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Title: Inselwelt. Erster Band. - Indische Skizzen
Author: Gerstäcker, Friedrich, 1816-1872
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Inselwelt. Erster Band. - Indische Skizzen" ***

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Hinweise zur Transkription

   Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
   Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden
   durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche
   Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln wurde der Originaltext
   beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich
   am Buchende, die zahlreichen Korrekturen bei falsch gesetzten oder
   fehlenden Anführungszeichen sind nicht extra aufgeführt.

   Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:

   Sperrung: =gesperrter Text=
   Antiquaschrift: _Antiquatext_



Inselwelt.


Gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.


Erster Band.

=Indische Skizzen.=



Leipzig,
=Arnoldische Buchhandlung.=
1860.



  Inhaltsverzeichniß vom ersten Bande.


       I.  In der Südsee.

                      Seite

Der Wallfischfänger       1

Die Bootsmannschaft      82

Der Schooner            168

      II.  Im Ostindischen Archipel.

Der Balinese            249

Der Menschentiger       313

Der Khris               374



I.

In der Südsee.

Der Wallfischfänger.


1.

In der weiten und bequemen Corallenbai von Monui, einer der
Tonga-Inseln, ankerte im Januar des Jahres 18** ein englischer
Wallfischfänger, die »_Lucy Walker_«, Provisionen, Holz und
Erfrischungen einzunehmen, und da sich die Eingeborenen ziemlich
freundlich gezeigt, hatte die Mannschaft in Abtheilungen Tag nach Tag
Erlaubniß bekommen, an Land zu gehen und mit den Eingebornen zu
verkehren.

Der Capitain selber, ein junger Mann, der seine erste Reise als Führer
eines Schiffes machte, war viel zu entzückt von dem wundervollen Land,
das er betreten, seine Freiheit nicht ebenfalls soviel als möglich
benützen zu sollen, und unter den freundlichen Menschen, von dem alten
Häuptling selber auf das herzlichste aufgenommen, vergingen die Tage in
Zauberschnelle. Er schien zuletzt zwar ganz vergessen zu haben, daß er
des Wallfischfanges wegen in diese Breiten gekommen und selber gehen
müßte die Fische aufzusuchen, wenn er überhaupt deren fangen, und sein
Schiff voll Öl bekommen wollte.

Die Scenerie allein trug aber nicht die Schuld. Hua, Toanonga's
liebliches Töchterlein, hatte sein Herz mit einer Leidenschaft
entflammt, der er sich selber im Anfang nicht klar bewußt war, die aber
mit jedem Tage mehr Überhand gewann. Ja, je mehr ihm Gelegenheit geboten
wurde, sich dem Gegenstand derselben zu nähern, und je weniger nah er
doch demselben dadurch kam, vergaß er zuletzt selbst seine Pflicht gegen
sein Schiff sowohl, wie seine Mannschaft, um noch immer kurze Zeit
länger in der verführerischen Nähe des holden Mädchens zu weilen.

Hua[1], nach ihrem heiteren, fröhlichen Wesen so genannt, sah den
fremden jungen Mann gern bei sich, der ihr, der Tonga-Sprache vollkommen
mächtig, noch von früheren Reisen her, viel von fremden Ländern und
Völkern erzählen, und mit dem sie lachen und sich freuen konnte. An eine
ernstere Neigung dachte sie nicht, denn sie wußte recht gut, daß solche
Schiffe nur immer auf kurze Zeit an eine ihrer Inseln anlegten und
dann wieder fortfuhren, vielleicht nie mehr zurückzukehren -- was hätte
ihr seine Liebe genützt? Überdem war sie schon dem jungen Häuptling
eines Nachbarstammes versprochen, der jeden Tag eintreffen konnte, sie
abzuholen. Die Zeit bis dahin war ihr denn auch schon recht lang
geworden, und etwas Erwünschteres hätte gar nicht kommen können, als das
fremde Schiff mit den weißen, wunderlichen und doch so freundlichen
Männern.

Toanonga befand sich am Besten dabei; der junge Engländer brachte, um
ihn sich beliebt zu machen jeden Tag neue Geschenke, und er sah sich
dadurch bald in dem Besitz einer so bedeutenden Anzahl von Nägeln,
Glasperlen, kleiner Spiegel, Messer, Beile, Kattun, und vor allem Andern
Tabak, dessen Gebrauch er auch schon kennen gelernt, daß er schon
anfing, sich als einen Capitalisten zu betrachten, der sich nun bald von
seiner beschwerlichen Häuptlingsschaft werde in das Privatleben
zurückziehen können, von seinen Renten zu leben.

So angenehm nun aber auch ein solches Leben der Mannschaft des
Wallfischfängers war, der sich, nach dem beschwerlichen Dienst an Bord,
ein förmliches Paradies hier öffnete, so bedenklich schüttelten die
Officiere -- Harpuniere und Bootsteuerer -- darüber den Kopf. Eine
Zeitlang hatten sich diese wohl mit ruhigem Behagen dem Stillleben der
Inseln hingegeben; als dies aber immer noch kein Ende zu nehmen schien,
gedachten sie auch ihres eigenen Nutzens, und wünschten ihr Geschäft
wieder aufzunehmen, wegen dem sie doch eigentlich an Bord gegangen
waren: nämlich Geld durch den Fang der hier muthwillig versäumten Fische
zu verdienen.

Zuerst erinnerte der erste Harpunier den Capitain, daß es später und
später in der Jahreszeit würde, und sie schon gar nicht mehr daran
denken dürften, ihrer ersten Absicht nach, Neuseeland anzulaufen. Die
Mahnung half aber weiter nichts, als daß der Capitain noch einmal sechs
Klaftern Holz bei den Eingebornen bestellte, zu denen diese, wie er
recht gut wußte, fast eben so viele Wochen brauchten, es zu schlagen,
und doch hatten die Leute an Bord schon jetzt alle Winkel und Ecken
davon vollgestaut, -- doch traten endlich die Officiere zusammen und
erklärten ihrem Vorgesetzten, daß sie ihm allerdings gehorchen und so
lange hier bleiben müßten, wie er es für gut fände, daß sie aber bei
ihrer Zurückkunft nach Liverpool jedenfalls Beschwerde oder vielmehr
Klage auf Schadenersatz für versäumte Zeit gegen ihn einreichen
würden, wenn er jetzt nicht bald wieder die Anker lichte.

Capitain Silwitch, so zum Äußersten getrieben und sich seinen Leuten
gegenüber auch im Unrecht fühlend, beschloß nun einen entscheidenden
Schritt zu thun, und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu
bitten. Einer ihrer heidnischen Trauungsceremonien konnte er sich, als
höchst unbedeutender Christ, leicht unterwerfen, und ehe er die
Heimfahrt antrat, was noch ein paar Jahr dauern mochte, fand sich immer
eine Gelegenheit, das Mädchen, wenn auch nicht genau an diese, doch
vielleicht an eine der Nachbarinseln wieder abzusetzen -- mit nach Hause
durfte er sie natürlich nicht nehmen.

Toanonga saß mit Hua auf einer großen, aus langem Gras feingeflochtenen
Matte, vor seiner Hütte, im Schatten eines gewaltigen Toa-Baumes, der
mit dem Duft seiner Blüten die ganze Nachbarschaft erfüllte. Es war ein
reizender Platz, gerade an der Mündung eines kleinen, aus den Höhlen
kühl und plätschernd niedersprudelnden Bergbachs, der sich die klare
Bahn unter wehenden Palmen und über moosiges Gestein brach und Blumen
und Früchte als Tribut dem Meere zuführte. Mächtige Cocospalmen
schüttelten ihre federartigen, rauschenden Kronen über seiner Fluth und
die hohen, stattlichen Mapebäume mit ihren breiten, magnolienartigen
Blättern und wunderlich geformten Stämmen[2] deckten und beschatteten
niedere Haine fruchtbeladener Orangen und Citronen und duftender
Blütenbüsche, die durch sie gegen die sengenden Strahlen der Sonne
geschützt wurden.

Das Haus des Häuptlings war nur wie das seiner geringsten Unterthanen
aus trockenen, gelben Bambusstäben aufgerichtet, und mit
Zuckerrohrblättern fest, aber doch luftig und vollkommen regendicht,
gedeckt. Ein kleiner dabei angelegter und mit dicht gesteckten dünnen
Stangen umzäunter Garten (eine Quantität wild herumlaufender Ferkel
daraus fern zu halten, denen der Besuch des Hauses jedoch vollkommen
frei zu stehen schien) enthielt Reihen gepflanzter Bananen und sogar
einige Yams, und in feuchten Gruben gezogene Taro-Pflanzen, während
dichtgesteckte Brotfruchtbäume, die jedoch auch überall wild gediehen,
die Hauptnahrung der Insel anzeigten und ihre wohlthätigen Äpfel vor die
Thür ihres Eigenthümers niederschütteln.

Toanonga schwelgte in der Verdauung eines eben genossenen vortrefflichen
Frühstücks, eines mit heißen Steinen gerösteten Ferkels und _Me_[3], und
dieser gleichsam eine höhere Weihe zu verleihen, hatte er einen Theil
der erhaltenen Geschenke, besonders eine Anzahl Nägel und Glasperlen,
einige Uniformknöpfe und vor allem Andern einen zerbrochenen Sporn, an
dem das Rädchen aber noch gut war und wirbelte, vortrefflich vor sich
ausgebreitet und betrachtete sie mit augenscheinlicher Genugthuung und
Freude.

Capitain Silwitch hätte wirklich keinen glücklicheren Moment für seine
Werbung treffen -- und keinen unglücklicheren Erfolg haben können.

Eine ganze Jagdtasche voll Geschenke für den König; Gegenstände, als ob
ein Trödler seine Bude ausgeräumt und den Schutt zurückgeworfen, die
Quantität vielleicht an den Eisenhändler zu verkaufen. Dazwischen fanden
sich ein paar buntblitzende, blaue, großbeerige Glaskorallen, von
enormem Gewicht; ein kleiner, gesprungener Rasirspiegel, eine unechte
goldene Quaste von irgend einer Gardine, ein Argentan-Löffel und
besonders eine plattirte Schuhschnalle bildeten aber die
Hauptbestandtheile der Masse, die er, Hua dabei freundlich zulächelnd,
vor dem erstaunten _Hou_ -- Häuptling der Insel -- und auf die Matten zu
den Knöpfen und Perlen schüttete.

»Tangaloa[4] segne mich!« rief der würdige Toanonga, als er die
unvermutheten Schätze aus dem ganz unscheinbaren Lederbeutel auf sich
förmlich herabregnen sah, ohne in dem Augenblicke eine Ahnung zu haben,
welchem glücklichen Ereignisse er diese fabelhafte Freigebigkeit des
fremden weißen Mannes verdanke, -- »der Fremde hat sein ganzes Canoe
geplündert, die Augen seines Freundes mit seinen Schätzen glücklich zu
machen, Si-li-wi« -- (eine natürliche Verunstaltung des Namen Silwitch,
da die Insulaner nur sehr schwer zwei Consonanten hinter einander in
einer Silbe aussprechen können) »soll Brotfrucht und Cocosnüsse, Bananen
und Taro, Ferkel und Fische haben, so viel er will auf sein Schiff.
Si-li-wi ist ein Ehrenmann und darf sich eine Gnade erbitten.«

»Und gebe Gott, daß du sie erfüllst, würdiger Greis,« sagte der junge
Mann halb lachend, halb verlegen, »ich komme allerdings heute Morgen mit
einer großen Bitte an dich, oder eigentlich an -- Hua an deiner Seite,
deren Erfüllung mich unendlich glücklich machen würde.«

»An mich?« fragte Hua erröthend, während sie von ihrer Matte aufsprang
und den Fremden überrascht ansah; »willst du noch mehr von den
wunderlichen weiß- und rothgefleckten Corallen, die wir in der Bai da
drüben gesucht? oder soll ich dir Perlen holen lassen, unten vom Grund
herauf? Ich weiß auch --«

»Halt, halt, Mädchen, mach mich nicht toll mit deinen freundlichen
Worten!« bat der junge Mann abwehrend. »Es ist mehr als alles Das, und
nun, Toanonga, soll es auch heraus, denn lange Reden bin ich doch nicht
im Stande zu machen. Hier sind die Geschenke, du sollst noch mehr
haben, Tabak, Feuerwasser, Messer, Beile, Kattun -- auch ein Gewehr hab'
ich für dich bestimmt, das den Blitz und Donner in sich trägt, und womit
du deine Feinde besiegen und dir unterthan machen kannst.«

»_Mea fanna fonnua_[5]?« rief Toanonga rasch, der bei der Aussicht auf
solchen Besitz alles Andere in dem Augenblick vergaß. »Wäre nicht übel;
Toanonga möchte ungemein gern _Mea fanna fonnua_ haben.«

»Und du giebst mir Hua?« rief der Engländer rasch und freundlich.

»Hua?« sagte der alte Häuptling erstaunt, während das Mädchen bestürzt
und erröthend dabei stand und kein Wort zu erwidern wagte. »Hua gehört
nicht mein, kann ich nicht vergeben; gehört _Tai manavachi_, ist _Tai
manavachis ohana_.«

»_Ohana?_« wiederholte der junge Mann bestürzt und erschreckt, denn das
Wort bedeutet in der Tongasprache Braut sowohl als Frau. »_Ohana?_ --
seit wann?«

»Bah, nicht so lange,« sagte der Alte kopfschüttelnd und die vor ihm
ausgebreiteten Geschenke ein wenig mehr nach sich herüber schiebend,
als ob er eine ungewisse Ahnung hätte, daß der Fremde, wenn er den
angebotenen Tausch =nicht= eingehen wolle, diese am Ende auch wieder
zurückziehen könne. »Muß heute oder morgen kommen, sie zu holen.«

»Holen? -- wohin?«

»Nach Tongatabu -- große Insel, großer Häuptling,« setzte der Alte mit
einiger Selbstzufriedenheit hinzu; »wird _Ohana_ dort und bekommt große
Strecke Land.«

»=Wird= _Ohana_?« rief Silwitch aber, denn noch ein Strahl von Hoffnung
dämmerte, also =ist= sie noch nicht seine Frau, und wenn mich Hua lieber
hat, als den braunen Burschen, da denk' ich, soll sie sich bei mir so
wohl befinden, wie bei _Tai manavachi_, -- Und was sagt Hua selber? --
komm her Mädchen und sag' deinem Vater, daß du mir gut bist und mich zum
Mann haben willst.«

»Ich dich zum Mann haben?« lachte aber die Schöne schelmisch, während
ihr ein noch höheres Roth Wangen und Nacken färbte, »und wer hat dir das
gesagt, _Muli_[6]?«

»Nenn' mich nicht =fremd=, denn ich bin es nicht mehr!« rief der
Engländer bittend. »Wenn du es mir auch noch nicht mit klaren Worten
gesagt, hat es doch jeder Zug deines Angesichts, selbst der Ton deiner
Stimme, der Blick deines Auges schon gesprochen!«

»Und willst du hier bei uns bleiben auf der Insel, und dein Schiff
verlassen?« frug der alte Häuptling vorsichtig.

»Mein Schiff verlassen? -- jetzt? -- nein, das geht nicht,« sagte der
Fremde rasch, »ich muß nach Norden hinauf und Fische fangen, aber im
nächsten _Liha mua_[7] komme ich zurück mit Hua, wieder bei Euch zu
wohnen.«

»Mit Hua?« rief der Alte erstaunt und mit eigenthümlichen, halb ernsten,
halb drolligen Zug um die Lippen -- der tolle _Muli_ wär's im Stande. --
»Wolltest du das Mädchen mitnehmen auf dein Schiff?«

»Gewiß will ich,« rief der Seemann rasch, »und sie soll's gut haben bei
mir, und die Welt sehen. Toanonga, ich liebe deine Tochter so heiß und
glühend, wie ich dir es gar nicht beschreiben kann, und du =mußt= sie
mir zum Weibe geben.«

»=Muß= ich, so?« lachte der Alte gutmüthig; Hua aber, noch mehr
erröthend, sagte leise und vorsichtig unter den halbgesenkten Wimpern zu
ihm aufschauend.

»Und wenn Hua nun nicht will?«

»Du nicht wollen, Mädchen, und weshalb?« rief der junge Mann bittend.

»Und _Tai manavachi_?«

»Bah, _Tai manavachi_!« rief der Engländer verächtlich, »was schirt der
=mich= -- er soll kommen und dich holen, wenn ich dich erst einmal
habe.«

»Er ist ein tapferer Krieger!« rief aber der Alte jetzt rasch, »und hat
seinen Namen danach bekommen. -- Schlimm für den Feind, dessen Fährte er
folgt.«

Silwitch schüttelte den Kopf ärgerlich.

»Damit kommen wir nicht weiter,« rief er rasch; »ich frage dich,
Toanonga, ob du mir Hua zum Weibe geben willst?«

»Warum frägst du nicht Hua selber, ob sie dich haben will?« sagte der
Alte mit seinem trocknen Lachen.

»Weil ich ihrer Liebe gewiß bin,« rief der Engländer leidenschaftlich;
»sie wird mit mir gehen, wenn =du= ihr die Erlaubniß giebst!«

»Frag' sie,« war Alles, was Toanonga erwiderte. Der junge Engländer
wandte sich rasch dem schönen Mädchen zu, und streckte den Arm nach ihr
aus, aber Hua wich ihm rasch und entschlossen aus und rief:

»Nein -- nein -- ich bin die Braut eines Andern, fort mit dir,
_Pagalangi_[8], was willst du von mir?«

»Hua!« rief aber der junge Seemann erschreckt. »Hua, ich kann nicht
leben ohne dich und muß dich mein nennen, wende dich nicht ab von mir
und sei mein Weib.«

»Du bist unser Freund gewesen,« sagte das Mädchen ernst und fast traurig
mit dem Kopf schüttelnd, »und wir haben dich und die Deinen freundlich
aufgenommen, was willst du mehr? Ich passe nicht zu euch, zu euren
Sitten, eurer Sprache, eurer Religion, nicht zu den wilden Männern auf
deinem Schiff. Ich will auf diesen Inseln bleiben, die meine Heimat
sind.«

»=Meine= Einwilligung hast du,« lachte Toanonga in seiner trockenen
Weise; »ich hab' es dir vorher gesagt.«

»=Deine= Einwilligung hab' ich, Toanonga?« rief Silwitch rasch und in
furchtbarer Aufregung, durch den Spott vielleicht nur noch mehr gereizt.

»Ja, die hast du,« nickte der Alte lachend, »aber Hua will nicht.«

»Sei nicht so bös, weißer Mann,« sagte aber das Mädchen jetzt
freundlich, ihm die Hand entgegenstreckend, »sieh', was würde _Tai
manavachi_ sagen, wenn er käme und fände mich als das Weib eines Andern;
bliebest du selbst bei uns auf der Insel, die ich nun einmal nicht
verlassen kann und will. Hua sieht dich gern, aber sie kann dir nie
angehören.«

Silwitch nahm die Hand und drückte sie in heftiger Aufregung, barg dann
die Augen kurze Zeit in seiner Linken, und Toanonga sah, wie er einen
heftigen Kampf mit sich selber kämpfe; aber er bezwang sich und als er
den Kopf wieder hob, sagte er ruhig und gefaßt:

»Es ist gut, Hua; wenn du mich nicht haben willst, kann ich dich nicht
zwingen, aber -- ich hatte es gut mit dir gemeint und -- du hast mir weh
-- recht weh gethan. Das ist jetzt vorbei und ich werde nun wieder
fortsegeln von hier, und wahrscheinlich nie -- nie wieder zurückkehren,
nach _Monui_ -- Wirst du noch manchmal meiner dann gedenken?«

»Wenn ich ein Segel am Horizonte sehe, werde ich wünschen, daß es das
deine ist,« sagte Hua in ihrer einfachen Herzlichkeit, ihm treu und
kindlich dabei in's Auge schauend.

»Und wann willst du gehen, _cowtangata_[9]?« frug der Alte jetzt,
anscheinend gleichgültig, aber vielleicht mit dem unbestimmten Wunsch,
das Gespräch auf einen fernen Gegenstand zu bringen, und nicht auf die
noch vor ihm ausgebreiteten Geschenke zurückzuführen, die er eines nach
dem andern, vorsichtig und sorgfältig hinter sich und aus Sicht brachte.

»Ich weiß es noch nicht,« erwiderte der Engländer ruhig; »ich habe noch
Holz bei deinen Leuten bestellt, das ich zuerst an Bord nehmen möchte.
Willst du mich los sein?«

»Nein, nein, bewahre!« rief der Häuptling rasch und erschreckt; »du bist
willkommen, so lange auf der Insel zu bleiben, wie es dir gefällt --
nachher kannst du gehen. -- Und wollen die _Pagalangis_ selber ihr Holz
schlagen?«

»Nein, ich habe deine Leute schon dafür bezahlt,« sagte der Engländer,
»und glaube sie sind mitten in der Arbeit; bis morgen Abend soll ich es
an Bord haben.«

»Es ist gut -- ich will es dir wünschen,« erwiderte der Alte mit einem
etwas zweideutigen Lächeln. Ob es Silwitch aber bemerkte oder nicht, er
schaute einen Augenblick sinnend vor sich nieder, nickte dann mit einem
kaum unterdrückten Seufzer Hua, etwas lebendiger ihrem Vater zu, und
schritt mit verschränkten Armen und gebeugten Hauptes langsam dem
Strande zu, wohin er sein Boot beordert hatte, ihn wieder an Bord zu
rudern.


2.

Die Bootsmannschaft hatte sich indessen, auf ihren Capitain wartend, die
Zeit bestmöglichst vertrieben, Cocosnüsse abgepflückt, Orangen
ausgesogen, getrunken, und sich dann, in den Schatten eines
engverwachsenen Pandanus-Dickichts auf den bröcklichen, fast
pulverisirten Corallenboden niedergeworfen, sich von den Anstrengungen
des Fruchtsammelns zu erholen.

Es waren lauter englische Matrosen, und nur ein Schotte unter ihnen,
Namens Mac Kringo, scherzweise gewöhnlich Lord Douglas genannt. Das
Gespräch drehte sich aber natürlich um das herrliche Leben, das sie
hier geführt und das, wie sie jetzt fast fürchten mußten, bald ein Ende
nehmen würde, wenn sich der Capitain nicht, trotz den Officieren, noch
einmal anders besänne und doch am Lande bliebe.

»Hol's der Teufel, Jungen!« sagte der eine Matrose, den die andern
seiner ungemein großen Vorliebe für Fische wegen und in einer
sonderbaren Verwirrung der heiligen Schrift =Jonas= nannten, »wenn ich
Capitain der »_Lucy Walker_« wäre, ich wollte den Teufel thun und ihr
Kupfer so rasch wieder gegen Eisschollen reiben, wo ich selber hier
einen solchen capitalen Hafen gefunden hätte. Der Böse mag sich die
Wallfische selbst fangen, wenn er sie haben will, ich bin nicht
eigennützig, und gönne ihm gern den Verdienst.«

»Das glaub' ich, daß =du= den Wallfischen das Wort redest, Jonas,«
lachte Mac Kringo, ihn von der Seite anblinzend, »bei dir ist's alte
Anhänglichkeit.«

»Ah bah, mein _bonny scotsman_,« brummte aber der Engländer, »wenn du
nichts Besseres weißt, so bleib mit deinen abgedroschenen Witzen zu
Hause; die sind auf meinem Namen schon lange stumpf geworden. Gieb uns
aus deinem allzeit fertigen Hirn einen Rath, wie wir anständiger Weise
hier bleiben können, denn zum Weglaufen ist die Insel zu klein, und ich
will dir dann zugestehen, daß du wirklich Grütze im Kopfe hast. Bis
dahin aber laß mich zufrieden, mit dem was du =glaubst= oder nicht; sag'
uns, was du =weißt=.«

»Guter Rath wäre da nicht das erstemal an Narren fortgeworfen,« brummte
der unhöfliche Schotte ärgerlich in den Bart, »und wenn der liebe Gott
herunterkäme und euch sagte, wie ihr's machen solltet, hättet ihr noch
drei Bedenken und fünf Aber. Nein, geht mir fort; mit euch ist nichts
anzufangen, und =wenn= ich das wüßte, ich behielt's für mich.«

»Wenn er was wüßte,« spottete ein Anderer, »_Legs_« -- »Beine« -- von
einem Paar etwas kurzer und eingebogener Extremitäten so genannt. »Lord
Douglas thut wahrhaftig, als =ob= er etwas im Hinterhalt hätte und uns
nun nicht für würdig hielt, die Geschichte mit anzuhören. Das ist das
billigste Mittel jedenfalls, dick zu thun. Nein, Kinder, unsere Zeit ist
abgelaufen und ich müßte mich, nach allen Vorbereitungen zu urtheilen,
sehr irren, wenn wir nicht schon morgen Abend um diese Zeit wieder
unsere regelmäßige Wacht gehen und uns die Hälse abdrehen, nach den
Schwarzkitteln auszuschauen. Wasser und Provisionen sind genug an Bord,
und auf das bestellte Holz kommts dann gerade auch nicht so sehr an, ob
wir das einwerfen oder nicht. Der Raum ist überdies so voll, daß wir's
eine Zeitlang mitten auf Deck und im Weg lassen müßten, und der erste
Harpunier würfe die verfluchten Scheite eigenhändig über Bord, wenn er
sich ein einzigesmal die Schienbeine daran stieße.«

»Ja, auf =unsere= Schienbeine würd' es da auch nicht besonders
ankommen,« knurrte ein Anderer, der den allerdings nicht empfehlenden
Beinamen _Lemon_[10] hatte, weil er fortwährend und selbst bei seinem
allerdings sehr seltenen Lachen genau solch ein Gesicht schnitt, als ob
er ganz plötzlich aus Versehen in eine Citrone gebissen hätte. »Es ist
eine verwünscht kuriose Einrichtung in der Welt, man mag's betrachten
wie man will, und wir armen Matrosen ziehen immer den Kürzern. Schon
beim Vertheilen, wir haben den hundertzwanzigsten, der Capitain hat den
achtzehnten Theil, und wer fängt die Fische, wir oder er?«

»Nun, =du= nicht, Lemon, mit deinem ewigen Raisonniren,« brummte der
Schotte, »denn wenn dir nicht jedesmal beim Anrudern das Maul verboten
würde, kämen wir auch jedesmal zu spät zum Zulangen.«

»Zankt euch nicht noch den letzten Tag, den wir vielleicht an Land
sind,« fiel Jonas hier rasch ein, als er sah, daß Lemon boshaft darauf
erwidern wollte; »hier, mit festem Boden unter uns, sind wir doch Alle
gleich, und die vom Lande fragen nicht darnach, ob wir an Bord den
achtzehnten oder hundertachzigsten Theil bekommen. Jungens, Jungens, mir
bricht das Herz ordentlich, wenn ich daran denke, daß wir hier fort
sollen.«

»Herzbrechen?« knurrte Lemon, »das wäre der Mühe werth; kommt auch gar
nicht vor in der Welt, daß Einem das Herz bricht, und ich weiß nur einen
einzigen Fall, wo wirklich einmal Jemand an gebrochenem Herzen gestorben
ist.«

»Aus =deiner= Bekanntschaft?« rief Jonas ungläubig.

»Aus =meiner= Bekanntschaft,« erwiderte der Matrose ruhig; »es war der
»lange Tom«, wie wir ihn nannten, der hatte in Bristol, wo wir damals
vor Anker lagen, mit einem andern Kameraden, ich weiß nicht mehr um was,
gewettet, er wollte einen verdammt schweren Wurfanker von seinem Dock
bis zu dem, wo unser Schiff lag, ohne abzusetzen, tragen -- und er trug
ihn auch, aber -- er lebte keine fünf Minuten mehr -- der Anker hatte
ihm das Herz gebrochen.«

Die Anderen lachten, der Schotte blinzte Jonas aber heimlich und
verstohlen mit den Augen an, und sah nach den Busch hinüber, ein
Zeichen, das dieser zu verstehen schien, denn er warf erst einen
flüchtigen Blick auf seine Kameraden, ob ihn Niemand beobachte, und
nickte dann zurück, daß er kommen werde.

»Wenn man's so bedenkt,« sagte Legs nach einer kleinen Pause, die
Augenbrauen fest zusammengezogen, und mit kleinen Stücken Coralle, die
er vor sich aufnahm, nach einer noch unreifen, am Boden liegenden Orange
werfend, »wenn man's so bedenkt, was wir da draußen in See für ein
Hundeleben führen, Tag und Nacht in Arbeit und Gefahr, mit schlechter,
salziger Schiffskost und knappem Grog, kein freundliches Gesicht zu
sehen als Lemon's, am Tag in einer Hundekälte zu rudern, daß Einem die
Arme mit den Wurzeln ausreißen möchten, und Nachts die verdammten
Stücken Blubber[11] an Deck zu werfen und auszukochen; einmal
halberfroren, einmal halb verbrannt, und wenn man nachher von einer
dreijährigen Reise zurück kommt, vielleicht noch mit zehn Pfund Sterling
Schulden im Buch für Kleider und Schuhwerk, das man haben mußte die Zeit
über, und dem Schiff zu bezahlen hat, als ob sie von Gold und Seide
gewesen wären, -- nein, das soll verdammt sein. Und dann dagegen hier
die rothen Schufte, was die für ein Götterleben in all ihren
Bequemlichkeiten führen; nicht rühren thun sie die faulen Knochen, als
vielleicht einmal auf einem Brotfrucht- oder Cocosnußbaum zu steigen,
oder einen Fisch mit der Holzharpune aus dem seichten Wasser zu holen,
die kleine Insel ist zum Überlaufen voll von hübschen Mädchen und man
kann den ganzen Tag in Hemdsärmeln gehn. -- Hol's der Henker, der liebe
Gott hätte mir keinen größeren Gefallen thun können, als mich ebenfalls
braun anzustreichen -- die Farbe hält besser, und was spart man an
Überzügen.«

»Ich hätte auch nichts dagegen!« rief ein Anderer, mit einer feinen,
kreischenden Stimme dazwischen, der eigentlich Roberts hieß, seines
Organes wegen aber gewöhnlich »Pfeife« genannt wurde, »denn auf das
Bischen Couleur wird Einem doch nichts zu Gute gethan; was will aber der
Mensch machen? Wir müssen doch immer noch Gott danken, daß er nicht in
den ganz schwarzen Topf gegriffen, denn dann wären wir geleimt gewesen,
zeitlebens.«

»Bah, was sind wir besser als Sclaven?« brummte Legs; »die können doch
wenigstens heirathen und an Land bleiben, und was können wir? Hol der
Teufel das Seeleben; wenn man eine Weile draußen ist, gewöhnt man sich
zuletzt daran, und es kommt Einem sogar manchmal ganz hübsch vor, wie
man aber nur wieder den Fuß auf festes Land, und besonders auf =solches=
Land setzt, ist auch der Teufel los und es zwickt und reißt Einen
wieder, daß man sich ordentlich die Beine festhalten muß, nicht davon zu
laufen.«

Der Schotte war indessen aufgestanden und am Strande hin, nach den
einzelnen Cocospalmen hinaufschauend, als ob er sich eine Nuß aussuchen
wolle, langsam in den dichten Busch geschlendert, der den Corallenboden
begrenzte, und Jonas erhob sich ebenfalls, zog sich den Bund seiner
Segeltuchhose auf, spuckte sein Priemchen aus und biß ein frisches ab
und setzte sich den auf der Erde verschobenen Hut wieder fester auf das
in kleine, krause Löckchen gedrehte Haar.

»Nun, dir wird wohl die Zeit lang,« sagte Pfeife, sich noch bequemer
ausstreckend und ein Bündel Cocosnußbast unter den Kopf schiebend,
weicher darauf zu liegen, »ich kann's abwarten -- zum Henker, daß man
nun nicht einmal das Glück hat, an irgend einer solchen Corallenbank
hier -- und Zeug ist genug da -- ordentlich auf den Strand und fest zu
kommen. Das wäre doch ein kapitaler Spaß, wenn wir nachher eine Colonie
gründeten und uns häuslich einrichteten -- ich weiß auch, wen ich
heirathete.«

»Ja, wenn wir einmal auf den Strand kommen,« knurrte Lemon dazwischen,
»so kannst du dich drauf verlassen, daß es auch im Schnee und Eis und
ohne Fausthandschuh ist; unser Glück kenne ich; rennen wir aber =nicht=
auf, so magst du Gift darauf nehmen, Kamerad, daß die »_Lucy Walker_«
droben noch drei volle Jahreszeiten[12] herumschwimmt, und nachher immer
noch nicht voll ist. Ich habe =meine= Hoffnung jetzt auch nur auf
nächsten Winter gesetzt, da wird »der Alte« schon dafür sorgen, daß wir
wieder hier anlaufen.«

Jonas hatte sich indessen, ohne weiter Theil an dem Gespräch zu nehmen,
ebenfalls langsam und scheinbar ohne besondern Zweck von der in dem
Pandanusschatten gelagerten Gruppe entfernt, und hier an einem Busch
schüttelnd, dort sich einen Zweig niederbiegend und vielleicht
abbrechend, kam er nach und nach aus Sicht. Dann aber eine Richtung
einschlagend, die ihn näher dorthin brachte, wo Mac Kringo vor ihm
verschwunden war, traf er auch diesen bald, seiner harrend, unter einer
kleinen Gruppe von Cocospalmen und Casuarinen, von wo aus er ihm winkte
hinanzukommen.

»Was zum Teufel hast du denn nur, Douglas,« sagte Jonas kopfschüttelnd,
als er das geheimnißvolle Wesen des Kommenden sah. »Du willst doch nicht
etwa auskneifen, mein Bursche? -- das gib auf, denn du weißt nicht, wie
dick der Capitain mit dem alten Häuptling ist, und wie er überhaupt nur
auf eine anständige Entschuldigung wartete, noch länger hier liegen zu
bleiben; der holte dich wieder und wenn er die ganze Jahreszeit darum
versäumen sollte.«

»Schrei doch nicht, als ob du ein Segel draußen bei einem steifen
Nordwester anrufen müßtest, Mate,« brummte der vorsichtige Schotte mit
gedämpfter Stimme; »es fällt mir nicht ein, solchen tollen Gedanken zu
haben, aber -- hättest du was dagegen, Kamerad, wenn wir hier an Land
blieben und Brotfrucht und Schweinefleisch rösteten, wie Christen,
anstatt hinter den alten, schmierigen Fischen herzufahren, wie ein Trupp
Narren, und für andere Leute, die zu klug sind, selber zu gehen, Brennöl
zu holen? -- Hättest du was dagegen, mir zu helfen einen gescheuten
Gedanken auszuführen, bei dem wir nicht die geringste Gefahr laufen,
wenn wir -- das Maul halten und unser eigenes Geheimniß bewahren
können?«

»Frag' mich, ob ich lieber Grog trinke, als Salzwasser,« knurrte der
Matrose; »laß die Vorrede und komm zur Sache, wenn du wirklich was hast,
denn der Alte kann alle Augenblicke herunter kommen und pfeifen und dann
müssen wir fort.«

»Gut, Jonas, ich will keine Umschweife machen,« sagte der Schotte leise,
vorsichtig noch einmal dabei den Blick umherwerfend, »aber schweigen
mußt du können, denn ein Bischen Gefahr ist am Ende doch dabei.«

»Unsinn, -- ich werde mir nicht selber die Schlinge machen, in die sie
mich hängen wollen,« sagte der Matrose mürrisch über die vielen
Vorreden.

»Nun, gut denn,« flüsterte der Schotte, »hast du die beiden Wraks
gesehen, die vor Honolulu lagen, wie wir dort waren?«

»Die Wraks von den zwei Wallfischfängern? -- gleich am Eingang vom
Hafen?«

»Dieselben.«

»Ja wohl; und was ist mit denen?«

»Du weißt, wie sie dorthin gekommen sind.«

»Es ist Feuer an Bord ausgebrochen, und die Schiffe sind verbrannt.«

»Und die Mannschaft?«

»Blieb nachher an Land, bis sie sich auf andere Schiffe verdingte,«
brummte Jonas, »so haben sie's mir da wenigstens erzählt; aber was hat
das mit uns zu thun.«

»Wirst gleich hören, Kamerad; wer hat die Schiffe angesteckt?«

»Angesteckt?«

»Nun ja, glaubst du, daß ein Schiff im Hafen so leicht von selber zu
brennen anfängt?« lachte der Schotte, »nein, wenn du's denn nicht weißt,
will ich dir's sagen; die Leute der beiden Wallfischfänger haben sich
den Gefallen selber gethan, und was in der weiten Welt hindert uns hier,
daß wir nicht dasselbe thun?«

»Was uns hindert? -- unser Hals,« sagte Jonas kopfschüttelnd, dem die
Idee zu rasch gekommen war, sie sogleich vollständig begreifen zu
können, »weißt du, mein Junge, daß sie uns einfach an die Raanocke[13]
aufhängen, wenn sie uns dabei erwischen?«

»Wenn sie uns erwischen, ja,« lachte der Schotte, »wer hat denn aber die
erwischt, die die Schiffe in der Bai von Honolulu angesteckt haben, heh?
-- Wer =kann= uns denn nachher überführen, wenn wir unsere Sache nur
einigermaßen klug anfangen. Nein, Jonas, mit einem Schwefelholz haben
wir's in der Gewalt, uns einen Aufenthalt auf diesen Inseln zu sichern,
so lang wie er uns behagt, und ich glaube, unser Alter selber wär' ganz
damit einverstanden, wenn er sich's nur eben dürfte merken lassen.«

»Aber die Andern?« sagte Jonas, schon halb unschlüssig mit der
verführerischen Aussicht vor sich, dem traurigen Leben an Bord eines
Wallfischfängers auf so leichte Art plötzlich enthoben zu werden.

»Würden uns auch nicht verrathen,« meinte der Schotte, »brauchen aber
auch gar Nichts davon zu erfahren; Muth haben sie doch nicht genug,
dafür einzustehen, und ein Paar von ihnen trau' ich nicht eine
Schiffslänge aus Sicht; Pfeife besonders, der Hallunke, ist mir ein Dorn
im Auge, und bleiben wir länger hier, spiel' ich dem auch noch einmal
einen Possen.«

»Und meinst du wirklich?«

»=Meinen=, Jonas?« rief Mac Kringo unwillig, »was ist da noch zu meinen
dabei? Etwas Einfacheres gibts auf der Welt nicht, und wenn du nur den
zehnten Theil so viel Courage hast, wie ich dir früher zugetraut, so
verlieren wir kein Wort weiter über die Sache, und schlafen morgen Abend
hier in einem Bambushaus am Strand in -- besserer Gesellschaft als dem
dumpfigen Blubberloch von einem Logiskasten. -- Nun, was sagst du, ja
oder nein?«

»Und wann soll das geschehen?« frug Jonas leise.

»Sobald wir die Gelegenheit dazu finden; wahrscheinlich heute Abend mit
Dunkelwerden, wenn der Koch sein Schaffen[14] fertig hat. Sie sitzen
dann Alle oben an Deck, die Officiere, die an Bord sind, kriechen auch
nicht draußen herum, und Einer kann unten Alles besorgen, während der
Andere nur oben Wache hält, daß er ein paar Minuten ungestört bleibt; du
magst Wache stehen, ich will selber das Übrige in Ordnung bringen. Bist
du damit zufrieden?«

»Hol's der Teufel, ja!« sagte Jonas, sich im Voraus bei dem Gedanken an
den Erfolg die Hände reibend, »stecken wir den alten Blubberkasten vor
seinem Anker an. Wetter noch einmal, was der für eine famose Fackel
machen wird!«

»Aber ruhig und keine Silbe zu --«

»Unsinn!« brummte Jonas; »werde mich hüten -- wenn wir aber nur unsere
Sachen retten könnten.«

»Nimm dich in Acht!« warnte ihn der Schotte, »damit hat sich schon
Mancher verrathen; wenns einmal brennt, ja, dann so schnell wie möglich,
und für ein Canoe in der Nähe will ich schon sorgen; aber vorher keine
Hand angerührt. Wenn =die= klug sind, da wollen wir nicht dumm sein.«

»Gut denn, heute Abend --«

Ein gellender Pfiff von der Gegend her, in welcher ihr Boot lag,
unterbrach ihr Gespräch, und Mac Kringo dem Andern zuwinkend, daß er
sich wieder dorthin begebe, wo er hergekommen, damit sie nicht zusammen
zum Strand zurückkehrten, lief rasch durch eine kleine Lichtung hin, die
freie Corallenbank weiter oben zu erreichen.

»Hallo, hier Douglas, Seelöwen und Haifische, wo steckt Ihr?« rief ihm
der Capitain, der in seinem Boot stand und ungeduldig nach ihm
ausgeschaut zu haben schien, schon von Weitem entgegen; »was habt ihr im
Busch zu thun, wenn ihr auf Bootswacht seid? -- Wo ist Jonas?«

»Ich wollte nur --«

»Ach, da kommt er; herein mit euch, -- Wetter noch einmal, das faule
Leben hier an Land scheint euch zu behagen; wartet, ich will euch Beine
machen, wenn ich euch wieder draußen in See habe, daß die Glieder
gelenk werden. Auf euere Sitze da vorn -- sind wir flott?«

»Alles in Ordnung, Sir --«

»Stoßt ab denn, und legt euch in die Riemen[15], meine Jungen. Ist schon
Holz heut von Land an Bord geschafft?«

»Nein, Sir!« sagte Jonas, der gleich hinten im Boot vor dem Capitain
saß, während die rasch eingesetzten Riemen das scharfgebaute Boot
pfeilschnell durch den glatten Wasserspiegel trieben; »haben nichts
gesehen.«

»Schon gut -- macht nichts!« lautete die kurze Antwort, und wenige
Minuten später lief das Boot unter die niederhängende Fallreepstreppe.
Der Capitain sprang an Bord und die Leute wollten damit unter ihre
Krahnen gehn, es wie gewöhnlich aufzuheben, die Ordre aber lautete: es
im Wasser zu lassen, da es wahrscheinlich gleich wieder gebraucht würde.


3.

Einer der Ungeduldigsten an Bord war der erste Harpunier, ein junger,
kräftiger Irländer aus Galvay-Bai und dort erst kurz vor seiner Abreise
verheirathet. Ihm brannte natürlich der Boden unter den Füßen, und er
wollte das Schiff wieder in See haben, Beute zu machen und nach Hause
zurückzukehren. Was half =ihm= das müßige Leben hier an Land.

Mit diesem hatte der Capitain, als er an Bord zurückkehrte, eine längere
Unterredung, die den Wünschen des jungen Iren auch vollständig
entsprochen haben mußte, denn er kam bald nachher mit fröhlichem Gesicht
gleich hinter dem Capitain an Deck und beorderte seine Bootsmannschaft,
sich fertig zu halten, kurz vor Sonnenuntergang an Land zu rudern, etwas
dort abzuholen. Die vier Matrosen mit dem Bootsteurer, die er
befehligte, waren ebenfalls seine Landsleute, und die Schiffsmannschaft
hatte deshalb das Boot auch das Irische getauft.

An Bord der »_Lucy Walker_« herrschte indessen rege Geschäftigkeit; ein
paar zum Ausbessern niedergeholte Segel wurden wieder angeschlagen, Taue
gespließt, Pardunen angespannt, das Deck klar gemacht und überhaupt
Manches vorgenommen, das auf einen baldigen Aufbruch schließen ließ. Als
zwei der Leute deshalb, Legs und Pfeife, dem Capitain selber, der mit
raschen Schritten auf seinem Quarterdeck auf- und abging, um kurzen
Urlaub an Land baten, der ihnen, in einzelnen Abtheilungen natürlich,
fast noch gar nicht verweigert worden war, schlug es ihnen dieser rund
ab und schickte sie wieder nach vorn an ihre Arbeit.

»Siehst du,« flüsterte da der Schotte seinem Kameraden Jonas, mit dem er
oben in den Marsen etwas nachzusehen hatte, zu, »siehst du, mein Junge,
daß ich eine gute Nase habe? Es ist die höchste Zeit für uns, unser
kleines Geschäft in Ordnung zu bringen, denn ich möchte jetzt kein Maul
voll Tabak gegen eine monatliche Löhnung wetten, daß wir nicht morgen
Früh mit Tagesanbruch Anker auf und Segel gesetzt hätten. Der Alte
dahinten zeigt wenigstens den besten Willen, aber wir Beide, denk' ich,
sollen ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das wär' ein
schöner Spaß, so auf einmal, ohne nur Abschied von unsern Freunden und
Mädchen am Land zu nehmen, wieder auf und davon und draußen
herumrackern; _nai my bonny child_, hier sind auch noch Leute, die ihre
Stimme dabei abzugeben wünschen, wenn sie auch nur eben den
hundertzwanzigsten Theil bekommen von dem Fang und das Ganze mit ihrem
Schweiß und Mark bezahlen sollen.«

»Am Ende will er gar noch heut Abend fort,« sagte Jonas leise; »nachher
wären wir aber die Angeführten.«

»Nein, das nicht,« beruhigte ihn der Schotte; »ich habe gehört, daß er
sich das Irische Boot bestellt hat, gegen Sonnenuntergang mit an Land zu
fahren, und dann kommt er immer vor vier Glasen[16] nicht wieder zurück;
aber auf morgen Früh hat er's abgesehen. Er frug uns ja auch, als wir
von Land zurückkamen, ob sie Holz an Bord gebracht hätten. Bah, so viel
für deine Berechnungen,« -- und er schnalzte höchst selbstzufrieden mit
den Fingern.

Jonas hatte indessen seine Arbeit oben beendet und mußte hinunter, wohin
ihm der Schotte bald nachher folgte; als sich aber die Sonne mehr und
mehr dem Horizonte näherte, wurde auch das Boot des ersten Harpuniers,
der vorher einen seiner Mannschaft nach oben zum Ausschauen geschickt
hatte, niedergelassen, und Legs, der in den Besahnwanten etwas
auszubessern hatte, sah mit Erstaunen, daß unter einer Matte, auf dem
Boden des Bootes, als sie durch die Einsteigenden zurückgeschoben wurde,
Waffen versteckt waren. Er hatte -- beschwören hätt' er's wollen, -- ein
paar Gewehrläufe darunter vorblitzen sehen? was zum Teufel war da wieder
im Wind?

Der Koch, die Abendmahlzeit noch vor Dunkelwerden am Deck beenden zu
können, und nicht gezwungen zu sein, in das dumpfige Logis
hinabzusteigen, war indeß in der Cambüse emsig beschäftigt gewesen Thee
zu kochen und Bananen und Brotfrucht zu braten, die mit dem kalten
Fleisch von Mittag her keine üble Schiffskost abgaben. Nachdem er vorher
bei dem jetzt commandirenden zweiten Harpunier die Erlaubniß eingeholt,
rief sein gellender, wohlbekannter Ruf bald darauf die Leute sämmtlich
nach vorn unter die Back, wo auf der Steuerbordseite des Schiffes die
riesige kupferne Theekanne qualmte und der sonst in breiter hölzerner
Mulde präsentirte harte Schiffszwieback jetzt fast vollkommen durch die
nahrhafte, in Scheiben geschnittene und geröstete Brotfrucht verdrängt
war.

Der Schotte setzte sich auch mit hin auf Deck und schenkte sich seinen
Thee in den breiten, niederen Blechbecher, der den Inhalt einer
gewöhnlichen Theekanne hätte mit Bequemlichkeit fassen können, vermißte
dann aber sein Messer und stieg in den Raum hinunter, wo er es heute
Morgen gebraucht und wahrscheinlich vergessen. Jonas indessen saß noch
nicht und hatte ein kleines Faß mit seiner Wäsche zu der großen Luke
gezogen, nahm die Hemden einzeln heraus, rang sie aus und legte sie auf
das um den Vormast gehende Nagelbret.

»Komm her, Jonas,« rief ihn Legs an, »hat den ganzen Tag nichts gethan
und jetzt, nun der Thee an Deck steht, fällt's ihm auf einmal ein, daß
er Hemden in der Brüh hat. Die Bananen werden kalt und schmecken nachher
schlecht.«

»Sie werden nachher gar nicht schmecken,« lachte Pfeife mit seiner
höchsten Stimme, »denn ich glaube wir werden damit eher fertig, wie er
mit seinen Hemden.«

»Glaub's, wenn man sie euch vorstellte,« brummte Jonas, mit einem halb
verschluckten Fluch; »aber der Koch hat noch mehr.«

»Hallo!« rief Pfeife aufspringend, »da will ich mir gleich noch eine
holen!« und er kam mit seinem Blechteller zur Cambüse, den Versuch
wenigstens zu machen.

»Sieh einmal das Wetter, das herauf kommt,« rief ihm hier der Koch zu,
der in der niederen Thür stand und mit dem Arm nach Osten hinüber
deutete; »zum Teufel das sieht schwarz aus, und sollte mich gar nicht
wundern, wenn da eine tüchtige Mütze Wind drein stäke. Jedenfalls gibts
Regen und wir thun besser die Luken zuzulegen; macht, daß ihr mit eurem
Essen da vorn fertig werdet.«

Der zweite Harpunier hatte indessen mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck
gestanden, und unverwandt nach der niedrig auslaufenden Landspitze
geschaut, hinter der das Boot vorher verschwunden war.

