frau Grasso, die in ihrer Küche stand mit losen Röcken und sich, verblüfft
über den frühen Besuch, ein Tuch umlegte.

Sie war erst ungläubig und beobachtete ihren Nachbarn, da sie glaubte, er
sei verwirrt über den Tod seiner jungen Frau. Aber dann hielt sie inne mit
dem Scheuern, stieß die Kaffeemühle auf den steinernen Boden herab, biß
sich tief in den linken Vorderarm und wühlte in einer Schublade nach einem
spitzen Küchenmesser, das sie einmal um das andere in die Holzwand der
Küche stieß. Sie schrie, wem denn das gemeine Frauensbild ähnlich sähe, ob
er denn so wenig teilnahmsvoll wäre, daß er nicht einmal eine Vermutung
darüber aussprechen könnte. Nach lautem, hemmungslosen Weinen erhob sie
sich resolut, erklärte, sie werde heute nacht alles selbst feststellen. Und
mit einer Sicherheit, die Herrn Martin in Staunen versetzte, riß sie die
Wohnungstür auf, rief ihren Mann herein und sagte ihm, indem sie zum
Fenster hinaussah und das dichte schwarze Haar flocht, Herr Martin habe ihr
mitgeteilt, daß ihre Mutter in Starton, einem Vororte, erkrankt sei; sie
müsse gleich auf zwei bis drei Tage hin. Dann setzten sich die drei
schweigend im Wohnzimmer am Kaffeetisch nieder, wo Frau Grasso öfter stark
zitterte und einmal die Tasse auf den Boden fallen ließ. Herr Grasso
meinte, dies bedeute Glück für ihre Mutter.

Abends gegen zehn Uhr schlüpfte sie, nachdem sie tagsüber in der Wohnung
des Herrn Martin dessen kleine Kinder gehegt hatte, über die dunkle Straße
in den Hof. Sie sah durch das offene Fenster Herrn Grasso allein im
erleuchteten Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen; mit traurigem Gesicht,
zusammengesunken, blickte er vor sich hin. Der schwerfällige Mann bewegte
seine Lippen; sein faltiges Gesicht war sehr schlaff; als er nach dem
Fenster blickte, schwammen seine entzündeten Augen in Tränen.

In einem schmalen Sarge, dicht an der Tür, lag sie. Ihre Zähne klapperten;
ihre Hände flogen, daß sie kaum das Küchenmesser festhalten konnten. Kurz
vor 11 Uhr kam ein Schritt über den Korridor, weich und schleichend; leicht
rauschte der Vorhang. Ein kleines Licht flackerte und sie erkannte mit
einem Blick Mike Bondi. Sie hatte ihn tausendmal gesehen, sie kannte seine
leicht gebeugte Haltung, die glatten Haare in der weißen, niedrigen Stirn,
die gesenkten Lider. Aber jetzt erfüllte sie sein lautloser Gang mit
Entsetzen. Es war ihr, als würde sie matt. Dies war nicht der Gang eines
Menschen. Sie mußte sich strecken, den vollen Arm auf den Mund pressen, um
nicht zu kreischen.

Er drückte das Licht mit einem Finger aus, als er an ihr vorüberging. Sie
schloß die Augen, und wie sie die Lider hob, sah sie Mike Bondi nicht mehr.
Aber dort, wohin er gegangen war, stand in der Finsternis ein weißer
Schein, ging lautlos ein gebücktes Skelett langsam weiter, schlürfte der
leibhaftige Tod. Sie sah noch den Schein über einem Sarg, in den er sich
geschwungen hatte. Da hallte der schwere Schritt des Herrn Grasso durch das
Gewölbe; er ging an der Frau vorüber, die mit einer Ohnmacht rang, zündete
die Öllampe an. Frau Grasso richtete sich, das Messer zwischen den Zähnen,
auf; sie stieg hinter dem riesenhaften Mann her, hielt sich bei jedem
Schritt an Pfeiler und Mauer fest.

Vor dem Sarge, in den sich das Gespenst geschwungen hatte, warf sich der
breite Mann nieder; zwei weiße Arme hoben sich gegen ihn her; sie sah
zurückprallend die offene Jacke und die niedrigen, mädchenhafte Brüste, in
die sich ein faltiges, nasses Gesicht vergrub. Sie sah das stille
Mädchengesicht Mike Bondis sich aufrichten, sah, an die Tür zurückweichend,
wie Mike den Gebrochenen an sich zog unter zarten Abschiedsworten, wie sie
sich umschlangen. Sie hatte noch die Kraft, sich in die Küche zu schleppen.
Zwei Stunden lag sie besinnungslos. Den Rest der Nacht verblieb sie auf der
Polizeiwache, wo man die Frau für krank hielt. Erst am nächsten Morgen, als
Herr Rechtskonsulent Martin geholt wurde, gingen zwei Beamte mit ihr in die
Wohnung und verhafteten den Besitzer und Bondi, die sich nicht
widersetzten.

Herr Grasso schwieg sich bei den jetzt folgenden Verhandlungen völlig aus.
Bondis körperliche Untersuchung ergab, daß man es mit einem zwanzigjährigen
Mädchen zu tun habe. Man vermochte nicht festzustellen, wer sie eigentlich
sei. Erst bei dem Lokaltermin, der nach drei Wochen in dem Gewölbe Grassos
stattfand, redete sie. Sie äußerte von vornherein, man würde ihr kein Wort
glauben, erzählte, daß sie Bessie Bennet hieße und aus Senn Fair bei New
York gebürtig sei. Sie habe vor achtzig Jahren dort gelebt; in ihrem
zwanzigsten Jahre sei sie von der Schwindsucht befallen gewesen und habe im
Hospital gelegen. Sie wäre unsäglich ungern vom Leben geschieden. Sie habe
mit dem Tode gerungen, wie wenige Menschen, habe es nicht glauben wollen,
daß sie sterben müsse, weil eine Lunge krank sei und sie selbst sei noch
zum Springen gefüllt mit Lebensbegier. Die unbekannte Macht, deren Namen
sie nicht nennen könne, stand da von ihrem Sessel auf und machte sie zu
einer Dienerin des Todes. Sie durfte wiederkehren, nicht aber zum Tanz. Sie
durfte im Namen der gütigen Macht töten, was gehen wollte; die törichte
Angst vor dem Sterben nehmen, sänftigen und rasch beenden. Sie sei als
Helferin unter die Menschen geschickt und bringe den liebreichen Tod. Sie
hätte Herrn Grasso liebgewonnen, und es wäre gut, daß sie jetzt schieden,
denn sie müßte sonst bald für immer seinetwegen sterben.

Es bestätigte sich, daß eine Bessie Bennet vor etwa hundert Jahren in Senn
Fair lebte, daß sie im dortigen Hospital in ihrem zwanzigsten Jahre starb;
ihre Leiche verschwand aber in auffälliger Weise auf dem Wege zur Autopsie;
zwei Krankenschwestern wurden wegen Dienstversäumnis trotz ihrer
Beteuerungen entlassen; alle Nachforschungen blieben erfolglos.

Als die Richter bei dem zweiten Lokaltermin die Feststellungen erwogen,
erhoben sie gegen Bessie Bennet, genannt Mike Bondi, die Anklage wegen
Giftmordes in zahllosen Fällen. Sie forderten sie auf, unverzüglich das
Pulver zu zeigen, dessen sie sich bedient habe, widrigenfalls man sie auf
das Spannbrett legen wolle, das man angesichts der Scheußlichkeit ihrer
Verbrechen werde hervorsuchen lassen. Auch befahl man ihr, endlich das
betuliche Wesen abzulegen und den Richtern frei ins Gesicht zu sehen.
Bessie, in dem schwarzen Anzug, den sie sonst trug, lächelte, aber ihre
niedrige Stirn wurde rot; sie bat, man möchte ihr die Handfesseln abnehmen
und sie gehen lassen. Die Richter, in Wut über den Hohn, schickten nach den
beiden Schergen, um sie zu peitschen. Auch der vielen Zuhörer bei der
Vernehmung hatte sich in Kürze eine unbezähmbare Erbitterung gegen die
teuflische Giftmischerin bemächtigt; sie schickten sich an, von ihren
Plätzen aufzustehen, gegen die Schamlose vorzudrängen; die Richter verloren
die Zügel über die Menge. Bessie trat noch einmal vor die Richter, sagte
leise, ihre gebundenen Hände zeigend, sie habe keine Zeit; man möchte ihr
doch die Stricke abnehmen und sie herauslassen.

Ein wüster Bursche schlug ihr von hinten auf die Schulter; der Pöbel tobte
über die Beute weg. In diesem Augenblick legte sich über alle Brüste eine
plötzliche Beklemmung. Einer schlug keuchend das Fenster ein, die frische
Luft half ihm nicht. Ein Richter stürzte mit blauen Lippen nach der Tür auf
die Straße und fiel hin. Die zehn Richter saßen wie schlafend auf ihren
Stühlen. Die alte Stille herrschte für einen Augenblick in dem Gewölbe,
unterbrochen von dem widerhallenden Aufschlagen von Körpern. Die Hörer
stürzten nach vorn über die Bänke weg. Die Schwarzhaarige ließ die großen
geöffneten Augen schweifen. Sie pfiff zornig und scharf durch die Zähne.
Ein Mann taumelte von draußen in den Raum, packte ihren Arm. Sie berührte
sein Haar, blies gegen seine Füße; das Feuer loderte an ihm auf; unter
heiserem Geschrei stolperte er zurück, krachte zu Boden.

Die Schwarzhaarige hatte sich selbst zusammengebogen. Sie brannte, sich
aufrichtend, ihre Schläfen berührend, mitten im weiten Gewölbe stehend,
gegen die Decke in schwarzer Flamme auf, stieg in einer qualmenden
Feuersäule über das Haus.

Der schwere Dampf erstickte die Menschen in allen Straßen der Nähe. Gerade
zwei Stunden währte die unerhört entsetzliche Brunst; etwa sechshundert
Menschen, Kinder und Frauen, verbrannten.

Dann lag der ganze Stadtteil in Schutt. Tagelang näherte sich niemand den
giftigen Dämpfen. Richter und Beschuldigte waren zugleich verschwunden. Den
liebreichen Tod sah man von Stund an nicht mehr durch die Straßen gehen,
gefolgt von seinem weißen, riesigen Windhund, der lautlos wie er schritt,
mit leeren Augen um sich blickte. Sondern Kranke sollen in ihren Delirien
angegeben haben, daß das fessellos weiße Tier sich auf ihre Brust schwang,
mit seinen leeren Augen sie ängstigte, mit seinen langen Fängen ihre Kehle
eindrückte.

Die Fabel von dem liebreichen Tod, von der Vertreibung seiner Gehilfin
blieb in dem Lande lebendig.



Die falsche Tür


Um vier Uhr morgens stellte der Wachtposten sein Gewehr gegen die hohe
Mauer des Kasernenhofes, zog die Löschkette der letzten Gaslaterne herab,
murmelte, den Fez ins Gesicht gedrückt, die Stirne nach Mekka gewandt, das
kurze Morgengebet. Durch die grauen Alleen trabten die Gemüsewagen, die
Eselsgespanne mit Milch nach der schlafenden Stadt. Die niedrigen Fenster
des Offizierkasinos warfen noch immer einen breiten Lichtschein über die
Straße weg bis an die Baumreihe der anderen Seite. In den langgestreckten
Speisesaal und die Spielzimmer drang kein Zug des eben anhebenden scharfen
Morgenwindes, im dicken Qualm bewegten sich die erhitzten Herren; sie lagen
in lockeren Uniformjacken in Klubsesseln. Sie drängten sich zu dreien und
vieren um einen grünen runden Tisch, schleuderten mit wilden Blicken ihre
Karten schräg über den Tisch, um nach einigen Minuten atemloser Stille in
ein lautes Geschrei auszubrechen, sich bei den Schultern zu fassen, im
Zimmer herumzutanzen. Am Kopfende des völlig verwüsteten Speisetisches
saßen hinter ihren Ehrenpokalen noch immer die beiden Brüder Kyrias, denen
der Abend gegolten hatte, saßen in einem trinkfesten Kreise und schwelgten
in Erinnerungen aus einer Mittelmeerfahrt. Der jüngere Kyrias, Nick
geheißen, schwarzäugig wie sein Bruder, aber feurig, vollwangig, mit
kurzgeschorenem starren Haar, einem kleinen Schnurbärtchen über den
wulstigen roten Lippen, sprudelte über und schwatzte unaufhörlich Dinge,
denen keiner zuhörte, mit seiner hohen weichen Stimme. Ab und zu ließ sich
der ältere Kyrias, ein vollbärtiger Hypochonder, von ihm fortreißen,
erzählte in feierlich stockender Art weiter, erschrak aber, sobald er an
eine Pointe kam, nahm unsicher ein Streichholz zwischen zwei Finger, stand
auf, lächelte und Nick mußte beenden. Nick erzählte von den riesigen
Summen, die sie beide in Monte Carlo gesetzt hatten, von den Kniffen, die
man beim Spiel anwenden mußte. Er hatte seinen Talisman ständig in der Hand
gehalten, hatte sich ein andermal die Stiefel heimlich unter dem Tisch
ausgezogen und in bloßen Strümpfen gespielt, hatte, als dies und vieles
andere nichts nutzte, zum Trotz eine alte häßliche Frau das Spielgeld an
einem Freitag Morgen von der Bank abholen lassen. Das Spitzglas fiel ihm
aus der fleischigen Hand und der Wein perlte über sein faltiges Vorhemd. Er
begann eben zu erzählen, wie er klug geworden war, als der Oberleutnant
Irfen aus der Spielzimmertür auf sie zukam und sich schweigend Nick
gegenüber auf einen Rohrstuhl aufpflanzte. Nick hatte dadurch gelernt, daß
er zunächst bei kleinen Einsätzen etwa drei Stunden lang den Verlauf des
Spieles beobachtete, daß er dann von einer augenblicklichen beliebigen
Kombination ausging und nun eine kleine Wahrscheinlichkeitsrechnung machte.
Die Chancen seines Spiels stiegen jetzt um etwa achtzig Prozent. Er nahm
von dem Schreibpulte am Fenster eine weiße Löschunterlage und malte mit
einem Kohlestift eine Tabelle auf.

Rittlings auf seinem Rohrstuhle sitzend, sah der lange Oberleutnant ihn
starr an. Das ungemein scharf geschnittene Gesicht war glatt rasiert, die
Oberlippe hing stark über und zuckte viel. Der Schädel kahl. Das Haar an
Schläfe und Hinterhaupt pfeffergrau und abstehend; in scharfem Winkel zogen
die Augenbrauen an der Nasenwurzel zusammen. Nur die Trunkenheit verlieh
seinen sonst schweifenden Augen den starren Blick und ließ durch das fahle
Grau der Wangen eine fleckige Rötung leuchten. Irfen war selten gesehen in
diesem Kasino. Er trieb sich -- das wußten seine Vorgesetzten so gut wie
der jüngste Rekrut -- in den niedrigsten Spelunken der Stadt herum, mußte
oft morgens in den schlimmsten Schenken von seinen Burschen gesucht werden.
Aber ein ungewöhnlicher Scharfsinn, ein eiserner Fleiß machte ihn unnahbar
für strenge Disziplinierung. Er war durch ein sonderbares Vorkommnis vor
rund drei Jahren aus der Hauptstadt in diese Provinzgarnison versetzt
worden. Als bei den damaligen Frühjahrsmanövern ein großes Avancement
stattfinden sollte, war Irfen für eine bevorzugte Stelle in dem Stabe
seines Korps vorgeschlagen. In der wundervollen Märznacht, tags vor dem
Ausrücken seiner Abteilung, jagte er über die Dörfer, trank sich in einer
Bauernschenke fest, beendete die Nacht bei einer verrufenen Dorfhexe, deren
Fenster er vorher einschlug. Morgens setzte er kurz vor der Inspektion auf
dem Übungsplatze mit einem Schimmel an, von dem er später selbst nicht
wußte, wem er abgetrieben war. Der Kommandeur ritt an dem Offizier vorüber,
der kerzengrade auf dem Gaul saß, aber Stroh im Haar hatte und dessen
linker Ärmel weit bis in die Achsel aufgeschlitzt war, riß noch einmal sein
Pferd um und sah nun erst verblüfft, dann ironisch lächelnd den Offizier
an. In der Nacht darauf hatte Irfen sein eigenes edles Pferd erschossen,
war in den Stall des Kommandeurs gedrungen, hatte auch dessen zwei kostbare
Pferde erschossen, nachdem er vorher den Stallburschen in widerlicher Weise
gemißhandelt hatte.

Über den Tisch langend, nahm er dem jungen Nick den Kohlestift und den
Löschbogen aus den Händen, sagte:

»Paß auf, Kamerad, wie deine Rechnung ganz richtig wird,« schloß die Augen
und fuhr mit dem breitgelegten Kohlestift nach allen Richtungen über die
Tafel, wobei er den Rand der roten Unterlage beschmierte. Auf die
erstaunte, etwas verwirrte Frage des jungen Nick, der sofort aufgesprungen
war, brach er in ein hartes meckerndes Lachen aus. Nick fuhr ihn,
aufrechtstehend, lärmend an, aber er setzte allen Aufforderungen, sich
näher zu erklären, nur ein höhnisches »Kismet; es gibt nur das Fatum«
entgegen, so daß die Unterhaltung einen peinlichen Ernst annahm und man in
den Nebenzimmern aufmerkte. Der graue Oberleutnant aber wandte plötzlich
sehr bedachtsam seinen Stuhl um, machte mit beiden Armen den Tisch vor sich
frei, setzte sich hin und legte sich breit, den Kopf auf den Armen, über
den Tisch hin. Das linke Auge kniff er zu, den linken Mundwinkel zog er
herunter, sein Gesicht bekam einen gespannten Ausdruck; er schlug mit dem
linken Arm wiegend auf die Tischplatte: »Sag, was du willst, Nick, tu was
du willst. Ich versichere: hast du das Glück, so kannst du deine Abteilung
rückwärts marschieren lassen über ein Stoppelfeld, und keiner stürzt dir
hin. Andernfalls: tue was du willst, quäle dich auf einer Pritsche ab,
zerarbeite dich, es nutzt nichts. Es kommt nicht zu dir, das Glück. Es hat
nicht den Schlüssel zu deiner Tür. Daran liegt's. Laß deine Hände weg
davon; es tritt nicht über deine Schwelle, niemals, wenn du auch mit einem
Strick an seinem Hals ziehst.« Der andere höhnte auf eine krampfhafte Art.
Er redete ruhig weiter. »Ich werde dir etwas sagen. Hole mir noch eine
Kanne griechischen Wein. Wenn ich mich heute schlafen lege, so werde ich es
einmal versuchen. Wieder einmal. Aber im Schlafe. Zum Hohn. Denn mit dem
Wachen, weiß ich, ist nichts. Ich werde im Schlafe fragen, verstehst du
mich, was ich wissen will oder nicht wissen will; ich weiß nicht was und
werde mit der Antwort aufwachen. Sieh her --« er hatte sich, den Kopf auf
den linken Arm, mit dem Oberkörper ganz gespannt über die Tischplatte
gelegt, griff mit der offenen Hand in die Luft -- »so wie ich hier bin,
werde ich schlafen, werde Kismet sagen und die Zukunft befragen, die wird
mir meine Frage beantworten.« Sein Faustschlag dröhnte auf dem Tisch; er
sprach mit absoluter Bestimmtheit. Es war kaum eine halbe Stunde später,
als er, über den Tisch gesunken, einschlief.

