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Title: Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.
Author: Gerstäcker, Friedrich, 1816-1872
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band." ***

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STROMBILDER. ERSTER BAND.***


Transcriber's note:

   Obvious misspellings have been corrected. The spelling of
   names has been regularised and missing punctuation added.
   A few words appear in two different spellings; these have
   been retained.

   The original highlights text in two ways: by spacing letters
   (gesperrt) and by using a Roman font (Antiqua). The former
   is represented _thus_, the latter =thus=.

   Two particular words which may strike the modern reader as
   mistakes, Stöpfel (Stöpsel) and klaffen (kläffen), were in
   fact correct at the time.

   A list of corrections is at the end of the e-book.

ANMERKUNGEN

   Offenkundige orthografische Fehler wurden stillschweigend
   korrigiert. Namen wurden vereinheitlicht und fehlende
   Zeichensetzung ergänzt.

   Manche Wörter treten in zweierlei Schreibungen auf und
   wurden so belassen. Gesperrt Gedrucktes im Original wird
   _so_ angezeigt, Antiqua =so=.

   Zwei Wörter werden dem Leser bzw. der Leserin als mögliche
   Fehler vielleicht besonders auffallen: Stöpfel (Stöpsel)
   und klaffen (kläffen); sie lassen sich aber in der damaligen
   Zeit so nachweisen.



Amerikanische
Wald- und Strombilder.

Von

_Friedrich Gerstäcker_.

Dritte Auflage.
_Erster Band_.



Leipzig,
_Arnoldische Buchhandlung_.
1862.



Inhalt des ersten Bandes.

                              Seite
  Der Leichenräuber               1
  Nordamerikanische Jagd         55
  Curtis Brautfahrt             131
  Schulen in den Backwoods      185
  Die Alligator-Jagd            206



Die Leichenräuber.


Seit dem Krieg mit den Seminolen (1818) hatten sich die Stämme der
nordamerikanischen Indianer ziemlich still und ruhig verhalten und
die Regierung selbst vermied natürlich Jedes, was wieder zu Reibungen
und Streitigkeiten Anlaß geben konnte. Nichts desto weniger und trotz
tausend verschiedenen Freundschaftsversicherungen und geschlossenen
Bündnissen, drängte sie die armen Kinder der Wildniß immer weiter und
weiter von den Gräbern ihrer Väter zurück, und nahm ihnen sogar, wenn
ein paar trunkene Häuptlinge vielleicht ihre Zustimmung gegeben, wieder
Strecken hinweg, in deren _fortwährendem_ Besitz sie frühere Präsidenten
bestätigt hatten.

Da standen, dieser Willkühr müde, im April des Jahres 1832 die
Winnebagoes, die Füchse und Sioux's auf, und wollten unter ihrem
tapferen Häuptling _Black Hawk_ -- _der schwarze Falke_ -- ihr
schönes am oberen Mississippi gelegenes Besitzthum von den frechen
Eindringlingen reinigen. Wohlbewaffnet und beritten richteten sie auch
fürchterliche Verwüstungen in den Grenzländern ihrer weißen Unterdrücker
an; sie umzingelten und vernichteten ganze Ansiedlungen, mordeten und
scalpirten jedes lebende Wesen und erfüllten den ganzen Staat mit Furcht
und Beben.

Die Regierung sah sich endlich gezwungen ernsthafte Maaßregeln zu
ergreifen und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; denn die Indianer,
von ihrem leichten Sieg berauscht, drohten auch die Nachbarstaaten
mit ihren wilden Schaaren zu überfluthen. Die Generäle Atkinson und
Scott wurden deshalb mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt.
Unter des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo an Bord von
Dampfbooten schaffte, um sie in der dringenden Noth auch schnell dem
Kriegsschauplatz zuführen zu können, brach die Cholera aus -- die
übermäßige Hitze und das Zusammendrängen so vieler Menschen in einem
kleinen Raum war die Ursache, entsetzliches Elend aber die Folge dieser
Krankheit. Viele starben, Viele desertirten, und mußten dann, von Seuche
und Hunger gleich aufgerieben, in den Wäldern umkommen. General Atkinson
dagegen traf durch forcirte Märsche an der Mündung des oberen Iowa mit
Black Hawks Kriegern -- es war am 2. August -- zusammen, schlug nach
glücklichem Kampf die Indianer und nahm sogar ihren Häuptling und
dessen Sohn gefangen, die beide zuerst in Fort Monroe mehrere Monate
festgehalten, dann aber durch alle Hauptstädte der vereinigten Staaten
geführt wurden, um ihnen die Macht zu zeigen, gegen die sie einen Krieg
unternommen, und ihnen zugleich zu beweisen, wie thöricht, wie ganz
hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegen solche ungeheure Streitkräfte
sein müßte.

Black Hawk erschrack besonders über die für ihn so bedeutende Anzahl
waffenfähiger junger Männer, und kehrte, bestürzt über das was er
gesehen, zu den Seinigen zurück. Er widersetzte sich auch von da an
nicht länger dem Beschluß der Regierung, die, um einem zweiten Einfall
der Wilden vorzubeugen, und sich zugleich das schöne Land vollkommen zu
sichern, was jene bis jetzt noch immer bewohnten, sämmtliche Stämme an
das westliche Ufer des Mississippi schaffte.

Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgründe jener tapferen Nationen
wühlte der Pflug auf, die Gebeine der Krieger bleichten neben denen
des von ihnen selbst erlegten Wildes in Wald und Prairie, und nur noch
einzelne und nicht oft die besseren der Stämme waren zurückgeblieben und
im weiten Land zerstreut, wo sie sich mit Körbeflechten, oder auch mit
der Jagd kümmerlich ernährten.

In dieser Zeit also und etwa im Jahre 1845 hatte sich auch ein alter
Indianer, aus dem Stamme der Winnebagoes, dann und wann in Waterton,
einem kleinen Städtchen am Forriver, eingefunden, und für Prairiehühner
oder einen gelegentlich erbeuteten Hirsch, Pulver, Blei, Whiskey und was
er sonst brauchen mochte, eingetauscht. Eines Tages aber, ob er nun des
Guten ein Bischen zu viel gethan, oder sonst vielleicht schon vorher
krank gewesen, hatte er kaum das gewöhnliche Geschäft beendet, und einen
Theil seines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte Zufälle bekam, zu
Boden stürzte und wenige Minuten darauf den Geist aufgab.

Allerdings wurde der Doktor -- der einzige im kleinen Städtchen und
zwar ein Ire -- augenblicklich gerufen -- jede Hülfe kam jedoch zu spät,
der arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh gezimmerten Sarge
trug man ihn etwa eine englische Meile von der Stadt fort, wo ein
alter »Indianischer Mound« oder Erdhügel lag, der stets von dort
vorbeikommenden Wilden besucht ward und der Begräbnißort eines großen
Häuptlings der »Füchse« sein sollte. Dort, aus einer Art Zartgefühl, das
dem armen alten Indianer gerade da seine Grabstätte anwies, grub man
ihm sein letztes Bett, und bald verrieth nichts weiter, als die frisch
aufgeschüttete Erde, den stillen Ruheort eines alten Mannes, der doch
wenigstens in dem Lande schlafen durfte, in dem sein Stamm einst
geherrscht und glücklich gewesen war.

Eine Person lebte aber in Waterton, die alles Mögliche gethan hatte, um
dieses Begräbniß zu hintertreiben, und diese Person war eben der, schon
früher erwähnte kleine irische Doktor, der -- zum Nutzen der Menschheit,
wie er behauptete -- seit dem Tode des Indianers nicht abließ mit Bitten
und Versprechungen, den Leichnam ausgeliefert zu bekommen, damit er ihn
seciren und dadurch vielleicht wichtige Entdeckungen in diesem Zweige
der Wissenschaft machen könne. -- So lautete nämlich der Grund, den er
angab, eigentlich wünschte er aber nur das Skelett zu besitzen, für das
er in New-York einen bedeutenden Preis zu bekommen wußte.

Nun hätten sich die guten Wolferinen[1] wohl allerdings sehr wenig
daraus gemacht, was aus dem Leichnam eines Indianers wurde, die sie,
der verübten Gräuel wegen, sämmtlich in die höllischen Regionen
wünschten; eben diese Greuelscenen waren aber auch noch zu frisch in
ihrem Gedächtniß, und nicht mit Unrecht fürchteten sie, wenn so etwas von
ihrem Ort bekannt geworden wäre, die Rache der übrigen Wilden, die, wenn
auch nicht offen ausgeführt, ihrem kleinen unbeschützten Flecken um so
verderblicher werden konnte.

  1: Spitzname für die Bewohner von Illinois.

Überdies war der alte »_Salomo_« -- wie sie ihn genannt hatten, obgleich
er sich keineswegs zur christlichen Religion bekannt -- so lange Jahre
dort aus- und eingegangen, daß wirklich eine Art Freundschaft zwischen
ihnen aufgesprungen schien, und zugleich mit der Scheu, die _alle_
Hinterwäldler vor dem Zerschneiden und Zerlegen eines menschlichen
Leichnams haben, widersetzten sie sich einstimmig der Bitte des Doktors.
Der Indianer wurde begraben und damit glaubten sie die Sache abgemacht.

Dem war aber nicht so; Doktor Mac Botherme sah allerdings, daß hier mit
weiteren Protestationen Nichts mehr auszurichten sei, eins aber blieb
ihm noch, und zwar die List. Schon in Irland hatte er manchen Leichnam
stehlen helfen, und wenn auch _die_ Zeit viele viele Jahre lang hinter
ihm lag -- Jahre, in denen er noch kräftig und jung gewesen -- so
wußte er auch dafür, daß das Ausgraben eines Körpers mitten im Wald,
wo er Entdeckung gar nicht zu fürchten brauchte, mit viel weniger
Schwierigkeiten und Gefahr verknüpft sei -- ja, wäre es nicht des
unbemerkten Heimschaffens der Leiche und vielleicht der halbunbewußten
Furcht vor Indianern wegen gewesen, er hätte das ganze Abenteuer allein
bestehen können; so aber mußte er sich nach einem Gehülfen umsehen,
und den fand er augenblicklich in seinem eigenen Diener, einem erst
in demselben Monat eingewanderten, noch rohen, oder wie sie in Amerika
sagen, _wilden_ Irländer, den er leicht, durch Versprechung eines guten
Lohnes, dahin zu bewegen hoffte ihm beizustehn, wie auch später über die
ganze Sache reinen Mund zu halten.

Um aber nun mit dem Doktor, der so kühne Absichten hatte und einer
ganzen Gemeinde und den Schrecknissen des Grabes trotzen wollte, etwas
näher bekannt zu werden, muß ich den guten Mann wohl bei dem Leser in
Lebensgröße einführen.

Doktor Mac Botherme war ein kleines korpulentes Wesen, mit rothen
Backen, etwas echauffirter Nase, kleinen grauen Augen, grauen
Augenbraunen und pechschwarzem Haar, welches letztere ihm übrigens
ein keineswegs nordländisches Aussehen verliehen haben würde, wären
nicht die aufgestülpten Geruchswerkzeuge, wie das ganze fröhliche,
breitgedrückte Antlitz des immer munteren Doktors zu sichere Bürgen
der »grünen Insel« gewesen. Nach seiner, dem Leser eben mitgetheilten
Absicht, möchte dieser jedoch verleitet werden, den Doktor für ein
Wunder von Muth, Entschlossenheit und Charakterfestigkeit zu halten, da
er trotz der verweigerten Einwilligung von Waterton dennoch auf seiner
Absicht bestand, und jetzt sogar eine Leiche bei Nacht Nebel stehlen
wollte -- ein Geschäft, vor dem selbst der kühnste Jäger jener Wälder
zurückgeschreckt sein würde. Dem war aber gar nicht so. --

Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was auch schon sein »Geschäft«
mit sich brachte, keine Furcht vor Leichen -- der menschliche Körper
war ihm etwa dasselbe, was einem eifrigen Botaniker die Pflanze
ist, die er zerlegt und nach ihren inneren Theilen classificirt; er
würde also auch das Stehlen der Leiche an sich selbst als etwas sehr
unschuldiges, ja vielleicht Interessantes betrachtet haben, wäre nicht
noch ein anderer Umstand dazu gekommen, der allerdings der ganzen Sache
eine Schattenseite gab, und ihn sogar mit einem Gefühl erfüllte, das, er
mochte sich dagegen sträuben so viel er wollte -- der _Furcht_ ungemein
ähnlich sah.

Die Leiche lag nämlich im Wald -- eine Meile von jeder menschlichen
Wohnung entfernt, und erst vor wenigen Tagen hatten die Jäger von
Waterton gerade dort einen Panther gejagt und _nicht_ erwischt. Der
Panther mußte also noch nothwendiger Weise im Walde sein, denn es war
nicht einmal auf ihn geschossen worden, so daß man sich vielleicht damit
hätte beruhigen können, er sei verwundet und später irgendwo verendet.

Außerdem schienen auch die Einreden der Bewohner von Waterton einen
nicht unbedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, daß sich nämlich
in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und zwar von den Winnebagoes
eben in der Gegend gezeigt hätten, die, wenn sie von dem Leichenraub
eines ihres Stammes hören sollten, nie im Leben eine solche That
vergessen, sondern sie an dem Thäter und seiner ganzen Nachbarschaft
rächen würden, indem sie, wenn sie nicht dieser selbst habhaft würden,
doch wenigstens ihre Maisfelder und Häuser in Brand steckten und ihnen
vielleicht auch noch außerdem mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten.

Das Alles blieb zu bedenken, die Versuchung zeigte sich aber hier zu
stark, Mac Botherme konnte nicht widerstehen, und beschloß nun, der
äußeren Vorsicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen wegen seinen eben
angenommenen Diener Patrik O'Flaherti zu Schutz und Hülfe _mit_zunehmen
und die Sache wo möglich vollkommen geheim zu halten.

O'Flaherti, ein wahres Muster eines Irländers der niederen Klassen,
mit brennendrothem Haar und ordentlich Funken sprühender Nase
-- starkknochig und keck, mit unverwüstlichem Humor und nicht zu
ermüdender Dienstfertigkeit, war denn auch, besonders noch durch die
zugesicherte reichliche Belohnung gelockt, gern bereit, dem Doktor, wie
er sich ausdrückte, »durch dick und dünn zu folgen,« heißt das, wenn sie
es nur »mit wirklich todten« Personen zu thun hätten, und nicht etwa gar
der Geist des »seligen Rothfells« neben dem Grabe säße und aus seinem
Tomahawk schlechten Tabak rauche.

Auch hatte Patrik -- der sonst _keinen_ Menschen fürchtete, eine nicht
unbedeutende Scheu vor den Wilden selbst, da ihm schon in der Heimath
die fürchterlichsten Schilderungen von diesen gemacht waren, die
dort als Cannibalen und wahre Teufel verschrieen wurden. Das was er,
in Illinois angekommen, hie und da über die letzten Einfälle und
Gräuelscenen gehört, diente ebenfalls nicht dazu, ihm einen besseren
Begriff von ihnen beizubringen, und so äußerte er denn auch diese
Befürchtung ziemlich frei und offen gegen seinen neuen Herrn. Mac
Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen recht gab, hütete sich
jedoch wohl, ihm davon etwas merken zu lassen; im Gegentheil suchte er
mit dem unbefangensten Lächeln von der Welt jede etwa aufsteigende
Furcht in ihm zu beschwichtigen.

Das gelang ihm denn auch vollkommen, und die Ausführung des Unternehmens
wurde auf den nächsten Abend festgesetzt, da an diesem, als an einem
Sonntag, nicht zu fürchten war, daß vielleicht irgend Jemand von
Waterton auf der Jagd draußen sei, und zufällig in die Nähe des
Indianischen Mound kommen könnte. Alle nöthigen Vorbereitungen wurden
nun getroffen, und der Plan schien sich auch leicht und gefahrlos
ausführen zu lassen.

Der Doktor bewohnte nämlich ein eigenes kleines Haus mit zwei
Abtheilungen, in deren einer er und der Diener schlief, während er die
andere zu seinem Wohn- und Studierzimmer erhoben hatte. In das erstere
nun sollte die Leiche geschafft und dort zubereitet werden, bis sich
später einmal eine Gelegenheit fand, das hergerichtete Gerippe ohne
Aufsehen an den Ort seiner Bestimmung zu befördern.

Patrik mußte sich dabei Hacke und Schaufel zurecht legen, und der Doktor
nahm die alte Muskete vom Haken, schnallte seinen breiten, bis dahin zu
Schutz und Trutz über dem Bett hängenden Hirschfänger um, steckte ein
Brecheisen und kleines Beil zu sich, um ohne weitere Mühe den Sarg
öffnen zu können, und während er noch das Letzte -- einen großen grauen
Leinwandsack über seine Schultern hing, um darin den Leichnam desto
leichter fortschaffen zu können, brachen an dem bezeichneten Abend die
Beiden, als der Mond eben unterging (und das war etwa gerade um neun
Uhr) vorsichtig auf, wobei sie, um jedes Aufsehen zu vermeiden und nicht
etwa von einem noch zufällig auf der Straße Weilenden bemerkt zu werden,
das kleine Haus umgingen, die nächste Fenz, die des Gastwirths Maisfeld
einschloß, übersprangen, und dann durch dieses hin, und von den hohen
breitblättrigen Maisstöcken vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten.

Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender Umweg, den sie machten;
sie hatten ja aber die ganze Nacht vor sich, und setzten so, leise und
geräuschlos, ihren dunkeln unheimlichen Weg fort. --

Indessen saßen in der Schenke von Waterton die vier einzigen _nicht_
religiösen Männer, die, außer dem Doktor und Patrik in dem kleinen
Städtchen zu finden waren, fröhlich beisammen, und thaten dem erst
frisch von Vincennes eingetroffenem Biere alle nur mögliche Ehre an.
Diese vier waren aber erstlich James Glassy, der Wirth selbst, ein seit
der frühsten Gründung von Waterton hier eingewanderter Pennsylvanier,
und kurzweg von seinen Bekannten und Gästen _Jim_ genannt, dann _Josy_,
der Schmied, _Weppel_, der Schulmeister, und _Shark_, der Krämer.

Eines nur, wie sie so friedlich und heiter bei einander saßen, wirkte
höchst störend auf ihre Unterhaltung ein, und zwar ein Umstand, der
vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte -- sie
waren alle viere Demokraten, hatten für Polk gestimmt, und im Ganzen
eine so genau übereinstimmende Meinung in Allem was Politik betraf, daß
Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller Verzweiflung erklärte, er
werde nächstens _gegen_ seine Überzeugung des Whigticket stimmen, blos
um einmal in einer so verwünscht langweiligen Gesellschaft widersprechen
zu können.

Die Politik war deshalb auch fast ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt,
und Jim hatte eben einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im
letzten Monat gefunden, während sich Josy seines Glücks auf der Jagd
rühmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirsche und drei Truthühner
geschossen und Shark behauptete dabei, er würde auch einen Hirsch und
noch dazu einen recht feisten Bock erlegt haben, wäre ihm nicht gerade,
als er die Büchse heben wollte, so eine verwünschte Rothhaut in die
Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher geknallt, und dadurch ein
ungemein delikates Stück Wildpret für sich gewonnen hätte.

»Wir sollten es überhaupt gar nicht mehr dulden,« fuhr jetzt Weppel auf,
»daß diese schleichenden Hallunken, diese Indianer, hier immer um die
Ansiedlung herum kriechen -- in Arkansas leiden sie's auch nicht -- ich
hielt im vorigen Jahr am Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen
ganzen Trupp von ihnen auf -- es waren ihrer vierzehn oder fünfzehn
-- nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten sie aus dem County.«

»Ja,« sagte Shark geheimnißvoll -- »das hat aber auch hier eine andere
Bewandtniß -- wißt Ihr denn nicht, was man sich in Vincennes über
Waterton erzählt?«

»In Vincennes?« frug ungläubig Josy -- »was wissen sie denn in Vincennes
von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas gehört
haben sollten -- Unsinn -- wäre doch verdammt neugierig _das_ zu
erfahren!«

»Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch sagen,« fuhr Shark fort,
trank sein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerksamen Wirthin
augenblicklich wieder gefüllt wurde, rückte sich seinen Stuhl ein
bischen näher zum Tisch, putzte das Licht, stemmte beide Ellbogen auf,
stützte gegen die zurückgestreckten Daumen das spitze Kinn, und sagte
dann nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flüsternder Stimme:

»Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.« --

»Nicht ganz richtig?« frugen die drei übrigen wie aus einem Munde.

»Nein« -- sagte der Krämer -- »nicht ganz richtig -- oder eigentlich
_gar_ nicht richtig, denn die Indianer schnüffelten blos deshalb hier
noch in der Nähe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton jetzt
stünde, einen Schatz vergraben hätten, den sie heben müßten, ehe sie
sämmtlich das Land verlassen dürften.«

»Einen Schatz?« rief die junge Wirthin, erstaunt näher tretend.

»Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei kostbaren Steinen und
Schmucksachen« -- fuhr der Krämer eben so geheimnißvoll wieder fort.

»Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt haben,« sagte der
Wirth ungläubig -- »das was die Indianer für kostbar halten, ist für
uns Weiße keinen Pfifferling werth -- das sind gewöhnlich immer nur
Muschelstückchen, die an den Wampum genäht werden, rothe Erde, um
Pfeifen d'raus zu machen, und allerlei seltene Federn, die man in
New-York für einen Spottpreis kaufen kann.«

»Wo sie's hergekriegt haben sollen?« rief Shark in allem Eifer;
-- »haben sie denn nicht von jeher die weißen Ansiedlungen überfallen,
und da geraubt und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hände kam? wird
denn nicht sogar behauptet, daß es in dem Alleghany-Gebirge Stellen
gebe, wo das Gold klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl
gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt hätten, was sie damit
anfangen sollten, bis sie es später durch die Gier der Europäer
erfahren! Nein, die Schätze sind da, das ist gewiß, und daß sie hier in
der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt
sitzen, das ist auch möglich. Was _hätten_ denn auch wirklich die rothen
Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin ich wieder Dreien
begegnet, wie ich, um ein Eichhörnchen zu schießen, in den Wald ging.«

»_Die_ sind nach Vincennes zu,« unterbrach ihn hier die Wirthin, »sie
wollten auch blos eine Parthie Otterfelle verkaufen und dachten gewiß
wenig genug an Schätze.«

»So?« rief der Krämer pikirt. -- »Otterfelle verkaufen, als ob sie
deshalb nach Vincennes zu gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton
Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lumpige Otterfelle
abzukaufen. Nein, das hat einen anderen Grund, und wir werden's schon
noch erfahren. Deshalb war ich übrigens auch so dagegen, daß der kleine
Doktor den Indianer zerschneiden sollte -- der Teufel hole die rothen
Schurken, vielleicht hätten sie das als eine Ausrede genommen, uns die
Häuser über dem Kopf angesteckt, und hier mitgenommen, was sie
mitzunehmen wünschten.«

»Ja, das sag' ich auch« -- meinte Josy -- »das wäre auf keinen Fall
gegangen; ich weiß noch recht gut, wie sie's ein Mal in Greentown einem
Deutschen machten, der auch das Gerippe von einem am Mississippi
begrabenen Häuptling hatte stehlen wollen -- sie erwischten ihn dabei
-- zogen ihm den Scalp ab, und ließen ihn laufen -- drei Stunden drauf
war er todt. Ich habe die Geschichte Mac Botherme zur Warnung erzählt.«

»Ja, und nachher haben sie noch fünf aus derselben Ansiedlung
erschossen,« sagte Weppel -- »ich kann mich recht gut darauf besinnen,
denn ich kam acht Tage später durch Greentown.«

»Und dann war Salomo auch ein herzensguter Mensch« sagte Mrs. Glassy
-- »gar nicht wie die anderen Indianer -- überall gefällig und immer
freundlich -- es hätte mir in der Seele weh gethan, wenn er nicht einmal
ruhig im Grabe geblieben, sondern von dem -- Irländer da, zerschnitten
wäre. Soviel weiß ich -- wenn der hier in Waterton Menschen die
Eingeweide herausnimmt und an ihnen herumsticht als wie an einem anderen
Stück Vieh, dann mag er mir nur hier aus dem Hause bleiben, dann dank'
ich ihm für seinen Besuch -- ich ekelte mich zu Tode.«

»Na, das wäre nun das Wenigste,« lachte ihr Mann -- »das wäscht
sich Alles wieder ab, und was Salomo betrifft, so ist Einer von den
Moccasinzertretern so schlimm wie der andere -- je freundlicher sie sich
stellen, desto mehr muß man sich vor ihnen in Acht nehmen. Aber darin
hat Shark recht -- ich möchte nachher nicht mehr vor die Thür gehen,
wenn es unter dem Stamm bekannt würde, wir hätten hier in Waterton Einen
von ihnen nicht allein nicht begraben, sondern sogar noch zerschnitten
-- am Ende glaubten sie gar, wir wären Menschenfresser.«

»Brrr,« sagte Mrs. Glassy, und schüttelte sich bei dem Gedanken.

»Ja Kinder,« meinte Mr. Weppel, als er jetzt aufstand und ans Fenster
trat, um hinaus auf die menschenleere Straße zu sehen -- »was Besonderes
ist hier nicht weiter zu bekommen, und da will ich denn lieber zu Hause
gehen -- meine Alte möchte doch sonst brummen.«

»Wie viel Uhr hat's denn?« frug Jim -- »es muß ja noch früh sein.«

»Es ist gerade neun vorbei,« sagte der Schullehrer, »der Mond drückt
sich auch da drüben in's Nest -- morgen muß ich um sieben wieder auf den
Beinen sein und Schule geben -- also gute Nacht, meine Herren.«

»Wartet Weppel,« rief Shark, während er aufstand und nach seinem eignen
Hute griff -- »ich gehe mit -- ich muß so ein Bischen in's Freie, habe
in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekommen. Aber wer klopft da
draußen -- ist denn zugeschlossen?«

Die Thüre war inwendig eingeklingt und Mrs. Glassy öffnete sie schnell,
hätte aber fast einen lauten Angstschrei ausgestoßen, als plötzlich,
halbgebückt, den rabenschwarzen runden Wollkopf entblößt, ein kleiner,
etwa zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer glitt, der, augenscheinliche
Angst in den dunklen Zügen, die Männer der Reihe nach ansah, und nicht
zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus sollte.

»Jesus im Himmel!« sagte Mrs. Glassy, indem sie überrascht einen Schritt
zurücktrat, »habe ich doch wahrhaftig geglaubt, es wäre ein Indianer,
der da den Kopf zur Thüre herein streckte. Was willst du denn noch so
spät, Sip? schickt dich dein Master?«

Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem Baptistenprediger
vermiethet hatte, und auch dann und wann, besonders wenn sein Herr nach
irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand
kleine Aufträge und Wege für das Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu
gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafür belohnen
ließ. -- Jetzt verrieth sein ganzes Wesen aber mehr Furcht und Besorgniß,
und mit leiser, bebender Stimme stotterte er:

»Ne -- ne -- nein, Missus -- Ma -- Massa nicht, a -- aber -- ich ha
-- habe wa -- wa -- was gehört --«

»Du hast was gehört?«

»Ja -- Mi -- Missus« -- fuhr der Kleine ängstlich fort -- »w -- w -- wie
ich durch Ma -- Ma -- Massa Glassys Me -- Melonengarten ging --«

»Sirrah, du Schuft,« unterbrach ihn hier Mr. Glassy entrüstet -- »was
hast du in Ma -- Ma -- Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab ich
dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, meine Melonen auch nur
über die Fenz herüber anzusehn?«

»Aber so laßt ihn doch nur erst erzählen, was er gesehen hat?« lachte
Weppel -- »der arme Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst
und Stottern heraus.« Sip schien auch wirklich dadurch, daß er sich hier
so urplötzlich selbst verrathen hatte, ganz consternirt zu sein und
stotterte eine solche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn Mrs. Glassy
erst wieder beruhigen mußte, bis er sich nur wenigstens in so weit
verständlich machen konnte, daß sie begriffen, was er eigentlich wolle.

Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich übrigens näher auf ihr kaum
unterbrochenes Gespräch, als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte
ihnen jetzt, daß er _durch_ eben den fraglichen Melonengarten, aber blos
_durch_gegangen sei, um schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht
an der Fenz hin zwei Männer gesehen habe, von denen der Eine eine
Flinte, der andere aber Hacken und Spaten getragen. Nicht weit von ihm
seien sie eine Weile stehen geblieben und er hätte deutlich die Stimme
des kleinen irischen Doktors erkennen können, der mit seinem Diener
davon gesprochen, den todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu
Hause zu tragen.

Sip war eben nur deßhalb so erschreckt über das Ganze, weil er seinen
eigenen Master schon vor dem Begräbniß des Indianers sagen gehört,
sie dürften es unmöglich wagen, die Rache der noch in der Gegend
umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn solche Menschen, die Nichts
weiter zu verlieren hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte
Vergeltung für erlittene Unbill auszuüben glaubten, seien zu Allem fähig
und würden die Weißen nachher ruhig todtschlagen, das, was sie besäßen,
rauben, und die Neger -- eine Hauptsache für _Sip_, in Gefangenschaft
schleppen.

So unausführbar nun auch das Letztere gewesen wäre, da die Indianer,
nach einem ausgeführten Gewaltstreich, nur nach Canada hoffen durften
zu entkommen, so glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig
bekannt, seine Existenz auf das Äußerste gefährdet, und bat jetzt die
Männer mit thränenden Augen, sie möchten doch nur um Gotteswillen nicht
zugeben, daß die bösen Menschen ihr Vorhaben ausführten.

»Hm,« sagte nach langer Pause Weppel, als Sip geendet und schüchtern in
eine Ecke zurückgetreten war -- »der verwünschte kleine Doktor wird uns
am Ende noch zu schaffen machen.«

»Ei potz Hammer und Zangen,« rief Josy -- -- »wir wollen ihm nach -- wer
fürchtet sich denn vor seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht,
und mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhörnchen draußen
herumschnappt. Wir wollen doch einmal sehen, ob der Fremde hier nach
Waterton gekommen sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von
Leib und Leben zu bringen.«

»Nein, das seh' ich auch nicht ein!« sagte Weppel -- »er hat bei uns
um den Leichnam angehalten -- er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn
jetzt _stehlen_ will, so brauchen wir das nicht zu leiden.«

»Leiden?« donnerte der kräftige Schmied dazwischen -- »der Teufel
brauchts zu leiden -- aber wir nicht -- hol' doch den ganzen Irländer
der Böse -- mag er zu seinem eigenen Land zurückgehen, wo's keine
Frösche und Schlangen giebt, wenn er aber _hier_ leben will, so soll er
sich auch den Gesetzen des Landes fügen, oder -- ich will ihn mit ein
paar Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als
zum zweiten Mal den Ambos abgeben sollte. Kommt, wir wollen ihm nach,
und wenn _ich_ ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich einen
Holzkopf.«

Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest in die Stirn, und schien,
ohne alle weiteren Umstände, seine Absicht auch ausführen zu wollen;
Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte,
während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich:

»Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten -- der Indianer gehört nicht mehr
in den Staat -- er liegt auf _Congreßland_ begraben und _wir_ haben eben
so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor -- _gesetzlich_ können
wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und
fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, davon gesprochen und
die Aufmerksamkeit der Indianer noch stärker nach Waterton gelenkt, als
das bis jetzt schon geschehen; -- ließe sich das Ganze nicht auf irgend
eine andere Art beilegen?«

»Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe?« frug Mrs. Glassy
-- »das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!«

»Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten
mitten durch die Stadt laufen,« -- sagte der Schulmeister -- »so
gescheidt ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir's
wahrhaftig gedacht.«

»Ach was _denken_,« fiel der Schmied hier ärgerlich ein -- »hol' der
Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das
Wiederkommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er sich,
wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie's die
Amerikaner verlangen.«

»Meine Herrn!« unterbrach ihn hier Shark -- »dagegen muß ich zweierlei
einwenden -- erstlich habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon
jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte
herausreißen lassen, und dann -- könnte die verwünschte Flinte _doch_
einmal losgehen -- _die_ Art Schießeisen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt
ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst
recht. In dem einen Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht
die halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch schlimmer wäre,
einen von uns todtschießen; ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas
Besseres besinnen. -- Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten
Neger versprächen, der in der Ansiedlung stirbt.«

»Oh Go -- Golly, Ma -- Ma -- Massa!« schrie Sip entsetzt, »was hat a
-- a -- arme Nigger gethan, -- N -- nein -- Sip we -- we -- weiß 'was
Be -- Besseres!«

»Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du« -- lachte Weppel
-- »heraus mit dem Be -- Besseren!«

»Massa Bo -- Botherme, fü -- fü -- fürchtet Indian -- i -- i -- ich
schreie ge -- gerad wie Indian« -- und ohne eine weitere Aufforderung
abzuwarten, stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender
Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der
Winnebagoes aus, daß Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die
Männer überrascht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick
begriffen, was der Knabe meinte, und rief jetzt jubelnd aus:

»Bei Gott, Kinder, ich hab's -- Sip hat recht, das ist ein kapitaler
Einfall -- wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist's, der Mond ist
unter, da brauchen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen,
und unsere Garderobe ist fertig. Draußen schleichen wir uns denn an
das Grab hinan und wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen
einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei
ausgewanderten Stämme säßen ihm auf dem Nacken.«

»Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,« meinte Josy, dem
der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor
sich hin.

»I Gott bewahre!« sagte der etwas ängstliche Krämer, »wozu? der Wald ist
dicht verwachsen, und so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es
soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.«

»Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt« -- meinte Weppel.