Mac Kringo stieg in diesem Augenblick die Luke herauf und als der Koch
auch gerade zusprang, nahmen sie die beiden genau passenden und
schließenden Lukendeckel, an den in den gegenüberliegenden Ecken
angebrachten eisernen Ringen und hoben sie in die Falze.

»Koch!« rief des Harpuniers Stimme in diesem Augenblicke von dem
Quarterdeck aus.

»Ay, ay, Sir!«

»Rasch dein Essen wieder fort und in die Cambüse -- _all hands on
deck_[17] -- große und Vormarsraae auf -- rasch mit euch, meine Jungen,
werft die Falle los! -- Nun, was steht ihr da, wie verhagelt? die
Marsraaen auf, und schnell, oder ich mache euch Beine!«

»Halloh, was ist nun los?« rief aber Legs, der eben einen Teller voll
glücklich erbeuteter heißer Bananen in Sicherheit bringen wollte und
jetzt nicht wußte, wohin damit, »was soll das heißen?« Es blieb ihm aber
nicht lange Zeit zur Besinnung, die Befehle folgten zu rasch
nacheinander, und während unter dem Singen und Schreien der Mannschaft
die schweren Raaen an ihren Ketten in die Höhe klirrten, schob und
schleppte der Koch rasch das Abendbrot der Leute bei Seite und jetzt
vorn in das Logis hinunter, damit er die Sachen nur einmal vor der Hand
aus dem Wege bekäme.

»An die Winde mit euch, rasch da vorn und ein Bischen lebhaft!« rief
jetzt der Officier, der nach vorn und mitten zwischen die Leute gekommen
war, von denen sich die meisten noch gar nicht von ihrer ersten
Überraschung erholen konnten, denn es fing ihnen jetzt wirklich an klar
zu werden, daß sie ohne Weiteres in See hinaus und die Insel verlassen
sollten; »munter, meine Jungen, munter!« rief der Harpunier, dabei auf
die Back springend, die Leute besser übersehen zu können, »her mit
eurem Pumpgeschirr, und nun laßt uns einmal sehn, wie rasch ihr den
Anker herauf bekommen könnt. Wetter, Jungen, es sind nur fünfundzwanzig
Faden Kette aus, mit denen müßt ihr ja nur so weglaufen können.«

»Den Teufel, Douglas!« flüsterte Jonas, in Todesangst an den Schotten
hintretend, diesem in's Ohr, »hast du's gethan? -- und jetzt sollen wir
in See, das wäre eine schöne Geschichte.«

»Hallo, da ihr Beiden!« rief in diesem Augenblick, und ehe noch der
Schotte etwas erwidern konnte, der Officier, dessen Adlerblick die
beiden Müßiggänger dort schon entdeckt hatte. »Hier Douglas -- herauf
mit dir, mein Mann, und löse das große Marssegel, und du, Jonas, auf die
Vormarsraae; marsch mit euch, und nachher die Bramsegel auch frei, und
du Bill, hinaus mit dir, und mach den großen Clüver los. Auf mit dem
Anker, auf meine Jungen! -- _Oh joli men hoy!_«

Widerspruch gegen die gegebenen Befehle war nicht möglich, obgleich fast
alle Matrosen erstaunt mit den Köpfen schüttelten und sich diese bald
abdrehten, um zu sehen, ob ihr Capitain noch nicht bald an Bord käme,
ohne den sie doch unmöglich in See gehen konnten. Einmal war es fast,
als ob Mac Kringo zögere, und er machte sogar eine Bewegung nach dem
Harpunier zu, aber er besann sich in demselben Momente, als dieser ihm
ein paar Kernflüche über seine Säumigkeit entgegendonnerte, und lief
jetzt rasch die Wanten hinauf nach oben, den gegebenen Befehl zu
erfüllen und die Segel zu lösen, die sie vielleicht bald Alle dem
Verderben entgegenführen würden. Gestehen =durfte= er ja nicht was er
gethan, er wäre gebrandmarkt gewesen auf Lebenszeit, wenn man ihm
wirklich das Leben geschenkt hätte, und die Kameraden --

»Ei, zum Teufel!« zischte er dabei zwischen den zusammengebissenen
Zähnen durch; »kröche ich jetzt zu Kreuz, die Schufte ließen keinen
guten Faden an mir, so lang sie mich hätten. Ich hab's nicht
meinethalben allein gethan, so mögen's die Anderen auch mit ausbaden.«

Die Ankerkette rasselte indessen, mit den raschen Schlägen des eisernen
Pumpgeschirrs, schnell an Deck, der Anker hing schon und das Schiff
trieb mit der ausgehenden Ebbe der Mündung der Bai zu.

»Boot ahoy!« rief da Einer der Leute an der Winde aus, der eben über die
Monkeyrailing das rasch anrudernde Boot erkennen konnte, und der
Harpunier drehte sich, das Teleskop, das er noch in der Hand hielt,
darauf richtend, schnell danach um.

»Flink, meine Jungen, flink!« rief er dabei; »hier hat's Eile -- Larbord
Seite da, Einer von euch, werft die Brassen los -- Koch! rasch dahinten,
die Brassen von den Nägeln -- Starbordseite große und Fockbrassen --
_belay that anchor_[18] -- so, genug! -- Marsbrassen -- so, genug! und
nun die Bramsegelschoten aus -- so, genug! So, nun auf mit dem Anker,
unter die Klüsen mit ihm, so rasch ihr laufen könnt. -- _Oh, joly men
hoy!_«

Der Schotte, der die Bramsegel gelöst hatte, kam jetzt rasch an den
Wanten herunter, als ihn der Harpunier sah.

»Hallo, da oben, Sir -- da du einmal gerade unterwegs bist, wirf den
Royal[19] los -- heda -- hast du's gehört, Bursche? hinauf mit dir, oder
ich werde dir Beine machen. Wenn ich keinen von den Jungen gleich bei
der Hand habe, wird es deinen faulen Knochen wohl auch nichts schaden,
einmal nach oben zu gehen. -- Alle Wetter, da sind sie -- das war Zeit,
daß wir fortkommen,« unterbrach er sich rasch, als plötzlich eine
förmliche kleine Flotte von Canoes um die Landspitze bog. Die
Aufmerksamkeit der Leute wurde aber rasch von dieser ab an Bord ihres
eigenen Schiffes gelenkt, wo jetzt das vom Land zurückkehrende Boot, um
das sie sich bis daher gar nicht hatten kümmern können, langseit legte,
und im nächsten Augenblick, seinen Leuten voran, Capitain Silwitch an
Bord sprang.


4.

Toanonga hatte an dem Nachmittag noch recht herzlich über den wilden,
tollköpfigen Pagalangi gelacht, der da, aus irgend einem Land
hergeregnet, gleich geglaubt, er könne so ohne weiteres die Tochter
eines ersten Häuptlings, aus dem Blut der Hau's oder ersten Könige auf
seine Arme packen und in die weite See damit hinein fahren, wohin es ihm
gerade beliebe.

»Guter Bursch,« sagt er dabei auf seine gemüthliche Weise hin, »sehr
guter Bursch; hat mir die ganze Tasche voll Sachen gebracht, und blieb'
er hier bei uns, und _Tai manavachi_ wäre nicht da, und Hua wollte ihn
-- und er hätte noch mehr solche Sachen, und brächte alles Das, was er
versprochen, wer weiß, ob nicht dann der Pagalangi und Hua doch Mann
und Frau geworden wären.«

Der alte Häuptling, still vor sich hinschmunzelnd, erging sich noch in
einer Menge anderer Möglichkeiten, indeß er sich zugleich auf sehr
angenehme Weise mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knöpfe und
Nägel beschäftigte, als ein Bote, einer seiner jungen Leute, von einem
anderen Theil der Küste herüberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes,
wahrscheinlich den jungen Häuptling _Tai manavachi_ führend, meldete,
der jetzt komme, seine Braut heimzuführen. »Kommt gerade recht,«
murmelte der alte Mann zufrieden vor sich hin; »tollköpfiger Pagalangi
hätte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und Hua ist nirgends besser
aufgehoben, wie bei ihrem Mann -- aber was ist das?« unterbrach er sich
dann selbst, als ein Boot von dem draußen in der Bai liegenden Schiff ab
nach der nächsten Landspitze, wo gar keine Wohnungen lagen, hinüber
hielt. »Was wollen die Fremden da drüben, wo Hua nur Abends mit ihren
Frauen hinübergeht? -- Hm, hm, hm, wird sie noch einmal sprechen und
fragen und gewinnen wollen -- ja, zu spät, _cowtangata_, zu spät -- wenn
sie dich möchte, hätte sie lange Ja gesagt.«

Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien gewissermaßen zu
erwarten, daß das Boot, wie jedes anderemal nach seinem gewöhnlichen und
ihm eigentlich auch vorgezeichneten Landungsplatz herüber halte, von wo
der Capitain des Wallfischfängers dann gewöhnlich allein nach der andern
kleinen Bai hinüber gegangen war. Da das aber heute Abend
augenscheinlich nicht in der Absicht der Fremden lag, und Toanonga sich
dadurch gewissermaßen, er wußte selber eigentlich nicht recht warum,
beunruhigt fühlte, beschloß er selber dort hinüber zu gehen, und zu
gleicher Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Bräutigams zu melden.

Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner Matte, auf der er vorher
jedoch sorgfältig seine Schätze in ein Stück braungefärbtes und
gedrucktes Gnatu[20] eingeschlagen hatte, die er nun vor allen Dingen in
seiner Hütte in Sicherheit brachte. Dann winkte er den beiden Burschen,
ihm zu folgen, und mit diesen langsam ein kleines Dickicht von
Fruchtbäumen durchschreitend, das den Hang des Hügels nach dieser Seite
zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung hinan, die von ihrem Gipfel
aus einen Überblick nach der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und
wehenden Palmen gewährte.

Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen sich zu
baden und auf der klaren Fluth, über den aufzweigenden Corallen hin in
ihrem Canoe zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft
geleistet und selige Stunden mit ihr verträumt, während das Mädchen mit
ihm plauderte und lachte, ihm die Legenden und Märchen ihres Volkes
erzählte und ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit
gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch nur den Arm um sie
legen, oder sie gar küssen, und zehnmal war er in bitterem, verzehrendem
Unmuth fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die gefährliche
Nähe der so schönen wie spröden Maid auf immer zu fliehen, aber das
herzliche, lächelnde »_chio do fa[21]!_« mit dem sie ihm beim Abschied
jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn auch wieder zurück
in ihre Nähe, bis er zuletzt nicht einmal mehr den Gedanken fassen
konnte, sie zu fliehen.

Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft des Geliebten
benachrichtigt, hierher zurückgezogen, und sein Canoe mußte auch in der
That diese Bai passiren, wenn er Toanonga's Wohnort erreichen wollte, da
auf der andern Seite der Insel ein breiter Corallendamm das Umschiffen
derselben im Binnenwasser unmöglich machte. Die Mädchen saßen zusammen
im Schatten eines breitästigen Toabaumes, dem einzigen auf dem kleinen,
hier absichtlich von Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit
wohlriechendem Cocosnußöl zu salben, als das Wallfischboot des Fremden
um die Spitze der Bai schoß und die Mädchen erschreckt aufspringen
machte; nur Hua blieb ruhig sitzen und sagte lachend:

»Was fürchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr den Pagalangi noch nie
gesehen mit seinem Boot, und sieht er zu windwärts von der Landspitze da
draußen anders aus als zu leewärts? Er wird uns sein Lebewohl sagen
wollen, denn die fremden Männer sind alle auf das Schiff zurückgefahren,
und den ganzen Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er hat unsere
besten Wünsche für sein Wohl -- wir =fürchten= ihn nicht!«

»Aber was suchen die Fremden =hier=?« rief eines der Mädchen, schüchtern
zu ihrem Sitz zurückkehrend; »komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen,
bis sie vorbeigerudert sind -- siehst du, sie wollen landen.«

»Laß sie, Mädchen,« sagte des Häuptlings Tochter verächtlich; »wenn wir
sie hier nicht länger dulden wollen, schickt sie Hua wieder in See.«

»_Chio do fa, Hua, chio do fa!_« rief in dem Augenblick die lachende
Stimme des jungen Capitains zu ihnen herüber; »wartest du hier auf mich,
Maid, zur rechten Stunde? ich komme, ich komme.«

»Nicht auf dich, Pagalangi,« sagte das Mädchen ruhig, sich halb von ihm
abwendend; »dieser Platz ist mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt
zu =mir=.«

»Und sollen wir hier unser Haus bauen in späterer Zeit?« flüsterte der
junge Mann, näher zu ihr hintretend und die Hand ausstreckend, die
ihrige zu ergreifen.

»Wir?« wiederholte die Jungfrau erstaunt.

»Zögert nicht länger wie nöthig ist, _Captain dear_!« rief aber in
diesem Augenblick der Mate oder Harpunier warnend, »ich habe da oben auf
dem Hügel eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von Deck aus
sahen, könnten auch bald hier sein, wenn sie beabsichtigt hätten, hier
herzulaufen.«

»Es ist wahr, George,« rief der Capitain zurück, »ich habe überdies
schon zuviel Zeit verloren,« und sich rasch zu der Geliebten drehend,
sagte er schmeichelnd:

»Komm mit mir, Hua -- da draußen liegt mein Schiff, in wenigen Minuten
setzen wir die Segel und frisch und fröhlich ziehen wir hinaus in die
freie, offene See -- meine Seele hängt an dir, Mädchen, und ich kann
nicht ohne dich leben.«

»Zurück, Pagalangi,« rief aber Hua, zum erstenmal vielleicht erschreckt,
als er dreister auf sie zutrat und seinen Arm um sie zu legen suchte;
»zurück, _taima tangata_ -- eines Häuptlings Tochter ist für dich zu
gut; such' dir ein Weib unter den Dirnen des Landes.«

»Meinest du, Herz?« rief der junge Mann jetzt, dem Zorn und beleidigte
Eitelkeit das Blut in die Wangen jagte, »dann will ich doch sehen, ob du
an Bord dieselbe Sprache hast!« und mit raschem Sprung die Sträubende
umfassend, ehe sie selbst im Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie
vom Boden auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert Schritte davon
entfernten Boote zu.

»Hilfe! Hilfe!« schrie jetzt das arme Mädchen, die erst in dem Entsetzen
der Gefahr, als sie das Boot vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die
Sprache wieder fand. »Hilfe, Toanonga, zu Hilfe -- zu Hilfe deinem
Kinde!«

»Sie hören dich nicht, Liebchen,« lachte aber der junge kecke Seemann,
seine süße Last nur schneller dem Ziele zuführend; »dein Ruf dringt zu
spät an ihr Ohr.«

»Habt Acht, Capitain!« rief aber in dem Augenblick der Harpunier, der
mit dem Steuerriemen in der Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl
zum Abstoßen zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und der jetzt
zwei junge Burschen aus den nächsten Büschen herausbrechen und dem
Mädchenräuber folgen sah; »habt Acht, sie sind hinter euch!« Silwitch
hatte aber, an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr für sein
erobertes Glück, und der junge, riesige Ire, die Gefahr von dem Haupt
des Capitains abzuwenden, flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so
nahe er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth hinein,
unbekümmert, ob sie hier einem ungleichen Kampf entgegengingen, warfen
sich auch die beiden jungen Indianer auf den Capitain, ihres Häuptlings
Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber zwischen den Capitain
und seine Verfolger springend, ergriff den ersten beim Arm und
schleuderte ihn wie ein Kind zur Seite, während er den Zweiten,
stärkeren der einen Schlag nach ihm führen wollte, mit sicher gezieltem
und geübtem Stoß so derb zwischen die Augen traf, daß er betäubt und
regungslos zu Boden schlug.

»Nun fort!« rief er jetzt und stieß, in das Wasser springend, das Boot,
in das der Capitain seine Beute schon hineingehoben, ab von den
Corallen, und sich nachschwingend, während zwei der Leute das Mädchen
hielten, und die andern den Capitain zu sich herein zogen, setzte er
rasch und dringend hinzu: »an eure Riemen, meine Bursche, an eure
Riemen, für euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze
Canoeflotte hinter der Landspitze vor -- an eure Plätze und vorwärts!
der Capitain wird die Dirne schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr
indessen ein wenig die Füße zusammenbinden, daß sie nicht doch noch über
Bord springt; erst aber ein Tuch über den Mund, daß sie das verdammte
Schreien läßt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, wenn ihr
könnt!«

Das elastische Holz bog sich unter den kräftigen Zügen der, ein
jubelndes Hurrah ausstoßenden Matrosen, denn die kecke Entführung hatte
ihre ganze Sympathie, und das scharfgebaute Boot schoß schäumend durch
die Wellen, dem nicht so gar weit davon ankernden Schiff zu. Die
Fahrzeuge der Eingebornen dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich
geschmückte Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit entfernt waren,
den Hilferuf zu hören, konnten doch schon auf dem Corallensand des
Strandes die hin und her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie
deshalb auch vielleicht anfänglich die Absicht gehabt hätten, näher am
Land zu bleiben, wo die ihnen hier günstige Strömung auch die stärkste
war, so schien das fremde Boot diesen Plan geändert zu haben. Sie
hielten nun vor allen Dingen gerade auf die ziemlich in ihrem Cours,
aber ihnen gegenüber liegende Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt
eines Eingebornen entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls Auskunft
über das etwas verdächtige Benehmen des Bootes zu erhalten hofften.

Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer als Toanonga selber, und
nach einigen rasch gewechselten Worten mit dem ersten, festlich
geschmückten, aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen Canoe
gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch schrill gerufene Laute
irgend einen Befehl, und quer hinüber schneidend über die Bai, wo ihnen
jetzt das die Segel setzende Schiff der Pagalangis in Sicht kam, suchten
sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen.

»Anker klar, da vorn!« rief die helle, fröhliche Stimme des Capitains
über Deck, als er kaum die Wanten seines Fahrzeugs erfaßte und die
Railing übersprungen hatte.

»Alles klar, Sir!« lautete der bestimmte Ruf des Harpuniers zurück.

»Her zu mir denn, mein Herz!« jubelte er, als er die Arme ausstreckte,
das ihm heraufgereichte und sich wild sträubende Mädchen in Empfang zu
nehmen; »her zu mir, mein Herz, und nun hab' ich und halt' ich dich, und
_Tai manavachi_ muß rasche Canoes und tapfere Krieger haben, wenn er
dich wiederholen und aus meinen Armen reißen will.«

»Bind mich los, _tangata foi_!« rief aber das schöne Mädchen, als ihr
das Tuch abgenommen war, das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem
Zorn: bind' mich los und »[**gehört vor "bind'"!]gib mich frei, falscher,
verrätherischer Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, dich in
meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas Fluch über dich und dein Schiff!
Bind' mich los!«

»Daß du mir über Bord sprängst und den ganzen Spaß verdürbest,« lachte
der junge Mann. »Nein Herz, du bist jetzt vielleicht bös auf mich, aber
das wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du mich machst,
und wir werden hoffentlich noch recht gute Freunde werden. Jetzt aber,
wildes Täubchen, muß ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem Weg
tragen,« setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick überzeugt hatte, wie
die Canoes einen näheren, ihnen wohl genau bekannten Canal durch die
Riffe annahmen, den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die breite
Ausfahrt halten mußte. Wenn er auch ihren Angriff nicht zu fürchten
brauchte, denn selbst vor Anker hätte er sich die Canoes abhalten
können, wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergießen, wie
jede weitere Feindseligkeit vermeiden. So denn die geraubte Braut, die
sich vergebens seinem Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend,
trug er sie in die Cajüte hinunter, deren Thüre er rasch hinter ihr
abschloß.

Keine Zeit war es jetzt für ihn, die Zürnende zu besänftigen, das Schiff
trieb mit dem schäumenden Corallendamme mehr und mehr entgegen, und
näher und näher kamen die Canoes dem Feinde.

Die Commando's am Bord den Steuernden zuzurufen, erforderten jetzt die
ganze Aufmerksamkeit der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem
Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer Stellung der Segel so
rasch als möglich auszuführen, während der Capitain selber vorn von der
Back aus, durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte
Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner Stimme lenkte. Die »_Lucy
Walker_« war übrigens ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer
rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer frischer
einsetzenden Brise, die so scharf von Osten herüberkam, daß sie in eine
Bö auszuarten drohte, die gefährlichen Klippen, die ihnen rechts und
links schäumende Brandungswellen herüberrollten und jetzt, von keiner
Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die Sonne in dem noch klaren
Westen verschwand und die von gegenüber aufsteigenden Wetterwolken mit
ihrem rosigsten Lichte übergoß, breitete sich die freie, offene See vor
ihnen aus.

»Freie Bahn!« rief da der junge Capitain in lustigstem Übermuth, seinen
Hut gegen die noch immer unverdrossen heranschäumenden Canoes
schwenkend, indeß der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die Segel von der
frisch und stark aufkommenden Brise gebläht, durch die krystallene Fluth
schoß und die klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. -- »Freie
Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht für nächstes Jahr. Armer _Tai
manavachi_!« setzte er dann lächelnd hinzu, als er noch einen Blick auf
die Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang, »wenn du wirklich
da drin bist, thust du mir wahrhaftig leid, so, nur wenige Minuten, die
Zeit, versäumt zu haben. Hättest du nicht so lange Siesta gehalten,
vielleicht läge die Braut jetzt in deinen Armen, statt in meiner Cajüte.
Zu spät nun deine Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein,
tollköpfiger Bursch, oder das Wetter da drüben schneidet dir auch zum
Land zurück die Straße ab?

Nun, meinetwegen,« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, währenddem
er zu seinem Erstaunen sah, wie die Canoes wirklich die Passage in
offener See forcirten und dem drohenden Himmel und der trostlosen
Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung noch nicht aufgegeben zu
haben schienen, »wenn ihr's nicht besser haben wollt, so kann mir's
recht sein; Nebenbuhler sind überdies gefährliche Gesellen,« und an Deck
hinunterspringend und die jetzt zurückbleibenden Canoes keines Blickes
weiter würdigend, ging er wieder nach aft (hinten), dort die nöthigen
Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu bergen und für ein
doch mögliches Unwetter, das in diesen Breiten oft einen furchtbaren
Charakter annehmen kann, wenigstens vorbereitet zu sein.

Die »_Lucy Walker_« ließ die Insel, jetzt vor dem Wind laufend, rasch
hinter sich, und vor ihnen war an dem, im Abendschein klar
abgeschnittenen Horizont kein Land mehr sichtbar.


5.

»Zum Teufel noch einmal, Legs,« sagte Pfeife mit seiner feinen,
quitschigen Stimme, als die eine Wacht ins Logis beordert war, rasch ihr
Abendbrot einzunehmen, um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter die
ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an seinen indessen kalt
gewordenen Bananen kaute, »das riecht mir schon seit einer Weile so
verdammt brandig hier unten -- hast du noch Nichts gemerkt?«

»Mir ist's auch schon so vorgekommen,« rief der Schotte jetzt rasch, der
in tödlicher Ungeduld wie auf Kohlen gestanden und nur nicht gewagt
hatte, selber das erste Wort darüber zu sagen. Wäre er sich seines
Verbrechens nicht bewußt gewesen, würde er gar nicht daran gedacht
haben, in der ersten Entdeckung ein Zeichen zur Anklage zu finden; »weiß
der Henker, wo's herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen Spunt
lieber einmal nachsehen.«

»Wo?« frug =Spunt=, wie der Böttcher auf Wallfischfängern gewöhnlich
genannt wird.

»Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da nichts ist, unter Deck,«
sagte Douglas ausweichend.

»Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die Nasen in die unteren
Koyen bringen können,« knurrte der Böttcher, der eben an einer höchst
wohlschmeckenden Schweinsrippe kaute, »Spunt -- immer nur Spunt; Spunt
muß bei Allem dabei sein und damit seid Ihr gleich fertig.«

»Alle an Deck!« schrie da die gellende Stimme des Harpuniers, der
zugleich mit einer aufgegriffenen Handspake auf die Logisluke schlug,
seinen Worten größeren Nachdruck zu geben; »Alle an Deck da unten und
reefen[22], herauf mit Euch, herauf!«

»Mr. Mate!« rief der Schotte jetzt, der zuerst die kleine schmale Leiter
heraufsprang, während Legs und Pfeife indessen noch überall in den Ecken
herumvisitirten und rochen, dem unverkennbar brandigen Duft auf die Spur
zu kommen, »da unten --«

»Reefen!« schrie ihn aber der Harpunier an, nicht gewohnt, irgend eine
Einrede zu gestatten; »Reefen, hast du's gehört, tauber Schotte? -- nach
oben, wohin du gehörst, oder ich =bring= dich hinauf mein Bursche!«

»Da unten riechts --«

»Will er das Maul halten und gehorchen, wenn ich ihm etwas sage?« rief
aber der rauhe Geselle, die hingeworfene Handspeiche in zorniger
Drohung wieder aufgreifend.

»=Feuer= ist irgendwo unten!« knurrte aber der Schotte fest
entschlossen, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen und das
Hauptwort gleich vorrückend, den Officier über die Wichtigkeit der
Einrede nicht in Zweifel zu lassen; »es riecht brandig und muß irgendwo
brennen, und wenn =ihr's= wollt brennen lassen, kann's mir recht sein.«
Und damit, als ob er Alles gethan, was von ihm konnte verlangt werden,
sprang er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an diesen
hinauf, den gegebenen Befehl auszuführen.

»Wo brennt's?« rief der Harpunier aber rasch, die Handspake
niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden Pfeife an; »was ist
da wieder los? -- was habt ihr da unten wieder angerichtet?«

»Wir?« schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; »angerichtet?
Unser angerichtetes Essen haben wir unten stehen lassen, um schnell
herauf zu kommen.«

»Der schottische Dickkopf da oben sprach von Feuer,« rief der Harpunier
nach oben sehend; »na, komm du mir nur wieder herunter!«

»Ja, brandig riecht's unten,« betätigte dies aber ebenfalls der Matrose,
»und Spunt hat's jetzt auch herausbekommen und schniffelt in allen Koyen
herum.«

»Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn,« sagte der Harpunier;
»jetzt rasch nach oben, _boys_, legt euch aus, daß wir die Segel klein
bekommen,« und zu dem Clüverfall springend, warf er dieses selbst los,
daß der schwere, lange Clüver in seinem Stag niederschnurrte, nachher
bei mehr Muße auf dem Clüverbaum festgeschnürt zu werden.

Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die aber, wie schon
gesagt, leicht in einem Sturm ausarten konnte, und Capitain Silwitch
wollte sein Schiff keiner unnöthigen Gefahr aussetzen. Durch die
dichtgereeften Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, und wenn sie
auch noch rasch genug durchs Wasser liefen, die ihnen trotzdem
hartnäckig folgenden Canoes, behielten sie doch, so lange nämlich die
jetzt rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier über das schäumende
Meer warf, deutlich von Deck aus in Sicht.

Der Harpunier hatte indessen über dem ihm gemeldeten brandigen Geruch
die seine ganze Thätigkeit in Anspruch nehmende Beschäftigung des
Segelreefens vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an Deck
geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen Stärke abzuwarten,
wollte sich eben vor einem, in diesem Augenblick beginnenden tüchtigen
Schauer froh vielleicht, einen Vorwand zu haben -- in die Cajüte
hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck hinter kam und mit
abgezogener Mütze seinem Officier meldete, der Feuergeruch würde
stärker, und es wäre nöthig, daß sie unten nachsähen.

»Was gibt's?« rief Capitain Silwitch, schon auf der Cajütstreppe und
noch mit dem Kopf über die Seitenrailing derselben schauend; »was will
der Mann, Sir?«

»Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch bemerkt haben,« rapporte
der Harpunier, »Spunt mag wohl einmal nach unten gehen und nachsehen?«

»Einen brandigen Geruch? -- wo?« rief der Capitain, rasch wieder an Deck
springend, denn mit Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaßen.
»_Damn it_, mir ist's auch schon vorher einmal so vorgekommen. Reißt
die Luken auf, Böttcher, rasch, und seht nach; das hättet Ihr schon
lange thun können.«

Der Böttcher ging schnell zurück, von wo er gekommen, den Befehl
auszuführen, als ihm auch schon der Ruf von mehreren Stimmen »Feuer!
Feuer!« entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte Lemon,
von oben herunter kommend, den feinen blauen Rauch herausquellen sehen,
und als er zusprang, mit Spunt zusammen die eine Hälfte des Deckels
abzuheben, schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer
Wirklichkeit entgegen.

»Feuer!« gellte der Angstschrei der Leute über Deck, »Feuer! Boote
nieder -- Boote in See -- wir sind verloren!«

»Teufel!« schrie der Capitain, in grimmer Wuth das Deck stampfend;
»Teufel -- und gerade jetzt; so, hinunter Einer von euch, und seht, ob
noch zu löschen ist -- heda, Böttcher -- Zimmermann!«

Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaßen verloren zu haben, daß
sie gar nicht wußten, wo angreifen, wo helfen, und nur der Schotte, dem
laut lamentirenden Jonas einen Stoß in die Rippen gebend, sprang zum
Rand der Luke, und suchte, mit den Füßen unten nach den Einschnitten an
der mittleren Stütze fühlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch
er mußte es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, streckte er
diesen, schon halb betäubt von dem Rauch, nach Hilfe aus, und wurde
rasch wieder an Deck gezogen, während der Capitain und Harpunier jetzt
den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, vielleicht in dem
furchtbaren selbsterzeugten Qualm zu ersticken.

Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen, war etwas, dem sie
jetzt auch nicht einmal eine Vermuthung gönnen konnten.

»Wasser und Provisionen herbei!« rief die Stentorstimme des Capitains
über Deck durch den Lärm; »jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als
möglich verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr habt. -- Hier
Mr. Fergusen,« wandte er sich dann rasch an den ersten Harpunier, »sie
besorgen die Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compaß und Chronometer --
haben sie nach dem Barometer gesehen, wie er steht?«

»Er ist wieder gestiegen.«

»Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wären verloren.«

»Und glauben Sie nicht, daß wir das Schiff noch retten können?« frug der
Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton.

»=Wie?=« entgegnete der Capitain eintönig, »ich begreife nicht, daß es so
lange unentdeckt bleiben konnte -- früher wäre Hilfe vielleicht möglich
gewesen, was sollen wir =jetzt= thun?«

»Wenn man nur wenigstens wüßte, =was= brennt,« sagte der Harpunier.

»Das Schlimmste, was brennen kann,« erwiederte der Capitain, der seine
Kaltblütigkeit wieder gewonnen, »das Öl, haben sie das nicht an dem
Qualm gesehen?«

»Dann sind wir verloren!« rief der Harpunier.

»Wir? -- das Schiff. -- Mit den Booten können wir leicht eine andere
Insel erreichen.«

»Aber die Canoes hinter uns, -- hätten wir nur die verdammte Dirne an
Land gelassen.«

»Teufel, an die Canoes hätt' ich gar nicht mehr gedacht.«

»Wenn wir jetzt unsern Cours änderten,« rief der Harpunier rasch, »es
ist dunkel und in kurzer Zeit --«

»Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten -- unsere einzige
Hoffnung ist, ihnen vorher mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So,
rasch hinein -- mit dem Seitenwind laufen wir dann ein Stück nach Norden
hinauf und sind morgen Früh hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus
Sicht.«

Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast Alles herbeigeschleppt, was
an Provisionen aus der ihnen geöffneten und von dem Feuer noch nicht
angegriffenen Proviantkammer zu erreichen war. Die kleinen, überdies
immer bereiteten Wasserfässer für jedes Boot waren gefüllt und standen
am Deck, jeden Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die oben in
der Schwebe hängenden Boote, Unglück zu verhüten, nicht so schwer
beladen durfte, ehe sie auf dem Wasser ruhten.

Der zweite Harpunier war indeß beordert, Munition und Gewehre aus der
vordern Cajüte herbeizuschaffen, die Leute zu bewaffnen, und Capitain
Silwitch sprang jetzt selber in seine Cajüte hinunter, die Gefangene
herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein etwa die Bahn gebrochen
hätte.

Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich steckend, für alle Fälle
gerüstet zu sein, trat er zu Hua, die noch gebunden und regungslos in
dem Sopha lehnte, auf das er sie gelegt.

»Mädchen, herauf mit dir!« rief er ihr zu, nach ihren Armen fühlend,
ihre Banden zu lösen. »Das Schiff brennt und wir müssen flüchten.«

»Hotuas Fluch hat dich getroffen,« lachte aber die Jungfrau zornig auf,
»seiner Rache bist du verfallen. Schon seit ich in deiner Macht bin,
hab' ich den grimmen Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines
Schiffes wühlt -- er ist von Minute zu Minute mächtiger geworden und da
drinnen kannst du das fröhliche Knistern hören, wie er sich die Bahn
gräbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm draußen läßt dir die
Wahl jetzt zwischen Feuer und Wasser -- zu verderben, wohin du dich
wendest.«

»Noch nicht, mein Herz,« lachte aber der Seemann in fester, trotziger
Entschlossenheit, »so lange jene Canoes draußen in solchem Wetter leben
können, brauchen wir auch in einem tüchtigen, regelrechten Boot nicht
viel zu fürchten.«

»Canoes? -- was für Canoes?« frug Hua rasch aufhorchend.

»Es ist gut, mein Schatz,« sagte der Seemann ausweichend, den das Wort
schon gereute, das er gesprochen; »euere Fischercanoes mein' ich. Und
nun komm!« und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, führte er
das Mädchen, die ihm jetzt willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch
unten verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, während rasch die
Nacht einbrach und ihren dunklen Schleier über das Meer legte.

Der erste Harpunier hatte indeß die Mannschaft in ihre verschiedenen
Boote gewiesen, während er das eigene für sich und seine Leute wie für
den Capitain mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente und
einen Theil der Waffen da hineinstaute. Die übrigen sollten flott
werden, so rasch sie könnten. An der Starbordseite hatte sich schon die
Flamme durch das dünne Deck die Bahn gebrochen, und einmal nur erst ein
wirkliches Luftloch für die Gluth geöffnet, und jeden Augenblick konnte
dann das ganze Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt ihre
einzige Rettung.

Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch und spähend umher, und
horchte in peinlicher Angst in die Nacht hinaus, aber nichts ließ sich
weder erkennen noch hören und ihr nächster Blick, mit kalter
Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese so verzweifelt
wie sie wolle, berechnend, musterte die Mannschaft der verschiedenen
Boote erst und fiel dann auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob
sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden solchen Versuchs
fühlte, und schaudernd wandte sie sich ab von dem Manne, der sie Allem
entrissen, was ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie jetzt
umfaßte, sie wieder in das Boot zu heben, dem einen Element vertrauend,
was das andere entfesselt bedrohte.

Ihr Fuß zögerte auch, als sie das Deck verlassen sollte; zog sie den Tod
nicht solchem Leben vor? -- Aber =die Canoes=? -- das eine Wort, so
unbestimmt und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. Wurden sie
verfolgt, so lag Rettung im Bereich der Möglichkeit, denn ihre
Landsleute sind berühmt selbst unter den kühnen Nachbargruppen im Bau
trefflicher Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die See
befahren und nicht selten sogar Stürmen trotzen.

»Komm, komm, mein Täubchen,« mahnte sie aber der Engländer, ihr Sträuben
fühlend, »du kennst die Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde
zögern ausgesetzt sind; an ein verwünschtes Faß Pulver unter Deck hab'
ich bis jetzt noch gar nicht gedacht -- über Bord Leute, über Bord in
euere Boote, wenn euch euer Leben lieb ist!« und das Mädchen auffassend,
schwang er sich in demselben Moment über die Railing, als das Boot, von
beiden Krahnen gesenkt, niederfiel auf das Wasser und noch von dem rasch
die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstürzenden Wellen immer
wieder entführt wurde.

Lemon behauptete indeß das Ruder in all seiner sauertöpfigen
Hartnäckigkeit, denn das Schiff mußte die Bahn halten, bis sämmtliche
Boote frei waren. Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt in's Rad
stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er seinen Posten
verlassen mußte, stand er mit unerschütterter Ruhe den jetzt aus mehren
Stellen an Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und anscheinend
vollkommen gleichgiltig, daß Alle das Schiff verließen und ihn allein
auf dem brennenden Sarg zurückließen. Rechts und links glitten schon
die glücklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln gesetzt, ab von
dem seinem Geschick verfallenen Schiff, und nur noch das eigene hing
unter den Krahnen.

Eine helle Flammensäule stieg in diesem Augenblick mit blendendem Strahl
hoch auf in die Nacht; ein Theil des Decks war eingestürzt und die Gluth
brach lodernd hinaus in's Freie.

»Nieder mit euch, nieder!« schrie des Capitains Stimme über das Wasser,
der mit dem eigenen Boot dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte;
»nieder, oder ihr seid verloren!«

Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, vierten, auf den jetzt
rasch gegebenen Befehl des Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem
Schiff und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm aus einem
andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, dem Böttcher, reichten ihnen
die schon bereit liegenden kleinen Fässer mit Wasser und Proviant nach,
und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon der letzte Mann an Bord.

»Komm von Bord, Sir!« rief sein Officier, »schnell! um dein Leben!«

»Werdet doch wohl warten, bis ich komme?« knurrte der sauertöpfische
Gast in voller Ruhe, und die Handspeiche einschiebend und ein dort
liegendes Fall darumschlagend, daß sie nicht wieder herausrutschen
konnte, blieb er noch einen Moment stehen, das Deck kopfschüttelnd zu
überschauen und stieg dann rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab
auf eine der _thwarts_ oder Bootbänke springend. Das Boot hatte indeß
seine Segel schon gesetzt, löste das Springtau und kam frei, und allein
fort schoß der brennende Koloß, wie ein angeschossener Eber seine wilde
unbewußte Bahn, die Todeswunde im Herzen, da er nicht mehr entfliehen
konnte in toller, blindstürmender Wuth.

»Habt Acht auf eure Segel!« rief ihnen der Capitain zu, der mit seinem
rascheren Boot gerade an ihnen vorüberschoß, während die jetzt
vollkommen ausgebrochene Gluth am Bord der armen »_Lucy Walker_« einen
hellen Schein über das Wasser warf und alle Gegenstände deutlich
erkennen ließ; »das obere Fall da hat sich umgeschlagen.«

»Wirf es herüber, Jonas!« rief der Harpunier, der den Steuerriemen in
der Hand hielt, »wirf es herüber, Mann, aber rasch, denn das Segel faßt
jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nächste Welle erwischt,
füllen wir -- Pest und Tod -- werft einen Theil der Ladung über Bord,
wir gehen ja fast bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn uns
eine einzige Welle überwäscht.«

Jonas, überhaupt etwas ängstlicher Natur, und mit dem bösen Gewissen,
Mitwisser der That zu sein, die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht,
stand zitternd von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, während
Andere noch unschlüssig zwischen den eingestauten Sachen wählten, was
sie hinauswerfen sollten.

»Rasch, Leute, rasch, _damn it_, ihr steht da, als ob euch der Compaß
gebrochen wäre; faßt zu!«

Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem Augenblick in so
furchtbarer Wildheit über das Wasser, daß sich die Leute erschreckt
danach wandten, und Jonas das schon gefaßte Tau seiner Hand wieder
entgleiten ließ.

»Teufel!« fluchte der Harpunier, »die Wilden!« und in demselben Moment
fast antwortete von dem vor ihnen dahinschießenden Boot des Capitains
aus ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem herausfordernden
Schlachtschrei ihrer Landsleute.

»Wahr' dein Segel, Mann, wahr' dein Segel!« kreischte der Harpunier, als
dieses, durch das verworfene Tau eingepreßt, den Wind nicht faßte und zu
flappen anfing.

»Eure Riemen, Boys, eure Riemen!« gellte die entsetzte Stimme des
Harpuniers, als die ihnen folgende Welle drohend hinter ihnen
dreinstürmte. Die Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern --
aber zu spät; hoch über ihnen stand die gläserne, von dem jetzt
helllodernden Schiff noch grell beleuchtete See -- wenige Secunden fast
war es, als ob sie in der Luft, über der sicher gefaßten Beute hing und
jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des geschwemmten,
überladenen Bootes, rang mit der schäumenden Fluth.


6.

Durch die tanzenden Wogen, über die leuchtende quillende Fluth schossen
die dunklen Canoes der Eingebornen, die Mattensegel geschwellt, heran,
und im Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit wehendem
Haar und Hüftentuch, die weite See mit dem Adlerblick überfliegend, wo
ihn die stürzende Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle
voranriß.

Es war der junge Häuptling _Tai manavachi_, der dem Tod selbst trotzend,
seine kleine Flotte dem frechen Räuber in Nacht und Wetter nachführte
und verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben wollen, als
der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd von ihm entdeckt wurde.
Auch auf den andern Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls
ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der Schlachtenschrei
ihres Stammes, mit dem sie ihre Lanzen und Speere fester packten, war
es, der das Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Engländers in
den Adern gerinnen machte.

Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die Nähe der Freunde gehört,
und wenn auch der antwortende Schrei zu schwach war, gegen den Wind an
die Retter zu erreichen, wußte sie doch nun, daß die Ihren, den Wogen
trotzend, mit kühnem Muth ihren Spuren gefolgt waren, und die einzelnen
Boote ihnen jetzt gar nicht mehr entgehen konnten.

»Ruhig, mein Täubchen, ruhig!« warnte sie aber drohend der neben ihr
stehende Capitain; »die Nacht ist dunkel und deine Stimme dringt doch
nicht zu ihnen hinüber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht
aussetzen und -- ich möchte dir kein Leides thun -- aber wirst du noch
einmal laut, so muß ich dich wieder binden und knebeln, so weh mir das
selber thäte.«

Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber sie war auch schlau
genug, nicht nutzlos den Zorn Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich
noch befand, und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot,
aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum Schmerze angestrengt,
in die Nacht hinaus, die Freunde zu entdecken.

Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke über die See, und
als sie rasch die Blicke dem brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie
einen hellen Strahl von seinem Deck emporschießen und ein dumpfer Krach
verkündete die Explosion des Pulvers. Das Fäßchen hatte aber zu hoch
unter Deck gelegen, dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, als
das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast zu splittern, der jetzt in
lichten Flammen einen Moment zur Seite schwankte, und dann schwerfällig
und tausend und tausend Funken emporwerfend, über Bord in See schlug.

»Mein armes Schiff!« seufzte der Capitain und blickte traurig herüber,
da traf ein anderer Ton sein Ohr und »ein Schuß!« rief fast die ganze
Bootsmannschaft wie aus einem Munde.

»Ein Schuß!« -- Ein Schiff war in der Nähe, das ihre Noth erkannt, und
das Signal gab zur Rettung -- ein Schuß, und von Gefahr umringt, zeigte
sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Süden herauf, und sie mußten ihren
Cours jetzt ändern, die Boote deshalb zusammenrufend -- das Sinken des
einen war in der Erregung des Augenblicks von den andern gar nicht
bemerkt -- legten sie rasch über den andern Bug, schräg von den Wellen
abschneidend und konnten der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und
dann bald darauf folgender dritter Signalschuß angab, genau folgen.
Einmal an Bord und die Canoes, denen sie bis dahin zu entgehen hofften,
waren ihnen nicht mehr gefährlich.

_Tai manavachi_ kam indeß mit geblähten Segeln und sieben vollbemannten
großen Kriegscanoes durch die Wellen schäumend an; ein Brautzug hatte es
werden sollen und war eine Jagd geworden auf den Räuber seines
Theuersten, was er auf dieser Welt kannte, und wie die jetzt schon sehr
gemäßigte, aber doch noch immer frische Brise mit den flatternden,
wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich geschnitzten
Fahrzeuge schlug und spielte, standen die wilden, trotzigen,
kriegerischen Gestalten, hinaus in die Nacht spähend, am Bord, die
geflüchteten Boote zu erkennen und zu verfolgen.

Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser schrie sie ein
Schwimmender an um Rettung, und treibende Ruder und Sitze verriethen
ihnen rasch genug das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen
ängstlich suchenden Blick warf der junge Häuptling umher -- wenn gerade
dies Boot -- doch nein, sein Herz zog ihn weiter, und nur dem nächsten
Canoe ein paar Worte zurufend, das rasch zur Seite schoß und seinen Bug
gegen die nächsten Wellen anwarf, hier zu halten und die Verunglückten
aufzunehmen, verfolgten die Rächer unaufgehalten ihre Bahn.

Da dröhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden Pulvers herüber,
aber mehr als das, der helle, blitzähnliche Strahl verrieth ihnen die
weiß leuchtenden Segel der Flüchtigen, und als gleich darauf die fernen
Kanonenschläge irgend eines zufällig in die Nähe gekommenen Fahrzeugs an
ihr Ohr schlugen, zuckte ein triumphirendes Lächeln über das Antlitz des
jungen wilden Kriegers. Er kannte die Lage der Feinde, und daß sie jetzt
hinüberhalten =müßten=, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch
Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande ihnen den Weg abzuschneiden
und wußte sie jetzt in seiner Macht.

Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, den hellen
Wasserstreifen zu durchfahren, den das jetzt bis in die Masten hinauf
brennende Fahrzeug zwischen sich und seinen Verfolgern ließ, aber er
durfte auch keine Zeit versäumen, denn der Feind mußte gewaltig
schnelle und tüchtige Canoes haben, daß er es nur gewagt hatte, ihnen
bis hier heraus zu folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend,
hielten sie gerade nach Süden hinunter und einmal wieder weit genug von
dem hellen Schein entfernt, hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht
dem Feinde entgehen zu können.

Ein neuer Signalschuß des fremden Fahrzeugs, dessen Capitain den Booten
die Stellung seines Schiffes zu zeigen wünschte, tönte schon um vieles
näher, und Capitain Silwitch hätte jetzt gern ein Gewehr abgefeuert, dem
ziemlich unter dem Wind befindlichen Fremden die Richtung anzudeuten, in
der sie sich selbst befanden, mußte er nicht zugleich fürchten, dadurch
auch den vielleicht nähergekommenen Verfolgern die Stelle zu verrathen.

Sein Boot, das größte Segel führend, war das erste, die andern
vielleicht in zwei- und dreihundert Schritt Entfernung folgend, und
Einer der Bootssteuerer war vorn in dem Bug postirt, scharf
auszuschauen, ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas helleren
Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr entfernte Schiff entdecken
könne.

»Hallo, Capitain!« rief dieser plötzlich, »da vorn sah ich eben etwas
Dunkles, als sich das Boot auf der Welle hob, es sah aus wie ein Boot.«

»Hab' Acht, wenn es wiederkommt,« lautete die Antwort. Die nächste Woge,
jetzt nicht mehr durch den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer
Dämmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und links von dem Boot ihren
zischenden, glühenden Schaum ausgießend, hob sie das schlanke Fahrzeug
auf ihren Nacken über die nächsten Wellen. Ehe aber nur der Mann eine
weitere Meldung machen konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill
und furchtbar an ihr Ohr, und:

»Hierher, hierher, Tangata Tonga!« jauchzte die emporspringende Maid den
Rettern entgegen. -- »Hierher zu Hilfe!« und die Arme emporschlagend,
wollte sie sich eben in die schäumende See werfen, als Silwitch seinen
linken Arm um sie schlang und die sich wild gegen ihn Sträubende
festhielt und zu sich zog. Aber _Tai manavachi_ hatte den Ruf gehört und
erkannt, und während die Europäer in wilder Hast ihre Waffen aufgriffen
und der Bug des Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der Nähe
des Feindes zurückscheuchend abfiel von seinem Cours, schoß auch das
mächtige dunkle Canoe heran, und zwanzig drohende Gestalten, unter denen
her jetzt die andern Canoes preßten und ihren antwortenden Jubelruf
durch die Luft sandten, streckten die Arme aus, die Larbordseite des
eingeholten Bootes zu fassen und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken
trat in diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf ihr fahles
silbernes Licht auf die wogende See.

»Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich!« schrie da der junge Häuptling, der
die Gestalt der Geliebten in dessen Arm sich winden sah; »ergieb dich,
denn ihr seid in meiner Hand!«

»Zurück! oder Hua ist eine Leiche!« donnerte ihm aber des Weißen Ruf
entgegen, der sein Messer aus der Scheide riß und es über dem Mädchen
zuckte -- er sah doch, daß hier Widerstand vergebens war, und wollte das
letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen vor Gefangenschaft oder Tod
zu retten, dachte aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen
Maid ein Leides zu thun, und flüsterte ihr rasch und beruhigend in's
Ohr:

»Fürchte dich nicht, Hua -- dieser Arm sollte eher verdorren, ehe er
=dich= träfe; und wenn sie mich tödteten, ich hätte keine Waffe für
dich!«

»=Fürchten?=« rief aber die Jungfrau, wild und zornig ihm in's Auge
schauend; »fürchten? stoß zu, Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist
verloren. Hierher, _Tai manavachi_!« schrie sie dann in trotziger
Kühnheit nach dem Geliebten hinüber; »hier ist der Räuber deiner Braut
-- triff ihn sicher und kehre dich nicht an mich!«

»Hua, Hua!« rief aber der junge Häuptling, den Arm bittend und schützend
gegen sie ausstreckend; »gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir
und deine Boote mögen ungehindert von mir jenes Schiff suchen --
schädige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, und zerreißen will ich
dich auf langsamem Feuer!«

»Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit?« rief der Europäer.

