Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Tahiti. Zweiter Band. - Roman aus der Südsee
Author: Gerstäcker, Friedrich, 1816-1872
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Tahiti. Zweiter Band. - Roman aus der Südsee" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



                                TAHITI.


                        _Roman aus der Südsee_

                                  von

                        #Friedrich Gerstäcker.#


                     Zweite unveränderte Auflage.

                            Zweiter Band.


    Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.


                              #Leipzig,#

                        _Hermann Costenoble._

                                 1857.



#Inhalt des zweiten Bandes.#

                                                                  Seite
  Cap.  1. Die Mädchen von Tahiti und die alten Bekannten             1
   "    2. Sadie und René                                            31
   "    3. Der Besuch -- Aumama                                      67
   "    4. Die Missionaire                                           90
   "    5. Die Königin Pomare                                       121
   "    6. Ein Ball in Papetee                                      167
   "    7. Unterwegs                                                235
   "    8. Mütterchen Tot's Hotel                                   254



Capitel 1.

#Die Mädchen von Tahiti und die alten Bekannten.#


Das Gebet war aus, das laute feierliche Amen schwoll durch die Wipfel
der Palmen nach See zu, sich draußen mit der Brandung Rollen zu
mischen. Mit dem Amen aber schien es auch, als ob der Zauber gebrochen
wäre, der den leichten fröhlichen Sinn der Insulaner bis dahin so
merkwürdig und außergewöhnlich fest im Zaum gehalten, und wie denn
auch der Eingeborne nie so recht tief den Ernst einer feierlichen
Stunde fühlt, sprang er im Nu zurück in sein alltäglich Leben.

»Hierher Maïre, hierher und fort mit uns« klang der fröhliche Laut --
»komm hinunter zum Guiavenbach; tief versteckt da in Busch und Laub
tanzen wir. Heute sehens die Mitonares nicht, denn großes Essen ist
immer wenn sie eine Zeitlang gebetet.«

»Aber die anderen schwatzen« sagte Maïre unschlüssig zur Schwester
aufsehend, »und nachher arme Maïre; Vater Au-e hat mir so schon die
Hölle versprochen, und er schickte mich g'rad hinein, fänd er mich.«

»Bah -- bah -- bah« lachte die Andere und schüttelte mit dem Kopf --
»da, hier und hier« -- auf Mund und Herz zeigend -- »das ist fromm, das
hat Religion und das ist genug -- _Alles_ andere aber ist frei, Maïre;
und rasch nun Mädchen, denn wir versäumen den Spaß.« -- Und wie ein
paar aufgescheuchte Rehe flohen die beiden, von vielen Anderen jetzt
gefolgt, erst seitwärts in den Orangenhain, um dann hinter den Gärten
weg nicht dem Blick mancher »Kirchgänger« ausgesetzt zu sein, die
Aergerniß nehmen und die Fröhlichen verrathen könnten. -- Und wie das
klang und sang und summte und schwirrte unter den Bäumen und Palmen --
fröhliches Leben herrschte in den duftenden Schatten von Orange und
Guiava und der Klang der Flöte mischte sich in lachende
Mädchenstimmen, die sich neckten und jagten auf dem Plan, die Predigt
nachäfften und die Reden des heutigen Tages und dann wieder plötzlich
einfielen in die oft sehr graziösen aber noch öfter fast
unanständiger Stellungen ihrer Tänze ~Upepehe~, ~oris~ und ~mamua~.

Dort drüben der breite, halboffene Platz vor dem lang-ovalen
Vogelkäfig ähnlichen Bambusgebäude scheint der Mittelpunkt zu sein des
ganzen Viertels; hier wenigstens herrscht das regste ungebundenste
Leben, und die dunklen blumendurchflochtenen Locken, ja oft die glatt
geschorenen, aber mit bunten Kränzen fast bedeckten Köpfe der
eingebornen Mädchen mischen sich bunt und geschäftig durch die
bänderflatternden Strohhüte der Seeleute, an deren meisten die breite
schwarze Seide mit goldenen Buchstaben den Namen ihres Schiffes trug,
und sie als Leute von einem Kriegsschiff bekundete, hätte das nicht
schon außerdem der breite weiße Hemdkragen mit dem schmalen blauen
Streifen darum gethan.

»Hallo Georg, das ist ein Hauptplatz hier für einen »Geh zu Ufer Tag,«
rief da ein alter, wettergebräunter Seemann einem jungen Burschen zu,
der Eines der Mädchen mit seinem linken Arm umschlungen und eine
halbgeleerte Flasche in der rechten Hand hielt, und das Mädchen
lachend zwingen wollte zu trinken -- »nütz deine Zeit mein Junge, wer
weiß wie bald uns wieder so wohl wird.«

»Wettermädchen das!« rief aber der junge Bursch, »sie ist wie
Quecksilber unter den Händen, man kann sie nicht festhalten -- wirst
Du trinken?«

»~Aita, aita~!« schrie aber die trotzige Schöne, und wehrte ihn
entschlossen ab; »pfui über das Gift, das Ihr in Euch hinein schüttet,
bis Ihr wie das Vieh daliegt und die stieren Augen nicht mehr
schließen könnt -- fort mit dem Zeug!« und ihm die Flasche aus der
Hand reißend, schleuderte sie dieselbe, ehe er's hindern konnte, mit
keckem Wurf weit ab von sich in ein Dickicht von jungen
Brodfruchtbäumen und Bananen.

»Den Teufel, Mädchen!« schrie der Matrose, der von den letzten Worten
des braunen Kindes keine Sylbe verstanden hatte und jetzt überrascht
seiner Flasche nachwollte, »der Stoff ist theuer hier in Papetee und
nicht einmal so leicht zu bekommen.«

»Hahahaha« lachte aber die Dirne und hielt ihn fest -- »hol sie wenn
Du kannst, hol sie.«

»Halt ihn, halt ihn,« lachten Andere und sprangen hinzu, sich der
Beute zu bemächtigen und den auslaufenden Brandy zu retten, aber zu
spät, und fluchend hoben sie die leere Flasche gegen das Licht.

»~Damn it~!« schrie der Eine, der sie erbeutet hatte, und der zuerst
die traurige Entdeckung machte -- »auch nicht ein Tropfen übrig
geblieben!« und als ob er nicht einmal seinen eigenen Augen bei einer
so wichtigen Sache traue, hob er die leere Flasche dennoch an die
Lippen, den Zug zu prüfen, schleuderte sie dann aber mit einem
richtigen Kernfluch so hart er konnte gegen den nächsten
Brodfruchtbaum, daß sie in Scherben schmetternd umherspritzte. Das
aber sollte ihm übel bekommen.

»~Tam you~,« schrie da eine alte, wohlbeleibte Insulanerin, die ein
brennend rothes Stück Kattun um die Hüften und ein anderes um die
Schultern trug und schon lange genug mit Matrosen verkehrt haben
mochte, ihren Lieblingsausruf oder Fluch zu verstehen -- »~tam you~,
Ihr schmutzigen Weißen -- weil _Ihr_ zehnfache Haut unter den Füßen
tragt, werft Ihr das Glas umher, daß es wie Dorn und Muschelbruch in
unsere Sohlen schneidet -- ~tam you~, sag' ich noch einmal, und der
Tag sei verflucht, der Euch zuerst an diese Küste brachte!«

Die Alte blieb aber hierbei nicht ununterstützt, denn von allen Seiten
kamen die Mädchen herbei, schimpften und schmähten in ihrer Sprache
und begannen dabei die gefährlichen Glasscherben, die ihnen schon
manche böse Wunde geschnitten, vom Boden aufzusuchen. Vergebens riefen
sie die Matrosen zurück und fügten sich endlich, da Bitten wie
Drohungen nutzlos blieben, lachend dem Unvermeidlichen, selber der
muntern, lebendigen Schaar zu helfen und beizustehn und das Uebel so
viel wie möglich zu heben -- all die drohenden Spitzen nämlich
aufzusuchen oder zu entfernen, und kein Blatt blieb dabei ungewandt,
unter dem sich noch hätte die tückische Spitze bergen können.

»Hurrah, meine Jungen! wer von Euch hat sein Prisengeld da im Laub
verloren? -- halbpart wenn ich's finde,« schrie in diesem Augenblick
eine rauhe Stimme zwischen das Lachen und Toben der munteren Schaar
hinein, und Einer der Seeleute richtete sich rasch empor, zu sehen wer
der Neuangekommene sei, und ob nicht vielleicht ein alter Bekannter
und Schiffskamerad hier zwischen ihnen auftauche.

»Hallo Kamerad,« brummte aber der, als er ein völlig fremdes Gesicht
vor sich sah, das ihm jedoch trotzdem ganz freundlich entgegennickte,
und dessen Eigenthümer sich so bequem und ohne weitere Einladung zu
ihnen in's Gras warf, als ob er zu ihrem »Volke« gehörte -- »~where do
you hail from~?«[A]

Der Sprecher war der Bootsmann der »~Jeanne d'Arc~,« der draußen in
der Bai vor ihrem Anker ritt und dessen Mannschaft heute Feiertag
bekommen hatte, der großen Volksversammlung wegen. Er schien sich auch
hier gewissermaßen als eine Art Obrigkeit zu betrachten zwischen den
übrigen Matrosen, und überdieß rechtfertigte das ganze Aeußere des
Neuangekommenen, unseres alten Bekannten Jim des Iren, allerdings eine
solche Frage, denn dem alten Matrosen überkam es, ihm gegenüber, fast
unwillkürlich, als ob er es mit keinem rechten Seemann zu thun habe,
und gleichwohl ließ doch auch wieder das Einzelne seines Anzugs nichts
erkennen, was einen solchen Verdacht rechtfertigen mochte. Die blaue
Jacke wie die weißleinene Hose hatte den richtigen Schnitt, der mit
Wachsleinwand überzogene Strohhut saß ihm hinten auf dem krausen Haar
und ein paar breite Streifen schwarzseiden Band fielen ihm nach
richtiger Art vorn über das linke Auge nieder und doch lag ein gewisses
Etwas in dem ganzen Betragen des Fremden, das den alten Burschen, der
sich manch langes, langes Jahr auf der See und aller Länder Schiffe
herumgeschlagen, wie eine Art Instinkt überkam, er hätte hier keinen
geborenen Seemann vor sich, und der Bursche segele am Ende gar unter
falscher Flagge.

Der wirkliche Matrose -- nicht der, der die See einmal zeitweilig zu
seinem Beruf wählt, ein paar Reisen macht vielleicht, und dann wieder
Jahre lang am festen Lande bleibt -- hat auch etwas in seinem ganzen
Wesen, das unmöglich ist sich anzueignen, wenn es eben nicht natürlich
aus dem ganzen System unsers Körpers herauskommt und mit ihm eins
bildet. Die Hauptsache hierbei ist der fast schlenkernde und doch auch
wieder feste und elastische Gang von der steten Bewegung des Schiffes
her, der er natürlich fortwährend begegnen muß, und die ihn dann auch
zwingt, die Beine etwas weiter, wenn auch fast unmerklich, aus
einander zu setzen, als das auf dem festen Lande nöthig wäre; die Arme
hängen dabei, wie durch ihr eigenes Gewicht gezogen, grad am Körper
nieder, ohne ihn aber, weder rechts noch links in drei Zoll zu
berühren, und die halboffene harte Hand sieht gerade so aus, als ob
sie jeden Augenblick an Segel oder Tau zufassen wolle. Der Landmann
kann alles Andere nachahmen, dieses Tragen des Körpers wird ihm nie
gelingen, und nur eine jahrelange Uebung ist im Stande, ihn
zuzurichten, oder, wie die Matrosen sagen, ihn »~ship shape~« zu
machen.

»Nun Sirrah!« rief der Irländer endlich lachend, nachdem er den
forschenden Blick des Bootsmanns, wenn auch nicht ohne ein leichtes
kaum erkennbares Erröthen, eine ganze Weile ertragen hatte, -- »Ihr
werdet mich nun wohl kennen wenn Ihr mich wiederseht; -- wie gefall
ich Euch?«

»Ganz und gar nicht, Kamerad,« sagte der aber trocken, und während er
sein Primchen Kautabak im Munde aus einer Backe in die andere
wechselte, »ganz und gar nicht, wenn Du die Wahrheit hören willst.«

»Hahaha,« lachte aber der Ire, ohne sich im mindesten darüber
beleidigt zu fühlen, »verdamme mich wenn das nicht ehrlich von der
Leber weggesprochen ist; leid thut mir's nur bei der Sache, daß ich
das nämliche -- nicht von Euch auch sagen kann.«

»Dann werd' ich mein Möglichstes thun, das für mich so unglückliche
Vorurtheil bei Euch zu zerstören,« antwortete der Seemann ruhig.

»Donnerwetter Ihr seid grob!« rief aber der Ire, der nun einmal
entschlossen schien jetzt Nichts übel zu nehmen, obgleich der ganze
kräftige Bau seines Körpers wie ein ziemlich entschlossener Zug um den
Mund, wohl glauben ließ daß er sonst eben eine wirkliche Beleidigung
nicht so leicht einstecken würde, »aber das schadet Nichts, Kamerad,
wir werden schon noch näher mit einander bekannt werden und ich bin
wie der Wein -- ich gewinne durchs Liegen. Und nun Ihr da, Ihr
Mädchen,« wandte er sich zu diesen in ihrer eigenen Sprache, »laßt das
verdammte Suchen sein und kommt her -- morgen wird sichs schon finden
was ihr verloren habt -- beim Auskehren vielleicht -- und wo ist
Amiomio heute? hol der Henker die kleine Wetterhexe, sie geht immer
fort und kommt niemals wieder.«

»~Naha-hio~!« riefen da einige der Mädchen, die sich auf den Anruf
umgedreht, erstaunt und untereinander aus -- »~O-fa-na-ga~ wieder
hier? -- und wo hat Dich Oro's Zorn so lange umhergetrieben?«

»~O-fa-na-ga~« spottete ihnen aber der Ire nach, »bei Jäsus, meine
Herzchen, Ihr habt den Namen noch immer nicht aussprechen lernen und
übersetzt meiner Mutter Sohn auf eine merkwürdige Weise ins
Tahitische. Was würde ~ould father O'Flannagan~ sagen, wenn sie ihn so
zu Tische gerufen hätten -- ha, meine ~namataruas~, Ihr beiden
unzertrennlichen Sterne, seid Ihr auch hier? und wo ist ~ipo Anoënoë~,
mein schlankes Mädchen von Bola-Bola, die tollste in Eurer tollen
Schaar?«

»~Anoënoë~ ist fromm geworden« lachte eines der Mädchen, die er
~namataruas~ nach einem Zwillingsgestirn jener Zone genannt -- »sie
lacht nicht mehr und trägt keine Blumen mehr im Haar und hinter den
Ohren.«

»Hahahaha« lachte der Ire, »~Anoënoë~ fromm geworden das ist gut, das
ist vortrefflich, das ist -- hahahaha -- das ist beim Teufel zum
Todtschießen komisch!«

Der Bootsmann -- eine schlanke, kräftige, ja selbst edle Gestalt, mit
ächt französischen Zügen, krausem dunkelen Barte und dunkelen Augen,
jeder Zoll ein Seemann, der englischen Sprache übrigens vollkommen
mächtig, hatte den Begrüßungen des Fremden mit den Mädchen und Frauen
des Platzes, die er alle kannte und bei Namen nannte, schweigend und
etwas erstaunt mit zugesehen, aber weiter kein Wort hineingeredet und
schien nur etwas ungeduldig und mit untergeschlagenen Armen das Ende
dieser Erkennungsscene zu erwarten. Er trug, trotz dem warmen Wetter,
seine blautuchene dicht mit kleinen blanken Knöpfen besetzte Jacke,
mit weißen Strümpfen und sauber gewichsten Schuhen und schneereinen
segeltuchenen selbstgemachten weiten Hosen, die nur dicht über den
Hüften fest anschlossen und auflagen; das weiße Hemd hielt ein
schwarzseidenes Halstuch mit einem Seemannsknoten locker zusammen, und
der leichte feine Panama Strohhut saß ihm fest und trotzig mehr nach
vorn in der Stirn, als ihn sonst Matrosen gewöhnlich zu tragen
pflegen.

Endlich mochte ihm aber die Zeit doch zu lang währen und er unterbrach
die weiteren freundschaftlichen Erkundigungen des Fremden mit einem
nicht eben da einstimmenden:

»~I say stranger~! -- Ihr scheint früher schon einmal auf
Korallenboden geankert zu haben -- Euerer Physionomie verdankt Ihr die
Vertraulichkeit doch nicht.«

»Der Geschmack ist verschieden, Kamerad!« lachte der Ire dagegen, »und
Einer liebt Bier, der Andere Milchsuppe; aber Ihr habt Recht, ich bin
hier zu Hause, und wenn ich auch nicht gerade hier wohne, führt mich
meine Straße oft genug vorbei -- was Wunder da, daß ich Nachbars
Töchter kenne.«

»Ei so laßt Euer In-ge-le-se-Schwatzen doch nun endlich einmal!« rief
da eines der Mädchen, zwischen die beiden Männer springend und des
Iren Arm ergreifend -- »Her zu mir ~O-fa-na-ga~ -- und dreh deine
Taschen um, denn Du hast doch den Boden hier nicht wieder betreten,
ohne deiner Maïre Schmuck und Ringe mitgebracht zu haben; wo ist der
Ring von ~perú~, den Du mir so lange versprochen?«

»Maïre!« rief der Ire erstaunt sie betrachtend -- »_das_ ist Maïre? was
zum Wetter ist denn mit Dir vorgegangen Mädchen, ich kenne Dich ja gar
nicht mehr, wo sind deine Locken?«

»Die hat der Mitonare abgeschnitten,« sagte die Schöne, halb beschämt,
halb unzufrieden.

»Der Mitonare -- und was zum Henker hat der Mitonare in deinen Haaren
zu suchen, Sirrah?«

»Sie sollte fromm werden und keine tollen Streiche mehr treiben,«
lachte Ate-Ate, ihr das Kinn emporhebend und zum Lichte drehend.

»Unsinn!« rief aber das Mädchen, -- »das ist blos oben, ~O-fa-na-ga~
-- kehr Dich nicht daran -- wo ist der Ring? her damit!«

»Und mir auch -- mir auch!« riefen Andere, auf ihn eindrängend, »mir
hat er Ohrgehänge versprochen -- und mir bunte Federn aus dem Osten --
und mir Kattun zu einem neuen Kleid!«

»Zurück Mädchen, zurück!« rief aber der Ire lachend, der sich nur mit
Mühe der auf ihn Einstürmenden erwehren konnte -- »Ihr hattet recht,
Kamerad, die Physionomie thuts bei den Dirnen hier allerdings nicht
allein, und sie reißen Einem -- Wettermädchen Ihr, wollt Ihr Ruhe
geben -- die Lumpen vom Leibe; würden sich auch verdammt wenig
Gewissen daraus machen, einen armen Teufel von Matrosen gleich bei
seinem ersten Ansprung an Land rein auszuplündern und nachher allein
sitzen zu lassen und auszulachen. Die braune Haut versteht sich so gut
darauf wie die weiße.«

»Von welchem Schiff seid Ihr, Kamerad?« frug jetzt der Bootsmann, »Ihr
segelt wohl unter eigener Flagge?«

Der Ire lächelte leise vor sich hin, schüttelte aber mit dem Kopf und
erwiederte schmunzelnd:

»Dießmal habt Ihr vorbeigeschossen, so schmeichelhaft die Anspielung
auch sein mochte; alt England für immer, ich möchte keine anderen
Farben an meiner Gaffel wehen haben, -- selbst nicht die rothe;«
setzte er mit einem halb spöttischen, halb verschmitzten Seitenblick
auf den Bootsmann hinzu -- »Um Euch übrigens zu beruhigen kann ich Euch
sagen daß ich Harpunier an Bord des Englischen Wallfischfängers, der
~Kitty Clover~ bin, die hier zu ihrer Erholung in Papetee liegt, und
auch da wohl noch eine Weile zu ihrer Erholung liegen bleiben wird,
wenn ihr die sehr verehrte Französische Regierung nichts in den Weg zu
legen für nöthig findet und den Aufenthalt noch länger gestattet.«

Der Bootsmann unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch auf die ironische
Anspielung daß seine Corvette, die früher den Insulanern imponirt,
gegenwärtig, durch die ihr überlegenen Engländer im Schach gehalten,
Nichts mehr zu sagen und zu befehlen hatte, aber er besann sich eines
Besseren und die Lippen nur zusammenpressend sagte er finster:

»Ihr thätet wohl Euch mit der Französischen Regierung auf gutem Fuß zu
halten -- die guten Leute in Papetee wissen heute noch gar nicht was
für Farben _morgen_ Mode sein könnten.«

»Jedenfalls die schwarze,« schmunzelte der Ire, sich die Hände
reibend -- »jedenfalls die schwarze. Jetzt bestimmen die Missionaire
die Moden und das sind liebe, liebe Menschen; haben uns Matrosen auch
so gern, als ob wir ihre Brüder wären -- was wir ja doch auch
eigentlich sind. Es klingt ordentlich erbaulich »Bruder Jim oder
Bruder O'Flannagan.«

»Daß sie uns nicht grün sind kann ich ihnen nicht verdenken,« brummte
der Bootsmann, »sie haben alle Ursache dazu, denn unsere beiden
Interessen laufen einander gerade schnurstracks entgegen. Also Ihr
gehört zu dem schmutzigen Wallfischfänger da draußen -- habt Ihr
Fische bekommen?«

»Ja Mister.«

»Und welchen Port seid Ihr zuletzt angelaufen?«

»Genirt's Euch, wenn Ihr's _nicht_ wißt?« frug der Ire spöttisch.

»Geht zum Teufel!« brummte der Franzose zwischen den Zähnen durch --
ärgerlich sich mit dem Burschen so weit eingelassen zu haben und
wandte ihm den Rücken.

»Rrrrrrrrrr!« dröhnte in diesem Augenblick ein rascher Wirbel so dicht
vor ihren Ohren, daß sich der Bootsmann überrascht danach umsah;
lachende Mädchengesichter schauten ihm aber entgegen, wohin er
blickte, und Eine von diesen hatte eine richtige französische Trommel
umgehängt, und schlug darauf jetzt mit fertiger Hand den Takt ihres
Inseltanzes.

»Alle Wetter, Ate-Ate!« rief der vorgebliche Harpunier des ~Kitty
Clover~, und suchte das Mädchen zu fassen, das aber rasch zur Seite
sprang und ihn mit den Trommelschlägeln abwehrte -- »Du bist ja wohl
gar gut französisch geworden, Mädchen, und dienst gegen deine früheren
Geliebten -- ein eigenthümliches Mittel sich an den Treulosen zu
rächen!«

»Zurück ~O-fa-na-ga~, zurück!« rief aber diese -- »ich will die Zahl
der Falschen nicht vermehren, und es wäre schon jetzt Wahnsinn gegen
sie in den Kampf zu ziehen -- sie sind wie die Guiaven im Wald, und
drücken alles Andere zu Boden -- zurück weißer Mann! -- Aber lasse das
Schwatzen hier, wir wollen tanzen, und Ihr stört uns nur mit Euerem
Zungen klappernden Volk. Da ~A-da~!« wie sie den Bootsmann der ~Jeanne
d'Arc~ nach seinem nicht auszusprechenden Schiffe nannte -- »da stell
Dich her, und nun paß auf, wir wollen den Tanz versuchen den Du uns
gelehrt und sieh ob wir's können.« Und zurückspringend begann sie mit
ziemlicher Genauigkeit ~Lord Howe's hornpipe~, den allbekannten
Matrosentanz auf der Trommel zu schlagen, indeß sie die Melodie dazu
mit klarer, ja glockenreiner Stimme sang, und die Mädchen flogen
herbei zum Tanz. _Den_ Klängen konnten aber auch die Matrosen nicht
widerstehen, und gegen sie antanzend stampften sie nach den raschen
Takten den Rasen und schwenkten und warfen die Hüte in jubelnder Lust.

Aber die Europäer ermüden bald; so schattig der Brodfruchtbaum auch
seine breitfingerigen Blätter und über ihm die Palme ihre Krone
streckt -- die Luft ist zu heiß für solche Lust, und keuchend warfen
sie sich auf den Boden nieder, indeß sie die eingeborenen Mädchen
lachend umsprangen und mit Blumen und Bananenschaalen warfen.

Aber lauter und wilder tönt die Trommel, in deren Schlagen Ate-Ate
Eine der Eingeborenen abgelößt und zu der sich noch eine zweite
gefunden hat; der Takt wechselt, lachende Männer und Mädchenstimmen
fallen ein in jubelndem Chor, und die erhitzten Tänzerinnen haben
schon Hut und Schultertuch abgestreift der wogenden Brust und
brennenden Stirn Luft und Kühlung zu geben. Dicht geschaart drängen
die Zuschauer herbei aus der Nachbarschaft, und hochgeschürzte
halbnackte Mädchen werfen sich immer aufs Neue hinein in den wilden
Reigen. Hei wie sie fliegen herüber und hinüber in toller Lust, mit
Armen und Knieen einfallend in den wüthenden Takt, schneller und
schneller, mit funkelnden Augen und wogender Brust, wieder und wieder,
auf und ab vor der Trommel und dem Jauchzen der bewundernden Schaar,
bis sie erschöpft zusammenbrechen, und andere -- wildere ihren Platz
ausfüllen auf dem zerstampften mißhandelten Rasen.

Bunt sind die Tänzer, bunter aber fast die Zuschauer die sie jetzt
umstehn, und die sich, durch den Ton des Instruments gelockt,
eingefunden haben. Neben dem noch bis an die Zähne tättowirten alten
Indianer, der mit grimmer Lust und leuchtenden Augen schon in seinem
Geist die alte Zeit wieder aufleben sieht mit ihren Festen und Tänzen
-- die schöne fröhliche Zeit, ehe die schwarzgekleideten Männer mit
den finstern Gesichtern kamen und ihren sonnigen Boden betraten, steht
die würdige Matrone, der jetzt Blume und Blüthe im Haar schon ein
Gräuel und dem Herrn mißfällig dünkt, und sieht mit Seufzen und oft
und oft zum Himmel geschlagenen Blick, das Entsetzliche wieder vor
ihren Augen geschehen, dem folgend ihre Priester Pestilenz und Krieg
und die Racheblitze ihres Gottes prophezeiht. Aber sie _sieht_ doch
den Tanz, sie steht und zögert, und während sie seufzt und stöhnt,
taucht die Erinnerung in ihr auf, an frühere Zeit, wo sie selber im
wilden Sprung die Reihen der Mädchen geführt, die Fröhlichste unter
den Fröhlichen, bei denselben entsetzlichen Klängen, -- wo sie mit
fliegender Brust und funkelndem Auge die Tapa von Schultern und
Hüfte, die Blumen aus den flatternden Locken riß, den Tänzer damit zu
werfen und -- Jehovah stehe ihr bei, sie faltet erschrocken die Hände
und flieht den Platz, denn unter dem bunten wehenden Kattun zuckt' es
und zittert' es ihr in den Knieen und Füßen, und der Teufel war stark,
und lockte sie zu dem Entsetzlichen.

Mitten hinein aber zwischen die Reihen und Gruppen der außen Stehenden
drängen jetzt wieder lachend und schwatzend und mit den Tänzerinnen
scherzend Französische Seeleute und Marinesoldaten, ihren Arm um die
nächste geschlungen, und den Takt des Tanzes mit Gesang oder
stampfendem Fuß unterstützend, und im Taumel von Lust und Freude
treibt sich die sorglose Schaar hier mitten zwischen dem Volk umher,
indeß die Mündungen seiner Kanonen schon auf die armen Bambushütten
gerichtet liegen und ein Zufall den blutigen Kampf entzünden kann.

Aber was kümmerts die jungen Burschen; _der_ Tag ist noch der ihre, im
duftenden Wald, die wilde reizende Mädchenschaar an ihrer Seite, was
sorgen sie da um den nächsten. -- Und wenn _jetzt_, in diesem
Augenblick die Alarmtrommel tönte? -- So unmöglich ist das nicht, denn
der Bootsmann horchte einmal schon rasch und erschrocken auf -- aber
bah, es ist die neue Aufforderung zum Wiederbeginnen der Lust, und
toller und rasender als je werfen sich die Unermüdlichen hinein in den
Tanz.

Der Bootsmann oder ~contremaître~ der ~Jeanne d'Arc~ und Jim der Ire
hatten sich zurückgezogen vom Tanz und der Franzose stand allein, an
den Stamm eines Brodfruchtbaums gelehnt und schaute mit verschränkten
Armen dem wilden Spiele zu.

Jim war in seiner Nähe und eben im Begriff auf ihn zuzugehen, aufs
Neue ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als er sich am Arme gezupft
fühlte und rasch umschauend einen fremden Matrosen bemerkte, der ihm
vorsichtig winkte ihm zu folgen, und dann langsam, und scheinbar
absichtslos einem kleinen Guiavendickicht zuschlenderte, das hier den
nicht weit von da vorbeiströmenden Bach begrenzte. Jim schaute sich
vorsichtig um, ob er von keiner Seite beobachtet würde, blieb wohl
noch eine Viertelstunde ruhig und regungslos in seiner Stellung, dem
Tanze zuschauend, und folgte dann, die Hände in den Taschen und mit
den ihm nächsten Mädchen lachend und scherzend, dem Vorangegangenen.
Etwa zwanzig Schritt im Dickicht hörte er einen leisen Pfiff,
antwortete ebenso vorsichtig und befand sich wenige Minuten später dem
fremden Seemann gegenüber, der ihn ohne weiteres am Arm nahm und noch
tiefer in den Wald von Mape und Lichtnußbäumen und Guiaven
hineinführte.

»Alle Wetter Kamerad,« sagte endlich Jim stehen bleibend und seinen
schweigsamen Führer betrachtend, »was zum Henker schleppt Ihr mich
denn hier in den dicksten Busch, wo man sich die Augen in den Zacken
ausrennen kann. Was wollt Ihr von mir und wer seid Ihr selber?«

»Wer ich bin, Dick Mulligan« sagte aber der Andere, »kann Dir ziemlich
egal sein, wenn nur -- «

»Dick Mulligan« wiederholte Jim und so sehr er sich auch Mühe gab
seine Bewegung zu verbergen, war es doch leicht zu sehn, wie er über
den Namen erschrak, »wen zum Teufel nennt Ihr Dick Mulligan?«

»Pst Dick, nicht so laut,« sagte aber der Andere vorsichtig, »Du
brauchst Dich nicht zu geniren, wir Beide kennen einander, denn so
hab' ich mich doch Gott straf mich nicht verändert, daß Du nicht unter
der, vielleicht ein Bischen braun gewordenen Haut deinen alten
Gefährten Jack herausfinden solltest.«

»Jack, bei Allem was da schwimmt!« rief Jim, »aber Mensch wo kommst Du
her, und in _die_ Jacke; Matrose an Bord eines _französischen_
Kriegsschiffs« --

»Das wäre eine langweilige Geschichte, Dir das Alles
auseinanderzusetzen, genug daß ich da bin und vielleicht Dir zum
Glück,« entgegnete aber der Andere -- »Mensch Du hast Dich nicht im
Geringsten verändert, siehst noch aus wie vor fünf Jahren und läufst
hier so unbekümmert und gottvergnügt mit dem Bart und den Haaren in
der Welt herum, als ob Du nicht den Strick um den Hals trügst, und
jeden Augenblick gefaßt und vor Gericht geschleppt werden könntest --
und wer Dich einmal gesehen, vergißt Dich im ganzen Leben nicht
wieder.«

»Laß die alte Geschichte,« knurrte aber der Ire -- »kein Mensch hier
hat eine Ahnung davon als wir Beide -- weshalb das Aufheben!«

»Kein Mensch, so?« -- sagte Jack, »und weißt Du, wer auf der ~Jeanne
d'Arc~ drüben zweiter Lieutenant ist?«

»Wie soll ich's wissen,« erwiederte Jim unruhig, »Du kannst Dir denken
daß ich mit den Offizieren irgend einer Majestät so wenig wie möglich
in Berührung komme -- wer wird's sein?«

»Niemand Anderes als derselbe junge Bursch, der uns damals, in der
Pomatu Gruppe unsern schon sicher geglaubten Fang, den kleinen
Perlencutter abjagte und Dich dabei erwischte. Du entkamst ihm nachher
noch, aber er hat Dich doch beinah acht Tage festgehabt und kennt Dich
genau, ich habe ihn wenigstens die Geschichte selber zweimal an Bord
erzählen hören und er schwört darauf daß er Dich hängen sehn will,
wenn er Dir jemals im Leben wieder begegnet.«

»Unsinn, was kann er mir thun,« brummte aber Jim (denn wir wollen den
Namen beibehalten), »wir wurden eben von unserer Beute vertrieben,
aber das war doch auch weiter kein Beweis gegen mich.«

»Sie haben die beiden Leichen in dem Pandanusdickicht gefunden,« sagte
Jack leise.

»Den Teufel,« knirschte Jim zwischen den Zähnen durch -- »das wäre
allerdings fatal -- aber er hat keine Zeugen.«

»Mehr wie er braucht,« entgegnete Jack -- »drei von den Jungen die uns
damals den Spaß verdarben, sind auf der ~Jeanne d'Arc~ -- und Du
kannst Dir denken wie mir zwischen dem Gesindel zu Muthe sein muß --
ein Glück daß sie keine Ahnung haben wie nahe wir schon einmal mit
einander in Geschäftsverbindung gestanden haben.«

»Aber wie zum Henker bist Du auf das Französische Kriegsschiff
gekommen?« frug Jim nochmals erstaunt und vielleicht selbst
mißtrauisch.

»Lieber Gott,« lachte Jack achselzuckend, »wie man bald das bald das
einmal in der Welt versucht, ehrlich durchzukommen. -- Ich machte in
Marseille, an Bord eines Dampfers eine Speculation in silbernen
Löffeln -- «

»Pfui!« sagte Jim.

»Pfui?« wiederholte Jack beleidigt -- »das ist mir nun einmal
angeboren, daß ich nicht müßig gehen kann; doch um kurz zu sein
entstand da ein Mißverständniß dem ich, als der Schwächere zum Opfer
fiel. Sie steckten mich erst ein und schickten mich dann, zu meiner
weiteren Ausbildung auf ein Kriegsschiff.«

»Und jetzt?«

»Und jetzt? -- bin ich an Bord und sehe mich nach einer passenden
Gelegenheit um meine Situation zu verbessern.«

»Warum desertirst Du nicht?« frug ihn Jim.

»Das ist eine böse Sache,« sagte Jack kopfschüttelnd, »das kann gut,
aber auch schlecht gehen -- ja wenns hier einmal zum Ausbruch käme,
ließ ich mir's gefallen; jetzt wird aber Alles ausgeliefert was sich
fremd am Ufer blicken läßt. Du aber kannst mir am Ende dazu helfen.«

»_Ich_ Dir? -- wie mir's jetzt scheint habe ich alle Hände voll zu
thun meine eigene Haut in Sicherheit zu bringen -- ist unser alter
Bekannter an Land?«

»Gewiß, und stöbert hier gerade in der Nachbarschaft herum, ich habe
Dich deshalb abgerufen daß Du ihm nicht etwa in die Hände läufst -- «

»Nur meinethalben?« frug Jim den Gefährten mit einem etwas
zweifelhaften Blick.

»_Nur_ deinethalben? -- nein« sagte der aufrichtige Jack -- »ich sehe
nicht ein warum ich das Kind nicht beim rechten Namen nennen soll; mir
war es selber nicht ganz einerlei, die alte Geschichte wieder
aufgewärmt zu sehn, noch dazu da ich ein unfreiwilliger Zeuge des
Ganzen hätte sein müssen. Aber wirklich Jim, wie ich da erst von
unserem Bootsmann gehört habe, der sich gerade nicht in Dich scheint
verliebt zu haben, gehörst Du zu dem Wallfischfänger, der unten in der
Bai liegt -- sind die Leute an Bord gut?«

Jim zögerte einen Augenblick mit der Antwort und schielte seitwärts
nach seinem frühern Kameraden hinüber.

»Du überlegst ob ich Dir da nicht etwa im Wege wäre?« sagte dieser
lachend.

»Nein, nein,« erwiederte der Ire rasch und vielleicht etwas beschämt
seine Gedanken so schnell errathen und ausgesprochen zu sehn -- »ich
wußte nur nicht gleich was Du damit meintest -- ja, der Capitain ist
gut genug -- Mac Rally, Du mußt ihn ja noch von früher her kennen.«

»Mac Rally, Mac Rally? -- nein, unter dem Namen nicht; wie hieß er
sonst -- Du kannst mir trauen alter Junge,« setzte er lachend hinzu,
als er sah das Jim mit der Antwort zögerte -- »mir liegt _Alles_
daran sicher vom Bord der Franzosen zu kommen und wenn ich selbst -- «

»Aber warum schwimmst Du nicht zu dem Engländer hinüber, der nähme
Dich mit Vergnügen auf,« sagte Jim.

»Weil ich dafür meine _sehr_ guten Gründe habe,« brummte Jack
verdrießlich; »ich fühle eine gerade so große Abneigung gegen
englische Offiziere wie Du, und -- habe vielleicht eben so viel
Ursache -- also Mac Rally -- «

»Erinnerst Du Dich noch auf Bill Kooney?« frug Jim.

Jack pfiff leise vor sich hin und lachte verschmitzt.

»Bill Kooney,« sagte er dann nach einer kurzen Pause -- »Bill Kooney
-- aber wie zum Teufel ist der zu dem Wallfischfänger gekommen?«

»Das ist eine naive Frage,« sagte Jim, »aber mein Junge, wenn dem so
ist daß der Gesell -- wie heißt er doch gleich dein Lieutenant?«

»Bertrand.«

»Daß also der ~Monsieur~ hier herumschwimmt, da ist's für mich Zeit
aus dem Cours zu gehn -- bis ich ihm vielleicht einmal richtig hinein
kommen kann; ich muß so an Bord.«

»Aber wo treffen wir uns wieder? ich möchte vorher genau wissen wann
Ihr segelt und Bill Kooney doch auch gern einmal sehn, mit ihm meinen
Plan zu bereden.«

»Ich gehöre gar nicht mehr an Bord,« sagte Jim -- »daß ich Harpunier
wäre hab' ich deinem neugierigen Bootsmann nur aufgebunden.«

»Du gehörst nicht mehr an Bord?« frug Jack erstaunt -- »den Teufel
auch, da hast Du wohl dein »Geschäftsbüreau« jetzt an Land?«

»Zu Zeiten,« sagte Jim ausweichend.

»Und gehn die Geschäfte gut? -- na hab' keine Angst,« setzte er aber
rasch hinzu, als er sah daß den neugefundenen Kameraden die Frage
etwas in Verlegenheit zu setzen schien, wenigstens nicht gleich und
unbedingt von ihm beantwortet wurde -- »ich komme Dir dabei nicht in's
Gehege, bleibe aber, aufrichtig gesagt auch lieber einmal eine
Zeitlang auf festem Grund und Boden und in der angenehmen Gesellschaft
hier, mich von den überstandenen Strapatzen erst ein wenig auszuruhn.
Donnerwetter, man lebt doch nur einmal auf der Welt, und wozu sich in
einem fort schinden und placken, wie ein Hund!«

»Ich weiß gerade nicht ob es Dir hier gefallen würde,« sagte Jim.

»Daß laß meine Sorge sein,« lachte der Matrose, »wenn ich nur erst
glücklich aufgehoben wäre, eine Desertion in meinen Verhältnissen ist
nur zu verdammt gefährlich, denn _kriegten_ sie mich wieder, möcht'
ich in jeder anderen, nur nicht in meiner eigenen Haut stecken. Ich
könnte Dir vielleicht hier auch in Manchem von Nutzen sein.«

»Das bezweifle ich nicht im Mindesten,« entgegnete Jim ruhig, »aber
überleg's Dir wohl; wird eine große Belohnung auf den Einfang gesetzt,
so ist keinem von den Indianischen Schuften zu trauen. Am besten wär's
doch wohl Du sprächst einmal mit Mac Rally.«

»Hm -- ja -- vielleicht -- nun ich werde ja sehen,« sagte Jack wie
überlegend sich das Kinn streichend und dabei verstohlen auf Jim
hinüber schauend. -- »Und wenn man Dich einmal hier am Ufer finden
wollte, wo bist Du da am besten zu erfragen?«

»Kennst Du einen Platz hier auf der Insel, den sie »Mütterchen Tot's
Hotel« nennen?«

»Nein -- ich bin noch nie funfzig Schritt vom Strand fortgewesen.«

»Du wirst ihn erfragen können -- jeder Matrose kennt ihn.«

»Wohnst Du dort?«

»Nein, aber es ist der einzige Platz, den ich regelmäßig besuche.«

»Gut, werd' ihn mir merken, und nun ~good bye~, Dick, unser Bootsmann
könnte mich sonst vermissen.«

»Nenne mich nur nicht _Dick_,« warf der Ire ein, »der Name war mir
unbehaglich, und ich möchte nicht gern immer wieder an jene
unglückselige Zeit erinnert werden.«

»Hast Du Gewissensbisse?« lachte Jack.

»Bah Gewissensbisse -- Unsinn -- aber keine Lust eine Raanocke zu
zieren, alter vergessener Geschichten wegen.«

»Gut, gut; also Du, Jim, wenn Dir das sicherer klingt, könntest Dich
unter der Zeit doch immer einmal nach einem Quartier oder
Schlupfwinkel für mich umsehen -- wenn's auch nur für den Nothfall
wäre; je weiter im Inneren, desto lieber ist mir's. So gute Nacht und
-- hab gut Acht auf deinen Hals!« -- Und leise vor sich hinlachend
verließ er den Freund und ging zurück, wo er die Trommeln der
Insulaner noch hören konnte, die unermüdlich neue und frische Tänzer
herbeilockte.

»Hm,« sagte Jim leise und nachdenkend vor sich hin, als der alte
Kamerad aus früheren Tagen in den Büschen verschwunden war, und seine
Schritte weiter und weiter im dürren Laub verklangen -- »schön Dank für
die Warnung; ich weiß aber eben noch nicht, ob mir mein Hals in
_Deiner_ Gesellschaft sicher oder unsicher ist, mein alter Bursche,
und fataler Weise ist der Versuch gerade so gefährlich. Nun,
jedenfalls bin ich auf meiner Huth und vor Dir ziemlich sicher daß Du
nicht selber aus der Schule schwatzest; Vielleicht kommt mir aber der
französische Grünschnabel einmal gelegentlich unter die Finger und
dann können wir ja unsere Rechnungen mitsammen ausgleichen. Jetzt
übrigens, so lange es noch Tag ist, werde ich _nicht_ an Bord
zurückgehn, sondern meine Geschäfte hier am Land besorgen; ich traue
den Insulanern nur nicht viel zu; sie sind zu gleichgültig bei Allem
was sie nicht unmittelbar in die Höhe schüttelt, und müßten sich sehr
geändert haben, wenn sie überhaupt noch einmal zu einem entscheidenden
Schlag zu bringen wären -- sei der nun hingerichtet, wohin er wolle.
-- Hm -- ist mir aber auch wieder ungemein lieb erfahren zu haben daß
der Gesell in einer französischen Uniform steckt und hier herumläuft
-- werde doch zusehn daß _er mir_ zuerst vorgestellt wird, und nicht
ich _ihm_.« -- Und mit einem vorsichtigen Blick umher, denn Jack's
Warnung hatte seine Wirkung keineswegs verfehlt, schlug er sich, mit
der Gegend in der er sich hier befand vollkommen gut bekannt,
seitwärts in das Dickicht, die Stadt auf einem anderen Pfade zu
erreichen und verschwand bald darauf in den dichten, hinter ihm sich
wieder schließenden Guiavenbüschen.

Fußnoten:

[A] Ein Schiffsausdruck »wo kommt Ihr her -- von woher seid Ihr
gesegelt?«



Capitel 2.

#Sadie und René.#


Ah -- die Brust hebt sich ordentlich frei, wie wir dem wilden wüsten
Treiben von Haß und Sünde, Leichtsinn und roher Sinnlichkeit den
Rücken kehren, dem Wald, dem unentweihten Walde zuzustreben. Noch
haben wir aber nicht all die bunten wilden Gruppen hinter uns, die
zerstreut bei all den verschiedenen Hütten, in all den kleinen Hainen
ihre Orgien feiern. Horch, von da drüben herüber lauter und munterer
Trommelschlag unter den Palmen vor -- lachende Männer und
Mädchenstimmen und jubelnder Chor; und von _dort_? tönt der scharfe
Klang einer kleinen, in den Zweigen eines Orangenbaumes aufgehangenen
Glocke, und der monotone Sang frommer Hymnen in Tahitischer Sprache,
von den Ehrwürdigen Männern selbst an einem Wochentag gesungen, weil
heute die Inseln ja dem rechten, dem »allein selig machenden
Protestantischen Glauben« gerettet wurden.

Dahinein aber kreischt der laute fröhliche Sang halbtrunkener
Matrosen, die am Strand nieder neuen Vergnügungen zuziehen. Hier eine
Frauengestalt in wehdurchschauerter Angst niedergeworfen vor dem
zürnenden Gott, den Blick angstvoll nach oben gerichtet, als ob sie
fürchte daß der rächende Strahl den Zornesworten folgen müsse, die der
weiße fromme Mann eben niedergedonnert hatte von dem einfach hölzernen
Kanzelstand, auf die Häupter der kleinen »auserwählten Schaar« -- dort
ein wildes braunes halbnacktes Mädchen, den Arm leichtfertig um die
Schulter eines französischen Soldaten gelegt, der mit ihr plaudert und
koßt, während sie den lachenden Blick frei und ruhig zu dem blauen
freundlichen Himmel emporhebt, und dabei mit halbem Ohr vielleicht den
fernen wohlbekannten Glockentönen lauscht.

Widersprüche wohin das Auge fällt, und nur die Natur selber ist sich
treu geblieben in dem tollen wilden Gewirr -- nur die Natur allein,
die Gottes Größe und Güte predigt in jeder Zeit, und ihre Gaben
liebend ausstreut über die Kinder des Allmächtigen, gleichviel
welcher _Sekte_ sie angehören, welchen Namen die Lippe flüstert, wenn
das Herz, in stiller Anbetung versunken, emporstaunt zu seinen
Wundern, und gleichgültig dabei, ob sie ihre Stirnen nach Westen oder
Osten zum Gebet neigen -- beten sie doch _Alle_ zu _Ihm_.

So, je weiter wir das wirre tolle Treiben Papetee's hinter uns lassen,
verschwimmen die Dissonnancen von Hymne und Trommel in dem gewaltigen
Donner der ewigen Brandung, und dem leisen flüsternden Rauschen der
Blätter und Palmenkronen, und dort draußen, weit draußen am
wunderschönen Strand, wohinaus kaum der donnernde Schall des
Geschützes drang, das den Aufgang und Niedergang der Sonne kündete,
hatte René seine Hütte gebaut. Ein wohl nicht großes aber doch
geräumiges Haus, dicht in den Schatten von Frucht- und Blüthenbäumen
hineingeschmiegt, diente ihm mit seiner kleinen Familie, wie dem alten
ehrwürdigen Mr. Osborne, von dem sie sich nicht hätten trennen mögen,
zum Aufenthalt; ja wurde ihm zur Heimath, und selbst Sadie fühlte sich
hier wieder wohl und glücklich, so heimisch so freundlich war der
kleine liebe Platz -- so lieb fast wie Atiu -- nur daß ihm die
Erinnerungen fehlten.

-- _Nur daß ihm die Erinnerungen fehlten_ -- es ist ein kleines,
unbedeutendes Wort; die Erinnerung, und sie umfaßt doch, wenn wir
erst einmal wirklich ins Leben traten, Alles fast, was das Herz je
theuer gehalten und lieb, und dessen Klängen es mit freudigem Klopfen,
o wie gern doch, lauscht. Was anderes giebt unserer Heimath jenen
unendlichen Reiz, der uns nicht weilen läßt im fremden Land und uns
zurückzieht mit festen, kaum zerreißbaren Banden? -- was anderes
zaubert uns mit einem Schlag alle die lieben, nie vergessenen, aber
wohl so oft und heiß ersehnten Bilder wieder herauf, die unserem Leben
damals Licht und Farbe, unserem Blut die Wärme, unserer Brust die
heitere Ruhe gaben? Verleih einem Platz diese Erinnerungen, und laß es
dann die ärmlichste dürftigste Hütte in einer Wildniß sein, und jede
Stütze ist uns theuer die noch den morschen Bau zusammenhält. Wir
kennen da jeden Baum, jeden Stein und an jedes, das noch so
unbedeutendste, an den schmalen Pfad der hinausführt zu dem stillen,
Linden umlaubten Friedhof, an das Gartenpförtchen, an den Apfelbaum
neben der Thür, an die Steinbank oder den murmelnden Bach, oder den
moosbewachsenen Eimer des Brunnens, selbst an die lieben Sterne die
nur _so_, wie alte liebe Bekannte über _der_ Hütte standen, knüpft
sich eine Liebe, eine selige Erinnerung, und je älter wir dabei
werden, je weiter uns das Schicksal und je länger es uns
fortgetrieben aus dem Heiligthum, desto theurern Platz wahrt es sich
in unserm Herzen.

Und _ohne_ diese Erinnerungen? ja die Welt ist schön, und überall
gründet der unstete Mensch seinen Heerd, überall deckt Gottes
unendliche Güte den Boden für ihn mit Speise und Trank, und das
Geschlecht treibt und gedeiht -- aber es treibt und gedeiht auch nur
eben, und wie in der Fremde beginnt es seine Hütte zu bauen, wie in
der Fremde siedelt es sich an und -- denkt zurück an frühere
glücklichere Zeiten, liebere Plätze -- an die Stelle wo seine Wiege
gestanden.

Aber Sadie und René _waren_ glücklich -- über ihnen wölbten, wie auf
Atiu wehende Cocospalmen ihre Häupter und schüttelten den Thau nieder
auf die duftenden Blüthen der Orangen, die ihren Fuß umwuchsen; vor
ihnen aus breiteten sich die Corallendurchzogenen Binnenwasser der
Riffe, klar und silberrein wie an der Schwesterinsel, und Abends
ruderte der junge Mann das Canoe hinaus, und vor ihm saß dann die
glückliche Mutter mit dem Kind am Herzen, dem Liebesblick seines Auges
in unendlicher Seligkeit begegnend; -- es waren das so frohe, so
glückliche Stunden.

Oh daß sie schwinden müssen, daß Alles nur auf Erden eine Spanne Zeit
umfaßt, und während uns die Sonne fröhlich scheint, daß da schon
düstre Wolkenschleier unterm Horizonte lagern müssen, die langsam aber
sicher höher steigen. Es giebt kein ungetrübtes Glück auf dieser Welt,
es kann's nicht geben, denn das Bewußtsein schon, wie nah der Wechsel
unserm Leben liegt, wie oft an einer Faser nur das Alles hängt, was
uns in diesem Augenblick entzückt, wirft einen trüben Schein selbst
auf die frohste Stunde, und das, was uns gerade im Unglück stärkt, was
den Blick vertrauend, hoffend dem Lichte zukehrt, wie trüb und traurig
uns auch im Herzen sei, und wie die Verzweiflung an ihm nagt und
zehrt, die Gewißheit irgend des einstigen Wechsels solcher
Leidenszeit, die klopft dann ebenfalls als Mahner an des Glückes Thor,
mit leisem Finger, aber still und unverdrossen fort.

Nicht bei René; er war ein Kind im Glück und nahm das Alles mit so
frohem leichten Herzen an, wie Kinder Spielzeug nehmen, lachen und
springen damit und nicht d'ran denken daß es zerbrechen kann, sich
nicht d'rum kümmern. Nach langer schwerer Zeit, wo er viel dulden
mußte und ertragen, erschien das Alles hier ihm wie gehörig, wie
gerechter Lohn nur für Bestandenes; Sorge hatte er nie gekannt, der
Augenblick war ihm des Lebens Trieb gewesen, dem er folgte, dem
Augenblick gehörte er auch an, und wie er ebenso im Unglück wenig nur
gehofft, sich stets vom Schicksal ausersehn gedacht und kecken
trotzigen Muthes darin gerade Freude fand ihm zu begegnen, es zu
überwinden, so dachte er auch im Glück nicht oft hinaus wie's einst
wohl werden solle, wenn der Tod vielleicht hier oder da die Stützen
wegriß, oder and'res Leid mit kalter starrer Hand eingreifen könne in
sein junges Glück. Er lebte, liebte, das war ihm genug.

Nicht so Sadie; auf jener stillen Insel still herangewachsen, hatte
sie kaum von einem höheren Lebensziel gewußt; der Schwestern sorglose
Freuden sorglos theilend, war ihr auch nie ein anderer Gedanke
gekommen, hatte sie nie einen andern Fall für möglich gehalten, als
mit der Palme am Strand zu blühen, zu gedeihen und unter ihrem
Schatten einst in leichter Erde, leicht und hoffend einem neuen,
besseren Leben entgegen zu träumen. Da kam René -- mit ihm erschloß
sich eine neue Welt für sie, mit ihm gewann sie etwas was sie nie
geahnt -- ein _geistiges_ Leben, neben ihrer Palmenwelt, und Alles das
was ihr die Brust von da mit solcher Seligkeit erfüllte, fand in dem
einem Herzen nur Ursprung und Ziel -- und wenn das eine Herz ihr
wieder schwand dann -- nein, sie dachte den Gedanken nie aus, und wenn
er aufsteigen wollte in ihr, floh sie vor sich selbst, und das Gefühl
gewann erst wirklich festen Grund in ihr, bekam erst Farbe und
Gestalt, als ihr ein anderer Schmerz durchs Leben zog -- das erste
schwere herbe Leid der jungen Brust.

Der alte ehrwürdige Mr. Osborne, ein Missionair im wahren Sinn des
Worts, der Gottes Liebe voll und wahr im Herzen trug, und Tausenden
schon damit Trost gebracht, fand gerade da, wo er Achtung und
Anerkennung hätte fordern dürfen, mit seinem treuen ehrlichen Herzen,
kalten dürren Grund, und wenn nicht offenen Kampf, weit Schlimmeres --
heimlicher Bosheit Pfeil, der oft weit tödtlicher trifft als Blei und
Stahl. Herüber und hinüber geschickt auf der Insel, wo er kaum des
einen Stammes Herzen sich gewonnen, und wohlthätigen Einfluß auf sie
auszuüben begann, gekränkt und angefeindet, geärgert und betrübt,
erkrankte er endlich, und ehe René sowohl wie Sadie sich auf den
schmerzlichen Verlust der ihnen drohte, vorbereiten konnten, ja ehe
selbst nur die Befürchtung solcher Gefahr in ihnen aufgestiegen war,
machte ein Nervenschlag seinem Leben ein sanftes und nur zu rasches
Ende.

Der Schmerz traf tief in ihr junges, bis dahin ungetrübtes Glück, und
Sadie besonders hatte viel, unendlich viel durch ihn verloren. Auch
René schmerzte der Verlust des alten wackern Mannes, der ihm ein
zweiter Vater geworden, und ja auch eigentlich viel mit seinetwegen
ertragen und geduldet.

Viele Monate vergingen denn auch, ehe sich Beide von dem Verlust
erholen, an die Trennung von ihm gewöhnen konnten, und selbst dann
noch wollte das Gefühl der Leere nicht ganz weichen -- es fehlte ihnen
ein Theil ihrer selbst, und der Alles lindernden Zeit mußte es
vorbehalten bleiben sie vollständig dafür zu trösten.