Mittags gegen zwei wachte er auf. Als er schweigend durch den Saal ging,
neckte ihn der junge Nick. Irfen besann sich, er hatte nichts im Schlaf
gefragt und ihm war nichts eingefallen. Er ging in die Stadt, kam um acht
Uhr wieder, um sich mit finsterer Miene wieder zum Trinken hinzusetzen.

Ein Pokulieren im kleinen Kreise begann; in dem beginnenden Lärm saß er
versunken da. Bis er mit einmal gegen zehn Uhr aufstand, krachend sein Glas
auf den Tisch schmetterte und schweigend, den Blick zum Fenster hinaus in
die Flamme der Gaslaterne gerichtet, steif stehen blieb.

»Halt, halt,« schrie er.

Dabei ließen seine Augen nicht von der Gaslaterne los. Die flackerte gar
nicht.

»Nummer sechs, Nummer sechs.«

»Deibel, was hat er?«

»Ich sage, Nummer sechs.«

»Das Fatum«, flüsterte Nick seinem erschrockenen Bruder zu.

»Welche Straße, Irfen?« schrie einer vom Ende des Tisches.

»Nummer sechs ist es.«

»Halloh, Perastraße,« brüllte derselbe, »da wohnt sie!«

Irfen blieb schweigend stehen. Er flüsterte etwas.

»Perastraße,« wiederholte er automatisch sehr leise, er setzte sich
plötzlich hin, sehr ruhig, trank sein Glas in einem Zuge aus und blickte
sich um. Einen Augenblick hielt die Verblüffung im Kasino an, dann lachte
einer, schließlich alle brüllend auf. Nick sprang auf: »Das Fatum hat
gesprochen, Kameraden. Räuchert unsere Pythia aus. Sie drangen auf den
Oberleutnant ein, schlugen wie er auf den Tisch: »Bravo, Prophete!«

Sie quälten ihn, zu sagen, was er gefragt hatte. Er fuhr sich über den
kahlen Schädel, brummte; er konnte sich nicht besinnen. Das Gelächter nahm
kein Ende.

Er sagte gleichmütig, indem er sich aus einem Kruge vom schwersten
Griechenwein einschänkte, in einer Stunde wolle er hingehen, das Fatum habe
gesprochen; er könne es nur entgegennehmen; sie sollten lieber einen Zeugen
auswählen; lachte zufrieden, als Nick sich selbst vorschlug und gewählt
wurde, und als die jungen Leute wilde Allotria zu treiben anfingen. Sie
vermummten sich in Frauenkleidung, erschienen vor ihm als Damen des Hauses
Nummer sechs, schnitten, als sie den schamhaften Schleier hoben, die
entsetzlichsten Grimassen, brüllten lockend und pathetisch: »Kismet,
Kismet!« Die Kasinoburschen legten ihm und Nick kurz vor elf die Mäntel um,
schnallten ihnen Degen und Revolver um, gaben ihnen den Fez in die Hand.
Durch das Spalier der Zurückbleibenden, die beschlossen hatten, bis zur
Rückkehr der beiden zu warten, gingen sie aus der Tür hinaus; Irfen voran,
völlig kalten Blicks, als verließe er wie sonst das Kasino; hinter ihm
prahlerisch, etwas betrunken und hoch vergnügt Nick.

Sie taten die ersten Schritte in die frische Nachtluft hinein. Nick
schwatzte stolpernd über das Pflaster; Irfen gab keine Antwort. Dann sprach
auch Nick kein Wort mehr. Als er an der ersten Straßenecke Irfen mit einer
Handbewegung über die Richtung orientieren wollte, bemerkte er, daß Irfen
den Kopf auf die Brust hatte sinken lassen, so daß sein Fez fast
herunterfiel und der Büschel vornüberhing. An einer Straßenlaterne kam es
ihm vor, als ob der Oberleutnant mit festgeschlossenen Augen ging, und als
ob eine tiefe Spannung seine Mundwinkel herunterzog und wieder die
unbeirrbare Sicherheit auf seinem Gesicht erschien.

Den schon bestürzten jungen Mann befiel eine Angst, die seine Glieder
lähmte. Als er noch einmal scharf den steinernen Ernst und die
Verbissenheit fixierte, die neben ihm schritt, fuhren seine Hände entsetzt
zusammen: »er versündigt sich« schoß ihm durch den Kopf; es überkam ihn die
Lust, stehen zu bleiben, wegzulaufen, jemandem mitzuteilen, was hier
vorging. Aber er konnte nicht anhalten. Es war ja auch lächerlich. Irfen
ging mit ziehendem Schritt vor ihm und ließ ihn nicht los. Er ging in
unglaublichem Gleichmaß dicht an den Häusern, mit kleinen, schleifenden
Schritten. Sie bogen aus der weiten Hauptstraße in die lange schmale
Perastraße. Da brannte nicht eine Laterne. Vor einem alten einstöckigen
Häuschen blieb der Oberleutnant stehen, ohne den Kopf zu heben. Er hatte
nicht aufgesehen, um das Haus zu finden. Sie standen fast eine halbe Minute
lautlos vor der kleinen Tür. Es war Nummer sechs; es war in der Tat Nummer
sechs. Dann legte Irfen die rechte Hand vor die Stirn und sagte, ohne sich
zu wenden: »Nick, ich will Dich bitten. Laß uns einen Augenblick an Allah
denken; dann müssen wir Allah eine Zeitlang vergessen.« Schon hatte er den
metallenen Türklopfer gehoben und ihn gegen das Holz fallen lassen. Er
stand wieder gesenkten Hauptes da; wartete.

Nick trat neben ihn. Drinnen polterte jemand eine Treppe herunter bis dicht
an die Haustür, schloß, riß an der Klinke; mit einem Krach und lautem
Knarren öffnete sich die Tür. Es war mit bloßem Kopf, in Hemdsärmeln, ein
Bedienter, ein graubärtiger Kroate, der mit einer riesigen Handlaterne die
Uniformen ableuchtete und höflich fragte, was die Herren wünschten.

»Nichts,« antwortete Irfen, »laß uns die Treppe hinauf,« und suchte den
Kroaten beiseite zu schieben. Der Verblüffte stellte sich breitbeinig eine
Stufe höher, setzte seine Laterne neben sich nieder, sah noch einmal Nick
an und wiederholte seine Frage. Von oben tönte inzwischen eine dünne
scheltende Männerstimme; im Schlafrock hinkte ein gebücktes kahlköpfiges
greisenhaftes Herrchen über die Stufen, zog beim Anblick der beiden
Offiziere die Quasten zusammen und fragte sehr ernst, aber noch unwirsch,
wen sie zu sprechen wünschten oder wer sie jetzt schicke. »Ich bin von
niemandem geschickt,« fuhr ihn Irfen an, »ich muß hier im Haus etwas
sehen.« Das kleine Herrchen richtete sich steif auf, sah forschend in das
unbewegliche Gesicht des hageren Offiziers, sagte ganz unsicher, betreten:
»Meine Herren, Sie irren vielleicht in der Straße, in der Hausnummer. Ich
weiß nicht. Oben schlafen nur noch meine Damen; es wohnt hier niemand
sonst; ich kann jetzt niemanden einlassen.« »Der Schlaf Ihrer Damen ist
gewiß sehr wichtig; aber ich habe eine unaufschiebbare Mission.« Der Kroat
und sein Herr wechselten rasche Blicke. »Sie meinen wirklich Nummer sechs,
Perastraße Nummer sechs, meine Herren? Es muß doch aber ein Irrtum, eine
Verwechslung vorliegen.« »Lassen Sie mich die Treppen hinauf, mein Herr,«
drängte Irfen, »kümmern Sie sich nicht um meine Sachen. Ist oben nichts,
dann hab ich Unrecht. Reden Sie nicht; lassen Sie mich hinauf!« »Ich kann
Sie nicht ins Schlafzimmer meiner Damen lassen. Ich bitte Sie endlich von
meiner Tür zu gehen.« »Ich rühre Ihnen keine mit einer Fingerspitze an.«

»Ich bitte Sie hier fortzugehen. Ich rufe Leute, mein Herr.« »Und wenn Sie
die ganze Garnison alarmieren, komme ich hinauf. Nick, steh her; Du wirst
mir jetzt helfen.« Er tastete an dem Herrn vorbei nach dem Treppengeländer;
der fuhr heraus: »Nehmen Sie gütigst die Hand vom Geländer und rühren Sie
mich nicht an.« Der Kroat setzte die Laterne höher hinter sich, stellte
sich dicht vor Irfen hin, legte eisern seine Hand auf dessen Arm. »Nick, tu
mir den Gefallen gegen diese Menschen. Wenn ich Unrecht habe, habe ich
Unrecht. Aber du sollst selbst sehen.« -- Man hörte eilige Schritte oben,
ein Rauschen von Kleidern; eine angstvolle Frauenstimme rief: »Laß ihn doch
herauf; um Gottes Willen, Kari.« Aber der wutzitternde Kroat hatte mit
einem plötzlichen Schlag vor die Brust Irfen zurückgeschleudert und die Tür
zugeworfen. Erst schlug Irfen, sich gegen die Tür stemmend, mit beiden
Armen gegen die schwache Tür, dann trat er die Füllung mit zwei Fußstößen
ein, daß die Trümmer und Splitter auf die schreienden Leute drin schlugen.
In diesem Augenblick hob Herr Kastelli den Arm über den Kopf und bückte
sich; der scharfe Degen des Oberleutnants zischte über ihn durch die
Öffnung; aber gleichzeitig krachte die Treppe hinunter aus dem Revolver des
Kroaten ein Schuß, und rasch hintereinander zwei weitere Schüsse. Der lange
Irfen draußen richtete sich hoch auf und warf die Arme in die Luft, stürzte
rücklings auf das Trottoir, kroch wieder auf, lief, während der Fez liegen
blieb, schräg vorwärts auf die andere Seite der dunklen Straße, drückte
sich noch einen Augenblick an die Mauer an und fiel nach vorne dumpf
schallend aufs Gesicht. Nick, am Arm getroffen, kniete schon neben ihm,
suchte ihn umzudrehen. Als er Irfens Kopf wandte, sah er einen kleinen
Stirnschuß und sah das unveränderte Gesicht eines grauen Menschen, der das
linke Auge zugekniffen, den linken Mundwinkel herabgezogen hatte, als legte
er sich eben über einen verwüsteten Tisch und sagte, den Arm wiegend mit
unbeirrbarer Sicherheit: »Kismet.«

Der Herr Kastelli und seine Damen folgten bei der Beerdigung. Es waren drei
ältere Damen, Verwandte des Hausherrn, und ein Herr, die für wenige Tage
bei ihm auf der Durchreise wohnten. Im Kasino sagte man bei gelegentlichen
Besprechungen des Falles, daß der Verlauf der Sache im Grunde vorauszusehen
war.



Die Ermordung einer Butterblume


Der schwarzgekleidete Herr hatte erst seine Schritte gezählt, eins, zwei,
drei, bis hundert und rückwärts, als er den breiten Fichtenweg nach St.
Ottilien hinanstieg, und sich bei jeder Bewegung mit den Hüften stark nach
rechts und links gewiegt, so daß er manchmal taumelte; dann vergaß er es.

Die hellbraunen Augen, die freundlich hervorquollen, starrten auf den
Erdboden, der unter den Füßen fortzog, und die Arme schlenkerten an den
Schultern, daß die weißen Manschetten halb über die Hände fielen. Wenn ein
gelbrotes Abendlicht zwischen den Stämmen die Augen zum Zwinkern brachte,
zuckte der Kopf, machten die Hände entrüstete hastige Abwehrbewegungen. Das
dünne Spazierstöckchen wippte in der Rechten über Gräser und Blumen am
Wegrand und vergnügte sich mit den Blüten.

Es blieb, als der Herr immer ruhig und achtlos seines Weges zog, an dem
spärlichen Unkraut hängen. Da hielt der ernste Herr nicht inne, sondern
ruckte, weiter schlendernd, nur leicht am Griff, schaute sich dann am Arm
festgehalten verletzt um, riß erst vergebens, dann erfolgreich mit beiden
Fäusten das Stöckchen los und trat atemlos mit zwei raschen Blicken auf den
Stock und den Rasen zurück, so daß die Goldkette auf der schwarzen Weste
hochsprang.

Außer sich stand der Dicke einen Augenblick da. Der steife Hut saß ihm im
Nacken. Er fixierte die verwachsenen Blumen, um dann mit erhobenem Stock
auf sie zu stürzen und blutroten Gesichts auf das stumme Gewächs
loszuschlagen. Die Hiebe sausten rechts und links. Über den Weg flogen
Stiele und Blätter.

Die Luft laut von sich blasend, mit blitzenden Augen ging der Herr weiter.
Die Bäume schritten rasch an ihm vorbei; der Herr achtete auf nichts. Er
hatte eine aufgestellte Nase und ein plattes bartloses Gesicht, ein
ältliches Kindergesicht mit süßem Mündchen.

Bei einer scharfen Biegung des Weges nach oben galt es aufzuachten. Als er
ruhiger marschierte und sich mit der Hand gereizt den Schweiß von der Nase
wischte, tastete er, daß sein Gesicht sich ganz verzerrt hatte, daß seine
Brust heftig keuchte. Er erschrak bei dem Gedanken, daß ihn jemand sehen
könnte, etwa von seinen Geschäftsfreunden oder eine Dame. Er strich sein
Gesicht und überzeugte sich mit einer verstohlenen Handbewegung, daß es
glatt war.

Er ging ruhig. Warum keuchte er? Er lächelte verschämt. Vor die Blumen war
er gesprungen und hatte mit dem Spazierstöckchen gemetzelt, ja mit jenen
heftigen aber wohlgezielten Handbewegungen geschlagen, mit denen er seine
Lehrlinge zu ohrfeigen gewohnt war, wenn sie nicht gewandt genug die
Fliegen im Kontor fingen und nach der Größe sortiert ihm vorzeigten.

Häufig schüttelte der ernste Mann den Kopf über das sonderbare Vorkommnis.
»Man wird nervös in der Stadt. Die Stadt macht mich nervös,« wiegte sich
nachdenklich in den Hüften, nahm den steifen englischen Hut und fächelte
die Tannenluft auf seinen Schopf.

Nach kurzer Zeit war er wieder dabei, seine Schritte zu zählen, eins, zwei,
drei. Fuß trat vor Fuß, die Arme schlenkerten an den Schultern. Plötzlich
sah Herr Michael Fischer, während sein Blick leer über den Wegrand strich,
wie eine untersetzte Gestalt, er selbst, von dem Rasen zurücktrat, auf die
Blumen stürzte und einer Butterblume den Kopf glatt abschlug. Greifbar
geschah vor ihm, was sich vorhin begeben hatte an dem dunklen Weg. Diese
Blume dort glich den anderen auf ein Haar. Diese eine lockte seinen Blick,
seine Hand, seinen Stock. Sein Arm hob sich, das Stöckchen sauste, wupp,
flog der Kopf ab. Der Kopf überstürzte sich in der Luft, verschwand im
Gras. Wild schlug das Herz des Kaufmanns. Plump sank jetzt der gelöste
Pflanzenkopf und wühlte sich in das Gras. Tiefer, immer tiefer, durch die
Grasdecke hindurch, in den Boden hinein. Jetzt fing er an zu sausen, in das
Erdinnere, daß keine Hände ihn mehr halten konnten. Und von oben, aus dem
Körperstumpf, tropfte es, quoll aus dem Halse weißes Blut, nach in das
Loch, erst wenig, wie einem Gelähmten, dem der Speichel aus dem Mundwinkel
läuft, dann in dickem Strom, rann schleimig, mit gelbem Schaum auf Herrn
Michael zu, der vergeblich zu entfliehen suchte, nach rechts hüpfte, nach
links hüpfte, der drüber wegspringen wollte, gegen dessen Füße es schon
anbrandete.

Mechanisch setzte Herr Michael den Hut auf den schweißbedeckten Kopf,
preßte die Hände mit dem Stöckchen gegen die Brust. »Was ist geschehen?«
fragte er nach einer Weile. »Ich bin nicht berauscht. Der Kopf darf nicht
fallen, er muß liegen bleiben, er muß im Gras liegen bleiben. Ich bin
überzeugt, daß er jetzt ruhig im Gras liegt. Und das Blut -- --. Ich
erinnere mich dieser Blume nicht, ich bin mir absolut nichts bewußt.«

Er staunte, verstört, mißtrauisch gegen sich selbst. In ihm starrte alles
auf die wilde Erregung, sann entsetzt über die Blume, den gesunkenen Kopf,
den blutenden Stiel. Er sprang noch immer über den schleimigen Fluß. Wenn
ihn jemand sähe, von seinen Geschäftsfreunden oder eine Dame.

In die Brust warf sich Herr Michael Fischer, umklammerte den Stock mit der
Rechten. Er blickte auf seinen Rock und stärkte sich an seiner Haltung. Die
eigenwilligen Gedanken wollte er schon unterkriegen: Selbstbeherrschung.
Diesem Mangel an Gehorsam würde er, der Chef, energisch steuern. Man muß
diesem Volk bestimmt entgegentreten: »Was steht zu Diensten? In meiner
Firma ist solch Benehmen nicht üblich. Hausdiener, raus mit dem Kerl.«
Dabei fuchtelte er stehen bleibend mit dem Stöckchen in der Luft herum.
Eine kühle, ablehnende Miene hatte Herr Fischer aufgesetzt; nun wollte er
einmal sehen. Seine Überlegenheit ging sogar soweit, daß er oben auf der
breiten Fahrstraße seine Furchtsamkeit bespöttelte. Wie würde es sich
komisch machen, wenn an allen Anschlagsäulen Freiburgs am nächsten Morgen
ein rotes Plakat hinge: »Mord begangen an einer erwachsenen Butterblume,
auf dem Wege vom Immenthal nach St. Ottilien, zwischen 7 und 9 Uhr abends.
Des Mordes verdächtig« et cetera. So spöttelte der schlaffe Herr in Schwarz
und freute sich über die kühle Abendluft. Da unten werden die
Kindermädchen, die Pärchen finden, was von seiner Hand geschehen war.
Geschrei wird es geben und entsetztes Nachhauselaufen. An ihn würden die
Kriminalbeamten denken, an den Mörder, der schlau ins Fäustchen lachte.
Herr Michael erschauerte wüst über seine eigne Tollkühnheit, er hätte sich
nie für so verworfen gehalten. Da unten lag aber sichtbar für die ganze
Stadt ein Beweis seiner raschen Energie.