»Nein, dafür steh' ich,« lachte der Wirth -- »wenn der die Büsche
rascheln und nachher den ächten Schlachtschrei hört, dann möchte ich
meinen Hals darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der Böse
hinter ihm wäre.«

»Aber reinen Mund müssen wir halten,« meinte Shark -- »sonst holt er ihn
später am Ende doch noch.«

»Wenn der _einmal_ verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder« -- sagte
Glassy -- »übrigens ist's einerlei, ob wir bei _dem_ einen ächten
oder unächten Schlachtschrei haben -- der versteht ihn doch nicht zu
unterscheiden -- was hilft auch der Kuh Muskate -- doch gleich viel,
jetzt nur fort, daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip sagt,
durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er
an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht
hinüber. Wir können indessen hier gleich über die Brücke und auf der
breiten Straße fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe
Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heißen
Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können,
und jetzt ihr Herren -- an's Werk.«

Es war Nacht -- droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die
schönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder -- ein leiser Südwind
strich fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur das
schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden
Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. -- Sobald
er aber das Flußthal erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume standen,
da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig
zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte
und brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges zu sagen
habe. Die aber schüttelten leise und altklug mit den Köpfen -- sie
wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts
Derbes und Tüchtiges herkommen könne. »Ja,« sagten sie, »wenn er von da
drüben herüber, über die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern
nieder, dann wär's noch der Mühe werth, sich dagegen zu stemmen, oder
einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, so aber -- laßt ihn
weiter ziehen, Schwestern -- es ist ein Südländer -- er tritt patzig
auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes in's Ohr, und ist dann eben so
leicht verschwunden, wie er gekommen.«

So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu saß
mitten drinn und schaute gähnend in das noch vom letzten Herbst dort
unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen
in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus,
vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare.

Die Natur feierte ihren Sabath -- heilige Ruhe lag über der ganzen
Welt, sogar die Frösche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise
und schüchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle
hineinzuquaken in die stille -- hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte
auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht
durch die dicht verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine
Fluß seine unregelmäßige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden
brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen
Himmelskörper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den
leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen.

Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo
das blasse Sternenlicht seinen matten, dämmernden Eingang fand -- es
war dies eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen
westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen,
während der sie umschließende Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume
trägt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stämme
hier herausgerissen seien, und das weite, die enge, nackte Stelle
umkreisende Waldmeer schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben
zu schließen.

Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im Durchschnitt haben; seinen
Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher
Hügel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde
trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm
festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines
Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden.

Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grünenden
Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging,
umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgruß hinauf
geheult zu den Sternen -- die Spuren seiner scharfen Krallen
bezeichneten noch den weichen Grund.

Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, im matten Licht, dicht zu
Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner
von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? -- Hatten sie soweit sein
Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von
ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten
ihn früher erquickte? Ach nein -- nein -- nicht Liebe war's, die das
erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne -- den Leichnam
aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das
geschehen konnte, so schnell geschah es -- daß sie das indianische Grab
dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Race selbst
bewiesen.

Und jener Stein? --

Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und
stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten -- hättest du den leisen
monotonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flüstern,
die Todtenklage über den Geschiedenen murmelte, du hättest nicht nach
einem _Stein_ gefragt -- ein _lebendes_ Monument seines Stammes, kauerte
der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab -- seines
_Vaters_, und während die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen
lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den
Sternen gestreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf
und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen.

Da plötzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt -- die hohe
Feder schwankte von der fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere
Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem
noch fernen aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Geräusch zu
horchen.

Es kam näher -- er unterschied Stimmen -- er vernahm das Krachen und
Knicken niedergebrochener dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig
erhebend -- das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, von der die
störenden Laute tönten, glitt er leise zurück in den schützenden
Schatten der Bäume und verschwand im nächsten Augenblick in ihrem
Dunkel.

       *       *       *       *       *

»Ich sage dir Patrik -- du bist ein Esel!« rief Doktor Mac Botherme,
als er wenigstens zum fünfzigsten Mal über die im Wege liegenden
Äste gestolpert und gestürzt war, und eben wieder, die Schienbeine
reibend, aufstand -- »du schwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen
Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen
könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwarr von
knochenzerbrechenden Bäumen -- Herr Gott!« unterbrach er sich hier
selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem
Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen geblieben
war, und sich nun sorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen
fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute.

»Aber Doktor Mac Botherme« -- fuhr der dadurch ungerührte Patrik in
seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen
Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde
niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen Seiten hin umsah
-- »ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald
rechts, bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: »Patrik, mein
Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter -- gehe keinen Schritt weiter,
in dieser gesegneten Nacht -- es kostet sonst deine Seele -- du bist ein
verlorenes Schaaf.« --«

»Du bist ein _geborener Ochse_ -- Patrik, mein Herzchen!« rief der
Doktor ärgerlich, dem die Angst seines Gefährten keineswegs gelegen kam.
»Hab' ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, daß es die Zweige und
wilden Rebenstöcke sind, in denen du hängen bleibst; -- wenn du dich
nicht jedesmal bücktest und an zu beten fingst, so könntest du's selber
sehen.«

»Arrah Sir« -- seufzte der sich hier höchst unbehaglich befindende Ire,
»mag's mir die Mutter Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in solch
heidnischen Wald getraut habe; aber so viel weiß ich -- bin ich erst
einmal wieder in der Stadt -- keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in
eine solche Gegend. -- Und nun auch erst noch Leichen ausgraben« -- fuhr
er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indessen, sich wenig
um seine Klagen kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich
befanden; -- »Leichen ausscharren, wie's die wilden Bestien in Afrika
machen sollen -- und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes
ehrliches Stück Rindfleisch -- o Jäses, o Jäses, wenn uns heute der Böse
nicht holt, dann giebt's gar keinen!«

Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug fallen lassen,
und kauerte sich, die Hände über die Knie gefaltet, ängstlich nieder.
Mac Botherme kannte aber den Geist, der seine Geister_furcht_ zu bannen
vermochte -- aus seiner Tasche holte er die mit Leder überzogene
Feldflasche vor, zog den Stöpsel ab und hielt sie mit ausgestrecktem
Arm dem Muthlosen entgegen.

»Hier Patrik!« sagte er dabei -- »deine Einbildungskraft wird trocken
-- gieß ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln -- nachher erholt sie
sich wieder, und -- bedenke, daß du, wenn du mir jetzt getreulich
beistehst, nach glücklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld
und -- zwei Gallonen -- sage zwei Gallonen Whiskey erhältst, und den
zwar vom besten!«

»=Honey my dear!=« sagte Patrik, der schon bei dem Abziehen des Stöpfels
den Kopf gehoben und einen flüchtigen aber sehnsüchtigen Blick nach der
Flasche hinübergeworfen hatte. -- »Doktor Mac Botherme ist der Mann,
der einem armen gedrückten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der
Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher wirklicher Christ, wie
Vater O'Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.«

»Sei nur jetzt ruhig, Patrik!« beschwichtigte ihn der Doktor, und warf
einen scheuen Blick umher -- »wir können nicht mehr weit von der Stelle
sein, und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, desto besser ists.
Es -- es könnte ja doch =per= Zufall so eine verwünschte Rothhaut im
Walde herumkriechen, und dann ist's immer besser, man schreit so wenig
als möglich. Komm Patrik -- in einer Stunde kann unser ganzes Geschäft
abgemacht sein.«

Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die
Flasche an sich genommen hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise
flüsternd, aber mit ängstlicher Stimme sagte:

»Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen Deiwels, die einem
rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel
d'raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme
fürchtete, daß sie hier herumschnüffeln und Lust nach Paddy O'Flahertis
Goldhaar haben könnten?«

»Rede nicht so albernes Zeug, Pat!« sagte der Doktor, und machte seinen
Arm von dem des Dieners los -- »komm lieber, und sei gescheidt -- denk
an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der
klare Tropfen ist's, den Patrik O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er
jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!«

Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn
hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine
weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, und hatte so,
wenn auch unbewußt, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen
zu machen, denn der wäre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein
im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten sie aber
auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, da er den
stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen,
unheiligen Händen entweihen wollten.

»Patrik,« flüsterte der Doktor -- »das hier ist die Stelle -- _hier_
ist das Grab -- da gerade in der Mitte. -- So, nun nimm deine Hacke und
Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb mir einmal
das Pulverhorn -- wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der
Henker traue doch dem Frieden -- besser ist besser -- nun? hörst du
nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!«

»Und ist es das, was Ihr verlangt?« frug Patrik erstaunt, »steckt denn
nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?«

»Unsinn, Pat!« sagte der Doktor ärgerlich, während er sich jedoch die
Taschen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken
eingesteckt habe. -- »Unsinn Pat, _hier_ ist's nicht -- und da nicht
-- und da vorne auch nicht -- ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick
ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.«

»Segne Eure Seele Herr!« rief Patrik schnell -- »und ist es weiter
Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr
sucht?«

»Nein, das gerade -- hast du's? --«

»O Misther -- macht Euch keine Sorge deßhalb, das hängt ruhig am Nagel
hinter der Thür.« --

»Holzkopf!« rief der Doktor entrüstet -- »hab' ich dir nicht noch
ausdrücklich befohlen -- du solltest dich in Acht nehmen, daß es nicht
naß würde.«

»Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich's
hinter die Thüre hing?« erwiederte der unverwüstliche Ire -- »wie hätt'
ich's können trocken halten, wenn's heut' Abend regnete?«


»=O sancta simplicitas!=« murmelte der Doktor -- »da -- jetzt sitzen wir
in einer ganz gemüthlichen Patsche -- _wenn_ nun die Indianer kämen,
Patrik, _wenn_ sie nun kämen?! -- das war der dümmste Streich, den
deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht -- jetzt hab' ich doch das
Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke Schulter so blau
ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.«


Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines Gewehrs wie vom
Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein
»Misther« so ärgerlich sei -- da sie ja doch den _Whiskey_ nicht
vergessen hatten; er begnügte sich deshalb bloß, einfach mit dem Kopf
zu schütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton
gegebenen Befehl, »abzuladen« und die Arbeit zu beginnen. Er warf also
die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke
auf, die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei umschaute, als
wenn er nicht ganz sicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen
hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam,
und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen
Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick
nach allen Seiten umherwarf.

Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen unbehülflichen Sacks
entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen
hervornahm, um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert war,
nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen
Gefährten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen.

»Patrik -- =honey=!« sagte der würdige Mann, während er den Spaten
aufnahm und den Hügel rasch hinanschritt, »Patrik mein Herzchen, komm
und lass' uns munter an's Werk gehen. -- Je länger hier, je später dort
-- hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d'rin
-- denk' an den Whiskey, Paddy!«

»Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten
hat« -- sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast
geleerten Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche
zurückschob -- »war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getränkt
und gewärmt hat -- aber Misther Doktor -- segne unsere Seele -- ich
wollte es wäre vorbei -- s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten
Todtengräber zu spielen -- hallo, was war das?«

»Was war _was_?« rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen
Seiten um. »Was war _was_, Sir?«

Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise
Rauschen der Bäume, das melancholische Quaken der Frösche konnten sie
hören -- sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu
ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürrisch:

»Nun hab' ich's satt -- Sirrah -- hack' ein und mach' ein Ende -- wir
wollen doch nicht die ganze _Nacht_ hier auf dem Grabe zubringen.«

»Mit Gott denn« -- sagte Patrik, zog seinen Rock aus, warf den alten
Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die
breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage
aus -- da krachten und brachen -- gar nicht weit von ihnen entfernt,
die Büsche -- durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas im
Walde aufgescheucht -- eine große Eule, und in kurzen Zwischensätzen
war es den beiden, jetzt starr wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob
irgend Jemand -- ob Hirsch, ob Mensch, ließ sich nicht unterscheiden
-- durch das vorjährige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den
amerikanischen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt.

»Doktor -- was war das?« flüsterte Patrik leise, während er die Hacke
bedächtig wieder zu seinen Füßen niedersetzte.

»Weiß der Teufel,« brummte Mac Botherme, »ob's bloß ein Hirsch war,
der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde -- das _muß_ es auch
gewesen sein, -- wer, zum Henker sollte denn jetzt --«

»Doktor -- Misther Doktor,« zischelte Patrik und blickte sich scheu,
bald über die rechte, bald über die linke Schulter -- »Patrik O'Flaherti
ist's, dem's unheimlich zu Muthe wird -- Jäses -- ich wollte ich läge in
Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.« --

Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und
horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Geräusch
-- aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig -- selbst der Wind
schien erstorben -- kein Lüftchen regte sich.

»Patrik,« sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, daß er selbst
kaum vernahm was er sprach -- »Patrik -- wir wollen unsere Arbeit
schnell vollenden, und dann machen daß wir zu Hause kommen -- es ist
unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings
herum.«

Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurück
gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und
schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein.
Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wäre, die alle bösen
Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so
schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei
auszustoßen, und zugleich raschelten die Büsche -- knackten und brachen
die Zweige, und heraus aus dem Dickicht -- Gespenstern gleich, mit den
fast übernatürlich gellenden Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken
gehüllte Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel hinan auf
die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenräuber ein.

Starr und entsetzt dastehenden -- ja -- im ersten Augenblick der
Überraschung -- als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da so etwas
Fürchterliches ja gar nicht wahr sein könne -- plötzlich aber -- wie
der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die
Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach
vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: »O Jäses!« ließ die Hacke
fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten Theile des Waldes
verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen
Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu bleiben um dessen
Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief
ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen.

Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter
sich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu
unterscheiden -- glaubte natürlich nicht anders als es sei Einer seiner
rothhäutigen Verfolger -- beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so
mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich,
und erreichte nach kurz zurückgelegter Strecke den kleinen Fluß, den er
übrigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem
er sich nur mit größter Anstrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten
konnte. Das nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm er in
ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich
zärtlichem Tone seinen Namen rief -- wandte er nicht einmal den Kopf,
sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf's Neue in Dornen und
Schlingpflanzen hinein.

Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber
nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, daß
er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern
ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um
in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald
schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wußte er doch
wenigstens ungefähr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab
gehen, um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt in vielleicht
einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine
Sinne geschärft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß gerade in
der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den
Büschen raschelte.

Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum
Besinnen bleiben -- im nächsten Moment theilten sich die Sträucher und
eine dunkle Gestalt, mit -- wie er damals glaubte -- weißbemaltem
Gesicht sprang in wilden Sätzen auf ihn zu.


       *       *       *       *       *

Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenräubern zurückzukehren,
so hatten Patrik O'Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als
sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache
gehabt zu erschrecken, denn so plötzlich und ohne weitere Warnung
von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies ihr
Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären etwas Unerlaubtes und äußerst
Gefährliches zu thun, mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie
besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar
nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile, mit der
sie alles Hierhergebrachte zurückließen, war also vollkommen zu
entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner,
keineswegs gesonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des
Hügels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und
Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und Grimassen nebenher getanzt
war, stieß eben noch, als Schluß- und Kraftakkord, und gleichsam
um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden
Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte und sie
zu immer wilderer Eile antrieb.

»Gentlemen!« rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz -- »der Sieg
ist gelungen -- die Festung erstürmt -- die Besatzung mit Zurücklassung
ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich stimme dafür, daß --«

Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm
stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand -- die wollene Decke leicht
von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwankend von
der raschen Bewegung -- ein wirklicher, lebendiger Häuptling -- ein
»scalpsüchtiger« Wilder -- ein Rächer der geschändeten Grabstätte.

Die Übrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den
Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark
blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe
herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber -- vom vielen Schreien
ordentlich blauschwarz im Gesicht -- wollte eben über den Hügel
wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit
einem »allerletzten« Male zu beglücken, als er fast gegen den Indianer
stieß, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu
wissen schien, ob die Männer, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der
Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte,
Freunde oder Feinde wären.

Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange
Stich gehalten hätte -- denn _daß_ es einer war, erkannte er auf den
ersten Blick. Mit flüchtigem Rücksprung warf er seinen Nachbar, den
entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine
trugen, in das ihm nächste Dickicht.

Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder -- kaum
sah dieser nämlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht
bestätigt, als er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu
warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im
Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit
gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in diesem Augenblick
schon wenigstens für scalpirt hielt.

Weppel -- auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der
Gefährten, als er sich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres
Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen eben so
schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy -- sonst der Muthigste
von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der
Wildniß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich
überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh -- Einer brach, mit dem
Angstschrei auf den Lippen, vor seinen Füßen zusammen -- hoch auf dem
Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen den indianischen Krieger
-- was blieb ihm da anderes zu glauben übrig -- als sie wären von irgend
einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er selbst -- waffenlos
mitten zwischen ihnen -- konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle
verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten.

Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite,
um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen
Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die Übrigen, das schützende
Dunkel zu erreichen.

Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang
indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in
das Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher Richtung er
folgte, so er nur für den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte.
In tollen Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen
hinein, daß er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen
Gliedern einen Ausweg finden konnte; übersprang dabei Gräben und
umgestürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume
und Büsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an
dem er, rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese Bahn
mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich -- großer Gott, so muß
er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen -- vor einer
dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen.

Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß springen, wurde zum
Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies
war der Gefürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab -- mit
Blitzesschnelle wandte er sich und da er in dem Moment auch noch das
nahe Plätschern im Wasser hörte, was ihn natürlich gar nicht anders
glauben ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht
abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, so brach
er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt
gerad'aus, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren
Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung entsagend, neben
einer umgestürzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen
Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der
Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Ähnliches
einmal in einem Buche gelesen.

Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen den Wald, und auf
dem bedrohten Grabe, vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen,
stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen
Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des
Verblichenen. --

Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher Aufregung. -- Josy
traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als
nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß sie, die Waffenlosen,
gestern Abend von Indianern überfallen worden seien, versetzte Alle in
die peinlichste Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt und
ließ sie das Schlimmste fürchten.

Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach Vincennes senden und
von dort Hülfe holen? -- Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das
vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, hätte sich
wirklich Einer zu solch gefährlicher Aufgabe gefunden, wäre rettungslos
verloren gewesen. Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen und
bald nach Josy eintrafen, vermehrten nur noch die Bestürzung, da sie die
erstgehörte Unglückskunde nicht allein betätigten, sondern sogar noch
hinzufügten, daß sie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben
bemalt gesehen hätten, -- wonach Waterton also das Äußerste erwarten
durfte.

Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, denn Josy hatte ihn,
wie er fest und bestimmt behauptete, fallen sehen, sich aber natürlich
nicht weiter um ihn bekümmern können. Auch die beiden Irländer wurden
noch vermißt und man konnte nicht anders glauben, als daß sie ebenfalls
in die Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wären, welche
Befürchtung sich um so mehr bestätigte, da bis Sonnenuntergang am
nächsten Tage keiner der Dreie in Waterton erschien, während die
Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fieberhafter Aufregung Alles
hervorsuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder
Secunde erwarteten Angriff und Überfall zu begegnen. Besonders steigerte
sich gegen Tagesanbruch am zweiten Morgen ihre Angst auf das Höchste,
da sämmtliche Stämme gewöhnlich in dieser Zeit aus ihrem Hinterhalt
hervorbrechen. --

Aber siehe da, kein Überfall erfolgte, die Sonne stieg still und
majestätisch über den rauschenden Wipfeln der Bäume empor, und ihr
Strahl fiel auf kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht
leuchtete keinem mörderischen Angriff -- ihr heiteres Auge sah auf keine
rauchenden Trümmer und zuckende Leichen hernieder.

Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthselhaft -- der Mittag verging
-- die Sonne neigte sich schon wieder ihrem Untergang -- kein Laut ließ
sich hören, kein fremdes Wesen näherte sich der Stadt. Da endlich -- es
fing schon an zu dämmern, -- wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten
Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, Doktor Mac Botherme herbei,
und er, der noch gestern ein Gegenstand der höchsten Entrüstung gewesen,
da man nur auf seine Schultern die entsetzliche Gefahr sämmtlicher
Watertonisten wälzte, erschien ihnen jetzt wie ein Erlöser, der sie von
Furcht und Noth befreien konnte.

Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig Auskunft und Trost geben
-- das, was er bezeugte, klang eben so schrecklich, als sie es sich in
ihren wildesten Träumen gedacht. -- Er hatte den ganzen Wald voll Wilder
gefunden -- hinter allen Bäumen waren sie vorgesprungen, im Fluß wie
die Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder konnte er ihnen
entgangen sein. Halbverhungert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das
Leben selbst eine Last geworden, und er hatte, als er endlich einen
bekannten Weg fand, beschlossen, nach Waterton zurückzukehren, mochten
es nun die Indianer zerstört haben oder nicht.

Da -- während noch Alle um den Doktor geschaart standen und mit
ängstlicher Spannung seinen Worten lauschten, meldeten die indessen
ausgestellten Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden einzelnen
Wanderer, in dem Josy bald darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den
für todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, wie sah der aus
-- beinahe sechsunddreißig Stunden hatte er den Wald in wilder Angst
durchstreift, und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten,
erschöpft und bewußtlos zusammen. Unter guter Pflege erholte er sich
zwar in kurzer Zeit wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch
haarklein mit der des Doktors überein, und es blieb nun keinem Zweifel
mehr unterworfen, daß ihre Stadt und sie selbst von Indianern bedroht
gewesen, diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der Rache der Weißen
einen ernstlichen Überfall unterlassen hätten.

Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie es käme, daß so viele
Männer von Waterton an jenem Abend im Wald gewesen seien, darüber
beobachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes
Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti verschwunden blieb, so dauerte
es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Häuser und Familien wieder
zu verlassen, um jenen Grabhügel zu besuchen, auf dem fast ein Jeder die
Überreste eines vollständigen indianischen Lagers zu finden erwartete.
--

Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur mehr von Indianern
entdecken konnten, denn sie waren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den
Feind zu bekämpfen. -- Der Platz lag noch so öde und still da, wie an
jenem Abend, selbst Spaten und Hacke und die Kleidungsstücke der beiden
Leichenräuber deckten, wie sie von ihren Eigenthümern hingeworfen
worden, den Boden -- nur der Hügel selbst zeigte eine Veränderung. Das
Grab des Indianers war geöffnet -- der Sarg erbrochen -- die Leiche
-- fort. --

Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein konnten und was aus
dem von ihnen selbst begrabenen Indianer geworden, blieb Allen ein
undurchdringliches Geheimniß -- nur am Fluß fand Josy die tief
eingetretene Spur eines Moccasins, und die an dieser Stelle weit
hinausgewachsene Wurzel einer alten Sycomore machte es möglich, daß
hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles nur
Vermuthung, und da sämmtliche an jener Scene betheiligte Personen in
ihrer Schilderung einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben
übereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der
Wahrheit des Berichteten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt
gehalten.

Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs todt, sondern hatten
nur nach verschiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die
Ansiedelungen, die sie zufällig erreichten, durch ihre entsetzlichen
Erzählungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sip kehrte erst nach
vierzehn Tagen nach Waterton zurück, Patrik aber wanderte, so schnell
ihn seine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und von da nach den
östlichen Staaten zurück, da er erklärte »sein goldenes Haar nicht nach
Illinois getragen zu haben, daß so ein verdammter rothfelliger Schurke
Staat damit machen sollte.« Was aber Waterton anbetraf, so erwähnte er
von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das
wäre auch noch ein Ort, in dem er sein Glück könnte gemacht haben, wenn
ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende
scalpirt, und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wobei er selbst nur
noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wäre. --

Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen ein einsamer
Krieger der Winnebagoes sein leichtes Canoe, während vorn, zwischen den
Rippen, die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, in seine wollene
Decke eingehüllt, der starre Körper des alten Indianers lag. Der junge
Häuptling aber sang leise, indeß sein Ruder still und geräuschlos die
leichte Barke über die spiegelglatte Fläche trieb, und den Takt schlug
zu dem wehmüthig monotonen Lied:

  »Früher warst Du ein Häuptling --
   Der Wald hier gehörte Dein,
   Jetzt führ ich Dich leise und heimlich
   Hinunter den stillen Strom --
   Und früher warst Du ein Häuptling.«

  »Früher warst Du ein Häuptling
   Die Erde gehörte Dein,
   Jetzt mußt' ich Dich daraus stehlen
   Sie gönnten Dir selbst kein Grab --
   Und früher warst Du ein Häuptling.«

  »Früher warst Du ein Häuptling
   Und zähltest der Krieger viel,
   Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche
   Dein einziger Sohn -- allein --
   Und früher warst Du ein Häuptling. --«

Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leise murmelnden Fluß
hin -- weiter hinab, zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden
silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill sang in den Sträuchen sein
wehmüthig-klagend Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor von
dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. -- Der Tag dämmerte und das
leckere Mahl wollte er sich noch suchen vor der Morgenröthe. Auch die
Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete -- weit weit aus der
fernen Prairie herüber -- der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet
und jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhörbarem Tritt zurückschlich.
-- Und dort -- dicht hin unter den thaubehangenen Zweigen, die sich
tief hinabbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr erfaßt, unruhig
erzitterten und bebten, -- dicht hin, unter dem feierlichen Rauschen der
jungfräulichen Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde griff
-- glitt das Canoe des Indianers und sein Todtensang mischte sich mit
dem fröhlichen Lebensgruß des jungen Tages.



Nordamerikanische Jagd.

   Jagd auf Hirsche. -- Auf Truthühner. -- Ein amerikanischer Jäger.
   -- Bärenjagd. -- Der Panther. -- Der Wolf. -- Der Fuchs. -- Der
   Waschbär. -- Das Opossum. -- Schnepfen in Louisiana. -- Ausrüstung
   des amerikanischen Jägers. --


Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit
das unbegränzte Jagdgebiet der wilden Indianerstämme, sind jetzt zwar
von diesen geräumt und der weiße Jäger durchzieht nur mit wenigen
Ausnahmen, allein die ungeheuren Wälder und Steppen des gewaltigen
Reiches; aber auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von
Riesenhirschen (=Elks=), die sonst das Land belebten, sind von
den sicheren Büchsen der Amerikaner und eingewanderten Ausländer
erlegt, oder mit den rothen Söhnen der Wildniß weiter nach Westen
zurückgetrieben worden; immer aber schreitet noch manch stattlicher
Hirsch im Schatten des mächtigen Urwaldes einher und Bären und Panther,
wie verschiedene andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler der
westlichen Niederlassungen, fast auf jeder Farm, -- so nennt man die
einzeln liegenden Häuser und Felder der Amerikaner, -- eine Meute Hunde
zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier derselben zu schützen.

Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in Amerika angekommen, den
lockenden Beschreibungen jener Wälder nicht lange widerstehen, und
verließ von unbezwingbarer Lust für das edle Waidwerk getrieben, bald
nach meiner Ankunft in New-York, die östlichen Staaten, um den fernen,
so viel gepriesenen Westen aufzusuchen, aber nicht etwa in Schiff oder
Wagen, sondern zu Fuß, mit der Doppelflinte auf der Schulter und beim
geringsten Geräusch, das rechts oder links am Wege laut wurde, zum
Schusse fertig. Sehr häufig sah ich mich dabei im Anfang durch die
frei im Walde weidenden Heerden getäuscht, und ich weiß mich noch recht
gut des Abends zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang durch
dornige Schlingpflanzen und Sumpfstellen über umgestürzte Bäume und toll
und wild umhergestreute Äste hinweg, ja durch einen, über drei Fuß mit
Wasser gefüllten Bach fortkroch und lief, weil ich irgend etwas, das
langsam brummend und im Laube raschelnd von mir weg ging und, wie
ich einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, schwarz aussah,
beschleichen wollte.

Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht einmal Zeit, nach einer
Fährte zu sehen, und war nicht wenig überrascht, als ich endlich, mit
der Hülfe eines kleinen, schmalen Thales, das ich wie der wilde Jäger
durchraste, um dem Bären, denn für nichts Geringeres hielt ich mein
ausersehenes Opfer, den Weg abzuschneiden, ein gemüthlich im dürren
Laube wühlendes, zahmes Schwein fand, das, als es mich erblickte,
stutzte, mich anschnob und unwillig grunzend in das Dickicht trollte.
Ich kam damals in starke Versuchung, dem unschuldigen Geschöpf eine
Ladung Posten nachzusenden, mußte aber doch selbst zuletzt über den
komischen Irrthum lachen und war nur froh, daß ich bei der ganzen
Geschichte keinen Zeugen gehabt hatte.

Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staaten gar nicht, außer wild
gewordene zahme, die jedoch dann nur von den dort angesiedelten Farmern
geschossen werden dürfen; jede andere Jagd ist frei.

In den östlichen Staaten fand ich sehr wenig jagdbares Wild -- Rebhühner
und Kaninchen ausgenommen, denn der deutsche Hase fehlt ebenfalls, soll
aber, westlich von den Felsengebirgen, am stillen Meere, ziemlich häufig
sein. Die Rebhühner sind kleiner als die unsrigen und auch etwas anders
gezeichnet; ihre äußeren Schwungfedern zum Beispiel ganz grau; auch ist
ihr Ruf anders wie der unseres Rebhuhns, denn sie pfeifen.

Die Kaninchen kommen den unseren fast ganz gleich und leben in Erdbauen
und hohlen Bäumen, färben aber im hohen Norden im Winter und werden
weiß.

Vielen Spaß machten mir später, als ich den Staat Illinois mit seinen
ungeheueren Prairien oder Steppen durchzog, die sogenannten Prairiehühner,
die sich hier in gewaltigen Ketten zusammengethan hatten. Ich wollte
erst meinen Augen gar nicht trauen, wie's überall um mich herum
emporschwirrte und _tausende_ von starken Hühnern aufstiegen; fand aber
bald so viel von ihnen, daß ich die Suche gern aufgab und nur dann und
wann, am Wege hin, schoß was ich brauchte.

Das Prairiehuhn ist etwa von der Größe unseres Haushuhns -- von
graulicher Farbe, mit befederten Ständern und kurzem, feldhuhnartigem
Schwanz; der Hals ist aber lang wie beim Truthahn und die Flügel sind
ganz denen der Fasanen ähnlich. Es fliegt eben so wie das Rebhuhn; ich
habe aber stets gefunden, daß es selten vor einer englischen Meile
wieder einfiel, was denn das Nachsuchen sehr beschwerlich macht. Das
Fleisch ist, die Brust ausgenommen, nicht sehr besonders und steht dem
der Truthühner bedeutend nach; seine Federdecke aber ist im Winter so
dicht, daß es ziemlich starken Schrot erfordert, hindurchzudringen.
Sonst ist die Jagd auf dasselbe ungemein leicht, denn es scheut den
Menschen sehr wenig und kommt Morgens und Abends selbst zu den in den
Prairien zerstreuten Farmen, um sich auf den Fenzen (Einzäunungen)
derselben niederzulassen, wo es dann natürlich sehr leicht erlegt werden
kann. Beim Eintritt kalten Wetters fallen sie gern auf die Bäume und
sind in dieser Zeit, besonders wenn es etwas stark gefroren hat,
fast gar nicht wieder aus den Zweigen des einmal gewählten Baumes
herauszutreiben. Ich selbst schoß eines Morgens fünf von einer niedrigen
Eiche, in der etwa zwanzig bis dreißig standen, einzeln herunter, und
die übrigen blieben ruhig oben. Wagenladungen voll werden von ihnen nach
St. Louis und die benachbarten kleineren Städte auf den Markt gebracht,
und es leben viele Leute, die sich blos mit der Jagd derselben
beschäftigen.

St. Louis gegenüber kreuzte ich den Mississippi und wanderte von hier
durch den dichten Wald dem südlicher liegenden, wegen seiner Jagd
berühmten Arkansas zu. Nahe bei St. Louis ist jedoch sehr wenig Wild;
Feldhühner und Kaninchen wieder ausgenommen; auch lebt hier noch der
sogenannte amerikanische Fasan, der sonderbarer Weise in einem weiter
südlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn aber die Amerikaner Fasan
nennen, so ist er doch keineswegs dem unsrigen gleich, sondern
unterscheidet sich von diesem in vielen Stücken.

Es giebt zwei Arten -- den im Norden, in Canada, fand ich von graulicher
Farbe, mehr dem Prairiehuhn ähnlich -- der weiter südlich kam dagegen
dem deutschen etwas näher und sah bräunlich aus. Auf dem Kopfe trägt er,
wie dieser, einen Federschmuck; doch fehlt ihm das Spiel gänzlich, statt
dessen schlägt er im Affect ein Rad mit dem Schwanz und schleift wie
der Truthahn. Die Ständer sind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und
er lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zusammen, hat aber noch die
sonderbare Angewohnheit, in der Balzzeit sich auf umgestürzte Stämme
oder abgehauene Baumstümpfe zu stellen und an diese mit den Schwingen zu
schlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, zu »trommeln,« was man eine
lange Strecke weit hören kann. Sein Fleisch ist äußerst zart und weiß,
und er gehört zu dem besten Federwild der vereinigten Staaten.

In Missouri nun findet sich in großer Anzahl der amerikanische oder
sogenannte virginische Hirsch, den ich vor allen Dingen etwas näher
beschreiben will, ehe ich zur Jagd desselben übergehe.

Er ist bedeutend kleiner als der unsrige, und ähnelt in vielen Stücken
dem Damwild, trägt auch den Wedel statt der Blume; aber ein von dem des
Damwildes sehr verschiedenes Gehörn.

Sein ausgelegtes Geweih zählt selten mehr als vier, höchstens fünf und
sehr selten sechs Enden, obgleich ich einst im Walde ein abgeworfenes
fand, an welchem ich dreiunddreißig Enden zählte.

