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Title: Die Räuberbande
Author: Frank, Leonhard, 1882-1961
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Räuberbande" ***

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Transcriber's Note:
Text that was s p a c e d - o u t in the original has been changed to
use _italics_.
Double low quotation marks have been encoded as ",," and single low
quotation marks as ",", respectively.



Leonhard Frank

Die Räuberbande

Roman



1922

Im Insel-Verlag zu Leipzig

Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig



Lisa Ertel gewidmet



Erstes Kapitel

Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die
Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen Laut;
Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von Würzburg
läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und aus allen
heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des Domes,
behauptete sich bis zuletzt und verklang.

Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter
Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder hörbar.

Über der Stadt lag Abendsonnenschein.

Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und im
steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der
Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen.

Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.

Ein paar Knaben, die lachend und schreiend ,,Nachlauferles" spielten, um
die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen
Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und
versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der
Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die
Brücke.

Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit Vehemenz
seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs
Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen spannten
sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten davon. Ihr
morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des Montags.

Der Lehrer war gefürchtet.

Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so
sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe
Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft mit
dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte er
einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe. Benötigte er
einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel zu bekommen
hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann holen. Herr
Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke, hieb sie durch
die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten und zähesten,
präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der gewollte Erfolg
war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die Fingerspitzen zwickte.

Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang.
Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm,
erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.

Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen mußte,
gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: ,,Wir sind noch nicht fertig
miteinander", sprach er und lächelte. ,,In der Fortbildungsschule habe ich
euch wieder, und wer von euch zu den ,Neunern' einrückt, den bekomme ich
noch einmal als Rekrut. Denn auch da unterrichte ich." Und dann erst war
die Klasse entlassen.

Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr vom
,,Spitäle", einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront gegen
den Brückenberg steht.

Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den
Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die
Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden.

Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage, denn
die Sonne war noch nicht unter.

Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für den
Fortschritt.

Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem Schnurrbart, der
erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen Eichhornschwänzchen
glich, stand vor dem ,,Spitäle" und ein alter Polizeiwachtmeister mit
kurzen Säbelbeinen.

,,A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!" rief der Fischer und schnitt
mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. ,,Was nützt uns denn a
ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a
Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu." Er steckte die Hände in seine
gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe
grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf.

Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen
ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er
hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: ,,Gelobt sei Jesus
Christus", knickste und gab ihm die Hand.

,,In Ewigkeit. Amen." Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager
seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, und
ließ den Tabak in seine Tasche fallen.

,,Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus mein
neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste", rief der rote Fischer.
,,Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! die Gurgl
um." Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die Adern an
seinem Halse schwollen.

Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager
beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die
Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.

Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben,
dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach.

Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang freudig
bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen stehen
geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten einem
Besitzer.

Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher
trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob den
Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.

Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende Pferd
umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter.

Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel
gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere Haut
langsam wieder heraus in die Höhe.

Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt, mit winzigen
Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur
Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein getroffen,
als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen Himmel
schlagen.

Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den Mund
bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen starrte er
auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian und steckte
den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den Mageninhalt.

Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine gefährliche
Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter, den Knaben
entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren.

,,Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst", sagte einer der
Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.

,,Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?"

,,Dort, beim heiligen Kilian."

,,Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm."

,,Wenn er doch eine Wurst hat."

,,Wer gibt mir was für die Wurst?" fragte der Duckmäuser zaghaft.

Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem Zeigefinger.
Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber die Hand,
mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst wirklich so
billig bekommen sollte. ,,Gelt, es ist etwas nit richtig mit der Wurst?"

,,Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon
gegessen."

,,Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit."

,,Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch."

,,Winnetou, jetzt kannst sie kaufen", riet man ihm.

Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und wollte
sie in den Mund gleiten lassen.

,,Halt! Fasttag!" schrie der Duckmäuser und lachte. ,,Fasttag ist heute.
Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen."

Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.

Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.

,,Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde
begangen", sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen.

Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause
brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten.

,,Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie
jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie."

Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst resolut
über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf seinen
Gegner.

Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd
heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel.

Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah sich
um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der Dogge
umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.

Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in
einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper
hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.

Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen.
Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch um.
Die Brücke war leer.



In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen
ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange
fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei
kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.

Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum
Fortgehen zu geben.

,,Oldshatterhand", der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen
benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er
aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der Tasche,
zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine Pflaume und ein
rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er in den Mund; das
Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und reflektierte damit die
Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten Stock aus dem Fenster sah.

Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister, ein
Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, schritt
durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.

Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon
seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah
manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der
Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte nur
das Reiben.

Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf
senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.

Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen,
Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.

Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn
hinunter.

Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.

,,Was soll denn das!"

,,Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad."

,,Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!" Der Meister hatte seinen
Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. ,,Was bist du?"

Oldshatterhand wurde blutrot.

,,Was bist du!"

,,Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel."

,,Was reibst du denn! Schafskopf!" schrie unvermittelt der Meister den
ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. ,,Geht doch zum
Teufel! . . . Eselsbande!"

Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die
Jungen entfernten sich lautlos.

Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb er
stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser riechen
zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war, stieg durch
das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.

Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein
armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen
Tritt geraten.

Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den
Heimweg.

Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er
hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging
unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden zurück.
Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die Zukunft. Seine
Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden.

,,Bitte schön, wo ist die Domstraße?" fragte der Fremde einen Bürger und
ging in der angezeigten Richtung fort.

Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper
hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können.

Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu.

,,Sie . . . Sie!"

Der Mann blieb stehen.

,,Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich bin
fre . . . fre . . . fremd in Würzburg."

Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. ,,Du bist doch der Sohn vom
Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . ." Er hob die Hand.
Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne
nach.

Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke
Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last
und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der
Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln.

Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die
Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. ,,Sechs Mark waren diesmal
drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . . Fünf
Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper und Ausgehgeld, bleiben mir von
seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich Essen für
vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die Hausmiete ist
auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät."

Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend gäbe.

,,Für'n Vater hab ich a Täuble", sagte die Mutter und stellte ihren Korb
ab. ,,Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart
arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e bißle
helf? . . . Siehst, das ist für dich." Sie holte aus dem Korb ein Stückchen
Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr Gesicht
wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und konnte sich
gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen überrascht hatte.

Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden
nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke.

,,Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie Rom."

Die Mutter lachte in sich hinein. ,,Was bist du für einer . . . Wie Rooom!"



Es war elf Uhr nachts.

Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande, Sohn
der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner Dachkammer
am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen. An einem
Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein handgroßes,
zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht getroffen.
Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht.

Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns
betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf:

       ,,Ich wollte sie verführen,
       Dazu hat sie kein Mut."


Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte den
Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten Arme
mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, zog sie
an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß sich ein
spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben, hinunter auf
das Spiel seiner Armmuskeln.

Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt,
und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer.

Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille, ,,U . . . u!" klang es düster,
,,U . . . u!"

Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die
Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter.

Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein
dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der
Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein.

Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge
Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf dem
steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein Sandweg
hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die Festung von
den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine Kompagnie
Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei einem
Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um Bürger und
Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein Brand
ausbrach.

Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war
vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. ,,Horch . . . hörst
du nichts?"

,,Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit", sagte der bleiche Kapitän,
sah sich auch um und zog die Schuhe an.

,,Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst
hat."

,,Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz.
Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft." Sitzlings
streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die Höhe. ,,Die
andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder zurückgetragen und hat
g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich gar nimmer an dem G'schäft
vorbei. Als ob man in seinem Leben nit fünfzehn Paar Gummiabsätzli
aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz unglaublich."

,,Das hätt ich mir nit g'fall laß."

,,Gott, was willst denn mach." Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch
nach außen. ,,No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham
. . . Heiliger Gott!"

,,Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit Oldshatterhand
und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was erleben . . . Grün und
blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz genau, daß ich mir das
nit g'fall laß."

,,Ja no."

,,Das eine weiß ich", sprach der Schreiber hochdeutsch, ,,so saudumm würde
ich nicht sein, wenn ich Vater wäre."

,,Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen." Der
bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den andern.
,,Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh anhätt. Ich
versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern vierzehn Paar wieder
zurückgetragen hat."

,,So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt."

,,Ja, aber leis."

Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene, wuchtige
Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit war das Tor
geschlossen.

Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand vor,
von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf Kommando
die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: ,,Weh dir!" zur Stadt hinunter
und sprangen in den Festungsgraben.

Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg
heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: ,,Weh dir!" und sprangen,
den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den Festungsgraben.

Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt.

Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.

Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die Häuser
und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im
Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder
Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt war
aus purem Silber.

Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die
Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs.

Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der
tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf.

Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen reglos
und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte.

Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen, auf
dem ,,Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit" gestickt war. Die Worte
rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf. Winnetou
hatte den Haussegen daheim gestohlen.

Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande galt,
und sprach: ,,In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und furchtsam."

,,Südamerika!" sagte verächtlich der bleiche Kapitän.

,,Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen."

,,Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau
festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser kommt,
müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar Tage den Main
hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter und dann zu Fuß
nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen sein!" rief die Rote
Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante die Gärtnerei erlernte.
Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er deklamierte, nachdem er
einmal bei einer Vereinstheatervorstellung mitgewirkt hatte, den ganzen
Tag, während er Kartoffeln hackte oder Leichenkränze band. ,,Am ewigen Meer
. . . da können wir in vierzehn Tagen sein." Sein Mund stand offen, rund
und schwarz wie ein Mauseloch.

,,Und dann?" fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die
Höhe.

,,Dann! Was heißt das -- dann?" rief der bleiche Kapitän. ,,Dann machen wir
eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen Teich."

,,Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen?
He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer und
blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. Diese
Sachen hab ich schon oft genug gelesen."

Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne
zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte Hand
zurück.

,,Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer", rief verächtlich der
Hauptmann. ,,Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? Das --
mein Lieber, das geht im Handumdrehen."

Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. ,,Die Hauptsache ist, daß
sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden
Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft
verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf
unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar."

,,Die Weiber werden natürlich verschont", schloß der bleiche Kapitän und
stülpte die Negerlippen nach außen.

,,Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer
eine halbe Stunde früher fortgehn", sagte der Schreiber. ,,Gestern hab ich
zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur unser
Bureauvorsteher."

,,Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte
Revolver. Die können wir drüben gut brauchen."

,,Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?"

,,Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is total
tot."

Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur Faust
-- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das schwarzgewordene
Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: ,,Ins Zuchthaus käme ich noch,
hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter gesagt . . . Weil ich in der
Religionsstund ein bißchen von der Schultinte für mein Füllfederhalter
mitgenommen hab. Jetzt sperren sie mich daheim jeden Tag drei Stunden in
die Holzlage . . . Ich! . . . Ich!" Er sprang auf, drückte die Fäuste an
die Wangen, Zorn und Scham wechselten auf seinem Gesicht. ,,Ich halt's
nimmer aus!"

,,Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus
kämen", sagte der Schreiber erstaunt.

Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und blieb
reglos hocken.

,,Nun ja . . . warum denn nicht." Der Schreiber sah fragend im Kreise
herum.

Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer. Oldshatterhand
sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen. Eine Sternschnuppe
fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem Gedanken nach, über
alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male angestrengt vor und zurück
und begann stark stotternd: ,,Die Erde ka . . . ka . . . kann ja gar keine
Ku . . . Kugel sein, denn wenn man immer weiter geht, müßte man
herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf nach unten stehen und in die Lu
. . . Lu . . . Luft hinunterstürzen . . . Da habt ihr's, unten ist doch
keine Lu . . . Luft, nur oben." Und er deutete hinauf, wo Stern an Stern am
tiefblauen Himmel stand. ,,Der Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder
wenigstens nicht viel. Die Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach.
Nur viele Bu . . . Buckel hat sie."

,,Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China,
immer ist der Himmel oben", sagte der Schreiber und zuckte mit den
Schultern.

,,Da!" rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten empor
zu ihm. ,,Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke . . .
Kegelkugel -- wenn daraus ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so groß wie
der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß er doch zu
. . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso kann die Erde
auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma . . . ma . . .
meint ihr nit?"

,,Das weiß man halt nit recht."

Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und schwebten
langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen nieder. Vom
funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als einzige Bewohner
schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten Höhe zu sitzen.

Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen
schwarz wie heißer Asphalt glänzten. ,,Ach, Unsinn ist alles, was der Mager
da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg einäschern", fuhr er
heftig fort, ,,ehe wir von hier abfahren, und du meinst, dann müßten wir
das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der Vierröhrenbrunnen, denn der
ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit."

,,Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da
werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich
sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne die
Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst, schlägt
eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt gleich das
Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre Kanönle
abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst in unserm
Schiff den Main hinunterfahren. Ha!" schloß der bleiche Kapitän und
spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen glänzten, ,,da
müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge sicher alles
glatt."

,,Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen."

,,No, allemal."

Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als
Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der
bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder
Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.

Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen Kapitän
gesagt: ,,Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und baue
dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus Eisenkonstruktion. Da
werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen."

Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie sahen
ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten vollbringen;
sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit einer Zeichenrolle
in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt den Finger aus -- da
stürzen seine siebentausend Leute sich auf Eisenschienen und Träger, und
alsbald steht ein gigantischer Brückenbogen im Mississippi.

Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die Wildnis
zurück zu seinem Blockhaus.

,,Die Schule geht in Flammen auf", sagte der Schreiber und hob die Arme.
,,Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!"

,,Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der wird
ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da wird er
ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden Birnbaum
dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt die ganze
Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir hetzen ihn lieber
nackt durch die brennende Stadt."

,,Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri
. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat
einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil so
viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit helf tr
. . . tr . . . trag dürf."

,,Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein Liebling.
G'schieht dir ganz recht."

,,Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . .
Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden muß.
Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!" schrie
Oldshatterhand wütend.

,,Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in Würzburg",
sagte sinnend der bleiche Kapitän, ,,die werden vorher durch Briefe
aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib und Kind aus
der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist."

,,Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der hat
mich gestern abend sein Garten gießen lassen."

,,Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von
Prärien und Urwäldern", sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.

,,Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . .
Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut", sagte Oldshatterhand.
,,Grü . . . grüne vielleicht."

,,Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht."

,,Die, die . . . muß einen Brief bekommen!" rief Oldshatterhand erschrocken
und gab die Friedenspfeife weiter.

,,Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben,
ich tu's nit", sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen
Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß: ,,Falkenauge",
reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand auf und übte mit
einem Sandowmuskelspanner.

Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während
das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein
Glasauge.

Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und
schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der Zusammenklang
währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu schlagen: töm
. . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe Nachtstille.

,,Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den
heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge . . . sp
. . . sprochen."

Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen Rippenstoß.
Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden Augen auf den
Schreiber.

Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die
sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber den
Kopf hob.

,,Mit Gott denn!" rief der bleiche Kapitän.

Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den
anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft und
monoton dazu:

      ,,Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
      Nang kang killewi, nang kang killewi,
      Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
      Nang kang killewi wau."


Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber
standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen Kapitäns
sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem Graben führte,
verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor bis zum Bergrand
und riefen: ,,Weh dir!" zur Stadt hinunter.

Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.

Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der, gebüschbewachsen
und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe fiel, bis in den Hof
einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die Räuber oben hineinsehen
konnten.

Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten,
die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg in
die königlichen Weinberge.

Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang
hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein
Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den
königlichen Weinbergen.

Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben, außer
Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine freie Hand
reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu rühren.

Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den anderen
gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand die Hand
hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich.

Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.

Der Schreiber grinste: ,,Hohaho! Oldshatterhand."

,,Still!" rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum.

Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.

Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu den
ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab, aus
dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel
abgezogen wird.

,,Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen,
wie er kann", befahl der bleiche Kapitän. ,,Und dann erst steckt jeder so
viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer."

Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock.

Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die Domuhr
schlug eins.

Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum.
Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne
hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere in
den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte erschrocken
den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. ,,Wenn jetzt jemand
kommt!"

Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf der
einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten, und
sagte laut: ,,Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß er
mich sieht."

,,Duck dich doch", flüsterte Oldshatterhand entsetzt.

,,Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt", erklang die Stimme des
bleichen Kapitäns laut von seitwärts.

Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an
etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die Taschen.

Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der
Festungsmauer.

,,Mit dem Messer mußt du abschneiden", schimpfte der bleiche Kapitän
Oldshatterhand, ,,sonst werden sie ja ganz verdrückt."

Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.

Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine klare
hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt blickten die
Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie zu, und die Räuber
hörten ihn sagen: ,,Herrgott, was ist denn das für eine Dummheit! Sollen
wir vielleicht alle miteinander erwischt werden. Das sieht man doch von der
Stadt drunten."

Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous Gesicht.
,,Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!" schrie er und trat in
Raserei den brennenden Weinstock nieder.

Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen
zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern.

,,Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug
habt", sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. ,,Wie ein
Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich
wahrhaftig nit."

Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt auf
einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten, zurück in
den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem Waschkorb voll
Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg geschmuggelt
hatte.

,,Pst! Da war gerad jemand gestanden", flüsterte Falkenauge.

,,Wo? . . . Wo denn!"

,,Jetzt is er weg."

,,Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da
sind", sagte der Schreiber.

Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin und
rief frohlockend: ,,Mach das einmal nach!"

Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.

Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.

Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens -- ein
großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines unterirdischen
Ganges.

Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und ging
voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten gegen die
Räuber, und huschten ins Freie.

Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte
der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit
Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem Täfelchen
war zu lesen:

   Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch,
   in den Hinrichtungshof des Justizgebäudes. Vorsicht!


Auf einem anderen Täfelchen stand:

   Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt
   eine Stunde weit ins Nonnenkloster Himmelspforten.


Auf dem dritten Täfelchen:

   Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die
   Mitte des Flusses, zur Wasserfalle, die von Ratten
   wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten Jahrhundert
   der Bischof von Würzburg falsche Priester
   gestoßen, die in die Wasserfalle gerieten, bis zum
   Nabel im Wasser standen und lebendigen Leibes
   von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten,
   diesen Gang nur bei Lebensgefahr zu betreten.


                                          Der Hauptmann.


Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen
Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen
hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän zog
den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen herausgehauen,
Steinbänke waren.

Das war ,,das Zimmer".

Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen Decke
herunterhing, und schimpfte: ,,Die ist wieder nicht geputzt worden."

Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale gelegt,
die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon vielerlei Vorrat
aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, von den Räubern den
verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit Zigaretten untermischt, in einer
Handschuhschachtel beisammen. Daneben lagen: ein großer, geräucherter
Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, in Reihen geordnet, ein Stoß
Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern eigenhändig genähte Sandalen aus
dickem Rindleder, welches Falkenauge in dem Ledergeschäft, wo er zum
Kaufmann ausgebildet werden sollte, mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem
Gedanken, von den ersten zwölf Büffeln, die er im wilden Westen erlegen
würde, die Häute an seinen Chef zu senden, zum Ersatz.

Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit
Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der
Prärie die Rothaut beschliche.

Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen
Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser,
sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten
Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen an
der Mauer.

Es herrschte musterhafte Ordnung im ,,Zimmer".

Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-,
Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische Hiesl
oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in
zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem Pechdraht
verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls zweihundertunddreizehn
Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen oder Der Schurke von
Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle Indianergeschichten, die
der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des bleichen Kapitäns, in seinem
Laden führte, standen wohlgeordnet im gepreßt vollen Bücherregal.

Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes Reclambändchen:
,,Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von Schiller." Das
Hausbuch der Bande.

Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das
Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte.

Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. ,,Heimlicher
Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg" stand darauf.

Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.

,,Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren", sagte der
bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.

Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und ein
Büchlein heraus.

Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer an
seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser jedoch mit
grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. ,,Was bin ich? Ein Schreiber bin
ich, ein Schrieb", sagte er, ,,ein Federfuchser, hohaho!" Und dabei
errötete er stets tief.

,,Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?" fragte er und sah auf die
Trauben.

,,Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner."

,,Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen. Jahrgang
achtzehnhundertneunundneunzig", notierte der Schreiber. Und deutete auf
eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. ,,Und
diese Eidechse? . . . Gekauft?"

,,Mitgenommen", gab der bleiche Kapitän an. ,,Schreib auf: ein Kunstwerk,
in Form einer Eidechse."

,,Und das da, Hauptmann?"

,,. . . Wer hat da gelacht!" brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ,,. . .
Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird ganz
einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist er
draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht, wir
sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend, gekauft
beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige."

Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe.

Gelacht hatte die Kriechende Schlange. ,,Der macht uns ja alles voll",
sagte er, fuhr aber schnell fort: ,,Morgen ist ein Schnelläufer auf dem
Sanderrasen. Er läuft im Trikot."

,,Da wird hingegangen", erwiderte der Hauptmann, ,,wenn ihr wollt", setzte
er, noch erbost, hinzu. ,,Morgen mache ich einen Käfig für ,Das heilige
Tier'. So heißt von heute an der Stallhase."

Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine
Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen
Platz.

Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ,,. . . Gekauft?"

,,. . . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb."

Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den die
Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des roten
Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den Schrank.

Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.

Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß. Das
donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. Er
schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie auf
die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.

Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten.

,,O Felli", sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort.

,,Sprich", erwiderte der bleiche Kapitän.

,,Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden
gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig
Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen
ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier
verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt.
Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß
wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und erfahren
alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir uns dann, als
Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind wir verschollen
auf ewig."

Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte
sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen Gesichter
hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.

,,Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!" rief Oldshatterhand erregt.
,,Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer von
uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu heiraten,
dann soll er's lieber gleich sagen."

Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke:
,,Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist,
das versteh ich ganz einfach nit."

Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte und
rief: ,,Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das
hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus ,Die bleiche Gräfin oder Der Mord
im Walde'. Da sind wir's letztemal stehen geblieben." Der König der Luft
war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein scharfer
Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren Mauern herunter,
um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die Hauptmannschaft an sich zu
reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und hatte ein Indianerprofil.

,,Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?" fragte Oldshatterhand.

Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines
Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: ,,Die bleiche
Gräfin!"

,,Räuberlied!" brüllten die anderen.

,,Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!" rief schnell und sich
überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt.
Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht
stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief
zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und die
Räuber hörten zu.

      ,,Stehlen, morden, huren, balgen,
      Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
      Morgen hangen wir am Galgen,
      Drum laßt uns heute lustig sein.
      Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!"


Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das gläserne
tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän sang
gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der Kriechenden
Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht besetzt. Die Rote
Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte pathetisch. Jeder
der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam Oldshatterhand, der sich sehr
frei fühlte, denn beim Singen stotterte er nicht. Um über seine Kleinheit
wegzutäuschen, balancierte er auf den Zehenspitzen. Er sang mit feiner
Mädchenstimme.

Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt in
der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen die
Schulter der Roten Wolke.

,,O Felli", sagte müde Winnetou.

,,Sprich."

,,Es ist Zeit, Hauptmann."

,,Auf morgen denn", sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank auf
die Brust.

Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die
Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf.

Das Wasser im Fischkasten gluckste.

Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase, aus
dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im ,,Zimmer"
herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa
Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:

      ,,Das Wehgeheul geschlagener Väter,
      Der bangen Mütter Klaggezeter,
      Das Winseln der verlaßnen Braut
      Ist Schmaus für meine Trommelhaut."


Die Räuber hatten das ,,Zimmer" verlassen, den Verschlußstein wieder
sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen.

Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf
einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an
einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben und
huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins raschelnde Laub.

Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig
Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren Himmel
hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.

,,Da liegt ein Hobel", sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte
ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der
Räuberrunde.

,,An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war
der Hobel noch nit dort gelegen."

,,Wie kommt er überhaupt daher."

,,Ein schöner Hobel ist es ja."

,,Was ham wir davon!" riefen ein paar gleichzeitig.

,,Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm."

Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die
übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.

,,Dann sind wir verloren!" rief die Rote Wolke pathetisch.

Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste.
,,Was heißt denn das . . . verloooren!"

Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. ,,Es wird
heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete die
gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen ihren
Besuch ab . . . In dunkler Nacht."

,,Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal heim",
riet der bleiche Kapitän. ,,Den Hobel nehm ich mit, für unsre
Vorratskammer."

Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg
hinunter.

Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem
alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um
zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der
Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre
bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden
hinunter.

Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf den
Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf und goß
Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die Augen auf die
Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und ließ sich mit
größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.

Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit
faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte sah
sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.

Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die Wohnungsglocke
festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut tänzelte er durch seine
Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft umher und sang leise: ,,Das
Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der bangen Mütter Klaggezeter",
öffnete die Wohnungstür -- da läutete die Glocke durchs Haus. Herr
Widerschein, ein Schuster, hatte sie losgebunden und wartete auf seinen
Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. Wortlos nahm er den Schreiber in
Empfang und legte ihn über.

Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und
Beinen.

Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den hallenden,
dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der Mauer
eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer gelegt,
den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar nichts.
Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen, so daß
tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.

Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter
hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.

Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im
Wirtschaftsgarten.

Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein vor
und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.



Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen
Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die
,,Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen" los. Gleich darauf klang
sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.

Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln,
paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter Kirche.
Die Sonne schien. Glocken läuteten.

Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des
Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und
blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen
Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff:
,,Nieder mit der Tyrannei", und machte leise: ,,Pst", worauf die rot- und
weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte,
den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.

Sonst blieb alles unverändert.

Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. ,,Di di di di quiridi", trillerte
der Kanarienvogel.

,,Pst", machte Oldshatterhand.

Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den
Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und winkte
dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen Ausgang
heute.

Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich zur
Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt war, und
erstattete Bericht.

Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen
solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte
ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.

Entschlossen trat er ein.

,,Haarschneiden -- Herr Benommen?"

,,Nein . . . Heute nur rasieren."

,,Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und
noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man wird
alt", sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte Haut des
Hauptmanns gleiten.

Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute unwirsch,
ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht geschnitten habe.

Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber gebürsteten
Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die Räuber grüßten
verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den Hutrand und
lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune. Ein feines
Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter.

Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.

Ein schneidender Pfiff ertönte: ,,Nieder mit der Tyrannei", und heftiges
Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der
Schreiber nachgerast.

Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war der
dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt.

Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und
betrachtete dabei die Würste im Schaufenster.

Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser
hörte auf zu kauen.

,,Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann", sagte der Schreiber.
,,Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so verachtet
sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die kleine
Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken."

,,Der Jud Meyerheim soll's getan haben."

,,Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud
getan hat . . . du Rindvieh!"

,,I . . . i hahaha!" wieherte der König der Luft.

Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.

,,Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen", rief der
Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken bemerkt,
dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt über dem Laden
gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt, blinzelte Herr Rücken
über die Bande weg in den Himmel und ließ das Grauen der Räuber auf sich
wirken.

,,Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!" sagte
überzeugend der Schreiber.

Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.

Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten
darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen auf.
Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.

Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen --
ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.

In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß
rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: ,,Drei Mark demjenigen aus
dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß ich
ihn überhole." Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden
Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart.

Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl. Sie
war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller in der
Hand.

Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.

,,Hohaho! Das machst du, Hauptmann."

Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln zuckte
über sein Gesicht.

Da trat er in den Raum.

Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm
hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor-
und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.

Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen
vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die
begeisterten Draufrufe seiner Bande.

,,Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!" rief der
rote Fischer.

Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.

Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren
Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen
Augen, wenn man nicht gab.

Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten vorüber,
winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um. Und war weg.

Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer langsamer;
der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und überholte, unter
knallendem Gelächter des Publikums und besessenem Draufgebrüll der Bande,
den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren Runde vollkommen erschöpft
aufgab.

Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.

Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen Menschensaum
entlang.

Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter. Ohne
Atem stieß er hervor: ,,Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen kleineren
Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich."

,,Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach."

,,Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark."

,,Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten", sagte der Schreiber,
mit der Uhr in der Hand.

,,No wart nur, bis er wieder einmal läuft."

,,Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's warmen
Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem Backofen
raus."

,,Ich hab kein Geld", sagte Oldshatterhand.

,,Aber ich!" rief der Schreiber. ,,Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für
mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr für
die Reparatur verlangt."

,,Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber."

,,Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so.
Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist,
daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind."

Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und
bleich.

Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der
Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche
Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.
Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.

Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und
sagte: ,,Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der Kuchen
schmeckt ja nach Petroleum."

Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster Herrn
Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen weintrinkenden
Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. ,,Petroleum? . . . Ja, was wär
denn das."

,,Versuchen Sie ihn nur selber."

,,Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum", sagte Herr Schlauch
erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend.

,,Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!" sagte der
bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. ,,Wahrscheinlich ist
die Petroleumkanne daneben gestanden."

,,Wa wa wa wa wa!" schrie der Bäcker aufgeregt. ,,Das gibt's nit!" Und
schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum.

,,Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen uns
neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt einmal
den andern Platz an."

Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen
hinaus.

Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in
den Kuchen . . . ,,Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum", sagte der
Schreiber nach einer Weile.

Der Bäcker wurde dunkelrot.

,,Ich schmeck nix", sagte der König der Luft mit vollem Munde und schluckte
hastig.

,,Du bist halt ein Rindvieh", flüsterte der Schreiber . . . ,,Also, Herr
Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken darf
. . . da müssen Sie uns doch recht geben."

Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der
Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander und
sagte endlich zu seiner Frau: ,,Da, versuch du einmal den Kuchen."

,,Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach Petroleum."

Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.

,,Machen Sie auf!" Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . ,,Da gehn wir
ganz einfach in den Laden."

,,Ich nit. Mein Vater sitzt drin", sagte Oldshatterhand bedauernd und
verschwand.

Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein.

,,Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt", begann der
Schreiber. ,,Jesus, wenn sowas bekannt wird!"

Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das dichte
Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die Ränder
der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei heimlich seine
still genießenden Gäste beobachtete.

,,Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten", sagte der Schreiber sehr
laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.

Der bleiche Kapitän drängte sich vor. ,,Genau betrachtet, müssen Sie uns
unser Geld zurückgeben, natürlich."

Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen,
verglich der Kapitän: ,,Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden
Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz klar.
Ich versteh Sie wirklich nit."

,,Also und, also da hinten hockt er", flüsterte plötzlich der König der
Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. ,,Also und, ich geh."

Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.

Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde
gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange
suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein
streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen
waren, und rief: ,,Das ist mein junger Zwetschgenbaum!"

Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte, nicht
mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende Gemüseabfälle.
Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. Oldshatterhands
Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes Altwasser, in dem
es Feuersalamander gab, war auch da, von Haselnußsträuchern umstanden.

Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig zur
Seite und ließ es zurückschnellen. ,,Es hat schon ziemlich viel Kraft."

Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen
gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war.

,,Wie lange braucht's, bis was dranhängt", sagte Winnetou bedauernd und
drückte das Stengelchen auch zur Seite.

Oldshatterhand sah es schon als Baum: ,,Alles, was er trägt, gehört mir und
dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut."

,,Es braucht auch viel Sonne und Regen."

Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das
Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein bei
dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; seine
Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: ,,Wenn ich dann einmal
zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre
. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden, der
gestützt werden muß."

,,Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?" fragte
Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das
Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber der
Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah nachdenklich
drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern in die Zukunft.
Das Pflänzchen blieb klein zurück.

Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. ,,Wollen
wir? . . . Was meinst du? . . . Das. düngt", sagte er und war auf einmal
fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.

,,Wirklich, das düngt", beschwichtigte Winnetou.

,,Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit",
sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem
Gesicht.

Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und
die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.

Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites,
verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und fuhren
mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, worauf sie
erhitzt nach Hause eilten.

Zweites Kapitel

Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen
hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande
gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich und
der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange
zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber
viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre,
betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer
Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im ,,Zimmer" wurden zum
Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.

Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf den
bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.

Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein
schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte
er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. ,,Was glaubt ihr, daß
passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist erschossen
worden."

,,Oh, halt doch's Maul!"

,,Da hockt er ja", sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.

,,Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern", rief der
bleiche Kapitän wütend.

,,Winnetou ist tot?" fragte Winnetou leise. ,,Das ist nicht möglich. Wie
soll denn das passiert sein."

,,No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer
gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle, die
nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er
tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle
geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut."

,,Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in
so einem Augenblick nit da sein?" fragte Winnetou erregt.

Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den bleichen
Kapitän geheftet.

,,Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und
hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz
unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist er
in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten,
sondern geflogen auf seinem ,Rih'. Und ist halt doch grad um ein paar
Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou
ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt
ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal
hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt muß
ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint."

Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen sahen,
die Höhle, in der Winnetou verschieden war.

Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch die
sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo Prärie
und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, schwarzer
Punkt -- schußbereit.

,,Da kann man jetzt nix mehr mach", sagte der bleiche Kapitän und reckte
sich auf. ,,Aber fürchterliche Rache hat er geschworen."

,,Leih mir das Buch bis morgen", bat Winnetou.

,,Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen", wehrte der
bleiche Kapitän ab.

,,Morgen früh geb ich dir's wieder zurück."

,,Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig mehr
Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir gehn jetzt
in die Weinwirtschaft ,Zum Lochfischer'. Kommst halt nach, wennst's
ausgelesen hast."

Winnetou griff nach dem Buch.

Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.

Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr
Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen
Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. ,,Ich muß erst die Stiefel vom
Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da
. . . Geh mit", sagte er zum König der Luft.

,,Hn!"

,,Der frißt dich doch nit."

,,Also hopp! Also wenn du meinst."

,,Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis wir
nüberkommen?" fragte der König der Luft auf der Treppe.

Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. ,,Das ist
fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache
geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben
. . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war."

,,Verlangst du mehr für die Stiefel?"

,,Sei doch still."

Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht.
Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in der
Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe
zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem Kanapee
hing.

,,Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig
kosten die Stiefel."

Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös
mit den Daumen.

,,Schon fertig?" Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die
lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief
blaurot an. Dabei preßte er hervor: ,,Drei . . . Mark . . . neunzig?"

,,Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt." Der König der Luft blickte
starr vor sich hin.

Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den
Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke,
schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen
auf das Oberleder. ,,Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen
schönen Gruß aus an deinen Vater", sagte er und zog den Geldbeutel.

,,Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag", sagte der Schreiber
auf der Treppe. ,,Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nit . . . Er is ja
Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse."

,,Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt."

,,Was glaubst denn, da wär er drauf komme."

,,Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom
Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder."

,,Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen
hab ich eine Mark siebzig dran verdient."

,,Hn!"

,,Eine Mark siebzig."

,,Eigentlich ein ganz schöner Verdienst."

,,Geb halt das Geld erst später dein Vater", drängte der bleiche Kapitän
vor dem Hause. ,,. . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber,
daß eine Rettung absolut nit möglich war", sagte er zu Winnetou, der
stehend las. ,,Also, jetzt gehen wir zum ,Lochfischer' . . . Komm aber,
wennst's ausgelesen hast!" rief er Winnetou nach, der ,,Ja, ja, sicher!"
rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.

Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und
wollte in sein Zimmer schleichen.

Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: ,,Da komm mal
her!" Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus
baumelte an ihrer Brust.

Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden
Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee neben
der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf
dem Tisch.

,,Wo hast du das Buch!" rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf die
Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.

,,Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!"

Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein und
schlug das Kreuz.

,,Nun?"

Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. ,,Gelobt sei Jesus
Christus."

,,In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?" fragte der Kaplan
und nippte vom Likör.

,,. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden
verzeihen." Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.

Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: ,,Oldshatterhands Eisenfaust
hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der
rote Mann tot zu Boden."

Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.

,,Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau
Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte."

Frau Steinbrecher wurde blutrot. ,,Von wem hast du das Buch!"

,,Vom bleichen . . . von Oskar Benommen."

Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte Decke,
welche über die polierte Kommode gebreitet war. ,,Morgen gehe ich mit dem
Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!"

Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.

,,Wird's bald!"

Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus
Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den Blick;
das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte.

,,Jetzt komm!" rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm
hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz
geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos das
Zimmer. Die Tür verschloß sie.

Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die zart
errötend ihm die Hand überließ.

Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.

Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen gesteigert.
Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend
die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten. Die
Gesichtshaut spannte.

Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender
Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände
nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: ,,Dort . . .
dort."

Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war eingetreten.
Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und verließ, ohne
gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.

Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er
hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich
sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne
etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich gerichtet, der
Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte altersgelbe Flecken und
Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und
eingeregnet worden.

Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim ,,Lochfischer" versammelten
Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.

Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und
sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging.

Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg aufs
Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des
Hauses bedeckte.

Die Räuber hatten sich beim ,,Lochfischer" um einen langen Tisch
herumgesetzt.

Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß der
rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene
rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke streifte.

Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße
ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.

Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß
bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer
seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.

Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen
Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond, mit
Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft,
mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. Er wagte
nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil sie ihm den
Namen ,,Duckmäuser" gegeben hatten.

Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen auf
einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.

Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung verehrte
blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die
frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: ,,Nooo, seid
ihr auch wieder einmal da."

Die Räuber lächelten befangen.

,,Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll verreckte
Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so versaut."

Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte verächtlich
mit dem Kopf einmal zur Seite: ,,No, wo wird's herkumme, d'r Michl läßt
halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff." Er drückte mit den
Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu den Räubern. ,,Was
wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei iss."

,,No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der Hammel
sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?"

,,Jau", winkte der Wirt ab, ,,die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine
Herrn." Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die
Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts
zum Fischer hin: ,,Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant, wo is denn
der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass."

Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. ,,Ich weiß nit, wo er is."

,,Ein guter Tropfen", sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig
zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.

Der Wirt lächelte. ,,No, Herr Widerschein." Er legte dem Schreiber die Hand
auf die Schulter.

,,Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat", sagte der
Schreiber sehr schnell.

,,So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl! 'n
Herrn Widerschein sei Glas is leer", sagte der Wirt und ging nach hinten zu
seinem Schanktisch.

Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. ,,Beim
,Lochfischer' müssen wir Stammgäst werden", sagte der bleiche Kapitän. Alle
stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein
eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die
Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn Hieronymus
Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: ,,Hören Sie mal, kann man hier
Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?"

Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an, deutete
auf einen Stuhl: ,,No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch kriege Sie
dann scho, soviel Sie brauche", und wandte sich zurück zum Tisch.

Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. ,,Die hab ich ihm erst
heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten", flüsterte er. ,,Der Herr
kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh bei mein
Vater mach."

Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den Hüften,
und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke, sah sich
erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: ,,Enormjemütlich!" und las laut den
gerahmten Spruch an der Wand:

      ,,Ob ich morgen leben werde,
      Weiß ich freilich nicht,
      Daß ich aber, wenn ich lebe,
      Trinken werde, das ist ganz gewiß."


Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und
begann an einem roten Strumpf zu stricken.

Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen den
Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte.
,,Isterfrisch?"

,,He?"

,,Ist der Fisch frisch?"

,,No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er Ihne
schlecht", sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen
unter die Nase.

,,Was glaubt denn deer", sagte der Schreiber laut.

,,Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke", meinte der
Fischer.

,,Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da.
Größter Seifenverbrauch usw."

,,No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is? Säfe
könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff."

Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann,
der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt hatte,
und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an. ,,Was
hat denn der Verrecker", rief Johann Jakob Streberle und lachte, wobei
,,zs-zs"-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen glänzenden Zahnreihen
durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. ,,Da, schau sie
an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö derhem gebliebe. Nit
amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin sie a no."

Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.

,,No, was mi angeht", antwortete der Fischer, ,,i hab's grad so gemacht
. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue, wenn's
nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle, weil's mit
der Brautschau Wasser war."

,,No, allemal!" rief der Schreiber.

,,O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will", sagte
der Glasermeister speichelspritzend.

Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der
Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise
auf der Gitarre. ,,Doch! Jetzt singen wir", flüsterte er. ,,Hopp!"

,,Gretl, _noch_ ein Maß", sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.

,,Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer", sang das blonde Mädchen.

,,Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer noch
eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung", sagte
der Berliner.

,,O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!"

,,Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau", sagte plötzlich der
Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von ,,In einem kühlen
Grunde" unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters:

      ,,Johann Ja--a--kob Streeeberle,
      Johann Stre--e--berlee -- -- --"


die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der
Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte,
gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch
und blickte wütend zu den Räubern hin.

,,No, jetz is aber genug", sagte der Wirt und lächelte vergnügt.

Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand
beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: ,,Also hopp! . . .
Los!" Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
Mädchenstimme: ,,Nieder mit der Tyrannei!" Worauf die anderen sofort
einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:

      ,,Hoch leb die Anarchie!
      Es lebe der Achtstundentag,
      Die Ruh, die Republik!"


Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. ,,Bezahle Sie doch
dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham
sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli",
schloß er geheimnisvoll.

,,Was wolle denn Sie von uns", rief der Schreiber.

,,Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn."

,,Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab."

Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. ,,Pst! Sei
still!" flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. ,,Wißt
ihr, was auf dem Hobel steht?"

,,Auf was für'n Hobel?"

,,Aha! Hat's euch scho?" rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber das
Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.

,,No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J.
St. steht darauf", flüsterte der bleiche Kapitän. ,,Der Hobel gehört dem
Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt."

Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum
Glasermeister hin.

,,Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix g'sagt
hab."

,,Sie wisse nix . . . gar nix", sagte der Schreiber.

,,Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul",
flüsterte der bleiche Kapitän.

Der Glasermeister schnellte in die Höhe. ,,Sooo . . . _ihr_ habt mein
Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!" Er sprang an den Räubertisch.

,,Wolle Sie was von uns!" Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der
Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.

Da trat Winnetou ein.

Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.

,,Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie,
was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie", sagte Winnetou laut und
setzte sich.

Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. ,,Ruh jetzt!
. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in
Ruh."

,,Ihr Gauner!" Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll sah
der Wirt den Glasermeister an. ,,Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort
ist Ihr Platz!" sprach er hochdeutsch.

,,No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . . Wir
Männer -- -- --"

Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.

Auch die Räuber setzten sich.

Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das
Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile senkrecht
zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr
Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit ihm eilig die
Weinstube.

,,I wer mir mei Gäst vertreib lasse."

,,No, jetzt sage Sie selber."

,,Streberle, i will gar nix wiss."

,,Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein",
fragte der Berliner den Fischer.

,,Das is 'n Widerschein seiner."

,,Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein reparieren
. . . Bedeutend billiger als in Berlin."

,,Ja, Berliiiiiiin!"

,,Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . . Vier
Mark für Sohlen und Absätze erhöhen." Der Berliner nahm sein Glas in die
Hand.

,,Was? . . . Erhööööhen?"

,,Flecke auf die Absätze."

,,Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig
Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr."

Der Schreiber horchte gespannt.

,,Aber hörn Sie mal!" Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne getrunken
zu haben. ,,Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister gehen . . .
Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin
Reisender."

,,Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch
hab."

,,Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu ihm
. . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir."

Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem Stuhle
herumrutschte. ,,Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil
er Schuh nach Höchberg trägt."

,,Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle
Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung."

,,Ja no, das Solide is no alleweil das beste."

,,I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln", sagte Johann Jakob
Streberle und erhob sich.

,,'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch
rauskrieg, was er vor hat", sagte der bleiche Kapitän, als der
Glasermeister gegangen war.

,,Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit
dem Kriege siebzig/einundsiebzig."

,,Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind in
einem Dorf gelege -- --"

,,Hör'n Sie mal!" unterbrach der Berliner: ,,Die Preußen -- -- -- -- --"



Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse
lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende
Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: ,,Mir
ist jetzt alles gleich", trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die Augen
und rief streng: ,,Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen
Sonntag zu arbeiten!"

,,Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine", rief erbost der Schmied.

,,Hau mal her!"

Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.

,,Hau no mal her!!"

Er hieb ihm wieder eine herunter.

,,Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!"

Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und ging
in seine Werkstatt zurück.

Die Räuber gingen die Straße vor bis zum ,,Spitäle'". Alle waren etwas
angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts nachdenklich
nebenher ging.

Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre Taschenuhren
und verglichen die Zeit, es war gegen zehn Uhr.

,,Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau
g'sehn." Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und
deutete zur Festung.

,,Hast halt auch amal was g'sehn", sagte der ernüchterte Schreiber.

,,Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!" rief der bleiche
Kapitän. ,,Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege Sie
Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . . ich
weiß ja gar nit, was da wär."

Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen die
Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel,
bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.

,,Wollen wir nicht lieber ins ,Zimmer'", fragte Oldshatterhand. ,,Wir
zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner."

,,Hohaho!" rief der Schreiber. ,,Oldshatterhand hat Angst, in die
Wirtschaft zu gehen."

,,Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?"

,,Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?"

,,Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun."

,,Also der spinnt!" Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche den
Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian
hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal ein Kreuz
gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch himmelwärts
gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm
streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände
gegen den Knochen aus.

Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das Brückengeländer,
und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die Räuber folgten
seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle
Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die ganze Brücke, warfen
die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen wieder auf das Pflaster.

Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung.
Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und
rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber
geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in die
Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand bei
ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.

Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu ihnen
gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt noch, da die
Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon öfter gezwungen
hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.

Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete
Ergriffenheit.

Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.

Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit
Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit
anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig,
zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen hinüber, die
manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder mitangesehen hatten.
Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen,
als sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb hatten die
Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der
neuzugereiste Schmied den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur
ein halbwüchsiger, frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten
Vereinigung.

Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und
warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.

Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte zum
Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie
sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den Drang, sich
hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu stürzen; Er
preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers
Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte er sich mit
den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und schaukelte mit einem
gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging er den Räubern nach.

Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen
und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in ,,Wilhelm
Tell", und schloß ärgerlich: ,,Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß man
sie erst in der ganzen Stadt zammtromml."

Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt
Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus dem
Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in
die einzige Droschke stieg.

Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb zurückweichend
stehen. ,,Und frei erklär ich alle meine Knechte!" rief er und breitete die
Arme aus. ,,. . . Vorhang." Sein Mund blieb offen, rund und schwarz.

,,Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat." Alle redeten
auf ihn ein.

,,Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!"

,,Was ist ohne Beispiel?"

,,Wie sie's treiben!"

,,Jetzt halt doch's Maul!"

,,Theater! Theater! . . . Diese Pracht!"

,,Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten
kann."

,,Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . .
Aufruhr! Mut! Freiheit!"

,,Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen
nur zusammenhalten."

,,Wir halten zusammen!" rief die Rote Wolke begeistert.

Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in dem
vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem ,,Eckertsgärtle", anlangten,
was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für alle
zusammen eine ,,Liesl" Bier bestellte, einen hohen Krug, der zwei Liter
faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die Ehre verlangte.

Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte
manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er
sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein
Spiel zustande käme.

Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des
Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer nach
der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem
Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden Schlange
zuflüsterte: ,,Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen. Vielleicht
den ersten!" Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt.

,,Der andere kommt!" rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.

,,Das brauche Sie doch bloß zu sagen."

,,Ich hab's ja g'sagt."

Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder, rief:
,,Weg da! Weg da! Weg da!" auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit
den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, schleuderte sie
hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte
war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal: ,,Die Dreckbahn fällt
nach links ab", wenn er nichts getroffen hatte.

Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem Kasten,
hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die Kugel
hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte
genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen glänzenden,
geschlossenen Zahnreihen durch.

Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der
Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte, waren
von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen
führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie
schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein
Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den
Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in
höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein
weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge
interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.

Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die
Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von Hitze,
Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit
Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen. Nur der besorgte
bleiche Kapitän nicht, der auf den Glasermeister zutrat und schon den Mund
öffnete, um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke.

Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den
Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern
unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.

Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem
Schmied erregt zu: ,,Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie
Lügenbeutel!"

Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit
einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das
Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein
ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die
Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber. Der
Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
Menschenknäuel.

Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte.
Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen
Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes
Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn hinaus.

Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die
Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom
Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des
Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen, hinaus
zu seinen wartenden Kameraden.

Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle sitzen
geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der Zurückgebliebenen auf sich
gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern.

Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem
Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die
Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.

Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark gekaufte,
kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem Kampfplatze
geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das Plüschhütchen
verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich erbot,
hineinzugehen und das Hütchen zu holen.

,,Bring auch mein Auge mit", bat Falkenauge.

Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber
langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde schrecklich
zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen,
ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen, und war
ergeben und zerschlagen zurückgegangen, traurig an der Bande vorbei und die
Straße hinauf zur neuen Brücke, während die andern noch in den Garten
hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten.

Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber
verschwanden.

Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen das
Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem
Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte
Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des Schreibers Hand
ruhte darauf.

,,Und unser Preis ham wir auch nit", sagte der bleiche Kapitän.

Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. ,,Nur fünfzig Pfennig übern
Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe.
Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will."

,,Hättst dei Maul nit so gewetzt", rief der König der Luft Oldshatterhand
zu, ,,dann hätten wir jetzt unser Preis."

,,Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!"

,,Darauf kommt's ganz allein an", sagte der Schreiber mit dunkler Stimme,
stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main. ,,Der
Schub war gültig."

,,Und das ist die Hauptsache!" tief der bleiche Kapitän. ,,Das wär noch
schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten.
Wenn doch der Schub gültig war."

Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll: ,,Der
Trainsoldat war's."

Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das
Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten kalt
und gemessen fragte: ,,Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?"
und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof
eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte, erreichten sie, nun zu
einem großen Umweg gezwungen, mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der
Witwe Benommen.