Dieser Todesfall war aber auch für René zum Trieb geworden, sich
irgend nach einer Thätigkeit umzuschauen, nach der auch, besonders
jetzt allein auf sich selbst angewiesen und in der lebendigeren
Ansiedlung mit neuen Bedürfnissen erwachsend, sein lebenskräftiger
Geist sich sehnte und drängte. Eine solche Beschäftigung wurde ihm
aber auch zuletzt zur Nothwendigkeit, wenn er nicht untergehen sollte
in dem müßigen, dem Insulaner wohl zusagenden, dem gebildeten Europäer
aber auf die Länge der Zeit nicht genügenden Leben.

Kurz vor Mr. Osbornes Tode war ein Theil des Capitals, das René in
Frankreich stehen hatte, für ihn auf Tahiti eingetroffen, und er
beschloß jetzt dasselbe in kaufmännischen Speculationen anzulegen, und
sich außerdem mit dem Handel und Betrieb dieser Inseln bekannt zu
machen. Er bedurfte dessen allerdings nicht seine Lage zu verbessern
oder seine Existenz zu sichern, denn wenig genügte hier seinem
einfachen Leben, aber er wollte einen Antrieb haben, der ihn irgend
einem gestellten Ziel entgegen führte, und das zog ihn dann nicht
allein nicht von seinem häuslichen Leben ab, sondern mußte diesem
sogar einen noch höheren Reiz verleihen.

Seine kleine freundliche Wohnung lag vielleicht eine halbe Meile
unterhalb Papetee, dicht am Meeresstrand, von hohen Wi- und Mapebäumen
umgeben, und die freie Aussicht nach dem reizenden Imeo hinüber
gewährend. Dort, schon mit mancher Europäischen Bequemlichkeit
ausgestattet, hatte er sich sein Nest gebaut, und zog ihn auch über
Tag dann und wann theils die Anknüpfung seiner Geschäfte, theils das
rege politische Treiben dieser lebendigen Zeit für Tahiti, nach der
Stadt, so fand ihn der Abend doch stets mit raschen Schritten
heimwärts, in die Arme seines trauten Weibes eilend, und schmiegte
sich dann das liebe holde Kind, dem die Mutterwürde einen fast noch
höheren Reiz verliehen, kosend an seine Seite, dann segnete er wohl
oft, in der Fülle seines Glücks, das Schiff, das ihn an diese
gastliche Küste geführt, und mehr noch den Entschluß Freiheit und
Leben daran gesetzt zu haben den Boden zu betreten, zu dem es ihn,
wie mit einer höheren inneren Stimme unaufhaltsam getrieben.

Wie es dabei oft jungen Leuten geht, denen das Schicksal, und wie
häufig ihnen zum Heil, in ihrer ersten Liebe, bei ihren ersten
ehrgeizigen Plänen, den schon zum Genuß gehobenen Becher von den
Lippen reißt, und die dann plötzlich ihre Rechnung mit der Welt
abgeschlossen, ihre Ansprüche an das Leben und sein Glück vernichtet
glauben und gar nicht einsehen wollen, daß ihnen die Welt erst jetzt
so voll und weit die Arme öffnet, fand er Alles, Alles gerade in dem
Augenblick erfüllt, wo er sich schon an Abgrunds Rande wähnte, und den
Schritt für unvermeidlich, für unabwendbar hielt, der ihn
zerschmettert in die Tiefe senden mußte.

Und wenn er dann wieder im Anfang, von einem Extrem zum andern
überspringend, jeder Gefahr entrissen, mit jedem Wunsch erfüllt, in
einem förmlichen Taumel von Wonne und Seligkeit der neu gefundenen
Rettungsbahn, die ihn nun durch blumige Auen führte, wie im Traume
folgte, verlor sich doch endlich dieses Gefühl, das ihn auch wirklich
sein Glück nur halb empfinden ließ, und mit dem vollen Bewußtsein
dessen was er sich hier, in dieser wunderherrlichen Welt gewonnen,
kehrte auch unendliche Ruhe und Seligkeit ein in sein Herz -- eine
Ruhe die sein Weib unsagbar glücklich machte und ihrer Brust letzte,
durch die anderen Protestantischen Geistlichen wachgerufenen Zweifel
und Befürchtungen beschwichtigte und widerlegte, daß sich der unstete
Geist des jungen Mannes so leicht und vollständig dem doch ganz neuen
ungewohnten, und gewissermaßen abgeschlossenen Leben dieser Inseln
fügen werde.

Wie aber der Wirkungskreis ein weiterer war, den er hier fand, so
zeigte sich auch bald das Leben ein ganz anderes, als in dem stillen,
abgeschlossenen Atiu. Tahiti, und auf ihm Papetee schien der
Mittelpunkt des Handels und Verkehrs für die südlich vom Aequator
gelegenen Inselgruppen werden zu wollen, und gerade in letzter Zeit
hatten sich mehre Amerikanische wie Französische Familien hier
niedergelassen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen dieses
kleinen Inselstaates einen neuen, bis dahin noch nicht gekannten
Aufschwung zu geben versprachen. René dessen liebenswürdiges Benehmen
ihm leicht die Herzen derer gewann, mit denen er in Berührung kam,
trat bald darauf mit einem der Amerikaner sowohl wie den Franzosen in
Geschäftsverbindung, und fand sich auf das Herzlichste bei ihnen
eingeführt. Den Frauen besonders lag daran einen geselligen Verkehr
auf diesem abgelegenen Punkt zu eröffnen und zu erhalten, und sie
hörten kaum daß René verheirathet sei, als sie auch fest entschlossen
waren ihn aufzusuchen und mehr an sich und ihr Haus zu fesseln.

René, der recht wohl fühlte daß er sich mit der stärkeren Bevölkerung
der Insel, wenn sich besonders noch mehr Europäer herüber zogen, einem
mehr geselligen Leben nicht ganz würde verschließen können, ja
verschließen mochte, hatte schon seit einiger Zeit angefangen Sadie
darauf vorzubereiten, und zum ersten Mal störte ihn hierin ihre
ungezwungene Tracht, die dem Klima wie der freien Bewegung des Körpers
doch so angemessen war. In den Kreisen in denen er sich aber in einem
mehr geselligen Leben bewegen mußte, wäre dieselbe jedenfalls, wenn
nicht geradezu ein Hinderniß, doch oft ein Stein des Anstoßes
geworden. Allerdings fürchtete er im Anfang diesen Punkt bei Sadie zu
berühren -- es konnte sie kränken wenn sie glauben möchte sie gefiele
ihm weniger jetzt in dem bunten flatternden Tuch, als früher in der
ersten Liebe Zeit; aber Sadie war viel zu vernünftig nicht einzusehen,
wie sie mit dem Gatten in einen anderen Wirkungskreis getreten wäre
und sich dem anzuschmiegen hätte. Die liebe kleine Frau schüttelte
wohl anfangs darüber lächelnd den Kopf, aber die neuen Kleider standen
ihr vortrefflich, und mit dem, ihren Landsleuten eigenen Scharfblick
fügte sie sich so leicht nicht allein in die Tracht, sondern auch in
das ganze Neue und Fremde, das dieselbe mit sich brachte, als ob sie
von Kindheit an darin aufgezogen gewesen wäre, und nicht erst hätte
Alles abwerfen müssen was uns durch Gewohnheit und Sitte aus unserer
Jugend noch fast zur andern Natur geworden, und mit unserm inneren
Selbst verwachsen ist.

Störend allein griffen manchmal, wenn auch selten, die kirchlichen und
dadurch wieder politischen Verhältnisse der Inseln in das Leben der
Glücklichen ein, denen sich René selber am liebsten ganz entzogen
hätte, wenn ihn eben die Geistlichen in Frieden gelassen. Die
Protestantischen Missionaire _hielten es aber für ihre Pflicht_ (ein
entsetzliches Wort solcher Herren) die junge, im rechten Glauben
erzogene und unglücklicherweise in die Hände eines Ungläubigen
gerathene junge Frau, unaufhörlich vor dem Abgrund zu warnen an dem
sie stehe, und ihr alle die Schrecknisse vor zu halten die sie
erwarteten, wenn sie dem von ihrem Gatten betretenen Pfade folge. Auch
das Kind mußte ja dem rechten Glauben erhalten werden, und so
bereitwillig sich René, um nur Ruhe von Außen und Frieden im Hause zu
haben, allen verlangten Ceremonien fügte, die für unumgänglich nöthig
gehalten wurden dem kleinen unschuldigen Erdenbürger eine einstige
Seligkeit zu sichern, so mußte er doch zuletzt entschieden gegen
einen Theil dieser Menschen auftreten, die in seinem Haus anfingen wie
in einem Taubenschlag aus und ein zu fliegen, und auf dem besten Weg
waren der armen Frau den Kopf zu verdrehen, und sie melancholisch und
unglücklich zu machen.

Von den Geistlichen war nur Einer, mit dem er sich gewissermaßen
befreundete, und zwar eigenthümlicher Weise gerade Einer der
eifrigsten und entschiedensten der ganzen Gesellschaft. Bruder Nelson
lebte und webte nur in seiner Mission und behandelte seinen Beruf mit
einer Aufopferung, die ihn stets zuletzt an sich denken ließ, und
Belohnung nur wieder allein in dem Erfolg suchte und fand, den er dem
alleinigen Gott, seiner Meinung und Ueberzeugung nach, errang. Ruhig
und fest arbeitete er aber auch ohne Uebertreibung, ohne jenen
_blinden_ Eifer an der Besserung und Bekehrung seiner Mitmenschen, und
gehörte vor allen Dingen nicht zu jener tollen Schaar die mit dem
Wahlspruch »ein Tröpfchen _Glaube_ sei besser wie ein ganzes Meer voll
_Wissen_« das Volk nur für ihre Worte und Formeln fanatisiren wollen,
und Sinn und Verstand dabei, mit einem verklärten Blick nach oben,
unter die Füße treten.

René unterhielt sich gern und oft mit ihm, selbst über religiöse
Punkte und noch mehr und gewaltigern Stoff zur Unterhaltung, aber
auch zugleich dabei zu einer neuen Besorgniß, die seinen Eifer ihr zu
begegnen nur noch mehr anstachelte, erhielt der ehrwürdige Mr. Nelson
in einem neuen Gast des Hauses, der anfangs nur selten kam, sich aber
bald dort wohler fühlte und häufiger da gesehen wurde als den übrigen
Missionairen, die schon das Schlimmste fürchteten, lieb sein mochte.

Es war dies Einer der Katholischen Priester, denen natürlich daran
gelegen sein mußte vor allen Dingen unter ihren Landsleuten festen Fuß
zu fassen, von denen aus sie ihre Lehre verbreiten und den Ketzern den
schon fast sicher geglaubten Sieg entreißen konnten. Vater Conet hatte
den jungen Franzosen und Landsmann aufgesucht, und trotzdem daß er von
diesem, der nicht mit Unrecht dadurch den religiösen Kampf über seine
eigene Schwelle zu ziehen fürchtete, im Anfang etwas kalt empfangen
und aufgenommen wurde, sich so liebenswürdig betragen, und sich so
fern auch selbst von jedem Schein eines Bekehrungsversuches gehalten,
daß René bald in ihm nur den lieben, ihm herzlich willkommenen
Landsmann sah. Selbst Bruder Nelson, der mit ihm einige Male da
zusammentraf und es zuletzt unmöglich fand im Gespräch das was ihnen
beiden so nahe lag, die Religion ganz zu vermeiden, lernte ihn mit
jedem Tage mehr als einen durchaus gebildeten, anständigen Mann
kennen, daß er nicht allein Nichts mehr gegen seine Besuche des Hauses
einzuwenden hatte, sondern sie im Gegentheil anfing gern zu sehn und
absichtlich ein und dieselbe Stunde mit dem katholischen Priester
wählte, ihn dort zu treffen.

Unter den übrigen Geistlichen hatte aber, nichtsdestoweniger daß
Bruder Nelson das Haus besuchte, der überhaupt lange nicht als
entschieden und orthodox genug unter ihnen galt, mehr und mehr der
Verdacht Wurzel geschlagen, daß der katholische Priester wirklich die
heimliche Absicht habe, die junge Frau schon aus den Armen der
rechtgläubigen Kirche herauszureißen und der seinigen zuzuführen, und
der Ehrwürdige Bruder Dennis, der fanatischeste unter den Fanatikern,
fühlte sich vor allen anderen dazu berufen, für die junge Christin wie
ihr Kind als Kämpfer aufzutreten.

Mehrmals trafen sich hierauf die beiden Geistlichen, Bruder Dennis und
Conet in René's Wohnung, selbst während dessen Abwesenheit; Bruder
Conet fand aber bald welch ein anderer Geist diesen Mann beherrsche
wie den ehrwürdigen Nelson, und vermied sorgfältig auch nur die
mindeste Begegnung mit ihm auf geistlichen Gebiet unter dem, ihm
befreundeten Dach. Artig aber entschieden wieß er den wieder und
wieder gebotenen Kampf zurück. René erfuhr das auch, und gewann ihn
dadurch um so lieber; vergebens bat er aber den frommen Mr. Dennis
dagegen, von solchen Versuchen bei ihm abzustehn, da erstens nicht
einmal die geringste Gefahr irgend eines Glaubenswechsels für Sadie
vorhanden sei, ja die Frau sogar viel schwärmerischere Ideen bekam,
als ihm schon lieb war, und er auch nicht gern sein häusliches Glück
dem Zwiespalt opfern wollte, der die ganze Nation zu verschlingen
drohte. Der fromme Geistliche hatte höhere Pflichten als gegen die
Menschen und ihr häusliches Glück -- er hatte Pflichten gegen _Gott_
und denen mußte er folgen, gleichviel wohinaus sein Weg ihn führte.
Der Allmächtige hatte ihn und seine Brüder jenem glorreichen Beruf
erwählt, Sein Wort, Seine Lehre, den Heiland der Welt und den Heiligen
Geist den Heiden dieser Seeen zu bringen und jubelnd in dem Gefühl --
jubelnd in der Seligkeit der Ueberbringer so froher Botschaft für die
Verlorenen zu sein, schritt er vorwärts, das Kreuz in der gehobenen
Rechten. Wohl lauerte der Feind jetzt mit einem trügerischen Schatten
desselben Kreuzes die schon fast Geretteten von der richtigen Bahn
wieder abzulenken; schon streckte er die gierige Teufelsfaust aus, und
Gefahr drohte der kleinen Schaar der Rechtgläubigen von _allen_
Seiten; aber fest und unerschrocken wandelten sie, die von Gott
Beauftragten, ihre Bahn. Ihr Loos war ein schweres, ihr Ausgang ein
zweifelhafter, aber sie zögerten nicht in dem begonnenen guten Werk,
und Gott, der die Herzen der Menschen sah und ihre innersten Thaten,
würde sie einst richten, ob sie recht gehandelt hätten vor Seinem
Angesicht.

Bruder Nelson fühlte und achtete den Grund, der den französischen
Priester bewog mit dem fanatischen Geistlichen keinen religiösen Kampf
zu beginnen, was nur in offener Feindseligkeit enden konnte, ja diesen
Weg schon mehremal, selbst ohne Entgegnung, durch des frommen Mannes
Heftigkeit zu nehmen gedroht hatte. Er machte auch seinem Collegen
darüber mehrmals freundliche Vorstellungen, die dieser aber nur heftig
erwiederte, und in René's Wohnung war es solcher Art schon mehrmals
zwischen den beiden befreundeten Geistlichen selbst, was der Katholik
stets vermieden hatte, zu, wenn nicht feindlichen, doch sehr lebhaften
und jedenfalls für die Zuhörer unangenehmen Auftritten gekommen.

René hätte sich Sorgen machen können, des aufsteigenden Wetters wegen,
aber sein leichter fröhlicher Sinn ließ das auch leicht an sich
vorübergehn, und zog's ihm auch manchmal die Stirne kraus, ein Blick
auf sein trautes Weib, glättete sie rasch wieder, und ein Lächeln
ihres Mundes trieb ihm wie fröhlicher Sonnenschein durch's Herz.

Die ehrwürdigen Herren Nelson und Dennis hatten denn auch, nur wenige
Tage nach der Versammlung, wieder einmal in René's Wohnung eine sehr
ernste Debatte gehabt, in der der letztere, wie gewöhnlich, Sieger
geblieben, das heißt das letzte Wort behalten, und Sadie war zum
ersten Mal traurig geworden daß René über Beide lachte, und überhaupt
die Sache, die doch auch _seinen_ Gott betraf, so entsetzlich leicht
nehmen wollte. Die Geistlichen hatten lange das Haus verlassen, der,
schon vorher beschriebenen Versammlung beizuwohnen, und René und Sadie
saßen jetzt, Hand in Hand, die junge Frau das wirklich sorgenschwere
Haupt an des Gatten Schulter gelehnt, vor ihrem Haus, während die
kleine Sadie in dem Schooß der Mutter lachte und strampelte, und des
Himmels Blau in ihren klaren großen Augen wiederspiegelte.

»Und bist Du noch bös auf mich, Sadie?« flüsterte René nach einer
langen langen Pause, in der er seine Lippen an ihre Stirn gepreßt
gehalten.

»_Bös_, auf _Dich_, René?« sagte die Frau, und schüttelte wehmüthig
lächelnd mit dem Kopf -- »ich glaube nicht daß ich bös auf Dich werden
könnte. -- Das ist auch ein gar trauriges schmerzliches Wort; nur ein
wenig -- nur ein ganz klein wenig weh hast Du mir gethan -- aber es
gereut mich schon daß ich Dir Vorwürfe darüber gemacht. Du hattest es
sicher nicht so gemeint, wie ich thörichtes Kind es aufgenommen; --
ich muß Dir auch gestehen -- «

»Und was, meine Sadie?«

»Schilt mich eine Thörin,« sagte Sadie, »ich hab' es verdient, aber --
mir war es immer als ob Du auf Seiten der fremden Priester ständest,
wie Du lachtest, und das, das gerade gab mir einen ordentlichen Stich
durch das Herz, und das -- das glaub' ich auch, war, was mir
eigentlich weh dabei gethan.«

»Das sollte es wahrlich nicht, Du treues Herz,« sagte René gutmüthig,
»aber komisch ist es doch wahrlich manchmal, daß Menschen, sonst ganz
vernünftige mit ihren fünf Sinnen begabte Menschen wie unser Freund
Dennis zum Beispiel, in mir unbegreiflicher Verblendung nicht allein
behaupten können, nein auch fest davon überzeugt sind, daß nur sie
allein den »schmalen dornenvollen Pfad« gefunden haben und wandeln,
der direkt zu Gottes Seligkeit führt.«

»Und wenn sie recht hätten?«

»Liebes Herz!«

»Nein René, nein!« sagte Sadie rasch, sich fester an ihn schmiegend,
»ich will nicht streiten mit Dir über den Weg des Heils, aber Du mußt
auch nachsichtig mit mir sein, denn _wenn_ ich mich ängstige und
sorge ist es ja doch nur Deines, des Kindes wegen.«

»Sieh nun, Sadie,« sagte René nach einer kleinen Pause, in der er sie
fest in seinen Arm geschlossen, »Ihr zürnt den fremden Priestern
meiner, oder vielmehr der Römisch katholischen Religion, daß sie den
Streit und Unfrieden auf Euere Insel gebracht hätten, und zum Theil
hast Du recht; aber wäre es möglich gewesen die katholische Religion
ganz fern von diesen Gruppen zu halten, wo mehr und mehr Fremde sich
ansiedelten, deren Religion allein doch kein Grund sein konnte sie
zurückzuweisen? ja hatten die Protestantischen Missionaire vor Gott
ein Recht _ihr_ Sektenthum allein als das wahre und richtige
hinzustellen?«

»Vor Gott und den Menschen, _ja_!« sagte rasch und eifrig Sadie, »denn
ihr Leben haben sie daran gesetzt diesen Inseln die wahre Religion zu
bringen, und würden sie das gethan haben, wenn sie gerade ihre
Religion nicht für die wahre, allein wahre hielten, ja wenn sie nicht
_fest überzeugt_ gewesen wären daß sie es sei? -- Welchen bessern
Beweis konnten jene Männer geben, als daß sie Gut und Blut für ihren
Glauben einsetzten?«

»_Gut_ und _Blut_,« sagte René achselzuckend, »das klingt wie viel
und ist wenig, dasselbe thut der gewöhnlichste Matrose auf jeder Reise
-- wir wollen Alle leben. Aber wir haben darüber schon gesprochen
meine Sadie, und gerathen da auf ein gefährliches, viel viel lieber zu
vermeidendes Feld. Der _Einzelne_ kann mir auch lieb und werth sein,
ohne daß ich gerade das Princip des Ganzen anerkenne, wie Du ja selber
auch den würdigen Vater Conet seines achtungswerthen Betragens, wie
seiner gesellschaftlichen Tugenden wegen lieb gewonnen hast, während
Du doch sonst gewiß in jeder Hinsicht seine Gegnerin bist.«

»Ich begreife das überhaupt nicht,« sagte Sadie leise -- »er ist auch
gar nicht wie ein katholischer Priester -- «

»Weil Du Dir diese Klasse Menschen eben gedacht hast wie sie Dir von
Bruder Rowe und Consorten geschildert wurde. Bei vielen trifft deren
Bild, ich habe Nichts dagegen, aber nicht bei Allen, nicht bei der
Mehrzahl, und -- wir sollen nie von einem Menschen das Schlechteste
denken, Sadie. Doch guter Gott, wohin verirren wir uns? -- ist das ein
Gespräch für Mann und Weib mit _dieser_ Welt um uns her, und dem
herzigen süßen Wesen da zwischen uns, daß Dich zupft und ruft und die
Mutter schon lange ablenken will von den düsteren Gedanken, die ihr
so nutzlos die Seele umlagern und -- so nutzlos hineingepflanzt sind
in den reinen treuen Boden? Wetter noch einmal Sadie, Bruder Dennis
ist mir ein lieber seelensguter Mann, ein Mann den ich achte und
verehre, weil ich fühle wie eben Alles bei ihm feste innige
Ueberzeugung ist, was er spricht -- selbst wenn er Unsinn -- nein mein
Lieb, ich meine es ja nicht so schlimm, er soll mir Dir nur nicht
solche Grillen und Gedanken in's Herz pressen, und zwingt er Dir noch
einmal die Thräne in's Auge, dann -- dann -- «

»Und dann?« frug Sadie, und unter Thränen vor schaute ihr Blick
lächelnd zu ihm empor -- »und dann?«

»Wettermädchen, Du machst mit mir doch was Du willst!« rief René, sie
an sich ziehend und küssend -- »ich verlange ja auch Nichts mehr auf
der weiten Gottes Welt, als daß sie uns unsern Frieden lassen,
ungestört und heilig, wie wir ihn -- «

»Hahahahaha,« klang in diesem Augenblick eine silberreine Stimme zu
ihnen herüber, und als sie überrascht aufschauten, sprang eines der
eingeborenen Mädchen, das sie hier auf Tahiti kennen gelernt, und
trotz ihres wilden Wesens, in dem ein treues Herz verborgen lag, lieb
gewonnen, über die niedere Umzäunung, die den Nachbargarten von ihnen
trennte, und kam auf sie zu.

Es war ein junges Ding von siebzehn Jahren vielleicht, und ganz in die
dünne luftige Tracht jener Mädchen gekleidet, mit kurzem ~pareu~ oder
Lendentuch, und leichtem Kattun-Ueberwurf über die Schultern, gerade
wie René Sadien zum ersten Mal gesehen. -- Aber die dunklen, mit
wohlriechendem Oel reich getränkten Locken schmückte ein künstlich
geflochtener Kranz von rothen Blüthen, mit den schneeigen Fasern der
Arrowroot durchwebt, und der Blick mit dem sie das junge Paar begrüßte
ruhte keck, ja fast höhnisch auf der liebenden Gruppe.

Aia war schön, schön wie die Palme ihrer Wälder, die lichtbronzene
Haut in ihrer Färbung eher eine Zierde zu nennen, und die Gestalt voll
und üppig, und doch schlank und elastisch; aber die weiche
schwärmerische Gluth fehlte ihr, die den Zügen ihrer Landsmänninnen
einen so eigenthümlichen Reiz verleiht, und auch das Mädchenhafte,
ohne die der Schmelz abgestreift ist von jeder weiblichen Schönheit.
Keck und zuversichtlich blitzte ihr Auge umher, den begegnenden Blick
ertragend und besiegend, und ein eigenes bitteres, fast verächtliches
Lächeln, das ihre Lippen dabei umspielte, diente nicht dazu dessen
Ausdruck zu mildern.

»Joranna Sadie -- Joranna René,« lachte sie, mit verschränkten Armen
vor der Gruppe stehen bleibend und sie betrachtend -- »Joranna Ihr
Beiden -- hahahaha -- sitzt Ihr nicht da, als ob Dir René erst vor kaum
einer Stunde seine tollen Liebeslügen in's Ohr geflüstert, und Ihr nun
alle Beide die Ueberzeugung hättet, Ihr könntet nicht leben ohne
einander? -- bah, bah, wie lange wird's noch dauern? -- Aber wundern
soll's mich doch, und hätt' ich früher daran gedacht, Sadie, hättest
Du mir auch von dem Pulver geben müssen, das Du ihm in die Cocosmilch
geschüttet -- vielleicht löge mir jener falsche Wi-wi jetzt auch noch
vor, daß ich die Schönste sei auf den weiten Inseln, und er sterben
müsse, wenn ich ihn nicht mehr lieben wolle. Hahahahaha, s'ist
wahrhaftig zum toll werden wenn man an solche Zeit zurückdenkt, und
sich das Alles dann immer und immer wieder vor den eigenen Augen
erneuen sieht; ja und immer und immer wieder Thörinnen findet, denen
der Hochmuthsteufel tief genug im Herzen steckt sich allein für
unverlaßbar zu halten. -- Aber Joranna; Ihr seid unverbesserlich, und
wenn er erst fort ist, Sadie, will ich Dich auslachen, wie Du es
verdienst.«

Sie warf die Locken von den Schläfen zurück, und wollte nach dem
Strand hinunter eilen, als René's Entgegnung sie zurückhielt.

»Du hast unrecht, Aia,« rief er ihr nach, »doppelt Unrecht, hier
gerade in beiden Nachbarhäusern. Sieh Lefevre an und Aumama, länger
noch als wir sind sie verheirathet mitsammen, haben zwei liebe Kinder
und denken gar nicht daran sich zu trennen.«

»Denken nicht daran sich zu trennen?« rief Aia, die bei den ersten
Lauten schon stehen geblieben war, und den Kopf mit einem spöttischen,
fast feindlichen Lächeln dem Redner zugewandt hatte -- »denken nicht
daran sich zu trennen? ja Du hast recht -- wer weiß ob _Du_ nicht noch
früher dein Canoe wieder aus den Riffen steuerst als er -- aber
Le-fe-ve hat sich schon blind gesehen in ein paar andere Augen.
Schüttle nicht mit dem Kopf, Wi-wi wenn Du mir nicht widersprechen
kannst; reiß ihm das Kleid auf und lege dein Ohr an sein Herz -- für
wen schlägt's? -- bah -- so viel für Euch!« und sie schlug trotzig mit
der flachen Hand ihre Lende.

»Aia -- komm her zu mir und setze Dich zu mir,« sagte Sadie jetzt mit
leiser, bittender Stimme. »Sei nicht so bös und ärgerlich, wir haben
Dich lieb hier, und Du meinst es doch nicht so arg, wie Du es
sprichst.«

»Mein ich nicht?« sagte das Mädchen noch immer halb trotzig und
abgewandt, aber doch schon mit viel leiserer, milderer Stimme, als die
sanften, bittenden Laute ihr Ohr trafen -- »mein ich nicht? und woher
weißt Du's, Sadie? -- ich hasse Euch Alle miteinander, und wohl, oh
entsetzlich wohl soll mir's thun, wenn Ihr Alle -- Alle so unglücklich
werdet -- so -- wie -- « sie wandte rasch den Kopf ab von Sadie, aber
es war nur ein Moment --

»Aia!« rief Sadie, so bittend, so herzlich -- Aia stand zögernd, Trotz
und Zorn und Schaam hielten noch die Oberhand in ihrem Herzen, aber
nicht im Stand sich zu verstellen, gewann das bessere Gefühl, mit dem
einmal aufgerüttelten Schmerz die Oberhand, und mit wenigen Schritten
an ihrer Seite, kauerte sie neben ihr nieder, barg das Antlitz an
ihrem Schooß und flüsterte leise unter ausbrechenden Thränen:

»Du bist gut, Sadie, gut wie -- wie -- ich habe keinen Vergleich mehr,
denn unsere Götter haben sie uns auch genommen und die ihrigen sind
falsch -- falsch wie sie selber. Aber ich bin viel zu schlecht für
Dich, viel zu schlecht; Aia darf Dir nicht mehr in's Auge sehen -- und
doch hatten Deine Lippen noch nie einen Vorwurf für sie.«

»Armes Mädchen,« sagte die junge Frau leise und theilnehmend, und
suchte ihr Haupt zu sich aufzuheben, aber die Weinende wehrte sie ab,
und schlang den Arm nur fester um ihren Leib, sich ihre Stellung zu
wahren.

René hatte sie mitleidig eine Zeitlang betrachtet, dann legte er seine
Hand auf ihre Schulter und sagte leise:

»Bleibe bei uns, Aia, gehe nicht wieder nach Papetee, sondern bleibe
bei Sadie. Wir haben Brodfrucht und Fisch für Dich, und eine Matte
darauf zu schlafen, und Dein Kleid soll nicht schlechter sein, als Du
es bis jetzt getragen -- Sadie braucht eine Hülfe« fuhr er freundlich
fort, als er sah wie diese den Kopf der vor ihr Knieenden streichelte,
und sie liebkosend an sich zog, »und Du wirst recht, recht willkommen
sein, hier im Haus.«

»René hat recht,« unterstützte die Bitte sein Weib, »geh nicht wieder
nach Papetee -- deine Mutter ist todt und dein Vater weit auf den
Inseln zu Leewärts drüben; meide die Stadt, die Dir nur Unheil bringt
und Fluch und Leid, und bleibe bei mir. Es wird Dich nicht gereuen und
Du wirst wieder froh und glücklich werden unter uns.«

»Und die Mi-to-na-res?« sagte das Mädchen leise.

»Werden die Reuige gern und liebend in ihren Schutz und Schirm nehmen
und ihr die Sünden vergeben, wie Gott einst gnädig auf uns
niederschauen möge,« sagte Sadie rasch und freudig, denn in der Frage
schon lag eine Zusage ihrer Bitte. Aia lag noch lange an der Gespielin
Schooß und ihre Thränen schienen rascher zu fließen, als eine laute
Männerstimme fröhlichen Gruß durch die Hecke blühender Akazien rief,
die den Garten von der Straße trennte.

»Ah Lefevre,« antwortete René, »wie geht es Euch, Nachbar, und kommt
Ihr nicht herüber?«

»Gleich, gleich,« lautete die Antwort, und sie hörten wie der junge
Franzose draußen noch mit Jemanden sprach und ihm Aufträge gab.

Aber auch Aia hatte sich rasch und wie erschreckt emporgerichtet, und
die Locken aus der Stirn, die Thränen aus dem Auge werfend wandte sie
sich, als ob sie den Platz fliehen wollte; Sadie aber ergriff rasch
ihre Hand und sagte leise und bittend:

»Gehe nicht fort von hier, Aia, bleibe bei uns.«

»Nein nein,« rief aber das Mädchen und Sadie konnte sehen welchen
Seelenkampf es ihr kostete die Bitte auszuschlagen, den stillen
Frieden ihrer Wohnung zu verschmähn und allein und freundlos in dem
_wilden_ Leben fortzustürmen, »nein ich kann -- ich darf nicht bei Dir
bleiben -- ich verdiene es nicht -- ich bin bös und schlecht geworden,
und deines Gottes Fluch würde mich von der Schwelle treiben, auf der
jetzt noch Dein Glück und Frieden weilt -- aber« setzte sie wilder
hinzu, und ihr Auge blitzte in unheimlicher Gluth nach René hinüber,
»wenn sie Dich _Alle_ verlassen haben, und Du allein und freundlos in
der Welt stehst -- wie ich jetzt -- dann wird Aia an deiner Seite
sein, und Dir für das freundliche Wort danken, das Du heute zu ihr
gesprochen. Dann wollen wir lachen und tanzen und _zusammen_ in's
Leben stürmen, aber nicht mehr klagen und weinen. -- Den ~faï~ über die
Thränen -- sie waschen den Schaum von der Seele des Menschen, daß man
hinunter sehen kann bis auf den Grund -- und der Fischer lacht doch
nur, der darüber hinfährt.«

»Du hast vielleicht Ursache Einem von uns zu zürnen, Aia,« sagte aber
René, der wohl sah welchen schmerzlichen, ja peinlichen Eindruck die
Worte auf seiner Sadie Seele machten, »und schmähst jetzt ungerecht
das ganze Geschlecht. Du wirst uns in späteren Jahren Abbitte thun.«

»Werd' ich -- ha? und Le-fe-ve auch, wie?« -- lachte das Mädchen zornig
und deutete mit dem ausgestreckten Arm nach dem, eben den Garten
betretenden Franzosen.

»Hallo Aia!« rief ihr dieser zu, »summt die wilde Hummel auch wieder
ihr Lied auf unserer Flur? -- ha, Du hast Thränen im Auge Mädchen? --
geh, Du bist ein schwarzer Vogel und prophezeihst nur Unheil.«

»Es bedarf keines Propheten,« sagte aber das Mädchen zürnend, indem
sie sich abwandte und das Schultertuch fester um sich zog -- »Jeder
von uns kann leicht vorhersagen daß die Sonne morgen früh wieder über
die Berge kommt, wenn sie am Abend hinter Morea[B] in die See
gesunken. -- Fort mit Euch, Ihr habt süße Worte auf der Zunge, und
Gift, tödtliches Gift im Herzen -- fort, Aia kennt Euch -- fort!« --
und ohne Gruß noch Blick zurückzuwerfen, schritt sie den schmalen Pfad
hinab, der nach dem unteren Pförtchen führte und war bald in der
sogenannten ~broomroad~, dem gebahnten Weg nach Papetee, verschwunden.

Sadie sah ihr seufzend nach und auch René konnte sich eines
unheimlichen Gefühls nicht ganz erwehren.

»Joranna René, -- ~ah bon jour Madame~,« rief aber Lefevre der wohl
den peinlichen Eindruck zu verwischen wünschte, den die Worte des
wunderlichen Mädchens unverkennbar besonders auf Sadie gemacht, »hat
Ihnen Aia den schönen Abend verderben wollen? -- es ist ein albernes
Ding, und darf _mir_ gar nicht mehr über die Schwelle, denn Aumama
weint jedes Mal, wenn sie nur den Fuß unter das Dach gesetzt.«

»Sie ist arm und unglücklich,« sagte Sadie.

»Ach -- sie verstellt sich,« entgegnete mürrisch Lefevre -- »und trägt
wahrscheinlich selber mit die größte Schuld ihres Leid's. Wir armen
Teufel sollen's dann immer allein verbrochen haben, nicht wahr René?
-- Doch, was ich gleich sagen wollte; gehen Sie mit nach Papetee? --
die ehrwürdigen Protestantischen Herren haben da wieder eine
Zusammenkunft, heut Nachmittag, und wie das Gerücht geht beabsichtigen
sie den Beschluß ernster Maßregeln, jeden Französischen Einfluß, und
mit ihm vielleicht auch gleich wieder die Französischen Priester, die
ihnen ein Dorn im Auge sind, von sich abzuschütteln.«

»Die Missionaire« -- sagte René rasch, fuhr aber gleich darauf
langsamer fort, »sind wackere und brave, aber kurzsichtige Männer, sie
glauben das Heft jetzt in Händen zu haben und spielen so lange damit
bis es ihnen unter den Fingern wegschlüpft -- sie sollten sich nicht
in die Politik mischen.«

»Was sagt Mr. Nelson dazu?« frug Lefevre.

»Er hält die Ankunft der Katholiken auch für ein Unglück für die
Inseln, ist aber mit den Gewaltsmaßregeln unzufrieden die man dagegen
ergreifen will; doch was kann der Einzelne gegen die ganze Schaar
ausrichten.«

»Und gehen Sie mit nach Papetee?«

»Was sollen wir dort? -- herbe Reden hören, die uns vielleicht ärgern
und zu Gegenreden treiben? -- ich habe keine Freude an der Sache, und
sehe das Leid und Elend schon vor Augen das daraus entspringen wird
und muß.«

»Aber wir mögen vielleicht noch Manches mildern was geschehen könnte.
Mörenhout ist ein vernünftiger Mann, und wird nicht zu weit gehn.«

»Was kann Mörenhout _thun_?« sagte René achselzuckend -- »so wie die
Missionaire unter dem Schutz eines Englischen Kriegsschiffes stehn,
und so lange das im Hafen liegt, daß sie sich sicher fühlen, haben sie
das Wort, und wir kennen sie doch dahin gut genug, zu wissen, wie sie
das gebrauchen. -- Aber ich gehe mit, wir haben dann wenigstens unsere
Pflicht gethan, und uns selber nichts vorzuwerfen. Ich komme bald
wieder zurück, Sadie,« sagte er sich niederbeugend und ihre Stirn
küssend.

»Bleibe nicht so gar lange aus heut',« bat die junge Frau ihn, leise
flüsternd, und die Kleine noch auf dem Knie haltend, die erst die
Aermchen um den von ihr Abschied nehmenden Vater geschlungen, sah sie
den Männern lange und schweigend nach.

Aber Aia's Worte hatten doch trübe und schmerzliche Gedanken in ihrer
Seele wach gerufen. Nicht für das eigene Glück fürchtete sie dabei; so
keck und leicht René auch immer in das Leben stürmte, so treu war er
sich geblieben, was _sie_ betraf, von erster Stunde an wo er sie
gesehen, und das Kind, das er mit unendlicher Zärtlichkeit liebte,
schlang die Bande des Herzens ja noch fester um sie. Aber das wilde
Leben der Insel selber; die ihr feindlich dünkende Religion, die
weiter und weiter um sich zu greifen drohte, und viel, so entsetzlich
viel von dem verwarf, was ihr bis dahin der Seele Heiligstes gegolten;
der Unfrieden dabei zwischen den eigenen Lehrern, die Vorwürfe, die
von den Missionairen ihrem alten Vater o so ungerecht gemacht wurden,
der Römischen Kirche mehr als mit seiner Stellung verträglich zugethan
zu sein, wie er denn auch selbst das einzige Wesen das ihm näher
stand, einem Katholiken zur Frau gegeben; ja selbst René's
Gleichgültigkeit gegen einen Kampf, der doch die heiligsten Interessen
ihrer einstigen Seligkeit betraf, das Alles zog ihr in trüben
ängstigenden Bildern an der Seele vorüber. -- Und dabei hatte ja die
arme Aia recht mit so vielen Anderen; wohin sie dachte schrak sie vor
dem wilden Treiben zurück, das lockere Bande schlang um Europäer und
Insulanerinnen, und sie losließ, wie es dem Augenblick gefiel. Ob das
Herz darüber brach, oder die Verlassene in Schmerz und Trotz
Entschädigung, Vergessen suchte in wilder lasterhafter Lust; die Welle
des flüchtigen Tages schlug über ihr zusammen, und die nächste Sonne
hatte vergessen was sie gestern beschien in Lieb und Treue.

»Mein schönes Atiu,« seufzte sie da leise vor sich hin -- »Du lieber,
lieber Platz an dem freundlichen Strand -- Deine Palmen so grün, Deine
Früchte so süß -- Atiu. Und der alte kleine Mi-to-na-re da am Haus,
der so oft hier herüberdenkt an seine kleine Pu-de-ni-a, die jetzt --
aber nein, nein, nein, René fühlt sich wohl hier und glücklich in der,
seine Thätigkeit fordernden Welt, und einst kommt denn doch wohl die
Zeit, wo er sich wieder zurücksehnt nach jenem stillen Ort unseres
ersten, seligsten Glücks -- nach Atiu. -- Und die Zeit _wird_ wieder
kommen,« setzte sie nach einer kleinen Pause zuversichtlich hinzu,
»noch hab' ich nicht für immer Abschied genommen von all den
liebgewonnenen Stellen, von den guten Menschen -- ich weiß nur nicht
ob ich mich so recht herzlich darauf freuen soll -- oder davor
fürchten. Ach es ist ein recht recht böses Ding um das arme
Menschenherz!«

FOOTNOTES:

[B] Die Indianer nennen die Insel Imeo meist Morea.



Capitel 3.

#Der Besuch -- Aumama.#


Sadie saß noch lange träumend da, und ihrem regen Geist tauchten bunte
und oft wunderliche Bilder auf, wie sie das Herz sich wohl ausmalt in
müßigen Stunden, sinnend und grübelnd ihre Farben schaut, und sich
vorspricht daß sie leben und sind -- bis sie in Dunst zerfließen,
anderen, bunteren vielleicht, Raum zu geben. Aber die Kleine scheuchte
ihr bald die Wolken von der Stirn -- wenn es wirklich Wolken gewesen,
die ihrem sonst so heiteren Antlitz jenen ernsten Schatten gegeben --
und mit dem Kinde kosend und spielend kehrte das Lächeln auf ihre
Lippen zurück, und sie war bald wieder das heitere frohe Kind des
Waldes, dem Gott in seiner unendlichen Vaterhuld alle Wünsche
erfüllt, alle Tage gesegnet hatte, und das sich nun auch des heiteren
Sonnenlichts freute, in Glück und Dankbarkeit.

»Hat mir das böse arme Mädchen doch selber fast das Herz schwer
gemacht eine ganze Stunde lang,« sagte sie lachend, und das Kind dabei
herzend, -- »hat uns Steine in den klaren See geworfen, meine Sadie,
und das Wasser getrübt, bis an den Rand hinauf. Aber nun wollen wir
auch wieder lachen und singen und fröhlich sein, bis Papa zurückkommt
und sich freut mit mir, an meinem kleinen lieben Töchterchen. Horch,
was ist das? -- hörst Du mein Kindchen, wie das trappelt und trappelt
da draußen? -- das ~buaa a fai tatatu~[C] klappert vorbei und Sadie --
aber was ist das?« unterbrach sie sich rasch und fast erschreckt, als
näher und näher gekommenes Pferdegetrappel plötzlich an ihrer Pforte
hielt, und sie Stimmen vernahm -- »Fremde hier draußen bei uns? -- Was
für ein wildes reges Leben diese fremden Männer doch auf unsere
stillen Inseln gebracht haben,« setzte sie dann langsamer und
kopfschüttelnd hinzu, »und lärmend und lachend sprengen sie Wochentag
wie Sabbath die Straßen entlang, sich nicht mehr um den heiligen Tag
ihres eigenen Gottes kümmernd, als ob das Glockengeläute dem Oro oder
Taua gälte. Auf Atiu war es doch stiller und friedlicher, und wenn wir
dort -- ha, ich glaube wahrhaftig die Leute wollen hier herein.«

»Dieß _muß_ der Ort sein,« sagte jetzt plötzlich eine Frauenstimme
draußen auf der Straße, in Französischer Sprache, die Sadie hatte,
selbst in der kurzen Zeit, vollkommen gut und fließend von René
sprechen lernen -- »wären Sie meinem Rath vorhin gefolgt, ~Monsieur
Belard~, so hätten wir nicht ein paar Miles ins Blaue hinein zu
galoppiren brauchen -- steigen wir ab?«

»Jedenfalls, wenn es den Damen gefällig ist,« erwiederte eine
Männerstimme, »er kann kaum irgend wo anders wohnen.«

Sadie die, ihr Kind auf dem Arm, auf einen kleinen Ausbau getreten
war, von dem aus sie, durch einen dichten Busch des Cap-Jasmins
verdeckt, die Straße vor der Thür gerade überschauen konnte, erkannte
drei Damen und zwei Herren, alle zu Pferde, die an der Pforte hielten,
jetzt abstiegen und den kleinen Hofraum, der zwischen der blühenden
Akazienhecke und dem Hause lag, betraten.

Die Fremden suchten jedenfalls René, und Auskunft zu geben trat sie
ihnen, das Kind nach dortiger Sitte auf ihrer linken Hüfte reitend,
mit freundlichem Joranna entgegen.

»Ah, da ist ein Mädchen,« rief die eine Dame, die, das lange Reitkleid
emporhaltend, nahe am Hause stehen geblieben war, und sich nach irgend
einem lebenden Wesen, das ihr Rede zu stehen vermochte, schien
umgesehen zu haben, »aber lieber Gott, Lucie, es ist eine Eingeborene,
und mit meinem Tahitisch sieht es noch windig aus -- ich kann noch
weiter Nichts als ~Joranna~ und ~aita~.«

»Ich spreche französisch, meine Damen,« unterbrach sie die junge Frau,
leicht erröthend und die Kleine, die sich ängstlich an sie klammerte,
der fremden Gesichter wegen, mit ein paar freundlichen Worten auf den
Boden niedersetzend.

»Ah, Du sprichst in der That Französisch, Kind?« sagte die andere
Dame, die von der ersten Lucie genannt war, erstaunt -- »und noch dazu
mit vortrefflicher Aussprache; sehr schön, dann kannst Du uns auch
sagen ob Monsieur René Delavigne hier wohnt und Madame Delavigne zu
sprechen ist.«

Sadie lächelte, denn sie fühlte recht gut wie sie die Fremden in ihrem
einfachen Gewand für irgend ein Mädchen des Hauses hielten, und sagte
mit einer leisen Neigung des Kopfes, während aber ein höheres Roth
ihre Wangen und Schläfe bis auf den Nacken färbte und das liebe
Antlitz noch reizender machte:

»Monsieur Delavigne wohnt hier allerdings, und Madame, oder Sadie
Delavigne -- «

»Ah, dann ist dieß wohl seine Tochter? -- ein reizendes Kind!«
unterbrach sie Madame Belard und kniete bei der Kleinen nieder.

»Und Madame Delavigne?« frug Mad. Brouard.

»Bin ich selber,« flüsterte Sadie mehr als sie sprach.

»Ah -- ~mon Dieu~ -- ~est il possible~? -- ~bless me~!« waren die
ersten erstaunten Ausrufe der Damen und Herren, denn so unerwartet kam
ihnen die Entdeckung, daß René eine Eingeborene »zur Frau hielt,«
selbst jeden schuldigen Anstand in diesen Ausrufungen zu vergessen,
und Sadie fühlte das mehr, als sie es verstand, denn das Blut drohte
ihr in diesem Augenblick die Adern der Schläfe zu zersprengen, und sie
bog sich zu dem Kind nieder ihre Verlegenheit -- wenigstens ihr
Erröthen zu verbergen.

Die beiden Französinnen faßten sich aber rasch wieder, und wohl
einsehend, welchen Verstoß gegen jede gute Sitte sie hier, allerdings
nur in der ersten Ueberraschung, gemacht, traten sie auf Sadie zu, und
begrüßten sie, ihr die Hände entgegenstreckend, in fast herzlicher
Weise.

»Ah, da hat uns Freund Delavigne eine Ueberraschung aufgespart,« rief
die erste Sprecherin, Madame Belard, lachend -- »wir haben natürlich
nicht vermuthen können, daß er schon _so_ heimisch auf den Inseln
geworden wäre. -- So sein Sie uns herzlich gegrüßt, Madame und
versichert dabei, daß wir trotzdem keine Unbekannte in Ihnen
aufsuchten. Ihr Herr Gemahl hat uns schon so viel Liebes und Gutes von
Ihnen erzählt -- nur Ihrer Abstammung erwähnte er nicht,
wahrscheinlich nur uns Ihre Liebenswürdigkeit so viel lebhafter
empfinden zu lassen.«

Sadie athmete leichter auf; die freundlichen Worte, wenn sie ihren
Sinn auch nicht gleich vollkommen faßte, thaten ihr wohl. Sie hatte
sich vor einem ersten Zusammenkommen mit jenen fremden Frauen, von
denen ihr René schon erzählt, und in deren Haus sie einzuführen er
gewünscht hatte, schon lange gefürchtet; deren erstes Betragen hatte
dann ebenfalls nicht dazu gedient sie zu beruhigen, und um so
wohlthuender kam ihr jetzt die herzliche Anrede. Ihr einfach treues
Herz kannte auch weder Falsch noch Verstellung, und die Worte nehmend
wie sie ihr geboten wurden sagte sie, den Frauen beide Hände
entgegenstreckend, und ihnen offen und freundlich dabei in's Auge
schauend:

»René wird es recht recht leid thun daß Sie ihn nicht hier gefunden
haben, aber sein Sie mir _herzlich_ willkommen und ruhen Sie sich ein
wenig aus bei mir, von Ihrem Ritt. Ich will die Kleine nur indessen
unter Aufsicht geben, und bin dann rasch wieder bei Ihnen.«

Die Damen wollten erst höfliche Einreden machen, und sprachen von
»stören« und »beunruhigen«, Sadie führte sie aber lächelnd zu dem
freundlichen Sitz am Strand, und bat sie dort niederzusitzen, während
sie rasch mit dem Kind in das Haus eilte.

»Ein reizendes Frauchen,« sagte Monsieur Belard schmunzelnd, als sie
in der Thür verschwunden war, und die Damen einiges zusammen
flüsterten; »Delavigne hat wahrhaftig keinen schlechten Geschmack; und
spricht vortrefflich Französisch -- vortrefflich.«

»Mr. Delavigne hätte uns aber doch auch wohl vorher einen Wink über
seine Familienverhältnisse geben können,« meinte Mrs. Noughton, eine
Amerikanerin, die bis jetzt noch kein Wort mit Sadie gesprochen hatte
-- »er würde dadurch beiden Theilen eine Verlegenheit erspart haben.«

»Lieber Gott, Verehrteste,« vertheidigte diesen die lebendige Madame
Belard, »die Verhältnisse auf den Inseln hier sind von den unsrigen so
sehr verschieden, daß man schon wirklich bei Manchem ein Auge
zudrücken muß, und nicht gar so entsetzlich streng sein darf. Es
bestehen übrigens auch wirkliche Verbindungen zwischen Europäern und
Insulanerinnen, und Monsieur Delavigne hat nur von seiner _Frau_
gesprochen.«

»Liebe Kinder, was zerbrecht Ihr Euch darüber den Kopf,« fiel ihnen
hier der andere, ältere Herr, ein Monsieur Brouard und der Gemahl der
viel jüngeren Lucie Brouard, in die Rede, »wenn Ihr in Rom seid müßt
Ihr leben wie die Römer,« sagt ein altes gutes Sprichwort. Madame
Delavigne ist ein reizendes junges Frauchen, und wohl im Stande einen
Mann zu fesseln.«

»Und auf wie lange?« unterbrach ihn, mit einem fast boshaften Lächeln,
Madame Belard.

»Auf wie lange, Madame?« wiederholte mit einem etwas frivolen
Achselzucken der Gefragte -- »ich bin kein Prophet oder Sterndeuter;
aber das sind Familienverhältnisse, und mancher Indianer hätte
vielleicht eben so gut ein Recht dieselbe Frage an uns Europäer zu
richten -- auf wie lange? ~mon Dieu~, wir sollten diesen wichtigen
Punkt überhaupt etwas genauer in unserem Trauungs-Ceremoniell
berücksichtigen; _auf wie lange_? -- wir müssen uns damit begnügen zu
wissen, daß wir _sind_, und eine Frage was wir einst _werden_,
geschieht wohl immer nur in's Blaue hinein.«

»Es ist aber doch nur eine Indianerin,« bemerkte, mit einem
keineswegs zufrieden gestellten Blick, Mrs. Noughton, die aus den
Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ein nicht leicht zu besiegendes
Vorurtheil gegen jede farbige Race, sie mochte einen Namen oder Stamm
haben welchen sie wollte, mitgebracht hatte, und sich immer des
Gedankens nicht erwehren konnte, daß solche Leute am Ende gar
_schwarzes_ Blut in ihren Adern haben könnten, oder mit anderen Worten
in zweiter oder dritter Generation von _Negern_ abstammten, mit denen
natürlich jeder vertrauliche, selbst freundschaftliche Verkehr außer
Frage gewesen wäre -- »und hätte ich das früher gewußt, würde ich ihr
wenigstens nicht zuerst meine Visite gemacht haben.«

»Sie müssen aber bedenken, Mrs. Noughton,« sagte etwas eifrig Madame
Belard dagegen, »daß uns Monsieur Delavigne gar nicht zu sich
eingeladen, also auch keine Schuld hat an dem Besuch. Wir sind aus
freien Stücken hergekommen, und wenn ich auch gestehen muß daß ein
derartiges Verhältniß immer sein Unangenehmes, Störendes hat und uns
bei größeren Gesellschaften vielleicht auch dann und wann in
Verlegenheit bringen könnte, so -- «

»Attention meine Damen,« unterbrach sie hier Mr. Brouard, mit etwas
gedämpfter Stimme, denn Sadie erschien in diesem Augenblick wieder auf
der Schwelle des Hauses, und hinter ihr ein Knabe, der einen großen
Präsentirteller mit Wein und Früchten trug.

»So Mataoti,« rief sie diesem in seiner Sprache zu, »bediene die
Frauen und sei ein flinker Bursch,« sich dann aber zu ihren Gästen
wendend fügte sie herzlich hinzu: »aber Sie haben sich ja noch nicht
einmal gesetzt, in der ganzen langen Zeit -- bitte geben Sie mir Ihre
Hüte und machen Sie es sich bequem, René dürfen Sie doch nicht so bald
zurück erwarten, denn er und Monsieur Lefevre sind der politischen
Verhältnisse wegen nach Papetee gegangen, dort noch Manches vielleicht
mit ihren Freunden zu besprechen.«

»Hahaha, das ist vortrefflich!« lachte Mr. Belard, »und denen zu
entgehen sind wir gerade ausgeritten; es wird förmlich Comödie
gespielt heute in der Residenz, und da die Missionaire Hauptrollen
dabei haben, fürchteten wir die Sache möchte doch am Ende zu
langweilig werden.«

»So essen und trinken Sie nur wenigstens,« bat Sadie, die nicht ohne
Grund fürchtete das Gespräch könnte sich hier auf religiöse Bahn
lenken und das unter jeder Bedingung zu vermeiden wünschte -- »René
würde sich herzlich freuen wenn er hörte, daß es Ihnen bei uns
gefallen hat.«

Die Damen zögerten noch unschlüssig was zu thun -- sie schienen sich
eine vor der andern zu geniren; Sadie bewegte sich aber mit solcher
Leichtigkeit in dem, ihr doch fremden Kreis, und ihre Bitte kam so
frisch und unverstellt aus dem Herzen, daß sie in ihrer Natürlichkeit
jede leere Höflichkeitsformel schon von vornherein unmöglich machte,
und selbst Mrs. Noughton mußte sich zuletzt gestehen, daß diese
Insulanerin ein ungewöhnlich liebenswürdiges Wesen sei, dem man wohl
gewogen sein könne -- wenn sie eben nicht die fatale broncefarbene
Haut gehabt hätte.