Dabei ist es, ungleich dem des amerikanischen Riesenhirsches oder
Elks, nach vorn zu gebogen und giebt ihm ein ganz eigenthümliches,
fremdartiges Aussehen. Äußerst selten findet man gefleckte oder weiße
Hirsche.

Das Rothwild färbt dreimal im Jahre. Im Januar nimmt der Hirsch sein
Winterkleid an und wird »grau«; im April erscheint er »roth« und wird
im August und September »blau«! Das Thier färbt stets etwa vier Wochen
später als der Hirsch. Zum Gerben eignen sich die Decken am besten vom
Mai bis Ende September, wo sie besonders in diesem letzteren Monat die
meiste Festigkeit erlangen.

Die Brunftzeit der Hirsche fällt durch die vereinigten Staaten, wegen
ihrer großen Ausdehnung nach Norden und Süden, sehr verschieden; -- in
Arkansas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man an, daß sie mit dem
ersten Frost eintritt, also etwa im October; -- weiter unten, in
Louisiana, fällt sie später, -- im Norden früher. Die Thiere setzen im
April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei Kälber, die bis zum Herbst
gefleckt bleiben und dann mit den übrigen »blau« werden.

Jagdgesetze existiren wohl in den vereinigten Staaten, werden aber nicht
im mindesten beachtet und jeder schießt, wann es und was ihm beliebt;
daß dies übrigens dem Wildstand ungeheueren Schaden thun muß, liegt klar
am Tage, und nur die wirklich erstaunliche Menge von Wild hat bis jetzt
der Ausrottung widerstehen können. Die Jagdbenutzung, d. h. wie sie bei
den Jägern dort gebräuchlich ist, will ich der Sonderbarkeit wegen
hierher setzen.

Januar. Die Hirsche stehen jetzt mit dem Wilde in Rudeln beisammen; die
Schmalthiere sind feist, und werden des Wildprets und Feistes wegen, die
Hirsche selbst nur der Wilddecke wegen geschossen, da der Jäger von den
letzteren nur diese und die Keulen mitnimmt, das übrige Wildpret aber
den Raubthieren und Aasgeiern überläßt. Ende Januar fangen starke
Hirsche schon an ihr Geweih abzuwerfen und dieser Monat, wie Februar
und März, heißt die »graue Jahreszeit!«

Februar wie Januar.

März. Das Rothwild hält sich jetzt, des Färbens und der überhand
nehmenden Mosquitos und Stechfliegen wegen, in den unzugänglichsten
Dickichten auf und Decke sowohl als Wildpret ist schlecht. Der März ist
daher der einzige Monat im Jahr, in welchem nur hie und da einzelne
Stücke geschossen werden; will ein Jäger aber eins haben, so zündet er
gewöhnlich in der Nähe eines Dickichts einen umgestürzten Baumstamm an,
-- das Wild kommt dann herbei, und stellt sich in den Rauch, um dadurch
Schutz gegen die quälenden Insekten zu finden.

April. Die Thiere fangen an zu setzen und besuchen, wie die Hirsche, die
Salzlecken. Ende dieses Monats beginnt die »rothe Jahreszeit« und dauert
bis Mitte September. Die Hirsche fangen an ihr Geweih aufzusetzen.

Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kienfackeln und angerichteten
Gestellen, wird jetzt ernstlich betrieben und Hirsche und Thiere werden
geschossen.

Juni. Die Thiere sind jetzt ebenfalls vollkommen roth; die Hirsche
werden feist und stehen, abgesondert von den Thieren, in Rudeln von
sieben, acht und mehr Stücken gewöhnlich in einem bestimmten Waldorte
beisammen, so daß man sicher darauf rechnen kann, sie hier im Umkreis
von zwei bis drei englischen Meilen zu finden. Einer der schwächsten
Hirsche ist gewöhnlich der Führer und erlegt man diesen zufällig zuerst,
so daß er im Feuer zusammenstürzt, so hat man nicht selten Gelegenheit,
die Übrigen, so schnell man laden kann, nachzuholen. Die Thiere werden
jetzt nur der Decke wegen geschossen.

Juli -- wie Juni. -- Kälber sind alt genug, um geschossen zu werden;
Hirsche fangen an zu fegen, vernachlässigen aber die Salzlecken.

August. Bei den Hirschen beginnt die »blaue Jahreszeit« und sie sind
nun am feistesten, die Decken auch in diesem und dem nächsten Monat
am geeignetsten für die Bereitung für Moccasins -- (Indianische
Halbstiefel.)

September. Desgleichen.

October. Mitte dieses Monats beginnt gewöhnlich die Brunftzeit, oft auch
erst zu Anfang November, besonders in recht späten Wintern. Nun eröffnet
sich für den amerikanischen Pürschjäger die beste Jagdzeit, denn der
Hirsch, den Fährten des Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich
sorglos den Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur der Decken
wegen geschieht, die, nach dem Gewicht verkauft, wenn getrocknet, von
starken Hirschen sechs bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen.

Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen Zustand wieder erreicht.

November. Desgleichen.

December. Vorzüglich Jagd auf Schmalthiere, die jetzt, wenn ein gutes
Eicheljahr war, anfangen feist zu werden. Hirsche und Thiere stehen
wieder in Rudeln zusammen.

Das ist ungefähr Alles, was über die in Amerika gebräuchliche Ordnung
bei der Hirschjagd zu sagen ist. Diese selbst wird auf dreierlei Arten
betrieben. Die erste ist das _Pürschen_, die zweite die _Hetze_ und die
dritte die _Nacht-_ oder _Feuerjagd_.

Das Pürschen bleibt sich natürlich in allen Ländern gleich und ist auf
jeden Fall nach der Bärenhetze die edelste und schönste Jagd.

Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebauten Lande, wo oft fast
undurchdringliche Dickichte die verfolgenden Hunde wie nachsetzenden
Jäger aufhalten, eine genaue Kenntniß des Bodens und Wechsels, und
eignet sich auch mehr für ein Land, wo das Wild schon dünner wird und
der Jäger froh ist, mit seiner ganzen Meute in einem halben Tag einen
Hirsch aufzujagen; aber auch in Arkansas, wo es noch Hirsche genug
zum Pürschen giebt, wird, den Winter hindurch wenigstens, diese Jagd
vorgezogen; im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage sehr drückend und
das Tragen der schweren Büchse zu beschwerlich ist, nimmt der Jäger zum
Feuer seine Zuflucht und schießt sein Wild Nachts bei der Kienflamme.

Sollte es übrigens unseren deutschen Jägern auffallen, daß Rothwild,
sonst das Feuer scheuend, bei diesem erlegt werden kann, so muß ich hier
bemerken, daß es in Amerika unter ganz anderen Verhältnissen aufwächst.
Im Frühjahr durchzieht wohl kein Jäger in jenen Gegenden den Wald, ohne
das dürre Laub, was oft vier bis sechs Zoll tief den Boden bedeckt,
an eben so vielen Stellen anzuzünden, als er sein Lager aufschlägt,
oder sein Mittagsmahl kocht. Es ist dies nicht allein um das Laub zu
beseitigen und den neuen jungen Graswuchs zu befördern, sondern auch das
lästige Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu tödten,
die sonst in einigen Jahren so überhand nehmen würden, daß an eine
Pürschjagd gar nicht mehr zu denken wäre. Solche Waldbrände greifen aber
selten oder nie gesunde und kräftige Stämme an, sondern beschränken sich
darauf, die am Boden liegenden Blätter und trockenen Dornen zu verzehren,
kleineres Buschwerk zu tödten und die dürren, halb oder ganz verfaulten
und umgestürzten Stämme in Brand zu stecken.

Die Hirsche gewöhnen sich hierdurch ganz an diese Feuer und sammeln
sich, besonders im Frühjahr, gern um sie, bezeigen daher auch nicht
die mindeste Furcht, wenn sie ihre gewöhnliche Salzlecke annehmen und
dort eine helle Flamme finden. Ihre großen, klaren Lichter der Gluth
zuwendend, schreiten sie still herbei und stürzen meistens, von der
sicheren Kugel getroffen, ehe sie nur die Nähe eines Feindes ahnen.

Eine solche Jagd anschaulicher zu machen, will ich eine der von mir bei
Salzlecken durchwachten Nächte beschreiben.

Es war im Jahr 1842, als ich im Monat April unterhalb Little Rock, der
Hauptstadt von Arkansas über den Arkansas-Fluß ging und die Sümpfe
durchstrich, die auf dem linken Ufer desselben um die sogenannte
Bayou-Meter (eine Art Fluß mit fast gar keiner Strömung, der im
Arkansas entspringt und auch wieder in denselben mündet) herum lagen.

Es ist ein gar trauriges Jagen in solchen Sümpfen, besonders im
Frühjahr, wenn der größte Theil derselben noch überschwemmt ist und
die Mosquitos dem sie Durchwandernden auch nicht die mindeste Ruhe
gestatten. Dabei sticht die Sonne am Tage so brennend, wie mitten im
Sommer, und fast keine Nacht vergeht, in der nicht ein Gewitter den im
Freien Campirenden, wenn er sich nicht schon darauf vorgesehen hat,
tüchtig durchweicht.

Am Fuße einer niedrigen Hügelreihe dem Laufe eines kleinen Baches
folgend, kam ich zu einem flachen, sumpfigen Fleck, der mitten im sonst
schönen, grünen Rasen so von Hirschen ausgetreten war, daß ich, in einem
Raume von dreißig bis vierzig Schritt im Durchmesser, auch nicht die
Spur von Grünem darauf sehen konnte. Es schien eine jener salzigen
Sumpfstellen zu sein, die das Rothwild besonders im Frühlings-Anfang
aufsucht, während es, weiter im Sommer, mehr die trockenen, Salz
enthaltenden Lehmufer der keinen Bäche annimmt. Kaum vier bis
fünfhundert Schritt von der erwähnten Stelle standen Kiefern, und ich
war schnell entschlossen, die Nacht an der Lecke, oder wie es im
Englischen genannt wird, »=lick=« zu wachen.

Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Schritt
von dem am meisten besuchten Theil der Salzlecke, ein kleines Gestell,
wozu ich mit meinem Tomahawk (indianisches Beil) vier Holzgabeln abhieb
und diese, das Gerüst etwa vier Fuß hochlassend, in den Boden trieb.

Auf darüber hingelegten Querhölzern wurden jetzt grüne Zweige
ausgebreitet und diese etwa fünf Zoll dick mit Erde und Rasen bedeckt,
damit das Feuer nicht hindurch brennen konnte. Als das geschehen, ging
ich mit meiner wollenen Decke und dem Tomahawk zu den Kiefern und
Fichten zurück, und spaltete leicht aus den dort wildumhergestreuten
Stämmen genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine gute Flamme zu
unterhalten, das ich nachher in der Decke zur Salzlecke trug und um das
Gerüst herum aufhäufte, damit ich es in der Nacht leise und geräuschlos
abnehmen und auf die niedergebrannten Kohlen legen konnte. Eine andere
Vorsichtsmaßregel war aber jetzt noch zu treffen. Im Westen thürmten
sich wieder dunkele, drohende Wolkenmassen auf und ließen mich nicht
ohne Grund vermuthen, daß ich vor anbrechendem Tageslicht nähere
Bekanntschaft mit ihnen machen würde. Mehre der umher liegenden Stämme
mußten daher ihre Rinde abgeben, von der ich eine bedeutende Quantität
zu meinem Verstecke hinschaffte, um im Nothfall davon Gebrauch machen zu
können.

Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir jetzt auch eine
kleine Vorrichtung, die Büchse (ich hatte schon seit Jahren das leichte
Schrotgewehr gegen die schwere Büchse vertauscht) auflegen und sicherer
schießen zu können, stellte mir dann Messer, Kugeltasche und Pulverhorn
zurecht, sah nach den Zündhütchen, daß die nicht wieder im Augenblick
der Noth im Unterfutter säßen und dachte, nachdem ich mein »Handwerkszeug«
in Ordnung hatte, jetzt auch ein wenig an den leiblichen Menschen, zu
dessen Stärkung ich ein paar Stücke gedörrten Hirschwildprets, die
Hälfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe Maisbrod hervorholte.

Der vorbeifließende kleine Bach sah gerade nicht eben einladend aus,
doch sind Hunger und Durst ein guter Koch; ein Becher voll des etwas
bräunlichen Wassers spülte das trockene Brod und Fleisch hinunter,
und ich würde mich sehr wohl und behaglich befunden haben, wären die
Mosquitos in dem niederen Lande nicht wie ganz wahnsinnig gewesen. Im
Anfang, als ich mich hinsetzte, kamen nur wenige angeflogen und sogen
sich voll; diese mußten aber den anderen wohl erzählt haben, wie gut
mein Blut schmecke, denn scharenweis drängten sie jetzt auf mich ein,
und hätt' ich sie ruhig gewähren lassen, so würden sie mich, noch vor
dem nächsten Morgen, so trocken wie einen Bückling ausgepumpt haben. In
der Dämmerstunde sind sie überhaupt stets am schlimmsten, und ich konnte
mich kaum gegen sie schützen, bis endlich die Schatten der Nacht sich
auf den Wald zu lagern begannen und der =Whip poor will= (Nachtvogel,
eine Art Ziegenmelker) sein eintöniges Lied sang.

Ich schlug jetzt Feuer, steckte den Schwamm in eine Handvoll dürrer
Blätter und erhielt durch Blasen bald eine helle Flamme, die ich mit
fein gehaltenen Kienspänen nährte und nun mein Feuer oben auf dem
Gestell entzündete.

Es war indessen völlig dunkel geworden und die helle Flamme, gerade über
mir, unter der ich völlig im Schatten saß, bewies sich als der schönste
Mosquito-Ableiter, den es nur auf der Welt geben konnte. Zu Tausenden
stürmten sie in die Gluth, die sie eben so schnell vernichtete, und
mit wahrhaft teuflischer Schadenfreude saß ich darunter und sah sie
elendiglich umkommen.

Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod beendigen, das ich, der
peinigenden Insekten wegen hatte niederlegen müssen, und schaute
lauschend dabei umher, die Ankunft eines Stückes Wild erwartend.

Es ist ein herrliches Gefühl, in stillem Waldesdunkel bei der rothen
Kienflamme zu wachen, die um den Jäger einen Lichtkreis von kaum mehr
als vierzig Schritt im Durchmesser zieht, in welchem die gewaltigen,
magisch beleuchteten Stämme gleich Riesengespenstern zum schwarzen
Nachthimmel emporstarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner
Wolf sein klägliches Geheul erhebt, das seine Brüder von den Hügeln
beantworten, wenn die Eule mit ihrem eintönigen Ruf, die quakenden
Frösche und zirpenden Grillen einfallen und so ein eigenthümlich wildes
Concert entsteht, -- dann wird es Einem bei dem flackernden Feuer
ordentlich schauerlich behaglich zu Muthe.

Diese Töne verhallen aber nach und nach, sobald erst wirklich die Nacht
ihr Reich antritt, und von zehn Uhr ungefähr herrscht eine nur selten
vom =Whip poor will= und von einzelnen Fröschen unterbrochene
Todtenstille.

Jetzt mußte aber auch der Mond bald aufgehen, und mit äußerster
Aufmerksamkeit horchte ich dem leisesten Geräusch, jedem Rascheln der
Blätter, jedem Säuseln des Windes durch die hohen Baumwipfel. Um durch
den schimmernden Lauf nicht geblendet zu werden, hatte ich eben das
Visir über die Kienflamme gehalten und geschwärzt, dabei auch eine
Handvoll frischer Späne auf die fast niedergebrannten Kohlen gelegt
und hüllte mich wieder in meine wollene Decke ein; -- denn wenn auch
die Sonne den Tag über recht heiß brannte, waren die Nächte doch kühl;
-- als nicht weit entfernt von mir ein dürrer Zweig krachte. Das war
ein Stück Wild, und mit Blitzesschnelle griff ich nach der neben mir
lehnenden Büchse.

Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem sie dicht umschließenden
Gebüsch, das, von den riesenhaften Bäumen des sumpfigen Thallandes
überragt, keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellenden Mondes
hindurchließ; der von dem Rothwild benutzte Platz selber aber war
länglich oval und an ihm entlang floß der kleine, schon früher erwähnte
Bach, dessen gegenüberliegenden Rand niedere, dichte Büsche einfaßten.

An eine starke Eiche geschmiegt, hatte ich an dem einen Ende der Lecke
mein Gestell errichtet, damit ich die ganze Länge derselben beschießen
könnte, und gerade mir gegenüber schien das eben gehörte und sich
jetzt wiederholende Geräusch herzutönen. Regungslos lauschte ich mit
zurückgehaltenem Athem den lang ersehnten Lauten, als -- trap -- trap
-- trap -- in langsam abgemessenen Zwischenräumen der schwere Schritt
eines Hirsches zu mir herüberschallte. Jetzt stand er und ich wußte, er
äugte nach der Flamme. Schnell und geräuschlos spannte ich den Hahn und
machte mich fertig; wohl zwei Minuten aber konnt' ich auch nicht das
Geringste mehr vernehmen; der Kien fing schon wieder an etwas düsterer
zu brennen und ich mußte frisch nachlegen, als die Schritte aufs Neue
hörbar wurden, und gleich darauf glühten ein Paar rothfunkelnde Lichter
aus dem die Salzlecke umgebenden Gebüsch zu mir herüber. In demselben
Augenblick theilten sich auch die Zweige und vorsichtig und bedächtig
mit hochgehobenem Kopfe und vorgestreckten Lauschern betrat ein
stattlicher Hirsch, kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die kleine,
eingeschlossene Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der Flamme
herüber, denn der Kiengeruch mochte ihm nicht recht behagen, konnte aber
den Wind nicht von mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu.

Ich war jedoch indessen auch nicht müßig gewesen, hatte die Büchse
gehoben und den nichts Böses ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und
gerade, als er wieder stand, mit etwas mißtrauischem Blicke das Gestell
und die dicht daneben aufgehäufte Rinde betrachtete und mit dem rechten
Vorderlauf ungeduldig die Erde schlug, berührte mein Finger den Stecher
und hoch aufspringend stürzte er schreiend zusammen.

Ich trat schnell hinter die Flamme, wo ich vor allen Dingen meine Büchse
wieder lud, und schaute dann nach dem Hirsche hinüber; er war aber schon
verendet und lag bewegungslos dort.

Um nicht einen anderen, sich vielleicht in der Nähe befindenden, Hirsch
zu verscheuchen, verhielt ich mich übrigens ganz ruhig und ging nicht
hinaus, ihn abzufangen; aber wohl eine volle Stunde hatte ich wieder
gesessen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild hörte.

Dies Mal waren es mehr Stücke, und ohne sich im mindesten aufzuhalten,
ja ohne nur die Flamme eines Blicks zu würdigen, betraten sie den
offenen Fleck und wollten ihn eben, ohne sich weiter um die Salzlecke zu
bekümmern, kreuzen, als ein junger Spießer, der Führer der Ihrigen, von
dem frischen Schweiß Witterung bekam und schnaubend absprang. Wohl wußte
ich, daß mir jetzt nicht lange Zeit zum Überlegen bleiben würde, drum
hob ich schnell die Büchse und in demselben Augenblick krachte auch der
Schuß; mit einem Satz überflog aber der Spießer den Bach und war gleich
darauf im Dickicht verschwunden. Als sich der Pulverdampf verzogen
hatte, konnt' ich keines der übrigen Schmalthiere mehr sehen und nur
in der Ferne hörte ich sie schnaubend und pfeifend davon eilen.

Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch fern, aber doch schon
recht deutlich und freundlich mahnend ein dumpfer Donnerschlag zu mir
herüberdröhnte, der mir mit klaren Worten erzählte, was ich zu erwarten
hatte. Vor allen Dingen nahm ich daher ein Paar brennende Kienspäne, um
mir den Anschuß und den Schweiß zu besehen, um daraus zu beurtheilen,
wie weit der Spießer wohl noch gegangen sein könne; denn schickt in
diesen Sümpfen ein richtiges Gewitter seinen selten fehlenden Begleiter,
den Regenguß, herunter, so ist's nachher mit dem Ausmachen sehr
unsicher, weil die Fährten nachher gewöhnlich in einem freundlichen
Gemisch von Schlamm und Wasser zusammenlaufen, und wenn nicht die
Aasgeier, die merkwürdig rasch bei der Hand sind, das verendete Stück
anzeigen, sieht's mit dem Finden oft traurig aus.

Mit meiner schnell gemachten Fackel ging ich jetzt dem Platze zu,
überzeugte mich aber gar bald, daß der Hirsch einen Lungenschuß bekommen
hatte und nicht weit fort sein könnte. Schweiß lag im Überfluß auf dem
Anschuß und in der Fährte; als ich aber eben über den Bach hinüber
wollte, um den Platz, wo der Spießer lag, aufzusuchen und zu verbrechen
oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht verendet sein sollte (in Amerika
ist allgemein der Kälberfang Sitte und kein Jäger genickt ein Stück
Wild), als einige große, schwere, fallende Tropfen das jetzt rasend
schnell herbei eilende Gewitter verkündeten; ich ließ also Hirsch Hirsch
sein und sprang zu meinem Gestell zurück, nahm schnell das Feuer
herunter, das ich im Innern sicher niederlegte, um die Kohlen zu
bewahren und es nachher, wenn alles Andere naß sein würde, wieder
anzünden zu können, und deckte nun die vorsichtig herbeigeschafften
Rindenstücke dachartig über das Gerüst, indem ich sie, um mir unter
demselben einen größeren Raum zu gestatten, etwa einen Fuß breit an
jeder Seite vorstehen ließ.

Der Mond war von ungeheueren Wolkenmassen verdeckt und rabenschwarze
Nacht umgab mich; die fast ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber
gewährten hinlängliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war kaum damit
zu Stande, als es auch anfing, wie aus Eimern und Dachrinnen zu gießen.

Mein Regenschutz bewies sich ausgezeichnet, aber ich war doch
gewissermaßen wieder unter die Traufe gekommen, denn die Mosquitos,
jetzt nicht mehr durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz
unter meinem Aufbau behaglicher findend als den nassen Regen draußen,
noch dazu da solch ein süßes Stück Menschenfleisch, in eine dünne
wollene Decke gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin
gesetzt schien, fingen an mich so wüthend zu umschwärmen und zu
peinigen, daß ich schon mein Dach verlassen und lieber den fluthenden
Regen als diese Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir noch zum
Glück die Kohlen einfielen, die ich auf einem Stück Rinde liegend und
mit Rinde zugedeckt neben mir hatte; schnell blies ich sie zur Flamme
empor, und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich nasses Holz
legte, erzeugte ich einen solchen Rauch, daß ich fast zusammen mit den
Mosquitos erstickt wäre; das schützte mich doch wenigstens in etwas
gegen diese, und nach einer Stunde fürchterlichen Gießens hörte endlich
das Unwetter auf.

Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder herunter und entzündete aufs
Neue die Flamme, die Salzlecke hatte sich aber in einen kleinen Teich
verwandelt und ich selbst saß, am Fuße der gewaltigen Eiche, auf dem
einzigen, inselähnlichen und trockenen Flecke. Natürlich ließ sich
weiter kein Hirsch sehen, und noch vor Sonnenaufgang verließ ich das
sumpfige Thal und schlug mich in die dicht daran stoßenden Hügel, wo
ich das Balzen eines Truthahns gehört hatte.

Die Truthahnjagd ist in diesen Wäldern eigentlich die am wenigsten
beschwerliche, wird aber doch nicht viel betrieben, weil sie keinen
Nutzen bringt. Der Amerikaner schießt wohl, was er zu seinem eigenen
Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hühner selber essen muß und
nicht verkaufen kann, so verwendet er nie mehr Pulver und Blei auf sie,
als unumgänglich nöthig ist. Mir war's auch an diesem Morgen nur um
einen Braten zu thun, denn das Wildpret der beiden erlegten Hirsche
konnte der Jahreszeit nach nicht sehr vorzüglich sein. Ich schritt also
schnell der Gegend zu, von der mir dann und wann die kullernden Töne des
balzenden Hahnes herüberschallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe es
vollkommen Tag wurde.

Der Truthahn findet sich durch die ganzen vereinigten Staaten, vom
Norden bis Süden, vorzüglich aber in den südwestlichen Theilen, in
ungeheuerer Anzahl. Im Frühjahr, März und April balzt der Hahn und ist
dann auch, bis Anfang Mai, ausnehmend fett; in dieser Zeit aber nimmt er
fast keine Nahrung zu sich, und ich habe, besonders im März, beim Anfang
der Balzzeit, den Magen eines Hahnes aufgeschnitten und auch nicht die
Spur von Nahrung darin, sondern die inneren Wände desselben nur mit
einer reinen, öligen Feuchtigkeit überzogen gefunden, wie sie etwa der
Bär während des Winterschlafes bei sich trägt. Wenn daher im Mai die
Hennen brüten, sind die alten Hähne dürr und ungenießbar, die Jagd muß
also dann vorkommen eingestellt werden. Die Henne zieht acht bis zwölf,
ja manchmal sechszehn Junge auf, von denen sie sich nicht mehr trennt,
bis im nächsten Frühjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; die alten
Truthähne halten sich übrigens nicht gern zu diesen Familien und
bilden sehr häufig eigene Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft
dreißig Stück, die dann stattlich und ehrbar mit ihren großen Bärten
(ein Borstenbüschel, der bis sechs und sieben Zoll lang, etwa einen
Finger stark, ihrer Brust entwächst und »Bart« genannt wird) den Wald
durchschreiten. Besonders halten sie sich gern im Winter zusammen und
balzen dann manchmal aus reinem Vergnügen, daß es meilenweit durch den
stillen Wald schallt.

Die Hennen bauen ihre Nester in dichten, unzugänglichen Büschen aus
dürrem Laub und Reisern auf die Erde und verlassen ihre weißen, am
dicken Ende etwas gefleckten Eier nur selten; werden sie aber mehre Male
gestört und vom Neste vertrieben, so kehren sie nicht mehr zu diesem
zurück und lassen es, selbst wenn sie schon eine Zeit lang gebrütet
haben, im Stiche.

Im Juli werden die Jungen jagdbar und sind dann ein gar delikates Essen,
verlieren aber viel von ihrem saftigen Wohlgeschmack, weil man sie
nicht rupfen kann, sondern ordentlich abbalgen muß, indem die in dieser
Jahreszeit den Wald erfüllenden kleinen Holzböcke auf keine andere Art
als mit dem Balge selbst von dem Truthahn zu entfernen sind.

In der Balzzeit ist der alte Hahn sehr scheu, und wo er nur das
Geringste, was ihm gefährlich dünkt, äugt, so flieht er und ist auf
keine nur erdenkliche Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat sich
aber der Jäger gut versteckt oder bewegt er sich wenigstens nicht, so
kommt er auch, durch das Nachahmen des Hennenrufs herbeigelockt, bis
dicht an das Rohr hinan.

Die einfachste und beste Truthahnlocke besteht aus dem zweiten, dünnen
Flügelknochen der Truthenne selbst, der, an beiden Seiten abgeschnitten,
des Markes entledigt wird und mit welchem, die Luft durch denselben
einziehend, der Ton der Henne auf das Täuschendste nachgeahmt werden
kann. Einen solchen Knochen führte ich bei mir und war jetzt auf etwa
vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, in welcher der Hahn
oben auf einem Baume stehen mußte; zu weit aber schien mir der Tag
vorgerückt, um von dem wachsamen Vogel ungesehen heranschleichen zu
können; ich suchte mir daher einen umgefallenen Baumstamm aus, hinter
dem ich mir mein Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen
Kopf so viel als möglich zu verdecken, und fing nun an, einige Male zu
locken.

Im Anfang schwieg der Hahn, als er die bekannten Laute hörte,
wahrscheinlich nur, um sich erst genau zu überzeugen, von welcher
Richtung her sie tönten; dann aber, nachdem er darüber im Klaren schien,
balzte er auf einmal aus Leibeskräften, und ich hörte, wie er gleich
darauf vom Zweige abstiebte und auf mich zu streichend etwa hundert
Schritte vor mir einfiel.

In kleinen Zwischenräumen ließ ich jetzt und zwar nur leise die Locke
tönen, auf die er schleifend und dann und wann kullernd, als ob er sich
halb zu Tode freue, zukam.

Vor mir lag eine kleine, ungefähr 15 Schritte tiefe Blöße, und bald
darauf sah ich den blauangelaufenen Kopf, mit den rothen herunter
hängenden Fleischlappen, durch die die Rasenstelle umgebenden Gebüsche
ragen, auf welche er gleich darauf selber heraustrat. Zwar hatte ich ihn
jetzt sehr schön zum Schuß, durch Erfahrung aber klug gemacht, hütete
ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu schießen, so lange er die
Federn gesträubt hielt, wobei man kaum errathen kann, auf welcher
Stelle sich der Körper befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut
und kurz. --

»=Kitt,=« sagte der Truthahn und glättete, sich hoch aufrichtend, am
ganzen Körper, indem er vorsichtig nach allen Richtungen umherspähete;
mehr verlangte ich nicht, und beim Krach der Büchse flatterte er empor
und kam dann, in scharfem Laufe, gerade auf mich zu; -- dicht vor mir
aber hielt er, drehte sich zwei Mal im Kreise herum, breitete die Flügel
aus und stürzte zuckend zusammen.

Es war ein merkwürdig feister Bursche und mußte etwas über zwanzig Pfund
wiegen.

Ich warf ihn aus; denn vernachlässigt man dies, so wird ein Truthahn in
wenig Stunden, selbst im Winter, anbrüchig, band seine Ständer mit dem
Kopf zusammen und hing ihn mir, waidtaschenartig, über die Schulter,
nahm dann meine Büchse wieder auf und wanderte langsam der Salzlecke
zu, um meine Hirsche zu zerwirken und den Heimweg, nach dem etwa fünf
englische Meilen entfernten Hause anzutreten.

Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Gestürzten zog ich einen dünnen
Streifen Baumrinde durch das Geäs und schleppte, oder schwemmte ihn
eigentlich, zum nächsten trockenen Platz; dann aber machte ich mich
daran, den zweiten wieder zu finden, was noch, trotz dem tödtlichen
Schusse, seine gehörigen Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen
Teich verwandelt, in dem sich Frösche, Eidechsen und Schlangen sehr
behaglich zu fühlen schienen, der sich aber doch keineswegs dazu
eignete, einen Hirsch auszumachen.

Der Regen hatte selbst von den Büschen den Schweiß rein herunter
gewaschen und dornige Schlingpflanzen zogen sich überall in dichten,
festen Massen zwischen ihnen hindurch; der Hirsch konnte aber nicht mehr
weit gegangen sein, und nach kaum viertelstündiger Suche fand ich ihn,
etwa zweihundert Schritt vom Anschuß, verendet.

Wie das vorige Stück schaffte ich den Spießer vor allen Dingen auf
trockenen Grund und Boden, hatte aber dabei keine kleine Mühe, durch den
angeschwollenen Bach zu kommen, den ich nicht umgehen, also durchwaten,
eigentlich fast durchschwimmen mußte, denn das Wasser ging mir bis unter
die Arme. Als das geschehen, zündete ich jetzt vor allen Dingen neben
meiner Beute ein tüchtiges Feuer an, welches dem doppelten Zweck
entsprach, mich zu trocknen und zu wärmen, und einen Theil meines
Truthahns zu braten; denn mich hungerte bedeutend. Während ein paar der
saftigsten Stücke am Feuer schmorten, zerwirkte ich die beiden Hirsche,
nahm von dem Spießer die beiden Keulen und das »=brisket=« (der Theil
zwischen den Blättern vorn, wo die kurzen Federn zusammenstoßen), schlug
es in eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfaches, aber
darum nicht minder gutes Frühstück, hing mir nachher die Überreste des
Truthahns, meine wollene und die beiden frischen Wilddecken, nebst den
darin liegenden Keulen über, ergriff meine Büchse und wanderte, das
übrige Wildpret den Aasgeiern oder Wölfen überlassend, der nächsten
Ansiedelung zu. --

Wer übrigens je eine längere Zeit in den südlichen Theilen Nordamerikas
jagte, hat auch gewiß mit eben diesen Aasgeiern, seltener mit den Wölfen
in Streit gelebt. Diese ersteren folgen dem Jäger, wenn er erst einmal
einige Stücke Wild erlegt hat, fortwährend, und lassen ihm kaum Zeit
seine Beute aufzubrechen. Mit schlecht verhaltener Gier sitzen sie in
den benachbarten Bäumen, und erwarten den Augenblick, in welchem der
Jäger den Platz verläßt, um dann mit ihren scharfen, langen Schnäbeln
über das Zurückgelassene herzufallen, von dem nach wenigen Stunden
selten mehr als die Knochen übrig sind. Nur ein Mittel giebt's, sich
ihrer in etwas zu erwehren und das ist, das Stück Wild in der Decke
zu lassen und am Kopfe aufzuhängen; dann finden sie nirgends einen
Anhaltepunkt, als an dem Kopfe selber, an dem man ihnen gern verstattet,
herumzuhacken.