»Ich geb' dir mein Wort!« rief der Häuptling stolz, während die beiden
Fahrzeuge jetzt rasch und schäumend neben einander hinschossen und die
Matrosen ihre freilich von Seewasser durchnäßten Musketen und die
gefährlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen hatten, dem grimmen Feind im
Nothfall trotzig die Stirn zu bieten.

»So geh', Hua!« sagte Silwitch traurig, sie freigebend aus seinen Armen;
»geh' und vergiß den Fremden, der dir weh that, weil er dich so
unendlich liebte.«

Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fuß stand auf dem Rand des Bootes
und als der Bug des jetzt dicht an sie hinanschießenden Canoes rasch
vorüberglitt, sprang sie mit kühnem Satz hinüber und in die Arme ihres
aufjauchzenden Geliebten.

Fast über ihren Köpfen hin dröhnte in dem Augenblick der schmetternde
Schlag eines Kanonenschusses und als sie überrascht emporschauten, war
das fremde Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, so nahe
an sie herangekommen, daß das Canoe selbst seinen Bug herumwerfen mußte,
nicht überfahren zu werden.

»Teufel!« schrie Silwitch, ingrimmig mit dem Fuße stampfend, »so dicht
am Ziel und doch zu spät!« Aber in die Nacht hinein, rasch und plötzlich
wie sie gekommen, verschwanden die Canoes. Höhnisch noch schlug ihr
gellender Triumphschrei an sein Ohr, und Hua war auf immer für ihn
verloren.

Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfänger, braßte seine Segel back,
als es die gesuchten Boote so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden
übergeworfen, die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrüchigen sahen
sich bald Alle an sicherem Bord. Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab
kreuzte das Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schuß feuernd nach dem
vermißten Boot -- umsonst. Bis Tagesanbruch hielt es auf der Stelle,
und als die Sonne sich über den Horizont hob, wurden die Tops bemannt,
von oben aus vielleicht etwas zu erspähen -- es ließ sich Nichts
erkennen. Nur in blauer Ferne lag das Land, kein Boot, kein Segel war
weiter am Horizont zu sehen und mit scharfangebraßten Segeln, dicht am
Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen Mannschaft der »_Lucy
Walker_« nach Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu.

Fußnoten:

[1] Die Muntere.

[2] Die südseeländische Kastanie, _tuscarpus edulis_, ist ein
stattlicher, mächtiger Baum mit immer grünen Blättern und der Kastanie
ähnlichen, doch stachellosen Früchten, aber das Eigenthümliche an ihm
ist der Stamm, der etwa zehn oder zwölf Fuß hoch aufsteigt, ehe er
auszweigt, und bis zum 7. oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich
aber auf eine höchst wunderbare Weise vergrößert. An vier, fünf und mehr
Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis zum Stamme
laufend, erhebt sich die Rinde und wächst -- der Baum behält seine
Stärke und diese Streifen heben sich mehr und mehr, bis sie zuletzt
förmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, nicht selten ganz regelmäßigen
Planken gleichen, die, nur wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier
Fuß breit, wie die Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je älter
der Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke Flecke ziehen
sich diese bretartigen Auswüchse hie und da zusammen und er sieht dann
allem Andern ähnlicher, als einem Baum.

[3] _Me_, die Brotfrucht.

[4] Tangaloa ist einer ihrer Hauptgötter, der die Tonga-Inseln beim
Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen haben soll.

[5] _Mea fanna fonnua_, auch Kanone, wörtlich eine Waffe, die gegen das
Land schießt.

[6] Fremder.

[7] Januar.

[8] Engländer oder überhaupt Weißer.

[9] Freund.

[10] Citrone.

[11] Der Wallfischspeck

[12] Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre.

[13] Die Raanocke, das äußerste Ende der Raaen oder Querbalken, an denen
die Segel befestigt sind. Auf der See werden bei etwa stattfindenden
Executionen die Verurtheilten daran aufgezogen.

[14] Essen.

[15] Ruder.

[16] Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht nach Glasen,
von den früheren Sandgläsern so genannt. Jede Wacht von vier Stunden hat
acht Glasen; diese zu bezeichnen, wird jede halbe Stunde, bis die Wacht
aus ist, einmal mehr mit dem Klöppel an die Glocke geschlagen, so daß,
von zwölf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen wird,
um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, um zwei Uhr viermal u. s. f.
bis vier Uhr, was man durch acht Schläge oder Glasen angiebt. Ein
viertel auf Fünf beginnt dann wieder mit =einem= Schlag, daß vier Glasen
Abends also zehn Uhr bedeuten würde.

[17] Die ganze Mannschaft an Deck.

[18] Haltet mit dem Anker.

[19] Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel.

[20] Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des chinesischen
Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. Ungedruckt hat sie den
Namen Tapa.

[21] Der Gruß und Abschied der Tonga-Inseln.

[22] Segel verkürzen.



Die Bootsmannschaft.


1.

Nur =einen= Theil der Mannschaft ließ das wackere Schiff zurück, denn
wie vorher erwähnt, schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um,
und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden in das für sie
zurückgelassene Canoe.

Den Morgen trotzend, blieb das schlanke Fahrzeug an der Stelle halten,
wo es die ersten Opfer des Wracks getroffen, und der phosphorisirende
Schaum der züngelnden Wellen half ihnen getreulich die dunklen, in
Wasser schwimmenden Gestalten zu erkennen, so daß sechs Verunglückte
nach und nach ihrem nassen Grab entrissen wurden.

Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und ab, zu sehen, ob noch ein
Anderer ihre Hülfe in Anspruch nehmen würde. -- Aber Alles blieb stumm
und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf einer
aufgescheuchten Möwe tönte hier und da durch die Dunkelheit, oder der
Schaum zischte in dem schweren Niederschlagen eines sich überstürzenden
Wogenkammes -- sonst war Alles ruhig wie das Grab.

Da dröhnte der Signalschuß des fremden Schiffes durch die Nacht, dem der
höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete, und dorthin schwang im
Nu der Bug des flüchtigen Canoes, die Freunde einzuholen und sich ihnen
wieder anzuschließen.

Den Gefangenen befahl indeß ein federgeschmückter dunkler Krieger, sich
mitten in das Boot zu legen, und wenn sie seine Worte auch nicht
verstanden, ließ ihnen doch die drohende Geberde und gehobene Waffe
keinen Zweifel über seine Absicht. An Widerstand war überhaupt nicht zu
denken, und so gehorchten sie denn schweigend dem Befehl.

Das Fahrzeug war allerdings eines jener geräumigen, außerordentlich
langen und trefflich gebauten Kriegscanoes; glücklicher Weise aber nicht
für den Krieg, sondern nur für die Brautfahrt, mit vielleicht halber
Mannschaft besetzt, so daß sie ohne Gefahr für sich selber die
Schiffbrüchigen -- und jetzt Gefangenen -- aufnehmen konnten. Nichts
desto weniger mußten sich diese vollkommen ruhig verhalten und lagen,
auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, eng und gedrückt genug,
immer Zwei neben einander.

Der Wind heulte mit erneuter Wuth über die aufgeregte See; die Blitze
zuckten, und der Donner prasselte in wilden jähen Schlägen schallend
drein, während das schlanke Fahrzeug mit vollgeblähtem Segel mit den
Wogen bäumte und sank, und gar nicht selten züngelnde Spritzwellen über
Bord nahm.

Jonas, der eine der Geretteten, fühlte dabei wohl, daß er eng genug
zusammen gepreßt einen seiner Kameraden neben sich hatte, war aber noch
nicht im Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, und auch bis
zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit sich selber beschäftigt gewesen,
besondere Nachforschung zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein
außergewöhnlich greller und langanhaltender Blitz das Gesicht seines
Nebenmannes, und er erkannte den kleinen Legs.

Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine fest angezogen, auf dem
Rücken, schloß die Augen und schien mit auf der Brust gefalteten Händen
vollständig sich in sein Schicksal zu ergeben.

»Legs,« flüsterte da Jonas, der neben ihm auf dem Bauch lag, und sich
nur mit einiger Schwierigkeit nach ihm herumdrehen konnte, »Legs bist du
das?«

»Ich wollte, ich wär's nicht,« stöhnte der arme Teufel, ohne jedoch die
Augen dabei zu öffnen -- »das ist eine schöne Lage hier für einen
ordentlichen Christen, wo einem das verdammte Seewasser am Nacken hinein
und am ganzen Rücken hinunter läuft -- das halbe Boot muß voll sein.«

»Das sei Gott geklagt,« stöhnte Jonas, »ich kann den Mund schon kaum
über Wasser halten, und habe mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur
wenigstens auch auf den Rücken läge, wie du -- so wie ich mich aber
rühre, hauen mir vielleicht die verwünschten braunen Bestien Eins über.
Prächtige Gelegenheit für einen Menschen hier, als Ballast für die
wilden Hallunken im Boot zu liegen!«

»Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen,« stöhnte Legs in wahrhaft
stoischem Gleichmuth, »um uns nachher eher gar zu bekommen.«

»Die Teufel wären's im Stande, uns auch noch zu braten,« seufzte Jonas,
»und wenn ich das gewiß wüßte, hätt' ich große Lust, das ganze Ding hier
umzuwerfen und uns alle mit einander auszuschütten. Eben so gern oder
noch lieber von einem verdammten Haifisch auf einmal verschluckt, wie
von solch einer nichtswürdigen Rothhaut stückweis geröstet zu werden.«

»Und daran ist nur der vermaledeite Capitain schuld,« brummte Legs, »der
das Mädchen -- Heiland was für ein Donner! -- der das Mädchen hätte da
lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt haben wir die
Geschichte -- den Teufel zu zahlen und kein Pech heiß, und Legs wird
wieder, wie gewöhnlich, die Suppe ausessen müssen, die Andere für ihn
eingebrockt.«

»Na,« brummte Jonas, »=du= sitzest dieses Mal nicht allein an der
Schüssel, und wenn« -- der Satz wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen,
denn das Boot stieg in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer
Woge, und das zurückschießende, darin befindliche Seewasser füllte den
geöffneten Mund des armen Teufels dermaßen, daß er durch Sprudeln und
Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen konnte.

Seine Lage wurde jetzt auch so unerträglich, ja, gefährlich, da das
Canoe reichlich Wasser eingenommen hatte, daß er sich gewaltsam begann
umzudrehen und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand drückte.
Legs übrigens, keineswegs in der Stimmung, sich das Mindeste gefallen
zu lassen, fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, als er die
drohend über sich gebeugte Gestalt eines der Wilden erblickte. Beim
Leuchten eines Blitzes erkannte er aber den dunkeln Feind, wie den, mit
der Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff mit einem kurzen
Stoßseufzer beide Augen fest zusammen.

Die Gefangenen konnten jetzt hören, daß sich ihr Fahrzeug wieder der
kleinen Canoeflotte angeschlossen hatte, und dadurch gewannen sie
wenigstens =einen= Vortheil. Die Indianer nämlich wandten nun ihre
Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen das
übergeschlagene Wasser auszuschöpfen -- nicht etwa aus Mitleid für die am
Boden liegenden Weißen, sondern nur um ihr Canoe zu erleichtern und in
dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurückzubleiben.

Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten Gefangenen war
dadurch um ein Wesentliches verbessert, und wenn die zürnenden Elemente
ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfüllten, schienen sie doch
wenigstens für den Augenblick der Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem
Boote zu ertrinken. Das war aber auch für jetzt der ganze Vortheil, den
sie davon hatten, denn mitten im Sturme und Ungewitter schossen die
Boote dahin, und Jonas, der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie
eigentlich wären, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der
stockfinstern Nacht nur überhaupt einen Cours halten konnten. --
Verfehlten sie aber das Land -- ein Fleckchen Erde von wenigen
Quadrat-Meilen in dem weiten Ocean -- und hielten sie jetzt hinaus in
die offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden?

So schäumten sie in toller Flucht durch die aufgerüttelten Wogen. Der
Sturm hatte schon ausgetobt, und nur noch mattleuchtende Blitze am
nordwestlichen Himmel verriethen, welche Bahn er genommen; die See ging
aber nichts desto weniger noch hohl, und es erforderte die ganze
Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott
und unbeschädigt zu halten.

Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, in welcher Richtung
das Land lag, welche Richtung sie selber steuerten. Das vordere Canoe
schien jedoch dieselbe anzugeben, und ein in kurzen Zwischenräumen dort
ausgestoßener und langgezogener Schrei -- der wie ein Weheruf über die
Fluth schallte -- hielt die verschiedenen Canoes zusammen. So viel
entging ihnen aber nicht, daß der Wind ihnen nur wenig günstig sei, denn
das Mattensegel war scharf angebraßt und die zu windwärts
überschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, daß sie so dicht wie
möglich am Winde lägen, gegen die hohe See also schwerlich raschen
Fortgang machen würden.

Stunde nach Stunde verging auch, und noch war ihnen keine Nacht im Leben
so lang vorgekommen wie diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da
plötzlich hallte ein wilder, jubelnder Ton über das Wasser, und als
Jonas erstaunt den Kopf hob und danach aushorchte, herrschte in dem
Augenblicke Todtenstille rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er
in der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung hören könne, wie sie
sich tosend über den Riffen dieser Inseln bricht; und als ob auch die
Indianer diesem willkommenen Laute -- dem Zeichen des nahen Landes --
gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf durch die Nacht.

Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, noch ein anderes,
willkommneres Zeichen hatten sie erblickt, und zwar einen rothen
Feuerschein, der mit seinem flackernden Licht zu ihnen herüber glühte.
Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf Monui, der das Feuer
auf einer der vorragendsten Bergkuppen entzündet und unterhalten hatte,
den kühnen Schiffern als Leitstern zu dienen.

Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, und in froher Lust
stimmten die Häuptlinge, die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Führer
_Tai manavachi_ befanden, den Siegesgesang ihrer Heimat an.

Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu den anderen Canoes
hinüber, als diese jauchzend einfielen und der donnernde Chor das
rauschende Brechen der Wogen selber übertäubte.

Im Osten dämmerte dabei der Tag -- immer breiter, immer lichter wurde
der Streifen, und nur kurze Zeit noch verfloß, bis sie die düstern
Umrisse des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem Bug erkennen
konnten.

Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles gezeigt, was ihn
umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, mit dem dämmernden Tag einen
Ausguck zu halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als er auch schon
die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen Küste am Horizont erkannte,
und wieder in seine alte Lage zurückfallend, brummte er halb laut vor
sich hin:

»Na ja -- da sind wir wieder. Die rothen Canaillen müssen Nasen wie die
Spürhunde haben, daß sie in der Nacht ihren Cours halten konnten -- und
jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, denn ich will ein
Landlubber sein, wenn ich nicht schon das Feuer rieche, an dem wir
geschmort werden sollen. -- Jonas! -- he, Jonas! -- schläfst du!«

»Schlafen?« knurrte der Angeredete, »da soll einer auch schlafen, wenn
diese rothen Heiden einen Spektakel machen, daß die Fische auf dem
Grunde auseinander fahren. Mir ist überhaupt nichts weniger als
schläfrig zu Muthe. Hörst du die Brandung?«

»Bah, schon seit einer halben Stunde,« sagte Legs. »Wir werden gleich
Anker werfen. Schildkröten und Seeschlangen, wie sich die guten Leute
auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen.«

»Ja, kann ich mir etwa denken,« brummte Jonas, »und so eine dürre
Spiere, wie du bist, kann lachen! Die hat verdammt wenig dabei zu
befürchten; aber wenn ich =meine= Rippen und Arme und Beine anfühle, ist
mir's schon immer, als ob ich ausgenommen und mit heißen Steinen gefüllt
und sauber in Bananenblätter eingepackt in einem von ihren verwünschten
Backöfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung ist nur jetzt noch die, daß
ich vor lauter Gift und Galle ganz bitter schmecken und vollständig
ungenießbar sein werde.«

»Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach gesehnt, an Bord
bleiben zu können,« meinte Legs, »jetzt könnt ihr das Vergnügen
genießen.«

»Und du wohl nicht?« sagte Jonas, den Kopf rasch nach ihm hinumdrehend,
-- »aber meinetwegen,« setzte er, wieder in seine alte Lage
zurücksinkend, hinzu -- »mir ist's recht, und, wenn sie uns nicht
geradezu todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann am Ende noch
immer besser hier, als auf dem blutigen Blubberkocher der _Lucy Walker_,
die jetzt wenigstens ihre Thranfässer sicher auf Meeresgrund gelöscht
hat.«

Erschreckt schaute er in die Höhe, denn wie er gerade aufsah, hing
anscheinend dicht über ihnen eine mächtige Woge mit silberblitzendem
Kamm, die im nächsten Augenblick über ihnen zusammenbrechen und ihr
schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mußte. -- Aber die Woge blieb
stehen, und der Jubel der Eingeborenen sagte ihm bald, daß es die
Brandung gewesen sei, die über den Riffen ihre ewigen Sturzwellen thürmt
-- daß sie die Einfahrt in das glatte Binnenwasser glücklich erreicht,
und nur noch kaum eine englische Meile von dem gestern Abends mit so
ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt seien.

Vom Ufer aus begrüßte sie auch schon das Jubelgeschrei der Wilden, die
alle mit einander am Strande versammelt schienen, die glücklich und
siegreich Heimgekehrten zu begrüßen.

Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Köpfe und blickten dort hinüber,
aber der Jubel galt =ihnen= nicht, das wußten sie recht gut, und
mißmuthig, und Manche wohl mit ängstlich pochendem Herzen sanken sie in
ihre früheren Stellungen zurück, die Landung und damit den Befehl zum
Aufstehen zu erwarten.

Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, hatten sich übrigens
die ganze Zeit entsetzlich wenig um sie gekümmert, und nur nicht
gelitten, daß sie sich bewegten. Außerdem hatten die Gefangenen aber
auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der übrigen Mannschaft
geworden sein konnte. Ob die Wilden ihre Kameraden gefangen oder
sämmtlich erschlagen und nur =sie= vielleicht für ein ganz besonderes
Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem Schiff, dessen Schüsse
sie gehört, gerettet worden -- sie wußten's nicht und -- kümmerten sich
auch in der That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte Jeder zu
viel mit sich selber und seiner eigenen Haut zu thun, um besonders viel
auf den Nachbar zu denken.

Von der frischen Brise getrieben, schossen die wackeren Canoes indeß
dem Landungsplatze entgegen, und der Federschmuck, mit dem die
hochgeschwungenen Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen
Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das Boot ihres jungen
Häuptlings mit Hua in seinen Armen voran, die anderen ihm folgend in
wildem Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten Schnäbel
den Corallensand berührten, da stießen die am Ufer versammelten
Insulaner ein solches tolles entsetzliches Geschrei aus, daß die Luft
ordentlich erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung zusammenschauderten.


2.

Wohl waren sie an dem Raub des Mädchens vollkommen unschuldig, würden
aber diese Barbaren darauf Rücksicht nehmen? Sie gehörten mit zu dem
Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in so undankbarer,
böser Weise vergolten, und was der Capitain gesündigt, konnte jetzt
wahrscheinlich die Mannschaft entgelten.

Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch nur die mindeste Notiz. Die
Mannschaft der Canoes sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berührten,
über Bord und an Land, und schaute sich nicht einmal nach den
Europäern um. Diese blieben auch noch immer, eines weiteren Befehls
gewärtig, im Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden
Toben am Lande zuzusehen.

»Guten Morgen, Lemon,« sagte da Jonas, als er den also benannten
Kameraden dicht neben sich erblickte -- »auch mit angekommen? -- und
Spund, Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da?«

»Die ganze blutige Gesellschaft,« knurrte Lemon mit einem Gesicht, als
ob er sich und die ganze übrige Welt hätte vergiften können. »Jetzt
haben wir die Bescheerung!«

»Und wo ist unser zweiter Harpunier?« fragte Jonas, sich nach diesem
unter den Gefangenen umsehend, »denn =unser= Boot ist doch wenigstens
hier beisammen.«

»Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!« knurrte Lemon.
»Wahrscheinlich frühstückt er heute Morgen mit irgend einem Haifisch --
hol' ihn der Teufel!«

»Hallo, Mates, an Land!« rief da der Schotte Mac Kringo seinen Kameraden
zu -- »seht ihr nicht, wie uns das dicke Rothfell da drüben zuwinkt und
schreit? -- Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf die Corallen
ziehen.«

»Na dann _look out for a squall_!« murmelte Jonas vor sich hin, indem er
langsam den voransteigenden Gefährten folgte. »Jetzt wird die Bombe
platzen.«

Seine Befürchtung zeigte sich indessen, wenigstens für den Augenblick,
unbegründet, denn die Insulaner, die für jetzt noch viel zu sehr mit dem
geretteten Mädchen, der Tochter des Häuptlings, zu thun hatten, thaten
gar nicht, als ob die weißen Männer auch nur auf der Welt wären. Ohne
selbst bei dem Aufslandziehen der Boote ihre Hülfe in Anspruch zu
nehmen, ließ man den kleinen Trupp der eingebrachten Europäer
unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer stehen, und Alles drängte sich
jetzt nur um Hua her, Männer, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen,
sie zu umarmen.

In vielen Augen standen sogar Freudenthränen, mit denen sie das geliebte
und schon fast verloren gegebene Kind begrüßten.

Während aber noch ein Theil der Insulaner so umhersprang und jubelte
oder sich wieder und wieder die Abenteuer der letzten Nacht von den
Freunden erzählen ließ, gingen andere mehr praktisch auf die nächsten
Bedürfnisse der Neuangekommenen ein, die jedenfalls nach ihrer langen
gefährlichen Fahrt Hunger haben mußten. Im Schatten der nächsten
Palmen wurden ihre gewöhnlichen Kochgruben zum Rösten der Ferkel rasch
hergerichtet, Brotfrüchte, Bananen und Fische herzugeschafft und Alles
geordnet, ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen.

Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur die leichteste Arbeit,
pflückten breite Blätter, besonders von den Hibiscusbäumen, die zu
Tischtüchern und Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnüssen
Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes vertrat, und pflückten
Früchte von den nächsten Büschen, welche dann die Knaben zu den
beabsichtigten Eßplätzen trugen.

Die Europäer standen indessen noch immer auf einem Trupp und leise
flüsternd zusammen, sahen zu, wie die Ferkel ausgenommen und geröstet
wurden, und wie die Gäste schon Miene machten, ihre verschiedenen, ihnen
durch den Rang angewiesenen Plätze einzunehmen.

Da trat plötzlich Toanonga, der Häuptling der Insel und Vater Hua's, aus
dem Kreis der Seinen, wackelte gemüthlich auf die Matrosen zu, vor denen
er, beide Hände auf seine Hüften legend, stehen blieb, und sagte:

»_Chio do fa_, ihr Männer -- _chio do fa_ -- ihr seid nicht lange
fortgeblieben und habt schöne Streiche mit eurem großen Canoe gemacht.
Wi[23]! -- Wi, ihr Burschen, war das der Dank, daß ihr so viel
Brotfrucht und Cocosnüsse und Bananen und Ferkel hier bekommen habt und
so freundlich von uns aufgenommen worden seid? -- Wi! schämt euch -- und
wie ihr jetzt da steht! -- Toanonga möchte nicht in eurer Haut stecken,
nicht um alle Glasperlen der ganzen Welt.«

Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die Worte verstanden, fühlten
doch Alle deutlich genug, =was= der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was
er sagen und denken mußte -- und er hatte Recht. Die armen Teufel
befanden sich so unbehaglich wie möglich und sahen, nach einem spätern
Vergleich Spund's, wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim
Stehlen erwischt.

Der alte würdige Insulaner war dabei sehr ernst und finster geworden,
und Spund, der Furchtsamste der Schaar, that schon einen Schritt vor,
ihm wo möglich zu Füßen zu fallen und um Gnade zu bitten. Mac Kringo
jedoch, der Einzige von ihnen, der die Landessprache verstand und
darin verkehren konnte, während die Übrigen bis jetzt nur Worte davon
begriffen, trat da vor und sagte:

»Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter Streich, den dir der
Capitain gespielt -- aber was können =wir= dafür? Waren =wir= in dem
Boot, das deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. Frag sie
selber, und sie muß dir meine Worte bestätigen. Du bist deshalb auch zu
vernünftig, uns das entgelten zu lassen, was ein Anderer verbrochen
hat.«

»Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche,« rief aber Toanonga,
der es für unter seiner Würde hielt, sich mit einer untergeordneten
Person -- und er wußte recht gut, daß die Matrosen das an Bord der
Schiffe waren -- in ein Argument einzulassen. »Ihr steckt alle mit
einander unter einer Decke, und wenn =du= in dem Boote gewesen wärest,
würdest du eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es gethan,
sobald es dir dein Capitain befohlen.«

»_Tai halla! tai halla!_ -- gewiß!« schrieen jetzt eine Menge junger
Burschen, die sich herbeigedrängt, so wie sie sahen, daß ihr Häuptling
mit den Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da auch mit
Verwünschungen gemischt, kreuzten toll und laut durch einander.

Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im Augenblick verstummte der Lärm.
Auf ein zweites, eben so gebieterisches Zeichen bemächtigte sich aber
eine Anzahl kleiner Burschen der Männer und suchte sie unter Lachen und
Schreien von ihrer Stelle hinweg und dem Holzrand zuzuführen.

Widerstand wäre unter allen Umständen fruchtlos gewesen, und die Leute
wollten dem Befehle schon ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte,
daß es jetzt an ihr Leben ginge, drängte sich bis zu Toanonga hin, und
vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat er den alten ehrlichen
Häuptling im breitesten Irisch um sein Leben.

Über das Gesicht des Alten stahl sich aber ein gutmüthiges Lächeln, denn
es that ihm wohl, nicht allein den Weißen gegenüber seine Autorität
gezeigt zu haben, sondern sich auch von ihnen gefürchtet zu sehen. Er
war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend ein Leid anzuthun. Seine
Tochter hatte er wieder zurück, das Schiff, welches ihm hatte Schaden
zufügen wollen, war verbrannt, und die paar davon an seine Insel
verschlagenen Weißen dachte er nicht für Vergangenes zu bestrafen. Die
jungen Burschen hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum
Frühstück führen sollen, das etwas abseits von den Eingebornen für sie
hergerichtet worden, und als ihnen dies jetzt von dem alten Häuptling
erklärt wurde, war dem armen Teufel eine große Last von der Seele
gewälzt.

Der leichte Muth, den Matrosen vor allen übrigen Menschen so besonders
eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die Überhand, und als sie jetzt
in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen
hochstämmigen Cocospalmen, unbelästigt von einem der Eingeborenen, um
das reichliche Mahl saßen, kehrte die, wenn auch nicht fröhliche, doch
sorglose Laune rasch zurück.

»Und da hätten wir endlich unseren Wunsch erfüllt,« brach Legs zuerst
das Schweigen, »da säßen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und
Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch,
statt faulen Wassers und dünnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht
schlimmer wird, so können wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein
paar Tage vorüber sind, daß von der fatalen Mädchengeschichte nicht
weiter gesprochen wird, so dürfen wir am Ende gar noch unserem Schöpfer
danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurückgeführt zu
haben.«

»Sei nicht zu sicher, mein Bursche,« brummte jedoch der Schotte, »wir
wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil
ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune
Rotte über dem Halse sein.«

»Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan,« bestätigte aber auch Spund,
eben mit einem delicat gebackenen Rippenstück beschäftigt, und Spund
gehörte überhaupt -- wo es ihm gerade paßte -- einer streng religiösen
und zwar methodistischen Richtung an. »Der liebe Gott hat es gethan, und
daß er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden
Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber
sicher zum Heil führenden Wegen.«

»Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht
verdient haben,« sagte da =Pfeife=, »hier sind wir aber einmal, durch
die gütige Fürsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor
Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so
glaube ich kaum, daß uns noch eine Gefahr für unser Leben droht. Hätten
sie Böses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu
lassen; kein Mensch hätte ihnen dabei einen Vorwurf machen können.
Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da
sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schädel eingeschlagen haben, so
denk' ich, dürfen wir für unsere Sicherheit auch weiter nichts
fürchten.«

»Ich möchte nur wissen,« knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem
Böttcher werfend, »warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum
Frühstück riefen.«

»Laß du nur dein Spotten, Lemon,« brummte, als die Anderen lachten, der
also geneckte -- »Gnade haben wir alle nöthig, und ob das, was der Alte
sagte, auf Tongaisch hieß: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht,
oder schneid' ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewußt wie ich. Wenn
ich nur jetzt erst eine Ahnung hätte, wie wir diesen Heiden wieder
entgingen und von der Insel fortkämen!«

»Fort?« rief Legs erstaunt aus -- »wer will denn wieder fort? -- ich
wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht
hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen
blutigen Schiffes zurück zu gehen. Mögen die Thran sieden, die ein
Vergnügen daran finden; =ich= befinde mich wohl wo ich gerade bin, und
denke Bürger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden.«

»Da kommt der Alte wieder,« unterbrach Mac Kringo das Gespräch --
»nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht böse. Er hat uns nun
einmal in der Tasche, und wir müssen sehen, daß wir ihn zum Freund
behalten.«

Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen.

Der gutmüthige alte Mann, ohne jedoch seiner Würde im Mindesten etwas zu
vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewußtsein behaglich fühlen,
der Protector dieser von ihm abhängigen Papalangis zu sein. Mac Kringo
hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz
darnach geregelt.

Er stand auf, sobald sich der alte Häuptling ihrem Eßplatz näherte,
begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen
stände, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich
mit der Hand und bedeutete ihm dann, daß er sich freuen würde, wenn die
Fremden seinen Leuten keinen Anlaß zu Klagen geben wollten. Sie seien
allerdings für jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder
Häuptlinge über sie entschieden hätte; denn dem, was diese über sie
beschließen würden, müßten sie sich allerdings fügen; aber er hoffe, daß
sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hänge jedoch, wie schon
gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Für jetzt sei ihnen
eine leerstehende Hütte, die er Mac Kringo an einer vorragenden
Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin würden sie auch
geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. -- Außerdem sei ihnen
aber für jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen,
untersagt, und er erwarte, daß sie jenen Platz nicht verlassen würden,
bis sie abgeholt würden.

Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte
er eine höchst würdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen
Hand, drehte sich dann ab, und verließ die darüber etwas verdutzten
Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhören oder nur zu erwarten.


3.

Die Leute waren über diese Ankündigung, die ihnen Mac Kringo
gewissenhaft übersetzte, allerdings etwas bestürzt. Daß sie erst noch
einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr
geglaubt. Wer wußte denn, was diese über sie beschließen würden? und daß
ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so
gutmüthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt.

Übrigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausführung der Anordnung auf
dem Fuße folge; denn kaum hatte der Häuptling sie verlassen, als sich
ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der
Hand einzunehmenden Hause oder Gefängniß abzuführen. Daß sie ihm
gehorchen mußten, verstand sich von selbst.

Merkwürdig blieb aber dabei wie sehr sie von den übrigen Eingebornen
ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel
seien, und während die Männer, die ihnen auf dem schmalen Pfade
begegneten, über sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten,
gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas höchst Interessantes
entdeckt hätten, glitten die Mädchen und Frauen und Kinder, die sie
unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drückten sich dort hinter einen
Busch oder Stamm und ließen sie ungegrüßt vorüber ziehen.

Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frühstück
gebracht, zerstörte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie
kamen sich vor wie Ausgestoßene, Verfehmte, die Jeder mied, und still
und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe
Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen.

Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen
Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge -- eigentlich nur ein mit
Vegetation bedeckter Corallenstreifen -- lief zu dem Platz aus, auf dem
eine alte, halb verfallene Bambushütte stand, und wenn die Eingeborenen
wirklich etwas Böses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne
Waffen, ohne Boot, vollständig in ihre Hände gegeben.

Daran ließ sich aber nichts mehr ändern, der Befehl lautete: sie dort
abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu überlassen, und der
Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewählt. Eine
einzige Schildwacht nämlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge
postirt, konnte jede ihrer Bewegungen überwachen, und daß sie sich
dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wußten sie recht gut.

So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald
umbrachte. Der alte Häuptling hatte ihnen allerdings ein paar hölzerne
Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein
altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum
aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschränkt, da
ein bis an die Oberfläche steigender Corallengürtel die ganze Landzunge
einfaßte. Übrigens wußten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich
umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit.

Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen
brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnüsse, mit denen
sie sich freilich vor der Hand begnügen mußten. Die aber, die ihnen die
Lebensmittel ablieferten, ließen sich auf gar keine Unterhaltung mit den
Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen
beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort _mawquaw_
-- »wartet!« hörten sie alle Tage.

Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich
mit den gefangenen Europäern einzulassen. Die Verbindung Hua's mit _Tai
manavachi_ wurde gefeiert -- wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte --
und das _Cava_-Trinken beschäftigte sie fast ausschließlich den ganzen
Tag. Der Lärm ihrer Tänze und Sänge schallte auch oft, von der Brise
getragen, bis zu den armen Gefangenen herüber; das war aber auch alles,
was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weißen Tuas[24]
durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Häuptlings.

Am neunten Tage Morgens war Alles vorüber, und _Tai manavachi_ führte
seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen
Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit;
dann kehrten sie zurück, und es war jetzt plötzlich so still auf Monui
geworden, daß die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien.

Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder
zurückgekehrt, aber bei den Matrosen ließ sich Niemand blicken als ihr
gewöhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte.

Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen
einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mächtigen, unfern
von ihrer Hütte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel
verändernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen
sich in diesem Leben wohl zu fühlen. Mac Kringo dagegen verlangte es
nach einer Beschäftigung, und während er die Morgenstunden darauf
verwandte, meist verunglückte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte
er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte
nämlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete,
und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem
Taschenmesser, an dem sich eine kleine Säge befand, einen Stamm
abzuschneiden und dünne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch
außerordentlich langsam ging, war es für ihn doch eine Beschäftigung und
versprach später sogar eine Unterhaltung.

Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber
nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete.
Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune
und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang.

Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem
krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im
=tiefen= Wasser überstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stieß
er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, daß er
bald die beinernen, überdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen
hatte, das unnütze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen
breitästigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe
abzuwarten.

Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an
schläfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben
im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon
halb träumend etwas auf dem Wasser plätschern hörte.

_There she blows_, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist saß
er oben im Top vom Vormast auf der _Lucy Walker_, nach Wallfischen
ausschauend, und das Plätschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor.
Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die
müden Augen auf und sah plötzlich, kaum hundert Schritt von sich
entfernt, eines der wunderhübschen Tonga-Mädchen auf den Corallen im
Wasser stehen.

Der ganze weibliche Theil der Bevölkerung hatte sich nun bis jetzt --
den Befehlen des Häuptlings nach -- so fern von den Papalangis gehalten,
daß ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht
gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in
der Nähe, und zwar auf dem den Weißen angewiesenen Fischgrunde zu
sehen.

Das Mädchen erweckte aber auch noch außerdem seine Neugierde, was sie
dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr
bis über die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit
der rechten, flachen Hand darauf, daß es weit hinausschallte. -- Auf
solche Art konnte sie doch keine Fische fangen.

Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen,
besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu =ihnen=
kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein.
Jedenfalls hatten sie die Erlaubniß, dort, wo sich die Dirne befand, zu
fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mädchen da draußen
zufällig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu
haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die
weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die
Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschäftigung bei sich zu haben,
glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme
Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, daß er dem Mädchen da
draußen, wenn sie wieder zum Ufer zurück wollte, leicht den Weg
abschneiden konnte. Er glaubte nämlich, daß sie nur hier herausgekommen
wäre, weil sie keinen der Fremden in der Nähe vermuthet hätte.

So wenig als möglich Geräusch machend, näherte er sich dabei langsam dem
jungen Ding, das viel zu sehr da draußen beschäftigt schien, um auf
irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war
nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen,
bei niederem Wasser etwa zwei Fuß tiefen Grund; hier und da waren aber
doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefüllte Löcher geblieben. Legs
watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mädchen als den Grund, auf
dem er hinschritt, versah eines von jenen Löchern und schlug so lang --
oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser.

Etwas bestürzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und
erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schöne dem Lande
zufliehen zu sehen. Das Mädchen aber, das sich nun nach dem Geräusch
umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im
Geringsten zu fürchten, ja, ihn sogar zu erwarten.

Legs, mit einem Kernfluch über seine eigene Ungeschicklichkeit, ließ
sich denn auch nicht lange nöthigen und watete, nur allerdings
vorsichtiger geworden, langsam auf die Schöne zu, die indessen ihre
wunderliche Beschäftigung ruhig und unbekümmert fortsetzte.

Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht
zu Stande kommen; einzelne Wörter und Benennungen hatte er sich aber
doch gemerkt, besonders den Gruß der Insulaner, ihr herzlich klingendes
und so oft gehörtes _chio do fa_, das er auch vor der Hand zur
Einleitung für ein weiteres Gespräch verwandte.

_Chio do fa_, lächelte das hübsche Kind zurück, und Legs, um weitere
Vocabeln verlegen, faßte sich endlich ein Herz und fragte auf gut
Englisch, was sie da mache.

Das Mädchen, eines der hübschesten der Insel, mit weiter keiner
Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die
Hüften und einem kurzen Stück Tapa über den Schultern, das die Bewegung
ihrer Arme keineswegs beeinträchtigte, schüttelte aber als Antwort nur
lachend mit dem Kopf -- ein Zeichen, daß sie nicht verstehe, was er sage.

Legs fand jetzt, daß er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen
beschränken müsse. Deßhalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre
bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an,
daß das junge Ding in fröhlichem Übermuth wieder laut aufjubelte und
dabei ein paar Reihen Zähne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den
rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er
meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte:

»_Ang-a!_«

»_Ang-a_ -- ja wohl,« brummte Legs vor sich hin -- »jetzt bin ich so
klug wie vorher. Was ist _Ang-a_?«

»_=Ang-a!=_« wiederholte aber das Mädchen lauter als vorher und wie
erstaunt, daß der Fremde nicht wissen solle, was _Ang-a_ sei. Trotzdem
schüttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl
merken mußte, daß ihm die so deutlich gegebene Erklärung doch noch immer
nicht genüge, setzte sie lächelnd hinzu -- »_mawquaw!_«

=Das= Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das
jeden Morgen von dem Burschen gehört, der ihnen das Essen brachte
-- warte ein wenig! -- und als er darauf rasch und befriedigt mit dem
Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue,
wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand.

Er sah jetzt, daß sie im linken Arm ein kleines Bündel mit Stücken
gerösteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug -- aber wozu? --
Wollte sie so lange hier draußen im Wasser stehen bleiben, daß sie sich
ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? -- Er war dabei näher zu ihr
hinan getreten, und der weiche, elastische Körper des Mädchens, so in
Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verführerisch aus der
leichten Umhüllung entgegen, daß er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm
langsam ausstreckte und um ihre Taille legte.

Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs
war selber so erstaunt über den günstigen Erfolg seiner Kühnheit, daß er
ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich
natürlich weiter um das zu kümmern, was auf dem Wasser vorging.

»_Gia-hi!_« sagte da plötzlich die braune Schöne, indem sie ein Stück
der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf.

Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er
sah sich dort plötzlich etwas bewegen. Im nächsten Augenblicke erkannte
er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr
kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite
warf und mit dem geöffneten, bis über die Oberfläche reichenden Rachen
das Stück Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die
Bestie gekommen, daß er sie hätte mit der Hand auf den Kopf schlagen
können.

»_Ang-a!_« lachte das Mädchen noch einmal laut auf, indem sie dem
Ungethüm einen neuen Leckerbissen zuwarf.

»_Ang-a =hell=!_« schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt
zurückprallte, denn selbst der beherzte Matrose fürchtet nichts mehr auf
der Welt als den Hai, seinen ärgsten Feind. »Das ist ein =Hai=, bei
allem, was da schwimmt!«

Unwillkürlich drückte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das
sich ein solch gefährlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber,
mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht
entgangen war, ließ das nächste Stück Brotfrucht dicht neben sich und
mehr nach rückwärts fallen, so daß der Fisch in seinem nächsten Sprung
danach in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitäten streifte.

Das war diesem aber außer dem Spaß, denn während der Fisch in die Höhe
schnappte, den für ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wußte Legs
jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt,
stieß einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte,
einen Satz zurück. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser
und schlug jetzt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen um sich, um
durch lautes Plätschern und Lärmmachen, als =einziges= Hülfsmittel, den
furchtbaren Feind fern von sich zu halten.

Er hörte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen
Dirne, sah nicht, daß der Hai, durch das ungewohnte Geräusch erschreckt,
schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein
Loch der Corallenwände in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder,
von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, während er sich in aller Hast dem
sicheren Ufer zuarbeitete, fürchtete er das gefräßige Ungeheuer dicht
hinter sich, das vielleicht nur auf einen günstigen Moment wartete, ihn
zu ergreifen, und wälzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und
Beinen schlagend, bis zum nächsten Landvorsprung hin.

Einen solchen furchtbaren Lärm hatte er dabei gemacht, daß seine
Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie
die Hülferufe gehört. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in
solcher Aufregung ankommen und das Mädchen draußen im Wasser so herzlich
lachen zu sehen, ohne daß sie auch nur die geringste Ursache für Eines
oder das Andere erkennen konnten.

Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lärm
herbeigerufen worden. Diese erriethen übrigens, wie es schien, was da
draußen vorgefallen, denn sie amüsirten sich unter einander
vortrefflich, ohne jedoch den Weißen dabei zu nahe zu kommen.

Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Häuptlings, sie
würden diese Gelegenheit sonst gewiß nicht versäumt haben, sich nach
Herzenslust über den Fremden lustig zu machen.

Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden
nach seiner eigenen Art zu erzählen, und demnach war er draußen beim
Fischen von einem furchtbar großen Hai angegriffen und verfolgt worden
und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem
Ungeheuer erfaßt und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo
schüttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn käme, daß der
Hai nicht das Mädchen da draußen angegriffen, und warum die Dirne so
entsetzlich gelacht hätte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle hätten
gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber
sicher wüßten, so wäre es keine Kunst, sich über einen Anderen lustig zu
machen.

Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes
gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen
anzuzeigen, daß sie sich am nächsten Morgen bereit halten sollten, zu
der Rathsversammlung der Häuptlinge abgeholt zu werden.

Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder
wußte er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten
war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung,
wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten.

Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Daß sie an dem Raub der
Häuptlingstochter unschuldig waren, wußte der alte Toanonga so gut wie
sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? -- Wenn man
sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten?

Jonas schlug jetzt vor, daß sie suchen sollten, sich in der Nacht eines
Canoes zu bemächtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln
lägen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere würden
sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff anträfen, das
sie aufnehmen könnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens
wußten sie, daß sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine
Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision
und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nächste Sturm außerdem
verderblich werden mußte, wäre mehr als Tollkühnheit, es wäre einfach
Wahnsinn gewesen.

Mac Kringo, der überhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den
Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklärte, daß =er=
auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen
betheiligen würde. Hätten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos
verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts übrig, als
das Letzte abzuwarten, und daß sie nichts dabei für ihr Leben zu
fürchten hätten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können.
Die Eingeborenen seien viel zu gutmüthig, ihnen mit vorbedachter
Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wäre die
ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der
sich, den Europäern gegenüber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das
Ganze würde darauf hinaus laufen, daß man ihnen vorhalte, wie gut und
großmüthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis
seien, und zuletzt würde man sie auf der Insel ruhig gewähren lassen, zu
treiben was ihnen gerade beliebe.

Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin
hatte er jedenfalls Recht, daß ein Fluchtversuch jetzt im letzten
Augenblick Wahnsinn gewesen wäre, und die Bootsmannschaft entschloß sich
denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen möge, geduldig
abzuwarten.


4.

Der nächste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das
irgend möglich war, =Toilette= zu machen. Damit sah es aber entsetzlich
windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das
Nothwendigste mitnehmen können, und bei dem Sinken des Bootes auch
selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaßen Hüte, nur
Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen
Corallenboden, auf dem sie =ohne= Schuhe gar nicht gehen konnten, schon
so mitgenommen worden, daß sie kaum noch zusammen hielten.

Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die,
daß sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wäsche vor den
Häuptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten
die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode
der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den
Blättern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das
blendende Sonnenlicht schirmte.

Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen,
einen wirklichen Hut zu flechten -- was die Matrosen meist verstehen und
sich oft ihre Strohhüte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber
nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut
zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form
bekommen, daß selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah.

Die ersten Morgenstunden vergingen übrigens, ohne daß sie zu der
erwarteten Zusammenkunft wären abgerufen worden. Nur ihr Frühstück
erhielten sie wie gewöhnlich, dann war Alles still -- nicht einmal ein
Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die
heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in
Anspruch genommen.

Endlich kam der, eines Theils gefürchtete, andern Theils aber auch
wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste
Wirklichkeit kann in manchen Fällen oft weniger peinlich sein, als diese
ewig zögernde Ungewißheit, in der sich des Menschen Herz in solchem
Falle verzehrt.

Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich
sonst aber in nichts von den Übrigen auszeichnete, als wo möglich noch
fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, daß
Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte.

Mac Kringo theilte den Übrigen die Botschaft mit, und Lemon brummte
halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein!

Das nahm der Botschafter aber entsetzlich übel; denn wenn er auch kein
Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort »verdammt« doch so
oft von dort landenden Fremden gehört, um zu wissen, daß es etwas sehr
Böses und Häßliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen
sauertöpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die
dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mürrischeren »Geh
zum Teufel« erwiderte.

Mac Kringo gab sich freilich alle Mühe, den Frieden wieder herzustellen
und den Eingeborenen zu besänftigen, indem er ihn zu überzeugen suchte,
daß er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wußte aber
recht gut, was er selber gehört hatte, und der Zug setzte sich endlich,
von ihm angeführt, langsam in Bewegung.

»Hört einmal, Kameraden,« sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs
waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, »ich habe euch
schon versichert, daß ich nicht glaube, wir hätten irgend etwas von dem
rothen Gesindel zu fürchten. Sollten sie uns aber =doch= zu Leib wollen,
und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann
wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen,
sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der
rothen Brotfruchtfresser, wie möglich, die Schädel einschlagen. Seid ihr
damit einverstanden?«

»Gewiß,« rief Pfeife für die Übrigen; »irgend etwas wird man ja dort
schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das =nicht= wäre, so
hat jeder seine Fäuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen
Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.«

»Gut,« sagte Mac Kringo. »In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf
Erfolg aber nur darin, daß wir uns nicht =trennen= lassen, sondern fest
zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir können es dann auch
schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im
schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plündern einen
Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See.«

»Das sind schöne Aussichten!« seufzte Spund, »und bedenkt nur dabei, daß
wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen!«

»Wenn =du= dich willst fressen lassen,« kreischte Pfeife, »so hat
natürlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafür, und wenn sie uns
wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwünscht wenig daran,
ob wir sie dabei in guter oder böser Laune behalten.«

»Pst -- da sind sie!« flüsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo,
der durch die Büsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der
Eingeborenen schon erkannt hatte. »Jetzt haltet euch ruhig, und im
Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle
im Gürtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht
unvorbereitet finden.«

Weiteres Gespräch war jetzt auch unmöglich geworden, denn wie sie den
nächsten Busch umschritten, sahen sie sich plötzlich der ganzen
Versammlung gegenüber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich
gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier
versammelt und der große weite Raum vor Toanonga's Hütte, in dem die
Egis den Mittelpunkt bildeten, schwärmte ordentlich von braunen
lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts.

Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum
neun hochstämmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten
sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25],
und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten.

Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der
Südsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui
bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis.

In demselben nahmen die verschiedenen Häuptlinge ihre Plätze ein, aber
keineswegs nach Gutdünken, sondern sie waren ihnen vorher von dem
Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz
und saß, den Rücken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der
reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende
Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm
zunächst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den
geringeren Häuptlingen der Kreis ihm gegenüber wieder schloß.

Um die Egis aber her, und zwar so gedrängt, daß sie fast deren Rücken
berührten, saßen[26] die übrigen Eingeborenen, Männer und Frauen, bunt
durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hören
was da verhandelt wurde, ließ es sich wenigstens von den näher Sitzenden
mittheilen.

Außerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder
ihren Tummelplatz gewählt, sich haschend und überschlagend, und mit den
nackten Füßen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust
treibend.

Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so öffentlich --
wenn auch im Freien -- verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig
geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst
als die Hauptsache vorüber war, ließ man die Neugierigen hinzu. Wollte
jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder geräumt haben, so brauchte
er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner hätte daran gedacht, sich dem
Befehle zu widersetzen.

Jetzt übrigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine
andere Ordnung nöthig, um sie würdig zu empfangen, und einer der als
Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhörern zu, Raum zu
geben. Diese mußten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie
wichen nach rechts und links zurück, die Fronte gegen die Bai offen
lassend, während die mit dem Rücken nach dem Wasser zu sitzenden
Häuptlinge ebenfalls aufstanden.

Geschäftige Hände ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie
hinter Toanonga und die ihm zunächst sitzenden Häuptlinge, wo sie mit
ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten
Häuptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die
Einwohnerschaft von Monui.