Die Frauen hatten sich denn auch bald um den runden, mit einem
reinlichen Tuch bedeckten Tisch gesetzt, Monsieur Belard wurde hinaus
nach den Pferden geschickt, zu sehen ob diese ruhig stünden und
Mataoti von jetzt beordert bei ihnen zu bleiben, und wenige Minuten
später saß die Gesellschaft ganz traulich beisammen, und Madame Belard
und Brouard hatten -- sie wußten gar nicht wie sie dazu gekommen, der
kleinen Insulanerin, die mit ihrem reinen Französisch die Eingeborene
vollkommen vergessen machte, so viel vorzuplaudern und zu erzählen,
als ob sie sich schon seit langen Monaten gekannt, und nicht eben erst
heute, vor Minuten fast, zusammengekommen wären. Die Männer blieben
darin natürlich nicht zurück, besonders Mr. Brouard, der seinen Sitz
neben Sadie genommen, thaute ordentlich auf, und war von einer
Aufmerksamkeit gegen die kleine Insulanerin, daß er seine Nachbarin
zur Linken, Mrs. Noughton, total darüber vernachlässigte, die denn
auch der ganzen Unterhaltung -- der Französischen Sprache ohnedieß nur
oberflächlich mächtig -- mehr beobachtend als theilnehmend, und
ziemlich kalt und ernsthaft folgte.

Eine volle Stunde hatten sie so gesessen und geplaudert, und Früchte
gegessen und Französischen Claret dazu getrunken, und Mataoti war
draußen bei den Pferden schon ganz ungeduldig geworden, als Madame
Brouard, die zuletzt ebenfalls stiller und einsylbiger wurde, und die
Unterhaltung ihrer Freundin und den Herren fast allein überließ,
endlich zum Aufbruch mahnte. Monsieur Brouard wollte noch gar nicht
fort, so vortrefflich hatte er sich amüsirt, und die Damen begannen
jetzt Abschied zu nehmen von ihrer neuen Bekanntschaft.

Sadie sagte ihnen mit einfachen Worten wie es sie freue daß es ihnen
bei ihr gefallen hätte, und wie glücklich es René machen würde, wenn
er höre daß sie hier gewesen und gegessen und getrunken hätten -- »wir
können recht gute Nachbarschaft halten, hier auf Tahiti,« setzte sie
hinzu, und mit freundlichem Händedruck und Joranna, von Madame Belard
und Brouard ebenfalls eingeladen sie wieder zu besuchen, verließ die
kleine Gesellschaft den Garten, bestieg draußen die scharrenden
tanzenden Pferde wieder, und galoppirte wenige Minuten später mit
klappernden Hufen die Straße entlang nach Papetee nieder.

»Sadie!« flüsterte da eine leise Stimme, als der Schall der Hufe auf
der harten Straße noch nicht verklungen war, und die junge Frau, die
noch lauschend stand, und in tiefem Nachdenken den mehr und mehr
verschwimmenden Tönen zu horchen schien, wandte sich rasch, und fast
wie erschreckt dem Rufe zu, der von der Nachbarhecke kam.

»Aumama? -- und warum kommst Du nicht herüber?«

»Ist die Luft rein?« frug eine klare, lachende Stimme.

»Meinst Du die Fremden? -- sie sind fort; aber ich glaubte Du wärest
mit Lefevre nach Papetee gegangen?«

Die junge Frau an der Hecke schüttelte mit dem Kopf und sagte lachend:

»Ich wollte erst, wie aber René mitging blieb ich daheim; denen
schließen sich dann mehr und mehr Männer an und -- das Treiben in
ihrer Gesellschaft gefällt mir nicht; auch mit der Sprache kann ich
nicht so gut fertig werden wie Du. Aber ich komme hinüber -- « und ein
kleines Pförtchen öffnend, das zwischen einer blühenden und Frucht
tragenden Orangenhecke hindurchführte, trat Aumama, Sadiens
freundliche Nachbarin, in den Garten und küßte sie, ihren Arm um sie
schlagend auf die Lippen.

Sie war in die einfache indianische Tracht gekleidet, mit dem langen
losen, bis auf die Knöchel niederfallenden Oberrock, der nur vorn am
Handgelenk zugeknöpft wird, ohne Schuh und Strümpfe, den Kopf mit
einem leichten Panama Männerstrohhut bedeckt, unter dem nur ein paar
große tiefdunkelrothe Blüthen der ~rosa sinensis~ hervorschauten, und
von dem vollen, mit wohlriechendem Oel getränkten rabenschwarzen
Lockenhaar fast wieder versteckt wurden.

Ihre Gestalt war schlank und üppig, aber mit dem, den dortigen
Insulanern eigenen Bau breiter Schultern, auch die sonst kleinen und
zierlichen Füße nach _unseren_ Begriffen von Schönheit ein wenig zu
sehr einwärts gebogen; die Form des Gesichts jedoch dabei voll und
edel und die Augen mit einem eigenen Feuer unter den feingeschnittenen
Brauen hervorglühend. Aumama war überhaupt der vollkommene Typus eines
Tahitischen Weibes, dem trotz den lebendigen Augen selbst das sinnlich
Weiche in den Zügen nicht fehlte, und als die beiden jungen Frauen so
freundlich umschlungen, und von den wehenden Palmen überragt und
beschattet, zwischen den Blüthenbüschen standen, hätte man sich kaum
etwas Lieblicheres denken können auf der Welt.

»Du hast vornehmen Besuch gehabt,« sagte Aumama endlich lächelnd,
nachdem die erste Begrüßung vorüber war.

»Ja,« erwiederte Sadie, leicht erröthend, »und zwar unerwarteten; aber
warum kamst Du nicht herüber?«

Aumama schüttelte, etwas ernsteren Ausdruck in den Zügen mit dem Kopf.

»Nein,« sagte sie, »ich passe nicht zu den Leuten -- wir überhaupt
nicht -- und sie nicht zu uns -- es ist besser wir bleiben aus
einander.«

»Aber Du närrisches Kind,« rief Sadie, »hast Du Dich denn nicht, so
wie ich gerade, mit Einem von ihnen für das ganze Leben verbunden, und
willst Du denn auch von ihm sagen, daß Ihr nicht zu einander paßt?«

Aumama seufzte tief auf, und wandte das Köpfchen leicht zur Seite; sie
war jetzt recht ernst geworden, und der ganze frühere Frohsinn schien
verschwunden.

»Ich _hoffe_ daß wir zu einander passen -- für das ganze Leben;« sagte
sie endlich leise, »es wäre wenigstens _recht_ traurig, wenn wir es je
anders finden sollten. Aber« setzte sie rascher, und wieder in den
leichteren Ton übergehend hinzu, »in unseren Familien ist das auch
etwas anderes; mit dem Mann den wir lieben, stehn wir in einem Rang;
er versteht _uns_, wir verstehen _ihn_ und in unserem Vaterland
schmiegt er sich leichter unseren Sitten an, oder lehrt uns allmählich
die seinen, beider Eigenthümlichkeiten in einander verschmelzend. Mit
den Gesellschaften jedoch ist das etwas anderes, besonders mit fremden
_Frauen_, und glaube mir, Sadie -- ich habe darin Erfahrung. Die
Weißen« fügte sie leiser hinzu, »halten uns für einen untergeordneten
Stamm, weil wir früher zu Götzen gebetet haben vielleicht -- «

»Aber das haben sie auch gethan, ihre Vorväter wenigstens,« unterbrach
sie Sadie rasch, »Vater Osborne hat mir das selbst erzählt.«

»Haben sie?« sagte Aumama erstaunt, »das ist das erste Mal, daß _ich_
davon höre; aber auch vielleicht noch weil wir nicht so klug sind wie
sie, und so geschickt im Lesen und Schreiben. Auch unsere dunkle
Hautfarbe kommt ihnen nicht so schön vor -- den Frauen wenigstens, und
_Eifersucht_ mag oft gleichfalls, und gar nicht selten, die Ursache
sein, daß sie uns zurücksetzen und -- kränken. Ausnahmen mag es dabei
unter uns geben; so glaub' ich, Sadie, daß _Du_ Dich vielleicht wohl
unter ihnen fühlen wirst, weil ich einsehe, daß Du uns eingeborenen
und wild aufgewachsenen Mädchen in vielen vielen Stücken überlegen und
den weißen Frauen _fast_ gleichstehend bist; aber für mich paßt es
nicht -- mir schnürt es die Brust zusammen, wenn ich bei ihnen bin,
und die kalten vornehmen Blicke sehen muß, die sie auf mich werfen,
als ob es blos eine Gnade von ihnen wäre, daß sie mich zwischen sich
dulden. Da ist es mir weit weit wohler bei meinen Kindern am
freundlichen Strand, im Rauschen meiner Bäume, und vor mir die weite,
herrliche See -- ich halte es auch für gar kein Glück für uns, etwa«
setzte sie langsam und wie in recht ernstem Sinnen hinzu, »daß die
weißen Frauen in den letzten Monaten zu uns gekommen sind. Das Leben
auf Tahiti ist seitdem ein anderes geworden, und ich selbst fühle mich
nicht so wohl mehr in der neuen Umgebung -- habe mich auch selber
vielleicht geändert, oder -- Andere haben.«

»Aia hat Dich traurig und ernst gemacht,« sagte Sadie, freundlich ihre
Hand ergreifend, »sie war auch hier bei mir, und ich -- «

»Aia!« unterbrach sie rasch und heftig Aumama, aber mit weicherer
Stimme fuhr sie fort, »Aia ist ein armes, armes Mädchen und sie kann
mich nicht böse machen, aber« -- und ihre Augen funkelten in einem
eigenen wilden, fast unheimlichen Feuer -- »nicht ertrüg ich es auch
wie sie, und was sie ertragen hat. Bei jenem weißen Gott, der Oro's
Bilder zertrümmerte und unsere Tempel niederbrach, bei jenen Tempeln
selbst -- « Aumama schwieg, aber die Hand noch, wie zum Schwur
emporgereckt, die Locken, von denen der Strohhut abgefallen war, wild
ihre Stirn umflatternd, das Auge glühend in einem eigenen Licht, stand
sie wohl eine halbe Minute schweigend da, selber ein Bild der
zürnenden Gottheit ihres Landes. Da, wie unwillig mit sich selber,
schüttelte sie plötzlich den Kopf, strich sich die Locken aus der
Stirn und sagte, jeden unmuthigen Gedanken gewaltsam bannend. »Ich bin
ein Kind, Sadie, ein launisches Kind, und seit einigen Wochen komme
ich mir selber manchmal wie umgetauscht vor, so tolle Träume und
Bilder zwing' ich mir ordentlich selbst herauf, mich zu quälen und --
ärgern auch. -- Aber fort fort mit ihnen, fröhlich wollen wir sein und
uns des Lebens freuen, denn der Himmel lacht noch rein und blau über
uns und die Götter, die in früheren Zeiten den Tisch unserer Väter mit
ihren Speisen deckten, haben uns auch jetzt noch ihre Gaben nicht
entzogen.«

»Aumama,« sagte da Sadie, mehr herzlich als vorwurfsvoll, »Du sprichst
noch immer von den _Göttern_, und bist doch lange, lange schon eine
Christin, ja wie ich hoffen will eine gute Christin geworden. Sündige
nicht, denn der Gott der Gnade ist auch ein Gott der Rache und der
Strafe, und Vater Osborne würde es unendlich weh gethan haben, wenn er
Dich hätte je so reden hören.«

»Und nicht um Alles in der Welt hätte ich _ihn_ kränken mögen,« rief
Aumama rasch, »er war der Einzige auch, der mich an Gott gehalten, der
Einzige, der mich die Möglichkeit eines solchen Wesens ahnen und
begreifen ließ, an das uns ja sonst die Uneinigkeit und der Haß der
anderen Priester zwingen mußte zu verzweifeln. Er war ein guter Mann
und die Feranis hatten ihn auch lieb, trotzdem daß er auf andere Weise
zu seinem Gott betete, als sie es thun; aber -- Sadie« -- fuhr sie
langsam und wie zögernd fort, »bist Du dennoch so -- so fest überzeugt
-- daß er recht hatte?«

»Aumama?« rief Sadie erschreckt, und sah staunend die Freundin an.

»Hast Du von dem alten Mann gehört?« sagte aber diese mit leiser
Stimme sich zu ihr überbeugend, und den Blick fragend auf sie
geheftet, »der drüben auf Bola Bola lebt, lange lange Jahre schon, und
der so wunderliche Sachen von dem Gott der Christen erzählt?«

»Von dem Gott der _Christen_? -- ist er denn nicht selbst ein
Christ?«

»Nein,« sagte Aumama rasch -- »nein -- er selber hat es versichert --
er ist von dem Stamm die den Christengott gekreuzigt haben, und soll
behaupten Jener sei gar nicht der Messias gewesen.«

»Das waren die Juden,« rief Sadie überrascht, »aber ich wußte gar
nicht, daß von jenem Stamm noch Leute lebten?«

»Viele, viele sollen noch davon in dem fernen Lande der Weißen sein
und der alte Mann behauptet jener Gekreuzigte sei nicht Gottes Sohn
gewesen, und habe nicht die rechte Lehre gebracht, denn die Christen
unter einander wüßten es nicht einmal und stritten und kämpften
deshalb gegen einander, und hätten schon viele viele Tausend unter
sich erschlagen, zu beweisen wer recht und den rechten Gott und
Erlöser habe.«

»Und wenn der Mann nun nicht die Wahrheit sagt?«

»Nicht die Wahrheit? -- es soll ein alter alter Mann sein, und graue
Haare und grauen Bart haben; und streiten sie sich hier nicht etwa
auch um ihren Gott? -- Wer _hat_ recht? und wie jener Mann von Bola
Bola sagt giebt es in seinem Vaterland unter den Christen noch viele
andere Sekten, die alle einander hassen und gegen einander predigen.
Ist das ihre Religion des Friedens?«

»Aumama, Du sprichst entsetzlich,« sagte Sadie schaudernd, »wer um des
Himmels Willen hat Dein Herz mit solchem Trug erfüllt?«

»Trug?« wiederholte die Indianerin, und ihr Blick haftete fest auf
Sadie -- »gebe Gott daß es Trug wäre und Lüge, aber wer giebt uns
_Wahrheit_?«

»Gott selber,« sagte da Sadie mit jenem kindlichen Vertrauen, das in
dem Schöpfer wirklich seinen Vater sieht, und in reiner,
ungeheuchelter Frömmigkeit am Throne des Höchsten sein Gebet, seinen
Dank niederlegt -- »Gott selber, Aumama; er hat uns die Wahrheit in
das Herz gelegt, und seine Boten schon vor langen Jahren gesandt, sie
uns hier zu lehren. Bete, bete mit voller Inbrunst und das Herz wird
Dir aufgehen, wenn Du Dich zu Gott wendest.«

»Aber Le-fe-ve betet gar nicht,« warf das Mädchen wieder ein, dem
Gedanken folgend daß die Europäer selber, in verschiedene Religionen
getrennt, kein Vertrauen auf den Gott hätten, den sie den Inseln
gebracht -- »er ist ein guter Mann, aber er lacht, wenn man ihn an
seine Pflicht als Christ will mahnen; thut das René nicht auch?«

»Nein,« rief Sadie schnell, aber doch nicht im Stand eine gewisse
Verlegenheit zu verbergen -- »er lacht mich niemals aus.«

»Aber er betet auch nicht.«

»Gott wird ihn schon erleuchten,« sagte die junge Frau, und barg ihre
Stirn einen Augenblick in den Händen, »ach es ist wahr,« fuhr sie dann
leiser fort, »und hat mir schon manche bittere Stunde, manche
schlaflose Nacht gemacht, wie wenig _er_ an seinen Gott denkt, und wie
viel gerade Gott für ihn doch eigentlich gethan.«

»Und Mr. Osborne? hat er Dir nie an's Herz gelegt ihn deiner Kirche
zuzuführen? -- mir ist das oft und oft zur Pflicht gemacht, aber --
wie bald hab' ich _den_ Versuch aufgegeben.«

»René geht seinen eigenen Weg,« seufzte Sadie, »und Vater Osborne sah
das wohl und fühlte es, aber er hat mir nie ein Wort davon gesagt, ja
er warnte mich sogar vor religiösen Streitigkeiten mit dem Gatten. Auf
Atiu war auch Alles gut, aber hier in Tahiti, wo die Priester selber
einander feindlich gegenüber stehen, und seit Vater Osbornes Tod hat
sich René ganz von jeder Andacht abgewandt.«

»Weißt Du wie Du jetzt aussiehst, Sadie?« rief da Aumama plötzlich,
den Ton wechselnd, und der Freundin Hand ergreifend.

Sadie schaute überrascht empor, Aumama aber fuhr lächelnd fort --
»scheuche die trüben Gedanken fort von der Stirn, sie passen nicht für
uns. Was kümmern uns die Streitigkeiten jener Priester, noch ist die
Banane so süß, die Cocosnuß so saftig als je und der Himmel lacht blau
und heiter auf uns nieder und unser schönes Land. Sieh da kommt deine
Sadie,« unterbrach sie sich plötzlich als das Kind, von einem jungen
vierzehnjährigen Mädchen getragen, in der Thür erschien -- »her zu mir
Herz, her zu mir mein süßes Kind, und Du sollst mir helfen der Mama
Züge wieder aufzuheitern. Und nun sollen auch Scha-lie und Ro-sy
herüber und mit Dir spielen, mein Herz, und froh und munter wollen wir
sein, und tanzen und springen.«

Die Kleine aufgreifend, die ihr schon von Weitem lachend die Aermchen
entgegenstreckte, sprang sie mit ihr, wieder ganz das fröhliche
ausgelassene Kind dieser Inseln, singend und trällernd am Strand
umher, und rief die eigenen Kinder herüber mit ihr zu spielen und zu
tollen. Und selbst Sadie, wenn auch nicht im Stande so rasch die
quälenden Gedanken abzuschütteln vom Herzen, vergaß doch ebenfalls
bald bei dem Lachen und Jauchzen der Kleinen Alles, was sie noch
vorher mit Angst vielleicht und Sorge erfüllte, und das Herz ging ihr
wieder auf voll Lust und Glück in dem einen reinen und seligen Gefühl
der Mutter Lust.

FOOTNOTES:

[C] »Das Schwein das Menschen trägt« wie die Insulaner zuerst das
Pferd nannten, für das sie keinen Namen hatten.



Capitel 4.

#Die Missionaire.#


Ueber die See brauste es daher, wild und stürmisch in furchtbar
entsetzlicher Wuth; an den Riffen schäumte und kochte die Brandung in
milchweißem Gischt, und warf ihre Wogen selbst in die sonst stillen
Binnenwasser, weiter und weiter wallend, bis zu dem weißen
Corallensand des Strandes und den freigespühlten Wurzeln der
Cocospalmen, die ihre Wipfel über dem Meere schaukelten und jetzt, wie
entsetzt über die Entweihung, die weiten, armartigen Blätter
emporwarfen und sich zurückbogen vor der anstürmenden Bö. Hei wie der
Sturmvogel so scharf und gellend pfeift wenn er über die aufgewühlte
See streicht, und seine langen elastischen Flügelspitzen auf die
glatte Woge preßt, von der die Windsbraut schon den schäumenden Kamm
geraubt und als Perlen hinausgestreut hat weit weit über das Meer; hei
wie die Brandung da kracht und tobt, und sich bäumt und reckt und mit
den weißen Armen hinüberlangt über den Korallendamm, und doch wieder
und immer wieder zurückgeworfen wird von dem gewaltigen Bollwerk, das
Jahrtausende gebaut. Und der Sturm, der machtlos seine Kraft brechen
sieht an diesem Damm, und seine Wellen, die er sich aufgerüttelt hat,
nicht hinüber bringen kann, so viel er auch hebt und drängt, und die
Schulter stemmt gegen die gewaltigen, wirft sich endlich selbst mit
dem flatternden Bart an das grüne Land, und die Palmen fassend in
tollem Spiel biegt und schaukelt er sie, wie er das Spiel sonst
vielleicht mit Halm oder Blüthe getrieben, im weit und straff
gespannten Bogen nieder, nieder bis ihre Kronen das Laubdach berühren
das sie stützt und hemmt und mit wildem eifrigen Rascheln die
auszweigenden Arme fest fest zusammenstreckt und sich hält und
gegenseitig hilft gegen den wilden ungestümen Feind.

Gewaltig und furchtbar ist ein Sturm auf offener See, wo er die Wogen
aufwühlt und gräbt, und die bergwichtigen Massen wie spielend und in
entsetzlicher Schnelle vor sich her jagt; aber frei und ungehindert
rast er dort sich aus, keine Grenze hemmt ihn und selbst das schwanke
Schiff das er trifft auf seiner Bahn wirft er herum, taucht es und
schleudert es empor, reißt und splittert was er daran gerade fassen
und halten kann und -- jagt vorüber, müde solch unwürdigen Spiels.
Anders aber und grauenhaft furchtbarer ist er dort wo die bergige
Küste den Anprall hemmt, und dem Rasenden die Stirn bietet in
kräftigem Trotz.

Nicht nur den neuen Grimm hat der Wüthende da auszulassen an der
starren hartnäckigen Wand, die sich ihm eisern entgegenstellt, nein
auch alte Unbill zu rächen, seit Jahrhunderten her, und seit manchem
furchtbaren Strauß, bei dem er sich wieder und wieder vergebens in die
Schluchten wühlte und bohrte, und die Grundfesten seines Feindes zu
untergraben suchte. Von der See führt er die Wogen heran zum
gemeinsamen Kampf, und sich selber wirft er wild und toll gegen die
Brustwehr von Baum und Gebüsch, das sich ihm zäh und unverdrossen
entgegenlegt; was hilft es ihm daß er die starren hartnäckigen Stämme
faßt und bricht und die schweren Kronen zu Boden schmettert, oder als
Widder braucht, gegen andere anzustürmen -- die elastische Palme biegt
und legt sich der Uebermacht, folgt aber dem Feind auf dem Fuß bei
jedem Zollbreit Weichen, und schüttelt ihm die Federkronen zornig in's
Angesicht. Wild heult und braust sie da auf, die tobende tolle
Windsbraut; bis hoch in die Lüfte hinauf pfeift es und zieht's und
dröhnt's, und wieder und wieder prasselt's an gegen Halde und Hang,
wieder und wieder reißt es und bricht und schmettert und stöhnt, ein
Opfer suchend in unsagbarem Grimm, bis die Kraft auf's Neue erschöpft
ist wie seit Jahrhunderten, und der Orkan jetzt weichend, seine Wuth
mit neuer Hoffnung beschwichtigen muß für den nächsten Tanz, sich
dennoch immer auf's Neue getäuscht zu sehn. Grollend und innerlich
gährend und kochend zieht er sich dann zurück, weit weit über die See,
in der Ferne dröhnt es und braust es noch, wie schwer athmend aus der
Tiefe auf -- bläulich schwarz liegt die See, einzelne Sturzwellen in
sich selbst zusammenbrechend und weiße weite Flächen, förmliche Thäler
bildend von milchigem Schaum, der zischend zerfließt, neu
aufquellender Woge zum Mantel zu dienen mit dem sie sich schmückt und
tanzt und ihn abwirft, der Schwester zu. Hu, wie das hohl geht da
unten und braust und murmelt -- aber die Sturmmöve zieht jetzt mit
klappendem Flügelschlag, nicht mehr regungslos kreisend, über das
stillere Wasser, das im wilden Unmuth noch nicht einmal den Strahl der
vorbrechenden Sonne wiedergeben mag, und faden matten Bleiglanz über
seine Fläche deckt.

Auf dem Land aber, dem natürlichen Feind des Orkans, der ihm so starr
die Faust entgegenstreckt, wie die Fluth ihm jeder Zeit willige Hülfe
bietet und mit ihm tobt und rast, entfaltet der siegende Sonnenschein
schon wieder sein Panier, während die grollende See noch gegen die
Riffe pocht, und jeder niedergeschleuderte Tropfen wird zur Perle, die
blitzend und jubelnd im Lichte funkelt. Noch erzürnt, aber doch schon
wieder den warmen Strahl auf den Wangen fühlend, schütteln die Bäume
ihr Laub, und rauschen und rascheln, Blatt und Zweiglein wieder in die
alte Form zu bringen, aus der sie der ungestüme Störenfried
herausgerissen, und der warme Duft der aus den Thälern steigt wird zum
Nebelschleier, den sich der Berg wie Silberfäden durch die Krone
flicht, und dem das sinkende Tagsgestirn noch seinen schönsten
herrlichsten Farbenschmelz verleiht.

Es war zur Zeit solcher Stürme, die sich besonders im Herbst und
Frühjahr zeigen unter dieser Breite, und der Orkan brauste noch in all
seiner furchtbaren Kraft über die Wasser, und schien die Riffe hinein
drängen zu wollen gegen das Land, solche berghohe Wogen thürmte er
auf, und schleuderte sie von Westen herbei, der Passat Strömung gerad
in die Zähne. Nur der fluthende Regen hatte nachgelassen und der Wind
fegte nur noch das Firmament rein, von widerspenstischen Wolken und
Schwaden, die wieder und wieder, jetzt aber machtlos und zu spät, zum
neuen Kampfe herbei wollten.

In der Hauptstraße von Papetee, auf dem breiten Strand der die erste
Häuser- und Gartenreihe vom Meere trennte, und von den lebenslustigen
Tahitiern besonders Abends zum Sammelplatz benutzt wurde, blieben
jetzt Einzelne stehen und schauten auf das Meer hinaus, denen bald
Andere folgten; die Thüren der nächsten Häuser wurden geöffnet, die
Eigenthümer standen darin mit Telescopen und um diese wogte und preßte
bald das Volk in mächtiger Schaar, bald die Gläser, bald das weite
Meer betrachtend, und dem Wort der Ausschauenden wie einem Orakel
lauschend.

Der Gegenstand aber um den es sich hier handelte war ein Schiff -- ein
großes Schiff das von Point Venus aus schon vor einer halben Stunde
etwa und noch im vollen Sturm, der Königin gemeldet worden, wo es,
weit draußen in Sicht, versucht hatte beizulegen und von den Inseln
abzukommen, der Wind war aber zu heftig gewesen solches Maneuver zu
gestatten. Die Fregatte -- denn daß jenes fremde Segel ein großes
Kriegsschiff sei unterlag schon gar keinem Zweifel mehr -- mußte vor
dem Wind abfallen, und kam jetzt unter dicht gereeftem Vormars- und
Vorstengenstagsegel um die Spitze herum jedenfalls bestimmt nach
Papetee einzulaufen, was aber jetzt, bei dem gewaltigen Seegang und
der schmalen Einfahrt durch die schäumenden Riffe nicht möglich war,
und nur bemüht nun, so wenig Fortgang als möglich zu machen um erst
einmal von den nächsten Riffen frei, wieder aufzubrassen und das
Beruhigen der Wasser abwartend, gegen den Wind anzukreuzen.

Es war eine Fregatte, aber von welchem Land? Diese Frage beschäftigte
jetzt Alle in ängstlicher Spannung, und wie die meisten der
Eingeborenen gerade jetzt, nach ihrer vorhergegangenen Demonstration
das Erscheinen des ihnen nur zu gut bekannten ~Du Petit Thouars~ mit
seinem Fahrzeug fürchteten, so ängstlich waren sie, sich zu früh der
freudigen Hoffnung hinzugeben daß es noch ein Englisches Kriegsschiff
sein könne, ihre erstrebte Unabhängigkeit zu bestätigen.

Die Meinungen über das Aussehen des Schiffes waren dabei getheilt,
während es Einzelne der Europäer nach dem Bau der Masten, denn von den
Segeln war gar Nichts zu erkennen, für einen Franzosen hielten,
behaupteten Andere den Amerikanischen Zuschnitt daran zu erkennen und
nur ein kleiner Theil beharrte auf seinem Ausspruch England sei nicht
zu verkennen und die Englische Flagge würde sich zeigen, so bald die
Fregatte den Eingang passire.

Selbst die gerade in Papetee anwesenden, und gerade heute zu einer
vertraulichen Sitzung berufenen Missionaire standen auf der Verandah
des, in Papetee ansässigen Bruder Dennis versammelt, und blickten mit
etwas ängstlicher Spannung der Entfaltung der Flagge entgegen, die
besonders auf ihre Wirksamkeit einen entschiedenen Einfluß ausüben
mußte.

Noch vor dem Sturm hatte ihre Sitzung begonnen, und während die
Windsbraut heulend an den Pfosten des Hauses rüttelte, die Palmen wie
Weidenruthen niederbog, und die reifen Früchte von den Bäumen riß, den
Boden zu streuen mit Orange und Brodfrucht, die saftigen Stiele der
Banane umknickte und duftige Blüthen weit und hoch hinaus in die Berge
führte, lagen die schwarz gekleideten Männer in dem langen luftigen
Gebäude auf den Knieen; und mischten ihre Hymnen und Sänge mit dem
Gebrüll des Orkans, ein Preislied dem Herrn der Stärke und
Barmherzigkeit.

Es waren die Brüder Rowe, Dennis und Nelson, Mc. Kean, Smith und
Brower, zusammengekommen zu vertraulicher Berathung in so schwerer
Zeit, und die eigentlichen Vertreter auch, wenigstens die wichtigsten,
die sich gegenwärtig in der Südsee befanden, der Evangelischen Lehre
nicht mehr nur Bahn zu brechen unter den Heiden, obgleich auch jetzt
noch ganze Gruppen von Inseln ihren Göttern treu geblieben waren und
den neuen Glauben mistrauisch von sich wiesen, sondern sich zu wahren
und schützen gegen den Katholicismus, der ihren Fußtapfen gefolgt war
und die Flügel jetzt ausbreitete, ihr eigenes Licht zu verdunkeln.

Bruder Dennis war unter diesen, und besonders in seinem Charakter als
Missionair, jedenfalls der bedeutenste, und wenn auch nicht einer der
ältesten, doch jedenfalls der eifrigsten Lehrer der Inseln, wo es nur
galt dem einen heiligen Ziel entgegenzustreben, den Heiland zu
verkünden und seiner Wunden Blut zu predigen in der Wüste. Er auch war
Einer der Wenigen, die mit Hintansetzung jedes Gedankens an sich
selbst in die Fremde zogen, die Bibel im Arm, das gehobene Kreuz, ja
das Schwert in der rechten, wenn gereizt seinen Schatz zu
vertheidigen, und rücksichtslos weiter schreitend dabei, welchen
Glauben, welche Familienverhältnisse er unter die Füße trat, wenn er
nur die Seelen der Verdammten rettete, und ihnen das Heil kündete, das
ihnen Gott geboten, und das den Weg um die ganze Erde genommen, zu
ihnen zu gelangen.

Eigennutz, Ehrgeiz war ihm fremd, keine Familienbande fesselten ihn,
nicht Freundschaft, nicht Liebe hatten sein Herz auch nur für eine
Stunde dem einen hohen Zweck seines Lebens abwendig machen können, und
er hielt den Tag für verloren, an dem er nicht wenigstens einen,
seinem Verderben entgegengehenden Sünder wach gerüttelt, und ihm den
Abgrund gezeigt an dem er wandele, oder geduldet und gelitten hatte in
der Verbreitung jenes Glaubens, der ihm Licht und Seligkeit und Luft
und Liebe war.

Von schmächtigem aber nicht schwächlichem Körperbau, zäh bis zum
äußersten und an Entbehrungen und Strapatzen gewohnt, die er eher
aufsuchte als vermied, hatte er schon den größten Theil der Inseln
durchstreift, den feindlichsten Stämmen dort mit »christlicher
Demuth«, wie er's nannte, getrotzt, und ihren Hohen Priestern in den
Bart die Machtlosigkeit und Nichtigkeit ihrer Götzen verkündet. Die
Indianer achten den Muthigen, wo sie ihn auch finden, und muthig
wahrlich mußte der sein, der allein und unbewaffnet in einem
feindlichen Gebiet wahrhaft tollkühn das angriff, was der Gegner am
theuersten hielt, und wofür er sein Leben eingesetzt hätte es zu
bewahren; ja unter den Opferkeulen selbst hatte ihn schon dieser
starre fanatische Trotz gerettet, und ihm die Achtung seiner
bisherigen Feinde, ja oft den späteren Sieg über sie, gesichert.

Hier nun schon den Sieg in Händen, läßt es sich denken, mit welchem
Schmerz und Zorn der »Diener des Herren« _fremde_ Priester eindringen
sah in sein Heiligthum, und den Bau untergraben, an dem seine Kirche
schon Jahrzehende gebaut, und der ein Tempel Zions zu werden versprach
in Pracht und Herrlichkeit. Mit zagender Hoffnung wohl, aber auch mit
Furcht und Mißtrauen sah er deshalb dem Entfalten jener Flagge
entgegen, die ihnen entweder die frohe Hülfe vom Mutterlande brachte,
nach der sie sogar schon einen der Ihrigen, den ehrwürdigen Mr.
Pritchard, zugleich Consul Ihrer Britannischen Majestät abgesandt
hatten, oder neue Schwierigkeiten und Verlegenheiten bereiten konnte,
den gierigen Forderungen Französischer Capitaine gegenüber.

Die Brüder Rowe und Nelson in ihrem so verschiedenartigen Charakter
kennen wir schon.

Zwei Andere, Mc. Kean und Brower waren einfache Leute, Menschen, die
ihre Lebenszeit in der Bibel gegraben, das edle Metall mit dem tauben
Gestein mühsam und unverdrossen heraufgeschafft, ohne im Stande zu
sein es zu schmelzen und zu scheiden, und es nun Bergehoch um sich
aufgeschichtet hatten, eine treffliche Wehr wenigstens, nach Jedem zu
schleudern, der ihnen nahe kommen und ihre Stellung ihnen streitig
machen oder bekritisiren wollte.

Bruder Smith zeigte sich als eine von diesen ganz verschiedene
Persönlichkeit; klein und geschmeidig hatte er sich dem Missionswesen
gewidmet, wie er sich irgend einem andern Stand oder Geschäft gewidmet
haben würde. Von Enthusiasmus war bei ihm keine Rede, von Schwärmerei
noch weniger. Er betrachtete das ganze innere Sein der Mission auf
eine ächt irdische und praktische Art als ein _Geschäft_, das ihm
durch die Missionsgesellschaft vom lieben Gott übertragen worden, und
auf diesem entlegenen Winkel schien er nun vollkommen bereit alle
solche Pflichten, die ihm vorgeschriebener Weise oblagen, auch
getreulich zu erfüllen, vorausgesetzt jedoch, daß ihm dann der liebe
Gott, neben anderen Kleinigkeiten, auch noch die Bitte des täglichen
Brodes mit seinen verschiedenen Variationen erfülle. Ein
ausgezeichneter Geschäftsmann außerdem, war eine seiner
Hauptbeschäftigungen die, von England zur Unterstützung der Mission
eingegangenen Waaren, die natürlich einen größeren Werth hatten als
Geld selber, gegen Roh-Produkte oder Fabrikate der Indianer, soweit
sie deren herstellten, ja gegen Arbeitskraft selbst und geleistete
Dienste anzubringen, und einen besseren Mann hierzu hätte sich die
Gesellschaft nicht wählen können. Schicklicher wäre es jedenfalls
gewesen hierzu einen besonderen Mann engagirt zu haben, der dann
weiter Nichts mit dem geistlichen Theil des »Geschäfts« hätte zu thun
haben dürfen; das Lehrergeschäft leidet, wo der Lehrer zu gleicher
Zeit neben seinen geistigen Ausgaben seine weltlichen Einnahmen
berechnen muß. Bruder Smith wußte aber Beides auf so geschickte Art zu
vereinigen, und die Waare mit solcher Salbung, die Lehre mit solcher
berechnenden Klugheit auszugeben, daß die Insulaner zuletzt nicht
selten beides Empfangene gar nicht mehr von einander zu unterscheiden
vermochten und in Zweifel waren, für was von den beiden Sachen sie ihr
Cocosnußöl und ihre Perlen und Muschelschalen eigentlich zu Markt
gebracht, und ob sie ein gutes oder schlechtes Geschäft dabei gemacht.

Bruder Smith hatte auch lange nicht das Schroffe, Abstoßende des
finsteren Rowe, ja selbst des schwärmerischen Dennis. Bei dem Gebet
stand besonders der Letztere wie ein zürnender Geist, bereit Gottes
Zorn auf Jeden niederzudonnern, der anders dachte oder sprach als er,
während Bruder Smith mit ruhiger Ueberlegung die praktische Seite des
Christlichen Glaubens nicht allein nicht versäumte, sondern sogar nach
außen drehte. Der Eine gewann, der Zweite erhielt die Heiden dem
Christenthum.

Brower und Mc. Kean waren ein Mittelding der Beiden, mehr an der Form
wie dem Sinne des Ganzen hängend; Smith wand sich zwischen Allen
durch. Mit einem anerkennungswerthen Scharfblick der Charaktere,
zwischen denen er sich befand, war er Schwärmer oder Enthusiast, Mann
der Form oder des einfachen Glaubens, der in dem Glauben gerade den
Formen blindlings folgt, aber diese nur eben vom Glauben abhängig
macht, nicht diesen ihnen unterwirft. Nie jedoch verlor er den Nutzen
irgend einer Stunde aus dem Auge und unermüdlich im Sammeln für seinen
heiligen Zweck, wuchsen ihm die Bedürfnisse aus dem Boden, und wurden
zu Bäumen, die ihre Früchte im reichen vollen Maaß auf ihn zurück und
nieder schüttelten.

Auch er war der gedrohten Oberherrschaft Frankreichs in innerster
Seele abgeneigt, aber nicht ganz allein mit jener geistigen
Ueberzeugung, mit der Bruder Dennis den Untergang der Gerechten vorher
kündete, wenn sie sich durch die Irrlehren verführen ließen vom
rechten Pfade abzuweichen, sondern mehr fast im merkantilischen
Interesse. Die Franzosen hatten nämlich unter dem Schutz ihrer Kanonen
angefangen, eine Quantität der verschiedensten, bis jetzt von ihm mit
Vortheil abgesetzten Waaren, auf die Insel geworfen, deren Preise _er_
früher allein bestimmen konnte, während sich ihm jetzt dadurch eine in
der That nicht unbedeutende Concurrenz eröffnete. Bunt und ordinär
gedruckte Kattune, für die er bis jetzt mit Leichtigkeit einen halben
Dollar per Yard erhalten, verschleuderten leichtsinnig junge Franzosen
um die Hälfte, und das Volk hätte von einem _Heiden_ gekauft, wenn es
die Waare billiger bekommen, wie viel mehr nicht von den »neuen
Christen«. Die Eindringlinge bezahlten außerdem für die Produkte der
Indianer weit mehr, als sie vernünftiger Weise hätten zahlen sollen,
wenn sie sich nicht den Markt für spätere Zeiten verderben wollten. Es
war keine Ordnung in der Sache, und der Kaufmann ging mit dem Christen
Hand in Hand, der Evangelischen Kirche den Sieg zu erflehen über die
»Baalspriester« wie sie gewöhnlich von den Kanzeln genannt wurden.

Doch zurück zu unserem Schiff, das die Aufmerksamkeit der am Strand
Stehenden auf das Peinlichste spannte, und immer noch mit den kahlen
Masten gesonnen schien vorbei zu streichen, ohne auch nur einmal die
Farbe seiner Flagge zu zeigen.

»Segne meine Seele!« rief ein dicht am Strand stehender Neger, der
früher einmal von einem Wallfischfänger auf irgend einer Insel
entsprungen war und seinen Weg nach Tahiti gefunden hatte, wo er jetzt
bei den Eingeborenen, theils seiner außerordentlich glänzenden
schwarzen Farbe, theils seiner Wohlbeleibtheit wegen als eine Art
Autorität in Seemännischen Fällen galt -- »segne meine Seele, wenn
ich nicht glaube der Bursche will einlaufen. Wenn er das bei _der_ See
versucht kann er sich darauf verlassen daß er heute in ~Davys locker~
(Seeausdruck für Unterwelt) zu Nacht speist, denn kein Dampfschiff
könnte sich frei von den Leeriffen halten.«

»Und was für ein Segel glaubst Du daß es ist, Pompey?« frug ihn Tati,
der Häuptling, der unfern von ihm stand und das Fahrzeug mit finsterem
Blick betrachtet hatte.

»Englisch, ~by God~ Massa,« rief der Neger rasch, der den Häuptling
kannte -- »englisch, jeder Zoll von ihr[D] -- und ein Dorn
wahrscheinlich in Massa Gumbo's[E] Augen da drüben, der jetzt zwischen
zwei Feuer kommt, wenn er den Schwarz-Röcken einheizen und Land
pachten will von Königin Pomare, haw, haw, haw. Nun sollte noch ein
Franzmann dazu kommen, dann giebt's Spaß; aber dies Kind ging in die
Berge, Massa, denn wenn sie hier mit den eisernen Bällen an zu spielen
fingen, würd' es Manchem zu warm in seinem Rocke werden.«

»Die ~Reine blanche~ ist's,« lautete aber eine andere Meinung, die
bald wie ein Lauffeuer durch die Menschenmasse lief, denn der
gefürchtete Admiral ~Du Petit Thouars~ war schon lange wieder im Hafen
erwartet worden, und trotz den zuversichtlichen Behauptungen der
Missionaire daß England ihnen jedenfalls Schutz und Hülfe senden
werde, gegen den Römischen Feind, traute man doch den Kanonen des
Letzteren nicht, der die Stadt jetzt schon zwei Mal mit seinen
eisernen Flanken bedroht und sie gezwungen hatte, seine Bedingungen
anzunehmen.

Der Französische Consul hatte gegen die letzte Verhandlung protestirt
und war zornig fortgegangen; welchen Bericht würde er dem
Französischen Admiral machen? -- und die Königin mußte es dann wieder
entgelten, wie schon früher.

»Da -- dort geht die Flagge vom Talbot!« rief da Pompey plötzlich --
»und da die Privatsignale -- er wird den Andern vorm Einlaufen warnen
wollen.«

»Dort kommt was Buntes an Bord draußen!« schrie ein Eingeborener, der
trotz dem noch heftigen Wehen und Schaukeln des Baumes auf eine Palme
geklettert war, einen bessern Ueberblick zu gewinnen -- »gleich wird's
heraus sein!«

»Da kommt die Flagge -- alt England für immer!« jubelte ein junger
Bursch, ein Seecadet des Talbot der auf Urlaub an Land gewesen war,
wie der Sturm begonnen -- »dort weht der ~Union Jack~ und Monsiehr
Crapo hat sich zu früh gefreut wenn er glaubte es käme ein Landsmann.«

»Englische Flagge -- Englische Fregatte!« schrie und wogte es aber
auch jetzt am Land durcheinander, die Missionaire auf der Verandah
drückten einander die Hand, und ein großer Theil der Insulaner jubelte
allerdings dem fremden Schiffe entgegen, Manche aber auch von Tati's
Anhang schauten gar zornig drein, und sahen die Parthei schon wieder
Sieger, die ihnen bis dahin immer störend und hemmend im Weg
gestanden.

Die beiden Englischen Kriegsschiffe hatten indessen rasch
verschiedene, nur ihnen bekannte Signale gewechselt, und die fremde
Fregatte hielt noch fortwährend auf die Mündung des Hafens zu, als ob
sie die Einfahrt, trotz Wind, Wogen und Coralle, erzwingen wolle; wenn
aber auch der wirkliche Sturm nachgelassen hatte, wehte der Westwind
doch noch viel zu stark das Einlaufen in den Hafen, wären selbst die
furchtbaren Brandungswellen nicht gewesen, wagen zu dürfen und die
Fregatte, die auch vielleicht nur diese Stellung angenommen ihre
Signale ordentlich und deutlich auswehen zu lassen, fiel wieder vor
dem Winde ab, braßte ihre Marssegel vierkant und flog, fast vor Top
und Takel nur, aus dem Bereich der gefährlichen Klippen, draußen
vielleicht wieder beizudrehen und das Rückwechseln des Windes in den
gewöhnlichen Passat, der gar nicht lange mehr ausbleiben konnte,
abzuwarten.

So lange die Signale noch dauerten, hatten sich die Eingeborenen
ziemlich ruhig gehalten; nur einige der der Königin und den
Missionairen ergebenen Häuptlinge, besonders Aonui und Potowai waren
hinauf in das Haus gegangen, wo sie die frommen Männer versammelt
sahen, deren Meinung über das Englische Kriegsschiff, das jedenfalls
einzukommen beabsichtigte, zu hören. Die Missionaire hatten nur eine
Stimme darüber; sie hofften daß es ihnen günstig lautende Nachrichten
von England bringen würde, ja daß vielleicht Bruder Pritchard selber
an Bord sei, die Rechte der Insulaner zu bestätigen und mit der
gesandten Macht zu beschützen.

Das war genug, wie ein Lauffeuer zog sich die frohe Botschaft durch
die einzeln am Strand zerstreuten Gruppen: »Das Kriegsschiff ist für
uns gekommen; die Franzosen haben Nichts mehr auf den Inseln zu
befehlen -- der Vertrag den sie abgeschlossen haben, und der nur dahin
berechnet war uns zu ihren Sclaven zu machen und das Götzenthum wieder
einzuführen, ist vernichtet und keine Flagge soll hier mehr wehen als
die Tahitische und Englische!«

Aonui war der Wildeste zwischen ihnen.

»Brüder, der Tag der Vergeltung ist erschienen!« schrie er, auf einen
Haufen dort aufgefahrenen und zum Ausarbeiten von Canoes bestimmten
Holzes springend, von dem aus er die unter ihm Stehenden leicht
übersehen konnte, »die Beretanis kommen -- die uns die Bibel gebracht
haben, bringen uns jetzt auch Kanonen unsere Bibel zu vertheidigen --
die Beretanis sind gut -- wir wollen Nichts weiter -- wir haben die
Bibel und die Feranis können gehen, wir halten sie nicht -- wir wollen
ihnen Freude wünschen -- aber nicht hier, irgend wo anders. -- Wir
haben die Feranis lieb -- sehr lieb -- es sind auch unsere Brüder --
aber nicht so Brüder wie die Beretanis; andere Art. Die Beretanis
haben uns die Bibel gebracht, die Feranis wollen sie wieder nehmen. --
Feranis haben viel Platz wo anders -- wir wollen ihnen Freude
wünschen.«

Das etwa war der Sinn der Rede, die der Häuptling, die einzelnen Sätze
immer auf's Neue wiederholend, seinen Landsleuten vorschrie, denn der
um ihn wogende Tumult dauerte indessen fort und er konnte ihn mit
seiner Stimme nicht beschwichtigen, er mußte ihn selbst übertönen;
aber den Sinn verstanden sie doch, den ungefähren Sinn des Ganzen
wenigstens, und von Mund zu Mund lief der Ruf: »Fort mit den Feranis,
fort mit der Flagge, wieder an Bord mit den Priestern die uns die
neuen Götzen auf die Berge gestellt haben, den alten zum Trotz, und
uns unseren Glauben nehmen wollen und unser Land und die Bibel. Wir
haben die Bibel wir verlangen nicht mehr!«

»Bin nur neugierig« sagte Pompey, der Neger, zu einem zufällig neben
ihm stehenden Seemann, unserm alten Bekannten, dem Iren Jim -- »was
sie heute wieder für Dummheiten anrichten werden, Mister -- seht nur
einmal wie die schwarz gekleideten Gentlemen da hinten so eifrig gegen
einander die Hände und Arme werfen, und streiten -- sie hacken Alle
auf den Einen ein mit den weißen Haaren, der wird wohl der einzige
Vernünftige unter ihnen sein.«

»Und wie so, mein Bursche?« frug Jim O'Flannagan der mit den Augen der
Richtung gefolgt war, die ihm der Neger angab, und den Blick jetzt
forschend auf den allerdings sehr heftig mit einander gesticulirenden
Missionairen weilen ließ -- »es geht ja Alles so hübsch und trefflich
wie es nur gehen kann.«

»Hübsch und trefflich? -- hm, ja, -- Manchem gefällt's so,« sagte der
Neger und betrachtete sich den Fremden etwas genauer, ohne daß Jim
etwa darauf geachtet hätte -- »aber hallo Mister,« setzte er
plötzlich hinzu, »haben wir nicht einander schon einmal da drüben bei
Mütterchen Tot getroffen?« Der Ire lachte.

»Ich bin überall zu finden wo es gute Gesellschaft giebt,« sagte er
mit einem etwas zweideutigen Blick auf seinen schwarzen Gefährten,
»aber Freund, habt Ihr eine Idee wo die Geschichte hier hinaus will?
-- wie mir scheint wollen die guten Leute alle Franzosen ohne weitere
Säumniß aufpacken, und an Bord der ~Jeanne d'Arc~ schicken?«

»Toll genug wären sie dazu,« brummte der Schwarze, »und das hier wär'
auch nicht der erste derartige dumme Streich, den sie machten; wenn's
Jemand gut mit ihnen meinte, sollt' er's verhindern.«

»Wen geht's denn 'was an?« lachte der Ire, »dafür haben sie auch ihre
Seelsorger ihnen den richtigen Weg zu zeigen -- hallo, kennt Ihr die
Beiden da, die scheinen's eilig zu haben.«

»Das sind die beiden ersten Häuptlinge der Insel, Tati und Utami,«
sagte der Neger schnell, »wenn die ihren Weg hätten, wüßt' ich _wen_
sie vor allen Dingen auf das erste beste Schiff packten und nach
Leewärts schickten.«

»Kann mir's denken,« sagte der Ire trocken, »'s kommt nur darauf an
jetzt, wer zuerst ein Schiff frei hat, Engländer oder Franzose, und
dem lieben Gott bleibt jetzt die Wahl vollkommen offen, wen er hier
behalten will, Katholiken oder Protestanten.«

»Wenn sie den Feranis hier was zu Leid thun, schießt ihnen der
Franzose den ganzen Bettel zusammen -- und ich habe da drüben auch ein
kleines Häuschen stehn,« meinte der Neger.

»Wenn's hinter dem Berge läge könnt' er aber anfangen wann er wollte?«
frug Jim, mit einem Seitenblick auf den Neger, den dieser mit einem
breiten Grinsen, das zwei Reihen prachtvoller Zähne aufdeckte,
beantwortete.

Die Aufmerksamkeit der Beiden wurde aber bald für das Haus in Anspruch
genommen, in dem sich die Missionaire befanden, denn dorthin drängte
das Volk und schien von diesen eine bestimmte Leitung ihres Unmuths,
dem sie selber eigentlich noch nicht recht Ausdruck zu geben wußten,
zu verlangen.

»Nieder mit der Flagge der Feranis!« tönte der Schrei -- »fort mit den
Priestern -- England hat seine Schiffe zu uns geschickt uns zu
beschützen, wir wollen nichts weiter mit den Wi-Wis zu thun haben --
fort mit ihnen -- fort!«

»Das thut kein Gut,« sagte da, in der Sprache der Insel, ein schlanker
Mann mit starkem Backen- und Schnurrbart, der an dem Iren und Neger
mit den, schon vorher von ihnen bemerkten Häuptlingen rasch
vorbeischritt -- »das thut wahrlich kein gut, und sie werden sich die
Folgen ihres thörichten Handelns später selber zuzuschreiben haben.«

»Die Missionaire treiben's zum Aeußersten in ihrem stolzen Wahn,«
sagte Tati.

»Und ihre kurzsichtige Politik wird ihnen das geistliche wie ihrer
armen Königin das weltliche Regiment rauben,« sagte der erste
Sprecher; »die einzige Rettung die dem Lande noch blieb, war eine
vernünftige Mäßigung, die Missionair wie Franzose zugleich im Zaum
gehalten hätte.«

»Sagt das den Priestern, Consul Mörenhout, und sie zucken die Achseln
und bedauern bei der Sache nichts thun zu können, da sie sich _nie_ in
die Politik dieses Landes mischten.«

»Heuchler!« zischte der Consul zwischen den Zähnen durch und schritt
jetzt, die Häuptlinge verlassend, rasch der Verandah zu, an deren
Treppe er eben den beiden Missionairen Dennis und Rowe begegnete, die,
von Nelson und Smith gefolgt, gerade niederstiegen. Als Mr. Rowe den
Französischen Consul auf sich zukommen sah, blieb er stehen und sagte,
noch ein paar Stufen höher als dieser, mit unendlicher Milde und
Freundlichkeit auf ihn niederblickend:

»Und was führt unseren sehr ehrenwerthen Freund in solcher Aufregung
zu uns?«

»Mr. Rowe,« erwiederte aber der Consul, ohne auf Ton oder Bemerkung
der Frage einzugehen, und rasch die Stufen, selbst an dem Geistlichen
vorbei, hinaufsteigend -- »ich möchte ein paar Worte mit Ihnen und den
übrigen Herren sprechen; aber augenblicklich sprechen« -- setzte er
rasch und ungeduldig hinzu, als er sah wie die geistlichen Herren noch
unschlüssig zögerten. »Es gilt auch jetzt nicht die Privat-Interessen
eines Protestantischen oder Katholischen Priesters,« fuhr er gereizt
und heftig fort, »es gilt die Interessen, das Wohl dieses Landes,
dessen Entscheidung Sie nun einmal -- mit welchem Rechte soll hier
unerörtert bleiben -- in die Hand genommen. Ihnen allein ist es jetzt
überlassen Alles noch friedlich zu Ende zu führen, oder auch einen
Krieg heraufzubeschwören, der die traurigsten furchtbarsten Folgen
haben müßte.«

Die Missionaire blieben erst stehn und drehten dann mit dem
aufgeregten und gereizten Mann um, blieben aber oben auf der Verandah,
wo sich die übrigen bald um Mr. Rowe und den Französischen Consul
sammelten, und der Erstere sagte freundlich:

»Sie scheinen sich in der Person zu irren, verehrter Herr; wir Alle
sind Männer des Friedens, denen es wahrlich nicht einfallen wird
muthwillig, wie Sie meinen, einen Krieg heraufzubeschwören. Greift das
Volk zu den Waffen, ein ihm unerträglich werdendes Joch abzuschütteln,
oder selbst erst der Gefahr auszuweichen, seinen Nacken darunter
gebeugt zu bekommen, was können _wir_, einzelne und unbewaffnete
Männer dafür oder dawider thun? ja _dürften_ wir das Volk
zurückhalten, selbst _wenn_ wir könnten, wo wir es auf der einen Seite
von einer Religion bedroht sehen, die unserer schwachen Meinung nach
zu ihrem jetzigen und späteren Verderben führen müßte, während wir es
in Händen haben, sie wenigstens auf ein einstiges Heil vorzubereiten.«

Der Consul schritt rasch und ärgerlich auf der Verandah auf und ab,
erwiederte aber kein Wort -- er fühlte daß ihm bei der ersten Sylbe die
er laut spräche, die Galle überlaufen _müsse_, und wollte jetzt in
diesem, vielleicht für spätere Zeiten höchst wichtigen Augenblick
Alles vermeiden, was ihm später vielleicht als Uebereilung oder Hitze
hätte können zur Last gelegt werden.