Der Rumpf ragt starr in die Luft, weißes Blut sickert aus dem Hals.

Herr Michael streckte leicht abwehrend die Hände vor.

Es gerinnt oben ganz dick und klebrig, so daß die Ameisen hängen bleiben.

Herr Michael strich sich die Schläfen und blies laut die Luft von sich.

Und daneben im Rasen fault der Kopf. Er wird zerquetscht, aufgelöst vom
Regen, verwest. Ein gelber, stinkender Matsch wird aus ihm, grünlich,
gelblich schillernd, schleimartig wie Erbrochenes. Das hebt sich lebendig,
rinnt auf ihn zu, gerade auf Herrn Michael zu, will ihn ersäufen, strömt
klatschend gegen seinen Leib an, spritzt an seine Nase. Er springt, hüpft
nur noch auf den Zehen.

Der feinfühlige Herr fuhr zusammen. Einen scheußlichen Geschmack fühlte er
im Munde. Er konnte nicht schlucken vor Ekel, spie unaufhörlich. Häufig
stolperte er, hüpfte unruhig, mit blaubleichen Lippen weiter.

»Ich weigere mich, ich weigere mich auf das entschiedenste, mit Ihrer Firma
irgendwelche Beziehung anzuknüpfen.«

Das Taschentuch drückte er an die Nase. Der Kopf mußte fort, der Stiel
zugedeckt werden, eingestampft, verscharrt. Der Wald roch nach der
Pflanzenleiche. Der Geruch ging neben Herrn Michael einher, wurde immer
intensiver. Eine andere Blume mußte an jene Stelle gepflanzt werden, eine
wohlriechende, ein Nelkengarten. Der Kadaver mitten im Walde mußte fort.
Fort.

Im Augenblick, als Herr Fischer stehen bleiben wollte, fuhr es ihm durch
den Kopf, daß es ja lächerlich war, umzukehren, mehr als lächerlich. Was
ging ihn die Butterblume an? Bittere Wut lohte in ihm bei dem Gedanken, daß
er fast überrumpelt war. Er hatte sich nicht zusammengenommen, biß sich in
den Zeigefinger: »Paß auf, du, ich sag dir's, paß auf, Lump verfluchter.«
Zugleich warf sich hinterrücks Angst riesengroß über ihn.

Der finstere Dicke sah scheu um sich, griff in seine Hosentasche, zog ein
kleines Taschenmesser heraus und klappte es auf.

Inzwischen gingen seine Füße weiter. Die Füße begannen ihn zu grimmen. Auch
sie wollten sich zum Herrn aufwerfen; ihn empörte ihr eigenwilliges
Vorwärtsdringen. Diese Pferdchen wollte er bald kirren. Sie sollten es
spüren. Ein scharfer Stich in die Flanken würde sie schon zähmen. Sie
trugen ihn immer weiter fort. Es sah fast aus, als ob er von der Mordstelle
fortliefe. Das sollte niemand glauben. Ein Rauschen von Vögeln, ein fernes
Wimmern lag in der Luft und kam von unten herauf. »Halt, halt!« schrie er
den Füßen zu. Da stieß er das Messer in einen Baum.

Mit beiden Armen umschlang er den Stamm und rieb die Wangen an der Borke.
Seine Hände fingerten in der Luft, als ob sie etwas kneteten: »Nach Kanossa
gehen wir nicht.« Mit angestrengt gerunzelter Stirn studierte der totblaße
Herr die Risse des Baumes, duckte den Rücken, als ob von hinten etwas über
ihn wegspringen sollte. Die Telegraphenverbindung zwischen sich und der
Stelle hörte er immer wieder klirren, trotzdem er mit Fußstößen die Drähte
verwirren und zudrücken wollte. Er suchte es sich zu verbergen, daß seine
Wut schon gelähmt war, daß in ihm eine sachte Lüsternheit aufzuckte, eine
Lüsternheit nachzugeben. Ganz hinten lüsterte ihn nach der Blume und der
Mordstelle.

Herr Michael wippte versuchend mit den Knieen, schnupperte in die Luft,
horchte nach allen Seiten, flüsterte ängstlich: »Nur einscharren will ich
den Kopf, weiter nichts. Dann ist alles gut. Rasch, bitte, bitte.« Er
schloß unglücklich die Augen, drehte sich wie versehentlich auf den Hacken
um. Dann schlenderte er, als wäre nichts geschehen, geradeaus abwärts, im
gleichgültigen Spaziergängerschritt, mit leisem Pfeifen, in das er einen
sorglosen Ton legte und streichelte, während er befreit aufatmete, die
Baumstämme am Wege. Dabei lächelte er, und sein Mäulchen wurde rund wie ein
Loch. Laut sang er ein Lied, das ihm plötzlich einfiel: »Häschen in der
Grube saß und schlief.« Das frühere Tänzeln, Wiegen der Hüfte,
Armschlenkern machte er nach. Das Stöckchen hatte er schuldbewußt hoch in
den Ärmel hinaufgeschoben. Manchmal schlich er bei der Biegung des Weges
rasch zurück, ob ihn jemand beobachtete.

Vielleicht lebte sie überhaupt noch; ja, woher wußte er denn, daß sie schon
tot war? Ihm huschte durch den Kopf, daß er die Verletzte wieder heilen
könnte, wenn er sie mit Hölzchen stützte und etwa rings herum um Kopf und
Stiel einen Klebeverband anlegte. Er fing an schneller zu gehen, seine
Haltung zu vergessen, zu rennen. Mit einmal zitterte er vor Erwartung. Und
stürzte lang an einer Biegung hin gegen einen abgeholzten Stamm, schlug
sich Brust und Kinn, so daß er laut ächzte. Als er sich aufraffte, vergaß
er den Hut im Gras; das zerbrochene Stöckchen zerriß ihm den Ärmel von
innen; er merkte nichts. Hoho, man wollte ihn aufhalten, ihn sollte nichts
aufhalten; er würde sie schon finden. Er kletterte wieder zurück. Wo war
die Stelle? Er mußte die Stelle finden. Wenn er die Blume nur rufen könnte.
Aber wie hieß sie denn? Er wußte nicht einmal, wie sie hieß. Ellen? Sie
hieß vielleicht Ellen, gewiß Ellen. Er flüsterte ins Gras, bückte sich, um
die Blumen mit der Hand anzustoßen.

»Ist Ellen hier? wo liegt Ellen? Ihr, nun? Sie ist verwundet, am Kopf,
etwas unterhalb des Kopfes. Ihr wißt es vielleicht noch nicht. Ich will ihr
helfen; ich bin Arzt, Samariter. Nun, wo liegt sie? Ihr könnt es mir ruhig
anvertrauen, sag ich euch.«

Aber wie sollte er, die er zerbrochen hatte, erkennen? Vielleicht faßte er
sie gerade mit der Hand, vielleicht seufzte sie dicht neben ihm den letzten
Atemzug aus.

Das durfte nicht sein.

Er brüllte: »Gebt sie heraus. Macht mich nicht unglücklich, Ihr Hunde. Ich
bin Samariter. Versteht Ihr kein Deutsch?«

Ganz legte er sich auf die Erde, suchte, wühlte schließlich blind im Gras,
zerknäulte und zerkratzte die Blumen, während sein Mund offen stand und
seine Augen gradaus flackerten. Er dumpfte lange vor sich hin.

»Herausgeben. Es müssen Bedingungen gestellt werden. Präliminarien. Der
Arzt hat ein Recht auf den Kranken. Gesetze müssen eingebracht werden.«

Die Bäume standen tiefschwarz in der grauen Luft am Wege und überall herum.
Es war auch zu spät; der Kopf gewiß schon vertrocknet. Ihn entsetzte der
endgültige Todesgedanke und schüttelte ihm die Schultern.

Die schwarze runde Gestalt stand aus dem Grase auf und torkelte am Wegrand
entlang abwärts.

Sie war tot. Von seiner Hand.

Er seufzte und rieb sich sinnend die Stirn.

Man würde über ihn herfallen, von allen Seiten. Man sollte nur, ihn
kümmerte nichts mehr. Ihm war alles gleichgültig. Sie würden ihm den Kopf
abschlagen, die Ohren abreißen, die Hände in glühende Kohlen legen. Er
konnte nichts mehr tun. Er wußte, es würde ihnen allen einen Spaß machen,
doch er würde keinen Laut von sich geben, um die gemeinen Henkersknechte zu
ergötzen. Sie hatten kein Recht, ihn zu strafen; waren selbst verworfen.
Ja, er hatte die Blume getötet, und das ging sie garnichts an, und das war
sein gutes Recht, woran er festhielte gegen sie alle. Es war sein Recht,
Blumen zu töten, und er fühlte sich nicht verpflichtet, das näher zu
begründen. Soviel Blumen wie er wollte, könnte er umbringen, im Umkreise
von tausend Meilen, nach Norden, Süden, Westen, Osten, wenn sie auch
darüber grinsten. Und wenn sie weiter so lachten, würde er ihnen an die
Kehle springen.

Stehen blieb er; seine Blicke gifteten in das schwere Dunkel der Fichten.
Seine Lippen waren prall mit Blut gefüllt. Dann hastete er weiter.

Er mußte wohl hier im Wald kondolieren, den Schwestern der Toten. Er wies
darauf hin, daß das Unglück geschehen sei, fast ohne sein Zutun, erinnerte
an die traurige Erschöpfung, in der er aufgestiegen war. Und an die Hitze.
Im Grunde seien ihm allerdings alle Butterblumen gleichgültig.

Verzweifelt zuckte er wieder mit den Schultern: »Was werden sie noch mit
mir machen?« Er strich sich mit den schmutzigen Fingern die Wangen; er fand
sich nicht mehr zurecht.

Was sollte das alles; um Gotteswillen, was suchte er hier!

Auf dem kürzesten Wege wollte er davonschleichen, querabwärts durch die
Bäume, sich einmal ganz klar und ruhig besinnen. Ganz langsam, Punkt für
Punkt.

Um nicht auf dem glatten Boden auszugleiten, tastet er sich von Baum zu
Baum. Die Blume, denkt er hinterlistig, kann ja auf dem Wege stehen
bleiben, wo sie steht. Es gibt genug solch toten Unkrauts in der Welt.

Entsetzen packt ihn aber, als er sieht, wie aus einem Stamme, den er
berührt, ein runder blaßheller Harztropfen tritt; der Baum weint. Im
Dunkeln auf einen Pfad flüchtend, merkt er bald, daß sich der Weg sonderbar
verengt, als ob der Wald ihn in eine Falle locken wolle. Die Bäume treten
zum Gericht zusammen.

Er muß hinaus.

Wieder rennt er hart gegen eine niedrige Tanne; die schlägt mit
aufgehobenen Händen auf ihn nieder. Da bricht er sich mit Gewalt Bahn,
während ihm das Blut stromweise über das Gesicht fließt. Er speit, schlägt
um sich, stößt laut schreiend mit den Füßen gegen die Bäume, rutscht
sitzend und kollernd abwärts, läuft schließlich Hals über Kopf den letzten
Abhang am Rand des Waldes herunter, den Dorflichtern zu, den zerfetzten
Gehrock über den Kopf geschlagen, während hinter ihm der Berg drohsam
rauscht, die Fäuste schüttelt und überall ein Bersten und Brechen von
Bäumen sich hören läßt, die ihm nachlaufen und schimpfen.

Regungslos stand der dicke Herr an der Gaslaterne vor der kleinen
Dorfkirche. Er trug keinen Hut auf dem Kopf, in seinem zerzausten
Haarschopf war schwarze Erde und Tannennadeln, die er nicht abschüttelte.
Er seufzte schwer. Als ihm warmes Blut den Nasenrücken entlang auf die
Stiefel tropfte, nahm er langsam mit beiden Händen einen Rockschoß hoch und
drückte ihn gegen das Gesicht. Dann hob er die Hände an das Licht und
wunderte sich über die dicken blauen Adern auf dem Handrücken. Er strich an
den dicken Knollen und konnte sie nicht wegstreichen. Beim Ansingen und
Aufheulen der Elektrischen trollte er weiter, auf engen Gäßchen, nach
Hause.

Nun saß er ganz blöde in seinem Schlafzimmer, sagte laut vor sich hin: »Da
sitz ich, da sitz ich,« und sah sich verzweifelt im Zimmer um. Auf und ab
ging er, zog seine Sachen aus und versteckte sie in einer Ecke des
Kleiderspindes. Er zog einen anderen schwarzen Anzug an und las auf seiner
Chaiselongue das Tagblatt. Er zerknäulte es im Lesen; es war etwas
geschehen, es war etwas geschehen. Und ganz spürte er es am nächsten Tage,
als er an seinem Pulte saß. Er war versteinert, konnte nicht fluchen, und
mit ihm ging eine sonderbare Stille herum.

Mit krampfhaftem Eifer sprach er sich vor, daß alles wohl geträumt sein
müsse; aber die Risse an seiner Stirn waren echt. Dann muß es Dinge geben,
die unglaublich sind. Die Bäume hatten nach ihm geschlagen, ein Geheul war
um die Tote gewesen. Er saß versunken da und kümmerte sich zum Erstaunen
des Personals nicht einmal um die brummenden Fliegen. Dann schikanierte er
die Lehrlinge mit finsterer Miene, vernachläßigte seine Arbeit und ging auf
und ab. Man sah ihn oft, wie er mit der Faust auf den Tisch schlug, die
Backen aufblies, schrie, er würde einmal aufräumen im Geschäft und überall.
Man würde es sehen. Er lasse sich nicht auf der Nase herumtanzen, von
niemandem.

Als er rechnete, bestand aber am nächsten Vormittag unerwartet etwas
darauf, daß er der Butterblume zehn Mark gutschrieb. Er erschrak, verfiel
in bitteres Sinnen über seine Ohnmacht und bat den Prokuristen, die
Rechnung weiter zu führen. Am Nachmittag legte er selbst das Geld in einen
besonderen Kasten mit stummer Kälte; er wurde sogar veranlaßt, ein eigenes
Konto für sie anzulegen; er war müde geworden, wollte seine Ruhe haben.
Bald drängte es ihn, ihr von Speise und Trank zu opfern. Ein kleines
Näpfchen wurde jeden Tag für sie neben Herrn Michaels Platz gestellt. Die
Wirtschafterin hatte die Hände zusammengeschlagen, als er ihr dies Gedeck
befahl; aber der Herr hatte sich mit einem unerhörten Zornesausbruch jede
Kritik verbeten.

Er büßte, büßte für seine geheimnisvolle Schuld. Er trieb Gottesdienst mit
der Butterblume, und der ruhige Kaufmann behauptete jetzt, jeder Mensch
habe seine eigene Religion; man müsse eine persönliche Stellung zu einem
unaussprechlichen Gott einnehmen. Es gäbe Dinge, die nicht jeder begreift.
In den Ernst seines Äffchengesichts war ein leidender Zug gekommen; auch
seine Körperfülle hatte abgenommen, seine Augen lagen tief. Wie ein
Gewissen sah die Blume in seine Handlungen, streng von den größten bis zu
den kleinsten alltäglichen.

Die Sonne schien in diesen Tagen oft auf die Stadt, das Münster und den
Schloßberg, schien mit aller Lebensfülle. Da weinte der Verhärtete eines
Morgens am Fenster auf, zum ersten Male seit seiner Kindheit. Urplötzlich,
weinte, daß ihm fast das Herz brach. All diese Schönheit raubte ihm Ellen,
die verhaßte Blume, mit jeder Schönheit der Welt klagte sie ihn jetzt an.
Der Sonnenschein leuchtet, sie sieht ihn nicht; sie darf den Duft des
weißen Jasmins nicht atmen. Niemand wird die Stelle ihres schmählichen
Todes betrachten, keine Gebete wird man dort sprechen: das durfte sie ihm
alles zwischen die Zähne werfen, wie lachhaft es auch war und er die Hände
rang. Ihr ist alles versagt: das Mondlicht, das Brautglück des Sommers, das
ruhige Zusammenleben mit dem Kuckuck, den Spaziergängern, den Kinderwagen.
Er preßte das Mündchen zusammen; er wollte die Menschen zurückhalten, als
sie den Berg hinaufzogen. Wenn doch die Welt mit einem Seufzer
untergegangen wäre, damit der Blume das Maul gestopft sei. Ja, an
Selbstmord dachte er, um diese Not endlich zu stillen.

Zwischendurch behandelte er sie erbittert, wegwerfend, drängte sie mit
einem raschen Anlauf an die Wand. Er betrog sie in kleinen Dingen, stieß
hastig, wie unabsichtlich, ihren Napf um, verrechnete sich zu ihrem
Nachteil, behandelte sie manchmal listig, wie einen Geschäftskonkurrenten.
An dem Jahrestag ihres Todes stellte er sich, als ob er sich an nichts
erinnerte. Erst als sie dringender auf eine stille Feier zu bestehen
schien, widmete er ihrem Andenken einen halben Tag.

In einer Gesellschaft ging einmal die Frage nach dem Leibgericht herum. Als
man Herrn Michael fragte, was er am liebsten esse, fuhr er mit kalter
Überlegung heraus: »Butterblume, Butterblumen sind mein Leibgericht.«
Worauf alles in Gelächter ausbrach, Herr Michael aber sich zusammenduckte
auf seinem Stuhl, mit verbissenen Zähnen das Lachen hörte und die Wut der
Butterblume genoß. Er fühlte sich als scheusäliger Drache, der geruhsam
Lebendiges herunterschluckt, dachte an wirr Japanisches und Harakiri.
Wenngleich er heimlich eine schwere Strafe von ihr erwartete.

Einen solchen Guerillakrieg führte er ununterbrochen mit ihr;
ununterbrochen schwebte er zwischen Todespein und Entzücken; er labte sich
ängstlich an ihrem wütenden Schreien, das er manchmal zu hören glaubte.
Täglich sann er auf neue Tücken; oft zog er sich, hoch aufgeregt, aus dem
Kontor in sein Zimmer zurück, um ungestört Pläne zu schmieden. Und so
heimlich verlief dieser Krieg, und niemand wußte darum.