Noch andere Feinde aber, gegen die selbst das Aufhängen nicht viel
nützt, sind die großen Raben, die nun zwar dem Wildpret selber nicht
viel Schaden thun, aber das Talg heraushacken, da es, um abzukühlen,
doch aufgebrochen werden muß. Einige weiß geschälte Stöckchen aber,
durch die Wammen querüber gesteckt, sind ziemlich zweckmäßig, diese
Burschen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch die weißen Hölzer
hinein zu schieben wagen. Im Winter geht das übrigens noch Alles an,
es sind Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigstens theilweise
noch begegnen kann; im Frühjahr und Sommer aber erscheint eine
Jägerplage, gegen die es fast gar keinen Schutz giebt, und das sind
die Schmeißfliegen, die zu Tausenden fast in demselben Augenblick
erscheinen, wo das Wild von der Kugel getroffen stürzt. Will man das
Wildpret später mit nach Hause nehmen, so ist das einzige Mittel, um es
von dieser Landplage frei zu halten, es in's Wasser zu legen. Aber nicht
überall hat man Wasser, welches dazu tief genug ist, in der Nähe, und in
den ganz südlichen Staaten geht dies auch überhaupt nicht an, da die
Alligatoren sonst bald das ihrem Bereich anvertraute in Beschlag nehmen
würden. Wollte man einen starken Rauch unter dem Wildpret unterhalten,
so würde dies auch nur theilweise gegen diese Insekten schützen; will
daher der Jäger im Sommer Wildpret bewahren, so muß er es an Ort und
Stelle in schmale Streifen schneiden und über einem langsamen Feuer
dörren; dann hält es sich Monate lang. --

Die Feuerjagd auf Hirsche wird auch noch auf eine andere Art als mit
aufgebautem Gerüst betrieben, und besonders dort in Anwendung gebracht,
wo sich sehr viele, verschiedene Salzlecken in einer und derselben
Gegend finden und der Hirsch zwischen ihnen wechselt. Um nämlich unter
solchen Verhältnissen leicht von einem Platz zum anderen gehen zu
können, nimmt der Jäger eine gewöhnliche eiserne langstielige Bratpfanne
(wo diese nicht zu bekommen ist, muß eine künstlich aus Zweigen und Erde
gemachte, den Dienst verrichten), befestigt an dieselbe noch ein etwa
3-4 Fuß langes, einige Zoll breites Bret, damit sie leicht auf der
Schulter liegt und sich nicht wenden kann, und thut in diese nun den
fein gespaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach allen Richtungen
hin durchwandern kann. Vorn in das Bret wird eine, von Holz geschnitzte,
kleine, breite Gabel eingebohrt, um beim Schießen die Büchse hineinlegen
zu können, wo dann der schwere Kien in der hinten mehre Fuß vom Kopf
abstehenden Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hält und eine feste
Lage verstattet. Die hinter dem Kopfe befindliche Flamme läßt nun dem
Jäger die Lichter eines Stückes Wild oder Raubthieres auf mehre hundert
Schritte erkennen, und da sich das erstere (Raubthiere lieben die helle
Flamme nicht, äugen auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer
fürchtet, so kann man, wenn man nur leise und ohne Geräusch sich nähert,
auch besonders den Wind gut beobachtet, leicht an die vertrauend
ziehenden Stücke herangehen. In weiter Ferne verschmelzen die beiden
Lichter der Hirsche in _einen_ glühenden Feuerball, der sich jedoch,
bei dem immer näher und näher Kommen scheidet, und erst in richtiger
Schußnähe sieht man dann die zwei Kugeln in der gehörigen Entfernung
zu einander stehen. Den Wind kann man dabei sehr leicht nach dem Rauch
beobachten, der auf keinen Fall über den Kopf hinweg ziehen darf.
Springt nach dem Schuß das Wild schnell und flüchtig ab und rennt fort,
so ist es ein sicheres Zeichen, daß die Kugel sitzt; hat aber der Jäger
gefehlt, so verschwinden die Lichter plötzlich; der Hirsch wendet sich
und geht langsam, ohne die mindeste Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt
man nahe genug heran, um die ganze Gestalt des Wildes zu erkennen, so
schießt man natürlich auf's Blatt; ist das aber nicht der Fall, so hat
man ein so schönes Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, daß man
getrost zwischen die beiden Lichter hinein halten kann, was überdies
immer der beste Schuß ist. --

Etwas ist hierbei jedoch noch zu bemerken, auf das der amerikanische
Jäger ebenfalls sehr viel Rücksicht nimmt: der Mond nämlich, nach
welchem sich das Hochwild mit seiner Äsung richtet. Scheint dieser die
ganze Nacht, so zieht es am stärksten gleich nach Dunkelwerden, bis etwa
zwei Uhr Morgens umher, wo es sich dann niederthut und bis zur frühen
Morgendämmerung sitzt; leuchtet er hingegen die Nacht gar nicht, so äßt
auch das Wild nicht sehr lange mehr nach Sonnenuntergang, höchstens
ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr Abends an die Salzlecken;
dahingegen äßen sie am Tage Morgens ganz früh; Mittags etwa von zwölf
bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch läßt sich darüber
nichts ganz Genaues bestimmen. Einzelne findet man fast zu jeder
Tageszeit munter.

So selten nun, im Westen wenigstens, die Hirsche mit Hunden gehetzt
werden, so interessant ist diese Jagd auf Truthühner, wenn sie sich
im Winter zusammen gethan haben und nun in Ketten, oft von 30-50
Stück, durch den Wald ziehen. Von den Hunden eingeholt, bäumen sie
augenblicklich und äugen nun, sich auf ihrer Höhe sicher glaubend, mit
großer Zufriedenheit auf die, die Bäume toll und wild umspringenden
Hunde hernieder, bis der Jäger heranschleicht und mit der Kugel (denn
Schrot würde in jenen hohen Bäumen von gar keiner Wirkung sein),
den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu übrigens nur eines
Flügelschusses, denn das Wild ist so schwer, daß es fast stets durch
den Fall, wenn auch sonst nicht tödtlich getroffen, verendet.

So gescheidt der Truthahn aber auch sonst ist, so albern und
unbehülflich stellt er sich an, wenn er sich gefangen glaubt, und eben
auf diese seine Dummheit sind auch die Fallen berechnet. Wo nämlich der
Ansiedler, -- denn der Jäger nimmt sich selten die Mühe, das mit der
Axt zu bekommen, was er mit der Büchse erlegen kann, -- eine Kette
Truthühner zu fangen wünscht, sei es nun in einem abgeärnteten Maisfeld
oder im Walde, da macht er von langen, gehaltenen, schweren Stangen eine
Umzäunung, die etwa zehn bis zwölf Fuß im Quadrat hat und so hoch sein
muß, daß der größte Truthahn, aufgerichtet, darin herumlaufen kann.
Die Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beschwert, daß sie dem
Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine der Wände, am besten nach der
Richtung hin, in welcher die Hühner gewöhnlich ins Feld kommen, wird
eine kleine Thüre gesägt. Gerade unter dieser hinweg führt eine Art
schmaler Laufgraben in das Innere der Umzäunung; unter der Thür ist
dieser Graben am tiefsten und läuft nach Innen wieder auf die Oberfläche
hinaus. Dieser Graben wird bis auf zwölf und funfzehn Schritt von der
Falle weggeleitet und nach ihm hin sparsam, in ihm aber reichlich Mais
gestreut, der bis in den eingezäunten Raum hinein führen muß, wo es gut
ist, wenn ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn gleich entgegen
lacht. Der Graben aber und die darüber hingehende Thür dürfen zusammen
nur so hoch sein, daß ein ausgewachsener Truthahn, wenn er, mit dem
Kopf auf der Erde, der Äsung nahe geht, gerade hindurch schreiten kann,
also etwa zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die den Wald
durchgreifenden Hühner den umher gestreuten Mais, so folgen sie den
einzelnen Körnern, gerathen in den Graben und treten nun, das Gestell
wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, wo sie sich gar bald an dem
dort aufgeschichteten Vorrath eine Güte thun. Auf diese Weise gehen
manchmal zehn und fünfzehn zu gleicher Zeit in die Falle. Nun hinderte
sie freilich nichts auf der Welt, auf eben dieselbe Art das Gestell
zu verlassen, wie sie es betreten haben; sobald aber nur einem von
ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu suchen, wobei er sich natürlich
aufrichtet und, den fest verwahrten Ort über sich erblickend, das
Warnungszeichen giebt, so erheben in demselben Augenblick Alle die Köpfe
und versuchen flatternd in die Höhe zu entkommen; keiner von ihnen denkt
von dem Augenblick weder mehr daran, den Mais zu berühren, noch sich
überhaupt zu bücken, und ich weiß den Fall, daß sie sich auf diese Art
gegen Abend gefangen haben und bis zum nächsten Nachmittag darin
geblieben sind, wo dann der Farmer herbei kam und sie einzeln heraus
holte.

Der arme Truthahn hat übrigens auch noch außer dem Menschen sehr viele
andere Feinde, denn Wölfe, Füchse, Marder, Katzen, Panther stellen ihnen
nach; ihr grimmigster Verfolger aber ist der weißköpfige Adler, dem sie
auch nicht einmal entfliehen können, und zeigt sich ein solcher in der
Luft und umkreist die Bäume, dann rührt sich kein Truthahn in seinem
Versteck und man kann sie, wenn man sie zufällig findet, fast mit der
Hand greifen.

       *       *       *       *       *


Als ich zuerst die wirklichen Wälder Amerika's betrat, hatte aber nicht
allein das Wild für mich Interesse, sondern auch die eingebornen Jäger
selbst, die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde abwichen,
welches ich mir in meiner Phantasie von ihnen gemacht hatte.

Besonders viel war mir von den sogenannten »Hinterwäldlern« erzählt
worden, die in der Bevölkerung Amerika's gewissermaßen eine eigene
Gattung bilden. Es sind Landleute, insofern sie so viel Welschkorn
bauen, als sie für sich und ihre Familie und ein Paar Pferde und
Schweine bedürfen, im Übrigen leben sie von der Viehzucht und Jagd und
führen eigentlich genau genommen, trotzdem, daß sie Häuser bauen und
kleine Felder anlegen, doch ein Nomadenleben; denn selten bleiben sie
länger als drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, sondern
sind stets bereit, ihr mit saurem Schweiß urbar gemachtes kleines
Besitzthum um Weniges wieder zu verkaufen und weiter westlich zu ziehen.

Als ich zuerst nach Missouri kam (denn selbst Illinois liegt jetzt schon
zu östlich für diese Menschenklasse), hörte ich, etwa sechzig Meilen
unterhalb St. Louis, von einem gewissen _Coltert_, der ein alter,
tüchtiger Bärenjäger sein und mitten im Wald in einer kleinen Hütte
leben solle. Die Beschreibung dieses Mannes, wie er lebte, was er schon
alles für Abenteuer durchgemacht, wie viel Bären und Panther er erlegt,
wie oft er verwundet worden, ein Mal sogar lebensgefährlich, als er
seinen Lieblingshund einem Bären entreißen wollte, das Alles spannte
meine Neugierde auf das Äußerste und machte mich sehr begierig diesen
Mann kennen zu lernen, denn im Geiste malte ich ihn mir schon ganz nach
indianischer Art, mit allen möglichen Waffen und Jagdgeräth versehen,
aus, und beschloß, wenn ich auch Meilen weit umgehen müßte, ihn
aufzusuchen.

Mein Weg sollte mich indessen etwa drei Meilen vor seinem Hause vorbei
führen, wo, wenn ich einen gewissen Fluß erreicht hätte, ein Pfad rechts
abging, der bis zu seiner Hütte hinlief. Bis zu diesem Flusse hatte
ich etwa noch sechs englische Meilen zu marschiren und wanderte frisch
darauf los, um den alten Jäger so bald wie möglich kennen zu lernen, als
ich einen Mann auf der Straße überholte, der sich ganz gemüthlich dicht
am Wege seiner weißen leinenen Beinkleider entledigt hatte, trotz dem
unfreundlich kalten Wetter ziemlich behaglich auf einem umgehauenen
Baumstamm saß und die etwas sehr zerrissenen flickte. -- Sonst trug
er einen blau wollenen Frack, ein weißes Hemd und ein Paar grobe
rindslederne Schuh, welche drei letzteren Kleidungsstücke, als ich zu
ihm trat, seinen ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber stand ein
alter, recht ungesetzlich außer Façon gedrückter Filzhut, und an einem
Baume lehnte eine lange Büchse -- (ohne die selten oder nie ein Landmann
ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltasche und einem in ein buntes
Taschentuch eingebundenen Päckchen.

Der Anblick war so komisch, daß ich unwillkürlich stehen blieb und ihm
freundlich guten Tag bot; er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter
um mich zu kümmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, da er seine
Arbeit gerade beendigt hatte, in die Kugeltasche, zog das ausgebesserte
Kleidungsstück wieder an, hing sich die Tasche um, setzte den alten
Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Aussehen gab, auf, nahm das Bündel
in die linke Hand und dann den Büchsenlauf mit der rechten ergreifend,
warf er sich diese, den Kolben nach hinten, über die rechte Schulter,
indem er zu mir sagte: »Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, so kommt!«

Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, das mich unwillkürlich
anzog, und wir plauderten, neben einander herschlendernd, über vielerlei.
Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter reichte mir die Hand und
wollte sich verabschieden, ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des
alten Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen wünschte.

»Kennt Ihr den alten _Coltert_?« fragte er mich und wechselte mit der
Büchse auf die andere Schulter.

»Nein, ich kenne ihn nicht, wünschte ihn aber kennen zu lernen!«

»Nun,« sagte er, »wenns weiter nichts ist, das Vergnügen habt Ihr die
letzten zwei Stunden gehabt!«

Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen,
wollenen Frack meinen Bärenjäger zu finden, der noch dazu so ächt
waidmännisch die Büchse, Kolben nach hinten, trug, folgte aber
nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, die Nacht bei ihm
zuzubringen, und wurde für den kleinen Umweg reichlich durch einige
der delikatesten Bärenrippen und viele romantische Erzählungen aus
dem thatenreichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinsicht sehr
befriedigt verließ ich ihn am andern Morgen. -- Hatte mir einen
amerikanischen Jäger aber doch anders gedacht.

Die Erzählungen des Alten hatten aber die Jagdlust um so mächtiger in
mir aufgeregt und ich beschloß, was ich auch später redlich gehalten
habe, Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und die
Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehört, selber
mitzumachen.

Der Bär gehört unstreitig zur edelsten und dabei auch einträglichsten
Jagd Amerika's, und ist der Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich,
nun so verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel frischeres,
gewaltigeres Interesse; denn das arme Wild zu erlegen, welches sich
nicht widersetzen _kann_, selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht
sein Heil suchen muß, nun ja, es ist auch schön und der den Männern
angeborene Zerstörungsgeist macht es schon anziehend für uns; mir fehlte
aber immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, als ob es doch
nicht das Rechte sei, nach dem ich mich gesehnt hätte, bis ich das erste
Mal »Fuß an Fuß« mit einem der alten, schwarzen Burschen stand, und nun
auch wußte, ich trüge das große Messer nicht blos zum Staate an der
Seite.

Die Bären fangen übrigens schon an in den vereinigten Staaten
sehr selten zu werden, nur noch in den unermeßlichen Sümpfen des
Mississippi- und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen Stellen fast
unzugänglichen Ozark-Gebirgen finden sie sich und werden mit einigem
Erfolg von den Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweise von
Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich aber ihre Anzahl bedeutend
und die Zeit ist nicht mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkansas eine
Seltenheit sein wird.

Die Bärenjagd selber wird in jenen Gegenden auf drei verschiedene Arten
betrieben:

Erstens durch _Pürschen_,

Zweitens durch _Hetzen_ mit guten, darin geübten Hunden, und

Drittens durch das _Aufsuchen der Stellen_, in welchen er seinen
Winterschlaf hält.

Das Pürschen, so interessant es an und für sich ist, kann übrigens
nur im Spätsommer und Herbst geschehen, in welchen Jahreszeiten der
Bär seine Nahrung in den Früchten des Waldes sucht und sorglos dabei
umhertrollt. In bergigen Gegenden, wo viele Heidelbeeren wachsen, geht
daher die Suche schon im Juli an, da er bis Ende August von diesen
lebt; dann jedoch, sobald die Eicheln der Weißeiche reifen, aber noch
nicht abfallen, ersteigt er diese und bricht oft ziemlich starke Äste
herunter, um von ihnen seine Lieblingsnahrung abzulesen. Sind viele
Bären in einer Gegend, so ist die Jagd in dieser Jahreszeit sehr
interessant, weil man den Bären, sobald er erst einmal anfängt, Zweige
niederzubrechen, eine lange Strecke weit hören und sehr leicht an
ihn heranschleichen kann. Wo sie aber nur selten angetroffen werden,
wäre es freilich ein undankbares Geschäft, nach den wenigen im Walde
herumzusuchen; dazu ist die Hetze und mit einer tüchtigen Meute Hunde,
sicherer Büchse und breitem, kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten,
zähen Poney, in gestrecktem Galopp durch den Wald und Sumpf, hinter den
klaffenden, heulenden Hunden her, das ist die Jagd, wo einem das Herz
warm wird und kühner und freudiger in der Brust klopft. Stellt sich
dann der Bär, -- denn nicht immer sucht er auf einem Baum den Feinden
zu entgehen, -- und tritt ihm der Jäger mit dem Messer in der Faust
entgegen, so wird es doch auch eine Jagd, die Ehre bringt und die einen
_Mann_, keinen bloßen Sonntagsjäger erfordert; das Gefühl, mit dem man
nachher den schweißbefleckten Stahl in die Scheide zurückstößt, wiegt
alle anderen Jagden auf. Die letzte Bärenhetze machte ich in Amerika im
Sommer mit.

Wir hatten keinen großen Nutzen von der Bestie; sie war aber zu lüstern
nach »ihres Nächsten Schweinen« geworden, die sie den in Unmasse im
Walde wachsenden Heidelbeeren vorzog, und mußte daher aus dem Walde
geschafft werden. Übrigens zogen wir damals nicht mit der Idee einer
Bärenjagd aus, sondern wollten blos ein Paar Hirsche schießen, um
das Gehirn derselben zum Gerben einiger Wilddecken zu erhalten (die
indianische Art Hirschhäute zu gerben, geschieht nur mit dem Gehirn
des Hirsches selbst und später durch Rauch), als wir, von einem alten
Jagdgenossen, der seine und meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte,
überholt wurden. Drei alte Sauen, erzählte dieser, seien ihm in wenigen
Nächten weggeholt, und er dürstete nach Rache, die ihm denn auch im
reichlichsten Maße wurde. Es war jedoch ziemlich trocken und dürr, und
die Hunde, obgleich mit dem rühmlichsten Eifer suchend, konnten in
langer Zeit keine frische Fährte finden; wir hatten sie aber in dem
dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und ritten lachend und
erzählend über die Berge; plötzlich riß der Alte sein Pferd zurück
und horchte, sich hoch im Sattel aufrichtend, mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul ließ sich hören -- »das
war =Muse=,« rief er -- ein scharfes, kurzes Bellen folgte »das ist
=Watch=.« -- Gleich darauf schlugen zwei der Lieblingshunde zu gleicher
Zeit an. Jetzt aber schwenkte der Alte den Hut -- »sie haben ihn,«
jubelte er, und dem Pferde den einen Sporn in die Seite drückend, flog
er dem Anschlagen der Hunde zu.

Ich ließ ihn nicht die Büsche für mich theilen, sondern brach mit
=Hozart= an seiner Seite ins Dickicht; gleich darauf schlug auch die
ganze Meute -- etwa 15 Hunde, an, daß der Wald widerhallte. Wir ließen
unsere Stimmen lustig drein schallen, und wie die wilde Jagd gings
durch Dorn und Schlingpflanze, über umgestürzte Stämme und losgerissene
Steinmassen fort dem Schalle nach, der in Schlucht und Thal das Echo
erweckte.

Der Bär sah übrigens bald ein, daß er im offenen Wald der verfolgenden
Meute nicht entgehen konnte, und eilte einem alten =Hurricane=[2] zu,
wo die Eichen und Fichten wie Kraut und Rüben durch einander lagen und
die Dornen und Schlingpflanzen und später aufgeschossener Nachwuchs
die Zwischenräume ausgefüllt hatten. Die Jagd wurde toller und toller;
die Pferde, die Begeisterung der Reiter theilend, setzten in fast
unglaublicher Anstrengung über alte Baumstämme und durch Dickichte,
die im ersten Augenblick fast undurchdringlich schienen.

  2 =Hurricane=, eine Art Orkan, der in langen Strichen das Land
    durchzieht und oft meilenbreit jeden Baum umstürzt.

Im Anfang waren wir drei Reiter beisammen geblieben; der fürchterlich
verwachsene Wald aber hatte später Jeden den besten Durchweg allein
suchen lassen, und bald konnte ich nichts mehr von den beiden Anderen
hören noch sehen, sondern vermuthete nur, daß sie, um dem Bären den Weg
abzuschneiden, vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen hätten;
eine plötzliche Wendung des verfolgten Thieres drehte jedoch die Hetze
plötzlich nach meiner Seite; kleffend und jauchzend stellte ihn in einem
entsetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine dichte Brombeerhecke
setzend, die das letzte von mir abstreifte, was nicht niet- und
nagelfest war, fand ich mich in Schußnähe des Kampfes. Augenblicklich
aber warf ich mich vom Pferd und sprang der Wahlstatt zu, wo ein
ungeheuerer Bär sich mit der größten Kaltblütigkeit und Tapferkeit
gegen eilf der besten Hunde, die je einer Fährte in Arkansas folgten,
vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch außer Fassung und er
wollte Fersengeld geben, die Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz,
und vergebens sah er seine Bemühungen, einen Rückzug zu bewerkstelligen.

Ich hatte mich indessen immer noch gefürchtet zu schießen, da zu
viele Gefahr war, einen der Hunde mit zu treffen; als ich jedoch noch
unschlüssig halb im Anschlag da stand, krachte des Alten wohlbekannte
Büchse und, für einen Augenblick wenigstens, schien der Bär die ihn
umtobenden Hunde ganz vergessen zu haben, denn stöhnend warf er sich zu
Boden und lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange verharrte er in
dieser Lage, sondern sprang, mit jeder seiner gewaltigen Branten einen
der Rüden von sich stoßend, wieder in die Höhe.

Als er stürzte, war mirs klar geworden, daß, im Fall ich noch die
mindeste Lust hätte am Gefechte Theil zu nehmen, dies wohl der einzige
Zeitpunkt wäre, in dem ich nützlich sein könnte, und das Messer aus der
Scheide reißend, sprang ich auf den Gestürzten zu, ihm die Klinge durchs
Herz zu jagen. Ich war aber kaum noch zehn Schritte von ihm entfernt,
als er sich, wie schon gesagt, mit einer gewaltigen Kraftanstrengung
befreite, und das erste, was ihm in dieser gerade nicht liebenswürdigen
Situation in die Augen fiel, war meine werthe Person, mit bloßem Messer
und allen Zeichen einer böslichen Absicht auf ihn zuspringend. Er kam
mir auf halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz freundliches
Gesicht geschnitten haben; das weiß ich nur, wie mir der Gedanke durch's
Hirn fuhr, ich hätte mich schon in viel behaglicheren Situationen
befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt ich Stand, weil ich im
ersten Augenblick wirklich gar nichts andres zu thun wußte und begegnete
dem Anlauf des Bären, indem ich ihm mit aller Gewalt mein breites Messer
in die Brust stieß.

Was weiter geschah, kann ich nicht mehr genau sagen; ein schwerer
Schlag, der mich zurückwarf, ein dumpfes, schmerzhaftes Gefühl,
ein bekanntes Gesicht, das ich erblickte, ehe ich stürzte, und ein
erstickendes Gewicht, das auf mir lag, ist Alles, dessen ich mich noch
entsinne.

Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, wie mir der Alte einen Hut voll
Wasser nach dem andern und zwar mit einem Eifer ins Gesicht goß, der bei
einer Feuersbrunst äußerst lobenswerth gewesen wäre. Ich erholte mich
jedoch bald und fand, mich aufrichtend, daß ich den erlegten Bären
zum Kopfkissen hatte. Als dieser auf mich los stürmte, war der Alte
glücklicher Weise dicht dabei gewesen, und die Hunde konnten zwar nicht
verhüten, daß mich jener zurückwarf, sich aber in grenzenloser Wuth auf
ihn stürzend, überwältigten sie bald den schwer Verwundeten, meines
Alten Stahl dabei nicht zu vergessen, der die Haut mehr einem Sieb als
etwas anderem ähnlich machte.

       *       *       *       *       *

Es ist übrigens nicht immer der Fall, daß der Bär sich, auf das Äußerste
getrieben, den Hunden auf ebener Erde stellt; gewöhnlich erklettert er,
mit ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine Vorderbrante
zerschossen ist, wie ich das auch ein Mal gesehen habe, einen Baum,
und kann dann mit geringer Gefahr herunter geschossen werden; einen
gehörigen Schlag aber thut's, wenn solch ein alter Bursche von zwei bis
dreihundert Pfund, achtzig oder hundert Fuß hoch hernieder und zu Boden
schmettert, und es ist schon oft der Fall vorgekommen, daß er im Sturz
einige, der ihn unten zu eifrig erwartenden Hunde erschlagen hat. Steht
er auf ebener Erde, so wirft er sich gewöhnlich, gleich nach empfangener
Kugel, zu Boden und ächzt und stöhnt wie ein Mensch; decken ihn aber
dann die Hunde, so versucht er nicht sie einzeln zurückzuschlagen,
sondern er stemmt wie in diesem letzten Falle erst seine Branten so
gegen sie, daß er sich mit einem gewaltsamen Ruck befreien kann, und
wehe dann dem Jäger, der ihm in diesem Augenblick zu nahe ist! -- ohne
des Alten Hülfe wäre auch ich rettungslos verloren gewesen.


Hat der Bär einen Baum erstiegen und sich oben festgestellt, so können
ihn die Hunde nicht wieder hinunter scheuchen; der Anblick eines
Menschen aber macht ihn unruhig und versagt das Gewehr, so kommt er
gewöhnlich mitten zwischen die Meute hineingefahren und versucht aufs
Neue zu fliehen, doch ist das nicht stets der Fall.


Äußerst interessant ist der Pürschgang auf Bären, wenn man unbeachtet
an einen derselben herankommen kann. Anscheinend sorglos trollt der
schwarze Geselle durch den Wald, und wer ihn so sieht, mit den plumpen,
ungeschlachten Knochen, den Kopf unten, fast auf dem Boden, nachlässig,
scheinbar auch nicht das Mindeste um sich her beachtend, ahnt wohl kaum,
daß eben dieses anscheinend plumpe Geschöpf schneller als ein Pferd
laufen und fast so behende als eine Katze klettern kann; in seinen
Branten hat der Bär übrigens die meiste Gewalt, und selten benutzt er
seine Gefänge, denn ein Schlag mit der Vorderbrante ist hinreichend
einen Hund zu tödten und selbst einen Stier zu betäuben.


So fürchterlich er aber, wenn zum Äußersten getrieben, ist, so harmlos
und unschädlich zeigt er sich auch, wenn nicht belästigt -- man hat noch
nie gehört, daß ein Bär einen Menschen aus freien Stücken angefallen
habe, ausgenommen es war eine Bärin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch
der Schaden, den er dem Landmann thut, wäre nicht so bedeutend, wenn er
nicht im Sommer, wo noch keine Beeren im Walde stehen und die Eicheln
noch nicht reif sind, sich an die zahmen Schweine hielte; hat er aber
erst einmal den Geschmack von diesen weg bekommen, dann thut er auch
ungeheueren Schaden, weil er nur gezwungen Aas frißt und sich, wenn er's
irgend haben kann, jede Nacht ein frisches Schwein holt. In diesem Fall
muß er gejagt und erlegt, oder wenigstens aus der Gegend vertrieben
werden, denn nicht immer können die Hunde im Sommer einen mageren Bären
einholen, der ihnen oft im offenen Walde durch seine Schnelle entgeht. --


Der Bär hält aber, wie der Dachs, seinen Winterschlaf, liegt mehre Monat
fest in seinem gewählten Lager, wo er sogar schwer zu erwecken ist; in
dieser Zeit wäre dann Pürschjagd wie Hetze vergebens.

Die Schlafzeit dauert in Arkansas, wo das Klima ziemlich mild ist, von
Weihnachten bis Ende Februar; während dieser ganzen Zeit frißt er weder
noch säuft er, und in dieser Zeit ist sein Magen inwendig mit einer
reinen, öligen Fettigkeit überzogen. Anfang März aber fängt er zuerst
an, den nächsten Bach aufzusuchen, um seinen Durst zu löschen und kehrt
dann immer wieder in das Lager zurück. Sonderbarer Weise tritt er
hierbei stets, so oft er auch gehen mag, in seine zuerst gemachten
Fährten, die dann zuletzt breit und deutlich ausgetreten und =stepping
path= oder Schrittpfad von den Jägern genannt werden. Finden diese in
eben der Jahreszeit eine solche Fährte, so ist der Bär selten weit
entfernt.

Sein Bett wählt er aber sehr verschieden; zeigt sich der Winter streng,
so sucht er in gebirgigem Lande eine Höhle, in sumpfigem einen hohlen
Baum aus, um dort vor der Kälte geschützt zu sein; dabei kratzt und
scheuert er mit merkwürdiger Sorgsamkeit den letzteren inwendig so glatt
und rein, wie es ihm mit seinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade
kein schlechtes Handwerkzeug sind, nur irgend möglich ist. Hat er
endlich Alles in Stand, so steigt er langsam und besonnen, daß man kaum
die Spur seiner scharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken kann,
hinauf und dann durch die Öffnung, mit dem Hintertheil zuerst, in
sein vorher bereitetes Lager hinab, wo das faule Holz, das er an den
Seitenwänden herunter gekratzt hat, gewöhnlich ein sehr weiches Bett
bildet. Anders ist es, wenn er von den Hunden verfolgt, einen Baum
ersteigt, und im Hinaufspringen, von den stärksten, härtesten Eichen
ordentliche Stücke Rinde herunterschlägt.

Ist der Winter gelind, so nimmt er sich all' diese Mühe nicht einmal,
sondern geht entweder im sumpfigem Lande in einen Schilfbruch, wo er
von dem hohen, grünen Schilf so viel abreißt, als er zu einem bequemen
Lager nöthig zu haben glaubt, das er sich dann auch in einer der
unzugänglichen Gegenden des Bruches zurecht macht, oder er sucht in
bergigem Lande ein unwegsames Dickicht und bettet sich hier, auf einer
Streu von zusammengetragenen zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines
umgestürzten Baumes.

Die Ranzzeit fällt in den August, und nicht selten gerathen sich dann
ein Paar der schwarzen Burschen auf eben keine freundliche Art in die
Haare. Einen hübschen Zug erzählen dabei die amerikanischen Jäger von
dem männlichen Bären, der, wenn er wirklich wahr ist, einen merkwürdigen
Überlegungsgeist kund thut. Sehr häufig fand ich nämlich in den Wäldern,
besonders an Sassafrasbäumen und Kiefern, die tief eingerissenen Zeichen
des Gefänges und der Krallen von Bären, die stets in größtmöglichster
Höhe an den Stämmen hinauf gelangt hatten; auf meine Anfragen erhielt
ich folgenden Bescheid, in dem die Jäger von Norden bis Süden
übereinstimmen.

In der Ranzzeit folgt der Bär der Fährte der Bärin, wird aber oft, wenn
von einem stärkeren überholt, aus dem Felde geschlagen, von einem
schwächeren, wenn nicht besiegt, doch wenigstens belästigt; um diesem
nun zu begegnen, soll der Bär, so er sich stark und alt genug fühlt
einen Kampf mit Seinesgleichen zu wagen, sobald er die warme Fährte
einer Bärin angenommen hat, sich an einem dicht daneben stehenden Baum
-- am liebsten Sassafras oder Kiefer -- in die Höhe richten und ohne die
Hintertratzen von der Erde zu heben, so hoch hineinbeißen und so hoch
daran hinauf kratzen, als er möglicher Weise kratzen und beißen kann,
worauf er ganz gemüthlich seinen Weg fortsetzt.

Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer desselben Weges, auf derselben
Fährte, so findet er natürlich die für ihn zurückgelassenen Zeichen und
mißt nun, sich eben so am Baume emporrichtend, seinen vorangegangenen
Nebenbuhler; -- kann er dessen Merkmale überreichen, oder kommt er ihnen
wenigstens gleich, so folgt er und nimmt die Herausforderung an; kann er
das aber nicht, ist er vielleicht viel kleiner, so klemmt er das kleine
Stückchen Ruthe, was ihm Mutter Natur verstattet hat, zwischen die
Beine, oder macht wenigstens die Bewegung damit, als ob er es thun
würde, wenn sie lang genug wäre, und trollt den eben gekommenen Weg
zurück, um wo möglich eine andere Fährte auszusuchen.

Die Bärin wirft im Februar, oft schon Ende Januar, in einem hohlen Baum
oder in einer Höhle, zwei bis vier Junge, die sie bis zur Ranzzeit
bei sich behält und die sich auch oft noch nach dieser wieder zu ihr
gesellen, doch soll sie dabei die Gesellschaft des alten Bären meiden,
dem nachgesagt wird, er fräße manchmal seine eigenen Jungen, was ich
jedoch, zu seiner Ehre, nicht glauben will.

Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Bärin übrigens ihre Jungen
vertheidigen soll, kann nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es
giebt Fälle, wo sie ihr Leben im Kampf über dieselben gelassen hat;
aber mit den Bären wird's wie mit den Menschen sein -- bei denen man
oft recht liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht schofeles Pack
findet. Ich selbst weiß mehre Beispiele, wo eine Bärin, sowohl in der
Höhle als auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne sich weiter
um sie zu bekümmere, schmählich im Stich gelassen hat und nur darauf
bedacht schien, ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit kaum
einen Dollar werth war, in Sicherheit zu bringen.