»Und weigern Sie sich wirklich?« sagte er endlich nach einer längeren
Pause, und in der That erst, als der Ehrwürdige Mr. Rowe schon wieder
Miene machte die Verandah zu verlassen -- »das blinde, mit allen
Europäischen Verhältnissen unbekannte Volk von einem übereilten
Schritt, wie das Niederreißen der Französischen Flagge zurückzuhalten?
-- bedenken Sie nicht, daß sich dieselben traurigen Scenen der
Französischen Fregatte in Monaten vielleicht schon wiederholen, und
Sie selbst dann in die mißlichste Lage der Welt bringen können?«

Der Ehrwürdige Mr. Rowe warf den Kopf stolz empor, und sagte mit
vielleicht absichtlich sehr lauter Stimme:

»Weder Ihre Ueberredung Herr Consul, noch Ihre _Drohungen_ können uns
zu einem Schritt bewegen, den wir für unverträglich mit unserem Amte
halten. Nicht die Politik, sondern die Religion dieses Landes brachte
uns an diese Küste, und Frankreich hatte vielleicht einmal die Absicht
den Protestantismus, da es ihm nicht durch die Lehre seiner Priester
gelang, mit Feuer und Schwert auszurotten; aber die Zeit ist Gott sei
Dank vorbei. Der Englische Consul ist, wie Sie wissen schon vor
längerer Zeit nach Großbritannien gegangen, dort den Schutz unserer
Confession, die Erhaltung unserer schwer erworbenen und verdienten
Rechte zu sichern, und Sie sehen da draußen in See in jenem
hellblinkenden Segel die Antwort unserer Nation. ~Monsieur Du Petit
Thouars~ wird sich einen andern Wirkungskreis für seine Heldenthaten
suchen müssen, denn nicht mehr blos mit wehrlosen Indianern und ihren
friedlichen Lehrern und Fürsten hat er es von jetzt an hier zu thun.«

Mörenhout biß sich auf die Lippen, blieb einen Augenblick, wie noch
etwas überdenkend, stehen, und wollte dann, ohne weiteres Wort, die
Treppe wieder niedersteigen, als der alte ehrwürdige Mr. Nelson seinen
Arm ergriff und freundlich sagte:

»Gehen Sie noch nicht, Consul Mörenhout; ein gutes Werk darf nicht so
leicht aufgegeben werden, und ich halte die Absicht dafür, in der Sie
hergekommen.«

»Mr. Nelson spricht als ob dieses sogenannte »gute Werk« in unseren
Händen läge,« sagte Mr. Rowe gereizt.

»Und das ist wahr!« rief aber der alte Mann in edlem Eifer erglühend,
und die Hand ausstreckend gegen die unten tobende Schaar. »Sündlich
wäre es von uns behaupten zu wollen, daß wir die Macht _nicht_ haben
das Volk zum Guten zu leiten und in den Schranken der Mäßigung zu
halten; ebenso wie es, in der jetzt überdieß gereizten Stimmung, einem
leichtsinnigen unglückseligen Schritt entgegen zu treiben. Wir als die
Lehrer des Volkes _dürfen_ nicht entscheiden ob Englische ob
Französische Flagge das Recht habe hier zu wehen -- unser Ziel ist,
die Eingeborenen zu Christen, nicht zu Engländern oder Franzosen zu
machen, und ihren Häuptlingen, von unseren Consuln aber nicht von
unseren Kanzeln unterstützt, bleibt es dann überlassen, sich die
Unabhängigkeit ihres Landes zu wahren.«

»Es giebt Verhältnisse,« fiel ihm hier Bruder Rowe in's Wort, der den
aufsteigenden Grimm nicht länger bemeistern konnte, »bei denen ein
solches Zaudern in der guten Sache, das die Eingeborenen ihrem bösen
Geschick und den Gräueln des Pabstthums überließe, _Verrath_ genannt
werden könnte.«

»Wir haben den fremden Priestern vorgeworfen« entgegnete Nelson ruhig,
»daß sie uns geschimpft und unsere Religion geschmäht haben; machen
wir es besser, wenn wir von Gräueln des Pabstthums reden? Ich bedauere
das Eindringen jener fremden Lehre, die unsere Beichtkinder irre
machen, und Zweifel bei ihnen erwecken muß, aber ich möchte sie nicht
mit dem Schwert bekämpft, möchte das Schwert nicht in unserer eigenen
Mitte geschliffen sehen.«

»Daß Bruder Nelson die neue Lehre nicht mit dem Schwert bekämpft sehen
möchte, hat er allerdings schon bewiesen,« sagte Mr. Rowe.

»In dem was ich gethan, steh' ich vor meinem Gott gerechtfertigt,«
erwiederte Nelson, ohne ein Zeichen von Bitterkeit, »der Menschen
Urtheil muß ich mich unterwerfen.«

»Wehe über Israel!« seufzte da der ehrwürdige Mr. Brower und
schüttelte trauernd mit dem Kopf, »das ist die kalte Gluth, die fremde
Herzen erwärmen will, und nicht einmal im Stande ist, das eigene Feuer
hell und lohend anzufachen. Wehe über die Säumigen, die da zögern und
die Stunden zählen zum Tag, und nicht wirken wollen so lang es noch
Nacht ist; wehe über die Zaghaften am Tage des Gerichts, und wie
Gottes Donner noch mahnend an der Erde Vesten rüttelt, wird er ihnen
ein Zornesruf in den Ohren sein!«

Mr. Mörenhout der das Gespräch, oder vielmehr den Streit der
Geistlichen mit kaum zu zähmender Ungeduld bis jetzt angehört, und
sich gewaltsam hatte zurückhalten müssen, seinem Unwillen nicht Luft
zu machen, dabei aber noch immer hoffte eine vernünftigere Ueberlegung
doch Raum gewinnen zu sehen, mußte nach den letzten Worten des
fanatischen Priesters jeden solchen Glauben schwinden lassen, und nur
noch einen letzten Versuch zu machen sagte er mit gezwungener Ruhe,
der man aber das Gewaltsame wohl anmerken konnte:

»Und so weigern Sie sich denn, meine Herren, den Frieden mit
Frankreich aufrecht zu erhalten? -- weigern sich dem Volk das
Gefährliche, ja das Wahnsinnige solcher Handlung vorzustellen?«

»Weigern, Herr Consul,« unterbrach ihn Rowe entrüstet, »wir haben
Nichts mit der Politik dieses Landes zu thun -- mit jedem derartigen
Antrag muß ich Sie an die Königin selber weisen.«

Mörenhout wollte noch etwas erwiedern -- er öffnete schon den Mund und
that einen Schritt auf den Missionair zu, der sich dem gereizten Blick
des Mannes mißtrauisch aber doch muthig entgegenstellte; dann aber,
wie sich eines Besseren besinnend, drehte er sich scharf auf seinem
Absatz herum, blieb einen Moment, den vorn ausdehnenden Platz mit den
Blicken überfliegend stehen, winkte nach einer Stelle hinüber, wo Tati
und Utami mit dem jetzt zu ihnen gekommenen Paofai standen, und
schritt dann, während sich ihm die drei Häuptlinge anschlossen, rasch
und heftig mit ihnen gesticulirend, am Strand hinauf.

FOOTNOTES:

[D] Die Engländer und Amerikaner nennen alle Arten von Fahrzeugen
_weiblich_ und wie der Matrose behauptet aus einem allerdings nicht
gerade schmeichelhaften Grund für das schöne Geschlecht: weil die
Takelage, Segel etc. mehr koste als alles Uebrige.

[E] Gumbo's, der Spottname der Franzosen in Louisiana, nach einem dort
bereiteten Lieblingsgericht derselben.



Capitel 5.

#Die Königin Pomare.#


Der Sturm hatte nachgelassen, aber noch schleuderte der West den
Wellenschaum gegen das Leeufer[F] der Insel, und die schweren
Palmenwipfel, die den Palast Aimatas, der vierten der Pomaren,
umgaben, schwankten herüber und hinüber und schüttelten die schweren
Tropfen aus der Fruchtgeschmückten Krone.

_Der Palast der Pomaren_ -- ein Zauber lag sonst auf dem Heiligthum,
das ein frohes gutmüthiges und deshalb auch leichtgläubiges Volk mit
allem ausgeschmückt, was seine Phantasie nur Großes und Erhabenes zu
erfinden vermochte.

Was lag daran ob nur Bambusstäbe das leichte Dach von Pandanusblättern
stützten, nur feingeflochtene Matten und selbstgewebte Tapa den
inneren Raum zierten und verhingen -- was lag daran ob die Häuptlinge
aus einfachen Calebassen ihren Brodfruchtpoe verzehrten und den Saft
der Cocosnuß dazu tranken, sie waren die von Oro beschützten Fürsten,
und der Grund schon heilig, den ihr Fuß betrat.

Und jetzt? -- Der Verkehr mit den Europäern hatte die alten einfachen
Sitten der Insulaner verdrängt -- die Missionaire, anstatt sich ihrem
einfachen Leben anzupassen, lenkten die Gier dieser sonst so
anspruchslosen bescheidenen Wesen auf die fremden Sachen die sie in
Masse mitgebracht; der Schutz der Könige selber ward durch Geschenke
-- tolles Zeug das nur bunt drein schaute und zu weiter Nichts diente
als den Platz ungemüthlich, unheimlich zu machen auf dem es stand --
zu erhalten gesucht, und wie sich die Fürsten mehr den Fremden
hingaben, deren eigenthümliche Geschenke sie gewannen, wie sie von
ihrer Höhe niederstiegen und ihre Götter selbst zuletzt gegen
Glasperlen und andere bunte Sachen eintauschten, einen anderen _Gott_
anzuerkennen, den ihnen jene schwarzen finsteren Männer brachten, da
war die königliche Macht dahin, wenn auch der äußerliche Prunk noch
blieb, ja für den Augenblick, wie das letzte Aufflackern einer Lampe,
vielleicht noch auf kurze Zeit erhöht und verstärkt wurde.

Was die Königliche Majestät auf den Sandwichs Inseln, wo
Republikanische Missionaire zuerst Gottes Wort hinüberbrachten, erhob,
daß nämlich die Glieder der Königlichen Familie, besonders die
Frauen[G] der Christlichen Religion anhingen, und sie mit dieser Macht
auch das Volk dahin brachten sich zuletzt, wenigstens äußerlich, dem
neuen Cultus zu unterwerfen, das hatte auf den Gesellschaftsinseln, wo
die Priester einer Monarchie zuerst mit dem Kreuz und der Bibel
landeten, die entgegengesetzte Wirkung in dem starren Trotz den die
Pomaren, in ihren Herzen wenigstens, von je der Christlichen Religion
entgegensetzten, bis in späteren Jahren, und auch eigentlich erst
durch Krankheit geknickt und in der Hoffnung mit Hülfe der Weißen die
Zügel seiner Regierung wieder fester in die Hand nehmen zu können, der
zweite Pomare zur christlichen Religion übertrat, sonst aber seine
Sitten, und sehr wahrscheinlich auch im Inneren seinen alten Glauben,
ziemlich beibehielt.

Die Fürsten, die man bis dahin für übernatürliche Wesen gehalten,
wurden _Menschen_, die Götter, die bis dahin die Schicksale der Völker
regiert und die Hand gehalten hatten über Land und See, wurden zu
Stücken Cocosholz, -- der Glaube, die Furcht, ja das Schlimmste von
Allem, die _Liebe_ des Volkes war ein Wahn, ein schöner Traum gewesen,
und daß eben das Volk dann zu Extremen übersprang, läßt sich denken.

Das schlichte Bambushaus, zu dem der Tahitier sonst als dem
Herrschersitz seiner Könige mit scheuer Ehrfurcht aber auch mit Liebe
aufgeblickt, war verschwunden, und an dessen Statt stand ein
Europäisches Gebäude mit Schindeln gedeckt, mit Verandah und Treppe,
mit Thüren und Glasfenstern da, die Wände dicht und der kühlen
Seebrise undurchdringlich, das Dach fremd und unnatürlich in die
schlanken Palmen hineinstarrend -- das Innere dabei wild und
geschmacklos mit bunt und toll durch einander geworfenen Geschenken
verschiedener Schiffe und Länder ausgeschmückt oder eher verstellt,
mit Porcellan und Glas, mit Bronze und Messing, versilberten
Leuchtern, vergoldetem Schmuck, mit Servicen und Geschirren, so
geschmacklos als verwirrt geordnet oder besser gesagt aus dem Weg
gestellt.

Die natürliche Majestät des Ganzen war gewichen und eine gezwungen
gekünstelte jetzt nicht mehr im Stande selbst in den Augen des
Eingeborenen zu imponiren. Die Ehrfurcht deshalb, die er dem
schlichten Bambus und der einfachen Tapa gezollt, und die sich selbst
auf die Pandanus-Matte erstreckte die der Fuß berührte, weigerte er
dem kostbaren Teppich und all jenen tausend und tausend
»Kostbarkeiten,« die er staunend anstarrte, an denen er aber kalt, ja
nicht selten mit einem Lächeln auf den Lippen, vorüberging. Er kannte
die Quelle aus der es floß, Pomare ging nicht mehr mit Oro Hand in
Hand und vor dem _neuen Gott_, wie ihnen die fremden Lehrer oft und
oft gesagt, _waren ja alle Menschen gleich_ -- das Bischen Staat dabei
hatten die Fremden mitgebracht, als Geschenke festen Fuß auf den
Inseln zu fassen, es war Nichts darunter, vor dem man hätte Ehrfurcht
haben können.

Und rücksichtslos wie der Menschen Hand an dem Hermelin der Majestät
gerissen, und nach der Krone schon die Faust ausgestreckt, die Aimatas
Stirn umzog, so hatte der Sturm in seiner tobenden Lust auch seinen
Muth an dem geweihten Platz gekühlt und hineingegriffen in das
Heiligthum.

Wo eine Anzahl dichter herrlicher Palmen auf etwas offener Stelle
wachsend, früher das Bambushaus der Königin überschattet, und einander
dabei zugleich Schutz und Schirm bieten konnten gegen die tollen
Windgeister, die zu Zeiten über die Berge rasten, da hatten die
meisten dieser stattlichen Bäume, dem größeren Gebäude Raum zu geben,
weggeschlagen werden müssen, und die einzelnen, zurückgebliebenen,
waren nicht mehr im Stande dem wilden West zu trotzen, wenn er den
rasenden Ansprung nahm gegen sie, die wehenden Blätter ihrer Krone
faßte und die Wipfel niederbog, scharf und gewaltig, bis fast zum
Boden hin. Hei wie sie da oft zurückschnellten, in Grimm und Unmuth,
dem tobenden Sturm gerad' in die Zähne, und die wehende Krone
schüttelnd in zornigem Trotz; vergebens -- wieder und wieder sauste
die Windsbraut heran, faßte die mächtigen Bäume und drückte sie in
ihrem tollen Spiel zur Erde nieder bis sie die herrlichste geknickt
und mit schwerem Fall zu Boden geschmettert, weit und zerstörend
hinein in Banane und Brodfruchtgarten. Und dann, wie ein unartig Kind,
das sein Spielzeug zerbrochen und bei dem Fall schon die Strafe
fürchtet, brauste der Sturm und tobte dahin, über die mächtigen
Waldeswipfel, daß sein Rauschen und Donnern weit hinein drang in
Berges Schlucht und Hang; aber am Boden lag die Palme zerknickt und
todt, der starre aufgespaltene Stamm kahl und vorwurfsvoll zum Himmel
deutend, und der Wipfel selbst ein traurig Bild zertrümmerter,
königlicher Kraft -- so viel sprechender hier, an der Schwelle der
Pomaren.

Und wie der Sturm schwieg, wogte und drängte draußen das Volk in
wilderem unaufhaltsamerem Schwarm, zum ersten Mal wieder eine Macht
fühlend, die ihm bis jetzt genommen, zum ersten Mal wieder von denen
aufgefordert _selbstständig_ zu handeln, die bis jetzt mit ängstlicher
Sorgfalt jeden ihrer Schritte überwacht, und die Bibel drohend
entgegengehalten jedem freieren, kraftbewußten Wort.

Das Volk _sprach_, und der Palast lag _verödet_; die Thüren standen
offen, oder schlugen im Zug hin und wieder, die im Inneren
angebrachten Europäischen Vorhänge und Gardinen flatterten und wehten
unordentlich aus, und die ~Eïnanas~ Pomares, die dienstthuenden
Hoffräulein der Fürstin selber hatten sich in Furcht und Neugierde
theils mit hinaus an den Strand gedrängt, das fremde Schiff und das
erregte Volk zu sehen, theils standen sie mit flatternden Locken und
Gewändern über die Verandah zerstreut, ihrer Pflichten nicht weiter
achtend, sich ihre Hoffnungen und Befürchtungen mitzutheilen.

Pomare war in ihrem Gemach allein und die Königin stand, an ein
Fenster gelehnt, die linke Hand auf eine geöffnete Bibel, die neben
ihr auf einem kleinen Tischchen lag, die Stirn sinnend in die rechte
Hand gestützt, regungslos und schaute in tiefem Brüten hinaus über die
zerschüttelten Baumwipfel, die ihre Zweige noch nicht wieder
zurechtgefunden aus dem kaum vorübergebrausten Sturm, und wie
ängstlich die weiten grünen Arme ineinander rankten, einem noch immer
mißtrauisch befürchteten neuen Anprall zu begegnen.

Es war eine schlanke edle Gestalt, mit nicht gerade schönen aber doch
wohlthuenden Zügen, und besonders feurigem lebendigem Auge, dessen
Brauen sich nur jetzt, in Sinnen und Unmuth vielleicht, fester und
härter zusammengezogen wie es sich sonst mit den voll und freundlich
geschnittenen Lippen vertrug. Sie ging ganz in die Landestracht
gekleidet, nur daß kostbarere Stoffe ihre Gestalt umschlossen, -- der
~pareu~ war von feinem gelb und roth gestreiften und mit kleinen
Silberblumen durchzogenem Gewebe, und der obere, erst nach der
Bekanntschaft mit den Europäern angenommene weite und vorn bis zum
Gürtel offene Rock, der nur am Handgelenk durch zwei Perlmutterknöpfe
zusammengehalten wurde, war von schwerer blaßrother Seide, um die
Hüften durch eine goldene emaillirte Spange zusammengehalten. Die
Haare trug sie in natürlichen Locken, durch die aber, vielleicht ein
wenig kokett auf die Krone anspielend, ein schmaler goldener Reif
gezogen war, vortrefflich gegen die rabenschwarze Fülle der Locken
abstechend, die ihre Stirn umspielten. An den Fingern blitzten zwei
etwas starke, goldene Ringe, der den Eingeborenen überhaupt liebste
und ehrenvollste Schmuck; ihre Füße aber waren nackt.

Viele Minuten lang blieb sie in der beschriebenen Stellung, starr und
regungslos und nur manchmal war es, als ob sie ungeduldig hinaushorche
nach dem dumpf selbst bis zu ihr herüberwogenden Lärm, indeß die
Finger der linken Hand bewußtlos in dem heiligen Buche blätterten.

»Sie kommen, Pomare, sie kommen,« rief da plötzlich Eines der Mädchen,
den Kopf eben nur zur Thür hereinsteckend und dann wieder, gerad so
rasch verschwindend.

»~Aramai~, ~Eina~!« rief aber die Königin, sich zornig nach der Thür
herumdrehend, in der jetzt, etwas beschämt, das junge schöne Mädchen
wieder erschien und schüchtern stehen blieb -- »ist das jetzt Sitte
hier bei mir geworden, daß Ihr draußen herumlauft, Ihr Tollen, und
eben zu mir hereinstürmt und mir Euere Botschaft unter das Dach ruft,
als ob ich herübergeweht wäre von den Inseln zu windwärts? -- wer
kommt? ~waihine~ und wo sind Deine Gefährtinnen?«

»Tati, der Häuptling, Pomare, mit dem weißen bösen Ferani,« sagte das
Mädchen etwas ängstlich -- »und noch viele viele andere Tanatas.«

»Und die Eïnanas?«

»Stehen draußen und sehen hinaus.«

»Was will Tati von _mir_?« frug die Königin finster, mehr mit sich
selbst redend als zu dem Mädchen gewandt.

»Böse Ferani ist bei Mitonares gewesen,« sagte da das Mädchen leise
und schnell -- »hat sich gezankt mit Mitonares und kommt jetzt zornig
und bös zu Pomare.«

Ein verächtliches Lächeln zuckte um Pomares Lippen, daß die Eïnana den
Ferani fürchtete, aber die Botschaft selber beunruhigte sie doch. Der
Französische Consul verkehrte nie mit den Protestantischen
Geistlichen, die ihn, wie er recht gut wußte, haßten und verabscheuten
-- was hatte er dort zu thun, wenn nicht jene etwas gegen ihn, gegen
seine Nation unternommen, und warum wußte _sie_ noch Nichts davon?

»Die Mitonares haben das Englische Schiff gesehen und glauben sich nun
Herren dieses Landes,« murmelte sie leise vor sich hin -- »aber noch
nicht -- noch nicht -- und das Alles sagt die Bibel, Alles, Alles was
sie wollen.«

Lautes Sprechen auf der Verandah drang von dort herein, und die
Eïnanas, die bis jetzt draußen herum gestanden, schlichen leise in's
Zimmer, während Eine von ihnen die Ankunft des »Ferani ~Me-re-hu~« mit
Tati dem Häuptling meldete. Noch ehe aber Pomare nur die Erlaubniß
seiner Einführung geben konnte, wurde die Thür wieder, mehr
aufgerissen als geöffnet, und der Consul betrat rasch von Tati langsam
und wie scheu gefolgt, das Gemach.

»Habt Ihr die Sitte verlernt, Consul Me-re-hu!« rief ihm aber Pomare
gereizt entgegen, noch ehe er den Mund öffnen konnte zu seiner
Vertheidigung, »daß Ihr zu einer Frau -- daß Ihr zu Pomaren in das
Haus dringt, als ob Ihr daheim wäret in Eurer eigenen Hütte? -- noch
haben Euere Kriegsschiffe meinen armen Thron nicht umgeworfen, und
Euere Soldaten mein Volk erschlagen, oder Euere Priester es bethört --
geht fort von hier, Ihr seid ein unruhiger böser Mann -- und was will
Tati von seiner Königin, daß er mit dem Fremden über ihre Schwelle
bricht, wie ein Dieb bei Nacht?«

»Nicht meinetwegen komme ich, kommt Tati hier zu Dir, Pomare!«
unterbrach sie hier Mörenhout, ohne Tati Zeit zu geben, sich selber zu
vertheidigen -- »Deinet-, Deines Reiches wegen sind wir hier, das
Deine tollen Priester im Begriff sind zu verderben.«

»Consul Me-re-hu!« rief Pomare entrüstet.

»Ja Pomare!« fuhr aber der Franzose in zornigem Eifer fort, »und
wiederholen muß ich's Dir, daß Deine Priester in diesem Augenblick
selbst daran arbeiten den Bruch unheilbar zu machen, den sie zwischen
diesem Land und Frankreich reißen. Auf die Bibel gestützt, der sie in
blindem Eifer, nicht rechts nicht links sehend, anhängen, predigen und
schreien sie daß sie dieser folgen, während es im Grund nur ihre
eigene starrköpfige Meinung ist, der sie das Banner vorantragen.
Gottes Zorn wollen sie dabei in ihrer Macht haben, während in ihrem
eigenen Lager Unfriede, Streit und Feindschaft, Neid und Habsucht
herrschen.«

»Und seid Ihr nur hier hergekommen meine Prediger und Gottes Wort zu
lästern, Consul?« frug die Königin kalt.

»Hierher gekommen Dich zu _bitten_ ihren Uebermuth zu steuern!« rief
Mörenhout, »Dich zu _warnen_ ihrem Einfluß, der der Französischen
Nation ein durchaus feindlicher ist, gerade jetzt, wo sie in
kurzsichtigem Triumph den Sieg in Händen zu haben glauben, nicht zu
viel Raum zu geben.«

»Warnen,« wiederholte Pomare verächtlich, und drehte dem Consul halb
den Rücken -- »und was sagt Tati? hat der erste Häuptling Tahitis dem
Fremden das Wort überlassen?« fuhr sie aber rascher fort als sie
diesen mit verschränkten Armen und finsterem Blick still zur Seite
stehen sah.

»So lang er das rechte spricht, warum nicht?« sagte der Häuptling
ernst -- »es ist dasselbe um das ich Pomare bitten wollte -- er hat es
Dir kund gethan.«

»Und was _wollt_ Ihr von mir?« rief die Königin, jetzt wirklich
beunruhigt durch das ernste Aussehen der Männer, »was ist geschehen,
was haben die Mi-to-na-res gethan?«

»Die Mi-to-na-res thun nie etwas,« sagte der Consul, aber jetzt weit
ruhiger als vorher, »sie stecken sich nur hinter die Masse, reizen mit
ihren Reden das Volk auf, und sind dann unschuldig wie die Kinder,
wenn der Saame aufgeht, den sie erst selbst gepflanzt.«

Die Königin machte eine ungeduldige Bewegung und Tati, der wohl sah
daß der Consul, in seinem Zorn über die Missionaire gar nicht zum
Hauptpunkt kam, fiel da ein:

»Sie sind unklug genug das Volk dazu zu treiben, daß es die
Französische Flagge niederreißt.«

»Und welches Recht hat sie, hier zu wehen?« frug Pomare rasch.

»Dem mit Dir selbst geschlossenen Vertrage nach!« rief der Consul.

Tati biß sich auf die Lippen und entgegnete nur trocken:

»Das Recht des Stärkeren, ich weiß von keinem anderen.«

»Von keinem anderen?« frug der Consul erstaunt, und drehte sich rasch
nach dem Häuptling um -- »habt Ihr nicht selber mit den Vertrag
unterschrieben, der ihm es sichert?«

»Eben weil Ihr die Stärkeren seid habt Ihr das Recht,« sagte der
Häuptling finster, »denn der Vertrag war in anderem Sinne, als Ihr ihn
auszubeuten wünscht, und wäret Ihr ein kleines Reich wie wir, würde
die Frage gar nicht sein um ja und nein, die Kriegskeule möchte dann
entscheiden welches Landes Flagge in der Brise flattern dürfte. So
aber, und weil mir ahnt _was_ Ihr begehrt, nicht etwa weil ich ein
Freund des Königs der Feranis bin, komme ich hierher und verlange von
Dir, Pomare, das Volk zurückzuhalten, daß es nicht muthwillig wieder
fremden Schiffen die willkommene Gelegenheit bietet die Hand nach
diesem Reiche auszustrecken. Die Priester tanzen um ihr Heiligthum und
sehen in die Flamme -- bis sie eben nichts weiter sehen und für alles
Andere, was außer ihnen vorgeht, blind sind; was kümmert sie Pomare
oder Tahiti, wenn sie Leute finden die in ihrem großen Buch lesen und
ihnen Früchte und Cocosöl bringen. Kaufleute von dem Lande der Feranis
sind gekommen und sie haben Nichts gesagt -- Priester kommen jetzt von
dort, und sie schreien daß Gott das Land mit Feuer und Schwefel
ausrotten würde; warum? weil die anderen Priester auch Ferkel haben
wollen zum Backen, und Brodfrucht zum Rösten -- weil sie auch _Worte_
eintauschen wollen gegen Körbe voll Früchte und Hühner und Schweine.«

»Aber wie kann ich's hindern?« sagte Pomare unschlüssig -- »Ihr wilden
Männer selber habt mich in ihre Hände gegeben, mit Euerem Zorn und
Ehrgeiz, und ich _will_ mich dem Ferani nicht beugen.«

»Und wer sagt daß Du es sollst?« rief Tati schnell -- »aber eben so
wenig der Flagge der Beretanier.«

»Die frommen Männer künden das Wort Gottes, nicht Beretaniens,«
entgegnete Pomare.

»Ei beim Donner, laß sie das denen sagen die es glauben!« trotzte der
Häuptling -- »ihr eigener Bauch ist ihr Gott, und die Bibel halten sie
vor, ihn zu verstecken. Waren die Häuptlinge in alten Zeiten den
Göttern oder den Priestern unterthan? und wäre der neue Gott so wenig
mächtig, daß wir vor seinen Dienern nur allein die Furcht und
Ehrfurcht haben sollten?«

Die Königin wollte reden, aber das Wort gebrach ihr in dem Augenblick,
dem zu erwiedern, und der Häuptling fuhr mit ruhiger, ja fast bewegter
Stimme fort:

»Ich weiß daß sie alle Deine guten Eigenschaften, aber auch all Deine
Schwächen in das Feld gerufen haben, ihnen zu dienen; Dein gutes Herz
gewann Dich ihrem Gott, Dein Stolz, das Erbtheil Deines Stammes
unterstützte sie in dem Kampf mit Deinen Feinden. -- Sieh mich nicht
so an, Pomare, ich gehörte nie dazu, und wenn auch das Blut meiner
Väter, der alten und rechtmäßigen Fürsten dieser Inseln in meinen
Adern rollt, und mich Deinem _Stamm_ gegenüberstellte, hab ich Dich
selber stets geachtet und -- verehrt; aber weh, tief im Herzen weh thut
es mir den Häuptlingsstab aus unserer Faust gerissen zu sehen, nicht
eine andere würdige Hand zu schmücken, sondern einer Schaar Fremder
zum Stock zu dienen, mit dem sie ihre Heerde zusammentreiben. Mit Zorn
und Schmerz füllt mich der Gedanke jene finsteren Priester in unserem
schönen Lande herrschen zu sehen, weil wir selber nicht einmal den
Muth hatten, uns nur einander die Hand zu reichen.«

»Aber ihre Religion ist die des Friedens,« sagte Pomare.

»Und ihre Worte, ihre Lehre die des Kriegs!« rief der Häuptling mit
wieder zusammengezogenen Brauen -- »was auch stehen sie zwischen uns,
wer gab ihnen das Recht zu entscheiden und zu richten in diesem Land?
-- die Bibel? -- wir haben sie jetzt selber, nicht _ihr_ Verdienst ist
es _daß_ sie hier hergekommen, wenn sie selber überhaupt Wahrheit ist,
denn die Priester beweisen aus ihr, daß sie Gott selbst gesandt. So
nimm die Zügel wieder in die Hand, Pomare, wähle die, so es gut und
redlich mit dem Lande meinen, die aber auch an dieser Küste geboren
sind, zu seinen Richtern, und hier mein Wort, meine Hand, daß Tati nie
ein Korn von Eifersucht mehr in seinem Herzen nähren und Dir treu und
ehrlich zur Seite stehen wird mit besten Kräften.«

»Sag es ihm zu, Pomare, er meint es gut mit Dir,« bestätigte hier der
Franzose des Häuptlings Worte, die Königin aber, die schon halb
unschlüssig gestanden, und den Blick, wie im inneren Kampf an den
Boden geheftet hielt, sah plötzlich zu dem Fremden auf und sagte
finster:

»Dein Rath, Me-re-hu, hat noch nie diesem Lande gut gethan; Du
sprichst nicht mit Tati, indem Du für ihn sprichst.«

»Ich verstehe Euere Wortspiele nicht,« sagte der Consul unwillig, den
die Zurückweisung der Indianerin verdrossen -- »aber ich weiß daß es
Tati gut mit Dir meint, und daß ich selber in diesem Augenblick
weniger im Interesse Frankreichs als dem Deinigen spreche -- willst Du
Nichts wissen davon, so thue meinetwegen was Du nicht lassen kannst,
schreib Dir dann aber auch selber die Folgen zu.«

»Ich habe bei dem was ich je beschloß noch nie die Folgen gefürchtet,«
sagte Pomare ruhig -- »aber was wollt Ihr daß ich thue, was ich
verhindern soll? -- Ihr sprecht Beide wild auf mich ein und macht mich
irre, anstatt mich aufzuklären.«

»Verhindern sollst Du,« rief der Consul da, »daß Deine Leute, in
Deinem Namen die Flagge Frankreichs niederreißen und die Deinige dafür
wehen lassen.«

»Und wessen Flagge hat das meiste Recht dazu?« frug Pomare, dem
Französischen Consul fest in's Auge sehend.

»Das meiste Recht die Deine, allerdings,« fiel aber hier Tati ein, ehe
Mörenhout etwas darauf erwiedern konnte, »aber nicht die meiste
Gewalt, Pomare, und nicht muthwillig sollst Du Dir einen Feind
schaffen, wo Du Dir keinen Freund dafür gewinnst, Dir beizustehen.«

»Habt Ihr das Englische Schiff gesehen?« frug Pomare rasch und mit
triumphirendem Lächeln -- »habt Ihr gesehen, wie es hier einlaufen
wollte und nur durch den Westwind und die Brandung daran verhindert
wurde? -- wißt Ihr was es bringt?«

»Nein, so wenig wie die Mitonares,« sagte Tati unwirsch, »die
Schwarzröcke behaupten freilich es brächte mit seinen Kanonen Frieden
für diese Inseln, aber ihre Köpfe reichen auch nicht höher als die
unseren, und sie können nicht sehen was im Bauch des Schiffes liegt,
ob Frieden, ob Krieg, oder wahrscheinlicher noch volle
Gleichgültigkeit wie wir es treiben hier auf den Inseln. Was wissen
die Capitaine solcher Schiffe von der Politik unseres oder ihres
Landes, wenn sie nicht ganz besonders abgeschickt werden? so wenig wie
unsere Fischercanoes wissen, was Pomare denkt oder thut.«

»Aber wenn die Mitonares nun doch recht hätten?« sagte Pomare, mit
einem halb triumphirenden Seitenblick auf den Französischen Consul.

»Du zögerst hier mit solchen Vermuthungen,« rief aber dieser jetzt
ungeduldig, »bis draußen _geschehen_ ist, was wir hier verhindern
wollen; hörst Du den Lärm, das Toben Deiner frommen christlichen
Unterthanen? -- wenn die französischen Kugeln hier herüberschmettern,
wirst Du zu spät bereuen unsere Bitten nicht erhört zu haben.«

»Nennt Ihr das bitten, wenn Ihr mit Kanonen droht?« rief unwillig
Pomare.

»Und weisest Du uns ab?« frug Tati leise.

»Nein Tati, nein,« sagte Pomare schnell, sich zu ihm wendend und seine
Hand ergreifend, »gehe Du nicht fort im Unmuth von hier, denn ich
fühle wie schwer es _Dir_ geworden zu mir zu kommen. Ach wenn wir
selber unter einander einig wären, wenn nicht Neid, Haß und Eifersucht
uns entzweite, wir könnten ein festes Reich bilden, selbst gegen den
stärksten Feind. Unsere Berge sind hoch, unsere Schluchten steil, und
daß unsere jungen Leute kämpfen können haben sie in früheren
Schlachten bewiesen; aber wie die Religion unsere Familien entzweite,
und den Bruder gegen den Bruder in den Kampf rief, so hat ein
Mißverständniß jetzt vielleicht auch die Stämme selber einander
entfremdet, und Pomare wird nimmer die Hand zurückstoßen, die sich ihr
_freundlich_ entgegenstreckt -- nur der Drohung kann ich nicht
weichen, vielleicht _weil_ ich eine Frau bin, und mache Du mir denn
Vorschläge, wie wir am Besten einig und friedlich zusammen stehen,
ohne aber auch dem Ferani einen Rang zu gönnen der ihm nicht gebührt,
den ich nicht von ihm gefordert habe -- unser _Beschützer_ zu sein.«

»Der da oben im Himmel wohnt, wie auch sein Name sein mag,« sagte Tati
ernst, »weiß daß ich dem Ferani nicht seiner selbst wegen die Hand
geboten, die stolzen Mitonares trieben mich dazu; aber willst Du mit
Deinem Volk Hand in Hand gehen, so laß jetzt kein eigenmächtig tolles
Handeln den Fremden beleidigen, bis wir uns friedlich mit ihm
verstanden. Was unsere Eifersucht hier gefehlt, kann jetzt noch die
Eifersucht der beiden fremden Nationen, der Beretanis und Feranis,
wieder ausgleichen, wir haben beider Gierde gleich zu fürchten.«

»Die Beretanis haben uns noch nie gedroht,« sagte Pomare.

»Ich will nicht urtheilen über sie -- ich kenne sie nicht,« sagte der
Häuptling finster, »aber je mächtiger sie sind, desto mehr entfernt
haben wir uns von ihnen zu halten -- der Hai theilt keine Beute mit
dem Delphin.«

»Ich habe nicht befohlen der Fremden Flagge niederzureißen,« sagte
Pomare nach kurzem Sinnen -- »sprich mit den Mitonares, Tati, sie
werden es nicht dulden.«

»Die Mitonares,« sagte der Häuptling höhnisch, »und zu ihnen schickst
Du mich, Dein Reich zu regieren, vielleicht bei ihnen anzufragen, was
sie für gut finden zu thun, ob Pomare herrschen soll oder ein Priester
auf Tahiti? eher möge die Zunge hier verdorren.«

Wilder tobender Lärm und lautes Jauchzen scholl in diesem Augenblick
zu ihnen herein, und ein Läufer der Königin, der oben über Papetee
postirt gewesen, den Lauf des fremden Schiffes zu bewachen, kam,
unterwegs schon die frohe Nachricht verbreitend, jetzt zurück, Pomaren
zu melden daß das fremde Kriegsschiff, von den Riffen frei, gewendet
habe, und nun Segel setze den Hafen, so wie der Westwind nachlasse, zu
erreichen. Zugleich aber wurden auch draußen Stimmen laut und der
ehrwürdige Mr. Rowe, von dem Bruder Brower gefolgt, öffnete, ohne
vorher eine Meldung für nöthig zu halten, rasch die Thür, auf deren
Schwelle er jedoch überrascht stehen blieb als er die beiden, seinen
Interessen so feindlichen Männer hier erblickte.

»Pomare mag der freudigen Botschaft verzeihen,« sagte rasch gefaßt und
mit einem freundlich demüthigen Ausdruck in den Zügen, trotzdem aber
auch mit einem rasch vorübergehenden, aber doch scharfen und etwas
boshaften Seitenblick auf den Consul Frankreichs, der ehrwürdige Mr.
Rowe, indem er nach den vorn hinausführenden und jetzt verhangenen
Fenstern zeigte, »da draußen wogt und drängt ein fröhliches,
glückliches Volk, ein Volk dem heute sein bedrängter Glaube
wiedergegeben.«

»Was giebts, was ist es?« frug die Königin schnell.

»Einzelne wollen auf dem Englischen Kriegsschiff das wieder gewendet
hat und hier her zu steht,« fiel Bruder Brower in die Rede, »neben der
Englischen die Tahitische Flagge erkannt haben.«

Der Königin Augen glänzten in befriedigter Eitelkeit, und ihr Blick
flog rasch von Tati auf den Consul Frankreichs hinüber, der aber nur
den Missionair scharf beobachtete und aus dessen Zügen die Wahrheit
oder versteckte List herauszulesen suchte -- es war ihm
unwahrscheinlich daß ein Englisches Kriegsschiff, noch Meilen weit vom
Hafen entfernt, die Landesflagge eines so kleinen Inselstaates neben
der eigenen Flagge hissen sollte, -- und was dann war der Zweck einer
solchen _Erfindung_?

»_Einzelne_?« wiederholte er fragend, das Wort scharf betont, »und
darüber erheben die Kanakas draußen einen solchen Lärm, daß _Einzelne_
irgend ein Privatsignal des Kriegsschiffes für die Tahitische Flagge
genommen haben?«

»Das Volk begrüßt den Freund und Beschützer seines Glaubens,«
erwiederte der Geistliche, halb abgewendet von dem Consul, dem
eigentlich die Erwiederung galt -- »es weiß sich jetzt frei von jeder
Angst und Besorgniß, und hat keinen Feind weiter zu fürchten.«

»Gott schütze es vor seinen _Freunden_!« sagte Mörenhout finster.

»Wir können gehen, Me-re-hu!« sagte Tati, der indessen an die
verhangenen Fenster getreten war, und den Vorhang zurückgeschoben
hatte, während er nach außen deutete, »da seht.«

Alle wandten sich dorthin, wo am Strand ein bunter Zug von Männern und
Mädchen, hie und da mit englischen Matrosen gemischt, niederwogte,
voran dem Zuge aber sprang ein halbnackter Bursche, jubelnd und
jauchzend die zerrissene Französische Flagge tragend, die er um den
Kopf schwenkte und mit wilden Gesticulationen, denen das
Beifallsgetobe der Menge nicht fehlte, eine ihrer gewöhnlichen Hymnen,
die natürlich zu Volksmelodieen geworden waren, sang, und sich nur
dazu seine eigenen Worte extemporirte.

»Ich glaube fast daß die Leute Herrn Mörenhout suchen,« sagte der
ehrwürdige Bruder Rowe mit einem nichts weniger als ehrwürdigen
Lächeln, »ihm die Reste seines Reiches zuzustellen.«

»Alles Blut das dieser Handlung folgt komme über Sie und Ihre
Genossen!« rief aber der Consul mit zornblitzenden Augen, und verließ
rasch das Gemach.

Tati zögerte noch, er sah nach der Königin hinüber, aber Pomare hielt,
in Schaam und Unmuth, den Blick an den Boden geheftet, und sah nicht
zu ihm auf: da seufzte der Häuptling tief tief auf, und verließ, ohne
den Priester auch nur eines Blickes zu würdigen, langsam das Haus. Der
Prediger aber faltete die Hände, und die Augen zur Decke erhebend
begann er, ohne die Gegenwart Pomares weiter zu beachten, mit lauter
und brünstiger Stimme ein Dankgebet, des Inhalts, daß Gott die
Götzenbilder nun zerstöret hätte mit mächtiger Hand, den Feind
ausgetrieben, der seinen Namen verleugnet, und Hülfe gesandt habe
seinem Volke in der Noth, es zu erlösen von der Gefahr und frei und
glücklich zu machen in Seinem Glauben.

Pomare unterbrach ihn mit keiner Sylbe, und während sich die mit den
Missionairen hereingekommenen Eïnanas leise und geräuschlos der Thür
zuschoben und durch dieselbe verschwanden, den lärmenden Zug draußen
mit anzusehen, der ihnen interessanter war, als das Gebet des
finsteren Mannes, stand Pomare still und regungslos und nur ihr Blick
hob sich endlich langsam und scheu zu dem Antlitz des fanatischen
trotzigen Priesters, der hier Demuth gegen Gott heuchelte, dessen
eigene Gebote der Liebe und des Friedens er eben mit Füßen getreten.

»Wer gab den Befehl, die fremde Flagge niederzureißen?« sagte sie
endlich mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme, als der
Betende schwieg und die Blicke nur noch wie in Verzückung an der Decke
haften ließ.

»Der Herr,« antwortete der Geistliche mit vertrauungsvoller Stimme,
ohne den Blick zu der Fragenden niederzusenken -- »Deine Feinde sind
geworfen, Pomare, denn der Herr ist mit Dir!«

Pomare biß sich auf die Lippen, sie rang mit sich dem Priester
gegenüber als Königin aufzutreten, den Fremden fühlen zu lassen daß er
mit der Fürstin dieses Landes spräche, in deren Zimmer er sich
gedrängt und deren Reich er nicht der Bibel, nein sich selber und
seinen Genossen unterworfen hatte; aber die alte Scheu vor dem
Uebernatürlichen, als dessen Vertreter sie die finsteren Fremden sah,
war auch selbst jetzt zu stark, und sich abwendend sagte sie nur mit
zitternder, tief erregter Stimme:

»Gott gebe es; aber ich fürchte Ihr habt nicht gut gethan. Mein Volk
ist entzweit, mein Reich bedroht, und was bin ich selber schon, wenn
erst fremde Kriegsschiffe sich um die Oberherrschaft dieser Insel
streiten? -- Nein, nein,« rief sie rasch, als der Geistliche schon die
Hand zu neuer Rede hob, »sprich mir nicht jetzt wieder all Deine schon
so oft gehörten Klagen und Drohungen -- sage mir jetzt nicht die
Verse Deines Buchs, das Du bis auf den letzten Buchstaben auswendig
kannst; ich begreife Dich doch nicht und mein Herz ist jetzt recht
voll und schwer -- ich fürchte mir ist heute ein großes Leid
geschehen, und hättest Du mich mit Tati versöhnen lassen, es wäre
besser für Tahiti gewesen. Geh jetzt, da draußen seh' ich Deine Brüder
-- ich glaube sie wollen zu mir, aber ich will sie jetzt nicht
sprechen, die Zeit muß entscheiden ob Ihr bös gethan habt oder übel,
aber mir ist recht traurig zu Sinn. -- Geh' jetzt, sag' ich,« rief sie
entschiedener, als der geistliche Herr sich noch immer nicht abweisen
lassen wollte, und ihr Fuß stampfte zornig den Boden -- das Blut der
Pomaren gewann die Oberhand.

»So möge Dich der Herr erleuchten,« sagte der fromme Mann, »möge Dir
seinen Frieden geben und Seine Sanftmuth und Dich erkennen lassen was
er an Dir gethan in Seiner Liebe und Herrlichkeit -- Amen.« Und mit
gefalteten Händen und vorwärts geneigtem Haupt verließ er langsam das
Gemach. Pomare aber schloß die Thür, stützte die Stirn in ihren Arm
und weinte bitterlich.

       *       *       *       *       *

Draußen indessen hatte ein wilderes Spiel stattgefunden, als selbst
Mörenhout vermuthet; von den Missionairen war nämlich der ehrwürdige
Bruder Smith mit nach der über Papetee ausstreckenden Landzunge
gegangen, dort die Bewegungen des fremden Kriegsschiffes rascher und
deutlicher übersehen zu können. Mit einem guten Glas bewaffnet
erkannte er denn auch bald daß das Schiff plötzlich wieder beidrehte
und trotz des noch hohen Seegangs, und nur erst einmal von den Klippen
frei, wieder Segel auf Segel setzte, nicht einen Fußbreit mehr
aufzugeben, als es gezwungen war. Jedenfalls schien es nach Papetee
bestimmt, dem es auch wieder zuhielt, und neben der noch wehenden
Flagge stiegen jetzt mehre Signale auf, von denen eines allerdings der
Tahitischen Flagge glich, auf die Entfernung hier aber kaum genau
bestimmt werden konnte.

Die Missionaire sind von je her nicht ihrer nautischen Kenntnisse
wegen berühmt gewesen, wie sie denn auch, um das Kap der guten
Hoffnung die Inseln erreichend, den Tag nicht zählten den sie auf dem
180sten Grad von Greenwich aus gen Osten segelnd, gewannen, und den
Insulanern den Sonnabend für den Sabbath brachten, wodurch später eine
heillose Confusion entstand. Ob nun Bruder Smith auch hier die
Tahitische Flagge wirklich zu erkennen glaubte, oder ob er seine
sonstigen Absichten dabei hatte den ihn umstehenden Insulanern eine,
wie er sich wohl denken konnte, freudige Nachricht mitzutheilen, kurz
von ihm zuerst ging das Gerücht aus, das Englische Kriegsschiff das
wieder auf den Hafen zu halte, zeige die Tahitischen Farben, und das
genügte natürlich, dem jauchzenden Volk die frohe Kunde zu bringen daß
die Schiffe der Beretanier ihnen beistehen würden gegen den jetzt
gebrochenen Uebermuth der Wi-Wis -- wie sie nun wieder trotzig und
lachend genannt wurden.

Von Mund zu Mund lief die Mähr, und wie das mit allen derartigen
Gerüchten ist, wurde bald übertrieben in's Unmögliche. Nicht mehr blos
ihre Flagge, ihre Religion zu schützen gegen die Uebergriffe der
Papisten, nein auch frühere Unbilden sollte sie rächen. Die Wi-Wis
mußten jetzt das Geld wieder herausgeben, daß sie erpreßt, und Pomare
bekam von den Beretanis, als Schadenersatz, das Französische
Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~ geschenkt, die gerade im Hafen vor
Anker lag. Wie Kinder lachten und schwatzten die Insulaner
durcheinander, träumten sich ihre Lieblingsbilder herauf, am hellen
Tag und bauten sich Schlösser so bunt und farbenreich in die Luft, daß
sie die Zukunft darüber vergaßen und Vergangenheit und, überhaupt nur
gewohnt den Augenblick zu benutzen, dem nach auch handelten.

Während ein Theil anfing eine alte Tahitische Hymne nach dem Takte
eines weit älteren Englischen Liedes »~old hundred~« abzusingen,
sprang eine andere Gruppe, in ihrer Herzensfreude selbst die Gefahr
nicht achtend von den Missionairen dabei überrascht zu werden, zu
ihrem Nationaltanz an, und der Klang der Trommel mischte sich mit dem
frommen Lied der Singenden in wunderlicher, eigenthümlicher Weise.

Anders aber und wilder gestaltete sich die Versammlung am unteren
Theil von Papetee; etwa zweihundert Schritt von da entfernt, wo die
Französische Flagge, vor dem Hause des Consul Mörenhout, zwischen
einer kleinen Gruppe hochstämmiger Cocospalmen und über ein Dickicht
dunkelgrüner Brodfruchtbäume auswehte, hatten sich Einzelne der
Missionaire, unter ihnen Dennis und Brower, gesammelt, und sprachen
auf dem offenen Platz in lautem Gebet ihren Jubel aus über den Sieg
der Bibel gegen das Pabstthum. Viele der angesehensten Häuptlinge
standen in ihrer Nähe, unter ihnen Aonui und Teraitane, wie der noch
immer halb wilde und trotzige Fanue, und wenn Einzelne auch gern in
ihren Jubel mit einstimmten, fraß es Andere wieder am Herzen _daß_
eben fremde Schiffe bei ihnen den Ausschlag geben sollten, und nicht
mit Unrecht sahen sie die Priester als die gerade an, die fremden
Einfluß herbeigezogen hatten ihre Privatangelegenheiten zu regeln,
ihre Gesetze zu bestimmen, und mit einem Wort, ihr Land zu regieren.

»Auf's Neue!« rief da der ehrwürdige Bruder Dennis in seinem glühenden
Eifer für das Wohl seiner Kirche, »auf's Neue hat der Herr der
Heerschaaren seine Hand ausgestreckt über die Häupter der Gläubigen,
und er wird die zum zweiten Mal in diesen Bergen aufgerichteten Götzen
zu Boden schleudern, wie er sie das erste Mal seine Macht und
Allgewalt hat fühlen lassen. _Noch_ weht da drüben die dreifarbige
Fahne der Papisten, noch flattern die feindlichen Farben in der
scharfen Brise, aber wie der stürmische West in kurzen Stunden dem
stillen herrschenden Passat weichen wird und muß, so wird auch jenes
Schiff da, dessen weiße Segel unserer gastlichen Küste jetzt
entgegenblähen, unser Land von dem Schimpf reinigen, einer anderen
Macht zu gehorchen als der Bibel, einer andern Gewalt unterthan zu
sein, als dem Lamm Gottes und dessen unendlicher Huld.«

»Wenn denn das Wehen jener Flagge Euch so entsetzlich härmt,« rief da
Fanue, der jetzt bis dicht hinan zu dem Betenden getreten war und mit
untergeschlagenen Armen und fest auf einander gebissenen Zähnen den
Gesticulationen des frommen begeisterten Redners zugeschaut hatte,
»ei zum Wetter, warum faßt Ihr sie nicht und werft sie zu Boden?«

»Das ist _unsere_ Pflicht!« rief aber da, dazwischentretend, der den
Missionairen ganz ergebene Aonui -- »nur eine Pflicht der Dankbarkeit
war es, an die uns die Rede des würdigen Mannes mahnt, England nicht
durch das stolze Wehen jener Flagge länger beschimpft zu sehen.«

»England?« rief Fanue laut und trotzig, den Häuptling mit zürnendem
Staunen betrachtend.

»Ja England!« wiederholte aber dieser, unbekümmert um den Zorn seines
Landsmannes, »England, das uns zu Menschen gemacht, das unsere Seelen
ewiger Qual entriß, und uns die _Bibel_ sandte, die heilige Schrift,
das Buch Gottes, Freunde, das Wort von Seinem eigenen Mund diktirt.
Wir haben _Alles_ damit erlangt was wir brauchen, und in uns selber
zurückgezogen, kann die feindliche Macht unsere Körper tödten, aber
unsere Seelen sind unsterblich, und liegen außer ihrem Bereich.
Deshalb aber schon wäre es schlecht, wäre es undankbar von uns, das
Land, was uns so reich, so glorreich beschenkt, auf unserem Grund und
Boden, vor unserer Thüre beleidigt zu sehen, und im Vertrauen auf
Jehovas Schutz bin ich bereit, die stolze Flagge, die über Baals
Götzendienste weht in den Staub zu werfen.«

»Halt Aonui!« fiel ihm hier, seinen Arm ergreifend, der schon dem
Worte die That wollte folgen lassen, der bedächtigere Teraitane in die
Rede, »das wäre voreilig und -- unvorsichtig gehandelt. Ich schütze
den Freund, wenn er abwesend ist und sich nicht selber schützen kann,
weshalb jetzt? -- England hat seinen Vertreter hier -- eine eigene
Flagge und zwei große Schiffe, und wenn es sich beleidigt glaubt, mag
es selbst die fremde Flagge niederwerfen.«

»Und seine eigene dafür aufpflanzen, nicht wahr?« rief rasch Fanue.

»Die Englische Flagge ist noch stets eine Flagge der Liebe und des
Friedens gewesen,« fiel hier freundlich, den Streit der Insulaner zu
beschwichtigen, der ruhigere Missionair Brower in die Rede.

»Aber dieß ist Tahitischer Grund und Boden,« zürnte Fanue, »was würde
die Königin der Beretanis sagen, wenn wir hinüberkommen wollten in ihr
Land, und Pomares Flagge aufpflanzen, auf ihren Wällen? -- Sie würde
sagen: was wollen die fremden Männer hier in _meinem_ Land? schickt
sie fort denn ich habe selber eine Flagge.«

»England hat uns die Bibel gebracht,« sagte aber auch Potowai, ein
anderer Häuptling, der hinzutrat, »und wenn ich je ein anderes Land
als über uns stehend anerkennen werde, so kann und soll das immer nur
England sein.«

»Aber Brüder, liebe Brüder,« rief da Dennis in frommer Begeisterung,
»wohin verirren wir uns? -- und glaubt Ihr daß wir, Euere Lehrer, etwas
anderes wollen können als Euer Wohl? -- Handelt es sich denn hier
darum, der Englischen Flagge Euch unterthan zu machen, oder Euere
eigene von Schmach und Knechtschaft zu retten? -- wollen wir Euch denn
England unterwerfen, und nicht vielmehr Euch frei machen, im Geist und
in der Wahrheit, und keinen Zwang dulden, weder auf Euerer Seele, noch
auf Eueren Körpern, als den, den Euch Gottes Liebe selber auferlegt,
»denn mein Joch ist leicht,« sagt der Herr. Mit der Einführung aber
der fremden Baalsdiener, mit ihren Rauchpfannen und ihrem
Bilderdienst, der sich nicht halten konnte hier auf den Inseln,
zwischen den frommen Bewohnern, die ihren Gott erst einmal erkannt,
ist jene feindliche Flagge aufgerichtet, und nur erst wieder mit ihrer
Wegnahme können wir, Euere Lehrer, je wieder hoffen Eueren Geist all
jenen feindlichen Eindrücken fern zu halten, der sich jetzt in so
gewaltiger Kraft geltend macht.«

»Nun dann werft sie selber nieder!« brummte Fanue trotzig -- »weshalb
uns dazu brauchen wollen?«

»Das ist kein Amt der Diener Gottes!« sagte da Bruder Brower schnell
-- »wir haben es stets vermieden uns in die politischen Verhältnisse
dieses Reiches einzumischen, und werden jetzt nicht -- «

»Das _lügst_ Du stolzer Priester,« schrie ihm aber da der Häuptling
entgegen, mit glühenden Augen den trotzig emporfahrenden Missionair
messend, während seine Freunde auf einer, die dem Geistlichen
anhängenden Eingeborenen auf der anderen Seite dazwischen traten,
Frieden zu halten unter den beiden Streitenden.