»Mate,« sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas höher über die
Hüften heraufzog und aus alter Gewohnheit -- denn Tabak hatte schon
lange Keiner von ihnen mehr -- auf die Erde spuckte -- »die Geschichte
wird feierlich -- was sagest =du= dazu.«

»Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten,« murmelte Pfeife
zwischen den Zähnen durch, »wenn ich nicht wünsche, daß ich hier fort
wäre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den
Waffen vielleicht hinter den nächsten Büschen versteckt, was sollen wir
Sechs gegen die ausrichten?«

»Bah, =so= viel für die ganze Band',« brummte der, fast um einen Kopf
kleinere Matrose. »Meinen Hals setz' ich zum Pfand, daß die Kerle nicht
einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir
Einer oder Zwei wären, aber einer ganzen Bootsmannschaft -- wenn auch
unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist --
kommen sie schon nicht zu nah.«

»Du, der Alte fängt an,« flüsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in
die Seite stieß, »jetzt bin ich neugierig.«

Toanonga hatte indessen -- die Hände in voller Ruhe auf seinem Bauch
gefaltet -- die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam
gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm
niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schüchtern im
Gefühl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im
schlimmsten Falle zum Äußersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte
er ihnen mit seinem gutmüthigen Lächeln zu und sagte:

»_Chio do fa, Papalangis -- chio do fa!_«


5.

Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth
schöpften, erwiderten den Gruß rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei
langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht
ganz unähnlich, fort:

»Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort über
euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heißest du gleich?
-- verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu
erzählen, was ich dir gesagt habe?«

»Mac Kringo heiße ich,« erwiderte der also angeredete Schotte, indem er
den Kopf etwas neigte. »Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es
soll kein Wort davon verloren gehen.«

»Gut, Freund -- desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt für euch
viel darauf an, daß du auch eben recht verstehest.«

»Du weißt, unter welchen Umständen wir euch auf diese Insel
zurückbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir hätten euch
lieber in eurem großen Canoe fortsegeln sehen. Du weißt auch, daß ihr
oder euer Capitain -- das bleibt sich gleich, denn ihr gehörtet zusammen
und standet einander bei -- mir hier, der ich euch alle freundlich
aufgenommen, ein großes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit,
ich will euch das aber nicht so übel nehmen, denn ihr Papalangis wißt es
vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang
zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere
Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere _Tai
manavachi_, während er eurem bösen Capitain mitten im Sturm seine Braut
wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglückt waret, aus dem
Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das
geringste Leid zugefügt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch
ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem
Canoe war, kein Leid zufügen wollte, und da euer Capitain sie darauf
frei ließ, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu müssen. -- _Tai
manavachi_ ist ein großer und edler Häuptling, und sein gegebenes Wort
war heilig. Die Hotuas hatten es gehört, und er wußte, daß er es nicht
brechen durfte. So -- sag' jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich
mit dir gesprochen.«

Mac folgte dem Befehl und übersetzte den Übrigen die kurze und einfache
Rede. Die Matrosen hörten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich
unterbrach und ausrief:

»Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste
davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der
Böse die Saalbadereien!«

»Nur Geduld, Mate!« rief aber auch Jonas; »wenn einer ein Schiff vom
Stapel lassen will, muß er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung
ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und
Takelwerk angeschlagen. Paß einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen
und 14 Knoten die Stunde gehen.«

»Haben sie Alles verstanden,« fragte Toanonga.

»Alles,« sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als
möglich bei guter Laune zu erhalten, »und sie bitten dich fortzufahren.«

»Schön,« erwiderte der alte Häuptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe
nickend: »Ich muß dir nun sagen, daß ich im Anfang gar keine Lust hatte,
euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von _Tai
manavachi_ und ich wollte, er sollte euch mit hinüber nach Tonga nehmen.
_Tai manavachi_ hat aber ein großes Herz. Er sagte, daß seine jungen
Leute sehr zornig auf euch wären, und er nicht wisse, ob er dann sein
Wort halten könne: euch kein Leid zuzufügen. Überdies könnte er euch
auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben.«

Sehr freundlich von _Tai manavachi_, dachte Mac Kringo, erwiderte aber
laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer
Pause fort:

»Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht über euch zusteht, so
haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache überlegt, euch ihm
abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.«

»=Abgekauft?=« rief Mac Kringo erstaunt.

»Ja, Freund,« sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei
lächelnd, »=abgekauft=. Nicht etwa, denn ich wüßte nicht, was ich mit
euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich
dir gleich auseinandersetzen, wenn du den Übrigen erst meine Worte
erklärt hast.«

Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn
selber überrascht, Legs aber rief lachend aus:

»Da hätte ich den Alten für gescheidter gehalten. Wer =uns= kauft, ist
bös angeführt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein
=eigener Herr= sein möchte.«

»Und was wollen sie da mit uns machen?« fragte Spund erschreckt; »da
sollen wir wohl =arbeiten=?«

»Bah!« lachte Jonas; »die Arbeit, die =die= faulen Burschen hier zu
verrichten haben, könnte man recht gut vor dem Frühstück fertig bringen,
ehe der Kaffee kalt wird; -- Lumpenvolk das, einen weißen
Christenmenschen zu =kaufen=! Aber so viel weiß ich, daß ich mich schon
dumm genug anstellen werde.«

»Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen,« brummte Lemon.
»So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich hätte die Rothhäute
auch für gescheidter gehalten, als daß sie Kerle wie Spund und Pfeife
kauften.«

»Na, sei du nur --«

»Ruhig!« unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; »ist das jetzt eine
Zeit zum Necken? Hört erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher
können wir darüber reden.«

»=Was= sagen sie?« fragte Toanonga.

»Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren,« erwiderte Mac Kringo.

»Gut, sehr gut,« nickte der Alte wieder, während jetzt besonders die
Frauen unter den Zuhörern sich vordrängten, als ob sie kein Wort von dem
verlieren wollten, was da verhandelt würde. »Die Egis haben euch also,
wie ich dir schon vorher erzählt, gekauft, und eigentlich blieb ihm
nichts Anderes übrig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt
keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, für das wir euch
zu einer weiten Seefahrt ausrüsten könnten, und ihr werdet doch wohl
einsehen, daß wir euch das nicht auch noch obendrein schenken können,
weil ihr eines Egi Tochter habt entführen wollen und dabei verunglückt
seid.«

»Aber wir können uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe
aushauen,« unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht
behagen wollte, den rothen Gesellen käuflich überlassen zu sein.

»Womit?« fragte ihn aber ganz trocken der Alte. »Habt ihr selber Beile?
Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben
schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen
Nutzen aus euch ziehen.«

»Aber was sollen wir thun?« fragte der Schotte ungeduldig.

»Das wirst du gleich hören,« lautete die ruhige Antwort des Alten. »Die
Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gütern, die dem Lande
selber gehören, deshalb können sie auch nicht und wollen sie nicht eure
Dienste für =sich= in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir
leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und _Tai manavachi_ ist
unser mächtiger Bundesgenosse geworden. Wäre das nicht der Fall, so
würden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden können, deren
Behandlung ihr bald lernen würdet. Überhaupt seid ihr Weißen entsetzlich
unwissende Menschen, für die es ein großes Glück ist, daß sie nach
unserer Insel gekommen sind -- ihr könnt nicht einmal Fische fangen.
Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst
einmal selber für euch und die Euren sorgen müßt.«

»Wenn wir das aber alles nicht können und verstehen,« brummte Mac
Kringo, »was wollt ihr denn mit uns machen?«

»Du bist entsetzlich ungeduldig,« sagte Toanonga, »ich war ja eben im
Begriff, dir das zu erklären. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst
begreiflich machen, daß wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine
ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich
einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher Überlegung
beigepflichtet sind. Unser Entschluß deshalb ist der folgende: Auf Monui
leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne
Männer. Diese haben also auch niemanden mehr, der für sie sorgt, und
mußten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten
werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand
gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Männer sind auch durch
die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen für uns
eine Last zu werden.«

Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehört,
denn er begriff gar nicht, was ihre Verhältnisse mit dem der Wittwen auf
Monui zu thun haben könnten. Eben so wußte er recht gut, daß in diesem
gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein =konnte=, denn wo die
Leute eben so genügsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnüssen
lebten und von allem diesem übrig genug für sämmtliche Bewohner war,
konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schüttelte
deshalb ungläubig mit dem Kopf und sagte:

»Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie
fangen konnten?«

»Du verstehst mich nicht,« erwiderte ruhig Toanonga. »Zu essen haben sie
allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem
reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht bloß zu essen, sie
müssen auch einen Beschützer haben, denn sie fürchten sich, allein in
ihren Hütten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein großes
Haus eingeräumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten
sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und
Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder
geschlichtet werden mußten, und es ist kein Friede zwischen ihnen
geworden.«

»Segne meine Seele,« knurrte Lemon, »das ist ein langer Palaver, und mir
schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas?«

»Pst -- warte nur noch einen Augenblick,« beschwichtigte ihn der
Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein
heimliches Lachen kaum unterdrücken konnte.

»Damit das anders werde,« fuhr Toanonga langsam und bedächtig fort,
»haben wir =euch= ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen
übergeben werden.«

Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spaß mit ihnen
machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte
jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend --

»=Wir?=«

»Ja, =Ihr=,« erwiderte Toanonga, gravitätisch mit dem Kopfe nickend.
»=Ihr= sollt sie =heirathen=, dann zieht ihr Jeder wieder in ein
besonderes Haus, und der ewige Scandal hört einmal auf. Es ziemt sich
auch nicht, daß die Frauen die Felder bestellen, _gumala_ und _ufi_[28]
darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan
übernehmen. Du weißt jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden
mittheilen. Hast du mich verstanden?«

»Gewiß,« rief Mac Kringo rasch, und mußte an sich halten, daß er nicht
gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor.

»Was will er?« fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum
lassen konnte.

»Nun, Messmates,« redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich
gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend möglich dabei
auszusehen versuchte, »jetzt =ist= die Bombe endlich geplatzt, und so
viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehängt werden wir =nicht=.«

»Aber was ist's? -- was will das alte dicke Rothfell? -- wozu haben sie
uns gekauft?« fragten die Übrigen durch einander.

»Ja, es ist freilich was Erschreckliches,« schmunzelte Mac Kringo, indem
er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich überblickte, »und wenn man
euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, daß
ihr recht dazu passen würdet.«

»Na, zum Teufel, Lord Douglas,« rief jetzt aber auch Jonas, den bei der
langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde -- »so schieß
einmal los! Was sollen wir denn thun?«

»Wir sollen =heirathen=,« antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften
Gesicht, als ihm das irgend möglich war; die fünf Seelen brachen aber
in ein schallendes Gelächter aus, das, merkwürdiger Weise, auch die als
Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mußte. Was sich wenigstens
an jungen Männern dort hinzugedrängt, stimmte plötzlich aus vollem
Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so
ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter
Fröhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren.

Da hob Toanonga den Arm empor, und während die Insulaner augenblicklich
schwiegen, fühlten selbst die Seeleute, daß sie den alten Häuptling, in
dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht ärgerlich machen
durften.

»Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt?« fragte der
Alte -- »und weshalb lachen sie?«

»Sie freuen sich, daß du so gnädig mit ihnen verfahren willst,«
erwiderte Mac Kringo, rasch gefaßt. »Es gefällt ihnen hier auf der
Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich,
daß du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir
unsere Wahl treffen.«

»Es ist gut -- das hat noch Zeit,« erwiderte der Häuptling. »Vor allen
Dingen möchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid.«

»=Wir?=« sagte Mac Kringo erstaunt -- »nun, Seeleute.«

»Ja -- das weiß ich,« erwiderte Toanonga, »denn ihr seid alle auf dem
großen Canoe gekommen. Aber ich weiß auch, daß ihr auf euren Canoes
verschiedene Beschäftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzählt, daß es
Unterhäuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz
bearbeiten und Boote machen, solche, die große Fässer arbeiten, solche,
die Eisen hämmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen,
und so weiter; Was seid =ihr= also? Was bist =du= gewesen?«

»=Ich?=« erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, daß er sich hier in
den Augen der Eingeborenen, ohne daß seine Kameraden das Geringste davon
zu erfahren brauchten, einen höheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben
konnte. »=Ich= war ein Unterhäuptling.«

»Das habe ich mir gedacht,« sagte Toanonga, »und die Anderen?«

»Hm,« brummte der Schotte, »das mögen sie dir lieber selber sagen,« und
sich dann zu den Kameraden wendend, übersetzte er ihnen rasch, daß der
Alte ihren Stand am Bord zu wissen wünsche.

»Nun, ich bin Böttcher!« rief Spund.

»Allerdings,« nickte Mac Kringo -- »der hier, Toanonga, ist der Mann,
der die großen Fässer macht.«

»Gut -- sehr gut!« rief der Häuptling, »er mag deren hier für uns
machen, Cocosnußöl hinein zu thun -- und weiter?«

»Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen,« redete diesen der
Schotte an. »Soll ich dich als Zimmermann aufführen? die Rothhäute haben
nachher mehr Respect.«

»Meinetwegen,« antwortete Jonas, »viel zu zimmern werde ich hier doch
nicht bekommen.«

»Und dies, Toanonga,« sagte der Schotte, »ist der Mann, der das Holz
behaut.«

»Sehr gut! Laß die Zwei bei Seite sitzen.«

»Nun, Lemon,« wandte sich der Schotte jetzt an diesen, »soll ich dich
als Schmied vorstellen?«

»Schmied,« brummte der Matrose, »ich habe in meinem Leben keinen Hammer
in der Hand gehabt.«

»Was thut das,« lachte Mac Kringo, »du wirst auch hier weder Hammer noch
Amboß finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen.«

»Dann meinetwegen,« sagte Lemon, »so lange sie kein Handwerkszeug haben,
will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben.«

Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen Eigenschaft bekannt
gemacht, schien sich aber über eine solche Entdeckung noch mehr zu
freuen, als über die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von
seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, daß sich
das nicht recht für ihn schicken würde. Dem also entdeckten Schmiede
winkte er jedoch sehr gnädig mit der Hand und befahl ihm, als besondere
Auszeichnung, daß er an seine Seite käme.

Lemon wußte nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und
schnitt ein bitterböses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem
Befehle.

Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von
dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs für
ein selbst zu erwählendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, daß
ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natürlich Keiner mehr gemeiner
Matrose sein.

»Hol's der Henker,« sagte Legs, »wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt
nichts weiter für mich übrig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen
Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.«

Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung
nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem
halb mitleidigen, halb geringschätzigen Blicke an und wiederholte
mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschäft des Mannes:

»_Tangata fe-umu, Tangata fe-umu_,« wobei er den dicken Kopf von einer
Schulter auf die andere warf.

»Na? steht das dem Alten nicht an,« fragte Legs, etwas bestürzt über
diese augenscheinlichen Beweise des Mißfallens -- »was schneidet er denn
für Gesichter?«

»Laß nur gehen, Legs,« beschwichtigte ihn aber der Schotte, »ob es ihm
recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er weiß nun alles, was er
wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgeführt
werden.«

»=Ich= weiß, wen ich nehme,« schmunzelte da Legs, der an das
wunderschöne Mädchen dachte, das er draußen im Wasser gefunden. »Nachher
kann ich's hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur
Tabak hätten!«

»Sprich mir nur nicht von Tabak,« brummte Spund, »ich bin froh, wenn ich
ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen
höre, läuft mir das Wasser schon im Maul zusammen.«

»Hallo, da kommen die Frauen!« rief Legs, der indessen überall umher
geschaut hatte, das Mädchen von gestern unter der Schaar heraus zu
finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, »na, nu wird's
losgehen.«


6.

Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem
Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und während bis dahin die
Männer hauptsächlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten,
drängte sich jetzt der weibliche Theil der Bevölkerung vor, um an der
Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thätigen Antheil zu
nehmen.

Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl
Toanonga's, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen
ließ und die ihm näher drängenden Frauen zu mustern schien. War das
wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn
er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich
nieder, nur dann und wann nach den Egis hinüberhorchend, die indessen
eine desto lebhaftere Debatte führten.

Sie sprachen aber so rasch, daß Mac Kringo nur einzelne Worte davon
verstehen konnte. Der alte How oder König schien jedoch mit allem, was
sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache
mußte den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt
deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas Ähnliches, und der mürrische
Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich
Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm,
und die übrigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen
Meinung zu fügen.

»Ma Kino,« sagte da plötzlich der Alte, indem er sich an den Schotten
wandte, »ich und die Egis sind darüber einig geworden, wie sie euch
versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschluß bekannt
machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen.«

»Zugetheilt?« fragte der Schotte rasch, »das ist in unserem Lande nicht
Sitte und meine Kameraden sind völlig damit einverstanden, daß wir uns
lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.«

»Das glaube ich euch recht gern,« sagte der alte Toanonga gutmüthig,
während die zunächst sitzenden Frauen unter einander kicherten und
flüsterten. »Wenn aber hier überhaupt eine =Wahl= Statt finden sollte,
so wären es unsere =Frauen=, die dazu ein Recht hätten. Von =euch= kann
gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschäftssachen sehr
kurzsichtig sind, und die Männer für sie denken müssen, so haben die
Egis das übernommen, und du wirst jetzt hören, was wir darüber
beschlossen.«

»Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein,« warf Mac
Kringo ein.

»Bah -- ich habe dich für einen vernünftigen Papalangi gehalten,« sagte
kopfschüttelnd der Alte. »Was wollt ihr denn thun? -- haben wir euch
nicht gekauft? -- Könnten wir euch nicht die Schädel einschlagen, wenn
wir sonst Lust dazu hätten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient?
-- Wer kümmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlöchertes
Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen ließen, dort nach
Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes
Zeug und sei gescheidt. Wenn =ihr= etwas an der Sache ändern könntet, so
hätten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr
für jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen.«

Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmüthigen
Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, daß
Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen überhaupt
standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weißen
gegenüber, ihres Übergewichts wohl bewußt, und an Widersetzlichkeit von
ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht
für den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Händen hatten,
beschloß Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fügen, was sie über ihn
und die Kameraden verhängen würden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und
sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lästig werdenden
Gefangenschaft zu entziehen.

Toanonga kümmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa
denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis,
der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und daß der
durchgeführt werden mußte, verstand sich von selbst.

»Ma Kino,« begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo
konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten
fest und scharf ansah, »du bist, wie du sagst, auf eurem großen Canoe
ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, daß mit dir der
Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die
ihnen gebührt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in
meiner Nähe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich würdig machen
wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns
einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut
behandeln und für die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden?«

Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in
seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Veränderung fiel ihm auch
auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch
mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit
mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, während er jetzt,
von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weißen gegenüber, nicht
ernst und würdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur
in flüchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwärtige Moment war
für ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen
aufzuhalten.

Toanonga winkte nämlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch
noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe saß.
Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen
haben mußte, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. -- Mac
Kringo war für sie gar nicht da.

»Mefo Hupe,« sagte Toanonga, die Frau anredend, »du bekommst hier einen
Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Hütte ziehen und das Feld für
dich und deine Kinder bearbeiten.«

»Deine Kinder?« rief der Schotte erstaunt, während die Frau wieder, als
Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, »sind denn Kinder auch dabei?«

»Allerdings,« erwiderte freundlich der alte How, »und um so viel besser
für dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist.
Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit Namen, der in
dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getödtet wurde. Er hatte vorher
sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht
verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine
Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der üblichen Feierlichkeit vor.«

Die Frau stand auf und verließ, ohne auch nur einen Blick auf ihren
künftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wußte
wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob
die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber
kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaßen aus. Wie er
sich aber noch überlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wäre, daß er
wenigstens ein paar Worte mit seiner künftigen Frau spräche, wandte sich
der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an
die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen.

Nun war dem How oder König dieser Insel nichts erwünschter, als einen
Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den großen Nutzen,
den ihnen eiserne Werkzeuge gewährten, hatte er schon lange kennen
gelernt. Diesen beschloß er deshalb auch unter seine ganz besondere
Protection zu nehmen und für sich selber zu benutzen. Daß ein Schmied
auch Werkzeug haben muß, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht
ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache
abgethan.

Für Lemon hatte er deshalb auch eine der jüngsten zu vergebenden Frauen
bestimmt, und Mac Kringo mußte ihn mit dem seiner harrenden Glücke
bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose,
der die ganze Sache immer noch für einen schlechten Spaß hielt und
mürrischer als je war, ein Gesicht zu der Eröffnung schnitt, als ob er
den Dolmetscher hätte umbringen können.

»Unsinn!« knurrte er dabei, »laß dich doch nicht von dem alten Rothfell
zum Narren haben, Lord Douglas!«

»Aber er ist in vollem Ernst.«

»Bah -- Dummheiten -- sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich
möcht' ich überhaupt nicht heirathen, und dann -- hätte ich auch schon
zwei Frauen in England.«

»Zwei?« rief der Schotte überrascht.

»Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben,« brummte der
sauertöpfische Gesell -- »ich habe mich wenigstens nie darum bekümmert,
und weiß jetzt nicht einmal wo meine =zweite= ist.«

»Was sagt er,« fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des
Fremden nicht erklären konnte.

»Hm,« meinte Mac Kringo -- »er -- er sagt, er hätte schon eine Frau, und
nach unseren Gesetzen dürfen wir nicht mehr nehmen.«

»Oh -- weiter nichts?« lachte Toanonga gutmüthig, »da sag' ihm nur, daß
er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und
ich selber habe =neun= Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube
ihm, daß er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er
sich nicht zu kehren. Außerdem wird er seine Hütte auf meinem Grund und
Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag' ihm
das!«

Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanonga's ebenfalls auf und
verließ den Kreis. Lemon aber, den Mac Kringo den neuen und verschärften
Befehl übersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit Mühe beruhigt
werden, daß er sich hier nicht gleich vor der ganzen Versammlung
widersetzte. Die ihm bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn.

Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, da er noch die
Verlobungen der vier anderen Weißen zu beseitigen hatte. Mit diesen
verfuhr er jedoch ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, Pfeife
und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei neben ihm sitzende Frauen, von
denen zwei kleine Kinder auf dem Schooß hatten, und ließ die drei
Matrosen durch Mac Kringo bedeuten, daß sie dieselben zu Frauen bekommen
sollten, wie sie gerade in der Reihe säßen. Als Empfehlung
wahrscheinlich bemerkte er nur nebenbei, daß die eine vier, die andere
drei und die dritte fünf Kinder habe.

Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete er ebenfalls nicht.
Kam es doch hier nur darauf an, daß er eben seinen Willen kund that und
die verschiedenen Partieen gewisser Maßen einander vorstellte.

Jetzt war nur noch Legs übrig, der bis dahin vergebens gesucht hatte,
Mac Kringo zu bewegen, ein gut Wort für ihn in Betreff des Mädchens
einzulegen, das er mit vielem Vergnügen heirathen wolle. Mac Kringo aber
war bis dahin von Toanonga viel zu sehr in Anspruch genommen worden, ihm
willfahren zu können und erst jetzt, da der alte Häuptling den sechsten
Mann fast vergessen zu haben schien, hielt er es an der Zeit, die
Aufmerksamkeit des Alten auf ihn zu lenken.

»Hier, How,« sagte er dabei, »ist noch Einer, der dir gern eine Bitte
vortragen möchte.«

»=Der?=« sagte Toanonga, indem er einen fast verächtlichen Blick nach
der Stelle hinüber warf, wo Legs saß, ohne diesen selbst anzusehen --
»der ist gut für nichts -- das ist blos der Koch[29].«

»Der soll also gar keine Frau haben?« fragte Mac Kringo, und bereuete
schon, daß er sich nicht selber als Koch anstatt als Egi angegeben
hatte.

»O ja,« erwiderte aber Toanonga -- »es waren sieben Frauen da, für euch
sechs. -- Der Koch bekommt die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und
nicht gerade hübsch, haben aber zusammen sieben Kinder -- gut genug für
den Koch. Die da drüben sind's.«

Mac Kringo mußte an sich halten, daß er nicht laut auf lachte. Legs
gönnte er übrigens die beiden; denn der kleine Bursche war, trotz seiner
ansehnlichen Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord am
unbändigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen hatte. Unendlich
komisch kam es ihm dabei vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als
doppelten Familienvater zu denken, und daß seine Ehe interessant und
keineswegs langweilig werden würde, dafür bürgten die Gesichter der
beiden Frauen. Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon nicht
übel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen.

»Nun, Lord Douglas, was sagt er?« fragte Legs, der sich schon so mit dem
Gedanken vertraut gemacht hatte, ein wackerer Bürger von Monui zu
werden, daß er die Zeit kaum erwarten konnte. »Soll ich den kleinen
Wildfang zur Frau haben? Hol's der Teufel, wir passen auch in der Figur
zusammen und müssen ein prächtiges Paar geben!«

»Legs,« erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht enthalten konnte, bei
dieser Bemerkung einen Blick nach den gebogenen Extremitäten des
Seemanns hinunter zu werfen, »es thut mir leid, daß der Alte deine
Wünsche nicht berücksichtigen kann. Ob die fragliche Schöne schon
versprochen ist, oder ob er vielleicht selber ein Auge auf sie geworfen
hat und sie zu seiner zehnten Frau machen will, weiß ich nicht. Er wird
dich aber, in Rücksicht deiner Verdienste, entschädigen, und du sollst
zwei andere dafür bekommen.«

»=Zwei?=« rief Legs erstaunt auffahrend.

»Ja, mein Junge; die beiden Schönheiten da drüben mit der braunen, etwas
runzeligen Haut und den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich her
gesteckt.«

»Mach keinen dummen Spaß!« rief Legs ärgerlich, indem er einen halb
zornigen, halb scheuen Blick nach den beiden Unholdinnen hinüberwarf.

»Na, wahrhaftig, mein Junge,« sagte aber Mac Kringo gutmüthig, »es ist
dem Alten da drüben grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich
verstanden habe, werden wir alle zusammengespließt werden. Von uns hat
Jeder schon seinen Theil angewiesen bekommen, wie du ja auch gehört
hast, und die Beiden sind mit sieben dazu gehörenden Kindern für dich
aufgehoben. Na, hoffentlich führt ihr eine recht glückliche Ehe
zusammen.«

»Verdammt will ich sein,« rief aber Legs, in allem Eifer in die Höhe
springend, »wenn ich mich solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte
der alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, daß ich mich dazu
hergäbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf
der Insel anzulegen, so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, daß er
sich da verwünscht in der Person geirrt hat. Wenn er einen von uns dazu
haben wolle, so konnte er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren
lassen, so viel weiß ich.«

»Und was willst du machen?«

»Was ich machen will? dem den Schädel einschlagen, der mir irgendwie zu
nahe kommt.«

»Unsinn!« sagte Mac Kringo ruhig, »du siehst, daß wir Andern uns alle in
das Unvermeidliche gefügt haben, und du allein kannst nicht gegen die
ganze Insel anspringen. Bietet sich einmal eine günstige Gelegenheit,
dann kannst du dich darauf verlassen, daß Keiner von uns säumen wird,
sie zu benutzen, und je fester wir dann zusammen halten, desto besser.
Bis dahin aber bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns denen zu fügen,
die für den Augenblick das Heft in Händen halten. Zeigst du dich ihnen
widerspänstig, so ist gar nicht abzusehen =was= sie mit dir anfangen,
und wenn sie dich selbst todtschlügen, kann sie kein Mensch daran
verhindern und würde sich Niemand später darum kümmern.«

»Und die beiden Vogelscheuchen sollt' ich heirathen?«

»Du kommst in eine ganz anständige Familie,« lachte Mac Kringo -- »aber
jetzt paß auf, der Alte entläßt die Versammlung und wird noch Aufträge
für mich haben. Halt' dich indessen zu Spund und den Anderen, damit ihr
zusammen seid, wenn man uns verlangt.«

Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem Augenblick, denn es galt
nichts Geringeres, als die nöthigen Vorbereitungen für die
Trauungs-Ceremonie der Fremden zu treffen, die auf den Inseln
außerordentlich streng genommen werden. Daß diese alle heidnischer Art
waren, versteht sich von selbst; den Weißen konnten sie aber nicht
erlassen werden, da nur =durch= dieselben ihre Ehen geheiligt und
gesetzlich wurden.


7.

Die verschiedenen Bräute hatte man indessen schon entfernt, um sie für
die Feierlichkeit anzukleiden, und Toanonga übergab jetzt die Fremden
einer Anzahl seiner jungen Leute, sie etwas anständig und passend
auszustatten.

Ihre Kleider waren nämlich durch ihren letzten Unglücksfall so arg
mitgenommen worden, daß sie ihre Blöße kaum mehr bedeckten; besonders
hingen ihnen die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga ließ
deshalb Jedem ein Stück Tapa[30] reichen, und die Insulaner wiesen sie
dabei auf das freundlichste an, wie sie sich mit Blumen und einigen
anderen Schlingpflanzen würdig schmücken konnten. Nur Mac Kringo jedoch,
der klug genug war, ihnen zu Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden
noch immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen ließ,
fügten sich dem Vorschlage. Die Übrigen mit Lemon an der Spitze
verweigerten jede solche Aufmerksamkeit für ihre zukünftigen Frauen.

Von den Eingeborenen hatten sie aber in der That nichts mehr zu
befürchten, denn von dem Augenblick an, wo Toanonga und das Gericht der
Egis ihre Aufnahme erklärt und dadurch geheiligt hatte, betrachteten die
Leute sie als Freunde und als ihres Gleichen, und brachten ihnen jetzt
sogar von verschiedenen Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich
erholen und stärken konnten.

Nach der einfachen Sitte dieser Stämme hatten sie aber auch in der That
weit mehr gethan, als irgend ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm
und christlich, an ihrer Stelle gethan haben würde. Die Leute, die
ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten und trotz der früheren
freundlichen Aufnahme, vorsätzlich Böses zugefügt und im Begriff gewesen
waren, dem alten Häuptling der Insel sein liebstes Kind zu stehlen,
strafte man nicht allein nicht, als man sie in Händen hatte, sondern man
nahm sie sogar als gleichberechtigt mit den übrigen Bewohnern des Landes
auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und Boden, und ließ sie
unmittelbar in die Familien des Landes eintreten.

Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Häuptlinge hatte dahin gelautet,
kurzen Prozeß mit ihnen zu machen und die Gefangenen das büßen zu
lassen, was der Capitain oder Häuptling derselben verbrochen, wie diese
Stämme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen tödten. Toanonga aber,
neben seiner angeborenen und natürlichen Gutmüthigkeit, war klug genug
gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den er die Gefangenen und
ihre Kräfte für die Insel verwerthen konnte. Was hätte er oder einer der
anderen Insulaner davon gehabt, wenn man die Weißen vor den Kopf schlug
oder in die See warf? -- gar nichts. Die letzten Kriege hatten ihnen
dagegen mehr waffenfähige Männer gekostet, als die kleine Insel
entbehren konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so gut, wie
sie eben konnten und so weit diese reichten.

Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und Familienkreis war aber auch
jeder Haß, jedes Gefühl der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden
aus ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine Fremden mehr, denn sie
gehörten von da an mit zu Monui so gut wie einer der dort Geborenen.

Ähnliches findet man fast unter allen wilden Stämmen, die sehr häufig
einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, während sie die übrigen mit
durchdachter Grausamkeit zu Tode martern, zurückbehalten und mit der
größten Herzlichkeit in ihre Familien als Söhne aufnehmen.

Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, die sich durch
solche gezwungene Heirathen auf das schlimmste mißhandelt glaubten. Legs
verlangte auch von den Übrigen, als die Eingeborenen ihre Versammlung
aufgehoben und die Papalangis sich selber überlassen hatten, daß sie
sich gemeinschaftlich solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen
hätten sie dabei wohl auch bekommen können, sobald sie nur in des alten
Toanonga Hütte einbrachen. In der ersten Überraschung wäre ihnen das
jedenfalls gelungen, und dort wurden, wie sie von früher wußten, eine
Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt.

Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, das jedenfalls den
Untergang Aller zur Folge haben mußte, stimmte aber Mac Kringo, von
Spund und Jonas unterstützt, auf das entschiedenste, und da Lemon und
Pfeife ihren Zustand ebenfalls noch nicht so unerträglich fanden, um
gleich zu einem so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs
vollständig überstimmt.

Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und wurde, trotzdem, daß man
mit den Fremden nicht eben viel Umstände nöthig glaubte, doch ziemlich
feierlich betrieben.

Hier zeigte sich auch wieder die Gutmüthigkeit der Insulaner. Diese
wußten natürlich, daß die Weißen als Schiffbrüchige an ihre Insel
gekommen waren und gar nichts zum Leben Nöthiges gerettet hatten, und
brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um sie zu ihrem neu zu
errichtenden Haushalt auszustatten: Tapa zum Kleiden und starke Matten
zum Schlafen, Fischer-Geräthschaften und sogar Waffen, wie Keulen und
Bogen und Pfeile, um bei einem möglichen Angriff eines Feindes in die
Reihen der Krieger mit eintreten zu können.

Als die Fremden nun mit allem ausgerüstet waren, was sie zu ihrem
anständigen Erscheinen unter den Insulanern gebrauchten, denn um ihre
Lebensbedürfnisse durften sie keine Sorgen haben, versammelten sich, wie
es schien, fast alle Bewohner der Insel, um an der Festlichkeit Theil zu
nehmen. Die sieben Bräute waren schon in das für die Trauung bestimmte
Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner Egis, winkte die
Fremden heran und überlieferte ihnen, mit einigen mahnenden Worten, sich
gut zu betragen und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, ihre
künftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich wieder in ihre
verschiedenen Wohnungen zurückzogen. Den Fremden dagegen wurde bedeutet,
zurückzubleiben, um an einem _Cava_-Fest -- der Hauptsache bei der
ganzen Feierlichkeit -- Theil zu nehmen.

Diese _Cava_[31]-Partie schien auch erst die vorhergegangene einfache
Formalität der Heirath zu bestätigen und zu kräftigen; denn dadurch, daß
die Häuptlinge es der Mühe werth hielten, eine solche anzuordnen und die
Fremden daran Theil nehmen zu lassen, heiligten sie den eben
geschlossenen Bund, der jetzt ohne Toanonga's Bewilligung nicht wieder
gelöst werden konnte.

Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber erst noch bei dem
_Cava_-Fest, denn die Bereitung dieses Trankes kannte Keiner von ihnen,
nicht einmal Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was dort
vorging, wurde steinübel, und Legs wollte schon aufspringen und
hinauslaufen. Der Schotte aber, der sich leicht denken konnte, daß etwas
Derartiges von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen als die
größte Beleidigung angesehen werden würde, bewog sie mit großer Mühe,
sitzen zu bleiben und auch dieses noch über sich ergehen zu lassen.
Später konnten sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen.
Spund stimmte ihm darin auch vollkommen bei, und während die Anderen,
als die Schale an sie kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm
er, seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen und herzhaften
Schluck.

Das sollte er aber schwer büßen. Kaum hatte er die Mischung hinunter,
als sich ihm der Magen gewaltsam umdrehte, und er mußte, unter dem
Gelächter der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft werden.

Damit war indessen auch jedem Anspruch, den die Egis noch an sie machen
konnten, Genüge geleistet. Während die Insulaner noch bei ihrer
Cava-Partie blieben, deren Freuden sie sich oft bis in später Nacht
hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und Überwachung
enthoben, von jungen Leuten in die ihnen zugewiesenen Wohnungen
abgeführt und durften sich von dem Augenblick an als Bürger von Monui
betrachten.

Fußnoten:

[23] Wie: Pfui -- schäme dich.

[24] Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehörigen Bewohner der Insel
genannt. Überhaupt besteht auf den Tonga-Inseln -- wenn man es nicht
gerade Kastengeist nennen will -- eine strenge Absonderung der
verschiedenen Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten
durch und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen kommen
äußerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die Rangordnung durch
besondere Ceremonienmeister unerbittlich aufrecht erhalten.

[25] Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der Wendekreise S.
Br. Die größte Zeit im Jahre haben sie also die Sonne um Mittag im
=Norden=, einen kleinen Theil des Jahres aber, etwa um März, im =Süden=.

[26] In der Nähe der Häuptlinge gilt es nicht für schicklich, zu
=stehen=.

[27] Hotuas sind die obersten Götter.

[28] Süße Kartoffeln und Yams.

[29] Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste unter den
verschiedenen Handwerkern.

[30] Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bäume ausgeschlagene Zeug,
das die Frauen auf allen Südsee-Inseln selber verfertigen.

[31] Die _Cava_ ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze (auf den
übrigen Inseln Ava genannt), aus der ein gährendes und besonders bei
festlichen Gelegenheiten benutztes Getränk bereitet wird. Nur die Art
der Zubereitung ist für den nicht daran Gewöhnten widerlich und
abschreckend, indem die Wurzeln von den daran Theil nehmenden
Eingeborenen =gekaut= und dann in eine Schüssel gelegt werden, wo man
sie nachher mit Wasser übergießt. Dieses Wasser, nachdem es den Saft aus
den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse getrunken.



Der Schooner.


1.

Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, und die Bäume standen mit
diesem wunderbaren Geschenk beladen, das ein gütiger Himmel den
glücklichen Bewohnern jener Inseln gespendet. Überall auf Monui
herrschte Überfluß, und die leichtherzigen Eingeborenen hätten jeden Tag
als Fest feiern können. Das rege, thätige Leben auf der Insel galt aber
einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden sammelten sich die
Männer in häufigen Berathungen und suchten aus allen Ecken die fast
vergessenen Waffen wieder hervor.

Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie darin nicht ihre
Leidenschaft zähmen können! Was hilft ihnen der Überfluß an allem zum
Leben Nöthigen, wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so reichem
Maaße überschüttet, nicht begnügen können oder wollen! Die Südsee-Inseln
sind uns darin ein lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles
hervor, was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, ohne Anstrengung,
von einer wundervollen Scenerie umgeben, in ihrem Familienleben
glücklich, von Krankheiten wenig heimgesucht, könnten diese Menschen
ein wahrhaft glückliches Dasein führen -- wenn sie eben den Anderen das
gönnten, was sie selber so reichlich besitzen. Selbst in diesem
reizenden Lande schlummern aber die Leidenschaften nicht, und
Herrschsucht, Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht friedlich
genießen, wonach sie in ihrer unmittelbaren Umgebung nur die Hand
auszustrecken brauchten, um es zu erreichen.

So hatten auch die Bewohner von Monui fast zwei Jahre in Frieden mit den
Nachbar-Inseln gelebt. Kaum aber waren die Wunden der letzten Kämpfe
oberflächlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens schon wieder
überdrüssig wurden.

Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nämlich, einem alten Abkommen nach,
ein jährlicher, höchst unbedeutender Tribut von Gnatu[32] und
Cava-Wurzeln bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, als
daß sie je einen wirklichen Nutzen davon gehabt. Diesen Tribut hatten
die Hapai-Insulaner in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung
deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie hielten sich nicht
mehr für daran gebunden. Das Ganze betraf auch in der That nur eine
religiöse Ceremonie, die auf Monui schon lange abgeschafft worden. Wie
das aber mit alten Verpflichtungen manchmal so geht, waren diese
Geschenke noch eine Zeit lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber
müde wurden.

Monui allein hätte mit ihnen auch keinen Krieg anfangen können, das
wußten sie recht gut; jetzt aber, da der tapfere _Tai manavachi_
Toanonga's Schwiegersohn geworden war, beschlossen die Egis oder
Häuptlinge, dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und mit Speer und Keule
das einzutreiben, zu dessen Besitz sie sich berechtigt glaubten. Ihrer
Meinung nach war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar
Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kümmerte es sie, daß sie um ein paar
Stück Gnatu und einen Korb voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr
Familienglück in die Schanze schlugen!

Möglich ist dabei, daß sie durch die Verstärkung der sechs Papalangis
auf ihrer Insel noch mehr in ihrem kriegerischen Entschluß bestärkt
wurden. Von einem Wallfischfänger, der vor einigen Monaten bei ihnen
angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem Handwerkszeug auch mehrere
Musketen und Munition dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm da
die Weißen, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen wußten, eine
wichtige Hülfe leisten. Als jenes Schiff anlegte, wußte der alte schlaue
Häuptling, außer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon zu
halten. Er ließ auch gar kein Boot ans Ufer, sondern trieb den
Tauschhandel, nur von Mac Kringo begleitet, durch seine Canoes.

So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrüstungen mit möglichstem Eifer
betrieben, und ein Canoe war schon an _Tai manavachi_ abgeschickt
worden, ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, auf welche
Insel sie ihre Angriffe vereint machen wollten. Die sechs Europäer
hatten indeß ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen bekommen,
daß sie einander nur selten zu sehen bekamen. Mac Kringo und Lemon
behielt Toanonga jedoch, wie schon früher erwähnt, in seiner Nähe. Mac
Kringo lebte überhaupt dabei am unabhängigsten, da er sich wohlweislich
für einen Egi seines Schiffes ausgegeben.

In der That hätte er auch mit dem neulich dort angelaufenen
Wallfischfänger wieder in See gehen können; denn so bald er es verlangt,
würde ihn der Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils mochte
er aber die Kameraden nicht im Stich lassen, und anderntheils war ihm
das bequeme, müßige Leben am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder
mit der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfängers zu vertauschen. In
den letzten Monaten aber, und besonders seit er erfahren, daß sie sich
alle mit an einem Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das
mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs Spiel setzen
mußten, fing er doch an, sich wieder hier fort zu sehnen, und bereute
schon, die letztgebotene Gelegenheit nicht benutzt zu haben.

Alle Matrosen machen es so, besonders die in der Südsee kreuzenden. So
lange sie an Bord sind, verwünschen sie ihr Schicksal, fühlen eine
ungeheure Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmäßig die erste,
beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie aber eine Weile auf dem
festen Lande gelebt haben, auf das sie sich vorher so sehr gewünscht,
wird ihnen die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie wieder das
Deck eines Fahrzeuges unter den Füßen fühlen.

Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten Zeit viel mit allerlei
Planen zu ihrer Flucht beschäftigt, die aber jetzt viel schwieriger
auszuführen schienen, als je. Da die Insulaner nämlich einen Überfall
auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung, den Tribut von dort
gewaltsam einzufordern, schon hinüber gesandt hatten, mußten sie auch
von daher ein Gleiches fürchten, und bewachten deshalb alle
Landungsplätze Tag und Nacht auf das Sorgfältigste. Wie sollte da ein
Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen?

Der Schotte gab übrigens deshalb die Hoffnung nicht auf, und war
ziemlich fest entschlossen, die erste passende Gelegenheit zu benutzen.
So schlenderte er eines Tages durch die Berge der nicht sehr großen aber
wunderschönen Insel, und zwar in der Absicht, den höchsten Gipfel ihrer
Anhöhen zu besteigen und von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend
einer Richtung hin eine andere Insel erkennen könne. Gelang es ihnen
nur, auf eine solche zu entkommen, wo sie nicht mehr als gekaufte
Gefangene betrachtet wurden, so durften sie von dort auch weit eher
hoffen, entweder von einem Schiff erlöst zu werden oder vielleicht in
einem Canoe Neuseeland oder Australien zu erreichen.

Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert verfolgen, denn Monui
war noch nicht so durch die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten
Guiaven-Büsche überwuchert worden, wie es einige der Gesellschafts-Inseln
sind. Die schlanken Palmen und andere hochstämmige Waldbäume hielten
hier das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wälder in der Nähe des
Strandes waren verhältnißmäßig licht. Erst auf den Höhen wurden die
Büsche dichter, und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen
von süßen Kartoffeln und Yams im Rücken hatte, mußte er sich schon
sorgfältiger seinen Weg suchen.

Da hörte er plötzlich, in nicht gar weiter Entfernung von sich, die
regelmäßigen Schläge eines Beils, denen er eine Weile horchte, denn er
hatte keine besondere Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen zu
treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden überzeugte ihn aber
bald, daß das kein Indianer sei, und ziemlich erfreut, einen seiner
Kameraden da zu finden, drängte er sich rasch durch das Gebüsch der
Richtung zu, von der das Geräusch herüber tönte.

Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig aus einem kleinen
Dickicht herausschauend, erkannte er bald seinen früheren Kameraden
Jonas, und zwar emsig beschäftigt, einen starken, hochstämmigen Baum zu
fällen.

»Hallo! Jonas!« rief er ihn endlich an, nachdem er dem Eifrigen eine
kleine Weile zugeschaut, »du arbeitest ja, als wenn du die Geschichte im
Accord hättest.«

»Lord Douglas! so wahr ich lebe!« rief der Matrose erfreut, indem er
seinen alten Kameraden erkannte. »Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist
eine halbe Ewigkeit, daß wir einander nicht gesehen haben, und es thut
dem Auge ordentlich wohl, eine weiße Haut unter diesen Rothfellen zu
treffen. Jetzt kann man doch wieder einmal ein vernünftiges Wort
Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon fast mit dem
Radebrechen ihrer vermaledeiten Sprache abgedreht.«

»Aber du siehst gut aus!« rief ihm der Schotte entgegen. »Das Leben als
glücklicher Familienvater scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie
befinden sich die jungen Jonasse?«

Der Matrose antwortete mit einem lästerlichen Fluche.

»Da kannst du auch noch lachen?« setzte er dann hinzu, »aber es ist
wahrhaftig ein Scandal, einem ehrlichen Christenmenschen eine solche
dunkelbraune Ehehälfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhängen.
Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem alten, wackeligen Toanonga
nicht gedenke.«

»Hast du nichts von Legs gehört?« fragte der Schotte.

Jonas lachte.

»Das ist das Einzige, was mich noch tröstet,« schmunzelte er mit einem
breiten Grinsen über das Gesicht: »der großmäulige kleine Bursche ist
noch schlimmer angekommen als wir.«

»Und wie verträgt er sich mit seinen Frauen? Er muß ja doch in deiner
Nähe wohnen?«

»Ja wohl, unsere beiden Häuser stehen kaum fünfhundert Schritt aus
einander,« lachte Jonas, »und ich habe in der ersten Zeit immer ganz
genau hören können, wenn er sich mit seiner Familie unterhielt.«

»Und jetzt nicht mehr?«

»Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen prügelte er seine Frauen
abwechselnd, und, wie ich glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um
sich etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber bald satt, und
nahmen sich Hülfstruppen ins Haus. Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen,
und was weiß ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein und zehrte
von ihm, und als er die eines schönen Morgens hinauswerfen wollte,
fielen sie über ihn her und prügelten ihn, von den beiden Frauen redlich
dabei unterstützt, windelweich. Ich hörte den Lärm und lief hinüber; da
man sich aber nicht in fremde Familienstreitigkeiten mischen soll,
störte ich sie auch nicht in ihrem Vergnügen und ging wieder zu Hause.
-- Was macht denn Lemon?«

»Lemon,« sagte der Schotte, »kommt aus dem grimmigsten Ärger gar nicht
heraus, aber nur deshalb, weil es ihm so gut geht, und er gar nicht
weiß, worüber er vernünftiger Weise schimpfen =könnte=. Er hat mir noch
heute Morgens versichert: er wollte lieber auf dem schmierigsten
Wallfischfänger Tag und Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf
der Insel bliebe.«

»Und wenn wir heute wieder an Bord säßen, wäre er der Erste, der sich
fortwünschte. Weißt du nichts von Pfeife?«

»Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, habe ich den mit keinem
Auge gesehen.«

»Und wo steckt Spund?«

»Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, kommt aber doch
manchmal hinauf, da er für den Alten zu arbeiten hat. Er beschäftigt
sich übrigens jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die er
absolut zu Christen machen will, und behauptet: der liebe Gott hätte ihn
nur zu dem Zweck auf die Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu
bringen. Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar Versuche
gemacht, der ist aber so zäh wie Leder und läßt sich auf nichts ein.
Wie das Schiff neulich da war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich
ihm eine Bibel von Bord mitbrachte.«

»Ein Schiff war da?« rief Jonas erstaunt, »und davon haben wir kein Wort
erfahren?«

»Ja, der Alte hat sich wohl gehütet, daß Ihr's gewahr wurdet!« lachte
der Schotte. »Die Boote durften nicht einmal an's Land, womit der
Capitain auch vollkommen einverstanden schien; denn er fürchtete
wahrscheinlich, daß ihm welche von seinen Leuten durchbrennen würden.
Lemon ist übrigens mit dem Schiff der schlimmste Streich passirt, denn
er hat Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und kann nicht.
Das Einzige, was er mit Mühe und Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen,
die er gar kläglich aus Nägeln zurecht hämmert.«

»Hör' einmal, Lord Douglas,« sagte er da, nachdem er eine Weile
stillschweigend vor sich hingesehen, »ich glaube doch beinahe, daß wir
damals mit dem -- mit dem Feuer, du weißt schon -- einen dummen Streich
gemacht!«

»Je weniger wir dann davon reden, desto besser ist's,« meinte der
Schotte, »denn geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ändern. Was
hatten wir denn auf dem blutigen Blubberkasten, daß wir nicht, wenn
wir's hier einmal satt bekommen, auf jedem anderen Schiffe eben so gut
wiederfinden?«

»Das ist schon wahr, und wenn wir's hätten haben können, wie wir's uns
im Anfang gedacht, wär' ich der Letzte, der die Veränderung bereute;
aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu
werden, das heißt die Häuslichkeit doch ein Bißchen übertreiben. Wer
steht uns außerdem dafür, daß wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb
Dutzend Ehemänner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen
zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! -- Hast
du denn schon von dem neuen Kriegszug gehört?«

»Gewiß; sie rüsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird
nächstens losgehen.«

»Na, ja,« sagte Jonas, »und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut
zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich müßte mich
sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank würde.«

»Hallo! ein Segel!« rief da Mac Kringo plötzlich, der, während Jonas
sprach, durch die Büsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. »Das
Weiße dort drüben =muß= ein Segel sein!«

»Gewiß ist das ein Segel!« bestätigte Jonas, nachdem er eine Weile --
seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schützend -- nach der
angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte.