Die _Höhlenjagd_ ist äußerst interessant, aber dabei auch gefährlich,
und wird etwa folgendermaßen betrieben. In den unwegsamen Gebirgen des
Westens, in die sich der Bär bei einbrechender Kälte zurückzieht, geht
der Jäger und sucht, zwischen den am tollsten und wildesten umher
gestreuten Felsblöcken, an steilen Wänden hinkletternd und Schluchten
und Spalten durchkriechend, nach Höhlen, in die er dann mit angezündeter
Kienfackel oder mit einem aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt.
Oft verrathen schon die in der Nähe der Höhle abgenagte Büsche den
Besuch, der für einige Zeit in ihnen zu wohnen beabsichtigt, oder der
=stepping path=, der hinein führt, wenn die Jahreszeit schon weit
vorgerückt ist, oder die vor der Höhle umher liegende Losung, den
Eingewinterten; am sichersten ist es aber stets, den Ort selbst zu
untersuchen, und daß diese Jagd dann nicht zu den leichtesten gehört,
ist sehr erklärbar.

Ich weiß mich Tage zu erinnern, in denen ich in funfzehn, sechszehn
Höhlen herumgekrochen bin und mich durch Plätze durchgezwängt habe, von
denen ich mir eigentlich jetzt noch selber nicht erklären kann, wie ich
wieder heraus kommen konnte -- ohne auch nur einer Kralle zu begegnen.
Findet man nun an solchen Ort einen Bären, so muß er beim Lichte der
Fackel geschossen und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht möglich
ist, in Stücken zu Tage geschafft werden.

Ich habe übrigens diese Höhlenjagd in meinen »Streif- und Jagdzügen«[3]
sehr ausführlich behandelt und will hier nur, um dem Leser einen kleinen
Begriff von diesen freundlichen Orten zu geben, das Innere derselben ein
wenig beschreiben.

  3: Streif- und Jagdzüge durch Nordamerika. Leipzig, Arnoldische
     Buchhdl.

Von der Natur gebildet scheinen sie fast alle schon so lange wie die
Erde überhaupt zu bestehen, und finden sich meistens in Kalksteinfelsen,
in die sie manchmal nur zehn bis zwölf Fuß, dann und wann aber auch
4-500 Schritt hinein gehen und an manchen Stellen geräumig genug sind,
daß der Jäger aufrecht in ihnen stehen kann, dann aber auch wieder eng
genug zusammen laufen, um nur mit größter Anstrengung ein Durchpressen
möglich zu machen. Im Innern sind sie an den Seitenwänden glatt, oft von
dem Anstreichen der Raubthiere, die seit Jahrhunderten sie bewohnten,
spiegelblank, oben aber gewöhnlich mit Stücken Tropfstein behangen,
der auch unten, wenn sich nicht weicher, thoniger Boden findet, das
Fortkommen sehr erschwert. In diese Höhlen nun ziehen sich nicht allein
Bären, sondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waschbären und
Füchse, wie Schlangen, Eidechsen und Fledermäuse zurück, um ihren
Winterschlaf entweder wie der Bär zu halten, oder in den warmen
Erdgängen gegen die Kälte geschützt zu sein. Die Fledermäuse besonders
hängen an den Hinterbeinen von der Decke herunter und zirpen und
zischen, wenn ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Bär selber liegt,
wenn er schläft, auf dem Bauche und hält die Stirn, die Nase an die
Brust gedrückt, mit beiden Tatzen, wie betend, umfaßt. -- Nur wenn er
wacht, saugt er und wahrscheinlich blos aus Spielerei, an den Branten,
Kinder haben das Daumenlutschen ja auch an sich, wobei er ein leises,
winselndes Geräusch von sich giebt.

In der Höhle angegriffen, ist er sehr scheu und versucht stets sein
Bestes, durch die Flucht einer sich nähernden Gefahr zu entgehen; im
Freien dagegen ist er viel heldenmüthiger. Ich selbst habe eine Bärin
in einer der tiefsten Höhlen der Ozarkgebirge angeschossen, und bin,
von ihr gefolgt, zurück gewichen, bis sie einen anderen Zweig der
Höhle annahm und ich im Stande war, mir meine Büchse, die ich hatte
zurücklassen müssen, wieder zu holen und zu laden; die Bärin aber, als
ich ihr nachher aufs Neue zu Pelze rückte, obgleich sie ihre Jungen in
unserer Gewalt wußte, wagte nicht mich anzugreifen, sondern saß, in
wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr mit den scharfen Krallen zerhauend,
auf ihrem Hintertheil und schnappte in ohnmächtiger Wuth mit dem Gefänge,
bis sie die zweite, tödtliche Kugel erhielt.

Hat der Bär in einem Baum seine Zuflucht gekommen und wird er vom Jäger
aufgefunden, was dieser aus den freilich nicht sehr deutlichen Zeichen
in der Rinde erkennen muß, so ist sein Loos allerdings kein sehr
beneidenswerthes. Entweder wird der Baum umgehauen und Petz auf diese
Art in seiner besten Ruhe gestört und durch den Sturz betäubt, wenn er
endlich schlaftrunken emportaumelt, von dem ihn Erwartenden mit einer
Kugel und von einer Meute Hunde empfangen, von denen er sich gewöhnlich
gar keine Idee machen kann, wie sie alle da so geschwind hingekommen
sind; oder er wird mit Rauch von unten heraus getrieben, was ihm höchst
fatal ist, so daß er gewöhnlich brummend seinen bisherigen Ruheort
verlassen will, bis ihn auch hier, sobald er sich oben an der Öffnung
zeigt, eine todtbringende Kugel empfängt. --

Am schnellsten und komischesten ist das Heraustreiben desselben mit
einem Feuerbrand; denn wenn die Höhlung des Baumes nicht bis an die
Wurzel geht, daß also der Rauch auch nicht zu dem Schlafenden hinauf
dringen kann, so muß, im Fall die Jäger keine Axt mit haben und der Baum
zu stark ist, um ihn mit den kleineren Tomahawks umzuhacken, Einer von
diesen mit einem Feuerbrand hinauf klettern, den er dann oben in die
Höhlung und dadurch gewöhnlich dem Bären auf den Pelz wirft; kaum spürt
Petz aber die Glut, als er voller Entsetzen in die Höhe fährt und oft
den Erdboden viel früher als der gewiß nicht zögernde Jäger erreicht.

Daß er sich von dem Baum herunter stürzt, ist eine Fabel; er behält
diesen zwischen den Branten und gleitet gewissermaßen daran nieder,
aber so schnell, daß er kaum den Stamm zu berühren scheint, und wie
ein schwarzer Blitzstrahl zwischen die ihn unten erwartenden Hunde
hineinfährt; thun diese dann aber nur im mindesten ihre Schuldigkeit, so
darf er nicht entkommen, denn, noch halb im Schlafe, hat er weder sein
volles Bewußtsein noch seine vollen Kräfte, und wird leicht von ihnen
gestellt und dem herbeieilenden Jäger zur Beute.

Ist der Bär in jagdbarer Zeit, um Nutzen von ihm zu ziehen und nicht des
Schadens wegen, den er thut, erlegt, so wird er gleich an Ort und Stelle
abgestreift, abfließt und dann zerlegt. Das »Abfließen« nennt man das
Ablösen des Fließes (der Speckseiten), die dann in das Innere des Felles
eingeschlagen und auf eins der Pferde befestigt werden; das Wildpret wird
nachher ebenfalls zusammen gebunden und, auf dem Rücken der Lastthiere
hängend, mit fortgenommen. Sind aber die Jäger in einem größeren Lager
und haben sie einen Kessel zum Fettauslassen mitgenommen, dann wird
diese Arbeit gleich im Walde vorgenommen und das ausgeschmolzene
Wildpret bekommen nachher die Hunde, die besseren Stücken behalten
natürlich die Jäger zu ihren eigenen Mahlzeiten. Das Beste am Bären sind
die Federn,[4] und eine recht fette Wand, auf zwei Hölzern am Feuer
geröstet; das herunter träufelnde Fett nachher mit dem trockenen
Bruststück des Truthahns aufgefangen und das Ganze mit einem heißen
Becher starken Kaffees hinunter gespült -- beim Schreiben läuft mir
schon, bei der bloßen Erinnerung, das Wasser im Munde zusammen.

  4: Für den Nicht-Jäger »Rippen.«

Das sind übrigens die Lichtseiten der Bärenjagd -- die Schattenseiten
aber schauen viel düsterer d'rein. -- Wochenlang in Sturm und Regen den
Wald durchzogen, Jäger und Hunde halb verhungert -- (denn ist man einmal
ausgegangen, um Bären zu schießen, so läßt man sich nicht gern mit
geringerem Wild ein.) -- Alle zu Tode erschöpft und immer noch keine
warme Fährte -- endlich werden die Hunde lebendig, sie wittern den
Feind, sie wissen, daß ihrer, mit dessen Erlegung, Ruhe und Stärkung
wartet; sie strengen ihre letzten Kräfte an und fort geht die Jagd, über
Stock und Stein -- sie überholen ihn, werfen sich in blinder Wuth auf
ihn -- aber der Jäger hat durch die Dickichte oder steilen Schluchten
nicht so schnell mit seinem Pferde folgen können; der Bär, ein alter
erfahrener Bursche, -- nicht gerade mager, aber doch nur feist genug,
um tüchtig laufen zu können, schlägt die Hunde zurück, tödtet drei
oder vier, verkrüppelt andere und ist, wenn trübe Dämmerung den rasch
nahenden Abend verkündet, fern von aller Gefahr und von der für ihn
sorgsam aufgesparten Kugel unerreicht, -- das sind Schatten-, das sind
Nachtseiten, die leider nur zu oft vorkommen. Am Lagerfeuer herrscht
dann sehr üble Laune, und den nächsten Tag ist der Jäger äußerst
zufrieden, wenn er nur noch so glücklich ist, einen Hirsch zu erlegen,
um mit seinen übrigen Hunden, wieder eine Mahlzeit halten zu können. --

Der Bär, obgleich zu den Raubthieren gehörig, nährt sich doch nur,
ausgenommen im äußersten Nothfall, von Früchten und Insekten, und greift
nur im Sommer, wo er seine Nahrung zu sparsam zusammen suchen muß,
Schweine und fast _nur_ Schweine an, zwischen denen er dann freilich
oft recht arge Verwüstung anrichtet. Hauptsächlich lebt er von Eicheln,
anderen Waldfrüchten und Beeren, und wird in fruchtbaren Jahren oft
so feist, daß er fünf bis sechs Zoll Feist ansetzt. Ein ordentliches
Bärenmesser darf daher auch eigentlich nicht weniger als 9 Zoll in der
Klinge haben, wenn es in allen Fällen gerecht sein soll.

Zu dem jagdbaren Wilde Nordamerika's gehören auch einige Raubthiere, die
eine zu wichtige Rolle im Walde spielen, um ganz unerwähnt zu bleiben.

Der _Panther_ muß mit Recht an die Spitze kommen, denn er ist der
stärkste und gefährlichste Gegner des Menschen, und auch wohl das
einzige Raubthier in dem weiten Urwald, das der Jäger zu fürchten hat,
da es Nachts die Lager umschleicht und in manchen, aber doch sehr
seltenen Fällen schon dem sorglos Schlummernden gefährlich geworden ist.
Heerden und Schweine und Kälber, Fohlen, und selbst erwachsene Pferde
fallen seinem Blutdurst. Hauptsächlich nährt er sich jedoch von Hirschen
und kleinerem Wild, beschleicht Nachts die Salzlecken oder lauert, im
Laub der Bäume versteckt, auf die ruhig darunter hin Äsenden. Von den
Hunden gehetzt, bäumt er am Tage sehr leicht auf, Abends und Nachts aber
verläßt er sich lieber auf seine Gewandtheit und List, bringt die Hunde
durch falsche Sprünge von der Fährte ab und entgeht ihnen meistens.

Er wird etwa so groß wie ein tüchtiger Fleischerhund, ist ziemlich von
der Farbe des Rothwildes und färbt, wie dieses, im Winter; sein Fell hat
keinen großen Werth und die Jagd auf ihn wird daher auch nicht, wenn er
sich nur irgend entfernt von den Ansiedelungen hält, besonders lebhaft
betrieben. Sonderbar ist es, wird aber allgemein behauptet, daß er,
so scheu er auch am Tage den Menschen flieht, mit wilder Blutgier
schwangere Frauen anfalle und zerreiße.

Der _Wolf_ steht dem europäischen an Größe bedeutend nach, lebt aber
wie dieser in Rudeln zusammen und geht gemeinschaftlich auf Raub aus;
doch nur fürchterlicher Hunger könnte ihn dazu zwingen, einen Menschen
anzugreifen, denn er ist feig und flieht bei dem leisesten Geräusch. Im
Mai wirft die Wölfin 3-6 Junge, unter denen, wie die Sage geht, jedesmal
ein Wolfshund sein soll, der später der grimmigste Feind der Wölfe wird.
-- Diesen nun aufzufinden, führt die Wölfin die Jungen, sobald sie
laufen können, an ein Wasser, um sie zu tränken. Hier verräth sich der
Wolfshund, der nach Hundeart _leckt_, während die wirklichen, ächten und
treuen Wölfe _saufen_, und augenblicklich wird der junge, bis dato noch
unschuldige Verräther, zu Tode gebissen.

Nicht so schlau als der unsere, fängt man ihn häufig in Fallen, die
gemeiniglich aus einem, aus schweren rohen Baumstämmen zusammengefügten
Kasten bestehen, in dem zuerst, ehe er ganz beendigt ist, das Gescheide
eines Hirsches oder anbrüchiges Fleisch geworfen wird, das er sich
gemeiniglich bald holt, dann auch später den aufgerichteten Deckel nicht
scheut und sich plötzlich gefangen sieht. Da er, in Fuchsfallen oder
Ottereisen erhascht, gewöhnlich den fest gehaltenen Lauf abbeißt, so
läßt der amerikanische Jäger die Falle unbefestigt stehen, hat aber eine
drei bis vier Fuß lange, schwache Kette daran, an der ein vierhakiges
Eisen hängt; dieses faßt überall, wenn der Wolf mit der Falle zu
entfliehen sucht, hinter Büsche und Wurzeln, wird aber stets wieder von
dem darin Sitzenden losgemacht, der sogar schon den Haken in's Gesänge
genommen und zu entziehen versucht hat; aber nie greift er zum äußersten
Mittel, sich den Lauf abzubeißen, so lange er noch eine Hoffnung auf
Entkommen hat und wird nachher leicht mit dem Hunde ausgemacht.

In Canada hörte ich von sehr vielen Farmern, daß sein Biß, selbst bei
einer leichten Verwundung, tödtlich sein solle; das ist aber wohl nur
Fabel. Thatsache ist es übrigens, daß Jahre vergingen, ehe sich die
Wölfe an die dortigen Landgüter hinanwagten, als zuerst auf ihnen
-- Schafe aus Europa eingeführt wurden. -- Sie kannten die rauhen
wolligen Thiere nicht und fürchteten sie ungemein -- wie sie aber erst
einmal, durch Zufall oder peinlichen Hunger getrieben, den Geschmack
derselben weg bekamen und sie als harmlose, nicht gefährliche Geschöpfe
kennen lernten, räumten sie fürchterlich zwischen ihnen auf. In seiner
Naturgeschichte ähnelt er sonst den europäischen Wolfe in allen Stücken,
nur ist er bedeutend kleiner und schwächer als dieser. --

Der graue oder Prairiewolf ist eine Abart, sieht hellgrau aus, ist noch
kleiner und furchtsamer als der schwarze, und lebt meistentheils in den
Steppen.

Der _Fuchs_. Es wäre nicht halbrecht, Reinecken auszulassen, wo von Wild
die Rede ist, obgleich er in Amerika eine ziemlich untergeordnete Rolle
spielt. Erstlich ist er bedeutend kleiner als der unsere, giebt ihm aber
wohl kaum an Schlauheit nach und weiß tausend Mittel und Wege, die Hunde
von seiner Spur abzubringen. Eine Eigenthümlichkeit hat er übrigens vor
dem europäischen voraus -- er bäumt auf, was fast unglaublich klingt;
ich selbst wollte aber auch meinen Augen nicht trauen, als ich zum
ersten Male den Hunden zueilte, deren wildes Bellen und Klaffen zeigte,
daß sie ihn gestellt oder, wie ich damals glaubte, in seinen Bau gejagt
hatten; ich wußte jedoch wahrlich kaum, was ich sagen sollte, als ich
den rothen Schelm ganz gemüthlich in einem jungen Baum, etwa 12 Fuß
von der Erde, erblickte, wo er sich in die ersten auszweigenden Äste
eingeklemmt hatte und, vor den Hunden wenigstens, geschützt war; er
schnitt aber ein Gesicht wie eine Katze, die beim Milchnaschen ertappt
wird, als er mich kommen sah, denn an Fliehen war nicht mehr zu denken,
da zwölf rüstige Hunde den kleinen Baum umtobten.

In Amerika bäumt übrigens fast alles Wild auf, Büffel, Hirsche und Wölfe
ausgenommen; selbst die Kaninchen kriechen wenigstens inwendig in hohlen
Bäumen hinauf und die Rebhühner, vom Hunde verfolgt, fallen fast stets
in die Bäume ein; es ist einmal die Natur des Wildes dort, in dem
ungeheueren Wald auch die Bäume zum Zufluchtsort zu wählen. Der Fuchs
lebt übrigens in hohlen Bäumen, kann aber nicht etwa klettern, sondern
wirft sich nur, in äußerster Noth mit Springen und Anklammern, zwischen
die niederen Äste eines jungen Stammes und bleibt da eingeklammert
sitzen.

Den Schluß mögen zwei ächte Amerikaner machen, der Waschbär (=racoon=)
und das Opossum oder die Beutelratze.

Der Waschbär, dessen Fell unter dem Namen »Schuppen« eine bedeutende
Rolle auf den deutschen und russischen Märkten spielt, findet sich,
besonders in den sumpfigen Thalländern des Mississippi und anderer
großen Ströme, in ungeheuerer Menge, und wird dort an Ort und Stelle
wenig oder gar nicht geachtet. Die Krämer bezahlen sein Fell in jener
Gegend mit etwa vier guten Groschen. Der Waschbär ist übrigens an und
für sich ein sehr liebes, possirliches Geschöpf, und ähnelt, obgleich er
nie größer als ein starker Dachshund wird, in sehr vielen Stücken dem
Bär, zu dem er auch, dem Geschlechte nach, gehört. Er lebt von Beeren,
Waldfrüchten und Insekten, und liegt, wenn ruhend, in der nämlichen
Stellung wie sein vierschrötigerer Vetter. Den Namen _Waschbär_ hat
er mehr von seiner Neigung zu nassen Nahrungsmitteln als wegen seiner
Reinlichkeit, denn das, was die Leute bei ihm _waschen_ nennen, ist doch
nichts mehr als ein Anfeuchten seines Fraßes. Er kann leicht gezähmt und
zu allen möglichen Kunststücken abgerichtet werden; sein Fleisch ist
dabei delikat und hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Bärenwildpret, nur
daß es nicht wie dieses, wenn es anbrüchig wird, leichenähnlich, sondern
wie anderes Wildpret riecht.

Das Weibchen wirft 3-5 Junge und thut im Sommer den Maisfeldern
ungeheueren Schaden, weshalb ihm auch die Landleute schon aus diesem
Grunde sehr nachstellen. Sein Fell ist grau und sein buschiger Schwanz
mit schwarz und gelben Ringen umzogen. Im Winter wird er mit Hunden
gehetzt und zu Baume gejagt.

Das _Opossum_, oder die Beutelratze, steht an Größe dem Waschbären kaum
nach, sieht aber ganz grau und ratzenartig aus und hat, wenn man es an
einem regnerischen Tage durch den Wald trollen sieht, in der That die
wirkliche Gestalt einer kolossalen Ratze, die über irgend etwas sehr
erschrocken und blaß geworden ist. Besonders geben ihm der kahle, dicke
Schwanz, wie die fingerartigen Krallen, ein außerordentlich widerliches
Ansehen.

Äußerst komisch aber schaut es drein, wenn man ihm im Wald plötzlich
begegnet und dicht zu ihm hinan geht. Zusammenfahrend legt es sich
dann halb auf die Seite und ängstlich, mit weit aufgerissenem scharfen
Gefänge, in die Höhe blickend, zieht es die Lefzen so weit zurück, daß
es gerade so aussieht, als ob es den Störer seiner Ruhe angrinze und
sich unendlich über seinen Besuch freue; es macht dann auch nicht den
mindesten Versuch zu entgehen, und läßt sich nur mit einiger angewandten
Vorsicht, wobei man sich besonders nicht so schnell nach ihm hinunter
bücken darf, sogar hinter dem Gehör kratzen, was ich oft versucht habe,
denn es hat keinesweges einen bissigen und bösartigen Charakter; schlägt
man es aber mit einem Stocke, und sei es noch so leise, oder sieht es
mehre Hunde (_einem stellt es sich_) kommen, so fällt es auf einmal
um und ist anscheinend todt. Diese mögen es nachher beißen, daß ihm
die Rippen krachen -- der Jäger mag es in die Höhe nehmen und wieder
hinwerfen -- es ist todt und rührt sich nicht, und erst im wirklichen
Todeszucken oder in tiefes Wasser geworfen, wo es seine Rolle vergißt
und schnell zu schwimmen anfängt, zeigt es Bewegung.

Dieses kleine Thier beweist dabei, während der fürchterlichsten Qualen,
die es doch nothwendiger Weise unter den wüthenden Bissen der Hunde
ausstehen muß, selbst noch im Tode eine solch merkwürdige Geistesstärke,
mit der es das Schlimmste erträgt und nicht zuckt, ja selbst keinen Laut
von sich giebt -- daß ich mich später, als ich seine Eigenthümlichkeiten
recht kennen lernte, nie mehr entschließen konnte, eins _umzubringen_,
denn unter diesen Verhältnissen erschien es mir ein wirklicher Mord.
Äußerst komisch sieht es aber aus, wenn man es hinter einem Baume vor
beobachtet, wie es aus seinem anscheinenden Tode wieder erwacht.

Zuerst, wenn Alles ruhig und still ist, und es sich fest überzeugt
glaubt, daß sein Feind den Platz verlassen hat, öffnet es leise die
kleinen Lichter und äugt -- so wenig als möglich den Kopf dabei
bewegend, überall umher; kann es nichts weiter erspähen, so streckt es
behutsam die winzigen Lauscher vor und horcht -- Alles ruhig; jetzt hebt
es den Kopf, blinzt rings im Kreise umher, liegt noch ein Weilchen ganz
ruhig, wo es beim geringsten Geräusch wieder in seine vorige Stellung
und Leblosigkeit zurücksinkt, und richtet sich zuletzt, wenn es den
Frieden völlig wieder hergestellt glaubt, auf und trollt ab.

Wird es verfolgt und kann in der Geschwindigkeit einen Baum erreichen,
so bäumt es auch auf, wobei es mit ungemeiner Gewandtheit klettert, doch
benutzt es, um an starken Bäumen emporzuklimmen, gewöhnlich die herunter
hängenden, wilden Weinreben. Sein Fleisch, das zart und schön aussieht,
wird von Vielen leidenschaftlich gegessen, die dann behaupten, es
schmecke wie junge Ferkel; ich konnte aber nie meinen Ekel vor seiner
häßlichen Gestalt so weit überwinden, davon zu kosten. Seine nackten
Jungen trägt es, wie das Känguruh, nach der Geburt noch eine lange Zeit
in einem sich unter dem Bauche befindenden Beutel umher; in den sie sich
auch, wenn sie schon herumlaufen können, bei jeder nahenden Gefahr
hineinflüchten.

Das ist etwa der Urwald mit seinen Bewohnern, der nun freilich noch
durch unzählige kleinere Vögel belebt wird. Schaaren von Tauben und
kleinen Papageien durchschwärmen die Luft, und im Herbst und Frühjahr
füllen unzählige Völker von wilden Enten und Gänsen die fließenden
Wasser und einsamen Waldseen des gewaltigen Reiches, deren Jagd
besonders in den südlichen Staaten, in Louisiana, wo sie, aus dem
hohen Norden kommend, überwintern, äußerst interessant ist.

Louisiana kann ich aber nicht erwähnen, ohne der Schnepfenjagd dabei zu
gedenken, die ich dort von Anfang Februar bis Mitte März getrieben. Fast
fürchte ich jedoch hier in Deutschland, wo die Schnepfe eigentlich zu
den Seltenheiten gehört, keinen Glauben zu finden, wenn ich die Zahl
angebe, die ich jede und jede Nacht erlegt habe; ich will aber die Sache
erzählen, wie sie wirklich ist, und derjenige, welcher je die Ufer des
Mississippi nach mir betritt und in dem flachen Lande, das an seinen
Ufern, zwischen diesen und den weiter zurückliegenden Sümpfen liegt,
jagt, wird finden, daß ich nicht übertrieben habe, denn jene Massen
können nicht vernichtet werden.

Die ungeheueren Schilf- und Sumpfdickichte dienen der amerikanischen
Waldschnepfe und Becassine den Tag über, zum Aufenthalt, und mit
Dunkelwerden, wie bei uns, streichen sie in die offen liegenden nassen
Wiesen und Baumwollenfelder. Nun könnte man sich zwar anstellen und sie
auf dem Strich schießen, denn _Tausende_ schwärmen aus den schützenden
Büschen in's Freie; die Bäume sind aber dazu zu hoch und eine viel
bequemere, Kraut und Blei sparende Jagd betreibt der Creole dort, zu
dessen Lieblingsgerichten die Schnepfe gehört. Auf ähnliche Art habe
auch ich _jede_ Nacht -- über sechs Wochen hinter einander, gejagt,
wobei ich selten und nur dann, wenn das Wetter ungünstig war, nach
zweistündigem Umherwandern weniger als zwölf bis achtzehn Schnepfen
hatte.

Die Schnepfe wird aber hier, wie der Hirsch im Walde, bei Fackellicht
geschossen. Mit eben solcher Pfanne versehen, wie ich sie für die
Feuerjagd des Rothwildes beschrieben habe, betritt der Jäger Abends nach
Dunkelwerden, wenn der Wind nicht zu stark bläst und der Mond nicht zu
hell scheint, die feuchten Wiesen. Ein Sack mit feingespaltenem Kienholz
hängt an seiner Seite oder wird besser von einem ihm dicht folgenden
Begleiter nachgetragen, der dann auch das Wiederauflegen des herunter
gebrannten Kiens besorgen muß, um stets eine recht helle, lebhafte
Flamme zu unterhalten, und jetzt, in der rechten Hand die leichte
Doppelflinte, in deren Rohren sich nur eine Viertelladung befindet,
um die kleine Schnepfe (sie sind bedeutend kleiner als bei uns, den
deutschen sonst aber ziemlich ähnlich) nicht zu sehr zu zerschießen,
wandert der Jäger leise und höchst aufmerksam, das kurze Gras der Wiesen
überschauend, an kleinen, feuchten Gräben und nassen sumpfigen Stellen
entlang. Auf dreißig Schritt schon kann er, wenn er eine recht gute
Flamme führt, die Schnepfe erkennen, die, entweder das Feuer gar nicht
beachtend, sorglos weiter läuft und den langen Schnabel in den weichen
Erdboden hineindrückt, oder mit auf den Rücken gelegtem Kopf, den
Schnabel vor sich hinausstreckend, stehen bleibt und den Herankommenden
ruhig erwartet.

Auf zehn bis zwölf Schritt habe ich gewöhnlich geschossen und natürlich
nur selten gefehlt, was aber dennoch manchmal vorfällt, da das Feuer
oft auf dem hellen Lauf, den man bei einer Schrotflinte übersehen muß,
blendet, und man beim Abdrücken schon hinan zu sein glaubt, die Schnepfe
aber dennoch unterschießt. Durch den Schuß oder auch durch den ihr
zu nahe auf den Leib rückenden Jäger aufgescheucht, steigt sie mit
schwirrendem Laute gerade in die Höhe, fällt aber auch augenblicklich
in einem kleinen Bogen und fast stets noch im Bereich des Feuerscheins
wieder ein, und kann schnell auf's Neue gefunden werden.

So wenig scheut sie die Flamme, daß viele Neger, deren Herr ihnen
nicht erlaubt, eine Flinte zu führen, Nachts mit der Fackel und lang
abgeschnittenen Zweigen hinausgehen und sie zu Boden schlagen. In der
einen Ansiedelung, =Pointe Coupée= am Mississippi, die sich etwa zwei
englische Meilen in das Land erstreckt und zwei und zwanzig englische
Meilen am Fluß hindehnt, werden doch in jedem Jahre, (d. h. in den
sechs Wochen, denn im Herbst läßt sie sich nicht in den Wiesen sehen)
wenigstens 10,000 Schnepfen und Becassinen erlegt und theils nach
New-Orleans und in die kleinen Städte auf den Markt gebracht, theils
selbst verzehrt. Bei dieser Nachtjagd, zwischen den zahlreichen
Lagunen der Niederung umher, schoß ich denn auch sehr häufig dort
eingefallene Enten, ja einmal selbst eine wilde Gans, für die ich jedoch
besonders laden mußte; auch Kaninchen und Rebhühner, die man in den
Baumwollenfeldern auftreibt, halten, und ich glaube gewiß, daß man eben
dieselbe Jagd hier in Deutschland, wenigstens auf Enten und Hühner,
betreiben könnte; denn Schnepfen sind doch dazu zu selten; -- es kommt
natürlich nur einmal auf einen Versuch an.

Die Bewaffnung eines Bärenjägers in Arkansas, der sich nicht fortwährend
in drei und vier Meilen um sein Haus herum treibt, sondern längere Züge
in die Waldung unternimmt und oft wochenlang keine Wohnung, außer der,
die er sich selber aus Rindenstücken aufbaut, zu sehen bekommt, ist etwa
die folgende. Eine gute einläufige Büchse und ein Bärenmesser -- etwa
9 Zoll lang in der Klinge und zwei und einen halben breit, mit der
gehörigen Schwere, um nicht allein kleine Lagerstangen, sondern auch
beim Zerlegen des Wildes das Schloß ohne Mühe durchschlagen zu können,
dazu ein kleineres, kurzes Messer (Scalpirmesser) ausschließlich für
das Zerwirken und Essen bestimmt und dann ein Tomahawk (indianisches
Beil) im Gürtel, um im Nothfall stärkere Bäume umhauen, Kienholz
spalten und ein tüchtiges Lager bauen zu können, ist Alles, was er
als Vertheidigungs- und Angriffswaffen bei sich führt; zu seiner
Bequemlichkeit trägt er aber noch eine wollene Decke zusammengerollt
auf dem Rücken, und einen Blechbecher an einem Henkel im Gürtel, um
in diesem Abends, wenn er seine Decke aufgespannt oder ein Rindendach
erbaut hat, etwas von dem gebrannten Kaffee, den er in einem ledernen
Säckchen in die Decke gewickelt mit sich führt, erst mit dem Stiel
seines Tomahawks im Becher zu stoßen und dann in diesem zu kochen.

Die Bekleidung besteht fast ganz aus Leder, was die Unzahl von dornigen
Schlingpflanzen, die überall den Wald durchziehen, nöthig machen. Ein
ordentlicher Jäger muß aber nicht allein sein eigener Schneider und
Schuster sein, sondern er gerbt auch die Häute, die er verwenden will,
selber, und nur dann kann er sich in jenen gewaltigen Wäldern unabhängig
fühlen, wenn er aus sich selbst sich zu erhalten, zu nähren und zu
bekleiden vermag.

Doch ich bin weitläufiger geworden, als im Anfang meine Absicht war,
und muß schließen, um nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden,
glaube aber in dieser kleinen Skizze einen ungefähren Umriß von der
nordamerikanischen Jagd, wie ich sie durch sechsjährige Erfahrung und
fast vierjährigen, ununterbrochenen, praktischen Betrieb kennen gelernt,
gegeben zu haben. Die Jagd ist jedoch in den endlosen, wilden Wäldern
des noch neuen Landes kein Vergnügen mehr, das man sich zur Erholung
gestattet, sondern es ist eine Arbeit, die, weil man einmal darin ist
und leben muß, vollzogen sein will, verliert daher vieles von ihrer
Annehmlichkeit.

Dabei verringert sich, durch das rücksichtslose Jagen, das Wild mit
jedem Jahre, die Mühe wird daher immer größer, der Erfolg immer weniger
belohnend; dennoch aber ist's ein eigenes herrliches Gefühl, ganz so auf
sich und seine eigene Kraft angewiesen zu sein und frei, ungehindert
wie der Vogel in der Luft, den Wald durchziehen zu können. Hat dann der
einsame Jäger Abends sein Feuer angezündet, sein schnell errichtetes
Dach über sich ausgespannt, so ist er auch zu Hause, denn der Wald ist
ja seine Heimath und jedes dichte Laubdach seine Schlafkammer.

Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, dort Geld zu verdienen, ja
der soll um Gottes willen die Flinte an den Haken hängen, denn wenn er
auch hören mag, daß die Gallone Bärenfett 1-1/2 Dollar gilt und ein
recht tüchtiger, feister Bursche oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit
sich trägt, so ist das Alles recht schön und gut -- er trägt sie eben
mit sich und der Jäger kann ihn vielleicht -- wenn er rechtes Glück
hat -- nach Monate langer Jagd auffinden und erlegen, und dann ist er
gewöhnlich immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, wenn er das
Fett wirklich auslassen kann, dieses in erst gemachte Hirschhautschläuche
füllen und dann noch, wer weiß wie weit, zum Verkaufe transportiren muß;
Hirschdecken gelten im Sommer kaum acht bis zwölf gute Groschen -- das
Wildpret hat fast gar keinen Werth.