Der beleidigte Missionair wollte im Anfang, und vielleicht auch mit
gereizter Rede etwas darauf erwiedern, Dennis aber ergriff seinen Arm
und flüsterte ihm leise einige Worte zu, und selbst wohl das
Unschickliche heftiger Worte einsehend, sagte er gleich darauf ruhig
und mit milder Stimme:

»Herr vergieb ihm, denn er weiß nicht was er thut!«

Eben diese Ruhe aber reizte den alten greisen Häuptling, und Aonui und
Potowai, die ihn zu besänftigen suchten, von sich werfend, rief er
laut und trotzig:

»Rolle nur Deine Augen, und wirf Dich in den Staub vor Deinem Gott;
mache das Volk dabei glauben daß Du vom Geist erleuchtet, und Dein
Mund ein Orakel seines Willens sei -- spiele Dein Spiel, wie es Dich
freut, aber wolle nicht _Männer_ kirren mit falschem Trug. Dein Gott
hat gedonnert und geblitzt, wie es _unsere_ Götter thaten vor ihm,
aber er schleuderte seine Donnerkeile zwischen die ~feis~ in den
Bergen, und die Du seine Feinde nennst, blieben unberührt -- sollen
_wir_ unser Blut daran setzen, wo er selber seine Waffen nur im
Scherze braucht? -- _wenn_ wir die Streitaxt aufgreifen, die begraben
sein müßte für immer, wenigstens zwischen _Euch_, wäre Euere ganze
Religion nicht eine Lüge, so geschieht es für unser _Land_, nicht für
Eueren Glauben, und Gottes Zorn, ich mag über dem weder die Flagge
Beretanis noch der Feranis wehen sehen! Ihr aber« -- sich jetzt zu
seinen Landsleuten wendend, von denen Einige im stummen Entsetzen und
mit emporgehobenen Händen standen, zürnte er laut -- »ruft mich, wenn
Ihr mich braucht, nur nicht zum Singen und Beten, sondern wenn es
gilt, das Vaterland wieder rein zu fegen, von Allem was fremd und
feindlich ist, und Fanue ist Euer Mann; aber hierher taugt er
_nicht_!« und mit den Worten, den Tapamantel fester um sich ziehend,
verließ er rasch und zornigen Schrittes den Trupp.

»Ein wilder Geist, ein unbändiger Geist, den der Herr erleuchten, und
auf ihn das Licht Seiner Gnade recht bald ausgießen möge,« sagte
Brower mit einem frommen Blick nach oben, »ich will recht warm und
brünstig für ihn beten.«

»So Dich Dein Auge ärgert, reiß es aus!« zürnte aber Dennis, mit dem
linken Arm die Bibel, die er damit hielt, fester an sich ziehend, die
Rechte dorthin gestreckt, wo der zornige Indianer eben verschwunden
war, und die Zurückgebliebenen noch standen ihm nachzuschauen, »und
wie der dürre Feigenbaum aus dem Boden gehoben, und in's Feuer
geworfen werden muß, so sollen die Glieder dieser Kirche gerichtet
werden, die abtrünnig und dürr am Stamm stehen.«

»Und glaubt Ihr, Brüder, daß wir Anderen eben so denken wie Fanue?«
schrie Aonui jetzt in wilder Begeisterung -- »glaubt Ihr, daß _wir_
nicht sterben könnten für den Glauben, für den Jesus Christus vor uns
gestorben ist? -- Jene Flagge da weht feindlich auf uns herüber,
feindlich auf die Bibel, die wir als Gottes Wort erkennen, und an
_uns_ ist es, nicht an den Beretanis, das zu entfernen, das uns
störend hier in den Weg tritt. Wer nicht mit mir ist, der ist wider
mich! sagt Christus -- Aonui fürchtet keinen Gegner, so lange er für
den Herrn streitet. So wer die Bibel liebt, der folge mir!« und mit
den zuletzt wild gejubelten Worten durchbrach er die Menge, die ihm
willig Raum gab, und sich ihm auch zum großen Theil anschloß, und
eilte raschen Schrittes dem Hause des Französischen Consuls zu, in
dessen Garten, auf einer dort aufgerichteten Stange die dreifarbige
Fahne lustig in der scharfen Brise flatterte und schlug.

Der Consul war nicht im Haus, aber zwei Männer hatten kurz vorher den
Platz von einer anderen Seite betreten, Mr. Mörenhout aufzusuchen --
René Delavigne und der Häuptling Paofai, und standen noch an der
verschlossenen Thür unweit des Flaggenstocks, als sie den
herantosenden Lärm der Masse hörten.

»Hallo Paofai,« sagte René zu dem Häuptling, »der Specktakel kommt
näher, und es sollte mich am Ende gar nicht wundern, wenn sie unserem
Freund Mörenhout einen, vielleicht nichts weniger als
freundschaftlichen Besuch abstatten wollten.«

»Sie sind zu Allem fähig,« sagte der Häuptling verächtlich; »ihre
Bibel tragen sie voraus, wie wir Oro früher in die Schlacht trugen,
und dann rennen sie blind und toll hinterdrein, und singen und beten
und treiben, wer weiß was sonst noch für Unsinn -- wenn Tahiti nicht
mein Vaterland wäre, ich setzte mich noch heute in mein Canoe, und
ließ mich nach leewärts treiben soweit es dem Wind gefiele -- bin es
fast müde hier das Spielwerk bald der Missionaire, bald der Franzosen
oder Engländer zu sein.«

»Sie kommen wahrhaftig hierher zu!« rief René jetzt, der die Worte
seines Gefährten wenig beachtet und nur dem rasch näher kommenden Lärm
gelauscht hatte; »was _können_ sie wollen?«

»Alles was toll und unklug ist,« sagte Paofai achselzuckend -- »sie
werden das Haus stürmen wollen und die Flagge niederreißen.«

»Die Französische Flagge?« rief René, mit rasch aufblitzendem Zorn,
»das sollen sie beim Teufel lassen, so lange _ich's_ hindern kann.«

»Wirst's eben nicht lange hindern können, Freund,« lachte der
Insulaner -- »aber -- gern leid' ich's auch nicht.«

»Nieder mit der Flagge! nieder mit den drei Farben!« tobte jetzt der
Haufen heran, »sie gehört auch mit zu den Götzenbildern und muß
fallen!«

»Das wird Ernst,« rief René, »herbei Paofai!« und ohne weiter
abzuwarten ob ihm der Häuptling folge, warf er sich mit dem ihm
eigenen tollkühnen Muth allein und unbewaffnet dem jetzt gegen den
Flaggenstock anstürmenden Haufen entgegen. Paofai zögerte dabei noch
einen Augenblick -- er sah das Hoffnungslose einer Vertheidigung,
solcher Uebermacht gegenüber, und wenn er auch mit zu der Parthei
seiner Landsleute gehörte, von der ein Theil jenen Vertrag mit den
Franzosen unterschrieben, betrachtete er die Feranis eben nur als
Mittel zum Zweck, seinen eigenen Rang wieder auf den Inseln zu
erlangen, den er durch die Macht der Pomaren theilweis verloren, und
nicht etwa dem Fremden Rechte einzuräumen, die seinem Stolz gerad'
entgegenliefen. Das edle Gefühl aber, das noch in seiner Brust
schlummerte, trieb ihn auch, dem Einzelnen gegen die Masse
beizustehen, und langsamer zwar, als ihm der junge Franzose
vorangegangen, und dabei lachend mit dem Kopf schüttelnd, als ob er
wisse daß er jetzt einen unüberlegten Streich begehe, folgte er dem
Fremden zur Fahnenstange, wo er eben zeitig genug ankam Zeuge zu sein
wie René, ohne ein Wort weiter zu verlieren, den voranstürmenden Aonui
aufgriff und mit solcher Kraft gegen den ihm nächst Folgenden warf,
das Beide zurücktaumelten, und die Bibel des frommen Häuptlings Hand
entfiel.

»Zurück!« donnerte des jungen Mannes Stimme zu gleicher Zeit -- »das
hier ist fremdes Eigenthum, und keinem von Euch ist das Recht gegeben
es anzutasten!«

»Nieder mit dem Wi-Wi!« schrieen dagegen von hinten vor Andere,
während sich Aonui, der hier keineswegs Widerstand zu finden
erwartet, erschreckt vom Boden aufraffte, und seinem Gegner in's Auge
sah. Er hatte gar nicht daran gedacht mit irgend einem Menschen hier
in Berührung kommen zu können, und nur durch fanatischen Eifer dahin
getrieben eine Holzstange umzuwerfen, und ein Stück Zeug
herunterzuholen, wußte er noch gar nicht, ob er seinen eigenen Leib in
eine vielleicht thörichte Gefahr dabei bringen solle oder nicht. -- Wo
kam der Wi-Wi auf einmal her?

Aber auch Paofai trat jetzt hinzu, und die Nächsten mit dem Arm
langsam von der Stange zurückschiebend, sagte er mit seiner weichen
melodischen und zugleich so klangvollen Stimme:

»Wißt Ihr was Ihr thun wollt, Ihr Männer von Tahiti? -- Ihr wollt eine
Nation beleidigen, mit der Ihr in diesem Augenblick auf
freundschaftlichem Fuße steht; Ihr wollt Euch einen Feind machen, der
mit seinen eisernen Kugeln Euere Hütten und Palmen und Brodfruchtbäume
niederwerfen und Euch verderben kann. Seid Ihr von einem bösen Geist
besessen daß Ihr so tobt?«

»Er hat meine Bibel niedergeworfen!« rief in diesem Augenblick Aonui
mit zornfunkelnden Augen, erst jetzt das Entsetzliche bemerkend --
»der Wi-Wi hat die Bibel in den Schmutz geworfen.«

»Nieder mit dem Wi-Wi, nieder mit der Flagge!« schrie und brüllte da
die Schaar wild durcheinander -- »sie haben die Bibel geschändet --
nieder mit den Feranis und ihren Götzen -- wir wollen keinen Vertrag,
wir wollen keine Freundschaft mit ihnen!«

»Auch gut,« brummte René vor sich hin, und ein Stück Holz aufgreifend
das dort zufällig lag, schlug er den Ersten der Hand an das Seil legen
wollte die Flagge niederzuziehen, ohne weiter einen Ruf zu thun, damit
zu Boden. Andere aber drängten nach und obgleich er, ohne Rücksicht
auf sich selbst zu nehmen, blind und wild um sich herschlug, fand er
sich doch bald von der Masse überwältigt, zu Boden geworfen, und aus
dem Weg geschleppt, während Paofai selber, der sonst so geachtete und
gefürchtete Häuptling, kaum glimpflicher behandelt wurde.

»Fort mit Dir Paofai!« schrie eine Stimme aus der Menge, und Hände
streckten sich drohend nach ihm aus -- »Du bist ein Freund der Wi-Wis
-- Du bist auch Einer von denen die uns an sie verrathen wollen -- fort
mit Dir. Dein Platz wäre neben der Bibel und nicht neben dem Hause von
Me-re-hu, dem Feinde Tahitis -- fort mit Dir!«

»Aonui -- _Du_ haftest mir für die Sicherheit dieser Flagge!« rief da
Paofai, den Arm des Häuptlings ergreifend, als er fühlte wie er
ebenfalls durch den andrängenden Schwarm unwiderstehlich zurückgepreßt
wurde und dem Volk den Platz räumen mußte -- »von Dir wird sie
Frankreich wieder fordern.«

»Frankreich soll zu Grase gehen,« brummte da eine Stimme in breitem
Irisch, dicht neben dem Häuptling, und die Flaggenlinie fassend zog
unser alter Bekannter, Jim, die wehende Flagge unter dem Jubelruf und
Jauchzen der Masse, von denen gleich zehn hinzusprangen ihm zu helfen,
nieder, und im Triumph wurde die erbeutete jetzt durch die Stadt
getragen.

Kaum senkte sich die Flagge, als ein Boot von der ~Jeanne d'Arc~
abstieß, an Land ruderte, die Ursache zu erfahren, und dort drohte die
Corvette würde die Stadt beschießen, wenn die Flagge nicht
augenblicklich wieder gehißt und mit der üblichen Ehrensalve von
Tahitischer Seite begrüßt werde. Der Capitain des Talbot aber, dem die
Drohung hinterbracht wurde, erklärte, in dem Augenblick wo der erste
Schuß aus dem Französischen Kriegsschiff auf die Stadt fiel,
seinerseits sein Feuer auf die Corvette zu eröffnen, und der Jubel
Papetees bei dieser Erklärung überstieg alle Grenzen.

Die Missionaire sagten gleich, während der Talbot zum Gefecht
trommelte, und Alles an Deck klar machte, Kirche an, die Indianer
tanzten, ein kleiner Theil ausgenommen, dem diese Wendung der Dinge
nicht behagte, und die Prophezeihungen der Missionaire, was Englands
Beistand betraf, schienen allerdings Wahrheit werden zu wollen; Pomare
stand nicht mehr allein, eine arme verlassene Frau, und die
Geistlichen selber, als die jedenfalls indirekte, ja vielleicht sogar
direkte Ursache dieser so zeitgemäßen Hülfe, stiegen bei dem Volk, das
sich dem Mächtigen am liebsten unterwirft, bedeutend an Achtung.

Die angeborene Gutmüthigkeit der Insulaner ließ sie aber auch ihren
Sieg nicht weiter treiben, und René wie Paofai blieben, nur erst aus
dem Weg geschafft, vollkommen unbelästigt. Am anderen Morgen jedoch,
mit dem wieder eingetroffenen Passatwind lief, unter dem Donner der
Tahitischen, etwas mittelmäßigen Geschützstücke, und den
Begrüßungsschüssen des Talbot, die Englische Fregatte der Vindictive
ein, und der Jubel erreichte hier seinen höchsten Grad, als die
freudige Botschaft von Mund zu Mund lief, der erwartete Geistliche
Pi-ri-ta-ti (Pritchard) sei wieder mit zurückgekehrt, der ja nur
deshalb nach England gegangen war, der Königin der Beretanis ihren
Streit mit den Feranis vorzulegen und Hülfe von dort zu bringen. Und
hatte er das nicht jetzt gethan?

Mit einem wahren Triumphgeschrei wurde er empfangen, und unter dem
Jauchzen und Jubeln, ja unter den Segensrufen Tausender an Land
geführt, so daß der Ehrwürdige Mann dadurch wirklich in nicht geringe
Verlegenheit gerieth. Weder er noch das Kriegsschiff brachte nämlich
direkt ausgesprochene Hülfe von England, sondern nur, als Geschenk,
einen Wagen für die Königin Pomare, und Zeug zu einer rothen Uniform
für ihren Gemahl, den jetzt eine Zeitlang auf Imeo gewesenen jungen
Häuptling.

Graf Aberdeen hatte sich damit begnügt dem jungen Staat seine
freundlichen Gesinnungen zu bekunden, und die Häuptlinge erschraken
allerdings als ihnen dieß endlich begreiflich gemacht wurde. Pomare
schloß sich einen ganzen Tag in ihr Haus ein, denn eine neue
Besitzergreifung Tahitis durch die Franzosen war nun allerdings nicht
unmöglich, und ihre Sicherheit ihnen keineswegs gewährleistet worden.
Was aber kümmerte das das Volk, die fröhlichen, gutmüthigen Kinder
dieser Inseln? Für den Augenblick waren sie jeder weiteren
Unannehmlichkeit überhoben, für den Augenblick lagen die Englischen
Kriegsschiffe drohend und ihnen Schutz gewährend in ihrer Bai, und
ihre Königin konnte in dem wunderlichsten Ding spatzieren fahren, das
ihre kühnste Phantasie sich je gedacht -- das Uebrige brachte die Zeit
-- weshalb sich vorher grämen? und die Predigten ihrer Geistlichen
bestärkten sie bald in der frohen Hoffnung daß kein Franzose es je
wieder wagen würde ihre Rechte anzutasten, ihre Religion ihnen zu
nehmen, oder sie mit seinen Kanonen zu zwingen seinem Willen Folge zu
leisten; was wollten sie mehr.

FOOTNOTES:

[F] Das westliche Ufer dieser Inseln wird stets das Leeufer genannt,
da der Wind, mit nur seltenen Ausnahmen, immer von Osten kommt.

[G] Missionair Bingham spricht mit besonderer Ehrfurcht von dem
würdigen ~»Matriarchen« Kaahumanu~, der Gattin Kamehamea des Ersten --
eine Frau von beinah dreihundert Pfund Gewicht.



Capitel 6.

#Ein Ball in Papetee.#


Es läßt sich denken, in welche Aufregung die kleine Colonie durch die
erst beschriebenen Vorfälle gebracht wurde, denn während die
Insulaner, viel zu sehr dem Frieden geneigt, bei weitem in der
Majorität den Engländern zuhielten, und eine neue Religion wie ein
neues Regiment schon deshalb fürchteten, als es wieder auf's Neue eine
Umwälzung in ihren kaum regulirten Sitten und Gebräuchen hervorrufen
mußte, bestand der größte Theil der in Papetee selber angesiedelten
Fremden aus Franzosen, und deren heißes Blut revoltirte in Feuer und
Flamme gegen einen Zwang, der ihnen plötzlich aufgelegt werden sollte,
und um so drückender war, da sie die Hoffnung nicht einen Augenblick
aufgaben, durch das nächst einkommende Kriegsschiff -- und die von den
Insulanern so gefürchtete ~Reine blanche~ kreuzte in diesen Gewässern
-- das ganze, durch die Missionaire jetzt nur künstlich aufgebaute
System wieder umgeworfen zu sehen.

Es versteht sich übrigens von selbst, daß während dieser Zeit der von
~Du Petit Thouars~ allerdings nicht ganz auf rechtlichem Wege
hergestellte und von den Häuptlingen gezeichnete Vertrag, zu dessen
Unterschrift man selbst Pomare zwang, nicht allein nicht mehr
beachtet, sondern vollständig anullirt wurde. Frei und offen predigten
die Protestanten gegen das Pabstthum und die beabsichtigte Occupation
der Franzosen, und die Römischen Priester, die ihre Kapelle auf einem
kleinen reizenden Hügel in Mativaibai errichtet hatten, konnten sich
in dieser Zeit nur auf einen sehr kleinen Kreis ihnen ergebener oder
doch wenigstens nicht feindlich gesinnter Insulaner verlassen. Im
Allgemeinen fürchteten die Indianer den Platz, der in seinen
Ceremonieen etwas Geheimnißvolles für sie hatte, und ihnen von ihren
Geistlichen in solchen Farben geschildert war, daß sie sich scheuten
ihn nach Dunkelwerden zu passiren. Ja sie würden ihn zerstört und jene
Priester wieder gewaltsam von dort vertrieben haben, hätten nicht Mr.
Nelson vorzüglich wie auch die Brüder Smith, Brower und Mc. Kean ihr
Möglichstes gethan sie von einem so unüberlegten und bösen Schritt
zurückzuhalten, zu dem sie der Feuereifer des frommen Dennis, wie der
unersättliche Ehrgeiz Rowes unaufhaltsam trieben.

Der Französische Theil der Bewohner hielt sich indessen vollkommen
ruhig, und wenn auch Consul Mörenhout, in dem Gefühl seiner
beleidigten Würde, im Anfang René antreiben wollte der
Gewaltthätigkeit wegen Klage auf Schadenersatz einzureichen, die er,
bei Vertheidigung der Französischen Flagge gelitten, weigerte sich
dieser auf das Bestimmteste dagegen.

»Ich bin von den Indianern freundlich aufgenommen,« sagte er, »und
wäre der Letzte einer einfachen Schlägerei wegen, bei der ich eben so
viel, vielleicht mehr, ausgetheilt habe als bekommen, neuen Grund zu
Streitigkeiten und Ursache zu späteren Forderungen meiner Landsleute
zu geben. Ich hätte gescheuter sein sollen als mich in Sachen zu
mengen die mich Nichts angehen.«

Die Franzosen in Papetee waren damit nicht ganz einverstanden -- sie
wollten vor allen Dingen wieder neue Haltpunkte für unter Englischem
Einfluß ausgeübten Uebergriffe, und auch die Eingeborenen schienen
mißtrauisch gegen den Fremden geworden zu sein, den sie, als den
Gatten einer ihrer eingeborenen Mädchen, und in dem früheren Hause
des alten Mr. Osborne wohnend, schon gewissermaßen als einen der
ihrigen, gar nicht mehr als einen Wi-Wi betrachtet hatten, und der
doch jetzt feindlich und gewaltthätig gegen sie aufgetreten war. Das
so sehr freundliche Verhältniß, in dem er bis dahin mit ihnen
gestanden, schien jedenfalls gelockert, wenn auch nicht ganz gelöst.

René hatte aber viel zu guten und leichten Muth, sich etwas derartiges
groß zu Herzen zu nehmen; wie er auf der einen Seite fest gegen seine
Landsleute blieb, und sich auf der anderen nichts Böses gegen die
Insulaner bewußt war, verkehrte er nach wie vor mit beiden Theilen,
und wußte sie beide wieder für sich zu gewinnen. Solche kleine
Neckereien und Mißverständnisse dienten aber keineswegs dazu, ihn
manches Andere was ihm störend in den Weg trat, übersehen zu lassen,
und nur die Heimath, seine Sadie, sein kleines herziges Mädchen
konnten ihm manchmal ganz jenen frohen fast wilden Uebermuth
wiedergeben, mit dem er sich einem drückenden Verhältniß damals
entzogen, und einem neuen Leben förmlich in die Arme geworfen hatte.

Nichts destoweniger blieb das gesellschaftliche Leben der Inseln unter
den verschiedenen und so wenigen Franzosen, ein höchst
freundschaftliches; eigene Interessen, ja eigene Gefahr verband die
Leute auch schon fester mit einander, als es irgend etwas anderes im
Stande gewesen wäre zu thun, und das leichte französische Blut schwamm
überhaupt oben auf.

Besonders viel trug hierzu die Belardsche Familie bei, die sich
wirklich unendliche und anerkennenswerthe Mühe gab in Papetee einen
freundschaftlichen Ton zu erhalten, ja eigentlich erst zu schaffen, wo
schon die Mischung der verschiedenen Racen etwas derartiges unendlich
schwierig machte. Die Europäer hatten meistens all ihre alten
Gewohnheiten, aber auch ihre Vorurtheile herübergebracht in eine ganz
neue Welt, in die weder die einen, noch die anderen passen wollten,
und konnten nur durch unermüdliche Ausdauer Einzelner, die sich der
letzteren wenigstens entledigt hatten, dazu gebracht werden sich
gemeinschaftlich zu amüsiren -- man wollte weiter Nichts von ihnen.

Ein wirkliches Hinderniß aber für größere Gesellschaften blieb der
Mangel an Europäischen oder vielmehr weißen Damen, von denen sich nur
sehr wenige auf der Insel befanden, und zu einem wirklich
gesellschaftlichen Leben doch unumgänglich nöthig, ja unentbehrlich
waren. Mit den eingeborenen und mit Europäern fast durchschnittlich
nur »oberflächlich getrauten« Frauen konnte man auch in solcher Art
nicht gut verkehren; die Indianerinnen waren hübsch und lebendig, auch
gutmüthig und liebenswürdig, paßten aber nirgends weniger hin als in
Gesellschaft gebildeter _Frauen_, während mit der Protestantischen
Bevölkerung, die in dieser Hinsicht fast nur aus den Familien der
Missionaire bestand, ein näherer Verkehr ganz außer Frage blieb.
Selbst den feindlichen Stand abgerechnet, den diese beiden Theile der
Gesellschaft gegenwärtig einnahmen, hätten sie sich nie in dieser
Beziehung vereinigen können, da die strengen orthodoxen Geistlichen
jede Art von Spiel und Tanz schon als eine Sünde des Fleisches gegen
den Geist ansahen, nur in ihrer zurückgezogen ernst gehaltenen
Lebensart den Pfad zum Himmel zu finden glaubten, und von den, darin
viel zuversichtlicheren Franzosen häufig verspottet, aber gewiß nie
aufgesucht wurden.

Nun lag diesen aber auch daran den Eingeborenen sowohl, wie vorzüglich
den Missionairen zu beweisen, daß sie keineswegs durch die im
Englischen Interesse geschehenen Schritte eingeschüchtert, sondern im
Gegentheil noch voll frischen Muthes wären, und noch mochten kaum
vierzehn Tage nach den vorherbeschriebenen Vorfällen vergangen sein,
als Mrs. Belard, von ihren Landsleuten dabei unterstützt, fest darauf
bestand, allen politischen wie gesellschaftlichen Hindernissen zum
Trotz, einen _Ball_ zu geben, und allerdings blieb ihr dabei Nichts
übrig, als sich über das, wogegen sie sich lange gesträubt,
wegzusetzen und eingeborene Frauen, von denen man sich ja die
geachtetsten aussuchen konnte, wirklich mit dazu zu ziehen; wenn auch
der Ball dadurch einen etwas wilden Charakter bekam.

Aber die Missionaire traten ihnen selbst hierbei störend in den Weg,
denn diese hatten zu großen Einfluß auf den wirklich anständigen Theil
der weiblichen Bevölkerung Tahitis, auf die Frauen und Töchter der
ersten Häuptlinge, denen der Tanz als etwas rein sündliches, von ihren
finsteren Lehrern streng verboten und mit strengeren Strafen, wo sie
im Stande waren die in Kraft treten zu lassen, belegt war. Selbst
Sadie fürchtete nicht allein den Unwillen der Geistlichen zu erregen,
sondern ihr religiöser Sinn, vielleicht mit einer Art Scheu vor den
fremden Menschen verbunden, hielt sie zurück selbst von dem Gedanken
an solche Vergnügungen.

René wollte sich aber daran nicht binden, doch erst als Sadie sah und
fühlte, daß sie ihm mit einer längeren Weigerung weh thun, ja
vielleicht auch Unfrieden im Hause anstiften würde, fügte sie sich
endlich seinem Wunsch; aber das Herz schlug ihr dabei, als sie ihm
ihre Einwilligung gab, und es war, als ob sie eine unrechte Handlung
begehen solle. Aengstlich suchte sie dabei nach Entschuldigungen für
ihre Zusage, und ihr gutes Herz ließ sie deren bald genug finden. René
war ja doch nun einmal Europäer und er mußte gewiß gern bei seinen
Landsleuten sein -- wußte Sadie doch selber wie glücklich es sie
machte, manchmal einen Bewohner von Atiu bei sich zu sehen, und das
lag doch nur solch kleine kleine Strecke von Tahiti entfernt, und die
Feranis wohnten so entsetzlich weit, sollte sie da die Ursache sein,
die ihn zurückhielt?

Bei Brouards war sie deshalb auch schon, und bei Belards einmal mit
René gewesen; nur noch nicht bei Mrs. Noughton, der Amerikanerin,
deren kalt abstoßendes Benehmen ihrem ganzen Wesen weh that; auch René
fühlte kein Bedürfniß die Leute aufzusuchen, wenn ihn nicht gerade
eine Geschäftssache in ihr Haus führte.

Trotz allen ihnen in den Weg gelegten Hindernissen wußten Belards
jedoch jede Schwierigkeit zu überwinden -- die Franzosen wollten
tanzen, und es bedurfte stärkerer Sachen als der Predigt eines
Missionairs, sie daran zu verhindern. Mr. Belard gab deshalb einen
Ball, und alle Franzosen Papetees wie die Officiere der noch im Hafen
liegenden ~Jeanne d'Arc~ waren eingeladen.

Sadie fürchtete sich vor dem Abend, sie wußte selbst nicht warum,
aber sie durfte sich nicht weigern zu gehen, denn erstlich hatte
selbst Mr. Nelson seine Einwilligung gegeben, daß sie wenigstens Theil
an der Gesellschaft nehmen dürfe, und dann war sogar Lefevre mit
Aumama eingeladen -- Monsieur Belard _mußte_ Damen zum Tanzen haben --
sie konnte sich da nicht ausschließen, _durfte_ René nicht so kränken.

Der Vorbereitungen bedurfte es dabei nicht viele -- ihre Tracht, wenn
auch nach Europäischem Schnitt, war so schlicht und einfach wie nur
möglich, und frische Blumen im Haar schmückten das liebreizende
Antlitz der jungen Frau schöner als es Diamanten und Perlen vermocht
hätten -- vielleicht wußte sie das auch.

Monsieur Belard wohnte in einem reizenden kleinen Gartenhaus in der
~Broomroad~, der nächsten Querstraße vom Strand ab, tief versteckt
zwischen breitblättrigen Brodfrucht und Papayas, von Palmen das Dach
überrauscht, und den Vorhof dicht bepflanzt mit Orangen und Bananen,
des Schattens wegen. Das Haus selber war leicht und luftig gebaut,
hatte aber doch schon Glasfenster und grüne Jalousieen, mit breiter
hoher Verandah und einen ziemlich großen bequemen Saal, der zu dem
heutigen Feste mit Blumen und Palmzweigen ganz einfach, aber höchst
geschmackvoll decorirt war. Wunderlich stachen dagegen freilich
einzelne Stücken aus einer civilisirten Welt ab, die ihren Weg nach
der Südsee gefunden, und zu den einfach hölzernen Wänden und der
tropischen Vegetation nicht so recht passen wollten. Auch die Meublen
waren zusammengewürfelt, wie Glück und Zufall einzelne Stücke nach
diesem entlegenen Theil der Welt herübergeführt, oder auch schon des
Tischlers Hand in neuerer Zeit sie aus einheimischem Holze gefertigt
hatte. So stand auf einer gelbgebeitzten Kommode eine Alabasteruhr
zwischen Manila Perlmuttermuscheln und blank polirten Zähnen der
Spermacetifische -- einen kleinen Mahagoni-Eckschrank schmückten ein
paar allerliebste französische Porcellanvasen voll duftender
Orangenblüthen, und längs der einen Wand standen zwei vortrefflich
gepolsterte und mit Damast überzogene Sophas, mit denen wieder ein
schmaler und langer, von Tannenholz aufgeschlagener Tisch nicht
harmoniren wollte, der die eine Ecke füllte, aber mit den kostbarsten
Produkten dieses an Früchten erfüllten Landes bedeckt war.

Doch wunderlicher und bunter als die Geräthschaften war die
Gesellschaft selbst gemischt.

Der wirklich gebildete Kreis von Bekannten reichte nämlich zu einem
solchen Fest nicht aus, die Linie mußte weiter gezogen werden und in
so engen Raum beschränkt auf der kleinen Insel, war man nicht einmal
im Stande noch unter den Wenigen die sich hier befanden, auszuscheiden
-- es müßten denn _sehr_ triftige Gründe dazu vorgelegen haben. Alles
deshalb, was nur einigermaßen auf Bildung Anspruch machte und aus dem
Mutterland oder überhaupt der civilisirten Welt stammte, die
protestantische Geistlichkeit ausgenommen, _war_ eingeladen, und die
kleine Villa versammelte in den eigenthümlichsten Trachten dabei, ein
so wunderlich gemischtes Völkchen wie sich wohl noch je, seit Papetee
stand, auf einem so kleinen Raum zusammengefunden hatte.

Als René mit Sadie den Saal betrat, wo sie Mad. Belard in ihrer
lebendigen aber doch herzlichen Weise empfing, waren eben die
Officiere der ~Jeanne d'Arc~ eingetroffen. Das Vorstellen ging rasch
und ungezwungen genug vorüber; René hatte schon einige von diesen
vorher kennen gelernt und wurde auf das freundlichste von ihnen
begrüßt.

Madame Brouard war noch nicht erschienen, und da Mad. Belard
anderweitig und in der That überall in Anspruch genommen wurde, und
René viel mit den Officieren zu sprechen hatte, blieb Sadie allein,
und sah sich eben etwas verlegen nach irgend einem Bekannten um, nicht
so ganz verlassen in dem fremden Zimmer zu stehen, als Mr. und Mrs.
Noughton den Saal betraten, und nach der üblichen Einführung an Sadie
vorüber gehen wollten.

Mrs. Noughton wandte den Kopf nach der andern Seite und sah Sadie
nicht, und die arme kleine Frau stand einen Augenblick schüchtern und
unschlüssig da, ob sie die, stets etwas kalt gegen sie gewesene Fremde
anreden solle oder nicht; aber René ging gerade mit zweien der
Officiere den Saal hinunter und ließ sie da _ganz_ allein.

»Madame Noughton,« sagte sie leise, und berührte mit ihrer
Fingerspitze den Arm der jetzt dicht an ihr Vorbeigehenden.

Mrs. Noughton drehte langsam den Kopf nach ihr um und sah sie an.

»Ich freue mich Sie auch hier zu treffen,« sagte Sadie.

Mrs. Noughton neigte höflich das Haupt gegen sie, Mr. Noughton machte
eine etwas steife Verbeugung, und die beiden Gatten gingen, ohne
weiter ein Wort mit ihr zu wechseln, vorbei, dem andern Ende des
Saales zu.

Sadie stand wie in den Boden gewurzelt, und das Herz schlug ihr
ängstlich und verlassen in der Brust.

»Sie haben Dich gar nicht erkannt in den fremden Kleidern,« murmelte
sie endlich leise und halb lächelnd vor sich hin -- »sie haben
geglaubt es wäre Jemand ganz Anderes, Fremdes -- oder -- « das Blut
stieg ihr in vollem Strome in die Schläfe und von da zum Herzen
zurück, und sie hätte in diesem Augenblick Gott weiß was darum gegeben
zu Hause, bei ihrer kleinen Sadie sein und die fremde kalte
Gesellschaft verlassen zu können. Aber das ging nicht, und als sie
sich, wieder etwas mehr gefaßt, nun im Saale umschaute, sah sie wie
Mr. und Mrs. Noughton ganz allein und steif auf zwei Stühlen saßen und
Jedes starr vor sich niedersahen. In diesem Augenblick begann das in
dem Nebenzimmer aufgestellte und von der ~Jeanne d'Arc~ mit
herübergebrachte Musikcorps seine fröhlichen Weisen zu spielen; mehr
und mehr Gäste traten zugleich in den Saal, unter ihnen mehre bekannte
Gesichter -- eine Hand legte sich ihr plötzlich auf die Schulter -- es
war Aumama, die ihr lachend in's Auge schaute, und der trübe Schatten
der sich eben angefangen über Sadies Seele zu legen, wich dem ersten
freundlichen Eindruck der ihr entgegen trat.

»Was sitzen die Beiden da drüben so ganz allein und steif?« flüsterte
dabei Aumama, die bemerkt hatte daß Sadie nach ihnen hinüberschaute.
»Segne mich, wie still und ehrbar sie sind, als ob sie in der Kirche
wären -- Mr. Aue könnte nicht steifer sitzen.«

Sadie lächelte, aber sie wandte den Kopf ab von der Gruppe -- es war
ihr als ob sich die beiden Leute nur so steif und abgeschlossen dort
hinten hingesetzt hätten, nicht mit ihr zu sprechen -- und was hatte
sie ihnen gethan? -- »Und Aumama, Du bist auch hierhergekommen zu den
Fremden?« sagte sie endlich leise -- »ich glaubte Du fühltest Dich
nicht wohl zwischen ihnen?« --

»Nein, das thu' ich auch nicht,« erwiederte rasch und flüsternd die
junge Frau -- »ich habe zu Hause geweint und gezankt -- ich wollte
fort bleiben, aber Lefevre -- « sie wandte den Kopf ab und schwieg, und
setzte endlich langsam hinzu -- »es ging nicht anders.«

»Ich wäre auch lieber daheim geblieben,« sagte Sadie treuherzig.

»Und ich weiß nicht,« fuhr Aumama, auf sich selber niedersehend fort,
»mir ist meine Tracht bis jetzt noch nie aufgefallen, ja im Gegentheil
hab' ich das lange weite Oberkleid oft weit eher für überflüssig
gehalten, nur heute -- « und sie schaute halb verlegen umher -- »komme
ich mir hier so sonderbar so fremd selber und unbedeutend vor, als ob
ich nicht hergehöre zwischen die geputzten Leute -- sie mit allem um
sich hergehangen was nur die fremden Kaufleute in ihren Läden haben,
ich barfuß und nicht einmal ihre Sprache redend. Ob ihnen denn auch
wohl so zu Muth gewesen ist, als sie zuerst unser Land betreten? Bei
Dir ist es wohl anders -- Du hast Dich schon ganz ihrer Tracht
angepaßt.«

»Wohl ist mir's auch nicht darin,« sagte Sadie kopfschüttelnd, »aber
ich fühle daß es nun einmal nicht anders geht; vielleicht fügst Du
Dich auch hinein.«

»Nein,« erwiederte Aumama rasch -- »nie im Leben; je mehr ich mit den
Fremden in Berührung komme, desto mehr fühl' ich daß wir nicht für
einander gemacht sind. Sie sind stolz dabei, und worauf? -- sie tragen
Schuhe, weil sie nicht mit ihren unbehülflichen dünnen Sohlen unsere
Korallen betreten können -- ich hab' es neulich gesehen, wie sich die
Frauen badeten und nicht einen Schritt auf dem scharfen Boden zu thun
vermochten. Also deshalb stecken sie die Füße in solche Hülsen, und
soll ich dann mich schämen daß ich sie nicht trage, weil ich da eben
gehen kann, wo sie es nicht im Stande sind?«

»Und doch thust Du es,« sagte Sadie lächelnd.

»Weil wir eben Thörinnen sind, und das Fremde höher achten wie unsere
eigenen heimischen Sitten. -- Aber sieh was für goldblitzende Kleider
die Feranis von dem Schiff draußen tragen,« unterbrach sie sich jetzt
selber, als ihr die blitzenden Uniformen der Officiere des
Kriegsschiffs in's Auge fielen. »Und das sind doch nun auch Christen,
Sadie, und gute Menschen vielleicht und tragen so bunten Staat, und
uns verbieten die Mitonares jeden Schmuck.

»Wir wissen auch nicht ob es nicht sündhaft ist so eitel Gold und Putz
zu tragen,« sagte leise Sadie -- »wenigstens nicht wenn wir zu Gottes
Altar gehn -- die Männer dort beten vielleicht nie, da können sie dann
freilich tragen was sie wollen. Aber sie drehen wieder hierher um, und
dort kommt auch Mad. Belard -- sie ist die freundlichste von allen
fremden Frauen.«

Das Gespräch der beiden Frauen wurde hier unterbrochen, und in der
That betraten auch jetzt rasch nach einander mehre andere Gäste den
Saal, von denen Einige, ebenfalls mit eingeborenen Frauen, die beiden
Freundinnen herzlich begrüßten, und jedes weitere Gespräch zwischen
ihnen unterbrachen.

Und was für bunte Gesellschaft war da versammelt.

Die Officiere der Corvette erschienen natürlich in ihrer Uniform, und
Mr. Noughton, Mr. Belard und Brouard wie René und einige Andere waren
in schwarzem Frack, wie überhaupt in dem Europäischen Ballcostüm
gekommen. Das besonders kam übrigens den inländischen Frauen und
Mädchen wunderlich vor, und sobald es nur heimlicher Weise geschehen
konnte, kicherten und flüsterten sie nicht wenig darüber.

Ein großer Theil der anderen Gäste ging jedoch in die leichte und
bequeme Tracht gekleidet, die das Klima eigentlich bedingt und
fordert; helle Sommerstoffe, weit und luftig gearbeitet und den
Gliedern vor allen Dingen Freiheit der Bewegung lassend. Strenge
Etikette konnte überhaupt an einem Ort nicht stattfinden, wo diese
schon zwei Dritttheile des schönen Geschlechts unrettbar
ausgeschlossen hätte, und mehr als zwei Dritttheile gehörten der
eingeborenen Race an, die nur zum Theil hatte bewogen werden können
Schuhe und Strümpfe anzuziehen, sonst aber nur über dem ~pareu~ das
weite loose Obergewand, und darunter die nackten Füße trug.

Aumama bildete den Typus dieser, aus den schönsten Mädchen jenes
wunderschönen Stammes ausgewählten Schaar. Der Pareu den sie trug
bestand aus einem halbseidenen mattgrünen mit tiefrothen Fäden
durchzogenen und gemusterten Stoff, in der That nur ein einfaches
Stück Zeug, das um die Lenden geschlagen und an der linken Seite
eingesteckt wurde; über dieses aber trug sie das, erst durch die
Europäer und wahrscheinlich durch die Missionaire eingeführte
Obergewand, das vorn offen, und mit langen Aermeln an den Handgelenken
geknöpft, bis etwas über die Knie herunterfiel, und aus feinem
französischem Stoff bestand, der durch einen rothseidenen dünnen
Chinesischen Shawl im Gürtel zusammengehalten wurde, und die Formen
des Körpers mehr verrieth als verhüllte. Durch das schwarze lockige
und seidenweiche, mit wohlriechendem Cocosnußöl getränkte Haar wand
sich ihr, von Orangenblüthen durchflochten, das Gewebe eines reizenden
grünen und rothen Schlinggewächses, und die goldenen Ohrringe waren
fast von den darüber niederhängenden Knospen des ~cape Jasmin~
überdeckt. Aumama, die Behende, wie sie in der bilderreichen Sprache
ihres Landes hieß, war eine der schönsten Frauen der Insel, und wie
bei den meisten ihres Alters, stand ihr die etwas dunklere Hautfarbe
nur zu ihrem Vortheil, während die großen lichtklaren und doch so
tiefschwarzen Augen Diamanten gleich, rein und feurig über den von
zartem Roth angehauchten, lichtbronzenen Wangen glühten.

Mehrere andere Indianerinnen waren ähnlich wie Aumama gekleidet,
wenigstens mit demselben Schnitt des Gewandes und ähnlichen Stoffen,
die Capitaine von Wallfischfängern in letzterer Zeit auf Speculation,
theils von Frankreich, Deutschland oder England mitgebracht. Zwei der
Frauen nur hatten sich so weit civilisirt, Strümpfe und Schuhe zu
tragen; aber die neue Tracht saß ihnen nicht bequem, sie scharrten
beim Gehen fortwährend mit den Füßen; sie waren noch nicht gewohnt
diese hoch genug zu heben die Sohlen auch frei vom Boden zu bringen,
und die Strumpfbänder mochten sie auch wohl drücken, denn wie sie sich
nur unbemerkt glaubten, faßten sie da hinunter den, solchen Zwanges
ungewohnten Blutgefäßen Luft zu geben.

Sadie vielleicht allein von allen übrigen eingeborenen Mädchen schien
sich in die fremde Tracht vollkommen gut gefunden zu haben, und
bewegte sich mit solcher Leichtigkeit darin, als ob sie von Jugend auf
daran gewöhnt gewesen wäre. Nichts desto weniger ging sie fast so
einfach gekleidet als ihre früheren Gespielinnen, in einem schlichten
Oberkleid von ungebleichter Seide, die rothe Schärpe ebenso geknüpft
wie Aumama, nur anders den Schnitt des Kleides selbst, das bis auf die
Knöchel hinunterging und die niedlichen in weißen Strümpfen und feinen
dünnen Lederschuhen steckenden Füße eben sichtbar werden ließ. In den
Haaren trug sie einen zierlich geflochtenen Kranz von Mandelblüthen,
und um den Hals eine einfache Schnur rother Korallen.

Von den Officieren der ~Jeanne d'Arc~ waren bis jetzt nur der Capitain
mit dem ersten Lieutenant und einigen Seecadetten anwesend; der zweite
Lieutenant, den Geschäfte länger an Bord hielten, wie mehre andere
Marine-Officiere wurden aber auch noch erwartet, und René ging eben
mit dem Capitain der Corvette, mit dem er schon vor einiger Zeit
bekannt und gewissermaßen befreundet geworden, im Saal auf und ab, als
Monsieur Bertrand, der Name des Seconde-Lieutenants erschien und
augenblicklich auf den Capitain zuging, ihm irgend eine Meldung zu
machen. René trat ein paar Schritte abseits, den Rapport, der
vielleicht geheim war, nicht zu überhören, aber sein Auge haftete
unwillkürlich auf dem jungen Mann, dessen Züge ihm so bekannt
vorkamen, und dessen er sich doch, trotz alle dem nicht deutlicher
erinnern konnte.

In diesem Augenblick drehten sich die Officiere nach ihm um, und der
Capitain war eben im Begriff die jungen Leute einander vorzustellen,
als Beide auch fast zu gleicher Zeit, »Delavigne«, »Bertrand« riefen
und einander fest umschlangen und küßten.

Schulkameraden waren es aus frühster Jugendzeit, und es läßt sich
denken, mit welchem Jubel sie Beide hier, fast bei den Antipoden, die
Erinnerung an die Heimath, an das Vaterland, nach so vieljähriger
Abwesenheit begrüßten.

Wir mögen uns losgerissen haben von Allem was uns einst lieb und
theuer gewesen, zerrissen mag das Band sein, das uns an die
verlassene Küste, wo unsere Wiege gestanden, fesselte; gleichgültig
hören wir wohl von fremden Menschen darüber sprechen, hören selbst
ungerührt den Ort nennen der unserer Kinderspiele Zeuge war, Zeuge der
heranwachsenden Kraft. Im Herzen zittert's und zuckt's dann vielleicht
nur ein wenig; lang verklungene Saiten wurden berührt, und sie
_wollten_ rauschen in der alten Weise, als sich noch eben zeitig genug
die Hand des Menschen stark und kräftig darauf legte, und sie
verstummen machte mit dem festen Willen. Unsere Nerven mögen von Eisen
sein, und das Unglaubliche ertragen, aber laß ein Bild selber
auftauchen aus jener Zeit, laß uns die Züge wieder vor uns sehen, mit
denen wir Freud und Leid getheilt, denen wir unsere Lust und Seligkeit
entgegenjubelten, denen wir den ersten Schmerz klagten und uns
ausweinten an seiner Brust, und die Hülle springt, die unsere Brust
umschloß, die erstarrte Thräne schmilzt und das Heimweh rüttelt zum
ersten Mal an den Stäben unserer Herzenskammer, und streckt die
scharfe entsetzliche Kralle aus nach dem Heiligthum, das wir von da an
wahren müssen wie unseren Augapfel, wenn sie nicht Halt gewinnen soll
daran, zu unserem Leid.

Die beiden jungen Leute schienen auch in der That Alles um sich her
vergessen zu haben, in dem einen seligen Gefühl des Wiederfindens,
nach so langer, langer Zeit, hätte sie nicht des Capitains Stimme
wieder zu sich selbst und dem Bewußtsein des Platzes gebracht, an dem
sie sich befanden.

»Hallo,« lachte dieser, »wie mir scheint mag ich da die Introduction
sparen, denn die Herren sind jedenfalls genauer mit einander bekannt,
wie ich vermuthen durfte.«

»Das in der That,« sagte Bertrand, der sich überhaupt auch zuerst von
den Beiden wieder sammelte, indem er des Freundes Hand ergriff und
fest in der seinen hielt -- »nicht hoffen konnt' ich, hier an der
fremden Küste einen so alten lieben Jugendgefährten, ja Spielkameraden
aus der Knabenzeit zu treffen, und die Ueberraschung ist um so größer,
je größer die Freude ist.«

»~Eh bien~, Bertrand, dann unterhalten sie auch Ihren Freund ein
wenig,« sagte der Capitain, »aber vergessen Sie nicht um 11 Uhr --
bekommen Sie vorher Nachricht wenn er etwa noch bis dahin eingefangen
sein sollte?«

»Ich erwarte den Führer der Patrouille selber hier, sobald er
zurückkehrt.«

»Um so viel besser -- aber da drüben sehe ich ein paar Damen
eintreten, denen ich guten Abend sagen muß -- ich werde Sie nachher
bitten mir das Nähere dieses freudigen Wiedersehens mitzutheilen« --
und mit einer leichten und freundlichen Verbeugung verließ er die
jungen Leute, die jetzt Arm in Arm, kaum noch ihrer Umgebung bewußt,
an eines der Fenster traten, dort erst dem ersten glücklichen Gefühl
des Wiedersehens auch Worte zu leihen.

»Und so halt ich Dich denn wieder, René, nach so langer Trennung, Dich
den Flüchtigen eigentlich, der uns unter den Augen fort entschwand,
und keinem Freundesruf achten wollte der ihn zurückhalten sollte mit
seinem wilden ungestümen Sinn. Und wo hast Du Dich nun so lange
herumgetrieben? Mensch Du bist braun geworden wie ein Indianer.«

»Ich weiß nicht wo ich da anfangen soll zu erzählen,« sagte René, dem
Blick in herzlicher Liebe begegnend, den jener fest auf ihn geheftet
hielt, »und wahrlich, ich hatte es schon fast aufgegeben je im Leben
einen Freund von über dem Wasser drüben wieder zu finden in der
fremden Welt. Die Zeit die ich hier verlebt, dünkt mich in diesem
Augenblick so entsetzlich lang, und ist mir doch auch wieder so rasch
so unglaublich rasch verflogen. Oh Bertrand, Du mußt mir viel, viel
von daheim erzählen; wie Ihr dort gelebt, wie Ihr -- oder nein --
nein, auch lieber nicht; die Heimath liegt hinter mir, auf nimmer
Wiedersehn, und es ist vielleicht besser ich löse die Schlösser nicht
muthwillig, die mir das alte Bilderbuch meiner Jugend so freundlich
und fest verschlossen halten. Ich bin fertig mit _Frankreich_; aber
von _Dir_ möcht ich hören, wie es Dir geht, was Du treibst, was Du
_hoffst_, denn nach der Hoffnung eines Menschen beurtheilt sich der
Mensch selber meist am besten und leichtesten.«

»Und weshalb auf nimmer Wiedersehn?« sagte Bertrand erstaunt, »unsere
Schiffe haben sich jetzt die Bahn gebrochen nach diesem fernen Punkt,
und wenige Monden können uns wieder in der Schallweite unserer alten
Kirchenglocken landen. Es mag ein Paradies sein das uns hier umgiebt,
kann es uns aber je der Heimath Reiz ersetzen? Du bist unstät, ein
Flüchtling auf fremdem Boden so lange Du Dich gewaltsam fern von ihm
hältst, und wie das Vaterhaus dem wegemüden Wanderer als theures Ziel
den langen schweren Pfad wohl vorgeschwebt, so öffnet Dir die Heimath
die Arme, und grüßt Dich, ja hält Dich, mit all ihrem unendlichen
Zauber, sobald Du nur erst einmal wieder das schöne Land betreten.
Sieh ich bin Seemann, René, und das _Meer_ sollte meine Heimath sein;
ich weiß auch ich gehöre eigentlich nicht auf's feste Land, und die
Zeit die ich dort zubringe, ist meiner Pflicht meist abgestohlen, und
dennoch hängt das Herz mit allen Fasern an jenem Fleck der mir das
Leben gab, und wenn ich auch, doch einmal draußen, vernünftig genug
bin solchen Gedanken keinen Raum zu gönnen, ist es, als ob mir das
Herz aus der Brust herausspringen wolle, sobald wir den Bug unseres
Schiffes einmal heimwärts kehren. Ich habe das im Anfang für eine
Krankheit gehalten und unseren Doktor gefragt, und der hat mir eine
Masse unsinniges Zeug dagegen verschrieben, aber es half Nichts; das
Uebel saß tief im Herzen und war im Nu gehoben sobald ich an Land
sprang.«

»Und doch hab' ich recht, Bertrand,« sagte René, der mit einem leisen,
fast wehmüthigen Lächeln den Worten des Freundes gelauscht hatte. »So
lange Du noch frei und unstät in der Welt umherstreifst zeigt der
Compaß Deines Herzens dem einen heiligen Magnet, dem Vaterlande zu,
mag Dir dort Leid geblüht haben, oder Lust, aber -- es giebt einen
Fall, wo der Mensch selbst die Heimath vergessen kann und -- glücklich
sein.«

»Nie, nie!« rief Bertrand rasch.

»Ich bin verheirathet!« sagte René leise.

»_Du?_ -- verheirathet?« sagte der Freund erstaunt -- »und mit wem? --
wo? -- wann?«

»Zuerst zeig ich Dir meine kleine Frau,« lächelte René, »ich brauche
vielleicht nur des einen Beweises, Dich zu überzeugen daß Du Unrecht
hast; dann erzähle ich Dir meinen -- Lebenslauf kann ich wohl kaum
sagen, eher meine Abenteuer, denn das Schicksal hat mich im tollen
Spiel einem entzogen mich muthwillig einem anderen in die Arme zu
werfen, bis mein schwanker Kahn den Hafen fand, der ihm Glück und Ruhe
brachte, und den verlaß ich nicht wieder. Ich kenne die Stürme die
draußen toben und bin es müde geworden ihnen wieder und wieder die
Stirn zu bieten.«

»Und Deine Frau?« frug Bertrand, »warum will sie nicht mit Dir
zurück?«

Die Trompeten schmetterten in diesem Augenblick den Beginn des Tanzes,
und René schaute umher nach Sadie. Schon wirbelten die Paare vorüber
und die junge Frau stand an der anderen Seite des Saales, noch neben
Aumama, an ihrer Seite aber jetzt Monsieur Brouard, seinen rechten
Arm, von dem sie sich leise zu befreien suchte, um ihre Taille gelegt,
und augenscheinlich bemüht sie zum Tanz zu nöthigen, den sie ihm
weigerte.

Wie ein Stich zuckte es durch René's Herz -- er wußte selbst nicht
weshalb, und das Blut schoß ihm in die Schläfe; Bertrand aber, der
seinem Blick gefolgt war, schaute überrascht, und wie von einem
plötzlichen Gedanken erfaßt, zu ihm auf.

»Und Deine Frau?« wiederholte er leise.

»Siehst Du sie nicht da drüben, wie sie sich ziert,« lachte René
jetzt, die Hand auf des Freundes Achsel legend.

»Die Insulanerin?« rief der Officier fast wie erschreckt, und so laut,
daß die ihm nächsten Paare nach ihm umschauten, und selbst Sadie
ängstlich nach René herüber blickte.

»Die Missionaire stecken ihr noch etwas in den Füßen,« fuhr René, wie
entschuldigend gegen den Freund gewendet fort, »aber -- gefällt sie
Dir nicht?«

»Es ist ein liebes, holdes Kind,« sagte der junge Mann, plötzlich ganz
still und ernst werdend -- »so hold und schön wie der sonnige Himmel
ihres Heimathslandes.«

»Und weshalb seufzest Du da so schwer?« lachte René.

»Aber weshalb befreist Du sie nicht von dem alten Gecken, der sie da
quält und peinigt?« sagte Bertrand rasch -- »sie hat ihm schon zehnmal
den Tanz abgeschlagen, und er läßt immer nicht nach -- er würde sich
das bei einer _weißen_ Dame nicht unterstehen.«

»Du hast recht,« sagte René schnell, und that einen Schritt nach vorn,
setzte aber plötzlich langsamer und lächelnd hinzu: »es ist Einer
meiner Freunde und kennt Sadie, wie den etwas puritanischen Geist,
der sie manchmal noch von unsern Sitten und Gebräuchen als etwas,
ihrer eigenen Religion widerstrebendem, zurückschrecken läßt. Doch
komm Bertrand, wir dürfen uns der Gesellschaft nicht so lange
entziehen, Madame Belard da drüben -- ha wer ist jene junge Dame die
dort mit Deinem Capitain jetzt tanzt? -- ich habe sie noch nicht auf
Tahiti gesehen.«

»Sie kommt von der Südseite der Insel, wie ich heute gehört,«
erwiederte Bertrand, »wo sie in der Familie eines dort angesiedelten
Franzosen gelebt. -- Aber Deine _Frau_ winkt Dir da drüben.«

»Monsieur Brouard wird zudringlich, wie mir scheint,« entgegnete René
mit einem halb spöttischen Lächeln die Unterlippe beißend -- »komm mit
mir Bertrand, und ich zeige Dir mein Weib,« und den Arm des Freundes
fassend, ging er mit ihm, die Tänzer vermeidend, zu der anderen Seite
des Saales hinüber, wo ihm Sadie, sich jetzt ernstlich von dem alten
Herrn losmachend, rasch entgegen kam.