Die Blume gehörte zu ihm, zum Komfort seines Lebens. Er dachte mit
Verwunderung an die Zeit, in der er ohne die Blume gelebt hatte. Nun ging
er oft mit trotziger Miene in den Wald nach St. Ottilien spazieren. Und
während er sich eines sonnigen Abends auf einem gefallenen Baumstamm
ausruhte, blitzte ihm der Gedanke: hier an der Stelle, wo er jetzt saß,
hatte seine Butterblume, Ellen, gestanden. Hier mußte es gewesen sein.
Wehmut und ängstliche Andacht ergriff den dicken Herrn. Wie hatte sich
alles gewendet! Seit jenem Abend bis heute. Er ließ versunken die
freundlichen, leicht verfinsterten Augen über das Unkraut gehen, den
Schwestern, vielleicht Töchtern Ellens. Nach langem Sinnen zuckte es
spitzbübisch über sein glattes Gesicht. O sollte seine liebe Blume jetzt
eins bekommen. Wenn er eine Butterblume ausgrübe, eine Tochter der Toten,
sie zu Hause einpflanzte, hegte und pflegte, so hatte die alte eine junge
Nebenbuhlerin. Ja, wenn er es recht überlegte, konnte er den Tod der alten
überhaupt sühnen. Denn er rettete dieser Blume das Leben und kompensierte
den Tod der Mutter; diese Tochter verdarb doch sehr wahrscheinlich hier. O,
würde er die alte ärgern, sie ganz kalt stellen. Der gesetzeskundige
Kaufmann erinnerte sich eines Paragraphen über Kompensation der Schuld. Er
grub ein nahes Pflänzchen mit dem Taschenmesser aus, trug es behutsam mit
der bloßen Hand heim und pflanzte es in einen goldprunkenden Porzellantopf,
den er auf einem Mosaiktischchen seines Schlafzimmers postierte. Auf den
Boden des Topfes schrieb er mit Kohle: »§ 2043 Absatz 5«.

Täglich begoß der Glückliche die Pflanze mit boshafter Andacht und opferte
der Toten, Ellen. Sie war gesetzlich, eventuell unter polizeilichen
Maßregeln zur Resignation gezwungen, bekam keinen Napf mehr, keine Speise,
kein Geld. Oft glaubte er, auf dem Sofa liegend, ihr Winseln, ihr
langgezogenes Stöhnen zu hören. Das Selbstbewußtsein des Herrn Michael
stieg in ungeahnter Weise. Er hatte manchmal fast Anwandlungen von
Größenwahn. Niemals verfloß sein Leben so heiter.

Als er eines Abends vergnügt aus seinem Kontor in seine Wohnung
geschlendert war, erklärte ihm seine Wirtschafterin gleich an der Tür
gelassen, daß das Tischchen beim Reinemachen umgestürzt, der Topf
zerbrochen sei. Sie hätte die Pflanze, das gemeine Mistzeug, mit allen
Scherben in den Mülleimer werfen lassen. Der nüchterne, leicht verächtliche
Ton, in dem die Person von dem Unfall berichtete, ließ erkennen, daß sie
mit dem Ereignis lebhaft sympathisiere.

Der runde Herr Michael warf die Tür ins Schloß, schlug die kurzen Hände
zusammen, quiekte laut vor Glück und hob die überraschte Weibsperson an den
Hüften in die Höhe, so weit es seine Kräfte und die Deckenlänge der Person
erlaubten. Dann schwänzelte er aus dem Korridor in sein Schlafzimmer, mit
flackernden Augen, aufs höchste erregt; laut schnaufte er und stampften
seine Beine; seine Lippen zitterten.

Es konnte ihm niemand etwas nachsagen; er hatte nicht mit dem geheimsten
Gedanken den Tod dieser Blume gewünscht, nicht die Fingerspitze eines
Gedankens dazu geboten. Die alte, die Schwiegermutter, konnte jetzt fluchen
und sagen, was sie wollte. Er hatte mit ihr nichts zu schaffen. Sie waren
geschiedene Leute. Nun war er die ganze Butterblumensippschaft los. Das
Recht und das Glück standen auf seiner Seite. Es war keine Frage.

Er hatte den Wald übertölpelt.

Gleich wollte er nach St. Ottilien, in diesen brummigen, dummigen Wald
hinauf. In Gedanken schwang er schon sein schwarzes Stöckchen. Blumen,
Kaulquappen, auch Kröten, sollten daran glauben. Er konnte morden, so viel
er wollte. Er pfiff auf sämtliche Butterblumen.

Vor Schadenfreude und Lachen wälzte sich der dicke, korrekt gekleidete
Kaufmann Herr Michael Fischer auf seiner Chaiselongue.

Dann sprang er auf, stülpte seinen Hut auf den Schädel und stürmte an der
verblüfften Haushälterin vorbei aus dem Hause auf die Straße.

Laut lachte und prustete er. Und so verschwand er in dem Dunkel des
Bergwaldes.



Der Ritter Blaubart


Hinter der dünnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her umsäumte,
zog eine wellige Ebene nach dem Meere zu, wenig mit niedrigen Kiefern und
Strauchwerk besetzt. Kein einziger Weg führte aus dem Durchbruch der
Stadtmauer nach dem Strand, der kaum zwei Stunden entfernt ist; eine
Kleinbahn fuhr in weitem Bogen um die Einöde herum an das Wasser. In vielen
Senkungen der Ebene stand der Sumpf, schwarz und steif wie Leim; Ratten und
Kröten hausten hier; öfter stieß ein Häher durch die dicke Luft und schlug
ein Weichtier an.

Wo sich die Hügelreihe am stärksten erhob, ragten quadratische und
unförmige Steinblöcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Das Meer
hatte sich früher über das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstört und
frostig da; Meer und Erde wandten sich von ihr ab.

Diese Fläche war vor langen Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz
eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise durch den
Sund in diese See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines ersten
Bootsmannes zu besuchen, der unter dem Äquator dem Schwarzwasserfieber
erlegen war. Er stieg ans Land, sprühend von Laune, träumerisch,
eroberungssicher. Breitschulterig ging er mit den leicht gebogenen Beinen
des Reiters über die Anlegebretter. Der Wind pfiff scharf an dem Morgen,
und warf ihm die schiefsitzende Kapitänsmütze mit einem glatten Schlag ins
Wasser, so daß er barhäuptig und lachend unter seinen Leuten stand, die das
böse Omen entsetzte. Seine Augen waren etwas schräg gestellt, dicht an der
Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel tief einsetzte. Die
klaren hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem Munde von mädchenhafter
Weiche, zu der Sanftheit seiner Stimme. Er ritt auf einem schwarzen Hengst
hinter einem Maultiergespann den weiten Umweg nach der Stadt; zwei Truhen
schleppte man zu dem alten Manne, den er suchte, eine mit Andenken und
allem Nachlaß des Bootsmannes, die andere mit japanischer Seide, indischen
Perlen und Juwelen, mit sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden blieb er in
der Stadt, dann trabte er pfeifend und lachend allein zurück, unbekannt der
Gegend, den kurzen Weg durch die Ebene. Es ist nichts bekannt über die
Geschehnisse in der Ebene an dem Mittag. Der Baron muß schon am Eingang des
Gebietes vom Pferd abgesessen sein und sich allein durch den Sand und
Morast gemacht haben. Beim nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten
besinnungslos auf der Klippe liegen, lang auf den Rücken ausgestreckt, über
und über mit Tang und Lehm bedeckt, das Gesicht eigentümlich geschwollen,
glühend, mit Bläschen, wie verbrannt, auch an der rechten Hand und dem
Vorderarm löste sich die Haut in Fetzen ab. Man lagerte den ohnmächtigen
Mann auf eine Bahre, trug ihn schräg über das Brachland auf die nächste
Chaussee, wo man einen Heuwagen requirierte und in die Stadt fuhr. Die
Wundflächen heilten in einer Woche. Der Baron wußte nicht, was ihm
geschehen war. Nur die Krankenschwestern berichteten, daß seine Augen gegen
Abend einen leidenden entsetzten Ausdruck annähmen, daß er den rechten Arm
zur Abwehr in die Höhe hebe und trostlos wimmere. Als er völlig genesen
war, schenkte er die Yacht seinem ersten Steuermann, entließ seine Leute
und zog in die Stadt.

Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden der Stadt, ganz im Freien liegend;
viele Singvögel umgaben ihn; er pflog mit keinem Menschen Verkehr. Nach
einigen Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die
einen weiten Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer
spazierte und saß der völlig veränderte unzugängliche Mann oder ritt die
Chaussee langsam nach dem Meere zu. Bis er nach fast Jahresfrist
frühmorgens durch die Straßen der Stadt ging, auf dem Marktplatz nach einem
Baumeister fragte und diesen mit kurzen Worten beauftragte, ihm in der
Heide auf der höchsten Anhöhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen.
Der Baumeister brauche sich nicht zu beeilen, sagte er, indem er die Arme
verschränkte; es solle ein Schloß werden, heimlich und weitläufig, mit
vielem festlichen Schmuck; denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin
heimführen.

So zogen die Wegebauer in die Heide, stampften von der Chaussee einen
sicheren Nebenweg nach der Klippe. Die Maurer fuhren lärmend an; sie
planten den Hügel ab, gruben die Pfeiler ein und umbauten den Felsen, der
sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer ragte, --
ein weites gedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein, mit bunten
Kirchenfenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der Einöde erhob sich das
Schloß, ein Gelächter der Bauleute, ein Kopfschütteln der Städter.

Knapp einen Monat, nachdem die Wände, Zimmer mit Kostbarkeiten erfüllt
waren, führte der Baron eine fremde, junge Frau in sein Schloß. Sie
erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes
kindliches Wesen, das nicht vom Arme des Mannes wich; der lachte wieder wie
früher und bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der
Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz; er strich den braunen Vollbart
und zeigte spottend die Brandnarben auf seiner rechten Hand. Das zweite
Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später, als ein
reitender Bote nachts vom Schloß herjagte, dem Arzt die Türe einschlug, ihn
nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie lag mit
blaurotem Gesicht im Nachtkleide auf dem dunklen Korridor vor ihrem Zimmer.
Neben ihr brannte noch die Kerze, mit der sie wohl aus der Tür gestürzt
war. Der Baron folgte dem Arzt mit starren Augen; keine Frage beantwortete
er, keine Miene verzog er. Aus den Worten einer schluchzenden Zofe hörte
der Arzt von dem alten Herzleiden der fremden Frau; er knöpfte seinen Pelz
zu; sie war einer Lungenembolie erlegen.

Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt; man lud ihn zu den
Gesellschaften ein. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd,
beteiligte sich an Kampfspielen und Rennen, saß abends beim Wein und
erzählte von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn lustig,
schwärmend und träumerisch, mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt, er
fuhr eines Märztages mit zweien von ihnen wieder in See. Es kam nach einem
halben Jahr etwa ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses,
daß die Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer zu legen seien,
und daß im Damenzimmer Orchideen gesetzt werden sollten.

Rund acht Monate nach seiner Abfahrt kehrte er zurück. Wieder führte er
eine junge fremde Frau auf sein Schloß. Diese hat kein Städter gesehen.
Eines Morgens lag sie in schwarzem Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen
weißen Gesicht, eine Gerte in der Hand, tot auf dem Hof des Schlosses.

Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern munkelte man, wenn der
finstere Baron in seinem schwarzen Ledermantel vorüberritt; die Kinder
schrieen vor ihm auf, warfen kleine Steinchen nach ihm, schossen mit dem
Katapult auf seinen Hengst.

Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmächtiges hellblondes Mädchen, sah ihm
vom Fenster aus nach. Ihr traten Tränen in die taubengrauen Augen, wenn die
Männer ingrimmig von dem Geschick des schwarzen Ritters sprachen; sie
weinte in ihrem Zimmer um ihn und war eines Tages auf seinem Schlosse und
wurde seine Frau. Alle angstvollen Beschwörungen der Verwandten konnten
dies nicht verhindern. Scharen von tobenden Menschen wälzten sich über den
dunklen Weg nach dem Schloß, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man
die Leiche des süßen Geschöpfes eines Abends an dem Mauerdurchbruch fand.
Die Polizei umringte das Schloß zum Schutz, der Baron wurde in Haft
genommen. Das Gericht verfügte die Exhumierung der beiden ersten Frauen,
die genaue chemische Analyse der drei Leichen auf Giftstoffe. Die
Untersuchung blieb ergebnislos. Der Baron wurde auf freien Fuß gesetzt, das
Volk streckte ohnmächtig die Hände nach ihm aus und wollte ihn zerreißen,
als er seinen Revolver in der rechten Hand, langsam, höhnisch lachend, nach
der Heide hinausritt.

Von nun an mied er die Stadt völlig. Er hauste allein in der Heide; nur
sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schloß zurück.

Da landete eines Tages eine kleine Yacht vor der Stadt. Ein silbernes Horn
blies über die Heide; Miß Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann durch
die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt logierte sie
sich ein. Sie fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen
Schloß; sie fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wäre; sie
fragte zum dritten, wo sie ihn sehen könne. Bei den Rennen, die morgen in
Stirming, dem Vororte, stattfänden.

Frühmorgens rüstete man das Gespann; der Groom stieg auf den Bock; auf dem
Polster schaukelte Miß Ilsebill.

Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Wagen, die Automobile; sie
lenkten in weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel war
stahlblau, es wehte eine sommerliche Luft. Die Menschen drängten auf die
Rennbahn, sie füllten die Tribüne vor dem weiten, grünen Rasen; der Lärm
der Stimmen und Gefährte brauste, ein Riesenvogel, über die leere Fläche.

Die Miß fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei sanfte
Schimmel zogen den offenen, blauausgeschlagenen Wagen durch den
knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide, eine
weiße Feder wehte in den bloßen Nacken; sie glitt durch die hölzerne Sperre
auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweiße Haut, ebenmäßige Züge. Ihre
tiefschwarzen Augen schlüpften zögernd über die Menschen und Gegenstände,
wie ein schleimiger Schneckenleib, ließ eine Spur. Sie saß lachend da und
kaute Schokolade.

Baron Paolo lehnte an der Stange; er sah mit Vergnügen die weißen Pferde
antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz über die spähenden Augen.
Als die weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich aufstellte, ging er die
vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich durch die Menge und
trat vor Miß Ilsebill. Er hob die hohlen Hände wie ein Araber auf; beugte
seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte dann. Kalvello hieß der
Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lässig hinter dem Rudel her;
schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke kam. Miß Ilsebill ließ
das Silberpapier fallen, stützte das feste Kinn auf die Hand, jauchzte über
die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren dicht am Ziel; da legte sich der
blauweiße Jockey dicht an das Ohr der Pferdes, flüsterte »Kalvello, ho,
Kalvello«. Das Tier senkte den Kopf, flog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie
strahlte. Der Lärm der Menge rauschte über sie. Kaum das Hürdenspringen
vorüber war, stand sie auf und lud den schweigenden Mann zu einer
Spazierfahrt mit ihr ein. Während sie durch die Wälder im Süden der Stadt
fuhren, sagte er, daß er der Baron Paolo di Selvi sei, daß er durch sein
Geschick hierher verschlagen sei und drüben in der Heide wohne. Sie
erzählte, sie wäre Miß Ilsebill; er hätte auf seinem Heideschloß drei
Frauen verloren, und sie trauere über sein Geschick. Worauf er einen trüben
Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte; der Groom aber riß die Schimmel
herum; sie fuhren die Chaussee zurück, auf den geraden Weg zur Heide. An
der Wendung zur Schloßallee verengerte sich der Weg. Paolo nahm dem
Kutscher die Leine ab. Die Pferde sträubten sich. Er stieg aus und riß sie
vor. Unter Peitschenhieben zogen sie an, sie schnaubten und wollten
durchgehen, aber er hielt die Leine straff.

Prunkend stand in der Wüstenei das graue Schloß; über dem Dach des
Damenflügels ragte die Spitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht im
weichen Hut, eingefallen waren seine braunen Wangen und seine Schläfen,
seine schräg gestellten grauen Augen blickten leer, nur sein Mund war rund
und weich und sehnsüchtig wie immer. In der Dämmerung kamen sie vor sein
Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die Hand. Miß Ilsebill stieg aber
aus und bat sich bei ihm zu Gaste auf ein paar Tage; sie wollte ihn pflegen
und mit schöner Musik erheitern. Sie bezog die Zimmer des Damenflügels.

Sie ritten morgens und mittags aus; Ilsebill sang und spielte vor ihm in
den Gemächern. Sie trug bunte und nixengrüne Gewänder; in ihren Augen war
ein weißes Schimmern, wenn sie auf den Teppichen tanzte; ihr schwarzes Haar
hatte sie in Zöpfen gebunden, die sie mit den blitzenden Zähnen festhielt.
Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hüllte sich in Dampf, später
warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen Augen zu,
hörte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff. Seine Stimme
wurde heller, sein Gang rascher. Und als sie einmal auf dem Balkon standen,
brach sie in ein ungefüges Weinen aus; sie wollte wissen, was es mit ihm
sei, sie wollte ihm helfen. Er aber nahm ihre beiden gelbweißen, heißen
Hände, legte sie auf seine Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets
flüsterte; sie hing an seinem Hals, während er entsetzt bebte und lauter
sprach und schrie, was sie nicht verstand. Schon war er wieder still und
sanft, geleitete Miß Ilsebill in ihr Zimmer. Und am Abend schlich sie sich,
indessen der Baron im Herrenflügel schlief, allein trotzig und finster an
die Tür des verschlossenen Zimmers, in das die Klippe hineinragte. Sie
rüttelte an dem Holz, sie stemmte sich seufzend mit der Schulter an; das
Schloß hielt fest. Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die
Mutter Gottes um Hilfe an, fand am Fuße der Tür einen Riegel bloßliegen,
schob ihn, den Finger einschlagend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß
ihr Arm schmerzte.