Nein, zu verdienen ist nichts auf der Jagd; wer jedoch einmal ein Paar
Jahre seines Lebens dran wenden will, nun dem bleibt in späteren Zeiten
wenigstens die Erinnerung. Es ist aber auch recht so, denn wollte man
das edle Waidwerk nur um schnöden Gewinnstes willen treiben, wie im
Norden und Westen Amerika's die großen Pelzcompagnieen thun, so würde es
zum schändlichsten Morden herabgewürdigt und verlöre all das Schöne und
Männliche, das ihm jetzt solch unendlichen Reiz verleiht. --

Doch genug hiervon; ich habe aus meinem Leben, nicht wie ich es von
Anderen erzählen gehört oder in Büchern gelesen, sondern wie ich es
selbst erfahren und beobachtet, das beschrieben, was in den Urwäldern
Nordamerika's innerhalb der vereinigten Staaten lebt und gejagt wird,
und bin ich ein wenig weitläufiger dabei geworden, als es Manchem recht
erscheint, so mag er bedenken, daß ein Jäger, der von seinen erlebten
Jagden erzählt, selten das Ende finden kann.



Curtis Brautfahrt


An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das sich dreißig Meilen
überhalb Little Rock in den Arkansas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein
Mann Namens Jeremias Curtis.

Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen
sechs und dreißig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau
an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem
erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's
Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs
und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der Mutterpflege bedürfen.

Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte
indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch
wirklich recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und
schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu
heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. Jeremias
Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte,
sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn
vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine Frau
wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine
Aussteuer zuführe, auf daß er seine irdischen Güter, wenn er auch keinen
Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne.

»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich selbst vor seiner Hausthür
auf- und abgehend, herzählte), »er hatte, was er brauchte im Überfluß;
hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, wasserdicht
gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen
_wollte_, er mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit einem
guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit
»Massen von Fleisch«; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes
Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen;
zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß
und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frühjahr in
die Arkansas Rohrbrüche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren);
einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, wenn das _seine_
Sau gewesen, die der Bär in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche
Stahlmühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider
(zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky
Jeannet[5], die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, und -- die
Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert
und fünfzig Dollar in baarem, harten Gelde -- _harten Gelde_!«

  5: Ein grobes wollenes, meist selbstgewebtes Zeug.

Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male
»_hartem Gelde_ -- keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld
-- Arkansas-Real-Estate -- 72 pro Cent Discount -- Puh!«

»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei
der nächsten Wahl eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren
Minuten in der Thür gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte,
wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause
vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen
gestikulirte.

»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er
stehen blieb und sich nach seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde
Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen.

»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« erwiederte Nancy, »und Bob
ist bei ihm stehn geblieben, die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann
übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr
verlangt.«

Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als Stufen dienenden Klötze
hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das
Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die
sogenannten _Kobs_, zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den
Boden scharrte.

»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das Mädchen, ihm dabei freundlich
den Hals klopfend, während Bill, dem die schmeichelnde Hand der
Pflegerin zu behagen schien, nur stärker scharrte und mit dem schönen
Kopfe auf- und niederfuhr -- »nun warte -- ich hole dir noch ein paar
Kolben« und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der
Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger
Beistimmung, hellauf wieherte.

Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hübschen Kindes mit
wohlgefälligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames
Kopfschütteln verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken
dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen
Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd »einen kleinen,
neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars -- harte, silberne
Dollars.«

»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief er da plötzlich, als er
zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen
extra versprochenen Mais aus der Thüre treten sah -- »ich will fortreiten
-- hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus -- und reich' mir den
Zügel heraus -- er liegt unter meinem Bett.«

Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis
seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zügel an und den
Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst blank gescheuerten
Sporn an den linken Fuß, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen über den
etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung wieder in
tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber mußte ein großer
Entschluß in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie
drückte er sich den Hut -- fast etwas zu tief -- in die Stirn, schwang
sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten,
wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte.

»Nancy«, sagte er endlich -- »ich will ausreiten.«

»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?«

»Ja Nancy, und -- wenn ich vielleicht -- es könnte sein, daß ich -- ich
setze den Fall ich käme -- nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das
Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; -- wir -- wir bekommen
vielleicht -- Besuch!« und dem Thiere den linken Hacken einbohrend,
setzte er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß hinaufführende
Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten Hügel, fort.

Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, lächelnd
und kopfschüttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem
Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurücktretend:

»Nun wenn _der_ nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht
Nancy heißen. Viel Glück, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber
doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mädchen, am Fluß
hinauf -- sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Töchter -- ih«
-- lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad
wieder beginnend -- »ich werd's schon erfahren; morgen führt er ja
wahrscheinlich seine Auserwählte heim.«

Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem Herzen die Straße
entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu
bändigenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausschallende
Hymne an, so daß mehrere Hirsche, die friedlich an der Straße geäßt,
entsetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber
kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich
Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschluß herumquälen können,
ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erst einmal
mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den
lieben Gott für das weitere sorgen lassen.

Im besten Mannesalter, sah er -- Nancy hatte ihm das selbst mehr als
einmal versichert -- gar nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags
seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm zwar seine übergroße
Bescheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu
partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd
hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann
wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte »einen
kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten
Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme
den geistlichen Gesang auf's Neue.

Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frühlingsluft
fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses
entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung näherte;
anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrücken, und im fröhlich kühnen
Galopp vor die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er langsam
seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch hinein; stieg ab und begann jetzt
mit außerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen.

Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer -- das er in einer
ledernen Scheide im Gürtel trug -- an einem Baum befestigt, dann
förderte er einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der Tiefe
der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bügelte
nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam.

Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt
befand, hatte zwei allerliebste Töchter, zwar noch ein wenig jung für
einen Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst achtzehn Jahr;
leicht überredete er sich aber, daß sein noch so rüstiges, jugendliches
Aussehen, und sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert und
fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen würden, ja sprechen
mußten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die
Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge
von sich entfernt, um ungefähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er
hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen sollte.

Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, stahlen sich hie und da
einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen
hervor, und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen Boten eines
ehrwürdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu
erfassen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier
silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich
wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser
beiden Schönen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl
ausersehen.

Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen
»guten Morgen Mr. Curtis« angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner
zitternden Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht gezeigt,
als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Züge darin
zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die
Riesenarme über den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber
wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht so starr vor Schrecken, so
völlig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal
die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit
aufgerissenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der
einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene
Schwester.

»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der Beiden, die sich zuerst
wieder genug gesammelt hatte, um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy
zu Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald hinein müssen, um
Ihre Toilette zu machen?«

»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« fiel die Schwester, immer
noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein -- »er übte sich schon im
Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er in derselben Tasche,
aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die
Kriegsfarben trägt.«

»Das ist möglich,« kicherte Lucy -- »dort im Baum steckt sein
Scalpirmesser.«

»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit scheinbarer Besorgniß,
»dann müssen Sie ja auch _tanzen_, und da Sie doch jetzt erst zu den
Methodisten --«

»Miß Lucy -- Miß Betsy,« stammelte in höchster Verlegenheit der arme
Curtis -- »ich -- ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig
Dollar --«

»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, »ich sehe Sie schon
im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Gürtel
-- buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten
Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht
-- Brrrrr« fuhr sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke
nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen an zu lachen, daß
der Wald tönend das helle Echo zurückgab.

Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes,
stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit höchst kläglicher,
erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er
in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine
unergründliche Felsspalte hineinfahren könne, um nur hier, von dieser
für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth,
auch nur eine Sylbe über die Absicht seines Besuches laut werden zu
lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz,
hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin
entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Tasche gleiten, und frug
jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was
sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle
allein zu thun hätten.

»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, »könnten wir Ihnen das zu
rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie
in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen
Sie das freundliche Gesicht Jessina's?«

Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig
Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blühenden
Dogwoodbüschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen,
vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte
und kichernd zwei Reihen der reinsten, weißesten Perlzähne zeigte, die
je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten.

»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme
Curtis hatte schon einen höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen,
doch unterdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick
vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort
zu fliehen, wo er unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen worden.
Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes.

Nein -- Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern
auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche
Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesünderen Lage
wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh -- sehr viel Vieh und
-- was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders
von sehr hübschen Negermädchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen
Sprößling aethiopischer Race -- romantische Gebilde von fabelhaft großen
Baumwollenplantagen mit unzähligen Negersclaven jagten an seiner inneren
Seele vorüber -- jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen war wenigstens
zweitausend Dollar werth -- er drückte sich den Hut etwas fester auf
den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen schienen ihr
Betragen zu bereuen -- sie flüsterten leise und ernst zusammen -- sie
wußten, daß sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten -- Reue
kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hülfe; auf
keinen Fall dürfte die kostbare Zeit versäumt werden, und Lucy sollte
erfahren, daß es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten der
Sterblichen zu machen.

Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken Arm auf -- der
Augenblick der Entscheidung war da.

Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:

»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn --«

»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung
schöpfende Freier, -- wie können Sie nur glauben, daß ich -- ich
habe --«

»Wenn ich eine Frage an Sie richte --« fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung
zu beachten, fort -- »Betsy und ich haben miteinander gestritten
-- Betsy meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung
ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke
mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?«

Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte die schon halb
begonnene Anrede, steckte das Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd
am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden
Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern
ausgebrochen, das in dem blühenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo
fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Versammlung
auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saßen, stimmten mit ihren
schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß mit einem
Sprung im Sattel.

»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er
hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase,
so flog er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit so frohen
Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder zu.

Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, zum Hause zu reiten und
bei ihren Eltern zu übernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu
necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts
von ihren versöhnenden Worten, und nur das spöttische (ihm _teuflisch_
vorgekommene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er
schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich
anfing, die Sache ruhig zu überdenken.


»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des schäumenden Thieres
ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den
gotteslästerlichen Fluch gehört habe, »kann ein einzelner Mensch
größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem
gesegneten Morgen genossen? Aber gut -- gut -- spottet nur, lacht nur,
meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt nur den aufrichtigen
Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch
einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner
Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten
Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch
lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy nennen hörtet.«


Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob
drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er
eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg über
die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast höhnisches Lächeln
umspielte für einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im
Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen
Thieres, das mit ihm in langen Sätzen über die felsige Straße dahinflog.

Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte -- denn
diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mädchen lebten, existirten
gegenwärtig gar nicht für ihn -- gehörte einem Leidensgefährten, einem
Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des
alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, schlicht
und einfach, doch brav und häuslich erzogen, und eine amerikanische
Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens
Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil -- die Neger
fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden,
seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrüche,
sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht
geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren alten
Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte deßhalb
Lucy und Bet -- aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen
denken -- sie verdienten es nicht.

Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an
dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und
nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene,
schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben;
die Hunde bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief
das lockende »Huph -- huph« in den Wald hinaus, und dazwischendurch
schallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz für die
kühle Nacht herbeischaffen mußte.

Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und
Gebäuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte,
und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden Rüden umgeben,
vor einem einstöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus
dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, Wärme
und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.

»Hallo Curtis!« rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas
fernwohnenden »Nachbar« erkannte, während er im Holzhacken einhielt und
dem Ankommenden entgegentrat, -- »das macht Ihr gescheidt, daß Ihr Euch
endlich einmal sehen lasset; habt mir's lange genug versprochen. Komm
Bill -- nimm das Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die anderen
hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir brauchen sie morgen doch
nicht; tretet ein; laßt nur den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles
Acht geben.«

Curtis athmete hoch auf -- in der Thür der Hütte stand Anna, das holde
liebe Kind, und lächelte ihm so freundlich entgegen, daß er vor lauter
seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder losließ. Er stieg aber
vom Pferd, schüttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und
herzlich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau
nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gruß bot.

»Nun, Curtis, wie gehts?« fragte Ewis, als sie sich zusammen zum Feuer
gesetzt hatten und der Freiersmann emsig beschäftigt war, mit seinem
Genickfänger einen Span zu zerschneiden, -- »wie steht Euer Mais? schon
gepflanzt? habt wohl fruchtbares Wetter abwarten wollen? ja s'ist
merkwürdig trocken dieses Jahr.«

»Nicht so ganz -- wenigstens nicht bei mir,« erwiederte Curtis, dem es
war, als ob ihm das Herz die Brust zersprengen müsse, denn Anna stand
dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne zum am Feuer
brodelnden Abendessen vom Gesims herunter -- »mein Feld liegt, wie Ihr
wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin -- neun Acker urbar gemachtes
Land und daneben noch ein kleines Stückchen für Rüben -- eine schöne
Fenz, drum --«

»Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht
aufnehmen.«

»Mr. Ewis«, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heißt einem
Ansiedler der westlichen Staaten an's Herz gegriffen, wenn man
behauptet: entweder besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine sichere
Büchse oder tüchtigere Hunde zu haben), »Mr. Ewis, mein Land wurde durch
die Feldmesser ausgesucht, und für das fruchtbarste im ganzen County
erklärt; überdies habe ich noch ein recht gutes Wohngebäude, ein
Rauchhaus, eine kleine Küche --«

»Haben Euch denn die Eichhörnchen und Truthühner dies Frühjahr viel Saat
weggefressen? ich mußte an den Fenzen herum schon wenigstens zwei Mal
nachpflanzen.«

»Das war bei mir nicht so bedeutend«, entgegnete Curtis, auf's Neue die
Gelegenheit ergreifend, all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum
im besten Lichte erscheinen zu lassen; »Ihr wißt, ich habe einen kleinen
Neger, und der muß gehörig aufpassen; es ist sehr angenehm, einen
kleinen Neger« -- er sah sich schnell um, denn er konnte fast darauf
schwören, es hätte Jemand hinter ihm gekichert, Anna stand aber ganz
ernsthaft am Tisch, und war emsig beschäftigt, die Messer und Gabeln zu
ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer -- »kleinen Neger zu haben«,
fuhr er nach kurzer Pause in der unterbrochenen Rede wieder fort; »dabei
die hundert und funfzig --«

»Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben lassen?
oder trinkt Ihr noch immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ ich
mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein schauderhaftes Getränk.«

»Oh bewahre -- ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da
ich doch hundert und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen
hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich nothwendige
Arbeit gethan zu bekommen.«

»Hm«, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen Curtis, während er mit
dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend
zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal schien die Ahnung der
Absicht seines Besuchs in ihm aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles
eifrig in den Feldern beschäftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche
seine Sonntagskleider angezogen und sich zu ihm verfügt, blos um bei ihm
zu übernachten. --

»Hm« -- sagte er dann noch einmal, und sah forschend bald seine Tochter,
bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit
eisernem Fleiße an seinem Spahn fortschnitzte.

Einige Minuten lang überlegte sich der Alte die Sache, und schien das
=pro= und =contra= bedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber
doch wohl das =pro= den Sieg davon getragen haben, denn er stand auf,
und verließ, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu sehen, das Haus.
Curtis war auch wirklich gar keine so üble Parthie! er hatte was er
brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben Zehntel der übrigen
Ansiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte
Eigenheit, daß er immer von seinem kleinen Neger erzählte, durfte, wie
der Alte meinte, bei einem Mädchen auch weiter keinen Unterschied machen,
wenn der Mann nur sonst brav und gut wäre.

Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaft _gegen_ sich, wohl aber alle
die andern _für_ sich kannte, merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade
keine übermäßigen Verstandeskräfte besaß, daß er den Alten auf seiner
Seite habe, und beschloß nun mit der Tochter die Sache ebenfalls schnell
in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ ihn auf
ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die
Nase, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem
Augenblick ersticken müsse. Anna brach auch endlich zuerst das ihm
wenigstens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen:

»Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt sie nicht einmal
herauf zu uns; sie hat es mir doch schon so oft versprochen.«

Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, faßte sich aber endlich
ein Herz und frug das junge Mädchen mit einem seiner zärtlichsten
Blicke:

»Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal Nancy besuchten, vielleicht
gefiel Ihnen der Ort?«

»Nancy muß erst zu mir kommen,« sagte Anna, »sie hat es versprochen.«

Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's
Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leisen:

»Es ist heute schönes Wetter« wieder anzuknüpfen suchte.

»Ja!« sagte Anna.

Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine Augen flogen bald über die
an der Wand hängenden Kleider, bald über die im Schornstein angebrachten
Speckseiten, und haftete endlich wieder auf Anna's schlanker Gestalt,
die an das Feuer getreten war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu
sehen.

»Miß Anna!« sagte Curtis.

»Mr. Curtis?« frug Anna, sich nach ihm umdrehend.

»Ich muß Ihnen nur gestehen«, stotterte der Freier, »daß ich einzig und
allein darum hierher gekommen bin, um -- um Sie -- um mich bei Ihnen
-- bei Ihnen zu erkundigen, -- ob Sie --«

»Ob ich?« -- fragte das Mädchen, den neugierig lächelnden Blick fest auf
ihn gerichtet.

Er war so schön im Zuge gewesen, wie er ihr aber wieder in das dunkle
Auge sah, das ihn so schelmisch, und doch auch so -- er wußte selbst
nicht wie, so -- so trotzig anblickte, da verließ ihn auf's Neue sein
Selbstvertrauen, und er stammelte, nach einigen vergeblichen Versuchen,
die Fassung wieder zu gewinnen, auf das Fleisch deutend --

»Haben Sie das selber geräuchert?«

Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die Antwort warten, denn so lange
dauerte es, ehe sich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten
in ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen war.

»Und deßhalb also sind Sie die zwölf Meilen geritten?« frug sie endlich
mit noch thränenden Augen, »blos um sich zu erkundigen, ob ich das
Fleisch geräuchert hätte? o bester Mr. Curtis, das hätten Sie bequemer
haben können, Nancy war dabei, wir haben es zusammen eingesalzen.«

Curtis wurde leichenblaß -- er wußte, sein böses Geschick arbeitete
jetzt an seinem Verderben; dieselbe Sehnsucht nach irgend einer noch
unentdeckten Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfaßte
ihn --

»Ich habe einen kleinen Neger --«

»Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, hartem Gelde,« kicherte Anna.
»Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzählt.«

»Kinder, was habt Ihr denn?« sagte der alte Ewis, der durch das
Gelächter angelockt, in die Thüre trat. »Ihr seid ja ungemein lustig
-- ich glaubte --«

»O Vater, denke Dir nur --« lächelte Anna -- aber ein flehender Blick
des Unglücklichen traf sie, und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie
hatte Curtis Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn wenn ein
lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in so nöthiger Arbeitszeit,
und in seinen besten Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf
einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige Mädchen sind, da wird
und kann fast stets ein Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis
war aber überdies noch in der ganzen Ansiedlung schon gewissermaßen
_prophezeit_ worden, da er einige dunkle Worte hatte fallen lassen,
was wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- und
Klötzerollfesten hatten die jungen Mädchen auch schon zusammengekichert
und gelacht, welche von ihnen die Glückliche sein werde, der »der kleine
Neger und die hundert fünfzig Dollar« zuerst angeboten würden. Auf diese
Art war gewissermaßen ein Complott gegen den armen Mann entstanden, und
er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem
Maskenball umherwandert, fest überzeugt ist, daß ihn Niemand erkennen
kann, und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine boshafte Hand
angeheftet, seine eigene Visitenkarte trägt.

Anna fürchtete aber fast, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte
also ein, speiste den Vater mit einer ausweichenden Antwort ab, und war
dann sehr beschäftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen,
wich aber sorgfältig jeder Erklärung von Curtis Seite aus, ja ging sogar
ebenfalls hinaus, als sie merkte, daß sie der Vater nach Tische auf's
Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, und überzeugte die
beiden Herren der Schöpfung gar bald, daß sie auf die Pläne, die sie
zu brüten beliebten, nicht einzugehen gesonnen sei.

Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig -- es war ihm, als ob ihm
die Bissen im Munde stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund
und nahm einen Löffel voll Senf statt braunem Zucker in den Kaffee; die
Mahlzeit wurde auch sehr abgekürzt -- der alte Ewis führte allein das
Wort, erzählte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, die ein Panther
gefressen haben sollte und die nachher wieder plötzlich zum Vorschein
gekommen war, und endlich konnte sich Curtis zurückziehn und sein
stilles, einsames Lager suchen.

Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, aber auch frischen, neuen
Lebensmuth sog er aus diesen Träumen. Weshalb sollte er sich bei dem
zweiten, eigentlich nur _ersten_ Versuche abschrecken lassen, denn bei
Trumbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein -- noch gab
es mehr und recht hübsche Mädchen in der Ansiedlung, und solche auch
wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, wie den seines kleinen Negers
und seiner hundert und fünfzig Dollar zu schätzen wußten, ohne des
anderen Eigenthumes zu gedenken.

Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu lassen, hüllte er sich
dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in
seine Arme.

Am nächsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch auf und besorgte sein
Pferd; dringende Geschäfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch
weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna nur einen guten Morgen
durch die Thüre zurufend; als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt,
drückte er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte auf der
Countystraße weiter.

»Nein Curtis,« sprach er aber dabei mit sich selber, »wegwerfen thust
Du Dich auch nicht; bitten und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein
ordentlicher Kerl und hast« -- er griff plötzlich dem Pferd in den
Zügel und hielt in seinem Selbstgespräch und im Reiten an. Ein Gedanke
durchzuckte ihn -- »ich glaube, Miß Anna hat sich über meinen kleinen
Neger lustig gemacht -- sie lachte auf eine höchst unanständige Art,
als ich ihn erwähnte -- nun gut,« fuhr er, dem Braunen den linken
Sporn wieder eindrückend, fort, indem dieser einen, der Anreizung
entsprechenden Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit ihm unter den
thauträufelnden, duftigen Zweigen davonflog, »nun gut -- wir werden ja
sehn. Doch Miß Anna -- die _Einzige_ sind Sie _nicht_ in der Ansiedlung
-- Sie wahrhaftig nicht.«

Aber armer Curtis! -- wieder und immer wieder solltest Du Deine
Hoffnung, Dein felsenfestes Vertrauen getäuscht und betrogen sehen;
wieder und immer wieder fandest Du Dich verschmäht, zurückgewiesen und
ach, an vielen Orten gar verspottet.

Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Ansiedler, den er noch
gar nicht kannte, sogleich mit der Frage entgegen: »Ach, Sie sind der,
der den kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar hat, nicht
wahr?« An anderen Orten liefen die Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen
sich von dem Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur
nächsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von dem wandernden Freier
tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag spät Abends an
der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übrigen
Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nächsten Nachbarn
zusammenkam und verkehrte.

Peterson hatte zwei hübsche Töchter, recht liebe und brave Mädchen,
neben diesen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas
gestorben. Fanny, so hieß die Jungfrau, stammte aus Georgien, wo ihr
Vater damals eine kleine Banmwollenplantage besaß, und war ein sehr
schönes, dunkeläugiges und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild und
ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon früher einmal bei Curtis
darüber beklagt, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hätte, einen jungen
Bengel zu heirathen, der -- _Advokat_ wäre. »Ein Mensch, der erstlich
einmal schon Advokat sei,« hatte er dabei geäußert, »solle nie, so lange
er lebe und athme, eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern
zur Frau bekommen, wenn _er_ es verhindern könne -- ein Advokat, der
den Leuten weißmache, roth sei blau und grün schwarz! nein wahrhaftig
nicht.« Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbst derselbe Lasse
seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt war, eine von Peterson's
Kühen geschlachtet zu haben? und hatte nicht er -- Peterson selbst, die
Haut von der Kuh, »auf die er das Sakrament nehmen wollte,« über dessen
Fenz hängen sehen? nein -- ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande
sei, der sei zu _Allem_ fähig. Überdies konnte er nicht einmal einen
Maiskolben von einer Waizenähre unterscheiden, und hatte ihn selbst
-- er konnte das beschwören -- gefragt, ob die Baumwolle auf solchen
Bäumen wüchse, wie sie hier im Bottom ständen und die Baumwollenbäume
hießen.

Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von einer Baumwollenplantage
werden? nein -- Fanny war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und
zwanzigsten _müßte_ sie bei ihrem Onkel bleiben; nachher würde sie schon
Vernunft angenommen und eingesehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich
und trefflich für sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen Schritte
bewahrte.

Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich von Allen empfangen;
ja so herzlich, daß er schon hoffte, jenes unglückselige Gerücht über
seinen kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und sich heimlich
zuschwor, auch keine Sylbe davon zu erwähnen; aber leider schienen die
beiden Misses Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann zu ihnen
geführt hatte, und wenn sie auch, emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt,
kein Wort, keine Sylbe äußerten, so verriethen doch dem jetzt schon
mißtrauisch Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den kleinen lachenden
Teufel, der in den Herzen der Waldschönen lauerte.

Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie setzte sich zu ihm
-- plauderte mit ihm, war ernst und gesetzt und sah ihn dabei ein paar
Mal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- Curtis hatte es deutlich
gemerkt -- so forschend, so theilnehmend an, daß ihn einmal, als er
diesem dunklen, fest auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter,
aber unendlich wohlthuender Schauer durchrieselte, und er sich schon
in's Geheim drei oder vier keineswegs schmeichelhafte Ehrentitel
beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er
ließ sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal gesagt sein
lassen -- rückte näher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas
Schmeichelhaftem zu beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie
trage, und meinte dabei:

»Ja Miß Fanny, es steht einem jungen Mädchen Nichts auf der weiten Welt
besser, als der Stoff, den es selbst gesponnen und gewebt -- das, ist
der Grundstein der Häuslichkeit, und ein Mann --«

»Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,« sagte Kitty, die jüngste, mit
einer etwas malitiösen Betonung auf dem Pronomen.

Curtis saß da wie vom Schlag getroffen, Fanny riß ihn aber schnell aus
der Verlegenheit, indem sie versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr
Zeug selbst gewoben und hielte es auch für passend, daß eine Hausfrau
das thun solle.

Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor sich, er wurde
gesprächig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die
Fanny ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber ausschütten
wollte. Diesen schien übrigens die Zuneigung, die seine Nichte zu dem
einfachen Farmer gefaßt, herzlich zu freuen (denn daß Curtis blos darum
gekommen sei, um eins der Mädchen anzuhalten, darüber war Niemand in der
ganzen kleinen Gesellschaft mehr zweifelhaft). »Gott sei Dank,« dachte
er bei sich selber, »hat sie doch endlich den verwünschten Advokaten
vergessen; ich wußte es aber wohl, der _Rechte_ mußte nur kommen; das
ist mit allen Mädchen so.«

Das Abendessen war verzehrt -- der alte Peterson hatte sich, sehr
vernünftiger Weise, zu Bett begeben; dem Gast war, »wenn er sich
niederlegen wolle, sein Bett gezeigt« und Kitty und Rosy beendeten
ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflüsterten Bemerkungen
ihre Arbeit, verschwanden dann urplötzlich hinter einer breiten, an
den oberen Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und Curtis fand
sich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer sitzen.

Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche Art, seiner ersten Frau
die Leidenschaft gestanden, die er fühlte, und wieder drohte ihm ein
unbeschreiblich ängstliches Gefühl die Kehle zuzuschnüren, denn wenn
er auch in den letzten Tagen für solche Erklärungen etwas abgestumpft
geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fühlte
er doch, daß hier Alles -- Alles für ihn spreche, denn Fanny wäre sonst
nicht allein zurückgeblieben, und die Liebenswürdigkeit selbst gewesen.

So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, wo er mit ihr allein
sein würde, so schien es doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit
der Redseligste gewesen, plötzlich die Sprache verloren hätte, und er
nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, sein Messer aus der Scheide und
fing an zu schnitzeln.

Fanny saß ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins, also so weit
wie nur irgend möglich von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben
gern ihr seinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte es nicht, er wußte
keine Ausrede, die das auch nur im Mindesten entschuldigen konnte, und
doch fühlte er wie die Zeit verrann, und er sich lächerlich machen
würde, wenn er noch länger so still und stumm wie der Klotz, der neben
ihm zum Nachlegen lehnte, da saß.

Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die Fesseln, die seine
Zunge in Banden hielten und sagte zögernd:

»Miß Fanny -- sind Sie noch nicht müde?« -- er fühlte, sobald ihm die
Worte über die Lippen waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts
Dümmeres hätte sagen können, aber es waren doch wenigstens _Worte_
gewesen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten.

Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen Frage ein leises, leises
Lächeln; es zuckte ihr nur so durch die Korallenlippen, und für einen
Augenblick stiegen, wie Bläschen aus einem Crystallbecher, zwei leichte,
wunderliebliche Grübchen empor auf den rosigen Wangen; sie verschwammen
aber fast eben so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut und nur
mit leiser Stimme sagte sie:

»Freilich würde es eigentlich Zeit sein schlafen zu gehen, und ich weiß
nicht --« »Miß Fanny,« stotterte Curtis.

»Onkel schläft schon,« meinte Fanny -- »wir werden ihn wieder aufwecken
durch unser lautes Reden.«

Curtis ließ sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell war er von
seinem Stuhle auf und rückte diesen neben das schöne, leichterröthende
Mädchen.

»Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so laut zu sprechen,« meinte
er.

»Aber Mr. Curtis.«

»Ach Miß Fanny,« seufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle
Furcht und Scheu überwunden hatte, »Sie müssen es lange gemerkt haben,
daß ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte Klötzeroll-Fest?«
Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe zwischen die Perlzähne und blickte
still vor sich nieder. »Ich bin allein,« fuhr Curtis jetzt selbst mit
niedergeschlagenem Blicke fort -- »ich habe Niemanden zu Hause, der
-- der Theil an mir nimmt -- oder der -- der mich lieb hätte; ich -- ich
habe lange gewünscht, -- lange gewünscht ein Herz zu finden, das -- das
gern in meiner Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen -- Miß -- Miß
Fanny.«

Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, die an der Seite
des Kamins neben ihr herunter hing. --

»Und wollte Sie fragen, Miß« -- fuhr Curtis mit angehaltenem Athem
fort -- »ob Sie -- ob Sie Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten,
der -- der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in
seinen Kräften steht, Sie glücklich zu machen.«

Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die vollendete Erklärung, das
Abrollen des Felsengewichts, das bis zu dem Augenblick seine Brust
beängstigt hatte.

Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf sie einen ängstlichen Blick
nach der Thür und nach dem kleinen Fenster, das, mit einer dünnen weißen
Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber angebracht war.

»Miß Fanny,« flüsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle Schweigen kühn
gemacht, der Glückliche -- »Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener
Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Büchse, und mit jedem neuen
Frühjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufsucht -- ich habe
ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und dem Rauchhaus
-- neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines
Rübenstück -- zwei ausgezeichnet gute Pferde -- sieben und dreißig Stück
Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem
-- die beste Büchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger von --«

Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren,
und Fanny barg plötzlich ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab
-- Hals und Nacken färbten sich ihr hochroth; -- lachte sie ihn aus?

Eine peinliche Pause entstand -- um Gotteswillen -- sie schluchzte.

»Ach Gott! -- Miß Fanny -- was fehlt Ihnen? habe ich Sie durch irgend
etwas gekränkt oder beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch -- Sie
bringen mich zur Verzweiflung.«

»Mr. Curtis,« flüsterte endlich das schöne Mädchen noch immer hinter dem
Tuche vor --

»Miß Fanny,« bat Curtis.

»Für wie eigennützig -- niedrig denkend müssen Sie mich halten, daß Sie
mir Ihre Reichthümer aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz
bestechen zu wollen.«

»Miß Fanny!« sagte Curtis, und war wie vom Schlag gerührt; Scham und
Freude rangen in seiner Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er
fühlte, wie Recht sie hatte; -- Freude aber, da dieser Ausbruch des
Gefühls ein sicheres Geständniß ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude
trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon.

»Fanny,« flüsterte er und faltete bittend die Hände -- »Fanny -- wollen
Sie die Meine sein?«

Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem Gesicht reichte ihm ihre
Hand, die er glühend an seine Lippen preßte.

»Es wird spät, Mr. Curtis,« flüsterte endlich das holde Mädchen, indem
sie leise die Hand entzog und von ihrem Stuhl aufstand -- wie mit Purpur
übergossen war ihr liebes Angesicht -- »wir müssen uns für heute Abend
trennen -- sprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.«

»Fanny,« sagte Curtis noch ein Mal und wollte seinen Arm um ihre Taille
legen, »Sie haben mich zum Glücklichsten --«

Fanny stieß einen leisen Schrei aus, denn mit fürchterlichem Gepolter
kam ein großer Stein zu dem niederen Kamin herunter, daß Funken und
Asche weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die draußen gelagerten
Rüden an, und umbellten wüthend das Haus.

»Was um Gotteswillen?« rief Curtis.

»=Sick' em=!« sagte der alte Peterson im Schlaf die Hunde antreibend.

»Gute Nacht!« flüsterte Fanny dem Glücklichen zu; »gute Nacht, Mr.
Curtis.«

»Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!« rief dieser entzückt, drückte noch
einen heißen Kuß auf die nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte
und suchte dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager.

Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehämmern tobte
es ihm in den Schläfen, und wenn er sich auch unruhig bald auf diese,
bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in seine Augen; die Hähne
krähten schon wieder, draußen im Walde kullerte der wilde Truthahn und
die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leisen Schlaf
der Ermattung sank, aus dem ihn bald wieder das Holzschlagen des alten
Peterson weckte, der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der
Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rückstück, in's Feuer warf.

Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem Alten vor die Thür. Hier
gestand er ihm denn seine Liebe für dessen Nichte, behauptete ihrer
Einwilligung gewiß zu sein und bat um seinen Segen und seine Zustimmung.

Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen Abend gesehen, erwartet,
sprach sich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue,
daß seine Nichte so vernünftig gewesen, eine so kluge Wahl zu treffen,
und versprach ihm dafür zu sorgen, daß es ihm fortan recht gut und wohl
gehen solle, da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne ihrer Wahl nicht
allein ihre liebreizende Gestalt, sondern auch ein recht ansehnliches
Grundeigenthum wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum
mitbrächte.

Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet und Curtis wünschte nun mit
seiner jungen Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, dem
nächsten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr für immer vereinigt
zu werden; Fanny aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, und
sie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn Meilen entfernten Richter
Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets
den innigsten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigsten
Schritte ihres Lebens beiwohnen solle.


Hiergegen ließ sich Nichts einwenden, Curtis war sehr gern damit
zufrieden, und seinem Wunsche nach wären sie augenblicklich aufgebrochen;
Fanny hatte aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, daß der
Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, als der Vater vorschlug,
den nächsten Morgen abzuwarten, »sie wünsche bei einer Freundin, die
etwa auf der Hälfte Weges zwischen hier und dem Richter wohnte, zu
übernachten, wo auch Mr. Curtis gern gesehen sein würde, da sie dort
schon viel von ihm gesprochen.«


Wie hätte Curtis dem holden Mädchen die erste Bitte abschlagen können?
was Fanny wünschte, geschah; um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen
Abschied von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson gab noch, da
er der dringenden Arbeiten wegen nicht selber mitreiten konnte, der
Nichte einen Zettel[6] für den Friedensrichter, der -- freilich etwas
unorthographisch, doch hinreichend war, jenen mit seinen Wünschen
bekannt zu machen.

  6: Der Zettel lautete wörtlich: »=Plees Sir -- merry the too young
     peepel; yoors M. Peterson.=«

Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten sie die Farm, in
welcher Fanny die Nacht zu bleiben wünschte, wurden hier auf das
Freundlichste bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu sein, obgleich
Curtis nicht begreifen konnte, wie das möglich war; die Unterhaltung
ward übrigens sehr lebhaft geführt und Fanny ließ sich besonders viel
von einem jungen Deutschen erzählen, der eben aus den Ozark-Gebirgen
zurückkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil schwerdrängende
Wetterwolken eine stürmische Nacht verkündeten.

Curtis fühlte sich übrigens sehr abgespannt; drei Nächte lang hatte er
fast jedes Schlafes entbehrt, und die fortwährende Aufregung, in der er
sich befunden, mußte überdies noch dazu beitragen, die Ermattung und
Erschlaffung seines ganzen Nervensystems zu entschuldigen. Der Farmer
bemerkte auch bald seine Müdigkeit, winkte ihm seitab, und führte ihn in
die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten Hirschfellen, auf das er
sich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm so lange treulos
gewesen, in die Arme sank.

In der Nacht machten die Hunde einmal einen fürchterlichen Lärmen, und
Curtis träumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte
aber nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen im Haus, und
ein Auf- und Zuschlagen der Thüren erweckte ihn.

Es war schon heller Tag, die Sonne schien durch die Seitenspalten des
Blockhauses, als sie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel überstieg,
und der Deutsche schnürte vor dem Kamin die wollene Decke zusammen, um
seine Wanderung, den Fluß hinunter, fortzusetzen; Fanny konnte aber auch
noch nicht auf sein, denn er sah sie nirgends.

Mit außerordentlicher Geschicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran
gewöhnten Hinterwäldler eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der
Bettdecke soweit an, daß er aufstehen und seine Toilette vor den übrigen
Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum
Feuer.

Fanny ließ noch immer Nichts von sich sehen.

»Mr. Curtis,« sagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen
Blicke bemerkte, die der feurige Liebhaber nach den Gardinen warf,
hinter denen die Geliebte noch immer weilte; »Mr. Curtis, wissen Sie
es schon?«

»Wissen Sie?« frug Curtis überrascht -- »wissen? was?«

»Sie wissen also Nichts davon?« sagte jener kopfschüttelnd.

»Von was denn, um Gotteswillen?«

»Hm!« sagte der Alte --

»Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; was ist vorgefallen?
was soll ich wissen? so reden Sie doch -- wo ist Fanny?«

William, Petersons ältester Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf
bedeutungsvolle Art und verließ das Haus. Curtis drückte sich den
Hut auf den Kopf und folgte ihm schnell -- ihm ahnte Schreckliches.

»Mr. Curtis,« sagte William, als er hinter der Fenz, da wo sie das Haus
nicht mehr sehen konnten, stehen blieb -- »Mr. Curtis, ich habe einen
Auftrag an Sie auszurichten?«

»Auftrag -- von wem?«

»Von Miß Fanny Lowland!«

»Von meiner Braut?«

»Von Miß Fanny Lowland.«

»Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im Hause? ist sie wieder
heimgekehrt?«

»Nein; sie ist zum Friedensrichter,« sagte William.

»Zum Friedensrichter?« rief Curtis plötzlich beruhigt, »ja das ist was
anderes; aber so lange hätte sie doch noch warten können, bis ich mich
angezogen hatte. Ja da muß ich gleich nach --«

»Bitte,« sagte William und hielt den Forteilenden zurück -- »ich habe
auch noch ein kleines Briefchen an Sie abzugeben.«

»Einen Brief? von wem?«

»Von Miß Fanny Lowland!«

»Von meiner Braut?«

»Von Miß Fanny Lowland.«

»Der Mensch macht mich noch wahnsinnig,« dachte Curtis, und riß dem
Lächelnden das zusammengefaltete Papier aus der Hand. Es war versiegelt,
und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, tröstliche
Nachricht.

   »=Dear Sir= --
   Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine List verzeihen, zu der mich
   freilich nur die Nothwehr gezwungen hat. Ich liebe einen jungen
   Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte mir noch
   Jahrelang seine Einwilligung versagt, da hörte ich von Ihrer
   Ankunft. Schon am Tag vorher, ehe Sie unser Haus betraten, war die
   Nachricht gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter
   angehalten, und da zwischen dort und unserem Hause nur drei Farmen
   lagen, von denen nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, so
   konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie gestern bei uns zu
   sehen. Mein Plan war augenblicklich gefaßt; durch Sie mußte ich die
   schriftliche Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu verheirathen
   -- ich sandte meinem Bräutigam durch einen sicheren Neger Kunde,
   und versuchte nun selbst, Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will
   aber nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben,
   die mir das Ihrige so schnell eroberten; doch sei dem wie ihm
   wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie selber führten
   mich in die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen Abend erst
   mit dem Stein erschreckte, und dann gegen Morgen kam, mich
   abzuholen. Ich bin, wenn Sie diese Zeilen erhalten, -- sein Weib.«

Curtis starrte mehrere Secunden verblüfft in das Antlitz seines
Begleiters -- dann fuhr er fort zu lesen.

   »Zürnen sie mir nicht, aber ich war stets ein wildes, unfolgsames
   Kind, und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die
   hundert und fünfzig Dollar -- leben Sie wohl und machen Sie eine
   Andere glücklich.«

   »=P. S.= Meine Cousinen wußten Nichts von meiner List, auch
   Peterson's haben es nicht erfahren, nur William, der junge Mann,
   der Ihnen diesen Brief übergiebt, ist im Geheimniß -- ihm können
   Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige Schwestern; und da Sie
   gerade an Ort und Stelle sind -- doch einem Manne von Ihrer
   Erfahrung --«

Curtis warf den Brief auf die Erde und trat ihn so lange mit den Hacken
seines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die
Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich wild gegen den
jungen Mann und wollte seinem Grimm in tobenden Worten Luft machen;
dieser legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger auf den Mund,
trat lächelnd näher und sagte leise, des Ärgerlichen Arm ergreifend:

»Pst, Mr. Curtis -- Blatt vor den Mund -- um Gottes Willen Blatt vor den
Mund; bis jetzt weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß Fanny oder
-- Mrs. Grey kommt, wenn sie zurückkehrt, wahrscheinlich nicht hier
wieder vorbei -- also _stillgeschwiegen_, das ist das Gescheidteste,
was Sie unter den Verhältnissen thun können. Mit einem Mädchen, das
Sie nicht liebt, wären Sie überdies nie glücklich geworden.«

»Ich will ihr nach« knirschte Curtis.

»Um ausgelacht zu werden?« meinte William. »Wollen Sie einen guten Rath
annehmen, Mr. Curtis?«

Curtis sah fragend zu ihm auf.

»Sie suchen eine Frau, und werden überall abgewiesen --«

»Sir!«

»Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber -- gehen
Sie in einen anderen Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen
nicht, wie schwer es hält, Vorurtheile zu besiegen.«

»Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath ersuchen, wenn ich dessen
bedarf,« rief Curtis entrüstet, eilte zum Hause zurück, warf dort seinen
Sattel auf das höchst unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen
wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenossenes Frühstück anzutreten,
drückte ihm den Zaum in's Gebiß, den er sich nicht einmal die Zeit nahm
festzuschnallen, schwang sich hinauf und sprengte, ohne auch Jemanden
»good bye« oder ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen die
Straße hinauf, dem Hause des Friedensrichters zu.

Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin
strich, und die noch von den Zweigen träufelnden Regenperlen, die der
nächtliche Sturm in dem Nadelholz zurückgelassen, kühlte seine Wangen
und -- seinen Jähzorn. Er hatte zuerst im Sinn gehabt, wie ein zürnender
Gott vor das Mädchen zu treten, das ihn so schändlich hintergangen, aber
des jungen Peterson's Worte: »Sie werden nur ausgelacht,« schallten noch
immer in seinen Ohren.

»_Ausgelacht_?« er hielt sein Pferd an, und blickte nachdenkend
auf die Straße nieder; »_ausgelacht_ -- und hat jenes -- Geschöpf
-- verdient, daß ich mich so um sie ärgere?« Sein Auge fiel auf die
frisch eingedrückten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen
augenblicklich als die Spuren des Poneys erkannte, das Fanny gestern
geritten.

Curtis -- der fromme Curtis fluchte -- er schwur, er wolle verdammt
sein, wenn er nicht Rache -- »nein -- er wolle _nicht_ verdammt sein«
-- sagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den Hut abnahm und
sich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte.

»Curtis!« sprach er dann nach kleiner Weile vor sich hin, »Curtis, bist
Du nicht ein rechter strafwürdiger Narr gewesen?«

Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte
-- es hatte Hunger. »Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck- und
ziellos umhergehetzt?« fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung
weiter zu beachten, »hast Du nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten
gesucht, während Du einen Diamant im eigenen Hause hegst? Curtis -- Du
hast diese Strafe verdient -- lange hättest Du merken müssen, daß Dir
Nancy gut sei, und -- gestehe es Dir nur ein, Du _hast_ es gemerkt,
Du hast es gefühlt, daß sie Dich heimlich liebe, aber von schnöder
Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben,
verachtest Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen schlug, und
das in Leid und Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trösten und zu
pflegen.«

Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang sinnend vor sich nieder,
dann aber, wie von einem unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken
durchglüht, setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, lenkte den
Braunen herum, der mit der größten Bereitwilligkeit Folge leistete, und
sprengte dann »daß Kies und Funken stoben« -- zurück, der eigenen
Heimath zu.

Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorüber, deshalb verließ er
bald die breite ausgehauene Countystraße und trabte durch den Wald dem
Flusse zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann
durchschneidend erreichte er bald den Fuß der südlich liegenden Hügel,
wo er wußte, daß er, ohne an einer Ansiedelung vorüber zu kommen, seine
eigene Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel und
so schnell ihn des Braunen Füße tragen konnten, weiter.

Unterwegs aber überdachte er in zürnendem Sinnen die Körbe -- die ganze
Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn
dazu verdammt habe, überall seine Hoffnungen zertrümmert, seine Pläne
untergraben zu sehen. War es aber das Schicksal, das Alles dieses
verübt? war es ein böses Fatum, das über seinen Handlungen wachte und
die schönsten Keime noch in der Blüthe erstickte? -- nein -- er hatte
sonst in Allem Glück, seine Erndten gehörten stets zu den besten, sein
Viehstand wuchs mit jedem Jahre stärker, als er es selber zu hoffen
wagte; keinem anderen Ansiedler am Fourche la fave zerriß der Panther
weniger Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein Haus war weniger
vom kalten Fieber heimgesucht gewesen, als gerade Curtis; dabei war er
ein ordentlicher, fleißiger und braver Mann, nicht streitsüchtig, aber
tapfer und unerschrocken, wo es galt, seinen Mann zu stehen, und bei der
Arbeit unermüdlich.

Woher nun konnte es kommen, daß er von allen Mädchen, um die er anhielt,
verschmäht wurde, die noch überdies zu all den obigen Eigenschaften
seine Verhältnisse kannten, die in diesen anspruchslosen Gegenden
wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich ist es, aber die
Ursache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen
Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war _verlacht_ und
_verspottet_ worden, und irgend Eines der Mädchen hätte lieber einen
anerkannten _Schuft_ geheirathet, als einen Mann, der sich einmal
-- _lächerlich_ gemacht.

Curtis fühlte das jetzt selbst, und er beschloß hinfüro die Aufzählung
seines Eigenthums zu verschieben, bis er darum gefragt werde -- »doch«
-- fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort -- »was bedarf ich dessen
weiter -- Nancy liebt mich auch mit meinen Schwächen, denn sie kennt
meine guten Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück
zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden
suchte.«

Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, ziemlich abgeschieden
von anderen Ansiedelungen, sich dicht am Flussesufer eine kleine Hütte
gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche
Aufnahme und Nahrung für sich und sein Pferd; schlief auch, da er die
Gewißheit hatte, der Alte könne Nichts von seinem Unglück erfahren
haben, sanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die
Sonne eben erst den äußersten Hügelsaum vergoldete, schon wieder unter
Weges.

Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn vor wenigen Tagen
fortgetrieben, und freudig und stürmisch klopfte sein Herz, als er
endlich das eigene Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem
Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah.

Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimischen Trog
erblickte, und Curtis streichelte ihm im Mitgefühl den schöngeformten
Hals. -- Ha -- da war Nancy -- sie hatte das bekannte Wiehern des
Braunen gehört, und war in die Thür gesprungen, das heimkehrende Paar zu
begrüßen, das heißt, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, sondern
den Herrn und dessen -- Frau; sie blieb auch etwas überrascht in der
Thüre stehen, als sie Mr. Curtis allein zurückkehren sah; dieser aber
drückte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte bis dicht
vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem Ruck halten, und sagte:

»Guten Morgen, Nancy?«

»Ei guten Morgen, Mr. Curtis,« rief das fröhliche Mädchen, »Sie scheinen
ja heute gewaltig guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brächten
Gesellschaft?«

»Wie gehts Nancy?« frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung
weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu ihr
aufsah -- »wie ist es die Tage über gegangen?«

»Danke -- gut, Mr. Curtis -- sehr gut -- aber warum steigen Sie denn
nicht ab? wo bleibt denn der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert
und gekehrt.«

»Schadet Nichts, Nancy,« sagte Mr. Curtis, und sah sinnend auf den
-- kleinen Neger nieder, der höchst bedeutungsvoll vor ihm stand und dem
Pferde nach dem Zügel griff -- »ja Bob,« rief er diesem dann zu, »führ
ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun sobald nicht wieder aus, der
Braune soll sich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei
können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy,« wandte er sich dann an das junge
Mädchen -- »ich hab Dir viel zu erzählen, und muß Dich um etwas
fragen.« --

»Mich? -- ei um was denn?«

»Sollst es gleich erfahren, aber -- Du hast Dir ja all Deine
Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz in der Nähe?«

»Ach Mr. Curtis -- ich hätte Ihnen auch viel zu erzählen,« sagte Nancy,
und wurde feuerroth.

»Nun Nancy? heraus mit der Sprache,« lächelte dieser, »heraus mit der
Sprache -- was ist's?«

»Ach, Sie werden mich auszanken!«

»Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals ausgezankt?«

»Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, wo ich über den kleinen
Neger« --

»Oh -- Unsinn,« sagte Mr. Curtis.

»Es war Jemand hier während Ihrer Abwesenheit,« fuhr Nancy fort.

»So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn erzählen?«

»Mr. Pelter, Sir, -- der junge Mr. Pelter.« --

»So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen dem er sich schon fast die
Füße abgelaufen hat?«

»-- Nein -- er -- er hat,« sagte Nancy zögernd und bis in die Haare
hinauf erröthend -- »er hat um meine Hand angehalten.«

Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammen, und blickte
dem Mädchen so wild, so stier in's Auge, daß dieses erschreckt einen
Schritt zurücktrat und ausrief:

»Mr. Curtis!«

Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah ihm das, was uns armen
Sterblichen nicht selten geschieht, wenn ein Unglück so schnell dem
andern folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das erste nachzudenken,
während schon das zweite und dritte nachbricht -- die ganze Sache kam
ihm komisch vor -- er schlug ein fürchterliches Gelächter auf und fing
dann wie wahnsinnig an zu pfeifen.

Nancy sah ihn erschrocken an -- was konnte dem Manne wohl fehlen? sein
ganzes Benehmen war ihr schon sonderbar erschienen -- sollte er -- es
wäre schrecklich -- übergeschnappt sein? --

»Bob!« rief Curtis seinen kleinen Neger an --

»Jes Massa.«

»Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, ich muß fortreiten.«

»Aber Mr. Curtis« -- sagte Nancy.

»Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?«

»Sobald Sie zurückkamen -- heute« -- stotterte Nancy.

»Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?«

»Gern -- von Herzen gern -- welchen?«

»Willst Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis
ich, vielleicht in acht Tagen, zurückkehre?«

»Das will ich mit Freuden, aber -- wo wollen Sie denn hin?« --

»Nach Tenessee hinüber, vielleicht nach Kentucky,« sagte Curtis, und
trat vor die Thüre, denn in diesem Augenblick brachte Bob den Rappen.

»Good bye Nancy« -- sagte Jeremias, als er sich in den Sattel schwang.

»Good bye Mr. Curtis,« sagte Nancy, als sie ihm kopfschüttelnd
nachblickte. Jeremias aber setzte wieder, wie vor einigen Tagen, über
den Bach weg und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal anstatt
links, rechts in die Countystraße ein, und murmelte, als er dem feurigen
Rappen den Hacken fester in die Seite drückte:

»Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen
könnte.«

       *       *       *       *       *

Jeremias Curtis zog nun über den Arkansas, und wie es hieß, sogar über
den Mississippi hinüber.

Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei den Kindern,
keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurückkehre, schloß nicht mit
Unrecht, daß dies wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, wie
sie schon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht gut wäre, daß der Mensch
allein sei, besonders in den dichten Wäldern des fernen Westens, so
verband schon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher Abreise der
benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und »der junge Mr.
Pelter« zog, da »die Heerden doch unmöglich so lange ohne männliche
Aufsicht bleiben konnten,« indessen als Verwalter auf Curtis Farm.

Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht günstige Nachrichten über
Curtis zweiten Zug, und werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem
freundlichen Leser mitzutheilen, ob _Curtis eine Frau bekam_.



Schulen in den Backwoods.


Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander sehr entgegengesetzte
Begriffe. Die wild und schauerlich rauschenden Baumwipfel und das
Erlernen von Gegenständen, die gerade in ihrem Schatten am wenigsten
anwendbar sind, stehen sich einander fast zu unvereinbar und schroff
gegenüber; es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem
Menschen erlaubte ein kleines Stück Holz, nur so viel als er zum Stiel
einer Axt gebrauchte, zu nehmen, und sich bald darauf durch diesen ihm
so gering erschienenen Span angegriffen und gefällt sah. So ist es mit
den Schulen im Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener Hütte,
im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, die Kinder und jungen
Leute aus den vereinzelten Ansiedlungen und Jägerwohnungen; aber
ihre Fähigkeiten wachsen -- bald stehen ihnen die sie umstarrenden
Riesenstämme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bäume
fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und
Städte springen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Lastwagen
knarren über die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Bär sein stilles
und ungestörtes Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche
Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers
und der schauerliche Ruf der Eule und des Whip-poor-will.

Es ist eine traurige Wahrheit, der Poesie des Lebens folgt die trockene,
ernste Prosa, der fröhlichen Jugendzeit das gesetzte, sorgenvolle Alter,
den bunten, glänzenden Luftschlössern des Kindes die düsteren, kalten
Gebäude des Mannes mit ihren zugigen Gängen und rauchenden Kaminen,
dem Brautstand die Ehe, dem freien, sorglosen Waldleben der Pflug und
die Egge des Landmanns und die dumpfige Schreibstube des Gelehrten
und Kaufmanns. Die Leute sagen: die Welt wird besser, der Segen der
Civilisation spricht aus den wallenden Getreidefeldern und den friedlich
rauchenden Hütten des Landmanns, aus den blühenden Städten und belebten
Landstraßen, die sich zwischen grünen Hecken und blühenden Obstbäumen
hinziehen; aber die Natur trauert. Aus tausend qualmenden Fabrikschlünden
wälzt sich erstickender Kohlendampf und legt sich wie giftiger Mehlthau
auf die grünen Matten, der Staub der Landstraßen bedeckt Blätter und
Blüthen, und gespalten und aufgerissen lechzt die schmachtende Erde,
des kühlen Schattens ihrer Wälder beraubt, nach Thau und Erquickung.

»Die Welt ist civilisirt und hat ihren großen Endzweck, sich zu
vervollkommnen, erreicht,« so sagen die Weißen; der Indianer aber
wickelt sich schweigend in seine Decke, wirft noch einen trauernden
Blick auf diese Civilisation, die ihm freilich, da sie sein Alles,
seine Heimath, sein Glück zerstörte, Verwüstung erscheint, und -- stirbt.
-- Die Welt ist civilisirt.

Doch ich spreche hier Gefühle aus, welche in Europa wohl wenig Anklang
finden möchten; die Welt ist civilisirt und die Leute kennen sie hier
nicht anders -- sie sind sich »nur des einen Triebes bewußt,« und es ist
auch vielleicht recht gut so; das wilde Leben _muß_ der Cultur, die rohe
Kraft dem höheren Geiste weichen, und die Gebeine des Indianers düngen
mit dem Wald, der einst seine Heimath war, den Acker des weißen Mannes.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht diese Umgestaltung mit
rasend schnellen Schritten vor sich, und wie bei einer Feuersbrunst die
Flamme zu gleicher Zeit züngelnd nach tausend verschiedenen Stellen
hinüberleckt und weit und weiter um sich greift, so bricht sich auch
Aufklärung und Cultur im Norden, Westen und Süden Bahn durch die
Wildniß, und noch von den Wigwams der Ureinwohner umgeben, entsteigen
blühende Pflanzungen und Kirchen und Schulen vor den Blicken des
erstaunten Indianers dem Boden.

Die Bevölkerung der verschiedenen Staaten ist namentlich in den letzten
zehn Jahren ungeheuer gewachsen; nach einer Zählung vom Januar 1840
belief sich die Gesammt-Einwohnerzahl auf 17,062,566 Seelen, die jetzt
auf 23 Millionen gestiegen ist. Unter diesen waren 386,245 freie Neger
und Abkömmlinge von Negern, oder sogenannte =coloured persons=, ferner
2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weiße. Von den letzten 14
Millionen waren 6,439,700 zwanzig und über zwanzig Jahre alt, und von
diesen konnten noch 549,693 weder schreiben noch lesen. Hieran waren
aber bis jetzt größtentheils die Kriege und Kämpfe mit den Eingebornen
Schuld, denn die kühnen Pionniere des Westens, allein und unbeschützt
zwischen ihnen feindlich gesinnten Stämme vorgedrungen, konnten, wenn
sie wirklich die Kenntnisse dazu besaßen, keine Zeit darauf verwenden
ihre Kinder zu unterrichten, so lange es galt, Tag und Nacht ihr eigenes
Leben und Eigenthum gegen den schlauen und wilden Feind zu schützen;
jetzt aber, wo dieser, mehr und mehr verdrängt, bald nur noch in der
Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und Erzählungen der Nachwelt
leben wird, ändert sich auch dieses. Der Wald ist sicher und die Kinder
dürfen allein das schützende Haus verlassen, um der meilenweit
entfernten Schule zuzueilen.

Die Anzahl von Schulen in Nordamerika ist beträchtlich; Universitäten
und höhere Schulen giebt es 173, Real- und Vorbereitungsschulen 3242 und
von den geringeren im ganzen Lande zerstreuten Instituten für die ersten
Anfangsgründe, von sogenannten Abcschulen, 47,209. Auf die erstern
werden dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und auf die letztern
1,845,244 Schüler gerechnet, wozu noch 468,264 auf Staatskosten oder
Freischüler gezählt werden müssen. Die Universitäten und Schulen
der östlichen und selbst der südlichen Staaten sind übrigens den
europäischen zu ähnlich, um hier besonders viel über sie zu sagen, die
westlichen oder Backwoodsschulen aber zeichnen sich dagegen durch so
viel Eigentümliches aus, daß sie allerdings eine kurze Beleuchtung
verdienen, die manchem nicht uninteressant erscheinen wird.

Vom Staate selbst ist für die Erziehung der Kinder immer die sechzehnte
Section (640 Acker) jedes Townships[7] bestimmt, und wird das »Schulland«
genannt. Dieses soll nur zum Nutzen der Schulen und des ihnen vorgehenden
Lehrers verwendet werden; in den westlichen Staaten aber, den sogenannten
Backwoods, geschieht wenig mehr mit diesem Landstrich, der, wie es sich
trifft, bald aus dem herrlichsten, bald aus dem schlechtesten Boden
besteht, als daß höchstens ein kleines Blockhaus, das Schulgebäude,
darauf errichtet wird und der Schullehrer, welcher eine solche Stelle
selten auf länger als ein oder zwei Jahre, oft nur für eine Jahreszeit,
den Winter, übernimmt, ein kleines Stückchen davon urbar macht und
Kartoffeln oder Mais hineinpflanzt, was denn vielleicht im nächsten
Jahr, wenn sich sein Nachfolger nicht darum bekümmert, so verwächst und
verwildert, daß es, ordentlich wie zornig darüber, seinem Naturzustande
auf kurze Zeit entrissen gewesen zu sein, mit dem tollen Gewirr von
Unterholz und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten ist. Sonst
beschützen es aber die in der Nähe lebenden Ansiedler insofern, daß sie
den Flötzern (=rafters=) nicht gestatten, sich von diesem Landstrich,
wenn er gerade bequem an einem Wasserlauf liegen sollte, Stämme zu holen
und diese den Fluß hinabzuschwemmen, gegen welchen Erwerbszweig sie
sonst, wenn es blos Onkel Sams[8] Grund und Boden wie Holzung betrifft,
höchst nachsichtig sind.

  7: Das Township selbst besteht aus einem Quadrat von sechzehn
     Sectionen.

  8: Launige Bezeichnung der =U. (nited) S. (tates). Uncle Sam=.

Wo Ansiedler nun ganz allein und nachbarlos leben, die z. B. in
den Sümpfen des östlichen Theiles von Arkansas und Missouri, wo sie
vielleicht 15, ja 20 und noch mehrere Meilen wandern müssen, ehe sie
die Spuren menschlichen Wirkens und Fleißes erblicken können, da hört
denn freilich jedes Schulgehen der Kinder auf, oder hat vielmehr noch
gar nicht angefangen; die Knaben durchstreifen den Wald und jagen und
fischen, und die Mädchen bleiben daheim bei der Mutter und spinnen die
Baumwolle, welche ihnen der Vater dann und wann von seinen »Zügen« in
das nächste Städtchen mitbringt, oder die sie auch wohl selbst in einem
kleinen Feld neben dem Hause gezogen haben. Nähern sich aber diese
Ansiedlungen einander auf 5 bis 6 Meilen, dann fangen die Farmer an
sich nach einem Schullehrer umzusehen; gewöhnlich treibt Einer von ihnen
irgendwo einen wandernden Yankee, manchmal auch einen Deutschen auf, und
der Grund zur Civilisation wird gelegt.

Haben sie den Schullehrer erst, dann stellt sich ihnen auch die
Nothwendigkeit heraus, ein Haus zu bauen, wobei dieser gleich mit Hand
anlegen kann, die Nachbarn werden also zusammenberufen und in wenig
Tagen steht die kleine anspruchslose Hütte fertig mit Dach und Thüre da.
Zwar befindet sich das Kamin noch sehr im Naturzustande, und eine Diele
fehlt gänzlich, es ist ja aber »nur die Schule,« und da kommt das nicht
so genau darauf an.

Sind nun in dem District, aus welchem die Kinder gemeinschaftlich die
Lectionen besuchen sollen, recht gescheute Leute, die sich berufen
glauben, dem Manne, der ihr junges Amerika bilden soll, einmal ernstlich
auf den Zahn zu fühlen, so wird ein Examen angesetzt, in welchem der
Lehrer einige sehr verfängliche Fragen über Grammatik und amerikanische
Geschichte vorgelegt bekommt, und ihm verschiedene entsetzlich klingende,
und zu diesem Zweck besonders ausgesuchte fünf- bis sechssylbige Wörter
zum Buchstabiren aufgegeben werden; hat er diese Fragen zur Genüge
beantwortet und kann er (auf schöne Schrift wird weniger gesehen)
besonders recht schnell und klein schreiben, so ist sein Ruf begründet,
die Männer betätigen, daß er »=knows a heap=,« oder mit andern Worten
ein sehr gescheuter und gebildeter Mann sei, und am nächsten Montag
beginnt die Schule.

Von diesem Augenblick an ist der Schullehrer heimathlos, denn er geht
nun aus einer Hand in die andere, d. h. er »boardet« oder wohnt in
dieser Woche bei dem, in der Woche bei einem andern Farmer und hat
nirgends einen Platz, den er sein eigen nennen könnte, das Schulhaus
selbst ausgenommen, das sich übrigens stets in einem nichtsweniger als
wohnlichen Zustand befindet. Sein Gehalt beträgt von 10 bis 15, oft
sogar 20 Dollars den Monat, und täglich hat er dafür seinen Zöglingen
sechs, auch sieben Stunden zu geben. Diese kommen Morgens, wenn sie über
eine Meile entfernt wohnen, was auch fast bei allen der Fall ist, auf
ihren kleinen, indianischen Poneys angallopirt, binden diese an die das
Schulgebäude umgebenden Büsche, nehmen ihre Bücher und ihr Mittagbrod,
das sie in einer Blechbüchse bei sich tragen, mit hinein, und setzen
sich auf die zu ihrem Nutz und Frommen roh aufgeschlagenen Bänke von
weichem -- Holz.

Fenster hat das Zimmer oder vielmehr das Haus (denn das ganze Haus
besteht nur aus einem Zimmer) nicht, die Thür bleibt deßhalb offen, um
das nöthige Licht hereinzulassen; zum Schreiben aber läuft ein zwischen
zwei Stämmen an der einen Seitenwand schräg befestigtes Brett hin,
welches dadurch erhellt wird, daß man den Zwischenraum zwischen den
gerade über demselben befindlichen Blöcken nicht ausgefüllt hat, was,
wenn man diese Spalte nur an der Süd- oder Südostseite anbringt, dem
Zweck ziemlich entspricht, da es von der Wetterseite her hineinregnen
würde.

Die Hauptwissenschaft in diesen Anstalten besteht im Buchstabiren und
richtigen Abtheilen der Wörter, in der englischen Sprache allerdings
nicht so ganz leicht zu erlernen, und dieses Buchstabiren wird wirklich,
selbst noch von erwachsenen Personen, mit wahrer Leidenschaft getrieben;
es kommen ordentliche Gesellschaften zusammen, nur um zu buchstabiren,
und in diesen bilden sich dann zwei Parteien, die einander recht
schwierige Wörter aufgeben. Sobald die Schüler hierin einige Fortschritte
gemacht haben, beginnt das Schreiben, die Grammatik und hin und wieder
einige Stunden Geschichte, wo vor allen Dingen, wie das auch nicht mehr
wie recht und billig ist, der nordamerikanische Freiheitskrieg
durchgenommen wird.

Das ist der regelmäßige Cursus in den gewöhnlichen Backwoodsschulen;
oft aber geschieht es auch, daß, wie ich ein Beispiel aus den Bay de
View-Sümpfen in Arkansas weiß, irgend ein durchziehender Krämer oder
Kaufmann, dessen Geschäft auf eine andere Art nicht recht gut gehen
will, Gastrollen als Schullehrer giebt. Dieser also, wenn er in eine
Gegend kommt, in der noch früher nie Schule gehalten wurde, macht auf
einmal bekannt, (d. h. er reitet von Haus zu Haus und meldet es selber),
daß er das »Winterhalbjahr« Stunden geben würde, und ladet nicht allein
die Kinder, sondern mehr noch die schon erwachsenen jungen Leute ein,
gegen ein gewisses Honorar an dem Unterricht Theil zu nehmen.

In dem oben erwähnten Fall hatte der plötzlich von Tenessee
hereingeschneite Lehrer, ein Handlungscommis aus Memphis, Schreibestunden
angekündigt, und wohl einige 30 Schüler, meistens junge Mädchen und
junge Leute von 10 bis 20 und 22 Jahren bekommen; von diesen allen aber
konnten, drei ausgenommen, _keiner_ weder lesen noch buchstabiren, und
sie lernten nur, nach den ausgelegten Vorschriften und persönlichen
Anweisungen, die Buchstaben und zuletzt die Worte nachmalen, worin sie
es, ein Beispiel was Übung thut, schon zu ziemlicher Fertigkeit gebracht
hatten.