»Ihre kleine Frau ist entsetzlich spröde,« rief ihm hier Monsieur
Brouard mit einem etwas verlegenen Lächeln entgegen -- »sie will unter
keiner Bedingung mit mir den ersten Walzer tanzen.«

Sadie sah bittend zu dem Gatten auf, und René, ihren Arm lächelnd in
den seinen ziehend, sagte mit einer leichten etwas kalten Verbeugung
zu Herrn Brouard:

»Ich habe Sie bis jetzt für unwiderstehlich gehalten, Monsieur,
verzeihen Sie dem noch rohen Geschmack der Insulanerin, die selbst
Ihren _unausgesetzten_ Bemühungen gegenüber ihr Recht zu wahren
suchte. Ich hatte schon den ersten Tanz vorher engagirt.«

»Ah, dann bitte ich tausendmal um Vergebung,« sagte der Kaufmann, sich
verlegen, aber auch jedenfalls pikirt über die etwas kurze Abfertigung
zurückziehend, während René, ohne sich weiter um Herrn Brouard zu
kümmern, Sadiens Hand ergriff und sie mit herzlichen Worten dem
Jugendfreund als sein liebes, braves Weib, als seine Sadie jetzt
vorstellte.

»Euch Beiden erzähl' ich nachher von einander,« setzte er dann lachend
hinzu, »und nun Sadie, darfst Du es mir nicht machen, wie Brouard --
nicht wahr ich bekomme keinen Korb, wenn ich Dich jetzt um den Walzer
bitte?«

»Aber René« sagte, leise sich zu ihm biegend, und hoch erröthend die
junge Frau, »was wird Mr. Nelson, was Mr. Dennis sagen, wenn sie
erfahren daß ich hier _getanzt_ -- ich thue doch wohl nicht recht
damit, und möchte Dir aber auch noch viel weniger weh thun, mit einer
Weigerung.«

»Thorheit, Sadie, haben wir nicht zusammen die Tänze meines Vaterlands
vor Mr. Osbornes Augen getanzt auf Atiu?« frug René, mit einem leisen
Vorwurf in dem Klang der Stimme.

»Auf Atiu,« wiederholte Sadie leise und das Wort rief liebe liebe
Bilder wach in ihrer Seele -- »auf Atiu!«

»Der alte Mann hatte seine Freude daran, wenn wir fröhlich waren.«

»Aber Mr. Dennis,« sagte Sadie schüchtern.

René zog die Brauen zusammen und sah einen Augenblick finster vor sich
nieder; aber Sadie legte ihre Hand auf seinen Arm und schaute ihm mit
ihrem bittenden herzlichen Blick ins Auge. Er sah auf zu ihr, sah das
halbe Lächeln in ihren Zügen, und rasch seinen Arm um sie schlingend,
flog er mit ihr den früher oft und gern geübten Tanz dahin in den
Reihen der fröhlichen schwingenden Paare.

Sadie tanzte mit unendlicher Grazie und Leichtigkeit, aber ihr Herz
war nicht bei dem Fest; in ihrer Brust wogte und stach es mit
vorwurfsvoller Stimme und quälte das arme unschuldsvolle Herz mit
trüben, ängstlichen Bildern. »Du sündigst jetzt« sagte sie sich leise
und immer und immer wieder vor, und des ehrwürdigen Bruder Dennis
Stimme klang dabei fortwährend in ihrem Ohr -- »Du hast Dich dem
wilden sündhaften Tanz ergeben, und der böse Feind greift schon nach
dem Arm, wo ihm der Finger kaum geboten in Lust und Leichtsinn.«

»An was denkst Du Sadie?« flüsterte ihr René zu, wie er mit ihr
wirbelnd und sie fest in seinem Arm dahin flog, während die
eingeborenen Frauen besonders, Sadiens leichtem Tanze bewundernd mit
den Augen folgten.

Sadie schüttelte leicht und erröthend mit dem Kopf, und zwang sich
fröhlich zu sein, aber die mahnende Stimme in ihr wurde stärker und
stärker, und wie schwindelnd lehnte sie sich endlich an Renés Schulter
und bat ihn sie zu einem Stuhl zu führen.

»Du kannst das rasche Drehen noch nicht vertragen,« lachte der junge
Mann, sie dort hin geleitend wo Bertrand mit untergeschlagenen Armen
stand und keinen Blick bis jetzt verwandt hatte von dem Paar -- »nur
erst ein paar Tänze aber Dich munter im Kreis gedreht, und der
Schwindel verliert sich schon von selber. Es ist eine Art Seekrankheit
die wohl die meisten Menschen überstehen müssen.«

»Ah Monsieur Delavigne -- hierher, wenn ich bitten darf, für einen
Moment nur,« rief in diesem Augenblick die fröhliche Stimme der Mad.
Belard, die ihm freundlich und dringend winkte zu ihr hin zu kommen.
Sadie deshalb dem Freunde übergebend, folgte er dem Ruf.

»Monsieur,« rief ihm aber die lebendige kleine Frau schon von weitem
entgegen, »ich habe Ihnen eine sehr angenehme Nachricht mitzutheilen;
dort drüben, und ich werde indessen die Sorge für Ihre kleine Frau
übernehmen, ist eine junge Dame die den Augenblick nicht erwarten kann
Ihre Bekanntschaft zu machen, und sich schon nach allen Ihren
Verhältnissen auf das Genaueste und Peinlichste erkundigt hat. Soviel
rath' ich Ihnen, wahren Sie Ihr Herz.«

»Sie sind zu gütig, Madame,« lachte René, »wenn dem wirklich so ist,
scheint die Sache in der That gefährlich zu werden.«

»Spotten Sie nicht vor der Zeit,« warnte Madame Belard -- »Sie
bekommen es mit keinem gewöhnlichen Mädchen zu thun, und werden einem
Paar Augen Stand halten müssen, denen schon stärkere Herzen erlegen
sind als ein junger leichtsinniger Franzose wahrscheinlich in seiner
Brust mit herum trägt.«

»Und die Dame?«

»Warten Sie, dort drüben spricht sie noch mit Madame Choupin, der
Stiefmutter von Brouards Frau, der möchte ich nicht gerne in die Hände
laufen.«

»Die junge Dame dort?« rief René rasch, »ah ich habe sie schon vorher
bemerkt: sie kommt von Papara, wenn ich nicht irre.«

»Das Alles wird sie Ihnen gleich selber mittheilen, Monsieur; aber
aufrichtig gesagt,« setzte sie schelmisch hinzu, »bin ich selber
neugierig welch Interesse sie in so auffallender Weise an Ihnen nehmen
kann. Sie _müssen_ ihr doch fremd sein.«

»Sympathie,« lachte René, »lieb ist mir's aber dabei daß gerade ein so
reizendes Wesen sich für mich interessirt.«

»Sie müßte denn im Auftrag von Madame Choupin« -- sagte Mad. Belard,
Renés Arm ergreifend und mit einer komischen Mischung von Besorgniß
und Schadenfreude zu ihm aufschauend.

»Um der heiligen Jungfrau Willen, Madame,« sagte aber René rasch und
mit komischer Angst, »schon der Gedanke ist grausam -- oder -- gönnen
Sie mir mein Glück nicht?«

»_Gönnen_? was wollen Sie damit sagen, Monsieur, -- oder woher wissen
Sie überhaupt daß Ihnen ein Glück bevorsteht? eitles Männervolk; Ihr
Herren der Schöpfung werdet aber hier auf den Inseln viel zu sehr
verwöhnt, und hätte ich früher gewußt was ich jetzt weiß, nie im Leben
würde ich meine Einwilligung zu einem Umzug nach Tahiti gegeben
haben.«

»Da kommt Mad. Choupin,« sagte René leise, und Madame Belard erschrak
und wandte sich rasch ab, den Platz zu verlassen, als sie das boshafte
Lächeln auf Renés Lippen bemerkte, und sich nun umdrehend sah wie Mad.
Choupin die andere Richtung eingeschlagen, und die junge Dame im
Gespräch mit Mad. Brouard zurückgelassen hatte. Madame Belard drohte
ihm lächelnd mit dem Finger und sagte leise:

»Wenn Sie jenen alten Drachen näher kennten, würden Sie mir vollkommen
recht geben, und ihn fürchten wie ich, aber -- die Luft ist rein, so
kommen Sie, denn ich muß mich auch noch um meine anderen Gäste
bekümmern, und habe nicht Zeit hier Stundenlang mit Ihnen zu
plaudern.« -- Und seine Hand ergreifend führte sie ihn der Stelle zu,
wo die junge Fremde mit Madame Brouard, anscheinend in tiefem
Gespräche stand, behielt aber kaum Zeit für die ersten Worte,
»Monsieur Delavigne, Mademoiselle Susanne Lewis,« als die Instrumente
auf's Neue begannen und sich die Paare zur Française anstellten.

»Desto besser, unter dem Tanz werden Sie noch schneller mit einander
bekannt,« rief die kleine muntere Frau, von dem Paar zurücktretend;
»dort aber kommt auch _mein_ Tänzer, ~Monsieur le capitain~, und ich
muß Sie für jetzt Ihrem Schicksal überlassen; doch -- unsere
Verabredung Monsieur, um die Auflösung dieses Räthsels wünsch' ich
nicht zu kommen.« Und ohne weiter den beiden jungen Leuten eine
Antwort zu gestatten, trat sie mit dem ihr jetzt den Arm reichenden
Capitain zum Tanze an, und Delavigne konnte ebenfalls nichts anderes
thun, als der schönen Fremden den Arm bieten, den sie auch mit einer
freundlichen Verneigung und einem eigenen schelmischen Lächeln dabei,
annahm.

Die ersten Minuten gingen so mit der Anordnung des Tanzes vorüber,
ohne daß er im Stand gewesen wäre ein Wort weiter mit seiner schönen
Unbekannten zu wechseln, die erste Gelegenheit aber die sich ihm bot
ergreifend, sagte er leise:

»Madame Belard hatte mich durch einige freundliche, aber jedenfalls
nur in Neckerei und Spott hingeworfene Worte ermuthigt zu glauben, daß
Sie, mein Fräulein, _wünschten_ mich kennen zu lernen; da ich aber gar
nicht weiß womit ich solch ein Glück verdient hätte -- «

»Sie wissen noch nicht ob das ein Glück für Sie werden wird,
Monsieur,« lachte aber die Schöne schelmisch, und René sah wirklich
etwas überrascht zu ihr auf, denn die nämlichen Worte hatte Madame
Belard kurz vor ihr gebraucht, und konnten die beiden Damen mit
einander im Einverständniß sein? -- aber weshalb? --

»Es ist jedenfalls schon ein Glück in diese schönen Augen schauen zu
dürfen,« sagte er jedoch, sich rasch sammelnd -- »und Böses kann da
wahrlich nicht geschehen.«

»Haben Sie ein gutes Gewissen?« frug die junge Dame.

René lachte -- »Ja und nein, wenn Sie wollen; nicht schwerer zu
tragen, wie wir Sterblichen überhaupt und durchschnittlich, und auch
nicht leicht genug um zu befürchten, daß mir das Herz davonflöge über
Nacht.«

»Sie sind ein weggelaufener Matrose,« sagte die junge Dame jetzt
lachend und sah neckend zu ihm auf. René erröthete; da aber seine
Geschichte, wie er diese Inseln betreten, auf Tahiti gar kein
Geheimniß war, sagte er ruhig:

»Hat man schon versucht, mich Ihnen von der schlimmsten Seite
vorzuführen?«

»Ob _man_ versucht hat?« lachte die Schöne, »Sie mögen selber
urtheilen. Uebrigens bin ich bei der Sache näher interessirt, als Sie
vielleicht glauben -- Sie sind mein Gefangener.«

»Auf Gnade und Ungnade,« lachte René, gern in den leichten Ton des
wirklich wunderschönen Mädchens eingehend, dessen Reize erst jetzt wie
es schien, nach und nach seinem Auge sichtbar wurden. »Aber tausend
solche Gefangene haben Sie wohl schon solcher Art gemacht, und werden
uns deshalb auch wohl auf unser Ehrenwort entlassen müssen, Ihrem
Triumphwagen scheinbar frei zu folgen.«

»Auf Ehrenwort? -- geben Sie kein leichtsinniges Versprechen, ehe Sie
wissen _wem_?«

»Wem?« sagte René erstaunt, aber ihr Gespräch wurde hier durch den
Tanz unterbrochen, der die Paare vor rief und trennte, und es bot sich
von jetzt an keine Gelegenheit wieder auch nur ein Wort weiter zu
wechseln, bis die Française beendet war. René nahm jetzt seiner
Tänzerin Arm, und sie den Saal niederführend sagte er fragend:

»Und nun, mein Fräulein, lösen Sie mir das Räthsel -- Sie tragen eine
Maske, legen die Hand daran sie zu lüften, und ziehen sie neckisch
wieder zurück. Ihr Spiegel sagt Ihnen schon, daß der Allmächtige Ihnen
einen gewaltigen Zauber in's Auge gelegt über uns arme Sterbliche;
mißbrauchen Sie die Macht nicht die Ihnen also gegeben -- Sie bedürfen
dessen nicht.«

»Ein Wallfischfänger ist doch wahrlich nicht der Ort Schmeicheleien zu
lernen,« lachte die Schöne laut auf, »und dennoch scheint es fast als
ob Sie selbst dort einen wesentlichen Theil Ihrer Zeit dazu benutzt
hätten, nicht außer Uebung zu kommen. Oder haben Sie das Alles schon
wieder hier auf den Inseln profitirt?«

»Mein Fräulein,« bat der junge Mann.

»Sie haben recht,« sagte die junge Dame da plötzlich ernster werdend,
»es wird Zeit daß wir unsere beiderseitigen Stellungen einnehmen, die
uns gebühren; also nochmals Monsieur, Sie sind mein Gefangener, René
Delavigne!«

»Von Herzen gern.«

»Halt -- nicht für mich etwa, Monsieur, sondern für meinen Vater,
_Jonathan Lewis_, Capitain des dreimastigen Wallfischfängers ~»the
_Delaware_,«~ gut gekupfertes Schiff erster Klasse A, und derzeit -- «

»Miß Lewis? -- aber wie ist das möglich?« unterbrach sie René in
vollem, unbegrenzten Erstaunen.

»Derzeit« fuhr aber das schöne muthwillige Mädchen ernsthaft fort,
»wahrscheinlich und mit Gottes Hülfe schon zu Hause, in Bedford, von
seinem Kreuzzug heimgekehrt.«

»Aber Sie, eine Französin, des alten durch und durch Jankee Capitains
Tochter?« rief René, immer noch ungläubig.

»Weigern Sie sich mir zu gehorchen, weil mir der schriftliche
Verhaftsbefehl gebricht?« frug Miß Susanne.

»Sie sind grausam, Miß.«

»Nun denn, so will ich Ihnen mit zwei Worten das scheinbar
unerklärliche Räthsel lösen. Erstlich bin ich keine Französin, sondern
im New-York Staat in Nord-Amerika geboren, früh aber meiner Mutter
durch den Tod beraubt schickte mich der Vater -- wie Sie mir bezeugen
werden, ein etwas rauher Seemann -- nach Louisiana hinunter, wo seine
Schwester an einen französischen Pflanzer verheirathet war. Ist Ihnen
das nun klar?«

»Ja, aber _jetzt_?«

»Aber _jetzt_? ah, wie ich _hierher_ gerade komme?« lachte die
Jungfrau -- »Sie verlangen also in der That meine Legitimation? Ist
das auch etwas ungalant, will ich es doch den außerordentlichen
Umständen zu Gute halten. Schwächlich von Gesundheit, und von den
Sümpfen Louisianas mit wirklicher Gefahr für mein Leben bedroht,
schien es, als ob mir der rauhe Nord dafür keine Linderung bieten
sollte, denn dort hinauf zurückgekehrt, verschlimmerte sich mein Uebel
eher, als daß es sich gehoben hätte. Die Aerzte dort verordneten mir
daher eine Luftveränderung nach irgend einem milderen aber auch
gesunden tropischen Klima, und mein Vater, damals gerade im Begriff
ein Schiff zum Wallfischfang auszurüsten, sandte mich mit einem
Jugendfreund von sich voraus nach Tahiti, mich hier dann später zu
besuchen und vielleicht wieder abzuholen.«

»Und war der Delaware hier?«

»Nicht wahr _das_ interessirt Sie?« lachte Susanne.

»Der Delaware interessirt mich allerdings,« lächelte René, »und Sie
werden mir den Grund nicht streitig machen.«

»Nicht ich, Monsieur -- Sie haben volle Ursache, aber ich gebe Ihnen
auch mein Wort, daß sich der Delaware damals für _Sie_ interessirte,«
fuhr Susanne fort, »denn mein Vater landete gerade auf Tahiti, als Sie
von ihm entsprungen waren, und eilte deshalb wieder besonders von hier
fort den »entsprungenen Matrosen«, wie er mir erzählte, auf jener
Insel wieder »abzuholen«. Wer mir damals gesagt hätte daß _ich_ so
glücklich sein sollte ihn wieder einzufangen.«

»Warum waren Sie nicht früher an Bord,« sagte René, »ich wäre nie
davongelaufen.«

»Trau' Jemand Euch Männern,« rief Susanne abwehrend -- »kaum auf
festem Land, und mit keiner Sylbe mehr all jener heiligen Bande
gedenkend die den Flüchtigen jedenfalls noch im alten Vaterland
fesselten, hat er nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiel seiner
Landsleute zu folgen, und sich ein armes Mädchen zu beschwatzen, das
ihm die Dauer seines Aufenthaltes hier die Zeit vertreibt.«

»Sie thun mir Unrecht, Mademoiselle.«

»Oh? -- Ihnen sind die gemachten Contrakte wohl stets heilig?«

René biß sich auf die Lippen und sagte nach kleiner Pause:

»Also tadeln sie mich, daß ich mich dem Leben an Bord eines
Wallfischfängers, dem ich nicht anders hätte für Jahre vielleicht
entgehen können, durch die Flucht entzogen habe.«

»Nein,« sagte Susanne lachend, und das große schwarze seelenvolle Auge
zu ihm aufhebend begegnete sie einen Moment seinem Blick, und glitt
dann wie musternd und mit kaum unterdrücktem Muthwillen an seinem
Anzug nieder -- »ich begreife nur nicht,« fuhr sie dabei fort, »wie
Sie je den unglückseligen Gedanken gefaßt haben konnten _an Bord_ zu
gehen. Hahaha, wenn ich Sie jetzt so vor mir sehe, und Sie dann mir
als gewöhnlicher Matrose, in all dem Schmutz und entsetzlichen Leben
eines »~Whalers~« unter dem wüsten rohen Volk denke -- die
Glacéhandschuh trugen Sie damals noch nicht, wie? -- und auch wohl
nicht den Frack? -- Und wenn Sie nun damals wieder eingefangen wären?
aber die Einzelheiten müssen Sie mir nächstens einmal erzählen,
versprechen Sie mir das?«

»Mit Vergnügen.«

»Und _aufrichtig_?«

»Wie meinem Beichtvater.«

»Hm, ich weiß nicht ob ich mich _damit_ gerade begnügen möchte -- doch
wir werden ja sehen. Und Ihre -- _Frau_?«

»Steht dort drüben mit jenem Französischen Officier -- darf ich Sie zu
ihr führen?«

»Ich danke,« sagte die junge Dame mit etwas kalter Höflichkeit -- »ich
komme aus Louisiana -- und Sie dürfen mir nicht verargen, daß ich
gerade kein günstiges Vorurtheil habe für -- braune Haut.«

René sah erstaunt, ja beleidigt zu ihr auf, und Susanne begegnete fest
dem Blick, der in seiner innersten Seele zu wurzeln schien, dort die
geheimsten Gedanken errathen zu wollen.

Es war ein wunderschönes Mädchen wie sie da vor ihm stand; die volle
üppige Gestalt doch so zart und schlank in dem elastischen Reiz der
Jugend; das edle Antlitz mit jenem weichen Zauber blühender Frische
übergossen, der unsere Sinne auf den ersten Blick gefangen nimmt; die
Augen voll Gluth und Feuer, und doch wieder eines so sanften Ausdrucks
fähig daß sie den ernsten Schatten Lügen straften, wenn er streng und
zürnend daraus hervorblitzen wollte, aber einen Himmel öffnend wenn
ihr Glanz in milder Ruhe strahlte.

René schaute in diese Sterne voll Gluth und Leben, bis er fast vergaß
weshalb er zu ihr aufgeblickt, und wie bittere Worte die süßen vollen
Lippen erst gesprochen; denn wie ein leises Lächeln über die ernsten
Züge glitt, war es wie spielendes Sonnenlicht auf der murmelnden
Quelle im Waldesdunkel, mit tausend blitzenden funkelnden Lichtern
tief hinableuchtend bis auf den reinen Grund.

»Sie sind beleidigt,« sagte sie endlich leise -- »Sie hätten lieber
gehabt, daß ich eine Unwahrheit gesagt, der Gegenwart zu schmeicheln.«

»Sie bringen ein Vorurtheil mit aus einer fernen Welt,« erwiederte
René, »und doch verzeih' ich Ihnen gern; Sie kennen Sadie noch nicht.«

»_Sadie_ -- ein schöner, klangvoller Name -- ich wollte ich hieße
Sadie,« sagte Susanne -- »wir in Nord-Amerika wählen unsere Namen fast
nur aus der Bibel.«

»Ah, schon wieder einen alten Bekannten getroffen?« unterbrach in
diesem Augenblick die Stimme des Capitains der ~Jeanne d'Arc~, das
Gespräch, und zwar gerade zu einer Zeit wo Susanna, mit feiner Hand
eben wieder eingelenkt hatte in ein milderes Gleis. »Sie haben Glück,
Monsieur Delavigne -- aber für jetzt möchte ich die Dame wenigstens um
den mir versprochenen Tanz bitten.«

Miß Lewis nahm, mit einer leisen dankenden Neigung des Kopfes seinen
Arm, und René freundlich zunickend sagte sie:

»Ich muß sie nachher noch einmal sprechen -- werden Sie kommen?«

René verbeugte sich, aber Sadiens Bild stand in diesem Augenblick vor
seiner Seele, und er erwiederte das Lächeln nicht.

Als er zurückschritt, sein Weib aufzusuchen, war Sadie eben mit
Bertrand, der mit der Hand nach ihm hinübergrüßte, zum Tanze
angetreten, und an dem nächsten Fenster bleibend, lehnte er dort mit
untergeschlagenen Armen, dem Tanze, an dem er dießmal keinen Theil
nehmen wollte, zuzuschauen. Im Anfang schwammen ihm aber die Gruppen
vor den Augen, ohne daß er im Stande gewesen wäre ein einziges Bild
aufzufassen und zu halten. Vor seiner inneren Seele zog wieder und
wieder die schöne Fremde -- zogen die kalten Worte, die sie
gesprochen, vorüber, und ein eigenes Weh, ein Gefühl dem er nicht
Worte, nicht Ausdruck zu geben vermochte, zuckte ihm durch das Herz.
Weshalb hatte sie ihn aufgesucht, weshalb sich ihm so freundlich
zugewandt; um ihn nur wieder zurückzustoßen? -- war das Ganze eine
gewöhnliche Koketterie gewesen, ihn nur die _Macht_ fühlen zu lassen,
die sie über Männerherzen auszuüben gewohnt sei, und ihm dann lachend
die Kluft zu zeigen die zwischen ihnen liege? »Bah -- « um seine Lippen
zuckte ein verächtliches Lächeln, als ihm der Gedanke aufstieg daß sie
sich _ihn_ zum Spiel ihrer Laune ersehen haben könnte -- und was sonst
war ihr Zweck? »Thörichtes Mädchen«, murmelte er leise vor sich hin,
»Deine Schönheit vermag wohl das Auge zu blenden für kurze Zeit, aber
den Mangel an Herz kann sie nicht ersetzen; geh und suche Dir ein
anderes Spiel, bei mir hast Du Deine Zeit verloren.«

Und wieder wechselten die Bilder in Zauberschnelle vor seinem inneren
Auge -- die liebliche Gestalt in dem prächtigen Ballstaat -- die
vorüberschwirrenden Paare, deren einzelne Umrisse er schon nicht mehr
sah; dazu die Musik, alte bekannte, lange lange nicht mehr gehörte
Töne aus der Heimath -- Weisen nach denen er selbst in schönerer Zeit
-- heiliger Gott _die_ Erinnerung -- -- Er barg die Augen mit der
linken Hand, aber nur wilder und unermüdlicher stürmten die Gedanken
auf ihn ein, und nicht mehr entgehen konnte er den unabweisbaren.

Mehre Minuten mußte er so gestanden haben, als eine leichte Hand
seinen Arm berührte, und fast erschreckt blickte er empor.

»Bist Du krank?« sagte eine leise, liebe Stimme, und Sadies treue
seelenvolle Augen schauten bang und sorgend zu ihm empor; aber er
bedurfte Secunden sich zu sammeln, sich zurückzurufen aus den Scenen
in denen er jetzt -- zum ersten Mal wieder nach langen Jahren --
geweilt, und die er bis dahin mit fester Willenskraft
zurückgeschleudert hatte wohin sie gehörten -- in die Vergangenheit.
Heute zum ersten Mal wieder, geweckt durch den Jugendgespielen
vielleicht -- vielleicht durch jenes schöne, kalte Bild, das ihn anzog
und abstieß zugleich in wunderbarer Kraft, waren sie in altem Grimm
und Schmerz erwacht, und es bedurfte wahrlich eines anderen, kaum
minder starken Zaubers ihre Gewalt zu brechen, oder doch zu mildern.

Sadie -- wie ein Sonnenstrahl der Wolken Nacht durchbricht, und Licht
und Leben über die noch vor wenig Augenblicken nur mit Nebelschatten
gedeckten Fluren wirft, so tauchte plötzlich das holde Bild in all
seiner Milde und Lieblichkeit vor ihm auf, und Harfentönen gleich, die
mit den weichen vollen quellenden Tönen nicht mehr allein durch das
Ohr, nein durch alle Poren unseres Körpers in die Seele dringen und
die Nerven nachklingen machen ihre Harmonie, in dem Vibriren ihrer
feinsten Fasern, so sah er nicht allein das holde Kind in all seiner
Lieblichkeit vor sich stehen, nein so fühlte er auch das Wohlthuende
ihrer Nähe, das den bösen Geist zurückdrängte der ihn beschlich, und
leise ihre Hand ergreifend, die in der seinen zitterte flüsterte er
das Zauberwort, das sich ihm selber retten sollte -- »Sadie!«

»Du bist krank, René,« sagte aber die junge Frau, ihn zum Fenster
drehend -- »Du siehst bleich und angegriffen aus -- laß uns zu Hause
gehen« -- setzte sie dann rasch und leiser hinzu -- »Dir wird wohler
dort, viel wohler, und -- mir auch.«

»Mir fehlt Nichts, Du holdes Kind,« erwiederte René lächelnd -- ein
eigenes Gefühl trieb ihn seine jetzige Bewegung wie deren Ursache vor
dem Weibe zu verbergen, aber es lag etwas Gezwungenes in den Worten,
und das Auge der Liebe täuschte es nicht. René fühlte das auch wohl,
und jeden weiteren Verdacht zu beschwichtigen, vielleicht weiteren
Fragen zu entgehen, die er fürchtete, setzte er mit lauter fröhlicher
Stimme hinzu: »nein Kind, mir ist sogar heut' Abend recht froh und
leicht zu Sinn, und ich will noch recht viel tanzen. Verschmähte
Freude kehrt nimmermehr zurück und es wär' Sünde sie von der Thür zu
weisen.«

»Ich weiß nicht von wem Sie sprechen,« sagte in diesem Augenblick eine
lachende Stimme an seiner Seite, und die muntere Madame Belard trat
zu ihnen hinan -- »aber nicht mehr wie schuldige Artigkeit wär' es,
sollt ich denken, die Wirthin, wenigstens zu einem einzigen Tanz zu
engagiren, daß sie nicht den _ganzen_ Abend auch nur zusehen muß, wie
sich ihre Gäste amüsiren.«

René hätte in diesem Augenblick keine erwünschtere Entschuldigung
finden können, einer ihm jedenfalls peinlichen Besorgniß, ja mehr
noch, weiteren Fragen auszuweichen, und Sadie freundlich zunickend,
bot er der Frau Belard den Arm. Diese aber, die ihm noch scherzend den
Text las über seine für sie keineswegs schmeichelhafte Unhöflichkeit,
bat er jetzt mit all jenem liebenswürdigen Leichtsinn, der ihm so gut
stand vielleicht weil er ihm so ganz natürlich war, um Verzeihung, des
begangenen Fehlers wegen, den er schon wieder gut machen wolle, wenn
sie nur eben freundlich genug sein würde ihm Gelegenheit dazu zu
gönnen.

»Hallo Sadie,« sagte in diesem Augenblick Aumama, die an ihre Seite
trat, »Du machst ja ein merkwürdig ernstes Gesicht -- bist Du schon
müde?«

Sadie schüttelte lächelnd mit dem Kopf.

»So leicht nicht, Aumama,« sagte sie leise, ihren Arm um der Freundin
Schulter legend, »und mir gefällt das Tanzen wundergut, wenn ich nur
wüßte« setzte sie wieder ernster werdend und leiser hinzu -- »ob wir
auch recht thun mit solcher Lust, und vielleicht nicht gar eine Sünde
begehen, von der wir uns selber vorlügen, daß das Ganze ja doch nur
eine unschuldige Freude sei.«

»Und was ist's sonst?« lachte Aumama, »nimm mir den Tanz, und ich geb'
Dir mein Leben in den Kauf. -- Nur die Gesellschaft -- und die Art
hier _wie_ sie's treiben gefällt mir nicht. -- Das Umfassen hemmt die
freie fröhliche Bewegung der Glieder, das Drehen treibt mich
schwindlich, daß sich die Stube mit mir im Kreise wirbelt. Auch die
Wände, der Boden hier machen mich irr und unbehaglich; mir wird als ob
ich draußen im Canoe in offener See triebe und die Wellen mich auf und
nieder würfen. Nein, gieb mir den freien offenen Plan, die blühenden
Zweige und blinkenden Sterne über uns, die lustige Trommel zum
Einschlag in Tritt und Sprung, und ich bin Dein mit Leib und Seele,
wie Du mich willst. Hei wie die Tapa im Winde flattert und die Locke
Dir um die Schläfe jagt, wie das Blut da durch die Adern schießt, und
zu flüssigem Feuer wird, eh' es zum Herzen zurückkehrt. Bah, hier der
Tanz ist kalt -- kalt wie das Land aus dem er kommt, und es kann mir
das Herz nicht erwärmen, ob sie auch blasen und Specktakel machen mit
ihren wunderlichen Instrumenten, aus Leibeskräften. Nicht einmal eine
Trommel haben sie dabei, und das nennen sie Musik.«

»Du bist ein wunderliches Mädchen,« lächelte Sadie -- »fremde Völker
haben doch auch fremde Sitten.«

»Eben deshalb sollen sie uns die unseren lassen,« trotzte Aumama --
»aber, was ich Dich fragen wollte,« setzte sie ernster hinzu -- »wer
ist das weiße Mädchen das mit René so lange tanzte, und so viel mit
ihm zu sprechen hatte?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Sadie -- »eine Fremde, glaub' ich, die von
Papara oder dessen Nachbarschaft kommt, und wohl hier wohnen bleiben
wird; -- warum?«

»Mir gefiele das nicht, wär' ich wie Du,« sagte die Freundin mit dem
Kopfe schüttelnd -- »sie hat ein glattes listiges Gesicht und ihr
Blick -- ich konnte ihre Sprache nicht verstehen, aber das ist oft
nicht nöthig wenn die Augen so deutlich reden wie die Lippen.«

»Und was haben die Dir gesagt?« frug Sadie.

»Nichts was mich freute,« antwortete Aumama, »aber auch Nichts was ich
wieder erzählen möchte; man soll keinem Menschen etwas Uebles
nachreden, noch dazu auf den bloßen Verdacht hin.«

»Du bist ärgerlich auf die fremden Frauen,« sagte Sadie lächelnd,
»weil Du nicht mit ihnen umgehen kannst wie wir es gewohnt sind unter
einander; es ist wohl möglich daß Du ihnen dabei unrecht thust. Aber
René hat seitdem gar nicht wieder mit ihr gesprochen.«

»Aber auch mit Niemand Anderem,« sagte Aumama schnell -- »er stand da
am Fenster und stützte den Kopf in die Hand, bis Du zu ihm kamst.«

Sadie schwieg und sah sinnend vor sich nieder; ihr Blick haftete aber
nicht lange am Boden, sondern suchte den Gatten, in dem wilden Gewirr
des Tanzes, dem sich René wieder mit vollem Eifer hingegeben. Aber
die, nach der ihr Blick dann umherschweifte, fand sie nicht; Miß Lewis
hatte den Saal verlassen und René lachte und plauderte noch immer mit
seiner lebendigen Tänzerin, der Frau Belard.

Doch neue Gäste kamen zum Tanz, in dem jetzt gerade eine kurze Pause
eintrat, den Tänzern Gelegenheit zu geben sich an den hie und da
angebrachten und mit Früchten, Kuchen und Wein bedeckten Tafeln zu
erfrischen, und kaum schwieg die Musik, als Manche der wilden Mädchen,
froh eines lästigen Zwanges enthoben zu sein, in die Mitte des Saales
sprangen und sich dort bald von einem großen Theil der Männer umgeben
fanden.

»Kommt!« rief Eine der fröhlichen Schaar, sich jetzt wenig an die
geputzten Fremden kehrend, deren unbekannte Weisen und monotones
Drehen im Ring herum sie schon lange geärgert und ermüdet hatte,

  »Komm! denn der scharfe Ton
  Hat mich gelangweilt schon,
    Komm!
    Zuckt mir's durch Fuß und Knie,
    Zuckt mir's im Herzen hie!
    Komm!«

»Frieden, Wahine -- gieb Ruhe -- fort mit Dir, Mädchen!« riefen
einzelne lachende Stimmen dazwischen -- »hier ist kein Platz für Euere
wilden Tänze, wo fremde Frauen sind -- auseinander mit Euch!«

»Fort?« riefen aber Andere dazwischen, denen der wilde bekannte Laut
die Pulse schon rascher klopfen machte --

  »Fort? laß sie schwatzen da,
  Herzchen wir kommen ja,
    Fort --
    Rasch nur die Trommel her,
    Stehn wir nicht müßig mehr.
    Fort!«

und den Takt auf den Lenden schlagend mit ihren flachen Händen, und
singend und lachend begann die muntere Schaar, trotz dem Einspringen
einzelner Männer, die vielleicht nicht mit Unrecht fürchteten daß der
Tanz in dem Uebermuth des jubelnden Schwarmes ausarten könnte, den
wilden ~Upepehe~, den Lieblingstanz ihres Stammes.

Die neuangekommenen Gäste, zwei Marine-Officiere der ~Jeanne d'Arc~,
mischten sich gleich lachend unter die jubelnden Dirnen, die sie fast
Alle kannten, und Mad. Belard beschwor jetzt René, seinen Einfluß
aufzubieten das zügellose Volk wieder zur Ordnung zurückzubringen, was
aber mit nicht wenig Schwierigkeiten verbunden war. In der Mitte
gestört, stoben sie nach allen Seiten hinaus, jede auf eigene Hand den
begonnenen Tanz auszuführen, und es wurde auch in der That erst dann
möglich sie wieder zu vollkommener Ordnung zu bringen, als die
Trompeten, auf Renés Zeichen, von Neuem zu einem Tanze einsetzten und
dadurch die Mädchen, die denen entgegen nicht ihren eigenen Takt
beibehalten konnten, zwangen aufzuhören.

Als die Musik nun aber, nicht wieder durch eine neue Pause neue
Störung zu verursachen, in dem begonnenen Stücke blieb, sahen sich die
letztgekommenen Officiere ebenfalls nach Tänzerinnen um. Von weißen
Damen schien aber nur noch Mrs. Noughton übrig geblieben zu sein, die
trotz allen Aufforderungen auch noch nicht einen Schritt heut' Abend
getanzt, sondern wacker an der Seite ihres eben so langweiligen
Gatten auf dem einen Canape ausgehalten hatte. Madame Belard war mit
Monsieur Brouard angetreten, Madame Brouard mit dem Capitain, und
Fräulein Susanne blieb verschwunden. Mrs. Noughton weigerte sich aber
auch dießmal mit einer steifen Verbeugung an dem Tanze Theil zu nehmen
und Einer der neugekommenen Officiere schaute eben, leicht getröstet,
im Saal umher, sich unter den anwesenden Insulanerinnen Eine
herauszusuchen, mit der er möglicher Weise im Walzer fortkäme, als er
Sadie bemerkte, deren Europäische Tracht ihm gerade nicht besonders
auffiel. Rasch auf sie zu tretend, legte er seinen Arm um ihre Taille
und sagte:

»Komm Wahine, dann wollen wir einmal versuchen wie wir herum kommen,
und halt das Köpfchen steif, daß Du mir nicht schwindlich wirst; ich
drehe Dich schon.«

René hatte sich mit Bertrand wieder zusammengefunden, und schritt eben
langsam der Stelle zu wo Sadie stand, als er sah wie sie sich in dem
Arm des Fremden sträubte und sich ihm zu entwinden suchte; der junge
Officier aber, schon seit Monden langem Aufenthalt auf den Inseln
gewohnt mit den Frauen Tahitis umzugehen, glaubte nur hier eine etwas
spröder als gewöhnliche Schöne gefunden zu haben, und rief lachend:

»Zum Teufel, mein Mädchen, stemme Dich nur nicht, ich thue Dir
Nichts;« Sadie aber war so erschreckt, daß sie nicht vermochte einen
Laut über die Lippen zu bringen und sich von dem starken Manne schon
emporgehoben fühlte, als René mit einem Sprung an ihrer Seite war, und
seine Hand mit einem Eisengriff in des Soldaten Schulter heftend, mit
vor Zorn bebender und kaum hörbarer Stimme sagte:

»Zurück da, Monsieur -- das ist mein Weib.«

»Sollst sie behalten, Kamerad,« lachte der junge, etwas rohe
Marine-Officier, »aber ein Tänzchen muß sie erst mit mir machen, davon
hilft ihr kein Gott.«

»Lassen Sie mich los, Monsieur!« rief auch in diesem Augenblick Sadie,
die durch Renés Gegenwart ermuthigt, ihre Sprache wieder gewann, und
der Officier, durch das flüssige Französisch der Insulanerin
überrascht, ließ kaum in seinem Griff um ihre Taille nach, als er sich
auch schon von dem, kaum seiner Sinne mehr mächtigen René gefaßt und
mehre Schritte zurückgeschleudert fand.

»Teufel!« schrie er, und die Hand fuhr fast unwillkührlich nach dem
leeren Degenkoppel, Bertrand sprang aber dazwischen, und der Officier
auch, sich rasch besinnend wo er sich befand, und daß er hier das Fest
nicht stören durfte, biß nur die Zähne auf einander und winkte dem,
trotzig zu ihm hinüberschauenden René ihm zu folgen. Aber andere Augen
hatten ebenfalls den Wink gesehen und verstanden, und ehe René im
Stande war sich von Sadie frei zu machen, und dem stillen aber wohl
begriffenen, ja erwarteten Ruf zu folgen, fühlte er eine Hand auf
seiner Schulter, und der Capitain der ~Jeanne d'Arc~, der gerade
zufällig mit seiner Tänzerin dort stehen geblieben, und Zeuge des
ganzen blitzesschnell in einandergreifenden Vorfalls gewesen war, bat
ihn, nur wenige Minuten auf seiner Stelle zu bleiben, bis er ihm
Antwort bringe von draußen. Dann ohne weiteres dem Officier folgend,
erreichte er diesen gerade an der Thür, faßte seinen Arm und führte
ihn mit sich hinaus.

In dem Saal war indessen für den Augenblick Todtenstille eingetreten;
die Musici, vor denen der Streit stattgefunden, hatten auch fast wie
verabredet, aufgehört zu blasen so wie die Tänzer stockten. Auch die
übrigen Gäste, wenn auch nur wenige von ihnen die Ursache des so
plötzlich aufgetauchten Streites kannten, sahen daß er schon zu weit
gegangen war, anders als mit Blut wieder gesühnt zu werden, und
standen in jener peinlichen Erwartung, dem Ausgang des Ganzen
entgegenzusehen, die wir uns wohl stets bei irgend einer nahenden
Gefahr, mag sie uns oder einen Andern bedrohen, beschleichen fühlen.
Nur die eingeborenen Mädchen, denen nicht entgangen war daß Einer der
Betheiligten den Saal verlassen hatte, glaubten damit natürlich Alles
beigelegt, und zuerst die feierliche und so plötzliche Stille um sich
her einen Augenblick erstaunt beobachtend, gewann das leichte Element
bei ihnen doch nur zu bald wieder die Oberhand.

»Hierher Waihines!« rief plötzlich die lachende Stimme Nahuihuas,
der Schwester Aumamas, mit der Lefevre schon fast den ganzen Abend
getanzt --

  Schnell!
  Schnell wie der gier'ge Hai
  Schneidet die Fluth entzwei,
  Schnell --

»Ruhe Wahine!« flüsterte es rasch um sie her, und das Mädchen schwieg
erschreckt, mitten in ihrem Gesang, als sie die ernsten finstern
Gesichter all' erblickte, die sich rasch und bestürzt auf sie
richteten.

Madame Belard wußte aber wie dieser böse Geist zu bannen sei, und dem
Orchester ein Zeichen gebend, daß jetzt rasch wieder in den
unterbrochenen Tanz einfiel, ergriff sie den Arm Renés und den halb
Widerstrebenden mit sich fortziehend, flüsterte sie leise und
dringend:

»Ei, Sie ungezogener Mensch, den eine Dame zum Tanz förmlich mit
Gewalt _zwingen_ muß. Sie haben mir meinen Tänzer fortgejagt, und sind
jetzt auch verpflichtet dessen Stelle zu übernehmen. Ueberdieß fühlen
Sie denn nicht daß Alles auf Sie achtet?« setzte sie leiser hinzu.
»Machen Sie wieder gut was Sie verdorben haben, und zeigen Sie den
Leuten daß Sie gar nicht daran denken Skandal anzufangen!«

René fühlte mehr wie er verstand, daß sie recht hatte; einen Blick
nach Sadie zurückwerfend, die er jetzt in Bertrands Schutz sah, kam
ihm auch die Erinnerung an das Vergangene, und sich zu seiner
liebenswürdigen Tänzerin niederbiegend bat er leise:

»Vergebung, theuerste Frau, Vergebung für den fatalen Auftritt den
ihnen hier meine Hitze bereitet, aber -- «

»Ich weiß Alles,« beruhigte ihn Madame Belard, »ein Mißverständniß nur
-- ruhig Monsieur, Sie sollen mir nicht wieder hitzig werden und
aufbrausen, so lange _ich_ jetzt in Ihrem Schutze bin -- ein
Mißverständniß war die ganze Ursache, der junge Officier, der Sie gar
nicht kannte, kann nicht die Absicht gehabt haben Sie oder Sadie
wissentlich beleidigen zu wollen, und würde vielleicht eben so leicht
daran denken sich einen Finger abzuschneiden, als Streit zu suchen
hier bei mir.«

»Aber er hat -- «

»Ich weiß ja Alles,« unterbrach ihn wieder Madame Belard, in
gutmüthiger Ungeduld mit dem Kopf schüttelnd, als sie zum Ausruhen
abgetreten waren und Nichts als eingeborene Frauen um sich sahen, die
nicht verstanden was sie sprachen. »Er hat Ihre Frau nach _unseren_
Begriffen von dem was sich schickt und gehört, beleidigt, und wäre das
auf einem Europäischen Ball vorgefallen, so könnte nichts anderes als
Degen oder Pistol den Streit entscheiden; hab' ich recht?«

»_Wäre_ das?« wiederholte René erstaunt -- »und ist das nicht hier, bei
_meiner_ Frau genau dasselbe?«

»Nein, nein und abermals nein!« sagte aber Madame Belard ungeduldig;
»nach Insulanischen Begriffen von Ehre und Schicklichkeit -- «

»Aber meine Frau ist -- «

»Eine Insulanerin, Sie mögen's drehen und wenden wie Sie wollen; und
wenn sie eine Ausnahme macht von den übrigen, von denen sie allerdings
wie Tag und Nacht verschieden ist, so liegt der doch nicht auf der
_Haut_ zu Tage, und das junge fröhliche Stück von einem Officier, das
in seinem Uebermuth, von den Schiffsbanden auf einen Abend frei zu
sein, nur hier herein springt, sich, wie es keine weiße Tänzerin
bekommen kann, nach dem schönsten Indianischen Gesicht umschaut und
da aus Versehen gerad' auf _Ihre_ Frau trifft, hätte eben so gut
vermuthen können einen Neger in weißer Haut zu finden, als eine
Indianerin, die sich so ganz ihrer eigenen Sitten entschlagen, und
Europäischen Gebräuchen mit ihrer Sprache und Haltung zugewandt hat.«

»Aber ihre ganze Kleidung mußte ihm das schon von vorn herein
verrathen.«

»Als ob Ihr Männer überhaupt je sähet womit sich eine arme Frau
herausgeputzt hat, diesen Herren der Schöpfung zu gefallen,« spottete
die junge Frau halb im Scherz halb im Ernst; »entweder Ihr mustert
ganz genau und auf das peinlichste, immer dabei Eueren schlechten
Geschmack bewährend, oder Ihr wißt nicht einmal ob wir Seide oder
Cattun getragen, wenn wir Stunden lang in Euerer Gesellschaft gewesen
sind -- Gott ist der Mensch grob,« seufzte sie dann nach einer kleinen
Pause, als René schwieg und vor sich nieder schaute, mit komischem
Ernst; »handgreiflich leg' ich's ihm in den Weg, und nicht eine kleine
unbedeutende Schmeichelei sagt er mir dafür.«

»Liebe Madame Belard,« bat René.

»Ich bin schon wieder gut,« lachte die kleine Frau, »aber René,«
setzte sie ernster, und einen Blick umherwerfend ob sie Niemand
überhöre, hinzu -- »seien Sie auch vernünftig, setzen Sie sich über
eine kleine Vernachlässigung Ihres sonst so lieben Weibchens eher
einmal hinweg, als Sie es nöthig hätten wenn sie -- eben von --
unserer Farbe wäre. Der Fremde kann nun einmal unsere
Privatverhältnisse nicht so leicht durchschauen, und wird der
_farbigen Eingeborenen_ nie eine solche Achtung und Aufmerksamkeit
zollen, als ob sie ihm ebenbürtig wäre.«

»Und ist sie das nicht?« rief René erstaunt, und Madame Belard biß
sich auf die Lippen; sie zögerte augenscheinlich mit einer Antwort,
die sie sich scheute gerade auszusprechen.

»Lieber René,« sagte sie endlich nach einer kleinen Pause mit
wirklicher Herzlichkeit im Ton, wie sie bis jetzt noch nie zu ihm
gesprochen, »Sadie ist ein liebes herziges Kind, eine Frau die man
lieber gewinnt mit jedem Tag, und ihre ganze Seele liegt in ihrem
Blick, aber -- «

»Aber? Madame Belard?«

»Sie haben sich mit ihr die Rückkehr in die Heimath abgeschlossen,«
setzte die kleine Frau endlich entschlossen hinzu -- »Sie haben sich
auf Ihre Bambushütte und den Meeresstrand beschränkt, und -- ich weiß
nicht ob Sie daran gut gethan haben.«

»Und paßt Sadie nicht in jede Gesellschaft?«

»Ja -- aber die Gesellschaft paßt nicht für sie;« lautete die rasche
Antwort; »wenn sie von der Gesellschaft als das aufgenommen würde was
sie wirklich ist, in all' ihrer Anmuth und holden Weiblichkeit, keine
andere Frau könnte höher stehen, aber wir leben nun einmal in einer
Welt von Vorurtheilen, und -- können nicht durch die Wand mit dem
Kopf.«

»Aber ich will von der Welt Nichts mehr -- mir genügt das Glück das
ich besitze -- sie sollen mir das nur unverkümmert lassen.«

Madame Belard schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst:

»Sie kennen sich selber nicht, Delavigne, und sind hier in
Verhältnisse gekommen, die Sie noch nicht übersehen können; gebe Gott
daß ich unrecht habe, aber Sie passen so wenig zu dem thatenlosen
Leben dieser Inseln wie -- ich, und ich will auch meinem Gott danken,
wenn Monsieur Belard einmal ebenso denken lernt und die Segel wieder
heimwärts setzt.«

»Und was sollte mich hindern ebenfalls nach Hause zurückzukehren?«
frug René, doch sein Auge suchte dabei den Boden als er sprach, und
nur als Madame Belard gar nicht antwortete sah er auf, und vor ihm
stand, mit einem eigenen Lächeln auf den zarten Lippen, _Susanne_;
aber ohne ihn anzureden schüttelte sie nur leise und wie mißbilligend
mit dem Kopf und schritt langsam der Stelle zu, auf welcher sich Herr
und Madame Brouard eben zum Fortgehen anschickten. Ihm blieb jedoch
keine Zeit weiter, denn durch die Tänzer schritt der Capitain der
~Jeanne d'Arc~, und mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen Madame
Belard René's Arm ergreifend, führte er ihn mit hinaus in's Freie, wo
die kühle Seeluft seine heiße Stirn fächelte, und die Sterne gar
freundlich und traut auf sie herniederschienen.

»Mr. Delavigne,« begann er hier, freundlich des jungen Mannes Hand
fassend und drückend, »es ist zwischen Ihnen und einem meiner
Officiere ein mir höchst fataler, ja schmerzlicher Fall vorgekommen.«

»Ich stehe dem Herrn mit Vergnügen jeden Augenblick zu seiner
Genugthuung bereit,« erwiederte René ruhig.

»Ich weiß das, ich weiß das,« beseitigte es der Capitain -- »aber die
Sache ist, daß Sie Beide recht und Beide unrecht haben.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte René.

»Ich will mich deutlicher erklären,« fuhr der Capitain fort; »Sie sind
selber zu gut mit den hiesigen Verhältnissen bekannt, als daß ich
nöthig hätte Ihnen den Standpunkt anzugeben, auf dem die Indianischen
Mädchen den Europäern gegenüber stehen; Sie müssen den geringen
moralischen Zwang kennen, den sich beide Theile hier auferlegen, und
Monsieur Rodolphe konnte keine Ahnung haben, daß Eine von Tausenden
eine solche Ausnahme ihres Geschlechts hier machte.«

»Er ist vollkommen gerechtfertigt Genugthuung zu verlangen,«
erwiederte René, dem es weh that das Geschlecht der Indianer so
herabgewürdigt zu sehen; doppelt weh vielleicht weil er fühlte wie
viel Wahrheit das Gesagte enthalte.

»Tollköpfiges Geschlecht,« murmelte der Capitain, den Kopf ärgerlich
herüber und hinüber werfend, »aber Ihr sollt Euch nicht schießen,
Mann, Ihr sollt Euch mit einander vertragen, und einsehen daß Euch
Gott Euere gesunden Glieder gegeben hat, sie zur Ehre Eueres
Vaterlandes einzusetzen, wenn's Noth thut, aber nicht da in die
Schanze zu schlagen, wo es nur eines offenen Wortes zwischen beiden
Theilen bedarf, sich zu überzeugen daß Beide unrecht hatten.«

»Monsieur Rodolphe wird schwerlich, nach dem Vorhergegangenen, das
erste Wort zum Frieden bieten,« sagte René vor sich hin.

»So thun _Sie_ es, Delavigne,« rief der Capitain.

»Ich? -- nie« -- zischte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen
durch -- »er hat mein Weib beleidigt und jeder Andere hätte wie ich
gehandelt. Aber trotzdem will ich die Hand zur Versöhnung reichen,«
setzte er finster hinzu, »wenn Monsieur Rodolphe mit mir zu Madame
Delavigne geht, und die Dame dort, der begangenen Rohheit wegen, um
Entschuldigung bittet. Sie wissen selber Capitain, daß nach unseren
Begriffen von Ehre keine weitere Wahl mir oder ihm bleibt.«

»Aber Delavigne, das würde bei -- das würde bei -- das würde in Europa
nöthig sein, aber hier -- «

»Und sind unsere Gesetze der Ehre hier anderer Art?« frug René ihm
scharf dabei in's Auge schauend.

Capitain Sinclair biß sich auf die Lippen -- er konnte Nichts darauf
erwiedern wenn er René nicht kränken und einen zarten, höchst
schwierigen Punkt berühren wollte; aber er wußte auch daß sich
Rodolphe gerade wieder _seinen_ Begriffen von Ehre nach, einer
Insulanerin gegenüber, deren Ehen mit den Weißen als viel zu leicht
und zu wenig bindend angenommen wurden, nie dazu verstehen würde.

Es blieb da weiter keine Wahl, und tief aufseufzend und ärgerlich sich
abdrehend sagte der Capitain, der gern das Aeußerste vermieden hätte,
aber die Unmöglichkeit auch einsah:

»So macht was Ihr wollt; schießt Euch beide ein paar Kugeln durch die
Jacken -- so sind ein paar Tollköpfe weniger auf der Welt -- aber ich
will mit der ganzen Sache Nichts weiter zu thun haben -- Nichts davon
wissen -- die Folgen über Euch!«

Er kehrte raschen Schrittes in das Haus zurück, von der anderen Seite
aber näherte sich dem jungen Mann ein Marineofficier und sagte
höflich:

»Monsieur Delavigne, wenn ich recht bin?«

»So ist mein Name.«

»Sie wissen, was -- «

»Ich stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«

»An wen wünschen Sie daß ich mich wende?«

»Lieutenant Bertrand wird so freundlich sein -- «

»Ah -- besten Dank, Monsieur, und guten Abend.«

Mit höflichem Gruß trennten sich die beiden Männer, und René folgte
dem vorangegangenen Capitain, Bertrand in Kenntniß zu setzen und um
seinen Beistand zu bitten, und seine Frau nach Hause abzuholen. Der
Abend war ihm verleidet worden gegen weitere Lust und Freude.
Unbemerkt, wenigstens unbeachtet hatte er dabei gehofft den Saal
wieder betreten zu können, Madame Belard schien ihn aber schon in
Angst und Sorge erwartet zu haben, und seinen Arm ergreifend führte
sie ihn den Saal entlang.

»Was haben Sie gethan?« flüsterte sie dabei, »Sie wilder Mann; und die
arme Frau sitzt da drin und weint und sorgt und grämt sich, und weiß
-- ahnt noch nicht einmal das Schlimmste.«

»Wo ist Sadie?« frug René leise, sich im ganzen Saal vergebens nach
ihr umschauend.

»Auf meinem eigenen Zimmer -- ich führe Sie dorthin.«

»Nur einen Augenblick, Madame,« bat René, »ich habe nur einem Herrn da
drüben zwei Worte zu sagen; entschuldigen Sie mich nur einen Moment,
ich bin gleich wieder bei Ihnen.«

»Und so soll es doch zum Aeußersten getrieben werden?« flüsterte
erbleichend Madame Belard.

René zuckte die Achseln -- aber Bertrand, ebenfalls im Begriff den
Saal zu verlassen, stand nur wenige Schritte von ihm entfernt --
wenige Worte leise geflüstert, genügten -- sie drückten einander die
Hand, und René eilte rasch zu seiner ihn ängstlich erwartenden
Führerin zurück.