      ,,Horch, wer zieht so still und leise
      Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.
      Ach, es sind die armen Briten,
      Die so manchen Stoß erlitten.
      Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.
      Plötzlich bleibt die Truppe stehen,
      Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.
      Seht sie kämpfen, seht sie streiten,
      Durch des Feindes Mitte reiten;
      Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!"


klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der
Kneipe.

,,Leih mir zwölf Pfennig", bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.

,,Ich hab ja selber nimmer genug." Er lieh ihm aber sogar vierzehn Pfennige
und sagte: ,,Die zwei gibst Trinkgeld."

In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn fünf
Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die Gäste
saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den Farben
der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des Präsidenten Tom
Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den
Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar des Burenliedes
vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte drucken lassen, mit der
Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im Burenlager der Restauration
Benommen. Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler für
die Buren wach und machte während des ganzen Krieges ein gutes Geschäft.

Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt
empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.

In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des
Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude über
das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge
saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau unterlaufen.
Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der Wand spielte,
viele Töne auslassend:

      Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- --


Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, mit
fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und Goldblättchen in
den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, neben
seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte jede Bewegung der
auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens mit gesundbleichem
Gesicht und braunen Augen, während die Witwe Benommen, klein und zäh,
unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht, die dürren Hände vor
dem Leib gefaltet hielt und verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für
seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus den
Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte Wirtschaft einstweilen nur
in Pacht bekommen. Daß er sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er
die Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.

Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die
schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie
entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen
den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger zur Türe
wies: ,,In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk
dir das!"

Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit
übertrieben gleichgültiger Miene.

Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: ,,Gehen
Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören."

Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem
Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen,
wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte.

Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten drei
niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße, schwarze
Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine,
altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein --
da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem
entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die
ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt
worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln
herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich
empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen
Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso plötzlich
wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die Häuschen leer, denn
es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem
Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt alle drei
Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten wurden. Aber nicht einmal
geschenkt wollte sie jemand haben.

Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln
beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren
begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen.

Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum von
der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. ,,Gott, daran kann ja gar kein
Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen."

,,Wo das Recht ist, ist der Sieg", sagte die Rote Wolke und hob die Hand.

Der Schreiber sagte ernst: ,,Ex!" trank sein Glas leer und reichte es
gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren der
Räuber nicht unterdrücken konnte.

Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu
äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.

,,In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit", sagte unwirsch der Wirt und
schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.

,,Ja, in _deiner_ Wirtschaft", sagte die Witwe Benommen hämisch. ,,Was
willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n rumschmier
läßt."

,,Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz
und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst."

Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.

,,Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich
kann mich ja nit rühr in der Schenk."

Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche
zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in ihrer
Wirtschaft beobachtete.

Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. ,,Das ist er!"
Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die
Hand reichte. ,,Der war's", flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
blutiges Vorhemd.

Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker,
überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: ,,Stellen Sie mal ein
kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja." Er hielt sich zu
den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch aus
wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, entgegen, indem
er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug.

Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete
unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten,
weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart wagrecht
vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden
Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den
Tisch und rief: ,,Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa!
Ja." Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug zur
Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen
Bart entlang.

Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war
ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten
trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie
ausüben.

Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre Sympathie
dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch sonst sich
liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere
verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren Wohlwollen die
Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen wünschten.

,,Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!" rief der Schreiber plötzlich der
Kellnerin zu.

,,Kannst sie denn bezahl?" fragte erstaunt der bleiche Kapitän.

,,Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho
angerissen."

,,Mein Lieber, was machst denn da jetzt?"

,,Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach
. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet."

Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.

Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er die
Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän drohend
die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick auf
das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und die Witwe
Benommen hämisch das Gesicht verzog.

Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es rasselte
im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus Altersschwäche manche
Worte unterschlagend, zu spielen:

      Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
      Sie flohen heimlich von Hause fort,
      Es wußt's weder Vater noch Mutter.


Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in einem
Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und blickte
in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem Rasseln
fortfuhr:

      Sie sind gewandert hin und her,
      Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
      Sie sind verdorben, gestorben.


,,In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink e
Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut", sagte der Wirt zu seiner Mutter.

Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: ,,Das war von
Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter
hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war."

,,Der kann leicht sei Maul vollnehm", sagte der Schreiber und beugte sich
zu den Räubern. ,,Wenn man eine Million verdient im Jahr."

,,So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das
eigentlich, dahinten in der Fischergaß?"

,,So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß."

Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er sich
mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen verschmiert
war.

Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und böse
blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: ,,Daa bist du? Dei
Frau heult sich daheim die Augen aus."

Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: ,,Mei eigener
Bruder! Mei eigener Bruder!"

,,Es is nit wahr", sagte der Eingetretene. ,,Also, wenn i dir sag. I bin
doch dei Bruder."

,,Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande.
Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!" brüllte der Kohlenführer
plötzlich laut.

Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken auf
seinen Bruder: ,,Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit
mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. Also
. . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir . . . Mit
der eigene Schwägerin."

Der Kohlenführer hob den Kopf. ,,Du sagst, es is nit wahr?"

,,Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir trinke
a Maß Bier mitnander", schloß beruhigend der Sandschöpfer. ,,Lone! a Maß
Bier für mich und mein Bruder."

Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder
sangen kräftig mit:

      ,,Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,
      Denn sie fechten toll und kühn -- -- --"


Die Alte war schlafen gegangen.

,,Setze Sie sich und esse Sie was", sagte der Wirt zu seiner Kellnerin und
lächelte.

Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.

,,Jetzt!" rief der bleiche Kapitän.

Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur Wirtsstube
hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.

Vor dem ,,Spitäle" stand der Soldat, summte: ,,Als die Römer frech
geworden", und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs Pflaster.

Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel
gegen den Himmel.

Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein
auf den Soldaten zu und sagte: ,,Sie sind doch der . . . von der Kegelbahn!
He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?"

Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.

,,Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten." Und plötzlich
zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß den Säbel aus
der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem
Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen Schloßberg. So schnell
war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen
hatte, schon weg war.

Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.

Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang ins
,,Zimmer" und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem
verblieben ist.

,,Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können", sagte der
bleiche Kapitän.

Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde
stehen, wo ihre Wege sich trennten.

Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend
und grünbleich Oldshatterhand. ,,Was hat das alles, was wir heut gemacht
ham, eigentlich für einen Wert", sagte er, und rief, plötzlich zornig, weil
er den Widerstand der Räuber fühlte: ,,Für uns hat das gar keinen Wert! sag
ich . . . Für uns nit!"

,,No und der Säbel?"

,,Ich geh jetzt heim", sagte der Schreiber. ,,Es is einfacher, wenn ich
gleich heim geh."

Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der
Schloßgasse.

Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den
Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den
sammetschwarzen unterirdischen Gang ins ,,Zimmer" und zündete eine Kerze
an.

Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die
Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die
Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer
die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus gebracht
bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel, und sagte
plötzlich haßerfüllt: ,,So, da hast du's jetzt. Geschieht dir ganz recht.
Ganz recht." Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und blickte auf
den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden Glases verdreifacht
unter der Vitrine lag.

Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.

Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte die
Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor
er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in seiner Brust und
verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die Mutter schießen
würde. ,,Hopp!" schrie er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou
stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte Revolver
hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter strömenden Tränen und
ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte
und wand sich; der Mund biß in den Boden.

Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen ,,Zimmer" und atmete
keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und
schlief augenblicklich ein.

Drittes Kapitel

Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und
Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn
Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang
seinen Arm nicht heben konnte.

Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit
dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor den
Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und die
geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den vorgehängten
Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze Stadt roch scharf nach
Most. Der seitdem berühmt gewordene Achtzehnhundertneunundneunziger war
heimgebracht worden. Angetrunkene torkelten durch die Gassen; des Fischers
violette Stülpnase war schwärzlich angelaufen.

Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt,
saßen auf der Anklagebank.

Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in die
königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.

Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein
inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend
lachte er: ,,Dene Früchtli ham mir's amal besorgt."

Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts
Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr
erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die
königlichen Weinberge zu gelangen.

Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der Barriere,
daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger, Rechtsanwalt
Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen Talaren. Neben
Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die Räuber, in ihren
Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die Zuschauer; darunter die
erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im Vordergrunde, die dürren Hände vor dem
Bauch gefaltet, mit müden Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts
geneigt, saß die Witwe Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän.
Und neben ihr, die Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine
Apfelbäckchen bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.

Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter
starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen
streng von einem Räuber zum andern. ,,Oskar Benommen, du sollst ja der
Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt, wie
war die Sache."

Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. ,,Der da, der kleine Vierkant, Herr
Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so frech
und verdorben ist er . . . der Teufel."

Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während
Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der
Richter: ,,Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf und
rede."

Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war
still.

,,Den Kopf reißen wir dir nicht herunter", lenkte der Richter ein.

Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den
senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner
natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: ,,Ja also, wir war'n halt
droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen und da
hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und ham unsere
Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, und später
sind wir heimgegangen."

,,Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser!
Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr
noch mitgenommen habt."

,,Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen."

Im Zuschauerraum war es ganz still.

,,Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?"

Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten und
ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.

Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den Oldshatterhand
aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum Richter in die Höhe,
sagte fein und leise: ,,Zuletzt waren keine Trauben mehr da", und schrak
furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: ,,Kleiner Schuft! weißt du
nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten gehören! Und daß der
Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner stehlt ihm seine
Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem König seine Trauben."

Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen
zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: ,,Ich wachse noch!"

Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. ,,Setze dich. Und merke dir das,
wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen Weinberg
in Ruhe lassen."

,,Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß
gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab ja
sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war."

,,Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt hört
mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben versteckt habt,
sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . . Hans Lux! Wo sind die
Trauben hingekommen."

Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft
mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine
Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.

,,Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen, und
. . .?"

,,Und ham sie gegessen", flüchtete der König der Luft eilig über die
Traubenaffäre weg und fuhr fort: ,,Also, aber also und, dann wollte ich das
hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus ,Die bleiche Gräfin oder Der Mord im
Walde' vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, Oldshatterhand
wollte, daß wir das Räuberlied singen."

,,Was ist das? Oldshatterhand?"

,,No, Michl, also Michl Vierkant."

,,Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?"

,,Also no! also natürlich, ,Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns
nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen' -- -- --"

,,Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?"

,,Ja. Von Friedrich von Schiller."

,,Nun, und dann?"

,,Hn?"

,,Was habt ihr dann gemacht?"

,,Dann haben wir registriert."

,,Wie?"

,,Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert."

,,Was habt ihr registriert?"

,,. . . Also halt so. Also und alles."

,,Zum Teufel, also was denn!"

,,Also halt einen Stallhasen."

,,Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?"

,,. . . Gekauft! lebendig."

,,Und was war weiter?"

,,Hell war's!"

,,Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?"

,,Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange."

,,Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?"

Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der Luft
hatte gelächelt. ,,Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also weil
sie taub is."

,,Was?"

,,Taub."

,,Georg Bang!"

Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu:
,,Also das glaubt er nit, daß sie taub is." Der Roten Wolke Mund stand
empört offen.

,,Georg Bang!"

Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt war.
Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau, während sein
natürliches graubraun war.

,,Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her."

Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn
Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.

,,Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule.
Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen
herauszubringen ist."

Herr Mager stand wie ein Spazierstock. ,,Vorerst muß ich bemerken, Herr
Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der
Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und dann:
es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie empfindlich zu
strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens habe ich manchem
von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er einmal im Zuchthaus
enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten immer zusammen. Ein
Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen niemals einer gemeldet hat,
niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?"

,,Wie meinen Sie das, Herr Mager?"

,,Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient
hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche
freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle
festhalten."

,,Nun . . . ich danke, Herr Mager", sagte der Richter und erholte sich
langsam von seinem Staunen.

Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte und
war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen
Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das ,,Zimmer"
nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein Mensch in
Würzburg wußte.

Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in ,,Der tote Mann im Keller oder
Verfolgt über alle Länder und Meere" von verborgenen Falltüren gelesen,
daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, als
eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten so
lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des
unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.

,,Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine
Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau."

Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf Winnetou,
ihren Sohn.

,,Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?"

,,Ich nehme keine Trauben mehr", sagte Winnetou. Und es klang wie ein
Schwur.

Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: ,,Ich denke, wir können
dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald Kletterer!" Er
sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und freundlich:

,,Du bist eine Doppelwaise?"

,,Ja!"

,,Du wirst mich doch nicht belügen."

,,Nein!"

,,Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?"

Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch,
worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie Schokoladepyramidchen. Er
stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich auf und hob die Hand. ,,Das
Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete die alte Stadt."

,,Wo sind die Trauben hingekommen?"

,,Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig."

Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende
Handbewegung zum Staatsanwalt hin. ,,Setzt euch. Auch du, Hans
Widerschein."

,,Jawohl, Herr Amtsrichter", sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen
geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging er
zurück auf seinen Platz.

Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten, die
Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu überweisen.

Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu
sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn
wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen
Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.

Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner
Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor sich
auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne jemals
den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine lange
Rede: ,,Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache durch.
Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es nimmermehr
geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu einer harten
Verurteilung der Angeklagten kommen."

Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr:
,,Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind sie.
Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden Angeklagten für
sich ansehen. Nehmen wir den ersten."

Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah zur
Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten Bleistift
den Radetzkymarsch auf das Pult.

,,Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an."'

Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den langen
Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf
seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich überschlagender Stimme:
,,Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . Sehen wir seine Großmutter
an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem
Hans Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des ersteren Großmutter
taub, Witwe hingegen des letzteren Mutter ist . . ."

Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie
gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er
eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der
Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der
Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte
nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der
Schundliteratur.

Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre Taschenuhren
zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern befürchteten, die Richter
würden ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen Mission bewußten
Verteidiger an den Jungen auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe
verurteilen, war Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des
Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden
Mahnung zu väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter
gebeten hatte, durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus
dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins
Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber
freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf tiefe
Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten, während Herr
Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit
Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber in stummer
Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war Schulstunde.



Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel bekommen
und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft ,,Zur schönen Mainaussicht"
auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und wieder blickte er auf
die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah.

,,Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee", sagte sie zu ihrem
Bruder, der Kriechenden Schlange.

,,Der soll sich's selber hol", erwiderte die Kriechende Schlange und lachte
zu Oldshatterhand hinüber.

Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der
Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich
nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die
den Garten der ,,Schönen Mainaussicht" umschloß, traten in die Wirtsstube
und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.

Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. ,,Auf zur
Quadrille!" rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit verschwand
die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah
durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang ein großer Mann
im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem gelben Papagei glich.
Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn Pfennige
Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein blutarmes, bleiches
Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging und eine Stearinkerze
zerschnitt, zur Glättung des Bodens.

Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer,
schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde
auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn
Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von
drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet.
Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen verbeugten sich
ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen aneinander.

Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter als
hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die sehr der
Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel geschobenen
Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie jedesmal schrill
rief: ,,Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle", um dann
ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu schieben. Sie war auch
schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. ,,Tanz doch e bißle", sagte sie
lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam atmend bei
ihr saß, manchmal tief aus der Brust heraus in sein zinnoberrotes
Taschentuch hustete, auf dem man das Blut nicht sah, und sich dann
zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.

Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.

,,Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion", spielte der
Zwerg in schnellem Mazurkatakt.

Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und
lächelte. ,,Spiel e bißle langsamer", sagte sie bittend zum Zwerg, der sich
verbindlich verneigte, ,,wir wolle a tanz", und zog lachend den Kranken vom
Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, angestoßen und
überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der mit seinem Mädchen
mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg fortwährend zuschrie:
,,Spiel schneller! Spiel schneller!"

Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin mit
zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem
überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: ,,Tanzen
Sie nicht, meine Herren?" und warf, ohne Antwort abzuwarten, einen bösen
Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem Kopfe hatte,
über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte und es so lange
weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln heraus, am
Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.

,,Schämst dich nit, alte Saul" rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der
Kriechenden Schlange: ,,Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch."

Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb am
Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: ,,Was geht's mich an. Laß 'n
rumpantsch."

,,Tanzen Sie doch auch, meine Herren", animierte die Wirtin. Ihr Mund wurde
klein vor Freundlichkeit.

Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. ,,Wir wern
da im Kreis rumhüpfe."

Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.

,,Gehst weg! Bankert!" schrie die Mutter ihm zu.

,,Da bleib ich", sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich auf
den Schanktisch.

Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam hereingelaufen
zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände
um das eirunde Gesicht gelegt. ,,Schau, er kommt ja wieder. Der Frau
Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage verschwunden. Sie hat's in
die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein Bauer aus Versbach zurückgebracht.
An einem Kälberstrick. Nur sei Hals war e bißle vom Strick geränft."

,,I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat, oder
sowas. Und schau . . . den neue Kamm." Der Wirt zog einen großen Hundekamm
aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau hinsah.

,,Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn."

,,Zsssssss", ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und
der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am Türpfosten
wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue Seidenschleife im
offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund war tiefrot. Ihr Vater
war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen verloren, sich auf dem
Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein Kind als mittellose Waise
zurückgelassen, worauf der Inhaber der hygienischen Anstältchen sich ihrer
angenommen hatte.

Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen lachender
Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander auf dem Kanapee
sitzen sah.

,,Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze
Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's Fenster
um zwä Mark billiger mach als alle andern", rief er, steckte die Hände in
die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. ,,Das muß mer halt versteh."

Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der Tür,
in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten Kopf mit
grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt gestülpt hatte.

Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte, sah
hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum Fischer trat,
das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines Gesichtes
erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung erkannt. Die
Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der gewünschten Bettvorlage
zu kommen. Der Fischer lachte breit.

,,Hast mein Hund umgebracht?" stotterte der Wirt, ,,mein Sultan."

Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen eingestandenes
Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt wußte es, konnte
aber nichts dagegen ausrichten.

Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte aufheulend
hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um und rief
erstaunt: ,,Was denn?" Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer auf den
Schanktisch.

Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare
umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein paar
Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im Saal
herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden glänzte schon.

Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von einem
grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die Lippen
entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der seinen
aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf das
Mädchen hinunterblickte.

An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht, aus
dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in den
Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, wurden
die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.

Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges
Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf
der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.

Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: ,,Geht mit naus
. . . Wir machen was mit meiner Schwester."

,,Ich geh nit mit", sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und
die Rote Wolke sahen verständnislos drein.

,,Also, ich geh mit", sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch und
Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den Garten.

,,Was machen denn die mit seiner Schwester?" fragte der bleiche Kapitän
Oldshatterhand.

,,Die . . . die machen was."

,,Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!"

,,Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was."

,,Der freie Mensch steh Red und Antwort."

,,Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei", schloß der bleiche Kapitän das
Gespräch ab.

Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm
Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.

Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.

,,Erst ich", sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. ,,Paß du auf
derweil, ob niemand kommt!"

Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken,
Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.

Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und ab.

Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte
er: ,,Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!" Er schob ihn vom Stamm
weg. ,,Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst", flüsterte er und
deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der langsam
auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.

Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein. Und
preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.

Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem
Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.

,,Der kann ja nix", sagte das Mädchen und lief davon.

Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange aus den
Schreiber: ,,Oooooo!"

,,Was willst denn!" rief der Schreiber erzürnt.

,,Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im ,Zimmer'
seid, bring ich mei Schwester mit."

,,Bring halt die andere auch mit."

,,. . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle."

Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die
Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.

Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog einen
langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und schnitt
die Spitze einer großen Zigarre ab. ,,Leih mir zwölf Pfennig", bat er den
bleichen Kapitän. ,,Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas Bier trink."

,,Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab selber
nix."

Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen
Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. ,,Dieser ist's."

,,Komm mal da her zu mir."

Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des
Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne
gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich
und frech: ,,Was wollen Sie denn von mir?"

,,Gehst raus! Malefizlausbub!"

Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. ,,Wo hast's
denn?"

,,Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen."

,,Einen ganz langen Dolch hat er", rief der Gymnasiast.

,,Jetzt leerst glei dei Tasche aus."

,,Da, greifen Sie nur selber nei."

Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer gekommen
-- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom Schreiber
gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter größter Stille aus
der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte Hahnenfeder, drei
Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in dem Angelwürmer sich
ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte Briefmarken, ein Flötchen
und eine Meerschaumspitze, mit einem Segelschiff darauf, in welcher der
Wachtmeister, als er durchsah, eine farbige Alpenlandschaft mit weidenden
Kühen erblickte. Ein zartrosa Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen
Loch der Meerschaumspitze heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters
herum, der die Spitze erschrocken von sich schleuderte, so daß sie
zerbrach.

,,Habt ihr's Messer g'sehe?"

,,Ach, er hat ja kein Messer", sagte die Wirtin begütigend.

,,Und wenn er scho ens hat", rief der Fischer. ,,Jau, so a Gaudi."

Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: ,,I hab's g'sehe!
Also muß a da sei."

Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die Westentasche
und zog siebzehn Pfennige heraus. ,,Das hab ich zammg'spart, weil ich
meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!" rief
Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den bleichen
Kapitän an.

,,Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!"

,,Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die
Küchenlampe nit braucht."

Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war, ging
er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.

,,. . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab."

,,Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich schäm."

,,Aber du mach dich dünn jetzt", zischte Oldshatterhand wütend.

Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und
schlich zur Tür hinaus.

Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.

Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.

Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt
nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben
Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte er
wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe hinauf und
streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten Stockes schon
die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst ankamen.

Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten
direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der
Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken aufgerissenen
Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen dumpfen Fall und das
Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.

Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon
versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der ,,Schönen Mainaussicht" noch Licht
war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und sahen, als
sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin zusammen auf dem
Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und flüsterte voller Grauen:
,,Fort! Fort! Ich geh fort."

Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und deutete
boshaft auf die beiden.

Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die
Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten
davon.

Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main.
Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.



Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der
ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des
Herrn Mager hing noch drückende Stille.

Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer Apfel,
teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie zusammen
mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn jeder
Schulstunde tat.

Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen in
der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die Rote
Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande waren unter
den übrigen Schülern verstreut.

Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.

Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife aufgeriebenen,
roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare standen spitz und
steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen geordneten Igelschar
glichen.

Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.

Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es
schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.

Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das
Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in
Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen
Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.

Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb jetzt,
wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue
Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt zur
Schultafel. ,,Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte einen Widersacher,
welcher behauptete, der größere Künstler zu sein", sagte Herr Mager, legte
die Hand in die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank an.
,,Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder eine Zeichnung machen
solle, und wessen Arbeit die bessere sei, der solle in Zukunft als der
Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang,
und brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor das
Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine Zeichenrolle zu haben,
fragten die Preisrichter ärgerlich, wo denn seine Arbeit sei. Da schlug
Albrecht Dürer seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem
feingespitzten Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf einen Karton
und machte einen Punkt in die Mitte. Alles aus freier Hand. Als die
Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen
. . . Von da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler", schloß Herr
Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis auf die Schultafel zu ziehen
und stieß energisch einen Punkt hinein. ,,Wie ich noch so jung war wie ihr,
da konnte ich das noch viel besser", sagte er, weil der Kreis etwas bucklig
ausgefallen war. ,,Das sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . .
Katekeßmoß!!!"

Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.

Da stand Falkenauge auf. ,,Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus."

Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine
Nerven nicht zu.

Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von
der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um
einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen
ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den Eisschollen
flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte es erfaßt und
es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer Schlacht mit
fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein herausgefordert
hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement -- die sicheren
Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu viel.

Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach
einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: ,,Herr Lehrer, er ist
nicht mehr da."

Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. ,,Michael Vierkant!
Raus!"

Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf nach
unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des
Herrn Mager.

Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage: wer
kommt nach Oldshatterhand daran?

Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager
atemlos: ,,So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die
vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal
geben darf."

Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine
Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.

Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen.
,,Wer meldet sich?" rief Herr Mager.

Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch sitzen
geblieben.

Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken
brüllte er in allen Tonlagen: ,,Ah! Ah! Ah! Ah!" und schleuderte die Beine
derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den Handrücken
traf. Voller Wut schrie er: ,,Michael Vierkant! Raus! Halte ihn!"

Oldshatterhand rührte sich nicht.

Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. ,,Halte ihn!"

Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: ,,Herr Lehrer . . . ich
halte ihn nicht." Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.

Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich mit
dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob
Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem Gesicht
schwollen die blutunterlaufenen Striemen.

,,Hans Lux! Raus!"

Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer
standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte
ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine Weile
hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm die Prügel
entgegen.

Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.

Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die
gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die
Kopfhaut eindrücken, ruft: ,,Pä, Krähenfuß!" und streckte die Zunge lang
heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand
auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand sein
Herz umkrallte. ,,Pä, Krähenfuß", flüsterte er, schauerte zusammen und
hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut speie.
,,Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze Stadt!
Hoo! Fort, fort!" Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. ,,Hi!
hihiha!"

Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar
Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf
Oldshatterhand.

Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück
hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm nicht
geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar vorbeigegangen
war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als tropfe in seinem
Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.

Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein
Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden Schlag
ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine Stimme
rufen: ,,Rechts gehen!" Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform und eine
goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.

Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem ,,Spitäle", die Ellbogen auf die
Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid trübe
auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter sich
hatten.

Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige
Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm Brückenbogen
stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn Mager zuführte.

Viertes Kapitel

Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der Holunder
und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um Würzburg herum
waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig saftiggrüne Stellen
sichtbar blieben.

Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit aus
der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit einiger
Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, außer
Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit
gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis zur
Brust reichte.

Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig
machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen
Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen,
ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage lang
anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten schmerzlich
verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.

Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden
Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: ,,Ja. Bald. Wart doch."

Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen
offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,
parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen
wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.

Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: ,,Jetzt müssen wir fort, die
Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das
Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch
hier", bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch
einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach. So
daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und
teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche die
Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher war ein
Zirkus in Würzburg gewesen.

Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige
Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der Räuberbande:
sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.

Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez angebracht.
Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und giftgrünem
Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und
mahlte mit den Zähnen.

Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und die
Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen
Schloßbergrasen.

Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen
gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den
Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich
hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.

,,Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft", sagte der bleiche Kapitän zum
Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester anhatte. Aber
ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: ,,Der kann direkt zum Zirkus
gehen." Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten Sprünge machte und
Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen Zöpfen.

Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche Kapitän
einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als
jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang, das
schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, um den Lindenast
wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem einzigen Schrei
aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln
hielt -- da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn
der König der Luft hatte das Bein gebrochen.

In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.

Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.

Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der
Rasen roch.

Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,
tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der
Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.

Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher etwas
davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über den Graben
und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das wütend
ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen anklammernd, in
der Bahn herum.

Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.

Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein
Indianer auf dem Gaul.

Da brüllten die Räuber wie besessen: ,,Halt! Halt! Ein Feldwebel!"

Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem scheuenden
Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in den Sand,
stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und mit
Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.

Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert.
Keuchend rief er: ,,Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte."

Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.

Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf den
Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch erkennbaren
Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit Ölfarbe
angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem Bildwerk
stand:

      An diesem Ort is Alois Würz
      Mit sein Heuwage umg'stürzt.
      War glei tot, mitsamt die Roß.
      War ein frummer Mann,
      Drum is er auf der Stell
      In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn,
      Was mer vo seine Roß nit sag kann.


Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine
Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle Muskeln
an und hielt den Atem zurück, bis die Luft ,,pfa!" aus seinem Munde fuhr.
Es wurde ihm aber nicht leichter davon.

Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum
Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen Menschenbäuchen.
Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete sich, blieb aber sitzen
auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren Ton, der jetzt aus der
Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen, wie wenn das Leiden aller
Tiere und Menschen in ihm klänge.

Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu
Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.

Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur zehn
Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich unbemerkt
auf den Sockel neben Oldshatterhand.

Es war jetzt ganz dunkel geworden.

Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich nicht
zu verraten. Plötzlich sagte er: ,,Wa . . . weil . . ."

,,Oh . . . O Gott!" schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel herunter,
zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den Duckmäuser
erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß dieser es
gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete Duckmäuser, mit dem
die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.

,,Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich
erschrocken", stotterte Oldshatterhand geringschätzig.

,,Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern
will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa . . .
Feind", beendete der Duckmäuser seinen Satz.

,,-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?" Oldshatterhand war
furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den
Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte
Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht
stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht auszusprechende
Worte vor: ,,O also nein, da mußt du aushalten können, da . . . daß man dir
vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und die werden
angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . fünfzig brennende
Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet wer, da . . . das macht
mir gar nichts aus."

,,Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?"

,,O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen."

,,We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann,
. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . .
brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu stoßen."

,,Pä! Ist das ritterlich?"

,,Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . .
Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf
. . . Pfennig."

Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende
Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der fünfundsiebzig
Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können, weil er zu klein
war. ,,Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten. Ist das vielleicht
männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt du mi . . . mindestens
eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen können, aber mit o . . .
offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit Indianern vorbeifährt."

,,F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg
ich."

Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und
seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk,
blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf dem
Sockel sitzen sah.

Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.

Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf
überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand, der
sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie
genommen hatte.



Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt
wußte, daß der Kaplan der Vater war.

Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung
Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache
verstummte das Gerede.

Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine Lungenentzündung
war dazugekommen. Sie lag im Sterben.

Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou
setzte sich und sah steif geradeaus.

Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der
Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand auf.

Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach Winnetou
um.

Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die
Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou
nieder.

Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten unter
die Arme und half ihm wieder auf die Beine.

Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel, wie
vorher.

Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah das
weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause umrahmt war,
und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm, als
sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die Falten der Strenge waren
vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im
Gesicht der Mutter, das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene
Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da
sprang ihm die Angst in die Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen
aufschlage, wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht
von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher
nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr
verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die
Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte langsam übers
Haar gestrichen.

Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper
zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum
Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er
aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht mehr
glücklich sein würde.

Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter
verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende ihm
half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich schwächer
wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der Sterbenden
bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des Bettes.

Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und meldete
der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter tot sei.

Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und
rannte ins Sterbezimmer.

Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.

Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf die
Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich nähernden
Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie immerzu:

,,Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht."

Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich
zwischen die Schienen.

Der Führer läutete.

Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum Langsamfahren
zu zwingen, ganz gemächlich. im Geleise, auf die Haltestelle zu. Die Alte
humpelte, sich beeilend, weiter.

Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste stießen
Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou wandte den
Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im letzten Augenblicke
zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen rauchten, und Winnetou sprang
seitwärts.

Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um
nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.

Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.

Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen, als
sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.

Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife am
Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust hinunter zu
Winnetou, der in die Seitengasse einbog.

Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. ,,Geh mit, wir
schießen", sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und zeigte
Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. ,,Wir gehn zu Falkenauge und schießen
in seiner Kammer . . . Geh mit."

,,. . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin", sagte Winnetou und
ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.

Verdutzt blickten sie ihm nach.

Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte
sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne
Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten sich
die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der Mutter
empfunden hatte, wieder ein.

Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.

Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou unvermittelt,
daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen Räuberidealen nicht
deckten.

Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche lehnen,
als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert hatten,
langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.

Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie zu
Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder in
die Kirche ein.

Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und als
niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte Dachkammer
Falkenauges, der noch im Geschäft war.

Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers,
worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem
heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs Stäbchen
und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf den
Schloßberglinden gefangen.

Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.

Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb
sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.

Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die
blaue Luft.

,,Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie
wär denn das sonst möglich", sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach
einem näheren Ziel um. ,,Halt einmal die Karte", sagte er und nahm das
Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.

,,Und wenn du mir den Finger wegschießt?"

,,Ich wer doch no das Kärtle treffe."

Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus,
hielt die Karte an der äußersten Spitze. ,,Ziel lieber ein bißchen mehr
rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand
triffst."

Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und
durchlöcherte sie.

Der Schreiber atmete wieder. ,,Jetzt halt du die Karte."

Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie mit
seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. ,,Schieß."

Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und
durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie fallen.
,,Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir auch noch
was", sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge lag, sich
auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.

-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der Schreiber
kroch ihm nach und holte es hervor.

,,. . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern", rief er in heller Begeisterung.

,,Das kannst du ruhig riskier."

,,. . . Haaargott . . . Getroffen!" Das Auge war durchs Fenster
hinausgeflogen.

,,Das is doch ganz klar." Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.

Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und das
Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.

,,Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A
schöns Armreifle."

,,Ein guter Schuß war's doch", sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht
schmerzverzerrt, die Hand hoch. ,,Aber das Aug ist futsch."

Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den
Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die Tapetenblumen,
durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte auf den
Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter der Tür
hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das Fenster
zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher. Das
Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal mäuschenstill, die
klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und raste weiter. Die
Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie zerrten die
Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am Boden, lehnten
die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das Bettgestell auseinander
und schlichen die Treppe hinunter, aus dem Hause.

Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem ,,Spitäle".

Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die Hände
in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.

Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig
und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr mit
den Räubern.

,,Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen."

,,Welches denn?" fragte der bleiche Kapitän.

,,Das Eichhörnchen."

Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit jeden
Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und mehr
federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den zwei
Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen Bauernburschen
belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei
Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht wieder im
Dorfwirtshaus zu sitzen.

Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag und
Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines gebrochenen
Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes
Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, mit hektographierten
Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe
der Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante Kleidung und
pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der einzige, der schon eines hatte.
Als Herr Rein den Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller
Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann mit starkem Bartwuchs,
und es war zu hoffen, daß auch der Sohn eine gute Kundschaft werden würde,
sagte er: ,,Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich
widerscheinen." Vor vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des
Schreibers Vater gesagt, als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er
hatte den Witz nicht vergessen.

Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben der
Festung, schmolz es im ,,Zimmer" zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln
daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im ,,Zimmer"
und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing jetzt
darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er als
Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.

Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen
Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das ,,Heilige Tier" ab.
Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im ,,Zimmer".

Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und Interessen
der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich aufgelöst.

Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande zum
letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.

Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die
Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger
waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten.
Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen Nackenbändern
Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen Gehröcken und mit
sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem Zug
der Walleute anzureihen.

Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die
Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden
Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in
himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.

Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren
solche Altäre hergerichtet.

Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den Rauchklub
gegründet hatten, standen vor dem ,,Spitäle" beisammen, in ihren
Sonntagsanzügen.

,,Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou
mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen", sagte der bleiche Kapitän.

Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein
Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug der
Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.

Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle,
Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in
Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten im
langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der Straße und
sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den Kindern, die dünn,
mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten Weibern, deren Stimmen
sich überschlugen, begleitet von der heftig und getragen blasenden
Blechmusikkapelle.

Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der silberne
Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im Ornat, vor dem
Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz schlugen und
niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf die Erde gebreitet
hatten.

Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz war,
schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und rief
langgezogen: ,,Lob und Dank sei ohne End!" Und während das Gemurmel der
Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter voran,
sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los,
,,Sakramentslausbub!" schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte wieder
in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: ,,Dem allerheiligsten Sakrament."

Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem
Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou und
noch zwei Jünglingen getragen.

Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft.
Aber da war nichts zu machen.

,,Da is er!" rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den
Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.

Der Schreiber schüttelte den Kopf: ,,Herrgott, wer hätt das vom Winnetou
gedacht."

Verstummt sahen die Räuber ihm nach.

Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und
Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den
sonnigen Himmel: ,,O Maria hilf!"

Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen
Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener
und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen
angestellt; sein Geschäft blühte.

Am Abend schimpfte der rote Fischer in den ,,Drei Kronen": ,,Ke enzigs
Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!" Seine Halsadern
schwollen.

,Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn
ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre', dachte sich Herr
Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein stiller,
arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.

Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser
einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne und
kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues Quadrat
Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten es die
Würzburger Stadtväter.

Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche, schlenderten
gleichgültig am Wachtmeister vor dem ,,Spitäle" vorbei und bogen in die
Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront des Hauses vom
frommen Flickschneider abgeschlossen war.

Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute,
beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand -- die
Fensterscheiben klirrten.

Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.

Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans
Kasperl-Theater, aus dem Fenster.

Da unten war alles still.

Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß
ihrer ersten Jugend.

In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein und
derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein Unglück
passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue Krankenhaus
hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster waren
unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und machte
Bankerott.

Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr; als
Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines Tages
war er verschwunden.



Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß
beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.

Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen
Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.

,,Wo warst du?".

,,Auf der Jagd!" rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt
weiter.

,,Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so
oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so
stark und gesund wie man war", sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän und
schloß: ,,Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der Welt.
Das is ja ganz kolossal."

Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.

,,Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?" fragte Oldshatterhand.

,,Für dich is das nichts", sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen
Kapitän zu. ,,Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich
dir's ja amal zeig."

Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und saßen
dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden Weidenbüschen
umsäumt war.

Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am Seeufer
hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen ,,aa aa" schreiend
über das Weidenland.

Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen
Himmel traten die Sterne hervor.

,,Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?" fragte
Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums
Handgelenk.

,,Auf, nach Amerika!" rief lachend der Schreiber. ,,Hohaho!
Oldshatterhand!"

Der bleiche Kapitän grinste.

,,Nun sagen wir nächste Woche", sprach der Schreiber ernst.

,,Jawohl. Nächste Woche; Jawohl."

,,Also! Also ja!" rief Oldshatterhand freudig. ,,Oder gehen wir doch lieber
jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach Frankfurt. Dann
kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind Schiffe." Er drehte
den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu. ,,Meerschiffe -- -- --"

Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. ,,Weißt du was
. . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr."

,,Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr."

,,He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern
Büchern steht? He?"

,,No ja, ein paar gibt's ja noch", gab der bleiche. Kapitän zu. ,,Aber ich
hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet
sind."

,,Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika."

,,Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an."

,,Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!"

Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. ,,Ihr geht also nit mit! Ihr
Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?"

,,Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit
ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und das
krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn ich
jetzt fortlaufen tät?"

,,No allemal", sagte der Schreiber. ,,Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im
Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich behalt.
Das is doch jetzt alles ganz anders", schloß er nachdenklich.

,,Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm." Der bleiche
Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. ,,Acht Mark kost er. Hast scho amal
sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!" Er lachte krachend und konnte
sich lange nicht beruhigen. ,,Er is aber auch so dünn wie ein Federhalter,
und der Stoff is fast von Seide."

Es war jetzt tiefe Nacht geworden.

Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam fort.
Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen hinunter.

Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der
Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang ein
Mädchen.



,,Schloßfallenfeuer!!" rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins
Herz hinein erbebte.

Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den
Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger
Bangen an die Arbeit gegangen.

Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden ohne
Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die starren
Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige Schläge ins
Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge, sondern der
Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, wann er kam,
und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick hielt fest.

Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg.
Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem
allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit nur
neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das neue
elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des Herrn
Trompeter Wohlleben einzupassen.

Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige Male
bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und der
Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen müssen.
Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den mimosenhaften
Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des Herrn Tritt immer mit
einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine Kunstwerke weiterhin
schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau mit Vermögen erkor, was
ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner Mann und zweiter
Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.

Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen aus
den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte
sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an.
Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, der
das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für den
Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich, fummelte
mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.

Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber, lange;
sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die Werkstatt --
und stellte sich dem Meister: ,,Ich will fort von Ihnen! . . . Ich halt's
nimmer aus."

Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins
Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das Pflaster.
Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog sich vor Lachen,
daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die Brille von der Nase fiel.

Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden
Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu
drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße die
Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes Gefühl,
seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.

Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen
des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem
Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder seiner
Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.

Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom
schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein
Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe er
es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die
Schloßfalle zu schmieden.

Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den
unterirdischen Gang ins ,,Zimmer". Hastig, als habe er keine Zeit zu
verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich,
zündete knieend ein Heftchenbündel an: ,,Die bleiche Gräfin oder Der Mord
im Walde" und damit die ganze Bibliothek.

Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur
Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.

Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.

Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und
Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.

Der unterirdische Gang war eingestürzt und das ,,Zimmer" verschüttet auf
immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.

Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.

In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom ,,Zimmer"
entfernten Nonnenkloster ,,Himmelspforten" sei in der Zelle der Oberin
hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.

Fünftes Kapitel

Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße hin.

Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch
einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen
ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach links
wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem Vogel
nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.

Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging
weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte
unter dem Brustbein.

-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und blieb
erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß ein
Mensch darauf.

War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden
gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die
Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?

Nie hatte er so einen Menschen gesehen.

Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank werdend,
aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt fühlte, wie von
einem Gespenst.

Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen
dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den braunen
Haaren schon graue.

,,Wollen wir ein Stück zusammen gehen?"

,,Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?"

,,Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts
. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und Geld
verdienen", schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand
schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte geglaubt, daß er
jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun konnte er es gleich
dem Ersten nicht sagen.

Wirr vor Verlegenheit, rief er: ,,Ich heiße Michael Vierkant!" Und sein
zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.

Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig
ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: ,,Tom machte sich auf in
den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich
das Lebenslicht auszublasen", und gab es Oldshatterhand zurück.

,,Hi! hihiha!" lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen
wie damals auf dem Heimwege von der Schule. ,,Das ist vielleicht alles dumm
und nicht wahr, was da drin steht."

Da sagte der Fremde nachdenklich: ,,Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist
. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem
Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein
ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein
blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter."

Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich und
gerührt auf Oldshatterhand hinunter.

Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte
Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.
Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem
Vertrauen zu ihm. ,,Ich will auch arbeiten", sagte er ganz still. ,,Ich bin
nicht so schwach, wie ich aussehe."

,,Nein . . . Sie sind nicht schwach", sagte der Fremde, mit einem
unbegreiflichen Lächeln.

Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der
Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten ein
bewegtes Schattenmuster darauf.

Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die
Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade, endlose
Straße hinaus.

,,Was arbeiten denn Sie jetzt?" fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,
denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.

,,Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere ungehindert
zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach, unaufhörlich. Das ist
meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder vorwärtsgehen -- -- --"

Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden zu,
und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.

Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen und
ihn geküßt.

Dann eilte er unhörbar quer übers Feld, wurde immer kleiner und kleiner,
und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens verschwunden
war, als wäre er zu Luft geworden.

Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern ein
großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich zukommen.
Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der spitzen Nase
und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter hängen.

,,Hast du Zeit? Wohin willst du denn?"

,,Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit."

,,Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du mußt
dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren."

,,Ja!" sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.



Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik
schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp
klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und
surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen in
,,Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro", denn er hatte, ehe er von
Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging
und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er in der
Oper gewesen.

Er versuchte, ,,Nun danket alle Gott" unterzulegen, oder ,,Wem Gott will
rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt", aber beugte er
sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte
der Fabriksaal wieder ,,Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!" Den
ganzen Tag ,,Auf, in den Kampf!"

Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe
jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem Schmerz
jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.

Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer
richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer,
verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die Vesperpause
war gekommen.

Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem
schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten unter
den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in
Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei er ihn weit
aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne anzustoßen auf einmal
unterzubringen.

Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt zu
einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer, in
vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: ,,Jetzt esse ich
meine Bemmchen alleine."

Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen
hinunter.

Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern durch
die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die noch
kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern und
Feilen. Oldshatterhand klang wieder ,,Auf, in den Kampf!" ins Ohr.

Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen
Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der langgezogene
Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen schluchzend.

Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit Mienen
der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.

Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und
Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er
umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht --
_Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister oder
Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen einbringen
mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er brauche nur an
seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er dazu
viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken nachhing, daß er etwas werden
müsse, flackerten die Demütigungen seiner Jugend ihm aus den Augen, dann
war er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte er sich auch
angespornt. Es müsse etwas sein, was eine demütigende, untergeordnete
Stellung ausschloß.

Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen
geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine Arbeiter
mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in einem
Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi stehen sehen,
mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage lang überlegt, ob er
nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung hatte ihn der
José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und der Gedanke, ein Künstler zu
werden, hatte ihn seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler
oder Sänger; irgendein Künstler -- hier müsse für ihn die Möglichkeit sein,
_Etwas_ zu werden.

Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der
ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht
gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er
selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge
gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus
den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im Geiste
-- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.

Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den
unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine
Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer
grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_
geworden war.

Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht
unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war. Das
Hemd stand vorne offen und bat den grausig abgemagerten Körper dar, die
schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als fürchte er
auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun der
Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.

Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.

Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften
Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder,
Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende
Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Fesseln der Glasfabrik
entlassen.

,,Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?" flüsterte er, ging
fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.

Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter
Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit wie
ein Traum war die Straße.

Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er Reiter
vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine Equipage
daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die linealgerade,
endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und lang,
durchschnitten seine Straße.

Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war
eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, und
halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es roch
nach Abort.

In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.

Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete ihm
und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein orientalisch-weiches,
gelbes Gesicht und fast nichts an. ,,Kommen Sie doch näher, Herr Vierkant."

Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender
Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. ,,Siebenhundert Stück muß ich
heute noch fertigkriegen", sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere
hantierend. ,,Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese
auch nicht."

Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des Mädchens sehr
volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr heruntergeglitten. Ihr
großer Mund blieb geöffnet.

Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne Hemdkragen,
mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte Braut, auf
Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war ärgerlich.

Das Mädchen arbeitete emsig weiter. ,,Wie viel?"

,,Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig", sagte er mürrisch.

Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. ,,Davon kannst du dreißig
zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir Weihnachten
heiraten."

Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier
Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief
ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im
andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des
Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er sich
nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging. Er saß
auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe Gurke mit
Salz.

Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh hatte
er sich erst eingemietet.

Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem
Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges Gekrabbel,
griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das ihm jedoch,
über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.

Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte
Wanzen.

Er rief die Wirtin und kündigte. ,,Im Bett sind Wanzen."

,,Ach nee."

,,Unheimlich viel."

,,Die beißen Ihnen doch nich."

,,Sie haben mich gebissen."

,,Aber die fressen Ihnen doch nich."

,,Fressen?"

,,Tun se nich. Da ist der Kaffee."

,,Erst komm ich!" rief der Viehtreiber.

,,Und dann ich!" der Bräutigam. ,,So war's ausgemacht."

Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt
hatten und er daran kam. ,,Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen."

,,Wanzen!" schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich
drohend.

,,Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr", stotterte der ratlose
Oldshatterhand.

Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer
unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach vorne,
berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf ihren Sohn,
aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.

Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf des
Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er im Bett
fand, in den Mund steckte.

Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem Segeltuchköfferchen
in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze Woche vorausbezahlt
hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts zurückbekam. Da trat die
Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den mageren Oldshatterhand in
ihren weichen Körper hinein. ,,Schreibe mir, wo du wohnst."

Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins
Wohnzimmer.



Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht
besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von
Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in
knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen
angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden, wenn
sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm
ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer
dahinglitten.

Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten
plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und
Nischen hervor.

Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.

Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.

Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde
Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein Stock,
nur den Kopf geneigt, und sagte: ,,Wenn ich bitten darf."

Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht war
lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der kolossale
Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel klebte, in
Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das Haarzöpfchen.

Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit
glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame als
Erster quer durch den Saal.

Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand
mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den
frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid,
was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben
schien, denn er stotterte nicht mehr.

Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif.
,,Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde
mich sehr freuen."

Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der
Stirne. ,,Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut."

,,Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?"

Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch
vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den Mund
weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die breite,
feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und fragte
zwinkernd, ob er immer so galant sei.

Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen an,
dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark entwachsen
war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu Berge. Die
langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander verkrampft, fragte
er: ,,Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause begleite, mein
Fräulein?" Und tief erschrocken setzte er hinzu: ,,Sie dürfen nicht denken
. . . ich wollte Sie nicht beleidigen."

Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber hinaus
auf ihn. ,,Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im Zimmer meiner
Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute nicht. So ist es
eben."

Er starrte die Köchin an und lachte ,,Hi! hihiha!" plötzlich sein
irrsinniges Lachen.

,,Auf zur Damenwahl!" rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich
vor Oldshatterhand.

Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege
zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen
hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.

Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch
die kühlen Säle.

Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen.
Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im ,,Zimmer" nach dem
,,Heiligen Tier" gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an den
Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes Gehirn,
bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht abgelesen,
zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich vorsichtig um.

Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade
noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.

Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den er
Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben glaubte,
ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah stundenlang
den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und lächelten, wenn
er kam.

Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft, und
wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft mit
Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume dazwischen und
darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er liebte diese
Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen Hügel.

Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und malte
von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.

Darüber verging ihm der Winter.



Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger Bürgersleute,
die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich entschlossen, ein Bad
im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den ganzen Tag über im
Wasser herum.

Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum
Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß
die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch nach
außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang, daß sein
Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen, mit denen er
bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter sich zu schieben.

Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte
alle seine neu angeschafften Hanteln durch.

Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen
Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen
geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der
Kammer einzustürzen drohte.

Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: ,,Wie werde ich Athlet".

Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr,
trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge
davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, der
dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn es
ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.

Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die
Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um
seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des
Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer Woche
um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch Unterarm-
und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu erheben,
dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.

Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das Mädchen
mit den braunen Zöpfen grüßte.

Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den
eingefallenen Wangen.

,,Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man
nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf der
Welt", sagte der bleiche Kapitän. ,,Und was gar die Mädli anbelangt, mein
Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst schon
nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott." Das war des bleichen
Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus.

Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.