Lautlos sprang die Tür auf; Miß Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes Tuch
geschlagen, hob die Kerze: es war ein schmales, freundliches Gemach, mit
zärtlichem Frauentand die Tischchen und Wände bedeckt; der rohe zackige
Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete sonderbar in dem
unsichern Lichte; in seiner Nische, über dem Boden, stand das grünbezogene
Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten. Miß Ilsebill tänzelte freudig über
den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog den schwachen Blumengeruch ein,
zündete zwei Ampeln an und war in dem heimlichsten Zimmer. Die grüne
japanische Seide hing von der Decke herab, Bilder und Tapeten lächelten
ruhevoll und sanft, auch die sonderbare Klippe schimmerte wie ein
spielerischer, phantastischer Einfall. Sie legte leise die Tür an, sprang
auf das Lager, lag träumend stundenlang, schlüpfte frühmorgens wieder durch
die Korridore auf ihr Zimmer, nachdem sie das Licht gelöscht, sorgfältig
die schweren Riegel herabgeschoben hatte. »War nichts geschehen, ist mir
nichts geschehen,« sagte sie glücklich vor sich hin; glitt nun Nacht für
Nacht hinüber in das Felsenzimmer, dort zu schlafen. Des Tages aber fand
Miß Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens und Lockens vor dem
versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen schlüpfenden Augen schlug öfter
ein greller Blick zu ihm, und als sie einmal unter den fünf raschelnden
Schleiern vor ihm getanzt hatte und er lachend über ihre tollen Sprünge
ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre Schönheit vor ihm hin und bettelte an
seinem Hals: »Ich bin Ihr Eigen, Paolo.« »Sind Sie das, Miß Ilsebill? Sind
Sie das? Und sein Blick war nicht grell und heiß, sondern derart
schwermutsvoll, fragend und ohne Trost, daß sie von ihm abwich, die
Schleier um sich warf und aus dem Zimmer schlich. Er umgab sie aber mit so
viel stiller Ehrfurcht, daß er die blaßwangige Ilsebill ganz in staunendes
Glück versenkte.

Auf ihren Streifzügen durch die Wälder trug der schwarze Ritter sie oft auf
den Armen und betete, manchmal in die starken Kniee sinkend, in fremder
harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur selten nahm er
ihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine Stirn. Welche Kleider trug
Ilsebill mit den feinen Knöcheln? Wieviel Zöpfe hingen aus ihrem
blauschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide in dem Felsenzimmer trug
Miß Ilsebill; grüne Blätter lagen auf ihrem Haare und waren eingeflochten
in drei dichten Zöpfen. Miß Ilsebill und Paolo spielten und jagten
zusammen, sie saßen oft am Meere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen
sprühten.

Eines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um etwas bitten möchte. Und als
Paolo freundlich fragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte, daß
sie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweckmäßig wäre, wenn sie einen Arzt
kommen ließen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank. Paolos Lippen
wurden schneeweiß, er atmete schwer mit geschlossenen Augen: was ihr denn
fehle. Sie höre immer, fast immer ein leises Scharren. Es sei ein Geräusch,
ganz weit entfernt, ein gleichmäßiges Streifen, Rieseln und Scharren,
gleich als liefe ein Tier über Sand und bliebe immer wieder schnaufend
stehen. Es sei so fein, daß es ihr oft wie ein Pfeifen klinge. Er stand am
Fenster und blies gegen die Scheibe, fuhr mit rauher Stimme heraus, es sei
kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie müsse sich zerstreuen; sie müsse
jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier. Da lachte Miß Ilsebill
aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde seien nur schwer den Weg
hierher gelaufen und jetzt, wo fände sie Pferde, die sie zurücktragen
würden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte sich umgedreht, seine Stirn lag
in Falten, sein mageres Gesicht glühte, er klagte heiser: sie solle gehen,
sie solle gehen, sie solle gehen, er wolle sie doch nicht; er wolle kein
Weib und keinen Menschen und nichts; er hasse sie alle, die höhnischen,
sinnlosen Wesen; sie solle gehen, o sie solle gehen. Ein Messer wolle er
ihr gleich geben, damit solle sie sich ihre Krankheit aus dem Herzen
schälen. Wie Miß Ilsebill mit schaukelnden Hüften auf ihn zuging, kam er
auf sie gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll
und ohne Trost, daß sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen
ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an ihn;
sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter ihrem
Kleid.

Miß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen Kleid oft allein aus, sie streifte
bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue Steine mit,
auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem Wege sprach
sie in der Vorstadt einen alten Bauern an, der erzählte, der Baron habe
sich mit Leib und Seele einem bösen Untier verkauft. Das läge aus Urzeiten
auf dem alten Meeresgrunde, dort auf der Heide; in der Klippe hause es und
brauche alle paar Jahre einen Menschen. Es klänge wie ein Märchen und sei
doch wahr. Wäre nicht bei den Frauen jetzt die Unzucht und Gottlosigkeit so
groß, so wäre der arme Ritter längst befreit von dem Tier. Sie hörte es mit
Glück, denn sie wußte es schon lange.

Sie spielte auf ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie
einmal unter Lächeln klagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier,
das so laut scharre und murre und raschelte, meinte er, nach einem langen,
schüttelnden Gelächter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in
der Stadt, der solle sie mit Märchen und seltsamen Geschichten unterhalten.
Es sei ein seelenkundiger Mann.

Am nächsten Mittag spazierte über den breiten Hauptweg der Dichter auf das
Schloß; sie saßen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, den Arzt zu
spielen bei Miß Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben; denn es scheine ihm
eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und raschele und sie zu
verschlingen drohe. Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer; es
war ein schlanker, junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen.
Er fuhr über sie mit herrscherischen Blicken, sie lachten zusammen, über
ihre Bilder gebückt. Er bat sie, sie möchte tanzen, als schon die Lust dazu
in der Wilden erwacht war; sie tanzten zusammen unter Ilsebills letztem
Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und lachte mit
einmal über das Schloß und den Sumpf und die scharrenden Tiere. Sie krümmte
sich über das Eisengitter, schrie ihr Gelächter über die dämmerige Heide
hin. Wahnsinnig, ja wahnsinnig wäre sie, eine Leiche bei lebendigem Leibe.
Mögen alle vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glück morden:
sie kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber. Sie
streckte ihre runden Arme über sich, rief das Meer an, sie wolle wieder
fort, sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und immer küssen.
Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter fort; trällernd riß sie
ein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es zwischen seine Lippen.

Kaum war es finster im Schloß geworden, da warf sich Miß Ilsebill ihr
schwarzes Tuch um, nahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze in die Hand
und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz: sie wollte zum Schluß
die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht und Nebel verschwinden.
Auf dem Meer wartete schon die Yacht, die der Dichter zur Flucht besorgt
hatte. Den dunklen Gang keuchte sie hin; aus dem Dunklen, ihr entgegen,
kamen Schritte. Die Scheite ließ sie über die Kniee leise zu Boden gleiten,
es war Paolo, der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden stellte
und sie zärtlich, ohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände. Die
schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht fort von seinen, die voll
Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost spendeten, schlüpften
nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines heiteren Gesichts. Seine
schräggestellten Augen strahlten über sie gar eine Dankbarkeit, sein Mund
näherte sich zum ersten Male ihren Lippen und küßte sie. Er sagte, er ginge
noch heute in die Stadt. Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen,
eine unbezwingliche Angst schüttelte ihre Schultern. Sie hielt das Kreuz in
beiden Händen hoch, sie richtete sich auf, die Scheite ließ sie liegen, sie
mußte über den Gang, sie mußte nach der Tür, sie mußte in die Kammer. Hart
war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter dem Kreuz schleppte
sich Miß Ilsebill, weinend und sich kasteiend. Den Riegel schob sie hoch.
In der Kammer ging sie händeringend auf und ab, schlug sich die Brust,
schlummerte auf dem weichen Teppich ein.

Im Traume hörte sie ein Scharren und Krachen, ein lautes Rufen von
Männerstimmen: »Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!«
Richtete sich auf. Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender
Mund her. Der Felsen sprang mitten auseinander, aus der Höhle strömte das
Wasser, wälzte sich ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit
zahllosen ringelnden Fängen; aus dem Leib schlug die zitternde, blaurote
Flamme wie der Atem. Miß Ilsebill stürzte nach der Tür; die fand sie nicht;
da schrie sie gell und wahnsinnig: »Paolo, Paolo.« Das Untier zischte nach
ihr; eine lähmende Süße durchfloß sie; sie schlug in Todesangst gegen die
Wand. Ein blanker Spieß hing da, sie riß ihn herunter, schleuderte ihn
blind in die Flamme hinein. Halbumfallend fand sie die Tür, lief,
schreiend, mit den versengten Händen um sich schlagend, über die stummen
Gänge; blieb vor ihrer Zimmertür liegen.

Bis an den grauen Morgen lag die stolze Miß Ilsebill. Als sie sich
aufrichtete, löste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab, band
ihre Zöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnem Röckchen aus dem Hause,
durch den Torweg nach der Stadt zu über die Heide, bis da, wo die Birken
stehen. Sie wandte sich nicht einmal um. Hinter ihr tobte es; vom Meere her
kam ein Donnern und Bersten. Eine Springflut, eine meilenweite graue Wand
durchbrach die Dämme und Deiche, setzte rollend und schäumend über die
verwunschene Ebene, bedeckte wieder, was ihr schon einmal gehört hatte,
dazu ein graues Schloß und viele schlafende, armselige Menschen. Das
furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den Berg heran vor der
Stadt, auf dem die Birken stehen. Ilsebill wanderte auf den Berg. Und wie
sie zwischen den Bäumen ging, trat der Nebel in den Wald. Aus einem Baume,
an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner, feiner Rauch, der
süßer als Flieder duftete. Er legte sich um die wandernde Ilsebill, so daß
sie eingehüllt war in die Falten eines weiten, duftenden Mantels. Sie sah
keinen Schritt vor sich und keinen Schritt hinter sich; und als sie merkte,
daß der Mantel der Mutter Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie
ein zages Mädchen. Rascher und rascher lief sie, aber sie stürzte bei jedem
Schritt: »Ich möchte doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich doch
die Blumen noch sehen, laß mich doch die Vöglein sehen. Ach, liebe Mutter
Gottes, sei gut zu mir. Ich sehe, -- du bist gut zu mir, wie ich zu dir
bin.« Ihre Lippen blaßten. Sie wurde dünner und dünner. Seufzend löste sie
sich auf und verschwand in dem feinen Nebel, der über die Birken zog.

Schon hob sich die Sonne über dem Wasser, da trabte langsam ein schwarzer
Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der Stadt her. Der
Reiter ritt über den Berg, und wie er auf der Höhe stand, schäumte
meilenweit vor ihm das graue, tobende Wasser und kein Weg und kein Schloß.
Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm, ging zwischen den Birken. Ein
winziges goldenes Kreuz hing an einem Baum; um den ging ein süßer Geruch
herum. Er zog den weichen Hut, kniete nieder und legte die Stirn an die
Rinde: »Große Angst hast du uns beschert, holde Mutter Gottes; große Liebe
hast du uns beschert, du holde Mutter Gottes.«

Die Städter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage des
Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hörte man nach vielen Jahren wieder
von ihm, als die Kämpfe in Mittelamerika tobten. Als Führer einer Freischar
gegen die heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner ganzen Mannschaft
bei einem heimtückischen Angriff.



Der Dritte


Der berühmte Frauenarzt Dr. William Converdon in Boston erließ am 14. 4.
eine Annonce in den »Täglichen Nachrichten«, in der er eine Sekretärin
suchte. Er war durch seine Wahl zum Vorsitzenden der Gesellschaft für
Gynäkologie mit Schreibarbeit übermäßig belastet worden; seine bucklige
Haushälterin, der er sein Bedrängnis mitteilte, entschied sich dafür, eine
Dame zu suchen; diese sei billig, vor allem leichter zu entlassen.

Am 18. 4. stellte sie ihm zum Schluß seiner Sprechstunde zwei Damen vor.
Converdon drehte sich teilnahmslos auf seinem Stuhl um, nahm mit Kopfnicken
die leichte Verbeugung eines scharfzügigen, schwarzen, intelligenten
Fräuleins entgegen, richtete länger seine grauen kalten Augen auf das
blonde Mädchen neben ihr, die ihm mit Erröten ihre Zeugnisse reichte. Wie
er dann mit der Hand über sein breites Kinn fuhr, entschied er sich, ohne
die Papiere zu öffnen, für die blonde, schüchterne, vollwangige, weil sie
schöne Flechten trug und es ihn beunruhigen würde, ihre Reize auf die
Straße zu schicken, und weil er hoffen konnte, ihrer rasch überdrüssig zu
werden.

Bei Beginn der Diktate am nächsten Morgen empfand der hagere Mann eine
Störung seines Gedankenganges durch die Anwesenheit des Mädchens. Er
zögerte daher, über den Läufer des Sprechzimmers hin- und hergehend, nicht
lange, hinter dem Sessel halt zu machen, auf dem sie saß, in blauem Kleid,
den Kopf mit sauber gewundenen Flechten über das Pult gebeugt. Bei
Betrachtung ihres Rückens blieb er an ihrem bloßen Nacken hängen; so hob er
denn langsam ihren weißen Stehkragen auf und küßte sie in den Spalt hinein
zwischen Kleid und Kragen. Sie fuhr zurück, ihre Augen leuchteten auf; als
er ihre hellen Nackenhaare durch seine Zähne zog, legte sie kichernd ihre
heiße Wange nach rückwärts an seinen Kopf und dehnte sich auf dem Stuhl.
Dann, als er mit seinen schmalen Lippen ihre Wangen abtastete, warf sie
sich plötzlich vorn über die Schreibplatte, vergrub den Kopf in den Armen,
schluchzte sehr leise eine kleine Weile, während er nachdenklich hinter ihr
stand, das scharfe Gesicht gesenkt, die linke Hand am Kinn. Sie schüttelte
sich noch einmal, wischte sich die Augen mit einem sehr dünnen Taschentuch,
stand auf, wandte sich um und sah ihn aus geröteten Augen von unten an. Das
blondhaarige Fräulein, sie hieß Mery Walter, legte dann ihren Kopf an seine
weiße Weste und bot ihm zu seiner großen Überraschung den Mund. Er wollte
erst mit der freien linken Hand in die Rocktasche fahren nach seinem
Kneifer, um die Erscheinung aus der Nähe zu betrachten, küßte sie aber
entschlossen und nannte sie vorsichtig »liebes Fräulein Walter«. Fräulein
Walter setzte sich wieder auf ihren Sessel, er spazierte befriedigt über
den Läufer, diktierte weiter. Er machte ihr am Ende der Arbeit, weil es ihm
so einfiel, einige Liebeserklärungen, die sie erst gedankenlos
mitstenographierte, dann aber beim Nennen ihres Namens verstand; sie
spazierte Arm in Arm mit dem erschrockenen Mann über den Läufer; der
beschäftigte Arzt freute sich aber herzlich über den raschen Ablauf des
Vorgangs.

Er ging mit ihr ins Theater, speiste abends mit ihr zusammen, trieb dies
ein paar Tage. Bis ihm nach genau einer Woche, als er bei Beendigung des
Diktats auf seiner Chaiselongue saß und Fräulein Walter betrachtete, ein
weiterer Gedanke kam. Sie band sich eben über ihren blauen Rock eine
spitzenbesetzte weiße Schürze und sah dabei auf ihre weißen Tennisschuhe,
als er um die Erlaubnis bat, die Schürze hinten zuzuknöpfen, und ihr bei
dieser Tätigkeit dann mit stockender Stimme von hinten ins Ohr flüsterte,
sie möchte heute das Nachtlager in seiner unmittelbaren Nähe aufschlagen.
Sie betrachtete eine Weile ihre Fingerspitzen, löste sich mit einem Ruck
von seinen Händen, stampfte dann mit dem Fuß auf, sagte zunächst leise: »Es
geht nicht.« Er ebenso leise; »Warum« und duzte sie sofort in Vorbedacht
der kommenden Situationen. Nun einfach darum nicht, weil sie doch zu Hause
wohne. Es wurde nun noch die Depesche an die Mutter abgesandt, in der
berichtet wurde, daß Fräulein Mery den Herrn Chef für einen Tag auf einer
Reise begleiten müsse, die bucklige Haushälterin orientiert, welche ein
hierfür seit langen Jahren benutztes Zimmer freundlich abstaubte, so daß
Dr. Converdon seinem Plan entsprechend die fröhliche Nacht mit seiner
Sekretärin verlebte.

Nur störte ihn im Verfolg seiner notwendigen Bemühungen an dem Fräulein
mehreres, nämlich die große Energie ihres anfänglichen Widerstands, ihre
auffallende Erregtheit während der ganzen Nacht, besonders aber der Befund
einer unzweifelhaften Jungfräulichkeit. Über diesen Befund war Herr Dr.
Converdon heimlich außerordentlich entrüstet. Er erhob sich sehr früh,
machte dem Fräulein am Morgen vor der Waschschüssel laute Vorwürfe wegen
ihres Lebenswandels; man solle es nicht für möglich halten, wenn man sie
betrachte mit ihren blonden Flechten: was wollte sie eigentlich von ihm; es
zeuge von einer unglaublichen Unreife, von einem völligen Mißverstehen
seiner Person; er wisse gar nicht, wie er über diesen Punkt ihrer
Vergangenheit wegkommen solle. Sie weinte, im bloßen Hemd am Fenster
sitzend, furchtbar; bettelte um Verzeihung, sie wisse ja selbst nicht, wie
es gekommen sei. Er diktierte ihr wütend stundenlang am Vormittag;
diktierte, bis sie halb schlafend über den Tisch sank; war außer sich über
die Roheit dieser anscheinend harmlosen Person.

Sofort wollte er sie vor die Tür setzen. Aber er überlegte sich, daß sie
dann zu leichten Kaufs davonkäme. Es wäre ihr ein Vergnügen, jetzt zu
entwischen nach diesem Verbrechen an seiner Seele. Er erklärte ihr abends,
als sie zum Nachtessen erschien, daß er sie nunmehr fest engagiere,
zunächst auf drei Monate; sie klatschte in die Hände; er verlangte
dringend, daß sie einen förmlichen Vertrag, den er entworfen habe,
unterschriebe. Sie unterschrieb ungelesen, hängte sich an seinen Hals. Er
lächelte finster. Niemand erkannte den ernsten Mann tagelang in seiner
explosiven Wut. Er mietete ihr schon nach einigen Tagen eine Wohnung in dem
Nebenhause, entsetzte sie ihrer Stellung als Sekretärin, engagierte einen
alten Bureaubeamten. Sie sollte als Gesellschaftsdame fungieren in seinem
Hause. Sie hätte nichts weiter zu tun, als zugegen zu sein, wenn er es
verlangte.