»Was Ihr für entsetzliche Männer seid,« sagte sie dabei, als sie den
Saal verlassen hatten und die Treppe hinaufstiegen, der höher
gelegenen Wohnung zu -- »mit kaltem Blut verabreden sie da einander zu
morden oder zu verstümmeln, und machen sich weiß dabei daß es nöthig,
unumgänglich nöthig wäre. Guter Gott wie wird das jetzt enden. -- Aber
da gehen Sie hinein, und gehen Sie zu Haus mit ihr, so rasch Sie
können -- sie sehnt sich zu ihrem Kind, und ich möchte mich selber
hinsetzen und weinen, wenn ich daran denke wie das arme süße Wesen,
das hier Kummer und Sorge trägt unverschuldet, von mir eingeladen war
sich zu amüsiren, und jetzt zu Hause geht, das Herz voll zum
Ueberlaufen von Wehmuth und Leid. Sie dürfen mit ihr hier auf Papetee
nicht mehr unter weiße Männer gehen, René, oder Sie können der armen
Frau noch selber das Grab hier graben auf der fremden Insel.«

Und damit, ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, öffnete sie
die Thür ihres Zimmers, ließ René eintreten und kehrte dann selbst zu
ihren Gästen zurück, dort keinen Verdacht zu erwecken daß irgend etwas
Außerordentliches vorgefallen sei, was den Frohsinn hätte stören
dürfen.



Capitel 7.

#Unterwegs.#


René betrat rasch das kleine sonst so freundliche jetzt aber nur von
einer einzigen düster brennenden Lampe kaum erleuchtete Gemach -- eine
eigene Angst, über die er sich eigentlich keine Rechenschaft zu geben
wußte, preßte ihm das Herz zusammen, und nur zum Theil beruhigte es
ihn, als ihm Sadie entgegen kam und beide Hände für ihn ausstreckte.
Er zog sie leise an sich, und sie schmiegte ihr Köpfchen fest, fest an
seine Schulter, ohne ein einziges Wort zu sagen, ohne einen Laut
auszustoßen.

»Arme Sadie,« flüsterte er leise, und küßte sie auf die heiße glühende
Stirn -- fester drückte sie sich an ihn, aber sie athmete kaum, und
René fühlte wie sie in seinem Arm zitterte.

»Wir wollen zu Hause gehen, mein süßes Lieb,« sagte er flüsternd zu
ihr niedergebeugt, und sie nickte heftig an seiner Brust, aber ohne zu
reden -- das Herz war ihr so voll -- so voll und so weh. Schweigend
nahm er seinen Hut, den Madame Belard schon für ihn zurechtgestellt,
und seinen Arm um ihre Schulter legend, sie zu stützen zugleich und zu
führen, verließ er mit ihr das erleuchtete, Luft und Leben athmende
Haus, durch eine Hinterthür das Freie suchend, da vorn, den hellen
Fenstern gegenüber, hundert von Eingeborenen standen und lagen, den
Tönen der Instrumente, den wunderlichen Melodien lauschend, bis hie
und da eine Aehnlichkeit im Takt durch die Glieder Einzelner zuckte,
und sie zum Tanz antrieb aus freier Hand, mitten auf der Straße
draußen.

Durch den Garten, unter den thauigen Bananen und Orangen schritten sie
hin, langsam und schweigend den schmalen Pfad entlang, auf den der
Mond nur mühsam durch Palmenkrone und Brodfruchtwipfel einzelne seiner
Strahlen konnte niederwerfen. Eine schmale Pforte führte auf die
äußere Straße, und dieser folgend erreichten sie bald den düsteren
Palmenhain, der vom Fuß der Hügel ab bis dicht an den Strand reichte
und von dessen Wellen selbst seine Wurzeln bespühlen ließ.

»Du solltest Dich freuen an unseren Sitten und Vergnügungen,« sagte
endlich René leise, als sie schon lange schweigend neben einander
hingeschritten und René nur ängstlich bemüht gewesen war, die dicht an
ihn angeschmiegte Gestalt des jungen Weibes vor allen Unebenheiten des
Weges zu bewahren. »Du solltest tanzen und fröhlich sein, und hast nur
Schmerz dort gefunden und Herzeleid.«

Sadie wollte sprechen; René fühlte wie sie sich von seinem Herzen halb
emporrichtete, aber es war auch als ob ihr die Kraft oder das Wort
dazu fehle.

»Bist Du mir böse, Sadie?« sagte René endlich nach langer Pause, und
suchte dabei ihr Antlitz zu sich emporzuheben.

»Nein René,« flüsterte die Frau leise und schüttelte langsam den Kopf
-- »nein, nicht böse -- aber -- aber eine Bitte hätte ich an Dich.«

»Und nenne sie mein Herz.«

»Du warst so glücklich in Atiu« -- fuhr Sadie nach kurzem Zögern fort,
-- »kein Schmerz, kein Weh drohte unseren Frieden zu stören. Dort --
waren keine weißen Männer und Frauen weiter,« fuhr sie mehr Muth
gewinnend, aber doch immer noch schüchtern fort, »dort warst Du Einer
der Unseren geworden, Alle hatten Dich lieb, und ich selbst -- war ein
Kind des Bodens und fand dort meine Heimath. Hier sind wir fremd, und
der Charakter des Landes ist, durch _Deine_ Landsleute, wie auch
durch die Engländer ein anderer geworden. Die weißen Menschen dünken
sich besser in ihrer Farbe,« fuhr sie wieder leiser fort, »als wir,
denen die Sonne dunklere Haut gegeben. Sage mir Nichts dagegen, René,
ich _weiß_ es, und so weh es mir thut, ich wollte es gern ertragen um
_Deinetwillen_ -- wenn ich nicht eben _Deinet_willen Dich bitten müßte
wieder mit mir fort von hier zu ziehen.«

»Meinetwillen, Sadie?« sagte René, aber es war ihm nicht Ernst mit der
Frage und Sadie wußte es.

»Wenn Du es nicht selber _fühlst_, René,« sagte sie traurig, »mit
Worten kann ich es Dir nicht beschreiben; ich kann Dich auch nur
versichern daß ich die Ueberzeugung habe wie wir Beide recht, recht
unglücklich werden würden, wenn wir hier blieben.«

»Aber mein Geschäft,« sagte René.

»Trägt nicht die Cocospalme Milch im Ueberfluß,« bat Sadie, sich
fester an ihn schmiegend, »hängt nicht die Brodfrucht voll und reif am
Zweig, und die Orange bietet Dir die Frucht, indem sie ihre duftenden
Blüthen auf Dich niederschüttelt; hast Du nicht mich -- Dein Kind? --
liegt nicht der Frieden Gottes auf jenem stillen kleinen Inselreich,
das Seine Huld mit Allem ausgestattet was lieb und schön und gut und
fruchtbar ist? Sieh René,« setzte sie lauter, fester hinzu, »ich habe
Alles gethan was Du von mir verlangt; ich habe mir Deine Sitten
angeeignet, so weit es in meiner Macht stand, ich trage Euere
Kleidung, ich spreche Euere Sprache, ich habe mein Herz Dir gegeben,
Dir, nur Dir allein -- und meinem Kind. Nur -- nur die Farbe konnt'
ich nicht ändern, die Gott meiner Haut gegeben -- ich bin ein Kind
dieser Inseln, und als solches hast Du mich lieben gelernt, und zu
Deinem Weib genommen. Aber meine Schwestern hier auf Tahiti sind
anderer Art -- nicht mit so treuer Sorgfalt erzogen wie ich, leben sie
meist wüst und wild in den Tag hinein -- und Deine Landsleute tragen
viel die Schuld. Du hast heute erfahren in welcher Achtung die
Insulanerin bei ihnen steht -- willst Du noch länger Zeuge sein wie
sie mich kränken und niederdrücken? -- und doch hast Du nicht den
zehnten Theil von dem gesehen was mir wie Messer in die Seele schnitt,
nicht die kalten verächtlichen Blicke einzelner Frauen -- nicht die
leichtfertigen Worte gehört, die mir, heimlich oft, oft ohne Furcht
und Scheu in die Ohren geflüstert wurden, und das Blut in die Wangen
jagten. _Ich_ gehöre nicht unter jene Menschen, ich passe auch nicht
für sie, sie nicht für mich, und willst Du hier bleiben auf Tahiti,
magst Du Dich nicht trennen von dem jetzt vielleicht lieb gewonnenen
Leben, so laß mich daheim bei meinem Kind, René, dorthin gehör' ich,
den Platz füll' ich aus, und unsere Hütte mag Dir selber eine Heimath
werden -- aber Atiu wird es uns doch nie ersetzen. -- O zögest Du
zurück, René.«

René erwiederte Nichts; schweigend schritten sie neben einander hin,
und tolle Bilder zuckten ihm durch Sinn und Hirn, denen er nicht Form,
nicht Deutung zu geben vermochte. Das geschäftige, wenn nicht
gesellige Leben Papetees war ihm schon theilweis zum Bedürfniß
geworden, dem er nicht gern entsagen, das er sich aber noch weit
weniger gestehen mochte, und doch auch wieder fühlte er in
unbestimmter Ahnung die Gefahr, die seiner häuslichen Glückseligkeit
hier drohen könne. Er sah sich in Kampf und Streit mit Europäern, von
den Indianern angefeindet seiner Religion und Abstammung, von den
Europäern verachtet seiner Heirath wegen, und durch das Alles, wie ein
blendender neckischer Strahl, zuckte das weiße, wunderschöne Antlitz
des fremden Mädchens, das kalt und höhnisch auf ihn niedersah und
seiner Angst und Qual da unten nur zu spotten schien. _Jetzt_ gerade
sollte er Papetee verlassen, wo sie hier erschienen war, daß sie wohl
gar nachher sich rühmte, er sei vor ihr geflohen? -- bah -- was war
sie ihm? -- ihre Schönheit konnte ihn nicht locken, Sadie war schöner
-- und ihr Geist? -- ihr fehlte die milde Weiblichkeit die der
Geliebten jenen unendlichen Reiz verlieh. -- Und ihre Farbe -- blindes
thörichtes Menschenvolk, den Werth eines Herzens nach der Schaale oder
Farbe zu schätzen, und die süße Frucht gar deshalb zu verachten, weil
sie von der Sonne etwas mehr gebräunt. Und doch war gerade das jetzt
dem jungen ehrgeizigen Mann ein bitteres schmerzliches Gefühl, _daß_
sie mit jenem kalten Lächeln auf ihn niedersehen _konnte_; der Gedanke
wurde ihm zur Qual, und ein Seufzer hob seine Brust. Es war zum
_ersten_ Mal der Wunsch daß die Geliebte seiner Farbe wäre, und Sadie
hörte und verstand den Seufzer, denn sie senkte das Köpfchen und
schritt lautlos neben ihm hin.

So erreichten sie den stillen freundlichen Platz der ihre Heimath war,
das matte gedämpfte Licht das aus dem einen verhangenen Fenster quoll,
beleuchtete den Schlaf ihres Kindes, die Palme die ihren breiten
Wipfel darüber hing, rauschte leise und feierlich, und es war als ob
sie dem Schlaf des Lieblings lausche und ihm bunte freundliche Träume
zuflüstere über sein kleines Bett.

Fast unwillkürlich blieben die beiden Gatten stehen, und wie ihr Blick
auf dem friedlichen Dache ruhte, das ihnen das Theuerste umschloß, als
René der tausend glücklichen, seligen Stunden gedachte, die er schon
dort mit seinem trauten Weib verlebt, und nun auch die frühere Zeit
-- die erste Zeit seiner Liebe, seiner Hoffnungen, des errungenen, so
schwer errungenen Glücks in vollen lebendigen Farben emporstieg vor
seinem inneren Geist, wie er damals den Augenblick gesegnet in dem er
dieses Paradies zuerst betrat, da überkam ihn ein recht weiches,
reuiges Gefühl, und sein Weib, sein treues braves Weib fest an sich
ziehend, preßte er seine Lippen an ihre glühende Stirn, und das
Liebeswort »Sadie« erstarb in dem langen, heißen Kuß.

»Komm,« flüsterte sie endlich, und entzog sich leise seiner Umarmung
-- »komm!« und seine Hand ergreifend, führte sie den Gatten an das
Bett des Kindes.

Oh wie so süß der kleine Liebling ruhte; die Lampe, von einem breiten
Bananenblatt verdeckt, warf nur den matten grünen Schein über den
schlummernden Engel hin; die langen seidenen Wimpern lagen voll und
dicht auf den von Schlaf gerötheten blühenden Wangen, und ein liebes
herziges Lächeln spielte um die fein und zart geschnittenen Lippen.
Engel flüstern mit dem Kind, wenn es im Schlafe lächelt, und das
Mutterherz sieht des Schutzgeistes Fittiche ausgebreitet über dem
Liebling.

Komm lieber Leser, komm -- siehst Du die Gruppe dort, das Herz des
Weibes an des Mannes Brust, Mutter- und Vaterliebe dem Schlaf der
Unschuld lauschend und Gottes Segen niederflehend auf das Haupt des
schlummernden Kindes? -- Und darüber die rauschende Palme, das Bild
des Friedens? um sie her aber den stillen rauschenden Wald, und der
Sterne blitzende Schaar die Zeugen des erneuten Bundes? -- komm,
leise, leise daß Du es mir nicht störst, das freundliche Bild. --
Wohin? -- nach dem Strand führ' ich Dich -- hörst Du die Brandung
rauschen über die Riffe hin? -- sie donnert ihre alte ewige Weise
unverdrossen fort, aber doch heimlicher, ruhiger heut' Nacht, als ob
sie selber sich scheue den heiligen Frieden zu stören, der auf der
wunderschönen Insel ruht, und wie des Mondes Scheibe dort oben über
den Gebirgshang herübersteigt und sein Licht über die See gießt,
blitzt ihm die Brandungswelle im weiten silbernen Streif den Strahl
zurück. Komm, dort unten liegt mein Canoe, und jenes freundliche Licht
leuchtet uns auf unserer Bahn. So, steig nur ein und fürchte sein
Schwanken nicht, der Luvbaum schützt es vollkommen vor jedem
Umschlagen, jeder weiteren Gefahr, und durch die Corallenriffe hin
steuere ich Dich in dem scharfgebauten Kahn über das Mond beleuchtete
Wasser anderen, wenn auch nicht so friedlichen Scenen zu.

Klares Wasser unter uns -- tief, tief liegt es dort unten in
»purpurner Finsterniß« und lichte glühende Punkte ziehen und blitzen
durch die geheimnißvolle, dem Menschenauge noch unerschlossene Welt.
Dort unten baut der Korallenbaum nach rechts und links hinüber seine
Wälle und Dämme, gegen die Jahrtausende die wilde Brandung schlägt,
und im Innern dort hat er sich sein stilles Haus gebaut und sein
cristallenes Dach gewölbt, und jetzt bei Nacht entzündet er die grünen
Lichter alle, und wie ein Feeendom blitzt es und strahlt's zu Dir
hinauf.

»Die Sterne, wenn sie alt werden und sterben, fallen sie in's Meer,«
sagt Dir der Indianer, »und dort feiern sie ihre Wiedergeburt und
tanzen und werden wieder jung« -- aber glaub's ihm nicht; tief unten
in dem Corallenwald, dessen eng und dicht verschlungene Zweige
neidisch das ihnen anvertraute Geheimniß wahren wollen, tanzt das
fröhliche Nixenvolk, das eigene Haar von blitzendem Licht
durchflochten, den frohen Reigen, huscht unter den Bäumen hin, herüber
und hinüber, und fährt hinauf und hinunter oft wie ein zündender
leuchtender Strahl. Und der träumende Fischer oben, der in seinem
Canoe liegt und staunend niederschaut in die ihm fremde wunderbare
Welt, sieht die Lichter und folgt ihrem Zucken und Schießen mit den
Augen, und glaubt auch manchmal daß er unter, neben sich -- doch nein,
hätt' er die Geister wirklich je belauscht, er würde nie zum Strande
wiederkehren; nur an der Schwelle darf er stehen, wie die Natur uns
Alle auf der Schwelle läßt, und keinen Blick erlaubt in ihr geheimes
wunderbares Wirken.

Weiter -- schau nicht zu lang hinab, Dich schwindelt; und siehst Du
den lichten Streif da drüben, der schon zweimal herüber und
hinüberschoß, und dort zu Hause scheint, wo der Corallenhang die
weiten Arme aufwärts wirft -- das ist ein Hai, der unserem Kahne
lauernd folgt -- ein Wächter seinen Gebietern da unten.

Sieh, am Bug kräuselt und zischt die Fluth und aus dem silberglühenden
Schaum blitzt sie Diamanten gleich funkelnde knisternde Lichter aus
über das ruhige Wasser, auf dem sie eine Weile rasten und dann
zerfließen. Mehr und mehr schwindet das Ufer zurück, und wir sehen den
Schatten der Palme nicht mehr in der klaren Fluth, wie sie den Wipfel
weit weit hinüberreicht sich zu spiegeln, und Morgens die Thautropfen
niederzuwerfen in ihr eigenes Bild. Der Berg mit seinen gewaltigen
Umrissen tritt massenhaft hervor, und links von uns donnert und
schäumt die Brandung und springt höher empor, und rollt lauter und
heftiger, als ob sie sich unserem Nahen widersetzen und uns
zurückscheuchen wolle aus ihrer Nähe.

Dicht an der Corallenbank hin gleiten wir -- so dicht, daß wir mit dem
Ruder die hochaufzackenden starren Zweige berühren und Seeigel und
Stachelei in ihren schimmernden strahligen Betten im matten
Phosphorschein können liegen sehen -- schärfer kräuselt das Wasser am
Bug und einen Gluthstreifen zieht hinter dem Canoe die aufgerührte
Welle. Weiter -- von düsterer Nacht gedeckt, auf dem der Mond wie ein
Silberschleier liegt, und nur den eigenen Strahl zurückzublitzen
scheint, dehnt sich das waldbewachsene Ufer aus an unserer Rechten,
mit seinen dunklen Orangen- und Guiavenschatten, seinen
fächerblätterigen Pandanus und wehenden Palmen.

Weiter -- die aufgescheuchte Möve, die im raschen Kreisschwung über
die Fluth streicht stößt nieder nach dem dunklen Schatten des Canoes,
flattert zurück, kehrt wieder, und abschweifend in weitem gewaltigen
Bogen verschwindet sie in dem dämmernden Zwitterlicht, und nur der
scharfe Schrei tönt noch aus dunkler Ferne zu uns her, die Bahn
verrathend der sie jetzt folgt.

Sieh wie düster das Vorgebirge sich da hinauslagert in See, einem
riesigen Ungeheuer gleich das vom Gebirge niedergestiegen und sich
hier hineingeworfen in die klare Fluth, die heißen Flanken zu kühlen
und den lechzenden Schlund -- und das Brausen des Wassers -- ist es
doch fast als ob das schwere Athmen des Kolosses herübertöne in langen
gewaltigen Pausen.

Daran hin gleitet der Kahn; so dicht -- durch die Palmen am Ufer
kannst Du das südliche Kreuz erkennen, wie es sich um des Südpols Axe
dreht -- und dort drüben die Lichter? dort liegt die Grenze unserer
Poesie -- die Compaßlichter sind's der im Hafen ankernden Schiffe, und
in den offenen Luken liegen eherne Feuerschlünde, wie schlafend jetzt
im Bau, jeden Augenblick aber bereit die eisernen Todesboten
hinüberzusenden an diese stillen Ufer.

Unter jenem stolzen Schiff fahren wir hin -- der Talbot ist's -- und
der Mann dort, der das Kinn auf den Arm gestützt, träumend nach uns
herüberschaut der wachthabende Matrose, der schon lange das nahende
Boot beobachtet hat, und heimlich den Kopf schüttelt was die stillen
Ruderer hier draußen in der Bai thun so spät in der Nacht. Wie stolz
und symmetrisch die Masten, mit ihrem spinnewebartigen Gewirr von
Tauen und Stagen scharf und klar abzeichnen gegen das hellere
Firmament, und wie leicht und elastisch der stattliche Bau auf dem
Wasser ruht, der Möve gleich die schlummernd die weiche Woge gesucht,
sich in Schlaf zu schaukeln durch die stille Nacht.

Und da drüben? -- der schlanke wespenartige Bau kündet ein anderes
Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~, bedroht wie es fast scheint von dem
Talbot hier und dem Vindictive da drüben, jenem gewaltigen Koloß, der
die Mündungen seiner Kanonen auch hier herüber gerichtet hält; aber
die Zähne gerade so weisend wie der stärkere Feind und mit
entschlossenem Trotz liegt die Corvette still und ruhig in so
gefährlicher Nachbarschaft, und mit der Morgensonne grüßt nicht
rascher der erste Strahl die stolzen Flaggen Albions, als ihre drei
Farben lustig im Winde flattern.

Welch ein eigenes wunderliches Bild in der Fluth da unten, wie die
Schatten der dunklen Raaen herüber und hinüberziehen, und die Sterne
ihr Bild daneben suchen in dem unheimlich düsteren Wasserspiegel.

Horch auf dem Kriegsschiff tönen die Schläge einer Glocke, »sechs
Glasen« schlägts, es ist elf Uhr, und kaum hat die Glocke der
Ankerwinde, vorn auf dem Vorcastle des Vindictive dem Compaßschlag
geantwortet, als in rascher Reihenfolge, die ~Jeanne d'Arc~ mit dem
Talbot zu gleicher Zeit, und nach ihnen alle Schiffe in der Bai die
Stunde schlagen. Alles ist wieder still und ruhig wie vorher, so
lautlos liegt die Nacht auf dem kaum athmenden Meer, daß man den
Schritt der einzelnen Wache auf dem nächsten Deck des französischen
Kriegsschiffs deutlich hört, und das leichte Summen einer heimischen
Melodie tönt leise, mit dem regelmäßigen Gang, zum Takt über das
Wasser. Da beginnt noch ein Schiff die versäumte Zeit langsam
nachzuschlagen -- die französische Schildwacht lacht, und zählt, mit
Singen einhaltend, die schläfrigen rauhen Schläge einer gesprungenen
Glocke.

Von dort her kommen sie, von dem Wallfischfänger der gerade in unserer
Bahn liegt, und der Mann der die Wacht hatte schlief so sanft in Lee
vom Boot und träumte so süß, als das Schlagen der Glocken wieder und
immer wieder zu ihm herübertönte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs
-- erst fein und dann tief -- er zählte sie von _allen_ Schiffen, und
als wieder Alles still und ruhig geworden, und er in seinem Halbschlaf
lange gewartet hatte daß die klappernden Töne seines eigenen faulen
Schiffes, der einst so rüstigen ~Kitty Clover~, wie immer den Nachtrab
aufbringen sollte, da erst fiel es ihm ein daß er selber heute das Amt
habe die alte lebensmüde Glocke sprechen zu machen, und mit einem
leise gemurmelten Fluch suchte er sich zusammen, stand auf und den
Klöppel anziehend daß er im Mißton sechsmal gegen die geborstene Seite
dröhnte, brummte er bei jedem traurigen Schlag:

»Verdamme Dich -- altes -- geborstenes -- klapperndes -- schnarrendes
-- Lärmeisen Du! S'ist ein Skandal für die ganze Nachbarschaft,«
setzte er dann knurrend hinzu, als er den Lagerplatz wieder suchte
unter dem Boot, den Mondstrahlen wenigstens aus dem Weg zu gehen, und
nicht aufzuwachen am andern Morgen mit geschwollener Physionomie.

Der Mond fällt jetzt voll und licht gegen die Flanke des schmutzigen,
von Rauch und Theer geschwärzten, thranigen Fahrzeugs der ~_Kitty
Clover_~ -- die Segel die gestern zum Trocknen gelöst worden, hängen
halbaufgegeit, die breiten Theerstreifen der Reefer zeigend[H] an den
Raaen; die kurzen Masten mit dem breiten Sitz für den Ausguck darauf,
die Boote aufgezogen und mit Cocosblattmatten dicht bedeckt, die heiße
Sonne über Tag davon abzuhalten, das zerfetzte Kupfer am Bug, das
Zeichen einer langen Reise, Alles kündet das Geschäft des
Wallfischfängers, und doch liegt er hier träge und faul, mitten fast
in der guten Jahreszeit, zu ruhen und träumen, statt im Norden oben
den Fischen aufzulauern und seinen Rumpf zu füllen.

Dicht unter seinen Krahnen gleiten wir hin, und freier dehnt sich die
Bai hier vor uns aus. -- Siehst Du da drüben die kleine Palmen
bewachsene Insel, links der Einfahrt zu? -- ~Motuuta~ ist's, der
Königssitz der Pomaren, der stille Zeuge ihrer früheren Macht und
häuslichen Glückseligkeit. -- Vorbei; so ist die Zeit der Pomaren,
vorbei; ihre Macht ist zum Spott geworden zwischen Engländern und
Franzosen; zum Spiel, um das beide Nationen vielleicht mit
Kanonenkugeln würfeln, oder es auch dem einen Gegner, als nicht der
Mühe werth des Streits, freiwillig überlassen.

Weiter -- aus den dunklen Schiffen heraus, deren düstere Rumpfe lange
Schatten werfen, und das weiche Mondlicht um sich her einzusaugen
scheinen, gleiten wir vor. Funken sprühend ordentlich in der
elektrischen Fluth, schießen wir dahin, das leichte Ruder den
scharfgebauten Kahn fast über die Welle hebend die ihn trägt. Da
drüben liegt der Strand -- weit und silbern dehnt sich der
mondbeschienene Muschelkies und blitzt und funkelt, und die Woge
quillt auf dagegen und saugt und breitet darüber hin, zurückweichend
nur den funkelnden Schaum ihm lassend, der in Atome auseinanderfließt.

Erreicht haben wir jetzt das lange niedere, palmenbewachsene Land, den
rechten Arm der Bai, die ihn schützend vorhält gegen den Passat, und
kleine hochgebaute Gerüste laufen ein Stück hier in See hinaus, von
dem sandigen Strand ab, Seebooten auch bei niederem Wasserstand die
Anfahrt zu gestatten.

Aber was braucht das Canoe solcher Hülfe, das schattige Ufer zu
erreichen? -- risch hin, mehr über wie durch das Wasser schießt's auf
der klaren Fluth, und das Ruder das es vorwärts treibt, hebt es und
zwingt es, selbst über Coralle und Sandbank fort, dem weißen
Muschelkies entgegen. Bambusstäbe sind hier überall dem Grund
eingestoßen, ein Zeichen für Fischer und Boote von tieferem Wasser;
mitten zwischen ihnen durch springt das Canoe, und wie die aufgebogene
Spitze in vier Zoll Wasser den Sand berührt, hebt sich das schlanke
Boot und sitzt fest. -- Nur hinaus, ob uns das warme salzige Naß den
Fuß auch netzt, am Cocosbasttau ziehen wir den Kahn hoch hinauf auf's
trockene Land, daß ihn die rückkehrende Fluth nicht hebt und
fortführt, und durch der Gärten schattiges Grün, durch die der
Mondenstrahl nicht einmal zur Erde dringt, führe ich Dich einen
Schleichweg hinauf zu heimlichem Platz.

Reich' mir die Hand hier, denn der Pfad ist schmal, und dort gleich
hinter der Bananen letzte Reihe, denen der Brodfruchtbaum noch
Schatten giebt, beginnt das Dickicht der Guiaven, und über dem Pfad
reichen die niederen Büsche sich die Zweige traulich herüber und
schlingen die Arme fest in einander, tiefer und tiefer niederdrückend
in den Weg, bis des Menschen Hand, mit scharfem Stahl bewehrt, wieder
eine neue Bahn abzwingt den zudringlichen. Weiter -- halte Dich fest an
mich und hebe den Fuß, denn alte niedergebrochene Cocosnüsse und
Hülsen decken den Boden und -- was Du zertratst, und was unter Deinem
Fuße wich? -- reife Guiaven sind's, die den Boden hier decken, kehre
Dich nicht an sie, über und neben Dir wachsen mehr, und jetzt --
siehst Du das Licht dort durch die Zweige blitzen? hörst Du die
gellenden Töne keifender Menschenstimmen? -- wir sind am Ziel und ich
führe Dich jetzt ein bei _Mütterchen Tot_.

FOOTNOTES:

[H] Die Wallfischfänger, um Nachts nicht zu viel Fortgang mit ihren
Schiffen zu machen, und Fischen vielleicht vorbeizulaufen, reefen
meist Abends ihre Segel, und da die Leute den Tag über Thran auskochen
und voll Fett sind, so machen sie auch Fettflecke in die Segel, auf
denen sie zum Einbinden liegen.



Capitel 8.

#Mütterchen Tot's Hotel.#


Tief in den Guiaven versteckt, und etwa nur vier-oder fünfhundert
Schritte von den äußersten Häusern von Papetee entfernt, lag eine der
gewöhnlichen lang-ovalen niederen Bambushütten dieser Inseln, mit
Pandanusblättern gedeckt, und wenig mehr anderem Hausgeräth, als ein
paar eisernen Kesseln und einem Dutzend oder mehr niederer, halb
ausgehöhlter Schemel, die den Eingeborenen über Tag zum Sitz, und über
Nacht zum Kopfkissen dienen.

Die Wände waren übrigens, statt dem Luftzug freien Raum zu gönnen wie
in den gewöhnlichen Indianischen Häusern, mit dünnen Bastmatten fast
überall verhangen, und der Wärme wegen konnte das nicht gut geschehen
sein, denn gerade dieser Platz hätte einer frischen Zugluft eher
bedurft, wo das Guiavendickicht wie eine Mauer fast den engen, darin
ausgehauenen Hof und Hausraum umschloß; aber der Besitzerin dieses
Platzes lag mehr daran ungestört und von neugierigen unberufenen Augen
nicht belästigt zu sein, als frische Luft zu haben -- obgleich sie
deren Wohlthat wohl auch zu schätzen verstand.

Die Wände, wenn man das mit Bast überhangene Gatterwerk überhaupt so
nennen darf, waren auch weiter durch Nichts belästigt was etwa einen
besonderen Reichthum der Inwohner hätte anzeigen können; an der einen
Seite hingen nur ein paar alte Kattun-Ueberwürfe, abgenutzt und
geschwärzt durch die Jahre sowohl wie auch vielleicht den Rauch der
Hütte, neben diesen aber und unter einer langen Reihe ausgeschliffener
Cocosnußschalen, die die Stelle von Trinkbechern versahen, paradierte
ein alter, einst weiß gewesener, aber jetzt in jede mögliche, wie
unmögliche Form hineingedrückter Filzhut, der in besseren Tagen
vielleicht einmal den pomadisirten Kopf eines Dandy im lustigen alten
England geziert, jetzt aber verdammt war, seine Tage in
Cocosnußölqualm und Guiavenholzrauch in einer Tahitischen Hütte zu
verträumen.

So kahl übrigens die Wände dreinschauten, so toll und wild stand alles
mögliche Geschirr und Geräth in den Ecken herum. Kalebassen, die auf
diesen Inseln den Bewohnern gewöhnlich zu Kommoden, Koffern,
Hutschachteln, Arbeitskörben, Speisekammern, Toiletten und Gott weiß
was sonst noch dienten, waren in Masse vorhanden, und hie und da eine
über die andere geschichtet; dabei lehnte, zwischen ein paar Besen,
einer Harpune und einem Ruder, eine alte rostige Flinte mit
Feuerschloß, und darüber, aber so versteckt hinter den Matten, daß es
nur von einzelnen Theilen der Hütte aus gesehen werden konnte, war ein
schmales kleines Bret befestigt, auf dem ein paar Bücher, und oben auf
eine dickleibige abgegriffene Bibel lagen.

Interessanter und mannichfaltiger erwiesen sich aber jedenfalls die
Bewohner wie gegenwärtigen Insassen dieses abgelegenen Platzes, den
viele der Indianer sogar in abergläubischer Furcht mieden, weil sie
»Mütterchen Tot«, wie die Eigenthümerin von den Matrosen gewöhnlich
nur schlichtweg genannt wurde, in dem Besitz übernatürlicher Kräfte
glaubten, und allerdings rechtfertigte ihr Ansehen eine solche
Vermuthung, wenn überhaupt auf irgend ein menschliches Wesen
anzuwenden, vollkommen.

»Mütterchen Tot« war ein Charakter, und Niemand betrat ihr Heiligthum
zum ersten Mal, ohne eine gewisse Scheu und Ehrfurcht zu empfinden,
die selbst den Rohsten beschlich -- aber ihr ehrwürdiges Aussehen trug
wahrlich nicht die Schuld dabei.

Mütterchen Tot war übrigens -- ehe ich den Leser mit ihrem
_äußerlichen_ Menschen, dem Anzug, bekannt mache -- in Europa und zwar
in dem Reiche ihrer Großbritannischen Majestät vor langen, langen
Jahren geboren, Niemand aber konnte mehr an ihrem Dialekt erkennen ob
in dem bevorzugten England selber, dem ~»bonnie«~ Schottland oder der
»grünen Insel«, wie Irland von seinen poetischen Kindern genannt wird.
Sie mischte Alles durcheinander und ihre Sprache hatte dabei, durch
den langen Aufenthalt auf den Inseln, fast eben so viel Worte von
diesen angenommen, daß, wer nicht Tahitisch oder wenigstens eine der
Polynesischen Sprachen verstand, den Schlüssel zu all' den
wunderlichen Ausdrücken zu haben, kaum im Stande gewesen wäre Sinn
oder Verstand in ihre Rede zu bringen. Die Indianer und Fremden kamen
noch am leichtesten darüber hin, die ersteren glaubten sie spräche
Englisch, die anderen hielten es für Indianisch.

In ihrer Jugend nun aus ihrem Vaterland, wie die böse Welt behaupten
wollte, nach Sydney deportirt, war sie von dort auf einem Englischen
Wallfischfänger entwichen, oder eigentlich von dem Capitain
desselben, den ihre Reize bestrickt haben mochten (denn Leute die
Jahrelang draußen in See herumfahren sind nicht immer wählerisch)
entführt worden. Der Capitain riskirte damals Zuchthaus, aber was
riskirt die Liebe _nicht_, und setzte später die junge Dame, als er
heimwärts fuhr und in solcher Begleitung doch nicht in einen
Englischen Hafen wieder einzulaufen wünschte, auf den Sandwichs-Inseln
ab, dort ihr Fortkommen, was ihr auch vollkommen gelang, weiter zu
suchen.

Mütterchen Tot's Memoiren würden jedenfalls höchst interessante Daten
liefern, könnte sie nur eben veranlaßt werden näher auf sie einzugehn;
sie sprach aber nie über ihre Vergangenheit, und das einzige
Individuum, das vielleicht noch darüber, wenigstens über einen Theil
derselben, Auskunft hätte geben können, und auf das ich gleich nachher
zurückkommen werde, durfte nicht.

Soviel ist gewiß, in der Gruppe der Sandwichs-Inseln hatte sie sich
lange Zeit aufgehalten, und bald auf Oahu bald auf Hawai, gehaust, war
dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundlichen und
Navigators-Inseln gegangen, und hatte dort zuerst angefangen eine
kleine Wirthschaft zu gründen, in der sie besonders Matrosen
beherbergte, und ihnen berauschende Getränke verkaufte, um die sie,
wie um manches Andere, bei ihr würfeln konnten. Von dort streifte sie
nach Neu-Seeland hinüber, wo sie wieder lange Jahre blieb, sich aber
von hier eine »Stütze ihres Alters«, wie sie einen kleinen einäugigen
Irischen Schuhflicker nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb,
mitbrachte.

In Neu-Seeland hatten sie die Missionaire vertrieben und auf ein
Schiff gepackt, das sie Beide in der Samoagruppe landete, und hier
bewogen die Missionaire ebenfalls wieder einen Capitain das, ihnen
keineswegs freundlich gesinnte Wesen an Bord zu nehmen und dießmal,
aus ihrem Bereich ganz und gar hinaus, den Gambiers-Inseln zuzuführen,
wo sich die Katholiken schon seit längeren Jahren festgesetzt hatten.
Ein Typhoon aber, der das Schiff faßte und entmastete, strandete es an
Raivavai, und Mütterchen Tot fand wieder mit ihrem getreuen Begleiter
den Weg nach Tahiti, das ihr, als Mittelpunkt aller Europäer fast in
der Südsee, die besten Geschäfte und durch den Zwiespalt der
Protestantischen Missionaire mit den Katholiken, auch jedenfalls eher
eine sichere Ruhestätte wie irgend eine andere Insel versprach, wo nur
eine oder die andere Sekte allein gehaust, und dann auch geherrscht
hätte.

Dem kleinen Irischen Schuster war das Alles gleichgültig; auch er
hatte übrigens eine Vergangenheit, die in Sydney ihren
Culminationspunkt, den Felsen gefunden, zu dem hingetrieben das
Bächlein seines Lebens wild und toll genug gesprudelt hatte, bis es
mit dem gewaltigen Sturz in die Tiefe, die ersten Convulsionen nur
einmal vorüber, wieder seine völlige Ruhe, wenn auch nicht Klarheit
erlangt hatte.

Murphy -- er wußte selber nicht ob er je noch einen anderen Namen
gehabt -- war ebenfalls Einer jener wahren Patrioten die ~»had left
their country for their country's good«~ (zum Besten der Heimath, die
Heimath gemieden). _Wie_ er damals seine Freiheit wieder erlangt blieb
sein Geheimniß, soviel aber ist gewiß, daß er in dieser Zeit gerade
aufhörte ein Katholik zu sein, und das Studium der Bibel mit einem
Eifer begann, der ihm die Bewunderung der Protestantischen
Geistlichen, in deren Wirkungskreis er kam, hätte sichern müssen,
hätten diese nur eben zu ihm gelangen können, Zeuge seiner wirklich
angestrengten Thätigkeit zu sein. Wunderbarer Weise benahm er sich
aber bei diesem Studium fortwährend als ob er irgend ein entsetzliches
Verbrechen beginge, und in steter Furcht und Todesangst lebe dabei
ertappt zu werden. Witterte er einen Geistlichen in seiner Nähe (und
die frommen Männer machten sich manchmal die Freude ihn und seine
Gefährtin aufzusuchen, obgleich sie Beide lieber gehen als kommen
sahen, denn sie verzehrten nicht allein Nichts, sondern suchten nur
umher, Grund zur Anklage zu finden) so konnte Mütterchen Tot nicht
rascher bei der Hand sein eine vereinzelte Branntweinflasche zu
verbergen, die sich vielleicht in zu unerlaubter Nähe bei einem
Eingeborenen befand, als Murphy auch mit seiner Bibel in die nächste
Kalebasse hineinfuhr, und Alles darüber deckte, was ihm gerade unter
die Hände kam. Wenn er dabei die ganze Woche nicht an Arbeit gedacht,
faßte er jetzt gewiß den ersten besten Schuh auf, der ihm unter die
Hände kam, und fing an daran herum zu schneiden und zu stechen und zu
nähen, als ob sein Leben an seiner Eile hinge.

Mütterchen Tot behandelte ihn dabei auf das Herabwürdigenste, und kein
Schimpfwort gab es auf Englisch, Irisch, Gälisch oder Schottisch, wie
in irgend einer der bekannten Polynesischen Sprachen und Dialekte, das
sie nicht schon an ihm abgestumpft, kein Geräth in ihrem ganzen Haus,
das sie nicht schon, bei irgend einer feierlichen oder unfeierlichen
Gelegenheit, nach seinem Kopf geschleudert hätte. Vor allen andern
aber war es die heilige Schrift selber auf die sie es in ihrem
schlimmsten und gefährlichsten Zorn abgesehen, und die sie dann im
Fall eines Streites mit ihrem höchst sanftmüthigen _Gatten_ (wenn ich
diesen ungerechtfertigten Namen überhaupt gebrauchen darf) häufig aus
der Hand riß und an den Kopf warf. Ja sie hatte schon mehrmals gedroht
das ganze heilige Buch bei der nächsten passenden Gelegenheit -- und
die Gelegenheit war eigentlich immer passend -- zu verbrennen;
wunderbarer Weise hielt sie aber immer eine eigene Scheu, die sie sich
aber nie selber eingestehen mochte, und jedenfalls mehr in einer
abergläubischen Furcht wie irgend einem religiösen Sinn wurzelte,
davon ab ihre Drohung auszuführen, während Murphy, der ihr doch nicht
so recht trauen mochte, seinerseits Alles that ihr das Buch, wenn er
ja einmal die Hütte verließ, aus den Augen zu bringen, und Kalebassen
und Ecken unaufhörlich damit wechselte. Nur bei vollkommenem
Waffenstillstand lag es, wenn nicht gebraucht, auf dem kleinen
Bücherbret auf einem Haufen verschiedener Traktätchen von Mäßigkeits-
und Bibelverbreitungsvereinen in Tahitischer Sprache, und Murphy hatte
seinen Sitz so gestellt, daß er das Buch fortwährend dabei im Auge
behielt.

Ich sagte vorhin daß Mütterchen Tots Aeußeres gerade nicht dazu dienen
konnte besondere Ehrfurcht einzuflößen, und allerdings war sie, was
ihre äußere Erscheinung betraf, nichts weniger als eitel. Zwischen 50
und 70 Jahren, denn wunderbarer Weise hielten Schmutz und Runzeln
ihre Züge mit einem solchen Schleier überzogen, daß man sie bald dem
einen, bald dem andern näher glaubte, hatte sie einen gewöhnlichen
~pareu~ von einst grellrothem aber jetzt verblichenen Kattun, mit
breiten hochgelben Streifen, um die Hüften geschlagen, und am Tag trug
sie ein dem ähnliches Obergewand, das ihre dürre Gestalt in weiten
Falten umhing; Abends aber, wenn die kühle Seebrise über die Küste
strich, obgleich sie die, von den Guiaven förmlich eingeschlossene
Hütte doch nicht erreichen konnte, wurde es dem ein heißes Klima
gewöhnten Mütterchen zu kühl, und sie zog einen alten erbsgelben
schmutzigen Männer-Oberrock, der früher einmal lange Haare gehabt
haben mochte, über ihr Kattunkleid, und knüpfte die zwei Knöpfe, die
ihm noch geblieben, fest zu bis unter den Hals. Der Rock ging ihr
dabei bis tief über die Knie nieder, und da seine Taschen ebenfalls
tief saßen, in deren einer sie den einzigen Genuß aufbewahrte, den sie
sich außer dem Brandy gönnte, ihre Schnupftabaksdose, so hatte sie nur
mit dieser Unannehmlichkeit zu kämpfen, daß sie so tief nach der ihr
unter den Händen fortweichenden Tasche niedertauchen mußte, und sich
gewöhnlich endlich gezwungen sah, ihre andere Hand auch noch mit zu
Hülfe zu nehmen, das scheue Taschenfutter zurückzuhalten.

Den Hals trug sie blos, und auf dem Kopf einen alten Strohhut, wie er
in ihrer Jugend wahrscheinlich einmal das Ziel ihrer Wünsche gewesen
-- das Alter hatte sich daran festgeklammert, und unter den breiten,
wunderlich geformten und mit ein paar künstlichen, aber selbst in der
Kunst verblichenen und zerdrückten Blumen geschmückten Seitenwänden
desselben hingen die grauen langen Haare wirr hervor.

Der Hut diente ihr gegen Sonnenbrand und Zugluft, am Tag wie Abends,
bis sie ihr Mattenlager in einem Winkel der Hütte suchte, über das sie
jedoch ein weites und gut in Stand gehaltenes Mosquitonetz gespannt
ließ; der Rock jedoch war unstreitig nicht ihr Eigenthum, oder wenn
doch, jedenfalls nur getheiltes, und Murphy, der wahrscheinlich
frühere Besitzer schien seine Ansprüche daran keineswegs aufgegeben zu
haben. Abends oder in Zeit der Kühle, bei Regenwetter oder sonstigen
Witterungsfällen, wo überhaupt das Tragen eines solchen Rocks unter
dieser Breite eine Entschuldigung fand, und nur den geringsten Grad
von Befriedigung gewähren konnte, hatte sich freilich Mütterchen Tot
darin eingeknöpft, und wollte Murphy dem Rechte des Besitzes nicht
ganz entsagen, so mußte er den Sonnenschein benutzen -- und das that
er auch. -- Jeden Tag wenigstens einmal, machte er den verzweifelten
Versuch in den Rock einzufahren, und darin auszuhalten, und blieb
darin zum Erstaunen aller, etwa in der Zeit eintreffenden Gäste, bis
ihm das Wasser am ganzen Körper herunter lief, und er das nutzlose
Kleidungsstück von den Schultern riß, aufpackte, zusammenrollte und
versuchte in eine Kalebasse zu zwingen, was er nach einer Weile
ebenfalls wieder aufgab, und sich dann seufzend an seine Bibel setzte
-- und der Rock blieb in der Ecke so lange liegen bis es Abends kühl
wurde und ihn Mütterchen Tot wieder brauchte.

Außerdem trug Murphy ein paar sehr abgenutzte Sommerhosen, von irgend
einem farblosen dünnen Stoff, ein baumwollenes Hemd, eine
gelbgestreifte Weste, statt der fehlenden Knöpfe an den betreffenden
Stellen mit Bast zugebunden, und eine durch den Jahrelangen Gebrauch
schon total schwarz gebrannte Thonpfeife, die aber gewissermaßen mit
zu seinem Anzug gehörte, und ohne die er eben so leicht erschienen
wäre, wie ohne die Hosen oder die Weste. Nur der alte Filzhut schien
zum Staat an der Bambuswand zu hängen, und obgleich er ihn regelmäßig
abwischte, den Staub davon zu entfernen, erinnerte sich noch Niemand
ihn je darunter gesehen zu haben. Bei Murphy waren die Kleidungsstücke
alle in der Mitte, an Kopf und Beinen ging er barfuß.

Murphy war Schuhmacher, aber natürlich nur für Europäer, denen er
altes Schuhwerk ausbesserte oder, wenn sie ihm das Leder dazu
lieferten, auch Neues fertigte, und wenn die Missionaire ihn und seine
Begleiterin schon gewiß lange, des unerlaubten Verkaufs spirituoser
Getränke wegen, weiter geschickt, es wenigstens nicht so unter ihren
Augen geduldet hätten, so erwies sich der kleine einäugige Irländer
doch auch wieder so nützlich, ja manchmal sogar unentbehrlich in
_dieser_ Hinsicht, daß sie das andere Auge zudrückten und ihn lieber
duldeten als sich in den Fall gesetzt sehen wollten ihre Kundschaft
einem dort kürzlich hingezogenen _katholischen_ Schuhmacher
zuzuwenden. Murphy fühlte auch eine gewisse Verehrung für diese
Männer, die ihm, weniger vielleicht durch ihr sonstiges Wesen und ihre
Predigten, als durch ihre fabelhafte Kenntniß der Bibel imponirten,
und bediente sie stets auf das prompteste. Da aber geschah es -- wie
überhaupt bei vielen anderen Gelegenheiten -- wo er mit Mütterchen Tot
auf das bösartigste zusammenkam, denn wenn sie irgend etwas haßte auf
der Welt, so war es, ihren eigenen Worten nach, ein »schwarzröckiger
Missionair«. Oeffentlich durfte sie aber freilich Nichts gegen sie
unternehmen, als höchstens schimpfen wenn sie sich unter ihren
Freunden befand, aber heimlich ließ sie auch dafür keine Gelegenheit
verstreichen ihnen irgend einen Schabernak zu spielen, und die
zerbrochenen Brandyflaschen welche die frommen Männer nicht selten
Morgens in ihrem Garten fanden, waren Kleinigkeit gegen die scharfen
Zwecken die sie ihnen sicher irgendwo in die Sohlen trieb, wenn Murphy
nur die Augen von einem fertigen Schuh verwandte. Nur der alleinige
Mangel an Concurrenz war im Stande gewesen, dem kleinen Iren die
Kundschaft bis jetzt zu erhalten.

Mütterchen Tot's Hauptgeschäft war eigentlich der _verbotene_
Brandyverkauf an die Indianer, den sie, trotz Consuln und
Missionairen, trotz Spioniren und Wachen der »Kirchenvorstände« in
vollem ununterbrochenen Gang zu halten wußte, und dabei eine Menge
Geld verdiente, von dem kein Mensch wußte wohin es kam, und dessen
Versteck aufzufinden selbst Murphys Scharfsinn bis jetzt entgangen
war. Von den Indianern bekam sie nur theilweise baar Geld, das jene
von den Europäern für Produkte gelöst, aber sie nahm auch alles
Andere, Cocosnüsse und Früchte, süße Kartoffeln, Hühner, Ferkel,
Matten, Tapa, Cocosöl, Perlmutterschaalen, Perlen; was ihr gebracht
wurde, es war einerlei, und sie wußte es wieder zu den höchsten
Preisen an die Schiffe, von denen sie ihre Spirituosen bezog,
abzusetzen. Auch zu dem Schmuggeln derselben hatte sie wieder ihre
besonderen Leute, großentheils unter den Europäern, und diese gerade
waren wiederum mit ihre beste Kundschaft. Doch wir finden noch eine
hübsche Gesellschaft in »Mütterchen Tot's Hotel«, wie die Bambushütte
von ihren Gästen sowohl wie ganz Papetee genannt wurde, versammelt,
und die alte Dame selber in bester Laune, denn gerade heute war ihr
wieder ein guter Wurf gelungen, und eine ganze Parthie neu
eingeführten Rum und Brandys glücklich in ihrem »Versteck« geborgen
worden, was sie auch wohl mit der klug benutzten politischen Aufregung
zu danken hatte, die beide Partheien zu viel beschäftigte ihre
Aufmerksamkeit so vollkommen dem sonst scharf genug bewachten Strande
zuzuwenden.

In der Mitte des Hauses stand auf einem leichten Bambusgestell eine
ziemlich tiefe kleine eiserne Pfanne in der, aus dem flüssigen
Cocosnußöl heraus, ein riesiger Docht flammte; auf dem nackten Boden
aber umher waren verschiedene kleine Feuer angemacht und mit faulem
Holz oder feuchtem Laub beworfen, nur um Qualm zu erzeugen und die
Abends ziemlich lästigen Mosquitos fern zu halten. In diesem Rauch,
und bei dem ungewissen Licht des flackernden Dochts saßen, oder
kauerten vielmehr auf den niederen Sesseln, zehn oder zwölf Männer,
Weiße und Indianer, mit drei oder vier Indianischen Mädchen zwischen
sich, in buntem Gemisch zusammen, während im Kreis zwischen ihnen eine
noch halb volle Flasche herumging, aus der sich Jeder, wenn er Bedarf
fühlte, die vor ihm stehende Cocosschale füllte und die Flasche dann
weiter schickte. Mrs. Tot saß unfern davon, wieder in Murphys weißen
Rock eingeknöpft, auf einem ordentlichen Rohrstuhl, der sie den ganzen
Kreis bequem überschauen ließ, und Murphy selber lehnte in seinem
gewöhnlichen Winkel, wo er ein besonderes Licht in einer
Cocosnußschale brennen hatte, drückte den Kopf an die Wand und schlief
-- in wiefern das Schlaf genannt werden konnte, wenn sich Jemand mit
geschlossenen Augen, nur blindlings, aber ununterbrochen, der auf ihn
einstürmenden Mosquitos zu erwehren suchte.

Die Unterhaltung war indessen lebendig genug geführt worden, hatte
aber meist gleichgültigen Gegenständen gegolten, in die die Mädchen
hinein lachten und tollten, den Männern die Flasche wegnahmen und sie
versteckten, und sogar Murphy in seiner Ecke mit einer Feder unter der
Nase kitzelten, was ihn zwang entsetzliche Gesichter zu schneiden und
mit den Händen, zu ihrem unbeschreiblichen Ergötzen, rasch und heftig
nach dem angegriffenen Theil zu fahren. Sie blieben dabei immer »zu
windwärts von ihm«, wie sie's in ihrer Sprache nannten, d. h. an
seiner blinden Seite, an der sie am wenigsten eine rasche Entdeckung
zu fürchten hatten, und trieben es so arg mit ihm, bis er zuletzt,
ohne jedoch seine listigen wie boshaften Quälerinnen zu entdecken,
munter wurde, sich die Augen (selbst das blinde dieser Operation
unterwerfend) ausrieb, und mit einem halblaut gemurmelten Fluch auf
die Mosquitos seine Lampe wieder ein wenig auffrischte, daß sie heller
brannte.

»Und Ihr, O'Flannagan, mein Juwel,« mischte sich jetzt die Alte
hinein, die auf dem Stuhl zusammengekauert, die Füße halb
heraufgezogen und die zusammengeschlagenen Arme gegen die Knie
gelehnt, dem Gespräch theils behaglich zugehört, theils das Kreisen
der Flasche beobachtet, auch wohl einmal aufmerksam über den Lärm
hinübergehorcht hatte, ob sie draußen kein verdächtiges Geräusch
vernehme -- »Ihr wollt jetzt wieder eine Zeitlang auf der süßen Insel
bleiben? -- segne Euere Augen Kind, Ihr hättet zu keiner gelegneren
Zeit herüber kommen können, im ganzen gebenedeiten Kalenderjahr --
laßt mir jetzt den Narren da drüben zufrieden, Ihr Dirnen, oder ich
hetze ihn über Euch, g'rad wenn er aufwacht -- Wespenzeug.«

»Hallo Mutter Tot ist heute Abend böser Laune,« rief Eine der Mädchen
trotzig -- »sollen wohl ruhig hier sitzen im qualmigen Nest -- ehrbar
wie in der Predigt? Kommt Waihines, draußen im Freien ist's besser,
laßt sich die Schildkröte am Feuer räuchern.« Und lachend, die Melodie
ihres Tanzes trällernd, zu dem sie mit den Füßen den Takt schlug,
sprang sie, von den übrigen begleitet, denen der größte Theil der
Matrosen ebenfalls, theils fluchend theils lachend folgte, hinaus in's
Freie.

»Das glaub' ich, Mütterchen;« brummte indeß unser alter Bekannter vom
Strande, ohne sich weiter um den Lärm der Fortspringenden zu kehren,
»natürlich, um gleich wieder die paar kaum verdienten Schillinge, und
wer weiß was sonst noch, zu riskiren, Dir Deinen Wintervorrath an
»Bergthau« einzulegen?«

»Bah, Mann, es war keine Kunst den Branntwein an Land zu schaffen,«
brummte aber die Alte kopfschüttelnd, »und das Geld dießmal mit Sünden
verdient -- kein Mensch schaute danach, und ich hätte ihn selber
wollen im Canoe an Land und hier herauf bringen, wenn der Narr von
einem Schuster da in der Ecke nur für irgend was anderes noch, als
auseinandergegangenes Leder zu flicken, gut wäre.«

Murphy, der munter genug geworden war die letzten Worte wie ihre
schmerzhafte Anspielung zu verstehen, knurrte nur etwas in den Bart,
erwiederte aber Nichts, und fing sich an seine Pfeife zu stopfen, mit
der er von da an langsam aber sicher der Nähe der Flasche zu
arbeitete, vor allen Dingen einmal in Armes Länge von ihr zu kommen,
und das Weitere dann seinem guten Glück zu überlassen, denn die Alte
gönnte ihm keinen Tropfen ihres Getränks, daß sie als ihre
Privatspeculation betrachtete, wenn er nicht eben so gut wie jeder
Andere dafür bezahlte.