»Das muß aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du
ausmachen, nach welcher Richtung es steht?«

»Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier
vorbeigesegelt wäre, hätten wir es schon früher sehen müssen. -- Das
kann auch kein Wallfischfänger sein, man kann ja den ganzen Rumpf
erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.«

»Am Ende ist das einer der kleinen Schooner,« sagte der Schotte, »die
zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosöl und Perlmutterschalen
eintauschen. Das wäre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen.«

»Aber wer weiß, wie wir es nachher finden?« meinte Jonas, »und solche
kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man
wüßte, daß man damit nach Australien könnte! Dort soll ein tüchtiger
Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden.«

»Auf einen Wallfischfänger gehe ich nicht wieder, so viel weiß ich,«
sagte der Schotte; »hol' der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit,
und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen
armen Teufel von Matrosen nur genug quälen und schinden sollen!«

»Wahrhaftig, das Schiff hält gerade auf uns zu!« rief jetzt Jonas, der
indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. »Hinunter
möchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land
schickte.«

»Hör einmal, Jonas, ich will dir was sagen,« meinte der Schotte, nachdem
beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten.
»Wozu ich selber Lust habe, weiß ich in dem Augenblicke selbst noch
nicht, und um zu einem Entschluß zu kommen, muß man natürlich doch erst
wissen, was das für ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls
wollen wir aber unten in der Nähe sein, wenn es wirklich landet oder
wenigstens ein Boot herüberschickt; denn in die Corallenriffe wird es
sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, daß es heran sein
kann?«

»Heute Abend kaum mehr,« sagte Jonas, »der Wind ist fast ganz
eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwärtsrücken. Hat es übrigens
Lust, Monui anzulaufen, so können wir uns fest darauf verlassen, daß es
morgen früh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt.«

»Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga;
eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am
Ende besser, daß wir so viel als möglich von uns beisammen sind.«

»Wenn wir nur wüßten, wo Pfeife steckt!«

»Den hat der Alte jedenfalls in die Nähe der Canoes gesetzt,« sagte Mac
Kringo, »das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird
dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls
heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu
besprechen.«

»Verstehen sie denn einander?«

»Vortrefflich! Spund, in der festen Überzeugung, daß er die Leute hier
bekehren muß, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache
schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er
ihn nie zufrieden läßt.«

»Seit wann ist denn da die Frömmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen?«

»Ach, du weißt ja,« lachte der Schotte, »daß er uns schon immer am Bord
Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich
will machen, daß ich wieder hinunter komme, denn er möchte früher dort
sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.«

»Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen?«
fragte Jonas.

»Hm!« meinte der Schotte, »besser ist es freilich, wir lassen uns nicht
gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nähe sind. Legs mag
deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche
gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn
auftreiben kann. Wir Übrigen müssen dann sehen, wie wir uns am besten in
der Nähe halten. Wirst du übrigens fortgeschickt, so widersprich nicht,
sondern geh' in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh
dann zu, daß du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze
kommst.«

»Und sollen wir Waffen mitbringen?«

»Wenn es =heimlich= geschehen kann, ja! Man weiß nie, was vorfällt; die
Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je
weniger ihr euch damit sehen laßt, desto besser ist es.«

»Gut, das wäre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hol's der Teufel!
es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt
langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls können
wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir
versichern, ich habe einen ordentlichen Heißhunger darauf.
Donnerwetter, da fällt mir ein! hast du denn neulich von dem
Wallfischfänger keinen mitgebracht?«

»Ein verwünscht kleines Stückchen,« sagte zögernd der Schotte. »Die
Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar
knapp mit Tabak.«

»Hast du welchen bei dir?« fragte Jonas gierig.

»Hm, ich weiß selber nicht einmal -- einen Mund voll höchstens.«

»Junge, Junge! und da läßt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem
Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen?«

Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er
ein kleines Stückchen heraus, daß er indessen mühsam von einem größern
=in= der Tasche abgedreht.

»Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir
die Hälfte herunter, daß du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon
bekommst.«

»Hurrah! Tabak!« schrie Jonas, der das Stück schon vorher mit den
Blicken verschlang. »Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog
eintauschen könnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier
auf der Insel, wünschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen
ordentlichen Vorrath. So viel weiß ich, ich packe meiner Frau ganze
Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der
Hand zu haben. Und nun _good-bye_! mit Tagesanbruch morgen früh bin ich
unten bei Toanonga's Haus.«

Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gruß zu und verschwand bald in
den Büschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle,
sich über die Richtung des Segels größere Gewißheit zu verschaffen. Es
blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß es wirklich näher
kam. Mit =dem= Winde hätte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln
können, und darüber beruhigt, stieg er den Weg zurück ins Thal, den er
vorher herauf gekommen.


2.

Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen herrschte an der Landung von Monui
ein außerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten
die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und
Früchte und Gemüse wurden gepflückt und ausgegraben und alle möglichen
anderen Gegenstände hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug
herankäme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu eröffnen. War doch
schon vieles, was ihnen die weißen Männer bringen konnten, auf der sonst
so einfachen Insel zum Bedürfniß geworden, während sie jetzt bei dem
bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition
und damit den gewissen Sieg über die feindlichen Stämme zu erlangen.

Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen
Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der würdige Bursche aber
nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nämlich die
Bibel erhalten und fleißig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm
früher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee
geworden, daß er nämlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu
machen.

Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm
begreiflich zu machen, daß er ganz gewiß ein tüchtiger Matrose und
Böttcher sei, höchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmäßigen
Prediger abgeben würde. Spund ließ sich nicht irre machen; entgegnete,
daß Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein
Böttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest
überzeugt, daß ihr Schiff, die »_Lucy Walker_,« nur seinetwegen
verbrannt sei, um ihn hier, an dieser für ihn bestimmten Stelle
festzuhalten, und die Übrigen -- Mac Kringo wie die anderen Kameraden --
konnten Gott danken, daß sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst
wären sie auch zu Grunde gegangen.

Über den Brand des Fahrzeuges hätte ihm nun allerdings der Schotte einen
besseren Aufschluß geben können, und schien einmal nicht übel Lust dazu
zu haben, überlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg.
Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem
einmal gefaßten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren
Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderniß in den Weg zu
legen, ja, sie eher nach besten Kräften zu fördern. Und das geschah noch
in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden
hielt er außerordentlich wenig und fürchtete eher, in seinen neuen und
frommen Planen durch die Anderen gestört und verspottet zu werden. Je
früher sie also die Insel verließen und ihm das Feld räumten, desto eher
durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen.

Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch näher
gekommen, und es ließ sich jetzt deutlich erkennen, daß es keineswegs
ein großer Wallfischfänger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern
Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht
hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner
auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug
anlaufen wollten, und Mac Kringo überlegte sich schon dabei, ob es in
dem Falle nicht möglich sein würde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu
nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da änderten die
Indianer plötzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die
Stärke desselben deutlich erkennen zu können, hatte Toanonga seine Egis
zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mußte auch
sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit
einander, und als sich ihnen der Schotte nähern wollte, wurde er
zurückgewiesen.

Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde
führten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre
Canoes lagen sämmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Büsche
geschützten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, mußten sie
über das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das
zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger
schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darüber stürzende
Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug hätte also in einem solchen
Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu
rüsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht
entgehen können.

Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen,
denn ihre Canoes wurden nicht gerüstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines
ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu.

Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel
betrachtet, und daß Toanonga diesmal seine Hülfe nicht in Anspruch
nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch
einen Vorwand, den alten Häuptling nach der Ursache zu fragen, und ging
deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimniß, so wollte er es bald
aus ihm heraus bekommen.

Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gemäß,
richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder
fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge
und ziemlich in der Nähe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts
erfahren können. Spund wußte seiner Aussage nach allerdings die Stelle,
wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit
keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, daß er einige Mal längere
Unterredungen mit Toanonga selber gehabt.

Der alte Häuptling saß wie gewöhnlich vor seiner Hütte und nickte dem
Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu.

»Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga?« fragte ihn
dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte.
»Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr?«

»Je nun, Ma Kino,« schmunzelte der Alte, »können immer Alles gebrauchen.
-- Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mögen sie selber
herüberkommen.«

»Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinübergefahren.«

»Ja,« sagte der Alte gleichgültig, »habe es auch gesehen; sind
neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die
Papalangis an Bord haben.«

Mac Kringo wußte recht gut, daß sich der Alte nur so stellte, als ob
jenes Canoe aus freien Stücken dort hinüber gefahren sei. Ohne seine
Erlaubniß durfte nämlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen,
mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er ließ sich jedoch nichts
merken und antwortete nur ruhig:

»Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen.«

»Bah!« lachte der Alte, »ist auch nicht nöthig! was werden die
Papalangis viel sagen? Aber weißt du, Ma Kino, was das für ein Schiff
ist? doch keines, das herumfährt, Wallfische zu fangen?«

»Ich glaube kaum,« sagte der Schotte, »und denke eher, daß es zu euch
kommt Cocosnußöl einzutauschen.«

»Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben?«

»Jedenfalls,« meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelüste des
Häuptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. »Bewaffnet sind derartige
Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf
den Inseln finden.«

Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend
vor sich nieder; endlich sagte er:

»Wär' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen hätten; was meinst
du, Ma Kino? könnten nach Hapai hinüberfahren und die ganze Insel
wegnehmen. Bum -- bum! wie die Hapai-Burschen laufen würden, wenn
Toanonga mit solchen großen Dingern zu ihnen käme!«

»Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen,« meinte der
Schotte, »sie brauchen sie immer selber und können hier keine anderen
dafür wieder bekommen.«

»Wär' auch gar nicht nöthig,« sagte Toanonga finster, »brauchen hier
nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schießen -- Tonga-Leute gehen
auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an.«

Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er
nicht recht wußte, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte
er aber, daß der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit
der Sprache herauswollte.

»Sag einmal, Ma Kino,« fuhr da endlich Toanonga fort, »gefällt es dir
auf Monui?«

»Mir? gewiß!« erwiderte durch die Frage etwas überrascht der Schotte,
denn bis jetzt hatte sich der alte Häuptling entsetzlich wenig darum
gekümmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht.

»Und möchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen?«

»Ich danke schön, wenn es nicht sein =muß=, gewiß nicht!« lachte der
Matrose.

Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich
hin.

»Gut,« sagte er dann, »und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch
ein großes Schiff hätten, dann könnten wir's bald noch besser bekommen.
Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich
Frauen nehmen, so viel er will, die Mädchen von Hapai sind jung und
schön.«

»Wo, zum Henker! will der Alte hinaus?« dachte der Schotte. »Hat er doch
am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus
dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was =du=
wegschenkst, ist auch gewöhnlich nicht werth, daß man es aufhebt.«

»Pfeife ist ein guter Bursche,« sprang da plötzlich Toanonga auf ein
anderes Thema über, »und Spund sehr gut, nur ein Bißchen dumm, Jonas
nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl --
werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hält.«

Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm
Jonas gestern Abends erzählt und welche schwere Zeit der arme Legs
schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu
günstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, und er fragte
deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe.

»Pfeife,« sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren
hatte und sie danach nannte, »Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi,
arbeitet fleißig und macht Segel für die Canoes, und Lemon hilft ihm.«

»Lemon ist bei ihm?« rief Mac Kringo schnell.

Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in
diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen.
Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm
ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran,
sich jetzt noch länger hier aufzuhalten, denn er wußte Alles, was er
wissen wollte, und da Toanonga das Gespräch nicht wieder aufnahm, erhob
er sich und verließ langsam, als ob er in den Wald wieder
hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten übrigens aus
Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte,
der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wußte. Diesen mußte er seine
Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan
berathen.


3.

Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu
können. Das, sah er bald, war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen
Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus
Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu
betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch
Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fußweg und
unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er
einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle;
er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es würde wohl noch eine
Weile dauern, bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht
indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nähe liegenden und ihm
gehörenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.

So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze begränzte, und
einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da draußen stehende
Hütte lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten manchmal in
derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendämmerung auf den Fang
gehen wollten.

An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die ihn schon ungeduldig
erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der
Nähe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.

»Donnerwetter! daß ist gut, daß du kommst, Lord Douglas!« schrie ihm
Legs, der eine mächtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem
entgegen. »Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines Canoe, und in
einer halben Stunde können wir draußen an Bord und in Sicherheit sein.
Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt
und will mein Lebtag an Monui denken.«

»Unsinn!« sagte aber Jonas, »wenn wir jetzt hier mit einem Canoe
abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus
sind, und dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen
lassen.«

»Wo ist Pfeife?« fragte Mac Kringo, »den dürfen wir doch auf keinen Fall
zurück lassen.«

»Pfeife steckt drüben bei den Canoes,« rief Lemon, »und näht Segel. Da
müssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis
wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, können wir uns auch darauf
verlassen, daß wir sitzen bleiben.«

»Jungens,« sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die
dichten Mangrove-Büsche einen Überblick nach der innern Bai zu gewinnen,
»mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt eben das Schiffsboot,
von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die
Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es würde
auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.«

»Und weshalb brauchen wir es anzurufen?« rief Legs ärgerlich, »laß die
immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die
Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.«

»Du redest, wie du's verstehst,« erwiderte ruhig der Schotte, »und
glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weißen in dem
Falle als Geißel an Land zu behalten? So wie der merkte, daß wir ihm
durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und hätte die Anderen fest,
und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See
nehmen und seine eigenen Leute dafür zurück lassen.«

»Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!« fluchte Legs; »das kommt
aber von dem ewigen Trödeln und Berathen her! Erst hat =der= ein
Bedenken und dann =der=, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der
Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit
zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren überklugen
und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.«

»Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand,« sagte Mac Kringo ruhig, »so
wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und
schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und
deine und Pfeife's Stimme hört man eine Meile durch den Wald.«

»Na gut,« sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so
laut als vorher, »wenn du denn so genau weißt, was wir thun und lassen
müssen, so erzähl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im
Sinne hast!«

»Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!« entgegnete Mac Kringo,
»darüber scheinen wir allerdings einig zu sein, daß wir hier fort
wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Männer auftreten zu
können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die
Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz für uns an Bord
und überhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren
sind verdammt mißtrauisch, und hüten sich, besonders in der Nähe von
Australien, englische Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen
nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder entlaufener Seeleute
entsprungene Sträflinge aus den dortigen Colonien sind.«

»Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?« rief Lemon. »Wenn
wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fährt das Boot wieder ab, und
wir bleiben so klug wie vorher.«

»Lord Douglas steckt überhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas
wird!« rief Legs ärgerlich. »Wie klug konnte er damals sprechen, als die
_Lucy Walker_ noch hier lag! und wäre das Feuer nicht da zufällig
ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten
Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter
schmierigen Wallfischen drein.«

»Ja, aber« ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte
unterbrach ihn jedoch und sagte:

»Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wären, Legs, dann glaube ich
allerdings, daß du uns allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und
laß uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal meinen
Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin
gern erbötig, euch Folge zu leisten.«

»Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand
herum!« rief Lemon; »die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine
übrig.«

»So hört,« sagte Mac Kringo, »ich muß vor allen Dingen jetzt zum Alten,
um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache
verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land
gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu
sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine
Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts
dagegen, daß wir es zum Äußersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir
eben auf keine andere Weise fortkommen können. Können sie uns freilich
nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns das Beste, uns so ruhig wie
möglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung
nach, und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.«

»Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich euch ein Zeichen geben,
damit ihr wißt, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai
auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? --
=Die= behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch
von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können,
dann kommt so rasch ihr könnt an die Landung, bringt auch irgend eine
Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr
aber von dem Boot =kein= Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie uns
nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, daß wir für
jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.«

»Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,« brummte Legs. »Nun mach'
aber, daß du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den
Füßen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute
nicht zum Essen komme.«

»Und was wird aus Pfeife?« fragte Jonas.

»Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen,« entgegnete der
Schotte; »kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle
sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen,
sondern vertheilt euch hübsch, daß die Insulaner nichts merken. Es muß
aussehen, als ob ihr nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt
_good-bye_! wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord
wieder!«

Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem
fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das
Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen
schien. Daß diese dagegen etwas Besonderes und Außergewöhnliches
erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der
Nähe versteckt, und in Toanonga's Hause selber die bis dahin
eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne daß sich jedoch
der alte Häuptling im Geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ das
alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, würde
man kaum geglaubt haben, daß all das thätige Leben um ihn her nur einzig
und allein von ihm selber ausgegangen sei.

Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekümmert, und eigentlich
war es Toanonga ganz recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand
befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und
ohne sich an die geheimnißvolle Geschäftigkeit der Insulaner zu kehren
oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich
hätte interessiren müssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu
haben.

Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, mit dem er sich in
seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal
ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er
eigentlich sagen wollte.

»Ah Spund,« redete ihn der Häuptling freundlich an, »es ist gut, daß du
gerade kommst. Ma Kino steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Papalangis
ans Land kommen, muß doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht;
Papalangis schrecklich dummes Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln
kommen, um die Sprache zu lernen!«

Spund ließ sich ohne Weiteres neben dem alten Häuptling nieder und
sagte.

»Ja, Toanonga, Papalangis mögen in Manchem dumm sein, aber sie haben
doch wenigstens den rechten Glauben.«

»Glauben? Glauben haben wir auch!« sagte Toanonga. »Ich glaube, daß da
drüben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu uns
herüber kommen wird.«

Spund seufzte tief auf.

»Ach,« stöhnte er, »daß du nur immer an irdische Dinge denken willst,
Toanonga! Weißt du denn, was uns bevorsteht, wenn wir plötzlich
sterben?«

»Sterben? wer denkt an Sterben!« lachte Toanonga. »Wenn das kommt, ist
es Zeit genug, und dann gehen wir hinüber nach Bolutu[33] und werden
Hotuas.«

»Ja, Hotuas!« ächzte Spund, »man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga!«
setzte er dann gutmüthig hinzu, »du bist sonst ein braver Mann, und ich
mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich
ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.«

»Gefahr?« sagte der alte Häuptling, und sah rasch und mißtrauisch in die
Augen des Seemannes, »und was weißt du von Gefahr?«

»Ich weiß, was hier in dem Buche steht,« sagte Spund, auf die Bibel
zeigend, die er sorgfältig unter dem linken Arme trug. »Und daß wir
einmal an einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum
rechten Glauben bekehren.«

»So?« lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die
Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher außerordentlich
gleichgültig gelassen. Er selber versuchte übrigens nie einen der Weißen
zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht
denken konnte, daß Papalangis auf Bolutu zugelassen würden. Was hätte es
ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche
Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen
aber nur noch mehr, ihm nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das
Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:

»So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht
mehr =so= sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und
Zähneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden
von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

»Ist das euer Glaube?« fragte Toanonga, »und kommen die Papalangis
wirklich an solchen Platz?«

»Allerdings!« rief Spund, der jetzt endlich des Häuptlings
Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. »Wenn wir
nicht fromm und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an
Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht
zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare
Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur
daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?«

Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte dabei
langsam mit dem Kopfe.

»Hm, hm, hm!« sagte er dann, »=das ist sehr schlimm für Papalangis!=«

»Für Papalangis?« rief Spund überrascht, den diese Wendung ganz außer
Fassung brachte.

Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das
Boot der Weißen jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und
das Gespräch war dadurch natürlich abgebrochen.

»Verdammter, dickköpfiger Heide!« murmelte aber Spund in sehr
unchristlicher Entrüstung halblaut und ärgerlich vor sich hin. »Na, daß
du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst
du dich doch fest verlassen.«

Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm.

Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr
geflüstert, und der alte Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen.

Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer saß ein
Europäer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene
der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich
umzugehen wußten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen
ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, während sie mit den Fremden
ihre Begrüßungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine
von den Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich
nicht unter einander verständigen, während der Fremde die Tonga-Sprache
vollkommen gut und fließend redete.

Es war eine breitschulterige, kräftige und ächte Seemanns-Gestalt, die
den Engländer nicht verläugnen konnte, mit blauen, klaren Augen,
wettergebräunten Zügen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch
ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt
hatte, zu, schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem üblichen Gruße
der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit
davon stand, warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten Blick --
denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht,
mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden
breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und
achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die
verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare
und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich
wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weiße hier
gehören mochte.

Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklärte,
Alles von Cocosnußöl, was auf der Insel vorräthig sei, aufzukaufen und
dafür Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen.

Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, daß er die nöthigen
Befehle dazu geben werde. Damit ließ er den Fremden stehen und wandte
sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche,
der mit dem Canoe draußen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine
Seite glitt.

»Nu, Tibi--ano,« sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden
entfernt war, um nicht von ihm gehört zu werden, »wie viel Weiße sind
draußen auf dem großen Canoe?«

»Noch fünf, Toanonga;« lautete die Antwort, »außer dem hier und noch
drei Kanakas. Der hier Capitain.«

»Ah, vortrefflich!« nickte Toanonga, »sehr gut das! und haben sie
Kanonen?«

»Zwei; nicht sehr große.«

Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich hin, und warf dabei
vorsichtig den Blick umher, sich zu überzeugen, ob seine Anordnungen
ausgeführt würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs
oder acht andere Insulaner, während die Kanakas, von einem der
Monui-Leute geführt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen
waren, dort eine Anzahl Nüsse herunter zu werfen. Der Capitain des
Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht über den Untergang
der _Lucy Walker_ abstattete.

Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten Pandanus-Dickicht und ging
auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein
eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar
im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt,
zweifelte er keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses gegen
die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen
konnte, desto besser.

Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gespräch schräg
an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt,
zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhörte und der
Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein
paar Pandanus-Bäumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen
Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So
wie jedoch der Capitain an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen
Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen
werden konnte, sprangen diese plötzlich empor und warfen sich auf ihn.

Überrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes
zu bemächtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten
schlug er sie mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten
Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl war jedoch zu groß; ehe er
sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese überall um ihn her,
und trotz seinem wüthenden Sträuben fand er sich bald gebunden und in
der Gewalt der Feinde.

Spund war ein höchst überraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so
schnell gekommen, daß er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem
Landsmann beizustehen.

Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte allerdings etwas
Ähnliches gefürchtet, aber er übersah auch mit einem Blick, daß sie hier
mit Gewalt gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten
konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig.

»Hallo, ihr Halunken!« schrie dabei der Engländer in der Tonga-Sprache,
»ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt,
und ihm vorher euer verrätherisches _chio do fa_ entgegen ruft? und ihr
da,« wandte er sich gegen die Weißen, als er Mac Kringo gerade
erblickte, »=zwei= Engländer und lassen mich hier von den verdammten
Rothfellen mißhandeln? Ihr seid schöne Canaillen! hätte ich nur =Einen=
von meinen weißen Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen
Schufte wäre mir nicht zu nahe gekommen.«

Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hülfe springen
wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten
auftauchen sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer überlassend,
sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten.

Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen Kampfe war
Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weißen gebunden und
unschädlich gemacht sah, zu ihm trat.

»Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten
lassen, wortbrüchiger Häuptling?« rief ihm der gereizte Engländer
entgegen.

»Ruhig, mein Freund!« suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen.
»Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist außerordentlich
leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren Feind
zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leids zufügen wollen, so brauchten
wir dir nur den Schädel einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht
gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhältst und das thust, was wir von
dir verlangen, so hast du nicht allein für dich oder die Deinen nichts
zu fürchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise
ungehindert fortsetzen.«

»Und was verlangst du von mir?« fragte der Fremde. »Wenn es etwas ist,
das ich erfüllen kann, wär' es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf
andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!«

»Daß du es erfüllen =kannst=, wußte ich vorher,« erwiderte vorsichtig
Toanonga, »nur darauf kam es an, ob du es erfüllen =wolltest=, und ich
hielt es deshalb für besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu
sichern.«

»Eine verdammt schöne Art!« fluchte der Capitain, »wenn du dich nur
nicht darin geirrt hast!«

»Ich glaube kaum,« sagte vollkommen gleichmüthig der Häuptling. »Wie
heißest du?«

»Jacobs,« brummte der Fremde verdrießlich.

»Und dein Schiff?«

»Bonito.«

»Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine
Kanonen, um nach Hapai hinüber zu fahren, und die Häuptlinge zu
züchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt haben.«

»Mein Schiff!« schrie Jacobs wild emporzuckend, »den Teufel auch! das
brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch
draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann auf eine Art
empfängt, die euch nicht behagen wird.«

»Das habe ich mir etwa gedacht,« lachte der Alte, »und dich hier
festgehalten, um uns die Mühe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt,
wie du recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben
zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fügst du dich aber
in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir,
daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen
werden, daß du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt
haben.«

»Der Teufel trau' euch!« rief Jacobs, »und im allergünstigsten Falle
hätte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut
mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf
verlaßt euch, daß mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist,
blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.«

»Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?« sagte Toanonga, »er
muß froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fünf
weiße Männer an Bord, und der Wind draußen wird schon schwächer. Wenn
wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr
nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie
etwas davon wieder.«

Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen
hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem
Alten:

»Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er
einsieht, daß er doch nichts daran ändern kann.«

Toanonga sah den Schotten etwas überrascht an, denn er hatte sein Kommen
gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen.
Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wußte, schien er dem
Vorschlage nach einiger Überlegung beizustimmen.

»Gut, Ma Kino,« sagte er, »sprich du mit ihm.«

»Und was willst du, daß er thun soll?« fragte der Schotte.

»Er soll hinausschicken und die anderen weißen Männer an Land rufen. Er
mag ihnen sagen lassen, daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür
Cocosöl einzutauschen!«

»Daß ich ein Esel wäre!« rief Jacobs. »Ich soll mir selber die Hände
binden, nicht wahr?«

»Seid ihr der Capitain des Schooners?« fragte ihn der Schotte in
englischer Sprache.

»Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der _Lucy Walker_?«

»Ja. -- Wie viel Weiße habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest
verlassen könnt?«

»Fünf, mit dem Steuermann.«

»Den Steuermann können wir nicht rechnen,« sagte der Schotte, »der muß
an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?«

»Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein
Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, daß die Rothfelle ihre Drohung
ausführen würden?«

»Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmüthig und friedlich genug,
aber jetzt gerade zu einem Kriege gerüstet, und ich möchte euch nicht
rathen, sie zum Äußersten zu treiben.«

»Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn
sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar
Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten.

»Habt ihr Musketen an Bord?«

»Gewiß.«

Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder.
Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Häuptling
sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.

»So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,« sagte da der Schotte.
»Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer
eigenes Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher Besatzung
hättet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch
am Ende noch möglich, sie anzuführen, wenn ihr euch verpflichten wollt,
uns Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.«

»Wie viel seid Ihr?«

»Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie ihr euch wünschen könnt.«

»Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her.«

»Deshalb müssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hülfe haben.«

»Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?«

»Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens keine andere Möglichkeit,
euch zu helfen.«

»Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß =ihr= es ehrlich mit mir meint?«
sagte Jacobs. »Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die
Hände laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen
unter Einer Decke steckt!«

»Das Mißtrauen muß ich euch allerdings zu Gute halten,« sagte Mac
Kringo, »und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich
keine weitere Bürgschaft für euch, als die Versicherung, daß uns allen,
oder wenigstens Fünfen von uns, der Boden hier unter den Füßen brennt,
und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. Jetzt
thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wißt, euch zu helfen, so
ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich
sehe, fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.«

»Ihr habt Recht,« sagte Jacobs nach kurzer Pause, »es ist das die
einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der
Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug
entkommen, sobald er merkt, daß für uns Alles verloren ist. Aber auf
welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens
meine Leute zurückrudern ließen!«

»Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugiebt,« sagte der Schotte,
»denn der günstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die
am Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen
wir gleich hören, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.«

Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal
mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden
wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm
höchst rücksichtslos von dem Papalangi, daß er ihn auch noch so lange
darauf warten ließ.

»Nun mach rasch, Ma Kino,« sagte er, als er zu ihm trat, »meine Leute
wollen nicht länger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren,
denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?«

»Er fügt sich deinem Willen,« erwiderte der Schotte; »wenn ihr keinem
von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es
gebraucht habt, zurückgeben wollt.«

»Nun versteht sich, versteht sich,« erwiderte der Alte, ungeduldig mit
dem Kopfe schüttelnd.

»Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug,« fuhr Mac Kringo fort,
»und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.«

»Nicht gutwillig hergeben wollen?« lachte Toanonga, »wenn wir die Weißen
erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.«

»Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?« fragte der Schotte.
»Wer soll hinüberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht
hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.«

»Du hast Recht,« sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den
Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wäre natürlich nicht
wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber lassen, da
die ja Zeuge des Überfalls ihres Capitains gewesen waren.

Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen auf der Insel traute er
ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, daß er ein paar von seinen
eigenen Leuten hinüber rudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht
verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten würden, der
ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar
Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe
hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain
absegeln konnte, zu entern; aber er fürchtete die Kanonen und durfte
seine kriegsfähigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug
zu unternehmen, nicht also gefährden; so lange er deshalb hoffen durfte,
seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern
vermeiden.

»Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache?« fragte da Mac
Kringo, während der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden
Capitain in englischer Sprache.

»Nein, kein Mensch,« sagte dieser.

»Desto besser,« nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet,
fort: »Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen
zu lassen, was du willst?«

»Allerdings, sehr gern!« rief der Alte, dem damit ein großer Gefallen
geschehen wäre.

»Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinüber.«

»Spund?« fragte Toanonga, und schüttelte bedenklich mit dem Kopf.

»Spund ist eine gute, ehrliche Haut,« beruhigte ihn der Schotte, »und
wenn du dem drohest, du würdest ihm den Schädel einschlagen, sowie er
das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem
braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß die Papalangis
die Kunst verstehen, auf ein weißes Stück Zeug Zeichen zu malen, die
einem Anderen sagen, was er wissen soll.«

»Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will!«

»Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber
überzeugen, daß er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.«

Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund
glaubte er sich übrigens am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt
wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er gab auch des
Gefangenen Hände frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringo's Plan ein,
nahm seine Brieftafel aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb
darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier
Papalangis herüber und laß sie Messer und Tabak mitbringen; darunter
aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier
Matrosen gut bewaffnet!

Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war
aber sehr erstaunt, daß der Fremde so rasch damit fertig wurde.

»Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?« fragte er lachend.
»Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino,
der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.«

Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt
geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem
Zettel zu Mac Kringo, und war aufs Äußerste erstaunt, als dieser ihm
jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das
Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die
Beiden konnten sich auch über diese Worte vorher verständigt haben. Er
ging also wieder zu Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte
=Monui= und =Toanonga= aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt
nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte
ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Gränzen. Besonders
konnte er sich gar nicht denken, daß er Monui gleich erkannt habe, da
die fünf sehr auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu
unterscheiden waren.

Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und würde
sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die
Zeit nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe versprach er sich
aber einen außerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flüsterte
lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden
und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher
mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen
mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war jetzt nur in
Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte
er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den
Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln enthalte, hatten
ihm schon eine Menge Blätter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft
werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und
beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen.

Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand
gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm
vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. »Bringe Hülfe, oder wir sind
verloren!«

»Ja, aber!« rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle
Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere
Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden
Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.


5.

Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften
keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des
Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im
Gegentheil darin, daß sie mit der Verstärkung vom Schooner, die
jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann
den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er
deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete
Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann
zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die Kameraden bald in der Nähe
hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen
und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht
glücklich zu bewerkstelligen.

Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer an der Landung
versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier
Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu
besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, daß die
Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so
rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen Vorsprung lassen
mußten. In dem Bewußtsein freilich, daß sich jetzt der entscheidende
Augenblick näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, oder im
Falle des Mißlingens die größte Gefahr von den gereizten Eingeborenen
drohe, schlug ihm das Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die
Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er
sich befand, schritt er den Büschen zu, vielleicht einem der Kameraden
zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen.

Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch
eines Häuptlings Wohnung nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die
Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte
man es mit ihm, der als ein Häuptling der Weißen und als ein Fremdling
betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang
an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mächtig,
ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzählen konnte.
So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden
Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos
in der Nachbarschaft umher.

Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen,
so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum
umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs
oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit
gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese
brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen
vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber
konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht
hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon
erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als
Mac Kringo.

Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und
unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein
neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre
bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige
Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem
gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die
Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann
er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie
nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit
dem sie nach Hagai hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen
könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung
dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu
machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie
furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn,
die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den
Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine
eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff
zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die
Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht
wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen
im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen.

Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt
durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen
und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der
Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn,
zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs
gewärtig seien.

Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe
hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn
der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit
Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das
Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte
ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.

Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft des andern Weißen
einverstanden, ging auch ohne weitere Umstände auf Jonas zu und fragte
ihn, was er da schon wieder wolle.

»Was ich da will?« entgegnete dieser etwas verblüfft, »Tabak, bei Gott,
wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen
gesehen haben.«

»Gut, Freund,« entgegnete Toanonga ruhig, »du sollst Tabak haben, jetzt
aber geh hin, wo du hergekommen bist, und laß dich nicht eher wieder
hier sehen, als bis ich dich rufe.«

»Aber ...« sagte der Matrose, der jetzt nicht wußte, ob er dem
erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Häuptling ließ ihn
jedoch gar nicht ausreden.

»Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?« fragte er, und zwar viel
ernster, als er ihn noch je gesehen. »Komm her, Ma Kino, schicke mir den
Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will
ihn hier nicht länger sehen.«

Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie
sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß
ihr ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde konnte das
Boot nämlich nicht heran sein, und bis dahin würden die Eingeborenen sie
leicht bewältigt haben.

»Komm, Jonas,« sagte er deshalb zu dem Kameraden, »geh zurück in den
Busch, es hilft jetzt nichts, wir müssen ihm gehorchen -- aber nicht zu
weit fort. Wo sind die Anderen?«

»Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben die rothen Blumen
stehen.«

»Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr
mich aber Hülfe schreien hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße
tragen.«

Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gespräch mit unruhigem
Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade
in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre es ihm sehr
unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu haben, die am Ende den andern
Weißen hätten beistehen können. Übrigens ließ er sich gegen Mac Kringo
nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnuß auf
und sagte zu dem Schotten. »Hast du ein Messer bei dir?«

»Ja wohl,« erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch
gegen sich mißtrauisch zu machen. »Soll ich sie dir öffnen?«

»Laß nur sein,« erwiderte der Alte, »ich thue es selber.« Damit nahm er
das Messer und stach ein Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus,
trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die
Hand aus, das Messer wieder zurück zu empfangen, Toanonga aber schob es
mit vollkommener Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte:

»Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher
sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer,
und unsere Freunde werden gleich da sein.«

Der Schotte biß die Zähne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut
auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten
Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu springen und es ihm
mit Gewalt zu entreißen. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm
vorbei und gingen nach der Landung hinunter, während sich von den
übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden
Weißen gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den
Kameraden in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff --
es war das vielleicht die letzte Hülfe, und in dem ersten panischen
Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischießende
Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg
abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor
dem Eingang der Hütte.

Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt
und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan
gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er
schritt auf die Beiden zu und fragte den Engländer mit vor innerer
Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol
bei sich habe.

»Nichts,« sagte dieser, »als meine Hände; ich habe keine Gefahr
gefürchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop
eingesteckt.«

»Bei Gott, das thuts!« lachte Mac Kringo wild vor sich hin. »Zieht es
heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den
Kopf, und droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen wollt, so wie
er sich rührt.«

»Mit dem Teleskop?« fragte der Capitain überrascht.

»Was wissen die von einem Teleskop?« rief Mac Kringo, »sie sehen das
blitzende Metall und halten das -- aber wir versäumen die Zeit, es ist
kein Augenblick mehr zu verlieren.«

Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, aufmerksam betrachtet,
als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war
aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden
Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie
wahrscheinlich nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren wollten.

Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er plötzlich die Hand
des Fremden auf seiner Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach
ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes _Oiau!_ aus, als
er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument
erblickte.

»Rühre dich, und du bist des Todes!« schrie dabei der Engländer, und
»Hülfe! Hülfe!« tönte Mac Kringo's gellende Stimme über den Platz.

Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Häuptling
beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo
entgegen und rief. »Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um,
so wie ihr euch ihm naht!«

»Hurrah, Jungen! Hurrah!« tönte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf
durch den Lärm, »hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!«

Überrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her
schnell hinter einander zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über
ihnen in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß zugleich einen
scharfen, eigenthümlichen Schrei aus, ein Zeichen für seine Leute, und
während die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt
über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute
wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stießen Patronen in ihre
abgeschossenen Gewehre nieder.

Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig gewesen. Mit raschem
Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und
sein scharfer Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich
befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfaßt zu
haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden
Seiten nicht wußten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.

»Nach dem Boot! Nach dem Boot!« rief Mac Kringo, der recht gut fühlte,
daß sie diesen ersten Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit der
Rechten Toanonga's Arm ergreifend, während er in der linken das gezückte
Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser
hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender
Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben aufs Äußerste gefährdet
glaubte.

Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt Raum gegeben, da sie
nur unbewaffnete Weiße zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf
vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das
Boot berührte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein
halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in
demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch
die Schaar der am Ufer gedrängten Männer und Frauen hindurchbrach, den
sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei
Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaßten schon den Rand
des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich
und rücksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurückhielten.

»Du bist unser, du darfst nicht fort!« schrien sie dabei, und eine
ergriff die kurze Kriegskeule, die er geführt, und riß sie ihm aus den
Händen, während sich die andere an seinen Hals hängte und laute
Wehklagen dabei ausstieß.

Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen Schutz gebenden Häuptling
bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der
Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis
wollten ihren How gefangen mit fortführen. Mit wildem Aufschrei stürmten
sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp
von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen.

»Hieher, Legs! hieher Spund!« schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga
los ließ und an Jacobs' Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter
floh.

»Bestien!« knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zähnen
hindurch, und ohne die geringste Rücksicht auf das zarte Geschlecht
versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge
zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. Im
nächsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorüber dem
Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer Gefahr
sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, während die mit
Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hähne schnappen
ließen.

Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt.
In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang,
war Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein
flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nämlich die halbe
Mißhandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und
eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. Toanonga
dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten Verräther von Allen, da er,
anstatt die Weißen in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord
jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. So ruhig
und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und
empört war er jetzt. War nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet?
hatten die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu
legen? Deshalb also dem ihm nächsten Krieger eine Keule entreißend,
führte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schädel des
armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden wäre. Zu
seinem Glück schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum,
daß er fast unwillkürlich mit beiden Händen empor hob, als er die Keule
niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des
Schlages in etwas; derselbe war aber zu kräftig geführt worden, um sich
ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf
niederprallte, warf es den Böttcher hinterrücks auf die scharfen
Corallen.

Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn
wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. »Nach den Canoes,
nach den Canoes!« donnerte seine Stimme die Bai entlang, und während die
mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die
verstümmelten Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute
flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie
doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg
abschneiden.

Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurückgeblieben und ein
paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig
abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden
gesehen, und während die Mannschaft desselben das halb auf den Strand
gerathene Fahrzeug zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine
der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der Insulaner in die
Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich
zurück, während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte
Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Höhe, und Buch wie
Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf in das
Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm
geführte Schlag des alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht
beschädigt, doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, einen
zweiten derartigen Angriff abzuwarten.


6.

Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen
die Ruder auf, während die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im
Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das Boot ging aber
durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte
keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.

»Teufel noch einmal!« flüsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm
saß, zu, »die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes
den Weg abzuschneiden.«

»Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!« lachte aber Lemon
ingrimmig vor sich hin. »In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich
ein wunderhübsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder
ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.«

»Das war gescheidt, mein Bursche!« rief der Schotte, »hehehe, wie sie
uns verwünschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch
nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser,
als wenn wir in einem Spülfaß säßen.«

Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen
nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine
bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln
traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und die anderen fielen schon
zu kurz.

Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die
ersten Canoes der Verfolger aus einer geschützten Bucht vorschießen
sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlänglich aufgehalten worden,
um den Flüchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute
genug im Boot saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus
Leibeskräften arbeiten.

Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott
bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verließ, folgten ihnen
erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über die
Corallen stürzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und
sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen.

Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter draußen. Der
Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die
verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort herüber
gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die
Segel backgebraßt, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese
auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes
schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reißender Schnelle
näher kamen; aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief
es langseit, und wenige Secunden später kletterten schon die Matrosen
mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor.

Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher für gerettet halten
konnten, als bis sie die Insel windwärts brachten und die drohenden
Riffe hinter sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den
geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und
während der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang
Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick nach der
Insel zu gewinnen.

Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui genau und wußte, daß gerade
nach Westen zu den übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten sie
nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und daß der Schooner
nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug.
In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben
kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die über
die glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr
vorbeilaufen konnte.

Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich zu einem Kampfe zu
rüsten; denn daß die Insulaner, solcher Art um die schon sicher
geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen
würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens kaum die neue Gefahr,
die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum
Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land
zurück lassen müssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese
Gelegenheit sehr erwünscht gekommen zu sein --, dafür war aber seine
Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt worden, und mit den
zwei kleinen Kanonen, die er am Bord führte, hoffte er sich die Wilden
schon vom Leibe zu halten.

Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht genöthigt sein
sollte, auf die zu schießen, die ihn doch eigentlich freundlich
aufgenommen. Dabei wußte er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu
erwarten hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der Eingeborenen
fielen, und der Selbsterhaltung mußte jede andere Rücksicht weichen.

Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise stärker werden sollte, wo
sie den Canoes dann bald entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der
Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, nach welcher
Richtung hin hier die Strömung ging, donnerte ihnen die Brandung schon
drohend in das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei werfen,
aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen
entfernt, keinen Grund.

Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden
hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort
mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort aber wurden
jetzt die ersten Canoes sichtbar, während die drei, die ihnen gefolgt
waren, ihren Angriff nur zu verzögern schienen, bis sie von ihren
Freunden unterstützt werden konnten.

Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten
eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, daß ihm keine weitere Wahl
blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der großen Übermacht
der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas
einzuschüchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb
gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich
darauf so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil eines der
Canoes wegriß und, wie es schien, den Steuernden beschädigte.

Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung dienen; denn während
sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten,
vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen Angriff von
allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.

»Da kommt die Brise!« rief da plötzlich der Steuermann des Schooners,
der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich
alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die
Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte und kräuselte. Aber die
Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie
ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. Die Ruderer
strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen
Plätze so rasch als möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie
von allen Seiten zugleich heran.

Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn
über das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann
jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher kam auch der
dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die
kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel
flappend gegen den Mast und -- blähten aus. Vorn unter dem Bug kräuselte
und schäumte das klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes
rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück.

»Alle nach vorn, Jungens!« jubelte da Jacobs' Stimme über Deck. »Das kam
zur rechten Zeit! und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das größte
Canoe da vorne mitten darauf!«

Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug
ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften
nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die
vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten wie wenig Leute ihnen die
Papalangis entgegenstellen konnten, und daß die erste Kanonenkugel
keinen größeren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhöht.
Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, daß sie
nicht hätten anlaufen und entern können; aber mit immer größerer
Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht
zurückgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes
gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch
zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie recht gut, konnte er nicht weiter
aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen.

Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmäßiger Brise mit
vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind
ordentlich in die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der
Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt.

»Gebt Feuer,« rief er, »so wie ihr das Weiße von ihren Augen sehen
könnt!« und dann selber an sein Steuer springend, ließ er sein Fahrzeug
trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts
herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und überraschte die beiden an
der linken Seite so vollkommen, daß der Bug des Bonito das Hintertheil
des einen ergriff und übersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich
allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und
suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in
die nächsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten,
drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf über der
Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag.

Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als
der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im
nächsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorüber, daß
sie mit einem Steine hätten in die Brandung werfen können, und ließen
jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen mußten,
zurück. -- Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag
hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die
hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurück zu schicken. Das
aber litt Jacobs nicht.

»Laß sie laufen, mein Junge,« sagte er, indem er den Arm des
Steuermannes zurückhielt. »Sie werden Noth genug haben, von der Ecke
dort weg zukommen; vor =uns= aber liegt die blaue weite See, und mit dem
Bewußtsein, all jenen Gefahren so glücklich entgangen zu sein, mag ich
kein Menschenleben mehr zerstören.«

Fußnoten:

[32] Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte Zeug. Das
ungedruckte heißt Tapa.

[33] Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der
Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine große, wunderbar schöne
Insel, mit allen Früchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen
liegt -- so weit in der That, daß sie dieselbe mit ihren Canoes nicht
erreichen können. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder göttergleichen
Geistern, die auch -- besonders die Seelen der Häuptlinge -- im Stande
sind, Einfluß auf das Leben der Sterblichen auszuüben. Sie erzählen
sich, daß einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei,
und die Leute wären ans Land gesprungen und hätten sich von den
prachtvollen Früchten pflücken wollen; sie hätten aber keine ergreifen
können; denn unter ihren Händen wurden sie zu Luft. Auch durch die
Bäume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen
leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Körper. Ein Hotua kam
da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als möglich zu
verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein.
Der Wind blies auch so günstig und scharf, daß sie Tonga schon nach
einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, mußten sie alle
sterben. Ihre Körper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen können.
An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht.



II.

Im Ostindischen Archipel.

Der Balinese.


Östlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm
getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschöne, gebirgige Eiland
=Bali,=, von einem kriegerischen, kräftigen, arbeitsamen Volke bewohnt
und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut.

Trotz seiner Nähe bei dem schon längst den Holländern unterworfenen Java
hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene
Unabhängigkeit zu bewahren gewußt, und erst in den letzten Jahren gelang
es den Holländern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils
durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard
von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, daß sie ihre
Oberherrschaft anerkannten.

Die Balinesen sind, was die Missionäre »blinde Heiden« nennen, d. h. sie
haben ihre eigenen Götter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren
eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre
Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit längerer
Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam übertraten. Von den
muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von
christlichen Missionären sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie
das abschwören zu machen, was andere Nationen eine =Irrlehre= nennen.
Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines
Beweises bedürfte, daß die christliche Religion keineswegs unumgänglich
nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese
Balinesen als =Heiden=, und ihre Nachbarn, die Javanen, als
=Muhamedaner= davon den schlagendsten Beweis.

Was die Cultur Balis' betrifft, so läßt diese nichts zu wünschen übrig.
Jedes Plätzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen
bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches
Schiff hat dort schon für den europäischen Markt seine Ladung von Reis,
Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, während hunderte von
Prauen (die inländischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst
bis von China herüber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen
Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder
Fürsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit
unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen
Oberhäuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf
Diebstahl, steht Todesstrafe. -- Außerdem sind sie aber auch noch in
vielen Künsten geschickt und erfahren. Vorzüglich ihre Stahl- und
Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berühmt in der
ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist
dabei anständig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen.

So viel als kurze Einleitung für den Leser, der die kleine Insel bis
jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen
kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Räuber- und Piratenbande
erscheinen ließ. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten.


1.

Es war im September des Jahres 184*, als in dem südlichsten Rayat von
Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rüstig aus der fruchtbaren
Hochebene nieder der Süd-West-Küste der Insel und der Bai von Balikota
zu stieg. Wohl führte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Straße
von Badong zu dem kleinen Städtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge
Balinese hätte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem
Wege gehen müssen, und da er überdies auch nicht gewohnt war, einer
breiten, bequemen Straße zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader
Richtung die nähere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn.

Diese führte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flächen
und an den schmalen Dämmen bewässerter Reisfelder hin, zu den Rändern
steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit
ihrer wilden üppigen Vegetation in die urbar gemachten und in
vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen.

Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blättern und
Blüthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das
saftige Grün der Hänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. Hoch und
kühn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Königin der Wälder,
mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Südost-Monsoon
hier nur in leichtem Säuseln erreichen konnte, und die Arekapalme
streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen,
pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die
Bambushütten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen
Ränder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe
Blüthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmäßig
und reich über die Landschaft gestreuten Bäumen der ganzen Scenerie eine
eigene wunderbare Färbung gab.

Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie
und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen,
die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Ränder trugen.
Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute über die stille Gegend. Hie
und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen
und riesigem, fast unverhältnißmäßig großem Schnabel am Rande der
Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien,
aus Höflichkeit, als aus besonderer Sorge für seine eigene Sicherheit
ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem
Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bäumte auf und schaute
mit den langen Hälsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder.

Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken
beschäftigt, um solchen, überdies durchaus gewöhnlichen Gegenständen
auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich
ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten
Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte,
von der aus sich eine weite Aussicht nach Süden und Südwest über die
Küste und das ferne Meer gewinnen ließ.

Über Gebüsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang
bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain überschauen, der das kleine
Städtchen Kota mit der ganzen dortigen Küste umgürtete, während das
blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschäumte.
Massen kleinerer Segel, meist inländische Prauen, hie und da aber auch
chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten
Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europäisches Schiff lag
gerade über der Corallenbank und durch die südlich auslaufende Spitze
des Landes (von den Engländern Tafelhoek genannt) gegen den
Südost-Monsoon geschützt, draußen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch
fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser,
während einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinüber brachten. Die
holländische Flagge wehte von des Fremden Gaffel.

Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in
das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken öffnete. Aber seine
Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher
sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt
seine Stirn in düstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen
schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm
verhaßten, feindlichen Flagge hinüber.

Es war eine edle, schöne, schlanke und doch so kräftige Gestalt, wie sie
unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in
den Zügen, als ob der zürnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes
Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes
vor sich erblicke. Die Züge seines Gesichts konnten fast griechisch
genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die
schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem
indischen Stamme anzugehören; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die
dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar
verriethen den Sohn dieser Küste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in
die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanähnlich ein
dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur
daß oben die üppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll.
Um seine Hüften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein
gleiches von ähnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot,
eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inländischem Zeug gewebt,
hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe über die Schulter, mit dem einen
langen Zipfel die rechte Brust bedeckend.

In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder
Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefärbtem
Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Südamerikanern, der lange
Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hölzerner, wunderlich
geformter und mit Goldplättchen zierlich ausgelegter Scheide, während
der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls
mit Gold eingelegt war. An den Füßen trug er zierlich genähte
Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer über den
Spann herüber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und kräftig
geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast
weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen,
steinharten und herzförmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum
schmalen Bande zusammengeflochten.

Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dünnes Blasrohr, aus
hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fünf Fuß Länge, an das oben mit
Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der
Seite befestigt war, daß sie dem Schuß des Pfeils oder Bolzens nicht
hinderlich sein konnte. Der Köcher, der die kleinen aus Bambus
gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift
bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite.

Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich
daran stützend, daß sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte,
murmelte er mit leiser, halbunterdrückter Stimme vor sich hin:

»Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und
wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und =uns= zum Nutzen,
wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr räuberisches Ziel im Auge.
Halb =sind= wir ja schon besiegt,« setzte er mit finsterem Grimm hinzu,
die Worte durch die zusammengepreßten Zähne zischend, »und wenn nicht
noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstünde und mit aller
ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den
Fremden keinen Fuß breit Boden weiter gönnend, wie säh's um Bali aus!
Hielt er die Hand nicht über unser Land gestreckt, wie bald würden die
Fremden, die Brachma verdammen möge, das Land überschwemmen und den
ganzen Fluch ihres Geschlechts über uns bringen. In den Thälern wüthet
schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten
die Luft.«

»Die alten Prophezeihungen werden wahr,« fuhr der Einsame in seinem
Selbstgespräch inzwischen fort. »Der weiße Jakal hat den schwarzen
überlistet und wüthet in seinem Jagdgrund, während unsere Götter ihr
Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen.
»Der weiße Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht
gehorchen,« sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von
Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefüllt
hat. Ei, er möchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und
Pfeilspitzen würden sein Herz finden, daß sein Blut den Boden düngte.
Aber nur zusammen müßten wir stehen, in innigem Bündniß, nicht jeder
Rajah für sich selber aus kleinlicher, erbärmlicher Furcht das Bündniß
des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, für sich
selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Völker, lügen sie dabei,
hätten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen
Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Völker, die ihrem Schutz durch
Brachma anvertraut, nichtswürdig zu verrathen.«

»Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenüber? -- Unsere Prauen liegen
müssig am Strande, unsere Arme werden durch gefährliche Unterhandlungen
gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren
Tempeln entgegen, und schändet uns und unsere Götter. Fluch über solche
Unthätigkeit, über das Zaudern und Zögern und Wählen und Fürchten. Wenn
das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit
Sklave und Feigling. O mein schönes, armes Vaterland!«

Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich
überlassend, als sein Auge plötzlich auf das Armband fiel, das er am
linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schönen
und edlen Züge belebte.

»Kassiar,« murmelte er leise, indem ein flüchtiges Lächeln über sein
Antlitz glitt, »Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich
dem giftigen Einfluß jener Fremden entreißen und mit mir in meine Berge
führen. Dort bieten wir dem fremden Einfluß Trotz, und kommt einmal die
Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber
muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser
Schlachtschrei soll die Feinde zurück auf ihre Schiffe schrecken. --
Kassiar!«

Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf,
und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu.
Hier mußte er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld
durchschneiden, das nördlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai
ausmündenden Kali oder Flusse lag. Eine Brücke gab es über den Strom
nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von
dem angeschwellten Wasser unterwühlt hinübergestürzt, daß ihr Wipfel
eben das jenseitige Ufer berührte. Auf dieser lief er hinüber, drängte
sich durch den morastigen, mit niedrigen Büschen bedeckten Uferstrich,
der die nördliche Seite der von Tuban nach Kota führenden Straße und den
Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen
Punjannjo's, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rüstig
dahin schritt.


2.

Wie das über ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller
Waldespracht! -- Wie das flüsterte und raschelte, und mit den langen,
herrlichen Blättern wehte und ineinandergriff! -- Hier war nichts
Fremdes, nichts Verhaßtes mehr; das war sein eigenes, schönes Vaterland,
die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder
aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es
rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und
elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege
traf, und die Reis und andere Feldfrüchte, oder Matten und Körbe in die
Stadt zu Markte trugen.

Schon hatte er hier die Gärten erreicht, die theils mit der
rothblühenden Butju (_rosa sinensis_), theils mit der Buntaja (einer
sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloße Berührung schon
Entzündungen und Anschwellungen bewirkt) eingezäunt waren, und hie und
da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnußbüsche,
oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige
Bambushütte der Eingeborenen hervor, während die Cocospalmen in einem
dichten Hain ihre Kronen in einander legten und kühlen Schatten auf den
zwischen ihnen durchführenden Weg warfen.

Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege
leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis -- des Dorfoberhauptes --
entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnußölmühle zu, die von den
Weißen angelegt worden, gleich über dem breiten Platz, der sich dort
ausdehnte -- wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing -- dort wohnte
Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im
Geiste die Überraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner
Nähe hatte.

Mehrere junge Mädchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu
einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes
gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an
ihm vorbeigleitenden Dächern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker
Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt -- schon
wollte er um des Gustis Garten in die Straße einbiegen, denn dort ragten
die schlanken Wipfel grüßend und freundlich nickend schon hervor, -- da
schritt ein junges Mädchen die Straße herab, und sein Fuß haftete wie
angewurzelt an dem Boden fest.

Das war Kassiar -- und wieder war sie's nicht. Die lieben dunklen Augen
gehörten freilich ihr -- der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang,
dem Kiedang ihrer Wälder gleich -- und dennoch schien sie ihm vollkommen
fremd, denn Tracht und Sitte, wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen,
glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen
Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmückt, wie den Putz ähnlich
auch andere eingeborene Mädchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr
goldene Zierrathen, wie sie die verhaßten Weißen mit herüber gebracht,
den weichen runden Arm umschloß ein goldenes, steinbesetztes Band, und
um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes
Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn über die linke Brust herab.
Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder
führte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger über die Straße
herüber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken
beschäftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm
vorüber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herüber
sehen machte.

»Kassiar!« -- Der eine Blick genügte -- zitternd und erschreckt, die
Hände vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen
Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem
geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge
Mädchen einer schönen Statue gleich da.

»Glentek!« hauchte sie dabei, »wo kommst du her, oder liegt dein Körper
oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur
dein Geist hat mich hier aufgesucht?«

Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die
langen Haare dann zurück, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt
auf die Jungfrau heftete.

»Und das ist Kassiar?« sagte er endlich halblaut und schüchtern, indem
er langsam über die Straße hinüber schritt und vor dem zitternden
Mädchen stehen blieb; »ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen
wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und
fremdem Glanz und Luxus droht? -- Es ist zu spät, wie ich sehe, und
Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland.
Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Männer für
kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder
ihre Heldenlieder singen?«

»Glentek!« bat das Mädchen, ihm die Hand entgegen streckend mit
herzlichem, flehendem Ton, »ist =das= dein Gruß, mit dem du mich nach so
langer Zeit der Trennung empfängst, und hast du in den Bergen oben deine
Kassiar so ganz vergessen -- so ganz vergessen und verlernt sie zu
lieben?«

Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest
und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdländischen Staat, der die Geliebte
schmückte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem
seidenen Tuch, das ihre Schultern umschloß. Endlich sagte er langsam und
traurig:

»Dich vergessen, Kassiar? -- Mächtiger Brachma, mein Herz vergäße ebenso
leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hören! Dich
vergessen, Kassiar? -- Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert
und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu
schauen, deine Hand in der meinen zu fühlen, dem Flüstern deiner Worte
zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom
dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen
Tage lang, Nächte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern
Laut. -- Dich vergessen, Kassiar? -- Jeder Vogel zwitscherte mir das
liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur
die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe -- und
jetzt --«

»Und jetzt, Glentek?« sagte das Mädchen und streckte ihm freundlich die
Hand entgegen, »war das nun der ganze Gruß, den du deiner Kassiar bieten
konntest?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete der junge Krieger leise und mit tief
bewegter Stimme, »ich weiß ja gar nicht, ob es noch =meine= Kassiar
ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch
nicht so offen, so treuherzig mehr. Die süße Stimme ist es immer noch,
aber der äußere Tand, der sie umschlossen hält, der Schmuck des Fremden,
der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren -- der ist
mir fremd, der verhüllt mir Kassiar, daß mein Auge das alte Herz nicht
mehr darunter finden kann. Und ich weiß nicht, =wem= es jetzt
entgegenschlägt.«

»Du böser Glentek,« lächelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr
Haupt an seine Schulter lehnend, »=du= weißt nicht, wem es schlägt?«

»Von wem ist denn der Putz -- von wem das Tuch?« sagte der junge
Balinese noch immer nicht beruhigt.

»Wenn es dich ärgert, nehm ich's ab und trag's im Leben nicht wieder,«
rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend.

»Und wer gab es dir?« fragte Glentek finster. »Kassiar ist nicht so
reich, daß sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen
könnte.«

»Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek,« sagte,
mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mädchen. »Du
weißt, daß -- daß die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten
Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen -- und da --«

»Und da?« wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde überhört.

Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die Straße nieder, die von
Tuban herüber führte, und als sich die beiden jungen Leute darnach
umsahen, kam ein kleiner Trupp Europäer, mit einer Dame an der Spitze,
an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota
dahin sprengten. Sie wollten quer über den mit Waringhis bewachsenen
Platz hinüber nach eines Holländers Wohnung, die dort lag. Die Dame warf
auch nur im Vorbeisprengen einen flüchtigen Blick auf das junge Paar,
als sie plötzlich ihrem Pferd rasch in die Zügel griff, daß es aufbäumte
und schäumend in sein Gebiß knirschte und zurücklenkte, wo jene Beiden
standen.

»Mein Tuch!« rief sie dabei; »beim Himmel, die Dirne dort hält mein
gestohlenes Tuch!«

»Aber, liebes Kind!« rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede
liegenden holländischen Schiffes, »mach' hier keine Scene. Reite hinüber
zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit
verhält.«

Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt:

»Daß mir die Diebin in die Hecken schlüpft und sich nicht wieder an der
Küste sehen läßt, nicht wahr. Mich hat ein glücklicher Zufall hierher
geführt, und den will ich benutzen.«

»Was ist -- was gibt's?« rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch
parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig
zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mädchen hielten.

»Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt,«
dolmetschte ein anderer Europäer dem eingeborenen Richter in
balinesischer Sprache.

»=Gestohlen?=« schrie Glentek, der die Worte gehört hatte, wild
emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkürlich nach dem Radotan.

»Ruhig, mein Bursche!« rief aber finster der Gusti; »die Sache wird sich
finden. -- Her das Tuch, Kassiar -- zögerst du, Dirne?«

Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehört, und ihr Auge haftete
eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain
des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten
dürfe. Der Gusti hatte ihr indeß das Tuch aus der Hand genommen und
der weißen Frau hingereicht, damit sich diese überzeugen könne, ob es
wirklich das ihre sei.

»Gewiß -- gewiß!« rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der
einen Hand in die Höhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen.
»Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in
meines Mannes Sekretär liegen hatte. Als ich aber neulich zufällig
einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden.
Niemand konnte sich erklären wie, und jetzt trägt es die Dirne in der
Hand.«

»Und hast du keine Vertheidigung für dich, Kassiar?« rief mit
unterdrückter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. »Läßt
du die Fremden dich eine =Diebin= nennen, und wirfst ihnen die Lüge
nicht zurück in ihr Gesicht?«

»Woher hast du das Tuch?« fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit
niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mädchen. »Nun, wirst du deinem
Richter antworten, Dirne?«

Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flüchtig zu dem Fremden
empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr
Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld
bekennend, in den Händen.

»Man wird dich reden machen,« sagte indessen ruhig der Gusti. »Cheh
Lascie, Maras, führt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis
ich selbst hinüber komme.«

Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der übrigen Gesellschaft
freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch
gleich darauf wieder dem Hause des Holländers zu, wo sie zahlreiche
Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle
geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von
Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung
hinüber ging, um der Verhafteten für die Nacht in einem der Gefängnisse
einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhör sollte am nächsten Morgen sein.


3.

Der nächste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen
Platz zwischen den übrigen Richtern eingenommen, während das Volk in
neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der großen Bambushütte
füllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht
herabgekämmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug
bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das
wunderschöne Mädchen seitwärts in einer kleinen Einfriedigung von
Bambusstäben und harrte der Klägerin, die vorgefordert war, gegen das
des Diebstahls beschuldigte Mädchen aufzutreten. Das verhängnißvolle
Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien
die Klägerin nicht, und draußen das Schiff in der Bai, das seine Segel
heute Morgen schon gelöst, seine Flagge aufgehißt und seine Boote an
Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Küste zu
verlassen. Ließen die Weißen also die Klage gegen das Mädchen fallen, so
war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld
beweisen.

Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte
man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau
hineinstieg, die hellen Kleider der Europäerin, die noch einmal an Land
kam, um eins der eingeborenen Mädchen verurtheilen zu lassen,
schimmerten bis hier herüber, und langsam und regelmäßig fielen die
Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen
scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte.

Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht.
Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind
und Strömung waren günstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den
Anker hatte er schon früh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick
die Segel loswerfen und in See gehen zu können.

»Was liegt denn an dem Tuch?« sagte er beschwichtigend, als seine Frau
am frühen Morgen darauf drang, hinüber zu rudern an Land und es beim
Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. »Du mochtest es so nicht
mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurück, so sollst du dir eins
dafür aussuchen, wie es dein Herz verlangt.«

»Mir liegt nichts an dem Tuch,« entgegnete aber, den Blick fest und
mißtrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. »Mir ist's der Sache
selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie
schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn
nicht -- Gelegenheit auszuspüren?«

»Sie kam mit den andern Mädchen,« sagte kopfschüttelnd der Capitain,
»lieber Gott, bei dem Volke muß man der Neugierde auch etwas zu gut
halten.«

»Und wie kam sie in die Kajüte hinunter und in den Sekretär?« rief
Madame, die Worte scharf betonend. »Van Soeken, hier liegt, wie ich fast
fürchte, ein Geheimniß zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein
gewaltiges vergrößert -- und =verringert=. Ich gebe dir mein Wort --«

»Aber liebes, gutes Kind,« bat sie der Capitain, »sei doch vernünftig,
und setze dir nicht eine Menge thörichter Sachen muthwillig in den Kopf.
Wenn wir hinüber könnten zum Verhör, würde ich dir rasch beweisen, wie
das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber =recht
herzlich= bitte, kein großes Aufheben zu machen und die Sache lieber
fallen zu lassen. Du weißt, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden
Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange
Gefängnißstrafe in niederen Bambuskäfigen und Verbannung, die Männer den
Tod zu gewärtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich
freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; laß uns nicht mit einer
solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen
scheiden.«

»Wenn wir hinüber =könnten=, sagst du?« rief die Frau. »So willst du
=nicht= gehen?«

»Aber siehst du denn nicht, daß unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich
wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schöne Zeit
zu versäumen?«

»Das Schiff ist dein -- ist unser Eigenthum, wir können damit thun, was
wir wollen. -- Aber ich sehe schon, wie es ist. -- Rücksicht auf die
Leute willst du nehmen -- auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen,
weshalb du dich fürchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu
betreten?«

»Fürchten? -- Aber, bestes Kind --«

»=Soll= ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und hätte
den Blick nicht gesehen, den das Mädchen gestern auf dich warf, als ich
sie des Diebstahls beschuldigte?«

»Auf mich?«

»Auf =dich=, hab' ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer
=Klage= gegenüber zu treten, würfe sie dir entgegen, daß =du= ihr das
Tuch =geschenkt=.«

»Aber liebe, beste Marie!«

»Das Tuch =geschenkt=, sag' ich!« rief die Frau, mehr und mehr in
eifersüchtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des
Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr bestätigte. »Und wenn du mir das
Gegentheil jetzt nicht =beweisest=, so schwör' ich dir, so wahr ich
Marie heiße und das Unglück habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier
zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen.«

»Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an!« bat der Capitain.

»Und weigerst du dich, auch =mich= an Land zu setzen, dann, bei dem
ewigen Gott, spring ich über Bord und mache diesem Leben, das doch von
da an nur Qual und Elend für mich haben müßte, ein rasches Ende. --
Verrathen und betrogen -- lieber nicht leben, als mit =der= Gewißheit
dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen.«

»Aber so sprich doch nur vernünftig!« rief Van Soeken, so gewissermaßen
zur Verzweiflung getrieben. »Wenn dir das Schiff selber so wenig am
Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen
Wind und Strömung zu versäumen, gut, so sag' mir wenigstens, was du
verlangst und eile damit.«

»Was ich verlange?« rief rasch triumphirend die Frau, »augenblicklich
mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.«

»=Du= mit mir? weshalb? -- Einer genügt vollkommen, und wenn du es
verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinüber fahren, die Klage
einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hängt, zurückbringen.«

»Du allein? -- Das glaub' ich dir!« lächelte die Frau den Gatten hämisch
an. »Wenn du mich hier an Bord wüßtest, wär' das Geschäft da drüben wohl
bald und glücklich abgemacht. Fort mit dir! =Euch allen= ist nicht zu
trauen, und wo der Eine den Andern unterstützen kann, thut er's mit
Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu täuschen.«

»So komm denn, meinetwegen,« sprach der Capitain, der keinen Ausweg
weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, »du bist auch im
Stande, eher den =Lügen= der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine
Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst
wenigstens sehen, daß =ich= deine wahnsinnige Anklage nicht fürchte und
mit gutem Gewissen dem Verhör entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten,
Steuermann?« rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden
Officier hinüber.

»Ja, Mynheer,« lautete die Antwort zurück; »soll gleich aufgeholt
werden. Alles fertig.«

»Halt! -- wir fahren noch einmal an Land.«

»Noch einmal an Land?« brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, »na,
da bitt' ich zu grüßen, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles
klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schürze an Bord ist, hört
doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hol's der Teufel, möchte nur
wissen, was jetzt wieder im Wind ist.«

Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jölle wurde langseits gehalten,
der Kajütsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten später
schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot
pfeilschnell dem Lande zu.


4.

Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich
auch jetzt der auf Bali wohnende Europäer eingefunden hatte, um Zeuge
der Verhandlung zu sein.

»Dort kommt der Fremde mit der weißen Frau -- arme Kassiar -- wie viel
lange Jahre wird sie in dem Käfig sitzen müssen, des bunten Lappens
wegen -- und wie bleich sie aussieht und geknickt! -- Wie rachsüchtig
die Fremden sind und wie habgierig -- arme Kassiar!«

Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hölzernen
Stützen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet,
mit dem Radotan im Gürtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im
Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam über seine Lippen, kein
Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Kläger. Es
war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspäht, wo er stand, hatte
ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben.

Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Holländer war ihnen entgegen
gegangen, die Dame zu dem für sie bestimmten Sitz zu führen. Der Gusti
nickte ihnen freundlich zu, und als das Geräusch verstummt war, das ihr
Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem
Sitz, überflog mit flüchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und
begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede.

»Männer von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weißen Frau zu
hören gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezüchtigt wird.
Ihr wißt, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim
Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr
werdet Zeugen sein, daß den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm
Lande.«

Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen
mächtigen Europäer, der sich erboten hatte, für die Dame zu
dolmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, öffentlich vor
Gericht, zu bestätigen, daß das Tuch der Europäerin und von Bord des
Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen
gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die
Strafe für das Vergehen noch verschärfen würde.

Die Klage lautete jetzt, von dem Dolmetscher in balinesischer Sprache
vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstände, da das Tuch von Bord,
und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat
aber der Capitain selber auf, indem er erklärte, er habe mehrere jener
Stücke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und draußen
liegen lassen. Das Tuch könne darunter gewesen sein.

Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es
wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen
habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden könne. Zitternd
stand das Mädchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie,
sich so weit zu sammeln, daß sie den Blick zu ihrer Klägerin erheben
konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze
Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurück, bis es sich endlich auf
den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mühe er
sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er
auf den Kläger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschönen
Statue gleich, kein Glied des Körpers regend, nicht mit den Wimpern
zuckend, dem Manne gegenüber. Auch die Frau des Capitains war
aufgesprungen, der nächste Moment sollte vielleicht schon ihren längst
gefaßten Verdacht bestätigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher
Spannung, von den Lippen des Mädchens zu den unverkennbar bleichen Zügen
des Gatten.

»Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen?« sagte da
endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung
auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verändern, -- »und jene Frau dort
klagt Kassiar des Diebstahls an -- so hört denn -- ich habe jenes Tuch
--«

Dicht hinter dem Holländer hob sich in diesem Augenblick die schlanke
Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in
athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn
Kassiars Auge, und plötzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in
den Händen bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus:

»=Gestohlen!=« und sank bewußtlos auf den Boden nieder.

»Armes Kind -- arme Kassiar!« klang es von den Lippen der Eingeborenen,
und einige der Frauen drängten sich durch die Wachen, die Ohnmächtige zu
unterstützen und ins Leben zurückzurufen.

»Das Geständniß genügt,« sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls
von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hängende Tuch von
dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener übergab, damit er es der
Europäerin, als ihr Eigenthum, zurückbringe. -- »Das unglückliche, junge
Mädchen mag indeß der Sorgfalt der Frauen überlassen bleiben, bis es
sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefängnißwärter übergeben
werden. In dem Krankeng büße sie fünf Jahre lang.«

»Halt!« rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tönen
hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, »halt, hört erst mich. -- Das
Mädchen ist unschuldig!«

Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten
ausübten, und selbst die Ohnmächtige schienen sie ins Leben
zurückgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge
Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume
trennte, mit einem Satz überspringend, in diesen hinein und ging mit
leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze
gestützt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest
entschlossen stehen blieb.

»Wer bist du?« fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem
sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, kräftigen Gliedern, wie
den offenen Zügen des Jünglings hafteten. »Was weißt du von der Schuld
des Mädchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden?«

»Ich selber bin der Dieb,« sagte der Eingeborene, und wenn auch seine
Lippen bei der Lüge zitterten und seine Wangen sich entfärbten,
begegnete er fest und unerschüttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm
niederschauenden Richters.

»Du wärst der Dieb?« sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher
Pause, indeß er sorgfältiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen
Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe
schüttelte; »wer bist du und woher stammst du?«

»Ich heiße Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von
Benoi.«

»Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt?« rief rasch und erschreckt
der Gusti.

»Er ist mein Vater,« erwiderte mit kaum hörbarer Stimme der junge
Balinese.

»Unglücklicher!« rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich
ausstreckend, »wozu bekennst du dich? Und weißt du, welche Strafe =dir=
bevorstände?«

»=Der Tod!=« sagte Glentek ruhig und unerschüttert -- »ich weiß es,
Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, daß ein Weib =seinetwegen=
unschuldig leide.«

Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und
der Holländer war zu seinen Freunden hinüber getreten, diesen die
Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien.

»Wie kann der Bursche dort der Dieb sein?« rief da Mevrouw Van Soeken
rasch und zürnend, »ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so
viel ich weiß, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.«

»Das ist eine Liebesgeschichte,« sagte der Holländer kopfschüttelnd,
»ich glaube selbst nicht, daß der junge Bursche mit der ganzen
Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine
Meinung darüber sagen.«

»Du siehst nun, liebes Kind,« flüsterte der Capitain, dem sich bei
dieser Wendung eine große Last von der Seele wälzte, der Gattin zu, »daß
dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr
wahrscheinlich der Bräutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt
bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung
nach kostbares Geschenk damit zu machen.«

»Wir wollen sehen, wir wollen sehen!« murmelte Madame in fast
fieberhafter Aufregung. »Aber -- sie können ihn doch nicht deshalb
ermorden?«

»Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod,« sagte der Capitain
gleichgültig. »Ich glaube nicht, daß sie mit ihm eine Ausnahme machen
werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti für ihn thun läßt.
Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strömung damit
versäumten!«

Der Gusti hörte aufmerksam an, was ihm der Weiße als Aussage der
Klägerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den
Jüngling.

»Hast du das Schiff dort draußen je betreten, Glentek?« fragte er ihn,
und sein Auge haftete dabei fest und prüfend auf den Zügen des jungen
Mannes.

»Könnt' ich das Tuch sonst entwendet haben?« entgegnete dieser finster.

»Zu welcher Zeit war das?«

»Bei Nacht.«

»Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?«

»Die stumpfsinnigen Europäer sind nicht so schlau, daß sie ein Balinese
nicht betrügen könnte,« rief aber der Krieger zornig, »Glenteks Fuß
berührt den Boden, wie des Nachtvogels Flügel die Luft. Nicht der Tiger
hört ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue
Hirsch im Alang Alang.«

»Glentek!« rief da Kassiars Stimme mit herzzerreißendem Ton ihn an. »O
glaubt ihm nicht, =meinet=wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So
edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er =lügt=, wenn er sich meinetwegen
schuldig nennt.«

»Hörst du das Mädchen?« sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die
sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der
Stirn streichend, auf den Jüngling zustürzte, vor ihm zu Boden sank,
seine Knie umfaßte und bittend ausrief:

»O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen?«

Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener
Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Züge. Doch auch diese
Schwäche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick.
Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er
sagte finster:

»Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von
Benoi? -- Ihr seid Männer, und euch gegenüber erkläre ich, daß ich jenes
Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb,
darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.«

»Darnach bleibt nichts mehr zu erfüllen als der Richterspruch,« sprach
feierlich und ernst der Gusti. »Glentek von Benoi, bereite dich zum
Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben.«

»Ich bin bereit,« erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge
Balinese.

»Halt -- das geht nicht -- das kann nicht sein!« rief aber hier der
Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen
verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen.

»Weiß der Europäer etwas, das die Schuld von den Händen des
Verurtheilten nimmt?« sagte der Gusti rasch.

»Nein, das nicht,« versetzte halb scheu und doch auch wieder
entschlossen der Capitain; »aber -- giebt es nichts in euren Gesetzen,
das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? -- Kann das Verbrechen
nicht durch irgend eine Buße -- durch Geld vielleicht -- gesühnt werden?
Ich mag die Küste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder,
die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf
das blaue Wasser.« --

Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein
Einzelner, der sich sonst in nichts von den Übrigen unterschied, heraus
und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den
balinesischen Radotan, aus dem Gürtel und wartete der weiteren Befehle
seines Oberen.

»Unsere Gesetze,« sagte der Gusti ernst, »verlangen für solchen
Diebstahl den =Tod= des Missethäters. Aber das Verbrechen ist an einem
Fremden verübt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, =giebt= es
einen Ausweg.«

»Gott sei Dank!« rief der Capitain, als er die Worte vernahm. »Nennt mir
die Summe. Ich will lieber einen großen Verlust leiden, als Blut -- dies
Blut auf meiner Seele wissen.«

»Die Summe ist nicht so groß,« erwiderte der Gusti, »und ebenfalls durch
unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Säcke Kupfer (der
Sack etwa dreißig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den
Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzuführen und nie
wieder an diese Küste zurück zu bringen, von der er verbannt ist für
immerdar, so ist sein Leben gerettet.«

»Verbannt -- =ich= von Bali, von meinem Vaterland?« rief da Glentek,
wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Händen trug, fester
fassend -- »nie, nie im Leben! Ihr mögt mich tödten -- ich habe den Tod
verdient und mag nicht länger leben, aber =verbannen= könnt und =dürft=
ihr mich nicht. Ein Sklavenleben für Glentek, fern von der Heimath, fern
von meiner Palmen Wehen? -- Nie -- nie und nimmer!«

»Ich zahle die zwei Säcke Kupfer!« rief aber rasch der Capitain. --
»Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie
zurückbringen, und mein Freund dort bürgt euch indessen dafür. -- Laßt
den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die
Angst ausgestanden.«

»Sein Urtheilsspruch ist gefällt,« entgegnete finster der Gusti. »Ließen
wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weißen selber wäret
die Ersten, die Klage auf Klage häuften und uns am Ende zwängen, unsere
Gesetze zu ändern. Aber nicht allein das Verbrechen,« setzte er mit
einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, »nein auch der =Wille=
der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges,
rasches Blut durchströmt, =wollte= den Tod, und seines Vaters wegen
freut es mich, daß ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich
aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in
unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet.«

»=Gusti!=« rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den
Richter wendend.

Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schüttelte nur
langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster:

»Sendet das Geld an Land und nehmt dafür den Gefangenen hier mit in See.
Vielleicht macht ihr noch einmal einen tüchtigen Matrosen aus ihm.
-- Kein Wort weiter,« setzte er rasch und fast ängstlich hinzu, als sich
der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; -- »ich habe den
Urtheilsspruch gefällt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn
ausgeführt zu sehen.«

Und mit den Worten verließ er rasch das Haus.

Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen
in dem weiten dichtgedrängten Raum in steigendem Interesse, in
erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt
war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur
so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfüllte,
wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefühlen Worte zu
geben. Jetzt aber, als er den Rücken gewandt und in der
zusammendrängenden Masse der Übrigen verschwunden war, hob sie sich vom
Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hände und Knie mit
Küssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er
von nun an nie wieder betreten sollte. -- Sein Auge blickte stier in die
Leere und krampfhaft hielt indeß die Rechte das treue Rohr, die Linke
seinen Radotan gefaßt.

»Glentek, Glentek,« bat da Kassiar, noch immer zu seinen Füßen
hingeschmiegt, -- »o sage, daß du mir nicht zürnst, sage, daß du mich
nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet
-- weit über das Meer, an ferne, wüste Küsten, in nebelbedeckte Länder,
in öde Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder
freundlich lächelt, wenn nur dein Liebeslaut wie früher zu meinem Herzen
dringt.«

Glentek hörte sie nicht. -- Still und regungslos stand er da und vor
seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren
rauschten die wilden plätschernden Quellen und tönte der schrille Ruf
des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers.

Da berührte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein
elektrischer Schlag getroffen hätte, zuckte er empor und sah wild um
sich her.

»Es wird Zeit, Glentek,« sagte da die freundliche Stimme des Holländers,
der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen,
daß den Meisten Verbannung viel fürchterlicher ist als der Tod, und der
Mitleid mit dem jungen Burschen fühlte. -- »Der Capitain will segeln,
und du weißt, daß dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten,
länger -- lebendig -- auf diesem Boden zu weilen.«

»Es ist gut,« entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl
fühlte, daß er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fügen müsse.
»Es ist gut -- ich bin bereit.«

»Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek -- darf ich dir folgen, wohin
dein Fuß sich wendet?« bat das Mädchen, noch immer an seine Knie
geschmiegt.

Der junge Bursche schüttelte langsam mit dem Kopf.

»Fahre wohl, Kassiar,« sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem
er leise mit seiner Hand ihr Haupt berührte. »Unsere Wege trennen sich
hier. Ich träumte einst von einem Glück an deiner Seite -- das ist
vorbei.«

»Glentek!« klagte in herzzerreißendem Tone das arme Kind.

»Lebewohl!« sprach der Jüngling und schob leise die Hand, die sein
Gewand noch immer fest gefaßt hielt, zurück. Kassiar gehorchte der
Bewegung und ließ ihn los, während sie flehend die Arme zu ihm
ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem
Winken des Europäers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick
zurückzuwerfen, dem Strande zu.


5.

Fünf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgängen
verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verändert. Den
Holländern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in
übermüthigen, seeräuberischen Thaten ausbrach, schon lange lästig
geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali für sich zu
gewinnen, daß sie wenigstens ihre Oberherrschaft =anerkannten=, wenn sie
auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber
stets der einflußreichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der
Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Kräften für die
Unabhängigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Verträgen
mit den Fremden wissen und behauptete, daß sie selbst noch so viel
Gewalt wie Fähigkeit hätten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu
halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugänglich,
bis ihn ein plötzlicher Tod jählings hinwegraffte. Die allgemeine
Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben.

Schon vorher hatten die Holländer versucht, sich die Insel durch die
Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern
Küstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit
den überlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden,
in ihren Bergen hätten sie sich aber noch lange und für immer halten
können. Die Holländer sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer
eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den
zähen Bergvölkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den
furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben mußten,
begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den
Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese
wußten sie größtentheils für sich zu gewinnen, brachen dadurch die
Einigkeit derselben und rückten ihrem Ziele, das sie mit ihren
Geschützen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit
furchtbaren und unverhältnißmäßigen Opfern erreicht hätten, durch Geduld
und Schlauheit näher und näher.

Der Gusti von Kota, einer der den Holländern am meisten geneigten
Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten
holländischen Consuls, saß in dieser Zeit Morgens nach dem Frühstück,
und eben aus einer langen europäischen Pfeife rauchend, in seinem Hause,
als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib
nothdürftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne
Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel
zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem
Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der
Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorüber in
das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhöre
abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte.

Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan
ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings völlig unbewaffnet,
doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so kühn und
edel, daß selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den
Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurück zu halten. Nur an
die Thür drängten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche
Folge leisten zu können, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte,
etwa gar Unehrerbietiges oder Böses im Schilde führen sollte. Daß er ein
Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie
nicht bezweifeln, er hätte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe
gleich auf dem Fuße folgen müßte.

Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten
Bambussopha und hob sich allerdings überrascht empor, als er die wilde
Gestalt so kühn und trotzig zu sich eintreten sah.

»Ist das Landessitte?« sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit
forschendem Blick musterte, »in solcher Art den Gusti aufzusuchen? --
Waren keine Diener an der Thür, die dich melden konnten? Bist du hier zu
Hause, auf deiner eigenen Schwelle, daß du die schuldige Ehrfurcht
vergissest, die dem Obern gebührt?«

»Verzeih den raschen Eintritt, Gusti!« rief mit tiefbewegter aber
unterdrückter Stimme, vielleicht um nicht von den außenstehenden Dienern
gehört zu werden, der Fremde. »Aber der Zweck, um den ich komme, mag
mich entschuldigen, mein Name dir bürgen, daß ich als Gleicher dir nahen
darf. Kennst du mich noch?«

Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstörten Züge des Fremden, die
fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschüttelnd:

»Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorüber. Dein Antlitz
ist mir bekannt, und doch weiß ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich
sah. Dein Name?«

»Glentek von Benoi.«

»Glentek?« rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend.
»Unglücklicher, was treibt dich wieder her zu uns? -- Weißt du nicht,
daß dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Küste
wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stieß?«

»Ich weiß es,« sagte Glentek ruhig, »mein Leben aber wäre von geringem
Werth für das, was jetzt mich herführt.«

»Kassiar?« rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte über das
sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. »Sie ist todt, Glentek. Der
Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr
hinweggerafft. Die kühle Erde deckt ihr gebrochenes Herz.«

»Arme Kassiar!« seufzte Glentek leise. -- »Doch ihr ist wohl -- wohler
als mir, der ich fünf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland
gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mädchen führt mich an diesen
Strand zurück, -- seit jenem Tag schon war sie für mich begraben, und
was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, daß Kassiar Glenteks von Benoi
doch nicht würdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen.«

»Und was trieb sonst dich her?« fragte erstaunt der Gusti.

»Mein Vaterland!« rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast
erstickter Stimme. »Ich habe ertragen,« fuhr er nach einer kleinen
Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in
großer Aufregung fort, -- »ertragen die langen Jahre hindurch, was nur
ein Mensch ertragen kann. Die Feinde -- denn unsere =Feinde= sind jene
Männer, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen draußen wehen,
wenn sie auch freundlich und mit gleißnerischer Zunge zu uns kommen --
die Feinde halten uns nun einmal für eine untergeordnete Raçe bestimmt
zu gehorchen und ihnen Schätze anzusammeln, die sie weit überm Meere
drüben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und
Größe gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften,
ihre künstlichen mörderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle
das Land durchfliegen, ihre Häuser, in denen sie tausende von Menschen
zu =einem= Zweck beschäftigen. -- Aber ich habe auch ihre Waarenplätze
gesehen, in denen sie die Produkte einer =Welt= aufhäufen, und dort
begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche
Bedürfnisse für sein =Leben= hat, nicht stehen bleiben kann und wird,
mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reißen. Die
Holländer haben das Geld und die Macht in Händen, und =Freundschaft=
zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der
Schwache wird und muß des Stärkeren Beute werden.«

»Aber was hat das alles mit =dir= zu thun?« sprach der Gusti, erstaunt
den Beredten anschauend. »Ich weiß das alles,« fügte er mit Stolz hinzu,
»es ist ein mächtiges Volk und unser Freund, -- und um mir das zu sagen,
brauchtest du dein Leben nicht zu wagen.«

»Mein =Leben=!« rief der Balinese wieder, verächtlich mit dem Fuße den
Boden stampfend. »Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das
Losungswort sein muß? Höre mich weiter. -- Ich wanderte, lebte fünf
lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und
schreiben mit =ihren= Zeichen und Worten und eine neue Welt eröffnete
sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um
Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. -- Mit eigenen Augen konnte ich
in all den Blättern, die täglich dort im Volk verbreitet werden, selber
lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte,
die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich
die Kunde mit eigenen Augen sah, daß meine Landsleute mit Lanze, Bogen
und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte
Brust entgegenzuwerfen und ihn zurück ins Meer zu treiben! O wie das da
im Herzen stach und brannte, daß ich nicht Theil nehmen durfte an ihren
Kämpfen, an ihren Siegen, daß ich =verbannt= von Bali war, ein
Ausgestoßener von meiner Mutter Erde, und doch für sie die heiße,
brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis
Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hörte, von
Vortheilen, die die Holländer über uns gewonnen, von Bedingungen, die
uns vorgelegt wären, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft
anzuerkennen!«

»Mich litt es nicht mehr in Europa. -- Längst schon hatt' ich die
Summe, die jener Weiße für mich gezahlt, abverdient -- mehr noch
vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung
mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das
Verhältniß recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben,
so glaub' ich, hab' ich mich für vergangenes Leid gerächt. So, frei von
ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach
Soerabaja an der Javanischen Küste brachte, und hier -- Brachma versenge
mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todesstoß im Herzen traf --
hörte ich, daß das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und
Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eifersüchtigen Rajahs
mit starker Hand zusammenzuhalten, daß das einzige Herz in Bali, das,
von reiner Liebe für die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in
der wir schwebten, daß der Dewa Argo von feiger, verrätherischer Hand
vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschützter Freundschaft
mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hörte ich von tapferen Schaaren, die
aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu
begegnen. Aber die =Seele= fehlt, die jetzt die Massen im Zügel halten
könnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen
schon früher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch
arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerüchte gingen dabei umher, daß Bali
Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prüfen und
zu bestimmen, ob wir selber den alten Göttern treulos werden sollten. Da
litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben
drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehört ja Bali, mein
Arm, mein Herz. -- Für das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines
Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem
Ziel ich entgegenflog, der vaterländischen Küste wieder zu. In Tabannar
wollt' ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der
Sturm erfaßte, der vor wenigen Tagen diese Küste peitschte, und mich
herunter in die Bai warf. Mein Kahn füllte sich und sank unfern von
Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Küste, die mich
vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stieß.«

»Und was suchst du hier, Verblendeter?« fragte der Gusti, der der
leidenschaftlichen Erzählung des Flüchtlings ernst und kopfschüttelnd
gelauscht hatte.

»Was ich suche?« rief aber Glentek staunend aus. »Ein Heer, dem Feind zu
begegnen! -- Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die
wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Pässe unserer Berge
zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu
schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. -- Dich hab'
ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wußte, Gusti, du würdest
den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen
mußtest, nicht =verrathen=, und dich bitte ich jetzt, mir die Pässe zu
nennen, in denen die Unseren stehen, daß ich im Stande bin, mich ihnen
anzuschließen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut
gegraben, daß ich nicht fürchte, dort erkannt zu werden, -- nur meinen
Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland
gehört, für dieses opfern.«

»Du träumst, Glentek,« entgegnete ihm da ruhig der Gusti. -- »Was
sprichst du von gerüsteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem
Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrübten
Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in
kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, daß es
für das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mächtigen Nachbars zu
erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurückgezogen, die wenigen
ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurückgelassen. Kein
Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thörichter
Rechte oder Vorurtheile wegen.«

»Kein Blut auf Bali vergossen?« rief Glentek, einen Schritt entsetzt
zurücktretend, »und ist der Mord des Dewa Argo denn gerächt?«

»Der =Mord= des Dewa Argo? Wer sagt dir, daß ein Mord geschehen sei? Der
Dewa Argo starb natürlichen Tod.«

»Und Bali ist nicht in Aufruhr?« rief Glentek, kaum seinen Sinnen
trauend; »die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten
Feind von unserem Boden zu vertreiben?«

»Du träumst, sag' ich dir!« sprach kopfschüttelnd der Gusti. »Bali ist
ruhig, und wenn du hier herüber kamst, die Hoffnung auf blutige Kämpfe
im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getäuscht. Es wäre
dir besser gewesen, du hättest Bali nie wieder gesehen.«

»Friede und Freundschaft mit den Mördern des Hohenpriesters!« schrie da
Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. »Ha, Gusti, da kennst
du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande,
unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewöhnt, dich
auch dem Willen fremder Eroberer haben fügen lernen, aber besser kenne
ich dort =mein= Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein
wohlbekanntes Flammenzeichen die Brüder zusammenrufen und wenn sie in
jubelnden Schwärmen aus den Klüften und Schluchten unserer bergigen
Heimath niederbrechen --«

»Wahnsinniger, halt ein!« rief der Gusti, von seinem Lager
emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend.
»Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thäler bringen, in
denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet
und verdampft ist? Das Messer des Richters hängt über dir, und du wagst
es, uns mit Meuterei zu drohen! -- Weißt du, daß ein Wort von mir dich
den draußen nur darauf harrenden Dienern in die Hände wirft?«

»Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig?« lachte da der junge
Balinese wild auf, »wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser
Radotan wäre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fuß
Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen,
brächte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wälder und
unerreichbar frei von euren Sclaven? Hältst du es mit den, dann schlimm
für dich, wenn wir als rächendes Gericht wieder von den Bergen und über
dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und
nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei.«

»Verblendeter!« sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um
eines Zolles Breite zu verändern. »Zum Glück für Bali kommt dein wilder
Schlachtenschrei zu spät. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und
Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und während wir die
Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an
Macht überlegen sind, anerkennen mußten, haben wir uns heilig
verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen.«

»Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? -- verpflichtet die Waffen
nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands?« rief Glentek
entsetzt und seinen Ohren kaum trauend -- »das ist =Landesverrath=!«

»Ein Friedensbündniß ist geschlossen;« erwiderte der Gusti, »und wer
eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der
Tod.«

»=Der Tod!=« wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein
Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang
zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch
seine Hoffnung gesetzt -- ihre Schwerter in die Scheiden zurückgestoßen,
ihre Hände selber durch das Friedensbündniß gekettet.

Der Gusti fühlte Mitleid mit dem Jüngling, und das eigene Mißtrauen
vielleicht, ob jenes Bündniß für Bali so segensreich wirken könne, wie
er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem
Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstören.

»Du warst im Irrthum, Glentek,« sagte er, aufstehend und freundlich
seine Schulter berührend, »als du das Land in Waffen wähntest. Es ist
tiefer Friede, und wir können und wollen uns nicht länger mit dem
mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere jungen Leute zu
Hunderten niedermähten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch
in Kraft geblieben und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir
auch noch ein anderer deinen Namen -- deine Schuld. Tritt hier hinein
und erfrische deinen Körper erst mit den Speisen, die hier stehen, und
dann geh' hinunter zum Strand. -- Gerade dem Wrack gegenüber, das an der
Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes Boot. Es ist mein
Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurück.«

Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, barg er noch
immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ,
war sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er sagte mit
leiser, aber fest entschlossener Stimme: »Ich bleibe hier!«

»Unglücklicher!« schrie aber der Gusti, »willst du denn muthwillig in
dein Verderben rennen? Täusche dich nicht, ich selber, wenn ich es
wollte, könnte dich nicht schützen.«

»Das sollst du auch nicht, Gusti!« sagte da der Jüngling plötzlich, und
ein eigenes wildes Feuer glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen.
»Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere
Tempel werden zerstört, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser
freier Boden selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt
vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte dreifarbige Fahne. Stirb
Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich
verkauft -- verrathen!«

»Wahnsinniger!« rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. »Du wirst dich
selbst den Häschern überliefern, die deinen Namen draußen vor der Thür
gehört.«

»Zurück von mir!« schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes
wildes Feuer zu glühen schien. -- »Zurück! -- Den Häschern überliefern?
-- Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung
ist! =Uhi!=« schrie er da plötzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit
der Rechten den Radotan aus der Scheide riß, während die Linke den Bast
aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die
Schultern und Stirn umflatterten. -- »=Uhi!= Glentek ist frei, aus den
Bergen stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den
Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner
Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem Pfeil
gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt
hinaus in's Freie -- =uhi!= Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die
feigen Schurken, die dich verrathen haben? -- Ich komme, ich komme dich
zu rächen!«

Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte die eigene Waffe von
der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff
nicht, und mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür
aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten
Radotan in der Faust. -- »Da und da!« schrie er, nach links und rechts
hinüberstoßend, »habt ihr Stahl -- theilt euch drein, =uhi!=« Und wie
die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem
Satz über sie fort dem Ausgang zu und auf die Straße hinaus.

Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die
vollkommenste Ähnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer
Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr häufig
auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok,
Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht
scheu zur Seite, während die Bewaffneten den Wüthenden so rasch wie
möglich zu tödten suchen -- wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich
machen würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des
Unglücklichen, den er erfaßt hat.

»Amok, Amok!« schrie das Volk draußen und stob auseinander. Die
Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe fallen und flohen in die Seitenstraßen
hinein, die Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im Stich,
die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nächsten Häuser,
deren Thüren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flüchteten
sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und
Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen.

Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche aber, unbekümmert um das ihm
folgende Geschrei, quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die
Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stände
überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder sechs von ihnen verwundete oder
tödtete der Rasende, wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was
ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich
beißt, und übersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der
Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig
rissen.

Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den
Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten stürmten Bewaffnete
herbei, den Rasenden unschädlich zu machen und sich selbst, wie Frauen
und Kinder von der Gefahr zu befreien.

Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken übersprungen. -- Er
fühlte es nicht, daß ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit
gezücktem Messer floh er jetzt gerade über den nächsten offenen Zaun, in
dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. »Amok, Amok!« tönte
der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen
entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als
zehn oder zwölf Jahren, faßte keck und rasch ein quer über den Platz
liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock
befestigt war, und hob es in die Höhe. Der Rasende stürmte heran, die
Haare hingen ihm wild über das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe
stieß er blind in die Luft. Da blieb sein Fuß in dem ausgespannten Seile
hängen, und während er der Länge nach zu Boden schlug, entfiel seiner
Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe
er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und
Netzstricker mit ihren Bäumen und eigenen Messern über ihn her. --
»Amok, Amok!« schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn
mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit
den Zähnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag,
der ihn über die Stirn traf, warf ihn bewußtlos zurück und zu Boden, und
im nächsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Körper -- wühlten
in seiner Leiche.

Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem
Banksal führt, und den beiden malayischen Begräbnißplätzen, steht eine
einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzähligen Orchideen überwachsene
und von Pandanus und wilden Strandgewächsen dicht umgebene Cocospalme.
Unter der ruht der Körper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings
in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und
Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einfluß
der Holländer wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am
Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den
Bergen des einst freien Volkes.

Fußnoten:

[34] Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der letzten Hälfte
des Jahres in Bali in Blüthe steht, und dann gar keine Blätter trägt, so
daß ihn nur die langen, purpurrothen und büschelartig zusammenstehenden
Kelche seiner Blumen vollkommen bedecken.

[35] Eine rothe Falkenart mit weißer Brust, welche die Balinesen
wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein
ähnliches Schild vorn tragen.

[36] Die Radjadja ist nämlich die Blatternkrankheit, die von den
Europäern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche forderte dort ungeheure
Opfer und trat mit seltener Bösartigkeit auf. Einem eigenthümlichen
Aberglauben nach beerdigen die Balinesen die an dieser Krankheit
Gestorbenen nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die
Körper leicht mit Erde und lassen Kopf und Füße frei. Es ist leicht
begreiflich, wie in dem heißen Klima Bali's die Verwesung so vieler
menschlicher Körper die Ansteckung der Seuche nur vermehren und die Luft
im wahren Sinne des Wortes verpesten mußte.



Der Menschentiger.