Die Rote Wolke sang den ganzen Tag ,,Nach der Heimat möcht ich wieder, nach
dem teuren Heimatort", denn er war Mitglied des Jünglingvereins ,,Frischer
Bursch" geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das Stiftungsfest des
Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war wochenlang geprobt
worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der König der Luft war
eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen mit einigen jungen
Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen laufen konnten, eine
Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei Würzburg. Falkenauge war
aktives Mitglied der Angelgesellschaft ,,Walfisch" geworden.

Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der Räuber,
als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen hatte beim
Vereinsstemmen des Athletenklubs ,,Muskel", dessen Mitglied er war.



Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der Würzburger
Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin und wieder
wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes entstand in
ihrem verhärmten Gesicht.

Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der
Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch den
jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker junger Mann
in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß gestreiften
Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes Spazierstöckchen mit
blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er zog eben braune
Glacéhandschuhe über.

Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant,
streckte ihr die Hand hin und lächelte.

Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den
Kopf.

Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr als
einen Kopf größer geworden.

,,Einen Gummimantel hast du dir gekauft?" fragte die Mutter erstaunt.

Sechstes Kapitel

Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der
Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt.

Winnetou fehlte.

Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das
Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: ,,Rauch ist Gift . . . für
einen Athleten."

Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant Oldshatterhand.
,,Wie werde ich Athlet" lag aufgeschlagen auf dem Tisch.

,,Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst", fragte der fahle
Schreiber.

Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. ,,In Frankfurt . . . Da gibt's
eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander gar nicht
durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel und unheimlich
. . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen Mädchen, die Arme
um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in rosaseidenen, in
violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide . . . Und wenn du
durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie dich an, rufen sie
dich . . . und so halt."

,,Bist neigange mit so'n Mädle?"

,,Hi! hihiha!"

,,Dann is aus mit der Kraft", sagte still der bleiche Kapitän. ,,Das kann
man an dir merk."

,,Ich mach ja gar nix mit Mädli."

,,Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas
denkst, is dei Kraft scho beim Teufl." Der bleiche Kapitän griff dem
Schreiber an den Oberarm. ,,Zieh mal dei Röckle aus." Schob dem Schreiber
noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es
verächtlich sinken. ,,Oh, macht nur so weiter."

,,Gestern hab ich 'n Hecht gefange", sagte Falkenauge. ,,Von anderthalb
Pfund."

,,Kriegst vielleicht davo Kraft?"

,,He?"

,,Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich euch
amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus."

,,So, jetzt."

Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über
seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den
Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die
zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im
Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche Kapitän,
vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote Tüchlein war
vorgebunden.

Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte von
unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste
gefallen.

Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen Körper.
Der war hart wie Elfenbein.

Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und
prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine Unterlippe
hin. Die Tür knallte ins Schloß.

Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich verschoben
hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: ,,Jetzt mache ich euch
einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf intelligenter
Basis."

,,Was ist das? Basis?"

,,. . . Basis ist schon richtig", sagte der bleiche Kapitän und legte die
Faust auf ,,Wie werde ich Athlet". ,,Den Namen hab ich schon. Wir nennen
uns ,Klub für intelligente Leibeszucht'. Jeden Abend kommen wir in meiner
Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von wegen der
Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag: hütet euch vor
den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt schon, was ich
mein'."

,,Aber ich hab ja Singprobe abends", rief die Rote Wolke.

,,Kriegst amend davo Kraft?"

,,Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: ,Nach der Heimat möcht
ich wieder'. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch gar nie aus
Würzburg draußen."

,,Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber
wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab", sagte der bleiche
Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und den
Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig
entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein.

Der ,,Klub für intelligente Leibeszucht" war gegründet.

,,Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder."

Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. ,,Wenn
du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens
manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder Beefsteak
mußt freß, soviel du kannst."

Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem alten
Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen Teller
rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.

Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem
Athletentisch.

Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller
Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber.

Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger Bursche
schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die Wirtsstube.
Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und seine dunklen
Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg, dem Ziel aller
Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich ans Fenster zu einem
helläugigen, blonden Jüngling.

Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum
hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein und
voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.

,,Auf, Matrosen ohe!" sangen die beiden.

,,Auf die wogende See."

,,Oo . . . heee!" sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . .

      ,,Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,
      Geschwind, wie der Sturm und Wind."



An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner Schwester
und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert Staffeln hinauf
zum Würzburger ,,Käppele", an der Leidensgeschichte Christi vorbei, welche,
von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in vierzehn Stationen plastisch
dargestellt, Sinnbild und Ausklang der frommen, gotischen Stadt Würzburg im
Tale ist.

Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren
Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im
Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, welche
Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um Vergebung
ihrer Sünden baten.

Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe
gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese
abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei
Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten
sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend das
ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt, endlich
erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.

Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine
Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem
Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man
sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen,
bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe Gott
im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde.

Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen
vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die Höhlung,
von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick gerastet habe,
worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter eingesunken sei.

Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich
vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste
Stufe rutschte.

Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den
Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser
Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die
Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging.

Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart,
aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an.

,Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten
sitzen', dachte Oldshatterhand.

Unter Glockenläuten kamen sie auf dem ,,Käppele" an. Rund um die Kirche
herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker und
länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein Männerschenkel
und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden Muttergottesherzen aus
Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte eine solche Prächtige
erhandeln und sie der Kirche opfern.

Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, Weihrauchpyramidchen,
Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse, Amulette, heilige
Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein Schnäpschen war zu haben.

Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene Main
zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die
verstaubte Menge.

Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der
Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel
erklang.

Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken
nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den
Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die
teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang feilschten,
um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.

Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an Schnüren
kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs, die man
kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke Bein, das
Ohr, das Herz gesund werde.

,,Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?" fragte die Schwester. Sie hatte
einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. ,,Es könnte ja nix schad.
Vielleicht hilft's."

,,Ich glaub nit, daß es was hilft", meinte Oldshatterhand.

Da trat die Menge, ,,Gelobt sei Jesus Christus" murmelnd, zur Seite: neben
einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen Ministrantenstola,
das qualmende Weihrauchfaß schwingend.

Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn
Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.

Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden
Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine halbe
Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch, der
erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte, und holte einen
Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe
schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes Tier,
dem ein Auge fehlte.

Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und
verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou
gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der
Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der
Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch manche
Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den
kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle hinter dem
Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der Stadt das durch
ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten
ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein. Auch machte
er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei- oder gar dreimal
kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden, der das katholische
Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das
gelten.

Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune
umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze
Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf hatte
er nicht.

Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an
Weinbergen vorbei.

Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am Opferaltar
aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen Arm wenigstens
schließen, meinte sie.

Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager, der
damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem
Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er von
dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.

Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie ruhenden
Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm der
Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant auf den
Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der nötig
gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten werden mußte,
einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte.

,,Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens
die Wunde", hatte die weise Frau gesagt; ,,stirbt er aber an dem Knochen,
dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere."

Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund
geblieben.

Versonnen schritt die Schwester weiter.

Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in ihr
Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah.

,,Das können Sie wieder schön zustopfen", tröstete Oldshatterhand. Und nach
einer Weile: ,,Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, und
alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange
mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen
. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann.
Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!"

Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin
stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der
Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner
warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und hinkte
heulend weiter.

Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer Spitzhund.
,,Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?"

,,Da hinaus!" zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.

Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer noch
vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch die eine
starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger
Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur aus
dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei Dutzend
Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch mit der
weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle;
Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser,
Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz verschönten
die Landschaft.

Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: ,,Gestiftet von
Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg."

,,Ihr paßt gut zueinander", sagte die Schwester zur Freundin, die verwirrt
aufstand und vorausging.

,,Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann
möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du
bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von
Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich
gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt! Wenn
du jetzt nit so dumm wärst . . ."

,,Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!"

Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein silberner
Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke mit dem
stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.

Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem
Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne
beschienen, leuchteten rot.

,,Henkeln Sie ein bei mir", sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.

Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ,,. . . Da!" Und
stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.

So gingen sie nach Hause.



,,Greif amal her!" brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade
noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. ,,Wie is
er?"

,,. . . Kolossal hart! Und meiner!" Falkenauge stand im Ausfall. Der König
der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in den
Himmel. ,,Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen wir."

Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten ,,Zur schönen
Mainaussicht" standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um einen
aufgebahrten Sarg herum.

Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.

Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und
lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die
Tanzenden den Boden zu glätten.

Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im
Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet war.
Es hatte große enthaarte Stellen.

Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte
mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber
seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der
Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen,
beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.

Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube. Der
blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon drinnen und
tranken grünen Likör.

Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die ,,Schöne
Mainaussicht" war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel
herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.

Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der
Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am
Gründonnerstag mitzuwallen.

Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen in
ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen war.

,,Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!"
schimpfte der Fischer und hob die Arme. ,,Heilige Maria und Joseph! so a
Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er hat
g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen Standpunkt aus
überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote Mädle ke christlichs
Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung mitgeteilt."

,,Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das Herze",
sagte der Sachse.

,,Jau, Herze!"

Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der
Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif.

Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum herunter,
schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl aus der
Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke.

Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum herunter
auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im Schnabel, auf den
Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff ins Fell, hatte die
Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück in die Wirtsstube,
während die tuschelnden Weiber die Köpfe zusammensteckten und auf die Tote
deuteten, die jetzt zerfallen aussah im kalten Licht, denn die Sonne war
untergesunken.

,,Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer," sagte eine Alte,
,,aber er kommt nit." Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr.

Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der großmächtige
Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den Ministranten und dem
hinkenden Flickschneider.

Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es
über die Tote. ,,Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus
vobiscum. Et cum spiritu tuo."

Die Weiber waren auf die Knie gesunken.

Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der Brust.



Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am
Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals zum
Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: ,Ihr geht also nit mit!
Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?'

Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß glitt
breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal war kein
Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der Erde.

Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein
Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen
Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing.

Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu
verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden
bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.

Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise,
sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn die
blaue Ferne genommen.

Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob, hing
der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem Flusse.

,,Hi! hihiha!" lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und
malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das
fertige Bild: ,,Helene, in ewiger Verehrung", übermalte das Wort Verehrung
wieder und schrieb anstatt dessen, ,,In ewiger Liebe".

,,Oo . . . ha hööö . . . ö!" klang es langgezogen vom Fluß her. ,,Höö
. . . ö!" warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten
Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden gestemmt,
kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, das sich wie
von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein kleiner, weißer
Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken eines Frosches.

Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und wartete
auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.

Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen
sich das Licht der Laternen brach.

Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein dicker
Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester des
Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin und im
selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.

Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.

Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel
versteckt.

Plötzlich, wie wenn jemand ,,da!" sagt und die Gesellschaft aufhorcht,
wurde es still -- der Regen hatte geendet.

Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den
Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch
die Regenlachen über die Straße.

Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. ,,Augen rechts!" brüllte der
Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch
ausspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel
zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender
Hüftbewegung auf ihn zuschritt.

Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich
Oldshatterhand und sagte: ,,Bitte, henkeln Sie ein bei mir."

,,Jetzt sowas", erwiderte sie und tat es.

Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. ,,Es ist nichts
Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt", sagte er gleichgültig.

,,In eeewiger Liebei" rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. ,,In
eeewiger Liebe."

Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden.

,,Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?"

,,Jetzt sowas", sagte sie und trat ins Haus.

Er ging ganz langsam weg.

,,Auf Wiedersehn!" rief sie und warf ihm eine Kußhand nach.

Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl,
stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der Wunsch,
der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen Körper mit
der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm auf. Plötzlich
verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie wenn sein Körper
blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse von Frankfurt. Und
brüllte: ,,Gemein! Ich bin gemein!"

Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des
Schlossergesellen Faulbank steif aus dem Kanapee, als Oldshatterhand
eintrat.

Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee.
Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein
Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.

,,Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's
ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit."

,,No, jetzt so dumm." Die Frau Vierkant lachte. ,,Jetzt geht ihr acht Jahr
mitnander. Dumms Mädle."

,,Ich tu's nit. Nie! Nie!" Die Braut riß die Augen auf. ,,Muß denn das
sein?"

,,Sie müssen stillsitzen", sagte Oldshatterhand und punktierte mit der
nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein
Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was
Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich
rief: ,,Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall."

,,Ich muß doch alles zeichnen, was da is", verteidigte sich Oldshatterhand,
und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am linken Augenlid der
Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer und eilte zur
Übungsstunde in den ,,Klub für intelligente Leibeszucht".

Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich so
sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen, diesen
Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele Monate lang
litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.

Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt. Alle
waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein
vorgebunden.

Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen
Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit.

Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der andere
tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine Hanteln und
mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, die Fußspitzen
bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er atmete schwer. Der
bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand, kontrollierte die Zeit.

Der Schreiber stöhnte.

,,Still!" rief der bleiche Kapitän wütend.

Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.

Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und
alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu sehen
waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt.

Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß
Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit
geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern hinstrich,
das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr.

,,Hanna! Hanna!" rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, ,,Bier!
Bier!" und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen mit
der schönen Kellnerin.

Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles
ins Büchlein.

Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an
Umfang zugenommen hatte.

Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und
Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem
Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.

,,Herr Widerschein . . . das geht nicht", sagte Herr Karfunkelstein, ,,Sie
sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die
Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie
herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche
kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen
müssen Sie anhaben im Bureau."

Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch, wenn
er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen auf dem
Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg anzutreten.



Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten Brücke
und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die Domstraße
mit dem Dom, der sie abschließt.

Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn ausrasiertem,
langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein Monokel vor dem Auge.

,,Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?" fragte der Fremde freundlich.

Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich
über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.

,,Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg."

,,Ich geb's Ihnen!"

,,Und wieviel soll das Bildchen kosten?"

,,Kosten?" -- -- --

Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher
beugte sich vor, um das Bild sehen zu können.

,,Vielleicht . . . eine Mark?"

Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte und
ein Scheckformular und füllte es aus. ,,Nehmen Sie das. Und malen Sie fest
weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, bitte."

Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel
beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn sehen
konnte.

Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie ein
Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren.

Sofort ging er in ein Papiergeschäft. ,,Packen Sie dieses Kunstwerk
vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch --
das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für Freiherrn
von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant . . . Das bin ich.
Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat einen Wert von sechzig
Mark."

Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen
seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins
Ungemessene.

Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf und
begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um
gleich, noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.

Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war, denn
vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen worden, und
viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei bereichert.

Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln
gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem Brombeerbusch
hervortrat. ,,Was machen Sie da!"

,,Ich . . . grabe Angelwürmer." Er hielt dem Offizier einen langen Wurm zur
Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und ging
weiter.

Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben Blei
gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch Oldshatterhands
Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen Pfennig mehr als
alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei kam.

Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein Sohn
war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung.

Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen
Oldshatterhands Arm genommen hatte: ,,Mein Vater soll einen Hilfsdiener
bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen." Herr Leisegang
war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger Juliusspital.

Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.

,,. . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder."

Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. ,,Ich nehme keine Trinkgelder!"

Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie sie
durch die dunkle Anlage davonsprang.



Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem quittengelben
Japaner. ,,Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen Ihnen die
deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?"

Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so weit,
daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette hing, und
noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. ,,Mir gefallen die
japanischen Mädchen viel besser", sagte er und goß aus einem Meßzylinder
Urin durch die Filter.

Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter Geduld
die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei und wurde
von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr geschätzt.
Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die Untersuchungsstoffe
zusammen. ,,Es gibt aber doch kein einziges blondes Mädchen in Japan. Und
deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind die Japaner eigentlich alle
so kohlschwarz?"

,,Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das
macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist."

Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht.
Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. ,,In der Türkei kann einer hundert
Frauen haben?"

Der Türke lächelte.

,,Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?"

,,Treue?" fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er
brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber Geheimrat
von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium arbeiteten.

Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. ,,Wenn aber jede Frau
zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend Kindern?
. . . Tausend Kinder in einer Familie?"

Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. ,,Deshalb haben auch fast
alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch mehr
Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns . . .
Nicht so wie die deutschen Frauen."

Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher.
Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon von
weitem kommen hörte.

Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich interessiert
über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig Reagenzgläser.

Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat hätte
lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und geschickten
Diener entlassen.

Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr Leisegang
könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause begleitete, denn es
war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen hatte,
sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten. Daß dieser dann
Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr Leisegang schon sorgen.

Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für Herrn
Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt.
Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in dem, dick
von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin
hatte ihren Urin an den berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.

,,Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!" rief Herr Leisegang. ,,Da will ich
doch aber gleich einmal sehen! . . . Vom einer Fürstin?" Er roch in das
Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins
Reagenzglas. ,,-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht." Er nahm noch eine
Probe in ein zweites Reagenzglas. ,,-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt
das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht.
Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn
Geheimrat das Resultat mitteilen." Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem
Laboratorium.

Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche
später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war
siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.

Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen
Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen
drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger, weißer
Kreis.

Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins
Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.

Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem
Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.

Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie tappten
ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den Türpfosten
stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel auf die
Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn ein Hund Knochen
zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft kommendes Schreien
durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere
taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen
geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein in das siedende Wasser.
Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten
Schweineborsten leicht abschaben.

Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch die
ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder, den der
bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut.

Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus Blei
an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die
Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.

Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien,
Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote
Kälber schleppten.

,,Ich möchte frisches Ochsenblut", sagte Oldshatterhand zu einem jungen
Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte
Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ,,. . . Bist
du jetzt Metzger?"

,,Nein, Büffeljäger!" brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und
hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.

Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um, blöde
auf die Kriechende Schlange zurück.

,,Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!"

,,. . . Blut soll ich holen."

,,Kannst 'n Faß voll hab!"

Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den
verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern aufgekrempelt,
fesselten flink wie Teufel den Ochsen.

Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag darauf
mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser klatscht
-- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er zusammen. Die
Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, durch das Herz.

Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein Rißschnitt,
und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus, überschwemmte den
Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal, durch den Kanal in
den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische aus dem blutgefärbten
Wasser schnellen.

Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die
Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme
heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite.

Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen. Da
hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen verglast,
den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe neben den
anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.

Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb
einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die Knie
sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf den
zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend schwarzem
Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos weiße Wäsche
und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase. Der Schächter.
In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, breit, ohne Spitze,
blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen wild aufbrüllenden
Ochsen fesselten, der am Boden lag.

,,Fertig?"

Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht gedreht
hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das Messer an
-- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer war bis zum
Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den Schlachtstand.

Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin und
her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut ausbrach,
zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.

Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch den
ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ ihn
verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die Kriechende
Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie kleben blieben
und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.

,,Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?" fragte
Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.

,,'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja", sagte die Kriechende Schlange
lachend. ,,Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz."

,,Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A
. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja
noch gelebt."

,,A . . . A . . . A . . . Augen!" rief die Kriechende Schlange lachend,
warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ
Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor
Vergnügen.

Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für ihn
bereit lag.

Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im Arm,
trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem Vater, dem
Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte es um und
schob es weg.

Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit
angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen,
brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die Höhe
gereckt.

Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie
ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen Zungen
bläkend, in der Reihe neben den anderen.

Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne. Die
Spatzen flatterten und schrien.

Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus
vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger
Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große
Schafherden, zusammengedrängt. ,,Man geht vorüber."

Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den
unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich die
Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah aus, als
wäre hier ein Mensch ermordet worden.

Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück ins
Laboratorium. ,,Ich bringe kein Blut."

,,Ich muß aber Blut haben."

,,Häää! Ich bringe kein Blut," wiederholte er hämisch, und brüllte noch
einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: ,,Kein Blut!"
wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; da
stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, während
ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den Schlauch in
den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete.

,,Jessas! Jessas! Jessas!" rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch selbst
in den Mund. ,,Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt drehen Sie
einmal."

In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das Kolleg
des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.

,,Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!" rief Herr Leisegang, und der
glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin.

Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke
gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten
Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich der
Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener Mund war
auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte, wissende
Mundlinie.

Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen
zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert lächelnd
in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf den Gang.

Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und
flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.

,,Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?" stotterte ein Großer,
Dicker. ,,Hat er heute schon gelacht?"

Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem
Pathos rief: ,,Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir
alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht."

Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt.

,,Er hat gelacht?" flüsterte betroffen der Dicke.

Da riß Herr Leisegang die Tür auf: ,,Meine Herren! der Herr Geheimrat
erwartet Sie", und hinkte energisch voran.

Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus, hielt
den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut dem
Türken. Der reichte ihm eine Mark.

,,Ich nehme kein Geld dafür!"

Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand
die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, weiß
wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die kranken
Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf den Tisch in
der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte zersplitterte und das
Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen stand reglos, die Lippen
eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, in der Schenke. Der
bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide Hände in den Hüften. Gäste waren
keine in der Stube.



An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die
Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.

Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor
kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen und
Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge der
Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf ertönte
aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen und horchten.
Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie geschlossen um und standen
einige Minuten später am Eingang der Fischergasse, wo die Ampeln rosigen
Schein auf das Pflaster herauswarfen.

,,Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?" fragte Falkenauge
endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend standen, eng
zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen.

,,Ich geh nit mit durch", sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar
Schritte zurück.

Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte
und sagte: ,,Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt."

Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen im
Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht sehr
schnell durch die Gasse.

Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die
Gasse zu ihnen zurückkehrte. ,,Das wär mir aber auch noch was", sagte er
heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen
zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten Häuschen
vorbei, aus denen kein Laut kam.

Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei gewesen
war.

In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den drei
Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa Fensterausschnitte,
preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein.

Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den
Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch, drei
Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten noch
weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor seinen
Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen präsentierten
sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand sich nicht rührte
und nicht sprach.

Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden
Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor
Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.

Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee
sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf,
erhob sich und fragte lächelnd: ,,Willst du mich? Kleiner", zog ihn, als er
nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock hinauf.

In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes
weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die rosa
Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.

Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor Oldshatterhand.
Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an ihren Haaren.
Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein ganzer Körper
zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.

,,Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?"

Er gab ihr das Geldstück.

Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu
sich.

Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.

Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. ,,Greife halt her . . . Komm,
greif her." Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte
noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: ,,Da mußt du
halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken."

Siebentes Kapitel

Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher
benachrichtigt zu haben.

Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die langen,
dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln.

Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe, sagte
er apathisch: ,,Ich hatte keine Briefmarke." Und rief plötzlich in
unbegreiflicher Begeisterung: ,,Was denkst du! Das ist anders, da draußen
in der Welt!"

Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf seinem
armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als Hilfsheizer im
Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends zerstört zu haben.
Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte und die dünnen Lippen
zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen seines langjährigen
Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig zerfallenen Gesicht deutlich
ablesen.

Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als
Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als
Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen.

Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen gerichtet
zu dieser Zeit.

Und die Familie Benommen war ehrgeizig.

Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig
hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich
vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte sich
schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das diese
selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt erscheinen
lassen konnte.

Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer strengen
Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr Sohn, der
Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein Landstreicher
in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren toten Mann und
ihre grauen Haare besudelt.

Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der bleiche
Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor dem
Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem Weidenbusch
gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der Mädchen zog
vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen Rosenstrauß mitten in
den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf und den fliehenden Mädchen
nach. Allen voran der Schreiber. Und nach einer Weile sah der bleiche
Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im Dunkel der Weiden verschwinden.
Ein paar Stunden später saßen die Räuber in der Kneipe der Witwe Benommen
und waren schon betrunken, als der bleiche Kapitän eintrat und wie ein
Pfosten stand. ,,Ihr habt keinen Charakter!" stieß er hervor.

,,Nun, und du?" lachte der total betrunkene Schreiber mutig.

,,. . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab
Charakter!" Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und
lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab.
Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, sprach
mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.

Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und war
deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder.

So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat
Glück in Amerika.

,,Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug
ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!" schrie der rote Fischer.

In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie
Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder.

So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und
schweigender Verachtung umgeben.

Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des Amerikaners
rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich schlecht benommen, war
entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte gekommen
war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den Räubern unter die Füße.

Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit niemand
besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber
anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der Amerikaner durfte wenig
ausgehen.

Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte,
einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der Amerikaner
stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis Mittagläuten,
ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die Suppenschüssel auf den
Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock
hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er etwas über fünf
Millionen verdienen; das habe er heute morgen ausgerechnet. Worauf die
Witwe Benommen in verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller
füllte. Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu zeichnen.

Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des
Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen, ob
der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr
Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren die
Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.

Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in einer
Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine Augen
schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet,
und verächtlich lächelnd: ,,Ha! Hinaus in die Welt!" mitten in die
Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und
mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den
Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe, um
zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei.

Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem Bruder,
nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine verrückten
Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber ohne
jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer auffälliger. Die Wut
des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur seine grenzenlose
Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen.

Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner am
dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im Arm,
saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau
abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer entlang.

Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt,
diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das
Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde
spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen. mußten
Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen
die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so
komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen. In
sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.

Der blieb in Kniebeuge hocken. ,,Sie müssen erst einmal hinaus in die Welt
. . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe. Überall
hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie."