»Haha Mütterchen,« lachte aber sein Landsmann, ohne sich die Mühe zu
nehmen nach dem bezeichneten Individuum umzuschauen -- »nun die Arbeit
gethan ist wollt Ihr sie herunter setzen, ich sage Euch aber daß Ihr
Euch bald die Zeit wieder herbeiwünschen werdet wo sie Euch aufpassen
bis unter Euer Mosquitonetz, denn wenn die Franzosen hier doch noch
die Ueberhand kriegen, wird der Branntwein so billig wie der
Limonensaft, und der Kanaka kann ihn am Strand trinken, im offenen
Tageslicht.«

»Wenn die Wi-Wis nur der Henker holen wollte,« knurrte die Alte, die
heimlich diese Besorgniß schon lange theilte, »aber die Englischen
»Eisenseiten« halten ihnen den Daumen auf's Auge, und ich werde ja den
Tag noch erleben, wo wir sie hinaustreiben sehen aus der Bai, wie eine
Schaar räudiger Hunde.«

»Puh,« lachte Einer der schon halb angetrunkenen Indianer, indem er
von seinem Sitz hinunterrutschte, und sich, den Schemel unter den Kopf
schiebend, lang ausstreckte und dehnte zwischen die Trinker -- »puh,
die Beretanis nehmen den Mund voll -- sie sind lauter Worte und kein
Brandy -- morgen früh kein Schießcanoe mehr im Hafen.«

»Unsinn, Du Saufaus,« schimpfte aber die Alte, einen mürrischen Blick
nach ihm hinüberwerfend, »was weißt _Du_ von den Schießcanoes, daß Du
Deine Zunge mit hineinhängst wenn vernünftige Leute reden.«

»Was ich von den Schießcanoes weiß?« lallte aber der Insulaner -- »bin
d'ran vorbeigefahren heut Abend -- Toatiti ist nicht blind.«

»Der Bursche hat am Ende nicht so ganz Unrecht,« meinte O'Flannagan
kopfschüttelnd -- »der ehrwürdige Mr. Pritchard muß gar nicht so
vortreffliche Nachrichten mitgebracht haben, sonst hätten seine
Kameraden hier, schon einen ganz anderen Lärm geschlagen, und
bestätigt sich jetzt das, daß die Engländer segeln, dann haben wir
auch in acht Tagen die Franzosen wieder über dem Hals. Ich weiß nur
jetzt nicht recht was man sich wünschen soll.«

»Daß sie Beide der Teufel hole!« knurrte die Alte mürrisch in ihrem
wunderlichen Dialekt, »Einer ist so sehr darauf versessen einer armen
alten Frau das Bischen Lebensunterhalt zu entziehen, wie der Andere,
und wo die Einen Alles verbieten, erlauben die Andern Alles -- sie
geben sich ordentlich die größte Mühe die Inseln nur so schnell wie
möglich zu ruiniren. Aber hab' ich die Wahl, will ich doch noch lieber
die Franzosen als Herren wissen, denn Handel treiben die Missionaire
auch, und wer von ihnen ungeschoren bleiben will, muß ihnen dann ihre
Kattune und Bibeln abkaufen für gutes Cocosnußöl und
Perlmutterschaale; anstatt solch Eigenthum hier ansässigen Leuten zu
gönnen, klappert's in ihren eigenen Geldsäcken weiter.«

»Oh laßt Euer nichtsnutziges Indianisches Gewäsch, und redet daß es
ein anderer ordentlicher Mensch auch verstehen kann,« rief aber hier
Einer der Englischen Matrosen, der Zimmermann der ~Kitty Clover~
dazwischen, der mit der größten Aufmerksamkeit Mütterchen Tots Rede
gefolgt war, und um's Leben nicht herausbekommen konnte was sie
eigentlich gesprochen -- »wer ist todt und wo brennt's?«

»Laßt's gut sein, Mütterchen,« beschwichtigte diese O'Flannagan, des
Engländers Einrede jedoch soweit beachtend, daß er in seiner
Muttersprache die Unterhaltung weiter führte, »durch ihr Verbot des
Brandy wiegen sie das Alles wieder auf, und Ihr bleibt noch immer in
ihrer Schuld. -- Wie viel rechnet Ihr etwa, daß Ihr jährlich an
heimlichem Grogverkauf verdient?«

»Zählt einer armen Wittwe die Bissen die sie in den Mund steckt,
heh?« fuhr ihn aber die Alte an -- »daß ich zu leben habe an
Brodfrucht und Cocoswasser ist's eben genug, gönnt Ihr mir das etwa
auch nicht? -- Ihr verdient in einer Nacht mehr durch mich, wie ich
durch Euch das ganze Jahr.«

»Haha Mütterchen,« lachte aber der Ire -- »Ihr lernt das Prahlen wohl
von den Franzosen, und dabei riskirt Ihr ohnedieß auch nicht Euere
Haut, und sitzt wohl und sicher hier in Euerem behaglichen Haus,
während sie unsereinem, wenn sie ihn faßten, vielleicht kurzen Proceß
machten, statt aller Weitläufigkeit.«

»Bah, was riskirt _Ihr_,« brummte die Alte verächtlich -- »daß sie
Euch einstecken für ein paar Wochen, oder von der Insel verweisen dann
schifft Ihr Euch in Papetee ein, und steigt in Papara wieder an Land
-- es ist ordentlich erstaunlich, daß Ihr es unter den Umständen
wirklich wagt, einmal nach Dunkelwerden noch eine halbe Stunde für
funfzig schwere silberne Dollar zu arbeiten.«

»Ihr redet wie Ihr's versteht,« brummte Jim finster in den Bart --
»und ich habe auch gerade keine besondere Lust Euch das Ganze hier
weitläufig aus einander zu setzen; soviel aber kann ich Euch
versichern, ich wollte lieber zehntausendmal mit Eueren glattrasirten
Methodisten zusammenrennen, wie mit den großmäuligen Burschen, den
Franzosen, und -- habe dazu meine ganz absonderlichen Gründe, die eben
Niemand weiter etwas angehen, wie mich selber. Wenn das übrigens wahr
wird, was Taotiti da vermuthet, und die Engländer hier wieder klar
Fahrwasser machen, in das die Franzmänner nachher mit fliegenden
Fahnen einziehen, dann weiß meiner Mutter Sohn was er zu thun hat, und
jede andere Insel ist dann für mich bequemer wie Tahiti -- Ihr könnt
mir vielleicht eine Empfehlung nach Neu-Seeland mitgeben Mütterchen,
wie?«

Murphy verzog bei diesen Worten das Gesicht zu einem breiten Grinsen,
Mütterchen Tot wurde aber böse, und begann eben mit einer vollen
Ladung Schimpfwörter gegen den heimlichen, aber desto boshafteren
Angriff des Iren, als draußen ein leises Pfeifen gehört wurde, und
Mrs. Tot sowohl, wie Jim alles Andere in dem einen Gefühl größter
Wachsamkeit vergaßen.

»Hallo was ist das,« sagte Jim, stand auf von seinem Sitz, und zog
sich langsam nach einem entlegeneren Theil der Hütte hin, während
Toatiti die gerade vor ihm stehende Flasche zustöpselte, und unter
sich schob, von wo sie Murphy, der jetzt recht gut den passendsten
Zeitpunkt wußte, eben so rasch wieder entfernte, und damit auf seinen
Platz zurückglitt -- »da kommt Jemand.«

»Das war To-to's Zeichen,« flüsterte die Alte, vorsichtig die Hand vor
die Flamme haltend, darüber hinwegschauen und den gleich erkennen zu
können der ihre Hütte noch zu dieser späten Stunde betreten würde --
»Toatiti, wahr' Deine Flasche.«

»Wahr meine Flasche?« knurrte der Indianer, auf dem Platz herumfühlend
wo er sie verborgen -- »das haben Andere gethan -- Oro's Zorn über
sie.«

In diesem Augenblick öffnete sich aber die niedere Bambusthür, und von
dem auf Wacht draußen postirten Insulaner dicht gefolgt, betrat, den
Hut tief in die Augen gedrückt, ein Matrose den inneren Raum, blieb in
der Thüre stehen, sich erst zu orientiren in was für Gesellschaft er
eigentlich kam, und schritt dann, wie mit einem Blick um sich her
vollkommen zufriedengestellt, zur Flamme. Hier warf er den Hut ab,
setzte sich auf einen der leeren Schemel nieder, und fing an seine
Thonpfeife so ruhig zu stopfen, als ob er von klein auf hierher gehört
hätte, und gar nicht beabsichtigte je wieder einen so angenehmen Platz
zu verlassen.

Niemand in der Hütte war übrigens mit größerem Erstaunen diesen
Bewegungen des Besuchs -- der für ihn kein fremder schien -- gefolgt,
als Mr. O'Flannagan, der in dem späten Wanderer mit einer keineswegs
freudigen Ueberraschung seinen früheren alten Spießgesellen, Jack, von
der ~Jeanne d'Arc~, erkannte, und sich dabei recht gut bewußt war, daß
er ihn halb und halb selber eingeladen, an Land zu kommen.

»Well Jim,« begann dieser würdige Mann, nachdem er sich die Pfeife
angebrannt, während die Anderen ihm schweigend, und durch seine
Kaltblütigkeit wirklich überrascht, zuschauten -- »wie geht's heut'
Abend, was stehst Du denn dahinten in der Ecke? -- habt Ihr Nichts zu
trinken hier?«

»Hol mich dieser und Jener« brummte aber Jim, der jetzt langsam
vorkam, und seinen alten Platz wieder einnahm, »wenn das nicht Jack
ist von der ~Jeanne~, nun mein Junge, hast Du den Platz hier wirklich
aufgefunden, und wo willst Du hin?«

»Freundlicher Empfang das, bei Jingo,« lachte Jack -- »hallo Mate da
drüben, wenn Du mit der Flasche fertig bist, lang' sie mir einmal
herüber.«

Die Anrede galt Murphy, der sich in diesem Augenblick unbeobachtet
genug geglaubt, einen heimlichen Angriff auf die erbeutete Flasche
wagen zu dürfen, und jetzt erschreckt absetzte und eine fast
unwillkürliche Bewegung machte das ~corpus delicti~ rasch wieder, und
bis zu geeigneterer Zeit zu verbergen, Toatiti war aber indessen auch
aufmerksam geworden, und in die Höh springend und mit dem Rufe:
»Hallo, weißer Mann -- hat meine Flasche,« holte er sich sein
Eigenthum wieder, mit dem er jedoch die gefährliche Nachbarschaft des
neugekommenen Fremden ebenfalls mied, und sich seinen Platz am anderen
Ende der Hütte suchte. Jim reichte Jack indessen eine andere Flasche
hinüber.

»Und wer seid _Ihr_, wenn man fragen darf, mein feiner Herr?« sagte
aber jetzt Mütterchen Tot, mit noch immer etwas vorsichtig gedämpfter
Stimme, als ob sie nicht recht traue daß nicht vielleicht noch eine
andere Gesellschaft draußen an der Hütte stehen könne -- »Ihr kommt
hier gerade so breitbeinig herein, als ob Ihr mit zum Haus gehörtet,
und müßt doch wissen daß ich, den streng gehaltenen Gesetzen der Insel
nach, keinen Fremden über Nacht bei mir beherbergen darf, selbst wenn
ich ihn kenne, was bei Euch aber nicht einmal der Fall ist.«

»Wer ich bin? -- hm, Jim da drüben wird Euch das am besten erzählen
können, wenn er sonst Lust dazu hat,« lachte der Matrose, zum ersten
Mal wieder absetzend mit der Flasche, und sich das Naß aus dem Bart
streichend.

»Aber wo kommst Du noch her so spät in der Nacht,« frug jetzt Jim
selber, »und wie in der Welt hast Du den schmalen Pfad durch die
Guiaven verfolgen können?«

»Verdammt wenig hab' ich überhaupt von einem Pfad gespürt,« lachte der
Seemann, »nein Kamerad, einen nichtswürdigen Kreuzzug habe ich durch
das niederträchtige Buschwerk hier gemacht nach allen Strichen und
Himmelsgegenden zu, und bin auf und ab lavirt, bis ich mich eben
bereit machte die Nacht unter Gottes freiem Himmel zuzubringen, als
ich noch zum guten Glück Euer freundliches Licht durch die Büsche
schimmern sah, und nun vor dem Wind Cours halten konnte, bis ich das
leise Pfeifen des Burschen da hörte, der mich noch immer so verstört
und mißtrauisch ansieht, als ob ich ihm alle Augenblicke wieder davon
laufen wolle. Hab' keine Angst, mein Junge, der Brandy ist
vortrefflich, und hier sucht mich doch kein Teufel, wenigstens nicht
bis es Tag wird, und man sich nicht mehr in den stachlichen
Orangengebüschen die Fetzen vom Leib, ja die Haut von den Knochen
reißt.«

»Du bist desertirt?« frug O'Flannagan rasch.

»Desertirt?« schrie die Alte, von ihrem Sitz aufspringend -- »und
halt' ich ein Versteck hier, für entlaufene Matrosen? was wollt Ihr da
hier? -- weshalb seid Ihr _hier_hergekommen?«

»Pst, pst Alte,« suchte sie Jack aber wieder zu beruhigen, und die
Flasche vorher noch einmal gegen das Licht haltend, that er einen
zweiten Zug, der eben nicht viel für einen dritten übrig ließ -- »nur
nicht solchen Lärm einer Kleinigkeit wegen; das haben bessere Männer
vor mir gethan -- Wetter noch einmal, der Brandy ist famos, und ich
wollte die Flasche hier hätte eine Schwester.«

»Aber sie haben Dich noch nicht vermißt?« sagte Jim, ihn über das
Licht aufmerksam betrachtend, »denn ich will doch nicht hoffen daß Du
eben, von den Spürhunden gehetzt, hier nur so zu Bau gekrochen bist.«

»Der Vergleich könnte passen,« schmunzelte Jack, wie mit sich selber
zufrieden; »erst mit Dunkelwerden haben sie meine Spur in den Guiaven
verloren, und ich kann's ihnen nicht übel nehmen, denn ich wußte
selber nicht mehr wo ich war -- wie sollten sie's.«

»Da haben wir's!« rief aber die Alte in Zorn und Grimm mit der rechten
Faust in ihre linke offene Hand schlagend; »wegen dem fortgelaufenen
Lump soll ich mir hier das Dach über dem Kopf niederreißen und mich
wieder hinaus in alle Welt jagen lassen? weiter fehlte mir Nichts --
hinaus mit Dir mein Bursche, hinaus so schnell Du gekommen bist, oder
ich lasse Dich binden und knebeln und selber wieder auf Dein Schiff
zurückliefern, wohin Du gehörst, und das Du im Leben nicht hättest
verlassen sollen.

»Herrliche Gastfreundschaft hier auf der Insel,« lachte Jack, ohne
aber auch nur die mindeste Bewegung zu machen, als ob er dem Befehl
Folge leisten wolle -- »patriarchalische Freundschaft das, hol' mich
der Böse -- sie sagen's Einem doch erst ganz höflich, ehe sie Einen
wieder hinauswerfen. Nun Jim, wie ist's? -- willst Du mich nicht
lieber wieder an Bord zurückschicken lassen? -- Du weißt, _ich_ könnte
nachher gar keine Geschichte erzählen, Gott bewahre, nicht die
mindeste.«

»Unsinn,« knurrte der Ire, »es wäre mir verdammt egal was Du, einmal
erst wieder an Bord, erzählen oder erfinden könntest -- na, ich weiß
schon was Du sagen willst; die Alte hat aber in einer Hinsicht recht,
_hier_ kannst Du nicht bleiben, und _ich_ auch nicht, wenn sie Dich
wirklich bis an die Guiaven verfolgt haben, denn dann stöbern sie
auch, von ein oder dem andern _frommen_ Indianer geführt, die dabei
ein gutes Werk zu thun glauben, diese Hütte noch vor Tagesanbruch auf,
und könnten uns dabei im besten Schlaf erwischen.«

»Hol sie der Teufel!« rief Jack finster -- »sie mögen thun was sie
nicht lassen können, aber meiner Mutter Sohn geht heute Nacht nicht
wieder allein in die Guiaven hinaus, und wenn ich die ganze
Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~ hinter mir wüßte. -- Wenn Ihr mich aus
dem Weg haben wollt, versteckt mich hier irgendwo, ich bin müde wie
ein gehetzter Wolf und will schlafen; kommen die Monsieurs nachher
wirklich noch hierher, was ich aber doch stark bezweifeln möchte, so
kann sie die alte würdige Dame da, mit dem allerliebsten Hut auf und
dem gewiß höchst modernen Anzug, leicht genug auf eine falsche Fährte
bringen -- so, jetzt wißt Ihr das Kurze und Lange davon.«

Mütterchen Tot, der vielleicht in ihrer ganzen jahrzehnte langen
Praxis ein solches Beispiel von keckem Trotz, _ihr_ gegenüber noch
nicht vorgekommen war, stand im ersten Augenblick wirklich starr vor
Ueberraschung -- jedenfalls sprachlos, dann aber war sie eben im
Begriff wie Gottes Zorn über den Unverschämten hereinzubrechen, der
ihr hier in ihrer eigenen Hütte zu trotzen, ja sie zu verhöhnen wagte,
als Jim dazwischen trat, und sie zurückhaltend den Arm des Matrosen
faßte und diesen bei Seite zog.

»Was _will_ der Mensch hier?« kreischte jetzt aber das gereizte Weib
mit lauter, gellender Stimme, ziemlich unbekümmert wie es schien, wie
viel Specktakel sie mache -- »was thut er hier, was sucht er bei mir,
daß er -- «

»Halt Mütterchen,« rief aber Jim rasch und heftig sie unterbrechend,
und den Arm drohend gegen sie aufgehoben -- »halt, oder Du schreist
Dich selber um den Hals -- der hier ist ein alter Kamerad von mir, und
ich werde ihn nicht in der Patsche sitzen lassen.«

»Aber hier in meinem Hause -- «

»Ruhig Mütterchen -- hier im Haus soll und kann er auch nicht bleiben
-- Du brauchst Dir deshalb keine Sorge zu machen; und Du, Jack,«
wandte sich Jim jetzt gegen diesen, der ziemlich geduldig das Ende der
Unterhaltung zu erwarten schien -- »Du stehst hier auf gefährlicherem
Boden als Du wahrscheinlich vermuthest, und je eher Du aus dem Schein
dieses Lichts kommst, desto besser für Dich -- vielleicht für uns alle
Beide.«

»Aber wie zum Teufel _kann_ ich fort?« rief der Matrose ärgerlich,
»das Dickicht draußen ist ordentlich zugewachsen, und mit dem Licht
schon in Sicht, habe ich meinen Weg noch gewiß eine halbe Stunde
förmlich durcharbeiten müssen, nur den Platz hier zu erreichen.«

»Du sollst auch nicht allein gehen,« unterbrach ihn Jim, »denn wir
müssen Dich eine ganze Strecke weit inland bringen, wenn Du es nicht
lieber vorziehst in der Nähe vom Strand zu bleiben und mit erster
Gelegenheit in einem Canoe nach irgend einer anderen Insel
überzusetzen.«

»Nein nein -- danke,« sagte Jack nach kurzem Ueberlegen -- »draußen in
See ist langsames und unsicheres Fortkommen, und der Henker traue den
verschiedenen Fregatten die jetzt im Ein- oder Auslaufen sind; sie
könnten Einem jeden Augenblick über den Hals kommen, und -- neugierig
sind sie alle. Nein, ich will's jedenfalls erst einmal eine kurze Zeit
hier in den Bergen versuchen -- auf Salzwasser komme ich noch immer
zeitig genug.«

»Gut, dann soll Dich Toatiti in die Berge bringen,« sagte Jim nach
einigem Nachdenken, und zwar in Tahitischer Sprache, mehr zu dem
Indianer selber, als zu Jack gewandt.

»Toatiti wird sich hüten,« knurrte aber dieser, seine Stellung
beibehaltend und sich nur etwas mehr auf die Seite hinüberdrehend,
»Toatiti liegt hier ausgezeichnet und ist sehr durstig.«

»Schwamm!« zischte der Ire zwischen den zusammengebissenen Zähnen
durch, aber er wußte auch daß mit den Insulanern, wenn sie einmal
keine Lust hatten, Nichts zu machen war, weder in Gutem noch Bösen,
und deshalb den anderen jungen Burschen zu sich winkend, flüsterte er
ihm etwas in's Ohr -- irgend ein Versprechen, seine Faulheit zu
beschwören, und mußte ihm dabei so dringend zugeredet haben, daß er
wirklich seine Tapa fester um sich her zog, die Haare aus dem Gesicht
schüttelte und sich bereit zeigte den Weißen »aus dem Weg« zu führen.

Der Insulaner der Südsee ist eigentlich nicht faul -- wir haben
wenigstens kein Recht für ihn, dem die Natur Alles gegeben was er
braucht, wenn er nur die Hand danach ausstreckt, eine eben solche
Thätigkeit zu verlangen, wie sie unser ganzes Klima, unser Boden,
unser übervölkerter Staat schon zur Bedingung unserer Existenz
gemacht, und uns also auch damit jedes Verdienst genommen hat, sie uns
angeeignet zu haben -- wir können einmal nicht ohne sie leben, und
deshalb auch nicht mit ihr prahlen. Es würde ebenso wenig Einem
unserer reichen Leute, unserer Rentiers und Capitalisten einfallen
Holz zu hacken oder Straßen zu bauen mit Schaufel und Spitzhacke --
»wir brauchen es nicht« sagen sie achselzuckend, »dafür haben wir
unsere Leute.« Dasselbe sagt der Insulaner -- »ich brauche es nicht«,
oder wenn er's nicht sagt liegt es in jeder Muskel seines Gesichts, in
jedem Nerv seines Körpers. Der Brodfruchtbaum ernährt ihn, und tausend
andere Fruchtbäume schütteln ihm selber das luxuriöseste Mahl auf den
Boden nieder; nur die Kleidung wurde früher von den Frauen und Mädchen
aus der Rinde gewisser Bäume herausgeschlagen, und dieser einzig
nöthigen Beschäftigung widmete wenigstens der weibliche Theil der
Bevölkerung einige Zeit; aber selbst das ist jetzt, sehr zum Schaden
der Insulaner, durch die erst von den Missionairen und später von
anderen Europäern eingeführten Cattune unnöthig gemacht und
aufgehoben, und die Missionaire selber verkauften ihnen die
Europäischen Stoffe, die ihnen durch ihre bunten Farben gefielen, um
einen Tauschartikel zu haben, für den sie ihren eigenen
Lebensunterhalt, wie anderes was sie zur Bequemlichkeit ihrer Existenz
gebrauchten, bekommen konnten. Den Frauen wurde damit die letzte
nützliche Beschäftigung genommen, und Bibellesen, das ihnen dafür
Ersatz geben sollte, konnte sie natürlich nur so lange fesseln, als es
eben den Reiz der Neuheit für sie hatte. Was kümmerten sie die Sagen
eines Volks von dem sie nicht einmal einen Begriff hatten wo und wann
es existirt, und jetzt gerade, wo das Glauben an die Wunder ihrer
eigenen Götter durch die fremden Männer erschüttert, ja über den
Haufen geworfen worden, sollten sie da gleich gläubig und
vertrauungsvoll zu noch viel wunderbareren Sachen aufschauen? --

Ach was -- die Sonne reifte ihre Früchte noch wie je -- im Schatten
ihrer wundervollen Wälder ruhte sich's so kühl wie sonst, und der
Zukunft _träumte_ es sich viel eher, wenigstens viel leichter
entgegen, als daß sie die Hand hätten »an den Pflug« legen sollen, wie
es die Missionaire fortwährend von ihnen verlangten. Wer etwas von
ihnen haben wollte mußte es gut bezahlen -- dann thaten sie es
vielleicht; aber gezwungen wollten sie noch immer nicht dazu werden.

»Und wo führt er mich hin?« sagte Jack mit einem leisen Anflug von
Mißtrauen als er sah, wie sich der Indianer fertig machte ihn zu
begleiten, »hab ich weit zu gehen?«

»Zu einem Haus in den Bergen,« erwiederte Jim, ihm die Worte leise
zuflüsternd -- »selbst Mütterchen Tot braucht den Ort nicht zu wissen,
obgleich sie Keinen verrathen würde, von dem sie nicht selber gleichen
Liebesdienst fürchten müßte -- der Platz liegt kaum eine halbe Meile
von hier entfernt, aber sicher versteckt, und ist wenigstens nicht,
wie der hier, als heimlicher Schlupfwinkel entlaufener Matrosen in
ganz Papetee, ja auf der ganzen Insel, berüchtigt -- bist Du fertig?«

»Brauch' ich etwa andere Vorbereitungen,« lachte Jack, »als meine
Jacke wieder zuzuknöpfen? -- aber die Flasche hier nehme ich mit, es
ist immer noch ein Tropfen darin, und der Nebel liegt dicht auf den
Bergen. Und nun ade, Mütterchen, und vergelt' Dir Gott die
freundliche Bewirthung -- bis _ich's_ vielleicht einmal im Stande bin.
Und Du, Kamerad?« wandte er sich plötzlich noch gegen den Mann von der
~Kitty Clover~, der die ganze Zeit, seit Jack die Hütte betreten,
keine Sylbe gesprochen, und den fremden Gesellen nur manchmal, wenn
das unbemerkt geschehen konnte, unter seinem Hutrand vor beobachtet
hatte, »hast Du nicht vielleicht Lust einen Abendspatziergang
mitzumachen? -- s'ist verdammt langweilige Arbeit so allein mit einer
Rothhaut draußen in den Büschen herumzukriechen.«

»Danke,« brummte aber der Matrose ohne aufzusehen -- »befinde mich
g'rade hier wohl wo ich bin.«

»Auch gut,« brummte der Andere finster -- »besser keine Gesellschaft
wie schlechte,« und mit einem kurzen Gruß nach Jim hinüber, winkte er
seinem Führer und verließ rasch und mürrisch das Haus.

Nicht ein Wort wurde gesprochen, als sich die leichte Bambusthür
wieder hinter den Beiden schloß, und die Zurückbleibenden horchten
viele Minuten lang lautlos und aufmerksam den, bald in der Ferne
verhallenden Schritten. Der Mann von der ~Kitty Clover~, Bob mit
Namen, brach zuerst das Schweigen wieder, und sich mit finster
zusammengezogenen Brauen den Hut aus der Stirn rückend brummte er,
mehr mit sich selbst als zu den Anderen redend, und die letzten Worte
des wunderlichen Burschen wiederholend, der hier so plötzlich zwischen
ihnen aufgetaucht und verschwunden war:

»Besser keine Gesellschaft wie schlechte? -- Wetter Kamerad, Du
würdest weit in der Welt herumsuchen müssen, wenn Du schlechtere
finden wolltest wie Dein eigenes süßes Ich.«

»Kennt Ihr ihn?« frug Jim rasch, sich zugleich nach dem Sprecher
umdrehend.

»Vielleicht nicht so gut wie Ihr,« lachte dieser trocken, »aber immer
doch gut genug froh zu sein, daß ihm _mein_ Gesicht nicht gerade alte
Scenen in's Gedächtniß zurückrief. Wir waren vor gar nicht so langen
Jahren Schiffskameraden, ja Vortopgäste zusammen, und er wurde
gepeitscht und später in Ketten an Land geschafft, weil er das M. und
D. nicht von einander zu unterscheiden wußte.«

»Das M. und D.?« sagte Jim erstaunt.

»Nun das Mein und Dein,« lachte der Wallfischfänger, »aber noch
schlimmere Sachen wurden ihm zur Last gelegt, und ein halbes Wunder
nur rettete ihn damals von der Raanocke -- verdient hatte er sie schon
zehnmal.«

»Aufgepaßt!« flüsterte da die Stimme der Alten rasch und vorsichtig
dazwischen -- »aufgepaßt, draußen sind wieder Schritte die da nicht
hingehören -- und der faule Gauch von einem Schuster kauert da
wahrhaftig wieder hinter seiner dickleibigen Bibel und schmiert die
Seiten voll Cocosöl -- hinaus mit Dir, Menschenkind, wohin Du gehörst,
und daß doch der Böse mit Dir und dem Buch davonflöge.«

Murphy schien allerdings vollständig ausgeschlafen zu haben, und hatte
sich, da ihm die Flasche wieder abhanden gekommen, seinen
allnächtlichen Tröster, die Bibel, vom Gesims geholt, über der er bei
dem matten Licht der unsteten Flamme brütete. Mütterchen Tot's
Zornrede störte ihn nun allerdings etwas in dieser löblichen
Beschäftigung, aber theils ärgerlich gemacht durch den Verlust des
Brandy, theils durch die unermüdlichen Angriffe der Mosquiten, derer
er sich heute Abend kaum erwehren konnte, war ein sonst an ihm kaum
denkbarer Geist, der Geist des Widerspruchs, in ihn gefahren, und
mürrisch über das Buch und das Licht wegsehend rief er mit seiner
feinen, jetzt ärgerlich erregten Stimme:

»Ach zum Henker, ich habe draußen Nichts zu suchen, und wenn man Einen
wie einen Menschen behandelte, könnte man auch wie ein Mensch
existiren. Laß die aufpassen die sich vor was zu fürchten haben;
Murphy hat ein gutes Gewissen und sitzt hier lange gut.«

»Nun _das_ hat mir noch gefehlt!« schrie Mütterchen Tot, von ihrem
Sitz empor und auf den Rebellen zufahrend, der nur eben Zeit genug
behielt das Gestell mit der Lampe zwischen sich und die Megäre zu
bringen. Mütterchen Tot schien aber seine Taktik schon zu kennen, und
mit einem Griff ihrer langen Arme um die Flamme herumgreifend
erwischte sie das Buch, hob es mit beiden Armen auf und schleuderte es
blitzesschnell und mit einem ingrimmigen Fluch nach dem Kopf des
kleinen Schusters, der nur durch rasches Untertauchen dem nicht
unbeträchtlichen Gewicht des Bandes entgehen konnte. »_Da_,« schrie
sie dabei, kirschroth vor Wuth -- »da Du Lump, da nimm das und
studier's, und nun hinaus mit Dir, oder so wahr da oben der Mond am
Himmel steht, ich gieße Dir das heiße Cocosöl über den Leib, und brühe
Dich wie ein unreines Schwein das Du bist -- Du -- Du Lederstecher
Du.«

»Zum Teufel noch einmal, Mütterchen,« rief aber Jim jetzt dazwischen,
der sich indessen ebenfalls zum Fortgehen bereit gemacht, und seine
Jacke zugeknöpft, seinen Hut aufgesetzt hatte -- »laßt den Lärm hier,
Ihr macht ja einen Skandal, daß die Hunde am Strand an zu bellen
fangen. Mir wird's unheimlich hier drin, und ich suche mir lieber ein
stilleres Quartier. Komm Kamerad, ich will Dich noch in gute
Gesellschaft bringen, heut' Abend, und morgen früh dann -- Teufel!«
unterbrach er sich aber rasch und erschreckt, denn draußen rasselten
plötzlich, wie auf ein gegebenes Kommando, eine Anzahl Gewehrkolben
auf den Boden, dicht an dem Eingang der Hütte nieder, und die Stimme
eines Befehlenden in Französischer Sprache wurde laut:

»Zwei von Euch um das Haus herum, ob es noch einen anderen Eingang
hat, und Ihr hier bleibt an der Thür; was mit Gewalt hindurch will den
stoßt Ihr nieder -- Feuer auf jeden Flüchtling.«

»Alle Wetter,« brummte Bob, jetzt ebenfalls aufspringend, und seine
Segeltuch-Hosen nach Art der Seeleute in die Höhe zerrend -- »Jack ist
ihnen zur rechten Zeit aus den Klauen gerutscht.«

Es blieb ihm keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Thür wurde
in diesem Augenblick aufgerissen, und sich bückend trat ein
Französischer See-Officier ein, dem eine Anzahl Marinesoldaten mit
aufgepflanztem Bajonett folgten, und somit ein Verlassen der Hütte,
die keine Fenster hatte, unmöglich machte.

Der Officier, dessen Blick den inneren Raum, soweit das nämlich das
ungewisse Licht der Cocosflamme erlaubte, überflog, haftete zuerst auf
Murphy selber der, sich wenig um die Patrouille oder Haussuchung
kümmernd, an die er durch eine lange Reihe von Jahren auch wohl schon
gewöhnt sein mochte, nur rasch und bestürzt seine Bibel aufgegriffen
hatte, und mit dem dicken Buch jetzt gar nicht schnell genug in seine
Hülfskalebasse hineinfahren konnte.

»Hallo Sir -- was habt _Ihr_ da so Kostbares zu verstecken he?« rief
er in Englischer Sprache, und ging langsam auf den kleinen Mann zu,
der fast instinktartig das erst halb hineingezwängte Buch bei Seite
und in den Schatten drückte, und nach einem angefangenen Schuh griff,
als ob er mitten in der Nacht seine mit Dunkelwerden aufgegebene
Arbeit wieder beginnen wolle.

»Und seid Ihr hierhergekommen, Sirrah, unsere Taschen zu visitiren?«
knurrte aber unwirsch der kleine Ire, der schon einen tückischen
Seitenblick nach der ihm verhaßten Uniform warf, und seinen ganzen
trotzköpfigen Muth oder eher Widerspruchsgeist zurückbekommen hatte,
als er fand daß der nächtliche Besuch _nur_ Soldaten und keine
Missionaire waren, »wenn's _mir_ Vergnügen macht, kann ich meine
Kalebassen und Taschen so voll stopfen wie und mit was ich will -- was
geht's Euch an?«

»Langsam mein Bursche, langsam,« lachte der Officier, unser alter
Bekannter Bertrand, durch die mürrische Antwort keineswegs böse
gemacht -- »wenn ich nachher neugierig werden sollte, wirst Du mir's
doch noch zeigen müssen, jetzt aber vor allen Dingen wollen wir Deine
Wohnung einmal etwas genauer besehen, ob wir nicht einen alten Freund
und Schiffskameraden darin entdecken können, der sich wahrscheinlich
von Bord verlaufen hat, und in der dunklen Nacht nicht wieder dorthin
zurückfinden kann. Die Guiaven stehen gar zu dicht um Euer Haus -- Ihr
solltet sie ein wenig lichten.«

»Wie ich merke stehen sie doch noch immer nicht dicht genug;« brummte
Murphy halblaut vor sich hin, Mütterchen Tot nahm aber für ihn die
Unterhaltung auf, und mit ihrer schrillen Stimme kreischte sie dem
Officier entgegen:

»_Deine_ Wohnung, _Deine_ Wohnung? wessen Wohnung habt Ihr hier anders
als _meine_? und glaubt Ihr daß der schmutzige Schuster da eine
Wohnung für sich selber hat? -- Ist das auch eine Manier einer armen
alleinstehenden Frau bei Nacht und Nebel in's Haus zu fallen, und sie
zu erschrecken, daß sie den Tod davon haben könnte? was wollt Ihr? wer
seid Ihr? wen sucht Ihr? nun, habt Ihr die Sprache verloren daß Ihr
dasteht wie von Gott verlassen?«

»Alle Wetter,« lachte Bertrand, der sich erst jetzt von seinem Staunen
über die wunderbare, vor ihm aufsteigende und von der Flamme
phantastisch genug beschienene Gestalt erholen konnte -- »das ist
eine _Dame_; bei Allem was da schwimmt, ich hatte keine Ahnung daß
sich das schöne Geschlecht auch in solch alte Ueberröcke zurückziehen
könnte.«

»Ach was _schöne Geschlecht -- Dame_,« knurrte die Megäre, »was wollt
Ihr, wen sucht Ihr? und ein Bischen rasch, denn es ist Schlafenszeit,
und ich möchte meine Ruhe haben wie ich's verlangen kann.«

Der Officier hörte schon kaum mehr auf sie, sondern näher zum Licht
tretend, und seine Augen mit der linken ausgestreckten Hand dagegen
schützend suchte er vor allen Dingen herauszubekommen, ob außer den,
neben der Lampe sitzenden Individuen noch Andere vielleicht in der
Hütte befindlich, oder gar versteckt wären, einer eben nur
oberflächlichen Untersuchung auf bequeme Art auszuweichen.

Jim hatte erst wirklich, und wie er das erste Niederstoßen der
Gewehrkolben hörte, eine Bewegung gemacht, als ob er sich in den
hinteren und dunkleren Theil der Hütte zurückziehen wolle, als aber
sein scharfes Ohr auch dort draußen Schritte hörte, blieb er ruhig
stehen und ließ sich dann sogar, als eben der Officier die Hütte
betrat, wieder auf seinen alten Platz nieder, wo er, den Kopf in die
Hände gestützt, und den breiträndigen Wachstuchhut nur etwas tiefer in
die Augen gezogen, ruhig sitzen blieb, und das Ganze mit vollkommen
gutem Gewissen schien abwarten zu wollen. Nur der mißtrauische und
finstere Blick, den er heimlich, unter dem Schatten seiner Hutkrempe
vor, nach dem Officier hinüberschoß, wie die fest zusammengebissenen
Zähne hätten können ahnen lassen, daß doch nicht Alles mit ihm so gut
und richtig sei, und er vielleicht gegenwärtig lieber den von
Mosquitos am meisten heimgesuchten Guiavensumpf, als gerade diesen
behaglichen Platz auf dem er sich befand, inne haben möchte.

»Was oder wen ich suche, Madame?« wiederholte Bertrand langsam und
fast wie mit sich selber redend -- »hm, Jack scheint sich richtig aus
dem Staub gemacht oder doch einen sichereren Platz aufgefunden zu
haben. Ihr, da, zwei von Euch« wandte er sich dann in französischer
Sprache an die Soldaten, »sucht einmal an der Wand hin, ob Ihr nicht
irgendwo noch Jemand entdeckt, und wenn so, bringt ihn her zum Licht;
vielleicht können mir indessen diese beiden Burschen, die da so
schweigsam sitzen, etwas nähere Auskunft über den Gesuchten geben.
Heda Gentlemen,« wandte er sich jetzt an die beiden Leute, von denen
Bob nicht als Matrose zu verkennen war, während selbst Jim einen
ziemlich seemännischen Anstrich hatte, und hier auf Tahiti, wo man
kaum Leute anderen Berufs vermuthen konnte, recht gut für zu
Salzwasser gehörig gelten konnte -- »ich suche einen entsprungenen
Mann von der ~Jeanne d'Arc~, der auf den Namen Jack hört, und sonst
ein so durchtriebener nichtsnutziger Schuft ist, wie nur je Einer
Schuhleder zertreten oder das Deck eines Schiffes gewaschen hat. Kann
mich Einer von Euch auf die Spur bringen?«

»Spur bringen?« brummte aber Bob dagegen -- »wenn's auf See wäre, aber
hier an Land bin ich immer froh wenn ich das Ufer selber wiederfinde,
mich nicht zwischen den verdammten Bäumen zu verlaufen -- da müßt Ihr
Euch schon einen Anderen suchen.«

»Aber hast Du den Burschen nicht irgendwo gesichtet, Kamerad?« frug
der Officier wieder, der aus dem ganzen Wesen der Alten etwas
Aehnliches fast vermuthen wollte. »Er heißt Jack.«

»So heißen wir ziemlich Alle,« knurrte der Seemann -- »wenn man Eines
Namen nicht weiß auf Englischen Schiffen, nennt man ihn Jack -- jeder
Matrose ist eigentlich ein geborener Jack, und kriegt den anderen
Namen, wie das Frauensvolk bei der Heirath, mit dem ersten
Salzwasser-Grog ohne Zucker und Rum, den sie ihm über den Schädel
gießen.«

Bertrand hatte, während Bob sprach, zuerst Jim oberflächlich
betrachtet, und sich dann wieder in der Hütte umgesehen, in seiner
Erinnerung wurden aber andere Bilder wach, und wieder und wieder
kehrte sein Blick zu den halbbeschatteten Zügen des Mannes zurück, der
am Feuer mit zusammengezogenen Brauen saß und jetzt anfing in seiner
Tasche nach Tabak zu suchen, sich eine Pfeife zu stopfen.

»Hallo Kamerad,« sagte er endlich, als die beiden Soldaten
zurückgekommen waren und gemeldet hatten daß sich Niemand weiter in
der Hütte befinde, »wo haben wir Beide denn schon einmal unser
Fahrwasser gekreuzt? -- Du bist ein Engländer?«

»Wenigstens nicht weit davon,« brummte Jim, sich noch mehr in seine
Pfeife vertiefend, und jetzt halb vom Lichte abgewandt -- »habe aber
nicht die Ehre -- Menschen gleichen sich wie Blätter und Eier --
tragen Alle die Nase mitten im Gesichte.«

Bertrand barg einen Augenblick die Augen in der Hand, wie um durch
keine äußeren Eindrücke sein Gedächtniß zu beirren -- ein
thatenreiches Leben flog ihm in wirren Bildern vor dem inneren Geist
vorüber; aber zu viel der Scenen, zu viel der Gestalten wechselten und
schwammen da durcheinander, als ihm so rasch zu gestatten daß er sich
den einen, verlangten herausgriffe aus der Masse, und nur den Kopf
schüttelnd, schritt er mit verschränkten Armen ein paar Mal auf und ab
in der Hütte, ohne, wie es schien, auf die Inwohner viel zu achten,
ja fast vergessend, weshalb er eigentlich hierhergekommen.

Jim war dabei diese höchst unnöthige Aufmerksamkeit, die der Officier,
den er selber recht gut wiedererkannte, auf ihn wandte, nichts weniger
als angenehm, und er fing an sich eben nicht mehr so sicher auf seinem
Platz zu fühlen. Er stand langsam auf und zog sich dem Hintergrund der
Hütte zu.

Bertrand stampfte ungeduldig mit dem Fuß.

»Weiß der Teufel,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »wo mir die
Galgenphysionomie schon einmal vorgekommen, aber nichts Unbedeutendes
war's das ist sicher -- nun vielleicht fällt's mir wieder ein -- ha
-- « sagte er, emporsehend, als er den Seemann nicht mehr auf seinem
Sitz erblickte -- »ah, der Herr schläft wohl hier, und will sich sein
Lager zurechtmachen? -- habt Ihr Erlaubniß an Lande zu bleiben, und
auf welches Schiff gehört Ihr?«

»Ich gehöre auf gar kein's,« entgegnete Jim finster aus dem Halbdunkel
der Hütte vor -- »die Insel hier ist meine Heimath, und ich werde
d'rauf schlafen können, denk' ich.«

»Und Du, mein Bursche, auf welches Schiff gehörst Du?« wandte er sich
jetzt zu Bob -- »oder rechnest Du Dich etwa auch zu den Eingeborenen,
mit Deiner Furcht vor den Bäumen?«

»Verdamm es, nein,« brummte der Seemann, »ich gehöre zur ~Kitty
Clover~.«

»Dem Wallfischfänger?«

»Ja.«

»Und weshalb bist Du da nicht an Bord, Sirrah?« frug der Officier
scharf -- »die ~Kitty Clover~ steht überhaupt in dem Verdacht andere
Ladung als Thran an Bord zu führen, und wenn ich nicht irre haben die
Missionaire schon Klage eingereicht, daß Ihr den ganzen Ort mit Brandy
überschwemmt.«

»Die Missionaire können zu Grase gehen,« erwiederte Bob gleichgültig,
»die schwatzen viel wenn der Tag lang ist. Was übrigens die ~Kitty
Clover~ thut geht _mich_ nichts an -- die ~Kitty Clover~ ist ein ganz
selbstständiges Frauenzimmer.«

Bertrand lachte. »Doch apropos,« rief er plötzlich, sich zu Murphy
wendend, der noch immer auf seinem niederen Schemel saß, und den in
der Eile aufgegriffenen Schuh wie mißtrauisch betrachtete, »was war's
denn was der Bursche da vorhin versteckte? seh doch einmal Einer von
Euch nach -- in der Kalebasse da drüben muß es sein, vielleicht daß
uns das auf Jacks Spur bringt.«

»Und was habt Ihr Euch um anderer Leute Kalebassen zu bekümmern?« rief
aber die Frau jetzt, zum ersten Mal des Schusters Parthei ergreifend,
der nur mit finster trotzigem Blick vor sein Eigenthum trat, und
nicht übel Willens schien es zum Aeußersten zu vertheidigen -- »hab
ich Euch nicht gesagt daß ich Nichts von Euerem ganzen Gesindel weiß,
und mir noch weniger daraus mache, und überhaupt wünsche die
gottvergessenen Wi-Wis in meinem ganzen Leben nicht gesehen zu haben?
-- ist das jetzt Zeit, mitten in der Nacht bei einer armen alten Frau
einzubrechen, das Unterste zu oberst zu kehren, und unschuldige Leute
mit geladenen Gewehren und Bajonetten zu erschrecken? Fort mit Euch
wohin Ihr selber gehört, was wollt Ihr von uns? -- was steht Ihr noch
da?«

»Komm hier Mütterchen,« lachte aber der eine Soldat, ein riesiger
Bursche, sie und Murphy zu gleicher Zeit aber sanft bei Seite
schiebend, während der Andere, unter Murphys Armen fort, die fragliche
Kalebasse mit dem Bajonnet anspießte und nach vorn zog, wo das
allerdings höchst unverdächtige Buch zu Lichte rollte.

»Eine Bibel,« lachte der Officier, »und weshalb versteckst Du die vor
_mir_? -- hab' keine Furcht mein frommer Bursche, ich wäre der Letzte
der Dich in Deiner Andacht störte -- laßt sie los.«

»Gottes Fluch über Euch!« schrie aber jetzt die Alte, durch das ruhige
Verhalten der Leute nur noch mehr in Wuth gebracht. »Pest und Gift in
Euere Knochen, und faulende Krankheit, daß Ihr eine arme Frau
mißhandelt und drückt in ihrem eigenen Haus!« und zufällig vielleicht,
oder auch mit Absicht das heiße Cocosöl über die Eindringlinge
auszuschütten, stieß sie zu gleicher Zeit das hohe und leichte
Bambusgestell, auf dem Murphys Cocosschale mit dem darin brennenden
Docht stand, um, und die Soldaten konnten auch wirklich eben nur unter
laut ausgestoßenen Flüchen zur Seite springen, dem drohenden Oel, das
sich jetzt entzündete, zu entgehen. Auf dem Boden aber schlug es in
heller Flamme empor, den Platz mit seinem Lichte übergießend.

»Alle Wetter Madonna,« rief Bertrand, der lachend zurücksprang, »Du
wirst Dir selber das Haus über dem Kopf anzünden, und da hinten -- «
sein Blick fiel in diesem Moment auf das, ihm fast unwillkürlich
zugewandte Antlitz des Iren, der sich überrascht nach der hellen
Flamme umschaute, und wie ein zündender Blitz sprang zu gleicher Zeit
die Erinnerung an jene Nacht in ihm auf, die Jack schon früher gegen
Jim erwähnt, seinem Gedächtniß mit Zauberschnelle das Wo und Wie jener
Züge in die Seele rufend.

»~Sapristi~,« schrie er, den Degen mit dem Wort aus der Scheide
reißend und gegen den Iren anspringend -- »hab' ich Dich, Kamerad --
ergieb Dich Schuft! hierher Ihr Leute!«

»Verdammt!« knirrschte Jim zwischen den Zähnen durch, »aber noch habt
Ihr mich nicht!« und einen Sessel der dort stand aufgreifend, und dem
Franzosen vor die Füße schleudernd, daß dieser auf die Seite springen
mußte nicht darüber zu fallen, warf er sich, ehe die Soldaten
herbeieilen oder selbst Bertrand ihn erreichen konnte, mit aller
Gewalt gegen einen der Bambusstäbe an, der, jedenfalls schon zu einem
heimlichen Ausgang, einer Art Nothröhre benutzt, seinem Gewicht
nachgab und sich nach außen bog. Der Körper des Flüchtigen war im Nu
dahinter verschwunden, und als der Officier vorspringend mit seinem
Degen einen Stoß nach dem Entsprungenen führte, traf der
zurückschnellende Bambus die Klinge, und brach sie in der Mitte, wie
Glas entzwei.

»Feuer! beim Teufel -- Feuer!« schrie Bertrand, wüthend gemacht, und
dem Knacken der Hähne folgte mit Blitzesschnelle eine Salve, mit wenig
mehr Erfolg aber wohl, als den Bambus an einigen Stellen zu
zersplittern und die Hütte mit Pulverrauch zu füllen.

Der einzige Ruhige während der ganzen wilden Scene schien Bob, der
regungslos auf seinem Platz sitzen geblieben war, und nur nach dem
Verschwinden Jims und der rasch gefeuerten Salven wie spöttisch mit
dem Kopf schüttelte. »Hm, möchte wissen was da im Winde ist --
verteufelter Kerl, wie fix er durch die Wand war,« murmelte er vor
sich hin; »sein Hals kann auch seinen Beinen dankbar sein, mein' ich,
denn auf einen bloßen Deserteur wird doch nicht gleich geschossen --
hab's mir aber etwa gedacht, daß der Bursche wohl was erzählen könnte
-- wenn er nur wollte.«

Ein paar Soldaten wollten jetzt rasch zur Thür hinaus, dem Flüchtigen
nachzusetzen, Bertrand rief sie aber zurück.

»Laßt ihn heute, in dem Unterholz ist er schon lange in Sicherheit,«
sagte er seine Klinge vom Boden aufhebend und den Sprung, mit einem
leise gemurmelten Fluch wieder zusammenpassend -- »wart' aber
Canaille; also hier nach Tahiti her hast Du Dich gefunden? -- nun
hoffentlich war das nicht das letzte Mal daß wir einander begegnet
sind, und das nächste Mal _kenn'_ ich Dich, darauf kannst Du Dich
verlassen. Und Du Mütterchen,« wandte er sich plötzlich an die alte
Frau, die knurrend und keifend neben dem qualmenden brennenden Oele
stand, und giftige Blicke bald nach der Ursache dieser Ueberstürzung
ihres Hausstandes, bald nach dem unglücklichen Schuster hinüber warf,
an dem sie nur noch nicht recht wußte, wie sie einen Halt bekommen
sollte, ihren Grimm auszulassen -- »Du kannst mir vielleicht sagen wie
der Bursche, der da eben durch Deine Wand sprang, heißt, was er treibt
und wo er wohnt.«

Mütterchen Tot war aber keineswegs in der Laune irgend eine Auskunft
zu geben, und ihren vollen Grimm gegen den Frager kehrend, überhäufte
sie ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden und Zornesworten, daß
er verlange sie solle alles Gesindel kennen, das sich auf der Insel
herumtriebe, und die Wohnung von Leuten angeben die zu ihr in's Haus
kämen einen Dollar zu verzehren, wovon sie leben müsse in ihren alten
Tagen.

Bob wollte ebenfalls von Nichts wissen, und Bertrand sah wohl ein daß
er hier nur seine, jetzt weit kostbarere Zeit vergeuden würde, aus den
hier Anwesenden durch Drohungen oder Bitten etwas herauszulocken.
Vielleicht aber vermochte ihm ihr Eigennutz, dieser gewaltige Hebel
der Menschheit mehr zu nützen, und sich an die Alte wendend da der
Matrose wohl schwerlich einen Kameraden verrathen würde, sagte er
ruhig:

»Frieden Mütterchen, eben weil Ihr eine arme verlassene Wittwe seid,
red' ich zu Euerem Besten, und wollt Ihr einen Haufen Geld mit einem
Schlag verdienen, so habt Ihr weiter Nichts zu thun als Ja zu sagen.«

»Haufen Geld,« mumpelte die Alte mürrisch, aber auf einmal merkwürdig
besänftigt, in ihrem zahnlosen Mund -- »Haufen Geld, ja mit der Zunge,
da versprecht Ihr Wi-Wis das Blaue vom Himmel herunter -- Haufen Geld
-- wie soll eine arme verlassene Wittwe einen Haufen Geld verdienen in
dieser schweren, drückenden Zeit? -- fort mit Euch, ich kenne Euch
schon von alten Zeiten her.«

»Schon gut, Madonna, also Du weißt nicht wo jener Bursche, der da eben
durch die Bambuswand sprang, und mit der Gelegenheit dieses Hauses
_außerordentlich_ vertraut scheint, sich über Tag aufhält, und wo er
wohnt?«

»Nein -- Nichts,« brummte die Alte mürrisch.

»Weißt auch nicht wie er heißt?«

Die Alte zögerte und sah halb unschlüssig Bob an, der aber sog ruhig
an seiner Pfeife und schaute still und heimlich lächelnd vor sich
nieder -- sie schüttelte trotzig mit dem Kopf.

»Gut,« sagte Bertrand, sich die Lippen beißend, »vielleicht fällt
Dir's später ein; frischt sich aber Dein Gedächtniß, so kannst Du 500
Frank -- verstehst Du? -- 500 Frank verdienen, wenn Du mir
Gelegenheit giebst des Schuftes habhaft zu werden.«

»Fünfhundert Frank?« sagte die Alte ungläubig.

»Auf der Stelle ausgezahlt, sobald wir den Burschen in unsere Gewalt
bekommen -- und selbst für den Anderen sollst Du zweihundert haben,
wenn Du uns zu seiner Ergreifung behülflich bist.«

Bob hob jetzt zum ersten Mal den Blick vom Boden auf, und sah die Alte
lauernd an -- Mütterchen Tot schien aber in der That in tiefem
Nachdenken verloren über den Vorschlag, und es bedurfte einiger
Minuten, ehe sie die Versuchung von sich abschütteln konnte -- wenn
sie sich nicht etwa gar vor den Zeugen genirte.

»Ich will Nichts mit der Sache zu thun haben,« brummte sie
kopfschüttelnd -- »hat O'Flannagan sich -- «

»O'Flannagan?« frug Bertrand rasch.

»Ach zum Teufel!« rief die Alte, jetzt selber ärgerlich werdend --
»lauert Einem nicht das Wort von den Lippen, eh' es gesprochen ist --
was weiß ich wie Einer heißt der bei mir aus und ein geht, und sich so
oder so nennen kann -- wen kümmerts. Es ist Nachtschlafenszeit, und
ich will meine Ruhe haben in meinem eigenen Haus -- versteht Ihr
das?«

»Ich versteh' Euch, Mütterchen,« lachte aber Bertrand -- »danke
übrigens für den Wink, und -- vergeßt die 500 Frank nicht. -- Doch
jetzt: Achtung. Ihr Leute rechts umkehrt und vorwärts marsch!« und den
Soldaten voran schreitend, die ihm durch die niedere Thür mit
gebückten Köpfen folgten, verließ er rasch das Haus, und bald verklang
der letzte Schritt der bewaffneten Männer in der Ferne.

Bob war aufgestanden und lauschte dem weiter und weiter
verschwimmenden Geräusch der ihm genug verhaßten Franzosen. Dann sich
den Hosengürtel nach Seemannsart in die Höhe rückend und den Hut etwas
weiter aus dem Gesicht schiebend, drückte er beide Hände neben den
Hüften in den Bund und drehte sich ab, ohne weiteres Wort oder Gruß
das Haus zu verlassen.

Die Alte sah ihm finster und schweigend nach, ohne ihn aufzuhalten, in
der Thür aber blieb er plötzlich noch einmal stehen, drehte sich um,
nahm mit der linken Hand die Pfeife aus dem Munde, und sagte:

»_Mein_ Name ist Bob Candy,« und sich dann auf dem Absatz
herumschwingend, verschwand er durch die noch offene Thür.

Mütterchen Tot aber löschte die Lichter aus, ohne auf Murphy oder den
jetzt wieder zum Feuer niedergekauerten Indianer irgend eine
Rücksicht zu nehmen, und drückte sich mürrisch und knurrend auf ihr
Lager in der Ecke nieder. Sie hatte den Kopf voll, und selbst der
kleine Schuster konnte sich heut Abend unbelästigt auf sein Lager
werfen, den Mosquitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen.



[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im
Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.

Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: ~Antiquatext~ Fettdruck:
#fetter Text# ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Tahiti. Zweiter Band. - Roman aus der Südsee" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home