1.

In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen
Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit
Bewilligung der holländischen Behörden, ein chinesischer Kaufmann
niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht
allein einen einträglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich
großes, dort in der Nähe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis
und andere Landesprodukte selber darauf zog.

Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen
konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hüte,
ge»badek«te[37] Tücher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hühner, Wild,
Cocosöl, kurz alles Mögliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse
Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach
kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen
kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend,
sein Möglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedürfnissen
bekannt zu machen, als irgend anging.

Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu häufig ihre Moralität
beschaffen sein mag, ein ungemein fleißiges und unternehmendes Volk, und
so geschah es denn auch hier, daß Schang-hai, wie er nach seinem
Geburtsort hieß, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen
geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein
Vermögen verzehn-, ja verhundertfachte und für einen der Reichsten in
der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt.

Die Javanen sind ziemlich abergläubischer Natur und haben, wenn sie sich
auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten
heidnischen Überlieferungen beibehalten, an denen sie mit
außerordentlicher Hartnäckigkeit hängen. Es kommt dazu, daß dergleichen
Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur
begünstigt, sondern oft auch durch sie begründet wird. So schrieben sie
auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natürlich nicht
allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhängig
glaubten, ebenfalls bald geheime Kräfte und Künste zu. Daß er sich gern
im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb -- wobei er in Wirklichkeit
nur kleine geheimgehaltene Geschäftsreisen machte -- konnte sie nur noch
mehr darin bestärken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den
in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu
haben, und das war ihnen besonders verdächtig.

Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets
ausgesetzt waren, spielte überhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr
bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen über das geheimnißvolle Treiben
dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und
blutdürstigen Verheerungen, wie aus seiner rücksichtslosen Grausamkeit
kannten, waren dort überall im Umlauf.

Eine der bekannteren ist die vom =Menschentiger=, die in mancher
Hinsicht unserer deutschen Sage vom =Wehrwolf= entspricht.

Es soll nämlich im Wald, nur von wenigen Auserwählten gekannt, ein Kraut
wachsen, daß die wunderbarsten Kräfte besitzt. Der Genuß der Wurzel
besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der
wörtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zähnefletschenden
gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genuß einer anderen heilwirkenden
Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Diese
Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der
ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefährlich. Dabei haben sie
ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr
auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen.

Auch in der Nähe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat
ausgesetzten Prämien von fünfzehn Gulden, sehr überhand genommen, und
besonders in einzelnen Kampongs große Verwüstungen unter den Heerden
angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von
Arenzucker beschäftigten Arbeiter überfallen und zu Holz geschleppt.
Wohl waren die Eingeborenen außerordentlich thätig gewesen, durch Fallen
und Gruben einen Theil dieser gefährlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu
bekommen und unschädlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr
wenigen, und Jäger sind die Malayen und Javanen überhaupt nicht. Sie
wissen zum Beispiel gar nicht mit Schießgewehren umzugehen, und wenn sie
auch dann und wann einmal in Begleitung der Holländer eine solche Waffe
führen, gefährden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als
das Wild. Selbst Bogen und Pfeile führen sie nur zum Spiel, und ihre
eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte
damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang,
eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptsächlich dazu dient, sich in den
Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich
geeignet, daß es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum
Hiebe die nöthige Wucht erhält. Den Khris oder Dolch haben sie fast
alle im Gürtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise,
auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten.

Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jäger, und führen
selbst nicht einmal eine Waffe -- es müßte denn hie und da einmal
heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung
nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Holländer auf Java tragen
=müssen=.

Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine
Vermögensverhältnisse von Tag zu Tag besserten, fühlte er auch das
Bedürfniß, eine Lebensgefährtin zu wählen und sich damit endlich einmal
eine »häusliche Bequemlichkeit« zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu
werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine übrigen
Geschäfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen »Luxus« -- wie er
es bis dahin genannt -- gestatten zu dürfen.

Das wäre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor
einer längeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgeführt hätte. Leider
hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet,
Reichthümer aufzuhäufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend,
auf Körperschönheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in
dieser Hinsicht noch weniger günstig sein. Schang-hai war mit einem
Wort ein kleiner, dicker, häßlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf
sich schon grau zu färben begann, und die kleinen, etwas feuchten,
brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst
einen widerwärtigen, abstoßenden Ausdruck. Nichts desto weniger wußte
er, was ihm auch der Spiegel über seine eigene Persönlichkeit sagte,
doch recht gut, daß in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu
erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, daß er seine
beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekümmert hatte verstreichen
lassen.

Da er dabei vernünftig genug war, bei einer Heirath nicht an die
Vergrößerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits
entschlossen hatte, ein armes, aber hübsches junges Mädchen zu seiner
Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen
gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes, in dem er sich befand, darin
begünstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die
Eltern, die eine unbeschränkte Gewalt über ihre Kinder, besonders über
ihre Töchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute »Partieen«,
denn eine =Heirath= kann man ein solches Ehebündniß kaum nennen. Der
Mißbrauch geht darin so weit, daß die Europäer auf Java sich oft
Mädchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren für eine zwischen beiden
Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine
Ceremonie für nöthig halten.

Das war übrigens Schang-hai's Absicht nicht. Er wollte sich wirklich
eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder
unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der
Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter
eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders
verpflichtet und ihn so in Händen hatte, daß er überhaupt gar nicht
seine Einwilligung hätte verweigern können -- wenn ihm das überhaupt in
den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hieß, dachte aber auch
nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken
Chinesen mit dem »falschen Blick« auch sicherlich mehr fürchtete als
liebte, fühlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet
gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als daß er mit seiner
Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick hätte zögern können.
Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz
von selbst verstand, daß sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr
vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Hätte das Mädchen denn auch ein
größeres Glück, eine größere Ehre träumen können? Daß Laykas den
Chinesen =lieben= sollte, verlangte kein Mensch von ihr -- nicht einmal
ihr Bräutigam selber, und daß sie diesen jetzt, wie alle Kinder und
Mädchen des Kampongs, =fürchtete=, und ebenso gern einem Tiger als ihm
in den Weg gelaufen wäre, wenn er einmal die Straße herab kam, war eine
Sache, die sich jedenfalls -- wenn sie nur erst einmal seine Frau war --
von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja
nicht einmal Raum zum Überlegen bleiben.

Schang-hai hatte nämlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu
sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen,
die er auf das Glänzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese
wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und
Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber
verschob er natürlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht
werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter
solchen Umständen auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu
führen.


2.

Eines hatte er dabei übersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so
gering angeschlagen, daß es eine weitere Beachtung nicht verdiente, --
daß nämlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frühere
Zuneigung haben könne. Das Herz eines jungen Mädchens fragt ja auch
nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen
hingezogen fühlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte
Schang-hai überhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen
Häuslichkeit unumgänglich nöthig war; er wollte die Hand des Mädchens,
und die gehörte bis jetzt noch Niemand.

Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen
schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von
Körper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch
erhöht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer
Schönheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten
findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, daß das steigende und
schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen
Augen und Händen und Füßen, um die sie manche stolze Weiße beneidet
haben würde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern,
und selig wäre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst
mit ihrer Liebe beglückt hätte.

Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder
noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine
Klage über ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen
Blick hatte sie für alle -- konnte sie den Sturm ahnen, der sich über
ihrem Haupte zusammenzog?

So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben
ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den
breiten, hohen Bambusstöcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen
Sarong[39] von blau und rothem, selbstge»badek«tem Stoff, der ihr bis
zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knöchel zeigte,
trug sie um die schlanke Hüfte festgesteckt; der Oberkörper, wie das in
den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und
die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer großen
Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefüllten
Bambusstöcke, die wohl bei drei Fuß Länge, fünf Zoll und mehr im
Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn
und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht
unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, kräftigen
Mädchens leicht und elastisch.

In der Thür der Hütte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben,
noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurückgekehrt war und den
Augenblick nicht erwarten zu können schien, wo er der Tochter die
Freudenbotschaft mittheilen sollte.

»Was hast du, Vater?« rief das Mädchen, dem die fröhliche Bewegung in
dem sonst ziemlich mürrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war,
und mitten im Gang hielt sie, die Hände zur Stütze auf die Hüften
stemmend, an, daß die beiden Bambusröhren langsam herüber und hinüber
schwankten. »Was hast du, Vater? Es ist doch nicht --« und das Blut
schoß ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und
Schläfe, als sie daran dachte, daß vielleicht Maono, der brave arme
Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wäre und -- sie konnte keinen
Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen
durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, daß
kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trüben
machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes für die
Tochter deuten.

»Freu' dich mit mir, Laykas!« rief ihr dieser, als er sie halten sah,
entgegen, »freu' dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glück ist
gemacht.«

»Maono?« war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fühlte
dabei, wie roth sie wurde.

»Maono?« meinte der Alte, verächtlich mit den Schultern zuckend, während
sich doch ein verschmitztes Lächeln über seine Züge stahl, »wer ist
Maono? So viel für den! Hat er doch nicht Reis genug für den morgenden
Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Früchten und
Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist für etwas Besseres
aufbewahrt.«

»Für =Besseres=, Vater?« sagte das Mädchen leise, und die mit Wasser
gefüllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich
in Blei verwandelt hätten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang
bis zur Hütte ersteigen. »Für was Besseres, Vater?« wiederholte sie hier
noch einmal. »Ich verlange nichts Besseres von Allah -- möge er es mir
gewähren.«

»Nichts Besseres?« lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder
zufrieden geben. »Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist,
müssen's die Alten soviel besser verstehen. Aber hör', Laykas was ich
dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du
nicht erwartet haben.«

»Freude? -- Ehre?« rief das arme Mädchen erstaunt und eingeschüchtert,
denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen.

»Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen,« schmunzelte der Alte;
»so höre denn, =Schang-hai= hat dich von mir zum Weib begehrt.«

»Schang-hai?« rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder,
daß die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell
wieder den Berg hinunterschickten.

»Ja -- der reiche Schang-hai,« erwiderte mit selbstzufriedenem Lächeln
der Javane, den Schreck der Tochter natürlich der Freude und
Überraschung zuschreibend. »Aber läßt du nicht das ganze Wasser wieder
den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun laß nur sein, von jetzt an wirst du
Diener haben, die das für dich thun. Allah segne mich! Hätte ich doch
nie geglaubt, die Freude an meinem Kind -- und nur eine Tochter -- zu
erleben! Aber morgen mit dem Frühsten gehst du zum Bach hinab und badest
dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne über die
Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Bräutigam führen!«

»Bräutigam?« stöhnte Laykas, ihr Antlitz in den Händen bergend und dann
mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; »Schang-hai --
der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein -- mein =Bräutigam=?«

»Nun ja, =hübsch= ist er gerade nicht,« lachte der Alte gutmüthig,
»darauf kommt auch nicht viel an. Aber =reich= ist er -- steinreich, und
dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in
den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun müßte, wenn Schang-hai nur
daran dächte, seine Forderung einzutreiben. -- Du bist ein braves Kind,
mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude.«

Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden
nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wußte, ihr Schicksal war
besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um
auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß er Ernst, bittern Ernst
aus seiner Drohung machen würde. Sie war das Weib des gefürchteten
Schang-hai, dessen Nähe allein sie schon mit Entsetzen erfüllte, und
wenn die morgende Sonne über die Wipfel ihrer Bäume schien, -- ein
Schauder überrieselte sie -- führte sie ihr Vater in die Arme des
Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt über sie haben sollte ihr
Leben lang.

Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige
Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er
doch den Abscheu, den alle Kinder -- ja fast alle Erwachsene in den
Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und fürchtete er ihn doch selbst
weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und
nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter
mit ihr darüber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Daß
sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er
ging deshalb in sein Haus zurück, um für sich selber auf den morgenden
Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und
seinen schönsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei
der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nöthige so gut
wie abgemacht.

Staunend sahen indeß Laykas' Geschwister die Trauer der Schwester, über
deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wußten. Was es
bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wußten sie noch nicht, und darum
brauchte Laykas doch nicht das mühsam heraufgetragene Wasser wieder den
Berg hinunterlaufen und den Kopf hängen zu lassen. Nur ein unbestimmtes
Gefühl sagte ihnen, daß mit der geliebten Schwester doch eigentlich
Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst
einmal ins Haus gegangen war, drängten sie sich ängstlich schüchtern um
sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd
aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher.

Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam
zurückgedrängten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb
gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafür
das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und
Entsetzen vorschwebte -- das Weib des Mannes zu werden, von dem sie
jetzt nicht einmal wußte, ob sie ihn mehr fürchtete oder mehr
verabscheute. Ihre Thränen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte
Körper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebändigten Bewegung.

Die Sonne sank, und sie saß noch immer auf der Stelle -- die Kinder
waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, daß Laykas krank wäre
und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu
lassen, sie würde schon wieder von selber froh und heiter werden.

Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus.

»Laykas,« sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, »komm
herein ins Haus -- der Vater wird sonst böse, und der Thau fällt auch
schon stark.«

»Mutter,« stöhnte das arme Kind und faßte die Hand der Frau; »ich kann
nicht -- ich =kann= nicht das Weib Schang-hai's werden.«

»Der Vater hat's gesagt,« seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu
ihr gewendete, von Thränen überströmte Gesicht des Mädchens streichelnd.
»Du weißt, was der sagt, müssen wir thun. Mir wär's auch lieber, ein
armer Javane hätte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Sünder,
aber -- was geschehen, ist nun einmal nicht zu ändern. So komm, Laykas,
komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser
gehen, als wir jetzt denken.«

»Und Maono?« seufzte das Mädchen mit angstgepreßter, zitternder Stimme.

»Wer kann's ändern?« meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. »Unser
Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir dürfen nicht
murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid,« setzte
sie leise hinzu, »aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die
Wagschale werfen?«

»Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den
gefährlichen Tigern zu befreien?« rief Laykas. »Haust er jetzt nicht
allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien
selber erfaßt zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, daß
wir zusammen den Hausstand beginnen könnten, gegen den selbst der Vater
bis jetzt nichts einzuwenden gehabt?«

»Das ist alles wahr, mein Kind,« sagte die Mutter, das aufgeregte
Mädchen freundlich begütigend, »aber damals hatte Schang-hai noch nicht
um dich gefreit, und du weißt selber, welche große Hülfe der für uns
ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den
Händen deines künftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Hütte
her gehörten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu
fordern. Die Büffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm
geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurückfordern. Die Weide selbst,
auf die wir sie treiben, gehört dem Chinesen, und schon lange habe ich
mir gedacht, daß er nicht umsonst so nachsichtig und gütig mit uns
gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern würde. -- Und doch
hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum =Weibe= begehrt,
und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die größte Ehre
erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann.«

»Ehre -- Ehre!« jammerte das arme Mädchen, »mir bringt diese Ehre den
Tod -- und Maono, armer Maono!«

Sie stand langsam auf, schüttelte die Thränen von ihren Wimpern und
folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich
auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden.


3.

Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen
Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal
nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wünschte, unterließ
er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht über
durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein fröhliches Gesicht zeigte --
nur bis die Feierlichkeit überstanden war. Nachher mochte Schang-hai
allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde.

Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; draußen
rauschten die Palmen ihr flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der
unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des fallenden
Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht
unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und
einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll eines Tigers vom Wald
herüber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen
hören, wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern
trieb.

Und morgen? -- Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden
Tag dachte! So mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit
der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt werden sollte und jetzt, an
Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn
hinaus zum Galgen führen sollte. -- Und =war= sie denn eingeschlossen
und gefesselt? -- Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr
sie bei dem Gedanken empor. -- Flucht -- Flucht vor der Gefahr war noch
möglich -- aber wohin? --

Wohin? -- Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen
Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von
den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des
Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem
Tode schon geweiht? War denn das =Leben=, wenn sie Tage, vielleicht gar
Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen -- sterben mußte?

In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, das die fest darauf
gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen vermochte, und der Athem stockte
ihr, als sie sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um
auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. -- Sie athmeten tief und ruhig
-- ihr Vater träumte wohl gar von dem »Glück und Heil«, das er mit der
Tochter Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist sich schon
geachtet und geehrt -- ja warum nicht auch =gefürchtet= von den
Nachbarn. -- Fort! -- Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb.
-- Fort aus der Heimath -- aus der Eltern Haus, von dem Herzen der
Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern,
für die sie ihr Leben gern geopfert hätte -- denn das war mehr als Tod,
was man von ihr verlangte!

In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der
geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein.
Geräuschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und über den Boden hin.
Hätten sie selbst gewacht, sie würden die Flucht des Mädchens nicht
vernommen haben. Wie sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und
blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen,
die ihrem Herzen theuer waren -- ohne ein freundliches Wort von der
Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? -- Aber sie durfte
nicht zögern -- der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt
entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren.

Sie öffnete den hölzernen Drücker der Thür so leise als möglich, und
stand im nächsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thür
wieder hinter ihr ins Schloß, und während sie im Haus drin Stimmen zu
hören glaubte, glitt sie über den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung
umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebüsches
hinein, das, mit anderen Fruchtbäumen wechselnd, bis zum Rand der
Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung
mehr zu fürchten -- sie war gerettet.

Gerettet? -- Guter Gott -- wie hatten noch gestern Abend diese Bäume,
unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese
Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes
Blatt ihr da gewesen, und jetzt! -- Stand sie nicht so wenige Stunden
später wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige
Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht plötzlich so kalt und öde um
sie her, als ob sie, inmitten all des Glückes und Segens, das Gottes
Hand darüber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoßene wäre?

Wohin jetzt? -- Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfaßte, war es
der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend
zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all
seinen tausend und tausend Sternen über ihr blitzte, wie sie wieder das
Flüstern der Bäume, das Murmeln des Baches hörte, da klammerte das
jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und
unwillkürlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels
bewußt war, floh ihr Fuß jetzt von der Richtung fort, in der der
reißende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien
Bewegung ihrer Glieder den Körper von der frischen Nachtluft gekühlt,
mit dem Bewußtsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbstständig,
unabhängig, ja sogar der Willkür ihres Vaters entgegen zu handeln,
kräftigte sich auch der Muth des armen flüchtigen Kindes. Ihr Auge
blitzte kühner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast
krampfhaft und die fest zusammengepreßten Zähne, die keck und trotzig
aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewußtsein erwachte
Weib.

Unschlüssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als
sie das nächste Thal erreichte. Aber nicht mehr über das Ziel, dem sie
zufliehen wollte, war sie in Ungewißheit -- =das= sollte Batavia sein,
so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie
schon soviel erzählen gehört, durfte sie am leichtesten hoffen,
unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Kräfte nur
vermochten, und von früh bis spät; war sie das schwerste Mühen doch von
Kindesbeinen auf gewohnt! -- Dorthin reichte auch nicht der Arm
Schang-hai's, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der
Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm
fürchten zu dürfen.

Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von
dem Geliebten? -- Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fuß
gewandt? -- Schreiben, wie es die Weißen und Chinesen thaten, konnte sie
nicht, und wie hätte ihn je eine mündliche Botschaft erreicht, die nicht
zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drüben, wo der
dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am
Hügelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin,
allein, bei Nacht den Fuß zu setzen wagen? -- Jene Gegend war ihrer
Tiger wegen gefürchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort
niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu können und sein
höchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mädchens, zu erreichen. Wohl
getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Hütte führte
-- denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal
am Tage dort gewesen, um Arekanüsse zu holen. Wie aber durfte sie der
Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien überrascht zu werden? Nachts
und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger
aus seinen Dickichten, in denen er den Tag über versteckt gelegen,
hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind,
das er trifft, ein Pferd, ein Stück Wild, es ist ihm alles willkommen,
und gleich gierig stürzt er über alles her. Die Bestien aber, welche
schon einmal in früherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen
dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute
jeder andern vor. Das sind dann die gefährlichsten Raubthiere, und dem
Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen
anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer
Auszeichnung »die Menschenfresser.«

Laykas zögerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr
diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die
Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und
Klarheit, fast gefüllt, am östlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem
Pfad -- er und die Liebe sollten sie führen! Und hatte sie Maono von
ihrem Plan in Kenntniß gesetzt, wußte =er=, und nur er allein, wohin sie
sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann
konnte sie auch mit fröhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten,
mühseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden
Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hülflose
Mädchen sah, trotz der Gefahren, die überall ihre Bahn umlauerten, mit
froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen.

Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glücklich
erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht
klar. Nur das fühlte sie, daß sie arbeiten konnte und wollte, und aus
ihrer Gegend selbst waren ja schon in früherer Zeit Einzelne dorthin
ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurückgekehrt --
warum sollte es =ihr= dort fehlen?

Rüstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurückwerfend,
ob sie nicht verfolgt würde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie,
sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am
Hügelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchführte.
Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum
aufgegangenen Mondes die schmalen schlüpfrigen Raine zwischen den unter
Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fuß
breit Boden und wußte, daß sie rascher vorwärts eilen konnte, sobald sie
nur einmal die steinigen Hügelhänge, in denen ihr jetziges Ziel lag,
erreicht hatte.

Hier begann freilich auch das Gebüsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn-
und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbäume
-- hier begann für sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren
Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als
sie den düsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine
wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher
und hielt auch wohl den flüchtigen Schritt plötzlich an, um irgend einem
fremdartigen Geräusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das
ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente;
ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie
jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Hütte entfernt, in der
Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch
den die breite, gut in Stand gehaltene Straße am Rand der Ravine hin
lief. Diese Straße führte von Tji-dasang aus zuerst nach dem großen Gut
eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen
Hauptpoststraße, die durch die ganze Insel läuft, in Verbindung. Diese
Straße mußte sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und
der durch die ihr gegenüberliegende Dickung führte, lag etwas weiter
oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreißig Fuß hohe Farnpalme
ihren federnartigen Wipfel über dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den
Wald zu brechen wäre ihr, selbst am hellen Tag nicht möglich gewesen, so
dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und
Lianen, und rasch der Straße aufwärts folgend, sah sie schon von weitem
den Schatten der Palme über die weiße Straße hinüber hängen, als sie,
dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah.

Mit einem halben, kaum unterdrückten Aufschrei flog sie zurück, und wie
gelähmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede
Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb
scheu unter seinen großen Hut zurückgedrückt, und doch auch wieder fast
eben so überrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare
Schang-hai. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergepreßte
Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glühende
Lichter nach ihr herüber zu funkeln.

»Allah schütze mich!« stöhnte die Jungfrau. Als ob aber mit den
herausgestoßenen Worten der Zauber gebrochen wäre, der sie bis dahin
gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich,
mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den
weiten Graben überfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den
Kopf zurück -- sie hörte Schritte hinter sich -- das Laub raschelte, und
kaum ihrer Sinne noch mächtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast
immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe
von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Geräusch hinter
sich zu hören, aber durch die Palmen hin kannte sie einen näheren Pfad
zur Hütte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des
dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobüschen hinein. Jetzt hatte
sie das Bambushaus erreicht -- die hohen Stufen flog sie hinan, preßte
den Drücker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thür sich
in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare
Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmächtig
zusammen.


4.

Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jäger,
wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen,
manchmal weite Gruppen schlanker hochstämmiger Cocos- und Arekapalmen in
der tiefsten Wildniß stehn. Sonst sind dies stets, besonders die
letzteren, sichere Zeichen von der Nähe menschlicher Wohnungen, und
noch mehr bestätigen gewöhnlich schattige Fruchtdistrikte von
Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bäumen, und wie die
wundervollen Bäume alle heißen, solche Vermuthung, und scheinen dem
Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, daß er sie
nur in etwas von ihrem drückenden Reichthum befreien möge. Und doch
würde in den meisten Fällen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal
finden, daß solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschöpfe
als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fährten
eingedrückt.

Und dennoch standen dort früher die leichten Hütten der Eingeborenen,
deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre
letzten Überreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser üppigen
Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und höher
und kräftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und
schauten stolz und kühn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum
überragten.

Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und
andern Fruchtbüschen hat in früherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld
gelegen und des Menschen fleißige Hand dem Boden Nahrung für sich
abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so
forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurück, streute
seinen Saamen darüber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth
und Mühe zurückgehaltenen Wurzeln auf's neue in kräftigen Schößlingen
empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon
die Pisang oder Bananenstämme; denn in sechs Monaten treiben diese einen
Stamm von Beinesdicke, um im nächsten Jahr den Boden damit zu düngen,
und fünf oder sechs ähnlichen Schößlingen Saft und Nahrung zu geben.

Solche »todte Kampongs« sind fast immer, und mit nur wenigen Ausnahmen,
in früherer Zeit der überhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern
geräumt worden, die lieber ihre Fruchtbäume und das mühsam bestellte
Feld im Stich ließen, um nur der gefährlichen Gesellschaft zu entgehen.
Weiter dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie da auch ihre
Arbeit von vorn beginnen, und das Wachsen neu gepflanzter Palmen und
Fruchtbäume erwarten mußten, waren doch ihre Familien auch mehr
gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, selbst in der Thür
der Hütte, wie das im Walde oft der Fall gewesen, den Angriff des
gierigen Räubers zu fürchten. Von den verlassenen Plätzen aber nahm der
Fürst der Javanischen Waldung, der Königstiger, Besitz, und in der neu
und dicht aufschießenden Wildniß konnte er seine Tage sicher und
ungestört verträumen, um dann erst Abends mit der Dämmerung seiner Beute
nachzugehn.

Auch diese Stelle, durch die der Fuß der armen geängstigten Maid
geflohen, war ein solcher »todter Kampong,« und die Tiger hatten sich in
der Nachbarschaft so vermehrt, daß sie sogar von dort aus die dicht
besiedelten Nachbardörfer aufsuchten und Schrecken und Entsetzen unter
den Bewohnern verbreiteten. Nicht allein sah sich die holländische
Regierung dadurch genöthigt, in der letzten Zeit einen erhöhten Preis
auf die Einbringung oder Tödtung dieser gefährlichen Raubthiere zu
setzen, sondern die Eingeborenen selber waren zusammengetreten und
sicherten noch besonders dem glücklichen Erleger eines Tigers reiche
Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche Art hoffen, von ihnen
befreit zu werden, und ihre grimmen Reih'n gelichtet zu sehn.

Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein das Gerücht, sondern
war in ihrem angsterfüllten Hirn, von abergläubischer Furcht gestachelt,
zur festen Überzeugung herangewachsen, daß zwischen ihnen ein
=Menschentiger= sein entsetzlich Wesen treibe. Zu viele Menschen, und
zwar lauter Javanen, waren gerade in den letzten Monaten im Wald und
selbst bei ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern
zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur mit zerrissener
Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen hatte jedenfalls ein solches
Ungeheuer gewüthet, und der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf
den Fang desselben gesetzt, wäre hoch genug gewesen, den glücklichen
Jäger zum reichsten Mann des Kampongs zu machen, -- nur daß sich der
»Menschentiger« eben nicht fangen =ließ=.

Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch die Ursache gewesen, daß
sich Maono, ein junger kräftiger Sundanese -- wie die Bewohner der
östlichen Gebirgshälfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, den
Javanen, eigentlich heißen -- dem gefährlichsten Handwerk, das seine
Berge kennen, dem Tigerfang ausschließlich zugewandt. Er hatte es aber
nicht aus Gierde nach Schätzen gethan, denn der wackere Bursch bedurfte
deren für sich selber nicht; sondern nur um sein Mädchen, seine Laykas,
dem drängenden Vater abzukaufen, und für sich selber dann, an ihrer
Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, wählte er sein gefährliches
Geschäft, durch das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines
Capital zurückzulegen -- wenn ihn nicht die Tiger selbst zerrissen. Ohne
Laykas aber konnte er sich das Leben doch nicht denken, und was galt ihm
jetzt die Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn er damit
die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! Dieser Platz schien ihm
dabei vor allen andern passend, sein Vorhaben auszuführen, und in dem
Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang einen kleinen Raum
freigeschlagen, errichtete er aus Bambusstäben seine feste Hütte, deckte
sie mit den Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen Matten
geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben an und fing in rascher
Reihenfolge fünf starke Tiger, die er allein mit seiner Lanze in der
Grube tödtete.

Maono war an dem Abend erst mit der Dämmerung nach Hause gekommen. Vor
einigen Tagen fast selber von einem riesigen Tiger überrascht, dessen
Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Hütte gespürt, hatte er kurz vor
Dunkelwerden eine neue Grube beendet und mit der Lockspeise belegt, und
sich jetzt, müde und erschöpft vom schweren Graben und Balkenschleppen,
auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, fortwährend von Gefahr
umgeben, war nur leicht, und wie der Griff seiner Thüre niederklappte,
diese sich öffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner Schwelle
zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die immer dicht neben ihm an
seinem Lager lehnte, und fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor,
dessen Angriff er fast fürchtete.

Aber Alles blieb ruhig -- draußen rauschte der Wald, die Frösche
quackten in dem nahen Sumpf, und laut und donnernd schlug plötzlich ein
wild dröhnendes Gebrüll an sein Ohr.

»Ha?« lachte der junge kecke Jäger vor sich hin, »hast du das Weite
wieder gesucht, mein Bursche, wie du das Lager des Feinds gewittert? --
Aber nein -- das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt noch dort
im Alang Alang[40] draußen, und folgt vielleicht jetzt gerade meiner ihm
gelegten Witterung. Aber die Thür öffnete sich doch, und ich dächte, ich
hätte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen.« Vorsichtig, mit
vorgehaltener, zur Vertheidigung oder zum Angriff bereiter Lanze näherte
er sich langsam der Thür; der Mondenschein fiel hell und voll darauf,
und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde menschliche
Gestalt.

»Der Menschentiger!« knirschte er zwischen den Zähnen durch, und die
krampfhaft gepackte Lanze drängte sich fast unwillkürlich zurück, zum
Todesstoß ausholend. -- Aber das sah nicht wie ein Angriff aus; die Arme
fortgestreckt vom Körper lag die dunkle Gestalt still und regungslos zu
seinen Füßen -- in seiner Gewalt. So hätte sich ihm das Ungeheuer, das
er mehr fürchtete als alle Tiger der Welt, im Leben nicht preis gegeben.
Das war ein Mensch. Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig
und sprungbereit dem fremden Wesen näher trat, und sich langsam und
scheu niederbog, um es mit der Hand zu berühren, da fühlte er unter den
Fingern das weiche warme zarte Fleisch und wußte jetzt, daß es ein
jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mußte, das vor den Tigern
flüchtend, hier bei ihm Schutz gesucht.

Er stellte die Lanze neben die Thür, und beugte sich nieder, die Arme
aufzuheben und in die Hütte zu tragen, als der bewußtlose Körper wieder
Leben gewann. Die erste Bewegung aber war der scheu nach rückwärts
gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge und -- »Laykas!« schrie
Maono, und schlang staunend und erschreckt den Arm um die Geliebte.

»Schütze mich, Maono!« war aber alles, was Laykas im Anfang über die
bleichen Lippen bringen konnte, und zugleich drängte sie sich jetzt
scheu von der Thür hinweg.

»Fürchte dich nicht, mein Herz,« sagte Maono freundlich ihre Angst
beschwichtigend. »Wenn ich auch nicht begreife, wie du in Nacht und
Dunkel den Weg -- Allah schütze mich!« rief er plötzlich, in
Todesschreck emporfahrend -- »wie bist du denn zu dieser Hütte gekommen?
Den Pfad entlang?«

»Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und dann in wilder Flucht
durch die Stämme und Dornen durch, die mir die Haut zerfleischten.«

»Dich hat dein guter Geist beschirmt,« sprach Maono, liebkosend ihr die
Haare aus der feuchten Stirn streichend. »Aber um deiner Liebe willen,
Laykas, was führt dich in der Nacht in dieses Dickicht, das selbst die
Männer deines Kampongs nur am hellen Tag in Trupps betreten? Wenn du nun
in die Klauen einer der gierigen Bestien gefallen wärst? Wie elend wäre
ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an ihnen gerächt! Oder droht
dir Gefahr von anderer Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung?«

Das Mädchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten die Vorgänge des letzten
Abends erzählen, und dann ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins
weite ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber, das in der
letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, vom Mondlicht bleich
beschienen, vor ihrem entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre
Sinne und Gedanken so betäubt, verwirrt, daß nur das eine Wort Raum in
ihnen fand. -- »Schang-hai!«

»Ha! -- was mit dem?« fuhr Maono auf, »drängte der alte Sünder deinen
Vater zum Äußersten? Den Tod über ihn! Aber nicht lange mehr, so hat
Maono Geld und wird --.«

»Dort -- dort -- hinter mir!« stöhnte Laykas und deutete mit zitterndem
Arm durch die noch offene Thür hinaus ins Freie, »er folgt mir --
schütze mich!«

»Wer? -- Schang-hai?« rief Maono mit weit geöffneten stieren Augen,
indem ein furchtbarer Verdacht vor seiner mit all den Schreckbildern
blinden Aberglaubens gefüllten Seele emporstieg. »Schang-hai -- jetzt im
Wald? -- Auf deiner Fährte?« Und rasch und unwillkürlich suchte die Hand
die fort gestellte Waffe.

Nur mit unendlicher Mühe bezwang sich das arme, zum Tod erschöpfte
Mädchen endlich soweit, dem Jüngling zuerst die Vorgänge der letzten
Viertelstunde, die plötzliche Erscheinung des Chinesen und ihre wilde
Flucht zu erzählen, denn in des Geliebten Nähe fühlte sie sich
wenigstens vor augenblicklicher Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie
sich mehr und mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thüre schloß, auf dem
kleinen Herd ein prasselndes Feuer von dürren Bambusstäben entzündete,
das Licht und Wärme verbreitete, und dann seine Matte zur Flamme zog,
daß sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgänge des
letzten Abends zurück, sagte, was ihr mit der heutigen Sonne gedroht und
sie zur Flucht getrieben, und bat den Geliebten jetzt mit leiser
ängstlicher Stimme sie am nächsten Morgen nur wenigstens bis durch den
Wald zu geleiten, damit sie nicht etwa nach ihr ausgeschickten
Verfolgern in die Hände fiele, und vor allem -- dem furchtbaren
Schang-hai nicht wieder begegnete.

Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre ganze leidenschaftliche
Erzählung unterbrochen -- nur seine Augen funkelten, seine Glieder
zitterten, und wie unwillkürlich suchte oft die Rechte, während er mit
der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfaßt hielt, den im Gürtel
steckenden Khris. Laykas für ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder
in die Fremde hinausgestoßen -- es blieb sich fast gleich, und keine
Hülfe -- keine Rettung aus dieser furchtbaren Noth! Blieb Laykas hier,
so wußte er recht gut, daß schon am nächsten Morgen, noch dazu, da
Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mußte, Boten nach ihr
ausgesendet würden, um sie zurückzufordern; und setzte die Unglückliche
auch ihre Flucht fort, was half es ihr -- allein da draußen im Wald --
allein in der Welt? --.

»=Allein?=« rief er da plötzlich, und richtete sich rasch und hoch
empor, »nein Laykas, nicht allein laß ich dich mehr hinaus in die fremde
Welt, nicht allein selbst durch diese gefährdeten Waldungen mehr. =Ich=
fliehe mit dir -- die Berge kenn' ich alle, von den Reisfeldern, die an
ihrem Fuße liegen, bis zu den nackten Lavagipfeln ihrer glühenden
Krater, und nicht nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weißen und
ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch unsere Spur wieder
auffinden und uns zurückfordern könnte in das alte Leid. Gerade Nord
hinauf ziehen wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von dort führ'
ich dich in dessen Prau hinauf nach den »tausend Inseln.« Dorthin wagen
sie nicht uns --.« Er hielt plötzlich inne, denn gar nicht weit von der
Hütte entfernt tönte so dröhnend, daß das Laub auf dem Dach zu zittern
schien, das tiefe furchtbare Gebrüll eines Tigers herüber, dem sich ein
wilder, gellender Schrei, wie fast aus gequälter Menschenbrust kommend,
beimischte.

»Der ist in der Grube!« jubelte Maono, in seiner Jagdlust fast die
augenblickliche Gefahr der Geliebten vergessend, und mit dem rasch
aufgegriffenen Speer sprang er der Thür der Hütte zu.

»Maono!« bat aber Laykas, ängstlich seinen Arm ergreifend, »gehe nicht
fort von mir. Laß mich nicht hier allein, ich würde vor Angst vergehen.
Und wenn nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt wäre.«

»Wäre er's nur!« zischte Maono, den Speer fester packend, zwischen den
Zähnen durch. »Aber horch, Laykas -- hörtest du nicht jetzt --?« -- Er
hatte die Thür aufgestoßen und horchte, halb unschlüssig, ob er gehen
oder bleiben solle, in die Nacht hinaus.

»Ich höre nichts als das Rascheln des Windes im Wipfel der Bäume,«
flüsterte die Jungfrau; »es ist so furchtbar todt und still da draußen!«


5.

Maono stand noch lange und lauschte in den Wald hinein. Es drängte ihn
hinaus, um nachzusehen, ob er den grimmen Feind gefangen, und doch
konnte er die Maid hier nicht allein zurücklassen. So verging die Nacht.
Mehr aber befestigte sich auch dabei in ihm der einmal gefaßte
Entschluß, die Geliebte nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr
den fernen, nicht unter Holländischer Botmäßigkeit stehenden Inseln
zuzufliehen.

»Und nun komm mein Lieb!« sagte der junge Jäger, als das erste dämmernde
Licht im Osten sichtbar wurde und rasch wachsend seinen grauen
Silberschein in die düsteren Waldesschatten warf. Er band sich dabei
sein Kopftuch fester um die langen schwarzen Haare, steckte seine Waffen
in den Sarang, band etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mädchen um die
Schulter knüpfte, und mit den unter den Fuß geschnürten Sandalen trat er
hinaus vor seine Thür, Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch
seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte Beute auch einem Andern
überlassen mußte, und rasch schritt er jetzt den schmalen Pfad voran,
der Stelle zu, von wo, wie er glaubte, das letzte wüthende Gebrüll
herüber geschallt.

Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, und schon von
weitem, so viel es ihm das matte Licht des jungen Morgens zu sehen
gestattete, erkannte er die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere
Zeichen einer gefangenen Beute.

»Ich hab' ihn!« flüsterte er halb zurückgewandt, mit blitzenden Augen
seinem Mädchen zu »ich hab' ihn! -- Da drinn wird er kauern scheu und
tückisch und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und Haß zu mir
aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. Warte, Gesell, das soll meine
letzte Arbeit hier im Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu
werfen -- dann mag er verbluten da unten, und die Geier sich sein
Fleisch zu Neste tragen.«

Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube
zurückzuwerfen, als Laykas schüchtern fragte:

»Und wird er nicht herausspringen können, wenn du die Decke wegnimmst?«

»Nicht von dort,« lachte nun der junge Mann, »die Grube ist tief, und
der Boden durch eingetriebene Stäbe in der Mitte der Art bedeckt, daß
seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen können --
siehst du dort?« --

»Hülfe!« tönte in demselben Augenblick eine Menschenstimme kläglich zu
ihm herauf, »rettet mich!«

»Ein Menschentiger!« schrie der Sundanese in jubelnder Luft
emporspringend, »ich hab' ihn, ich hab' ihn! -- Nun Laykas, gehn wir
nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater
mit vollen Händen Geld in's Haus geschleppt, dann mag der alte
tückische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland.«

»Aber Maono,« bat Laykas in Todesangst, »da unten in der Grube liegt ein
Mensch.«

»Ein Mensch? -- Ein Tiger ist's; ich hab' ihn selbst gesehn, seine
funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zähne! -- Er
hat die Wurzel nicht, daß er sich wieder verwandeln kann. Da -- sieh
dort!« rief er, während er die übergelegten Zweige mit der Hand bei
Seite riß, »siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? -- Siehst du, wie
er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte
Gesicht scheu zu Boden drückt, weil er sich schämt im Sonnenscheine
ertappt zu sein?«

»Hülfe!« tönte da wieder leise und ängstlich, daß sie gehört würde,
dicht =unter= ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber
erschreckt, die ihm nächsten Zweige bei Seite riß, erkannte er in immer
steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ängstlich
in eine Ecke gedrückt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als
sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden
langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwärtigen Züge seines
Nebenbuhlers.

»Schang-hai!« jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht
in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken,
dem also Gefangenen Hülfe zu leisten. »Hab' ich also recht gehabt? --
Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter
nicht gemerkt? -- Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da
unten auch noch so kläglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die
langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt' ich
dich!«

»Schang-hai!« stöhnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem
furchtbaren Gedanken, daß sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen
sein, ihr Antlitz in den Händen. Zu sehr theilte sie übrigens den
Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben,
was an dunklen Gerüchten ihren Stamm durchlief. Und hätte der Mensch da
unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten können, wäre er nicht
seines Gleichen gewesen? -- Nimmermehr! Das Raubthier würde ihn
hundertmal zerrissen haben.

Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube
vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr
und mehr zusammendrückte, und während Maono in jubelnder Lust oben
stand, den Triumph so glücklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der
unglückliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den
Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er =seine= Götter
nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er
versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen -- versprach
auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten -- er hätte
seine eigene Seligkeit verpfändet, wenn man es von ihm in diesem
Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu
sein, nur seine Spanne Leben zu retten.

Eine ebenso große Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von
daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nämlich, in der festen
Überzeugung, daß der gefangene Chinese wirklich ein =Menschentiger= sei,
der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder
angenommen, beschloß ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu
befreien. Während der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte
Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen
Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurückziehen zu
können, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf
erhoben.

»Vorbereitung zum Tode,« sagte er dabei ruhig, »brauchst du drunten wohl
nicht, denn wer in Nacht und Finsterniß in =solcher= Verwandlung
umherschleicht, weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich
einmal ertappt. So nimm denn --«

»Halt ein -- halt ein!« schrie aber der Unglückliche, der die drohende
Bewegung bemerkt, in Todesangst. »Ich schenke dir Hütte und Felder von
Laykas' Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehören. Ich schenke dir
sechs meiner besten Büffel und die zwei großen Reisfelder, die hinter
deinem neuen Hause liegen. -- Ich schenke dir vier Säcke Deute außerdem
und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstück stehen, und du magst
Laykas zur Frau nehmen, -- aber wirf den Speer weg, um meines Lebens
willen -- wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur herunter! Der
Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich -- ich bin
verloren, wenn du mich nicht rettest.«

Maono warf =nicht=; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der
Gefangene machte, brachten seinen Entschluß, ihn zu tödten und seinen
Fangpreis dafür einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als
er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch
immer.

»Und wirst du halten, was du da gelobt?« fragte er zögernd.

»Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen,« winselte
der Unglückliche.

»Du willst ihn nicht tödten?« fragte Laykas erstaunt, »wenn du ihn
aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide
vernichten.«

»Dagegen giebt es ein Mittel,« lachte der junge Sundanese, indem er
jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke
Schnur von der Lanze warf, während er dem Mädchen die Waffe reichte.
»Da, Laykas,« sprach er dabei, »nimm du den Speer und fass' ihn fest,
indessen ich den Burschen in die Höhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so
werd' ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten
List zu greifen, so bald er sich im Freien weiß, siehst du das geringste
Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen --
dann stößt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris
schick' ich ihn rasch wieder in die Grube zurück. Und jetzt fass' an da
unten!« rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu
bekümmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. »Schling'
dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir.«

Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl, scheu
dabei den Blick fortwährend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie
gewandt. Stärker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen
Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drückte er sich zurück, auf die
Hintertatzen zum Sprung zurückgebogen. Die tückischen Augen glänzten in
einem grünen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf
zurückgelegt und die grimmen fletschenden blendendweißen Zähne zeigten
sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. -- Trotzdem wagte er den Sprung
nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er,
so gerüstet, begegnen wollte.

Es war ein merkwürdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem
Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um
den Leib geknüpft und mit Händen und Füßen, wenn auch noch immer scheu
den Kopf nach der ihm nächsten Gefahr zurückdrehend, nachgeholfen, hatte
eben mit den Händen den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken
Arm zum bessern Halt um eine schlanke dünne Arekapalme geschlagen, den
Fuß gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus
allen Kräften den schweren kleinen Chinesen aufwärts, und neben ihm,
die gefällte Lanze zum Stoß bereit in der Hand, mit funkelnden und doch
in ängstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den
belebten Zügen, stand das wunderschöne Mädchen, nackt bis zum Gürtel,
die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung
des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend.

Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu fürchten,
und kaum hatte er den obern Rand vollständig erreicht und sich in
scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode
erschöpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben,
bewußtlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen ließ,
daß ihm der Sundanese Arme und Füße mit derselben Leine fest
zusammenschnürte, an der er ihn heraufgezogen.


6.

Unschlüssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten
einzuschlagen, entschloß sich Maono endlich dazu, Hülfe vom nächsten
Kampong herbeizuholen. Die Männer dort sollten entscheiden, ob der also
ertappte und überführte Chinese als ein entdeckter »Menschentiger« noch
den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang
gesetzten Lohn gezahlt hätte, oder ob er mit dem versprochenen Lösegeld
freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. -- Das schien ihm
nach kurzer Überlegung das Beste; hätten doch sonst die Nachbarn gar am
Ende glauben können, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet.
Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurücklassend, damit sie
ihm dieselbe ins Herz stoße, sobald er den Geringsten Versuch mache,
sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad
entlang, der aus dem Walde auf die Straße führte, um von dort aus den
Kampong Tji-dasang zu erreichen.

Die Mühe wurde ihm übrigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte,
fand er sich einer Schaar von Männern, Laykas Vater, Kelah, an der
Spitze, gegenüber, die bis hierher der Spur des flüchtigen Mädchens
gefolgt waren, und jetzt eben unschlüssig auf der stark betretenen
Straße standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten.

Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flüchtigen
Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgänge der letzten Nacht, den
Fang des so gefürchteten Menschentigers, mit einer mächtigen Tigerin
zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und
schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurück, den
er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas
Aufsicht zurückgelassen.

Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht erholt, und das junge
Mädchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten
gebeten, ihn loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht
noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den
Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Haß und Furcht
gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte,
wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, daß er von ihr nichts
zu hoffen hatte. Endlich schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr,
und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er
den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs.

Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so
war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht
im Augenblick zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er
selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen
Augenblick zu zweifeln, daß der Chinese das wirklich sei, dessen ihn
Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er
dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt,
so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt
nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken dürfen, ihm die
Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er übrigens zwischen den
anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz
untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er zuerst einem
förmlichen Verhör Rede stehen mußte, ehe er hoffen durfte, selbst von
diesen Leuten, die ihn sonst mit der höflichsten, oft kriechenden
Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden.

Er erzählte jetzt -- immer noch mit gebundenen Händen, obgleich seinen
Füßen Freiheit gegeben war, daß er erst spät Abends von der Plantage
seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, als er
plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im
Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes
Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den
Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, der nach Maonos Hütte zu
führte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch
Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei
er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse
er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier
verborgene Grube gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht
getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen Raubthiere
herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner
Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender
Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht
geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides
zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für einen
Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein
Leben mit schweren Versprechungen erkauft.

Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich für abgemacht zu halten
und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu
erfüllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden,
und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem holländischen
Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem
Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte
er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast sämmtlich in dem letzten
Jahr einen näheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere,
und wie sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen »Menschentiger«
eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden Erzählungen, die schon seit
langen Jahren ihre Nachbarschaft über den kleinen Chinesen durchlaufen,
und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht
und rasch wieder aus den Händen zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb
auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen,
in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen zu prüfen. Er sollte nämlich
wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen
werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie
möglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, ließ sie
ihn aber unbelästigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein
sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, und dann sollte
er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getödtet werden. Seine
Erzählung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst
die jetzt darum befragte Laykas erzählte, daß er unter der Palme am Weg
wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die
des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte.

Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem solchen Ungeheuer seine
Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken,
seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste
für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine
bedeutende Summe schuldig waren.

Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur wieder um den Leib, wie
ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser
Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefährten
erkennen oder in wilder Wuth über ihn herfallen würde. Schang-hai hatte
aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich
schrecklich für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war indeß
nichts auszurichten und sein Leben soweit gefährdet, daß der nächste
Augenblick schon jeden zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht
hätte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen hätte ihn zu der wilden
Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen
vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zähnen zu empfangen. Nur eine
Rettung blieb für ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen,
zitternden Lippen rief er: »Halt!«

»Hinunter mit ihm!« tönte Kehlahs heisere Stimme. --

»Laßt mich reden,« bat aber der Chinese, »was nützt euch mein Tod --
was mein Geständniß, =daß= ich ein Menschentiger sei --.« --

»Er bekennt es!« rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem,
erschrecktem Blick auf den Unglücklichen. Dieser aber, den
augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend,
fuhr rasch und ängstlich fort. »Wenn ihr mich tödtet, verfällt mein Hab
und Gut dem Staat -- den Holländern. Ich habe keine Kinder -- keine
Verwandte -- in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die
weißen Männer werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und
ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich
erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu
fordern hätte, und will selber in den nächsten Tagen dieses Land
verlassen. -- Seid ihr das zufrieden?«

Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die,
die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie
sein geglaubtes Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, denn er
habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, und in der nächsten Nacht
werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wüthender über sie
herfallen, um die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen, mit
dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz
sicher, wie die Weißen den =Mord= ansehn würden, stimmten dafür, ihn
unter der Bedingung, daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die
drei Nächte aber den Fuß nicht über seine Schwelle setze, frei zu geben.

Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den
ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen hätte
-- und vor ihm lag das Leben!

Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während Kelah, etwas verlegen
allerdings, aber doch auch außer Stande, anders zu handeln, dem jungen
wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie,
nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt
geächteten Chinesen führen wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß
seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch
am Ende noch gereuen könne, den Wald entlang, bis er die Straße
erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen
Wohnung zu.

Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich nicht ihm, sondern
dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre
Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen
schäumende, brüllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.

Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von dem gefangenen
Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu
retten, gegeben, den Kampong. Ein holländischer Unterbeamter, der sich
gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte
ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen
Schutz der holländischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen
Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter
den Händen der Eingeborenen zu nahe gewesen, als daß er ihnen noch
einmal hätte trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den Verdacht
hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der
Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schützen konnten, zog es vor,
mit einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes Versprechen zu
halten. Ein anderer Chinese übernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch
sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nächte hielt er sich
in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verließ er unter einer erbetenen
und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nähe stationirten
Militärs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich
nie mehr zurückzukehren.

Fußnoten:

[37] Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes Zeug in den
verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu färben. Es wird nämlich
zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen
Kupferröhre, aus der heißes Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden
Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen,
auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und
theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung
verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.

[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr
verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die
stärksten, oft vier bis fünf Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das
Wasser darin zu tragen.

[39] Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß Breite, unten
und oben gleich weit, das über den Hüften eng zusammengezogen und durch
einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von
beiden Geschlechtern getragen.

[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß fast alle
offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist.



Der Khris[41].


Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem großen Handels-Viertel des Ostens, wo
die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der
Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein
regeres Gedränge als gewöhnlich. Die Menschenströmung, die sonst mehr an
beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und
abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstraße
zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den
aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer
und Javanischer Fruchtverkäufer angesammelt und hielt ihre duftigen
saftigen Waaren, vor den glühenden Sonnenstrahlen durch das hölzerne
Dach geschützt, feil.

Es war eine Auction in einem der großen, düsteren Gebäude, und zwar
nicht von importirten Europäischen Waaren oder veralteten Gütern, oder
von inländischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hält -- oder gar
von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier
ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen,
Vogelbälgen, Geräthschaften, Anzügen, Instrumenten etc. etc. der
benachbarten Inseln, die den Nachlaß eines verstorbenen Deutschen
Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament über die
Sammlung selber disponirte, öffentlich versteigert werden sollten. Alles
das, woran ein tüchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit
gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte
hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehört, in wenig Stunden
wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und
erzählend, zankend und schreiend, drängten sich indeß die Fremden aus
und ein, besahen die Schätze, die ihren Augen preis gegeben waren und
die nur Wenige von ihnen zu würdigen wußten, und packten das Gekaufte
gleichgültig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen.

Hier standen ein Paar Holländer zusammen, die einen Bogen spannten und
einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er
tragen würde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften
Affen unter dem Arm, aus dem Gedränge, und wurde von seinen Bekannten
jubelnd empfangen. Inländische Diener schleppten Lasten von fremdartigen
Geräthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schädel von
Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf
den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschädel
herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat
wohnenden glücklichen Käufers hinaufzuschaffen.

Zwei Weiße, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen
Holländischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich
schon seit längeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls
durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten
und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete
freilich Mühe, bis sie sich durch das Gedränge von Chinesen, Javanen und
Europäern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen,
Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum,
in dem die Waaren, theils an den Wänden hängend, theils auf den
Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus
den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen
herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu überwachen, auf
die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafür
in Empfang zu nehmen, wobei sie noch außerdem auf die Finger ihrer
Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem
besondern Rufe stehen.

Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] geführt, in Holländischer
und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bündel seltener Speere
und Pfeile, Bögen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zähnen, geflochtene
Geräthschaften, geschnittene Gefäße und künstlich und sauber verfertigte
Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelbälgen und Thieren, mit
Schmetterlingen und Käfern, Sammlungen von Früchten, Conchilien und
Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten
flüchtigen Gebot, den Käufern zugeschlagen.

Die beiden Männer hatten sich endlich mit nicht geringer Mühe dorthin
Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schöner Waffen, besonders Khrise, auf
einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen
nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr künstlich, ja
kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit
herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb
gearbeitet, mit glatter hölzerner Scheide und nicht selten mit dem
Haarbüschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der
Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um
einen ziemlich hohen Preis, während ein dicht neben ihm stehender Javane
die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam
betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten.

Der Holländische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich
gleichgültig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkäufe gemacht und den
Platz mit den Erstandenen Waffen geräumt hatte. Auch der Javane schien
genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester
um sich und verließ das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische
Aufseher unter den übrigen Sachen noch einen zurückgebliebenen Khris und
legte ihn auf den Tisch des Verkäufers.

»Ach wahrhaftig, da ist =noch= einer!« rief dieser, »nun, meine Herren,
wer bietet darauf, denn unser Khriskäufer ist fort -- noch ein
werthvolles Stück, mit prächtigen Granaten besetzt und fein damascirter
Klinge -- dreißig Gulden zum Ersten, dreißig Gulden zum Ersten sag' ich,
die Waffe ist hundert werth« --

»Ein und dreißig Gulden,« bot der Holländische Capitain.

»Ein und dreißig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis,« sagte der
Auctionator, -- »ein und dreißig Gulden zum Ersten.«

»Vierzig!« bot ein daneben stehender Engländer. »Fünf und vierzig!« der
Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schöne und
geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und
achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig
daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der übrigen
Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners
wieder, und verließ den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwül
und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen.

»Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction
betreten,« sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und
betrachtete, »wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und
wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld
nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern,
hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anführen lassen, und bin
um ein Stück Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden ärmer
geworden, als ich vorher war.«

Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und
prüfend betrachtet und sagte lachend:

»Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen
Anderen können uns gratuliren, daß die Menschen im Allgemeinen eben
nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser
ganzer Handelsstand beruht darauf, daß sie das eben =nicht= thun. Der
Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich =nöthig= entsetzlich wenig, und
wollte er sich darauf beschränken, wie sollte es dann mit Handel und
Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, für den
wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit
unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hält die Sache
in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn
nicht »nothwendig brauchen,« wo er dann zum =Bedürfniß= und zu dem wird,
was wir eben zum Leben haben müssen.«

»Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus«, lachte der Capitain.

»Für Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie
brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern müssen sogar noch eine
Menge anderer ähnlicher Sachen dazu haben, ein »=Naturalien-Cabinet=« zu
vervollständigen. Mit =einer= Sache muß der Mensch anfangen, und das
Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an;
mit einer Handvoll Reis hält er seine Mahlzeit; eine Bambushütte, die
ihn eben nothdürftig gegen Thau und Regen schützt, genügt ihm zur
Wohnung, ein Stück Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was
für einen Gefallen glauben Sie wohl, daß Sie einem solchen Menschen mit
einer Astrallampen oder mit irgend einer Europäischen Zimmer-Verzierung
erweisen würden? Gehen Sie aber zu einem der unter Holländischen Einfluß
stehenden Häuptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen,
Teppiche, Kronleuchter, Wandgemälde etc. etc. im wahren Überfluß als
=nothwendiges Bedürfniß= finden. Die Khrise spielen übrigens in dem
Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen
erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und dürfen nimmer verkauft
werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der
Weißen gekommen, und öfters ist es vorgekommen, daß Javanische
Häuptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Händen fanden, bedeutende
Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.«

»Ich wollte, ein solcher Javanischer Häuptling hätte Lust zu =diesem=
Khris«, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in
der Sonne blitzen lassend, »mit einigen Prozenten Gewinn könnte er
ungemein leicht wieder Eigenthümer derselben werden.«

»Dort steht gleich Einer,« sagte der Yankee, »und wenn ich nicht irre
sogar derselbe, der da drüben im Verkaufslokal die Waffen so genau
betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich
werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht
haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da
gefällt.«

Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an
einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefähr
zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die
edelgeschnittenen Züge und blitzenden Augen verriethen allerdings den
Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der östlichen
Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber
den Holländern, ihren jetzigen Herren, gegenüber sind, so wenig nahm der
Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehört haben mußte.
Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Männer
nur flüchtig überfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien
keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rühren, der Aufforderung
Folge zu leisten.

»Hallo, der ist unabhängig,« lachte der Amerikaner vor sich hin, »und
wir werden zu =ihm= gehen müssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen.
-- Heda, Freund!« setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe
dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend,
»kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet?«

Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und
trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu
erwidern, von den ihm jedenfalls verhaßten Weißen abwenden, als sein
Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie
unwillkührlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut schoß ihm dabei in
die Schläfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als
ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch
wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurück in seine alte Stellung,
ebenso der Körper, der sich wieder nachlässig gegen den Pfeiler drückte;
nur den Blick konnte er nicht losreißen von der Waffe, und der
Amerikaner mußte seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand.

»Weiß ich nicht,« sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend,
»ist ein alter Khris -- wollt Ihr ihn verkaufen?«

»Junge, Junge[44],« sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen
Archipel wohnte und die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen genau
kannte, in Holländischer Sprache zu dem Capitain, »der Bursche da weiß
mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich
umsonst die größte Mühe, gleichgültig dabei zu bleiben. Außerdem ist das
auch gar kein gewöhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was
für einen kostbaren Sarong er trägt, und welch' ein prachtvolles
golddurchwirktes Kopftuch -- hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er
tüchtig dafür bezahlen.«

Des Javanen Auge war indessen bei den ihm unverständlichen Worten
forschend von dem Antlitz des einen der Fremden zu dem des anderen
geflogen, ohne daß er jedoch seine Stellung auch nur um eines Haares
Breite verändert hätte, nur als der Amerikaner schwieg, öffnete er die
Lippen wieder, als ob er die letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber
das Wort zurück, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten.

»Fordert nur nicht =zu= viel,« lachte der Capitain; »wenn er wirklich
Lust zum Kaufen hat, wollen wir ihn wenigstens nicht kopfscheu machen.«

»Nur nicht ängstlich,« entgegnete ihm der Freund, »entweder liegt ihm
daran, den Khris zu bekommen, dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir
fordern =können=, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber nach
seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann wissen wir wenigstens,
woran wir sind -- laßt mich nur machen;« und sich dann an den Javanen
wendend, sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide zog und die
grau damascirte Klinge in der Sonne blitzen ließ, »könntet ihr uns nicht
wenigstens sagen, was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man 's
machen ließ, und von welcher Insel es überhaupt stammt, -- von Java,
oder vielleicht von Macassar oder Sumatra?«

Der Javane streckte langsam die Hand nach dem Khris aus, nahm die
Waffe, betrachtete, ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf den Griff
zu wenden, die Damascirung des Stahls mit prüfendem Auge, und gab ihn
dann ruhig zurück -- kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr, daß er
irgend einen Antheil an der Waffe nehme.

»Und was ist er werth?« sagte der Capitain ungeduldig.

»Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran bezahlt,« brach jetzt der
Eingeborene mit tiefer klangvoller Stimme das Schweigen.

»Funfzig Gulden? Nun ja,« fluchte der Capitain wieder in seiner eigenen
Sprache, »da habe ich wenigstens sieben und dreißig Gulden zum Fenster
hinausgeworfen, -- hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt
ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt.«

»Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang für einen Anderen gehalten,«
sagte der Kaufmann, »aber das schadet nichts; es ist immer ein schönes,
sauber gearbeitetes Stück, für das euch ein Naturalien-Cabinet in der
alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, solltet ihr es doch
einmal verkaufen wollen.« Und sich ohne weiteren Gruß oder fernere Notiz
von dem Javanen zu nehmen, von diesem abwendend, faßte er den Arm des
Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali Besaar hinauf und der Brücke
zugehn, die unter dem Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer
hinüberführte, als der Eingeborene ruhig sagte:

»Wollt ihr den Khris verkaufen?«

»Ja, wenn wir einen guten Preis dafür bekommen,« erwiderte ihm der
Kaufmann, sich halb nach ihm zurückwendend --

»Und was nennt ihr einen guten Preis?« frug der Eingeborene wieder.

»Fordert hundert Gulden,« sagte der Capitain, der etwas vom Malayischen
verstand, es aber nicht soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen.

»Nur langsam,« entgegnete aber der vorsichtigere Kaufmann, »der Bursche
fängt an, wärmer zu werden; schon daß er nach dem Preis des Khrises
fragte, wo er oben im Auctionszimmer die anderen wirklich schönen Waffen
keines Gebots gewürdigt hatte, ist ein gutes Zeichen; wir wollen ihm da
nicht vorgreifen und uns selber die Hände binden -- =er= mag sagen, was
er geben will, nachher steht es uns frei, sein Gebot anzunehmen oder zu
verweigern.«

»Und was nennt ihr einen guten Preis?« wiederholte der Javane, der
entweder ungeduldig wurde, oder auch glauben mochte, die Weißen hätten
seine Frage nicht verstanden.

»Sag' du selber, was du geben willst,« erwiderte ihm jetzt der
Amerikaner, indem er den Khris noch einmal aus der Scheide zog, flüchtig
betrachtete, zurückstieß und nachlässig in die Tasche schob, »ich habe
ihn erst gekauft und möchte mich nicht gern gleich wieder von ihm
trennen.«

»Dort unten?« frug der Javane, mit dem Arm nach dem Auctionshause
deutend, »ich habe ihn dort nicht gefunden.«

»Also hat er ihn gesucht --«, lachte der Yankee still vor sich hin, »das
steigert den Preis, Kamerad; =die= Bemerkung war dir nicht nützlich --
nun, was willst du geben?« setzte er dann auf Malayisch hinzu.

»Der Khris ist funfzig Gulden werth,« sagte der Javane gleichgültig,
»ich gebe funfzig.«

»Und =ich= habe sieben und achtzig dafür gezahlt,« rief der Capitain
rasch auf Holländisch.

»Nur ruhig,« beschwichte ihn der Kaufmann, »wir fangen eben erst an. --
Funfzig Gulden sind ein kleiner Preis, Freund, dafür könntest du kaum
die Scheide bekommen, und du wirst verschiedene Male funfzig Gulden
neben einander legen müssen, wenn du die Waffe haben willst. Du mußt
mehr bieten.«

Der Javane schien keine besondere Lust dazu zu haben, und erst, als
sich die Männer wieder zum Gehen wandten, sagte er langsam:

»Und was hast du dafür bezahlt?«

»Das kann dir gleichgültig sein,« lautete die Antwort, »mehr übrigens,
als du zu glauben scheinst.«

»So geb' ich dir fünf und siebenzig.«

»Auch das reicht noch nicht,« erwiderte der Yankee, und der Javane
zögerte augenscheinlich mehr zu bieten, ließ sich aber die Waffe noch
einmal zeigen, betrachtete besonders die Damascirung wieder genau und
prüfend, und bot dann hundert. Der Kaufmann kannte übrigens seinen
Vortheil, und trieb den Eingeborenen, ohne sich darauf einzulassen,
einen eigenen Preis zu nennen, endlich bis zu zwei- und dann zu
dreihundert Gulden hinauf, und als ihn der Capitain jetzt selber bat,
doch nur um Gotteswillen zuzuschlagen, da er ein weit besseres Geschäft
damit gemacht habe, als er je erwartet, erklärte er vollkommen ruhig,
»der Eingeborene müsse erst so viele =tausend= Gulden bieten, wie er
jetzt Hunderte genannt, und =dann= selbst würde er sich noch besinnen.«

»Aber das ist Wahnsinn,« rief der Capitain.

»Und doch nicht ganz,« lachte der Amerikaner, »lehren Sie mich die
Burschen kennen.«

»Er wird zuletzt gar nichts weiter bieten,« rief der Capitain
ungeduldig werdend, »und ich behalte den Khris.«

»Wenn Sie das fürchten,« sagte der Kaufmann, »so überlassen Sie =mir=
die Waffe um den Preis, und den weiteren Handel mit dem Manne.«

»Von Herzen gern,« rief der Seemann, »ich möchte überdies nicht gern
mehr damit zu thun haben.«

»Also die Sache ist abgemacht? ich zahle Ihnen dreihundert Gulden und
der Khris ist mein?«

»Mit dem größten Vergnügen!«

»Willst du dreihundert Gulden für den Khris?« frug der Javane jetzt
wieder, der indessen ein ungeduldiger Zuhörer der in einer ihm fremden
Sprache geführten Verhandlung gewesen war, »es ist viel Geld für das
Messer.«

»Und doch lange nicht genug, Freund,« sagte der jetzige Eigenthümer der
Waffe, »du mußt höher, weit höher bieten, wenn du es in deinen Gürtel
schieben willst -- aber ich habe jetzt nicht länger Zeit, und behalte
auch am Ende lieber den Khris, als daß ich ihn um einen solchen
Spottpreis verschleudere. Was liegt mir an den Paar hundert Gulden.«

»So =nenne= deinen Preis,« rief der Javane, die Lippen fest
zusammengebissen und einen finsteren Blick auf den Europäer schießend,
»ich kenne die Familie, aus der die Waffe stammt, und wenn es meine
Kräfte nicht übersteigt, möchte ich sie ihr wieder bringen.«

»Du giebst mir doch nicht was ich dafür fordere,« sagte der Kaufmann
kopfschüttelnd.

»Fordere,« rief der Javane, in kaum zu mäßigender Ungeduld mit dem Fuß
den Boden stampfend.

»Gut -- hast du Lust dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden?« frug
jetzt der Amerikaner, und der Capitain wandte sich von ihm ab, denn er
schämte sich selber der rasenden Forderung. Der Javane aber knirschte
die Zähne zusammen und sagte finster:

»Dreitausend Gulden für das Messer? -- du träumst, Weißer, aber ich gebe
dir tausend, und du hast den zwanzigfachen Werth.«

»Ah bah,« lachte der Kaufmann, »ob ich die habe oder nicht, die machen
mich nicht reich noch arm, und ich sehe schon, du hast keine Lust zum
Handel, so _tabee_ --« und sich abdrehend von ihm, ergriff er wieder den
Arm des Seemanns und schritt mit diesem langsam die Straße hinauf.

»Und sie wollen die tausend Gulden nicht nehmen?« frug ihn dieser, jetzt
wirklich zum Äußersten erstaunt, »Wetter noch einmal, in fünf Minuten
siebenhundert Gulden zu verdienen --«

»Nicht wahr das ist nicht schlecht?« lachte der Amerikaner, »wenn man
seine Zeit nur ein paar Jahr auf ähnliche Weise verwerthen könnte, ließe
sich schon ein ganz hübsches Vermögen zusammen scharren. Aber, Scherz
bei Seite, Freund, der Zufall hat uns hier einen glücklichen Streich
gespielt, und der Javane =muß= den Khris kaufen, wir mögen fordern was
wir wollen.«

»=Muß= ihn kaufen?« frug der Capitain erstaunt, »wer soll ihn zwingen?«

»Seine eigene Sitte,« rief der Yankee; »schon aus früherer Zeit weiß ich
ähnliche Beispiele, und es giebt ein altes Gesetz unter diesen Stämmen,
daß sie den Khris ihrer Vorfahren, den sie an eigenthümlichen, nur ihnen
deutlichen Zeichen in der Damascirung kennen, wenn sie ihn verlieren und
in fremden Händen wiederfinden, um =jeden= Preis wieder an sich bringen
=müssen=. Ich war selber dabei, wie ein Javane einst für eine solche
Klinge mit vollkommen werthlosem Heft zweitausend Gulden bezahlte, und
=vier=tausend gegeben haben würde, wenn er sie nicht anders bekommen
hätte. Dasselbe ist hier der Fall, und umsonst bot der Bursche
wahrhaftig nicht tausend Gulden für den Stahl. Nein, um hundert, wenn er
sich klug dabei anstellte, hätte er den Khris vielleicht kaufen können,
denn was kann man weiter damit thun, als ihn an die Wand hängen, aber
um =tausend= kauft er ihn jetzt nicht, soviel ist sicher, und an mir
soll's nicht liegen, wenn ich ihn jetzt nicht so weit hinaufschraube,
als das Gewinde reicht.«

»Daß er Ihnen dann nur nicht abfällt,« sagte kopfschüttelnd der
Capitain, »und überdies thut mir der arme Teufel leid. Wenn der Khris
nun einmal in seine Familie gehört und sein Herz so daran hängt, weshalb
ihm den Wiedergewinn so entsetzlich, und auch ungerecht erschweren.«

»Oh, hol' die braunen Hallunken der Teufel,« fluchte der Amerikaner,
»ich kann schon die =Farbe= nicht leiden, und das Gesindel trägt dabei
noch die Nase überhoch. Wo sie =uns= betrügen können, thun sie es auch,
und wenn wir aus ihnen den größtmöglichen Nutzen herauspressen, üben wir
nicht mehr als unser Recht der Selbstvertheidigung. Außerdem füttert und
erhält die Holländische Regierung nicht allein diese Faullenzer, sondern
zahlt ihnen auch noch rasende Gehalte, die sie doch in Schmuck,
nutzlosen Juwelen und Harems verschwenden. Es ist nicht mehr als
Christenpflicht, ihnen einen kleinen Theil derselben wieder abzunehmen.«

»Wenn er Sie aber jetzt mit dem Gebot gehen läßt?« sagte der Capitain.

»Da hinten kommt er schon,« lachte der Amerikaner still vor sich hin,
»dessen sind wir sicher, und bis der Khris nicht in seinen Händen ist,
verläßt der meine Spur nicht wieder.«

Als sie die Biegung über die Brücke machten, und links wieder nach den
Waarenhäusern des Kali Besaar einbogen, konnten sie auch wirklich, ohne
den Kopf besonders nach ihm umzudrehen, den Javanen erkennen, der bis
dahin regungslos an dem Pfeiler lehnen geblieben war, als ob er die
Rückkehr der Männer erwarten wolle. Da sie aber =nicht= kamen, schien er
jetzt selber zu fürchten, daß sie ihm entgehen könnten.

Der Amerikaner hatte auch in der That ganz recht vermuthet; der Khris,
den der Capitain so zufällig in der Auction erstanden, gehörte wirklich
der Familie jenes Javanen; die geheimnißvollen Zeichen der Damascirung
ließen diesen nicht einen Augenblick darüber in Zweifel, und er =mußte=
ihn wiederhaben. Aber wie? Hatten die gierigen, ehrgeizigen Weißen ihn
nicht Alles dessen beraubt, was er sein eigen nannte? war er nicht ein
halber Bettler und Flüchtling fast auf demselben Boden, den er früher
als Fürst beherrscht, und wußte er sich nicht dabei noch mißtrauisch
überwacht, weil die Regierung recht gut sowohl den Einfluß, den er
früher ausgeübt, wie auch den starren Sinn kannte, der sich der fremden
Herrschaft nicht gutwillig und geduldig beugen wollte? Sein Pferd, ein
wackerer Macassar-Hengst, und eine Handvoll Juwelen, die ihm sein Vater
hinterlassen, war Alles, was er noch sein nannte; aber selbst das, wenn
er es jetzt rasch verkaufen mußte, brachte ihm kaum die ganze, von dem
gierigen Weißen geforderte Summe, und was blieb ihm zuletzt übrig? -- In
finsterem Brüten folgte er den beiden Männern, die, ohne anscheinend
weiter auf ihn Acht zu geben, vor einem der Geschäftslokale stehen
geblieben waren und den Herankommenden den Rücken zukehrten. Der
Amerikaner hatte dem holländischen Capitain eben die verabredeten
dreihundert Gulden für die Waffe, für die er so viele Tausende zu
gewinnen hoffte, ausgeliefert, und besah jetzt gerade wieder lächelnd
den unscheinbaren Stahl, als der Javane zu ihm herantrat, die Hand auf
seine Schulter legte und leise sagte.

»Ich gebe dir zweitausend Gulden für die Waffe, und einen besseren Khris
als diesen hier. Laß ihn mir. Ich habe mein Herz einmal darauf gesetzt,
und möchte ihn mein nennen, wenn es auch thöricht ist.«

»Du bist ein wackerer Bieter,« lachte der Amerikaner, »aber =mein= Herz
hängt besonderer Weise auch daran, und wir müssen nun sehen, welches
schwerer ist, deines oder meines. Um zweitausend Gulden gebe ich ihn
nicht her, hast du vielleicht Lust =dreitausend= dagegen zu wenden?«

Der Javane biß seine Unterlippe, daß der Eindruck der scharfen Zähne
darin zurückblieb; er fühlte, daß der Fremde die Beweggründe kannte, die
ihn trieben, =wußte=, daß er entschlossen sei seinen Vortheil zu wahren,
und zögerte dennoch mit dem Gebot, daß ihn zum Bettler machen mußte.
Aber es blieb ihm keine andere Wahl; der heilige Khris war eines
=Fremden= Eigenthum, und die Geister der Verstorbenen hätten den Frevel
gerächt, wenn er die Waffe in jenes Händen ließ.

»Gut,« sagte er endlich, während ein schwerer Seufzer sich seiner Brust
entrang, »sei hier an dieser Stelle eine Stunde vor Sonnenuntergang, ich
bringe dir das Geld; und seinen Sarong fester um sich herziehend, und
ohne sich weiter nach den Männern umzusehen, schritt er die Straße rasch
zurück.«

Um die Lippen des Amerikaners zuckte ein triumphirendes Lächeln, der
holländische Capitain aber theilte seine Gefühle nicht und sagte ernst:

»Sie sind zu weit gegangen, Goodwin; dem armen Teufel wird es blutsauer
werden, das Geld aufzubringen, und hätt' ich =das= vorher gewußt, würd'
ich es nicht geduldet haben.«

»Das kann ich mir denken,« lachte der Kaufmann, »es thut Ihnen jetzt
leid, daß Sie mir nicht geglaubt, und fürchteten, er liefe Ihnen mit dem
Dreihundert-Gulden-Gebot davon. Hatt' ich Ihnen nicht vorher gesagt, daß
er so viele =Tausende= dafür geben würde?«

»Er bezahlt das Messer theuer genug damit,« sagte der Holländer.

»Und bekommt es noch nicht einmal dafür,« rief der Amerikaner lachend.

»Bekommt es nicht dafür?«

»Nein; er muß und wird mehr geben; hol's der Teufel, ich habe den
Burschen jetzt einmal in Händen, und will ihn pressen, so lange noch ein
Gulden aus ihm herauszubringen ist. Solche Gelegenheit kommt mir sobald
nicht wieder, und wer sie nicht benutzte, wäre ein Thor.«

»Lieber Goodwin,« sagte der Holländer ernst, »ich verdiene auch gern
Geld, und brauche es vielleicht so nöthig, wie jeder Andere, aber -- auf
solche Weise --!«

»Bah,« rief der Amerikaner, sich von dem Holländer abwendend; »=Sie=
haben mehr als _200_ Procent für den Khris genommen, =ich= gehe in die
Tausende; der einzige Unterschied liegt in der Summe, und moralische
Bedenklichkeiten wären Unsinn. Aber das ist Nebensache und abgemacht;
=wann= gehen Sie an Bord, daß ich Ihnen noch das Nöthige besorgen kann?«

»Heute Abend vor Sonnenuntergang,« erwiderte der Holländer, »soeben habe
ich die Nachricht bekommen, daß die letzte Praue draußen löscht und das
Wasser an Bord gekommen ist. Meine Papiere sind sämmtlich in Ordnung,
also hindert mich Nichts, mit dem Landwind morgen früh unter Segel zu
gehen.«

»Apropos, Sie wollten mir ja noch eins von den Schachspielen verkaufen,
die Sie von China mitgebracht haben,« sagte der Amerikaner.

»Es steht Ihnen gern zu Diensten, aber ich habe keins an Land.«

»Gut, dann begleite ich Sie heute Abend an Bord und hole es selber; und
nun auf Wiedersehen, denn ich habe noch Manches zu besorgen.«

Die beiden Männer trennten sich hier, ihren verschiedenen
Beschäftigungen nachzugehen, und wir wollen indessen dem Javanen folgen,
der, nur das eine Ziel vor Augen, in wilder Hast zurück in seine Wohnung
eilte, sein Pferd, seine Juwelen zu verkaufen, um zur rechten Zeit an
dem bezeichneten Platz zu sein.

Käufer fand er allerdings dafür; der schlaue Chinese ist stets bereit,
einen vortheilhaften Handel einzugehen, und Geld auf Waaren als Pfand
vorzuschießen, oder auch diese selber anzukaufen, wenn er den sicheren
Gewinn voraussehen kann. Aber die zähen Gesellen wollten die Juwelen
nicht nach ihrem Werth, nur nach dem Drängen des Augenblicks bezahlen,
und der Javane, dem es schon überdies die Seele zerschnitt, um den
Nachlaß seines Vaters mit gierigen Mäklern zu feilschen, mußte von Einem
derselben zum Andern laufen, die von dem Amerikaner geforderte Summe
endlich zusammenzubringen.

Als die Sonne noch eine Stunde hoch am Firmamente stand, eilte er mit
dem Rest seines Vermögens, zu Fuß und mit triefender Stirne, dem
bestimmten Platz an Kali Besaar zu, und fand den Amerikaner dort schon
seiner wartend, dicht am Flusse stehen.

»Hast du den Khris?« frug der Häuptling leise, als er zu ihm trat, und
die Rolle mit Holländischen Banknoten aus seinem Gürtel nahm.

»Ah, _tabeé_, mein brauner Freund,« lachte der Amerikaner, als er seiner
ansichtig wurde, »bist du wieder da? ein Paar Minuten später, und du
hättest mich nicht mehr getroffen.«

»Hast du den Khris?« sagte der Javane, ohne den Gruß weiter zu
erwidern.

»Den Khris? -- allerdings, hier ist er, mein brauner Tuwan.«

»Und hier ist dein Geld dafür -- gieb mir die Waffe,« sagte der Javane,
ihm mit der linken Hand die Banknoten reichend und die rechte nach dem
Messer ausstreckend.

»Halt, nicht so schnell,« entgegnete ihm aber ruhig der Kaufmann, »wie
viel hast du in dem Bananenblatt da eingewickelt?«

»Was du verlangt hast -- dreitausend Gulden,« sagte der Eingeborene, mit
finster zusammengezogenen Brauen, »es ist mir schwer genug geworden, es
zu schaffen.«

»Möglich,« lachte der Amerikaner, »aber für =dreitausend= Gulden gebe
ich den Khris nicht her.«

»Hast du ihn mir nicht um den Preis verkauft?« rief der Javane, mit
zornfunkelnden Augen emporfahrend, während die Rechte fast unwillkürlich
nach dem Griff der eigenen Waffe fuhr, die er im Gürtel trug.

»Nur ruhig, Freund,« entgegnete ihm aber mit einem verächtlichen Lächeln
über die drohende Bewegung der kaltblütige Yankee, »ich habe dich bloß
gefragt, =ob du Lust hättest, dreitausend Gulden an den Stahl zu
wenden=, dir aber nicht gesagt, mit keinem Worte, daß ich ihn dafür
lassen würde -- Giebst du aber =vier=tausend, soll er dein sein.«

»=Vier=tausend,« rief der Javane, die Zähne zusammenknirschend, »was ich
an mir trage, ist mein ganzes Vermögen, ich habe nicht tausend Deute
mehr, sie zuzulegen.«

»Das thut mir leid,« sagte der Amerikaner achselzuckend, »dann fürcht'
ich, werd' ich den Khris behalten müssen.«

»Der Khris ist =mein=!« zischte da der Javane zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch, »du =darfst= ihn mir nicht
vorenthalten. Hier ist dein Geld, es ist mein Alles, und ich gönne es
dir, verdank' ich dir dann doch die Waffe meiner Ahnen, aber -- weigere
mir sie nicht.«

»Hm, ich dachte, du wolltest ihn nur für einen =Freund= haben,« lachte
der Yankee, »hätte ich das gewußt, wär' er mir nicht einmal um
=vier=tausend feil; aber ein Mann ein Wort, und schaffst du mir =die=
Summe, magst du ihn haben, unter dem aber um keinen Deut.«

»Gib mir den Khris und nimm dein Geld,« drängte der Eingeborene, »ich
=kann= dir, bei Allah, nicht mehr geben; treibe mich nicht zum
Äußersten.«

»Wo du die =Drei=tausend aufgetrieben hast,« spottete der Amerikaner,
»wird dir auch wohl noch ein viertes zu Gebote stehen. Es ist mein
letztes Wort, und jetzt laß mich zufrieden, denn ich muß an Bord eines
der Schiffe auf der Rhede fahren. Wenn du das Geld zusammen hast, so
komm' morgen früh in das Amsterdam-Hotel.«

»Und du verweigerst mir ihn für dreitausend Gulden,« frug der Javane mit
leiser, von innerem Grimm fast erstickter Stimme; der Amerikaner aber,
der an der ganzen Aufregung des Mannes wohl sah, daß er sein Spiel
gewonnen habe, antwortete ihm gar nicht darauf, sondern schritt, sich
von ihm abwendend, langsam am Ufer des Flusses nieder. -- Er hätte
vielleicht besser gethan, ihm den Dolch zu geben.

Etwas weiter unten stand sein Cabriolet, der braune Kutscher mit dem
runden, backschüsselförmigen, vergoldeten Hut hatte ihn kommen sehen,
und fuhr mitten in die Straße; Goodwin stieg langsam ein und einen
flüchtigen Blick zurückwerfend, suchte sein Auge die Gestalt des eben
verlassenen Eingeborenen. Dieser aber war nirgends mehr zu sehen und der
Yankee, dem Kutscher in ein paar Malayischen Worten das Steueramt am
Kali Besaar als Bestimmungsort nennend, lehnte sich nachlässig in dem
kleinen Fuhrwerk zurück, still vor sich hinlächelnd über den
vortheilhaften Handel.

Als sie den Ort erreichten, an dem sämmtliche Boote anlegen müssen, die
den schmalen, zum Hafen führenden Canal passiren, ob sie nun ein- oder
auswärts gehen, war die Jölle des Holländischen Capitains noch nicht
gekommen, und der Yankee ging eine ziemlich lange Weile mit wachsender
Ungeduld am Strande auf und ab.

Den Canal herunter kam eine kleine Praue von vier Malayen gerudert. Ein
fünfter lag lang ausgestreckt und in einen schmutzigen alten Sarong
gehüllt, im Spiegel des schlanken Fahrzeugs. Die Praue glitt dicht und
langsam am Steindamm des Steueramts hin, dem dort postirten Beamten --
einem Liplap -- zu zeigen, daß sie nichts einer Abgabe Unterliegendes im
Boote hätten. In der That war sie auch vollkommen leer, und nur ein Paar
Fruchtbündel Bananen oder Pisang, ein Dutzend Cocosnüsse und ein Paar
Körbe mit Reis und anderen Früchten lagen im Vordertheil derselben. Ein
weiteres Anhalten war deshalb nicht nöthig und das Fahrzeug trieb
langsam vorbei.

»Nun, kann der faule Bursche da hinten nicht aufsitzen, wenn er die
Steuer passirt?« rief der Liplap mürrisch.

»Ist krank,« sagte der eine Malaye, während er sein Ruder einsetzte, und
gleich darauf schoß das scharf gebaute Boot, die Strömung der Ebbe
wieder erreichend, rasch das enge Fahrwasser hinab.

Der Amerikaner hatte die Leute halten sehen, aber nicht weiter auf sie
geachtet, denn das schon ungeduldig erwartete Boot kam endlich den Canal
nieder, hielt einige Sekunden an dem Steinwerft, wo es den Yankee an
Bord nahm und passirte dann, da der Capitain nur Hühner, Früchte und
einige andere Sachen zur Verproviantirung seines Schiffes bei sich
führte, unbehindert nach außen.

Auf der Rhede überholten sie die Praue mit den fünf Malayen -- der eine
Bursche lag noch immer auf seiner Bank ausgestreckt, und die übrigen
Ruderer schienen es auch nicht besonders eilig zu haben, denn sie
trieben mit der ausgehenden Strömung langsam zwischen die dort vor Anker
liegenden Schiffe hinein.

Die Sonne war indessen untergegangen und Goodwin blieb mehrere Stunden
an Bord des Holländers, theils die bald eintretende Fluth, theils den
Aufgang des Mondes abzuwarten, der Capitain frug ihn einmal nach seinem
Handel mit dem Javanen, der Amerikaner aber gab eine ausweichende
Antwort, besorgte, was er noch an Bord zu besorgen hatte, und verließ
dann mit den Malayischen Bootsleuten, die jedes Europäische Fahrzeug für
die Dauer seines Aufenthalts auf der Rhede von Batavia miethet, das
Schiff, an Land zurückzukehren.

Ein aufsteigendes Gewitter schickte eben eine frische Brise vom Ufer
herüber, und die Malayen mußten zu den Rudern greifen, dieser
entgegenzuarbeiten; die See war aber noch vollkommen ruhig, und der Mond
schien hell und klar auf die leicht gekräuselte, blitzende Fluth.

Die Lastprauen, die über Tag den Schiffen ihre Ladung zuführen, waren
schon sämmtlich in den Canal zurückgekehrt; nur hie und da glitt noch
ein einzelnes verspätetes Boot, eigentlich gegen das Gesetz, und dann
und wann von dem Wachtschiff angerufen, durch die dort ankernden
gewaltigen Fahrzeuge, und der regelmäßige Schlag der Ruder klang weit
hin durch die Nacht. -- Ihnen gerade entgegen kam jetzt ein solches und
der Amerikaner, der hinten am Ruder saß, sah es plötzlich so dicht vor
sich auftauchen, daß er kaum Zeit behielt, den Bug seines eigenen Bootes
herumzuwerfen, um nicht mit dem des fremden zusammenzurennen.

»Holla, da vorn, zum Teufel, weshalb paßt ihr nicht auf!« rief er auf
Englisch ärgerlich den Begegnenden zu. Das fremde Boot veränderte
seinen Cours aber nicht um eines Haares Breite, ja, folgte eher noch
etwas der abweichenden Bewegung des anderen, dessen Planken es jetzt
berührte und scheuerte. Die Malayen behielten in der That kaum Zeit,
ihre Ruder aus den Dollen zu werfen und in Sicherheit zu bringen.

»_Tabée Tuwan_[45]!« rief dabei zu gleicher Zeit eine trotzige Stimme,
die des Amerikaners Blut zu Eis erstarren machte, und eine dunkle
Gestalt sprang, während zwei der fremden Bootsleute ihr folgten, und die
beiden Fahrzeuge fest zusammenhielten, mit wildem Satz auf den
Amerikaner zu.

»Hülfe! Mörder -- Räuber!« schrie dieser und riß den Khris, den er in
seiner Tasche trug, heraus, sich gegen den auf ihn einspringenden Feind
zu vertheidigen. Ehe er aber den Stahl aus der hölzernen Scheide bringen
konnte, hatte des Javanen schmächtige doch elastische Gestalt sich über
ihn geworfen und den Khris gefaßt.

»Hülfe, Mörder!« tönte wieder der gellende Ruf des Überfallenen, der
jetzt in wilder Wuth sich von dem Griff des Feindes zu befreien suchte,
und mit der rechten Faust wohl gut gemeinte, aber erfolglose Stöße nach
dessen Kopf führte.

»Meinen Khris will ich,« knirschte der Javane dabei zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch, »gieb meinen Khris, oder du bist ein
Kind des Todes.«

»Verdammte braune Bestie, eher mein Leben!« schrie der Yankee, jetzt zu
wilder Wuth entflammt, »warte Hallunke, =das= zahlst du mir theuer.
Hierher, Malayen, helft mir den Schurken binden.«

Auf den benachbarten Schiffen, die den Lärm und das Hülferufen gehört,
wurde es laut, und das Knarren der Blöcke auf dem nächsten verrieth dem
geübten Ohr des Eingeborenen, wie ein Boot niedergelassen wurde. Auch
aus der Gegend, wo das Wachtschiff lag, tönten rasche Ruderschläge
herüber, die das Ohr des Amerikaners ebenfalls trafen.

»Zu Hülfe hierher -- hurrah meine Bursche, ich halte die Canaille!«
schrie dieser jubelnd auf, »hierher, ohoy.«

»So hab' deinen Willen!« zischte es in des Amerikaners Ohren, und ein
gellender Angstschrei antwortete der schlangenähnlichen Bewegung des
Javanen, der sich im nächsten Augenblicke aus den Armen des Weißen wand,
und zurück in sein eigenes Fahrzeug sprang.

»Her zu mir!« rief er dabei seiner Bootsmannschaft zu, »und nun fort!«
und blitzschnell folgten die braunen gewandten Gestalten dem Befehl,
während des Amerikaners Malayen starr und entsetzt zurückblieben, und
kein Glied zur Vertheidigung des angegriffenen Weißen zu rühren wagten.

»Halt dort -- was für ein Boot ist das?« rief da eine tiefe Stimme über
das Wasser, und die rasch eingesetzten und wieder gehobenen Ruder
blitzten im Mondenlicht.

»Segel auf!« rief der Javane dagegen seinen Leuten zu, denen er jetzt
selber ganz kaltblütig half, das Mattensegel zu setzen. Kaum aber hob
sich dies mit seiner breiten Fläche über Deck, als es der immer schärfer
einsetzende Wind auch schon faßte, und das schlanke Boot vor sich
hintrieb.

»Halt da, sag' ich!« schrie die näher und näher kommende Stimme in
malayischer Sprache, während von der andern Seite ebenfalls ein Boot
herüber schoß, »euer Segel nieder, oder ich gebe Feuer.«

»Feuert!« lachte der Javane trotzig zurück, »feuert so viel ihr mögt!«
und das Steuer ergreifend, lenkte er den scharf gebauten Bug des kleinen
Fahrzeugs gerade vor den Wind, daß das riesige Segel weit ausblähte und
die Fluth vorn wild und schäumend emporspritzte.

Drei, vier Schüsse fielen jetzt hinter ihm her, aber sie erreichten das
Boot nicht. Trotzdem gab das Wachtboot die Verfolgung nicht auf, sondern
setzte jetzt ebenfalls ein Segel, den frischen Wind zu benutzen. Der
commandirende Officier rief indessen dem zweiten herbeieilenden Boote,
das von einem englischen Kriegsschiffe abgeschickt worden, zu, das
andere, auf dem Wasser treibende Fahrzeug anzulaufen und zu untersuchen.
-- Es war das Boot des Amerikaners, in dem die Malayen noch nicht wieder
zu den Rudern gegriffen hatten, denn sie waren um die =Leiche= des
weißen Mannes beschäftigt. Hülfe konnten sie ihm freilich nicht mehr
bringen; der scharfe Khris hatte sein Herz mit furchtbarer Sicherheit
getroffen.

Über die See schäumte indessen, des Verfolgers spottend, die flüchtige
Praue des Javanen den »tausend Inseln« zu, in deren Bereich sich das
Wachtboot nicht einmal allein hineinwagen durfte, und wo auch weitere
Verfolgung zwischen den vielen kleinen Inseln nutzlos gewesen wäre. Nach
zweistündigem Rennen mußte es die Jagd aufgeben und kehrte langsam und
unverrichteter Sache zu seinem Stationsschiff auf der Rhede zurück.

Fußnoten:

[41] Ein eigenthümlich geformter Javanischer Dolch.

[42] Ein kleines Bergwasser, das eingedämmt durch Batavia fließt und von
den Eingeborenen Kali Besaar, der große Strom, genannt wird.

[43] Mischling der Europäischen mit der indischen Race.

[44] Eine gewöhnliche unter den Holländern gebräuchliche gemüthliche
Anrede zwischen vertrauten Bekannten.

[45] Ich grüße euch, Herr!



      *      *      *      *      *



Liste der Korrekturen:


Der Wallfischfänger

  sein Schiff voll Öl bekommen wollte
  sein Schiff voll Öl bekommen wollte.

  Überdem war sie schon mit dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes
  versprochen
  Überdem war sie schon dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes
  versprochen

  er sah sich dadurch bald in den Besitz
  er sah sich dadurch bald in dem Besitz

  nnd Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.
  und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.

  so bedenklich schüttelten die Offiziere
  so bedenklich schüttelten die Officiere

  mit zu Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen.
  mit nach Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen.

  dichtgesteckte Brodfruchtbäume
  dichtgesteckte Brotfruchtbäume

  Gasperlen
  Glasperlen

  soll Brodfrucht und Cocosnüsse, Bananen und Turo
  soll Brotfrucht und Cocosnüsse, Bananen und Taro

  ist Tai manavachis ohana.
  ist Tai manavachis Ohana.

  eines nach dem andern
  eines nach dem Andern

  Und wollen die Pagalangis selber ihr Holz schlagen?«
  Und wollen die Papalangis selber ihr Holz schlagen?«

  Orangen ansgesogen
  Orangen ausgesogen

  auf einem Brodtfrucht- oder Cocosnußbaum
  auf einem Brotfrucht- oder Cocosnußbaum

  Brodfrucht und Schweinefleisch rösteten
  Brotfrucht und Schweinefleisch rösteten

  die Luci Walker droben noch drei volle Jahreszeiten
  die Lucy Walker droben noch drei volle Jahreszeiten

  tollköpfigen Pagalangi gegelacht
  tollköpfigen Pagalangi gelacht

  Hierher kam Hua jeden Abend mit mehren ihrer Gespielinnen
  Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen

  zwei junge Bursche
  zwei junge Burschen

  das die Segel setzende Schiff der Pagalangis
  das die Segel setzende Schiff der Papalangis

  daß sie eine Bö auszuarten drohte
  daß sie in eine Bö auszuarten drohte

  rasch ihr Abendbrod einzunehmen
  rasch ihr Abendbrot einzunehmen

  den Offizier über die Wichtigkeit der Einrede
  den Officier über die Wichtigkeit der Einrede

  frug der Harpurnier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton
  frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton

  entgegnete der Capitän eintönig
  entgegnete der Capitain eintönig

  Capitän Silwitch sprang jetzt selber
  Capitain Silwitch sprang jetzt selber

  der wir hier mit jeder Secunde Zögern ausgesetzt sind
  der wir hier mit jeder Secunde zögern ausgesetzt sind

  angeschlossener Eber
  angeschossener Eber

  werft einen Theil der Landung über Bord
  werft einen Theil der Ladung über Bord

  vor der Nähe Feindes
  vor der Nähe des Feindes


Die Bootsmannschaft

  der höhnende Jubelruf der Jonga-Insulaner antwortete
  der höhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete

  ein Schiff anträfen, daß sie aufnehmen könnte.
  ein Schiff anträfen, das sie aufnehmen könnte.

  um ihre Canoe zu erleichtern
  um ihr Canoe zu erleichtern

  der wie ein Weheruf über die Flut schallte
  der wie ein Weheruf über die Fluth schallte

  Das ist dem zweiten Haarpunier seine Sache!
  Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache!

  Auslandziehen
  Aufslandziehen

  jeden Morgen brachten ihn ein paar Eingeborene
  jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene

  Was ist An-ga?
  Was ist Ang-a?

  hinaus aus der seichten Flut
  hinaus aus der seichten Fluth

  die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet werde.
  die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde.

  auf die Erde spukte --
  auf die Erde spuckte --

  »Du, Jonas hast dem Zimmermann
  »Du, Jonas, hast dem Zimmermann

  gegen die Hagai-Leute
  gegen die Hapai-Leute

  sieben Hagai-Krieger
  sieben Hapai-Krieger

  von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Donglas!
  von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas!


Der Schooner

  neben ihn angekommen
  neben ihm angekommen

  nach Hagai hinüberfahren
  nach Hapai hinüberfahren

  noch schlimmer angekommen, als wir.
  noch schlimmer angekommen als wir.

  einen scharfen, eigentümlichen Schrei
  einen scharfen, eigenthümlichen Schrei

  endlich sagt er:
  endlich sagte er:

  fast dann den Alten
  fasst dann den Alten

  als zwei der Frauen sich plötzlich und rüsichtslos auf Legs warfen
  als zwei der Frauen sich plötzlich und rücksichtslos auf Legs warfen


Der Balinese

  die Arecapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten
  die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten

  »Glenteck!« hauchte sie dabei,
  »Glentek!« hauchte sie dabei,

  am Anker stehenden Offizier
  am Anker stehenden Officier

  Auch die Frau des Capitains war anfgesprungen,
  Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen,

  während sie flehend die Arme zu ihm aufstreckte
  während sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte

  verb nnte
  verbannte

  Handels- und Schutz und Trutz-Vertrag
  Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag

  Einem eigentümlichen Aberglauben nach
  Einem eigenthümlichen Aberglauben nach


Der Menschentiger

  In den Preauger Regentschaften auf Java
  In den Preanger Regentschaften auf Java

  der furchtbare Schanghai.
  der furchtbare Schang-hai.

  Schanghai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl
  Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl

  um von dort aus dem Kompang Tji-dasang zu erreichen.
  um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen.

  sein Leben zu retten, gegeben, den Kompang.
  sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong.


Der Khris

  keine Muskel seines Gesichts verrieh mehr
  kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr

  den sie an eigentümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen
  den sie an eigenthümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen

  Um zweitausend Gulden gebe ich ihn her
  Um zweitausend Gulden gebe ich ihn nicht her

  und sagte erst:
  und sagte ernst:

  Der commandirende Offizier
  Der commandirende Officier





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Inselwelt. Erster Band. - Indische Skizzen" ***

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