Die Folgen waren übrigens leicht vorauszusehen, der Lehrer blieb
nur etwa vier Monate, und ging, da er das kalte Fieber nicht wieder
loswerden konnte, mit seinem indessen verdienten Gelde nach Tenessee
zurück. Als ich darauf in Jahresfrist jene Gegend zum zweitenmal
durchzog, und bei einem Farmer übernachtete, dessen erwachsene Kinder
ebenfalls an dem Unterricht Theil genommen hatten, und diese bat, mir
auf ihrer Schiefertafel, auf der sie mit einander Wolf und Schafe, oder
wie sie's dort nennen »Fuchs und Gänse« spielten, etwas vorzuschreiben,
so waren sie auch gern dazu bereit, aber welcher Sprache diese
fremdartigen Zeichen und Hieroglyphen angehörten, sah ich mich nicht im
Stande zu bestimmen, den Begriff der Buchstaben und Worte hatten sie nie
gelernt und die Form und Gestalt derselben bald wieder vergessen.

Rechnen gehört auch schon eigentlich zu den höheren Wissenschaften, doch
wird das immer noch eher betrieben, weil es mehr in's Leben eingreift;
mit der Geographie müssen sich die Lehrer dagegen sehr vorsehen, denn
ich weiß selbst ein Beispiel, wo sich ein alter Backwoodsman einst die
Karten von Arkansas und Missouri, nach welchen der Lehrer unterrichtete,
zeigen und erklären ließ, und nach einer Weile entrüstet aufsprang und
seinem Sohn befahl, sein Buch zu nehmen und mitzukommen: »wo solche
Lügen gelehrt würden, wollte er sein Kind nicht hinschicken,« meinte er
und zeigte dann, als der Lehrer ganz verwundert und erstarrt dastand,
zornigen Blickes das Messer aus der Scheide reißend, mit dessen Spitze
auf die vor ihm ausgebreitete Karte.

»Also hier kommt White River heraus, oh? und da entspringt er -- und die
kleinern Striche hier, und die Grasbüschel, das ist Sumpf -- oh?«

»Ja -- so steht's auf der Karte, und ist so nach den neuesten
Vermessungen angegeben.«

»So? also das soll ich glauben, und dann ist auch da an der Buffalofork
kein Berg, nicht wahr? und Mulberry mündet über Ozark in den Arkansas?
und wo ist denn der Richland und der Wareagle, und wo ist der Spiritcreek
und Frog-Bayou? Also jetzt soll mein Junge die Lügen lernen, und wenn
er nachher hinein in den Wald kommt, dann steht er da, wird irre und
verläuft sich -- nein so was kann ich ihn selber lehren, da brauch' ich
die Papierverderber nicht dazu.«

Der alte Jäger nahm seinen Sohn wirklich mit zu Hause, und es bedurfte
der ganzen Überredung seiner Frau und Schwägerin, daß er ihm endlich
wieder erlaubte hinzugehen; er legte es dem Jungen aber dringend an's
Herz, »kein Wort von dem zu glauben, was ihm der Yankee vorschwatzen
würde.«

Der Sonnabend ist in den Vereinigten Staaten, in den westlichen
wenigstens, durchaus schulfrei. Fünf Tage wird nur gelehrt, und der
Freitag Abend gewöhnlich zu Red- und Denkübungen benutzt, an denen dann
nicht nur Kinder, sondern auch die Erwachsenen, ja alte Personen aus der
Umgegend Theil nehmen. Es ist dieß aber in der That eine sehr gute und
zweckmäßige Einrichtung, und gewöhnt nicht allein die jungen Leute
daran, über ihnen vorgelegte schwierige oder verwickelte Fragen scharf
nachzudenken, sondern macht sie auch zu frühen Rednern und lehrt sie die
Scheu, öffentlich zu sprechen, abzulegen.

Diese Versammlungen heißen kurzweg »Debatten,« und jeder hat dazu freien
Zutritt. Ich habe übrigens einen solchen Abend in meinen »_Streif- und
Jagdzügen_« ziemlich ausführlich beschrieben, und will nur hier noch die
ungefähren Gesetze und Verhältnisse derselben kurz angeben.

Zuerst werden zwei Richter gewählt, die sich gewöhnlich etwas vom Feuer
zurück gerade gegen das Kamin zu setzen; dann folgt die Wahl zweier
Capitäne, um die Verhandlungen zu leiten, und diese suchen sich nun
unter den Anwesenden solche aus, von denen sie sich die besten Argumente
versprechen; erst dieser Capitän einen, und dann der andere, bis
sämmtliche Mitglieder verbraucht sind. Die zwei feindlichen Parteien
nehmen jetzt die beiden Seiten des Kamins ein, und nun wird von den
Richtern ein Thema oder vielmehr eine Disputation aufgegeben, über
welche debattirt werden soll; verständigen sich die Capitäne, welchen
Theil sie vertheidigen wollen, gut, so bedarf es weiter keiner
Anordnungen; ist das aber nicht der Fall, so entscheiden die Richter
diesen Punkt. Gewöhnlich wird ein Geldstück in die Höhe geworfen, um
die beginnende Partei zu bestimmen, wo es denn vorher ausgemacht wird,
ob Kopf oder Schrift den Ausschlag giebt.

Das Thema oder die Debatte wird sehr verschieden, manchmal ernst,
am meisten aber komisch gewählt, und es kommen oft, besonders unter
den Schulkindern, gar sonderbare Argumente dabei zum Vorschein.
Beispielshalber will ich hier die folgenden aufführen:

»Ob Neger oder Indianer das meiste Unrecht von den Weißen erlitten
haben« (ein wunderbares Capitel für einen amerikanischen Sklavenstaat,
und doch kam es in Arkansas vor); »ob die katholische oder jüdische
Religion die bessere sei.« (Die Richter, ein paar strenge Methodisten,
wollten sich weder zu Gunsten der einen noch der andern entscheiden und
erklärten einstimmig, daß alle beide nichts taugten).

»Ob die Erfindung des Pulvers oder des Papiers Amerika den meisten
Nutzen gebracht haben,« (die Entscheidung fiel für das Pulver günstig
aus).

»Ob ein Küchelchen, von einer Ente aus einem Hühnerei gebrütet, diese
oder das alte Huhn als seine Mutter zu erkennen habe.«

»Ob eine böse Frau oder ein rauchendes Kamin schlimmer sei etc.«

Was mir besonders lobenswerth bei allen diesen Verhandlungen erschien,
war der Ernst, mit dem sämmtliche Anwesende oft dem baarsten Unsinn
lauschten, besonders wenn ein Jüngerer sprach; er mochte schwatzen was
er wollte, so lachten sie nie, ausgenommen die Sache gehörte an und für
sich zu den komischen. Sie gehen dabei von dem ganz richtigen Grundsatz
aus, man müsse die jungen Leute nicht abschrecken und sie den Muth
verlieren machen.

Der Nutzen, den diese Freundlichkeit und Nachsicht gewährt, ist
augenscheinlich, besonders in den westlichen Staaten, wo ich junge
Leute, die sonst schüchtern und ängstlich schienen, bei politischen
Versammlungen habe auf irgend einen abgehauenen Baumstumpf treten, und
lange, wenn auch nicht tief durchdachte aber doch durch kein Stocken
unterbrochene Reden halten sehen; schon die Schulkinder üben sich auf
diese Art unter einander.

Das Verhältniß zwischen Lehrer und Schüler ist ebenfalls in Amerika
ein ganz anderes, als in den europäischen Ländern. Jene Freiheit und
Gleichheit, die alle Stände mit einander verbindet, dehnt sich auch
auf diesen aus, und so ernst und streng der Lehrer in der Schule sein
mag, so ungezwungen beträgt er sich außerhalb derselben oder in den
Zwischen- und Erholungsstunden gegen seine Schüler. Selten spielen diese
ein Spiel oder halten einen Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und
oft ist er der ausgelassenste des ganzen Haufens, nie aber auch weiß
ich, daß Knabe oder Mädchen, in den Backwoods nämlich, einen Schlag
von dem Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben sie schon einander
selbst zum Lernen an, und dieses wöchentliche Zusammenkommen zum
Debattiren und Buchstabiren ist gewissermaßen ein eben so oft
wiederholtes Examen, bei dem Eltern und Freunde gegenwärtig sind, und
der junge Amerikaner möchte um die Welt nicht am schlechtesten bestehen,
denn er würde ja zu Hause damit geneckt werden und in der Classe nicht
unter den ersten sein, auch würden ihn die Mädchen auslachen (Knaben
und Mädchen theilen stets dieselben Stunden), und das wäre doch zu
entsetzlich. Mit regem Eifer drängt ihn also schon sein innerer Trieb
zum Lernen, und von dem Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt
er fast nicht mehr an Spielen und Umherrennen, sondern sitzt ehrbar und
andächtig mit seiner Schiefertafel in der Ecke und malt seine Buchstaben
und Zahlen.

Das kindliche Leben aber, die fröhlichen Spiele der Jugendzeit, das
Alles kennt der Amerikaner auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick
an, wo er allein gehen und sich ankleiden kann, gehört er nicht mehr
sich selbst, sondern seinen Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an
der großen Aufgabe des Lebens. Ist es ein Knabe, so muß er mit in's
Feld und kleine Büsche zusammentragen, auf einen Haufen werfen und
später anzünden und verbrennen, Späne und trockene Rinde für Mutter
oder Schwester zum Kochen herbeischleppen und tausend andere kleine
Handreichungen thun; wird er etwas stärker, so holt er den Mais aus dem
»Corncrib« und füttert Pferde und Schweine, haut Brennholz und hilft mit
im Kornfeld die Maishügel anhacken. Ist es ein Mädchen, so lernt es
schon, wenn es kaum auf den Tisch sehen kann, das Geschirr auswaschen
und Brodteig anrühren, und wird es nur ein klein wenig älter, spinnen
und weben. Puppen kennt es kaum dem Namen nach, mit andern Kindern kommt
es auch, der weiten Entfernung der auseinanderliegenden Farmen wegen,
selten oder nie in Berührung und wird schon mit dem achten oder neunten
Jahre »=an old woman=« (eine alte Frau), wie es sich gern nennen läßt.

Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die armen Kinder zu einer
Thätigkeit, welche ihren Jahren keineswegs angemessen ist. So starb am
Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines Farmers am Nervenfieber
(der arme Mann hatte keinen Arzt und keine Medicin bekommen können,
und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis sie todt war); sie
hinterließ sechs Kinder, von denen das älteste ein Mädchen etwa neun
Jahre alt, das jüngste noch ein Säugling war, und der Vater konnte sich,
da er seinen Mais pflanzen mußte, wenn er das kommende Jahr etwas für
sich und seine Familie zum Leben haben wollte, gerade in dieser Zeit
gar nicht um die Wirthschaft zu Hause bekümmern. Da fiel dann die ganze
Arbeit, die ganze Sorge, nicht allein für sämmtliche Kinder, sondern
auch für die Wirthschaft, auf das arme Mädchen, selbst noch ein Kind,
das vorher schon Monate lang die kranke Mutter hatte pflegen müssen, und
alle lebten in einem kaum eine Hütte zu nennenden Blockhaus, mit nicht
ausgefüllten Spalten zwischen den Stämmen, ohne Diele und fast ohne
Bett; der Vater mußte sich wenigstens Nachts mit seinen drei Knaben
Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten und auf darüber gelegten
Hirschfellen und mit wollener Decke gegen den Wind geschützt, der
überall das Gebäude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen Kaminfeuer
förmlich lagern, während die übrigen vier Kinder sich auf zwei
Betten zusammenkauerten, wenn man nämlich dünne, mit ungereinigten
Truthahnfedern gestopfte Matratzen und eine leichte Steppdecke wirklich
ein Bett nennen kann. Und doch waren die Kinder zufrieden, sie wußten es
nicht anders, und ich erinnere mich, daß sie uns mit Jubel empfingen,
als wir, mein alter Jagdgefährte und ich, dort eines Abends Schutz gegen
ein heraufsteigendes Unwetter suchten und einen gewaltigen wilden
Truthahn mitbrachten, den ich geschossen.

In den östlichen Staaten und Städten verbessert sich freilich das
Schulwesen mit jedem Tage; die Ansiedlungen liegen dort dichter;
breite, gute Straßen setzen die verschiedenen Wohnungen miteinander in
Verbindung, und nicht jeder herumstreifende Krämer oder Yankee wird
angenommen, sobald er den Wunsch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer
Kinder zu sein. In Cincinnati besonders entstanden schon 1841 drei
Freischulen, in denen nicht allein Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern
auch Englisch und Deutsch, wie Geographie und Geschichte gelehrt wurde,
und auch in St. Louis, wie überhaupt im Norden der Vereinigten Staaten,
hat das Erziehungswesen bedeutende Fortschritte gemacht. Besonders sind
in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hierher werden vorzüglich die
jungen Indianer aus dem Westen von Arkansas gebracht, um in den Künsten
und Wissenschaften der Weißen unterrichtet zu werden.

Was das Schulwesen unter den Indianern anbetrifft, so versehen dieß bis
jetzt noch einzig und allein die Missionäre; die civilisirten Stämme
natürlich, als Chacktaws, Cherokesen, Shawnees und einige andere, dicht
an den Grenzen der Weißen lebende Nationen ausgenommen, die, wenigstens
für die Anfangsgründe, ihre eigenen Lehrer haben. Den amerikanischen
Missionären liegt aber keineswegs das Seelenheil ihrer Beichtkinder
allein am Herzen, die Amerikaner sind ein zu sehr speculirendes Volk, um
der Religion jedes andere Interesse nachzusetzen. So kommt es denn, daß,
wie dieß besonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne fromme Männer
sehr ehrbar und eifrig mit der Religion anfingen, bald aber, nachdem sie
die rothen Söhne der Wildniß bekehrt und ihren Willen gebeugt hatten,
den Yankee hervorsteckten und unter dem Vorwande, sie mit dem Segen des
Ackerbaues bekannt zu machen, für sich selbst große Farmen anlegten
und dann, wenn sie erst einmal eine eigene Heimath gegründet, damit
zufrieden waren, _die_ Wilden zu belehren und zu bessern, welche sich
gerade in ihrer Nachbarschaft befanden, oder mit denen sie zufällig in
Berührung kamen. Aus den Missionären wurden so nach und nach Farmer, und
das religiös zugeschnittene Kleid wich dem bequemern Jagdhemd.



Die Alligator-Jagd.


In den ungeheueren Sümpfen Louisiana's und überhaupt in dem ganzen
südlichen Theil der vereinigten Staaten lebt in den warmen Wassern der
Lagunen und Flüsse der Alligator (=crocodilus lucius. Cuv.=) in
ungeheuerer Anzahl.

Er gehört zu dem Geschlecht der Eidechsen und hat ganz die Gestalt
und Beschaffenheit dieser Thiere, erreicht aber, besonders in den
südlichsten Theilen von Louisiana und Florida, oft eine Länge von zwölf
bis sechszehn Fuß. Der ungeheuere Kopf, der fast den vierten Theil des
ganzen Thieres ausmacht, öffnet, wie der Haifisch, den Oberkiefer, statt
des Unterkiefers, und zeigt dann ein äußerst anständiges Gefänge, das
den gewaltigen, rosenrothen Schlund einfaßt. Den Körper selbst umgiebt
eine harte, panzerartige, aus lauter kleinen eckigen Stücken bestehende
Haut, die unter dem Bauche in weißen, harten Schuppen ausläuft. Die
Nasenlöcher ragen, am Ende des Rachens, über diesem empor und liegen
dicht zusammen, und wenn der Alligator an einem stillen, sonnigen Tag
auf dem Wasser gewissermaßen ruht, so schauen nur die Lichter, mit
einem kleinen Theil des Kopfes und Nackens, und dann weiter vorn, oft
sechszehn bis zwei und zwanzig Zoll von ihnen entfernt, die Nasenlöcher
über dem Wasserspiegel hervor. Die Lichter selbst sind sehr klein und
sehen tückisch und katzenartig aus, die Läufe dabei kurz und zum Gehen
ungeschickt, desto besser schwimmt aber dafür der Alligator. Eine seiner
Lieblingsbeschäftigungen ist es, im heißen Sonnenschein auf den sandigen
Uferbänken der Seen oder Flüsse zu liegen und mit aufgesperrtem Rachen
das Herbeifliegen von Insekten abzuwarten, die durch den bisamartigen
Geruch, welchen einige Drüsen, die er unter dem Halse trägt, verbreiten,
angelockt werden, sich auf seine breite Zunge setzen und von ihm,
wenn er genug zu haben glaubt und zuschnappt, mit größtem Wohlbehagen
verspeist werden.

Die Brutzeit ist im April und Mai; das Weibchen legt seine Eier in ein
gewöhnlich aus Schlamm und Schilf zusammengebautes Nest und zwar von
achtzig bis hundert und zwanzig, ja dreißig Stück welche es von der
Sonne ausbrüten läßt. Die jungen auskriechenden Alligatoren haben jedoch
sehr viele Feinde; Aasgeier oder Bussards, Schlangen, ja das Männchen
selbst, das oft fast die ganze Brut verschlingen soll, stellen ihnen
nach; es bleiben aber doch noch genug übrig, die zahlreichen Seen und
Lagunen der südlichen Länder im Überfluß mit ihnen zu bevölkern.

In der Paarzeit kämpfen die alten Alligatoren manchmal mit Rachen
und Schwänzen blutige Schlachten. Der lange, panzerharte Schwanz ist
überhaupt seine gefährlichste Waffe, doch gebraucht er ihn weniger
zur Erlegung als zur Erreichung seiner Beute, denn er faßt damit das
ausersehene Opfer und wirft es nach vorn, gegen seinen Rachen zu, der
es dann mit freundlichem Zuschnappen empfängt.

Dem Alligator geht es nun wohl in einer Hinsicht wie Maria Stuart --, er
ist besser als sein Ruf -- denn die schrecklichen Geschichten, die man
sich von seiner Mordgier und seinem unverwüstlichen Haß gegen das
menschliche Geschlecht erzählt, sind doch meistens übertrieben. -- Ein
Weißer hat, wenn er ihn nicht selber angreift und verwundet, (und
auch dann nur selten) sehr wenig von ihm zu fürchten, den Negern
freilich stellen sie nach; der pikante, dieser Race eigene Geruch, der,
aufrichtig gesagt, besonders an heißen Sommertagen gerade nicht zu den
angenehmsten gehört -- lockt sie an -- sie lieben diesen Geruch einmal,
und wer kann sie deshalb tadeln, -- kauen doch manche Menschen =asa
foetida=, um ihren Athem zu reinigen, also sie lieben die Neger
-- wenigstens dann und wann einen Arm oder ein Bein von ihnen, und
die schwarzen Söhne Äthiopiens hüten sich wohl, tief in eine dieser
Sumpflagunen hinein zu waten. Dabei hegen sie auch noch eine zärtliche
Leidenschaft für Ferkel und Hunde, welche erstere sie gewöhnlich ganz,
letztere nur theilweise verzehren, da der Hund, von dem Alligator
erfaßt, kaum einen Schmerzschrei ausstößt, als auch schon die anderen
dadurch angelockt von allen Seiten herbeiströmen und die Beute theilen;
den weißen Mann aber scheuen sie, verlassen bei seiner Ankunft das Ufer,
an dem sie sich gesonnt, und tauchen unter.

Schaden thun sie also nur insofern, daß sie die hie und da sich ihnen
nähernden Ferkel abfangen, seltner einmal einen jungen Neger unter
Wasser ziehen, oder eine Negerin, die am Ufer zu waschen gedenkt, bei
einem Beine erwischen; da aber auch der Nutzen, den sie der menschlichen
Gesellschaft bringen, sehr gering ist, und sie überdies noch ein
häßliches, boshaftes, gefährliches Aussehen, was aber noch das
Allerschlimmste ist, einen schlechten Ruf haben (denn es ist ein
altenglisches Sprichwort: »Hängt einen Hund lieber, ehe ihr ihm einen
schlechten Namen macht«), so wird ihnen, wo man ihrer habhaft werden
kann, mit Kugel und Harpune, oft auch gar mit großen Angelhaken
nachgestellt.

Ganz unnutzbar sind sie übrigens doch nicht, denn die großen, feisten
Burschen werden in Kessel gethan und das Fett heraus geschmolzen, das
besonders gut zu den verschiedenen Maschinerien, die das Reinigen der
Baumwolle erfordert, gebraucht werden kann. Die Schwänze der kleineren
-- (bis höchstens fünf oder sechs Fuß lang) schmecken dabei delikat, nur
muß das Fleisch bald von der Rückengräte abgelöst werden, da es sonst
den, diesen Thieren eigenen, bisamartigen Geschmack annimmt.

Ein unfern von uns wohnender Pflanzer in Pointe Coupée hatte mich lange
schon geplagt, eine ordentliche Alligator-Jagd vorzunehmen, da er gar
so gern einige Gallonen von dem Fett dieser lieben Bestien zu haben
wünschte und ich die einzige gute Harpune dort in der Gegend besaß;
als er daher eines Morgens mit seinem Sohne und zwei pechschwarzen
Negersklaven zu mir kam und erzählte, daß er schon am vorigen Abend
zwei leichte Kähne in den hinter seinem Hause liegenden See, der durch
schmale Lagunen mit fünf oder sechs anderen in Verbindung stand,
geschafft hätte und nun eine ordentliche Jagd beabsichtige, so schulterte
ich meine Harpune, steckte mein kleines Scalpirmesser in den Gürtel,
und dem jungen Harbour die Büchse überlassend, mit der er ziemlich gut
umzugehen wußte, schlenderten wir langsam dem etwa anderthalb englische
Meilen entfernten See zu.

»Was trägst Du denn da, Ben?« fragte ich den einen der Neger, der etwas
in grobes Baumwollenzeug einschlagen, das mir Leben zu haben schien,
unter dem Arme hielt.

»Kann selber reden -- Massa!« sagte der Schwarze grinsend, indem er den
fürchterlichen Mund von einem Ohr bis zum andern aufriß und zwei Reihen
blendend weißer Zähne zeigte -- »kann selber reden,« und dabei preßte er
mit dem linken Ellbogen das seiner Sorgfallt Empfohlene.

»Quitsch!« sagte ein kleines Ferkelchen, das jetzt mit allen vier Läufen
anfing zu strampeln.

»Stille halten, Kleines.« beruhigte es der Neger -- »gutes Thierchen
-- so recht!«

Er trug es mit sich, um durch das Schreien desselben die Alligatoren
herbeizulocken und dann leichter zu schießen. Endlich erreichten wir
einen schmalen Damm, der den größten See in zwei Hälften theilte und an
dessen Einlauf die Kähne befestigt lagen; obgleich wir aber schon Ende
Juni hatten, war das Wasser doch noch sehr hoch, denn der Mississippi,
durch den Schnee der Felsengebirge angeschwellt, hielt die tiefer
als seine Ufer liegende Niederung gefüllt, daß all das innere Land
überschwemmt und einem ungeheueren See gleich da lag, den nur hier und
da schmale Streifen Landes oder Dämme durchzogen. Auch dieser Damm, an
welchem unsere Kähne befestigt waren, ragte kaum zwei Zoll, naß und
schwammig, über die Wasserfläche empor.

Zwei Drucker, welche die »Pointe Coupée Chronicle« redigirten, setzten
und druckten, hatten sich unserer Jagd noch angeschlossen, und wir
machten jetzt also im Ganzen, mit dem Ferkel, acht Personen, die sich
nun der alte Harbour anschickte gleichmäßig zu vertheilen. Zuerst kam in
jedes Boot ein Neger »zum Rudern,« dann ein Buchdrucker »zum Zusehen,«
-- denn viel mehr Nutzen erwarteten wir nicht von ihnen -- dann der
junge Harbour mit der Büchse in ein Boot und ich mit der Harpune in das
andere »zum Jagen«, und ich bekam das Ferkel, während der alte Harbour
zu seinem Sohn in den Kahn trat, der jetzt ganz kaltblütig bemerkte:
»das Ferkelchen und er -- (der Vater) wären zum Quitschen.«

Die Sonne brannte grimmig heiß und kein Schatten bot sich auf der ganzen
weiten Wasserfläche, als der, den manchmal einzeln stehende Cypressen,
mit dem langen, grauen Moose bewachsen, warfen; nicht ein Lüftchen regte
sich, kein Vogel zirpte -- kein Frosch quakte, Alles lag in träger
-- schlaffer Ruhe, und selbst die einzelnen Alligatoren, die mit
ihren schwarzen Köpfen, wie Stücke halbverbrannten Holzes, auf der
spiegelglatten Wasserfläche trieben, sahen aus, als ob sie schliefen,
hätte nicht manchmal einer der großen Burschen den rosenrothen Rachen
aufgerissen, dessen Oberkiefer dann einen Augenblick emporstand und mit
schwerem Schlage wieder zuklappte.

»Selbst die Alligatoren langweilen sich hier,« -- sagte Kelly -- der
eine Drucker, der bei mir im Boote war.

»Wird schon lebhaft werden, Massa,« lachte der Neger, »wenn das Kleine
hier spricht!«

Das Ferkel seufzte wehmüthig im Sack. --

Wir stießen jetzt vom Lande ab, hielten uns im Anfang dicht zusammen,
und versuchten leise an die Alligatoren hinanzugleiten, sie waren aber
zu scheu, und immer, wenn wir fast in Schußnähe zu sein glaubten, sanken
sie unter. -- Ich hatte mich auf das Vordertheil des Kahnes gestellt und
erwartete ruhig das Erscheinen eines der Burschen auf zwölf bis funfzehn
Schritt Entfernung, doch der alte Harbour wurde ungeduldig und rief zu
uns herum:

»Drückt doch das Ferkel einmal ins Teufels Namen!«

Der Buchdrucker aber, der sich aufrecht hingestellt hatte, um die
Wasserfläche um so besser übersehen zu können, und dem es wahrscheinlich
zu viel Mühe schien, sich zu bücken, trat, ohne eine Miene zu verziehen,
dem armen kleinen Ding auf den Bauch.

»Quiiiiiitsch!« schrie dieses in Todesangst.

»Massa -- um Gottes willen,« rief aber auch erschrocken der Neger und
hörte mit Rudern auf -- »das mein Schwein -- Ihr tretet's todt!«

Das Experiment hatte jedoch den gewünschten Erfolg gehabt; mehre der
langen Gesellen, die vorher von uns weggeschwommen waren, drehten
sich jetzt und kamen langsam auf uns zu -- der Neger mußte mit Rudern
aufhören und sich ganz ruhig verhalten, und nahe heran, auf etwa dreißig
Schritt, strich ein gewaltiger alter Bursche von zwölf Fuß Länge.
-- Einen Augenblick hielt er und traute den Booten doch nicht so recht;
der Neger aber, der zu seinem Schweinchen niedergekniet war, ließ dieses
einen ganz kleinen winzigen Schrei thun und dadurch angelockt, schwamm
er herbei. --

»Feuer!« rief jetzt der alte Harbour, die Büchse krachte und in
demselben Augenblick auch fast drehte sich das tödtlich verwundete
Ungeheuer herum und zeigte den weißen, schuppigen Bauch; im Vorschießen
und Umsichschlagen war es aber glücklicher Weise meinem Kahne nahe genug
zum Wurf gekommen und im _Nu_ saß ihm auch die scharfe dreizackige
Harpune in den Weichen.

Der Schuß aber, der ihm das Hirn zerschmettert hatte, erlaubte ihm nicht
mehr viel zu reißen und zu zerren, und leicht zogen wir ihn dicht an den
Kahn heran; das gewaltige Thier aber in das kleine Fahrzeug zu nehmen,
wäre auf keinen Fall angegangen, und wir ruderten deshalb schnell ans
Ufer zurück und schleppten es dort, wobei es jedoch noch tüchtig mit dem
Schwanze umher hieb, unter einen Baum.

Der Versuch mit dem Ferkel wurde jetzt mehrere Male wiederholt und der
junge Harbour schoß nach vier Alligatoren, von denen wir jedoch nur zwei
bekamen, da ich nicht schnell genug mit der Harpune hin konnte, und ich
harpunirte drei, die sich zu nahe an mich herangewagt und die Gefahr zu
spät eingesehen hatten. Zwei von den letzteren waren jung und saftig,
und ich schnitt ihnen augenblicklich für meinen eigenen Tischgebrauch
die Schwänze ab.

Nach und nach mochten sie es aber doch wohl wegbekommen haben, daß es
mit dem Schweine nichts war, denn in immer weiteren Kreisen umzogen sie
unsere Kähne, und wir konnten keinen mehr auf Schußweite anlocken. Das
wurde also aufgegeben, der Neger aber, der in meinem Kahne ruderte,
machte seine Sache so ungeschickt und vollführte einen solch gräulichen
Spectakel, daß an Anschleichen mit dem Burschen gar nicht zu denken war;
ich ließ ihn daher von der Ruderbank aufstehen, die ich jetzt einnahm,
und übergab die Harpune an Kelly, der mich inständig bat, auch einmal
einen harpuniren zu dürfen, wobei er betheuerte, zu Hause in Kentucky
manchen großen Catfisch auf diese Art gefangen zu haben; unsere beiden
Kähne blieben aber jetzt nicht mehr bei einander und ich legte ein Ruder
nieder, während ich das andere aus dem Ruderloche nahm und in der Hand
führte, da ich auf diese Art am geräuschlosesten fortgleiten konnte.

Lange schon hatte ich versucht, an einen ziemlich großen Alligator
hinanzukommen, immer aber noch war er mir entgangen, obgleich ich mir
genau gemerkt hatte, wo er untertauchte und in welcher Entfernung er
dann immer wieder an die Oberfläche kam. Jetzt sank er auch eben wieder,
und mit aller Kraft das Ruder führend, das der Kahn mit Blitzesschnelle
über die Wasserfläche dahin schoß, versuchte ich ihn beim Emporkommen
zu überraschen und rief Kelly zu, aufzupassen. Ich hatte das Wort kaum
gesagt, als der schwarze Kopf der Bestie sichtbar wurde; eben so schnell
wollte er nun zwar wieder niederfahren, doch war er zu nahe, kaum sechs
Schritt, als daß ihn Kelly hätte fehlen können; das Eisen saß und mit
gewaltigem Ruck schoß er vorwärts.

Nun ist eine solche Harpune auf folgende Art eingerichtet; das
dreizackige, mit Widerhaken versehene Eisen ist etwa achtzehn Zoll lang
und circa drei bis vier Pfund schwer; in diesem sitzt eine leichte, zehn
Fuß lange Stange, die beim Wurf vom Eisen abgeht, um dessen Mitte ein
starkes Seil gut befestigt ist, das an der Stange hinauf läuft, an
dieser, oben, wieder festsitzt und nun noch etwa zwölf bis sechszehn
Fuß freien Spielraum gewährt, so daß die ganze Länge des Wurfes etwa
dreizehn bis vierzehn Schritte betragen darf. Das Ende des Seiles ist
dabei um das Handgelenk des Werfenden befestigt, damit er es nicht durch
die Finger gleiten lasse, und Beute und Waffe zu gleicher Zeit verliere.

Wohl hatte ich, durch Erfahrung belehrt, Kelly vor dem Wurfe gewarnt,
sich festzustellen und nicht das Gleichgewicht zu verlieren; in dem
freudigen Gefühl aber, einen Alligator zu harpuniren, dachte er nicht
weiter daran, und als jetzt der Verwundete mit dem Eisen hinwegeilte,
riß ein plötzlicher Ruck desselben den Schützen aus dem Boote. Der Neger
aber, der wohl etwas Ähnliches geahnet haben mochte, warf sich auf ihn,
und wenn ihm auch der Körper entging, erwischte er doch noch ein Bein,
das er festhielt, bis es unsern vereinten Kräften gelang Drucker und
Alligator, die unzertrennlich waren, den ersten am Lauf, den zweiten am
Seil, in's Boot zurück zu ziehen.

Der junge Harbour hatte indessen auch noch einige kleine Alligatoren
erlegt, und mit unserer Beute zufrieden, da die Hitze in der Mittagsgluth
zu fürchterlich drückend wurde, kehrten wir langsam zum Hause zurück,
während die Neger die Erlegten mit Handkarren zum Hause fuhren, da sich
nicht leicht ein Pferd dazu hergiebt, einen Alligator zu tragen.

Sehr häufig habe ich Alligatoren, wie die Hirsche, Nachts bei dem
Scheine der Kienfackel geschossen, und ihre Lichter glühen wie Stücke
rothheißen Eisens. --



       *       *       *       *       *



Transcriber's note:

The following additional changes were made; the original appears in the
first line, the altered version in the second.


ANMERKUNGEN

Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen; das Original ist
jeweils in der ersten, die geänderte Fassung in der zweiten Zeile zu
lesen:

 mit der Scheu, die alle Hinderwäldler (...) haben
   mit der Scheu, die alle Hinterwäldler (...) haben

 steckte seine Nadel (...) in die Kugeltatsche
   steckte seine Nadel (...) in die Kugeltasche

 wenn der Wolf mit der Falle zu entfliegen sucht
   wenn der Wolf mit der Falle zu entfliehen sucht

 ihn zum Glücklichsten der Sterblichsten zu machen
   ihn zum Glücklichsten der Sterblichen zu machen

 unmöglich so lage ohne (...) Aufsicht bleiben konnten
   unmöglich so lange ohne (...) Aufsicht bleiben konnten

 kleine Büchse zusammentragen
   kleine Büsche zusammentragen

 traute den Boten doch nicht so recht
   traute den Booten doch nicht so recht





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band." ***

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