Sie stellte nun seine Möbel um, hing kleine Liebesbilder und Fähnchen auf,
setzte sich allabendlich zu ihm an den Tisch. Er sprach tagelang mit ihr
kein Wort, er duldete sie, gab ihr mit jeder Miene seine Verachtung zu
erkennen. Eines Tages schwoll sein Gesicht, während sie ruhig aß, blaurot
an, die Stirnader trat wie ein Bleistift hervor, seine Augen quollen
heraus; er schlug mit der Faust neben sie auf die Platte: »Du hast hier
nicht Abend für Abend an meinem Tisch zu sitzen. Dieser Stuhl hat frei zu
sein an meinem Tische. Ich verbitte mir, daß irgend jemand auf diesem
Stuhle sitzt.« »Aber Lorry, wo soll ich denn sitzen?« »Wo du willst, sollst
du sitzen. Vor der Türe. Ich wünsche, daß dieser Platz freibleibt.« Sie
stand weinend auf: »So wünschst du, daß ich gehe?« »Daß du gehst? das
charakterisiert dich recht. Was willst du gehen? Warum? Wohin willst du
gehen? Oh ich kenne dich schon, du. Du willst gehen; das wolltest du schon
lange. Aber du hast ohne meine Erlaubnis nicht das Zimmer zu verlassen. Du
hast hier zu bleiben; ich sperre dich ein, bis du zahm und kirre bist, --
du Schamlose.« Der alten buckligen Haushälterin aber trug er auf, Fräulein
Mery zu behandeln als wäre sie die Tochter des Hauses, oder als wäre sie
seine Frau, mit der allererdenklichsten Rücksicht und Zartheit; so verlange
er es.

Als der hagere Mann sich besänftigt hatte, ging er wieder mit dem blonden
Fräulein spazieren auf den breiten Geschäftsstraßen Bostons; mit einer
ernsten bittenden Galanterie bewegte er sich um sie; öfter klagte eine
verzweifelte gequälte Demut aus seiner Stimme. Sie saßen einmal
nebeneinander bei Sonnenuntergang am Fenster seines Sprechzimmers; da legte
er überwältigt die kahle Stirn auf die runde Mädchenschulter. »Sieh, Mery,
wie viele Straßen es gibt; drüben jenseits des Platzes fünf, über den
Flußweg hunderte im Arbeiterviertel. Hundert Häuser stehen in jeder Straße,
und in jedem Haus wohnen so viele Männer, jüngere als ich, bessere als ich,
schönere als ich. In jedem Stock, hinter jedem dieser Fenster. Sie haben an
nichts zu denken, sie haben den ganzen lieben Tag ihre Gedanken frei, stell
dir dies einmal vor. Und wie gerne würden sie dich lieben, mit deinen
treuen Augen, deinen runden Armen. Dein Fleisch ist so fest, deine Brüste
sind so straff, mit rosigen Spitzen; ach Gott, was hast du für ein weiches,
glattes Fell, Mery, -- und dies alles mir, den es nicht beglückt, den es
belastet und die Atemluft benimmt. Bitte frage mich jetzt nicht wieder, ob
du gehen sollst. Was hilft das mir? Ich würde dir nachlaufen müssen und
weinen. Ich wäre unsäglich froh, wenn du nicht wärest. Ich würde mich gerne
bücken hier am Fenster, dich auf die Arme nehmen und wie einen Blumenregen
auf das Pflaster streuen, darüber in die Fenster hinein und über mich in
das Zimmer. Der Gedanke macht mich schmelzen. Aber jetzt faß mich nicht an,
tröste mich gar nicht, laß meinen Kopf auf deiner Schulter liegen, Mery,
Mery.«

Das Mädchen umging ihn mit großer Vorsicht, sie bereitete ihm die
Mahlzeiten, half ihm bei den Arbeiten mit Geduld und unendlichem Sanftsinn.
Wenn er sie anbrüllte, sich mit den Händen gegen die Brust schlug, weil
solch Verhängnis an ihn gekettet wäre, so schlich sie davon die Treppen
hinunter, weinte zu Hause, kam nach ein paar Stunden wieder zurück und
fragte ängstlich die Haushälterin, ob der Herr schon besser wäre. Und er
zog sie schon auf dem Korridor an den Händen zu sich hinein, polterte mit
mürrischem Gesicht über eine kindliche Neigung zu dramatischen Spannungen,
über ihre unreale idealistische Auffassung des Menschen.

Nun saß sie auf seinen Visiten im Wagen neben ihm, in einem mächtigen
Florentinerhut mit breiter blutigroter Schleife, deren Enden sie nach vorn
um den Hals band. Wie seine Tochter saß sie auf dem Polster in feinem
weißen Batistkleide neben dem hageren, glattrasierten Arzt, dessen hohe
schmale Stirn, gerade Nase, tiefe Mundlinien in Marmor gehauen waren. Sein
Schädel war kahl bis an den Wirbel; seine grauen durchdringenden Augen
sahen gradeaus.

Ihre Lippen waren fein und keusch. Das reizte ihn tief, und er legte ihr
die harte Hand auf den Mund in dem eiskalten Wunsch, mit einem schlanken
Messer ihre Lippen zu umschneiden, -- dann wäre die ganze Keuschheit weg,
-- mit Porzellanglocken die demütige Sanftmut ihrer Augen zu verdecken;
ihre welligen Haarflechten zu fassen, mit einem Ruck, mit einem langen
skalpierenden Ruck vom Leibe abzuziehen, das weiche schmeichelnde Fell, die
weiße glatte Haut ganz und gar, daß sie daläge, Mery, vor ihm, zuckend rot,
mit spielenden, bloßen Muskeln, ein Präparat, ein krampfendes schnappendes
Tier, Mery.

Er ließ sie ganz in seine Wohnung ziehen. Trotzdem sie im Gedränge der
Straßen kaum einer beachtete, mußte sie dichte weiße Schleier tragen, und
die kleine bucklige Frau begleitete sie. Der hagere Mann ging indessen
heimlich des Nachts in die niedrigsten Quartiere der Vorstadt, lernte den
verlorenen Geschöpfen ihre Obszönitäten und Verderbtheiten ab. Das streng
bewachte, stille, blauverhängte Zimmer Merys zitterte unter den Rasereien
der beiden Menschen. Sie saß neben ihm, umschlang ihn, bedauerte ihn wegen
seiner Wildheit, aber er sann verzweifelt, wie er sie ganz verwüsten
könnte, daß nichts von ihr übrig blieb, rang die Hände, daß sie noch immer
neben ihm saß, als wäre nichts geschehen, mit treuen blauen Augen, mit den
schlicht gewundenen Flechten, mit der kindlichen Stimme -- wie er nur eine
Spur in ihr hinterlassen könne, eine einzige kleine Spur. Bis sie einmal
leise weinte an seiner Brust, und ihn fragte, ob er schlecht von ihr denke,
weil sie jetzt so bestialisch zueinander seien; da tröstete er sie
ingrimmig, sie solle nicht so outriert fragen.

Er erklärte ihr am Tage darauf, daß er sie zur Schauspielerin ausbilden
lassen wolle. Sie gehörte allen Menschen; jeder konnte sie nehmen, sollte
sie nehmen. Sie sei so schön; sie singe so rein; es sei eine Versäumnis,
dies zwischen seinen vier Wänden verdorren zu lassen. Sie trat als Tänzerin
in einem Varieté auf. Der Vorhang rauschte hoch, der hell beleuchtete
Schädel des Arztes senkte sich, -- nun war er glücklich. Nun lag die
Schönheit Merys auf allen Gesichtern im Saale; der breite Fleischermund
neben ihm sog lüstern an ihrem süßen Lächeln, in die braunen Kalbsaugen der
Dame neben ihm kam eine Starrheit, als die blonde Mery im Tanze die runden
Linien ihrer Schenkel bog und streckte; ein junger kräftiger Fant in der
ersten Reihe biß sich mit dem Opernglas in ihre Brüste ein. Nun fiel sie
wie ein Blumenregen über den Raum. Er raste in seiner Equipage hochatmend
und lachend weg, ließ sie allein den Zuschauern. Er versteckte sich in
seinem Zimmer, schloß die Türen hinter sich ab; seine Haushälterin bediente
ihn wie sonst in der guten Zeit allein, während die Stühle leer
herumstanden, kein Gedeck neben seinem lag, und er am Ende der Mahlzeit
Tisch und Stühle umwarf und seine Beine vergnügt auf dem Sofa ausstreckte.

Kaum aber war nach der unruhigen Nacht der Morgen gekommen, so stand der
Herr vor dem Fenster seines Sprechzimmers, sah die leere Straße herunter
und streckte die Arme aus nach Mery, der Dirne, dem niedrigen seellosen
Geschöpf, nach der Mörderin, dem Vampir. Keine Spinne konnte böser umgehen
mit einer Fliege, als dieses Wesen mit ihm. Alle Dinge hier im Zimmer
sprachen von der Pein, die sie ihm tausendmal bereitet hatte, -- von der
Mühe, die er mit ihr hatte, aber sie wälzte sich im warmen Dreck. Keine
Peitsche, sie zu schlagen! Wo steckte sie, wo steckte sie, sein Besitz!
Seine Hündin!

Gegen fünf Uhr nachmittags klingelte sie, lächelnd, freudig erregt, im
weißen Mädchenkleid, unter einem mächtigen Florentinerhut, fiel ihm um den
Hals und plapperte, wie glücklich sie sei, wie gut sie gefallen habe, wie
sie sich freue auf heute Abend. Er fragte nicht, wo sie heute Nacht gewesen
sei. Er nahm sie wie eine Puppe in den Arm und fiel aufweinend über sie auf
den Teppich nieder. Er küßte sie auf den Mund und redete verwirrt. Er
bettelte mit heiserer Stimme, sie solle nicht mehr spielen, sie solle bei
ihm zuhause bleiben. Sie könne ja gehen, wann sie wolle, aber sie möchte
bei ihm bleiben. Das Mädchen brach in ein furchtbares Schluchzen aus,
fragte, was ihm geschehen sei. Sie zitterte, hob ihn auf, blickte den Mann
an mit dem glühenden Gesicht, den triefenden Augen, den bebenden Lippen.

Am nächsten Vormittag fuhr er mit ihr auf das Standesamt, nach ein paar
Tagen zum zweiten Male; da waren sie getraut.

Sie hatten wenige glückliche Wochen in einem Seebade verlebt. Da hörte sie
eines Morgens, als sie sich zum Tennisspiel ankleidete, einen furchtbaren
Schrei aus dem Nebenzimmer. Converdon stand in bloßen Hemdsärmeln aufrecht
mitten im Zimmer, in der rechten Hand einen zerknitterten Brief. Er
streckte die Arme nach der Decke, schrie gell Merys Namen, stürzte auf den
Teppich nieder. Sie hob seinen heißen Kopf, er stammelte: »Es ist aus mit
mir.« Dann, als er sich beruhigt hatte, sagte er, sie möchte ihn allein
lassen, er hätte einen Nervenanfall gehabt. In dem zerknitterten Brief
stand:

»Sehr geehrter Herr Doktor, Ihre Frau ist sehr schön. Ich werde mich um sie
bemühen. Es ist Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, ebenso sicher wie mir
selbst, daß ich Ihre Frau gewinnen werde. Es wird mir schwierig, ja
unmöglich sein, meine Bemühungen um Ihre Frau durchzuführen, ohne daß Sie
es merkten. Ich bitte Sie daher, erstens Kenntnis von meinem Plan zu
nehmen; zweitens, angesichts des zweifellosen Resultats, keine
Schwierigkeiten zu machen. Ihnen selbst, sehr geehrter Herr Doktor,
empfehle ich, gedrängt von einem großen Wohlwollen für Sie, sich am
fünfundzwanzigsten dieses Monats im Charlespark mit genauer Angabe der
Motive umzubringen. P. S. Ich besitze ein Automobil und stelle Ihnen den
Wagen zur Benutzung bei der Regelung Ihrer Angelegenheiten zur Verfügung.

                         Paul Wheatstren,


                       Parterregymnastiker.«


Dr. Converdon antwortete nach einer knappen Stunde Herrn Paul Wheatstren,
Parterregymnastiker. Er bestätigte den Empfang des freundlichen Briefes vom
Heutigen, dankte für die gütige Festsetzung des Todes, bat um umgehende
Zusendung des Automobils, das er sachgemäß instandhalten werde.

Die erste Fahrt, die Dr. Converdon mit dem Wagen machte, war hinaus auf die
Landvilla des Akrobaten, um mit ihm zu verabreden, daß von den kommenden
Geschehnissen nichts zu Ohren Merys gelange. Wheatstren empfing ihn, ein
untersetzter, breitschultriger Mann mit viereckigem, geröteten Gesicht,
Ende dreißig, gewöhnliche Züge, aber klare, ruhige Augen. Er schüttelte dem
Doktor lachend die Hand, erklärte ihm, wie er sich freue, seine schöne Frau
kennen gelernt zu haben und ihren ehrenwerten Gatten.

Er hoffe mit Frau Mery glückliche Stunden zu verleben. Sie setzten sich bei
einem Glas Wein hin. Wheatstren versäumte nicht, nach dem ersten Glase
schonend zu bemerken, daß an dem baldigen Ableben seines Gastes die Dame
nicht schuld sei, und er auch nicht; vielmehr ergäbe sich das Ableben von
selbst bei der Sachlage, und so wäre es auch vernünftig, den Selbstmord am
fünfundzwanzigsten in voller Öffentlichkeit, wie jede andere schickliche
Handlung zu vollziehen. Dr. Converdon trat bei dem zweiten Glase mit
gezogenem Revolver auf seinen erstaunten Wirt zu und besprach mit ihm die
Möglichkeit, ihm selbst eine Kugel in das rechte Auge zu schießen und zwar
jetzt gleich; dies sei vorteilhaft darum, weil jener keine Waffe trüge und
er auf seinen Browning gut eingeschossen sei. Der andere bestätigte ohne
Überlegung die Möglichkeit eines solchen Verlaufs, fügte aber mit
überlegenem Lächeln hinzu, ohne sich auf seinem Sessel zu rühren, daß an
der Sachlage dadurch nichts geändert würde. Es würde dann im nächsten Monat
ein anderer Mann Frau Mery schön finden und Herrn Dr. Converdon davon
benachrichtigen. Mit einem vorwurfsvollen Blick ging Herr Wheatstren auf
den Arzt zu, der beschämt den Revolver sinken ließ. Er hätte Herrn
Converdon geschrieben, weil er ihn für einen vernünftigen Mann hielte; es
sei doch wirklich nicht ihre Sache, den Eintritt notwendiger Ereignisse zu
verzögern. Er nahm gutmütig lachend dem Arzt den Revolver ab, klopfte ihm
auf die Schulter; sie tranken nachdenklich weiter.

Zu Hause warf sich Herr Dr. Converdon in Frack, setzte einen Zylinder auf
und fuhr in die Kirche. Er hörte aufmerksam die Predigten an, ließ sich am
Schluß des Gottesdienstes beim Pfarrer anmelden. Diesem erklärte er den
Sachverhalt, indem er sich auf einen Stuhl an der Türe setzte, stellte ihm
die Frage: ob er als Seelenkenner glaube, daß sich das Motiv des am
fünfundzwanzigsten stattzuhabenden Selbstmordes beheben lasse. Er sei
Frauenarzt und daher mit Psychologie nicht vertraut. Der Pfarrer, ein
junger, tiefernster Mann mit einem Jesuitengesicht, durchsprach mit ihm
aufmerksam die Angelegenheit. Er explizierte am Schluß: Es sei, wie man
wenigstens seitens der Psychologie sagen könne, ein gewisses Dunkel und
eine Borniertheit in dem Arzt vorhanden; diese, eine angeborene
Eigenschaft, durch Erziehung und Lebensweise gepflegt, sei kaum mehr zu
beheben. Die Situation sei erfreulich für die Frau Mery; ihn könne man nur
trösten mit dem Hinweis auf die Belanglosigkeit seiner Existenz.

Damit war der beliebte Frauenarzt ganz ins Klare gekommen. Er hatte noch
zwei Wochen zu leben. In diesen folgenden Tagen kam nun, als er sich die
Situation klar überlegte, eine völlig unbekannte Ruhe über ihn. Er ging mit
einem Gefühl der Freude einher, daß jedem der Glanz seiner Augen auffiel.
Mit einer tiefen Dankbarkeit behandelte er insbesondere seine junge Frau,
fuhr in dem Automobil mit ihr spazieren ins Grüne, war ihr wirklich innig
zugetan in dieser Zeit. Sie hatte ihm diese schönen hoffnungsvollen Tage
beschert; über ein paar Tage war er wieder allein. Wie einfach sich alle
seelischen Lächerlichkeiten lösen lassen durch eine mechanische Bewegung,
gemäß dem guten Rat dieses Parterregymnastikers Paul Wheatstren. Täglich
besuchte er mit Frau Mery die Varietévorstellungen, in denen der treffliche
Mann auftrat, wurde nicht müde, seine Gelenkigkeit zu loben, kaufte sich
sein Bild und stellte es in seinem Schlafzimmer an sein Bett. Zwei Tage vor
seinem Ableben besuchte er noch alle Bekannten der nächsten Umgebung und
teilte ihnen seinen Plan mit, er ging in den Kaufmannsladen, in den
Gemüsekeller, in die Budike. Er fügte hinzu, daß er angesichts des
Vergnügens, sie zu verlassen, ihnen Legate in Form von je tausend Dollars
aussetze; er werde ihnen auch eine Stunde vor seinem Verscheiden Telegramme
mit den herzlichsten Flüchen schicken. Er beobachtete, daß diese Erklärung
allseitig beifälliges Erstaunen hervorrief und daß man ihm dankbar die
Hände küßte.

Am vierundzwanzigsten dekretierte er schriftlich, daß man ihn sorgfältig
sezieren möchte. Am fünfundzwanzigsten morgens trennte er sich von seiner
schönen Frau in unbändiger Freude; der ernste kahlköpfige Arzt tanzte im
Frack um sie herum, küßte sie und fand kein Ende mit ihr zu lachen. Gegen
zehn Uhr setzte er sich in das Automobil, gab die Telegramme auf, fuhr nach
dem Charlespark, ließ den Wagen am Eingang des Parkes warten, nachdem er
einen Zettel hinterlassen hatte mit der Nachricht seines um halb elf
stattfindenden Todes. Mitten im Gebüsch stehend, bemerkte er, daß er in
seiner Freude den Revolver zuhause gelassen hatte und hängte sich daher
nicht ohne Schwierigkeit an seinem Schlips auf.

Die Autopsie des Verstorbenen war völlig ergebnislos.