,,Hi! hihiha!"

Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne und
rollte das große Papier auf.

Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine
riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre
auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die Pfeiler.
Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von oben herab;
andere wurden von einem über die Brücke jagenden Eisenbahnzug zermalmt.

,,Dort!" schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke mit
den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, ,,die reiße ich weg! . . .
Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen fange ich
an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?"

,,Ja! Ja!" heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den
Augen. ,,Hi! hihiha!" lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte vor
Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere und
stürzte bewußtlos zusammen.

Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die
Knie gestützt. ,,Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt
nicht hinaus in die Welt", sagte er und lächelte immerzu.

Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den
Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den
Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am
Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden zur
Wache.

Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die
Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig Mark
kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch durchgesetzt,
obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse gewehrt und seiner
Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der Kranke nur noch neun
Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie Benommen beim Teufel sei.
,,Mein Heiner soll's gut haben", hatte die Mutter geantwortet.

Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die
Irrenanstalt.

Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden war,
hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz unbegreiflichen
Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und liebenswürdig
geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach Schluß der
Schulstunde.

Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen
Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn
diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, streckte
ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. ,,Nun, was macht ihr?
. . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber eine Hitz! Ich
mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen." Er lachte schallend.

Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche
Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im
reinsten Hochdeutsch sprach: ,,Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht,
Oskar."

,,Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß." Er haschte
einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die alte
Linde.

Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter
nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug
immer bis zur Hälfte zu leeren. ,,Weiß der Teufel, so eine Hitz!" rief er
und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter.

,,Trinkst du jetzt wieder?" fragte der Schreiber.

,,Gott, natürlich. Warum denn nit?"

Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das
Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb begeistert
offen stehen.

Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den
Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein
Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne,
lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche
Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte er
jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die Krüge
auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel trinke, trank
aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug aus den Tisch zurück und
brüllte: ,,Sauft!"

Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er
feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche
Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte
bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im Kopf
wie Benommen der Amerikaner.

Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten könne,
vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz aus.
Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht mehr. Er
war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann geworden,
mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem Alter und seinen
Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher in seinem Leben.

Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch nichts
mehr von ihr.

In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die
kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu
umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und Negerlippen,
wie der bleiche Kapitän.

Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe,
lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der Anfang.

Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse
der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren hatte
Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen Stelle ein
neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit, dafür aber
vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen, aber wuchtigen
Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein zierliches
Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr Schlauch der
Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet. Sein Geschäft ging
ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die Witwe Benommen und war
befriedigt.

Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten, die
der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der ersten
Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe verächtlich
vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm passend erschien,
konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag zwanzig Mark kostet.

Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher
geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder
freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und
Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen
Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen gestülpten
Benommenschen Lippen.

Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal
die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und aufmunternd
sagte: ,,No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was." So daß der
schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig und entladend
auf die ganze Familie gewirkt hatte.

Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den
Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein
Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages der
Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.

Jahrelang wußte niemand, wo er war.



Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf den
Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut vor
ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen garniert
war.

,,Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett", sagte Herr Leisegang, nahm
sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis
seine Frau hereinkam. ,,Wo ist meine Desinfektionsvase!"

Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte
eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das
Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die
desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.

Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die
Geldstücke.

Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer
Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke mußte
sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer schmücken
zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten mußte, bis
neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so eine vielfarbige
Decke gewünscht.

Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf
sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem
Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß auch
Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube war. Aber
plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus. Herr Leisegang
war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch leer.

Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er so
friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer
siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte
Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt.

Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe.



Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er
vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der
täglich zu den Mönchen aufs ,,Käppele" ging.

Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in der
Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte.
,,Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter
Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler gäbe."
Das wiederholte die Rote Wolke täglich.

An einem Abend hatte er wieder in ,,Wilhelm Tell" im Stadttheater statiert,
die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr stand er auf
dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne beschienen. ,,Durch
diese hohle Gasse muß er kommen", rief er und wies mit der Hacke die tiefe
Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine alte Tante kniete,
schwitzend mit den Händen grub und den Kopf schüttelte über ihren Neffen,
der begeistert die Furche entlang rief: ,,Es führt kein anderer Weg nach
Küßnacht. Hier vollend' ich's, die Gelegenheit ist günstig."

Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner Liebsten,
schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad Drauer in
München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas vorspielen dürfe.

Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit den
Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah traurig
hinunter in den Fluß.

Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen dürfe,
nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand auf der
Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: ,,Brauch' i denn no'n Schelch!
. . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am Stadtufer
a."

,, . . . Warum denn am Stadtufer?"

,,Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens wieder
amal in mein Schelch."

Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts.
Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht. Sie
trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv aus.

Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts.
Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der
Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht: Sie kamen von der dunklen Sandinsel,
wo die Weiden stehen.

Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.

,,Ich rudere euch ein wenig herum", sagte Oldshatterhand, der im
schaukelnden Schelch saß.

Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses. Der
rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben.

Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste
befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das
zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten. Oldshatterhand
saß genau in der Mitte und ruderte langsam.

Es war dunkel geworden, hier und dort leuchteten kleine Laternchen an den
ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten, klang
herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser sinken.

,,Kunst ist heilig", sagte die Rote Wolke gedämpft.

Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. ,,Wir werden
Romeo und Julia zusammen spielen", sagte sie und sah der Roten Wolke sanft
in die Augen.

,,Julia!" erwiderte die Rote Wolke verhaltend.

,,Und du bist Romeo."

,,Da ist doch nix dabei", flüsterte der Schreiber heftig. ,,Ich weiß nit,
warum du so eine Furcht davor hast."

Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr
erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an
Lenchen Leisegang.

,,Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu", hörte
Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern.

,,Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!"

Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die hastig
sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann.

,,Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten", sagte Oldshatterhand
leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen Leisegang die Ruder los.
,,Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas werden. Vielleicht berühmt."

Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem Wasser
und fiel zurück.

Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: ,,Die Kunst. Die Kunst . . .
Tempel."

,,Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich", sagte das
Lehrerstöchterchen.

,,Rudre ans Ufer!" schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm
abgerückt steif auf dem Querbrettchen.

Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch fest.

Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise
herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts neben
ihm her.

,,Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!" schrie
ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale des
Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, die
der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der Stadt
waren. Die Würzburger ,,Strizzi", von denen jeder sein im Griffe festes,
langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten beschäftigungslos in den
Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie ohne Anstrengung konnten, und
ließen keinen Menschen am Brunnen vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu
machen. Verlorene Existenzen, die alle schon gesessen hatten.

,,Laß sie doch", sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg,
der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief:
,,Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!" Die weiteren Bemerkungen gingen
unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat von
einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse.

,,Ich muß jetzt jemand abhol", sagte Oldshatterhand auf der Brücke und sah
bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm gingen.

Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand, blieb
er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause.

Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. ,,Weil ich
im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no lang
nit zornig zu sein."

,,Du darfst mir nachmachen, soviel du willst", sagte Oldshatterhand und
lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er
nachdenklich fort: ,,Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es auch
solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?"

,,. . . Nein, das versteh ich nit."

,,. . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür.
Verstehst du?"

,,Ich weiß nit, was du da redst."

,,Ja, es ist sicher so", sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging.

Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.

,,Laß mi amal schnupf!" rief einer der ,,Vierröhrenbrunnensteher".

,,Wer ist denn das?" fragte ein anderer.

,,Metzger ist er . . . Da geh doch her."

Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die Brunnenschale
und hielt die Tabaksdose herum.

Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen
Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht er
spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei Würzburg
geküßt hatte.



Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen
Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf
vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang wandert
man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare gewellte
Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von Forellenbächen
durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein Mensch. Ein Hirsch tritt
auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih und bricht weg, sobald er den
Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den Abhängen. Amseln singen. Spechte
hämmern. Große dunkle Klöße bewegen sich am Waldboden, vom aufgewühlten,
dunklen Waldboden kaum zu unterscheiden -- plötzlich bricht das
Wildsaurudel krachend durch das Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und
einen Atemzug lang schweigen alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu
pfeifen, und sie scheint das einzige Lebewesen zu sein, so groß kann
unvermittelt die Stille dieses Hochwaldes sein.

In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues
Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem Dache.

Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt, dem
vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden, die bei
ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg am ,,Letzten
Hieb" gehängt worden.

In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler Franziskus
Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand.

,,Dieses Haus gehört niemand", hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger
Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom
grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. ,,Und es wagt sich auch
keiner in die Nähe."

Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener,
bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg, von
denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich
maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand das Wenige, das er
selbst besaß.

Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die technischen
Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen, was er
ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten übergroßer
Begeisterung.

Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und oft
ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen Ortschaften
des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend
Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse heim, wenn sie
fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald. Der Hirt war ein
achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel. Mittags
teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und geräucherten
Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und
schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen,
über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es von Stamm zu Stamm krachte
und die Gänse hier und dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig
schnatterten und weiterschliefen.

Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um Unterkunft
gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle.
Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.

Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte einen
großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen.
,,Das ist die weichste", sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle
Leinwand auf, die wie Seide glänzte.

Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon an.

Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen. ,,Blaue
Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen", sagte er zu
Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und
dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. ,,Und eine einzige
große Lilie, vorne herauf."

Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich nach
einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem
Eichenast.

Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar nichts.
Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den
vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für die beiden
im Haus tat sie nichts.

,,Ihr schenkt ja auch niemand etwas", sagte Oldshatterhand zu Grünwiesler.
,,Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen hat's."

Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in den
Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die langen
Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann schien es,
als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald verwachsen.

,,Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie
bleibt ja doch auf immer da", sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen.

,,Wenn sie's erlaubt", erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten
Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am
Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll
Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive.

Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal
umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So sah
Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr gegangen, blieb
aber zögernd stehen und ging zum Hirten.

Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm
vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese.

Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler, verglich,
auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und reichte
Grünwiesler einen Brief. ,,Von wem mag jetzt der sein", fragte der
Briefträger. ,,Da ist ja gleich was drauf gemalt."

Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor
Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde.

,,No, von wem is jetzt der Brief?"

,,Von meinem Freund Immermann."

,,Der is gewiß auch so ein Maler?"

Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: ,,No, dann grüß
Ihne Gott", und ging.

Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß
Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für
Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob
Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser Emporkömmling
ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne man nicht nur so
mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe. Nebenbei wisse man ja auch,
aus was für einer Familie Oldshatterhand komme. Auf keinen Fall natürlich
dulde er, daß in seinem Kreise Oldshatterhand verkehre. Und als Freund
könne er von Grünwiesler so viel Einsicht verlangen. ,,Nicht, daß mir
besonders viel daran liegt," schloß der Brief, ,,im Gegenteil, aber
immerhin wundert es mich, daß du mit diesem Vierkant den Sommer im Spessart
verbracht hast, anstatt mit mir. Wenn dir an meinem Kreise noch etwas
gelegen ist, dann komme. Ich male Studien auf dem Schleehof bei Würzburg."

Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die
Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg an.

Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei.

,,Wie ist das?" fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein angefangenes
Bild auf die Staffelei.

,,Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir."

,,Dann erklär mir's doch, woran's liegt."

,,Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die
Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus."

,,Du kannst nichts erklären!" schrie Oldshatterhand erregt. ,,Erklär doch!
Erklär doch!"

Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild.

Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. ,,Zeig mir
doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch ist!"

Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.

,,Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!"

,,Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive", sagte
Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: ,,Es gibt auch noch eine
Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's schon."

,,Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein
Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!"

Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut
über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner, pfeifender
Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem Sommer, wenn
Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten gegenübergestanden
und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war, drehte die Wut
Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem aufbrausenden Schüler
sagte er stockend: ,,Quäl mich nicht . . . Warum quälst du mich!. Es
braucht halt alles seine Zeit." Nur ein gefährliches Flimmern war in seinen
Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die jahrelang sich kujonieren
lassen und eines Tages in einem Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.

Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.

Oldshatterhand wurde sofort ruhig. ,,Ich packe es schon noch", sagte er und
lächelte Grünwiesler an. ,,Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll ich Tee
eingießen?"

,,Oh, das wär lieb von dir", sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich
hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ,,. . . Du, ich hab einen Brief
bekommen von Immermann."

,,Was schreibt denn der?" fragte Oldshatterhand mit gemachter
Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu
haben.

,,. . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich geh
übrigens diese Woche noch zu ihm."

,,Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt."

,,Nein", sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief. lächelnd vor,
wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein entstand,
als ob die Oberlippe zu breit wäre. ,,Aber ich muß ihn wieder einmal sehen
. . . Er ist ein seht bedeutender Mensch."

,,Pf!" machte Oldshatterhand verächtlich. ,,. . . Zeig mir einmal den
Brief."

,,Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich
ihn geworfen."

,,Du hast den Brief noch!" fuhr Oldshatterhand auf. ,,. . . Immermann hat
wieder schlecht über mich geschrieben."

,,Nei . . . n", sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen
Oldshatterhands bedauerte.

,,Sei nur still! . . . Ich weiß schon."

,,. . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand etwas
Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt . . . So
ist Immermann nicht."

,,Du lügst! Ich seh dir's an."

,,Wiesooooo?" erwiderte er traurig singend.

,,Du lügst einfach!"

Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. ,,Wenn du's wissen
willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben . . .
Schenk mir noch einen Tee ein!" rief er kameradschaftlich. ,,Den hast du
fein gemacht."

Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. ,,Ich kenn den Immermann
schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der Hauptmann . . . .
Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist und ich nicht nach
seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch zeigen, wer mehr ist.
Ich werde der Größte von allen!"

,,Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander", sagte Grünwiesler fröhlich
und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. ,,Singen wir jetzt ein Lied?"

Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: ,,Zu dem Lied malt
Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden sicher
wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines." Er sah Oldshatterhand
in die Augen.

Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in
steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. ,,Was Immermann
malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst hat's
keinen Sinn."

,,Mnja", sagte Grünwiesler im Halbschlaf.

,,Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben", rief er frohlockend. ,,Alle
werden zu mir kommen." Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden
hörte, dachte er allein weiter.



Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch
den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung nach
Würzburg.

Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen
zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte
sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.

Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm
Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne berührte
die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein schweres
Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen Frühlingshoffnungen
ruhten.

Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber die
Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben.

,,Komm, gehn wir", sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus
und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose
Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag.

Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel in
die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte den
Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche
Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis
zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. ,,Wenn ich jetzt rasend
zornig sein könnte." Grünwiesler sah erschrocken aus. ,,Ich könnte ja
hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen
kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen nach
. . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint." Er sah Grünwiesler an, der
seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand blickte, wie
ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.

,,Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch
unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen sein
. . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!" atmete er tief
aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung.

Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße hin,
an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen Bauernhäuschens
in der Sonne glühte.

Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah,
als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte Oldshatterhand:
,,Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus." Und was wird sie im Winter
machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt ist. ,,Es ist ja kein
Ofen im Haus."

,,Nein", sagte Grünwiesler nachdenklich, ,,Türen hat das Haus nicht."



Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige
Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers
Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen unter
die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab. Die
meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine Hühner
fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll
aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein junges,
rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte sich in der
Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel, stand plötzlich
und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, durch das der junge,
jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von einem kleinen Herrn in
Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.

,,Herr Tierarzt Amrhein", stellte der Gutsbesitzer vor. ,,Und das ist mein
lieber Freund Immermann."

Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen kam
hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den Hinterbeinen
und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit verklebten Augen
schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf den Düngerhaufen, sah
schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und tat, wie wenn er die
Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. Sie war schwanger.

,,Lassen Sie den Eber heraus!" rief der Gutsbesitzer ihr nach. ,,Bringen
Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen."

Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann. Grünwiesler
sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und errötete
unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den geringschätzigen
Gesichtsausdruck von Immermann.

,,Wie geht's mit deiner Gesundheit?" fragte Grünwiesler ängstlich.

,,Wie es einem Herzkranken gehen kann."

Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein.
Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit seiner
Herzkrankheit.

Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.

Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte die
Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand,
überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen verzog.

Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler hilflos
an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler zudrehte,
dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen -- einer ist mir
zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu. Oldshatterhand
legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen Finger? Wer wird
so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen fielen ihm ein; er
hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und als er sich dessen
bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann hatte Oldshatterhand
die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte mit ironischem
Lippenverziehen.

,,Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da
bist", sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu.
Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne
sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich
haßte, weil er stehen blieb.

Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert auf
die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn fest;
der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen.

Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt stand
auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der Jagdhund
beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten daraus los, bildeten, auf-
und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und verließen
interesselos den Düngerhaufen wieder.

Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen verzog,
wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber wurde in
den Stall geschoben.

Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter
legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah
dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen Augen.

,,In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das ja
jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie sind
eingeladen", sagte der Gutsbesitzer zu Immermann.

Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin trat
wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: ,,Nun? ist der Tierarzt denn
noch nicht da?"

,,Ach, das ist ja schon lange vorüber."

Immermann verzog die Lippen.

Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand gingen
am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich ungerecht, da
er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin gemein.

Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus
gekommen war.

,,Eine Tippelschickse!" sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg
betroffen.

Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz
gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt
vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte sich,
daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht von dem
Mädchen sprach.

,,Diese Weiber haben keine Ausweispapiere."

,,Ausweispapiere! Man braucht keine!" sagte Oldshatterhand laut.

,,Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse?. Was dann?" sagte
Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre.

Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte
kein Wort hervor.

Immermann verzog die Lippen. ,,Da habe ich es schon etwas ungefährlicher.
Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?" Er
lächelte Grünwiesler breit an. ,,Ich habe übrigens wieder ein
Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin Romantiker."

,,Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!" schrie Oldshatterhand plötzlich. ,,. .
. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen." Flammend
wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. Grünwiesler
neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit seinem
Kanarienvogelblick nach.

,,Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht
verkehren", sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend.

,,Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir haben
schöne Stunden miteinander verlebt."

,,Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst."

,,Nein, nein!" rief Grünwiesler ängstlich. ,,. . . Ich meinte ja nur so
. . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen
wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch."

,,Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei
sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat."

,,. . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?"

,,Was denn?"

,,Schluß! Dann aber Schluß!" schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster
Wut.

,,Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt mit
dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch du
einsehen."

,,Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von
mir gelebt, hat mich ausgenutzt. Aber ich kenn ihn jetzt."

,,Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe,
dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz
einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die
Stimmung nicht länger verderben."

,,Du hast recht."

,,Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir
mein neues lyrisches Gedicht."

,,Oh, das wäre wunderbar", sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand
auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen.

,,Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin
vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du
das Bild?"

,,Oh, das ist wunderbar."

Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am Tannenstamm.
,,Pst . . . dort", flüsterte Grünwiesler.

Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter.
Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme
ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.

Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu
Immermann empor.

,,Siehst du die Kompositionen?"

,,Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie", sagte
er traurig.

,,Tom der Reimer saß am Bach!" rief Immermann begeistert.

Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten,
waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden.
Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am Waldsaum
stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen.

,,Ist das wahr", fragte er den Weinbergshüter, ,,daß Sie den Buben, die
sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?"

Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn.
,,Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf und
umstellt 'n Wenger. Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer."

,,Ach nein!" rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum
Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag und
von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt war.

Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte.

Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem
rotbäckigen Jüngling. Der sagte: ,,Bis übermorgen könnt ihr die zwei
Hauptrollen studiert haben von meinem Stück", und reichte der Roten Wolke
sein Manuskript.

,,Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf
Akten", las die Rote Wolke vor.

Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen des
Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die
Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte:

      ,,Entflieh mit mir, Klärchen!
      Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir."


Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.

Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das
Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt: ,,Es
lebe die Kunst und die Liebe."

Achtes Kapitel

Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in München
waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, die sich der
Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal; nur die
Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem Augenweiß,
grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.

Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ die
Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen
Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie
aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung bestanden,
ein Kreuz -- durchgefallen.

Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in die
Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und her
zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen Gegner zu
bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.

Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und strahlten
auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil auf den ersten
Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander nicht zu
unterscheiden waren.

Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört oder
traurig auf die Kreuze blickten.

Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit
gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: ,,Diese
Arbeit ist sehr gut, sehr gut", blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand
beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert vor seinem
Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins Gesicht und
deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.

Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste
aufgenommen worden.

Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte
zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die Kammer
war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen
Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, zwängte sich
durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich, wieder vom Bett
heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen,
sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch. Darauf lag
ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb -- Lenchen Leisegang habe ein
Verhältnis angefangen mit einem Artillerie-Sergeanten. ,,So?" sagte
Oldshatterhand, ,,so?" und sein Gaumen wurde trocken.
,,Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten ist sie doch
viel zu zierlich!" Seine Augen lasen weiter. Der berühmte Maler Franz
Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß
er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr
Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München eingewandert und
sei doch der größte Maler geworden.

Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf ein
Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz
Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann,
die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen
Limburger Käse.

Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die
Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten,
der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend,
pfeifend in der Ferne verklang.

Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch und
hinaus. Und ging in die Schackgalerie.

Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut, aber
er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von Giorgione,
einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier
als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte, ohne daß dies ihm
jemand verwehren konnte. Er sah nur die schöne, nackte Frau, den Busen, den
runden Leib. Und mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus
unversehens die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt vor ihm
aus der Ottomane gelegen war. Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem
Mädchen aus dem Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper
flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen.

Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte
manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe.
,,Lenbätsch", sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.

Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre Brüste
schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand zu den
Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.

Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen,
zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen sinnlichen
Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund
und rot wie eine Kirsche.

Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an,
weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen ihm
verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione
berechtigt seien oder gemein.

,,Ja, das ist schön", sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er
nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien
Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle
sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. Sprach weiter
von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein kleines, dummes,
bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein charakterloser Schwächling.
,,Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_ verstehen mich. Das fühle ich. In
Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!" Sie nahm ihn bei
der Hand und führte ihn hinaus.

Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten
hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen
überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das einzige
Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich darauf.
Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust
heraus.

Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den Kopf
und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblümten Überwurf
aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.

Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte
ratlos: ,,Tragen Sie kein Hemd?"

Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden
Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte
Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.

Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und
sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den
zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg
und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand Ekelgefühl und
stand auf.

In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt
den Überwurf vorne zusammen.

Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. ,,Ich muß nach Hause. Meine Wirtin
und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein
wenig eng da ist."

Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob ein
nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und
angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur Wand,
hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf pausierend:
,,Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche . . . Uns
trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar."

Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.

Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger Körper
unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte, lachte laut,
in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich
erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich und andere
Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die Wette krachende
Apfel essen.

Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das
Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das
Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen
Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblümten Überwurf
aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.

In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem Waldsee;
der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den
Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht ins Wasser, immer
tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die Mondscheibe schwebte
wieder in die Höhe.

Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und
fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem
Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht
worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und
dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. ,,Daran bin ich nicht
schuld . . . Das kann doch nicht sein", sagte er für sich. Und die Frau
meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein Haus
beträte.

Langsam ging er fort. ,,Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett
wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen." Er blieb stehen.
,,Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen."

Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um, so
daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen mußte.
Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß
Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, und das
Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete wöchentlich eine
Mark fünfzig Pfennig.

Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands
tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der
alten, großen Pistole aus dem ,,Zimmer", ein Totenschädel stand, der
ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch von
allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn
Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem
Gelächter erfüllt war.

Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant
regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen und
konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie ein
Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei. Aber von den
neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und von jenem
Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig Mark
geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener Monaten schmal
geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig
studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben zu
müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.

Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim
Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und er
den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß,
die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und vielleicht
etwas komfortablere zu mieten.

Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen. Da
ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte, rief
er die Wirtin und sagte: ,,Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am
Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand." Er zeigte im
Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie wegwerfend
sagte: ,,Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die
Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert."

Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja doch
nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den
komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.



Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig
hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke
waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.

Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und starrten
auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf
dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche
steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte. Der
Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein Pelzmantel ließ nur
die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das hohle Lachen des
Zeichenlehrers: ,,Ho! ho! ho!", der das leere Wasserglas aufs neue zum
Kellner emporhielt.

Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café
eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht hatte,
es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen. Er
befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und sagen würde:
bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn
unauffällig wieder hinausführen zu lassen.

Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden
sofort vom Straßenschmutz gefressen.

Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus dem
Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht
auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein Wort
entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte wieder
das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften
Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte -- ich denke
darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, noch bevor sie
zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht reifen darf. Den
Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr
nach dem wilden Westen gewollt hatte.

Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß, verkörpert
wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend
und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden Ofen,
stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen elektrischen Kraftzentrum
aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die
phantastisch gekleideten Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den
Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor, warfen die Arme in
die Höhe, die Köpfe in den Nacken und wieder vor, spreizten die Finger und
stießen dazu, wie hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend,
krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht
verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu
stecken, um sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden,
zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt,
reglos und blickten düster vor sich hin.

Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer
blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.

,,Michael Vierkant", stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die
Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum Kusse
reichte.

,,Und Sie wissen ja selbst", beendete die Dame das Gespräch, ,,daß es
gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn
nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an
manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn und
der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin", schloß sie scherzend und
ging.

Oldshatterhand setzte sich und sah umher.

Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll Preiselbeerkompott
in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es gegen das Licht. Es
glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen violetten Äderchen
besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die Preiselbeermilch in den Magen.

,,Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?" fragte
Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine
Jugendphotographie von sich betrachtet.

,,Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man
unter die Räder."

Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt, weil
er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen, brachte
er nicht über sich.

,,Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft", erklärte der
Fremde; ,,die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur
elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer wieder:
ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten etwas aus, --
bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte Schuhe."

,,Ah da!" rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. ,,Mechaniker
Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen
Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein
Schloß aber in einer Woche fertig haben."

,,Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die
Dame."

,,Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau mit
Geld."

,,Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!"

,,Ja."

,,Das ist ein Lebenskünstler."

,,Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein
hundsgemeiner Lump."

,,So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer keiner
ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele,
verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran."

Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er den
Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde hatte
das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe hergebeugt,
mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt: ,,Aber es gibt ein
Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem furchtbaren Kreuz hängt
_der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr rachsüchtig sein, sich nicht
mehr wehren kann und will, weil er weiß, daß alle, die ihm Böses antun, daß
auch der brutalste Mörder nur ein armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil
man ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein
bösartiges, gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und
danach handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten,
einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht
zurückschlägt."

,,Das ist Jesus Christus", sagte Oldshatterhand ganz langsam.

,,Höre einmal, du." Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter; seine
Stirne wurde tiefrot und sprang vor. ,,Es gibt viele Christusse."

,,. . . Nur einen hat's gegeben."

,,Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie
nicht kennen!" Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete sich
auf. ,,Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist." Der Kellner
eckte von Tisch zu Tisch.

,,Laaaa", sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam die
Arme aus. ,,G-Dur, verstehen Sie", schloß er brüllend.

Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur
manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit
dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter
seinen Augen sank faltenbildend übereinander.

Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste schob
sich durchs Lokal.

Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor;
fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu, der
eine Zeichnung hochhielt.

Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder vor
sich hin.

,,Ich kannte zwei Maler." Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. ,,Beide
waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine
hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in
Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und
das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in
Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn er
verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein Mensch
geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt."

,,Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken."

,,Nein, Sie nicht", sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals
auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.

,,Da erschieße ich mich lieber auch." Oldshatterhand warf den Kopf in den
Nacken. ,,Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht", schloß er
geringschätzig.

,,Doch, ich kenne . . . mich."

,,. . . Und dann, überhaupt, ich räche mich." Oldshatterhands
zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. ,,Der Lehrer Mager hat mich
einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden
lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten habe. Bis
ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier an dem Tisch
wenn er säße."

,,. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt
herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der
Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der
Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, grauen
Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke springen, all dies
zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . . So eine Stadt bringt
Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten mußten,
Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig Geborene, heimliche
Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder . . . auch Künstler. Und Menschen
wie den Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt Sie sollen
Ihren Freund zur Züchtigung auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen,
gemein."

,,,Gemein' habe ich nicht gesagt."

,,Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt,
die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so
einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür,
daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an seinen
Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz unschuldig."

,,Glauben Sie?" fragte Oldshatterhand tief betroffen.

,,Halt!" brüllte da der Fremde entsetzt. ,,Nein, nein nein! Rächen Sie
sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er
am Boden liegt!" Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er
lachte sogar, und es klang überzeugend: ,,Das braucht Sie gar nicht zu
kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe
ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den Herrn
Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein
Lump sind Sie!" Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und als
Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.

,,Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte
Zimmer!" rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig
einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf
gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang und
schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand sah
ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der Herr
seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.

,,So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat
ein Loch in der Hose."

,,Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber . . .
nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der alten
Brücke."

,,Sooo?" fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf
Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.

,,Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt."



Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und unterdrücktem
Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er
durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr von dem,
was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich anstrengte, ohne Partner
konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die
ganze Atmosphäre des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie früher
eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von denen er von vornherein
gewußt hatte, daß er sie nicht lösen könne, und die er nach einer
Angstnacht am andern Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen
mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen
Demütigungen, denen er seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte
er, daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage
folgt. Mit seinen Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den
Unwissenden, trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als
könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung
überwältigen, wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten
dagegen stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner
Fähigkeit ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat
mich in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen
Klasse gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über
mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich. Immer
waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war ich
hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem schwächlichen,
verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen Kerl ein Künstler
werden könne.

Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.

Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen, sah
gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme
darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den
Herrn neben sich am Ärmel. ,,Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen Sie?
Sehr verzeichnet." Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem Finger --
Schenkel, Knie und Wade. ,,So muß das sein! So!"

,,Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch."

,,Nicht wahr!" Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu
kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.

Der Herr war kleiner.

Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins
Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame gar
nicht.

Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen.
,,Märchen" war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in der
Kammer.

Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in
Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.

,,Aber also und, also, das hast alles du gemalt?"

,,Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?"

,,Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon gemeldet",
sagte der König der Luft. ,,Hab aber immer noch keinen Ballon zu sehen
bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham sie mich
überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also weißt du,
die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's überhaupt
nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem lumpigen
Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine Saubande. Wegen so
einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig. dazu gemeldet . . . Aber also
und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die Kasern. Sonst krieg ich
Arrest." Er kroch unterm Tisch durch. ,,Am Sonntag über acht Tag hab ich
Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, der Schreiber und alle anderen
lassen dich grüßen. Und übernächsten Sonntag kommen sie alle nach München,
weil der bleiche Kapitän ein Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also
dann kommen sie auch nach München und besuchen dich. Und also auch mich."
Der König der Luft deutete auf einen Mädchenakt. ,,Lassen die sich so ohne
Kleider anguck?"

,,Ja."

,,Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab."

Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.

,,. . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst gehn.
Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also ich komm
auch daher."

,,Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich? Es
ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder einen
Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht an
. . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft! Vielleicht
das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher bekommts nie
los."

Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler klagte,
daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken müsse, bei
seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber kein Geld
mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München gehöre, um
Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu studieren. Gerade
jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die er ohne Modell, das
in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, nicht beendigen könne. So
komme er nicht vorwärts. Er sei ganz verzweifelt. Die Tante befinde sich
mit Haut und Haaren in den Klauen der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke
einer bei ihr, wenn sie nicht ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche
sei. Er träume von Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten
schlichen. Sie habe ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler,
solle nur sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der
Tante. Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr.

Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der
Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. ,,-- Ich habe die
für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe der
Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich bin
überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich getan habe.
Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was soll ich tun?
Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines Freundes sehen.
Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler.

Sende mir diesen Brief umgehend zurück." Dieser Satz war auch mit Bleistift
geschrieben und dreimal unterstrichen.

Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm gezeigt,
daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die technischen
Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand ermöglicht, aus den
alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er vorwärts kommen konnte, wenn
ihm die Ausdauer nicht fehlte.

Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr erregt,
schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe und
Begeisterung und schloß: ,,Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem
Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst,
erschieße ich mich vor deinen Augen."

Er trug den Brief sofort zur Post.

Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer zurück
und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine düstere,
dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.

Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte
vergessen, ihn zurückzusenden.



Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und blickte
hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der Nürnberger Zug
gekrochen kam, in dem die Räuber saßen.

Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen
Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich auch
ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen Rosenstrauß vor
der Brust und hieß Sofie Meinhalt.

Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. ,,Tyrannei! Acht
. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!" endete der Gesang der
Räuber.

,,Hohaho!" rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche Kapitän
streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. ,,Den siebenunddreißigsten
Preis hab ich!" Die Fremden lächelten.

Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz still,
als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.

Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des
Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr Hut
war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen geschmückt.
Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal um den Kopf
herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.

,,Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof." Falkenauge sah empor zur
Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.

Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede zog
einen zerknüllten Schleier hervor.

,,Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen
habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die Nase
an", schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.

,,Da geh mal her, Käthl", rief der Schreiber und band dem
grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am
Tannenzapfenhut. ,,So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame."

,,Die wollen ins Hofbräuhaus", schmollte des Schreibers Liebste, ,,ich will
aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle
Hutgeschäfte." Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt
schloß sie: ,,Ich bin doch Modistin."

Sie standen noch immer auf dem Platz. ,,Wo ist denn die große Hofbäckerei?
Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen."

,,Das is jetzt Nebensache", sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut.
,,Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das wundert
mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle Volkstrachten an
. . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat einen alten
Kartoffelsack an." Die Malerin in Sandalen und Rupfenreformkleid ging,
Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr langer, giftgrüner Schleier
flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. Alle sahen ihr nach.

,,Hoppla!" Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die
Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.

Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.

An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt.
Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten
herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.

,,Liesl, bist du auch so schön wie die", sagte der Schreiber in die Stille.
Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür hinaus.
Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte sich auch
Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.

,,Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind."

,,Hohaho!" Der Schreiber war verlegen.

Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. ,,Aber
das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen
malen kannst."

Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.

,,Mit Kohle gezeichnet, was?" fragte die Rote Wolke. ,,Hast du's fixiert?"

,,Ja."

,,Das hab ich mir gedacht."

Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat ein.
,,Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen." Die
Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen.

Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den
Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.

,,Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?" fragte
Oldshatterhand.

,,Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer
verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . ein
Vierröhrenbrunnensteher."

,,Ooooh!" sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast
nichts mehr.

Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte zurück
vor den durchdringenden Mädchenschreien. ,,Also und hoppla! . . . Also so
eine Dummheit!" Der König der Luft ging nach vorne und begrüßte die Räuber.
Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. ,,Also wie lang brauchen denn
die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur Ausgang. Also da verreckst
. . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr dazu?"

Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen. Nach
dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken.

Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch
hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.

Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst. abwinkenden
Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die
genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren
erschrocken auf.

Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café, saßen
still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile betroffen auf
die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt lächeln, worauf alle
Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß die Gäste fragend und
entsetzt in die Höhe schnellten, während der König der Luft die Räuber
drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte geduckt, zum Offizier
hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung weiterlas.

Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am
Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.

Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan auf
der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.

Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem
bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich
wieder zurücklegte ins Körbchen. ,,Davon verzehr ich dreißig Stück und weiß
dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab."

Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde vorstellte;
zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich an den Tisch
dazu.

Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in einem
Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam, gefolgt
von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem Mantel aus
braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen und war vorne
mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die schmalen
Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar verschwanden, und
trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt. Neben dem König der
Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.

,,Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will", rief
erregt das weißblonde Mädchen. ,,Mein Vater ist ein Trottel!"

Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an. Seine
Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund gepreßt,
pfutzte. Und lachte endlich krachend los.

Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst
interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng
auf. ,,Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!"

Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.

,,Also und, wart bis der Leutnant fort is."

,,Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken", wandte sich der bleiche Kapitän
an den Fremden, ,,aber wenn das Knochengerüst dort schreit: Menagerie! --
da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das Kreuz
einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: ,mein Vater ist ein
Trottel', kriegt sie eine Maulschelle."

Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte sich
seinen Freunden zu: ,,Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im Westen.
Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime Verbindung. Keiner
weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch kennen sie sich alle. Ich
habe die imponderablen Fäden in der Hand! Ich!"

Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen öffneten
sich starr. ,,Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz schnell! bis
zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine Mutter durch den
Sommergarten gehen", flüsterte sie, ,,und mein weißes Kleidchen von der
Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt." Sie wachte auf. Der
Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände.

Der Leutnant verließ das Café.

,,Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie."

Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. ,,Sind Sie schon oft
mit hinaufgeflogen?"

,,Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt." Er stand auf, streckte
das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. ,,Also
seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man
kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft
die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen." Der König der Luft rollte
den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.

,,Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und
Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also und,
was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?" Alle
blickten auf den Billardspieler.

,,Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber
sofort gehen", sagte der Fremde und stand auf.

Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des
Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor der
Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel.

Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach
Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. ,,Weißt du denn
eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken
bin?"

,,Wie meinst du das? Siebzehnter?"

,,Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und
Aschaffenburg." Er entkleidete sich.

Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine waren
ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig 0-geformt, und schienen
den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum tragen zu
können.

Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand --
sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem neuartigen
Lächeln im Gesicht: ,,Du mußt der erststärkste Mann von Unterfranken
werden", und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem nackten Jüngling
und sich.

Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche
Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und
Aschaffenburg geworden.

Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt zurückgereist.
Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und rezitierte den
Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu Konrad Drauer gehen
und ihm vorsprechen.

Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine
Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit den
Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine Jugendjahre so
gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.

,,Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen."

,,Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer ist
da."

,,Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem Hause
stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine Zeit."

,,Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra
von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze
Leben." Er hob die Arme.

Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke
eintreten.

,,Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald
Kletterer aus Würzburg."

,,Ja, und?" Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die
Augenbrauen und sah auf die Uhr.

,,Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter Künstler
dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . ."

,,Sie sind Gärtner? Nicht wahr?"

,,Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr
Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als
ich." Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann.

,,Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor
fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von
Bamberg."

Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. ,,Ich bin aus Würzburg." Und begann
von neuem.

Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte die
Rote Wolke am Rockknopf. ,,Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu klein."

Der Mund stand offen, rund und schwarz.

,,Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?"

,,Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal
erben soll."

,,Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist ausgezeichnet
. . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr Auskommen.
Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist ein Elend
. . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner eingeladen. Grüß Sie
Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott."

Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann zu
rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete
stärker, mit Frühjahrshagel vermischt.

Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der Schneeschmutz
spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf der Zug sich in
Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der salzige Geschmack
auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen kam.

Neuntes Kapitel

Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von
Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.

Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom
schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.

,,Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den
Deutschen dargestellt haben", sagte der Fremde in Gedanken.

,,Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger
,Käppele'. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus."

,,Der Main ist lieblich," sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu
einer Italienreise eingeladen.

Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon
braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in den
Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.

Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.

,,Gott ist überall!" rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. ,,Gehet
hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den Wiesen,
im Bach, in den Blümlein, im Gestein." Seine Stimme war leiser und weich
geworden und schwoll jetzt wieder an: ,,Aber auch zu mir müßt ihr kommen!
Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen zeigen und Blumen,
auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . Kommet! In der Natur
ist Gott!" Der Pastor schlug die Bibel auf.

,,In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen," sagte
Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen. ,,Ganz,
ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt."

In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den beiden
im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen Häuserflächen
entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.

,,Das Meer!" rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum Fenster.

,,Nein, das ist nur ein See."

,,Nicht das Meer?" So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht
gesehen.

Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom
Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.

Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im
Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand
unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es
heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein. Kein
Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den dunkelfelsigen
Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts stieg das weiße
Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im weißen Himmel.

Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings
wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die
fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und
zerfallend.

Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und
sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in
Schweiß und sammelte dann.

,,Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter
Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah
genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und
sammelte. Sprach aber selten ein Wort."

Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener,
Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten
Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die
Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.

Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von den
spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre
Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. Da
flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten einen
bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon
verschwunden war.

Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.

,,Was ist das?"

,,Das Meer."

,,Das Meer?" Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen
Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden
Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte
Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.

Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die
Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.

Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum
schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.

Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm schritt
auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: ,,Co . . . rri . . . ere
Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera."

,,Das klingt wie ein schönes Lied", sagte Oldshatterhand und lächelte, weil
ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem
Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: ,,Si Signore? Si Signore? . . ."

Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß
gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße,
bis zu einem der alten Paläste.

Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende große
Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier dem
Fremden ein Telegramm.

,,Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem
Freund."'

Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war
Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen
Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den Schlüsselbund
klingen und verklingen.

Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die Sirenen
erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.

Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen
Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.

Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen
Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren
an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus, in der
Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.

Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den
Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie
Wasserinsekten.

Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer
warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine
Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge Frau
ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich hin.
Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern gefolgt,
hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen und
mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der Hafenkneipe und schaukelten
auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband.

Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die
Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt,
blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
Zurückbleibenden.

Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß, der
schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau
sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte
und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar vorwärts
bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch, während die Auswanderer
reglos standen und auf das allmählich entgleitende Hafenbild
zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden konnten.

Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine Augen
endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers losriß und
neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte. Da war
jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch zwischen den
verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein Weidenkorb
schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger saß
noch immer reglos und starrte nach Afrika.

Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit
hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht
kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die Augen,
wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte Brücke in
Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er
empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser
sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper vom Wasser weg und
schwankte zurück.

Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und gab
Oldshatterhand einen Brief. ,,Una lettera, Signore." Sie zündete die drei
Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.

Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat vor
seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du
mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen, ihn
aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in Angst sei und
ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich verhaftet zu
werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft willen, die sie
miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit er sich
endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne, was zu tun sei.
Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen,
irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand zusammen leben
und arbeiten. Eine feste Adresse habe er nicht, aus Angst, von der Polizei
gesucht und gefunden zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek
kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. ,,Ich bitte Dich, verbrenne diesen
Brief sofort." Dieser Satz war unterstrichen.

,,Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben", sagte
Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens immer
beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber den
Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch einmal
überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und sagte im
stillen zu sich und Grünwiesler: ,,Schließlich darf eben doch kein Mensch,
wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen."

Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder --
weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein
Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne jeden Sinn und
Zusammenhang geblieben sind.

Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang
hatte bleiben wollen.

Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines Herzens
empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens hinüber, und
er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben auf den Menschen
an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt über hunderttausend
Leichen weg auf sein Ziel los. ,,Und ich bin vielleicht noch größer als
Napoleon!" rief er in steigender Begeisterung und legte beide Hände in die
Hüften.

,,Niente Napoleone", erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein
graues Schloß, ,,una castello Genova."

Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft
ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß des
bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.

Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener
erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu
können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.

Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag
Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser
hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen
Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem alten
Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens
von Genua.

Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in die
Alte Pinakothek.

Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van Dyck
und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah auf und
stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal Farbe auf
der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund Immermann, was
Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg Grünwiesler von der
Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd, Oldshatterhand die Hand
auf die Schulter: ,,Da bist du ja. Das war lieb von dir."

Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen
Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. ,,Die Stirn ist
zu hoch", sagte er und deutete auf die Kopie.

,,Meinst du?" Er verglich. ,,Du hast recht." Und stieg wieder auf die
Leiter.

Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte.
,,Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen."

,,Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im
Murillosaal."

,,Den können wir doch jetzt nicht brauchen."

Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit seinem
Kanarienvogelblick an. ,,Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein guter Kerl.
Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen."

Oldshatterhand setzte sich aus die Polsterbank und sah auf die Susanna von
van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.

Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen, eine
Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten ausdruckslos,
wie die eines unheilbar Verblödeten.

,,Jetzt gehen wir essen", sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf
der Straße sagte er: ,,Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen Sache?
. . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?"

Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die
Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte. So
gingen sie weiter.

Oldshatterhand wurde lustig. ,,Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen,
machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer herum,
und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und Zinngeschirr . . . Es
muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein."

,,Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?"

,,Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen
will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat."
Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein und
drückte Oldshatterhand die Schulter.

,,Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld."

,,Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie nicht
verstehen." Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände in die
Hüften. ,,Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen . . . Ich habe
aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen kaufen zu können."

Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. ,,Du bist eingeladen."

Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen,
und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal.

Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand
hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und bestellte
eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. Grünwiesler
sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.

,,Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten."

,,Du und ich, wir halten zusammen", erwiderte Grünwiesler und hieb
Oldshatterhand die Hand auf die Schulter.

,,Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken.
Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige.
Kopieren kann jeder."

Er schob die Hummermayonnaise zurück. ,,Ich hab keinen Appetit."

Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: ,,Jetzt halt
ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner Tante
ihre sechstausend Mark gestohlen!" Er starrte Oldshatterhand an.

Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu
sein bis zum Gaumen. ,,Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum
hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts wußte,
du hättest die sechstausend Mark genommen?"

Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der Gabel
und starrte Oldshatterhand immer noch an. ,,Ich wollte eben erfahren, was
du mir darauf antwortest. Verstehst du?" Er lachte und sah Bratmund an.

,,Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich
dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich wohnte
in einem Palast."

,,Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was
_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast mir
den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von mir
erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel glaubte, du
wärst mein Freund."

,,Ich bin kein ganz gemeiner Kerl", flüsterte Oldshatterhand. ,,Ich wollte
doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß ich
neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild verkauft
habe, auf der alten Brücke in Würzburg"

,,Ich will dir einmal etwas sagen." Grünwiesler schob den Goulaschbrocken
in den Mund. ,,Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt,
dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark eines
Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu Immermann
gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen bist, weil du
einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich vor Sorgen nicht
retten können . . . Immermann hat mich daraufhin endlich aufgeklärt, was du
eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt verschwinde."

,,Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig
Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück.
Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das
Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir
raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen.
Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn jetzt
sein."

,,Das wirst du schon sehen."

,,-- -- -- Du hast mich angezeigt", flüsterten Oldshatterhands weiße
Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller
blickte.

,,Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet werden?
Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine Photographie hat
der Staatsanwalt."

,,Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet
werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein ist
außer ihm kein Mensch", sagte Oldshatterhand langsam.

,,Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast
geglaubt, ich sei ein Tölpel!"

Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das
Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze.

Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch
Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft
war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit offenen
Mund. ,,He?" fragten seine schlaffen Lippen bei seinem vergangenen Leben
an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse nichts.

Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt
nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den
Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht so
viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. ,,Frieren wäre wunderbar", dachte er und
lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war sehr
kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb reglos
hocken.

Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine
Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht mehr
fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich nicht.
und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter.
Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt sein
ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm seine Seele
sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, beobachtete er
seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das Fieber, das er für
seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer abstieß, der ihm durch
den ganzen Körper flog.

Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte
rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder werdend,
tanzte er stampfend im Kreise herum.

Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich hinein.
Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in der
Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter seinem
Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat. Er sah die
Gassen und Kirchtürme von Würzburg. ,Es wird in den Würzburger Zeitungen
stehen'. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit zurück. ,,Ruhig!"
brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die Räuber lächelten
verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann jetzt mit der
Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er den Schreiber
sagen. ,,Ich? Vierröhrenbrunnensteher?" schrie Oldshatterhand. Da sah er
sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater, durch den abendlichen Wald
marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. Der ganze Verein pfiff:
,,Wenn die Schwalben wiederkommen."

Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und
pfiff gedankenlos ,,Wenn die Schwalben wiederkommen".

,,Die wer'n schau'n!" schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb.
Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte,
mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch
unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.

Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an
seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit
Grünwiesler.

Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz las:
In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von München
Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung zu
räuberischer Erpressung.

Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht.
Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie
aus dem vierten Stock herunter: ,,Hansl! Ha -- -- nsl!" Er beobachtete den
Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die Höhe
blickte und ins Haus trippelte.

Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.

,,Marroni! Heiße Marroni!" lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und
hob den Zeigefinger. ,,Feine Marroni! Fünf Pfennig!"

Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. ,,Si si,
Signore." Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand weiter,
versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich vorsichtig um und
ließ sie in den Schnee fallen.

Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann in
schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze hüftlings
gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand
hinüberblickte.

,,Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter", flüsterte Oldshatterhand, und sein
Herz stand still. ,,Gerade weil er so unauffällig aussieht."

Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen
Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße schritt,
in der Richtung auf Oldshatterhand zu . . .

Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht zu
schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.

Der Mann stieg in die Elektrische.

Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger
Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust
hochgenommenen Armen.

Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine
Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86.



Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild.

,,Ich heiße Michael Vierkant."

Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen Stuhl
am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die Aktenmappe,
nahm ihn wieder weg, blätterte. ,,Sie haben da einen Brief geschrieben.
Einen recht leichtsinnigen Brief."

Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die
Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln
und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.

,,Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?" Der Arzt beobachtete
Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas ganz
anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.

,,Der Maler Immermann steckt dahinter", begann Oldshatterhand und machte
eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. ,,Sehen Sie, Herr
Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes Dörfchen,
das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister, einem alten
Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging
damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem Bild wollte
nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm Grünwiesler sagte: die
Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht
begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das Kloster,
sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte, solle die sechstausend
Mark bekommen." Oldshatterhand schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen
hätte.

Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes linke
Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen können,
weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das
Zucken. ,,Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen . . . Immer
wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So, dachte ich mir,
stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst,
erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann diesen
gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich unglücklich zu machen,
ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr gewesen wäre, hätte
Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an
. . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann und sagt: so und
so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein schlechter Mensch . . . Ich
begreife es ja selbst nicht. Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein
gutmütiger Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht
so und so gesagt hatte . . . . Das denke ich."

Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: ,,Ich
glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark."
Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über einen
Abgrund zu laufen.

Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe hervor.
,,Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?"

Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ,,. . . Hat er also wirklich
Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem Brief, ich solle
ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes
sehen . . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben. Jetzt
sagen Sie einmal selbst", schloß er langsam.

,,_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner
Tante die sechstausend Mark wegnehmen?"

Oldshatterhand sprang auf. ,,Ich? . . . Ah!" rief er langgezogen und wühlte
in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. ,,Hier! Sehen Sie! Hier
können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: Ich habe
die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in schrecklicher Angst.
Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein
lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er mich_ angezeigt. Ich weiß
jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift geschrieben . . . Und
wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle ihm seinen Brief umgehend
zurücksenden . . . Dann hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen,
den Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung
ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin
unordentlich . . . furchtbar unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie
ihn." Oldshatterhand glühte. ,,Und den zweiten Brief, hat er geschrieben,
soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab
ihn auch tatsächlich verbrannt."

,,Der Brief; den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr
unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du mich
anzeigst, erschieße ich _Dich_."

,,Mich! Mich! heißt es natürlich", rief Oldshatterhand und lachte sein
irrsinniges Lachen ,,. . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen Augen_?
. . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen Augen."

,,Auch so, auch so ist's schlimm", meinte der Arzt, und es klang, wie wenn
er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden bestraft. Der
Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte Drei- und
Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt auf und
bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die Last wieder
über seinem Herzen. ,,Und dann -- es war ja auch so furchtbar, daß ich die
Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu", sagte er, noch bevor ihn
der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick suchend ins Zimmer gerichtet,
hinaus.

Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde
aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß sie
ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase. ,,Letzter
Hieb", sagte er.

,,Wie?" fragte der Diener.

,,So heißt ein steiler Berg bei Würzburg."

,,Granat!" rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging
wieder ins Zimmer.

,,Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger
Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist."

Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.

Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.

,,Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen
. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen kann.
Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung", dachte Oldshatterhand; er stand
noch immer an der selben Stelle.

Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür
leise.

,,Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem Letzten
Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich _mich_! Mich! hab
ich geschrieben", schrie er und stürzte mit ein paar Sprüngen zurück zum
Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins Zimmer hinein, ohne die
Türklinke loszulassen. ,,Erschieße ich _mich_! Mich! hab ich geschrieben.
Ich erschieße _mich_!" rief er drohend und schloß, sich dabei aufrichtend,
die Tür.

Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener ein
und führte ihn zum Arzt zurück.

Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie
Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. ,,Würden Sie
noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein
bißchen."

Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke in
die Höhe und dann auf den Arzt. ,,Das weiß ich nicht", sagte er gedehnt.
,,Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut", schloß er mit
zuckenden Lippen und lächelnd, ,,das halte ich aus."

Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam an
und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie, ließ
sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran zurück, daß
er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und davonzulaufen,
erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag ins Gesicht geholt
hatte. Und er sagte zum Arzt: ,,Die Polizei weiß, wo ich wohne. Sie muß
kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich halte lieber alles
aus." Er sah den Arzt an. ,,Jetzt gehe ich. Adieu."

,,Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?"

,,Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie
gehört doch eigentlich mir."

,,Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben."

,,Bei den Akten?" fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde trocken.
Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung.

,,Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor
deinen Augen! . . . Wirklich." Der Arzt nickte einige Male leise und sah
dabei Oldshatterhand an.

,,Wirklich", formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da
breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. ,,Manchmal weiß
ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste.
Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte von der Welt!"

Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell sinken
und ging flammend aus dem Zimmer.

Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen, das
für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.

In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das Bild
fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen
Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten
Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten. Es war die
Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse hatte
Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen,
gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb abwehrend, halb
zugreifend.

Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.

Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen
wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.

Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.

Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens mit
ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und die
Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, legte
die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah keinen
Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.

Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte,
erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter Verschweigen
der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung griff um
sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf die Straße, saß auf
seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände zwischen seine Knie
hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen,
unrettbarer als im Gefängnis.

Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg, aus
dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine
Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit zur
Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.

Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er nichts
genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort betrunken.
Aber es wurde ihm sehr gut. ,,Sie!" rief er plötzlich, ,,wenn der Arzt
bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich zu
erschrecken!" Und beugte sich zu der Dame. ,,Deshalb habe ich ja auch an
den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt worden
sind, an den Galgen. An den Galgen!" flüsterte er.

Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten sich
vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der auf der
anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden Obstbäumen
brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu unterscheiden von
der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen dünn Sturm bimmeln und
sah auf der Landstraße zwei Männer mit Feuerwehrhelmen aus Messing, die in
der Sonne blitzten, auf den Brand zutraben. Interessiert beobachtete er den
Radfahrer, der auch einen Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte,
die ihm etwas zuschrien. ,,Das wird wohl niederbrennen", sagte
Oldshatterhand bedauernd und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne
quer über einen schwarzen Acker auf den Brand zustolperte.

In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den
Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen,
floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich
stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt von
der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und fürchtete die
alten Augen seiner Mutter.

Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht.

Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern verlöscht
wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd stampfte im
Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum Kopf des Pferdes
aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn mit seinen großen,
dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den Kopf ein, da er die
Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur verächtlichen Stille seiner
Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen hinaufzusteigen.

Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg.

Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den
Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und den
Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine Stiefel
und begann auf und ab zu gehen.

Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte
ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte näherten
sich. ,,Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. Hohaho!" hörte
er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem Eisklumpen.

,,Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit
gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben
springen können", antwortete der bleiche Kapitän.

Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine
Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte den
Wachtposten dunkel sprechen.

Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales
Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand, auf
Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den Rasen.

Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife
zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig
nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche
Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern hatten
sich zu den Mädchen gesetzt.

,,Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich
beim erstenmal."

,,Hohaho! Eine Maß"

,,Auf Ehr?"

,,Allemal!"

,,Also, ihr seid Zeugen."

Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an den
Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den Mund
gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen sein Herz
trafen.

Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den Messingbeschlag
und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig zwischen die Zähne
zu bekommen, damit er sie halten konnte.

Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und
Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu
werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst, gesehen
zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das kühle Sausen
und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein Schlauch schrie.
,,Angstorschel!" sagte der bleiche Kapitän, stülpte die Lippen nach außen
und setzte sich neben seine Braut. ,,Na, Schreiberlein? Deine Maß ist
futsch."

,,Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . . Liesl,
gehst du mit?"

,,Aber nein", sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken nieder
und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob seine Hand
unter ihre Hände.

Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens
gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine
Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.

,,Aber paß auf darauf", sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte sein
Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn dann
doch an Falkenauges Wange lehnte.

Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann und
dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen, und hatte
den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein Knabe zu lächeln.
,,Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie", flüsterte er und
empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so stark, wie wenn er die
Räuber nie gekannt hätte. ,,Ich bin nicht so wie die Kriechende Schlange
. . . ihr tut mir unrecht", flüsterte er. ,,O Gott nein, ich nicht . . .
Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht . . ., wenn sich sein Vater
nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . . oder ins Wasser."

Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut zu.
,,Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf
Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. Er
ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik."

,,Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab mir
auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag."

,,Mit Futteral?"

,,Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in mein
G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig Pfennig,
das ganze Futteral."

,,Und der Vogelstutzen?"

,,Siebenundsiebzig Mark fünfzig."

,,Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld."

,,Er hat doch Silberbeschlag."

,,Vielleicht erschießt du mich dann damit", sagte das schmale Mädchen
gedehnt.

,,Ja, was glaubst du denn." Falkenauge lachte. ,,Hast du Angst? . . . Ich
schieße nur auf Ratten."

,,Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl", sagte der Schreiber,
legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins
Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als er
die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.

Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der kniende
Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen zuckten.
,,Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden", flüsterte er unzählige
Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten wollte. Mit all
seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum.

,,Schläfst du?" fragte der bleiche Kapitän seine Braut.

Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den
ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf
Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.

,,Ich glaub, ich hab geschlafen."

,,Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter", hörte Oldshatterhand den
bleichen Kapitän sprechen und horchte.

,,Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was
gehört von ihm."

,,Der Duckmäuser?" rief der Schreiber lachend, ,,wo wird der sein -- ich
sag, der ist irgendwo Kirchendiener."

Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder
stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen der
Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in seltsamer
Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem ,,Käppele".

Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die
Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor er
seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in
Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die beiden
hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient.

Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von seinem
Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem, endlich auf
dem Leidenswege Christi stehen, der zum ,,Käppele" in die Höhe führt. Um
Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den Augenlidern, um Tränen zu
bekommen.

Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes, ewiges
Licht.

Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte
Gefühl, Winnetou könne ihn retten.

Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus hängt.

Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle ging.
Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann klingelte die
Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.

Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: ,,So spät
in der Nacht darf ich kein Brot geben", und sah zugleich das helle Stück
Brot, das Winnetou reichte.

,,Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?" fragte Oldshatterhand und nahm
das Brot.

,,Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so spät
gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der Mauer."

Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er
sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich,
zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum ,,Käppele"
hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte er
lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden angewandt
hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander ein
Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen Jungen um die
Leidensstationen Christi herumrennen, von Winnetou verfolgt, und mußte, bei
der Erinnerung an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden
Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief
erschrocken: ,,Nein, nein!"

Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.

Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner
Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein
paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: ,,Michael! . . . Wo bist
du?" und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen
großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her strich,
zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.

,,Der Hund lebt noch immer?" fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme
und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat.
Hilf mir.

,,Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?"

,,Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so."

Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und tappte
nach.

Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum
roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. ,,Michael, jetzt sind wir
auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum erwacht,
zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird."

,,Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?"

,,Warum sagst du Weichpfotenmönchen?"

,,Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . . und
dann Italien."

,,Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle
lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen
bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei
. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen wollten
. . . Ich denke oft daran zurück", sagte Winnetou und lächelte heiter.

,,Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine
Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So
stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren
Maßstab."

,,O Gott!" Winnetou war aufgestanden. ,,Du bist krank!"

,,Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . ." Er schüttelte
heftig den Kopf. ,,Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter
Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist
das!" schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.

,,Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm", bat Winnetou
ängstlich und zärtlich, ,,ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt
dir etwas und hilft dir."

,,Ich war draußen in der Welt! In der Welt!" schrie Oldshatterhand lachend.
,,In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte
da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte ganz allein
darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett sehen sollen",
schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung,-- und seine Lippen zuckten
vor Scham . . . ,,Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . . Irgend etwas
Grauenhaftes."

,,Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich."

,,Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich
bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts."

Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.

Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die
Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den
schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand
auf.

,,Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe
Zeit. Komme wieder, bitte."

,,Morgen um diese Zeit", sagte Oldshatterhand und taste den Leidensweg
Christi hinunter.

Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.

Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner
Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten Studienköpfe
an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das Schwere, jüngst Erlebte
und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten ihn noch einmal in
verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten Schlag und zogen dann
singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich um
Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und frei und kühl atmen
konnte.

So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft zurück
in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte
der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine zukünftigen zehn
Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im Halbschlaf über eine
lustige Filigranbrücke, an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein
hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am Horizont -- bis
zum Fremden, der traumhaft verschwand, und an dessen Stelle Oldshatterhand
-- zum Fremden wurde, und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und
Hemmnisse des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in
der Kammer auf dem Bett saß.

Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: ,,Warum bist du
denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt
hast?"

,,Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!" schrie der
Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: ,,Aber sieh doch die
kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie
haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich zur
Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht."

Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: ,,Du bist feige. Du
weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür
verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung
der Lügner kannst du nicht leben."

,,Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in denen
ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern mir ihre
Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück
vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo soll ich mich
verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir wieder Achtung kaufen
kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur
Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig werden. Und muß
lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie fluchen. Dann decken sie
alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und
wenn sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie dürfen mich
nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher Kirchturm. In
Würzburg gibt's so grauenhaft viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind."

,,Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen,
sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du
geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land
und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da
unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin
allein."

,,Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und
redet kein Wort, so sehr verachtet er uns."

,,Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn ich
verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange
ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, stehen die
Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und verachten ihn. Und
der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich
den Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet stehst,
schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander --
den haben wir niemals verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn.
Jesus Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis
zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre
Verachtung dir, der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende
geschleppt hast."

,,Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge, und
das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich.
Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz . . . Nein,
nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner werden wie sie,
sondern _Etwas_ werden."

,,Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre
Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung
auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir."

,,Ja!" stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine
Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten nach
dem alten Revolver aus dem ,,Zimmer", der auf dem Tische lag. ,,Meine
Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter", flüsterte
er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen --, brüllte
langgezogen und mit vollster Kraft ,,I . . . . . i!" und hatte sich mitten
in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. Der I-Laut zersprang
wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur
Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte, krampfte sich nach innen
und drehte den Griff mit; im Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß
Oldshatterhand, schon tot, noch ein Fenster öffnete.

Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer. Aus
den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte Gesichter.

Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die
Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah
niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte
sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um ein Hindernis
herum auf sie zuschoß.

Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster, schief
und haltlos, wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen droht.

Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf Oldshatterhands
Tisch und rannte zur Polizei.

In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand, daß
das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei.



Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte
Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der
Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie mehr
älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.

Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden
Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die
Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an
den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die
Frühlingssonne abzuhalten.

Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit
Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen
Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.

Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein. Der
Anatom zog das weiße Tuch weg.

Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen
Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und
Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen Tuch
zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche reichten.

Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte
mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. ,, Wir nehmen heute Arm- und
Gesichtsmuskeln durch."

Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte
mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer
Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen
Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein
paar schnelle Striche.

Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen aufmerksam
zu.

Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die
Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet
gestorben, dachte der Fremde.

Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die Zunge
heraus. ,,Kemmerich!" wandte sich der Anatom an das lebende Modell, einen
fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt neben
ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des Modells waren
sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung des
Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn lächeln,
verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte an der
Leiche die Lage der Muskeln.

Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der
Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.

,,Es ist eine Freude zu leben", sagte ein Maler zu laut in die Stille
hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß er
den Satz gesprochen hatte.

Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und
eine verdeckte hereingefahren. ,,Hier haben wir einen jugendlichen Akt von
schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen", sagte der
Anatom und zog das Tuch weg.

Der Fremde stand langsam auf. ,,Das ist meine Leiche", flüsterte er.
,,Geben Sie mir meine Leiche."

Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.

,,Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet", schloß der
Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. ,,Und es ist
erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher
der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist."

Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim
Erblicken Oldshatterhands.

,,Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden", sagte
Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. ,,Mnja, da kann man jetzt
nichts mehr machen."

,,Weißt du", sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, ,,erschießen
hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur
gerecht . . . Gerecht!"

In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler
Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie
bestimmt worden sei.

An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild. Und
seitdem hing es in seinem Studierzimmer.

Zehntes Kapitel

,,Zum schwarzen Walfisch von Askalon" hatte der bleiche Kapitän die
Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme, als
Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden war.

Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum
letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine
schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier
Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick voneinander
unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen gestülpten
Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am
Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen Tag
glückselig herum.

Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen
Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung in
gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche
Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der ,,Schönen
Mainaussicht" war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus Würzburg
verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf
Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden waren.

Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die
frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage lang
in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann gefangen
hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann allzusehr gegen die
Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach Hause gekommen, dann ging
sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn fand, trank stillschweigend
und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den Fischer unter und trottete mit
ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen über die Schulter zurückwies und
seiner Frau deutlich erklärte, was das für Hammel und Rindviecher seien.

Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein
geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt. Er
hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen Sterbesakramente
empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint, es sei auch besser
für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr richtig sein. Der
allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die Knochen geschlagen.
Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder gesund geworden, auch im
Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er zurückbehalten. Jetzt war er
wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen Kapitän, dem jungen
Bäckereibesitzer und Weinwirt.

Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu
Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub ,,Kanonenrohr", der Radfahrerklub
,,Um die Welt", die Rauchgesellschaft ,,Vesuv", die streng auf das
regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.

Der König der Luft hatte dem ,,Turnerbund Jahn" eine Akrobatenabteilung
angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des
,,Turnerbundes" einen bedeutenden Ruf genossen.

Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub
,,Walfisch" an, war Mitglied des Gesangvereins ,,Zwischen grünen Bäumen"
geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands war.
Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des
Vogelstutzenklubs ,,Löwenjagd" und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn
er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken
Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem
Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.

Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem
Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe
geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige
Geschäftsfrau war und sehr resolut.

Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die
Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur,
weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,
sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit überragender
Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die
Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und
anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie war
eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten Augen,
und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die schönsten Stellen
aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein Freund bei ihnen
saß, sagte sie zärtlich: ,,Mein Mann spricht genau so wie der Bürgermeister
von Bamberg."

An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft
ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann
schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:
den Skatklub ,,Bargeld lacht", der fünfundzwanzig Jahre später, als der
Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig
Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.



Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.

Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um nach
ihm. ,,Ah, Herr Baron", neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und
blickte ihm mit großen Augen nach.

Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher,
und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am
Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die
Ziehharmonika.

Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen vor
den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten
und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster hinaus und ließ
dabei den Rolladen herunter.

Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der
,,Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen" trat.

Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue
Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten.
Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst
hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren noch
dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.

Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock aus
Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend, schritt er
aufrecht weiter.

Vor dem ,,Spitäle" blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie
befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.

,,Grüß Gott, Herr Lehrer", sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und
legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete
heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, horchte
Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen -- es hatten
da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte nur noch nicht
recht, wer die Gauner waren.

Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf ,,Zum schwarzen Walfisch von
Askalon".

,,Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht",
sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren
versammelt.

,,Er is halt ein Rindvieh", sagte wütend Falkenauge, der durch das,
verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte. ,,Das
sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub."

Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen Tisches.
Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben, übriggebliebenen
Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen belagert. Außer ihm
saß niemand am Tisch.

Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin erkannte
ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der
Hoffnung.

,,Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!" rief der bleiche Kapitän der blonden
Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie lächelte
immer und hatte verklebte Augen. ,,No, jetzt bin ich aber doch g'spannt
. . . Solo!" schloß er, stülpte die Lippen nach außen und fingerte den
Kartenfächer in seiner Hand zurecht.

Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang auf
den Stuhl neben dem Fremden.

,,Das wird mir aber auch noch ein Solo sein", sagte der Schreiber, zog die
Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. ,,Und Trumpf!" rief er und
lächelte sicher.

Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den Tisch.
Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte liegen; die
Karten flogen immer schneller. ,,Das hamm wir jetzt g'sehn, was das für ein
Solo war", sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene Geld in sein
Tellerchen.

,,No, Else, wo hast denn dei Auge!" rief er und wies auf den Fremden. Die
Kellnerin füllte das Glas.

,,Else, wir trinken auch noch eins", sagte der Schreiber und legte den Arm
um die Taille der Kellnerin. ,,Ein saubers Mädle bist."

Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.

,,Pssss, wssss", machte der Fremde leise zur Katze.

,,Schläft der ganz Kleine denn?" fragte der bleiche Kapitän und gab die
Karten.

,,Was wird er denn sonst tun", erwiderte die Witwe Benommen und gab dem
Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.

,,Daß er mir wieder die Abweiche kriegt."

,,Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst."

,,Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche." Er
stülpte die Lippen nach außen.

,,Sei still. Da, hast dein Sohn."

,,Ah bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner."

Die Witwe Benommen strahlte.

,,Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein."

,,Da! hast'n!" rief wütend der König der Luft.

Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder, großmächtiger
Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und
Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und
ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen roten Fäuste lagen auf
dem Kartenberg. ,,Ooooskar!" brüllte der Matrose. ,,Seid ihr alle da!"

,,Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!"

,,Haargott!" riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.

,,Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!" stotterte der Duckmäuser und blieb
auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. ,,Pf . . . Pf . . . Pf
. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!"

,,Also, also aber und! Du bist am Geben", sagte grimmig der König der Luft.
Er war im Verlust.

,,Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!" riefen alle
durcheinander.

,,Setzt euch da rüber an lange Tisch", sagte der bleiche Kapitän, und zum
Fremden gewandt: ,,Sie erlauben doch."

Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf der
Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite. Die
Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und schüttelte
lächelnd den Kopf.

,,Bring a paar Maß Wein!" rief der Schreiber.

,,Ich zs zs zs zs zahl alles!" brüllte der Matrose. ,,Sssssauft!" Und
schüttete ein Glas Wein in sich hinein. ,,Sch . . . Sch . . . Schreiber,
alter Ga . . . Ga Ga . . . Gauner!"

,,Herrgott, wer hätt das gedacht", sagten die Räuber und sahen still und
betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen
offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen
zurückgezogen.

,,Warst du weit?" fragte einer.

,,Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!" Er breitete weit die Arme aus.

,,So einer, immer war er so still", sagte die Witwe Benommen. ,,Man hat
gemeint, er könnt ke Wässerle trüb."

,,Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?" Er leerte sein Glas und
konnte dann fließender sprechen. ,,Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma
. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi . . .
Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www . . . ar nix.
Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me . . . meldet sich? --
und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin tropf . . . tropfnaß
aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? . . . Ssssauft doch!
. . . Ssssauf du auch!" brüllte er und reckte, mit dem Oberkörper an drei
Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein Glas dem Fremden hin, der
ihm zuprostete.

,,Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst", sagte
die Witwe Benommen. ,,Er trinkt e bißle zu viel."

Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach
rückwärts. ,,Ein deutscher Seemann ist trinkfest." Der bleiche Kapitän
stimmte die Gitarre.

      ,,Auf, Matrosen, ohe!
      Auf die wogende See.
      Schwarze Gedanken,
      Sie wanken und fliehn
      Geschwind, wie der Sturm und Wind",


sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. ,,Wa . . . Wa
. . . Wa . . . Wein her!"

,,Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube
g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab no a
paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in mein
Keller."

,,Den mußt aber spendier", sagte der Schreiber. ,,No, allemal!" riefen alle
Räuber.

,,Ja, paßt auf", wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, ,,der is teuer.
Wo käm ich denn da hin."

,,Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!" brüllte der Matrose
dem Fremden zu. ,,Haargott, is der besoffen!" riefen die lachenden Räuber.

,,Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben", sagte
plötzlich der Fremde und lächelte.

Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig den
Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen auf. Auch
der Matrose lehnte schief an der Wand.

,,Aber also und, Donnerschlag!" Die tiefe Falte verschwand. Der König der
Luft hatte gelächelt. ,,Das is e Weinle!"

,,Das will ich meinen", erwiderte stolz der bleiche Kapitän.

,,Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee . . .
Kette gelegt." Er trank und sprach fließender. ,,Da war unser Schiff an
einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien . . . Ich hab
ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du . . . durchgange!
. . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . . fresse g'funde. Da hab
ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir aber bi . . . bi . . . bi
. . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich wieder erwischt und in Ke . . .
Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir die Schlange bi . . . bi . . . bi
. . . bitter."



Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens und
sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.

,,U . . . u!" klang es langgezogen und klagend von unten herauf. ,,Die
Meekuh brüllt", sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo der
Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein Floß
schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie über den
Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte.

,,Aber also und, wie aus dem Boden gewachse", sagte der König der Luft und
deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen
Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer
aufgestellt hatte.

Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im
Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt.

,,Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse",
sagte der bleiche Kapitän.

,,Is des nit e Birnbäumle?" fragte der König der Luft, und ein anderer
griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.

Der Matrose sah sich um: ,,A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o
is denn eigentlich euer ,Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer'?" Und blickte
gespannt und pfiffig die Räuber an.

,,Ach, des is ja scho lang zugemauert." Sie suchten. ,,Da muß gewese sei."
Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite.

,,Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum ,Zs
. . . Zs . . . Zimmer'?" fragte der Matrose staunend und deutete auf eine
Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. ,,Haaar . . .
gott."

Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge
schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: ,,Heimatscha!" Seine Bande
stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.

,,Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das ,Zs . . . Zs
. . . Zs . . . Zimmer'?"

Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die
Jahre zurück.

,,Wir warn halt Kinder damals", sagte der Schreiber.

Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm.
,,Dort! Schaut hin!" zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen, rund
und schwarz wie ein Mauseloch.



Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.

Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch
geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am
Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten
sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das
Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen
vor der Sonne. ,,Gelobt sei Jesus Christus." ,,In Ewigkeit, Amen, mein
Kind."

,,Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?" fragte der Fremde.

,,Eine Stunde über den Berg", sagte Winnetou. Er hatte ein stilles, klares
Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Räuberbande" ***

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