Am Abend der am sechsundzwanzigsten vorgenommenen Leichenschau besuchte
Herr Wheatstren die Witwe, teilte ihr mit, daß er, wie sie wisse, ein
Freund des Verblichenen sei. Er wolle keine großen Reden führen, sondern
ihr nur mitteilen, daß er einige glückliche Stunden mit ihr zu verleben
gedenke. Er bitte sie, das Gedächtnis des Verblichenen zu ehren, denn nur
in Rücksicht auf ihr gemeinsames Glück habe er sich am fünfundzwanzigsten
an seinem Schlips aufgehängt. Die gebrochene blonde Frau vergoß reichlich
Tränen, sagte, sie erkenne Dr. Converdon daran; er sei immer so gütig gegen
sie gewesen. Es käme ihr zwar alles so rasch, aber das Leben sei wohl so.
Sie fuhr mit ihm in dem Automobil in seine Landvilla und verlebte
ihrerseits mit ihm glückliche Stunden. Er seinerseits fühlte sich bald
abgestoßen durch die Routine der sanften blauäugigen Dame in den
Vergnügungen des Genusses; er hatte gehofft, ihr selbst diese beizubringen.
So übernahm er dann nach einer Woche die Verwaltung ihres Vermögens,
fluchte auf die Heimtücke des Dr. Converdon und fragte sie nach ihrer
Herkunft. Als der Parterregymnastiker erfuhr, daß sie zuerst als Sekretärin
bei Dr. Converdon beschäftigt war, bemerkte er, daß er keine Sekretärin
brauche, er wisse als Akrobat wenigstens nicht, wozu. Er werde ihr Vermögen
weiter gewissenhaft verwalten, ihr einen ausreichenden Zinsgenuß gewähren,
aber sie scheine ihrer ganzen Anlage nach nicht für einen einzelnen Mann,
wie ihn, geschaffen, auch wiesen die bezeigten Talente darauf hin. Und so
empfahl er ihr dringend, ihre Begabung zu verwerten; auch das größte
Kapital würde schließlich aufgezehrt. Sie verschloß sich seinen Darlegungen
nicht. Und Herr Wheatstren führte die junge blonde Dame, die er auch
heiratete, bald aus auf die Rennplätze, in die Theater; behandelte sie roh
und mit Berechnung. Sie aber pries ihn auf Schritt und Tritt, weil er ihr
das Höchste bot, was es auf Erden gäbe, nämlich erhebliche Abwechslung.



Die Memoiren des Blasierten


Aufzeichnungen über das eigene Leben zu machen, hielt ich nie für nötig.
Zwar ist ein Ding ebenso unwichtig wie das andere, und es macht nicht viel
aus, ob man Länder erobert oder betet oder Frauen umarmt oder Memoiren
schreibt. Zwar wußte ich auch schon früh, daß manche Dinge erst schmackhaft
werden, wenn man sich ihrer erinnert, und ich habe ja manches Trostlose und
Peinliche nur darum geduldig auf mich genommen. Aber doch wollte ich
Aufzeichnungen über mich nie machen; ich wollte es nicht, und darüber läßt
sich nicht weiter reden.

Jetzt will ich aber etwas tun für die Aufklärung der Menschen, die dies
lesen: auch eine Klagschrift will ich hiermit liefern.

Es muß geschehen, damit eine laute Stimme gegen den Feind ruft, der im
Dunkeln mordet, jahrhundertelang. Er wütet im Dunkeln und verstrickt uns.
Darum schreibe ich dies.

                                  *

Ich war noch ziemlich jung, als ich zuerst von der Liebe hörte. Ich las von
ihr in Romanen, Gedichten, später bei manchen Philosophen. Die Quellen für
meine Kenntnis der Liebe waren recht verschieden: teils belehrten mich die
genannten weitschweifigen oder gehobenen Betrachtungen, teils die
Zeitungen, die mit ihrer täglichen Selbstmordchronik mir manchen
wünschenswerten Wink gaben.

Aber was man da behauptete, schien mir so sonderbar, daß ich es nicht
glaubte. Ich las von der Liebe wie von einer Nordpolexpedition oder dem
Überfall eines Eisenbahnzuges durch Indianer. Man sagte mir, daß ich auch
einmal lieben würde; aber bei dem Gedanken erfüllte mich Furcht und
Betrübnis wie vor einer Krankheit. Und ich konnte mich lange nicht bewegen,
mich ernsthaft mit der Liebe zu beschäftigen. Und so blieb ich fröhlich und
ruhigen Herzens.

                                  *

Ein lebhafter Drang in mir ist der Bildungstrieb. Ihm danke ich viel Gutes
und Böses. Es schien mir nach einiger Zeit meinem Alter unangemessen, keine
Kenntnis von einer so weitverbreiteten menschlichen Tätigkeit wie der Liebe
zu besitzen und hinter meinen Altersgenossen zurückzustehen. So machte ich
mich auf die Suche nach der Liebe. Bei den Männern, an die ich mich wandte,
-- anerkannt vernünftigen Männern in leitenden Stellungen, zum Teil in
Ministerien, zum Teil in Fabriken und Banken, -- erregte ich ein Lächeln,
wenn ich sie nach der Liebe fragte. Einige sagten mir geradezu, es sei nur
eine müßige Rederei darum. Andere hielten die Liebe für eine Sache von
Leuten, die nichts zu tun haben, und überließen sie ihren halberwachsenen
Töchtern, die sich damit zu beschäftigen hatten, -- mit den Klassikern, dem
Klavierspielen und der Liebe.

Dies war, was ich von den Weltkundigen erfuhr. Als mir von ihnen nichts
weiter zuteil wurde, ging ich, niedergeschlagen über die widerspruchsvollen
Berichte, mit mir zu Rate und machte mich selber auf den Weg. Und dieser
Entschluß blieb von höchster Bedeutung für mein ganzes folgendes Leben. Ich
versetzte mich nach und nach auf die Liebe, ich wollte mich ein für allemal
mit ihr abfinden: es war mir ernst darum.

Es wurde mir gesagt, es handle sich bei der Liebe nicht um die eingeborene
Not des Mannes zum Weib, die mir nicht unbekannt war, sondern um viel
Höheres, Zartes, Feines, von dem man in den Worten der Prosa nicht sprechen
kann. Dieses schwer Beschreibbare zu finden machte ich mich auf den Weg.

Auf meinen Spaziergängen durch die Straßen, in verschiedenen Städten und
Ländern, betrachtete ich mit Fleiß die Menschen, die jungen und alten
Menschen, kleine Mädchen, Soldaten, Offiziere, Kommis.

Systematisch und mit großer Umsicht ging ich vor, um zu einem Verständnis
des fraglichen feinen Vorgangs zu gelangen. Ich suchte die Städte auf, in
denen die Liebe besonders hausen sollte, und ließ meinen Blick nicht von
den Menschen. Die Liebe mußte doch in irgend etwas Besonderem zum Ausdruck
kommen; und ich bemühte mich vergebens, dies aus der Menge herauszufinden.
Die Kleidung der Vorübergehenden, die Farbe ihrer Röcke, Blusen, Jacken,
habe ich im Besonderen durchmustert; aber ich fand nichts Auffälliges, und
mir wurde auch nicht klar, worin dies Besondere bestehen könnte, ob in
einer eigentümlichen Stiefelform oder einer spitzen Nase oder einer
Krawatte. Meine Freunde, denen ich meine Beobachtungen mitteilte, lachten
wie verrückt über mich, warfen stolz dunkle Bemerkungen hin wie »seelische
Sache, die man nicht sehen kann; fühlen, fühlen, dreimal fühlen«. Aber sie
waren oberflächlich, begnügten sich an diesen Worten und wußten nicht, daß
hier gerade mein Problem lag. Sollten sie mir ihre Gefühle bezeichnen, so
umschrieben sie immer teils ihre sehr einfache Not zum Weibe, teils
gebrauchten sie jene überzarten poetischen Wendungen, über die ich den Kopf
schüttelte.

Erfolglos war meine Suche gewesen und unbeirrt war ich meines Weges
gegangen. Aber durch die ewigen Anspannungen war ich aufgeregt geworden.
Ich fühlte mich unsicher und geängstigt. Schwächlich, wie ich war, fühlte
ich mich zurückgesetzt, -- so töricht war mein Herz, -- wie ein Krüppel
schlich ich herum und sah auf der Straße den Leuten bettelnd ins Gesicht.
Und so groß war das Unglück in mir, daß auch meiner Schwester, bei der ich
wohnte, meine schlaffe Haltung auffiel. Übrigens aß und trank ich, wie
sonst. Wie mich überhaupt alle Schwermut nicht um meinen Appetit brachte,
und ich immer meine Pflicht tat.

                                  *

Ich habe eine natürliche Neigung zu den Frauen, zu allen Frauen, noch mehr
zu allem, was Frau ist. Es fiel mir schon ganz früh auf, daß ich einen
höflichen, ehrerbietigen Ton anzuschlagen pflegte, wenn ich zu kleinen
Mädchen, zu ganz kleinen Babys im Steckkissen sprach. Oft erregte ich bei
den Kindermädchen und den Ammen ein Gelächter, wenn ich mit meiner großen,
breiten Figur, elefantenhaft wie ich bin, an die Kinder herantrat, den
Zylinder vor den spielenden Mädchen abzog und so pappelnde Geschöpfe mit
»Sie« anredete. Wenn ich mich über sie bückte, überkam mich etwas wie
Scheu, Herzklopfen, und das Wasser lief mir im Munde zusammen, stromweis,
wie immer, wenn ich erregt bin. Ich bemühte mich, in vorteilhaftem Lichte
bei ihnen zu erscheinen; und um dies zu können, beschäftigte ich mich auch
viel mit Kinderpsychologie. Manchmal, wenn ich solchem säugenden Wurm in
die unbeweglichen blinden Kinderaugen sah, stieg ein dunkles Grauen in mir
auf, welche Gewalt hier schlummerte; und in meinen Fingern zuckte es, eine
entsetzensschwangere Zukunft im Keime zu ersticken.

Des Lachens über mich wird aber kein Ende sein, wenn ich gestehe, daß ich
auch den toten Dingen, welche die Sprache weiblich nennt, die Verehrung
entgegenbrachte. Allerdings nur in manchen Augenblicken. Ich betrachtete
oftmals in meinem Zimmer meine grüne Tischlampe mit Respekt, zog mich vor
ihr zurück, hütete mich, sie zu berühren; und abends legte ich gar ein
weißes Linnentuch über sie, weil ich mich beim Ausziehen vor ihr schämte.
Und so schlich ich auch manchmal unsicher um mein Spind herum und ehrte es
nach langem Zögern durch eine tiefe Verbeugung und mit verbindlichem
Lächeln; es hieß besser, so entschied ich mich: die Spind. Für mich hieß es
so.

Dunkler färbte sich später meine Neigung zu den Frauen. Es gibt nichts, das
so bemitleidenswert wäre, als eine Frau. Einmal sah ich, wie eine Hündin,
die langsam vor mir herlief, ihr Blut verlor, das bald tropfenweise, bald
dickfließend auf dem Straßenpflaster liegen blieb, wo die Hündin gelaufen
war. Die lange, unabsehbare Blutspur rührte, erschütterte mein Herz. Mir
traten die Tränen in die Augen, wenn ich Frauen ins Gesicht sah. Kaum daß
die jungen unbewußten Geschöpfe anfangen zu erstarken, überfällt sie ihr
Ungemach, unablässig wiederholt, und sie triefen vor Blut. Und ihr Blut
strömt, bis sie verwelken. Die Kindsnöte treten an sie heran, zerbrechen
ihren Leib und machen sie lahm vor der Zeit.

Gibt es nun ein Geschöpf, das elender wäre als eine Mutter? Ich kann mir
keinen Menschen denken, der so tief verwundbar wäre, wie eine Mutter in
ihrem Kinde. So preisgegeben und arm ist kein Wesen als eine Mutter.

Sollen nicht meine Worte weich im Munde werden, wenn ich zu Frauen spreche?
Aber ich hab solche Worte nie gesprochen; ein Dichter und Menschenkenner
würde vielleicht fragen warum. Vielleicht bin ich zu träge von Natur.

Oft begegneten mir doch Frauen, die mir auffielen, als ich auf der Suche
nach der Liebe war, denen ich glaubte, etwas sagen zu müssen; aber ich
rührte keinen Finger um sie. Ich sah ihnen verstohlen zu, beobachtete ihre
Bewegungen, ihre Art zu sprechen, zu lachen und zu blicken, und etwas wie
Bängnis drückte mir die Brust zusammen, drehte meine Augen von ihnen ab zur
Seite. Mit keinem Laut verriet ich mich ihnen, ja den leisen verträumten
Gedanken an sie verbot ich mir. Mir müssen, glaub ich, die Dinge zufallen,
die ich begehre, und auch dann würde ich mich scheuen sie aufzuheben.
Schamlos ist nicht nur das Entblößen des Leibes; jedes Wort, jede Bewegung
verrät uns. Und so drückt uns die Scham in den Erdboden hinein; keine
Rettung gibt es vor der Scham als den Tod. Und dennoch entblödete sich
meine Trägheit nicht, zu leben und weiterzuatmen wie ein Tier.

Oft lief ich unruhig vor jenen Frauen fort, weit in das Gebirge hinauf. Da
war Nebel, der mich auf Schritt und Tritt wie eine Kammer einschloß. Bei
jedem Windstoß sprang die Tür auf, und ich erquickte mich an den
Schluchten, dem Steigen und Fallen der weißen Luft. Oft schritt eine
geballte Säule aufrecht mitten durch das Tal und legte sich dann am Abhang
hin wie ein langhaariger Windhund mir zu Füßen.

Ich weinte auf meine Weise, ohne Tränen, darüber, daß ich die Liebe nicht
finden konnte.

                                  *

Nachdem ich also mit leeren Händen von meinen Wegen zurückgekehrt war,
packte mich der Überdruß wilder, und ich zog auf die Frauen los,
entschlossen zu lieben.

Ich war umsonst die Menschen um Rat angegangen, hatte vergeblich nach den
Merkmalen der Liebe geforscht und mir die Augen krank gesehen; ich drang
jetzt zu den Quellen vor; ich bot mich selbst zum Versuch an.

An welches Mädchen ich mich aber wenden sollte, wußte ich zuerst nicht und
fragte meine Freunde. Sie sagten, daß dies nach alter Erfahrung im Grunde
gleichgültig sei und erzählten mir von einem Mädchen, das viel liebte, viel
geliebt wurde und sehr heroisch sein sollte.

Ich machte mich auf den Weg zu ihr; gewann Zutritt zu ihrer Wohnung, und
fragte sie zunächst entschieden, im Verfolg meiner früheren Untersuchungen,
nach dem objektiven Tatbestand der Liebe, mit dem Ernst, der sich für einen
Mann ziemt, woran die andern erkannten, daß sie viel liebte. Sie lächelte
heroisch.

Aber auf den Rat meiner Freunde sagte und tat ich an ihr einiges, was ich
oft zu beobachten Gelegenheit hatte; es gelang mir auch bald, in ihr
dadurch den Eindruck hervorzurufen, als ob ich sie liebe. Sie machte von
nun an in meiner Gegenwart die eigentümlichen Körperbewegungen, Gebärden
und Grimassen, die mit Liebe identisch sein müssen; respektive offenbar
deren Eigentümliches ausmachen. Leichtes Gleiten der Handflächen über meine
Wangen, oft wiederholt, nach Art des Staubwischens, Saugbewegung der Lippen
mit Speichelbenetzung meines Mundes, Knurren und Winseln der Stimme, enges
Pressen der eigenen Glieder im allgemeinen an die des Gegners. Dazu
stereotypes Wiederholen einiger gedankenloser Redensarten, später
Unsauberkeit und Sichgehenlassen, was ein hoher Beweis der Liebe sein soll.
Ich beobachtete diesen Zustand mit großem Interesse einige Zeitlang. Als
mich aber das Mädchen einmal, während sie sich in ähnlichen Bewegungen
erging, versicherte, daß ich sie liebe, -- wovon sie doch gar nichts wissen
konnte, -- fragte ich sie bestürzt, wie sie darauf käme und worauf sich
diese Behauptung stützte. Denn ich hatte nur den selbstverständlichen
Naturtrieb zu ihr bisweilen verspürt, auch öfter Erstaunen, Abneigung und
freundliche Überlegenheit. Schließlich bestritt ich es energisch. Worauf
denn andererseits die charakteristischen Bewegungen in meiner Gegenwart
aufhörten. Ich selbst habe diese Bewegungen nie unwillkürlich geübt,
sondern stets mit Absicht und Plan; das Mädchen aber nicht so. Bei anderen
Frauen, denen ich gegenüberstand, bemerkte ich den Liebesvorgang ganz
ähnlich. Mir war es widrig, mit diesem Weibsvolk umzugehen, aber das
Pflichtgefühl trieb mich. Der Vervollkommnungsdrang ist groß in mir. Immer
tat ich in der folgenden Zeit zu den Frauen alles, was ich je gelesen und
gehört hatte; sehr freundlich war ich zu ihnen. Ich küßte ihnen Mund und
Brüste und wartete mit viel Geduld, ob bei mir die Liebe kommen würde; ich
ließ auch einige unsittliche Redensarten fallen, wie es sich im Gespräch
mit jungen Damen ziemt. Aber trotzdem ich mich bei dieser Tätigkeit sehr
anstrengte, wartete ich vergeblich auf das einzigartige viel gerühmte
Empfinden. Unsäglich rieb ich mich auf. -- Ich berichte dies alles nur,
damit man sieht, daß ich ein Recht habe, hier diese Klagschrift zu
verfassen. Nichts habe ich unterlassen; so viele Wege bin ich gegangen; was
ich suchte, hätte mir begegnen müssen.

An jenen Frauen, die mich mit Bängnis erfüllten, ging ich auch in diesen
Tagen oft vorüber; und eine bemühte sich damals um mich und schickte mir
einen freundlichen Brief wegen meiner großen Traurigkeit. Ich wollte mich
ihr erst offenbaren und ihr schreiben, daß ich traurig sei, weil ich die
Liebe nicht finden kann. Dann dachte ich in meinem Arbeitseifer sogar, mit
ihr die Versuche anzustellen, aber mir schlug bei dem Gedanken das Herz bis
in die Kehle hinauf, die Brust war mir zusammengeschnürt, und ich hielt den
Atem an.

Es war doch aussichtlos. Ich hatte mich so lange vergebens bemüht.

                                  *

Es wurde mir klar, daß die Frauen mir die Zeit stahlen. Jene anfängliche
Auskunft, daß die Liebe eine müßige Rederei sei, hatte mich nicht betrogen.
Ich schreibe eine Klag- und Warnschrift. Kann einer aufstehen und mir das
Recht dazu absprechen? Ich bin gesund und habe keinen Grund anzunehmen, daß
mir etwas versagt sein könnte. Ich war immer ein geschickter Mensch, der
sich wohl anstellte, selten etwas vergriff und überall eine flinke Hand
zeigte.

Und ich verstehe jetzt auch das Spiel der Frauen. Die Männer sind stärker
als die Frauen: sie könnten sie totschlagen und lassen sich von ihnen elend
machen. Durch die perfide Einrichtung der Liebe geschieht das. Die schützt
die Frauen. Dieses Lügenwort ist gewaltiger als eiserne Muskeln. Ich bin zu
vernünftig, um mich fangen zu lassen. Diese außerordentlich verderblichen
und hassenswerten Wesen machen die Männer zu Narren und zu Schauspielern.
Denn auch von den Männern, -- dies sag ich hell heraus, -- weiß niemand,
was die Liebe ist, von der ihr betrogener Geist redet. Keiner kennt die
Liebe, aber jeder spielt sie, aus Angst vor den Frauen. So mutlos hat die
Überlieferung die Männer gemacht, so gewaltig ist die Kraft des Betruges.

Es müßte von Staatswegen gegen die Liebe eingeschritten werden, wie gegen
den Alkohol und die Tuberkulose. Es müßte das natürliche Verhältnis
zwischen den Gegnern wieder hergestellt werden. Man bringe die Frauen zum
Schweigen. Ich bin für einen gutgeschulten Stamm von Dirnen; es ist für den
Augenblick ebenso nötig, Dirnenakademien zu errichten wie neue
Eisenbahnlinien anzulegen. Schweigen und Delikatesse sollte in den
Akademien gelehrt werden, dazu rasches Verständnis für einige Dinge,
lieblicher Gang, Stimmmodulation, Singen, aber auch Stöhnen und Lispeln.
Was jetzt einzelnen isoliert gehört von den Künsten des Leibes, könnten
viele lernen. Unendliche Massen von Energie bei den Männern würden damit
frei für andere, kulturfördernde Tätigkeit; die Kunst der Genüsse, von
einer Gemeinschaft und auserlesenen mit Sorgfalt gepflegt, würde in kurzer
Zeit eine unerhörte Blüte zeigen. Allmählich müßte die Liebe aus der Welt
gedrängt werden. Es ist wichtiger als die Bewegung der Frauen um das Brot
-- die Bewegung der Männer gegen die Liebe, gegen dieses schwere unwürdige
Joch. Das natürliche Verhältnis, wie ich mich oben ausdrückte, zwischen
Mann und Weib, muß wiederhergestellt werden.

Mit lauter Stimme rufe ich gegen den Feind, der im Dunkeln mordet. Schon
Jahrhundertelang.

                                  *

Ich habe auf meiner Suche etwas gefunden: Das Aufwaschmädchen in dem Hotel,
wo ich wohne. Sie ist bucklig, ein dickes quadratisches Gesicht mit
hündischen Augen und aufgeworfenen Lippen. Ich habe etwas ähnliches von
liederlichem Gang und verwahrloster Kleidung nie gesehen.

Wenn sie mich auf dem Korridor sieht, während sie in der Küche mit hoch
aufgekrämpelten Ärmeln vor der Wanne steht, wulsten sich ihre Lippen, sie
reibt sich mit dem linken Handrücken die aufgestellte Nase und grinst.

Die Frauen sind alle gleich.

Es setzte mich erst in Erstaunen, dieses Grinsen, daß mich etwas wie
Bitterkeit überkam, Bitterkeit, -- nein, es ist nicht das rechte Wort: Wut
und Schmerz. Ich drohte ihr mit den Fäusten, als sie lachte, und stürzte
auf sie zu. Was dachte sie von mir? Ich bin ein freier Mann. Die Frauen
sind alle gleich. Entweder sie lächeln mich an, so daß ich Lust habe, ihnen
ins Gesicht zu schlagen, oder sie werfen um sich jenes zeitraubende,
wortreiche Wesen, als ob es sich um die Erteilung des heiligen Sakramentes
handle: sie spielen die Liebe, die schlauen Sklavinnen, die verlogenen
Herrinnen durchschaue ich. Ich durchrieche sie, durch alle Parfüms
durchrieche ich sie. Jeder, der eine Nacht bei einem Frauenzimmer
zugebracht hat, -- ich will ganz deutlich sprechen, -- weiß, was ich meine;
er kennt den eigentümlich scharfen abscheulichen Geruch, der um ein Weib
liegt; die Sklavinnen sind gebrandmarkt von Natur. Diesen Dunst nun roch
ich gleich, als ich neben ihr stand, neben dem Waschmädchen. Sie war echt.
Mir floß das Wasser im Munde zusammen: die Frauen bereiten mir Übelkeiten.
Ich habe sie in der Küche hinter mir her auf mein Zimmer gezogen, weil ich
nicht wußte, was anderes nach diesem Lächeln mit ihr geschehen sollte. In
meinem Zimmer aber warf ich sie hin. Sie wand sich: sie verriet das Weib an
mich. An der Quintessenz der Frau, an dem niedrigsten Weibe schmauste ich
mit höhnenden Worten, und schändete sie. Wie lache ich über die Liebe! Die
Frauen zogen in meinen Gedanken an mir vorüber, die ich kannte, die ich
verehrt wußte, auch die mich in Bängnis versetzten: -- die schlanke, mit
dem blonden hochgekämmten Haar, -- die zarte, leicht schwindsüchtige, oh
sie trug eine schwarze niedrige Pelzmütze, -- die stolzen Tiere zogen an
mir vorüber. Ich saß in meinem Winkel mit dem Waschmädchen und schändete
all die schlafenden. Sie konnten mich nicht sehen, konnten mir das stumpfe,
ahnungslose Geschöpf nicht entreißen und sich vor der Schande retten.

Oh wie bin ich fromm; ich bin sehr fromm.

Als das Mädchen zu mir zutraulich wurde, geriet ich in eine maßlose, ganz
furchtbare Wut, warf sie zur Tür hinaus und stieß mit der Hacke in ihr
breites Gesäß. So wütend war ich. Ich habe sie auch später angeschrien, ihr
gedroht, sie verzweifelt geohrfeigt und an ihren Haaren gerissen, ohne eine
Freude und Erleichterung dabei zu fühlen. Aber meist weinte ich nachts
stundenlang in meiner Weise, ohne Tränen, an ihrer Brust.

                                  *

Die Bilder an der Wand. Ich gehe kühl an ihnen vorüber. In welchen Krämpfen
hat sich dieser Mann gewälzt, als er das Bild malte. Und die Musik. Ich
halte mir die Ohren zu. Wie teilnahmslos ich geworden bin; wie tief sich,
was ich gelernt habe, in meine Brust eingegraben hat. Ich schäme mich für
diese Männer. Sind alle besiegt; sind betrogen, und aus ihrer Tugend haben
sie eine Not gemacht, die Not zum Weibe. Sollten die Weiber im Kampfe
hinschmettern und tänzeln zahm. Vergiftetes Blut fließt in ihren Adern.

Mein Blut ist rein, ist rein.

                                  *

Ich laufe über die Berge.

Sie stehen glänzend da im Morgenlichte.

Der Schnee überbürdet sie. Der Schneeberg steht da wie eine Braut, will
gelobt sein.

Ich laufe über ihn hin. Von allen Seiten, von allen Ästen brechen die
glitzernden Zapfen auf mich herunter, reißen mir den Hut vom Kopf, fahren
mir in den Nacken. Der Schnee liegt hoch; ich sinke schon bis zu den Knieen
ein.

Wie's mich freut, daß alle Reichtümer und Schönheiten vor mir ausgebreitet
liegen, und ich mit meinen blinden Hacken kann auf sie trampeln.

Ich habe mich sonderbar verändert, seitdem ich auf die Menschen ausgezogen
bin. Ich hab mich wohl verrannt darin.

Oh mich ekelt's vor den Menschen.

Ich hasse die Weiber; ich hasse, hasse, hasse sie, daß ich weinen könnte,
vor Wut über sie, über die Hündinnen, die verfluchten. Die Irren beneide
ich; sie glauben doch noch an ihre Halluzinationen. Mich treibt nichts mehr
zu arbeiten, nichts mehr zu lachen, nichts mehr zu atmen.

Mich deucht, als hätten sie mich verdorben. So haben sie mich doch noch
vergiftet.

Mir ist so angst. Ich mag nur laufen. Mein Gott, so hilf mir.

Ich laufe durch den Schnee.

Nun weiß ich, daß ich mich verlaufen habe.

Gelt, ich setz mich in den weichen Schnee. Komm ich herunter, komm ich
nicht herunter? Ich will's an meinen Knöpfen abzählen. Der süße Schnee.

Mein Gott, hilf meiner kranken Seele bald.



Das Stiftsfräulein und der Tod


Das magere grauhaarige Fräulein hatte die Hyazinthengläser beiseite
geschoben, den linken Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und saß
gebückt in dem Schneelicht da. Draußen schmolz in dem Vorgarten ein grelles
Weiß, von Fußspuren durchbrochen, langsam ab unter der Mittagssonne; dünne
schwärzliche Wasser rieselten um die Bäume. Und wie das gebückte Fräulein
die schwärzlichen Wasser verfolgte, da wußte sie auf einmal, daß sie bald
sterben werde.

Sie nahm den linken Ellenbogen vom Fensterbrett, legte die feinen Händchen
zusammen, preßte den Rücken an die Stuhllehne. Steif saß das Fräulein
hinter den Hyazinthengläsern. Als die Glocke anschlug, ging sie zu Tische,
nahm einen Bissen und legte die Gabel hin. Sie ging aus dem Speisesaal
hinaus. Sie saß auf ihrem Zimmer. Den Tag über saß sie auf ihrem Zimmer, in
einer Ecke, das verfallene Gesicht nach der Wand zu. Das Schneelicht, das
ins Zimmer fiel, wurde matt; auf der Tapete verrauchten die Farben. Zwei
zuckende Hände hoben im Dunkeln den Zylinder von der Lampe; die Lampe wurde
heftig wieder gelöscht. Kleider fielen auf den Boden. Sie atmete im Bett,
stockend, jetzt schnell, jetzt tief. Sie lag die Nacht über mit offenen
Augen da. Ihr Gesicht bewegte sich nicht im Dunkeln. Der Mond trat gegen
Mitternacht vor ihr kleines Fenster. Weiß blieb er die halbe Nacht da
stehen, und erst, als es halb vier schlug, wandte er sich ab.

Am Vormittag ging sie gebückt, in ihrem schwarzen Kleide mit den engen
Ärmeln, gleichmäßigen Schrittes durch den Park hinter dem Stift. Unter
kahlen Bäumen ging das Fräulein neben ihrer aufgeschossenen Freundin. Ab
und zu sprach sie, hob die faltigen Lider von den Augen, die schon mit
einem Hauch beschlagen waren. Gleichgültige Sätze wiederholten sich.

Als der Mond in der Nacht vor ihr verhängtes Fenster trat, schwankte das
Bett des Stiftsfräuleins. Ihre Finger ballten sich an beiden Kanten fest;
sie zitterte, drückte sich an das Lager an, gegen Morgen stöhnte sie oft.
Oh, der Klumpen wimmerte, unter die Decke verkrochen, und schlief erst, als
es schon hell war.

Eine Unrast lag tags darauf in ihrem Tun. Sie schlang die Mahlzeit
herunter, sprang oft auf, schwatzte, wie sie es nie getan, brach in ihren
Reden ab und nestelte an sich herum. Lange blieb sie im Speisesaal sitzen,
mit schlaffen Schultern, über sich gebückt. Sie ging an dem Tage nicht auf
ihr Zimmer. Abends bat sie vergebens ihre Freundin, bei ihr zu schlafen. Es
war darauf, als ob einer das Stiftsfräulein über die Schwelle schöbe. Sie
riegelte rasch hinter sich ab, schloß das Fenster, besprengte die Wände mit
Kölnischem Wasser, stellte auf Tisch und Ofen, zu Füßen des kleinen
Muttergottesbildes in der Ecke, Blumen, blühende Blumen, soviel sie finden
konnte; auch weiße und blaue Decken, die sie in ihrem Schrank hatte, und
legte sie über ihre Stühle. Dann saß sie plötzlich zu langem, blöden
störrischen Weinen nieder.

In der Nacht tickten die Uhren im Zimmer. Zwei hingen da; die eine
schluckte behäbig die Zeit und blökte halbstündlich, dann war sie satt,
aber kaute weiter; daneben gluckste die Schwarzwälderuhr, sie schlackerte,
keinen Atem ließ sie sich und überschlug sich fast, wenn sie ihr armseliges
Geschrei ausstieß. Das Fräulein sprang aus dem Bett und hielt die Pendel
fest. Während sie wieder unbewegt lag, zuckte es in der kleinen Uhr, verzog
sich das Gesicht der großen zu einem Grinsen. Da warf sie die Kleider um,
lief aus der Tür hinaus, in den Park. Ihre Augen hingen an den schwarzen,
wirren Sträuchern: »Ich muß sterben, ich muß sterben.« Stehend am Wasser,
das im Morgendämmer dampfte, sah sie stier mit flimmernden Blicken vor
sich. Sie watete mit lautem Keuchen und Schreien, mit krampfhaft
geschlossenen Augen hinein, patschte mit den Händchen, den dürren, auf das
Wasser, drehte sich plötzlich um, floh zwischen den schwarzen Bäumen in das
Haus zurück. Das alte Fräulein blieb vor ihrem Fenster stehen. Als es
heller wurde, zuckte es noch einmal öfter um ihren Mund, zitterte sie
wieder an allen Gliedern, schlossen sich die Lippen aufeinander, fiel sie
auf das Bett hinter sich. Aber wie ein Klotz drängte sie sich in der Mitte
des Bettes zusammen. Ihre Kiefer waren zusammengebissen. Sie stöhnte. Die
Augen blitzten bald gegen das Fenster, bald gegen die Türe. Stumm zog sie
die Decke über sich.

In den nächsten Tagen ging sie still einher, besprengte noch abends ihr
Zimmerchen mit wohlriechenden Gewässern, nahm aber allmählich ihr altes Tun
wieder auf. Beten, Sticken, Kartenspielen. Auch saß sie wieder lange allein
hinter ihren Hyazinthengläsern. Dort lächelte sie jetzt auch ab und zu
schauernd in sich hinein. Sie sprach noch weniger, als sie sonst getan, mit
den anderen Damen, so daß unter denen ein Gerede über ihr hochmütiges Wesen
entstand. Der Blick, mit dem sie bei Tisch die Damen streifte, hatte in der
Tat bald etwas Verwundertes, bald etwas stechend Überlegenes.

Nun wurden die Tage wärmer. Jetzt spazierte sie stundenlang
dichtverwachsene Parkwege; wo sie ging und stand, ging ein Träumen herum.
Weinte hin und wieder, in einer weichen, strömenden Weise, die wie ein
junges Lied klang. Dann betrachtete das alte Mädchen die Runzeln ihrer
Hände, wischte vor dem Spiegel an der trockenen schlaffen Gesichtshaut,
betastete die mageren Brüste und wühlte an ihnen herum. Regungslos stand
sie beim Ausziehen fast eine halbe Stunde so da. Lag sie dann, so fröstelte
sie wohl wie früher, wollten sich ihre Finger an den Bettkanten
festkrampfen, bald aber rückte sie jetzt an die Wand, ließ einen kleinen
Platz neben sich, den sie zögernd mit dem Arm bedeckte, dann nahm sie ihn
wieder weg, legte ihn wieder herüber, es war ein Spiel. Die Arme gegen die
Brust gepreßt, das heiße magere Gesicht nach der leeren Stelle des Kissens
gewandt, den Hals vorgestreckt. Wie in den ersten Nächten schüttelte sich
ihr dürrer Leib, bald tasteten ihre Finger über das Kissen, spitzten sich
ihre Lippen.

Als nun die grünen Blättchen auf allen Wegen lagen, putzte sie sich für
ihre Spaziergänge, legte eine hellblaue Bluse an; in den Händen mit weißen
Handschuhen Blumen, Reseden, die sie sich abschnitt, langstielige Rosen.
Sie ging elastischer und gerader im Grün. War sie im dichten Gebüsch
unbelauscht, so knixte sie artig, kicherte in ihre Blumen hinein, tänzelte
mit süßem Mündchen. Ja, leichte Briefe schrieb sie auf Rosepapier, die
fingen an: »an meinen lieben strengen Herrn, den Tod«, Briefe voll
verschämter Anspielungen, kokett und scherzhaft; sie zeigte sie gegen ihr
offenes Fenster, legte sie nachts unter ihre Schwelle, vergrub sie im
Gebüsch. Die Stiftsdamen sahen ihr oft vom Hause aus nach; den Menschen,
für den sich das grauhaarige Fräulein putzte, fand keine. Allein sah man
sie immer irgendwo schlendern und stehen; mit einer protzenhaften Miene
ging sie an den neugierig schielenden Damen vorüber; die Damen sagten von
Tag zu Tag überzeugter zueinander, daß das Fräulein sündige Gelüste trage,
berieten hin und wieder, sie aus ihrer Gesellschaft auszuschließen.

Indessen rückte das Frühjahr vor, wärmer und wärmer wurde es. Und eines
Abends kam das alte Stiftsfräulein von ihrem Spaziergange auf ihr Zimmer,
mit rotem Klee, den sie sich gepflückt, vielen Weidenruten und Maikätzchen.
Ihr Gesicht strahlte. Sie sang mit leiser Stimme vor sich hin; Türe und
Fenster ließ sie auf. Die Blumen legte sie unter das Bild der Jungfrau
Maria. Als sie die Blumen aufgebaut hatte, erschrak sie vor dem Bilde der
Gebenedeiten, fiel nieder und betete. Mit einem schalkhaften Lächeln aber
hing sie die Zweige und das Grün zu Häupten des Bildes auf, so daß das
Gesicht der Himmelskönigin ganz versteckt war.

Sie trällerte noch mit blühendem Gesicht in die warme Frühlingsnacht
hinaus, legte sich hin.

Sie schlief ein. Wachte im Finstern auf. Wuchtige Schritte im Zimmer. Das
Bett krachte. Mit einem Satz schwang sich der Tod neben sie ins Bett. Da
war ein Platz frei. Er griff nach ihren Knieen. Sie stieß um sich. Wie ein
Bauernlümmel schlug er mit flacher Hand auf ihre Schultern. Da fiel die
geballte Faust auf ihre Brust, den Leib, den Leib, und wieder auf den Leib.
Ihre Lippen flehten. Ein Würgen kam. Die Zunge fiel in den Rachen zurück.
Sie streckte sich.

Da stand der Tod auf und zog das Stiftsfräulein an ihren kalten Händchen
hinter sich her zum Fenster hinaus.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen" ***

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